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+The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Zweiter Band by Felix
+Dahn
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Ein Kampf um Rom. Zweiter Band
+
+Author: Felix Dahn
+
+Release Date: July 5, 2010 [Ebook #33090]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***
+
+
+
+
+
+ Ein Kampf um Rom.
+
+ Historischer Roman
+
+ von
+
+ Felix Dahn.
+
+
+
+ _Motto:_
+ "Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal
+ So ist's der Mut, der's unerschuettert traegt"
+ _Geibel._
+
+
+
+Zweiter Band.
+
+48. Auflage.
+
+Leipzig,
+Druck und Verlag von Breitkopf und Haertel.
+1906.
+
+
+
+
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten.
+
+
+
+
+
+ INHALT
+
+
+Fuenftes Buch. Witichis. Erste Abteilung.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fuenftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwoelftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+ Fuenfzehntes Kapitel.
+ Sechzehntes Kapitel.
+ Siebzehntes Kapitel.
+ Achtzehntes Kapitel.
+Fuenftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung.
+ Erstes Kapitel.
+ Zweites Kapitel.
+ Drittes Kapitel.
+ Viertes Kapitel.
+ Fuenftes Kapitel.
+ Sechstes Kapitel.
+ Siebentes Kapitel.
+ Achtes Kapitel.
+ Neuntes Kapitel.
+ Zehntes Kapitel.
+ Elftes Kapitel.
+ Zwoelftes Kapitel.
+ Dreizehntes Kapitel.
+ Vierzehntes Kapitel.
+ Fuenfzehntes Kapitel.
+ Sechzehntes Kapitel.
+ Siebzehntes Kapitel.
+ Achtzehntes Kapitel.
+ Neunzehntes Kapitel.
+ Zwanzigstes Kapitel.
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+ Fuenfundzwanzigstes Kapitel.
+ Sechsundzwanzigstes Kapitel.
+ Siebenundzwanzigstes Kapitel.
+ Achtundzwanzigstes Kapitel.
+ Neunundzwanzigstes Kapitel.
+Bemerkungen zur Textgestalt
+
+
+
+
+
+
+ Fuenftes Buch.
+
+
+ WITICHIS.
+
+
+ Erste Abteilung.
+
+
+ "Die Goten aber waehlten zum Koenig Witichis,
+ einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht,
+ aber von hohem Ruhm der Tapferkeit."
+
+ Prokopius, Gotenkrieg I. 11
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Langsam sank die Sonne hinter die gruenen Huegel von Faesulae und vergoldete
+die Saeulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin
+schaltete.
+
+Die gotischen Knechte und die roemischen Sklaven waren beschaeftigt, die
+Arbeit des Tages zu beschliessen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse
+von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder
+von dem Anger auf dem Huegel nach den Staellen, indes der Ziegenbub mit
+roemischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwaerts trieb, die genaeschig
+hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbroeckelten
+Mauerwerk am Wege gruente. Andre germanische Knechte raeumten das Ackergeraet
+im Hofraum auf: und ein roemischer Freigelassener, gar ein gelehrter und
+vornehmer Herr, der Obergaertner selbst, verliess mit einem zufriedenen
+Blick die Staette seiner bluehenden und duftenden Wissenschaft.
+
+Da kam aus dem Rossstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner
+hellgelben Locken. "Vergiss mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in
+den Trinkkuebel zu werfen. Wachis hat's noch besonders aufgetragen! Dass er
+dich nicht wieder schlagen muss, wenn er heimkommt." Und er warf die Thuer
+zu. "Ewiger Verdruss mit diesen welschen Knechten!" sprach der kleine
+Hausherr mit wichtigem Stolz. "Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins
+Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl
+gut fuer die Maegde, aber die Knechte brauchen den Mann."
+
+Und mit grossem Ernst schritt das Bueblein ueber den Hof.
+
+"Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt," sprach er und warf
+die kirschroten Lippen auf und krauste die weisse Stirn. "Woher soll er
+auch kommen? Mit naechster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen
+mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochloeffel." Und
+veraechtlich riss er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. "Sie
+duerften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich
+nichts ausrichten und sehe nichts gleich."
+
+Und doch sah er so lieblich, einem zuernenden Eros gleich, in seinem
+kniekurzen, aermellosen Roeckchen von feinstem weissem Leinen, das die liebe
+Hand der Mutter gesponnen und genaeht und mit einem zierlichen roten
+Streifen durchwirkt hatte.
+
+"Gern lief' ich noch auf den Anger und braechte der Mutter zum Abend die
+Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber
+ich muss noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schliessen: denn:
+"Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in
+acht und wahre mir die Mutter! Ich verlass mich auf dich!" Und ich gab ihm
+die Hand drauf. So muss ich Wort halten."
+
+Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses
+vorueber, durchmusterte die Nebengebaeude zur Rechten und wollte sich eben
+nach der Rueckseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der
+jungen Hunde zur Linken auf ein Geraeusch an dem Holzzaun, der das Ganze
+umfriedete, merksam wurde.
+
+Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem
+Zaune sass oder ueber denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war
+ein grosser, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie
+ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine maechtige Wolfsschur
+unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er
+einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die
+Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der
+Knabe hinzu. "Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? -
+willst du gleich hinaus und herab?"
+
+Der Alte stutzte und sah forschend auf den schoenen Knaben. "Herunter, sag'
+ich!" wiederholte dieser. - "Begruesst man so in diesem Hof den wegmueden
+Wandrer?" - "Ja, wenn der wegmuede Wandrer ueber den Hinterzaun steigt. Bist
+du was Rechtes und willst du was Rechtes, - da vorn steht das grosse
+Hofthor sperrangelweit offen: da komm' herein."
+
+"Das weiss ich selbst, wenn ich das wollte." Und er machte Anstalt, in den
+Hof hereinzusteigen.
+
+"Halt," rief zornig der Kleine, "da kommst du nicht herab! Fass, Griffo!
+Fass, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf' ich die
+Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid's nicht!"
+
+Auf diesen Ruf schoss um die Ecke des Rossstalles ein riesiger, grau
+borstiger Wolfshund mit wuetendem Gebell herbei und schien ohne weiteres
+dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen.
+
+Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenueber, so
+verwandelte sich seine Wut ploetzlich in Freude: sein Bellen verstummte und
+wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemuetlich herein stieg.
+"Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen," sagte er. - - "Nun
+sage mir, kleiner Mann, wie heisst du?" - "Athalwin heiss' ich," versetzte
+dieser, scheu zuruecktretend, "du aber, - ich glaube, du hast den Hund
+behext - wie heisst du?" - "Ich heisse wie du," sagte der Alte freundlicher.
+"Und das ist huebsch von dir, dass du heissest wie ich. Sei nur ruhig, ich
+bin kein Raeuber! fuehr' mich zu deiner Mutter, dass ich ihr sage, wie tapfer
+du deine Hofwehr verteidigt hast."
+
+Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte
+freudig springend voran.
+
+Das korinthische Atrium der Roemervilla mit seinen Saeulenreihen an den vier
+Waenden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Aenderung in die grosse
+Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn
+war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte fuer
+diese Zeit ihre Maegde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer
+Reihe sassen rechts die gotischen Maegde mit sausender Spule; ihnen
+gegenueber einige roemische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschaeftigt. In
+der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und liess selbst die
+flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch
+nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten.
+
+Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war ueber die Knie
+heraufgeschuerzt und hing gebauscht ueber den Gurt von staehlernen Ringen,
+der ihren einzigen Schmuck, ein Buendel von Schluesseln, trug. Das
+dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schlaefen zurueckgekaemmt und am
+Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschuerzt. Es lag viel schlichte
+Wuerde in der Gestalt, wie sie mit ernst pruefendem Blick auf und nieder
+schritt.
+
+Sie trat zu der juengsten der gotischen Maegde, die zu unterst in der Reihe
+sass und beugte sich zu ihr. "Brav, Liuta," sprach sie, "dein Faden ist
+glatt und du hast heut' nicht so oft aufgesehen nach der Thuer wie sonst.
+Freilich," fuegte sie laechelnd hinzu - "es ist jetzt kein Verdienst, da
+doch kein Wachis zur Thuer hereinkommen kann." Die junge Magd erroetete.
+Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: "Ich weiss," sagte sie,
+"du hast mir im stillen gegrollt, dass ich dich, die Verlobte, dieses Jahr
+ueber taeglich morgens und abends eine Stunde laenger spinnen liess als die
+andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn.
+Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich
+schenk' es dir zur Aussteuer: so brauchst du naechstes Jahr, das erste
+deiner Ehe, nicht zu spinnen."
+
+Das Maedchen fasste ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. "Und
+dich nennen sie streng und hart!" war alles, was sie sagen konnte. - "Mild
+mit den Guten, streng mit den Boesen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier
+walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heisst es genau
+sein."
+
+Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thuer sichtbar: der Knabe wollte
+rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile
+unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Maegde
+Arbeit pruefte, lobte und schalt und neue Auftraege gab.
+
+"Ja," sprach der Alte endlich zu sich selbst, "stattlich sieht sie aus,
+und sie scheint wohl die Herrin im Hause - doch! wer weiss Alles?" Da war
+Athalwin nicht mehr zu halten: "Mutter," rief er, "ein fremder Mann, der
+Thursa behext und ueber den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann's
+nicht begreifen."
+
+Da wandte sich die stattliche Frauengestalt wuerdevoll dem Eingang zu, die
+Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne
+Thuere brach, abzuwehren. "Was fuehrst du den Gast hierher? Du weisst, der
+Vater ist nicht hier. Fuehr' ihn in die grosse Halle. Sein Platz ist nicht
+bei mir."
+
+"Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz," sprach der Alte
+vortretend.
+
+"Vater!" - rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und
+nicht ohne Missbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. "Du bist also der
+Grossvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun gruess Gott, Grossvater!
+Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht
+durchs Thor wie andre ehrliche Leute?"
+
+Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Haenden und sah ihr scharf ins
+Auge. "Sie sieht gluecklich aus und gedeihend," brummte er vor sich hin.
+
+Da fasste sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle.
+Alle Spindeln ruhten - ausser Liutas - aller Augen musterten neugierig den
+Alten.
+
+"Ob ihr wohl spinnen wollt, fuerwitzige Elstern?" rief sie streng. "Du,
+Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, - du kennst
+den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, - ihr andern macht Feierabend.
+Komm, Vater! Liuta, ruest' ein laues Bad und Fleisch und Wein. -"
+
+"Nein!" sprach der Vater, "der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und
+Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, - draussen, vor'm
+Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich
+mein Speltbrot und meinen Schafkaese, den bringt mir. - Wieviel habt ihr
+Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?" Es war seine erste Frage. -
+
+Eine Stunde darauf - schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin
+war kopfschuettelnd ueber den Grossvater zu Bett gegangen, - da wandelten
+Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. "Ich hab'
+nicht Luft genug da drinnen," hatte der Alte gesagt.
+
+Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten
+schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer
+Wirtschaft auf, wie sie ihm Geraet oder Gebaeude nahe legten: und in seinem
+Ton lag keine Zaertlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein
+Kind musterte.
+
+"Lass doch endlich Roggen und Rosse," laechelte Rauthgundis, "und sage mir,
+wie's dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal
+herabgefuehrt hat von den Bergen zu deinen Kindern?" - "Wie's mir gegangen?
+Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist's nicht so
+huebsch warm, wie hier im Welschthale." Und er sagte das wie einen Vorwurf.
+"Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier
+zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt' ich mir einen andern kaufen hier
+unten."
+
+Da hielt sich Rauthgundis nicht laenger: mit warmer Liebe warf sie sich an
+des Alten Brust und rief: "Und den Zuchtstier hast du nicht naeher gefunden
+als hier? Luege doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein
+eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemusst, weil du's doch endlich nicht
+mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde."
+
+Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: "Woher du's nur weisst! Nun
+ja! ich musste doch mal selbst sehen, wie's um dich steht und wie er dich
+haelt, der Herr Gotengraf."
+
+"Wie seinen Augapfel," sprach das Weib selig. - "So? und warum ist er denn
+nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?" - "Er steht beim Heer in
+des Koenigs Dienst."
+
+"Ja, das ist's ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen Koenig? Doch
+- sage: warum traegst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem
+Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fuenf Jahren, die trug
+Gold handbreit: da dacht ich: so traegt's deine Tochter, und freute mich,
+und nun -"
+
+Rauthgundis laechelte: "Soll ich Gold tragen fuer meiner Maegde Augen? Ich
+schmuecke mich nur, wenn Witichis es sieht." - "So? moeg' er's verdienen!
+Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier
+unten?" - "Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte grosse Beute vom
+Gepidenkrieg." - "So bist du ganz gluecklich?" - "Ganz, Vater, aber nicht
+wegen der Goldspangen." - "Hast du ueber nichts zu klagen? Sag's mir nur,
+Kind! Was es auch sei, sag's deinem alten Vater und er schafft dir dein
+Recht."
+
+Da blieb Rauthgundis stehen. "Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht
+von dir zu sprechen, nicht von mir zu hoeren. Wirf ihn doch weg, den
+unglueckseligen Irrwahn, als muesste ich elend werden, weil ich zu Thal
+gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgefuehrt."
+
+"Nur sie!" rief der Alte hastig mit dem Stock aufstossend. "Und du nennst
+einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist's
+ein Wahn, dass sich's schwer atme hier unten? Ein Wahn, dass unsre
+hochgewachsenen, weissen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal?
+Ist es ein Wahn, dass alles Unheil von jeher von Sueden hergekommen, von
+diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstuerze ueber unsre
+Huetten? von Sueden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh
+verdirbt? Von Sueden. Warum stuerzt' mir Kuh und Schaf, wann sie am Suedhang
+grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge
+nach Bolsanum herabkam, in der schwuelen Stadt? Ein Bruder von dir stieg
+auch herab, trat in des Koenigs Theoderich Waffenschar zu Ravenna:
+erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr
+was, der je hier in den Sueden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo
+hat unser grosser Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit
+Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Vaeter von
+all' dem gewusst?
+
+Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Ueppigkeit, alle Unkraft,
+alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Sueden, wo die Menschen zu
+Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewuerm und einer dem andern die
+Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein
+frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was
+Gutes und Klares, ich leugn' es nicht; und haette er sich droben bei mir
+ein Gehoeft gebaut, ich haette ihm gern mein Kind und das Joch der besten
+Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter musste er sie fuehren ins heisse
+Sumpfthal. Und er selbst bueckt den Kopf in goldnen Saelen zu Rom und in der
+Rabenstadt. Wohl hab' ich mich lang gewehrt -"
+
+"Aber endlich gabst du nach -"
+
+"Was wollt' ich machen? War doch mein kernfrisches Maedel ganz herzenssiech
+geworden nach dem Ungluecksmann."
+
+"Und zehn Jahre hat der Ungluecksmann dein Kind beglueckt." - "Wenn's nur
+auch wahr ist!" - "Vater!" - "Und wahr bleibt. Es waere das erstemal, dass
+Glueck von Sueden kaeme. Sieh', mein Abscheu ist so gross vor der Ebne, dass
+ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe.
+Wenn ich es jetzt doch gethan, hat's schweren Grund."
+
+"Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?"
+
+"Freilich! doch mein banges Herz! Ein boeses Zeichen ist geschehen. Du
+denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm
+Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren
+wardst. Und praechtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du
+fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern
+sahen es nicht und lachten mich aus.
+
+Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und gruen. Doch in der letzten
+Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wuetig, wie ich's selten gehoert
+da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, - ist
+der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Giessbach mit sich
+fortgerissen - nach Sueden."
+
+"Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das aengstigen?"
+
+"Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den
+armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, dass er nicht
+verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen
+war. Und ich nahm mir's sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren
+Sorgen ueber deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter.
+Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte.
+
+So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im
+Goldsaal unter stolzen Maennern und schoenen Frauen, in Glanz und Pracht
+gekleidet. Du aber standest vor der Thuer, im Bettlerkleid, und weintest
+bittre Thraenen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: "wer ist das
+Weib? ich kenne sie nicht." - Und es liess mich nicht mehr droben in den
+Bergen. Herab zog's mich: ich musste sehen, wie mein Kind gehalten ist im
+Thal und ueberraschen wollt' ich ihn, - deshalb wollt' ich nicht durchs
+Thor ins Haus."
+
+"Vater," sprach Rauthgundis zornig, "dergleichen soll man selbst im Traume
+nicht denken. Dein Misstrauen -"
+
+"Misstrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und
+in dem Traumgesicht hat sich's mir deutlich gemeldet: dir droht ein
+Unglueck! Weich' ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge!
+Nur auf kurze Zeit. Glaub' mir, du wirst es bald wieder schoen finden in
+der freien Luft, wo man ueber aller Herren Laender hinwegsieht."
+
+"Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals." - "Hat er nicht dich verlassen?
+Ihm ist Hof und Koenigsdienst mehr als Weib und Kind. So lass ihm seinen
+Willen."
+
+"Vater," sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, "kein Wort
+mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, dass du so reden kannst von
+Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er
+liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins.
+
+Und wenn er fuer recht haelt, fern von mir zu schaffen - zu wirken, so _ist_
+es recht. Er fuehrt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll
+kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht."
+
+Der Alte schwieg. Aber sein Misstrauen schwieg nicht. "Warum," hob er nach
+einer Pause wieder an, "wenn er am Hof so wichtige Geschaefte hat, warum
+nimmt er dich nicht mit? Schaemt er sich der Bauerntochter?" und zornig
+stiess er seinen Stock auf die Erde.
+
+"Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, dass er mich vom Berg ins Thal der
+Welschen gefuehrt - und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten
+unter sie fuehrt!"
+
+"Du sollst's auch nicht thun! Aber er soll's wollen. Er soll dich nicht
+entbehren koennen. Aber des Koenigs Feldherr wird sich des Bauernkindes
+schaemen."
+
+Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt
+verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. "Auf, aufgemacht!" rief
+er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. - "Wer ist da draussen?"
+fragte der Alte vorsichtig. - "Aufgemacht! solang laesst man einen
+Koenigsboten nicht warten!"
+
+"Es ist Wachis," sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring
+zurueckschiebend, "was bringt dich so ploetzlich zurueck?"
+
+"Du bist es selbst, die mir oeffnet!" rief der treue Mann, "o Gruss und
+Heil, Frau Koenigin der Goten! Der Herr ist zum Koenig des Volks gewaehlt.
+Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er laesst dich
+gruessen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du
+aufbrechen."
+
+In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch
+konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf
+ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. "Nun," fragte
+sie endlich sich losmachend, "Vater, was sagst du nun?"
+
+"Was ich sage? Jetzt ist das Unglueck da, das mir geahnt! Ich gehe noch
+heute Nacht zurueck auf meinen Berg."
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Waehrend die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem
+Halbkreis das maechtige Heerlager Belisars die hart bedraengte Stadt
+Neapolis.
+
+Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich
+das Heer der Byzantiner von der aeussersten Suedostspitze Italiens bis vor
+die Mauern der parthenopeischen Stadt gewaelzt, ohne Widerstand zu finden.
+Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in
+jenen Gegenden zu finden.
+
+Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf
+den die Griechen stiessen: die roemische Bevoelkerung von Bruttien mit den
+Staedten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und
+Thurii, von Calabrien mit den Staedten Gallipolis, Tarentum und Brundusium,
+von Lucanien mit den Staedten Velia und Buxentum, von Apulien mit den
+Staedten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsae, und viele
+andere Staedte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des
+rechtglaeubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer
+und Barbaren verkuendete. Bis an den Aufidus im Osten, bis an den Sarnus im
+Suedwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Waellen von
+Neapel brach sich der Ungestuem dieser feindlichen Wogen.
+
+Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu
+nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes
+des Blutigen. Diesem tapfern Fuehrer war die Via Nolana anvertraut und die
+Aufgabe, die Strasse nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten
+Wiesenflaechen, auf den Saatfeldern fleissiger Goten, tummelten die
+Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, haesslichen Gaeule. Daneben
+lagerten leichte persische Soeldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen;
+dann schwere armenische Schildtraeger, Makedonen mit zehn Fuss langen
+"Sarissen" (Lanzen) und grosse Massen thessalischer und thrakischer, aber
+auch saracenischer Reiter, zu verhasster Unthaetigkeit in diesem
+Belagerungskampf verurteilt und ihre Musse nach Kraeften ausfuellend mit
+Streifzuegen ins Innere des Landes.
+
+Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer
+erfuellt: Belisars grosses Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit
+dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache,
+die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten
+Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet,
+zugelassen wurden: - aus ihr gingen Belisars Schueler und beste Heerfuehrer
+hervor, - in reichvergoldeten Helmen mit rothen Rosshaarkaemmen, den besten
+Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der
+partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fussvolks achttausend
+Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst
+stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfuersten die
+avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie
+Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben musste, den Mangel
+der kriegsfaehigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und
+die vielen Tausend uebergegangenen Italier.
+
+Endlich das suedwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte,
+befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen
+die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in
+Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die
+das neu von den Vandalen zurueckeroberte Afrika stellte: maurische,
+numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander.
+
+Aber vereinzelt waren Abenteurer und Soeldner fast aus allen
+Barbarenstaemmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau,
+Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann
+wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen,
+Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt
+zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der
+Justinian die gotischen "Barbaren" vertreiben und Italien befreien wollte.
+Den Befehl ueber die Vorposten hatten immer und ueberall die Leibwaechter
+Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana
+fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und
+schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten
+Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern
+verteidigen sollten.
+
+Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte
+bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu uebergeben. Aber auch er
+haette der ueberlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange
+widerstehen koennen, waere nicht ein gluecklicher Umstand ihm zu Hilfe
+gekommen. Das war die unzeitige Rueckkehr der griechischen Flotte nach
+Byzanz. Als naemlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium
+eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der
+Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon
+einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte
+sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Kueste
+zuruecksegeln solle, angeblich, neue Verstaerkungen herueberzuholen, in
+Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den
+kaiserlichen Lanzentraegern nach Italien zu fuehren, der die Siegesschritte
+Belisars beobachten, ueberwachen, noetigenfalls hemmen und, als
+Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Misstrauens gegen den
+Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zaehneknirschend musste Belisar seine
+Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und
+nur mit vielen Bitten erlangte er, dass ihm der Nauarch vier Kriegstrieren,
+die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach.
+
+So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die
+Stadt zwar von Nordost, Ost und Suedost mit seiner Landmacht eng
+einschliessen koennen: - den Westen, die Strasse nach Rom, durch Castellum
+Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit hoechster Kraft frei: - aber den
+Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu
+sperren vermocht.
+
+Anfangs zwar troestete er sich damit, dass ja auch die Belagerten keine
+Flotte haetten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel
+Vorteil wuerden ziehen koennen. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und
+die Kuehnheit eines Gegners in den Weg, den er spaeter noch mehr fuerchten
+lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der
+Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die
+ersten Thraenen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thaetigkeit an der
+Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen.
+
+Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze
+Geschwader hatte Koenig Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas
+Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die
+Arnusmuendung bewachen sollte. So besass Totila von Anfang nichts als drei
+leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und
+er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd.
+Aber da er das Unglaubliche vernahm, dass die byzantinische Flotte nach
+Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er
+nicht, bis er aus grossen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkaehnen und
+in der Eile notduerftig seetuechtig gemachten Wracks der Werften sich eine
+kleine Flottille von etwa zwoelf Segeln gebildet, die freilich weder einen
+Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte,
+aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst voellig abgeschnittene
+Stadt von Bajae, Cumae und anderen Staedten im Nordwesten her mit
+Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Kuesten zu
+beobachten und mit unaufhoerlichen Angriffen zu quaelen, indem Totila mit
+einer kleinen Schar oft im Sueden, im Ruecken der griechischen Lager,
+landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde
+ueberfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, dass sich die
+Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu
+entfernen wagten, waehrend diese Erfolge die hart bedraengte, von steten
+Wachdiensten und Kaempfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder
+ermutigten.
+
+Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, dass die Lage schon jetzt
+eine hoechst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der
+Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil
+seiner Boote dazu, taeglich eine Anzahl von wehrunfaehigen Einwohnern aus
+Neapolis aufwaerts nach Bajae und Cumae zu schaffen, wobei er die Anforderung
+der Reichen, dass diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden
+sollten, streng zurueckwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine
+rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer
+dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen
+Schiffen zu fluechten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres
+Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers
+der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort,
+in dem vaeterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die hoechsten
+Freuden und die hoechsten Schmerzen ihrer Liebe.
+
+Haeufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die
+Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft
+besuchen musste. In der Turmstube des alten Isak hielt er taeglich mit Graf
+Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Maenner
+begruesst und das schlichte Mahl von Fruechten und Wein auf den Tisch
+gestellt, hinunterzuschluepfen in das enge Gaertlein, das dicht hinter der
+Turmmauer lag. Der Raum war urspruenglich ein kleiner Hof im Tempel der
+Minerva, der Mauerbeschuetzerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren
+der Staedte einen Altar errichtete.
+
+Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der
+alte maechtige Olivenstamm, der einst die der Goettin geweihte Statue
+beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle
+Hand hier gepflegt und oft fuer die Braut des Geliebten gebrochen hatte.
+Gerade gegenueber dem riesigen Oelbaum, dessen knorrige Wurzeln ueber die
+Erde hervorstarrten und eine dunkle Oeffnung in den Erdgeschossen des alten
+Tempels zeigten, war von dem Christentum ein grosses, schwarzes Holzkreuz
+angebracht ueber einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des
+Minervatempels gebildet war: man liebte, die Staetten des alten
+Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Goetter, die jetzt zu
+Daemonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu
+verscheuchen.
+
+Unter diesem Kreuz sass das schoene Judenmaedchen oft stundenlang mit der
+alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpfoertners, die, nach dem
+fruehen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranbluehen der kleinen
+Miriam mit ihren Blumen in dem oeden Gestein der alten Mauern ueberwacht
+hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehoert, wie die
+fromme Alte in fleissigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und
+unwillkuerlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des
+Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.
+
+Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbeduerftig gemacht, vergalt
+Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Ruehrung
+nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloss mit Dank und Liebe und
+Mitleid das herrliche Geschoepf, dessen maechtige Liebe zu dem jungen Goten
+sie laengst erkannt und beklagt, aber nie gegenueber der scheuen Jungfrau
+beruehrt hatte.
+
+Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die
+breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten fuehrten:
+ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, ueber die
+duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie traeumend
+stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem
+Betschemel, ihr den Ruecken wendend, und betete laut. Sie wuerde die Nahende
+nicht bemerkt haben, wenn nicht gefluegeltes Leben ploetzlich den stillen
+Hof beseelt haette: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die
+schoensten, weissen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als
+diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie
+sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwaermend; eine liess sich auf
+des Maedchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der
+Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, laechelnd ausstreckte.
+
+"Du bist's, Miriam! deine Tauben verkuenden dich!" sprach Arria sich
+wendend. Und das schoene Maedchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam,
+die Voegel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blaetter der
+Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild.
+
+"Ich bin's, Mutter!" sagte Miriam, sich zu ihr setzend. "Und ich hab' eine
+Bitte. Wie lautet," fragte sie leiser, "dein Spruch vom Leben nach dem
+Tode, dein Glaubensspruch? - "ich glaube an die Gemeinschaft"" - -
+
+"An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein
+ewiges Leben." - "Wie koemmst du auf diese Gedanken."
+
+"Ei nun," sagte Miriam, "mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der
+Saenger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht taeglich Pfeile und
+Steine in die Strassen? Aber - ich will noch Blumen pfluecken!" sprach sie
+wieder aufstehend.
+
+Arria schwieg einen Augenblick. "Jedoch der Seegraf war heute schon da:
+mir ist, ich haette seine helle Stimme gehoert."
+
+Miriam erroetete leicht. "Sie sind nicht fuer ihn," - sprach sie dann ruhig
+- "fuer sie." - "Fuer sie?" - "Ja, fuer seine Braut. Ich habe sie heute zum
+erstenmal gesehen. Sie ist sehr schoen. Ich will ihr Rosen schenken." - "Du
+hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?"
+
+"Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den
+Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Saenfte
+gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Saeule
+ihres Hauses."
+
+"Nun, ist sie seiner wuerdig?"
+
+"Sie ist sehr schoen. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber,"
+seufzte Miriam, "nicht gluecklich. Ich will ihr Rosen schenken. - Mutter,"
+sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr
+setzend, "was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die
+Christen dann beisammen leben? Nein, nein!" fuhr sie fort, ohne die
+Antwort abzuwarten, "das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder"
+- und sie seufzte. "Mutter, in den Buechern Mosis steht nichts davon, dass
+die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es waere auch so schrecklich
+nicht," sprach sie, die Rosen zusammenfuegend, "endlich ausruhn! Ganz
+ausruhn! In suesser, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn
+giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten
+Wunsch? Ich kann's nicht denken."
+
+Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stuetzte das Haupt auf
+das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer
+nicht.
+
+"Den Seinen hat der Herr," sprach Arria feierlich, "die selige Staette
+bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch duersten. Es wird auch nicht auf
+sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie
+leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thraenen von
+ihren Augen."
+
+"Alle Thraenen von ihren Augen," sprach Miriam nach. "Rede weiter. Es
+klingt so gut."
+
+"Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott
+schauen und sein Friede wird Palmenschatten ueber sie breiten: sie werden
+vergessen Hass und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf
+Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, fuer dich: und auch deiner wird
+sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen."
+
+Aber Miriam schuettelte leise das Haupt. "Nein, Arria, da ist fast besserer
+Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was
+deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch
+dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe?
+Ach, nur das, dass wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und haett' ich zu
+waehlen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens
+einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all' ihrer ewigen
+Sehnsucht, - ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich waehlte meine
+Liebe und mein Weh."
+
+"Kind, sprich nicht so! laestre nicht. Sieh, was geht ueber Mutterliebe?
+nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die
+Liebe, die das Maedchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold.
+Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein
+Jucundus, mein Jucundus! Moechtest du bald wieder kommen, dass ich dich noch
+schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im
+Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe
+Gottes und der Heiligen. Und doch moecht' ich ihn noch einmal fassen und
+umfangen und mit den Haenden betasten sein geliebtes Haupt. Und hoere nur,
+Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd' ich ihn wiedersehen."
+
+"Du darfst mir nicht sterben, Arria." - "Nein, so mein' ich's nicht! hier
+auf Erden noch muss ich ihn wiedersehen. Ich muss ihn wieder kommen sehen
+des Weges, den er gegangen."
+
+"Mutter," sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet,
+"wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreissig
+Jahren verschwunden!"
+
+"Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht moeglich, dass der Herr all'
+meiner Thraenen nicht geachtet, all' meiner Gebete. Was war er fuer ein
+braver Sohn! Mit seiner Haende Arbeit ernaehrte er mich, bis er erkrankte
+und Axt und Schaufel nicht mehr fuehren konnte: und wir litten Not. Da
+sprach er: "Mutter, ich kann's nicht mehr mit ansehen, dass du darbest. Du
+weisst, in den Gaengen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind
+Schaetze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und
+brachte eine goldene Spange zurueck. Ich will hineinschluepfen, so tief ich
+kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich
+beschuetzen." - Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wusste
+wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behueten.
+
+Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann
+erhob sich mein Jucundus und drang in die Hoehlung dort unter den Wurzeln
+der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.
+
+Er ist noch immer nicht zurueckgekommen.
+
+Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, dass ich nicht denke:
+heut' fuehrt ihn Gott zurueck. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in
+Aegyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist,
+heut' oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab' ich
+ihn gesehen, wie er im weissen Gewand heraufschwebte aus der Hoehlung dort:
+und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren
+vereint auf ewig. Und so wird's werden: denn der Herr erhoeret das Flehen
+der Betruebten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden."
+
+Und die Alte erhob sich, drueckte Miriams Hand und ging in ihr kleines
+Haeuschen.
+
+Allmaehlich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge
+Gaertchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten
+die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. "Welch
+maechtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so?
+Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der
+Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget fuer die Seinen, wie ein
+Hirt, der seine Laemmer weidet? - - - Ich aber zaehle nicht zu seiner Herde!
+An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all'
+ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort
+oben ueber den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann waer' ich nicht
+Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurueckstehen?
+und wieder durch alle Ewigkeit die Roemerin an seiner Seite sehen? Sollen
+sie dort wohnen und wandeln in der Fuelle des Glanzes und ich im trueben
+Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines
+weissen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier,
+erbluehen am Sonnenblick der Liebe, duften und gluehen eine kurze Weile, bis
+sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in
+ewige Ruhe, nachdem der weiche, suesse, unselige Drang nach dem Lichte
+gebuesst ..." - -
+
+"Gute Nacht, Miriam, lebewohl!" rief eine melodische Stimme.
+
+Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weissen Mantel
+vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der
+entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem
+weissen Mantel, der silbern im Mondlicht glaenzte, nach, lang, lang, bis er
+verschwand in fernen Schatten.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre
+Erfolge, ihre Verluste und prueften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.
+
+Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch
+auf das Verdeck von Totilas "Admiralschiff", eines morschen
+Muraenenfaengers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel
+gedeckt, schlief. "Was ist?" rief Totila auffahrend, noch im Traum, "der
+Feind? wo?" - "Nein, mein Junge, diesmal ist's noch Uliaris, nicht
+Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird's nicht mehr
+dauern." - "Uliaris, du blutest - dein Kopf ist verbunden!" - "Bah, war
+nur ein Streifpfeil! Zum Glueck kein giftiger. Ich holt' ihn mir heut'
+Nacht. Du musst wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit
+gestern. Der blutige Johannes, Gott hau' ihn nieder, graebt sich wie ein
+Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht,
+Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Huegel ueber uns
+vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Koepfe. Ich wollt' ihn heute
+Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen
+und ich gewann nichts damit als diesen Schuss vor meinen grauen Kopf."
+
+"Die Schanze muss weg," sagte Totila nachsinnend.
+
+"Den Teufel auch, aber sie will nicht!
+
+Allein mehr. Die Buerger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden.
+Taeglich schiesst Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem "Aufruf zur
+Freiheit!" herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon
+fliegt hier und da ein Steinwurf von den Daechern auf meine armen Burschen.
+Wenn das waechst - -! - Wir koennen nicht mit tausend Mann vierzigtausend
+Griechen draussen abhalten und dreissigtausend Neapolitaner drinnen: drum
+meine ich" - und sein Auge blickte finster -
+
+"Was meinst du?"
+
+"Wir brennen ein Stueck der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ..." -
+
+"Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht
+mit Recht Barbaren schelten. Ich weiss ein besser Mittel - sie hungern: ich
+habe gestern vier Schiffsladungen Oel und Korn und Wein hereingefuehrt, die
+will ich verteilen." - "Oel und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein!
+Den fordre ich fuer meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser,
+pfui Teufel!" - "Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein fuer euch haben."
+- "Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?" - "Keine! Mein
+fuenfter Bote ist gestern fort." - "Gott hau' ihn nieder, unsern Koenig.
+
+Hoere Totila, ich glaube nicht, dass wir lebendig aus diesen wurmstichigen
+Mauern kommen!"
+
+"Ich auch nicht!" sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher
+Wein.
+
+Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: "Goldjunge, du bist echt und
+dein Caekuber auch. Und muss ich hier umkommen, wie ein alter Baer unter
+vierzig Hunden, - mich freut's doch, dass ich dich dabei so gut kennen
+gelernt: dich und deinen Caekuber." Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg
+der graue Gote vom Verdeck.
+
+Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich
+herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des
+Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Huegelschanze wehte
+die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Ruecken der Feinde
+gelandet und hatte das Werk in kuehnem Anlauf genommen.
+
+Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den
+verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Hoechst erwuenscht
+trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Hoehe
+von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis
+dringen und den Seeraeubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am
+Abend des gleichen Tages die vier maechtigen Trieren heran und legten sich
+an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem
+Gefolge an die Kueste und freute sich, die Segel von der Abendsonne
+vergoldet zu sehen: "Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt
+fahren trotz jenem Tollkopf," sprach er zu Antonina, die ihn begleitete,
+und wandte seinen Schecken zurueck nach dem Lager.
+
+Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen - Prokopius,
+sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an
+Justinian - da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Fuehrer
+der Leibwaechter, und rief: "Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind
+genommen."
+
+Wuetend sprang Belisar aus den Decken und rief: "Der soll sterben, der das
+sagt."
+
+"Besser waere es," meinte Prokopius, "der stuerbe, der es gethan." - "Wer
+war es?" - "Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem
+leuchtenden Haar." - "Totila!" sprach Belisar, "schon wieder Totila."
+
+"Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil
+schlaftrunken unter Deck. Ploetzlich, um Mitternacht, wird's lebendig
+ringsum, als waeren hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht." -
+"Hundert Schiffe! Zehn Nussschalen hat er!" - "Im Augenblick und lang, eh'
+wir vom Strand zu Hilfe kommen koennen, sind die Schiffe geentert, die
+Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen
+war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis gefuehrt."
+
+"Sie sind noch frueher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar,"
+sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt.
+"Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unertraeglich werden.
+Jetzt muss ein Ende werden." Er drueckte den praechtigen Helm auf das
+majestaetische Haupt: "Ich wollte der Stadt, der roemischen Einwohner
+schonen: es geht nicht laenger. Prokopius, geh und entbiete hierher die
+Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und
+Martinus, den Geschuetzmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie
+sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar
+kennen lernen."
+
+Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des
+Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich.
+Martinus, der grosse Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die
+lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte
+kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und
+mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin gefuehrt, eine neue
+Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu
+erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzueckt, liess ihn gar
+nicht mehr in sein Studierzimmer zurueck, sondern schleppte ihn sofort zum
+Kaiser und zwang ihn "Geschuetzmeister des Magister-Militum per Orientem",
+d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glaenzenden Sold und war
+kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine
+herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene
+graesslichen Zerstoerungswerkzeuge, welche die Waelle der Festen, die Thore
+der Burgen niederschmetterten, unloeschbares Feuer in die Staedte der Feinde
+Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er
+hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er
+in unermuedlichem Fleiss sich stellte: aber war nun die Aufgabe geloest, so
+dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger
+Miene erschien er deshalb vor Belisar.
+
+"Martine, Zirkeldreher," rief dieser ihm zu, "jetzt zeige deine Kunst! Wie
+viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?" -
+"Dreihundertfuenfzig, Herr!" - "Gut! Verteile sie um unsre ganze
+Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem
+Kastell, die Mauerbrecher gegen die Waelle! Sie muessen nieder und waeren sie
+Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf,
+in die Strassen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick
+aus, vierundzwanzig Stunden lang! Lass die Truppen sich abloesen. Lass alle
+Werkzeuge spielen."
+
+"Alle, Herr?" sprach Martinus. "Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die
+Brandgeschosse?" - "Auch die! die zumeist!" - "Herr, sie sind graesslich! du
+kennst noch ihre Wirkung nicht." - "Wohlan! Ich will sie kennen lernen und
+erproben." - "An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du
+Justinian einen Schutthaufen erobern?" Die Seele Belisars war edel und
+gross.
+
+Er war unwillig ueber sich, ueber Martinus, ueber die Goten. "Kann ich denn
+anders?" zuernte er, "diese eisenkoepfigen Barbaren, dieser tolldreiste
+Totila zwingen mich ja. Fuenfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist
+Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Waellen. Beim Haupte
+Justinians! warum stehen die dreissigtausend Neapolitaner nicht auf und
+entwaffnen die Barbaren?"
+
+"Sie fuerchten wohl deine Hunnen aerger als ihre Goten," meinte Prokop.
+"Schlechte Patrioten sind sie! Vorwaerts Martinus! In einer Stunde muss es
+brennen in Neapolis."
+
+"In kuerzerer Zeit," seufzte der Geschuetzmeister, "wenn es denn doch sein
+muss. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann
+und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf
+ich ihn bringen?"
+
+Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, juedisch aussehenden Mann
+herein. "Ah, Jochem, der Baumeister!" sprach Belisar. "Ich kenne dich
+wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward
+daraus?" "Mit eurer Gunst, Herr: nichts." - "Warum nichts?"
+
+"Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der
+kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche
+gekostet, desto heiliger und gottgefaelliger ist sie. Ein Christ forderte
+das Doppelte und erhielt den Auftrag."
+
+"Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?"
+
+"Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich aenderte ein wenig, nahm
+die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule."
+
+"Du kennst Neapolis genau? Von aussen und innen?"
+
+"Von aussen und innen. Wie meinem Geldsack."
+
+"Gut, du wirst dem Strategen die Geschuetze richten gegen die Waelle und in
+die Stadt. Die Haeuser der Gotenfreunde muessen zuerst nieder. Vorwaerts!
+mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfaehlt. Fort!" - "Die arme Stadt!"
+seufzte Martinus. "Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie
+sind hoechst genau - und sie gehen so leicht - ein Kind kann sie loslassen!
+Und sie wirken allerliebst."
+
+Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und
+verderbenschwangere Thaetigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen
+herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreissig
+Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, laengs den Mauern hingezogen und
+auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris
+auf die Waelle und suchten, Gegenmassregeln zu treffen. Saecke mit Erde
+wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen:
+Feuerbraende bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu
+stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die
+Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als
+sie bemerkten, wie die Maschinen, weit ausser der gewohnten Schussweite und
+den Belagerten voellig unerreichbar, Halt machten.
+
+Aber Totila lachte nicht.
+
+Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre
+Maschinen spannten. Noch war kein Geschoss entsandt.
+
+"Nun?" spottete der junge Agila neben Totila, "wollen sie uns von da aus
+beschiessen? Doch lieber gleich von Byzanz her uebers Meer! Es waere noch
+sicherer!" Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfuendiger Stein
+ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus
+hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, dass sie
+voellig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen ueberhageln
+lassen mussten.
+
+Entsetzt sprangen die Goten von den Waellen herab und suchten Schutz in den
+Strassen, den Haeusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von
+Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und
+pfiffen im sichern Bogenschuss auf ihre Koepfe: ganze Felstruemmer kamen
+geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getaefel der festesten
+Daecher, waehrend im Norden gegen das Kastell unaufhoerlich der Sturmbock mit
+seinen zermuerbenden Stoessen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse
+buchstaeblich die Luft verfinsterte, betaeubte das prasselnde Niederfallen
+der Steine, das brechende Gebaelk, die zerschmetterten Zinnen und der
+Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Laerm. Erschrocken
+fluechtete die zitternde Bevoelkerung in die Keller und Gewoelbe ihrer
+Haeuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.
+
+Aber noch hatte die bebende Stadt das Aergste nicht erfahren.
+
+Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein
+ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem
+Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefuellt. Da kam zischend und
+dampfend ein seltsames Geschoss gefahren, traf in das Holzwerk und im
+Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und
+verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genaehrt, mit Windeseile. Jubelnd
+begruessten draussen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten
+eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Loeschen zu hindern.
+
+Belisar ritt zu Martinus heran. "Gut," rief er, "Mann der Zirkel, gut! Wer
+hat das Geschoss gerichtet?" - "Ich," sprach Jochem, "o ihr sollt zufrieden
+sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstaette, das hohe
+Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der
+groessten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen."
+
+Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine
+zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.
+
+Da sprengte Prokop heran und rief: "Belisarius, dein Feldherr Johannes
+laesst dich gruessen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt
+nieder." Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Haeuser in allen
+Teilen der Stadt in vollen Flammen.
+
+"Wasser!" rief Totila, durch eine brennende Strasse nach dem Hafen
+sprengend, "heraus, ihr Buerger von Neapolis! Loescht eure Haeuser. Ich kann
+keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Faesser aus dem Hafen in alle
+Strassen! Die Weiber in die Haeuser! - was willst du Maedchen? lass mich - Du
+bist's, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?"
+
+"Dich," sprach das Maedchen. "Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie
+ist gerettet."
+
+"Valeria! um Gott, wo ist sie?" - "Bei mir. In unserm dichtgewoelbten Turm:
+dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein
+Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr
+in die Kirche. Ich rief ihn an und fuehrte sie unter unser Dach. Sie
+blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne
+Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!"
+
+"Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!"
+
+Und rasch fasste er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd
+schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schuetzend mit der
+Linken den breiten Schild ueber ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr
+durch die dampfende Strasse nach der Porta Capuana.
+
+"O jetzt - jetzt sterben - sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!"
+betete Miriam.
+
+Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius' und
+ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwaecht vom Blutverlust, aber
+gefasst und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand
+Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. - -
+
+Kaum hatte sich Totila ueberzeugt, dass die Verwundung ganz leicht, als er
+aufsprang und rief: "Du musst fort! sogleich! in dieser Stunde! In der
+naechsten vielleicht erstuermt Belisar die Waelle. Ich habe alle meine
+Schiffe nochmals mit Fluechtenden gefuellt: sie bringen dich nach Cajeta,
+von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginae, wo ihr Gueter habt. Du musst
+fort! Julius wird dich begleiten."
+
+"Ja," sprach dieser, "denn wir haben Einen Weg."
+
+"Einen Weg? wohin willst du?"
+
+"Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht
+laenger mit ansehn. Du weisst es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen
+euch, fuer eure Feinde: Meine Mitbuerger fechten unter Belisar: soll ich
+gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe."
+
+Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.
+
+"Mein Freund," sagte diese, "mir ist: der Glueckstern unsrer Liebe ist
+erloschen fuer immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron
+genommen, so faellt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs."
+
+"So traust du unserm Schwerte nicht?"
+
+"Ich traue eurem Schwert, - nicht eurem Glueck! Mit den stuerzenden Balken
+meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu
+einem Abschied fuer lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginae."
+
+Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plaetze in einer der
+Trieren zu sichern.
+
+Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glaenzenden
+Sandalen unter die Fuesse zu binden.
+
+"Lass, Maedchen! du sollst mir nicht dienen," sprach Valeria. - "Ich thue es
+gern," sagte diese fluesternd. "Aber goenne mir eine Frage." Und mit Macht
+traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Zuege Valerias. "Du bist schoen und
+klug und stolz - aber sage mir, liebst du ihn? - du kannst ihn jetzt
+verlassen! - Liebst du ihn mit heisser, alles verzehrender, allgewaltiger
+Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie -"
+
+Da drueckte Valeria das schoene, gluehende Haupt des Maedchens wie verbergend
+an ihre Brust: "Mit einer Liebe wie du? Nein, meine suesse Schwester!
+Erschrick nicht! Ich ahnt' es laengst nach seinen Berichten ueber dich. Und
+ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein
+Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine
+nicht, bebe nicht, du suesses Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe
+willen. Ich fasse sie ganz. Gluecklich, wer, wie du, in seinem Gefuehl ganz
+aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den
+vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne
+blickt. Und so seh' ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern
+Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen,
+dass deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine
+Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht waere es sein Glueck geworden, die
+duftige Rose deiner schoenen Liebe zu entdecken: denn Valeria, - fuercht'
+ich - wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke
+dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank fuer
+deine schoene Liebe."
+
+Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der
+Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache ueberwaeltigte
+die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thraenen ueber die gluehendroten
+Wangen: und heftig presste sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das
+Haupt an der Freundin Brust.
+
+Da hoerte man Julius kommen, Valeria abzurufen.
+
+Sie mussten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren
+innigen Augen wagte Miriam auf der Roemerin Antlitz. Dann sank sie rasch
+vor ihr nieder, umfasste ihre Knie, drueckte einen brennenden Kuss auf
+Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.
+
+Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.
+
+Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.
+
+Sie kuesste sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung
+die trauliche Staette, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch
+entschlossen Julius in einer gedeckten Saenfte nach dem Hafen, wo sie noch
+von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg.
+Alsbald drehte sich dieses mit maechtiger Wendung und rauschte zum Hafen
+hinaus.
+
+Totila sah ihnen wie traeumend nach.
+
+Er sah Valeriens weisse Hand noch Abschied winken: er sah und sah den
+fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer
+dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Saeule und
+vergass einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.
+
+Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Traeumen.
+
+"Komm, Feldherr," rief ihm dieser zu, "ueberall such' ich dich: Uliaris
+will dich sprechen. - Komm, was starrst du hier in die See unter
+klirrenden Pfeilen?"
+
+Totila raffte sich langsam auf: "Siehst du," sagte er, "siehst du das
+Schiff? - Da fahren sie hin! -"
+
+"Wer?" fragte Thorismuth.
+
+"Mein Glueck und meine Jugend," sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu
+suchen.
+
+Dieser teilte ihm mit, dass er, Zeit zu gewinnen, soeben einen
+Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu
+fuehren, angetragen, angenommen habe. "Ich werde nie uebergeben! Aber wir
+muessen Ruhe haben, unsere Waelle zu flicken und zu stuetzen. Koemmt denn
+nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom Koenig?
+
+"Keine."
+
+"Verflucht! Ueber sechshundert von meinen Goten sind vor den hoellischen
+Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr
+besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann haette!"
+
+"Nun," sprach Totila nachsinnend, "die kann ich dir schaffen, denk' ich.
+In dem Castellum Aurelians, auf der Strasse nach Rom, liegen
+vierhundertfuenfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklaert, vom Koenig
+Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu
+verstaerken. Aber jetzt in dieser hoechsten Not! - Ich selbst will hin,
+waehrend des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen."
+
+"Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurueck und die
+Strasse ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch."
+
+"Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurueck
+bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd."
+
+Waehrend Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana
+hinausjagte, war der alte Isak, der unermuedlich auf den Waellen ausgeharrt
+hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause
+zurueckgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu
+laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und aengstlich dem Bericht
+Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger,
+unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.
+
+"Sohn Rachels, wo kommst du her zu uebler Stunde, wie der Rabe vor dem
+Unglueck? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?" - "Das lass du meine Sorge
+sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: -
+zum letztenmal in diesem Leben."
+
+"Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?" fragte Isak unwillig,
+"die Stadt brennt und die Strassen liegen voll Leichen."
+
+"Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Strassen? Weil die
+Maenner von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu
+freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich
+allein kann's." Und er griff nach Miriams Arm.
+
+"Du mich retten?" rief diese, mit Ekel zuruecktretend. "Lieber sterben!"
+
+"Ha, Stolze!" knirschte der grimmige Freier, "du liessest dich wohl lieber
+retten von dem blondgelockten Christen? Lass sehen, ob er dich retten wird,
+der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren
+will ich ihn durch die Strassen schleifen und spucken in sein bleich
+Gesicht."
+
+"Hebe dich hinweg, Sohn Rachels," rief Isak, aufstehend und den Spiess
+fassend. "Ich merke, du haeltst zu denen, die da draussen liegen! Aber das
+Horn ruft, ich muss hinab; das jedoch sag' ich dir: noch mancher unter euch
+wird ruecklings fallen, eh' ihr steigt ueber diese morschen Mauern."
+
+"Vielleicht," grinste Jochem, "fliegen wir drueber wie die Voegel der Luft.
+Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: lass diesen Alten, lass den
+verfluchten Christen: - ich sage dir, der Schutt dieser Waelle wird sie
+bald bedecken. Ich weiss, du hast ihn getragen im Herzen: - ich will dir's
+verzeihen: - nur werde jetzt mein Weib." Und wieder griff er nach ihrer
+Hand. - "Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch ueber dir wie
+die leuchtende Sonne ueber dem schleichenden Wurm? Waer ich's wert, dass ihn
+je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib wuerde? Hinweg; hinweg von mir!"
+
+"Ha," rief Jochem, "zu viel, zu viel! Mein Weib - du sollst es nimmer
+werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will
+ich dir aus dem blutenden Herzen reissen, dass es zucken soll in
+Verzweiflung. Auf Wiedersehen."
+
+Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.
+
+Miriam, von bangen Gefuehlen bedraengt, eilte ins Freie: es trieb sie zu
+beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja fuer ihn: und es
+draengte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fusses in die
+nahe Basilika Sankt Mariae, aus der man an Friedenstagen oft die Juedin mit
+Fluechen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu
+fluchen.
+
+Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Saeulenganges und vergass in heissem
+Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei
+Gott. -
+
+Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die
+Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kraeften
+die zertruemmerten Mauerstellen, raeumten den Schutt und die Toten aus dem
+Wege und loeschten die Braende. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab,
+waehrend Belisar vor seinem Zelte seine Heerfuehrer versammelt hielt, des
+Zeichens der Uebergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. "Ich glaub' es
+nicht!" fluesterte Johannes zu Prokop. "Wer solche Streiche thut, wie ich
+von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so:
+da giebt's einen tuechtigen Sturm und dann eine tuechtige Pluenderung."
+
+Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte
+trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.
+
+Belisar sprang auf. "Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie
+sollen's haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre
+Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb' ich ein Zehntel der Beute."
+
+Nach allen Seiten eilten die Anfuehrer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht
+spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstoerten Bogen des Aquaedukts,
+welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da
+rief ihn eine leise Stimme.
+
+Schon daemmerte es so stark, dass er nur mit Muehe den Rufenden erkannte.
+"Was willst du, Jude?" rief Johannes eilig. - "Ich habe keine Zeit! Es
+gilt harte Arbeit! Ich muss der erste sein in der Stadt."
+
+"Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt."
+
+"Dir folgen? weisst du einen Weg ueber die Mauer durch die Luft?"
+
+"Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen,
+wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Maedchen zur Beute zusprecht,
+das ich fordre."
+
+Johannes blieb stehen: "Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?" -
+"Hier!" sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. - "Wie? die
+Wasserleitung? woher weisst du?" - "Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann,
+gebueckt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf
+diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung muendet in einem alten Tempelhaus an
+der Porta Capuana; nimm dreissig Mann und folge mir."
+
+Johannes sah ihn scharf an. "Und wenn du mich verraetst?"
+
+"Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Luege ich, so stosst mich
+nieder." - "Warte!" rief Johannes und eilte hinweg.
+
+
+
+
+ Fuenftes Kapitel.
+
+
+Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und
+ungefaehr dreissig entschlossenen armenischen Soeldnern, die ausser ihren
+Schwertern kurze Handbeile fuehrten. "Wenn wir drin sind," sprach Johannes,
+"reissest du, Perseus, das Ausfallpfoertchen auf, rechts von der Porta
+Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten.
+Auf dies Zeichen stuerzen von aussen meine Hunnen auf die Ausfallpforte.
+Aber wer huetet den Turm an der Porta? Den muessen wir haben."
+
+"Isak, ein grosser Freund der Edomiten, der muss fallen."
+
+"Er faellt," sprach Johannes und zog das Schwert: "Vorwaerts!" Er war der
+erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. "Ihr beiden, Paukaris
+und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht - nieder
+mit ihm!"
+
+Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebueckt tastend, bei
+voelliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach,
+sorgfaeltig jeden Laerm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie
+vorwaerts.
+
+Ploetzlich rief Johannes mit halber Stimme: "fasst den Juden! Nieder mit
+ihm! - Feinde! Waffen! - - Nein, lasst!" rief er rasch, "es war nur eine
+Schlange, die vorueber rasselte! Vorwaerts."
+
+"Jetzt zur Rechten!" sprach Jochem, "hier muendet die Wasserleitung in
+einen Tempelgang."
+
+"Was liegt hier? - Knochen - ein Skelett!
+
+Ich halt's nicht laenger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!"
+seufzte einer der Maenner.
+
+"Lasst ihn liegen! vorwaerts!" befahl Johannes. "Ich sehe einen Stern." -
+"Das ist das Tageslicht in Neapolis," sagte der Jude - "nun nur noch
+wenige Ellen." -
+
+Johannes' Helm stiess an die Wurzeln eines hohen Oelbaums, die sich im
+Atrium des Tempelhauses breit ueber die Muendung des Tempelgangs spannten.
+
+Wir kennen den Baum.
+
+Den Wurzeln ausweichend, stiess er den Helm hell klirrend an die
+Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hoerte zunaechst nur den
+heftigen Fluegelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild
+verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen.
+
+"Was war das?" fragte ueber ihm eine heisere Stimme.
+
+"Wie der Wind in dem alten Gestein wuehlt!" Es war die Witwe Arria. "Ach
+Gott," sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: "erloese uns
+von dem Uebel und lass die Stadt nicht untergehen, bis dass mein Jucundus
+wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet.
+O lass ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir
+wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des
+Baumes."
+
+Und sie wandte sich nach der Hoehlung. "O! dunkler Gang, darin mein Glueck
+verschwunden, gieb mir's wieder heraus! Gott, fuehr' ihn mir zurueck auf
+diesem Wege." Sie stand mit gefalteten Haenden gerade vor der Hoehlung, die
+Augen fromm gen Himmel gewendet.
+
+Johannes stutzte. "Sie betet!" sagte er, "soll ich sie im Gebet
+erschlagen?" - Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhoeren und sich
+wenden. "Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!" Und
+rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den
+halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine
+schimmernde Mannesgestalt.
+
+Ein Strahl der Verklaerung spielte um ihre Zuege. Selig breitete sie die
+Arme aus. "Jucundus!" rief sie.
+
+Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz.
+
+Ohne Weheruf, ein Laecheln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: -
+Miriams Blumen.
+
+Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem
+Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. "Wo ist das Pfoertchen?"
+- "Hier links, ich gehe zu oeffnen!" Perseus wies die Krieger an. - "Wo ist
+die Treppe zum Turm!" - "Hier rechts," sprach Jochem - es war die Treppe,
+die zu Miriams Gemach fuehrte, wie oft war Totila hier hereingeschluepft! -
+"still! der Alte laesst sich hoeren."
+
+Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geraeusch vernommen: er trat mit
+Fackel und Speer an die Treppe: "Wer ist da unten? bist du's, Miriam, wer
+kommt?" fragte er.
+
+"Ich, Vater Isak," antwortete Jochem, "ich wollte euch nochmal fragen ..."
+- und er stieg katzenleise eine Stufe hoeher. Aber Isak hoerte Waffen
+klirren.
+
+"Wer ist bei dir?" rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er
+die Bewaffneten hinter Jochem kauern. "Verrat, Verrat!" schrie er, "stirb,
+Schandfleck der Hebraeer!" Und wuetend stiess er Jochem, der nicht zurueck
+konnte, die breite Partisane in die Brust, dass dieser ruecklings
+hinabstuerzte. "Verrat!" schrie er noch einmal.
+
+Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang ueber die Leiche
+hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von
+Byzanz. Da krachten unten Beilschlaege: das Pfoertchen fiel, von innen
+eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten - schon war es
+ganz dunkel geworden - die Hunnen zu Tausenden in die Stadt.
+
+Da war alles aus.
+
+Ein Teil stuerzte sich mordend in die Strassen, ein Haufe brach die naechsten
+Thore ein, den Bruedern draussen Eingang schaffend.
+
+Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Haeuflein aus dem Kastell herbei:
+er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer
+streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert
+treuen Goten, die ihn noch umgaben.
+
+Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Waellen flattern sahen, erhoben
+sich - unter Fuehrung alter Roemerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des
+Syrers, - ein eifriger Anhaenger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward,
+da er sie hemmen wollte, erschlagen - auch die Buerger von Neapolis: sie
+entwaffneten die einzelnen Goten in den Strassen und schickten,
+glueckwuenschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine
+Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glaenzenden Stab umgeben, zur
+Porta Capuana hereinritt.
+
+Aber finster furchte er die majestaetische Stirn und ohne seinen Rotscheck
+anzuhalten, sprach er: "Fuenfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst
+lag ich laengst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, dass das dem Kaiser
+an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fuenfzehn Tage lang hat sich eure
+Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen
+lassen. Die Strafe fuer diese fuenfzehn Tage seien nur fuenfzehn Stunden -
+Pluenderung. Ohne Mord: - die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers -
+ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der
+Fuehrer der Goten? Tot?"
+
+"Ja," sprach Johannes, "hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel."
+
+"Den meine ich nicht!" sprach Belisar. "Ich meine den jungen, den Totila.
+Was ward aus ihm? Ich muss ihn haben."
+
+"Herr," sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot,
+vortretend, "wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Pluenderung
+ausnehmt, will ich's euch wohl sagen."
+
+Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden.
+"Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht
+dich sprechen."
+
+"Erbarmen! Gnade!" schrie der Geaengstigte. "Der Seegraf eilte mit wenigen
+Reitern waehrend der Waffenruhe hinaus, Verstaerkung zu holen vom Castellum
+Aurelians: er kann jeden Augenblick zurueckkehren."
+
+"Johannes," rief Belisar, "der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir
+muessen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt?
+das Thor besetzt?"
+
+"Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen koennen." sprach
+Johannes.
+
+"Auf! Blitzesschnell! wir muessen ihn hereinlocken!
+
+Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und
+auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet
+auf die Waelle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht
+meinen Leibwaechtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein!
+dreihundert Mann in der Naehe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie
+er das Fallgitter hinter sich hat, laesst man's nieder. Ich will ihn lebend
+fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz."
+
+"Gieb mir das Amt, mein Feldherr," bat Johannes. "Ich schuld' ihm noch
+Vergeltung fuer einen Kernhieb." Und er flog zurueck zur Porta Capuana, liess
+die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine
+Massregeln.
+
+Da draengte sich eine verschleierte Gestalt heran: "Um der Guete Gottes
+willen," flehte eine liebliche Stimme, "ihr Maenner, lasst mich heran! Ich
+will ja nur seine Leiche, - o gebt Acht! sein weisser Bart! o mein Vater."
+Es war Miriam, die der Laerm pluendernder Hunnen aus der Kirche nach Hause
+gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere
+zurueck und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme.
+
+"Weg, Maedel!" rief der naechste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein
+Soeldner von Byzanz: - Garizo hiess er. "Halt uns nicht auf! wir muessen den
+Weg saeubern! In den Graben mit dem Juden!"
+
+"Nein, nein!" rief Miriam und stiess den Mann zurueck.
+
+"Weib!" schrie dieser zornig und hob das Beil. -
+
+Aber die Arme schuetzend ueber des Vaters Leiche breitend und mit
+leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: - wie gelaehmt
+hielt der Krieger inne: "Du hast Mut, Maedel!" sagte er, das Beil senkend.
+"Und schoen bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir
+Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen." - "Wenn der Gott meiner
+Vaeter dein Herz geruehrt," bat Miriams herzgewinnende Stimme, "hilf mir die
+Leiche dort im Garten bergen: - das Grab hat er sich lange selbst
+geschaufelt, - neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten." - "Es
+sei!" sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er fasste die
+Knie der Leiche: wenige Schritte fuehrten sie in den kleinen Garten: da lag
+ein Stein unter Trauerweiden: der Mann waelzte ihn weg und sie senkten die
+Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. -
+
+Ohne Worte, ohne Thraenen starrte Miriam in die Grube: sie fuehlte sich so
+arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte
+darueber. "Komm!" sagte er dann. - "Wohin?" fragte Miriam tonlos. - "Ja,
+wohin willst du?" - "Das weiss ich nicht! - Hab Dank," sprach sie und nahm
+ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumuenze
+vom Jordan, aus dem Tempel.
+
+"Nein!" sagte der Mann und schuettelte das Haupt.
+
+Er nahm ihre Hand und legte sie ueber seine Augen.
+
+"So," sagte er, "das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt muss ich
+fort, wir muessen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl."
+
+Dieser Name schlug in Miriams Herz: - noch einen Blick warf sie auf das
+stille Grab und hinaus schluepfte sie aus dem Gaertchen. Sie wollte zum
+Thore hinaus auf die Strasse: aber das Fallgitter war gesenkt, an den
+Thoren standen Maenner mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie
+um sich.
+
+"Ist alles vollzogen, Chanaranges?" - "Alles, er ist so gut wie gefangen."
+- "Horch, vor dem Wall, - Pferdegetrappel - sie sind's! zurueck, Weib."
+
+Draussen aber sprengten einige Reiter die Strasse heran gegen das Thor.
+
+"Auf! auf, das Thor," rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein
+Ross heran. "Ich weiss nicht, ich traue nicht!" rief er, "die Strasse war wie
+ausgestorben und ebenso drueben das Lager der Feinde: kaum ein paar
+Wachtfeuer brennen."
+
+Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. "Der Bursch blaest ja
+graesslich!" sprach Thorismuth zuernend. "Es wird ein Welscher sein," meinte
+Totila. "Gebt die Losung," rief's herab auf lateinisch. "Neapolis,"
+antwortete Totila entgegen. "Hoerst du's? Uliaris hat die Buerger bewaffnen
+muessen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde," fuhr er fort zu den oben
+Aufgestellten, "vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuss: und Italien hat
+einen neuen Koenig."
+
+"Wer ist's?" fragte es leise drinnen. "Der auf dem weissen Ross, der erste."
+Da sprangen die Thorfluegel auf, gotische Helme fuellten den Eingang,
+Fackeln glaenzten, Stimmen fluesterten.
+
+"Auf mit dem Fallgitter," rief Totila, dicht heranreitend. Spaehend blickte
+Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. "Sie haben gestern getagt zu
+Regeta," fuhr Totila fort, "Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis
+..." -
+
+Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Ross den Sporn
+geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe
+der Krieger. "Flieh," rief sie, "Feinde ueber dir! die Stadt ist gefallen!"
+Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoss durchbohrte ihre Brust.
+
+"Miriam!" schrie Totila entsetzt und riss sein Pferd zurueck.
+
+Doch Thorismuth, der laengst Argwohn geschoepft, zerhieb, rasch
+entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende
+Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, dass es droehnend vor Totila
+niederschlug.
+
+Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. "Auf das Gitter!
+Hinaus auf sie!" rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht.
+
+"Miriam, Miriam," rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die
+Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklaerten Blick: -
+dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. "Fuer dich!"
+hauchte sie und fiel zurueck. - Da vergass er Neapolis und die Todesgefahr.
+"Miriam," rief er nochmals, beide Haende gegen sie ausbreitend. -
+
+Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das
+edle Tier hochbaeumend zurueck. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da
+fasste Thorismuth nach Totilas Zuegel, riss das Pferd herum und gab ihm einen
+Schlag mit der flachen Klinge, dass es hinwegschoss. "Auf und davon, Herr,"
+rief er, "ja, sie muessen flink sein, die uns einholen." Und brausend
+sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurueck, den sie gekommen;
+nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs
+unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell
+Aurelians: auf einem Huegel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit
+ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Waellen,
+liegen sah.
+
+Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betaeubung
+auf. "Uliaris!" seufzte er, "Miriam!" "Neapolis, - wir sehen uns wieder."
+Und er winkte zum Aufbruch gen Rom.
+
+Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit
+dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben
+fuer immerdar.
+
+Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte,
+rief er, vom Pferde springend, mit wuetiger Stimme: "Wo ist die Dirne, die
+ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde." Und er eilte zu Belisar, das
+Missgeschick zu melden.
+
+Aber niemand wusste zu sagen, wohin der schoene Leichnam geraten. Die Rosse
+haetten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wusste es besser:
+Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend
+Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gaertchen, hatte
+die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewaelzt und die Tochter
+sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet.
+
+Aus der Ferne scholl das Getoese der gepluenderten Stadt, in der die
+Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar
+die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert
+unter sie fahrend, Einhalt schuf. -
+
+Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, dass er nicht wagte, wie er so
+gern gewollt, sie zu kuessen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und
+brach eine Rose, die neben dem Grabe bluehte, und legte sie ihr auf die
+Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Pluenderung zu nehmen. Aber
+es liess ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht
+ueber, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schoenen Maedchens.
+
+Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen,
+den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht
+genug: andaechtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als
+die Sonne emporstieg, schob er sorgfaeltig den Stein ueber das Grab und
+ging.
+
+So war Miriam spurlos verschwunden.
+
+Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzaehlte,
+schoenheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und
+wieder aufgefahren gen Himmel.
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu
+Regeta.
+
+Und Totila stiess schon bei Formiae auf seinen Bruder Hildebad, den Koenig
+Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die
+Besatzung der Stadt zu verstaerken, bis er selbst mit einem groesseren Heere
+zum Entsatz herbeieilen koenne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die
+Brueder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta,
+zurueckziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden
+von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des
+dritten Hauptbollwerks Italiens, musste den ganzen Kriegsplan der Goten
+veraendern.
+
+Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren
+gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja
+eigenmaechtig zurueckgefuehrt, waren im Augenblick die ganze verfuegbare
+Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Suedgallien und
+Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur
+schnellen Rueckkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz
+Italien verloren sein.
+
+Gleichwohl hatte der Koenig beschlossen, sich mit diesen zwanzig
+Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den
+Zufluss der Italier auf mehr als die dreifache Uebermacht angeschwollenen
+Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstaerkungen Widerstand zu
+leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab
+Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war
+ebensoweit von Tollkuehnheit wie von Zagheit entfernt.
+
+Ja, der Koenig musste seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren
+Entschluss abringen. Waehrend in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in
+dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in
+Verwuenschungen ueber den Verraeter Theodahad, ueber Belisar, ueber die Italier
+Luft machte, waehrend schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das
+Zaudern des Koenigs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein
+fuehren wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, waehrend der Ungestuem
+des Heeres schon ueber den Stillstand grollte, gestand sich der Koenig mit
+schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurueckzuweichen und selbst
+Rom voruebergehend preiszugeben.
+
+Tag fuer Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis
+allein fuehrte er zehntausend Mann - als Geiseln zugleich und
+Kampfgenossen, - von allen Seiten stroemten die Welschen zu seinen Fahnen:
+von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche
+Uebermacht zu gewaehren und die kleineren Staedte an der Kueste oeffneten dem
+Feind mit Jubel die Thore.
+
+Die gotischen Familien aus diesen Gegenden fluechteten in das Lager des
+Koenigs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis
+Cumae und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das
+starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische,
+saracenische und maurische Reiter, bei Formiae. Das Gotenheer erwartete und
+verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms.
+
+Aber laengst hatte Witichis die Unmoeglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend
+Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zaehlen konnte, im offnen
+Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die maechtigen
+Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische
+Ueberflutung halten zu koennen: aber bald musste er auch diesen Gedanken
+aufgeben.
+
+Die Bevoelkerung Roms zaehlte, dank dem Praefekten, mehr waffenfaehige und
+waffengeuebte Maenner denn seit manchem Jahrhundert: und stuendlich
+ueberzeugte sich der Koenig, von welcher Gesinnung diese beseelt waren.
+Schon jetzt hielten die Roemer kaum noch ihren Hass wider die Barbaren
+zurueck: es blieb nicht bei feindlichen und hoehnischen Blicken: schon
+konnten sich Goten in den Strassen nur in guter Bewaffnung und grossen
+Scharen blicken lassen: taeglich fand man vereinzelte gotische Wachen von
+hinten erdolcht.
+
+Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, dass diese Elemente des
+Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und maechtigen
+Haeuptern: den Spitzen des roemischen Adels und des roemischen Klerus. Er
+musste sich sagen, dass, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das
+Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine
+gotische Besatzung erdruecken wuerde.
+
+So hatte Witichis den schweren Entschluss gefasst, Rom, ja ganz
+Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlaessigen Ravenna zu
+werfen, hier die mangelhaften Ruestungen zu vollenden, alle gotischen
+Streitkraefte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den
+Feind aufzusuchen.
+
+Er war ein Opfer, dieser Entschluss.
+
+Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und
+es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen,
+zurueckweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht
+ruehmlich war es fuer den Koenig, der um seiner Tapferkeit willen auf den
+Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit
+schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten
+Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der
+Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Haelfte von Italien preisgeben? Und
+wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, - wie musste das Volk
+von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestuem, ihrer Verachtung der
+Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein
+germanischer Koenig hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und
+zu gebieten. Schon mancher germanische Koenig war von seinem Volksheer
+wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er fuerchtete
+ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager
+zu Regeta in seinem Zelte auf und ab.
+
+Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen:
+"Auf, Koenig der Goten," rief eine leidenschaftliche Stimme, "jetzt ist
+nicht Zeit, zu schlafen!" - "Ich schlafe nicht, Teja," sprach Witichis,
+"seit wann bist du zurueck? Was bringst du?" - "Eben schritt ich ins Lager,
+der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot." - "Wer?"
+- "Der Verraeter und die Moerderin!" - "Wie? du hast sie beide erschlagen?"
+- "Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkoenig, folgte ich zwei
+Tage und zwei Naechte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken
+Vorsprung. Aber mein Hass war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei
+Narnia holte ich ihn ein: zwoelf Sklaven begleiteten seine Saenfte: sie
+hatten nicht Lust, fuer den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg
+und flohn.
+
+Ich riss ihn aus der Saenfte und drueckte ihm sein eigenes Schwert in die
+Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und fuehrte zugleich einen
+heimtueckischen Stoss nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit
+drei Streichen. Einen fuer das Reich: und zwei fuer meine Eltern. Und ich
+hing ihn an seinem goldenen Guertel auf, an der offenen Heerstrasse, an
+einem duerren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Frass fuer die Voegel des
+Himmels, eine Warnung fuer die Koenige der Erde."
+
+"Und was ward aus ihr?"
+
+"Sie fand ein schrecklich Ende!" sprach Teja schaudernd.
+
+"Als ich von hier nach Rom kam, wusste man nur, dass sie verschmaeht, den
+Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine
+kappadokische Leibwache zusammen und verhiess den Maennern goldne Berge,
+wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona
+sich werfen wollten.
+
+Die Soeldner schwankten und wollten erst das verheissne Gold sehen. Da
+versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie
+verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden." -
+"Nun?" - "Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Fuehrer,
+einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muss sich in diesem Labyrinth
+verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Soeldner trafen
+sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast voellig
+erhalten: sie musste alsbald erloschen sein, nachdem sie die Hoehlung
+beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst,
+Verzweiflung haben dieses boese Weib zermuerbt: sie starb, sowie sie ans
+Tageslicht gebracht war."
+
+"Schrecklich!" rief Witichis. - "Gerecht!" sagte Teja. "Aber hoere weiter."
+
+Eh' er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre
+gotische Fuehrer ins Zelt: "Weiss er's?" fragte Totila. - "Noch nicht,"
+sagte Teja. - "Empoerung!" rief Hildebad! "Empoerung! Auf, Koenig Witichis,
+wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Fuesse."
+
+"Was ist geschehn" fragte Witichis ruhig.
+
+"Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empoert. Er ist gleich
+nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein aelterer Bruder,
+der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die
+Woelsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten ueberall aufgerufen gegen
+dich zum Schutz der "Koenigslilie", wie sie sie nennen: Mataswintha sei die
+Erbin der Krone. Sie haben sie als Koenigin ausgerufen. Sie weilte in
+Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiss nicht, ist sie
+Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das weiss man, dass sie avarische
+und gepidische Soeldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre
+ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all' dem grossen Anhang der Woelsungen,
+bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkoenig: sie wollen Ravenna
+gewinnen!"
+
+"O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!" rief
+Hildebad zornig. "Ich will dir diese Koenigin der Goten samt ihrem adeligen
+Buhlen in einem Vogelkaefig gefangen bringen."
+
+Aber die andern machten besorgte Gesichter. "Es sieht finster her!" sprach
+Hildebrand. "Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: - im Ruecken das
+schlangenhafte Rom, - all' unsre Macht noch fuenfzig Meilen fern - und
+jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner
+schlag' in dieses Land."
+
+Aber Witichis blieb ruhig und gefasst wie immer. Er strich mit der Hand
+ueber die Stirn. "Es ist vielleicht gut so," sagte er dann. "Jetzt bleibt
+uns keine Wahl. Jetzt _muessen_ wir zurueck." - "Zurueck?" fragte Hildebad
+zuernend. - "Ja! Wir duerfen keinen Feind im Ruecken lassen. Morgen brechen
+wir das Lager ab und gehn ..." - "Gegen Neapolis vor?" sagte Hildebad. -
+"Nein! Zurueck nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der
+Brand der Empoerung muss zertreten sein, eh' er noch recht entglommen." -
+"Wie? du weichst vor Belisar zurueck?" - "Ja, um desto staerker vorzugehen,
+Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurueck, den toedlichen Pfeil
+zu schnellen." - "Nimmermehr!" sprach Hildebad, "das kannst - das darfst
+du nicht."
+
+Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die
+Schulter: "Ich bin dein Koenig. Du hast mich selbst gewaehlt. Hell klang vor
+andern _dein_ Ruf: "Heil Koenig Witichis!" Du weisst es, Gott weiss es: nicht
+ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das
+Haupt gedrueckt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr
+anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid
+ihr mit mir verloren."
+
+"Du hast recht," sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. "Vergieb
+mir! Ich mach' es gut im naechsten Gefecht."
+
+"Auf, meine Feldherrn," schloss Witichis, den Helm aufsetzend, "du, Totila,
+eilst mir in wicht'ger Sendung zu den Frankenkoenigen nach Gallien: ihr
+andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang
+geht's nach Rom."
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die
+jungen "Ritter": Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus,
+den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Praefekten in
+vertrautem Gespraech.
+
+"Das also ist die Liste der blinden Anhaenger des kuenftigen Papstes
+Silverius, meiner schlimmsten Argwoehner? Ist sie vollstaendig?" - "Sie ist
+es. Es ist ein hartes Opfer," rief Lucius Licinius, "das ich dir bringe,
+Feldherr. Haett' ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht,
+ich haette jetzt schon Neapolis mit belagert und bestuermt, statt dass ich
+hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren
+und in Manipeln schwenken lehre." - "Sie lernen's doch nie wieder," meinte
+Marcus.
+
+"Geduldet euch," sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle
+aufzublicken, die er in der Hand hielt. "Ihr werdet euch bald genug und
+lang genug mit diesen gotischen Baeren balgen duerfen. Vergesst nicht, dass
+das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck."
+
+"Weiss nicht," zweifelte Lucius.
+
+"Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht," sprach Cethegus;
+"wir muessen diese Roemer wieder an Schild und Schwert gewoehnen, sonst -"
+der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten
+die jungen Roemer.
+
+"Lass ihn ein!" sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel
+bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger,
+einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Praefekten
+Brust.
+
+"Julius!" sprach dieser kalt zuruecktretend. "Wie sehn wir uns wieder! Bist
+du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?"
+
+"Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem
+rauchenden Neapolis." - "Ei," grollte Cethegus, "hast du mit deinem
+blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Roemer gut! Nicht
+wahr, Lucius?" - "Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in
+diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzuendet."
+
+Cethegus mass ihn mit kalten Blicken. "Es ist unter meiner Wuerde und ueber
+meiner Geduld, einem Roemer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten.
+Wehe, dass ein solcher Abtruenniger mein Julius. Schaeme dich vor diesen
+deinen Altersgenossen. Seht, roemische Ritter, hier ist ein Roemer ohne
+Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!"
+
+Aber ruhig schuettelte Julius das Haupt. "Du hast sie noch nicht gesehen,
+die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen.
+Wo sind denn die Roemer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben
+seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kaempft mit
+den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit."
+
+Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht
+billigen vor Fremden: "Ich muss allein mit diesem Philosophen disputieren.
+Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht."
+
+Und die Kriegstribunen gingen, mit veraechtlichen Blicken auf Julius.
+
+"Ich moechte nicht hoeren, was die von dir reden!" sagte Cethegus, ihnen
+nachsehend. - "Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht
+fremden Gedanken." - "Er ist Mann geworden," sagte Cethegus zu sich
+selbst.
+
+"Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen,
+fuehren mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entfuehren aus dieser
+schwuelen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Luege. Ich bitte dich,
+mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien." - "Nicht uebel," laechelte
+Cethegus. "Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen!
+Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht,
+den du verfluchst." - "Ich dacht' es wohl," sprach Julius schmerzlich.
+"Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?"
+
+"Ich," sprach Cethegus ruhig und gross. "Und du, mein Sohn, sollst mir
+dabei helfen. Ja, Julius, dein vaeterlicher Freund, den du so kalt und
+nuechtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwaermerei, wenn auch nicht
+fuer Maedchenaugen und gotische Freundschaften. Lass diese Knabenspiele
+jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines oeden Lebens und
+sei der Genosse meiner Kaempfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom,
+Freiheit, Macht! Juengling, koennen dich diese Worte nicht ruehren? Denk'
+dir," fuhr er, waermer werdend, fort, "diese Goten, diese Byzantiner - ich
+hasse sie wie du - die einen durch die andern erschoepft, aufgerieben, und
+ueber den Truemmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter
+Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Huegel thront wieder der Herrscher
+ueber Morgen- und Abendland: eine neue roemische Weltherrschaft, stolzer als
+sie dein caesarischer Namensvetter getraeumt, verbreitet Zucht, Segen und
+Furcht ueber die Erde ..." -
+
+"Und der Herrscher dieses Weltreichs heisst - Cethegus Caesarius!"
+
+"Ja - und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn
+dich dies Ziel nicht lockt!"
+
+Julius sprach bewundernd: "Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber
+deine Wege, - sie sind nicht gerade. Ja, waeren sie gerade, bei Gott, ich
+teilte deinen Gang.
+
+Ja, rufe die roemische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren
+zu: "Raeumt das heilige Latium!" fuehre einen offnen Krieg gegen die
+Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und
+fallen!" - "Du weisst recht gut, dass dieser Weg unmoeglich ist." - "Und
+deshalb - ist's dein Ziel!" - "Thor, erkennst du nicht, dass es gewoehnlich
+ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, dass es aber goettlich ist, aus
+dem Nichts, nur mit eigner schoepferischer Kraft, eine neue Welt schaffen."
+- "Goettlich? durch List und Luege? Nein." - "Julius!" - "Lass mich offen
+sprechen, deshalb bin ich gekommen.
+
+O koennt ich dich zurueckrufen von dem daemonischen Pfade, der dich sicher in
+Nacht und Verderben fuehrt. Du weisst, - wie ich dein Bild verehre und
+liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten,
+Roemer von dir fluestern."
+
+"Was fluestern sie?" fragte Cethegus stolz.
+
+"Ich mag's nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares
+geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner
+Landung, - du wirst dabei genannt, wie der Daemon, der alles Boese schafft.
+Sage mir, schlicht und treu, dass du frei bist von dunkeln" -
+
+"Knabe!" fuhr Cethegus auf, "willst du mir zur Beichte sitzen und zu
+Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst.
+
+Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Grosse
+will, muss das Grosse thun, nennen's die Kleinen gut oder schlecht." - "Nein
+und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu
+dem nur Frevel fuehren. Hier scheiden sich unsre Pfade."
+
+"Julius, geh nicht! Du verschmaehst, was noch nie einem Sterblichen geboten
+ward. Lass mich einen Sohn haben, fuer den ich ringe, dem ich die Erbschaft
+meines Lebens hinterlassen kann." - "Fluch und Luege und Blut kleben daran.
+Und sollt ich sie schon jetzt antreten: - ich will sie nie! Ich gehe, dass
+sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um
+Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des
+Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten
+fordert, - - dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und
+will dich losringen und loskaufen von den daemonischen Maechten und sei's um
+den Preis meines Lebens."
+
+Leichter Spott zuckte zuerst um des Praefekten Lippe, aber er dachte: "Er
+liebt mich noch immer. - Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk
+vollendet: lass sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des
+Erdkreises ausschlaegt." - "Wohl," sagte er, "ich werde dich rufen, wenn
+ich dein bedarf. Leb wohl." Und mit kalter Handbewegung entliess er den
+Heissbewegten.
+
+Aber als die Thuere hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Praefekt ein
+kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es
+lang. Dann wollte er es kuessen. Aber ploetzlich flog der hoehnische Zug
+wieder um seine Lippen. "Schaeme dich vor Caesar, Cethegus," sagte er, und
+legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius
+sehr aehnlich.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche
+Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den
+Sonnenball traegt, gefuellt mit persischem Duftoel. "Ein gotischer Krieger
+steht draussen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr
+unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?" "Nein," sagte Cethegus, "wir
+fuerchten die Barbaren nicht. Lass ihn kommen." Der Sklave ging und Cethegus
+legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika.
+
+Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze ueber den Kopf geschlagen:
+er warf sie jetzt zurueck.
+
+Cethegus trat erstaunt einen Schritt naeher. "Was fuehrt den Koenig der Goten
+zu mir?"
+
+"Leise!" sprach Witichis. "Es braucht niemand zu wissen, was wir beide
+verhandeln. Du weisst: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in
+Rom eingezogen. Du weisst noch nicht, dass wir Rom morgen wieder raeumen
+werden."
+
+Cethegus horchte hoch auf.
+
+"Das befremdet dich?" - "Die Stadt ist fest," sagte Cethegus ruhig. "Ja,
+aber nicht die Treue der Roemer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar.
+Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdruecken zu lassen."
+
+Vorsichtig schwieg Cethegus, er wusste nicht, wo das hinaus sollte.
+"Weshalb bist du gekommen, Koenig der Goten?" - "Nicht um dich zu fragen,
+wie weit man den Roemern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, dass wir
+ihnen so wenig trauen koennen, die doch Theoderich und seine Tochter mit
+Wohltaten ueberhaeuft; - sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir
+zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen."
+
+Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er
+beneidete. Er haette es gern verachtet. "Wir werden Rom verlassen, und
+alsbald werden die Roemer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann's
+nicht hindern. Man hat mir geraten, die Haeupter des Adels als Geiseln mit
+hinwegzufuehren."
+
+Cethegus erschrak und hatte Muehe, das zu verbergen.
+
+"Dich vor allen, den Princeps Senatus." - "Mich!" laechelte Cethegus. -
+"Ich werde dich hier lassen. Ich weiss es wohl: du bist die Seele von Rom."
+
+Cethegus schlug die Augen nieder. "Ich nehme das Orakel an," dachte er.
+
+"Aber eben deshalb lass' ich dich hier. Hunderte, die sich Roemer nennen,
+wollen die Byzantiner zu ihren Herren, - du, du willst das nicht."
+
+Cethegus sah ihn fragend an.
+
+"Taeusche mich nicht! Wolle mich nicht taeuschen. Ich bin der Mann
+verschlagner Kuenste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist
+zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiss, du hassest uns. Aber du liebst
+auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht laenger hier dulden als du
+musst. Deshalb lass ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich
+weiss, du liebst die Stadt."
+
+Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. "Koenig der
+Goten," sagte er, "du sprichst klar und gross wie ein Koenig: ich danke dir.
+Man soll nicht sagen von Cethegus, dass er die Sprache der Groesse nicht
+versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kraeften roemisch
+erhalten."
+
+"Gut," sagte Witichis, "sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tuecke: ich
+weiss viel von deinen schlauen Plaenen: ich ahne noch mehr: und ich weiss,
+dass ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Luegner. Ich
+wusste, ein maennlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen
+entwaffnet einen Feind, der ein Mann."
+
+"Du ehrst mich, Koenig der Goten.
+
+Ich will dich warnen: weisst du, wer die waermsten Freunde Belisars?" - "Ich
+weiss es: Silverius und die Priester." - "Richtig. Und weisst du, dass
+Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von
+Rom besteigen wird?"
+
+"So hoer' ich.
+
+Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzufuehren. Ich werd' es nicht thun.
+Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der
+Pfaffen stossen. Ich fuerchte die Maertyrer."
+
+Aber Cethegus waere den Priester gern los geworden. "Er wird gefaehrlich auf
+dem Stuhl Petri," meinte er.
+
+"Lass ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst
+entschieden." - "Wohlan," sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend,
+"ich habe hier die Namen seiner waermsten Freunde zufaellig beisammen. Es
+sind wichtige Maenner."
+
+Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine
+gefaehrlichsten Feinde als Geiseln mitfuehren.
+
+Aber Witichis wies ihn ab. "Lass das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen.
+Was nuetzt es, ihnen die Koepfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir fuer Rom
+buergen."
+
+"Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten."
+
+"Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlass' dich drauf: er wird
+auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst
+nach hartem Kampf: aber gewiss. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um
+Rom."
+
+"Einen zweiten?" fragte Cethegus ruhig, "mit wem?"
+
+Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz
+mit einem Auge wie die Sonne: "Mit dir, Praefekt von Rom!"
+
+"Mit mir!" Und er wollte laecheln, aber er konnte nicht.
+
+"Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht wuerdig. Ich weiss
+es, fuer wen du die Tuerme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht fuer uns
+und nicht fuer die Griechen! fuer dich! Ruhig! Ich weiss, was du sinnest,
+oder ich ahn' es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom
+kaempfen und kein Roemer? Aber hoere: Lass nicht einen zweiten jahrelangen
+Krieg unsre Voelker hinraffen.
+
+Wenn wir die Byzantiner niedergekaempft, hinausgeworfen aus unserm Italien,
+- dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur
+Schlacht unsrer Voelker, - zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir
+wollen's um Rom entscheiden."
+
+Und in des Koenigs Blick und Ton lag eine Groesse, eine Wuerde und Hoheit, die
+den Praefekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfaeltigen
+Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als koenne er sich selbst nie
+mehr achten, wenn er diese Groesse nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu
+erwidern faehig sei. So sprach er ohne Spott: "Du traeumst, Witichis, wie
+ein gotischer Knabe."
+
+"Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der
+einzige Roemer, den ich wuerdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten
+sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes wuerdig. Du bist aelter als
+ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!"
+
+"Seltsam seid ihr Germanen," sagte Cethegus unwillkuerlich: "was fuer
+Phantasien!"
+
+Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: "Phantasien? Wehe dir, wenn
+du nicht faehig bist, zu fuehlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja
+recht behaelt! Er lachte zu meinem Plan und sprach: "das fasst der Roemer
+nicht!" Und er riet mir, dich gefangen mitzufuehren. Ich dachte groesser von
+dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein
+oder so feig, mich nicht zu fassen, - in Ketten fuehren wir dich aus deinem
+Rom. Schmach dir, dass man dich zwingen muss zur Ehre und zur Groesse."
+
+Da ergrimmte Cethegus. Er fuehlte sich beschaemt. Jenes Ritterliche war ihm
+fremd und es aergerte ihn, dass er es nicht verhoehnen konnte. Es aergerte
+ihn, dass man ihn mit Gewalt noetigte, dass man seiner freien Wahl misstraut
+habe. Wuetender Hass gegen Tejas Missachtung wie gegen des Koenigs brutale
+Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindruecke rangen in ihm, er haette
+gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestossen. Fast haette er vorhin
+aus soldatischem Ehrgefuehl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt
+durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschoenes Gefuehl der
+Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn
+gering erachtet: nun sollten sie gewiss betrogen sein! Und mit scharfem
+Blick vortretend fasste er des Koenigs Hand. "Es gilt," rief er.
+
+"Es gilt," sprach Witichis, fest seine Hand drueckend.
+
+"Mich freut es, dass ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! huete mir
+unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf." Und er ging.
+
+"Nun," sprach Teja draussen mit den andern Goten rasch vortretend, "soll
+ich das Haus stuermen?"
+
+"Nein," sagte Witichis, "er gab mir sein Wort."
+
+"Wenn er's nur haelt!"
+
+Da trat Witichis heftig zurueck. "Teja! dich macht dein finstrer Sinn
+ungerecht!
+
+Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein
+Held."
+
+"Er ist ein Roemer. Gute Nacht!" sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und
+er ging mit seinen Goten andren Weges.
+
+Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in
+sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch
+mit Teja. Am bittersten mit sich selbst.
+
+ --------------
+
+Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus
+der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der hoechsten Stufe der
+Marmortreppe des stolzen Gebaeudes herab, die von den Grossen des Heeres
+besetzt war, hielt der Koenig eine schlichte Ansprache an die Roemer. Er
+erklaerte, dass er auf kurze Zeit die Stadt raeumen und zurueckweichen werde.
+Bald aber werde er wiederkehren.
+
+Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten
+Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er
+heranruecke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder
+heranrueckten: der Roemer wieder an die Waffen gewoehnte Legionare und ihre
+starken Mauern machten langen Widerstand moeglich.
+
+Zuletzt forderte er den Eid der Treue und liess sie nochmals feierlich
+schwoeren, dass sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen
+wollten. Die Roemer zoegerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager
+Belisars und sie scheuten den Meineid.
+
+Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem
+flavischen Amphitheater vorbei zog eine grosse Prozession von Priestern mit
+Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet
+gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu
+seinem Nachfolger gewaehlt.
+
+Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien
+der Bischofswuerde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben
+sangen in suessen und doch weihevollen Weisen.
+
+Endlich nahte die Saenfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem
+Schiffe nachgebildet. Die Traeger gingen langsam, Schritt fuer Schritt, nach
+dem Takt der Musik, von ringsum draengendem Volk umwogt, das nach dem Segen
+seines neuen Bischofs verlangte.
+
+Silverius spendete unablaessig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts
+und links hin nickend.
+
+Eine grosse Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Soeldnern
+schloss die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes
+gelangt war.
+
+Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger,
+die alle Muendungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen,
+prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Roemer
+die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begruessten, als seine Stimme
+ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides loesen sollte.
+
+Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen,
+als der Arm eines turmlangen Goten, ueber die Bruestung der Saenfte
+hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte.
+
+Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Stoerung wandte Silverius das strenge
+Gesicht, aber uneingeschuechtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend:
+"Komm, Priester, du sollst hinauf zum Koenig."
+
+Silverius haette es angemessener gefunden, wenn der Koenig zu ihm
+heruntergekommen waere, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen
+Mienen zu lesen. Denn er rief: "'s ist nicht anders! duck' dich,
+Pfaefflein!"
+
+Und damit drueckte er einen der die Saenfte tragenden Priester an der
+Schulter nieder: die Traeger liessen sich nun auf die Kniee herab und
+seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend.
+
+Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm
+vor, an den Rand der Treppe, und sprach: "Ihr Maenner von Rom, diesen hier
+haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl:
+er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue
+fuer mich abgenommen hat. Schwoere, Priester!"
+
+Nur einen Augenblick war Silverius betroffen.
+
+Aber sogleich wieder gefasst, wandte er sich mit salbungsvollem Laecheln zu
+dem Volk, dann zum Koenig. "Du befiehlst?" sprach er.
+
+"Schwoere," rief Witichis, "dass du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten
+wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel
+verdankt; in allen Stuecken uns zu foerdern, unsre Feinde aber zu schaedigen.
+Schwoere Treue den Goten."
+
+"Ich schwoere," sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. "Und so fordre
+ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu loesen, euch, ihr
+Roemer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu
+schwoeren, wie ich geschworen habe."
+
+Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und
+erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge
+nicht laenger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: "Wir schwoeren
+Treue den Goten."
+
+"Es ist gut, Bischof von Rom," sprach der Koenig. "Wir bauen auf euren
+Schwur. Lebt wohl, ihr Roemer! Bald werden wir uns wieder sehen." Und er
+schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm.
+
+"Jetzt bin ich nur begierig ..." - sagte Teja.
+
+"Ob sie es halten?" meinte Hildebad.
+
+"Nein. Gar nicht. Aber wie sie's brechen. Nun, der Priester wird's schon
+finden."
+
+Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus,
+die Stadt ihrem Papst und dem Praefekten ueberlassend, waehrend Belisar in
+Eilmaerschen auf der Via Latina nahte.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore
+waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche
+Wachen, in den Strassen klirrte es von Zuegen reisiger Goten und bewaffneter
+Soeldner: denn die Woelsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese
+Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes
+gegen Witichis gemacht.
+
+In der schoenen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des
+Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden
+Brueder.
+
+Herzog Guntharis von Tuscien, der aeltere, war ein gefuerchteter Kriegsmann
+und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen
+die Gueter des maechtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und
+Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne
+Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie voellig zu gebrauchen.
+
+In voller Ruestung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann
+unwillig durch das marmorgetaefelte Zimmer, indes der juengere Bruder in
+schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem
+Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war.
+
+"Entschliesse dich, mach' vorwaerts, mein Junge!" sprach Guntharis: "es ist
+mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des stoerrigen Kindes
+oder ich - hoerst du? - ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr.
+Ich weiss besser als du umzuspringen mit einem launischen Maedchenkopf."
+
+"Bruder, das wirst du nicht."
+
+"Beim Donner, das werd' ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versaeume
+das Glueck unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist
+der Augenblick, den Woelsungen endlich die erste Stelle im Volk zu
+schaffen, die ihnen gebuehrt und von der Amaler und Balten sie seit
+Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib,
+kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon
+schuetzen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernkoenig Witichis.
+
+Aber nicht zu lange mehr darf's waehren. Ich habe noch keine Nachricht von
+Ravenna: doch ich fuerchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns,
+zufallen, das heisst, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien,
+nachdem Neapolis und Rom verloren: die maechtige Festung muessen _wir_
+haben. Deshalb muss sie dein Weib sein, eh' wir vor die Rabenmauern ziehen:
+sonst wird ruchbar, dass sie mehr unsre Gefangene als unsre Koenigin."
+
+"Wer wuenscht das mehr, heisser als ich? aber ich kann sie doch nicht
+zwingen?" - "Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten
+oder boesen. Ich gehe, die Wachen auf den Waellen zu verstaerken. Bis ich
+zurueck bin, will ich Antwort!"
+
+Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem
+Garten auf, Mataswintha zu suchen.
+
+Der Garten war von einem kunstverstaendigen Freigelassenen aus Kleinasien
+angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldaehnlichen Abschluss, der, frei
+von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengruen noch erhalten
+hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbuesche durchrieselte
+ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge.
+
+Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine
+jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand
+zurueckgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den
+nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und
+warf wie traeumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die
+Wellen, mit leise geoeffneten Lippen der Bluete nachsehend, die rasch die
+klaren Wellen entfuehrten.
+
+Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Maedchen in maurischer
+Sklaventracht, eifrig beschaeftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an
+welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spaehte die
+anmutfeine Kleine manchmal, ob die Traeumende ihre heimliche Arbeit nicht
+gewahre.
+
+Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren.
+
+Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drueckte sie
+ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre
+Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie
+die Blumen ihr Haupt beruehrten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit
+schmollend aufgeworfnen Lippen: "Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des
+Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?"
+
+Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: "Bei ihm!" fluesterte sie.
+
+"Weisse Goettin, das trag' ich nicht mehr!" rief die Kleine aufspringend,
+"es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle
+nur, auch die eigne Schoenheit vergisst du - ueber dem unsichtbaren Mann:
+schau' doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von
+den dunkeln Veilchen und weissen Anemonen sich hebt."
+
+"Dein Kranz ist schoen!" sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann
+leicht in die Wellen werfend, "welch' suesse Blumen! Gruesst ihn von mir."
+
+"Ach, meine armen Blumen!" rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie
+wagte nicht, weiter zu schelten. "Sag' mir nur," rief sie, sich wieder
+niederlassend, "wie all' dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele
+Tage, wir wissen nicht recht, Koenigin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder
+Gewalt: haben den Fuss nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten
+Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer
+still und selig, als muesste das alles so sein."
+
+"Es muss auch alles so sein."
+
+"So? und wie wird es enden?"
+
+"Er wird kommen und wird mich befreien."
+
+"Nun, Weisslilie! du hast einen starken Glauben. Waeren wir daheim im
+Mauretanierland und saehe ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte
+ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich
+begreife das nicht" - und sie schuettelte die schwarzen Locken - "ich werde
+dich nie begreifen."
+
+"Doch, Aspa! du wirst und sollst," sprach Mataswintha sich aufraffend, und
+zaertlich den weissen Arm um den braunen Nacken schlingend, "deine treue
+Liebe verdient laengst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe."
+
+In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thraene. "Lohn?" sprach sie. "Aspa
+ward geraubt von wilden Maennern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist
+eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich
+gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar.
+Und bist so schoen wie die Goettin der Sonne und sprichst von Lohn?" Und sie
+schmiegte das Koepfchen an der Herrin Busen.
+
+"Du bist meine Gazelle!" sagte diese "und hast ein Herz wie Gold. Du
+sollst alles wissen, was niemand weiss, ausser mir. Hoere also. Ich hatte
+eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge
+Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben,
+einen Thronerben heiss gewuenscht und sicher erwartet: - und mit
+Widerwillen, mit Kaelte und Haerte behandelte sie das Maedchen. Als
+Athalarich geboren war, nahm die Haerte ab, aber die Kaelte nahm zu: dem
+Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich haette es nicht
+empfunden, haette ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen:
+ich fuehlte, wie auch er litt unter der kalten Haerte seiner Gattin: und oft
+drueckte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thraenen an die Brust.
+
+Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt
+erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern
+Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn
+sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah
+ich, wie meine Waerterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten,
+herzten und kuessten: und nach gleicher Waerme verlangte mit aller Macht mein
+Herz.
+
+So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht!
+
+Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich
+im stillen Koenigsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe,
+die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Waertern
+entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies
+Sehnen wuchs, je aelter ich ward: in Gegenwart der Mutter musste ich all'
+meine Gefuehle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte.
+
+Und wie ich vom Kind zum Maedchen heranwuchs, merkte ich wohl, dass die
+Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie
+bedauerten mich: und das that mir weh. Und oefter und oefter fluechtete ich
+zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward
+verklagt, dass ich dort weinte und ganz verstoert zurueckkaeme.
+
+Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und
+sprach von veraechtlicher Schwaeche.
+
+Aber dawider empoerte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem
+Verbot. Da ueberraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich
+war doch kein Kind mehr: und fuehrte mich in den Palast zurueck: und schalt
+mich schwer: und drohte, mich zu verstossen fuer immer: und fragte im
+Scheiden zuernend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde
+gestraft.
+
+Das war zu viel.
+
+Namenlos elend beschloss ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur
+Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wusste
+nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater.
+
+Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals
+an das geliebte Grab zu langem thraenenreichem Abschied. Schon gingen die
+Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch
+die dunkeln Strassen der Stadt an das faventinische Thor. Gluecklich
+schluepfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf
+der Strasse fort, gradaus in die Nacht, ins Elend.
+
+Aber auf der Strasse kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an
+ihm vorueber wollte, schritt er ploetzlich heran, sah mir ins Antlitz und
+legte die Hand leicht auf meine Schulter: "Wohin, Jungfrau Mataswintha,
+allein, in so spaeter Nacht?"
+
+Ich erbebte unter seiner Hand, Thraenen brachen aus meinen Augen und
+schluchzend rief ich: "In die Verzweiflung!"
+
+Da fasste der Mann meine beiden Haende und sah mich an, so freundlich, so
+mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thraenen mit seinem Mantel und
+sprach in weichem Ton der tiefsten Guete: "Und warum? Was quaelt dich so?"
+
+Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich
+in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr maechtig. "Weil
+mich die eigne Mutter hasst, weil's keine Liebe fuer mich giebt auf Erden."
+- "Kind! Kind! Du bist krank," sagte er, "und redest irr. Komm, komm mit
+mir zurueck! Du? warte nur! du wirst noch eine Koenigin der Liebe werden."
+
+Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich fuer diese Worte,
+diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte
+und zitterte. Es musste ihn ruehren; oder er dachte, es sei die Kaelte.
+
+Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und fuehrte
+mich langsam zurueck durchs Thor, auf unbelebten Strassen, durch die Stadt
+nach dem Palast.
+
+Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das
+Haupt, das er mir sorglich verhuellte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg
+und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte,
+gelangten wir an die Thuere der Palasttreppe: er oeffnete sie, schob mich
+sanft hinein: dann drueckte er mir die Hand. "Gut sein," sagte er, "und
+ruhig. Dein Glueck wird dir schon kommen. Und Liebe genug." Und er legte
+leise die Hand auf mein Haupt, schloss die Thuere hinter mir und stieg die
+Treppe hinab.
+
+Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thuer und konnte nicht fort. Mein
+Fuss versagte, mein Herz pochte.
+
+Da hoert' ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach:
+
+"Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloss, mein Freund?" Er aber
+antwortete: "Du bist's, Hildebrand? Du verraetst sie nicht! Es war das Kind
+Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und
+fuerchtete den Zorn ihrer Mutter." - "Mataswintha!" sprach der andre, "die
+wird taeglich schoener." Und mein Beschuetzer sprach" - und sie stockte und
+flammend Rot schoss ueber ihre Wangen ... -
+
+"Nun," fragte Aspa, sie gross ansehend, "was sagte er?"
+
+Aber Mataswintha drueckte Aspas Koepfchen nieder an ihre Brust. "Er sagte,"
+fluesterte sie - "er sagte: - die wird das schoenste Weib auf Erden!"
+
+"Da hat er recht gesagt," sprach die Kleine, "was brauchst du da rot zu
+werden? Ist's doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?"
+
+"Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thraenen der Trauer, der
+Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein
+Himmel in mir auf: er war mir gut, das fuehlte ich, und er nannte mich
+schoen. Ja, jetzt wusst' ich es: ich war schoen, und ich war selig darueber:
+ich wollte schoen sein: fuer ihn! O wie gluecklich war ich! seine Begegnung
+brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wusste jetzt, man
+konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des
+Leibes, den er gelobt. Die suesse Macht in meinem Herzen breitete eine milde
+Waerme ueber mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der
+Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur
+sanfte Liebe ihrer Haerte entgegengab: und taeglich wurden alle Herzen
+guetiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle.
+
+Und all' das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend
+erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe
+ich nur fuer ihn." Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende
+Brust.
+
+"Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine
+Liebe von so karger Kost?"
+
+"Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs
+befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn
+nie haette ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach,
+mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort
+erscheinen mochte, war ich auf den Villen."
+
+"So weisst du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner
+Vergangenheit."
+
+"Wie haett' ich forschen koennen! gluehende Scham haette mich verraten! Lieb'
+ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer
+Zukunft weiss ich."
+
+"Von eurer Zukunft?" laechelte Aspa.
+
+"An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von Koenig
+Theoderich fremde Kraeuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen liess
+und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafuer, dass
+sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles
+eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Traenke: "das
+Waldweib" nannte man sie laut: aber leise: "die Wala, das Zauberweib". Und
+wir alle am Hof wussten - ausser den Priestern, die haetten es gewehrt - dass
+jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der Koenig sich das Jahr vorhersagen
+liess. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wusste ich, meine
+Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb
+noch aus, was sie verkuendet.
+
+Da, in der naechsten Sonnenwende, fasste auch ich mir ein Herz, lauerte der
+Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot
+ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte.
+
+Aber sie lachte und zog ein Flaeschchen von Bernstein hervor und sprach:
+"Nicht um Gold! Aber um Blut! Um maechtig Blut von einem reinen
+Koenigskind."
+
+Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem
+Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Haende und sang endlich
+tonlos: "Den du haeltst im Herzen hoch, der giebt dir groessten Glanz und
+groesstes Glueck, schafft dir allerschaerfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein
+Gatte nicht." Und damit war sie hinaus."
+
+"Das ist wenig troestlich: - soviel ich's fasse."
+
+"Du kennst der Alten Sprueche nicht: sie sind alle so daemmerdunkel: sie
+fuegt jeder Verheissung eine Drohung bei, fuer alle Faelle: ich aber halte
+mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfuellt sich, wie man
+sie fasst: ich weiss: er wird mein und bringt mir Glanz und Glueck: den
+Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne."
+
+"Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der
+Hexe hin hast du ausgeschlagen all' die Koenige und Fuersten, vom Vandalen-
+und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst
+Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf
+ihn?"
+
+"Und harr' auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen
+lebt ein Voegelein, das singt mir alle Tage: "er wird dein, er muss dein
+werden." Ich weiss es sternengewiss," schloss sie, das Auge zum Himmel
+aufschlagend und in die fruehere Traeumerei versinkend.
+
+Rasche Schritte toenten von der Villa her. "Ah," rief Aspa, "dein schmucker
+Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Muehe!"
+
+"Ich will dem Spiel ein Ende machen heut'!" sprach Mataswintha, sich
+erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige
+Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine
+seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit
+in dem Maedchen. Aspa staunte oft ueber das verhaltne Feuer in ihrer Herrin.
+"Du bist wie die Goetterberge in meiner Heimat," sagte sie: "Schnee auf dem
+Gipfel: Rosen um den Guertel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft
+ueber Schnee und Rosen stroemt."
+
+Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem
+schoenen Weibe mit einem Erroeten, das ihm wohl anstand. "Ich komme," sagte
+er, "Koenigin ..." -
+
+Aber herb unterbrach sie ihn. "Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du,
+endlich diesem schnoeden Spiel von Gewalt und Luege ein Ende zu machen.
+
+Nicht laenger will ich's tragen. Dein kecker Bruder ueberfaellt mich
+ploetzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in
+meinen Gemaechern, nennt mich in einem Atem seine Koenigin und seine
+Gefangene und haelt mich wochenlang in unwuerdiger Haft. Er bringt mir den
+Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit
+deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele fuehrt. Ich habe dich
+verschmaeht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt,
+wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhoeren? Du schwoerst, du liebest
+mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, lass mich frei. Oder
+zittre, wenn mein Befreier naht." Und drohend trat sie auf den Bestuerzten
+zu, der keine Worte finden konnte.
+
+Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen.
+
+"Auf, Arahad," rief er, "komm zu Ende. Wir muessen fort, sogleich. Er naht,
+er dringt mit Macht heran." - "Wer?" fragte Arahad hastig. - "Er sagt, er
+kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkoenig, und unsre
+Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium."
+
+"Wer?" fragte jetzt Mataswintha eifrig.
+
+"Nun," antwortete Guntharis zornig, "jetzt magst du's erfahren: es ist
+doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Faesulae."
+
+"Witichis!" hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend.
+
+"Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend,
+zum Koenig der Goten erhoben."
+
+"Er! er mein Koenig!" sprach Mataswintha wie im Traume.
+
+"Ich haette dir's gesagt, schon da ich dich als Koenigin begruesste; aber in
+deinem Gemach stand seine Marmorbueste, bekraenzt. Das war mir verdaechtig.
+Spaeter sah ich's: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf."
+
+Mataswintha schwieg und suchte die gluehende Roete zu verbergen, die ihr
+Antlitz ueberflog.
+
+"Nun," rief Arahad, "was ist zu thun?"
+
+"Wir muessen fort. Wir muessen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die
+Feste, haelt ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du
+Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles
+Volk der Goten unser. Auf, Koenigin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in
+einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen." Und die
+Brueder eilten hinweg.
+
+Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach:
+
+"Ja, fuehrt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Hoehe
+wird mein Koenig auf euch niederstossen und mich retten aus eurer Gewalt.
+Komm, Aspa, der Befreier naht."
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Ruecken gewendet, so berief Papst
+Silverius - es war am Tage nach seinem Eide - die Spitzen der
+Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Buergerschaft der Stadt in
+die Thermen des Caracalla zu einer Beratung ueber Heil und Gedeihen der
+Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.
+
+Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die
+Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an
+Belisarius, den Feldherrn des rechtglaeubigen Kaisers Justinian, des einzig
+rechtmaessigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schluessel der ewigen
+Stadt zu ueberreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und
+der Glaeubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.
+
+Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen
+Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er
+laechelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu
+binden, so zu loesen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter
+deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig
+durch: und der Papst selbst, Scaevola, Albinus und Cethegus wurden als die
+Gesandten gewaehlt.
+
+Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit
+angehoert und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach:
+"Ich bin gegen den Beschluss. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb
+apostolische Loesungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe
+nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heisst: uns ohne Not dem
+gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen koennen
+und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Loesung entschuldigen
+werden. Lasst uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich
+wegwirft, wird mit Fuessen getreten."
+
+Silverius und Scaevola tauschten bedeutsame Blicke.
+
+"Solche Gesinnung," sprach der Jurist, "wird dem Feldherrn des Kaisers
+gewiss sehr gefallen, kann aber an dem Beschluss nichts aendern. Du gehst
+also nicht mit uns zu Belisar?"
+
+Cethegus stand auf: "Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch," sagte er
+und ging hinaus.
+
+Als die uebrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scaevola: "Das
+giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Uebergabe erklaert!" -
+"Und er geht selbst in die Hoehle des Loewen." - "Er soll sie nicht mehr
+verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?" - "Schon laengst. Ich
+fuerchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reissen: und er geht
+selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze." - "Amen!" sagte
+Silverius. "Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem
+heiligen Petrus widerstreitet. Uebermorgen um die vierte Stunde machen wir
+uns auf."
+
+Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht
+untergehen.
+
+Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen
+angeschirrt seiner wartete. "Gleich brechen wir auf," rief er dem Sklaven
+zu, der auf dem vordersten Rosse sass, "ich hole nur mein Schwert."
+
+Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. "Heut'
+kam der Tag," rief ihm Lucius entgegen, "auf den du uns solang
+vertroestet!" - "Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser
+Geschick, unsre Treue?" fragte Marcus. - "Geduld!" sprach Cethegus mit
+erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach.
+
+Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken
+Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: "Ist das
+aeusserste Eisenthor der Moles Hadriani fertig?" fragte er. - "Fertig,"
+sprach Lucius Licinius. - "Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol
+geborgen?" - "Geborgen." - "Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am
+Kapitol vollendet, wie ich befahl?" - "Vollendet," antwortete Marcus. -
+"Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt
+verlassen, und erfuellt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein
+Leben und das eure -: es gilt Rom! Die Stadt Caesars wird eure Thaten
+sehen. Geht: auf Wiedersehen!"
+
+Und aus seinen Augen spruehte Feuer in die Herzen der jungen Roemer. - "Du
+sollst zufrieden sein!" - "Du und Caesar!" riefen sie und eilten hinweg.
+Mit einem Laecheln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit
+spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. "Heiliger Vater," sagte er zu
+sich selbst, "ich bin noch in deiner Schuld fuer die letzte Versammlung in
+den Katakomben: ich will sie zahlen! - Die Via latina hinab!" rief er
+rasch dem Sklaven zu, "und lass die Rosse jagen, was sie koennen."
+
+Der Praefekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer
+reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl.
+
+Er hatte in seinem unermuedlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars
+Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging
+jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausfuehrung.
+
+Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua
+traf, deren Fuehrer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen
+juengeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten liess. Im Lager
+angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern liess sich
+sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Caesarea fuehren.
+
+Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule
+gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich maechtig angezogen.
+Aber nicht die Waerme der Freundschaft fuehrte den Praefekten vor allem zu
+diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer
+politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Plaene fuer die
+Zukunft.
+
+Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.
+
+Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den
+wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekuenstelte Bildung in den
+Rhetorenschulen nicht die Faehigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu
+fuehlen, unter den Schnoerkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte.
+Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich
+leuchtenden Auge glaenzte die Freude an allem Guten.
+
+Nachdem Cethegus Staub und Muehsal der Reise in einem sorgfaeltigen Bad
+abgespuelt, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt
+fuehrte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der
+wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerfuehrer weisend und mit ein
+paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte
+Vergangenheit erlaeuternd.
+
+Da waren die Soehne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich
+aus rohem Soeldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne
+Bildung, mit dem ganzen Eigenduenkel selbstgemachter Maenner: - sie
+betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stuetzen und ihn
+vollersetzende Nachfolger.
+
+Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Koenigsgeschlecht der
+Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Hass gegen die
+persischen Ueberwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und
+Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte.
+
+Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Fuehrer der Reiterei,
+Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Fuehrer des Fussvolks, Ennes, der
+isaurische Haeuptling und Heerfuehrer der Isaurier Belisars, Aigan und
+Askan, die Fuehrer der Massageten, Alamundarus und Koenig Abocharabus, die
+Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und
+Artabanes, die Armenier - der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier
+in Neapolis zurueckgelassen werden - Azarethas und Barasmanes, die Perser,
+Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius,
+karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel
+spendend.
+
+Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen
+Staedteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: "Und
+wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Huegel, mit den goldnen Sternen und
+dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?"
+
+"Dort," sprach Prokop, "wohnt seine unueberwindliche Koestlichkeit, des
+roemischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott
+erleuchte."
+
+"Des Kaisers Neffe, nicht?"
+
+"Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein hoechstes
+und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns
+zu aergern und dafuer zu sorgen, dass wir nicht so leicht siegen. Er ist
+Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den
+Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden."
+
+"So," sprach Cethegus.
+
+"Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars
+haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glueck hat Gott in seiner Allweisheit
+jenen Huegel zur Loesung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier
+aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber hoeher als Belisarius."
+- "Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer
+wohnt darin?" - "Dort," seufzte Prokop, "ein sehr unglueckliches Weib:
+Antonina, Belisars Gemahlin." - "Sie ungluecklich? die Gefeierte, die
+zweite Kaiserin? warum?" - "Davon ist nicht gut reden in offner
+Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekuehlt sein."
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern
+Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.
+
+"Das ist ein afrikanisches Beutestueck aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es
+aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des
+Perserkoenigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara."
+
+"Du bist mir ein praktischer Gelehrter!" laechelte Cethegus. "Wie bist du
+so anders geworden seit den Tagen von Athen."
+
+"Das will ich hoffen!" sprach Prokop und zerschnitt selbst - er hatte die
+aufwartenden Sklaven entfernt - die dampfende Hirschkeule vor ihm. "Du
+musst wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser
+werden. Drei Jahre hoerte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker
+zu Athen, - und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der
+Philosophie. Nach loeblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts musste auch
+die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darueber
+nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen
+jungfraeulichen Mutter Vater, also sein eigner Grossvater sei. Nun, ueber
+all' diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender
+Verstand abhanden zu kommen.
+
+Zum Glueck ward ich sterbenskrank und die Aerzte verboten mir Athen und alle
+Buecher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen
+Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.
+
+Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
+der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit
+Staunen, dass der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre
+Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwuerdiger
+seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik - von der
+christlichen Logik vollends zu schweigen!
+
+Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Strassen schlenderte, kam
+ploetzlich ueber mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte ueber
+einen grossen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und
+war erbaut auf den Truemmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand
+ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.
+
+Da ergriff mich ploetzlich der Gedanke: "Die alle glaubten und glauben nun
+steif und fest, sie allein wuessten das Rechte von dem hoechsten Wesen.
+
+Und das ist doch unmoeglich: das hoechste Wesen hat, wie es scheint, gar
+kein Beduerfnis, von uns erkannt zu werden - ich haette es auch nicht, an
+seiner Statt! - und es hat die Menschen geschaffen, dass sie leben, tuechtig
+handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln,
+Geniessen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankoemmt. Und
+wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und
+Treiben erforschen."
+
+Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glaenzender
+Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
+Rotscheck, schoen und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten
+und die Fahnen flogen und die Roesslein sprangen. Und ich dachte mir: "Die
+wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen."
+
+Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein
+Buerger von Ephesos auf die Schulter und sprach: "Ihr scheint nicht zu
+wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius,
+der zieht in den Perserkrieg." - "Gut," sagte ich, "Freund! Und ich ziehe
+mit!" Und so geschah's zur selben Stunde.
+
+Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und
+Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage
+mach' ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich
+Weltgeschichte." - "Und welches ist deine bessere Arbeit?" - "Freund,
+leider das Schreiben! Und das Schreiben waere noch besser, wenn die
+Geschichte besser waere. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit
+dem was wir thun: und thu's nur mit, weil's doch besser ist, als gar
+nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!" rief er zur
+Zeltthuer hinaus.
+
+"Den Tacitus?"
+
+"Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du musst wissen:
+ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. - Zum
+Beispiel dieses laermende Stueck Weltgeschichte, das wir hier auffuehren,
+dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht,
+erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen."
+
+"Narses! was treibt mein kluger Freund?"
+
+"Er beneidet Belisar und laesst sich's selbst nicht merken. Ausserdem macht
+er Kriegs- und Schlachtenplaene. Ich wette, er hatte Italien schon erobert
+ehe wir landeten."
+
+"Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du
+Belisar vor?"
+
+"Das will ich dir sagen," sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. "Mein
+Unglueck ist, dass ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios
+geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie - und
+Theologie! - genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit
+Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindelduerren Kaiser und Bischoefe
+und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erkluegeln; wir sind ein
+verkrueppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur
+Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er
+koennte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand;
+aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang,
+zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft!
+
+Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden
+Augen und den maechtigen Schenkeln, mit denen er die staerksten Hengste
+zwingt. Und mich freut's, wenn ihm manchmal die blinde Lust,
+dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnplaene braust. Mich freut's,
+wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und
+kaempfen, wie ein schaeumender Eber haut.
+
+Freilich, sagen darf ich's ihm nicht, dass mir das gefaellt; denn sonst
+waer's nicht auszuhalten: in drei Tagen waer' er in Stuecke gehauen. Im
+Gegenteil; ich halte ihn zurueck: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt.
+Und er laesst sich meine Verstaendigkeit gefallen, weil er weiss, dass sie
+nicht Feigheit ist. Hab' ich ihn doch mehr als einmal mit meiner
+Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen muessen, in die ihn der Trotz
+seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von
+Horn und Tuba."
+
+"Welche von beiden blaesest du, o mein Prokopius?"
+
+"Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!"
+
+"Aber was war's mit Horn und Trompete?"
+
+"Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mussten, weil
+es die Strasse beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere
+heroischen Koepfe uebel daran zerstossen: und mein zorniger Herr schwor "bei
+dem Schlummer Justinians" -, das ist naemlich sein hoechstes Heiligtum - er
+werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rueckzug blasen lassen. Nun wurden
+aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung ueberfallen: wir, im
+hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen,
+nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fusse des Berges. Ich riet nun,
+dass wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rueckzug geben lassen
+sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.
+
+Aber da kam ich uebel an!
+
+Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, dass man an einem
+darauf geleisteten Schwur nicht makeln duerfe! Und so mussten sich denn
+unsre armen Burschen von den Persern unversehens ueberrumpeln lassen! Bis
+ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er
+solle, um die Unsern zum Rueckzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem
+Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen.
+
+Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.
+
+Und wenn wir nun lustig die Hoerner zum Angriff schmettern liessen, liefen
+unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen,
+jene mutigen Klaenge so schnoede wirken zu sehen! Aber es half: Justinians
+Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwaecht, unsre Vorposten wurden
+nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt' ich
+ihn immer spottend aus fuer seine Heroenthaten. Aber im stillen erwaerme und
+erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!"
+
+"Nun," meinte Cethegus, "bei den Goten findest du gar manchen solchen
+Schlagetot."
+
+Prokop nickte bedaechtig: "Kann auch nicht leugnen, dass ich grosses
+Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm."
+
+"Wie? Warum?"
+
+"Dumm sind sie, dass sie, anstatt huebsch langsam, Schritt fuer Schritt, im
+Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Bruedern, sich gegen uns vorzuschieben
+- sie waeren unaufhaltsam! - in dieses Italien sich ohne allen Verstand
+vereinzelt hereingedraengt haben, wie ein Stueck Holz mitten in einen
+glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du
+wirst es sehen." - "Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?" fragte Cethegus
+ruhig.
+
+"Ja," antwortete Prokop verdriesslich, "was dann! Das ist das Aergerliche!
+Dann wird Belisar Statthalter von Italien - denn mit dem Schneckenprinzen
+dauert es kein Jahr - und er verliegt hier seine schoenste Kraft, waehrend
+es Arbeit vollauf gaebe bei den Persern. Und ich werde dann als sein
+Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schlaeuche Wein wir
+jaehrlich vertilgen."
+
+"Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben
+aus Italien?"
+
+"Freilich! Im Perserland bluehn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne
+schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen."
+
+Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen fuer
+seinen Plan gefunden zu haben. "Und so beherrscht also sein Verstand
+Prokopius den Loewen Belisar," sagte er laut. - "Nein!" seufzte Prokop,
+"vielmehr sein Unverstand, sein Weib." - "Antonina! Sage, weshalb nanntest
+du sie ungluecklich."
+
+"Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven,
+treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner
+Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schoene
+Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur
+Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiss noch nie einen Stachel des Gewissens
+empfunden. Aber ich glaube, sie ertraegt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer
+naechsten Naehe zu haben, das sie verachten muesste. Sie ruhte nicht, bis es
+ihr gelungen, durch ihr hoellisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu
+wecken. Gewissensqual empfindet diese ueber ihr Spiel mit ihren Verehrern:
+denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an."
+
+"Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genuegen?" -
+
+"Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner
+Liebe. Sie konnt' es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen,
+Blumen, Geschenken sich erschoepfen zu sehen und selbst solcher Huldigung
+zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht
+wohl bei all dem Getaendel."
+
+"Und ahnt Belisar?" -
+
+"Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen roemischen Kaiserreich, der
+es nicht weiss, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es waere sein Tod.
+Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von
+Italien werden. Im Lager, im Getuemmel des Krieges, da fehlen dem
+gefallsuechtigen Weib die Schmeichler und auch die Musse, sie zu hoeren.
+Denn, gleichsam zur freiwilligen Busse fuer jene suessen Verbrechen der
+heimlichen Gedichte und Blumen - groeberer Schuld ist sie gewiss nicht faehig
+- ueberbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars
+Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des
+Meeres, der Wueste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und
+Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schoenen Augen liest! -
+Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu
+Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Groesse
+allein gedeiht."
+
+"Nun," sprach Cethegus, "weiss ich genug, wie die Dinge hier stehen. Lass
+mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien
+wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du
+weisst, ich war von jeher Republikaner ...." - - -
+
+Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an:
+"Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren.
+Aber dass du's noch bist - find' ich - sehr - sehr - unhistorisch. Aus
+diesem italischen Gesindel, unsern hoechst liebwerten Bundesgenossen gegen
+die Goten, willst du Buerger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr
+gut als zur Tyrannis!"
+
+"Ich will darueber nicht streiten!" laechelte Cethegus. "Aber vor _eurer_
+Tyrannis moecht ich mein Vaterland bewahren."
+
+"Kann dir's nicht verdenken!" laechelte Prokop, "die Segnungen unsrer
+Herrschaft sind - erdrueckend!"
+
+"Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genuegt zunaechst."
+
+"Jawohl, und dieser wuerde Cethegus heissen!"
+
+"Wenn's sein muss, - auch das!"
+
+"Hoere," sprach Prokop ernsthaft, "ich warne dich dabei nur vor einem. Die
+Luft von Rom heckt stolze Plaene aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht
+gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts
+mehr mit der Weltherrschaft Roms."
+
+Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung Koenig Theoderichs.
+"Historikus von Byzanz, meine roemischen Dinge kenne ich besser als du. Lass
+dich jetzt einweihen in unsre roemischen Geheimnisse; dann verschaffe mir
+morgen frueh, eh' die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespraech mit
+Belisar und - sei eines grossen Erfolges gewiss." Und nun begann er dem
+staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der
+juengsten Vergangenheit und seine Plaene der Zukunft zu entwerfen, sein
+letztes Ziel wohlweislich verhuellend.
+
+"Bei den Manen des Romulus!" rief Prokop, als er geendet hatte. "Ihr macht
+noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe
+hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf lass
+uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!"
+
+Frueh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit
+Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurueckkam.
+
+"Nun, hast du ihm alles gesagt?" fragte der Historiker.
+
+"Nicht eben alles!" sprach Cethegus mit feinem Laecheln: "man muss immer
+noch etwas zu sagen uebrig behalten."
+
+
+
+
+ Zwoelftes Kapitel.
+
+
+Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfuellt.
+
+Das Geruecht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich
+vergoldeten Saenfte voranflog, riss die Tausende von Soldaten mit Kraeften
+der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren
+Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, dass
+die Anfuehrer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurueckhalten
+konnten; meilenweit waren ihm die Glaeubigen entgegengeeilt und geleiteten
+jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins
+Lager. Laengst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die
+seine Saenfte trugen, eingespannt: - vergebens hatte sich die
+Bescheidenheit des Papstes dagegen gestraeubt - und unter unaufhoerlichem
+Jubelruf: "Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus!" waelzte
+sich der Strom der Tausende heran, ueber die Silverius unermuedlich Segen
+sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scaevola und Albinus, dachte kein
+Mensch.
+
+Belisar sah von seinem Zelthuegel aus mit ernsten Augen das maechtige
+Schauspiel. "Der Praefekt hat Recht!" sprach er dann: "dieser Priester ist
+gefaehrlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, lass die
+byzantinische Leibwache an meinem Zelt abloesen, sowie die Unterredung
+beginnt: sie sind allzugute Christen. Lass die Hunnen aufziehn und die
+heidnischen Gepiden."
+
+Damit schritt er in sein Zelt zurueck, wo er alsbald, von seinen
+Heerfuehrern umgeben, die roemische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen
+Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung
+ueberzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte.
+
+Umwogt von einem glaenzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem
+Feldherrnzelt. Grosse Massen Volkes draengten nach, aber sowie der Papst mit
+Scaevola und Albinus die Muendung der engen Lagergasse hinter sich hatten,
+sperrten die Wachen mit gefaellten Lanzen den Weg und liessen weder Priester
+noch Soldaten folgen.
+
+Laechelnd wandte sich Silverius zu dem Fuehrer der Schar und hielt ihm eine
+schoene Rede ueber den Text: "lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret
+ihnen nicht." Aber der Germane schuettelte den zottigen Kopf und wandte ihm
+den Ruecken: der Gepide verstand kein Latein, ausser dem Kommando.
+
+Da laechelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt
+dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar sass auf einem Feldsessel: darueber
+war eine Loewenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schoene Antonina
+auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des
+heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem
+Anblick der weltklugen Zuege des Silverius zog sich ihr Herz zusammen.
+
+Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes.
+
+Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm - er
+musste sich muehsam dazu aufrichten - wie segnend beide Haende auf die
+Schultern. Er wollte ihn leise niederdruecken auf die Kniee: - aber
+eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius musste dem
+Stehenden den Segen erteilen.
+
+"Ihr kommt als Gesandte der Roemer?" begann Belisar.
+
+"Ich komme," unterbrach Silverius, "im Namen des heiligen Petrus, als
+Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu uebergeben.
+Diese guten Leute," fuhr er fort, auf Scaevola und Albinus weisend, "haben
+sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt." Unwillig wollte Scaevola
+einfallen, - so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! -
+aber Belisar winkte ihm, zu schweigen.
+
+"Und so heisse ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn.
+Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der
+Glaeubigen wider die Ketzer! Erhoehe dort den Namen des Herrn und das Kreuz
+Jesu Christi und vergiss nie, dass es die heilige Kirche war, die dir die
+Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum
+Werkzeug gewaehlt, die Goten in thoerichte Sicherheit zu wiegen und blinden
+Auges aus der Stadt zu fuehren: ich bin es gewesen, der die schwankende
+Stadt, die Buerger fuer dich gewonnen und die Anschlaege deiner Feinde
+vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die
+Schluessel seiner Stadt ueberreicht, auf dass du sie ihm beschirmest und
+beschuetzest. Vergiss niemals dieser Worte." Und er reichte ihm die
+Schluessel des asinarischen Thores.
+
+"Ich werde sie nie vergessen!" sprach Belisar und winkte Prokop, der den
+Schluessel aus der Hand des Papstes nahm. "Du sprachst von Anschlaegen
+meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?"
+
+Da sprach Silverius mit Seufzen: "Lass ab, Feldherr, zu fragen.
+
+Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschaedlich und der Kirche steht nicht
+an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu
+kehren."
+
+"Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtglaeubigen Kaiser die
+Verraeter zu entdecken, die unter seinen roemischen Unterthanen sich bergen
+und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven."
+
+Silverius seufzte: "die Kirche duerstet nicht nach Blut." - "Aber sie darf
+den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen," sprach Scaevola. Und
+der Jurist trat vor und ueberreichte Belisar eine Papyrusrolle. "Ich hebe
+Klage gegen Cornelius Cethegus Caesarius, den Praefekten von Rom, wegen
+Majestaetsbeleidigung und Empoerung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift
+enthaelt die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine
+Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach
+Kraeften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafuer
+gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu oeffnen."
+
+"Und welche Strafe beantragt ihr?" fragte Belisar, in die Schrift
+blickend.
+
+"Nach dem Gesetz den Tod," sprach Scaevola. - "Und seine Gueter verfallen
+nach dem Gesetz," sprach Albinus, "halb dem Fiskus, halb den Klaegern." -
+"Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes," schloss der Bischof von Rom.
+
+"Wo ist der Angeklagte?" fragte Belisar.
+
+"Er verhiess, dich aufzusuchen; aber ich fuerchte, sein boeses Gewissen wird
+ihn nicht haben kommen lassen."
+
+"Du irrst, Bischof von Rom," sprach Belisar, "er ist schon hier."
+
+Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den
+erstaunten Anklaegern stand Cethegus der Praefekt. Ueberrascht fuhren die
+Anklaeger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige
+Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand.
+
+"Cethegus hat mich frueher aufgesucht als du," fuhr der Feldherr nach einer
+Pause fort: "und er ist dir zuvorgekommen - auch im Anklagen. Du stehst
+als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du
+verklagst."
+
+"Ich als Beschuldigter?" laechelte der Papst. "Wo waere ein Klaeger oder ein
+Richter fuer den Nachfolger des heiligen Petrus?"
+
+"Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt."
+
+"Und der Klaeger?" fragte Silverius.
+
+Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: "Der Klaeger bin ich!
+Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten
+Majestaet des Kaisers und des Hochverrats am roemischen Reich geziehen. Ich
+beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der
+Stadt Rom und einen grossen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreissen
+und - laecherlich zu sagen! - ein Priesterreich zu gruenden in dem
+Vaterlande der Caesaren. Und schon hat er den naechsten Versuch gethan zur
+Ausfuehrung dieses - soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines
+Verbrechens? Hier ueberreiche ich einen Vertrag, - hier steht die
+Unterschrift seiner Hand - den er mit Theodahad, dem letzten Fuersten der
+Barbaren, geschlossen. Der Koenig verkauft darin fuer ewige Zeiten fuer die
+Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger,
+fuer den Fall, dass Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der
+Stadt und das Weichbild von Rom und dreissig Meilen in der Runde. Es sind
+aufgezaehlt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung,
+Steuern, Zoelle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem
+Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme
+Archidiakon, hinter Theodahads Ruecken, die Waffen des Kaisers herbeirief,
+schloss er, hinter des Kaisers Ruecken, einen Vertrag, der diesem die
+Fruechte seiner Anstrengung rauben und den Papst fuer alle Faelle sichern
+sollte. Ich ueberlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche
+Klugheit zu wuerdigen sei. Fuer die Erwaehlten des Herrn gilt als besondre
+Klugheit der Schlangen Moral: - unter uns Laien ist solches Thun ..." -
+
+"Der schaendlichste Verrat!" fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm
+die Urkunde aus des Praefekten Hand. - "Hier sieh, Priester, deinen Namen:
+kannst du noch leugnen?"
+
+Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein
+gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes
+Verteidigung, lag auf den Zuegen aller Gesichter; am meisten aber war
+Scaevola, der kurzsichtige Republikaner, ueberrascht von diesen
+Herrscherplaenen seines gefaehrlichen Verbuendeten. Er hoffte, Silverius
+werde die Verleumdung siegreich niederschlagen.
+
+Die Lage des Papstes war in der That hoechst gefaehrlich, die Anklage schien
+unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars haette manch' tapfres
+Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, dass er kein
+unebenbuertiger Gegner des Praefekten und des Helden von Byzanz war. Nicht
+eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde
+aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen
+niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den
+blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschuetterlich ruhiges Angesicht
+entgegen. Er fuehlte, dass er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens
+verfechten musste: dies gab ihm kuehne Kraft, keine Wimper zuckte ihm.
+
+"Wie lange wirst du noch schweigen?" fuhr ihn Belisar an.
+
+"Bis du faehig und wuerdig bist, mich zu hoeren. Du bist besessen von
+Urchitophel, dem Daemon des Zornes."
+
+"Sprich! Verteidige dich!" sagte Belisar, sich setzend.
+
+"Die Klage dieses gottlosen Mannes," hob Silverius an, "bringt nur ein
+Recht der heiligen Kirche noch frueher ans Licht, als sie es in dieser
+unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag
+mit dem Barbarenkoenig geschlossen."
+
+Eine Bewegung der Entruestung ging durch die Reihen der Byzantiner.
+
+"Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben,
+habe ich mit dem Koenig der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt,
+verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht,
+ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen."
+
+"Ein uraltes Recht?" fragte Belisar unwillig.
+
+"Ein uraltes Recht!" wiederholte Silverius, "das geltend zu machen die
+Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde noetigen sie, in diesem
+Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers,
+hoeret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche
+von Theodahad hat einraeumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr
+Eigentum: der Gote hat es nur bestaetigt.
+
+An demselben Ort, wo des Praefekten tempelschaenderische Hand diese
+Bestaetigung entwendet, haette er auch die Urkunde finden koennen, die
+urspruenglich unser Recht begruendet hat. Der fromme Kaiser Constantinus,
+der sich zuerst von den Vorgaengern Justinians der Lehre des Heils
+zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er
+alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des
+heiligen Petrus, unter seine Fuesse getreten, zur dankbaren Anerkenntnis
+solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, dass Krone und
+Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit
+ihrem Weichbild und die benachbarten Staedte und Marken durch eine
+feierliche Schenkungsurkunde fuer ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen
+uebertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen
+Kronrechten irdischer Herrschaft, auf dass die Kirche auch einen weltlichen
+Boden habe zur leichteren Vollfuehrung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese
+Schenkung ist durch eine rechtsgueltige Urkunde in aller Form verbrieft:
+der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich
+frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese
+Rechtshandlung seines Vorgaengers, des in Gott seligen Kaisers
+Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstossen
+und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt
+laden will?"
+
+Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Wuerde und
+aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher
+Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch ueber den
+verraeterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fuehlten
+sich jetzt durch den ploetzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst
+wie verurteilt.
+
+Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der
+Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte ueber den
+juengst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester
+als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der
+Bekaempfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwaelzen wollte:
+"Praefekt von Rom, was hast du zu erwidern?"
+
+Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen
+verneigte sich Cethegus und begann: "Der Angeklagte beruft sich auf eine
+Urkunde.
+
+Ich koennte, glaub' ich, ihn in grosse Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr
+Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm
+verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der
+Christenheit nennt, nicht wie ein gehaessiger Anwalt begegnen. Ich raeume
+ein, die Urkunde existiert."
+
+Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses.
+
+"Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Muehe der Vorlage derselben,
+die ihm sonst sehr schwer fallen duerfte, erspart und die Urkunde selbst
+mitgebracht in meiner tempelschaenderischen Hand." Er zog ein vergilbtes
+Pergament aus dem Sinus und sah laechelnd bald in dessen Zeilen, bald auf
+des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend.
+
+"Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig
+forschenden Augen, mit Zuziehung noch schaerferer Juristen, als ich es
+leider nur bin, - so meines jungen Freundes Salvius Julianus, - bis auf
+jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gueltigkeit geprueft. Vergebens. -
+Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scaevola
+koennte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle
+Klauseln hoechster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte
+haarscharf gewahrt; und in der That: ich haette den Protonotarius des
+Kaisers Constantin kennen moegen, er muss ein Jurist ersten Ranges gewesen
+sein." Er hielt inne: - hoehnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des
+Silverius, der sich den Schweiss von den Schlaefen wischte.
+
+"Also," fragte Belisar in hoechster Aufregung: "die Urkunde ist formell
+ganz richtig - daher beweiskraeftig?"
+
+"Jawohl!" seufzte Cethegus, "die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung.
+Schade nur, dass ... -"
+
+"Nun?" unterbrach Belisar.
+
+"Schade nur, dass sie falsch ist."
+
+Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle
+Anwesenden traten einen Schritt naeher zu dem Praefekten. Nur Silverius
+wankte einen Schritt zurueck.
+
+"Falsch?" fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. "Praefekt,
+- Freund, - kannst du das beweisen?"
+
+"Sonst haette ich mich gehuetet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die
+Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brueche,
+Wurmstiche, Flecken jeder Art, - alles, was man von Ehrwuerdigkeit
+verlangen kann, - so dass es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben
+zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so grossem
+Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben,
+luegt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten,
+von Constantin begruendeten, noch heute bestehenden kaiserlichen
+Pergamentfabrik zu Byzanz."
+
+"Zur Sache," rief Belisar.
+
+"Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, - und es scheint auch leider dem
+heiligen Bischof entgangen zu sein! - dass bei diesen Pergamenten ganz
+unten - links, am Rande - durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch
+Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben
+bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr!
+
+Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten
+Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel
+schliessen liess, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der
+Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die
+richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos.
+
+Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklaeren, - aber hier hat
+Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! - dass man in jenem
+Jahre, also im Jahre dreihundertfuenfunddreissig nach der Geburt des Herrn,
+schon ganz genau wusste, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und
+des Koenigs Theoderich Konsul sein wuerde; denn seht, hier unten am Rande
+der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet - er ist auch
+wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das
+Licht haelt - so etwa, siehst du, Belisar? - und er hatte blindlings drei
+Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner - wie hiess es
+doch? - "tempelschaenderischen", aber geschickten Hand weggewischt und
+siehe, da steht eingestempelt:
+
+"VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner
+Herrschaft."
+
+Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man fuer ihn bereit
+gestellt.
+
+"Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers
+Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also
+erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden.
+Gesteh, o Feldherr, dass hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des
+Uebernatuerlichen beginnt, dass hier ein Wunder der Heiligen geschah und
+verehre das Walten des Himmels." Er reichte Belisar die Urkunde.
+
+"Das ist auch ein tuechtig Stueck Weltgeschichte, heilige und profane, was
+wir da erleben!" sagte Prokop zu sich selbst.
+
+"Es ist so, beim Schlummer Justinians!" frohlockte Belisar. "Bischof von
+Rom, was hast du zu erwidern?"
+
+Muehsam hatte sich Silverius gefasst; er sah den Bau seines Lebens vor
+seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete
+er:
+
+"Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so,
+wie ihr sagt, so bin ich getaeuscht, wie ihr."
+
+"Wir sind aber nicht getaeuscht," laechelte Cethegus.
+
+"Ich wusste nichts von jenem Stempel, ich schwoere es bei den Wunden
+Christi." - "Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater," fiel Cethegus
+ein. - "Du wirst einsehn, Priester," sprach Belisar, sich erhebend, "dass
+ueber diese Sache die strengste Untersuchung ..." -
+
+"Ich verlange sie," sprach Silverius, "als mein Recht."
+
+"Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu
+richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden.
+Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir uebergeb ich die Person des Bischofs.
+Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz fuehren."
+
+"Ich lege Verwahrung ein," sprach Silverius. "Ueber mich kann niemand
+richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtglaeubigen Kirche. Ich
+verlange, nach Rom zurueckzukehren."
+
+"Rom siehst du niemals wieder! Und ueber deine Rechtsverwahrung wird der
+Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber
+auch deine Genossen, Scaevola und Albinus, die falschen Mitanklaeger des
+Praefekten, der sich als des Kaisers treusten, kluegsten Freund erwiesen,
+sind hoch verdaechtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch
+sie fuehrt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthuer
+des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des
+Kaisers gefaehrlichster Feind. Du buergst fuer ihn mit deinem Kopf."
+
+"Ich buerge," sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte
+Hand auf des Bischofs Schulter legend. "Fort mit dir, Priester! zu Schiff.
+Er stirbt, eh' er mir entrissen wird."
+
+Silverius sah ein, dass weiteres Widerstreben nur seine Wuerde gefaehrdende
+Gewalt hervorrufen werde. Er fuegte sich und schritt neben dem Germanen,
+der die Hand nicht von seiner Schulter loeste, nach der Thuer im Hintergrund
+des Zeltes, die eine der Wachen aufthat.
+
+Er musste hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht
+an: aber er hoerte, wie dieser ihm zufluesterte: "Silverius, diese Stunde
+vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!"
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von
+seinem Sitze, eilte auf den Praefekten zu, umarmte und kuesste ihn: "Nimm
+meinen Dank, Cethegus Caesarius! Ich werde dem Kaiser berichten, dass du ihm
+heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben."
+
+Aber Cethegus laechelte: "Meine Thaten belohnen sich selbst."
+
+Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche
+Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des
+Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschoepft. Er verlangte nach
+Erholung und Labung und entliess seine Heerfuehrer, von denen keiner ohne
+ein Wort der Anerkennung an den Praefekten das Zelt verliess. Dieser sah
+seine Ueberlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm
+wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen
+Byzantiner gedemuetigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht muessig in dieser
+Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefaehrlichkeit des Schlafes auf
+Lorbeer: Lorbeer betaeubt.
+
+Er beschloss, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Uebergewalt, die er
+in diesem Augenblick ueber den Helden von Byzanz unverkennbar besass, jetzt,
+unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den
+lang vorbereiteten Hauptstreich zu fuehren. Waehrend er mit solchen Gedanken
+dem Zug der Heerfuehrer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte
+er nicht, dass zwei Augen mit eigentuemlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es
+waren Antoninas Augen. Die Vorgaenge, deren Zeugin sie gewesen, hatten
+einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie
+den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu
+helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters,
+liegen und nur durch die ueberlegne Kraft dieses daemonischen Roemers
+gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese
+Demuetigung mit schmerzlichem Hass gegen den Uebermaechtigen empfunden.
+
+Aber dieser Hass hielt nicht vor und unwillkuerlich trat, wie immer
+gewaltiger sich die Macht seiner Ueberlegenheit entfaltete, Bewunderung an
+des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch
+das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar
+und die Kirche verdunkelt. Und daran knuepfte sich unzertrennlich der
+aengstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbuendeten ihres
+Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige
+Eroberung von groesster Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu,
+sofort merken.
+
+Mit gesenkten Augen trat das schoene, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er
+sah auf: da erroetete sie ueber und ueber und reichte ihm eine zitternde
+Hand. "Praefekt von Rom," sagte sie, "Antonina dankt dir. Du hast dir ein
+grosses Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute
+Freundschaft halten."
+
+Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurueckgeblieben, diesen Vorgang: "Mein
+Odysseus ueberzaubert die Zauberin Circe," dachte er.
+
+Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte
+und welche Gewalt er dadurch ueber Belisar gewonnen. "Schoene Magistra
+Militum," sagte er, sich hoch aufrichtend, "deine Freundschaft ist der
+reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich
+bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbuendeten zu sein in der
+Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu fuehren habe."
+
+"Jetzt?" sagte Belisar ungeduldig. "Kommt, lasst uns erst zu Tische und im
+Caekuber den Sturz des Priesters feiern." Und er schritt zur Thuere.
+
+Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und
+Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, dass sie nicht ihrem
+Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: "Muss es
+denn jetzt gerade sein?"
+
+"Es muss," sagte Cethegus und er fuehrte Antonina an der Hand nach ihrem
+Sitz zurueck.
+
+Da schritt auch Belisar wieder zurueck. "Nun so sprich," sagte er, "aber
+kurz."
+
+"So kurz als moeglich. Ich habe immer gefunden, dass gegenueber grossen
+Freunden oder grossen Feinden Aufrichtigkeit das staerkste Band oder die
+beste Waffe. Danach werd' ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte:
+mein Thun lohnt sich selbst, so wollt' ich damit ausdruecken, dass ich dem
+falschen Priester die Herrschaft ueber Rom nicht eben um des Kaisers Willen
+entrissen."
+
+Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken ueber diese allzukuehne
+Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen.
+
+Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, misstrauisch ueber das
+Einverstaendnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. "Nein, Prokop,"
+sagte er zu Belisars Erstaunen: "unsre Freunde hier wuerden doch allzubald
+erkennen, dass Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Laecheln
+Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht fuer den Kaiser
+gerettet."
+
+"Fuer wen sonst?" fragte Belisar ernst.
+
+"Zunaechst fuer Rom. Ich bin ein Roemer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte
+nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des
+Kaisers. Ich bin Republikaner," sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend.
+
+Ueber Belisars Antlitz flog ein Laecheln: der Praefekt schien ihm nicht mehr
+so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: "Unbegreiflich." Aber Antoninen
+gefiel dieser Freimut.
+
+"Zwar sah ich ein, dass wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren
+niederschlagen koennen. Leider auch, dass unsere Zeit nicht ganz reif ist,
+mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Roemer
+muessen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muss aussterben und
+ich erkenne, dass Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz
+findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen -
+einstweilen."
+
+"Nicht uebel!" dachte Prokop, "der Kaiser soll sie solang schuetzen, bis sie
+stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen."
+
+"Das sind Traeume, mein Praefekt," sagte Belisar mitleidig, "was haben sie
+fuer praktische Folgen?"
+
+"Die, dass Rom nicht mit gebundenen Haenden, ohne Bedingung, der Willkuer des
+Kaisers ueberliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum
+Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger wuerde!" - Die
+Stirn des Helden faltete sich. - "Deshalb will ich dir die Bedingungen
+nennen, unter denen die Stadt Caesars dich und dein Heer in ihre Mauern
+aufnehmen wird."
+
+Aber das war Belisar zu viel. Zuernend sprang er auf, sein Antlitz gluehte,
+sein Auge blitzte. "Praefekt von Rom," rief er mit seiner rollenden
+Loewenstimme, "du vergisst dich und deine Stellung. Morgen brech' ich auf
+mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern,
+einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?"
+
+"Ich," sagte Cethegus ruhig. "Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier,
+diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher,
+besser als das meine, ihre Staerke erkennen." Er zog ein Pergament hervor
+und breitete es auf dem Zelttische aus.
+
+Belisar warf einen gleichgueltigen Blick darauf, aber sofort rief er: "Der
+Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. -
+
+Sieh her, diese Graeben sind ja jetzt ausgefuellt, diese Tuerme eingefallen,
+hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. - Dein Plan stellt sie
+alle noch in furchtbarer Staerke dar. Er ist veraltet, Praefekt von Rom."
+
+"Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Graeben, Thore sind
+hergestellt." - "Seit wann?" - "Seit Jahresfrist." - "Von wem?" - "Von
+mir." Betroffen sah Belisar auf den Plan.
+
+Antoninas Blick hing aengstlich an den Zuegen ihres Gatten.
+
+"Praefekt," sagte dieser endlich, "wenn dem so ist, so verstehst du den
+Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehoert ein Heer und deine leeren
+Waelle werden mich nicht aufhalten."
+
+"Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einraeumen, dass mehr als
+zwanzigtausend Mann Rom, - naemlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, -
+ueber Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermoegen. Gut: so wisse
+denn, dass jene Werke in diesem Augenblick von fuenfunddreissigtausend
+Bewaffneten gedeckt sind."
+
+"Sind die Goten zurueck?" rief Belisar. Prokop trat erstaunt naeher.
+
+"Nein, jene fuenfunddreissigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe
+seit Jahren die lang verweichlichten Roemer zu den Waffen zurueckgerufen und
+unablaessig in den Waffen geuebt. So habe ich zur Zeit dreissig Kohorten,
+jede fast zu tausend Mann, schlagfertig."
+
+Belisar bekaempfte seinen Unmut und zuckte veraechtlich die Achseln.
+
+"Ich geb' es zu," - fuhr Cethegus fort - "diese Scharen wuerden in offner
+Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich:
+von diesen Mauern herab werden sie ganz tuechtig fechten. Ausserdem hab' ich
+aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und
+abasgische Soeldner geworben und allmaehlich in kleinen Abteilungen ohne
+Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst?
+hier sind die Listen der dreissig Kohorten, hier der Vertrag mit den
+Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst
+meine Bedingung an: - dann sind jene fuenfunddreissigtausend dein, dein ist
+Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von
+furchtbarer Staerke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine
+Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der
+Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du musst Rom belagern, viele Monde
+lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie
+zurueck: sie ziehen in dreifacher Uebermacht zum Entsatz der Stadt heran,
+und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder."
+
+"Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel," donnerte Belisar, und
+riss, seiner nicht mehr maechtig, das Schwert aus der Scheide. "Auf, Prokop,
+in des Kaisers Namen! Ergreife den Verraeter! Er stirbt in dieser Stunde!"
+
+Entsetzt, unschluessig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina
+ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte.
+
+"Seid ihr mit im Bunde?" schrie der Ergrimmte. "Wachen, Wachen herbei!"
+
+Aus jeder der beiden Thueren traten zwei Lanzentraeger in das Zelt: aber
+noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken
+Arm den starken Prokop, als waer' er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit
+dem Schwert zu furchtbarem Stoss ausholend, stuerzte er auf den Praefekten
+los.
+
+Aber ploetzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten
+Brust streifte.
+
+Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den
+kalten Blick durchbohrend auf den Wuetenden gerichtet, war Cethegus stehen
+geblieben, ein Laecheln unsaeglicher Verachtung um die Lippen.
+
+"Was soll der Blick und dieses Lachen?" fragte Belisar innehaltend.
+
+Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten.
+
+"Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jaehzorns fuer
+immer verderben sollte. Wenn dein Stoss traf, warst du verloren."
+
+"Ich!" lachte Belisar. "Ich sollte meinen du."
+
+"Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen
+des Loewen? Dass einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall
+kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das
+vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab' ich mich geschuetzt. Wisse:
+seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich
+zurueckliess, Rom in den Haenden, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde.
+Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Tuerme der Umwallung
+sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen,
+todesmutigen Juenglingen, hab' ich diesen Befehl hinterlassen fuer den Fall,
+dass du ohne mich vor Rom eintriffst." Er reichte Prokop eine Papyrusrolle.
+
+Dieser las: "An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Praefekt. Ich
+bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Raechet mich! Ruft
+sofort die Goten zurueck. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren
+als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann.
+Uebergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen."
+
+"Du siehst also," fuhr Cethegus fort, "dass dir mein Tod die Thore Roms
+nicht oeffnet, sondern fuer immer sperrt. Du musst die Stadt belagern: oder
+mit mir abschliessen."
+
+Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den
+kuehnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb.
+Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und
+fragte: "Welches sind deine Bedingungen fuer die Uebergabe?" "Nur zwei.
+Erstens giebst du mir Befehl ueber einen kleinen Teil deines Heeres. Ich
+darf deinen Byzantinern kein Fremder sein."
+
+"Zugestanden. Du erhaeltst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fussvolks
+und eintausend saracenische und maurische Reiter. Genuegt das?"
+
+"Vollkommen. Zweitens.
+
+Meine Unabhaengigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der
+Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhoeren.
+Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf
+dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Sueden bis zum Thore Sankt
+Pauls einschliesslich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier
+und Roemer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken
+Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen
+Thor im Sueden."
+
+Belisar warf einen Blick auf den Plan. "Nicht uebel gedacht! Von jenen
+Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt draengen oder den
+Fluss absperren. Das geht nicht an."
+
+"Dann rueste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den
+Mauern Roms."
+
+Belisar sprang auf. "Geht! lasst mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte
+meine Entscheidung."
+
+"Bis morgen," sagte dieser. "Bei Sonnenaufgang kehr' ich nach Rom zurueck,
+mit deinem Heer oder - allein."
+
+ --------------
+
+Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein
+durch das asinarische Thor.
+
+Endloser Jubel begruesste den Befreier, Blumenregen ueberschuettete ihn und
+seine Gattin, die auf einem zierlichen weissen Zelter an seiner Linken
+ritt. Alle Haeuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kraenzen
+angethan.
+
+Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und
+warf finstre Blicke nach den Waellen und dem Kapitol, von denen, den alten
+roemischen Adlern nachgebildet, die Banner der staedtischen Legionare, nicht
+die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten.
+
+Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des
+kaiserlichen Heeres zurueckgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige
+Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen
+Rappen, Cethegus der Praefekt erschienen war. Lucius staunte ueber die
+Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte,
+strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien groesser, jugendlicher:
+ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung
+und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von
+dem der purpurne Rossschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber
+war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner
+Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes
+einen Sieg der Roemer darstellend.
+
+Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und
+sein schimmernder Waffenschmuck ueberstrahlte, wie Belisar, den
+kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glaenzende Gefolge von
+Heerfuehrern, das sich, gefuehrt von Johannes und Prokop, hinter den beiden
+anschloss. Und dies Ueberstrahlen war so augenfaellig, dass sich, sowie der
+Zug einige Strassen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge
+mitteilte und der Ruf "Cethegus!" bald so laut und lauter als der Name
+"Belisar" ertoente.
+
+Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie
+bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die
+Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater
+die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum
+Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur
+langsam durchschreiten konnte.
+
+"Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn," stand darauf
+geschrieben. Waehrend Antonina die Aufschrift las, hoerte sie einen Alten,
+der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen
+der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. "Also, mein
+Gajus, der Finstre mit dem verdriesslichen Gesicht auf dem Rotscheck ... -"
+"Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage," antwortete der Sohn. "So? Nun
+- aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick,
+der auf dem Rappen, das ist gewiss Justinianus selbst, sein Herr, der
+Imperator?" - "Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach
+zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_
+Cethegus, mein Cethegus, der Praefekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja,
+das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht
+wollte, Belisar saehe nie ein roemisch Thor von innen."
+
+Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem
+Silberstaebchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen.
+
+Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der
+Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier
+verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerfuehrern seinen Beistand zu
+leihen, die Truppen teils in den Haeusern der Buerger und den oeffentlichen
+Gebaeuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen.
+
+"Wenn du dich von den Muehen - und Ehren! - dieses Tages erholt,
+Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerfuehrer zum
+Mahl in meinem Hause."
+
+Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die
+Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Saenften, in denen Antonina und
+Belisar getragen wurden, die Heerfuehrer gingen zu Fuss.
+
+"Wo wohnt der Praefekt?" fragte Belisar beim Einsteigen in die Saenfte.
+
+"So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts - auf dem
+Kapitol."
+
+Belisar stutzte. Der kleine Zug naeherte sich dem Kapitol.
+
+Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Waelle, die seit mehr denn
+zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Staerke wieder
+hergestellt.
+
+Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den
+engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges
+Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit.
+
+Marcus Licinius rief die Wachen an.
+
+"Gieb die Losung!" sprach eine Stimme von innen.
+
+"Caesar und Cethegus!" antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die
+Thorfluegel auf: ein langes Spalier der roemischen Legionare und der
+isaurischen Soeldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehuellt bis an die
+Augen und mit Doppelaexten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze
+der Roemer, mit gezuecktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische
+Haeuptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die
+Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung
+von Granit und Eisen ueberwaeltigt.
+
+Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem
+Hintergrund des Ganges: und, von Fackeltraegern und Floetenspielern
+begleitet, nahte Cethegus, ohne Ruestung, einen Kranz auf dem Haupt, wie
+ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand
+von Purpurseide. So trat er laechelnd vor und sprach: "Willkommen! und
+Floetenspiel und Tubaschall verkuende laut: dass die schoenste Stunde meines
+Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol."
+
+Und unter schmetterndem Klang der Trompeten fuehrte er den Schweigenden in
+die Burg.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Waehrend dieser Vorgaenge bei den Roemern und Byzantinern bereiteten sich
+auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor.
+
+In Eilmaerschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo
+sie eine kleine Besatzung zurueckliessen, mit ihrer gefangenen Koenigin nach
+Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese fuer uneinnehmbar geltende Feste vor
+Witichis, der heftig nachdraengte, erreichten und gewannen, so mochten sie
+dem Koenig jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken
+Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia
+noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie buessten jenen Vorsprung beinahe
+voellig dadurch ein, dass die auf der naechsten Strasse nach Ravenna gelegenen
+Staedte und Kastelle sich fuer Witichis erklaerten und so die Empoerer
+noetigten, auf grossem Umweg im rechten Winkel zuerst noerdlich nach Bononia
+(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst oestlich nach Ravenna
+zu marschieren.
+
+Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten
+und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von
+dem Heer des Koenigs nichts zu sehen. Guntharis goennte seinen stark
+ermuedeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages
+und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl
+voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verkuenden.
+
+Aber schon in den ersten Morgenstunden des naechsten Tages kam Graf Arahad
+mit seiner stark gelichteten Reiterschar fluechtend ins Lager zurueck. "Bei
+Gottes Schwert," rief Guntharis, "wo kommst du her?"
+
+"Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die aeussersten Werke der Stadt erreicht
+und Einlass begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst
+mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen liess. Der
+erklaerte trotzig, morgen wuerden wir seine und der Goten in Ravenna
+Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Koenigs, dessen Spitzen
+sich bereits von Suedosten her der Stadt naeherten."
+
+"Unmoeglich!" rief Guntharis aergerlich.
+
+"Mir blieb nichts uebrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen
+unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Naehe des Koenigs hielt auch
+ich fuer eine leere Drohung des Alten, bis meine im Sueden der Stadt
+schwaermenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten,
+ploetzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von
+Tarentum mit dem Ruf: "Heil Koenig Witichis!" angegriffen und nach scharfem
+Gefecht zurueckgeworfen wurden."
+
+"Du rasest," rief Guntharis. "Haben sie Fluegel? ist Florentia aus ihrem
+Wege fortgeblasen?"
+
+"Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, dass Witichis auf dem
+Kuestenweg ueber Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt." - "Und Florentia
+liess er im Ruecken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen." -
+"Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im
+Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, - der wuetige
+Stier!"
+
+Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Ungluecksbotschaften;
+aber rasch fasste er seinen Entschluss. Er brach sofort mit all seinen
+Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen.
+
+Der Ueberfall misslang.
+
+Aber die Empoerer hatten die Befriedigung, zu sehen, dass die Festung, deren
+Besitz den Buergerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht
+geoeffnet hatte. Im Suedosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der
+Koenig gelagert. Des Herzogs Guntharis geuebter Blick erkannte alsbald, dass
+auch die Suempfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewaehrten, und rasch
+schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf.
+
+So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestueme Freier um eine
+sproede Braut, hart an beide Seiten der gotischen Koenigsstadt gedraengt, die
+keinem ein guenstiges Gehoer schenken zu wollen schien.
+
+Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten
+bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem suedoestlichen Thor der
+Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene
+in das Lager der Woelsungen, diese zu den Koeniglichen, den verhaengnisvollen
+Entscheid von Ravenna.
+
+Dieser musste sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerfuehrer, Guntharis
+und Witichis, hielten ihn, in merkwuerdiger Uebereinstimmung, streng geheim
+und sorgten eifrig dafuer, dass kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte.
+Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter
+Bedeckung von Heerfuehrern, die jede Unterredung mit den Heermaennern
+verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurueckgebracht.
+
+Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern
+auffallend genug. Bei den Empoerern kam es zu einem heftigen Streit
+zwischen den beiden Fuehrern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von
+Herzog Guntharis mit seiner schoenen Gefangenen, die, wie es hiess, nur
+durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschuetzt worden war.
+Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit.
+
+Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager
+gegenueber. Die erste Antwort, die Koenig Witichis auf die Botschaft erliess,
+war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt.
+
+Ueberrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen
+Auftrag. Man hatte gehofft, in Baelde die Thore der starken Festung sich
+freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen
+seine sonst so leutselige Art gab der Koenig niemand, auch seinen Freunden
+nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gruenden
+dieses zornigen Angriffs.
+
+Schweigend, aber kopfschuettelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, ruestete
+sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig
+zurueckgeschlagen. Vergebens trieb der Koenig seine Goten immer wieder aufs
+neue die steilen Felswaelle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste,
+die Sturmleitern: vom fruehen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer
+gestuermt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewaehrte ihren alten
+Ruhm der Unbezwingbarkeit.
+
+Und als endlich der Koenig, von einem Schleuderstein schwer betaeubt, aus
+dem Getuemmel getragen wurde, fuehrten Teja und Hildebrand die ermuedeten
+Scharen ins Lager zurueck.
+
+Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr truebe und
+gedrueckt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen,
+als die Ueberzeugung, dass die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die
+gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Buergern auf den Waellen
+gefochten; der Koenig der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor
+der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur
+Ruestung gegen Belisar zu finden gehofft!
+
+Das Schlimmste aber war, dass das Heer die Schuld des ganzen
+Unglueckskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den Koenig schob.
+Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt ploetzlich abgebrochen? Warum
+nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem
+Heere mitgeteilt? Warum scheute der Koenig das Licht?
+
+Missmutig sassen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten,
+ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl
+Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Fuehrer
+durch die Zeltgassen schritten, hoerten sie manches Wort des Aergers und des
+Zornes wider den Koenig.
+
+Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im
+Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen
+Schlappe und wollte sofort zum Koenig; aber da dieser noch bewusstlos unter
+Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine
+unwilligen Fragen.
+
+Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in
+den Zuegen, dass Hildebad erschrocken von seinem Baerenfell, das ihm zum
+Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: "Was ist mit dem
+Koenig? Seine Wunde? Stirbt er?"
+
+Der Alte schuettelte schmerzlich sein Haupt: "Nein: aber wenn ich richtig
+rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, waer' ihm besser, er
+stuerbe."
+
+"Was meinst du? was ahnest du?"
+
+"Still, still," sprach Hildebrand traurig, sich setzend, "armer Witichis!
+es kommt noch, fuercht' ich, frueh genug zur Sprache." Und er schwieg.
+
+"Nun," sagte Teja, "wie liessest du ihn?" - "Das Wundfieber hat ihn
+verlassen, dank meinen Kraeutern. Er wird morgen wieder zu Ross koennen. Aber
+er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Traeumen - ich wuensche ihm, dass
+es nur Traeume sind, sonst: weh dem treuen Manne."
+
+Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen
+Stunden liess Witichis die drei Heerfuehrer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu
+ihrem Staunen in voller Ruestung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert
+stuetzen musste; seitwaerts auf einem Tisch lag sein koeniglicher Kronhelm und
+der heilige Koenigsstab von weissem Eschenholz mit goldner Kugel. Die
+Freunde erschraken ueber den Verfall dieser sonst so ruhigen, maennlich
+schoenen Zuege. Er musste innerlich schwer gekaempft haben. Diese kernige,
+schlichte Natur aus Einem Guss konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten,
+widerstreitender Empfindungen nicht ertragen.
+
+"Ich hab' euch rufen lassen," sprach er mit Anstrengung, "meinen Entschluss
+in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstuetzen. Wie gross ist
+unser Verlust in diesem Sturm?"
+
+"Dreitausend Tote," sagte Teja sehr ernst. "Und ueber sechstausend
+Verwundete," fuegte Hildebrand hinzu.
+
+Witichis drueckte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: "Es geht nicht
+anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm."
+
+"Wie? Was?" riefen die drei Fuehrer wie aus Einem Munde.
+
+"Es geht nicht anders," wiederholte der Koenig. "Wie viele Tausendschaften
+fuehrst du uns zu, Hildebad?" - "Drei, aber sie sind totmuede vom Marsch.
+Heut' koennen sie nicht fechten."
+
+"So stuermen wir wieder allein," sagte Witichis nach seinem Speer langend.
+
+"Koenig," sagte Teja, "wir haben gestern nicht einen Stein der Festung
+gewonnen und heute hast du neuntausend weniger .." -
+
+"Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen,"
+mahnte der alte Waffenmeister.
+
+"Wir muessen Ravenna haben!"
+
+"Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!" sagte Teja.
+
+"Das wollen wir sehen!" meinte Witichis.
+
+"Ich lag vor der Stadt mit dem grossen Koenig," warnte Hildebrand: "er hat
+sie siebzigmal umsonst bestuermt: wir nahmen sie nur durch Hunger - nach
+drei Jahren." -
+
+"Wir _muessen_ stuermen," sagte Witichis, "gebt den Befehl." Teja wollte das
+Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. "Bleib," sagte er, "wir duerfen ihm
+nichts verschweigen. Koenig! die Goten murren: sie wuerden dir heut' nicht
+folgen: der Sturm ist unmoeglich."
+
+"Steht es so?" sagte Witichis bitter. "Der Sturm ist unmoeglich? Dann ist
+nur eins noch moeglich: der Weg, den ich gestern schon haette einschlagen
+sollen: - dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm
+dort Krone und Stab!
+
+Geh ins Lager der Empoerer, lege sie dem jungen Arahad zu Fuessen: er soll
+sich mit Mataswintha vermaehlen; ich und mein Heer, wir gruessen ihn als
+Koenig." Und er warf sich erschoepft aufs Lager.
+
+"Du sprichst wieder im Wundfieber," sagte der Alte. "Das ist unmoeglich!"
+schloss Teja.
+
+"Unmoeglich! Alles unmoeglich? der Kampf unmoeglich? und die Entsagung? Ich
+sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna."
+Er schwieg.
+
+Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu.
+
+Endlich forschte der Alte: "Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch
+ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei."
+
+"Nein," sagte Witichis, "hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst haett'
+ich's euch laengst gesagt: aber es konnte zu nichts fuehren. Ich hab's
+allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor
+dem Heer."
+
+Der Alte nahm die Rolle und las: "Die gotischen Krieger und das Volk von
+Ravenna an den Grafen Witichis von Faesulae!" -
+
+"Die Frechen!" rief Hildebad dazwischen.
+
+"Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die
+Goten und die Buerger dieser Stadt erklaeren den beiden Heerlagern vor ihren
+Thoren, dass sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk
+der unvergesslichen Wohlthaten des grossen Koenigs Theoderich, bei diesem
+Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben gruent. Wir
+erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur
+der Koenigin Mataswintha werden wir diese festen Thore oeffnen und gegen
+jeden andern unsre Stadt bis zum aeussersten verteidigen."
+
+"Diese Rasenden," sagte Teja. "Unbegreiflich," versetzte Hildebad.
+
+Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: "Ich begreife es
+wohl. Was die Goten anlangt, so wisst ihr, dass Theoderichs ganze
+Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem
+Koenig geschworen, seinem Stamm nie einen fremden Koenig vorzuziehen: auch
+ich hab' diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite,
+nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum musst' ich
+damals fuer Theodahad stimmen: darum konnt' ich nach dessen Verrat Witichis
+huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben
+sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und
+verlasst euch darauf, diese grauen Recken, die aeltesten im Gotenreich und
+Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stuecke hauen, Mann fuer Mann,
+eh' sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei
+Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar,
+sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauss
+vor ihren Waellen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha
+zu raechen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter
+gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen,
+die Thore zu sperren."
+
+"Wie immer dem sei," fiel der Koenig ein, "ihr werdet jetzt mein Verfahren
+verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos
+werden und zu den Woelsungen uebergehn, in deren Gewalt die Fuerstin ist. Mir
+blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen - oder nachgeben: jenes
+haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man koenne es nicht
+wiederholen. So eruebrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau
+freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und
+mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen."
+
+"Nimmermehr!" rief Hildebad, "du bist unser Koenig und sollst es bleiben.
+Nie beug' ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Lass uns morgen hinueber
+ruecken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und
+das Koenigskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore
+aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen."
+
+"Und wenn wir sie haben?" sagte Teja, "was dann? Sie nuetzt uns nichts,
+wenn wir sie nicht als Koenigin begruessen. Willst du das? Hast du nicht
+genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?"
+
+"Gott soll uns davor schuetzen!" lachte Hildebad.
+
+"So denke ich auch," sprach der Koenig, "sonst haett' ich laengst diesen Weg
+ergriffen."
+
+"Ei, so lass uns hier liegen und warten bis die Stadt muerbe wird."
+
+"Geht nicht," sagte Witichis, "wir _koennen_ nicht warten. In wenigen Tagen
+kann Belisar von jenen Huegeln steigen und nacheinander mich, Herzog
+Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist's dahin, das Reich und Volk
+der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm -"
+
+"Unmoeglich," sprach Hildebrand.
+
+"Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg."
+
+Die beiden jungen Maenner zauderten.
+
+Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den Koenig
+der alte Hildebrand: "Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den
+einzigen. Du musst ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das
+Herz." Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der
+Weichheit des felsharten Alten.
+
+"Geht ihr hinaus," fuhr dieser fort, "ich muss allein sprechen mit dem
+Koenig."
+
+
+
+
+ Fuenfzehntes Kapitel.
+
+
+Schweigend verliessen die beiden Goten das Zelt und schritten draussen, den
+Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin
+und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den Koenig zu ermahnen
+und zu draengen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Koenigs.
+
+"Was kann nur der Alte sinnen?" fragte Hildebad, still haltend, "weisst
+du's nicht?" "Ich ahn' es," seufzte Teja, "armer Witichis!" - "Zum Teufel,
+was meinst du?" "Lass," sagte Teja, "es wird bald genug auskommen."
+
+So verging geraume Zeit.
+
+Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Koenigs, der sich der Reden
+Hildebrands maechtig zu erwehren schien.
+
+"Was quaelt der Eisbart den wackern Helden?" rief Hildebad ungeduldig. "Es
+ist, als wollt' er ihn ermorden. Ich will hinein und helf' ihm."
+
+Aber Teja hielt ihn an der Schulter.
+
+"Bleib," sagte er. "Es muss wohl sein."
+
+Waehrend sich Hildebad losmachen wollte, nahte Laerm von Stimmen aus dem
+obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemuehten sich vergebens, einen
+starken Goten zurueckzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen
+Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Koenigs draengte.
+
+"Lass mich los," rief er, "guter Freund, oder ich schlage dich nieder."
+
+Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.
+
+"Es geht nicht. Du musst warten. Die grossen Heerfuehrer sind bei ihm im
+Zelt."
+
+"Und waeren alle grossen Goetter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im
+Zelt, ich muss zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann Koenig.
+Lass' los, rat' ich dir."
+
+"Die Stimme kenn' ich," sagte Graf Teja, naehertretend - "und den Mann.
+Wachis, was suchst du hier im Lager?"
+
+"O Herr," rief der treue Knecht, "wohl mir, dass ich euch treffe. Sagt
+diesen guten Leuten, dass sie mich loslassen. Dann brauch' ich sie nicht
+niederzuschlagen. Ich muss gleich zu meinem armen Herrn."
+
+"Lasst ihn los: sonst haelt er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei
+dem Koenig?"
+
+"Fuehrt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von
+Weib und Kind."
+
+"Von Weib und Kind?" fragte Hildebad erstaunt. "Ei, hat Witichis ein
+Weib?"
+
+"Die wenigsten wissen es," sagte Teja. "Sie verliess fast nie ihr Gut, kam
+nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch.
+Ich weiss nicht ihresgleichen."
+
+"Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt," sprach Wachis mit
+erstickter Stimme. "Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber lasst
+mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuss. Ich muss ihn
+vorbereiten."
+
+Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm
+mit Hildebad.
+
+Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem
+Lager des Koenigs sitzen, das Kinn mit dem maechtigen Bart in die Hand und
+diese auf das Steinbeil gestuetzt. So sass er unbeweglich und richtete fest
+die Augen auf den Koenig, der, in hoechster Aufregung, mit hastigen
+Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefuehle die
+Eintretenden gar nicht bemerkte: "Nein! nein! niemals!" rief er, "das ist
+grausam! frevelhaft! unmoeglich!"
+
+"Es muss sein," sagte Hildebrand, ohne sich zu ruehren.
+
+"Nein, sag' ich," rief der Koenig und wandte sich.
+
+Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der
+Knecht laut weinend vor ihm nieder.
+
+"Wachis," rief erschreckend der Koenig, "was bringst du? Du koemmst von ihr!
+Steh' auf - was ist geschehen?"
+
+"Ach Herr," jammerte dieser immer noch knieend, "euch sehen, zerreisst mein
+Herz! Ich kann nichts dafuer! Ich hab's vergolten und geraecht nach
+Kraeften."
+
+Da riss ihn Witichis bei den Schultern auf: "Rede, Mensch, was ist zu
+raechen? Mein Weib -?"
+
+"Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ..." -
+
+"Mein Kind," sprach er erbleichend, "Athalwin, was ist mit ihm -?"
+
+"Tot, Herr, - ermordet!"
+
+Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequaelten Vaters
+Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Haenden, teilnehmend traten Teja
+und Hildebad naeher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die
+Gruppe.
+
+Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Haende
+seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei grosse
+Thraenen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schaemte sich ihrer
+nicht.
+
+"Ermordet!" sagte er, "mein schuldlos Kind! von den Roemern!" "Die feigen
+Teufel," rief Hildebad.
+
+Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.
+
+"Calpurnius!" sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.
+
+"Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und
+dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, dass
+er nun ein Koenigssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug!
+Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und
+wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurueck. Ich merkt' es wohl, dass
+er noch finsterer sah und neidischer als je und huetete dir Haus und Stall.
+Aber das Kind hueten - wer haette daran gedacht, dass Kinder nicht mehr
+sicher!"
+
+Witichis schuettelte schmerzlich das Haupt.
+
+"Der Knabe konnte nicht erwarten, dass er seinen Vater sehen solle im
+Kriegslager und all' die Tausende von gotischen Heermaennern und dass er
+Schlachten solle in der Naehe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund
+an, und sagte: ein Koenigssohn muesse ein eisernes tragen, zumal in
+Kriegszeiten. Und ich musste ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.
+Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen frueh
+davon. Und fragte sie, "wohin?" so lachte er: "auf Abenteuer, lieb'
+Mutter!" und sprang in den Wald. Dann kam er mittags mued und zerrissenen
+Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte
+nur, er habe Siegfried gespielt.
+
+Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem
+Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es
+war, wie ich gedacht.
+
+Ich hatte ihm einst warnend eine Hoehle im schroffen Felsgeklueft gezeigt,
+das steil ueber den Giessbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu
+Dutzenden nisten.
+
+Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biss sei
+toedlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der
+Beisswurm in den nackten Fuss gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert
+und wollte mitten darunter springen. Mit Muehe und schwer erschrocken hielt
+ich ihn damals ab.
+
+Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, dass ich ihm eine
+Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im
+Steingeklueft, unter Dornen und Gestruepp: da holte er einen maechtigen
+Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte.
+Und eine Krone war frisch drauf gemalt.
+
+Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Hoehle.
+
+Ich sah mich um: da lag das lang maechtige Gewuerm zu halben Dutzenden von
+fruehern Schlachten her mit zerhauenen Haeuptern umhergestreut: ich folgte,
+und so besorgt ich war, ich konnt' ihn nicht stoeren, wie er so heldenmuetig
+focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwuerfen aus ihrem
+Loch, dass sie sich zuengelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn
+sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich
+mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber
+sah gar trotzig drein und rief: "Sag's nur der Mutter nicht! denn ich
+thu's doch! bis der letzte der Drachen tot ist!" Ich sagte, ich wuerde ihm
+sein Schwert nehmen. "Dann fecht' ich mit dem hoelzernen, wenn dir das
+lieber ist!" rief er. "Und welche Schmach fuer einen Koenigssohn!"
+
+Da nahm ich ihn die naechsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die
+Wildweide. Das vergnuegte ihn sehr: und naechstens, dacht' ich, brechen wir
+ja auf.
+
+Aber eines Morgens war er mir wieder entschluepft und ich ging allein an
+die Arbeit. Den Rueckweg nahm ich den Fluss entlang, gewiss, ihn an der
+Felshoehle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehaeng seines
+Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten
+auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber -"
+
+"Rascher, weiter," rief der Koenig.
+
+"Aber?" fragte Hildebad.
+
+"Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich grosse Fussspuren
+eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.
+
+Sie fuehrten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und
+unten" -
+
+Witichis wankte.
+
+"Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine
+Gestalt.
+
+Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiss es nicht, im Flug war
+ich unten. - Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den
+Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut ueberstroemt -"
+
+"Halt ein," sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes
+Hildebad des armen Vaters Hand fasste, der stoehnend auf sein Lager sank.
+
+"Mein Kind, mein suesses Kind, mein Weib!" rief er.
+
+"Ich fuehlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluss brachte ihn
+nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. "Du bist
+herabgefallen, mein Kind," klagte ich.
+
+"Nein," sagte er, "nicht gefallen, geworfen." Ich war starr vor Entsetzen.
+"Calpurnius," hauchte er, "trat ploetzlich um die Felsecke, wie ich auf die
+Vipern einhieb. "Komm mit mir," sagte er und griff nach mir. Er sah boes
+aus und falsch. Ich sprang zurueck. "Komm," sagte er, "oder ich binde
+dich." "Mich binden!" rief ich. "Mein Vater ist der Goten Koenig und der
+deine. Wag' es und ruehr' mich an!" Da ward er ganz wuetig und schlug nach
+mir mit dem Stock und kam naeher; ich aber wusste, dass in der Naehe unsere
+Knechte Holz faellten und schrie um Hilfe und wich zurueck bis an den Rand
+der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mussten mich gehoert
+haben: ihre Axtschlaege ruhten ploetzlich. Doch ploetzlich vorspringend,
+sagte er: "Stirb, kleine Natter!" und stiess mich ueber den Fels.""
+
+Teja biss die Lippen. "O der Neiding," rief Hildebad. Und Witichis riss sich
+mit einem Schrei des Schmerzes los.
+
+"Mach's kurz," sagte Teja. - "Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf
+meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf,
+in ihrem Schos. Ein Gruss an dich war sein letzter Hauch."
+
+"Und mein Weib - ist sie nicht verzweifelt?"
+
+"Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie
+der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus,
+nach rechts.
+
+Ich verstand sie: dort stand des Moerders Haus.
+
+Und ich waffnete alle deine Knechte und fuehrte sie hinueber zur Rache: und
+wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in
+unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der
+Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben
+nieder.
+
+Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Ross zu Belisar. Aber
+sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten
+eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf.
+Dann brachen wir ein.
+
+Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt ueber
+den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht
+haltend, auf ihr Schwert gestuetzt, und sprach kein Wort. Und mich schickte
+sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf,
+sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren,
+durch die Empoerer vom naechsten Wege abgesperrt, so kann sie stuendlich da
+sein."
+
+"Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir
+diese Krone bringt. Und nun," rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes
+den Alten an, "willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?"
+
+Hildebrand stand langsam auf: "Nichts ist untragbar, was notwendig ist.
+Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne
+zu fragen, wollt ihr's tragen? Sie kommen. Und wir tragen's. Weil wir
+muessen. Aber ich hoere Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir."
+
+Witichis wandte sich von ihm zur Thuer.
+
+Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier
+Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust
+drueckend.
+
+Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: - - und die
+Gatten hielten sich umfangen.
+
+Schweigend verliessen die Maenner das Zelt.
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel.
+
+
+Draussen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurueck: "Du quaelst den Koenig
+umsonst," sagte er. "Er wird nie darein willigen. Er kann's auch nicht.
+Jetzt am wenigsten."
+
+"Woher weisst du ...? -" unterbrach der Greis. - "Still: ich ahn' es: wie
+ich alles Unglueck ahne." - "Dann wirst du auch einsehen, dass er muss." -
+"Er, - er wird's nie thun." - "Aber - du meinst sie selbst?" -
+"Vielleicht!" - "Sie wird," sagte Hildebrand.
+
+"Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib," schloss Teja.
+
+Waehrend in den naechsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen
+Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verliess, geschah es, dass die
+Vorposten der koeniglichen Belagerer und die Aussenwachen der gotischen
+Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsaechlichen Waffenstillstand
+benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.
+
+Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem
+Buergerkriege vor.
+
+Die Belagerer klagten, dass die Besatzung in der hoechsten Not des Reiches
+dem gewaehlten Koenig der Goten seine Koenigsburg verschlossen. Die
+Ravennaten schmaehten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht goenne,
+was ihr gebuehre.
+
+Einer solchen Unterredung hoerte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna
+selber zu, der die Runde auf den Waellen machte. Ploetzlich trat er vor und
+rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren Koenig lobten und
+ruehmten:
+
+"So? Ist das auch edel und koeniglich gehandelt, dass er statt aller Antwort
+auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein
+so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, dass
+Mataswintha Koenigin sei! Nun, kann er deshalb nicht Koenig bleiben? Ist's
+ein zu hartes Opfer, mit dem schoensten Weib der Erde, mit der Fuerstin
+Schoenhaar, von deren Reiz die Saenger singen aus den Strassen, Thron und
+Lager zu teilen? Mussten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben?
+Nun, er soll nur so fortstuermen! Lass sehn, was eher bricht: sein Eigensinn
+oder diese Felsen."
+
+Diese Worte des Alten machten den groessten Eindruck auf die Goten vor den
+Waellen.
+
+Sie wussten nichts zu erwidern zu ihres Koenigs Verteidigung. Von seiner Ehe
+wussten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens
+Anwesenheit im Lager wenig geaendert: denn, wahrlich, nicht gleich einer
+Koenigin war sie eingezogen.
+
+In grosser Erregung eilten sie zurueck ins Lager und erzaehlten, was sie
+vernommen, wie der Eigensinn des Koenigs ihre Brueder hingeopfert. "Darum
+also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht," riefen sie!
+
+Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die
+anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den Koenig
+schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Koenige mit einem
+Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.
+
+Hier wirkten der Verdruss ueber den Rueckzug von Rom, die Schmach der
+Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brueder, der Zorn
+ueber sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den Koenig zu
+erregen, der deshalb nicht minder maechtig, weil er noch nicht offen
+ausgebrochen.
+
+Nicht entging diese Stimmung den Heerfuehrern, wann sie durch die Gassen
+des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr
+verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend
+sie beim Namen nannten.
+
+Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten
+wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurueck.
+
+"Lasst es nur noch anschwellen," sagte er: "wenn's genug ist, werd' ich's
+daemmen." "Die einzige Gefahr waere," murmelte er halblaut vor sich hin -
+
+"Dass uns die drueben im Rebellenlager zuvorkaemen," sagte Teja.
+
+"Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Ueberlaeufer
+erzaehlen, dass sich die Fuerstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu
+toeten als Arahad die Hand zu reichen."
+
+"Pah," meinte Hildebad, "daraufhin wuerd' ich's wagen."
+
+"Weil du das leidenschaftliche Geschoepf nicht kennst, das Amalungenkind.
+Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende
+boeses Spiel machen."
+
+"Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta," fluesterte
+Teja. "Darauf vertrau ich auch," meinte Hildebad. "Goennt ihm noch einige
+Tage Ruhe," riet der Alte. "Er muss seinem Schmerz sein Recht anthun: eh'
+ist er zu nichts zu bringen. Stoert ihn nicht darin: lasst ihn ruhig in
+seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stoeren muessen."
+
+Aber der Greis sollte bald genoetigt sein, den Koenig frueher und anders als
+er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen.
+
+Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den
+Byzantinern uebergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte.
+Solche Faelle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo
+wenige Germanen unter dichter Bevoelkerung lebten und haeufige Mischheiraten
+stattgefunden hatten, haeufiger vor.
+
+Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk
+entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen
+Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht
+noetig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen.
+
+Ploetzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.
+
+Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen.
+Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorlaeufig noch diese Stadt zum
+Stuetzpunkt all' seiner Bewegungen in Italien machen.
+
+Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt,
+sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle,
+Burgen und Staedte zu uebernehmen, in welchen die Italier die barbarischen
+Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung
+im Zaum gehalten, einfach zum "Kaiser der Romaeer," wie er sich auf
+griechisch nannte, abgefallen waren.
+
+Solche Vorfaelle ereigneten sich, besonders seit der gotische Koenig in
+vollem Rueckzug und nach Ausbruch der Empoerung die gotische Sache halb
+verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck
+oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich
+viele Schloesser und Staedte an Belisar.
+
+Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Noetigung abwarteten, um,
+falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine
+Entschuldigung zu finden, war dies fuer den Feldherrn ein weiterer Grund,
+solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt,
+unter Fuehrung der Ueberlaeufer, die der Gegend und der Verhaeltnisse kundig
+waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten
+Rueckzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell
+wurde ein Ausgangspunkt fuer weitere Unternehmungen.
+
+Eine solche Streifschar hatte juengst auch Castellum Marcianum gewonnen,
+das bei Caesena, ganz in der Naehe des koeniglichen Lagers, eine Felshoehe
+oberhalb des grossen Pinienwaldes kroente. Der alte Hildebrand, an den
+Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese
+gefaehrlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit
+Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder
+gegen Ravenna beschaeftigen wollte, - er hoffte auf eine friedliche Loesung
+des Knotens - beschloss er, gegen diese kecken Streifscharen einen
+zuechtigenden Streich zu thun.
+
+Spaeher hatten gemeldet, dass, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager,
+die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Caesena,
+diese wichtige Stadt, im Ruecken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.
+
+Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er
+selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in
+der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der
+Richtung gegen Caesena aufbrachen.
+
+Der Ueberfall gelang vollkommen.
+
+Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuss des hoch auf dem Fels
+gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Haelfte seiner Reiter auf
+alle Seiten des Waldes, die andere Haelfte liess er absitzen und fuehrte sie
+leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward ueberrascht
+und die Byzantiner, von einer ueberlegenen Macht ueberfallen, flohen nach
+allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der grosse Teil von den
+Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses
+erleuchteten die Nacht.
+
+Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend ueber das Fluesschen am Fuss des
+Felsens zurueck, ueber das nur eine schmale Bruecke fuehrte. Hier wurden die
+verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem
+Anfuehrer, nach dem Glanz der Ruestung zu schliessen.
+
+Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann - sein
+Visier war dicht geschlossen - focht wie ein Verzweifelter, deckte die
+Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.
+
+Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen
+Kampf mit an. "Gieb dich gefangen, tapferer Mann!" rief er dem einsamen
+Krieger zu, "dein Leben sichr' ich dir."
+
+Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er
+das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im naechsten Moment sprang er
+wuetend vor und wieder zurueck; er hatte dem vordersten Angreifer mit
+gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten
+etwas zurueck.
+
+Hildebrand ergrimmte. "Drauf!" schrie er, vorspringend, "jetzt keine Gnade
+mehr! Zielt mit den Speeren." "Er ist gefeit gegen Eisen!" rief einer der
+Goten, ein Vetter Tejas, "dreimal hab' ich ihn getroffen - er ist nicht zu
+verwunden."
+
+"Meinst du, Aligern?" lachte der Alte grimmig, "lass sehen, ob er auch
+gegen Stein gefeit ist."
+
+Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer - er war fast der einzige,
+der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen - sausend gegen den
+Byzantiner.
+
+Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm
+und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Maenner sprangen rasch
+hinzu und loesten ihm den Helm.
+
+"Meister Hildebrand," rief Aligern erstaunt, "das war kein Byzantiner."
+"Und kein Italier," sagte Gunthamund. "Sieh die Goldlocken - das war ein
+Gote!" meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu - - und schrak zusammen.
+
+"Fackeln her," rief er - "Licht! - - Ja," sprach er finster, seinen
+Steinhammer wieder aufhebend, "das war ein Gote. Und ich! - ich hab' ihn
+erschlagen," fuegte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am
+Hammerschaft.
+
+"Nein, Herr," rief Aligern, "er lebt. Er war nur betaeubt! Er schlaegt die
+Augen auf."
+
+"Er lebt?" fragte der Alte mit Grauen, "das woll'n die Goetter nicht!" "Ja,
+er lebt!" wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. - "Dann
+weh ueber ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Goetter der Goten in
+meine Gewalt! Bind' ihn auf dein Ross, Gunthamund, aber fest! Und wenn er
+entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach
+Hause!"
+
+Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie fuer
+diesen Gefangenen ruesten sollten.
+
+"Einen Bund Stroh fuer heute Nacht," sagte der, "und fuer morgen frueh -
+einen Galgen." Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Koenigs und
+berichtete den Erfolg seines Zuges.
+
+"Wir haben unter den Gefangenen" schloss er finster, "einen gotischen
+Ueberlaeufer. Er muss haengen, ehe die Sonne morgen niedergeht." "Das ist sehr
+traurig," sagte Witichis seufzend. - "Ja, aber notwendig. Ich berufe das
+Kriegsgericht der Heerfuehrer auf morgen. Willst du den Vorsitz fuehren?"
+"Nein," sagte Witichis, "erlass mir's: ich bestelle Hildebad an meiner
+Statt." "Nein," sagte der Alte, "das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr,
+solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht."
+Witichis sah ihn an: "du siehst grimmig und so kalt! Ist's ein alter Feind
+deiner Sippe?" "Nein," sprach Hildebrand. - "Wie heisst der Gefangene?" -
+"Wie ich, Hildebrand." - "Hoere, du scheinst ihn zu hassen, diesen
+Hildebrand! Du magst ihn richten, aber huete dich vor uebertriebener
+Strenge. Vergiss nicht, dass ich gern begnadige."
+
+"Das Wohl der Goten fordert seinen Tod," sagte Hildebrand ruhig "und er
+wird sterben."
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel.
+
+
+Frueh am andern Morgen wurde der Gefangene verhuellten Hauptes hinausgefuehrt
+auf eine Wiese, im Norden, "an der kalten Ecke" des Lagers, wo sich die
+Heerfuehrer und ein grosser Teil der Heermaenner versammelt hatten.
+
+"Hoere," sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, "ist der alte
+Hildebrand auf dem Dingplatz?"
+
+"Er ist das Haupt des Dings."
+
+"Barbaren sind und bleiben sie! Thu' mir den Gefallen, Freund - ich
+schenke dir dafuer diese purpurne Binde - und geh zu dem Alten. Sag ihm:
+ich wisse, dass ich sterben muss.
+
+Aber er moege doch mir - und mehr noch meinem Geschlecht - hoerst du? -
+meinem Geschlecht - die Schande des Galgens ersparen. Er moege mir heimlich
+eine Waffe senden." Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der
+das Gericht bereits eroeffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der
+Alte liess zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen
+feststellen, wie man sich des Gefangenen bemaechtigt, darauf diesen selbst
+vorfuehren. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine
+Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu
+Hildebrand draengte und in sein Ohr fluesterte.
+
+"Nein," sagte dieser, die Stirn runzelnd. "Ich lass' ihm sagen: die Schmach
+fuer sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe." Und laut fuhr er
+fort: "Zeigt das Antlitz des Verraeters! Er ist Hildebrand, der Sohn des
+Hildegis!"
+
+Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge.
+
+"Sein eigner Enkel!" "Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist
+grausam gegen dein Fleisch und Blut!" rief Hildebad aufspringen. "Nur
+gerecht, aber gegen alle," sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde
+stossend. "Armer Witichis!" fluesterte Graf Teja.
+
+Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager.
+
+"Was kannst du fuer dich vorbringen, Sohn des Hildegis?" fragte Hildebrand.
+
+Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn geroetet, nicht
+von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zuegen: sein langes, gelbes
+Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefuehl ergriffen. Schon der
+Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines
+Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schoenheit sprachen maechtig fuer ihn.
+Er liess sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem
+Alten haften.
+
+"Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Roemer,
+kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine
+Roemerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab' ich nie als mir
+verwandt empfunden. Seine Strenge hab' ich verachtet wie seine Liebe.
+Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter
+entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand,
+Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Roemisch waren meine Freunde,
+roemisch von jeher meine Gedanken, roemisch mein Leben. All meine Freunde
+gingen zu Belisar und Cethegus: sollt' ich zurueckbleiben? Toetet mich, ihr
+koennt' es und ihr werdet's. Aber gesteht, dass es Mord ist, nicht
+Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen
+Roemer. Denn roemisch ist meine Seele."
+
+Schweigend, mit gemischten Empfindungen hoerte die Menge diese
+Verteidigung.
+
+Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge spruehte Blitze, seine Hand
+zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. "Elender!" schrie er, "du bist eines
+gotischen Mannes Sohn, das raeumst du ein. So bist du denn ein Gote: und
+wenn du dich als Roemer fuehlst, verdienst du schon dafuer, zu sterben.
+Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen."
+
+Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. "So sei
+verflucht," schrie er, "du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren
+allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, dass
+all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt
+ihr werden aus diesem schoenen Land und keine Spur soll von euch kuenden."
+
+Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Huelle ums
+Haupt und fuehrten ihn ab nach einem Huegel, wo ein starker Eibenbaum aller
+seiner Zweige und Blaetter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von
+ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Laerm und Hufschlag eilender Rosse
+nahte.
+
+Es war ein Zug Reiter mit dem koeniglichen Banner, Witichis und Hildebad an
+der Spitze. "Haltet ein," rief der Koenig von weitem, "schont den Enkel
+Hildebrands: Gnade, Gnade!"
+
+Aber der Alte wies nach dem Huegel.
+
+"Zu spaet, Herr Koenig," rief er laut, "es ist aus mit dem Verraeter. So geh
+es jedem, der seines Volks vergisst. Erst kommt das Reich, Koenig Witichis,
+und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind."
+
+Gross war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, groesser noch
+auf den Koenig. Witichis fuehlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede
+Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefuehl, dass jetzt jeder
+Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurueck. Und
+Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit
+Teja in das Zelt des Koenigs.
+
+Schweigend, Hand in Hand sassen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch
+vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art
+der Amulette an blauem Bande: die kleine roemische Bronzelampe verbreitete
+nur truebes Licht. Als Hildebrand dem Koenig die Hand reichte, sah ihm
+dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, dass Hildebrand mit dem festen
+Entschluss eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden
+Preis.
+
+Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des
+bevorstehenden Seelenringens durchschauert.
+
+"Frau Rauthgundis," hob der Alte an, "ich habe Hartes mit dem Koenig zu
+reden. Es wird euch kraenken, es zu hoeren."
+
+Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes
+und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmaessigen festen Zuegen eine
+edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen,
+leise die Linke auf seine Schulter.
+
+"Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Haelfte
+dieser Haerte."
+
+"Frau," - mahnte der Alte nochmal.
+
+"Lass sie bleiben," sprach der Koenig, "fuerchtest du, ihr ins Angesicht
+deine Gedanken zu sagen?" - "Fuerchten? nein! und sollt ich einem Gott ins
+Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du - ich thaet's ohne
+Furcht: Wisse denn ..." -
+
+"Wie? du willst? Schone, schone sie," sprach Witichis, den Arm um seine
+Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn gross und fest an: "Ich weiss
+alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte,
+unerkannt, im Schutz der Daemmerung, hoerte ich die Heermaenner an den Feuern
+auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hoerte
+alles, was dieser fordert und was du weigerst."
+
+"Und du hast mir nichts gesagt?" "Hat es doch keine Gefahr. Weiss ich doch,
+dass du dein Weib nicht verstossen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um
+jenes zauberschoene Maedchen. Wer will uns scheiden? Lass diesen Alten drohn:
+ich weiss ja doch, es haengt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem
+Herzen."
+
+Diese Sicherheit wirkte auf den Alten.
+
+Er furchte die Stirn: "Nicht mit dir hab' ich zu rechten. Witichis, ich
+frage dich vor Teja: - du weisst, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir
+verloren - Ravenna oeffnet dir nur Mataswinthens Hand. - Willst du diese
+Hand fassen oder nicht?"
+
+Da sprang Witichis auf. "Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren!
+Da steht vor diesem fuehllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an
+Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er
+will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen.
+Nie, niemals!"
+
+"Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem
+Weg in dein Zelt," sprach der Greis. "Sie wollten erzwingen, was ich
+fordere. Ich hielt sie mit Muehe ab."
+
+"Lass sie kommen!" rief Witichis, "sie koennen mir nur die Krone nehmen,
+nicht mein Weib."
+
+"Wer die Krone traegt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen."
+
+"Hier," - da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor
+Hildebrand, - "noch einmal geb' ich euch und zum letztenmal die Krone
+zurueck. - Ich habe sie nicht verlangt, weiss Gott. - Sie hat mir nichts
+gebracht als diese Aschenurne. - Nehmt sie zurueck: - lasst Koenig sein wer
+will und Mataswintha frein."
+
+Aber Hildebrand schuettelte das Haupt. "Du weisst, das fuehrt zum sichersten
+Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende
+wuerden Arahad nie anerkennen. Du bist's allein, der noch alles
+zusammenhaelt. Faellst du weg, so loesen wir uns auf, ein Buendel
+losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?"
+
+"Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen fuer dein Volk?" sprach
+Teja naeher tretend.
+
+"Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?"
+"Rauthgundis," sprach dieser ruhig, "ich ehre dich vor allen Frauen hoch,
+und Hohes fordre ich darum von dir." -
+
+Hildebrand aber begann, "du bist die Koenigin dieses Volkes. Ich weiss von
+einer Gotenkoenigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen
+lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Goetter zuernten
+den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des
+Meeres und sie rauschten zur Antwort:
+
+ "Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten.
+ Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk."
+
+Und Swanhild wandte den Fuss nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Goettern
+und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit."
+
+Rauthgundis blieb nicht unbewegt. "Ich liebe mein Volk," sprach sie, "und
+seit von Athalwin nur diese Locke uebrig," sie wies auf die Kapsel, "glaub'
+ich, gaeb' ich mein Leben fuer mein Volk. Sterben will ich - ja," rief sie,
+"aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen - nein."
+
+"In andrer Liebe!" rief Witichis, "wie redest du mir so? Weisst du's denn
+nicht, wie ewig dies gequaelte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens
+schlaegt? Hast du's denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht,
+wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reisst mir das
+Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa lass ich von dieser
+Seele. Ja, wahrlich," rief er den beiden Maennern zu, "ihr wisst nicht was
+ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wisst nicht, dass meine Liebe
+zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis.
+Sie ist mein guter Stern. Ihr wisst nicht, dass ihr zu danken ist, ihr
+allein, wenn etwas euch an mir gefaellt. An sie denk' ich im Getuemmel der
+Schlacht und ihr Bild staerkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele,
+klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn's gilt, im Rat das Edelste zu
+finden. - O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein
+Schatte ohne Glueck und Kraft ist euer Koenig."
+
+Und in leidenschaftlicher Erregung schloss er Rauthgundis in die Arme. Sie
+war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann,
+der sein Gefuehl gern scheu in sich verschloss, so von ihr, von seiner Liebe
+gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte.
+
+Aufs maechtigste erschuettert sank sie an seine Brust: "Dank, Dank, Gott,
+fuer diese Schmerzenstunde," fluesterte sie, "ja, jetzt weiss ich, dein Herz,
+deine Seele sind ewig mein."
+
+"Und bleiben dein," sagte Teja leise, "wenn auch eine andre seine Koenigin
+heisst! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz."
+
+Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort,
+mit grossen Augen auf Teja.
+
+Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu
+fuehren.
+
+"Wer will, wer kann an eure Herzen ruehren?" sprach er. "Ein Schatte ohne
+Glueck und Kraft - das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und
+brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als
+ein Schatte."
+
+"Seinen Eid?" fragte Rauthgundis erbebend. "Was hast du geschworen?"
+
+Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Haende.
+
+"Was hat er geschworen?" wiederholte sie.
+
+Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend.
+"Wenige Jahre sind's. Da schloss ein Mann, in mitternaechtiger Stunde, mit
+vier Freunden einen maechtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen
+geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser,
+dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes
+Blut zu einem Bund von Bruedern auf immer und ewig und alle Tage.
+
+Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe,
+Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glueck und Glanz des Geschlechtes der
+Goten. Und wer von den Bruedern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit
+allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungeraecht wie dies Wasser unter
+den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn
+erdruecken. Und wer vergisst dieses Eides und wer sich weigert, alles zu
+opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn
+mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da
+hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Fuessen schreiten ueber des
+Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: -
+oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein
+seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit
+Christenleute Glocken laeuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der
+Wind weht ueber die weite Welt.
+
+So ward geschworen in jener Nacht von fuenf Maennern: von Hildebrand und
+Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fuenfte? Witichis, Waltaris
+Sohn."
+
+Und - rasch streifte er dem Koenig das Gewand ueber den linken Knoechel
+zurueck. "Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht
+verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er
+damals, als er noch nicht Koenig war.
+
+Und als ihn die Tausende von gotischen Maennern auf dem Feld von Regeta auf
+den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: "Mein Leben, mein
+Glueck, mein alles, euch will ich's weihn, dem Volk der Goten, das schwoer
+ich euch beim hoechsten Himmelsgott und bei meiner Treue." Nun, Witichis,
+Waltaris Sohn, Koenig der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu
+dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein
+alles, dein Glueck und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe
+drei Soehne verloren fuer dies Volk.
+
+Und habe meinen Enkel, den letzten Spross meines Geschlechts, geopfert,
+gerichtet fuer die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du
+das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos
+unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?"
+
+Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten.
+
+Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die
+Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: "Halt ein.
+Lass ab von ihm. Es ist genug, schon laengst. Er thut, was du begehrst. Er
+wird nicht ehrlos und eidbruechig an seinem Volke, um sein Weib."
+
+Aber Witichis sprang auf und umfasste sie, als wollte man ihm sein Weib
+sogleich entreissen.
+
+"Geht jetzt," sprach sie zu den Maennern, "lasst mich allein mit ihm."
+
+Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zoegerte.
+
+"Geh nur, ich gelobe es dir:" sprach sie, die Hand auf die Marmorurne
+legend, "bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei."
+
+"Nein," sprach Witichis, "ich stosse mein Weib nicht von mir, nie."
+
+"Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir.
+Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein
+Herz nie von mir loesen: ich weiss es, es bleibt mein, seit heute mehr denn
+je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, traegt keinen
+Zeugen."
+
+Schweigend verliessen die Maenner das Zelt, schweigend gingen sie
+miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte.
+
+"Gut Nacht, Teja," sagte er, "jetzt ist's gethan."
+
+"Ja, doch wer weiss, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele
+andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben:
+umsonst. Doch gilt's die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl."
+
+Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein
+Schatten in der Nacht.
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel.
+
+
+Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhuelltes Weib aus dem
+Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Ross
+am Zuegel fuehrend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend.
+Einen Pfeilschuss hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Buendel hinter sich auf
+dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.
+
+Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.
+
+Endlich hatten sie eine Waldhoehe erreicht: hinter ihnen die breite
+Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen
+die Strasse, die nach der Via Aemilia im Nordwesten fuehrte.
+
+Da hielt das Weib den Zuegel an.
+
+"Die Sonne steigt soeben auf: ich hab's gelobt, dass sie dich frei und
+ledig findet. Leb wohl, mein Witichis." "Eile nicht so hinweg von mir,"
+sagte er, ihre Hand drueckend. "Wort muss man halten, Freund, und bricht das
+Herz darob. Es muss sein." - "Du gehst leichter, als ich bleibe." Sie
+laechelte schmerzlich. "Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhoehe: Du
+hast noch ein Leben vor dir." - "Was fuer ein Leben!" - "Das Leben eines
+Koenigs fuer sein Volk, wie dein Eid es gebeut." - "Unseliger Eid." - "Es
+war recht, ihn zu schwoeren: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst
+mein gedenken in den Goldsaelen von Rom, wie ich dein in meiner Huette tief
+im Steingeklueft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb'
+und Treu, und unsern suessen Knaben."
+
+"O mein Weib, mein Weib," rief der Gequaelte und umschlang sie mit beiden
+Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrueckt. Sie beugte das Haupt ueber
+ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.
+
+Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann
+hielt er's nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: "Herr,
+passt auf, ich weiss euch guten Rat, hoert ihr nicht?"
+
+"Was kannst du raten?"
+
+"Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch
+davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Lasst ihnen doch, die euch so
+quaelen, dass euch die hellen Tropfen im Auge stehen, lasst ihnen doch den
+ganzen Plunder von Kron' und Reich. Euch hat's kein Glueck gebracht: sie
+meinen's nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote
+Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiss euch ein Felsennest, wo euch
+nur der Adler findet oder der Steinbock."
+
+"Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus
+der Muehle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band:
+des Kindes Stirnlocken sind darin und eine," fluesterte sie, ihn auf die
+Stirn kuessend und das Medaillon umhaengend, "und eine von Rauthgundis. Leb
+wohl, du mein Leben!"
+
+Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.
+
+Da trieb sie das Pferd an: "Vorwaerts, Wallada," und sprengte hinweg:
+Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.
+
+Da hielt sie, ehe die Strasse sich ins Gehoelz kruemmte: - nochmal winkte sie
+mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.
+
+Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschlaege der eilenden Rosse. Erst
+als diese verhallt, wandte er sich.
+
+Aber es liess ihn nicht von der Stelle.
+
+Er trat seitab der Strasse: dort lag jenseit des Grabens ein grosser
+moosiger Felsblock: darauf setzte sich der Koenig der Goten, und stuetzte
+die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Haende. Fest drueckte er die
+Finger vor die Augen, die Welt und alles draussen auszuschliessen von seinem
+Schmerz.
+
+Thraenen drangen durch die Haende, er achtete es nicht. Reiter sprengten
+vorueber, er hoerte es kaum. So sass er stundenlang regungslos, so dass die
+Voegel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.
+
+Schon stand die Sonne im Mittag.
+
+Endlich - hoerte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.
+
+"Ich wusst es wohl," sagte dieser, "du bist nicht feig entflohn. Komm mit
+zurueck und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand,
+kam's gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glueck
+verzweifelnd, dich davon gemacht.
+
+Bald drang's in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen
+Ausfall, sie wollen zu Belisar uebergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um
+die Krone. Zwei, drei Gegenkoenige drohn. Alles faellt in Truemmer
+auseinander, wenn du nicht kommst und rettest."
+
+"Ich komme," sagte er, "sie sollen sich hueten! Es brach das beste Herz um
+diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll'n sie nicht entweihn. Komm,
+Teja, zurueck ins Lager."
+
+
+
+
+
+ Fuenftes Buch.
+
+
+ WITICHIS.
+
+
+ Zweite Abteilung.
+
+
+
+
+ Erstes Kapitel.
+
+
+Im Lager angelangt fand Koenig Witichis alles in hoechster Verwirrung;
+gewaltsam riss ihn die draengende Not des Augenblicks aus seinem Gram und
+gab ihm vollauf zu thun.
+
+Er traf das Heer in voller Aufloesung und in zahlreiche Parteiungen
+zerspalten. Deutlich erkannte er, dass der Fall der ganzen gotischen Sache
+die Folge gewesen waere, haette er die Krone niedergelegt oder das Heer
+verlassen.
+
+Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit.
+
+Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschliessen.
+Andere zu den Empoerern sich wenden, andere Italien verlassend ueber die
+Alpen fluechten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die fuer eine neue
+Koenigswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien
+waffendrohend gegenueber.
+
+Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des
+Koenigs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklaert, wenn Witichis
+wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbruechige Koenig wie
+Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von
+Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Woelsungenlager
+besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt
+zurueckzuweisen, waehrend auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung
+Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Koeniglichen anrueckte.
+
+Ueberall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen,
+Scheltworte, erhobene Waffen: - jeden Augenblick konnte auf allen Punkten
+des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein
+Zelt, schmueckte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf
+Boreas, das maechtige Schlachtross, und sprengte, gefolgt von Teja, der die
+blaue Koenigsfahne Theoderichs ueber ihm hielt, durch die Gassen.
+
+In der Mitte des Lagers stiess er auf einen Trupp von Maennern, Weibern und
+Kindern, - denn ein gotisches Volksheer fuehrte auch diese mit sich - der
+sich drohend gegen das Westthor waelzte.
+
+Hildebad liess die Seinen mit gefaellten Speeren in die Thore treten.
+
+"Lasst uns hinaus," schrie die Menge, "der Koenig ist geflohen, der Krieg
+ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten." "Der Koenig ist
+kein Tropf wie du," sagte Hildebad, den Vordersten zurueckstossend. "Ja, er
+ist ein Verraeter," schrie dieser, "er hat uns alle verlassen und verraten
+um ein paar Weiberthraenen."
+
+"Ja," schrie ein anderer: "er hat dreitausend von unseren Bruedern
+hingeschlachtet und ist dann entflohn."
+
+"Du luegst," sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke.
+
+"Heil dir, Koenig Witichis!" schrie der riesige Hildebad, "seht ihr ihn da!
+- Hab' ich's nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war's, dass du
+kamst - sonst ward es schlimm."
+
+Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: "Heil dir,
+Koenig, und der Krone auf deinem Helm. - Reitet durch das Lager, Herolde,
+und kuendet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: "Heil Koenig Witichis,
+dem Vielgetreuen.""
+
+Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. -
+
+Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der
+donnernde Ruf: "Heil Koenig Witichis," und von allen Seiten stimmten die
+juengst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen.
+
+Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes ueber die Tausende. Und
+Teja sprach hinter ihm leise: "du siehst, du hast das Reich gerettet."
+
+"Auf, fuehr uns zum Sieg!" rief Hildebad, "denn Guntharis und Arahad ruecken
+an: sie waehnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu ueberraschen! heraus auf
+sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die
+Empoerer." - "Nieder die Empoerer!" donnerten die Heermaenner nach, froh,
+einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden.
+
+Aber der Koenig winkte mit edler Ruhe: "Stille! nicht noch einmal soll
+gotisch Blut fliessen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du,
+Hildebad, thu' mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den
+Gegnern. Du, Graf Teja, haeltst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du
+aber, Hildebrand," - er rief's mit erhobener Stimme, - "reit' an die Thore
+von Ravenna und kuende laut: sie sollen sie oeffnen. Erfuellt ist ihr Begehr,
+und noch vor Abend ziehen wir ein: der Koenig Witichis und die Koenigin
+Mataswintha."
+
+So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, dass das Heer sie mit
+lautloser Ehrfurcht vernahm.
+
+Hildebad oeffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empoerer im
+Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor
+oeffnete.
+
+Koenig Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen.
+Hinter ihm schloss sich das Thor.
+
+"Er sucht den Tod," fluesterte Hildebrand. "Nein," sprach Teja, "er sucht
+und bringt das Heil der Goten."
+
+Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben
+den woelsungischen Bruedern, die an der Spitze zogen, ritt ein Fuehrer
+avarischer Pfeilschuetzen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand
+vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: "Beim Rosse des Rossgotts, das
+ist der Koenig selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Soehne der
+Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus." Und er riss den krummen
+Hornbogen von der Schulter.
+
+"Halt, Chan Warchun," sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine
+Schulter legend. "Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst
+den Grafen Witichis Koenig: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden,
+der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte.
+Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager."
+
+Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: "Hinweg, sogleich!" wiederholte
+Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: "Mir gleich!
+Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber -
+Kinderherzen."
+
+Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn
+mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten
+Wuerde eine ernste Hoheit: die Majestaet des hoechsten Schmerzes.
+
+"Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen
+Brueder sich zerfleischen. Lasst uns zusammen einziehen in Ravenna und
+zusammen Belisar bekaempfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide
+sollt am naechsten stehen an meinem Thron."
+
+"Nimmermehr!" rief Arahad leidenschaftlich. "Du vergisst," sprach Herzog
+Guntharis stolz, "dass deine Braut in unsern Zelten ist."
+
+"Herzog Guntharis von Tuscien, ich koennte dir erwidern, dass bald wir in
+euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr,
+und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also
+sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen
+solltest, - du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind
+wir ihm gewachsen. Gieb nach!"
+
+"Gieb du nach!" sprach der Woelsung, "wenn dir's ums Gotenvolk zu thun.
+Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?" - "Ich
+kann's - ich hab's gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?"
+
+"Ein teures Weib habe ich." - "Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib.
+Ich hab's geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen
+zu freien."
+
+Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: "dann hast du sie nicht
+geliebt."
+
+Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengross:
+Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den
+erschrockenen Juengling: "Schwatze mir nicht von Liebe, laestre nicht, du
+thoerichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weisse Glieder in
+deinen Traeumen vor den Blicken glaenzen, sprichst du von Liebe? Was weisst
+du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines suessen
+Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist
+wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Muehe gebaendigt: reizt sie
+nicht, lasst sie nicht losbrechen."
+
+Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden.
+
+"Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann
+so adelige Streiche thun. Ich weiss, es ist kein Falsch an dir. Ich weiss,
+wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk
+geopfert? Das ist viel."
+
+"Bruder! was sinnest du?" rief Arahad, "was hast du vor?" - "Ich habe vor,
+das Haus der Woelsungen an Edelmut nicht beschaemen zu lassen. Edle Geburt,
+Arahad, heischt edle That!
+
+Sag' mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben,
+ja dein Leben, als dein Weib?"
+
+"Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt' ich die Krone
+Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie
+anzuerkennen. Drei, vier Gegenkoenige wuerden gewaehlt, aber, bei meinem
+Wort, Graf Arahad wuerde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir
+ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk' auch du des
+Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Woelsungen, wenn die Goten verloren.
+Die edelste Bluete des Stammes faellt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an
+die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone:
+gieb du die Hoffnung einer Krone auf."
+
+"Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war
+edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein
+Koenig." Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob
+und an seine Brust zog.
+
+"Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!" rief Arahad. "Ich
+rechn' es mir zur Ehre!" sprach Guntharis ruhig. "Und zum Zeichen, dass
+mein Koenig nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung,
+erbitt' ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht
+zurueckgedraengt von dem Platz, der ihm gebuehrt im Volke der Goten." "In
+dieser Stunde," sprach Witichis, "kaufst du ihn zurueck: die Goten sollen
+nie vergessen, dass Woelsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart
+hat." - "Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, dass die
+Woelsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht."
+"So sei's," sagte der Koenig, ihm die Rechte reichend, "und keine Hand wird
+sie mir wuerdiger fuehren." "Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha," sprach
+Guntharis.
+
+"Mataswintha!" rief Arahad, der bisher wie betaeubt der Versoehnung
+zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. "Mataswintha!" wiederholte
+er. "Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr koennt mir die Krone
+nehmen: - sie fahre hin, - nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die
+Geliebte zu beschuetzen. Sie hat mich verschmaeht: ich aber liebe sie bis
+zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen
+wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschuetzen,
+wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhassten Feindes zu werden. Frei
+soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde." Und
+rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhaengtem Zuegel seinem
+Lager zu.
+
+Witichis sah ihm besorgt nach. "Lass ihn," sprach Herzog Guntharis, "wir
+beide, einig, haben nichts zu fuerchten. Gehen wir die Heere zu versoehnen,
+wie die Fuehrer."
+
+Waehrend Guntharis zuerst den Koenig durch seine Reihen fuehrte und diese
+aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und
+darauf Witichis den Woelsungen und seine Anfuehrer mit in sein Lager nahm,
+wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein
+Wunderwerk des Koenigs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im
+Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen
+Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurueck.
+
+Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten
+unwillig erhob. "Zuerne nicht, schilt nicht, Fuerstin! diesmal hast du kein
+Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfuellen.
+Flieh, du musst mir folgen." Und im Ungestuem seiner Aufregung griff er nach
+der weissen, schmalen Hand.
+
+Mataswintha trat einen Schritt zurueck und legte die Rechte an den breiten
+Goldguertel, der ihr weisses Untergewand umschloss: "fliehen?" sagte sie,
+"wohin fliehen?"
+
+"Uebers Meer! Ueber die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner
+Freiheit droht hoechste Gefahr."
+
+"Von euch allein droht sie." - "Nicht mehr von mir! Und ich kann dich
+nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es,
+konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun -"
+
+"Aber nun?" sprach Mataswintha erbleichend.
+
+"Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine
+Feinde im Koenigslager und in Ravenna, alle sind darin einig. - Bald werden
+sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann's nicht
+denken! Diese Seele, diese Schoenheit entweiht als Opfer in ungeliebtem
+Ehebund."
+
+"Lass sie kommen," sagte Mataswintha, "lass sehen, ob sie mich zwingen!" Und
+sie drueckte den Dolch, den sie im Guertel trug, an sich. - "Wer ist er, der
+neue Zwingherr, der mir droht."
+
+"Frage nicht!" rief Arahad, "dein Feind, der dein nicht wert, der dich
+nicht liebt; der - folge mir! - flieh', schon kommen sie!" Man hoerte von
+draussen nahenden Hufschlag.
+
+"Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?"
+
+"Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Haende fallen, der Fuehllosen,
+die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die
+Krone! Folge mir ... -"
+
+Da ward der Thuervorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat
+ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weisser Seide, festlich gekleidet.
+
+Sie trugen ein mit einem Schleier verhuelltes Purpurkissen. Er trat bis an
+die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie
+die Knaben, einen gruenen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine
+Stirne war duester, - als er sprach: "Ich gruesse dich, der Goten und Italier
+Koenigin!"
+
+Mit erstauntem Blick mass sie ihn. Teja erhob sich, trat zurueck zu den
+Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den gruenen Rautenkranz
+und sprach: "Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und
+lade dich zur Hochzeit und zur Kroenung - die Saenfte steht bereit."
+
+Arahad griff ans Schwert.
+
+"Wer sendet dich?" fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand
+am Dolch. "Wer sonst, als Witichis, der Goten Koenig." Da leuchtete ein
+Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob
+beide Arme gen Himmel und sprach: "Dank, Himmel, deine Sterne luegen nicht:
+und nicht das treue Herz. Ich wusst es wohl." Und mit beiden schimmernden
+Haenden ergriff sie das bekraenzte Diadem und drueckte es fest auf das
+dunkelrote Haar. "Ich bin bereit. Geleite mich," sprach sie, "zu deinem
+Herrn und meinem." Und mit koeniglicher Wendung reichte sie Graf Teja die
+Linke, der sie ehrerbietig hinausfuehrte.
+
+Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die
+Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und
+legte ihm die Hand auf die Schulter: "Was nun?" fragte er, "die Rosse
+stehen und harren: wohin?" "Wohin?" rief Arahad auffahrend - "wohin? Es
+giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner
+und der Tod?"
+
+
+
+
+ Zweites Kapitel.
+
+
+Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles
+Fest auf den Fora und in dem Koenigspalast zu Ravenna.
+
+Die Buerger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in
+gemischten Scharen durch die Strassen und fuhren durch die Lagunenkanaele, -
+denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie
+heute Venedig - die riesigen Kraenze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern,
+die von allen Zinnen und Daechern niederwehten: denn es galt, Vermaehlung
+des gotischen Koenigspaares zu feiern.
+
+Am fruehen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor
+den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der Koenig
+und die Koenigin erschienen auf milchweissen Rossen: abgestiegen waren sie
+vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte
+Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat
+mit dem entbloessten linken Fuss in den Goldschuh des Koenigs.
+
+Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht
+geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit gruenen Zweigen geschmueckten
+Wagen, der von vier weissen Rindern gezogen ward; der Koenig schwang die
+Geissel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloss
+sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche
+Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen ueber das Paar in der
+Basilika Sancti Vitalis und liess es die Ringe wechseln.
+
+Rauthgundens wurde nicht gedacht.
+
+Noch war die Kirche nicht maechtig genug, ihre Forderung der
+Unaufloeslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe ueberall durchzusetzen:
+vornehme Roemer und vollends Germanen verstiessen noch haeufig in voller
+Willkuer ihre Frauen. Und wenn gar ein Koenig aus Gruenden des Staatswohls
+und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloss, erhob sich kein
+Widerstand. -
+
+Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gaerten
+ein grosses Festmahl geruestet war.
+
+Das ganze Gotenheer und die ganze Bevoelkerung der Stadt fand hier, dann
+auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den naechsten Strassen und
+Kanaelen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, waehrend die
+Grossen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Koenigspaar in der
+Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem
+roemischen Palast anbringen lassen, tafelten.
+
+So wenig die Lage des Landes und des Koenigs Stimmung zu rauschenden Festen
+passen mochten, - es galt, die Ravennaten mit den Goten und die
+verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versoehnen: und man hoffte,
+in Stroemen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen
+hinwegzuspuelen.
+
+Am besten uebersah man den Koenigstisch und die festlichen Tafeln, die sich
+ueber den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach
+Mataswinthens bestimmten kleinen Gelass, dessen einziges Fenster auf die
+Rotunde vor dem Garten und, ueber den Garten hin, bis auf das Meer
+ausblicken liess.
+
+In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmueckend zu schalten und zu
+walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste
+ausgebeten. "Denn diese ernsten, finstern Roemer wissen ebensowenig wie die
+rauhen Goten, dem schoensten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in
+Afrika, im Land der Wunder, lernt man das."
+
+Und wohl war ihr's gelungen, wenn auch im Sinn der schwuelen,
+phantastischen Ueppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre
+Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Waende und Decke
+waren von glaenzend weissen Marmorplatten gefuegt.
+
+Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten
+Gehaengen von dunkelroter Seide verhuellt, die in schweren Falten von den
+Waenden niederfloss, sich ueber die Getaefeldecke wie ein Rundbogen woelbte und
+den Marmorboden so dicht verhuellte, dass jeder Tritt lautlos drueber hin
+glitt und alles Geraeusch sich im Entstehen brach. Nur an der
+Fensterbruestung sah man den schimmernd weissen Marmor sich prachtvoll von
+der Glut der Seide heben.
+
+Das Fenster von weissem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber
+Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum stroemte aus von einer
+Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit
+goldnen Fluegeln schwebte aus einem Fuellhorn von Blumengewinden: in den
+Fuessen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen grossen Karneol, der,
+ein Geschenk des Vandalenkoenigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als
+ein seltenes Wunder galt.
+
+Und in dieser Schale gluehte ein rotes Flaemmchen, genaehrt von stark
+duftendem Cederoel. Ein gebrochenes, traeumerisches Daemmerlicht ergoss sich
+von hier aus ueber das phantastische Doppelpfuehl, das, halb von Blumen
+verschuettet, darunter stand. Aspa hatte sich das braeutliche Lager als die
+aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite
+zusammenhaengen, zwei ovale muschelfoermige Klinen von Citrusholz erhoben
+sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Ueber die weissen Kissen und
+Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.
+
+Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fuelle von Blumen, welche
+die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem
+Geschmack ueber das ganze Gemach verstreut und ueber die Waende, Decken,
+Vorhaenge, die Thuere und das Lager verteilt hatte.
+
+Ein Bogen von starkduftigen Geissblattranken ueberwoelbte laubenartig die
+einzige Thuere, den schmalen Eingang. Zwei maechtige Rosenbaeume standen zu
+Haeupten des Lagers und streuten ihre roten und weissen Blueten auf die
+Teppiche. Die Ampel hing, wie erwaehnt, aus einem kunstvoll gewundnen
+Fuellhorn von Blumen herab. Und ueberall sonst, wo eine Falte, eine Biegung
+der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume
+gluecklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die
+sicilische Myrte, das schoene Rhododendron der Alpen und die gluehenden
+Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: - alle lauschten je am
+gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. -
+
+Schon standen die Sterne am Himmel.
+
+Es daemmerte draussen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der
+veilchendunkeln Schale entzuendet und war nur noch beschaeftigt, hier und da
+eine Falte zu glaetten, indes sie eine roemische Sklavin anwies, in den
+Silberkruegen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kuehlen,
+eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.
+
+"Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!" rief
+Aspa, eine volle Libation ueber das Lager spritzend.
+
+"Lass ab," mahnte die Roemerin, "es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen
+betaeubt: die Rose und das Geissblatt berauschen fast die Sinne: mir wuerde
+schwindeln hier."
+
+"Ah," lachte Aspa, "wie singt der Dichter: "Nuechternen nimmer nahet das
+Glueck: nur in seligem Rausche." Lass uns jetzt das Fenster schliessen." -
+"Nur ein wenig noch lass mich lauschen," bat eine dritte junge Sklavin, die
+dort lehnte. "Es ist zu schoen! Komm, Frithilo," sprach sie zu einer
+gotischen Magd, die neben ihr stand, "du kennst ja all die stolzen Maenner
+und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Koenigin mit dem goldnen
+Schuppenpanzer? er trinkt dem Koenig zu." - "Herzog Guntharis von Tuscien,
+der Woelsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... - wo mag der sein zu
+dieser Stunde?"
+
+"Und der Alte neben dem Koenig, mit dem grauen Bart?"
+
+"Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht
+die Fuerstin an. Wie sie lacht und erroetet! Nie war sie so schoen." - "Ja,
+aber auch der Braeutigam - welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der
+Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht froehlich: - vorhin starrte er lange
+sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: - die Koenigin sah es: -
+bis der alte Hildebrand, gegenueber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf.
+Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Goetterweib."
+
+"Nun," sprach die Gotin, "er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz.
+Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und
+Menschen, die er verstossen."
+
+"Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber
+urploetzlich fuhr Aspa zwischen die Maedchen: "Willst du wohl schweigen mit
+dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, dass du fortkommst! Ein solches Wort: -
+eine Silbe, dass es die Koenigin hoert und du sollst der Afrikanerin
+gedenken."
+
+Frithilo wollte erwidern. "Still," rief eine der Roemerinnen. "Die Koenigin
+bricht auf." - "Sie wird hier herauf kommen." - "Der Koenig bleibt noch." -
+"Nur die Frauen folgen ihr." - "Sie geben ihr das Geleit bis hierher,"
+sprach Aspa. "Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen."
+
+Bald nahte der Zug, von Fackeltraegern und Floetenblaesern eroeffnet. Darauf
+eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder
+jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und
+Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen
+den Zug.
+
+An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an
+die jungen Maedchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Guertel
+verschenkend.
+
+Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause
+zurueck. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, liessen sich
+als Ehrenwache vor der Thuere des Brautgemaches nieder, wo Teppiche fuer sie
+bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Maenner,
+die den Braeutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt' es die
+gotische Sitte.
+
+Mataswintha ueberschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens.
+"Aspa," rief sie, "das hast du schoen gemacht! - zauberisch!" -
+
+Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme ueber die Brust und beugte den
+Nacken. Sie an sich ziehend, fluesterte die Braut:
+
+"Du kanntest mein Herz und seine Traeume! Aber," fuhr sie aufatmend fort,
+"wie schwuel! Deine gluehenden Blumen berauschen."
+
+"In Glut und Rausch nahen die Goetter!" sprach Aspa.
+
+"Wie schoen jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Goettin
+Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darueber
+ihre schoensten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier
+erlebe. Es durchrieselt mich heiss. - Es ist schwuel. - Nehmt mir den
+schweren Prunk ab." Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.
+
+Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und
+zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei
+wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen loesten die Spange,
+die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit
+seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der
+Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem
+aermellosen wallenden Unterkleid von weisser persischer Seide. Ihre
+schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: - Erbstuecke aus
+dem alten Schatz der Amalungen: gruene Schlangen von Smaragden waren darin
+eingelegt.
+
+Mit Entzuecken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den
+Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu
+schlichten.
+
+"Wie schoen du bist! wie zauberschoen! - wie Astaroth, die Liebesgoettin: -
+nie warst du so schoen, wie in dieser Stunde." Mataswintha warf einen
+raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fuehlte, dass Aspa
+recht hatte: und sie erroetete.
+
+"Geht," sagte sie, "lasst mich allein mit meinem Glueck." Die Sklavinnen
+gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch oeffnete, wie um
+ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der
+unten vom Schein der Haengelampen im Garten voll beleuchtet war.
+
+"Er! Wieder er. - Wohin entflieh ich vor ihm, dem suessen Tod?"
+
+Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenueber,
+glaenzte im Ampellicht eine weisse Marmorbueste. Sie kannte sie wohl: Aspa
+hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender
+Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weissen und roten Rosen um
+sein Haar. "Und wieder du!" fluesterte die Braut, suess erschrocken und legte
+die weisse Hand vor die Augen. "Und schliess ich die Augen und wend' ich sie
+nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten
+Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will's!"
+rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Bueste tretend: "ich
+will's! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab' ich zu dir
+aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren,
+grossen Zuegen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen,
+dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfuellt! Wie er einst dem weinenden
+Kinde die Thraenen getrocknet und die Ratlose nach Hause gefuehrt, so wird
+er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in
+seinem Herzen. Und durch all diese oeden Jahre, durch all die letzten
+Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefuehl: "Es wird!
+Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher
+an der starken Brust." Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des
+Himmels: - es ward. Ich bin sein! Dank, gluehenden, seligen Dank, wer immer
+du bist, beglueckende Macht, die ueber den Sternen die Bahn der Menschen
+lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich
+will's verdienen, dieses Glueck. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich
+bin schoen: ich weiss es, dass ich's bin: ich weiss es ja durch ihn: - ich
+will's fuer ihn sein. Lass mir, Himmel, diese Schoene. Sie sagen: ich habe
+einen maechtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Fluegel, Gott, dass ich
+seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhoehen. Aber, o Gott, lass mich
+auch abthun meine Fehler, den sproeden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den
+Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbaendigen Drang nach Freiheit ... -
+O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmuetiger Geist: ihm sich zu
+beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig
+an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis," rief sie und
+sank fortgerissen vom Gefuehl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und
+zu der Bueste aufblickend mit schwimmenden Augen - "ich bin dein. Thu wie
+du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, dass du gluecklich
+bist, gluecklich durch mich."
+
+Und sie beugte das schoene Haupt vor, nach den gefaltenen Haenden.
+
+Doch ploetzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floss ins Gemach. An der
+offenen Thuere stand der Koenig: draussen auf dem Gang zeigten sich
+zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.
+
+"Dank, meine Freunde," sprach der Koenig mit ernster Stimme. "Dank, fuer das
+Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht," und er wollte die Thuere
+schliessen.
+
+"Halt," sprach Hildebrand, mit der Hand die Thuere wieder oeffnend, so dass
+Mataswintha sichtbar ward, "hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das
+Weib, die heut wir vermaehlt, sind gluecklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet
+Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuss."
+
+Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug ergluehend die Augen nieder.
+
+Unschluessig stand der Koenig in der Thuer. "Du kennst der Goten Brauch,"
+sprach Hildebrand laut, "so thu' danach."
+
+Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens,
+fuehrte sie schnell einen Schritt vorwaerts und beruehrte mit den Lippen ihre
+Stirn. Mataswintha zuckte.
+
+"Heil euch!" rief Hildebrand. "Wir haben gesehen den braeutlichen Kuss. Wir
+bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil Koenig Witichis und seinem
+schoenen Weib, der Koenigin Mataswintha."
+
+Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis,
+Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannertraeger) des Koenigs,
+Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Maedchen
+vor der Thuere des Brautgemachs, welche Witichis nun schloss.
+
+Sie waren allein.
+
+Witichis warf einen langen, pruefenden Blick durch das Gemach. Das erste,
+was Mataswintha that, war, - sein Kuss brannte auf ihrer Stirn, - dass sie
+unwillkuerlich soweit als moeglich von ihm hinwegglitt. So war sie - sie
+wusste nicht wie - in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster,
+gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die
+Haende auf das maechtige, breite und fast brusthohe Schwert gestuetzt, das
+er, aus dem Wehrgehaeng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der
+Rechten fuehrte.
+
+Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf
+Mataswintha gerichtet. "Koenigin," sprach er und seine Stimme drang ernst
+und feierlich aus seiner Brust, "sei getrost! Ich ahne, was du fuerchtend
+fuehlst in zarter Maedchenbrust. Es musste sein. Ich durfte dein nicht
+schonen. Das Wohl des Volks gebot's: ich griff nach deiner Hand: sie muss
+mein sein und bleiben. Doch hab' ich schon in allen diesen Tagen dir
+gezeigt, dass deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: - und wir
+sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepresste bange Stunde haett'
+ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte
+Sitte des Brautgeleits. Und du weisst, in unserem Fall liegt alles daran,
+sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Roete in
+deinen Wangen aufflammen sah, - lieber haett' ich im oedesten Berggeklueft
+dieses muede Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht:
+Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hueten diese Schwelle.
+Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.
+
+Wollt' ich dich verlassen, es gaebe Laerm und Spott und Streit: und neuen
+Zwist vielleicht. Du musst mich diese Nacht in deiner Naehe dulden."
+
+Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch
+den Purpurmantel, den er, aehnlich dem Mataswinthens, ueber der Schulter
+trug, warf er ab.
+
+Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.
+
+Witichis drueckte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des
+Maedchens. "Komm, Mataswintha," sprach er. "Verharre nicht in unversoehntem
+Zorn. Es musste sein, sag' ich dir. Lass uns, was sein muss, edel tragen und
+nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich musste deine Hand nehmen, - dein
+Herz bleibt frei.
+
+Ich weiss, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht
+lieben. Doch glaub' mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du
+immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft,
+Koenigin der Goten!"
+
+Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.
+
+Nicht laenger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank
+zugleich zu seinen Fuessen nieder, dass Witichis ueberrascht zuruecktrat.
+
+"Nein, weiche nicht zurueck, du Herrlicher!" rief sie. "Es ist doch kein
+Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang
+und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich
+gelehrt, - das Weib soll immer klug verbergen, was es fuehlt, soll sich
+bitten lassen und erweichen und nur genoetigt geben, was es aus Liebe
+giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... -
+Hinweg mit diesen niedrigen Plaenen armer Klugheit! Lass mich thoericht sein!
+Nicht thoericht! Offen und gross, wie deine Seele!
+
+Nur Groesse kann dich verdienen, nur das Ungewoehnliche. Du sprichst von
+Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! - Es brauchte keines Zwangs! -
+gern ..." -
+
+Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen.
+
+Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. "Das ist schoen und gross,
+Mataswintha, dass du feurig fuehlest fuer dein Volk, die eigene Freiheit ohne
+Zwang ihm opfernd. Glaub' mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer
+darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des
+Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich
+dich lieben."
+
+Da erstarrte Mataswintha.
+
+Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab:
+sie starrte ihn mit grossen, offnen Augen an. "Du liebst mich nicht? du
+kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein
+Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schoenste Weib der
+Erde genannt?"
+
+Aber der Koenig beschloss, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht
+erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. "Ja, du bist Mataswintha, und
+teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Koenigs,
+aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben
+ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von
+mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis,
+mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!"
+
+"Ha!" rief Mataswintha, wie von Fieber geschuettelt und beide Arme
+erhebend, "und du hast es gewagt ... -"
+
+Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den Koenig.
+"Du wagst es!" rief sie nochmals - "Hinweg, hinweg von mir!"
+
+"Still," sprach Witichis, "willst du die Lauscher draussen herbeirufen?
+Fasse dich, ich verstehe dich nicht."
+
+Und rasch zog er das maechtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das
+Doppelpfuehl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng
+aneinanderstiessen.
+
+"Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze
+zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.
+
+Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.
+
+Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, - ich bleibe links. So teile,
+wie ein Schwertschnitt, diese Nacht fuer immer unser Leben!"
+
+Aber in Mataswinthens Busen wogten die maechtigsten Gefuehle, furchtbar
+ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und gluehender Hass. Die Stimme
+versagte ihr. "Nur fort, fort aus seiner Naehe," konnte sie noch denken.
+Sie eilte gegen die Thuer.
+
+Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.
+
+"Du musst bleiben." Da zuckte sie zusammen: das Blut schoss in ihr auf:
+bewusstlos sank sie nieder.
+
+Ruhig sah Witichis auf sie herab. "Armes Kind," sprach er, "der schwuele
+Duft in diesem Gelass hat sie ganz verwirrt! Sie wusste nicht, was sie
+sinnlos sprach!
+
+Was ist deine kleine maedchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens
+Herzzerreissung und die meine."
+
+Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfuehl zur Rechten des
+Schwertes.
+
+Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich
+zur Linken und lehnte den Ruecken an das Lager.
+
+Lang sass er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes
+Haargeflecht gedrueckt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es
+kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. -
+
+Mit dem ersten Hahnenschrei verliess die Brautwache ihren Posten, von
+Floetenblaesern abgeholt. Gleich darauf schritt der Koenig aus dem Gemach, in
+voller Ruestung.
+
+Die Floeten hatten auch Mataswintha geweckt.
+
+Aspa, die sich leise heranschlich, hoerte ploetzlich einen dumpfen Schlag.
+Sie eilte in das Gemach. Da stand die Koenigin, auf des Koenigs langes
+Schwert gestuetzt, und starrte vor sich zur Erde.
+
+Der Areskopf lag zertruemmert zu ihren Fuessen.
+
+
+
+
+ Drittes Kapitel.
+
+
+Im friedlichen Licht des spaeten Nachmittags schimmerten die Kirche und das
+Kloster, die am Fuss des Apenninus nordoestlich von Perusia und Asisium,
+suedlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des
+kleinen Fleckens Taginae, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des
+Jenseits einzuloesen.
+
+Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgefuehrt, umfriedete
+mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem gruenem Laubwerk.
+An den vier Seiten desselben liefen kuehle Bogengaenge hin mit
+Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmueckt.
+All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren
+sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der
+Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.
+
+Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen
+von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor
+in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen
+ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Voeglein nicht: der Nachtigall
+suesses Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stoeren.
+
+Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng
+kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem
+Freunde Valerius den ganzen Plan der aeusseren und inneren Einrichtung
+seiner Stiftung entworfen - aehnlich der Regel des Maennerklosters, das er
+selbst zu Squillacium in Unteritalien gegruendet - und dessen Ausfuehrung
+ueberwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch
+feindlich abgewendeter Geist drueckte sich denn im groessten wie im kleinsten
+dieser Schoepfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als
+Religiosae lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Busse und
+Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthaetiger christlicher Liebe, indem
+sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Huetten aufsuchten und
+ihnen Seele und Leib troesteten und pflegten.
+
+Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck,
+wenn durch die dunkeln Cypressengaenge hin eine dieser frommen Beterinnen
+wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt
+die weisse enganschliessende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von
+den aegyptischen Isispriestern ueberkommen. Vor den oft in Kreuzesform
+geschnittenen Buchsgebueschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf
+der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei
+jeder Begegnung aneinander vorueber. Denn das Gespraech war auf das
+Unerlaessliche beschraenkt.
+
+In der Mitte des Gartens floss ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen
+ueberragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen.
+
+Es war ein stilles, schoenes Plaetzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art
+Laube und verbargen beinahe voellig ein finsteres, rohes Steinrelief, das
+die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.
+
+An diesem Quell sass, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine
+schoene, jungfraeuliche Gestalt in schneeweissem Gewand, das eine goldne
+Spange ueber der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in
+weichen Wellen zurueckgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: -
+Valeria war's, die Roemerin.
+
+Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden,
+seit die Saeulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestuerzt. Sie war
+bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Raeumen. Aber ihr Auge
+leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schoenheit.
+
+Sie las mit grossem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureissen, die
+feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkuerlich und zuletzt ward die
+Stimme der Lesenden leise vernehmlich:
+
+ - - "Und er vermaehlte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. -
+ Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
+ Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmuendige Knaeblein,
+ Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar.
+ Schweigend betrachtete Hektor mit laechelndem Blicke den Knaben.
+ Aber Andromache trat mit thraenenden Augen ihm naeher,
+ Drueckt' ihm zaertlich die Hand und begann die gefluegelten Worte:
+ "Boeser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knaebleins
+ Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
+ Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich toeten,
+ Alle mit Macht einstuermend auf dich. Dann waer' mir das beste,
+ Dass mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
+ Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
+ Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
+ Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... -""
+
+Sie las nicht weiter: die grossen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme
+versagte; sie neigte das blasse Haupt.
+
+"Valeria," sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich ueber ihre
+Schulter. "Thraenen ueber dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: - die
+Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien."
+
+"Verzeih mir, Cassiodor. Es haengt mein Herz noch andern Goettern an als
+deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten
+ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen
+Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an
+die letzten Faeden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen
+Grau'n und Liebe ratlos schwankt der Sinn."
+
+"Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden.
+Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre
+zurueck zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glueck zu finden."
+
+Sie aber schuettelte das schoene Haupt. "Es geht nicht mehr. Feindlich
+ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, - ich verliere
+immer."
+
+"Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Maechte, Erdenlust und
+Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen."
+
+"Weh' denen," fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, "welchen das
+Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu
+den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines
+der beiden froh."
+
+"In dir, mein Kind," sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, "walten
+freilich unversoehnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter
+Sinn. Dein Vater, ein Roemer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen
+Welt, kuehn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend,
+wenig, allzuwenig, fuercht' ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens,
+der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, - in der That Valerius, mein
+Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter,
+fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der
+Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... -"
+
+"Nein," sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kraeftig
+zurueckwerfend, "ich fuehle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut
+neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon frueh.
+Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und
+Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner
+Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er
+abends mit mir sass und las, so waren's Livius und Tacitus und Vergilius,
+nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein
+siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die
+Tugenden, die der Vater pries und uebte, sie galten nur dem Staat, dem
+Haus, den Freunden. Gluecklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine
+Seele."
+
+"Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers."
+
+"Ich war gluecklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern
+mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in
+meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher
+sorgfaeltig verborgen hatte, dass die Mutter in schwerer Krankheit mich
+schon vor meiner Geburt durch ein Geluebde dem ehelosen Leben im Kloster
+geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und dass mein Vater,
+dem dieser Gedanke unertraeglich, spaeter mich vom Himmel eingeloest, indem
+er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter
+hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut."
+
+"So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermoegens! Darueber kannst du
+dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu
+binden und zu loesen, hat den Tausch, die Umwandlung des Geluebdes
+gebilligt. Du bist frei!" - "Aber ich fuehle mich nicht frei! Nicht mehr
+seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in
+meinem Herzen spricht eine Stimme: "der Himmel nimmt nicht totes Gold
+statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal laesst sich nicht abkaufen, was
+einmal ihm verwirkt war." Die finstre, ernste, drohende Macht jenes
+heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die
+in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend
+Herrschaftsrecht ueber meine Seele und laesst nicht davon. Ich bin ihr
+verfallen. Ihr gehoer' ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher
+doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener
+goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch
+immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich's auch vergessen will,
+immer ziehen wieder die Wolkenschatten ueber meine Seele. Sie drohen im
+Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den
+roten Rosen."
+
+"Valeria, du hassest, scheint's, was du verehren solltest."
+
+"Ich hasse es nicht. Ich fuerchte es. Wohl war eine Zeit," - und ein Strahl
+der Freude flog ueber ihre Zuege - "da glaubte ich den dunkeln Schatten fuer
+immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen
+Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloss, als soviel
+Jugend, Schoenheit, Liebe und Glueck mich umfluteten, da waehnte ich wohl,
+fuer immer sei jener Bann geloest. Aber es waehrte nicht lang.
+
+Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die
+ich zwischen ihn und mich gebaut und immer naeher drangen seine Schlaege.
+Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater faellt und nimmt einen
+verhaengnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt
+das Haus meiner Ahnen und ich muss fluechten aus meiner Vaterstadt. Sie
+faellt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines koestlichen Lebens rettet mir den
+Geliebten. Die Woge des Krieges verschlaegt ihn fern von mir.
+
+Und wie ich erwache aus der Betaeubung dieses Streichs, - find' ich mich
+hier, in diesem grossen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst
+sehen, der Himmel begnuegt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch
+die Leiche, die hinein gehoert."
+
+"Valeria! du solltest Kassandra heissen."
+
+"Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!"
+
+"Du weisst, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergisst
+ueber dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag' ich
+dir, du quaelst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich geloest, so bist
+du frei."
+
+"Die Seele loest kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du
+wirst erfuellt sehen, was ich dir ahnend vorhersage - nie werd ich
+gluecklich, nie werd ich Totilas und diese Staette wird ... -"
+
+"Und wenn's so waere? Haengst du denn noch gar so fest an Glueck und
+Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je frueher
+du dich losmachst, desto groesserem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und
+ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und
+treulos erfunden. Nichts auf Erden fuellt die Seele aus, die nicht von
+dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt
+der Unrast und der Suende. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine
+Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... -"
+
+"Nein, nein, Cassiodor," rief die Roemerin, "meine ganze Seele verlangt
+nach Glueck auf dieser schoenen Erde! Ihr gehoer' ich an! Auf ihr fuehl' ich
+mich heimisch. Blauer Himmel, weisser Marmor, rote Rosen, linde,
+duftgefuellte Abendluft: - wie seid ihr schoen!
+
+Das will ich einatmen mit entzueckten Sinnen! Wer das geniesst, ist
+gluecklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab' ich kein
+Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten - graues Ungewiss allein liegt
+jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus?
+
+ "Troeste mich doch nicht ueber den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
+ Lieber ja moecht' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
+ Fuer den beduerftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
+ Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen."
+
+So empfind' auch ich. Weh' dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint.
+O wie gern, wie gern waer' ich gluecklich in dieser schoenen Welt, in meinem
+schoenen Heimatland: wie fuercht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam naeher
+dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten
+unhoerbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar
+nahenden Schatten meines Lebens!"
+
+Da drang vom Eingang her ein heller, kraeftiglust'ger Schall, ein fremder
+Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun
+wiedertoenten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der
+gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.
+
+Aus dem Wohngebaeude aber eilte der alte Pfoertner herbei. "Herr," rief er,
+"keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie laermen und verlangen Fleisch
+und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Fuehrer: - da ist er
+schon" -
+
+"Totila!" jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in
+schimmernder Ruestung, vom weissen Mantel umwallt, waffenklirrend,
+heranschritt.
+
+"O du bringst Luft und Leben!" "Und neues Hoffen und die alte Liebe," rief
+Totila. Und sie hielten sich umschlungen.
+
+"Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!" - "Ich komme
+geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Hoefen der Frankenkoenige. O
+Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben
+sie's! Da kaempft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre
+Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezaehlte
+Germanenstaemme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: - wir dagegen sind
+wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den
+rings feindliches Element benagt.
+
+Doch desto groesser," sprach er, sich aufrichtend, "ist der Ruhm, hier,
+mitten im Roemerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.
+
+Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre
+auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und
+Lorbeer begruessten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fuehlte
+klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhaelt in diesem edlen Land,
+dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn."
+
+Valeria drueckte dem Begeisterten die Hand.
+
+"Und was hast du ausgerichtet?" fragte Cassiodor.
+
+"Viel! - Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von
+Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien
+einzufallen. Die Goetter - vergieb mir, frommer Vater - der Himmel war mit
+mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen
+seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe."
+
+"Wo liessest du Julius?"
+
+"Ich geleitete ihn bis in seine schoene Heimatstadt Avenio. Dort liess ich
+ihn unter bluehenden Mandelbaeumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie
+mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und traeumt und traeumt
+vom ewigen Voelkerfrieden, vom hoechsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl
+ist es schoen in jenen gruenen Thaelern: - doch neid' ich ihm die Musse nicht.
+Das Hoechste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt's, fuer dieses
+Volk der Goten zu kaempfen und zu ringen. Ueberall, wo ich des Rueckwegs kam,
+trieb ich die Maenner zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich
+auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber fuehre eine vierte dem wackern Koenig
+zu. Dann geht es endlich vorwaerts gegen diese Griechen, und dann: Rache
+fuer Neapolis!" Und mit blitzenden Augen hob er den Speer - er war sehr
+schoen zu schauen.
+
+Entzueckt warf sich Valeria an seine Brust. "O sieh, Cassiodor, das ist
+_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und
+Volkesliebe und die Seele in Lieb' und Hass bewegt - fuellt das die
+Menschenbrust nicht aus?"
+
+"Jawohl: im Glueck und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum
+Himmel fuehrt."
+
+"Mein frommer Vater," sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich
+drueckend, mit der Rechten an seine Schulter ruehrend, "schlecht steht mir
+an, mit dir, dem Aeltern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist
+mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln koennte an eines guetigen Gottes
+Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich
+der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: "lebt
+denn kein Gott?"
+
+Im Glueck, im Sonnenschein fuehl' ich den Gott und seine Gnade wird mir
+offenbar. Er will gewiss der Menschen Glueck und Freude: - der Schmerz ist
+sein heiliges Geheimnis - ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Raetsel
+klar. Einstweilen aber lass uns auf der Erde freudig das Unsere thun und
+keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.
+
+In diesem Glauben, Valeria, lass uns scheiden. Denn ich muss fort zu Koenig
+Witichis mit meinen Reitern."
+
+"Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd' ich dich wiedersehn?"
+
+"Ich seh' dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!
+
+Ich weiss, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen
+ernsten Mauern fuehren darf ins sonnige Leben. Lass dich indes nicht
+allzusehr verduestern. Es kommt der Tag des Sieges und des Gluecks: und mich
+erhebt's, dass ich zugleich das Schwert fuer mein Volk und meine Liebe
+fuehre."
+
+Inzwischen war der Pfoertner mit einem Schreiben an Cassiodor
+wiedergekommen.
+
+"Auch ich muss dich verlassen, Valeria," sprach der.
+
+"Rusticiana, des Boethius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie
+will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum."
+
+"Dahin fuehrt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl,
+Valeria!"
+
+Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein
+Tuermchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller
+Ruestung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine
+Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die
+blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und
+Jugend.
+
+Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.
+
+Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein
+Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und
+unwillkuerlich sprachen sich ihre Gefuehle aus in den Worten ihres Homeros:
+
+ "Siehest du nicht wie schoen von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
+ Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhaengnis,
+ Wann auch ihm in des Kampfes Gewuehl das Leben entschwindet,
+ Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer."
+
+Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich
+verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurueck.
+
+
+
+
+ Viertes Kapitel.
+
+
+Inzwischen hatte Koenig Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst
+und Thaetigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet.
+
+Waehrend jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt groessere und kleinere
+Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an
+die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der Koenig unablaessig daran, das
+ganze grosse Heer, das allmaehlich bis auf einhundertundfuenfzig
+Tausendschaften gebracht werden sollte, auszuruesten, zu waffnen, zu
+gliedern und zu ueben. Denn die Regierung Theoderichs war eine aeusserst
+friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine
+Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und
+in den mehr als dreissig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen
+eingerostet.
+
+Da hatte der tuechtige Koenig, von seinen Freunden und Feldherren eifrig
+unterstuetzt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in
+Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen
+Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstaetten fuer Waffenschmiede
+aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablaessig zu arbeiten hatten,
+den Forderungen des kampfbegierigen Koenigs, des massenhaft anschwellenden
+Heeres zu genuegen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hoerte nichts als
+die Hammerschlaege der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und
+Waffenlaerm der sich uebenden Heerscharen.
+
+In diesem Getoese, in dieser rastlosen Thaetigkeit betaeubte Witichis, so gut
+es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag
+entgegen, da er sein schoenes Heer zum Angriff gegen den Feind fuehren
+koenne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewuehl sich selber zu
+verlieren, seiner Koenigspflicht nicht vergessen, und durch Herzog
+Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den
+maessigsten Vorschlaegen.
+
+So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen
+Blick und Gedanken fuer seine Koenigin, der er auch, wie er meinte, kein
+groesseres Gut als die ungestoerteste Freiheit zuwenden konnte.
+
+Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Daemon
+erfuellt, von dem Daemon unersaettlicher Rache. In Hass uebergeschlagene Liebe
+ist der giftigste Hass.
+
+Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal
+dieses Mannes hoch zu den Sternen erhoeht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre
+Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang
+der Sonne, hatte sie die Erfuellung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann
+erwartet.
+
+Und nun musste sie sich gestehn, dass er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht
+und nicht erwidert: dass sie, obwohl seine Koenigin, mit dieser Liebe wie
+eine Verbrecherin dem verstossenen und doch ewig allein in seinem Herzen
+wohnenden Weibe gegenueberstehe. Und er, auf den sie als Retter und
+Befreier von unwuerdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die hoechste Schmach
+angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein
+Herz dafuer gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels?
+
+Das Gotenreich, die Gotenkrone!
+
+Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu
+verderben. "Haette er meine Liebe nicht erwidert - ich waere zu stolz, ihn
+darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behaengt mich, wie zum Hohne,
+mit dem Namen seines Weibes, fuehrt diese Liebe bis hart an den Gipfel der
+Erfuellung und stoesst mich dann achtlos hinunter in die Nacht
+unaussprechlicher Beschaemung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln
+leeren Schall: "Gotenreich!" Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und
+wehe seinem Goetzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es buessen. An
+seinem Goetzenbilde soll er's buessen. Hat er mir ohne Schonung mein Idol,
+sein eigen Bild, meine schoene Liebe mit Fuessen getreten, - wohlan, Goetze
+gegen Goetze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone
+zerstueckt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die
+Bluete meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Bueste. Und
+wenn er verzweifelnd, haenderingend vor den Truemmern steht, will ich ihm
+zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Goetzen aus."
+
+So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und
+verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der
+nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glueck dem Vaterland
+geopfert.
+
+Vaterland, Gotenreich: - der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes,
+das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen fuer
+ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres
+Einen Gefuehls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache
+fuer die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre
+hoechste, grimmige Lust. O haette sie, wie jene Marmorbueste, mit Einem
+Streich, dies Reich zerschmettern koennen!
+
+Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze
+daemonische Klugheit. Sie wusste ihren toedlichen Hass und ihre geheimen
+Rachegedanken so tief vor dem Koenig zu verbergen, - so tief wie sie sich
+selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer fuer den grimmig
+Verfolgten im tiefsten Busen trug.
+
+Auch wusste sie dem Koenig ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen,
+welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn
+auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie,
+dass sie dem gehassten Koenig nur dann schaden, seine Sache nur dann
+verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht,
+mit ihren Staerken wie mit ihren Bloessen genau vertraut war.
+
+Ihre hohe Stellung machte ihr leicht moeglich, alles, was sie wissen
+wollte, zu erfahren: schon aus Ruecksicht auf ihren grossen Anhang konnte
+man der Amalungentochter, der Koenigin, Kenntnis der Lage ihres Reiches,
+ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen
+Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Faellen wohnte sie selbst
+den Beratungen bei, die in den Gemaechern des Koenigs gehalten wurden.
+
+So war Mataswintha ueber die Staerke, Beschaffenheit und Einteilung des
+Heeres, die naechsten Angriffsplaene der Feldherren und alle Hoffnungen und
+Befuerchtungen der Goten so gut wie der Koenig selbst unterrichtet. Und
+sehnlich wuenschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und
+so verderblich wie moeglich zu verwerten.
+
+Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen.
+Naturgemaess richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten
+neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer
+Umgebung, mit denen sie leichten und unverdaechtigen Verkehr pflegen
+konnte.
+
+Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, - da war keiner, dessen
+Thatkraft und Klugheit sie das toedliche Geheimnis haette vertrauen moegen,
+dass die Koenigin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten
+wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen - die Tuechtigeren waren
+laengst zu Cethegus oder Belisar gegangen - waren ihr weder des Vertrauens
+wuerdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen.
+
+Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den Koenig und die Goten selbst
+zu erkunden, welchen unter allen Roemern sie fuer ihren gefaehrlichsten,
+bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen
+hoerte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen
+einzigen. Und der sass ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus
+der Praefekt. Es war ihr unmoeglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen.
+Keinem ihrer roemischen Sklaven wagte sie einen so verhaengnisvollen
+Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen.
+
+Die kluge und mutige Numiderin, die den Hass ihrer angebeteten Herrin gegen
+den rohen Barbaren, der diese verschmaeht, vollauf teilte, ungeschwaecht bei
+ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu
+Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Maedchen nicht den Gefahren
+einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und
+schon gewoehnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom
+zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der
+gotischen Plaene und Ruestungen zu erkalten.
+
+So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurueck von dem Kriegsrat, der
+draussen im Lager, im Zelt des Koenigs war gehalten worden. Denn seit die
+Ruestungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs
+gewaertig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu
+sein, seine Gemaecher im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung
+mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen.
+
+Langsam, das Vernommene ihrem Gedaechtnis einpraegend und ueber die
+Verwertung nachsinnend, wandelte die Koenigin, nur von Aspa begleitet,
+durch die aeussersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur
+Linken, die weissen Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedraenge und den Laerm
+der innern Gassen des Lagers.
+
+Waehrend sie bedaechtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt,
+musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich
+hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhoerte und nie
+gesehene Kuenste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen
+der Zuschauer zu schliessen.
+
+Aspa zoegerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein
+junger, schlanker Bursch: nach der blendend weissen Haut des Gesichts und
+der blossen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein
+Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete
+wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Buehne. Bald sprang er in die
+Hoehe, ueberschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf
+die Fuesse, bald auf die Haende, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen
+mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafuer Muenzen auszuspeien: dann
+verschluckte er einen fusslangen Dolch und zog ihn spaeter wieder aus seinen
+Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in
+die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit
+am Griff aufzufangen, wofuer ihn Gelaechter und Rufe der Bewunderung von
+Seite seiner Zuschauer belohnten.
+
+Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt.
+
+Sie sah nach der Herrin und bemerkte, dass ihr Weg gesperrt war von einer
+Schar italischer Lasttraeger und Trossknechte, welche die Gotenkoenigin
+offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, ueber den Weg hin, nach
+dem Wasser zu, laermende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen
+Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu
+werfen.
+
+Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem
+Tisch einen gellenden Schrei ausstiess; Aspa wandte sich erschrocken und
+sah den Gallier in ungeheurem Satz ueber die Koepfe der Zuschauer weg wie
+einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschiessen. Schon stand er
+mitten in dem Haufen und schien, sich bueckend, einen Augenblick unter
+ihnen verschwunden.
+
+Aber ploetzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter
+der Italier stuerzte von seinen Faustschlaegen nieder.
+
+Im Augenblick war Aspa an der Koenigin Seite, die sich schnell aus der Naehe
+der Schlaegerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen
+blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend.
+
+Und seltsam in der That war das Schauspiel.
+
+Mit unglaublicher Kraft und noch groesserer Gewandtheit wusste der Gaukler
+das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner
+anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder ploetzlich
+vorspringend und den naechsten am Fuss niederreissend oder mit kraeftigem
+Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich.
+
+Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke
+hielt er, wie etwas bergend und schuetzend, dicht an die Brust. So waehrte
+der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward naeher und naeher von der
+wuetenden laermenden Menge dem Wasser zugedraengt. Da blitzte eine Klinge.
+Einer der Trossknechte, zornig ueber einen schweren Schlag, zuckte ein
+Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei stuerzte
+dieser zusammen: die Feinde ueber ihn her.
+
+"Auf! reisst sie auseinander! helft dem Armen," rief Mataswintha den
+Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen,
+"ich befehle es! die Koenigin!"
+
+Die Goten eilten nach dem Knaeuel der Streitenden: aber noch ehe sie
+herankamen, sprang der Gaukler, der sich fuer einen Moment von allen
+Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon,
+gerade auf die beiden Frauen zu - verfolgt von den Italiern, welche die
+wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten.
+
+Welch' ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe:
+ein Stueck seiner gelben Haare schleifte am Ruecken und siehe, unter der
+gelben Peruecke kam schwarzes glaenzendes Haar zum Vorschein und der weisse
+Hals verlief in eine bronzebraune Brust.
+
+Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha.
+"Schuetze mich, rette mich, weisse Goettin!" schrie er und brach zusammen vor
+Mataswinthas Fuessen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste
+schwang sein Messer. -
+
+Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel ueber den Gefallenen:
+"Zurueck!" sprach sie mit Hoheit, "lasst ab von ihm. Er steht im Schutz der
+Gotenkoenigin." Verbluefft wichen die Trossknechte zurueck. "So?" rief nach
+einer Pause der mit dem Dolch, "straflos soll er ausgehn, der Hund und
+Sohn eines Hundes? und fuenf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe
+fortan drei Zaehne zu wenig? Und keine Strafe?" "Er ist gestraft genug,"
+sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. "Und all das
+um einen Wurm," schrie ein zweiter, "um eine Schlange, die aus seinem
+Ranzen schluepfte und die wir mit Steinen warfen." - "Da seht! er hat die
+Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm." "Schlagt ihn tot,"
+schrien die andern.
+
+Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Koenigin
+Gehorsam, die Italier unsanft zurueckstossend und einen Kreis um den
+Gefallnen schliessend. Aspa blickte scharf zu und ploetzlich sank sie mit
+gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder.
+
+"Was ist dir, Aspa? steh auf!" sprach Mataswintha staunend. "O Herrin!"
+stammelte diese, "der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines
+Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter
+dem Halse. Braun wie Aspa, - und hier - hier, eine Schrift; Schriftzeichen
+eingeritzt ueber seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat,"
+jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen.
+
+"Der Gaukler scheint verdaechtig. - Warum diese Verstellung?" sprach
+Mataswintha. "Man muss ihn in Haft nehmen."
+
+"Nein, nein, o Herrin," fluesterte Aspa. "Weisst du, wie die Inschrift
+lautet? - Kein Auge als meines kann sie dir deuten." - "Nun?" fragte
+Mataswintha. "Sie lautet," fluesterte Aspa leise: "Syphax schuldet ein
+Leben seinem Herrn, Cethegus dem Praefekten." Ja, ja ich erkenne ihn, das
+ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Goetter
+senden ihn zu uns."
+
+"Aspa," sprach Mataswintha rasch, "ja, ihn senden die Goetter: die Goetter
+der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und
+folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem
+Dienst."
+
+
+
+
+ Fuenftes Kapitel.
+
+
+Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht
+von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette
+ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Haenden, ihren Kraeutern und
+Spruechen sich rasch erholte.
+
+Koenig Witichis selbst hatte diesmal die Koenigin abgeholt mit dem ganzen
+Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat
+gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstaerkungen war auf heute
+angekuendet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurueckerwartet mit der
+Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten.
+
+"Ein verhaengnisvoller Tag!" sagte Witichis zu seiner Koenigin. "Bete zum
+Himmel um den Frieden."
+
+"Ich bete um den Krieg," sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend.
+"Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?" - "Nach Rache nur noch ganz
+allein - und sie wird mir werden."
+
+Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerfuehrern
+erfuellt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen
+Gruss. "Sind die Gesandten zurueck?" fragte der Koenig, sich setzend, den
+alten Hildebrand, "so fuehrt sie ein."
+
+Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhaenge und Herzog
+Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.
+
+"Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?" fragte Witichis eifrig. "Krieg!
+Krieg, Koenig Witichis!" riefen beide Maenner mit Einem Munde. - "Wie?
+Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich,
+eindringlich, meine Vorschlaege mitgeteilt?"
+
+Herzog Guntharis trat vor, und sprach: "Ich traf den Feldherrn im Kapitol
+als Gast des Praefekten und sprach zu ihm: "Der Gotenkoenig Witichis
+entbietet dir seinen Gruss.
+
+In dreissig Tagen kann er mit hundertfuenfzig Tausendschaften wehrhafter
+Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese
+ehrwuerdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut
+getraenkten Gefilde nie geschaut.
+
+Der Koenig der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er
+gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem
+seiner Kriege mit dreissigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort
+Rom und Italien raeumt, das uns gehoert nach dem Recht der Eroberung wie
+nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich ueberliess, wenn er den
+Odovakar stuerzen koenne." So sprach ich, deinem Auftrag gemaess.
+
+Belisar aber lachte und rief: "Witichis ist sehr gnaedig, mir die Insel
+Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke
+ihm dafuer die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war
+abgezwungen und das Recht der Eroberung, - nun das spricht jetzt fuer uns.
+Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die
+Waffen, und das ganze Volk zieht ueber die Alpen und sendet Koenig und
+Koenigin als Geiseln nach Byzanz.""
+
+Ein Murren der Entruestung ging durch das Zelt.
+
+"Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Ruecken
+und schritten hinaus. "Auf Wiedersehen in Ravenna," rief er uns nach. Da
+wandt' ich mich," sprach Hildebad "und rief: "Auf Wiedersehen vor Rom!"
+Auf, Koenig Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Aeusserste versucht an
+Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezoegert
+und geruestet! Jetzt fuehr' uns an, zum Kampf."
+
+Da toenten Trompetenstoesse aus dem Lager: man hoerte den Hufschlag eilig
+nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila
+in glaenzenden Waffen, vom weissen Mantel umwallt. "Heil meinem Koenig, Heil
+dir Koenigin," sprach er huldigend. "Mein Auftrag ist erfuellt: ich bringe
+dir den Freundesgruss des Frankenkoenigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde
+von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer
+wird nicht gegen die Goten in Italien einruecken. Graf Markja von
+Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt,
+ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im
+Rueckweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfaehigen Maennern fand
+und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner:
+
+Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein Koenig: ich fuehre dir
+sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu
+tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: fuehr uns
+zum Kampf, zum Kampf nach Rom."
+
+"Hab Dank, mein Freund, fuer dich und deine Reiter.
+
+Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an,
+ihr Feldherren, wie viele fuehrt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet
+auf!"
+
+"Ich fuehre drei Tausendschaften Fussvolk," rief Hildebad. "Ich vierzig
+Tausendschaften zu Fuss und zu Ross mit Schild und Speer," sprach Herzog
+Guntharis. "Ich vierzig Tausendschaften zu Fuss: Bogenschuetzen,
+Schleuderer, Speertraeger," sagte Graf Grippa von Ravenna. "Ich sieben
+Tausendschaften mit Messer und Keule," zaehlte Hildebrand. "Und dazu
+Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften
+Tejas mit der Streitaxt - wo ist er? ich vermisse ihn hier! - Und ich habe
+meine Scharen zu Fuss und zu Ross auf fuenfzig Tausendschaften erhoeht,"
+schloss der Koenig.
+
+"Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften," schrieb der
+Protonotar, die Pergamentrolle dem Koenig ueberreichend.
+
+Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes ueber des Koenigs ernstes
+Angesicht. "Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Maenner: Belisar,
+sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr
+noch Rast, um aufzubrechen?"
+
+Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte
+Frage vernommen. Sein Auge spruehte Blitze, er bebte vor Zorn. "Rast? Keine
+Stunde Rast mehr: auf zur Rache, Koenig Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist
+geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Fuehr' uns sofort zum
+Kampf!"
+
+"Was ist geschehn?"
+
+"Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloss, wie du weisst, seit
+lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und
+fern. Der junge Graf Arahad nur - er suchte wohl den Tod - ueberfiel mit
+seiner kleinen Gefolgschaft die Uebermacht; er fiel im tapfersten Gefecht.
+Verzweifelt widerstand das Haeuflein gotischer Maenner in der Burg. Denn
+alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen
+Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher gefluechtet vor dem Feind,
+wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die
+Thore zu oeffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht
+zu vergiessen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der grossen Basilika
+Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, ueber fuenftausend Koepfe, Greise,
+Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen
+... -" Teja hielt schaudernd inne.
+
+"Nun?" fragte Mataswintha, erblassend.
+
+"Da schloss der Hunne die Thueren, umstellte das Haus mit seinem Heer und -
+verbrannte sie alle fuenftausend, samt der Kirche."
+
+"Und der Vertrag?" rief Witichis.
+
+"Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen.
+"Der Vertrag," lachte der Hunne, "sei erfuellt: kein Tropfe Blutes sei
+vergossen. Ausbrennen muesse man die Goten aus Italien wie die Feldmaeuse
+und schlechtes Gewuerm." Und so sahen die Byzantiner zu, wie fuenftausend
+Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder - Koenig Witichis, hoerst du's?
+Kinder! - elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du - du
+sendest Friedensboten! Auf, Koenig Witichis," rief der Ergrimmte, das
+Schwert aus der Scheide reissend, "wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf
+zur Rache. Die Geister der Erwuergten ziehen vorauf: - Fuehr' uns zum Kampf!
+zur Rache fuehr' uns an!"
+
+"Fuehr' uns zum Kampf! zur Rache fuehr' uns an!" wiederhallte das Zelt vom
+Ruf der Goten.
+
+Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.
+
+"So soll's sein. Das Aeusserste geschah. Und unsere beste Ruestung ist unser
+Recht: jetzt auf, zum Kampf."
+
+Und er reichte seiner Koenigin die Pergamentrolle, die er in der Hand
+hielt, die ueber seinem Stuhl haengende Koenigsfahne, das blaue Bandum, zu
+ergreifen.
+
+"Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu
+Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: -
+doch zaget nicht. Ihr wisset: uebermuetige Zuversicht ist meine Sache nicht,
+doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg,
+ein grosser, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht
+auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!"
+
+"Nach Rom," wiederhallte das Zelt. "Nach Rom!"
+
+
+
+
+ Sechstes Kapitel.
+
+
+Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die
+Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung uebertragen.
+
+Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von
+keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner
+vorausgeschickten Streifscharen, die durch den Uebergang der Italier alles
+flache Land, auch alle Festen und Burgen und Staedte, bis nahe bei Ravenna,
+gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, dass der Feldzug bald
+beendigt und nur das Erdruecken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten
+Schlupfwinkel uebrig sei.
+
+Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Sueden der Halbinsel: Bruttien,
+Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die
+Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas
+und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die
+unter Fuehrung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des
+Massageten Aeschman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen.
+
+Bessas rueckte vor das sturmfeste Narnia: fuer die damaligen
+Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: - sie thront auf
+hohem Berge, dessen Fuss der tiefe Nar umspuelt. Die beiden einzigen
+Zugaenge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpass und die hohe,
+alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Bruecke. - Aber die roemische
+Bevoelkerung ueberwaeltigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag,
+und oeffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus
+erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der
+oestlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer
+Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod
+zweier byzantinischer Heerfuehrer, des Magister Militum fuer Illyrien,
+Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei
+Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, geraecht,
+Salona besetzt und durch ihre grosse Uebermacht die geringen gotischen
+Scharen zum Rueckzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien
+war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir
+sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die Aemilia.
+
+Die Friedensvorschlaege des Gotenkoenigs hielt Belisar daher fuer Zeichen der
+Schwaeche. Dass die Barbaren zum Angriff uebergehen koennten, fiel ihm nicht
+ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast
+des Praefekten zu heissen; im freien Felde musste sein Uebergewicht bald
+wieder hervortreten.
+
+Der Praefekt liess das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und
+folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugrosser
+Zuversicht.
+
+"Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren
+fuerchtest," hatte dieser stolz geantwortet.
+
+"Nein," erwiderte dieser. "Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes
+Schauspiel, man darf es nicht versaeumen." In der That, Cethegus haette eine
+Demuetigung des grossen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog,
+gern gesehen.
+
+Belisar hatte sein Heer aus den noerdlichen Thoren der Stadt gefuehrt und
+wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern
+und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluss von Italiern,
+die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das noetig. Auch Ambazuch, Bessas
+und Constantinus hatte er mit dem groessten Teil ihrer Truppen wieder in
+dies Lager herangezogen: sie liessen in den von ihnen gewonnenen Staedten
+nur kleine Besatzungen zurueck.
+
+Dunkle Geruechte von einem anrueckenden Gotenheer hatten sich in das Lager
+verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. "Sie wagen es
+nicht," hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. "Sie liegen in Ravenna
+und zittern vor Belisarius."
+
+Spaet in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er
+liess die Ampel brennen. "Ich kann nicht schlafen," sagte er -: "in den
+Lueften klirrt es wie Waffen und riecht's wie Blut. Die Goten kommen. Sie
+ruecken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab."
+
+Da rauschten seine Zeltvorhaenge zurueck und Syphax stuerzte atemlos an sein
+Lager.
+
+"Ich weiss es schon," sagte Cethegus aufspringend, "was du meldest: die
+Goten kommen." - "Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das
+salarische Thor. Ich hatte das beste Ross der Koenigin, aber dieser Totila,
+der den Vortrab fuehrt, jagt wie der Wind durch die Wueste. Und hier im
+Lager ahnt niemand etwas."
+
+"Der grosse Feldherr," laechelte Cethegus, "hat keine Vorposten
+ausgestellt." - "Er verliess sich ganz auf den festen Turm an der
+Aniusbruecke(1) aber ... -"
+
+"Nun? der Turm ist fest." - "Ja, aber die Besatzung, roemische Buerger aus
+Neapolis, ging zu den Goten ueber, als sie der junge Totila, der Fuehrer des
+Vortrabs, anrief. Die Leibwaechter Belisars, welche sich widersetzten,
+wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und
+die Bruecke ist in der Goten Hand."
+
+"Es wird huebsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?" -
+"Keine Ahnung, Herr: ich weiss es so genau wie Koenig Witichis selbst. Hier
+die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Koenigin."
+
+Cethegus sah ihn forschend an. "Geschehen Wunder, die Barbaren zu
+verderben?"
+
+"Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschoene Weib will ihres Volkes
+Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte."
+
+"Du irrst:" sagte Cethegus, "sie liebte ihn schon als Maedchen und kaufte
+seine Bueste."
+
+"Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbueste ward zerschlagen
+in der Brautnacht."
+
+"Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt."
+
+"Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles.
+Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und
+Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa
+alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich wuerde diese
+Sonnenkoenigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus waere."
+
+"Ich auch, wenn ich Syphax waere. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert!
+Ein listig, racheduerstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch,
+Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht
+deine Freiheit: - ich brauche dich noch."
+
+"Meine Freiheit ist - dir dienen. Eine Gunst: lass mich morgen neben dir
+fechten."
+
+"Nein, mein huebscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: -
+nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Naehe und
+Staerke. Lege mir die Ruestung an und gieb den Plan der salarischen Strasse
+dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Fuehrer meiner
+Isaurier, Sandil." Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den
+Plan. "Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Huegel herab. Wehe
+dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem
+wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns,
+suedoestlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen
+werden wir unfehlbar geworfen: die Bruecken werden nicht zu halten sein.
+Darauf eine Strecke flachen Landes - welch schoenes Feld fuer die gotischen
+Reiter, uns zu verfolgen! - Noch weiter rueckwaerts endlich ein dichter Wald
+und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... - Marcus,"
+rief er dem Eintretenden entgegen, "meine Scharen brechen auf. Wir ziehn
+hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich fraegt, dem sagst du: wir
+ziehn zurueck nach Rom."
+
+"Nach Hause? ohne Kampf?" fragte Marcus erstaunt, "du weisst doch: es steht
+der Kampf bevor?"
+
+"Ebendeswegen!" Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken.
+Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. "Weisst du's schon,
+Praefekt? fluechtendes Landvolk meldet, ein Haeuflein gotischer Reiter naht:
+die Tollkuehnen reiten in ihr Verderben: sie waehnen die Strasse frei bis
+Rom." Und er fuhr fort sich zu ruesten.
+
+"Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein
+furchtbares Heer von Barbaren," warnte Prokop.
+
+"Eitle Schrecken! Sie fuerchten sich, diese Goten. - Witichis wagt gar
+nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom,
+die Aniobruecke durch einen Turm geschuetzt: - Martinus hat ihn gebaut nach
+meinem Gedanken: - der allein haelt der Barbaren Fussvolk mehr als eine
+Woche auf - moegen auch ein paar Gaeule durch den Fluss geschwommen sein."
+
+"Du irrst, Belisarius! ich weiss es gewiss: das ganze Heer der Goten naht,"
+sprach Cethegus. - "So geh' nach Hause, wenn du es fuerchtest." - "Ich
+mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen
+das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: - ich ziehe mit
+deiner Gunst nach Rom zurueck."
+
+"Ich kenne dieses Fieber," sagte Belisar - "das heisst: - an andern. Es
+vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh
+ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier."
+
+Cethegus verneigte sich und ging. "Auf Wiedersehen," sprach er, "o
+Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern," sprach er im
+Lager laut zu Marcus. "Und meinen Byzantinern auch," setzte er leiser bei.
+
+"Aber Belisar hat ..." -
+
+"Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd." Waehrend er aufstieg, sprengte
+ein Zug roemischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anfuehrer vorauf.
+
+"Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach
+dem Fluss? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser hoechsten
+Gefahr?" Cethegus beugte sich vor. "Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte
+dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?"
+
+"Fluechtige Bauern sagen," sprach Calpurnius aengstlich, "es sei gewiss mehr
+als eine Streifschar. Es sei der Koenig der Barbaren, Witichis selbst, im
+raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer:
+Widerstand ist dann .. - Wahnsinn - Verderben. Ich folge dir, ich schliesse
+mich dir an."
+
+"Nein," sagte Cethegus herb, "du weisst, ich bin aberglaeubisch: ich reite
+nicht gern mit den Furien verfallnen Maennern. Dich wird die Strafe fuer
+deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit
+dir zu teilen."
+
+"Doch fluestern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmaehe manchmal einen
+bequemen Mord nicht," sprach Calpurnius grimmig.
+
+"Calpurnius ist nicht Cethegus," sprach der Praefekt, stolz davon
+sprengend. "Gruesse mir einstweilen den Hades!" rief er.
+
+
+
+
+ Siebentes Kapitel.
+
+
+"Verfluchtes Omen!" knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar:
+"Befiehl den Rueckzug, rasch, Magister Militum." - "Warum, Vortrefflicher?"
+- "Es ist der Gotenkoenig selbst." "Und ich bin Belisar selbst," sagte
+dieser, den prachtvollen Helm mit dem weissen Rossschweif aufsetzend. "Wie
+konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?" - "Herr, um dir das
+zu melden." - "Das konnte wohl kein Bote? Hoere, Roemer, ihr seid nicht
+wert, dass man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurueck
+mit dir ins Vordertreffen.
+
+Du fuehrst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwaechter Antallas
+und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _muss_ tapfer sein, hoert ihr?
+Weicht er, - nieder mit ihm. So lehrt man Roemer Mut.
+
+Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde
+geht die Sonne auf. Sie muss unser ganzes Heer auf jenen Huegeln finden.
+
+Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht
+auf, dem Feind entgegen."
+
+"Feldherr, es ist wie sie sagen," meldete Maxentius, der treueste der
+Leibwaechter, "zahllose Goten ruecken an."
+
+"Sie sind zwei Heere gegen uns," meldete Salomo, Belisars
+Hypaspisten-Fuehrer.
+
+"Ich rechne Belisar ein ganzes Heer."
+
+"Und der Schlachtplan?" fragte Bessas.
+
+"Im Angesicht des Feindes entwerf' ich ihn, waehrend des Calpurnius Reiter
+ihn aufhalten. Vorwaerts, gebt die Zeichen, fuehrt Phalion vor." Und er
+schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerfuehrer, die
+Hypaspisten, Praetorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle
+gebend, verteilend, empfangend.
+
+In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Huegel. Man nahm
+sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der ploetzliche Aufbruch
+brachte vielfache Verwirrung. Fussvolk und Reiter gerieten in der dunkeln,
+mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Uebermacht der
+vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet.
+
+Es waren nur zwei nicht sehr breite Strassen, die gegen die Huegel fuehrten:
+so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel spaeter als Belisar gerechnet,
+langte das Heer im Angesicht der Huegel an: und als die ersten
+Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab fuehrte,
+von allen Hoehen gotische Waffen blitzen.
+
+Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius
+Halt und sandte Belisar Nachricht.
+
+Dieser sah ein, dass Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stuermen
+koenne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen
+Fussvolks ab, um auf der breitern Strasse zu stuermen. Den linken und den
+rechten Fluegel fuehrten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im
+Mitteltreffen seine Leibwachen als Rueckhalt heran. Calpurnius, froh des
+Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der
+Huegel, links seitab der Strasse, von wo kein Angriff zu befuerchten schien,
+den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden
+Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen.
+
+Oben auf den Hoehen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in
+Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich
+Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: - sein
+beiltragendes Fussvolk war noch weit zurueck: - er hatte sich ausgebeten,
+ohne Befehlfuehrung, ueberall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen.
+Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der Koenig mit der
+Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden
+noch erwartet.
+
+Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurueckgeflogen.
+
+"Koenig," sagte er, "unter jenen Huegeln steht Belisar.
+
+Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt,
+vorzuruecken. Dulde nicht die Schmach, dass er uns zuvorkoemmt im Angriff."
+
+"Vorwaerts!" rief Koenig Witichis, "gotische Maenner vor!" In wenigen Minuten
+hatte er den Rand der Huegel erreicht und uebersah das Thalgefild vor ihm.
+"Hildebad - den linken Fluegel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier
+im Mitteltreffen, die Strasse herunter, vor. Ich halte rechts seitab der
+Strasse, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken."
+
+"Das wird's nicht brauchen," sagte Totila, sein Schwert ziehend. "Ich
+buerge dir, sie halten meinen Ritt diesen Huegel herab nicht auf."
+
+"Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurueck," fuhr der Koenig fort, "nehmen
+das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glaenzt: was
+uebrig ist, koennen eure Reiter, Totila und Teja, ueber die Ebene jagen bis
+Rom."
+
+"Ja, wenn wir erst den Pass gewonnen haben, dort in den Waldhuegeln, hinter
+dem Fluss," sagte Teja mit dem Schwert hinueberdeutend.
+
+"Er ist noch unbesetzt, scheint's: ihr muesst ihn mit den Fluechtigen
+zugleich erreichen."
+
+Da ritt der Bannertraeger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des
+Heeres, an den Koenig heran. "Herr Koenig, ihr habt mir eine Bitte zu
+erfuellen zugesagt." - "Ja, weil du bei Salona den Magister Militum fuer
+Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Ross gestochen."
+
+"Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich moechte denselben
+Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur fuer heute, das Banner ab und
+lass mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Ross, der Rotscheck Phalion
+oder Balian, wird so sehr geruehmt: und mein Hengst wird steif. Und du
+kennst das alte gotische Reiterrecht: "wirf den Reiter und nimm sein
+Ross"."
+
+"Gut gotisch Recht!" raunte der alte Hildebrand.
+
+"Ich muss die Bitte gewaehren," sprach Witichis, das Banner aus der Hand
+Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. "Guntharis ist nicht zur
+Stelle, so trage du es heute, Totila."
+
+"Herr Koenig," entgegnete dieser, "ich kann's nicht tragen, wenn ich meinen
+Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll." Witichis winkte Teja.
+
+"Vergieb," sagte dieser: "heut' denk' ich beide Arme sehr zu brauchen." -
+"Nun, Hildebad." - "Danke fuer die Ehre: ich hab's nicht schlechter vor als
+die andern!" "Wie," sagte Witichis, fast zuernend, "muss ich mein eigner
+Bannertraeger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?"
+
+"So gieb mir die Fahne Theoderichs," sprach der alte Hildebrand, den
+maechtigen Schaft ergreifend. "Mich luestet weitern Kampfes nicht so sehr.
+Aber mich freut's, wie die Jungen nach Ruhme duersten. Gieb mir das Banner,
+ich will's heute wahren wie vor vierzig Sommern." Und er ritt sofort an
+des Koenigs rechte Seite.
+
+"Der Feinde Fussvolk rueckt den Berg hinan," sprach Witichis, sich im Sattel
+hebend. "Es sind Hunnen und Armenier," sagte Teja, mit seinem Falkenauge
+spaehend, "ich erkenne die hohen Schilde!" Und den Rappen vorwaerts spornend
+rief er: "Ambazuch fuehrte sie, der eidbruechige Brandmoerder von Petra."
+
+"Vorwaerts, Totila," sprach der Koenig, "und aus diesen Scharen - - keine
+Gefangnen."
+
+Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Muendung der
+aufsteigenden Strasse auf der Hoehe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick
+musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam
+bergauf rueckten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu
+Stoss und Wurf.
+
+"Sie duerfen nicht zum Werfen kommen," rief er seinen Reitern zu. Er liess
+sie die leichten Schilde auf den Ruecken binden und befahl, im Augenblick
+des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie ueblich, in der Rechten, in der
+Linken, der Zuegelhand, zu fuehren, den Zuegel einfach um das Handgelenk
+geschlungen und ueber die Maehne weg die Lanze aus der rechten in die linke
+Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht
+gedeckte Seite der Feinde. "Sowie der Stoss angeprallt - sie werden ihm
+nicht stehen! - werft die Lanze im Armriem zurueck, zieht das Schwert und
+haut nieder, was noch steht."
+
+Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links ueberfluegelnd,
+auf beiden Seiten neben der Strasse auf.
+
+Er selbst fuehrte den Keil auf der Strasse. Er beschloss, den Feind die
+Haelfte des Huegels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen
+beide Heere dem Zusammenstoss entgegen.
+
+Ruhig rueckte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwaerts.
+
+"Lasst sie nur dicht heran, Leute," sagte er, "bis ihr das Schnauben der
+Rosse im Gesicht spuert. Dann, - und nicht eher, - werft: und zielt mir
+tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab' ich noch
+alle Reiter geschlagen."
+
+Aber es kam anders.
+
+Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine
+donnernde Lawine vom Berg herab ueber die erschrocknen Feinde einzubrechen.
+Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, droehnende
+Masse heran: und eh' die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die
+Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der
+schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als
+waeren sie nie gestanden.
+
+Blitzschnell war das geschehen: und waehrend noch Ambazuch seiner zweiten
+Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die
+Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe ueberritten, die
+dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch
+Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu
+kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog
+zurueck und rief seinen wankenden Scharen Mut zu.
+
+Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er
+stuerzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten
+entgegen. "Nimm Loesegeld," rief er, "ich bin dein."
+
+Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief
+Tejas Stimme: "Denk' an Burg Petra."
+
+Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die
+letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreissend, entsetzt auseinander, -
+das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten
+Koenig Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn.
+
+"Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns
+stehen, gegen Totila," sagte der Koenig zu dem alten Bannertraeger. "Totila
+wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die
+Strasse hinunter, ihm zu Hilfe."
+
+"Ah," rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und ueber den Felsrand
+spaehend, "wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwaechtern
+Belisars?"
+
+Witichis beugte sich vor. "Calpurnius!" rief er mit gellendem Schrei.
+
+Und siehe, urploetzlich sprengte der Koenig, keinen Pfad suchend, gerade wo
+er stand, hinab die Felshoehe auf den Verhassten. Die Furcht, er moechte ihm
+entrinnen, liess ihn alles vergessen. Und als haette er Fluegel, als haette
+der Gott der Rache ihn herabgefuehrt ueber Gebuesch und spitze Felsspalten
+und Schroffen und Graeben sauste der Koenig hinunter.
+
+Einen Augenblick fasste den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt
+hatte er noch nie geschaut. Aber im naechsten Moment schwang er die blaue
+Fahne und rief: "Nach! nach eurem Koenig!" Und das berittene Gefolge voran,
+das Fussvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach
+das Mitteltreffen der Goten ploetzlich steil von oben auf die hunnischen
+Reiter.
+
+Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an
+sein Ohr schluege. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts.
+
+Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der
+maurische Leibwaechter zur Rechten fiel ihm in den Zuegel: "Halt, Tribun!"
+sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend - "_dort_ ist der Feind!" Ein
+Schmerzenschrei riss ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stuerzte
+der zweite der Leibwaechter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend
+vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der ploetzlich wie vom Himmel
+gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und
+wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die
+Reiter waren von diesem ploetzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke
+umfasst, waehrend sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern
+Totilas zusammenstiessen.
+
+Calpurnius erkannte den Goten. "Witichis!" rief er entsetzt, und liess den
+Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden
+durch den Fall des hunnischen Leibwaechters zur Linken, setzte es in wilden
+Spruengen davon.
+
+Der maurische Leibwaechter zu seiner Rechten warf sich wuetend auf den Koenig
+der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. "Nieder,
+Tollkuehner!" schrie er. Aber im naechsten Augenblick hatte ihn das Schwert
+des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen
+schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm
+Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die,
+entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben.
+
+Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz
+hinter den staerksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor
+ihn nicht aus dem Auge und liess nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter
+seinen Reitern barg, wie rasch er floh, - er entging nicht dem Blicke des
+Koenigs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Moerder seines
+Sohnes draengte.
+
+Knaeuel auf Knaeuel, Gruppe auf Gruppe loeste sich vor dem furchtbaren
+Schwert des raechenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt
+von dem Fluechtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder
+zu schliessen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte
+Bannertraeger mit Reitern und Fussvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in
+zwei Teile gespalten.
+
+Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Fluechtlinge zu verfolgen. Der
+Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte
+genommen und vernichtet.
+
+Der groessere Teil zur Linken floh zurueck auf Belisar.
+
+Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, ueber das Schlachtfeld.
+Er hatte einen grossen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte
+Bahn hauen muessen. Aber ein Daemon schien Boreas, des Goten Ross, zu
+treiben: naeher und naeher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Fluechtling
+den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da
+brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis
+vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stiess ihm, ohne ein Wort, mit
+dem Fuss das Schwert hin, das ihm entfallen. Da fasste sich Calpurnius mit
+dem Mut der Verzweiflung.
+
+Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten.
+Aber mitten im Sprung stuerzte er ruecklings nieder.
+
+Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der Koenig setzte den
+Fuss auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann
+seufzte er tief auf: "Jetzt hab' ich die Rache. O haett' ich mein Kind."
+
+Mit Ingrimm hatte Belisar die so unguenstige Eroeffnung des Kampfes mit
+angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verliess ihn nicht, als er
+Ambazuchs und Bessas' Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter
+durchbrochen und geworfen sah.
+
+Er erkannte jetzt die Uebermacht und Ueberlegenheit des Feindes. Allein er
+beschloss, auf der ganzen Linie vorzuruecken, eine Luecke lassend, um den
+Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen.
+
+Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und draengten, Witichis voran,
+Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend,
+den Fluechtlingen jetzt so ungestuem nach, dass sie mit ihnen zugleich die
+Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten.
+
+Das durfte nicht sein. Belisar fuellte diese Luecke selbst durch seine
+Leibwache zu Fuss und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und
+zu wenden.
+
+Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Fuehrers sie alle
+ergriffen haette. Sie scheuten das Schwert des Gotenkoenigs hinter sich mehr
+als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten
+sie, als wollten sie ihr eignes Fussvolk niederreiten, im vollen Galopp
+heran.
+
+Einen Augenblick ein furchtbarer Stoss: - ein tausendstimmiger Schrei der
+Angst und Wut: - ein wirrer Knaeuel von Reitern und Fussvolk minutenlang: -
+darunter einhauende Goten: - und ploetzlich ein Auseinanderstieben nach
+allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. -
+
+Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie
+durchbrochen. - Er befahl den Rueckzug ins Lager.
+
+Aber es war kein Rueckzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis
+und Tejas Fussvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die
+Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am
+Widerstand und mit grosser Unordnung eilten sie nach dem Lager zurueck.
+Gleichwohl haetten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern
+erreicht, haette nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt.
+
+So siegesgewiss war Belisar ausgezogen, dass er das ganze Fuhrwerk, die
+Wagen und das Gepaeck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm
+nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen
+Strassen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen
+und schwer zu entfernenden Koerper stiessen nun ueberall die weichenden
+Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein.
+
+Soldaten und Trossknechte wurden handgemein: die Reihen loesten sich
+zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust
+und sie fingen an, das Gepaeck zu pluendern, ehe es in die Haende der
+Barbaren falle. Ueberall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen
+das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Bloeken und
+Bruellen der erschrocknen Herden.
+
+"Gebt den Tross Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die
+Herden!" befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter
+Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer
+unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knaeuel: - nichts schien ihn mehr
+loesen zu koennen.
+
+Da zerriss ihn die Verzweiflung.
+
+Der Schrei, "die Barbaren ueber uns!" erscholl aus den hintersten Reihen.
+Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fussvolk war jetzt in die
+Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen
+Knaeuel.
+
+Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger
+Schrei der Angst - der Wut - des Schmerzes der Angegriffenen, der
+Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht
+konnten: - der Zertretenen und Zerdrueckten - und ploetzlich stuerzte der
+groesste Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die
+darauf und dazwischen zusammengedraengt waren, mit donnerndem Krachen in
+die Graeben links und rechts neben der Hochstrasse.
+
+So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoss sich der Strom
+der Fluechtigen nach dem Lager. -
+
+Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fussvolk, ohne Muehe mit den
+Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewuehl
+seine Ziele treffend, waehrend Belisar mit Muehe die unaufhoerlichen Angriffe
+der Reiter Totilas und des Koenigs abwehrte. "Hilf, Belisar," rief Aigan,
+der Fuehrer der massagetischen Soeldner, aus dem eben gesprengten Knaeuel
+heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: "meine Landsleute haben
+heut' den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht.
+Hilf: dich fuerchten sie sonst mehr als den Teufel!"
+
+Mit Knirschen sah Belisar hinueber nach seinem rechten Fluegel, der
+aufgeloest ueber das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt.
+
+"O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfuell' ich schlecht mein Wort!"
+
+Und die weitere Deckung des Rueckzugs ins Lager dem erprobten Demetrius
+ueberlassend, - denn das huegelige Terrain, das jetzt erreicht war,
+schwaechte die Kraft der verfolgenden Reiter - sprengte er mit Aigan und
+seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Fluechtenden.
+
+"Halt!" donnerte er ihnen zu, "halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo
+Belisar streitet?
+
+Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!"
+
+Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestaetische,
+das loewengewaltige Antlitz.
+
+Und so maechtig war die Macht dieser Heldenpersoenlichkeit, so gross das
+Vertrauen auf sein sieghaftes Glueck, dass in der That alle, welche die hohe
+Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten,
+und mit einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder
+entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende.
+
+Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. "Heia,
+das ist fein, dass ihr einmal des Laufens muede seid, ihr flinken
+Griechlein. Ich konnt' euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen
+seid ihr uns ueberlegen. Lasst sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht
+ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist's mit dem?"
+
+"Herr, das muss ein Koenig sein unter den Welschen, kaum kann man sein
+zornig Auge tragen."
+
+"Das waere! Ah - das muss Belisarius sein! Freut mich," schrie er ihm
+hinueber, "dass wir uns treffen, du kuehner Held. Nun spring vom Ross und lass
+uns die Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn.
+Sieh, auch ich bin ja zu Fuss. Du willst nicht?" rief er zornig. "Muss man
+dich vom Gaule holen?" Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den
+ungeheuren Speer.
+
+"Wende, Herr, weich' aus," rief Aigan, "der Riese wirft ja junge
+Mastbaeume." "Wende, Herr," wiederholten seine Hypaspisten aengstlich.
+
+Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezueckt, ruhig dem Goten um eine
+Pferdelaenge naeher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad gegen
+Belisars Brust.
+
+Aber grad', ehe er traf, - ein kraeftiger Hieb von Belisars kurzem
+Roemerschwert und drei Schritte seitwaerts fiel der Speer harmlos nieder.
+
+"Heil Belisarius! Heil," schrieen die Byzantiner ermutigt und drangen auf
+die Goten ein.
+
+"Ein guter Hieb," lachte Hildebad grimmig. "Lass sehen, ob dir deine
+Fechtkunst auch gegen den hilft." Und sich bueckend hob er aus dem
+Ackerfeld einen alten zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst
+langsam hin und her, hob ihn dann ueber den Kopf mit beiden Haenden und
+schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden Helden -: ein
+Schrei des Gefolges: - ruecklings stuerzte Belisar vom Pferd. -
+
+Da war es aus.
+
+"Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!" schrieen sie, als die
+hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager
+zu. Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Thore Roms.
+
+Umsonst war's, dass sich die Lanzen- und Schildtraeger todesmutig den Goten
+entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr
+retten.
+
+Den ersten toedlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestuermt war, fing
+der treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein
+gotischer Reiter endlich vom Ross, der erst nach Hildebad Belisar erreicht
+und sieben Leibwaechter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum
+durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb
+am Leben. Und er war einer der wenigen, welche den ganzen Krieg
+durchkaempften und ueberlebten -, Wisand, der Bandalarius.
+
+Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Rosswart), wieder auf
+den Rotschecken gehoben und rasch von der Betaeubung erholt, erhob umsonst
+den Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hoerten nicht mehr und wollten
+nicht hoeren. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Fluechtigen: er
+wurde fortgerissen von ihren Wogen bis ans Lager.
+
+Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, die nachdringenden
+Goten aufzuhalten. "Die Ehre ist hin," sagte er unwillig, "lasst uns das
+Leben wahren." Mit diesen Worten liess er die Lagerthore schliessen, ohne
+Ruecksicht auf die grossen Massen der noch Ausgeschlossenen.
+
+Ein Versuch des ungestuemen Hildebad, ohne weiteres einzudringen,
+scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und
+den Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt kuehlte er
+sich einen Augenblick von der Hitze.
+
+Da bog Teja, der laengst, wie der Koenig und Totila, abgesessen, pruefend und
+das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls.
+
+"Die verfluchte Holzburg," rief ihm Hildebad entgegen. "Da hilft nicht
+Stein, nicht Eisen."
+
+"Nein," sagte Teja, "aber Feuer!" Er stiess mit dem Fuss in einen
+Aschenhaufen, der neben ihm lag. "Das sind die Wachtfeuer, samt dem
+Reisig, von heute Nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Maenner,
+steckt die Schwerter ein, entzuendet das Reisig! werft Feuer in das Lager!"
+
+"Prachtjunge," jubelte Hildebad, "flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie
+den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft." Rasch waren die
+Wachtfeuer wieder entfacht, Hunderte von Braenden flogen in das trockne
+Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel.
+Der dichte Qualm, vom Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins
+Gesicht und machte die Verteidigung der Waelle unmoeglich. Sie wichen in das
+Innere des Lagers.
+
+"Wer jetzt sterben duerfte!" seufzte Belisar. - "Raeumt das Lager! Hinaus
+zur Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Bruecken hinter
+uns!"
+
+Aber der Befehl, das Lager zu raeumen, zerriss das letzte Band der Zucht,
+der Ordnung und des Mutes. Waehrend unter Tejas droehnenden Axthieben die
+verkohlten Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm
+der schwarze Held, wie ein Feuerdaemon, der erste, durch das praetorische
+Thor ins Lager sprang, rissen die Fluechtenden alle Thore, auch die
+seitwaerts aus dem Lager nach Rom zu fuehrten, die Portae prinzipales rechts
+und links, auf einmal auf und stroemten in wirren Massen nach dem Fluss. Die
+ersten erreichten noch sicher und unverfolgt die beiden Bruecken; sie
+hatten grossen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden
+Lager herausgedraengt.
+
+Aber ploetzlich - neues Entsetzen! - schmetterten die gotischen
+Reiterhoerner ganz nahe.
+
+Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wussten,
+sogleich wieder zu Pferd geworfen und fuehrten nun ihre Reiter von beiden
+Seiten, links und rechts vom Lager her, den Fluechtenden in die Flanken.
+
+Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor gesprengt und eilte nach
+der einen Bruecke zu, als er von links und rechts die verderblichen
+Reitermassen heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann
+die Fassung nicht. "Vorwaerts im Galopp an die Bruecken!" befahl er seinen
+Saracenen, "deckt sie!" -
+
+Es war zu spaet: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, - die beiden
+schmalen Bruecken waren unter der Last der Fluechtenden eingebrochen und zu
+Hunderten stuerzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzentraeger,
+Justinians Stolz, in das sumpfige Gewaesser.
+
+Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd
+in die schaeumende und blutig gefaerbte Flut. Schwimmend erreichte er das
+andere Ufer. "Salomo, Dagisthaeos," sagte er, sowie er drueben gelandet, zu
+seinen raschesten Praetorianern, "auf, nehmt hundert aus meinen
+Reiterwachen und jagt was ihr koennt nach dem Engpass. Ueberreitet alle
+Fluechtigen. Ihr muesst ihn vor den Goten erreichen, hoert ihr? _ihr muesst!_ Er
+ist unser letzter Strohhalm."
+
+Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon.
+
+Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die
+Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluss eine Weile aufgehalten. Aber
+ploetzlich rief Aigan: "Da sprengt Salomo zurueck!" "Herr," rief dieser
+heranjagend: "alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpass. Er ist schon
+besetzt von den Goten."
+
+Da, zum erstenmale an diesem Tage des Ungluecks, zuckte Belisar zusammen.
+"Der Engpass verloren? - Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers.
+Dann fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh' das Schwert,
+- lass mich nicht lebend fallen in Barbarenhand."
+
+"Herr," sagte Aigan, "so hoert' ich euch nie reden."
+
+"So war's auch noch nie. Lass uns absteigen und sterben." Und schon hob er
+den rechten Fuss aus dem Buegel, vom Ross zu springen, da sprengte Dagisthaeos
+heran -: "Getrost, mein Feldherr!" - "Nun?" - "Der Engpass ist unser -
+roemische Waffen sind's, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Praefekt!
+Er hielt ihn geheim besetzt."
+
+"Cethegus?" rief Belisar. "Ist's moeglich? Ist's gewiss?"
+
+"Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit." Das war es. Denn
+eine Schar gotischer Reiter, von Koenig Witichis gesendet, den Fluechtenden
+am Engpass vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluss durchschritten,
+den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den
+verhaengnisvollen Pass erreicht. Aber eben als sie dort einmuenden wollten,
+brach Cethegus an der Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht
+hervor und warf die ueberraschten Goten nach kurzem Gefecht in die
+Flucht. -
+
+"Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag!" rief Belisar. "Auf,
+nach dem Engpass!" Und mit besserer Ordnung und Ruhe fuehrte der Feldherr
+seine gesammelten Scharen an die Waldhuegel.
+
+"Willkommen in Sicherheit, Belisarius," rief ihm Cethegus zu, seine
+Schwertklinge saeubernd. "Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich
+wusste wohl, dass du mir kommen wuerdest."
+
+"Praefekt von Rom," sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand
+reichend: "du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich
+danke dir."
+
+Die frischen Truppen des Praefekten hielten, eine undurchdringliche Mauer,
+den Pass besetzt, die zerstreut heranfluechtenden Byzantiner durchlassend
+und Angriffe der ersten ermuedeten Verfolger, die ueber den Fluss gedrungen,
+- sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich - in der guenstigen
+Stellung ohne Muehe abwehrend.
+
+Vor Einbruch der Dunkelheit nahm Koenig Witichis seine Scharen zurueck, auf
+dem Schlachtfeld ihres Sieges zu uebernachten, waehrend Belisar mit seinen
+Feldherren einstweilen im Ruecken des Passes, so gut es gehen wollte, die
+aufgeloesten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen,
+ordneten. Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er
+zu Cethegus heran und sprach: "Was meinst du, Praefekt von Rom? Deine
+Truppen sind noch frisch. Und die Unsern muessen ihre Scharte auswetzen.
+Lass uns hervorbrechen nocheinmal - die Sonne geht noch nicht gleich unter
+- und das Los des Tages wenden."
+
+Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: "Wahrlich,
+ein schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersaettlicher!
+So schwer ertraegst du's, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein,
+Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin fuehre deine todesmatten
+Voelker. Ich halte diesen Pass, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will
+ich sein, wenn mir das gelingt."
+
+Und so war's geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umstaenden
+weniger als je den Praefekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er
+nach und fuehrte sein Heer nach Rom zurueck, das er mit dem Einbruch der
+Nacht erreichte.
+
+Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten
+erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der
+Schlacht in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles
+verloren. Endlich erkannte ihn Antonina, die aengstlich auf den Waellen
+seiner harrte. Durch das pincianische Thor liess man ihn ein; es hiess
+seitdem Porta belisaria.
+
+Feuerzeichen auf den Waellen zwischen dem flaminischen und dem
+pincianischen Thor verkuendeten die Erreichung Roms dem Praefekten, der nun,
+in guter Ordnung und von den ermuedeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze
+der Nacht seinen Rueckzug bewerkstelligte.
+
+Nur Teja draengte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Huegelland, wo
+heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa.
+
+
+
+
+ Achtes Kapitel.
+
+
+Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen
+Stadt, die es in sieben Lagern umschloss.
+
+Und nun begann jene denkwuerdige Belagerung, die nicht minder das
+Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer
+entfalten sollte.
+
+Mit Schrecken hatten die Buerger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen,
+wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. "Sieh hin, o Praefekt, sie
+ueberfluegeln alle deine Mauern." - "Ja! in die Breite! lass sehen, ob sie
+sie in der Hoehe ueberfluegeln. Ohne Fluegel kommen sie nicht herueber."
+
+Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurueckgelassen, acht
+hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach
+Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu
+entreissen und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; durch Soeldner,
+in Savien geworben, sollten sie sich verstaerken.
+
+Auch die gotische Flotte sollte - gegen Tejas Rat! - dort, nicht gegen den
+Hafen von Rom, Portus, wirken.
+
+Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Waelle, die
+Mauern Aurelians und des Praefekten, umguertete nun der Koenig mit
+einhundertundfuenfzig Tausendschaften.
+
+Rom hatte damals fuenfzehn Hauptthore und einige kleinere.
+
+Von diesen umschlossen die Goten den schwaecheren Teil der Umwallung, den
+Raum, der von dem flaminischen Thor im Norden (oestlich von der jetzigen
+Porta del Popolo) bis zum praenestinischen Thor reicht, vollstaendig mit
+sechs Heerlagern; naemlich die Waelle vom flaminischen Thor gegen Osten bis
+ans pincianische und salarische, dann bis an das nomentanische Thor
+(suedoestlich von Porta pia), ferner bis gegen das "geschlossene Thor", die
+Porta clausa, endlich suedlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta
+San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische (an der Via
+latina), das appische (an der Via appia) und das Sankt Pauls-Thor, das
+zunaechst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren auf dem linken
+Ufer des Flusses.
+
+Um aber zu verhueten, dass die Belagerten durch Zerstoerung der milvischen
+Bruecke den Angreifern den Uebergang ueber den Fluss und das ganze Gebiet auf
+dem rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein
+siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: "auf dem Felde Neros," vom
+vatikanischen Huegel bis gegen die milvische Bruecke hin (unter dem "Monte
+Mario"). So war die milvische Bruecke durch ein Gotenlager gedeckt und die
+Bruecke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der Stadt durch die "Porta
+Sancti Petri", wie man damals schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor
+Aurelians nannte. Es war das naechste an dem Grabmal Hadrians. Aber auch
+das Thor von Sankt Pankratius rechts des Tibers war von den Goten scharf
+beobachtet.
+
+Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen
+dem pankratischen und dem Petrus-Thor, ueberwies Witichis dem Grafen Markja
+von Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der
+Franken zurueckgerufen worden war. Aber der Koenig selbst weilte oft hier,
+das Grabmal Hadrians mit scharfen Blicken pruefend.
+
+Er hatte kein einzelnes Lager uebernommen, sich die Gesamtleitung
+vorbehaltend, vielmehr die sechs uebrigen an Hildebrand, Totila, Hildebad,
+Teja, Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager liess der Koenig
+mit einem tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem
+hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhaeufen und diesen mit Pfahlwerk
+verstaerken, - sich gegen Ausfaelle zu sichern.
+
+Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften
+nach den Thoren und Regionen Roms. Belisar uebertrug das praenestinische
+Thor im Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte
+flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefaehrlicher Naehe
+lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, aus roemischen Tempeln und
+Palaesten gebrochen, fast ganz zubauen liess.
+
+Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war
+unter den ihm von Cethegus eingeraeumten Teilen der Festung Rom der
+schwaechste.
+
+Den Westen und Sueden hielt eifersuechtig, unentfernbar und unentbehrlich,
+der Praefekt.
+
+Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem
+pincianischen - oder nun "belisarischen" - Thor, dem schwaechsten Teil der
+Umwallung, liess er sich nieder, zugleich Ausfaelle gegen die Barbaren
+planend. Die uebrigen Thore ueberwies er den Fuehrern des Fussvolks Peranius,
+Magnus, Ennes, Artabanes, Azarethas und Chilbudius.
+
+Der Praefekt hatte uebernommen alle Thore auf dem rechten Tiberufer, die
+neue Porta aurelia an der aelischen Bruecke bei dem Grabmal Hadrians, die
+Porta septimiana, das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hiess,
+und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Thor Sankt
+Pauls. Erst das naechste Thor weiter oestlich, das ardeatinische, stand
+unter byzantinischer Besatzung: Chilbudius befehligte hier.
+
+Gleich unermuedlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und
+die Belagerten in Plaenen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit
+handelte es sich nur um Massregeln, welche die Bedraengung der Roemer ohne
+Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten.
+
+Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten
+auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen
+ab, welche die Stadt speisten. Belisar liess vor allem, als er dies
+wahrnahm, die Muendungen innerhalb der Stadt verschuetten und vermauern.
+"Denn," hatte ihm Prokop gesagt, "nachdem du, o grosser Held Belisarius,
+durch eine solche Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, koennte
+es den Barbaren einfallen, - und kaum schimpflich scheinen, - auf dem
+gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu krabbeln."
+
+Den Genuss des geliebten Bades mussten die Belagerten entbehren: kaum
+reichten die Brunnen in den vom Fluss entlegenen Stadtteilen fuer das
+Trinkwasser aus.
+
+Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Roemern auch
+das Brot abgeschnitten. - Wenigstens schien es so. Denn die saemtlichen
+Wassermuehlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das
+Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms
+zwangsweise hatte in die Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der
+Paechter und Colonen, dieses Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden.
+
+"Lasst die Muehlen durch Esel und Rinder drehen!" rief Belisar. "Die meisten
+Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius," sprach Prokop,
+"sich nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als
+wir brauchen, sie zu schlachten. Sie koennen unmoeglich erst Muehlen drehen
+und dann noch Fleisch genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen."
+
+"So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte
+zaehlend, zugleich einen Gedanken gehabt ... -"
+
+"Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Moegliche uebersetzen muss.
+Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen."
+
+Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch
+zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmuehle herstellten, welche
+die Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: "Das Brot der
+Schiffsmuehle wird laenger die Menschen erfreu'n, als deine groessten Thaten.
+Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach - Unsterblichkeit." Und wirklich
+ersetzten die von Belisar erdachten, von Martinus ausgefuehrten
+Schiffsmuehlen den Belagerten waehrend der ganzen Dauer der Einschliessung
+die gelaehmten Wassermuehlen.
+
+Hinter der Bruecke naemlich, die jetzt Ponte San Sisto heisst, auf der
+Senkung des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und
+legte Muehlen ueber deren flaches Deck, so dass die Muehlenraeder durch den
+Fluss, der aus dem Brueckenbogen mit verstaerkter Gewalt hervorstroemte, von
+selbst getrieben wurden.
+
+Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen
+Ueberlaeufer schilderten, zu zerstoeren. Balken, Holzfloesse, Baeume warfen sie
+oberhalb der Bruecke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluss
+und zertruemmerten so in Einer Nacht wirklich alle Muehlen. Aber Belisar
+liess sie wieder herstellen und nun oberhalb der Bruecke starke Ketten
+gerade ueber den Fluss ziehen und so auffangen, was, die Muehlen bedrohend,
+herabtrieb.
+
+Nicht nur seine Muehlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie
+sollten auch verhindern, dass die Goten auf Kaehnen und Floessen den Fluss
+herab und, ohne die Bruecke, in die Stadt draengen.
+
+Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm.
+
+Er liess hoelzerne Tuerme bauen, hoeher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf
+vier Raedern von Rindern gezogen werden sollten. Dann liess er Sturmleitern
+in grosser Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher,
+die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzaehligen Buendeln
+von Reisig und Schilf sollten die tiefen Graeben ausgefuellt werden.
+
+Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser
+im Westen und Sueden die Verteidigung der Stadt ueberwachend, Ballisten und
+Wurfbogen auf die Waelle, die auf grosse Entfernung balkenaehnliche
+Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, dass sie einen gepanzerten
+Mann voellig durchbohrten. Die Thore schuetzten sie durch "Woelfe", d. h.
+Querbalken, mit eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer
+niederschmettern liess, wann sie dicht bis an das Thor gelangt waren. Und
+endlich streuten sie zahlreiche Fussangeln und Stachelkugeln auf den
+Vorraum zwischen den Graeben der Stadt und dem Lager der Barbaren.
+
+
+
+
+ Neuntes Kapitel.
+
+
+Trotz alledem, sagten die Roemer, haetten laengst die Goten die Mauern
+erstiegen, waere nicht des Praefekten Egeria gewesen.
+
+Denn es war merkwuerdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten -:
+Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So
+oft Teja oder Hildebad in kuehnem Handstreich ein Thor zu ueberrumpeln, eine
+Schanze wegzunehmen gedachten: - Cethegus sagte es vorher, und die
+Angreifer stiessen auf das Zweifache der gewoehnlichen Besatzung der Punkte.
+So oft in naechtigem Ueberfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte:
+- Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde
+Brander und Feuerkaehne entgegen.
+
+So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, dass
+sie, trotz unablaessiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei
+Fortschritte gemacht.
+
+Lange trugen sie diese Unfaelle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer
+Plaene, mit ungebeugtem Mut. Aber allmaehlich bemaechtigte sich nicht bloss
+der grossen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln
+fuehlbar zu werden begann, - auch des Koenigs klarer Sinn wurde von trueber
+Schwermut verduestert, als er all' seine Kraft, all' seine Ausdauer, all'
+seine Kriegskunst wie von einem boesen Daemon vereitelt sah. Und kam er von
+einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglueckten Sturm, matt
+und gebeugt, in sein Koenigszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner
+schweigsamen Koenigin mit einem ihm unverstaendlichen, aber grauenvoll
+unheimlichen Ausdruck auf ihm, dass er sich schaudernd abwandte.
+
+"Es ist nicht anders," sagte er finster zu Teja, "es ist gekommen, wie ich
+vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glueck von mir gewichen, wie die
+Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als laege ein Fluch auf meiner Krone. Und
+diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie
+mein lebendiges Unglueck."
+
+"Du koenntest Recht haben," sprach Teja. "Vielleicht loes' ich diesen
+Zauberbann. Gieb mir Urlaub fuer heut' Nacht."
+
+Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom
+Johannes, der Blutige, von Belisar Urlaub fuer diese Nacht. Belisar schlug
+es ab. "Jetzt ist nicht Zeit zu naechtlichen Vergnuegen," sagte er.
+
+"Wird kein gross Vergnuegen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten
+Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspueren, der zehnmal schlauer
+ist als wir beide."
+
+"Was hast du vor?" fragte Belisar, aufmerksam werdend.
+
+"Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir
+alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon
+alles ganz recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und
+haben nichts dabei gewonnen. Wir erschiessen sie wie Knaben die Dohlen vom
+Hinterhalt und koennen ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all
+dies vollbringt? Nicht, wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch
+des Kaisers Heer: sondern dieser eisige Roemer, der nur lachen kann, wenn
+er hoehnt. Der sitzt da oben im Kapitol und verlacht den Kaiser und die
+Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher
+weiss dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenplaene so scharf,
+als saesse er mit im Rat des Koenigs Witichis? Durch sein Daemonium, sagen die
+einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hoeren
+und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den schickt er alle
+Nacht ins Gotenlager. Das moegen die alten Weiber glauben und die Roemer,
+nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das
+Daemonium. Gewiss ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst
+holen; lass uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser
+Quelle schoepfen koennen."
+
+"Ich habe das laengst bedacht, aber ich sah kein Mittel."
+
+"Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist
+verdammt schwer: denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein
+Schatte. Aber tagelang ist Syphax fern: - und dann gelingt es eher. Nun,
+ich habe erspaeht, dass Cethegus so manche Nacht die Stadt verliess, bald aus
+der Porta portuensis, rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls,
+links vom Tiber im Sueden, die er beide besetzt haelt. Weiter wagten ihm die
+Spaeher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht - denn heute muss es
+wieder treffen, - ihm so nicht von den Fersen zu weichen. Doch muss ich ihn
+_vor_ dem Thore erwarten: seine Isaurier liessen mich nicht durch; ich
+werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Graeben zurueckbleiben."
+
+"Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu beobachten." - "Deshalb
+hab' ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er huetet das
+paulinische, ich das portuensische Thor; verlass dich drauf - bis morgen
+vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Daemonium des Praefekten." - Und
+wirklich: einer von ihnen sollte es kennen lernen.
+
+Gerade gegenueber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei Pfeilschuesse von den
+aeussersten Graeben der Stadt, lag ein maechtiges altertuemliches Gebaeude, die
+Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren
+letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von
+Bourbon voellig verschwanden. Urspruenglich ein Tempel des Jupiter Stator
+war der Bau seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch
+stand die bronzene Kolossalstatue des baertigen Gottes aufrecht: man hatte
+ihm nur den flammenden Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafuer ein
+Kreuz hineingeschoben: im uebrigen passte die breite und baertige Gestalt gut
+zu ihrem neuen Namen.
+
+Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll ueber der
+ewigen Stadt und goss sein silbernes Licht ueber die Mauerzinnen und ueber
+die Ebene, zwischen den roemischen Schanzen und der Basilika, deren
+schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen.
+
+Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt.
+
+Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein.
+Der siebente wandte der Pforte den Ruecken und schritt heraus ins freie
+Feld.
+
+Vorsichtig waehlte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen
+Fussangeln, Wolfsgruben, Selbstschuesse vergifteter Pfeile, die hier ueberall
+umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt
+Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich
+ihnen leicht aus. Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfaeltig, den
+Schatten der Mauervorspruenge suchend und oft von Baum zu Baum springend.
+
+Als er aus dem aeussersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im
+Schatten einer Cypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse
+zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er
+eilte nun mit raschen Schritten der Kirche zu.
+
+Haette er nochmal umgeblickt, er haette es wohl nicht gethan.
+
+Denn, sowie er den Baum verliess, tauchte aus dem Graben eine zweite
+Gestalt hervor, die in drei Spruengen ihrerseits den Schatten der Cypresse
+erreicht hatte. "Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das
+Glueck dem juengeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein
+Geheimnis." Und vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden.
+
+Aber ploetzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die
+Erde verschlungen. Es war hart an der aeussern Mauer der Kirche, die doch
+dem Armenier, als er sie erreicht, keine Thuer oder Oeffnung zeigte.
+
+"Kein Zweifel," sagte der Lauscher, "das Stelldichein ist drinnen im
+Tempel: ich muss nach."
+
+Allein an dieser Stelle war die Mauer unuebersteiglich.
+
+Tastend und suchend bog der Spaeher um die Ecke derselben. Umsonst, die
+Mauer war ueberall gleich hoch. - Im Suchen verstrich ihm fast eine
+Viertelstunde.
+
+Endlich fand er eine Luecke in dem Gestein: muehsam zwaengte er sich
+hindurch. Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken
+dorischen Saeulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der
+rechten Seite her bis an das Hauptgebaeude gelangte.
+
+Er spaehte durch einen Riss des Gemaeuers, den ihm die Zugluft verraten
+hatte. Drinnen war alles finster. Aber ploetzlich wurde sein Auge von einem
+grellen Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen
+hellen Streifen in der Dunkelheit: - er ruehrte von einer Blendlaterne her,
+deren Licht sich ploetzlich gezeigt hatte.
+
+Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Traeger
+derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Praefekten, der hart vor
+der Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm
+stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar
+schimmernd das Licht der Laterne fiel.
+
+"Die schoene Gotenkoenigin, bei Eros und Anteros!" dachte der Lauscher:
+"kein schlechtes Stelldichein, sei's nun Liebe, sei's Politik! Horch, sie
+spricht. Leider kam ich zu spaet, auch den Anfang der Unterredung zu
+hoeren."
+
+"Also: merk' es dir wohl! uebermorgen auf der Strasse vor dem Thor von Tibur
+wird etwas gefaehrliches geplant." - "Gut: aber was?" frug des Praefekten
+Stimme. - "Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch
+nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich
+hier wieder zu sehen: denn" ... - Sie sprach nun leiser.
+
+Perseus drueckte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine
+Schwertscheide an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts.
+
+"Horch!" rief eine dritte Stimme - es war eine Frauenstimme, die der
+Traegerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen
+Blendlichts gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des
+Schalles gekehrt hatte. Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer
+Tracht.
+
+Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an.
+Er fuehlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert.
+
+"Alles still," sagte die Sklavin. "Es fiel wohl nur ein Stein auf den
+Erzbeschlag draussen."
+
+"Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh' ich nicht mehr. Ich
+fuerchte, man ist uns gefolgt." - "Wer?" - "Einer, der niemals schlaeft, wie
+es scheint: Graf Teja." Des Praefekten Lippe zuckte.
+
+"Und er ist auch bei einem raetselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der
+blosse Scheinangriff gilt dem Sankt Pauls-Thor." "Gut!" sagte Cethegus
+nachdenklich. "Belisar wuerde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie
+liegen irgendwo, - aber ich weiss nicht, wo - fuercht' ich, im Hinterhalt,
+mit Uebermacht, Graf Totila fuehrt sie."
+
+"Ich will ihn schon warnen!" sagte Cethegus langsam.
+
+"Wenn es gelaenge ..!" - "Sorge nicht, Koenigin! Mir liegt an Rom nicht
+weniger denn dir. Und wenn der naechste Sturm fehlschlaegt, - so muessen sie
+die Belagerung aufgeben, so zaehe sie sind. Und das, Koenigin, ist dein
+Verdienst. Lass mich in dieser Nacht - vielleicht der letzten, da wir uns
+treffen, - dir mein ganzes staunendes Herz enthuellen. Cethegus staunt
+nicht leicht und nicht leicht gesteht er's, wenn er staunen muss. Aber dich
+- bewundere ich, Koenigin. Mit welch' totverachtender Kuehnheit, mit welch'
+daemonischer List hast du alle Plaene der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel
+that Belisar, - mehr that Cethegus, - das meiste: Mataswintha."
+
+"Spraechst du wahr!" sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. "Und wenn die
+Krone diesem Frevler vom Haupte faellt ... - -"
+
+"War es _deine_ Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber,
+Koenigin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen
+Monaten - darfst du nicht als gefangene Gotenkoenigin nach Byzanz. Diese
+Schoenheit, dieser Geist, diese Kraft muss herrschen - nicht dienen, in
+Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestuerzt ist - dein Tyrann, - willst du
+nicht dann den Weg gehn, den ich dir gezeigt?"
+
+"Ich habe noch nie ueber seinen Fall hinaus gedacht," sagte sie duester.
+
+"Aber ich - fuer dich! Wahrlich, Mataswintha," - und sein Auge ruhte mit
+Bewunderung auf ihr, - "du bist - wunderschoen. Ich rechn' es mir zum
+groessten Stolz, dass selbst du mich nicht in Liebe entzuendet und von meinen
+Plaenen abgebracht hast. Aber du bist zu schoen, zu koestlich, nur der Rache
+und dem Hass zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, - dann nach Byzanz!
+
+Als mehr denn Kaiserin: - als Ueberwinderin der Kaiserin!"
+
+"Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich
+ertruege den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um
+kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt' es nur, weil ich musste. Die Rache
+ist jetzt meine Liebe und mein Leben und" ... - -
+
+Da scholl von der Fronte des Gebaeudes her, aber noch innerhalb der Mauer,
+laut und schrillend der Ruf des Kaeuzchens, einmal - zweimal rasch nach
+einander.
+
+Wie staunte Perseus, als er den Praefekten eilig an die Kehle der Bildsaeule
+druecken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geraeuschlos in zwei
+Haelften auseinander schlug. Cethegus schluepfte in die Oeffnung: die Statue
+klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf
+die Stufen des Altars.
+
+"Also war's ein Zeichen! Es droht Gefahr:" dachte der Spaeher; "aber wo ist
+die Gefahr? und wo der Warner?" Und er wandte sich, trat vor und sah nach
+links, nach der Seite der Goten.
+
+Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des
+Mauren Syphax, der vor der Eingangsthuer des Hauptgebaeudes in einer leeren
+Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der
+gotischen, Seite hin, gespaeht hatte.
+
+Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt
+blitzte im Mondlicht.
+
+Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der
+leise sein Schwert aus der Scheide zog.
+
+"Ha," lachte Perseus, "bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in
+Rom, mit meinem Geheimnis."
+
+Und in raschen Spruengen eilte er nach der Mauerluecke des Vorhofs, durch
+die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts
+und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt
+erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in
+den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu toeten.
+
+Da ploetzlich schrie er laut: "Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Roemer!
+rettet die Koenigin! dort rechts an der Mauer, ein Roemer!"
+
+Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. "Dort! rief dieser: "ich schuetze die
+Frauen in der Kirche!" Und er eilte in den Tempel.
+
+"Steh, Roemer!" rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach.
+
+Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Luecke,
+durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht
+wieder hindurchzwaengen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung
+auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuss, sich jenseits hinabzulassen:
+da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und ruecklings stuerzte er nieder,
+samt seinem erlauschten Geheimnis. -
+
+Teja beugte sich ueber ihn: deutlich erkannte er die Zuege des Toten. "Der
+Archon Perseus," sagte er, "der Bruder des Johannes." Und sofort schritt
+er die Stufen hinan, die zur Kirche fuehrten. An der Schwelle trat ihm
+Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne.
+Einen Moment massen sich beide schweigend mit misstrauischen Blicken.
+
+"Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum," sagte endlich die
+Fuerstin. "Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht."
+
+"Seltsam waehlst _du_ Ort und Stunde fuer deine Gebete. Lass sehen, ob dieser
+Roemer der einzige Feind war."
+
+Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle.
+Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in
+der Hand. "Ich fand nichts als - diese Sandale am Altar, dicht vor dem
+Apostel. Es ist ein Mannesfuss."
+
+"Eine Votivgabe von mir," sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen
+Fuss, ich hatte mir einen Dorn eingetreten."
+
+"Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?" - "Ich verehre, was da
+hilft." - "In welchem Fusse stak der Dorn." Syphax schwankte einen
+Augenblick. "Im rechten," sagte er dann, rasch entschlossen.
+
+"Schade," sprach Teja, "die Sandale ist auf den linken geschnitten." Und
+er steckte sie in den Guertel. "Ich warne dich, Koenigin, vor solcher
+naechtlichen Andacht."
+
+"Ich werde thun, was meine Pflicht," sagte Mataswintha herb.
+
+"Und ich, was meine." Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurueck zum
+Lager: schweigend folgte die Koenigin und ihre Sklaven.
+
+ --------------
+
+Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles.
+
+"Was du sagst, ist kein Beweis," sagte der Koenig. - "Aber schwerer
+Verdacht. Und du sagtest selbst, die Koenigin sei dir unheimlich."
+
+"Gerade deshalb huet' ich mich, nach blossem Verdacht zu handeln. Ich
+zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie
+an Rauthgundis." - "Wohl, aber diese naechtlichen Gaenge?" - "Werd' ich
+verhindern. Schon um ihretwillen."
+
+"Und der Maure? Ich trau' ihm nicht. Ich weiss, dass er tagelang abwesend:
+dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Spaeher."
+
+"Ja, Freund," laechelte Witichis. "Aber der meine. Er geht mit meinem
+Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten
+verraten."
+
+"Und noch keine hat genuetzt! Und die falsche Sandale?"
+
+"Ist wirklich ein Votivopfer. Aber fuer Diebstahl; er hat mir, noch ehe du
+kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Koenigin sich
+langweilend, in einem Gewoelbe der Kirche herumgestoebert und da unten
+allerlei Priestergewaender und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten.
+Aber spaeter, den Zorn des Apostels fuerchtend, wollt' er ihn
+beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus
+seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen
+und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ -. Du siehst, es trifft alles zu.
+Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Fluechtenden verloren sein.
+Und er versprach, als Beweis die dazu gehoerige Sandale des rechten Fusses
+zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all'
+unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Haende liefern
+soll."
+
+
+
+
+ Zehntes Kapitel.
+
+
+Waehrend der Gotenkoenig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand
+Cethegus, in fruehester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor
+Belisar und Johannes.
+
+"Praefekt von Rom," herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, "wo warst
+du heute Nacht?"
+
+"Auf meinem Posten. Wohin ich gehoere. Am Thor Sankt Pauls."
+
+"Weisst du, dass in dieser Nacht einer der besten meiner Anfuehrer, Perseus
+der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem
+verschwunden ist?"
+
+"Thut mir leid. Aber du weisst: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer
+zu ueberschreiten."
+
+"Ich habe aber Grund zu glauben," fuhr Johannes auf, "dass du recht gut
+weisst, was aus meinem Bruder geworden, dass sein Blut an deinen Haenden
+klebt." "Und beim Schlummer Justinians!" brauste Belisar auf, "das sollst
+du buessen. Nicht laenger sollst du herrschen ueber des Kaisers Heer und
+Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so
+gut wie vernichtet. Und lass sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das
+Kapitol faellt."
+
+"Steht es so?" dachte Cethegus, "jetzt sieh dich vor, Belisarius." Doch er
+schwieg.
+
+"Rede!" rief Johannes. "Wo hast du meinen Bruder ermordet?" Ehe Cethegus
+antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwaechter Belisars,
+herein. "Herr," sagte er, "draussen stehn sechs gotische Krieger. Sie
+bringen die Leiche Perseus, des Archonten. Koenig Witichis laesst dir sagen:
+er sei heut' Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er
+sendet ihn zur ehrenden Bestattung."
+
+"Der Himmel selbst," sprach Cethegus stolz hinausschreitend, "straft eure
+Bosheit Luegen." Aber langsam und nachdenklich ging der Praefekt ueber den
+Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. "Du drohst,
+Belisarius? Dank' fuer den Wink! Lass sehn, ob wir dich nicht entbehren
+koennen."
+
+ --------------
+
+In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und
+ihm raschen Bericht ablegte. "Vor allem, Herr," schloss er nun, "lass also
+deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist,
+ist Syphax fern: - und gieb mir guetigst deinen rechten Schuh."
+
+"Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen fuer dein freches
+Luegen," lachte der Praefekt. "Dieses Stueck Leder ist jetzt dein Leben wert,
+mein Panther. Womit willst du's loesen?"
+
+"Mit wichtiger Kunde. Ich weiss nun alles ganz genau von dem Plan gegen
+Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrueder. Es sind: Teja,
+Totila und Hildebad."
+
+"Jeder allein genug fuer den Magister Militum," murmelte Cethegus
+vergnueglich.
+
+"Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schoene Falle
+gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, dass Belisar selbst
+morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorraete
+aufzutreiben."
+
+"Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr
+allein hinauswagen; er fuehrt nur vierhundert Mann."
+
+"Es werden nun die drei Eidbrueder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von
+tausend Mann gegen Belisar legen. "Das verdient wirklich den Schuh!" sagte
+Cethegus und warf ihm denselben zu.
+
+"Koenig Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf
+das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich
+eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, dass er
+drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet."
+
+"Halt!" sagte Cethegus ruhig, "nicht so eilfertig! Du meldest nichts."
+
+"Wie?" fragte Syphax erstaunt. "Ungewarnt ist er verloren!" -
+
+"Man muss dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer,
+ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben."
+
+"Ei," sagte Syphax mit pfiffigem Laecheln, "solches gefaellt dir? Dann bin
+ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme
+Witwe Antonina!"
+
+Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der
+Ostiarius: "Kallistratos von Korinth."
+
+"Immer willkommen."
+
+Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.
+
+Ein Hauch anmutiger Roete von Scham oder Freude faerbte seine Wangen: es war
+ersichtlich, dass ihn ein besonderer Anlass herfuehrte.
+
+"Was bringst du des Schoenen noch ausser dir selbst?" so fragte Cethegus in
+griechischer Sprache.
+
+Der Juengling schlug die leuchtenden Augen auf: "Ein Herz voll Bewunderung
+fuer dich: und den Wunsch, dir diese zu bewaehren. Ich bitte um die Gunst,
+wie die beiden Licinier und Piso, fuer dich und Rom fechten zu duerfen."
+
+"Mein Kallistratos! was kuemmern dich, unsern Friedensgast, den
+liebenswuerdigsten der Hellenen, unsre blutigen Haendel mit den Barbaren?
+Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der
+Schoenheit."
+
+"Ich weiss es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr
+eisernen Roemer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart - aber doch
+leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle
+Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heisst Rom und Rom
+heisst mir Cethegus. So fass ich diesen Kampf und so gefasst, siehst du, so
+geht er wohl auch den Hellenen an."
+
+Erfreut laechelte der Praefekt. "Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt
+Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites
+Romani wie Licinius."
+
+"In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muss ich dir gestehn - denn
+ich weiss: du liebst nicht ueberrascht zu sein. Oft hab' ich gesehen, wie
+teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Goetterstatuen ist.
+Neulich hab' ich diese marmornen Waechter gezaehlt und
+zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht' ich denn das dritte Hundert
+voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon
+und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk."
+
+"Junger lieber Verschwender," sprach Cethegus, "was hast du da gethan!"
+
+"Das Gute und Schoene," antwortete Kallistratos einfach.
+
+"Aber bedenke - das Grabmal ist jetzt eine Schanze: -
+
+"Wenn die Goten stuermen -" - "Die Letoiden stehen auf der zweiten, der
+innern Mauer. Und soll ich fuerchten, dass je Barbaren wieder den
+Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schoenen Goetter sichrer
+als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster
+Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein gluecklich Omen."
+
+"Das soll es sein," rief Cethegus lebhaft, "und ich glaube selber: dein
+Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen" -
+
+"Du hast mir schon dafuer erlaubt, fuer dich zu kaempfen. Chaire!" lachte der
+Grieche und war hinaus.
+
+"Der Knabe hat mich sehr lieb," sagte Cethegus, ihm nachsehend. "Und mir
+geht's wie andern Menschenthoren: - mir thut das wohl. Und nicht bloss,
+weil ich ihn dadurch beherrsche."
+
+Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun
+der Milites ward gemeldet.
+
+Es war ein junger Krieger mit edeln, aber ueber seine Jahre hinaus ernsten
+Zuegen. In echt roemischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im
+rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen
+Auge lag roemische Kraft und - in dieser Stunde - entschlossener Ernst und
+ruecksichtsloser Wille.
+
+"Siehe da, Severinus, des Boethius Sohn, willkommen mein junger Held und
+Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen - woher kommst du?"
+
+"Vom Grabe meiner Mutter," sagte Severinus mit festem Blick auf den
+Frager.
+
+Cethegus sprang auf. "Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines
+Boethius Weib!"
+
+"Sie ist tot," sagte der Sohn kurz. Der Praefekt wollte seine Hand fassen.
+Severinus entzog sie.
+
+"Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie - ohne ein Wort fuer mich?"
+
+"Ich bringe dir ihr letztes Wort - es galt dir!"
+
+"Wie starb sie? an welchem Leiden?" - "An Schmerz und Reue." - "Schmerz -"
+seufzte Cethegus, "das begreif' ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir
+galt ihr letztes Wort! - sag' an, wie lautet es?"
+
+Da trat Severinus hart an den Praefekten, dass er sein Knie beruehrte und
+blickte ihm bohrend ins Auge. "Fluch, Fluch ueber Cethegus, der meine Seele
+vergiftet und mein Kind."
+
+Ruhig sah ihn Cethegus an. "Starb sie im Irrsinn?" fragte er kalt.
+
+"Nein, Moerder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer
+Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, dass ihre Hand dem jungen
+Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzaehlte uns den Hergang.
+Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stuetzten sie. "Spaet erst
+erfuhr ich," schloss sie, "dass mein Kind aus dem toedlichen Becher
+getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie
+trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch
+in dem Platanengang." Da rief der alte Corbulo erbleichend: "Wie? der
+Praefekt wusste, dass der Becher Gift enthielt?" - "Gewiss," antwortete meine
+Mutter. "Als ich ihn im Garten traf, sagt' ich es ihm: "es ist
+geschehen."" Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in
+wildem Schmerz: "Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er
+stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank." - "Er sah zu,
+wie sie trank?" fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein
+Leben gellen wird.
+
+"Er sah zu, wie sie trank!" wiederholten der Freigelassene und sein Kind.
+"O so sei den untern Daemonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott,
+in der Hoelle, Rache, meine Soehne, auf Erden fuer Kamilla! Fluch ueber
+Cethegus!" Und sie fiel zurueck und war tot."
+
+Der Praefekt blieb unerschuettert stehen. Nur griff er leise an den Dolch
+unter den Brustfalten der Tunika. "Du aber" - fragte er nach einer Pause -
+"was thatest du?"
+
+"Ich aber kniete nieder an der Leiche und kuesste ihre kalte Hand und schwor
+ihr's zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Praefekt von Rom:
+Giftmischer, Moerder meiner Schwester - du sollst nicht leben."
+
+"Sohn des Boethius, willst du zum Moerder werden um die Wahnworte eines
+laeppischen Sklaven und seiner Dirne? Wuerdig des Helden und des
+Philosophen!"
+
+"Nichts von Mord. Waere ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren:
+- er duenkt mir heute sehr vortrefflich! - rief' ich dich zum Zweikampf, du
+verhasster Feind. Ich aber bin ein Roemer und suche meine Rache auf dem Wege
+des Rechts. Huete dich, Praefekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange
+Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. - Erst heute
+habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb' ich die Klage
+bei den Senatoren, die deine Richter sind - dort finden wir uns wieder."
+
+Cethegus vertrat ihm ploetzlich den Weg an die Thuere.
+
+Aber Severinus rief: "Gemach, man sieht sich vor bei Moerdern. Drei Freunde
+haben mich an dein Haus begleitet: - Sie werden mich mit den Liktoren
+suchen, komm' ich nicht wieder, noch in dieser Stunde."
+
+"Ich wollte dich nur," sagte Cethegus wieder ganz ruhig, "vor dem Wege der
+Schande warnen. Willst du den aeltesten Freund deines Hauses um der
+Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen,
+- thu's: ich kann's nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist
+mein Anklaeger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst
+gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt."
+
+"Ich werde gehorchen."
+
+"Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich
+muss die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr fuer den loewenkuehnen Mann: -
+ich muss ihn treu gehuetet wissen. Du wirst morgen, - ich befehl' es, - den
+Feldherrn begleiten und sein Leben decken."
+
+"Mit meinem eignen."
+
+"Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort."
+
+"Bau' du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat.
+Nach beiden Kaempfen luestet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: - - vor dem
+Senat."
+
+"Auf Nimmerwiedersehn," sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte.
+"Syphax," rief er laut, "bringe Wein und das Hauptmahl. Wir muessen uns
+staerken: - auf morgen."
+
+
+
+
+ Elftes Kapitel.
+
+
+Frueh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten
+geschaeftige Bewegung.
+
+Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: - - aber
+nicht alles. Sie hatten von dem Geluebde der drei Maenner gegen Belisar
+erfahren und den frueheren Plan eines blossen Scheinangriffs gegen das Sankt
+Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber
+nicht hatten sie erfahren, dass der Koenig, in Aenderung jenes Planes eines
+blossen Scheinangriffs, fuer diesen Tag der Abwesenheit des grossen Feldherrn
+einen in tiefstes Geheimnis gehuellten Beschluss gefasst hatte: es sollte ein
+letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem
+Genius Belisars und den Mauern des Praefekten ueberlegen sei. Man hatte sich
+im Kriegsrat des Koenigs nicht ueber die Wichtigkeit des Unternehmens
+getaeuscht: wenn es wie alle frueheren, vereinzelten Angriffe -
+achtundsechzig Schlachten, Ausfaelle, Stuerme und Gefechte hatte Prokop
+waehrend der Belagerung bis dahin aufgezaehlt - scheiterte, so war von dem
+ermuedeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu
+erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, ueber
+den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen.
+
+Daher hatte auch Mataswintha nichts vom Koenig erfahren, und selbst ihres
+Mauren Spuernase konnte nur wittern, dass auf jenen Tag etwas Grosses
+geruestet werde; - die gotischen Krieger wussten selbst nicht was.
+
+Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern
+geraeuschlos aufgebrochen und hatten sich suedlich von der valerischen
+Strasse bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Huegelfalte Belisar
+vorbeikommen musste, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe
+bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom
+teilnehmen zu koennen.
+
+Waehrend der Koenig mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen
+innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil
+seiner Leibwaechter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und
+Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug
+sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten
+hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge fuer den
+"belisarischen Teil" von Rom uebertragen, besetzte alle Posten laengs der
+Mauern doppelt, und liess die Truppen hart an den Waellen unter den Waffen
+bleiben. Er uebersandte den gleichen Befehl dem Praefekten fuer die
+Byzantiner, die dieser fuehrte.
+
+Der Bote traf ihn auf den Waellen zwischen dem paulinischen und dem
+appischen Thor. "Belisar meint also:" hoehnte Cethegus, waehrend er
+gehorchte, "mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behuetet: ich aber
+meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm,
+Lucius Licinius," fluesterte er diesem zu, "wir muessen an den Fall denken,
+dass Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muss
+ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen."
+
+"Ich kenne die Hand."
+
+"Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom
+belassenen Leibwaechtern: in den Thermen des Diokletian oder am
+tiburtinischen Thore. Sie muessen dort in ihrem Lager erdrueckt sein, ehe
+sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile
+sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem
+das tiburtinische Thor." - "Von wo aber soll ich sie fortziehen?" - "Von
+dem Grabmal Hadrians," sagte Cethegus nach einigem Besinnen. "Und die
+Goten, Feldherr?" - "Bah! das Grabmal ist fest, es schuetzt sich selbst.
+Erst muessen vom Sueden her die Stuermenden ueber den Fluss: und dann diese
+eisglatten Waende von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers
+Freude. Und zudem," laechelte er, "sieh' nur hinauf: da oben steht ein Heer
+von marmornen Goettern und Heroen: sie moegen selber ihren Tempel schirmen
+gegen die Barbaren. Siehst du, - ich sagte es ja - es geht nur hier gegen
+das Sankt Pauls-Thor," schloss er, auf das Lager der Goten deutend, aus
+welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach.
+
+Licinius gehorchte und fuehrte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die
+Haelfte der Deckung, ab: von dem Grabmal ueber den Fluss und den Viminalis
+hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen
+Thor loeste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab.
+
+Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus
+als Vertreter Belisars hielt. "Ich muss ihn aus dem Wege haben," dachte er,
+"wenn die Nachricht eintrifft." - "Sobald du die Barbaren zurueckgeworfen,"
+sprach er ihn an, "wirst du doch wohl einen Ausfall machen muessen? Welche
+Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, waehrend der Feldherr fern ist!" -
+"Jawohl," rief Constantinus, "sie sollen's erfahren, dass wir sie auch ohne
+Belisarius schlagen koennen."
+
+"Ihr muesst aber ruhiger zielen," sagte Cethegus, einem persischen Schuetzen
+den Bogen abnehmend. "Seht den Goten dort, den Fuehrer zu Pferd! Er soll
+fallen." Cethegus schoss; der Gote fiel vom Ross, durch den Hals geschossen.
+"Und meine Wallbogen, - ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche?
+ein Tausendfuehrer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!" Und er
+richtete den Wallbogen, zielte und schoss: durchbohrt war der gepanzerte
+Gote an den Baum genagelt.
+
+Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: "Archon," redete er
+Constantinus an, "Bessas laesst dich bitten, Verstaerkungen an das Vivarium,
+das praenestinische Thor: die Goten ruecken an."
+
+Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. "Possen:" sagte dieser, "der
+einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut
+gehuetet: ich weiss es gewiss: lass Bessas sagen: er fuerchte sich zu frueh.
+Uebrigens, im Vivarium habe ich noch sechs Loewen, zehn Tiger und zwoelf
+Baeren fuer mein naechstes Cirkusfest! Lasst sie einstweilen los auf die
+Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel fuer die Roemer dann!"
+
+Aber schon eilte ein Leibwaechter den Mons Pincius herab: "Zu Hilfe, Herr,
+zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzaehlige
+Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!"
+
+"Auch dort?" fragte sich Cethegus unglaeubig.
+
+"Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem
+pincianischen Thor!" rief ein zweiter Bote des Ursicinus.
+
+"Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wisst, sie steht unter
+Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!" sprach beruhigend
+Constantinus. Cethegus laechelte: "Ja, heute gewiss: denn sie wird gar nicht
+angegriffen."
+
+Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. "Praefekt, rasch aufs Kapitol, von
+wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich
+aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore
+Roms."
+
+"Schwerlich!" laechelte Cethegus. "Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus
+Licinius, stehst mir ein fuer das tiburtiner Thor. Mein muss es sein, nicht
+Belisars! Fort mit dir! Fuehre deine zweihundert Legionare dorthin!"
+
+Er stieg zu Pferd und ritt zunaechst gegen das Kapitol zu, um den Fuss des
+Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. "Feldherr,"
+sprach ihn dieser an, "es wird Ernst da draussen. Sehr Ernst! Was ist's mit
+den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?"
+
+"Habe ich ihn zurueckgenommen?" sagte Cethegus streng. "Lucius, du folgst
+mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rueckt unter eurem Haeuptling
+Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor."
+
+Er glaubte an keine Gefahr fuer Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein
+in diesem Augenblick die Goten wirklich beschaeftigte. "Dieser Schein eines
+allgemeinen Angriffs soll," dachte er, "die Byzantiner nur abhalten, ihres
+bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken."
+
+Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze
+Ebene ueberschauen konnte. Sie war erfuellt von gotischen Waffen. Es war ein
+herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht
+des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umguertend. Der
+Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und
+war nach Einem Gedanken entworfen.
+
+Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten
+Bogenschuetzen und Schleuderer, in leichten Plaenklerschwaermen, die Zinnen
+und Brustwehren von Verteidigern zu saeubern. Darauf folgten Sturmboecke,
+Widder, Mauerbrecher aus roemischen Arsenalen entnommen oder roemischen
+Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und
+Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur
+mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der
+Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum
+eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller
+Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern geruestet, und
+lange, schwere Sturmleitern schleppend. In grosser Ordnung und Ruhe rueckten
+diese drei Angriffslinien ueberall gleichmaessigen Schrittes vor: die Sonne
+glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenraeumen erschollen die
+langgezognen Rufe der gotischen Hoerner.
+
+"Sie haben etwas von uns gelernt," rief Cethegus in kriegerischer Freude.
+Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg." "Wer ist es
+wohl?" fragte Kallistratos, der, in reicher Ruestung, neben Lucius Licinius
+hielt. "Ohne Zweifel, Witichis, der Koenig," sagte Cethegus. - "Das haette
+ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zuegen nie zugetraut." - "Diese
+Barbaren haben manches Unergruendliche."
+
+Und vom Kapitol herab ritt er nun, ueber den Fluss, nach der Umwallung am
+pankratischen Thor, wo der naechste Angriff zu drohen schien, und bestieg
+mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm.
+
+"Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den
+Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als haette ihn der Blitz des Zeus
+vergessen in der Gigantenschlacht," forschte der Grieche.
+
+"Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rueckt gegen das
+pankratische Thor," antwortete der Praefekt.
+
+"Und wer ist der Reichgeruestete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen
+auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis." - "Das ist Herzog Guntharis,
+der Woelsung," sprach Lucius Licinius. "Und sieh, auch drueben auf der
+Ostseite der Stadt, ueberm Fluss, so weit man schauen kann, gegen alle
+Thore, ruecken Sturmreihen der Barbaren," sagte Piso.
+
+"Aber wo ist der Koenig selbst?" fragte Kallistratos.
+
+"Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort haelt er,
+oberhalb des pankratischen Thors," erwiderte der Praefekt. "Er allein steht
+regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurueck,
+hinter der Linie," sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. "Sollte er
+nicht mit kaempfen?" meinte Massurius. "Waere gegen seine Weise. Aber lass
+uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt," schloss Cethegus.
+"Hildebrand hat den Graben erreicht." - "Dort stehen meine Byzantiner,
+unter Gregor. Die Gotenschuetzen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen
+Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jaeger und von
+den roemischen Legionaren die besten Pfeilschuetzen dorthin: sie sollen auf
+die Rinder und Rosse der Sturmboecke zielen."
+
+Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruss bemerkte
+Cethegus, dass die Goten ueberall Fortschritte machten. Die Byzantiner
+schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen
+von den Waellen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung
+vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben ueberschritten
+und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Waellen bei
+dem portuensischen Thore, waehrend der alte Waffenmeister einen starken
+Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die
+Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten
+Stoesse laut durch das Getuemmel des Kampfes gegen die Balken des
+pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschuetterte den Praefekten,
+der eben hier anlangte: "Offenbar," sagte er zu sich selbst, "machen sie
+jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen."
+
+Und wieder ein droehnender Stoss. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend
+an. "Das darf nicht lange waehren!" rief Cethegus zuernend, entriss dem
+naechsten Schuetzen Bogen und Koecher und eilte auf den Mauerkranz an dem
+Thore: "Hierher, ihr Schuetzen und Schleuderer! Mir nach!" rief er,
+"schafft schwere Steine bei. Wo ist der naechste Ballist? Wo die
+Skorpionen? das Schirmdach muss entzwei."
+
+Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schuetzen, die eifrig durch die
+Schiessscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. "Es ist umsonst,
+Haduswinth," schalt der junge Gunthamund, "zum drittenmal leg' ich
+vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase ueber die Brustwehr." -
+"Geduld," sagte der Alte, "halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon
+einer, den der Fuerwitz plagt. Auch mir leg' einen Bogen bereit. Nur
+Geduld." - "Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig
+Jahren."
+
+Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick
+in die Ebene: da sah er den Koenig, in der weiten Ferne, unbeweglich, im
+Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das
+stoerte und beunruhigte ihn. "Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, dass
+der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus," rief er dem jungen Schuetzen
+zu, der ihm kuehn gefolgt war, "deine jungen Augen sehen scharf, blick' mit
+mir ueber die Zinne hier - was treibt der Koenig dort?" Und er beugte sich
+ueber die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spaehend, seinem Beispiel.
+
+"Jetzt, Gunthamund!" rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die
+beiden Spaeher fuhren zurueck.
+
+Gajus stuerzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Praefekten
+Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand
+ueber die Stirn.
+
+"Du lebst, mein Feldherr?" rief Piso, heranspringend.
+
+"Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Goetter brauchen mich noch:
+nur die Haut ist geritzt," sprach Cethegus und schob den Helm zurecht.
+
+
+
+
+ Zwoelftes Kapitel.
+
+
+Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr
+verboten, sich am Kampf zu beteiligen: "die Barbaren sollen dich mir nicht
+toeten und auch dich nicht erkennen: - du bist unersetzlich als Sklave
+Mataswinthens und Kundschafter des Koenigs Witichis," hatte Cethegus
+gesagt.
+
+"Wehe, wehe," schrie er so ueberlaut, dass es seinem Herrn auffiel, der des
+Mauren kluge Ruhe kannte, "welch' ein Unglueck!" - "Was ist geschehen?" -
+"Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall fuehren aus dem
+salarischen Thor und stiess sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein
+Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Muehe rettete man ihn auf den Wall.
+Dort fing ich den Sinkenden auf: - er ernannte den Praefekten zu seinem
+Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab."
+
+"Das ist nicht moeglich!" schrie Bessas, der auf Syphax' Ferse folgte. Er
+hatte in Person selbst neue Verstaerkungen verlangen wollen und kam eben
+recht, die Nachricht zu hoeren. "Oder er war schon sinnlos als er's that."
+
+"Haette er dich bestellt, jedenfalls," sprach Cethegus, ruhig das Scepter
+ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges
+dankend. Mit einem wuetenden Blicke sprang Bessas von der Bruestung und
+eilte davon. "Folg' ihm, Syphax, und beacht' ihn wohl," fluesterte der
+Praefekt.
+
+Da eilte ein isaurischer Soeldner herbei: "Verstaerkung, Praefekt, ans
+portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt." Da
+sprengte Cabao, der Fuehrer der maurischen berittnen Schuetzen heran:
+"Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus."
+
+"Belisar vertret' ich," sprach Cethegus stolz: "fuenfhundert Armenier
+ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor."
+
+"Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind
+erschossen!" meldete ein persischer Reiter, "die Vorschanze ist halb
+verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmoeglich
+waer's, sie wieder zu nehmen!"
+
+Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt
+seinem Kriegstribun: "Auf, mein Jurist: "_beati possidentes_"! - Nimm
+hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe
+kommt." -
+
+Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Fuessen tobte das
+Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kuemmerte mehr die
+raetselhafte Ruhe, in welcher der Koenig im Hintergrund unbeweglich stand.
+"Was hat er nur vor?"
+
+Da droehnte von unten ein furchtbar krachender Stoss und lauter Siegesjubel
+der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Spruengen war er
+unten. -
+
+"Das Thor ist eingestossen!" riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen.
+"Ich weiss es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms." Und den Schild
+fester andrueckend, trat er hart an den rechten Thorfluegel, in dem in der
+That ein breiter Riss klaffte; und schon stiess der Widder an die
+splitternden Platten neben der Oeffnung. "Noch ein solcher Stoss und das
+Thor liegt ganz," sagte Gregor, der Byzantiner. "Richtig, deshalb darf es
+nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch,
+Milites! die Speere gefaellt! Fackeln und Braende! zum Ausfall! Winke ich,
+so oeffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den
+Graben."
+
+"Du bist sehr kuehn, mein Feldherr!" rief Lucius Licinius, entzueckt neben
+ihn springend.
+
+"Ja, jetzt hat die Kuehnheit Vernunft, mein Freund!"
+
+Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Praefekt das Schwert zum
+Zeichen des Angriffs erheben -: da erscholl vom Ruecken her ein Laerm,
+groesser selbst als der der stuermenden Goten: Wehegeschrei und
+Pferdegetrappel: - und Bessas draengte sich heran: er fasste den Arm des
+Praefekten: - seine Stimme versagte.
+
+"Was hemmst du mich in diesem Augenblick?" rief dieser und stiess ihn
+zurueck. - "Belisars Truppen," stammelte entsetzt der Thraker, "stehen
+schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: - sie flehen um Einlass: -
+wuetende Goten hinter ihnen - Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: -
+er ist tot."
+
+"Belisar ist gefangen!" schrie ein Tuermer vom tiburtinischen Thor, atemlos
+heraneilend. "Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem
+nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!" scholl's aus der Tiefe
+der Strasse. "Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!"
+"Lass das tiburtinische Thor oeffnen, Praefekt!" draengte Bessas, "deine
+Isaurier stehen ploetzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?"
+
+"Ich!" sagte Cethegus, ueberlegend.
+
+"Sie woll'n nicht oeffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine - Belisars!
+- Leiche!"
+
+Cethegus zauderte - er hielt das Schwert halb erhoben - er schwankte. "Die
+_Leiche_," dachte er, "rett' ich gern." Da flog Syphax heran. "Nein! er
+lebt noch!" rief er seinem Herrn ins Ohr, "ich hab ihn gesehen von der
+Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen
+Reiter brausen heran: - Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!"
+
+"Gieb Befehl, lass das tiburtiner Thor oeffnen!" mahnte Bessas. Aber des
+Praefekten Auge blitzte: sein Antlitz ueberflog jener Ausdruck stolzer,
+kuehner Entschlossenheit, der es mit daemonischer Schoenheit verklaeren
+konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertruemmerten Thorfluegel vor
+sich: "Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!" Das
+Thor flog auf.
+
+Die stuermenden Goten, schon des Sieges sicher, haetten alles eher erwartet
+als dies Wagnis der, wie sie waehnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren
+ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden voellig ueberrascht
+und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter
+ihnen klaffenden Graben geworfen.
+
+Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen.
+
+Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit
+seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber
+gleichzeitig fast stiess ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel
+in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine,
+die krachend auf den Alten stuerzte.
+
+"Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen," befahl Cethegus.
+Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die
+siegreichen Roemer zurueck in die Waelle. Da rief Syphax dem Praefekten
+entgegen: "Gewalt, Herr, Aufruhr und Empoerung! Die Byzantiner gehorchen
+dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu
+oeffnen. Seine Leibwaechter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine
+Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen."
+
+"Das buessen sie!" rief Cethegus grimmig. "Wehe Bessas! Ich will's ihm
+gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein,
+nimm sie alle! alle! du weisst wo sie stehn: fasse die Leibwaechter des
+Thrakers von Porta Clausa her im Ruecken. Und stehn sie nicht ab, - so hau'
+sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!"
+
+Lucius Licinius zauderte. "Und das tiburtinische Thor?" - "Bleibt
+geschlossen." - "Und Belisar?"
+
+"Bleibt draussen." - "Teja und Totila sind schon heran." - "Desto weniger
+kann man oeffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!"
+
+Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen.
+Das waehrte sehr geraume Zeit. "Wie ging es, Syphax?" fragte er leise.
+"Lebt er wirklich?" - "Er lebt noch." - "Toelpel, diese Goten!"
+
+Da kam ein Bote von Lucius. "Dein Tribun laesst melden: Bessas giebt nicht
+nach: - schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen.
+Und Asgares und deine Isaurier zoegern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem
+Ernst." "Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!" rief Cethegus, warf sich
+aufs Pferd, verliess diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind
+davon.
+
+Weit war sein Weg: ueber die Tiberbruecke des Janiculum, am Kapitol vorbei,
+ueber das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die
+Thermen des Titus rechts lassend, ueber den Esquilin hinaus, endlich durch
+das esquilinische Thor an das tiburtinische Aussenthor: - ein Weg vom
+aeussersten Westen an den aeussersten Osten der weitgestreckten Stadt.
+
+Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwaechter von Bessas und Belisar mit
+gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und
+Isaurier des Praefekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu
+ueberwaeltigen und das Thor mit Gewalt zu oeffnen, waehrend die zweite Fronte
+mit gefaellten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenueberstand, die
+Lucius vergeblich zum Angriff befehligte.
+
+"Soeldner," rief Cethegus, das schnaubende Ross dicht vor deren Linie
+anhaltend, "wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?" "Dir, Herr,"
+sprach Asgares, ein Anfuehrer, vortretend, "aber ich dachte" - Da blitzte
+das Schwert des Praefekten und toedlich getroffen stuerzte der Mann. "Zu
+gehorchen habt ihr, eidbruechige Schurken, nicht zu denken!"
+
+Entsetzt standen die Soeldner. Aber Cethegus befahl ruhig: "Die Speere
+gefaellt! zum Angriff! mir nach!" Und die Isaurier gehorchten ihm und nun,
+- ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf.
+
+Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her
+ein furchtbares, alles uebertaeubendes Geschrei: "Wehe, Wehe, alles
+verloren! Die Goten ueber uns! Die Stadt ist genommen!"
+
+Cethegus erbleichte und blickte zurueck. Da sprengte Kallistratos heran,
+Blut floss ihm ueber Gesicht und Hals. "Cethegus," rief er, "es ist aus! Die
+Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen." "Wo?" fragte der Praefekt
+tonlos. "Am Grabmal Hadrians!" - "O mein Feldherr!" rief Lucius Licinius,
+"ich habe dich gewarnt."
+
+"Das war Witichis!" sagte Cethegus, die Augen zusammendrueckend.
+
+"Woher weisst du das!" staunte Kallistratos. "Genug, ich weiss es." Es war
+ein furchtbarer Augenblick fuer den Praefekten.
+
+Er musste sich sagen, dass er, ruecksichtslos seinen Plan zum Verderben
+Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom uebersehen hatte. Er biss die
+Zaehne in die Unterlippe.
+
+"Cethegus hat das Grabmal Hadrians entbloesst! Cethegus hat Rom ins
+Verderben gestuerzt!" rief Bessas an der Spitze der Leibwaechter.
+
+"Und Cethegus wird es retten!" rief dieser, sich hoch im Sattel
+ausrichtend. "Mir nach, alle Isaurier und Legionare." "Und Belisar?"
+fluesterte Syphax. - "Lasst ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt
+mir!" Und im Sturmflug sprengte er zurueck, des Weges, den er gekommen. Nur
+wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fussvolk, Isaurier
+und Legionare, nach.
+
+
+
+
+ Dreizehntes Kapitel.
+
+
+Draussen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein
+Bote hatte die gotischen Reiter von dem ueberfluessigen Gefechte abgerufen.
+Sie sollten hier innehalten und alle verfuegbare Mannschaft um die Stadt
+und ueber den Fluss eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man
+soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kraefte. Die
+Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles
+zusammendraengte: aber ihr eigenes Fussvolk, stuermend an den
+zwischenliegenden fuenf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria,
+pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, dass sie zu der
+Entscheidung zu spaet kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war.
+
+Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Praefekten: dem
+vatikanischen Huegel gegenueber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen
+Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und ueberall, ausser
+im Sueden, wo der Fluss decken sollte, durch neue Waelle geschuetzt, ragte die
+"_moles Hadriani_", ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art
+Hofraum umgab das eigentliche Gebaeude: vor der ersten, aeusseren
+Deckungsmauer im Sueden floss der Tiber. Auf den Zinnen dieser Aussenmauer,
+in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die
+Isaurier, die der Praefekt zu uebler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan
+gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen
+die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das
+Geschenk des Kallistratos vervollstaendigt hatte.
+
+Der Koenig der Goten hatte sich fuer heute in der Mitte des grossen
+Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten
+Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem
+pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor,
+wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurueckgenommene,
+abwartende Stellung gewaehlt. Er baute seinen Plan darauf, dass der
+allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kraefte der Belagerten
+werde zersplittern muessen: und sowie an irgend einem Punkt durch
+Hinwegziehung der Verteidiger eine Bloesse entstehen wuerde, gedachte er, sie
+sofort zu benuetzen.
+
+In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den
+Sturmkolonnen. Er hatte allen Anfuehrern Auftrag gegeben, ihn schleunig
+herbeizurufen, wo sich eine Luecke der Verteidigung zeige.
+
+Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von
+seinen Scharen zu tragen gehabt, die muessig stehen sollten, waehrend die
+Genossen ueberall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie
+auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf.
+
+Da bemerkte endlich des Koenigs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den
+Zinnen der Aussenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen
+und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er
+hin: sie wurden nicht abgeloest, die Luecken nicht ersetzt. Da sprang er aus
+dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den
+stolzen Bug, sprach: "Nach Hause, Boreas!" und das kluge Tier lief
+geradeaus in das Lager zurueck. "Jetzt, vorwaerts meine Goten! vorwaerts,
+Graf Markja!" rief der Koenig, "dort ueber den Fluss - die Mauerbrecher lasst
+hier zurueck: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die
+Beile. Voran!" Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der
+suedlichen Biegung des Flusses und eilte den Huegel hinab.
+
+"Keine Bruecke, Koenig, und keine Furt?" fragte ein Gote hinter ihm.
+
+"Nein, Freund Iffamer, schwimmen!" und der Koenig sprang in die gelbe
+schmutzige Flut, dass sie zischend hoch ueber seinem Helmbusch
+zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die
+vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen
+Aussenmauer des Grabmals und die Maenner blickten fragend, besorgt hinauf.
+"Leitern her!" rief Witichis, "seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja!
+Fuerchtet ihr euch vor hohen Steinen?" Rasch waren die Leitern angelegt,
+rasch die Aussenwaelle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestuerzt, die
+Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Aussenmauer in den Hof
+hinabgelassen.
+
+Der Koenig war der erste in dem Hofraum.
+
+Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf
+den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt,
+Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar
+Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und
+Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch
+ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. "Schickt um Hilfe, um
+Hilfe zu Cethegus!" rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog
+davon.
+
+Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. "Was thun?"
+fragte Markja an seiner Seite. "Warten, bis sie sich verschossen haben,"
+sagte dieser ruhig. "Es kann nicht lange mehr waehren. Sie werfen und
+schiessen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr
+Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus." - "Aber die Ballisten,
+die Katapulten -" - "Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum
+Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spaerlich. So, nun die Leitern bereit und
+die Beile. - Jetzt, rasch mir nach." Und in schnellem Anlauf rannten die
+Goten ueber den Hof.
+
+Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der
+zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber
+waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum
+Schuss in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne grosse Muehe und lange
+Zeit zu senkrechtem Schuss gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und
+erbleichte. "Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!" - "Alle
+verschossen," keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus.
+
+"Dann ist's vorbei!" seufzte Piso, den rechten Arm totmuede senkend. "Komm,
+Massurius, lass uns fliehn," mahnte Balbus. "Nein, lasst uns hier sterben,"
+rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm ueber den Rand der
+Mauer.
+
+Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: "Cethegus!
+Cethegus der Praefekt!"
+
+Und er war's; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der
+eben die Hand auf die Brustwehr stuetzte, sich heraufzuschwingen, die Hand
+samt dem Arme ab. - Der Mann schrie und stuerzte.
+
+"O Cethegus," sagte Piso, "du kommst zu rechter Zeit!" - "Ich hoffe es,"
+sprach dieser und stiess die Leiter um, die vor ihm angelegt stand.
+Witichis war darauf gestanden, - behend sprang er hinab. "Aber jetzt
+Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts," rief Cethegus.
+"Kein Geschoss mehr weit und breit," antwortete Balbus. "Du kommst, hofften
+wir, mit deinen Isauriern?" "Die sind noch weit, weit hinter mir!" rief
+Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien.
+
+Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und
+es wuchs die dringendste Gefahr.
+
+Wild blickte Cethegus um sich. "Geschosse," rief er mit dem Fusse
+stampfend, "es muessen Geschosse herbei!" Da fiel sein Auge auf die riesige
+Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne
+stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu
+und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem
+Donnerkeil in ihrer Faust herab. "Zeus," rief er, "leih mir deinen Blitz!
+- Was haeltst du ihn so muessig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert
+sie den Feinden auf die Koepfe." Und rascher, als er dies gesagt, ward sein
+Beispiel befolgt. Mit Aexten und Beilen fielen die geaengstigten Verteidiger
+ueber die Goetter und Heroen her und im Augenblick waren all' die herrlichen
+Gestalten zertruemmert.
+
+Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine
+Reiterstatue, Ross und Reiter mitten auseinander: da stuerzte eine laechelnde
+Aphrodite in die Knie: da flog der schoene Marmorkopf eines Antinous vom
+Rumpfe und sauste, von zwei Haenden geschleudert, auf einen gotischen
+Bueffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und
+Truemmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und droehnend
+schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab
+und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der
+stuermenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen.
+
+Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstoerung, das
+sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwoelf, fuenfzehn, zwanzig
+Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Maennern, die sie
+kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fuss
+der Mauer: ueberrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen
+die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas
+zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder.
+
+"Unseliger, was hast du gethan?" jammerte Kallistratos und starrte auf die
+Truemmer.
+
+"Das Notwendige!" antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus
+dem Erretter ueber den Wall. "Siehst du, wie das traf? - zwei Barbaren auf
+Einen Schlag" - und zufrieden blickte er hinab.
+
+Da hoerte er den Korinther rufen: "Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den
+Apoll!"
+
+Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil
+gegen das Haupt des Latoniden schwang. "Narr, sollen die Goten herauf?"
+fragte der Barbar und holte wieder aus.
+
+"Nicht meinen Apollon!" wiederholte der Hellene und umschlang den Gott
+schuetzend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend.
+
+Das ersah auf der naechsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle
+die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog
+und traf den Griechen mitten in die Brust. "Ach - Cethegus!" seufzte er
+und starb. Der Praefekt sah ihn fallen und presste die Brauen zusammen.
+"Rettet die Leiche und seine beiden Goetter verschont!" sprach er kurz -
+und stiess die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht
+sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste
+Gefahr.
+
+Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen,
+war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und
+Metalltruemmer nach neuen Mitteln spaehend. Denn seit der erste Versuch der
+Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Goetter und
+Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Waehrend
+er sann und spaehte, schlug das schwere Marmorfussgestell eines Mars
+gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf
+dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von
+haertestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbroeckelnd in kleine Stuecke
+von Moertel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale
+Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den
+Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an
+dem grossen Gebaeude arbeiteten und nachbesserten.
+
+Kaum ersah Witichis die Holzthuer, als er jubelnd ausrief: "Hierher,
+hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!" Und schon schlug seine eigne
+Streitaxt donnernd an die duennen Bretter, die nichts weniger als stark
+schienen.
+
+Verhaengnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Praefekten Ohr! er hielt
+oben inne in der Blutarbeit und lauschte. "Das ist Eisen gegen Holz! Bei
+Caesar!" sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab,
+die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Oel-Lampen
+beleuchteten Innenraum des Grabmals fuehrte.
+
+Da droehnte ein Schlag lauter als alle frueheren, ein dumpfes Krachen und
+helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie
+Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend
+nach innen in den Hof und Koenig Witichis ward sichtbar auf der Schwelle.
+
+"Mein ist Rom!" jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus
+der Scheide ziehend. "Du luegst, Witichis! zum erstenmal im Leben!" rief
+Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel
+stossend gegen des Goten Brust, dass dieser ueberrascht einen Schritt
+zuruecktrat.
+
+Diesen Schritt benutzte der Praefekt und stellte sich selbst auf die
+Schwelle, die ganze enge Pforte fuellend. "Wo bleiben die Isaurier!" rief
+er.
+
+Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn
+erkannte. "So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom." Und nun war das
+Anspringen an ihm. Cethegus, bemueht die ganze Oeffnung der Pforte zu
+verschliessen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem
+kurzen Roemerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken.
+Der Stoss des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug
+von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend,
+tief in seine rechte Brust.
+
+Der Praefekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er
+fiel nicht. "Rom! Rom!" sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch
+aufrecht.
+
+Witichis war einen Schritt zurueckgetreten, um in neuem Ansprung dem
+gefaehrlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte
+ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden
+Faun, der bereits mit abgehauenen Fuessen auf dem Walle lag, auf den Koenig
+herab; er traf die Schulter und Witichis stuerzte nieder. Graf Markja,
+Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht.
+
+Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der
+Pforte zusammen; schuetzende Arme eines Freundes fingen ihn auf: - aber er
+erkannte diesen nicht mehr: sein Bewusstsein schwand.
+
+Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele
+entzueckte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner
+Isaurier, die jetzt - endlich - im Sturmschritt eintrafen und, von den
+Liciniern gefuehrt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres
+Koenigs erschuetterten Goten stuerzten. Sie draengten sie siegreich zu einer
+(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen)
+Bresche der ersten Mauer unter grossem Blutvergiessen hinaus.
+
+Der Praefekt sah die letzten Barbaren fluechten: - da schlossen sich
+abermals seine Augen. "Cethegus!" rief der Freund, der ihn im Arme hielt,
+"Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren?" Cethegus erkannte
+jetzt die Stimme Prokops. "Ich weiss nicht," sprach er mit letzter Kraft,
+"aber Rom, - Rom ist gerettet!" Und damit vergingen ihm die Sinne.
+
+
+
+
+ Vierzehntes Kapitel.
+
+
+Nach der Anspannung aller Kraefte zu dem allgemeinen Sturm und seiner
+Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst
+beendet war, trat bei Goten und Roemern eine lange Pause der Erschlaffung
+ein. Die drei Fuehrer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an
+ihren Wunden danieder.
+
+Aber noch mehr wurde die thatsaechliche Waffenruhe veranlasst durch die
+tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen
+befallen hatten, nachdem der mit hoechster Anstrengung angestrebte Sieg in
+dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde.
+
+Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an
+Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Plaene, der gegen Belisar und
+der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch
+Koenig Witichis in seinem steten Mute die Gedruecktheit des Heeres nicht
+teilte, so erkannte er dafuer desto klarer, dass er seit jenem blutigen Tage
+das ganze System der Belagerung aendern musste.
+
+Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schaetzt ihn auf dreissigtausend
+Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen
+Umkreis der Stadt mit aeusserster Todesverachtung den Geschossen der
+Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal
+Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen.
+
+Da nun auch in den achtundsechzig frueheren Gefechten die Angreifenden
+immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger
+gelitten hatten, so war das grosse Heer, das Witichis vor Monden gegen die
+ewige Stadt gefuehrt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, dass schon
+seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wueteten. Bei dieser
+Entmutigung und Abnahme seiner Truppen musste Witichis den Gedanken, die
+Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung - er
+verhehlte sich ihre Schwaeche nicht - bestand in der Moeglichkeit, der
+Mangel werde den Feind zur Uebergabe zwingen. Die Gegend um Rom war voellig
+ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die
+Entbehrung laenger wuerde ertragen oder welche sich aus der Ferne wuerde
+Vorraete verschaffen koennen. Schwer fehlte den Goten die an der Kueste von
+Dalmatien beschaeftigte Flotte. -
+
+Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Praefekt.
+
+Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewusstlos
+weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf,
+halb Ohnmacht war.
+
+Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster
+Blick auf den treuen Mauren, der am Fussende des Lagers auf der Erde
+kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm
+gerollt.
+
+"Die Holzpforte!" war des Praefekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort,
+"die Holzpforte muss fort - ersetzt durch Marmorquadern .. -"
+
+"Danke, danke dir, Schlangengott!" jubelte der Sklave, "jetzt ist der Mann
+gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet." Und
+er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und kuesste das Lagergestell seines
+Herrn. - Er wagte nicht, dessen Fuesse zu beruehren. "Du mich gerettet? -
+Wodurch?"
+
+"Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den
+Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: "Du siehst,
+starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, dass er sie wieder
+aufschlaegt. Bis du geholfen, erhaeltst du keine Krume Brot und keinen
+Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlaegt - an dem
+Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o grosser
+Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne." So
+sprach ich, und er hat geholfen."
+
+"Die Stadt ist sicher - das fuehl' ich, sonst haette ich nicht entschlafen
+koennen. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?"
+
+"In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes
+Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... -" - "Tod? Diesmal hat
+dein Gott noch geholfen, Syphax. Lass die Tribunen ein."
+
+Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor
+ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. "Rom
+dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie - wie Roemer. Mehr,
+Stolzeres kann ich euch nicht sagen." Und er uebersah wie nachsinnend die
+Reihe, dann sagte er: "Einer fehlt mir - ah mein Korinther! Die Leiche ist
+gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt
+ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die
+Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo ueber die Aschenurne und
+schreibt darauf: "Kallistratos von Korinth ist hier fuer Rom gestorben; er
+hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet." Jetzt geht, bald sehen wir uns
+wieder - auf den Waellen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen
+grossen Becher Falernerwein." "Freund," rief er dem eintretenden Prokopius
+entgegen, "mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch fluestern hoeren:
+"Prokop hat den grossen Belisar gerettet." Ein unsterblich Verdienst! Die
+ganze Nachwelt wird dir's danken - so brauch' ich's nicht zu thun. Setze
+dich hierher und erzaehle mir das Ganze ... - Aber halt: erst schiebe die
+Kissen zurecht, dass ich meinen Caesar wieder sehen kann. Sein Anblick
+staerkt mehr als Arzneien. Nun sprich."
+
+Prokopius sah den Liegenden durchdringend an.
+
+"Cethegus," sagte er dann, ernsten Tones, "Belisar weiss alles." "Alles?"
+laechelte der Praefekt, "das ist viel." - "Lass den Spott und versage
+Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist." - "Ich?
+Nicht dass ich wuesste." - "Sowie er zum Bewusstsein kam, hat ihm Bessas
+natuerlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzaehlt, wie du
+befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor
+lag, den wuetigen Teja auf den Fersen: dass du befohlen, seine Leibwaechter
+niederzuhauen, die mit Gewalt oeffnen wollten: jedes Wort von dir hat er
+berichtet, auch deinen Ausruf: "Erst Rom, dann Belisar": und hat deinen
+Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach:
+"er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die
+ganze Ruestung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank." Und in dem Bericht
+an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: "Cethegus hat Rom gerettet
+und nur Cethegus! Schick' ihm den Patriciat von Byzanz!""
+
+"Ich danke: ich habe Rom nicht fuer Byzanz gerettet." - "Das brauchst du
+mir nicht erst zu sagen, unattischer Roemer."
+
+"Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?"
+
+"Still. Er weiss nichts davon. Und soll es nie erfahren."
+
+"Syphax, Wein. - Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich
+schwach. Nun, wie war der Reiterspass?"
+
+"Freund, das war kein Spass. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch
+begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren."
+
+"Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme
+Toelpel sind sie samt und sonders."
+
+"Du sprichst, als waer' es dir sehr leid, dass Belisar nicht umgekommen."
+
+"Recht waer ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich
+wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold."
+
+"Hoere," sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, "du hast dir ein Recht
+erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Frueher, wenn du des
+Mannes Heldentum herabzogst ..." - "Dachtest du, ich spraeche aus Neid
+gegen den tapfern Belisar! Hoert es, ihr unsterblichen Goetter."
+
+"Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ..." -
+
+"Lass mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muss
+man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur
+die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist
+meine Weisheit, und nenn' es meine Feigheit, wenn du willst. Also - euer
+Ueberfall - mach's kurz! Wie ging's?"
+
+"Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, - alles schien frei vom
+Feind und sicher zum Futter holen - da wandten wir die Rosse allmaehlich
+wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir
+aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes
+und ich an seiner Seite. Ploetzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_
+ins Freie kommen, jagen aus den Gehoelzen zu beiden Seiten der valerischen
+Strasse von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, dass sie
+uns stark ueberlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch
+auf der Strasse nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: "Viele sind es,
+doch nicht allzuviele," und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre
+Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir uebel an: die Goten ritten besser
+und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Fuehrer,
+Totila und Hildebad - jenen erkannte ich an den langflatternden gelben
+Haaren und diesen an der ungeschlachten Groesse - hielten sichtlich scharf
+auf den Feldherrn selbst. "Wo ist Belisar und sein Mut?" schrie der lange
+Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen.
+
+"Hier!" antwortete dieser unverzueglich: und ehe wir ihn abhalten konnten,
+hielt er schon dem Riesen gegenueber. Der war nicht faul und hieb ihm mit
+seinem wuchtigen Beil auf den Helm, dass der goldene Kamm mit dem weissen
+Rosshaarbueschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf
+den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem
+toedlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Boethius Sohn,
+heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des
+Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln
+Juenglings. Er stuerzte" - Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken.
+
+"Tot?" fragte Cethegus ruhig.
+
+"Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus
+dem Gefecht. Doch starb er schon, so hoert' ich, eh' er das Dorf
+erreichte."
+
+"Ein schoener Tod!" sagte Cethegus. "Syphax, einen neuen Becher Wein!"
+
+"Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stiess nun in grossem
+Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines
+Harnisches, dass er der Laenge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf,
+aber der junge Totila" -
+
+"Nun?"
+
+"Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der
+Leibwaechter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannertraeger, wollte ihn
+decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riss ihm die
+Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem naechsten Goten zu. Laut
+auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge
+Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh' er
+sich's versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und
+sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und
+niederwarf. "Gieb dich gefangen, Belisar!" rief Totila.
+
+Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu
+schuetteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte
+ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der
+fuenfzig Leibwaechter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getuemmel
+fluechtend nach der Stadt hin brachte." - "Und du?"
+
+"Ich focht zu Fuss weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut
+eintraf, - die Vorraete in der Mitte hatten wir preisgegeben - das Gefecht
+gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die
+zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der
+schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Fluegel, der ihm zunaechst
+stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete
+Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab
+das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Ross und eilte dem Feldherrn nach.
+Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns
+wuetend nach. An der fulvischen Bruecke holte er die Bedeckung ein; Johannes
+und ich hatten mehr als die Haelfte der noch uebrigen Leibwaechter an der
+Bruecke aufgestellt, den Uebergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern
+Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle
+dreissig, zuletzt auch die beiden treuen Fuehrer, von dem Schwerte des Teja
+allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Bluete von Belisars Leibwaechtern:
+darunter viele meiner naechsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene,
+Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha
+und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der
+Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber
+ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Bruecke unser hier
+zurueckgelassenes Fussvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang
+beschaeftigte, bis das tiburtinische Thor sich, - spaet genug! - dem wunden
+Feldherrn oeffnete. Dann eilt' ich, als wir ihn auf einer Saenfte Antoninens
+Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hiess, die Stadt
+genommen sei und fand dich dem Tode nah."
+
+"Und was hat jetzt Belisar beschlossen?"
+
+"Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung
+langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewaehrt, den sie
+verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten."
+
+Cethegus fuhr auf von den Kissen. "Er haette ihn verweigern sollen! Keine
+unnuetze Verzoegerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen
+Stiere; nun haben sie sich die Hoerner stumpf gestuermt: jetzt sind sie mued
+und muerbe.
+
+Jetzt kam die Zeit fuer einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen.
+Die Hitze draussen in der gluehenden Ebene werden ihre grossen Leiber
+schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. -
+Denn der Germane muss saufen, wenn er nicht schnarcht oder pruegelt. Nun
+braucht man nur ihren vorsichtigen Koenig noch ein wenig einzuschuechtern.
+Sage Belisar meinen Gruss: und mein Dank fuer sein Schwert sei mein Rat: Er
+solle noch heute den gefuerchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das
+Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Strasse ist frei und wird
+wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen
+hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren
+Rom. Sowie aber der Koenig Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht
+sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer
+hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte
+statt des Verfolgers sein." "Cethegus," sprach Prokop aufspringend, "du
+bist ein grosser Feldherr." - "Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und gruesse
+mir den grossen Sieger Belisar."
+
+
+
+
+ Fuenfzehntes Kapitel.
+
+
+An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder
+auf den Waellen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare
+und Isaurier mit lautem Zuruf begruessten. Sein erster Gang war zu dem
+Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen
+Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Waehrend er von hier aus die
+Verstaerkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben
+von Mataswintha.
+
+Es lautete lakonisch genug: "Mach' bald ein Ende. Nicht laenger kann ich
+den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Maennern meines Volks
+hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich
+anzuklagen. Waehrt das noch laenger, so erlieg ich. Der Hunger wuetet
+furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine grosse Zufuhr von
+Getreide und Vieh, die aus Suedgallien unter Segel ist. An den naechsten
+Calenden wird sie auf der Hoehe von Portus erwartet. Handle danach - aber
+mach' rasch ein Ende."
+
+"Triumph," sprach der Praefekt, "die Belagerung ist aus. Unsre kleine
+Flotte lag bisher fast muessig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden.
+Diese Koenigin ist die Erinnys der Barbaren." Und er ging selbst zu
+Belisar, der ihn mit edler Grossheit empfing. -
+
+In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum
+pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Strasse
+schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit
+raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines roemisches Geschwader
+gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des
+Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der Koenig,
+der sein Schmerzenslager zum erstenmal verliess, in Begleitung seiner
+Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals
+menschenwimmelnden Lagern waren voellig veroedet und aufgegeben: auch die
+uebrigen vier waren nur noch spaerlich bevoelkert. Todmuede, ohne Klage, aber
+auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und
+Fieber verzehrt, vor ihren Zelten.
+
+Kein Zuruf, kein Gruss erfreute den wackern Koenig auf seinem
+schmerzensreichen Gang: kaum dass sie die mueden Augen aufschlugen bei dem
+Schall der nahenden Schritte.
+
+Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stoehnen der Kranken, der
+Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man
+die hinlaengliche Zahl von Gesunden, die noetigsten Posten zu beziehen. Die
+Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder
+auf der Schulter zu tragen.
+
+Die Heerfuehrer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im
+Wallgraben lag ein junger Schuetz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad
+rief ihm zu: "Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja
+gesprungen, was ziehst du keine andre auf?" - "Kann nicht, Herr, die Sehne
+sprang gestern bei meinem letzten Schuss. Und ich und die drei Bursche
+neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen." Hildebad gab
+ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: "hast du auf einen Roemer
+geschossen?" "O nein, Herr," sagte der Mann, "eine Ratte nagte dort an der
+Leiche. Ich traf sie gluecklich und wir teilten sie zu viert."
+
+"Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?" fragte der Koenig. "Tot, Herr.
+
+Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten
+Marmorgrab."
+
+"Und dein Vater Iffamuth?" - "Auch tot. Er vertrug's nicht mehr, das
+giftige Wasser aus den Pfuetzen. Der Durst, Koenig, brennt noch heisser als
+der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel." "Ihr
+seid alle aus dem Athesisthal?" "Ja, Herr Koenig, vom Iffinger-Berg. O
+welch koestlich Quellwasser dort daheim!"
+
+Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube
+trinken. Seine Zuege verfinsterten sich noch mehr. "He du, Arulf!" rief er
+ihm zu, "du scheinst nicht Durst zu leiden?" - "Nein, ich trinke oft,"
+sprach der Mann. "Was trinkst du?" - "Das Blut von den Wunden der
+Frischgefallnen. Anfangs ekelt's sehr: aber man gewoehnt's in der
+Verzweiflung."
+
+Schaudernd schritt Witichis weiter. "Schick' all' meinen Wein ins Lager,
+Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen." - "All deinen Wein? O Koenig, mein
+Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Kruege. Und
+Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich staerken."
+
+"Und wer staerkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!"
+
+"Komm mit nach Hause," mahnte Totila, des Koenigs Mantel ergreifend. "Hier
+ist nicht gut sein."
+
+Im Zelt des Koenigs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den
+schoenen Marmortisch, der auf goldnen Gefaessen steinhartes verschimmeltes
+Brot aufwies und wenige Stuecke Fleisch. "Es war das letzte Pferd aus den
+koeniglichen Staellen," sagte Hildebad, - "bis auf Boreas." - "Boreas wird
+nicht geschlachtet! - mein Weib, mein Kind sind auf seinem Ruecken
+gesessen."
+
+Und er stuetzte das muede Haupt auf die beiden Haende: eine neue schwere
+Pause trat ein. "Freunde," hob er endlich an, "das geht nicht laenger also.
+Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluss ist schwer und
+schmerzlich gereift -"
+
+"Sprich's noch nicht aus, o Koenig!" rief Hildebad. "In wenig Tagen trifft
+Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem
+Guten."
+
+"Er ist noch nicht da!" sprach Teja.
+
+"Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist," ermutigte Totila, "wird
+er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum
+eintrifft, mit den Besatzungen, die der Koenig aus den Festen von Ravenna
+bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu fuellen?"
+
+"Auch Ulithis ist noch nicht da," sprach Teja. "Er soll noch in Picenum
+stehen. Und kommt er gluecklich an, so wird der Mangel im Lager noch
+groesser."
+
+"Doch auch die Roemerstadt muss fasten!" meinte Hildebad, das harte Brot mit
+der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. "Lass sehn, wer's laenger
+aushaelt!"
+
+"Oft hab' ich's ueberdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Naechten,"
+fuhr der Koenig langsam fort.
+
+"Warum? warum das alles so kommen musste? Nach bestem Gewissen hab' ich
+immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns:
+und ich kann's nicht anders finden, als dass Recht und Treue auf unsrer
+Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir's nicht fehlen
+lassen."
+
+"Du am wenigsten," sagte Totila.
+
+"Und an keinem schwersten Opfer!" seufzte der Koenig. "Und wenn nun doch,
+wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und
+allgewaltig, warum laesst er all' dies ungeheure, unverdiente Elend zu?
+Warum muessen wir erliegen vor Byzanz?"
+
+"Wir duerfen aber nicht erliegen," schrie Hildebad. "Ich habe nie viel
+gegruebelt ueber unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen liesse, muesste
+man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen
+zerschlagen."
+
+"Laestre nicht, mein Bruder!" sprach Totila. "Und du, mein edler Koenig, Mut
+und Vertrauen.
+
+Ja, es waltet ein gerechter Gott dort ueber den Sternen. Drum muss zuletzt
+die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende."
+
+Aber der Tiefgebeugte schuettelte das Haupt. "Ich gestehe es euch, ich habe
+aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit,
+nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, dass wir all' dies schuldlos
+leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muss verborgne
+Schuld an mir, an eurem Koenig haften. Wiederholt, erzaehlen unsre Lieder
+aus der Heidenzeit, hat sich ein Koenig fuer sein Volk selbst den Goettern
+geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Misswachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er
+hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu
+lasten schien und sie durch Tod gebuesst, oder indem er ohne die Krone ins
+Elend ging, ein friedloser Landfluechtiger. - Lasst mich die Krone abthun
+von diesem Haupt ohne Glueck noch Stern. Waehlt einen andern, dem Gott nicht
+zuernt: waehlt Totila, oder -"
+
+"Das Wundfieber faselt noch aus dir!" unterbrach ihn der alte
+Waffenmeister. "Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen!
+Nein, ich will's euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der
+Vaeter alte Kraft mit der Vaeter altem Glauben verloren habt, und nun keinen
+Trost wisst fuer eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht." -
+Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze ueber die Freunde hin.
+"Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch
+des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann
+gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den
+Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walkueren aus dem blutigen Feld
+auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen
+Bechern ihn begruessen. Dann reitet er alltaeglich mit ihnen hinaus zu Jagd
+und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und
+Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schoene Schildjungfrauen
+kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den
+alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken
+Gesellen meiner Jugend, den kuehnen Winithar und Herrn Waltharis von
+Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd' ich auch ihn,
+dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus
+grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Roemer schlug, von dem noch
+die Saenger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag' ich Schild und
+Speer meinem Herrn, dem Koenig mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in
+alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten
+und alles ihres Wehs."
+
+"Ein schoen Gedicht, alter Heide," laechelte Totila. "Wenn uns aber das
+nicht mehr troestet fuer wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch,
+Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie
+fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein
+troestender Harfenschlag, du liederkundiger Saenger?"
+
+"Mein Wort," sagte Teja aufstehend, "mein Wort und Gedanke waere euch
+vielleicht schwerer zu tragen als all' dies Leid. Lass mich noch schweigen,
+mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir
+Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite
+daran haelt." Und er schritt aus dem Zelte.
+
+Denn draussen in dem Lager hatte sich ein wirrer, raetselhafter Laerm von
+rufenden, fragenden Stimmen erhoben.
+
+Die Freunde sahen ihm schweigend nach. "Ich weiss wohl, was er denkt,"
+sagte der alte Hildebrand endlich. "Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er
+ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor
+und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und
+Staerke. Es ist fast zu schwer fuer ein Menschenherz. Und gluecklich, -
+gluecklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, dass er singt und
+Harfe schlaegt dabei."
+
+Da riss Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhaenge auf: sein Antlitz war
+noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme
+war ruhig wie sonst, da er sprach: "Brich das Lager ab, Koenig Witichis.
+Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf
+Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Waellen Roms,
+vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten
+Rinder schlachten. Grosse Verstaerkungen aus Byzanz unter Valerian und
+Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus
+Byzanz in den Tiber gefuehrt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum
+durchzogen ... -"
+
+"Und Graf Ulithis?"
+
+"Er hat Ulithis geschlagen und getoetet, Ancona und Ariminum genommen. Und
+-"
+
+"Ist das noch nicht alles?" rief der Koenig.
+
+"Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch
+wenige Meilen von der Stadt."
+
+
+
+
+ Sechzehntes Kapitel.
+
+
+Am Tage nach dem Eintreffen dieser fuer die Goten so verhaengnisvollen
+Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief
+entmutigtes Heer aus den vier noch uebrigen Lagern herausgezogen.
+
+Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschliessung gewaehrt. So viel Mut
+und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen.
+
+Schweigend zogen die Goten an den stolzen Waellen vorueber, an denen ihr
+Glueck und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die hoehnenden
+Worte, die Roemer und "Romaeer" (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen
+herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu gross, um durch solchen
+Spott getroffen zu werden.
+
+Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die
+Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurueckgewiesen. Denn Graf
+Teja fuehrte die gotische Nachhut.
+
+So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Strasse durch Picenum in
+raschen Maerschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plaetzen Narnia,
+Spoletium und Perusium ausgewichen werden musste) nach Ravenna, wo Witichis
+zur rechten Zeit eintraf, die gefaehrliche Stimmung der Bevoelkerung, die
+auf die Kunde von dem Unglueck der Barbaren schon mit dem drohenden
+Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdruecken.
+
+Johannes zog sich bei der Annaeherung der Goten in seine letzte wichtige
+Eroberung Ariminum zurueck. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit
+den thrakischen Speertraegern und mit Kriegsschiffen.
+
+Der Koenig fuehrte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms
+aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele
+Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft liess er unter
+Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine
+halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter
+Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in
+Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach
+Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten
+der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen
+gefaehrdet wurde.
+
+Er that dies uebrigens noch aus andern Gruenden.
+
+Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall
+einer Einschliessung nicht wieder sobald durch die grosse Staerke des Heeres
+dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um fuer den naemlichen Fall die
+Belagerer auch vom Ruecken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu
+koennen. Sein Plan war zunaechst, die seinem Hauptstuetzpunkt Ravenna
+drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerruetteten Streitkraeften
+auf die Verteidigung zu beschraenken, bis fremde Hilfstruppen,
+langobardische und fraenkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen
+wuerden, wieder das offne Feld zu halten.
+
+Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese
+gotischen Burgen hinzuhalten, erfuellte sich nicht. Er begnuegte sich, sie
+durch beobachtende Truppen einzuschliessen und zog ohne weiteres gegen die
+Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. "Habe ich
+das Herz zum Tode getroffen," sagte er, "werden sich die geballten Faeuste
+von selbst oeffnen."
+
+ --------------
+
+Und so dehnten sich alsbald um die Koenigsstadt Theoderichs in weit
+gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von
+der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanaelen und Zweigarmen des Padus, die
+im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten.
+
+Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem
+Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz
+der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche
+Regierung Theoderichs ueber sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des
+Krieges verschwunden.
+
+Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muss damals die immer noch
+volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als
+heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Strassen, den leeren
+Plaetzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch
+anhaucht als draussen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die oede
+Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des
+weit zurueckgetretenen Meeres auslaufen.
+
+Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschaeftiges
+Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief
+schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem
+Schilf und Riedgras verwilderte Bueffel grasen; versumpft die Strassen,
+versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: -
+nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein
+erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von
+Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller
+Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt.
+
+Die starke Seefestung galt fuer uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem
+Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefaehrdung Italiens durch die
+Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewaehlt. Die Suedost-Seite deckte das
+damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spuelende Meer.
+
+Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches
+Netz von Kanaelen, Graeben und Suempfen des vielarmigen Padus gesponnen, in
+welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken musste. Und diese
+Mauern! noch jetzt erfuellen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre
+ungeheure Dicke und - weniger ihre Hoehe als - die Anzahl von starken
+Rundtuermen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der
+Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch
+Aushungerung hatte nach fast vierjaehrigem Widerstand der grosse Theoderich
+diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen.
+
+Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit
+Sturm zu nehmen. Kraeftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer
+mussten sich begnuegen, die Festung enge zu umschliessen und, wie einst der
+Gotenkoenig, durch Mangel zur Uebergabe zu noetigen. Dem aber konnte Witichis
+getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in
+diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorraete
+aller Art, namentlich aber Getreide, in ausserordentlicher Menge in
+besonders von ihm (mit Benutzung und in den Raeumen des ungeheuren
+Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer
+aufgehaeuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenueber dem Palast und
+der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Koenigs Stolz, Freude und Trost.
+Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden
+durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom fuehren koennen: und bei einiger
+Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel fuer die Bevoelkerung und
+das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis
+dahin aber war das Eintreffen eines fraenkischen Hilfsheeres infolge der
+aufs neue angeknuepften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser
+Entsatz musste notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeifuehren.
+
+Dies wussten - oder ahnten doch - Belisar und Cethegus so gut wie Witichis:
+und rastlos spaehten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall
+der Stadt zu beschleunigen. Der Praefekt suchte natuerlich vor allem seine
+geheime Verbindung mit der Gotenkoenigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber
+einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle
+Ausgaenge der Stadt sorgfaeltig ueberwachten. Und dann schien auch
+Mataswintha wesentlich veraendert und keineswegs mehr so bereit und
+willfaehrig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem.
+
+Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demuetigung des Koenigs erwartet. Das
+lange Hinzoegern ermuedete sie: und zugleich hatten die grossen Leiden ihres
+Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschuettern.
+
+Dazu kam endlich, dass die traurige Verwandlung in dem sonst so kraeftigen
+und gesundfreudigen Wesen des Koenigs, der stille, aber tiefe und finstre
+Gram, der ueber seiner Seele lag, maechtig an ihrem Herzen ruettelte. Wenn
+sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern
+Stolz gekraenkter Liebe ihn verklagte, dass er ihr Herz verworfen und doch,
+um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie
+ihn dafuer auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu
+hassen glaubte und zum Teil auch wirklich hasste, so war doch dieser Hass
+nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglueck der
+gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all' seiner Plaene - an dem ihr
+heimtueckischer Verrat so grossen Anteil trug, - tief, bis zur
+krankhaft-schwermuetigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder
+Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf
+ihre aus Haerte und Glut seltsam gemischte Natur.
+
+Sie haette im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzuecken sein Blut
+fliessen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst
+zerstoeren sehen, - das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug
+aber endlich wesentlich bei, dass sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine
+Veraenderung in des Koenigs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben
+glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue ueber die Gewaltsamkeit, mit
+welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte.
+
+Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den
+selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkuerlich
+gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des
+Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren
+Formen anerkannte und lohnte. Grund genug fuer Mataswinthens beweglich
+flutende Gedanken, die Antraege des Praefekten, selbst wenn diese manchmal
+noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen.
+
+Doch hatte der Praefekt aus dieser Quelle schon waehrend des Zuges gegen
+Ravenna erfahren, was spaeter auch sonst bekannt wurde, dass die Goten Hilfe
+von den Franken erwarteten. Unverzueglich hatte er deshalb seine alten
+Verbindungen mit den Vornehmen und Grossen, die an den Hoefen zu Mettis
+(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der
+merowingischen Schattenkoenige herrschten, wieder angeknuepft, um die
+Franken, deren damals sprichwoertlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf
+Gelingen solcher Versuche gewaehrte, von dem gotischen Buendnis wieder
+abzuziehen.
+
+Und als die Sache durch diese Freunde gehoerig vorbereitet war, hatte er an
+Koenig Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn
+dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem
+Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen.
+Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den
+Majordomus des schwachen Koenigs, begleitet: und sehnlich erwartete der
+Praefekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als
+das veraenderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere
+Ueberwaeltigung der Goten abgeschnitten hatte.
+
+Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz,
+an einem fuer die Helden in und ausser Ravenna gleich verhaengnisvollen Tage.
+
+
+
+
+ Siebzehntes Kapitel.
+
+
+Hildebad, ungeduldig ueber das lange Muessigliegen, hatte aus der ihm zu
+besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen
+heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in
+ungestuemem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der
+Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.
+
+Er haette unfehlbar noch viel groessern Schaden angerichtet, wenn nicht der
+rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all' seine Feldherrnschaft und
+all' sein Heldentum zugleich entfaltet haette. Ohne Helm und Harnisch, wie
+er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden
+Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch
+aeusserste persoenliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen
+gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt
+verwendet, dass Hildebads Rueckzug ernstlich bedroht war und die Goten, um
+nicht abgeschnitten zu werden, all' ihre errungenen Vorteile aufgeben und
+schleunigst in die Stadt zurueckeilen mussten.
+
+Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur
+Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin,
+nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als
+Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig
+einsog. "Wirklich, Belisarius," schloss der Praefekt, "Kaiser Justinian kann
+dir das nicht vergelten."
+
+"Da sprichst du wahr," antwortete Belisar stolz: "er vergilt mir nur durch
+seine Freundschaft. Fuer seinen Feldherrnstab koennte ich nicht thun, was
+ich fuer ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu's, weil ich ihn
+wirklich liebe. Denn er ist ein grosser Mann mit allen seinen Schwaechen.
+Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau'n. Aber getrost: - er wird's
+noch lernen."
+
+Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem
+kaiserlichen Gesandten ueberbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz
+sprang Belisar, aller Muedigkeit vergessen, vom Polster auf, kuesste die
+purpurnen Schnuere, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und oeffnete das
+Schreiben mit den Worten: "Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun
+wird er mir die Leibwaechter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich
+erwarte, und das vorgeschossene Gold."
+
+Und er begann zu lesen.
+
+Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Zuege
+verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in
+schwerem Krampf zu heben: die beiden Haende, mit welchen er das Schreiben
+hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte,
+stiess Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das
+kaiserliche Schreiben auf die Erde und stuerzte ausser sich aus dem Gezelt;
+eilend folgte ihm seine Gattin.
+
+"Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen," sagte Prokop, den Brief
+aufhebend. "Lass sehn: wohl wieder ein Stuecklein kaiserlichen Dankes," -
+und er las: "Der Eingang ist Redensart, wie gewoehnlich - aha, jetzt kommt
+es besser:
+
+"Wir koennen gleichwohl nicht verhehlen, dass wir, nach deinen eignen
+frueheren Beruehmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese
+Barbaren erwartet haetten und glauben auch, dass eine solche bei groesserer
+Anstrengung nicht unmoeglich gewesen waere. Deshalb koennen wir deinem
+wiederholt geaeusserten Wunsche nicht entsprechen, dir deine uebrigen
+fuenftausend Mann Leibwaechter, die noch in Persien stehen, sowie die vier
+Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.
+
+Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich ueberfluessigermassen
+bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geaeusserter Entschluss,
+du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschoepftheit des kaiserlichen
+Saeckels aus eignen Mitteln zu Ende fuehren, verdient, dass wir ihn als
+pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger
+hinzugefuegt, all dein Hab' und Gut deines Kaisers Majestaet zu Diensten
+steht und kaiserliche Majestaet die erbetene Verwendung deiner Leibwaechter
+und deines Goldes in Italien fuer ueberfluessig halten muss, so haben wir,
+deiner Zustimmung gewiss, anderweitig darueber verfuegt und bereits Truppen
+und Schaetze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses
+uebergeben." - Ha, unerhoert!" unterbrach sich Prokop.
+
+Cethegus laechelte: "Das ist Herrendank fuer Sklavendienst."
+
+"Auch das Ende scheint huebsch," fuhr Prokopius fort. - "Eine Vermehrung
+deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wuenschbar, als man
+uns wieder taeglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.
+
+Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem
+Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: - gefaehrliche Gedanken
+und ungeziemende Worte.
+
+Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Traeumen unterrichtet.
+
+Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir
+noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich,
+dass die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am naechsten
+stehn."
+
+"Das ist schaendlich!" rief Prokop. "Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!"
+sagte Cethegus. "Das heisst die Treue selbst zum Aufruhr peitschen."
+
+"Recht hast du," schrie Belisar, der, wieder hereinstuermend, diese Worte
+noch gehoert hatte. "Oh, er verdient Aufruhr und Empoerung, der undankbare,
+boshafte, schaendliche Tyrann."
+
+"Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde!" beschwor
+ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu
+fassen.
+
+"Nein, ich will nicht schweigen," rief der Zornige, an der offenen
+Zeltthuer auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und
+viele andere Heerfuehrer mit Staunen lauschend standen. "Alle Welt soll's
+hoeren. Er ist ein undankbarer, heimtueckischer Tyrann! Ja du verdientest,
+dass ich dich stuerzte! Dass ich dir thaete nach dem Argwohn deiner falschen
+Seele, Justinianus!"
+
+Cethegus warf einen Blick auf die draussen Stehenden: sie hatten offenbar
+alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den
+Eingang und zog die Vorhaenge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie
+trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem
+Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Faeuste gegen seine
+Brust und stammelte: "O Justinianus, hab' ich das um dich verdient? O zu
+viel, zu viel!" Und ploetzlich brach der gewalt'ge Mann in einen Strom von
+hellen Thraenen aus. Da wandte sich Cethegus veraechtlich ab: "Lebwohl,"
+sagte er leise zu Prokopius, "mich ekelt es, wenn Maenner heulen."
+
+
+
+
+ Achtzehntes Kapitel.
+
+
+In schweren Gedanken schritt der Praefekt aus dem Zelt und ging, das Lager
+umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen
+Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der
+Suedseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg fuehrte zum
+Teil am Meeresstrand entlang.
+
+So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der grosse Gedanke, der
+der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschaeftigte, so schwer die
+Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefuehlsueberschwenglichen
+Gemuetsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade
+jetzt auf ihm lastete, - doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur
+voruebergehend, auf das aussergewoehnliche Aussehen der Landschaft, des
+Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen.
+
+Es war Oktober: - aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz
+geaendert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein
+Gewoelk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so duenstereichen
+Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt ploetzlich - es war gegen Sonnenuntergang -
+bemerkte Cethegus im Osten, ueber dem Meer, am fernsten Horizont, eine
+einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen
+sein musste.
+
+Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine
+Strahlen. Kein Lufthauch kraeuselte die bleierne Flut des Meeres.
+
+Keine noch so leise Welle spuelte an den Strand. In der weitgestreckten
+Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbaeumen. Ja, nicht einmal das
+Schilf in den Sumpfgraeben bebte.
+
+Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein
+fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drueckend ueber Land
+und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen
+unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden
+waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht,
+wuehlten den Kopf in den Sand. -
+
+Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um
+sich. "Das ist schwuel: wie vor dem "Wind des Todes" in den Wuesten
+Aegyptens," sagte er zu sich selber. - "Schwuel ueberall - aussen und innen. -
+Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft
+entladen?"
+
+Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, "Herr, waer' ich daheim,
+ich glaubte heute: der Gifthauch des Wuestengottes sei im Anzug," und er
+reichte ihm einen Brief.
+
+Es war die Antwort des Frankenkoenigs! Hastig riss Cethegus das grosse,
+prunkende Siegel auf.
+
+"Wer hat ihn gebracht?"
+
+Ein Gesandter, der, nachdem er den Praefekten nicht getroffen, sich zu
+Belisar hatte fuehren lassen. Er hatte den naechsten Weg - den durchs Lager
+- verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt.
+
+Er las begierig: "Theudebald, Koenig der Franken, Cethegus dem Praefekten
+Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch kluegere nicht der Schrift
+vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht
+uebel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die
+ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglueck geloest. Dies,
+nicht unsere Wandelung, moegen sie verklagen.
+
+Wen der Himmel verlaesst, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie
+fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold fuer das Hilfsheer in mehreren
+Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein
+Hindernis.
+
+Wir behalten diese Schaetze als Pfand, bis sie uns die Staedte in Suedgallien
+abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken
+vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits
+vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit
+gefaehrlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen wuerde, sind wir
+gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl ueber die Alpen zu schicken.
+Nur anstatt fuer: gegen die Goten.
+
+Aber freilich, auch nicht fuer den Kaiser Justinianus, der uns fortwaehrend
+den Koenigstitel vorenthaelt, sich auf seinen Muenzen Herrn von Gallien
+nennt, uns keine Goldmuenzen mit eigenem Brustbild praegen lassen will und
+uns noch andere hoechst unertraegliche Kraenkungen unserer Ehre angethan. Wir
+gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen.
+
+Da wir nun wohl wissen, dass des Kaisers ganze Staerke in diesem Lande auf
+seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine grosse Zahl alter und
+neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu fuehren hat: so werden
+wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen,
+wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden
+und uns dafuer nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin
+abtreten lassen werden.
+
+Wir halten fuer unmoeglich, dass ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne.
+Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheissen wir dir eine Summe
+von zwoelf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rueckzahlung von zwei
+Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der
+Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern
+Antrag Belisar mitzuteilen."
+
+Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen.
+
+Jetzt fuhr er auf. "Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: - in dieser
+Stimmung: - er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend
+Franken-Kriegern! Er darf nicht leben." -
+
+Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er ploetzlich
+stehen: "Thor, der ich war!" laechelte er kalt. "Heissbluetig noch immer? Er
+ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das waere, wie wenn
+der Mond sich gegen die Erde empoeren wollte, als ob der zahme Haushund
+ploetzlich zum grimmigen Wolfe wuerde. Er nimmt nicht an! Aber nun lass
+sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein,
+Frankenkoenig," und er laechelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief,
+"solang Cethegus lebt, - nicht einen Fuss breit von Italiens Boden."
+
+Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern.
+Und einen dritten -: nun blieb er stehen -: und ueber seine maechtige Stirn
+zuckt' es hin. "Ich hab' es!" frohlockte er. "Auf, Syphax," rief er, "geh'
+und rufe mir Prokop." -
+
+Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur
+Erde gefallenen Brief des Merowingen. "Nein," laechelte er triumphierend,
+ihn aufhebend, "nein, Frankenkoenig, nicht soviel Raum als dieser Brief
+bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde."
+
+Bald erschien Prokop. Die beiden Maenner pflogen ueber Nacht ernste, schwere
+Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkuehnen Plaenen des Praefekten und
+weigerte sich lange, darauf einzugehen.
+
+Aber mit ueberlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert
+und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand,
+noch eh' er ausgesprochen, mit siegender Ueberredung nieder und liess nicht
+eher ab, seine unzerreissbaren und dichten Faeden um den Widerstrebenden zu
+ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. -
+
+Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit
+blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. "Cethegus,"
+sagte er aufstehend, "ich bewundere dich.
+
+Waer' ich nicht Belisars, - ich moechte dein Geschichtschreiber sein."
+
+"Interessanter waere es," sagte der Praefekt ruhig, "aber schwerer."
+
+"Doch graut mir vor der aetzenden Schaerfe deines Geistes. Sie ist ein
+Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige
+Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkoenig durch
+sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... -"
+
+"Ich musste dir das jetzt sagen. Leider hab' ich in letzter Zeit wenig von
+meiner schoenen Verbuendeten gehoert."
+
+"Deine Verbuendete! Deine Mittel sind ..." - "Immer zweckmaessig."
+
+"Aber nicht immer ..! - Gleichviel, ich gehe mit dir: - noch eine Strecke
+Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als
+moeglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich
+gehe nicht weiter mit dir als bis ... -"
+
+"Zu deinem Ziel, das versteht sich."
+
+"Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie
+langweilt sich hier aufs toedlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz
+nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten
+zu verderben."
+
+"Eine gute schlechte Frau."
+
+"Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empoerung Belisars fuer moeglich
+halten?"
+
+"Koenig Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne
+einen viel schaerferen Kopf, der's doch einen Augenblick fuer moeglich hielt.
+Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den
+Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: - er
+greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: - versichre
+dich nur Antoninens." -
+
+"Das lass meine Sorge sein. Bis Mittag hoff' ich als Gesandter in Ravenna
+einzuziehn."
+
+"Wohl: - dann vergiss mir nicht, die schoene Koenigin zu sprechen."
+
+
+
+
+ Neunzehntes Kapitel.
+
+
+Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein.
+
+Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe
+des Frankenkoenigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an
+Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn
+diktiert.
+
+Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den Koenig
+der Goten und seine Koenigin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des
+Koenigs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck
+unausgesetzten Ungluecks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verduestern.
+Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreissen von
+seinem Weibe hatten ihn schwer erschuettert: - aber er hatte es getragen
+fuer den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnaeckig ausgeblieben.
+
+Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat
+seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei
+dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glueck gelaechelt.
+
+Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit
+dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rueckzug geendet.
+Neue Ungluecksschlaege, Nachrichten, die betaeubend wie Keulenschlaege auf den
+Helm in dichter Folge sich draengten, mehrten seine Niedergeschlagenheit
+und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit.
+
+Fast ganz Italien, ausserhalb Ravenna, schien Tag fuer Tag verloren zu
+gehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet,
+unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich
+gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da
+aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der
+Bischof dieser Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum,
+Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem
+halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien
+gefuehrt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert,
+ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Aemilia durch Johannes den
+Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder
+zu nehmen, scheiterten.
+
+Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Koenigs weiches Gemuet.
+
+Denn inzwischen wuetete der Hunger in den weiten Landschaften Aemilia,
+Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Maenner, Rinder und Rosse.
+
+Die Leute fluechteten in die Berge und Waelder, buken Brot aus Eicheln und
+verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus
+der mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fuenfzig
+tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien,
+dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch
+Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die gluehenden
+Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvoegel
+verschmaehten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das
+Menschenfleisch gierig gegessen. Muetter toeteten und verzehrten ihre
+neugebornen Kinder. In einem Gehoeft bei Ariminum waren nur noch zwei
+roemische Weiber uebrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander
+siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der
+achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwuergen vermochten,
+toetete die werwoelfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der
+frueheren Opfer ans Licht.
+
+Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung.
+Die letzteren, die grosse Summen fuer das zugesagte Hilfsheer empfangen
+hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestuem zur Eile, zur
+Erfuellung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten
+des Koenigs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei
+Antwort kam von diesen Hoefen. Der Langobardenkoenig Audoin aber liess sagen:
+er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin,
+dieser jedoch sei mit grossem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen.
+
+Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: - er sei mit Narses
+eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und
+Volke raten, welche Beschluesse sie ueber dies Land Italia fassen sollten.
+
+Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des
+starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor
+die Mauern gefuehrt hatte und waehrend der Einschliessung befehligte. Aber es
+zerriss dem Koenig das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Muehe und
+verwundet sich durch die Reihen beider einschliessenden Heere in das drei
+Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmuetige Graf Wisand der
+Bandalarius die folgenden Worte sandte: "Als du mir Auximum anvertrautest,
+sagtest du: ich sollte damit die Schluessel Ravennas, ja des Gotenreiches
+hueten. Ich sollte maennlich widerstehen, dann wuerdest du bald mit all'
+deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben maennlich widerstanden
+Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht
+gesprochen und mit unsrer Feste jene Schluessel in der Feinde Haende fallen.
+Deshalb komm und hilf: - mehr um des Reichs, als unsrer willen."
+
+Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner
+Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete - mit Blut war der
+kurze Brief geschrieben: - "Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das
+aus den Steinen waechst. Laenger als fuenf Tage koennen wir uns nicht mehr
+halten." Der Bote fiel auf der Rueckkehr mit der Antwort des Koenigs in die
+Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Waellen von
+Auximum lebendig verbrannten.
+
+Ach und der Koenig konnte nicht helfen!
+
+Noch immer widerstand das Haeuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar
+durch Zerstoerung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten
+Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von
+Menschen und Tieren und Kalkloesungen vergiftete. Sturmangriffe schlug
+Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwaechters
+entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode.
+
+Endlich fiel zuerst Caesena, die letzte gotische Stadt in der Aemilia, und
+dann Faesulae, das Cyprianus und Justinus belagerten. "Mein Faesulae!" rief
+der Koenig, als er es erfuhr: - denn er war Graf dieser Stadt gewesen und
+dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. "Die
+Hunnen hausen wohl an meinem zerstoerten Herd!"
+
+Als aber die gefangene Besatzung von Faesulae den Belagerten in Auximum in
+Ketten vor Augen gefuehrt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von
+Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da noetigten den Bandalarius
+seine verhungerten Scharen zur Uebergabe.
+
+Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus.
+
+Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien gefuehrt. Ja, so tief
+gesunken war Mut und Volksgefuehl der endlich Bezwungenen, dass sie unter
+Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen
+unter Belisars Fahnen.
+
+Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen
+Belagerer dieser Feste zurueckgefuehrt in das Lager vor Ravenna, wo er
+Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm.
+
+Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkoenigs hafte, auf dem so
+schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Misslingens keiner
+Schwaeche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig
+an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine
+einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des
+Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den quaelenden
+Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Suendenschuld willen, dass Gott die
+Goten zuechtige: eine Verstellung, welche die Anschauungen des die Zeit
+beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahe legten als viele
+Zuege der alten germanischen Koenigssage.
+
+Diese Gedanken verfolgten unablaessig den tuechtigen Mann und nagten Tag und
+Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquaelerischen
+Gruebeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er
+den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden koenne.
+Laengst haette er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher
+Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit haette
+erscheinen muessen. So war ihm auch dieser Ausweg - der naechste und liebste
+- aus seinen quaelenden Gedanken verschlossen. Gebeugt sass jetzt oft der
+sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin,
+nur manchmal das Haupt schuettelnd oder tief aufseufzend.
+
+Der taegliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und
+hilflosen Erduldens eines niederdrueckenden Geschickes blieb, wie wir
+gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht
+darin getaeuscht zu haben, dass seit geraumer Zeit sein Auge milder als
+sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so draengte
+sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden
+Herzen, teils Reue und Mitleid maechtiger als je zu dem leidenden Koenig.
+
+Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit
+vereint. Die Bevoelkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen
+angefangen, waehrend die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und
+aus Calabrien und Sicilien reiche Vorraete bezogen, Mangel zu leiden. Nur
+die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen.
+Des Koenigs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem Ueberfluss seiner
+Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der
+Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohlthaetige
+Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften
+versorgt hatte: auch hoffte er auf eine grosse Menge von Getreideschiffen,
+welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse
+zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten.
+
+Um aber jeden Missbrauch und alles Uebermass bei jenen Spenden fernzuhalten,
+ueberwachte der Koenig selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn
+einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte
+sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris
+gestellt und ihm geholfen, die Koerbe mit Brot verteilen. Es war ein
+schoener Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Koenigin zur Linken, vor
+der Kirchenpforte standen und ueber die Stufen hinab dem segenrufenden Volk
+die Spende reichten.
+
+Waehrend sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der draengenden,
+flutenden Volksmasse, - denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten
+vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengestroemt, -
+auf der untersten Stufe der Basilika seitwaerts ein Weib in schlichtem,
+braunem, halb ueber den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib draengte nicht mit
+den andern die Stufen hinan, um auch Brot fuer sich zu fordern: sondern
+lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen
+hohen Sarkophag gestuetzt, hinter der Ecksaeule der Basilika und blickte
+scharf und unverwandt auf die Koenigin.
+
+Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz
+abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen
+sich stiessen und draengten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot,
+hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemueht haeufte sie mit
+mildem Blick und mit den beiden weissen Haenden thaetig das duftende
+Gebaeck. -
+
+Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Koenigs, das, sanft und
+freundlich geruehrt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. - Heiss schoss ihr
+das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern.
+
+Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war
+diese verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer.
+
+Sie hatte, waehrend sie den Korb fuellte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit
+einem Bueffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim
+Arme gefasst und mit sanfter Gewalt hinweggefuehrt hatte. "Komm," hatte er
+gesagt, "hier ist kein guter Ort fuer dich." Und wie im wachen Traum hatte
+das Weib geantwortet: "Bei Gott, sie ist wunderschoen."
+
+"Ich danke dir, Mataswintha!" sprach der Koenig freundlich, als die fuer
+heute bestimmten Spenden verteilt waren.
+
+Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie
+bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Koenigin in ihr gesehen und
+angesprochen. Wie beglueckte sie das Wort aus seinem Munde - und wie schwer
+lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewussten Seele! Offenbar
+hatte sie sich zum Teil seine waermere Stimmung durch ihr werkthaetiges
+Mitleid mit den Armen erworben. "O er ist gut," sagte sie, halb weinend
+vor Erregung, "ich will auch gut sein."
+
+Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken
+Fluegels des Palastes trat - Witichis bewohnte den rechten - eilte ihr Aspa
+geschaeftig entgegen. "Ein Gesandter aus dem Lager," fluesterte sie der
+Herrin eifrig zu. "Er bringt geheime Botschaft vom Praefekten - einen
+Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache - er harrt auf Antwort ..." -
+
+"Lass," rief Mataswintha, die Stirne furchend, "ich will nichts hoeren,
+nichts lesen. Aber wer sind diese?"
+
+Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemaecher
+fuehrte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke,
+Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehuellt - eine Gruppe des
+Elends.
+
+"Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu
+verscheuchen." - "Man soll sie nicht verscheuchen!" sprach Mataswintha,
+naeher tretend.
+
+"Brot, Koenigin! Brot, Tochter der Amalungen!" riefen mehrere Stimmen ihr
+entgegen. "Gieb ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir traegst und hole ..
+-" - "Brot! Brot! Koenigin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben
+in der Stadt."
+
+"Vor des Koenigs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon
+her, warum wart ihr nicht dort?"
+
+"Ach Koenigin, wir koennen nicht durchdringen," jammerte eine hagere Frau.
+"Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist
+blind. Die Gesunden, die Jungen stossen uns zurueck. Drei Tage haben wir's
+umsonst versucht: wir dringen nicht durch." - "Nein, wir hungern," grollte
+der Alte. "O Theoderich, mein Herr und Koenig, wo bist du? Unter deinem
+Scepter hatten wir vollauf. - Da kamen die Armen und Siechen nicht zu
+kurz. Aber dieser Unglueckskoenig ... -"
+
+"Schweig," sprach Mataswintha, "der Koenig, mein Gemahl" - und hier flog
+ein wunderschoenes Rot ueber ihre Wangen - "thut mehr als ihr verdient.
+Wartet hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa."
+
+Und rasch schritt sie hinweg. "Wohin eilst du?" fragte die Sklavin
+staunend.
+
+Und Mataswintha schlug den Schleier ueber ihr Antlitz, als sie antwortete:
+"Zum Koenig!"
+
+Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Thuersteher, der
+sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. "Ein Abgesandter Belisars habe
+geheime Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald
+verlassen."
+
+Da oeffnete sich die Thuere: - und Prokop stand zoegernd auf der Schwelle.
+"Koenig der Goten," sprach er, sich nochmals wendend, "ist das dein letztes
+Wort?" - "Mein letztes, wie's mein erstes war," sprach der Koenig voller
+Wuerde. - "Ich goenne dir noch Zeit: - ich bleibe noch bis morgen in
+Ravenna." - "Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als
+Gesandter." - "Ich wiederhole: faellt die Stadt mit Sturm, so werden alle
+Goten, die hoeher als Belisars Schwert, getoetet - er hat's geschworen! -
+Weiber und Kinder als Sklaven verkauft - Du begreifst: Belisar kann keine
+Barbaren brauchen in _seinem_ Italien - Dich mag der Tod des Helden
+locken: aber bedenke die Hilflosen - ihr Blut wird vor Gottes Thron -" -
+"Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir; lebwohl." Und so
+maechtig wurden diese Worte gesprochen, dass der Byzantiner gehen musste, so
+ungern er es that. Die schlichte Wuerde dieses Mannes wirkte stark auf ihn.
+Aber auch auf die Lauscherin.
+
+Als Prokop die Thuere schloss, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat
+bewundernd einen Schritt zurueck, geblendet von soviel Schoenheit.
+Ehrerbietig begruesste er sie. "Du bist die Koenigin der Goten!" sagte er,
+sich fassend, "du musst es sein."
+
+"Ich bin's!" sagte Mataswintha, "haett' ich das nie vergessen." Und stolz
+rauschte sie an ihm vorueber.
+
+"Augen haben diese Germanen, Maenner und Weiber," sagte Prokop im
+Hinausgehen, "wie ich sie nie gesehen."
+
+
+
+
+ Zwanzigstes Kapitel.
+
+
+Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten.
+
+Witichis hatte alle Gemaecher, welche die Amalungen, Theoderich,
+Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitlaeufigen
+Palastes) unberuehrt gelassen und einige auch frueher schon von ihm, wenn er
+die Wache am Hofe hatte, bewohnte Raeume im rechten Fluegel bezogen. Er
+hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen
+Zimmern allen koeniglichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern
+Eisenfuessen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden
+lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgeraet standen in dem einfachen
+Gelass.
+
+Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschoepft, mit dem Ruecken
+gegen die Thuer in einen Stuhl geworfen und stuetzte das muede Haupt in
+beiden Haenden auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt
+der Eintretenden nicht bemerkt.
+
+Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch
+niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte maechtig. Sie konnte ihn nicht
+ansprechen: sie konnte nicht naeher treten.
+
+Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt
+an der Thuere stehen. "Du hier Koenigin?" sprach er staunend und trat ihr
+einen Schritt entgegen. "Was kann dich zu mir fuehren?"
+
+"Die Pflicht - das Mitleid" - sagte Mataswintha rasch. "Sonst haette ich
+nicht - - ich habe eine Bitte an dich."
+
+"Es ist die erste," sagte Witichis. - "Sie betrifft nicht mich" - fiel sie
+schnell ein - "Ich bitte dich um Brot fuer Arme, Kranke, welche" -
+
+Da reichte ihr der Koenig schweigend die Rechte hin. -
+
+Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und haette es doch, o
+wie gerne, gethan. So fasste er selbst ihre Hand und drueckte sie leicht.
+
+"Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch
+ein Herz fuer dein Volk und seine Leiden. Ich haette das nie geglaubt: ich
+habe hart von dir gedacht."
+
+"Haettest du von jeher anders von mir gedacht: - es waere vielleicht manches
+besser."
+
+"Schwerlich! Das Unglueck heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt - du hast
+ein Recht, es zu wissen - brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf
+deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmoeglich: die
+Uebermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugross. Es bleibt nur
+noch ein letztes: ein freier Tod."
+
+"Lass mich ihn mit dir teilen," rief Mataswintha, und ihre Augen
+leuchteten. - "Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme
+finden am Hofe von Byzanz. Man weiss, dass du gegen deinen Willen meine
+Koenigin geworden .. - Du kannst dich laut darauf berufen."
+
+"Nimmermehr!" sprach Mataswintha begeistert.
+
+Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: "Aber die
+andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern!
+Belisar haelt, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch fuer sie: -
+eine einzige! Denn - alle Maechte der Natur verschwoeren sich gegen mich.
+Der Padus ist ploetzlich so seicht geworden, dass zweihundert
+Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluss
+herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen!
+
+Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkoenig geschrieben: er soll seine
+Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen,
+so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll.
+Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen."
+
+"Ich will mit dir -, mit euch sterben."
+
+"In wenig Wochen koennen die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen.
+Bis dahin reichen meine Speicher - der letzte Trost. Doch, das mahnt mich
+an deinen Wunsch: - Hier ist der Schluessel zu dem Hauptthor der Speicher.
+Ich trag' ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: - er
+verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schliesst das Leben von vielen Tausenden
+ein. Es war meine einzige Muehewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich
+wundert," fuegte er schmerzlich hinzu, "dass nicht die Erde sich aufgethan
+hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu
+verschlingen."
+
+Und er nahm den schweren Schluessel aus dem Brustlatz seines Wamses. "Huet'
+ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha."
+
+"Ich danke dir, Witichis - Koenig Witichis -" sagte sie, verbessernd, und
+griff nach dem Schluessel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel.
+
+"Was ist dir," fragte der Koenig, den Schluessel ihr in die Rechte drueckend,
+- sie steckte ihn in den Guertel ihres weissseidnen Unterkleides - "du
+zitterst? Bist du krank?" setzte er besorgt hinzu.
+
+"Nein - es ist nichts. - Aber sieh mich nicht an so - so wie jetzt und wie
+heute morgen ... -" "Vergieb mir, Koenigin," sagte Witichis, sich
+abwendend. "Meine Blicke sollten dich nicht kraenken. Ich hatte viel, recht
+viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich
+all dies Unglueck verdient haben koennte ..." - seine Stimme wurde weich.
+
+"Dann? o rede?" bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr
+an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens.
+
+"Dann hab' ich, unter all' den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es
+nicht Strafe sei fuer eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen
+Geschoepf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert -" Und
+unwillkuerlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hoererin.
+
+Mataswinthens Wangen ergluehten: sie fasste, sich aufrecht zu halten, nach
+der Lehne des Stuhles neben ihr. "Endlich - endlich erweicht sein Herz und
+ich - was habe ich ihm gethan!" dachte sie "und Er bereut. -"
+
+"Ein Weib," fuhr er fort, "das unsaeglich um mich gelitten, mehr als Worte
+sagen koennen." - "Halt ein!" fluesterte sie so leise, dass er es nicht
+vernahm. "Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher,
+milder, weiblicher als je zuvor - Dann ruehrtest du mein Herz mit Macht:
+und Thraenen drangen in meine Augen." -
+
+"O Witichis!" hauchte Mataswintha.
+
+"Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst
+mich dann so ganz, so herzerschuetternd an -"
+
+"An wen?" fragte Mataswintha und wurde leichenblass.
+
+"Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib
+Rauthgundis, die Seele meiner Seele." Wie lange hatte er den geliebten
+Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt ueberwaeltigte ihn bei diesem Klang
+die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend
+bedeckte er sein Gesicht mit beiden Haenden.
+
+Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzaehnlich durch die
+Gestalt der Koenigin zuckte, ihr schoenes Antlitz sich medusenhaft
+verzerrte. Doch hoerte er einen dumpfen Schlag und wandte sich.
+
+Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die
+durchbrochene Ruecklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war,
+waehrend die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches
+Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus
+dem Scheitelband, ueber ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nuestern
+flogen.
+
+"Koenigin!" rief er hinzueilend, sie aufzuheben, "was hat dich befallen?"
+
+Aber ehe er sie beruehren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und
+richtete sich hoch auf: "Es war eine Schwaeche," sagte sie, "die jetzt
+vorbei: - leb wohl!" Wankend erreichte sie die Thuer und fiel draussen
+bewusstlos in Aspas Arme.
+
+ --------------
+
+Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur
+noch gesteigert.
+
+Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war
+der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die
+Nacht ueber aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen
+unbeweglich, wie Verderben bruetend, ueber dem Meere stand und die Haelfte
+des Horizonts bedeckte.
+
+Aber im Sueden brannte die Sonne mit unertraeglich stechenden Strahlen aus
+dem unbewoelkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch
+abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser
+unleidlichen Hitze aus. Kein Lueftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der
+jene Wolkenschicht heraufgefuehrt, war ploetzlich gefallen. Unbeweglich,
+bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schlossgarten standen
+regungslos.
+
+Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und
+Unruhe geraten. An dem heissen Sand der Kueste hin flatterten Schwalben,
+Moewen und Sumpfvoegel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der
+Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber
+liefen die Hunde winselnd aus den Haeusern: die Pferde rissen sich in den
+Staellen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, droehnenden Hufes um sich;
+klaeglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren
+Belisars rasten und schaeumten sich drei zu Tode in wuetenden Anstrengungen,
+zu entkommen. -
+
+Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont
+zu sinken.
+
+Auf dem Forum des Herkules sass ein Buerger von Ravenna auf der Marmorstufe
+vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte
+Rebenzweig ueber seiner Thuer zeigte, in seinem Hause selbst von seinem
+Gewaechs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewoelk. "Ich wollte, es kaeme
+Regen," seufzte er. "Koemmt nicht Regen, so koemmt Hagel und zerschlaegt
+vollends, was an Wachstum draussen die Rosse der Feinde noch nicht
+zerstampft haben."
+
+"Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?" fluesterte sein Sohn, ein
+roemischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische
+Runde.
+
+"Ich wollte, der Orcus verschlaenge sie alle miteinander, Griechen und
+Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da koemmt der
+lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn
+er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten moechten vor
+Trockenheit."
+
+Hildebad hatte die naechste Wache abgeloest und schlenderte nun langsam
+heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze laessig ueber der Schulter.
+Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu grossem Befremden ihres Herrn, bog
+in die naechste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken
+Rundturm, - er hiess der Turm des Aetius -, in dessen Schatten oben auf dem
+Walle ein schoener junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde
+Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiss und Rot seines
+Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast maedchenhaftes
+Ansehn.
+
+"He, Fridugern," rief ihm Hildebad hinauf, "huiweh! Blitzjunge, haeltst
+du's noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer
+- uf!"
+
+"Ich habe die Wache, Hildebad!" sagte der Juengling sanft.
+
+"Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar
+stuermen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute
+kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen - der dicke Ravennate auf dem
+Herkulesplatz hat alten Wein und junge Toechter: - lass uns beide zu Munde
+fuehren."
+
+Der junge Gote schuettelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich.
+"Ich habe Dienst und keinen Sinn fuer Maedchen. Durst habe ich freilich: -
+schicke mir einen Becher Wein herauf."
+
+"Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut ueber den
+Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei
+gebrochen, wenn du hier einer Roemerdirne in die Kohlenaugen guckst. O
+lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts fuer ungut. Mir kann's
+ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch aelter
+werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: - da kannst du dann
+allein Allgunthens Minne trinken."
+
+Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte
+ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser fluesterte: "All
+Heil, Allgunthis!" und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze
+wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen
+Schrittes. "Von ihr sinnen und traeumen darf ich wenigstens," sagte er,
+"das wehrt kein Dienst. Wann werd' ich sie wohl wieder sehn?" Und er
+schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des maechtigen
+Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. -
+
+Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie fuehrten in der
+Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und liessen ihn zur Porta Honorii
+hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden
+gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom Koenig kam: und
+missmutig verliess der Gesandte die Stadt. Des Praefekten feiner Plan war, so
+schien es, an der schlichten Wuerde des Gotenkoenigs gescheitert. -
+
+Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kuehler geworden.
+Da erhob sich vom Meere ploetzlich ein starker Windstoss aus Sueden: er schob
+die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten
+jetzt dicht und schwer ueber der Stadt.
+
+Aber auch das Meer, der Suedosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine
+zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich
+unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel ueber Meer und Land
+war jetzt ein schwarzes Gewoelbe.
+
+Hildebad ging, weinmuede, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii:
+"Noch immer auf Wache, Fridugern?" rief er dem jungen Goten hinauf. "Und
+noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie duersten muss! sie dauert
+mich! Gute Wache!"
+
+In den Haeusern war es unleidlich schwuel: denn der Wind kam aus den heissen
+Sandwuesten Afrikas.
+
+Die Leute draengten sich, geaengstigt von dem drohenden Aussehen des
+Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Strassen oder
+lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Saeulengaengen der Basiliken.
+Auf den Stufen von Sankt Apollinaris draengte sich viel Volk zusammen. Und
+es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch voellig dunkle Nacht.
+
+ --------------
+
+Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Koenigin, mit
+todesbleichen Wangen, in schwerer Betaeubung. Aber ohne Schlaf. Die
+weitgeoeffneten Augen starrten in die Dunkelheit.
+
+Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas aengstliche Fragen gesprochen und
+zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen.
+
+Unwillkuerlich kehrten in ihrem eintoenigen Denken die Worte wieder.
+Witichis - Rauthgundis - Mataswintha! Mataswintha - Rauthgundis -
+Witichis!
+
+Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhoerlichen Kreislauf
+dieser Worte unterbrechen zu koennen.
+
+Da ploetzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und
+im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner,
+wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend ueber
+die bebende Stadt.
+
+Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte
+sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen.
+Sie trug nur noch das weissseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen
+ihres Haares ueber die Schultern und lauschte.
+
+Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag.
+
+Ein Windstoss riss heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe
+fuehrte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden
+Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhoerlich rollte der
+Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes ueberdroehnend. Der Kampf
+der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestuetzt
+und mit der Rechten langsam ueber die Stirne streichend.
+
+Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer
+geschlossenen Glaskugel brannte.
+
+"Koenigin, du .. - Aber, bei allen Goettern, wie siehst du aus! Wie eine
+Lemure. Wie die Rachegoettin!"
+
+"Ich wollte, ich waere es," sagte Mataswintha - es war das erste Wort seit
+langen Stunden, - ohne den Blick vom Fenster zu wenden.
+
+Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloss das Fenster. "O
+Koenigin, die Frommen unter deinen Maegden sagen: das sei das Ende der Welt,
+das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu
+richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch' ein Blitz! Und noch kein
+Tropfen Regen. Nie hab' ich solch ein Unwetter gesehen. Die Goetter zuernen
+schwer."
+
+"Wehe, wem sie zuernen. O, ich beneide sie, die Goetter. Sie koennen hassen
+und lieben, wie's ihnen gefaellt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder
+liebt."
+
+"Ach Herrin, ich war auf der Strasse: ich komme gerade zurueck. Alles Volk
+stroemt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versoehnen. Ich
+bete zu Kairu und Astarte - Herrin, betest du nicht auch?"
+
+"Ich fluche! Das ist auch gebetet."
+
+"Oh, welch ein Donnerschlag!" schrie die Sklavin und stuerzte zitternd in
+die Knie'. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren
+Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, dass Mataswintha aus
+den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war.
+
+"Gnade, Gnade, ihr grossen Goetter! erbarmt euch der Menschen!" flehte die
+Afrikanern.
+
+"Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben ueber die elende Menschheit!
+
+Ha, das war schoen! Hoerst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der
+Strasse? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Goetter, wenn ein
+Himmelsgott oder Himmelsgoetter sind - nur um eins beneid' ich euch -: um
+die Macht eures Hasses, um euren raschen, gefluegelten, toedlichen Blitz!
+Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde
+vergehn: und ihr lacht dazu: - der Donner ist euer Gelaechter! Ha, was war
+das?"
+
+Ein Blitz und ein Donner, der alle fruehern uebertraf, zuckte und krachte.
+Aspa fuhr vom Boden auf.
+
+"Was ist das fuer ein grosses Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenueber?
+Der Blitz hat wohl gezuendet: - brennt es?"
+
+"Nein, Dank den Goettern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur
+beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Koenigs."
+
+"Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Goetter?" So schrie die Koenigin. "Auch die
+Sterblichen fuehren den Blitz der Rache."
+
+Und sie sprang vom Fenster hinweg, - und das Gemach war ploetzlich dunkel.
+
+"Koenigin - Herrin - wo bist - wohin bist du verschwunden?" rief Aspa. Und
+sie tastete an den Waenden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst
+nach ihrer Herrin.
+
+ --------------
+
+Unten auf der Strasse wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein
+frommer Zug.
+
+Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit
+Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und
+Fahnen. Und durch das Bruellen des Donners und durch das Pfeifen des
+Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise:
+
+ _dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_
+ _malo mori quam foedari: major vis amoris est._
+
+Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete:
+
+ _parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_
+ _qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._
+
+Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die naechsten Aufseher der
+Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an.
+
+Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thuer der Speicher gegenueber, sass
+das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente,
+die Haende nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der
+Sturmhaube stand neben ihr.
+
+Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines
+Blitzes. "Du wieder hier, Landsmaennin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft
+genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?"
+
+"Ich bin fremd. Doch hab' ich Obdach." - "Komm mit in die Kirche und bete
+mit uns."
+
+"Ich bete hier." - "Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?"
+
+"Gott hoert mich doch." - "Bete doch fuer die Stadt. Sie fuerchten, es komme
+das Ende der Welt."
+
+"Ich fuerchte es nicht, wenn es kommt."
+
+"Und bete fuer unsern guten Koenig, der uns Brot giebt alle Tage." - "Ich
+bete fuer ihn."
+
+Da toente der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich
+an der Basilika kreuzten.
+
+"Ei so donnre, bis du springst," schalt der Fuehrer der einen Schar, "aber
+brumme mir nicht in meinen Befehl.
+
+Haltet an. Wisand, du bist's? Wo ist der Koenig? Auch in der Kirche?"
+
+"Nein, Hildebad, auf den Waellen."
+
+"Recht so, da gehoert er hin! Vorwaerts, Heil dem Koenig." Und die Schritte
+verhallten.
+
+Da kam ein roemischer Lehrer mit einigen seiner Schueler vorbei. "Aber,
+Magister," mahnte der juengste, "ich dachte, du wolltest in die Kirche?
+Warum fuehrst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?"
+
+"Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche!
+Ich sage dir, je weniger ich Daecher und Mauern um mich weiss, desto wohler
+ist mir. Ich fuehr' euch auf die grosse, freie Wiese in der Vorstadt. Ich
+wollte, wir haetten Regen. Waere der Vesuvius nahe genug, wie in meiner
+Heimat, ich daechte, Ravenna werde heut' ein zweites Herculaneum. Ich kenne
+solche Luft, wie sie heute weht - ich traue nicht!" Und sie gingen
+vorueber.
+
+"Willst du nicht mit mir gehn, Frau?" sprach der Mann in der Sturmhaube zu
+der Gotin. "Ich muss sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen:
+sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich
+nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir."
+
+"Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh' nur, ich komme nach.
+Ich muss noch was zu Ende denken -, zu Ende beten." Und die Frau blieb
+allein. Sie presste beide Haende fest gegen die Brust und sah gegen den
+schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen.
+
+Da war es ihr, als saehe sie in den Hochgaengen, Galerien und Oberhallen des
+gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenueber
+lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen
+und hin und wieder, auf und abwaerts wandeln. Es musste wohl eine Taeuschung
+durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht haette der Wind in
+den nach aussen offenen Galerien verloescht.
+
+Aber nein: es war doch ein Licht.
+
+Denn in regelmaessigen Zwischenraeumen wechselte sein Aufleuchten und sein
+Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gaengen mit ihren
+verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen wuerde. Scharf sah die Frau
+nach dem wechselnden Licht und Schatten ... - -
+
+Aber ploetzlich - o Entsetzen - fuhr sie empor.
+
+Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend
+Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde - und
+schwankte, - stark, - von der Linken zur Rechten. -
+
+Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. -
+
+Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das
+Licht und verschwand ploetzlich. -
+
+Aber auch die Frau auf der Strasse stiess einen leisen Angstruf aus. Denn
+jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! - Ein
+leises Zucken: und ploetzlich zwei, drei starke Stoesse: als hebe sich
+wellenfoermig der Boden von der Linken zur Rechten.
+
+Aus der Stadt her toente Angstgeschrei. Aus den Thueren der Basilika stuerzte
+in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. - Noch ein Stoss! - Die
+Frau hielt sich mit Muehe aufrecht.
+
+Und fernher, von der Aussenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes
+Krachen, wie von massenhaft stuerzenden, schweren Lasten.
+
+Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht.
+
+
+
+
+ Einundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Waehrend die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte,
+drehte sie einen Augenblick den Speichern den Ruecken. Aber rasch wandte
+sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thuere
+zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte
+ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hoerte etwas sacht an der
+Aussenmauer des Gebaeudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises
+Seufzen zu vernehmen.
+
+"Halt," rief die Frau, "wer jammert da?"
+
+"Still, still," fluesterte eine seltsame Stimme, "die Erde hat darueber -
+vor Abscheu - sich geschuettelt, gebebt. Die Erde bebt - die Toten stehen
+auf. - Es kommt der juengste Tag, - der deckt alles auf. - Bald wird er's
+wissen. - Oh. -" Und ein tiefgezogener Klagelaut - und ein Rauschen von
+Gewaendern - und Stille.
+
+"Wo bist du? bist du wund?" rief die Frau tastend.
+
+Da zuckte ein heller Blitz, - der erste seit dem Erdstoss - und zeigte, vor
+ihren Fuessen liegend, eine verhuellte Gestalt. Weisse und dunkelblaue
+Frauenkleider. - Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.
+
+Aber rasch sprang diese bei der Beruehrung auf und war mit einem Schrei im
+Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein
+Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer gruenen Schlange
+von Smaragden, die in ihrer Hand zurueckgeblieben, war ein Pfand der
+Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.
+
+ --------------
+
+Und wieder toenten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. "Hildebad,
+Hildebad, zu Hilfe!" rief Wisand. "Hier bin ich: - was ist? wohin soll
+ich?" fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. "An das Thor des
+Honorius! Dort ist die Mauer eingestuerzt und der dicke Turm des Aetius
+liegt in Truemmern. - Zu Hilfe, in die Luecke!"
+
+"Ich komme: - - armer Fridugern!"
+
+ --------------
+
+In dem gleichen Augenblick stuermte draussen im Lager der Byzantiner
+Cethegus der Praefekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller
+Ruestung, der purpurdunkle Rossschweif flatterte um seinen Helm. Seine
+Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. "Auf! was
+saeumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stuerzen von
+selber ein.
+
+Offen liegt vor dir des letzten Gotenkoenigs letzte Burg. - Und du? was
+thust du in deinem Zelt? - -"
+
+"Ich verehre die Groesse des Allmaechtigen!" sagte Belisar mit edler Ruhe.
+Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. - Ein
+Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des
+Praefekten das Paar gestoert. "Das thu' morgen. - Nach dem Sieg. Jetzt aber:
+stuerme!"
+
+"Jetzt stuermen!" sprach Antonina, "welcher Frevel!
+
+Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschuettert und erschreckt. Denn Gott
+der Herr spricht in diesen Wettern!"
+
+"Lass ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aetius und
+ein gutes Stueck Mauer ist eingestuerzt. Ich frage dich, willst du stuermen?"
+
+"Er hat nicht unrecht," meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. -
+"Aber es ist finstre Nacht. - -"
+
+"Im Finstern find' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch
+leuchten die Blitze."
+
+"Du bist ja ploetzlich sehr kampfeseifrig," zoegerte Belisar.
+
+"Ja, denn jetzt hat's Vernunft zu kaempfen. Die Barbaren sind verbluefft.
+
+Sie fuerchten Gott und vergessen darueber ihrer Feinde."
+
+Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt.
+"Belisar," meldete der erste, "der Erdstoss hat deine Zelte am Nordgraben
+umgestuerzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!" - "Hilfe,
+Hilfe! meine armen Leute!" rief Belisar und eilte aus dem Zelte.
+"Cethegus," berichtete Marcus, "auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt
+unter ihren Zelten verschuettet." Aber ungeduldig, den Helm schuettelnd,
+frug der Praefekt: "was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem
+Aetiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?" - "Ja, das Wasser ist
+verschwunden - der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine
+Isaurier sind's: sie stoehnen und wimmern unter der Verschuettung und
+schreien um Hilfe."
+
+"Lass sie schreien!" sprach Cethegus. - "Der Graben ist wirklich trocken?
+So lass zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Soeldnern, die noch leben."
+
+Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhoerlich rasten, eilte
+der Praefekt zu seinen Schanzen, wo seine roemischen Legionare und der Rest
+der Isaurier unter Waffen standen. Rasch uebersah er sie: es waren viel zu
+wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wusste, dass ein
+guenstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreissen wuerde. "Lichter, Fackeln
+her!" rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte
+seiner roemischen Legionare. "Vorwaerts," befahl er, "die Schwerter heraus!"
+
+Aber kein Arm ruehrte sich.
+
+Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Fuehrer, auch
+die Licinier, auf den daemonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur
+nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als
+Mittel ansah zu seinem Zweck.
+
+"Nun, habt ihr auf mich zu hoeren, oder auf den Donner?" rief er.
+
+"Feldherr," mahnte ein Centurio vortretend, "sie beten. Denn die Erde
+bebt."
+
+"Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Roemer, seht:
+der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er baeumt
+sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. _Roma! Roma aeterna!_"
+
+Das zuendete. Es war eines jener caesarischen Worte, welche die Maenner und
+die Waffen fortreissen.
+
+"_Roma! Roma aeterna!_" riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der
+roemischen Juenglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und
+Donner und Sturm, folgten sie dem Praefekten, dessen daemonischer Schwung
+sie mit fortriss. Die Begeisterung lieh ihnen Fluegel. Rasch waren sie ueber
+den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. - Cethegus
+der erste am jenseitigen Rand. - Die Fackeln hatte der Sturm geloescht. -
+Im Finstern fand er den Weg. "Hierher, Licinius," rief er, "mir nach! hier
+muss die Luecke sein."
+
+Und er sprang vorwaerts, rannte aber gegen einen harten Koerper und taumelte
+zurueck. "Was ist das?" fragte Lucius Licinius hinter ihm, "eine zweite
+Mauer?" - "Nein," sprach eine ruhige Stimme von drueben, "aber gotische
+Schilde." - "Das ist der Koenig Witichis," sagte der Praefekt grimmig und
+mass mit bitterem Hass die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Ueberraschung
+gezaehlt. Seine Hoffnung war getaeuscht. "Haett' ich ihn," sprach er grimmig
+in sich hinein, "er sollte nicht mehr schaden."
+
+Da wurden von rueckwaerts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten
+schmetterten. Belisar fuehrte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz.
+Prokop erreichte den Praefekten: "Nun, was stockt ihr? Halten euch neue
+Waelle auf?"
+
+"Ja, lebendige Waelle. Da stehen sie," und der Praefekt deutete mit dem
+Schwert. "Unter den noch fallenden Truemmern, diese Goten!" -
+
+"Nun wahrlich!" rief Prokop: "_si fractus illabatur orbis, impavidos
+ferient __ruinae!_ Das sind mutige Maenner."
+
+Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen
+heran. Einen Augenblick, - nur die Fuehrer eilten noch, Befehle erteilend
+hin und wieder, - einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden musste
+beginnen.
+
+Da ergluehte ploetzlich der ganze Horizont ueber der Stadt. Eine Flammensaeule
+schoss hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom
+Himmel zu regnen. Im roten Licht glaenzte ganz Ravenna. Es war ein
+furchtbar herrlicher Anblick.
+
+Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.
+
+"Feuer! Feuer! Witichis! Koenig Witichis," schrie jetzt ein Reiter, der von
+der Stadt her jagte, "es brennt."
+
+"Das sehen wir. Lass brennen, Markja! Erst fechten, dann loeschen."
+
+"Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in
+Myriaden Funken durch die Luft."
+
+"Die Speicher brennen!" schrien Goten und Byzantiner.
+
+Witichis versagte die Stimme, zu fragen. "Der Blitz muss schon lange im
+Innern gezuendet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da
+sieh, sieh hin. -"
+
+Ein staerkerer Stoss des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie
+riesengross. Die Flammen flogen auf die naechsten Daecher. Zugleich schien
+der hoelzerne Dachfirst des hohen Gebaeudes jetzt hinabzustuerzen. Denn nach
+einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken
+empor. Es war ein Flammenmeer.
+
+Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: - matt sank sein Arm
+herunter.
+
+Cethegus sah's: "Jetzt," rief er, "jetzt zum Sturm!"
+
+"Nein, haltet ein!" rief mit Loewenstimme Belisarius. "Der ist ein Feind
+des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurueck ins Lager -
+alle: jetzt ist Ravenna mein - und morgen faellt's von selbst."
+
+Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurueck. Cethegus knirschte. Er
+allein war zu schwach. Er musste nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er
+hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren
+Hauptwerken festzusetzen.
+
+Und er sah voraus, dass sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert
+werden. Grollend fuehrte er die Seinen zurueck.
+
+Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.
+
+
+
+
+ Zweiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Der Koenig hatte den Schutz der Mauerluecke am Turm des Aetius Hildebad
+uebertragen und war sofort auf die Brandstaette geeilt.
+
+Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erloeschen: - aber nur aus Mangel
+an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergeruesten, und
+dem Dach, alles was durch Feuer zerstoerbar, war bis auf den letzten
+Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, russ- und
+rauchgeschwaerzten Steinmauern des urspruenglichen Marmorbaus, des Cirkus
+des Theodosius, starrten noch gen Himmel.
+
+Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer musste
+sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzuendet haben
+mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich ueber alle Innenraeume des
+Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den
+Dachluecken herausschlugen, war alle Hilfe zu spaet. Krachend war bald
+darauf der Rest des Holzbaues zusammengestuerzt: die Einwohner hatten
+vollauf zu thun, die naechsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen
+Haeuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor
+Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein
+Ende machte.
+
+Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das
+Gewoelk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der
+Mitte des Marmorrundbaus.
+
+Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der Koenig lange Zeit diesen
+Ruinen gegenueber an einer Saeule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal
+den Mantel auf der maechtig arbeitenden Brust zusammendrueckend. Im Anblick
+dieser Truemmer war ein schwerer Entschluss in ihm gereift. Jetzt ward es
+grabesstill in seinem Innern.
+
+Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen
+von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. "O, was wird jetzt aus
+uns!" - "O, wie war das Brot so weiss, so gut, so duftend, das ich noch
+gestern hier erhielt." - "O, was werden wir jetzt essen?"
+
+"Bah, der Koenig muss aushelfen." - "Ja, der Koenig muss Rat schaffen." - "Der
+Koenig?"
+
+"Ach, der arme Mann, woher soll er's nehmen?" - "Hat er doch selbst nichts
+mehr." - "Das ist seine Sache." - "Er allein hat uns in all die Not
+gebracht." - "Er ist an allem Schuld." - "Was hat er die Stadt nicht lang
+dem Kaiser uebergeben." - "Jawohl, ihrem rechtmaessigen Herrn!" - "Fluch den
+Barbaren!" - Sie sind an allem Schuld." - "Nicht alle, nein, der Koenig
+allein. Seht ihr's denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!" - "Strafe?
+wofuer? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!" - "So
+wisst ihr's nicht? Wie kann der Eheschaender die Gnade Gottes haben? Der
+suendige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schoenen Mataswintha hat ihn
+geluestet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. - Sein ehlich Weib
+hat er verstossen."
+
+Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber
+sie erkannten seinen Schritt.
+
+"Da ist der Koenig! Wie finster er blickt," riefen sie durcheinander und
+wichen zur Seite. "O, ich fuerchte ihn nicht. Ich fuerchte den Hunger mehr
+als seinen Zorn. Schaff' uns Brot, Koenig Witichis. Hoerst du's, wir
+hungern!" sprach ein zerlumpter Alter und fasste ihn am Mantel. "Brot,
+Koenig!" - "Guter Koenig, Brot!" - "Wir verzweifeln!" - "Hilf uns!" Und wild
+draengte sich die Menge um ihn.
+
+Ruhig, aber kraeftig machte sich Witichis frei. "Geduldet euch," sprach er
+ernst. "Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen." Und er eilte nach seinem
+Gemach.
+
+Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein roemischer Arzt.
+
+"Herr," sprach dieser mit besorgter Miene, "die Koenigin, deine Gemahlin
+ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie
+spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?"
+
+"Nicht jetzt, sorgt fuer sie." "Sie reichte mir," fuhr der Arzt fort, "mit
+groesster Angst und Sorge diesen Schluessel. Er schien sie in ihren Wahnreden
+am meisten zu beschaeftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor.
+Und sie liess mich schwoeren, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von
+hoechster Wichtigkeit."
+
+Mit einem bittern Laecheln nahm der Koenig den Schluessel und warf ihn zur
+Seite. "Er ist es nicht mehr. - Geht, verlasst mich und sendet meinen
+Schreiber."
+
+ --------------
+
+Eine Stunde spaeter liess Prokop den Praefekten in das Zelt des Feldherrn
+eintreten.
+
+Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast'gen Schritten auf und
+niederging, entgegen: "Das koemmt von deinen Plaenen, Praefekt! Von deinen
+Kuensten! von deinen Luegen! Ich hab' es immer gesagt: vom Luegen koemmt
+Verderben: und ich verstehe mich nicht d'rauf! O, warum bin ich dir
+gefolgt! Jetzt steck' ich in Not und Schande!"
+
+"Was bedeuten diese Tugendreden?" fragte Cethegus seinen Freund.
+
+Dieser reichte ihm einen Brief. "Lies. Diese Barbaren sind unergruendlich
+in ihrer grossartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn;
+lies."
+
+Und Cethegus las mit Staunen: "Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen
+gethan:
+
+Dass die Franken mich verraten haben. Dass du im Bund mit den Franken das
+Westreich deinem undankbaren Kaiser entreissen willst. Dass du uns Goten
+freien Abzug ueber die Alpen ohne Waffen anbietest.
+
+Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen
+ab und raeumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres grossen
+Koenigs: eher fall' ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern
+gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und
+Erde gegen uns empoerten. Aber was ich immer dunkel gefuehlt, hab' ich heut'
+Nacht unter den Flammen meiner Vorraete klar erkannt: es liegt ein Fluch
+auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglueck meines
+Volkes. Das soll nicht laenger also sein. Nur meine Krone versperrte einen
+ehrenvollen Ausweg: sie soll's nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen
+Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie
+deiner. Wohlan: stuetze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf
+das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen
+sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Lass mich den
+Ersten sein, der dich begruesst wie als Kaiser des Abendlands so als Koenig
+der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine
+Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein
+Justinian soll sie dir entreissen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache
+dich gefasst auf einen Kampf, wie du noch keinen gekaempft. Ich breche dann
+mit fuenfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein
+ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab's geschworen. Waehle. Witichis."
+
+Einen Augenblick war der Praefekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch
+hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine
+Blick beruhigte ihn wieder ganz. "Er ist ja Belisar," sagte er sich
+abermals. "Jedoch gefaehrlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche
+Versuchung! -"
+
+Er gab den Brief zurueck und sagte laechelnd: "Welch ein Einfall! Wozu doch
+die Verzweiflung fuehrt."
+
+"Der Einfall," meinte Prokop, "waere gar so uebel nicht, wenn .. -"
+
+"Wenn Belisar nicht Belisar waere," laechelte Cethegus.
+
+"Spart euer Lachen," schalt dieser. "Ich bewundre den Mann. Und es darf
+mich nicht mehr beleidigen, dass er mich der Empoerung faehig haelt. Hab' ich
+es ihm doch selber vorgelogen." Und er stampfte mit dem Fuss. "Ratet jetzt
+und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl gefuehrt. Ja sagen kann
+ich nicht. Und sag' ich nein: - darf ich des Kaisers Heer als vernichtet
+anseh'n. Und muss obenein bekennen, dass ich die Empoerung nur erlogen."
+
+Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend.
+Ploetzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog
+verschoenend ueber sein Gesicht: "so kann ich sie beide verderben!" Er war
+in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar
+ganz sicher machen. "Du kannst vernuenftigerweise nur zwei Dinge thun,"
+sagte er zaudernd.
+
+"Rede: ich sehe weder eins noch das andre."
+
+"Entweder wirklich annehmen -"
+
+"Praefekt," rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte
+erschrocken seinen Arm. - "Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb
+dir dein Leben."
+
+"Oder," fuhr dieser ruhig fort, "zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich
+einziehn in Ravenna. Und - - die Gotenkrone samt dem Gotenkoenig nach
+Byzanz schicken."
+
+"Das ist glaenzend!" rief Prokop. "Das ist Verrat!" rief Belisar.
+
+"Es ist beides," sagte Cethegus ruhig.
+
+"Ich koennte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen."
+
+"Das ist auch nicht noetig. Du fuehrst den gefangenen Koenig nach Byzanz. Das
+entwaffnete Volk hoert auf, ein Volk zu sein."
+
+"Nein, nein, das thu' ich nicht."
+
+"Gut. So lass dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich
+gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fuenfzigtausend Goten in
+Verzweiflung kaempfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den
+Verderber seines besten Heeres loben!"
+
+"Es ist eine furchtbare Wahl," zuernte Belisar.
+
+Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. "Belisar," sprach er mit
+gemuetvoller, tief aus der Brust geschoepfter Stimme: "du hast mich oft fuer
+deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann
+neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?"
+
+Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem
+sarkastischen Praefekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop
+erstaunte.
+
+"Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft
+in diesem Augenblick durch meinen Rat bewaehren. Glaubst du mir,
+Belisarius?" Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm
+treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.
+
+"Ja," sagte Belisar, "wer koennte solchem Blick misstrauen."
+
+"Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen misstrauischern Herrn gehabt
+als du. - Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kraenkung deiner
+Treue."
+
+"Das weiss der Himmel."
+
+"Und nie hat ein Mann," - hier fasste er ihn an beiden Haenden -
+"herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnoedeste Misstrauen zu beschaemen,
+sich aufs glorreichste zu raechen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du
+bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes.
+Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Haenden. Zieh' in Ravenna ein, lass
+dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen.
+Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier - wahrlich,
+du bist unantastbar. Justinian muss zittern zu Byzanz und sein stolzer
+Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all' dies in
+Haenden hast, - du legst all' die Macht und all' die Herrlichkeit deinem
+Herrn zu Fuessen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein
+Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue
+noch nie auf Erden erprobt."
+
+Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.
+
+"Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab' Dank. Das ist gross
+gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!"
+
+Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thuere.
+
+"Armer Witichis," fluesterte Prokop ihm zu: "er wird diesem Musterstueck von
+Treue aufgeopfert. - Jetzt ist er verloren."
+
+"Ja," sagte Cethegus, "er ist verloren, gewiss." Und draussen vor dem Zelt
+warf er den Mantel ueber die linke Schulter und sprach: "Aber gewisser noch
+du selber, Belisar."
+
+ --------------
+
+In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius geruestet entgegen.
+
+"Nun, Feldherr," fragte er, "die Stadt ist noch nicht uebergeben. Wann
+geht's zum Kampf?"
+
+"Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg' deine Waffen ab und guerte dich, zu
+reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab." - "An wen?"
+- "An den Kaiser und die Kaiserin." - "Nach Byzanz?" - "Nein, zum Glueck
+sind sie ganz nah, in den Baedern von Epidaurus. Eile dich. In fuenfzehn
+Tagen musst du zurueck sein, nicht einen halben spaeter. Italiens Schicksal
+harrt auf deine Wiederkunft."
+
+ --------------
+
+Sowie Prokop muendlich die Antwort Belisars dem Gotenkoenig ueberbracht,
+berief dieser in seinen Palast die Fuehrer des Heeres, die vornehmsten
+Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das
+Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.
+
+Wohl waren sie anfangs maechtig ueberrascht: und ein Schweigen des Staunens
+folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Ruehrung auf
+den Koenig blickend: "Die letzte deiner Koenigsthaten, Witichis, ist so
+edel, ja edler als alle deine frueheren. Dich bekaempft zu haben werd' ich
+ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu suehnen, indem ich dir
+blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden:
+denn du opferst das Hoechste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du Koenig
+sein, - leichter moegen die Woelsungen einem Fremden, einem Belisar als
+einem Goten nachstehn. Und so folg' ich dir und sage: ja, du hast gut und
+gross gehandelt."
+
+"Und ich sage nein! und tausendmal nein!" rief Hildebad. "Bedenkt, was ihr
+thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!"
+
+"Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und
+Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Roemer Aegidius?"
+sagte Witichis ruhig, "ja was andres, als was unsere glorreichsten Koenige
+und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und
+erhielten dafuer Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien
+von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich
+wahrlich nicht besser als Theoderich."
+
+"Ja, wenn es Justinian waere," fuegte Guntharis bei. "Nie unterwerf' ich
+mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. -
+Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul
+gerannt?"
+
+"Schlag mich der Donner, wenn ich's ihm vergesse. Es ist das Einzige, was
+mir an ihm gefallen hat."
+
+"Und das Glueck ist mit ihm, wie mit mir das Unglueck war. Und wir bleiben
+im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine
+Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen
+Feind."
+
+Und fast alle Versammelten stimmten bei.
+
+"Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen," rief Hildebad. - "Von je
+hab' ich die Zunge ungefueger, als die Axt gefuehrt. - Aber ich fuehl' es
+deutlich: ihr habt unrecht. - Haetten wir nur den schwarzen Grafen hier,
+der wuerde sagen koennen, was ich nur spuere. Moegt ihr's nie bereuen! Mir
+aber sei's vergoennt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn.
+Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh' auf Abenteuer in die Welt:
+mit Schild und Speer und groben Hieben koemmt man weit."
+
+Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespraech wohl noch
+umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen
+lag. "Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna
+besetzt hat. Es steht zu fuerchten, dass einige seiner Heerfuehrer mit ihren
+Truppen von einer Empoerung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese,
+sowie die verdaechtigen Quartiere von Ravenna, muessen von den Goten und den
+verlaessigen Anhaengern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung faellt."
+
+"Huetet euch," warnte Hildebad, "dass ihr nicht selbst in diese Grube fallt!
+Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. 's ist, wie wenn der
+Waldbaer auf das Seil steigt - er faellt doch ueber kurz oder lang. Lebt
+wohl: - moeg' es besser auffallen als ich ahne.
+
+Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne,
+wird wohl mit diesem Roemer-Gotenstaate sich versoehnen. Der schwarze Teja
+aber, denk' ich, zieht mit mir davon."
+
+ --------------
+
+Am Abend durchlief die Stadt das Geruecht von einer Kapitulation. Die
+Bedingungen waren ungewiss. Aber gewiss war, dass Belisar auf Verlangen des
+Koenigs grosse Vorraete von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte,
+welche an die Armen verteilt wurden. "Er hat Wort gehalten!" sagten diese
+und segneten den Koenig.
+
+Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Koenigin und erfuhr, dass
+sie sich langsam wieder beruhige und erhole. "Geduld: - sprach Witichis
+aufatmend - auch sie wird bald frei und meiner ledig."
+
+Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der
+innern Stadt nach der Mauerluecke am Turm des Aetius wandte. - Ein langer
+Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit
+Tuechern und Maenteln verhuellte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest
+der stark geruesteten Maenner.
+
+"Auf mit dem Notriegel!" rief der Fuehrer, "wir wollen hinaus."
+
+"Du bist es, Hildebad?" rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab
+Befehl zu oeffnen. "Weisst du schon, die Stadt wird morgen uebergeben. Wo
+willst du hin?"
+
+"In die Freiheit!" rief Hildebad und gab seinem Ross die Sporen.
+
+
+
+
+ Dreiundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Mehrere Tage waren vergangen, bis die Koenigin Mataswintha sich aus den
+wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Traeumen gequaelten
+Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.
+
+Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Aussenwelt und den gewaltigen
+Entscheidungen gegenueber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine
+Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefuehl ihrer ungeheuern
+frevelhaften Thaten.
+
+Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie
+die Fackel in der Hand durch die Nacht gestuermt war, in zerstoerende Reue,
+in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge
+That gethan, hatte sie der Erdstoss in die Kniee geworfen: und ihr von
+allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten
+Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich ueber ihre Unthat
+empoeren: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen ueber ihr schuldiges
+Haupt.
+
+Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die
+ihre Hand entzuendet, riesengross emporsteigen sah, als sie das
+tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien
+jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu
+verfluchen. Sie verlor das Bewusstsein: sie brach zusammen unter den Folgen
+ihrer That.
+
+Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmaehlich des Geschehenen
+wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den Koenig voellig
+gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue ueber ihre That, zitternde
+Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfuellte sie ganz.
+
+Um so mehr, als sie selbst wusste und von allen Seiten vernahm, wie der
+Untergang der Speicher den Koenig zur Ergebung an seine Feinde zwingen
+werde.
+
+Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand,
+selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemaechern sich zu erkundigen, beschwor
+sie die staunende Aspa, um keinen Preis den Koenig vor ihr Antlitz treten
+zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und
+haeufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden
+auffordern liess, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhaendig die
+fuer sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit massloser Freigebigkeit
+Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.
+
+Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem
+Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade
+gebeten hatte, sie moechte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes
+die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewaehren.
+
+Es gelte des Koenigs Heil: es gelte zu warnen vor thaetigem, ueberfuehrbarem
+Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha
+gewaehrte eifrig die Bitte. -
+
+Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen,
+was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf
+Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. -
+
+Die Sonne war gesunken. Der Sueden kennt fast keine Daemmerung. Es war
+finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine
+Sklavin winkte. Die Koenigin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur
+achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach.
+Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem Koenig gelte.
+
+"Ist das aber auch gewiss wahr?" forschte die Sklavin. "Nicht unnuetz moecht'
+ich meine Herrin muehen:" - es war Aspa - "wenn ihr nur Gold damit erlisten
+wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: - nur
+schont meine Herrin. Gilt es dem Koenig wirklich?"
+
+"Es gilt dem Koenig!" Seufzend fuehrte Aspa die Frau in das Gemach
+Mataswinthens.
+
+Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in
+leichtes, weisses Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des grossen
+Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die
+goldene Ampel, die ueber demselben in die Wand eingelassen war, brannte
+bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers muede sitzen.
+"Tritt naeher," sprach sie. "Es gilt dem Koenig? warum zoegerst du? Rede."
+
+Das Weib deutete auf Aspa. "Sie ist verschwiegen und treu." - "Sie ist ein
+Weib." Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Maedchen.
+
+"Amalungentochter - ich weiss: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich
+zu ihm gefuehrt. - (Wie wunderschoen sie ist, obzwar todesblass!) Doch,
+Gotenkoenigin bist du: _seine_ Koenigin - ob du ihn auch nicht liebst: -
+sein Reich, sein Sieg muss dir das Hoechste sein."
+
+Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. "So denkt jede Bettlerin
+im Gotenvolk!" seufzte sie.
+
+"Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gruenden.
+
+So sprech' ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu
+warnen. Hoere mich." Und sie trat naeher, scharf auf die Koenigin blickend.
+"Wie seltsam," sprach sie zu sich selbst. "Welche Aehnlichkeit der
+Gestalt."
+
+"Verrat! Noch mehr Verrat?" - "So ahnst auch du Verrat?" - "Gleichviel.
+Von wem? Von Byzanz? Von aussen? Von dem Praefekten?"
+
+"Nein," sprach das Weib kopfschuettelnd. "Nicht von aussen. Von innen. Nicht
+von einem Mann. Von einem Weib."
+
+"Was redest du?" sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. "Wie kann ein
+Weib -"
+
+"Dem Helden schaden? Durch hoellische Bosheit des Herzens! Nicht mit
+Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtueckischem Gift oder,
+wie schon geschehen - mit heimtueckischem Feuer."
+
+"Halt ein!" Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurueck an den
+Mosaiktisch, sich daran lehnend.
+
+Aber das Weib folgte ihr, leise fluesternd: "Wisse das Unglaubliche, das
+Schaendliche! Der Koenig glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe
+sein Korn verbrannt. Ich aber weiss es besser. Und auch Er soll es wissen.
+Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die
+Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergaenge eilen
+und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du
+willst hinweg? Nein, hoere nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen.
+Den Namen? Ich weiss ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam
+mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen - diese
+Schlange von Smaragd."
+
+Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den
+Armreif erhebend.
+
+Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden
+nackten Arme. - Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhuelle. Ihr rotes
+Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken
+Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.
+
+"Ah!" schrie das Weib laut auf. "Beim Gott der Treue! Du! Du selber
+bist's!
+
+Seine Koenigin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch ueber dich! Das soll er
+wissen!"
+
+Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen
+zurueck. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als
+sie eintrat, war die Koenigin schon allein. Der Vorhang des grossen Eingangs
+rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.
+
+
+
+
+ Vierundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes,
+Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer
+Heerfuehrer in den Palast des Koenigs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die
+naeheren Bedingungen und die Formen der Uebergabe.
+
+Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen.
+Die beiden Hauptwuensche, um deren willen das Volk den ganzen schweren
+Kampf getragen, wuerden erreicht: sie wuerden frei sein und im ungeteilten
+Besitz des fruchtbaren Suedlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war.
+Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit
+dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu
+erwarten war. Und die Haeupter der Sippen und sonst die einflussreichsten
+Maenner im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars
+verstaendigt wurden, billigten vollstaendig die beschlossenen Bedingungen.
+
+Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus
+Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna
+stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die
+Unmoeglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft ausser den Truppen
+Belisars mit dessen Vorraeten auch noch das gotische Heer und die
+Bevoelkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, dass
+die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der
+Stadt hinausgefuehrt und in allen Richtungen nach ihren Heimstaetten
+entlassen wuerden.
+
+Belisar fuerchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge
+Verrat, den man vor hatte, ruchtbar wuerde: und er wuenschte deshalb die
+Verteilung des aufgeloesten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von
+Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu
+daempfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plaetze der
+Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen
+sie gewendeten Macht widerstehen.
+
+Die Ausfuehrung dieser Massregeln erforderte mehrere Tage Zeit.
+
+Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloss
+Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Haelfte
+in das byzantinische Lager verlegt, die andre Haelfte in den Quartieren der
+Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnaeckigen
+Anhaengern Justinians zu brechen.
+
+Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am
+meisten wunderte, war, dass nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den
+Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzentraeger Belisars dort
+oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern.
+
+Gegen einen etwaigen Versuch des Praefekten, sich wie in Rom durch
+Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte
+Belisar vorsichtige Massregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und
+laechelte. Er that nichts dagegen.
+
+Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glaenzender
+Ruestung in das Zelt Belisars.
+
+Er traf nur Prokop. "Seid ihr bereit?" fragte er. "Vollstaendig." -
+"Welches ist der Moment?" - "Der Augenblick, in dem der Koenig im Schlosshof
+zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht."
+
+"Wieder einmal alles?" laechelte der Praefekt. "Eins habt ihr mir doch noch
+uebrig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, dass die Barbaren, sowie unser
+Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern
+werden. Mitleid und Rachedurst fuer ihren Koenig koennten sie zu sehr wilden
+Thaten fuehren.
+
+Die ganze Begeisterung fuer Witichis und die Entruestung gegen uns wuerde nun
+im Keim erstickt, und die Goten saehen sich nicht von uns, sondern von
+ihrem Koenig verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen wuerde, er
+habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkoenig und Rebellen gegen
+Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians uebergeben. Jene
+Empoerung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den
+Goten als eine blosse von ihrem Koenig ersonnene Luege, die Schande der
+Ergebung ihnen zu verhuellen."
+
+"Das waere vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun."
+
+"Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den
+Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?"
+
+"Er hat nur einmal unterschrieben."
+
+"Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir
+aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf dass auch Belisar," laechelte
+er, "das wertvolle Schriftstueck besitze."
+
+Prokop blickte hinein. - "Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich
+kein gotisch Schwert mehr fuer ihn. Aber -"
+
+"Lass die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig,
+im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen" -
+
+"Oder?"
+
+"Oder," vollendete Cethegus finster, "er unterschreibt spaeter.
+Unfreiwillig. - - Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug
+nicht begleite. Meinen Glueckwunsch an Belisar."
+
+Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht
+geruestet und blickte duester vor sich hin.
+
+"Eile, Feldherr," mahnte Prokop, "Ravenna harrt ihres Besiegers. Der
+Einzug -"
+
+"Nichts von Einzug," sprach Belisar grimmig. "Ruf' die Soldaten ab. Mich
+reut der ganze Handel."
+
+Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen.
+
+"Belisar!" rief Prokop entsetzt, "welcher Daemon hat dir das eingeblasen?"
+"Ich!" sagte Antonina stolz, "was sagst du nun?" "Ich sage, dass grosse
+Staatsmaenner keine Frauen haben sollten!" rief Prokop aergerlich. "Belisar
+entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab' ihn unter
+Thraenen ... -"
+
+"Versteht sich," brummte Prokop, "die kommen stets zu rechter Zeit." -
+"Unter Thraenen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so
+schwarzem Verrat befleckt sehen."
+
+"Und ich will's nicht sein. Lieber reit' ich besiegt im Orcus ein, denn
+also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht
+abgegangen. - Also ist's noch Zeit."
+
+"Nein," sagte Cethegus herrisch, von der Thuer ins Zelt schreitend. "Zum
+Glueck fuer dich ist's nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen
+an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glueck gewuenscht, dass
+sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg
+beendet."
+
+"Ah, Praefekt," rief Belisar. "Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser
+Eifer?"
+
+"Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem
+Gluecke zwingen muss. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein
+Italien zerfleischt." Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch
+jetzt der daemonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu
+entgehen vermochte. "Wag' es, versuch es jetzt! Tritt zurueck, enttaeusche
+Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein
+Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas
+Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rueste dich! Es bleibt dir
+keine Wahl!" Und er eilte hinaus.
+
+Bestuerzt sah ihm Antonina nach. "Prokop," fragte sie dann, "weiss es der
+Kaiser wirklich schon?"
+
+"Und wenn er es noch nicht wuesste, - zu viele sind schon in das Geheimnis
+eingeweiht. Nachtraeglich erfaehrt er jedenfalls, dass Ravenna und Italien
+sein war, und - dass Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur
+dass er sie erlangt und - abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian."
+
+"Ja," sagte Belisar seufzend, "er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl."
+
+"So geh," sprach Antonina eingeschuechtert. "Mir aber sei's erlassen, bei
+diesem Einzug dich zu begleiten: - es ist ein Schlingenlegen, kein
+Triumph!"
+
+ --------------
+
+Die Bevoelkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren ueber die naeheren
+Bestimmungen, war doch gewiss, dass der Friede geschlossen und den langen
+und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei.
+
+Und die Buerger hatten in aufatmender Freude ueber diese Erloesung die
+Truemmer, die das Erdbeben auf sehr viele Strassen geworfen, hinweggeraeumt
+und ihre befreite Stadt festlich geschmueckt. Laubgewinde, Fahnen und
+Teppiche zierten die Strassen, das Volk draengte sich auf den grossen Fora,
+in den Lagunenkanaelen und in den Baedern und Basiliken in freudiger
+Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange
+ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren ueberwunden hatten.
+
+Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend
+ein, waehrend die in schwachen Zahlen ueberall zerstreuten gotischen Posten
+mit Schweigen und mit Widerwillen die verhassten Feinde in die Residenz
+Theoderichs einruecken sahen.
+
+In dem ebenfalls reichgeschmueckten Koenigspalast versammelten sich die
+vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemaechern des Koenigs. Dieser
+bereitete sich, als die fuer den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte,
+die koeniglichen Kleider anzulegen: - mit Befriedigung, denn es war ja das
+letztenmal, dass er die Abzeichen einer Wuerde tragen sollte, die ihm nur
+Schmerz und Unheil gebracht.
+
+"Geh, Herzog Guntharis," sprach er zu dem Woelsung, "Hildebad, mein
+ungetreuer Kaemmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine
+Stelle: die Diener werden dir im Koenigsschatz die goldene Truhe zeigen,
+die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs
+verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem
+Helden abzuliefern, der sie nicht unwuerdig tragen wird. Was giebt es dort
+fuer Laerm!"
+
+"Herr, ein Weib," antwortete Graf Wisand, "eine gotische Bettlerin. Sie
+hat sich schon dreimal herangedraengt. Sie will ihren Namen dir nur nennen!
+Weise sie hinaus! -"
+
+"Nein, sagt ihr, ich will sie hoeren: - heute Abend soll sie im Palast nach
+mir fragen."
+
+Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der
+Praefekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages
+uebergeben, die der Gotenkoenig noch unterschreiben sollte. Aus dieser
+unverdaechtigen Hand, glaubte er, wuerde jener die Urkunde argloser nehmen.
+
+Witichis begruesste die Eintretenden. Bei dem Anblick des Praefekten flog
+ueber sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glaenzte, ein
+dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: "Du hier, Praefekt von
+Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst
+auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein
+Justinianus wird dein Rom beherrschen."
+
+"Und soll es nicht, solange ich lebe."
+
+"Ich komme, Koenig der Goten," fiel Bessas ein, "dir den Vertrag mit
+Belisar zur Unterschrift vorzulegen."
+
+"Ich hab' ihn schon unterschrieben." - "Es ist die fuer meinen Herrn
+bestimmte Doppelschrift."
+
+"So gieb," sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners
+Hand nehmen.
+
+Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: "Witichis,"
+rief er, "der Koenigsschmuck ist verschwunden."
+
+"Was ist das?" fragte Witichis. "Hildebad allein fuehrte die Schluessel
+davon."
+
+"Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren
+Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die
+Schriftzuege von Hildebads Schreiber."
+
+Der Koenig nahm und las: "Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild
+Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie
+von mir holen." "Die Rune H - fuer Hildebad."
+
+"Man muss ihn verfolgen," sagte Cethegus finster, "bis er sich fuegt." Da
+eilten Johannes und Demetrius herein. "Eile dich, Koenig Witichis,"
+draengten sie. "Hoerst du die Tubatoene? Belisar hat schon die Porta des
+Stilicho erreicht."
+
+"So lasst uns gehn," sprach Witichis, liess sich von den Dienern den
+Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die
+Schultern werfen und drueckte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des
+Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thuer.
+
+"Du hast nicht unterschrieben, Herr," mahnte Bessas.
+
+"So gieb," und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners.
+"Die Urkunde ist sehr lang," sagte er hineinblickend und hob an zu lesen.
+"Eile, Koenig," mahnte Johannes.
+
+"Zum Lesen ist nicht mehr Zeit," sagte Cethegus gleichgueltig, und reichte
+ihm die Schilffeder von dem Tisch. "Dann auch nicht mehr zum Schreiben,"
+antwortete der Koenig. "Du weisst: ich war ein Koenig nach Bauernart, wie die
+Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen:
+gehen wir." Und laechelnd gab er die Urkunde an den Praefekten und schritt
+hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten.
+
+Cethegus drueckte das Pergament zusammen: "Warte nur," fluesterte er
+grimmig, "du sollst doch noch unterschreiben." Langsam folgte er den
+andern.
+
+Die Halle vor dem Gemach des Koenigs war bereits leer.
+
+Der Praefekt schritt hinaus auf den gewoelbten Bogengang, der im Viereck den
+ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische
+Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewaehrten. Derselbe war
+von Bewaffneten dicht gefuellt. An allen vier Thoren standen die
+Lanzentraeger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und
+sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: "Nun, Byzantiner
+genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist
+vorsichtig - Da! - Witichis erscheint im Portal - Seine Goten sind noch
+weit hinter ihm auf der Treppe. Des Koenigs Pferd wird vorgefuehrt. - Bessas
+haelt dem Koenig den Buegel. - Witichis tritt heran, er hebt den Fuss. - Jetzt
+ein Trompetenstoss. - Die Treppenthuere des Palastes faellt zu und schliesst
+die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reisst Prokop das Gotenbanner
+nieder. - Johannes fasst seinen rechten Arm, brav Johannes. - Der Koenig
+ruft: "Verrat, Verrat!" Er wehrt sich maechtig. - Aber der lange Mantel
+hemmt ihn. - Da, da, er strauchelt. - Er stuerzt zu Boden. - Da liegt das
+Reich der Goten." - - -
+
+ --------------
+
+"Da liegt das Reich der Goten!" Mit diesen Worten begann auch Prokop die
+Saetze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: "Ein wichtig Stueck
+Weltgeschichte hab' ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun
+nachts hier ein.
+
+Als ich heute das roemische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und
+Koenigsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder
+Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte.
+
+Es giebt eine hoehere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit.
+
+An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten ueberlegen: und sie haben es
+nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen
+in Ravenna schmaehten heute ihren Maennern laut ins Angesicht, als sie die
+kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden
+Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmuetigster
+Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn uebermaechtige
+Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht fuer
+sich haben.
+
+Mir schlug das Herz im Bewusstsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner
+heute niederriss und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die
+Fahne des Unrechts erhob ueber dem Banner des Rechts.
+
+Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare
+Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Voelker.
+
+Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen,
+erleben und erleiden - _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden.
+Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die
+sein Banner herabriss, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen fuer die
+kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: - da liegt das Reich
+der Goten."
+
+
+
+
+ Fuenfundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Und so schien es.
+
+Auf das gluecklichste war, dank den Massregeln Prokops, der Streich
+gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten
+fiel und der Koenig ergriffen ward, sahen sich die ueberraschten Goten
+ueberall im Schlosshof, in den Strassen und Lagunen der Stadt, im Lager von
+weit ueberlegenen Kraeften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen
+ueberall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betaeubten die Waffen nieder:
+- die wenigen, welche Widerstand versuchten, - so die naechste Umgebung des
+Koenigs - wurden niedergestossen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf
+Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Grossen des Heeres wurden
+in getrennten Gewahrsam gebracht, der Koenig in den "Zwinger Theoderichs":
+einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst.
+
+Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde
+nicht gestoert. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen
+der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht fuer Kaiser Justinianus.
+Prokopius wurde mit den goldenen Schluesseln von Neapolis, Rom und Ravenna
+nach Byzanz gesendet. Er sollte ausfuehrlichen Bericht erstatten und fuer
+Belisar Verlaengerung des Amtes erbitten bis zur demnaechst zu erwartenden
+voelligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die
+Ehre des Triumphes, unter Auffuehrung des gefangenen Koenigs der Goten im
+Hippodrom.
+
+Denn Belisar sah den Krieg fuer beendet an. Cethegus teilte beinah diesen
+Glauben. Doch fuerchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes
+ueber den geuebten Verrat. Er sorgte daher dafuer, dass ueber die Art des
+Falles der Stadt vorlaeufig keine Kunde durch die Thore drang: und er
+suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen Koenig selbst als
+ein Werkzeug zur Daempfung des etwa neu auflodernden Nationalgefuehls zu
+verwerten. - Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach
+Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern
+verfolgen zu lassen.
+
+Vergebens versuchte er, die Koenigin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener
+Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und liess niemand vor.
+Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen
+hingenommen. Der Praefekt bestellte ihr eine Ehrenwache - um sich ihrer zu
+versichern. Denn er hatte noch grosse Plaene mit ihr vor.
+
+Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Koenigs und schrieb ihr
+dabei: "Mein Wort ist geloest. Koenig Witichis ist vernichtet. Du bist
+geraecht und befreit. - Nun erfuelle auch du meine Wuensche."
+
+Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop
+beraubt, den Praefekten zu sich in den rechten Fluegel des Palastes, wo er
+sein Quartier aufgeschlagen. "Unerhoerte Meuterei!" rief er dem
+Eintretenden entgegen. - "Was ist geschehen?"
+
+"Du weisst, ich habe Bessas mit den lazischen Soeldnern in die Schanze des
+Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, dass
+der Geist dieser Truppen unbotmaessig - ich rufe sie ab und Bessas ... -" -
+"Nun?" - "Weigert den Gehorsam." - "Ohne Grund? Unmoeglich!"
+
+"Laecherlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt
+abgelaufen." - "Nun?" - "Bessas erklaert, seit letzter Mitternacht haett'
+ich ihm nichts mehr zu befehlen."
+
+"Schaendlich. Aber er ist im Recht."
+
+"Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein
+Gesuch. Natuerlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue
+zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Uebermorgen kann die
+Nachricht da sein."
+
+"Vielleicht schon frueher, Belisar. Die Leuchtturmwaechter von Classis haben
+schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht.
+Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann
+loest sich der Knoten von selbst."
+
+"Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwaechter sollen die Schanze
+stuermen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... -"
+
+Da eilte Johannes atemlos herein. "Feldherr," meldete er, "der Kaiser!
+Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis."
+
+Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus
+heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen
+Muehen, das fast vollendete Gebaeude seiner Plaene gerade vor der Bekroenung
+niederwerfen?
+
+Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: "mein Kaiser? Woher weisst du?"
+- "Er selbst kommt, dir fuer deine Siege zu danken. - Solche Ehre ward noch
+keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum traegt die kaiserliche
+Praesenzflagge. Purpur und Silber. Du weisst, das bedeutet, dass der Kaiser
+an Bord."
+
+"Oder ein Glied seines Hauses!" verbesserte Cethegus in Gedanken,
+aufatmend.
+
+"Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen," mahnte Belisar.
+
+ --------------
+
+Sein Stolz und seine Freude wurden enttaeuscht, als ihnen auf dem Wege nach
+Classis die ersten ausgeschifften Hoeflinge begegneten und im Palast
+Quartier forderten, nicht fuer den Kaiser selbst, sondern fuer dessen
+Neffen, den Prinzen Germanus.
+
+"So sendet er doch den ersten nach ihm selbst," sprach Belisar, sich
+selber troestend im Weitergehen zu Cethegus. "Germanus ist der edelste Mann
+am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverfuehrbar rein. Sie nennen ihn: "die
+Lilie im Sumpf". Aber du hoerst mich nicht!"
+
+"Vergieb, ich bemerke dort im Gedraenge, unter den eben Gelandeten, meinen
+jungen Freund Licinius."
+
+"Salve Cethege!" rief dieser, sich Weg zum Praefekten bahnend.
+
+"Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?" fragte
+er fluesternd.
+
+"Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief," fluesterte der
+Bote ebenso leise. - "Aber," und seine Stirne furchte sich - "schicke mich
+nie mehr zu diesem Weibe." - "Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es
+wird nie mehr noetig sein."
+
+Damit hatten sie die Steindaemme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben
+der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich
+geschmueckten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch
+zusammenstroemenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen.
+
+Cethegus fasste ihn scharf ins Auge. "Das bleiche Antlitz ist noch bleicher
+geworden," sagte er zu Licinius. "Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn
+vergiftet, weil sie ihn nicht verfuehren konnte."
+
+Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der
+ihn ehrfurchtsvoll begruesste. "Gegruesst auch du, Belisarius," erwiderte er
+ernst. "Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Praefekt? Wo
+Bessas? Ah Cethegus," sagte er, dessen Hand ergreifend, "ich freue mich,
+den groessten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der
+Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebuehrt mein erster Gang. Ich bringe
+ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in
+ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Koenigin sein am Hofe zu Byzanz."
+
+"Das soll sie," dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: "Ich
+weiss: du kennst die Fuerstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt."
+
+Eine rasche Glut flog ueber des Prinzen Wange. "Leider nicht ihr Herz. Ich
+sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein
+inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen." "Ja, sie ist das schoenste
+Weib der Erde," sagte der Praefekt, ruhig vor sich hin sehend. "Nimm diesen
+Chrysopas zum Dank fuer dieses Wort," sagte Germanus und steckte einen Ring
+an des Praefekten Finger.
+
+Damit traten sie in das Portal des Palastes.
+
+"Jetzt, Mataswintha," sprach Cethegus zu sich selbst, "jetzt hebt dein
+zweites Leben an. Ich kenne kein roemisch Weib - Ein Maedchen vielleicht
+ausgenommen, das ich kannte! - das solcher Versuchung widerstehen koennte.
+Soll diese rohe Germanin widerstehen?" -
+
+Sowie sich der Prinz von den Muehen der Seefahrt einigermassen erholt und
+die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an
+der Seite des Praefekten in dem Thronsaal des grossen Theoderich im
+Mittelbau des Palastes.
+
+An den Waenden der stolz gewoelbten Halle hingen noch die Trophaeen gotischer
+Siege. Ein Saeulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der
+vierten erhob sich der Thron Theoderichs.
+
+Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit
+Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerfuehrern im
+Mittelgrund.
+
+"Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser
+Stadt Ravenna und von dem abendlaendischen Roemerreich. An dich, Magister
+Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es
+selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus."
+
+Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, kuesste das
+Siegel, erhob sich wieder, oeffnete und las:
+
+"Justinianus, der Imperator der Roemer, Herr des Morgen- und des
+Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen,
+der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen
+und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister
+Militum.
+
+Wir sind durch Cethegus den Praefekten von den Vorgaengen unterrichtet, die
+zum Fall von Ravenna gefuehrt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir
+mitgeteilt werden. Wir aber koennen seine darin ausgesprochene gute Meinung
+von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und
+wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir
+befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurueckzukehren,
+um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem
+Vandalenkrieg koennen wir dir um so weniger gewaehren, als weder Rom noch
+Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Uebergabe,
+Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes ueber die Ketzer und hoechst
+verdaechtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt,
+vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk frueherer Verdienste,
+nicht ohne Gehoer dich verurteilen wollen, - denn Morgenland und Abendland
+sollen uns fuer ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit -
+sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Anklaeger beantragt. Ohne Ketten
+- nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens - wirst du
+vor unser kaiserliches Antlitz treten."
+
+Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht
+mit den Haenden: das Schreiben entfiel ihm.
+
+Bessas hob es auf, kuesste es und las weiter: "Zu deinem Nachfolger im
+Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna uebertragen wir dem
+Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den
+Italiern erhobenen hoechst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so
+eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien
+ernennen wir den hochverdienten Praefekten von Rom, Cornelius Cethegus
+Caesarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgeruestet,
+haftet mit seinem Haupt dafuer, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der
+Hoehe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz
+fuehren wird."
+
+Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den
+Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und
+schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah.
+Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Saeule gelehnt
+und starrte zur Erde.
+
+Der Prinz fasste seine Rechte. "Es schmerzt mich, Belisarius, der Traeger
+solcher Botschaft zu sein. Ich uebernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund
+milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu draengten, ausfuehren
+kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre
+deiner fruehern auf. Nie haette ich von dem Helden Belisar solch Luegenspiel
+erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, dass sein Bericht an den Kaiser dir
+vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war
+die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzuendet hat. Aber du
+hoerst mich nicht. -" Und er legte die Hand auf seine Schulter.
+
+Belisar schuettelte die Beruehrung ab. "Lass mich, Knabe - du bringst mir -
+du bringst mir den echten Dank der Kronen."
+
+Vornehm richtete sich Germanus auf. "Belisar, du vergissest wer ich bin
+und wer du bist."
+
+"Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Waechter. Ich gehe sofort
+auf dein Schiff - erspare mir nur Ketten und Bande."
+
+ --------------
+
+Erst spaet konnte sich der Praefekt von dem Prinzen losmachen, der in
+vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persoenlichen
+Wuensche mit ihm besprach.
+
+Er eilte, sowie er in seinen Gemaechern, die er ebenfalls im Palaste
+bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der
+Kaiserin zu lesen.
+
+Er lautete: "Du hast gesiegt, Cethegus.
+
+Als ich dein Schreiben empfing, gedacht' ich alter Zeiten, da deine
+Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und
+Kriegen handelten, sondern von Kuessen und Rosen ... -"
+
+"Daran muessen sie immer erinnern," unterbrach sich der Praefekt.
+
+"Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit
+jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine
+Jugendschoenheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wuenschen des alten
+Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer
+Jugend, der suessen. Und ich erkannte wohl, dass Antoninens Gemahl allzufest
+in Zukunft stehn wuerde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn -
+wie du geschrieben - dem Kaiser in die Ohren: "Allzugefaehrlich sei ein
+Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben koenne.
+Keinen Feldherrn duerfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er
+diesmal gegaukelt, koenne er ein andermal im Ernst versuchen." Diese Worte
+wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine
+Forderungen, gingen durch.
+
+Denn Misstraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden
+- der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _huebsch_ - aber unliebenswuerdig:
+er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt
+keine Jugend mehr wie die unsre war. "Du hast gesiegt, Cethegus" - weisst
+du noch den Abend, da ich dir diese Worte fluesterte? - Aber vergiss nicht,
+wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora laesst sich nur solang
+sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiss das nie."
+
+"Gewiss nicht," sagte Cethegus, das Schreiben sorgfaeltig zerstoerend, "du
+bist eine zu gefaehrliche Verbuendete, Theodora, - nein, Daemonodora! - lass
+sehn, ob du unersetzbar bist. - Geduld: - in wenig Wochen ist Mataswintha
+in Byzanz. - Was bringst du?" fragte er den eintretenden Syphax, der
+glaenzende Waffen trug.
+
+"Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den
+Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: "Dein Freund hat meinen Dank
+verdient. Da, nimm meine goldne Ruestung, den Helm mit dem weissen
+Rossschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten
+Gruss Belisars."
+
+
+
+
+ Sechsundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Der Rundturm, in dessen tiefen Gewoelben Witichis gefangen sass, lag an dem
+rechten Eckfluegel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als Koenig
+gewohnt und geherrscht hatte.
+
+Der Turm bildete mit seiner Eisenthuer den Abschluss eines langen Ganges,
+der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch
+eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen
+Hofpforte gegenueber lag im Erdgeschoss auf der linken Seite des Hofes die
+kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes.
+Sie bestand aus zwei kleinen Gemaechern: das erste, von dem zweiten durch
+einen Vorhang getrennt, war ein blosses Vorzimmer. Das zweite Gemach
+gewaehrte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den
+Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im
+Innengemach und zwei Stuehle und Tische im aeussern nebst den Schluesseln an
+den Waenden waren ihr ganzes Geraet.
+
+Und auf der Holzbank an jenem Fenster sass Tag und Nacht, unverwandt den
+Blick auf die Mauerluecke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des
+Koenigs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. -
+
+Es war Rauthgundis.
+
+Niemals liess ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. "Denn dort," sagte
+sie sich, "dort haengt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht."
+Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der
+sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war,
+als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten koenne.
+
+Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend
+geworden.
+
+Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten
+Schatten ueber den Hof und diesen linken Fluegel des Palastes.
+
+"Dank dir, guetiger Himmelsherr," sprach sie. "Auch deine schweren Schlaege
+treiben zum Heil.
+
+Waer' ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie
+ich mir ausgesonnen, - nie haette ich von dem Gang des Elends hier
+vernommen. Oder doch viel zu spaet. Aber mich zog die Sehnsucht nach der
+Todesstaette des Kindes, in die Naehe unsres Ehehauses, - das zwar raeumte
+ich -: wusste ich denn, ob nicht sie, seine Koenigin, dort einsprechen
+wuerde? So hausten wir in der Waldhuette nahe bei Faesulae.
+
+Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Misslingens die andre
+jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen
+leuchten sah bis in mein Versteck, da war's zu spaet nach Norden zum Vater
+zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was fluechtete
+mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg
+hierher - nach der Rabenstadt - wohin ich als sein Weib nie hatte kommen
+wollen. Als fluechtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Ross Wallada und
+sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu.
+
+Aber ihm zum Heil, - von Gott hierher gezwungen, - ob ich schon nicht
+wollte - ihn zu retten, zu befreien von scheusslichem Verrat des eignen
+Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte
+nicht mehr mit ihm leben - aber - aber ich, - Rauthgundis! - darf ihn
+retten." -
+
+Da rasselte ihr gegenueber die eiserne Hofpforte.
+
+Ein Mann mit Licht trat heraus, ging ueber den Hof und trat alsbald in das
+Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart.
+
+"Nun? sprich!" rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das
+erste Gemach entgegeneilend.
+
+"Geduld - Geduld - lass mich erst die Lampe niederstellen. So! - Nun, also:
+er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan."
+
+Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. "Was thut er?" fragte
+sie dann.
+
+"Er sitzt immer schweigend in der naemlichen Stellung. Auf dem Holzschemel,
+den Ruecken gegen die Thuer gewandt, das Haupt in beide Haende gestuetzt. Er
+giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst
+gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan.
+Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach:
+"Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:" - da blickte er auf.
+So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz.
+Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte
+tief, tief, dass es mir durch die Seele schnitt."
+
+Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Haenden.
+
+"Weiss Gott, was er Boeses mit ihm vor hat!" brummte der Alte leise vor sich
+hin.
+
+"Was sagst du?"
+
+"Ich sage, du musst jetzt auch einmal tuechtig essen und trinken. Sonst
+verlassen dich die Kraefte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau."
+
+"Ich werde sie haben." - "So nimm wenigstens einen Becher Wein." - "Von
+diesem? Nein, der ist fuer ihn allein." Und sie trat in das innere Gemach
+zurueck, wo sie ihren alten Platz einnahm.
+
+"Der Krug reicht ja noch lang," fuhr der alte Dromon fuer sich fort. "Und
+ich fuerchte: wir muessen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da
+koemmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. -"
+
+Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Koenigin die Sturmhaube
+und seinen Mantel mit Gewaendern Dromons vertauscht. "Gute Botschaft bring
+ich," sprach er im Eintreten. "Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich
+pochte vergeblich."
+
+"Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen."
+
+"Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark - was seh' ich? Das ist
+ja alter, koestlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?"
+
+"Womit?" wiederholte der Alte, "mit dem edelsten Golde der Welt!" Und
+seine Stimme bebte vor Ruehrung. "Ich erzaehlte ihr, dass der Praefekt ihn
+absichtlich Mangel leiden lasse, dass er elend werde. Seit vielen Tagen hat
+man mir gar keine Speise fuer ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein
+Gewissen, nur dadurch erhalten, dass ich den andern Gefangnen an dem Ihren
+abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: "Nicht wahr,
+Dromon, die reichen Roemerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der
+Germaninnen so hoch?" Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja.
+
+Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schoenen,
+goldbraunen Flechten und Zoepfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der
+Wein bezahlt."
+
+Da stuerzte Wachis in das naechste Gemach, warf sich vor ihr nieder und
+bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Kuessen. "O Herrin" - rief er mit
+versagender Stimme - "goldne, goldtreue Frau!"
+
+"Was treibst du, Wachis? steh auf und erzaehle."
+
+"Ja, erzaehle," sprach Dromon hinzutretend, "was raet mein Sohn?"
+
+"Wozu brauchen wir seinen Rat?" sprach die Frau. "Ich, ich allein will es
+vollenden."
+
+"Sehr noetig brauchen wir ihn. Der Praefekt hat aus allen jungen Ravennaten,
+nach dem Muster der roemischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen
+Paulus auch eingereiht. Zum Glueck hat er diesen Legionaren die Bewachung
+der Stadtthore anvertraut. - Die Byzantiner liegen draussen im Hafen, seine
+Isaurier hier im Palast."
+
+"Die Thore nun," fuhr Wachis fort, "werden zur Nacht sorgfaeltig gesperrt.
+Aber die Mauerluecke am Turme des Aetius ist immer noch nicht ausgebaut.
+Nur die Wachen stehen dort."
+
+"Wann trifft meinen Sohn die Wache?"
+
+"In zwei Tagen: die dritte Nachtwache."
+
+"Allen Heiligen sei Dank. Viel laenger duerft' es nicht waehren: - ich
+fuerchte ... -" Und er stockte.
+
+"Was? sprich," mahnte Rauthgundis entschlossen. "Ich kann alles hoeren."
+
+"Es ist am Ende besser, du weisst es. Denn du bist klueger und findiger als
+wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fuerchte: sie haben's schlimm
+mit ihm vor.
+
+So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut.
+
+Aber seit der fortgebracht und der Praefekt, der schweigsam kalte Daemon,
+Herr im Palast ist, hat's ein gefaehrlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn
+selbst im Kerker.
+
+Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im
+Gang gelauscht. Er muss aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm,
+glaub' ich, gar keine Antwort. Und wenn der Praefekt herauskommt, blickt er
+so finster wie - wie der Koenig der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte
+ich keinen Wein und keine Speisen fuer ihn als ein kleines Stueck Brot. Und
+die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe."
+
+Rauthgundis seufzte tief.
+
+"Und gestern, als der Praefekt herauf kam, - er sah grimmiger als je darein
+- da fragte er mich .. -"
+
+"Nun? sprich es aus, was es auch sei!"
+
+"Ob die Foltergeraete in Ordnung seien."
+
+Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. "Der Neiding!" rief Wachis, "was
+hast du" - "Sorget nicht, eine Weile hat's noch gute Wege.
+
+"Clarissime," antwortete ich, - und es ist die reine Wahrheit - "die
+Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze
+saubere Qualzeug liegt in schoenster Ordnung alles beisammen." - "Wo?"
+fragte er. "Im tiefen Meer. Ich selbst hab' es, schon auf Koenig
+Theoderichs Befehl, hineingeworfen." Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer
+Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die
+Geraete an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das
+Foltern voellig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen
+Glieder. Und darum wag' ich mit Freuden meinen Hals fuer ihn. Und will
+auch, wenn's nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber
+lange duerfen wir nicht saeumen. Denn der Praefekt bedarf nicht meiner Zangen
+und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quaelen will. Ich
+fuercht' ihn, wie den Teufel."
+
+"Ich hass' ihn, wie die Luege," sagte Rauthgundis grimmig.
+
+"Darum muessen wir rasch sein, eh' er seine schwarzen Gedanken vollfuehren
+kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten Koenig. Ich weiss nicht, was er
+noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hoert und merkt euch meinen
+Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den
+Nachttrunk bringe, schliesse ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen
+Mantel ueber und fuehre ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof.
+
+Von da koemmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die
+Thorwache um die Losung fraegt. Diese werd' ich ihm sagen.
+
+Ist er auf der Strasse, dann rasch an den Turm des Aetius, wo ihn mein
+Paulus die Mauerluecke passieren laesst. Draussen im Pinienwald, im Hain der
+Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf
+Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis.
+Er flieht am sichersten allein."
+
+"Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden.
+Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab' ihm nur Unglueck gebracht. Ich
+will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die
+Freiheit tritt."
+
+ --------------
+
+Der Praefekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefuehle der Macht.
+
+Er war Statthalter von Italien: in allen Staedten wurden auf seine
+Anordnung die Befestigungen geflickt und verstaerkt, die Buerger an die
+Waffen gewoehnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise
+Gegengewicht zu halten. Ihre Heerfuehrer hatten kein Glueck, die
+Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte.
+
+Und mit Vergnuegen vernahm Cethegus, dass Hildebad, dessen Schar sich durch
+Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhoeht, Acacius, der ihn mit
+tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurueckgeschlagen
+hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus
+entgegenrueckte, verlegte ihm alle Wege - er wollte nach Tarvisium zu
+Totila - und noetigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth
+besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die
+Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen
+und schon sah der Praefekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen
+wuerde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten.
+
+Es freute ihn, dass die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung
+sich offen vor ganz Italien als unfaehig erwies, den letzten Widerstand der
+Goten zu brechen. Und die Haerte der byzantinischen Finanzverwaltung, die
+Belisar ueberall, wo er einzog, mit sich fuehren musste - er konnte die auf
+Befehl des Kaisers geuebte Aussaugung nicht hindern - erweckte oder
+steigerte in den Staedten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die
+Ostroemer. Cethegus huetete sich wohl, wie Belisar gethan, den aergsten
+Uebergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, dass in
+Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedruecker in offnem Aufruhr
+emporloderte.
+
+Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht veraechtlich,
+ihre Tyrannei verhasst genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen
+werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hiess Cethegus.
+
+Dabei verliess ihn nur die Eine Besorgnis nicht - denn er war fern von
+Unterschaetzung seiner Feinde, - der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch
+nicht ausgetreten, koenne nochmal aufflammen, geschuert durch die Entruestung
+des Volkes ueber den geuebten Verrat.
+
+Schwer fiel dem Praefekten ins Gewicht, dass die tiefstgehassten Fuehrer der
+Goten, dass Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen
+worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen,
+trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkoenig die Erklaerung zu
+entreissen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung
+unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand
+aufzugeben.
+
+Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen
+lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher,
+schon um fremde Fuersten und Soeldner zu gewinnen und anzuziehen, von
+hoechster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte
+Hoffnung, ihre geschwaechte Kraft durch fremde Waffen zu ergaenzen. Und viel
+lag dem Praefekten daran, jenen als unermesslich reich von der Sage
+gepriesenen Hort nicht in die Haende der Byzantiner fallen zu lassen, deren
+Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner
+Plaene war: sondern ihn sich selbst zu sichern, - auch seine Mittel waren
+ja nicht unerschoepflich.
+
+Aber all sein Bemuehen schien an der Unerschuetterlichkeit seines Gefangnen
+zu scheitern.
+
+
+
+
+ Siebenundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Die Massregeln zur Befreiung des Koenigs waren getroffen.
+
+Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau
+einzupraegen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Ross Dietrichs von
+Bern ihrer warten sollte.
+
+Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn
+gewaehrt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurueckgekehrt.
+Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstuerzte und
+sie ueber die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder,
+schlug die Brust mit den Faeusten und raufte sein graues Haar. Lange fand
+er keine Worte.
+
+"Rede," gebot Rauthgundis und presste die Hand auf das wild pochende Herz,
+"ist er tot?"
+
+"Nein, aber die Flucht ist unmoeglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor
+einer Stunde kam der Praefekt und stieg zu dem Koenig hinab. Wie gewoehnlich
+schloss ich ihm selbst die beiden Thueren, die Gangthuer und die
+Kerkerpforte, auf - da -" "Nun?" "Da nahm er mir die beiden Schluessel ab:
+er werde sie fortan selbst verwahren." "Und du gabst sie ihm?" knirschte
+Rauthgundis. "Wie konnt' ich sie weigern! Ich wagte das Aeusserste. Ich
+hielt sie zurueck und fragte: "O Herr, vertraust du mir nicht mehr?" Da
+warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer
+trennen koennen.
+
+"Von jetzt an - nicht mehr!" sprach er und riss mir die Schluessel aus der
+Hand."
+
+"Und du liessest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?"
+
+"O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was haettest du an meiner Stelle
+thun koennen? Nichts andres!"
+
+"Erwuergt haett' ich ihn mit diesen Haenden! Und nun? Was soll jetzt
+geschehn?"
+
+"Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen."
+
+"Er muss frei werden. Hoerst du, er muss!"
+
+"Aber Herrin! Ich weiss ja nicht wie."
+
+Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. "Erbrechen wir die
+Thueren mit Gewalt." Dromon wollte ihr die Axt entwinden.
+
+"Unmoeglich! Dicke Eisenplatten!"
+
+"So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der
+Gangthuer erschlag ich ihn mit diesem Beil."
+
+"Und dann? Du rasest! Lass mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner
+nutzlosen Wacht."
+
+"Nein, ich kann's nicht denken, dass es heut' nicht werden soll. Vielleicht
+koemmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht" - sprach sie
+nachsinnend. "Ah," schrie sie ploetzlich, "gewiss, das ist's. Er will ihn
+ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh' ihm,
+wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthuer will ich hueten wie ein
+Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie
+beschreitet." Und sie drueckte sich hart an die Halbthuer des Gemaches
+Dromons und wog das schwere Beil.
+
+Aber Rauthgundis irrte.
+
+Nicht um seinen Gefangenen zu toeten, hatte der Praefekt die Schluessel an
+sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Suedbau des Palastes
+geschritten. Spaet am Nachmittag trat Cethegus - er kam aus dem Kerker des
+Koenigs - in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung
+des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch,
+dass Aspa nur mit Thraenen-erfuellten Augen noch auf ihre Herrin sah.
+
+"Zerstreue," sprach Cethegus, "schoenste Tochter der Germanen, die Wolken,
+die auf deiner weissen Stirn lagern und hoere mich ruhig an."
+
+"Wie steht es mit dem Koenig? Du lassest mich ohne Nachricht. Du
+versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn ueber die Alpen
+fuehren zu lassen. Du haeltst dein Wort nicht."
+
+"Ich habe das versprochen: - unter zwei Bedingungen.
+
+Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfuellt. Morgen kommt
+der kaiserliche Neffe Germanus zurueck von Ariminum, - dich nach Byzanz zu
+fuehren: - du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit
+Witichis war erzwungen und nichtig."
+
+"Ich sagte dir schon: nein, niemals!"
+
+"Das thut mir leid - um meinen Gefangenen.
+
+Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem
+Wege nach Byzanz."
+
+"Niemals."
+
+"Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Maedchens, das so teuren
+Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk' ich, ueberwunden.
+Dasselbe Geschoepf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber
+ehrst du noch wirklich den Maedchentraum, so rette den einst Geliebten."
+
+Mataswintha schuettelte das Haupt.
+
+"Ich habe dich bisher als eine Freie, als Koenigin behandelt. Erinnere mich
+nicht, dass du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen
+Prinzen Gemahlin - bald seine Witwe - und Justinian, Byzanz, die Welt
+liegt dir zu Fuessen. Tochter Amalaswinthens - solltest du nicht die
+Herrschaft lieben?"
+
+"Ich liebe nur ... -! Niemals!"
+
+"So muss ich dich zwingen!"
+
+Sie lachte: "Du? mich? zwingen?"
+
+"Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde
+gerichtet!) Die zweite Bedingung naemlich ist: dass der Gefangene diesen
+leergelassenen Namen ausfuellt - es ist der Name des Schatzschlosses der
+Goten - und diese Erklaerung unterschreibt. Er weigert sich mit einem
+Trotz, der anfaengt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm - ich,
+der Sieger - er hatte noch kein Wort fuer mich. Nur das erste Mal, da
+erhielt ich einen Blick - fuer den er allein den stolzen Kopf verlieren
+musste."
+
+"Nie giebt er nach."
+
+"Das fraegt sich doch. Auch Felsen zermuerbt beharrlicher Tropfenfall. Aber
+ich kann nicht lange mehr warten.
+
+Heute frueh kam Nachricht, dass der tolle Hildebad in wuetigem Ausfall Bessas
+so schwer geschlagen, dass er kaum die Einschliessung noch aufrecht haelt.
+Ueberall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muss fort und ein Ende
+machen und diese Funken ausloeschen mit dem Wasser der Enttaeuschung, besser
+als mit Blut. Dazu muss ich des gefangenen Koenigs Erklaerung und
+Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht
+des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die
+Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst
+bezeugt, so werd' ich den Gefangenen - - ich schwoere es dir beim Styx, -
+werd' ich den Gefangenen -"
+
+Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von
+ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. "Du wirst ihn doch
+nicht toeten?"
+
+"Ja, das werd' ich. Ich werd' ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann
+toeten."
+
+"Nein, nein!" schrie Mataswintha auf.
+
+"Ja, ich hab's beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das
+sagen: dir, dieser haenderingenden Verzweiflung wird er glauben, dass es
+Ernst. Du vielleicht ruehrst ihn: mein Anblick haertet seinen Trotz. Er
+waehnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du
+wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier
+die Schluessel - du sollst deine Stunde frei waehlen - zu seinem Kerker."
+
+Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr
+Auge.
+
+Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig laechelnd schritt er hinaus.
+
+
+
+
+ Achtundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Bald, nachdem der Praefekt die Koenigin verlassen, war es dunkel geworden
+ueber Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewoelk bedeckt, das
+heftiger Wind an dem Neumond vorueberjagte, so dass kurzes, ungewisses Licht
+mit desto tieferem Dunkel wechselte.
+
+Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der uebrigen Gefangenen
+vollendet und kam muede und traurig in sein Vorgemach zurueck. Er fand kein
+Licht brennend. Mit Muehe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer
+reglos an der Halbthuer lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die
+Gangthuer geheftet.
+
+"Lass mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzuenden: und
+teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst." - "Nein, kein
+Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draussen im Hof,
+im Mondlicht naht." - "Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem
+Dreifuss. Hier ist Brot und Fleisch." - "Soll ich essen, waehrend er Hunger
+leidet?" - "Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen
+Abend?"
+
+"Was ich denke?" wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: "Ihn! Und
+wie wir so oft gesessen in dem Saeulengang vor unserem schoenen Hause, wann
+der Brunnen plaetscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den
+Olivenbaeumen. Und die kuehle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt.
+Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben
+gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen
+Atemzuegen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoss, die
+Haendchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt
+traegt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln traegt er, - die schmerzen ...
+- -" Und sie drueckte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis
+sie selbst Schmerz empfand.
+
+"Herrin, was quaelst du dich? Es ist doch nicht zu aendern!"
+
+"Ich will es aber aendern! Ich muss ihn retten und - Ah, Dromon, hieher! Was
+ist das?" fluesterte sie und wies in den Hof.
+
+Der Alte sprang geraeuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe,
+weisse Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber
+scharf, fiel das Mondlicht darauf.
+
+"Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten," sprach der
+Alte bebend. "Gott und die Heiligen schuetzet mich!" Und er bekreuzte sich
+und verhuellte das Haupt.
+
+"Nein," sprach Rauthgundis, "die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits.
+Jetzt ist's verschwunden - Dunkel ringsum - Sieh, da bricht der Mond durch
+- da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthuer. Was schimmert da
+rot im weissen Licht? Ah, das ist die Koenigin - ihr rotes Haar! Sie haelt an
+der Gangthuer. Sie schliesst auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!"
+
+"Weiss Gott, es ist die Koenigin! Aber ihn ermorden! Wie koennte sie!"
+
+"_Sie_ koennte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr
+nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!"
+
+Und sie trat aus der Halbthuer in den Hof, das Beil in der Rechten,
+vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen
+schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fusse.
+
+Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthuer aufgeschlossen und ihren Weg
+erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Haenden
+tastend, zurueckgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht
+erschloss sie auch diese.
+
+Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler
+Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen.
+Er sass, den Ruecken gegen die Thuere gewandt, das Haupt auf die Haende
+gestuetzt, reglos auf einem Steinblock.
+
+Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft
+schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen.
+
+Da spuerte Witichis an dem Windzug, dass die Pforte geoeffnet worden. Er hob
+das Haupt. Aber er sah nicht um.
+
+"Witichis - Koenig Witichis" - stammelte endlich Mataswintha - "ich bin's.
+Hoerst du mich?"
+
+Aber der Gefragte ruehrte sich nicht.
+
+"Ich komme, dich zu retten - fliehe! Freiheit!"
+
+Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt.
+
+"Oh sprich! - oh sieh nur auf mich!" - Und sie trat ein. Gern haette sie
+seinen Arm beruehrt, seine Hand gefasst. Sie wagte es noch nicht. "Er will
+dich toeten - quaelen. Er wird es thun, - wenn du nicht fliehst."
+
+Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, naeher zu treten. "Du sollst aber
+fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein - durch mich! Ich
+flehe dich an - fliehe! Du hoerst mich nicht! Die Zeit draengt! Einst sollst
+du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die
+Schluessel der Kerkerpforte und der Gangthuer! flieh!" Und nun fasste sie
+seinen Arm, wollte ihn emporreissen.
+
+Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Fuessen. - Er war an den
+Steinblock festgeschlossen.
+
+"O, was ist das?" rief sie und fiel in die Kniee.
+
+"Stein und Eisen," sagte er tonlos. "Lass mich. Ich gehoere dem Tode. Und
+hielten mich auch diese Bande nicht - ich folgte dir doch nicht! Zurueck in
+die Welt? Die Welt ist eine grosse Luege. Alles ist Luege."
+
+"Du hast Recht! sterben ist besser. Lass mich sterben mit dir. Und verzeih
+mir. Denn auch ich habe dir gelogen."
+
+"Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht."
+
+"Aber du musst mir noch vergeben, ehe wir sterben.
+
+Ich habe dich gehasst - ich habe gejubelt ueber deinen Niedergang - ich habe
+- o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn.
+Und doch muss ich deine Verzeihung haben - und muesst' ich sie mir erstehlen.
+Vergieb mir - reiche mir die Hand zum Zeichen, dass du mir verzeihst."
+
+Aber Witichis war in sein Brueten zurueckgesunken. "O, ich flehe dich an -
+verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben."
+
+"Geh - warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser,
+nicht schlimmer!"
+
+"Nein, ich bin boeser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse
+denn: ich habe dich gehasst, ja, aber nur, weil du mich von dir gestossen!
+Du liessest mich nicht dein Leben teilen, - verzeihe mir. - Gott, ich will
+ja nur mit dir sterben duerfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum
+Zeichen, dass du mir verzeihst." Und sie streckte kniend, flehend, beide
+Haende zu ihm empor.
+
+Der Koenig erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe
+Herzensguete, regte sich in ihm und uebertoente den eignen dumpfen Schmerz.
+"Mataswintha," sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, "geh', es
+erbarmt mich dein. Lass mich allein sterben. Was immer du an mir gethan -
+geh hin: - ich habe dir verziehn."
+
+"O Witichis!" hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen.
+
+
+
+
+ Neunundzwanzigstes Kapitel.
+
+
+Aber heftig fuehlte sie sich hinweggerissen. "Nachtbrennerin, nie soll er
+dir vergeben! Komm Witichis, _mein_ Witichis. Folge mir! du bist frei."
+Der Koenig sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betaeubung geweckt.
+"Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab' dich
+wieder." Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die
+Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide suesse Thraenen
+der Liebe und der Freude.
+
+Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie
+strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und
+blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel,
+hell beleuchtete.
+
+"Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr wuerd' er folgen in Freiheit und Leben. Aber
+er muss ja bleiben! Und sterben - mit mir." -
+
+"Saeumt nicht laenger!" mahnte von der Kerkerthuere her die Stimme Dromons.
+
+"Ja, rasch fort, mein Leben!" rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen
+Schluessel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine
+Oeffnung suchend.
+
+"Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?" fragte der Gefangene, halb in
+seine Betaeubung zuruecksinkend.
+
+"Ja, hinaus in Luft und Freiheit," rief Rauthgundis und warf die
+losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. "Hier Witichis, eine Waffe! Ein
+Beil! Nimm!"
+
+Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kraeftig damit aus:
+"Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!"
+
+"Das wusste ich, mein tapfrer Witichis!" rief Rauthgundis, kniete nieder
+und schloss die Kette auf, die seinen linken Fuss an den Steinblock
+gefesselt hielt. "Nun schreite aus! Denn du bist frei."
+
+Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen
+Schritt gegen die Thuere.
+
+"Und _sie_ darf seine Ketten loesen!" fluesterte Mataswintha.
+
+"Ja, frei!" sprach Witichis, hoch aufatmend. "Ich _will_ frei sein und mit
+dir gehen."
+
+"Mit ihr will er gehen!" rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den
+Weg. "Witichis - leb wohl - geh! - Nur sage mir nochmal - dass du mir
+vergiebst."
+
+"Dir vergeben?" rief Rauthgundis. "Nie! Niemals! Sie hat unser Reich
+zerstoert. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels - ihre Hand
+hat deine Speicher verbrannt!"
+
+"O so sei verflucht!" rief Witichis. "Hinweg von dieser Schlange der
+Hoelle!" Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er ueber die
+Schwelle, gefolgt von Rauthgundis.
+
+"Witichis!" rief Mataswintha sich aufraffend. "Halt! Halt an! Hoere mich
+nur noch einmal! Witichis!"
+
+"Schweig!" sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. "Du wirst ihn verderben."
+
+Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr maechtig, riss sich los und folgte, die
+Stufen hinauf in den Gang.
+
+"Halt!" rief sie, "Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du musst mir
+verzeihn." Da brach sie ohnmaechtig zu Boden.
+
+Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach.
+
+Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes
+geweckt.
+
+Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb geguertet, aus seinem
+Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof
+blickten.
+
+"Wachen," rief er, "unter die Speere!" Auch Soldaten waren merksam
+geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die
+Gangthuere durchschritten und, gerade dieser gegenueber, die Gemaecher
+Dromons erreicht, als sechs isaurische Soeldner laut laermend in den Gang
+hineinstuermten.
+
+Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthuer, sprang auf die schwere eiserne
+Gangthuere zu, warf sie klirrend ins Schloss, drehte den Schluessel um, und
+zog ihn heraus. "Die sind geborgen und unschaedlich!" fluesterte sie.
+
+Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem grossen
+Ausgang zu, der aus dem Schlosshof auf die Strasse fuehrte. Mit gefaelltem
+Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurueckgeblieben, ihnen
+entgegen. "Gebt die Losung," rief er. "Rom und? -"
+
+"Rache!" sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder.
+
+Laut schreiend fiel der Soeldner, und warf noch den Speer den Fluechtigen
+nach: er durchbohrte den letzten der drei - Dromon.
+
+Ueber die Marmorstufen des Palastes auf die Strasse hinabspringend, hoerten
+die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthuere
+schlagen, auch einen lauten Befehlruf hoerten sie noch. "Syphax! mein
+Pferd!"
+
+Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf.
+
+Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter
+flogen nach allen Thoren der Stadt.
+
+"Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen
+bringt!" rief Cethegus, - sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes
+schwingend. "Nun auf, ihr Soehne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und
+Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!"
+
+"Aber wohin, Herr?" fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem
+Palastthor sprengend.
+
+"Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie
+koennen nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus."
+
+"Zwei grosse Mauerbreschen sinds."
+
+"Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir.
+Ist nicht dort -?"
+
+"Der Mauersturz am Turme des Aetius."
+
+"Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!" - - -
+
+ --------------
+
+Gluecklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem
+Sohn des Dromon, die nur halb ausgefuellte Mauerluecke durcheilt und in dem
+nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden.
+Wallada nahm die Gatten auf den Ruecken. -
+
+Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses
+zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. "Mein
+Weib! mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will
+ich's noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir
+lassen, du Seele meiner Seele."
+
+"Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen
+Nacken, o du mein alles."
+
+"Vorwaerts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben."
+
+Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses
+war erreicht. Wachis trieb sein baeumendes Pferd in die dunkle Flut. Das
+Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. "Er geht sehr
+tief, sehr reissend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht
+zu brauchen.
+
+Die Gaeule muessen schwimmen und stark rechts abwaerts wird's uns reissen. Und
+es sind Felsen im Fluss. Und das Mondlicht wechselt so oft und taeuscht." -
+Ratlos pruefte er am Ufer hin und her.
+
+"Horch, was war das?" fragte Rauthgundis. "Das war nicht der Wind in den
+Steineichen."
+
+"Pferde sind's," sagte Witichis. "Sie nahen in Eile. Ja, wir sind
+verfolgt. Waffen klirren. Da - Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf
+Leben und Sterben. Aber leise!"
+
+Und er fuehrte sein Pferd am Zuegel in die Flut.
+
+"Kein Bodengrund mehr. Die Gaeule muessen schwimmen.
+
+Halte dich fest an der Maehne, Rauthgundis. Vorwaerts, Wallada!"
+
+Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut - die Maehne
+flog wirr kopfueber - die Vorderfuesse vorgestreckt, den Hinterbug
+zurueckgehemmt.
+
+"Vorwaerts, Wallada!" Und leise rief Witichis dem treuen Ross ins Ohr:
+"Dietrich von Bern!" Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfaehrig
+in die Flut.
+
+Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur
+Seite Syphax, eine Fackel hebend. "Hier, im Ufersand, verschwindet die
+Spur, o Herr."
+
+"Sie sind im Wasser! Vorwaerts, ihr Hunnen!"
+
+Aber die Reiter zogen die Zuegel an und ruehrten sich nicht.
+
+"Nun, Ellak? was zoegert ihr? Sofort in die Flut!"
+
+"Herr, das koennen wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fliessend Wasser
+reiten, muessen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir muessen
+erst zu ihm beten."
+
+"Betet nachher, wenn ihr drueben seid, solang ihr wollt, nun aber -"
+
+Da fuhr ein staerkerer Windstoss ueber den Fluss und verloeschte alle Fackeln.
+- Hochauf rauschte die Flut.
+
+"Du siehst, o Herr, Phug zuernt."
+
+"Still! saht ihr nichts? Da unten, links?"
+
+Der Mond war aus dem jagenden Gewoelk getaucht. - Er zeigte Rauthgundis
+helles Untergewand: - den braunen Mantel hatte sie verloren.
+
+"Zielt rasch, dorthin."
+
+"Nein, Herr! Erst ausbeten." -
+
+Da war es wieder dunkel am Himmel. - Mit einem Fluch riss dem
+Hunnenhaeuptling Cethegus Bogen und Koecher von der Schulter.
+
+"Nun rasch vorwaerts!" rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer
+gewonnen hatte, zurueck - "ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt."
+
+"Halt, Wallada!" rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und
+sich an der Maehne haltend. "Da ist ein Fels! Stosse dich nicht,
+Rauthgundis." -
+
+Ross, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in
+gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reissend zog.
+
+Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Flaeche des Stroms und
+die Gruppe am Felsen.
+
+"Sie sind es!" rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit
+hielt, zielte und schoss. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte
+Pfeil von der Sehne.
+
+"Rauthgundis!" rief Witichis entsetzt. - Denn sie zuckte zusammen und sank
+nach vorwaerts auf die Maehne des Rosses: aber sie klagte nicht.
+
+"Bist du getroffen?" - "Ich glaube. Lass mich hier. Und rette dich." -
+"Niemals! Lass dich stuetzen."
+
+"Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!"
+
+Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis
+in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend.
+
+"Lass mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier." - "Nein, ich lasse dich nie
+mehr!" Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In
+hellem Mondlicht stand die Gruppe.
+
+"Gieb dich gefangen, Witichis!" rief Cethegus, sein Ross bis an den Bug in
+das Wasser spornend.
+
+"Fluch ueber dich, du Luegner und Neiding."
+
+Da schwirrten zwoelf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Ross Theoderichs
+und versank fuer immer in die Tiefe.
+
+Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. "Bei dir!" - hauchte noch
+Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. - - "Mit dir!"
+
+Umschlungen verschwanden sie im Fluss.
+
+Jammernd rief drueben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen.
+Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht.
+
+"Schafft die Leichen ans Land!" befahl Cethegus duester, sein Ross wendend.
+Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten.
+
+Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen
+und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie
+Meer.
+
+ --------------
+
+Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna
+zurueckgekehrt, bereit, demnaechst Mataswintha nach Byzanz zu fuehren.
+
+Diese war aus ihrer Betaeubung erst durch die Hammerschlaege der Werkleute
+geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthuer durchbrachen, die
+eingesperrten Soeldner zu befreien. Man fand die Fuerstin auf den
+Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemaecher
+hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber
+mit starr geoeffneten Augen lag.
+
+Gegen Mittag liess sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und
+drohend, sein Antlitz von eisiger Kaelte. Er trat dicht an ihr Lager.
+Mataswintha sah ihm ins Auge.
+
+"Er ist tot!" sagte sie dann ruhig.
+
+"Er wollte es nicht anders. Er - und du. Dir Vorwuerfe machen ist zwecklos.
+Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das
+Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut
+treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm
+Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Suehne thun kannst, ist:
+meinen zweiten Wunsch erfuellen. Prinz Germanus ist gelandet, dich
+abzuholen. Du wirst ihm folgen."
+
+"Wo ist die Leiche?"
+
+"Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und - das Weib."
+
+Mataswinthens Lippe zuckte. "Noch im Tode! Sie starb mit ihm?"
+
+"Lass diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen.
+Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begruessen?"
+
+"Ich werde bereit sein."
+
+"Gut. Wir wollen puenktlich sein."
+
+"Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmuecken:
+Diadem, Purpur, Seide."
+
+"Sie hat den Verstand verloren," sagte Cethegus im Hinausgehen. "Aber die
+Weiber sind zaeh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie koennen fortleben mit aus
+der Brust gerissenem Herzen."
+
+Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertroesten.
+
+Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Maenner zur
+Koenigin zu entbieten.
+
+Germanus eilte mit raschem Fusse ueber die Schwelle ihres Gemaches. Aber
+gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schoen, so prachtvoll hatte er
+die Gotenfuerstin nie gesehen.
+
+Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das,
+geloest, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern
+bis ueber den Ruecken floss. Das Unterkleid, von schwerster weisser Seide mit
+goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn
+Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war
+marmorweiss, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. "Prinz Germanus,"
+rief sie dem Eintretenden entgegen, "du hast mir von Liebe geredet? Aber
+weisst du, was du geredet? Lieben ist sterben."
+
+Germanus sah fragend auf Cethegus.
+
+Dieser trat vor. Er wollte sprechen.
+
+Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an:
+
+"Prinz Germanus, sie ruehmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof,
+wo man sich uebt in spitzer Raetsel Ratung. Auch ich will dir eine
+Raetselfrage stellen: - sieh zu, ob du sie loesest. Lass dir nur helfen dabei
+von dem klugen Praefekten, der sich so ganz auf Menschengemueter versteht.
+Was ist das? Weib und doch Maedchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es
+nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur loest alle Raetsel."
+
+Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert
+blitzte. Mit beiden Haenden stiess sie sich's tief in die Brust.
+
+Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rueckwaerts hinzu.
+Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert
+aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst
+gesendet.
+
+Es war das Schwert des Koenigs Witichis.
+
+
+
+
+
+
+ FUSSNOTE
+
+
+ 1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber
+ statt des Anio.
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde fuer die elektronische Fassung hinzugefuegt.
+
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+
+Nicht veraendert wurde die uneinheitliche Gross- oder Kleinschreibung von
+einigen Zahlwoertern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten,
+insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+July 5, 2010
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 33090.txt or 33090.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
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+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
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+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
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+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
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+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
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+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
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+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
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+
+
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+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
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+
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+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
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+newsletter to hear about new eBooks.
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