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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:58:51 -0700 |
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diff --git a/33090.txt b/33090.txt new file mode 100644 index 0000000..f9e227b --- /dev/null +++ b/33090.txt @@ -0,0 +1,13839 @@ +The Project Gutenberg EBook of Ein Kampf um Rom. Zweiter Band by Felix +Dahn + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Ein Kampf um Rom. Zweiter Band + +Author: Felix Dahn + +Release Date: July 5, 2010 [Ebook #33090] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND*** + + + + + + Ein Kampf um Rom. + + Historischer Roman + + von + + Felix Dahn. + + + + _Motto:_ + "Wenn etwas ist, gewalt'ger als das Schicksal + So ist's der Mut, der's unerschuettert traegt" + _Geibel._ + + + +Zweiter Band. + +48. Auflage. + +Leipzig, +Druck und Verlag von Breitkopf und Haertel. +1906. + + + + + + Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten. + + + + + + INHALT + + +Fuenftes Buch. Witichis. Erste Abteilung. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fuenftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwoelftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. + Fuenfzehntes Kapitel. + Sechzehntes Kapitel. + Siebzehntes Kapitel. + Achtzehntes Kapitel. +Fuenftes Buch. Witichis. Zweite Abteilung. + Erstes Kapitel. + Zweites Kapitel. + Drittes Kapitel. + Viertes Kapitel. + Fuenftes Kapitel. + Sechstes Kapitel. + Siebentes Kapitel. + Achtes Kapitel. + Neuntes Kapitel. + Zehntes Kapitel. + Elftes Kapitel. + Zwoelftes Kapitel. + Dreizehntes Kapitel. + Vierzehntes Kapitel. + Fuenfzehntes Kapitel. + Sechzehntes Kapitel. + Siebzehntes Kapitel. + Achtzehntes Kapitel. + Neunzehntes Kapitel. + Zwanzigstes Kapitel. + Einundzwanzigstes Kapitel. + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + Vierundzwanzigstes Kapitel. + Fuenfundzwanzigstes Kapitel. + Sechsundzwanzigstes Kapitel. + Siebenundzwanzigstes Kapitel. + Achtundzwanzigstes Kapitel. + Neunundzwanzigstes Kapitel. +Bemerkungen zur Textgestalt + + + + + + + Fuenftes Buch. + + + WITICHIS. + + + Erste Abteilung. + + + "Die Goten aber waehlten zum Koenig Witichis, + einen Mann, zwar nicht von edlem Geschlecht, + aber von hohem Ruhm der Tapferkeit." + + Prokopius, Gotenkrieg I. 11 + + + + + Erstes Kapitel. + + +Langsam sank die Sonne hinter die gruenen Huegel von Faesulae und vergoldete +die Saeulen vor dem schlichten Landhaus, in welchem Rauthgundis als Herrin +schaltete. + +Die gotischen Knechte und die roemischen Sklaven waren beschaeftigt, die +Arbeit des Tages zu beschliessen. Der Mariskalk brachte die jungen Rosse +von der Weide ein. Zwei andere Knechte leiteten den Zug stattlicher Rinder +von dem Anger auf dem Huegel nach den Staellen, indes der Ziegenbub mit +roemischen Scheltworten seine Schutzbefohlnen vorwaerts trieb, die genaeschig +hier und da an dem salzigen Steinbrech nagten, der auf dem zerbroeckelten +Mauerwerk am Wege gruente. Andre germanische Knechte raeumten das Ackergeraet +im Hofraum auf: und ein roemischer Freigelassener, gar ein gelehrter und +vornehmer Herr, der Obergaertner selbst, verliess mit einem zufriedenen +Blick die Staette seiner bluehenden und duftenden Wissenschaft. + +Da kam aus dem Rossstall unser kleiner Freund Athalwin im Kranze seiner +hellgelben Locken. "Vergiss mir ja nicht, Kakus, einen rostigen Nagel in +den Trinkkuebel zu werfen. Wachis hat's noch besonders aufgetragen! Dass er +dich nicht wieder schlagen muss, wenn er heimkommt." Und er warf die Thuer +zu. "Ewiger Verdruss mit diesen welschen Knechten!" sprach der kleine +Hausherr mit wichtigem Stolz. "Seit der Vater fort ist und Wachis ihm ins +Lager gefolgt, liegt alles auf mir: denn die Mutter, lieber Gott, ist wohl +gut fuer die Maegde, aber die Knechte brauchen den Mann." + +Und mit grossem Ernst schritt das Bueblein ueber den Hof. + +"Und sie haben vor mir gar nicht den rechten Respekt," sprach er und warf +die kirschroten Lippen auf und krauste die weisse Stirn. "Woher soll er +auch kommen? Mit naechster Sunnwend bin ich volle neun Jahr: und sie lassen +mich noch immer herumgehn mit einem Ding wie ein Kochloeffel." Und +veraechtlich riss er an dem kleinen Schwert von Holz in seinem Gurt. "Sie +duerften mir keck ein Weidmesser geben, ein rechtes Gewaffen. So kann ich +nichts ausrichten und sehe nichts gleich." + +Und doch sah er so lieblich, einem zuernenden Eros gleich, in seinem +kniekurzen, aermellosen Roeckchen von feinstem weissem Leinen, das die liebe +Hand der Mutter gesponnen und genaeht und mit einem zierlichen roten +Streifen durchwirkt hatte. + +"Gern lief' ich noch auf den Anger und braechte der Mutter zum Abend die +Waldblumen, die sie so liebt, mehr als unsre stolzesten Gartenblumen. Aber +ich muss noch Rundschau halten, ehe sie mir die Thore schliessen: denn: +"Athalwin, hat der Vater gesagt, wie er ging, halt mir das Erbe recht in +acht und wahre mir die Mutter! Ich verlass mich auf dich!" Und ich gab ihm +die Hand drauf. So muss ich Wort halten." + +Damit schritt er den Hof entlang, an der Vorderseite des Wohnhauses +vorueber, durchmusterte die Nebengebaeude zur Rechten und wollte sich eben +nach der Rueckseite des Gevierts wenden, als er durch lautes Bellen der +jungen Hunde zur Linken auf ein Geraeusch an dem Holzzaun, der das Ganze +umfriedete, merksam wurde. + +Er schritt nach der bezeichneten Ecke hin und erstaunte: denn auf dem +Zaune sass oder ueber denselben herein stieg eine seltsame Gestalt. Es war +ein grosser, alter, hagrer Mann in grobem Wams von ganz rauhem Loden, wie +ihn die Berghirten trugen: als Mantel hing eine maechtige Wolfsschur +unverarbeitet von seinen Schultern nieder, und in der Rechten trug er +einen riesigen Bergstock mit scharfer Stahlspitze, mit welchem er die +Hunde abwehrte, die zornig an dem Zaun hinaufsprangen. Eilends lief der +Knabe hinzu. "Halt, du landfremder Mann, was thust du auf meinem Zaun? - +willst du gleich hinaus und herab?" + +Der Alte stutzte und sah forschend auf den schoenen Knaben. "Herunter, sag' +ich!" wiederholte dieser. - "Begruesst man so in diesem Hof den wegmueden +Wandrer?" - "Ja, wenn der wegmuede Wandrer ueber den Hinterzaun steigt. Bist +du was Rechtes und willst du was Rechtes, - da vorn steht das grosse +Hofthor sperrangelweit offen: da komm' herein." + +"Das weiss ich selbst, wenn ich das wollte." Und er machte Anstalt, in den +Hof hereinzusteigen. + +"Halt," rief zornig der Kleine, "da kommst du nicht herab! Fass, Griffo! +Fass, Wulfo! Und wenn du die zwei jungen nicht scheust, so ruf' ich die +Alte. Dann gieb acht! He Thursa, Thursa, leid's nicht!" + +Auf diesen Ruf schoss um die Ecke des Rossstalles ein riesiger, grau +borstiger Wolfshund mit wuetendem Gebell herbei und schien ohne weiteres +dem Eindringling an die Gurgel springen zu wollen. + +Aber kaum stand das grimmige Tier vor dem Zaun, dem Alten gegenueber, so +verwandelte sich seine Wut ploetzlich in Freude: sein Bellen verstummte und +wedelnd sprang er an dem Alten hinan, der nun ganz gemuetlich herein stieg. +"Ja, Thursa, treues Tier, wir halten noch zusammen," sagte er. - - "Nun +sage mir, kleiner Mann, wie heisst du?" - "Athalwin heiss' ich," versetzte +dieser, scheu zuruecktretend, "du aber, - ich glaube, du hast den Hund +behext - wie heisst du?" - "Ich heisse wie du," sagte der Alte freundlicher. +"Und das ist huebsch von dir, dass du heissest wie ich. Sei nur ruhig, ich +bin kein Raeuber! fuehr' mich zu deiner Mutter, dass ich ihr sage, wie tapfer +du deine Hofwehr verteidigt hast." + +Und so schritten die beiden Gegner friedlich in die Halle, Thursa bellte +freudig springend voran. + +Das korinthische Atrium der Roemervilla mit seinen Saeulenreihen an den vier +Waenden hatte die gotische Hausfrau mit leichter Aenderung in die grosse +Halle des germanischen Hofbaues verwandelt. In Abwesenheit des Hausherrn +war sie zu festlicher Bewirtung nicht bestimmt und Rauthgundis hatte fuer +diese Zeit ihre Maegde aus der Frauenkammer hierher versetzt. In langer +Reihe sassen rechts die gotischen Maegde mit sausender Spule; ihnen +gegenueber einige roemische Sklavinnen mit feineren Arbeiten beschaeftigt. In +der Mitte der Halle schritt Rauthgundis auf und nieder und liess selbst die +flinke Spule auf dem glatten Mosaik des Estrichs tanzen, aber dabei auch +nach rechts und links stets die wachen Blicke gleiten. + +Das kornblumenblaue Kleid von selbstgewirktem Stoff war ueber die Knie +heraufgeschuerzt und hing gebauscht ueber den Gurt von staehlernen Ringen, +der ihren einzigen Schmuck, ein Buendel von Schluesseln, trug. Das +dunkelblonde Haar war rings an Stirn und Schlaefen zurueckgekaemmt und am +Hinterkopf in einen einfachen Knoten geschuerzt. Es lag viel schlichte +Wuerde in der Gestalt, wie sie mit ernst pruefendem Blick auf und nieder +schritt. + +Sie trat zu der juengsten der gotischen Maegde, die zu unterst in der Reihe +sass und beugte sich zu ihr. "Brav, Liuta," sprach sie, "dein Faden ist +glatt und du hast heut' nicht so oft aufgesehen nach der Thuer wie sonst. +Freilich," fuegte sie laechelnd hinzu - "es ist jetzt kein Verdienst, da +doch kein Wachis zur Thuer hereinkommen kann." Die junge Magd erroetete. +Rauthgundis legte die Hand auf ihr glattes Haar: "Ich weiss," sagte sie, +"du hast mir im stillen gegrollt, dass ich dich, die Verlobte, dieses Jahr +ueber taeglich morgens und abends eine Stunde laenger spinnen liess als die +andern: es war grausam, nicht? Nun, sieh: es war dein eigner Gewinn. +Alles, was du dies Jahr aus meinem besten Garn gesponnen, ist dein; ich +schenk' es dir zur Aussteuer: so brauchst du naechstes Jahr, das erste +deiner Ehe, nicht zu spinnen." + +Das Maedchen fasste ihre Hand und sah ihr dankbar weinend ins Auge. "Und +dich nennen sie streng und hart!" war alles, was sie sagen konnte. - "Mild +mit den Guten, streng mit den Boesen, Liuta. Alles Gut, dessen ich hier +walte, ist meines Herrn Eigen und meines Knaben Erbe. Da heisst es genau +sein." + +Jetzt wurden der Alte und Athalwin in der Thuer sichtbar: der Knabe wollte +rufen, aber sein Begleiter verhielt ihm den Mund und sah eine Weile +unbemerkt dem Schalten und Walten Rauthgundens zu, wie sie der Maegde +Arbeit pruefte, lobte und schalt und neue Auftraege gab. + +"Ja," sprach der Alte endlich zu sich selbst, "stattlich sieht sie aus, +und sie scheint wohl die Herrin im Hause - doch! wer weiss Alles?" Da war +Athalwin nicht mehr zu halten: "Mutter," rief er, "ein fremder Mann, der +Thursa behext und ueber den Zaun gestiegen und zu dir will. Ich kann's +nicht begreifen." + +Da wandte sich die stattliche Frauengestalt wuerdevoll dem Eingang zu, die +Hand vor die Augen haltend, die blendende Abendsonne, die in die offne +Thuere brach, abzuwehren. "Was fuehrst du den Gast hierher? Du weisst, der +Vater ist nicht hier. Fuehr' ihn in die grosse Halle. Sein Platz ist nicht +bei mir." + +"Doch, Rauthgundis! hier, bei dir, ist mein Platz," sprach der Alte +vortretend. + +"Vater!" - rief die Frau und lag an der Brust des Fremden. Verdutzt und +nicht ohne Missbehagen sah Athalwin auf die Gruppe. "Du bist also der +Grossvater, der da oben in den Nordbergen haust? Nun gruess Gott, Grossvater! +Aber warum sagst du denn das nicht gleich? Und warum kommst du nicht +durchs Thor wie andre ehrliche Leute?" + +Der Alte hielt seine Tochter bei beiden Haenden und sah ihr scharf ins +Auge. "Sie sieht gluecklich aus und gedeihend," brummte er vor sich hin. + +Da fasste sich Rauthgundis: rasch warf sie einen Blick durch die Halle. +Alle Spindeln ruhten - ausser Liutas - aller Augen musterten neugierig den +Alten. + +"Ob ihr wohl spinnen wollt, fuerwitzige Elstern?" rief sie streng. "Du, +Marcia, hast vor lauter Gaffen den Flachs herabfallen lassen, - du kennst +den Brauch, du spinnst eine Spule mehr, - ihr andern macht Feierabend. +Komm, Vater! Liuta, ruest' ein laues Bad und Fleisch und Wein. -" + +"Nein!" sprach der Vater, "der alte Bauer hat am Berg auch nur Bad und +Trunk am Wasserfall. Und was das Essen anlangt, - draussen, vor'm +Hinterzaun, am Grenzpfahl, liegt mein Rucksack, den holt mir: da hab ich +mein Speltbrot und meinen Schafkaese, den bringt mir. - Wieviel habt ihr +Rinder im Stall und Rosse auf der Weide?" Es war seine erste Frage. - + +Eine Stunde darauf - schon war es dunkel geworden und der kleine Athalwin +war kopfschuettelnd ueber den Grossvater zu Bett gegangen, - da wandelten +Vater und Tochter beim Licht des aufgehenden Mondes ins Freie. "Ich hab' +nicht Luft genug da drinnen," hatte der Alte gesagt. + +Sie sprachen viel und ernst, wie sie durch den Hof und durch den Garten +schritten. Mitten drein warf der Alte immer wieder Fragen nach ihrer +Wirtschaft auf, wie sie ihm Geraet oder Gebaeude nahe legten: und in seinem +Ton lag keine Zaertlichkeit: nur manchmal in dem Blick, der verstohlen sein +Kind musterte. + +"Lass doch endlich Roggen und Rosse," laechelte Rauthgundis, "und sage mir, +wie's dir gegangen ist die langen Jahre? Und was dich endlich einmal +herabgefuehrt hat von den Bergen zu deinen Kindern?" - "Wie's mir gegangen? +Nun: halt einsam, einsam! Und kalte Winter! Ja, bei uns ist's nicht so +huebsch warm, wie hier im Welschthale." Und er sagte das wie einen Vorwurf. +"Und warum ich herunter bin? Ja sieh, letztes Jahr hat sich der Zuchtstier +zerfallen auf dem Firnjoch. Und da wollt' ich mir einen andern kaufen hier +unten." + +Da hielt sich Rauthgundis nicht laenger: mit warmer Liebe warf sie sich an +des Alten Brust und rief: "Und den Zuchtstier hast du nicht naeher gefunden +als hier? Luege doch nicht, Steinbauer, gegen dein eigen Herz und dein +eigen Kind. Du bist gekommen, weil du gemusst, weil du's doch endlich nicht +mehr ausgehalten vor Heimweh nach deinem Kinde." + +Der Alte blieb stehen und streichelte ihr Haar: "Woher du's nur weisst! Nun +ja! ich musste doch mal selbst sehen, wie's um dich steht und wie er dich +haelt, der Herr Gotengraf." + +"Wie seinen Augapfel," sprach das Weib selig. - "So? und warum ist er denn +nicht daheim bei Hof und Haus und Weib und Kind?" - "Er steht beim Heer in +des Koenigs Dienst." + +"Ja, das ist's ja eben. Was braucht er einen Dienst und einen Koenig? Doch +- sage: warum traegst du keinen goldnen Armreif? Ein Gotenweib aus dem +Welschthal kam einmal des Wegs bei uns vorbei, vor fuenf Jahren, die trug +Gold handbreit: da dacht ich: so traegt's deine Tochter, und freute mich, +und nun -" + +Rauthgundis laechelte: "Soll ich Gold tragen fuer meiner Maegde Augen? Ich +schmuecke mich nur, wenn Witichis es sieht." - "So? moeg' er's verdienen! +Aber du _hast_ doch Goldspangen und Goldreife wie andre Gotenfrauen hier +unten?" - "Mehr als andre, truhenvoll. Witichis brachte grosse Beute vom +Gepidenkrieg." - "So bist du ganz gluecklich?" - "Ganz, Vater, aber nicht +wegen der Goldspangen." - "Hast du ueber nichts zu klagen? Sag's mir nur, +Kind! Was es auch sei, sag's deinem alten Vater und er schafft dir dein +Recht." + +Da blieb Rauthgundis stehen. "Vater, sprich nicht so! Das ist nicht recht +von dir zu sprechen, nicht von mir zu hoeren. Wirf ihn doch weg, den +unglueckseligen Irrwahn, als muesste ich elend werden, weil ich zu Thal +gezogen. Ich glaube fast, nur diese Furcht hat dich hier herabgefuehrt." + +"Nur sie!" rief der Alte hastig mit dem Stock aufstossend. "Und du nennst +einen Wahn, was deines Vaters tiefstes inneres Wesen? Ein Wahn! Ah, ist's +ein Wahn, dass sich's schwer atme hier unten? Ein Wahn, dass unsre +hochgewachsenen, weissen Goten klein und braun geworden hier unten im Thal? +Ist es ein Wahn, dass alles Unheil von jeher von Sueden hergekommen, von +diesem weichen, falschen Thal? Woher kommen die Bergstuerze ueber unsre +Huetten? von Sueden her. Von wo kommt der giftige Wind, der Mensch und Vieh +verdirbt? Von Sueden. Warum stuerzt' mir Kuh und Schaf, wann sie am Suedhang +grasen? Warum starb deine Mutter, wie sie das erstemal von unserm Berge +nach Bolsanum herabkam, in der schwuelen Stadt? Ein Bruder von dir stieg +auch herab, trat in des Koenigs Theoderich Waffenschar zu Ravenna: +erstochen haben ihn die Welschen beim Wein. Warum taugt kein Knecht mehr +was, der je hier in den Sueden herabstieg, auch nur auf einen Winter? Wo +hat unser grosser Held Theoderich das verfluchte Regieren gelernt, mit +Steuern und Folter und Kerker und Schreiben? Was haben unsre Vaeter von +all' dem gewusst? + +Von woher kommt aller Trug, alle Unfreiheit, alle Ueppigkeit, alle Unkraft, +alle List? Von hier: aus dem Welschthal, aus dem Sueden, wo die Menschen zu +Tausenden beisammen nisten, wie unsauber Gewuerm und einer dem andern die +Luft vergiftet. Und da kommt mir so einer auf meinen Fels und holt mein +frisches Kind herab in dieses Land des Unsegens! Dein Eheherr hat was +Gutes und Klares, ich leugn' es nicht; und haette er sich droben bei mir +ein Gehoeft gebaut, ich haette ihm gern mein Kind und das Joch der besten +Ochsen dazu gegeben. Aber nein! Da herunter musste er sie fuehren ins heisse +Sumpfthal. Und er selbst bueckt den Kopf in goldnen Saelen zu Rom und in der +Rabenstadt. Wohl hab' ich mich lang gewehrt -" + +"Aber endlich gabst du nach -" + +"Was wollt' ich machen? War doch mein kernfrisches Maedel ganz herzenssiech +geworden nach dem Ungluecksmann." + +"Und zehn Jahre hat der Ungluecksmann dein Kind beglueckt." - "Wenn's nur +auch wahr ist!" - "Vater!" - "Und wahr bleibt. Es waere das erstemal, dass +Glueck von Sueden kaeme. Sieh', mein Abscheu ist so gross vor der Ebne, dass +ich die sieben Jahr nicht niederstieg, gar mein Enkelkind nie gesehn habe. +Wenn ich es jetzt doch gethan, hat's schweren Grund." + +"Also nicht die Liebe? nicht dein Herz?" + +"Freilich! doch mein banges Herz! Ein boeses Zeichen ist geschehen. Du +denkst doch noch der freudigen Buche, die am Felsbache stand, rechts vorm +Hause? Ich pflanzte sie, nach altem Brauch, an dem Tag, da du geboren +wardst. Und praechtig, wie du selbst, gedieh der Baum. In dem Jahr, da du +fortzogst freilich, fand ich, er sehe krank und traurig. Aber die andern +sahen es nicht und lachten mich aus. + +Nun, sie erholte sich wieder und war frisch und gruen. Doch in der letzten +Woche kam des Nachts ein Hochgewitter, so wuetig, wie ich's selten gehoert +da droben in den Felsen, und als wir am Morgen vor das Thor treten, - ist +der Stamm vom Blitz zerspalten und die Krone hat der Giessbach mit sich +fortgerissen - nach Sueden." + +"Schad um den lieben Baum! Doch kann dich das aengstigen?" + +"Es ist nicht alles. Traurig grub ich am Abend, nach dem Tagewerk, den +armen Stamm aus der Erde und warf ihn ins Herdfeuer, dass er nicht +verunehrt und elend am Wege stehe, der meines Kindes ein Bild und Zeichen +war. Und ich nahm mir's sehr zu Herzen und ich sann und sann mit schweren +Sorgen ueber deinen Mann, und meine Zweifel an ihm kamen dicht und dichter. +Und ich sah ins Feuer, drin der Stamm verkohlte. + +So schlief ich ein und im Traum sah ich dich und Witichis. Er tafelte im +Goldsaal unter stolzen Maennern und schoenen Frauen, in Glanz und Pracht +gekleidet. Du aber standest vor der Thuer, im Bettlerkleid, und weintest +bittre Thraenen und riefst ihn beim Namen. Er aber sprach: "wer ist das +Weib? ich kenne sie nicht." - Und es liess mich nicht mehr droben in den +Bergen. Herab zog's mich: ich musste sehen, wie mein Kind gehalten ist im +Thal und ueberraschen wollt' ich ihn, - deshalb wollt' ich nicht durchs +Thor ins Haus." + +"Vater," sprach Rauthgundis zornig, "dergleichen soll man selbst im Traume +nicht denken. Dein Misstrauen -" + +"Misstrauen! ich traue niemand als mir selbst. Und in dem Blitzschlag und +in dem Traumgesicht hat sich's mir deutlich gemeldet: dir droht ein +Unglueck! Weich' ihm aus! Nimm deinen Knaben und geh mit mir in die Berge! +Nur auf kurze Zeit. Glaub' mir, du wirst es bald wieder schoen finden in +der freien Luft, wo man ueber aller Herren Laender hinwegsieht." + +"Ich soll meinen Mann verlassen? Niemals." - "Hat er nicht dich verlassen? +Ihm ist Hof und Koenigsdienst mehr als Weib und Kind. So lass ihm seinen +Willen." + +"Vater," sprach jetzt Rauthgundis, seine Hand heftig fassend, "kein Wort +mehr! Hast du denn meine Mutter nicht geliebt, dass du so reden kannst von +Ehegatten? Mein Witichis ist mir alles, Luft und Licht des Lebens. Und er +liebt mich mit seiner ganzen treuen Seele. Und wir sind eins. + +Und wenn er fuer recht haelt, fern von mir zu schaffen - zu wirken, so _ist_ +es recht. Er fuehrt seines Volkes Sache. Und zwischen mich und ihn soll +kein Wort, kein Hauch, kein Schatte treten. Und auch ein Vater nicht." + +Der Alte schwieg. Aber sein Misstrauen schwieg nicht. "Warum," hob er nach +einer Pause wieder an, "wenn er am Hof so wichtige Geschaefte hat, warum +nimmt er dich nicht mit? Schaemt er sich der Bauerntochter?" und zornig +stiess er seinen Stock auf die Erde. + +"Der Zorn verwirrt dich! Du grollst, dass er mich vom Berg ins Thal der +Welschen gefuehrt - und grollst ebenso, weil er mich nicht nach Rom mitten +unter sie fuehrt!" + +"Du sollst's auch nicht thun! Aber er soll's wollen. Er soll dich nicht +entbehren koennen. Aber des Koenigs Feldherr wird sich des Bauernkindes +schaemen." + +Da, ehe Rauthgundis antworten konnte, sprengte ein Reiter an das jetzt +verschlossene Hofthor, vor dem sie eben standen. "Auf, aufgemacht!" rief +er, mit der Streitaxt an die Pfosten schlagend. - "Wer ist da draussen?" +fragte der Alte vorsichtig. - "Aufgemacht! solang laesst man einen +Koenigsboten nicht warten!" + +"Es ist Wachis," sprach Rauthgundis, den schweren Riegelbalken im Ring +zurueckschiebend, "was bringt dich so ploetzlich zurueck?" + +"Du bist es selbst, die mir oeffnet!" rief der treue Mann, "o Gruss und +Heil, Frau Koenigin der Goten! Der Herr ist zum Koenig des Volks gewaehlt. +Diese meine Augen sahen ihn hoch auf den Heerschild gehoben: er laesst dich +gruessen: und entbietet dich und Athalwin nach Rom. In zehn Tagen sollst du +aufbrechen." + +In allem Schrecken und in aller Freude und zwischen allen Fragen durch +konnte sich Rauthgundis nicht enthalten eines freudig stolzen Blicks auf +ihren Vater: dann warf sie sich an seine Brust und weinte. "Nun," fragte +sie endlich sich losmachend, "Vater, was sagst du nun?" + +"Was ich sage? Jetzt ist das Unglueck da, das mir geahnt! Ich gehe noch +heute Nacht zurueck auf meinen Berg." + + + + + Zweites Kapitel. + + +Waehrend die Goten bei Regeta tagten, umklammerte in weit geschwungenem +Halbkreis das maechtige Heerlager Belisars die hart bedraengte Stadt +Neapolis. + +Rasch, unaufhaltsam wie ein Brand in getrocknetem Heidegras, hatte sich +das Heer der Byzantiner von der aeussersten Suedostspitze Italiens bis vor +die Mauern der parthenopeischen Stadt gewaelzt, ohne Widerstand zu finden. +Denn, dank den Befehlen Theodahads, waren nicht hundert Gotenkrieger in +jenen Gegenden zu finden. + +Das kurze Vorpostengefecht am Passe Jugum war der einzige Aufenthalt, auf +den die Griechen stiessen: die roemische Bevoelkerung von Bruttien mit den +Staedten Regium, Vibo und Squyllacium, Tempsa und Croton, Ruscia und +Thurii, von Calabrien mit den Staedten Gallipolis, Tarentum und Brundusium, +von Lucanien mit den Staedten Velia und Buxentum, von Apulien mit den +Staedten Acheruntia und Canusium, Salernum, Nuceria und Campsae, und viele +andere Staedte nahmen Belisar mit Jubel auf, als er ihnen im Namen des +rechtglaeubigen Kaisers Justinian die Befreiung von dem Joche der Ketzer +und Barbaren verkuendete. Bis an den Aufidus im Osten, bis an den Sarnus im +Suedwesten war Italien den Goten entrissen und erst an den Waellen von +Neapel brach sich der Ungestuem dieser feindlichen Wogen. + +Und wohl ein herrliches Kriegsschauspiel waren diese Heerlager Belisars zu +nennen. Im Norden, vor der Porta Nolana, dehnte sich das Lager Johannes +des Blutigen. Diesem tapfern Fuehrer war die Via Nolana anvertraut und die +Aufgabe, die Strasse nach Rom zu erzwingen. Hier in den breiten +Wiesenflaechen, auf den Saatfeldern fleissiger Goten, tummelten die +Massageten und die gelben Hunnen ihre kleinen, haesslichen Gaeule. Daneben +lagerten leichte persische Soeldner, in Linnenpanzern, mit Pfeil und Bogen; +dann schwere armenische Schildtraeger, Makedonen mit zehn Fuss langen +"Sarissen" (Lanzen) und grosse Massen thessalischer und thrakischer, aber +auch saracenischer Reiter, zu verhasster Unthaetigkeit in diesem +Belagerungskampf verurteilt und ihre Musse nach Kraeften ausfuellend mit +Streifzuegen ins Innere des Landes. + +Das mittlere Lager, gerade im Osten der Stadt, war von dem Hauptheer +erfuellt: Belisars grosses Feldherrnzelt von blauer sidonischer Seide, mit +dem Purpurwimpel, ragte in seiner Mitte. Hier stolzierte die Leibwache, +die Belisar selbst bewaffnete und besoldete und zu der nur die erlesensten +Leute, die sich dreimal durch Todesverachtung im Kampf ausgezeichnet, +zugelassen wurden: - aus ihr gingen Belisars Schueler und beste Heerfuehrer +hervor, - in reichvergoldeten Helmen mit rothen Rosshaarkaemmen, den besten +Brust- und Beinharnischen, ehernen Schilden, dem breiten Schwert und der +partisanen-gleichen Lanze. Hier bildeten den Kern des Fussvolks achttausend +Illyrier, die einzige gute Truppe, die das Griechenreich noch selbst +stellte: hier aber lagerten auch unter dem Befehl ihrer Stammesfuersten die +avarischen, bulgarischen, sarmatischen und auch germanischen Scharen, wie +Heruler und Gepiden, die Byzanz um schweres Geld werben musste, den Mangel +der kriegsfaehigen Mannschaft zu decken. Hier auch die ausgewanderten und +die vielen Tausend uebergegangenen Italier. + +Endlich das suedwestliche Lager, das sich dem Strand entlang dehnte, +befehligte Martinus, der den Belagerungswerkzeugen vorstand: hier standen +die Katapulten und Ballisten, die Mauerbrecher und Wurfmaschinen in +Vorrat: hier wogten die isaurischen Bundesgenossen und die Scharen, die +das neu von den Vandalen zurueckeroberte Afrika stellte: maurische, +numidische Reiter, libysche Schleuderer durcheinander. + +Aber vereinzelt waren Abenteurer und Soeldner fast aus allen +Barbarenstaemmen der drei Erdteile vertreten: Bajuvaren von der Donau, +Alamannen vom Rhein, Franken von der Maas, Burgunden von der Rhone, dann +wieder Anten vom Dniester, Lazier vom Phasis, pfeilkundige Abasgen, +Sabiren, Lebanthen und Lykaonen aus Asien und Afrika. So bunt +zusammengesetzt aus barbarischen Haufen war die Kriegsmacht, mit der +Justinian die gotischen "Barbaren" vertreiben und Italien befreien wollte. +Den Befehl ueber die Vorposten hatten immer und ueberall die Leibwaechter +Belisars: und diese Kette zog sich um die Stadt her von der Porta Capuana +fast bis an die Wogen des Meeres. Neapolis aber war schlecht befestigt und +schwach besetzt. Nicht tausend Goten waren es, welche die ausgedehnten +Werke gegen ein Heer von vierzigtausend Byzantinern und Italiern +verteidigen sollten. + +Graf Uliaris, der Befehlshaber der Stadt, war ein tapfrer Mann und hatte +bei seinem Bart geschworen, die Feste nicht zu uebergeben. Aber auch er +haette der ueberlegnen Macht und Feldherrnkunst Belisars wohl nicht lange +widerstehen koennen, waere nicht ein gluecklicher Umstand ihm zu Hilfe +gekommen. Das war die unzeitige Rueckkehr der griechischen Flotte nach +Byzanz. Als naemlich Belisar, nachdem er sein gelandetes Heer in Regium +eine Nacht geruht und gemustert hatte, den allgemeinen Aufbruch mit der +Land- und Seemacht gegen Neapolis befahl, sandte ihm sein Nauarchos Konon +einen bisher geheim gehaltnen Auftrag des Kaisers, wonach die Flotte +sofort nach der Landung nach Nikopolis an der griechischen Kueste +zuruecksegeln solle, angeblich, neue Verstaerkungen herueberzuholen, in +Wahrheit aber nur, den Prinzen Germanus, Justinians Neffen, mit den +kaiserlichen Lanzentraegern nach Italien zu fuehren, der die Siegesschritte +Belisars beobachten, ueberwachen, noetigenfalls hemmen und, als +Oberfeldherr, die Interessen des kaiserlichen Misstrauens gegen den +Unterfeldherrn Belisar wahren sollte. Zaehneknirschend musste Belisar seine +Flotte im Augenblick, da er ihrer am meisten bedurfte, absegeln sehen: und +nur mit vielen Bitten erlangte er, dass ihm der Nauarch vier Kriegstrieren, +die noch bei Sicilien kreuzten, zu senden versprach. + +So hatte denn Belisar, als er sich anschickte Neapolis zu belagern, die +Stadt zwar von Nordost, Ost und Suedost mit seiner Landmacht eng +einschliessen koennen: - den Westen, die Strasse nach Rom, durch Castellum +Tiberii gedeckt, hielt Graf Uliaris mit hoechster Kraft frei: - aber den +Hafen von Neapolis und seine Verbindung mit der See hatte er nicht zu +sperren vermocht. + +Anfangs zwar troestete er sich damit, dass ja auch die Belagerten keine +Flotte haetten und also von ihrer Verbindung mit dem Meer nicht eben viel +Vorteil wuerden ziehen koennen. Aber hier trat ihm zuerst die Begabung und +die Kuehnheit eines Gegners in den Weg, den er spaeter noch mehr fuerchten +lernen sollte. Das war Totila. Kaum hatte dieser Neapolis erreicht, der +Leiche des alten Valerius mit Julius die letzte Ehre erwiesen und die +ersten Thraenen Valerias getrocknet, als er mit rastloser Thaetigkeit an der +Aufgabe arbeitete, eine Flotte aus dem Nichts zu schaffen. + +Er war Befehlshaber des Geschwaders von Neapolis: aber dieses ganze +Geschwader hatte Koenig Theodahad schon vor Wochen, trotz Totilas +Vorstellungen, Belisar aus dem Wege, nach Pisa beordert, wo es die +Arnusmuendung bewachen sollte. So besass Totila von Anfang nichts als drei +leichte Wachtschiffe, von denen er zwei bei Sicilien verloren hatte: und +er war nach Neapolis gekommen, an jedem Widerstand zur See verzweifelnd. +Aber da er das Unglaubliche vernahm, dass die byzantinische Flotte nach +Hause gegangen sei, belebte sich sofort seine Hoffnung. Und nun ruhte er +nicht, bis er aus grossen Fischerbooten, Kaufmannsschiffen, Hafenkaehnen und +in der Eile notduerftig seetuechtig gemachten Wracks der Werften sich eine +kleine Flottille von etwa zwoelf Segeln gebildet, die freilich weder einen +Sturm auf hoher See noch einem einzigen Kriegsschiff Trotz bieten konnte, +aber doch vortreffliche Dienste leistete, die sonst voellig abgeschnittene +Stadt von Bajae, Cumae und anderen Staedten im Nordwesten her mit +Lebensmitteln zu versehen, die Bewegungen der Feinde an den Kuesten zu +beobachten und mit unaufhoerlichen Angriffen zu quaelen, indem Totila mit +einer kleinen Schar oft im Sueden, im Ruecken der griechischen Lager, +landete, sich ins Land schlich, bald hier, bald da einen Trupp der Feinde +ueberfiel und zersprengte und solche Unsicherheit verbreitete, dass sich die +Byzantiner nur in starken Abteilungen und nie zu weit von ihren Lagern zu +entfernen wagten, waehrend diese Erfolge die hart bedraengte, von steten +Wachdiensten und Kaempfen angegriffene Mannschaft des Uliaris immer wieder +ermutigten. + +Bei alledem konnte sich Totila nicht verhehlen, dass die Lage schon jetzt +eine hoechst bedenkliche und, sowie einige griechische Schiffe vor der +Stadt erschienen, eine unhaltbare werde. Er verwandte daher einen Teil +seiner Boote dazu, taeglich eine Anzahl von wehrunfaehigen Einwohnern aus +Neapolis aufwaerts nach Bajae und Cumae zu schaffen, wobei er die Anforderung +der Reichen, dass diese Rettungsfahrten nur gegen Bezahlung stattfinden +sollten, streng zurueckwies und ohne Unterschied Arme wie Reiche in seine +rettenden Schiffe aufnahm. Vergebens hatte Totila wiederholt und immer +dringender Valeria gebeten, unter dem Schutz von Julius auf diesen +Schiffen zu fluechten: noch wollte sie sich nicht von dem Sarge ihres +Vaters, noch von dem Geliebten nicht trennen, dessen Lob als des Schirmers +der Stadt sie nur zu gern aus aller Munde einsog. Und ruhig fuhr sie fort, +in dem vaeterlichen Hause ihrer Trauer und ihrer Liebe zu leben. + + + + + Drittes Kapitel. + + +In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die hoechsten +Freuden und die hoechsten Schmerzen ihrer Liebe. + +Haeufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die +Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft +besuchen musste. In der Turmstube des alten Isak hielt er taeglich mit Graf +Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Maenner +begruesst und das schlichte Mahl von Fruechten und Wein auf den Tisch +gestellt, hinunterzuschluepfen in das enge Gaertlein, das dicht hinter der +Turmmauer lag. Der Raum war urspruenglich ein kleiner Hof im Tempel der +Minerva, der Mauerbeschuetzerin, gewesen, der man gern an den Hauptthoren +der Staedte einen Altar errichtete. + +Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der +alte maechtige Olivenstamm, der einst die der Goettin geweihte Statue +beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle +Hand hier gepflegt und oft fuer die Braut des Geliebten gebrochen hatte. +Gerade gegenueber dem riesigen Oelbaum, dessen knorrige Wurzeln ueber die +Erde hervorstarrten und eine dunkle Oeffnung in den Erdgeschossen des alten +Tempels zeigten, war von dem Christentum ein grosses, schwarzes Holzkreuz +angebracht ueber einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des +Minervatempels gebildet war: man liebte, die Staetten des alten +Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Goetter, die jetzt zu +Daemonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu +verscheuchen. + +Unter diesem Kreuz sass das schoene Judenmaedchen oft stundenlang mit der +alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpfoertners, die, nach dem +fruehen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranbluehen der kleinen +Miriam mit ihren Blumen in dem oeden Gestein der alten Mauern ueberwacht +hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehoert, wie die +fromme Alte in fleissigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und +unwillkuerlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des +Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen. + +Jetzt da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbeduerftig gemacht, vergalt +Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Ruehrung +nahm Arria diese Treue hin; ihr altes Herz umschloss mit Dank und Liebe und +Mitleid das herrliche Geschoepf, dessen maechtige Liebe zu dem jungen Goten +sie laengst erkannt und beklagt, aber nie gegenueber der scheuen Jungfrau +beruehrt hatte. + +Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die +breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten fuehrten: +ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, ueber die +duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie traeumend +stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem +Betschemel, ihr den Ruecken wendend, und betete laut. Sie wuerde die Nahende +nicht bemerkt haben, wenn nicht gefluegeltes Leben ploetzlich den stillen +Hof beseelt haette: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die +schoensten, weissen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als +diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie +sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwaermend; eine liess sich auf +des Maedchens linke Schulter nieder, die andere auf das feine Gelenk der +Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, laechelnd ausstreckte. + +"Du bist's, Miriam! deine Tauben verkuenden dich!" sprach Arria sich +wendend. Und das schoene Maedchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam, +die Voegel nicht zu verscheuchen: die Abendsonne fiel durch die Blaetter der +Olive auf ihre pfirsichroten Wangen: es war ein lieblich Bild. + +"Ich bin's, Mutter!" sagte Miriam, sich zu ihr setzend. "Und ich hab' eine +Bitte. Wie lautet," fragte sie leiser, "dein Spruch vom Leben nach dem +Tode, dein Glaubensspruch? - "ich glaube an die Gemeinschaft"" - - + +"An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein +ewiges Leben." - "Wie koemmst du auf diese Gedanken." + +"Ei nun," sagte Miriam, "mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der +Saenger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht taeglich Pfeile und +Steine in die Strassen? Aber - ich will noch Blumen pfluecken!" sprach sie +wieder aufstehend. + +Arria schwieg einen Augenblick. "Jedoch der Seegraf war heute schon da: +mir ist, ich haette seine helle Stimme gehoert." + +Miriam erroetete leicht. "Sie sind nicht fuer ihn," - sprach sie dann ruhig +- "fuer sie." - "Fuer sie?" - "Ja, fuer seine Braut. Ich habe sie heute zum +erstenmal gesehen. Sie ist sehr schoen. Ich will ihr Rosen schenken." - "Du +hast sie gesprochen. Wie ist sie geartet?" + +"Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den +Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Saenfte +gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Saeule +ihres Hauses." + +"Nun, ist sie seiner wuerdig?" + +"Sie ist sehr schoen. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber," +seufzte Miriam, "nicht gluecklich. Ich will ihr Rosen schenken. - Mutter," +sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr +setzend, "was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die +Christen dann beisammen leben? Nein, nein!" fuhr sie fort, ohne die +Antwort abzuwarten, "das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder" +- und sie seufzte. "Mutter, in den Buechern Mosis steht nichts davon, dass +die Menschen erwachen aus dem Tode. O und es waere auch so schrecklich +nicht," sprach sie, die Rosen zusammenfuegend, "endlich ausruhn! Ganz +ausruhn! In suesser, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn +giebt es Leben ohne Schmerz? ohne Sehnen? ohne leisen, niegestillten +Wunsch? Ich kann's nicht denken." + +Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes, und stuetzte das Haupt auf +das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer +nicht. + +"Den Seinen hat der Herr," sprach Arria feierlich, "die selige Staette +bereitet: sie wird nicht mehr hungern noch duersten. Es wird auch nicht auf +sie fallen die Sonne, oder irgend eine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie +leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Thraenen von +ihren Augen." + +"Alle Thraenen von ihren Augen," sprach Miriam nach. "Rede weiter. Es +klingt so gut." + +"Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich: und sie werden Gott +schauen und sein Friede wird Palmenschatten ueber sie breiten: sie werden +vergessen Hass und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf +Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, fuer dich: und auch deiner wird +sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen." + +Aber Miriam schuettelte leise das Haupt. "Nein, Arria, da ist fast besserer +Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was +deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abthun dein tiefstes Sein und doch +dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen was ich liebe? +Ach, nur das, dass wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und haett' ich zu +waehlen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abthun meines Herzens +einzig Gut: oder behalten meines Herzens Liebe mit all' ihrer ewigen +Sehnsucht, - ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich waehlte meine +Liebe und mein Weh." + +"Kind, sprich nicht so! laestre nicht. Sieh, was geht ueber Mutterliebe? +nichts auf Erden! Doch wird auch sie im Himmel nicht mehr leben! Die +Liebe, die das Maedchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold. +Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein +Jucundus, mein Jucundus! Moechtest du bald wieder kommen, dass ich dich noch +schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im +Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe +Gottes und der Heiligen. Und doch moecht' ich ihn noch einmal fassen und +umfangen und mit den Haenden betasten sein geliebtes Haupt. Und hoere nur, +Miriam: ich hoffe und vertraue: bald, bald werd' ich ihn wiedersehen." + +"Du darfst mir nicht sterben, Arria." - "Nein, so mein' ich's nicht! hier +auf Erden noch muss ich ihn wiedersehen. Ich muss ihn wieder kommen sehen +des Weges, den er gegangen." + +"Mutter," sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet, +"wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreissig +Jahren verschwunden!" + +"Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht moeglich, dass der Herr all' +meiner Thraenen nicht geachtet, all' meiner Gebete. Was war er fuer ein +braver Sohn! Mit seiner Haende Arbeit ernaehrte er mich, bis er erkrankte +und Axt und Schaufel nicht mehr fuehren konnte: und wir litten Not. Da +sprach er: "Mutter, ich kann's nicht mehr mit ansehen, dass du darbest. Du +weisst, in den Gaengen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind +Schaetze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und +brachte eine goldene Spange zurueck. Ich will hineinschluepfen, so tief ich +kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde: und Gott wird mich +beschuetzen." - Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wusste +wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behueten. + +Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann +erhob sich mein Jucundus und drang in die Hoehlung dort unter den Wurzeln +der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte. + +Er ist noch immer nicht zurueckgekommen. + +Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, dass ich nicht denke: +heut' fuehrt ihn Gott zurueck. War nicht auch Joseph fern lange Jahre in +Aegyptenland? und doch haben Jakobs Augen ihn wieder gesehen. Und mir ist, +heut' oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heute Nacht im Traum hab' ich +ihn gesehen, wie er im weissen Gewand heraufschwebte aus der Hoehlung dort: +und beide Arme breitete er aus: und ich rief ihn beim Namen und wir waren +vereint auf ewig. Und so wird's werden: denn der Herr erhoeret das Flehen +der Betruebten und wer ihm traut, wird nicht zu Schanden werden." + +Und die Alte erhob sich, drueckte Miriams Hand und ging in ihr kleines +Haeuschen. + +Allmaehlich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge +Gaertchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten +die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. "Welch +maechtiger Glaube! welch lebendiger Trost! welch milde Lehre! Ist es so? +Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist er der +Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget fuer die Seinen, wie ein +Hirt, der seine Laemmer weidet? - - - Ich aber zaehle nicht zu seiner Herde! +An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all' +ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort +oben ueber den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann waer' ich nicht +Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauf tragen: und wieder zurueckstehen? +und wieder durch alle Ewigkeit die Roemerin an seiner Seite sehen? Sollen +sie dort wohnen und wandeln in der Fuelle des Glanzes und ich im trueben +Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines +weissen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier, +erbluehen am Sonnenblick der Liebe, duften und gluehen eine kurze Weile, bis +sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat: und verwehen in +ewige Ruhe, nachdem der weiche, suesse, unselige Drang nach dem Lichte +gebuesst ..." - - + +"Gute Nacht, Miriam, lebewohl!" rief eine melodische Stimme. + +Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weissen Mantel +vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der +entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem +weissen Mantel, der silbern im Mondlicht glaenzte, nach, lang, lang, bis er +verschwand in fernen Schatten. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre +Erfolge, ihre Verluste und prueften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt. + +Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch +auf das Verdeck von Totilas "Admiralschiff", eines morschen +Muraenenfaengers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel +gedeckt, schlief. "Was ist?" rief Totila auffahrend, noch im Traum, "der +Feind? wo?" - "Nein, mein Junge, diesmal ist's noch Uliaris, nicht +Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird's nicht mehr +dauern." - "Uliaris, du blutest - dein Kopf ist verbunden!" - "Bah, war +nur ein Streifpfeil! Zum Glueck kein giftiger. Ich holt' ihn mir heut' +Nacht. Du musst wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit +gestern. Der blutige Johannes, Gott hau' ihn nieder, graebt sich wie ein +Dachs an unser Kastell Tiberii: und hat er das, dann: gute Nacht, +Neapolis! Gestern Abend hat er eine Schanze auf dem Huegel ueber uns +vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Koepfe. Ich wollt' ihn heute +Nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen +und ich gewann nichts damit als diesen Schuss vor meinen grauen Kopf." + +"Die Schanze muss weg," sagte Totila nachsinnend. + +"Den Teufel auch, aber sie will nicht! + +Allein mehr. Die Buerger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden. +Taeglich schiesst Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem "Aufruf zur +Freiheit!" herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon +fliegt hier und da ein Steinwurf von den Daechern auf meine armen Burschen. +Wenn das waechst - -! - Wir koennen nicht mit tausend Mann vierzigtausend +Griechen draussen abhalten und dreissigtausend Neapolitaner drinnen: drum +meine ich" - und sein Auge blickte finster - + +"Was meinst du?" + +"Wir brennen ein Stueck der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens ..." - + +"Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht +mit Recht Barbaren schelten. Ich weiss ein besser Mittel - sie hungern: ich +habe gestern vier Schiffsladungen Oel und Korn und Wein hereingefuehrt, die +will ich verteilen." - "Oel und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein! +Den fordre ich fuer meine Goten, die trinken schon lang Cisternenwasser, +pfui Teufel!" - "Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein fuer euch haben." +- "Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? von Rom?" - "Keine! Mein +fuenfter Bote ist gestern fort." - "Gott hau' ihn nieder, unsern Koenig. + +Hoere Totila, ich glaube nicht, dass wir lebendig aus diesen wurmstichigen +Mauern kommen!" + +"Ich auch nicht!" sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher +Wein. + +Uliaris sah ihn an: dann trank er und sagte: "Goldjunge, du bist echt und +dein Caekuber auch. Und muss ich hier umkommen, wie ein alter Baer unter +vierzig Hunden, - mich freut's doch, dass ich dich dabei so gut kennen +gelernt: dich und deinen Caekuber." Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg +der graue Gote vom Verdeck. + +Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn und sie labten sich +herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des +Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Huegelschanze wehte +die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Ruecken der Feinde +gelandet und hatte das Werk in kuehnem Anlauf genommen. + +Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den +verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Hoechst erwuenscht +trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sicilien her aus der Hoehe +von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis +dringen und den Seeraeubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am +Abend des gleichen Tages die vier maechtigen Trieren heran und legten sich +an der Einfahrt des Hafens vor Anker. Belisar selbst eilte mit seinem +Gefolge an die Kueste und freute sich, die Segel von der Abendsonne +vergoldet zu sehen: "Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt +fahren trotz jenem Tollkopf," sprach er zu Antonina, die ihn begleitete, +und wandte seinen Schecken zurueck nach dem Lager. + +Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen - Prokopius, +sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfnen Bericht an +Justinian - da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Fuehrer +der Leibwaechter, und rief: "Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind +genommen." + +Wuetend sprang Belisar aus den Decken und rief: "Der soll sterben, der das +sagt." + +"Besser waere es," meinte Prokopius, "der stuerbe, der es gethan." - "Wer +war es?" - "Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem +leuchtenden Haar." - "Totila!" sprach Belisar, "schon wieder Totila." + +"Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil +schlaftrunken unter Deck. Ploetzlich, um Mitternacht, wird's lebendig +ringsum, als waeren hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht." - +"Hundert Schiffe! Zehn Nussschalen hat er!" - "Im Augenblick und lang, eh' +wir vom Strand zu Hilfe kommen koennen, sind die Schiffe geentert, die +Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen +war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis gefuehrt." + +"Sie sind noch frueher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar," +sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. +"Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! nun wird er unertraeglich werden. +Jetzt muss ein Ende werden." Er drueckte den praechtigen Helm auf das +majestaetische Haupt: "Ich wollte der Stadt, der roemischen Einwohner +schonen: es geht nicht laenger. Prokopius, geh und entbiete hierher die +Feldherren Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und +Martinus, den Geschuetzmeister; ich will ihnen zu thun geben vollauf. Sie +sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar +kennen lernen." + +Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des +Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich. +Martinus, der grosse Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die +lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte +kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und +mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin gefuehrt, eine neue +Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehn, zu +erfinden; er legte den Plan Belisar vor und dieser, entzueckt, liess ihn gar +nicht mehr in sein Studierzimmer zurueck, sondern schleppte ihn sofort zum +Kaiser und zwang ihn "Geschuetzmeister des Magister-Militum per Orientem", +d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glaenzenden Sold und war +kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine +herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene +graesslichen Zerstoerungswerkzeuge, welche die Waelle der Festen, die Thore +der Burgen niederschmetterten, unloeschbares Feuer in die Staedte der Feinde +Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er +hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er +in unermuedlichem Fleiss sich stellte: aber war nun die Aufgabe geloest, so +dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger +Miene erschien er deshalb vor Belisar. + +"Martine, Zirkeldreher," rief dieser ihm zu, "jetzt zeige deine Kunst! Wie +viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?" - +"Dreihundertfuenfzig, Herr!" - "Gut! Verteile sie um unsre ganze +Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem +Kastell, die Mauerbrecher gegen die Waelle! Sie muessen nieder und waeren sie +Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf, +in die Strassen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick +aus, vierundzwanzig Stunden lang! Lass die Truppen sich abloesen. Lass alle +Werkzeuge spielen." + +"Alle, Herr?" sprach Martinus. "Auch die neuen? Die Pyrobalisten, die +Brandgeschosse?" - "Auch die! die zumeist!" - "Herr, sie sind graesslich! du +kennst noch ihre Wirkung nicht." - "Wohlan! Ich will sie kennen lernen und +erproben." - "An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du +Justinian einen Schutthaufen erobern?" Die Seele Belisars war edel und +gross. + +Er war unwillig ueber sich, ueber Martinus, ueber die Goten. "Kann ich denn +anders?" zuernte er, "diese eisenkoepfigen Barbaren, dieser tolldreiste +Totila zwingen mich ja. Fuenfmal hab ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist +Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Waellen. Beim Haupte +Justinians! warum stehen die dreissigtausend Neapolitaner nicht auf und +entwaffnen die Barbaren?" + +"Sie fuerchten wohl deine Hunnen aerger als ihre Goten," meinte Prokop. +"Schlechte Patrioten sind sie! Vorwaerts Martinus! In einer Stunde muss es +brennen in Neapolis." + +"In kuerzerer Zeit," seufzte der Geschuetzmeister, "wenn es denn doch sein +muss. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann +und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf +ich ihn bringen?" + +Belisar winkte und die Wache rief einen kleinen, juedisch aussehenden Mann +herein. "Ah, Jochem, der Baumeister!" sprach Belisar. "Ich kenne dich +wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward +daraus?" "Mit eurer Gunst, Herr: nichts." - "Warum nichts?" + +"Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der +kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche +gekostet, desto heiliger und gottgefaelliger ist sie. Ein Christ forderte +das Doppelte und erhielt den Auftrag." + +"Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?" + +"Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich aenderte ein wenig, nahm +die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule." + +"Du kennst Neapolis genau? Von aussen und innen?" + +"Von aussen und innen. Wie meinem Geldsack." + +"Gut, du wirst dem Strategen die Geschuetze richten gegen die Waelle und in +die Stadt. Die Haeuser der Gotenfreunde muessen zuerst nieder. Vorwaerts! +mache deine Sache gut! sonst wirst du gepfaehlt. Fort!" - "Die arme Stadt!" +seufzte Martinus. "Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyrobalisten, sie +sind hoechst genau - und sie gehen so leicht - ein Kind kann sie loslassen! +Und sie wirken allerliebst." + +Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und +verderbenschwangere Thaetigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen +herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen, mit zwanzig bis dreissig +Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt, laengs den Mauern hingezogen und +auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris +auf die Waelle und suchten, Gegenmassregeln zu treffen. Saecke mit Erde +wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen: +Feuerbraende bereit gehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu +stecken; siedendes Wasser, Pfeile und Steine gegen die Bespannung und die +Bedienung gerichtet: und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als +sie bemerkten, wie die Maschinen, weit ausser der gewohnten Schussweite und +den Belagerten voellig unerreichbar, Halt machten. + +Aber Totila lachte nicht. + +Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre +Maschinen spannten. Noch war kein Geschoss entsandt. + +"Nun?" spottete der junge Agila neben Totila, "wollen sie uns von da aus +beschiessen? Doch lieber gleich von Byzanz her uebers Meer! Es waere noch +sicherer!" Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfuendiger Stein +ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus +hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, dass sie +voellig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen ueberhageln +lassen mussten. + +Entsetzt sprangen die Goten von den Waellen herab und suchten Schutz in den +Strassen, den Haeusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von +Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und +pfiffen im sichern Bogenschuss auf ihre Koepfe: ganze Felstruemmer kamen +geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getaefel der festesten +Daecher, waehrend im Norden gegen das Kastell unaufhoerlich der Sturmbock mit +seinen zermuerbenden Stoessen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse +buchstaeblich die Luft verfinsterte, betaeubte das prasselnde Niederfallen +der Steine, das brechende Gebaelk, die zerschmetterten Zinnen und der +Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Laerm. Erschrocken +fluechtete die zitternde Bevoelkerung in die Keller und Gewoelbe ihrer +Haeuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend. + +Aber noch hatte die bebende Stadt das Aergste nicht erfahren. + +Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein +ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohl getrocknetem +Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefuellt. Da kam zischend und +dampfend ein seltsames Geschoss gefahren, traf in das Holzwerk und im +Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und +verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genaehrt, mit Windeseile. Jubelnd +begruessten draussen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten +eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Loeschen zu hindern. + +Belisar ritt zu Martinus heran. "Gut," rief er, "Mann der Zirkel, gut! Wer +hat das Geschoss gerichtet?" - "Ich," sprach Jochem, "o ihr sollt zufrieden +sein mit mir. Gebt acht! Seht ihr da, rechts von der Brandstaette, das hohe +Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der +groessten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen." + +Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft und bald darauf schlug eine +zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel. + +Da sprengte Prokop heran und rief: "Belisarius, dein Feldherr Johannes +laesst dich gruessen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt +nieder." Und so war es und bald standen vier, sechs, zehn Haeuser in allen +Teilen der Stadt in vollen Flammen. + +"Wasser!" rief Totila, durch eine brennende Strasse nach dem Hafen +sprengend, "heraus, ihr Buerger von Neapolis! Loescht eure Haeuser. Ich kann +keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Faesser aus dem Hafen in alle +Strassen! Die Weiber in die Haeuser! - was willst du Maedchen? lass mich - Du +bist's, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?" + +"Dich," sprach das Maedchen. "Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie +ist gerettet." + +"Valeria! um Gott, wo ist sie?" - "Bei mir. In unserm dichtgewoelbten Turm: +dort ist sie sicher. Ich sah die Flamme aufsteigen. Ich eilte hin. Dein +Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr +in die Kirche. Ich rief ihn an und fuehrte sie unter unser Dach. Sie +blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne +Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!" + +"Kind, Dank! Aber komm! komm fort von hier!" + +Und rasch fasste er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd +schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schuetzend mit der +Linken den breiten Schild ueber ihr Haupt und im Sturm sprengte er mit ihr +durch die dampfende Strasse nach der Porta Capuana. + +"O jetzt - jetzt sterben - sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!" +betete Miriam. + +Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius' und +ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwaecht vom Blutverlust, aber +gefasst und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand +Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt. - - + +Kaum hatte sich Totila ueberzeugt, dass die Verwundung ganz leicht, als er +aufsprang und rief: "Du musst fort! sogleich! in dieser Stunde! In der +naechsten vielleicht erstuermt Belisar die Waelle. Ich habe alle meine +Schiffe nochmals mit Fluechtenden gefuellt: sie bringen dich nach Cajeta, +von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginae, wo ihr Gueter habt. Du musst +fort! Julius wird dich begleiten." + +"Ja," sprach dieser, "denn wir haben Einen Weg." + +"Einen Weg? wohin willst du?" + +"Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht +laenger mit ansehn. Du weisst es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen +euch, fuer eure Feinde: Meine Mitbuerger fechten unter Belisar: soll ich +gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe." + +Schweigend wandte sich Totila zu Valeria. + +"Mein Freund," sagte diese, "mir ist: der Glueckstern unsrer Liebe ist +erloschen fuer immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron +genommen, so faellt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs." + +"So traust du unserm Schwerte nicht?" + +"Ich traue eurem Schwert, - nicht eurem Glueck! Mit den stuerzenden Balken +meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Lebwohl, zu +einem Abschied fuer lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginae." + +Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plaetze in einer der +Trieren zu sichern. + +Valeria erhob sich vom Lager, da eilte Miriam herzu, ihr die glaenzenden +Sandalen unter die Fuesse zu binden. + +"Lass, Maedchen! du sollst mir nicht dienen," sprach Valeria. - "Ich thue es +gern," sagte diese fluesternd. "Aber goenne mir eine Frage." Und mit Macht +traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Zuege Valerias. "Du bist schoen und +klug und stolz - aber sage mir, liebst du ihn? - du kannst ihn jetzt +verlassen! - Liebst du ihn mit heisser, alles verzehrender, allgewaltiger +Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie -" + +Da drueckte Valeria das schoene, gluehende Haupt des Maedchens wie verbergend +an ihre Brust: "Mit einer Liebe wie du? Nein, meine suesse Schwester! +Erschrick nicht! Ich ahnt' es laengst nach seinen Berichten ueber dich. Und +ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein +Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine +nicht, bebe nicht, du suesses Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe +willen. Ich fasse sie ganz. Gluecklich, wer, wie du, in seinem Gefuehl ganz +aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den +vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne +blickt. Und so seh' ich vor uns dunkeln Schmerz und einen langen, finstern +Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen, +dass deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine +Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht waere es sein Glueck geworden, die +duftige Rose deiner schoenen Liebe zu entdecken: denn Valeria, - fuercht' +ich - wird die Seine nie. Doch leb wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke +dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank fuer +deine schoene Liebe." + +Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der +Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache ueberwaeltigte +die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Thraenen ueber die gluehendroten +Wangen: und heftig presste sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das +Haupt an der Freundin Brust. + +Da hoerte man Julius kommen, Valeria abzurufen. + +Sie mussten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren +innigen Augen wagte Miriam auf der Roemerin Antlitz. Dann sank sie rasch +vor ihr nieder, umfasste ihre Knie, drueckte einen brennenden Kuss auf +Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden. + +Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich. + +Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose. + +Sie kuesste sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung +die trauliche Staette, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch +entschlossen Julius in einer gedeckten Saenfte nach dem Hafen, wo sie noch +von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg. +Alsbald drehte sich dieses mit maechtiger Wendung und rauschte zum Hafen +hinaus. + +Totila sah ihnen wie traeumend nach. + +Er sah Valeriens weisse Hand noch Abschied winken: er sah und sah den +fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer +dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Saeule und +vergass einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles. + +Da weckte ihn der treue Thorismuth aus seinen Traeumen. + +"Komm, Feldherr," rief ihm dieser zu, "ueberall such' ich dich: Uliaris +will dich sprechen. - Komm, was starrst du hier in die See unter +klirrenden Pfeilen?" + +Totila raffte sich langsam auf: "Siehst du," sagte er, "siehst du das +Schiff? - Da fahren sie hin! -" + +"Wer?" fragte Thorismuth. + +"Mein Glueck und meine Jugend," sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu +suchen. + +Dieser teilte ihm mit, dass er, Zeit zu gewinnen, soeben einen +Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu +fuehren, angetragen, angenommen habe. "Ich werde nie uebergeben! Aber wir +muessen Ruhe haben, unsere Waelle zu flicken und zu stuetzen. Koemmt denn +nirgends Entsatz? hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom Koenig? + +"Keine." + +"Verflucht! Ueber sechshundert von meinen Goten sind vor den hoellischen +Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr +besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann haette!" + +"Nun," sprach Totila nachsinnend, "die kann ich dir schaffen, denk' ich. +In dem Castellum Aurelians, auf der Strasse nach Rom, liegen +vierhundertfuenfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklaert, vom Koenig +Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu +verstaerken. Aber jetzt in dieser hoechsten Not! - Ich selbst will hin, +waehrend des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen." + +"Geh nicht! du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurueck und die +Strasse ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch." + +"Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List: halte dich nur, bis ich zurueck +bin! Auf, Thorismuth, zu Pferd." + +Waehrend Totila mit Thorismuth und wenigen Reitern zur Porta Capuana +hinausjagte, war der alte Isak, der unermuedlich auf den Waellen ausgeharrt +hatte, die Pause des Waffenstillstands benutzend, in seine Turmklause +zurueckgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu +laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und aengstlich dem Bericht +Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger, +unsteter Schritt auf der Treppe und Jochem stand vor dem erstaunten Paar. + +"Sohn Rachels, wo kommst du her zu uebler Stunde, wie der Rabe vor dem +Unglueck? Wie kommst du herein? zu welchem Thor?" - "Das lass du meine Sorge +sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: - +zum letztenmal in diesem Leben." + +"Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?" fragte Isak unwillig, +"die Stadt brennt und die Strassen liegen voll Leichen." + +"Warum brennt die Stadt? warum liegen voll Leichen die Strassen? Weil die +Maenner von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt _ist_ Zeit zu +freien. Gieb mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich +allein kann's." Und er griff nach Miriams Arm. + +"Du mich retten?" rief diese, mit Ekel zuruecktretend. "Lieber sterben!" + +"Ha, Stolze!" knirschte der grimmige Freier, "du liessest dich wohl lieber +retten von dem blondgelockten Christen? Lass sehen, ob er dich retten wird, +der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren +will ich ihn durch die Strassen schleifen und spucken in sein bleich +Gesicht." + +"Hebe dich hinweg, Sohn Rachels," rief Isak, aufstehend und den Spiess +fassend. "Ich merke, du haeltst zu denen, die da draussen liegen! Aber das +Horn ruft, ich muss hinab; das jedoch sag' ich dir: noch mancher unter euch +wird ruecklings fallen, eh' ihr steigt ueber diese morschen Mauern." + +"Vielleicht," grinste Jochem, "fliegen wir drueber wie die Voegel der Luft. +Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: lass diesen Alten, lass den +verfluchten Christen: - ich sage dir, der Schutt dieser Waelle wird sie +bald bedecken. Ich weiss, du hast ihn getragen im Herzen: - ich will dir's +verzeihen: - nur werde jetzt mein Weib." Und wieder griff er nach ihrer +Hand. - "Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch ueber dir wie +die leuchtende Sonne ueber dem schleichenden Wurm? Waer ich's wert, dass ihn +je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib wuerde? Hinweg; hinweg von mir!" + +"Ha," rief Jochem, "zu viel, zu viel! Mein Weib - du sollst es nimmer +werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen und den Christen will +ich dir aus dem blutenden Herzen reissen, dass es zucken soll in +Verzweiflung. Auf Wiedersehen." + +Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden. + +Miriam, von bangen Gefuehlen bedraengt, eilte ins Freie: es trieb sie zu +beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge: sie betete ja fuer ihn: und es +draengte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fusses in die +nahe Basilika Sankt Mariae, aus der man an Friedenstagen oft die Juedin mit +Fluechen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit, zu +fluchen. + +Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Saeulenganges und vergass in heissem +Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei +Gott. - + +Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die +Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kraeften +die zertruemmerten Mauerstellen, raeumten den Schutt und die Toten aus dem +Wege und loeschten die Braende. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab, +waehrend Belisar vor seinem Zelte seine Heerfuehrer versammelt hielt, des +Zeichens der Uebergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. "Ich glaub' es +nicht!" fluesterte Johannes zu Prokop. "Wer solche Streiche thut, wie ich +von jenem Alten gesehen, giebt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so: +da giebt's einen tuechtigen Sturm und dann eine tuechtige Pluenderung." + +Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte +trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten. + +Belisar sprang auf. "Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie +sollen's haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre +Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb' ich ein Zehntel der Beute." + +Nach allen Seiten eilten die Anfuehrer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht +spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstoerten Bogen des Aquaedukts, +welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da +rief ihn eine leise Stimme. + +Schon daemmerte es so stark, dass er nur mit Muehe den Rufenden erkannte. +"Was willst du, Jude?" rief Johannes eilig. - "Ich habe keine Zeit! Es +gilt harte Arbeit! Ich muss der erste sein in der Stadt." + +"Das sollt ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt." + +"Dir folgen? weisst du einen Weg ueber die Mauer durch die Luft?" + +"Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen, +wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Maedchen zur Beute zusprecht, +das ich fordre." + +Johannes blieb stehen: "Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?" - +"Hier!" sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. - "Wie? die +Wasserleitung? woher weisst du?" - "Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann, +gebueckt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf +diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung muendet in einem alten Tempelhaus an +der Porta Capuana; nimm dreissig Mann und folge mir." + +Johannes sah ihn scharf an. "Und wenn du mich verraetst?" + +"Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Luege ich, so stosst mich +nieder." - "Warte!" rief Johannes und eilte hinweg. + + + + + Fuenftes Kapitel. + + +Bald darauf erschien Johannes wieder mit seinem Bruder Perseus und +ungefaehr dreissig entschlossenen armenischen Soeldnern, die ausser ihren +Schwertern kurze Handbeile fuehrten. "Wenn wir drin sind," sprach Johannes, +"reissest du, Perseus, das Ausfallpfoertchen auf, rechts von der Porta +Capuana, im Augenblick, da die andern unsre Fahne auf dem Wall entfalten. +Auf dies Zeichen stuerzen von aussen meine Hunnen auf die Ausfallpforte. +Aber wer huetet den Turm an der Porta? Den muessen wir haben." + +"Isak, ein grosser Freund der Edomiten, der muss fallen." + +"Er faellt," sprach Johannes und zog das Schwert: "Vorwaerts!" Er war der +erste, der in den Hohlgang der Wasserleitung stieg. "Ihr beiden, Paukaris +und Gubazes, nehmt den Juden in die Mitte: beim ersten Verdacht - nieder +mit ihm!" + +Und so, bald auf allen Vieren kriechend, bald gebueckt tastend, bei +voelliger Dunkelheit, rutschten und schlichen die Armenier ihm nach, +sorgfaeltig jeden Laerm ihrer Waffen vermeidend: lautlos krochen sie +vorwaerts. + +Ploetzlich rief Johannes mit halber Stimme: "fasst den Juden! Nieder mit +ihm! - Feinde! Waffen! - - Nein, lasst!" rief er rasch, "es war nur eine +Schlange, die vorueber rasselte! Vorwaerts." + +"Jetzt zur Rechten!" sprach Jochem, "hier muendet die Wasserleitung in +einen Tempelgang." + +"Was liegt hier? - Knochen - ein Skelett! + +Ich halt's nicht laenger aus! der Modergeruch erstickt mich! Hilfe!" +seufzte einer der Maenner. + +"Lasst ihn liegen! vorwaerts!" befahl Johannes. "Ich sehe einen Stern." - +"Das ist das Tageslicht in Neapolis," sagte der Jude - "nun nur noch +wenige Ellen." - + +Johannes' Helm stiess an die Wurzeln eines hohen Oelbaums, die sich im +Atrium des Tempelhauses breit ueber die Muendung des Tempelgangs spannten. + +Wir kennen den Baum. + +Den Wurzeln ausweichend, stiess er den Helm hell klirrend an die +Seitenwand: erschrocken hielt er an. Aber er hoerte zunaechst nur den +heftigen Fluegelschlag zahlreicher Tauben, die da hoch oben wild +verscheucht aus den Zweigen der Olive flogen. + +"Was war das?" fragte ueber ihm eine heisere Stimme. + +"Wie der Wind in dem alten Gestein wuehlt!" Es war die Witwe Arria. "Ach +Gott," sprach sie, sich wieder vor dem Kreuze niederwerfend: "erloese uns +von dem Uebel und lass die Stadt nicht untergehen, bis dass mein Jucundus +wieder kommt! Wehe, wenn er ihre Spur und seine Mutter nicht mehr findet. +O lass ihn wieder des Weges kommen, den er von mir gegangen: zeig ihn mir +wieder, wie ich ihn diese Nacht gesehen, aufsteigend aus den Wurzeln des +Baumes." + +Und sie wandte sich nach der Hoehlung. "O! dunkler Gang, darin mein Glueck +verschwunden, gieb mir's wieder heraus! Gott, fuehr' ihn mir zurueck auf +diesem Wege." Sie stand mit gefalteten Haenden gerade vor der Hoehlung, die +Augen fromm gen Himmel gewendet. + +Johannes stutzte. "Sie betet!" sagte er, "soll ich sie im Gebet +erschlagen?" - Er hielt inne; er hoffte, sie solle aufhoeren und sich +wenden. "Das dauert zu lange: ich kann unserm Herrgott nicht helfen!" Und +rasch hob er sich aus den Wurzeln heraus. Da schaute die Betende mit den +halberblindeten Augen nieder; sie sah aus der Erde steigen eine +schimmernde Mannesgestalt. + +Ein Strahl der Verklaerung spielte um ihre Zuege. Selig breitete sie die +Arme aus. "Jucundus!" rief sie. + +Es war ihr letzter Hauch. Schon traf sie des Byzantiners Schwert ins Herz. + +Ohne Weheruf, ein Laecheln auf den Lippen, sank sie auf die Blumen: - +Miriams Blumen. + +Johannes aber wandte sich und half rasch seinem Bruder Perseus, dann dem +Juden und den ersten dreien seiner Krieger herauf. "Wo ist das Pfoertchen?" +- "Hier links, ich gehe zu oeffnen!" Perseus wies die Krieger an. - "Wo ist +die Treppe zum Turm!" - "Hier rechts," sprach Jochem - es war die Treppe, +die zu Miriams Gemach fuehrte, wie oft war Totila hier hereingeschluepft! - +"still! der Alte laesst sich hoeren." + +Wirklich, Isak war es. Er hatte von oben Geraeusch vernommen: er trat mit +Fackel und Speer an die Treppe: "Wer ist da unten? bist du's, Miriam, wer +kommt?" fragte er. + +"Ich, Vater Isak," antwortete Jochem, "ich wollte euch nochmal fragen ..." +- und er stieg katzenleise eine Stufe hoeher. Aber Isak hoerte Waffen +klirren. + +"Wer ist bei dir?" rief er und trat vorleuchtend um die Ecke. Da sah er +die Bewaffneten hinter Jochem kauern. "Verrat, Verrat!" schrie er, "stirb, +Schandfleck der Hebraeer!" Und wuetend stiess er Jochem, der nicht zurueck +konnte, die breite Partisane in die Brust, dass dieser ruecklings +hinabstuerzte. "Verrat!" schrie er noch einmal. + +Aber gleich darauf hieb ihn Johannes nieder, sprang ueber die Leiche +hinweg, eilte auf die Zinne des Turmes und entfaltete die Fahne von +Byzanz. Da krachten unten Beilschlaege: das Pfoertchen fiel, von innen +eingeschlagen, hinaus und mit gellendem Jauchzen jagten - schon war es +ganz dunkel geworden - die Hunnen zu Tausenden in die Stadt. + +Da war alles aus. + +Ein Teil stuerzte sich mordend in die Strassen, ein Haufe brach die naechsten +Thore ein, den Bruedern draussen Eingang schaffend. + +Rasch eilte der alte Uliaris mit seinem Haeuflein aus dem Kastell herbei: +er hoffte, die Eingedrungenen noch hinauszutreiben: umsonst: ein Wurfspeer +streckte ihn nieder. Und um seine Leiche fielen fechtend die zweihundert +treuen Goten, die ihn noch umgaben. + +Da, als sie die kaiserliche Fahne auf den Waellen flattern sahen, erhoben +sich - unter Fuehrung alter Roemerfreunde, wie Stephanos und Antiochos des +Syrers, - ein eifriger Anhaenger der Goten, Kastor, der Rechtsanwalt, ward, +da er sie hemmen wollte, erschlagen - auch die Buerger von Neapolis: sie +entwaffneten die einzelnen Goten in den Strassen und schickten, +glueckwuenschend und dankend und ihre Stadt der Gnade empfehlend, eine +Gesandtschaft an Belisar, der, von seinem glaenzenden Stab umgeben, zur +Porta Capuana hereinritt. + +Aber finster furchte er die majestaetische Stirn und ohne seinen Rotscheck +anzuhalten, sprach er: "Fuenfzehn Tage hat mich Neapolis aufgehalten. Sonst +lag ich laengst vor Rom, ja vor Ravenna. Was glaubt ihr, dass das dem Kaiser +an Recht und mir an Ruhm entzieht? Fuenfzehn Tage lang hat sich eure +Feigheit, eure schlechte Gesinnung von einer handvoll Barbaren beherrschen +lassen. Die Strafe fuer diese fuenfzehn Tage seien nur fuenfzehn Stunden - +Pluenderung. Ohne Mord: - die Einwohner sind Kriegsgefangene des Kaisers - +ohne Brand: denn die Stadt ist jetzt eine Feste von Byzanz. Wo ist der +Fuehrer der Goten? Tot?" + +"Ja," sprach Johannes, "hier ist sein Schwert, Graf Uliaris fiel." + +"Den meine ich nicht!" sprach Belisar. "Ich meine den jungen, den Totila. +Was ward aus ihm? Ich muss ihn haben." + +"Herr," sprach einer der Neapolitaner, der reiche Kaufherr Asklepiodot, +vortretend, "wenn ihr mein Haus und Warenlager von der Pluenderung +ausnehmt, will ich's euch wohl sagen." + +Aber Belisar winkte: zwei maurische Lanzenreiter ergriffen den Zitternden. +"Rebell, willst du mir Bedingungen machen? Sprich, oder die Folter macht +dich sprechen." + +"Erbarmen! Gnade!" schrie der Geaengstigte. "Der Seegraf eilte mit wenigen +Reitern waehrend der Waffenruhe hinaus, Verstaerkung zu holen vom Castellum +Aurelians: er kann jeden Augenblick zurueckkehren." + +"Johannes," rief Belisar, "der Mann wiegt so schwer wie ganz Neapolis. Wir +muessen ihn fangen! Du hast, wie ich befahl, den Weg nach Rom abgesperrt? +das Thor besetzt?" + +"Es hat niemand nach dieser Richtung die Stadt verlassen koennen." sprach +Johannes. + +"Auf! Blitzesschnell! wir muessen ihn hereinlocken! + +Zieh rasch das gotische Banner auf dem Kastell des Tiberius wieder auf und +auf der Porta Capuana. Die gefangenen Neapolitaner stelle wieder bewaffnet +auf die Waelle: wer ihn warnt, mit einem Augenwinken, ist des Todes. Zieht +meinen Leibwaechtern gotische Waffen an. Ich selbst will dabei sein! +dreihundert Mann in der Naehe des Thors. Man lasse ihn ruhig herein. Sowie +er das Fallgitter hinter sich hat, laesst man's nieder. Ich will ihn lebend +fangen. Er soll nicht fehlen beim Triumphzug in Byzanz." + +"Gieb mir das Amt, mein Feldherr," bat Johannes. "Ich schuld' ihm noch +Vergeltung fuer einen Kernhieb." Und er flog zurueck zur Porta Capuana, liess +die Leichen und alle Spuren des Kampfes wegschaffen und traf sonst seine +Massregeln. + +Da draengte sich eine verschleierte Gestalt heran: "Um der Guete Gottes +willen," flehte eine liebliche Stimme, "ihr Maenner, lasst mich heran! Ich +will ja nur seine Leiche, - o gebt Acht! sein weisser Bart! o mein Vater." +Es war Miriam, die der Laerm pluendernder Hunnen aus der Kirche nach Hause +gescheucht hatte. Und mit der Kraft der Verzweiflung schob sie die Speere +zurueck und nahm das bleiche Haupt Isaks in ihre Arme. + +"Weg, Maedel!" rief der naechste Krieger, ein sehr langer Bajuvare, ein +Soeldner von Byzanz: - Garizo hiess er. "Halt uns nicht auf! wir muessen den +Weg saeubern! In den Graben mit dem Juden!" + +"Nein, nein!" rief Miriam und stiess den Mann zurueck. + +"Weib!" schrie dieser zornig und hob das Beil. - + +Aber die Arme schuetzend ueber des Vaters Leiche breitend und mit +leuchtenden Augen aufblickend blieb Miriam furchtlos stehen: - wie gelaehmt +hielt der Krieger inne: "Du hast Mut, Maedel!" sagte er, das Beil senkend. +"Und schoen bist du auch, wie die Waldfrau der Liusacha. Was kann ich dir +Liebes thun? du bist ganz wundersam anzuschauen." - "Wenn der Gott meiner +Vaeter dein Herz geruehrt," bat Miriams herzgewinnende Stimme, "hilf mir die +Leiche dort im Garten bergen: - das Grab hat er sich lange selbst +geschaufelt, - neben Sarah, meiner Mutter, das Haupt gegen Osten." - "Es +sei!" sprach der Bajuvare und folgte ihr. Sie trug das Haupt, er fasste die +Knie der Leiche: wenige Schritte fuehrten sie in den kleinen Garten: da lag +ein Stein unter Trauerweiden: der Mann waelzte ihn weg und sie senkten die +Leiche hinein, das Antlitz gegen Osten. - + +Ohne Worte, ohne Thraenen starrte Miriam in die Grube: sie fuehlte sich so +arm jetzt, so allein; mitleidig, leise schob der Bajuvare die Steinplatte +darueber. "Komm!" sagte er dann. - "Wohin?" fragte Miriam tonlos. - "Ja, +wohin willst du?" - "Das weiss ich nicht! - Hab Dank," sprach sie und nahm +ein Amulett vom Halse und reichte es ihm: es war von Gold, eine Schaumuenze +vom Jordan, aus dem Tempel. + +"Nein!" sagte der Mann und schuettelte das Haupt. + +Er nahm ihre Hand und legte sie ueber seine Augen. + +"So," sagte er, "das wird mir gut thun mein Leben lang. Jetzt muss ich +fort, wir muessen den Grafen fangen, den Totila. Leb wohl." + +Dieser Name schlug in Miriams Herz: - noch einen Blick warf sie auf das +stille Grab und hinaus schluepfte sie aus dem Gaertchen. Sie wollte zum +Thore hinaus auf die Strasse: aber das Fallgitter war gesenkt, an den +Thoren standen Maenner mit gotischen Helmen und Schilden. Erstaunt sah sie +um sich. + +"Ist alles vollzogen, Chanaranges?" - "Alles, er ist so gut wie gefangen." +- "Horch, vor dem Wall, - Pferdegetrappel - sie sind's! zurueck, Weib." + +Draussen aber sprengten einige Reiter die Strasse heran gegen das Thor. + +"Auf! auf, das Thor," rief Totila von weitem. Da spornte Thorismuth sein +Ross heran. "Ich weiss nicht, ich traue nicht!" rief er, "die Strasse war wie +ausgestorben und ebenso drueben das Lager der Feinde: kaum ein paar +Wachtfeuer brennen." + +Da scholl von der Zinne ein Ruf des gotischen Hornes. "Der Bursch blaest ja +graesslich!" sprach Thorismuth zuernend. "Es wird ein Welscher sein," meinte +Totila. "Gebt die Losung," rief's herab auf lateinisch. "Neapolis," +antwortete Totila entgegen. "Hoerst du's? Uliaris hat die Buerger bewaffnen +muessen. Auf das Thor! ich bringe frohe Kunde," fuhr er fort zu den oben +Aufgestellten, "vierhundert Goten folgen mir auf dem Fuss: und Italien hat +einen neuen Koenig." + +"Wer ist's?" fragte es leise drinnen. "Der auf dem weissen Ross, der erste." +Da sprangen die Thorfluegel auf, gotische Helme fuellten den Eingang, +Fackeln glaenzten, Stimmen fluesterten. + +"Auf mit dem Fallgitter," rief Totila, dicht heranreitend. Spaehend blickte +Thorismuth vor, die Hand vor den Augen. "Sie haben gestern getagt zu +Regeta," fuhr Totila fort, "Theodahad ist abgesetzt und Graf Witichis +..." - + +Da hob sich langsam das Gitter und Totila wollte eben dem Ross den Sporn +geben, da warf sich vor die Hufen seines Hengstes ein Weib aus der Reihe +der Krieger. "Flieh," rief sie, "Feinde ueber dir! die Stadt ist gefallen!" +Aber sie konnte nicht vollenden: ein Lanzenstoss durchbohrte ihre Brust. + +"Miriam!" schrie Totila entsetzt und riss sein Pferd zurueck. + +Doch Thorismuth, der laengst Argwohn geschoepft, zerhieb, rasch +entschlossen, mit dem Schwert, durch das Gitter hindurch, das haltende +Seil, an dem das Thor auf und nieder ging, dass es droehnend vor Totila +niederschlug. + +Ein Hagel von Speeren und Pfeilen fuhr durch das Gitter. "Auf das Gitter! +Hinaus auf sie!" rief Johannes von innen: aber Totila wich nicht. + +"Miriam, Miriam," rief er im tiefsten Schmerz. Da schlug sie nochmal die +Augen auf, mit einem brechenden, von Liebe und Schmerz verklaerten Blick: - +dieser Blick sagte alles: er drang tief in Totilas Herz. "Fuer dich!" +hauchte sie und fiel zurueck. - Da vergass er Neapolis und die Todesgefahr. +"Miriam," rief er nochmals, beide Haende gegen sie ausbreitend. - + +Da streifte ein Pfeil den Bug seines Pferdes, blitzschnell prallte das +edle Tier hochbaeumend zurueck. Das Fallgitter fing an, sich zu heben: da +fasste Thorismuth nach Totilas Zuegel, riss das Pferd herum und gab ihm einen +Schlag mit der flachen Klinge, dass es hinwegschoss. "Auf und davon, Herr," +rief er, "ja, sie muessen flink sein, die uns einholen." Und brausend +sprengten die Reiter auf der Via Capuana den Weg zurueck, den sie gekommen; +nicht weit verfolgte sie Johannes, im Dunkel der Nacht und des Wegs +unkundig. Bald begegnete ihnen die heranziehende Besatzung vom Kastell +Aurelians: auf einem Huegel machten sie Halt, von wo man die Stadt mit +ihren Zinnen, in dem Schein der byzantinischen Wachtfeuer auf den Waellen, +liegen sah. + +Erst jetzt raffte sich Totila aus seinem Schmerz, aus seiner Betaeubung +auf. "Uliaris!" seufzte er, "Miriam!" "Neapolis, - wir sehen uns wieder." +Und er winkte zum Aufbruch gen Rom. + +Aber von Stund an war ein Schatte gefallen in des jungen Goten Seele: mit +dem heiligen Recht des Schmerzes hatte sich Miriam in sein Herz gegraben +fuer immerdar. + +Als Johannes mit den Reitern von seiner fruchtlosen Verfolgung heimkehrte, +rief er, vom Pferde springend, mit wuetiger Stimme: "Wo ist die Dirne, die +ihn gewarnt? Werft sie vor die Hunde." Und er eilte zu Belisar, das +Missgeschick zu melden. + +Aber niemand wusste zu sagen, wohin der schoene Leichnam geraten. Die Rosse +haetten sie zertreten, meinte die Menge. Aber einer wusste es besser: +Garizo, der Bajuvare. Der hatte sie im Tumult sachte, wie ein schlafend +Kind, auf seinen starken Armen davongetragen in das nahe Gaertchen, hatte +die Steinplatte von dem kaum geschlossenen Grabe gewaelzt und die Tochter +sorglich an des Vaters Seite gelegt: dann hatte er sie still betrachtet. + +Aus der Ferne scholl das Getoese der gepluenderten Stadt, in der die +Massageten Belisars, trotz seines Verbots, brannten und mordeten und sogar +die Kirchen nicht verschonten, bis der Feldherr selbst, mit dem Schwert +unter sie fahrend, Einhalt schuf. - + +Es lag ein edler Schimmer auf ihrem Antlitz, dass er nicht wagte, wie er so +gern gewollt, sie zu kuessen. So legte er denn ihr Gesicht gegen Osten und +brach eine Rose, die neben dem Grabe bluehte, und legte sie ihr auf die +Brust. Dann wollte er fort, seinen Teil an der Pluenderung zu nehmen. Aber +es liess ihn nicht fort: er wandte sich wieder um. Und er hielt die Nacht +ueber, an seinen Speer gelehnt, Totenwacht am Grabe des schoenen Maedchens. + +Er sah auf zu den Sternen und betete einen uralten heidnischen Totensegen, +den ihn die Mutter daheim an der Liusacha gelehrt. Aber es war ihm nicht +genug: andaechtig betete er noch dazu ein christlich Vaterunser. Und als +die Sonne emporstieg, schob er sorgfaeltig den Stein ueber das Grab und +ging. + +So war Miriam spurlos verschwunden. + +Aber das Volk in Neapolis, das im stillen warm an Totila hing, erzaehlte, +schoenheitstrahlend sei sein Schutzengel herabgestiegen, ihn zu retten, und +wieder aufgefahren gen Himmel. + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Der Fall von Neapolis war erfolgt wenige Tage nach der Versammlung zu +Regeta. + +Und Totila stiess schon bei Formiae auf seinen Bruder Hildebad, den Koenig +Witichis mit einigen Tausendschaften schleunig abgesandt hatte, die +Besatzung der Stadt zu verstaerken, bis er selbst mit einem groesseren Heere +zum Entsatz herbeieilen koenne. Wie jetzt die Dinge standen, konnten die +Brueder nichts andres thun, als sich auf die Hauptmacht, nach Regeta, +zurueckziehen, wo Totila seinen traurigen Bericht von den letzten Stunden +von Neapolis erstattete. Der Verlust der dritten Stadt des Reiches, des +dritten Hauptbollwerks Italiens, musste den ganzen Kriegsplan der Goten +veraendern. + +Witichis hatte die zu Regeta versammelten Scharen gemustert: es waren +gegen zwanzigtausend Mann. Diese, mit der kleinen Schar, die Graf Teja +eigenmaechtig zurueckgefuehrt, waren im Augenblick die ganze verfuegbare +Macht: bis die starken Heere, die Theodahad weit weg nach Suedgallien und +Noricum, nach Istrien und Dalmatien entsendet, wiewohl sofort zur +schnellen Rueckkehr aufgefordert, einzutreffen vermochten, konnte ganz +Italien verloren sein. + +Gleichwohl hatte der Koenig beschlossen, sich mit diesen zwanzig +Tausendschaften in die Werke von Neapolis zu werfen und hier dem durch den +Zufluss der Italier auf mehr als die dreifache Uebermacht angeschwollenen +Heere der Feinde bis zum Eintreffen der Verstaerkungen Widerstand zu +leisten. Aber jetzt, da jene feste Stadt in Belisars Hand gefallen, gab +Witichis den Plan, sich ihm entgegenzustellen, auf. Sein ruhiger Mut war +ebensoweit von Tollkuehnheit wie von Zagheit entfernt. + +Ja, der Koenig musste seiner Seele noch einen andern schmerzlicheren +Entschluss abringen. Waehrend in den Tagen nach dem Eintreffen Totilas in +dem Lager vor Rom sich der Schmerz und der Grimm der Goten in +Verwuenschungen ueber den Verraeter Theodahad, ueber Belisar, ueber die Italier +Luft machte, waehrend schon die kecke Jugend hier und da anhob, auf das +Zaudern des Koenigs zu schelten, der sie nicht gegen diese Griechlein +fuehren wolle, deren je vier auf einen Goten gingen, waehrend der Ungestuem +des Heeres schon ueber den Stillstand grollte, gestand sich der Koenig mit +schwerem Herzen die Notwendigkeit, noch weiter zurueckzuweichen und selbst +Rom voruebergehend preiszugeben. + +Tag fuer Tag kamen Nachrichten, wie Belisars Heer anwachse: aus Neapolis +allein fuehrte er zehntausend Mann - als Geiseln zugleich und +Kampfgenossen, - von allen Seiten stroemten die Welschen zu seinen Fahnen: +von Neapolis bis Rom war kein Waffenplatz fest genug, Schutz gegen solche +Uebermacht zu gewaehren und die kleineren Staedte an der Kueste oeffneten dem +Feind mit Jubel die Thore. + +Die gotischen Familien aus diesen Gegenden fluechteten in das Lager des +Koenigs und berichteten, wie gleich am Tage nach dem Falle von Neapolis +Cumae und Atella sich ergeben, darauf folgten Capua, Cajeta und selbst das +starke Benevent. Schon standen die Vorposten Belisars, hunnische, +saracenische und maurische Reiter, bei Formiae. Das Gotenheer erwartete und +verlangte eine Schlacht vor den Thoren Roms. + +Aber laengst hatte Witichis die Unmoeglichkeit erkannt, mit zwanzigtausend +Mann einem Belisar, der bis dahin hunderttausend zaehlen konnte, im offnen +Feld entgegenzutreten. Eine Zeit lang hegte er die Hoffnung, die maechtigen +Befestigungen Roms, das stolze Werk des Cethegus, gegen die byzantinische +Ueberflutung halten zu koennen: aber bald musste er auch diesen Gedanken +aufgeben. + +Die Bevoelkerung Roms zaehlte, dank dem Praefekten, mehr waffenfaehige und +waffengeuebte Maenner denn seit manchem Jahrhundert: und stuendlich +ueberzeugte sich der Koenig, von welcher Gesinnung diese beseelt waren. +Schon jetzt hielten die Roemer kaum noch ihren Hass wider die Barbaren +zurueck: es blieb nicht bei feindlichen und hoehnischen Blicken: schon +konnten sich Goten in den Strassen nur in guter Bewaffnung und grossen +Scharen blicken lassen: taeglich fand man vereinzelte gotische Wachen von +hinten erdolcht. + +Und Witichis konnte sich nicht verhehlen, dass diese Elemente des +Volksgeistes gegliedert und geleitet waren von schlauen und maechtigen +Haeuptern: den Spitzen des roemischen Adels und des roemischen Klerus. Er +musste sich sagen, dass, sowie Belisar vor den Mauern erscheinen werde, das +Volk von Rom sich erheben und mit dem Belagerer vereint die kleine +gotische Besatzung erdruecken wuerde. + +So hatte Witichis den schweren Entschluss gefasst, Rom, ja ganz +Mittelitalien aufzugeben, sich nach dem festen und verlaessigen Ravenna zu +werfen, hier die mangelhaften Ruestungen zu vollenden, alle gotischen +Streitkraefte an sich zu ziehen und dann mit einem gleich starken Heere den +Feind aufzusuchen. + +Er war ein Opfer, dieser Entschluss. + +Denn auch Witichis hatte sein redlich Teil der germanischen Rauflust und +es war seinem Mut eine herbe Zumutung, anstatt frisch drauf loszuschlagen, +zurueckweichend seine Verteidigung zu suchen. Aber noch mehr. Nicht +ruehmlich war es fuer den Koenig, der um seiner Tapferkeit willen auf den +Thron des feigen Theodahad gehoben worden, wenn er sein Regiment mit +schimpflicher Flucht begann: er hatte Neapolis verloren in den ersten +Tagen seiner Herrschaft: sollte er jetzt freiwillig Rom, die Stadt der +Herrlichkeiten, sollte er mehr als die Haelfte von Italien preisgeben? Und +wenn er seinen Stolz bezwang um des Volkes willen, - wie musste das Volk +von ihm denken? Diese Goten mit ihrem Ungestuem, ihrer Verachtung der +Feinde! Konnte er irgend hoffen, ihren Gehorsam zu erzwingen? Denn ein +germanischer Koenig hatte mehr zu raten, vorzuschlagen, als zu befehlen und +zu gebieten. Schon mancher germanische Koenig war von seinem Volksheer +wider seinen Willen zu Kampf und Niederlage gezwungen worden. Er fuerchtete +ein Gleiches: und schweren Herzens wandelte er einst des Nachts im Lager +zu Regeta in seinem Zelte auf und ab. + +Da nahten hastige Schritte und der Vorhang des Zeltes ward aufgerissen: +"Auf, Koenig der Goten," rief eine leidenschaftliche Stimme, "jetzt ist +nicht Zeit, zu schlafen!" - "Ich schlafe nicht, Teja," sprach Witichis, +"seit wann bist du zurueck? Was bringst du?" - "Eben schritt ich ins Lager, +der Tau der Nacht ist noch auf mir. Wisse zuerst: sie sind tot." - "Wer?" +- "Der Verraeter und die Moerderin!" - "Wie? du hast sie beide erschlagen?" +- "Ich schlage keine Weiber. Theodahad, dem Schandkoenig, folgte ich zwei +Tage und zwei Naechte. Er war auf dem Weg nach Ravenna, er hatte starken +Vorsprung. Aber mein Hass war noch rascher als seine Todesangst. Schon bei +Narnia holte ich ihn ein: zwoelf Sklaven begleiteten seine Saenfte: sie +hatten nicht Lust, fuer den Elenden zu sterben: sie warfen die Fackeln weg +und flohn. + +Ich riss ihn aus der Saenfte und drueckte ihm sein eigenes Schwert in die +Faust: er aber fiel nieder, bat um sein Leben und fuehrte zugleich einen +heimtueckischen Stoss nach mir. Da schlug ich ihn, wie ein Opfertier: mit +drei Streichen. Einen fuer das Reich: und zwei fuer meine Eltern. Und ich +hing ihn an seinem goldenen Guertel auf, an der offenen Heerstrasse, an +einem duerren Eibenbaum: da mag er hangen, ein Frass fuer die Voegel des +Himmels, eine Warnung fuer die Koenige der Erde." + +"Und was ward aus ihr?" + +"Sie fand ein schrecklich Ende!" sprach Teja schaudernd. + +"Als ich von hier nach Rom kam, wusste man nur, dass sie verschmaeht, den +Feigling zu begleiten: er floh allein. Gothelindis aber rief seine +kappadokische Leibwache zusammen und verhiess den Maennern goldne Berge, +wenn sie zu ihr halten und mit ihr nach Dalmatien und in das feste Salona +sich werfen wollten. + +Die Soeldner schwankten und wollten erst das verheissne Gold sehen. Da +versprach Gothelindis, es zu bringen und ging. Seitdem war sie +verschwunden. Wie ich wieder durch Rom kam, war sie freilich gefunden." - +"Nun?" - "Sie hatte sich in die Katakomben gewagt, allein, ohne Fuehrer, +einen dort vergrabnen Schatz zu holen. Sie muss sich in diesem Labyrinth +verirrt haben, sie fand den Ausgang nicht mehr. Suchende Soeldner trafen +sie noch lebend: ihre Fackel war nicht herabgebrannt, sondern fast voellig +erhalten: sie musste alsbald erloschen sein, nachdem sie die Hoehlung +beschritten. Wahnsinn sprach aus ihrem Blick: lange Todesangst, +Verzweiflung haben dieses boese Weib zermuerbt: sie starb, sowie sie ans +Tageslicht gebracht war." + +"Schrecklich!" rief Witichis. - "Gerecht!" sagte Teja. "Aber hoere weiter." + +Eh' er beginnen konnte, eilten Totila, Hildebad, Hildebrand und andre +gotische Fuehrer ins Zelt: "Weiss er's?" fragte Totila. - "Noch nicht," +sagte Teja. - "Empoerung!" rief Hildebad! "Empoerung! Auf, Koenig Witichis, +wehre dich deiner Krone! Lege dem Knaben das Haupt vor die Fuesse." + +"Was ist geschehn" fragte Witichis ruhig. + +"Graf Arahad von Asta, der eitle Laffe, hat sich empoert. Er ist gleich +nach deiner Wahl davongeritten gegen Florentia, wo sein aelterer Bruder, +der stolze Herzog von Tuscien, Guntharis, haust und herrscht. Da haben die +Woelsungen viel Anhang gefunden, haben die Goten ueberall aufgerufen gegen +dich zum Schutz der "Koenigslilie", wie sie sie nennen: Mataswintha sei die +Erbin der Krone. Sie haben sie als Koenigin ausgerufen. Sie weilte in +Florentia, fiel also gleich in ihre Gewalt. Man weiss nicht, ist sie +Guntharis Gefangene oder Arahads Weib. Nur das weiss man, dass sie avarische +und gepidische Soeldner geworben, den ganzen Anhang der Amaler und ihre +ganze Sippe und Gefolgschaft, zu all' dem grossen Anhang der Woelsungen, +bewaffnet haben. Dich schelten sie den Bauernkoenig: sie wollen Ravenna +gewinnen!" + +"O schicke mich nach Florentia mit nur drei Tausendschaften!" rief +Hildebad zornig. "Ich will dir diese Koenigin der Goten samt ihrem adeligen +Buhlen in einem Vogelkaefig gefangen bringen." + +Aber die andern machten besorgte Gesichter. "Es sieht finster her!" sprach +Hildebrand. "Belisar mit seinen Hunderttausenden vor uns: - im Ruecken das +schlangenhafte Rom, - all' unsre Macht noch fuenfzig Meilen fern - und +jetzt noch Bruderkrieg und Aufruhr im Herzen des Reiches! der Donner +schlag' in dieses Land." + +Aber Witichis blieb ruhig und gefasst wie immer. Er strich mit der Hand +ueber die Stirn. "Es ist vielleicht gut so," sagte er dann. "Jetzt bleibt +uns keine Wahl. Jetzt _muessen_ wir zurueck." - "Zurueck?" fragte Hildebad +zuernend. - "Ja! Wir duerfen keinen Feind im Ruecken lassen. Morgen brechen +wir das Lager ab und gehn ..." - "Gegen Neapolis vor?" sagte Hildebad. - +"Nein! Zurueck nach Rom! Und weiter, nach Florentia, nach Ravenna! Der +Brand der Empoerung muss zertreten sein, eh' er noch recht entglommen." - +"Wie? du weichst vor Belisar zurueck?" - "Ja, um desto staerker vorzugehen, +Hildebad! Auch die Bogensehne spannt die Kraft zurueck, den toedlichen Pfeil +zu schnellen." - "Nimmermehr!" sprach Hildebad, "das kannst - das darfst +du nicht." + +Aber ruhig trat Witichis auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die +Schulter: "Ich bin dein Koenig. Du hast mich selbst gewaehlt. Hell klang vor +andern _dein_ Ruf: "Heil Koenig Witichis!" Du weisst es, Gott weiss es: nicht +ich habe die Hand ausgestreckt nach dieser Krone! Ihr habt sie mir auf das +Haupt gedrueckt: nehmt sie herunter, wenn ihr sie mir nicht mehr +anvertraut. Aber solang ich sie trage, traut mir und gehorcht: sonst seid +ihr mit mir verloren." + +"Du hast recht," sagte der lange Hildebad und senkte das Haupt. "Vergieb +mir! Ich mach' es gut im naechsten Gefecht." + +"Auf, meine Feldherrn," schloss Witichis, den Helm aufsetzend, "du, Totila, +eilst mir in wicht'ger Sendung zu den Frankenkoenigen nach Gallien: ihr +andern, fort zu euren Scharen, brecht das Lager ab: mit Sonnenaufgang +geht's nach Rom." + + + + + Siebentes Kapitel. + + +Wenige Tage darauf, am Abend des Einzugs der Goten in Rom, finden wir die +jungen "Ritter": Lucius und Marcus Licinius, Piso, den Dichter, Balbus, +den Feisten, Julianus, den jungen Juristen, bei Cethegus dem Praefekten in +vertrautem Gespraech. + +"Das also ist die Liste der blinden Anhaenger des kuenftigen Papstes +Silverius, meiner schlimmsten Argwoehner? Ist sie vollstaendig?" - "Sie ist +es. Es ist ein hartes Opfer," rief Lucius Licinius, "das ich dir bringe, +Feldherr. Haett' ich gleich, wie das Herz mich antrieb, Belisar aufgesucht, +ich haette jetzt schon Neapolis mit belagert und bestuermt, statt dass ich +hier die Katzentritte der Priester belausche und die Plebejer marschieren +und in Manipeln schwenken lehre." - "Sie lernen's doch nie wieder," meinte +Marcus. + +"Geduldet euch," sagte Cethegus ruhig, ohne von einer Papyrusrolle +aufzublicken, die er in der Hand hielt. "Ihr werdet euch bald genug und +lang genug mit diesen gotischen Baeren balgen duerfen. Vergesst nicht, dass +das Raufen doch nur Mittel ist, nicht Zweck." + +"Weiss nicht," zweifelte Lucius. + +"Die Freiheit ist der Zweck und Freiheit fordert Macht," sprach Cethegus; +"wir muessen diese Roemer wieder an Schild und Schwert gewoehnen, sonst -" +der Ostiarius meldete einen gotischen Krieger. Unwillige Blicke tauschten +die jungen Roemer. + +"Lass ihn ein!" sprach Cethegus, seine Schreibereien in einer Kapsel +bergend. Da eilte ein junger Mann im braunen Mantel der gotischen Krieger, +einen gotischen Helm auf dem Haupt, herein und warf sich an des Praefekten +Brust. + +"Julius!" sprach dieser kalt zuruecktretend. "Wie sehn wir uns wieder! Bist +du denn ganz ein Barbar geworden. Wie kamst du nach Rom?" + +"Mein Vater, ich geleite Valeria unter gotischem Schutz: ich komme aus dem +rauchenden Neapolis." - "Ei," grollte Cethegus, "hast du mit deinem +blonden Freund gegen Italien gestritten? Das steht einem Roemer gut! Nicht +wahr, Lucius?" - "Ich habe nicht gefochten und werde nicht fechten in +diesem Krieg, dem unseligen. Weh denen, die ihn entzuendet." + +Cethegus mass ihn mit kalten Blicken. "Es ist unter meiner Wuerde und ueber +meiner Geduld, einem Roemer die Schande solcher Gesinnung vorzuhalten. +Wehe, dass ein solcher Abtruenniger mein Julius. Schaeme dich vor diesen +deinen Altersgenossen. Seht, roemische Ritter, hier ist ein Roemer ohne +Freiheitsdurst, ohne Zorn auf die Barbaren!" + +Aber ruhig schuettelte Julius das Haupt. "Du hast sie noch nicht gesehen, +die Hunnen und Massageten Belisars, die euch die Freiheit bringen sollen. +Wo sind denn die Roemer, von denen du sprichst? Hat sich Italien erhoben +seine Fesseln abzuwerfen? Kann es sich noch erheben? Justinian kaempft mit +den Goten, nicht wir. Wehe dem Volk, das ein Tyrann befreit." + +Cethegus gab ihm im geheimen recht, aber er wollte solche Worte nicht +billigen vor Fremden: "Ich muss allein mit diesem Philosophen disputieren. +Berichtet mir, wenn bei den Frommen etwas geschieht." + +Und die Kriegstribunen gingen, mit veraechtlichen Blicken auf Julius. + +"Ich moechte nicht hoeren, was die von dir reden!" sagte Cethegus, ihnen +nachsehend. - "Das gilt mir gleich. Ich folge meinen eignen und nicht +fremden Gedanken." - "Er ist Mann geworden," sagte Cethegus zu sich +selbst. + +"Und meine tiefsten und besten Gedanken, die diesen Krieg verfluchen, +fuehren mich hierher. Ich komme, dich zu retten und zu entfuehren aus dieser +schwuelen Luft, aus dieser Welt von Falschheit und Luege. Ich bitte dich, +mein Freund, mein Vater: folge mir nach Gallien." - "Nicht uebel," laechelte +Cethegus. "Ich soll Italien aufgeben im Augenblick, da die Befreier nahen! +Wisse: ich war es, der sie herbeigerufen, ich habe diesen Kampf entfacht, +den du verfluchst." - "Ich dacht' es wohl," sprach Julius schmerzlich. +"Aber wer befreit uns von den Befreiern, wer endet diesen Kampf?" + +"Ich," sprach Cethegus ruhig und gross. "Und du, mein Sohn, sollst mir +dabei helfen. Ja, Julius, dein vaeterlicher Freund, den du so kalt und +nuechtern schiltst, hat auch eine begeisterte Schwaermerei, wenn auch nicht +fuer Maedchenaugen und gotische Freundschaften. Lass diese Knabenspiele +jetzt, du bist ein Mann. Gieb mir die letzte Freude meines oeden Lebens und +sei der Genosse meiner Kaempfe und der Erbe meiner Siege! Es gilt Rom, +Freiheit, Macht! Juengling, koennen dich diese Worte nicht ruehren? Denk' +dir," fuhr er, waermer werdend, fort, "diese Goten, diese Byzantiner - ich +hasse sie wie du - die einen durch die andern erschoepft, aufgerieben, und +ueber den Truemmern ihrer Macht erhebt sich Italien, Rom in alter +Herrlichkeit! Auf dem kapitolinischen Huegel thront wieder der Herrscher +ueber Morgen- und Abendland: eine neue roemische Weltherrschaft, stolzer als +sie dein caesarischer Namensvetter getraeumt, verbreitet Zucht, Segen und +Furcht ueber die Erde ..." - + +"Und der Herrscher dieses Weltreichs heisst - Cethegus Caesarius!" + +"Ja - und nach ihm: Julius Montanus! Auf, Julius, du bist kein Mann, wenn +dich dies Ziel nicht lockt!" + +Julius sprach bewundernd: "Mir schwindelt! Das Ziel ist sternenhoch: aber +deine Wege, - sie sind nicht gerade. Ja, waeren sie gerade, bei Gott, ich +teilte deinen Gang. + +Ja, rufe die roemische Jugend zu den Waffen, herrsche beiden Barbarenheeren +zu: "Raeumt das heilige Latium!" fuehre einen offnen Krieg gegen die +Barbaren und gegen die Tyrannen: und an deiner Seite will ich stehen und +fallen!" - "Du weisst recht gut, dass dieser Weg unmoeglich ist." - "Und +deshalb - ist's dein Ziel!" - "Thor, erkennst du nicht, dass es gewoehnlich +ist, aus gutem Stoff ein Gebilde fertigen, dass es aber goettlich ist, aus +dem Nichts, nur mit eigner schoepferischer Kraft, eine neue Welt schaffen." +- "Goettlich? durch List und Luege? Nein." - "Julius!" - "Lass mich offen +sprechen, deshalb bin ich gekommen. + +O koennt ich dich zurueckrufen von dem daemonischen Pfade, der dich sicher in +Nacht und Verderben fuehrt. Du weisst, - wie ich dein Bild verehre und +liebe. Es will mir nicht stimmen zu dieser Verehrung, was Griechen, Goten, +Roemer von dir fluestern." + +"Was fluestern sie?" fragte Cethegus stolz. + +"Ich mag's nicht denken: aber alles, was in diesen Zeiten Furchtbares +geschehen: Athalarichs, Kamillas, Amalaswinthens Untergang, der Byzantiner +Landung, - du wirst dabei genannt, wie der Daemon, der alles Boese schafft. +Sage mir, schlicht und treu, dass du frei bist von dunkeln" - + +"Knabe!" fuhr Cethegus auf, "willst du mir zur Beichte sitzen und zu +Gericht? Lerne erst das Ziel begreifen, eh du die Mittel schiltst. + +Meinst du, man baut die Weltgeschichte aus Rosen und Lilien? Wer das Grosse +will, muss das Grosse thun, nennen's die Kleinen gut oder schlecht." - "Nein +und dreimal nein! ruft dir mein ganzes Herz entgegen. Fluch dem Ziel, zu +dem nur Frevel fuehren. Hier scheiden sich unsre Pfade." + +"Julius, geh nicht! Du verschmaehst, was noch nie einem Sterblichen geboten +ward. Lass mich einen Sohn haben, fuer den ich ringe, dem ich die Erbschaft +meines Lebens hinterlassen kann." - "Fluch und Luege und Blut kleben daran. +Und sollt ich sie schon jetzt antreten: - ich will sie nie! Ich gehe, dass +sich dein Bild nicht noch mehr vor mir verdunkle. Aber ich flehe dich um +Eins: wann der Tag kommt (und er wird kommen), da dich ekelt all des +Blutes und des frevlen Trachtens und des Zieles selbst, das solche Thaten +fordert, - - dann rufe mir: ich will herbeieilen, wo immer ich sei, und +will dich losringen und loskaufen von den daemonischen Maechten und sei's um +den Preis meines Lebens." + +Leichter Spott zuckte zuerst um des Praefekten Lippe, aber er dachte: "Er +liebt mich noch immer. - Gut, ich werde ihn rufen, wenn das Werk +vollendet: lass sehen, ob er ihm dann widerstehen kann, ob er den Thron des +Erdkreises ausschlaegt." - "Wohl," sagte er, "ich werde dich rufen, wenn +ich dein bedarf. Leb wohl." Und mit kalter Handbewegung entliess er den +Heissbewegten. + +Aber als die Thuere hinter ihm zugefallen, nahm der eisige Praefekt ein +kleines Relief von getriebenem Erz aus einer Kapsel und betrachtete es +lang. Dann wollte er es kuessen. Aber ploetzlich flog der hoehnische Zug +wieder um seine Lippen. "Schaeme dich vor Caesar, Cethegus," sagte er, und +legte das Medaillon wieder in die Kapsel. Es war ein Frauenkopf und Julius +sehr aehnlich. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Inzwischen war es dunkler Abend geworden. Der Sklave brachte die zierliche +Bronzelampe, korinthische Arbeit: ein Adler, der im Schnabel den +Sonnenball traegt, gefuellt mit persischem Duftoel. "Ein gotischer Krieger +steht draussen, Herr, er will dich allein sprechen. Er sieht sehr +unscheinbar aus. Soll er die Waffen ablegen?" "Nein," sagte Cethegus, "wir +fuerchten die Barbaren nicht. Lass ihn kommen." Der Sklave ging und Cethegus +legte die Rechte an den Dolch im Busen seiner Tunika. + +Ein stattlicher Gote trat ein, die Mantelkapuze ueber den Kopf geschlagen: +er warf sie jetzt zurueck. + +Cethegus trat erstaunt einen Schritt naeher. "Was fuehrt den Koenig der Goten +zu mir?" + +"Leise!" sprach Witichis. "Es braucht niemand zu wissen, was wir beide +verhandeln. Du weisst: seit gestern und heute ist mein Heer von Regeta in +Rom eingezogen. Du weisst noch nicht, dass wir Rom morgen wieder raeumen +werden." + +Cethegus horchte hoch auf. + +"Das befremdet dich?" - "Die Stadt ist fest," sagte Cethegus ruhig. "Ja, +aber nicht die Treue der Roemer. Benevent ist schon abgefallen zu Belisar. +Ich habe nicht Lust, mich zwischen Belisar und euch erdruecken zu lassen." + +Vorsichtig schwieg Cethegus, er wusste nicht, wo das hinaus sollte. +"Weshalb bist du gekommen, Koenig der Goten?" - "Nicht um dich zu fragen, +wie weit man den Roemern trauen kann. Auch nicht, um zu klagen, dass wir +ihnen so wenig trauen koennen, die doch Theoderich und seine Tochter mit +Wohltaten ueberhaeuft; - sondern um grad und ehrlich ein paar Dinge mit dir +zu schlichten, zu eurem wie zu unsrem Frommen." + +Cethegus staunte. In der stolzen Offenheit dieses Mannes lag etwas, das er +beneidete. Er haette es gern verachtet. "Wir werden Rom verlassen, und +alsbald werden die Roemer Belisar aufnehmen. Das wird so kommen. Ich kann's +nicht hindern. Man hat mir geraten, die Haeupter des Adels als Geiseln mit +hinwegzufuehren." + +Cethegus erschrak und hatte Muehe, das zu verbergen. + +"Dich vor allen, den Princeps Senatus." - "Mich!" laechelte Cethegus. - +"Ich werde dich hier lassen. Ich weiss es wohl: du bist die Seele von Rom." + +Cethegus schlug die Augen nieder. "Ich nehme das Orakel an," dachte er. + +"Aber eben deshalb lass' ich dich hier. Hunderte, die sich Roemer nennen, +wollen die Byzantiner zu ihren Herren, - du, du willst das nicht." + +Cethegus sah ihn fragend an. + +"Taeusche mich nicht! Wolle mich nicht taeuschen. Ich bin der Mann +verschlagner Kuenste nicht. Aber mein Auge sieht der Menschen Art. Du bist +zu stolz, um Justinian zu dienen. Ich weiss, du hassest uns. Aber du liebst +auch diese Griechen nicht und wirst sie nicht laenger hier dulden als du +musst. Deshalb lass ich dich hier: vertritt du Rom gegen die Tyrannen: ich +weiss, du liebst die Stadt." + +Es war etwas an diesem Mann, das Cethegus zum Staunen zwang. "Koenig der +Goten," sagte er, "du sprichst klar und gross wie ein Koenig: ich danke dir. +Man soll nicht sagen von Cethegus, dass er die Sprache der Groesse nicht +versteht. Es ist, wie du sagst: ich werde mein Rom nach Kraeften roemisch +erhalten." + +"Gut," sagte Witichis, "sieh, man hat mich gewarnt vor deiner Tuecke: ich +weiss viel von deinen schlauen Plaenen: ich ahne noch mehr: und ich weiss, +dass ich gegen Falschheit keine Waffe habe. Aber du bist kein Luegner. Ich +wusste, ein maennlich Wort ist unwiderstehlich bei dir: und Vertrauen +entwaffnet einen Feind, der ein Mann." + +"Du ehrst mich, Koenig der Goten. + +Ich will dich warnen: weisst du, wer die waermsten Freunde Belisars?" - "Ich +weiss es: Silverius und die Priester." - "Richtig. Und weisst du, dass +Silverius, sowie der alte Papst Agapetus gestorben, den Bischofstuhl von +Rom besteigen wird?" + +"So hoer' ich. + +Man riet mir, auch ihn als Geisel fortzufuehren. Ich werd' es nicht thun. +Die Italier hassen uns genug. Ich will nicht noch in das Wespennest der +Pfaffen stossen. Ich fuerchte die Maertyrer." + +Aber Cethegus waere den Priester gern los geworden. "Er wird gefaehrlich auf +dem Stuhl Petri," meinte er. + +"Lass ihn nur! Der Besitz dieses Landes wird nicht durch Priesterkunst +entschieden." - "Wohlan," sprach Cethegus, die Papyrusrolle vorzeigend, +"ich habe hier die Namen seiner waermsten Freunde zufaellig beisammen. Es +sind wichtige Maenner." + +Er wollte ihm die Liste aufdringen und hoffte, die Goten sollten so seine +gefaehrlichsten Feinde als Geiseln mitfuehren. + +Aber Witichis wies ihn ab. "Lass das! Ich werde gar keine Geiseln nehmen. +Was nuetzt es, ihnen die Koepfe abzuschlagen? Du, dein Wort soll mir fuer Rom +buergen." + +"Wie meinst du das? ich kann Belisar nicht abhalten." + +"Du sollst es nicht: Belisar wird kommen: aber verlass' dich drauf: er wird +auch wieder gehn. Wir Goten werden diesen Feind bezwingen: vielleicht erst +nach hartem Kampf: aber gewiss. Dann aber gilt es den zweiten Kampf um +Rom." + +"Einen zweiten?" fragte Cethegus ruhig, "mit wem?" + +Aber Witichis legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihm ins Antlitz +mit einem Auge wie die Sonne: "Mit dir, Praefekt von Rom!" + +"Mit mir!" Und er wollte laecheln, aber er konnte nicht. + +"Verleugne nicht dein Liebstes, Mann: es ist deiner nicht wuerdig. Ich weiss +es, fuer wen du die Tuerme und Schanzen um diese Stadt erbaut: nicht fuer uns +und nicht fuer die Griechen! fuer dich! Ruhig! Ich weiss, was du sinnest, +oder ich ahn' es: kein Wort! Es sei! Sollen Griechen und Goten um Rom +kaempfen und kein Roemer? Aber hoere: Lass nicht einen zweiten jahrelangen +Krieg unsre Voelker hinraffen. + +Wenn wir die Byzantiner niedergekaempft, hinausgeworfen aus unserm Italien, +- dann, Cethegus, will ich dich erwarten vor den Mauern Roms; nicht zur +Schlacht unsrer Voelker, - zum Zweikampf: Mann gegen Mann, du und ich, wir +wollen's um Rom entscheiden." + +Und in des Koenigs Blick und Ton lag eine Groesse, eine Wuerde und Hoheit, die +den Praefekten verwirrte. Er wollte heimlich spotten der einfaeltigen +Schlichtheit des Barbaren. Aber es war ihm, als koenne er sich selbst nie +mehr achten, wenn er diese Groesse nicht zu achten, nicht zu ehren, nicht zu +erwidern faehig sei. So sprach er ohne Spott: "Du traeumst, Witichis, wie +ein gotischer Knabe." + +"Nein, ich denke und handle wie ein gotischer Mann. Cethegus, du bist der +einzige Roemer, den ich wuerdige, so mit ihm zu reden. Ich habe dich fechten +sehen im Gepidenkrieg: du bist meines Schwertes wuerdig. Du bist aelter als +ich, wohlan: ich gebe dir den Schild voraus!" + +"Seltsam seid ihr Germanen," sagte Cethegus unwillkuerlich: "was fuer +Phantasien!" + +Aber jetzt furchte Witichis die offne Stirn: "Phantasien? Wehe dir, wenn +du nicht faehig bist, zu fuehlen, was aus mir spricht. Wehe dir, wenn Teja +recht behaelt! Er lachte zu meinem Plan und sprach: "das fasst der Roemer +nicht!" Und er riet mir, dich gefangen mitzufuehren. Ich dachte groesser von +dir und Rom. Aber wisse: Teja hat dein Haus umstellt: und bist du so klein +oder so feig, mich nicht zu fassen, - in Ketten fuehren wir dich aus deinem +Rom. Schmach dir, dass man dich zwingen muss zur Ehre und zur Groesse." + +Da ergrimmte Cethegus. Er fuehlte sich beschaemt. Jenes Ritterliche war ihm +fremd und es aergerte ihn, dass er es nicht verhoehnen konnte. Es aergerte +ihn, dass man ihn mit Gewalt noetigte, dass man seiner freien Wahl misstraut +habe. Wuetender Hass gegen Tejas Missachtung wie gegen des Koenigs brutale +Offenheit loderte in ihm auf. All diese Eindruecke rangen in ihm, er haette +gern den Dolch in des Germanen breite Brust gestossen. Fast haette er vorhin +aus soldatischem Ehrgefuehl im vollen Ernst sein Wort gegeben. Jetzt +durchzuckte ihn ein davon sehr verschiedenes, unschoenes Gefuehl der +Schadenfreude. Sie hatten ihm nicht getraut, die Barbaren: sie hatten ihn +gering erachtet: nun sollten sie gewiss betrogen sein! Und mit scharfem +Blick vortretend fasste er des Koenigs Hand. "Es gilt," rief er. + +"Es gilt," sprach Witichis, fest seine Hand drueckend. + +"Mich freut es, dass ich recht behielt und nicht Teja. Leb wohl! huete mir +unser Rom. Von dir fordre ich es wieder in ehrlichem Kampf." Und er ging. + +"Nun," sprach Teja draussen mit den andern Goten rasch vortretend, "soll +ich das Haus stuermen?" + +"Nein," sagte Witichis, "er gab mir sein Wort." + +"Wenn er's nur haelt!" + +Da trat Witichis heftig zurueck. "Teja! dich macht dein finstrer Sinn +ungerecht! + +Du hast kein Recht, an eines Helden Ehre zu zweifeln. Cethegus ist ein +Held." + +"Er ist ein Roemer. Gute Nacht!" sagte Teja, das Schwert einsteckend. Und +er ging mit seinen Goten andren Weges. + +Cethegus aber warf sich diese Nacht unwillig aufs Lager. Er war uneins in +sich. Er grollte mit Julius. Er grollte bitter mit Witichis, bittrer noch +mit Teja. Am bittersten mit sich selbst. + + -------------- + +Am folgenden Tage versammelte Witichis noch einmal Volk, Senat und Klerus +der Stadt bei den Thermen des Titus. Von der hoechsten Stufe der +Marmortreppe des stolzen Gebaeudes herab, die von den Grossen des Heeres +besetzt war, hielt der Koenig eine schlichte Ansprache an die Roemer. Er +erklaerte, dass er auf kurze Zeit die Stadt raeumen und zurueckweichen werde. +Bald aber werde er wiederkehren. + +Er erinnerte sie der Milde der gotischen Herrschaft, der Wohlthaten +Theoderichs und Amalaswinthens, und forderte sie auf, Belisar, falls er +heranruecke, mutig zu widerstehen, bis die Goten zum Entsatz wieder +heranrueckten: der Roemer wieder an die Waffen gewoehnte Legionare und ihre +starken Mauern machten langen Widerstand moeglich. + +Zuletzt forderte er den Eid der Treue und liess sie nochmals feierlich +schwoeren, dass sie ihre Stadt auf Leben und Tod gegen Belisar verteidigen +wollten. Die Roemer zoegerten: denn ihre Gedanken waren jetzt schon im Lager +Belisars und sie scheuten den Meineid. + +Da scholl dumpfer feierlicher Gesang von der Sacra Via her: und an dem +flavischen Amphitheater vorbei zog eine grosse Prozession von Priestern mit +Psalmengesang und Weihrauchschwang heran. In der Nacht war Papst Agapet +gestorben und in aller Eile hatte man Silverius, den Archidiakon, zu +seinem Nachfolger gewaehlt. + +Langsam und feierlich wogte das Heer von Priestern heran: die Insignien +der Bischofswuerde von Rom wurden vorausgetragen: silberstimmige Knaben +sangen in suessen und doch weihevollen Weisen. + +Endlich nahte die Saenfte des Papstes: offen, breit, reichvergoldet, einem +Schiffe nachgebildet. Die Traeger gingen langsam, Schritt fuer Schritt, nach +dem Takt der Musik, von ringsum draengendem Volk umwogt, das nach dem Segen +seines neuen Bischofs verlangte. + +Silverius spendete unablaessig denselben, mit seinem klugen Haupte rechts +und links hin nickend. + +Eine grosse Zahl von Priestern und ein Zug von speertragenden Soeldnern +schloss die Prozession. Sie hielt inne, als sie in die Mitte des Platzes +gelangt war. + +Schweigend, mit trotzigen Augen, sahen die arianischen, gotischen Krieger, +die alle Muendungen des Platzes besetzt hielten, den stolzen, +prachtentfaltenden Aufzug der ihnen feindlichen Kirche, indes die Roemer +die Ankunft ihres Seelenhirten um so freudiger begruessten, als seine Stimme +ihre Gewissenszweifel wegen des zu leistenden Eides loesen sollte. + +Eben wollte Silverius seine Ansprache an das versammelte Volk beginnen, +als der Arm eines turmlangen Goten, ueber die Bruestung der Saenfte +hereinlangend, ihn an dem goldbrokatnen Mantel zupfte. + +Unwillig ob der wenig ehrerbietigen Stoerung wandte Silverius das strenge +Gesicht, aber uneingeschuechtert sprach der Gote, den Ruck wiederholend: +"Komm, Priester, du sollst hinauf zum Koenig." + +Silverius haette es angemessener gefunden, wenn der Koenig zu ihm +heruntergekommen waere, und Hildebad schien etwas dergleichen in seinen +Mienen zu lesen. Denn er rief: "'s ist nicht anders! duck' dich, +Pfaefflein!" + +Und damit drueckte er einen der die Saenfte tragenden Priester an der +Schulter nieder: die Traeger liessen sich nun auf die Kniee herab und +seufzend stieg Silverius heraus, Hildebad auf die Treppe folgend. + +Als er vor Witichis angelangt war, ergriff dieser seine Hand, trat mit ihm +vor, an den Rand der Treppe, und sprach: "Ihr Maenner von Rom, diesen hier +haben eure Priester zu eurem Bischof bezeichnet. Ich genehmige die Wahl: +er sei Papst, sobald er mir Gehorsam geschworen und euch den Eid der Treue +fuer mich abgenommen hat. Schwoere, Priester!" + +Nur einen Augenblick war Silverius betroffen. + +Aber sogleich wieder gefasst, wandte er sich mit salbungsvollem Laecheln zu +dem Volk, dann zum Koenig. "Du befiehlst?" sprach er. + +"Schwoere," rief Witichis, "dass du in unsrer Abwesenheit alles aufbieten +wirst, diese Stadt Rom in Treue zu den Goten zu erhalten, denen sie soviel +verdankt; in allen Stuecken uns zu foerdern, unsre Feinde aber zu schaedigen. +Schwoere Treue den Goten." + +"Ich schwoere," sagte Silverius, sich zu dem Volke wendend. "Und so fordre +ich, der ich die Macht habe, die Seelen zu binden und zu loesen, euch, ihr +Roemer, umstarret rings von gotischen Waffen, auf, im gleichen Sinne zu +schwoeren, wie ich geschworen habe." + +Die Priester und einige der Vornehmen schienen verstanden zu haben und +erhoben unbedenklich die Finger zum Schwur. Da besann sich auch die Menge +nicht laenger und der Platz erscholl von dem lauten Ruf: "Wir schwoeren +Treue den Goten." + +"Es ist gut, Bischof von Rom," sprach der Koenig. "Wir bauen auf euren +Schwur. Lebt wohl, ihr Roemer! Bald werden wir uns wieder sehen." Und er +schritt die breiten Stufen nieder. Teja und Hildebad folgten ihm. + +"Jetzt bin ich nur begierig ..." - sagte Teja. + +"Ob sie es halten?" meinte Hildebad. + +"Nein. Gar nicht. Aber wie sie's brechen. Nun, der Priester wird's schon +finden." + +Und mit fliegenden Fahnen zogen die Goten ab zur Porta Flaminia hinaus, +die Stadt ihrem Papst und dem Praefekten ueberlassend, waehrend Belisar in +Eilmaerschen auf der Via Latina nahte. + + + + + Neuntes Kapitel. + + +In der Stadt Florentia waltete eifriges kriegerisches Leben. Die Thore +waren geschlossen: auf den Zinnen und Mauerkronen schritten zahlreiche +Wachen, in den Strassen klirrte es von Zuegen reisiger Goten und bewaffneter +Soeldner: denn die Woelsungen Guntharis und Arahad hatten sich in diese +Stadt geworfen und sie einstweilen zum Hauptwaffenplatz des Aufstandes +gegen Witichis gemacht. + +In der schoenen Villa, die sich Theoderich in einer Vorstadt am Ufer des +Arnus, aber noch in den Ringmauern der Stadt, gebaut, hausten die beiden +Brueder. + +Herzog Guntharis von Tuscien, der aeltere, war ein gefuerchteter Kriegsmann +und seit Jahren Graf der Stadt Florentia: rings in ihrem Weichbild lagen +die Gueter des maechtigen Adelsgeschlechts, von Tausenden von Colonen und +Hintersassen bebaut: ihre Macht in dieser Stadt und Landschaft war ohne +Schranken und Herzog Guntharis war entschlossen, sie voellig zu gebrauchen. + +In voller Ruestung, den Helm auf dem Haupt, schritt der stattliche Mann +unwillig durch das marmorgetaefelte Zimmer, indes der juengere Bruder in +schmucker Feiertracht, ohne Waffen, schweigend und sinnend an dem +Citrustisch lehnte, der von Briefen und Pergamenten bedeckt war. + +"Entschliesse dich, mach' vorwaerts, mein Junge!" sprach Guntharis: "es ist +mein letztes Wort. Noch heute bringst du mir das Ja des stoerrigen Kindes +oder ich - hoerst du? - ich selbst gehe, es zu holen. Aber dann, wehe ihr. +Ich weiss besser als du umzuspringen mit einem launischen Maedchenkopf." + +"Bruder, das wirst du nicht." + +"Beim Donner, das werd' ich. Meinst du, ich wage meinen Kopf, ich versaeume +das Glueck unsres Hauses um deine schmachtende Zartheit? Jetzt oder nie ist +der Augenblick, den Woelsungen endlich die erste Stelle im Volk zu +schaffen, die ihnen gebuehrt und von der Amaler und Balten sie seit +Jahrhunderten ausgeschlossen. Wird die letzte Amalungentochter dein Weib, +kann niemand dir die Krone bestreiten: und mein Schwert soll sie schon +schuetzen auf deinem Haupt gegen diesen Bauernkoenig Witichis. + +Aber nicht zu lange mehr darf's waehren. Ich habe noch keine Nachricht von +Ravenna: doch ich fuerchte, die Stadt wird nur Mataswintha, nicht uns, +zufallen, das heisst, nicht uns allein; wer sie hat, hat aber Italien, +nachdem Neapolis und Rom verloren: die maechtige Festung muessen _wir_ +haben. Deshalb muss sie dein Weib sein, eh' wir vor die Rabenmauern ziehen: +sonst wird ruchbar, dass sie mehr unsre Gefangene als unsre Koenigin." + +"Wer wuenscht das mehr, heisser als ich? aber ich kann sie doch nicht +zwingen?" - "Nicht? warum nicht? Suche sie auf und gewinne sie im guten +oder boesen. Ich gehe, die Wachen auf den Waellen zu verstaerken. Bis ich +zurueck bin, will ich Antwort!" + +Herzog Guntharis ging: und seufzend machte sich sein Bruder nach dem +Garten auf, Mataswintha zu suchen. + +Der Garten war von einem kunstverstaendigen Freigelassenen aus Kleinasien +angelegt. Er hatte im Hintergrund einen waldaehnlichen Abschluss, der, frei +von Beeten und Terrassen, das wunderbar reiche Wiesengruen noch erhalten +hatte. Diese blumigen Wiesenufer und dichte Oleanderbuesche durchrieselte +ein klarer Bach, mit anmutigem Gewoge. + +Dicht an dem Rande des Baches, im weichen Grase hingegossen, lag eine +jugendliche Frauengestalt. Sie hatte von dem rechten Arm das Gewand +zurueckgeschlagen und schien bald mit den murmelnden Wellen, bald mit den +nickenden Blumen am Rande zu spielen. Sinnend sah sie vor sich hin und +warf wie traeumend hier und da ein Veilchen oder einen Krokus in die +Wellen, mit leise geoeffneten Lippen der Bluete nachsehend, die rasch die +klaren Wellen entfuehrten. + +Dicht hinter ihren Schultern kniete ein junges Maedchen in maurischer +Sklaventracht, eifrig beschaeftigt, einen Kranz fertig zu flechten, an +welchem nur die letzten Verbindungen fehlten: sorgsam spaehte die +anmutfeine Kleine manchmal, ob die Traeumende ihre heimliche Arbeit nicht +gewahre. + +Aber diese schien ganz in ihre Phantasien verloren. + +Endlich war der zierliche Kranz vollendet: mit lachenden Augen drueckte sie +ihn auf das prachtvolle feuerfarbne Haar der Herrin und bog sich um ihre +Schulter, deren Blick zu suchen. Aber diese hatte gar nicht bemerkt, wie +die Blumen ihr Haupt beruehrten. Da ward die Kleine unwillig und rief mit +schmollend aufgeworfnen Lippen: "Aber Herrin, bei den Palmenwipfeln des +Auras, was denkest du wieder? Bei wem bist du?" + +Mataswintha schlug die leuchtenden Augen auf: "Bei ihm!" fluesterte sie. + +"Weisse Goettin, das trag' ich nicht mehr!" rief die Kleine aufspringend, +"es ist zu arg, die Eifersucht bringt mich um! Nicht mich, deine Gazelle +nur, auch die eigne Schoenheit vergisst du - ueber dem unsichtbaren Mann: +schau' doch nur einmal in die Wellen und sieh, wie reizend dein Haar von +den dunkeln Veilchen und weissen Anemonen sich hebt." + +"Dein Kranz ist schoen!" sagte Mataswintha, ihn herunterlangend und dann +leicht in die Wellen werfend, "welch' suesse Blumen! Gruesst ihn von mir." + +"Ach, meine armen Blumen!" rief die Sklavin, ihnen nachblickend; aber sie +wagte nicht, weiter zu schelten. "Sag' mir nur," rief sie, sich wieder +niederlassend, "wie all' dies enden soll? Da sind wir jetzt schon viele +Tage, wir wissen nicht recht, Koenigin oder Gefangne? Jedenfalls in fremder +Gewalt: haben den Fuss nicht aus deinem Gemach oder diesem hochummauerten +Garten gesetzt und wissen nichts von der ganzen Welt. Du aber bist immer +still und selig, als muesste das alles so sein." + +"Es muss auch alles so sein." + +"So? und wie wird es enden?" + +"Er wird kommen und wird mich befreien." + +"Nun, Weisslilie! du hast einen starken Glauben. Waeren wir daheim im +Mauretanierland und saehe ich dich Nachts zu den Sternen blicken, so sagte +ich wohl: du habest das alles in den Sternen gelesen. Aber so! Ich +begreife das nicht" - und sie schuettelte die schwarzen Locken - "ich werde +dich nie begreifen." + +"Doch, Aspa! du wirst und sollst," sprach Mataswintha sich aufraffend, und +zaertlich den weissen Arm um den braunen Nacken schlingend, "deine treue +Liebe verdient laengst diesen Lohn, den besten, den ich zu spenden habe." + +In der Sklavin dunkles Auge trat eine Thraene. "Lohn?" sprach sie. "Aspa +ward geraubt von wilden Maennern mit roten, fliegenden Locken. Aspa ist +eine Sklavin. Alle haben sie gescholten, viele geschlagen. Du hast mich +gekauft wie man eine Blume kauft. Und du streichelst mir Wange und Haar. +Und bist so schoen wie die Goettin der Sonne und sprichst von Lohn?" Und sie +schmiegte das Koepfchen an der Herrin Busen. + +"Du bist meine Gazelle!" sagte diese "und hast ein Herz wie Gold. Du +sollst alles wissen, was niemand weiss, ausser mir. Hoere also. Ich hatte +eine Kindheit ohne Freude, ohne Liebe: und doch verlangte meine junge +Seele nach Weichheit, nach Liebe. Meine arme Mutter hatte einen Knaben, +einen Thronerben heiss gewuenscht und sicher erwartet: - und mit +Widerwillen, mit Kaelte und Haerte behandelte sie das Maedchen. Als +Athalarich geboren war, nahm die Haerte ab, aber die Kaelte nahm zu: dem +Erben der Krone allein ward alle Liebe und Sorge. Ich haette es nicht +empfunden, haette ich nicht in meinem weichen Vater den Gegensatz gesehen: +ich fuehlte, wie auch er litt unter der kalten Haerte seiner Gattin: und oft +drueckte mich der kranke Mann mit Seufzen, mit Thraenen an die Brust. + +Und als er gestorben und begraben war, da war mir alle Liebe in der Welt +erstorben. Wenig sah ich Athalarich, der von andern Lehrern und im andern +Teil des Palastes erzogen ward: weniger noch die Mutter: fast nur, wenn +sie mich zu strafen hatte. Und doch liebte ich sie so sehr: und doch sah +ich, wie meine Waerterinnen und Lehrerinnen ihre eignen Kinder liebten, +herzten und kuessten: und nach gleicher Waerme verlangte mit aller Macht mein +Herz. + +So wuchs ich heran, wie eine bleiche Blume ohne Sonnenlicht! + +Da war denn mein liebster Ort in der Welt das Grab meines Vaters Eutharich +im stillen Koenigsgarten zu Ravenna. Da suchte ich bei dem Toten die Liebe, +die ich bei den Lebenden nicht fand: und sowie ich meinen Waertern +entrinnen konnte, eilte ich dorthin, zu sehnen und zu weinen. Und dies +Sehnen wuchs, je aelter ich ward: in Gegenwart der Mutter musste ich all' +meine Gefuehle zusammenpressen: sie verachtete es, wenn ich sie zeigte. + +Und wie ich vom Kind zum Maedchen heranwuchs, merkte ich wohl, dass die +Augen der Menschen oft wie bewundernd auf mir ruhten: aber ich dachte, sie +bedauerten mich: und das that mir weh. Und oefter und oefter fluechtete ich +zum Grabe des Vaters, bis es der Mutter gemeldet ward: und ich ward +verklagt, dass ich dort weinte und ganz verstoert zurueckkaeme. + +Zornig verbat mir die Mutter, ohne sie das Grab wieder zu besuchen: und +sprach von veraechtlicher Schwaeche. + +Aber dawider empoerte sich mein Herz und ich besuchte das Grab trotz dem +Verbot. Da ueberraschte sie mich einst daselbst: und schlug mich: und ich +war doch kein Kind mehr: und fuehrte mich in den Palast zurueck: und schalt +mich schwer: und drohte, mich zu verstossen fuer immer: und fragte im +Scheiden zuernend den Himmel, warum er sie mit einem solchen Kinde +gestraft. + +Das war zu viel. + +Namenlos elend beschloss ich, dieser Mutter zu entrinnen, der ich zur +Strafe leben sollte, und davonzugehen, wo mich niemand kennte: ich wusste +nicht wohin: am liebsten in das Grab zu meinem Vater. + +Als es Abend geworden, stahl ich mich aus dem Palast, ich eilte nochmals +an das geliebte Grab zu langem thraenenreichem Abschied. Schon gingen die +Sterne auf: da huschte ich aus dem Garten, aus dem Palast und eilte durch +die dunkeln Strassen der Stadt an das faventinische Thor. Gluecklich +schluepfte ich an der Wache vorbei ins Freie und lief nun eine Strecke auf +der Strasse fort, gradaus in die Nacht, ins Elend. + +Aber auf der Strasse kam mir entgegen ein Mann im Kriegsgewand. Als ich an +ihm vorueber wollte, schritt er ploetzlich heran, sah mir ins Antlitz und +legte die Hand leicht auf meine Schulter: "Wohin, Jungfrau Mataswintha, +allein, in so spaeter Nacht?" + +Ich erbebte unter seiner Hand, Thraenen brachen aus meinen Augen und +schluchzend rief ich: "In die Verzweiflung!" + +Da fasste der Mann meine beiden Haende und sah mich an, so freundlich, so +mild, so besorgt. Dann trocknete er meine Thraenen mit seinem Mantel und +sprach in weichem Ton der tiefsten Guete: "Und warum? Was quaelt dich so?" + +Mir ward so weh und wohl ums Herz beim Klange dieser Stimme. Und wie ich +in sein mildes Auge sah, war ich meiner selbst nicht mehr maechtig. "Weil +mich die eigne Mutter hasst, weil's keine Liebe fuer mich giebt auf Erden." +- "Kind! Kind! Du bist krank," sagte er, "und redest irr. Komm, komm mit +mir zurueck! Du? warte nur! du wirst noch eine Koenigin der Liebe werden." + +Ich verstand ihn nicht. Aber ich liebte ihn unendlich fuer diese Worte, +diese Milde. Fragend, staunend, hilflos sah ich ihm ins Auge. Ich bebte +und zitterte. Es musste ihn ruehren; oder er dachte, es sei die Kaelte. + +Er nahm seinen warmen Mantel ab, schlug ihn um meine Schultern und fuehrte +mich langsam zurueck durchs Thor, auf unbelebten Strassen, durch die Stadt +nach dem Palast. + +Willenlos, hilflos, wankend wie ein krankes Kind folgte ich ihm, das +Haupt, das er mir sorglich verhuellte, an seine Brust gelehnt. Er schwieg +und trocknete mir nur manchmal die Augen. Unbemerkt, wie ich glaubte, +gelangten wir an die Thuere der Palasttreppe: er oeffnete sie, schob mich +sanft hinein: dann drueckte er mir die Hand. "Gut sein," sagte er, "und +ruhig. Dein Glueck wird dir schon kommen. Und Liebe genug." Und er legte +leise die Hand auf mein Haupt, schloss die Thuere hinter mir und stieg die +Treppe hinab. + +Ich aber lehnte an der halbgeschlossenen Thuer und konnte nicht fort. Mein +Fuss versagte, mein Herz pochte. + +Da hoert' ich, wie eine rauhe Stimme ihn ansprach: + +"Wen schmuggelst du da zur Nachtzeit in das Schloss, mein Freund?" Er aber +antwortete: "Du bist's, Hildebrand? Du verraetst sie nicht! Es war das Kind +Mataswintha: sie hat sich verirrt in der Nacht, in der Stadt, und +fuerchtete den Zorn ihrer Mutter." - "Mataswintha!" sprach der andre, "die +wird taeglich schoener." Und mein Beschuetzer sprach" - und sie stockte und +flammend Rot schoss ueber ihre Wangen ... - + +"Nun," fragte Aspa, sie gross ansehend, "was sagte er?" + +Aber Mataswintha drueckte Aspas Koepfchen nieder an ihre Brust. "Er sagte," +fluesterte sie - "er sagte: - die wird das schoenste Weib auf Erden!" + +"Da hat er recht gesagt," sprach die Kleine, "was brauchst du da rot zu +werden? Ist's doch so! Nun aber weiter! Was thatest du?" + +"Ich schlich auf mein Lager und weinte, weinte Thraenen der Trauer, der +Wonne, der Liebe, alles durcheinander. In jener Nacht stieg eine Welt, ein +Himmel in mir auf: er war mir gut, das fuehlte ich, und er nannte mich +schoen. Ja, jetzt wusst' ich es: ich war schoen, und ich war selig darueber: +ich wollte schoen sein: fuer ihn! O wie gluecklich war ich! seine Begegnung +brachte Glanz in mein Dunkel, Segen in mein Leben. Ich wusste jetzt, man +konnte mir gut sein, man konnte mich lieben! Sorglich pflegte ich des +Leibes, den er gelobt. Die suesse Macht in meinem Herzen breitete eine milde +Waerme ueber mein ganzes Wesen: ich ward weicher und inniger: und selbst der +Mutter strenger Sinn ward jetzt liebevoller gegen mich, seit ich nur +sanfte Liebe ihrer Haerte entgegengab: und taeglich wurden alle Herzen +guetiger gegen mich, wie ich weicher gegen alle. + +Und all' das dankte ich ihm: er hatte mir die Flucht in Schmach und Elend +erspart und mir eine ganze Welt von Liebe gewonnen. Seitdem lebte und lebe +ich nur fuer ihn." Und sie hielt inne und legte die Linke auf die wogende +Brust. + +"Aber, Herrin, wann hast du ihn wieder gesehen? gesprochen? Lebt deine +Liebe von so karger Kost?" + +"Gesprochen nie mehr: gesehen nur einmal noch: am Todestage Theoderichs +befehligte er die Palastwache, da sagte mir Athalarich seinen Namen: denn +nie haette ich gewagt, nach ihm zu forschen, aus Furcht, meine Flucht, ach, +mein Geheimnis zu verraten. Er war nicht am Hof: und wann er dort +erscheinen mochte, war ich auf den Villen." + +"So weisst du weiter gar nichts von ihm, von seinem Leben, von seiner +Vergangenheit." + +"Wie haett' ich forschen koennen! gluehende Scham haette mich verraten! Lieb' +ist des Schweigens Tochter und der Sehnsucht. Aber von seiner, von unsrer +Zukunft weiss ich." + +"Von eurer Zukunft?" laechelte Aspa. + +"An den Hof kam alle Sonnenwende die alte Radrun und erhielt von Koenig +Theoderich fremde Kraeuter und Wurzeln, die er ihr aus Asien bringen liess +und vom Nil. Das hatte sie sich ausbedungen zum einzigen Lohn dafuer, dass +sie ihm als Knaben sein ganzes Schicksal geweissagt hatte: und war alles +eingetroffen aufs Haar: sie braute Salben und mischte Traenke: "das +Waldweib" nannte man sie laut: aber leise: "die Wala, das Zauberweib". Und +wir alle am Hof wussten - ausser den Priestern, die haetten es gewehrt - dass +jede Sommersonnenwende, wann sie kam, der Koenig sich das Jahr vorhersagen +liess. Und kam sie von ihm heraus, so riefen sie, das wusste ich, meine +Mutter und Theodahad und Gothelindis und fragten sie aus: und nie blieb +noch aus, was sie verkuendet. + +Da, in der naechsten Sonnenwende, fasste auch ich mir ein Herz, lauerte der +Alten auf und lockte sie, wie ich sie allein fand, in mein Gemach und bot +ihr Gold und lichte Steine, wenn sie mir weissagen wollte. + +Aber sie lachte und zog ein Flaeschchen von Bernstein hervor und sprach: +"Nicht um Gold! Aber um Blut! Um maechtig Blut von einem reinen +Koenigskind." + +Und sie ritzte mir eine Ader im linken Arm und fing den Strahl in ihrem +Bernstein. Dann sah sie forschend in meine beiden Haende und sang endlich +tonlos: "Den du haeltst im Herzen hoch, der giebt dir groessten Glanz und +groesstes Glueck, schafft dir allerschaerfsten Schmerz, wird dein Gemahl, dein +Gatte nicht." Und damit war sie hinaus." + +"Das ist wenig troestlich: - soviel ich's fasse." + +"Du kennst der Alten Sprueche nicht: sie sind alle so daemmerdunkel: sie +fuegt jeder Verheissung eine Drohung bei, fuer alle Faelle: ich aber halte +mich an das Helle, nicht an das Dunkle. Weissagung erfuellt sich, wie man +sie fasst: ich weiss: er wird mein und bringt mir Glanz und Glueck: den +Schmerz daneben will ich tragen: Schmerz um ihn ist Wonne." + +"Ich bewundre dich, Herrin, und deinen Glauben. Und auf den Spruch der +Hexe hin hast du ausgeschlagen all' die Koenige und Fuersten, vom Vandalen- +und Westgoten-, Franken- und Burgunderland, die um dich freiten? selbst +Germanus, den edeln, den kaiserlichen Prinzen von Byzanz? und harrst auf +ihn?" + +"Und harr' auf ihn! Aber nicht des Spruches allein wegen. In meinem Herzen +lebt ein Voegelein, das singt mir alle Tage: "er wird dein, er muss dein +werden." Ich weiss es sternengewiss," schloss sie, das Auge zum Himmel +aufschlagend und in die fruehere Traeumerei versinkend. + +Rasche Schritte toenten von der Villa her. "Ah," rief Aspa, "dein schmucker +Freier! Armer Arahad, du verlierst deine Muehe!" + +"Ich will dem Spiel ein Ende machen heut'!" sprach Mataswintha, sich +erhebend: und auf ihrer Stirn, in ihren Augen lag jetzt eine zornige +Strenge, die das Blut der Amaler in ihren Adern bekundete: es lebte eine +seltsame Mischung von lodernder Leidenschaft und hinschmelzender Weichheit +in dem Maedchen. Aspa staunte oft ueber das verhaltne Feuer in ihrer Herrin. +"Du bist wie die Goetterberge in meiner Heimat," sagte sie: "Schnee auf dem +Gipfel: Rosen um den Guertel: aber im Innern versengendes Feuer: das oft +ueber Schnee und Rosen stroemt." + +Indes bog Graf Arahad aus dem buschigen Wege und neigte sich vor dem +schoenen Weibe mit einem Erroeten, das ihm wohl anstand. "Ich komme," sagte +er, "Koenigin ..." - + +Aber herb unterbrach sie ihn. "Hoffentlich, Graf von Asta, kommst du, +endlich diesem schnoeden Spiel von Gewalt und Luege ein Ende zu machen. + +Nicht laenger will ich's tragen. Dein kecker Bruder ueberfaellt mich +ploetzlich, die wehrlose, in die Trauer um ihre Mutter versunkene Waise, in +meinen Gemaechern, nennt mich in einem Atem seine Koenigin und seine +Gefangene und haelt mich wochenlang in unwuerdiger Haft. Er bringt mir den +Purpur und nimmt mir die Freiheit. Darauf kommst du und verfolgst mich mit +deiner eiteln Werbung, die dich nie zum Ziele fuehrt. Ich habe dich +verschmaeht in der Freiheit: glaubst du, gefangen, in deiner Zwanggewalt, +wird dich, du Thor, das Kind der Amaler erhoeren? Du schwoerst, du liebest +mich? Wohlan, so achte mich. Ehre meinen Willen, lass mich frei. Oder +zittre, wenn mein Befreier naht." Und drohend trat sie auf den Bestuerzten +zu, der keine Worte finden konnte. + +Da eilte heftigen Schrittes Herzog Guntharis herbei, mit funkelnden Augen. + +"Auf, Arahad," rief er, "komm zu Ende. Wir muessen fort, sogleich. Er naht, +er dringt mit Macht heran." - "Wer?" fragte Arahad hastig. - "Er sagt, er +kommt sie zu befreien. Er hat gesiegt, der Bauernkoenig, und unsre +Vorposten geschlagen bei Castrum Sivium." + +"Wer?" fragte jetzt Mataswintha eifrig. + +"Nun," antwortete Guntharis zornig, "jetzt magst du's erfahren: es ist +doch nicht mehr zu bergen: Graf Witichis von Faesulae." + +"Witichis!" hauchte Mataswintha mit leuchtenden Augen und hochaufatmend. + +"Ja! ihn haben die Rebellen von Regeta, das Recht des Adels vergessend, +zum Koenig der Goten erhoben." + +"Er! er mein Koenig!" sprach Mataswintha wie im Traume. + +"Ich haette dir's gesagt, schon da ich dich als Koenigin begruesste; aber in +deinem Gemach stand seine Marmorbueste, bekraenzt. Das war mir verdaechtig. +Spaeter sah ich's: es war ein Zufall: es ist ein Areskopf." + +Mataswintha schwieg und suchte die gluehende Roete zu verbergen, die ihr +Antlitz ueberflog. + +"Nun," rief Arahad, "was ist zu thun?" + +"Wir muessen fort. Wir muessen ihm zuvorkommen in Ravenna. Florentia, die +Feste, haelt ihn eine Weile auf: indessen gewinnen wir Ravenna und wenn du +Beilager gehalten in der Burg Theoderichs mit dessen Enkelin, ist alles +Volk der Goten unser. Auf, Koenigin! Ich lasse deinen Wagen schirren: in +einer Stunde gehst du nach Ravenna in der Mitte unsrer Scharen." Und die +Brueder eilten hinweg. + +Blitzenden Auges sah ihnen Mataswintha nach: + +"Ja, fuehrt mich fort, gefangen und gebunden; wie der Adler aus der Hoehe +wird mein Koenig auf euch niederstossen und mich retten aus eurer Gewalt. +Komm, Aspa, der Befreier naht." + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Ruecken gewendet, so berief Papst +Silverius - es war am Tage nach seinem Eide - die Spitzen der +Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Buergerschaft der Stadt in +die Thermen des Caracalla zu einer Beratung ueber Heil und Gedeihen der +Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen. + +Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die +Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an +Belisarius, den Feldherrn des rechtglaeubigen Kaisers Justinian, des einzig +rechtmaessigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schluessel der ewigen +Stadt zu ueberreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und +der Glaeubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen. + +Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen +Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er +laechelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu +binden, so zu loesen: und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter +deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig +durch: und der Papst selbst, Scaevola, Albinus und Cethegus wurden als die +Gesandten gewaehlt. + +Aber Cethegus widersprach: schweigend hatte er die Verhandlung mit +angehoert und sich der Abstimmung enthalten: jetzt stand er auf und sprach: +"Ich bin gegen den Beschluss. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb +apostolische Loesungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe +nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heisst: uns ohne Not dem +gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen koennen +und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Loesung entschuldigen +werden. Lasst uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich +wegwirft, wird mit Fuessen getreten." + +Silverius und Scaevola tauschten bedeutsame Blicke. + +"Solche Gesinnung," sprach der Jurist, "wird dem Feldherrn des Kaisers +gewiss sehr gefallen, kann aber an dem Beschluss nichts aendern. Du gehst +also nicht mit uns zu Belisar?" + +Cethegus stand auf: "Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch," sagte er +und ging hinaus. + +Als die uebrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scaevola: "Das +giebt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Uebergabe erklaert!" - +"Und er geht selbst in die Hoehle des Loewen." - "Er soll sie nicht mehr +verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?" - "Schon laengst. Ich +fuerchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reissen: und er geht +selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze." - "Amen!" sagte +Silverius. "Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem +heiligen Petrus widerstreitet. Uebermorgen um die vierte Stunde machen wir +uns auf." + +Aber er irrte, der heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht +untergehen. + +Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen +angeschirrt seiner wartete. "Gleich brechen wir auf," rief er dem Sklaven +zu, der auf dem vordersten Rosse sass, "ich hole nur mein Schwert." + +Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. "Heut' +kam der Tag," rief ihm Lucius entgegen, "auf den du uns solang +vertroestet!" - "Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser +Geschick, unsre Treue?" fragte Marcus. - "Geduld!" sprach Cethegus mit +erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach. + +Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken +Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: "Ist das +aeusserste Eisenthor der Moles Hadriani fertig?" fragte er. - "Fertig," +sprach Lucius Licinius. - "Ist das Getreide aus Sicilien in dem Kapitol +geborgen?" - "Geborgen." - "Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am +Kapitol vollendet, wie ich befahl?" - "Vollendet," antwortete Marcus. - +"Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt +verlassen, und erfuellt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein +Leben und das eure -: es gilt Rom! Die Stadt Caesars wird eure Thaten +sehen. Geht: auf Wiedersehen!" + +Und aus seinen Augen spruehte Feuer in die Herzen der jungen Roemer. - "Du +sollst zufrieden sein!" - "Du und Caesar!" riefen sie und eilten hinweg. +Mit einem Laecheln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit +spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. "Heiliger Vater," sagte er zu +sich selbst, "ich bin noch in deiner Schuld fuer die letzte Versammlung in +den Katakomben: ich will sie zahlen! - Die Via latina hinab!" rief er +rasch dem Sklaven zu, "und lass die Rosse jagen, was sie koennen." + +Der Praefekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer +reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl. + +Er hatte in seinem unermuedlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars +Landung in Italien, doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging +jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausfuehrung. + +Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua +traf, deren Fuehrer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen +juengeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten liess. Im Lager +angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern liess sich +sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Caesarea fuehren. + +Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule +gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich maechtig angezogen. +Aber nicht die Waerme der Freundschaft fuehrte den Praefekten vor allem zu +diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer +politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Plaene fuer die +Zukunft. + +Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius. + +Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den +wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekuenstelte Bildung in den +Rhetorenschulen nicht die Faehigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu +fuehlen, unter den Schnoerkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte. +Heller Verstand lag auf der offnen Stirn und in dem noch jugendlich +leuchtenden Auge glaenzte die Freude an allem Guten. + +Nachdem Cethegus Staub und Muehsal der Reise in einem sorgfaeltigen Bad +abgespuelt, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt +fuehrte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der +wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerfuehrer weisend und mit ein +paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte +Vergangenheit erlaeuternd. + +Da waren die Soehne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich +aus rohem Soeldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne +Bildung, mit dem ganzen Eigenduenkel selbstgemachter Maenner: - sie +betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stuetzen und ihn +vollersetzende Nachfolger. + +Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Koenigsgeschlecht der +Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Hass gegen die +persischen Ueberwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und +Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte. + +Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegene Fuehrer der Reiterei, +Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Fuehrer des Fussvolks, Ennes, der +isaurische Haeuptling und Heerfuehrer der Isaurier Belisars, Aigan und +Askan, die Fuehrer der Massageten, Alamundarus und Koenig Abocharabus, die +Saracenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und +Artabanes, die Armenier - der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier +in Neapolis zurueckgelassen werden - Azarethas und Barasmanes, die Perser, +Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius, +karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel +spendend. + +Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen +Staedteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: "Und +wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Huegel, mit den goldnen Sternen und +dem Purpurwimpel? und seine Wachen tragen goldne Schilde?" + +"Dort," sprach Prokop, "wohnt seine unueberwindliche Koestlichkeit, des +roemischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott +erleuchte." + +"Des Kaisers Neffe, nicht?" + +"Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein hoechstes +und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns +zu aergern und dafuer zu sorgen, dass wir nicht so leicht siegen. Er ist +Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg sowenig, wie Belisar von den +Purpurschnecken, und soll Statthalter von Italien werden." + +"So," sprach Cethegus. + +"Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars +haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glueck hat Gott in seiner Allweisheit +jenen Huegel zur Loesung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier +aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber hoeher als Belisarius." +- "Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer +wohnt darin?" - "Dort," seufzte Prokop, "ein sehr unglueckliches Weib: +Antonina, Belisars Gemahlin." - "Sie ungluecklich? die Gefeierte, die +zweite Kaiserin? warum?" - "Davon ist nicht gut reden in offner +Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekuehlt sein." + + + + + Elftes Kapitel. + + +Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern +Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte. + +"Das ist ein afrikanisches Beutestueck aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es +aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des +Perserkoenigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara." + +"Du bist mir ein praktischer Gelehrter!" laechelte Cethegus. "Wie bist du +so anders geworden seit den Tagen von Athen." + +"Das will ich hoffen!" sprach Prokop und zerschnitt selbst - er hatte die +aufwartenden Sklaven entfernt - die dampfende Hirschkeule vor ihm. "Du +musst wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser +werden. Drei Jahre hoerte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker +zu Athen, - und studirte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der +Philosophie. Nach loeblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts musste auch +die Theologie beigezogen werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darueber +nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen +jungfraeulichen Mutter Vater, also sein eigner Grossvater sei. Nun, ueber +all' diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender +Verstand abhanden zu kommen. + +Zum Glueck ward ich sterbenskrank und die Aerzte verboten mir Athen und alle +Buecher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen +Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich. + +Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von +der Hellenen Thaten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit +Staunen, dass der Menschen Thun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre +Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwuerdiger +seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik - von der +christlichen Logik vollends zu schweigen! + +Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Strassen schlenderte, kam +ploetzlich ueber mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte ueber +einen grossen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und +war erbaut auf den Truemmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand +ein zerfallner Altar der Isis und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden. + +Da ergriff mich ploetzlich der Gedanke: "Die alle glaubten und glauben nun +steif und fest, sie allein wuessten das Rechte von dem hoechsten Wesen. + +Und das ist doch unmoeglich: das hoechste Wesen hat, wie es scheint, gar +kein Beduerfnis, von uns erkannt zu werden - ich haette es auch nicht, an +seiner Statt! - und es hat die Menschen geschaffen, dass sie leben, tuechtig +handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln, +Geniessen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankoemmt. Und +wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und +Treiben erforschen." + +Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glaenzender +Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem +Rotscheck, schoen und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten +und die Fahnen flogen und die Roesslein sprangen. Und ich dachte mir: "Die +wissen, warum sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen." + +Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein +Buerger von Ephesos auf die Schulter und sprach: "Ihr scheint nicht zu +wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius, +der zieht in den Perserkrieg." - "Gut," sagte ich, "Freund! Und ich ziehe +mit!" Und so geschah's zur selben Stunde. + +Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und +Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage +mach' ich Weltgeschichte oder helfe sie machen: und bei Nacht schreibe ich +Weltgeschichte." - "Und welches ist deine bessere Arbeit?" - "Freund, +leider das Schreiben! Und das Schreiben waere noch besser, wenn die +Geschichte besser waere. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit +dem was wir thun: und thu's nur mit, weil's doch besser ist, als gar +nichts thun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!" rief er zur +Zeltthuer hinaus. + +"Den Tacitus?" + +"Ja Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du musst wissen: +ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. - Zum +Beispiel dieses laermende Stueck Weltgeschichte, das wir hier auffuehren, +dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht, +erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen." + +"Narses! was treibt mein kluger Freund?" + +"Er beneidet Belisar und laesst sich's selbst nicht merken. Ausserdem macht +er Kriegs- und Schlachtenplaene. Ich wette, er hatte Italien schon erobert +ehe wir landeten." + +"Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du +Belisar vor?" + +"Das will ich dir sagen," sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. "Mein +Unglueck ist, dass ich nicht Geschichtschreiber Alexanders oder Scipios +geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie - und +Theologie! - genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit +Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindelduerren Kaiser und Bischoefe +und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erkluegeln; wir sind ein +verkrueppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur +Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er +koennte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand; +aber nur den Naturverstand des edeln, wilden Tieres zu seinem Beutefang, +zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft! + +Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden +Augen und den maechtigen Schenkeln, mit denen er die staerksten Hengste +zwingt. Und mich freut's, wenn ihm manchmal die blinde Lust, +dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnplaene braust. Mich freut's, +wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und +kaempfen, wie ein schaeumender Eber haut. + +Freilich, sagen darf ich's ihm nicht, dass mir das gefaellt; denn sonst +waer's nicht auszuhalten: in drei Tagen waer' er in Stuecke gehauen. Im +Gegenteil; ich halte ihn zurueck: ich bin sein Verstand, wie er mich nennt. +Und er laesst sich meine Verstaendigkeit gefallen, weil er weiss, dass sie +nicht Feigheit ist. Hab' ich ihn doch mehr als einmal mit meiner +Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen muessen, in die ihn der Trotz +seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von +Horn und Tuba." + +"Welche von beiden blaesest du, o mein Prokopius?" + +"Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!" + +"Aber was war's mit Horn und Trompete?" + +"Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mussten, weil +es die Strasse beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere +heroischen Koepfe uebel daran zerstossen: und mein zorniger Herr schwor "bei +dem Schlummer Justinians" -, das ist naemlich sein hoechstes Heiligtum - er +werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rueckzug blasen lassen. Nun wurden +aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung ueberfallen: wir, im +hochgelegnen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen, +nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fusse des Berges. Ich riet nun, +dass wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rueckzug geben lassen +sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen. + +Aber da kam ich uebel an! + +Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, dass man an einem +darauf geleisteten Schwur nicht makeln duerfe! Und so mussten sich denn +unsre armen Burschen von den Persern unversehens ueberrumpeln lassen! Bis +ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er +solle, um die Unsern zum Rueckzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem +Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen. + +Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius. + +Und wenn wir nun lustig die Hoerner zum Angriff schmettern liessen, liefen +unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Todlachen, +jene mutigen Klaenge so schnoede wirken zu sehen! Aber es half: Justinians +Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwaecht, unsre Vorposten wurden +nicht mehr abgeschlachtet und das Felsnest fiel endlich. Also schelt' ich +ihn immer spottend aus fuer seine Heroenthaten. Aber im stillen erwaerme und +erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!" + +"Nun," meinte Cethegus, "bei den Goten findest du gar manchen solchen +Schlagetot." + +Prokop nickte bedaechtig: "Kann auch nicht leugnen, dass ich grosses +Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm." + +"Wie? Warum?" + +"Dumm sind sie, dass sie, anstatt huebsch langsam, Schritt fuer Schritt, im +Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Bruedern, sich gegen uns vorzuschieben +- sie waeren unaufhaltsam! - in dieses Italien sich ohne allen Verstand +vereinzelt hereingedraengt haben, wie ein Stueck Holz mitten in einen +glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du +wirst es sehen." - "Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?" fragte Cethegus +ruhig. + +"Ja," antwortete Prokop verdriesslich, "was dann! Das ist das Aergerliche! +Dann wird Belisar Statthalter von Italien - denn mit dem Schneckenprinzen +dauert es kein Jahr - und er verliegt hier seine schoenste Kraft, waehrend +es Arbeit vollauf gaebe bei den Persern. Und ich werde dann als sein +Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schlaeuche Wein wir +jaehrlich vertilgen." + +"Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben +aus Italien?" + +"Freilich! Im Perserland bluehn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne +schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen." + +Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen fuer +seinen Plan gefunden zu haben. "Und so beherrscht also sein Verstand +Prokopius den Loewen Belisar," sagte er laut. - "Nein!" seufzte Prokop, +"vielmehr sein Unverstand, sein Weib." - "Antonina! Sage, weshalb nanntest +du sie ungluecklich." + +"Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven, +treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner +Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schoene +Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur +Tugend. Die Cirkusdirne hat gewiss noch nie einen Stachel des Gewissens +empfunden. Aber ich glaube, sie ertraegt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer +naechsten Naehe zu haben, das sie verachten muesste. Sie ruhte nicht, bis es +ihr gelungen, durch ihr hoellisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu +wecken. Gewissensqual empfindet diese ueber ihr Spiel mit ihren Verehrern: +denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an." + +"Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genuegen?" - + +"Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner +Liebe. Sie konnt' es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen, +Blumen, Geschenken sich erschoepfen zu sehen und selbst solcher Huldigung +zu entbehren. Eitelkeit ward ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht +wohl bei all dem Getaendel." + +"Und ahnt Belisar?" - + +"Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen roemischen Kaiserreich, der +es nicht weiss, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es waere sein Tod. +Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von +Italien werden. Im Lager, im Getuemmel des Krieges, da fehlen dem +gefallsuechtigen Weib die Schmeichler und auch die Musse, sie zu hoeren. +Denn, gleichsam zur freiwilligen Busse fuer jene suessen Verbrechen der +heimlichen Gedichte und Blumen - groeberer Schuld ist sie gewiss nicht faehig +- ueberbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars +Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des +Meeres, der Wueste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und +Nacht, wann sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schoenen Augen liest! - +Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu +Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager thut sie gut, da wo auch seine Groesse +allein gedeiht." + +"Nun," sprach Cethegus, "weiss ich genug, wie die Dinge hier stehen. Lass +mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien +wieder fort haben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du +weisst, ich war von jeher Republikaner ...." - - - + +Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an: +"Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren. +Aber dass du's noch bist - find' ich - sehr - sehr - unhistorisch. Aus +diesem italischen Gesindel, unsern hoechst liebwerten Bundesgenossen gegen +die Goten, willst du Buerger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr +gut als zur Tyrannis!" + +"Ich will darueber nicht streiten!" laechelte Cethegus. "Aber vor _eurer_ +Tyrannis moecht ich mein Vaterland bewahren." + +"Kann dir's nicht verdenken!" laechelte Prokop, "die Segnungen unsrer +Herrschaft sind - erdrueckend!" + +"Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genuegt zunaechst." + +"Jawohl, und dieser wuerde Cethegus heissen!" + +"Wenn's sein muss, - auch das!" + +"Hoere," sprach Prokop ernsthaft, "ich warne dich dabei nur vor einem. Die +Luft von Rom heckt stolze Plaene aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht +gern der zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts +mehr mit der Weltherrschaft Roms." + +Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung Koenig Theoderichs. +"Historikus von Byzanz, meine roemischen Dinge kenne ich besser als du. Lass +dich jetzt einweihen in unsre roemischen Geheimnisse; dann verschaffe mir +morgen frueh, eh' die Gesandtschaft von Rom anlangt, ein Gespraech mit +Belisar und - sei eines grossen Erfolges gewiss." Und nun begann er dem +staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der +juengsten Vergangenheit und seine Plaene der Zukunft zu entwerfen, sein +letztes Ziel wohlweislich verhuellend. + +"Bei den Manen des Romulus!" rief Prokop, als er geendet hatte. "Ihr macht +noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe +hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf lass +uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!" + +Frueh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit +Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurueckkam. + +"Nun, hast du ihm alles gesagt?" fragte der Historiker. + +"Nicht eben alles!" sprach Cethegus mit feinem Laecheln: "man muss immer +noch etwas zu sagen uebrig behalten." + + + + + Zwoelftes Kapitel. + + +Bald darauf ward das Lager von seltsamer Aufregung erfuellt. + +Das Geruecht von der Ankunft des heiligen Vaters, das seiner reich +vergoldeten Saenfte voranflog, riss die Tausende von Soldaten mit Kraeften +der Andacht, der Ehrfurcht, des Aberglaubens, der Neugier aus ihren +Zelten, von Schlaf und Schmaus und Spiel hinweg, ihm entgegen. Kaum, dass +die Anfuehrer die Mannschaft im Dienst und auf den Wachen zurueckhalten +konnten; meilenweit waren ihm die Glaeubigen entgegengeeilt und geleiteten +jetzt, mit Haufen des Landvolks der Umgegend gemischt, seinen Zug ins +Lager. Laengst hatten sich Bauern und Soldaten an der Eselinnen Statt, die +seine Saenfte trugen, eingespannt: - vergebens hatte sich die +Bescheidenheit des Papstes dagegen gestraeubt - und unter unaufhoerlichem +Jubelruf: "Heil dem Bischof von Rom, Heil dem heiligen Petrus!" waelzte +sich der Strom der Tausende heran, ueber die Silverius unermuedlich Segen +sprach. Seiner beiden Mitgesandten, Scaevola und Albinus, dachte kein +Mensch. + +Belisar sah von seinem Zelthuegel aus mit ernsten Augen das maechtige +Schauspiel. "Der Praefekt hat Recht!" sprach er dann: "dieser Priester ist +gefaehrlicher als die Goten. Es ist ein Triumphzug! Prokop, lass die +byzantinische Leibwache an meinem Zelt abloesen, sowie die Unterredung +beginnt: sie sind allzugute Christen. Lass die Hunnen aufziehn und die +heidnischen Gepiden." + +Damit schritt er in sein Zelt zurueck, wo er alsbald, von seinen +Heerfuehrern umgeben, die roemische Gesandtschaft empfing. Den Prinzen +Areobindos hatte Prokop von der Notwendigkeit einer Rekognoscierung +ueberzeugt, die nur heute und nur von ihm vorgenommen werden konnte. + +Umwogt von einem glaenzenden geistlichen Gefolge nahte der Papst dem +Feldherrnzelt. Grosse Massen Volkes draengten nach, aber sowie der Papst mit +Scaevola und Albinus die Muendung der engen Lagergasse hinter sich hatten, +sperrten die Wachen mit gefaellten Lanzen den Weg und liessen weder Priester +noch Soldaten folgen. + +Laechelnd wandte sich Silverius zu dem Fuehrer der Schar und hielt ihm eine +schoene Rede ueber den Text: "lasset die Kleinen zu mir kommen und wehret +ihnen nicht." Aber der Germane schuettelte den zottigen Kopf und wandte ihm +den Ruecken: der Gepide verstand kein Latein, ausser dem Kommando. + +Da laechelte Silverius wieder, segnete nochmals seine Getreuen und schritt +dann ruhig weiter in das Zelt. Belisar sass auf einem Feldsessel: darueber +war eine Loewenhaut gebreitet: ihm zur Linken thronte die schoene Antonina +auf einem Pardelfell. Ihre wunde Seele hatte in dem Nachfolger des +heiligen Petrus einen Arzt und Helfer zu finden gehofft. Aber bei dem +Anblick der weltklugen Zuege des Silverius zog sich ihr Herz zusammen. + +Belisar erhob sich beim Eintritt des Papstes. + +Dieser schritt, ohne sich zu neigen, gerade auf ihn zu und legte ihm - er +musste sich muehsam dazu aufrichten - wie segnend beide Haende auf die +Schultern. Er wollte ihn leise niederdruecken auf die Kniee: - aber +eichenfest blieb der Feldherr aufrecht stehen: und Silverius musste dem +Stehenden den Segen erteilen. + +"Ihr kommt als Gesandte der Roemer?" begann Belisar. + +"Ich komme," unterbrach Silverius, "im Namen des heiligen Petrus, als +Bischof von Rom dir und dem Kaiser Justinian meine Stadt zu uebergeben. +Diese guten Leute," fuhr er fort, auf Scaevola und Albinus weisend, "haben +sich mir angeschlossen wie die Glieder dem Haupt." Unwillig wollte Scaevola +einfallen, - so hatte er seinen Bund mit der Kirche nicht verstanden! - +aber Belisar winkte ihm, zu schweigen. + +"Und so heisse ich dich willkommen in Italien und Rom im Namen des Herrn. +Ziehe ein in die Mauern der ewigen Stadt zum Schirme der Kirche und der +Glaeubigen wider die Ketzer! Erhoehe dort den Namen des Herrn und das Kreuz +Jesu Christi und vergiss nie, dass es die heilige Kirche war, die dir die +Wege gebahnt und die Pfade gebaut. Ich bin es gewesen, den Gott zum +Werkzeug gewaehlt, die Goten in thoerichte Sicherheit zu wiegen und blinden +Auges aus der Stadt zu fuehren: ich bin es gewesen, der die schwankende +Stadt, die Buerger fuer dich gewonnen und die Anschlaege deiner Feinde +vernichtet hat. Der heilige Petrus ist es, der dir mit meiner Hand die +Schluessel seiner Stadt ueberreicht, auf dass du sie ihm beschirmest und +beschuetzest. Vergiss niemals dieser Worte." Und er reichte ihm die +Schluessel des asinarischen Thores. + +"Ich werde sie nie vergessen!" sprach Belisar und winkte Prokop, der den +Schluessel aus der Hand des Papstes nahm. "Du sprachst von Anschlaegen +meiner Feinde. Hat der Kaiser Feinde in Rom?" + +Da sprach Silverius mit Seufzen: "Lass ab, Feldherr, zu fragen. + +Ihre Netze sind zerrissen: sie sind unschaedlich und der Kirche steht nicht +an, zu verklagen, sondern zu entschuldigen und alles zum besten zu +kehren." + +"Es ist deine Pflicht, heiliger Vater, dem rechtglaeubigen Kaiser die +Verraeter zu entdecken, die unter seinen roemischen Unterthanen sich bergen +und ich fordre dich auf, seinen Feind zu entlarven." + +Silverius seufzte: "die Kirche duerstet nicht nach Blut." - "Aber sie darf +den Arm der weltlichen Gerechtigkeit nicht hemmen," sprach Scaevola. Und +der Jurist trat vor und ueberreichte Belisar eine Papyrusrolle. "Ich hebe +Klage gegen Cornelius Cethegus Caesarius, den Praefekten von Rom, wegen +Majestaetsbeleidigung und Empoerung gegen Kaiser Justinian. Diese Schrift +enthaelt die Klagepunkte und die Beweise. Er hat des Kaisers Regierung eine +Tyrannei gescholten. Er hat sich der Landung kaiserlicher Heere nach +Kraeften widersetzt. Er hat endlich noch vor wenig Tagen, er allein, dafuer +gestimmt, die Thore Roms dir nicht zu oeffnen." + +"Und welche Strafe beantragt ihr?" fragte Belisar, in die Schrift +blickend. + +"Nach dem Gesetz den Tod," sprach Scaevola. - "Und seine Gueter verfallen +nach dem Gesetz," sprach Albinus, "halb dem Fiskus, halb den Klaegern." - +"Und seine Seele der Barmherzigkeit Gottes," schloss der Bischof von Rom. + +"Wo ist der Angeklagte?" fragte Belisar. + +"Er verhiess, dich aufzusuchen; aber ich fuerchte, sein boeses Gewissen wird +ihn nicht haben kommen lassen." + +"Du irrst, Bischof von Rom," sprach Belisar, "er ist schon hier." + +Bei diesem Wort fiel der Vorhang im Hintergrund des Zeltes und vor den +erstaunten Anklaegern stand Cethegus der Praefekt. Ueberrascht fuhren die +Anklaeger auf; schweigend, mit vernichtendem Blick, trat Cethegus einige +Schritte vor, bis er zur Rechten Belisars stand. + +"Cethegus hat mich frueher aufgesucht als du," fuhr der Feldherr nach einer +Pause fort: "und er ist dir zuvorgekommen - auch im Anklagen. Du stehst +als schwer Beschuldigter vor mir, Silverius. Verteidige dich, ehe du +verklagst." + +"Ich als Beschuldigter?" laechelte der Papst. "Wo waere ein Klaeger oder ein +Richter fuer den Nachfolger des heiligen Petrus?" + +"Der Richter bin ich: an deines Herrn, des Kaisers Statt." + +"Und der Klaeger?" fragte Silverius. + +Cethegus wandte sich halb gegen Belisar und sprach: "Der Klaeger bin ich! +Ich habe Silverius, den Bischof von Rom, des Verbrechens der verletzten +Majestaet des Kaisers und des Hochverrats am roemischen Reich geziehen. Ich +beweise sofort meine Klage. Silverius hat die Absicht, die Herrschaft der +Stadt Rom und einen grossen Teil Italiens dem Kaiser Justinian zu entreissen +und - laecherlich zu sagen! - ein Priesterreich zu gruenden in dem +Vaterlande der Caesaren. Und schon hat er den naechsten Versuch gethan zur +Ausfuehrung dieses - soll ich sagen: seines Wahnsinns oder seines +Verbrechens? Hier ueberreiche ich einen Vertrag, - hier steht die +Unterschrift seiner Hand - den er mit Theodahad, dem letzten Fuersten der +Barbaren, geschlossen. Der Koenig verkauft darin fuer ewige Zeiten fuer die +Summe von tausend Pfund Gold an den heiligen Petrus und seine Nachfolger, +fuer den Fall, dass Silverius Bischof von Rom werde, die Herrschaft der +Stadt und das Weichbild von Rom und dreissig Meilen in der Runde. Es sind +aufgezaehlt alle Hoheitsrechte: Gerichtsbarkeit, Gesetzgebung, Verwaltung, +Steuern, Zoelle und selbst Kriegsgewalt. Dieser Vertrag ist nach seinem +Datum drei Monate alt. Also im selben Augenblick, da der fromme +Archidiakon, hinter Theodahads Ruecken, die Waffen des Kaisers herbeirief, +schloss er, hinter des Kaisers Ruecken, einen Vertrag, der diesem die +Fruechte seiner Anstrengung rauben und den Papst fuer alle Faelle sichern +sollte. Ich ueberlasse es dem Stellvertreter des Kaisers, wie solche +Klugheit zu wuerdigen sei. Fuer die Erwaehlten des Herrn gilt als besondre +Klugheit der Schlangen Moral: - unter uns Laien ist solches Thun ..." - + +"Der schaendlichste Verrat!" fiel Belisar donnernd ein, sprang auf und nahm +die Urkunde aus des Praefekten Hand. - "Hier sieh, Priester, deinen Namen: +kannst du noch leugnen?" + +Der Eindruck dieser Anklage, dieses Beweises auf alle Anwesenden war ein +gewaltiger. Staunen und Unwillen, gemischt mit Spannung auf des Papstes +Verteidigung, lag auf den Zuegen aller Gesichter; am meisten aber war +Scaevola, der kurzsichtige Republikaner, ueberrascht von diesen +Herrscherplaenen seines gefaehrlichen Verbuendeten. Er hoffte, Silverius +werde die Verleumdung siegreich niederschlagen. + +Die Lage des Papstes war in der That hoechst gefaehrlich, die Anklage schien +unwiderleglich und das zornlohende Antlitz Belisars haette manch' tapfres +Herz erschreckt. Aber Silverius zeigte in diesem Augenblick, dass er kein +unebenbuertiger Gegner des Praefekten und des Helden von Byzanz war. Nicht +eine Sekunde hatte er die Fassung verloren: nur als Cethegus die Urkunde +aus dem Gewand hervorzog, hatte er einen Moment die Augen +niedergeschlagen, wie aus Schmerz. Aber dem donnernden Ruf wie den +blitzenden Augen Belisars hielt er ein unerschuetterlich ruhiges Angesicht +entgegen. Er fuehlte, dass er in dieser Stunde den Gedanken seines Lebens +verfechten musste: dies gab ihm kuehne Kraft, keine Wimper zuckte ihm. + +"Wie lange wirst du noch schweigen?" fuhr ihn Belisar an. + +"Bis du faehig und wuerdig bist, mich zu hoeren. Du bist besessen von +Urchitophel, dem Daemon des Zornes." + +"Sprich! Verteidige dich!" sagte Belisar, sich setzend. + +"Die Klage dieses gottlosen Mannes," hob Silverius an, "bringt nur ein +Recht der heiligen Kirche noch frueher ans Licht, als sie es in dieser +unruhigen Zeit geltend machen wollte. Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag +mit dem Barbarenkoenig geschlossen." + +Eine Bewegung der Entruestung ging durch die Reihen der Byzantiner. + +"Nicht aus weltlicher Herrschsucht, nicht, um neues Recht zu erwerben, +habe ich mit dem Koenig der Goten, als dem damaligen Besitzer der Stadt, +verhandelt. Nein! die Heiligen sind mir Zeugen! Nur weil es meine Pflicht, +ein uraltes Recht des heiligen Petrus nicht fallen zu lassen." + +"Ein uraltes Recht?" fragte Belisar unwillig. + +"Ein uraltes Recht!" wiederholte Silverius, "das geltend zu machen die +Kirche nur bisher unterlassen hat. Ihre Feinde noetigen sie, in diesem +Augenblick damit hervorzutreten. Wisset denn, du Vertreter des Kaisers, +hoeret es, ihr Kriegsobersten und Schwertgewaltigen, was sich die Kirche +von Theodahad hat einraeumen lassen, ist schon seit zwei Jahrhunderten ihr +Eigentum: der Gote hat es nur bestaetigt. + +An demselben Ort, wo des Praefekten tempelschaenderische Hand diese +Bestaetigung entwendet, haette er auch die Urkunde finden koennen, die +urspruenglich unser Recht begruendet hat. Der fromme Kaiser Constantinus, +der sich zuerst von den Vorgaengern Justinians der Lehre des Heils +zugewandt, hat auf Bitten seiner gottseligen Mutter Helena, nachdem er +alle seine Feinde mit sichtbarer Hilfe der Heiligen, besonders des +heiligen Petrus, unter seine Fuesse getreten, zur dankbaren Anerkenntnis +solchen Beistandes und um vor aller Welt zu bezeugen, dass Krone und +Schwert sich vor dem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit +ihrem Weichbild und die benachbarten Staedte und Marken durch eine +feierliche Schenkungsurkunde fuer ewige Zeiten dem heiligen Petrus zu eigen +uebertragen, mit Gericht und Verwaltung, Steuer und Zoll und allen +Kronrechten irdischer Herrschaft, auf dass die Kirche auch einen weltlichen +Boden habe zur leichteren Vollfuehrung ihrer weltlichen Aufgaben. Diese +Schenkung ist durch eine rechtsgueltige Urkunde in aller Form verbrieft: +der Fluch von Gehenna ist jedem gedroht, der sie anstreitet. Und ich +frage, im Namen des dreieinigen Gottes, den Kaiser Justinian, ob er diese +Rechtshandlung seines Vorgaengers, des in Gott seligen Kaisers +Constantinus, anerkennen oder ob er sie, aus weltlicher Habgier, umstossen +und damit den Fluch der Gehenna und die ewige Verdammnis auf sein Haupt +laden will?" + +Diese Rede des Bischofs von Rom, mit aller Kraft geistlicher Wuerde und +aller Kunst weltlicher Rhetorik vorgetragen, war von unwiderstehlicher +Wirkung. Belisar, Prokop und die Feldherren, die eben noch ueber den +verraeterischen Priester ein zorniges Gericht hatten halten wollen, fuehlten +sich jetzt durch den ploetzlich ihnen entgegengehaltenen Rechtstitel selbst +wie verurteilt. + +Der Kern Italiens schien unwiederbringlich dem Kaiser verloren und der +Herrschaft der Kirche anheimgegeben. Ein banges Schweigen lagerte ueber den +juengst noch so herrischen Byzantinern und triumphierend stand der Priester +als Sieger in ihrer Mitte. Endlich sprach Belisar, der die Aufgabe der +Bekaempfung oder die Schmach der Niederlage von sich abwaelzen wollte: +"Praefekt von Rom, was hast du zu erwidern?" + +Mit einem kaum bemerkbaren Zucken des Spottes um die feinen Lippen +verneigte sich Cethegus und begann: "Der Angeklagte beruft sich auf eine +Urkunde. + +Ich koennte, glaub' ich, ihn in grosse Verlegenheit versetzen, wenn ich ihr +Vorhandensein bestritte, und die sofortige Vorlage der Urschrift von ihm +verlangte. Indessen will ich dem Manne, der sich das Haupt der +Christenheit nennt, nicht wie ein gehaessiger Anwalt begegnen. Ich raeume +ein, die Urkunde existiert." + +Belisar machte eine Bewegung hilflosen Verdrusses. + +"Mehr noch! Ich habe dem heiligen Vater die Muehe der Vorlage derselben, +die ihm sonst sehr schwer fallen duerfte, erspart und die Urkunde selbst +mitgebracht in meiner tempelschaenderischen Hand." Er zog ein vergilbtes +Pergament aus dem Sinus und sah laechelnd bald in dessen Zeilen, bald auf +des Papstes, bald auf Belisars Gesicht, an deren Spannung sich weidend. + +"Ja, noch mehr. Ich habe die Urkunde viele Tage lang mit feindselig +forschenden Augen, mit Zuziehung noch schaerferer Juristen, als ich es +leider nur bin, - so meines jungen Freundes Salvius Julianus, - bis auf +jeden Buchstaben nach ihrer formellen Gueltigkeit geprueft. Vergebens. - +Selbst der Scharfsinn meines verehrten und gelehrten Freundes Scaevola +koennte keinen Mangel herausinterpretieren. Alle Formen des Rechts, alle +Klauseln hoechster unanfechtbarer Sicherheit sind in der Schenkungsakte +haarscharf gewahrt; und in der That: ich haette den Protonotarius des +Kaisers Constantin kennen moegen, er muss ein Jurist ersten Ranges gewesen +sein." Er hielt inne: - hoehnisch ruhte sein Auge auf dem Antlitz des +Silverius, der sich den Schweiss von den Schlaefen wischte. + +"Also," fragte Belisar in hoechster Aufregung: "die Urkunde ist formell +ganz richtig - daher beweiskraeftig?" + +"Jawohl!" seufzte Cethegus, "die Schenkung ist in ganz makelloser Ordnung. +Schade nur, dass ... -" + +"Nun?" unterbrach Belisar. + +"Schade nur, dass sie falsch ist." + +Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar, Antonina sprangen auf, alle +Anwesenden traten einen Schritt naeher zu dem Praefekten. Nur Silverius +wankte einen Schritt zurueck. + +"Falsch?" fragte Belisar mit einem Ruf, der wie ein Jubel klang. "Praefekt, +- Freund, - kannst du das beweisen?" + +"Sonst haette ich mich gehuetet es zu behaupten. Das Pergament, auf das die +Schenkung geschrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters: Brueche, +Wurmstiche, Flecken jeder Art, - alles, was man von Ehrwuerdigkeit +verlangen kann, - so dass es manchmal sogar schwierig ist, die Buchstaben +zu erkennen. Gleichwohl stellt sich die Urkunde nur so alt; mit so grossem +Aufwand von Kunst, als manche Frauen sich den Schein der Jugend geben, +luegt sie die Heiligkeit des Alters. Es ist echtes Pergament aus der alten, +von Constantin begruendeten, noch heute bestehenden kaiserlichen +Pergamentfabrik zu Byzanz." + +"Zur Sache," rief Belisar. + +"Aber es ist wohl nicht jedem bekannt, - und es scheint auch leider dem +heiligen Bischof entgangen zu sein! - dass bei diesen Pergamenten ganz +unten - links, am Rande - durch Stempelschlag das Jahr der Fertigung durch +Angabe der Jahreskonsuln in allerdings kaum wahrnehmbaren Buchstaben +bezeichnet wird. Nun gieb wohl acht, o Feldherr! + +Die Urkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein im sechzehnten +Jahre von Constantins Regierung, im gleichen Jahre, da er die Heidentempel +schliessen liess, wie das fromme Pergament besagt, ein Jahr nach der +Erhebung von Constantinopolis zur Hauptstadt, und nennt richtig die +richtigen Konsuln dieses Jahres, Dalmatius und Xenophilos. + +Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunder zu erklaeren, - aber hier hat +Gott der Herr ein Wunder _gegen_ seine Kirche gethan! - dass man in jenem +Jahre, also im Jahre dreihundertfuenfunddreissig nach der Geburt des Herrn, +schon ganz genau wusste, wer im Jahr nach dem Tode des Kaisers Justinus und +des Koenigs Theoderich Konsul sein wuerde; denn seht, hier unten am Rande +der Stempel besagt: der Schreiber hatte ihn nicht beachtet - er ist auch +wirklich sehr schwer wahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegen das +Licht haelt - so etwa, siehst du, Belisar? - und er hatte blindlings drei +Kreuze darauf gemalt; ich aber habe diese Kreuze mit meiner - wie hiess es +doch? - "tempelschaenderischen", aber geschickten Hand weggewischt und +siehe, da steht eingestempelt: + +"VI. Indiktion: Justinianus Augustus, allein Konsul im ersten Jahre seiner +Herrschaft." + +Silverius wankte und hielt sich an dem Stuhl, den man fuer ihn bereit +gestellt. + +"Das Pergament der Urkunde, auf welches der Protonotar des Kaisers +Konstantin vor zweihundert Jahren die Schenkung niederschrieb, ist also +erst vor einem Jahre zu Byzanz einem Esel von den Rippen gezogen worden. +Gesteh, o Feldherr, dass hier das Gebiet des Begreiflichen endet, und des +Uebernatuerlichen beginnt, dass hier ein Wunder der Heiligen geschah und +verehre das Walten des Himmels." Er reichte Belisar die Urkunde. + +"Das ist auch ein tuechtig Stueck Weltgeschichte, heilige und profane, was +wir da erleben!" sagte Prokop zu sich selbst. + +"Es ist so, beim Schlummer Justinians!" frohlockte Belisar. "Bischof von +Rom, was hast du zu erwidern?" + +Muehsam hatte sich Silverius gefasst; er sah den Bau seines Lebens vor +seinen Augen in die Erde versinken. Mit halb versagender Stimme antwortete +er: + +"Ich fand die Urkunde im Archiv der Kirche vor wenigen Monden. Ist dem so, +wie ihr sagt, so bin ich getaeuscht, wie ihr." + +"Wir sind aber nicht getaeuscht," laechelte Cethegus. + +"Ich wusste nichts von jenem Stempel, ich schwoere es bei den Wunden +Christi." - "Das glaub ich dir ohne Schwur, heiliger Vater," fiel Cethegus +ein. - "Du wirst einsehn, Priester," sprach Belisar, sich erhebend, "dass +ueber diese Sache die strengste Untersuchung ..." - + +"Ich verlange sie," sprach Silverius, "als mein Recht." + +"Es soll dir werden, zweifle nicht! Aber nicht ich darf es wagen, hier zu +richten: nur die Weisheit des Kaisers selbst kann hier das Recht finden. +Vulkaris, mein getreuer Heruler, dir uebergeb ich die Person des Bischofs. +Du wirst ihn sogleich auf ein Schiff bringen und nach Byzanz fuehren." + +"Ich lege Verwahrung ein," sprach Silverius. "Ueber mich kann niemand +richten auf Erden als ein Konzil der ganzen rechtglaeubigen Kirche. Ich +verlange, nach Rom zurueckzukehren." + +"Rom siehst du niemals wieder! Und ueber deine Rechtsverwahrung wird der +Kaiser Justinian, der Kaiser des Rechts, mit Tribonian entscheiden. Aber +auch deine Genossen, Scaevola und Albinus, die falschen Mitanklaeger des +Praefekten, der sich als des Kaisers treusten, kluegsten Freund erwiesen, +sind hoch verdaechtig. Justinian entscheide, wie weit sie unschuldig. Auch +sie fuehrt in Ketten nach Byzanz. Zu Schiff! Dort hinaus, zur Hinterthuer +des Zeltes, nicht durchs Lager. Vulkaris, dieser Priester aber ist des +Kaisers gefaehrlichster Feind. Du buergst fuer ihn mit deinem Kopf." + +"Ich buerge," sprach der riesige Heruler, vortretend und die gepanzerte +Hand auf des Bischofs Schulter legend. "Fort mit dir, Priester! zu Schiff. +Er stirbt, eh' er mir entrissen wird." + +Silverius sah ein, dass weiteres Widerstreben nur seine Wuerde gefaehrdende +Gewalt hervorrufen werde. Er fuegte sich und schritt neben dem Germanen, +der die Hand nicht von seiner Schulter loeste, nach der Thuer im Hintergrund +des Zeltes, die eine der Wachen aufthat. + +Er musste hart an Cethegus vorbei. Er beugte das Haupt und sah ihn nicht +an: aber er hoerte, wie dieser ihm zufluesterte: "Silverius, diese Stunde +vergilt deinen Sieg in den Katakomben. Nun sind wir wett!" + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +Sowie der Bischof das Zelt verlassen, erhob sich Belisar lebhaft von +seinem Sitze, eilte auf den Praefekten zu, umarmte und kuesste ihn: "Nimm +meinen Dank, Cethegus Caesarius! Ich werde dem Kaiser berichten, dass du ihm +heute Rom gerettet hast. Dein Lohn wird nicht ausbleiben." + +Aber Cethegus laechelte: "Meine Thaten belohnen sich selbst." + +Den Helden Belisarius hatte der geistige Kampf dieser Stunde, der rasche +Wechsel von Zorn, Furcht, Spannung und Triumph mehr als ein halber Tag des +Kampfes unter Helm und Schild angestrengt und erschoepft. Er verlangte nach +Erholung und Labung und entliess seine Heerfuehrer, von denen keiner ohne +ein Wort der Anerkennung an den Praefekten das Zelt verliess. Dieser sah +seine Ueberlegenheit von allen, auch von Belisar, anerkannt; es that ihm +wohl, in einer Stunde den schlauen Bischof vernichtet und die stolzen +Byzantiner gedemuetigt zu haben. Aber er wiegte sich nicht muessig in dieser +Siegesfreude. Dieser Geist kannte die Gefaehrlichkeit des Schlafes auf +Lorbeer: Lorbeer betaeubt. + +Er beschloss, sofort den Sieg zu verfolgen, die geistige Uebergewalt, die er +in diesem Augenblick ueber den Helden von Byzanz unverkennbar besass, jetzt, +unter ihrem ersten frischen Eindruck, mit aller Kraft zu benutzen und den +lang vorbereiteten Hauptstreich zu fuehren. Waehrend er mit solchen Gedanken +dem Zug der Heerfuehrer nachsah, die sich aus dem Zelt entfernten, bemerkte +er nicht, dass zwei Augen mit eigentuemlichem Ausdruck auf ihm ruhten. Es +waren Antoninas Augen. Die Vorgaenge, deren Zeugin sie gewesen, hatten +einen seltsam gemischten Eindruck auf sie gemacht. Zum erstenmal hatte sie +den Abgott ihrer Bewunderung, ihren Gatten, ohne alle eigne Kraft sich zu +helfen und zu wehren, in den Schlingen eines andern, des klugen Priesters, +liegen und nur durch die ueberlegne Kraft dieses daemonischen Roemers +gerettet gesehen. Anfangs hatte ihr in dem Gatten verletzter Stolz diese +Demuetigung mit schmerzlichem Hass gegen den Uebermaechtigen empfunden. + +Aber dieser Hass hielt nicht vor und unwillkuerlich trat, wie immer +gewaltiger sich die Macht seiner Ueberlegenheit entfaltete, Bewunderung an +des Verdrusses Stelle und erschreckte Unterordnung; sie empfand nur noch +das Eine: ihren Belisar hatte die Kirche und Cethegus hatte ihren Belisar +und die Kirche verdunkelt. Und daran knuepfte sich unzertrennlich der +aengstliche Wunsch, diesen Mann nie zum Feind, immer zum Verbuendeten ihres +Gatten zu haben. Kurz, Cethegus hatte an dem Weibe Belisars eine geistige +Eroberung von groesster Wichtigkeit gemacht: und er sollte es, noch dazu, +sofort merken. + +Mit gesenkten Augen trat das schoene, sonst so sichre Weib auf ihn zu; er +sah auf: da erroetete sie ueber und ueber und reichte ihm eine zitternde +Hand. "Praefekt von Rom," sagte sie, "Antonina dankt dir. Du hast dir ein +grosses Verdienst erworben um Belisarius und den Kaiser. Wir wollen gute +Freundschaft halten." + +Mit Staunen sah Prokop, der im Zelt zurueckgeblieben, diesen Vorgang: "Mein +Odysseus ueberzaubert die Zauberin Circe," dachte er. + +Cethegus aber erkannte im Augenblick, wie sich diese Seele vor ihm beugte +und welche Gewalt er dadurch ueber Belisar gewonnen. "Schoene Magistra +Militum," sagte er, sich hoch aufrichtend, "deine Freundschaft ist der +reichste Lorbeer meines Sieges. Ich stelle sie sogleich auf die Probe. Ich +bitte dich und Prokop, meine Zeugen, meine Verbuendeten zu sein in der +Unterredung, die ich jetzt mit Belisar zu fuehren habe." + +"Jetzt?" sagte Belisar ungeduldig. "Kommt, lasst uns erst zu Tische und im +Caekuber den Sturz des Priesters feiern." Und er schritt zur Thuere. + +Aber Cethegus blieb ruhig stehen in der Mitte des Zeltes, und Antonina und +Prokop lagen so ganz unter dem Bann seines Einflusses, dass sie nicht ihrem +Herrn zu folgen wagten. Ja, Belisar selbst wandte sich und fragte: "Muss es +denn jetzt gerade sein?" + +"Es muss," sagte Cethegus und er fuehrte Antonina an der Hand nach ihrem +Sitz zurueck. + +Da schritt auch Belisar wieder zurueck. "Nun so sprich," sagte er, "aber +kurz." + +"So kurz als moeglich. Ich habe immer gefunden, dass gegenueber grossen +Freunden oder grossen Feinden Aufrichtigkeit das staerkste Band oder die +beste Waffe. Danach werd' ich in dieser Stunde handeln. Wenn ich sagte: +mein Thun lohnt sich selbst, so wollt' ich damit ausdruecken, dass ich dem +falschen Priester die Herrschaft ueber Rom nicht eben um des Kaisers Willen +entrissen." + +Belisar horchte hoch auf. Prokop, erschrocken ueber diese allzukuehne +Offenheit seines Freundes, machte ihm ein abmahnendes Zeichen. + +Antoninas rasches Auge hatte das bemerkt und stutzte, misstrauisch ueber das +Einverstaendnis der beiden. Cethegus entging dies nicht. "Nein, Prokop," +sagte er zu Belisars Erstaunen: "unsre Freunde hier wuerden doch allzubald +erkennen, dass Cethegus nicht der Mann ist, seinen Ehrgeiz in einem Laecheln +Justinians befriedigt zu finden. Ich habe Rom nicht fuer den Kaiser +gerettet." + +"Fuer wen sonst?" fragte Belisar ernst. + +"Zunaechst fuer Rom. Ich bin ein Roemer. Ich liebe mein ewiges Rom. Es sollte +nicht dem Priester dienstbar werden. Aber auch nicht die Sklavin des +Kaisers. Ich bin Republikaner," sprach er, das Haupt trotzig aufwerfend. + +Ueber Belisars Antlitz flog ein Laecheln: der Praefekt schien ihm nicht mehr +so bedeutend. Prokop sagte achselzuckend: "Unbegreiflich." Aber Antoninen +gefiel dieser Freimut. + +"Zwar sah ich ein, dass wir nur mit dem Schwerte Belisars die Barbaren +niederschlagen koennen. Leider auch, dass unsere Zeit nicht ganz reif ist, +mein Traumbild republikanischer Freiheit zu verwirklichen. Die Roemer +muessen erst wieder zu Catonen werden, dies Geschlecht muss aussterben und +ich erkenne, dass Rom einstweilen nur unter dem Schilde Justinians Schutz +findet gegen die Barbaren. Drum wollen wir uns diesem Schilde beugen - +einstweilen." + +"Nicht uebel!" dachte Prokop, "der Kaiser soll sie solang schuetzen, bis sie +stark genug sind, ihn zum Dank davonzujagen." + +"Das sind Traeume, mein Praefekt," sagte Belisar mitleidig, "was haben sie +fuer praktische Folgen?" + +"Die, dass Rom nicht mit gebundenen Haenden, ohne Bedingung, der Willkuer des +Kaisers ueberliefert werden soll. Justinian hat nicht nur Belisar zum +Diener. Denke, wenn der herzlose Narses dein Nachfolger wuerde!" - Die +Stirn des Helden faltete sich. - "Deshalb will ich dir die Bedingungen +nennen, unter denen die Stadt Caesars dich und dein Heer in ihre Mauern +aufnehmen wird." + +Aber das war Belisar zu viel. Zuernend sprang er auf, sein Antlitz gluehte, +sein Auge blitzte. "Praefekt von Rom," rief er mit seiner rollenden +Loewenstimme, "du vergisst dich und deine Stellung. Morgen brech' ich auf +mit meinem Heer von siebzigtausend Mann nach Rom. Wer wird mich hindern, +einzuziehen in die Stadt, ohne Bedingung?" + +"Ich," sagte Cethegus ruhig. "Nein, Belisar, ich rase nicht. Sieh hier, +diesen Plan der Stadt und ihrer Werke. Dein Feldherrnauge wird rascher, +besser als das meine, ihre Staerke erkennen." Er zog ein Pergament hervor +und breitete es auf dem Zelttische aus. + +Belisar warf einen gleichgueltigen Blick darauf, aber sofort rief er: "Der +Plan ist irrig! Prokop, reiche mir unsern Plan aus jener Capsula. - + +Sieh her, diese Graeben sind ja jetzt ausgefuellt, diese Tuerme eingefallen, +hier die Mauer niedergerissen, diese Thore wehrlos. - Dein Plan stellt sie +alle noch in furchtbarer Staerke dar. Er ist veraltet, Praefekt von Rom." + +"Nein, Belisar, der deine ist veraltet: diese Mauern, Graeben, Thore sind +hergestellt." - "Seit wann?" - "Seit Jahresfrist." - "Von wem?" - "Von +mir." Betroffen sah Belisar auf den Plan. + +Antoninas Blick hing aengstlich an den Zuegen ihres Gatten. + +"Praefekt," sagte dieser endlich, "wenn dem so ist, so verstehst du den +Krieg, den Festungskrieg. Aber zum Krieg gehoert ein Heer und deine leeren +Waelle werden mich nicht aufhalten." + +"Du wirst sie nicht leer finden. Du wirst einraeumen, dass mehr als +zwanzigtausend Mann Rom, - naemlich dies _mein_ Rom hier auf dem Plan, - +ueber Jahr und Tag selbst gegen Belisar zu halten vermoegen. Gut: so wisse +denn, dass jene Werke in diesem Augenblick von fuenfunddreissigtausend +Bewaffneten gedeckt sind." + +"Sind die Goten zurueck?" rief Belisar. Prokop trat erstaunt naeher. + +"Nein, jene fuenfunddreissigtausend stehen unter meinem Befehl. Ich habe +seit Jahren die lang verweichlichten Roemer zu den Waffen zurueckgerufen und +unablaessig in den Waffen geuebt. So habe ich zur Zeit dreissig Kohorten, +jede fast zu tausend Mann, schlagfertig." + +Belisar bekaempfte seinen Unmut und zuckte veraechtlich die Achseln. + +"Ich geb' es zu," - fuhr Cethegus fort - "diese Scharen wuerden in offner +Feldschlacht einem Heere Belisars nicht stehen. Aber ich versichre dich: +von diesen Mauern herab werden sie ganz tuechtig fechten. Ausserdem hab' ich +aus meinen Privatmitteln siebentausend auserlesene isaurische und +abasgische Soeldner geworben und allmaehlich in kleinen Abteilungen ohne +Aufsehen nach Ostia, nach Rom und in die Umgegend gebracht. Du zweifelst? +hier sind die Listen der dreissig Kohorten, hier der Vertrag mit den +Isauriern. Du siehst deutlich, wie die Sachen stehen. Entweder du nimmst +meine Bedingung an: - dann sind jene fuenfunddreissigtausend dein, dein ist +Rom, mein Rom, dieses Rom auf dem Plan, von dem du sagtest, es sei von +furchtbarer Staerke, und dein ist Cethegus. Oder du verwirfst meine +Bedingung: dann ist dein ganzer Siegeslauf, dessen Gelingen auf der +Raschheit deiner Bewegung ruht, gehemmt. Du musst Rom belagern, viele Monde +lang. Die Goten haben alle Zeit, sich zu sammeln. Wir selber rufen sie +zurueck: sie ziehen in dreifacher Uebermacht zum Entsatz der Stadt heran, +und nichts errettet dich vom Verderben als ein Wunder." + +"Oder dein Tod in diesem Augenblick, du Teufel," donnerte Belisar, und +riss, seiner nicht mehr maechtig, das Schwert aus der Scheide. "Auf, Prokop, +in des Kaisers Namen! Ergreife den Verraeter! Er stirbt in dieser Stunde!" + +Entsetzt, unschluessig trat Prokop zwischen die beiden, indes Antonina +ihrem Gatten in den Arm fiel und seine rechte Hand zu fassen suchte. + +"Seid ihr mit im Bunde?" schrie der Ergrimmte. "Wachen, Wachen herbei!" + +Aus jeder der beiden Thueren traten zwei Lanzentraeger in das Zelt: aber +noch zuvor hatte sich Belisar von Antonina losgerissen und mit dem linken +Arm den starken Prokop, als waer' er ein Kind, zur Seite geschleudert. Mit +dem Schwert zu furchtbarem Stoss ausholend, stuerzte er auf den Praefekten +los. + +Aber ploetzlich hielt er inne und senkte die Waffe, die schon des Bedrohten +Brust streifte. + +Denn unbeweglich, wie eine Statue, ohne eine Miene zu verziehen, den +kalten Blick durchbohrend auf den Wuetenden gerichtet, war Cethegus stehen +geblieben, ein Laecheln unsaeglicher Verachtung um die Lippen. + +"Was soll der Blick und dieses Lachen?" fragte Belisar innehaltend. + +Prokop winkte leise den Wachen, abzutreten. + +"Mitleid mit deinem Feldherrnruhm, den ein Augenblick des Jaehzorns fuer +immer verderben sollte. Wenn dein Stoss traf, warst du verloren." + +"Ich!" lachte Belisar. "Ich sollte meinen du." + +"Und du mit mir. Glaubst du, ich stecke tolldreist den Kopf in den Rachen +des Loewen? Dass einem Helden deiner Art zu allererst der feine Einfall +kommen werde, dich mit einem guten Schwertstreich herauszuhauen, das +vorauszusehen war nicht schwer. Dagegen hab' ich mich geschuetzt. Wisse: +seit diesem Morgen ist infolge eines versiegelten Auftrages, den ich +zurueckliess, Rom in den Haenden, in der Gewalt meiner blindergebnen Freunde. +Das Grabmal Hadrians, das Kapitol und alle Thore und Tuerme der Umwallung +sind besetzt von meinen Isauriern und Legionaren. Meinen Kriegstribunen, +todesmutigen Juenglingen, hab' ich diesen Befehl hinterlassen fuer den Fall, +dass du ohne mich vor Rom eintriffst." Er reichte Prokop eine Papyrusrolle. + +Dieser las: "An Lucius und Marcus die Licinier Cethegus der Praefekt. Ich +bin gefallen, ein Opfer der Tyrannei der Byzantiner. Raechet mich! Ruft +sofort die Goten zurueck. Ich fordre es bei eurem Eid. Besser die Barbaren +als die Schergen Justinians. Haltet euch bis auf den letzten Mann. +Uebergebt die Stadt eher den Flammen als dem Heer des Tyrannen." + +"Du siehst also," fuhr Cethegus fort, "dass dir mein Tod die Thore Roms +nicht oeffnet, sondern fuer immer sperrt. Du musst die Stadt belagern: oder +mit mir abschliessen." + +Belisar warf einen Blick des Zornes, aber auch der Bewunderung auf den +kuehnen Mann, der ihm mitten unter seinen Tausenden Bedingungen vorschrieb. +Dann steckte er das Schwert ein, warf sich unwillig auf seinen Stuhl und +fragte: "Welches sind deine Bedingungen fuer die Uebergabe?" "Nur zwei. +Erstens giebst du mir Befehl ueber einen kleinen Teil deines Heeres. Ich +darf deinen Byzantinern kein Fremder sein." + +"Zugestanden. Du erhaeltst als Archon zweitausend Mann illyrischen Fussvolks +und eintausend saracenische und maurische Reiter. Genuegt das?" + +"Vollkommen. Zweitens. + +Meine Unabhaengigkeit vom Kaiser und von dir ruht einzig auf der +Beherrschung Roms. Diese darf durch deine Anwesenheit nicht aufhoeren. +Deshalb bleibt das ganze rechte Tiberufer mit dem Grabmal Hadrians, auf +dem linken aber das Kapitol, die Umwallung im Sueden bis zum Thore Sankt +Pauls einschliesslich, bis zum Ende des Krieges in der Hand meiner Isaurier +und Roemer; von dir aber wird der ganze Rest der Stadt auf dem linken +Tiberufer besetzt, von dem flaminischen Thor im Norden bis zum appischen +Thor im Sueden." + +Belisar warf einen Blick auf den Plan. "Nicht uebel gedacht! Von jenen +Punkten aus kannst du mich jeden Augenblick aus der Stadt draengen oder den +Fluss absperren. Das geht nicht an." + +"Dann rueste dich zum Kampf mit den Goten und mit Cethegus zusammen vor den +Mauern Roms." + +Belisar sprang auf. "Geht! lasst mich allein mit Prokop! Cethegus, erwarte +meine Entscheidung." + +"Bis morgen," sagte dieser. "Bei Sonnenaufgang kehr' ich nach Rom zurueck, +mit deinem Heer oder - allein." + + -------------- + +Wenige Tage darauf zog Belisar mit seinem Heer in der ewigen Stadt ein +durch das asinarische Thor. + +Endloser Jubel begruesste den Befreier, Blumenregen ueberschuettete ihn und +seine Gattin, die auf einem zierlichen weissen Zelter an seiner Linken +ritt. Alle Haeuser hatten ihren Festschmuck von Teppichen und Kraenzen +angethan. + +Aber der Gefeierte schien nicht froh: verdrossen senkte er das Haupt und +warf finstre Blicke nach den Waellen und dem Kapitol, von denen, den alten +roemischen Adlern nachgebildet, die Banner der staedtischen Legionare, nicht +die Drachenfahnen von Byzanz, herniederschauten. + +Am asinarischen Thor hatte der junge Lucius Licinius den Vortrapp des +kaiserlichen Heeres zurueckgewiesen: und nicht eher hob sich das wuchtige +Fallgitter, bis neben Belisars Rotscheck, getragen von seinem prachtvollen +Rappen, Cethegus der Praefekt erschienen war. Lucius staunte ueber die +Verwandlung, die mit seinem bewunderten Freunde vorgegangen. Die kalte, +strenge Verschlossenheit war gewichen: er erschien groesser, jugendlicher: +ein leuchtender Glanz des Sieges lag auf seinem Antlitz, seiner Haltung +und seiner Erscheinung. Er trug einen hohen, reichvergoldeten Helm, von +dem der purpurne Rossschweif niederwallte bis auf den Panzer: dieser aber +war ein kostbares Kunstwerk aus Athen und zeigte auf jeder seiner +Rundplatten ein fein gearbeitetes Relief von getriebenem Silber, jedes +einen Sieg der Roemer darstellend. + +Der Siegesausdruck seines leuchtenden Gesichts, seine stolze Haltung und +sein schimmernder Waffenschmuck ueberstrahlte, wie Belisar, den +kaiserlichen Magister Militum selbst, so das glaenzende Gefolge von +Heerfuehrern, das sich, gefuehrt von Johannes und Prokop, hinter den beiden +anschloss. Und dies Ueberstrahlen war so augenfaellig, dass sich, sowie der +Zug einige Strassen durchmessen hatte, der Eindruck auch der Menge +mitteilte und der Ruf "Cethegus!" bald so laut und lauter als der Name +"Belisar" ertoente. + +Das feine Ohr Antoninas fing an, dies zu bemerken: mit Unruhe lauschte sie +bei jeder Stockung des Zugs auf das Rufen und Reden des Volks. Als sie die +Thermen des Titus hinter sich gelassen und bei dem flavischen Amphitheater +die sacra Via erreicht hatten, wurden sie durch das Wogen der Menge zum +Verweilen gezwungen: ein schmaler Triumphbogen war errichtet, den man nur +langsam durchschreiten konnte. + +"Sieg dem Kaiser Justinian und Belisarius, seinem Feldherrn," stand darauf +geschrieben. Waehrend Antonina die Aufschrift las, hoerte sie einen Alten, +der wenig in den Lauf der Dinge eingeweiht schien, an seinen Sohn, einen +der jungen Legionare des Cethegus, Fragen um Auskunft stellen. "Also, mein +Gajus, der Finstre mit dem verdriesslichen Gesicht auf dem Rotscheck ... -" +"Ja, das ist Belisarius, wie ich dir sage," antwortete der Sohn. "So? Nun +- aber der stattliche Held, ihm zur Linken, mit dem triumphierenden Blick, +der auf dem Rappen, das ist gewiss Justinianus selbst, sein Herr, der +Imperator?" - "Beileibe, Vater! der sitzt ruhig in seinem goldnen Gemach +zu Byzanz und schreibt Gesetze. Nein, das ist ja Cethegus, _unser_ +Cethegus, mein Cethegus, der Praefekt, der mir das Schwert geschenkt. Ja, +das ist ein Mann. Licinius, mein Tribun, sagte neulich: wenn der nicht +wollte, Belisar saehe nie ein roemisch Thor von innen." + +Antonina gab ihrem Apfelschimmel einen heftigen Schlag mit dem +Silberstaebchen und sprengte rasch durch den Triumphbogen. + +Cethegus geleitete den Feldherrn und dessen Gattin bis an den Palast der +Pincier, der prachtvoll zu ihrer Aufnahme in stand gesetzt war. Hier +verabschiedete er sich, den byzantinischen Heerfuehrern seinen Beistand zu +leihen, die Truppen teils in den Haeusern der Buerger und den oeffentlichen +Gebaeuden, teils vor den Thoren in Zelten unterzubringen. + +"Wenn du dich von den Muehen - und Ehren! - dieses Tages erholt, +Belisarius, erwarte ich dich und Antonina und deine ersten Heerfuehrer zum +Mahl in meinem Hause." + +Nach einigen Stunden erschienen Marcus Licinius, Piso und Balbus, die +Geladenen abzuholen. Sie begleiteten die Saenften, in denen Antonina und +Belisar getragen wurden, die Heerfuehrer gingen zu Fuss. + +"Wo wohnt der Praefekt?" fragte Belisar beim Einsteigen in die Saenfte. + +"So lang du hier bist: tags im Grabmal Hadrians, und nachts - auf dem +Kapitol." + +Belisar stutzte. Der kleine Zug naeherte sich dem Kapitol. + +Mit Staunen sah der Feldherr alle die Werke und Waelle, die seit mehr denn +zweihundert Jahren in Schutt gelegen waren, zu gewaltiger Staerke wieder +hergestellt. + +Nachdem sie durch einen langen, schmalen und dunkeln Zickzackgang, den +engen Zugang zu der Feste, sich gewunden, gelangten sie an ein gewaltiges +Eisenthor, das fest geschlossen war, wie in Kriegszeit. + +Marcus Licinius rief die Wachen an. + +"Gieb die Losung!" sprach eine Stimme von innen. + +"Caesar und Cethegus!" antwortete der Kriegstribun. Da sprangen die +Thorfluegel auf: ein langes Spalier der roemischen Legionare und der +isaurischen Soeldner ward sichtbar, letztere in Eisen gehuellt bis an die +Augen und mit Doppelaexten bewaffnet. Lucius Licinius stand an der Spitze +der Roemer, mit gezuecktem Schwert in der Hand: Sandil, der isaurische +Haeuptling, an der Spitze seiner Landsleute. Einen Augenblick blieben die +Byzantiner unentschlossen stehen, von dem Eindruck dieser Machtentfaltung +von Granit und Eisen ueberwaeltigt. + +Da wurde es hell in dem matt erleuchteten Raum: man vernahm Musik aus dem +Hintergrund des Ganges: und, von Fackeltraegern und Floetenspielern +begleitet, nahte Cethegus, ohne Ruestung, einen Kranz auf dem Haupt, wie +ihn der Wirt eines Festgelages zu tragen pflegte, im reichen Hausgewand +von Purpurseide. So trat er laechelnd vor und sprach: "Willkommen! und +Floetenspiel und Tubaschall verkuende laut: dass die schoenste Stunde meines +Lebens kam: Belisar, _mein Gast_ im Kapitol." + +Und unter schmetterndem Klang der Trompeten fuehrte er den Schweigenden in +die Burg. + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Waehrend dieser Vorgaenge bei den Roemern und Byzantinern bereiteten sich +auch auf Seite der Goten entscheidende Ereignisse vor. + +In Eilmaerschen waren Herzog Guntharis und Graf Arahad von Florentia, wo +sie eine kleine Besatzung zurueckliessen, mit ihrer gefangenen Koenigin nach +Ravenna aufgebrochen. Wenn sie diese fuer uneinnehmbar geltende Feste vor +Witichis, der heftig nachdraengte, erreichten und gewannen, so mochten sie +dem Koenig jede Bedingung vorschreiben. Zwar hatten sie noch einen starken +Vorsprung und hofften, die Verfolger durch die Belagerung von Florentia +noch eine gute Weile aufzuhalten. Aber sie buessten jenen Vorsprung beinahe +voellig dadurch ein, dass die auf der naechsten Strasse nach Ravenna gelegenen +Staedte und Kastelle sich fuer Witichis erklaerten und so die Empoerer +noetigten, auf grossem Umweg im rechten Winkel zuerst noerdlich nach Bononia +(Bologna), das zu ihnen abgefallen war, und dann erst oestlich nach Ravenna +zu marschieren. + +Gleichwohl war, als sie in der Sumpflandschaft der Seefestung anlangten +und nur noch einen halben Tagemarsch von ihren Thoren entfernt waren, von +dem Heer des Koenigs nichts zu sehen. Guntharis goennte seinen stark +ermuedeten Truppen den Rest des ohnehin schon gegen Abend neigenden Tages +und schickte nur eine kleine Schar Reiter unter seines Bruders Befehl +voraus, den Goten in der Festung ihre Ankunft zu verkuenden. + +Aber schon in den ersten Morgenstunden des naechsten Tages kam Graf Arahad +mit seiner stark gelichteten Reiterschar fluechtend ins Lager zurueck. "Bei +Gottes Schwert," rief Guntharis, "wo kommst du her?" + +"Von Ravenna kommen wir. Wir hatten die aeussersten Werke der Stadt erreicht +und Einlass begehrt, wurden aber entschieden abgewiesen, obwohl ich selbst +mich zeigte und den alten Grippa, den Grafen von Ravenna, rufen liess. Der +erklaerte trotzig, morgen wuerden wir seine und der Goten in Ravenna +Entscheidung erfahren: wir sowohl wie das Heer des Koenigs, dessen Spitzen +sich bereits von Suedosten her der Stadt naeherten." + +"Unmoeglich!" rief Guntharis aergerlich. + +"Mir blieb nichts uebrig, als abzuziehen, so wenig ich dies Benehmen +unseres Freundes begriff. Die Nachricht von der Naehe des Koenigs hielt auch +ich fuer eine leere Drohung des Alten, bis meine im Sueden der Stadt +schwaermenden Reiter, die nach einer trockenen Beiwachtstelle suchten, +ploetzlich von feindlichen Reitern unter dem schwarzen Grafen Teja von +Tarentum mit dem Ruf: "Heil Koenig Witichis!" angegriffen und nach scharfem +Gefecht zurueckgeworfen wurden." + +"Du rasest," rief Guntharis. "Haben sie Fluegel? ist Florentia aus ihrem +Wege fortgeblasen?" + +"Nein! aber ich erfuhr von picentinischen Bauern, dass Witichis auf dem +Kuestenweg ueber Auximum und Ariminum nach Ravenna eilt." - "Und Florentia +liess er im Ruecken, ungezwungen? Das soll ihm schlecht bekommen." - +"Florentia ist gefallen! Er schickte Hildebad gegen die Stadt, der sie im +Sturme nahm. Er rannte mit eigener Hand das Marsthor ein, - der wuetige +Stier!" + +Mit finsterer Miene vernahm Herzog Guntharis diese Ungluecksbotschaften; +aber rasch fasste er seinen Entschluss. Er brach sofort mit all seinen +Truppen gegen die Stadt auf, sie durch einen raschen Streich zu nehmen. + +Der Ueberfall misslang. + +Aber die Empoerer hatten die Befriedigung, zu sehen, dass die Festung, deren +Besitz den Buergerkrieg entschied, wenigstens auch dem Feind sich nicht +geoeffnet hatte. Im Suedosten, vor der Hafenstadt Classis, hatte sich der +Koenig gelagert. Des Herzogs Guntharis geuebter Blick erkannte alsbald, dass +auch die Suempfe im Nordwesten eine sichere Stellung gewaehrten, und rasch +schlug er hier ein wohlverschanztes Lager auf. + +So hatten sich die beiden Parteien, wie zwei ungestueme Freier um eine +sproede Braut, hart an beide Seiten der gotischen Koenigsstadt gedraengt, die +keinem ein guenstiges Gehoer schenken zu wollen schien. + +Tags darauf gingen zwei Gesandtschaften, aus Ravennaten und Goten +bestehend, aus dem nordwestlichen und aus dem suedoestlichen Thor der +Festung, dem Thor des Honorius und dem des Theoderich, und brachten, jene +in das Lager der Woelsungen, diese zu den Koeniglichen, den verhaengnisvollen +Entscheid von Ravenna. + +Dieser musste sehr seltsam lauten. Denn die beiden Heerfuehrer, Guntharis +und Witichis, hielten ihn, in merkwuerdiger Uebereinstimmung, streng geheim +und sorgten eifrig dafuer, dass kein Wort davon unter ihre Truppen gelangte. +Die Gesandten wurden sofort aus den Feldherrnzelten beider Lager unter +Bedeckung von Heerfuehrern, die jede Unterredung mit den Heermaennern +verwehrten, nach den Thoren der Stadt zurueckgebracht. + +Aber auch sonst war die Wirkung der Botschaft in den beiden Heerlagern +auffallend genug. Bei den Empoerern kam es zu einem heftigen Streit +zwischen den beiden Fuehrern: dann zu einer sehr lebhaften Unterredung von +Herzog Guntharis mit seiner schoenen Gefangenen, die, wie es hiess, nur +durch Graf Arahad vor dem Zorne seines Bruders geschuetzt worden war. +Darauf versank das Lager der Rebellen in die Ruhe der Ratlosigkeit. + +Folgenreicher war das Erscheinen der ravennatischen Gesandten in dem Lager +gegenueber. Die erste Antwort, die Koenig Witichis auf die Botschaft erliess, +war der Befehl zu einem allgemeinen Sturm auf die Stadt. + +Ueberrascht vernahmen Hildebrand und Teja, vernahm das ganze Heer diesen +Auftrag. Man hatte gehofft, in Baelde die Thore der starken Festung sich +freiwillig aufthun zu sehen. Gegen das gotische Herkommen und ganz gegen +seine sonst so leutselige Art gab der Koenig niemand, auch seinen Freunden +nicht, Rechenschaft von der Mitteilung der Gesandten und von den Gruenden +dieses zornigen Angriffs. + +Schweigend, aber kopfschuettelnd und mit wenig Hoffnung auf Erfolg, ruestete +sich das Heer zu dem unvorbereiteten Sturm: er ward blutig +zurueckgeschlagen. Vergebens trieb der Koenig seine Goten immer wieder aufs +neue die steilen Felswaelle hinan. Vergebens bestieg er, dreimal der erste, +die Sturmleitern: vom fruehen Morgen bis zum Abendrot hatten die Angreifer +gestuermt ohne Fortschritte zu machen: die Festung bewaehrte ihren alten +Ruhm der Unbezwingbarkeit. + +Und als endlich der Koenig, von einem Schleuderstein schwer betaeubt, aus +dem Getuemmel getragen wurde, fuehrten Teja und Hildebrand die ermuedeten +Scharen ins Lager zurueck. + +Die Stimmung des Heeres in der darauf folgenden Nacht war sehr truebe und +gedrueckt. Man hatte empfindliche Verluste zu beklagen und nichts gewonnen, +als die Ueberzeugung, dass die Stadt mit Gewalt nicht zu nehmen sei. Die +gotische Besatzung von Ravenna hatte neben den Buergern auf den Waellen +gefochten; der Koenig der Goten lag belagernd vor seiner Hauptstadt, vor +der besten Festung seines Reiches, in der man Schutz und die Zeit zur +Ruestung gegen Belisar zu finden gehofft! + +Das Schlimmste aber war, dass das Heer die Schuld des ganzen +Unglueckskampfes, die Notwendigkeit des Bruderstreits auf den Koenig schob. +Warum hatte man die Verhandlung mit der Stadt ploetzlich abgebrochen? Warum +nicht wenigstens die Ursache dieses Abbrechens, war sie eine gerechte, dem +Heere mitgeteilt? Warum scheute der Koenig das Licht? + +Missmutig sassen die Leute bei ihren Wachtfeuern oder lagen in den Zelten, +ihre Wunden pflegend, ihre Waffen flickend: nicht, wie sonst, scholl +Gesang der alten Heldenlieder von den Lagertischen, und wenn die Fuehrer +durch die Zeltgassen schritten, hoerten sie manches Wort des Aergers und des +Zornes wider den Koenig. + +Gegen Morgen traf Hildebad mit seinen Tausendschaften von Florentia her im +Lager ein. Er vernahm mit zornigem Schmerz die Kunde von der blutigen +Schlappe und wollte sofort zum Koenig; aber da dieser noch bewusstlos unter +Hildebrands Pflege lag, nahm ihn Teja in sein Zelt, und beantwortete seine +unwilligen Fragen. + +Nach einiger Zeit trat der alte Waffenmeister ein, mit einem Ausdruck in +den Zuegen, dass Hildebad erschrocken von seinem Baerenfell, das ihm zum +Lager diente, aufsprang und auch Teja hastig fragte: "Was ist mit dem +Koenig? Seine Wunde? Stirbt er?" + +Der Alte schuettelte schmerzlich sein Haupt: "Nein: aber wenn ich richtig +rate, wie ich ihn kenne und sein wackres Herz, waer' ihm besser, er +stuerbe." + +"Was meinst du? was ahnest du?" + +"Still, still," sprach Hildebrand traurig, sich setzend, "armer Witichis! +es kommt noch, fuercht' ich, frueh genug zur Sprache." Und er schwieg. + +"Nun," sagte Teja, "wie liessest du ihn?" - "Das Wundfieber hat ihn +verlassen, dank meinen Kraeutern. Er wird morgen wieder zu Ross koennen. Aber +er sprach wunderbare Dinge in seinen wirren Traeumen - ich wuensche ihm, dass +es nur Traeume sind, sonst: weh dem treuen Manne." + +Mehr war aus dem verschlossenen Alten nicht zu erforschen. Nach einigen +Stunden liess Witichis die drei Heerfuehrer zu sich rufen. Sie fanden ihn zu +ihrem Staunen in voller Ruestung, obwohl er sich im Stehen auf sein Schwert +stuetzen musste; seitwaerts auf einem Tisch lag sein koeniglicher Kronhelm und +der heilige Koenigsstab von weissem Eschenholz mit goldner Kugel. Die +Freunde erschraken ueber den Verfall dieser sonst so ruhigen, maennlich +schoenen Zuege. Er musste innerlich schwer gekaempft haben. Diese kernige, +schlichte Natur aus Einem Guss konnte ein Ringen zweifelvoller Pflichten, +widerstreitender Empfindungen nicht ertragen. + +"Ich hab' euch rufen lassen," sprach er mit Anstrengung, "meinen Entschluss +in dieser schlimmen Lage zu vernehmen und zu unterstuetzen. Wie gross ist +unser Verlust in diesem Sturm?" + +"Dreitausend Tote," sagte Teja sehr ernst. "Und ueber sechstausend +Verwundete," fuegte Hildebrand hinzu. + +Witichis drueckte schmerzlich die Augen zu. Dann sprach er: "Es geht nicht +anders. Teja, gieb sogleich Befehl zu einem zweiten Sturm." + +"Wie? Was?" riefen die drei Fuehrer wie aus Einem Munde. + +"Es geht nicht anders," wiederholte der Koenig. "Wie viele Tausendschaften +fuehrst du uns zu, Hildebad?" - "Drei, aber sie sind totmuede vom Marsch. +Heut' koennen sie nicht fechten." + +"So stuermen wir wieder allein," sagte Witichis nach seinem Speer langend. + +"Koenig," sagte Teja, "wir haben gestern nicht einen Stein der Festung +gewonnen und heute hast du neuntausend weniger .." - + +"Und die Unverwundeten sind matt, ihre Waffen und ihr Mut zerbrochen," +mahnte der alte Waffenmeister. + +"Wir muessen Ravenna haben!" + +"Wir werden es nicht mit Sturm nehmen!" sagte Teja. + +"Das wollen wir sehen!" meinte Witichis. + +"Ich lag vor der Stadt mit dem grossen Koenig," warnte Hildebrand: "er hat +sie siebzigmal umsonst bestuermt: wir nahmen sie nur durch Hunger - nach +drei Jahren." - + +"Wir _muessen_ stuermen," sagte Witichis, "gebt den Befehl." Teja wollte das +Zelt verlassen. Hildebrand hielt ihn. "Bleib," sagte er, "wir duerfen ihm +nichts verschweigen. Koenig! die Goten murren: sie wuerden dir heut' nicht +folgen: der Sturm ist unmoeglich." + +"Steht es so?" sagte Witichis bitter. "Der Sturm ist unmoeglich? Dann ist +nur eins noch moeglich: der Weg, den ich gestern schon haette einschlagen +sollen: - dann lebten jene dreitausend Goten noch. Geh, Hildebad, nimm +dort Krone und Stab! + +Geh ins Lager der Empoerer, lege sie dem jungen Arahad zu Fuessen: er soll +sich mit Mataswintha vermaehlen; ich und mein Heer, wir gruessen ihn als +Koenig." Und er warf sich erschoepft aufs Lager. + +"Du sprichst wieder im Wundfieber," sagte der Alte. "Das ist unmoeglich!" +schloss Teja. + +"Unmoeglich! Alles unmoeglich? der Kampf unmoeglich? und die Entsagung? Ich +sage dir, Alter: es giebt nichts andres nach der Botschaft aus Ravenna." +Er schwieg. + +Die drei warfen sich bedeutende Blicke zu. + +Endlich forschte der Alte: "Wie lautet sie? vielleicht findet sich doch +ein Ausweg? Acht Augen sehen mehr als zwei." + +"Nein," sagte Witichis, "hier nicht, hier ist nichts zu sehen: sonst haett' +ich's euch laengst gesagt: aber es konnte zu nichts fuehren. Ich hab's +allein erwogen. Dort liegt das Pergament aus Ravenna, aber schweigt vor +dem Heer." + +Der Alte nahm die Rolle und las: "Die gotischen Krieger und das Volk von +Ravenna an den Grafen Witichis von Faesulae!" - + +"Die Frechen!" rief Hildebad dazwischen. + +"Den Herzog Guntharis von Tuscien und den Grafen Arahad von Asta. Die +Goten und die Buerger dieser Stadt erklaeren den beiden Heerlagern vor ihren +Thoren, dass sie, getreu dem erlauchten Hause der Amalungen und eingedenk +der unvergesslichen Wohlthaten des grossen Koenigs Theoderich, bei diesem +Herrscherstamm ausharren werden, solang noch ein Reis desselben gruent. Wir +erkennen deswegen nur Mataswintha als Herrin der Goten und Italier an: nur +der Koenigin Mataswintha werden wir diese festen Thore oeffnen und gegen +jeden andern unsre Stadt bis zum aeussersten verteidigen." + +"Diese Rasenden," sagte Teja. "Unbegreiflich," versetzte Hildebad. + +Aber Hildebrand faltete das Pergament zusammen und sagte: "Ich begreife es +wohl. Was die Goten anlangt, so wisst ihr, dass Theoderichs ganze +Gefolgschaft die Besatzung der Stadt bildet; diese Gefolgen aber haben dem +Koenig geschworen, seinem Stamm nie einen fremden Koenig vorzuziehen: auch +ich hab' diesen Eid gethan: aber ich habe dabei immer an die Speerseite, +nicht an die Spindeln, nicht an die Weiber, gedacht: darum musst' ich +damals fuer Theodahad stimmen: darum konnt' ich nach dessen Verrat Witichis +huldigen. Der alte Graf Grippa von Ravenna nun und seine Gesellen glauben +sich auch an die Weiber des Geschlechts durch jenen Eid gebunden: und +verlasst euch darauf, diese grauen Recken, die aeltesten im Gotenreich und +Theoderichs Waffengenossen, lassen sich in Stuecke hauen, Mann fuer Mann, +eh' sie von ihrem Eide lassen, wie sie ihn einmal deuten. Und, bei +Theoderich! sie haben recht. Die Ravennaten aber sind nicht nur dankbar, +sondern auch schlau: sie hoffen, Goten und Byzantiner sollen den Strauss +vor ihren Waellen ausfechten. Siegt Belisar, der, wie er sagt, Amalaswintha +zu raechen kommt, so kann er die Stadt nicht strafen, die zu ihrer Tochter +gehalten: und siegen wir, so hat sie die Besatzung in der Burg gezwungen, +die Thore zu sperren." + +"Wie immer dem sei," fiel der Koenig ein, "ihr werdet jetzt mein Verfahren +verstehn. Erfuhr das Heer von jenem Bescheid, so mochten viele mutlos +werden und zu den Woelsungen uebergehn, in deren Gewalt die Fuerstin ist. Mir +blieben nur zwei Wege: die Stadt mit Gewalt nehmen - oder nachgeben: jenes +haben wir gestern vergebens versucht und ihr sagt, man koenne es nicht +wiederholen. So eruebrigt nur das andre: nachgeben. Arahad mag die Jungfrau +freien und die Krone tragen; ich will der erste sein, ihm zu huldigen und +mit seinem tapfren Bruder sein Reich zu schirmen." + +"Nimmermehr!" rief Hildebad, "du bist unser Koenig und sollst es bleiben. +Nie beug' ich mein Haupt vor jenem jungen Fant. Lass uns morgen hinueber +ruecken gegen die Rebellen, ich allein will sie aus ihrem Lager treiben und +das Koenigskind, vor dessen Hand wie durch Zauber jene festen Thore +aufspringen sollen, in _unsre_ Zelte tragen." + +"Und wenn wir sie haben?" sagte Teja, "was dann? Sie nuetzt uns nichts, +wenn wir sie nicht als Koenigin begruessen. Willst du das? Hast du nicht +genug an Amalaswintha und Godelindis? Nochmals Weiberherrschaft?" + +"Gott soll uns davor schuetzen!" lachte Hildebad. + +"So denke ich auch," sprach der Koenig, "sonst haett' ich laengst diesen Weg +ergriffen." + +"Ei, so lass uns hier liegen und warten bis die Stadt muerbe wird." + +"Geht nicht," sagte Witichis, "wir _koennen_ nicht warten. In wenigen Tagen +kann Belisar von jenen Huegeln steigen und nacheinander mich, Herzog +Guntharis und die Stadt bezwingen: dann ist's dahin, das Reich und Volk +der Goten. Es giebt nur zwei Wege: Sturm -" + +"Unmoeglich," sprach Hildebrand. + +"Oder nachgeben. Geh, Teja, nimm die Krone. Ich sehe keinen Ausweg." + +Die beiden jungen Maenner zauderten. + +Da sprach mit einem ernsten, trauervollen Blick der Liebe auf den Koenig +der alte Hildebrand: "Ich sehe den Ausweg, den schmerzvollen, den +einzigen. Du musst ihn gehen, mein Witichis, und bricht dir siebenmal das +Herz." Witichis sah ihn fragend an: auch Teja und Hildebad staunten ob der +Weichheit des felsharten Alten. + +"Geht ihr hinaus," fuhr dieser fort, "ich muss allein sprechen mit dem +Koenig." + + + + + Fuenfzehntes Kapitel. + + +Schweigend verliessen die beiden Goten das Zelt und schritten draussen, den +Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin +und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den Koenig zu ermahnen +und zu draengen schien: und hin und wieder ein Ausruf des Koenigs. + +"Was kann nur der Alte sinnen?" fragte Hildebad, still haltend, "weisst +du's nicht?" "Ich ahn' es," seufzte Teja, "armer Witichis!" - "Zum Teufel, +was meinst du?" "Lass," sagte Teja, "es wird bald genug auskommen." + +So verging geraume Zeit. + +Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Koenigs, der sich der Reden +Hildebrands maechtig zu erwehren schien. + +"Was quaelt der Eisbart den wackern Helden?" rief Hildebad ungeduldig. "Es +ist, als wollt' er ihn ermorden. Ich will hinein und helf' ihm." + +Aber Teja hielt ihn an der Schulter. + +"Bleib," sagte er. "Es muss wohl sein." + +Waehrend sich Hildebad losmachen wollte, nahte Laerm von Stimmen aus dem +obern Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemuehten sich vergebens, einen +starken Goten zurueckzuhalten, der mit allen Zeichen langen und eiligen +Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Koenigs draengte. + +"Lass mich los," rief er, "guter Freund, oder ich schlage dich nieder." + +Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt. + +"Es geht nicht. Du musst warten. Die grossen Heerfuehrer sind bei ihm im +Zelt." + +"Und waeren alle grossen Goetter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im +Zelt, ich muss zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann Koenig. +Lass' los, rat' ich dir." + +"Die Stimme kenn' ich," sagte Graf Teja, naehertretend - "und den Mann. +Wachis, was suchst du hier im Lager?" + +"O Herr," rief der treue Knecht, "wohl mir, dass ich euch treffe. Sagt +diesen guten Leuten, dass sie mich loslassen. Dann brauch' ich sie nicht +niederzuschlagen. Ich muss gleich zu meinem armen Herrn." + +"Lasst ihn los: sonst haelt er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei +dem Koenig?" + +"Fuehrt mich nur gleich zu ihm. Ich bring ihm schwarze, schwere Kunde von +Weib und Kind." + +"Von Weib und Kind?" fragte Hildebad erstaunt. "Ei, hat Witichis ein +Weib?" + +"Die wenigsten wissen es," sagte Teja. "Sie verliess fast nie ihr Gut, kam +nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch. +Ich weiss nicht ihresgleichen." + +"Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt," sprach Wachis mit +erstickter Stimme. "Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber lasst +mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuss. Ich muss ihn +vorbereiten." + +Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt, und folgte ihm +mit Hildebad. + +Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem +Lager des Koenigs sitzen, das Kinn mit dem maechtigen Bart in die Hand und +diese auf das Steinbeil gestuetzt. So sass er unbeweglich und richtete fest +die Augen auf den Koenig, der, in hoechster Aufregung, mit hastigen +Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefuehle die +Eintretenden gar nicht bemerkte: "Nein! nein! niemals!" rief er, "das ist +grausam! frevelhaft! unmoeglich!" + +"Es muss sein," sagte Hildebrand, ohne sich zu ruehren. + +"Nein, sag' ich," rief der Koenig und wandte sich. + +Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der +Knecht laut weinend vor ihm nieder. + +"Wachis," rief erschreckend der Koenig, "was bringst du? Du koemmst von ihr! +Steh' auf - was ist geschehen?" + +"Ach Herr," jammerte dieser immer noch knieend, "euch sehen, zerreisst mein +Herz! Ich kann nichts dafuer! Ich hab's vergolten und geraecht nach +Kraeften." + +Da riss ihn Witichis bei den Schultern auf: "Rede, Mensch, was ist zu +raechen? Mein Weib -?" + +"Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind ..." - + +"Mein Kind," sprach er erbleichend, "Athalwin, was ist mit ihm -?" + +"Tot, Herr, - ermordet!" + +Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequaelten Vaters +Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Haenden, teilnehmend traten Teja +und Hildebad naeher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die +Gruppe. + +Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Haende +seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei grosse +Thraenen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schaemte sich ihrer +nicht. + +"Ermordet!" sagte er, "mein schuldlos Kind! von den Roemern!" "Die feigen +Teufel," rief Hildebad. + +Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos. + +"Calpurnius!" sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis. + +"Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und +dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, dass +er nun ein Koenigssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug! +Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und +wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurueck. Ich merkt' es wohl, dass +er noch finsterer sah und neidischer als je und huetete dir Haus und Stall. +Aber das Kind hueten - wer haette daran gedacht, dass Kinder nicht mehr +sicher!" + +Witichis schuettelte schmerzlich das Haupt. + +"Der Knabe konnte nicht erwarten, dass er seinen Vater sehen solle im +Kriegslager und all' die Tausende von gotischen Heermaennern und dass er +Schlachten solle in der Naehe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund +an, und sagte: ein Koenigssohn muesse ein eisernes tragen, zumal in +Kriegszeiten. Und ich musste ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu. +Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen frueh +davon. Und fragte sie, "wohin?" so lachte er: "auf Abenteuer, lieb' +Mutter!" und sprang in den Wald. Dann kam er mittags mued und zerrissenen +Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte +nur, er habe Siegfried gespielt. + +Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem +Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es +war, wie ich gedacht. + +Ich hatte ihm einst warnend eine Hoehle im schroffen Felsgeklueft gezeigt, +das steil ueber den Giessbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu +Dutzenden nisten. + +Er fragte mich damals nach allem aus: und als ich sagte, jeder Biss sei +toedlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der +Beisswurm in den nackten Fuss gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert +und wollte mitten darunter springen. Mit Muehe und schwer erschrocken hielt +ich ihn damals ab. + +Und jetzt fielen mir die Vipern ein und ich zitterte, dass ich ihm eine +Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im +Steingeklueft, unter Dornen und Gestruepp: da holte er einen maechtigen +Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte. +Und eine Krone war frisch drauf gemalt. + +Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Hoehle. + +Ich sah mich um: da lag das lang maechtige Gewuerm zu halben Dutzenden von +fruehern Schlachten her mit zerhauenen Haeuptern umhergestreut: ich folgte, +und so besorgt ich war, ich konnt' ihn nicht stoeren, wie er so heldenmuetig +focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwuerfen aus ihrem +Loch, dass sie sich zuengelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn +sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich +mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber +sah gar trotzig drein und rief: "Sag's nur der Mutter nicht! denn ich +thu's doch! bis der letzte der Drachen tot ist!" Ich sagte, ich wuerde ihm +sein Schwert nehmen. "Dann fecht' ich mit dem hoelzernen, wenn dir das +lieber ist!" rief er. "Und welche Schmach fuer einen Koenigssohn!" + +Da nahm ich ihn die naechsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die +Wildweide. Das vergnuegte ihn sehr: und naechstens, dacht' ich, brechen wir +ja auf. + +Aber eines Morgens war er mir wieder entschluepft und ich ging allein an +die Arbeit. Den Rueckweg nahm ich den Fluss entlang, gewiss, ihn an der +Felshoehle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehaeng seines +Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten +auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber -" + +"Rascher, weiter," rief der Koenig. + +"Aber?" fragte Hildebad. + +"Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich grosse Fussspuren +eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen. + +Sie fuehrten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und +unten" - + +Witichis wankte. + +"Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine +Gestalt. + +Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiss es nicht, im Flug war +ich unten. - Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den +Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut ueberstroemt -" + +"Halt ein," sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes +Hildebad des armen Vaters Hand fasste, der stoehnend auf sein Lager sank. + +"Mein Kind, mein suesses Kind, mein Weib!" rief er. + +"Ich fuehlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluss brachte ihn +nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. "Du bist +herabgefallen, mein Kind," klagte ich. + +"Nein," sagte er, "nicht gefallen, geworfen." Ich war starr vor Entsetzen. +"Calpurnius," hauchte er, "trat ploetzlich um die Felsecke, wie ich auf die +Vipern einhieb. "Komm mit mir," sagte er und griff nach mir. Er sah boes +aus und falsch. Ich sprang zurueck. "Komm," sagte er, "oder ich binde +dich." "Mich binden!" rief ich. "Mein Vater ist der Goten Koenig und der +deine. Wag' es und ruehr' mich an!" Da ward er ganz wuetig und schlug nach +mir mit dem Stock und kam naeher; ich aber wusste, dass in der Naehe unsere +Knechte Holz faellten und schrie um Hilfe und wich zurueck bis an den Rand +der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mussten mich gehoert +haben: ihre Axtschlaege ruhten ploetzlich. Doch ploetzlich vorspringend, +sagte er: "Stirb, kleine Natter!" und stiess mich ueber den Fels."" + +Teja biss die Lippen. "O der Neiding," rief Hildebad. Und Witichis riss sich +mit einem Schrei des Schmerzes los. + +"Mach's kurz," sagte Teja. - "Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf +meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf, +in ihrem Schos. Ein Gruss an dich war sein letzter Hauch." + +"Und mein Weib - ist sie nicht verzweifelt?" + +"Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie +der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus, +nach rechts. + +Ich verstand sie: dort stand des Moerders Haus. + +Und ich waffnete alle deine Knechte und fuehrte sie hinueber zur Rache: und +wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild, und trugen ihn in +unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der +Hand, hinter der Leiche. Vor dem Thor der Villa legten wir den Knaben +nieder. + +Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Ross zu Belisar. Aber +sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten +eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf. +Dann brachen wir ein. + +Wir haben sie _alle_ erschlagen, alle: und das Haus niedergebrannt ueber +den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht +haltend, auf ihr Schwert gestuetzt, und sprach kein Wort. Und mich schickte +sie Tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf, +sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren, +durch die Empoerer vom naechsten Wege abgesperrt, so kann sie stuendlich da +sein." + +"Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir +diese Krone bringt. Und nun," rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes +den Alten an, "willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?" + +Hildebrand stand langsam auf: "Nichts ist untragbar, was notwendig ist. +Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen ohne +zu fragen, wollt ihr's tragen? Sie kommen. Und wir tragen's. Weil wir +muessen. Aber ich hoere Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir." + +Witichis wandte sich von ihm zur Thuer. + +Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier +Rauthgundis sein Weib, eine kleine schwarze Marmorurne an die Brust +drueckend. + +Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: - - und die +Gatten hielten sich umfangen. + +Schweigend verliessen die Maenner das Zelt. + + + + + Sechzehntes Kapitel. + + +Draussen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurueck: "Du quaelst den Koenig +umsonst," sagte er. "Er wird nie darein willigen. Er kann's auch nicht. +Jetzt am wenigsten." + +"Woher weisst du ...? -" unterbrach der Greis. - "Still: ich ahn' es: wie +ich alles Unglueck ahne." - "Dann wirst du auch einsehen, dass er muss." - +"Er, - er wird's nie thun." - "Aber - du meinst sie selbst?" - +"Vielleicht!" - "Sie wird," sagte Hildebrand. + +"Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib," schloss Teja. + +Waehrend in den naechsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen +Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verliess, geschah es, dass die +Vorposten der koeniglichen Belagerer und die Aussenwachen der gotischen +Besatzung von Ravenna, den eingetreten thatsaechlichen Waffenstillstand +benutzend, in mannigfachen Verkehr traten. + +Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem +Buergerkriege vor. + +Die Belagerer klagten, dass die Besatzung in der hoechsten Not des Reiches +dem gewaehlten Koenig der Goten seine Koenigsburg verschlossen. Die +Ravennaten schmaehten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht goenne, +was ihr gebuehre. + +Einer solchen Unterredung hoerte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna +selber zu, der die Runde auf den Waellen machte. Ploetzlich trat er vor und +rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren Koenig lobten und +ruehmten: + +"So? Ist das auch edel und koeniglich gehandelt, dass er statt aller Antwort +auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein +so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, dass +Mataswintha Koenigin sei! Nun, kann er deshalb nicht Koenig bleiben? Ist's +ein zu hartes Opfer, mit dem schoensten Weib der Erde, mit der Fuerstin +Schoenhaar, von deren Reiz die Saenger singen aus den Strassen, Thron und +Lager zu teilen? Mussten lieber so viel tausend tapferer Goten sterben? +Nun, er soll nur so fortstuermen! Lass sehn, was eher bricht: sein Eigensinn +oder diese Felsen." + +Diese Worte des Alten machten den groessten Eindruck auf die Goten vor den +Waellen. + +Sie wussten nichts zu erwidern zu ihres Koenigs Verteidigung. Von seiner Ehe +wussten sie so wenig wie das ganze Heer: daran hatte auch Rauthgundens +Anwesenheit im Lager wenig geaendert: denn, wahrlich, nicht gleich einer +Koenigin war sie eingezogen. + +In grosser Erregung eilten sie zurueck ins Lager und erzaehlten, was sie +vernommen, wie der Eigensinn des Koenigs ihre Brueder hingeopfert. "Darum +also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht," riefen sie! + +Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die +anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den Koenig +schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Koenige mit einem +Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte. + +Hier wirkten der Verdruss ueber den Rueckzug von Rom, die Schmach der +Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brueder, der Zorn +ueber sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den Koenig zu +erregen, der deshalb nicht minder maechtig, weil er noch nicht offen +ausgebrochen. + +Nicht entging diese Stimmung den Heerfuehrern, wann sie durch die Gassen +des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr +verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend +sie beim Namen nannten. + +Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten +wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurueck. + +"Lasst es nur noch anschwellen," sagte er: "wenn's genug ist, werd' ich's +daemmen." "Die einzige Gefahr waere," murmelte er halblaut vor sich hin - + +"Dass uns die drueben im Rebellenlager zuvorkaemen," sagte Teja. + +"Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Ueberlaeufer +erzaehlen, dass sich die Fuerstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu +toeten als Arahad die Hand zu reichen." + +"Pah," meinte Hildebad, "daraufhin wuerd' ich's wagen." + +"Weil du das leidenschaftliche Geschoepf nicht kennst, das Amalungenkind. +Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende +boeses Spiel machen." + +"Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta," fluesterte +Teja. "Darauf vertrau ich auch," meinte Hildebad. "Goennt ihm noch einige +Tage Ruhe," riet der Alte. "Er muss seinem Schmerz sein Recht anthun: eh' +ist er zu nichts zu bringen. Stoert ihn nicht darin: lasst ihn ruhig in +seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stoeren muessen." + +Aber der Greis sollte bald genoetigt sein, den Koenig frueher und anders als +er gemeint aus seinem Schmerz aufzurufen. + +Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den +Byzantinern uebergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. +Solche Faelle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo +wenige Germanen unter dichter Bevoelkerung lebten und haeufige Mischheiraten +stattgefunden hatten, haeufiger vor. + +Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk +entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen +Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht +noetig gewesen und man hatte der Bestimmung fast vergessen. + +Ploetzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden. + +Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. +Aus mehr als Einem Grunde wollte er vorlaeufig noch diese Stadt zum +Stuetzpunkt all' seiner Bewegungen in Italien machen. + +Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, +sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondre die zahlreichen Kastelle, +Burgen und Staedte zu uebernehmen, in welchen die Italier die barbarischen +Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten, oder, von keiner Besatzung +im Zaum gehalten, einfach zum "Kaiser der Romaeer," wie er sich auf +griechisch nannte, abgefallen waren. + +Solche Vorfaelle ereigneten sich, besonders seit der gotische Koenig in +vollem Rueckzug und nach Ausbruch der Empoerung die gotische Sache halb +verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck +oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Thoren ergaben sich +viele Schloesser und Staedte an Belisar. + +Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Noetigung abwarteten, um, +falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine +Entschuldigung zu finden, war dies fuer den Feldherrn ein weiterer Grund, +solche kleine Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, +unter Fuehrung der Ueberlaeufer, die der Gegend und der Verhaeltnisse kundig +waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten +Rueckzug der Goten, wagten sich weit ins Land: jedes gewonnene Kastell +wurde ein Ausgangspunkt fuer weitere Unternehmungen. + +Eine solche Streifschar hatte juengst auch Castellum Marcianum gewonnen, +das bei Caesena, ganz in der Naehe des koeniglichen Lagers, eine Felshoehe +oberhalb des grossen Pinienwaldes kroente. Der alte Hildebrand, an den +Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese +gefaehrlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit +Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder +gegen Ravenna beschaeftigen wollte, - er hoffte auf eine friedliche Loesung +des Knotens - beschloss er, gegen diese kecken Streifscharen einen +zuechtigenden Streich zu thun. + +Spaeher hatten gemeldet, dass, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, +die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Caesena, +diese wichtige Stadt, im Ruecken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte. + +Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er +selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in +der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der +Richtung gegen Caesena aufbrachen. + +Der Ueberfall gelang vollkommen. + +Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuss des hoch auf dem Fels +gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Haelfte seiner Reiter auf +alle Seiten des Waldes, die andere Haelfte liess er absitzen und fuehrte sie +leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Thor ward ueberrascht +und die Byzantiner, von einer ueberlegenen Macht ueberfallen, flohen nach +allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der grosse Teil von den +Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses +erleuchteten die Nacht. + +Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend ueber das Fluesschen am Fuss des +Felsens zurueck, ueber das nur eine schmale Bruecke fuehrte. Hier wurden die +verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem +Anfuehrer, nach dem Glanz der Ruestung zu schliessen. + +Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann - sein +Visier war dicht geschlossen - focht wie ein Verzweifelter, deckte die +Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt. + +Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen +Kampf mit an. "Gieb dich gefangen, tapferer Mann!" rief er dem einsamen +Krieger zu, "dein Leben sichr' ich dir." + +Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er +das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im naechsten Moment sprang er +wuetend vor und wieder zurueck; er hatte dem vordersten Angreifer mit +gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten +etwas zurueck. + +Hildebrand ergrimmte. "Drauf!" schrie er, vorspringend, "jetzt keine Gnade +mehr! Zielt mit den Speeren." "Er ist gefeit gegen Eisen!" rief einer der +Goten, ein Vetter Tejas, "dreimal hab' ich ihn getroffen - er ist nicht zu +verwunden." + +"Meinst du, Aligern?" lachte der Alte grimmig, "lass sehen, ob er auch +gegen Stein gefeit ist." + +Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer - er war fast der einzige, +der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen - sausend gegen den +Byzantiner. + +Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm +und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Maenner sprangen rasch +hinzu und loesten ihm den Helm. + +"Meister Hildebrand," rief Aligern erstaunt, "das war kein Byzantiner." +"Und kein Italier," sagte Gunthamund. "Sieh die Goldlocken - das war ein +Gote!" meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu - - und schrak zusammen. + +"Fackeln her," rief er - "Licht! - - Ja," sprach er finster, seinen +Steinhammer wieder aufhebend, "das war ein Gote. Und ich! - ich hab' ihn +erschlagen," fuegte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am +Hammerschaft. + +"Nein, Herr," rief Aligern, "er lebt. Er war nur betaeubt! Er schlaegt die +Augen auf." + +"Er lebt?" fragte der Alte mit Grauen, "das woll'n die Goetter nicht!" "Ja, +er lebt!" wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. - "Dann +weh ueber ihn! und mich! Aber nein! ihn senden die Goetter der Goten in +meine Gewalt! Bind' ihn auf dein Ross, Gunthamund, aber fest! Und wenn er +entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach +Hause!" + +Im Lager angelangt fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie fuer +diesen Gefangenen ruesten sollten. + +"Einen Bund Stroh fuer heute Nacht," sagte der, "und fuer morgen frueh - +einen Galgen." Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Koenigs und +berichtete den Erfolg seines Zuges. + +"Wir haben unter den Gefangenen" schloss er finster, "einen gotischen +Ueberlaeufer. Er muss haengen, ehe die Sonne morgen niedergeht." "Das ist sehr +traurig," sagte Witichis seufzend. - "Ja, aber notwendig. Ich berufe das +Kriegsgericht der Heerfuehrer auf morgen. Willst du den Vorsitz fuehren?" +"Nein," sagte Witichis, "erlass mir's: ich bestelle Hildebad an meiner +Statt." "Nein," sagte der Alte, "das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, +solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht." +Witichis sah ihn an: "du siehst grimmig und so kalt! Ist's ein alter Feind +deiner Sippe?" "Nein," sprach Hildebrand. - "Wie heisst der Gefangene?" - +"Wie ich, Hildebrand." - "Hoere, du scheinst ihn zu hassen, diesen +Hildebrand! Du magst ihn richten, aber huete dich vor uebertriebener +Strenge. Vergiss nicht, dass ich gern begnadige." + +"Das Wohl der Goten fordert seinen Tod," sagte Hildebrand ruhig "und er +wird sterben." + + + + + Siebzehntes Kapitel. + + +Frueh am andern Morgen wurde der Gefangene verhuellten Hauptes hinausgefuehrt +auf eine Wiese, im Norden, "an der kalten Ecke" des Lagers, wo sich die +Heerfuehrer und ein grosser Teil der Heermaenner versammelt hatten. + +"Hoere," sagte der Gefangene zu einem seiner Begleiter, "ist der alte +Hildebrand auf dem Dingplatz?" + +"Er ist das Haupt des Dings." + +"Barbaren sind und bleiben sie! Thu' mir den Gefallen, Freund - ich +schenke dir dafuer diese purpurne Binde - und geh zu dem Alten. Sag ihm: +ich wisse, dass ich sterben muss. + +Aber er moege doch mir - und mehr noch meinem Geschlecht - hoerst du? - +meinem Geschlecht - die Schande des Galgens ersparen. Er moege mir heimlich +eine Waffe senden." Der Gote, Gunthamund, ging, Hildebrand zu suchen, der +das Gericht bereits eroeffnet hatte. Das Verfahren war sehr einfach. Der +Alte liess zuerst das Gesetz von Regeta vorlesen, dann von Zeugen +feststellen, wie man sich des Gefangenen bemaechtigt, darauf diesen selbst +vorfuehren. Noch immer bedeckte ein Wollsack sein Haupt und seine +Schultern. Eben sollte dieser abgenommen werben, als Gunthamund sich zu +Hildebrand draengte und in sein Ohr fluesterte. + +"Nein," sagte dieser, die Stirn runzelnd. "Ich lass' ihm sagen: die Schmach +fuer sein Geschlecht sei seine That, nicht seine Strafe." Und laut fuhr er +fort: "Zeigt das Antlitz des Verraeters! Er ist Hildebrand, der Sohn des +Hildegis!" + +Ein Ruf des Staunens und Schreckens lief durch die Menge. + +"Sein eigner Enkel!" "Alter, du sollst nicht weiter richten! Du bist +grausam gegen dein Fleisch und Blut!" rief Hildebad aufspringen. "Nur +gerecht, aber gegen alle," sagte Hildebrand, den Stab auf die Erde +stossend. "Armer Witichis!" fluesterte Graf Teja. + +Aber Hildebad sprang auf und eilte hinweg nach dem Lager. + +"Was kannst du fuer dich vorbringen, Sohn des Hildegis?" fragte Hildebrand. + +Der junge Mann trat hastig vor: sein Antlitz war von Zorn geroetet, nicht +von Scham: keine Spur von Furcht lag auf seinen Zuegen: sein langes, gelbes +Haar flog im Wind. Die Menge war von Mitgefuehl ergriffen. Schon der +Bericht seines todesmutigen Widerstandes, dann die Entdeckung seines +Namens, endlich jetzt seine Jugend und Schoenheit sprachen maechtig fuer ihn. +Er liess sein Auge flammend die Reihen durchfliegen, und mit Stolz auf dem +Alten haften. + +"Ich verwerfe dies Gericht! Euer Gesetz trifft mich nicht! Ich bin Roemer, +kein Gote! Mein Vater starb vor meiner Geburt, meine Mutter war eine +Roemerin, die edle Cloelia. Diesen barbarischen Alten hab' ich nie als mir +verwandt empfunden. Seine Strenge hab' ich verachtet wie seine Liebe. +Seinen Namen hat er mir, dem Kinde, aufgezwungen, mich meiner Mutter +entrissen. Ich aber entlief ihm, sobald ich konnte: nicht Hildebrand, +Flavus Cloelius habe ich mich von je genannt. Roemisch waren meine Freunde, +roemisch von jeher meine Gedanken, roemisch mein Leben. All meine Freunde +gingen zu Belisar und Cethegus: sollt' ich zurueckbleiben? Toetet mich, ihr +koennt' es und ihr werdet's. Aber gesteht, dass es Mord ist, nicht +Rechtsvollzug. Ihr richtet keinen Goten, ihr ermordet einen gefangenen +Roemer. Denn roemisch ist meine Seele." + +Schweigend, mit gemischten Empfindungen hoerte die Menge diese +Verteidigung. + +Da erhob sich ingrimmig der Alte, sein Auge spruehte Blitze, seine Hand +zitterte, vor Zorn, an dem Stabe. "Elender!" schrie er, "du bist eines +gotischen Mannes Sohn, das raeumst du ein. So bist du denn ein Gote: und +wenn du dich als Roemer fuehlst, verdienst du schon dafuer, zu sterben. +Sajonen, fort mit ihm, an den Galgen." + +Da trat der Gefangene noch mal an die Schranken der Stufe. "So sei +verflucht," schrie er, "du tierisch rohes Volk! Verflucht, ihr Barbaren +allesamt, und zumeist du, Greis, mit dem Wolfsherzen! Glaubt nicht, dass +all eure Wildheit euch frommt und eure Grausamkeit! Hinweggetilgt sollt +ihr werden aus diesem schoenen Land und keine Spur soll von euch kuenden." + +Auf einen Wink des Alten warfen ihm die Bannboten wieder die Huelle ums +Haupt und fuehrten ihn ab nach einem Huegel, wo ein starker Eibenbaum aller +seiner Zweige und Blaetter beraubt war. Da wurden die Augen der Menge von +ihm nach dem Lager abgelenkt, aus dem Laerm und Hufschlag eilender Rosse +nahte. + +Es war ein Zug Reiter mit dem koeniglichen Banner, Witichis und Hildebad an +der Spitze. "Haltet ein," rief der Koenig von weitem, "schont den Enkel +Hildebrands: Gnade, Gnade!" + +Aber der Alte wies nach dem Huegel. + +"Zu spaet, Herr Koenig," rief er laut, "es ist aus mit dem Verraeter. So geh +es jedem, der seines Volks vergisst. Erst kommt das Reich, Koenig Witichis, +und dann kommt Weib und Kind und Kindeskind." + +Gross war der Eindruck dieser That Hildebrands auf das Heer, groesser noch +auf den Koenig. Witichis fuehlte das Gewicht, das durch dieses Opfer jede +Forderung des Alten gewonnen hatte. Und mit dem Gefuehl, dass jetzt jeder +Widerstand viel schwerer geworden, kehrte er in sein Zelt zurueck. Und +Hildebrand benutzte seinen Vorteil, die Stimmung. Er trat am Abend mit +Teja in das Zelt des Koenigs. + +Schweigend, Hand in Hand sassen die Gatten auf dem Feldbett; auf dem Tisch +vor ihnen stand die schwarze Urne, daneben lag eine Goldkapsel nach Art +der Amulette an blauem Bande: die kleine roemische Bronzelampe verbreitete +nur truebes Licht. Als Hildebrand dem Koenig die Hand reichte, sah ihm +dieser ins Antlitz: ein Blick sagte ihm, dass Hildebrand mit dem festen +Entschluss eingetreten sei, jetzt seinen Gedanken durchzusetzen um jeden +Preis. + +Alle Anwesenden schienen stillschweigend von dem Eindruck des +bevorstehenden Seelenringens durchschauert. + +"Frau Rauthgundis," hob der Alte an, "ich habe Hartes mit dem Koenig zu +reden. Es wird euch kraenken, es zu hoeren." + +Die Frau erhob sich, aber nicht um zu gehen. Der Ausdruck tiefen Schmerzes +und tiefer Liebe zu ihrem Gatten gab den regelmaessigen festen Zuegen eine +edle Weihe. Sie legte, ohne die Rechte aus der Hand des Gatten zu ziehen, +leise die Linke auf seine Schulter. + +"Sprich nur fort, Hildebrand, ich bin sein Weib und fordre die Haelfte +dieser Haerte." + +"Frau," - mahnte der Alte nochmal. + +"Lass sie bleiben," sprach der Koenig, "fuerchtest du, ihr ins Angesicht +deine Gedanken zu sagen?" - "Fuerchten? nein! und sollt ich einem Gott ins +Antlitz sagen, das Volk der Goten ist mir mehr als du - ich thaet's ohne +Furcht: Wisse denn ..." - + +"Wie? du willst? Schone, schone sie," sprach Witichis, den Arm um seine +Frau schlingend. Aber Rauthgundis sah ihn gross und fest an: "Ich weiss +alles, mein Witichis. Wie ich gestern Abend durchs Lager wandelte, +unerkannt, im Schutz der Daemmerung, hoerte ich die Heermaenner an den Feuern +auf dich schelten und diesen Alten hoch erheben. Ich lauschte und hoerte +alles, was dieser fordert und was du weigerst." + +"Und du hast mir nichts gesagt?" "Hat es doch keine Gefahr. Weiss ich doch, +dass du dein Weib nicht verstossen wirst. Nicht um eine Krone und nicht um +jenes zauberschoene Maedchen. Wer will uns scheiden? Lass diesen Alten drohn: +ich weiss ja doch, es haengt kein Stern am Himmel fester als ich an deinem +Herzen." + +Diese Sicherheit wirkte auf den Alten. + +Er furchte die Stirn: "Nicht mit dir hab' ich zu rechten. Witichis, ich +frage dich vor Teja: - du weisst, wie es steht. Ohne Ravenna sind wir +verloren - Ravenna oeffnet dir nur Mataswinthens Hand. - Willst du diese +Hand fassen oder nicht?" + +Da sprang Witichis auf. "Ja, unsre Feinde haben Recht! Wir sind Barbaren! +Da steht vor diesem fuehllosen Alten ein herrlich Weib, an Schmerzen wie an +Treue unerreicht, vor ihm steht die Asche unseres gemordeten Kindes und er +will von diesem Weib, von dieser Asche weg den Gatten zu neuer Ehe rufen. +Nie, niemals!" + +"Vor einer Stunde waren Vertreter aller Tausendschaften des Heeres auf dem +Weg in dein Zelt," sprach der Greis. "Sie wollten erzwingen, was ich +fordere. Ich hielt sie mit Muehe ab." + +"Lass sie kommen!" rief Witichis, "sie koennen mir nur die Krone nehmen, +nicht mein Weib." + +"Wer die Krone traegt, ist seines Volkes, nicht mehr sein eigen." + +"Hier," - da ergriff Witichis den Kronhelm und legte ihn auf den Tisch vor +Hildebrand, - "noch einmal geb' ich euch und zum letztenmal die Krone +zurueck. - Ich habe sie nicht verlangt, weiss Gott. - Sie hat mir nichts +gebracht als diese Aschenurne. - Nehmt sie zurueck: - lasst Koenig sein wer +will und Mataswintha frein." + +Aber Hildebrand schuettelte das Haupt. "Du weisst, das fuehrt zum sichersten +Verderben. Schon jetzt sind wir in drei Parteien gespalten. Viele Tausende +wuerden Arahad nie anerkennen. Du bist's allein, der noch alles +zusammenhaelt. Faellst du weg, so loesen wir uns auf, ein Buendel +losgebundener Ruten, die Belisar im Spiele bricht. Willst du das?" + +"Frau Rauthgundis, kannst du kein Opfer bringen fuer dein Volk?" sprach +Teja naeher tretend. + +"Auch du, hochsinniger Teja, gegen mich? ist das deine Freundschaft?" +"Rauthgundis," sprach dieser ruhig, "ich ehre dich vor allen Frauen hoch, +und Hohes fordre ich darum von dir." - + +Hildebrand aber begann, "du bist die Koenigin dieses Volkes. Ich weiss von +einer Gotenkoenigin aus unsrer Ahnen Heidenzeit. Hunger und Seuchen +lasteten auf ihrem Volk. Ihre Schwerter waren sieglos. Die Goetter zuernten +den Goten. Da fragte Swanhild die Eichen des Waldes und die Wellen des +Meeres und sie rauschten zur Antwort: + + "Wenn Swanhild stirbt, leben die Goten. + Lebt Swanhild, so stirbt ihr Volk." + +Und Swanhild wandte den Fuss nicht mehr nach Hause. Sie dankte den Goettern +und sprang in die Flut. Aber freilich, das war die Heidenzeit." + +Rauthgundis blieb nicht unbewegt. "Ich liebe mein Volk," sprach sie, "und +seit von Athalwin nur diese Locke uebrig," sie wies auf die Kapsel, "glaub' +ich, gaeb' ich mein Leben fuer mein Volk. Sterben will ich - ja," rief sie, +"aber leben und diesen Mann meines Herzens in andrer Liebe wissen - nein." + +"In andrer Liebe!" rief Witichis, "wie redest du mir so? Weisst du's denn +nicht, wie ewig dies gequaelte Herz nur nach dem Wohlklang deines Namens +schlaegt? Hast du's denn nicht empfunden, noch nicht, an dieser Urne nicht, +wie ewig unsre Herzen eins? Was bin ich, ohne deine Liebe? Reisst mir das +Herz aus der Brust, setzt mir ein andres ein: dann etwa lass ich von dieser +Seele. Ja, wahrlich," rief er den beiden Maennern zu, "ihr wisst nicht was +ihr thut und kennt euren Vorteil schlecht. Ihr wisst nicht, dass meine Liebe +zu diesem Weib und dieses Weibes Liebe das Beste ist am armen Witichis. +Sie ist mein guter Stern. Ihr wisst nicht, dass ihr zu danken ist, ihr +allein, wenn etwas euch an mir gefaellt. An sie denk' ich im Getuemmel der +Schlacht und ihr Bild staerkt meinen Arm. An sie denk ich, an ihre Seele, +klar und ruhig, an ihre makellose Treu, wenn's gilt, im Rat das Edelste zu +finden. - O, dieses Weib ist meines Lebens Seele, nehmt sie hinweg und ein +Schatte ohne Glueck und Kraft ist euer Koenig." + +Und in leidenschaftlicher Erregung schloss er Rauthgundis in die Arme. Sie +war erstaunt, selig erschrocken. Noch nie hatte der stete, ruhige Mann, +der sein Gefuehl gern scheu in sich verschloss, so von ihr, von seiner Liebe +gesprochen. Nicht, da er um sie warb, wie jetzt, da er sie lassen sollte. + +Aufs maechtigste erschuettert sank sie an seine Brust: "Dank, Dank, Gott, +fuer diese Schmerzenstunde," fluesterte sie, "ja, jetzt weiss ich, dein Herz, +deine Seele sind ewig mein." + +"Und bleiben dein," sagte Teja leise, "wenn auch eine andre seine Koenigin +heisst! Sie teilt nur seine Krone, nicht sein Herz." + +Das schlug tief in Rauthgundis Seele. Sie sah, ergriffen von diesem Wort, +mit grossen Augen auf Teja. + +Hildebrand erkannte es wohl und sann darauf, jetzt seinen Hauptschlag zu +fuehren. + +"Wer will, wer kann an eure Herzen ruehren?" sprach er. "Ein Schatte ohne +Glueck und Kraft - das wirst du nur, wenn du mein Wort verwirfst und +brichst deinen heiligen, heiligen Eid. Denn der Meineidige ist hohler als +ein Schatte." + +"Seinen Eid?" fragte Rauthgundis erbebend. "Was hast du geschworen?" + +Witichis aber sank auf den Sitz und sein Haupt auf seine Haende. + +"Was hat er geschworen?" wiederholte sie. + +Da sprach Hildebrand, langsam jedes Wort in die Seele der Gatten zielend. +"Wenige Jahre sind's. Da schloss ein Mann, in mitternaechtiger Stunde, mit +vier Freunden einen maechtigen Bund. Unter heiliger Eiche ward der Rasen +geritzt und er that einen Eid bei der alten Erde, dem wallenden Wasser, +dem flackernden Feuer und der leichten Luft. Und sie mischten ihr rotes +Blut zu einem Bund von Bruedern auf immer und ewig und alle Tage. + +Sie schworen den schweren Schwur, zu opfern alles Eigen: Sohn und Sippe, +Leib und Leben: Waffen und Weib dem Glueck und Glanz des Geschlechtes der +Goten. Und wer von den Bruedern sich wollte weigern, den Eid zu ehren mit +allen Opfern, des rotes Blut solle rinnen ungeraecht wie dies Wasser unter +den Waldwasen. Auf sein Haupt solle die Himmelshalle niederdonnern und ihn +erdruecken. Und wer vergisst dieses Eides und wer sich weigert, alles zu +opfern dem Volk der Goten, wenn die Not es gebeut und ein Bruder ihn +mahnt, der soll verfallen sein auf immer den dunkeln Gewalten, die da +hausen unter der Erde. Gute Menschen sollen mit Fuessen schreiten ueber des +Neidings Haupt und sein Andenken verschlungen sein spurlos in die Tiefe: - +oder wer seiner gedenkt, gedenke sein mit Fluchen: und verdammt soll sein +seine Seele zu ewiger Qual. Und ehrlos soll sein sein Name, so weit +Christenleute Glocken laeuten und Heidenleute Opfer schlachten, so weit der +Wind weht ueber die weite Welt. + +So ward geschworen in jener Nacht von fuenf Maennern: von Hildebrand und +Hildebad, von Totila und Teja. Wer aber war der fuenfte? Witichis, Waltaris +Sohn." + +Und - rasch streifte er dem Koenig das Gewand ueber den linken Knoechel +zurueck. "Sieh her, Rauthgundis, noch ist die Narbe des Blutschnitts nicht +verwischt. Aber der Schwur ist verwischt in seiner Seele. So schwor er +damals, als er noch nicht Koenig war. + +Und als ihn die Tausende von gotischen Maennern auf dem Feld von Regeta auf +den Schild erhoben, da that er einen zweiten Schwur: "Mein Leben, mein +Glueck, mein alles, euch will ich's weihn, dem Volk der Goten, das schwoer +ich euch beim hoechsten Himmelsgott und bei meiner Treue." Nun, Witichis, +Waltaris Sohn, Koenig der Goten, ich mahne dich an jenen doppelten Eid zu +dieser Stunde. Ich frage dich, willst du opfern, wie du geschworen, dein +alles, dein Glueck und dein Weib, dem Volk der Goten? Siehe, auch ich habe +drei Soehne verloren fuer dies Volk. + +Und habe meinen Enkel, den letzten Spross meines Geschlechts, geopfert, +gerichtet fuer die Goten, ohne Zucken mit den Wimpern. Sprich, willst du +das Gleiche thun? willst du halten deinen Eid? oder ihn brechen und ehrlos +unter den Lebendigen, verflucht sein unter den Toten, willst du?" + +Witichis wand sich im Schmerz unter den Worten des furchtbaren Alten. + +Da erhob sich Rauthgundis. Die Linke auf ihres Mannes Herz gelegt, die +Rechte wie abwehrend gegen Hildebrand ausstreckend, sprach sie: "Halt ein. +Lass ab von ihm. Es ist genug, schon laengst. Er thut, was du begehrst. Er +wird nicht ehrlos und eidbruechig an seinem Volke, um sein Weib." + +Aber Witichis sprang auf und umfasste sie, als wollte man ihm sein Weib +sogleich entreissen. + +"Geht jetzt," sprach sie zu den Maennern, "lasst mich allein mit ihm." + +Teja wandte sich zum Ausgang, Hildebrand zoegerte. + +"Geh nur, ich gelobe es dir:" sprach sie, die Hand auf die Marmorurne +legend, "bei der Asche meines Kindes: mit Sonnenaufgang ist er frei." + +"Nein," sprach Witichis, "ich stosse mein Weib nicht von mir, nie." + +"Das sollst du nicht. Nicht du vertreibst mich: ich wende mich von dir. +Rauthgundis geht, ihr Volk zu retten und ihres Gatten Ehre. Du kannst dein +Herz nie von mir loesen: ich weiss es, es bleibt mein, seit heute mehr denn +je. Geht, was jetzo zwischen uns beiden zu leben ist, traegt keinen +Zeugen." + +Schweigend verliessen die Maenner das Zelt, schweigend gingen sie +miteinander die Lagergasse hinab, an der Ecke hielt der Alte. + +"Gut Nacht, Teja," sagte er, "jetzt ist's gethan." + +"Ja, doch wer weiss, ob wohlgethan. Ein edles, edles Opfer: noch viele +andre werden folgen und mir ist: dort in den Sternen steht geschrieben: +umsonst. Doch gilt's die Ehre noch, wenn nicht den Sieg. Lebwohl." + +Und er schlug den dunkeln Mantel um die Schulter und verschwand wie ein +Schatten in der Nacht. + + + + + Achtzehntes Kapitel. + + +Am andern Morgen noch vor Hahnenkraht ritt ein verhuelltes Weib aus dem +Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Ross +am Zuegel fuehrend und immer wieder in ihr verschleiert Antlitz schauend. +Einen Pfeilschuss hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Buendel hinter sich auf +dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing. + +Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg. + +Endlich hatten sie eine Waldhoehe erreicht: hinter ihnen die breite +Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen +die Strasse, die nach der Via Aemilia im Nordwesten fuehrte. + +Da hielt das Weib den Zuegel an. + +"Die Sonne steigt soeben auf: ich hab's gelobt, dass sie dich frei und +ledig findet. Leb wohl, mein Witichis." "Eile nicht so hinweg von mir," +sagte er, ihre Hand drueckend. "Wort muss man halten, Freund, und bricht das +Herz darob. Es muss sein." - "Du gehst leichter, als ich bleibe." Sie +laechelte schmerzlich. "Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhoehe: Du +hast noch ein Leben vor dir." - "Was fuer ein Leben!" - "Das Leben eines +Koenigs fuer sein Volk, wie dein Eid es gebeut." - "Unseliger Eid." - "Es +war recht, ihn zu schwoeren: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst +mein gedenken in den Goldsaelen von Rom, wie ich dein in meiner Huette tief +im Steingeklueft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb' +und Treu, und unsern suessen Knaben." + +"O mein Weib, mein Weib," rief der Gequaelte und umschlang sie mit beiden +Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrueckt. Sie beugte das Haupt ueber +ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar. + +Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann +hielt er's nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: "Herr, +passt auf, ich weiss euch guten Rat, hoert ihr nicht?" + +"Was kannst du raten?" + +"Kommt mit, auf und davon! werft euch auf mein Pferd und reitet frisch +davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Lasst ihnen doch, die euch so +quaelen, dass euch die hellen Tropfen im Auge stehen, lasst ihnen doch den +ganzen Plunder von Kron' und Reich. Euch hat's kein Glueck gebracht: sie +meinen's nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote +Krone? Auf und davon, sag ich! Und ich weiss euch ein Felsennest, wo euch +nur der Adler findet oder der Steinbock." + +"Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus +der Muehle? Leb wohl Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: +des Kindes Stirnlocken sind darin und eine," fluesterte sie, ihn auf die +Stirn kuessend und das Medaillon umhaengend, "und eine von Rauthgundis. Leb +wohl, du mein Leben!" + +Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen. + +Da trieb sie das Pferd an: "Vorwaerts, Wallada," und sprengte hinweg: +Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach. + +Da hielt sie, ehe die Strasse sich ins Gehoelz kruemmte: - nochmal winkte sie +mit der Hand und war gleich darauf verschwunden. + +Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschlaege der eilenden Rosse. Erst +als diese verhallt, wandte er sich. + +Aber es liess ihn nicht von der Stelle. + +Er trat seitab der Strasse: dort lag jenseit des Grabens ein grosser +moosiger Felsblock: darauf setzte sich der Koenig der Goten, und stuetzte +die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Haende. Fest drueckte er die +Finger vor die Augen, die Welt und alles draussen auszuschliessen von seinem +Schmerz. + +Thraenen drangen durch die Haende, er achtete es nicht. Reiter sprengten +vorueber, er hoerte es kaum. So sass er stundenlang regungslos, so dass die +Voegel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten. + +Schon stand die Sonne im Mittag. + +Endlich - hoerte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm. + +"Ich wusst es wohl," sagte dieser, "du bist nicht feig entflohn. Komm mit +zurueck und rette das Reich. Als man dich heut nicht in deinem Zelte fand, +kam's gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glueck +verzweifelnd, dich davon gemacht. + +Bald drang's in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen +Ausfall, sie wollen zu Belisar uebergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um +die Krone. Zwei, drei Gegenkoenige drohn. Alles faellt in Truemmer +auseinander, wenn du nicht kommst und rettest." + +"Ich komme," sagte er, "sie sollen sich hueten! Es brach das beste Herz um +diese Krone: sie ist geheiligt und sie soll'n sie nicht entweihn. Komm, +Teja, zurueck ins Lager." + + + + + + Fuenftes Buch. + + + WITICHIS. + + + Zweite Abteilung. + + + + + Erstes Kapitel. + + +Im Lager angelangt fand Koenig Witichis alles in hoechster Verwirrung; +gewaltsam riss ihn die draengende Not des Augenblicks aus seinem Gram und +gab ihm vollauf zu thun. + +Er traf das Heer in voller Aufloesung und in zahlreiche Parteiungen +zerspalten. Deutlich erkannte er, dass der Fall der ganzen gotischen Sache +die Folge gewesen waere, haette er die Krone niedergelegt oder das Heer +verlassen. + +Manche Gruppen fand er zum Aufbruch bereit. + +Die einen wollten sich dem alten Grafen Grippa in Ravenna anschliessen. +Andere zu den Empoerern sich wenden, andere Italien verlassend ueber die +Alpen fluechten. Endlich fehlte es nicht an Stimmen, die fuer eine neue +Koenigswahl sprachen: und auch hierin standen sich die Parteien +waffendrohend gegenueber. + +Hildebrand und Hildebad hielten noch diejenigen zusammen, die an des +Koenigs Flucht nicht glauben wollten. Der Alte hatte erklaert, wenn Witichis +wirklich entflohen, wolle er nicht ruhen, bis der eidbruechige Koenig wie +Theodahad geendet. Hildebad schalt jeden einen Neiding, der also von +Witichis denke. Sie hatten die Wege zur Stadt und nach dem Woelsungenlager +besetzt und drohten, jeden Abzug nach diesen Seiten mit Gewalt +zurueckzuweisen, waehrend auch bereits Herzog Guntharis von der Verwirrung +Kunde erhalten hatte und langsam gegen das Lager der Koeniglichen anrueckte. + +Ueberall traf Witichis auf unruhige Haufen, abziehende Scharen, Drohungen, +Scheltworte, erhobene Waffen: - jeden Augenblick konnte auf allen Punkten +des Lagers ein Blutbad ausbrechen. Rasch entschlossen eilte er in sein +Zelt, schmueckte sich mit dem Kronhelm und dem goldenen Stab, stieg auf +Boreas, das maechtige Schlachtross, und sprengte, gefolgt von Teja, der die +blaue Koenigsfahne Theoderichs ueber ihm hielt, durch die Gassen. + +In der Mitte des Lagers stiess er auf einen Trupp von Maennern, Weibern und +Kindern, - denn ein gotisches Volksheer fuehrte auch diese mit sich - der +sich drohend gegen das Westthor waelzte. + +Hildebad liess die Seinen mit gefaellten Speeren in die Thore treten. + +"Lasst uns hinaus," schrie die Menge, "der Koenig ist geflohen, der Krieg +ist aus, alles ist verloren, wir wollen das Leben retten." "Der Koenig ist +kein Tropf wie du," sagte Hildebad, den Vordersten zurueckstossend. "Ja, er +ist ein Verraeter," schrie dieser, "er hat uns alle verlassen und verraten +um ein paar Weiberthraenen." + +"Ja," schrie ein anderer: "er hat dreitausend von unseren Bruedern +hingeschlachtet und ist dann entflohn." + +"Du luegst," sprach eine ruhige Stimme und Witichis bog um die Lagerecke. + +"Heil dir, Koenig Witichis!" schrie der riesige Hildebad, "seht ihr ihn da! +- Hab' ich's nicht immer gesagt, ihr Gesindel? Aber Zeit war's, dass du +kamst - sonst ward es schlimm." + +Da sprengte von rechts Hildebrand mit einigen Reitern heran: "Heil dir, +Koenig, und der Krone auf deinem Helm. - Reitet durch das Lager, Herolde, +und kuendet, was ihr saht: und alles Volk soll rufen: "Heil Koenig Witichis, +dem Vielgetreuen."" + +Aber Witichis wandte sich schmerzlich von ihm ab. - + +Die Boten schossen wie Blitze hinweg; bald scholl aus allen Gassen der +donnernde Ruf: "Heil Koenig Witichis," und von allen Seiten stimmten die +juengst noch Hadernden einig in diesen Ruf zusammen. + +Sein Blick flog mit dem Stolz tiefsten Schmerzes ueber die Tausende. Und +Teja sprach hinter ihm leise: "du siehst, du hast das Reich gerettet." + +"Auf, fuehr uns zum Sieg!" rief Hildebad, "denn Guntharis und Arahad ruecken +an: sie waehnen, uns ohne Haupt in offenem Zwist zu ueberraschen! heraus auf +sie! sie sollen sich schrecklich irren; heraus auf sie und nieder die +Empoerer." - "Nieder die Empoerer!" donnerten die Heermaenner nach, froh, +einen Ausweg ihrer tieferregten Leidenschaft zu finden. + +Aber der Koenig winkte mit edler Ruhe: "Stille! nicht noch einmal soll +gotisch Blut fliessen von gotischen Waffen. Ihr harret hier in Geduld: du, +Hildebad, thu' mir auf das Thor. Niemand folgt mir: ich allein gehe zu den +Gegnern. Du, Graf Teja, haeltst das Lager in Zucht, bis ich wiederkehre. Du +aber, Hildebrand," - er rief's mit erhobener Stimme, - "reit' an die Thore +von Ravenna und kuende laut: sie sollen sie oeffnen. Erfuellt ist ihr Begehr, +und noch vor Abend ziehen wir ein: der Koenig Witichis und die Koenigin +Mataswintha." + +So gewaltig und ernst sprach er diese Worte, dass das Heer sie mit +lautloser Ehrfurcht vernahm. + +Hildebad oeffnete die Lagerpforte: man sah die Reihen der Empoerer im +Sturmschritt heraneilen: laut scholl ihr Kriegsruf, als sich das Thor +oeffnete. + +Koenig Witichis gab an Teja sein Schwert und ritt ihnen langsam entgegen. +Hinter ihm schloss sich das Thor. + +"Er sucht den Tod," fluesterte Hildebrand. "Nein," sprach Teja, "er sucht +und bringt das Heil der Goten." + +Wohl stutzten die Feinde, als sie den einzelnen Reiter erkannten: neben +den woelsungischen Bruedern, die an der Spitze zogen, ritt ein Fuehrer +avarischer Pfeilschuetzen, die sie in Sold genommen. Dieser hielt die Hand +vor die kleinen, blinzenden Augen und rief: "Beim Rosse des Rossgotts, das +ist der Koenig selbst! jetzt, meine Burschen, pfeilkundige Soehne der +Steppe, zielt haarscharf und der Krieg ist aus." Und er riss den krummen +Hornbogen von der Schulter. + +"Halt, Chan Warchun," sprach Herzog Guntharis, eine eherne Hand auf seine +Schulter legend. "Du hast zweimal schwer gefehlt in einem Atem. Du nennst +den Grafen Witichis Koenig: das sei dir verziehn. Und du willst ihn morden, +der im Botenfrieden naht: Das mag avarisch sein: es ist nicht Gotensitte. +Hinweg mit dir und deiner Schar aus meinem Lager." + +Der Chan stutzte und sah ihn staunend an: "Hinweg, sogleich!" wiederholte +Herzog Guntharis. Der Avare lachte und winkte seinen Reitern: "Mir gleich! +Kinder: wir gehn zu Belisar. Sonderbare Leute, diese Goten! Riesenleiber - +Kinderherzen." + +Indessen war Witichis herangeritten. Guntharis und Arahad musterten ihn +mit forschenden Blicken. In seinem Wesen lag neben der alten, schlichten +Wuerde eine ernste Hoheit: die Majestaet des hoechsten Schmerzes. + +"Ich komme, mit euch zu reden, zum Heil der Goten. Nicht weiter sollen +Brueder sich zerfleischen. Lasst uns zusammen einziehen in Ravenna und +zusammen Belisar bekaempfen. Ich werde Mataswintha freien und ihr beide +sollt am naechsten stehen an meinem Thron." + +"Nimmermehr!" rief Arahad leidenschaftlich. "Du vergisst," sprach Herzog +Guntharis stolz, "dass deine Braut in unsern Zelten ist." + +"Herzog Guntharis von Tuscien, ich koennte dir erwidern, dass bald wir in +euren Zelten sein werden. Wir sind zahlreicher und nicht feiger als ihr, +und, o Herzog Guntharis, mit uns ist das Recht. Ich will nicht also +sprechen. Aber mahnen will ich dich des Gotenvolks. Selbst wenn du siegen +solltest, - du wirst zu schwach, um Belisar zu schlagen. Kaum einig sind +wir ihm gewachsen. Gieb nach!" + +"Gieb du nach!" sprach der Woelsung, "wenn dir's ums Gotenvolk zu thun. +Lege diese Krone nieder: kannst du kein Opfer bringen deinem Volk?" - "Ich +kann's - ich hab's gethan. Hast du ein Weib, o Guntharis?" + +"Ein teures Weib habe ich." - "Nun wohl: auch ich hatte ein teures Weib. +Ich hab's geopfert meinem Volk: ich habe sie ziehen lassen, Mataswinthen +zu freien." + +Herzog Guntharis schwieg. Arahad aber rief: "dann hast du sie nicht +geliebt." + +Da fuhr Witichis empor: sein Schmerz und seine Liebe wuchsen riesengross: +Glut deckte seine Wangen, und einen vernichtenden Blick warf er auf den +erschrockenen Juengling: "Schwatze mir nicht von Liebe, laestre nicht, du +thoerichter Knabe! Weil dir ein paar rote Lippen und weisse Glieder in +deinen Traeumen vor den Blicken glaenzen, sprichst du von Liebe? Was weisst +du von dem, was ich an diesem Weib verloren, der Mutter meines suessen +Kindes! Eine Welt von Liebe und Treue. Reizt mich nicht: meine Seele ist +wund: in mir liegen Schmerz und Verzweiflung mit Muehe gebaendigt: reizt sie +nicht, lasst sie nicht losbrechen." + +Herzog Guntharis war sehr nachdenklich geworden. + +"Ich kenne dich, Witichis, vom Gepidenkrieg: nie sah ich unadeligen Mann +so adelige Streiche thun. Ich weiss, es ist kein Falsch an dir. Ich weiss, +wie Liebe bindet an ein ehlich Weib. Und du hast das Weib deinem Volk +geopfert? Das ist viel." + +"Bruder! was sinnest du?" rief Arahad, "was hast du vor?" - "Ich habe vor, +das Haus der Woelsungen an Edelmut nicht beschaemen zu lassen. Edle Geburt, +Arahad, heischt edle That! + +Sag' mir nur eins noch: weshalb hast du nicht lieber die Krone hingegeben, +ja dein Leben, als dein Weib?" + +"Weil es des Reiches sicheres Verderben war. Zweimal wollt' ich die Krone +Graf Arahad abtreten: zweimal schwuren die Ersten meines Heeres, ihn nie +anzuerkennen. Drei, vier Gegenkoenige wuerden gewaehlt, aber, bei meinem +Wort, Graf Arahad wuerde niemals anerkannt. Da rang ich mein Weib von mir +ab, vom blutenden Herzen. Und nun, Herzog Guntharis, gedenk' auch du des +Gotenvolks. Verloren ist das Haus der Woelsungen, wenn die Goten verloren. +Die edelste Bluete des Stammes faellt mit dem Stamm, wenn Belisar die Axt an +die Wurzel legt. Ich habe mein Weib dahingegeben, meines Lebens Krone: +gieb du die Hoffnung einer Krone auf." + +"Man soll nicht singen in der Goten Hallen: Der Gemeinfreie Witichis war +edler, als des Adels Edelste! Der Krieg ist aus: ich huldige dir, mein +Koenig." Und der stolze Herzog bog das Knie vor Witichis, der ihn aufhob +und an seine Brust zog. + +"Bruder! Bruder! was thust du an mir! welche Schmach!" rief Arahad. "Ich +rechn' es mir zur Ehre!" sprach Guntharis ruhig. "Und zum Zeichen, dass +mein Koenig nicht Feigheit sieht, sondern eine Edelthat in der Huldigung, +erbitt' ich mir eine Gunst. Amaler und Balthen haben unser Geschlecht +zurueckgedraengt von dem Platz, der ihm gebuehrt im Volke der Goten." "In +dieser Stunde," sprach Witichis, "kaufst du ihn zurueck: die Goten sollen +nie vergessen, dass Woelsungen-Edelsinn ihnen einen Bruderkampf erspart +hat." - "Und des zum Zeichen sollst du uns das Recht verleihen, dass die +Woelsungen der Goten Sturmfahne dem Heer vorauftragen in jeder Schlacht." +"So sei's," sagte der Koenig, ihm die Rechte reichend, "und keine Hand wird +sie mir wuerdiger fuehren." "Wohlan, jetzt auf zu Mataswintha," sprach +Guntharis. + +"Mataswintha!" rief Arahad, der bisher wie betaeubt der Versoehnung +zugesehen, die alle seine Hoffnungen begrub. "Mataswintha!" wiederholte +er. "Ha, zur rechten Zeit gemahnt ihr mich. Ihr koennt mir die Krone +nehmen: - sie fahre hin, - nicht meine Liebe und nicht die Pflicht, die +Geliebte zu beschuetzen. Sie hat mich verschmaeht: ich aber liebe sie bis +zum Tode. Ich habe sie vor meinem Bruder beschirmt, der sie zwingen +wollte, mein zu werden. Nicht minder wahrlich will ich sie beschuetzen, +wollt ihr sie nun beide zwingen, des verhassten Feindes zu werden. Frei +soll sie bleiben, diese Hand, die kostbarer als alle Kronen der Erde." Und +rasch schwang er sich aufs Pferd und jagte mit verhaengtem Zuegel seinem +Lager zu. + +Witichis sah ihm besorgt nach. "Lass ihn," sprach Herzog Guntharis, "wir +beide, einig, haben nichts zu fuerchten. Gehen wir die Heere zu versoehnen, +wie die Fuehrer." + +Waehrend Guntharis zuerst den Koenig durch seine Reihen fuehrte und diese +aufforderte, gleich ihm zu huldigen, was sie mit Freuden thaten, und +darauf Witichis den Woelsungen und seine Anfuehrer mit in sein Lager nahm, +wo die Besiegung des stolzen Herzogs durch Friedensworte als ein +Wunderwerk des Koenigs angesehen wurde, sammelte Arahad aus den Reitern im +Vordertreffen eine kleine Schar von etwa hundert ihm treu ergebenen +Gefolgen und sprengte mit ihnen nach seinem Lager zurueck. + +Bald stand er im Zelt vor Mataswinthen, die sich bei seinem Eintreten +unwillig erhob. "Zuerne nicht, schilt nicht, Fuerstin! diesmal hast du kein +Recht dazu. Arahad kommt, die letzte Pflicht seiner Liebe zu erfuellen. +Flieh, du musst mir folgen." Und im Ungestuem seiner Aufregung griff er nach +der weissen, schmalen Hand. + +Mataswintha trat einen Schritt zurueck und legte die Rechte an den breiten +Goldguertel, der ihr weisses Untergewand umschloss: "fliehen?" sagte sie, +"wohin fliehen?" + +"Uebers Meer! Ueber die Alpen! gleichviel: in die Freiheit. Denn deiner +Freiheit droht hoechste Gefahr." + +"Von euch allein droht sie." - "Nicht mehr von mir! Und ich kann dich +nicht mehr beschirmen. Solang du mein werden solltest, konnte ich es, +konnte grausam sein gegen mich selbst, deinen Willen zu ehren. Aber nun -" + +"Aber nun?" sprach Mataswintha erbleichend. + +"Sie haben dich einem andern bestimmt. Mein Bruder, mein Heer und meine +Feinde im Koenigslager und in Ravenna, alle sind darin einig. - Bald werden +sie dich tausendstimmig als Opfer zum Brautaltar rufen. Ich kann's nicht +denken! Diese Seele, diese Schoenheit entweiht als Opfer in ungeliebtem +Ehebund." + +"Lass sie kommen," sagte Mataswintha, "lass sehen, ob sie mich zwingen!" Und +sie drueckte den Dolch, den sie im Guertel trug, an sich. - "Wer ist er, der +neue Zwingherr, der mir droht." + +"Frage nicht!" rief Arahad, "dein Feind, der dein nicht wert, der dich +nicht liebt; der - folge mir! - flieh', schon kommen sie!" Man hoerte von +draussen nahenden Hufschlag. + +"Ich bleibe. Wer zwingt das Enkelkind Theoderichs?" + +"Nein! du sollst nicht, sollst nicht in ihre Haende fallen, der Fuehllosen, +die nicht dich lieben, nicht deine Herrlichkeit, nur dein Recht auf die +Krone! Folge mir ... -" + +Da ward der Thuervorhang des Zeltes zur Seite geschoben: Graf Teja trat +ein. Zwei Gotenknaben mit ihm, in weisser Seide, festlich gekleidet. + +Sie trugen ein mit einem Schleier verhuelltes Purpurkissen. Er trat bis an +die Mitte des Zeltes und beugte das Knie vor Mataswinthen. Er trug, wie +die Knaben, einen gruenen Rautenzweig um den Helm. Aber sein Auge und seine +Stirne war duester, - als er sprach: "Ich gruesse dich, der Goten und Italier +Koenigin!" + +Mit erstauntem Blick mass sie ihn. Teja erhob sich, trat zurueck zu den +Knaben, nahm von dem Kissen einen goldenen Reif und den gruenen Rautenkranz +und sprach: "Ich reiche dir den Brautkranz und die Krone, Mataswintha, und +lade dich zur Hochzeit und zur Kroenung - die Saenfte steht bereit." + +Arahad griff ans Schwert. + +"Wer sendet dich?" fragte Mataswintha mit klopfendem Herzen, aber die Hand +am Dolch. "Wer sonst, als Witichis, der Goten Koenig." Da leuchtete ein +Strahl der Begeisterung aus Mataswinthens wunderbaren Augen: sie erhob +beide Arme gen Himmel und sprach: "Dank, Himmel, deine Sterne luegen nicht: +und nicht das treue Herz. Ich wusst es wohl." Und mit beiden schimmernden +Haenden ergriff sie das bekraenzte Diadem und drueckte es fest auf das +dunkelrote Haar. "Ich bin bereit. Geleite mich," sprach sie, "zu deinem +Herrn und meinem." Und mit koeniglicher Wendung reichte sie Graf Teja die +Linke, der sie ehrerbietig hinausfuehrte. + +Arahad aber starrte der Verschwundenen nach, sprachlos, noch immer die +Hand am Schwert. Da trat Eurich, einer seiner Gefolgen, zu ihm heran, und +legte ihm die Hand auf die Schulter: "Was nun?" fragte er, "die Rosse +stehen und harren: wohin?" "Wohin?" rief Arahad auffahrend - "wohin? Es +giebt nur noch Einen Weg: wir wollen ihn gehen. Wo stehen die Byzantiner +und der Tod?" + + + + + Zweites Kapitel. + + +Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles +Fest auf den Fora und in dem Koenigspalast zu Ravenna. + +Die Buerger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in +gemischten Scharen durch die Strassen und fuhren durch die Lagunenkanaele, - +denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie +heute Venedig - die riesigen Kraenze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern, +die von allen Zinnen und Daechern niederwehten: denn es galt, Vermaehlung +des gotischen Koenigspaares zu feiern. + +Am fruehen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor +den Thoren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der Koenig +und die Koenigin erschienen auf milchweissen Rossen: abgestiegen waren sie +vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte +Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt: sie aber trat +mit dem entbloessten linken Fuss in den Goldschuh des Koenigs. + +Damit war unter dem Zuruf der Tausende die Ehe nach Volksrecht +geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit gruenen Zweigen geschmueckten +Wagen, der von vier weissen Rindern gezogen ward; der Koenig schwang die +Geissel und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloss +sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche +Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen ueber das Paar in der +Basilika Sancti Vitalis und liess es die Ringe wechseln. + +Rauthgundens wurde nicht gedacht. + +Noch war die Kirche nicht maechtig genug, ihre Forderung der +Unaufloeslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe ueberall durchzusetzen: +vornehme Roemer und vollends Germanen verstiessen noch haeufig in voller +Willkuer ihre Frauen. Und wenn gar ein Koenig aus Gruenden des Staatswohls +und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloss, erhob sich kein +Widerstand. - + +Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gaerten +ein grosses Festmahl geruestet war. + +Das ganze Gotenheer und die ganze Bevoelkerung der Stadt fand hier, dann +auf den Fora des Herkules und des Honorius und in den naechsten Strassen und +Kanaelen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, waehrend die +Grossen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Koenigspaar in der +Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem +roemischen Palast anbringen lassen, tafelten. + +So wenig die Lage des Landes und des Koenigs Stimmung zu rauschenden Festen +passen mochten, - es galt, die Ravennaten mit den Goten und die +verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versoehnen: und man hoffte, +in Stroemen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen +hinwegzuspuelen. + +Am besten uebersah man den Koenigstisch und die festlichen Tafeln, die sich +ueber den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach +Mataswinthens bestimmten kleinen Gelass, dessen einziges Fenster auf die +Rotunde vor dem Garten und, ueber den Garten hin, bis auf das Meer +ausblicken liess. + +In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmueckend zu schalten und zu +walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste +ausgebeten. "Denn diese ernsten, finstern Roemer wissen ebensowenig wie die +rauhen Goten, dem schoensten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in +Afrika, im Land der Wunder, lernt man das." + +Und wohl war ihr's gelungen, wenn auch im Sinn der schwuelen, +phantastischen Ueppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre +Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Waende und Decke +waren von glaenzend weissen Marmorplatten gefuegt. + +Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten +Gehaengen von dunkelroter Seide verhuellt, die in schweren Falten von den +Waenden niederfloss, sich ueber die Getaefeldecke wie ein Rundbogen woelbte und +den Marmorboden so dicht verhuellte, dass jeder Tritt lautlos drueber hin +glitt und alles Geraeusch sich im Entstehen brach. Nur an der +Fensterbruestung sah man den schimmernd weissen Marmor sich prachtvoll von +der Glut der Seide heben. + +Das Fenster von weissem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber +Seide verhangen und alles Licht in dem kleinen Raum stroemte aus von einer +Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit +goldnen Fluegeln schwebte aus einem Fuellhorn von Blumengewinden: in den +Fuessen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen grossen Karneol, der, +ein Geschenk des Vandalenkoenigs, in den aurasischen Bergen gefunden, als +ein seltenes Wunder galt. + +Und in dieser Schale gluehte ein rotes Flaemmchen, genaehrt von stark +duftendem Cederoel. Ein gebrochenes, traeumerisches Daemmerlicht ergoss sich +von hier aus ueber das phantastische Doppelpfuehl, das, halb von Blumen +verschuettet, darunter stand. Aspa hatte sich das braeutliche Lager als die +aufgeschlagnen Schalen einer Muschel gedacht, die an der innern Seite +zusammenhaengen, zwei ovale muschelfoermige Klinen von Citrusholz erhoben +sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Ueber die weissen Kissen und +Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen. + +Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fuelle von Blumen, welche +die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem +Geschmack ueber das ganze Gemach verstreut und ueber die Waende, Decken, +Vorhaenge, die Thuere und das Lager verteilt hatte. + +Ein Bogen von starkduftigen Geissblattranken ueberwoelbte laubenartig die +einzige Thuere, den schmalen Eingang. Zwei maechtige Rosenbaeume standen zu +Haeupten des Lagers und streuten ihre roten und weissen Blueten auf die +Teppiche. Die Ampel hing, wie erwaehnt, aus einem kunstvoll gewundnen +Fuellhorn von Blumen herab. Und ueberall sonst, wo eine Falte, eine Biegung +der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume +gluecklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die +sicilische Myrte, das schoene Rhododendron der Alpen und die gluehenden +Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: - alle lauschten je am +gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. - + +Schon standen die Sterne am Himmel. + +Es daemmerte draussen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der +veilchendunkeln Schale entzuendet und war nur noch beschaeftigt, hier und da +eine Falte zu glaetten, indes sie eine roemische Sklavin anwies, in den +Silberkruegen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kuehlen, +eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen. + +"Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!" rief +Aspa, eine volle Libation ueber das Lager spritzend. + +"Lass ab," mahnte die Roemerin, "es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen +betaeubt: die Rose und das Geissblatt berauschen fast die Sinne: mir wuerde +schwindeln hier." + +"Ah," lachte Aspa, "wie singt der Dichter: "Nuechternen nimmer nahet das +Glueck: nur in seligem Rausche." Lass uns jetzt das Fenster schliessen." - +"Nur ein wenig noch lass mich lauschen," bat eine dritte junge Sklavin, die +dort lehnte. "Es ist zu schoen! Komm, Frithilo," sprach sie zu einer +gotischen Magd, die neben ihr stand, "du kennst ja all die stolzen Maenner +und Frauen: sage, wer ist der zur Linken der Koenigin mit dem goldnen +Schuppenpanzer? er trinkt dem Koenig zu." - "Herzog Guntharis von Tuscien, +der Woelsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta ... - wo mag der sein zu +dieser Stunde?" + +"Und der Alte neben dem Koenig, mit dem grauen Bart?" + +"Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht +die Fuerstin an. Wie sie lacht und erroetet! Nie war sie so schoen." - "Ja, +aber auch der Braeutigam - welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der +Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht froehlich: - vorhin starrte er lange +sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn: - die Koenigin sah es: - +bis der alte Hildebrand, gegenueber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf. +Was hat der Mann zu seufzen? neben diesem Goetterweib." + +"Nun," sprach die Gotin, "er hat dann doch nicht ein ganz steinern Herz. +Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und +Menschen, die er verstossen." + +"Was? wie? was sagst du? riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber +urploetzlich fuhr Aspa zwischen die Maedchen: "Willst du wohl schweigen mit +dem dummen Gerede, Barbarin! Mach, dass du fortkommst! Ein solches Wort: - +eine Silbe, dass es die Koenigin hoert und du sollst der Afrikanerin +gedenken." + +Frithilo wollte erwidern. "Still," rief eine der Roemerinnen. "Die Koenigin +bricht auf." - "Sie wird hier herauf kommen." - "Der Koenig bleibt noch." - +"Nur die Frauen folgen ihr." - "Sie geben ihr das Geleit bis hierher," +sprach Aspa. "Gleich kann sie hier sein: bereitet euch, sie zu empfangen." + +Bald nahte der Zug, von Fackeltraegern und Floetenblaesern eroeffnet. Darauf +eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder +jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Guntharis, und +Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen +den Zug. + +An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an +die jungen Maedchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Guertel +verschenkend. + +Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause +zurueck. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, liessen sich +als Ehrenwache vor der Thuere des Brautgemaches nieder, wo Teppiche fuer sie +bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Maenner, +die den Braeutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt' es die +gotische Sitte. + +Mataswintha ueberschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens. +"Aspa," rief sie, "das hast du schoen gemacht! - zauberisch!" - + +Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme ueber die Brust und beugte den +Nacken. Sie an sich ziehend, fluesterte die Braut: + +"Du kanntest mein Herz und seine Traeume! Aber," fuhr sie aufatmend fort, +"wie schwuel! Deine gluehenden Blumen berauschen." + +"In Glut und Rausch nahen die Goetter!" sprach Aspa. + +"Wie schoen jene Violen: und dort die Purpurlilie; mir ist, die Goettin +Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darueber +ihre schoensten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier +erlebe. Es durchrieselt mich heiss. - Es ist schwuel. - Nehmt mir den +schweren Prunk ab." Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar. + +Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und +zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei +wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen loesten die Spange, +die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit +seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der +Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem +aermellosen wallenden Unterkleid von weisser persischer Seide. Ihre +schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: - Erbstuecke aus +dem alten Schatz der Amalungen: gruene Schlangen von Smaragden waren darin +eingelegt. + +Mit Entzuecken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den +Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu +schlichten. + +"Wie schoen du bist! wie zauberschoen! - wie Astaroth, die Liebesgoettin: - +nie warst du so schoen, wie in dieser Stunde." Mataswintha warf einen +raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fuehlte, dass Aspa +recht hatte: und sie erroetete. + +"Geht," sagte sie, "lasst mich allein mit meinem Glueck." Die Sklavinnen +gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch oeffnete, wie um +ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der +unten vom Schein der Haengelampen im Garten voll beleuchtet war. + +"Er! Wieder er. - Wohin entflieh ich vor ihm, dem suessen Tod?" + +Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenueber, +glaenzte im Ampellicht eine weisse Marmorbueste. Sie kannte sie wohl: Aspa +hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender +Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weissen und roten Rosen um +sein Haar. "Und wieder du!" fluesterte die Braut, suess erschrocken und legte +die weisse Hand vor die Augen. "Und schliess ich die Augen und wend' ich sie +nach innen, so seh ich wieder sein Bild, sein Bild allein im tiefsten +Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will's!" +rief sie die Hand fallen lassend und dicht vor die Bueste tretend: "ich +will's! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab' ich zu dir +aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren, +grossen Zuegen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen, +dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfuellt! Wie er einst dem weinenden +Kinde die Thraenen getrocknet und die Ratlose nach Hause gefuehrt, so wird +er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in +seinem Herzen. Und durch all diese oeden Jahre, durch all die letzten +Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefuehl: "Es wird! +Dir wird geschehen wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher +an der starken Brust." Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des +Himmels: - es ward. Ich bin sein! Dank, gluehenden, seligen Dank, wer immer +du bist, beglueckende Macht, die ueber den Sternen die Bahn der Menschen +lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. O ich +will's verdienen, dieses Glueck. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich +bin schoen: ich weiss es, dass ich's bin: ich weiss es ja durch ihn: - ich +will's fuer ihn sein. Lass mir, Himmel, diese Schoene. Sie sagen: ich habe +einen maechtigen, schwungvollen Geist. O gieb ihm Fluegel, Gott, dass ich +seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhoehen. Aber, o Gott, lass mich +auch abthun meine Fehler, den sproeden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den +Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbaendigen Drang nach Freiheit ... - +O fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmuetiger Geist: ihm sich zu +beugen ist edelster Ruhm. Gieb dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig +an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis," rief sie und +sank fortgerissen vom Gefuehl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und +zu der Bueste aufblickend mit schwimmenden Augen - "ich bin dein. Thu wie +du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! nur gesteh, dass du gluecklich +bist, gluecklich durch mich." + +Und sie beugte das schoene Haupt vor, nach den gefaltenen Haenden. + +Doch ploetzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floss ins Gemach. An der +offenen Thuere stand der Koenig: draussen auf dem Gang zeigten sich +zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln. + +"Dank, meine Freunde," sprach der Koenig mit ernster Stimme. "Dank, fuer das +Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht," und er wollte die Thuere +schliessen. + +"Halt," sprach Hildebrand, mit der Hand die Thuere wieder oeffnend, so dass +Mataswintha sichtbar ward, "hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das +Weib, die heut wir vermaehlt, sind gluecklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet +Witichis und Mataswintha: und ihren ersten ehelichen Kuss." + +Mataswintha erbebte. Sie wankte, und schlug ergluehend die Augen nieder. + +Unschluessig stand der Koenig in der Thuer. "Du kennst der Goten Brauch," +sprach Hildebrand laut, "so thu' danach." + +Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens, +fuehrte sie schnell einen Schritt vorwaerts und beruehrte mit den Lippen ihre +Stirn. Mataswintha zuckte. + +"Heil euch!" rief Hildebrand. "Wir haben gesehen den braeutlichen Kuss. Wir +bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil Koenig Witichis und seinem +schoenen Weib, der Koenigin Mataswintha." + +Der Zug wiederholte den Ruf und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis, +Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannertraeger) des Koenigs, +Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Maedchen +vor der Thuere des Brautgemachs, welche Witichis nun schloss. + +Sie waren allein. + +Witichis warf einen langen, pruefenden Blick durch das Gemach. Das erste, +was Mataswintha that, war, - sein Kuss brannte auf ihrer Stirn, - dass sie +unwillkuerlich soweit als moeglich von ihm hinwegglitt. So war sie - sie +wusste nicht wie - in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fenster, +gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die +Haende auf das maechtige, breite und fast brusthohe Schwert gestuetzt, das +er, aus dem Wehrgehaeng genommen, in der Scheide, wie einen Stab, in der +Rechten fuehrte. + +Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf +Mataswintha gerichtet. "Koenigin," sprach er und seine Stimme drang ernst +und feierlich aus seiner Brust, "sei getrost! Ich ahne, was du fuerchtend +fuehlst in zarter Maedchenbrust. Es musste sein. Ich durfte dein nicht +schonen. Das Wohl des Volks gebot's: ich griff nach deiner Hand: sie muss +mein sein und bleiben. Doch hab' ich schon in allen diesen Tagen dir +gezeigt, dass deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden: - und wir +sind jetzt zum ersten Mal allein. Auch diese gepresste bange Stunde haett' +ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte +Sitte des Brautgeleits. Und du weisst, in unserem Fall liegt alles daran, +sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat, und die Roete in +deinen Wangen aufflammen sah, - lieber haett' ich im oedesten Berggeklueft +dieses muede Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht: +Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hueten diese Schwelle. +Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach. + +Wollt' ich dich verlassen, es gaebe Laerm und Spott und Streit: und neuen +Zwist vielleicht. Du musst mich diese Nacht in deiner Naehe dulden." + +Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab: auch +den Purpurmantel, den er, aehnlich dem Mataswinthens, ueber der Schulter +trug, warf er ab. + +Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand. + +Witichis drueckte dies Schweigen: so schwer er selber litt, ihn dauerte des +Maedchens. "Komm, Mataswintha," sprach er. "Verharre nicht in unversoehntem +Zorn. Es musste sein, sag' ich dir. Lass uns, was sein muss, edel tragen und +nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich musste deine Hand nehmen, - dein +Herz bleibt frei. + +Ich weiss, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht +lieben. Doch glaub' mir: redlich ist mein Herz und achten sollst du +immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft, +Koenigin der Goten!" + +Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte. + +Nicht laenger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank +zugleich zu seinen Fuessen nieder, dass Witichis ueberrascht zuruecktrat. + +"Nein, weiche nicht zurueck, du Herrlicher!" rief sie. "Es ist doch kein +Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang +und Furcht und Unrecht, das du mir gethan. O Witichis, wohl hat man mich +gelehrt, - das Weib soll immer klug verbergen, was es fuehlt, soll sich +bitten lassen und erweichen und nur genoetigt geben, was es aus Liebe +giebt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals ... - +Hinweg mit diesen niedrigen Plaenen armer Klugheit! Lass mich thoericht sein! +Nicht thoericht! Offen und gross, wie deine Seele! + +Nur Groesse kann dich verdienen, nur das Ungewoehnliche. Du sprichst von +Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! - Es brauchte keines Zwangs! - +gern ..." - + +Staunend hatte sie Witichis eine Zeit lang angesehen. + +Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. "Das ist schoen und gross, +Mataswintha, dass du feurig fuehlest fuer dein Volk, die eigene Freiheit ohne +Zwang ihm opfernd. Glaub' mir, ich ehre das hoch, und schlage das Opfer +darum nicht niedriger an. That ich doch desgleichen! Nur um des +Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand und nun und nie kann ich +dich lieben." + +Da erstarrte Mataswintha. + +Sie ward bleich wie eine Marmorstatue: die Arme fielen ihr schlaff herab: +sie starrte ihn mit grossen, offnen Augen an. "Du liebst mich nicht? du +kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein +Gott? Sag, bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schoenste Weib der +Erde genannt?" + +Aber der Koenig beschloss, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht +erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. "Ja, du bist Mataswintha, und +teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Koenigs, +aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben +ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von +mir gerissen: und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis, +mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!" + +"Ha!" rief Mataswintha, wie von Fieber geschuettelt und beide Arme +erhebend, "und du hast es gewagt ... -" + +Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den Koenig. +"Du wagst es!" rief sie nochmals - "Hinweg, hinweg von mir!" + +"Still," sprach Witichis, "willst du die Lauscher draussen herbeirufen? +Fasse dich, ich verstehe dich nicht." + +Und rasch zog er das maechtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das +Doppelpfuehl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng +aneinanderstiessen. + +"Sieh hier dies Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze +zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen. + +Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden. + +Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide, - ich bleibe links. So teile, +wie ein Schwertschnitt, diese Nacht fuer immer unser Leben!" + +Aber in Mataswinthens Busen wogten die maechtigsten Gefuehle, furchtbar +ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und gluehender Hass. Die Stimme +versagte ihr. "Nur fort, fort aus seiner Naehe," konnte sie noch denken. +Sie eilte gegen die Thuer. + +Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm. + +"Du musst bleiben." Da zuckte sie zusammen: das Blut schoss in ihr auf: +bewusstlos sank sie nieder. + +Ruhig sah Witichis auf sie herab. "Armes Kind," sprach er, "der schwuele +Duft in diesem Gelass hat sie ganz verwirrt! Sie wusste nicht, was sie +sinnlos sprach! + +Was ist deine kleine maedchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens +Herzzerreissung und die meine." + +Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfuehl zur Rechten des +Schwertes. + +Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich +zur Linken und lehnte den Ruecken an das Lager. + +Lang sass er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes +Haargeflecht gedrueckt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es +kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. - + +Mit dem ersten Hahnenschrei verliess die Brautwache ihren Posten, von +Floetenblaesern abgeholt. Gleich darauf schritt der Koenig aus dem Gemach, in +voller Ruestung. + +Die Floeten hatten auch Mataswintha geweckt. + +Aspa, die sich leise heranschlich, hoerte ploetzlich einen dumpfen Schlag. +Sie eilte in das Gemach. Da stand die Koenigin, auf des Koenigs langes +Schwert gestuetzt, und starrte vor sich zur Erde. + +Der Areskopf lag zertruemmert zu ihren Fuessen. + + + + + Drittes Kapitel. + + +Im friedlichen Licht des spaeten Nachmittags schimmerten die Kirche und das +Kloster, die am Fuss des Apenninus nordoestlich von Perusia und Asisium, +suedlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des +kleinen Fleckens Taginae, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des +Jenseits einzuloesen. + +Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgefuehrt, umfriedete +mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem gruenem Laubwerk. +An den vier Seiten desselben liefen kuehle Bogengaenge hin mit +Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmueckt. +All dies Bildwerk hatte den freudlosen byzantinischen Ernst: es waren +sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der +Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit. + +Feierliche Stille waltete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen +von diesen hohen und starken Mauern. Cypressen und Thuien herrschten vor +in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen +ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Voeglein nicht: der Nachtigall +suesses Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stoeren. + +Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs einer streng +kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem +Freunde Valerius den ganzen Plan der aeusseren und inneren Einrichtung +seiner Stiftung entworfen - aehnlich der Regel des Maennerklosters, das er +selbst zu Squillacium in Unteritalien gegruendet - und dessen Ausfuehrung +ueberwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch +feindlich abgewendeter Geist drueckte sich denn im groessten wie im kleinsten +dieser Schoepfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als +Religiosae lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Busse und +Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werkthaetiger christlicher Liebe, indem +sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Huetten aufsuchten und +ihnen Seele und Leib troesteten und pflegten. + +Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck, +wenn durch die dunkeln Cypressengaenge hin eine dieser frommen Beterinnen +wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt +die weisse enganschliessende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von +den aegyptischen Isispriestern ueberkommen. Vor den oft in Kreuzesform +geschnittenen Buchsgebueschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf +der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei +jeder Begegnung aneinander vorueber. Denn das Gespraech war auf das +Unerlaessliche beschraenkt. + +In der Mitte des Gartens floss ein Quell aus dunklem Gestein von Cypressen +ueberragt. Ein Paar Sitze waren in den Marmor gehauen. + +Es war ein stilles, schoenes Plaetzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art +Laube und verbargen beinahe voellig ein finsteres, rohes Steinrelief, das +die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte. + +An diesem Quell sass, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine +schoene, jungfraeuliche Gestalt in schneeweissem Gewand, das eine goldne +Spange ueber der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in +weichen Wellen zurueckgelegt, umflocht eine fein geschlungene Epheuranke: - +Valeria war's, die Roemerin. + +Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden, +seit die Saeulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestuerzt. Sie war +bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Raeumen. Aber ihr Auge +leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schoenheit. + +Sie las mit grossem Eifer; der Inhalt schien sie lebhaft fortzureissen, die +feingeschnittenen Lippen bewegten sich unwillkuerlich und zuletzt ward die +Stimme der Lesenden leise vernehmlich: + + - - "Und er vermaehlte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. - + Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr, + Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmuendige Knaeblein, + Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Sterne vergleichbar. + Schweigend betrachtete Hektor mit laechelndem Blicke den Knaben. + Aber Andromache trat mit thraenenden Augen ihm naeher, + Drueckt' ihm zaertlich die Hand und begann die gefluegelten Worte: + "Boeser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knaebleins + Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor + Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich toeten, + Alle mit Macht einstuermend auf dich. Dann waer' mir das beste, + Dass mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft + Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal: + Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter: + Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles ... -"" + +Sie las nicht weiter: die grossen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme +versagte; sie neigte das blasse Haupt. + +"Valeria," sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich ueber ihre +Schulter. "Thraenen ueber dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich: - die +Ilias! Kind! ich gab dir doch die Evangelien." + +"Verzeih mir, Cassiodor. Es haengt mein Herz noch andern Goettern an als +deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten +ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir und in diesen +Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an +die letzten Faeden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen +Grau'n und Liebe ratlos schwankt der Sinn." + +"Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden. +Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre +zurueck zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glueck zu finden." + +Sie aber schuettelte das schoene Haupt. "Es geht nicht mehr. Feindlich +ringen in meiner Seele zwei Gewalten. Welche auch siege, - ich verliere +immer." + +"Kind, sprich nicht so! du kannst die beiden Maechte, Erdenlust und +Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Wage wiegen." + +"Weh' denen," fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, "welchen das +Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu +den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines +der beiden froh." + +"In dir, mein Kind," sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, "walten +freilich unversoehnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter +Sinn. Dein Vater, ein Roemer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen +Welt, kuehn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend, +wenig, allzuwenig, fuercht' ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens, +der nur im Jenseits unsere Heimat sucht, - in der That Valerius, mein +Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter, +fromm, sanft, aus einem Martyrergeschlecht, den Himmel suchend und der +Erde vergessen, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich ... -" + +"Nein," sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kraeftig +zurueckwerfend, "ich fuehle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut +neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon frueh. +Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und +Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner +Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus und wenn er +abends mit mir sass und las, so waren's Livius und Tacitus und Vergilius, +nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein +siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die +Tugenden, die der Vater pries und uebte, sie galten nur dem Staat, dem +Haus, den Freunden. Gluecklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine +Seele." + +"Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers." + +"Ich war gluecklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern +mit ihrem Grabesernst und dunkle schwere Schatten fielen hier zuerst in +meine Seele. Dich fand ich hier und du entdecktest mir, was man mir bisher +sorgfaeltig verborgen hatte, dass die Mutter in schwerer Krankheit mich +schon vor meiner Geburt durch ein Geluebde dem ehelosen Leben im Kloster +geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und dass mein Vater, +dem dieser Gedanke unertraeglich, spaeter mich vom Himmel eingeloest, indem +er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter +hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut." + +"So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermoegens! Darueber kannst du +dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu +binden und zu loesen, hat den Tausch, die Umwandlung des Geluebdes +gebilligt. Du bist frei!" - "Aber ich fuehle mich nicht frei! Nicht mehr +seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in +meinem Herzen spricht eine Stimme: "der Himmel nimmt nicht totes Gold +statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal laesst sich nicht abkaufen, was +einmal ihm verwirkt war." Die finstre, ernste, drohende Macht jenes +heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die +in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend +Herrschaftsrecht ueber meine Seele und laesst nicht davon. Ich bin ihr +verfallen. Ihr gehoer' ich an, nicht wollend, widerstrebend, aber sicher +doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener +goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch +immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich's auch vergessen will, +immer ziehen wieder die Wolkenschatten ueber meine Seele. Sie drohen im +Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den +roten Rosen." + +"Valeria, du hassest, scheint's, was du verehren solltest." + +"Ich hasse es nicht. Ich fuerchte es. Wohl war eine Zeit," - und ein Strahl +der Freude flog ueber ihre Zuege - "da glaubte ich den dunkeln Schatten fuer +immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen +Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloss, als soviel +Jugend, Schoenheit, Liebe und Glueck mich umfluteten, da waehnte ich wohl, +fuer immer sei jener Bann geloest. Aber es waehrte nicht lang. + +Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die +ich zwischen ihn und mich gebaut und immer naeher drangen seine Schlaege. +Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater faellt und nimmt einen +verhaengnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt +das Haus meiner Ahnen und ich muss fluechten aus meiner Vaterstadt. Sie +faellt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines koestlichen Lebens rettet mir den +Geliebten. Die Woge des Krieges verschlaegt ihn fern von mir. + +Und wie ich erwache aus der Betaeubung dieses Streichs, - find' ich mich +hier, in diesem grossen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst +sehen, der Himmel begnuegt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch +die Leiche, die hinein gehoert." + +"Valeria! du solltest Kassandra heissen." + +"Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!" + +"Du weisst, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergisst +ueber dem Himmel. Aber Gott will erzwungne Opfer nicht. Und so sag' ich +dir, du quaelst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich geloest, so bist +du frei." + +"Die Seele loest kein Papst. Der Papst nimmt Gold, das Schicksal nicht. Du +wirst erfuellt sehen, was ich dir ahnend vorhersage - nie werd ich +gluecklich, nie werd ich Totilas und diese Staette wird ... -" + +"Und wenn's so waere? Haengst du denn noch gar so fest an Glueck und +Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je frueher +du dich losmachst, desto groesserem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und +ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und +treulos erfunden. Nichts auf Erden fuellt die Seele aus, die nicht von +dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt +der Unrast und der Suende. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine +Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele ... -" + +"Nein, nein, Cassiodor," rief die Roemerin, "meine ganze Seele verlangt +nach Glueck auf dieser schoenen Erde! Ihr gehoer' ich an! Auf ihr fuehl' ich +mich heimisch. Blauer Himmel, weisser Marmor, rote Rosen, linde, +duftgefuellte Abendluft: - wie seid ihr schoen! + +Das will ich einatmen mit entzueckten Sinnen! Wer das geniesst, ist +gluecklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab' ich kein +Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten - graues Ungewiss allein liegt +jenseit des Grabes. Wie spricht Achilleus? + + "Troeste mich doch nicht ueber den Tod! Du kannst nicht, Odysseus. + Lieber ja moecht' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen + Fuer den beduerftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden, + Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen." + +So empfind' auch ich. Weh' dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint. +O wie gern, wie gern waer' ich gluecklich in dieser schoenen Welt, in meinem +schoenen Heimatland: wie fuercht ich das Unheil, das doch unaufhaltsam naeher +dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten +unhoerbar, doch unhemmbar wachsen. O, wer ihn aufhielte, den furchtbar +nahenden Schatten meines Lebens!" + +Da drang vom Eingang her ein heller, kraeftiglust'ger Schall, ein fremder +Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun +wiedertoenten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der +gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias. + +Aus dem Wohngebaeude aber eilte der alte Pfoertner herbei. "Herr," rief er, +"keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie laermen und verlangen Fleisch +und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Fuehrer: - da ist er +schon" - + +"Totila!" jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in +schimmernder Ruestung, vom weissen Mantel umwallt, waffenklirrend, +heranschritt. + +"O du bringst Luft und Leben!" "Und neues Hoffen und die alte Liebe," rief +Totila. Und sie hielten sich umschlungen. + +"Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!" - "Ich komme +geradeswegs von Paris und Aurelianum, von den Hoefen der Frankenkoenige. O +Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseit der Berge! Wie leicht haben +sie's! Da kaempft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre +Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius und ungezaehlte +Germanenstaemme wohnen dort in alter ungebrochner Kraft: - wir dagegen sind +wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den +rings feindliches Element benagt. + +Doch desto groesser," sprach er, sich aufrichtend, "ist der Ruhm, hier, +mitten im Roemerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten. + +Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre +auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliven und +Lorbeer begruessten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fuehlte +klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhaelt in diesem edlen Land, +dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn." + +Valeria drueckte dem Begeisterten die Hand. + +"Und was hast du ausgerichtet?" fragte Cassiodor. + +"Viel! - Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von +Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien +einzufallen. Die Goetter - vergieb mir, frommer Vater - der Himmel war mit +mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen +seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe." + +"Wo liessest du Julius?" + +"Ich geleitete ihn bis in seine schoene Heimatstadt Avenio. Dort liess ich +ihn unter bluehenden Mandelbaeumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie +mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und traeumt und traeumt +vom ewigen Voelkerfrieden, vom hoechsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl +ist es schoen in jenen gruenen Thaelern: - doch neid' ich ihm die Musse nicht. +Das Hoechste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt's, fuer dieses +Volk der Goten zu kaempfen und zu ringen. Ueberall, wo ich des Rueckwegs kam, +trieb ich die Maenner zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich +auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber fuehre eine vierte dem wackern Koenig +zu. Dann geht es endlich vorwaerts gegen diese Griechen, und dann: Rache +fuer Neapolis!" Und mit blitzenden Augen hob er den Speer - er war sehr +schoen zu schauen. + +Entzueckt warf sich Valeria an seine Brust. "O sieh, Cassiodor, das ist +_meine_ Welt! _meine_ Freude! _mein_ Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und +Volkesliebe und die Seele in Lieb' und Hass bewegt - fuellt das die +Menschenbrust nicht aus?" + +"Jawohl: im Glueck und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum +Himmel fuehrt." + +"Mein frommer Vater," sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich +drueckend, mit der Rechten an seine Schulter ruehrend, "schlecht steht mir +an, mit dir, dem Aeltern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist +mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln koennte an eines guetigen Gottes +Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich +der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: "lebt +denn kein Gott?" + +Im Glueck, im Sonnenschein fuehl' ich den Gott und seine Gnade wird mir +offenbar. Er will gewiss der Menschen Glueck und Freude: - der Schmerz ist +sein heiliges Geheimnis - ich vertraue: dereinst wird uns auch dies Raetsel +klar. Einstweilen aber lass uns auf der Erde freudig das Unsere thun und +keinen Schatten uns allzulang verdunkeln. + +In diesem Glauben, Valeria, lass uns scheiden. Denn ich muss fort zu Koenig +Witichis mit meinen Reitern." + +"Du gehst von mir? schon wieder? Wann, wo werd' ich dich wiedersehn?" + +"Ich seh' dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand! + +Ich weiss, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen +ernsten Mauern fuehren darf ins sonnige Leben. Lass dich indes nicht +allzusehr verduestern. Es kommt der Tag des Sieges und des Gluecks: und mich +erhebt's, dass ich zugleich das Schwert fuer mein Volk und meine Liebe +fuehre." + +Inzwischen war der Pfoertner mit einem Schreiben an Cassiodor +wiedergekommen. + +"Auch ich muss dich verlassen, Valeria," sprach der. + +"Rusticiana, des Boethius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie +will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum." + +"Dahin fuehrt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb wohl, +Valeria!" + +Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein +Tuermchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller +Ruestung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine +Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die +blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und +Jugend. + +Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend. + +Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein +Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen ihr auf und +unwillkuerlich sprachen sich ihre Gefuehle aus in den Worten ihres Homeros: + + "Siehest du nicht wie schoen von Gestalt, wie stattlich Achilleus? + Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhaengnis, + Wann auch ihm in des Kampfes Gewuehl das Leben entschwindet, + Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer." + +Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich +verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurueck. + + + + + Viertes Kapitel. + + +Inzwischen hatte Koenig Witichis in seinem Waffenplatz Ravenna jede Kunst +und Thaetigkeit eines erfahrnen Kriegsmannes entfaltet. + +Waehrend jede Woche, ja jeden Tag vor und in der Stadt groessere und kleinere +Scharen von den gotischen Heeren eintrafen, die der Verrat Theodahads an +die Grenzen gesendet hatte, arbeitete der Koenig unablaessig daran, das +ganze grosse Heer, das allmaehlich bis auf einhundertundfuenfzig +Tausendschaften gebracht werden sollte, auszuruesten, zu waffnen, zu +gliedern und zu ueben. Denn die Regierung Theoderichs war eine aeusserst +friedliche gewesen: nur die Besatzungen der Grenzprovinzen, kleine +Truppenmassen, hatten mit Gepiden, Bulgaren und Avaren zu thun gehabt, und +in den mehr als dreissig Jahren der Ruhe waren die kriegerischen Ordnungen +eingerostet. + +Da hatte der tuechtige Koenig, von seinen Freunden und Feldherren eifrig +unterstuetzt, Arbeit vollauf. Die Arsenale und Werften wurden geleert, in +Ravenna ungeheure Vorratspeicher angelegt und zwischen der dreifachen +Umwallung der Stadt endlose Reihen von Werkstaetten fuer Waffenschmiede +aller Art aufgeschlagen, die Tag und Nacht unablaessig zu arbeiten hatten, +den Forderungen des kampfbegierigen Koenigs, des massenhaft anschwellenden +Heeres zu genuegen. Ganz Ravenna ward ein Kriegslager. Man hoerte nichts als +die Hammerschlaege der Schmiede, das Wiehern der Rosse, den Sturmruf und +Waffenlaerm der sich uebenden Heerscharen. + +In diesem Getoese, in dieser rastlosen Thaetigkeit betaeubte Witichis, so gut +es gehen wollte, den Schmerz seiner Seele und begierig sah er dem Tag +entgegen, da er sein schoenes Heer zum Angriff gegen den Feind fuehren +koenne. Doch hatte er bei allem Drange, im Kampfgewuehl sich selber zu +verlieren, seiner Koenigspflicht nicht vergessen, und durch Herzog +Guntharis und Hildebad ein Friedensanerbieten an Belisar gesendet mit den +maessigsten Vorschlaegen. + +So von Krieg und Staat ganz in Anspruch genommen, hatte er kaum einen +Blick und Gedanken fuer seine Koenigin, der er auch, wie er meinte, kein +groesseres Gut als die ungestoerteste Freiheit zuwenden konnte. + +Aber Mataswintha war von jener unheilvollen Brautnacht an von einem Daemon +erfuellt, von dem Daemon unersaettlicher Rache. In Hass uebergeschlagene Liebe +ist der giftigste Hass. + +Ihre tiefe und leidenschaftliche Seele hatte von Kindheit an das Ideal +dieses Mannes hoch zu den Sternen erhoeht. Ihr Stolz, ihre Hoffnung, ihre +Liebe, war einzig an dieser Gestalt gehangen und sicher, wie den Aufgang +der Sonne, hatte sie die Erfuellung ihrer Sehnsucht durch diesen Mann +erwartet. + +Und nun musste sie sich gestehn, dass er ihre Liebe hatte ans Licht gebracht +und nicht erwidert: dass sie, obwohl seine Koenigin, mit dieser Liebe wie +eine Verbrecherin dem verstossenen und doch ewig allein in seinem Herzen +wohnenden Weibe gegenueberstehe. Und er, auf den sie als Retter und +Befreier von unwuerdigem Zwang gehofft, er hatte ihr die hoechste Schmach +angethan: eine Ehe ohne Liebe. Er hatte ihr die Freiheit genommen und kein +Herz dafuer gegeben. Und warum? was war der letzte Grund dieses Frevels? + +Das Gotenreich, die Gotenkrone! + +Sie zu erhalten, hatte er sich nicht besonnen, einer Mataswintha Leben zu +verderben. "Haette er meine Liebe nicht erwidert - ich waere zu stolz, ihn +darum zu hassen. Aber er zieht mich an sich, behaengt mich, wie zum Hohne, +mit dem Namen seines Weibes, fuehrt diese Liebe bis hart an den Gipfel der +Erfuellung und stoesst mich dann achtlos hinunter in die Nacht +unaussprechlicher Beschaemung. Und warum? warum das alles. Um einen eiteln +leeren Schall: "Gotenreich!" Um einen toten Reif von Gold. Weh ihm, und +wehe seinem Goetzen, dem er dies Herz geschlachtet. Er soll es buessen. An +seinem Goetzenbilde soll er's buessen. Hat er mir ohne Schonung mein Idol, +sein eigen Bild, meine schoene Liebe mit Fuessen getreten, - wohlan, Goetze +gegen Goetze! Er soll leben, dieses Reich zernichtet zu sehen, diese Krone +zerstueckt. Zerschlagen will ich ihm seinen Lieblingswahn, um den er die +Bluete meiner Seele geknickt, zerschlagen dieses Reich wie seine Bueste. Und +wenn er verzweifelnd, haenderingend vor den Truemmern steht, will ich ihm +zurufen: sieh, so sehn die zerschlagenen Goetzen aus." + +So, in der widerstandlosen Sophistik der Leidenschaft, beschuldigte und +verfolgte Mataswintha den unseligen Mann, der mehr als sie gelitten, der +nicht nur sie, der sein und des geliebten Weibes Glueck dem Vaterland +geopfert. + +Vaterland, Gotenreich: - der Name schlug ohne Klang an das Ohr des Weibes, +das von Kindheit auf unter diesem Namen nur zu leiden, nur dagegen fuer +ihre Freiheit zu ringen gehabt hatte. Sie hatte nur der Selbstsucht ihres +Einen Gefuehls, der Poesie dieser Leidenschaft gelebt, und zur Rache, Rache +fuer die Hinopferung ihrer Seele, dies Gotenreich zu verderben, war ihre +hoechste, grimmige Lust. O haette sie, wie jene Marmorbueste, mit Einem +Streich, dies Reich zerschmettern koennen! + +Mit diesem Wahnsinn der Leidenschaft empfing sie aber deren ganze +daemonische Klugheit. Sie wusste ihren toedlichen Hass und ihre geheimen +Rachegedanken so tief vor dem Koenig zu verbergen, - so tief wie sie sich +selbst die geheime Liebe verbarg, die sie noch immer fuer den grimmig +Verfolgten im tiefsten Busen trug. + +Auch wusste sie dem Koenig ein Interesse an der gotischen Sache zu zeigen, +welches das einzige Band zwischen ihnen zu bilden schien und das, wenn +auch in feindlichem Sinne, wirklich in ihr bestand. Denn wohl begriff sie, +dass sie dem gehassten Koenig nur dann schaden, seine Sache nur dann +verderben konnte, wenn sie in alle Geheimnisse derselben genau eingeweiht, +mit ihren Staerken wie mit ihren Bloessen genau vertraut war. + +Ihre hohe Stellung machte ihr leicht moeglich, alles, was sie wissen +wollte, zu erfahren: schon aus Ruecksicht auf ihren grossen Anhang konnte +man der Amalungentochter, der Koenigin, Kenntnis der Lage ihres Reiches, +ihres Heeres nicht vorenthalten. Der alte Graf Grippa versah sie mit allen +Nachrichten, die er selbst erfuhr. In wichtigeren Faellen wohnte sie selbst +den Beratungen bei, die in den Gemaechern des Koenigs gehalten wurden. + +So war Mataswintha ueber die Staerke, Beschaffenheit und Einteilung des +Heeres, die naechsten Angriffsplaene der Feldherren und alle Hoffnungen und +Befuerchtungen der Goten so gut wie der Koenig selbst unterrichtet. Und +sehnlich wuenschte sie eine Gelegenheit herbei, dies ihr Wissen sobald und +so verderblich wie moeglich zu verwerten. + +Mit Belisar selbst in Verkehr zu treten, durfte sie nicht hoffen. +Naturgemaess richteten sich ihre Augen auf die aus Furcht vor den Goten +neutralen, im Herzen aber ausnahmlos byzantinisch-gesinnten Italier ihrer +Umgebung, mit denen sie leichten und unverdaechtigen Verkehr pflegen +konnte. + +Aber so oft sie diese Namen im Geiste musterte, - da war keiner, dessen +Thatkraft und Klugheit sie das toedliche Geheimnis haette vertrauen moegen, +dass die Koenigin der Goten selbst am Verderben ihres Reiches arbeiten +wolle. Diese feigen und unbedeutenden Menschen - die Tuechtigeren waren +laengst zu Cethegus oder Belisar gegangen - waren ihr weder des Vertrauens +wuerdig, noch schienen sie Witichis und seinen Freunden gewachsen. + +Wohl suchte sie auf schlauen Umwegen durch den Koenig und die Goten selbst +zu erkunden, welchen unter allen Roemern sie fuer ihren gefaehrlichsten, +bedeutendsten Feind hielten. Aber auf solche Anfragen und Erkundigungen +hoerte sie immer nur Einen Mann nennen, immer und immer wieder einen +einzigen. Und der sass ihr unerreichbar fern im Kapitol von Rom: Cethegus +der Praefekt. Es war ihr unmoeglich, sich in Verbindung mit ihm zu setzen. +Keinem ihrer roemischen Sklaven wagte sie einen so verhaengnisvollen +Auftrag, als ein Brief nach Rom war, anzuvertrauen. + +Die kluge und mutige Numiderin, die den Hass ihrer angebeteten Herrin gegen +den rohen Barbaren, der diese verschmaeht, vollauf teilte, ungeschwaecht bei +ihr durch heimliche Liebe, hatte sich zwar eifrig erboten, ihren Weg zu +Cethegus zu finden. Aber Mataswintha wollte das Maedchen nicht den Gefahren +einer Wanderung durch Italien, mitten durch den Krieg, aussetzen. Und +schon gewoehnte sie sich an den Gedanken, ihre Rache bis zu dem Zug auf Rom +zu verschieben, ohne inzwischen in ihrem Eifer in Erforschung der +gotischen Plaene und Ruestungen zu erkalten. + +So wandelte sie eines Tages nach der Stadt zurueck von dem Kriegsrat, der +draussen im Lager, im Zelt des Koenigs war gehalten worden. Denn seit die +Ruestungen ihrer Vollendung nah und die Goten jeden Tag des Aufbruchs +gewaertig waren, hatte Witichis, wohl auch um Mataswintha aus dem Wege zu +sein, seine Gemaecher im Palatium verlassen und seine schlichte Wohnung +mitten unter seinen Kriegern aufgeschlagen. + +Langsam, das Vernommene ihrem Gedaechtnis einpraegend und ueber die +Verwertung nachsinnend, wandelte die Koenigin, nur von Aspa begleitet, +durch die aeussersten Reihen der Zelte, einen sumpfigen Arm des Padus zur +Linken, die weissen Zelte zur Rechten. Sie mied das Gedraenge und den Laerm +der innern Gassen des Lagers. + +Waehrend sie bedaechtig und ihrer Umgebung nicht achtend dahinschritt, +musterten Aspas scharfe Augen die Gruppe von Goten und Italiern, die sich +hier um den Tisch eines Gauklers geschart hatte, der unerhoerte und nie +gesehene Kuenste zum besten zu geben schien, nach dem Staunen und Lachen +der Zuschauer zu schliessen. + +Aspa zoegerte etwas in ihrem Gang, diese Wunder mit anzusehen. Es war ein +junger, schlanker Bursch: nach der blendend weissen Haut des Gesichts und +der blossen Arme wie nach dem langen gelben Haar gallischen Zuschnitts ein +Kelte, wozu die kohlschwarzen Augen nicht stimmen wollten. Er verrichtete +wirklich Wunderdinge auf seiner einfachen Buehne. Bald sprang er in die +Hoehe, ueberschlug sich in der Luft und kam doch senkrecht, bald wieder auf +die Fuesse, bald auf die Haende, zu stehen. Dann schien er brennende Kohlen +mit sichtlichem Behagen zu verspeisen und dafuer Muenzen auszuspeien: dann +verschluckte er einen fusslangen Dolch und zog ihn spaeter wieder aus seinen +Haaren hervor, um ihn mit drei, vier andern scharfgeschliffenen Messern in +die Luft zu werfen und eins nach dem andern mit nie fehlender Behendigkeit +am Griff aufzufangen, wofuer ihn Gelaechter und Rufe der Bewunderung von +Seite seiner Zuschauer belohnten. + +Aber schon zu lange hatte sich die Sklavin verweilt. + +Sie sah nach der Herrin und bemerkte, dass ihr Weg gesperrt war von einer +Schar italischer Lasttraeger und Trossknechte, welche die Gotenkoenigin +offenbar nicht kannten und gerade an ihr vorbei, ueber den Weg hin, nach +dem Wasser zu, laermende Kurzweil trieben. Sie schienen sich einen +Gegenstand, den Aspa nicht wahrnahm, zu zeigen und ihn mit Steinen zu +werfen. + +Eben wollte sie ihrer Herrin nacheilen, als der Gaukler neben ihr auf dem +Tisch einen gellenden Schrei ausstiess; Aspa wandte sich erschrocken und +sah den Gallier in ungeheurem Satz ueber die Koepfe der Zuschauer weg wie +einen Pfeil durch die Luft auf die Italier losschiessen. Schon stand er +mitten in dem Haufen und schien, sich bueckend, einen Augenblick unter +ihnen verschwunden. + +Aber ploetzlich ward er sichtbar. Denn einer und gleich darauf ein zweiter +der Italier stuerzte von seinen Faustschlaegen nieder. + +Im Augenblick war Aspa an der Koenigin Seite, die sich schnell aus der Naehe +der Schlaegerei entfernt hatte, aber, zu der Sklavin Befremden, stehen +blieb, mit dem Finger auf die Gruppe weisend. + +Und seltsam in der That war das Schauspiel. + +Mit unglaublicher Kraft und noch groesserer Gewandtheit wusste der Gaukler +das Dutzend der Angreifer sich vom Leibe zu halten. Die Gegner +anspringend, sich wendend und duckend, weichend, dann wieder ploetzlich +vorspringend und den naechsten am Fuss niederreissend oder mit kraeftigem +Faustschlag vor Brust oder Gesicht niederstreckend, wehrte er sich. + +Und das alles ohne Waffe: und nur mit der rechten Hand: denn die linke +hielt er, wie etwas bergend und schuetzend, dicht an die Brust. So waehrte +der ungleiche Kampf minutenlang. Der Gaukler ward naeher und naeher von der +wuetenden laermenden Menge dem Wasser zugedraengt. Da blitzte eine Klinge. +Einer der Trossknechte, zornig ueber einen schweren Schlag, zuckte ein +Messer und sprang den Gaukler von hinten an. Mit einem Schrei stuerzte +dieser zusammen: die Feinde ueber ihn her. + +"Auf! reisst sie auseinander! helft dem Armen," rief Mataswintha den +Kriegern zu, die jetzt von dem verlassenen Tisch der Goten herankamen, +"ich befehle es! die Koenigin!" + +Die Goten eilten nach dem Knaeuel der Streitenden: aber noch ehe sie +herankamen, sprang der Gaukler, der sich fuer einen Moment von allen +Feinden losgemacht, hoch aus dem Gewirr und eilte mit letzter Kraft davon, +gerade auf die beiden Frauen zu - verfolgt von den Italiern, welche die +wenigen Goten nicht aufzuhalten vermochten. + +Welch' ein Anblick! Seine gallische Tunika hing ihm in Fetzen vom Leibe: +ein Stueck seiner gelben Haare schleifte am Ruecken und siehe, unter der +gelben Peruecke kam schwarzes glaenzendes Haar zum Vorschein und der weisse +Hals verlief in eine bronzebraune Brust. + +Mit letzter Kraft erreichte er die Frauen. Da erkannte er Mataswintha. +"Schuetze mich, rette mich, weisse Goettin!" schrie er und brach zusammen vor +Mataswinthas Fuessen. Schon waren die Italier heran, und der vorderste +schwang sein Messer. - + +Aber Mataswintha breitete ihren blauen Mantel ueber den Gefallenen: +"Zurueck!" sprach sie mit Hoheit, "lasst ab von ihm. Er steht im Schutz der +Gotenkoenigin." Verbluefft wichen die Trossknechte zurueck. "So?" rief nach +einer Pause der mit dem Dolch, "straflos soll er ausgehn, der Hund und +Sohn eines Hundes? und fuenf von uns liegen am Boden halbtot? und ich habe +fortan drei Zaehne zu wenig? Und keine Strafe?" "Er ist gestraft genug," +sagte Mataswintha, auf die tiefe Dolchwunde am Halse deutend. "Und all das +um einen Wurm," schrie ein zweiter, "um eine Schlange, die aus seinem +Ranzen schluepfte und die wir mit Steinen warfen." - "Da seht! er hat die +Natter geborgen, da, an seiner Brust. Nehmt sie ihm." "Schlagt ihn tot," +schrien die andern. + +Aber da kamen zahlreiche Gotenkrieger heran und schafften ihrer Koenigin +Gehorsam, die Italier unsanft zurueckstossend und einen Kreis um den +Gefallnen schliessend. Aspa blickte scharf zu und ploetzlich sank sie mit +gekreuzten Armen neben dem Gaukler nieder. + +"Was ist dir, Aspa? steh auf!" sprach Mataswintha staunend. "O Herrin!" +stammelte diese, "der Mann ist kein Gallier! Er ist ein Sohn meines +Volkes. Er betet zu dem Schlangengott! Sieh hier seine braune Haut unter +dem Halse. Braun wie Aspa, - und hier - hier, eine Schrift; Schriftzeichen +eingeritzt ueber seiner Brust: die heilige Geheimschrift meiner Heimat," +jubelte sie. Und, mit dem Finger deutend, hob sie an zu lesen. + +"Der Gaukler scheint verdaechtig. - Warum diese Verstellung?" sprach +Mataswintha. "Man muss ihn in Haft nehmen." + +"Nein, nein, o Herrin," fluesterte Aspa. "Weisst du, wie die Inschrift +lautet? - Kein Auge als meines kann sie dir deuten." - "Nun?" fragte +Mataswintha. "Sie lautet," fluesterte Aspa leise: "Syphax schuldet ein +Leben seinem Herrn, Cethegus dem Praefekten." Ja, ja ich erkenne ihn, das +ist Syphax, Hiempsals Sohn, ein Gastfreund meines Stammes: die Goetter +senden ihn zu uns." + +"Aspa," sprach Mataswintha rasch, "ja, ihn senden die Goetter: die Goetter +der Rache. Auf, ihr Goten, legt diesen wunden Mann auf eine Bahre, und +folgt damit meiner Sklavin in den Palast! Er steht fortan in meinem +Dienst." + + + + + Fuenftes Kapitel. + + +Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht +von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette +ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Haenden, ihren Kraeutern und +Spruechen sich rasch erholte. + +Koenig Witichis selbst hatte diesmal die Koenigin abgeholt mit dem ganzen +Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat +gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstaerkungen war auf heute +angekuendet: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurueckerwartet mit der +Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten. + +"Ein verhaengnisvoller Tag!" sagte Witichis zu seiner Koenigin. "Bete zum +Himmel um den Frieden." + +"Ich bete um den Krieg," sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend. +"Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?" - "Nach Rache nur noch ganz +allein - und sie wird mir werden." + +Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerfuehrern +erfuellt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen +Gruss. "Sind die Gesandten zurueck?" fragte der Koenig, sich setzend, den +alten Hildebrand, "so fuehrt sie ein." + +Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhaenge und Herzog +Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend. + +"Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?" fragte Witichis eifrig. "Krieg! +Krieg, Koenig Witichis!" riefen beide Maenner mit Einem Munde. - "Wie? +Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich, +eindringlich, meine Vorschlaege mitgeteilt?" + +Herzog Guntharis trat vor, und sprach: "Ich traf den Feldherrn im Kapitol +als Gast des Praefekten und sprach zu ihm: "Der Gotenkoenig Witichis +entbietet dir seinen Gruss. + +In dreissig Tagen kann er mit hundertfuenfzig Tausendschaften wehrhafter +Goten vor diesen Thoren stehn. Und ein Schlachten und Ringen um diese +ehrwuerdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut +getraenkten Gefilde nie geschaut. + +Der Koenig der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er +gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sicilien abzutreten und ihm in jedem +seiner Kriege mit dreissigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort +Rom und Italien raeumt, das uns gehoert nach dem Recht der Eroberung wie +nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich ueberliess, wenn er den +Odovakar stuerzen koenne." So sprach ich, deinem Auftrag gemaess. + +Belisar aber lachte und rief: "Witichis ist sehr gnaedig, mir die Insel +Sicilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke +ihm dafuer die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war +abgezwungen und das Recht der Eroberung, - nun das spricht jetzt fuer uns. +Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die +Waffen, und das ganze Volk zieht ueber die Alpen und sendet Koenig und +Koenigin als Geiseln nach Byzanz."" + +Ein Murren der Entruestung ging durch das Zelt. + +"Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Ruecken +und schritten hinaus. "Auf Wiedersehen in Ravenna," rief er uns nach. Da +wandt' ich mich," sprach Hildebad "und rief: "Auf Wiedersehen vor Rom!" +Auf, Koenig Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Aeusserste versucht an +Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezoegert +und geruestet! Jetzt fuehr' uns an, zum Kampf." + +Da toenten Trompetenstoesse aus dem Lager: man hoerte den Hufschlag eilig +nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes und eintrat Totila +in glaenzenden Waffen, vom weissen Mantel umwallt. "Heil meinem Koenig, Heil +dir Koenigin," sprach er huldigend. "Mein Auftrag ist erfuellt: ich bringe +dir den Freundesgruss des Frankenkoenigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde +von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer +wird nicht gegen die Goten in Italien einruecken. Graf Markja von +Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt, +ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im +Rueckweg hab ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfaehigen Maennern fand +und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner: + +Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein Koenig: ich fuehre dir +sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu +tummeln in den Ebenen von Rom. Nur Ein Wunsch lebt in uns allen: fuehr uns +zum Kampf, zum Kampf nach Rom." + +"Hab Dank, mein Freund, fuer dich und deine Reiter. + +Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an, +ihr Feldherren, wie viele fuehrt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet +auf!" + +"Ich fuehre drei Tausendschaften Fussvolk," rief Hildebad. "Ich vierzig +Tausendschaften zu Fuss und zu Ross mit Schild und Speer," sprach Herzog +Guntharis. "Ich vierzig Tausendschaften zu Fuss: Bogenschuetzen, +Schleuderer, Speertraeger," sagte Graf Grippa von Ravenna. "Ich sieben +Tausendschaften mit Messer und Keule," zaehlte Hildebrand. "Und dazu +Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften +Tejas mit der Streitaxt - wo ist er? ich vermisse ihn hier! - Und ich habe +meine Scharen zu Fuss und zu Ross auf fuenfzig Tausendschaften erhoeht," +schloss der Koenig. + +"Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften," schrieb der +Protonotar, die Pergamentrolle dem Koenig ueberreichend. + +Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes ueber des Koenigs ernstes +Angesicht. "Einhundertsechzig Tausendschaften gotische Maenner: Belisar, +sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr +noch Rast, um aufzubrechen?" + +Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte +Frage vernommen. Sein Auge spruehte Blitze, er bebte vor Zorn. "Rast? Keine +Stunde Rast mehr: auf zur Rache, Koenig Witichis! Ein ungeheurer Frevel ist +geschehn, der laut um Rache gegen Himmel schreit. Fuehr' uns sofort zum +Kampf!" + +"Was ist geschehn?" + +"Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloss, wie du weisst, seit +lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und +fern. Der junge Graf Arahad nur - er suchte wohl den Tod - ueberfiel mit +seiner kleinen Gefolgschaft die Uebermacht; er fiel im tapfersten Gefecht. +Verzweifelt widerstand das Haeuflein gotischer Maenner in der Burg. Denn +alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen +Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher gefluechtet vor dem Feind, +wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die +Thore zu oeffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht +zu vergiessen. Er zog ein und befahl den Goten sich in der grossen Basilika +Sankt Zenos zu versammeln. Das thaten sie, ueber fuenftausend Koepfe, Greise, +Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen +... -" Teja hielt schaudernd inne. + +"Nun?" fragte Mataswintha, erblassend. + +"Da schloss der Hunne die Thueren, umstellte das Haus mit seinem Heer und - +verbrannte sie alle fuenftausend, samt der Kirche." + +"Und der Vertrag?" rief Witichis. + +"Ja, so schrieen auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen. +"Der Vertrag," lachte der Hunne, "sei erfuellt: kein Tropfe Blutes sei +vergossen. Ausbrennen muesse man die Goten aus Italien wie die Feldmaeuse +und schlechtes Gewuerm." Und so sahen die Byzantiner zu, wie fuenftausend +Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder - Koenig Witichis, hoerst du's? +Kinder! - elend erstickten und verbrannten. Solches geschieht und du - du +sendest Friedensboten! Auf, Koenig Witichis," rief der Ergrimmte, das +Schwert aus der Scheide reissend, "wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf +zur Rache. Die Geister der Erwuergten ziehen vorauf: - Fuehr' uns zum Kampf! +zur Rache fuehr' uns an!" + +"Fuehr' uns zum Kampf! zur Rache fuehr' uns an!" wiederhallte das Zelt vom +Ruf der Goten. + +Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft. + +"So soll's sein. Das Aeusserste geschah. Und unsere beste Ruestung ist unser +Recht: jetzt auf, zum Kampf." + +Und er reichte seiner Koenigin die Pergamentrolle, die er in der Hand +hielt, die ueber seinem Stuhl haengende Koenigsfahne, das blaue Bandum, zu +ergreifen. + +"Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu +Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand als seine war: - +doch zaget nicht. Ihr wisset: uebermuetige Zuversicht ist meine Sache nicht, +doch diesmal sag ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg, +ein grosser, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht +auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!" + +"Nach Rom," wiederhallte das Zelt. "Nach Rom!" + + + + + Sechstes Kapitel. + + +Inzwischen schickte sich Belisar an, mit der Hauptmacht seines Heeres die +Stadt zu verlassen: Johannes hatte er deren Bewachung uebertragen. + +Er hatte beschlossen, die Goten in Ravenna aufzusuchen. Sein bisher von +keinem Unfall gehemmter Siegeslauf und die Erfolge seiner +vorausgeschickten Streifscharen, die durch den Uebergang der Italier alles +flache Land, auch alle Festen und Burgen und Staedte, bis nahe bei Ravenna, +gewonnen, hatten in ihm die Zuversicht erzeugt, dass der Feldzug bald +beendigt und nur das Erdruecken der ratlosen Barbaren in ihrem letzten +Schlupfwinkel uebrig sei. + +Denn nachdem Belisar selbst den ganzen Sueden der Halbinsel: Bruttien, +Lucanien, Calabrien, Apulien, Campanien: dann Rom mit Samnium und die +Valeria durchzogen und besetzt hatte, waren seine Unterfeldherren, Bessas +und Constantinus, mit der lanzentragenden Leibwache des Feldherrn, die +unter Fuehrung des Armeniers Zanter, des Persers Chanaranges und des +Massageten Aeschman standen, vorausgesendet worden, Tuscien zu unterwerfen. + +Bessas rueckte vor das sturmfeste Narnia: fuer die damaligen +Belagerungsmittel war die Burgstadt fast uneinnehmbar: - sie thront auf +hohem Berge, dessen Fuss der tiefe Nar umspuelt. Die beiden einzigen +Zugaenge, vom Osten und vom Westen, sind ein enger Felsenpass und die hohe, +alte, von Kaiser Augustus gebaute, befestigte Bruecke. - Aber die roemische +Bevoelkerung ueberwaeltigte die halbe gotische Hundertschaft, die hier lag, +und oeffnete den Thrakiern des Bessas die Thore. Dem Constantinus +erschlossen sich ebenso ohne Schwertstreich Spoletium und Perusia. Auf der +oestlichen Seite des Ionischen Meerbusens hatte inzwischen ein andrer +Unterfeldherr Belisars, der Comes Sacri Stabuli Constantinus, den Tod +zweier byzantinischer Heerfuehrer, des Magister Militum fuer Illyrien, +Mundus, und seines Sohnes Mauricius, die gleich im Anfang des Krieges bei +Salona in Dalmatien im Gefecht gegen die Goten gefallen waren, geraecht, +Salona besetzt und durch ihre grosse Uebermacht die geringen gotischen +Scharen zum Rueckzug auf Ravenna gezwungen. Ganz Dalmatien und Liburnien +war darauf den Byzantinern zugefallen. Von Tuscien aus streiften, wie wir +sahen, die Hunnen Justinians schon durch Picenum und bis in die Aemilia. + +Die Friedensvorschlaege des Gotenkoenigs hielt Belisar daher fuer Zeichen der +Schwaeche. Dass die Barbaren zum Angriff uebergehen koennten, fiel ihm nicht +ein. Dabei trieb es ihn, Rom zu verlassen, wo es ihn anwiderte, der Gast +des Praefekten zu heissen; im freien Felde musste sein Uebergewicht bald +wieder hervortreten. + +Der Praefekt liess das Kapitol in der treuen Hut des Lucius Licinius und +folgte dem Zuge Belisars. Vergebens warnte er diesen vor allzugrosser +Zuversicht. + +"Bleibe du doch hinter den Felsen des Kapitols, wenn du die Barbaren +fuerchtest," hatte dieser stolz geantwortet. + +"Nein," erwiderte dieser. "Eine Niederlage Belisars ist ein zu seltnes +Schauspiel, man darf es nicht versaeumen." In der That, Cethegus haette eine +Demuetigung des grossen Feldherrn, dessen Ruhm die Italier allzusehr anzog, +gern gesehen. + +Belisar hatte sein Heer aus den noerdlichen Thoren der Stadt gefuehrt und +wenige Stadien vor der Stadt in einem Lager versammelt, es hier zu mustern +und neu zu ordnen und zu gliedern. Schon der starke Zufluss von Italiern, +die zu seinen Fahnen geeilt waren, machte das noetig. Auch Ambazuch, Bessas +und Constantinus hatte er mit dem groessten Teil ihrer Truppen wieder in +dies Lager herangezogen: sie liessen in den von ihnen gewonnenen Staedten +nur kleine Besatzungen zurueck. + +Dunkle Geruechte von einem anrueckenden Gotenheer hatten sich in das Lager +verbreitet. Aber Belisar schenkte ihnen keinen Glauben. "Sie wagen es +nicht," hatte er dem warnenden Prokop entgegnet. "Sie liegen in Ravenna +und zittern vor Belisarius." + +Spaet in der Nacht lag Cethegus schlaflos auf dem Lager in seinem Zelt. Er +liess die Ampel brennen. "Ich kann nicht schlafen," sagte er -: "in den +Lueften klirrt es wie Waffen und riecht's wie Blut. Die Goten kommen. Sie +ruecken wohl durch die Sabina, die Via casperia und salara herab." + +Da rauschten seine Zeltvorhaenge zurueck und Syphax stuerzte atemlos an sein +Lager. + +"Ich weiss es schon," sagte Cethegus aufspringend, "was du meldest: die +Goten kommen." - "Ja, Herr, morgen sind sie da. Sie zielen auf das +salarische Thor. Ich hatte das beste Ross der Koenigin, aber dieser Totila, +der den Vortrab fuehrt, jagt wie der Wind durch die Wueste. Und hier im +Lager ahnt niemand etwas." + +"Der grosse Feldherr," laechelte Cethegus, "hat keine Vorposten +ausgestellt." - "Er verliess sich ganz auf den festen Turm an der +Aniusbruecke(1) aber ... -" + +"Nun? der Turm ist fest." - "Ja, aber die Besatzung, roemische Buerger aus +Neapolis, ging zu den Goten ueber, als sie der junge Totila, der Fuehrer des +Vortrabs, anrief. Die Leibwaechter Belisars, welche sich widersetzten, +wurden gebunden, zumal Innocentius, und Totila ausgeliefert. Der Turm und +die Bruecke ist in der Goten Hand." + +"Es wird huebsch werden! Hast du eine Ahnung, wie stark der Feind?" - +"Keine Ahnung, Herr: ich weiss es so genau wie Koenig Witichis selbst. Hier +die Liste ihrer Truppen. Sie schickt dir Mataswintha, seine Koenigin." + +Cethegus sah ihn forschend an. "Geschehen Wunder, die Barbaren zu +verderben?" + +"Ja Herr, Wunder geschehen! Dies sonnenschoene Weib will ihres Volkes +Untergang um des Einen willen. Und dieser Eine ist ihr Gatte." + +"Du irrst:" sagte Cethegus, "sie liebte ihn schon als Maedchen und kaufte +seine Bueste." + +"Ja, sie liebt ihn. Aber er nicht sie. Und die Marsbueste ward zerschlagen +in der Brautnacht." + +"Das hat sie dir doch schwerlich selbst gesagt." + +"Aber Aspa, die Tochter meines Landes, ihre Sklavin. Sie sagt mir alles. +Sie liebt mich. Und sie liebt ihre Herrin, fast wie ich dich. Und +Mataswintha will mit dir das Gotenreich verderben. Und sie wird durch Aspa +alles schreiben in den Zauberzeichen unseres Stammes. Und ich wuerde diese +Sonnenkoenigin zu meinem Weibe nehmen, wenn ich Cethegus waere." + +"Ich auch, wenn ich Syphax waere. Aber deine Botschaft ist eine Krone wert! +Ein listig, racheduerstend Weib wiegt Legionen auf! Jetzt Trotz euch, +Belisar, Witichis und Justinian! Erbitte dir eine Gnade, jede, nur nicht +deine Freiheit: - ich brauche dich noch." + +"Meine Freiheit ist - dir dienen. Eine Gunst: lass mich morgen neben dir +fechten." + +"Nein, mein huebscher Panther, deine Klauen kann ich noch nicht brauchen: - +nur deinen Leisegang. Du schweigst gegen jedermann von der Goten Naehe und +Staerke. Lege mir die Ruestung an und gieb den Plan der salarischen Strasse +dort aus der Kapsel. Jetzt rufe mir Marcus Licinius und den Fuehrer meiner +Isaurier, Sandil." Syphax verschwand. Cethegus warf einen Blick auf den +Plan. "Also dort her, von Nordwesten, kommen sie, die Huegel herab. Wehe +dem, der sie dort aufhalten will. Darauf folgt der tiefe Thalgrund, in dem +wir lagern. Hier wird die Schlacht geschlagen und verloren. Hinter uns, +suedoestlich, zieht sich unsre Stellung entlang dem tiefen Bach; in diesen +werden wir unfehlbar geworfen: die Bruecken werden nicht zu halten sein. +Darauf eine Strecke flachen Landes - welch schoenes Feld fuer die gotischen +Reiter, uns zu verfolgen! - Noch weiter rueckwaerts endlich ein dichter Wald +und eine enge Schlucht mit dem zerfallnen Kastell Hadrians ... - Marcus," +rief er dem Eintretenden entgegen, "meine Scharen brechen auf. Wir ziehn +hinab den Bach in den Wald und jeden, der dich fraegt, dem sagst du: wir +ziehn zurueck nach Rom." + +"Nach Hause? ohne Kampf?" fragte Marcus erstaunt, "du weisst doch: es steht +der Kampf bevor?" + +"Ebendeswegen!" Damit schritt er hinaus, Belisar in seinem Zelt zu wecken. +Aber er fand ihn schon wach: Prokop stand bei ihm. "Weisst du's schon, +Praefekt? fluechtendes Landvolk meldet, ein Haeuflein gotischer Reiter naht: +die Tollkuehnen reiten in ihr Verderben: sie waehnen die Strasse frei bis +Rom." Und er fuhr fort sich zu ruesten. + +"Aber die Bauern melden, die Reiter seien nur die Vorhut. Es folge ein +furchtbares Heer von Barbaren," warnte Prokop. + +"Eitle Schrecken! Sie fuerchten sich, diese Goten. - Witichis wagt gar +nicht, mich aufzusuchen. Endlich habe ich ja, vierzehn Stadien vor Rom, +die Aniobruecke durch einen Turm geschuetzt: - Martinus hat ihn gebaut nach +meinem Gedanken: - der allein haelt der Barbaren Fussvolk mehr als eine +Woche auf - moegen auch ein paar Gaeule durch den Fluss geschwommen sein." + +"Du irrst, Belisarius! ich weiss es gewiss: das ganze Heer der Goten naht," +sprach Cethegus. - "So geh' nach Hause, wenn du es fuerchtest." - "Ich +mache Gebrauch von dieser deiner Erlaubnis. Ich habe mir in diesen Tagen +das Fieber geholt. Auch meine Isaurier leiden daran: - ich ziehe mit +deiner Gunst nach Rom zurueck." + +"Ich kenne dieses Fieber," sagte Belisar - "das heisst: - an andern. Es +vergeht, sowie man Graben und Wall zwischen sich und dem Feinde hat. Zieh +ab, wir brauchen dich so wenig wie deine Isaurier." + +Cethegus verneigte sich und ging. "Auf Wiedersehen," sprach er, "o +Belisarius. Gieb das Zeichen zum Aufbruch meinen Isauriern," sprach er im +Lager laut zu Marcus. "Und meinen Byzantinern auch," setzte er leiser bei. + +"Aber Belisar hat ..." - + +"Ich bin ihr Belisar. Syphax, mein Pferd." Waehrend er aufstieg, sprengte +ein Zug roemischer Reiter heran: Fackeln leuchteten dem Anfuehrer vorauf. + +"Wer da? Ah du, Cethegus? wie, du reitest ab? Deine Leute ziehn sich nach +dem Fluss? Du wirst uns doch nicht verlassen, jetzt, in dieser hoechsten +Gefahr?" Cethegus beugte sich vor. "Sieh, du, Calpurnius! ich erkannte +dich nicht: du siehst so bleich. Was bringst du von den Vorposten?" + +"Fluechtige Bauern sagen," sprach Calpurnius aengstlich, "es sei gewiss mehr +als eine Streifschar. Es sei der Koenig der Barbaren, Witichis selbst, im +raschen Anzug durch die Sabina: sie seien schon auf dem linken Tiberufer: +Widerstand ist dann .. - Wahnsinn - Verderben. Ich folge dir, ich schliesse +mich dir an." + +"Nein," sagte Cethegus herb, "du weisst, ich bin aberglaeubisch: ich reite +nicht gern mit den Furien verfallnen Maennern. Dich wird die Strafe fuer +deinen feigen Knabenmord sicher bald ereilen. Ich habe nicht Lust, sie mit +dir zu teilen." + +"Doch fluestern Stimmen in Rom, auch Cethegus verschmaehe manchmal einen +bequemen Mord nicht," sprach Calpurnius grimmig. + +"Calpurnius ist nicht Cethegus," sprach der Praefekt, stolz davon +sprengend. "Gruesse mir einstweilen den Hades!" rief er. + + + + + Siebentes Kapitel. + + +"Verfluchtes Omen!" knirschte Calpurnius. Und er eilte zu Belisar: +"Befiehl den Rueckzug, rasch, Magister Militum." - "Warum, Vortrefflicher?" +- "Es ist der Gotenkoenig selbst." "Und ich bin Belisar selbst," sagte +dieser, den prachtvollen Helm mit dem weissen Rossschweif aufsetzend. "Wie +konntest du deinen Posten im Vordertreffen verlassen?" - "Herr, um dir das +zu melden." - "Das konnte wohl kein Bote? Hoere, Roemer, ihr seid nicht +wert, dass man euch befreit. Du zitterst ja, Mann des Schreckens. Zurueck +mit dir ins Vordertreffen. + +Du fuehrst unsre Reiter zum ersten Angriff: ihr, meine Leibwaechter Antallas +und Kuturgur, nehmt ihn in die Mitte. Er _muss_ tapfer sein, hoert ihr? +Weicht er, - nieder mit ihm. So lehrt man Roemer Mut. + +Der Lagerrufer sagte eben die letzte Stunde der Nacht an. In einer Stunde +geht die Sonne auf. Sie muss unser ganzes Heer auf jenen Huegeln finden. + +Auf! Ambazuch, Bessas, Constantinus, Demetrius, das ganze Lager bricht +auf, dem Feind entgegen." + +"Feldherr, es ist wie sie sagen," meldete Maxentius, der treueste der +Leibwaechter, "zahllose Goten ruecken an." + +"Sie sind zwei Heere gegen uns," meldete Salomo, Belisars +Hypaspisten-Fuehrer. + +"Ich rechne Belisar ein ganzes Heer." + +"Und der Schlachtplan?" fragte Bessas. + +"Im Angesicht des Feindes entwerf' ich ihn, waehrend des Calpurnius Reiter +ihn aufhalten. Vorwaerts, gebt die Zeichen, fuehrt Phalion vor." Und er +schritt aus dem Zelte; nach allen Seiten stoben die Heerfuehrer, die +Hypaspisten, Praetorianer, Protektoren und Doryphoren auseinander, Befehle +gebend, verteilend, empfangend. + +In einer Viertelstunde war alles in Bewegung gegen die Huegel. Man nahm +sich nicht Zeit, das Lager abzubrechen. Aber der ploetzliche Aufbruch +brachte vielfache Verwirrung. Fussvolk und Reiter gerieten in der dunkeln, +mondlosen Nacht untereinander. Auch hatte die Kunde von der Uebermacht der +vordringenden Barbaren Mutlosigkeit verbreitet. + +Es waren nur zwei nicht sehr breite Strassen, die gegen die Huegel fuehrten: +so gab es manche Stockung und Hemmung. Viel spaeter als Belisar gerechnet, +langte das Heer im Angesicht der Huegel an: und als die ersten +Sonnenstrahlen sie beleuchteten, sah Calpurnius, der den Vortrab fuehrte, +von allen Hoehen gotische Waffen blitzen. + +Die Barbaren waren Belisar zuvorgekommen. Erschrocken machte Calpurnius +Halt und sandte Belisar Nachricht. + +Dieser sah ein, dass Calpurnius mit seinen Reitern nicht die Berge stuermen +koenne. Er schickte Ambazuch und Bessas mit dem Kern des armenischen +Fussvolks ab, um auf der breitern Strasse zu stuermen. Den linken und den +rechten Fluegel fuehrten Constantinus und Demetrius, er selbst brachte im +Mitteltreffen seine Leibwachen als Rueckhalt heran. Calpurnius, froh des +Wechsels im Plan, stellte seine Reiter unter den steilsten Abfall der +Huegel, links seitab der Strasse, von wo kein Angriff zu befuerchten schien, +den Erfolg von Ambazuchs und Bessas Sturm abzuwarten und die fliehenden +Goten zu verfolgen oder die weichenden Armenier aufzunehmen. + +Oben auf den Hoehen aber stellten sich die Goten in langer Ausdehnung in +Schlachtordnung. Totilas Reiter waren zuerst eingetroffen: ihm hatte sich +Teja, zu Pferd, vor Kampfbegier fiebernd, angeschlossen: - sein +beiltragendes Fussvolk war noch weit zurueck: - er hatte sich ausgebeten, +ohne Befehlfuehrung, ueberall, wo es ihn reizte, ins Handgemenge zu greifen. +Darauf war Hildebrand eingetroffen und hierauf der Koenig mit der +Hauptmacht gefolgt. Herzog Guntharis mit seinen und Tejas Leuten wurden +noch erwartet. + +Pfeilschnell war Teja zu Witichis zurueckgeflogen. + +"Koenig," sagte er, "unter jenen Huegeln steht Belisar. + +Er ist verloren, beim Gott der Rache! Er hat den Wahnsinn gehabt, +vorzuruecken. Dulde nicht die Schmach, dass er uns zuvorkoemmt im Angriff." + +"Vorwaerts!" rief Koenig Witichis, "gotische Maenner vor!" In wenigen Minuten +hatte er den Rand der Huegel erreicht und uebersah das Thalgefild vor ihm. +"Hildebad - den linken Fluegel! Du, Totila, brichst mit deinen Reitern hier +im Mitteltreffen, die Strasse herunter, vor. Ich halte rechts seitab der +Strasse, bereit, dir zu folgen oder dich zu decken." + +"Das wird's nicht brauchen," sagte Totila, sein Schwert ziehend. "Ich +buerge dir, sie halten meinen Ritt diesen Huegel herab nicht auf." + +"Wir werfen die Feinde in ihr Lager zurueck," fuhr der Koenig fort, "nehmen +das Lager, werfen sie in den Bach, der dicht hinter dem Lager glaenzt: was +uebrig ist, koennen eure Reiter, Totila und Teja, ueber die Ebene jagen bis +Rom." + +"Ja, wenn wir erst den Pass gewonnen haben, dort in den Waldhuegeln, hinter +dem Fluss," sagte Teja mit dem Schwert hinueberdeutend. + +"Er ist noch unbesetzt, scheint's: ihr muesst ihn mit den Fluechtigen +zugleich erreichen." + +Da ritt der Bannertraeger, Graf Wisand von Volsinii, der Bandalarius des +Heeres, an den Koenig heran. "Herr Koenig, ihr habt mir eine Bitte zu +erfuellen zugesagt." - "Ja, weil du bei Salona den Magister Militum fuer +Illyrien, Mundus, und seinen Sohn vom Ross gestochen." + +"Ich habe es nun einmal auf die Magistri Militum. Ich moechte denselben +Speer auch an Belisar erproben. Nimm mir, nur fuer heute, das Banner ab und +lass mich den Magister Belisar aufsuchen. Sein Ross, der Rotscheck Phalion +oder Balian, wird so sehr geruehmt: und mein Hengst wird steif. Und du +kennst das alte gotische Reiterrecht: "wirf den Reiter und nimm sein +Ross"." + +"Gut gotisch Recht!" raunte der alte Hildebrand. + +"Ich muss die Bitte gewaehren," sprach Witichis, das Banner aus der Hand +Wisands nehmend. Dieser sprengte eilig hinweg. "Guntharis ist nicht zur +Stelle, so trage du es heute, Totila." + +"Herr Koenig," entgegnete dieser, "ich kann's nicht tragen, wenn ich meinen +Reitern den Weg in die Feinde zeigen soll." Witichis winkte Teja. + +"Vergieb," sagte dieser: "heut' denk' ich beide Arme sehr zu brauchen." - +"Nun, Hildebad." - "Danke fuer die Ehre: ich hab's nicht schlechter vor als +die andern!" "Wie," sagte Witichis, fast zuernend, "muss ich mein eigner +Bannertraeger sein, will keiner meiner Freunde mein Vertrauen ehren?" + +"So gieb mir die Fahne Theoderichs," sprach der alte Hildebrand, den +maechtigen Schaft ergreifend. "Mich luestet weitern Kampfes nicht so sehr. +Aber mich freut's, wie die Jungen nach Ruhme duersten. Gieb mir das Banner, +ich will's heute wahren wie vor vierzig Sommern." Und er ritt sofort an +des Koenigs rechte Seite. + +"Der Feinde Fussvolk rueckt den Berg hinan," sprach Witichis, sich im Sattel +hebend. "Es sind Hunnen und Armenier," sagte Teja, mit seinem Falkenauge +spaehend, "ich erkenne die hohen Schilde!" Und den Rappen vorwaerts spornend +rief er: "Ambazuch fuehrte sie, der eidbruechige Brandmoerder von Petra." + +"Vorwaerts, Totila," sprach der Koenig, "und aus diesen Scharen - - keine +Gefangnen." + +Rasch sprengte Totila zu seinen Reitern, die hart an der Muendung der +aufsteigenden Strasse auf der Hoehe aufgestellt waren. Mit scharfem Blick +musterte er die Bewaffnung der Armenier, die in tiefen Kolonnen langsam +bergauf rueckten. Sie trugen schwere, mannshohe Schilde und kurze Speere zu +Stoss und Wurf. + +"Sie duerfen nicht zum Werfen kommen," rief er seinen Reitern zu. Er liess +sie die leichten Schilde auf den Ruecken binden und befahl, im Augenblick +des Anpralls die langen Lanzen, statt, wie ueblich, in der Rechten, in der +Linken, der Zuegelhand, zu fuehren, den Zuegel einfach um das Handgelenk +geschlungen und ueber die Maehne weg die Lanze aus der rechten in die linke +Faust werfend. Dadurch trafen sie auf die rechte, vom Schild nicht +gedeckte Seite der Feinde. "Sowie der Stoss angeprallt - sie werden ihm +nicht stehen! - werft die Lanze im Armriem zurueck, zieht das Schwert und +haut nieder, was noch steht." + +Er stellte sie nun, die Kolonne der Feinde rechts und links ueberfluegelnd, +auf beiden Seiten neben der Strasse auf. + +Er selbst fuehrte den Keil auf der Strasse. Er beschloss, den Feind die +Haelfte des Huegels herankommen zu lassen. Mit atemloser Spannung sahen +beide Heere dem Zusammenstoss entgegen. + +Ruhig rueckte Ambazuch, ein erprobter Soldat, vorwaerts. + +"Lasst sie nur dicht heran, Leute," sagte er, "bis ihr das Schnauben der +Rosse im Gesicht spuert. Dann, - und nicht eher, - werft: und zielt mir +tief, auf die Brust der Pferde, und zieht das Schwert. So hab' ich noch +alle Reiter geschlagen." + +Aber es kam anders. + +Denn als Totila, voransprengend, das Zeichen zum Angriff gab, schien eine +donnernde Lawine vom Berg herab ueber die erschrocknen Feinde einzubrechen. +Wie der Sturmwind jagte die blitzende, klirrende, schnaubende, droehnende +Masse heran: und eh' die erste Reihe der Armenier Zeit gefunden, die +Wurfspeere nur zu heben, lag sie schon, von den langen Lanzen auf der +schildlosen Seite durchbohrt, niedergestreckt. Sie waren weggefegt, als +waeren sie nie gestanden. + +Blitzschnell war das geschehen: und waehrend noch Ambazuch seiner zweiten +Reihe, in der er selber stand, Befehl geben wollte, zu knieen und die +Speere einzustemmen, sah er schon auch seine zweite Reihe ueberritten, die +dritte auseinandergesprengt und die vierte unter Bessas kaum noch +Widerstand leistend gegen die furchtbaren Reiter, die jetzt erst dazu +kamen, die Schwerter zu ziehen. Er wollte das Gefecht stellen: er flog +zurueck und rief seinen wankenden Scharen Mut zu. + +Da erreichte ihn Totilas Schwert: ein Hieb zerschlug ihm den Helm. Er +stuerzte in die Knie und streckte den Griff seines Schwertes dem Goten +entgegen. "Nimm Loesegeld," rief er, "ich bin dein." + +Und schon streckte Totila die Hand aus, ihm die Waffe abzunehmen, da rief +Tejas Stimme: "Denk' an Burg Petra." + +Ein Schwert blitzte und zerspaltnen Haupts sank Ambazuch. Da stob die +letzte Reihe der Armenier, Bessas mit fortreissend, entsetzt auseinander, - +das Vordertreffen Belisars war vernichtet. Mit lautem Freuderuf hatten +Koenig Witichis und die Seinen den Sieg Totilas mit angesehn. + +"Sieh, jetzt schwenken die hunnischen Reiter, die hier gerade unter uns +stehen, gegen Totila," sagte der Koenig zu dem alten Bannertraeger. "Totila +wendet sich gegen sie. Sie sind viel zahlreicher. Auf! Hildebad, eile die +Strasse hinunter, ihm zu Hilfe." + +"Ah," rief der Alte, sich vorbeugend im Sattel, und ueber den Felsrand +spaehend, "wer ist der Reitertribun da unten zwischen den zwei Leibwaechtern +Belisars?" + +Witichis beugte sich vor. "Calpurnius!" rief er mit gellendem Schrei. + +Und siehe, urploetzlich sprengte der Koenig, keinen Pfad suchend, gerade wo +er stand, hinab die Felshoehe auf den Verhassten. Die Furcht, er moechte ihm +entrinnen, liess ihn alles vergessen. Und als haette er Fluegel, als haette +der Gott der Rache ihn herabgefuehrt ueber Gebuesch und spitze Felsspalten +und Schroffen und Graeben sauste der Koenig hinunter. + +Einen Augenblick fasste den alten Waffenmeister Entsetzen: solchen Ritt +hatte er noch nie geschaut. Aber im naechsten Moment schwang er die blaue +Fahne und rief: "Nach! nach eurem Koenig!" Und das berittene Gefolge voran, +das Fussvolk, springend und auf den Schilden rutschend, hinterher, brach +das Mitteltreffen der Goten ploetzlich steil von oben auf die hunnischen +Reiter. + +Calpurnius hatte aufgesehn. Ihm war, als ob sein Name, gellend gerufen, an +sein Ohr schluege. Ihm klang der Ruf wie die Posaune des Weltgerichts. + +Wie blitzgetroffen wandte er sich und wollte auf und davon. Aber der +maurische Leibwaechter zur Rechten fiel ihm in den Zuegel: "Halt, Tribun!" +sagte Antallas, auf Totilas Reiter deutend - "_dort_ ist der Feind!" Ein +Schmerzenschrei riss ihn und Calpurnius zur Linken herum. Denn da stuerzte +der zweite der Leibwaechter, der Hunne Kuturgur, zu seiner Linken, klirrend +vom Pferd, unter dem Schwerthieb eines Goten, der ploetzlich wie vom Himmel +gefallen schien. Und hinter diesem Goten drein sprang und kletterte und +wogte es den steilen Felshang hinab, der doch pfadlos schien: und die +Reiter waren von diesem ploetzlich von oben gekommenen Feind in der Flanke +umfasst, waehrend sie gleichzeitig in der Stirnseite mit den Geschwadern +Totilas zusammenstiessen. + +Calpurnius erkannte den Goten. "Witichis!" rief er entsetzt, und liess den +Arm sinken. Aber sein Pferd rettete ihn; verwundet und scheu geworden +durch den Fall des hunnischen Leibwaechters zur Linken, setzte es in wilden +Spruengen davon. + +Der maurische Leibwaechter zu seiner Rechten warf sich wuetend auf den Koenig +der Goten, der ganz allein den Seinigen weit vorausgeeilt war. "Nieder, +Tollkuehner!" schrie er. Aber im naechsten Augenblick hatte ihn das Schwert +des Witichis getroffen, der unaufhaltsam alles vor sich niederzuwerfen +schien, was ihn von Calpurnius jetzt noch fern hielt. Rasend setzte ihm +Witichis nach. Mitten durch die Reihen der hunnischen Reiter, die, +entsetzt vor diesem Anblick, auseinanderstoben. + +Calpurnius hatte sein Pferd wieder bemeistert und suchte jetzt Schutz +hinter den staerksten Geschwadern seiner Reiter. Umsonst. Witichis verlor +ihn nicht aus dem Auge und liess nicht von ihm ab. Wie dicht er sich unter +seinen Reitern barg, wie rasch er floh, - er entging nicht dem Blicke des +Koenigs, der alles erschlug, was sich zwischen ihn und den Moerder seines +Sohnes draengte. + +Knaeuel auf Knaeuel, Gruppe auf Gruppe loeste sich vor dem furchtbaren +Schwert des raechenden Vaters: die ganze Masse der Hunnen war quer geteilt +von dem Fluechtenden und seinem Verfolger. Sie vermochte nicht, sich wieder +zu schliessen. Denn ehe noch Totila ganz heran war, hatte der alte +Bannertraeger mit Reitern und Fussvolk ihre rechte Flanke durchbrochen, in +zwei Teile gespalten. + +Als Totila ansprengte, hatte er nur noch Fluechtlinge zu verfolgen. Der +Teil zur Rechten wurde alsbald von Totila und Hildebrand in die Mitte +genommen und vernichtet. + +Der groessere Teil zur Linken floh zurueck auf Belisar. + +Calpurnius jagte indessen, wie von Furien gehetzt, ueber das Schlachtfeld. +Er hatte einen grossen Vorsprung, da sich Witichis siebenmal erst hatte +Bahn hauen muessen. Aber ein Daemon schien Boreas, des Goten Ross, zu +treiben: naeher und naeher kam er seinem Opfer. Schon vernahm der Fluechtling +den Ruf, zu stehen und zu fechten. Noch hastiger spornte er sein Pferd. Da +brach es unter ihm zusammen. Noch bevor er sich aufgerafft, stand Witichis +vor ihm, der vom Sattel gesprungen war. Er stiess ihm, ohne ein Wort, mit +dem Fuss das Schwert hin, das ihm entfallen. Da fasste sich Calpurnius mit +dem Mut der Verzweiflung. + +Er hob das Schwert auf und warf sich mit einem Tigersprung auf den Goten. +Aber mitten im Sprung stuerzte er ruecklings nieder. + +Witichis hatte ihm die Stirn mitten entzwei gehauen. Der Koenig setzte den +Fuss auf die Brust der Leiche und sah in das verzerrte Gesicht. Dann +seufzte er tief auf: "Jetzt hab' ich die Rache. O haett' ich mein Kind." + +Mit Ingrimm hatte Belisar die so unguenstige Eroeffnung des Kampfes mit +angesehen. Aber seine Ruhe, seine Zuversicht verliess ihn nicht, als er +Ambazuchs und Bessas' Armenier weggefegt, als er des Calpurnius Reiter +durchbrochen und geworfen sah. + +Er erkannte jetzt die Uebermacht und Ueberlegenheit des Feindes. Allein er +beschloss, auf der ganzen Linie vorzuruecken, eine Luecke lassend, um den +Rest der fliehenden Reiter aufzunehmen. + +Jedoch scharf bemerkten dies die Goten und draengten, Witichis voran, +Totila und Hildebrand, welche die Umzingelten vernichtet hatten, folgend, +den Fluechtlingen jetzt so ungestuem nach, dass sie mit ihnen zugleich die +Linie Belisars zu erreichen und zu durchdringen drohten. + +Das durfte nicht sein. Belisar fuellte diese Luecke selbst durch seine +Leibwache zu Fuss und schrie den fliehenden Reitern entgegen, zu halten und +zu wenden. + +Aber es war, als ob die Todesfurcht ihres gefallnen Fuehrers sie alle +ergriffen haette. Sie scheuten das Schwert des Gotenkoenigs hinter sich mehr +als den drohenden Feldherrn vor sich: und ohne Halt und Fassung rasten +sie, als wollten sie ihr eignes Fussvolk niederreiten, im vollen Galopp +heran. + +Einen Augenblick ein furchtbarer Stoss: - ein tausendstimmiger Schrei der +Angst und Wut: - ein wirrer Knaeuel von Reitern und Fussvolk minutenlang: - +darunter einhauende Goten: - und ploetzlich ein Auseinanderstieben nach +allen Seiten unter gellendem Siegesruf der Feinde. - + +Belisars Leibwache war niedergeritten, seine Hauptschlachtlinie +durchbrochen. - Er befahl den Rueckzug ins Lager. + +Aber es war kein Rueckzug mehr: es war eine Flucht. Hildebads, Guntharis +und Tejas Fussvolk waren jetzt auf dem Schlachtfeld eingetroffen: die +Byzantiner sahen ihre Stellung im ganzen geworfen: sie verzweifelten am +Widerstand und mit grosser Unordnung eilten sie nach dem Lager zurueck. +Gleichwohl haetten sie dasselbe noch in guter Zeit vor den Verfolgern +erreicht, haette nicht ein unerwartetes Hindernis alle Wege gesperrt. + +So siegesgewiss war Belisar ausgezogen, dass er das ganze Fuhrwerk, die +Wagen und das Gepaeck des Heeres, ja selbst die Herden, die ihm +nachgetrieben wurden nach der Sitte jener Zeit, den Truppen auf allen +Strassen zu folgen befohlen hatte. Auf diesen langsamen, schwer beweglichen +und schwer zu entfernenden Koerper stiessen nun ueberall die weichenden +Truppen und grenzenlose Hemmung und Verwirrung trat ein. + +Soldaten und Trossknechte wurden handgemein: die Reihen loesten sich +zwischen den Karren, Kisten und Wagen. Bei vielen erwachte die Beutelust +und sie fingen an, das Gepaeck zu pluendern, ehe es in die Haende der +Barbaren falle. Ueberall ein Streiten, Fluchen, Klagen, Drohen: dazwischen +das Krachen der Lastwagen, die zerbrochen wurden, und das Bloeken und +Bruellen der erschrocknen Herden. + +"Gebt den Tross Preis! Feuer in die Wagen! schickt die Reiter durch die +Herden!" befahl Belisar, der mit dem Rest seiner Leibwachen in guter +Ordnung mit dem Schwert sich Bahn brach. Aber vergebens. Immer +unentwirrbarer, immer dichter wurde der Knaeuel: - nichts schien ihn mehr +loesen zu koennen. + +Da zerriss ihn die Verzweiflung. + +Der Schrei, "die Barbaren ueber uns!" erscholl aus den hintersten Reihen. +Und es war kein leerer Schreck. Hildebad mit dem Fussvolk war jetzt in die +Ebene hinabgestiegen und seine ersten Reihen trafen auf den wehrlosen +Knaeuel. + +Da gab es eine furchtbare wogende Bewegung nach vorn: ein tausendstimmiger +Schrei der Angst - der Wut - des Schmerzes der Angegriffenen, der +Leibwachen, die, alter Tapferkeit gedenk, fechten wollten und nicht +konnten: - der Zertretenen und Zerdrueckten - und ploetzlich stuerzte der +groesste Teil der Wagen, mit ihrer Bespannung, und mit den Tausenden, die +darauf und dazwischen zusammengedraengt waren, mit donnerndem Krachen in +die Graeben links und rechts neben der Hochstrasse. + +So ward der Weg frei. Und unaufhaltsam, ordnungslos ergoss sich der Strom +der Fluechtigen nach dem Lager. - + +Mit lautem Siegesgeschrei folgte das gotische Fussvolk, ohne Muehe mit den +Fernwaffen, mit Pfeilen, Schleudern und Wurfspeeren, in dem dichten Gewuehl +seine Ziele treffend, waehrend Belisar mit Muehe die unaufhoerlichen Angriffe +der Reiter Totilas und des Koenigs abwehrte. "Hilf, Belisar," rief Aigan, +der Fuehrer der massagetischen Soeldner, aus dem eben gesprengten Knaeuel +heranreitend, das Blut aus dem Gesicht wischend: "meine Landsleute haben +heut' den schwarzen Teufel unter den Feinden gesehen. Sie stehn mir nicht. +Hilf: dich fuerchten sie sonst mehr als den Teufel!" + +Mit Knirschen sah Belisar hinueber nach seinem rechten Fluegel, der +aufgeloest ueber das Blachfeld jagte, von den Goten gehetzt. + +"O Justinianus, kaiserlicher Herr, wie erfuell' ich schlecht mein Wort!" + +Und die weitere Deckung des Rueckzugs ins Lager dem erprobten Demetrius +ueberlassend, - denn das huegelige Terrain, das jetzt erreicht war, +schwaechte die Kraft der verfolgenden Reiter - sprengte er mit Aigan und +seiner berittenen Garde querfeldein mitten unter die Fluechtenden. + +"Halt!" donnerte er ihnen zu, "halt, ihr feigen Hunde. Wer flieht, wo +Belisar streitet? + +Ich bin mitten unter euch, kehrt und siegt!" + +Und aufschlug er das Visier des Helmes und zeigte ihnen das majestaetische, +das loewengewaltige Antlitz. + +Und so maechtig war die Macht dieser Heldenpersoenlichkeit, so gross das +Vertrauen auf sein sieghaftes Glueck, dass in der That alle, welche die hohe +Gestalt des Feldherrn auf seinem Rotscheck erkannten, stutzten, hielten, +und mit einem Ruf der Ermutigung sich den nachdringenden Goten wieder +entgegenwandten. An dieser Stelle wenigstens war die Flucht zu Ende. + +Da schritt ein gewaltiger Gote heran, leicht sich Bahn brechend. "Heia, +das ist fein, dass ihr einmal des Laufens muede seid, ihr flinken +Griechlein. Ich konnt' euch nicht mehr nach vor Schnaufen. In den Beinen +seid ihr uns ueberlegen. Lasst sehn, ob auch in den Armen. Ha, was weicht +ihr, Bursche! Vor dem, auf dem Braunscheck? Was ist's mit dem?" + +"Herr, das muss ein Koenig sein unter den Welschen, kaum kann man sein +zornig Auge tragen." + +"Das waere! Ah - das muss Belisarius sein! Freut mich," schrie er ihm +hinueber, "dass wir uns treffen, du kuehner Held. Nun spring vom Ross und lass +uns die Kraft der Arme messen. Wisse, ich bin Hildebad, des Tota Sohn. +Sieh, auch ich bin ja zu Fuss. Du willst nicht?" rief er zornig. "Muss man +dich vom Gaule holen?" Und dabei schwang er in der Rechten wiegend den +ungeheuren Speer. + +"Wende, Herr, weich' aus," rief Aigan, "der Riese wirft ja junge +Mastbaeume." "Wende, Herr," wiederholten seine Hypaspisten aengstlich. + +Aber Belisar ritt, das kurze Schwert gezueckt, ruhig dem Goten um eine +Pferdelaenge naeher. Sausend flog der balkengleiche Speer heran, grad gegen +Belisars Brust. + +Aber grad', ehe er traf, - ein kraeftiger Hieb von Belisars kurzem +Roemerschwert und drei Schritte seitwaerts fiel der Speer harmlos nieder. + +"Heil Belisarius! Heil," schrieen die Byzantiner ermutigt und drangen auf +die Goten ein. + +"Ein guter Hieb," lachte Hildebad grimmig. "Lass sehen, ob dir deine +Fechtkunst auch gegen den hilft." Und sich bueckend hob er aus dem +Ackerfeld einen alten zackigen Grenzstein, schwang ihn mit zwei Armen erst +langsam hin und her, hob ihn dann ueber den Kopf mit beiden Haenden und +schleuderte ihn mit aller Kraft auf den heransprengenden Helden -: ein +Schrei des Gefolges: - ruecklings stuerzte Belisar vom Pferd. - + +Da war es aus. + +"Belisarius tot! wehe! Alles verloren, wehe!" schrieen sie, als die +hochragende Gestalt verschwunden, und jagten besinnungslos nach dem Lager +zu. Einzelne flohen unaufhaltsam bis an und in die Thore Roms. + +Umsonst war's, dass sich die Lanzen- und Schildtraeger todesmutig den Goten +entgegenwarfen: sie konnten nur ihren Herrn, nicht die Schlacht mehr +retten. + +Den ersten toedlichen Schwerthieb Hildebads, der herangestuermt war, fing +der treue Maxentius auf mit der eignen Brust. Aber hier sank auch ein +gotischer Reiter endlich vom Ross, der erst nach Hildebad Belisar erreicht +und sieben Leibwaechter erschlagen hatte, um bis zum Magister Militum +durchzudringen. Mit dreizehn Wunden fanden ihn die Seinen. Aber er blieb +am Leben. Und er war einer der wenigen, welche den ganzen Krieg +durchkaempften und ueberlebten -, Wisand, der Bandalarius. + +Belisar, von Aigan und Valentinus, seinem Hippokomos (Rosswart), wieder auf +den Rotschecken gehoben und rasch von der Betaeubung erholt, erhob umsonst +den Feldherrnstab und Feldherrnruf: sie hoerten nicht mehr und wollten +nicht hoeren. Umsonst hieb er nach allen Seiten unter die Fluechtigen: er +wurde fortgerissen von ihren Wogen bis ans Lager. + +Hier gelang es ihm noch einmal, an einem festen Thor, die nachdringenden +Goten aufzuhalten. "Die Ehre ist hin," sagte er unwillig, "lasst uns das +Leben wahren." Mit diesen Worten liess er die Lagerthore schliessen, ohne +Ruecksicht auf die grossen Massen der noch Ausgeschlossenen. + +Ein Versuch des ungestuemen Hildebad, ohne weiteres einzudringen, +scheiterte an dem starken Eichenholz des Pfahlwerks, das dem Speerwurf und +den Schleudersteinen trotzte. Unmutig auf seinen Speer gelehnt kuehlte er +sich einen Augenblick von der Hitze. + +Da bog Teja, der laengst, wie der Koenig und Totila, abgesessen, pruefend und +das Pfahlwerk messend, um die Ecke des Walls. + +"Die verfluchte Holzburg," rief ihm Hildebad entgegen. "Da hilft nicht +Stein, nicht Eisen." + +"Nein," sagte Teja, "aber Feuer!" Er stiess mit dem Fuss in einen +Aschenhaufen, der neben ihm lag. "Das sind die Wachtfeuer, samt dem +Reisig, von heute Nacht. Hier glimmen noch Gluten! Hierher, ihr Maenner, +steckt die Schwerter ein, entzuendet das Reisig! werft Feuer in das Lager!" + +"Prachtjunge," jubelte Hildebad, "flugs, ihr Bursche, brennt sie aus, wie +den Fuchs aus dem Bau! der frische Nordwind hilft." Rasch waren die +Wachtfeuer wieder entfacht, Hunderte von Braenden flogen in das trockne +Sparrenwerk der Schanze. Und bald schlugen die Flammen lodernd gen Himmel. +Der dichte Qualm, vom Wind ins Lager getragen, schlug den Byzantinern ins +Gesicht und machte die Verteidigung der Waelle unmoeglich. Sie wichen in das +Innere des Lagers. + +"Wer jetzt sterben duerfte!" seufzte Belisar. - "Raeumt das Lager! Hinaus +zur Porta decumana. In gut geschlossener Ordnung zu den Bruecken hinter +uns!" + +Aber der Befehl, das Lager zu raeumen, zerriss das letzte Band der Zucht, +der Ordnung und des Mutes. Waehrend unter Tejas droehnenden Axthieben die +verkohlten Thorbalken niederkrachten und mitten durch Flammen und Qualm +der schwarze Held, wie ein Feuerdaemon, der erste, durch das praetorische +Thor ins Lager sprang, rissen die Fluechtenden alle Thore, auch die +seitwaerts aus dem Lager nach Rom zu fuehrten, die Portae prinzipales rechts +und links, auf einmal auf und stroemten in wirren Massen nach dem Fluss. Die +ersten erreichten noch sicher und unverfolgt die beiden Bruecken; sie +hatten grossen Vorsprung, bis Hildebad und Teja Belisar aus dem brennenden +Lager herausgedraengt. + +Aber ploetzlich - neues Entsetzen! - schmetterten die gotischen +Reiterhoerner ganz nahe. + +Witichis und Totila hatten sich, sowie sie das Lager genommen wussten, +sogleich wieder zu Pferd geworfen und fuehrten nun ihre Reiter von beiden +Seiten, links und rechts vom Lager her, den Fluechtenden in die Flanken. + +Eben war Belisar aus dem decumanischen Lagerthor gesprengt und eilte nach +der einen Bruecke zu, als er von links und rechts die verderblichen +Reitermassen heransausen sah. Noch immer verlor der gewaltige Kriegsmann +die Fassung nicht. "Vorwaerts im Galopp an die Bruecken!" befahl er seinen +Saracenen, "deckt sie!" - + +Es war zu spaet: ein dumpfer Krach, gleich darauf ein zweiter, - die beiden +schmalen Bruecken waren unter der Last der Fluechtenden eingebrochen und zu +Hunderten stuerzten die hunnischen Reiter und die illyrischen Lanzentraeger, +Justinians Stolz, in das sumpfige Gewaesser. + +Ohne Bedenken spornte Belisar, an dem steilen Ufer angelangt, sein Pferd +in die schaeumende und blutig gefaerbte Flut. Schwimmend erreichte er das +andere Ufer. "Salomo, Dagisthaeos," sagte er, sowie er drueben gelandet, zu +seinen raschesten Praetorianern, "auf, nehmt hundert aus meinen +Reiterwachen und jagt was ihr koennt nach dem Engpass. Ueberreitet alle +Fluechtigen. Ihr muesst ihn vor den Goten erreichen, hoert ihr? _ihr muesst!_ Er +ist unser letzter Strohhalm." + +Beide gehorchten, und sprengten blitzschnell davon. + +Belisar sammelte, was er von den zerstreuten Massen erreichen konnte. Die +Goten waren wie die Byzantiner durch den Fluss eine Weile aufgehalten. Aber +ploetzlich rief Aigan: "Da sprengt Salomo zurueck!" "Herr," rief dieser +heranjagend: "alles ist verloren! Waffen blitzen im Engpass. Er ist schon +besetzt von den Goten." + +Da, zum erstenmale an diesem Tage des Ungluecks, zuckte Belisar zusammen. +"Der Engpass verloren? - Dann entkommt kein Mann vom Heere meines Kaisers. +Dann fahrt wohl: Ruhm, Antonina und Leben. Komm, Aigan, zieh' das Schwert, +- lass mich nicht lebend fallen in Barbarenhand." + +"Herr," sagte Aigan, "so hoert' ich euch nie reden." + +"So war's auch noch nie. Lass uns absteigen und sterben." Und schon hob er +den rechten Fuss aus dem Buegel, vom Ross zu springen, da sprengte Dagisthaeos +heran -: "Getrost, mein Feldherr!" - "Nun?" - "Der Engpass ist unser - +roemische Waffen sind's, die wir dort sahen. Es ist Cethegus, der Praefekt! +Er hielt ihn geheim besetzt." + +"Cethegus?" rief Belisar. "Ist's moeglich? Ist's gewiss?" + +"Ja, mein Feldherr. Und seht, es war hoch an der Zeit." Das war es. Denn +eine Schar gotischer Reiter, von Koenig Witichis gesendet, den Fluechtenden +am Engpass vorauszukommen, hatte durch eine Furt den Fluss durchschritten, +den Reitern Belisars den Weg abgeschnitten und vor ihnen den +verhaengnisvollen Pass erreicht. Aber eben als sie dort einmuenden wollten, +brach Cethegus an der Spitze seiner Isaurier aus dem Versteck der Schlucht +hervor und warf die ueberraschten Goten nach kurzem Gefecht in die +Flucht. - + +"Der erste Glanz des Sieges an diesem schwarzen Tag!" rief Belisar. "Auf, +nach dem Engpass!" Und mit besserer Ordnung und Ruhe fuehrte der Feldherr +seine gesammelten Scharen an die Waldhuegel. + +"Willkommen in Sicherheit, Belisarius," rief ihm Cethegus zu, seine +Schwertklinge saeubernd. "Ich warte hier auf dich seit Tagesanbruch. Ich +wusste wohl, dass du mir kommen wuerdest." + +"Praefekt von Rom," sprach Belisar, ihm vom Pferd herunter die Hand +reichend: "du hast des Kaisers Heer gerettet, das ich verloren hatte: ich +danke dir." + +Die frischen Truppen des Praefekten hielten, eine undurchdringliche Mauer, +den Pass besetzt, die zerstreut heranfluechtenden Byzantiner durchlassend +und Angriffe der ersten ermuedeten Verfolger, die ueber den Fluss gedrungen, +- sie hatten einen vollen Tag des Kampfes hinter sich - in der guenstigen +Stellung ohne Muehe abwehrend. + +Vor Einbruch der Dunkelheit nahm Koenig Witichis seine Scharen zurueck, auf +dem Schlachtfeld ihres Sieges zu uebernachten, waehrend Belisar mit seinen +Feldherren einstweilen im Ruecken des Passes, so gut es gehen wollte, die +aufgeloesten Heeresmassen, wie sie zerstreut und vereinzelt eintrafen, +ordneten. Als Belisar wieder einige tausend Mann beisammen hatte, ritt er +zu Cethegus heran und sprach: "Was meinst du, Praefekt von Rom? Deine +Truppen sind noch frisch. Und die Unsern muessen ihre Scharte auswetzen. +Lass uns hervorbrechen nocheinmal - die Sonne geht noch nicht gleich unter +- und das Los des Tages wenden." + +Mit Staunen sah ihn Cethegus an und sprach die Worte Homers: "Wahrlich, +ein schreckliches Wort, du Gewaltiger, hast du gesprochen. Unersaettlicher! +So schwer ertraegst du's, ohne Sieg aus einer Schlacht zu gehn? Nein, +Belisarius! dort winken die Zinnen Roms: dahin fuehre deine todesmatten +Voelker. Ich halte diesen Pass, bis ihr die Stadt erreicht. Und froh will +ich sein, wenn mir das gelingt." + +Und so war's geschehn. Belisar vermochte unter den dermaligen Umstaenden +weniger als je den Praefekten gegen dessen Willen zu bewegen. So gab er +nach und fuehrte sein Heer nach Rom zurueck, das er mit dem Einbruch der +Nacht erreichte. + +Lange wollte man ihn nicht einlassen. Den von Staub und Blut Bedeckten +erkannte man nur schwer. Auch hatten Versprengte die Nachricht aus der +Schlacht in die Stadt getragen, der Feldherr sei gefallen und alles +verloren. Endlich erkannte ihn Antonina, die aengstlich auf den Waellen +seiner harrte. Durch das pincianische Thor liess man ihn ein; es hiess +seitdem Porta belisaria. + +Feuerzeichen auf den Waellen zwischen dem flaminischen und dem +pincianischen Thor verkuendeten die Erreichung Roms dem Praefekten, der nun, +in guter Ordnung und von den ermuedeten Siegern kaum verfolgt, im Schutze +der Nacht seinen Rueckzug bewerkstelligte. + +Nur Teja draengte nach mit einigen seiner Reiter bis an das Huegelland, wo +heute Villa Borghese liegt, und bis zur Aqua Acetosa. + + + + + Achtes Kapitel. + + +Am Tage darauf erschien das ganze zahlreiche Heer der Goten vor der ewigen +Stadt, die es in sieben Lagern umschloss. + +Und nun begann jene denkwuerdige Belagerung, die nicht minder das +Feldherrntalent und die Erfindungsgabe Belisars als den Mut der Belagerer +entfalten sollte. + +Mit Schrecken hatten die Buerger Roms von ihren Mauern herab mit angesehen, +wie die Scharen der Goten nicht enden wollten. "Sieh hin, o Praefekt, sie +ueberfluegeln alle deine Mauern." - "Ja! in die Breite! lass sehen, ob sie +sie in der Hoehe ueberfluegeln. Ohne Fluegel kommen sie nicht herueber." + +Nur zwei Tausendschaften hatte Witichis in Ravenna zurueckgelassen, acht +hatte er unter den Grafen Uligis von Urbssalvia und Ansa von Asculum nach +Dalmatien entsendet, diese Provinz und Liburnien den Byzantinern zu +entreissen und zumal das wichtige Salona wieder zu gewinnen; durch Soeldner, +in Savien geworben, sollten sie sich verstaerken. + +Auch die gotische Flotte sollte - gegen Tejas Rat! - dort, nicht gegen den +Hafen von Rom, Portus, wirken. + +Den Umkreis der Stadt Rom aber, und ihre weit hinausgestreckten Waelle, die +Mauern Aurelians und des Praefekten, umguertete nun der Koenig mit +einhundertundfuenfzig Tausendschaften. + +Rom hatte damals fuenfzehn Hauptthore und einige kleinere. + +Von diesen umschlossen die Goten den schwaecheren Teil der Umwallung, den +Raum, der von dem flaminischen Thor im Norden (oestlich von der jetzigen +Porta del Popolo) bis zum praenestinischen Thor reicht, vollstaendig mit +sechs Heerlagern; naemlich die Waelle vom flaminischen Thor gegen Osten bis +ans pincianische und salarische, dann bis an das nomentanische Thor +(suedoestlich von Porta pia), ferner bis gegen das "geschlossene Thor", die +Porta clausa, endlich suedlich von da das tiburtinische Thor (heute Porta +San Lorenzo) und das asinarische, metronische, latinische (an der Via +latina), das appische (an der Via appia) und das Sankt Pauls-Thor, das +zunaechst dem Tiberufer lag. Alle diese sechs Lager waren auf dem linken +Ufer des Flusses. + +Um aber zu verhueten, dass die Belagerten durch Zerstoerung der milvischen +Bruecke den Angreifern den Uebergang ueber den Fluss und das ganze Gebiet auf +dem rechten Tiberufer bis an die See abschnitten, schlugen die Goten ein +siebentes Lager auf dem rechten Tiberufer: "auf dem Felde Neros," vom +vatikanischen Huegel bis gegen die milvische Bruecke hin (unter dem "Monte +Mario"). So war die milvische Bruecke durch ein Gotenlager gedeckt und die +Bruecke Hadrians bedroht, sowie der Weg nach der Stadt durch die "Porta +Sancti Petri", wie man damals schon, nach Prokops Bericht, das innere Thor +Aurelians nannte. Es war das naechste an dem Grabmal Hadrians. Aber auch +das Thor von Sankt Pankratius rechts des Tibers war von den Goten scharf +beobachtet. + +Dies Lager auf dem neronischen Feld, auf dem rechten Tiberufer, zwischen +dem pankratischen und dem Petrus-Thor, ueberwies Witichis dem Grafen Markja +von Mediolanum, der aus den Cottischen Alpen und der Beobachtung der +Franken zurueckgerufen worden war. Aber der Koenig selbst weilte oft hier, +das Grabmal Hadrians mit scharfen Blicken pruefend. + +Er hatte kein einzelnes Lager uebernommen, sich die Gesamtleitung +vorbehaltend, vielmehr die sechs uebrigen an Hildebrand, Totila, Hildebad, +Teja, Guntharis und Grippa verteilt. Jedes der sieben Lager liess der Koenig +mit einem tiefen Graben umziehn, die dadurch ausgehobne Erde zu einem +hohen Wall zwischen Graben und Lager aufhaeufen und diesen mit Pfahlwerk +verstaerken, - sich gegen Ausfaelle zu sichern. + +Aber auch Belisar und Cethegus verteilten ihre Feldherren und Mannschaften +nach den Thoren und Regionen Roms. Belisar uebertrug das praenestinische +Thor im Osten der Stadt (heute Porta maggiore) Bessas, das stark bedrohte +flaminische, dem ein gotisches Lager, das Totilas, in gefaehrlicher Naehe +lag, Constantinus, der es durch Marmorquadern, aus roemischen Tempeln und +Palaesten gebrochen, fast ganz zubauen liess. + +Belisar selbst schlug sein Standlager auf im Norden der Stadt. Dieser war +unter den ihm von Cethegus eingeraeumten Teilen der Festung Rom der +schwaechste. + +Den Westen und Sueden hielt eifersuechtig, unentfernbar und unentbehrlich, +der Praefekt. + +Aber hier im Norden war Belisar Herr: zwischen dem flaminischen und dem +pincianischen - oder nun "belisarischen" - Thor, dem schwaechsten Teil der +Umwallung, liess er sich nieder, zugleich Ausfaelle gegen die Barbaren +planend. Die uebrigen Thore ueberwies er den Fuehrern des Fussvolks Peranius, +Magnus, Ennes, Artabanes, Azarethas und Chilbudius. + +Der Praefekt hatte uebernommen alle Thore auf dem rechten Tiberufer, die +neue Porta aurelia an der aelischen Bruecke bei dem Grabmal Hadrians, die +Porta septimiana, das alte aurelische Thor, das nun das pankratische hiess, +und die Porta portuensis: auf dem linken Ufer aber noch das Thor Sankt +Pauls. Erst das naechste Thor weiter oestlich, das ardeatinische, stand +unter byzantinischer Besatzung: Chilbudius befehligte hier. + +Gleich unermuedlich und gleich erfinderisch erwiesen sich die Belagerer und +die Belagerten in Plaenen des Angriffs und der Verteidigung. Lange Zeit +handelte es sich nur um Massregeln, welche die Bedraengung der Roemer ohne +Sturm, vor dem Sturm, bezweckten und andrerseits, sie abwehren sollten. + +Die Goten, Herren und Meister der Campagna, suchten die Belagerten +auszudursten: sie schnitten alle die prachtvollen vierzehn Wasserleitungen +ab, welche die Stadt speisten. Belisar liess vor allem, als er dies +wahrnahm, die Muendungen innerhalb der Stadt verschuetten und vermauern. +"Denn," hatte ihm Prokop gesagt, "nachdem du, o grosser Held Belisarius, +durch eine solche Wasserrinne nach Neapolis hineingekrochen bist, koennte +es den Barbaren einfallen, - und kaum schimpflich scheinen, - auf dem +gleichen Heldenpfad sich nach Rom hinein zu krabbeln." + +Den Genuss des geliebten Bades mussten die Belagerten entbehren: kaum +reichten die Brunnen in den vom Fluss entlegenen Stadtteilen fuer das +Trinkwasser aus. + +Durch das Abschneiden des Wassers hatten aber die Barbaren den Roemern auch +das Brot abgeschnitten. - Wenigstens schien es so. Denn die saemtlichen +Wassermuehlen Roms versagten nun. Das aufgespeicherte Getreide, das +Cethegus aus Sicilien gekauft, das Belisar aus der Umgegend Roms +zwangsweise hatte in die Stadt schaffen lassen, trotz des Murrens der +Paechter und Colonen, dieses Getreide konnte nicht mehr gemahlen werden. + +"Lasst die Muehlen durch Esel und Rinder drehen!" rief Belisar. "Die meisten +Esel waren klug genug und die Rinder, ach Belisarius," sprach Prokop, +"sich nicht mit uns hier einsperren zu lassen. Wir haben nur soviel, als +wir brauchen, sie zu schlachten. Sie koennen unmoeglich erst Muehlen drehen +und dann noch Fleisch genug haben, das gemahlene Brot selbst zu belegen." + +"So rufe mir Martinus. Ich habe gestern an dem Tiber, die Gotenzelte +zaehlend, zugleich einen Gedanken gehabt ... -" + +"Den Martinus wieder aus dem Belisarischen in das Moegliche uebersetzen muss. +Armer Mann! Aber ich gehe, ihn zu holen." + +Als aber am Abend des gleichen Tages Belisar und Martinus durch +zusammengelegte Boote im Tiber die erste Schiffsmuehle herstellten, welche +die Welt kannte, da sprach bewundernd Prokopius: "Das Brot der +Schiffsmuehle wird laenger die Menschen erfreu'n, als deine groessten Thaten. +Dies so gemahlene Mehl schmeckt nach - Unsterblichkeit." Und wirklich +ersetzten die von Belisar erdachten, von Martinus ausgefuehrten +Schiffsmuehlen den Belagerten waehrend der ganzen Dauer der Einschliessung +die gelaehmten Wassermuehlen. + +Hinter der Bruecke naemlich, die jetzt Ponte San Sisto heisst, auf der +Senkung des Janiculus, befestigte Belisar zwei Schiffe mit Seilen und +legte Muehlen ueber deren flaches Deck, so dass die Muehlenraeder durch den +Fluss, der aus dem Brueckenbogen mit verstaerkter Gewalt hervorstroemte, von +selbst getrieben wurden. + +Eifrig trachteten alsbald die Belagerer, diese Vorrichtungen, die ihnen +Ueberlaeufer schilderten, zu zerstoeren. Balken, Holzfloesse, Baeume warfen sie +oberhalb der Bruecke von dem von ihnen beherrschten Teil aus in den Fluss +und zertruemmerten so in Einer Nacht wirklich alle Muehlen. Aber Belisar +liess sie wieder herstellen und nun oberhalb der Bruecke starke Ketten +gerade ueber den Fluss ziehen und so auffangen, was, die Muehlen bedrohend, +herabtrieb. + +Nicht nur seine Muehlen sollten diese eisernen Stromriegel decken: sie +sollten auch verhindern, dass die Goten auf Kaehnen und Floessen den Fluss +herab und, ohne die Bruecke, in die Stadt draengen. + +Denn Witichis traf nun alle Vorbereitungen zum Sturm. + +Er liess hoelzerne Tuerme bauen, hoeher als die Zinnen der Stadtmauer, die auf +vier Raedern von Rindern gezogen werden sollten. Dann liess er Sturmleitern +in grosser Zahl beschaffen und vier furchtbare Widder oder Mauerbrecher, +die je eine halbe Hundertschaft schob und bediente. Mit unzaehligen Buendeln +von Reisig und Schilf sollten die tiefen Graeben ausgefuellt werden. + +Dagegen pflanzten Belisar und Cethegus, jener im Norden und Osten, dieser +im Westen und Sueden die Verteidigung der Stadt ueberwachend, Ballisten und +Wurfbogen auf die Waelle, die auf grosse Entfernung balkenaehnliche +Speergeschosse schleuderten mit solcher Kraft, dass sie einen gepanzerten +Mann voellig durchbohrten. Die Thore schuetzten sie durch "Woelfe", d. h. +Querbalken, mit eisernen Stacheln besetzt, die man auf die Angreifer +niederschmettern liess, wann sie dicht bis an das Thor gelangt waren. Und +endlich streuten sie zahlreiche Fussangeln und Stachelkugeln auf den +Vorraum zwischen den Graeben der Stadt und dem Lager der Barbaren. + + + + + Neuntes Kapitel. + + +Trotz alledem, sagten die Roemer, haetten laengst die Goten die Mauern +erstiegen, waere nicht des Praefekten Egeria gewesen. + +Denn es war merkwuerdig: so oft die Barbaren einen Sturm vorbereiteten -: +Cethegus ging zu Belisar und warnte und bezeichnete im voraus den Tag. So +oft Teja oder Hildebad in kuehnem Handstreich ein Thor zu ueberrumpeln, eine +Schanze wegzunehmen gedachten: - Cethegus sagte es vorher, und die +Angreifer stiessen auf das Zweifache der gewoehnlichen Besatzung der Punkte. +So oft in naechtigem Ueberfall die Kette des Tibers gesprengt werden sollte: +- Cethegus schien es geahnt zu haben und schickte den Schiffen der Feinde +Brander und Feuerkaehne entgegen. + +So ging es viele Monate hin. Die Goten konnten sich nicht verhehlen, dass +sie, trotz unablaessiger Angriffe, seit Anfang der Belagerung keinerlei +Fortschritte gemacht. + +Lange trugen sie diese Unfaelle, die Entdeckung und Vereitelung all ihrer +Plaene, mit ungebeugtem Mut. Aber allmaehlich bemaechtigte sich nicht bloss +der grossen Masse Verdrossenheit, insbesondere da Mangel an Lebensmitteln +fuehlbar zu werden begann, - auch des Koenigs klarer Sinn wurde von trueber +Schwermut verduestert, als er all' seine Kraft, all' seine Ausdauer, all' +seine Kriegskunst wie von einem boesen Daemon vereitelt sah. Und kam er von +einem fehlgeschlagenen Unternehmen, von einem verunglueckten Sturm, matt +und gebeugt, in sein Koenigszelt, so ruhten die stolzen Augen seiner +schweigsamen Koenigin mit einem ihm unverstaendlichen, aber grauenvoll +unheimlichen Ausdruck auf ihm, dass er sich schaudernd abwandte. + +"Es ist nicht anders," sagte er finster zu Teja, "es ist gekommen, wie ich +vorausgesagt. Mit Rauthgundis ist mein Glueck von mir gewichen, wie die +Freudigkeit meiner Seele. Es ist, als laege ein Fluch auf meiner Krone. Und +diese Amalungentochter wandelt um mich her, schweigend und finster, wie +mein lebendiges Unglueck." + +"Du koenntest Recht haben," sprach Teja. "Vielleicht loes' ich diesen +Zauberbann. Gieb mir Urlaub fuer heut' Nacht." + +Am selben Tage, fast in derselben Stunde, forderte drinnen in Rom +Johannes, der Blutige, von Belisar Urlaub fuer diese Nacht. Belisar schlug +es ab. "Jetzt ist nicht Zeit zu naechtlichen Vergnuegen," sagte er. + +"Wird kein gross Vergnuegen sein, in der Nacht zwischen alten feuchten +Mauern und gotischen Lanzen einem Fuchs nachspueren, der zehnmal schlauer +ist als wir beide." + +"Was hast du vor?" fragte Belisar, aufmerksam werdend. + +"Was ich vorhabe? Ein Ende zu machen der verfluchten Stellung, in der wir +alle, in der du, o Feldherr, nicht zum mindesten stehst. Es ist schon +alles ganz recht. Seit Monaten liegen die Barbaren vor diesen Mauern und +haben nichts dabei gewonnen. Wir erschiessen sie wie Knaben die Dohlen vom +Hinterhalt und koennen ihrer lachen. Aber wer ist es eigentlich, der all +dies vollbringt? Nicht, wie es sein sollte, du, des Kaisers Feldherr, noch +des Kaisers Heer: sondern dieser eisige Roemer, der nur lachen kann, wenn +er hoehnt. Der sitzt da oben im Kapitol und verlacht den Kaiser und die +Goten und uns und, mit Verlaub zu sagen, dich selber am meisten. Woher +weiss dieser Odysseus und Ajax in Einer Person alle Gotenplaene so scharf, +als saesse er mit im Rat des Koenigs Witichis? Durch sein Daemonium, sagen die +einen. Durch seine Egeria, sagen die andern. Er hat einen Raben, der hoeren +und sprechen kann wie Menschen, meinen wieder andere: den schickt er alle +Nacht ins Gotenlager. Das moegen die alten Weiber glauben und die Roemer, +nicht meiner Mutter Sohn. Ich glaube, den Raben zu kennen und das +Daemonium. Gewiss ist, er kann die Kunde nur aus dem Gotenlager selbst +holen; lass uns doch sehen, ob wir nicht selbst an seiner Statt aus dieser +Quelle schoepfen koennen." + +"Ich habe das laengst bedacht, aber ich sah kein Mittel." + +"Ich habe von meinen Hunnen alle seine Schritte belauern lassen. Es ist +verdammt schwer: denn dieser braune Maurenteufel folgt ihm wie ein +Schatte. Aber tagelang ist Syphax fern: - und dann gelingt es eher. Nun, +ich habe erspaeht, dass Cethegus so manche Nacht die Stadt verliess, bald aus +der Porta portuensis, rechts vom Tiber, bald aus der Porta Sankt Pauls, +links vom Tiber im Sueden, die er beide besetzt haelt. Weiter wagten ihm die +Spaeher nicht zu folgen. Ich aber denke heute Nacht - denn heute muss es +wieder treffen, - ihm so nicht von den Fersen zu weichen. Doch muss ich ihn +_vor_ dem Thore erwarten: seine Isaurier liessen mich nicht durch; ich +werde bei einer Runde vor den Mauern in einem der Graeben zurueckbleiben." + +"Gut. Es sind aber, wie du sagst, zwei Thore zu beobachten." - "Deshalb +hab' ich mir Perseus, meinen Bruder, zum Genossen erkoren; er huetet das +paulinische, ich das portuensische Thor; verlass dich drauf - bis morgen +vor Sonnenaufgang kennt einer von uns das Daemonium des Praefekten." - Und +wirklich: einer von ihnen sollte es kennen lernen. + +Gerade gegenueber dem Sankt Pauls-Thor, etwa drei Pfeilschuesse von den +aeussersten Graeben der Stadt, lag ein maechtiges altertuemliches Gebaeude, die +Basilika Sancti Pauli extra muros, die Paulskapelle vor den Mauern, deren +letzte Reste erst zur Zeit der Belagerung Roms durch den Connetable von +Bourbon voellig verschwanden. Urspruenglich ein Tempel des Jupiter Stator +war der Bau seit zwei Jahrhunderten dem Apostel geweiht worden: aber noch +stand die bronzene Kolossalstatue des baertigen Gottes aufrecht: man hatte +ihm nur den flammenden Donnerkeil aus der Rechten genommen und dafuer ein +Kreuz hineingeschoben: im uebrigen passte die breite und baertige Gestalt gut +zu ihrem neuen Namen. + +Es war um die sechste Stunde der Nacht. Der Mond stand glanzvoll ueber der +ewigen Stadt und goss sein silbernes Licht ueber die Mauerzinnen und ueber +die Ebene, zwischen den roemischen Schanzen und der Basilika, deren +schwarze Schatten nach dem Gotenlager hin fielen. + +Eben hatte die Wache am Sankt Pauls-Thor gewechselt. + +Aber es waren sieben Mann hinausgeschritten und nur sechs kamen herein. +Der siebente wandte der Pforte den Ruecken und schritt heraus ins freie +Feld. + +Vorsichtig waehlte er seinen Weg: vorsichtig vermied er die zahlreichen +Fussangeln, Wolfsgruben, Selbstschuesse vergifteter Pfeile, die hier ueberall +umhergestreut waren und manchem Goten bei den Angriffen auf die Stadt +Verderben gebracht hatten. Der Mann schien sie alle zu kennen und wich +ihnen leicht aus. Aber er vermied auch das Mondlicht sorgfaeltig, den +Schatten der Mauervorspruenge suchend und oft von Baum zu Baum springend. + +Als er aus dem aeussersten Graben auftauchte, sah er sich um und blieb im +Schatten einer Cypresse stehen, deren Zweige die Ballistengeschosse +zerschmettert hatten. Er entdeckte nichts Lebendes weit und breit: und er +eilte nun mit raschen Schritten der Kirche zu. + +Haette er nochmal umgeblickt, er haette es wohl nicht gethan. + +Denn, sowie er den Baum verliess, tauchte aus dem Graben eine zweite +Gestalt hervor, die in drei Spruengen ihrerseits den Schatten der Cypresse +erreicht hatte. "Gewonnen, Johannes! du stolzer Bruder, diesmal war das +Glueck dem juengeren Bruder hold. Jetzt ist Cethegus mein und sein +Geheimnis." Und vorsichtig folgte er dem rasch Voranschreitenden. + +Aber ploetzlich war dieser vor seinen Augen verschwunden, als habe ihn die +Erde verschlungen. Es war hart an der aeussern Mauer der Kirche, die doch +dem Armenier, als er sie erreicht, keine Thuer oder Oeffnung zeigte. + +"Kein Zweifel," sagte der Lauscher, "das Stelldichein ist drinnen im +Tempel: ich muss nach." + +Allein an dieser Stelle war die Mauer unuebersteiglich. + +Tastend und suchend bog der Spaeher um die Ecke derselben. Umsonst, die +Mauer war ueberall gleich hoch. - Im Suchen verstrich ihm fast eine +Viertelstunde. + +Endlich fand er eine Luecke in dem Gestein: muehsam zwaengte er sich +hindurch. Und er stand nun im Vorhofe des alten Tempels, in dem die dicken +dorischen Saeulen breite Schatten warfen, in deren Schutz er von der +rechten Seite her bis an das Hauptgebaeude gelangte. + +Er spaehte durch einen Riss des Gemaeuers, den ihm die Zugluft verraten +hatte. Drinnen war alles finster. Aber ploetzlich wurde sein Auge von einem +grellen Lichtstrahl geblendet. Als er es wieder aufschlug, sah er einen +hellen Streifen in der Dunkelheit: - er ruehrte von einer Blendlaterne her, +deren Licht sich ploetzlich gezeigt hatte. + +Deutlich erkannte er, was in dem Bereich der Laterne stand, den Traeger +derselben aber nicht: wohl dagegen Cethegus den Praefekten, der hart vor +der Statue des Apostels stand und sich an diese zu lehnen schien: vor ihm +stand eine zweite Gestalt: ein schlankes Weib, auf dessen dunkelrotes Haar +schimmernd das Licht der Laterne fiel. + +"Die schoene Gotenkoenigin, bei Eros und Anteros!" dachte der Lauscher: +"kein schlechtes Stelldichein, sei's nun Liebe, sei's Politik! Horch, sie +spricht. Leider kam ich zu spaet, auch den Anfang der Unterredung zu +hoeren." + +"Also: merk' es dir wohl! uebermorgen auf der Strasse vor dem Thor von Tibur +wird etwas gefaehrliches geplant." - "Gut: aber was?" frug des Praefekten +Stimme. - "Genaueres konnte ich nicht erkunden: und ich kann es dir auch +nicht mehr mitteilen, wenn ich es noch erfahre. Ich wage nicht mehr, dich +hier wieder zu sehen: denn" ... - Sie sprach nun leiser. + +Perseus drueckte das Ohr hart an die Spalte: da klirrte seine +Schwertscheide an das Gestein und nun traf ihn ein Strahl des Lichts. + +"Horch!" rief eine dritte Stimme - es war eine Frauenstimme, die der +Traegerin der Laterne, die sich jetzt in dem Strahl ihres eigenen +Blendlichts gezeigt hatte, da sie sich rasch gegen die Richtung des +Schalles gekehrt hatte. Perseus erkannte eine Sklavin in maurischer +Tracht. + +Einen Augenblick schwieg alles in dem Tempel. Perseus hielt den Atem an. +Er fuehlte, es galt das Leben. Denn Cethegus griff ans Schwert. + +"Alles still," sagte die Sklavin. "Es fiel wohl nur ein Stein auf den +Erzbeschlag draussen." + +"Auch in das Grab vor dem portuensischen Thor geh' ich nicht mehr. Ich +fuerchte, man ist uns gefolgt." - "Wer?" - "Einer, der niemals schlaeft, wie +es scheint: Graf Teja." Des Praefekten Lippe zuckte. + +"Und er ist auch bei einem raetselhaften Eidbund gegen Belisars Leben: der +blosse Scheinangriff gilt dem Sankt Pauls-Thor." "Gut!" sagte Cethegus +nachdenklich. "Belisar wuerde nicht entrinnen, wenn nicht gewarnt. Sie +liegen irgendwo, - aber ich weiss nicht, wo - fuercht' ich, im Hinterhalt, +mit Uebermacht, Graf Totila fuehrt sie." + +"Ich will ihn schon warnen!" sagte Cethegus langsam. + +"Wenn es gelaenge ..!" - "Sorge nicht, Koenigin! Mir liegt an Rom nicht +weniger denn dir. Und wenn der naechste Sturm fehlschlaegt, - so muessen sie +die Belagerung aufgeben, so zaehe sie sind. Und das, Koenigin, ist dein +Verdienst. Lass mich in dieser Nacht - vielleicht der letzten, da wir uns +treffen, - dir mein ganzes staunendes Herz enthuellen. Cethegus staunt +nicht leicht und nicht leicht gesteht er's, wenn er staunen muss. Aber dich +- bewundere ich, Koenigin. Mit welch' totverachtender Kuehnheit, mit welch' +daemonischer List hast du alle Plaene der Barbaren vereitelt! Wahrlich: viel +that Belisar, - mehr that Cethegus, - das meiste: Mataswintha." + +"Spraechst du wahr!" sagte Mataswintha mit funkelnden Augen. "Und wenn die +Krone diesem Frevler vom Haupte faellt ... - -" + +"War es _deine_ Hand, deren sich das Schicksal Roms bedient hat. Aber, +Koenigin, nicht damit kannst du enden! Wie ich dich erkannte, in diesen +Monaten - darfst du nicht als gefangene Gotenkoenigin nach Byzanz. Diese +Schoenheit, dieser Geist, diese Kraft muss herrschen - nicht dienen, in +Byzanz. Darum bedenke, wenn er nun gestuerzt ist - dein Tyrann, - willst du +nicht dann den Weg gehn, den ich dir gezeigt?" + +"Ich habe noch nie ueber seinen Fall hinaus gedacht," sagte sie duester. + +"Aber ich - fuer dich! Wahrlich, Mataswintha," - und sein Auge ruhte mit +Bewunderung auf ihr, - "du bist - wunderschoen. Ich rechn' es mir zum +groessten Stolz, dass selbst du mich nicht in Liebe entzuendet und von meinen +Plaenen abgebracht hast. Aber du bist zu schoen, zu koestlich, nur der Rache +und dem Hass zu leben. Wenn unser Ziel erreicht, - dann nach Byzanz! + +Als mehr denn Kaiserin: - als Ueberwinderin der Kaiserin!" + +"Wenn mein Ziel erreicht, ist mein Leben vollendet. Glaubst du, ich +ertruege den Gedanken, aus eitel Herrschsucht mein Volk zu verderben, um +kluger Zwecke willen? Nein: ich konnt' es nur, weil ich musste. Die Rache +ist jetzt meine Liebe und mein Leben und" ... - - + +Da scholl von der Fronte des Gebaeudes her, aber noch innerhalb der Mauer, +laut und schrillend der Ruf des Kaeuzchens, einmal - zweimal rasch nach +einander. + +Wie staunte Perseus, als er den Praefekten eilig an die Kehle der Bildsaeule +druecken sah, an der er lehnte, und wie sich diese geraeuschlos in zwei +Haelften auseinander schlug. Cethegus schluepfte in die Oeffnung: die Statue +klappte wieder zusammen. Mataswintha aber und Aspa sanken wie betend auf +die Stufen des Altars. + +"Also war's ein Zeichen! Es droht Gefahr:" dachte der Spaeher; "aber wo ist +die Gefahr? und wo der Warner?" Und er wandte sich, trat vor und sah nach +links, nach der Seite der Goten. + +Allein damit trat er in den Bereich des Mondlichts: und in den Blick des +Mauren Syphax, der vor der Eingangsthuer des Hauptgebaeudes in einer leeren +Nische Schildwache stand, und bisher scharf nach der linken, der +gotischen, Seite hin, gespaeht hatte. + +Von dort, von links her, schritt langsam ein Mann heran. Seine Streitaxt +blitzte im Mondlicht. + +Aber auch Perseus sah jetzt eine Waffe aufblitzen: es war der Maure, der +leise sein Schwert aus der Scheide zog. + +"Ha," lachte Perseus, "bis die beiden mit einander fertig sind, bin ich in +Rom, mit meinem Geheimnis." + +Und in raschen Spruengen eilte er nach der Mauerluecke des Vorhofs, durch +die er eingedrungen. Zweifelnd blickte Syphax einen Augenblick nach rechts +und nach links. Zur Rechten sah er entweichen einen Lauscher, den er jetzt +erst ganz entdeckte. Zur Linken schritt ein gotischer Krieger herein in +den Tempelhof. Er konnte nicht hoffen, beide zu erreichen und zu toeten. + +Da ploetzlich schrie er laut: "Teja, Graf Teja! Hilfe! zu Hilfe! Ein Roemer! +rettet die Koenigin! dort rechts an der Mauer, ein Roemer!" + +Im Fluge war Teja heran, bei Syphax. "Dort! rief dieser: "ich schuetze die +Frauen in der Kirche!" Und er eilte in den Tempel. + +"Steh, Roemer!" rief Teja, und sprang dem fliehenden Perseus nach. + +Aber Perseus stand nicht: er lief an die Mauer: er erreichte die Luecke, +durch welche er hereingekommen war: doch er konnte sich in der Eile nicht +wieder hindurchzwaengen: so schwang er sich mit der Kraft der Verzweiflung +auf die Mauerkrone: und schon hob er den Fuss, sich jenseits hinabzulassen: +da traf ihn Tejas Axt im Wurf ans Haupt und ruecklings stuerzte er nieder, +samt seinem erlauschten Geheimnis. - + +Teja beugte sich ueber ihn: deutlich erkannte er die Zuege des Toten. "Der +Archon Perseus," sagte er, "der Bruder des Johannes." Und sofort schritt +er die Stufen hinan, die zur Kirche fuehrten. An der Schwelle trat ihm +Mataswintha entgegen, hinter ihr Syphax und Aspa mit der Blendlaterne. +Einen Moment massen sich beide schweigend mit misstrauischen Blicken. + +"Ich habe dir zu danken, Graf Teja von Tarentum," sagte endlich die +Fuerstin. "Ich war bedroht in meiner einsamen Andacht." + +"Seltsam waehlst _du_ Ort und Stunde fuer deine Gebete. Lass sehen, ob dieser +Roemer der einzige Feind war." + +Er nahm aus Aspas Hand die Leuchte und ging in das Innere der Kapelle. +Nach einer Weile kam er wieder, einen mit Gold eingelegten Lederschuh in +der Hand. "Ich fand nichts als - diese Sandale am Altar, dicht vor dem +Apostel. Es ist ein Mannesfuss." + +"Eine Votivgabe von mir," sagte Syphax rasch. Der Apostel heilte meinen +Fuss, ich hatte mir einen Dorn eingetreten." + +"Ich dachte, du verehrst nur den Schlangengott?" - "Ich verehre, was da +hilft." - "In welchem Fusse stak der Dorn." Syphax schwankte einen +Augenblick. "Im rechten," sagte er dann, rasch entschlossen. + +"Schade," sprach Teja, "die Sandale ist auf den linken geschnitten." Und +er steckte sie in den Guertel. "Ich warne dich, Koenigin, vor solcher +naechtlichen Andacht." + +"Ich werde thun, was meine Pflicht," sagte Mataswintha herb. + +"Und ich, was meine." Mit diesen Worten schritt Teja voran, zurueck zum +Lager: schweigend folgte die Koenigin und ihre Sklaven. + + -------------- + +Vor Sonnenaufgang stand Teja vor Witichis und berichtete ihm alles. + +"Was du sagst, ist kein Beweis," sagte der Koenig. - "Aber schwerer +Verdacht. Und du sagtest selbst, die Koenigin sei dir unheimlich." + +"Gerade deshalb huet' ich mich, nach blossem Verdacht zu handeln. Ich +zweifle manchmal, ob wir an ihr nicht Unrecht gethan. Fast so schwer, wie +an Rauthgundis." - "Wohl, aber diese naechtlichen Gaenge?" - "Werd' ich +verhindern. Schon um ihretwillen." + +"Und der Maure? Ich trau' ihm nicht. Ich weiss, dass er tagelang abwesend: +dann taucht er wieder auf im Lager. Er ist ein Spaeher." + +"Ja, Freund," laechelte Witichis. "Aber der meine. Er geht mit meinem +Wissen in Rom aus und ein. Er ist es, der mir noch alle Gelegenheiten +verraten." + +"Und noch keine hat genuetzt! Und die falsche Sandale?" + +"Ist wirklich ein Votivopfer. Aber fuer Diebstahl; er hat mir, noch ehe du +kamst, alles gebeichtet. Er hat, bei der Begleitung der Koenigin sich +langweilend, in einem Gewoelbe der Kirche herumgestoebert und da unten +allerlei Priestergewaender und vergrabnen Schmuck gefunden und behalten. +Aber spaeter, den Zorn des Apostels fuerchtend, wollt' er ihn +beschwichtigen, und opferte, in seinem Heidensinn, diese Goldsandale aus +seiner Beute. Er beschrieb sie mir ganz genau: mit goldnen Seitenstreifen +und einem Achatknopf, oben mit einem _C_ -. Du siehst, es trifft alles zu. +Er kannte sie also: sie kann nicht von einem Fluechtenden verloren sein. +Und er versprach, als Beweis die dazu gehoerige Sandale des rechten Fusses +zu bringen. Aber vor allem: er hat mir einen neuen Plan verraten, der all' +unsrer Not ein Ende machen und Belisarius selbst in unsre Haende liefern +soll." + + + + + Zehntes Kapitel. + + +Waehrend der Gotenkoenig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand +Cethegus, in fruehester Stunde nach dem belisarischen Thor beschieden, vor +Belisar und Johannes. + +"Praefekt von Rom," herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, "wo warst +du heute Nacht?" + +"Auf meinem Posten. Wohin ich gehoere. Am Thor Sankt Pauls." + +"Weisst du, dass in dieser Nacht einer der besten meiner Anfuehrer, Perseus +der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem +verschwunden ist?" + +"Thut mir leid. Aber du weisst: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer +zu ueberschreiten." + +"Ich habe aber Grund zu glauben," fuhr Johannes auf, "dass du recht gut +weisst, was aus meinem Bruder geworden, dass sein Blut an deinen Haenden +klebt." "Und beim Schlummer Justinians!" brauste Belisar auf, "das sollst +du buessen. Nicht laenger sollst du herrschen ueber des Kaisers Heer und +Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so +gut wie vernichtet. Und lass sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das +Kapitol faellt." + +"Steht es so?" dachte Cethegus, "jetzt sieh dich vor, Belisarius." Doch er +schwieg. + +"Rede!" rief Johannes. "Wo hast du meinen Bruder ermordet?" Ehe Cethegus +antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwaechter Belisars, +herein. "Herr," sagte er, "draussen stehn sechs gotische Krieger. Sie +bringen die Leiche Perseus, des Archonten. Koenig Witichis laesst dir sagen: +er sei heut' Nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er +sendet ihn zur ehrenden Bestattung." + +"Der Himmel selbst," sprach Cethegus stolz hinausschreitend, "straft eure +Bosheit Luegen." Aber langsam und nachdenklich ging der Praefekt ueber den +Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. "Du drohst, +Belisarius? Dank' fuer den Wink! Lass sehn, ob wir dich nicht entbehren +koennen." + + -------------- + +In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und +ihm raschen Bericht ablegte. "Vor allem, Herr," schloss er nun, "lass also +deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist, +ist Syphax fern: - und gieb mir guetigst deinen rechten Schuh." + +"Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen fuer dein freches +Luegen," lachte der Praefekt. "Dieses Stueck Leder ist jetzt dein Leben wert, +mein Panther. Womit willst du's loesen?" + +"Mit wichtiger Kunde. Ich weiss nun alles ganz genau von dem Plan gegen +Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrueder. Es sind: Teja, +Totila und Hildebad." + +"Jeder allein genug fuer den Magister Militum," murmelte Cethegus +vergnueglich. + +"Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schoene Falle +gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, dass Belisar selbst +morgen zum tiburtinischen Thor hinausziehen will, um Vorraete +aufzutreiben." + +"Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangnen Hunnen nicht mehr +allein hinauswagen; er fuehrt nur vierhundert Mann." + +"Es werden nun die drei Eidbrueder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von +tausend Mann gegen Belisar legen. "Das verdient wirklich den Schuh!" sagte +Cethegus und warf ihm denselben zu. + +"Koenig Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf +das Thor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich +eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, dass er +drei Tausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet." + +"Halt!" sagte Cethegus ruhig, "nicht so eilfertig! Du meldest nichts." + +"Wie?" fragte Syphax erstaunt. "Ungewarnt ist er verloren!" - + +"Man muss dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer, +ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben." + +"Ei," sagte Syphax mit pfiffigem Laecheln, "solches gefaellt dir? Dann bin +ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme +Witwe Antonina!" + +Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der +Ostiarius: "Kallistratos von Korinth." + +"Immer willkommen." + +Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein. + +Ein Hauch anmutiger Roete von Scham oder Freude faerbte seine Wangen: es war +ersichtlich, dass ihn ein besonderer Anlass herfuehrte. + +"Was bringst du des Schoenen noch ausser dir selbst?" so fragte Cethegus in +griechischer Sprache. + +Der Juengling schlug die leuchtenden Augen auf: "Ein Herz voll Bewunderung +fuer dich: und den Wunsch, dir diese zu bewaehren. Ich bitte um die Gunst, +wie die beiden Licinier und Piso, fuer dich und Rom fechten zu duerfen." + +"Mein Kallistratos! was kuemmern dich, unsern Friedensgast, den +liebenswuerdigsten der Hellenen, unsre blutigen Haendel mit den Barbaren? +Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der +Schoenheit." + +"Ich weiss es wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr +eisernen Roemer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart - aber doch +leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle +Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heisst Rom und Rom +heisst mir Cethegus. So fass ich diesen Kampf und so gefasst, siehst du, so +geht er wohl auch den Hellenen an." + +Erfreut laechelte der Praefekt. "Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt +Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites +Romani wie Licinius." + +"In Thaten will ich dir danken! Aber eins noch muss ich dir gestehn - denn +ich weiss: du liebst nicht ueberrascht zu sein. Oft hab' ich gesehen, wie +teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Goetterstatuen ist. +Neulich hab' ich diese marmornen Waechter gezaehlt und +zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht' ich denn das dritte Hundert +voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon +und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk." + +"Junger lieber Verschwender," sprach Cethegus, "was hast du da gethan!" + +"Das Gute und Schoene," antwortete Kallistratos einfach. + +"Aber bedenke - das Grabmal ist jetzt eine Schanze: - + +"Wenn die Goten stuermen -" - "Die Letoiden stehen auf der zweiten, der +innern Mauer. Und soll ich fuerchten, dass je Barbaren wieder den +Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schoenen Goetter sichrer +als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster +Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein gluecklich Omen." + +"Das soll es sein," rief Cethegus lebhaft, "und ich glaube selber: dein +Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen" - + +"Du hast mir schon dafuer erlaubt, fuer dich zu kaempfen. Chaire!" lachte der +Grieche und war hinaus. + +"Der Knabe hat mich sehr lieb," sagte Cethegus, ihm nachsehend. "Und mir +geht's wie andern Menschenthoren: - mir thut das wohl. Und nicht bloss, +weil ich ihn dadurch beherrsche." + +Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums und ein Tribun +der Milites ward gemeldet. + +Es war ein junger Krieger mit edeln, aber ueber seine Jahre hinaus ernsten +Zuegen. In echt roemischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im +rechten Winkel, an die gerade strenge Stirn: in dem tief eingelassenen +Auge lag roemische Kraft und - in dieser Stunde - entschlossener Ernst und +ruecksichtsloser Wille. + +"Siehe da, Severinus, des Boethius Sohn, willkommen mein junger Held und +Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen - woher kommst du?" + +"Vom Grabe meiner Mutter," sagte Severinus mit festem Blick auf den +Frager. + +Cethegus sprang auf. "Wie? Rusticiana? meine Jugendfreundin! meines +Boethius Weib!" + +"Sie ist tot," sagte der Sohn kurz. Der Praefekt wollte seine Hand fassen. +Severinus entzog sie. + +"Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie - ohne ein Wort fuer mich?" + +"Ich bringe dir ihr letztes Wort - es galt dir!" + +"Wie starb sie? an welchem Leiden?" - "An Schmerz und Reue." - "Schmerz -" +seufzte Cethegus, "das begreif' ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir +galt ihr letztes Wort! - sag' an, wie lautet es?" + +Da trat Severinus hart an den Praefekten, dass er sein Knie beruehrte und +blickte ihm bohrend ins Auge. "Fluch, Fluch ueber Cethegus, der meine Seele +vergiftet und mein Kind." + +Ruhig sah ihn Cethegus an. "Starb sie im Irrsinn?" fragte er kalt. + +"Nein, Moerder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer +Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, dass ihre Hand dem jungen +Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzaehlte uns den Hergang. +Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stuetzten sie. "Spaet erst +erfuhr ich," schloss sie, "dass mein Kind aus dem toedlichen Becher +getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie +trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch +in dem Platanengang." Da rief der alte Corbulo erbleichend: "Wie? der +Praefekt wusste, dass der Becher Gift enthielt?" - "Gewiss," antwortete meine +Mutter. "Als ich ihn im Garten traf, sagt' ich es ihm: "es ist +geschehen."" Corbulo verstummte vor Entsetzen: aber Daphnidion schrie in +wildem Schmerz: "Weh! meine arme Domna! so hat er sie ermordet! Denn er +stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank." - "Er sah zu, +wie sie trank?" fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein +Leben gellen wird. + +"Er sah zu, wie sie trank!" wiederholten der Freigelassene und sein Kind. +"O so sei den untern Daemonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott, +in der Hoelle, Rache, meine Soehne, auf Erden fuer Kamilla! Fluch ueber +Cethegus!" Und sie fiel zurueck und war tot." + +Der Praefekt blieb unerschuettert stehen. Nur griff er leise an den Dolch +unter den Brustfalten der Tunika. "Du aber" - fragte er nach einer Pause - +"was thatest du?" + +"Ich aber kniete nieder an der Leiche und kuesste ihre kalte Hand und schwor +ihr's zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Praefekt von Rom: +Giftmischer, Moerder meiner Schwester - du sollst nicht leben." + +"Sohn des Boethius, willst du zum Moerder werden um die Wahnworte eines +laeppischen Sklaven und seiner Dirne? Wuerdig des Helden und des +Philosophen!" + +"Nichts von Mord. Waere ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren: +- er duenkt mir heute sehr vortrefflich! - rief' ich dich zum Zweikampf, du +verhasster Feind. Ich aber bin ein Roemer und suche meine Rache auf dem Wege +des Rechts. Huete dich, Praefekt, noch giebt es Richter in Italien. Lange +Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. - Erst heute +habe ich Rom, von der See her, erreicht: und morgen erheb' ich die Klage +bei den Senatoren, die deine Richter sind - dort finden wir uns wieder." + +Cethegus vertrat ihm ploetzlich den Weg an die Thuere. + +Aber Severinus rief: "Gemach, man sieht sich vor bei Moerdern. Drei Freunde +haben mich an dein Haus begleitet: - Sie werden mich mit den Liktoren +suchen, komm' ich nicht wieder, noch in dieser Stunde." + +"Ich wollte dich nur," sagte Cethegus wieder ganz ruhig, "vor dem Wege der +Schande warnen. Willst du den aeltesten Freund deines Hauses um der +Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen, +- thu's: ich kann's nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor: du bist +mein Anklaeger geworden: aber du bleibst Soldat: und mein Tribun. Du wirst +gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt." + +"Ich werde gehorchen." + +"Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor: und ein Sturm der Barbaren. Ich +muss die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr fuer den loewenkuehnen Mann: - +ich muss ihn treu gehuetet wissen. Du wirst morgen, - ich befehl' es, - den +Feldherrn begleiten und sein Leben decken." + +"Mit meinem eignen." + +"Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort." + +"Bau' du auf meines: auf Wiedersehn: nach der Schlacht: vor dem Senat. +Nach beiden Kaempfen luestet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: - - vor dem +Senat." + +"Auf Nimmerwiedersehn," sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte. +"Syphax," rief er laut, "bringe Wein und das Hauptmahl. Wir muessen uns +staerken: - auf morgen." + + + + + Elftes Kapitel. + + +Frueh am andern Morgen wogte sowohl in Rom als in dem Lager der Goten +geschaeftige Bewegung. + +Mataswintha und Syphax hatten zwar einiges entdeckt und gemeldet: - - aber +nicht alles. Sie hatten von dem Geluebde der drei Maenner gegen Belisar +erfahren und den frueheren Plan eines blossen Scheinangriffs gegen das Sankt +Pauls-Thor, um von dem Gedanken an Belisars Geschick abzulenken. Aber +nicht hatten sie erfahren, dass der Koenig, in Aenderung jenes Planes eines +blossen Scheinangriffs, fuer diesen Tag der Abwesenheit des grossen Feldherrn +einen in tiefstes Geheimnis gehuellten Beschluss gefasst hatte: es sollte ein +letzter Versuch gemacht werden, ob nicht gotisches Heldentum doch dem +Genius Belisars und den Mauern des Praefekten ueberlegen sei. Man hatte sich +im Kriegsrat des Koenigs nicht ueber die Wichtigkeit des Unternehmens +getaeuscht: wenn es wie alle frueheren, vereinzelten Angriffe - +achtundsechzig Schlachten, Ausfaelle, Stuerme und Gefechte hatte Prokop +waehrend der Belagerung bis dahin aufgezaehlt - scheiterte, so war von dem +ermuedeten, stark gelichteten Heer keine weitere Anstrengung mehr zu +erwarten. Deshalb hatte man sich auf Tejas Rat eidlich verpflichtet, ueber +den Plan gegen jedermann ohne Ausnahme zu schweigen. + +Daher hatte auch Mataswintha nichts vom Koenig erfahren, und selbst ihres +Mauren Spuernase konnte nur wittern, dass auf jenen Tag etwas Grosses +geruestet werde; - die gotischen Krieger wussten selbst nicht was. + +Totila, Hildebad und Teja waren schon um Mitternacht mit ihren Reitern +geraeuschlos aufgebrochen und hatten sich suedlich von der valerischen +Strasse bei dem Grabmal der Fulvier, an dem in einer Huegelfalte Belisar +vorbeikommen musste, in Hinterhalt gelegt: sie hofften, mit ihrer Aufgabe +bald genug fertig zu sein, um noch wesentlich an den Dingen bei Rom +teilnehmen zu koennen. + +Waehrend der Koenig mit Hildebrand, Guntharis und Markja die Scharen +innerhalb der Lager ordnete, zog um Sonnenaufgang Belisar, von einem Teil +seiner Leibwaechter umgeben, zum tiburtinischen Thor hinaus. Prokop und +Severinus ritten ihm zur Rechten und Linken: Aigan, der Massagete, trug +sein Banner, das bei allen Gelegenheiten den Magister Militum zu begleiten +hatte. Constantinus, dem er an seiner Statt die Sorge fuer den +"belisarischen Teil" von Rom uebertragen, besetzte alle Posten laengs der +Mauern doppelt, und liess die Truppen hart an den Waellen unter den Waffen +bleiben. Er uebersandte den gleichen Befehl dem Praefekten fuer die +Byzantiner, die dieser fuehrte. + +Der Bote traf ihn auf den Waellen zwischen dem paulinischen und dem +appischen Thor. "Belisar meint also:" hoehnte Cethegus, waehrend er +gehorchte, "mein Rom ist nicht sicher, wenn er es nicht behuetet: ich aber +meine: Er ist nicht sicher, wenn ihn mein Rom nicht beschirmt. Komm, +Lucius Licinius," fluesterte er diesem zu, "wir muessen an den Fall denken, +dass Belisar einmal nicht wiederkehrt von seinen Heldenfahrten: dann muss +ein andrer sein Heer mit fester Hand ergreifen." + +"Ich kenne die Hand." + +"Vielleicht giebt es alsdann einen kurzen Kampf mit seinen in Rom +belassenen Leibwaechtern: in den Thermen des Diokletian oder am +tiburtinischen Thore. Sie muessen dort in ihrem Lager erdrueckt sein, ehe +sie sich recht besinnen. Nimm dreitausend meiner Isaurier und verteile +sie, ohne Aufsehen, rings um die Thermen her: auch besetze mir vor allem +das tiburtinische Thor." - "Von wo aber soll ich sie fortziehen?" - "Von +dem Grabmal Hadrians," sagte Cethegus nach einigem Besinnen. "Und die +Goten, Feldherr?" - "Bah! das Grabmal ist fest, es schuetzt sich selbst. +Erst muessen vom Sueden her die Stuermenden ueber den Fluss: und dann diese +eisglatten Waende von parischem Marmor hinan, meine und des Korinthers +Freude. Und zudem," laechelte er, "sieh' nur hinauf: da oben steht ein Heer +von marmornen Goettern und Heroen: sie moegen selber ihren Tempel schirmen +gegen die Barbaren. Siehst du, - ich sagte es ja - es geht nur hier gegen +das Sankt Pauls-Thor," schloss er, auf das Lager der Goten deutend, aus +welchem eben eine starke Abteilung in dieser Richtung aufbrach. + +Licinius gehorchte und fuehrte alsbald dreitausend Isaurier, etwa die +Haelfte der Deckung, ab: von dem Grabmal ueber den Fluss und den Viminalis +hinab gegen die Thermen Diokletians. Belisars Armenier am tiburtinischen +Thor loeste er dann auch durch dreihundert Isaurier und Legionare ab. + +Cethegus aber wandte sich nach dem salarischen Thor, wo jetzt Constantinus +als Vertreter Belisars hielt. "Ich muss ihn aus dem Wege haben," dachte er, +"wenn die Nachricht eintrifft." - "Sobald du die Barbaren zurueckgeworfen," +sprach er ihn an, "wirst du doch wohl einen Ausfall machen muessen? Welche +Gelegenheit, Lorbeern zu sammeln, waehrend der Feldherr fern ist!" - +"Jawohl," rief Constantinus, "sie sollen's erfahren, dass wir sie auch ohne +Belisarius schlagen koennen." + +"Ihr muesst aber ruhiger zielen," sagte Cethegus, einem persischen Schuetzen +den Bogen abnehmend. "Seht den Goten dort, den Fuehrer zu Pferd! Er soll +fallen." Cethegus schoss; der Gote fiel vom Ross, durch den Hals geschossen. +"Und meine Wallbogen, - ihr braucht sie schlecht! Seht ihr dort die Eiche? +ein Tausendfuehrer der Goten steht davor, gepanzert. Gebt acht!" Und er +richtete den Wallbogen, zielte und schoss: durchbohrt war der gepanzerte +Gote an den Baum genagelt. + +Da sprengte ein saracenischer Reiter heran: "Archon," redete er +Constantinus an, "Bessas laesst dich bitten, Verstaerkungen an das Vivarium, +das praenestinische Thor: die Goten ruecken an." + +Zweifelnd sah Constantinus auf Cethegus. "Possen:" sagte dieser, "der +einzige Angriff droht an meinem Thore von Sankt Paul: und das ist gut +gehuetet: ich weiss es gewiss: lass Bessas sagen: er fuerchte sich zu frueh. +Uebrigens, im Vivarium habe ich noch sechs Loewen, zehn Tiger und zwoelf +Baeren fuer mein naechstes Cirkusfest! Lasst sie einstweilen los auf die +Barbaren! Es ist auch ein Schauspiel fuer die Roemer dann!" + +Aber schon eilte ein Leibwaechter den Mons Pincius herab: "Zu Hilfe, Herr, +zu Hilfe! Constantinus, dein eignes, das flaminische Thor! Unzaehlige +Barbaren! Ursicinus bittet um Hilfe!" + +"Auch dort?" fragte sich Cethegus unglaeubig. + +"Hilfe an die gebrochene Mauer! zwischen dem flaminischen und dem +pincianischen Thor!" rief ein zweiter Bote des Ursicinus. + +"Diese Strecke braucht ihr nicht zu decken! Ihr wisst, sie steht unter +Sankt Peters besonderem Schutz: das reicht!" sprach beruhigend +Constantinus. Cethegus laechelte: "Ja, heute gewiss: denn sie wird gar nicht +angegriffen." + +Da jagte Marcus Licinius atemlos heran. "Praefekt, rasch aufs Kapitol, von +wo ich eben komme. Alle sieben Lager der Feinde speien Barbaren zugleich +aus allen Lagerpforten: es droht ein allgemeiner Sturm gegen alle Thore +Roms." + +"Schwerlich!" laechelte Cethegus. "Aber ich will hinauf. Du aber, Marcus +Licinius, stehst mir ein fuer das tiburtiner Thor. Mein muss es sein, nicht +Belisars! Fort mit dir! Fuehre deine zweihundert Legionare dorthin!" + +Er stieg zu Pferd und ritt zunaechst gegen das Kapitol zu, um den Fuss des +Viminal. Hier traf er auf Lucius Licinius und seine Isaurier. "Feldherr," +sprach ihn dieser an, "es wird Ernst da draussen. Sehr Ernst! Was ist's mit +den Isauriern? Bleibt es bei deinem Befehl?" + +"Habe ich ihn zurueckgenommen?" sagte Cethegus streng. "Lucius, du folgst +mir und ihr andern Tribunen. Ihr Isaurier rueckt unter eurem Haeuptling +Asgares zwischen die Thermen des Diokletian und das tiburtiner Thor." + +Er glaubte an keine Gefahr fuer Rom. Meinte er doch zu wissen, was allein +in diesem Augenblick die Goten wirklich beschaeftigte. "Dieser Schein eines +allgemeinen Angriffs soll," dachte er, "die Byzantiner nur abhalten, ihres +bedrohten Feldherrn vor den Thoren zu gedenken." + +Bald hatte er einen Turm des Kapitols erreicht, von welchem er die ganze +Ebene ueberschauen konnte. Sie war erfuellt von gotischen Waffen. Es war ein +herrliches Schauspiel. Aus allen Lagerthoren wogte die ganze Streitmacht +des gotischen Heeres heran, die ganze Ausdehnung der Stadt umguertend. Der +Angriff sollte offenbar gegen alle Thore zugleich unternommen werden und +war nach Einem Gedanken entworfen. + +Voran in dem ganzen, zu drei Vierteln geschlossenen Kreise schritten +Bogenschuetzen und Schleuderer, in leichten Plaenklerschwaermen, die Zinnen +und Brustwehren von Verteidigern zu saeubern. Darauf folgten Sturmboecke, +Widder, Mauerbrecher aus roemischen Arsenalen entnommen oder roemischen +Mustern, wiewohl oft ungeschlacht genug, nachgebildet, mit Pferden und +Rindern bespannt, bedient von Truppen, die, fast ohne Angriffswaffen, nur +mit breiten Schilden sich und die Bespannung gegen die Geschosse der +Belagerten decken sollten. Dicht hinter ihnen schritten die zum +eigentlichen Angriff bestimmten Krieger: in tiefen Gliedern, mit voller +Bewaffnung, zum Handgemeng mit Beilen und starken Messern geruestet, und +lange, schwere Sturmleitern schleppend. In grosser Ordnung und Ruhe rueckten +diese drei Angriffslinien ueberall gleichmaessigen Schrittes vor: die Sonne +glitzerte auf ihren Helmen: in gleichen Zwischenraeumen erschollen die +langgezognen Rufe der gotischen Hoerner. + +"Sie haben etwas von uns gelernt," rief Cethegus in kriegerischer Freude. +Der Mann, der diese Reihen geordnet hat, versteht den Krieg." "Wer ist es +wohl?" fragte Kallistratos, der, in reicher Ruestung, neben Lucius Licinius +hielt. "Ohne Zweifel, Witichis, der Koenig," sagte Cethegus. - "Das haette +ich dem schlichten Mann mit den bescheidnen Zuegen nie zugetraut." - "Diese +Barbaren haben manches Unergruendliche." + +Und vom Kapitol herab ritt er nun, ueber den Fluss, nach der Umwallung am +pankratischen Thor, wo der naechste Angriff zu drohen schien, und bestieg +mit seinem Gefolge den dortigen Eckturm. + +"Wer ist der Alte dort, mit dem wehenden Bart, der mit dem Steinbeil den +Seinen voranschreitet? Er sieht aus, als haette ihn der Blitz des Zeus +vergessen in der Gigantenschlacht," forschte der Grieche. + +"Es ist der alte Waffenmeister Theoderichs; er rueckt gegen das +pankratische Thor," antwortete der Praefekt. + +"Und wer ist der Reichgeruestete dort, auf dem Braunen, mit dem Wolfsrachen +auf dem Helm? Er zieht gegen die Portuensis." - "Das ist Herzog Guntharis, +der Woelsung," sprach Lucius Licinius. "Und sieh, auch drueben auf der +Ostseite der Stadt, ueberm Fluss, so weit man schauen kann, gegen alle +Thore, ruecken Sturmreihen der Barbaren," sagte Piso. + +"Aber wo ist der Koenig selbst?" fragte Kallistratos. + +"Siehe, dort in der Mitte ragt die gotische Hauptfahne: dort haelt er, +oberhalb des pankratischen Thors," erwiderte der Praefekt. "Er allein steht +regungslos mit seiner starken Schar, weit, um dreihundert Schritt zurueck, +hinter der Linie," sprach Salvius Julianus, der junge Jurist. "Sollte er +nicht mit kaempfen?" meinte Massurius. "Waere gegen seine Weise. Aber lass +uns vom Turm aus den Wall hinab: das Gefecht beginnt," schloss Cethegus. +"Hildebrand hat den Graben erreicht." - "Dort stehen meine Byzantiner, +unter Gregor. Die Gotenschuetzen zielen gut. Die Zinnen am pankratischen +Thor werden leer. Auf, Massurius, schicke meine abasgischen Jaeger und von +den roemischen Legionaren die besten Pfeilschuetzen dorthin: sie sollen auf +die Rinder und Rosse der Sturmboecke zielen." + +Bald war der Kampf auf allen Seiten entbrannt: und mit Verdruss bemerkte +Cethegus, dass die Goten ueberall Fortschritte machten. Die Byzantiner +schienen ihren Feldherrn zu vermissen: sie schossen unsicher und wichen +von den Waellen, indes die Goten heute mit besonderer Todesverachtung +vordrangen. Schon hatten sie an mehreren Stellen den Graben ueberschritten +und Herzog Guntharis hatte sogar schon Leitern angelegt an den Waellen bei +dem portuensischen Thore, waehrend der alte Waffenmeister einen starken +Widderkopf herangeschleppt und denselben durch ein Schirmdach gegen die +Feuergeschosse von oben gesichert hatte. Bereits donnerten die ersten +Stoesse laut durch das Getuemmel des Kampfes gegen die Balken des +pankratischen Thors. Dieser wohlbekannte Ton erschuetterte den Praefekten, +der eben hier anlangte: "Offenbar," sagte er zu sich selbst, "machen sie +jetzt bittern Ernst, nachdem der Scheinversuch so gut gelungen." + +Und wieder ein droehnender Stoss. Gregor, der Byzantiner, sah ihn fragend +an. "Das darf nicht lange waehren!" rief Cethegus zuernend, entriss dem +naechsten Schuetzen Bogen und Koecher und eilte auf den Mauerkranz an dem +Thore: "Hierher, ihr Schuetzen und Schleuderer! Mir nach!" rief er, +"schafft schwere Steine bei. Wo ist der naechste Ballist? Wo die +Skorpionen? das Schirmdach muss entzwei." + +Unter dem Schirmdach aber standen gotische Schuetzen, die eifrig durch die +Schiessscharten nach den Zacken der Mauerzinnen lugten. "Es ist umsonst, +Haduswinth," schalt der junge Gunthamund, "zum drittenmal leg' ich +vergeblich an! es wagt ja keiner nur die Nase ueber die Brustwehr." - +"Geduld," sagte der Alte, "halte den Bogen nur gespannt! Es kommt schon +einer, den der Fuerwitz plagt. Auch mir leg' einen Bogen bereit. Nur +Geduld." - "Die hat man leichter mit deinen siebzig als mit meinen zwanzig +Jahren." + +Inzwischen hatte Cethegus die Wallzinne hier erreicht: er warf einen Blick +in die Ebene: da sah er den Koenig, in der weiten Ferne, unbeweglich, im +Centrum stehen der gotischen Scharen, auf dem rechten Tiberufer. Das +stoerte und beunruhigte ihn. "Was hat er vor? Sollte er gelernt haben, dass +der Feldherr nicht fechten soll? Komm, Gajus," rief er dem jungen Schuetzen +zu, der ihm kuehn gefolgt war, "deine jungen Augen sehen scharf, blick' mit +mir ueber die Zinne hier - was treibt der Koenig dort?" Und er beugte sich +ueber die Brustwehr, Gajus folgte, eifrig spaehend, seinem Beispiel. + +"Jetzt, Gunthamund!" rief Haduswinth unten. Zwei Sehnen klangen und die +beiden Spaeher fuhren zurueck. + +Gajus stuerzte, in die Stirn geschossen, nieder: und unter des Praefekten +Helmdach zersplitterte klirrend ein Pfeil. Cethegus strich mit der Hand +ueber die Stirn. + +"Du lebst, mein Feldherr?" rief Piso, heranspringend. + +"Ja, Freund. Es war sehr gut gezielt. Aber die Goetter brauchen mich noch: +nur die Haut ist geritzt," sprach Cethegus und schob den Helm zurecht. + + + + + Zwoelftes Kapitel. + + +Da flog Syphax die Mauertreppe hinauf. Streng hatte ihm sein Herr +verboten, sich am Kampf zu beteiligen: "die Barbaren sollen dich mir nicht +toeten und auch dich nicht erkennen: - du bist unersetzlich als Sklave +Mataswinthens und Kundschafter des Koenigs Witichis," hatte Cethegus +gesagt. + +"Wehe, wehe," schrie er so ueberlaut, dass es seinem Herrn auffiel, der des +Mauren kluge Ruhe kannte, "welch' ein Unglueck!" - "Was ist geschehen?" - +"Constantinus ist schwer verwundet. Er wollte einen Ausfall fuehren aus dem +salarischen Thor und stiess sogleich auf die gotischen Sturmreihen. Ein +Schleuderstein traf sein Gesicht. Mit Muehe rettete man ihn auf den Wall. +Dort fing ich den Sinkenden auf: - er ernannte den Praefekten zu seinem +Vertreter. Hier ist sein Feldherrnstab." + +"Das ist nicht moeglich!" schrie Bessas, der auf Syphax' Ferse folgte. Er +hatte in Person selbst neue Verstaerkungen verlangen wollen und kam eben +recht, die Nachricht zu hoeren. "Oder er war schon sinnlos als er's that." + +"Haette er dich bestellt, jedenfalls," sprach Cethegus, ruhig das Scepter +ergreifend und dem schlauen Sklaven mit einem raschen Wink des Auges +dankend. Mit einem wuetenden Blicke sprang Bessas von der Bruestung und +eilte davon. "Folg' ihm, Syphax, und beacht' ihn wohl," fluesterte der +Praefekt. + +Da eilte ein isaurischer Soeldner herbei: "Verstaerkung, Praefekt, ans +portuensische Thor. Herzog Guntharis hat zahllose Leitern angelegt." Da +sprengte Cabao, der Fuehrer der maurischen berittnen Schuetzen heran: +"Constantinus ist tot. Vertritt du Constantinus." + +"Belisar vertret' ich," sprach Cethegus stolz: "fuenfhundert Armenier +ziehet ab vom appischen und schickt sie ans portuensische Thor." + +"Hilfe, Hilfe ans appische Thor! alle Verteidiger auf den Zinnen sind +erschossen!" meldete ein persischer Reiter, "die Vorschanze ist halb +verloren: vielleicht ist sie noch zu halten: aber schwer! Aber unmoeglich +waer's, sie wieder zu nehmen!" + +Cethegus winkte seinem jungen Juriskonsulten, Salvius Julianus, jetzt +seinem Kriegstribun: "Auf, mein Jurist: "_beati possidentes_"! - Nimm +hundert Legionare und halte die Schanze um jeden Preis, bis weitere Hilfe +kommt." - + +Und er sah von der Mauerkrone wieder hinab. Unter seinen Fuessen tobte das +Gefecht, donnerte der Mauerbrecher Hildebrands. Aber ihn kuemmerte mehr die +raetselhafte Ruhe, in welcher der Koenig im Hintergrund unbeweglich stand. +"Was hat er nur vor?" + +Da droehnte von unten ein furchtbar krachender Stoss und lauter Siegesjubel +der Barbaren: Cethegus brauchte nicht zu fragen: in drei Spruengen war er +unten. - + +"Das Thor ist eingestossen!" riefen ihm entsetzt die Seinigen entgegen. +"Ich weiss es: jetzt sind wir selbst der Riegel Roms." Und den Schild +fester andrueckend, trat er hart an den rechten Thorfluegel, in dem in der +That ein breiter Riss klaffte; und schon stiess der Widder an die +splitternden Platten neben der Oeffnung. "Noch ein solcher Stoss und das +Thor liegt ganz," sagte Gregor, der Byzantiner. "Richtig, deshalb darf es +nicht mehr dazu kommen. Her zu mir, Gregor und Lucius: stellt euch, +Milites! die Speere gefaellt! Fackeln und Braende! zum Ausfall! Winke ich, +so oeffnet das Thor und werft Widder und Schirmdach und alles in den +Graben." + +"Du bist sehr kuehn, mein Feldherr!" rief Lucius Licinius, entzueckt neben +ihn springend. + +"Ja, jetzt hat die Kuehnheit Vernunft, mein Freund!" + +Schon war die Kolonne gestellt, schon wollte der Praefekt das Schwert zum +Zeichen des Angriffs erheben -: da erscholl vom Ruecken her ein Laerm, +groesser selbst als der der stuermenden Goten: Wehegeschrei und +Pferdegetrappel: - und Bessas draengte sich heran: er fasste den Arm des +Praefekten: - seine Stimme versagte. + +"Was hemmst du mich in diesem Augenblick?" rief dieser und stiess ihn +zurueck. - "Belisars Truppen," stammelte entsetzt der Thraker, "stehen +schwer geschlagen vor dem tiburtinischen Thor: - sie flehen um Einlass: - +wuetende Goten hinter ihnen - Belisar ist in einen Hinterhalt gefallen: - +er ist tot." + +"Belisar ist gefangen!" schrie ein Tuermer vom tiburtinischen Thor, atemlos +heraneilend. "Die Goten! die Goten sind da! sie stehn vor dem +nomentanischen und vor dem tiburtinischen Thor!" scholl's aus der Tiefe +der Strasse. "Belisars Fahne ist genommen! Prokop verteidigt seine Leiche!" +"Lass das tiburtinische Thor oeffnen, Praefekt!" draengte Bessas, "deine +Isaurier stehen ploetzlich dort. Wer hat sie dorthin geschickt?" + +"Ich!" sagte Cethegus, ueberlegend. + +"Sie woll'n nicht oeffnen ohne deinen Befehl! rette doch seine - Belisars! +- Leiche!" + +Cethegus zauderte - er hielt das Schwert halb erhoben - er schwankte. "Die +_Leiche_," dachte er, "rett' ich gern." Da flog Syphax heran. "Nein! er +lebt noch!" rief er seinem Herrn ins Ohr, "ich hab ihn gesehen von der +Zinne: er regt sich noch: aber er ist gleich gefangen: die gotischen +Reiter brausen heran: - Totila, Teja, gleich sind sie bei ihm!" + +"Gieb Befehl, lass das tiburtiner Thor oeffnen!" mahnte Bessas. Aber des +Praefekten Auge blitzte: sein Antlitz ueberflog jener Ausdruck stolzer, +kuehner Entschlossenheit, der es mit daemonischer Schoenheit verklaeren +konnte. Er schlug mit dem Schwert an den zertruemmerten Thorfluegel vor +sich: "Auf, zum Ausfall. Erst Rom: dann Belisar! Rom und Triumph!" Das +Thor flog auf. + +Die stuermenden Goten, schon des Sieges sicher, haetten alles eher erwartet +als dies Wagnis der, wie sie waehnten, ganz verzagten Byzantiner. Sie waren +ohne Fechtordnung um das Thor herum zerstreut, wurden voellig ueberrascht +und durch den Anlauf der fest geschlossenen Reihe rasch in den hinter +ihnen klaffenden Graben geworfen. + +Der alte Hildebrand wollte seinen Widder nicht lassen. + +Sich hoch aufrichtend, zerschmetterte er Gregor, dem Byzantiner, mit +seinem Steinhammer den hochgeschweiften Helm und das Haupt. Aber +gleichzeitig fast stiess ihn selber Lucius Licinius mit dem Schildstachel +in den Graben. Cethegus zerhieb mit dem Schwert die Seile der Maschine, +die krachend auf den Alten stuerzte. + +"Jetzt Feuer in die Holzmaschinen, die noch stehen," befahl Cethegus. +Rasch loderten deren Balken auf in Flammen. Sogleich kehrten die +siegreichen Roemer zurueck in die Waelle. Da rief Syphax dem Praefekten +entgegen: "Gewalt, Herr, Aufruhr und Empoerung! Die Byzantiner gehorchen +dir nicht mehr! Bessas rief sie auf, das tiburtinische Thor mit Gewalt zu +oeffnen. Seine Leibwaechter drohen, Marcus Licinius anzugreifen und deine +Legionare und Isaurier zu schlachten durch die Hunnen." + +"Das buessen sie!" rief Cethegus grimmig. "Wehe Bessas! Ich will's ihm +gedenken! Auf, Lucius Licinius, nimm den halben Rest der Isaurier! Nein, +nimm sie alle! alle! du weisst wo sie stehn: fasse die Leibwaechter des +Thrakers von Porta Clausa her im Ruecken. Und stehn sie nicht ab, - so hau' +sie nieder, ohne Schonung. Hilf deinem Bruder! Ich folge gleich!" + +Lucius Licinius zauderte. "Und das tiburtinische Thor?" - "Bleibt +geschlossen." - "Und Belisar?" + +"Bleibt draussen." - "Teja und Totila sind schon heran." - "Desto weniger +kann man oeffnen. Erst Rom: dann alles andere. Gehorche, Tribun!" + +Cethegus blieb noch, die Ausflickung des pankratischen Thores anzuordnen. +Das waehrte sehr geraume Zeit. "Wie ging es, Syphax?" fragte er leise. +"Lebt er wirklich?" - "Er lebt noch." - "Toelpel, diese Goten!" + +Da kam ein Bote von Lucius. "Dein Tribun laesst melden: Bessas giebt nicht +nach: - schon ist das Blut deiner Legionare am tiburtiner Thor geflossen. +Und Asgares und deine Isaurier zoegern, einzuhauen. Sie zweifeln an deinem +Ernst." "Ich will ihnen meinen Ernst zeigen!" rief Cethegus, warf sich +aufs Pferd, verliess diesen Teil der Stadt, und jagte wie der Sturmwind +davon. + +Weit war sein Weg: ueber die Tiberbruecke des Janiculum, am Kapitol vorbei, +ueber das Forum Romanum, durch die Sacra Via und den Bogen des Titus, die +Thermen des Titus rechts lassend, ueber den Esquilin hinaus, endlich durch +das esquilinische Thor an das tiburtinische Aussenthor: - ein Weg vom +aeussersten Westen an den aeussersten Osten der weitgestreckten Stadt. + +Hier, hinter dem Thore, standen die Leibwaechter von Bessas und Belisar mit +gedoppelter Front. Die eine Schar schickte sich an, die Legionare und +Isaurier des Praefekten unter Marcus Licinius an der Thorwache zu +ueberwaeltigen und das Thor mit Gewalt zu oeffnen, waehrend die zweite Fronte +mit gefaellten Speeren der Masse der andern Isaurier gegenueberstand, die +Lucius vergeblich zum Angriff befehligte. + +"Soeldner," rief Cethegus, das schnaubende Ross dicht vor deren Linie +anhaltend, "wem habt ihr geschworen: mir oder Belisar?" "Dir, Herr," +sprach Asgares, ein Anfuehrer, vortretend, "aber ich dachte" - Da blitzte +das Schwert des Praefekten und toedlich getroffen stuerzte der Mann. "Zu +gehorchen habt ihr, eidbruechige Schurken, nicht zu denken!" + +Entsetzt standen die Soeldner. Aber Cethegus befahl ruhig: "Die Speere +gefaellt! zum Angriff! mir nach!" Und die Isaurier gehorchten ihm und nun, +- ein Augenblick noch, und es begann in Rom selbst der Kampf. + +Aber da erscholl von Westen, von der Richtung des aurelischen Thores, her +ein furchtbares, alles uebertaeubendes Geschrei: "Wehe, Wehe, alles +verloren! Die Goten ueber uns! Die Stadt ist genommen!" + +Cethegus erbleichte und blickte zurueck. Da sprengte Kallistratos heran, +Blut floss ihm ueber Gesicht und Hals. "Cethegus," rief er, "es ist aus! Die +Barbaren sind in Rom! Die Mauer ist erstiegen." "Wo?" fragte der Praefekt +tonlos. "Am Grabmal Hadrians!" - "O mein Feldherr!" rief Lucius Licinius, +"ich habe dich gewarnt." + +"Das war Witichis!" sagte Cethegus, die Augen zusammendrueckend. + +"Woher weisst du das!" staunte Kallistratos. "Genug, ich weiss es." Es war +ein furchtbarer Augenblick fuer den Praefekten. + +Er musste sich sagen, dass er, ruecksichtslos seinen Plan zum Verderben +Belisars verfolgend, eine Spanne Zeit Rom uebersehen hatte. Er biss die +Zaehne in die Unterlippe. + +"Cethegus hat das Grabmal Hadrians entbloesst! Cethegus hat Rom ins +Verderben gestuerzt!" rief Bessas an der Spitze der Leibwaechter. + +"Und Cethegus wird es retten!" rief dieser, sich hoch im Sattel +ausrichtend. "Mir nach, alle Isaurier und Legionare." "Und Belisar?" +fluesterte Syphax. - "Lasst ihn herein. Erst Rom: dann alles andre! Folgt +mir!" Und im Sturmflug sprengte er zurueck, des Weges, den er gekommen. Nur +wenige Berittene konnten ihm folgen: im Lauf eilte sein Fussvolk, Isaurier +und Legionare, nach. + + + + + Dreizehntes Kapitel. + + +Draussen vor dem tiburtinischen Thore ward es zu gleicher Zeit stiller. Ein +Bote hatte die gotischen Reiter von dem ueberfluessigen Gefechte abgerufen. +Sie sollten hier innehalten und alle verfuegbare Mannschaft um die Stadt +und ueber den Fluss eilig an das aurelische Thor senden, durch welches man +soeben in die Stadt gedrungen sei: dort brauche man alle Kraefte. Die +Reiter jagten, rechtsum schwenkend, nach jenem Thor, wo sich jetzt alles +zusammendraengte: aber ihr eigenes Fussvolk, stuermend an den +zwischenliegenden fuenf Thoren: der Porta clausa, nomentana, salaria, +pinciana und flaminia, versperrte ihnen den Weg so lange, dass sie zu der +Entscheidung zu spaet kamen, die am Grabmal des Hadrian gefallen war. + +Wir erinnern uns der Lage dieses Lieblingsplatzes des Praefekten: dem +vatikanischen Huegel gegenueber, einen Steinwurf etwa vor dem aurelischen +Thor gelegen, mit diesem durch Seitenmauern verbunden und ueberall, ausser +im Sueden, wo der Fluss decken sollte, durch neue Waelle geschuetzt, ragte die +"_moles Hadriani_", ein gewaltiger runder Turm von festestem Bau. Eine Art +Hofraum umgab das eigentliche Gebaeude: vor der ersten, aeusseren +Deckungsmauer im Sueden floss der Tiber. Auf den Zinnen dieser Aussenmauer, +in dem Hofraum und auf den Zinnen der Innenmauer lagerten sonst die +Isaurier, die der Praefekt zu uebler Stunde hinweggezogen hatte, seinen Plan +gegen Belisar durchzusetzen. Auf den Zinnen der Innenmauer aber standen +die zahlreichen Statuen von Marmor und Erz, deren drittes Hundert das +Geschenk des Kallistratos vervollstaendigt hatte. + +Der Koenig der Goten hatte sich fuer heute in der Mitte des grossen +Halbkreises, den die Barbaren auch um die Westseite, auf dem rechten +Tiberufer, um die Stadt gezogen, auf dem Felde Neros zwischen dem +pankratischen (alten aurelianischen) und dem (neuen) aurelianischen Thor, +wo sonst nur Graf Markja von Mediolanum lagerte, eine zurueckgenommene, +abwartende Stellung gewaehlt. Er baute seinen Plan darauf, dass der +allgemeine Sturm gegen alle Thore notwendig die Kraefte der Belagerten +werde zersplittern muessen: und sowie an irgend einem Punkt durch +Hinwegziehung der Verteidiger eine Bloesse entstehen wuerde, gedachte er, sie +sofort zu benuetzen. + +In dieser Absicht hielt er unbeweglich im zweiten Treffen weit hinter den +Sturmkolonnen. Er hatte allen Anfuehrern Auftrag gegeben, ihn schleunig +herbeizurufen, wo sich eine Luecke der Verteidigung zeige. + +Lange, lange hatte er so gewartet. Manches Wort der Ungeduld hatte er von +seinen Scharen zu tragen gehabt, die muessig stehen sollten, waehrend die +Genossen ueberall im frischen Vordringen waren: lange, lange harrten sie +auf einen Boten, der sie abriefe zur Teilnahme am Kampf. + +Da bemerkte endlich des Koenigs scharfes Auge selbst zuerst, wie von den +Zinnen der Aussenmauer am Grabmal Hadrians die wohlbekannten Feldzeichen +und die dichten Speere der Isaurier verschwanden. Aufmerksam blickte er +hin: sie wurden nicht abgeloest, die Luecken nicht ersetzt. Da sprang er aus +dem Sattel, gab seinem Rosse einen Schlag mit der flachen Hand auf den +stolzen Bug, sprach: "Nach Hause, Boreas!" und das kluge Tier lief +geradeaus in das Lager zurueck. "Jetzt, vorwaerts meine Goten! vorwaerts, +Graf Markja!" rief der Koenig, "dort ueber den Fluss - die Mauerbrecher lasst +hier zurueck: nur die Schilde und die Sturmleitern nehmt mit. Und die +Beile. Voran!" Und im Lauf erreichte er den steilen Uferhang an der +suedlichen Biegung des Flusses und eilte den Huegel hinab. + +"Keine Bruecke, Koenig, und keine Furt?" fragte ein Gote hinter ihm. + +"Nein, Freund Iffamer, schwimmen!" und der Koenig sprang in die gelbe +schmutzige Flut, dass sie zischend hoch ueber seinem Helmbusch +zusammenschlug. In wenigen Minuten hatte er das andere Ufer erreicht, die +vordersten seiner Leute mit ihm. Bald standen sie hart vor der hohen +Aussenmauer des Grabmals und die Maenner blickten fragend, besorgt hinauf. +"Leitern her!" rief Witichis, "seht ihr nicht? Die Verteidiger fehlen ja! +Fuerchtet ihr euch vor hohen Steinen?" Rasch waren die Leitern angelegt, +rasch die Aussenwaelle erstiegen, die wenigen Wachen hinabgestuerzt, die +Leitern nachgezogen und an der Innenseite der Aussenmauer in den Hof +hinabgelassen. + +Der Koenig war der erste in dem Hofraum. + +Hier freilich wurde das Vordringen der Goten eine Weile gehemmt. Denn auf +den Zinnen der Innenmauer standen, vom pankratischen Thore hierher geeilt, +Quintus Piso und Kallistratos mit hundert Legionaren und nur ein Paar +Isauriern: und diese schleuderten einen dichten Hagel von Speeren und +Pfeilen auf die nur vereinzelt in den Hofraum hinabsteigenden Goten: auch +ihre Ballisten und Katapulten wirkten verheerend. "Schickt um Hilfe, um +Hilfe zu Cethegus!" rief oben auf der Mauer Piso. Und Kallistratos flog +davon. + +Rechts und links fielen die Goten unten im Hof neben Witichis. "Was thun?" +fragte Markja an seiner Seite. "Warten, bis sie sich verschossen haben," +sagte dieser ruhig. "Es kann nicht lange mehr waehren. Sie werfen und +schiessen viel zu hastig in ihrem Schrecken. Seht ihr: schon fliegen mehr +Steine denn Pfeile. Und die Speere bleiben aus." - "Aber die Ballisten, +die Katapulten -" - "Werden uns bald nicht mehr schaden. Ordnet euch zum +Sturm. Seht, der Hagel wird sehr spaerlich. So, nun die Leitern bereit und +die Beile. - Jetzt, rasch mir nach." Und in schnellem Anlauf rannten die +Goten ueber den Hof. + +Nur wenige waren dabei gefallen. Und schon standen sie hart an der +zweiten, der inneren Mauer: und hundert Leitern waren angelegt. Jetzt aber +waren alle Ballisten und Katapulten Pisos nutzlos geworden: denn, zum +Schuss in die Weite gespannt, konnten sie nicht ohne grosse Muehe und lange +Zeit zu senkrechtem Schuss gerichtet werden. Piso bemerkte es wohl und +erbleichte. "Wurfspeere her! Speere! Speere! oder alles ist hin!" - "Alle +verschossen," keuchte trostlos neben ihm der dicke Balbus. + +"Dann ist's vorbei!" seufzte Piso, den rechten Arm totmuede senkend. "Komm, +Massurius, lass uns fliehn," mahnte Balbus. "Nein, lasst uns hier sterben," +rief Piso. Und schon tauchte der erste gotische Helm ueber den Rand der +Mauer. + +Da scholl es die Mauertreppen von der Stadtseite herauf: "Cethegus! +Cethegus der Praefekt!" + +Und er war's; rasch sprang er auf die Zinne vor und hieb dem Goten, der +eben die Hand auf die Brustwehr stuetzte, sich heraufzuschwingen, die Hand +samt dem Arme ab. - Der Mann schrie und stuerzte. + +"O Cethegus," sagte Piso, "du kommst zu rechter Zeit!" - "Ich hoffe es," +sprach dieser und stiess die Leiter um, die vor ihm angelegt stand. +Witichis war darauf gestanden, - behend sprang er hinab. "Aber jetzt +Geschosse her, Speere, Lanzen. Sonst hilft alles nichts," rief Cethegus. +"Kein Geschoss mehr weit und breit," antwortete Balbus. "Du kommst, hofften +wir, mit deinen Isauriern?" "Die sind noch weit, weit hinter mir!" rief +Kallistratos, der eben als der erste nach Cethegus wieder erschien. + +Und aufs neue wuchs die Zahl der Leitern und der aufsteigenden Helme. Und +es wuchs die dringendste Gefahr. + +Wild blickte Cethegus um sich. "Geschosse," rief er mit dem Fusse +stampfend, "es muessen Geschosse herbei!" Da fiel sein Auge auf die riesige +Marmorstatue Zeus, des Erretters, die zu seiner Linken auf der Zinne +stand. Ein Gedanke durchzuckte ihn mit Blitzesschnelle, er sprang hinzu +und schlug mit einem Handbeil den rechten Arm der Statue mitsamt dem +Donnerkeil in ihrer Faust herab. "Zeus," rief er, "leih mir deinen Blitz! +- Was haeltst du ihn so muessig? Auf! zerschlagt die Statuen: und schleudert +sie den Feinden auf die Koepfe." Und rascher, als er dies gesagt, ward sein +Beispiel befolgt. Mit Aexten und Beilen fielen die geaengstigten Verteidiger +ueber die Goetter und Heroen her und im Augenblick waren all' die herrlichen +Gestalten zertruemmert. + +Es war ein grausenhafter Anblick: da barst ein erhabner Hadrian, eine +Reiterstatue, Ross und Reiter mitten auseinander: da stuerzte eine laechelnde +Aphrodite in die Knie: da flog der schoene Marmorkopf eines Antinous vom +Rumpfe und sauste, von zwei Haenden geschleudert, auf einen gotischen +Bueffelschild. Und weithin spritzten, die Zinnen bedeckend, Splitter und +Truemmer von Marmor und Erz, von Bronze und Gold. Krachend und droehnend +schlugen die gewaltigen Lasten von Stein und Metall von den Zinnen herab +und zerschmetterten die Helme und Schilde, die Panzer und die Glieder der +stuermenden Goten und die Leitern selber, die sie trugen. + +Mit Grauen blickte Cethegus auf das furchtbare Werk der Zerstoerung, das +sein Wort angerichtet. Aber es hatte gerettet. Zwoelf, fuenfzehn, zwanzig +Leitern standen leer von den hart aufeinander folgenden Maennern, die sie +kurz zuvor ameisendicht besetzt hatten: ebensoviel lagen zerbrochen am Fuss +der Mauer: ueberrascht von diesem unerwarteten Erz- und Marmorhagel, wichen +die Goten einen Augenblick. Aber gleich wieder rief sie das Horn Markjas +zum Sturm: und wieder sausten die centnerschweren Lasten hernieder. + +"Unseliger, was hast du gethan?" jammerte Kallistratos und starrte auf die +Truemmer. + +"Das Notwendige!" antwortete Cethegus und schleuderte den Rest von Zeus +dem Erretter ueber den Wall. "Siehst du, wie das traf? - zwei Barbaren auf +Einen Schlag" - und zufrieden blickte er hinab. + +Da hoerte er den Korinther rufen: "Nein, nein. Nicht diesen! Nicht den +Apoll!" + +Und Cethegus wandte sich und sah, wie ein riesiger Isaurier sein Beil +gegen das Haupt des Latoniden schwang. "Narr, sollen die Goten herauf?" +fragte der Barbar und holte wieder aus. + +"Nicht meinen Apollon!" wiederholte der Hellene und umschlang den Gott +schuetzend mit beiden Armen, weit sich vorbeugend. + +Das ersah auf der naechsten Leiter Graf Markja: und glaubend, jener wolle +die Statue auf ihn niederschleudern, kam er ihm zuvor: sein Wurfspeer flog +und traf den Griechen mitten in die Brust. "Ach - Cethegus!" seufzte er +und starb. Der Praefekt sah ihn fallen und presste die Brauen zusammen. +"Rettet die Leiche und seine beiden Goetter verschont!" sprach er kurz - +und stiess die Leiter um, auf der Markja gestanden: mehr konnte er nicht +sagen und nicht thun: denn schon rief ihn eine neue, die drohendste +Gefahr. + +Witichis, von seiner Leiter halb herabgeschleudert, halb herabgesprungen, +war seither hart an der Mauer gestanden unter dem Hagel der Stein- und +Metalltruemmer nach neuen Mitteln spaehend. Denn seit der erste Versuch der +Sturmleitern durch die unverhofften, neuen Geschosse, die Goetter und +Herren, abgewiesen war, hoffte er kaum noch, den Wall zu gewinnen. Waehrend +er sann und spaehte, schlug das schwere Marmorfussgestell eines Mars +gradivus dicht neben ihm auf die Erde, prallte nochmal empor und traf +dabei an eine Mauerplatte. Und siehe, diese Platte, die ein Quader von +haertestem Stein geschienen hatte, zersprang zerbroeckelnd in kleine Stuecke +von Moertel und Lehm: und an ihrer Stelle wurde sichtbar eine schmale +Holzpforte, die von jener Masse nur locker verkleidet und verdeckt, den +Maurern und Werkleuten zum Ausgang und Eingang gedient hatte, wenn sie an +dem grossen Gebaeude arbeiteten und nachbesserten. + +Kaum ersah Witichis die Holzthuer, als er jubelnd ausrief: "Hierher, +hierher, ihr Goten! Beile zur Hand!" Und schon schlug seine eigne +Streitaxt donnernd an die duennen Bretter, die nichts weniger als stark +schienen. + +Verhaengnisvoll drang der neue, seltsame Ton an des Praefekten Ohr! er hielt +oben inne in der Blutarbeit und lauschte. "Das ist Eisen gegen Holz! Bei +Caesar!" sagte er zu sich selbst und sprang die schmale Mauertreppe herab, +die an der Innenseite der zweiten Mauer in den schwach durch Oel-Lampen +beleuchteten Innenraum des Grabmals fuehrte. + +Da droehnte ein Schlag lauter als alle frueheren, ein dumpfes Krachen und +helles Splittern folgte und jauchzendes Siegesgeschrei der Goten. Wie +Cethegus auf die letzte Stufe der Treppe sprang, fiel die Pforte krachend +nach innen in den Hof und Koenig Witichis ward sichtbar auf der Schwelle. + +"Mein ist Rom!" jubelte er, das Beil fallen lassend und das Schwert aus +der Scheide ziehend. "Du luegst, Witichis! zum erstenmal im Leben!" rief +Cethegus grimmig und sprang vor, so gewaltig den starken Schildstachel +stossend gegen des Goten Brust, dass dieser ueberrascht einen Schritt +zuruecktrat. + +Diesen Schritt benutzte der Praefekt und stellte sich selbst auf die +Schwelle, die ganze enge Pforte fuellend. "Wo bleiben die Isaurier!" rief +er. + +Aber nur einen Augenblick hatte ihm Witichis Zeit gelassen, bis er ihn +erkannte. "So treffen wir uns doch im Zweikampf um Rom." Und nun war das +Anspringen an ihm. Cethegus, bemueht die ganze Oeffnung der Pforte zu +verschliessen, deckte mit dem Schild seine Linke; sein rechter Arm mit dem +kurzen Roemerschwert vermochte nicht genug, seine rechte Seite zu decken. +Der Stoss des langen Schwertes des starken Goten drang, nicht stark genug +von Cethegus abgewehrt, die Schuppenringe des Panzers durchschneidend, +tief in seine rechte Brust. + +Der Praefekt wankte nach links: schon neigte er sich zu fallen: aber er +fiel nicht. "Rom! Rom!" sagte er tonlos, und krampfhaft hielt er sich noch +aufrecht. + +Witichis war einen Schritt zurueckgetreten, um in neuem Ansprung dem +gefaehrlichen Feind den Rest zu geben. Aber in diesem Augenblick erkannte +ihn oben auf der Zinne Piso und schleuderte einen prachtvollen schlafenden +Faun, der bereits mit abgehauenen Fuessen auf dem Walle lag, auf den Koenig +herab; er traf die Schulter und Witichis stuerzte nieder. Graf Markja, +Iffamer und Aligern trugen ihn aus dem Gefecht. + +Cethegus sah ihn noch fallen. Dann brach er selbst auf der Schwelle der +Pforte zusammen; schuetzende Arme eines Freundes fingen ihn auf: - aber er +erkannte diesen nicht mehr: sein Bewusstsein schwand. + +Doch weckte ihn gleich wieder ein wohlbekannter Ton, der seine Seele +entzueckte: es war die Tuba seiner Legionare, das Feldgeschrei seiner +Isaurier, die jetzt - endlich - im Sturmschritt eintrafen und, von den +Liciniern gefuehrt, in dichten Scharen sich auf die durch den Fall ihres +Koenigs erschuetterten Goten stuerzten. Sie draengten sie siegreich zu einer +(einstweilen von den eingedrungenen Goten von Innen hinausgebrochenen) +Bresche der ersten Mauer unter grossem Blutvergiessen hinaus. + +Der Praefekt sah die letzten Barbaren fluechten: - da schlossen sich +abermals seine Augen. "Cethegus!" rief der Freund, der ihn im Arme hielt, +"Belisar im Sterben: und so bist auch du verloren?" Cethegus erkannte +jetzt die Stimme Prokops. "Ich weiss nicht," sprach er mit letzter Kraft, +"aber Rom, - Rom ist gerettet!" Und damit vergingen ihm die Sinne. + + + + + Vierzehntes Kapitel. + + +Nach der Anspannung aller Kraefte zu dem allgemeinen Sturm und seiner +Abwehr, der mit dem Morgenrot begonnen und bei sinkender Sonne erst +beendet war, trat bei Goten und Roemern eine lange Pause der Erschlaffung +ein. Die drei Fuehrer Belisar, Cethegus und Witichis lagen wochenlang an +ihren Wunden danieder. + +Aber noch mehr wurde die thatsaechliche Waffenruhe veranlasst durch die +tiefe Niedergeschlagenheit und Entmutigung, die das Heer der Germanen +befallen hatten, nachdem der mit hoechster Anstrengung angestrebte Sieg in +dem Augenblick, da er bereits gewonnen schien, ihnen entrissen wurde. + +Sie hatten einen ganzen Tag lang ihr Bestes gethan: ihre Helden hatten an +Tapferkeit gewetteifert: und doch waren beide Plaene, der gegen Belisar und +der gegen die Stadt, im Gelingen selbst noch gescheitert. Und wenn auch +Koenig Witichis in seinem steten Mute die Gedruecktheit des Heeres nicht +teilte, so erkannte er dafuer desto klarer, dass er seit jenem blutigen Tage +das ganze System der Belagerung aendern musste. + +Der Verlust der Goten war ungeheuer; Prokop schaetzt ihn auf dreissigtausend +Tote und mehr als ebensoviele Verwundete: sie hatten sich im ganzen +Umkreis der Stadt mit aeusserster Todesverachtung den Geschossen der +Belagerten ausgesetzt und am pankratischen Thor und bei dem Grabmal +Hadrians waren sie zu Tausenden gefallen. + +Da nun auch in den achtundsechzig frueheren Gefechten die Angreifenden +immer viel mehr als die hinter Mauer und Turm gedeckten Verteidiger +gelitten hatten, so war das grosse Heer, das Witichis vor Monden gegen die +ewige Stadt gefuehrt, furchtbar zusammengeschmolzen. Dazu kam, dass schon +seit geraumer Zeit Seuchen und Hunger in ihren Zelten wueteten. Bei dieser +Entmutigung und Abnahme seiner Truppen musste Witichis den Gedanken, die +Stadt mit Sturm zu nehmen, aufgeben und seine letzte Hoffnung - er +verhehlte sich ihre Schwaeche nicht - bestand in der Moeglichkeit, der +Mangel werde den Feind zur Uebergabe zwingen. Die Gegend um Rom war voellig +ausgesogen: und es schien nun darauf anzukommen, welche Partei die +Entbehrung laenger wuerde ertragen oder welche sich aus der Ferne wuerde +Vorraete verschaffen koennen. Schwer fehlte den Goten die an der Kueste von +Dalmatien beschaeftigte Flotte. - + +Der Erste, der sich von seiner Wunde erholte, war der Praefekt. + +Von der Pforte, die er mit seinem Leibe verschlossen, bewusstlos +weggetragen, lag er anderthalb Tage in einem Zustand, der halb Schlaf, +halb Ohnmacht war. + +Als er am Abend des zweiten Tages die Augen aufschlug, traf sein erster +Blick auf den treuen Mauren, der am Fussende des Lagers auf der Erde +kauerte und kein Auge von ihm wandte. Die Schlange war um seinen Arm +gerollt. + +"Die Holzpforte!" war des Praefekten erstes, noch schwach gehauchtes Wort, +"die Holzpforte muss fort - ersetzt durch Marmorquadern .. -" + +"Danke, danke dir, Schlangengott!" jubelte der Sklave, "jetzt ist der Mann +gerettet. Und auch du selbst. Und ich, ich, Herr, habe dich gerettet." Und +er warf sich mit gekreuzten Armen nieder und kuesste das Lagergestell seines +Herrn. - Er wagte nicht, dessen Fuesse zu beruehren. "Du mich gerettet? - +Wodurch?" + +"Als ich dich so totesbleich auf diese Decken gelegt, habe ich den +Schlangengott herbeigeholt, dich ihm gezeigt und gesprochen: "Du siehst, +starker Gott, des Herrn Augen sind geschlossen. Hilf, dass er sie wieder +aufschlaegt. Bis du geholfen, erhaeltst du keine Krume Brot und keinen +Tropfen Milch. Und wenn er die Augen nicht wieder aufschlaegt - an dem +Tage, da sie ihn verbrennen, verbrennt Syphax mit: aber du, o grosser +Schlangengott, desgleichen. Du kannst helfen: also hilf: oder brenne." So +sprach ich, und er hat geholfen." + +"Die Stadt ist sicher - das fuehl' ich, sonst haette ich nicht entschlafen +koennen. Lebt Belisar? Ja! wo ist Prokop?" + +"In der Bibliothek mit deinen Tribunen. Sie erwarten nach des Arztes +Ausspruch noch heute dein Erwachen oder deinen ... -" - "Tod? Diesmal hat +dein Gott noch geholfen, Syphax. Lass die Tribunen ein." + +Bald standen die Licinier, Piso, Salvius Julianus und einige andere vor +ihm; sie wollten bewegt an sein Lager eilen: er winkte ihnen Ruhe zu. "Rom +dankt euch, durch mich. Ihr habt gefochten wie - wie Roemer. Mehr, +Stolzeres kann ich euch nicht sagen." Und er uebersah wie nachsinnend die +Reihe, dann sagte er: "Einer fehlt mir - ah mein Korinther! Die Leiche ist +gerettet. Denn ich empfahl sie Piso, sie und die beiden Letoiden; setzt +ihm als Denkmal eine schwarze Platte von korinthischem Marmor an die +Stelle, wo er fiel: stellt die Statue des Apollo ueber die Aschenurne und +schreibt darauf: "Kallistratos von Korinth ist hier fuer Rom gestorben; er +hat den Gott, der Gott nicht ihn gerettet." Jetzt geht, bald sehen wir uns +wieder - auf den Waellen. Syphax, nun sende mir Prokop. Und bring einen +grossen Becher Falernerwein." "Freund," rief er dem eintretenden Prokopius +entgegen, "mir ist, ich habe vor diesem Fieberschlaf noch fluestern hoeren: +"Prokop hat den grossen Belisar gerettet." Ein unsterblich Verdienst! Die +ganze Nachwelt wird dir's danken - so brauch' ich's nicht zu thun. Setze +dich hierher und erzaehle mir das Ganze ... - Aber halt: erst schiebe die +Kissen zurecht, dass ich meinen Caesar wieder sehen kann. Sein Anblick +staerkt mehr als Arzneien. Nun sprich." + +Prokopius sah den Liegenden durchdringend an. + +"Cethegus," sagte er dann, ernsten Tones, "Belisar weiss alles." "Alles?" +laechelte der Praefekt, "das ist viel." - "Lass den Spott und versage +Bewunderung nicht dem Edelsinn: du, der du selber edel bist." - "Ich? +Nicht dass ich wuesste." - "Sowie er zum Bewusstsein kam, hat ihm Bessas +natuerlich sofort alles mitgeteilt: hat ihm haarklein erzaehlt, wie du +befohlen, das Thor gesperrt zu halten, als Belisar in seinem Blute davor +lag, den wuetigen Teja auf den Fersen: dass du befohlen, seine Leibwaechter +niederzuhauen, die mit Gewalt oeffnen wollten: jedes Wort von dir hat er +berichtet, auch deinen Ausruf: "Erst Rom, dann Belisar": und hat deinen +Kopf verlangt im Rat der Feldherren. Ich erbebte. Aber Belisarius sprach: +"er hat recht gethan! hier, Prokop, bring ihm mein eigen Schwert und die +ganze Ruestung, die ich an jenem Tage trug, zum Dank." Und in dem Bericht +an den Kaiser hat er mir die Worte diktiert: "Cethegus hat Rom gerettet +und nur Cethegus! Schick' ihm den Patriciat von Byzanz!"" + +"Ich danke: ich habe Rom nicht fuer Byzanz gerettet." - "Das brauchst du +mir nicht erst zu sagen, unattischer Roemer." + +"Ich bin nicht in attischer Laune, Lebensretter! Was war dein Dank?" + +"Still. Er weiss nichts davon. Und soll es nie erfahren." + +"Syphax, Wein. - Soviel Edelsinn kann ich nicht vertragen! Es macht mich +schwach. Nun, wie war der Reiterspass?" + +"Freund, das war kein Spass. Sondern der furchtbarste Ernst, der mir noch +begegnet. Um ein Haar fehlte es, so war Belisar verloren." + +"Ja, es ist jenes Eine Haar, um das es immer fehlt bei diesen Goten! Dumme +Toelpel sind sie samt und sonders." + +"Du sprichst, als waer' es dir sehr leid, dass Belisar nicht umgekommen." + +"Recht waer ihm geschehn. Ich hab ihn dreimal gewarnt. Er sollte endlich +wissen, was einem alten Feldherrn ziemt und was einem jungen Raufbold." + +"Hoere," sagte Prokop, ihn ernsthaft betrachtend, "du hast dir ein Recht +erworben, so zu sprechen, vor dem Grabmal Hadrians. Frueher, wenn du des +Mannes Heldentum herabzogst ..." - "Dachtest du, ich spraeche aus Neid +gegen den tapfern Belisar! Hoert es, ihr unsterblichen Goetter." + +"Ja, zwar deine gepidischen Lorbeern ..." - + +"Lass mich mit diesen Knabenstreichen zufrieden! Freund, wenn es gilt, muss +man den Tod verachten, sonst aber vorsichtig das Leben lieben. Denn nur +die Lebendigen herrschen und lachen, nicht die stummen Toten. Das ist +meine Weisheit, und nenn' es meine Feigheit, wenn du willst. Also - euer +Ueberfall - mach's kurz! Wie ging's?" + +"Scharf genug. Als wir die Gegend erkundet hatten, - alles schien frei vom +Feind und sicher zum Futter holen - da wandten wir die Rosse allmaehlich +wieder gegen die Stadt, die wenigen Ziegen und die magern Schafe, dir wir +aufgetrieben, in der Mitte, Belisar voran, der junge Severinus, Johannes +und ich an seiner Seite. Ploetzlich, wie wir aus dem Dorf _ad aras Bacchi_ +ins Freie kommen, jagen aus den Gehoelzen zu beiden Seiten der valerischen +Strasse von links und rechts gotische Reiter auf uns zu. Ich sah, dass sie +uns stark ueberlegen waren und riet die Flucht mitten durch sie hindurch +auf der Strasse nach Rom zu versuchen. Aber Belisar meinte: "Viele sind es, +doch nicht allzuviele," und sprengte gegen die Angreifer zur Linken, ihre +Reihen zu durchbrechen. Doch da kamen wir uebel an: die Goten ritten besser +und fochten besser als unsere mauretanischen Reiter: und ihre Fuehrer, +Totila und Hildebad - jenen erkannte ich an den langflatternden gelben +Haaren und diesen an der ungeschlachten Groesse - hielten sichtlich scharf +auf den Feldherrn selbst. "Wo ist Belisar und sein Mut?" schrie der lange +Hildebad vernehmlich durch das Klirren der Waffen. + +"Hier!" antwortete dieser unverzueglich: und ehe wir ihn abhalten konnten, +hielt er schon dem Riesen gegenueber. Der war nicht faul und hieb ihm mit +seinem wuchtigen Beil auf den Helm, dass der goldene Kamm mit dem weissen +Rosshaarbueschel zerschmettert zur Erde rollte und Belisars Haupt bis auf +den Kopf des Pferdes niederfuhr. Und schon holte jener zum zweiten, dem +toedlichen Streiche aus: da war der junge Severinus, des Boethius Sohn, +heran und fing den Hieb mit dem runden Schilde auf. Aber das Beil des +Barbaren drang durch den Schild und flog noch tief in den Hals des edeln +Juenglings. Er stuerzte" - Prokop stockte in schmerzlichen Gedanken. + +"Tot?" fragte Cethegus ruhig. + +"Ein alter Freigelassener seines Vaters, der ihn begleitete, trug ihn aus +dem Gefecht. Doch starb er schon, so hoert' ich, eh' er das Dorf +erreichte." + +"Ein schoener Tod!" sagte Cethegus. "Syphax, einen neuen Becher Wein!" + +"Belisar hatte sich aber inzwischen aufgerafft und stiess nun in grossem +Zorn mit seinem Speer dem Goten so gewaltig auf die Brustplatte seines +Harnisches, dass er der Laenge nach vom Pferde flog. Laut jubelten wir auf, +aber der junge Totila" - + +"Nun?" + +"Sah kaum seinen Bruder fallen, als er sich grimmig durch die Lanzen der +Leibwaechter Bahn brach zu Belisar. Aigan, sein Bannertraeger, wollte ihn +decken, aber des Goten Schwert traf seinen linken Arm: er riss ihm die +Fahne aus der erschlafften Hand und warf sie dem naechsten Goten zu. Laut +auf schrie Belisar vor Zorn und wandte sich gegen ihn: aber der junge +Totila ist rasch wie der Blitz und zwei scharfe Hiebe trafen, eh' er +sich's versah, des Feldherrn beide Schultern: der wankte im Sattel und +sank langsam vom Pferd, das im selben Augenblick ein Wurfspeer traf und +niederwarf. "Gieb dich gefangen, Belisar!" rief Totila. + +Der Feldherr hatte gerade noch die Kraft, das Haupt verneinend zu +schuetteln, da sank er vollends zur Erde. Rasch war ich abgesprungen, hatte +ihn auf mein eigen Pferd gehoben und der Sorge des Johannes empfohlen, der +fuenfzig Leibwaechter um ihn scharte und ihn schnell aus dem Getuemmel +fluechtend nach der Stadt hin brachte." - "Und du?" + +"Ich focht zu Fuss weiter. Und es gelang mir, da jetzt unsere Nachhut +eintraf, - die Vorraete in der Mitte hatten wir preisgegeben - das Gefecht +gegen Totila zu stellen. Aber nicht auf lange. Denn nun war auch die +zweite Schar der gotischen Reiter heran; wie der Sturmwind sauste der +schwarze Teja herzu, durchbrach unsern rechten Fluegel, der ihm zunaechst +stand, von vorn, durchbrach dann meine eigene gegen Totila gerichtete +Front von der Flanke und zersprengte unsern ganzen Schlachthaufen. Ich gab +das Gefecht verloren, ergriff ein ledig Ross und eilte dem Feldherrn nach. +Aber auch Teja hatte die Richtung von dessen Flucht erkannt und jagte uns +wuetend nach. An der fulvischen Bruecke holte er die Bedeckung ein; Johannes +und ich hatten mehr als die Haelfte der noch uebrigen Leibwaechter an der +Bruecke aufgestellt, den Uebergang zu wehren, unter Principius, dem tapfern +Pisidier, und Tarmuth, dem riesigen Isaurier. Dort fielen sie alle +dreissig, zuletzt auch die beiden treuen Fuehrer, von dem Schwerte des Teja +allein, wie ich vernahm. Dort fiel die Bluete von Belisars Leibwaechtern: +darunter viele meiner naechsten Waffenfreunde, Alamundarus der Saracene, +Artasines der Perser, Zanter der Armenier, Longinus der Isaurier, Bucha +und Chorsamantes die Massageten, Kutila der Thrakier, Hildeger der +Vandale, Juphrut der Maure, Theodoritos und Georgios die Kappadokier. Aber +ihr Tod erkaufte unsere Rettung. Wir holten hinter der Bruecke unser hier +zurueckgelassenes Fussvolk ein, das dann noch die feindlichen Reiter so lang +beschaeftigte, bis das tiburtinische Thor sich, - spaet genug! - dem wunden +Feldherrn oeffnete. Dann eilt' ich, als wir ihn auf einer Saenfte Antoninens +Pflege zugesandt, an das Grabmal Hadrians, wo, wie es hiess, die Stadt +genommen sei und fand dich dem Tode nah." + +"Und was hat jetzt Belisar beschlossen?" + +"Seine Wunden sind nicht so schwer wie die deine und doch die Heilung +langsamer. Er hat den Goten den Waffenstillstand gewaehrt, den sie +verlangten, ihre vielen Toten zu bestatten." + +Cethegus fuhr auf von den Kissen. "Er haette ihn verweigern sollen! Keine +unnuetze Verzoegerung der Entscheidung mehr! ich kenne diese gotischen +Stiere; nun haben sie sich die Hoerner stumpf gestuermt: jetzt sind sie mued +und muerbe. + +Jetzt kam die Zeit fuer einen letzten Schlag, den ich schon lang ersonnen. +Die Hitze draussen in der gluehenden Ebene werden ihre grossen Leiber +schlecht ertragen: schlechter den Hunger: am schlechtesten den Durst. - +Denn der Germane muss saufen, wenn er nicht schnarcht oder pruegelt. Nun +braucht man nur ihren vorsichtigen Koenig noch ein wenig einzuschuechtern. +Sage Belisar meinen Gruss: und mein Dank fuer sein Schwert sei mein Rat: Er +solle noch heute den gefuerchteten Johannes mit acht Tausend Mann durch das +Picenum gegen Ravenna schicken: die flaminische Strasse ist frei und wird +wenig gedeckt sein: denn Witichis hat die Besatzungen aller Festungen +hierher gezogen: und leichter gewinnen wir jetzt Ravenna, als die Barbaren +Rom. Sowie aber der Koenig Ravenna, seinen allerletzten Hort, bedroht +sieht, wird er eilen, ihn um jeden Preis zu retten. Er wird sein Heer +hinwegziehen von diesen uneinnehmbaren Mauern und wieder der Verfolgte +statt des Verfolgers sein." "Cethegus," sprach Prokop aufspringend, "du +bist ein grosser Feldherr." - "Nur nebenbei, Prokopius! geh jetzt und gruesse +mir den grossen Sieger Belisar." + + + + + Fuenfzehntes Kapitel. + + +An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder +auf den Waellen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionare +und Isaurier mit lautem Zuruf begruessten. Sein erster Gang war zu dem +Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen +Kranz von Lorbeern und von Rosen nieder. Waehrend er von hier aus die +Verstaerkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben +von Mataswintha. + +Es lautete lakonisch genug: "Mach' bald ein Ende. Nicht laenger kann ich +den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzig Tausend Maennern meines Volks +hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich +anzuklagen. Waehrt das noch laenger, so erlieg ich. Der Hunger wuetet +furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine grosse Zufuhr von +Getreide und Vieh, die aus Suedgallien unter Segel ist. An den naechsten +Calenden wird sie auf der Hoehe von Portus erwartet. Handle danach - aber +mach' rasch ein Ende." + +"Triumph," sprach der Praefekt, "die Belagerung ist aus. Unsre kleine +Flotte lag bisher fast muessig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden. +Diese Koenigin ist die Erinnys der Barbaren." Und er ging selbst zu +Belisar, der ihn mit edler Grossheit empfing. - + +In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum +pincianischen Thore hinaus, dann links nach der flaminischen Strasse +schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit +raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines roemisches Geschwader +gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablauf des +Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa, machte der Koenig, +der sein Schmerzenslager zum erstenmal verliess, in Begleitung seiner +Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals +menschenwimmelnden Lagern waren voellig veroedet und aufgegeben: auch die +uebrigen vier waren nur noch spaerlich bevoelkert. Todmuede, ohne Klage, aber +auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und +Fieber verzehrt, vor ihren Zelten. + +Kein Zuruf, kein Gruss erfreute den wackern Koenig auf seinem +schmerzensreichen Gang: kaum dass sie die mueden Augen aufschlugen bei dem +Schall der nahenden Schritte. + +Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stoehnen der Kranken, der +Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man +die hinlaengliche Zahl von Gesunden, die noetigsten Posten zu beziehen. Die +Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder +auf der Schulter zu tragen. + +Die Heerfuehrer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Thor; im +Wallgraben lag ein junger Schuetz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad +rief ihm zu: "Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? deine Sehne ist ja +gesprungen, was ziehst du keine andre auf?" - "Kann nicht, Herr, die Sehne +sprang gestern bei meinem letzten Schuss. Und ich und die drei Bursche +neben mir, wir haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen." Hildebad gab +ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: "hast du auf einen Roemer +geschossen?" "O nein, Herr," sagte der Mann, "eine Ratte nagte dort an der +Leiche. Ich traf sie gluecklich und wir teilten sie zu viert." + +"Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?" fragte der Koenig. "Tot, Herr. + +Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten +Marmorgrab." + +"Und dein Vater Iffamuth?" - "Auch tot. Er vertrug's nicht mehr, das +giftige Wasser aus den Pfuetzen. Der Durst, Koenig, brennt noch heisser als +der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel." "Ihr +seid alle aus dem Athesisthal?" "Ja, Herr Koenig, vom Iffinger-Berg. O +welch koestlich Quellwasser dort daheim!" + +Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus seiner Sturmhaube +trinken. Seine Zuege verfinsterten sich noch mehr. "He du, Arulf!" rief er +ihm zu, "du scheinst nicht Durst zu leiden?" - "Nein, ich trinke oft," +sprach der Mann. "Was trinkst du?" - "Das Blut von den Wunden der +Frischgefallnen. Anfangs ekelt's sehr: aber man gewoehnt's in der +Verzweiflung." + +Schaudernd schritt Witichis weiter. "Schick' all' meinen Wein ins Lager, +Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen." - "All deinen Wein? O Koenig, mein +Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Kruege. Und +Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich staerken." + +"Und wer staerkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!" + +"Komm mit nach Hause," mahnte Totila, des Koenigs Mantel ergreifend. "Hier +ist nicht gut sein." + +Im Zelt des Koenigs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den +schoenen Marmortisch, der auf goldnen Gefaessen steinhartes verschimmeltes +Brot aufwies und wenige Stuecke Fleisch. "Es war das letzte Pferd aus den +koeniglichen Staellen," sagte Hildebad, - "bis auf Boreas." - "Boreas wird +nicht geschlachtet! - mein Weib, mein Kind sind auf seinem Ruecken +gesessen." + +Und er stuetzte das muede Haupt auf die beiden Haende: eine neue schwere +Pause trat ein. "Freunde," hob er endlich an, "das geht nicht laenger also. +Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluss ist schwer und +schmerzlich gereift -" + +"Sprich's noch nicht aus, o Koenig!" rief Hildebad. "In wenig Tagen trifft +Graf Odoswinth von Cremona ein mit der Flotte: und wir schwelgen in allem +Guten." + +"Er ist noch nicht da!" sprach Teja. + +"Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist," ermutigte Totila, "wird +er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum +eintrifft, mit den Besatzungen, die der Koenig aus den Festen von Ravenna +bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu fuellen?" + +"Auch Ulithis ist noch nicht da," sprach Teja. "Er soll noch in Picenum +stehen. Und kommt er gluecklich an, so wird der Mangel im Lager noch +groesser." + +"Doch auch die Roemerstadt muss fasten!" meinte Hildebad, das harte Brot mit +der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. "Lass sehn, wer's laenger +aushaelt!" + +"Oft hab' ich's ueberdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Naechten," +fuhr der Koenig langsam fort. + +"Warum? warum das alles so kommen musste? Nach bestem Gewissen hab' ich +immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen unsern Feinden und uns: +und ich kann's nicht anders finden, als dass Recht und Treue auf unsrer +Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir's nicht fehlen +lassen." + +"Du am wenigsten," sagte Totila. + +"Und an keinem schwersten Opfer!" seufzte der Koenig. "Und wenn nun doch, +wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und +allgewaltig, warum laesst er all' dies ungeheure, unverdiente Elend zu? +Warum muessen wir erliegen vor Byzanz?" + +"Wir duerfen aber nicht erliegen," schrie Hildebad. "Ich habe nie viel +gegruebelt ueber unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen liesse, muesste +man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen +zerschlagen." + +"Laestre nicht, mein Bruder!" sprach Totila. "Und du, mein edler Koenig, Mut +und Vertrauen. + +Ja, es waltet ein gerechter Gott dort ueber den Sternen. Drum muss zuletzt +die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung bis ans Ende." + +Aber der Tiefgebeugte schuettelte das Haupt. "Ich gestehe es euch, ich habe +aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit, +nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, dass wir all' dies schuldlos +leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muss verborgne +Schuld an mir, an eurem Koenig haften. Wiederholt, erzaehlen unsre Lieder +aus der Heidenzeit, hat sich ein Koenig fuer sein Volk selbst den Goettern +geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Misswachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er +hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu +lasten schien und sie durch Tod gebuesst, oder indem er ohne die Krone ins +Elend ging, ein friedloser Landfluechtiger. - Lasst mich die Krone abthun +von diesem Haupt ohne Glueck noch Stern. Waehlt einen andern, dem Gott nicht +zuernt: waehlt Totila, oder -" + +"Das Wundfieber faselt noch aus dir!" unterbrach ihn der alte +Waffenmeister. "Du mit Schuld beladen! du, der Treueste von uns allen! +Nein, ich will's euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der +Vaeter alte Kraft mit der Vaeter altem Glauben verloren habt, und nun keinen +Trost wisst fuer eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht." - +Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze ueber die Freunde hin. +"Alles was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch +des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann +gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttot sterben, nicht den +Strohtot. Den treuen Helden aber tragen die Walkueren aus dem blutigen Feld +auf roten Wolken hinauf in Odhins Saal, wo die Einheriar mit vollen +Bechern ihn begruessen. Dann reitet er alltaeglich mit ihnen hinaus zu Jagd +und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und +Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schoene Schildjungfrauen +kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den +alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken +Gesellen meiner Jugend, den kuehnen Winithar und Herrn Waltharis von +Aquitanien und Guntharis den Burgunden. Und schauen werd' ich auch ihn, +dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus +grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Roemer schlug, von dem noch +die Saenger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag' ich Schild und +Speer meinem Herrn, dem Koenig mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in +alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten +und alles ihres Wehs." + +"Ein schoen Gedicht, alter Heide," laechelte Totila. "Wenn uns aber das +nicht mehr troestet fuer wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch, +Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie +fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein +troestender Harfenschlag, du liederkundiger Saenger?" + +"Mein Wort," sagte Teja aufstehend, "mein Wort und Gedanke waere euch +vielleicht schwerer zu tragen als all' dies Leid. Lass mich noch schweigen, +mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir +Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite +daran haelt." Und er schritt aus dem Zelte. + +Denn draussen in dem Lager hatte sich ein wirrer, raetselhafter Laerm von +rufenden, fragenden Stimmen erhoben. + +Die Freunde sahen ihm schweigend nach. "Ich weiss wohl, was er denkt," +sagte der alte Hildebrand endlich. "Denn ich kenne ihn vom Knaben auf: Er +ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor +und Odhin glauben, sondern nur an die Not und ihre eigene Kraft und +Staerke. Es ist fast zu schwer fuer ein Menschenherz. Und gluecklich, - +gluecklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, dass er singt und +Harfe schlaegt dabei." + +Da riss Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhaenge auf: sein Antlitz war +noch bleicher als zuvor: seine dunkeln Augen blitzten: aber seine Stimme +war ruhig wie sonst, da er sprach: "Brich das Lager ab, Koenig Witichis. +Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf +Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Waellen Roms, +vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten +Rinder schlachten. Grosse Verstaerkungen aus Byzanz unter Valerian und +Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus +Byzanz in den Tiber gefuehrt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum +durchzogen ... -" + +"Und Graf Ulithis?" + +"Er hat Ulithis geschlagen und getoetet, Ancona und Ariminum genommen. Und +-" + +"Ist das noch nicht alles?" rief der Koenig. + +"Nein, Witichis! Eile thut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch +wenige Meilen von der Stadt." + + + + + Sechzehntes Kapitel. + + +Am Tage nach dem Eintreffen dieser fuer die Goten so verhaengnisvollen +Nachrichten hatte Witichis die Belagerung Roms aufgegeben und sein tief +entmutigtes Heer aus den vier noch uebrigen Lagern herausgezogen. + +Ein volles Jahr und neun Tage hatte die Einschliessung gewaehrt. So viel Mut +und Kraft, so viele Anstrengungen und Opfer waren vergeblich gewesen. + +Schweigend zogen die Goten an den stolzen Waellen vorueber, an denen ihr +Glueck und ihre Macht zerschellt waren. Schweigend trugen sie die hoehnenden +Worte, die Roemer und "Romaeer" (Byzantiner) ihnen von den sichern Zinnen +herab zuriefen. Ihr Zorn und ihre Trauer waren zu gross, um durch solchen +Spott getroffen zu werden. + +Aber als Belisars Reiterei, aus dem pincianischen Thore brechend, die +Abziehenden verfolgen wollte, wurde sie grimmig zurueckgewiesen. Denn Graf +Teja fuehrte die gotische Nachhut. + +So zog das Heer von Rom auf der flaminischen Strasse durch Picenum in +raschen Maerschen (obwohl den von den Feinden besetzten Plaetzen Narnia, +Spoletium und Perusium ausgewichen werden musste) nach Ravenna, wo Witichis +zur rechten Zeit eintraf, die gefaehrliche Stimmung der Bevoelkerung, die +auf die Kunde von dem Unglueck der Barbaren schon mit dem drohenden +Johannes in geheime Verhandlungen getreten war, zu unterdruecken. + +Johannes zog sich bei der Annaeherung der Goten in seine letzte wichtige +Eroberung Ariminum zurueck. In Ancona lag Konon, der Nauarch Belisars, mit +den thrakischen Speertraegern und mit Kriegsschiffen. + +Der Koenig fuehrte aber keineswegs sein ganzes, von der Belagerung Roms +aufgebrochenes Heer nach Ravenna, sondern hatte unterwegs viele +Mannschaften in Festungen verteilt. Eine Tausendschaft liess er unter +Gibimer in Clusium in Tuscien, eine andre in Urbs Vetus unter Albila, eine +halbe in Tudertum unter Wulfgis: in Auximum vier Tausendschaften unter +Graf Wisand, dem tapfern Bandalarius: in Urbinum zwei unter Morra: in +Caesena und Monsferetrus je eine halbe. Hildebrand entsandte er nach +Verona, Totila nach Tarvisium und Teja nach Ticinum, da auch der Nordosten +der Halbinsel durch byzantinische, von Istrien aus drohende Truppen +gefaehrdet wurde. + +Er that dies uebrigens noch aus andern Gruenden. + +Einmal, um Belisar auf dem Wege nach Ravenna aufzuhalten. Dann, um im Fall +einer Einschliessung nicht wieder sobald durch die grosse Staerke des Heeres +dem Mangel ausgesetzt zu sein. Und endlich, um fuer den naemlichen Fall die +Belagerer auch vom Ruecken und zwar von mehreren Seiten her beunruhigen zu +koennen. Sein Plan war zunaechst, die seinem Hauptstuetzpunkt Ravenna +drohende Gefahr abzuwenden, und sich mit seinen zerruetteten Streitkraeften +auf die Verteidigung zu beschraenken, bis fremde Hilfstruppen, +langobardische und fraenkische, die er erwartete, ihn in den Stand setzen +wuerden, wieder das offne Feld zu halten. + +Aber die Hoffnung, Belisar auf seinem Wege nach Ravenna durch diese +gotischen Burgen hinzuhalten, erfuellte sich nicht. Er begnuegte sich, sie +durch beobachtende Truppen einzuschliessen und zog ohne weiteres gegen die +Hauptstadt und den letzten bedeutenden Waffenplatz der Goten. "Habe ich +das Herz zum Tode getroffen," sagte er, "werden sich die geballten Faeuste +von selbst oeffnen." + + -------------- + +Und so dehnten sich alsbald um die Koenigsstadt Theoderichs in weit +gestrecktem Bogen die Zelte der Byzantiner, an allen drei Landseiten, von +der Hafenstadt Classis an bis zu den Kanaelen und Zweigarmen des Padus, die +im Westen besonders die Verteidigung der Festungslinien bildeten. + +Zwar hatte die alte, vornehme Stadt damals schon viel verloren von dem +Schimmer, in dem sie seit zwei Jahrhunderten fast strahlte als Residenz +der Imperatoren: und auch das letzte Abendrot, das die glorreiche +Regierung Theoderichs ueber sie gebreitet, war seit dem Ausbruch des +Krieges verschwunden. + +Aber gleichwohl. Welch andern Eindruck muss damals die immer noch +volkreiche, dem heutigen Venedig gleichende Wasserstadt gemacht haben als +heute, wo es den Wandrer aus den ausgestorbnen Strassen, den leeren +Plaetzen, den einsam schweigenden Basiliken nicht minder melancholisch +anhaucht als draussen, vor den Mauern der Stadt, wo sich weithin die oede +Sumpflandschaft der Padusniederungen dehnt, bis sie in den Schlamm des +weit zurueckgetretenen Meeres auslaufen. + +Wo einst in der Hafenstadt Classis zu Wasser und zu Lande geschaeftiges +Leben wogte, wo die stolzen Trieren der kaiserlichen Adria-Flotte tief +schaukelnd sich wiegten, da liegen jetzt sumpfige Wiesen, in deren hohem +Schilf und Riedgras verwilderte Bueffel grasen; versumpft die Strassen, +versandet der Hafen, verschollen das Volk, das hier freudig geherrscht: - +nur ein riesiger runder Turm aus der Gotenzeit steht noch neben der allein +erhaltnen, einsamen Basilika San Apollinare in Classe fuori, die, von +Witichis begonnen, von Justinian vollendet, nun eine Stunde fern von aller +Menschenwohnung auf der sumpfigen Ebene trauernd ragt. + +Die starke Seefestung galt fuer uneinnehmbar: darum hatten sie seit dem +Sinken ihrer Macht, und der wachsenden Gefaehrdung Italiens durch die +Barbaren, die Kaiser zur Residenz gewaehlt. Die Suedost-Seite deckte das +damals noch bis an und in ihre und der Hafenstadt Mauern spuelende Meer. + +Und um alle drei Landseiten hatten Natur und Kunst ein labyrinthisches +Netz von Kanaelen, Graeben und Suempfen des vielarmigen Padus gesponnen, in +welchem sich der Belagerer rettungslos verstricken musste. Und diese +Mauern! noch jetzt erfuellen ihre gewaltigen Reste mit Staunen; ihre +ungeheure Dicke und - weniger ihre Hoehe als - die Anzahl von starken +Rundtuermen, die von ihren Zinnen noch heute aufsteigen, trotzten vor der +Erfindung der Feuerwaffe jedem Sturm, jedem gewaltsamen Angriff. Nur durch +Aushungerung hatte nach fast vierjaehrigem Widerstand der grosse Theoderich +diese letzte Zuflucht Odovakars bezwungen. + +Vergebens hatte Belisar versucht, gleich nach seiner Ankunft die Stadt mit +Sturm zu nehmen. Kraeftig ward sein Angriff abgewiesen und die Belagerer +mussten sich begnuegen, die Festung enge zu umschliessen und, wie einst der +Gotenkoenig, durch Mangel zur Uebergabe zu noetigen. Dem aber konnte Witichis +getrost entgegensehn. Denn er hatte mit der Vorsicht, die ihm eigen, in +diesem seinem Haupt-Bollwerk, schon vor dem Aufbruch nach Rom, Vorraete +aller Art, namentlich aber Getreide, in ausserordentlicher Menge in +besonders von ihm (mit Benutzung und in den Raeumen des ungeheuren +Marmorcirkus des Theodosius) erbauten Kornspeichern von Holzgezimmer +aufgehaeuft. Diese ausgedehnten Holzbauten, gerade gegenueber dem Palast und +der Basilika Sancti Apollinaris, waren des Koenigs Stolz, Freude und Trost. +Nur weniges von diesen Nahrungsmitteln hatte man durch das von den Feinden +durchstreifte Land nach dem Lager vor Rom fuehren koennen: und bei einiger +Sparsamkeit reichten diese Magazine ohne Zweifel fuer die Bevoelkerung und +das nicht mehr zahlreiche Heer leicht noch zwei und drei Monate aus. Bis +dahin aber war das Eintreffen eines fraenkischen Hilfsheeres infolge der +aufs neue angeknuepften Verhandlungen sicher zu erwarten. Und dieser +Entsatz musste notwendig die Aufhebung der Belagerung herbeifuehren. + +Dies wussten - oder ahnten doch - Belisar und Cethegus so gut wie Witichis: +und rastlos spaehten sie nach allen Seiten, ein Mittel zu finden, den Fall +der Stadt zu beschleunigen. Der Praefekt suchte natuerlich vor allem seine +geheime Verbindung mit der Gotenkoenigin zu diesem Zwecke zu benutzen. Aber +einmal war der Verkehr mit ihr jetzt sehr erschwert, da die Goten alle +Ausgaenge der Stadt sorgfaeltig ueberwachten. Und dann schien auch +Mataswintha wesentlich veraendert und keineswegs mehr so bereit und +willfaehrig, sich als Werkzeug gebrauchen zu lassen, wie ehedem. + +Sie hatte eine rasche Vernichtung oder Demuetigung des Koenigs erwartet. Das +lange Hinzoegern ermuedete sie: und zugleich hatten die grossen Leiden ihres +Volkes in Kampf und Hunger und Krankheit angefangen, sie zu erschuettern. + +Dazu kam endlich, dass die traurige Verwandlung in dem sonst so kraeftigen +und gesundfreudigen Wesen des Koenigs, der stille, aber tiefe und finstre +Gram, der ueber seiner Seele lag, maechtig an ihrem Herzen ruettelte. Wenn +sie auch mit der ganzen Ungerechtigkeit des Schmerzes, mit dem bittern +Stolz gekraenkter Liebe ihn verklagte, dass er ihr Herz verworfen und doch, +um der Krone willen, mit Gewalt ihre Hand erzwungen hatte, und wenn sie +ihn dafuer auch mit der ganzen leidenschaftlichen Glut ihres Wesens zu +hassen glaubte und zum Teil auch wirklich hasste, so war doch dieser Hass +nur umgeschlagene Liebe. Und als sie ihn nun von dem schweren Unglueck der +gotischen Waffen, von dem Fehlschlagen all' seiner Plaene - an dem ihr +heimtueckischer Verrat so grossen Anteil trug, - tief, bis zur +krankhaft-schwermuetigen Verfinsterung des Geistes, zu marternder +Selbstpeinigung niedergebeugt sah, so wirkte dieser Anblick gewaltig auf +ihre aus Haerte und Glut seltsam gemischte Natur. + +Sie haette im Augenblick des schmerzlichen Zornes mit Entzuecken sein Blut +fliessen sehen. Aber mondenlang ihn mit bohrendem Gram sich selbst +zerstoeren sehen, - das ertrug sie nicht. Zu dieser weichern Stimmung trug +aber endlich wesentlich bei, dass sie seit der Ankunft in Ravenna auch eine +Veraenderung in des Koenigs Benehmen gegen sie selbst bemerkt zu haben +glaubte. Spuren von Reue, dachte sie, von Reue ueber die Gewaltsamkeit, mit +welcher er in ihr Leben eingegriffen hatte. + +Und weil sich in diesem Glauben ihr hartes, schroffes Auftreten bei den +selten und immer nur vor Dritten erfolgenden Begegnungen unwillkuerlich +gemildert hatte, erblickte Witichis hierin einen erfreulichen Schritt des +Entgegenkommens, den er stillschweigend ebenfalls mit freundlicheren +Formen anerkannte und lohnte. Grund genug fuer Mataswinthens beweglich +flutende Gedanken, die Antraege des Praefekten, selbst wenn diese manchmal +noch durch des klugen Mauren Vermittelung an sie gelangten, abzuweisen. + +Doch hatte der Praefekt aus dieser Quelle schon waehrend des Zuges gegen +Ravenna erfahren, was spaeter auch sonst bekannt wurde, dass die Goten Hilfe +von den Franken erwarteten. Unverzueglich hatte er deshalb seine alten +Verbindungen mit den Vornehmen und Grossen, die an den Hoefen zu Mettis +(Metz), Aurelianum (Orleans), und Suessianum (Soissons) im Namen der +merowingischen Schattenkoenige herrschten, wieder angeknuepft, um die +Franken, deren damals sprichwoertlich gewordne Falschheit gute Aussicht auf +Gelingen solcher Versuche gewaehrte, von dem gotischen Buendnis wieder +abzuziehen. + +Und als die Sache durch diese Freunde gehoerig vorbereitet war, hatte er an +Koenig Theudebald, der zu Mettis Hof hielt, selbst geschrieben und ihn +dringend gewarnt, bei einer so verlornen Sache, wie die gotische seit dem +Scheitern der Belagerung Roms offenbar geworden, sich zu beteiligen. +Diesen Brief hatten reiche Geschenke an seinen alten Freund, den +Majordomus des schwachen Koenigs, begleitet: und sehnlich erwartete der +Praefekt von Tag zu Tag die Antwort auf denselben: um so sehnlicher, als +das veraenderte Benehmen Mataswinthens die Hoffnung auf raschere +Ueberwaeltigung der Goten abgeschnitten hatte. + +Die Antwort kam, gleichzeitig mit einem kaiserlichen Schreiben aus Byzanz, +an einem fuer die Helden in und ausser Ravenna gleich verhaengnisvollen Tage. + + + + + Siebzehntes Kapitel. + + +Hildebad, ungeduldig ueber das lange Muessigliegen, hatte aus der ihm zu +besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen +heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in +ungestuemem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der +Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet. + +Er haette unfehlbar noch viel groessern Schaden angerichtet, wenn nicht der +rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all' seine Feldherrnschaft und +all' sein Heldentum zugleich entfaltet haette. Ohne Helm und Harnisch, wie +er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eignen fliehenden +Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch +aeusserste persoenliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen +gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt +verwendet, dass Hildebads Rueckzug ernstlich bedroht war und die Goten, um +nicht abgeschnitten zu werden, all' ihre errungenen Vorteile aufgeben und +schleunigst in die Stadt zurueckeilen mussten. + +Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur +Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin, +nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als +Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig +einsog. "Wirklich, Belisarius," schloss der Praefekt, "Kaiser Justinian kann +dir das nicht vergelten." + +"Da sprichst du wahr," antwortete Belisar stolz: "er vergilt mir nur durch +seine Freundschaft. Fuer seinen Feldherrnstab koennte ich nicht thun, was +ich fuer ihn schon gethan habe und noch immer thue. Ich thu's, weil ich ihn +wirklich liebe. Denn er ist ein grosser Mann mit allen seinen Schwaechen. +Wenn er nur Eins noch lernte: mir vertrau'n. Aber getrost: - er wird's +noch lernen." + +Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem +kaiserlichen Gesandten ueberbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz +sprang Belisar, aller Muedigkeit vergessen, vom Polster auf, kuesste die +purpurnen Schnuere, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und oeffnete das +Schreiben mit den Worten: "Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun +wird er mir die Leibwaechter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich +erwarte, und das vorgeschossene Gold." + +Und er begann zu lesen. + +Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Zuege +verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in +schwerem Krampf zu heben: die beiden Haende, mit welchen er das Schreiben +hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran: aber ehe sie fragen konnte, +stiess Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das +kaiserliche Schreiben auf die Erde und stuerzte ausser sich aus dem Gezelt; +eilend folgte ihm seine Gattin. + +"Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen," sagte Prokop, den Brief +aufhebend. "Lass sehn: wohl wieder ein Stuecklein kaiserlichen Dankes," - +und er las: "Der Eingang ist Redensart, wie gewoehnlich - aha, jetzt kommt +es besser: + +"Wir koennen gleichwohl nicht verhehlen, dass wir, nach deinen eignen +frueheren Beruehmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese +Barbaren erwartet haetten und glauben auch, dass eine solche bei groesserer +Anstrengung nicht unmoeglich gewesen waere. Deshalb koennen wir deinem +wiederholt geaeusserten Wunsche nicht entsprechen, dir deine uebrigen +fuenftausend Mann Leibwaechter, die noch in Persien stehen, sowie die vier +Centenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen. + +Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich ueberfluessigermassen +bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geaeusserter Entschluss, +du wollest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschoepftheit des kaiserlichen +Saeckels aus eignen Mitteln zu Ende fuehren, verdient, dass wir ihn als +pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger +hinzugefuegt, all dein Hab' und Gut deines Kaisers Majestaet zu Diensten +steht und kaiserliche Majestaet die erbetene Verwendung deiner Leibwaechter +und deines Goldes in Italien fuer ueberfluessig halten muss, so haben wir, +deiner Zustimmung gewiss, anderweitig darueber verfuegt und bereits Truppen +und Schaetze, zur Beendung des Perserkriegs, deinem Kollegen Narses +uebergeben." - Ha, unerhoert!" unterbrach sich Prokop. + +Cethegus laechelte: "Das ist Herrendank fuer Sklavendienst." + +"Auch das Ende scheint huebsch," fuhr Prokopius fort. - "Eine Vermehrung +deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wuenschbar, als man +uns wieder taeglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt. + +Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Scepter sei aus dem +Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: - gefaehrliche Gedanken +und ungeziemende Worte. + +Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Traeumen unterrichtet. + +Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir +noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich, +dass die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am naechsten +stehn." + +"Das ist schaendlich!" rief Prokop. "Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!" +sagte Cethegus. "Das heisst die Treue selbst zum Aufruhr peitschen." + +"Recht hast du," schrie Belisar, der, wieder hereinstuermend, diese Worte +noch gehoert hatte. "Oh, er verdient Aufruhr und Empoerung, der undankbare, +boshafte, schaendliche Tyrann." + +"Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zu Grunde!" beschwor +ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war und suchte, seine Hand zu +fassen. + +"Nein, ich will nicht schweigen," rief der Zornige, an der offenen +Zeltthuer auf und niederrennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und +viele andere Heerfuehrer mit Staunen lauschend standen. "Alle Welt soll's +hoeren. Er ist ein undankbarer, heimtueckischer Tyrann! Ja du verdientest, +dass ich dich stuerzte! Dass ich dir thaete nach dem Argwohn deiner falschen +Seele, Justinianus!" + +Cethegus warf einen Blick auf die draussen Stehenden: sie hatten offenbar +alles vernommen: jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den +Eingang und zog die Vorhaenge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie +trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem +Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Faeuste gegen seine +Brust und stammelte: "O Justinianus, hab' ich das um dich verdient? O zu +viel, zu viel!" Und ploetzlich brach der gewalt'ge Mann in einen Strom von +hellen Thraenen aus. Da wandte sich Cethegus veraechtlich ab: "Lebwohl," +sagte er leise zu Prokopius, "mich ekelt es, wenn Maenner heulen." + + + + + Achtzehntes Kapitel. + + +In schweren Gedanken schritt der Praefekt aus dem Zelt und ging, das Lager +umwandelnd, nach der ziemlich entlegenen Verschanzung, wo er mit seinen +Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Thor des Honorius. Es war auf der +Suedseite der Stadt, nahe dem Hafenwall von Classis, und der Weg fuehrte zum +Teil am Meeresstrand entlang. + +So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der grosse Gedanke, der +der Pulsschlag seines Lebens geworden war, beschaeftigte, so schwer die +Unberechenbarkeit Belisars, dieses gefuehlsueberschwenglichen +Gemuetsmenschen, und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade +jetzt auf ihm lastete, - doch ward seine Merksamkeit, wenn auch nur +voruebergehend, auf das aussergewoehnliche Aussehen der Landschaft, des +Himmels, der See, der ganzen Natur abgezogen. + +Es war Oktober: - aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz +geaendert zu haben. Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet: ja kein +Gewoelk, kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so duenstereichen +Sumpflandschaft gezeigt. Jetzt ploetzlich - es war gegen Sonnenuntergang - +bemerkte Cethegus im Osten, ueber dem Meer, am fernsten Horizont, eine +einzelne rundgeballte, rabenschwarze Wolke, die seit kurzem aufgestiegen +sein musste. + +Die untertauchende Sonnenscheibe, obwohl frei von Nebeln, zeigte keine +Strahlen. Kein Lufthauch kraeuselte die bleierne Flut des Meeres. + +Keine noch so leise Welle spuelte an den Strand. In der weitgestreckten +Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbaeumen. Ja, nicht einmal das +Schilf in den Sumpfgraeben bebte. + +Kein Laut eines Tieres, kein Vogelflug war vernehmbar: und ein +fremdartiger, erstickender Qualm, wie Schwefel, schien drueckend ueber Land +und Meer zu liegen und hemmte das Atmen. Maultiere und Pferde schlugen +unruhig gegen die Bretter der Planken, an welchen sie im Lager angebunden +waren. Einige Kamele und Dromedare, die Belisar aus Afrika mitgebracht, +wuehlten den Kopf in den Sand. - + +Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um +sich. "Das ist schwuel: wie vor dem "Wind des Todes" in den Wuesten +Aegyptens," sagte er zu sich selber. - "Schwuel ueberall - aussen und innen. - +Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft +entladen?" + +Damit trat er in sein Zelt. Syphax sprach zu ihm, "Herr, waer' ich daheim, +ich glaubte heute: der Gifthauch des Wuestengottes sei im Anzug," und er +reichte ihm einen Brief. + +Es war die Antwort des Frankenkoenigs! Hastig riss Cethegus das grosse, +prunkende Siegel auf. + +"Wer hat ihn gebracht?" + +Ein Gesandter, der, nachdem er den Praefekten nicht getroffen, sich zu +Belisar hatte fuehren lassen. Er hatte den naechsten Weg - den durchs Lager +- verlangt. Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt. + +Er las begierig: "Theudebald, Koenig der Franken, Cethegus dem Praefekten +Roms. Kluge Worte hast du uns geschrieben. Noch kluegere nicht der Schrift +vertraut, sondern uns durch unsern Majordomus kundgethan. Wir sind nicht +uebel geneigt, danach zu thun. Wir nehmen deinen Rat und die Geschenke, die +ihn begleiten, an. Den Bund mit den Goten hat ihr Unglueck geloest. Dies, +nicht unsere Wandelung, moegen sie verklagen. + +Wen der Himmel verlaesst, von dem sollen auch die Menschen lassen, wenn sie +fromm und klug. Zwar haben sie uns den Sold fuer das Hilfsheer in mehreren +Centenaren Goldes vorausbezahlt. Allein das bildet in unsern Augen kein +Hindernis. + +Wir behalten diese Schaetze als Pfand, bis sie uns die Staedte in Suedgallien +abgetreten, welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken +vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen. Da wir aber den Feldzug bereits +vorbereitet und unser tapferes Heer, das schon den Kampf erwartet, nur mit +gefaehrlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen wuerde, sind wir +gewillt, unsere siegreichen Scharen gleichwohl ueber die Alpen zu schicken. +Nur anstatt fuer: gegen die Goten. + +Aber freilich, auch nicht fuer den Kaiser Justinianus, der uns fortwaehrend +den Koenigstitel vorenthaelt, sich auf seinen Muenzen Herrn von Gallien +nennt, uns keine Goldmuenzen mit eigenem Brustbild praegen lassen will und +uns noch andere hoechst unertraegliche Kraenkungen unserer Ehre angethan. Wir +gedenken vielmehr, unsere eigene Macht nach Italien auszudehnen. + +Da wir nun wohl wissen, dass des Kaisers ganze Staerke in diesem Lande auf +seinem Feldherrn Belisar beruht, dieser aber eine grosse Zahl alter und +neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu fuehren hat: so werden +wir diesem Helden antragen, sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen, +wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Franken-Helden zu Hilfe senden +und uns dafuer nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin +abtreten lassen werden. + +Wir halten fuer unmoeglich, dass ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne. +Falls du zu diesem Plane mitwirken willst, verheissen wir dir eine Summe +von zwoelf Centenaren Goldes und werden, gegen eine Rueckzahlung von zwei +Centenaren, deinen Namen in die Liste unserer Tischgenossen aufnehmen. Der +Gesandte, der dir diesen Brief gebracht, Herzog Liuthari, hat unsern +Antrag Belisar mitzuteilen." + +Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen. + +Jetzt fuhr er auf. "Ein solcher Antrag zu dieser Stunde: - in dieser +Stimmung: - er nimmt ihn an! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend +Franken-Kriegern! Er darf nicht leben." - + +Und er eilte an den Eingang seines Zeltes. Dort aber blieb er ploetzlich +stehen: "Thor, der ich war!" laechelte er kalt. "Heissbluetig noch immer? Er +ist ja Belisar und nicht Cethegus! Er nimmt nicht an. Das waere, wie wenn +der Mond sich gegen die Erde empoeren wollte, als ob der zahme Haushund +ploetzlich zum grimmigen Wolfe wuerde. Er nimmt nicht an! Aber nun lass +sehen, wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen. Nein, +Frankenkoenig," und er laechelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief, +"solang Cethegus lebt, - nicht einen Fuss breit von Italiens Boden." + +Und einen raschen, heftigen Gang durchs Zelt. Einen zweiten langsamern. +Und einen dritten -: nun blieb er stehen -: und ueber seine maechtige Stirn +zuckt' es hin. "Ich hab' es!" frohlockte er. "Auf, Syphax," rief er, "geh' +und rufe mir Prokop." - + +Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur +Erde gefallenen Brief des Merowingen. "Nein," laechelte er triumphierend, +ihn aufhebend, "nein, Frankenkoenig, nicht soviel Raum als dieser Brief +bedeckt, sollst du haben von Italiens heiliger Erde." + +Bald erschien Prokop. Die beiden Maenner pflogen ueber Nacht ernste, schwere +Beratung. Prokop erschrak vor den schwindelkuehnen Plaenen des Praefekten und +weigerte sich lange, darauf einzugehen. + +Aber mit ueberlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert +und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken, schlug jeden Einwand, +noch eh' er ausgesprochen, mit siegender Ueberredung nieder und liess nicht +eher ab, seine unzerreissbaren und dichten Faeden um den Widerstrebenden zu +ziehen, bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte. - + +Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit +blassem Streif, als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm. "Cethegus," +sagte er aufstehend, "ich bewundere dich. + +Waer' ich nicht Belisars, - ich moechte dein Geschichtschreiber sein." + +"Interessanter waere es," sagte der Praefekt ruhig, "aber schwerer." + +"Doch graut mir vor der aetzenden Schaerfe deines Geistes. Sie ist ein +Zeichen der Zeit, in der wir leben. Sie ist wie eine blendendfarbige +Giftblume auf einem Sumpfe. Wenn ich denke wie du den Gotenkoenig durch +sein eigen Weib zu Grunde gerichtet ... -" + +"Ich musste dir das jetzt sagen. Leider hab' ich in letzter Zeit wenig von +meiner schoenen Verbuendeten gehoert." + +"Deine Verbuendete! Deine Mittel sind ..." - "Immer zweckmaessig." + +"Aber nicht immer ..! - Gleichviel, ich gehe mit dir: - noch eine Strecke +Weges, weil ich meinen Helden aus Italien fort haben will, sobald als +moeglich. Er soll in Persien Lorbeeren sammeln, statt hier Dornen. Aber ich +gehe nicht weiter mit dir als bis ... -" + +"Zu deinem Ziel, das versteht sich." + +"Genug. Ich spreche sofort mit Antoninen: ich zweifle nicht am Erfolg. Sie +langweilt sich hier aufs toedlichste. Sie brennt vor Begierde, in Byzanz +nicht nur so manchen Freund wiederzufinden, auch die Feinde ihres Gatten +zu verderben." + +"Eine gute schlechte Frau." + +"Aber Witichis? Meinst du, er wird eine Empoerung Belisars fuer moeglich +halten?" + +"Koenig Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe. Ich kenne +einen viel schaerferen Kopf, der's doch einen Augenblick fuer moeglich hielt. +Und du zeigst ihm ja alles schriftlich. Und jetzt gerade, da er von den +Franken im Stich gelassen ist, geht ihm das Wasser an den Hals: - er +greift nach jedem Strohhalm. Daran also zweifle ich nicht: - versichre +dich nur Antoninens." - + +"Das lass meine Sorge sein. Bis Mittag hoff' ich als Gesandter in Ravenna +einzuziehn." + +"Wohl: - dann vergiss mir nicht, die schoene Koenigin zu sprechen." + + + + + Neunzehntes Kapitel. + + +Und Mittags ritt Prokop in Ravenna ein. + +Er trug vier Briefe bei sich: den Brief Justinians an Belisar, die Briefe +des Frankenkoenigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an +Witichis. Diesen letztern hatte Prokop geschrieben und Cethegus hatte ihn +diktiert. + +Der Gesandte hatte keine Ahnung, in welcher Seelenverfassung er den Koenig +der Goten und seine Koenigin antraf. Der gesunde, aber einfache Sinn des +Koenigs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen, unter dem Druck +unausgesetzten Ungluecks zwar nicht zu verzagen, jedoch sich zu verduestern. +Die Ermordung seines einzigen Kindes, das herzzerfleischende Losreissen von +seinem Weibe hatten ihn schwer erschuettert: - aber er hatte es getragen +fuer den Sieg der Goten. Und nun war dieser Sieg hartnaeckig ausgeblieben. + +Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat +seiner Regierung tiefer gefallen: mit einziger Ausnahme des Gefechts bei +dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glueck gelaechelt. + +Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit +dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rueckzug geendet. +Neue Ungluecksschlaege, Nachrichten, die betaeubend wie Keulenschlaege auf den +Helm in dichter Folge sich draengten, mehrten seine Niedergeschlagenheit +und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit. + +Fast ganz Italien, ausserhalb Ravenna, schien Tag fuer Tag verloren zu +gehen. Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet, +unter Mundila, dem Heruler, und Ennes, dem Isaurier: ohne Schwertstreich +gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da +aus fast ganz Ligurien. Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius, der +Bischof dieser Stadt, selbst: von dort aus gewannen sie Bergomum, Comum, +Novaria. Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem +halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien +gefuehrt. Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert, +ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Aemilia durch Johannes den +Blutigen: die Versuche der Goten, Ancona, Ariminum und Mediolanum wieder +zu nehmen, scheiterten. + +Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Koenigs weiches Gemuet. + +Denn inzwischen wuetete der Hunger in den weiten Landschaften Aemilia, +Picenum, Tuscien. Dem Pfluge fehlten Maenner, Rinder und Rosse. + +Die Leute fluechteten in die Berge und Waelder, buken Brot aus Eicheln und +verschlangen das Gras und Unkraut. Verheerende Krankheiten entstanden aus +der mangelnden oder ungesunden Nahrung. In Picenum allein erlagen fuenfzig +tausend Menschen, noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien, +dem Hunger und den Seuchen. Bleich und abgemagert wankten die noch +Lebenden dem Grabe zu: wie Leder ward die Haut und schwarz, die gluehenden +Augen traten aus dem Kopf, die Eingeweide brannten. Die Aasvoegel +verschmaehten die Leichen dieser Pestopfer: aber von Menschen ward das +Menschenfleisch gierig gegessen. Muetter toeteten und verzehrten ihre +neugebornen Kinder. In einem Gehoeft bei Ariminum waren nur noch zwei +roemische Weiber uebrig. Diese ermordeten und verzehrten nacheinander +siebzehn Menschen, die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht. Erst der +achtzehnte erwachte, bevor sie ihn im Schlaf zu erwuergen vermochten, +toetete die werwoelfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der +frueheren Opfer ans Licht. + +Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung. +Die letzteren, die grosse Summen fuer das zugesagte Hilfsheer empfangen +hatten, verharrten in schweigender Ruhe. Die ungestuem zur Eile, zur +Erfuellung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten +des Koenigs wurden zu Mettis, Aurelianum und Paris festgehalten: keinerlei +Antwort kam von diesen Hoefen. Der Langobardenkoenig Audoin aber liess sagen: +er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin, +dieser jedoch sei mit grossem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen. + +Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien: - er sei mit Narses +eng befreundet. Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und +Volke raten, welche Beschluesse sie ueber dies Land Italia fassen sollten. + +Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des +starken Belagerungsheeres, das Belisar selbst, begleitet von Prokop, vor +die Mauern gefuehrt hatte und waehrend der Einschliessung befehligte. Aber es +zerriss dem Koenig das Herz, als ihm durch einen Boten (der nur mit Muehe und +verwundet sich durch die Reihen beider einschliessenden Heere in das drei +Tagreisen entfernte Ravenna schlich) der heldenmuetige Graf Wisand der +Bandalarius die folgenden Worte sandte: "Als du mir Auximum anvertrautest, +sagtest du: ich sollte damit die Schluessel Ravennas, ja des Gotenreiches +hueten. Ich sollte maennlich widerstehen, dann wuerdest du bald mit all' +deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen. Wir haben maennlich widerstanden +Belisar und dem Hunger. Wo bleibt dein Entsatz? Wehe, wenn du recht +gesprochen und mit unsrer Feste jene Schluessel in der Feinde Haende fallen. +Deshalb komm und hilf: - mehr um des Reichs, als unsrer willen." + +Diesem Boten folgte bald ein zweiter, ein mit vielem Golde bestochner +Soldat der Belagerer, Burcentius: sein Auftrag lautete - mit Blut war der +kurze Brief geschrieben: - "Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen, das +aus den Steinen waechst. Laenger als fuenf Tage koennen wir uns nicht mehr +halten." Der Bote fiel auf der Rueckkehr mit der Antwort des Koenigs in die +Hand der Belagerer, die ihn im Angesicht der Goten vor den Waellen von +Auximum lebendig verbrannten. + +Ach und der Koenig konnte nicht helfen! + +Noch immer widerstand das Haeuflein Goten in Auximum, obwohl ihnen Belisar +durch Zerstoerung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten +Brunnen, der ihnen geblieben und nicht abzugraben war, durch Leichen von +Menschen und Tieren und Kalkloesungen vergiftete. Sturmangriffe schlug +Wisand immer noch blutig ab: nur durch Aufopferung eines Leibwaechters +entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode. + +Endlich fiel zuerst Caesena, die letzte gotische Stadt in der Aemilia, und +dann Faesulae, das Cyprianus und Justinus belagerten. "Mein Faesulae!" rief +der Koenig, als er es erfuhr: - denn er war Graf dieser Stadt gewesen und +dicht dabei lag das Haus, das er mit Rauthgundis bewohnt hatte. "Die +Hunnen hausen wohl an meinem zerstoerten Herd!" + +Als aber die gefangene Besatzung von Faesulae den Belagerten in Auximum in +Ketten vor Augen gefuehrt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von +Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde, da noetigten den Bandalarius +seine verhungerten Scharen zur Uebergabe. + +Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus. + +Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien gefuehrt. Ja, so tief +gesunken war Mut und Volksgefuehl der endlich Bezwungenen, dass sie unter +Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen +unter Belisars Fahnen. + +Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen +Belagerer dieser Feste zurueckgefuehrt in das Lager vor Ravenna, wo er +Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm. + +Es war, als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkoenigs hafte, auf dem so +schwer die Krone lastete. Da er nun den Grund seines Misslingens keiner +Schwaeche, keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben, da er ebensowenig +an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine +einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des +Himmels erblicken konnte, so kam er immer wieder auf den quaelenden +Gedanken, es sei um seiner unvergebenen Suendenschuld willen, dass Gott die +Goten zuechtige: eine Verstellung, welche die Anschauungen des die Zeit +beherrschenden alten Testaments ihm nicht minder nahe legten als viele +Zuege der alten germanischen Koenigssage. + +Diese Gedanken verfolgten unablaessig den tuechtigen Mann und nagten Tag und +Nacht an der Kraft seiner Seele. Bald suchte er im selbstquaelerischen +Gruebeln jene seine geheime Schuld zu entdecken. Bald sann er nach, wie er +den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden koenne. +Laengst haette er die Krone einem andern abgetreten, wenn ein solcher +Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit haette +erscheinen muessen. So war ihm auch dieser Ausweg - der naechste und liebste +- aus seinen quaelenden Gedanken verschlossen. Gebeugt sass jetzt oft der +sonst so stattliche Mann, blickte lange starr und schweigend vor sich hin, +nur manchmal das Haupt schuettelnd oder tief aufseufzend. + +Der taegliche Anblick dieses stillen, stolzen Leidens, dieses stummen und +hilflosen Erduldens eines niederdrueckenden Geschickes blieb, wie wir +gesehen, nicht ohne Eindruck auf Mataswintha. Auch glaubte sie sich nicht +darin getaeuscht zu haben, dass seit geraumer Zeit sein Auge milder als +sonst, mit Wehmut, ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe. Und so draengte +sie teils uneingestandene Hoffnung, die so schwer erlischt im liebenden +Herzen, teils Reue und Mitleid maechtiger als je zu dem leidenden Koenig. + +Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit +vereint. Die Bevoelkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen +angefangen, waehrend die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und +aus Calabrien und Sicilien reiche Vorraete bezogen, Mangel zu leiden. Nur +die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen. +Des Koenigs mildes Herz nahm keinen Anstand, aus dem Ueberfluss seiner +Magazine, die, wie gesagt, die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der +Franken auszureichen versprachen, auch an die Armen der Stadt wohlthaetige +Verteilungen zu machen, nachdem er seine gotischen Tausendschaften +versorgt hatte: auch hoffte er auf eine grosse Menge von Getreideschiffen, +welche die Goten in den oberen Padus-Gegenden auf diesem Flusse +zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten. + +Um aber jeden Missbrauch und alles Uebermass bei jenen Spenden fernzuhalten, +ueberwachte der Koenig selbst diese Austeilungen: und Mataswintha, die ihn +einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen, hatte +sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris +gestellt und ihm geholfen, die Koerbe mit Brot verteilen. Es war ein +schoener Anblick, wie das Paar, er zur Rechten, die Koenigin zur Linken, vor +der Kirchenpforte standen und ueber die Stufen hinab dem segenrufenden Volk +die Spende reichten. + +Waehrend sie so standen, bemerkte Mataswintha unter der draengenden, +flutenden Volksmasse, - denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten +vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengestroemt, - +auf der untersten Stufe der Basilika seitwaerts ein Weib in schlichtem, +braunem, halb ueber den Kopf gezogenem Mantel. Dies Weib draengte nicht mit +den andern die Stufen hinan, um auch Brot fuer sich zu fordern: sondern +lehnte, vorgebeugt, den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen +hohen Sarkophag gestuetzt, hinter der Ecksaeule der Basilika und blickte +scharf und unverwandt auf die Koenigin. + +Mataswintha glaubte, das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz +abgehalten, sich unter die keckern Bettler zu mischen, die auf den Stufen +sich stiessen und draengten: und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot, +hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen. Sorglich bemueht haeufte sie mit +mildem Blick und mit den beiden weissen Haenden thaetig das duftende +Gebaeck. - + +Als sie aufsah, begegnete sie dem Auge des Koenigs, das, sanft und +freundlich geruehrt, wie noch nie, auf ihr geruht hatte. - Heiss schoss ihr +das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern. + +Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte, war +diese verschwunden. Der Platz am Sarkophag war leer. + +Sie hatte, waehrend sie den Korb fuellte, nicht bemerkt, wie ein Mann mit +einem Bueffelfell und einer Sturmhaube, der hinter der Frau stand, sie beim +Arme gefasst und mit sanfter Gewalt hinweggefuehrt hatte. "Komm," hatte er +gesagt, "hier ist kein guter Ort fuer dich." Und wie im wachen Traum hatte +das Weib geantwortet: "Bei Gott, sie ist wunderschoen." + +"Ich danke dir, Mataswintha!" sprach der Koenig freundlich, als die fuer +heute bestimmten Spenden verteilt waren. + +Der Blick, der Ton, das Wort drangen tief in ihr Herz. Nie hatte er sie +bisher bei ihrem Namen genannt, immer nur die Koenigin in ihr gesehen und +angesprochen. Wie beglueckte sie das Wort aus seinem Munde - und wie schwer +lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewussten Seele! Offenbar +hatte sie sich zum Teil seine waermere Stimmung durch ihr werkthaetiges +Mitleid mit den Armen erworben. "O er ist gut," sagte sie, halb weinend +vor Erregung, "ich will auch gut sein." + +Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken +Fluegels des Palastes trat - Witichis bewohnte den rechten - eilte ihr Aspa +geschaeftig entgegen. "Ein Gesandter aus dem Lager," fluesterte sie der +Herrin eifrig zu. "Er bringt geheime Botschaft vom Praefekten - einen +Brief, von Syphax Hand, in unsrer Sprache - er harrt auf Antwort ..." - + +"Lass," rief Mataswintha, die Stirne furchend, "ich will nichts hoeren, +nichts lesen. Aber wer sind diese?" + +Und sie deutete auf die Treppe, die aus der Vorhalle in ihre Gemaecher +fuehrte. Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber, Kinder, Kranke, +Goten und Italier durcheinander, in Lumpen gehuellt - eine Gruppe des +Elends. + +"Bettler, Arme, sie liegen hier schon den ganzen Morgen. Sie sind nicht zu +verscheuchen." - "Man soll sie nicht verscheuchen!" sprach Mataswintha, +naeher tretend. + +"Brot, Koenigin! Brot, Tochter der Amalungen!" riefen mehrere Stimmen ihr +entgegen. "Gieb ihnen Gold, Aspa, alles, was du bei dir traegst und hole .. +-" - "Brot! Brot! Koenigin, nicht Gold! um Gold ist kein Brot mehr zu haben +in der Stadt." + +"Vor des Koenigs Speichern wird es umsonst verteilt. Ich komme gerade davon +her, warum wart ihr nicht dort?" + +"Ach Koenigin, wir koennen nicht durchdringen," jammerte eine hagere Frau. +"Ich bin alt und meine Tochter hier ist krank und jener Greis dort ist +blind. Die Gesunden, die Jungen stossen uns zurueck. Drei Tage haben wir's +umsonst versucht: wir dringen nicht durch." - "Nein, wir hungern," grollte +der Alte. "O Theoderich, mein Herr und Koenig, wo bist du? Unter deinem +Scepter hatten wir vollauf. - Da kamen die Armen und Siechen nicht zu +kurz. Aber dieser Unglueckskoenig ... -" + +"Schweig," sprach Mataswintha, "der Koenig, mein Gemahl" - und hier flog +ein wunderschoenes Rot ueber ihre Wangen - "thut mehr als ihr verdient. +Wartet hier, ich schaffe euch Brot. Folge mir, Aspa." + +Und rasch schritt sie hinweg. "Wohin eilst du?" fragte die Sklavin +staunend. + +Und Mataswintha schlug den Schleier ueber ihr Antlitz, als sie antwortete: +"Zum Koenig!" + +Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht, bat sie der Thuersteher, der +sie mit Befremden erkannte, zu verweilen. "Ein Abgesandter Belisars habe +geheime Audienz: er sei schon lange im Gemach und werde es bald +verlassen." + +Da oeffnete sich die Thuere: - und Prokop stand zoegernd auf der Schwelle. +"Koenig der Goten," sprach er, sich nochmals wendend, "ist das dein letztes +Wort?" - "Mein letztes, wie's mein erstes war," sprach der Koenig voller +Wuerde. - "Ich goenne dir noch Zeit: - ich bleibe noch bis morgen in +Ravenna." - "Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen, nicht mehr als +Gesandter." - "Ich wiederhole: faellt die Stadt mit Sturm, so werden alle +Goten, die hoeher als Belisars Schwert, getoetet - er hat's geschworen! - +Weiber und Kinder als Sklaven verkauft - Du begreifst: Belisar kann keine +Barbaren brauchen in _seinem_ Italien - Dich mag der Tod des Helden +locken: aber bedenke die Hilflosen - ihr Blut wird vor Gottes Thron -" - +"Gesandter Belisars, ihr steht in Gottes Hand wie wir; lebwohl." Und so +maechtig wurden diese Worte gesprochen, dass der Byzantiner gehen musste, so +ungern er es that. Die schlichte Wuerde dieses Mannes wirkte stark auf ihn. +Aber auch auf die Lauscherin. + +Als Prokop die Thuere schloss, sah er Mataswintha vor sich stehn und trat +bewundernd einen Schritt zurueck, geblendet von soviel Schoenheit. +Ehrerbietig begruesste er sie. "Du bist die Koenigin der Goten!" sagte er, +sich fassend, "du musst es sein." + +"Ich bin's!" sagte Mataswintha, "haett' ich das nie vergessen." Und stolz +rauschte sie an ihm vorueber. + +"Augen haben diese Germanen, Maenner und Weiber," sagte Prokop im +Hinausgehen, "wie ich sie nie gesehen." + + + + + Zwanzigstes Kapitel. + + +Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten. + +Witichis hatte alle Gemaecher, welche die Amalungen, Theoderich, +Athalarich, Amalaswintha bewohnt, (sie lagen im Mittelbau des weitlaeufigen +Palastes) unberuehrt gelassen und einige auch frueher schon von ihm, wenn er +die Wache am Hofe hatte, bewohnte Raeume im rechten Fluegel bezogen. Er +hatte die Gold- und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen +Zimmern allen koeniglichen Pomp entfernt. Ein Feldbett auf niedern +Eisenfuessen, auf welchem sein Helm, sein Schwert und mehrere Urkunden +lagen, ein langer Eichentisch und wenig Holzgeraet standen in dem einfachen +Gelass. + +Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung, erschoepft, mit dem Ruecken +gegen die Thuer in einen Stuhl geworfen und stuetzte das muede Haupt in +beiden Haenden auf den Tisch. So hatte er den leicht schwebenden Schritt +der Eintretenden nicht bemerkt. + +Mataswintha blieb, wie gebannt, an der Schwelle stehen. Sie hatte ihn noch +niemals aufgesucht. Ihr Herz pochte maechtig. Sie konnte ihn nicht +ansprechen: sie konnte nicht naeher treten. + +Endlich stand Witichis mit Seufzen auf. Da sah er die regungslose Gestalt +an der Thuere stehen. "Du hier Koenigin?" sprach er staunend und trat ihr +einen Schritt entgegen. "Was kann dich zu mir fuehren?" + +"Die Pflicht - das Mitleid" - sagte Mataswintha rasch. "Sonst haette ich +nicht - - ich habe eine Bitte an dich." + +"Es ist die erste," sagte Witichis. - "Sie betrifft nicht mich" - fiel sie +schnell ein - "Ich bitte dich um Brot fuer Arme, Kranke, welche" - + +Da reichte ihr der Koenig schweigend die Rechte hin. - + +Es war das erstemal: sie wagte nicht, sie zu fassen: und haette es doch, o +wie gerne, gethan. So fasste er selbst ihre Hand und drueckte sie leicht. + +"Ich danke dir, Mataswintha, und bitte dir ein Unrecht ab. Du hast dennoch +ein Herz fuer dein Volk und seine Leiden. Ich haette das nie geglaubt: ich +habe hart von dir gedacht." + +"Haettest du von jeher anders von mir gedacht: - es waere vielleicht manches +besser." + +"Schwerlich! Das Unglueck heftet sich an meine Fersen. Eben jetzt - du hast +ein Recht, es zu wissen - brach meine letzte Hoffnung: Die Franken, auf +deren Hilfe ich hoffte, haben uns verraten. Entsatz ist unmoeglich: die +Uebermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugross. Es bleibt nur +noch ein letztes: ein freier Tod." + +"Lass mich ihn mit dir teilen," rief Mataswintha, und ihre Augen +leuchteten. - "Du? nein; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme +finden am Hofe von Byzanz. Man weiss, dass du gegen deinen Willen meine +Koenigin geworden .. - Du kannst dich laut darauf berufen." + +"Nimmermehr!" sprach Mataswintha begeistert. + +Witichis fuhr, ohne ihrer zu achten, in seinen Gedanken fort: "Aber die +andern! Die Tausende! die Hunderttausende von Weibern, von Kindern! +Belisar haelt, was er geschworen! Es ist nur Eine Hoffnung noch fuer sie: - +eine einzige! Denn - alle Maechte der Natur verschwoeren sich gegen mich. +Der Padus ist ploetzlich so seicht geworden, dass zweihundert +Getreideschiffe, die ich erwartete, nicht rasch genug den Fluss +herabgebracht werden konnten: die Byzantiner haben sie aufgefangen! + +Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkoenig geschrieben: er soll seine +Flotte senden. Die unsre ist ja in Feindes Hand! Dringt sie in den Hafen, +so kann darauf entfliehen, was nicht fechten kann und nicht sterben soll. +Auch du kannst dann, wenn du es vorziehst, nach Spanien entfliehen." + +"Ich will mit dir -, mit euch sterben." + +"In wenig Wochen koennen die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen. +Bis dahin reichen meine Speicher - der letzte Trost. Doch, das mahnt mich +an deinen Wunsch: - Hier ist der Schluessel zu dem Hauptthor der Speicher. +Ich trag' ihn Tag und Nacht auf meiner Brust. Bewahre ihn wohl: - er +verwahrt meine letzte Hoffnung. Er schliesst das Leben von vielen Tausenden +ein. Es war meine einzige Muehewaltung, die nicht fruchtlos blieb. Mich +wundert," fuegte er schmerzlich hinzu, "dass nicht die Erde sich aufgethan +hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist, diese meine Bauten zu +verschlingen." + +Und er nahm den schweren Schluessel aus dem Brustlatz seines Wamses. "Huet' +ihn wohl, es ist mein letzter Schatz, Mataswintha." + +"Ich danke dir, Witichis - Koenig Witichis -" sagte sie, verbessernd, und +griff nach dem Schluessel, aber ihre Hand zitterte. Er fiel. + +"Was ist dir," fragte der Koenig, den Schluessel ihr in die Rechte drueckend, +- sie steckte ihn in den Guertel ihres weissseidnen Unterkleides - "du +zitterst? Bist du krank?" setzte er besorgt hinzu. + +"Nein - es ist nichts. - Aber sieh mich nicht an so - so wie jetzt und wie +heute morgen ... -" "Vergieb mir, Koenigin," sagte Witichis, sich +abwendend. "Meine Blicke sollten dich nicht kraenken. Ich hatte viel, recht +viel Gram in diesen Tagen. Und wenn ich nachsann, mit welcher Schuld ich +all dies Unglueck verdient haben koennte ..." - seine Stimme wurde weich. + +"Dann? o rede?" bat Mataswintha hingerissen. Denn sie zweifelte nicht mehr +an dem Sinn seines unausgesprochen Gedankens. + +"Dann hab' ich, unter all' den ringenden Zweifeln, oft auch gedacht, ob es +nicht Strafe sei fuer eine harte, harte That, die ich an einem herrlichen +Geschoepf begangen. An einem Weibe, das ich meinem Volk geopfert -" Und +unwillkuerlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hoererin. + +Mataswinthens Wangen ergluehten: sie fasste, sich aufrecht zu halten, nach +der Lehne des Stuhles neben ihr. "Endlich - endlich erweicht sein Herz und +ich - was habe ich ihm gethan!" dachte sie "und Er bereut. -" + +"Ein Weib," fuhr er fort, "das unsaeglich um mich gelitten, mehr als Worte +sagen koennen." - "Halt ein!" fluesterte sie so leise, dass er es nicht +vernahm. "Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah, weicher, +milder, weiblicher als je zuvor - Dann ruehrtest du mein Herz mit Macht: +und Thraenen drangen in meine Augen." - + +"O Witichis!" hauchte Mataswintha. + +"Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele. Denn du mahnst +mich dann so ganz, so herzerschuetternd an -" + +"An wen?" fragte Mataswintha und wurde leichenblass. + +"Ach an sie, die ich geopfert! Die alles um mich gelitten, an mein Weib +Rauthgundis, die Seele meiner Seele." Wie lange hatte er den geliebten +Namen nicht mehr laut gesprochen! Jetzt ueberwaeltigte ihn bei diesem Klang +die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht: und in den Stuhl sinkend +bedeckte er sein Gesicht mit beiden Haenden. + +Es war gut. Denn so bemerkte er nicht, wie es blitzaehnlich durch die +Gestalt der Koenigin zuckte, ihr schoenes Antlitz sich medusenhaft +verzerrte. Doch hoerte er einen dumpfen Schlag und wandte sich. + +Mataswintha war zu Boden gesunken. Ihre linke Hand klammerte sich in die +durchbrochene Ruecklehne des Stuhls, an dem sie niedergeglitten war, +waehrend die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte. Ihr bleiches +Haupt war vorgebeugt, das prachtvoll rote Haar flutete, losgerissen aus +dem Scheitelband, ueber ihre Schultern: ihre scharf geschnittenen Nuestern +flogen. + +"Koenigin!" rief er hinzueilend, sie aufzuheben, "was hat dich befallen?" + +Aber ehe er sie beruehren konnte, schnellte sie wie eine Schlange empor und +richtete sich hoch auf: "Es war eine Schwaeche," sagte sie, "die jetzt +vorbei: - leb wohl!" Wankend erreichte sie die Thuer und fiel draussen +bewusstlos in Aspas Arme. + + -------------- + +Unterdessen hatte sich das unheimliche drohende Ansehen der ganzen Natur +noch gesteigert. + +Die kleine, rundgeballte Wolke, die Cethegus am Tage zuvor bemerkt, war +der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen, welche die +Nacht ueber aus dem Osten aufgestiegen war, jedoch seit dem Morgen +unbeweglich, wie Verderben bruetend, ueber dem Meere stand und die Haelfte +des Horizonts bedeckte. + +Aber im Sueden brannte die Sonne mit unertraeglich stechenden Strahlen aus +dem unbewoelkten Himmel. Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch +abgelegt: sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser +unleidlichen Hitze aus. Kein Lueftchen regte sich mehr. Der Ostwind, der +jene Wolkenschicht heraufgefuehrt, war ploetzlich gefallen. Unbeweglich, +bleigrau lag das Meer: die Zitterpappeln im Schlossgarten standen +regungslos. + +Allein in die Tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und +Unruhe geraten. An dem heissen Sand der Kueste hin flatterten Schwalben, +Moewen und Sumpfvoegel unsicher, ziellos, hin und her, ganz nieder an der +Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend. In der Stadt aber +liefen die Hunde winselnd aus den Haeusern: die Pferde rissen sich in den +Staellen los und schlugen, ungeduldig schnaubend, droehnenden Hufes um sich; +klaeglich schrieen Katzen, Esel und Maultiere und von den Dromedaren +Belisars rasten und schaeumten sich drei zu Tode in wuetenden Anstrengungen, +zu entkommen. - + +Es neigte jetzt gegen Abend. Die Sonne drohte, alsbald unter den Horizont +zu sinken. + +Auf dem Forum des Herkules sass ein Buerger von Ravenna auf der Marmorstufe +vor seinem Hause. Er war ein Winzer und schenkte, wie der verdorrte +Rebenzweig ueber seiner Thuer zeigte, in seinem Hause selbst von seinem +Gewaechs. Er blickte nach dem drohenden Wettergewoelk. "Ich wollte, es kaeme +Regen," seufzte er. "Koemmt nicht Regen, so koemmt Hagel und zerschlaegt +vollends, was an Wachstum draussen die Rosse der Feinde noch nicht +zerstampft haben." + +"Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde?" fluesterte sein Sohn, ein +roemischer Patriot. Aber leise. Denn eben bog um die Ecke eine gotische +Runde. + +"Ich wollte, der Orcus verschlaenge sie alle miteinander, Griechen und +Barbaren! Die Goten haben wenigstens immer Durst. Siehst du, da koemmt der +lange Hildebadus, der ist der Durstigsten einer. Sollte mich wundern, wenn +er heute nicht trinken wollte, da die Steine bersten moechten vor +Trockenheit." + +Hildebad hatte die naechste Wache abgeloest und schlenderte nun langsam +heran, den Helm im linken Arm, die lange Lanze laessig ueber der Schulter. +Er schritt an der Weinschenke vorbei, zu grossem Befremden ihres Herrn, bog +in die naechste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken +Rundturm, - er hiess der Turm des Aetius -, in dessen Schatten oben auf dem +Walle ein schoener junger Gote auf und nieder schritt. Lange, hellblonde +Locken rieselten auf seine Schultern: und das zarte Weiss und Rot seines +Gesichts, wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast maedchenhaftes +Ansehn. + +"He, Fridugern," rief ihm Hildebad hinauf, "huiweh! Blitzjunge, haeltst +du's noch immer aus auf diesem Bratrost da oben? Und mit Schild und Panzer +- uf!" + +"Ich habe die Wache, Hildebad!" sagte der Juengling sanft. + +"Ach, was Wache! Glaubst du, bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar +stuermen? Ich sage dir, der ist froh, wenn er Luft hat und verlangt heute +kein Blut. Komm mit: ich kam dich zu holen - der dicke Ravennate auf dem +Herkulesplatz hat alten Wein und junge Toechter: - lass uns beide zu Munde +fuehren." + +Der junge Gote schuettelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich. +"Ich habe Dienst und keinen Sinn fuer Maedchen. Durst habe ich freilich: - +schicke mir einen Becher Wein herauf." + +"Ach, richtig, bei Freia, Venus und Maria! du hast ja eine Braut ueber den +Bergen am Danubius! Und du glaubst, die merkt es gleich und die Treue sei +gebrochen, wenn du hier einer Roemerdirne in die Kohlenaugen guckst. O +lieber Freund, bist du noch jung! Nun, nun, nichts fuer ungut. Mir kann's +ja recht sein. Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch aelter +werden. Ich schicke dir vom roten Massiker heraus: - da kannst du dann +allein Allgunthens Minne trinken." + +Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden. Bald brachte +ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein; dieser fluesterte: "All +Heil, Allgunthis!" und leerte ihn auf einen Zug. Dann nahm er die Lanze +wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder, langsamen +Schrittes. "Von ihr sinnen und traeumen darf ich wenigstens," sagte er, +"das wehrt kein Dienst. Wann werd' ich sie wohl wieder sehn?" Und er +schritt weiter: und blieb dann gedankenvoll im Schatten des maechtigen +Turmes stehn, der schwarz und drohend auf ihn niedersah. - + +Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei. Sie fuehrten in der +Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und liessen ihn zur Porta Honorii +hinaus. Es war Prokop, der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden +gewartet hatte. Es war umsonst: keine Botschaft vom Koenig kam: und +missmutig verliess der Gesandte die Stadt. Des Praefekten feiner Plan war, so +schien es, an der schlichten Wuerde des Gotenkoenigs gescheitert. - + +Und noch eine Stunde verging. Es war dunkler, aber nicht kuehler geworden. +Da erhob sich vom Meere ploetzlich ein starker Windstoss aus Sueden: er schob +die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden. Sie lagerten +jetzt dicht und schwer ueber der Stadt. + +Aber auch das Meer, der Suedosten, ward dadurch nicht frei. Denn eine +zweite, gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich +unmittelbar an die erste geschlossen. Der ganze Himmel ueber Meer und Land +war jetzt ein schwarzes Gewoelbe. + +Hildebad ging, weinmuede, nach seinem Nachtposten an der porta Honorii: +"Noch immer auf Wache, Fridugern?" rief er dem jungen Goten hinauf. "Und +noch immer kein Regen! Die arme Erde! Wie sie duersten muss! sie dauert +mich! Gute Wache!" + +In den Haeusern war es unleidlich schwuel: denn der Wind kam aus den heissen +Sandwuesten Afrikas. + +Die Leute draengten sich, geaengstigt von dem drohenden Aussehen des +Himmels, hinaus ins Freie, zogen in dichten Haufen durch die Strassen oder +lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Saeulengaengen der Basiliken. +Auf den Stufen von Sankt Apollinaris draengte sich viel Volk zusammen. Und +es ward, obwohl erst Sonnenuntergangszeit, doch voellig dunkle Nacht. + + -------------- + +Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha, die Koenigin, mit +todesbleichen Wangen, in schwerer Betaeubung. Aber ohne Schlaf. Die +weitgeoeffneten Augen starrten in die Dunkelheit. + +Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas aengstliche Fragen gesprochen und +zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen. + +Unwillkuerlich kehrten in ihrem eintoenigen Denken die Worte wieder. +Witichis - Rauthgundis - Mataswintha! Mataswintha - Rauthgundis - +Witichis! + +Lange, lange lag sie so und nichts schien den unaufhoerlichen Kreislauf +dieser Worte unterbrechen zu koennen. + +Da ploetzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach und +im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag, ein Donner, +wie sie ihn nie vernommen, grollend, knatternd, prasselnd, krachend ueber +die bebende Stadt. + +Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr: sie fuhr empor. Sie setzte +sich aufrecht auf dem Ruhebett. Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen. +Sie trug nur noch das weissseidne Unterkleid: sie warf die wallenden Wogen +ihres Haares ueber die Schultern und lauschte. + +Es war eine bange Stille. Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag. + +Ein Windstoss riss heulend das Fenster von Milchglas auf, das nach dem Hofe +fuehrte. Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus, die jetzt jeden +Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde. Unaufhoerlich rollte der +Donner, selbst das furchtbare Geheul des Sturmes ueberdroehnend. Der Kampf +der Elemente that ihr wohl. Sie lauschte begierig, auf die Linke gestuetzt +und mit der Rechten langsam ueber die Stirne streichend. + +Da eilte Aspa herein mit Licht. Es war eine Fackel, deren Flamme in einer +geschlossenen Glaskugel brannte. + +"Koenigin, du .. - Aber, bei allen Goettern, wie siehst du aus! Wie eine +Lemure. Wie die Rachegoettin!" + +"Ich wollte, ich waere es," sagte Mataswintha - es war das erste Wort seit +langen Stunden, - ohne den Blick vom Fenster zu wenden. + +Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Aspa schloss das Fenster. "O +Koenigin, die Frommen unter deinen Maegden sagen: das sei das Ende der Welt, +das da komme, und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken, zu +richten die Lebendigen und die Toten. Huh, welch' ein Blitz! Und noch kein +Tropfen Regen. Nie hab' ich solch ein Unwetter gesehen. Die Goetter zuernen +schwer." + +"Wehe, wem sie zuernen. O, ich beneide sie, die Goetter. Sie koennen hassen +und lieben, wie's ihnen gefaellt. Und zermalmen den, der sie nicht wieder +liebt." + +"Ach Herrin, ich war auf der Strasse: ich komme gerade zurueck. Alles Volk +stroemt in die Kirchen mit Beten und Singen, den Himmel zu versoehnen. Ich +bete zu Kairu und Astarte - Herrin, betest du nicht auch?" + +"Ich fluche! Das ist auch gebetet." + +"Oh, welch ein Donnerschlag!" schrie die Sklavin und stuerzte zitternd in +die Knie'. Der dunkelblaue Mantel, den sie trug, glitt von ihren +Schultern. Der Blitz und Donner war so stark gewesen, dass Mataswintha aus +den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war. + +"Gnade, Gnade, ihr grossen Goetter! erbarmt euch der Menschen!" flehte die +Afrikanern. + +"Nein, keine Gnade! Fluch und Verderben ueber die elende Menschheit! + +Ha, das war schoen! Hoerst du, wie sie unten heulen vor Angst auf der +Strasse? Noch einer, und noch ein Strahl! Ha, ihr Goetter, wenn ein +Himmelsgott oder Himmelsgoetter sind - nur um eins beneid' ich euch -: um +die Macht eures Hasses, um euren raschen, gefluegelten, toedlichen Blitz! +Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde +vergehn: und ihr lacht dazu: - der Donner ist euer Gelaechter! Ha, was war +das?" + +Ein Blitz und ein Donner, der alle fruehern uebertraf, zuckte und krachte. +Aspa fuhr vom Boden auf. + +"Was ist das fuer ein grosses Haus, Aspa? die dunkle Masse uns gegenueber? +Der Blitz hat wohl gezuendet: - brennt es?" + +"Nein, Dank den Goettern! es brennt nicht! Der Blitz hat sie nur +beleuchtet. Es sind die Kornspeicher des Koenigs." + +"Ha, habt ihr fehl geblitzt, ihr Goetter?" So schrie die Koenigin. "Auch die +Sterblichen fuehren den Blitz der Rache." + +Und sie sprang vom Fenster hinweg, - und das Gemach war ploetzlich dunkel. + +"Koenigin - Herrin - wo bist - wohin bist du verschwunden?" rief Aspa. Und +sie tastete an den Waenden. Aber das Gemach war leer: und Aspa rief umsonst +nach ihrer Herrin. + + -------------- + +Unten auf der Strasse wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein +frommer Zug. + +Ravennaten und Goten, Kinder und Greise, sehr viele Frauen: Knaben mit +Fackeln schritten voran, hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und +Fahnen. Und durch das Bruellen des Donners und durch das Pfeifen des +Sturmes scholl die alte, feierlich ergreifende Weise: + + _dulce mihi cruciari, parva vis doloris est:_ + _malo mori quam foedari: major vis amoris est._ + +Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete: + + _parce, judex, contristatis parce pecatoribus,_ + _qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus._ + +Und der Bittgang verschwand in der Kirche. Auch die naechsten Aufseher der +Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an. + +Auf den Stufen der Basilika, gerade der Thuer der Speicher gegenueber, sass +das Weib im braunen Mantel: still und furchtlos im Aufruhr der Elemente, +die Haende nicht gefaltet, aber ruhig im Schos liegend. Der Mann in der +Sturmhaube stand neben ihr. + +Eine gotische Frau, die in die Kirche eilte, erkannte sie im Schein eines +Blitzes. "Du wieder hier, Landsmaennin? Ohne Obdach? Ich habe dir doch oft +genug mein Haus angeboten. Du scheinst fremd hier in Ravenna?" + +"Ich bin fremd. Doch hab' ich Obdach." - "Komm mit in die Kirche und bete +mit uns." + +"Ich bete hier." - "Du betest? Du singst nicht und sprichst nicht?" + +"Gott hoert mich doch." - "Bete doch fuer die Stadt. Sie fuerchten, es komme +das Ende der Welt." + +"Ich fuerchte es nicht, wenn es kommt." + +"Und bete fuer unsern guten Koenig, der uns Brot giebt alle Tage." - "Ich +bete fuer ihn." + +Da toente der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden, die sich +an der Basilika kreuzten. + +"Ei so donnre, bis du springst," schalt der Fuehrer der einen Schar, "aber +brumme mir nicht in meinen Befehl. + +Haltet an. Wisand, du bist's? Wo ist der Koenig? Auch in der Kirche?" + +"Nein, Hildebad, auf den Waellen." + +"Recht so, da gehoert er hin! Vorwaerts, Heil dem Koenig." Und die Schritte +verhallten. + +Da kam ein roemischer Lehrer mit einigen seiner Schueler vorbei. "Aber, +Magister," mahnte der juengste, "ich dachte, du wolltest in die Kirche? +Warum fuehrst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter?" + +"Das sagte ich nur, um euch und mich aus dem Hause zu bringen. Was Kirche! +Ich sage dir, je weniger ich Daecher und Mauern um mich weiss, desto wohler +ist mir. Ich fuehr' euch auf die grosse, freie Wiese in der Vorstadt. Ich +wollte, wir haetten Regen. Waere der Vesuvius nahe genug, wie in meiner +Heimat, ich daechte, Ravenna werde heut' ein zweites Herculaneum. Ich kenne +solche Luft, wie sie heute weht - ich traue nicht!" Und sie gingen +vorueber. + +"Willst du nicht mit mir gehn, Frau?" sprach der Mann in der Sturmhaube zu +der Gotin. "Ich muss sehen, Dromon, unsern Gastfreund, jetzt zu treffen: +sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach. Ich kann dich +nicht allein lassen im Dunkeln. Du hast kein Licht bei dir." + +"Siehst du nicht, wie mir die Blitze leuchten? Geh' nur, ich komme nach. +Ich muss noch was zu Ende denken -, zu Ende beten." Und die Frau blieb +allein. Sie presste beide Haende fest gegen die Brust und sah gegen den +schwarzen Himmel: leise nur bewegten sich ihre Lippen. + +Da war es ihr, als saehe sie in den Hochgaengen, Galerien und Oberhallen des +gewaltigen Holzbaues der Speicher, die in dunkeln Massen ihr gegenueber +lagen, aus dem steinernen Rundbau des Cirkus ragend, ein Licht auftauchen +und hin und wieder, auf und abwaerts wandeln. Es musste wohl eine Taeuschung +durch die Blitze sein. Denn jedes frei getragene Licht haette der Wind in +den nach aussen offenen Galerien verloescht. + +Aber nein: es war doch ein Licht. + +Denn in regelmaessigen Zwischenraeumen wechselte sein Aufleuchten und sein +Verschwinden, wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gaengen mit ihren +verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen wuerde. Scharf sah die Frau +nach dem wechselnden Licht und Schatten ... - - + +Aber ploetzlich - o Entsetzen - fuhr sie empor. + +Es war ihr: als sei die Marmorstufe, auf der sie gesessen, ein schlafend +Tier gewesen, das, jetzt erwachend, sich leise regte, lebendig wurde - und +schwankte, - stark, - von der Linken zur Rechten. - + +Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal. - + +Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei. Hell aufflammte das +Licht und verschwand ploetzlich. - + +Aber auch die Frau auf der Strasse stiess einen leisen Angstruf aus. Denn +jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln: die Erde bebte unter ihr! - Ein +leises Zucken: und ploetzlich zwei, drei starke Stoesse: als hebe sich +wellenfoermig der Boden von der Linken zur Rechten. + +Aus der Stadt her toente Angstgeschrei. Aus den Thueren der Basilika stuerzte +in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter. - Noch ein Stoss! - Die +Frau hielt sich mit Muehe aufrecht. + +Und fernher, von der Aussenseite der Stadt, scholl ein gewaltiges dumpfes +Krachen, wie von massenhaft stuerzenden, schweren Lasten. + +Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht. + + + + + Einundzwanzigstes Kapitel. + + +Waehrend die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, +drehte sie einen Augenblick den Speichern den Ruecken. Aber rasch wandte +sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Thuere +zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte +ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hoerte etwas sacht an der +Aussenmauer des Gebaeudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises +Seufzen zu vernehmen. + +"Halt," rief die Frau, "wer jammert da?" + +"Still, still," fluesterte eine seltsame Stimme, "die Erde hat darueber - +vor Abscheu - sich geschuettelt, gebebt. Die Erde bebt - die Toten stehen +auf. - Es kommt der juengste Tag, - der deckt alles auf. - Bald wird er's +wissen. - Oh. -" Und ein tiefgezogener Klagelaut - und ein Rauschen von +Gewaendern - und Stille. + +"Wo bist du? bist du wund?" rief die Frau tastend. + +Da zuckte ein heller Blitz, - der erste seit dem Erdstoss - und zeigte, vor +ihren Fuessen liegend, eine verhuellte Gestalt. Weisse und dunkelblaue +Frauenkleider. - Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden. + +Aber rasch sprang diese bei der Beruehrung auf und war mit einem Schrei im +Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein +Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange, mit einer gruenen Schlange +von Smaragden, die in ihrer Hand zurueckgeblieben, war ein Pfand der +Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung. + + -------------- + +Und wieder toenten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. "Hildebad, +Hildebad, zu Hilfe!" rief Wisand. "Hier bin ich: - was ist? wohin soll +ich?" fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend. "An das Thor des +Honorius! Dort ist die Mauer eingestuerzt und der dicke Turm des Aetius +liegt in Truemmern. - Zu Hilfe, in die Luecke!" + +"Ich komme: - - armer Fridugern!" + + -------------- + +In dem gleichen Augenblick stuermte draussen im Lager der Byzantiner +Cethegus der Praefekt in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller +Ruestung, der purpurdunkle Rossschweif flatterte um seinen Helm. Seine +Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. "Auf! was +saeumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stuerzen von +selber ein. + +Offen liegt vor dir des letzten Gotenkoenigs letzte Burg. - Und du? was +thust du in deinem Zelt? - -" + +"Ich verehre die Groesse des Allmaechtigen!" sagte Belisar mit edler Ruhe. +Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. - Ein +Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Thun die wilde Glut des +Praefekten das Paar gestoert. "Das thu' morgen. - Nach dem Sieg. Jetzt aber: +stuerme!" + +"Jetzt stuermen!" sprach Antonina, "welcher Frevel! + +Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschuettert und erschreckt. Denn Gott +der Herr spricht in diesen Wettern!" + +"Lass ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aetius und +ein gutes Stueck Mauer ist eingestuerzt. Ich frage dich, willst du stuermen?" + +"Er hat nicht unrecht," meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. - +"Aber es ist finstre Nacht. - -" + +"Im Finstern find' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch +leuchten die Blitze." + +"Du bist ja ploetzlich sehr kampfeseifrig," zoegerte Belisar. + +"Ja, denn jetzt hat's Vernunft zu kaempfen. Die Barbaren sind verbluefft. + +Sie fuerchten Gott und vergessen darueber ihrer Feinde." + +Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. +"Belisar," meldete der erste, "der Erdstoss hat deine Zelte am Nordgraben +umgestuerzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!" - "Hilfe, +Hilfe! meine armen Leute!" rief Belisar und eilte aus dem Zelte. +"Cethegus," berichtete Marcus, "auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt +unter ihren Zelten verschuettet." Aber ungeduldig, den Helm schuettelnd, +frug der Praefekt: "was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem +Aetiusturm? hat der Erdspalt es nicht verringert?" - "Ja, das Wasser ist +verschwunden - der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine +Isaurier sind's: sie stoehnen und wimmern unter der Verschuettung und +schreien um Hilfe." + +"Lass sie schreien!" sprach Cethegus. - "Der Graben ist wirklich trocken? +So lass zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Soeldnern, die noch leben." + +Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhoerlich rasten, eilte +der Praefekt zu seinen Schanzen, wo seine roemischen Legionare und der Rest +der Isaurier unter Waffen standen. Rasch uebersah er sie: es waren viel zu +wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wusste, dass ein +guenstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreissen wuerde. "Lichter, Fackeln +her!" rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte +seiner roemischen Legionare. "Vorwaerts," befahl er, "die Schwerter heraus!" + +Aber kein Arm ruehrte sich. + +Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Fuehrer, auch +die Licinier, auf den daemonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur +nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als +Mittel ansah zu seinem Zweck. + +"Nun, habt ihr auf mich zu hoeren, oder auf den Donner?" rief er. + +"Feldherr," mahnte ein Centurio vortretend, "sie beten. Denn die Erde +bebt." + +"Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Roemer, seht: +der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er baeumt +sich, sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen. _Roma! Roma aeterna!_" + +Das zuendete. Es war eines jener caesarischen Worte, welche die Maenner und +die Waffen fortreissen. + +"_Roma! Roma aeterna!_" riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der +roemischen Juenglinge: und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und +Donner und Sturm, folgten sie dem Praefekten, dessen daemonischer Schwung +sie mit fortriss. Die Begeisterung lieh ihnen Fluegel. Rasch waren sie ueber +den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. - Cethegus +der erste am jenseitigen Rand. - Die Fackeln hatte der Sturm geloescht. - +Im Finstern fand er den Weg. "Hierher, Licinius," rief er, "mir nach! hier +muss die Luecke sein." + +Und er sprang vorwaerts, rannte aber gegen einen harten Koerper und taumelte +zurueck. "Was ist das?" fragte Lucius Licinius hinter ihm, "eine zweite +Mauer?" - "Nein," sprach eine ruhige Stimme von drueben, "aber gotische +Schilde." - "Das ist der Koenig Witichis," sagte der Praefekt grimmig und +mass mit bitterem Hass die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Ueberraschung +gezaehlt. Seine Hoffnung war getaeuscht. "Haett' ich ihn," sprach er grimmig +in sich hinein, "er sollte nicht mehr schaden." + +Da wurden von rueckwaerts viele Fackeln sichtbar und die Trompeten +schmetterten. Belisar fuehrte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. +Prokop erreichte den Praefekten: "Nun, was stockt ihr? Halten euch neue +Waelle auf?" + +"Ja, lebendige Waelle. Da stehen sie," und der Praefekt deutete mit dem +Schwert. "Unter den noch fallenden Truemmern, diese Goten!" - + +"Nun wahrlich!" rief Prokop: "_si fractus illabatur orbis, impavidos +ferient __ruinae!_ Das sind mutige Maenner." + +Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen +heran. Einen Augenblick, - nur die Fuehrer eilten noch, Befehle erteilend +hin und wieder, - einen Augenblick noch und ein furchtbares Morden musste +beginnen. + +Da ergluehte ploetzlich der ganze Horizont ueber der Stadt. Eine Flammensaeule +schoss hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom +Himmel zu regnen. Im roten Licht glaenzte ganz Ravenna. Es war ein +furchtbar herrlicher Anblick. + +Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne. + +"Feuer! Feuer! Witichis! Koenig Witichis," schrie jetzt ein Reiter, der von +der Stadt her jagte, "es brennt." + +"Das sehen wir. Lass brennen, Markja! Erst fechten, dann loeschen." + +"Nein, nein, Herr! alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in +Myriaden Funken durch die Luft." + +"Die Speicher brennen!" schrien Goten und Byzantiner. + +Witichis versagte die Stimme, zu fragen. "Der Blitz muss schon lange im +Innern gezuendet haben. Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt. Da +sieh, sieh hin. -" + +Ein staerkerer Stoss des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie +riesengross. Die Flammen flogen auf die naechsten Daecher. Zugleich schien +der hoelzerne Dachfirst des hohen Gebaeudes jetzt hinabzustuerzen. Denn nach +einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken +empor. Es war ein Flammenmeer. + +Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: - matt sank sein Arm +herunter. + +Cethegus sah's: "Jetzt," rief er, "jetzt zum Sturm!" + +"Nein, haltet ein!" rief mit Loewenstimme Belisarius. "Der ist ein Feind +des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurueck ins Lager - +alle: jetzt ist Ravenna mein - und morgen faellt's von selbst." + +Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurueck. Cethegus knirschte. Er +allein war zu schwach. Er musste nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er +hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um wie in Rom, sich in ihren +Hauptwerken festzusetzen. + +Und er sah voraus, dass sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert +werden. Grollend fuehrte er die Seinen zurueck. + +Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten. + + + + + Zweiundzwanzigstes Kapitel. + + +Der Koenig hatte den Schutz der Mauerluecke am Turm des Aetius Hildebad +uebertragen und war sofort auf die Brandstaette geeilt. + +Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erloeschen: - aber nur aus Mangel +an Nahrung. Der ganze Inhalt der Speicher, samt deren Brettergeruesten, und +dem Dach, alles was durch Feuer zerstoerbar, war bis auf den letzten +Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, russ- und +rauchgeschwaerzten Steinmauern des urspruenglichen Marmorbaus, des Cirkus +des Theodosius, starrten noch gen Himmel. + +Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer musste +sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzuendet haben +mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich ueber alle Innenraeume des +Holzbaus schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den +Dachluecken herausschlugen, war alle Hilfe zu spaet. Krachend war bald +darauf der Rest des Holzbaues zusammengestuerzt: die Einwohner hatten +vollauf zu thun, die naechsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen +Haeuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor +Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm, sowie dem Blitz und Donner ein +Ende machte. + +Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das +Gewoelk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der +Mitte des Marmorrundbaus. + +Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der Koenig lange Zeit diesen +Ruinen gegenueber an einer Saeule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal +den Mantel auf der maechtig arbeitenden Brust zusammendrueckend. Im Anblick +dieser Truemmer war ein schwerer Entschluss in ihm gereift. Jetzt ward es +grabesstill in seinem Innern. + +Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen +von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. "O, was wird jetzt aus +uns!" - "O, wie war das Brot so weiss, so gut, so duftend, das ich noch +gestern hier erhielt." - "O, was werden wir jetzt essen?" + +"Bah, der Koenig muss aushelfen." - "Ja, der Koenig muss Rat schaffen." - "Der +Koenig?" + +"Ach, der arme Mann, woher soll er's nehmen?" - "Hat er doch selbst nichts +mehr." - "Das ist seine Sache." - "Er allein hat uns in all die Not +gebracht." - "Er ist an allem Schuld." - "Was hat er die Stadt nicht lang +dem Kaiser uebergeben." - "Jawohl, ihrem rechtmaessigen Herrn!" - "Fluch den +Barbaren!" - Sie sind an allem Schuld." - "Nicht alle, nein, der Koenig +allein. Seht ihr's denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!" - "Strafe? +wofuer? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!" - "So +wisst ihr's nicht? Wie kann der Eheschaender die Gnade Gottes haben? Der +suendige Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schoenen Mataswintha hat ihn +geluestet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. - Sein ehlich Weib +hat er verstossen." + +Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber +sie erkannten seinen Schritt. + +"Da ist der Koenig! Wie finster er blickt," riefen sie durcheinander und +wichen zur Seite. "O, ich fuerchte ihn nicht. Ich fuerchte den Hunger mehr +als seinen Zorn. Schaff' uns Brot, Koenig Witichis. Hoerst du's, wir +hungern!" sprach ein zerlumpter Alter und fasste ihn am Mantel. "Brot, +Koenig!" - "Guter Koenig, Brot!" - "Wir verzweifeln!" - "Hilf uns!" Und wild +draengte sich die Menge um ihn. + +Ruhig, aber kraeftig machte sich Witichis frei. "Geduldet euch," sprach er +ernst. "Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen." Und er eilte nach seinem +Gemach. + +Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein roemischer Arzt. + +"Herr," sprach dieser mit besorgter Miene, "die Koenigin, deine Gemahlin +ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie +spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?" + +"Nicht jetzt, sorgt fuer sie." "Sie reichte mir," fuhr der Arzt fort, "mit +groesster Angst und Sorge diesen Schluessel. Er schien sie in ihren Wahnreden +am meisten zu beschaeftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. +Und sie liess mich schwoeren, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von +hoechster Wichtigkeit." + +Mit einem bittern Laecheln nahm der Koenig den Schluessel und warf ihn zur +Seite. "Er ist es nicht mehr. - Geht, verlasst mich und sendet meinen +Schreiber." + + -------------- + +Eine Stunde spaeter liess Prokop den Praefekten in das Zelt des Feldherrn +eintreten. + +Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hast'gen Schritten auf und +niederging, entgegen: "Das koemmt von deinen Plaenen, Praefekt! Von deinen +Kuensten! von deinen Luegen! Ich hab' es immer gesagt: vom Luegen koemmt +Verderben: und ich verstehe mich nicht d'rauf! O, warum bin ich dir +gefolgt! Jetzt steck' ich in Not und Schande!" + +"Was bedeuten diese Tugendreden?" fragte Cethegus seinen Freund. + +Dieser reichte ihm einen Brief. "Lies. Diese Barbaren sind unergruendlich +in ihrer grossartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; +lies." + +Und Cethegus las mit Staunen: "Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen +gethan: + +Dass die Franken mich verraten haben. Dass du im Bund mit den Franken das +Westreich deinem undankbaren Kaiser entreissen willst. Dass du uns Goten +freien Abzug ueber die Alpen ohne Waffen anbietest. + +Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen +ab und raeumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres grossen +Koenigs: eher fall' ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern +gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und +Erde gegen uns empoerten. Aber was ich immer dunkel gefuehlt, hab' ich heut' +Nacht unter den Flammen meiner Vorraete klar erkannt: es liegt ein Fluch +auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglueck meines +Volkes. Das soll nicht laenger also sein. Nur meine Krone versperrte einen +ehrenvollen Ausweg: sie soll's nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen +Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie +deiner. Wohlan: stuetze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken: auf +das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen +sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Lass mich den +Ersten sein, der dich begruesst wie als Kaiser des Abendlands so als Koenig +der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine +Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich: kein +Justinian soll sie dir entreissen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache +dich gefasst auf einen Kampf, wie du noch keinen gekaempft. Ich breche dann +mit fuenfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein +ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab's geschworen. Waehle. Witichis." + +Einen Augenblick war der Praefekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch +hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser Eine +Blick beruhigte ihn wieder ganz. "Er ist ja Belisar," sagte er sich +abermals. "Jedoch gefaehrlich ist es immer, mit dem Teufel spielen. Welche +Versuchung! -" + +Er gab den Brief zurueck und sagte laechelnd: "Welch ein Einfall! Wozu doch +die Verzweiflung fuehrt." + +"Der Einfall," meinte Prokop, "waere gar so uebel nicht, wenn .. -" + +"Wenn Belisar nicht Belisar waere," laechelte Cethegus. + +"Spart euer Lachen," schalt dieser. "Ich bewundre den Mann. Und es darf +mich nicht mehr beleidigen, dass er mich der Empoerung faehig haelt. Hab' ich +es ihm doch selber vorgelogen." Und er stampfte mit dem Fuss. "Ratet jetzt +und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl gefuehrt. Ja sagen kann +ich nicht. Und sag' ich nein: - darf ich des Kaisers Heer als vernichtet +anseh'n. Und muss obenein bekennen, dass ich die Empoerung nur erlogen." + +Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. +Ploetzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog +verschoenend ueber sein Gesicht: "so kann ich sie beide verderben!" Er war +in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar +ganz sicher machen. "Du kannst vernuenftigerweise nur zwei Dinge thun," +sagte er zaudernd. + +"Rede: ich sehe weder eins noch das andre." + +"Entweder wirklich annehmen -" + +"Praefekt," rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte +erschrocken seinen Arm. - "Keinen solchen Scherz mehr, Cethegus, so lieb +dir dein Leben." + +"Oder," fuhr dieser ruhig fort, "zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich +einziehn in Ravenna. Und - - die Gotenkrone samt dem Gotenkoenig nach +Byzanz schicken." + +"Das ist glaenzend!" rief Prokop. "Das ist Verrat!" rief Belisar. + +"Es ist beides," sagte Cethegus ruhig. + +"Ich koennte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen." + +"Das ist auch nicht noetig. Du fuehrst den gefangenen Koenig nach Byzanz. Das +entwaffnete Volk hoert auf, ein Volk zu sein." + +"Nein, nein, das thu' ich nicht." + +"Gut. So lass dein ganzes Heer Testamente machen. Leb wohl, Belisar. Ich +gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fuenfzigtausend Goten in +Verzweiflung kaempfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den +Verderber seines besten Heeres loben!" + +"Es ist eine furchtbare Wahl," zuernte Belisar. + +Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. "Belisar," sprach er mit +gemuetvoller, tief aus der Brust geschoepfter Stimme: "du hast mich oft fuer +deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann +neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?" + +Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem +sarkastischen Praefekten sah. Belisar war ergriffen und selbst Prokop +erstaunte. + +"Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft +in diesem Augenblick durch meinen Rat bewaehren. Glaubst du mir, +Belisarius?" Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm +treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge. + +"Ja," sagte Belisar, "wer koennte solchem Blick misstrauen." + +"Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen misstrauischern Herrn gehabt +als du. - Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kraenkung deiner +Treue." + +"Das weiss der Himmel." + +"Und nie hat ein Mann," - hier fasste er ihn an beiden Haenden - +"herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnoedeste Misstrauen zu beschaemen, +sich aufs glorreichste zu raechen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du +bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. +Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Haenden. Zieh' in Ravenna ein, lass +dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. +Ravenna dein, dein blindergebnes Heer, die Goten, die Italier - wahrlich, +du bist unantastbar. Justinian muss zittern zu Byzanz und sein stolzer +Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all' dies in +Haenden hast, - du legst all' die Macht und all' die Herrlichkeit deinem +Herrn zu Fuessen und sprichst: Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein +Knecht als der Herr des Abendlandes. So glorreich, Belisar, ward Treue +noch nie auf Erden erprobt." + +Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete. + +"Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab' Dank. Das ist gross +gedacht. O, Justinian, du sollst vor Scham vergehn!" + +Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Thuere. + +"Armer Witichis," fluesterte Prokop ihm zu: "er wird diesem Musterstueck von +Treue aufgeopfert. - Jetzt ist er verloren." + +"Ja," sagte Cethegus, "er ist verloren, gewiss." Und draussen vor dem Zelt +warf er den Mantel ueber die linke Schulter und sprach: "Aber gewisser noch +du selber, Belisar." + + -------------- + +In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius geruestet entgegen. + +"Nun, Feldherr," fragte er, "die Stadt ist noch nicht uebergeben. Wann +geht's zum Kampf?" + +"Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg' deine Waffen ab und guerte dich, zu +reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab." - "An wen?" +- "An den Kaiser und die Kaiserin." - "Nach Byzanz?" - "Nein, zum Glueck +sind sie ganz nah, in den Baedern von Epidaurus. Eile dich. In fuenfzehn +Tagen musst du zurueck sein, nicht einen halben spaeter. Italiens Schicksal +harrt auf deine Wiederkunft." + + -------------- + +Sowie Prokop muendlich die Antwort Belisars dem Gotenkoenig ueberbracht, +berief dieser in seinen Palast die Fuehrer des Heeres, die vornehmsten +Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das +Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung. + +Wohl waren sie anfangs maechtig ueberrascht: und ein Schweigen des Staunens +folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Ruehrung auf +den Koenig blickend: "Die letzte deiner Koenigsthaten, Witichis, ist so +edel, ja edler als alle deine frueheren. Dich bekaempft zu haben werd' ich +ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu suehnen, indem ich dir +blindlings folge. Und wahrlich: in diesem Fall hast du zu entscheiden: +denn du opferst das Hoechste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du Koenig +sein, - leichter moegen die Woelsungen einem Fremden, einem Belisar als +einem Goten nachstehn. Und so folg' ich dir und sage: ja, du hast gut und +gross gehandelt." + +"Und ich sage nein! und tausendmal nein!" rief Hildebad. "Bedenkt, was ihr +thut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!" + +"Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns gethan, Quaden und +Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Roemer Aegidius?" +sagte Witichis ruhig, "ja was andres, als was unsere glorreichsten Koenige +und selbst Theoderich gethan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und +erhielten dafuer Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien +von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich +wahrlich nicht besser als Theoderich." + +"Ja, wenn es Justinian waere," fuegte Guntharis bei. "Nie unterwerf' ich +mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. - +Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul +gerannt?" + +"Schlag mich der Donner, wenn ich's ihm vergesse. Es ist das Einzige, was +mir an ihm gefallen hat." + +"Und das Glueck ist mit ihm, wie mit mir das Unglueck war. Und wir bleiben +im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine +Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen +Feind." + +Und fast alle Versammelten stimmten bei. + +"Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen," rief Hildebad. - "Von je +hab' ich die Zunge ungefueger, als die Axt gefuehrt. - Aber ich fuehl' es +deutlich: ihr habt unrecht. - Haetten wir nur den schwarzen Grafen hier, +der wuerde sagen koennen, was ich nur spuere. Moegt ihr's nie bereuen! Mir +aber sei's vergoennt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. +Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh' auf Abenteuer in die Welt: +mit Schild und Speer und groben Hieben koemmt man weit." + +Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespraech wohl noch +umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen +lag. "Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna +besetzt hat. Es steht zu fuerchten, dass einige seiner Heerfuehrer mit ihren +Truppen von einer Empoerung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, +sowie die verdaechtigen Quartiere von Ravenna, muessen von den Goten und den +verlaessigen Anhaengern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung faellt." + +"Huetet euch," warnte Hildebad, "dass ihr nicht selbst in diese Grube fallt! +Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. 's ist, wie wenn der +Waldbaer auf das Seil steigt - er faellt doch ueber kurz oder lang. Lebt +wohl: - moeg' es besser auffallen als ich ahne. + +Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, +wird wohl mit diesem Roemer-Gotenstaate sich versoehnen. Der schwarze Teja +aber, denk' ich, zieht mit mir davon." + + -------------- + +Am Abend durchlief die Stadt das Geruecht von einer Kapitulation. Die +Bedingungen waren ungewiss. Aber gewiss war, dass Belisar auf Verlangen des +Koenigs grosse Vorraete von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, +welche an die Armen verteilt wurden. "Er hat Wort gehalten!" sagten diese +und segneten den Koenig. + +Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Koenigin und erfuhr, dass +sie sich langsam wieder beruhige und erhole. "Geduld: - sprach Witichis +aufatmend - auch sie wird bald frei und meiner ledig." + +Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der +innern Stadt nach der Mauerluecke am Turm des Aetius wandte. - Ein langer +Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit +Tuechern und Maenteln verhuellte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest +der stark geruesteten Maenner. + +"Auf mit dem Notriegel!" rief der Fuehrer, "wir wollen hinaus." + +"Du bist es, Hildebad?" rief der Wache haltende Graf Wisand, und gab +Befehl zu oeffnen. "Weisst du schon, die Stadt wird morgen uebergeben. Wo +willst du hin?" + +"In die Freiheit!" rief Hildebad und gab seinem Ross die Sporen. + + + + + Dreiundzwanzigstes Kapitel. + + +Mehrere Tage waren vergangen, bis die Koenigin Mataswintha sich aus den +wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Traeumen gequaelten +Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte. + +Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Aussenwelt und den gewaltigen +Entscheidungen gegenueber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine +Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefuehl ihrer ungeheuern +frevelhaften Thaten. + +Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie +die Fackel in der Hand durch die Nacht gestuermt war, in zerstoerende Reue, +in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge +That gethan, hatte sie der Erdstoss in die Kniee geworfen: und ihr von +allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten +Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich ueber ihre Unthat +empoeren: sie sah die Rache des Himmels hereinbrechen ueber ihr schuldiges +Haupt. + +Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die +ihre Hand entzuendet, riesengross emporsteigen sah, als sie das +tausendstimmige Wehegeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien +jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu +verfluchen. Sie verlor das Bewusstsein: sie brach zusammen unter den Folgen +ihrer That. + +Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmaehlich des Geschehenen +wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den Koenig voellig +gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue ueber ihre That, zitternde +Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfuellte sie ganz. + +Um so mehr, als sie selbst wusste und von allen Seiten vernahm, wie der +Untergang der Speicher den Koenig zur Ergebung an seine Feinde zwingen +werde. + +Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand, +selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemaechern sich zu erkundigen, beschwor +sie die staunende Aspa, um keinen Preis den Koenig vor ihr Antlitz treten +zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und +haeufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden +auffordern liess, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhaendig die +fuer sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit massloser Freigebigkeit +Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen. + +Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem +Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade +gebeten hatte, sie moechte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes +die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewaehren. + +Es gelte des Koenigs Heil: es gelte zu warnen vor thaetigem, ueberfuehrbarem +Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben, bedrohe. Mataswintha +gewaehrte eifrig die Bitte. - + +Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen, +was auch nur mit dem Verwand seiner Rettung an sie trat. Auf +Sonnenuntergang bestellte sie das Weib. - + +Die Sonne war gesunken. Der Sueden kennt fast keine Daemmerung. Es war +finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine +Sklavin winkte. Die Koenigin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur +achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht sei sie sehr schwach. +Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem Koenig gelte. + +"Ist das aber auch gewiss wahr?" forschte die Sklavin. "Nicht unnuetz moecht' +ich meine Herrin muehen:" - es war Aspa - "wenn ihr nur Gold damit erlisten +wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben als ihr begehrt: - nur +schont meine Herrin. Gilt es dem Koenig wirklich?" + +"Es gilt dem Koenig!" Seufzend fuehrte Aspa die Frau in das Gemach +Mataswinthens. + +Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in +leichtes, weisses Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des grossen +Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die +goldene Ampel, die ueber demselben in die Wand eingelassen war, brannte +bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers muede sitzen. +"Tritt naeher," sprach sie. "Es gilt dem Koenig? warum zoegerst du? Rede." + +Das Weib deutete auf Aspa. "Sie ist verschwiegen und treu." - "Sie ist ein +Weib." Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Maedchen. + +"Amalungentochter - ich weiss: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich +zu ihm gefuehrt. - (Wie wunderschoen sie ist, obzwar todesblass!) Doch, +Gotenkoenigin bist du: _seine_ Koenigin - ob du ihn auch nicht liebst: - +sein Reich, sein Sieg muss dir das Hoechste sein." + +Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. "So denkt jede Bettlerin +im Gotenvolk!" seufzte sie. + +"Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gruenden. + +So sprech' ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu +warnen. Hoere mich." Und sie trat naeher, scharf auf die Koenigin blickend. +"Wie seltsam," sprach sie zu sich selbst. "Welche Aehnlichkeit der +Gestalt." + +"Verrat! Noch mehr Verrat?" - "So ahnst auch du Verrat?" - "Gleichviel. +Von wem? Von Byzanz? Von aussen? Von dem Praefekten?" + +"Nein," sprach das Weib kopfschuettelnd. "Nicht von aussen. Von innen. Nicht +von einem Mann. Von einem Weib." + +"Was redest du?" sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. "Wie kann ein +Weib -" + +"Dem Helden schaden? Durch hoellische Bosheit des Herzens! Nicht mit +Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtueckischem Gift oder, +wie schon geschehen - mit heimtueckischem Feuer." + +"Halt ein!" Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurueck an den +Mosaiktisch, sich daran lehnend. + +Aber das Weib folgte ihr, leise fluesternd: "Wisse das Unglaubliche, das +Schaendliche! Der Koenig glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe +sein Korn verbrannt. Ich aber weiss es besser. Und auch Er soll es wissen. +Wissen, gewarnt durch _deinen_ Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die +Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergaenge eilen +und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib. Du +willst hinweg? Nein, hoere nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen. +Den Namen? Ich weiss ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam +mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen - diese +Schlange von Smaragd." + +Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den +Armreif erhebend. + +Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden +nackten Arme. - Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhuelle. Ihr rotes +Haar flutete nieder und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem linken +Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange. + +"Ah!" schrie das Weib laut auf. "Beim Gott der Treue! Du! Du selber +bist's! + +Seine Koenigin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch ueber dich! Das soll er +wissen!" + +Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen +zurueck. Der Schrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als +sie eintrat, war die Koenigin schon allein. Der Vorhang des grossen Eingangs +rauschte. Die Bettlerin war verschwunden. + + + + + Vierundzwanzigstes Kapitel. + + +Am andern Morgen schon sahen die Ravennaten mit Staunen Prokop, Johannes, +Demetrius, Bessas, Acacius, Vitalius und eine Reihe andrer belisarischer +Heerfuehrer in den Palast des Koenigs ziehen. Sie berieten dort mit ihm die +naeheren Bedingungen und die Formen der Uebergabe. + +Unter den Goten verlautete einstweilen nur: der Friede sei geschlossen. +Die beiden Hauptwuensche, um deren willen das Volk den ganzen schweren +Kampf getragen, wuerden erreicht: sie wuerden frei sein und im ungeteilten +Besitz des fruchtbaren Suedlands bleiben, das ihnen so teuer geworden war. +Das war weitaus mehr als nach dem schlimmen Stand der gotischen Sache seit +dem Abzug von Rom und dem unvermeidlich gewordnen Verlust von Ravenna zu +erwarten war. Und die Haeupter der Sippen und sonst die einflussreichsten +Maenner im Heere, die jetzt von dem bevorstehenden Schritt Belisars +verstaendigt wurden, billigten vollstaendig die beschlossenen Bedingungen. + +Die wenigen, welche die Zustimmung weigerten, erhielten freien Abzug aus +Ravenna und Italien. Aber auch abgesehen hiervon, wurde das in Ravenna +stehende Gotenheer nach allen Richtungen zerstreut. Witichis sah die +Unmoeglichkeit ein, in der ausgesogenen Landschaft ausser den Truppen +Belisars mit dessen Vorraeten auch noch das gotische Heer und die +Bevoelkerung zu versorgen: und so bewilligte er die Forderung Belisars, dass +die Goten, in Gruppen von Hunderten und Tausenden, zu allen Thoren der +Stadt hinausgefuehrt und in allen Richtungen nach ihren Heimstaetten +entlassen wuerden. + +Belisar fuerchtete den Ausbruch gotischer Verzweiflung, wenn der arge +Verrat, den man vor hatte, ruchtbar wuerde: und er wuenschte deshalb die +Verteilung des aufgeloesten Heeres. War er einmal im sichern Besitz von +Ravenna, so hoffte er etwaige Erhebungen auf dem flachen Lande leicht zu +daempfen. Und Tarvisium, Verona und Ticinum, die letzten festen Plaetze der +Goten in ganz Italien, konnten dann nicht lange mehr seiner gesamten gegen +sie gewendeten Macht widerstehen. + +Die Ausfuehrung dieser Massregeln erforderte mehrere Tage Zeit. + +Erst als nur mehr wenige Mann Goten in Ravenna versammelt waren, beschloss +Belisar seinen Einzug. Und auch von diesem geringen Rest wurde die Haelfte +in das byzantinische Lager verlegt, die andre Haelfte in den Quartieren der +Stadt verteilt unter dem Vorwand, den etwaigen Widerstand von hartnaeckigen +Anhaengern Justinians zu brechen. + +Was aber die Ravennaten und die in den Plan nicht eingeweihten Goten am +meisten wunderte, war, dass nach wie vor die blaue gotische Fahne auf den +Zinnen des Palastes wehte. Freilich stand ein Lanzentraeger Belisars dort +oben bei ihr Wache. Denn auch der Palast war schon voll von Byzantinern. + +Gegen einen etwaigen Versuch des Praefekten, sich wie in Rom durch +Besetzung der wichtigsten Punkte zum Herrn der Stadt zu machen, hatte +Belisar vorsichtige Massregeln getroffen. Cethegus durchschaute sie und +laechelte. Er that nichts dagegen. + +Am Morgen des zum Einzug bestimmten Tags trat Cethegus in glaenzender +Ruestung in das Zelt Belisars. + +Er traf nur Prokop. "Seid ihr bereit?" fragte er. "Vollstaendig." - +"Welches ist der Moment?" - "Der Augenblick, in dem der Koenig im Schlosshof +zu Pferde steigt, uns entgegenzureiten. Wir haben alles bedacht." + +"Wieder einmal alles?" laechelte der Praefekt. "Eins habt ihr mir doch noch +uebrig gelassen. Es wird nicht ausbleiben, dass die Barbaren, sowie unser +Plan gelungen und bekannt ist, im ganzen Land in heller Wut auflodern +werden. Mitleid und Rachedurst fuer ihren Koenig koennten sie zu sehr wilden +Thaten fuehren. + +Die ganze Begeisterung fuer Witichis und die Entruestung gegen uns wuerde nun +im Keim erstickt, und die Goten saehen sich nicht von uns, sondern von +ihrem Koenig verraten, wenn dieser selbst schriftlich bezeugen wuerde, er +habe die Stadt nicht an Belisar als Gotenkoenig und Rebellen gegen +Justinian, sondern einfach an den Feldherrn Justinians uebergeben. Jene +Empoerung Belisars, die ja auch wirklich ausbleibt, erscheint dann den +Goten als eine blosse von ihrem Koenig ersonnene Luege, die Schande der +Ergebung ihnen zu verhuellen." + +"Das waere vortrefflich; aber Witichis wird das nicht thun." + +"Wissentlich schwerlich. Aber vielleicht unwissentlich. Ihr habt ihn den +Vertrag doch nur im Original unterschreiben lassen?" + +"Er hat nur einmal unterschrieben." + +"Diese Urkunde ist in seinem Besitz? Gut, ich werde ihn hier dies von mir +aufgesetzte Duplikat unterzeichnen lassen, auf dass auch Belisar," laechelte +er, "das wertvolle Schriftstueck besitze." + +Prokop blickte hinein. - "Wenn er das unterzeichnet, hebt sich freilich +kein gotisch Schwert mehr fuer ihn. Aber -" + +"Lass die Aber mich besiegen. Entweder unterschreibt er heute freiwillig, +im Drang des Augenblicks, ohne zu lesen" - + +"Oder?" + +"Oder," vollendete Cethegus finster, "er unterschreibt spaeter. +Unfreiwillig. - - Ich eile voraus. Entschuldige, wenn ich euern Triumphzug +nicht begleite. Meinen Glueckwunsch an Belisar." + +Aber da trat Belisar in das Zelt. Antonina folgte ihm. Er war nicht +geruestet und blickte duester vor sich hin. + +"Eile, Feldherr," mahnte Prokop, "Ravenna harrt ihres Besiegers. Der +Einzug -" + +"Nichts von Einzug," sprach Belisar grimmig. "Ruf' die Soldaten ab. Mich +reut der ganze Handel." + +Cethegus blieb an dem Ausgang des Zeltes stehen. + +"Belisar!" rief Prokop entsetzt, "welcher Daemon hat dir das eingeblasen?" +"Ich!" sagte Antonina stolz, "was sagst du nun?" "Ich sage, dass grosse +Staatsmaenner keine Frauen haben sollten!" rief Prokop aergerlich. "Belisar +entdeckte mir erst in dieser Nacht euer Vorhaben. Und ich hab' ihn unter +Thraenen ... -" + +"Versteht sich," brummte Prokop, "die kommen stets zu rechter Zeit." - +"Unter Thraenen beschworen, abzustehen. Ich kann meinen Helden nicht von so +schwarzem Verrat befleckt sehen." + +"Und ich will's nicht sein. Lieber reit' ich besiegt im Orcus ein, denn +also als ein Sieger in Ravenna. Meine Briefe an den Kaiser sind noch nicht +abgegangen. - Also ist's noch Zeit." + +"Nein," sagte Cethegus herrisch, von der Thuer ins Zelt schreitend. "Zum +Glueck fuer dich ist's nicht mehr Zeit. Wisse: ich habe schon vor acht Tagen +an den Kaiser geschrieben, ihm alles mitgeteilt und Glueck gewuenscht, dass +sein Feldherr ohne mindesten Verlust Ravenna gewonnen hat und der Krieg +beendet." + +"Ah, Praefekt," rief Belisar. "Du bist ja sehr dienstfertig. Woher dieser +Eifer?" + +"Weil ich Belisarius kenne und seinen Wankelmut. Weil man dich zu deinem +Gluecke zwingen muss. Und weil ich ein Ende dieses Krieges will, der mein +Italien zerfleischt." Und drohend trat er gegen die Frau heran, die auch +jetzt der daemonischen beherrschenden Gewalt seines Blickes nicht zu +entgehen vermochte. "Wag' es, versuch es jetzt! Tritt zurueck, enttaeusche +Witichis und opfre einer Grille deines Weibes Ravenna, Italien und dein +Heer. Siehe zu, ob dir das Justinianus je vergeben kann. Auf Antoninas +Seele diese Schuld! Horch, die Trompeten rufen: rueste dich! Es bleibt dir +keine Wahl!" Und er eilte hinaus. + +Bestuerzt sah ihm Antonina nach. "Prokop," fragte sie dann, "weiss es der +Kaiser wirklich schon?" + +"Und wenn er es noch nicht wuesste, - zu viele sind schon in das Geheimnis +eingeweiht. Nachtraeglich erfaehrt er jedenfalls, dass Ravenna und Italien +sein war, und - dass Belisar um die Gotenkrone, die Kaiserkrone warb. Nur +dass er sie erlangt und - abliefert, kann ihn rechtfertigen vor Justinian." + +"Ja," sagte Belisar seufzend, "er hat recht. Es bleibt mir keine Wahl." + +"So geh," sprach Antonina eingeschuechtert. "Mir aber sei's erlassen, bei +diesem Einzug dich zu begleiten: - es ist ein Schlingenlegen, kein +Triumph!" + + -------------- + +Die Bevoelkerung von Ravenna, wenn auch im Unklaren ueber die naeheren +Bestimmungen, war doch gewiss, dass der Friede geschlossen und den langen +und schweren Leiden des verheerenden Kampfes ein Ende gemacht sei. + +Und die Buerger hatten in aufatmender Freude ueber diese Erloesung die +Truemmer, die das Erdbeben auf sehr viele Strassen geworfen, hinweggeraeumt +und ihre befreite Stadt festlich geschmueckt. Laubgewinde, Fahnen und +Teppiche zierten die Strassen, das Volk draengte sich auf den grossen Fora, +in den Lagunenkanaelen und in den Baedern und Basiliken in freudiger +Bewegung, begierig, den Helden Belisar und das Heer zu sehen, die so lange +ihre Mauern bedroht und endlich die Barbaren ueberwunden hatten. + +Schon zogen starke Abteilungen von Byzantinern stolz und triumphierend +ein, waehrend die in schwachen Zahlen ueberall zerstreuten gotischen Posten +mit Schweigen und mit Widerwillen die verhassten Feinde in die Residenz +Theoderichs einruecken sahen. + +In dem ebenfalls reichgeschmueckten Koenigspalast versammelten sich die +vornehmsten Goten in einer Halle neben den Gemaechern des Koenigs. Dieser +bereitete sich, als die fuer den Einzug Belisars anberaumte Stunde nahte, +die koeniglichen Kleider anzulegen: - mit Befriedigung, denn es war ja das +letztenmal, dass er die Abzeichen einer Wuerde tragen sollte, die ihm nur +Schmerz und Unheil gebracht. + +"Geh, Herzog Guntharis," sprach er zu dem Woelsung, "Hildebad, mein +ungetreuer Kaemmerer, hat mich verlassen. Vertritt du dies eine Mal seine +Stelle: die Diener werden dir im Koenigsschatz die goldene Truhe zeigen, +die Krone, Helm und Purpurmantel, Schwert und Schild Theoderichs +verwahren. Ich werde sie heute zum ersten- und letztenmal anlegen, sie dem +Helden abzuliefern, der sie nicht unwuerdig tragen wird. Was giebt es dort +fuer Laerm!" + +"Herr, ein Weib," antwortete Graf Wisand, "eine gotische Bettlerin. Sie +hat sich schon dreimal herangedraengt. Sie will ihren Namen dir nur nennen! +Weise sie hinaus! -" + +"Nein, sagt ihr, ich will sie hoeren: - heute Abend soll sie im Palast nach +mir fragen." + +Als Guntharis das Gemach verlassen, trat Bessas ein mit Cethegus. Der +Praefekt hatte diesem, ohne ihn einzuweihen, die Abschrift des Vertrages +uebergeben, die der Gotenkoenig noch unterschreiben sollte. Aus dieser +unverdaechtigen Hand, glaubte er, wuerde jener die Urkunde argloser nehmen. + +Witichis begruesste die Eintretenden. Bei dem Anblick des Praefekten flog +ueber sein Antlitz, das heute heller als seit langen Monden glaenzte, ein +dunkler Schatte. Doch bezwang er sich und sprach: "Du hier, Praefekt von +Rom? Anders hat dieser Kampf geendet als wir meinten! Jedoch, du kannst +auch damit zufrieden sein. Wenigstens kein Griechenkaiser, kein +Justinianus wird dein Rom beherrschen." + +"Und soll es nicht, solange ich lebe." + +"Ich komme, Koenig der Goten," fiel Bessas ein, "dir den Vertrag mit +Belisar zur Unterschrift vorzulegen." + +"Ich hab' ihn schon unterschrieben." - "Es ist die fuer meinen Herrn +bestimmte Doppelschrift." + +"So gieb," sprach Witichis und wollte das Pergament aus des Byzantiners +Hand nehmen. + +Da trat Herzog Guntharis mit den Dienern eilfertig ins Gemach: "Witichis," +rief er, "der Koenigsschmuck ist verschwunden." + +"Was ist das?" fragte Witichis. "Hildebad allein fuehrte die Schluessel +davon." + +"Die ganze Goldtruhe, auch noch andere Truhen sind fort. In der leeren +Nische, da sie sonst standen, lag dieser Streif Pergament. Es sind die +Schriftzuege von Hildebads Schreiber." + +Der Koenig nahm und las: "Krone, Helm und Schwert, Purpur und Schild +Theoderichs sind in meinem Gewahrsam. Wenn Belisar sie will, soll er sie +von mir holen." "Die Rune H - fuer Hildebad." + +"Man muss ihn verfolgen," sagte Cethegus finster, "bis er sich fuegt." Da +eilten Johannes und Demetrius herein. "Eile dich, Koenig Witichis," +draengten sie. "Hoerst du die Tubatoene? Belisar hat schon die Porta des +Stilicho erreicht." + +"So lasst uns gehn," sprach Witichis, liess sich von den Dienern den +Purpurmantel, den sie statt des verschwundenen mitgebracht, um die +Schultern werfen und drueckte einen goldenen Reif auf das Haupt. Statt des +Schwertes reichte man ihm ein Scepter. Und so wandte er sich zur Thuer. + +"Du hast nicht unterschrieben, Herr," mahnte Bessas. + +"So gieb," und er nahm die Schrift jetzt aus der Hand des Byzantiners. +"Die Urkunde ist sehr lang," sagte er hineinblickend und hob an zu lesen. +"Eile, Koenig," mahnte Johannes. + +"Zum Lesen ist nicht mehr Zeit," sagte Cethegus gleichgueltig, und reichte +ihm die Schilffeder von dem Tisch. "Dann auch nicht mehr zum Schreiben," +antwortete der Koenig. "Du weisst: ich war ein Koenig nach Bauernart, wie die +Leute sagten. Bauern unterschreiben keine Zeile, ehe sie genau gelesen: +gehen wir." Und laechelnd gab er die Urkunde an den Praefekten und schritt +hinaus. Die Byzantiner und alle Anwesenden folgten. + +Cethegus drueckte das Pergament zusammen: "Warte nur," fluesterte er +grimmig, "du sollst doch noch unterschreiben." Langsam folgte er den +andern. + +Die Halle vor dem Gemach des Koenigs war bereits leer. + +Der Praefekt schritt hinaus auf den gewoelbten Bogengang, der im Viereck den +ersten Stock des Palastes umgab und dessen byzantinisch-romanische +Rundbogen den freien Blick in den weiten Hofraum gewaehrten. Derselbe war +von Bewaffneten dicht gefuellt. An allen vier Thoren standen die +Lanzentraeger Belisars. Cethegus lehnte hinter einem Bogenpfeiler und +sprach, dem Gang der Ereignisse folgend, mit sich selbst: "Nun, Byzantiner +genug, um ein kleines Heer gefangen zu nehmen! Freund Prokop ist +vorsichtig - Da! - Witichis erscheint im Portal - Seine Goten sind noch +weit hinter ihm auf der Treppe. Des Koenigs Pferd wird vorgefuehrt. - Bessas +haelt dem Koenig den Buegel. - Witichis tritt heran, er hebt den Fuss. - Jetzt +ein Trompetenstoss. - Die Treppenthuere des Palastes faellt zu und schliesst +die Goten in den Treppenbau. Auf dem Dache reisst Prokop das Gotenbanner +nieder. - Johannes fasst seinen rechten Arm, brav Johannes. - Der Koenig +ruft: "Verrat, Verrat!" Er wehrt sich maechtig. - Aber der lange Mantel +hemmt ihn. - Da, da, er strauchelt. - Er stuerzt zu Boden. - Da liegt das +Reich der Goten." - - - + + -------------- + +"Da liegt das Reich der Goten!" Mit diesen Worten begann auch Prokop die +Saetze, die er an diesem Abend in sein Tagebuch eintrug: "Ein wichtig Stueck +Weltgeschichte hab' ich heut bei Tage machen helfen und zeichne ich nun +nachts hier ein. + +Als ich heute das roemische Heer seinen Einzug halten sah in die Thore und +Koenigsburg von Ravenna, kam mir abermals der Gedanke: nicht Tugend oder +Zahl oder Verdienst entscheidet den Erfolg in der Geschichte. + +Es giebt eine hoehere Gewalt, die unentrinnbare Notwendigkeit. + +An Zahl und an Heldentum waren uns die Goten ueberlegen: und sie haben es +nicht fehlen lassen an irgend denkbarer Anstrengung. Die gotischen Frauen +in Ravenna schmaehten heute ihren Maennern laut ins Angesicht, als sie die +kleinen Gestalten, die nicht zahlreichen Scharen unserer einziehenden +Truppen sahen. Summa: in gerechtester Sache, in heldenmuetigster +Anstrengung kann ein Mann, kann ein Volk doch erliegen, wenn uebermaechtige +Gewalten entgegentreten, die durchaus nicht immer das bessere Recht fuer +sich haben. + +Mir schlug das Herz im Bewusstsein des Unrechts, als ich das Gotenbanner +heute niederriss und den Golddrachen Justinians an seine Stelle setzte, die +Fahne des Unrechts erhob ueber dem Banner des Rechts. + +Nicht die Gerechtigkeit, eine unserem Denken undurchdringbare +Notwendigkeit beherrscht die Geschicke der Menschen und der Voelker. + +Aber den rechten Mann macht das nicht irre. Denn nicht _was_ wir ertragen, +erleben und erleiden - _wie_ wir es tragen, das macht den Mann zum Helden. +Ehrenvoller ist der Goten Untergang denn unser Sieg. Und diese Hand, die +sein Banner herabriss, wird den Ruhm dieses Volkes aufzeichnen fuer die +kommenden Geschlechter. Jedoch, wie immer dem sei: - da liegt das Reich +der Goten." + + + + + Fuenfundzwanzigstes Kapitel. + + +Und so schien es. + +Auf das gluecklichste war, dank den Massregeln Prokops, der Streich +gelungen. Im Augenblick, da auf dem Turme des Palastes die Fahne der Goten +fiel und der Koenig ergriffen ward, sahen sich die ueberraschten Goten +ueberall im Schlosshof, in den Strassen und Lagunen der Stadt, im Lager von +weit ueberlegenen Kraeften umstellt: ein Rechen von Lanzen starrte ihnen +ueberall entgegen: fast ausnahmslos legten die Betaeubten die Waffen nieder: +- die wenigen, welche Widerstand versuchten, - so die naechste Umgebung des +Koenigs - wurden niedergestossen. Witichis selbst, Herzog Guntharis, Graf +Wisand, Graf Markja und die mit ihnen gefangenen Grossen des Heeres wurden +in getrennten Gewahrsam gebracht, der Koenig in den "Zwinger Theoderichs": +einen tiefen, starken Turm des Palastes selbst. + +Belisars Zug von dem Thore Stilichos nach dem Forum des Honorius wurde +nicht gestoert. Im Palast angelangt, berief er den Senat, die Decurionen +der Stadt, und nahm sie in Eid und Pflicht fuer Kaiser Justinianus. +Prokopius wurde mit den goldenen Schluesseln von Neapolis, Rom und Ravenna +nach Byzanz gesendet. Er sollte ausfuehrlichen Bericht erstatten und fuer +Belisar Verlaengerung des Amtes erbitten bis zur demnaechst zu erwartenden +voelligen Beruhigung Italiens und hierauf, wie nach dem Vandalenkrieg, die +Ehre des Triumphes, unter Auffuehrung des gefangenen Koenigs der Goten im +Hippodrom. + +Denn Belisar sah den Krieg fuer beendet an. Cethegus teilte beinah diesen +Glauben. Doch fuerchtete er in den Provinzen den Ausbruch gotischen Zornes +ueber den geuebten Verrat. Er sorgte daher dafuer, dass ueber die Art des +Falles der Stadt vorlaeufig keine Kunde durch die Thore drang: und er +suchte eifrig im Geiste nach einem Mittel, den gefangenen Koenig selbst als +ein Werkzeug zur Daempfung des etwa neu auflodernden Nationalgefuehls zu +verwerten. - Auch bewog er Belisar, Hildebad, der in der Richtung nach +Tarvisium entkommen war, durch Acacius mit den persischen Reitern +verfolgen zu lassen. + +Vergebens versuchte er, die Koenigin zu sprechen. Sie hatte sich seit jener +Nacht der Schrecken noch immer nicht ganz erholt und liess niemand vor. +Auch die Nachricht von dem Falle der Stadt hatte sie mit dumpfem Schweigen +hingenommen. Der Praefekt bestellte ihr eine Ehrenwache - um sich ihrer zu +versichern. Denn er hatte noch grosse Plaene mit ihr vor. + +Dann sandte er ihr das Schwert des gefangenen Koenigs und schrieb ihr +dabei: "Mein Wort ist geloest. Koenig Witichis ist vernichtet. Du bist +geraecht und befreit. - Nun erfuelle auch du meine Wuensche." + +Einige Tage darauf beschied Belisar, seines treuen Beraters Prokop +beraubt, den Praefekten zu sich in den rechten Fluegel des Palastes, wo er +sein Quartier aufgeschlagen. "Unerhoerte Meuterei!" rief er dem +Eintretenden entgegen. - "Was ist geschehen?" + +"Du weisst, ich habe Bessas mit den lazischen Soeldnern in die Schanze des +Honorius gelegt, einen der wichtigsten Punkte der Stadt. Ich vernehme, dass +der Geist dieser Truppen unbotmaessig - ich rufe sie ab und Bessas ... -" - +"Nun?" - "Weigert den Gehorsam." - "Ohne Grund? Unmoeglich!" + +"Laecherlicher Grund! Gestern ist der letzte Tag meiner Amtsgewalt +abgelaufen." - "Nun?" - "Bessas erklaert, seit letzter Mitternacht haett' +ich ihm nichts mehr zu befehlen." + +"Schaendlich. Aber er ist im Recht." + +"Im Recht? In ein paar Tagen trifft des Kaisers Antwort ein, auf mein +Gesuch. Natuerlich ernennt er mich, nach dem Gewinn von Ravenna, aufs neue +zum Feldherrn, bis zur Beendigung des Krieges. Uebermorgen kann die +Nachricht da sein." + +"Vielleicht schon frueher, Belisar. Die Leuchtturmwaechter von Classis haben +schon bei Sonnenaufgang ein Schiff angemeldet, das von Ariminum her naht. +Es soll eine kaiserliche Triere sein. Jede Stunde kann sie einlaufen. Dann +loest sich der Knoten von selbst." + +"Ich will ihn aber zuvor durchhauen. Meine Leibwaechter sollen die Schanze +stuermen und Bessas den halsstarrigen Kopf ... -" + +Da eilte Johannes atemlos herein. "Feldherr," meldete er, "der Kaiser! +Kaiser Justinianus selbst ankert soeben im Hafen von Classis." + +Unmerklich zuckte Cethegus zusammen. Sollte ein solcher Blitzstrahl aus +heiterer Luft, eine Laune des unberechenbaren Despoten, nach solchen +Muehen, das fast vollendete Gebaeude seiner Plaene gerade vor der Bekroenung +niederwerfen? + +Aber Belisar fragte mit leuchtenden Augen: "mein Kaiser? Woher weisst du?" +- "Er selbst kommt, dir fuer deine Siege zu danken. - Solche Ehre ward noch +keinem Sterblichen zu teil. Das Schiff von Ariminum traegt die kaiserliche +Praesenzflagge. Purpur und Silber. Du weisst, das bedeutet, dass der Kaiser +an Bord." + +"Oder ein Glied seines Hauses!" verbesserte Cethegus in Gedanken, +aufatmend. + +"Eilt in den Hafen, unsern Herrn zu empfangen," mahnte Belisar. + + -------------- + +Sein Stolz und seine Freude wurden enttaeuscht, als ihnen auf dem Wege nach +Classis die ersten ausgeschifften Hoeflinge begegneten und im Palast +Quartier forderten, nicht fuer den Kaiser selbst, sondern fuer dessen +Neffen, den Prinzen Germanus. + +"So sendet er doch den ersten nach ihm selbst," sprach Belisar, sich +selber troestend im Weitergehen zu Cethegus. "Germanus ist der edelste Mann +am Hof. Unbestechlich, gerecht und unverfuehrbar rein. Sie nennen ihn: "die +Lilie im Sumpf". Aber du hoerst mich nicht!" + +"Vergieb, ich bemerke dort im Gedraenge, unter den eben Gelandeten, meinen +jungen Freund Licinius." + +"Salve Cethege!" rief dieser, sich Weg zum Praefekten bahnend. + +"Willkommen im befreiten Italien! Was bringst du von der Kaiserin?" fragte +er fluesternd. + +"Das Abschiedswort: _Nike (Victoria)!_ und diesen Brief," fluesterte der +Bote ebenso leise. - "Aber," und seine Stirne furchte sich - "schicke mich +nie mehr zu diesem Weibe." - "Nein, nein, junger Hippolytos, ich denke, es +wird nie mehr noetig sein." + +Damit hatten sie die Steindaemme des Hafens erreicht, dessen Stufen soeben +der kaiserliche Prinz hinanstieg. Die edle Erscheinung, von einem reich +geschmueckten Gefolg umgeben, ward von den Truppen und dem rasch +zusammenstroemenden Volk mit Jubelruf und kaiserlichen Ehren empfangen. + +Cethegus fasste ihn scharf ins Auge. "Das bleiche Antlitz ist noch bleicher +geworden," sagte er zu Licinius. "Ja, man sagt: die Kaiserin hat ihn +vergiftet, weil sie ihn nicht verfuehren konnte." + +Der Prinz, nach allen Seiten dankend, hatte jetzt Belisarius erreicht, der +ihn ehrfurchtsvoll begruesste. "Gegruesst auch du, Belisarius," erwiderte er +ernst. "Folge mir sogleich in den Palast. Wo ist Cethegus der Praefekt? Wo +Bessas? Ah Cethegus," sagte er, dessen Hand ergreifend, "ich freue mich, +den groessten Mann Italiens wieder zu sehen. Du wirst mich alsbald zu der +Enkelin Theoderichs begleiten. Ihr gebuehrt mein erster Gang. Ich bringe +ihr Geschenke Justinians und meine Huldigung. Sie war eine Gefangene in +ihrem eigenen Reich. Sie soll eine Koenigin sein am Hofe zu Byzanz." + +"Das soll sie," dachte Cethegus. Er verneigte sich tief und sprach: "Ich +weiss: du kennst die Fuerstin seit lange: ihre Hand war dir bestimmt." + +Eine rasche Glut flog ueber des Prinzen Wange. "Leider nicht ihr Herz. Ich +sah sie hier, vor Jahren, am Hof ihrer Mutter: und seitdem hat mein +inneres Auge nichts mehr als ihr Bild gesehen." "Ja, sie ist das schoenste +Weib der Erde," sagte der Praefekt, ruhig vor sich hin sehend. "Nimm diesen +Chrysopas zum Dank fuer dieses Wort," sagte Germanus und steckte einen Ring +an des Praefekten Finger. + +Damit traten sie in das Portal des Palastes. + +"Jetzt, Mataswintha," sprach Cethegus zu sich selbst, "jetzt hebt dein +zweites Leben an. Ich kenne kein roemisch Weib - Ein Maedchen vielleicht +ausgenommen, das ich kannte! - das solcher Versuchung widerstehen koennte. +Soll diese rohe Germanin widerstehen?" - + +Sowie sich der Prinz von den Muehen der Seefahrt einigermassen erholt und +die Reisekleider mit einem Staatsgewand vertauscht hatte, erschien er an +der Seite des Praefekten in dem Thronsaal des grossen Theoderich im +Mittelbau des Palastes. + +An den Waenden der stolz gewoelbten Halle hingen noch die Trophaeen gotischer +Siege. Ein Saeulengang lief an drei Seiten des Saales hin: in der Mitte der +vierten erhob sich der Thron Theoderichs. + +Mit edlem Anstand stieg der Prinz die Stufen hinan. Cethegus blieb mit +Belisar, Bessas, Demetrius, Johannes und zahlreichen andern Heerfuehrern im +Mittelgrund. + +"Im Namen meines kaiserlichen Herrn und Ohms nehme ich Besitz von dieser +Stadt Ravenna und von dem abendlaendischen Roemerreich. An dich, Magister +Militum, dies Schreiben unseres Herrn, des Kaisers. Erbrich und lies es +selbst der Versammlung vor. So befahl Justinianus." + +Belisar trat vor, empfing knieend den kaiserlichen Brief, kuesste das +Siegel, erhob sich wieder, oeffnete und las: + +"Justinianus, der Imperator der Roemer, Herr des Morgen- und des +Abendreichs, Besieger der Perser und Saracenen, der Vandalen und Alanen, +der Lazer und Sabiren, der Hunnen und Bulgaren, der Avaren und Sclavenen +und zuletzt der Goten, an Belisar den Consularen, ehemals Magister +Militum. + +Wir sind durch Cethegus den Praefekten von den Vorgaengen unterrichtet, die +zum Fall von Ravenna gefuehrt. Sein Bericht wird, auf seinen Wunsch, dir +mitgeteilt werden. Wir aber koennen seine darin ausgesprochene gute Meinung +von dir und deinen Erfolgen wie von deinen Mitteln mitnichten teilen: und +wir entheben dich deiner Stelle als Befehlshaber unseres Heeres. Und wir +befehlen dir angesichts dieses Briefes sofort nach Byzanz zurueckzukehren, +um dich vor unserem Throne zu verantworten. Einen Triumph wie nach dem +Vandalenkrieg koennen wir dir um so weniger gewaehren, als weder Rom noch +Ravenna durch deine Tapferkeit gefallen: sondern Rom durch Uebergabe, +Ravenna durch Erdbeben, den Zorn Gottes ueber die Ketzer und hoechst +verdaechtige Verhandlungen, deren Unschuld du, des Hochverrats angeklagt, +vor unserem Thron erweisen wirst. Da wir, eingedenk frueherer Verdienste, +nicht ohne Gehoer dich verurteilen wollen, - denn Morgenland und Abendland +sollen uns fuer ferne Zeiten feiern als den Kaiser der Gerechtigkeit - +sehen wir von der Verhaftung ab, die deine Anklaeger beantragt. Ohne Ketten +- nur in den Fesseln deines dich selbst anklagenden Gewissens - wirst du +vor unser kaiserliches Antlitz treten." + +Da wankte Belisar. Er konnte nicht weiter lesen: er bedeckte das Gesicht +mit den Haenden: das Schreiben entfiel ihm. + +Bessas hob es auf, kuesste es und las weiter: "Zu deinem Nachfolger im +Heerbefehl ernennen wir den Strategen Bessas. Ravenna uebertragen wir dem +Archon Johannes. Die Steuerverwaltung bleibt, trotz der wider ihn von den +Italiern erhobenen hoechst ungerechten Klagen, dem in unsrem Dienst so +eifrigen Logotheten Alexandros. Zu unsrem Statthalter aber in Italien +ernennen wir den hochverdienten Praefekten von Rom, Cornelius Cethegus +Caesarius. Unser Neffe, Germanus, mit kaiserlicher Vollmacht ausgeruestet, +haftet mit seinem Haupt dafuer, dich unverweilt nach unsrer Flotte auf der +Hoehe von Ariminum zu bringen, auf welcher dich Areobindos nach Byzanz +fuehren wird." + +Germanus erhob sich und befahl allen, bis auf Belisar und Cethegus, den +Saal zu verlassen. Darauf stieg er die Stufen des Thrones herab und +schritt auf Belisar zu, der nicht mehr wahrnahm, was um ihn her geschah. +Er stand unbeweglich, das Haupt und den linken Arm an eine Saeule gelehnt +und starrte zur Erde. + +Der Prinz fasste seine Rechte. "Es schmerzt mich, Belisarius, der Traeger +solcher Botschaft zu sein. Ich uebernahm den Auftrag, weil ihn ein Freund +milder als einer der vielen Feinde, die sich dazu draengten, ausfuehren +kann. Aber ich verhehle dir nicht: dieser dein letzter Sieg hebt die Ehre +deiner fruehern auf. Nie haette ich von dem Helden Belisar solch Luegenspiel +erwartet. Cethegus hat sich ausgebeten, dass sein Bericht an den Kaiser dir +vorgelegt werde. Er ist deines Lobes voll: hier ist er. Ich glaube, es war +die Kaiserin, die Justinians Ungnade gegen dich entzuendet hat. Aber du +hoerst mich nicht. -" Und er legte die Hand auf seine Schulter. + +Belisar schuettelte die Beruehrung ab. "Lass mich, Knabe - du bringst mir - +du bringst mir den echten Dank der Kronen." + +Vornehm richtete sich Germanus auf. "Belisar, du vergissest wer ich bin +und wer du bist." + +"Oh nein, ich bin ein Gefangner und du bist mein Waechter. Ich gehe sofort +auf dein Schiff - erspare mir nur Ketten und Bande." + + -------------- + +Erst spaet konnte sich der Praefekt von dem Prinzen losmachen, der in +vollstem Vertrauen die Angelegenheiten des Staates und seine persoenlichen +Wuensche mit ihm besprach. + +Er eilte, sowie er in seinen Gemaechern, die er ebenfalls im Palaste +bezogen, allein war, den ihm von Lucius Licinius mitgeteilten Brief der +Kaiserin zu lesen. + +Er lautete: "Du hast gesiegt, Cethegus. + +Als ich dein Schreiben empfing, gedacht' ich alter Zeiten, da deine +Brieflein in dieser Geheimschrift an Theodora nicht von Staaten und +Kriegen handelten, sondern von Kuessen und Rosen ... -" + +"Daran muessen sie immer erinnern," unterbrach sich der Praefekt. + +"Aber auch in diesem trocknen Briefe erkannte ich die Unwiderstehlichkeit +jenes Geistes, der einst die Frauen von Byzanz noch mehr als deine +Jugendschoenheit zwang. So gab ich denn auch diesmal den Wuenschen des alten +Freundes nach, wie einst denen des jungen. Ach, ich dachte gern unsrer +Jugend, der suessen. Und ich erkannte wohl, dass Antoninens Gemahl allzufest +in Zukunft stehn wuerde, wenn er diesmal nicht fiel. So raunte ich denn - +wie du geschrieben - dem Kaiser in die Ohren: "Allzugefaehrlich sei ein +Unterthan, der ein solches Spiel mit Kronen und mit Aufruhr treiben koenne. +Keinen Feldherrn duerfe man lange solcher Versuchung aussetzen. Was er +diesmal gegaukelt, koenne er ein andermal im Ernst versuchen." Diese Worte +wogen schwerer als alle Siege Belisars, und alle meine, d. h. deine +Forderungen, gingen durch. + +Denn Misstraun ist die Seele Justinians. Er traut nur einer Treue auf Erden +- der Theodoras. Dein Bote Licinius ist _huebsch_ - aber unliebenswuerdig: +er hat nur Rom und Waffen in Gedanken. Ach, Cethegus, mein Freund, es lebt +keine Jugend mehr wie die unsre war. "Du hast gesiegt, Cethegus" - weisst +du noch den Abend, da ich dir diese Worte fluesterte? - Aber vergiss nicht, +wem du den Sieg verdankst. Und merke dir, Theodora laesst sich nur solang +sie selber will als Werkzeug brauchen. Vergiss das nie." + +"Gewiss nicht," sagte Cethegus, das Schreiben sorgfaeltig zerstoerend, "du +bist eine zu gefaehrliche Verbuendete, Theodora, - nein, Daemonodora! - lass +sehn, ob du unersetzbar bist. - Geduld: - in wenig Wochen ist Mataswintha +in Byzanz. - Was bringst du?" fragte er den eintretenden Syphax, der +glaenzende Waffen trug. + +"Herr, ein Abschiedgeschenk Belisars. Nachdem er deinen Bericht an den +Kaiser gelesen, sprach er zu Prokop: "Dein Freund hat meinen Dank +verdient. Da, nimm meine goldne Ruestung, den Helm mit dem weissen +Rossschweif und den runden Buckelschild und schicke sie ihm als letzten +Gruss Belisars." + + + + + Sechsundzwanzigstes Kapitel. + + +Der Rundturm, in dessen tiefen Gewoelben Witichis gefangen sass, lag an dem +rechten Eckfluegel des Palastes, desselben Querbaues, in dem er als Koenig +gewohnt und geherrscht hatte. + +Der Turm bildete mit seiner Eisenthuer den Abschluss eines langen Ganges, +der von einem Hof aus zur Rechten lief und von diesem Hof wieder durch +eine schwere Eisenpforte abgeschlossen war. Gerade dieser eisernen +Hofpforte gegenueber lag im Erdgeschoss auf der linken Seite des Hofes die +kleine Wohnung Dromons, des Carcerarius oder Kerkermeisters des Palastes. +Sie bestand aus zwei kleinen Gemaechern: das erste, von dem zweiten durch +einen Vorhang getrennt, war ein blosses Vorzimmer. Das zweite Gemach +gewaehrte durch ein logenartiges Fenster den Ausblick auf den Hof und den +Rundturm. Beide waren von einfachster Einrichtung: ein Strohlager im +Innengemach und zwei Stuehle und Tische im aeussern nebst den Schluesseln an +den Waenden waren ihr ganzes Geraet. + +Und auf der Holzbank an jenem Fenster sass Tag und Nacht, unverwandt den +Blick auf die Mauerluecke heftend, aus welcher allein Luft und Licht in des +Koenigs Kerker fiel, schweigend und sinnend ein Weib. - + +Es war Rauthgundis. + +Niemals liess ihr Auge von jenem kleinen Spalt im Turm. "Denn dort," sagte +sie sich, "dort haengt auch sein Blick, dorthin schwebt seine Sehnsucht." +Auch wenn sie mit Wachis, ihrem Begleiter, oder mit dem Kerkermeister, der +sie beherbergte, sprach, wandte sie das Auge nicht von dem Turm. Es war, +als ob der Bann ihres Blickes Unheil von dem Gefangnen abhalten koenne. + +Lange, lange war sie heute wieder so gesessen. Es war dunkler Abend +geworden. + +Drohend und finster ragte der gewaltige Turm und warf einen breiten +Schatten ueber den Hof und diesen linken Fluegel des Palastes. + +"Dank dir, guetiger Himmelsherr," sprach sie. "Auch deine schweren Schlaege +treiben zum Heil. + +Waer' ich in die Felsen der Skaranzia, auf den hohen Arn, zum Vater, wie +ich mir ausgesonnen, - nie haette ich von dem Gang des Elends hier +vernommen. Oder doch viel zu spaet. Aber mich zog die Sehnsucht nach der +Todesstaette des Kindes, in die Naehe unsres Ehehauses, - das zwar raeumte +ich -: wusste ich denn, ob nicht sie, seine Koenigin, dort einsprechen +wuerde? So hausten wir in der Waldhuette nahe bei Faesulae. + +Und als das Schreckliche kam und eine Nachricht des Misslingens die andre +jagte, und als die Saracenen unser Haus verbrannten und ich die Flammen +leuchten sah bis in mein Versteck, da war's zu spaet nach Norden zum Vater +zu entrinnen; die Welschen sperrten alle Wege und lieferten, was fluechtete +mit gelbem Haar, den Massageten aus. Kein Weg blieb offen als der Weg +hierher - nach der Rabenstadt - wohin ich als sein Weib nie hatte kommen +wollen. Als fluechtige Bettlerin kam ich hier an, nur sein Ross Wallada und +sein Knecht, nun sein Freigelassener, Wachis, noch mir eigen und treu. + +Aber ihm zum Heil, - von Gott hierher gezwungen, - ob ich schon nicht +wollte - ihn zu retten, zu befreien von scheusslichem Verrat des eignen +Weibes! Und aus seiner Feinde Bosheit. Dank dir treuer Gott! Ich durfte +nicht mehr mit ihm leben - aber - aber ich, - Rauthgundis! - darf ihn +retten." - + +Da rasselte ihr gegenueber die eiserne Hofpforte. + +Ein Mann mit Licht trat heraus, ging ueber den Hof und trat alsbald in das +Vorzimmer. Es war der alte Kerkerwart. + +"Nun? sprich!" rief Rauthgundis, ihren Sitz verlassend und ihm in das +erste Gemach entgegeneilend. + +"Geduld - Geduld - lass mich erst die Lampe niederstellen. So! - Nun, also: +er hat getrunken. Und es hat ihm wohl gethan." + +Rauthgundis legte die Hand auf die pochende Brust. "Was thut er?" fragte +sie dann. + +"Er sitzt immer schweigend in der naemlichen Stellung. Auf dem Holzschemel, +den Ruecken gegen die Thuer gewandt, das Haupt in beide Haende gestuetzt. Er +giebt mir keine Antwort, so oft ich ihn anspreche. Er pflegte sich sonst +gar nicht zu regen. Ich glaube, der Gram und Schmerz hat ihm was angethan. +Aber heute, wie ich ihm den Wein im Holzbecher hinreichte und sprach: +"Trink, lieber Herr, es kommt von treuen Freunden:" - da blickte er auf. +So traurig, so zum sterben traurig war der Blick und das ganze Antlitz. +Und that einen tiefen Zug und nickte dankend mit dem Haupt und seufzte +tief, tief, dass es mir durch die Seele schnitt." + +Rauthgundis bedeckte die Augen mit beiden Haenden. + +"Weiss Gott, was er Boeses mit ihm vor hat!" brummte der Alte leise vor sich +hin. + +"Was sagst du?" + +"Ich sage, du musst jetzt auch einmal tuechtig essen und trinken. Sonst +verlassen dich die Kraefte. Und du wirst sie brauchen, arme Frau." + +"Ich werde sie haben." - "So nimm wenigstens einen Becher Wein." - "Von +diesem? Nein, der ist fuer ihn allein." Und sie trat in das innere Gemach +zurueck, wo sie ihren alten Platz einnahm. + +"Der Krug reicht ja noch lang," fuhr der alte Dromon fuer sich fort. "Und +ich fuerchte: wir muessen ihn bald retten, wenn er gerettet werden soll. Da +koemmt Wachis. Wenn er nur gute Nachricht bringt, sonst .. -" + +Wachis trat ein. Er hatte seit dem Besuch bei der Koenigin die Sturmhaube +und seinen Mantel mit Gewaendern Dromons vertauscht. "Gute Botschaft bring +ich," sprach er im Eintreten. "Aber wo wart ihr vor einer Stunde? Ich +pochte vergeblich." + +"Wir waren beide ausgegangen, Wein zu kaufen." + +"Ach ja, deshalb duftet das ganze Gemach so stark - was seh' ich? Das ist +ja alter, koestlicher Falerner! Womit hast du den bezahlt?" + +"Womit?" wiederholte der Alte, "mit dem edelsten Golde der Welt!" Und +seine Stimme bebte vor Ruehrung. "Ich erzaehlte ihr, dass der Praefekt ihn +absichtlich Mangel leiden lasse, dass er elend werde. Seit vielen Tagen hat +man mir gar keine Speise fuer ihn gegeben. Ich habe ihn, gegen mein +Gewissen, nur dadurch erhalten, dass ich den andern Gefangnen an dem Ihren +abbrach. Das wollte sie nicht. Sie sann nach und fragte dann: "Nicht wahr, +Dromon, die reichen Roemerinnen bezahlen immer noch das gelbe Haar der +Germaninnen so hoch?" Und ich, in meiner Einfalt nichts ahnend, sage ja. + +Und sie geht hin und schneidet schweigend ihre reichen, schoenen, +goldbraunen Flechten und Zoepfe ab und bringt sie mir. Und damit ward der +Wein bezahlt." + +Da stuerzte Wachis in das naechste Gemach, warf sich vor ihr nieder und +bedeckte den Saum ihres Gewandes mit Kuessen. "O Herrin" - rief er mit +versagender Stimme - "goldne, goldtreue Frau!" + +"Was treibst du, Wachis? steh auf und erzaehle." + +"Ja, erzaehle," sprach Dromon hinzutretend, "was raet mein Sohn?" + +"Wozu brauchen wir seinen Rat?" sprach die Frau. "Ich, ich allein will es +vollenden." + +"Sehr noetig brauchen wir ihn. Der Praefekt hat aus allen jungen Ravennaten, +nach dem Muster der roemischen, neun Kohorten Legionare gebildet und meinen +Paulus auch eingereiht. Zum Glueck hat er diesen Legionaren die Bewachung +der Stadtthore anvertraut. - Die Byzantiner liegen draussen im Hafen, seine +Isaurier hier im Palast." + +"Die Thore nun," fuhr Wachis fort, "werden zur Nacht sorgfaeltig gesperrt. +Aber die Mauerluecke am Turme des Aetius ist immer noch nicht ausgebaut. +Nur die Wachen stehen dort." + +"Wann trifft meinen Sohn die Wache?" + +"In zwei Tagen: die dritte Nachtwache." + +"Allen Heiligen sei Dank. Viel laenger duerft' es nicht waehren: - ich +fuerchte ... -" Und er stockte. + +"Was? sprich," mahnte Rauthgundis entschlossen. "Ich kann alles hoeren." + +"Es ist am Ende besser, du weisst es. Denn du bist klueger und findiger als +wir beide. Und findest eher Rat als wir. Ich fuerchte: sie haben's schlimm +mit ihm vor. + +So lange Belisar hier befahl, ging es ihm noch gut. + +Aber seit der fortgebracht und der Praefekt, der schweigsam kalte Daemon, +Herr im Palast ist, hat's ein gefaehrlich Ansehn. Alle Tage besucht er ihn +selbst im Kerker. + +Und spricht lang und eifrig und drohend in ihn hinein. Ich habe oft im +Gang gelauscht. Er muss aber wenig ausrichten. Denn der Herr giebt ihm, +glaub' ich, gar keine Antwort. Und wenn der Praefekt herauskommt, blickt er +so finster wie - wie der Koenig der Schatten. Und seit sechs Tagen erhalte +ich keinen Wein und keine Speisen fuer ihn als ein kleines Stueck Brot. Und +die Luft da unten ist so moderdumpf wie im Grabe." + +Rauthgundis seufzte tief. + +"Und gestern, als der Praefekt herauf kam, - er sah grimmiger als je darein +- da fragte er mich .. -" + +"Nun? sprich es aus, was es auch sei!" + +"Ob die Foltergeraete in Ordnung seien." + +Rauthgundis erbleichte, aber sie schwieg. "Der Neiding!" rief Wachis, "was +hast du" - "Sorget nicht, eine Weile hat's noch gute Wege. + +"Clarissime," antwortete ich, - und es ist die reine Wahrheit - "die +Schrauben und die Zangen, die Gewichte und die Stacheln und das ganze +saubere Qualzeug liegt in schoenster Ordnung alles beisammen." - "Wo?" +fragte er. "Im tiefen Meer. Ich selbst hab' es, schon auf Koenig +Theoderichs Befehl, hineingeworfen." Denn wisset, Frau Rauthgundis: euer +Herr hat einmal, da er noch einfacher Graf war, mich gerettet, da die +Geraete an mir selbst versucht werden sollten. Da wurde auf sein Bitten das +Foltern voellig abgethan: ich schulde ihm mein Leben und meine heilen +Glieder. Und darum wag' ich mit Freuden meinen Hals fuer ihn. Und will +auch, wenn's nicht anders geht, gern diese Stadt mit euch verlassen. Aber +lange duerfen wir nicht saeumen. Denn der Praefekt bedarf nicht meiner Zangen +und Schrauben, wenn er einem das Mark aus dem Leibe quaelen will. Ich +fuercht' ihn, wie den Teufel." + +"Ich hass' ihn, wie die Luege," sagte Rauthgundis grimmig. + +"Darum muessen wir rasch sein, eh' er seine schwarzen Gedanken vollfuehren +kann. Denn er sinnt Arges gegen den guten Koenig. Ich weiss nicht, was er +noch weiter von dem armen Gefangnen will. Also hoert und merkt euch meinen +Plan. In der dritten Nacht, da mein Paulus die Wache hat, wann ich ihm den +Nachttrunk bringe, schliesse ich ihm die Ketten los, werfe ihm meinen +Mantel ueber und fuehre ihn aus dem Kerker und dem Gang in den Hof. + +Von da koemmt er ungehindert bis an das Thor des Palastes, wo ihn die +Thorwache um die Losung fraegt. Diese werd' ich ihm sagen. + +Ist er auf der Strasse, dann rasch an den Turm des Aetius, wo ihn mein +Paulus die Mauerluecke passieren laesst. Draussen im Pinienwald, im Hain der +Diana, wenige Schritte vor dem Thore, wartet Wachis auf ihn, der ihn auf +Wallada hebt. Begleiten aber darf ihn niemand. Auch du nicht, Rauthgundis. +Er flieht am sichersten allein." + +"Was liegt an mir! Frei soll er sein, nicht noch einmal an mich gebunden. +Du nennst meinen Namen gar nicht. Ich hab' ihm nur Unglueck gebracht. Ich +will ihn nur noch einmal sehen, von diesem Fenster aus, wann er in die +Freiheit tritt." + + -------------- + +Der Praefekt sonnte sich in diesen Tagen im Vollgefuehle der Macht. + +Er war Statthalter von Italien: in allen Staedten wurden auf seine +Anordnung die Befestigungen geflickt und verstaerkt, die Buerger an die +Waffen gewoehnt. Die Vertreter von Byzanz vermochten ihm in keiner Weise +Gegengewicht zu halten. Ihre Heerfuehrer hatten kein Glueck, die +Belagerungen von Tarvisium, Verona und Ticinum machten keine Fortschritte. + +Und mit Vergnuegen vernahm Cethegus, dass Hildebad, dessen Schar sich durch +Zulauf unterwegs auf etwa sechshundert erhoeht, Acacius, der ihn mit +tausend Perser-Reitern eingeholt und angegriffen, blutig zurueckgeschlagen +hatte. Eine starke Abteilung von Byzantinern aber, die ihm von Mantua aus +entgegenrueckte, verlegte ihm alle Wege - er wollte nach Tarvisium zu +Totila - und noetigte ihn, sich in das noch von den Goten unter Thorismuth +besetzte Kastell von Castra Nova zu werfen. Hier hielten ihn die +Byzantiner eingeschlossen, vermochten aber nicht, den festen Bau zu nehmen +und schon sah der Praefekt die Stunde kommen, da ihn Acacius zu Hilfe rufen +wuerde, den Goten, der ihm dann nicht mehr entrinnen konnte, zu vernichten. + +Es freute ihn, dass die Kriegsmacht von Byzanz seit Belisars Entfernung +sich offen vor ganz Italien als unfaehig erwies, den letzten Widerstand der +Goten zu brechen. Und die Haerte der byzantinischen Finanzverwaltung, die +Belisar ueberall, wo er einzog, mit sich fuehren musste - er konnte die auf +Befehl des Kaisers geuebte Aussaugung nicht hindern - erweckte oder +steigerte in den Staedten und auf dem flachen Lande die Abneigung gegen die +Ostroemer. Cethegus huetete sich wohl, wie Belisar gethan, den aergsten +Uebergriffen der Beamten Justinians zu wehren. Er sah es mit Freude, dass in +Neapolis, in Rom wiederholt das Volk gegen die Bedruecker in offnem Aufruhr +emporloderte. + +Waren die Goten vollends vernichtet, der Byzantiner Macht veraechtlich, +ihre Tyrannei verhasst genug geworden, dann konnte Italien aufgerufen +werden, frei zu sein und der Befreier, der Beherrscher hiess Cethegus. + +Dabei verliess ihn nur die Eine Besorgnis nicht - denn er war fern von +Unterschaetzung seiner Feinde, - der Gotenkrieg, dessen letzte Funken noch +nicht ausgetreten, koenne nochmal aufflammen, geschuert durch die Entruestung +des Volkes ueber den geuebten Verrat. + +Schwer fiel dem Praefekten ins Gewicht, dass die tiefstgehassten Fuehrer der +Goten, dass Totila und Teja nicht mit im Netze zu Ravenna waren gefangen +worden. Um der Gefahr jener begeisterten Volkserhebung zuvorzukommen, +trachtete er so eifrig, dem gefangnen Gotenkoenig die Erklaerung zu +entreissen, er habe sich und die Stadt zuletzt ohne Hoffnung und Bedingung +unterworfen, und er fordre die Seinen auf, den aussichtslosen Widerstand +aufzugeben. + +Und auch das Kastell, in welchem der Kriegsschatz Theoderichs geborgen +lag, sollte ihm sein Gefangner angeben. In jener Zeit war ein solcher, +schon um fremde Fuersten und Soeldner zu gewinnen und anzuziehen, von +hoechster Bedeutung. Verloren ihn die Goten, so verloren sie die letzte +Hoffnung, ihre geschwaechte Kraft durch fremde Waffen zu ergaenzen. Und viel +lag dem Praefekten daran, jenen als unermesslich reich von der Sage +gepriesenen Hort nicht in die Haende der Byzantiner fallen zu lassen, deren +Geldnot und daher verursachte Tyrannei ein wichtiger Bundesgenosse seiner +Plaene war: sondern ihn sich selbst zu sichern, - auch seine Mittel waren +ja nicht unerschoepflich. + +Aber all sein Bemuehen schien an der Unerschuetterlichkeit seines Gefangnen +zu scheitern. + + + + + Siebenundzwanzigstes Kapitel. + + +Die Massregeln zur Befreiung des Koenigs waren getroffen. + +Rauthgundis war mit Wachis hinausgegangen, sich das Walddickicht genau +einzupraegen, wo der treue Freigelassene mit dem treuen Ross Dietrichs von +Bern ihrer warten sollte. + +Und mit der Ruhe, welche die Vollendung aller Vorbereitungen starkem Sinn +gewaehrt, war die Gotin nach der Wohnung des Kerkermeisters zurueckgekehrt. +Aber sie erbleichte, als dieser ihr wie verzweifelt entgegenstuerzte und +sie ueber die Schwelle in das Gemach zog. Dort warf er sich vor ihr nieder, +schlug die Brust mit den Faeusten und raufte sein graues Haar. Lange fand +er keine Worte. + +"Rede," gebot Rauthgundis und presste die Hand auf das wild pochende Herz, +"ist er tot?" + +"Nein, aber die Flucht ist unmoeglich! Alles dahin! Alles verloren! Vor +einer Stunde kam der Praefekt und stieg zu dem Koenig hinab. Wie gewoehnlich +schloss ich ihm selbst die beiden Thueren, die Gangthuer und die +Kerkerpforte, auf - da -" "Nun?" "Da nahm er mir die beiden Schluessel ab: +er werde sie fortan selbst verwahren." "Und du gabst sie ihm?" knirschte +Rauthgundis. "Wie konnt' ich sie weigern! Ich wagte das Aeusserste. Ich +hielt sie zurueck und fragte: "O Herr, vertraust du mir nicht mehr?" Da +warf er mir einen seiner Blicke zu, die Leib und Seele wie ein Messer +trennen koennen. + +"Von jetzt an - nicht mehr!" sprach er und riss mir die Schluessel aus der +Hand." + +"Und du liessest es geschehen! Doch freilich! Was ist dir Witichis?" + +"O Herrin, du thust mir weh und unrecht! Was haettest du an meiner Stelle +thun koennen? Nichts andres!" + +"Erwuergt haett' ich ihn mit diesen Haenden! Und nun? Was soll jetzt +geschehn?" + +"Geschehn? Nichts! Nichts kann geschehen." + +"Er muss frei werden. Hoerst du, er muss!" + +"Aber Herrin! Ich weiss ja nicht wie." + +Rauthgundis ergriff ein Beil, das an dem Herde lehnte. "Erbrechen wir die +Thueren mit Gewalt." Dromon wollte ihr die Axt entwinden. + +"Unmoeglich! Dicke Eisenplatten!" + +"So rufe den Unhold. Sage, Witichis verlange ihn zu sprechen. Und vor der +Gangthuer erschlag ich ihn mit diesem Beil." + +"Und dann? Du rasest! Lass mich hinaus. Ich will Wachis abrufen von seiner +nutzlosen Wacht." + +"Nein, ich kann's nicht denken, dass es heut' nicht werden soll. Vielleicht +koemmt dieser Teufel von selbst wieder. Vielleicht" - sprach sie +nachsinnend. "Ah," schrie sie ploetzlich, "gewiss, das ist's. Er will ihn +ermorden! Er will sich allein zu dem Wehrlosen schleichen. Aber weh' ihm, +wenn er kommt! Die Schwelle jener Gangthuer will ich hueten wie ein +Heiligtum, besser als meines Kindes Leben. Und weh ihm, wenn er sie +beschreitet." Und sie drueckte sich hart an die Halbthuer des Gemaches +Dromons und wog das schwere Beil. + +Aber Rauthgundis irrte. + +Nicht um seinen Gefangenen zu toeten, hatte der Praefekt die Schluessel an +sich genommen. Er war mit denselben in den linken, den Suedbau des Palastes +geschritten. Spaet am Nachmittag trat Cethegus - er kam aus dem Kerker des +Koenigs - in das Gemach Mataswinthens. Die Ruhe des Todes und die Erregung +des Fiebers wechselten in der seelisch Tieferkrankten so oft, so rasch, +dass Aspa nur mit Thraenen-erfuellten Augen noch auf ihre Herrin sah. + +"Zerstreue," sprach Cethegus, "schoenste Tochter der Germanen, die Wolken, +die auf deiner weissen Stirn lagern und hoere mich ruhig an." + +"Wie steht es mit dem Koenig? Du lassest mich ohne Nachricht. Du +versprachst, ihn frei zu geben nach der Entscheidung. Ihn ueber die Alpen +fuehren zu lassen. Du haeltst dein Wort nicht." + +"Ich habe das versprochen: - unter zwei Bedingungen. + +Du kennst sie beide, und hast die deine noch nicht erfuellt. Morgen kommt +der kaiserliche Neffe Germanus zurueck von Ariminum, - dich nach Byzanz zu +fuehren: - du giebst ihm Hoffnung, seine Braut zu werden. Die Ehe mit +Witichis war erzwungen und nichtig." + +"Ich sagte dir schon: nein, niemals!" + +"Das thut mir leid - um meinen Gefangenen. + +Denn eher nicht sieht er das Licht der Sonne, bis du mit Germanus auf dem +Wege nach Byzanz." + +"Niemals." + +"Reize mich nicht, Mataswintha! Die Thorheit des Maedchens, das so teuren +Preis einst um einen Areskopf bezahlt, ist, denk' ich, ueberwunden. +Dasselbe Geschoepf hat den Ares der Goten ja seinen Feinden verraten. Aber +ehrst du noch wirklich den Maedchentraum, so rette den einst Geliebten." + +Mataswintha schuettelte das Haupt. + +"Ich habe dich bisher als eine Freie, als Koenigin behandelt. Erinnere mich +nicht, dass du so gut wie er in meiner Gewalt. Du wirst dieses edlen +Prinzen Gemahlin - bald seine Witwe - und Justinian, Byzanz, die Welt +liegt dir zu Fuessen. Tochter Amalaswinthens - solltest du nicht die +Herrschaft lieben?" + +"Ich liebe nur ... -! Niemals!" + +"So muss ich dich zwingen!" + +Sie lachte: "Du? mich? zwingen?" + +"Ja, ich dich zwingen. (Sie liebt ihn noch immer, den sie zu Grunde +gerichtet!) Die zweite Bedingung naemlich ist: dass der Gefangene diesen +leergelassenen Namen ausfuellt - es ist der Name des Schatzschlosses der +Goten - und diese Erklaerung unterschreibt. Er weigert sich mit einem +Trotz, der anfaengt, mich zu erbittern. Siebenmal war ich bei ihm - ich, +der Sieger - er hatte noch kein Wort fuer mich. Nur das erste Mal, da +erhielt ich einen Blick - fuer den er allein den stolzen Kopf verlieren +musste." + +"Nie giebt er nach." + +"Das fraegt sich doch. Auch Felsen zermuerbt beharrlicher Tropfenfall. Aber +ich kann nicht lange mehr warten. + +Heute frueh kam Nachricht, dass der tolle Hildebad in wuetigem Ausfall Bessas +so schwer geschlagen, dass er kaum die Einschliessung noch aufrecht haelt. +Ueberall flackern gotische Erhebungen empor. Ich muss fort und ein Ende +machen und diese Funken ausloeschen mit dem Wasser der Enttaeuschung, besser +als mit Blut. Dazu muss ich des gefangenen Koenigs Erklaerung und +Schatzgeheimnis haben. Ich sage dir also: wenn du bis morgen Mittag nicht +des Prinzen Begleiterin nach Byzanz bist und mir nicht vorher die +Unterschrift des Gefangenen verschaffst, die Echtheit von dir selbst +bezeugt, so werd' ich den Gefangenen - - ich schwoere es dir beim Styx, - +werd' ich den Gefangenen -" + +Entsetzt von seinem furchtbar drohenden Ausdruck fuhr Mataswintha von +ihrem Sitz empor und legte ihre Hand auf seinen Arm. "Du wirst ihn doch +nicht toeten?" + +"Ja, das werd' ich. Ich werd' ihn erst foltern. Dann blenden. Und dann +toeten." + +"Nein, nein!" schrie Mataswintha auf. + +"Ja, ich hab's beschlossen. Die Henker stehen bereit. Und du wirst ihm das +sagen: dir, dieser haenderingenden Verzweiflung wird er glauben, dass es +Ernst. Du vielleicht ruehrst ihn: mein Anblick haertet seinen Trotz. Er +waehnt vielleicht noch, in Belisars, des Weichherzigen, Hand zu sein. Du +wirst ihm sagen, in wessen Gewalt er ist. Hier die beiden Pergamente. Hier +die Schluessel - du sollst deine Stunde frei waehlen - zu seinem Kerker." + +Ein Strahl freudiger Hoffnung blitzte aus Mataswinthens Seele durch ihr +Auge. + +Cethegus bemerkte es wohl. Aber ruhig laechelnd schritt er hinaus. + + + + + Achtundzwanzigstes Kapitel. + + +Bald, nachdem der Praefekt die Koenigin verlassen, war es dunkel geworden +ueber Ravenna. Der Himmel war dicht mit zerrissenem Gewoelk bedeckt, das +heftiger Wind an dem Neumond vorueberjagte, so dass kurzes, ungewisses Licht +mit desto tieferem Dunkel wechselte. + +Dromon hatte seinen Abendrundgang in den Zellen der uebrigen Gefangenen +vollendet und kam muede und traurig in sein Vorgemach zurueck. Er fand kein +Licht brennend. Mit Muehe nur nahm er Rauthgundis wahr, die noch immer +reglos an der Halbthuer lehnte, das Beil in der Hand, den Blick auf die +Gangthuer geheftet. + +"Lass mich Licht schlagen, Frau, den Kienspan im Herdeisen entzuenden: und +teile das Nachtmahl mit mir. Komm, du harrest hier umsonst." - "Nein, kein +Licht, kein Feuer in dem Gemach! Ich sehe so besser, was draussen im Hof, +im Mondlicht naht." - "Nun so komm wenigstens hierherein und ruhe auf dem +Dreifuss. Hier ist Brot und Fleisch." - "Soll ich essen, waehrend er Hunger +leidet?" - "Du wirst erliegen! Was denkst, was sinnst du den ganzen +Abend?" + +"Was ich denke?" wiederholte Rauthgundis, immer hinausblickend: "Ihn! Und +wie wir so oft gesessen in dem Saeulengang vor unserem schoenen Hause, wann +der Brunnen plaetscherte in dem Garten und die Cikaden zirpten auf den +Olivenbaeumen. Und die kuehle Nachtluft strich frei um sein liebes Haupt. +Und ich schmiegte mich an seine Schulter. Und wir sprachen nicht. Und oben +gingen die Sterne. Mit Schweigen. Und wir lauschten den vollen, tiefen +Atemzuegen des Kindes, das eingeschlafen war auf meinem Schoss, die +Haendchen, wie weiche Fesseln, um den Arm des Vaters geschlungen. Jetzt +traegt sein Arm andre Fesseln. Eisenfesseln traegt er, - die schmerzen ... +- -" Und sie drueckte die Stirn an das Eisengitter, fest und fester, bis +sie selbst Schmerz empfand. + +"Herrin, was quaelst du dich? Es ist doch nicht zu aendern!" + +"Ich will es aber aendern! Ich muss ihn retten und - Ah, Dromon, hieher! Was +ist das?" fluesterte sie und wies in den Hof. + +Der Alte sprang geraeuschlos an ihre Seite. In dem Hofe stand eine hohe, +weisse Gestalt, die lautlos an der Mauer dahinglitt. Rasch nur, aber +scharf, fiel das Mondlicht darauf. + +"Es ist eine Lemure! Ein Schatte der vielen hier Ermordeten," sprach der +Alte bebend. "Gott und die Heiligen schuetzet mich!" Und er bekreuzte sich +und verhuellte das Haupt. + +"Nein," sprach Rauthgundis, "die Toten kommen nicht wieder vom Jenseits. +Jetzt ist's verschwunden - Dunkel ringsum - Sieh, da bricht der Mond durch +- da ist es wieder! Es schwebt voran gegen die Gangthuer. Was schimmert da +rot im weissen Licht? Ah, das ist die Koenigin - ihr rotes Haar! Sie haelt an +der Gangthuer. Sie schliesst auf! Sie will ihn im Schlaf ermorden!" + +"Weiss Gott, es ist die Koenigin! Aber ihn ermorden! Wie koennte sie!" + +"_Sie_ koennte es! Aber sie soll es nicht, so wahr Rauthgundis lebt. Ihr +nach! Ein Wunder thut uns seinen Kerker auf! Doch aber leise! Leise!" + +Und sie trat aus der Halbthuer in den Hof, das Beil in der Rechten, +vorsichtig den Schatten der Mauer suchend, langsam, auf den Zehen +schleichend. Dromon folgte ihr auf dem Fusse. + +Inzwischen hatte Mataswintha die Gangthuer aufgeschlossen und ihren Weg +erst viele Stufen hinab, dann durch den schmalen Gang, mit den Haenden +tastend, zurueckgelegt. Nun erreichte sie die Pforte des Kerkers. Sacht +erschloss sie auch diese. + +Durch einen ausgehobenen Ziegelstein hoch oben im Turm fiel ein schmaler +Streif des Mondlichts in das enge Quadrat. Es zeigte ihr den Gefangenen. +Er sass, den Ruecken gegen die Thuere gewandt, das Haupt auf die Haende +gestuetzt, reglos auf einem Steinblock. + +Zitternd lehnte sich Mataswintha an die Pfosten der Pforte. Eiskalte Luft +schlug ihr entgegen. Sie fror. Sie fand keine Worte: vor Grauen. + +Da spuerte Witichis an dem Windzug, dass die Pforte geoeffnet worden. Er hob +das Haupt. Aber er sah nicht um. + +"Witichis - Koenig Witichis" - stammelte endlich Mataswintha - "ich bin's. +Hoerst du mich?" + +Aber der Gefragte ruehrte sich nicht. + +"Ich komme, dich zu retten - fliehe! Freiheit!" + +Aber der Gefangene senkte wieder das Haupt. + +"Oh sprich! - oh sieh nur auf mich!" - Und sie trat ein. Gern haette sie +seinen Arm beruehrt, seine Hand gefasst. Sie wagte es noch nicht. "Er will +dich toeten - quaelen. Er wird es thun, - wenn du nicht fliehst." + +Und nun gab ihr Verzweiflung den Mut, naeher zu treten. "Du sollst aber +fliehn! Du sollst nicht sterben! Du sollst gerettet sein - durch mich! Ich +flehe dich an - fliehe! Du hoerst mich nicht! Die Zeit draengt! Einst sollst +du alles wissen! Nur jetzt flieh in Freiheit und Leben. Ich habe die +Schluessel der Kerkerpforte und der Gangthuer! flieh!" Und nun fasste sie +seinen Arm, wollte ihn emporreissen. + +Da klirrten seine Ketten an den Armen, an den Fuessen. - Er war an den +Steinblock festgeschlossen. + +"O, was ist das?" rief sie und fiel in die Kniee. + +"Stein und Eisen," sagte er tonlos. "Lass mich. Ich gehoere dem Tode. Und +hielten mich auch diese Bande nicht - ich folgte dir doch nicht! Zurueck in +die Welt? Die Welt ist eine grosse Luege. Alles ist Luege." + +"Du hast Recht! sterben ist besser. Lass mich sterben mit dir. Und verzeih +mir. Denn auch ich habe dir gelogen." + +"Es mag wohl sein. Es wundert mich nicht." + +"Aber du musst mir noch vergeben, ehe wir sterben. + +Ich habe dich gehasst - ich habe gejubelt ueber deinen Niedergang - ich habe +- o, es ist so schwer zu sagen! Ich habe die Kraft nicht, es zu gestehn. +Und doch muss ich deine Verzeihung haben - und muesst' ich sie mir erstehlen. +Vergieb mir - reiche mir die Hand zum Zeichen, dass du mir verzeihst." + +Aber Witichis war in sein Brueten zurueckgesunken. "O, ich flehe dich an - +verzeihe mir, was immer ich dir mag gethan haben." + +"Geh - warum soll ich dir nicht verzeihn? Du bist wie alle! nicht besser, +nicht schlimmer!" + +"Nein, ich bin boeser als alle. Und doch besser. Wenigstens elender. Wisse +denn: ich habe dich gehasst, ja, aber nur, weil du mich von dir gestossen! +Du liessest mich nicht dein Leben teilen, - verzeihe mir. - Gott, ich will +ja nur mit dir sterben duerfen. Reich mir einmal noch die Hand, zum +Zeichen, dass du mir verzeihst." Und sie streckte kniend, flehend, beide +Haende zu ihm empor. + +Der Koenig erhob das Haupt. Der Grundzug seines Wesens, die tiefe +Herzensguete, regte sich in ihm und uebertoente den eignen dumpfen Schmerz. +"Mataswintha," sagte er, und erhob die kettenklirrende Hand, "geh', es +erbarmt mich dein. Lass mich allein sterben. Was immer du an mir gethan - +geh hin: - ich habe dir verziehn." + +"O Witichis!" hauchte Mataswintha und wollte seine Hand ergreifen. + + + + + Neunundzwanzigstes Kapitel. + + +Aber heftig fuehlte sie sich hinweggerissen. "Nachtbrennerin, nie soll er +dir vergeben! Komm Witichis, _mein_ Witichis. Folge mir! du bist frei." +Der Koenig sprang auf, von dieser Stimme wie aus Betaeubung geweckt. +"Rauthgundis! Mein Weib! ja du logst nie! Du bist getreu. Ich hab' dich +wieder." Und tief aufatmend, jauchzend aus voller Brust, breitete er die +Arme aus. Sein Weib flog an seine Brust und sie weinten beide suesse Thraenen +der Liebe und der Freude. + +Mataswintha aber, die sich erhoben hatte, wankte gegen die Mauer. Sie +strich sich langsam die roten, losgegangnen Haare aus der Stirn und +blickte auf das Paar, das der Mondstrahl, der durch die Turmluke fiel, +hell beleuchtete. + +"Wie er sie liebt! Ihr, ja ihr wuerd' er folgen in Freiheit und Leben. Aber +er muss ja bleiben! Und sterben - mit mir." - + +"Saeumt nicht laenger!" mahnte von der Kerkerthuere her die Stimme Dromons. + +"Ja, rasch fort, mein Leben!" rief Rauthgundis. Sie zog einen kleinen +Schluessel aus dem Busen und tastete an den Ketten, des Schlosses kleine +Oeffnung suchend. + +"Wie? soll ich wirklich nochmal hinaus?" fragte der Gefangene, halb in +seine Betaeubung zuruecksinkend. + +"Ja, hinaus in Luft und Freiheit," rief Rauthgundis und warf die +losgeschlossenen Armfesseln zur Erde. "Hier Witichis, eine Waffe! Ein +Beil! Nimm!" + +Begierig ergriff der gotische Mann die Axt und holte kraeftig damit aus: +"Ah! die Waffe thut dem Arm, der Seele wohl!" + +"Das wusste ich, mein tapfrer Witichis!" rief Rauthgundis, kniete nieder +und schloss die Kette auf, die seinen linken Fuss an den Steinblock +gefesselt hielt. "Nun schreite aus! Denn du bist frei." + +Witichis that, das Beil in der Rechten hebend, hoch sich reckend, einen +Schritt gegen die Thuere. + +"Und _sie_ darf seine Ketten loesen!" fluesterte Mataswintha. + +"Ja, frei!" sprach Witichis, hoch aufatmend. "Ich _will_ frei sein und mit +dir gehen." + +"Mit ihr will er gehen!" rief Mataswintha und warf sich den Gatten in den +Weg. "Witichis - leb wohl - geh! - Nur sage mir nochmal - dass du mir +vergiebst." + +"Dir vergeben?" rief Rauthgundis. "Nie! Niemals! Sie hat unser Reich +zerstoert. Sie hat dich verraten. Nicht der Blitz des Himmels - ihre Hand +hat deine Speicher verbrannt!" + +"O so sei verflucht!" rief Witichis. "Hinweg von dieser Schlange der +Hoelle!" Und sie von der Pforte hinwegschleudernd, schritt er ueber die +Schwelle, gefolgt von Rauthgundis. + +"Witichis!" rief Mataswintha sich aufraffend. "Halt! Halt an! Hoere mich +nur noch einmal! Witichis!" + +"Schweig!" sprach Dromon, ihren Arm ergreifend. "Du wirst ihn verderben." + +Aber Mataswintha, ihrer nicht mehr maechtig, riss sich los und folgte, die +Stufen hinauf in den Gang. + +"Halt!" rief sie, "Witichis! Du darfst nicht so hinweg. Du musst mir +verzeihn." Da brach sie ohnmaechtig zu Boden. + +Dromon eilte an ihr vorbei, den Fliehenden nach. + +Aber schon hatte das gellende Rufen den Mann des leisesten Schlafes +geweckt. + +Cethegus trat, das Schwert in der Hand, nur halb geguertet, aus seinem +Schlafgemach auf den Gang, dessen offne Logen in den viereckigen Palasthof +blickten. + +"Wachen," rief er, "unter die Speere!" Auch Soldaten waren merksam +geworden. Kaum hatten Witichis, Rauthgundis und Dromon den Gang und die +Gangthuere durchschritten und, gerade dieser gegenueber, die Gemaecher +Dromons erreicht, als sechs isaurische Soeldner laut laermend in den Gang +hineinstuermten. + +Rasch sprang Rauthgundis aus der Halbthuer, sprang auf die schwere eiserne +Gangthuere zu, warf sie klirrend ins Schloss, drehte den Schluessel um, und +zog ihn heraus. "Die sind geborgen und unschaedlich!" fluesterte sie. + +Schnell eilten nun die beiden Gatten von dem Gemache Dromons dem grossen +Ausgang zu, der aus dem Schlosshof auf die Strasse fuehrte. Mit gefaelltem +Speer trat hier der letzte Mann der Wache, der hier zurueckgeblieben, ihnen +entgegen. "Gebt die Losung," rief er. "Rom und? -" + +"Rache!" sprach Witichis und schlug ihn mit dem Beile nieder. + +Laut schreiend fiel der Soeldner, und warf noch den Speer den Fluechtigen +nach: er durchbohrte den letzten der drei - Dromon. + +Ueber die Marmorstufen des Palastes auf die Strasse hinabspringend, hoerten +die Gatten die eingesperrten Soldaten donnernd gegen die feste Eisenthuere +schlagen, auch einen lauten Befehlruf hoerten sie noch. "Syphax! mein +Pferd!" + +Dann nahm sie Nacht und Dunkel auf. + +Wenige Minuten darauf schimmerte der Palasthof von Fackeln: und Reiter +flogen nach allen Thoren der Stadt. + +"Sechstausend Solidi wer ihn lebend, dreitausend wer ihn erschlagen +bringt!" rief Cethegus, - sich in den Sattel seines schwarzen Hengstes +schwingend. "Nun auf, ihr Soehne des Windes, Ellak und Mundzuch, Hunnen und +Massageten. Jetzt reitet, wenn ihr je geritten!" + +"Aber wohin, Herr?" fragte Syphax, an seines Herrn Seite aus dem +Palastthor sprengend. + +"Das ist schwer raten. Aber alle Thore sind geschlossen und besetzt. Sie +koennen nur etwa zu den Mauerbreschen hinaus." + +"Zwei grosse Mauerbreschen sinds." + +"Sieh dort den Jupiter, der eben aus der Wolke tritt im Ost. Er winkt mir. +Ist nicht dort -?" + +"Der Mauersturz am Turme des Aetius." + +"Gut! dort hinaus! Ich folge meinem Stern!" - - - + + -------------- + +Gluecklich hatten inzwischen die Gatten, hindurchgelassen von Paulus, dem +Sohn des Dromon, die nur halb ausgefuellte Mauerluecke durcheilt und in dem +nahen Pinienhain der Diana Wachis, den Getreuen, und zwei Pferde gefunden. +Wallada nahm die Gatten auf den Ruecken. - + +Der Freigelassene ritt rasch voran, dem Ufer des hier sehr breiten Flusses +zu. Witichis hielt Rauthgundis vor sich, hinter dem Hals des Rosses. "Mein +Weib! mit dir hatte ich alles verloren! Leben und Lebensmut. Aber nun will +ich's noch einmal wagen um das Reich. O wie konnte ich dich von mir +lassen, du Seele meiner Seele." + +"Dein Arm ist wund vom Druck der Kette! So! leg ihn hier auf meinen +Nacken, o du mein alles." + +"Vorwaerts, Wallada! Rasch! es gilt das Leben." + +Da bogen sie aus dem Dickicht des Hains ins Freie. Das Ufer des Flusses +war erreicht. Wachis trieb sein baeumendes Pferd in die dunkle Flut. Das +Thier scheute und widerstrebte. Der Freigelassene sprang ab. "Er geht sehr +tief, sehr reissend. Es ist Hochwasser seit drei Tagen. Die Furt ist nicht +zu brauchen. + +Die Gaeule muessen schwimmen und stark rechts abwaerts wird's uns reissen. Und +es sind Felsen im Fluss. Und das Mondlicht wechselt so oft und taeuscht." - +Ratlos pruefte er am Ufer hin und her. + +"Horch, was war das?" fragte Rauthgundis. "Das war nicht der Wind in den +Steineichen." + +"Pferde sind's," sagte Witichis. "Sie nahen in Eile. Ja, wir sind +verfolgt. Waffen klirren. Da - Fackeln. Jetzt hinein in den Strom auf +Leben und Sterben. Aber leise!" + +Und er fuehrte sein Pferd am Zuegel in die Flut. + +"Kein Bodengrund mehr. Die Gaeule muessen schwimmen. + +Halte dich fest an der Maehne, Rauthgundis. Vorwaerts, Wallada!" + +Schnaubend, zitternd, blickte das Thier in die schwarze Flut - die Maehne +flog wirr kopfueber - die Vorderfuesse vorgestreckt, den Hinterbug +zurueckgehemmt. + +"Vorwaerts, Wallada!" Und leise rief Witichis dem treuen Ross ins Ohr: +"Dietrich von Bern!" Da setzte das edle Tier in stolzem Sprung willfaehrig +in die Flut. + +Schon jagten die verfolgenden Reiter aus dem Wald, voran Cethegus, ihm zur +Seite Syphax, eine Fackel hebend. "Hier, im Ufersand, verschwindet die +Spur, o Herr." + +"Sie sind im Wasser! Vorwaerts, ihr Hunnen!" + +Aber die Reiter zogen die Zuegel an und ruehrten sich nicht. + +"Nun, Ellak? was zoegert ihr? Sofort in die Flut!" + +"Herr, das koennen wir nicht. Ehe wir zur Nachtzeit in fliessend Wasser +reiten, muessen wir Phug, den Wassergeist, um Verzeihung bitten. Wir muessen +erst zu ihm beten." + +"Betet nachher, wenn ihr drueben seid, solang ihr wollt, nun aber -" + +Da fuhr ein staerkerer Windstoss ueber den Fluss und verloeschte alle Fackeln. +- Hochauf rauschte die Flut. + +"Du siehst, o Herr, Phug zuernt." + +"Still! saht ihr nichts? Da unten, links?" + +Der Mond war aus dem jagenden Gewoelk getaucht. - Er zeigte Rauthgundis +helles Untergewand: - den braunen Mantel hatte sie verloren. + +"Zielt rasch, dorthin." + +"Nein, Herr! Erst ausbeten." - + +Da war es wieder dunkel am Himmel. - Mit einem Fluch riss dem +Hunnenhaeuptling Cethegus Bogen und Koecher von der Schulter. + +"Nun rasch vorwaerts!" rief leise Wachis, der schon fast das rechte Ufer +gewonnen hatte, zurueck - "ehe der Mond aus jener schmalen Wolke tritt." + +"Halt, Wallada!" rief Witichis, abspringend, die Last zu erleichtern, und +sich an der Maehne haltend. "Da ist ein Fels! Stosse dich nicht, +Rauthgundis." - + +Ross, Mann und Weib stockten einen Augenblick an dem ragenden Stein, wo in +gurgelndem, tiefem Wirbel das Wasser reissend zog. + +Da ward der Mond ganz frei. Hell beleuchtete er die Flaeche des Stroms und +die Gruppe am Felsen. + +"Sie sind es!" rief Cethegus, der schon den gespannten Langbogen bereit +hielt, zielte und schoss. Schwirrend flog der lange, schwarzgefiederte +Pfeil von der Sehne. + +"Rauthgundis!" rief Witichis entsetzt. - Denn sie zuckte zusammen und sank +nach vorwaerts auf die Maehne des Rosses: aber sie klagte nicht. + +"Bist du getroffen?" - "Ich glaube. Lass mich hier. Und rette dich." - +"Niemals! Lass dich stuetzen." + +"Um Gott, Herr, duckt euch! taucht! sie zielen!" + +Die Hunnen hatten jetzt ausgebetet. Sie ritten bis hart an den Strom, bis +in sein Uferwasser, bogenspannend und zielend. + +"Lass mich, Witichis! Flieh, ich sterbe hier." - "Nein, ich lasse dich nie +mehr!" Er wollte sie aus dem Sattel heben und sie auf dem Stein bergen. In +hellem Mondlicht stand die Gruppe. + +"Gieb dich gefangen, Witichis!" rief Cethegus, sein Ross bis an den Bug in +das Wasser spornend. + +"Fluch ueber dich, du Luegner und Neiding." + +Da schwirrten zwoelf Pfeile auf einmal. Hoch auf sprang das Ross Theoderichs +und versank fuer immer in die Tiefe. + +Aber auch Witichis war auf den Tod getroffen. "Bei dir!" - hauchte noch +Rauthgundis. Fest mit beiden Armen umfing sie Witichis. - - "Mit dir!" + +Umschlungen verschwanden sie im Fluss. + +Jammernd rief drueben Wachis im Schilf des Ufers noch dreimal ihren Namen. +Er erhielt keine Antwort. Da jagte er davon in die Nacht. + +"Schafft die Leichen ans Land!" befahl Cethegus duester, sein Ross wendend. +Und die Hunnen ritten und schwammen bis an den Stein und suchten. + +Aber sie suchten vergebens. Der rasche Strom hatte sie mit fortgerissen +und die wieder vereinten Gatten mit sich hinausgetragen ins tiefe, freie +Meer. + + -------------- + +Am gleichen Tage war Prinz Germanus von Ariminum in den Hafen von Ravenna +zurueckgekehrt, bereit, demnaechst Mataswintha nach Byzanz zu fuehren. + +Diese war aus ihrer Betaeubung erst durch die Hammerschlaege der Werkleute +geweckt worden, die das Mauerwerk neben der Gangthuer durchbrachen, die +eingesperrten Soeldner zu befreien. Man fand die Fuerstin auf den +Kerkerstufen zusammengebrochen. Sie ward in vollem Fieber in ihre Gemaecher +hinaufgetragen, wo sie auf den Purpurpolstern ohne Laut und Regung, aber +mit starr geoeffneten Augen lag. + +Gegen Mittag liess sich Cethegus melden. Sein Blick war finster und +drohend, sein Antlitz von eisiger Kaelte. Er trat dicht an ihr Lager. +Mataswintha sah ihm ins Auge. + +"Er ist tot!" sagte sie dann ruhig. + +"Er wollte es nicht anders. Er - und du. Dir Vorwuerfe machen ist zwecklos. +Aber du siehst, was das Ende wird, wenn du mir entgegen handelst. Das +Geschrei von seinem Untergang wird unfehlbar die Barbaren in neue Wut +treiben. Schwere Arbeit hast du mir geschaffen. Denn nur du hast ihm +Flucht und Tod bereitet. Das mindeste, was du zur Suehne thun kannst, ist: +meinen zweiten Wunsch erfuellen. Prinz Germanus ist gelandet, dich +abzuholen. Du wirst ihm folgen." + +"Wo ist die Leiche?" + +"Nicht gefunden. Der Strom hat ihn davongetragen. Ihn und - das Weib." + +Mataswinthens Lippe zuckte. "Noch im Tode! Sie starb mit ihm?" + +"Lass diese Toten! In zwei Stunden werde ich mit dem Prinzen wiederkommen. +Wirst du bis dahin bereit sein, ihn zu begruessen?" + +"Ich werde bereit sein." + +"Gut. Wir wollen puenktlich sein." + +"Auch ich. Aspa, rufe alle Sklavinnen herbei. Sie sollen mich schmuecken: +Diadem, Purpur, Seide." + +"Sie hat den Verstand verloren," sagte Cethegus im Hinausgehen. "Aber die +Weiber sind zaeh. Sie wird ihn wiederfinden. Sie koennen fortleben mit aus +der Brust gerissenem Herzen." + +Und er ging, den ungeduldigen Prinzen zu vertroesten. + +Noch vor Ablauf der bedungenen Zeit kam eine Sklavin, beide Maenner zur +Koenigin zu entbieten. + +Germanus eilte mit raschem Fusse ueber die Schwelle ihres Gemaches. Aber +gefesselt von Staunen blieb er stehen. So schoen, so prachtvoll hatte er +die Gotenfuerstin nie gesehen. + +Sie hatte das hohe, goldne Diadem auf das leuchtende Haar gesetzt, das, +geloest, in zwei dichten Wellen auf ihre Schultern und von den Schultern +bis ueber den Ruecken floss. Das Unterkleid, von schwerster weisser Seide mit +goldnen Blumen durchwirkt, war nur unterhalb der Kniee sichtbar. Denn +Brust und Schos bedeckte der weite Purpurmantel. Ihr Antlitz war +marmorweiss, ihr Auge loderte in geisterhaftem Glanz. "Prinz Germanus," +rief sie dem Eintretenden entgegen, "du hast mir von Liebe geredet? Aber +weisst du, was du geredet? Lieben ist sterben." + +Germanus sah fragend auf Cethegus. + +Dieser trat vor. Er wollte sprechen. + +Aber Mataswintha hob mit heller Stimme wieder an: + +"Prinz Germanus, sie ruehmen dich den Feinstgebildeten an einem weisen Hof, +wo man sich uebt in spitzer Raetsel Ratung. Auch ich will dir eine +Raetselfrage stellen: - sieh zu, ob du sie loesest. Lass dir nur helfen dabei +von dem klugen Praefekten, der sich so ganz auf Menschengemueter versteht. +Was ist das? Weib und doch Maedchen? Witwe und doch nie Weib? Vermagst es +nicht zu deuten? Hast Recht. Der Tod nur loest alle Raetsel." + +Rasch zur Seite warf sie den Purpurmantel. Ein breites, starkes Schwert +blitzte. Mit beiden Haenden stiess sie sich's tief in die Brust. + +Aufschreiend sprangen Germanus von vorn, Aspa von rueckwaerts hinzu. +Schweigend fing Cethegus die Sinkende auf. Sie starb, sowie er das Schwert +aus der Wunde zog. Er kannte das Schwert. Er hatte selbst ihr es einst +gesendet. + +Es war das Schwert des Koenigs Witichis. + + + + + + + FUSSNOTE + + + 1 Prokop Gotenkrieg I. 17. 18. setzt hier aus Verwechslung den Tiber + statt des Anio. + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Das Inhaltsverzeichnis wurde fuer die elektronische Fassung hinzugefuegt. + +Die Fussnote wurde an das Ende des Textes gesetzt. + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +roemische Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung +wiedergegeben) und einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch +Unterstrich (_) gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Passagen. + +Korrektur von offensichtlichen Druckfehlern: + + Seite 12: Punkt ergaenzt hinter "Grund" + Seite 22: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Gemeinschaft" + Seite 29: "des" geaendert in "das" + Seite 34: "selsames" geaendert in "seltsames" + Seite 40: Punkt ergaenzt hinter "sie" + Seite 51: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Theodahad" und hinter + "Witichis ..."; "Mirim" geaendert in "Miriam" + Seite 58: "Mathaswintha" geaendert in "Mataswintha" + Seite 61: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "hast" + Seite 67: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "ich" + Seite 73: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Wir" + Seite 76: Punkt geaendert in Doppelpunkt hinter "Lippen"; + Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "hebt." + Seite 80: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Mir" und "Ich" + Seite 85: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Areskopf." + Seite 89: Komma ergaenzt hinter "Johannes" + Seite 106: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "das" + Seite 117: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "irrig!" + Seite 126: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "wurden." und vor + "Florentia" + Seite 130: "widerholte" geaendert in "wiederholte" + Seite 140: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "mich.", ergaenzt hinter + "binden!" + Seite 141: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Mein"; zweites + Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Fels." + Seite 161: Leerzeichen entfernt zwischen "sein." und + Anfuehrungszeichen; Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "nicht?" + Seite 162: "kann" geaendert in "kaum" + Seite 163: "da" geaendert in "du" + Seite 169: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Vielgetreuen." + Seite 180: Punkt ergaenzt hinter "schliessen" + Seite 189: "sebst" geaendert in "selbst" + Seite 192: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "alles ... -" + Seite 197: Punkt ergaenzt hinter "Odysseus" + Seite 201: Punkt geaendert in Komma hinter "entschwindet" + Seite 212: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Byzanz."; + Anfuehrungszeichen entfernt hinter "hinaus." und vor "Da"; + Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "und" und hinter "Rom!" + Seite 223: "Feldher" geaendert in "Feldherr" + Seite 225: "Vulsinii" geaendert in "Volsinii"; Anfuehrungszeichen + ergaenzt hinter "Ross" + Seite 243: Komma ergaenzt hinter "umziehn" + Seite 245: "dem" geaendert in "den" + Seite 253: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Und" + Seite 263: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "geschehen." + Seite 268: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Siehst" + Seite 274: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "welch'" + Seite 279: "Sadt" geaendert in "Stadt" + Seite 285: "schug" geaendert in "schlug" + Seite 286: "Helene" geaendert in "Hellene" + Seite 293: zweites Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Byzanz!" + Seite 302: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "oder -" + Seite 303: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Du" + Seite 314: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Ha," + Seite 325: "Brunen" geaendert in "Brunnen" + Seite 332: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Sonst" + Seite 333: "beraufen" geaendert in "berufen" + Seite 334: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Mich" + Seite 342: "Serblichen" geaendert in "Sterblichen" + Seite 348: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Hilfe." + Seite 350: Anfuehrungszeichen entfernt hinter "ruinae!" + Seite 358: Apostroph geaendert in Komma hinter "Witichis" + Seite 364: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Es" + Seite 385: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "versuchen." + Seite 388: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "allein." + Seite 389: "widerholte" geaendert in "wiederholte" + Seite 390: Punkt ergaenzt hinter "ausgebaut" + +Nicht veraendert wurde die uneinheitliche Gross- oder Kleinschreibung von +einigen Zahlwoertern, Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten, +insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene. + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK EIN KAMPF UM ROM. ZWEITER BAND*** + + + + CREDITS + + +July 5, 2010 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau, Stefan Cramme, and the Online + Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 33090.txt or 33090.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/0/9/33090/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. 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