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+ The Project Gutenberg eBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerl&ouml;f
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+The Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Unsichtbare Bande
+ Erzählungen
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+Author: Selma Lagerlöf
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+Translator: Marie Franzos
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+Release Date: July 1, 2010 [EBook #33041]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+<h1>Unsichtbare Bande</h1>
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+<p class="title big spaced">Erz&auml;hlungen<br />
+von<br />
+Selma Lagerl&ouml;f</p>
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+<p class="title">Deutsch von Marie Franzos</p>
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+<p class="title spaced" style="margin-top: 0em">Leipzig / Hesse &amp; Becker Verlag</p>
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+<p class="title big spaced" style="margin-bottom: 0em"><a name="inhalt" id="inhalt"></a>Inhalt</p>
+
+<table border="0" width="60%" summary="Inhaltsverzeichnis">
+<tr><td align="left">&nbsp;</td><td align="right" style="font-size: smaller">Seite</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr1">Peter Nord und Frau Fastenzeit</a></td><td align="right">7</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr2">Die Legende vom Vogelnest</a></td><td align="right">57</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr3">Das H&uuml;nengrab</a></td><td align="right">67</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr4">Die Vogelfreien</a></td><td align="right">90</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr5">Reors Geschichte</a></td><td align="right">114</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr6">Waldemar Attertag brandschatzt Visby</a></td><td align="right">120</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr7">Mamsell Friederike</a></td><td align="right">126</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr8">Der Roman einer Fischersfrau</a></td><td align="right">136</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr9">Mutters Bild</a></td><td align="right">147</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr10">Ein gefallener K&ouml;nig</a></td><td align="right">154</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr11">Ein Weihnachtsgast</a></td><td align="right">179</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr12">Onkel Ruben</a></td><td align="right">189</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr13">Das Flaumv&ouml;gelchen</a></td><td align="right">199</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr14">Unter den Kletterrosen</a></td><td align="right">234</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr15">Die Grabschrift</a></td><td align="right">239</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr16">R&ouml;merblut</a></td><td align="right">251</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr17">Die Rache bleibt nicht aus</a></td><td align="right">269</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr18">Die Geisterhand</a></td><td align="right">277</td></tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_7" id="page_7"></a>7</span></p>
+<h2><a name="nr1" id="nr1"></a><a href="#inhalt">Peter Nord und Frau Fastenzeit</a></h2>
+
+<h3>I</h3>
+
+<p>So traulich wie ein Heim steht das kleine St&auml;dtchen
+vor mir. Es ist so klein, da&szlig; ich alle seine Winkel und
+Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde gut Freund werden
+und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer
+&uuml;ber die Stra&szlig;e ging, wu&szlig;te, bei welchem Fenster er
+den Blick aufschlagen mu&szlig;te, um ein sch&ouml;nes Gesicht
+hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den Stadtpark
+wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mu&szlig;te,
+um die Person zu treffen, die er treffen wollte.</p>
+
+<p>Auf die sch&ouml;nen Rosen im Nachbargarten war man
+fast ebenso stolz, als wenn sie im eignen gestanden h&auml;tten.
+Geschah etwas, was kleinlich oder gew&ouml;hnlich war, so
+sch&auml;mte man sich, als w&auml;re es in der eignen Familie
+passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer
+Feuersbrunst oder einer Marktschl&auml;gerei, br&uuml;stete man
+sich und sagte: &bdquo;Seht nur, welches Gemeinwesen! Geschehen
+solche Dinge anderswo? Welche wunderbare
+Stadt!&ldquo;</p>
+
+<p>Und in dieser meiner geliebten Stadt ver&auml;ndert sich
+nichts. Komme ich wieder einmal hin, so werde ich dieselben
+H&auml;user und Kaufl&auml;den wiederfinden, die ich von
+altersher kenne, dieselben Gruben im Steinpflaster werden
+mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken,
+dieselben rundgeschnittenen Fliederstr&auml;ucher meinen bewundernden
+Blick fesseln. Wieder werde ich sehen, wie
+der alte Ratsherr, der die ganze Stadt regiert, mit elefantenschweren
+Schritten die Stra&szlig;e hinabgewandert
+kommt. Patriarch und Vorsehung, welch ein Gef&uuml;hl der
+<span class="pagenum"><a name="page_8" id="page_8"></a>8</span>Sicherheit hat man nicht, wenn man dich so wandern
+sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in
+seinem Garten umhergehen und graben, w&auml;hrend seine
+wasserklaren Augen suchend starren, als wollten sie sagen:
+&bdquo;Alles, alles haben wir durchforscht, jetzt Erde, wollen
+wir uns bis in dein Innerstes bohren.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine
+runde Peter Nord. Ihr wi&szlig;t doch, der kleine Werml&auml;nder,
+der in Halfvorsons Kramladen stand, er, der die
+Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und
+seinen wei&szlig;en M&auml;usen unterhielt. Von ihm ist eine ganze
+Geschichte zu erz&auml;hlen. &Uuml;ber alles und alle in der Stadt
+gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so wunderliche
+Dinge.</p>
+
+<p>Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er
+war klein und rund, er war braun&auml;ugig und hatte ein
+lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als Birkenlaub
+im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein
+Werml&auml;nder war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben,
+da&szlig; er aus einem andern Lande komme. Mit pr&auml;chtigen
+Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat ausger&uuml;stet.
+Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den
+Fingern, flink mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu
+ein Narr, gutm&uuml;tig und hoch hinaus, gef&auml;llig und
+streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf,
+er war nicht imstande, einem B&uuml;rgermeister gr&ouml;&szlig;re Ehrfurcht
+zu zeigen, als einem Bettler. Aber Herz hatte er,
+verliebt war er jeden zweiten Tag, und die ganze Stadt
+zog er ins Vertrauen.</p>
+
+<p>Die Arbeit im Laden verrichtete dieses gl&uuml;cklich veranlagte
+Kind in irgendeiner &uuml;bernat&uuml;rlichen Weise. Die
+Kunden wurden bedient, w&auml;hrend er die wei&szlig;en M&auml;use
+f&uuml;tterte. Geld wurde gewechselt und gez&auml;hlt, w&auml;hrend
+er seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit R&auml;dern versah.
+Und indes er den Kunden von seiner allerletzten
+Verliebtheit erz&auml;hlte, lie&szlig; er das Literma&szlig; nicht aus den
+<span class="pagenum"><a name="page_9" id="page_9"></a>9</span>Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte.
+Und es machte den bewundernden Zuh&ouml;rern
+Spa&szlig;, zu sehen, wie er pl&ouml;tzlich &uuml;ber den Ladentisch sprang
+und auf die Stra&szlig;e st&uuml;rzte, wo er mit einem vorbeigehenden
+Gassenjungen einen Strau&szlig; ausfocht, um dann
+mit ruhiger Stirn in den Laden zur&uuml;ckzukehren und den
+Knoten an einem Paket zu kn&uuml;pfen oder ein St&uuml;ck Stoff
+fertig zu messen.</p>
+
+<p>War es nicht nat&uuml;rlich, da&szlig; er der G&uuml;nstling der ganzen
+Stadt wurde? Wir f&uuml;hlten uns alle verpflichtet, bei
+Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord hingekommen
+war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter
+Nord ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den K&auml;fig
+mit den wei&szlig;en M&auml;usen zeigte. Es war sehr spannend
+und aufregend, die M&auml;use zu zeigen, denn Halfvorson
+hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.</p>
+
+<p>Da aber kamen mitten in dem heller werdenden
+Februar ein paar tr&uuml;be Tage mit nebligem Tauwetter.
+Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er lie&szlig;
+die wei&szlig;en M&auml;use ihren Drahtk&auml;fig benagen, ohne sie
+zu f&uuml;ttern. Er versah seine Obliegenheiten tadellos. Er
+balgte sich nicht mit den Gassenjungen. Konnte Peter
+Nord es vielleicht nicht vertragen, da&szlig; das Wetter umgeschlagen
+hatte?</p>
+
+<p>Ach nein, die Sache war die, da&szlig; er einen F&uuml;nfzigkronenschein
+oben auf einem der Wandbretter gefunden
+hatte. Er hatte geglaubt, da&szlig; er mit einem Stoffballen
+hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte
+er ihn unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben,
+der damals unmodern war und nie von den Wandbrettern
+heruntergenommen wurde.</p>
+
+<p>Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unb&auml;ndigen
+Groll gegen Halfvorson, der ihm eine ganze M&auml;usefamilie
+totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich r&auml;chen.
+Noch sah er die wei&szlig;e Mutter mitten unter ihren hilflosen
+<span class="pagenum"><a name="page_10" id="page_10"></a>10</span>Jungen vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch
+gemacht zu fliehen, sondern war in unersch&uuml;tterlichem
+Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte
+den herzlosen M&ouml;rder aus roten brennenden Augen angestarrt.
+Verdiente dieser nicht auch eine angstvolle
+Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er totenbleich aus
+dem Kontor st&uuml;rzte und nach dem F&uuml;nfzigkronenschein
+suchte. Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren
+Augen sehen, die er in den granatroten der wei&szlig;en Maus
+erblickt hatte. Der Kr&auml;mer sollte nur suchen, er sollte den
+ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote
+finden lie&szlig;.</p>
+
+<p>Aber der F&uuml;nfzigkronenschein blieb den ganzen Tag
+in seinem Versteck liegen, ohne da&szlig; jemand danach fragte.
+Er war ganz neu, bunt und leuchtend und hatte die Zahl
+F&uuml;nfzig gro&szlig; in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im
+Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte
+zu dem Kattunballen hinauf. Dann zog er den
+F&uuml;nfzigkronenschein hervor, entfaltete ihn und bewunderte
+seine Sch&ouml;nheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte
+er Angst bekommen, da&szlig; dem F&uuml;nfzigkronenschein etwas
+zugesto&szlig;en sei. Dann tat er, als suchte er etwas auf
+dem Wandbrett und tastete unter dem Kattunballen herum,
+bis er den glatten Schein unter seinen Fingern
+rascheln f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Dieser Schein hatte mit einem Male eine &uuml;bernat&uuml;rliche
+Gewalt &uuml;ber ihn erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges
+darin war? Die von breiten Ringen umgebenen Zahlen
+waren wie saugende Augen. Der Knabe k&uuml;&szlig;te sie alle
+und fl&uuml;sterte. &bdquo;Solche wie du m&ouml;chte ich viele haben,
+furchtbar viele.&ldquo;</p>
+
+<p>Er begann sich allerlei Gedanken &uuml;ber den Schein zu
+machen, und dar&uuml;ber, da&szlig; Halfvorson nicht danach fragte.
+Vielleicht geh&ouml;rte er gar nicht Halfvorson? Vielleicht
+lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er &uuml;berhaupt
+keinen Besitzer mehr?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_11" id="page_11"></a>11</span>Gedanken sind ansteckend.&nbsp;&ndash; Beim Abendbrot hatte
+Halfvorson angefangen, von Geld und Geldmenschen zu
+sprechen. Er erz&auml;hlte Peter Nord von allen den armen
+Jungen, die Reicht&uuml;mer gesammelt hatten. Er begann
+mit Whittington und schlo&szlig; mit Astor und Jay Gould.
+Halfvorson kannte ihre ganze Geschichte, er wu&szlig;te, wie
+sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und gewagt
+hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam.
+Er durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er
+begleitete sie bei ihren Erfolgen, er jubelte bei ihrem
+Sieg. Peter Nord h&ouml;rte ganz gespannt zu.</p>
+
+<p>Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein
+Hindernis f&uuml;r ein Gespr&auml;ch, denn er las einem alles,
+was man sagte, von den Lippen ab. Hingegen konnte
+er seine eigne Stimme nicht h&ouml;ren. Die rollte darum so
+wunderlich eint&ouml;nig dahin, wie das Tosen eines fernen
+Wasserfalls. Aber diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte
+es, da&szlig; alles, was er sagte, einem im Ohr nachhallte,
+so da&szlig; man es viele Tage nicht absch&uuml;tteln konnte.
+Armer Peter Nord!</p>
+
+<p>&bdquo;Was unumg&auml;nglich notwendig ist, um reich zu werden,&ldquo;
+sagte Halfvorson, &bdquo;das ist der Heckepfennig. Aber
+den kann man nicht verdienen. Merke dir, den haben
+alle auf der Stra&szlig;e gefunden, oder zwischen dem Futter
+und dem Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion
+gekauft haben, oder sie haben ihn im Spiel gewonnen,
+oder von einer sch&ouml;nen und barmherzigen Dame
+als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze
+dieser gesegneten M&uuml;nze waren, ist ihnen alles gegl&uuml;ckt.
+Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie aus einer
+Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der
+Heckepfennig.&ldquo;</p>
+
+<p>Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und
+dumpfer. Der junge Peter Nord sa&szlig; wie bet&auml;ubt da
+und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des E&szlig;tisches
+stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem
+<span class="pagenum"><a name="page_12" id="page_12"></a>12</span>Fu&szlig;boden wogte es wei&szlig; von Silber, und die wirren
+Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in
+Bankscheine, gro&szlig; wie Tischt&uuml;cher. Aber gerade vor seinen
+Augen flatterte die Zahl F&uuml;nfzig, von breiten Ringen
+umgeben, und lockte ihn wie die sch&ouml;nsten Augen. &bdquo;Wer
+wei&szlig;,&ldquo; l&auml;chelten die Augen, &bdquo;vielleicht ist der F&uuml;nfzigkronenschein
+droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Merke nun wohl,&ldquo; sagte Halfvorson, &bdquo;n&auml;chst dem
+Heckepfennig sind noch zwei Dinge f&uuml;r den notwendig,
+der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte Arbeit, Peter
+Nord, hei&szlig;t das eine Ding; und das andre hei&szlig;t Verzicht.
+Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und
+Lachen, auf den Morgenschlummer und den Abendspaziergang.
+Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge sind notwendig
+f&uuml;r den, der das Gl&uuml;ck erobern will. Arbeit hei&szlig;t das
+eine, und das andre Verzicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich
+wollte er reich, freilich wollte er gl&uuml;cklich werden,
+aber das Gl&uuml;ck sollte nicht so &auml;ngstlich kommen, nicht
+so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie sich
+einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade
+mit den Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame
+ihre S&auml;nfte an der Ladent&uuml;r halten lassen und dem
+Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten. Aber
+jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen
+Ohren. Sein ganzes Hirn ward davon erf&uuml;llt. Er glaubte
+nichts andres, wu&szlig;te nichts andres. Arbeit und Verzicht,
+Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des Lebens
+Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben,
+da&szlig; er sich je etwas andres gew&uuml;nscht hatte.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage getraute er sich gar nicht, den
+F&uuml;nfzigkronenschein zu k&uuml;ssen, er wagte es nicht einmal,
+ihn anzusehen. Er war still und gedr&uuml;ckt, ordentlich und
+flei&szlig;ig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos, da&szlig;
+jeder merken konnte, da&szlig; etwas mit ihm los sein mu&szlig;te.
+<span class="pagenum"><a name="page_13" id="page_13"></a>13</span>Der alte Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und
+tat, was er konnte, um ihn zu tr&ouml;sten.</p>
+
+<p>&bdquo;Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?&ldquo;
+fragte der Alte. &bdquo;So, so, nein? Ja, dann will ich dich
+einladen, Peter Nord. Und la&szlig; mich sehen, da&szlig; du hinkommst,
+sonst erz&auml;hle ich Halfvorson, wo du deinen
+M&auml;usek&auml;fig hast.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu
+gehen.</p>
+
+<p>Fastnachtsball, man denke, da&szlig; Peter Nord auf den
+Fastnachtsball sollte. Peter Nord sollte alle sch&ouml;nen
+Damen der Stadt sehen, fein, wei&szlig; gekleidet, blumengeschm&uuml;ckt.
+Aber Peter Nord durfte nat&uuml;rlich mit keiner
+einzigen von ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei.
+Er war nicht in der Laune zu tanzen.</p>
+
+<p>Auf dem Balle lehnte er in einer T&uuml;r und machte nicht
+einen Schritt zum Tanze. Einige hatten ihn zu &uuml;berreden
+versucht, aber er war standhaft gewesen und hatte nein
+gesagt. Er k&ouml;nne diese T&auml;nze nicht. Auch w&uuml;rde keine
+von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er
+war allzu gering f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen
+zu funkeln und zu leuchten, und er f&uuml;hlte, wie die Freude
+durch alle Glieder zuckte. Es kam von der Tanzmusik,
+es kam vom Blumenduft, es kam von allen den sch&ouml;nen
+Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen
+schon war er so strahlend froh, da&szlig;, wenn Freude Feuer
+w&auml;re, die Flammen lichterloh um ihn aufgelodert w&auml;ren.
+Und wenn die Liebe es w&auml;re, wie so viele behaupten,
+dann w&auml;re es ihm auch nicht besser ergangen. Er war
+immer in irgendein sch&ouml;nes M&auml;dchen verliebt, aber bis
+jetzt immer nur in eine zugleich. Doch als er jetzt alle
+diese sch&ouml;nen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht
+mehr eine einzige Flamme das sechzehnj&auml;hrige Herz, sondern
+es war ein ganzer Waldbrand.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die
+<span class="pagenum"><a name="page_14" id="page_14"></a>14</span>nichts weniger als Ballschuhe waren. Aber wie h&auml;tte er
+mit den breiten Abs&auml;tzen den Takt stampfen und sich
+auf den dicken Sohlen im Kreise drehen k&ouml;nnen! In
+seinem Innern war etwas, was an ihm ri&szlig; und zerrte,
+ihn wie einen geschlagnen Ball in den Tanzsaal schleudern
+wollte. Er widerstand noch ein Weilchen, obgleich
+die Bewegung in ihm immer st&auml;rker wurde, je weiter
+die Nacht fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und
+lebenswarm. Hei&szlig;a, er war nicht mehr der arme Peter
+Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer
+aufpeitscht und den Wald umrei&szlig;t.</p>
+
+<p>Ganz pl&ouml;tzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da
+geriet der Bauernjunge ganz au&szlig;er sich. Er fand, da&szlig;
+diese wie seine eigne Werml&auml;nder Polka klang.</p>
+
+<p>In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle
+feinen Herrenmanieren waren von ihm abgeglitten. Er
+war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern daheim
+in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging
+mit krummen Knien und zog den Kopf zwischen die
+Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er einer Dame
+den Arm um den Leib und ri&szlig; sie mit sich. Und dann
+begann er Polka zu tanzen. Das M&auml;dchen folgte ihm
+halb widerwillig, beinahe geschleift. Sie war nicht im
+Takt, sie wu&szlig;te gar nicht, was dies f&uuml;r ein Tanz war.
+Aber pl&ouml;tzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis
+des Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie,
+hob sie empor, sie hatte Fl&uuml;gel an den F&uuml;&szlig;en, sie wurde
+so leicht wie Luft. Es war ihr, als fl&ouml;ge sie dahin.
+Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz.
+Sie verwandelt die schwerf&uuml;&szlig;igen S&ouml;hne der Erde. Lautlos
+schweben sie auf zolldicken Sohlen &uuml;ber ungehobelte
+Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie das
+Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still,
+gleitend. Ihre edlen, ma&szlig;vollen Bewegungen befreien
+die K&ouml;rper, so da&szlig; sie sich leicht, elastisch schwebend
+f&uuml;hlen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_15" id="page_15"></a>15</span>W&auml;hrend Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte,
+wurde es still im Ballsaal. Anfangs lachte man, aber
+allm&auml;hlich d&auml;mmerte es allen auf, da&szlig; dies Tanz war,
+dieses Dahinschweben in gleichm&auml;&szlig;igen raschen Wirbeln,
+ja wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel,
+da&szlig; rings um ihn eine wunderliche Stille herrschte.
+Er blieb pl&ouml;tzlich stehen und fuhr sich mit der Hand
+&uuml;ber die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine
+laubgeschm&uuml;ckten W&auml;nde, keine hellblaue Sommernacht,
+keine muntre Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu
+erblicken, in die er jetzt schaute. Er sch&auml;mte sich und
+wollte sich fortschleichen.</p>
+
+<p>Aber schon war er umringt und best&uuml;rmt. Die jungen
+Damen dr&auml;ngten sich um den Ladenjungen und riefen:
+&bdquo;Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie
+lernen. Der Ball kam ganz aus dem Geleise und war
+jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten, da&szlig; sie bisher
+gar nicht gewu&szlig;t h&auml;tten, was tanzen hei&szlig;e. Und
+Peter Nord ward ein gro&szlig;er Mann an diesem Abend.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te mit allen den feinen Damen tanzen, und sie
+waren &uuml;ber die Ma&szlig;en freundlich gegen ihn. Er war ja
+nur ein Junge und &uuml;brigens solch ein fr&ouml;hlicher Tollkopf.
+Man konnte nicht anders als ihn verziehen.</p>
+
+<p>Da f&uuml;hlte Peter Nord, da&szlig; dies das Gl&uuml;ck war. Der
+G&uuml;nstling der Damen zu sein, es wagen, mit ihnen zu
+sprechen, sich mitten in dem strahlenden Lichte zu bewegen,
+gefeiert und verh&auml;tschelt zu werden, ja gewi&szlig;,
+das war das Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und als der Ball zu Ende war, war er zu gl&uuml;cklich,
+um selbst dar&uuml;ber betr&uuml;bt zu sein. Er hatte das Bed&uuml;rfnis,
+heimzukommen, um in Ruhe alles das zu &uuml;berdenken,
+was ihm an diesem Abend widerfahren war.</p>
+
+<p>Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte
+im Hause, die im Kontor arbeitete. Sie war arm und
+<span class="pagenum"><a name="page_16" id="page_16"></a>16</span>von Halfvorson abh&auml;ngig, aber sie benahm sich recht hochm&uuml;tig
+gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele
+Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und
+wurde in Familien eingeladen, in die Halfvorson nie
+kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen zusammen
+von dem Balle nach Hause.</p>
+
+<p>&bdquo;Wissen Sie, Nord,&ldquo; fragte Edith Halfvorson, &bdquo;da&szlig;
+Halfvorson wegen verbotnen Branntweinhandels angeklagt
+werden wird? Sie k&ouml;nnten mir wirklich sagen,
+Nord, wie es sich mit dieser Sache verh&auml;lt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, das ist gar nicht der M&uuml;he wert, solch ein Aufhebens
+davon zu machen,&ldquo; sagte Peter Nord.</p>
+
+<p>Edith seufzte. &bdquo;Nat&uuml;rlich wird etwas daran sein. Und
+dann gibt es Proze&szlig; und Geldstrafen und Schande ohne
+Ende. Ich m&ouml;chte so gerne wissen, wie die Sache steht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,&ldquo; sagte Peter
+Nord.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie, Nord, ich will in die H&ouml;he kommen,&ldquo;
+fuhr Edith fort, &bdquo;und Halfvorson mit hinaufziehen, aber
+er plumpst mir immer wieder hinunter. Ganz unversehens
+tut er etwas, was auch mich unm&ouml;glich macht. Ich
+sehe ihm jetzt an, da&szlig; er etwas im Schilde f&uuml;hrt. Wissen
+Sie nicht, Peter, was es ist? Es w&auml;re gut, es zu wissen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte
+er sagen. War es menschlich, mit ihm, der von seinem
+ersten Balle kam, von derlei zu sprechen?</p>
+
+<p>Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag f&uuml;r
+den Ladenjungen. Da sa&szlig; Peter Nord von heute und ging
+mit Peter Nord von gestern ins Gericht. Wie bla&szlig; und
+feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er h&ouml;ren, was er war.
+Ein Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot?
+Von Rechts wegen sollte er eine Tracht Pr&uuml;gel
+haben. Ja, das sollte er.</p>
+
+<p>Gott sei gedankt und gelobt, da&szlig; er ihn auf den Ball
+gef&uuml;hrt und seinen Sinn ge&auml;ndert hatte. Pfui, wie h&auml;&szlig;lich
+es in ihm ausgesehen hatte, aber jetzt war alles anders.
+<span class="pagenum"><a name="page_17" id="page_17"></a>17</span>Als ob der Reichtum es wert w&auml;re, da&szlig; man ihm
+Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert
+w&auml;re wie eine wei&szlig;e Maus, wenn man dabei nicht vergn&uuml;gt
+sein durfte! Er klaschte in die H&auml;nde und rief jubelnd:
+&bdquo;Frei, frei, frei!&ldquo; Nicht die leiseste Sehnsucht,
+den F&uuml;nfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner
+Seele. Wie gut war es doch, gl&uuml;cklich zu sein.</p>
+
+<p>Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson
+zeitig am n&auml;chsten Morgen die f&uuml;nfzig Kronen
+zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, da&szlig; der Kr&auml;mer
+am n&auml;chsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den
+Schein suchen und ihn finden k&ouml;nnte. Dann w&uuml;rde er
+wohl glauben, da&szlig; Peter Nord ihn versteckt hatte, um
+ihn zu behalten. Dieser Gedanke lie&szlig; ihm keine Ruhe.
+Er versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber
+es gelang ihm nicht. Er konnte nicht einschlafen. Da stand
+er auf, schlich sich leise in den Laden und tastete nach dem
+F&uuml;nfzigkronenschein. Dann schlummerte er s&uuml;&szlig; ein mit
+der Banknote unter dem Kopfkissen.</p>
+
+<p>Eine Stunde sp&auml;ter wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein
+fiel ihm blendend in die Augen, eine Hand griff
+suchend unter sein Kopfkissen und eine grollende Stimme
+zankte und fluchte.</p>
+
+<p>Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson
+schon die Banknote in der Hand und zeigte sie zwei Frauen,
+die in der T&uuml;r zum Verschlage standen. &bdquo;Seht ihr,
+da&szlig; ich recht hatte,&ldquo; sagte Halfvorson, &bdquo;seht ihr, da&szlig;
+es der M&uuml;he wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen
+mitzunehmen. Seht ihr, da&szlig; er ein Dieb ist!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, nein,&ldquo; schrie der arme Peter Nord. &bdquo;Ich
+wollte nicht fehlen. Ich habe den Schein ja <span class="spaced">nur</span> aufgehoben.&ldquo;</p>
+
+<p>Halfvorson h&ouml;rte ja nichts. Die beiden Frauen standen
+mit dem R&uuml;cken zum Verschlage, wie fest entschlossen,
+weder zu h&ouml;ren noch zu sehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_18" id="page_18"></a>18</span>Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit
+einem Male j&auml;mmerlich schwach und klein aus. Seine
+Tr&auml;nen str&ouml;mten. Er jammerte laut.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel,&ldquo; sagte Edith, &bdquo;er heult.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; ihn heulen!&ldquo; sagte Halfvorson, &bdquo;la&szlig; ihn nur
+heulen!&ldquo; Und er trat n&auml;her und sah den Knaben an.
+&bdquo;Kann mir schon denken, da&szlig; du heulst, mein Lieber,&ldquo;
+sagte er. &bdquo;Aber das verf&auml;ngt bei mir nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Oh, oh!&ldquo; rief Peter Nord, &bdquo;ich bin kein Dieb. Ich
+habe den Schein nur zum Spa&szlig; versteckt&nbsp;&ndash; um Sie zu
+&auml;rgern. Ich wollte Sie wegen der M&auml;use strafen. Ich
+bin kein Dieb. Kann niemand mich h&ouml;ren? Ich bin kein
+Dieb.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel,&ldquo; sagte Edith, &bdquo;hast du ihn jetzt genug gequ&auml;lt,
+k&ouml;nnen wir vielleicht gehen und uns niederlegen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kann mir schon denken, da&szlig; sich das greulich anh&ouml;rt,&ldquo;
+sagte Halfvorson, &bdquo;aber da l&auml;&szlig;t sich nichts machen.&ldquo;
+Er war ganz munter, f&ouml;rmlich ausgelassen. &bdquo;Ich
+habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,&ldquo; sagte
+er zu dem Knaben. &bdquo;Immer hattest du irgend etwas
+wegzustecken, wenn ich in den Laden kam. Aber jetzt
+bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen dich, und
+jetzt hole ich die Polizei.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Junge stie&szlig; einen gellenden Schrei aus. &bdquo;Kann
+mir denn niemand helfen, kann mir denn niemand helfen?&ldquo;
+rief er. Aber nun war Halfvorson schon verschwunden,
+und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf
+ihn zu.</p>
+
+<p>&bdquo;Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter
+Nord! Halfvorson holt die Polizei und indessen kannst
+du dich davonmachen. Das Fr&auml;ulein geht wohl in die
+K&uuml;che und packt dir ein bi&szlig;chen Proviant ein. Ich will
+unterdessen deine Sachen zusammensuchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das furchtbare Weinen h&ouml;rte sogleich auf. Nach einem
+kleinen Weilchen war der Junge fertig. Er k&uuml;&szlig;te den
+<span class="pagenum"><a name="page_19" id="page_19"></a>19</span>beiden Frauen die Hand, dem&uuml;tig wie ein geschlagner
+Hund. Und dann eilte er fort.</p>
+
+<p>Sie blieben in der T&uuml;r stehen und sahen ihm nach.
+Als er verschwunden war, seufzten sie erleichtert auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Was wird Halfvorson jetzt sagen?&ldquo; sagte Edith.</p>
+
+<p>&bdquo;Er wird ganz froh sein,&ldquo; antwortete die Haush&auml;lterin.
+&bdquo;Er hat das Geld dem Knaben absichtlich hingelegt,
+glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum denn? Der Junge war doch der beste, den
+wir seit Jahr und Tag im Laden gehabt haben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht
+zum Zeugen haben.&ldquo;</p>
+
+<p>Edith stand stumm da und atmete heftig. &bdquo;Wie gemein,
+wie gemein,&ldquo; murmelte sie. Sie ballte die F&auml;uste
+gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch in der
+T&uuml;r, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte.
+Sie hatte selber nicht &uuml;bel Lust, von all dieser Niedrigkeit
+fort in die Welt zu fliehen.</p>
+
+<p>Ganz r&uuml;ckw&auml;rts im Laden h&ouml;rte sie ein Ger&auml;usch.
+Sie lauschte, trat n&auml;her, ging dem Tone nach und fand
+endlich hinter einer Heringstonne den K&auml;fig mit Peter
+Nords wei&szlig;en M&auml;usen.</p>
+
+<p>Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und
+&ouml;ffnete das T&uuml;rchen. Maus um Maus eilte heraus und
+verschwand hinter Kisten und Tonnen.</p>
+
+<p>&bdquo;M&ouml;get ihr gedeihen und euch vermehren,&ldquo; sagte
+Edith, &bdquo;la&szlig;t mich sehen, da&szlig; ihr Schaden anrichtet und
+euern Herrn r&auml;cht.&ldquo;</p>
+
+
+<h3>II</h3>
+
+<p>Freundlich und zufrieden lag das kleine St&auml;dtchen
+unter seinem roten Berg da. Es war so in Gr&uuml;n eingebettet,
+da&szlig; der Kirchturm noch gerade daraus hervorragte.
+Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen
+<span class="pagenum"><a name="page_20" id="page_20"></a>20</span>die Anh&ouml;hen hinan, und wenn sie nach dieser
+Richtung nicht weiter konnten, st&uuml;rzten sie sich mit Str&auml;uchern
+und B&auml;umen quer &uuml;ber die Stra&szlig;e und breiteten
+sich zwischen den zerstreuten H&auml;usern und dem schmalen
+Erdstreif darunter aus, bis der breite Flu&szlig; ihnen Halt
+gebot.</p>
+
+<p>In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein
+Mensch war zu sehen, nur B&auml;ume und Str&auml;ucher und hie
+und da ein Haus. Das einzige Ger&auml;usch, das man h&ouml;rte,
+war das Rollen der Kugel &uuml;ber die Kegelbahn, und das
+klang wie ferner Donner an einem Sommertag. Es geh&ouml;rte
+mit zu der Stille.</p>
+
+<p>Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des
+Marktes unter genagelten Abs&auml;tzen. Der Laut grober
+Stimmen schlug an die Wand des Rathauses und der
+Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die
+lange Stra&szlig;e hinab. Vier Wanderer st&ouml;rten die Vormittagsruhe.</p>
+
+<p>Ach, die s&uuml;&szlig;e Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie
+erschraken sie! Man konnte f&ouml;rmlich sehen, wie sie die
+Bergpfade hinauffl&uuml;chteten.</p>
+
+<p>Einer der L&auml;rmenden, die in das St&auml;dtchen einbrachen,
+war Peter Nord, der Junge aus Wermland, der vor sechs
+Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der Stadt geflohen
+war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der
+gro&szlig;en Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt
+lag.</p>
+
+<p>Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut
+war es ihm ergangen. Er hatte den allervern&uuml;nftigsten
+Freund und Begleiter gefunden.</p>
+
+<p>Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen
+aus dem St&auml;dtchen fortlief, da sangen und klangen
+die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von ihnen
+war hartn&auml;ckiger als alle andern.</p>
+
+<p>Es war die, die sie alle beim gro&szlig;en Rundtanz gesungen
+hatten:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_21" id="page_21"></a>21</span></p>
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun ist es wieder Weihnachtsfest,<br /></span>
+<span class="i0">Ja, ja, Weihnachtsfest.<br /></span>
+<span class="i0">Und dann ist Ostern nicht mehr weit,<br /></span>
+<span class="i0">Doch leider, leider ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nein, nein, ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das h&ouml;rte der kleine Fl&uuml;chtling so deutlich, so deutlich.
+Und damit drang die Weisheit, die in dem alten
+Reigen verborgen liegt, in den kleinen genu&szlig;s&uuml;chtigen
+Werml&auml;nderjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte
+sich mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark
+ein. So ist es, so ist es gemeint&nbsp;&hellip; Zwischen Weihnachten
+und Ostern, zwischen den Festen der Geburt und des
+Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben
+soll man nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit.
+Man darf ihm nie glauben, wie es sich auch verstellen
+mag. Im n&auml;chsten Augenblick ist es wieder grau
+und h&auml;&szlig;lich. Kann nichts daf&uuml;r, das arme Ding, versteht
+es nicht besser!</p>
+
+<p>Und Peter Nord war beinahe stolz, da&szlig; er dem Leben
+sein tiefstes Geheimnis abgelauscht hatte.</p>
+
+<p>Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in
+Bettlergestalt, die Aschenrute in der Hand, &uuml;ber die Erde
+schleichen zu sehen. Und er h&ouml;rte, wie sie ihn anknurrte:
+&bdquo;Du wolltest das Fest der Freude und der fr&ouml;hlichen
+Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben
+nennt. Darum soll Schimpf und Schande dein Los sein,
+bis du dich besserst.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte
+ihn besch&uuml;tzt. Er hatte nicht weiter als bis in die gro&szlig;e
+Handelsstadt fliehen m&uuml;ssen, denn er wurde gar nicht
+verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau Fastenzeit
+ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in
+einer Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde
+ernst und sparsam. Er hatte schmucke Sonntagskleider, er
+erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich B&uuml;cher aus
+<span class="pagenum"><a name="page_22" id="page_22"></a>22</span>und ging zu Vortr&auml;gen. Eigentlich war von dem kleinen
+Peter Nord nichts mehr &uuml;brig als das flachsblonde Haar
+und die braunen Augen.</p>
+
+<p>Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die
+schwere Arbeit in der Fabrik machte den Ri&szlig; immer
+gr&ouml;&szlig;er, so da&szlig; der n&auml;rrische Werml&auml;nder dadurch ganz
+herausschl&uuml;pfen konnte. Er schw&auml;tzte kein dummes Zeug
+mehr, denn in der Fabrik war das Sprechen verboten,
+und dadurch gew&ouml;hnte er sich das Schweigen an. Er
+machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst
+Federn und R&auml;der zu bedienen hatte, machten sie ihm
+keinen Spa&szlig; mehr. Er verliebte sich nicht, denn die
+Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn nicht mehr fesseln,
+seit er die Sch&ouml;nheiten des St&auml;dtchens kennen gelernt
+hatte. Er hatte keine M&auml;use, keine Eichh&ouml;rnchen
+mehr und nichts, womit er spielen konnte. Er hatte keine
+Zeit, er sah ein, da&szlig; derlei nur unn&uuml;tz war, und er
+dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit
+Gassenjungen gebalgt hatte.</p>
+
+<p>Peter Nord glaubte nicht, da&szlig; das Leben anders sein
+k&ouml;nnte als grau, grau, grau. Peter Nord langweilte sich
+immer, aber er war selbst so sehr daran gew&ouml;hnt, da&szlig; er
+es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst,
+weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine
+Einkehr von der Nacht, da der Frohsinn ihn verlie&szlig; und
+Frau Fastenzeit seine Begleiterin und Freundin ward.</p>
+
+<p>Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten
+an einem Arbeitstag in das St&auml;dtchen kommen, begleitet
+von drei Strolchen, die schmutzig und versoffen
+aussahen?</p>
+
+<p>Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der
+arme Peter Nord. Und diesen drei Strolchen hatte er
+immer zu helfen versucht, so gut er es konnte, obwohl
+er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende
+Baracke gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er
+hatte ihre Kleider gestopft und geflickt. Diese Kerle hielten
+<span class="pagenum"><a name="page_23" id="page_23"></a>23</span>wie Br&uuml;der zusammen, haupts&auml;chlich weil sie alle
+drei Peter hie&szlig;en. Dieser Name vereinte sie fester, als
+wenn sie wirklich Geschwister gewesen w&auml;ren. Und nun
+litten sie es um dieses Namens willen, da&szlig; der Knabe
+ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am
+Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen
+auf den Holzst&uuml;hlen einnahmen, warteten sie
+ihm, der dasa&szlig; und die grinsenden L&ouml;cher ihrer Str&uuml;mpfe
+stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen L&uuml;gen auf.
+Das schien Peter Nord Vergn&uuml;gen zu machen, obgleich
+er es nicht zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt f&uuml;r
+ihn beinahe dasselbe, was einstmals in der Welt die
+M&auml;use gewesen waren.</p>
+
+<p>Nun geschah es, da&szlig; diesen Strolchen allerlei Klatsch
+aus der kleinen Stadt zu Ohren kam. Und nun nach
+sechs Jahren brachten sie Peter Nord die Nachricht,
+da&szlig; Halfvorson ihm die f&uuml;nfzig Kronen absichtlich hingelegt
+hatte, um ihn als Zeugen unm&ouml;glich zu machen.
+Und ihre Meinung war, da&szlig; Peter in das St&auml;dtchen
+ziehen und Halfvorson eine Tracht Pr&uuml;gel geben sollte.</p>
+
+<p>Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit
+der Weisheit dieser Welt ausger&uuml;stet. Er wollte sich
+durchaus nicht auf so etwas einlassen.</p>
+
+<p>Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen
+Arbeiterviertel. Alle Leute sagten zu Peter Nord: &bdquo;Geh
+hin und pr&uuml;gle Halfvorson durch, dann wirst du ins
+Loch gesteckt, und es gibt einen Proze&szlig; und die Sache
+kommt in die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen
+Lande blamiert.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht
+vergn&uuml;glich sein, aber Rache ist ein teurer Spa&szlig;, und
+Peter Nord wu&szlig;te, wie arm das Leben ist. Das Leben
+gestattet solche Belustigungen nicht.</p>
+
+<p>Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller
+Fr&uuml;he zu ihm gekommen und hatten gesagt, jetzt wollten
+<span class="pagenum"><a name="page_24" id="page_24"></a>24</span>sie an seiner Statt gehen und Halfvorson durchbl&auml;uen,
+denn &bdquo;Recht m&uuml;sse Recht bleiben&ldquo;, sagten sie.</p>
+
+<p>Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen,
+wenn sie auch nur einen Schritt nach dem
+St&auml;dtchen gingen.</p>
+
+<p>Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt
+war und der lange Peter hie&szlig;, Peter Nord eine Rede.</p>
+
+<p>&bdquo;Diese Erde,&ldquo; sagte er, &bdquo;ist ein Apfel, der an einem
+Faden &uuml;ber einem Feuer h&auml;ngt, um gebraten zu werden.
+Mit dem Feuer meine ich die H&ouml;lle, Peter Nord. Und
+der Apfel mu&szlig; nahe am Feuer h&auml;ngen, um s&uuml;&szlig; und
+weich zu werden, aber wenn der Faden rei&szlig;t und der
+Apfel in das Feuer f&auml;llt, so ist er verdorben. Darum
+ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord.
+Wei&szlig;t du, was mit dem Faden gemeint ist?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich denke, es mu&szlig; ein Drahtseil sein,&ldquo; sagte Peter
+Nord.</p>
+
+<p>&bdquo;Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,&ldquo; sagte
+der lange Peter mit d&uuml;sterm Ernst. &bdquo;Wenn auf der
+Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt alles in das
+Feuer. Darum darf sich der R&auml;cher der Pflicht zu strafen
+nicht entziehen, oder, wenn er nicht will, m&uuml;ssen
+andre gehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist das letzte Mal, da&szlig; ich euch einen Grog spendiert
+habe,&ldquo; sagte Peter Nord, g&auml;nzlich unber&uuml;hrt von
+der Rede.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, da hilft nichts,&ldquo; sagte der lange Peter, &bdquo;Gerechtigkeit
+mu&szlig; sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern
+damit der ehrliche Name Peter nicht in Verruf
+kommt,&ldquo; sagte der eine, der Rollpeter hie&szlig; und lang
+und m&uuml;rrisch war.</p>
+
+<p>&bdquo;So, so, ist der Name so hochgeachtet?&ldquo; sagte Peter
+Nord wegwerfend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und es ist eine kitzlige Sache, da&szlig; sie nun
+&uuml;berall in den Gasth&auml;usern sagen, du h&auml;ttest die f&uuml;nfzig
+<span class="pagenum"><a name="page_25" id="page_25"></a>25</span>Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun nicht haben
+willst, da&szlig; der Kaufmann bestraft wird.&ldquo;</p>
+
+<p>Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und
+sagte, nun wolle er gehen und den Kaufmann durchpeitschen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und wir kommen mit und helfen dir,&ldquo; sagten die
+Strolche.</p>
+
+<p>Und so zogen sie vier Mann hoch in das St&auml;dtchen.
+Anfangs war Peter Nord m&uuml;rrisch und gr&auml;mlich und
+zorniger &uuml;ber seine Freunde, als &uuml;ber seinen Feind. Doch
+als er zu der Flu&szlig;br&uuml;cke kam und die Stadt sah, war
+er ganz verwandelt. Es war, als w&auml;re er dort einem
+kleinen weinenden Fl&uuml;chtling begegnet und in diesen
+hineingeschl&uuml;pft. Und je heimischer er in dem alten Peter
+Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewu&szlig;t, welches
+blutige Unrecht der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht
+genug damit, da&szlig; er ihn hatte verlocken und ins Ungl&uuml;ck
+st&uuml;rzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte ihn aus
+dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag
+h&auml;tte Peter Nord bleiben k&ouml;nnen. Ach, wie fr&ouml;hlich hatte
+er es doch damals gehabt. Wie lustig und vergn&uuml;gt
+war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden
+und wie sch&ouml;n war die Welt gewesen! Herrgott,
+wenn er doch nur hier h&auml;tte weiterleben k&ouml;nnen! Und
+er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war&nbsp;&ndash; schweigsam
+und langweilig, ernst und arbeitsam&nbsp;&ndash;, ganz wie an
+einen verlornen Menschen.</p>
+
+<p>Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson,
+und statt wie fr&uuml;her hinter den Kameraden einherzugehen,
+scho&szlig; er an ihnen vorbei.</p>
+
+<p>Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren,
+um Halfvorson zu strafen, sondern um &uuml;berhaupt ihrer
+Wut Luft zu machen, wu&szlig;ten kaum, was sie beginnen
+sollten. Hier war f&uuml;r einen gereizten Mann nichts zu
+tun. Es gab keinen Hund, den man hetzen, keinen
+Stra&szlig;enkehrer, mit dem man Krakeel anfangen, keinen
+<span class="pagenum"><a name="page_26" id="page_26"></a>26</span>feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern
+konnte.</p>
+
+<p>Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade
+so weit, da&szlig; der Fr&uuml;hling eben in den Sommer &uuml;berging.
+Es war die wei&szlig;e Zeit der Kirschbl&uuml;ten, wo Fliedertrauben
+hohe, rundbeschnittene B&uuml;sche schm&uuml;cken und
+die Apfelbl&uuml;ten duften. Diese M&auml;nner, die unmittelbar
+von der Stra&szlig;e und vom Hafen in das Reich der Blumen
+gekommen waren, f&uuml;hlten sich wunderlich davon
+ber&uuml;hrt. Drei Paar F&auml;uste, die bisher entschlossen geballt
+waren, l&ouml;sten sich, und drei Paar Abs&auml;tze donnerten
+weniger hart gegen das Pflaster.</p>
+
+<p>Vom Markte aus sahen sie einen Fu&szlig;pfad, der sich
+die H&uuml;gel hinanschl&auml;ngelte. Ihm entlang wuchsen junge
+Kirschb&auml;ume, die mit ihren wei&szlig;en Kronen Bogen und
+W&ouml;lbungen bildeten. Die W&ouml;lbungen waren schwebend
+leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein
+und kindlich.</p>
+
+<p>Dieser Kirschenweg zog die Blicke der M&auml;nner auf sich.
+Was war dies doch f&uuml;r ein unpraktisches Nest, wo man
+Kirschb&auml;ume dahin pflanzte, wo jedweder die Kirschen
+nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher
+als einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit
+und Tyrannei. Jetzt begannen sie sie auszulachen
+und ein wenig zu verachten.</p>
+
+<p>Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht
+loderte immer wilder auf, denn er f&uuml;hlte es, dies
+war die Stadt, wo er h&auml;tte wohnen und wirken sollen.
+Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den
+andern zu fragen, ging er rasch die Stra&szlig;e hinauf.</p>
+
+<p>Sie folgten nach, und als sie merkten, da&szlig; es hier
+nur eine Stra&szlig;e gab, und als sie dieser entlang nur
+Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich ihre
+Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht
+zum erstenmal in ihrem Leben, da&szlig; sie Blumen Aufmerksamkeit
+schenkten, aber hier konnten sie nicht anders,
+<span class="pagenum"><a name="page_27" id="page_27"></a>27</span>denn die Fliedertrauben fegten ihnen die M&uuml;tzen vom
+Kopf, und die Bl&auml;tter der Kirschbl&uuml;ten regneten auf
+sie herab.</p>
+
+<p>&bdquo;Was glaubt ihr, was m&ouml;gen wohl in dieser Stadt
+f&uuml;r Leute wohnen?&ldquo; fragte der lange Peter nachdenklich.</p>
+
+<p>&bdquo;Bienen,&ldquo; antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der
+seinen Namen daher hatte, da&szlig; er einmal mit einem
+Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt hatte.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich bekamen sie allm&auml;hlich einige Menschen zu
+Gesicht. An den Fenstern, hinter blanken Scheiben und
+wei&szlig;en Gardinen, zeigten sich ein paar sch&ouml;ne junge Gesichter,
+und sie sahen Kinder auf den Terrassen spielen.
+Aber kein L&auml;rm st&ouml;rte die Stille. Es kam ihnen vor,
+als k&ouml;nnte selbst die Posaune des J&uuml;ngsten Gerichts diese
+Stadt nicht wecken. Was sollten sie hier anfangen!</p>
+
+<p>Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da
+stellten sie mit rauher Stimme mehrere Fragen an den
+Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre Spritze
+in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel
+der Kirchenglocke st&auml;nde f&uuml;r den Fall, da&szlig; es zum
+Sturml&auml;uten kommen sollte.</p>
+
+<p>Dann tranken sie das Bier auf der Stra&szlig;e aus und
+warfen die Flaschen fort. Eins, zwei, drei, alle Flaschen
+an denselben Eckstein, ein Krachen und Klirren, und
+alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen
+f&ouml;rmlich wohl, wieder ein bi&szlig;chen L&auml;rm zu machen.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte,
+Stimmen, harte, deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen
+und dazu ein Klirren wie von Metall. Sie stutzten
+und zogen sich in einen Torweg zur&uuml;ck. Das klang wie
+eine ganze Kompanie.</p>
+
+<p>Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen
+M&auml;dchen. Die Dienstm&auml;gde der Stadt zogen in gesammeltem
+Trupp auf die Stadtweiden, um die K&uuml;he zu
+melken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_28" id="page_28"></a>28</span>Das machte auf diese Gro&szlig;st&auml;dter, diese Weltb&uuml;rger,
+den st&auml;rksten Eindruck. Dienstm&auml;dchen mit Milcheimern.
+Das war beinahe r&uuml;hrend!</p>
+
+<p>Urpl&ouml;tzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen:
+&bdquo;Buh!&ldquo;</p>
+
+<p>Die ganze M&auml;dchenschar zerstob augenblicklich. Die
+M&auml;gde kreischten und liefen davon. Die R&ouml;cke flatterten,
+die Kopft&uuml;cher l&ouml;sten sich, die Milchk&uuml;bel rasselten auf
+die Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Und zugleich vernahm man die ganze Stra&szlig;e entlang
+dumpfe Laute von Toren und T&uuml;ren, die zugeworfen
+wurden, von Klinken und Riegeln und Schl&ouml;ssern.</p>
+
+<p>Ein St&uuml;ck weiter unten auf der Stra&szlig;e stand eine
+gro&szlig;e Linde. Und darunter sa&szlig; eine alte Frau an einem
+Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie r&uuml;hrte sich nicht,
+sie sah sich nicht um, sie sa&szlig; ganz m&auml;uschenstill. Schlafen
+tat sie auch nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Die ist aus Holz,&ldquo; sagte der Holzschuhpeter.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, aus Ton,&ldquo; meinte der Rollpeter.</p>
+
+<p>Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der
+Alten kamen sie ins Schwanken. Sie gingen gegen sie
+los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die Alte fing zu
+zanken an.</p>
+
+<p>&bdquo;Weder Holz noch Ton,&ldquo; sagten sie, &bdquo;lauter Gift und
+Galle.&ldquo;</p>
+
+<p>Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie
+gek&uuml;mmert, aber jetzt waren sie endlich bei Halfvorsons
+Haus angelangt und da erwartete er sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Es l&auml;&szlig;t sich wohl nicht in Abrede stellen, da&szlig; das
+meine Angelegenheit ist,&ldquo; sagte er stolz, und wies auf
+den Laden. &bdquo;Ich will allein hineingehen und die Sache
+abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so k&ouml;nnt ihr euer
+Gl&uuml;ck versuchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie nickten. &bdquo;Geh du nur, Peter Nord! Wir warten
+hier drau&szlig;en.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen
+<span class="pagenum"><a name="page_29" id="page_29"></a>29</span>Mann allein und fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich
+den Bescheid, da&szlig; dieser verreist war. Da fing er
+ein Gespr&auml;ch mit dem Ladendiener an und erfuhr so
+mancherlei &uuml;ber seinen Herrn.</p>
+
+<p>Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar
+nicht angeklagt worden. Wie er sich gegen Peter Nord
+benommen hatte, das wu&szlig;te die ganze Stadt. Aber niemand
+sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson
+hatte es weit gebracht, und jetzt war er nicht mehr so
+b&ouml;sartig. Er war nicht mehr unbarmherzig gegen seine
+Schuldner und hatte aufgeh&ouml;rt, dem Ladenjungen aufzulauern.
+In den allerletzten Jahren hatte er sich auf
+die G&auml;rtnerei geworfen. Er hatte rings um das Haus
+in der Stadt einen Blumengarten angelegt und einen
+K&uuml;chengarten drau&szlig;en vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete
+er so eifrig in seinen G&auml;rten, da&szlig; er kaum mehr daran
+dachte, Geld zu sammeln.</p>
+
+<p>Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Nat&uuml;rlich
+war der Mann gut. Er hatte im Paradies bleiben d&uuml;rfen.
+Nat&uuml;rlich wurde man gut, wenn man hier wohnte.</p>
+
+<p>Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war
+jetzt krank. Seit sie im Winter die Lungenentz&uuml;ndung
+gehabt hatte, war ihre Brust schwach.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Peter Nord sich dies und noch mehr erz&auml;hlen
+lie&szlig;, standen die drei M&auml;nner drau&szlig;en und warteten.</p>
+
+<p>In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine
+Birkenlaube errichtet, damit Edith sich dort an den sch&ouml;nen,
+warmen Fr&uuml;hlingstagen aufhalten konnte. Sie kam
+nur langsam wieder zu Kr&auml;ften, aber f&uuml;r ihr Leben bestand
+keine Gefahr mehr.</p>
+
+<p>Bei einigen ist es so, da&szlig; man glauben mu&szlig;, sie
+wollen nicht leben. Bei der ersten Krankheit, die sie
+bef&auml;llt, legen sie sich hin, um zu sterben. Halfvorsons
+Nichte war schon l&auml;ngst aller Dinge m&uuml;de, des Kontors,
+des kleinen tr&uuml;ben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie
+siebzehn Jahre alt war, reizte es sie, sich einen vornehmen
+<span class="pagenum"><a name="page_30" id="page_30"></a>30</span>Verkehr und einen guten Freundeskreis zu erk&auml;mpfen.
+Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg
+der Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie
+sah keine M&ouml;glichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens
+herauszukommen. Sie wollte gerne sterben.</p>
+
+<p>Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen.
+Nichts als Nerven und Lebendigkeit, wenn
+etwas sie dr&uuml;ckte und qu&auml;lte. Wie hatte sie sich doch
+mit List und Verstellung, mit weiblicher G&uuml;te und weiblichem
+Trotz gem&uuml;ht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht
+hatte, einzusehen, da&szlig; weitre Peter Nord-Geschichten
+nicht mehr vorkommen d&uuml;rften! Aber jetzt war er zahm
+und geb&auml;ndigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte.
+Ja, und nun sollte sie doch nicht sterben! Sie lag
+da und dachte nach, was sie anfangen sollte, wenn sie
+gesund wurde.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut
+gesagt, er wolle allein zu Halfvorson gehen und seine
+Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann antwortete
+ein andrer: &bdquo;Geh du nur, Peter Nord!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der ungl&uuml;ckseligste
+Name auf der Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen
+aller der alten Abscheulichkeiten. Edith richtete
+sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche
+Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und
+starrten sie an. Nur ein niedriges Staket und eine d&uuml;nne
+Hecke lag zwischen ihr und der Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Edith war allein. Die M&auml;gde waren zum Melken
+gegangen, und Halfvorson arbeitete in seinem Garten
+vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen aufgetragen
+hatte, zu sagen, da&szlig; er verreist sei, denn er sch&auml;mte sich
+seiner G&auml;rtnermarotte. Edith f&uuml;rchtete sich schrecklich vor
+den drei M&auml;nnern sowie vor dem, der in den Laden
+gegangen war. Sie war &uuml;berzeugt, da&szlig; sie ihr etwas
+zuleide tun wollten, und darum begann sie &uuml;ber die
+schl&uuml;pfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen
+<span class="pagenum"><a name="page_31" id="page_31"></a>31</span>Holzstufen, die von Terrasse zu Terrasse f&uuml;hrten, den
+Berg hinaufzulaufen.</p>
+
+<p>Den fremden M&auml;nnern war es ein Hauptspa&szlig;, da&szlig;
+sie vor ihnen davonlief. Sie konnten es sich nicht versagen,
+sich so zu stellen, als wenn sie sie einholen wollten.
+Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle
+drei br&uuml;llten mit furchtbarer Stimme.</p>
+
+<p>Edith lief, so wie man im Traume l&auml;uft, keuchend,
+strauchelnd, in Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung,
+nicht von der Stelle zu kommen. Alle erdenklichen
+Gef&uuml;hle st&uuml;rmten auf sie ein und ersch&uuml;tterten sie so sehr,
+da&szlig; sie glaubte sterben zu m&uuml;ssen. Ja, wenn einer dieser
+Kerle sie nur mit der Hand ber&uuml;hrte, wu&szlig;te sie, da&szlig; sie
+sterben mu&szlig;te. Als sie die oberste Terrasse erreicht hatte
+und es wagte, sich umzusehen, merkte sie, da&szlig; die M&auml;nner
+unten auf der Stra&szlig;e standen und gar nicht mehr
+nach ihr hinsahen. Da lie&szlig; sie sich ganz ohnm&auml;chtig zu
+Boden sinken. Aber die Anstrengung war zu gro&szlig; gewesen,
+sie hatte sie nicht ertragen k&ouml;nnen. Sie f&uuml;hlte,
+wie etwas in ihr ri&szlig;. Gleich darauf str&ouml;mte Blut &uuml;ber
+ihre Lippen.</p>
+
+<p>Die M&auml;gde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen.
+F&uuml;r diesmal wurde sie ins Leben zur&uuml;ckgerufen.
+Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, da&szlig; sie lange
+am Leben bleiben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um
+zu erz&auml;hlen, in welcher Weise sie erschreckt worden war.
+H&auml;tte sie es getan, wer wei&szlig;, ob die fremden M&auml;nner
+lebendig aus der Stadt gekommen w&auml;ren. Es erging
+ihnen ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord
+wieder zu ihnen herausgekommen war und erz&auml;hlt hatte,
+da&szlig; Halfvorson nicht daheim sei, gingen sie alle vier im
+besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten
+sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der
+Kaufmann zur&uuml;ckkehrte, verschlafen konnten.</p>
+
+<p>Aber als am Nachmittag alle M&auml;nner der Stadt, die
+<span class="pagenum"><a name="page_32" id="page_32"></a>32</span>drau&szlig;en auf dem Felde gearbeitet hatten, wieder heimkamen,
+erz&auml;hlten ihnen die Frauen von dem Besuch der
+Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden,
+wo sie Bier gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden
+Auftreten. Die Frauen vergr&ouml;&szlig;erten und
+&uuml;bertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen Nachmittag
+daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht.
+Die M&auml;nner glaubten Haus und Heim bedroht.
+Sie beschlossen, die Friedensst&ouml;rer zu greifen, w&auml;hlten
+einen beherzten Mann zum Anf&uuml;hrer, nahmen t&uuml;chtige
+Kn&uuml;ttel mit und zogen von dannen.</p>
+
+<p>Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor
+die Haust&uuml;ren und machten einander bange. Die Stimmung
+war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.</p>
+
+<p>Es dauerte nicht lange, so kamen die J&auml;ger mit ihrer
+Beute zur&uuml;ck. Sie hatten alle vier. Sie hatten sie im
+Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das Kunstst&uuml;ck
+hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.</p>
+
+<p>Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zur&uuml;ck, indem
+sie sie wie Vieh vor sich hertrieben. Der Taumel des
+Rachedurstes hatte sich der Sieger bem&auml;chtigt. Sie schlugen,
+um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen
+die Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf
+den Kopf, der ihn umwarf, und dann hagelten die
+Schl&auml;ge auf ihn nieder, bis er sich erhob und weiterging.
+Die vier M&auml;nner waren dem Tode nahe.</p>
+
+<p>Es ist so sch&ouml;n in den alten Liedern. Da mu&szlig; zuweilen
+der gefangne Held in Fesseln im Triumphzug des
+siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch im Ungl&uuml;ck
+noch stolz und sch&ouml;n, und die Blicke suchen ihn ebenso wie
+den Gl&uuml;cklichen, der ihn besiegt hat. Die Kr&auml;nze und
+die Tr&auml;nen der Sch&ouml;nheit geh&ouml;ren dem noch im Ungl&uuml;ck
+Beneidenswerten.</p>
+
+<p>Aber wer wollte wohl f&uuml;r den armen Peter Nord
+schw&auml;rmen? Sein Rock war zerrissen und sein flachsblondes
+Haar klebrig von Blut. Er bekam die meisten
+<span class="pagenum"><a name="page_33" id="page_33"></a>33</span>Schl&auml;ge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz
+schrecklich sah er aus, wie er da einherging. Er br&uuml;llte,
+ohne es zu wissen. Jungens h&auml;ngten sich an ihn fest,
+und er schleppte sie lange Strecken weit mit. Einmal
+blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die
+Stra&szlig;e. Gerade als er im Begriff war zu entfliehen,
+bekam er mit einem Kn&uuml;ttel einen Schlag auf den Kopf
+und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die H&ouml;he, halb
+bet&auml;ubt, und schwankte weiter, w&auml;hrend Peitschenhiebe
+auf ihn herabhagelten und die Jungen sich ihm wie
+Blutegel an Arme und Beine h&auml;ngten.</p>
+
+<p>So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner
+Whistpartie im Wirtshausgarten kam. &bdquo;So, so,&ldquo; sagte
+er zum Vortrab, &bdquo;ihr wollt die in den Kotter bringen?&ldquo;</p>
+
+<p>Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete
+ihn. Augenblicklich sah alles anst&auml;ndig aus. Gefangne
+und Gefangnenw&auml;chter marschierten in Frieden und Ordnung
+weiter. Doch die Wangen der St&auml;dter gl&uuml;hten,
+einige stie&szlig;en mit den Kn&uuml;tteln auf das Pflaster, andre
+schulterten sie wie Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen
+der Stadt der Polizei in Gewahrsam gegeben
+und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem
+Markte stehen und sprachen von ihrem Mute und von
+der gro&szlig;en Heldentat. Und in der kleinen Gaststube, wo
+der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige
+M&auml;nner ihren Mitternachtstoddy brauen, da taucht die
+Heldentat vergr&ouml;&szlig;ert wieder auf. Da wachsen die in
+den Schaukelst&uuml;hlen, da bl&auml;hen sich die in den Sofaecken,
+da sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert
+doch in der kleinen Stadt der gro&szlig;en Erinnerungen!
+Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!</p>
+
+<p>Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht
+gefallen. Er konnte sich nicht recht damit befreunden,
+da&szlig; das Wikingerblut wieder in Wallung geraten war.
+Und dieser Gedanke lie&szlig; ihn nicht schlafen, er ging wieder
+<span class="pagenum"><a name="page_34" id="page_34"></a>34</span>auf die Stra&szlig;e und schlenderte gem&auml;chlich dem
+Marktplatze zu.</p>
+
+<p>Das kleine St&auml;dtchen lag in dem sanften Licht der
+Fr&uuml;hlingsnacht da. Der einzige Zeiger der Turmuhr wies
+auf elf. &Uuml;ber die Kegelbahn rollten keine Kugeln mehr.
+Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als
+wenn die H&auml;user mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht
+aufsteigenden Berge standen schwarz, wie in tiefer
+Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer wachte
+jemand&nbsp;&ndash; der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich
+&uuml;ber die Lindenhecken, st&uuml;rmte aus den G&auml;rten, jagte die
+Stra&szlig;e hinauf und hinab, kletterte zu jedem Fenster empor,
+das angelehnt stand, zu jeder Dachluke, die frische
+Luft einlie&szlig;.</p>
+
+<p>Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich
+seine ganze kleine Stadt vor sich, obgleich die Dunkelheit
+sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er sah sie als die
+Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern
+Garten an Garten. Er sah die Kirschb&auml;ume, die
+wei&szlig;e Bogen &uuml;ber den steilen Waldweg spannten, die
+Fliederb&uuml;sche, die Knospen, die zu pr&auml;chtigen Rosen
+schwollen, die stolzen P&auml;onien, und die Haufen von Bl&uuml;tenbl&auml;ttern
+auf dem Boden unter den Faulb&auml;umen.</p>
+
+<p>Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken.
+Er war so weise und so alt. Das siebzigste Jahr hatte
+er erreicht, und f&uuml;nfzig Jahre hatte er die Geschicke der
+Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob
+er recht getan habe, wenn er immer ged&auml;mpft und beschwichtigt
+hatte. &bdquo;Ich hatte die Stadt in meiner Hand,&ldquo;
+dachte er, &bdquo;aber ich habe sie nicht zu etwas Gro&szlig;em
+gemacht.&ldquo; Und er gedachte ihrer gro&szlig;en Vergangenheit
+und zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.</p>
+
+<p>Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht
+sich &uuml;ber den Flu&szlig; er&ouml;ffnet. Ein Boot kam herangerudert.
+Ein paar St&auml;dter kehrten von einer Ausfahrt
+zur&uuml;ck. Lichtgekleidete M&auml;dchen f&uuml;hrten die Ruder. Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_35" id="page_35"></a>35</span>steuerten unter die Br&uuml;ckenw&ouml;lbung, aber da war die
+Str&ouml;mung so stark, da&szlig; sie sie zur&uuml;cktrieb. Es gab einen
+heftigen Kampf. Ihre schlanken K&ouml;rper bogen sich nach
+r&uuml;ckw&auml;rts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande
+lagen. Weiche Armmuskeln spannten sich. Die Ruder
+kr&uuml;mmten sich wie Bogen. Lachen und Rufe erf&uuml;llten
+die Luft. Einmal ums andre siegte die Str&ouml;mung.
+Schm&auml;hlich wurde das Boot zur&uuml;ckgetrieben. Und als
+die M&auml;dchen schlie&szlig;lich am Marktkai landen und es den
+M&auml;nnern &uuml;berlassen mu&szlig;ten, das Boot heimzubringen,
+wie waren sie rot und &auml;rgerlich und wie lachten sie!
+Und wie klang ihr Lachen die Stra&szlig;e hinab! Wie belebten
+ihre breitrandigen, lichten H&uuml;te, ihre leichten, flatternden
+Sommerkleider die stille Nacht.</p>
+
+<p>Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn,
+denn im Dunkel konnte er sie nicht klar sehen, ihre lieblichen,
+jungen Gesichtchen, ihre sch&ouml;nen, klaren Augen
+und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in
+die H&ouml;he. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen
+Glanz. Andre Gemeinwesen konnten sich andrer Dinge
+r&uuml;hmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an dem
+augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.</p>
+
+<p>Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein
+Wirken. Nein, er brauchte nicht f&uuml;r die Zukunft der
+Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich nicht
+durch strenge Gesetze zu sch&uuml;tzen.</p>
+
+<p>Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er
+ging und weckte den Polizeimeister und sprach mit ihm.
+Und dieser dachte wie er. Sie gingen selbander zum
+Gef&auml;ngnis und &ouml;ffneten Peter Nord und seinen Kameraden
+die T&uuml;r.</p>
+
+<p>Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine
+Stadt ist wie die Venus von Milo. Sie hat lockenden
+Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_36" id="page_36"></a>36</span></p>
+<h3>III</h3>
+
+<p>Es ist, als m&uuml;&szlig;te ich die Wirklichkeit verlassen und
+in die Welt des M&auml;rchens und der Unwahrscheinlichkeit
+fliehen, um zu erz&auml;hlen, was sich jetzt begab. W&auml;re der
+junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit
+einer goldnen Krone unter dem Hut, dann w&uuml;rde alles
+ganz einfach und nat&uuml;rlich erscheinen. Aber jetzt will
+mir wohl niemand glauben, wenn ich sage, da&szlig; auch
+Peter Nord einen K&ouml;nigsreif um sein flachsblondes Haar
+trug. Niemand kann ja wissen, wie viel merkw&uuml;rdige
+Dinge sich in dem kleinen St&auml;dtchen zutragen. Niemand
+kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen da herumgehen
+und auf den Hirtenknaben des M&auml;rchens warten.</p>
+
+<p>Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen
+Abenteuern kommen. Denn als Peter Nord von dem
+alten Ratsherrn befreit worden war und zum zweitenmal
+mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen
+mu&szlig;te, da kamen ihm dieselben Gedanken, wie als er
+das erstemal entfloh. Da klangen ihm pl&ouml;tzlich wieder
+Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter
+ihnen erklang der alte Reigen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun ist es wieder Weihnachtsfest,<br /></span>
+<span class="i0">Ja, ja, Weihnachtsfest.<br /></span>
+<span class="i0">Und dann ist Ostern nicht mehr weit,<br /></span>
+<span class="i0">Doch leider, leider ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nein, nein, ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit
+mit ihrem Rutenb&uuml;ndel im Arm &uuml;ber die Erde schlich.
+Und sie rief ihm zu: &bdquo;Verschwender! Verschwender! Du
+wolltest das Fest der Rache und der Genugtuung in
+jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man
+sich hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?&ldquo;</p>
+
+<p>Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und
+war ein stiller, sparsamer Arbeiter geworden. Wieder
+stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit. Niemand
+<span class="pagenum"><a name="page_37" id="page_37"></a>37</span>h&auml;tte glauben k&ouml;nnen, da&szlig; er es war, der vor Zorn gebr&uuml;llt
+und die kleinen Kinder auf die Stra&szlig;e geschleudert
+hatte, so wie der verfolgte Elch die Hunde absch&uuml;ttelt.</p>
+
+<p>Doch einige Wochen sp&auml;ter kam Halfvorson zu ihm in
+die Fabrik. Er suchte ihn auf den Wunsch seiner Nichte
+auf. Sie wollte, wenn m&ouml;glich, noch an demselben Tag
+mit ihm sprechen.</p>
+
+<p>Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er
+Halfvorson erblickte. Es war, als h&auml;tte er eine schl&uuml;pfrige
+Schlange gesehen. Er wu&szlig;te nicht, was er lieber wollte,&nbsp;&ndash;
+ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber pl&ouml;tzlich
+bemerkte er, da&szlig; Halfvorson sehr bek&uuml;mmert aussah.</p>
+
+<p>Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat,
+wenn man im starken Winde geht. Die Gesichtsmuskeln
+waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die
+Augen rot und voll Tr&auml;nen. Er k&auml;mpfte sichtlich mit irgendeinem
+Leid. Das einzige, was unver&auml;ndert war, das
+war die Stimme. Sie war ebenso unmenschlich ausdruckslos.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu
+f&uuml;rchten, und auch der neuen wegen nicht,&ldquo; sagte Halfvorson.
+&bdquo;Es ist wohl bekannt geworden, da&szlig; Sie mit
+jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so
+viel Aufstand machten. Und da wir annahmen, da&szlig; sie
+von hier seien, konnte ich Sie ausfindig machen. Edith
+wird bald sterben,&ldquo; fuhr er fort, und sein Gesicht zuckte
+krampfhaft. &bdquo;Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt.
+Aber wir f&uuml;hren nichts B&ouml;ses gegen Sie im Schilde.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig; komme ich,&ldquo; sagte Peter Nord.</p>
+
+<p>Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter
+Nord sa&szlig; da, fein geputzt in seinem Sonntagsstaat. Und
+unter dem Hut spielten und gaukelten alle seine Knabentr&auml;ume,
+einen richtigen K&ouml;nigsreif schlossen sie um sein
+blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm f&ouml;rmlich die
+Besinnung. Hatte er nicht immer gedacht, da&szlig; feine Damen
+ihn lieben w&uuml;rden? Und nun war da eine, die ihn
+<span class="pagenum"><a name="page_38" id="page_38"></a>38</span>sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles
+Wunderbaren!&nbsp;&ndash; Nun sa&szlig; er da und dachte an sie, wie
+sie einst gewesen war. Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt
+sollte sie sterben. Sie tat ihm so innig leid. Aber da&szlig;
+sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme, s&uuml;&szlig;e
+Wehmut kam &uuml;ber ihn.</p>
+
+<p>Nun war er wieder ganz heraus, der alte, n&auml;rrische
+Peter Nord. Sobald er sich dem St&auml;dtchen n&auml;herte, verlie&szlig;
+ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und Verachtung.</p>
+
+<p>Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der
+heftige Sturm, den er allein bemerkte, trieb ihn auf
+dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter vorbeikam,
+brummte er ein paar Worte, so da&szlig; dieser erfuhr, welche
+Pfade seine betr&uuml;bten Gedanken wandelten. &bdquo;Sie fanden
+sie auf dem Boden, halbtot&nbsp;&ndash; und rings um sie
+lauter Blut,&ldquo; sagte er einmal. Und ein andermal: &bdquo;War
+sie nicht gut? War sie nicht sch&ouml;n? Wie konnte es ihr
+so schlecht ergehen?&ldquo; Und ein andermal: &bdquo;Sie hat mich
+auch gut gemacht. Konnte es nicht mit ansehen, da&szlig; sie
+den ganzen langen Tag betr&uuml;bt dasa&szlig; und mit ihren
+Tr&auml;nen das Kassabuch ruinierte.&ldquo;&nbsp;&ndash; Dann kam dies:
+&bdquo;Ein schlaues Ding &uuml;brigens. Schmeichelte sich bei mir
+ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte mir
+Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich,
+aber konnte nicht widerstehen.&ldquo; Er wanderte bis zum
+Vorderdeck. Als er zur&uuml;ckkam, sagte er: &bdquo;Ich kann es
+nicht ertragen, da&szlig; sie sterben soll.&ldquo;</p>
+
+<p>Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme,
+die er weder d&auml;mpfen noch modulieren konnte. Peter
+Nord hatte die stolze Empfindung, da&szlig; ein solcher Mann
+wie er, der einen K&ouml;nigsreif um die Stirn trug, gar nicht
+das Recht hatte, Halfvorson zu z&uuml;rnen. Dieser war ja
+durch sein Gebrechen von den Menschen getrennt und
+konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mu&szlig;te er sie
+alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit
+demselben Ma&szlig;stab zu messen wie andre Menschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_39" id="page_39"></a>39</span>Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Tr&auml;ume.
+Sie hatte sich also seiner alle diese Jahre erinnert, und
+jetzt konnte sie nicht sterben, ohne ihn gesehen zu haben.
+Ach, man denke, da&szlig; ein junges M&auml;dchen alle die Jahre
+herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und
+vermi&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>Sobald er ans Land gekommen war und das Haus
+des Kaufmanns erreicht hatte, wurde er zu Edith gef&uuml;hrt,
+die ihn drau&szlig;en in der Laube erwartete.</p>
+
+<p>Der gl&uuml;ckliche Peter Nord wurde nicht aus seinen
+Tr&auml;umen gerissen, als er sie erblickte. Sie war ein liebliches
+Traumwesen, dieses M&auml;dchen, das um die Wette
+mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte.
+Ihre gro&szlig;en Augen waren dunkler und klarer geworden.
+Ihre H&auml;nde waren so d&uuml;nn und durchsichtig,
+da&szlig; man f&uuml;rchtete, diese vergeistigte Materie zu ber&uuml;hren.</p>
+
+<p>Und sie liebte ihn. Nat&uuml;rlich mu&szlig;te er sie sogleich
+wiederlieben, hei&szlig;, innig, gl&uuml;hend. Als sie sah, wie er
+dastand und sie anstarrte, begann sie zu l&auml;cheln, mit dem
+verzweifeltesten L&auml;cheln der Welt, diesem L&auml;cheln der
+Kranken, das sagt: &bdquo;Sieh, so bin ich geworden. Z&auml;hle
+nicht auf mich. Ich kann nicht mehr sch&ouml;n und reizend
+sein. Ich mu&szlig; bald sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>Das rief ihn zur Wirklichkeit zur&uuml;ck. Er sah, da&szlig; er
+es nicht mit einem Traumbilde zu tun hatte, sondern mit
+einer Seele, die im Entfliehen war und darum die
+W&auml;nde ihres Kerkers so d&uuml;nn und durchsichtig gemacht
+hatte. Nun war es so deutlich in seinem Gesicht und in
+der Art, wie er Ediths Hand fa&szlig;te, zu sehen, wie er mit
+einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre &uuml;ber dem
+Schmerze, da&szlig; sie sterben mu&szlig;te, verga&szlig;, da&szlig; die Kranke
+dasselbe Mitleid mit sich selbst f&uuml;hlte und Tr&auml;nen in ihre
+Augen traten.</p>
+
+<p>O, welches Mitgef&uuml;hl hatte er vom ersten Augenblick
+an f&uuml;r sie. Er begriff gleich, da&szlig; sie ihre Bewegung nicht
+<span class="pagenum"><a name="page_40" id="page_40"></a>40</span>zeigen wollte. Nat&uuml;rlich war es ergreifend f&uuml;r sie, ihn,
+den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen. Aber nur
+ihre Schw&auml;che war daran schuld, da&szlig; sie sich jetzt verriet.
+Sie wollte nat&uuml;rlich nicht, da&szlig; er es bemerkte. Und
+darum brachte er ein unverf&auml;ngliches Gespr&auml;chsthema
+aufs Tapet.</p>
+
+<p>&bdquo;Wissen Sie, wie es meinen wei&szlig;en M&auml;usen ergangen
+ist?&ldquo; fragte er.</p>
+
+<p>Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte
+er ihr den Weg ebnen. &bdquo;Ich habe sie in den Laden gelassen,&ldquo;
+sagte sie, &bdquo;sie haben sich gut gehalten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen
+da?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Halfvorson sagt, da&szlig; er Peter Nords M&auml;use niemals
+loswerden kann. Sie haben Sie ger&auml;cht, verstehen Sie?&ldquo;
+sagte sie bedeutungsvoll.</p>
+
+<p>&bdquo;Es war eine ausgezeichnete Rasse,&ldquo; antwortete Peter
+Nord stolz.</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch stockte einen Augenblick. Edith schlo&szlig;
+die Augen, wie um zu ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll.
+Seine letzte Antwort verstand sie nicht. Er hatte
+gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert.
+Als er angefangen hatte, von den M&auml;usen zu sprechen,
+hatte sie geglaubt, er verst&uuml;nde, was sie damit sagen
+wolle.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te ja, da&szlig; er vor ein paar Wochen hergekommen
+war, um sich zu r&auml;chen. Der arme Peter Nord!
+Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl ergehen
+mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten
+Jungen in ihren Tr&auml;umen ert&ouml;nt. Zum Teil um
+seinetwillen, um nie mehr eine solche Nacht zu erleben,
+hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das
+Haus zu einem Heim f&uuml;r ihn gemacht, hatte den Einsamen
+es sch&auml;tzen gelehrt, einen teilnehmenden Freund
+in seiner N&auml;he zu haben. Jetzt war ihr Schicksal wieder
+mit Peter Nord verkn&uuml;pft. Sein Rachezug hatte sie zu
+<span class="pagenum"><a name="page_41" id="page_41"></a>41</span>Tode erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall
+ein wenig erholt hatte, hatte sie Halfvorson gebeten, ihn
+auszukundschaften.</p>
+
+<p>Und nun sa&szlig; Peter Nord da und glaubte, da&szlig; sie ihn
+aus Liebe gerufen habe. Er konnte ja nicht wissen, da&szlig;
+sie ihn f&uuml;r rachs&uuml;chtig, roh und verkommen hielt, f&uuml;r
+einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden
+im Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte
+nicht ahnen, da&szlig; sie ihn herbeschieden hatte, um ihm
+Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn nichts
+andres half, ihm zu sagen: &bdquo;Sieh mich an, Peter Nord!
+Dein Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines
+Todes. Denke daran und beginne ein andres Leben.&ldquo;</p>
+
+<p>Er war voll Lebenslust und Tr&auml;umerei gekommen, um
+das Fest der Liebe zu feiern, und sie lag da und dachte
+daran, ihn in die schwarzen Tiefen der Reue zu versenken.</p>
+
+<p>Aber es mu&szlig;te ihr wohl etwas von dem Glanz des
+K&ouml;nigsreifens entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen,
+so da&szlig; sie beschlo&szlig;, ihn zuerst ins Verh&ouml;r zu nehmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen
+drei furchtbaren Kerlen da?&ldquo;</p>
+
+<p>Er err&ouml;tete und sah zu Boden. Dann mu&szlig;te er ihr
+die ganze Geschichte von dem Rachezug mit all seiner
+Schmach erz&auml;hlen. F&uuml;rs erste, wie unm&auml;nnlich lange er
+gez&ouml;gert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie
+er nur gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt
+selbst zu schlagen, gepr&uuml;gelt und gepeitscht worden war.
+Er wagte nicht aufzusehen, w&auml;hrend er sprach; er wagte
+nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit
+Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasa&szlig;, f&uuml;hlte er,
+da&szlig; er sich all des Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn
+in ihren Tr&auml;umen umgeben haben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Peter Nord, wie w&auml;re es denn gegangen, wenn
+Sie Halfvorson angetroffen h&auml;tten?&ldquo; fragte Edith, als
+er zu Ende gesprochen hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_42" id="page_42"></a>42</span>Er lie&szlig; den Kopf immer tiefer h&auml;ngen. &bdquo;Ich sah ihn
+ja ohnehin,&ldquo; sagte er. &bdquo;Er war gar nicht verreist. Er
+arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor. Der Junge
+im Laden hatte mir alles erz&auml;hlt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, warum haben Sie sich dann nicht ger&auml;cht?&ldquo;
+fragte Edith.</p>
+
+<p>Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er f&uuml;hlte, da&szlig;
+ihre Blicke sich forschend auf ihn hefteten, und er begann
+gehorsam: &bdquo;Als die M&auml;nner sich auf einem Abhang
+schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson
+auf, denn ich wollte ihn allein f&uuml;r mich haben. Er ging
+da herum und richtete St&auml;bchen in einem Erbsenbeet auf.
+Es mu&szlig;te am Tage vorher einen Platzregen gegeben
+haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige
+Bl&auml;tter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah
+aus wie ein Krankenhaus. Und Halfvorson war der
+Doktor. Er richtete sie so zart in die H&ouml;he, streifte die
+Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die St&auml;bchen
+umfassen. Ich stand da und sah zu. Er h&ouml;rte mich
+ja nicht und er hatte keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte
+zornig zu bleiben, aber was sollte ich tun? Ich
+konnte doch nicht auf ihn losst&uuml;rzen, solange er mit den
+Erbsen besch&auml;ftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch,
+dachte ich.</p>
+
+<p>Aber pl&ouml;tzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn
+und st&uuml;rzte zum Treibbeete. Da hob er die Glasfenster
+ab und guckte hinein, und ich guckte auch, denn er sah
+aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung w&auml;re.
+Ja freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen,
+die Pflanzen vor der Sonne zu sch&uuml;tzen und es war wohl
+unter den Glasfenstern furchtbar hei&szlig; gewesen. Die
+Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem;
+einige Bl&auml;tter waren versengt und andre hingen schlaff
+herab. Ich war auch ganz erschrocken, so da&szlig; ich alle
+Vorsicht verga&szlig;, und da erblickte Halfvorson meinen
+Schatten. &sbquo;Du h&ouml;r' einmal, nimm die Gie&szlig;kanne, die
+<span class="pagenum"><a name="page_43" id="page_43"></a>43</span>beim Spargelbeet steht, laufe zum Flu&szlig; herunter und
+hole Wasser,&lsquo; sagte er, ohne aufzusehen; er glaubte wohl,
+es sei der G&auml;rtnerjunge. Und so lief ich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Taten Sie das, Peter Nord?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter
+unsrer Feindschaft zu leiden. Es kam mir wohl auch vor,
+da&szlig; das charakterlos sei, aber ich konnte nicht anders.
+Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen k&ouml;nnten. Als
+ich zur&uuml;ckkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte
+noch ebenso verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm
+die Kanne in die Hand, und er begann zu gie&szlig;en. Ja,
+man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat.
+Es war mir fast, als richteten sie sich in die H&ouml;he, und
+ihm schien es wohl auch so, denn er fing zu lachen an.
+Da lief ich fort.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?&ldquo; Edith
+hatte sich in ihrem Ruhesessel aufgerichtet.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich konnte ihn nicht schlagen,&ldquo; sagte Peter Nord.</p>
+
+<p>Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um
+den Kopf des armen Peter Nord. So, sie brauchte ihn
+also nicht mit der schweren Last der S&uuml;nde um den Hals
+in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann
+war er also! Ein so weichherziger und feinf&uuml;hliger
+Mann! Sie sank zur&uuml;ck, schlo&szlig; die Augen wieder und
+dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es
+wunderte sie selbst, welch gro&szlig;e Erleichterung es ihr
+gew&auml;hrte, ihn nicht betr&uuml;ben zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin so froh, da&szlig; Sie sich die Rachegedanken
+aus dem Kopfe geschlagen haben, Peter Nord,&ldquo; begann
+sie freundlich. &bdquo;Gerade darum wollte ich Sie bitten.
+Jetzt kann ich ruhig sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich.
+Sie sah nicht aus, als h&auml;tte sie sich in ihm get&auml;uscht.
+Sie mu&szlig;te ihn doch sehr lieb haben, wenn sie alle diese
+Feigheit entschuldigen konnte.&nbsp;&ndash; Denn wenn sie sagte,
+da&szlig; sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen
+<span class="pagenum"><a name="page_44" id="page_44"></a>44</span>Rachepl&auml;nen abzustehen, geschah dies wohl nur aus
+Sch&uuml;chternheit, um ihm nicht den wirklichen Grund des
+Rufes gestehen zu m&uuml;ssen. Darin hatte sie ganz recht.
+Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie k&ouml;nnen sie Sie sterben lassen?&ldquo; rief er aus.
+&bdquo;Halfvorson und alle die andern, wie k&ouml;nnen sie es?
+Wenn ich hier w&auml;re, ich wollte es Ihnen verwehren, zu
+sterben. Ich w&uuml;rde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich
+w&uuml;rde alle Ihre Leiden auf mich nehmen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe keine gro&szlig;en Schmerzen,&ldquo; sagte sie, &uuml;ber
+diese k&uuml;hnen Versprechungen l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich stelle mir vor, da&szlig; ich Sie forttragen m&ouml;chte
+wie ein erfrorenes V&ouml;gelchen, Sie unter die Weste
+stecken wie ein Eichh&ouml;rnchen. O Gott, wie sch&ouml;n w&auml;re es
+doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches
+daheim auf einen wartete. Aber wenn Sie gesund
+w&auml;ren, so w&uuml;rden wohl viele&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn mit m&uuml;dem Staunen an, bereit, ihn in
+seine Schranken zu weisen. Aber sie mu&szlig;te wohl wieder
+etwas von dem Zauberkranze der Tr&auml;ume um das Haupt
+des Knaben gesehen haben, denn sie &uuml;bte Nachsicht gegen
+ihn. Er meinte wohl nichts damit. Er mu&szlig;te wohl so
+sprechen wie er sprach. Er war ja nicht wie andre.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach,&ldquo; sagte sie gleichg&uuml;ltig. &bdquo;Nicht so viele, Peter
+Nord. Wohl kaum einer, der es ernst meinte.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten
+ein. In ihr erwachte pl&ouml;tzlich der Hei&szlig;hunger der Kranken
+nach Mitleid. Sie wollte das Mitgef&uuml;hl, die Z&auml;rtlichkeit
+haben, die der arme Arbeiter ihr schenken konnte, es war
+ihr ein Bed&uuml;rfnis, lange in der N&auml;he dieser tiefen, uneigenn&uuml;tzigen
+Teilnahme zu weilen. Die Kranken k&ouml;nnen
+ja an derlei nie genug haben. Sie wollte sie in seinen
+Blicken und in seinem ganzen Wesen lesen. Worte waren
+ihr gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>&bdquo;Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,&ldquo; sagte sie.
+<span class="pagenum"><a name="page_45" id="page_45"></a>45</span>&bdquo;Bleiben Sie noch ein Weilchen sitzen und erz&auml;hlen Sie,
+wie es Ihnen in diesen sechs Jahren ergangen ist.&ldquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend er sprach, lag sie da und schl&uuml;rfte dieses
+Unsagbare ein, was von ihm zu ihr str&ouml;mte. Sie h&ouml;rte
+und h&ouml;rte nicht. Aber durch irgendeine wunderbare Sympathie
+f&uuml;hlte sie sich gest&auml;rkt und belebt.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens machten ihr auch seine Erz&auml;hlungen Eindruck.
+Sie f&uuml;hrten sie in die Arbeiterviertel, in eine neue Welt
+voll g&auml;render Hoffnungen und Kr&auml;fte. Wie man dort
+glaubte und sich sehnte! Wie man ha&szlig;te und litt!</p>
+
+<p>&bdquo;Wie gl&uuml;cklich sind doch die Unterdr&uuml;ckten,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den
+Sinn, da&szlig; dies etwas f&uuml;r sie sein k&ouml;nnte, die immer
+Druck und Zwang brauchte, um das Leben lebenswert zu
+finden.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn ich gesund w&auml;re,&ldquo; sagte sie, &bdquo;w&auml;re ich vielleicht
+mit dahin gegangen. Es w&auml;re sch&ouml;n gewesen, sich
+zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die H&ouml;he
+zu arbeiten.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Gest&auml;ndnis,
+auf das er die ganze Zeit gewartet hatte. &bdquo;Ach,
+k&ouml;nnen Sie nicht leben!&ldquo; bat er, und er strahlte vor
+Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Sie wurde aufmerksam. &bdquo;Das ist ja Liebe,&ldquo; sagte sie
+zu sich selbst. &bdquo;Und jetzt glaubt er, da&szlig; ich auch verliebt
+bin. Solch ein n&auml;rrischer Kauz, dieser Wermlandjunge!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen,
+aber etwas lag &uuml;ber Peter Nord an diesem siegreichen
+Tage, das sie zur&uuml;ckhielt. Sie brachte es nicht &uuml;bers
+Herz, seine frohe Stimmung zu zerst&ouml;ren. Sie f&uuml;hlte
+Mitleid mit seiner Torheit und lie&szlig; ihn weiter darin
+leben. &bdquo;Es macht ja nichts, da ich ja doch bald sterben
+mu&szlig;,&ldquo; sagte sie zu sich selbst.</p>
+
+<p>Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er
+fragte, ob er wiederkommen d&uuml;rfe, verbot sie es ihm
+<span class="pagenum"><a name="page_46" id="page_46"></a>46</span>ganz. &bdquo;Aber,&ldquo; sagte sie, &bdquo;vergessen Sie den Kirchhof
+hier oben auf dem H&uuml;gel nicht, Peter Nord. Dorthin
+k&ouml;nnen Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode
+f&uuml;r diesen Tag danken.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er
+Halfvorson. Dieser ging verzweifelt auf und ab und
+fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, da&szlig; Edith
+dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufb&uuml;rdete. Um
+ihn &uuml;berw&auml;ltigt von Gewissensbissen zu sehen, einzig und
+allein darum hatte er ihn geholt. Doch als er den jungen
+Arbeiter traf, sah er, da&szlig; Edith ihm nicht alles gesagt
+haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien
+er schwindelnd gl&uuml;ckselig.</p>
+
+<p>&bdquo;Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben
+mu&szlig;?&ldquo; fragte Halfvorson.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; antwortete Peter Nord.</p>
+
+<p>Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie
+um ihn nicht entkommen zu lassen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche
+wegen. Sie war wohl vorher ein bi&szlig;chen krank, aber
+das hatte nichts zu bedeuten. Niemand glaubte, da&szlig; sie
+sterben w&uuml;rde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei
+ungl&uuml;ckseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, w&auml;hrend
+Sie in meinem Laden waren. Sie verfolgten sie,
+und sie lief vor ihnen fort, lief so, da&szlig; sie einen Blutsturz
+bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie
+wollten sich an mir r&auml;chen, dadurch, da&szlig; Sie sie t&ouml;teten.
+Wollten mich einsam und ungl&uuml;cklich sehen, ohne einen
+einzigen Menschen um mich, der mir gut ist. Alle meine
+Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.&ldquo;</p>
+
+<p>Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit
+Vorw&uuml;rfen &uuml;bersch&uuml;tten, ihn mit Fl&uuml;chen morden; aber
+dieser ri&szlig; sich los und lief davon, als ob ein Erdbeben
+die ganze Stadt ersch&uuml;ttere und alle H&auml;user im Begriffe
+w&auml;ren einzust&uuml;rzen.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_47" id="page_47"></a>47</span></p>
+<h3>IV</h3>
+
+<p>Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht,
+aber wenn man auf steilen Steinstufen und nadelbedeckten,
+glatten Pfaden hinaufgeklettert ist, so findet man,
+da&szlig; der Berg sich zu einem gro&szlig;en welligen Plateau
+ausbreitet. Und dort oben findet man einen M&auml;rchenwald.</p>
+
+<p>Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald
+ohne Nadeln, ein Wald, der im Fr&uuml;hling stirbt und im
+Herbst gr&uuml;nt, ein lebloser Wald, der in Lebensfreude
+aufflackert, wenn andre B&auml;ume das gr&uuml;ne Kleid des
+Lebens ablegen, ein Wald, der w&auml;chst, ohne da&szlig; jemand
+wissen kann wie, der gr&uuml;n im Frost und braun im Tau
+dasteht.</p>
+
+<p>Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten
+sind gezwungen worden, in den Rissen zwischen Felsbl&ouml;cken
+Wurzel zu schlagen. Ihre z&auml;hen Wurzeln haben
+sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt.
+Eine Zeitlang ging es gut, die jungen B&auml;ume schossen
+in die H&ouml;he, und die Wurzeln bohrten sich frohgemut in
+den grauen Stein. Aber endlich konnten sie nicht weiterkommen,
+und da bem&auml;chtigte sich des Waldes eine nur
+schlecht verhehlte &uuml;ble Laune. Er wollte hoch hinaus,
+aber auch in die Tiefe. Da ihm der Weg nach unten
+versperrt war, schien ihn das Leben nicht mehr zu freuen.
+Jeden Fr&uuml;hling war er bereit, mi&szlig;mutig die Lebensb&uuml;rde
+abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben
+sollte, stand der junge Wald ganz braun da. Hoch
+&uuml;ber der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm
+einen d&uuml;stern Rand sterbender B&auml;ume.</p>
+
+<p>Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles D&uuml;sterkeit
+und Todeskampf. Wenn man so unter den braunen
+B&auml;umen einhergeht und sich so bedr&uuml;ckt f&uuml;hlt, da&szlig; man
+am liebsten sterben wollte, sieht man gr&uuml;ne B&auml;ume schimmern,
+Blumenduft schl&auml;gt einem entgegen; Vogelgesang
+<span class="pagenum"><a name="page_48" id="page_48"></a>48</span>jubelt und lockt. Da denkt man an das Schlo&szlig; im
+schlummernden Wald, an das Paradies des M&auml;rchens,
+das von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und
+wenn man dann zu dem Gr&uuml;n, dem Blumenduft, dem
+Vogelgezwitscher kommt, sieht man, da&szlig; man sich auf
+dem versteckten Kirchhof des kleinen St&auml;dtchens befindet.</p>
+
+<p>Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angef&uuml;llten
+Vertiefung des Bergplateaus. Und da innerhalb der
+grauen Steinmauern hat alles Welken und aller Lebens&uuml;berdru&szlig;
+ein Ende. Im Tore stehen Fliederb&uuml;sche, die
+sich unter schweren Bl&uuml;tentrauben neigen. Linden und
+Ahornb&auml;ume spannen mit &uuml;berraschender Kraft einen
+himmelhohen Bogen &uuml;ber den ganzen Platz. Jasmin
+und Rosen entbl&uuml;hen freundlich der geweihten Erde. Um
+gro&szlig;e alte Grabsteine schlingen sich Ranken von Immergr&uuml;n
+und Efeu.</p>
+
+<p>Hier ist eine Ecke, wo die Nadelb&auml;ume die H&ouml;he eines
+Mastbaumes erreichen. M&uuml;&szlig;te sich nicht eigentlich der
+junge Wald drau&szlig;en sch&auml;men, wenn er sie sieht? Und
+da sind Hecken, die den H&auml;nden ihrer Pfleger ganz entwachsen
+sind, die ohne an Schere und Messer zu denken,
+bl&uuml;hen und sprie&szlig;en.</p>
+
+<p>Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof,
+zu dem die Toten ohne sonderliche M&uuml;he gelangen k&ouml;nnen.
+Es war recht beschwerlich f&uuml;r sie, im Winter hier
+heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis
+&uuml;berzogen sind, und die Stufen schl&uuml;pfrig und schneebedeckt.
+Der Sarg knackte, die Tr&auml;ger keuchten, der alte
+Propst st&uuml;tzte sich schwer auf den K&uuml;ster und den Totengr&auml;ber.
+Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu
+werden, der es nicht selbst gew&uuml;nscht hat.</p>
+
+<p>Sch&ouml;n sind die Gr&auml;ber dort nicht. Die wenigsten verstehen
+es, den Toten eine sch&ouml;ne Wohnstatt zu bereiten.
+Aber das frische Gr&uuml;n ergie&szlig;t seinen Frieden und seine
+Sch&ouml;nheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu wissen,
+da&szlig; alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende,
+<span class="pagenum"><a name="page_49" id="page_49"></a>49</span>der nach einem hei&szlig;en Arbeitstage hinauffl&uuml;chtet, geht
+wie unter Freunden einher. Die hier schlummern, haben
+ja auch die hohen B&auml;ume und die Stille geliebt.</p>
+
+<p>Kommt ein Fremder herauf, so erz&auml;hlt man ihm nicht
+von Tod und Trauer, sondern auf den gro&szlig;en Steinplatten,
+auf den breiten B&uuml;rgermeistergr&auml;bern sitzt man
+und erz&auml;hlt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen,
+und seiner Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte
+am besten dazu, hier oben erz&auml;hlt zu werden, wo der Tod
+seine Schrecken verloren hat. Es ist, als m&uuml;&szlig;te die geweihte
+Erde jubeln, da&szlig; sie auch einmal der Schauplatz
+erwachenden Gl&uuml;cks und neuerweckten Lebens sein durfte.</p>
+
+<p>Denn es kam so, da&szlig; Peter Nord, als er von Halfvorson
+fortlief, seine Zuflucht oben auf dem Kirchhofe
+suchte.</p>
+
+<p>Zuerst lief er auf die Flu&szlig;br&uuml;cke zu und schlug den
+Weg zur gro&szlig;en Fabrikstadt ein. Doch auf der Br&uuml;cke
+machte der arme Fl&uuml;chtling halt. Mit dem K&ouml;nigsreif
+um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden,
+als w&auml;re er aus Sonnenstrahlen gesponnen
+gewesen. Peter Nord war von Kummer tief gebeugt,
+sein ganzer K&ouml;rper zitterte, das Herz tat ihm weh, das
+Hirn brannte wie Feuer.</p>
+
+<p>Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum
+drittenmal entgegenkam. Sie war viel freundlicher, viel
+milder als einst, aber sie erschien ihm darum nur um so
+furchtbarer.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, du Armer,&ldquo; sagte sie, &bdquo;jetzt mu&szlig;t du aber mit
+deinen Streichen doch endlich aufh&ouml;ren! Du wolltest das
+Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern, die man Leben
+nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt
+und bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt
+kannst du dich nur mehr an mich wenden.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen.
+&bdquo;Ich wei&szlig;, was du von mir willst. Du willst mich zur
+<span class="pagenum"><a name="page_50" id="page_50"></a>50</span>Arbeit und Entbehrung f&uuml;hren, aber ich kann nicht! Nicht
+jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.&ldquo;</p>
+
+<p>Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit l&auml;chelte immer milder.
+&bdquo;Du bist ja unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das
+doch nicht so zu Herzen, wof&uuml;r du nichts kannst. War
+Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, da&szlig; sie dir
+vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du
+gelebt hast!&ldquo;</p>
+
+<p>Der Knabe wurde immer heftiger. &bdquo;Meinst du, es ist
+besser f&uuml;r mich, da&szlig; ich gerade die get&ouml;tet habe, die gut
+gegen mich war, sie, die mich liebte? W&auml;re es nicht
+besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet h&auml;tte, den
+ich ermorden wollte? Ich mu&szlig; es s&uuml;hnen. Ich mu&szlig; ihr
+das Leben retten. Jetzt kann ich nicht an Arbeit denken.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O du Narr,&ldquo; sagte Frau Fastenzeit, &bdquo;das Fest der
+S&uuml;hne, das du feiern willst, das ist die allergr&ouml;&szlig;te Vermessenheit.&ldquo;</p>
+
+<p>Da emp&ouml;rte sich Peter Nord vollends gegen seine langj&auml;hrige
+Freundin. Er hohnlachte f&ouml;rmlich. &bdquo;Was hast
+du mir eingeredet,&ldquo; sagte er, &bdquo;da&szlig; du eine brave, brummige
+Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten.
+Du bist eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist
+sch&ouml;n, und du bist entsetzlich. Du wei&szlig;t selbst nichts von
+Ma&szlig; und Ziel. Warum sollte ich es denn? Wie kannst
+du Fasten predigen, du, die du ein solches &Uuml;berma&szlig; von
+Schmerz auf mich w&auml;lzen wolltest? Was sind die Feste,
+die ich gefeiert habe, gegen die, die du dir unaufh&ouml;rlich
+bereitest! Bleib mir vom Leibe mit deiner gelben, bleichen
+M&auml;&szlig;igkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben, wie du
+selbst.&ldquo;</p>
+
+<p>Nicht einen Schritt konnte er nach der gro&szlig;en Fabrikstadt
+machen. Ebensowenig konnte er umkehren und
+wieder &uuml;ber die lange Stra&szlig;e in das St&auml;dtchen wandern,
+nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum
+verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den
+steifen, stechenden jungen B&auml;umen umher, bis ein freundlicher
+<span class="pagenum"><a name="page_51" id="page_51"></a>51</span>Pfad ihn zum Kirchhof f&uuml;hrte. Dort suchte er sich
+ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die H&ouml;he eines
+Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todm&uuml;de zu
+Boden.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit
+verging, oder ob alles jetzt stille stand. Aber nach einem
+Weilchen ert&ouml;nten Schritte, und er erwachte zu halbem
+Bewu&szlig;tsein. Es war ihm, als w&auml;re er lange, lange fort
+gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen,
+und sogleich tauchte ein verwirrter Gedanke in ihm auf.
+Wie lange lag er schon da? War Edith schon tot? Suchte
+sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd
+nach ihrem M&ouml;rder? Er zitterte und bebte. Freilich lag
+er in dem dunkeln Tannendickicht verborgen, aber er
+zitterte vor dem, was geschehen w&auml;re, wenn die Leiche ihn
+gefunden h&auml;tte. Er bog ein paar Zweige zur&uuml;ck und
+blickte hinaus. Ein gehetzter Fl&uuml;chtling kann nicht wilder
+nach seinen Verfolgern ausblicken.</p>
+
+<p>Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig
+und sp&auml;rlich war das Geleit. Unbekr&auml;nzt wurde
+der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der Gesichter
+zeigte Tr&auml;nenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand
+genug, um einzusehen, da&szlig; dies unm&ouml;glich Edith Halfvorsons
+Begr&auml;bnis sein konnte.</p>
+
+<p>Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer wei&szlig;,
+vielleicht war es ein Gru&szlig; von ihr. Peter Nord f&uuml;hlte,
+da&szlig; er nicht das Recht hatte, zu entfliehen. Sie hatte
+gesagt, er m&ouml;ge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte
+wohl, da&szlig; er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine
+Strafe zuteil werden lassen konnte. Dieser Leichenzug
+war ein Gru&szlig;, ein Zeichen. Sie wollte, da&szlig; er sie dort
+erwartete.</p>
+
+<p>Vor seinem kranken Hirn t&uuml;rmte sich jetzt die niedre
+Kirchhofsmauer so hoch wie ein Festungswall auf. Er
+starrte &auml;ngstlich auf das schwache Gitterpf&ouml;rtchen, es war
+wie die festeste Eichent&uuml;r. Er war hier oben gefangen.
+<span class="pagenum"><a name="page_52" id="page_52"></a>52</span>Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn
+seiner Strafe zuf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Was sie dann mit ihm beginnnen w&uuml;rde, das wu&szlig;te
+er nicht. Nur eines war deutlich und klar. Er mu&szlig;te hier
+warten, bis sie kam und ihn holte. Vielleicht wird sie
+ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm
+gebieten, sich vom Berge herunterzust&uuml;rzen. Er konnte
+es nicht wissen&nbsp;&ndash; vorderhand mu&szlig;te er warten.</p>
+
+<p>Die Vernunft k&auml;mpfte einen verzweifelten Kampf:
+Du bist ja unschuldig, Peter Nord. Mache dir doch kein
+Herzeleid &uuml;ber das, was du nicht verschuldet hast. Sie
+hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu deiner
+Arbeit! Erhebe den Fu&szlig;, und du bist &uuml;ber die Mauer,
+sto&szlig;e mit einem Finger zu, und das Tor ist offen.</p>
+
+<p>Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem
+Nebel, einer Bet&auml;ubung. Die Gedanken kamen unklar,
+so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines nur
+wu&szlig;te er, er mu&szlig;te bleiben, wo er war.</p>
+
+<p>Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die
+Wette mit den wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter
+Nord, mit dem du an einem Sommertag gespielt, geht
+oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter
+Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den
+Kirchhof nicht verlassen, bis dein blumengeschm&uuml;ckter
+Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen schlug die Augen auf, gleichsam wie
+um noch einmal die Welt zu sehen. Sie schickte nach
+Peter Nord. Sie z&uuml;rnte ihm wegen seines tollen Streiches.
+Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie
+hatte nie gew&uuml;nscht, da&szlig; er sich ihrethalben Gewissensbisse
+mache.</p>
+
+<p>Der Bote kam ohne Peter Nord zur&uuml;ck. Er k&ouml;nne
+nicht kommen. Die Mauer sei zu hoch und das Tor zu
+stark. Nur eine k&ouml;nne ihn von dort fortbringen.</p>
+
+<p>In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an
+nichts andres. &bdquo;Er geht noch immer dort herum, noch
+<span class="pagenum"><a name="page_53" id="page_53"></a>53</span>immer,&ldquo; erz&auml;hlte man einander jeden Tag. &bdquo;Ist er verr&uuml;ckt?&ldquo;
+fragten die Leute h&auml;ufig, und einige, die mit ihm
+gesprochen hatten, antworteten, da&szlig; er es ganz gewi&szlig;
+werden w&uuml;rde, wenn &bdquo;sie&ldquo; kam. Aber sie waren sehr
+stolz auf diesen M&auml;rtyrer der Liebe, der ihrer Stadt
+Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die
+Reichen schlichen den Berg hinauf, um ihn wenigstens
+aus der Ferne zu sehen.</p>
+
+<p>Aber Edith, die sich nicht vom Fleck r&uuml;hren konnte, die
+machtlos dalag und sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu
+denken hatte, womit besch&auml;ftigte sie sich wohl? Welche
+Gedanken w&auml;lzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh,
+Peter Nord, Peter Nord! Mu&szlig;te sie nicht stets den
+Mann vor sich sehen, der sie liebte, der nahe daran war,
+um ihretwillen den Verstand zu verlieren, der wirklich,
+wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren
+Sarg wartete.</p>
+
+<p>Sieh da, das war etwas f&uuml;r die Stahlfedernatur in
+ihr. Das war etwas f&uuml;r die Phantasie, etwas f&uuml;r entschlummernde
+Gef&uuml;hle. Sich vorzustellen, was er anfangen
+w&uuml;rde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen,
+was er beginnen w&uuml;rde, wenn sie nicht als Tote hinkam.</p>
+
+<p>Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon
+und von nichts anderm. So wie die alten St&auml;dte
+ihre S&auml;ulenheiligen geliebt hatten, so liebte das St&auml;dtchen
+den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne
+auf den Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer
+wilder und wilder aus. Immer dichter senkte sich die
+Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. &bdquo;Warum beeilt
+sie sich nicht, gesund zu werden,&ldquo; sagten sie von Edith.
+&bdquo;Es w&auml;re unrecht von ihr, zu sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>Edith f&uuml;hlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem
+Leben war, sollte nun wieder die schwere B&uuml;rde auf sich
+nehmen m&uuml;ssen? Aber auf jeden Fall begann sie sich
+redlich zu m&uuml;hen. In ihrem K&ouml;rper wurde in diesen
+<span class="pagenum"><a name="page_54" id="page_54"></a>54</span>Wochen mit fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt.
+Und es wurde nicht an Material gespart. In ungeheuren
+Massen wurde alles verbraucht, was Lebenskraft
+gibt, wie es auch hei&szlig;en mochte: Malzextrakt oder
+Lebertran, frische Luft oder Sonnenschein, Tr&auml;ume oder
+Liebe.</p>
+
+<p>Und was f&uuml;r herrliche Tage waren dies doch, lang,
+warm, regenlos!</p>
+
+<p>Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu
+lassen. Die ganze Stadt war in Angst, als sie den Weg
+antrat. W&uuml;rde sie mit einem Wahnsinnigen zur&uuml;ckkommen?
+Konnten diese Wochen des Elends aus seinem
+Hirn ausgetilgt werden? W&uuml;rde die Anstrengung, die
+sie gemacht hatte, um wieder zu leben, fruchtlos sein?
+Und wenn, wie w&uuml;rde es dann ihr selbst ergehen?</p>
+
+<p>Wie sie dahinzog, bla&szlig; vor Spannung, aber doch voll
+Hoffnung, gab es Anla&szlig; zur Unruhe genug. Niemand
+verhehlte sich, da&szlig; Peter Nord einen zu gro&szlig;en Raum in
+ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste
+in der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen.
+Alle Schranken waren f&uuml;r sie gefallen, als sie h&ouml;rte, was
+er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus ihrer Schw&auml;rmerei
+werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem
+Wahnsinnigen ist nichts Romantisches.</p>
+
+<p>Als man sie bis an das Friedhofspf&ouml;rtchen getragen
+hatte, verlie&szlig; sie die Tr&auml;ger und ging allein &uuml;ber den
+breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten rund um den
+gr&uuml;nenden Platz, aber sie sah niemanden.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich h&ouml;rte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht,
+und von dort sah sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren.
+Nie hatte sie ein Antlitz gesehen, das so deutlich den
+Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst dar&uuml;ber,
+erschrak t&ouml;dlich. Es fehlte nicht viel, so w&auml;re sie geflohen.</p>
+
+<p>Aber dann loderte ein gro&szlig;es, heiliges Gef&uuml;hl in ihr
+auf. Jetzt konnte nicht mehr von Liebe und Schw&auml;rmerei
+die Rede sein, nur von Angst, da&szlig; ein Mitmensch,
+<span class="pagenum"><a name="page_55" id="page_55"></a>55</span>einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde
+durchwanderten, verloren gehen sollte!</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen blieb stehen. Sie wich nicht einen
+Schritt zur&uuml;ck, sondern lie&szlig; ihn sich langsam an ihren
+Anblick gew&ouml;hnen. Aber alle Macht, die sie besa&szlig;, legte
+sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit
+der ganzen Kraft des Willens, der die Krankheit in ihr
+selbst besiegt hatte.</p>
+
+<p>Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt.
+Er ging auf sie zu, ohne da&szlig; das Grauen aus
+seinen Z&uuml;gen wich. Er sah aus, als w&auml;re er von einem
+wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerrei&szlig;en.
+Als er dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre
+beiden H&auml;nde auf die Schultern und sah ihm l&auml;chelnd ins
+Gesicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie
+m&uuml;ssen von hier fort! Was meinen Sie damit, da&szlig;
+Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben, Peter
+Nord?&ldquo;</p>
+
+<p>Er zitterte und sank zusammen. Aber sie f&uuml;hlte, da&szlig;
+sie ihn mit ihren Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen
+hingegen gar keine Bedeutung f&uuml;r ihn zu haben.</p>
+
+<p>Sie schlug einen etwas andern Ton an. &bdquo;H&ouml;re, was
+ich sage, Peter Nord. Ich bin nicht tot. Ich werde nicht
+sterben. Ich bin gesund geworden, um hier heraufzukommen
+und dich zu retten.&ldquo;</p>
+
+<p>Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen
+da. Wieder ver&auml;nderte sich ihre Stimme. &bdquo;Du hast mir
+nicht den Tod gebracht,&ldquo; sagte sie immer inniger, &bdquo;du
+hast mir das Leben gegeben.&ldquo;</p>
+
+<p>Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre
+Stimme ward zuletzt bebend vor Bewegung, tr&uuml;be von
+Tr&auml;nen. Aber er verstand nichts von dem, was sie sagte.</p>
+
+<p>&bdquo;Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,&ldquo; rief sie
+aus.</p>
+
+<p>Er blieb ebenso gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_56" id="page_56"></a>56</span>Nun wu&szlig;te sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie
+mu&szlig;te ihn wohl mit in die Stadt hinabnehmen und gute
+Pflege und die Zeit walten lassen.</p>
+
+<p>Doch wer wei&szlig;, mit welchen Tr&auml;umen sie heraufgekommen
+war und was sie sich von dieser Begegnung mit
+dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo sie alles
+das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln
+mu&szlig;te, erf&uuml;llte sie ein Schmerz, als m&uuml;&szlig;te sie
+das Kostbarste von sich lassen, was das Leben ihr geschenkt
+hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog
+sie ihn an sich und k&uuml;&szlig;te ihn auf die Stirn.</p>
+
+<p>Dies sollte ein Abschied von Leben und Gl&uuml;ck sein.
+Sie f&uuml;hlte, wie ihre Kr&auml;fte versagten. T&ouml;dliche Mattigkeit
+kam &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches
+Lebenszeichen zu merken, er war nicht mehr ganz so schlaff
+und stumpf. Es zuckte in seinen Gesichtsz&uuml;gen. Er zitterte
+immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer gr&ouml;&szlig;rer
+Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu
+weinen.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hrte ihn zu einem Grabstein. Sie lie&szlig; sich darauf
+nieder, zog ihn zu sich herab und bettete sein Haupt
+in ihrem Scho&szlig;. So sa&szlig; sie da und streichelte ihn, w&auml;hrend
+er weinte.</p>
+
+<p>Mit ihm ging etwas &Auml;hnliches vor, wie wenn man
+aus einem b&ouml;sen Traum erwacht. &bdquo;Warum weine ich,&ldquo;
+fragte er sich. &bdquo;Ach, ich wei&szlig;, ich habe so furchtbar getr&auml;umt.
+Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht
+gemordet. Wie t&ouml;richt, &uuml;ber einen Traum zu weinen.&ldquo;</p>
+
+<p>Und so allm&auml;hlich wurde ihm alles klar; doch seine
+Tr&auml;nen flossen weiter. Sie sa&szlig; da und liebkoste ihn, aber
+seine Tr&auml;nen str&ouml;mten noch lange.</p>
+
+<p>&bdquo;Das Weinen tut mir so wohl,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>Dann sah er auf und l&auml;chelte. &bdquo;Ist jetzt Ostern?&ldquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>&bdquo;Was meinst du damit?&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_57" id="page_57"></a>57</span>&bdquo;Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,&ldquo;
+fuhr er fort. Dann, als w&auml;ren sie langj&auml;hrige
+Vertraute, begann er, ihr von Frau Fastenzeit zu erz&auml;hlen
+und von seiner Emp&ouml;rung gegen ihr Regiment.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein
+Ende,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Aber als er daran dachte, da&szlig; Edith dasa&szlig; und ihn
+liebkoste, mu&szlig;te er wieder weinen. Es war ihm solch ein
+Bed&uuml;rfnis zu weinen. Alles Mi&szlig;trauen gegen das Leben,
+das das Ungl&uuml;ck dem kleinen Werml&auml;nder eingefl&ouml;&szlig;t
+hatte, bedurfte der Tr&auml;nen, um fortzuschmelzen. Das
+Mi&szlig;trauen, da&szlig; Liebe und Freude, Sch&ouml;nheit und Kraft
+nicht auf Erden bl&uuml;hen k&ouml;nnten, das Mi&szlig;trauen gegen
+sich selbst, alles das mu&szlig;te fort. Alles das ging fort, denn
+es war Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit
+konnte nie mehr Macht erlangen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr2" id="nr2"></a><a href="#inhalt">Die Legende vom Vogelnest</a></h2>
+
+
+<p>Hatto, der Eremit, stand in der Ein&ouml;de und betete zu
+Gott. Es st&uuml;rmte, und sein langer Bart und sein zottiges
+Haar flatterte um ihn, so wie die windgepeitschten
+Grasb&uuml;schel die Zinnen einer alten Ruine umflattern.
+Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch
+steckte er den Bart in den G&uuml;rtel, denn er hielt die Arme
+zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang streckte er seine
+knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso
+unerm&uuml;dlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und
+so wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas
+Gro&szlig;es zu erbitten.</p>
+
+<p>Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit
+der Welt erfahren hatte. Er hatte selbst verfolgt und
+gequ&auml;lt, und Verfolgung und Qualen andrer waren ihm
+zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte.
+Darum zog er hinaus auf die gro&szlig;e Heide, grub sich
+<span class="pagenum"><a name="page_58" id="page_58"></a>58</span>eine H&ouml;hle am Flu&szlig;ufer und wurde ein heiliger Mann,
+dessen Gebete an Gottes Thron Geh&ouml;r fanden.</p>
+
+<p>Hatto, der Eremit, stand am Flu&szlig;gestade vor seiner
+H&ouml;hle und betete das gro&szlig;e Gebet seines Lebens. Er
+betete zu Gott, den Tag des J&uuml;ngsten Gerichts &uuml;ber diese
+b&ouml;se Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden
+Engel an, die das Ende der Herrschaft der
+S&uuml;nde verk&uuml;nden sollten. Er rief nach den Wellen des
+Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertr&auml;nken. Er rief
+nach der Pest, auf da&szlig; sie die Kirchh&ouml;fe mit Leichenhaufen
+erf&uuml;lle.</p>
+
+<p>Rings um ihn war die &ouml;de Heide. Aber eine kleine
+Strecke weiter oben am Flu&szlig;ufer stand eine alte Weide
+mit kurzem Stamm, der oben zu einem gro&szlig;en, kopf&auml;hnlichen
+Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgr&uuml;ne
+Zweige hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den
+Bewohnern des holzarmen Flachlandes diese frischen
+Jahressch&ouml;&szlig;linge geraubt. Jeden Fr&uuml;hling trieb der Baum
+neue geschmeidige Zweige, und an st&uuml;rmischen Tagen sah
+man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar
+und Bart um Hatto, den Eremiten, flatterten.</p>
+
+<p>Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem
+Stamm der Weide zwischen den emporsprie&szlig;enden Zweigen
+zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage mit
+seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig
+peitschenden Zweigen fanden die V&ouml;gel keine Ruhe. Sie
+kamen mit Binsenhalmen und Wurzelf&auml;serchen und vorj&auml;hrigem
+Riedgras geflogen, aber sie mu&szlig;ten unverrichteter
+Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto,
+der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger
+werden zu lassen, damit das Nest der kleinen V&ouml;glein
+fortgefegt und der Adlerhorst zerst&ouml;rt werde.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie
+bemoost und vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenun&auml;hnlich
+solch ein alter Heidebewohner sein konnte.
+Die Haut lag so stramm &uuml;ber Stirn und Wangen, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_59" id="page_59"></a>59</span>sein Kopf fast einem Totensch&auml;del glich, und nur an einem
+kleinen Aufleuchten tief in den Augenh&ouml;hlen sah man,
+da&szlig; er Leben besa&szlig;. Und die vertrockneten Muskeln gaben
+dem K&ouml;rper keine Rundung, der emporgestreckte nackte
+Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen,
+die mit verrunzelter, harter, rinden&auml;hnlicher Haut
+&uuml;berzogen waren. Er trug einen alten, eng anliegenden
+schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne
+und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart
+waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet,
+bis sie dieselbe graugr&uuml;ne Farbe angenommen
+hatten, wie die Unterseite der Weidenbl&auml;tter.</p>
+
+<p>Die V&ouml;gel, die umherflatterten und einen Platz f&uuml;r ihr
+Nest suchten, hielten Hatto, den Eremiten, auch f&uuml;r eine
+alte Weide, die ebenso wie die andre durch Axt und S&auml;ge
+in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie
+umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zur&uuml;ck,
+merkten sich den Weg zu ihm, berechneten seine Lage im
+Hinblick auf Raubv&ouml;gel und St&uuml;rme, fanden sie recht
+unvorteilhaft, aber entschieden sich doch f&uuml;r ihn, wegen
+seiner N&auml;he zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer
+und ihrem Speicher. Eines der V&ouml;gelchen
+scho&szlig; pfeilschnell herab und legte sein Wurzelf&auml;serchen in
+die ausgestreckte Hand des Eremiten.</p>
+
+<p>Der Sturm hatte gerade aufgeh&ouml;rt, so da&szlig; das Wurzelf&auml;serchen
+ihm nicht sogleich aus der Hand gerissen
+wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab es kein
+Aufh&ouml;ren. &bdquo;M&ouml;gest du bald kommen, o Herr, und diese
+Welt des Verderbens vernichten, auf da&szlig; die Menschen
+sich nicht mit noch mehr S&uuml;nden beladen. M&ouml;chtest du
+die Ungebornen vom Leben erl&ouml;sen! F&uuml;r die Lebenden gibt
+es keine Erl&ouml;sung.&ldquo;</p>
+
+<p>Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelf&auml;serchen
+flatterte aus der gro&szlig;en, knochigen Hand des
+Eremiten fort. Aber die V&ouml;gel kamen wieder und versuchten
+die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine
+<span class="pagenum"><a name="page_60" id="page_60"></a>60</span>Finger einzukeilen. Da legte sich pl&ouml;tzlich ein plumper,
+schmutziger Daumen &uuml;ber die Halme und hielt sie fest,
+und vier Finger w&ouml;lbten sich &uuml;ber die Handfl&auml;che, so da&szlig;
+eine friedliche Nische entstand, in der man bauen konnte.
+Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.</p>
+
+<p>&bdquo;Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten?
+Wann &ouml;ffnest du des Himmels Schleusen, die die
+Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Ma&szlig; deiner
+Geduld nicht ersch&ouml;pft und die Schale deiner Gnade leer?
+O Herr, wann kommst du aus deinem sich spaltenden
+Himmel?&ldquo;</p>
+
+<p>Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen
+vom Tag des J&uuml;ngsten Gerichtes auf. Der Boden
+erbebte, der Himmel gl&uuml;hte. Unter dem roten Firmament
+sah er schwarze Wolken fliehender V&ouml;gel; &uuml;ber den
+Boden w&auml;lzte sich eine Schar fl&uuml;chtender Tiere. Doch
+w&auml;hrend seine Seele von diesen Fiebervisionen erf&uuml;llt
+war, begannen seine Augen dem Flug der kleinen V&ouml;gel
+zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit
+einem vergn&uuml;gten kleinen Piepsen ein neues H&auml;lmchen in
+das Nest f&uuml;gten.</p>
+
+<p>Der Alte lie&szlig; es sich nicht einfallen, sich zu r&uuml;hren.
+Er hatte das Gel&uuml;bde getan, den ganzen Tag stillstehend
+mit emporgestreckten H&auml;nden zu beten, um so unsern
+Herrn zu zwingen, ihn zu erh&ouml;ren. Je matter sein K&ouml;rper
+wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn
+erf&uuml;llten. Er h&ouml;rte die Mauern der St&auml;dte zusammenbrechen
+und die Wohnungen der Menschen einst&uuml;rzen.
+Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei,
+und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung,
+hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem,
+sch&ouml;nem Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Gei&szlig;eln
+schwingend, die aus wei&szlig;en Blitzen geflochten waren.</p>
+
+<p>Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten flei&szlig;ig
+den ganzen Tag, und die Arbeit machte gro&szlig;e Fortschritte.
+Auf dieser h&uuml;geligen Heide mit ihrem steifen
+<span class="pagenum"><a name="page_61" id="page_61"></a>61</span>Riedgras und an diesem Flu&szlig;ufer mit seinem Schilf und
+seinen Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden
+weder Zeit zur Mittagsrast noch zur Vesperruhe. Gl&uuml;hend
+vor Eifer und Vergn&uuml;gen flogen sie hin und her,
+und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst
+angelangt.</p>
+
+<p>Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des
+Eremiten mehr und mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen
+auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus, wenn sie sich dumm
+anstellten, er &auml;rgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden
+tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn
+sie sich ein bi&szlig;chen ausruhten.</p>
+
+<p>So sank die Sonne, und die V&ouml;gel suchten ihre vertrauten
+Ruhest&auml;tten im Schilf auf.</p>
+
+<p>Wer abends &uuml;ber die Heide geht, mu&szlig; sich herabbeugen,
+so da&szlig; sein Gesicht in gleicher H&ouml;he mit den Erdh&uuml;gelchen
+ist, dann wird er sehen, wie sich ein wunderliches
+Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen
+mit gro&szlig;en, runden Fl&uuml;geln huschen &uuml;ber das Feld,
+unsichtbar f&uuml;r den, der aufrecht steht. Nattern ringeln
+sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen K&ouml;pfchen
+auf schwan&auml;hnlich gebognen H&auml;lsen erhoben. Gro&szlig;e Kr&ouml;ten
+kriechen tr&auml;ge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen
+vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer
+Fledermaus, die M&uuml;cken &uuml;ber dem Flu&szlig; jagt. Es ist, als
+h&auml;tte jedes Erdh&uuml;gelchen Leben bekommen. Doch unterdessen
+schlafen die kleinen V&ouml;gelchen auf dem schwanken
+Schilf, geborgen vor allem B&ouml;sen auf diesen Ruhest&auml;tten,
+denen kein Feind nahen kann, ohne da&szlig; das Wasser aufpl&auml;tschert
+oder das Schilf zittert und sie aufweckt.</p>
+
+<p>Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst,
+die Ereignisse des gestrigen Tages seien ein sch&ouml;ner
+Traum gewesen.</p>
+
+<p>Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs
+auf ihr Nest zu, aber das war verschwunden.
+Sie guckten suchend &uuml;ber die Heide hin und erhoben sich
+<span class="pagenum"><a name="page_62" id="page_62"></a>62</span>gerade in die Luft, um zu sp&auml;hen. Keine Spur von einem
+Nest oder einem Baum. Schlie&szlig;lich setzten sie sich auf
+ein paar Steine am Flu&szlig;ufer und gr&uuml;belten nach. Sie
+wippten mit dem langen Schwanz und drehten das K&ouml;pfchen.
+Wohin war Baum und Nest gekommen?</p>
+
+<p>Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit
+&uuml;ber den Waldg&uuml;rtel auf dem jenseitigen Flu&szlig;ufer erhoben,
+als ihr Baum gewandert kam und sich auf denselben
+Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen.
+Er war ebenso schwarz und knorrig wie damals und
+trug ihr Nest auf der Spitze von etwas, was wohl ein
+d&uuml;rrer, aufrecht ragender Ast sein mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne
+weiter &uuml;ber die vielen Wunder der Natur nachzugr&uuml;beln.</p>
+
+<p>Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner
+H&ouml;hle fortscheuchte und ihnen sagte, es w&auml;re besser f&uuml;r
+sie, wenn sie niemals das Licht der Sonne gesehen h&auml;tten,
+er, der in den Schlamm hinausst&uuml;rzte, um den fr&ouml;hlichen
+jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den
+Flu&szlig; hinaufruderten, Verw&uuml;nschungen nachzuschleudern;
+er, vor dessen b&ouml;sem Blick die Hirten der Heide ihre
+Herden beh&uuml;teten, kehrte nicht zu seinem Platz am Flu&szlig;
+zur&uuml;ck, den kleinen V&ouml;geln zuliebe. Aber er wu&szlig;te, da&szlig;
+nicht nur jeder Buchstabe in den heiligen B&uuml;chern seine
+verborgne mystische Bedeutung hat, sondern auch alles,
+was Gott in der Natur geschehen l&auml;&szlig;t. Jetzt hatte er
+herausgefunden, was es bedeuten konnte, da&szlig; die Bachstelzchen
+ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte,
+da&szlig; er mit erhobnen Armen betend dastehen sollte, bis
+die V&ouml;gel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte
+er dies, so sollte er erh&ouml;rt werden.</p>
+
+<p>Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen
+des J&uuml;ngsten Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer
+eifriger mit seinen Blicken den V&ouml;geln. Er sah das Nest
+rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund
+herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine
+<span class="pagenum"><a name="page_63" id="page_63"></a>63</span>Moosflechten von der wirklichen Weide und klebten sie
+au&szlig;en an, das sollte anstatt T&uuml;nche oder Farbe sein. Sie
+holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm
+Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest
+innen damit, das war die Einrichtung und M&ouml;blierung.</p>
+
+<p>Die Bauern, die die verderbliche Macht f&uuml;rchteten, die
+die Gebete des Eremiten an Gottes Thron haben konnten,
+pflegten ihm Brot und Milch zu bringen, um seinen
+Groll zu bes&auml;nftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
+ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.</p>
+
+<p>&bdquo;Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,&ldquo;
+sagten sie und f&uuml;rchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern
+hoben den Milcheimer an seine Lippen und f&uuml;hrten
+ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken
+hatte, verjagte er die Menschen mit b&ouml;sen Worten, aber
+sie l&auml;chelten nur &uuml;ber seine Verw&uuml;nschungen.</p>
+
+<p>Sein K&ouml;rper war schon lange seines Willens Diener
+geworden. Durch Hunger und Schl&auml;ge, durch tagelanges
+Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er ihn Gehorsam
+gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine
+Arme tage- und wochenlang emporgestreckt, und w&auml;hrend
+das Bachstelzenweibchen auf den Eiern lag und das
+Nest nicht mehr verlie&szlig;, suchte er nicht einmal nachts
+seine H&ouml;hle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten
+Armen zu schlafen. Unter den Freunden der W&uuml;ste gibt
+es so manche, die noch gr&ouml;&szlig;re Dinge vollbracht haben.</p>
+
+<p>Er gew&ouml;hnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen,
+die &uuml;ber den Rand des Nestes zu ihm hinabblickten.
+Er achtete auf Hagel und Regen und sch&uuml;tzte
+das Nest so gut er konnte.</p>
+
+<p>Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten
+verlassen. Beide Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des
+Nestes, wippen mit den Schw&auml;nzchen und beratschlagen
+und sehen seelenvergn&uuml;gt aus, obgleich das ganze Nest
+von einem &auml;ngstlichen Piepsen erf&uuml;llt scheint. Nach einem
+<span class="pagenum"><a name="page_64" id="page_64"></a>64</span>kleinen Weilchen ziehen sie auf die allerverwegenste M&uuml;ckenjagd
+aus.</p>
+
+<p>Eine M&uuml;cke nach der andern wird gefangen und heimgebracht
+f&uuml;r das, was oben in seiner Hand piepst. Und
+als das Futter kommt, da piepsen sie am aller&auml;rgsten.
+Den frommen Mann st&ouml;rt das Piepsen in seinen
+Gebeten.</p>
+
+<p>Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab,
+die beinahe die Gabe, sich zu r&uuml;hren, verloren haben, und
+seine kleinen Glutaugen starren in das Nest herab.</p>
+
+<p>Niemals hatte er etwas so hilflos H&auml;&szlig;liches und Armseliges
+gesehen: kleine, nackte K&ouml;rperchen mit ein paar
+sp&auml;rlichen Fl&auml;umchen, keine Augen, keine Flugkraft,
+eigentlich nur sechs gro&szlig;e, aufgerissene Schn&auml;bel.</p>
+
+<p>Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie
+gerade so leiden wie sie waren. Die Alten hatte er ja
+niemals von dem gro&szlig;en Untergang ausgenommen, aber
+wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch Vernichtung
+zu erl&ouml;sen, da machte er eine stillschweigende
+Ausnahme f&uuml;r diese sechs Schutzlosen.</p>
+
+<p>Wenn die B&auml;uerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann
+dankte er ihnen nicht mit Verw&uuml;nschungen. Da er f&uuml;r
+die Kleinen dort oben notwendig war, freute er sich, da&szlig;
+die Leute ihn nicht verhungern lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Bald guckten den ganzen Tag sechs runde K&ouml;pfchen
+&uuml;ber den Nestrand. Des alten Hatto Arm sank immer
+h&auml;ufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die Federn
+aus der roten Haut sprie&szlig;en, die Augen sich &ouml;ffnen, die
+K&ouml;rperformen sich runden. Gl&uuml;ckliche Erben der Sch&ouml;nheit,
+die die Natur den befl&uuml;gelten Bewohnern der Luft
+geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut.</p>
+
+<p>Und unterdessen kamen die Gebete um die gro&szlig;e Vernichtung
+immer z&ouml;gernder &uuml;ber Hattos Lippen. Er glaubte
+Gottes Zusicherung zu haben, da&szlig; sie hereinbrechen
+w&uuml;rde, wenn die kleinen V&ouml;gelchen fl&uuml;gge waren. Nun
+stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht
+<span class="pagenum"><a name="page_65" id="page_65"></a>65</span>vor Gottvater. Denn diese sechs Kleinen, die er besch&uuml;tzt
+und beh&uuml;tet hatte, konnte er nicht opfern.</p>
+
+<p>Fr&uuml;her war es etwas andres gewesen, als er noch
+nichts hatte, was sein Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen
+und Schutzlosen, die jedes kleine Kind die gro&szlig;en,
+gef&auml;hrlichen Menschen lehren mu&szlig;, kam &uuml;ber ihn und
+machte ihn unschl&uuml;ssig.</p>
+
+<p>Manchmal wollte er das ganze Nest in den Flu&szlig;
+schleudern, denn er meinte, da&szlig; die beneidenswert sind,
+die ohne Sorgen und S&uuml;nden sterben d&uuml;rfen. Mu&szlig;te er
+die Kleinen nicht vor Raubtieren und K&auml;lte, vor Hunger
+und den mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren?
+Aber gerade als er noch so dachte, kam der
+Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu
+t&ouml;ten. Da ergriff Hatto den K&uuml;hnen mit seiner linken
+Hand, schwang ihn im Kreise &uuml;ber seinem Kopf und
+schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den Flu&szlig;.</p>
+
+<p>Und der Tag kam, an dem die Kleinen fl&uuml;gge waren.
+Eines der Bachstelzchen m&uuml;hte sich drinnen im Nest, die
+Jungen auf den Rand hinauszuschieben, w&auml;hrend das
+andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war,
+wenn sie es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen
+sich hartn&auml;ckig f&uuml;rchteten, da flogen die beiden Alten fort
+und zeigten ihnen ihre allersch&ouml;nste Fliegekunst. Mit
+den Fl&uuml;geln schlagend, beschrieben sie verschiedene Windungen,
+oder sie stiegen auch gerade in die H&ouml;he wie
+Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen
+still in der Luft.</p>
+
+<p>Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben,
+kann Hatto es nicht lassen, sich in die Sache einzumischen.
+Er gibt ihnen einen behutsamen Puff mit dem
+Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen
+sie, zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Flederm&auml;use,
+sie sinken, aber erheben sich wieder, begreifen,
+worin die Kunst besteht, und verwenden sie dazu, so rasch
+als m&ouml;glich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten
+<span class="pagenum"><a name="page_66" id="page_66"></a>66</span>kommen stolz und jubelnd zu ihnen zur&uuml;ck, und der alte
+Hatto schmunzelt.</p>
+
+<p>Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.</p>
+
+<p>Er gr&uuml;belte nun in vollem Ernst nach, ob es f&uuml;r unsern
+Herrgott nicht auch einen Ausweg geben konnte.</p>
+
+<p>Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater
+diese Erde wie ein gro&szlig;es Vogelnest in seiner
+Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu denen gefa&szlig;t,
+die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern
+der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten
+gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen
+V&ouml;gel erbarmte.</p>
+
+<p>Freilich waren die V&ouml;gel des Eremiten um vieles besser
+als unsers Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen,
+da&szlig; Gottvater dennoch ein Herz f&uuml;r sie hatte.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage stand das Vogelnest leer, und die
+Bitterkeit der Einsamkeit bem&auml;chtigte sich des Eremiten.
+Langsam sank sein Arm an seiner Seite herab, und es
+deuchte ihn, da&szlig; die ganze Natur den Atem anhielt, um
+dem Dr&ouml;hnen der Posaune des J&uuml;ngsten Gerichts zu
+lauschen. Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen
+zur&uuml;ck und setzten sich ihm auf Haupt und Schultern,
+denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte
+ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto.
+Er hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um
+die V&ouml;gel anzusehen.</p>
+
+<p>Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert
+und umgaukelt, nickte er jemandem, den er nicht
+sah, vergn&uuml;gt zu. &bdquo;Du bist frei,&ldquo; sagte er, &bdquo;du bist
+frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du
+auch deines nicht zu halten.&ldquo;</p>
+
+<p>Und es war ihm, als h&ouml;rten die Berge zu zittern auf
+und als legte sich der Flu&szlig; gem&auml;chlich in seinem Bett
+zur Ruhe.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_67" id="page_67"></a>67</span></p>
+<h2><a name="nr3" id="nr3"></a><a href="#inhalt">Das H&uuml;nengrab</a></h2>
+
+
+<p>Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot
+bl&uuml;ht. Auf der Sandhalde wuchs es in dichten B&uuml;scheln.
+Von niedrigen, baum&auml;hnlichen St&auml;mmchen erhoben sich
+dicht sitzende gr&uuml;ne Zweige mit nadelharten, festen Bl&auml;ttern
+und kleinen, sp&auml;t welkenden Bl&uuml;ten. Diese schienen
+nicht aus dem gew&ouml;hnlichen saftreichen Blumengewebe
+zu bestehen, sondern aus trocknen, harten Schuppen. Sie
+waren sehr unansehnlich von Gr&ouml;&szlig;e und Gestalt; auch
+war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen
+Heide hatten sie sich nicht in der windgesch&uuml;tzten Luft
+entwickelt, in der die Lilien ihre Kelchbl&auml;tter entfalten,
+auch nicht in dem &uuml;ppigen Erdreich, aus dem die Rosen
+die Nahrung f&uuml;r ihre schwellenden Kronen sch&ouml;pfen. Was
+sie zu Blumen machte, war eigentlich die Farbe; denn
+leuchtend rot waren sie. Den Farbe schenkenden Sonnenschein
+hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine bleichen
+Kellergew&auml;chse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die
+gesegnete Fr&ouml;hlichkeit und St&auml;rke der Gesundheit lag &uuml;ber
+der ganzen bl&uuml;henden Heide.</p>
+
+<p>Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten
+Mantel bis hinauf zum Waldessaum. Da erhoben sich
+auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar uralte,
+halb zusammengest&uuml;rzte Grabh&uuml;gel; und wie innig das
+Heidekraut sich auch an sie zu schmiegen suchte: es gab
+doch dort oben Risse, durch die gro&szlig;e flache Felsenplatten
+durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des Berges
+selbst. Unter dem gr&ouml;&szlig;ten Grabh&uuml;gel ruhte ein alter
+K&ouml;nig, Atle genannt. Unter den andern schlummerten die
+seiner Mannen, die gefallen waren, als die gro&szlig;e Schlacht
+dort auf der Halde geschlagen ward. Nun hatten sie schon
+so lange dagelegen, da&szlig; die Angst und die Ehrfurcht vor
+dem Tode von ihren Gr&auml;bern gewichen war. Der Weg
+ging zwischen ihren Ruhest&auml;tten hindurch. Wer nachts
+<span class="pagenum"><a name="page_68" id="page_68"></a>68</span>hier wanderte, dem kam es nie in den Sinn, sich umzusehen,
+ob wohl zu mittern&auml;chtiger Stunde nebelumh&uuml;llte
+Gestalten auf der Spitze der Grabh&uuml;gel s&auml;&szlig;en und
+in stummer Sehnsucht zu den Sternen emporblickten.</p>
+
+<p>Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm.
+Der Sch&uuml;tze, der seit dem Morgengrauen auf der
+Jagd gewesen war, hatte sich in das Heidekraut hinter
+K&ouml;nig Atles H&uuml;gel geworfen. Er lag auf dem R&uuml;cken
+und schlief. Den Hut hatte er &uuml;ber die Augen gezogen
+und die Jagdtasche aus Fell, aus der die langen Ohren
+des Hasen und die gekr&uuml;mmten Schwanzfedern des Auerhahns
+lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen
+hatte er neben sich.</p>
+
+<p>Aus dem Walde kam ein M&auml;dchen, ein B&uuml;ndelchen
+mit Essen in der Hand. Als sie auf die flachen Platten
+zwischen den Grabh&uuml;geln kam, dachte sie, was f&uuml;r ein
+guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam gro&szlig;e Lust, ihn
+zu probieren. Sie warf das B&uuml;ndelchen ins Heidekraut
+und begann ganz mutterseelenallein zu tanzen. Sie
+wu&szlig;te nicht darum, da&szlig; hinter dem K&ouml;nigsh&uuml;gel ein
+Mann lag und schlief.</p>
+
+<p>Der Sch&uuml;tze schlief noch immer. Brennend rot stand
+das Heidekraut gegen den tiefblauen Himmel. Der
+Ameisenl&ouml;we hatte seinen Graben dicht neben dem
+Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein St&uuml;ck
+Katzengold und funkelte, als wollte es alle alten Stoppeln
+der Sandhalde in Brand setzen. &Uuml;ber dem Kopf des
+Sch&uuml;tzen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch
+aus und ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten
+Purpur bis ins Stahlblau. Auf den unbeschatteten Teil
+seines Gesichtes brannte gl&uuml;hender Sonnenschein. Aber er
+schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu
+schauen.</p>
+
+<p>Unterdessen fuhr das M&auml;dchen fort, zu tanzen, und es
+drehte sich so eifrig, da&szlig; die geschw&auml;rzte Mooserde, die
+sich in den Unebenheiten der Bl&ouml;cke angesammelt hatte,
+<span class="pagenum"><a name="page_69" id="page_69"></a>69</span>um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel, blank
+und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut.
+Die nahm sie und drehte sich mit ihr herum. Sp&auml;ne
+l&ouml;sten sich aus dem modernden Baume. Tausendf&uuml;&szlig;ler
+und Ohrw&uuml;rmer, die in den Ritzen genistet hatten, st&uuml;rzten
+sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich
+in die Wurzeln des Heidekrautes.</p>
+
+<p>Wenn die fliegenden R&ouml;cke die Heide streiften, flatterten
+daraus Scharen von kleinen grauen Schmetterlingen
+auf. Die Unterseite ihrer Fl&uuml;gel war wei&szlig; und gl&auml;nzte
+wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm
+auf und ab. Sie schienen nun ganz wei&szlig;, und es war,
+als ob das rote Heidemeer wei&szlig;en Schaum emporspritzte.
+Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes Weilchen schwebend
+in der Luft. Ihre zarten Fl&uuml;gel zitterten so heftig,
+da&szlig; der Farbenstaub sich l&ouml;ste und als d&uuml;nner, silberwei&szlig;er
+Flaum auf das Heidekraut fiel. Da war es, als
+w&uuml;rde die Luft von einem sonnig glitzernden Tauregen
+durchrieselt.</p>
+
+<p>Ringsum im Heidekraut sa&szlig;en Heuschrecken und rieben
+ihre Hinterbeine gegen die Fl&uuml;gel, so da&szlig; es wie Harfensaiten
+klang. Sie hielten guten Takt und waren so eingespielt,
+da&szlig; jeder, der &uuml;ber die Heide ging, dieselbe Heuschrecke
+auf seiner Wanderung zu h&ouml;ren meinte, obgleich
+er sie bald zur Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor,
+bald hinter sich. Aber die Tanzende war nicht zufrieden
+mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem kleinen
+Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu tr&auml;llern.
+Ihre Stimme war schrill und spr&ouml;de. Der Sch&uuml;tze erwachte
+von dem Gesang. Er wendete sich seitw&auml;rts, richtete
+sich auf dem Ellbogen auf und sah &uuml;ber das H&uuml;nengrab
+hinweg zu ihr, die tanzte.</p>
+
+<p>Er hatte getr&auml;umt, da&szlig; der Hase, den er soeben get&ouml;tet
+hatte, aus der Jagdtasche gesprungen sei und seine
+eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn zu schie&szlig;en.
+Nun sah er zu dem M&auml;dchen hin&uuml;ber, schlaftrunken, wirr
+<span class="pagenum"><a name="page_70" id="page_70"></a>70</span>von Tr&auml;umen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf
+in der Sonne.</p>
+
+<p>Sie war gro&szlig; und von grobem Gliederbau; nicht hold
+von Angesicht, nicht leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang.
+Sie hatte breite Wangen, dicke Lippen und eine
+platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel
+von Haar, &uuml;ppig von Gestalt, kr&auml;ftig in den Bewegungen.
+Ihre Kleider waren d&uuml;rftig, aber grell. Rote Borten
+fa&szlig;ten den gestreiften Rock ein, und bunte Wollgarnlitzen
+folgten den N&auml;hten des Leibchens. Andre Jungfrauen
+gleichen Rosen und Lilien. Diese war wie das
+Heidekraut, stark, fr&ouml;hlich, leuchtend.</p>
+
+<p>Mit Freude sah der Sch&uuml;tze das gro&szlig;e, pr&auml;chtige Weib
+auf der roten Halde tanzen, mitten unter zirpenden Grash&uuml;pfern
+und flatternden Schmetterlingen. Und wie er
+sie so ansah, lachte er, da&szlig; der Mund sich von einem
+Ohr zum anderen zog. Aber da erblickte sie ihn pl&ouml;tzlich
+und blieb unbeweglich stehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,&ldquo; war das erste,
+was sie hervorbrachte. Zugleich erwog sie, wie sie ihn
+bewegen k&ouml;nne, &uuml;ber das zu schweigen, was er gesehen
+hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erz&auml;hlen h&ouml;ren,
+da&szlig; sie mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.</p>
+
+<p>Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte
+er &uuml;ber die Lippen. Er war so scheu, da&szlig; er nichts Besseres
+anzufangen wu&szlig;te, als zu fliehen, obwohl er gern
+geblieben w&auml;re. Hastig kam der Hut auf den Kopf und
+die Jagdtasche auf den R&uuml;cken. Dann lief er zwischen
+den Heidekrauth&uuml;geln fort.</p>
+
+<p>Sie packte das E&szlig;b&uuml;ndel und eilte ihm nach. Er war
+klein, steif von Bewegungen und hatte sichtlich geringe
+Kr&auml;fte. Sie holte ihn bald ein und schlug ihm den Hut
+vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben. Eigentlich
+hatte er die gr&ouml;&szlig;te Lust, zu bleiben, aber er war ganz
+wirr vor Sch&uuml;chternheit und floh in noch gr&ouml;&szlig;rer Hast.
+Sie lief nach und begann, an seiner Tasche zu zerren.
+<span class="pagenum"><a name="page_71" id="page_71"></a>71</span>Da mu&szlig;te er stehenbleiben, um die Tasche zu verteidigen.
+Das M&auml;dchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen
+und sie warf ihn zu Boden. &bdquo;Jetzt wird er's keinem
+erz&auml;hlen,&ldquo; dachte sie und war froh.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn
+er, der auf der Erde lag, schien ganz bleich und die Augen
+drehten sich in ihren H&ouml;hlen. Er hatte sich aber nicht
+verletzt. Es war die Gem&uuml;tsbewegung, die er nicht vertragen
+hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke
+Gef&uuml;hle in diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er
+war froh &uuml;ber das M&auml;dchen und zornig und scheu und
+dennoch stolz, da&szlig; sie so stark war. Er war ganz bet&auml;ubt
+von alledem.</p>
+
+<p>Die gro&szlig;e, starke Jungfrau legte den Arm um seinen
+R&uuml;cken und richtete ihn auf. Sie brach Heidekraut und
+peitschte sein Gesicht mit den steifen Zweigen, bis das
+Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich
+wieder dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor
+Freude beim Anblick des M&auml;dchens. Noch immer schwieg
+er; aber die Hand, die sie um seinen Leib gelegt hatte,
+zog er an sich und streichelte sie sanft.</p>
+
+<p>Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen M&uuml;hsal.
+Trocken und bleichgelb, fleischlos und blutarm war
+er. Es r&uuml;hrte sie, da&szlig; er so verzagt war, er, der doch
+um die Drei&szlig;ig sein mochte. Sie dachte, da&szlig; er wohl
+ganz mutterseelenallein tief im Walde leben m&uuml;sse, da
+er so kl&auml;glich und so schlecht gekleidet war. Keinen hatte
+er wohl, der nach ihm sah, nicht Mutter noch Schwester
+oder Liebste.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Der gro&szlig;e barmherzige Wald breitete sich &uuml;ber die
+Wildnis aus. Verbergend und sch&uuml;tzend nahm er in seinen
+Scho&szlig; alles auf, was bei ihm Hilfe suchte. Mit
+hohen St&auml;mmen hielt er Wacht um die H&ouml;hle des B&auml;ren,
+und in der D&auml;mmerung dichter Geb&uuml;sche hegte er das
+mit Eiern gef&uuml;llte Nest der kleinen V&ouml;glein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_72" id="page_72"></a>72</span>Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, fl&uuml;chteten
+viele von ihnen in den Wald und fanden Schutz hinter
+seinen gr&uuml;nen Mauern. Er ward f&uuml;r sie ein gro&szlig;er Kerker,
+den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt
+diese seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die
+Stumpfen zum Nachdenken und erzog die in der Knechtschaft
+Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur
+dem Flei&szlig;igen schenkte er die Gnade des Lebens.</p>
+
+<p>Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten,
+waren Abk&ouml;mmlinge solcher Gefangnen des Waldes. Sie
+gingen manchmal hinunter in die bebauten, bewohnten
+T&auml;ler, denn sie brauchten nicht mehr zu bef&uuml;rchten, in
+die Knechtschaft zur&uuml;ckgef&uuml;hrt zu werden, aus der ihre
+V&auml;ter geflohen waren; doch am liebsten nahmen sie den
+Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des Sch&uuml;tzen
+war T&ouml;nne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden
+urbar zu machen, aber er verstand sich auch auf andre
+Dinge. Er sammelte Reisig, kochte Teer, trocknete
+Schw&auml;mme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte,
+hie&szlig; Jofrid. Ihr Vater war K&ouml;hler. Sie band Besen,
+pfl&uuml;ckte Wacholderbeeren und braute Bier aus dem wei&szlig;blumigen
+Porsch. Beide waren sehr arm.</p>
+
+<p>Fr&uuml;her hatten sie einander in dem gro&szlig;en Walde nie
+getroffen, aber jetzt deuchte sie, da&szlig; alle Wege des Waldes
+sich zu einem Netz verschl&auml;ngen, in dem sie hin und
+wieder liefen und einander unm&ouml;glich vermeiden konnten.
+Nie wu&szlig;ten sie nun einen Pfad zu w&auml;hlen, auf dem
+sie einander nicht begegneten.</p>
+
+<p>T&ouml;nne hatte einmal einen gro&szlig;en Kummer gehabt.
+Er hatte lange mit seiner Mutter in einer elenden Reisigkoje
+gehaust; aber als er heranwuchs, fa&szlig;te er den Plan,
+ihr ein warmes H&auml;uschen zu bauen. In allen seinen
+Mu&szlig;estunden ging er in den Holzschlag, f&auml;llte B&auml;ume
+und spaltete sie in angemessene St&uuml;cke. Dann verbarg
+er das aufgeh&auml;ufte Bauholz in dunklen Kl&uuml;ften unter
+Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, da&szlig; seine Mutter
+<span class="pagenum"><a name="page_73" id="page_73"></a>73</span>nicht fr&uuml;her von all der Arbeit etwas erfahren sollte,
+als bis er so weit war, die H&uuml;tte aufzubauen. Aber
+seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er gesammelt
+hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte,
+was er tun wollte. Er, der mit demselben Eifer gearbeitet
+hatte wie David, Israels K&ouml;nig, als er Sch&auml;tze
+f&uuml;r Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor
+alle Lust an dem Bau. F&uuml;r ihn war die Reisigkoje gut
+genug. Und doch hatte er's nicht viel besser in seinem
+Heim als ein Tier in seiner H&ouml;hle.</p>
+
+<p>Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen
+war, Lust bekam, Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete
+dieser Wunsch wohl sicherlich, da&szlig; er sie gern zur Liebsten
+und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch t&auml;glich,
+da&szlig; er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache
+sprechen werde. Aber T&ouml;nne brachte es nicht &uuml;ber sich.
+Man merkte ihm an, da&szlig; er von unfreier Abkunft war.
+Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf,
+wie die Sonne, wenn sie &uuml;ber das Himmelszelt zieht.
+Und schwerer war es f&uuml;r ihn, diese Gedanken zu zusammenh&auml;ngender
+Rede zu formen, als f&uuml;r einen Schmied,
+einen Armreif aus rollenden Sandk&ouml;rnern zu schmieden.</p>
+
+<p>Eines Tages f&uuml;hrte T&ouml;nne Jofrid zu einer der Schluchten,
+wo er sein Bauholz verborgen hatte. Er ri&szlig; Zweige
+und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen St&auml;mme.
+&bdquo;Das h&auml;tte Mutter haben sollen,&ldquo; sagte er. Und sah
+Jofrid erwartungsvoll an. &bdquo;Dies h&auml;tte Mutters H&uuml;tte
+werden sollen,&ldquo; wiederholte er. Merkw&uuml;rdig schwer fiel
+es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen Gesellen
+zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, h&auml;tte sie
+doch verstehen m&uuml;ssen; aber sie verstand nicht.</p>
+
+<p>Da beschlo&szlig; er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erkl&auml;ren.
+Ein paar Tage sp&auml;ter begann er, die St&auml;mme
+zu der Stelle zwischen den Grabh&uuml;geln zu schleppen, wo
+er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie
+gew&ouml;hnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch
+<span class="pagenum"><a name="page_74" id="page_74"></a>74</span>weiter, ohne etwas zu sagen. Seit sie Freunde geworden
+waren, war sie ihm oft an die Hand gegangen, aber bei
+dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu wollen.
+T&ouml;nne meinte doch, sie h&auml;tte verstehen m&uuml;ssen, da&szlig; es
+ihre H&uuml;tte war, die er jetzt zimmern wollte.</p>
+
+<p>Sie verstand es ganz wohl, aber sie sp&uuml;rte keine Lust,
+sich einem Mann von T&ouml;nnes Art zu schenken. Sie wollte
+einen starken, gesunden Mann haben. Es schien ihr ein
+schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit
+einem verheiratete, der so schwach und wenig begabt war.
+Und doch zog viel sie zu diesem stillen, scheuen Mann.
+Man denke doch, da&szlig; er sich so hart geplagt hatte, um
+seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Gl&uuml;ck genossen
+hatte, zur Zeit fertig zu werden. Sie h&auml;tte &uuml;ber sein
+Schicksal weinen k&ouml;nnen. Und nun baute er die H&uuml;tte
+gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein
+gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken
+an ihn; aber sie wollte durchaus nicht seine Frau werden.</p>
+
+<p>Jeden Tag ging sie &uuml;ber die Heide und sah die H&uuml;tte
+aufragen, d&uuml;rftig und ohne Fenster; der Sonnenschein
+rieselte durch die undichten W&auml;nde.</p>
+
+<p>T&ouml;nnes Arbeit ging sehr rasch vorw&auml;rts; aber er arbeitete
+nicht sorgf&auml;ltig, sein Bauholz war nicht in Kanten
+behauen, kaum abgerindet. In die Diele legte er gespaltne
+junge B&auml;ume. Sie wurde sehr uneben und
+schwankend. Das Heidekraut, das darunter bl&uuml;hte,&nbsp;&ndash;
+denn es war nun ein Jahr seit dem Tage vergangen, an
+dem T&ouml;nne hinter K&ouml;nig Atles H&uuml;gel gelegen und geschlafen
+hatte&nbsp;&ndash;, steckte ganz verwegen seine roten Trauben
+durch die Ritzen, und die Ameisen wanderten unbehindert
+aus und ein und musterten dies gebrechliche
+Menschenwerk.</p>
+
+<p>Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken
+mochte: immer schwebte ihr der Gedanke vor, da&szlig;
+dort eine H&uuml;tte f&uuml;r sie erbaut w&uuml;rde. Ein eignes Heim
+ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie
+<span class="pagenum"><a name="page_75" id="page_75"></a>75</span>wu&szlig;te, da&szlig;, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der
+B&auml;r oder der Fuchs dort hausen mochte. Denn so gut
+kannte sie T&ouml;nne, da&szlig; sie begriff: wenn es sich zeigte,
+da&szlig; er vergeblich gearbeitet hatte, w&uuml;rde er niemals in
+die neue H&uuml;tte einziehen. Er w&uuml;rde weinen, der Arme,
+wenn er h&ouml;rte, da&szlig; sie nicht dort hausen wolle. Es w&uuml;rde
+ein neuer Kummer f&uuml;r ihn sein, ebenso gro&szlig; wie damals,
+als seine Mutter starb. Aber er mu&szlig;te wohl sich
+selbst die Schuld geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig
+gefragt.</p>
+
+<p>Sie glaubte, da&szlig; sie ihm schon dadurch ein Zeichen
+gab, da&szlig; sie ihm nie bei der H&uuml;tte half. Dazu hatte
+sie doch gro&szlig;e Lust. Jedesmal, wenn sie weiches wei&szlig;es
+Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken
+W&auml;nde zu stopfen. Sie war auch geneigt, T&ouml;nne beim
+Mauern des Herdes zu helfen. Wie er dabei verfuhr,
+mu&szlig;te sich ja aller Rauch in der H&uuml;tte sammeln. Aber
+es war ja gleichg&uuml;ltig, wie es da wurde. Da w&uuml;rde keine
+Speise kochen, kein Trank sieden. Dumm war's doch,
+da&szlig; diese H&uuml;tte niemals aus ihren Gedanken weichen
+wollte.</p>
+
+<p>T&ouml;nne arbeitete mit gl&uuml;hendem Eifer; er war gewi&szlig;,
+da&szlig; Jofrid die Absicht verstehen mu&szlig;te, sobald nur die
+H&uuml;tte fertig war. Er gr&uuml;belte nicht viel &uuml;ber sie nach.
+Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun.
+Die Zeit verging ihm rasch.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags, als Jofrid &uuml;ber die Heide ging,
+sah sie, da&szlig; eine T&uuml;r an die H&uuml;tte gekommen war und
+eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff sie,
+da&szlig; alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. T&ouml;nne
+hatte das Dach mit B&uuml;schen und bl&uuml;hendem Heidekraut
+gedeckt; und eine starke Sehnsucht ergriff sie, unter dieses
+rote Dach zu treten. Er selbst war nicht bei dem Neubau,
+und sie entschlo&szlig; sich, hineinzugehen. Diese H&uuml;tte
+war ja f&uuml;r sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid
+konnte der Lust nicht widerstehen, es anzusehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_76" id="page_76"></a>76</span>Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte.
+Wacholder war &uuml;ber den Boden gestreut. Frischer Duft
+von Nadeln und Harz f&uuml;llte den Raum. Die Sonnenstrahlen,
+die durch Luken und Spalten hereinspielten,
+spannen goldne B&auml;nder durch die Luft. Es sah da aus,
+als w&uuml;rde sie erwartet; in die Mauerspalten waren gr&uuml;ne
+Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine frischgef&auml;llte
+Tanne. T&ouml;nne hatte nicht sein altes Hausger&auml;t hineingestellt.
+Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank,
+&uuml;ber die eine Elenhaut geworfen war.</p>
+
+<p>Kaum war Jofrid &uuml;ber die Schwelle getreten, f&uuml;hlte
+sie sich schon von dem fr&ouml;hlichen Behagen eines Heims
+umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr zumute, als sie
+so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer,
+wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid
+hatte vielen Flei&szlig; darauf gewandt, sich eine Art Aussteuer
+zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen H&auml;nden
+T&uuml;cher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu
+schm&uuml;cken; die wollte sie in ihrem eignen Heim aufh&auml;ngen,
+wenn sie eins bekam. Nun mu&szlig;te sie denken,
+wie sich diese T&uuml;cher wohl hier ausnehmen w&uuml;rden. Sie
+h&auml;tte sie gern in der neuen H&uuml;tte probiert.</p>
+
+<p>Rasch eilte sie heimw&auml;rts, holte ihren Leinwandschatz
+und begann, die farbenpr&auml;chtigen Stoffst&uuml;cke unter der
+Decke aufzuh&auml;ngen. Sie stie&szlig; die T&uuml;r auf, so da&szlig; die
+helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte
+sich eifrig in der Stube, gesch&auml;ftig und munter, ein Heldenliedchen
+tr&auml;llernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde
+gar pr&auml;chtig da drinnen. Die gewebten Rosen und Sterne
+leuchteten wie nie zuvor.</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau &uuml;ber die
+Heide und die H&uuml;nengr&auml;ber. Vielleicht kauerte T&ouml;nne
+jetzt hinter einem der Grabh&uuml;gel und lachte sie aus. Der
+K&ouml;nigsh&uuml;gel lag gerade vor der T&uuml;r, und dahinter sah
+sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie
+<span class="pagenum"><a name="page_77" id="page_77"></a>77</span>hin. Ihr war, als m&uuml;sse dort jemand sitzen und sie betrachten.</p>
+
+<p>Gerade als die Sonne so tief unten war, da&szlig; nur noch
+ein paar blutrote Strahlen &uuml;ber die alte Steinhalde spielten,
+sah sie, wer es war, der sie betrachtete. Der ganze
+H&uuml;gel war kein H&uuml;gel mehr, sondern ein gro&szlig;er, alter
+K&auml;mpe, der narbig und ergraut dasa&szlig; und sie anstarrte.
+Rings um sein Haupt bildeten die Sonnenstrahlen eine
+Krone, und sein roter Mantel war so weit, da&szlig; er sich
+&uuml;ber die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war gro&szlig;
+und schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider
+und Waffen waren auch steinfarbig und ahmten so genau
+die T&ouml;nung und das Moosflechtenkleid der Steine
+nach, da&szlig; man sehr scharf hinsehen mu&szlig;te, um zu merken,
+da&szlig; es ein K&auml;mpe und kein Steinhaufen war. Es war
+wie mit jenen W&uuml;rmern, die Baumzweigen gleichen. Man
+kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt, da&szlig;,
+was man f&uuml;r hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierk&ouml;rper
+ist.</p>
+
+<p>Aber Jofrid konnte sich nicht l&auml;nger dar&uuml;ber t&auml;uschen,
+da&szlig; es der alte K&ouml;nig Atle selbst war, der da sa&szlig;. Sie
+stand in der T&uuml;r, hielt die Hand beschattend &uuml;ber die
+Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er hatte
+sehr kleine, schr&auml;ge Augen unter seiner hochgew&ouml;lbten
+Stirn, eine breite Nase und einen zottigen Bart. Und er
+lebte, dieser steinerne Mann. Er l&auml;chelte und blinzelte ihr
+zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten erschreckten
+sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und
+die haarigen H&auml;nde. Je l&auml;nger sie ihn ansah, desto breiter
+wurde sein L&auml;cheln; und endlich hob er einen seiner m&auml;chtigen
+Arme, um sie zu sich zu winken. Da floh Jofrid
+heimw&auml;rts.</p>
+
+<p>Aber als T&ouml;nne nach Haus kam und die H&uuml;tte mit
+bunten T&uuml;chern geschm&uuml;ckt fand, fa&szlig;te er so gro&szlig;en Mut,
+da&szlig; er seinen F&uuml;rbitter zu Jofrids Vater schickte. Der
+fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_78" id="page_78"></a>78</span>war sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen
+hatte, wenn sie ihre Hand auch halb gezwungen
+schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein sagen, in
+dessen H&uuml;tte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch
+sah sie zuerst nach, ob der alte K&ouml;nig Atle wieder ein
+Grabh&uuml;gel geworden sei.</p>
+
+<hr />
+
+<p>T&ouml;nne und Jofrid lebten viele Jahre gl&uuml;cklich. Sie
+standen in gutem Ruf. &bdquo;Das sind gute Menschen,&ldquo; sagte
+man. &bdquo;Seht, wie sie einander beistehen, wie sie zusammen
+arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!&ldquo;</p>
+
+<p>T&ouml;nne wurde mit jedem Tage st&auml;rker, ausdauernder
+und weniger tr&auml;ge von Gedanken. Jofrid schien einen
+ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist lie&szlig; er
+sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit z&auml;her Hartn&auml;ckigkeit
+seinen eignen Willen durchzusetzen.</p>
+
+<p>Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fr&ouml;hlichkeit.
+Ihre Kleider wurden immer bunter, je &auml;lter sie
+wurde. Das ganze Gesicht war grellrot. Aber in T&ouml;nnes
+Augen war sie lieblich.</p>
+
+<p>Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres
+Standes. Sie a&szlig;en Butter zur Gr&uuml;tze und mengten
+weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier
+sch&auml;umte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden
+vermehrten sich so rasch, da&szlig; sie sich Fleischnahrung
+g&ouml;nnen konnten.</p>
+
+<p>Einmal machte T&ouml;nne f&uuml;r einen Bauern drunten im
+Tal den Boden urbar. Als der sah, wie T&ouml;nne und seine
+Frau in gro&szlig;er Fr&ouml;hlichkeit zusammen arbeiteten, dachte
+auch er: &bdquo;Das sind gute Menschen.&ldquo; Der Bauer hatte
+j&uuml;ngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbj&auml;hriges
+Kind hinterlassen hatte. Er bat T&ouml;nne und Jofrid, seinen
+Sohn in Pflege zu nehmen. &bdquo;Das Kind ist mir sehr
+teuer,&ldquo; sagte er, &bdquo;drum gebe ich es euch, denn ihr seid
+gute Menschen.&ldquo; Sie hatten keine eignen Kinder, so da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_79" id="page_79"></a>79</span>es sehr schicklich schien, dieses zu nehmen. Sie willigten
+auch ohne Z&ouml;gern ein. Sie meinten, Vorteil davon zu
+haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch
+erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude f&uuml;r ihre
+alten Tage.</p>
+
+<p>Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das
+Jahr um war, war es tot. Dies sei die Schuld der
+Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz
+frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit
+wollte aber niemand sagen, sie h&auml;tten es vors&auml;tzlich
+get&ouml;tet; man meinte nur, da&szlig; sie etwas auf sich genommen
+h&auml;tten, was &uuml;ber ihr Verm&ouml;gen gegangen war. Sie
+hatten nicht Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem
+Kinde die Pflege angedeihen zu lassen, deren es bedurfte.
+Sie hatten sich gew&ouml;hnt, nur an sich selbst zu denken und
+f&uuml;r ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit,
+ein Kind zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen
+an die Arbeit gehen und nachts einen ruhigen Schlummer
+schlafen. Sie fanden, da&szlig; der Kleine zu viel von der
+guten Milch trinke, und sie g&ouml;nnten es ihm nicht so wie
+sich selbst. Sie wu&szlig;ten aber nicht etwa, da&szlig; sie den
+Knaben schlecht behandelten. Sie dachten, da&szlig; sie geradeso
+f&uuml;r ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es
+ihnen vor, da&szlig; der Pflegesohn eine Strafe und Plage
+f&uuml;r sie gewesen war. Sie trauerten nicht &uuml;ber seinen Tod.</p>
+
+<p>Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu
+haben, mit Kindern umzugehen; aber Jofrid hatte einen
+Mann, f&uuml;r den sie in vielen St&uuml;cken die Sorge einer
+Mutter tragen mu&szlig;te, und begehrte deshalb nicht, noch
+andres zu betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die
+raschen Fortschritte der Kleinen; aber Jofrid hatte Freude
+genug, wenn sie sah, wie T&ouml;nne sich zu Verstand und
+M&auml;nnlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre H&uuml;tte
+zu fegen und zu schm&uuml;cken, freute sich an der Zunahme
+der Herden und an dem Anbau unten auf der Heide.</p>
+
+<p>Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm,
+<span class="pagenum"><a name="page_80" id="page_80"></a>80</span>da&szlig; das Kind gestorben sei. Da sprach der Mann: &bdquo;Nun
+ist es mir ergangen wie dem, der so weiche Kissen in
+sein Bett legt, da&szlig; er bis auf den harten Grund sinkt.
+Gar zu gut wollte ich meinen Sohn h&uuml;ten; und siehe:
+nun ist er tot!&ldquo; Und er war betr&uuml;bt.</p>
+
+<p>Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen.
+&bdquo;Wollte Gott, da&szlig; du uns deinen Sohn nicht gegeben
+h&auml;ttest!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Wir waren zu arm. Er hat es nicht
+gut genug bei uns gehabt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dies wollte ich nicht sagen,&ldquo; antwortete der Bauer.
+&bdquo;Eher glaube ich, da&szlig; ihr das Kind verh&auml;tschelt habt.
+Doch ich will keinen Menschen anklagen; denn &uuml;ber Leben
+und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille,
+den Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben
+Aufwand zu feiern, als wenn ein Erwachsener
+gestorben w&auml;re; und zum Gastmahl lade ich T&ouml;nne und
+dich. Daraus m&ouml;gt ihr sehen, da&szlig; ich keinen Groll gegen
+euch hege.&ldquo;</p>
+
+<p>So wohnten T&ouml;nne und Jofrid dem Leichenschmaus
+bei. Sie wurden freundlich bewirtet, und niemand sagte
+ihnen ein b&ouml;ses Wort. Wohl hatten die Frauen, die die
+Leiche einkleideten, erz&auml;hlt, da&szlig; sie j&auml;mmerlich abgefallen
+sei und Spuren schwerer Vernachl&auml;ssigung gezeigt habe.
+Das konnte aber wohl auch von der Krankheit herkommen.
+Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern
+glauben, denn man wu&szlig;te, da&szlig; sie gute Menschen
+waren.</p>
+
+<p>Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als
+sie die Frauen erz&auml;hlen h&ouml;rte, wie sie bei ihren kleinen
+Kindern wachen und sich f&uuml;r sie plagen m&uuml;&szlig;ten. Sie
+merkte auch, da&szlig; bei dem Leichenschmaus unter den Weibern
+best&auml;ndig von Kindern gesprochen wurde. Einige
+hatten solche Freude an ihnen, da&szlig; sie gar nie aufh&ouml;ren
+konnten, von ihren Fragen und Spielen zu erz&auml;hlen. Jofrid
+h&auml;tte gern von T&ouml;nne gesprochen; aber die meisten
+Frauen sprachen gar nicht von ihren M&auml;nnern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_81" id="page_81"></a>81</span>Sp&auml;t abends kehrten Jofrid und T&ouml;nne von dem
+Leichenschmaus heim. Sie gingen sogleich zu Bett. Aber
+kaum waren sie eingeschlafen, als sie von einem leisen
+Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten
+sie, noch halb schlafend, und waren unwillig &uuml;ber die
+St&ouml;rung. Aber pl&ouml;tzlich setzten sie sich beide im Bett auf.
+Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses Wimmern?
+Wenn sie ganz wach waren, h&ouml;rten sie nichts;
+aber sobald sie einzuschlummern begannen, vernahmen
+sie es wieder. Kleine, schwache F&uuml;&szlig;chen h&ouml;rten sie &uuml;ber
+die Steinplatte vor der H&uuml;tte gehen, ein kleines H&auml;ndchen
+tastete an der T&uuml;r, und da sie nicht offen war, wanderte
+das Kind wimmernd und tappend die Wand entlang,
+bis es vor ihrer Lagerst&auml;tte stehenblieb. Wenn sie sprachen
+oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber
+wenn sie einschlummern wollten, h&ouml;rten sie deutlich die
+unsichern Schritte und das erstickte Schluchzen.</p>
+
+<p>Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den
+letzten Tagen als M&ouml;glichkeit vor Augen gestanden hatte:
+nun wurde es ihnen zur Gewi&szlig;heit. Sie sahen ein, da&szlig;
+sie das Kind get&ouml;tet hatten. Wie h&auml;tte es sonst umgehen
+k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Von dieser Nacht an war alles Gl&uuml;ck von ihnen gewichen.
+Sie lebten in steter Furcht vor dem Gespenst.
+Tags&uuml;ber hatten sie wohl einige Ruhe, aber in den N&auml;chten
+wurden sie von dem Weinen und dem erstickten
+Schluchzen des Kindes so gest&ouml;rt, da&szlig; sie nicht wagten,
+allein zu liegen. Jofrid ging oft weit &uuml;ber Land, um
+einen Menschen zu holen, der &uuml;ber Nacht in ihrer H&uuml;tte
+bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe;
+aber sobald sie allein waren, h&ouml;rten sie das Kind.</p>
+
+<p>In einer Nacht, f&uuml;r die sie keinen Gast gefunden hatten
+und die sie, des Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten,
+stand Jofrid aus dem Bett auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Schlaf du nur, T&ouml;nne,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Wenn ich mich
+wach erhalte, wird sich nichts h&ouml;ren lassen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_82" id="page_82"></a>82</span>Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die T&uuml;rschwelle
+und &uuml;berlegte, was sie tun sollten, um Ruhe zu finden;
+denn so konnten sie nicht weiterleben. Sie fragte sich,
+ob Beichte und Bu&szlig;e, Dem&uuml;tigung und Reue sie von
+dieser schweren Heimsuchung befreien k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Da begab es sich, da&szlig; sie die Augen aufschlug und
+dieselbe Erscheinung sah wie schon einmal zuvor von dieser
+Stelle. Der Grabh&uuml;gel war zu einem K&auml;mpen geworden.
+Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich
+sehen und vernehmen, da&szlig; der alte K&ouml;nig Atle dasa&szlig; und
+sie betrachtete. Sie sah ihn so genau, da&szlig; sie die mit
+Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken
+unterschied und wahrnehmen konnte, da&szlig; seine Beine
+mit gekreuzten B&auml;ndern umwickelt waren, zwischen denen
+die Wadenmuskeln schwollen.</p>
+
+<p>Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er
+schien ihr ein Freund und Tr&ouml;ster im Ungl&uuml;ck. Er sah
+sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut einfl&ouml;&szlig;en.
+Da dachte sie, da&szlig; dieser gewaltige Held einst
+seinen Tag gehabt hatte, an dem er die Feinde in Scharen
+auf die Heide niederstreckte und in den Blutstr&ouml;men
+watete, die zwischen den H&uuml;geln brausten. Was hatte
+er da nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt?
+Wie tief hatte das Seufzen der Kinder, deren
+V&auml;ter er erschlagen hatte, sein Steinherz ger&uuml;hrt? Federleicht
+h&auml;tte die B&uuml;rde von eines Kindes Tod auf seinem
+Gewissen gelegen.</p>
+
+<p>Und sie vernahm sein Fl&uuml;stern, dieselbe Weise, die das
+alte, steinkalte Heidentum zu allen Zeiten gefl&uuml;stert hat.
+&bdquo;Warum bereuen? Die G&ouml;tter lenken das Geschick. Die
+Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die
+Kinder der Erde trauern, da&szlig; sie getan, was die Unsterblichen
+sie zu tun zwangen?&ldquo;</p>
+
+<p>Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst:
+&bdquo;Was konnte ich daf&uuml;r, da&szlig; das Kind starb? Gott allein
+ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht ohne seinen Willen.&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_83" id="page_83"></a>83</span>Und sie dachte, da&szlig; sie das Gespenst am besten abwehren
+werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.</p>
+
+<p>Aber da &ouml;ffnete sich die Haust&uuml;r, und T&ouml;nne kam zu
+ihr heraus. &bdquo;Jofrid,&ldquo; sagte er, &bdquo;es ist jetzt in der H&uuml;tte.
+Es kam heran und klopfte an den Bettrand und weckte
+mich. Was sollen wir tun, Jofrid?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das Kind ist ja tot,&ldquo; sagte Jofrid. &bdquo;Du wei&szlig;t,
+da&szlig; es tief unter der Erde liegt. Das alles sind nur
+Tr&auml;ume und Hirngespinste.&ldquo; Sie sprach hart und abweisend,
+denn sie f&uuml;rchtete, da&szlig; T&ouml;nne in dieser Sache
+zu weichherzig sein und sie dadurch ins Ungl&uuml;ck st&uuml;rzen
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen ein Ende machen,&ldquo; sagte T&ouml;nne.</p>
+
+<p>Jofrid lachte grell auf. &bdquo;Was willst du tun? Gott
+hat es uns auferlegt. Konnte er das Kind nicht am
+Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es nicht; und
+jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir,
+mit welchem Recht er uns verfolgt?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie hatte ihre Worte von dem alten Steink&auml;mpen,
+der finster und hart auf seinem H&uuml;gel sa&szlig;. Es war,
+als habe er ihr alles eingegeben, was sie T&ouml;nne erwiderte.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen eingestehen, da&szlig; wir das Kind vernachl&auml;ssigt
+haben, und m&uuml;ssen Bu&szlig;e tun,&ldquo; sagte T&ouml;nne.</p>
+
+<p>&bdquo;Niemals will ich f&uuml;r etwas leiden, das nicht meine
+Schuld ist,&ldquo; sagte Jofrid. &bdquo;Wer wollte, da&szlig; das Kind
+sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art von Bu&szlig;e willst
+du denn tun? Willst du dich gei&szlig;eln oder fasten wie
+die M&ouml;nche? Mich d&uuml;nkt, du kannst deine Kr&auml;fte zur
+Arbeit brauchen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mit dem Gei&szlig;eln habe ich es schon probiert,&ldquo; sagte
+T&ouml;nne. &bdquo;Es n&uuml;tzt nichts.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Siehst du!&ldquo; sagte sie und lachte wieder.</p>
+
+<p>&bdquo;Da tut andres not,&ldquo; fuhr T&ouml;nne mit beharrlicher
+Entschlossenheit fort. &bdquo;Wir m&uuml;ssen gestehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du Gott sagen, das er nicht schon
+<span class="pagenum"><a name="page_84" id="page_84"></a>84</span>w&uuml;&szlig;te?&ldquo; h&ouml;hnte Jofrid. &bdquo;Lenkt nicht er deine Gedanken?
+Was willst du ihm sagen?&ldquo; Sie fand jetzt, da&szlig; T&ouml;nne
+dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn
+ihrer Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht
+mehr daran gedacht, sondern ihn lieb gehabt, seines guten
+Herzens wegen.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid,
+und ihm Bu&szlig;e bieten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du ihm bieten?&ldquo; fragte sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Die H&uuml;tte und die Ziegen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sicherlich fordert er volle Mannesbu&szlig;e f&uuml;r seinen
+einzigen Sohn. Die l&auml;&szlig;t sich mit allem, was wir besitzen,
+nicht bezahlen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt
+geben, wenn er sich nicht mit weniger zufrieden gibt.&ldquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung,
+und sie ha&szlig;te T&ouml;nne aus der Tiefe ihrer Seele. Alles,
+was sie verlieren mu&szlig;te, stand klar vor ihr: die Freiheit,
+f&uuml;r die einst die Ahnen das Leben gewagt, die H&uuml;tte,
+den Wohlstand, Ehre und Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Merke meine Worte wohl, T&ouml;nne,&ldquo; sagte sie heiser,
+halberstickt von Schmerz, &bdquo;der Tag, an dem du solches
+tust, ist mein Todestag.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt;
+aber sie blieben auf der T&uuml;rschwelle sitzen, bis der
+Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu beg&uuml;tigen
+und zu vers&ouml;hnen. Beide f&uuml;rchteten und verachteten einander.
+Eins ma&szlig; das andre mit dem Ma&szlig; seines Zornes
+und fand es engherzig und b&ouml;se.</p>
+
+<p>Seit dieser Nacht lie&szlig; Jofrid T&ouml;nne oft ihre &Uuml;berlegenheit
+f&uuml;hlen. Sie gab ihm in der Gegenwart Fremder
+zu verstehen, da&szlig; er einf&auml;ltig sei, und half ihm bei der
+Arbeit so, da&szlig; er ihre Kraft erkennen mu&szlig;te. Sie wollte
+ihm offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal
+stellte sie sich sehr froh, um ihn zu zerstreuen und von
+seinen Gr&uuml;beleien abzulenken. Er hatte noch nichts getan,
+<span class="pagenum"><a name="page_85" id="page_85"></a>85</span>um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte
+nicht, da&szlig; er ihn aufgegeben habe.</p>
+
+<p>In dieser Zeit wurde T&ouml;nne mehr und mehr, wie er
+vor seiner Heirat gewesen war. Er wurde mager und
+bleich, wortkarg und tr&auml;g von Gedanken. Jofrids Verzweiflung
+ward mit jedem Tage gr&ouml;&szlig;er, denn es war,
+als sollte ihr nun alles genommen werden. Doch kam
+ihre Liebe zu T&ouml;nne wieder, als sie ihn ungl&uuml;cklich sah.
+&bdquo;Was gilt mir alles, wenn T&ouml;nne zugrunde geht?&ldquo;
+dachte sie. &bdquo;Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu
+leben, als ihn als Freien sterben zu sehen.&ldquo;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Jofrid konnte sich jedoch nicht so pl&ouml;tzlich &uuml;berwinden,
+T&ouml;nne zu gehorchen. Sie k&auml;mpfte einen langen und
+schweren Kampf. Aber eines Morgens, als sie erwachte,
+war ihr ungew&ouml;hnlich ruhig und mild zumute. Da war
+ihr, als k&ouml;nne sie nun tun, was er forderte. Und sie
+weckte ihn und sagte, da&szlig; es jetzt so werden solle, wie
+er wollte. Nur diesen einzigen Tag m&ouml;ge er ihr g&ouml;nnen,
+damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher.
+Leicht kamen ihr Tr&auml;nen in die Augen, wie einem, der
+Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe sich an diesem
+Tage, ihr zuliebe, besonders sch&ouml;n geschm&uuml;ckt. Der Frost
+war &uuml;ber sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden
+und das ganze Feld trug ein braunes Kleid. Aber
+als die Sonne des Herbsttages ihre schr&auml;gen Strahlen
+dar&uuml;ber hingleiten lie&szlig;, war es, als ergl&uuml;he das Heidekraut
+aufs neue rot. Und sie gedachte des Tages, an
+dem sie T&ouml;nne zum erstenmal gesehen hatte.</p>
+
+<p>Sie w&uuml;nschte, da&szlig; sie den alten K&ouml;nig noch einmal
+schauen d&uuml;rfe; denn er hatte ja mitgeholfen, ihr Gl&uuml;ck
+zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten Zeit ernstlich
+vor ihm gef&uuml;rchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie
+zu packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr &uuml;ber sie
+<span class="pagenum"><a name="page_86" id="page_86"></a>86</span>haben, meinte sie. Sie wollte aufmerken, ob sie ihn
+nicht sehen konnte, abends, wenn der Mondschein kam.</p>
+
+<p>Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde
+Spielleute vorbeigezogen. Da hatte Jofrid den Einfall,
+sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem Hause
+zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. T&ouml;nne
+mu&szlig;te schnell zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu
+kommen. Dann liefen ihre kleinen Geschwister weiter
+ins Dorf hinab, um G&auml;ste zu holen. Bald waren viele
+Menschen versammelt.</p>
+
+<p>Die Fr&ouml;hlichkeit war gro&szlig;. T&ouml;nne hielt sich abseits in
+einer Ecke der H&uuml;tte, wie es seine Gewohnheit war, wenn
+Besuch kam; aber Jofrid war beinahe wild in ihrer
+Fr&ouml;hlichkeit. Mit gellender Stimme f&uuml;hrte sie die Tanzspiele
+an und bot eifrig den G&auml;sten das sch&auml;umende Bier.
+Eng war es in der Stube, aber die Spielleute waren flink
+und der Tanz hatte Leben und Lust. Es wurde erstickend
+hei&szlig; dort drinnen. Man stie&szlig; die T&uuml;r auf; und nun
+sah Jofrid erst, da&szlig; die Nacht angebrochen und der Mond
+aufgegangen war. Da trat sie in die Haust&uuml;r und blickte
+in die wei&szlig;e Welt des Mondscheins hinaus.</p>
+
+<p>Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war
+wei&szlig;, weil sich das Mondlicht in den zahllosen Tropfen
+spiegelte, die sich auf allen Zweiglein gesammelt hatten.
+Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und
+Steinen wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt.
+Jofrid stieg hinab; wohlig schwankend war's unter dem
+Fu&szlig;. Sie ging ein paar Schritte &uuml;ber den Pfad, der ins
+Dorf hinabf&uuml;hrte, gleichsam als wolle sie pr&uuml;fen, welches
+Gef&uuml;hl es sei, da zu gehen. T&ouml;nne und sie sollten am
+n&auml;chsten Tage Hand in Hand hier wandern, in tiefste
+Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem
+Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten
+lie&szlig;: sicherlich war Schmach ihr Los. Die an diesem
+Abend eine gute H&uuml;tte und viele Freunde hatten, w&uuml;rden
+am n&auml;chsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht
+<span class="pagenum"><a name="page_87" id="page_87"></a>87</span>auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht
+sogar ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst:
+&bdquo;Dies ist der Weg des Todes.&ldquo; Und nun konnte sie nicht
+fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu wandeln.
+Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt
+wie der alte K&ouml;nig Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie
+das Gef&uuml;hl, ihre schweren Steinglieder nicht regen zu
+k&ouml;nnen, um diesen Weg zu gehen.</p>
+
+<p>Sie wendete ihre Blicke dem K&ouml;nigsh&uuml;gel zu und sah
+deutlich den alten K&auml;mpen da sitzen. Aber in dieser Nacht
+war er wie zum Fest geschm&uuml;ckt. Er trug nicht mehr das
+graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern wei&szlig;es,
+schimmerndes Silber. Auch schm&uuml;ckte ihn wieder
+eine Krone von Strahlen, wie damals, als sie ihn zuerst
+sah; aber diese Krone war wei&szlig;. Und wei&szlig; leuchtete
+Brustplatte und Armring, glitzernd wei&szlig; war Schwertgriff
+und Schild. Er sa&szlig; da und betrachtete sie in stummer
+Gleichg&uuml;ltigkeit. Das seltsam Unergr&uuml;ndliche, das
+in gro&szlig;en Steingesichtern liegt, hatte sich nun auf ihn
+herabgesenkt. Da thronte er dunkel und m&auml;chtig; und
+Jofrid hatte die unklare Vorstellung, da&szlig; er ein Bild
+von etwas sei, was in ihr lag und in allen Menschen,
+etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von
+vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn,
+den alten K&ouml;nig, mitten im Menschenherzen sitzen. &Uuml;ber
+dessen unfruchtbare Felder breitete er seinen weiten K&ouml;nigsmantel.
+Da tanzte die Genu&szlig;sucht, da jubelte das Prachtverlangen.
+Er war der gro&szlig;e Steinheld, der Not und
+Armut vor&uuml;berwandern sah, ohne da&szlig; sein Steinherz ger&uuml;hrt
+ward. &bdquo;Die G&ouml;tter wollen es so,&ldquo; sagte er. Er
+war der starke steinerne Mann, der unges&uuml;hnte S&uuml;nde
+tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: &bdquo;Warum
+trauern, da das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen
+aufgezwungen ward?&ldquo;</p>
+
+<p>Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie
+ein Schluchzen war. In ihr lebte eine Ahnung, die sie
+<span class="pagenum"><a name="page_88" id="page_88"></a>88</span>sich nicht klarzumachen vermochte, eine Ahnung, da&szlig; sie
+mit dem steinernen Mann k&auml;mpfen m&uuml;sse, wenn sie gl&uuml;cklich
+werden sollte. Aber zu gleicher Zeit f&uuml;hlte sie sich
+so hilflos schwach. Ihre Unbu&szlig;fertigkeit und der Steinheld
+auf der Heide schienen ihr ein und dasselbe, und
+konnte sie jene nicht besiegen, so w&uuml;rde dieser in irgendeiner
+Weise Macht &uuml;ber sie erlangen.</p>
+
+<p>Sah sie nun wieder zu der H&uuml;tte hin, wo die T&uuml;cher
+unter den Dachbalken schimmerten, wo die Spielleute
+Fr&ouml;hlichkeit verbreiteten, und wo alles war, was sie liebte,
+dann f&uuml;hlte sie, da&szlig; sie nicht in die Knechtschaft gehen
+konnte. Nicht einmal T&ouml;nne zuliebe. Sie sah sein blasses
+Antlitz in der H&uuml;tte und fragte sich mit zusammengekrampftem
+Herzen, ob er verdiene, da&szlig; sie ihm alles
+opfere.</p>
+
+<p>Aber drinnen in der H&uuml;tte hatten sich die Leute zu
+einem Reigentanz aufgestellt. Sie ordneten sich in einer
+langen Reihe, fa&szlig;ten einander bei den H&auml;nden und
+st&uuml;rzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an
+der Spitze, in rasender Eile vorw&auml;rts. Der Anf&uuml;hrer
+zog sie durch die offne T&uuml;r hinaus auf die im Mondschein
+glitzernde Heide. Sie st&uuml;rmten an Jofrid vorbei, keuchend
+und wild; strauchelten &uuml;ber Steine, sanken ins Heidekraut,
+zogen weite Kreise rings um die H&uuml;tte. Der letzte
+in der Reihe rief Jofrid an und streckte ihr die Hand
+entgegen. Sie fa&szlig;te sie und lief mit.</p>
+
+<p>Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinst&uuml;rmen.
+Doch Fr&ouml;hlichkeit war darin, Lebenslust und &Uuml;bermut.
+Immer k&uuml;hner wurden die Schwenkungen, immer lauter
+t&ouml;nten die Rufe, immer st&uuml;rmischer ward das Lachen.
+Von H&uuml;nengrab zu H&uuml;nengrab, wie sie da &uuml;ber die Heide
+zerstreut lagen, schlang sich die Reihe der Tanzenden.
+Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde
+wieder emporgerissen, der Langsame vorw&auml;rts gezogen.
+Die Spielleute standen in der Haust&uuml;r und lockten zu
+immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu ruhen,
+<span class="pagenum"><a name="page_89" id="page_89"></a>89</span>zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging
+der Tanz &uuml;ber schwankes Moos und glatte Felsplatten.</p>
+
+<p>Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, da&szlig;
+sie die Freiheit behalten mu&szlig;te, da&szlig; sie lieber sterben, als
+sie verlieren wollte. Sie merkte, da&szlig; sie T&ouml;nne nicht
+folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den
+Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.</p>
+
+<p>Alle H&uuml;gel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den K&ouml;nig
+Atle. Jofrid sah, da&szlig; es jetzt zu diesem hinaufging, und
+sie hielt die Blicke scharf auf den m&auml;chtigen Mann geheftet.
+Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den
+Hinst&uuml;rmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch
+nur ein schallendes Gel&auml;chter antwortete ihr. Sie wollte
+stehenbleiben; aber eine starke Faust ri&szlig; sie weiter. Sie
+sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig
+waren sie, da&szlig; die schweren Arme keinen von ihnen erreichen
+konnten. Unfa&szlig;lich war ihr, da&szlig; niemand ihn
+sah. Todesangst kam &uuml;ber sie. Sie wu&szlig;te, da&szlig; er sie
+erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen
+Jahren. Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer
+w&uuml;rde er sich nun endlich bem&auml;chtigen.</p>
+
+<p>Jetzt kam an sie die Reihe, an K&ouml;nig Atle vorbeizueilen.
+Sie sah, wie er sich erhob, sich dann zum Sprung duckte,
+um Ernst zu machen und sie zu fangen. In dieser h&ouml;chsten
+Not f&uuml;hlte sie: wenn sie sich jetzt entschlo&szlig;, am n&auml;chsten
+Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte
+er nicht die Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht.
+Sie kam zuletzt und die Drehungen waren nun so heftig,
+da&szlig; sie mehr geschleppt und gezogen wurde als selbst lief
+und M&uuml;he hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich
+sie in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte
+K&auml;mpe noch rascher. Die schweren Arme senkten sich auf
+sie hinab, die steinernen H&auml;nde ergriffen sie, zogen sie an
+die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer
+schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wu&szlig;te
+noch bis zuletzt: nur weil sie den Steink&ouml;nig im eignen
+<span class="pagenum"><a name="page_90" id="page_90"></a>90</span>Herzen nicht zu besiegen vermocht hatte, war K&ouml;nig Atle
+Gewalt &uuml;ber sie gegeben.</p>
+
+<p>Nun war es zu Ende mit Tanz und Fr&ouml;hlichkeit. Jofrid
+lag im Sterben. Sie war in dem rasenden Lauf an
+den K&ouml;nigsh&uuml;gel geschleudert worden und hatte von seinen
+Steinen den Todessto&szlig; empfangen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr4" id="nr4"></a><a href="#inhalt">Die Vogelfreien</a></h2>
+
+
+<p>Ein Bauer, der einen M&ouml;nch ermordet hatte, floh in
+den Wald und wurde ge&auml;chtet. In der Wildnis fand er
+einen andern friedlosen Mann, einen Fischer von den
+&auml;u&szlig;ersten Sch&auml;ren, der beschuldigt war, ein Heringsnetz
+gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen,
+wohnten in einer Erdh&ouml;hle, legten Fallen, schnitzten Pfeile,
+buken Brot auf einem Stein und wachten gegenseitig
+&uuml;ber ihr Leben. Der Bauer verlie&szlig; den Wald niemals,
+aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen
+hatte, nahm zuweilen die erlegten Tiere &uuml;ber die
+Schulter und schlich sich zu den Menschen hinunter. Da
+bekam er f&uuml;r den schwarzen Auerhahn und das blaugl&auml;nzende
+Birkhuhn, f&uuml;r den langohrigen Hasen und das
+feingliedrige Reh Milch und Butter, Pfeile und Kleider.
+So war es den Friedlosen m&ouml;glich, ihr Leben zu fristen.</p>
+
+<p>Die H&ouml;hle, in der sie hausten, war in einen H&uuml;gelabhang
+gegraben. Breite Steinplatten und dornige
+Schlehenb&uuml;sche deckten den Eingang. Auf dem Dach stand
+eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der
+Erdh&ouml;hle. Der emporsteigende Rauch wurde durch die
+dichten, nadelreichen Zweige des Baumes gesiebt und
+verschwand unmerklich im Raume.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu
+gehen, indem sie den Waldbach durchwateten, der unter
+dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte die Spur
+der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_91" id="page_91"></a>91</span>Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern
+versammelten sich wie zur Treibjagd auf B&auml;r und
+Wolf. Der Wald wurde von Bogensch&uuml;tzen umringt,
+Lanzentr&auml;ger gingen dort umher und lie&szlig;en keine dunkle
+Kluft, kein dichtes Gestr&uuml;pp unerforscht. W&auml;hrend die
+l&auml;rmende Treibjagd durch den Wald zog, lagen die Friedlosen
+in ihrer dunklen H&ouml;hle, atemlos lauschend, vor Angst
+keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus;
+er aber, der gemordet hatte, wurde von unertr&auml;glicher
+Angst ins Freie getrieben, wo er seinen Feind sehen
+konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies schien
+ihm tausendmal besser, als in ohnm&auml;chtiger Unt&auml;tigkeit
+still dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte
+&uuml;ber Abh&auml;nge, sprang &uuml;ber Str&ouml;me, erkletterte kerzengerade
+Felsw&auml;nde. Alle verborgne Kraft und Geschicklichkeit
+in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt.
+Sein K&ouml;rper ward elastisch wie eine Stahlfeder,
+der Fu&szlig; sprang nicht fehl, die Hand lie&szlig; nicht locker,
+Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf als einst.
+Er verstand das Fl&uuml;stern des Laubes und die Warnungen
+der Steine. Wenn er eine Anh&ouml;he erklettert hatte, wendete
+er sich gegen seine Verfolger und sandte ihnen Spottlieder
+mit bei&szlig;enden Reimen nach. Wenn die sausenden
+Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie
+gegen die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden
+Zweigen durchdr&auml;ngte, sang jemand in seinem Innern
+ein Loblied auf seine Gro&szlig;taten.</p>
+
+<p>Da lief der kahle Bergr&uuml;cken durch den Wald, und
+einsam auf seiner H&ouml;he stand die himmelhohe F&ouml;hre.
+Der braunrote Stamm war kahl, aber in der astreichen
+Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollk&uuml;hn war
+jetzt der Fliehende, da&szlig; er dort hinaufkletterte, w&auml;hrend
+die Verfolger ihn auf den bewaldeten Abh&auml;ngen suchten.
+Da sa&szlig; er und drehte den Jungen des Sperbers den
+Hals um, w&auml;hrend tief unter ihm die Jagd dahinzog.
+Sperber und Sperberweibchen schossen voll Rachbegier
+<span class="pagenum"><a name="page_92" id="page_92"></a>92</span>auf den R&auml;uber hinab. Sie flatterten um sein Gesicht,
+sie richteten die Schn&auml;bel auf seine Augen, sie schlugen
+ihn mit den Fl&uuml;geln und kratzten mit den Klauen blutige
+Streifen in seine wettergebr&auml;unte Haut. Lachend k&auml;mpfte
+er gegen sie an. In dem schwankenden Neste aufrechtstehend,
+hackte er mit seinem scharfen Messer nach ihnen
+und verga&szlig; &uuml;ber der Lust des Spieles die Lebensgefahr
+und die Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen,
+hatten sie sich nach einer andern Richtung entfernt.
+Niemandem war es in den Sinn gekommen, die
+Jagdbeute auf dem kahlen Bergr&uuml;cken zu suchen. Keiner
+hatte den Blick zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche
+und Schlafwandlertaten vollbringen zu sehen,
+w&auml;hrend sein Leben in &auml;u&szlig;erster Gefahr schwebte.</p>
+
+<p>Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender
+Hand griff er nach einer St&uuml;tze; schwindelnd ma&szlig;
+er die H&ouml;he, die er erklettert hatte. Und vor Angst zu
+fallen st&ouml;hnend, bange vor den V&ouml;geln, bange, gesehen
+zu werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab.
+Er legte sich auf den Berg nieder, um nicht gesehen zu
+werden und schleppte sich &uuml;ber das Ger&ouml;ll weiter, bis das
+Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den
+verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und
+kraftlos sank er in das Moos. Ein einziger Mann h&auml;tte
+ihn leichtlich fangen k&ouml;nnen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Tord war der Name des Fischers. Er z&auml;hlte nicht mehr
+als sechzehn Jahre, aber er war stark und k&uuml;hn. Er
+hatte schon ein Jahr im Walde gelebt.</p>
+
+<p>Der Bauer hie&szlig; Berg, mit dem Beinamen der Riese.
+Er war der gr&ouml;&szlig;te und st&auml;rkste Mann in der Gegend
+und dazu sch&ouml;n und wohlgewachsen. Er war breit um
+die Schultern und schlank um die Mitte. Seine H&auml;nde
+waren so wohlgebildet, als h&auml;tten sie niemals harte Arbeit
+<span class="pagenum"><a name="page_93" id="page_93"></a>93</span>gekostet. Das Haar war braun und das Antlitz zartgef&auml;rbt.
+Nachdem er einige Zeit im Walde verbracht
+hatte, nahm er in allen St&uuml;cken ein furchtbareres Aussehen
+an als fr&uuml;her. Seine Blicke wurden stechend, die
+Augenbrauen wuchsen buschig, und die Muskeln, die sie
+runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es trat
+auch deutlicher als fr&uuml;her hervor, wie der obere Teil seiner
+m&auml;chtigen Stirne &uuml;ber den untern vorragte. Die Lippen
+schlossen sich jetzt fester als einst, das ganze Gesicht wurde
+magrer, die Gr&uuml;bchen an der Stirn wurden sehr tief,
+und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor.
+Sein K&ouml;rper wurde weniger voll, aber seine Muskeln
+ballten sich eisenhart. Das Haar ergraute rasch.</p>
+
+<p>An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht
+sattsehen. Etwas so Sch&ouml;nes und Gewaltiges hatte er
+nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er hoch
+wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente
+ihm wie einem Herrn und betete ihn an wie einen Gott.
+Es verstand sich ganz von selbst, da&szlig; Tord den Jagdspeer
+trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer anmachte.
+Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an,
+g&ouml;nnte ihm aber fast nie ein freundliches Wort. Er verachtete
+ihn, weil er ein Dieb war.</p>
+
+<p>Die Friedlosen f&uuml;hrten kein R&auml;uber- oder Wegelagrerleben,
+sondern ern&auml;hrten sich durch Jagd und Fischerei.
+Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen Mann ermordet
+h&auml;tte, w&uuml;rden die Bauern wohl bald aufgeh&ouml;rt haben,
+ihn zu verfolgen, und h&auml;tten ihn oben im Gebirge in
+Frieden gelassen. Aber nun f&uuml;rchteten sie gro&szlig;es Unheil
+f&uuml;r die Gegend, weil der Mann, der Hand an einen
+Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging.
+Wenn Tord mit dem erlegten Wild ins Tal hinabkam,
+boten sie ihm gro&szlig;e Belohnungen und Vergebung seines
+eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der
+H&ouml;hle Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten,
+w&auml;hrend er schlief. Aber der Knabe weigerte sich
+<span class="pagenum"><a name="page_94" id="page_94"></a>94</span>immer, und wenn ihm jemand in den Wald nachschleichen
+wollte, dann f&uuml;hrte er ihn so schlau auf falsche
+F&auml;hrte, da&szlig; er die Verfolgung aufgeben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum
+Verrat bewegen wollten, und als er h&ouml;rte, welchen Lohn
+sie ihm boten, sagte er hohnvoll, da&szlig; Tord ein Einfaltspinsel
+w&auml;re, wenn er solch ein Anerbieten nicht ann&auml;hme.</p>
+
+<p>Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der
+Riese, desgleichen nie zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein
+sch&ouml;nes Weib in seiner Jugend, nie hatte seine Frau und
+seine Kinder ihn je so angesehen. &bdquo;Du bist mein Herr,
+mein freigew&auml;hlter Herrscher,&ldquo; sagte der Blick, &bdquo;wisse,
+da&szlig; du mich schlagen und beschimpfen kannst, soviel du
+willst. Ich bleibe doch treu.&ldquo;</p>
+
+<p>Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den
+Jungen und merkte, da&szlig; er mutig im Handeln, aber
+sch&uuml;chtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine
+Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder
+wenn das Moor im Fr&uuml;hling am gef&auml;hrlichsten war,
+wenn die Mor&auml;ste sich unter reichbl&uuml;hendem Wollgras
+und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am
+liebsten den Weg dar&uuml;ber. Es schien ihm ein Bed&uuml;rfnis
+zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum Ersatz
+f&uuml;r die St&uuml;rme und Schrecknisse auf dem Meere, denen
+er nicht mehr begegnete. Doch nachts f&uuml;rchtete er sich
+im Walde, und selbst am hellichten Tage konnte ein
+dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer
+umgest&uuml;rzten F&ouml;hre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn
+dar&uuml;ber befragte, war er zu scheu, um auch nur zu antworten.</p>
+
+<p>Tord pflegte nicht auf dem hinten in der H&ouml;hle, nahe
+dem Feuer aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich
+von Moos und warmen Fellen war, sondern er kroch
+jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang
+hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte
+dies, und obgleich er den Grund erraten konnte,
+<span class="pagenum"><a name="page_95" id="page_95"></a>95</span>fragte er, was dies zu bedeuten habe. Tord erkl&auml;rte es
+ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei
+N&auml;chte lang nicht mehr in der T&uuml;re, aber dann nahm er
+seinen Wachtposten wieder ein.</p>
+
+<p>Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel
+wehte und in das windgesch&uuml;tzte Dickicht wirbelte,
+drangen die tanzenden Schneefl&ouml;ckchen auch in die
+H&ouml;hle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten
+verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen
+erwachte, in eine schmelzende Schneewehe gebettet.
+Einige Tage sp&auml;ter wurde er krank. Die Lungen pfiffen,
+und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen,
+f&uuml;hlte er stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf
+den Beinen, als die Kr&auml;fte reichten. Aber als er sich
+eines Abends b&uuml;ckte, um das Feuer anzufachen, fiel er
+um und blieb liegen.</p>
+
+<p>Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er m&ouml;ge
+sich in sein Bett legen. Tord st&ouml;hnte vor Schmerz und
+vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg die Arme
+unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war
+ihm, als h&auml;tte er eine schl&uuml;pfrige Schlange ber&uuml;hrt, und auf
+der Zunge hatte er einen Geschmack, als h&auml;tte er von dem
+unheiligen Pferdefleisch gegessen, so ekelte es ihn, diesen
+elenden Dieb anzur&uuml;hren.</p>
+
+<p>Er breitete sein eignes, gro&szlig;es B&auml;renfell &uuml;ber ihn und
+reichte ihm Wasser, mehr konnte er nicht tun. Es war auch
+nicht gef&auml;hrlich. Tord wurde bald gesund. Aber dadurch,
+da&szlig; Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein Diener
+sein mu&szlig;te, waren sie einander n&auml;her gekommen. Tord
+wagte zu ihm zu sprechen, wenn er abends in der H&ouml;hle
+sa&szlig; und Pfeile schnitzte.</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist aus gutem Stamm, Berg,&ldquo; sagte Tord.
+&bdquo;Die Reichsten im Tal sind deine Verwandten. Deine
+Vorfahren haben K&ouml;nigen gedient und in ihren Burgen
+gek&auml;mpft.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Meistens haben sie in den Aufr&uuml;hrerscharen gek&auml;mpft
+<span class="pagenum"><a name="page_96" id="page_96"></a>96</span>und den K&ouml;nigen allen Schaden getan,&ldquo; erwiderte
+Berg, der Riese.</p>
+
+<p>&bdquo;Deine V&auml;ter gaben zu Weihnachten gro&szlig;e Gelage,
+und das tatest auch du, als du auf deinem Hofe sa&szlig;est.
+Hunderte von M&auml;nnern und Frauen konnten auf den
+B&auml;nken deiner gro&szlig;en Halle Platz finden, die schon erbaut
+war, ehe noch der heilige Olof hier in Viken taufte.
+Du hattest uralte Silberbecher und gro&szlig;e Trinkh&ouml;rner,
+die, mit Met gef&uuml;llt, von Mann zu Mann wanderten.&ldquo;</p>
+
+<p>Wieder mu&szlig;te Berg den Knaben ansehen. Er sa&szlig;
+mit herabh&auml;ngenden Beinen auf dem Bette, und der
+Kopf ruhte in den H&auml;nden, mit denen er zugleich die
+wilde Haarmasse zur&uuml;ckdr&auml;ngte, die ihm in die Stirn
+fiel. Das Gesicht war durch die Krankheit bleich und
+fein geworden. In den Augen leuchtete noch das Fieber.
+Er l&auml;chelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor:
+die geschm&uuml;ckte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten
+G&auml;ste und Berg, den Riesen, der in seiner
+V&auml;ter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der Bauer
+dachte, da&szlig; ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung
+leuchtenden Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern
+so herrlich gefunden hatte, wie der Knabe hier
+ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand.</p>
+
+<p>Er wurde ger&uuml;hrt und zornig zugleich. Dieser elende
+Dieb hatte kein Recht, ihn zu bewundern.</p>
+
+<p>&bdquo;Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?&ldquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>Tord lachte. &bdquo;Dort drau&szlig;en auf der Sch&auml;re bei Vater
+und Mutter! Vater ist ja ein Wrackpl&uuml;nderer und
+Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Deine Mutter ist eine Hexe?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist sie,&ldquo; antwortete Tord ohne jede Befangenheit.
+&bdquo;Bei st&uuml;rmischem Wetter reitet sie auf einem Seehund
+zu den Schiffen, &uuml;ber die die Sturzwellen hinsp&uuml;len,
+und wer dann in das Meer geschleudert wird, der
+geh&ouml;rt ihr.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_97" id="page_97"></a>97</span>&bdquo;Was f&auml;ngt sie mit ihnen an?&ldquo; fragte Berg.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht
+wohl Salben aus ihnen, oder vielleicht i&szlig;t sie sie. In
+Mondscheinn&auml;chten sitzt sie drau&szlig;en in der Brandung, wo
+sie am wei&szlig;esten ist, und der Schaum spr&uuml;ht &uuml;ber sie
+hin. Es hei&szlig;t, da&szlig; sie da sitzt und nach den Fingern und
+Augen ertrunkner Kinder sieht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist abscheulich,&ldquo; sagte Berg.</p>
+
+<p>Der Knabe antwortete mit gro&szlig;er Zuversicht: &bdquo;Es
+w&auml;re abscheulich f&uuml;r andre, aber nicht f&uuml;r Hexen. Die
+m&uuml;ssen es so machen.&ldquo;</p>
+
+<p>Berg schien es, da&szlig; dies eine neue Art war, Welt und
+Dinge zu betrachten.</p>
+
+<p>&bdquo;M&uuml;ssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern
+m&uuml;ssen?&ldquo; fragte er scharf.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, gewi&szlig;,&ldquo; antwortete der Knabe, &bdquo;jeder mu&szlig; tun,
+wozu er bestimmt ist.&ldquo; Aber dann f&uuml;gte er mit einem
+versteckten L&auml;cheln hinzu: &bdquo;Es gibt aber auch Diebe,
+die niemals gestohlen haben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sag doch gerade heraus, was du meinst,&ldquo; sagte
+Berg.</p>
+
+<p>Der Knabe l&auml;chelte geheimnisvoll, stolz, ein unl&ouml;sbares
+R&auml;tsel zu sein. &bdquo;Es ist, als spr&auml;che man von
+V&ouml;geln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben spricht,
+die nicht stehlen.&ldquo;</p>
+
+<p>Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren.
+&bdquo;Man kann doch niemanden einen Dieb nennen,
+der nicht gestohlen hat,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, freilich nicht,&ldquo; sagte der Knabe und kniff die
+Lippen zusammen, wie um die Worte nicht durchzulassen.
+&bdquo;Wenn einer aber einen Vater h&auml;tte, der stiehlt,&ldquo; warf
+er nach einem Weilchen hin.</p>
+
+<p>&bdquo;Geld und Gut erbt man,&ldquo; wandte Berg ein, &bdquo;aber
+den Namen Dieb tr&auml;gt keiner, der ihn nicht erworben
+hat.&ldquo;</p>
+
+<p>Tord lachte leise. &bdquo;Und wenn einer eine Mutter hat,
+<span class="pagenum"><a name="page_98" id="page_98"></a>98</span>die einen bittet und anfleht, des Vaters Verbrechen auf
+sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem Henker ein
+Schnippchen schl&auml;gt und in den Wald flieht. Und wenn
+man dann f&uuml;r vogelfrei erkl&auml;rt wird, eines Fischnetzes
+wegen, das man gar nie gesehen hat?&ldquo;</p>
+
+<p>Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den
+Tisch. Er war zornig. Da war nun dieses sch&ouml;ne junge
+Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben fortgeworfen.
+Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter
+M&auml;nnern konnte er f&uuml;rderhin gewinnen. Die elende
+Sorge um Speise und Trank war alles, was ihm &uuml;brig
+blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, da&szlig; er,
+Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er
+schalt ihn mit strengen Worten, aber Tord hatte nicht
+einmal soviel Angst wie das kranke Kind vor der Mutter,
+wenn sie es schilt, weil es sich erk&auml;ltet hat, als es
+durch den Fr&uuml;hlingsbach watete.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler
+See. Er war viereckig, mit so geraden Ufern und so
+scharfen Winkeln, als w&auml;re er von Menschen gegraben.
+Auf drei Seiten war er von steilen Felsw&auml;nden umgeben,
+an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln
+festklammerten. Unten am See, wo das Erdreich so allm&auml;hlich
+weggeschwemmt worden war, ragten diese Wurzeln
+aus dem Wasser auf, nackt und gekr&uuml;mmt, und
+wunderbar ineinander verschlungen. Es war wie eine
+ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus dem
+Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt
+hatten und so stehen geblieben waren. Oder es
+war eine Menge dunkler Skelette ertrunkner Riesen, die
+der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine
+verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten
+<span class="pagenum"><a name="page_99" id="page_99"></a>99</span>sich in den harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten
+Rundbogen, die uralte B&auml;ume trugen. Es war
+doch vorgekommen, da&szlig; die eisernen Arme, die stahlharten
+Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten,
+nachgegeben hatten. Und ein gewaltiger
+Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom
+Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem
+Wipfel voran war sie tief in den Schlammgrund eingedrungen
+und dort h&auml;ngen geblieben. Jetzt hatte die
+Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen,
+aber die Wurzeln ragten &uuml;ber das Wasser hinaus,
+wie ein vielarmiges Ungeheuer, und die schwarzen Wurzelzweige
+trugen mit dazu bei, den Sumpfsee h&auml;&szlig;lich
+und erschreckend zu machen.</p>
+
+<p>Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge.
+Da entf&uuml;hrte ein kleiner, sch&auml;umender Bach sein
+Wasser. Ehe dieser Bach den einzig m&ouml;glichen Weg finden
+konnte, mu&szlig;te er zwischen Steinen und Erdh&uuml;geln
+suchen und bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige
+nur eine Scholle gro&szlig;, andre etwa zwanzig B&auml;ume tragend.</p>
+
+<p>Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen,
+gediehen auch Laubb&auml;ume. Hier standen durstige
+graugr&uuml;ne Erlen und glattbl&auml;ttrige Weiden. Die
+Birke war da, wie sie &uuml;berall zur Stelle ist, wo es gilt,
+den Nadelwald zu verdr&auml;ngen, und der Faulbaum und
+die Eberesche, diese beiden, die gew&ouml;hnlich die Waldwiesen
+bes&auml;umen, sie mit ihrem Duft erf&uuml;llen und mit
+ihrem Reiz umkr&auml;nzen.</p>
+
+<p>Hier beim Ausflu&szlig; war auch ein mannshoher Schilfwald,
+durch den das Sonnenlicht gr&uuml;n &uuml;ber das Wasser
+fiel, wie es im richtigen Walde &uuml;ber das Moos f&auml;llt.
+Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche,
+und da schwammen die Seerosen. Die hohen Halme
+sahen mit mildem Ernst auf diese zarten Sch&ouml;nheiten
+herab, die verdrie&szlig;lich ihre wei&szlig;en Bl&auml;tter und gelben
+<span class="pagenum"><a name="page_100" id="page_100"></a>100</span>Stempel in lederharten H&uuml;llen verwahrten, sowie die
+Sonne sich nicht zeigen wollte.</p>
+
+<p>An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an
+diesen See, um zu fischen. Sie wateten zu ein paar
+gro&szlig;en Steinen im Binsenwalde und sa&szlig;en da und warfen
+den gr&uuml;ngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen,
+K&ouml;der hin.</p>
+
+<p>Diese M&auml;nner, die stets im Walde und im Gebirge
+umherstreiften, waren, ohne da&szlig; sie selbst darum wu&szlig;ten,
+ebensosehr unter die Herrschaft der Naturm&auml;chte geraten,
+wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden
+sie offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die
+Sonne verschwunden war, verstummten sie, und die
+Nacht, die ihnen viel gr&ouml;&szlig;er und gewaltiger vorkam, als
+der Tag, machte sie &auml;ngstlich und ohnm&auml;chtig. Jetzt
+versetzte sie das gr&uuml;ne Sonnenlicht, das durch das Schilf
+einfiel und das Wasser goldgestreift, braun und schwarzgr&uuml;n
+f&auml;rbte, in eine Art Wunderstimmung. Die Aussicht
+war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in
+einem unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die
+langen, band&auml;hnlichen Bl&auml;tter flatterten ihnen ins Gesicht.
+Sie sa&szlig;en in grauen Fellgew&auml;ndern auf den grauen
+Steinen. Die F&auml;rbung des Felles ahmte die T&ouml;nung des
+verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gef&auml;hrten
+in seinem Schweigen und seiner Regungslosigkeit
+in ein Steinbild verwandelt. Aber drinnen durch das
+Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem
+R&uuml;cken. Als die M&auml;nner die Angelhaken auswarfen und
+sahen, wie sich die Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde
+die Bewegung immer st&auml;rker und st&auml;rker, bis sie merkten,
+da&szlig; sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe,
+halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und
+schlief. Sie lag auf dem R&uuml;cken mit dem ganzen Leibe
+unter dem Wasserspiegel. Die Wellen schlossen sich so
+eng an den K&ouml;rper an, da&szlig; sie sie vorher nicht bemerkt
+hatten. Ihre Atemz&uuml;ge lie&szlig;en die Wellen nicht ruhen.
+<span class="pagenum"><a name="page_101" id="page_101"></a>101</span>Doch es war nichts Wunderliches darin, da&szlig; sie dalag,
+und als sie im n&auml;chsten Augenblick verschwunden war,
+wu&szlig;ten sie nicht recht, ob es nicht nur eine Sinnest&auml;uschung
+gewesen war.</p>
+
+<p>Das gr&uuml;ne Licht drang wie ein s&uuml;&szlig;er Rausch durch
+die Augen in das Hirn. Die M&auml;nner sa&szlig;en da und
+starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend,
+die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang
+fiel schlecht aus, der Tag geh&ouml;rte Tr&auml;umen und Offenbarungen.</p>
+
+<p>Da ert&ouml;nten Ruderschl&auml;ge im Schilf, und sie schreckten
+wie aus dem Schlummer auf. Im n&auml;chsten Augenblick
+zeigte sich ein Eichenstamm, schwer, ohne jede Kunstfertigkeit
+ausgeh&ouml;hlt, moosbewachsen und mit Rudern,
+schmal wie St&auml;bchen. Ein junges M&auml;dchen, das Seerosen
+geholt hatte, ruderte ihn. Sie hatte dunkelbraunes
+Haar, das in schwere Z&ouml;pfe geflochten war, und gro&szlig;e
+dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre
+Bl&auml;sse schimmerte rosig und nicht grau. Die Wangen
+waren nicht lebhafter gef&auml;rbt als das &uuml;brige Gesicht,
+kaum die Lippen. Sie trug ein wei&szlig;es Leinenleibchen
+und einen Lederg&uuml;rtel mit goldner Schlie&szlig;e. Der Rock
+war blau mit rotem Saum. Sie ruderte dicht an den
+Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie verhielten sich
+atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden,
+sondern nur um sie so recht sehen zu k&ouml;nnen. Sobald
+sie verschwunden war, verwandelten sie sich gleichsam
+wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie sahen einander
+l&auml;chelnd an.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie ist wei&szlig; wie die Seerosen,&ldquo; sagte der eine. &bdquo;Sie
+ist dunkel&auml;ugig wie das Wasser dr&uuml;ben unter den Tannenwurzeln.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie waren so &uuml;berm&uuml;tig, da&szlig; sie lachen wollten, richtig
+lachen, wie man nie zuvor an diesem See gelacht hatte,
+lachen, so da&szlig; die Felsw&auml;nde von dem Echo erzitterten
+und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken l&ouml;sten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_102" id="page_102"></a>102</span>&bdquo;Schien sie dir sch&ouml;n?&ldquo; fragte Berg, der Riese.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, ich wei&szlig; nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest
+wohl, sie sei die Seejungfrau?&ldquo;</p>
+
+<p>Und wieder sch&uuml;ttelte sie dieselbe t&ouml;richte Lachlust.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen.
+Er hatte die Leiche am hellichten Tage am Strand
+gefunden und war gar nicht erschrocken, aber nachts hatte
+er furchtbare Tr&auml;ume getr&auml;umt. Er sah ein Meer, in
+dem jede Welle einen toten Mann zu seinen F&uuml;&szlig;en rollte.
+Er sah auch alle Inseln der Sch&auml;ren mit Ertrunknen
+bedeckt, die tot waren und dem Meere geh&ouml;rten, aber
+dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm
+drohen mit ihren welken, wei&szlig;en H&auml;nden.</p>
+
+<p>So ging es ihm auch jetzt. Das M&auml;dchen, das er im
+Schilfe gesehen hatte, kam in seinen Tr&auml;umen wieder.
+Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo das
+Sonnenlicht noch gr&uuml;ner war als im Schilf, und er
+hatte Zeit, zu sehen, da&szlig; sie sch&ouml;n war. Er tr&auml;umte, da&szlig;
+er auf der gro&szlig;en Tannenwurzel mitten in dem dunklen
+See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich
+so, da&szlig; er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien
+sie auf den kleinen Inselchen. Sie stand unter den roten
+Ebereschen und lachte ihn aus. Im letzten Traumbild
+brachte er es so weit, da&szlig; sie ihn k&uuml;&szlig;te. Es ward fr&uuml;her
+Morgen, und er h&ouml;rte, da&szlig; Berg aufgestanden war,
+aber er schlo&szlig; hartn&auml;ckig die Augen, um weiter zu tr&auml;umen.
+Als er erwachte, war er ganz wirr und bet&auml;ubt
+von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er
+dachte jetzt viel mehr an das M&auml;dchen, als am Tage
+vorher.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_103" id="page_103"></a>103</span>Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu
+fragen, ob er ihren Namen wisse.</p>
+
+<p>Berg sah ihn pr&uuml;fend an. &bdquo;Vielleicht ist es am besten,
+wenn du es gleich erf&auml;hrst,&ldquo; sagte er. &bdquo;Es war Unn.
+Wir sind Verwandte.&ldquo;</p>
+
+<p>Da wu&szlig;te Tord, da&szlig; um dieser bleichen Maid willen
+Berg, der Riese, friedlos durch Wald und Gebirge zog.
+Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was er von
+ihr wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter
+war tot, so da&szlig; sie das Regiment auf ihres Vaters Hof
+f&uuml;hrte. Dies gefiel ihr, denn sie war herrschs&uuml;chtig, und
+sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen.</p>
+
+<p>Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder,
+und es hie&szlig; schon lange, da&szlig; Berg lieber bei Unn und
+ihren M&auml;gden sa&szlig; und mit ihnen scherzte, als daheim
+auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun
+das gro&szlig;e Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde,
+hatte seine Frau einen M&ouml;nch aus Draksmark eingeladen,
+denn sie wollte, da&szlig; dieser Berg Vorw&uuml;rfe mache,
+weil er sie um einer andern Frau willen vernachl&auml;ssigte.
+Dieser M&ouml;nch war Berg und auch vielen andern wegen
+seines Aussehens verha&szlig;t. Er war sehr feist und ganz
+wei&szlig;. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die
+Augenbrauen &uuml;ber seinen w&auml;sserigen Augen, die Gesichtsfarbe,
+die H&auml;nde und die Kutte, alles war wei&szlig;. Viele
+konnten seinen Anblick kaum ertragen.</p>
+
+<p>Bei der Tafel nun, so da&szlig; alle G&auml;ste es h&ouml;ren konnten,
+sagte dieser M&ouml;nch&nbsp;&ndash; denn er war unerschrocken
+und meinte, da&szlig; seine Worte besser wirken w&uuml;rden, wenn
+viele sie vernahmen&nbsp;&ndash;: &bdquo;Man pflegt zu sagen, da&szlig; der
+Kuckuck der schlechteste der V&ouml;gel ist, weil er seine Jungen
+nicht im eignen Neste aufzieht, aber hier sitzt ein
+Mann, der nicht f&uuml;r Heim und Kinder sorgt, sondern
+seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich
+den schlechtesten der M&auml;nner nennen.&ldquo;&nbsp;&ndash; Da stand
+<span class="pagenum"><a name="page_104" id="page_104"></a>104</span>Unn auf. &bdquo;Dies, Berg, geht auf dich und mich,&ldquo; sagte
+sie. &bdquo;Nie bin ich so beschimpft worden, aber freilich,
+mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.&ldquo; Sie
+wendete sich, um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach.
+&bdquo;R&uuml;hre mich nicht an,&ldquo; rief sie. &bdquo;Nie mehr will ich
+dich sehen.&ldquo; Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte
+sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit
+flammenden Augen geantwortet, das m&uuml;sse er selbst
+am besten wissen. Da ging Berg hin und erschlug den
+M&ouml;nch.</p>
+
+<p>Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken
+versunken, denn nach einem Weilchen sagte Berg: &bdquo;Du
+h&auml;ttest sie, Unn, sehen sollen, als der wei&szlig;e M&ouml;nch
+gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder
+um sich und fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter
+Unn zu, damit sie sich auf ewige Zeiten die einpr&auml;gten,
+die ihren Vater zum M&ouml;rder gemacht hatte. Aber Unn
+stand gelassen da und so sch&ouml;n, da&szlig; die M&auml;nner erbebten.
+Sie dankte mir f&uuml;r die Tat und hie&szlig; mich
+allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich, kein
+R&auml;uber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen,
+als bis ich es f&uuml;r eine ebenso gerechte Sache brauchen
+k&ouml;nnte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Deine Tat hatte sie erh&ouml;ht,&ldquo; sagte Tord.</p>
+
+<p>Hier stand nun Berg vor demselben R&auml;tsel, wor&uuml;ber
+er sich schon fr&uuml;her bei dem Knaben gewundert hatte.
+Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide, er verurteilte
+niemals das, was unrecht war. Er kannte keine
+Verantwortlichkeit. Was geschehen mu&szlig;te, das geschah.
+Gott, Christus und die Heiligen kannte er, aber nur
+dem Namen nach, so wie man die G&ouml;tter fremder L&auml;nder
+kennt. Die Gespenster der Sch&auml;ren waren seine G&ouml;tter.
+An die Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter
+ihn glauben gelehrt.</p>
+
+<p>Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das
+ebenso t&ouml;richt war, als wenn er einen Strick f&uuml;r seinen
+<span class="pagenum"><a name="page_105" id="page_105"></a>105</span>eignen Hals gedreht h&auml;tte. Er stellte dem Unwissenden
+den gro&szlig;en Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit,
+den R&auml;cher der Missetaten, der die Schuldigen in
+ewige Pein hinabst&uuml;rzt. Und er lehrte ihn Christus und
+seine Mutter lieben, und die heiligen M&auml;nner und
+Frauen, die mit gefalteten H&auml;nden vor Gottes Thron
+liegen, um den Zorn des gro&szlig;en R&auml;chers von den s&uuml;ndigen
+Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles, was
+die Menschen tun, um Gottes Zorn zu vers&ouml;hnen. Er
+zeigte ihm die Pilgerscharen, die zu heiligen St&auml;tten
+ziehen, die selbstqu&auml;lerischen B&uuml;&szlig;er und die Flucht der
+M&ouml;nche vom Weltleben.</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend er sprach, wurde der Knabe eifriger und
+blasser, seine Augen &ouml;ffneten sich weit wie vor furchtbaren
+Gesichten. Berg, der Riese, wollte aufh&ouml;ren, aber
+der Strom der Gedanken ri&szlig; ihn fort, und er sprach
+weiter. Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze
+Waldesnacht, in der die K&auml;uzchen schreien. Gott kam
+ihnen so nahe, da&szlig; sie sahen, wie sein Thron die Sterne
+verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die
+Waldwipfel herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die
+Flammen der Unterwelt zu der platten Scheibe der Erde
+empor und beleckten gierig diesen schwanken Zufluchtsort
+qualbedr&uuml;ckter Menschengeschlechter.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm
+wehte. Tord ging allein durch den Wald, um Schlingen
+und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese, sa&szlig;
+daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg
+f&uuml;hrte hinauf zu einer bewaldeten H&ouml;he. Der Pfad war
+breit.</p>
+
+<p>Jeder Windsto&szlig;, der durch die dichten B&auml;ume dringen
+konnte, fegte das trockne Laub in raschelnden Wirbeln
+<span class="pagenum"><a name="page_106" id="page_106"></a>106</span>den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums andre vor,
+als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um.
+Zuweilen blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann
+merkte er, da&szlig; es die Bl&auml;tter und der Wind waren, und
+er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann, h&ouml;rte
+er jemanden auf leisen Sohlen den H&uuml;gel hinauftanzen.
+Kleine Kinderf&uuml;&szlig;e kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister
+spielten hinter ihm. Wenn er sich umwendete, war
+niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust gegen
+die raschelnden Bl&auml;tter und ging weiter. Sie verstummten
+nicht, aber sie nahmen einen andern Ton an. Sie
+begannen hinter ihm zu zischen und zu schnauben. Eine
+gro&szlig;e Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing
+ihr aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend
+von den verschrumpften Bl&auml;ttern ab. Neben der
+Schlange schlich ein Wolf, ein gro&szlig;er, magrer Geselle,
+der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren, wenn
+die Natter sich zwischen seine F&uuml;&szlig;e schl&auml;ngelte und ihn
+in die Ferse stach. Manchmal waren sie beide ganz still,
+wie um ihm unbemerkt zu nahen, aber gleich darauf
+verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen
+schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord
+ging unwillk&uuml;rlich immer rascher, aber die Tiere eilten
+ihm nach. Als er glaubte, da&szlig; sie nur zwei Schritte
+entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er
+sich um. Es war niemand da, und das hatte er die
+ganze Zeit gewu&szlig;t.</p>
+
+<p>Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen.
+Da gaukelten die trocknen Bl&auml;tter zu seinen F&uuml;&szlig;en, wie
+um ihn zu erg&ouml;tzen. Da waren sie, alle Bl&auml;tter des
+Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte
+Ebereschenbl&auml;tter, die trocknen schw&auml;rzlichbraunen Bl&auml;tter
+der Ulme, die z&auml;hen lichtroten der Espe, und die
+goldgr&uuml;nen der Palmweide. Verwandelt und verschrumpft,
+narbig und abgesto&szlig;en waren sie, sehr verschieden
+von den daunenweichen, lichtgr&uuml;nen feingeformten
+<span class="pagenum"><a name="page_107" id="page_107"></a>107</span>Bl&auml;ttchen, die sich vor ein paar Monaten aus den
+Knospen entrollt hatten.</p>
+
+<p>&bdquo;S&uuml;nder,&ldquo; sagte der Knabe, &bdquo;S&uuml;nder, nichts ist rein
+vor Gott. Die Flammen seines Zornes haben euch schon
+erreicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald
+unter sich wogen wie ein sturmgepeitschtes Meer, doch
+unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er h&ouml;rte
+nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll
+Stimmen.</p>
+
+<p>Es klang wie Fl&uuml;stern, wie Klagelieder, wie barsche
+Drohungen, wie dr&ouml;hnende Fl&uuml;che. Es lachte, und es
+klagte, es war wie das L&auml;rmen von vielen Menschen.
+Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und
+zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war,
+machte seine Gedanken wild. Er f&uuml;hlte wieder Todesangst
+wie damals, als er auf dem Boden seiner H&ouml;hle
+lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder
+h&ouml;rte er das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte
+der Volksmenge, das Klirren der Waffen, die dr&ouml;hnenden
+Rufe, das wilde, blutd&uuml;rstige Gemurmel, das aus
+der Menge aufstieg.</p>
+
+<p>Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas
+andres, noch Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten
+konnte, ein Gewirr von Stimmen, die eine fremde
+Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere
+St&uuml;rme als diesen durch das Takelwerk brausen geh&ouml;rt.
+Aber nie zuvor hatte er den Wind auf einer so vielstimmigen
+Harfe spielen h&ouml;ren. Jeder Baum hatte seine
+Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die
+Pappel nicht wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren
+Ton, das Echo jeder Felswand seinen eignen Klang.
+Und das Rieseln der B&auml;che und der Schrei des Fuchses
+mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles
+das konnte er deuten, es ert&ouml;nten andre, wunderbarere
+Laute. Und diese bewirkten es, da&szlig; es anfing, in ihm
+<span class="pagenum"><a name="page_108" id="page_108"></a>108</span>um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen
+und zu jammern.</p>
+
+<p>Er hatte sich immer gef&uuml;rchtet, wenn er allein im
+Waldesdunkel war. Er liebte das offne Meer und die
+nackten Klippen. Zwischen den B&auml;umen schlichen Geister
+und Schatten einher.</p>
+
+<p>Mit einem Male h&ouml;rte er, wer es war, der im Sturme
+sprach. Gott war es, der gro&szlig;e R&auml;cher, der Gott der
+Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes wegen. Er
+verlangte, da&szlig; er den M&ouml;rder des M&ouml;nches seiner Rache
+ausliefere.</p>
+
+<p>Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er
+sagte Gott, was er hatte tun wollen, aber nicht vermocht
+hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten wollen, sich
+mit Gott zu vers&ouml;hnen, aber er war zu sch&uuml;chtern gewesen.
+Die Scheu hatte ihn stumm gemacht. &bdquo;Als ich
+erfuhr, da&szlig; die Erde von einem gerechten Gott gelenkt
+wird,&ldquo; rief er, &bdquo;da erkannte ich, da&szlig; er ein verlorener
+Mann sei. N&auml;chtelang habe ich dagelegen und &uuml;ber
+meinen Freund geweint. Ich wu&szlig;te, da&szlig; Gott ihn finden
+mu&szlig;, wo er sich auch verbergen mag. Aber ich
+vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil
+ich ihn zu sehr liebe. Verlange nicht, da&szlig; ich mit ihm
+spreche, verlange nicht, da&szlig; das Meer sich so hoch wie
+die Berge erhebe.&ldquo;</p>
+
+<p>Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe
+Stimme, die f&uuml;r ihn Gottes Stimme gewesen war. Mit
+einem Male kam Windstille und greller Sonnenschein
+und ein Pl&auml;tschern wie von Rudern und ein leises Rascheln
+wie von steifen Schilfbl&auml;ttern. Diese sanften Laute
+zauberten ihm Unns Bild vor die Seele.&nbsp;&ndash; Der Friedlose
+kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht
+Frauen, nicht Ansehen unter den M&auml;nnern.&nbsp;&ndash; Wenn er
+Berg verriet, kam er wieder unter die Hut der Gesetze.&nbsp;&ndash;
+Aber Unn mu&szlig;te Berg lieben, nach dem, was er f&uuml;r
+sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_109" id="page_109"></a>109</span>Als der Sturm zunahm, h&ouml;rte er wieder Schritte
+hinter sich und ab und zu ein atemloses Keuchen. Jetzt
+wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wu&szlig;te, da&szlig; der
+wei&szlig;e M&ouml;nch hinter ihm war. Er kam von dem Feste
+in Bergs Hause, blutbespritzt mit einer klaffenden
+Wunde in der Stirn. Und er fl&uuml;sterte: &bdquo;Gib ihn an,
+verrate ihn, rette seine Seele. &Uuml;berliefre seinen Leib dem
+Scheiterhaufen, auf da&szlig; seine Seele verschont werde.
+&Uuml;berantworte ihn der langen Qual der Folterbank, auf
+da&szlig; seine Seele Zeit habe, zu bereuen.&ldquo;</p>
+
+<p>Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und
+f&uuml;r sich nichts war, wuchs, da es so unaufh&ouml;rlich seine
+Seele verfolgte, zu etwas Gro&szlig;em, Entsetzlichem an. Er
+wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann, ert&ouml;nte
+wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme
+Gottes war. Gott selbst jagte ihn mit Schrecksch&uuml;ssen,
+damit er den M&ouml;rder ausliefre. Verabscheuungsw&uuml;rdiger
+denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein waffenloser
+Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem
+Stahl durchbohrt worden. Das hie&szlig; dem Herrn der
+Welten trotzen. Und der M&ouml;rder wagte, zu leben. Er
+freute sich des Sonnenlichtes und der Fr&uuml;chte der Erde,
+als ob der Arm des Allm&auml;chtigen zu kurz w&auml;re, um ihn
+zu erreichen.</p>
+
+<p>Er blieb stehen, ballte die F&auml;uste und schrie drohende
+Worte. Dann eilte er wie ein Wahnsinniger aus dem
+Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal hinab.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so
+waren sogleich zehn M&auml;nner bereit, ihm zu folgen. Es
+wurde beschlossen, da&szlig; Tord allein in die H&ouml;hle gehen
+sollte, damit Berg nicht mi&szlig;trauisch werde. Aber unterwegs
+sollte er Erbsen ausstreuen, damit die M&auml;nner den
+Weg finden konnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_110" id="page_110"></a>110</span>Als Tord in die H&ouml;hle trat, sa&szlig; der Vogelfreie auf
+der Steinbank und n&auml;hte. Der Feuerschein war matt,
+und die Arbeit schien schlecht vonstatten zu gehen. Das
+Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche
+Berg deuchte ihm arm und ungl&uuml;cklich. Und das einzige,
+was er sein Eigen nannte, das Leben, sollte ihm nun
+genommen werden. Tord begann zu weinen.</p>
+
+<p>&bdquo;Was hast du?&ldquo; fragte Berg. &bdquo;Bist du krank? Bist
+du erschrocken?&ldquo;</p>
+
+<p>Zum ersten Male erz&auml;hlte da Tord von seiner Angst.
+&bdquo;Es war unheimlich im Walde. Ich h&ouml;rte Geister und
+sah Gespenster. Ich sah wei&szlig;e M&ouml;nche.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gottes Tod, Junge!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen
+Weg zum Bredfelsen hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte,
+aber sie kamen mit und sangen. Kann ich das Unwesen
+nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen?
+Ich meine, sie k&ouml;nnten einem die Messe lesen, der es
+n&ouml;tiger hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bist du heute abend ganz toll, Tord?&ldquo;</p>
+
+<p>Tord sprach und wu&szlig;te kaum, welcher Worte er sich
+bediente. Alle Scheu war von ihm gewichen. Unbehindert
+str&ouml;mte die Rede von seinen Lippen.</p>
+
+<p>&bdquo;Es sind lauter wei&szlig;e M&ouml;nche, wei&szlig;, leichenbla&szlig;.
+Alle haben sie Blut auf der Kutte. Sie ziehen die
+Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet doch
+hervor. Die gro&szlig;e, rote, klaffende Wunde nach dem
+Axthieb.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Die gro&szlig;e, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum mu&szlig; ich
+sie sehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das m&ouml;gen die Heiligen wissen, Tord,&ldquo; sagte Berg,
+der Riese, bleich und mit d&uuml;sterm Ernst, &bdquo;was es bedeutet,
+da&szlig; du eine Wunde von einem Axthieb siehst.
+<span class="pagenum"><a name="page_111" id="page_111"></a>111</span>Ich habe den M&ouml;nch mit ein paar Messerstichen get&ouml;tet.&ldquo;</p>
+
+<p>Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die H&auml;nde.
+&bdquo;Sie verlangen dich von mir. Sie wollen mich zwingen,
+dich zu verraten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wer? Die M&ouml;nche?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, gewi&szlig;, die M&ouml;nche. Sie zeigen mir Gesichte.
+Sie zeigen mir sie, Unn. Sie zeigen mir das glitzernde,
+sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die Lagerpl&auml;tze der
+Fischer, wo Tanz und Fr&ouml;hlichkeit herrscht. Ich schlie&szlig;e
+die Augen, aber ich sehe dennoch. La&szlig;t mich in Frieden,
+sage ich. Mein Freund hat gemordet, aber er ist
+nicht b&ouml;se. La&szlig;t mich gehen, und ich will mit ihm sprechen,
+damit er bereut und Bu&szlig;e tut. Er wird seine
+S&uuml;nde gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide
+werden zu den St&auml;tten wallfahrten, die so heilig sind,
+da&szlig; alle S&uuml;nde von dem genommen wird, der ihnen
+naht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was antworteten da die M&ouml;nche?&ldquo; fragte Berg.
+&bdquo;Sie wollen meine Rettung nicht. Sie wollen mich auf
+den Scheiterhaufen und auf die Folterbank bringen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich
+sie,&ldquo; fuhr Tord fort. &bdquo;Er ist mein alles auf Erden.
+Er hat mich vom B&auml;r errettet, dessen Pranken auf
+meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und
+alles Ungemach erduldet. Er hat sein eignes B&auml;renfell
+&uuml;ber mich gebreitet, als ich krank lag. Ich habe Holz
+und Wasser f&uuml;r ihn getragen, ich habe seinen Schlummer
+bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht gef&uuml;hrt.
+Warum glauben sie, da&szlig; ich solch einer bin, der einen
+Freund verr&auml;t? Mein Freund wird bald aus freien
+St&uuml;cken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen
+wir zusammen in das Land der Vers&ouml;hnung.&ldquo;</p>
+
+<p>Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf
+Tords Gesicht. &bdquo;Du sollst selbst zum Priester gehen
+<span class="pagenum"><a name="page_112" id="page_112"></a>112</span>und ihm die Wahrheit sagen,&ldquo; sagte er. &bdquo;Du mu&szlig;t
+wieder hinab zu den Menschen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner
+S&uuml;nde willen verfolgt mich der Tote und alle Schatten.
+Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du hast deine
+Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist
+so wie deines. Es ist mir, als m&uuml;&szlig;te ich mich freuen,
+wenn ich dich an Rad und Galgen s&auml;he. Wohl dem, der
+in dieser Welt seine Strafe empf&auml;ngt und dem k&uuml;nftigen
+Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten
+Gott? Du zwingst mich, dich zu verraten. Hilf
+mir von dieser S&uuml;nde. Gehe zum Priester.&ldquo; Und er
+fiel vor Berg auf die Knie.</p>
+
+<p>Der M&ouml;rder legte die Hand auf seinen Kopf und sah
+ihn an. Er mu&szlig;te seine S&uuml;nde an der Angst des Gef&auml;hrten
+messen. Und sie stand gro&szlig; und grauenvoll vor
+seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen,
+der die Welt lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein
+Herz.</p>
+
+<p>&bdquo;Weh mir, da&szlig; ich tat, was ich getan,&ldquo; sagte er.
+&bdquo;Was meiner harrt, das ist zu schwer, um es freiwillig
+auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den Priestern aus,
+so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern.
+Sie werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist
+nicht dieses Leben des Elends, das wir in Angst und Not
+f&uuml;hren, Bu&szlig;e genug? Habe ich nicht Hof und Heim
+verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von
+allem, was eines Mannes Freude ist? Wessen bedarf
+es noch?&ldquo;</p>
+
+<p>Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen
+auf. &bdquo;Kannst du bereuen?&ldquo; rief er. &bdquo;K&ouml;nnen meine
+Worte dein Herz r&uuml;hren? O, dann komm gleich! Wie
+konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch
+ist es Zeit!&ldquo;</p>
+
+<p>Berg, der Riese, sprang auch auf. &bdquo;Du hast es also
+getan&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_113" id="page_113"></a>113</span>&bdquo;Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt
+rasch, da du bereuen kannst! Sie werden uns ziehen
+lassen! Wir m&uuml;ssen ihnen entkommen!&ldquo;</p>
+
+<p>Da beugte sich der M&ouml;rder zum Boden herab, wo
+seine von den V&auml;tern ererbte Streitaxt zu seinen F&uuml;&szlig;en
+lag. &bdquo;Du Sohn eines Diebes,&ldquo; sagte er, die Worte
+hervorzischend. &bdquo;Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut
+gewesen.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt b&uuml;ckte,
+da wu&szlig;te er, da&szlig; es nun sein Leben galt. Er ri&szlig; seine
+eigne Axt aus dem G&uuml;rtel und schlug nach Berg, ehe
+dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr
+zischend durch die Luft und drang in den herabgebeugten
+Kopf. Berg, der Riese, fiel mit dem Kopfe nach vorn
+zu Boden, der ganze K&ouml;rper taumelte nach. Blut und
+Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In
+dem struppigen Haar sah Tord ein gro&szlig;es, rotes, klaffendes
+Loch nach einem Axthieb.</p>
+
+<p>Jetzt st&uuml;rzten die Bauern herein. Sie freuten sich
+und priesen die Tat.</p>
+
+<p>&bdquo;Jetzt steht deine Sache gut,&ldquo; sagten sie zu Tord.</p>
+
+<p>Tord sah auf seine H&auml;nde herab, als s&auml;he er da die
+Fesseln, mit denen er herangeschleift worden war, um
+den zu t&ouml;ten, den er liebte. Sie waren wie die des
+Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den gr&uuml;nen
+Lichtern des Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten,
+aus dem Gesang des Sturmes, aus dem Rascheln des
+Laubes, aus dem Zauber der Tr&auml;ume waren sie gewoben.
+Und er sagte laut: &bdquo;Gott ist gro&szlig;!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber wieder verfiel er in seine fr&uuml;hern Gedanken.
+Er sank neben der Leiche auf die Knie und legte seinen
+Arm unter den Kopf des Freundes.</p>
+
+<p>&bdquo;Tut ihm nichts zuleide,&ldquo; sagte er. &bdquo;Er bereut, er
+will zum Heiligen Grabe pilgern. Er ist nicht tot, aber
+fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit, zu gehen,
+da fiel er. Der wei&szlig;e M&ouml;nch wollte wohl nicht, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_114" id="page_114"></a>114</span>er bereue, aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt
+die Reue.&ldquo;</p>
+
+<p>Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte
+und flehte den Toten an, aufzuwachen. Die Bauern
+bereiteten aus einigen Speeren eine Bahre. Sie wollten
+die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie
+hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in
+seiner N&auml;he. Als sie ihn auf die Bahre hoben, stand Tord
+auf, sch&uuml;ttelte die Haare aus dem Gesicht und sprach
+mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte:</p>
+
+<p>&bdquo;So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum M&ouml;rder
+machte, da&szlig; er von Tord, dem Fischer, dessen Vater
+ein Wrackpl&uuml;nderer und dessen Mutter eine Hexe ist,
+erschlagen ward, weil er ihn lehrte, da&szlig; die Grundfeste
+dieser Erde Gerechtigkeit hei&szlig;t.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr5" id="nr5"></a><a href="#inhalt">Reors Geschichte</a></h2>
+
+
+<p>War da ein Mann, der hie&szlig; Reor. Er war aus Fuglek&auml;rr
+im Kirchspiel Svarteborg und galt f&uuml;r den besten
+Sch&uuml;tzen der Gegend. Er wurde getauft, als K&ouml;nig Olof
+die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein
+eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm,
+sch&ouml;n, aber nicht hochgewachsen, stark, aber sanft. Er
+z&auml;hmte junge Fohlen mit Blick und Wort allein, und
+er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen V&ouml;glein
+an sich locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf,
+und die Natur hatte gro&szlig;e Macht &uuml;ber ihn. Das Wachstum
+der Pflanzen und das Knospen der B&auml;ume, das
+Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung
+des Barsches in dem abendstillen See, der Kampf der
+Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung, dies waren
+die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und
+<span class="pagenum"><a name="page_115" id="page_115"></a>115</span>Freude bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter
+den Menschen zutrug.</p>
+
+<p>Eines Tages tat der geschickte J&auml;ger einen guten Fang.
+Er traf im tiefen Waldesdickicht einen alten B&auml;ren und
+erlegte ihn mit einem einzigen Schu&szlig;. Die scharfe Spitze
+des gro&szlig;en Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen,
+und er sank dem J&auml;ger tot zu F&uuml;&szlig;en. Es war Sommer,
+und der Pelz des B&auml;ren war weder dicht noch glatt,
+dennoch zog der Sch&uuml;tze ihn ab, rollte ihn zu einem
+harten B&uuml;ndel zusammen und ging mit dem B&auml;renfell
+auf dem R&uuml;cken weiter.</p>
+
+<p>Er war noch nicht lange gewandert, als er einen &uuml;beraus
+starken Honigduft versp&uuml;rte. Der kam von den kleinen,
+bl&uuml;henden Pflanzen, die den Boden bedeckten. Sie
+wuchsen auf d&uuml;nnen Stielen, hatten lichtgr&uuml;ne, glatte
+Bl&auml;tter, die sehr sch&ouml;n ge&auml;dert waren, und auf der Spitze
+des Stengels ein kleines B&uuml;schelchen, das dicht mit wei&szlig;en
+Bl&uuml;ten besetzt war. Die kleinen Kronen waren nach
+winzigem Ma&szlig;stabe geraten, doch aus ihnen ragte eine
+kleine B&uuml;rste von Stempeln auf, deren bl&uuml;tenstaubgef&uuml;llte
+Kn&ouml;pfchen auf wei&szlig;en Saiten zitterten. Reor
+dachte, w&auml;hrend er so unter ihnen einherging, da&szlig; diese
+Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel
+standen, Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten.
+Der starke honigs&uuml;&szlig;e Duft war ihr Ruf, der
+verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die
+B&auml;ume und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag
+etwas Be&auml;ngstigendes in dem schweren Duft. Die Blumen
+hatten ihre Becher gef&uuml;llt und ihre Tischlein gedeckt,
+der gefl&uuml;gelten G&auml;ste harrend, aber niemand kam. Sie
+sehnten sich zu Tode in ihrer tr&uuml;ben Einsamkeit in dem
+dunkeln, windstillen Waldesdickicht. Sie schienen schreien
+und jammern zu wollen, weil die sch&ouml;nen Schmetterlinge
+nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo die
+Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es
+ihn, als s&auml;ngen sie zusammen ein eint&ouml;niges Lied:
+<span class="pagenum"><a name="page_116" id="page_116"></a>116</span>&bdquo;Kommt, ihr sch&ouml;nen G&auml;ste, kommt heute, denn morgen
+sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen
+Laub.&ldquo;</p>
+
+<p>Doch es sollte Reor verg&ouml;nnt sein, das frohe Ende
+des Blumenm&auml;rchens zu sehen. Er vernahm hinter sich
+ein Flattern wie das allerleiseste L&uuml;ftchen und sah einen
+wei&szlig;en Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken
+St&auml;mmen umherirren. Unruhig suchend flog er hin und
+wieder, als w&uuml;&szlig;te er den Weg nicht. Er war nicht
+allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im
+Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der wei&szlig;beschwingten
+Honigsucher versammelt war. Aber der erste
+war der Anf&uuml;hrer, und er fand, vom Dufte geleitet, die
+Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer
+herangest&uuml;rmt. Es st&uuml;rzte sich auf die sehns&uuml;chtigen Blumen,
+wie der Sieger sich auf die Beute st&uuml;rzt. Wie ein
+Schneefall von wei&szlig;en Fl&uuml;geln senkten sie sich auf sie
+herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um
+jede Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.</p>
+
+<p>Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm
+der honigs&uuml;&szlig;e Duft auf dem Fu&szlig;e, wohin er auch ging.
+Und er empfand, da&szlig; sich drinnen im Walde eine Sehnsucht
+verbarg, st&auml;rker als die der Blumen. Da&szlig; da
+etwas war, was ihn zu sich zog, so wie die Blumen die
+Schmetterlinge angelockt hatten. Er ging mit einer stillen
+Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines gro&szlig;en
+unbekannten Gl&uuml;ckes. Das einzige, was ihn &auml;ngstigte,
+war, ob er auch den Weg zu diesem finden konnte, was
+sich nach ihm sehnte.</p>
+
+<p>Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine wei&szlig;e
+Schlange. Er b&uuml;ckte sich, um das gl&uuml;ckbringende Tier
+aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den H&auml;nden
+und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen
+und lag still, doch als der Sch&uuml;tze wieder nach
+ihr griff, glitt sie so glatt wie Eis zwischen seinen Fingern
+durch. Nun war Reor ganz und gar darauf erpicht,
+<span class="pagenum"><a name="page_117" id="page_117"></a>117</span>das kl&uuml;gste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange
+nach, konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn
+von dem Pfade fort auf den ungebahnten Waldboden.</p>
+
+<p>Dieser war mit F&ouml;hren bestanden, und in einem F&ouml;hrenwalde
+findet man selten Rasen. Aber jetzt verschwand
+pl&ouml;tzlich das trockne Moos und die braunen Nadeln, Farrenkr&auml;uter
+und Prei&szlig;elbeerb&uuml;sche zogen sich zur&uuml;ck, und
+Reor f&uuml;hlte seidenweiches Gras unter seinen F&uuml;&szlig;en.
+&Uuml;ber der gr&uuml;nen Matte zitterten federleichte Blumenrispen
+auf sanftgeneigten Stengeln, und zwischen den
+langen schmalen Bl&auml;ttern zeigten sich die kleinen, halberbl&uuml;hten
+Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz
+kleine Stelle, und dar&uuml;ber breiteten die hochst&auml;mmigen
+F&ouml;hren ihre knorrigen, braunen &Auml;ste mit dichten Nadelb&uuml;scheln.
+Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen
+viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend
+hei&szlig;.</p>
+
+<p>Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine
+Felswand lotrecht aus dem Boden. Sie lag im hellen
+Sonnenschein, und man sah deutlich die moosigen Steinfl&auml;chen,
+die frischen Br&uuml;che, da wo der Winterfrost zuletzt
+gewaltige Bl&ouml;cke gel&ouml;st hatte, die gro&szlig;en Stauden
+Steinwurz, die die braunen Wurzeln in erdgef&uuml;llte Spalten
+dr&auml;ngten, und die zollbreiten Abs&auml;tze, wo die S&auml;ulenflechte
+ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und eine
+grasgr&uuml;ne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen
+grauen M&uuml;tzen erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.</p>
+
+<p>Diese Felswand schien in allen St&uuml;cken jeder andern
+Felswand zu gleichen, aber Reor bemerkte sogleich, da&szlig;
+er gerade vor die Giebelwand einer Riesenbehausung gekommen
+war, und er entdeckte unter Moos und Flechten
+die gro&szlig;en Angeln, auf denen das Steintor des Berges
+sich drehte.</p>
+
+<p>Er glaubte jetzt, da&szlig; die Schlange sich in das Gras
+verkrochen habe, um sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt
+<span class="pagenum"><a name="page_118" id="page_118"></a>118</span>in den Felsen schl&uuml;pfen konnte, und er gab die
+Hoffnung auf, sie zu fangen. Er sp&uuml;rte jetzt wieder den
+honigs&uuml;&szlig;en Duft der sehns&uuml;chtigen Blumen und merkte,
+da&szlig; hier oben unter der Bergwand eine erstickende Hitze
+herrschte. Es war auch seltsam still: kein Vogel r&uuml;hrte
+sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte
+alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung
+zu warten und zu lauschen. Reor war gleichsam in ein
+Gemach gekommen, wo er nicht allein war, obgleich er
+niemanden sah. Er hatte das Gef&uuml;hl, als ob jemand ihn
+beobachtete, es war ihm, als w&uuml;rde er erwartet. Er empfand
+keine Angst, nur ein wohliger Schauer durchrieselte
+ihn, so, als sollte er bald etwas &uuml;beraus Sch&ouml;nes zu
+sehen bekommen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange.
+Sie hatte sich nicht versteckt, sie war vielmehr auf einen
+der Bl&ouml;cke gekrochen, die der Frost von der Felswand abgesprengt
+hatte. Und dicht unter der wei&szlig;en Schlange sah
+er den lichten Leib eines M&auml;dchens, das im weichen Grase
+lag und schlief. Sie lag ohne andre Decke, als ein paar
+spinnwebd&uuml;nne Schleier, gerade als h&auml;tte sie sich dort
+hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im Elfenreigen
+getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden,
+federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch
+&uuml;ber der Schlafenden, so da&szlig; Reor nur undeutlich die
+weichen Linien ihres K&ouml;rpers gewahren konnte. Er trat
+auch nicht n&auml;her, um besser zu sehen, aber sein gutes
+Messer zog er aus der Scheide und warf es zwischen das
+M&auml;dchen und die Felswand, damit die den Stahl f&uuml;rchtende
+Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen konnte,
+wenn sie erwachte.</p>
+
+<p>Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen.
+Eines wu&szlig;te er sogleich, das M&auml;gdlein, das hier schlief,
+wollte er besitzen; aber noch war er nicht recht einig mit
+sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte.</p>
+
+<p>Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser
+<span class="pagenum"><a name="page_119" id="page_119"></a>119</span>kannte als die der Menschen, dem gro&szlig;en ernsten Walde
+und dem strengen Berge. &bdquo;Sieh,&ldquo; sagten sie, &bdquo;dir, der
+du die Wildnis liebst, geben wir unsre sch&ouml;ne Tochter.
+Besser ziemt sie dir als die T&ouml;chter der Ebene. Reor,
+bist du der edelsten Gabe w&uuml;rdig?&ldquo;</p>
+
+<p>Da dankte er in seinem Herzen der gro&szlig;en wohlt&auml;tigen
+Natur und beschlo&szlig;, das M&auml;dchen zu seiner Frau zu
+machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da er dachte,
+da&szlig; sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen
+hatte, sich bei dem Gedanken, da&szlig; sie so unverh&uuml;llt
+dagelegen habe, sch&auml;men w&uuml;rde, l&ouml;ste er die B&auml;renhaut
+von seinem R&uuml;cken, entrollte das steife Fell und
+warf den grauen zottigen Pelz des alten B&auml;ren &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>Doch als er dies tat, erdr&ouml;hnte hinter der Felswand
+ein Lachen, von dem die Erde erzitterte. Es klang nicht
+wie Hohn, nur so, als h&auml;tte jemand in gro&szlig;er Angst
+gewartet, der lachen mu&szlig;te, als er ganz pl&ouml;tzlich davon
+befreit wurde. Die furchtbare Stille und die dr&uuml;ckende
+Hitze hatten nun auch ein Ende. &Uuml;ber das Gras schwebte
+ein erquickender Wind, und die Nadeln begannen ihren
+rauschenden Gesang. Der gl&uuml;ckliche J&auml;ger f&uuml;hlte, da&szlig;
+der ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe,
+wie die Tochter der Wildnis von dem Menschensohn behandelt
+werden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Die Schlange schl&uuml;pfte jetzt in das hohe Gras; aber
+die Schlummernde lag in Zauberschlaf versunken und
+regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die grobe B&auml;renhaut,
+so da&szlig; nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte.
+Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten
+Riesen im Berge war, war sie doch zart und fein gebaut,
+und der starke Sch&uuml;tze hob sie in seine Arme und
+trug sie fort durch den Wald.</p>
+
+<p>Nach einem Weilchen f&uuml;hlte er, wie jemand seinen
+breitrandigen Hut abhob. Da sah er auf und merkte, da&szlig;
+des Riesen Tochter erwacht war. Sie sa&szlig; ganz ruhig in
+seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann
+<span class="pagenum"><a name="page_120" id="page_120"></a>120</span>aussah, der sie trug. Er lie&szlig; sie gew&auml;hren, er machte
+gr&ouml;&szlig;re Schritte, aber sagte nichts.</p>
+
+<p>Da mu&szlig;te sie wohl gemerkt haben, wie hei&szlig; ihm die
+Sonne auf den Kopf brannte, nachdem sie ihm den Hut
+abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum &uuml;ber seinen
+Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm
+nicht auf, sondern hielt ihn so, da&szlig; sie immerzu in sein
+Gesicht sehen konnte. Da deuchte es ihn, da&szlig; er nichts
+zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm trug er sie
+hinab zu seiner Mutter H&uuml;tte. Doch sein ganzes Wesen
+durchbebte Gl&uuml;ckseligkeit, und als er auf der Schwelle
+seines Heims stand, da sah er, wie die wei&szlig;e Schlange,
+die Gl&uuml;ck ins Haus bringt, unter die Grundmauer
+schl&uuml;pfte.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr6" id="nr6"></a><a href="#inhalt">Waldemar Attertag brandschatzt Visby</a></h2>
+
+
+<p>In dem Fr&uuml;hling, in dem Hellquists gro&szlig;es Bild
+&bdquo;Waldemar Attertag brandschatzt Visby&ldquo; im Kunstverein
+ausgestellt war, kam ich an einem stillen Vormittag
+hinauf, ohne zu ahnen, da&szlig; dieses Kunstwerk sich
+da befand. Die gro&szlig;e, farbenreiche Leinwand mit den
+vielen Gestalten machte schon beim ersten Anblick einen
+au&szlig;erordentlichen Eindruck. Ich konnte kein andres Bild
+ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte
+mich nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe
+Stunde lang lebte ich das Leben des Mittelalters.</p>
+
+<p>Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem
+Marktplatz von Visby abspielte. Ich sah die Bierbottiche,
+die sich mit dem goldnen Trank zu f&uuml;llen begannen, den
+K&ouml;nig Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich
+rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn
+mit dem Pagen, der unter seinen Gold- und Silbersch&uuml;sseln
+fast zusammenbricht, den jungen B&uuml;rger, der
+<span class="pagenum"><a name="page_121" id="page_121"></a>121</span>die Faust gegen den K&ouml;nig ballt, den M&ouml;nch mit dem
+scharfen Antlitz, das forschend die Majest&auml;t betrachtet,
+den zerlumpten Bettler, der sein Scherflein opfert, die
+Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist, den K&ouml;nig
+auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem
+schmalen G&auml;&szlig;chen heranw&auml;lzt, die hohen Hausgiebel und
+die zerstreuten Gruppen trotziger Soldaten und halsstarriger
+B&uuml;rger.</p>
+
+<p>Aber pl&ouml;tzlich merkte ich, da&szlig; die Hauptgestalt des
+Bildes nicht der K&ouml;nig ist, nicht einer der B&uuml;rger, sondern
+der eine der eisengepanzerten Schildtr&auml;ger des K&ouml;nigs,
+der mit dem gesenkten Visier.</p>
+
+<p>In diese Gestalt hat der K&uuml;nstler eine seltsame Kraft
+gelegt. Man sieht nicht das geringste von ihm selbst, der
+ganze Mann ist Eisen und Stahl, und doch macht er den
+Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,&ldquo; sagt er.
+&bdquo;Ich bin es, der Visby brandschatzt. Ich bin kein Mensch,
+ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe meine Lust an
+Qualen und Grausamkeit. M&ouml;gen sie einander nur peinigen.
+Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu
+Visby.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh,&ldquo; spricht er zu dem Betrachter, &bdquo;kannst du
+nicht sehen, da&szlig; ich hier Herr bin? Soweit dein Auge
+reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die einander
+qu&auml;len. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr
+Gold aus. Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen.
+Und die Begierde der Siegesherren wird immer wilder,
+je mehr Gold sie hervorpressen k&ouml;nnen. Was sind D&auml;nemarks
+K&ouml;nig und seine Soldaten andres als meine Diener,
+wenigstens f&uuml;r diesen Tag? Morgen werden sie zur
+Kirche gehen oder in friedlicher Zwiesprach in den Schenken
+sitzen oder vielleicht auch gute V&auml;ter sein im eignen
+Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie B&ouml;sewichte
+und Gewaltt&auml;ter.&ldquo;</p>
+
+<p>Und je l&auml;nger man ihm zuh&ouml;rt, desto besser versteht
+<span class="pagenum"><a name="page_122" id="page_122"></a>122</span>man, was das Bild ist: nichts andres als eine Illustration
+der alten M&auml;r, wie Menschen einander qu&auml;len k&ouml;nnen.
+Kein vers&ouml;hnender Zug ist da, nur grausame Gewalt.
+Und trotziger Ha&szlig; und hoffnungsloses Leiden.</p>
+
+<p>Es ist doch so, da&szlig; diese drei Br&auml;ukufen gef&uuml;llt werden
+m&uuml;ssen, auf da&szlig; Visby nicht gepl&uuml;ndert und einge&auml;schert
+werde. Warum kommen sie nicht, diese Hanseaten, in
+flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen
+nicht herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit
+seinem Becher, der Priester mit dem Reliquienschrein,
+eifrig, gl&uuml;hend von Opfermut? &bdquo;F&uuml;r dich, f&uuml;r dich,
+unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn
+es sich um dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser
+Ruhm! Nimm zur&uuml;ck, was du uns gegeben hast!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war
+es auch nicht. Keine Begeisterung, nur Zwang, nur geb&auml;ndigter
+Trotz, nur Jammer. Das Gold ist ihnen alles,
+Frauen und M&auml;nner seufzen &uuml;ber dies Gold, von dem sie
+sich trennen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh sie an!&ldquo; spricht die Gewalt, die auf den Stufen
+des Thrones steht. &bdquo;Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu
+opfern. Mag, wer da will, mit ihnen Mitleid haben!
+Geizig, gewinns&uuml;chtig, &uuml;berm&uuml;tig sind sie! Sie sind um
+nichts besser als der gierige R&auml;uber, den ich gegen sie
+ausgesandt habe.&ldquo;</p>
+
+<p>Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet
+es ihr so gro&szlig;es Leid, ihr Gold herzugeben! Oder
+ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie des Jammers Urheberin?
+Ist sie die, welche die Stadt verraten hat?
+Ja, sie ist es, die K&ouml;nig Waldemars Liebste gewesen.
+Es ist Jung-Hansens Tochter.</p>
+
+<p>Sie wei&szlig; wohl, da&szlig; sie ihr Gold nicht auszuliefern
+braucht. Ihres Vaters Haus wird dennoch nicht gepl&uuml;ndert,
+aber sie hat zusammengerafft, was sie besitzt und
+bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie
+<span class="pagenum"><a name="page_123" id="page_123"></a>123</span>von all dem Elend, das sie gesehen, &uuml;berw&auml;ltigt worden
+und in grenzenloser Verzweiflung zu Boden gesunken.</p>
+
+<p>Frisch und fr&ouml;hlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle,
+der voriges Jahr in ihres Vaters Haus
+diente. Herrlich war es, an seiner Seite &uuml;ber diesen selben
+Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den
+Giebeln hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete.
+Stolz war sie auf ihn gewesen, stolz auf ihren Vater,
+stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da, von Jammer
+gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt
+und grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung
+&uuml;ber die Stadt gebracht hat, ist er derselbe, der
+ihr z&auml;rtliche Worte zugefl&uuml;stert hat? Schlich sie sich
+zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht
+ihres Vaters Schl&uuml;ssel stahl und das Stadttor &ouml;ffnete?
+Und als sie ihren Goldschmiedegesellen als einen gewappneten
+Ritter traf mit einem stahlgepanzerten Heere hinter
+sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht wahnsinnig,
+da sie die st&auml;hlerne Flut sich durch das Tor w&auml;lzen sah,
+das sie ge&ouml;ffnet hatte? Zu sp&auml;t deine Klagen, o Jungfrau!
+Warum liebtest du den Feind deiner Stadt? Gefallen
+ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum
+st&uuml;rztest du dich nicht mitten im Tore nieder und lie&szlig;est
+dich von den eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest
+du leben, um den Verbrecher von des Himmels Blitzen
+getroffen zu sehen?</p>
+
+<p>O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und
+sch&uuml;tzt ihn. An heiligern Dingen als einer leichtgl&auml;ubigen
+Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal Gottes
+heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine
+bricht er aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe
+zu f&uuml;llen.</p>
+
+<p>Da &auml;ndern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung.
+Blindes Entsetzen packt alles Lebende. Der wildeste
+Kriegsknecht erbleicht, die B&uuml;rger wenden ihren Blick
+zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle
+<span class="pagenum"><a name="page_124" id="page_124"></a>124</span>erbeben, au&szlig;er der Gewalt auf den Stufen des Thrones
+und dem K&ouml;nig, der ihr Diener ist.</p>
+
+<p>Ich w&uuml;nschte, der K&uuml;nstler lebte noch, so da&szlig; er mich
+hinab zum Hafen von Visby f&uuml;hren und mir diese selben
+B&uuml;rger zeigen k&ouml;nnte, als sie mit den Blicken der fortsegelnden
+Flotte folgten. Sie rufen Verw&uuml;nschungen
+&uuml;ber die Wogen hin. &bdquo;Vernichtet sie,&ldquo; rufen sie, &bdquo;vernichtet
+sie! O Meer, du unser Freund, nimm unsre
+Sch&auml;tze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter
+den Gottlosen, unter den Treulosen!&ldquo;</p>
+
+<p>Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt,
+die auf dem k&ouml;niglichen Schiffe steht, nickt zustimmend.
+&bdquo;So ist es gut,&ldquo; sagt sie, &bdquo;verfolgen und
+verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. M&ouml;ge der Sturm
+und das Meer die r&auml;uberische Flotte zerst&ouml;ren und die
+Sch&auml;tze meines k&ouml;niglichen Dieners an sich raffen! Desto
+fr&uuml;her ist es uns beschieden, auf neue Verheerungsz&uuml;ge
+auszuziehen!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die B&uuml;rger auf dem Strande wenden sich um
+und sehen zu ihrer Stadt empor. Feuerflammen sind
+dort aufgelodert, Pl&uuml;nderung ist &uuml;ber sie hingezogen,
+hinter zersprungenen Scheiben g&auml;hnen verw&uuml;stete Wohnst&auml;tten.
+Geschw&auml;rzte Giebel sehen sie, gesch&auml;ndete Kirchen,
+blutige Leichen liegen in den engen G&auml;&szlig;chen, und
+vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die Stadt.
+Sollen sie alledem ohnm&auml;chtig gegen&uuml;berstehen? Gibt
+es niemanden, den ihre Rache erreichen kann, niemanden,
+den sie ihrerseits qu&auml;len und vernichten k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus
+ist nicht gepl&uuml;ndert, nicht verbrannt. Was ist das? War
+er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht den Schl&uuml;ssel
+zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam?
+O du, Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das
+bedeuten?</p>
+
+<p>Dort auf dem K&ouml;nigsschiffe steht die Gewalt und betrachtet
+ihren k&ouml;niglichen Diener, unter dem Visier l&auml;chelnd.
+<span class="pagenum"><a name="page_125" id="page_125"></a>125</span>H&ouml;re den Sturm, Herr, h&ouml;re den Sturm! Das
+Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf
+dem Meeresgrunde ruhen. Und sieh zur&uuml;ck auf Visby,
+mein hoher Herr! Das Weib, das du betrogst, wird
+zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer
+gef&uuml;hrt. H&ouml;rst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend
+und wehklagend? Sieh, sieh, die Maurer kommen
+mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen kommen
+mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle!</p>
+
+<p>O K&ouml;nig, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby
+vorgeht, mu&szlig;t du doch h&ouml;ren und wissen, was dort geschieht.
+Du bist ja nicht von Stahl und Eisen wie die
+Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters d&uuml;stre Tage
+kommen und du unter dem Schatten des Todes lebst,
+dann wird das Bild von Jung-Hansens Tochter vor
+deine Erinnerung treten.</p>
+
+<p>Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung
+zusammensinken sehen. Du wirst sie dahinziehen
+sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten unter
+Glockengel&auml;ute und Hymnengesang. Sie ist schon tot
+in den Augen des Volkes. Tot f&uuml;hlt sie sich in ihrem
+Innersten, get&ouml;tet von allem, was sie geliebt. Du wirst
+sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine
+einf&uuml;gt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und
+das Volk h&ouml;ren, wie es mit seinen Steinen herbeieilt.
+&bdquo;O Maurer, nimm meinen, nimm meinen! Bediene
+dich meines Steines zum Rachewerk! La&szlig; meinen Stein
+mit dabei sein, Jung-Hansens Tochter von Licht und
+Luft abzuschlie&szlig;en! Gefallen ist Visby, das herrliche
+Visby! Gott segne eure H&auml;nde, Maurer! La&szlig; mich mit
+dabei sein und die Rache vollziehen!&ldquo;</p>
+
+<p>Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken l&auml;uten
+wie &uuml;ber einer Toten.</p>
+
+<p>O Waldemar, K&ouml;nig von D&auml;nemark, auch dein Los
+wird es sein, dem Tode zu begegnen, dann wirst du auf
+deinem Bette liegen und vieles h&ouml;ren und sehen und
+<span class="pagenum"><a name="page_126" id="page_126"></a>126</span>dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren
+mit der Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du
+h&ouml;ren. Wo sind sie dann, die heiligen Glocken, die die
+Marter der Seele &uuml;bert&ouml;nen? Wo sind sie, die weiten
+Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade f&uuml;r dich
+flehen? Wo ist die von Wohllaut erzitternde Luft, die
+die Seele hin zu Gottes Gefilden f&uuml;hrt?</p>
+
+<p>O hilf, Esrom, hilf, Sor&ouml;, und du, gro&szlig;e Glocke in
+Lund!</p>
+
+<hr />
+
+<p>Welch d&uuml;stre Geschichte erz&auml;hlt nicht dieses Bild! Es
+war ein wunderliches, fremdes Gef&uuml;hl, wieder in den
+K&ouml;nigsgarten zu treten, in den strahlenden Sonnenschein
+unter lebende Menschen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr7" id="nr7"></a><a href="#inhalt">Mamsell Friederike</a></h2>
+
+
+<p>Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht.</p>
+
+<p>Die Kobolde hoben die Felsbl&ouml;cke auf hohe Golds&auml;ulen
+und feierten Mittwinterfest. Die Heinzelm&auml;nnchen
+tanzten in neuen roten M&uuml;tzen um die Weihnachtsgr&uuml;tze.
+Alte G&ouml;tter zogen in grauen Unwetterm&auml;nteln
+&uuml;ber das Himmelsgew&ouml;lbe. Und auf dem &Ouml;sterhaninger
+Kirchhof stand das H&ouml;llenpferd. Es scharrte mit den
+Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz
+f&uuml;r ein neues Grab.</p>
+
+<p>Nicht weit davon auf dem alten Schlo&szlig; &Aring;rsta lag
+Mamsell Friederike und schlief. &Aring;rsta ist, wie man wei&szlig;,
+ein altes Gespensterschlo&szlig;, aber Mamsell Friederike schlief
+einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt geworden,
+und recht m&uuml;de nach vielen schweren Arbeitstagen
+und vielen langen Reisen&nbsp;&ndash; sie war ja beinahe
+rings um die Erde gefahren&nbsp;&ndash; darum war sie in ihr
+Kindheitsheim zur&uuml;ckgekehrt, um Ruhe zu finden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_127" id="page_127"></a>127</span>Vor dem Schlo&szlig; t&ouml;nte eine kecke Fanfare in die Nacht
+hinaus. Der Tod hatte sich auf sein R&ouml;&szlig;lein Grau gesetzt
+und war zum Schlo&szlig;tor geritten. Sein weiter Purpurmantel
+und der stolze Federbusch des Hutes wehten
+im Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schw&auml;rmerisches
+Herz bezwingen, darum trat er in so seltnem
+Staat auf. Vergebliche M&uuml;he, Herr Ritter, vergebliche
+M&uuml;he! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame
+schl&auml;ft. Eine bessere Gelegenheit mu&szlig;t du suchen und
+geeignetere Stunde. Laure ihr auf, wenn sie zur Fr&uuml;hmette
+f&auml;hrt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf dem
+Kirchweg!</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten
+Heim. Niemand konnte die s&uuml;&szlig;e Ruhe besser als
+sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war sie eben in
+einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von
+Jesus und den Hirten erz&auml;hlt, erz&auml;hlt, bis ihre Augen
+strahlten und ihr ganzes verwelktes Gesicht wie verkl&auml;rt
+war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch niemanden,
+der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden
+hatte. Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die
+kleinen, feinen H&auml;ndchen und das kluge freundliche Gesicht,
+wollte im Gegenteil dieses Bild seinem Ged&auml;chtnis
+einpr&auml;gen als die wundersch&ouml;nste Erinnerung.</p>
+
+<p>In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter
+andern Reliquien und Erinnerungen ein kleiner trockner
+Strauch. Das war die Jerichorose, die Mamsell Friederike
+aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte.
+Jetzt in der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst
+zu bl&uuml;hen. Die trocknen Zweige bedeckten sich mit roten
+Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten und das ganze
+Zimmer erleuchteten.</p>
+
+<p>Bei dem Schein dieser Funken sah man, da&szlig; eine
+kleine und zarte, aber recht alte Dame in einem gro&szlig;en,
+<span class="pagenum"><a name="page_128" id="page_128"></a>128</span>gelben Fauteuil sa&szlig; und Salon hielt. Es konnte nicht
+Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in
+guter Ruh, und dennoch war sie es. Sie sa&szlig; da und
+hielt Empfang f&uuml;r Erinnerungen, das Zimmer war voll
+von ihnen. Menschen und Heime und Gegenst&auml;nde und
+Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen
+und Jugenderinnerungen, Liebe und Tr&auml;nen,
+Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn, alles kam
+auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasa&szlig; und alle
+mit einem g&uuml;tigen L&auml;cheln ansah. Sie hatte ein scherzendes
+oder wehm&uuml;tiges Wort f&uuml;r sie alle.</p>
+
+<p>Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und
+Form. Und so wie man erst da des Himmels Sterne
+sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was man
+tags&uuml;ber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im
+Schein der roten Knospen der Jerichorose eine Menge
+wunderlicher Gestalten in Mamsell Friederikens Salon
+sehen. Da war die steife &bdquo;<span class="antiqua">ma ch&egrave;re m&egrave;re</span>&ldquo;, die gutm&uuml;tige
+Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem
+Abendland, die schw&auml;rmerische Nina, die energische k&auml;mpfende
+Herta in ihrem wei&szlig;en Kleid.</p>
+
+<p>&bdquo;Kann mir jemand sagen, warum dieses Gesch&ouml;pf
+immer wei&szlig; gekleidet sein mu&szlig;?&ldquo; scherzte die kleine Gestalt
+im Fauteuil, als sie sie erblickte.</p>
+
+<p>Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und
+sagten: &bdquo;Sieh, wie viel du geschaut und erfahren, wie
+viel du gewirkt und gen&uuml;tzt hast! Bist du nicht m&uuml;de,
+willst du nicht zur Ruhe gehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Noch nicht,&ldquo; antwortete der Schatten in dem gelben
+Fauteuil, &bdquo;ich habe noch ein Buch zu schreiben. Ich
+kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose
+erlosch, und der gelbe Fauteuil stand leer.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_129" id="page_129"></a>129</span>In der &Ouml;sterhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse.
+Einer von ihnen stieg zu den Glocken hinauf
+und l&auml;utete das Christfest ein, ein anderer ging umher
+und entz&uuml;ndete die Weihnachtskerzen, und ein dritter
+begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen.
+Durch die ge&ouml;ffnete T&uuml;r kamen die &uuml;brigen aus Nacht
+und Gr&auml;bern in das helle, strahlende Haus des Herrn
+gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren,
+kamen sie, nur ein bi&szlig;chen bleicher. Sie &ouml;ffneten die
+Bankt&uuml;ren mit rasselnden Schl&uuml;sseln und wisperten und
+fl&uuml;sterten, w&auml;hrend sie den Gang hinaufgingen.</p>
+
+<p>&bdquo;Das sind alle die Lichter, die <span class="spaced">sie</span> den Armen geschenkt
+hat, die leuchten jetzt in Gottes Haus.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir liegen warm in unsern Gr&auml;bern, solange <span class="spaced">sie</span>
+den Armen Kleider und Holz gibt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Seht, sie hat so viele kr&auml;ftige Worte gesprochen, die
+die Menschenherzen aufgeschlossen haben, diese Worte
+sind unsre Bankschl&uuml;ssel.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie hat sch&ouml;ne Gedanken &uuml;ber Gottes Liebe gedacht.
+Diese Gedanken heben uns aus unsern Gr&auml;bern empor.&ldquo;</p>
+
+<p>So wisperten und fl&uuml;sterten sie, bevor sie sich in die
+B&auml;nke setzten und ihre bleichen Stirnen zum Gebet in
+verwelkte H&auml;nde neigten.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Aber in &Aring;rsta kam jemand in Mamsell Friederikens
+Zimmer und legte freundlich die Hand auf den Arm der
+Schlafenden.</p>
+
+<p>&bdquo;Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Fr&uuml;hmette zu
+fahren.&ldquo;</p>
+
+<p>Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf
+und sah Agathe, ihre geliebte tote Schwester, mit einer
+Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie erkannte sie
+wohl, denn sie war ganz unver&auml;ndert, so wie sie hier auf
+Erden gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht,
+<span class="pagenum"><a name="page_130" id="page_130"></a>130</span>sie freute sich nur, die Geliebte zu sehen, an deren Seite
+sie gerne den langen Schlummer schlafen wollte.</p>
+
+<p>Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es
+war keine Zeit zu Gespr&auml;chen; der Wagen stand vor dem
+Tor. Die andern mu&szlig;ten schon fort sein; denn niemand
+au&szlig;er Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte
+sich im Hause.</p>
+
+<p>&bdquo;Wei&szlig;t du noch, Friederike,&ldquo; sagte die Schwester, als
+sie im Wagen sa&szlig;en und rasch zur Kirche fuhren, &bdquo;wei&szlig;t
+du noch, wie du fr&uuml;her immer dasa&szlig;est und wartetest,
+da&szlig; irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entf&uuml;hren
+sollte?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Darauf warte ich noch immer,&ldquo; sagte die alte Mamsell
+Friederike und lachte. &bdquo;Ich fahre diesen Weg nie,
+ohne nach meinem Ritter auszulugen.&ldquo;</p>
+
+<p>Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch
+zu sp&auml;t. Der Priester stieg von der Kanzel herab, als
+sie in die Kirche eintraten, und der Schlu&szlig;psalm begann.
+Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen Gesang
+geh&ouml;rt. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt
+h&auml;tten, als h&auml;tte jede Bank und jeder Stein und jede
+Planke mitgesungen.</p>
+
+<p>Nie hatte sie die Kirche so &uuml;berf&uuml;llt gesehen: auf dem
+Altartisch und auf den Kanzelstufen sa&szlig;en Menschen, sie
+standen in den G&auml;ngen, sie dr&auml;ngten sich in den B&auml;nken,
+und drau&szlig;en war der Weg voll Leute, die nicht hereinkommen
+konnten. Die Schwestern fanden doch Platz,
+vor ihnen wich die Menge zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Friederike,&ldquo; sagte ihre Schwester, &bdquo;sieh die Menschen
+an.&ldquo;</p>
+
+<p>Und Mamsell Friederike sah und sah.</p>
+
+<p>Da merkte sie, da&szlig; sie wie die Frau im M&auml;rchen
+zu der Messe der Toten gekommen war. Sie f&uuml;hlte,
+wie ihr ein kalter Schauer &uuml;ber den R&uuml;cken lief, aber es
+erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie f&uuml;hlte mehr Neugierde
+als Angst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_131" id="page_131"></a>131</span>Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter
+Frauen waren da: graue, gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen
+Kragen und verbla&szlig;ten Mantillen, mit H&uuml;ten
+von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgesto&szlig;nen
+R&ouml;cken. Sie sah eine ungeheure Menge verrunzelter
+Gesichter, eingesunkner Lippen, tr&uuml;ber Brillen
+und verschrumpfter H&auml;nde, doch keine einzige Hand, die
+zwei glatte Ringe trug.</p>
+
+<p>Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren
+alle die entschlafnen alten Jungfern im Lande Schweden,
+die in der &Ouml;sterhaninger Kirche Mitternachtsmesse
+feierten.</p>
+
+<p>Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor.</p>
+
+<p>&bdquo;Schwester, bereust du, was du f&uuml;r diese deine
+Schwestern getan hast?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Mamsell Friederike. &bdquo;Woran sollte ich
+mich wohl freuen, wenn nicht, da&szlig; es mir beschert war,
+f&uuml;r sie zu arbeiten: ich opferte einmal mein Ansehen als
+Schriftstellerin f&uuml;r sie. Ich bin froh, da&szlig; ich wu&szlig;te,
+was ich opferte, und es dennoch tat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann kannst du bleiben und weiter zuh&ouml;ren,&ldquo; sagte
+die Schwester.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick h&ouml;rte man jemand dr&uuml;ben
+im Chor sprechen, eine sanfte, aber deutliche Stimme.</p>
+
+<p>&bdquo;Schwestern,&ldquo; sagte die Stimme, &bdquo;unser beklagenswertes
+Geschlecht, unser unwissendes und verh&ouml;hntes Geschlecht,
+bald wird es nicht mehr sein. Gott hat gewollt,
+da&szlig; wir von der Erde aussterben.</p>
+
+<p>Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage
+sein. Das Ma&szlig; der alten Jungfern ist erf&uuml;llt. Der Tod
+reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte von uns
+zu treffen. Vor der n&auml;chsten Mitternachtsmesse ist sie
+tot, die letzte alte Mamsell.</p>
+
+<p>Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen
+auf Erden. Die Zur&uuml;ckgesetzten beim Gastmahl, die danklos
+Dienenden im Heim. Hohn und Lieblosigkeit umgab
+<span class="pagenum"><a name="page_132" id="page_132"></a>132</span>uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel
+dem Gesp&ouml;tt anheim.</p>
+
+<p>Aber Gott hat sich erbarmt.</p>
+
+<p>Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von
+uns gab er niemals versagende G&uuml;te. Einer gab er des
+Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles, was wir h&auml;tten
+sein sollen. Sie warf Licht &uuml;ber unser dunkles Schicksal.
+Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen,
+aber tausend Heimen gab sie ihre Gabe. Sie war die
+Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen, aber sie
+k&auml;mpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie
+erz&auml;hlte ihre M&auml;rchen tausend Kindern. Sie hatte ihre
+armen Freunde in allen L&auml;ndern. Sie gab aus vollern
+H&auml;nden als wir und mit w&auml;rmerm Gem&uuml;t. In ihrem
+Herzen war kein Raum f&uuml;r unsre Bitterkeit, denn sie hat
+fortgeliebt. Ihr Ruhm war wie der einer K&ouml;nigin. Sie
+hat den Zoll der Dankbarkeit von Millionen Herzen eingehoben.
+Ihre Worte sind in den gro&szlig;en Fragen der
+Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist
+durch neue und alte Welten erklungen. Und doch ist sie
+nur eine alte Mamsell.</p>
+
+<p>Sie hat unser dunkles Schicksal erkl&auml;rt. Gesegnet sei
+ihr Name!&ldquo;</p>
+
+<p>Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein:
+&bdquo;Gesegnet sei ihr Name!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Schwester,&ldquo; fl&uuml;sterte Mamsell Friederike, &bdquo;kannst
+du ihnen nicht verbieten, mich armen s&uuml;ndigen Menschen
+hochm&uuml;tig zu machen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Schwestern, Schwestern,&ldquo; fuhr die Stimme
+fort, &bdquo;sie hat sich gegen unser Geschlecht gewendet mit
+aller ihrer gro&szlig;en Macht. Auf ihren Ruf nach Freiheit
+und Arbeit sind die alten, verh&ouml;hnten Gnadenbrotempf&auml;ngerinnen
+ausgestorben. Sie hat die Schranken der
+Tyrannei um die Kinder niedergebrochen. Sie hat die
+jungen M&auml;dchen in die volle T&auml;tigkeit des Lebens versetzt.
+Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der Freudlosigkeit
+<span class="pagenum"><a name="page_133" id="page_133"></a>133</span>ein Ende gemacht. Keine ungl&uuml;cklichen, verachteten
+alten Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt
+wird es mehr geben, keine solchen, wie wir gewesen
+sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie
+ein Jagdlied im Walde, wie der Ruf einer frohen Kinderschar:
+&bdquo;Gesegnet sei ihr Angedenken!&ldquo;</p>
+
+<p>Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell
+Friederike trocknete sich eine Tr&auml;ne aus dem Augenwinkel.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich gehe nicht mit heim,&ldquo; sagte ihre tote Schwester.
+&bdquo;Willst du nicht auch gleich hierbleiben?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich m&ouml;chte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein
+Buch, das ich zuerst fertig haben mu&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem
+Ritter auf dem Kirchweg in acht,&ldquo; sagte ihre tote Schwester
+und l&auml;chelte schelmisch nach alter Gewohnheit.</p>
+
+<p>Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz &Aring;rsta
+schlief noch, und sie ging still in ihr Zimmer, legte sich
+nieder und schlummerte noch einmal ein.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Einige Stunden sp&auml;ter fuhr sie zur wirklichen Fr&uuml;hmette.
+Sie fuhr im gedeckten Wagen, aber sie lie&szlig; das
+Fenster herab, um die Sterne sehen zu k&ouml;nnen. M&ouml;glich
+ist es wohl auch, da&szlig; sie wie einst nach ihrem Ritter
+aussah.</p>
+
+<p>Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster
+heran. Pr&auml;chtig sa&szlig; er auf seinem sich b&auml;umenden Ro&szlig;.
+Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein bleiches
+Antlitz war streng, aber sch&ouml;n.</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du mein werden,&ldquo; fl&uuml;sterte er.</p>
+
+<p>Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der
+<span class="pagenum"><a name="page_134" id="page_134"></a>134</span>hohen Gestalt mit der wehenden Feder. Sie verga&szlig;, da&szlig;
+sie noch ein Jahr leben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin bereit,&ldquo; fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Dann komme ich in einer Woche und hole dich von
+deines Vaters Hof.&ldquo;</p>
+
+<p>Er beugte sich herab und k&uuml;&szlig;te sie, und damit verschwand
+er; aber sie begann zu frieren und zu zittern
+unter dem Ku&szlig; des Todes.</p>
+
+<p>Ein kleines Weilchen sp&auml;ter sa&szlig; Mamsell Friederike in
+der Kirche, auf demselben Platze, auf dem sie als Kind
+gesessen. Hier verga&szlig; sie Ritter und Gespenster und sa&szlig;
+l&auml;chelnd in stiller Verz&uuml;cktheit in dem Gedanken an die
+Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.</p>
+
+<p>Aber, ob sie nun m&uuml;de war, weil sie die ganze Nacht
+nicht geschlafen hatte, oder ob die W&auml;rme und der Kerzenrauch
+eine einschl&auml;fernde Wirkung auf sie aus&uuml;bten, wie
+auf so viele andre&nbsp;&ndash; genug, sie schlummerte ein, nur
+einen Augenblick, sie konnte es nicht hindern.</p>
+
+<p>Vielleicht war es auch so, da&szlig; Gott ihr die Pforte in
+das Land der Tr&auml;ume &ouml;ffnen wollte.</p>
+
+<p>In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte,
+sah sie nun ihren strengen Vater, ihre sch&ouml;ne elegante
+Mutter und die h&auml;&szlig;liche kleine Petrea in der Kirche sitzen.
+Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst zusammengepre&szlig;t,
+gr&ouml;&szlig;er als ein Erwachsener sie je erfahren.
+Auf der Kanzel stand der Priester und sprach
+von dem strengen, strafenden Gott, und das Kind sa&szlig;
+bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe
+w&auml;ren und durch sein Herz gingen.</p>
+
+<p>&bdquo;O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!&ldquo;</p>
+
+<p>In der n&auml;chsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte
+und schauerte so wie unter dem Ku&szlig; des Todes auf dem
+Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von der wilden
+Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.</p>
+
+<p>Sie hatte es mit einemmal so eilig, da&szlig; sie sogleich
+aus der Kirche hasten wollte. Sie mu&szlig;te heim und ihr
+<span class="pagenum"><a name="page_135" id="page_135"></a>135</span>Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem Gott des
+Friedens und der Liebe.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Nichts weiter, was jetzt erw&auml;hnenswert scheinen kann,
+widerfuhr Mamsell Friederike vor der Neujahrsnacht.
+Leben und Tod, so wie Tag und Nacht, herrschten in der
+letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht &uuml;ber die
+Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod
+das Zepter und verk&uuml;ndete, da&szlig; die alte Mamsell Friederike
+nun ihm angeh&ouml;ren solle.</p>
+
+<p>H&auml;tte man dies nur gewu&szlig;t, so h&auml;tte wohl alles Volk
+von Schweden ein gemeinsames Gebet an Gott gerichtet,
+seinen reinsten Geist, sein w&auml;rmstes Herz behalten zu
+d&uuml;rfen. Da h&auml;tte man in Angst und Sorgen in so manchem
+Heim in fernen L&auml;ndern gewacht, wo sie liebende
+Herzen zur&uuml;cklie&szlig;. Dann h&auml;tten die Armen, die Kranken
+und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um der
+ihrigen zu gedenken, und dann h&auml;tten alle Kinder, die
+unter den Segnungen ihres Wirkens herangewachsen
+waren, die H&auml;nde gefaltet und um noch ein Jahr f&uuml;r
+ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem
+Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlu&szlig;stein
+kr&ouml;ne.</p>
+
+<p>Denn der Tod kam zu fr&uuml;h f&uuml;r Mamsell Friederike.</p>
+
+<p>Sturm war drau&szlig;en in der Neujahrsnacht, Sturm in
+ihrem Innern. Sie f&uuml;hlte alle Qualen des Lebens und
+des Todes in ihrem Innern ringen.</p>
+
+<p>&bdquo;Angst!&ldquo; seufzte sie, &bdquo;Angst!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie
+fl&uuml;sterte leise: &bdquo;Christi Liebe&nbsp;&ndash; beste Liebe&nbsp;&ndash; Gottesfriede&nbsp;&ndash;
+das ewige Licht!&ldquo;</p>
+
+<p>Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche h&auml;tte
+schreiben wollen, und vielleicht vieles andre ebenso Sch&ouml;ne
+und Herrliche. Wer wei&szlig;? Nur eines wissen wir, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_136" id="page_136"></a>136</span>B&uuml;cher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das
+ihre vergi&szlig;t man nie.</p>
+
+<p>Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie
+versank in Visionen.</p>
+
+<p>Ihr K&ouml;rper k&auml;mpfte mit dem Tode, aber sie wu&szlig;te es
+nicht. Ihre N&auml;chsten sa&szlig;en weinend um das Totenbett,
+aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte seinen Flug
+angetreten.</p>
+
+<p>Nun wurde der Traum f&uuml;r sie Wirklichkeit und die
+Wirklichkeit Traum. Nun stand sie, wie sie sich schon
+in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend am Himmelstor
+mit unz&auml;hligen Scharen von Toten rings um
+sich. Und der Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der
+Seligkeitbringende, stand in dem ge&ouml;ffneten Tor. Und
+seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern
+und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und
+ihre Sehnsucht trug alle diese und sie, und sie schwebten
+wie auf Fl&uuml;geln empor, empor.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden,
+Trauer in weiten Teilen der Erde.</p>
+
+<p><span class="spaced">Friederike Bremer war tot.</span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr8" id="nr8"></a><a href="#inhalt">Der Roman einer Fischersfrau</a></h2>
+
+
+<p>Am &auml;u&szlig;ersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein
+kleines H&uuml;ttchen auf einem niedrigen H&uuml;gel aus wei&szlig;em
+Meersand. Es war nicht so gebaut, da&szlig; es in einer Reihe
+mit den gleichm&auml;&szlig;igen, schmucken, regelrechten H&auml;usern
+stehen konnte, die den breiten gr&uuml;nen Platz umgaben, wo
+die braunen Fischernetze trockneten, sondern es schien
+gleichsam aus der Reihe geschoben und auf den Sandh&uuml;gel
+hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es gebaut
+hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte
+die W&auml;nde ihres H&uuml;ttchens niedriger gemacht als die aller
+andern H&uuml;tten und sein steiles Strohdach h&ouml;her als
+<span class="pagenum"><a name="page_137" id="page_137"></a>137</span>irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der Fu&szlig;boden
+senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch
+noch gro&szlig;, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum
+Erdboden. F&uuml;r den Herd und den G&auml;nsestall war schlie&szlig;lich
+in dem einzigen engen Raume kein Platz geblieben,
+sondern daf&uuml;r hatte man kleine viereckige Vorspr&uuml;nge
+anmauern m&uuml;ssen. Diese H&uuml;tte hatte nicht wie andre
+H&auml;uschen ihr G&auml;rtchen mit Stachelbeerb&uuml;schen, von Winden
+umschlungen, ihre halb von Kletten erstickten Holunderstr&auml;ucher.
+Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes
+waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen
+gekommen. Im Sommer, wenn sie frische, dunkelgr&uuml;ne
+Bl&auml;tter hatten und die stacheligen K&ouml;rbchen sich mit hochroten
+Blumen f&uuml;llten, waren sie schmuck genug. Aber
+gegen Herbst, wenn die Stacheln hart geworden und die
+Samen gereift waren, dann vernachl&auml;ssigten sie ihr Aussehen
+und standen furchtbar h&auml;&szlig;lich und trocken da, die
+zerfetzten Bl&auml;tter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben
+geh&uuml;llt.</p>
+
+<p>Die H&uuml;tte hatte nur zwei Besitzer, denn l&auml;nger als
+zwei Generationen vermochte sie es nicht, mit ihren W&auml;nden
+aus Rohr und Lehm das schwere Dach zu tragen.
+Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen
+Witwen. Die zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre
+Freude daran, die Kletten zu betrachten, namentlich im
+Herbst, wenn sie trocken wurden und sich &uuml;berall anh&auml;ngten.
+Sie erinnerten sie dann an sie, die die H&uuml;tte
+erbaut hatte. Sie war auch runzelig und trocken gewesen
+und hatte die Gabe gehabt, sich anzuklammern und h&auml;ngen
+zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie f&uuml;r das Kind
+verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie,
+die nun allein dasa&szlig;, mu&szlig;te bei diesem Gedanken bald
+lachen, bald weinen. Wenn die Alte nicht diese Klettennatur
+gehabt h&auml;tte, wie anders w&auml;re dann nicht alles gekommen.
+Aber wer wei&szlig;, ob es besser gekommen w&auml;re.</p>
+
+<p>Die einsame Frau sa&szlig; oft da und gr&uuml;belte &uuml;ber das
+<span class="pagenum"><a name="page_138" id="page_138"></a>138</span>Schicksal nach, das sie an die flache K&uuml;ste Schoonens
+gef&uuml;hrt hatte, zu diesem schmalen Sund und diesen stillen
+Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt
+geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen
+steilen Felsen und dem offnen Meere lag, und wenn
+sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann, gestorben und sie
+in Armut zur&uuml;ckgelassen, in bescheidnen Verh&auml;ltnissen gelebt
+hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gew&ouml;hnt.
+Sie pflegte sich selbst ihre Geschichte wieder und
+wieder vorzuerz&auml;hlen, so wie man ein schwer verst&auml;ndliches
+Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergr&uuml;nden.</p>
+
+<p>Das Merkw&uuml;rdige, was sie erlebt hatte, hatte damit
+begonnen, da&szlig; sie eines Abends auf dem Heimwege von
+der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von zwei Seeleuten
+&uuml;berfallen und von einem dritten gerettet worden war.
+Dieser k&auml;mpfte mit wirklicher Lebensgefahr f&uuml;r sie und
+brachte sie dann nach Hause. Sie f&uuml;hrte ihn zu der
+Mutter und den Geschwistern und erz&auml;hlte ihnen begeistert,
+was er getan habe. Es war, als h&auml;tte das Leben
+neuen Wert f&uuml;r sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte,
+um es zu verteidigen. Er war von ihren Angeh&ouml;rigen
+sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden,
+so bald und so oft er konnte, wiederzukommen.</p>
+
+<p>Sein Name war B&ouml;rje Nilsson, und er war Matrose
+auf der schoonischen Jacht Albertina. Solange das Schiff
+im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu ihnen, und
+sie konnten es bald nicht mehr glauben, da&szlig; er nur ein
+simpler Matrose sein sollte. Er gl&auml;nzte immer in reinem
+Umlegekragen und trug einen blauen Marineanzug aus
+feinem Tuch. Frisch und freim&uuml;tig war er gegen sie,
+als w&auml;re er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse
+wie sie zu bewegen. Ohne da&szlig; er es gerade heraussagte,
+erhielten sie den Eindruck, da&szlig; er aus einem angesehenen
+Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe,
+den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu
+gebracht hatte, sich als einfachen Matrosen zu verdingen,
+<span class="pagenum"><a name="page_139" id="page_139"></a>139</span>um seine Mutter zu &uuml;berzeugen, da&szlig; er es ernst meinte.
+Wenn er seine Pr&uuml;fungen gemacht hatte, w&uuml;rde sie ihm
+wohl ein eignes Schiff kaufen.</p>
+
+<p>Die einsame Familie, die sich von allen fr&uuml;hern Freunden
+zur&uuml;ckgezogen hatte, empfing ihn ohne das leiseste
+Mi&szlig;trauen. Und er beschrieb leichten Herzens und mit
+flie&szlig;ender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen
+Dach, dem offnen Kamin im E&szlig;saal und den kleinen
+Fensterscheiben. Er schilderte auch die stillen Stra&szlig;en
+seiner Vaterstadt und die langen Reihen gleichm&auml;&szlig;iger
+hoher H&auml;user, in denen sein Heim mit den unregelm&auml;&szlig;igen
+Vorspr&uuml;ngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung
+bildete. Und seine Zuh&ouml;rer glaubten, da&szlig; er aus
+einem jener alten B&uuml;rgerh&auml;user komme, die mit ihrem
+bildergeschm&uuml;ckten Giebel und dem vorragenden Obergescho&szlig;
+einen so m&auml;chtigen Eindruck von Reichtum und
+ehrw&uuml;rdigem Alter machen.</p>
+
+<p>Sehr bald hatte sie es heraus, da&szlig; er ihr gut war.
+Und dies machte der Mutter und den Geschwistern gro&szlig;e
+Freude. Der junge, reiche Schwede kam gleichsam, um
+sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er
+ihr nicht so gut gefallen h&auml;tte, als er es tat, h&auml;tte es gar
+nicht in Frage kommen k&ouml;nnen, seine Werbung abzuweisen.
+H&auml;tte sie einen Vater oder einen erwachsenen
+Bruder gehabt, so w&uuml;rden diese sich wohl genauer nach
+Herkunft und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt
+haben, doch weder sie noch die Mutter dachten daran,
+ernstliche Nachforschungen anzustellen. Sp&auml;ter erkannte
+sie, da&szlig; sie ihn f&ouml;rmlich zum L&uuml;gen gezwungen hatten.
+Anfangs hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so gro&szlig;e
+Vorstellungen von seinem Reichtum zu machen, ohne alle
+b&ouml;se Absicht, aber als er sp&auml;ter merkte, wie froh sie dar&uuml;ber
+waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit
+zu sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren.</p>
+
+<p>Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht
+zur&uuml;ckkam, hielten sie Hochzeit. Es war eine Entt&auml;uschung
+<span class="pagenum"><a name="page_140" id="page_140"></a>140</span>f&uuml;r sie, da&szlig; er auch bei seiner R&uuml;ckkehr als Matrose auftrat,
+aber er war durch seinen Kontrakt gebunden. Er
+brachte auch keine Gr&uuml;&szlig;e von seiner Mutter mit. Diese
+h&auml;tte erwartet, da&szlig; er eine andre Wahl treffe, aber sie
+w&uuml;rde schon zufrieden sein, sagte er, wenn sie nur Astrid
+erst s&auml;he.&nbsp;&ndash; Trotz aller seiner L&uuml;gen w&auml;re es doch ein
+leichtes gewesen, zu sehen, da&szlig; er ein armer Mann war,
+wenn sie nur die Augen h&auml;tten aufmachen wollen.</p>
+
+<p>Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kaj&uuml;te zu &uuml;berlassen,
+wenn sie die &Uuml;berfahrt auf seiner Jacht machen wollte,
+und sie nahm das Anerbieten mit Freuden an. B&ouml;rje
+wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und sa&szlig;
+meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck.
+Und jetzt schenkte er ihr das Gl&uuml;ck der Einbildung, von
+dem er selbst sein ganzes Leben lang gezehrt hatte. Je
+mehr er an das kleine H&uuml;ttchen dachte, das zur H&auml;lfte im
+Sandh&uuml;gel begraben lag, desto h&ouml;her erbaute er den
+Palast, den er ihr gerne geboten h&auml;tte. Er lie&szlig; sie im
+Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren der Braut
+B&ouml;rje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschm&uuml;ckt
+war. Er lie&szlig; sie die Begr&uuml;&szlig;ungsrede des B&uuml;rgermeisters
+h&ouml;ren. Er lie&szlig; sie durch eine Triumphpforte fahren, w&auml;hrend
+die Augen der M&auml;nner ihr folgten und die Frauen
+vor Neid erbla&szlig;ten. Und er f&uuml;hrte sie in das stattliche
+Haus, wo silberlockige, sich verneigende Diener an dem
+breiten Treppengel&auml;nder aufgereiht standen, und der zur
+festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich unter dem alten
+Familiensilber bog.</p>
+
+<p>Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, da&szlig;
+der Schiffer im Bunde mit B&ouml;rje gewesen war, um sie
+zu betr&uuml;gen, aber dann erkannte sie, da&szlig; es sich nicht so
+verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht daran
+gew&ouml;hnt, von B&ouml;rje wie von einem gro&szlig;en Herrn zu
+reden. Das war an Bord der Hauptspa&szlig;, so recht im
+vollsten Ernst von seinen Reicht&uuml;mern und seiner vornehmen
+Familie zu sprechen. Sie dachten, B&ouml;rje h&auml;tte
+<span class="pagenum"><a name="page_141" id="page_141"></a>141</span>ihr die Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie
+alle, wenn sie von seinem gro&szlig;en Hause sprach. So war
+es m&ouml;glich, da&szlig; sie, noch als die Jacht in dem Hafen
+Anker warf, der neben B&ouml;rjes Heimatsdorf lag, es nicht
+anders wu&szlig;te, als da&szlig; sie eines reichen Mannes Gattin
+war.</p>
+
+<p>B&ouml;rje bekam f&uuml;r einen Tag Urlaub, um seine Frau
+in ihr k&uuml;nftiges Heim einzuf&uuml;hren und sie mit dem neuen
+Leben bekannt zu machen. Als sie nun an dem Kai landeten,
+wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuverm&auml;hlten
+entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere
+und Alltagsruhe, und B&ouml;rje merkte, da&szlig; seine Frau sich
+mit einer gewissen Entt&auml;uschung umsah.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir sind zu fr&uuml;h gekommen,&ldquo; hatte er da gesagt.
+&bdquo;Die Fahrt ist bei diesem sch&ouml;nen Wetter merkw&uuml;rdig
+rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen da,
+und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt
+au&szlig;erhalb der Stadt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das tut nichts, B&ouml;rje,&ldquo; hatte sie geantwortet, &bdquo;das
+Gehen wird uns gut tun, nachdem wir so lange an Bord
+still gesessen sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle
+Wanderung, an die sie noch in ihren alten Tagen
+nicht denken konnte, ohne vor Angst zu st&ouml;hnen und
+schmerzlich die H&auml;nde zu ringen. Sie gingen &uuml;ber weite,
+menschenleere Stra&szlig;en, die sie sogleich nach seiner Beschreibung
+erkannte. Sie glaubte in der dunklen Kirche
+und in den gleichm&auml;&szlig;igen Holzh&auml;usern alte Freunde zu
+begr&uuml;&szlig;en, doch wo blinkten die bildergeschm&uuml;ckten Giebel
+und die Marmortreppe mit dem breiten Gel&auml;nder?</p>
+
+<p>Da hatte B&ouml;rje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre
+Gedanken. &bdquo;Es ist noch weit hin,&ldquo; hatte er gesagt.</p>
+
+<p>W&auml;re er doch barmherzig gewesen. H&auml;tte er doch ihrer
+Hoffnung auf einmal den Todessto&szlig; gegeben. Sie hatte
+ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus freien St&uuml;cken
+alles gesagt h&auml;tte, so w&auml;re in ihrer Seele kein Groll
+<span class="pagenum"><a name="page_142" id="page_142"></a>142</span>gegen ihn aufgekeimt. Aber da&szlig; er ihre Angst, betrogen
+zu werden, sah, und dennoch fortfuhr, sie zu t&auml;uschen,
+das hatte ihr allzu bittern Schmerz bereitet. Das hatte
+sie ihm nie ganz verzeihen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Sie konnte sich freilich sagen, da&szlig; er sie so weit als
+m&ouml;glich f&uuml;hren wollte, damit sie ihm nicht entfliehen
+konnte, aber sein Betrug rief eine solche Todesk&auml;lte in
+ihr hervor, da&szlig; keine Liebe sie ganz aufzutauen vermochte.</p>
+
+<p>Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende
+Ebene. Da zeigten sich mehrere Reihen dunkler
+Wallgr&auml;ben und hoher, gr&uuml;ner Erdw&auml;lle, &Uuml;berreste aus
+jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf
+dem Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschlo&szlig;,
+sah sie ein paar altert&uuml;mliche Bauten und gro&szlig;e,
+runde T&uuml;rme. Sie warf einen scheuen Blick hin, doch
+B&ouml;rje bog zu den W&auml;llen ein, die am Meeresufer entlang
+f&uuml;hrten.</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist ein Abk&uuml;rzungsweg,&ldquo; sagte er, denn sie schien
+sich zu wundern, da&szlig; hier nur ein schmaler Pfad war.</p>
+
+<p>Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, da&szlig;
+er es nicht so erg&ouml;tzlich fand, als er es sich gedacht hatte,
+mit seiner Frau zu der armseligen, kleinen H&uuml;tte im
+Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt nicht so herrlich,
+eines bessern Mannes Kind heimzuf&uuml;hren. Er hatte
+gro&szlig;e Angst vor dem, was sie tun w&uuml;rde, wenn sie die
+Wahrheit erfuhr.</p>
+
+<p>&bdquo;B&ouml;rje,&ldquo; sagte sie endlich, als sie lange den scharfen
+Winkeln der Strandw&auml;lle gefolgt waren, &bdquo;wohin gehen
+wir?&ldquo;</p>
+
+<p>Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf,
+wo seine Mutter in dem H&uuml;ttchen auf dem Sandh&uuml;gel
+wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines der sch&ouml;nen
+Landg&uuml;ter, die am Rande der Ebene auftauchten, und
+wurde wieder heiterer.</p>
+
+<p>Sie stiegen zu den &ouml;den Gemeindeweiden hinab, und
+da &uuml;berfiel sie wieder die alte Angst. Da, wo jedes Erdh&uuml;gelchen,
+<span class="pagenum"><a name="page_143" id="page_143"></a>143</span>wenn man es nur sehen kann, Sch&ouml;nheit und
+Abwechselung bietet, sah sie nur ein h&auml;&szlig;liches, sumpfiges
+Feld. Und der Wind, der drau&szlig;en in steter Bewegung
+war, fuhr ihnen pfeifend entgegen und fl&uuml;sterte von Ungl&uuml;ck
+und Verrat.</p>
+
+<p>B&ouml;rje beschleunigte seine Schritte immer mehr und
+schlie&szlig;lich erreichten sie das Ende der Weiden, und waren
+bei dem Fischerd&ouml;rfchen angelangt. Sie, die es zuletzt
+gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen
+zu stellen, fa&szlig;te wieder neuen Mut. Hier war abermals
+eine einf&ouml;rmige H&auml;userreihe, und diese erkannte sie noch
+besser als die in der Stadt. Vielleicht, vielleicht hatte er
+doch nicht gelogen.</p>
+
+<p>Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, da&szlig;
+sie seelenvergn&uuml;gt gewesen w&auml;re, wenn sie bei einer der
+schmucken Wohnst&auml;tten h&auml;tte haltmachen k&ouml;nnen, wo
+Blumen und wei&szlig;e Gardinen hinter blanken Fensterscheiben
+blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen
+zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Da erblickte sie mit einem Male am &auml;u&szlig;ersten Ende
+des Fischerdorfes eine elende H&uuml;tte, und es war ihr, als
+h&auml;tte sie sie schon l&auml;ngst mit den Augen der Seele gesehen,
+ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte.</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es hier?&ldquo; sagte sie und blieb gerade am Fu&szlig;e des
+kleinen Sandh&uuml;gels stehen.</p>
+
+<p>Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort,
+auf die kleine H&uuml;tte zuzugehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Warte,&ldquo; rief sie ihm nach. &bdquo;Wir m&uuml;ssen zuerst miteinander
+sprechen, bevor ich dein Heim betrete. Du hast
+mich belogen,&ldquo; fuhr sie drohend fort, als er sich ihr zuwendete.
+&bdquo;Du hast mich &auml;rger betrogen, als wenn du
+mein gr&ouml;&szlig;ter Feind w&auml;rest. Warum hast du das getan?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wollte dich zur Frau,&ldquo; antwortete er mit leiser,
+unsichrer Stimme.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du mich doch nur mit Ma&szlig; zum besten gehalten
+h&auml;ttest! Warum mu&szlig;test du alles so reich und so
+<span class="pagenum"><a name="page_144" id="page_144"></a>144</span>pr&auml;chtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten und
+Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest
+du, ich sei so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, da&szlig;
+ich ohnehin verliebt genug in dich war, um &uuml;berallhin
+mit dir zu gehen? Da&szlig; du glaubtest, mich hinters Licht
+f&uuml;hren zu m&uuml;ssen! Da&szlig; du das Herz haben konntest, bis
+zuletzt bei deinen L&uuml;gen zu beharren!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du nicht hereinkommen und Mutter begr&uuml;&szlig;en,&ldquo;
+fragte er ganz hilflos.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, ich gehe nicht hinein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du also nach Hause fahren?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie k&ouml;nnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich
+ihnen den Schmerz bereiten, zur&uuml;ckzukehren, wenn sie
+mich f&uuml;r gl&uuml;cklich und reich halten? Aber bei dir bleibe
+ich auch nicht. F&uuml;r den, der arbeiten kann, findet sich
+immer ein Auskommen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bleib,&ldquo; bat er, &bdquo;ich tat es nur, um dich zu gewinnen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du mir die Wahrheit gesagt h&auml;ttest, so w&auml;re
+ich geblieben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;W&auml;re ich ein reicher Mann gewesen und h&auml;tte mich
+f&uuml;r arm ausgegeben, so bliebest du schon.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen,
+als die T&uuml;r der H&uuml;tte aufgerissen wurde und B&ouml;rjes
+Mutter herauskam. Sie war ein kleines vertrocknetes
+altes Weiblein mit wenig Z&auml;hnen und viel Runzeln, aber
+nicht so alt an Jahren und Gem&uuml;t wie dem Aussehen
+nach.</p>
+
+<p>Sie hatte wohl einiges geh&ouml;rt und das &uuml;brige erraten,
+denn sie wu&szlig;te, wor&uuml;ber sie zankten. &bdquo;So,&ldquo; sagte sie,
+&bdquo;dies ist die feine Schwiegertochter, die du mir gebracht
+hast, B&ouml;rje. Und du hast es wieder nicht mit der Wahrheit
+gehalten, wie ich h&ouml;re.&ldquo; Aber auf Astrid ging sie freundlich
+zu und streichelte ihr die Wangen. &bdquo;Komm du mit
+mir herein, du armes Kind. Ich kann mir denken, da&szlig;
+du m&uuml;de und ersch&ouml;pft bist. Siehst du, dies ist meine
+<span class="pagenum"><a name="page_145" id="page_145"></a>145</span>H&uuml;tte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt
+bist du meine Tochter, und ich kann dich doch nicht zu
+fremden Leuten gehen lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte
+und schob und zog sie ganz unmerklich zur T&uuml;r
+hin. Schritt f&uuml;r Schritt lockte sie sie weiter und bekam
+sie schlie&szlig;lich in die H&uuml;tte, aber B&ouml;rje schlo&szlig; sie wirklich
+aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer
+sie sei und wie alles zugegangen w&auml;re. Und sie weinte
+&uuml;ber sie, und brachte sie dazu, auch &uuml;ber sich selbst zu
+weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren Sohn.
+Sie, Astrid, t&auml;te ganz recht, nein, bei einem solchen
+Manne k&ouml;nnte sie nicht bleiben. Es w&auml;re richtig, da&szlig; er
+zu l&uuml;gen pflegte, ja, ganz gewi&szlig; w&auml;re es richtig.</p>
+
+<p>Sie erz&auml;hlte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen
+war. Er war schon als kleines Kind so sch&ouml;n von Gesicht
+und Gestalt gewesen, da&szlig; sie sich immer dar&uuml;ber wundern
+mu&szlig;te, da&szlig; er armer Leute Kind war. Er war wie
+ein kleiner verirrter Prinz gewesen. Und sp&auml;ter hatte es
+immer so ausgesehen, als wenn er nicht auf seinem richtigen
+Platze w&auml;re. Er sah alles so gro&szlig;. Er konnte nicht
+den richtigen Ma&szlig;stab finden, wenn es sich um ihn selbst
+handelte. Seine Mutter hatte deswegen schon viele Tr&auml;nen
+vergossen. Aber nie zuvor hatte er mit seinen L&uuml;gen
+etwas B&ouml;ses angestellt. Hier, wo er bekannt war, lachten
+ihn die Leute nur aus.&nbsp;&ndash; Aber jetzt war er wohl
+so sehr in Versuchung gef&uuml;hrt worden&nbsp;&hellip; Schien es
+ihr, Astrid, nicht selbst wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge
+hatte hinters Licht f&uuml;hren k&ouml;nnen? Er hatte immer
+soviel von feinen Dingen gewu&szlig;t, als wenn es ihm angeboren
+w&auml;re. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt
+gekommen. Das sah man ja auch daran, da&szlig; er nie
+daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen
+Stande zu w&auml;hlen.</p>
+
+<p>Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte.
+&bdquo;Sieh,&ldquo; sagte die Alte unter anderm, &bdquo;mir kann es nie
+<span class="pagenum"><a name="page_146" id="page_146"></a>146</span>gelingen, ihm den Hochmut und die Prahlsucht abzugew&ouml;hnen,
+aber eine, die kl&uuml;ger w&auml;re als ich, k&ouml;nnte
+es vielleicht. Und er ist t&uuml;chtig und gut, mein Junge.
+Es lohnte wohl der M&uuml;he. Aber du kannst morgen gehen.
+Ja, du sollst gehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wo schl&auml;ft er heute nacht?&ldquo; fragte Astrid pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich denke, er liegt hier drau&szlig;en im Sande. Er hat
+wohl nicht die Ruhe, von hier fortzugehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es w&auml;re wohl am besten, wenn er hereink&auml;me,&ldquo;
+sagte Astrid.</p>
+
+<p>&bdquo;Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen.
+Er wird sich drau&szlig;en schon behelfen, wenn ich ihm eine
+Decke gebe.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; ihn wirklich diese Nacht drau&szlig;en im Sande
+schlafen und schickte ihn am n&auml;chsten Tage in aller Fr&uuml;he
+in die Stadt, da sie es f&uuml;r das beste hielt, wenn Astrid
+ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und hielt
+sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht
+mit Schmeichelei, sondern mit wirklicher G&uuml;te.</p>
+
+<p>Doch als sie es endlich erreicht hatte, da&szlig; die Schwiegertochter
+blieb und dem Sohne erhalten war, und als
+sie die jungen Leute vers&ouml;hnt und Astrid gelehrt hatte,
+da&szlig; es gerade ihre Aufgabe im Leben war, B&ouml;rje Nilssons
+Frau zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie
+konnte&nbsp;&ndash; und dies war nicht die Arbeit einer Abendstunde,
+sondern die M&uuml;he vieler Tage gewesen&nbsp;&ndash; da
+hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt.</p>
+
+<p>Und in diesem Leben mit seiner treuen F&uuml;rsorge lag
+ein Sinn, dachte B&ouml;rje Nilssons Frau.</p>
+
+<p>Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der
+Mann ertrank nach einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges
+Kind starb ganz jung. Sie hatte bei ihrem Mann
+keine Ver&auml;nderung herbeif&uuml;hren k&ouml;nnen. Ernst und Wahrhaftigkeit
+hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher
+hatte sie sich ver&auml;ndert, denn sie war immer mehr wie die
+Fischersleute geworden. Sie wollte keinen der Ihren sehen,
+<span class="pagenum"><a name="page_147" id="page_147"></a>147</span>denn sie sch&auml;mte sich, da&szlig; sie jetzt in allen St&uuml;cken einer
+Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas
+gen&uuml;tzt h&auml;tte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch
+das Ausbessern der Fischernetze bestritt, nur w&uuml;&szlig;te, warum
+sie &uuml;berhaupt lebte! Wenn sie doch jemanden gl&uuml;cklich
+oder besser gemacht h&auml;tte!</p>
+
+<p>Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, da&szlig;, wer sein
+Leben f&uuml;r verfehlt h&auml;lt, weil er andern nichts Gutes getan
+habe, vielleicht durch diesen Gedanken der Demut
+seine Seele gerettet hat.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr9" id="nr9"></a><a href="#inhalt">Mutters Bild</a></h2>
+
+
+<p>In einem der hundert H&auml;uschen des Fischerdorfes, die
+einander alle in Gr&ouml;&szlig;e und Form gleichen, die alle gleich
+viele Fenster und gleich hohe Schornsteine haben, wohnte
+der alte Matt&szlig;on, der Lotse.</p>
+
+<p>In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben
+Hausrat, auf allen Fensterbrettern stehen dieselben
+Blumen, in allen Eckschr&auml;nken prangen dieselben Arten
+Muscheln und Korallen, an allen W&auml;nden h&auml;ngen die
+gleichen Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt
+hat, leben alle Menschen des Fischerdorfes dasselbe Leben.
+Seit Matt&szlig;on, der Lotse, alt geworden war, richtete er
+sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine
+Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern.</p>
+
+<p>An der Wand &uuml;ber seinem Bette hatte der alte Matt&szlig;on
+ein Bild seiner Mutter. Eines Nachts tr&auml;umte er,
+da&szlig; dieses Bild aus seinem Rahmen herabstieg, sich vor
+ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: &bdquo;Du
+mu&szlig;t heiraten, Matt&szlig;on.&ldquo;</p>
+
+<p>Der alte Matt&szlig;on begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen,
+da&szlig; dies unm&ouml;glich sei. Er war ja siebzig
+Jahre.&nbsp;&ndash; Aber Mutters Bild wiederholte nur mit
+<span class="pagenum"><a name="page_148" id="page_148"></a>148</span>noch gr&ouml;&szlig;erm Nachdruck: &bdquo;Du mu&szlig;t heiraten, Matt&szlig;on.&ldquo;</p>
+
+<p>Der alte Matt&szlig;on hatte gro&szlig;en Respekt vor Mutters
+Bild. Es war in so manchen strittigen F&auml;llen sein Ratgeber
+gewesen, und es hatte ihm immer Gl&uuml;ck gebracht,
+wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er
+sein Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich
+das Bild ganz im Widerspruch mit fr&uuml;her ge&auml;u&szlig;erten
+Ansichten. Obgleich er dalag und tr&auml;umte, erinnerte er
+sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war,
+als er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit
+ankleidete, lockerte sich der Nagel, an dem das Bild hing
+und fiel zu Boden. Da sah er, da&szlig; das Bild ihn vor der
+Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte
+sich aber sp&auml;ter, da&szlig; das Bild recht gehabt hatte. Seine
+kurze Ehe war sehr ungl&uuml;cklich geworden.</p>
+
+<p>Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging
+es ebenso zu. Das Bild st&uuml;rzte wieder zu Boden, und
+diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu sein. Er lie&szlig;
+Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose
+und fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach
+Hause wagte.&nbsp;&ndash; Und jetzt stieg das Bild von der Wand
+herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut und gehorsam
+er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken,
+da&szlig; es nur seinen Scherz mit ihm treibe.</p>
+
+<p>Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab,
+wie es nur scharfe Winde und salziger Meeresschaum
+ausmei&szlig;eln konnten, blieb ernst wie zuvor. Und mit einer
+Stimme, die das langj&auml;hrige Ausbieten der Fische auf
+dem Markte der Stadt ge&uuml;bt und gest&auml;rkt hatte, wiederholte
+sie: &bdquo;Du mu&szlig;t heiraten.&ldquo;</p>
+
+<p>Da bat der alte Matt&szlig;on Mutters Bild, doch ein Einsehen
+zu haben und zu bedenken, in welcher Gemeinde
+sie lebten.</p>
+
+<p>Alle hundert H&auml;user des Fischerdorfes hatten spitzige
+D&auml;cher und wei&szlig;get&uuml;nchte W&auml;nde, alle Boote des Fischerdorfes
+<span class="pagenum"><a name="page_149" id="page_149"></a>149</span>hatten denselben Bau und das gleiche Takelwerk.
+Niemand pflegte hier irgend etwas Ungew&ouml;hnliches zu
+tun. Mutter selbst w&auml;re die erste gewesen, die sich einer
+solchen Heirat widersetzt h&auml;tte, wenn sie noch am Leben
+gewesen w&auml;re. Mutter hatte streng auf Ordnung und
+Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte
+in dem Fischerdorf, da&szlig; siebzigj&auml;hrige Greise Hochzeit
+hielten.</p>
+
+<p>Da streckte Mutters Bild die ringgeschm&uuml;ckte Hand
+aus und befahl ihm geradezu zu gehorchen. Mutter hatte
+immer etwas unbegreiflich Ehrfurchtgebietendes an sich
+gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide mit den
+vielen Volants gekommen war. Die gro&szlig;e gl&auml;nzende
+Goldbrosche, die schwere rasselnde Goldkette hatten ihn
+immer eingesch&uuml;chtert. W&auml;re sie in ihren Marktkleidern
+gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit
+der Wachstuchsch&uuml;rze voll Fischschuppen und Fischaugen,
+dann h&auml;tte er nicht ganz so gro&szlig;en Respekt vor ihr gehabt.
+Aber jetzt war das Ende vom Liede, da&szlig; er versprach,
+zu heiraten. Und dann schl&uuml;pfte Mutters Bild
+wieder in seinen Rahmen.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen erwachte der alte Matt&szlig;on in
+gro&szlig;er Angst. Es fiel ihm gar nicht ein, gegen Mutters
+Bild ungehorsam zu sein, es wu&szlig;te nat&uuml;rlich, was f&uuml;r
+ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit,
+die jetzt kommen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>An demselben Tage hielt er um die h&auml;&szlig;lichste Tochter
+des &auml;rmsten Fischers an, ein kleines Ding mit dem Kopf
+zwischen den Schultern und mit vorstehendem Unterkiefer.
+Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur
+Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde
+festgesetzt.</p>
+
+<p>&Uuml;ber windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden
+f&uuml;hrt der Weg vom Fischerdorf in die Stadt. Eine
+Viertelmeile ist er lang, und man behauptet, da&szlig; die
+Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, da&szlig; sie ihn
+<span class="pagenum"><a name="page_150" id="page_150"></a>150</span>mit blankem Silbergelde pflastern k&ouml;nnten. Das w&uuml;rde
+dem Weg einen eigent&uuml;mlichen Reiz verleihen. Glitzernd
+wie ein Fischbauch w&uuml;rde er sich mit seinen wei&szlig;en Schuppen
+zwischen Riedgrash&uuml;geln und Strandpf&uuml;tzen dahinschl&auml;ngeln.
+Tausendsch&ouml;nchen und Mandelblumen, die diesen
+von den Menschen verlassenen Boden schm&uuml;cken, w&uuml;rden
+sich in den blanken Silberm&uuml;nzen spiegeln, die Disteln
+w&uuml;rden sch&uuml;tzend ihre Stacheln dar&uuml;ber ausstrecken,
+und der Wind w&uuml;rde einen klingenden Resonanzboden
+finden, wenn er durch das Schilf der Strandweiden
+spielte und in den Telephondr&auml;hten sang.</p>
+
+<p>Dem alten Matt&szlig;on w&auml;re es vielleicht ein gewisser
+Trost gewesen, wenn er seine schweren Seestiefel auf
+klingendes Silber h&auml;tte setzen k&ouml;nnen, denn eines ist gewi&szlig;,
+jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg &ouml;fter machen
+mu&szlig;te, als er w&uuml;nschte.</p>
+
+<p>Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus
+dem Aufgebot hatte nichts werden k&ouml;nnen. Dies kam daher,
+da&szlig; er das vorige Mal seiner Braut durchgegangen
+war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium
+&uuml;ber seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis
+erwirken konnte, eine neue Ehe zu schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Matt&szlig;on
+an jedem Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause
+setzte er sich unten zur T&uuml;r hin und wartete dort stumm,
+bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er auf und
+fragte, ob der Pfarrer etwas f&uuml;r ihn habe. Nein, er
+hatte nichts.</p>
+
+<p>Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles
+bezwingende Liebe &uuml;ber diesen alten Mann erlangt hatte.
+Da sa&szlig; er in seiner dicken gestrickten Wolljacke, den hohen
+Seestiefeln und dem windverwehten S&uuml;dwester, mit
+einem scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren,
+und wartete auf die Erlaubnis, zu heiraten. Dem
+Pfarrer schien es eigent&uuml;mlich, da&szlig; dieser alte Fischer
+von einer so hei&szlig;en Sehnsucht erf&uuml;llt war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_151" id="page_151"></a>151</span>&bdquo;Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Matt&szlig;on,&ldquo;
+sagte der Pfarrer.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;K&ouml;nnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen
+Sache abstehen, Matt&szlig;on? Sie geh&ouml;ren ja nicht mehr
+zu den J&uuml;ngsten.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Matt&szlig;on
+wu&szlig;te ja selbst, da&szlig; er zu alt war, aber er war gezwungen,
+zu heiraten. Da gab es keine Hilfe.</p>
+
+<p>Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche f&uuml;r Woche
+wieder, bis endlich die Erlaubnis eintraf.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser ganzen Zeit war der alte Matt&szlig;on ein
+gehetzter Mann. Rings um den gr&uuml;nen Trockenplatz, wo
+die braunen Fischnetze hingen, l&auml;ngs der zementierten
+Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem
+Markte, wo Dorsche und Krabben verkauft wurden, und
+weit drau&szlig;en auf dem Sunde, wo man den Heringszug
+verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes.</p>
+
+<p>Wie, er wollte heiraten, Matt&szlig;on, der vor seiner eignen
+Hochzeit davongelaufen war!</p>
+
+<p>Und man verschonte weder Br&auml;utigam noch Braut.</p>
+
+<p>Doch am schlimmsten f&uuml;r ihn war, da&szlig; niemand mehr
+&uuml;ber die ganze Sache lachen konnte als er selbst. Niemand
+konnte sie l&auml;cherlicher finden. Mutters Bild war
+drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der
+alte Matt&szlig;on, der noch immer ein von Gerede und Spott
+verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, bis zu
+dem wei&szlig;get&uuml;nchten Leuchtturm, um dort allein zu sein.
+Dort drau&szlig;en traf er seine Braut. Sie sa&szlig; da und weinte.</p>
+
+<p>Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern h&auml;tte haben
+wollen. Sie sa&szlig; da und lockerte kleine Kalkst&uuml;ckchen von
+<span class="pagenum"><a name="page_152" id="page_152"></a>152</span>der Mauer des Leuchtturmes und warf sie in das Wasser.
+Zuerst gab sie gar keine Antwort.</p>
+
+<p>Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?</p>
+
+<p>Ach nein, gewi&szlig; nicht.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en am Leuchtturm ist es sehr sch&ouml;n. Das klare
+Wasser des Sunds umrauscht ihn. Der flache Strand,
+die kleinen, regelrechten H&auml;uschen des Fischerdorfes, die
+ferne Stadt, alles ist von der ewigen Sch&ouml;nheit des
+Meeres begl&auml;nzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist
+den westlichen Horizont verh&uuml;llen, taucht hier und da ein
+Fischerboot auf. Mit k&uuml;hnem Kreuzen steuert es dem
+Hafen zu. Es rauscht fr&ouml;hlich um den Kiel, wenn es in
+den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden
+ganz still die Segel eingezogen. Die Fischer schwenken
+den Hut zum fr&ouml;hlichen Gru&szlig;e, und unten im Boot liegt
+glitzernd die gefangne Beute.</p>
+
+<p>Es kam gerade ein Boot in den Hafen, w&auml;hrend der
+alte Matt&szlig;on drau&szlig;en am Leuchtturm stand. Ein junger
+Bursche, der am Steuer sa&szlig;, l&uuml;ftete den Hut und nickte
+dem M&auml;dchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen
+aufleuchtete.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach so,&ldquo; dachte er, &bdquo;hast du dich in den sch&ouml;nsten
+Burschen im ganzen Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du
+nie. Ebensogut kannst du da mich heiraten, wie auf den
+warten.&ldquo;</p>
+
+<p>Er merkte, da&szlig; er Mutters Bild nicht entkommen
+konnte. Wenn das M&auml;dchen jemanden lieb gehabt h&auml;tte,
+den sie die geringste Aussicht hatte zu bekommen, dann
+w&auml;re dies eine sch&ouml;ne Ausrede gewesen, um die ganze
+Sache loszuwerden. Aber jetzt n&uuml;tzte es nichts, sie freizugeben.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_153" id="page_153"></a>153</span>Vierzehn Tage sp&auml;ter wurde die Hochzeit gefeiert, und
+ein paar Tage drauf kam der gro&szlig;e Novembersturm.</p>
+
+<p>Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund
+hinabgetrieben. Steuer und Mast waren fort, so da&szlig; es
+unm&ouml;glich zu lenken war. Der alte Matt&szlig;on und f&uuml;nf
+andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang
+ohne Nahrung herum. Als sie geborgen wurden, waren
+sie vor Mattigkeit und K&auml;lte ganz ersch&ouml;pft. Alles im
+Boote war mit einer Eiskruste &uuml;berzogen, und ihre feuchten
+Kleider waren in der K&auml;lte ganz steif geworden. Der
+alte Matt&szlig;on erk&auml;ltete sich dabei so schwer, da&szlig; er nie
+mehr seine Gesundheit wiedererlangte. Er lag zwei Jahre
+lang krank, dann kam der Tod.</p>
+
+<p>Manchen schien es eigent&uuml;mlich, da&szlig; er unmittelbar
+vor dem Ungl&uuml;cksfalle den Einfall gehabt hatte, zu heiraten,
+denn die kleine Frau war ihm eine gute Pflegerin
+geworden. Wie w&auml;re es ihm wohl ergangen, wenn er einsam
+und hilflos dagelegen w&auml;re? Das ganze Fischerdorf
+erkannte schlie&szlig;lich, da&szlig; er nie etwas Kl&uuml;gres getan h&auml;tte,
+als da er sich verheiratete, und die kleine Frau stand in
+gro&szlig;em Ansehen wegen der Z&auml;rtlichkeit, mit der sie den
+Mann pflegte.</p>
+
+<p>&bdquo;Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,&ldquo;
+sagte man.</p>
+
+<p>Der alte Matt&szlig;on erz&auml;hlte jeden Tag, solange er krank
+lag, seiner Frau die Geschichte von dem Bilde.</p>
+
+<p>&bdquo;Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles
+haben sollst, was mein ist,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>&bdquo;Sprich doch nicht von so etwas.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und du sollst auf Mutters Portr&auml;t acht geben, wenn
+die jungen Burschen um dich werben. Wahrlich, ich glaube,
+es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf, der sich besser
+auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_154" id="page_154"></a>154</span></p>
+<h2 style="margin-bottom: 1em"><a name="nr10" id="nr10"></a><a href="#inhalt">Ein gefallener K&ouml;nig</a></h2>
+
+<p style="margin-left: 50%; margin-top: 0em; font-size: smaller">&bdquo;Mein war das Reich der Phantasie,<br />
+Nun bin ich ein gefallener K&ouml;nig.&ldquo;<br />
+<span style="margin-left: 35%">Snoilsky.</span></p>
+
+
+<p>Es klapperte &uuml;ber die Pflastersteine, die Holzpantoffeln
+klatschten in unruhigem Takt. Die Gassenjungen
+eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen. Es ging im
+Laufmarsch. Die H&auml;user zitterten, und aus den Seiteng&auml;&szlig;chen
+st&uuml;rzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus
+seiner H&uuml;tte.</p>
+
+<p>Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte
+sich etwas zugetragen? War etwas los? Der L&auml;rm verzog
+sich nach der Vorstadt. Die Dienstm&auml;dchen eilten
+hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die
+H&auml;nde zusammen und schrien: &bdquo;Gott bewahre uns, Gott
+bewahre uns! Gibt es Mord, gibt es Brand?&ldquo; Niemand
+antwortete. Das Klappern ert&ouml;nte aus der Ferne.</p>
+
+<p>Nach den M&auml;dchen kamen die weisen Matronen der
+Stadt geeilt. Sie fragten: &bdquo;Was geht vor? Was st&ouml;rt
+die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es ein
+Begr&auml;bnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der
+Turmw&auml;chter? Soll die Stadt niederbrennen, ehe er zu
+l&auml;uten anf&auml;ngt?&ldquo;</p>
+
+<p>Der ganze Haufen machte vor dem kleinen H&auml;uschen
+des Schuhmachers in der Vorstadt halt, dem kleinen
+H&auml;uschen, das Weinranken um T&uuml;ren und Fenster hatte
+und darunter zwischen der Stra&szlig;e und dem Hause einen
+ellenbreiten Garten. Ein Lusth&auml;uschen aus Stroh, Bosketts
+f&uuml;r ein M&auml;uslein, Wege f&uuml;r ein K&auml;tzchen. Alles
+aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und
+Lavendel, eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerb&uuml;sche und
+einen Apfelbaum.</p>
+
+<p>Die Gassenjungen standen am n&auml;chsten, sie sp&auml;hten
+und berieten. Die blanken schwarzen Fensterscheiben lie&szlig;en
+<span class="pagenum"><a name="page_155" id="page_155"></a>155</span>die Blicke nicht weiter vordringen als bis zu den
+wei&szlig;en Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich
+an die Weinranken fest und dr&uuml;ckte das Gesicht an die
+Scheibe. &bdquo;Was sieht er?&ldquo; fl&uuml;sterten die andern. &bdquo;Was
+sieht er?&ldquo; Die Schusterwerkstatt und die Schusterbank,
+Schmierb&uuml;chsen und Lederflecke, Leisten und Pfl&ouml;cke,
+Ringe und Riemen. &bdquo;Sieht er keinen Menschen?&ldquo; Er
+sieht den Gesellen, der den Absatz an einem Schuh macht.
+Sonst niemand, sonst niemand? Gro&szlig;e, schwarze Fliegen
+springen &uuml;ber die Scheibe und tr&uuml;ben seinen Blick.
+&bdquo;Sieht er niemand anders als den Gesellen?&ldquo; Niemand
+anders. Des Meisters Stuhl steht leer. Er sah einmal,
+zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.</p>
+
+<p>Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte
+sich. Es war also wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen.
+Niemand wollte es glauben. Man stand da
+und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das
+steile Dach heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt
+die Dachrinne hinab. Ja, der Hausherr war fort, die
+Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und kreischten
+ganz hilflos.</p>
+
+<p>Ein wei&szlig;es K&uuml;chlein guckte um die Hausecke. Es war
+schon beinahe ein richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete
+rot wie Weinlaub. Es sp&auml;hte und guckte, kr&auml;hte und rief.
+Die H&uuml;hner kamen, eine Reihe wei&szlig;er H&uuml;hner in vollem
+Lauf, die K&ouml;rper wiegten sich, die Fl&uuml;gel schlugen, die
+gelben Beinchen regten sich wie Trommelschl&auml;gel. Die
+H&uuml;hner h&uuml;pften in die Erbsen. Schl&auml;gereien entspannen
+sich. Mi&szlig;gunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer
+vollen Erbsenschote Zwei H&auml;hne hackten sie in den
+Nacken. Die Katze verlie&szlig; das Spatzennest, um zuzusehen.
+Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die H&uuml;hner entflohen
+in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe
+dachte: &bdquo;Freilich ist es wahr, da&szlig; der Schuster
+sich aus dem Staube gemacht hat. Man sieht es an der
+Katze und an den H&uuml;hnern, da&szlig; der Hausherr fort ist.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_156" id="page_156"></a>156</span>Die holprige, vom Herbstregen schl&uuml;pfrige Vorstadtgasse
+hallte von allen den Reden wider. Die T&uuml;ren standen
+offen, die Fenster schwangen hin und her. Ein Kopf
+steckte sich neben den andern in verwundertem Gefl&uuml;ster.
+&bdquo;Er ist durchgegangen.&ldquo; Menschen fl&uuml;sterten, Sperlinge
+kreischten, Holzpantoffeln klapperten: &bdquo;Er ist durchgegangen.
+Der alte Schuhmacher ist durchgegangen. Der
+Besitzer des kleinen H&auml;uschens, der Mann der jungen
+Frau, der Vater des sch&ouml;nen Kindes ist durchgegangen.
+Wer kann es verstehen? Wer kann es verstehen?&ldquo;</p>
+
+<p>So geht ein altes Liedchen: &bdquo;Alter Mann im Hause,
+junger Knab' im Walde; Frau entflieht; Kind weint;
+Heim ohne Herrin.&ldquo;</p>
+
+<p>Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.</p>
+
+<p>Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem
+Tisch der Werkstatt lag seine Erkl&auml;rung, da&szlig; er niemals
+wiederzukommen gedachte; daneben war auch ein Brief
+gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.</p>
+
+<p>Die junge Frau war in der K&uuml;che. Sie tat nichts.
+Die Nachbarin ging hin und her; hantierte gesch&auml;ftig herum,
+setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu, weinte ein
+bi&szlig;chen und trocknete sich die Tr&auml;nen mit dem Wischfetzen.</p>
+
+<p>Die weisen Frauen des Viertels sa&szlig;en steif rings an
+den W&auml;nden. Sie wu&szlig;ten, was sich in einem Trauerhause
+schickte. Sie sahen darauf, da&szlig; Schweigen herrschte, da&szlig;
+Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die
+verlassene Frau in ihrer Trauer zu st&uuml;tzen. Grobe H&auml;nde
+lagen still im Scho&szlig;e, wettergebr&auml;unte Wangen legten
+sich in tiefe Runzeln, d&uuml;nne Lippen kniffen sich &uuml;ber
+zahnlosen Kinnladen zusammen.</p>
+
+<p>Die Frau sa&szlig; unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell,
+mit s&uuml;&szlig;em Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte.
+Sie war so &auml;ngstlich, da&szlig; sie fast vor Furcht starb.
+Sie bi&szlig; die Z&auml;hne zusammen, damit niemand h&ouml;rte, wie
+sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ert&ouml;nten, wenn
+<span class="pagenum"><a name="page_157" id="page_157"></a>157</span>es klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr
+sie zusammen.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; mit dem Brief des Mannes in der Tasche da.
+Sie erinnerte sich bald an eine Zeile daraus, bald an eine
+andre. Da stand: &bdquo;Ich halte es nicht l&auml;nger aus, Euch
+beide zu sehen.&ldquo; Und an einer andern Stelle: &bdquo;Ich habe
+jetzt die Gewi&szlig;heit, da&szlig; Du mit Erikson durchgehen
+willst.&ldquo; Und dann wieder: &bdquo;Du sollst es nicht tun, denn
+die b&ouml;se Nachrede der Leute w&uuml;rde Dich ungl&uuml;cklich machen.
+Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen
+und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver
+Arbeiter und kann Dich gut versorgen.&ldquo; Dann tiefer
+unten: &bdquo;La&szlig; die Leute von mir sagen, was sie wollen,
+ich bin schon froh, wenn sie nichts B&ouml;ses von Dir glauben;
+denn Du w&uuml;rdest es nicht ertragen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betr&uuml;gen
+wollen. Wenn sie auch gerne mit dem jungen Gesellen
+plauderte, was ging das den Mann an? Die Liebe ist
+eine Krankheit, aber sie ist nicht t&ouml;dlich. Sie hatte sie
+das ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen.
+Wie hatte der Mann ihre heimlichsten Gedanken erraten
+k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mu&szlig;te
+sich ge&auml;ngstigt und gesorgt haben. Er hatte &uuml;ber seine
+Jahre geweint. Er hatte &uuml;ber die Kr&auml;fte und den Mut
+des Jungen gerast. Er war bei jedem Fl&uuml;stern, jedem
+L&auml;cheln, jedem H&auml;ndedruck erzittert. In lichterlohem
+Wahnsinn, in knirschender Eifersucht hatte er eine ganze
+Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch nichts war.</p>
+
+<p>Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein
+mu&szlig;te, als er ging. Sein R&uuml;cken war gebeugt, seine
+H&auml;nde zitterten. Langer N&auml;chte Qual hatte ihn so gemacht.
+Er war gegangen, um dieses Dasein qu&auml;lender
+Zweifel los zu sein.</p>
+
+<p>Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe:
+&bdquo;Es ist nicht meine Absicht, Dich zu besch&auml;men, ich bin
+<span class="pagenum"><a name="page_158" id="page_158"></a>158</span>immer zu alt f&uuml;r Dich gewesen.&ldquo; Und dann an eine
+andre: &bdquo;Du sollst immer geachtet und geehrt sein.
+Schweige nur selbst, dann f&auml;llt alle Schande auf mich.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frau f&uuml;hlte immer gr&ouml;&szlig;re Angst. War es m&ouml;glich,
+da&szlig; man Menschen so betr&uuml;gen konnte? Ging es
+auch an, so vor Gott zu l&uuml;gen? Warum sa&szlig; sie hier
+in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt
+wie eine Braut am Hochzeitstage? Warum war nicht
+sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie kann so etwas
+geschehen? Wie kann Gott sich so betr&uuml;gen lassen?</p>
+
+<p>&Uuml;ber der gro&szlig;en Chiffoniere hing ein kleines B&uuml;cherbrett.
+Zu oberst auf dem Brett stand ein gro&szlig;es Buch mit
+Messingspangen. Und diese Spangen bargen die Erz&auml;hlung
+von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott
+und den Menschen logen. &bdquo;Wer hat es dir eingegeben,
+o Weib, da&szlig; du solches tun sollst? Sieh, junge M&auml;nner
+stehen hier vor deiner T&uuml;r, um dich fortzuf&uuml;hren.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den
+Schritten der jungen M&auml;nner. Sie erzitterte bei jedem
+Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war bereit,
+aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und
+zu sterben.</p>
+
+<p>Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam
+zum Tisch hin. Sie schenkten die Tassen voll, nahmen
+Zucker in den Mund und begannen den siedendhei&szlig;en
+Kaffee einzuschl&uuml;rfen, still und anst&auml;ndig, die Handwerkerfrauen
+zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die
+Frau des Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst
+raubte ihr ganz die Besinnung. Sie hatte eine Erscheinung.
+Mitten in der Nacht sa&szlig; sie auf einem frisch gepfl&uuml;gten
+Acker. Rings um sie sa&szlig;en gro&szlig;e V&ouml;gel mit
+starken Fl&uuml;geln und spitzigen Schn&auml;beln. Sie waren
+grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden, aber sie
+wachten &uuml;ber sie. Sie hielten Gericht &uuml;ber sie. Mit
+einemmal flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf
+herab. Sie sah ihre scharfen Klauen, ihre spitzigen Schn&auml;bel;
+<span class="pagenum"><a name="page_159" id="page_159"></a>159</span>ihre peitschenden Fl&uuml;gel kamen immer n&auml;her. Es war
+wie ein t&ouml;dlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf
+hinab und f&uuml;hlte, da&szlig; sie sterben mu&szlig;te. Aber als sie
+n&auml;her kamen, ganz dicht an sie heran, mu&szlig;te sie aufsehen.
+Da sah sie, da&szlig; die grauen V&ouml;gel alle diese alten
+Frauen waren.</p>
+
+<p>Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wu&szlig;te, was
+anst&auml;ndig war, was sich in einem Trauerhause schickte.
+Man hatte jetzt lange genug geschwiegen. Aber die Schustersfrau
+fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen.
+Was wollte die Frau sagen? &bdquo;Du Matts Wiks
+Frau, Anna Wik, gestehe! Lange genug hast du vor
+Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir
+wollen dich richten und dich zerrei&szlig;en.&ldquo;</p>
+
+<p>Nein, die Frau begann von den M&auml;nnern zu sprechen.
+Und die andern stimmten ein, so wie der Anla&szlig; es erforderte.
+Es wurde nicht zum Lob der M&auml;nner gesprochen.
+Alles B&ouml;se, was M&auml;nner je getan hatten, wurde
+ans Licht gezogen. Das war Trost f&uuml;r eine verlassene
+Frau.</p>
+
+<p>Verleumdung ward auf Verleumdung gew&auml;lzt. Wunderliche
+Wesen, diese M&auml;nner! Sie schlagen uns, sie vertrinken
+unser Geld. Sie verpf&auml;nden unsre Habe. Warum
+in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?</p>
+
+<p>Die Zungen wurden wie Drachenz&auml;hne, sie spien Gift,
+sie spr&uuml;hten Feuer. Jede f&uuml;gte ihr Wort ein. Erz&auml;hlung
+h&auml;ufte sich auf Erz&auml;hlung. Die Frau floh vor dem berauschten
+Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich
+f&uuml;r versoffne M&auml;nner. Ehefrauen wurden um andrer
+Frauen willen verlassen. Die Zungen sausten wie Peitschenhiebe.
+Das h&auml;usliche Elend wurde entbl&ouml;&szlig;t. Lange Litaneien
+wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei
+bewahre uns, o g&uuml;tiger Gott!</p>
+
+<p>Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die K&auml;lte
+des Winters, die Plage mit den Alten, alles kommt vom
+Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre Herren. Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_160" id="page_160"></a>160</span>wendeten den Stachel gegen den, zu dessen F&uuml;&szlig;en sie
+krochen.</p>
+
+<p>Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese
+Worte schrill in den Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen
+zu verteidigen. &bdquo;Mein Mann,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ist gut.&ldquo;
+Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. &bdquo;Er
+ist durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer.
+Er, der schon alt ist, h&auml;tte es besser verstehen
+m&uuml;ssen, als von Frau und Kind fortzulaufen. Kannst
+du glauben, da&szlig; er besser ist als irgendein andrer?&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frau bebte, es war ihr, als w&uuml;rde sie durch stechendes
+Dornengestr&uuml;pp geschleift. Ihr Mann zu den S&uuml;ndern
+gez&auml;hlt! Sie ergl&uuml;hte in Scham, sie wollte sprechen,
+aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es
+nicht. Aber warum schwieg Gott? Warum lie&szlig; Gott
+so etwas geschehen?</p>
+
+<p>Wenn sie den Brief herausn&auml;hme und ihn laut l&auml;se.
+Dann w&uuml;rde sich der Giftstrom wenden. Der Eiter w&uuml;rde
+sie bespritzen. Todesangst kam &uuml;ber sie. Sie wagte es
+nicht. Sie w&uuml;nschte beinahe, da&szlig; eine freche Hand in
+ihre Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen h&auml;tte.
+Sie vermochte nicht, sich selbst preiszugeben. Drinnen
+aus der Werkst&auml;tte h&ouml;rte man einen Schusterhammer.
+H&ouml;rte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen
+Tag hatte sie dieses Klopfen geh&ouml;rt und sich dar&uuml;ber
+erz&uuml;rnt. Aber keine der Frauen verstand es. Allwissender
+Gott, hattest du keinen Diener, der die Herzen
+durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen,
+wenn sie nur nicht gestehen mu&szlig;te. Sie wollte jemanden
+sagen h&ouml;ren: &bdquo;Wer hat es dir eingegeben, da&szlig; du vor
+Gott l&uuml;gen solltest?&ldquo; Sie horchte nach dem Laut der
+Schritte der jungen M&auml;nner, um niederzufallen und zu
+sterben.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_161" id="page_161"></a>161</span>Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene
+Frau einen Schuhmacher, der Gesell bei ihrem
+Manne gewesen war. Sie hatte es nicht gewollt, aber
+sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum
+Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur
+h&auml;ngen geblieben ist. Der Fischer l&auml;&szlig;t sie spielen, er
+l&auml;&szlig;t sie hin und her schnellen und l&auml;&szlig;t sie glauben, da&szlig;
+sie frei ist. Aber wenn sie m&uuml;de geworden ist, wenn
+sie nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck
+an das Boot, dann holt er sie herauf und wirft sie auf
+den Bootsgrund, ehe sie noch wei&szlig;, um was es sich
+handelt.</p>
+
+<p>Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte
+ihren Gesellen verabschiedet und hatte allein leben wollen.
+Sie wollte ihrem Manne zeigen, da&szlig; sie unschuldig war.
+Aber wo war der Mann? K&uuml;mmerte er sich nicht um
+ihre Treue? Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen.
+Wie lange glaubte denn der Mann, da&szlig; sie warten
+konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte,
+an den sie sich lehnen konnte.</p>
+
+<p>Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen
+in der Stadt. Seine Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben
+hinter breiten Auslagefenstern. Seine Werkst&auml;tte
+dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte
+Sammetm&ouml;bel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur
+auf sie. Als sie der Armut gar zu m&uuml;de war, kam sie.</p>
+
+<p>Sie war anfangs sehr &auml;ngstlich. Aber es traf sie kein
+Ungl&uuml;ck. Sie wurde mit jedem Tage sichrer und immer
+gl&uuml;cklicher. Sie stand bei den Menschen in Ansehen und
+wu&szlig;te bei sich, da&szlig; sie es nicht verdiente. Dies hielt
+ihr Gewissen wach, so da&szlig; sie eine gute Frau wurde.</p>
+
+<p>Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in
+das Haus in der Vorstadt. Er lie&szlig; sich wieder dort
+nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er bekam
+keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit
+ihm verkehren. Er wurde verachtet, w&auml;hrend seine Frau
+<span class="pagenum"><a name="page_162" id="page_162"></a>162</span>gro&szlig;e Ehre geno&szlig;. Und doch hatte er recht getan und
+sie unrecht gehandelt.</p>
+
+<p>Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es
+erstickte ihn beinahe. Er f&uuml;hlte, wie er sank, weil alle
+ihn f&uuml;r einen schlechten Menschen hielten. Niemand verlie&szlig;
+sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen.
+Er schlo&szlig; sich der Gesellschaft an, die er finden konnte,
+und gew&ouml;hnte es sich an, zu trinken.</p>
+
+<p>W&auml;hrend es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee
+in die Stadt. Sie mietete einen gro&szlig;en Saal und
+begann ihre T&auml;tigkeit. Schon vom ersten Abend an lief
+alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug
+zu treiben. Als dies ungef&auml;hr eine Woche gedauert
+hatte, kam Matts Wik mit, um an der Belustigung teilzunehmen.
+Es herrschte Gedr&auml;nge auf der Gasse, und
+im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen
+und scharfe Zungen; Gassenjungen und Soldaten,
+M&auml;gde und Scheuerfrauen; friedliche Polizisten und l&auml;rmender
+P&ouml;bel. Die Armee war neu und modern. Die
+B&auml;lle verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants
+und Hafengesindel, alles ging zur Heilsarmee.</p>
+
+<p>Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde
+stand eine leere Estrade. Ungestrichne B&auml;nke, geliehene
+St&uuml;hle. Zerschlissener Boden, Feuchtigkeitsflecke
+an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen
+mitten im Zimmer verbreitete W&auml;rme und Kohlendunst.
+Im Augenblick waren alle Pl&auml;tze besetzt. Zun&auml;chst der
+Estrade sa&szlig;en Frauen, anst&auml;ndig wie in der Kirche, feierlich
+wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe
+und N&auml;hm&auml;dchen. Ganz r&uuml;ckw&auml;rts sa&szlig;en die Jungen,
+ein Gassenjunge dem andern auf dem Scho&szlig;. Und
+in der T&uuml;r gab es Schl&auml;gereien zwischen jenen, die nicht
+hereinkommen konnten.</p>
+
+<p>Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen,
+die Vorstellung noch nicht begonnen. Einer pfiff,
+einer lachte. B&auml;nke wurden zertreten. Der &bdquo;Kampfruf&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_163" id="page_163"></a>163</span>flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her.
+Das Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.</p>
+
+<p>Die Seitent&uuml;re &ouml;ffnete sich. Kalte Luft str&ouml;mte in das
+Zimmer. Das Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat
+ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Endlich kamen
+sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter
+von breitkrempigen H&uuml;ten beinahe verdeckt. Sie st&uuml;rzten
+auf die Knie, sobald sie die Stufen der Estrade erklommen
+hatten.</p>
+
+<p>Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor,
+schlo&szlig; aber die Augen. Die Stimme war schneidend wie
+ein Messer. W&auml;hrend des Gebetes war es still. Gassenjungen
+und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug
+gekommen. Sie warteten auf die Gest&auml;ndnisse und die
+anregenden Melodien.</p>
+
+<p>Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und
+beteten, sangen und predigten. Sie l&auml;chelten und sprachen
+von ihrem Gl&uuml;ck. Vor sich hatten sie ein Parterre von
+Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen
+auf die B&auml;nke. Ein drohender L&auml;rm erhob sich in den
+Scharen. Die Frauen auf der Estrade sahen furchtbare
+Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die M&auml;nner
+hatten feuchte, schmutzige Kleider, die &uuml;bel rochen. Sie
+spien jeden Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem
+Wort. Diese Frauen, die gegen sie k&auml;mpfen wollten,
+sprachen von ihrem Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht
+sch&ouml;n, tapfer zu sein, ist es nicht ein Hochgef&uuml;hl, Gott
+mit sich zu haben! Es half nichts, &uuml;ber die mit den
+gro&szlig;en H&uuml;ten zu lachen. Es war h&ouml;chstwahrscheinlich,
+da&szlig; sie die schwieligen H&auml;nde, die grausamen Gesichter,
+die l&auml;sternden Lippen besiegen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>&bdquo;Singet mit,&ldquo; riefen die Heilsarmeesoldatinnen.
+&bdquo;Singet mit. Es ist gut, zu singen.&ldquo; Sie stimmten
+eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren Gitarren
+und wiederholten denselben Vers einmal ums andre.
+<span class="pagenum"><a name="page_164" id="page_164"></a>164</span>Sie brachten den einen oder andern der Zun&auml;chstsitzenden
+dazu, mitzusingen. Doch jetzt erdr&ouml;hnte unten von der
+T&uuml;re ein leichtsinniger Gassenhauer. T&ouml;ne k&auml;mpften
+gegen T&ouml;ne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die
+Zischpfeife. Die starken, ge&uuml;bten Stimmen der Frauen
+stritten gegen die heisern, mutierenden Stimmen der
+Knaben, gegen die Brummb&auml;sse der M&auml;nner. Als der
+Gassenhauer nahe daran war, unterzutauchen, begann
+man unten an der T&uuml;r zu stampfen und zu pfeifen.
+Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger.
+Der L&auml;rm war entsetzlich, die Frauen st&uuml;rzten auf die
+Knie.</p>
+
+<p>Sie lagen wie ohnm&auml;chtig da. Die Augen waren geschlossen.
+Die K&ouml;rper wiegten sich in stummem Schmerz.
+Der L&auml;rm erstarb. Die Heilsarmeekapit&auml;nin begann
+augenblicklich: &bdquo;Herr, alle diese wirst du zu den Deinen
+machen. Dank, o Herr, da&szlig; du sie alle in dein Kriegsheer
+aufnehmen willst! Dank, o Herr, da&szlig; wir sie dir
+zuf&uuml;hren d&uuml;rfen!&ldquo;</p>
+
+<p>Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als
+ob alle diese Kehlen von einem scharfen Messer gekitzelt
+w&uuml;rden. Es war, als f&uuml;rchteten die Menschen, &uuml;berwunden
+zu werden, als h&auml;tten sie vergessen, da&szlig; sie
+freiwillig gekommen waren.</p>
+
+<p>Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende
+Stimme trug den Sieg davon. Sie mu&szlig;ten h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch
+windet sich und rast. Aber das ist gerade das Zeichen.
+Gesegnet sei das Br&uuml;llen der alten Schlange! Es zeigt,
+da&szlig; sie sich qu&auml;lt, da&szlig; sie sich f&uuml;rchtet. Lacht uns aus!
+Schlagt uns die Fenster ein! Verjagt uns von der
+Estrade! Morgen werdet ihr uns angeh&ouml;ren! Wir werden
+die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen?
+Wie wollt ihr Gott widerstehen?&ldquo;</p>
+
+<p>Gleich darauf befahl die Kapit&auml;nin einer ihrer Gef&auml;hrtinnen,
+vorzutreten und ihr Bekenntnis abzulegen.
+<span class="pagenum"><a name="page_165" id="page_165"></a>165</span>Sie kam l&auml;chelnd. Sie stand k&uuml;hn und unerschrocken da
+und schleuderte die Geschichte ihrer S&uuml;nde und ihrer Bekehrung
+den H&ouml;hnenden entgegen. Wo h&auml;tte es das
+K&uuml;chenm&auml;dchen gelernt, l&auml;chelnd unter allem diesem
+Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen waren,
+um ihren Spott zu treiben, erbla&szlig;ten. Woher nahmen
+diese Frauen ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand
+hinter ihnen.</p>
+
+<p>Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wundersch&ouml;nes
+Kind, reicher Eltern Tochter, mit einer sanften,
+klaren Singstimme. Sie erz&auml;hlte nicht von sich selbst.
+Ihr Zeugnis war eines der gew&ouml;hnlichen Lieder.</p>
+
+<p>Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung
+verga&szlig; sich und lauschte. Dieses Kind war
+sch&ouml;n zu sehen, lieblich zu h&ouml;ren. Aber als sie verstummt
+war, brach das Get&ouml;se noch furchtbarer los. Unten an
+der T&uuml;r bauten sie eine Estrade aus B&auml;nken, sprangen
+hinauf und legten Gest&auml;ndnisse ab.</p>
+
+<p>Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne
+Ofen wurde glutrot, er schluckte Luft und str&ouml;mte
+W&auml;rme aus. Die ehrbaren Frauen auf den vordersten
+B&auml;nken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um,
+aber es gab keine M&ouml;glichkeit, den Saal zu verlassen.
+Die Heilssoldatinnen auf der Estrade wankten, und auf
+ihren Stirnen perlte der Schwei&szlig;. Sie riefen und beteten
+um St&auml;rke. Pl&ouml;tzlich fuhr ein Hauch durch die
+Luft, ein Fl&uuml;stern schlug an ihr Ohr. Sie wu&szlig;ten nicht,
+woher es kam, aber sie f&uuml;hlten einen Umschlag. Gott
+war mit ihnen. Er k&auml;mpfte f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Aufs neue in den Kampf! Die Kapit&auml;nin trat vor
+und erhob die Bibel &uuml;ber ihren Kopf. &bdquo;Haltet inne,
+haltet inne! Wir f&uuml;hlen, da&szlig; Gott unter uns wirkt.
+Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will
+uns eine Seele schenken.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige
+im Saal nahmen an dem Gebet teil. Allen teilte sich
+<span class="pagenum"><a name="page_166" id="page_166"></a>166</span>eine spannende Erwartung mit. War es wahr? Trug
+sich etwas Gro&szlig;es in der Seele eines Mitmenschen zu,
+hier, mitten unter ihnen? W&uuml;rden sie es sehen? Konnten
+diese Frauen etwas bewirken?</p>
+
+<p>F&uuml;r einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt
+war sie ebenso erpicht auf Wunder wie eben erst auf
+L&auml;sterung. Niemand wagte sich zu r&uuml;hren. Alle keuchten
+vor Erwartung, aber nichts geschah. &bdquo;O Gott, du verl&auml;ssest
+uns! Du verl&auml;&szlig;t uns, o Gott!&ldquo;</p>
+
+<p>Die sch&ouml;ne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie
+w&auml;hlte die mildeste der Melodien, das zarteste Kind der
+Sehnsucht: &bdquo;Fern er weilet von gr&uuml;nenden T&auml;lern.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Worte waren nur wenig ver&auml;ndert. Das Lied des
+finnischen Hirtenm&auml;dchens war unschwer zu Jesu Sehnsucht
+nach der Seele geworden. &bdquo;O, du meine Geliebte,
+kommst du nicht bald?&ldquo;</p>
+
+<p>So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang
+in die Gem&uuml;ter, wie eine Liebkosung, wie ein Segen.</p>
+
+<p>Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese
+T&ouml;ne.&nbsp;&ndash; &bdquo;Berge und W&auml;lder verschmachten, Himmel
+und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in der Welt
+d&uuml;rstet danach, da&szlig; du deine Seele dem Lichte erschlie&szlig;est.
+Dann verbreitet sich Herrlichkeit &uuml;ber alle Welt, dann
+stehen die Tiere auf aus ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen
+der Kreatur hat ein Ende. O, du meine Geliebte,
+kommst du nicht bald?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist nicht wahr, da&szlig; du in hohen K&ouml;nigss&auml;len
+weilest. In dunklen W&auml;ldern, in elenden H&uuml;tten hausest
+du, und du willst nicht kommen. Mein lichter Himmel
+lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht
+bald?&ldquo;</p>
+
+<p>Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim
+ein. Stimme um Stimme kam mit. Sie wu&szlig;ten
+nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die Melodie
+war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen T&ouml;nen
+freisingen. Auch unten an der T&uuml;r wurde es gesungen.
+<span class="pagenum"><a name="page_167" id="page_167"></a>167</span>Es sprengte Herzen. Es unterjochte Willen. Es klang
+nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern stark,
+fordernd, befehlend.</p>
+
+<p>&bdquo;O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?&ldquo;</p>
+
+<p>Unten an der T&uuml;r im dichtesten Kn&auml;uel stand Matts
+Wik. Er sah ganz vertrunken aus, aber an diesem Abend
+war er nicht berauscht. Er stand da und dachte: &bdquo;Wenn
+ich sprechen d&uuml;rfte, wenn ich sprechen d&uuml;rfte.&ldquo;</p>
+
+<p>Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen
+hatte, die wunderbarste Gelegenheit. Eine Stimme sprach
+zu ihm: &bdquo;Dies ist das Schilf, in das du fl&uuml;stern kannst,
+die Wellen, die deine Stimme tragen werden.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als h&auml;tten
+sie einen L&ouml;wen br&uuml;llen h&ouml;ren. Eine starke, furchtbare
+Stimme sprach furchtbare Worte.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;hnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott?
+Er verlie&szlig; alle, die ihm dienten. Er hatte seinen Sohn
+verlassen. Gott half niemandem.</p>
+
+<p>Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder
+Minute brausender. Solche Kraft hatte niemand Menschenlungen
+zugetraut. Solche Raserei hatte niemand je
+aus einem zertretnen Herzen losbrechen h&ouml;ren. Sie neigten
+ihr Haupt wie die Wandrer in der W&uuml;ste, wenn der
+Sturm &uuml;ber sie kommt.</p>
+
+<p>Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde
+Hammerschl&auml;ge gegen Gottes Thron. Gegen ihn, der
+Hiob qu&auml;lte, der die M&auml;rtyrer leiden, der seine Bekenner
+auf Scheiterhaufen verbrennen lie&szlig;. Der Ohnm&auml;chtige,
+wann begr&uuml;ndet er sein Reich? Wann l&auml;&szlig;t er ab, die
+Arglist zum Siege zu f&uuml;hren?</p>
+
+<p>Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige
+hatten geglaubt, da&szlig; dies ein Scherz sei. Jetzt h&ouml;rten
+sie bebend, da&szlig; es Ernst war. Schon erhoben sich einige,
+um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den
+Schutz der Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf
+sie herabbeschwor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_168" id="page_168"></a>168</span>Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen
+Lohn sie f&uuml;r ihre M&uuml;he erwarteten, Gott zu dienen.
+Sie sollten sich nicht den Himmel erwarten. Gott geizte
+mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr
+Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu
+erringen. Er hatte gr&ouml;&szlig;re Opfer gebracht, als Gott verlangte.
+Aber dann wurde er zur S&uuml;nde verlockt. Das
+Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon
+in dieser Welt. Er mu&szlig; den Weg der Verdammten
+gehen.</p>
+
+<p>Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die
+Schiffe in den Hafen treibt. Bei den Worten des H&ouml;hnenden
+st&uuml;rzten die Frauen die Estrade hinan. Die
+H&auml;nde der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfa&szlig;t und
+gek&uuml;&szlig;t. Bekehrung folgte auf Bekehrung. Sie konnten
+kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen Gott.</p>
+
+<p>Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn.
+Er sagte zu sich selbst: &bdquo;Ich spreche, ich spreche, endlich
+spreche ich. Ich sage ihnen mein Geheimnis, und ich
+sage es doch nicht.&ldquo; Zum ersten Male, seit er das gro&szlig;e
+Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die
+Stadt sah wie eine Steinw&uuml;ste aus, wie eine Mondlandschaft.
+Man sah keine Katze, keinen Sperling, kaum eine
+Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein rauchte.
+In den schw&uuml;len Stra&szlig;en war keine Luft. Das Ganze
+war nur ein steinbes&auml;ter Acker, aus dem Steinw&auml;nde
+wuchsen.</p>
+
+<p>Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die
+jungen Damen in schmalen R&ouml;cken und weiten &Auml;rmeln,
+langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo
+waren Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und
+Gassenjungen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_169" id="page_169"></a>169</span>Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten
+Lustfahrerscharen, alle die K&ouml;rbe und Ziehharmonikas
+und Flaschen, die das Dampfboot ans Land lud. Oder
+wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen
+wehten, die Trommeln dr&ouml;hnten, Gassenjungen schw&auml;rmten,
+stampften, schrien hurra. Oder wo blieben sie, die
+blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen,
+w&auml;hrend Vater und Mutter sie and&auml;chtig &uuml;ber die Gasse
+schoben.</p>
+
+<p>Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald.
+Sie klagten &uuml;ber die langen Stra&szlig;en. Es war, als wenn
+die Steinh&auml;user ihnen nachjagten. Endlich, endlich schimmerte
+Gr&uuml;n. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich
+durch platte, feuchte Felder schl&auml;ngelte, wo der Lerchengesang
+am vollsten ert&ouml;nte, wo der Klee honigs&uuml;&szlig; duftete,
+da lagen die ersten Zur&uuml;ckgebliebenen. Die M&uuml;tze
+im Nacken, die Nase im Grase. Den K&ouml;rper in Sonnenschein
+und Blumenduft gebadet, die Seele von Mu&szlig;e und
+Ruhe erquickt.</p>
+
+<p>Aber &uuml;ber den Weg zum Walde eilten Provianttr&auml;ger
+und Radfahrer. Jungen kamen mit Spaten und blanken
+Tornistern. M&auml;dchen tanzten in Staubwolken. Himmel
+und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien
+und Arbeiterscharen. Die sich b&auml;umenden Klepper
+der Charabans erhoben die Vorderbeine &uuml;ber die
+Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das
+Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert
+und blieb zappelnd auf dem R&uuml;cken im Staube der Landstra&szlig;e
+liegen.</p>
+
+<p>Drinnen im Walde spielte und sang, fl&ouml;tete und
+schluchzte eine Nachtigall. Die Birken kamen nicht gut
+fort, sie hatten schwarze St&auml;mme. Die Buchen bauten
+hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem
+Gr&uuml;n. Der Frosch sa&szlig; da und zielte mit der Zunge.
+Und jedesmal fing er eine Fliege. Der Igel patschte in
+dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen huschten
+<span class="pagenum"><a name="page_170" id="page_170"></a>170</span>&uuml;ber das Moor mit glitzernden Fl&uuml;geln. Die Menschen
+lie&szlig;en sich um die E&szlig;k&ouml;rbe nieder. Goldk&auml;fer krochen
+rings um sie durch das Gras. Die piepsenden funkelnden
+Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken
+in seine Stacheln. Die Grillen tauchten in das Gr&uuml;n
+unter, ganz verstummt. Die Nachtigall sang aus Leibeskr&auml;ften.
+Es waren Gitarren, Gitarren. Die Heilsarmee
+zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der
+stumpfen Ruhe unter den B&auml;umen. Tanzboden und
+Krocketplatz wurden ver&ouml;det. Schaukel und Karussell
+hatten eine Stunde Rast. Alles str&ouml;mte dem Lager der
+Heilsarmee zu. Die B&auml;nke f&uuml;llten sich, und auf jeder
+Erdh&ouml;he sa&szlig;en Zuh&ouml;rer.</p>
+
+<p>Jetzt war die Armee gewachsen und stark und m&auml;chtig
+geworden. Um manche liebliche Wange schlo&szlig; sich der
+Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das rote
+Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der
+Menge. Schimpfworte wagten sich nicht &uuml;ber die Lippen.
+Die Fl&uuml;che verrollten unsch&auml;dlich hinter den Z&auml;hnen. Und
+Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gottesl&auml;sterer,
+stand jetzt als Fahnenw&auml;chter unter der Estrade.
+Er war auch einer der Gl&auml;ubigen. Die Enden der roten
+Fahne liebkosten freundlich seinen grauen Kopf.</p>
+
+<p>Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen.
+Sie hatten ihm ihren ersten Sieg zu danken.
+Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm gekommen. Sie
+wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus.
+Sie weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei
+ihren Zusammenk&uuml;nften durfte er sprechen. Seit er sein
+Schweigen gebrochen hatte, war er gl&uuml;cklich. Er stand
+nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende Kraft
+erf&uuml;llte ihn. Er war gl&uuml;cklich, wenn er ihr Luft machen
+durfte. Wenn die S&auml;le vor seiner L&ouml;wenstimme erzitterten,
+war er gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Er sprach immer von sich selbst. Er erz&auml;hlte immer
+<span class="pagenum"><a name="page_171" id="page_171"></a>171</span>seine eigne Geschichte. Das Schicksal des Verkannten
+schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs Blut, die
+gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne
+Anerkennung zu finden. Er kleidete das ein, was er
+erz&auml;hlte. Er erz&auml;hlte sein Geheimnis und erz&auml;hlte es doch
+nicht.</p>
+
+<p>Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die
+Herzen zu gewinnen. Um seinetwillen sammelte sich die
+Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog sie hin
+mit den ber&uuml;ckend phantastischen Bildern, die sein krankes
+Hirn erf&uuml;llten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender
+Klage, die seines Herzens Qual ihn gelehrt hatte.</p>
+
+<p>Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt
+des Todes und des Wechsels geweilt. Vielleicht war er
+damals ein m&auml;chtiger Dichter gewesen, erfahren in der
+Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um
+schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden,
+sein Erdenleben abermals zu beginnen, von seiner H&auml;nde
+Arbeit zu leben, unbekannt mit der Macht des Geistes.
+Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes
+gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner.
+Lichtscheu und verwirrt, aber dennoch jubelnd &uuml;ber
+ihre Freiheit zog sie &uuml;ber die einstigen Schlachtfelder.</p>
+
+<p>Der wilde, ungelehrte S&auml;nger, die schwarze Drossel,
+die unter Staren aufgewachsen war, lauschte mi&szlig;trauisch
+den Worten, die ihm auf die Lippen kamen. Woher
+hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen
+seiner Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht,
+stolze Menschen auf die Knie zu zwingen, sie die H&auml;nde
+ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden begann.
+Dann kam ruhige Zuversicht &uuml;ber ihn. Aus der niemals
+ermessenen Tiefe seines Leidens stiegen unabl&auml;ssig Wolken
+von qualschweren Worten empor.</p>
+
+<p>Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe,
+schmetternde Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend,
+anfeuernd. Nicht zu fangen, nicht wiederzugeben.
+<span class="pagenum"><a name="page_172" id="page_172"></a>172</span>Sie waren Blitze und rollende Donnerschl&auml;ge.
+Die Herzen ersch&uuml;tterten sie in d&uuml;strer Angst. Aber verg&auml;nglich
+waren sie, niemals lie&szlig;en sie sich fangen. Der
+Wasserfall kann bis auf den letzten Tropfen gemessen
+werden, das irrende Spiel des Schaumes l&auml;&szlig;t sich malen,
+nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende,
+gewaltige Strom dieser Reden.</p>
+
+<p>An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten,
+ob sie w&uuml;&szlig;ten, wie sie Gott dienen m&uuml;&szlig;ten.&nbsp;&ndash; Wie
+Uria seinem K&ouml;nig diente.</p>
+
+<p>Nun wurde der Mann auf der Rednertrib&uuml;ne zu Uria.
+Nun ritt er durch die W&uuml;ste mit seines K&ouml;nigs Brief.
+Er war allein, die Einsamkeit &auml;ngstigte ihn. Seine Gedanken
+waren d&uuml;ster. Aber er l&auml;chelte, wenn er an sein
+Weib dachte. Die W&uuml;ste wurde ein Blumengefilde, wenn
+er ihrer gedachte. Quellen entsprangen aus der Erde bei
+dem Gedanken an sie.</p>
+
+<p>Sein Kamel st&uuml;rzte. Seine Seele ward von b&ouml;sen
+Ahnungen erf&uuml;llt. Das Ungl&uuml;ck, dachte er, ist ein Geier,
+der die W&uuml;ste liebt. Er machte nicht kehrt, sondern ging
+vorw&auml;rts mit des K&ouml;nigs Brief. Er trat auf Dornen.
+Er ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn d&uuml;rstete
+und hungerte. Er sah Karawanen ihre dunklen Streifen
+durch den W&uuml;stensand ziehen. Er suchte sie nicht auf.
+Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des
+K&ouml;nigs Brief tr&auml;gt, mu&szlig; allein gehen. Er sah des
+Abends die wei&szlig;en Zelte der Hirten. Sie lockten ihn,
+wie die l&auml;chelnde Wohnstatt seines Weibes. Er glaubte,
+wei&szlig;e Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten
+aus und ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie
+seines K&ouml;nigs Brief gestohlen h&auml;tten!</p>
+
+<p>Wankend geht er, als er die sp&auml;henden R&auml;uber hinter
+sich herjagen sieht. Er denkt an des K&ouml;nigs Brief. Er
+liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er liest ihn und
+fa&szlig;t neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerst&ouml;rt
+den Brief nicht. Er ergibt sich den R&auml;ubern nicht.
+<span class="pagenum"><a name="page_173" id="page_173"></a>173</span>Er k&auml;mpft und siegt. Und dann weiter, weiter. Er f&uuml;hrt
+sein Todesurteil mit sich durch tausend Gefahren.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So ist es, Gottes Wille mu&szlig; befolgt werden bis aufs
+Blut, bis in den Tod.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da
+und h&ouml;rte ihm zu. Sie war am Morgen in den Wald
+gezogen, vergn&uuml;gt und strahlend, am Arm des Mannes
+h&ouml;chst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen.
+Die Tochter und der Geselle trugen den E&szlig;korb. Die
+Magd folgte mit dem j&uuml;ngsten Kinde nach. Alles war
+Friede, Gl&uuml;ck, Ruhe gewesen.</p>
+
+<p>Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie
+hatten gegessen und getrunken, gespielt und gelacht.
+Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das Gewissen
+schwieg wie ein ges&auml;ttigtes Kind. Fr&uuml;her, wenn der erste
+Mann betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war,
+hatte sie einen Stich in der Seele gef&uuml;hlt.</p>
+
+<p>Dann hatte sie geh&ouml;rt, da&szlig; er der Abgott der Heilsarmee
+geworden sei. Sie f&uuml;hlte sich daher ganz ruhig.
+Jetzt war sie gekommen, um ihn zu h&ouml;ren. Und sie
+verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erz&auml;hlte von
+sich selbst. Er wand sich unter dem Gedanken an sein
+eignes Opfer. Er ri&szlig; St&uuml;cke aus seinem eignen Herzen
+und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen W&uuml;stenreiter,
+diesen Besieger der R&auml;uber. Und diese ungestillte
+Qual starrte sie an wie ein offnes Grab.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt
+wohl nun, Gr&uuml;n und Blumen! Weiter Himmel, lebe
+wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die H&uuml;gel
+zu kriechen. Die Kr&ouml;ten sprangen &uuml;ber den Weg. Der
+Wald wurde h&auml;&szlig;lich. Alle sehnten sich heim nach der
+Steinw&uuml;ste, nach der Mondlandschaft. Dort ist es f&uuml;r
+Menschen gut sein. Vielleicht k&ouml;nnen leidende Herzen
+dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_174" id="page_174"></a>174</span>Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen.
+Die Handwerkersgattinnen der Vorstadt und
+die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum Vormittagskaffee.
+Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr
+gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria
+Anderson, die Kapit&auml;nin der Heilsarmee.</p>
+
+<p>Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee
+unternommen. Sie hatte ihren Mann geh&ouml;rt. Er
+erz&auml;hlte immer von sich selbst. Er verkleidete seine Geschichte.
+Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er
+war Hiob. Er war Jeremias, den das Volk in den
+Brunnen warf. Er war Elisa, den die Kinder auf dem
+Wege verh&ouml;hnten.</p>
+
+<p>Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer
+lieh sich alle Stimmen, er machte sich Masken aus
+allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, da&szlig; der
+Mann sich gesund sprach, da&szlig; es in seinem Innern
+leuchtete und lachte vor Freude &uuml;ber die Dichtermacht.</p>
+
+<p>Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die
+Tochter hatte nicht gehen wollen. Sie war sittsam,
+streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in ihrem Blut.
+Sie war alt geboren.</p>
+
+<p>Sie hatte sich ihres Vaters immer gesch&auml;mt. So war
+sie herangewachsen. Sie ging gerade, herbe, gleichsam
+als sagte sie: &bdquo;Seht, eines verachteten Mannes Tochter!
+Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel
+auf meinem Wandel?&ldquo; Ihre Mutter war stolz auf sie.
+Dennoch seufzte sie bisweilen: &bdquo;Ach, da&szlig; meiner Tochter
+H&auml;nde weniger wei&szlig; w&auml;ren, vielleicht w&auml;ren dann ihre
+Liebkosungen w&auml;rmer!&ldquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sa&szlig; in der Armee, sp&ouml;ttisch l&auml;chelnd.
+Sie verachtete die Theatervorstellung. Als ihr Vater
+hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie gehen. Frau Anna
+Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange.
+Das M&auml;dchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann &uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="page_175" id="page_175"></a>175</span>sie hinzubrausen. Aber was zu ihr sprach, waren nicht
+so sehr die Worte, als die Hand ihrer Mutter.</p>
+
+<p>Diese Hand kr&uuml;mmte sich, krampfhafte Zuckungen
+durcheilten sie. Sie lag schlaff, gleichsam tot in der
+ihren, sie griff wild um sich, fieberhei&szlig;. Das Gesicht
+ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und
+k&auml;mpfte.</p>
+
+<p>Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens.
+Jesu Freund lag krank. Seine Schwestern sandten
+ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht gekommen.
+F&uuml;r Gottes Reich mu&szlig;te Lazarus sterben.</p>
+
+<p>Er lie&szlig; nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf
+Christus niedersausen. Er beschrieb sein Leiden. Sein
+eignes Mitleid qu&auml;lte ihn. Er machte alle Todespein
+durch, er wie Lazarus. Und doch mu&szlig;te er schweigen.</p>
+
+<p>Nur ein Wort h&auml;tte es ihn gekostet, die Achtung der
+Freunde wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mu&szlig;te die
+Klage der Schwestern h&ouml;ren. Er sagte ihnen die Wahrheit
+in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde
+h&ouml;hnten ihn.</p>
+
+<p>Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.</p>
+
+<p>Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese
+Hand beichtete und bekannte: &bdquo;Der Mann dort dr&uuml;ben
+tr&auml;gt selbst das Martyrium des Schweigens. Er wird
+zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte k&ouml;nnte er sich
+frei machen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen
+stumm. Das Gesicht des jungen M&auml;dchens war wie
+Stein. Sie gr&uuml;belte, suchte alles auf, was die Erinnerung
+ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu
+ihr auf. Was wu&szlig;te sie?</p>
+
+<p>An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft.
+Man sprach gar lustig vom Markt des Tages,
+von dem Preise der Holzschuhe, von diebischen M&auml;gden.
+Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen
+Kaffee in die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos.
+<span class="pagenum"><a name="page_176" id="page_176"></a>176</span>Frau Anna Erikson konnte nicht verstehen, woher es
+gekommen war, da&szlig; sie sie fr&uuml;her gef&uuml;rchtet, da&szlig; sie
+immer geglaubt hatte, da&szlig; diese sie richten w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als
+sie wohlbehaglich dasa&szlig;en und der Kaffee auf dem Rand
+der Tassen zitterte und die Teller mit Weizenbrot beladen
+waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig
+feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.</p>
+
+<p>&bdquo;In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein M&auml;dchen,
+das sich verheiratet hat, ohne recht zu bedenken, was
+sie auf sich nimmt, kann in gro&szlig;e Not kommen. Wer
+hat es schlimmer getroffen als ich?&ldquo;</p>
+
+<p>Das wu&szlig;ten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und
+hatten mit ihr getrauert.</p>
+
+<p>&bdquo;In der Jugend ist man unvern&uuml;nftig. Man verschweigt
+das, was man sagen sollte, weil man sich sch&auml;mt.
+Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor dem, was
+die Leute sagen k&ouml;nnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen
+hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie glaubten alle, da&szlig; dies wahr sei.</p>
+
+<p>Sie hatte Wik gestern geh&ouml;rt, wie so viele Male zuvor.
+Jetzt mu&szlig;te sie ihnen allen etwas &uuml;ber ihn sagen. Es
+kam eine brennende Unruhe &uuml;ber sie, wenn sie bedachte,
+was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte
+sie, da&szlig; er, der alt gewesen war, es besser h&auml;tte verstehen
+sollen, als sie, das junge Ding zum Eheweib zu
+nehmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber
+er ist aus Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte,
+da&szlig; ich Erikson haben wollte. Ich habe seinen Brief
+daf&uuml;r.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie las ihnen den Brief vor. Eine Tr&auml;ne kam wohlanst&auml;ndig
+ihre Wangen hinabgeglitten.</p>
+
+<p>&bdquo;Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen
+Erikson und mir war damals nichts. Es war vier Jahre,
+ehe wir heirateten. Aber ich will dies jetzt sagen, denn
+<span class="pagenum"><a name="page_177" id="page_177"></a>177</span>Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist
+nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern
+in guter Absicht. Ich m&ouml;chte, da&szlig; dies &uuml;berall bekannt
+wird. Kapit&auml;nin Anderson kann vielleicht den Brief in
+der Armee vorlesen. Ich will, da&szlig; Wik Genugtuung
+widerf&auml;hrt. Ich wei&szlig; auch, da&szlig; ich allzulange geschwiegen
+habe, aber man gibt sich nicht gern selbst eines
+Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es eine andre
+Sache.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frauen sa&szlig;en f&ouml;rmlich versteinert da. Anna Erikson
+bebte die Stimme ein wenig, und sie sagte mit einem
+matten L&auml;cheln:</p>
+
+<p>&bdquo;Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu
+mir kommen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch
+so jung! Und Frau Erikson konnte doch nichts daf&uuml;r.&nbsp;&ndash;
+Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche Dinge einbildete.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte. Dies waren die harten Schn&auml;bel, die sie
+zerrei&szlig;en sollten. Die Wahrheit war nicht gef&auml;hrlich,
+und die L&uuml;ge auch nicht. Die F&uuml;&szlig;e der jungen M&auml;nner
+warteten nicht vor ihrer T&uuml;r.</p>
+
+<p>Wu&szlig;te sie oder wu&szlig;te sie nicht, da&szlig; ihre &auml;lteste Tochter
+an demselben Morgen ihr Haus verlassen hatte und
+zu ihrem Vater gegangen war?</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die
+Ehre seiner Frau zu retten, wurde bekannt. Er wurde
+bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in der
+Armee vorgelesen. Einige weinten aus R&uuml;hrung. Auf
+der Stra&szlig;e kamen Leute auf ihn zu und dr&uuml;ckten ihm
+die Hand. Seine Tochter zog zu ihm.</p>
+
+<p>An den n&auml;chsten Abenden nach diesem schwieg er bei
+den Zusammenk&uuml;nften. Er f&uuml;hlte keinen innern Ruf.
+<span class="pagenum"><a name="page_178" id="page_178"></a>178</span>Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf die
+Estrade, faltete die H&auml;nde und begann.</p>
+
+<p>Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt
+inne. Er erkannte die Stimme nicht wieder. Wo war
+das L&ouml;wengebr&uuml;ll? Wo der brausende Nordwind? Und
+wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht.</p>
+
+<p>Er wankte zur&uuml;ck. &bdquo;Ich kann nicht,&ldquo; murmelte er.
+&bdquo;Gott gibt mir noch nicht Kraft zu sprechen.&ldquo; Er setzte
+sich auf die Bank nieder und st&uuml;tzte den Kopf in die
+H&auml;nde. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst
+einmal herauszufinden, wor&uuml;ber er sprechen sollte.
+Pflegte er in fr&uuml;hern Tagen zu gr&uuml;beln? Konnte er jetzt
+gr&uuml;beln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im
+Kreise.</p>
+
+<p>Vielleicht w&uuml;rde es gehen, wenn er sich wieder erhob,
+sich dorthin stellte, wo er zu stehen pflegte und mit seinem
+gewohnten Gebet anfing. Er versuchte. Er wurde
+aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der
+kalte Schwei&szlig; trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort
+kam &uuml;ber seine Lippen.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; auf seinem Platz und weinte, schwer st&ouml;hnend.
+Die Gabe war ihm genommen. Er versuchte zu sprechen,
+versuchte es stumm f&uuml;r sich selbst. Wor&uuml;ber sollte er
+sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte
+den Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht
+sagen durfte. Er hatte kein Geheimnis einzukleiden. Er
+brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung wich von ihm.</p>
+
+<p>Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums
+Leben. Er wollte das festhalten, was schon gegangen
+war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben, um wieder
+sprechen zu k&ouml;nnen. Sein Schmerz war dahin. Er
+konnte ihn nicht wiederfinden.</p>
+
+<p>Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder
+und immer wieder. Er stammelte einige sinnlose Worte.
+Er leierte wie eine auswendig gelernte Lektion das herunter,
+was er andre sagen geh&ouml;rt hatte. Er versuchte,
+<span class="pagenum"><a name="page_179" id="page_179"></a>179</span>sich selbst nachzuahmen. Er sp&auml;hte nach Andacht in den
+Blicken, nach bebendem Schweigen, nach hastigem Atmen.
+Er vernahm nichts. Was seine Freude gewesen,
+war von ihm genommen.</p>
+
+<p>Er sank in das Dunkel zur&uuml;ck. Er verfluchte es, da&szlig;
+er mit seinen Reden Frau und Tochter bekehrt hatte. Er
+hatte das K&ouml;stlichste besessen und es verloren. Seine
+Verzweiflung war furchtbar.&nbsp;&ndash; Aber nicht von solchem
+Schmerz lebt der Genius.</p>
+
+<p>Er war ein Maler ohne H&auml;nde, ein S&auml;nger, der
+seine Stimme verloren hat. Er hatte nur von seinem
+Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden?</p>
+
+<p>Er betete: &bdquo;O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die
+Verkanntheit spricht! gib mir die Verkanntheit wieder!
+Da das Gl&uuml;ck stumm ist, aber der Schmerz spricht, gib
+mir den Schmerz wieder!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die Krone war ihm genommen. Er sa&szlig; da,
+elender als der Elendeste, denn er war von den H&ouml;hen
+des Lebens herabgest&uuml;rzt. Er war ein gefallener K&ouml;nig.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr11" id="nr11"></a><a href="#inhalt">Ein Weihnachtsgast</a></h2>
+
+
+<p>Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby
+mitgelebt hatten, war der kleine Ruster, der Noten transponieren
+und Fl&ouml;te spielen konnte. Er war von niedriger
+Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie.
+Es brachen schwere Zeiten f&uuml;r ihn an, als die Schar der
+Kavaliere sich zerstreute.</p>
+
+<p>Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr,
+keinen Pelz und keine rotgestrichene Proviantkiste. Er
+mu&szlig;te zu Fu&szlig; von Geh&ouml;ft zu Geh&ouml;ft ziehen und trug
+seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden.
+Den Rock kn&ouml;pfte er bis zum Kinn hinauf zu,
+so da&szlig; niemand zu erfahren brauchte, wie es um das
+Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen weiten
+<span class="pagenum"><a name="page_180" id="page_180"></a>180</span>Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitzt&uuml;mer: die
+auseinandergeschraubte Fl&ouml;te, die flache Schnapsflasche
+und die Notenfeder.</p>
+
+<p>Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles
+gewesen w&auml;re wie in alten Zeiten, so h&auml;tte es ihm nicht
+an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem Jahre, das ging,
+wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt.
+Die Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren
+gelockerten Schrauben und das bucklige Waldhorn mit
+den verblichnen Quasten und Schn&uuml;ren wurden auf die
+Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick
+auf den langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten.
+Doch, je weniger der kleine Ruster mit Fl&ouml;te und Notenfeder
+zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der
+Schnapsflasche, und schlie&szlig;lich wurde er ganz versoffen.
+Es war schade um den kleinen Ruster.</p>
+
+<p>Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den
+Herrenh&ouml;fen aufgenommen, aber es herrschte Jammer,
+wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch nach
+Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar
+Schn&auml;pse oder einen Toddy bekommen hatte, wurde er
+wirr und erz&auml;hlte unerquickliche Geschichten. Er war die
+Gei&szlig;el der gastfreien Gutsh&ouml;fe.</p>
+
+<p>Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach L&ouml;fdala,
+wo Liljekrona, der gro&szlig;e Violinspieler, daheim war.
+Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere gewesen,
+aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein pr&auml;chtiges
+Gut L&ouml;fdala und verblieb dort. Nun kam Ruster
+in den Tagen vor dem Weihnachtsabend zu ihm, mitten
+in die Festvorbereitungen, und verlangte Arbeit. Liljekrona
+gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu
+besch&auml;ftigen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du h&auml;ttest ihn lieber gleich fortschicken sollen,&ldquo; sagte
+seine Frau, &bdquo;jetzt wird er das so in die L&auml;nge ziehen,
+da&szlig; wir ihn &uuml;ber den heiligen Abend hierbehalten m&uuml;ssen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_181" id="page_181"></a>181</span>&bdquo;Irgendwo mu&szlig; er doch sein,&ldquo; sagte Liljekrona. Und
+er bewirtete Ruster mit Toddy und Branntwein, leistete
+ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer Zeit noch
+einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner
+&uuml;berdr&uuml;ssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht
+merken lassen wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit
+waren ihm heilig.</p>
+
+<p>Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei
+Wochen lang f&uuml;r das Weihnachtsfest ger&uuml;stet. Sie hatten
+in Unbehagen und Hast gelebt, sich die Augen bei Talglichtern
+und Kiensp&auml;nen rotgewacht, im Schuppen beim
+Fleischeinsalzen und im Br&auml;uhaus beim Bierbrauen gefroren.
+Doch die Hausfrau sowohl wie die Dienstleute
+hatten sich all dem ohne Murren unterzogen.</p>
+
+<p>Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige
+Abend anbrach, dann w&uuml;rde ein s&uuml;&szlig;er Zauber sie gefangennehmen.
+Das Weihnachtsfest w&uuml;rde bewirken,
+da&szlig; Scherz und Spa&szlig;, Reim und Fr&ouml;hlichkeit ihnen
+ohne alle M&uuml;he auf die Lippen kam. Aller F&uuml;&szlig;e w&uuml;rden
+Lust bekommen, sich im Tanze zu drehen, und aus den
+dunklen Winkeln der Erinnerung w&uuml;rden die Worte
+und Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man
+gar nicht glauben konnte, da&szlig; sie noch immer da waren.
+Und dann w&uuml;rden sie alle so gut sein, so gut!</p>
+
+<p>Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt
+von L&ouml;fdala, da&szlig; Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau
+und die &auml;ltern Kinder und treuen Diener waren alle
+derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende
+Angst hervor. Sie f&uuml;rchteten &uuml;berdies, da&szlig;, wenn er
+und Liljekrona anfingen, sich in den alten Erinnerungen
+zu tummeln, das K&uuml;nstlerblut in dem gro&szlig;en Violinspieler
+aufflammen w&uuml;rde und sein Heim ihn verlieren
+mu&szlig;te. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten.</p>
+
+<p>Es l&auml;&szlig;t sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe
+den Hausherrn liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten
+bei sich behalten d&uuml;rfen. Und was hatte er zu geben!
+<span class="pagenum"><a name="page_182" id="page_182"></a>182</span>Wie war er doch viel f&uuml;r sein Heim, besonders zu Weihnachten!
+Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem
+Sofa oder Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen,
+glattgescheuerten Holzbank in der Kaminecke. Wenn
+er dort hinaufgekommen war, dann ritt er auf Abenteuer
+aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den
+Sternen und noch h&ouml;her empor. Er spielte und sprach
+abwechselnd, und alle Hausleute versammelten sich um
+ihn und h&ouml;rten zu. Das ganze Leben wurde stolz und
+sch&ouml;n, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es &uuml;berstrahlte.</p>
+
+<p>Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest,
+die Freude, die Fr&uuml;hlingssonne liebten. Und als nun
+der kleine Ruster kam, war ihr Weihnachtsfriede zerst&ouml;rt.
+Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun dieser kam
+und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht,
+da&szlig; dieser S&auml;ufer am Weihnachtstische eines frommen
+Hauses sitzen und alle Weihnachtsfreude st&ouml;ren sollte.</p>
+
+<p>Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine
+Ruster seine Noten fertiggeschrieben, und da lie&szlig; er ein
+paar Worte von Fortgehen fallen, obgleich es nat&uuml;rlich
+seine Absicht war, zu bleiben.</p>
+
+<p>Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt
+und sagte darum ganz lahm und matt, da&szlig; es
+wohl das beste w&auml;re, wenn Ruster &uuml;ber Weihnachten da
+bliebe, wo er war.</p>
+
+<p>Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er
+drehte seinen Schnurrbart auf und sch&uuml;ttelte die schwarze
+K&uuml;nstlerm&auml;hne, die gleich einer dunklen Wolke um seinen
+Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er sollte
+bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah,
+man denke nur, wie sie in den gro&szlig;en Eisenwerken im
+Broer Kirchspiel standen und auf ihn warteten! Die
+Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gef&uuml;llt.
+Er hatte solche Eile. Er wu&szlig;te nur nicht, zu wem er
+zuerst fahren sollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_183" id="page_183"></a>183</span>&bdquo;Gott bewahre,&ldquo; sagte Liljekrona, &bdquo;so fahre doch.&ldquo;</p>
+
+<p>Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd
+und Schlitten, Pelz und Decken. Der Knecht von L&ouml;fdala
+sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro kutschieren
+und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem
+Schneesturm aus.</p>
+
+<p>Niemand glaubte, da&szlig; er erwartet wurde, oder da&szlig; es
+ein einziges Haus in der Umgegend gab, wo er willkommen
+gewesen w&auml;re. Aber sie wollten ihn so gerne los
+werden, da&szlig; sie sich dies verhehlten und ihn ziehen lie&szlig;en.
+&bdquo;Er hat es selbst gewollt,&ldquo; sagten sie. Und nun, dachten
+sie, wollten sie fr&ouml;hlich sein.</p>
+
+<p>Aber als sie sich gegen f&uuml;nf Uhr im E&szlig;saal versammelten,
+um Tee zu trinken und um den Christbaum zu tanzen,
+war Liljekrona stumm und verstimmt. Er setzte
+sich nicht auf die M&auml;rchenbank, er ber&uuml;hrte weder Tee
+noch Punsch, er erinnerte sich an keine Polka, die Violine
+war verstimmt. Wer spielen und tanzen konnte, mochte
+es ohne ihn tun.</p>
+
+<p>Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder
+mi&szlig;vergn&uuml;gt, alles im ganzen Hause ging verkehrt. Es
+wurde der allertr&uuml;bseligste Weihnachtsabend.</p>
+
+<p>Die Gr&uuml;tze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz
+rauchte, der Wind blies bittere K&auml;lte in die Stuben.
+Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte, kam nicht heim.
+Die Haush&auml;lterin weinte, die M&auml;gde zankten.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich erinnerte sich Liljekrona, da&szlig; man den Spatzen
+keine Garbe hinausgeh&auml;ngt hatte, und er beklagte sich
+laut &uuml;ber alle Frauen rings um ihn, die alte Sitte au&szlig;er
+acht lie&szlig;en und neumodisch und herzlos waren. Aber sie
+begriffen wohl, da&szlig; das, was ihn qu&auml;lte, die Gewissensbisse
+waren, da&szlig; er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend
+aus seinem Hause hatte fortgehen lassen.</p>
+
+<p>Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer,
+versperrte die T&uuml;r und begann zu spielen, wie er nicht
+gespielt, seit er zu wandern aufgeh&ouml;rt hatte. Es war
+<span class="pagenum"><a name="page_184" id="page_184"></a>184</span>Ha&szlig; und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr
+dachtet mich zu binden, aber ihr m&uuml;&szlig;t eure Fesseln umschmieden.
+Ihr dachtet, mich kleinsinnig zu machen, wie
+ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins Gro&szlig;e, ins
+Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn
+es in eurer Macht steht!</p>
+
+<p>Als die Gattin diese T&ouml;ne h&ouml;rte, sagte sie: &bdquo;Morgen
+ist er fort, wenn Gott nicht in dieser Nacht ein Wunder
+tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit gerade das hervorgerufen,
+was wir vermeiden zu k&ouml;nnen glaubten.&ldquo;</p>
+
+<p>Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben
+herum. Er fuhr von einem Hause zum andern und
+fragte, ob es Arbeit f&uuml;r ihn g&auml;be, aber nirgends wurde
+er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf,
+aus dem Schlitten zu steigen. Einige hatten das Haus
+voll Besuch, andre wollten am Weihnachtstage &uuml;ber Land
+fahren. &bdquo;Versuche es beim n&auml;chsten Nachbar,&ldquo; sagten
+sie alle.</p>
+
+<p>Er mochte immerhin kommen und das Behagen von
+ein paar Werktagen st&ouml;ren, nicht aber das des Weihnachtsabends.
+Das Jahr hatte nur einen Weihnachtsabend,
+und auf den hatten sich die Kinder den ganzen
+Herbst gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht
+an einen Weihnachtstisch setzen, wo es Kinder gab. Fr&uuml;her
+hatten sie ihn gern aufgenommen, aber nicht jetzt, wo
+er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit
+dem Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu
+schlecht und das Gastzimmer zu fein.</p>
+
+<p>So mu&szlig;te der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen,
+in dem peitschenden Schneesturm. Der nasse Schnurrbart
+hing schlaff &uuml;ber den Mund, die Augen waren
+blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verfl&uuml;chtete
+sich aus seinem Hirn. Ruster begann zu gr&uuml;beln
+und zu staunen. War es m&ouml;glich, war es m&ouml;glich, da&szlig;
+niemand ihn aufnehmen wollte?</p>
+
+<p>Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie
+<span class="pagenum"><a name="page_185" id="page_185"></a>185</span>j&auml;mmerlich und verkommen er war, und er begriff, da&szlig;
+er den Menschen verha&szlig;t sein mu&szlig;te. Mit mir ist es
+aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist
+aus mit der Fl&ouml;te. Niemand auf Erden braucht mich,
+niemand hat Barmherzigkeit mit mir.</p>
+
+<p>Der Schneesturm schnurrte und spielte, er ri&szlig; die
+Schneehaufen auf und t&uuml;rmte sie wieder zusammen, er
+nahm eine Schnees&auml;ule in die Arme und tanzte damit
+&uuml;bers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und st&uuml;rzte
+eine andre in eine Grube. &bdquo;So ist es, so ist es,&ldquo; sagte der
+kleine Ruster, &bdquo;solange man f&auml;hrt und tanzt, ist es ein
+fr&ouml;hlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde soll,
+dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer
+und Herzeleid.&ldquo; Doch hinab mu&szlig;ten alle, und
+jetzt war er an der Reihe. Man denke, da&szlig; er nun zum
+Ende gekommen war.</p>
+
+<p>Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn
+f&uuml;hrte. Es deuchte ihn, da&szlig; er in das Reich des Todes
+fuhr.</p>
+
+<p>Der kleine Ruster verbrannte keine G&ouml;tter auf dieser
+Fahrt. Er verfluchte weder das Fl&ouml;tenspiel noch das
+Kavaliersleben, er dachte nicht, da&szlig; es besser f&uuml;r ihn
+gewesen w&auml;re, wenn er die Erde gepfl&uuml;gt oder Schuhe
+gen&auml;ht h&auml;tte. Aber dar&uuml;ber klagte er, da&szlig; er nun ein
+ausgespieltes Instrument war, das die Freude nicht
+mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn
+er wu&szlig;te, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die
+Gitarre die Stimmung nicht h&auml;lt, dann m&uuml;ssen sie fort.
+Er wurde pl&ouml;tzlich ein sehr dem&uuml;tiger Mann. Er begriff,
+da&szlig; es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend.
+Der Hunger oder die K&auml;lte w&uuml;rde ihn umbringen, denn
+er verstand nichts, er taugte zu nichts und hatte keine
+Freunde.</p>
+
+<p>Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es
+hell um ihn, und er h&ouml;rt freundliche Stimmen, und da
+ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer f&uuml;hrt, und
+<span class="pagenum"><a name="page_186" id="page_186"></a>186</span>jemand, der hei&szlig;en Tee in ihn gie&szlig;t. Der Pelz wird ihm
+abgenommen, und mehrere Menschen rufen, da&szlig; er willkommen
+ist, und warme H&auml;nde reiben Leben in seine
+erstarrten Finger.</p>
+
+<p>Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, da&szlig; er
+wohl eine Viertelstunde nicht zur Besinnung kam. Er
+konnte unm&ouml;glich begreifen, da&szlig; er wieder nach L&ouml;fdala
+gekommen war. Er war sich gar nicht bewu&szlig;t gewesen,
+da&szlig; der Knecht es satt bekommen hatte, im Schneesturm
+herumzufahren und nach Hause umgekehrt war.</p>
+
+<p>Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas
+Haus so freundlich empfangen wurde. Er konnte
+nicht wissen, da&szlig; Liljekronas Gattin begriff, welche
+schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte,
+wo man ihn an jeder T&uuml;r, an die er klopfte, abgewiesen
+hatte. Sie hatte so gro&szlig;es Mitleid mit ihm bekommen,
+da&szlig; sie ihre eigenen Sorgen verga&szlig;.</p>
+
+<p>Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem
+wilden Spielen fort. Er wu&szlig;te nichts davon, da&szlig; Ruster
+gekommen war. Dieser sa&szlig; indessen im Speisesaal mit
+der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am
+Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der
+Langweile bei der Herrschaft in die K&uuml;che gefl&uuml;chtet.</p>
+
+<p>Die Hausfrau s&auml;umte nicht, Ruster ans Werk zu
+setzen. &bdquo;Sie h&ouml;ren ja, Ruster,&ldquo; sagte sie, &bdquo;da&szlig; Liljekrona
+den ganzen Abend nichts andres tut als spielen,
+und ich mu&szlig; nach dem Tischdecken und dem Essen sehen.
+Die Kinder sind rein verlassen. Sie m&uuml;ssen sich der zwei
+Kleinsten annehmen, Ruster.&ldquo;</p>
+
+<p>Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster
+am wenigsten in Ber&uuml;hrung gekommen war. Er hatte
+sie weder im Kavaliersfl&uuml;gel noch im Soldatenzelt getroffen,
+weder in Gasth&ouml;fen noch auf Landstra&szlig;en. Er
+scheute sich beinahe vor ihnen und wu&szlig;te nicht, was er
+sagen sollte, das fein genug f&uuml;r sie war.</p>
+
+<p>Er nahm die Fl&ouml;te hervor und lehrte sie, auf Klappen
+<span class="pagenum"><a name="page_187" id="page_187"></a>187</span>und L&ouml;chern zu fingern. Es war ein vierj&auml;hriges und
+ein sechsj&auml;hriges B&uuml;bchen. Sie bekamen eine Lektion
+auf der Fl&ouml;te, und das interessierte sie sehr. &bdquo;Das ist A,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;und das ist C,&ldquo; und dann griff er die T&ouml;ne.
+Da wollten die Kleinen wissen, was f&uuml;r ein A und was
+f&uuml;r ein C das war, das gespielt werden sollte.</p>
+
+<p>Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete
+ein paar Noten.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagten sie, &bdquo;das ist nicht richtig.&ldquo; Und sie
+eilten fort und holten ein Abcbuch.</p>
+
+<p>Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu
+&uuml;berh&ouml;ren. Sie konnten und konnten nicht. Es sah windig
+aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde eifrig,
+hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu
+unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und
+h&ouml;rte ganz erstaunt zu. Es klang wie ein Spiel, und die
+Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie lernten dabei, ja,
+das taten sie.</p>
+
+<p>Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht
+bei dem, was er tat. Er w&auml;lzte die alten Gedanken vom
+Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut und behaglich,
+aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus.
+Er war verbraucht. Er w&uuml;rde fortgeworfen werden. Und
+urpl&ouml;tzlich schlug er die H&auml;nde vors Gesicht und begann
+zu weinen.</p>
+
+<p>Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu.</p>
+
+<p>&bdquo;Ruster,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich kann verstehen, da&szlig; Sie
+glauben, f&uuml;r Sie sei alles aus. Es geht Ihnen nicht mit
+der Musik, und Sie richten sich durch den Branntwein
+zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch,&ldquo; schluchzte der kleine Fl&ouml;tenspieler.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen,
+das w&auml;re etwas f&uuml;r Sie. Wenn Sie die Kinder
+lesen und schreiben lehren wollten, dann w&uuml;rden Sie
+wieder &uuml;berall willkommen sein. Das ist kein geringres
+<span class="pagenum"><a name="page_188" id="page_188"></a>188</span>Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Fl&ouml;te und
+Violine. Sehen Sie sie an, Ruster!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah
+auf, blinzelnd, so, als h&auml;tte er in die Sonne gesehen.
+Es war, als fiele es seinen kleinen tr&uuml;ben Augen schwer,
+denen der Kinder zu begegnen, die gro&szlig; und klar und unschuldig
+waren.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie sie an, Ruster!&ldquo; ermahnte Liljekronas
+Frau.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich getraue mich nicht,&ldquo; sagte Ruster, denn es war
+ihm wie ein Fegefeuer, durch die sch&ouml;nen Kinderaugen in
+die Sch&ouml;nheit der unbefleckten Seelen zu schauen.</p>
+
+<p>Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. &bdquo;Dann
+sollen Sie sich an sie gew&ouml;hnen, Ruster. Sie sollen dieses
+Jahr als Schulmeister in meinem Hause bleiben.&ldquo;</p>
+
+<p>Liljekrona h&ouml;rte seine Frau lachen und kam aus seinem
+Zimmer.</p>
+
+<p>&bdquo;Was gibt es?&ldquo; sagte er. &bdquo;Was gibt es?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nichts andres,&ldquo; antwortete sie, &bdquo;als da&szlig; Ruster
+wiedergekommen ist, und da&szlig; ich ihn zum Schulmeister
+f&uuml;r unsre kleinen Jungen bestellt habe.&ldquo;</p>
+
+<p>Liljekrona war ganz verbl&uuml;fft. &bdquo;Wagst du das,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;wagst du es? Er hat wohl versprochen, nie
+mehr&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte die Frau, &bdquo;Ruster hat nichts versprochen.
+Aber er wird sich vor mancherlei in acht nehmen
+m&uuml;ssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in die
+Augen sehen soll. W&auml;re es nicht Weihnachten, h&auml;tte ich
+dies vielleicht nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es
+wagte, ein kleines Kindlein, das sein eigner Sohn war,
+unter uns S&uuml;nder zu setzen, dann kann ich es wohl auch
+wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen
+Menschen zu retten.&ldquo;</p>
+
+<p>Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte
+und zuckte in jeder Falte seines Gesichts, wie immer,
+wenn er etwas Gro&szlig;es h&ouml;rte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_189" id="page_189"></a>189</span>Dann k&uuml;&szlig;te er seiner Frau die Hand, so fromm wie
+ein Kind, das um Verzeihung bittet, und rief laut: &bdquo;Alle
+Kinder sollen kommen und Mutter die Hand k&uuml;ssen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das taten sie, und dann hatten sie ein fr&ouml;hliches
+Weihnachtsfest in Liljekronas Heim.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr12" id="nr12"></a><a href="#inhalt">Onkel Ruben</a></h2>
+
+
+<p>Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner
+Junge, der auf dem Marktplatz mit seinem Kreisel spielte.
+Der kleine Junge hie&szlig; Ruben. Er war nicht mehr als
+drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so
+tapfer als nur irgendeiner und lie&szlig; das Kreisel schnurren,
+da&szlig; es eine wahre Freude war.</p>
+
+<p>An diesem Tage vor achtzig Jahren war wundersch&ouml;nes
+Fr&uuml;hlingswetter. Der Monat M&auml;rz war gekommen,
+und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine
+wei&szlig;e und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine
+kalte und dunkle, wo Schatten war. Der ganze Marktplatz
+geh&ouml;rte dem Sonnenschein, bis auf einen schmalen
+Rand der einen H&auml;userreihe entlang.</p>
+
+<p>Nun geschah es, da&szlig; der kleine Junge, so tapfer er
+auch war, m&uuml;de davon wurde, seinen Kreisel schnurren
+zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz umsah. Ein
+solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine
+Sessel oder B&auml;nke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe
+versehen. Der kleine Ruben konnte sich nichts
+Besseres denken.</p>
+
+<p>Er war ein gewissenhaftes kleines B&uuml;rschchen. Er hatte
+eine dunkle Ahnung, da&szlig; Mutter es nicht wollte, da&szlig; er
+auf fremder Leute Treppenstufen sitze. Mutter war arm,
+aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man
+andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich
+auf ihre eigne Steintreppe, denn sie wohnten auch am
+Marktplatz.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_190" id="page_190"></a>190</span>Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig
+kalt. Der Kleine lehnte den Kopf an das Gel&auml;nder, zog
+die Beine hinauf und f&uuml;hlte sich so wohl wie nie zuvor.
+Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein
+drau&szlig;en &uuml;ber den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen
+und Kreisel schnurrten&nbsp;&ndash; dann schlo&szlig; er die
+Augen und schlummerte ein.</p>
+
+<p>Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte,
+war ihm nicht so wohl zumute, wie als er einschlummerte,
+sondern alles schien so furchtbar unbehaglich. Er
+lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, da&szlig; er
+krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar
+Tagen war der Knabe tot.</p>
+
+<p>Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam
+n&auml;mlich so, da&szlig; seine Mutter ihn so recht aus tiefstem
+Herzensgrund betrauerte, mit solch einem Schmerz, der
+den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch
+mehrere andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit
+und ihre Gedanken in Anspruch, aber es gab immer noch
+einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz
+ungest&ouml;rt hausen konnte. F&uuml;r sie blieb er stets lebendig.
+Sah sie eine Kinderschar auf dem Marktplatz spielen,
+so sprang er da mit herum, und wenn sie dann im Hause
+arbeitete und aufr&auml;umte, so glaubte sie steif und fest,
+da&szlig; der Kleine noch drau&szlig;en auf der gef&auml;hrlichen Steinstufe
+sa&szlig; und schlief. Sicherlich war keines von Mutters
+lebenden Kindern ihren Gedanken so gegenw&auml;rtig wie
+das tote.</p>
+
+<p>Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine
+Ruben ein Schwesterchen, und als diese so alt wurde,
+da&szlig; sie drau&szlig;en auf dem Marktplatz herumlaufen und
+Kreisel spielen konnte, geschah es, da&szlig; auch sie sich auf
+die Steinstufe setzte, um auszuruhen. Aber in demselben
+Augenblick hatte Mutter das Gef&uuml;hl, als ob jemand
+sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus
+und packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie
+<span class="pagenum"><a name="page_191" id="page_191"></a>191</span>aufhob, da&szlig; diese sich daran erinnerte, solange sie
+lebte.</p>
+
+<p>Und noch weniger verga&szlig; sie, wie merkw&uuml;rdig Mutters
+Gesicht ausgesehen und wie ihre Stimme gezittert hatte,
+als sie sagte: &bdquo;Wei&szlig;t du, da&szlig; du einmal einen kleinen
+Bruder hattest, der Ruben hie&szlig; und der starb, weil er
+hier auf dieser Steinstufe sa&szlig; und sich erk&auml;ltete? Du
+willst doch nicht von Mutter wegsterben, Berta?&ldquo;</p>
+
+<p>Bruder Ruben wurde f&uuml;r seine Br&uuml;der und Schwestern
+bald ebenso lebendig wie f&uuml;r seine Mutter. Sie hatte eine
+Art, da&szlig; sie alle mit ihren Augen sahen, und bald hatten
+sie dieselbe Gabe wie sie, ihn drau&szlig;en auf der Steinstufe
+sitzen zu sehen. Und nat&uuml;rlich fiel es keinem von
+ihnen ein, sich dort hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend
+jemanden auf einer Steinstufe oder einem Steingel&auml;nder
+oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es
+ihnen einen Stich ins Herz, und sie mu&szlig;ten an Bruder
+Ruben denken.</p>
+
+<p>Ferner geschah es Bruder Ruben, da&szlig; er von allen
+Geschwistern am h&ouml;chsten gestellt wurde, wenn sie voneinander
+sprachen. Denn alle Kinder wu&szlig;ten ja, da&szlig;
+sie ein beschwerliches und l&auml;stiges Geschlecht waren, das
+Mutter nur M&uuml;he und Sorge bereitete. Sie konnten
+nicht glauben, da&szlig; Mutter so sehr dar&uuml;ber trauern
+w&uuml;rde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter
+Bruder Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher,
+da&szlig; er viel, viel artiger gewesen sein mu&szlig;te, als sie waren.</p>
+
+<p>Es kam auch nicht so selten vor, da&szlig; eines von ihnen
+dachte: &bdquo;Ach, wer doch Mutter soviel Freude machen
+k&ouml;nnte wie Bruder Ruben!&ldquo; Und dennoch wu&szlig;te keines
+mehr von ihm, als da&szlig; er Kreisel gespielt und sich auf
+einer Steinstufe erk&auml;ltet hatte. Aber er mu&szlig;te ja merkw&uuml;rdig
+gewesen sein, da Mutter eine solche Liebe zu ihm
+hatte.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig war es auch, er machte Mutter von allen
+Kindern am meisten Freude. Sie war Witwe geworden
+<span class="pagenum"><a name="page_192" id="page_192"></a>192</span>und arbeitete in Sorge und Not. Aber die Kinder hatten
+einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den
+kleinen Dreij&auml;hrigen, da&szlig; sie &uuml;berzeugt waren, da&szlig;, wenn
+er nur am Leben geblieben w&auml;re, Mutter sich ihr Ungl&uuml;ck
+nicht so zu Herzen genommen h&auml;tte. Und jedesmal, wenn
+sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder
+Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie
+Bruder Ruben waren. Bald erwachte in ihnen allen eine
+immer st&auml;rkre Lust, mit dem kleinen Toten um Mutters
+Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht
+f&uuml;r Mutter getan h&auml;tten, wenn sie ihnen nur ebenso gut
+sein wollte wie ihm. Und um dieser Sehnsucht willen
+meine ich, da&szlig; Bruder Ruben das n&uuml;tzlichste von allen
+Kindern Mutters war.</p>
+
+<p>Denkt nur, als der &auml;lteste Bruder einen Fremden &uuml;ber
+den Flu&szlig; ruderte und damit seine ersten Groschen verdiente,
+da kam er und gab sie seiner Mutter, ohne sich
+auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah
+Mutter so fr&ouml;hlich aus, da&szlig; ihm das Herz vor Stolz
+schwoll, und er konnte nicht umhin, zu verraten, wie ungeheuer
+ehrgeizig er gewesen war.</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder
+Ruben?&ldquo;</p>
+
+<p>Mutter sah ihn pr&uuml;fend an. Es war, als vergliche sie
+sein frisches, strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen
+drau&szlig;en auf den Steinstufen. Und Mutter h&auml;tte sicherlich
+gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt h&auml;tte, aber
+sie konnte nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder
+Ruben wirst du nie.&ldquo;</p>
+
+<p>Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und
+dennoch konnten sie es nicht lassen, das Unerreichbare zu
+erstreben.</p>
+
+<p>Sie wuchsen zu t&uuml;chtigen Menschen heran, arbeiteten
+sich zu Verm&ouml;gen und Ansehen herauf, w&auml;hrend Bruder
+Ruben nur still auf seiner Steinstufe sa&szlig;. Aber er
+<span class="pagenum"><a name="page_193" id="page_193"></a>193</span>hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.</p>
+
+<p>Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als
+es ihnen so allm&auml;hlich gelang, Mutter ein gutes Heim
+und Wohlstand zu bieten, mu&szlig;te es Lohn genug f&uuml;r sie
+sein, wenn Mutter sagte: &bdquo;Ach, da&szlig; mein kleiner Ruben
+das noch gesehen h&auml;tte!&ldquo;</p>
+
+<p>Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben
+bis zu ihrem Totenbett. Er war es, der den Todesqualen
+den Stachel nahm, wu&szlig;te sie doch, da&szlig; sie sie zu ihm
+f&uuml;hrten. Mitten im gr&ouml;&szlig;ten Jammer konnte Mutter
+bei dem Gedanken l&auml;cheln, da&szlig; sie ging, um dem kleinen
+Ruben zu begegnen.</p>
+
+<p>Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreij&auml;hrigen
+erh&ouml;ht und verg&ouml;ttert hatte.</p>
+
+<p>Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben
+noch nicht zu Ende. F&uuml;r alle seine Geschwister war er ein
+Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim geworden, der
+Liebe zu Mutter, aller der r&uuml;hrenden Erinnerungen aus
+den Jahren der M&uuml;he und des Mi&szlig;erfolges. Es lag
+immer etwas Warmes und Sch&ouml;nes in ihrer Stimme,
+wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung
+um den kleinen Dreij&auml;hrigen.</p>
+
+<p>So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder.
+Mutters Liebe hatte ihn zu einer Gr&ouml;&szlig;e gemacht, und
+die Gro&szlig;en, die wirken und &uuml;ben Einflu&szlig; Geschlecht f&uuml;r
+Geschlecht.</p>
+
+<p>Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe
+Ber&uuml;hrung mit Onkel Ruben kam.</p>
+
+<p>Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem
+Bordsteinrande sa&szlig; und in den Rinnstein hinabguckte.
+Der str&ouml;mte von Regenwasser. H&ouml;lzchen und Halme
+schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das
+seichte Gew&auml;sser hinab. Der Kleine sa&szlig; da und sah mit
+der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das abenteuerliche
+<span class="pagenum"><a name="page_194" id="page_194"></a>194</span>Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit
+ist.</p>
+
+<p>Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner
+Mutter unterbrochen, die in demselben Augenblick, in
+dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim und an den
+Bruder denken mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, mein lieber kleiner Junge,&ldquo; sagte sie, &bdquo;sitze
+nicht so da! Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; deine Mama einen
+kleinen Bruder hatte, der Ruben hie&szlig; und vier Jahre
+war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf
+einen solchen Stein gesetzt und sich erk&auml;ltet hatte.&ldquo;</p>
+
+<p>Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen
+Gedanken gest&ouml;rt zu werden. Er sa&szlig; da und
+philosophierte, w&auml;hrend sein blondes, lockiges Haar ihm
+bis in die Augen fiel.</p>
+
+<p>Schwester Berta h&auml;tte es f&uuml;r keinen andern getan,
+aber um ihres lieben Bruders willen sch&uuml;ttelte sie den
+Kleinen recht unsanft. Und so lernte er Respekt vor
+Onkel Ruben.</p>
+
+<p>Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen
+auf dem Eise umgefallen. Er war aus purer Bosheit
+von einem gro&szlig;en, b&ouml;sen Jungen umgeworfen worden,
+und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu
+zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da
+seine Mama nicht weit weg sein konnte.</p>
+
+<p>Aber er hatte vergessen, da&szlig; seine Mutter doch zu
+allererst Onkel Rubens Schwester war. Als sie Axel
+auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht beg&uuml;tigend
+und tr&ouml;stend, sondern nur mit diesem ewigen:</p>
+
+<p>&bdquo;Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel
+Ruben, welcher starb, gerade als er f&uuml;nf Jahre alt war,
+so wie du jetzt, weil er sich in einen Schneehaufen gesetzt
+hatte.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben
+sprechen h&ouml;rte, aber er f&uuml;hlte die K&auml;lte bis ins Herz.
+Wie konnte Mama von Onkel Ruben erz&auml;hlen, wenn
+<span class="pagenum"><a name="page_195" id="page_195"></a>195</span>ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte
+er sich schon hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte,
+aber jetzt war es, als wenn ihm dieser Tote seine eigne
+Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht zulassen.
+So lernte er Onkel Ruben hassen.</p>
+
+<p>Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war
+eine Steinbalustrade, auf der es schwindelnd herrlich zu
+sitzen war. Tief unten lag der Steinboden des Flurs,
+und wer oben rittlings sa&szlig;, konnte tr&auml;umen, da&szlig; er &uuml;ber
+Abgr&uuml;nde dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein
+gutes Ro&szlig; Grane. Auf seinem R&uuml;cken sprengte er &uuml;ber
+brennende Wallgr&auml;ben in verzauberte Schl&ouml;sser. Da sa&szlig;
+er stolz und trotzig, w&auml;hrend die gro&szlig;en Haarlocken von
+dem heftigen Anlauf wehten, und k&auml;mpfte Sankt Georgs
+Kampf mit dem Drachen. Und noch war es Onkel Ruben
+nicht eingefallen, dort reiten zu wollen.</p>
+
+<p>Aber nat&uuml;rlich kam er. Gerade als der Drache sich in
+Todes&auml;ngsten wand und Axel in stolzer Siegesgewi&szlig;heit
+dasa&szlig;, h&ouml;rte er das Kinderm&auml;dchen rufen: &bdquo;Axel, nicht
+da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht
+Jahre alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem
+Steingel&auml;nder geritten ist. Hier darfst du nie mehr sitzen,
+Axel!&ldquo;</p>
+
+<p>Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel
+Ruben! Er konnte es gewi&szlig; nicht ertragen, da&szlig; Axel
+Drachen t&ouml;tete und Prinzessinnen rettete. Wenn er sich
+nicht h&uuml;tete, wollte Axel zeigen, da&szlig; auch er Ruhm gewinnen
+konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort
+unten sprang und sich totschlug, dann w&uuml;rde er schon in
+den Schatten gestellt sein, dies gro&szlig;e L&uuml;genmaul!</p>
+
+<p>Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der
+drau&szlig;en auf dem sonnenbeschienenen Marktplatz mit
+seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mu&szlig;te er erfahren,
+was es hei&szlig;t, ein gro&szlig;er Mann zu sein. Eine Vogelscheuche
+war er geworden, die die Zeit, die war, der
+kommenden aufstellte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_196" id="page_196"></a>196</span>Es war drau&szlig;en auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine
+ganze Menge Basen und Vettern waren auf dem herrlichen
+Landgut versammelt. Axel ging da herum, von
+seinem Ha&szlig; gegen Onkel Ruben erf&uuml;llt. Er wollte nur
+wissen, ob dieser auch noch andre au&szlig;er ihm qu&auml;lte.
+Aber etwas sch&uuml;chterte ihn ein, so da&szlig; er sich nicht zu
+fragen getraute. Es war, als h&auml;tte er damit eine L&auml;sterung
+begangen.</p>
+
+<p>Endlich waren die Kinder allein. Kein Gro&szlig;er war
+dabei. Da fragte Axel, ob sie von Onkel Ruben geh&ouml;rt
+h&auml;tten.</p>
+
+<p>Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele
+kleine F&auml;ustchen sich ballten, aber es schien, da&szlig; die
+kleinen M&uuml;ndchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben gelernt
+hatten. &bdquo;Still doch,&ldquo; sagte die ganze Schar.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Axel, &bdquo;jetzt m&ouml;chte ich wissen, ob er
+noch irgend jemand anders peinigt, denn ich finde, da&szlig;
+er der l&auml;stigste von allen Onkeln ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den
+Harm gequ&auml;lter Kinderherzen umgab. Es gab ein gro&szlig;es
+Murren und Rufen. So mu&szlig; ein Haufen Nihilisten aussehen,
+wenn sie den Selbstherrscher schm&auml;hen.</p>
+
+<p>Jetzt wurde das S&uuml;ndenregister des armen gro&szlig;en
+Mannes aufgez&auml;hlt. Onkel Ruben verfolgte alle seine
+Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb &uuml;berall, wo es ihm
+gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen
+Alter mit dem, dessen Ruhe er st&ouml;ren wollte.</p>
+
+<p>Und Respekt mu&szlig;te man vor ihm haben, obwohl er
+ganz offenkundig ein L&uuml;gner war. Ihn in der verschwiegensten
+Tiefe seines Herzens hassen, das konnte man,
+aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen,
+Gott beh&uuml;te.</p>
+
+<p>Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm
+sprachen! Hatte er denn je etwas so Merkw&uuml;rdiges geleistet?
+Sich hinzusetzen und zu sterben, war doch nichts
+so Wunderbares. Und was er auch f&uuml;r Gro&szlig;taten vollbracht
+<span class="pagenum"><a name="page_197" id="page_197"></a>197</span>haben mochte, gewi&szlig; war es, da&szlig; er jetzt seine
+Macht mi&szlig;brauchte. Er stellte sich den Kindern in allem
+entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte Vogelscheuche.
+Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese
+auf. Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und
+seine Ben&uuml;tzung verboten. Jetzt erst k&uuml;rzlich hatte er es
+sich einfallen lassen, auf ungesattelten Pferden zu reiten.</p>
+
+<p>Sie waren alle ganz sicher, da&szlig; der arme Tropf nie
+mehr als drei Jahre alt geworden war, und jetzt &uuml;berfiel
+er gro&szlig;e Vierzehnj&auml;hrige und behauptete, da&szlig; er in
+einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste.</p>
+
+<p>Ganz unglaubliche Dinge kamen &uuml;ber ihn an den Tag.
+Er hatte von der Br&uuml;cke Wei&szlig;fische gefischt, er hatte
+in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war auf die
+Weide geklettert, die &uuml;ber das Wasser vorhing, und in der
+es sich so behaglich sitzen lie&szlig;, ja, er hatte sogar auf
+Pulvertonnen gelegen und geschlafen.</p>
+
+<p>Aber sie waren alle ganz gewi&szlig;, da&szlig; es keinen Ausweg
+vor seiner Tyrannei gab. Es war eine Erleichterung,
+sich ausgesprochen zu haben, aber kein Heilmittel. Man
+konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen.</p>
+
+<p>Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder gro&szlig;
+wurden und eigne Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich
+Onkel Ruben zunutze zu machen, so wie ihre V&auml;ter
+es vor ihnen getan hatten.</p>
+
+<p>Und ihre Kinder wieder, n&auml;mlich die Jugend, die heute
+heranw&auml;chst, haben die Lektion so gut gelernt, da&szlig; es
+eines Sommers drau&szlig;en auf dem Lande geschah, da&szlig; ein
+f&uuml;nfj&auml;hriges Knirpschen zur alten Gro&szlig;mutter Berta
+kam, die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte,
+w&auml;hrend sie auf den Wagen wartete, und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Gro&szlig;mutter, du hattest doch einmal einen Bruder,
+der Ruben hie&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Darin hast du recht, mein kleiner Junge,&ldquo; sagte
+Gro&szlig;mutter und stand sogleich auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_198" id="page_198"></a>198</span>Dies war f&uuml;r die gesamte Jugend ein Anblick, als
+h&auml;tten sie einen alten Krieger K&ouml;nig Karls&nbsp;XII. sich
+vor K&ouml;nig Karls Portr&auml;t verneigen sehen. Sie hatten
+nun eine Ahnung, da&szlig; Onkel Ruben, wie sehr er auch
+mi&szlig;braucht wurde, immer gro&szlig; bleiben mu&szlig;te, nur weil
+er einmal so sehr geliebt worden war.</p>
+
+<p>In unsern Tagen, wo man alle Gr&ouml;&szlig;e so genau pr&uuml;ft,
+mu&szlig; er mit mehr Ma&szlig; verwendet werden als fr&uuml;her.
+Die Grenze seines Alters ist niedriger; B&auml;ume, Boote
+und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus
+Stein, was zum Sitzen taugt, kann ihm entgehen.</p>
+
+<p>Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich
+anders gegen ihn als die Eltern. Sie kritisieren ihn offen
+und unverh&uuml;llt. Ihre Eltern verstehen die Kunst nicht
+mehr, stummen, ehrf&uuml;rchtigen Gehorsam einzufl&ouml;&szlig;en.
+Kleine Pensionsm&auml;dchen handeln das Thema Onkel Ruben
+ab und bezweifeln, ob er etwas andres als eine Mythe
+ist. Ein sechsj&auml;hriger J&uuml;ngling schl&auml;gt vor, da&szlig; man auf
+experimentalem Wege beweisen solle, da&szlig; es unm&ouml;glich
+ist, sich auf einer Steinstufe t&ouml;dlich zu erk&auml;lten.</p>
+
+<p>Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im
+Allerinnersten ebenso von Onkel Rubens Gr&ouml;&szlig;e &uuml;berzeugt,
+wie die vorhergehende, und gehorcht ihm ebenso
+wie diese.</p>
+
+<p>Und der Tag wird kommen, wo diese Sp&ouml;tter zu dem
+uralten Hause ziehen, die alte Steinstufe aufsuchen und
+sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift erheben werden.</p>
+
+<p>Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben,
+aber sobald sie herangewachsen sind und eigne Kinder
+zu erziehen haben, werden sie von dem Nutzen und der
+Notwendigkeit des gro&szlig;en Mannes &uuml;berzeugt sein.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe,
+deiner Mutter Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hie&szlig;.
+Er starb, als er in deinem Alter war, weil er sich auf
+eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.&ldquo;</p>
+
+<p>So wird es hei&szlig;en, so lange die Welt steht.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_199" id="page_199"></a>199</span></p>
+<h2><a name="nr13" id="nr13"></a><a href="#inhalt">Das Flaumv&ouml;gelchen</a></h2>
+
+<h3>I</h3>
+
+
+<p>Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen
+fuhren. Ganz deutlich sehe ich seinen steifen Zylinder
+mit der gro&szlig;en geschwungnen Krempe, so wie man sie
+in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine
+Halsbinde. Ich sehe auch sein sch&ouml;nes, glattrasiertes Gesicht
+mit kleinen, kleinen Polissons, seinen hohen steifen
+Kragen und die anmutige W&uuml;rde in jeder seiner Bewegungen.
+Er sitzt rechts in der Chaise und fa&szlig;t gerade
+die Z&uuml;gel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine
+Frauenzimmerchen. Gott segne sie! Sie sehe ich noch
+deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale
+kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschlie&szlig;t
+und unter dem Kinn gekn&uuml;pft ist, das dunkelbraune
+glattgek&auml;mmte Haar und den gro&szlig;en Schal mit
+den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der
+sie fahren, hat nat&uuml;rlich einen Stuhl mit gr&uuml;nen gedrechselten
+St&auml;bchen, und nat&uuml;rlich ist es das Pferd des
+Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von
+den kleinen, fetten Braunen.</p>
+
+<p>In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen.
+Es ist keine Vernunft darin, denn sie ist das
+unbedeutendste kleine, flatternde Dingelchen, aber alle die
+Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie fortf&auml;hrt, das hat
+mich gefangen. F&uuml;rs erste sehe ich, wie Vater und Mutter
+ihr nachschauen, wie sie da in der T&uuml;r des B&auml;ckerladens
+stehen, Vater hat sogar Tr&auml;nen in den Augen, aber
+Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen. Mutter mu&szlig;
+ihre Augen ben&uuml;tzen, um ihrem T&ouml;chterchen nachzusehen,
+solange sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es
+nat&uuml;rlich fr&ouml;hliche Gr&uuml;&szlig;e von den Kindern des Hinterg&auml;&szlig;chens
+und schelmische Blicke von allen den niedlichen
+<span class="pagenum"><a name="page_200" id="page_200"></a>200</span>Handwerkert&ouml;chtern hinter Fenstern und T&uuml;rspalten, und
+tr&auml;umerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und
+Lehrlingen. Aber alle nicken ihr Gl&uuml;ckauf und Auf Wiedersehen
+zu. Und dann kommen unruhige Blicke von
+armen alten M&uuml;tterchen, die herauskommen und knixen
+und die Brillen abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in
+ihrem Staat vorbeif&auml;hrt. Aber ich kann nicht sehen, da&szlig;
+ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein, nicht, so
+lang die Stra&szlig;e ist.</p>
+
+<p>Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch
+mit dem &Auml;rmel die Tr&auml;nen aus den Augen:</p>
+
+<p>&bdquo;Sei nur nicht traurig, Mutter!&ldquo; sagt er. &bdquo;Du wirst
+sehen, da&szlig; sie sich zu helfen wei&szlig;. Das Flaumv&ouml;gelchen,
+Mutter, wei&szlig; sich zu helfen, so klein es ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Vater,&ldquo; sagt Mutter mit starker Betonung, &bdquo;du
+sprichst so seltsam. Warum sollte Anne-Marie sich nicht
+zu helfen wissen? Sie ist so gut wie irgendeine.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter,
+dennoch. Nein, wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer
+Stelle sein und dorthin fahren, wohin sie jetzt f&auml;hrt!
+Nein, wahrhaftig nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du h&auml;&szlig;licher
+alter B&auml;ckermeister,&ldquo; sagt Mutter, die sieht, da&szlig; Vater
+so besorgt um sein M&auml;dchen ist, da&szlig; man ihn mit einem
+kleinen Scherz aufmuntern mu&szlig;. Und Vater lacht, denn
+das Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen.
+Und dann gehen die Alten wieder in den Laden.</p>
+
+<p>Indessen ist das Flaumv&ouml;gelchen, das kleine Fl&ouml;ckchen,
+das Seidenbl&uuml;tchen, recht guten Muts, wie es da &uuml;ber
+den Weg f&auml;hrt. Ein bi&szlig;chen bange vor dem Br&auml;utigam
+ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumv&ouml;gelchen
+vor allen Menschen ein bi&szlig;chen bange, und das
+kommt ihr zugute, denn darum sind alle Menschen nur
+bestrebt, ihr zu zeigen, da&szlig; sie nicht so gef&auml;hrlich sind.</p>
+
+<p>Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie
+heute. Als sie das Hinterg&auml;&szlig;chen und alle ihre Freunde
+<span class="pagenum"><a name="page_201" id="page_201"></a>201</span>hinter sich gelassen haben, findet sie, da&szlig; Moritz f&ouml;rmlich
+zu etwas Gro&szlig;em anschwillt. Der Hut, der Kragen
+und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte
+bl&auml;ht sich. Die Stimme wird ihm gleichsam dick im
+Halse und kommt nur schwer hervor. Sie f&uuml;hlt sich dabei
+ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine
+Pracht, Moritz so gro&szlig;artig zu sehen.</p>
+
+<p>Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen&nbsp;&ndash; man
+w&uuml;rde es kaum glauben k&ouml;nnen&nbsp;&ndash; aber Moritz spricht
+ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht ihr,
+so ist Moritz. Er fragt das Flaumv&ouml;gelchen, ob sie auch
+recht versteht, was diese Reise f&uuml;r ihn bedeutet. Glaubt
+sie, da&szlig; es sich nur um eine Lustfahrt &uuml;ber die Landstra&szlig;e
+handelt? Eine sechs Meilen lange Reise in der guten
+Chaise, mit dem Br&auml;utigam daneben, das konnte freilich
+wie eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja
+auf einen pr&auml;chtigen Landsitz, sollte bei einem reichen
+Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl geglaubt, da&szlig; das
+alles nur ein Spa&szlig; war, wie?</p>
+
+<p>Ach, wenn er w&uuml;&szlig;te, da&szlig; sie sich gestern auf diese Fahrt
+unter langen Gespr&auml;chen mit Mutter vorbereitet hatte,
+bevor sie sich niederlegten, und mit einer langen Reihe
+&auml;ngstlicher Tr&auml;ume bei Nacht und mit Gebeten und Tr&auml;nen.
+Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto
+mehr zu genie&szlig;en, wie weise Moritz ist. Er liebt es, es
+zu zeigen, und sie g&ouml;nnt es ihm gern, ach wie gern.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist eigentlich ganz schrecklich, da&szlig; du so reizend
+bist,&ldquo; sagt Moritz. Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen,
+und das war doch, bei Licht besehen, sehr dumm
+von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit einverstanden.
+Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran
+denken, was f&uuml;r L&auml;rm sie geschlagen hatte, als Moritz
+ihr mitteilte, da&szlig; er sich mit einem armen M&auml;dchen aus
+dem Hinterg&auml;&szlig;chen verlobt habe, einem M&auml;dchen, das
+keine Erziehung und keine Talente hatte und das nicht
+einmal sch&ouml;n war, nur reizend.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_202" id="page_202"></a>202</span>In Moritzens Augen war nat&uuml;rlich die Tochter eines
+B&auml;ckermeisters ebensogut wie der Sohn des B&uuml;rgermeisters,
+aber nicht alle hatten so freie Anschauungen wie
+er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt
+h&auml;tte, dann h&auml;tte wohl gar nichts aus der ganzen Sache
+werden k&ouml;nnen, denn er, der nur Student war, hatte
+ja nichts, woraufhin er heiraten konnte. Aber wenn sie
+nun Onkel f&uuml;r sich zu gewinnen vermochten, dann war
+alles gut.</p>
+
+<p>Ich sehe sie so deutlich, wie sie &uuml;ber die Landstra&szlig;e
+fahren. Sie macht eine ungl&uuml;ckliche Miene, w&auml;hrend sie
+seiner Weisheit lauscht. Aber wie vergn&uuml;gt sie ist in ihren
+Gedanken! Wie verst&auml;ndig Moritz ist! Und wenn er davon
+spricht, welche Opfer er f&uuml;r sie bringt, dann ist das
+nur seine Art, zu sagen, wie lieb er sie hat.</p>
+
+<p>Und wenn sie erwartet hatte, da&szlig; er an einem solchen
+Tage zu zweien vielleicht ein bi&szlig;chen anders sein w&uuml;rde,
+als wenn sie daheim bei Mutter sa&szlig;en&nbsp;&ndash; aber das w&auml;re
+nicht recht von Moritz gewesen&nbsp;&ndash; sie ist nur stolz auf
+ihn.</p>
+
+<p>Er erz&auml;hlte ihr gerade, was Onkel f&uuml;r ein Mensch ist.
+Ein so m&auml;chtiger Mann ist er, da&szlig;, wenn er sie nur besch&uuml;tzen
+will, sie allsogleich im Hafen des Gl&uuml;cks gelandet
+sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hoch&ouml;fen
+hat er und au&szlig;erdem G&uuml;ter und H&ouml;fe und Grubenanteile.
+Und von allem dem ist Moritz der direkte Erbe.
+Aber ein bi&szlig;chen schwer ist Onkel zu behandeln, wenn es
+jemand ist, der ihm nicht gef&auml;llt. Wenn er mit Moritzens
+Frau nicht einverstanden ist, kann er alles jemandem anders
+hinterlassen.</p>
+
+<p>Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und
+schm&auml;ler, Moritz aber wird immer steifer und schwillt
+f&ouml;rmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, da&szlig; Anne-Marie
+Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz.
+Onkel ist ein ganz andrer Mann. Sein Geschmack, ja
+Moritz hat keine besondre Meinung von seinem Geschmack,
+<span class="pagenum"><a name="page_203" id="page_203"></a>203</span>aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas
+blitzend Rotes, das m&uuml;&szlig;te Onkel gefallen. Au&szlig;erdem ist
+er solch ein eingefleischter Junggeselle&nbsp;&ndash; findet, da&szlig;
+Frauenzimmer nur l&auml;stig sind. Aber das einzige, was
+n&ouml;tig ist, ist ja nur, da&szlig; sie Onkel nicht zu sehr mi&szlig;f&auml;llt.
+F&uuml;r das &uuml;brige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf
+kein G&auml;nschen sein. Weint sie&nbsp;&ndash;! Ach, wenn sie nicht
+mutiger aussieht, wenn sie ankommen, dann wird Onkel
+ihnen beiden schnurstracks den Laufpa&szlig; geben. Sie ist in
+ihrem eignen Interesse froh, da&szlig; Onkel nicht so klug ist
+wie Moritz. Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz
+sein, zu denken, da&szlig; es gut ist, da&szlig; Onkel ein ganz andrer
+Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn Moritz
+Onkel w&auml;re, und zwei arme junge Leutchen k&auml;men zu ihm
+gefahren, um ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann
+w&uuml;rde ihnen Moritz, der so verst&auml;ndig ist, sicherlich raten,
+jeder zu sich nach Hause zu fahren und mit dem Heiraten
+so lange zu warten, bis sie etwas h&auml;tten, wovon sie leben
+k&ouml;nnten. Aber Onkel war gewi&szlig; in seiner Weise schrecklich.
+Er trank so viel und gab so gro&szlig;e Feste, bei denen
+es ganz wild herging. Und er verstand es gar nicht, hauszuhalten.
+Er konnte glauben, da&szlig; alle Menschen ihn betrogen,
+und lie&szlig; sich dar&uuml;ber kein graues Haar wachsen.
+Und leichtsinnig&nbsp;&ndash;! Der B&uuml;rgermeister hatte ihm durch
+Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung geschickt, die
+nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm sicherlich
+ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach,
+wof&uuml;r er sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem
+Markte in der Stadt gestanden und den Gassenjungen
+Silberm&uuml;nzen hingestreut. Und in einer Nacht ein paar
+tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit
+Zehnreichstalerbanknoten anzuz&uuml;nden, das geh&ouml;rte zu dem
+Allt&auml;glichsten, was Onkel tat.</p>
+
+<p>So fuhren sie, und so plauderten sie, w&auml;hrend sie
+fuhren.</p>
+
+<p>Gegen Abend kamen sie an. Onkels &bdquo;Residenz&ldquo;, wie
+<span class="pagenum"><a name="page_204" id="page_204"></a>204</span>er zu sagen pflegte, war keine Fabrik. Sie lag fern von
+allem Kohlenrauch und allen Hammerschl&auml;gen auf dem
+Abhang einer gewaltigen Anh&ouml;he, mit einer weiten Aussicht
+&uuml;ber Seen und langgestreckte Berge. Sie war stattlich
+angelegt, mit Waldwiesen und Birkenhainen ringsherum,
+aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die
+Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschlo&szlig;.</p>
+
+<p>Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen
+hinauf. Sie fuhren zuletzt durch ein paar niedrige
+dichte Tannenhecken, und dann sollten sie in den Hof
+einschwenken.</p>
+
+<p>Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte,
+war eine Triumphpforte errichtet, und da stand Onkel
+mit seinen Untergebenen und gr&uuml;&szlig;te. Seht, das h&auml;tte das
+Flaumv&ouml;gelchen niemals von Moritz glauben k&ouml;nnen, da&szlig;
+er ihr einen solchen Empfang bereiten w&uuml;rde. Es wurde
+ihr gleich ganz leicht ums Herz. Und sie fa&szlig;te seine Hand
+und dr&uuml;ckte sie zum Dank. Mehr konnte sie im Augenblick
+nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte.</p>
+
+<p>Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr
+Theodor Fristedt, gro&szlig; und schwarzb&auml;rtig und strahlend
+von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und rief hurra,
+und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie
+traten die Tr&auml;nen in die Augen, und zugleich l&auml;chelte sie.
+Und nat&uuml;rlich mu&szlig;ten ihr alle vom ersten Augenblick an
+gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie Moritz ansah.
+Denn sie dachte ja, da&szlig; sie alle seinetwegen da seien,
+und sie mu&szlig;te ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden,
+nur um ihn anzusehen, wie er mit einer gro&szlig;en
+Geste den Hut abnahm und so sch&ouml;n und k&ouml;niglich gr&uuml;&szlig;te.
+Ach, was f&uuml;r einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel
+Theodor blieb fast im Hurra stecken und geriet in einen
+Fluch, als er ihn sah.</p>
+
+<p>Nein, das Flaumv&ouml;gelchen w&uuml;nschte gewi&szlig; keinem
+Menschen auf Erden etwas B&ouml;ses, aber wenn es wirklich
+<span class="pagenum"><a name="page_205" id="page_205"></a>205</span>so gewesen w&auml;re, da&szlig; das Ganze Moritz geh&ouml;rt h&auml;tte, so
+w&uuml;rde es wirklich gut gepa&szlig;t haben. Es war weihevoll,
+zu sehen, wie er da auf der Schwelle stand und sich zu
+den Leuten wendete, um zu danken. Onkel Theodor war
+ja auch stattlich, aber was hatte er f&uuml;r ein Auftreten
+gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm
+ihren Schal und ihren Hut wie ein Bedienter, w&auml;hrend
+Moritz den Hut von seiner wei&szlig;en Stirn l&uuml;ftete und
+sagte: &bdquo;Habt Dank, meine Kinder!&ldquo; Nein, Onkel Theodor
+hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt
+von seinen Onkelrechten Gebrauch machte und sie in die
+Arme nahm und k&uuml;&szlig;te und merkte, da&szlig; sie mitten im
+Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr
+h&auml;&szlig;lich. Das Flaumv&ouml;gelchen war es nicht gewohnt, jemanden
+absto&szlig;end zu finden, aber es w&uuml;rde sicherlich
+kein leichtes St&uuml;ck Arbeit sein, Onkel Theodor zu gefallen.</p>
+
+<p>&bdquo;Morgen,&ldquo; sagt Onkel, &bdquo;gibt es hier gro&szlig;e Mittagsgesellschaft
+und Ball, aber heute sollen sich die jungen
+Herrschaften von der Reise ausruhen. Jetzt essen wir nur
+zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie werden in einen Salon gef&uuml;hrt, und da werden
+sie allein gelassen. Onkel Theodor schie&szlig;t hinaus wie ein
+Pfeil. F&uuml;nf Minuten sp&auml;ter f&auml;hrt er in seinem gro&szlig;en
+Wagen die Allee hinab, und der Kutscher f&auml;hrt so zu,
+da&szlig; die Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang
+liegen. Es vergehen noch f&uuml;nf Minuten, aber dann
+ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau neben
+ihm im Wagen.</p>
+
+<p>Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gespr&auml;chige
+Dame f&uuml;hrend, die er &bdquo;Frau Bergr&auml;tin&ldquo; nennt.
+Und diese schlie&szlig;t Anne-Marie gleich in die Arme, aber
+Moritzen begr&uuml;&szlig;t sie etwas steifer. Und das mu&szlig; sie ja.
+Niemand kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben.</p>
+
+<p>Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, da&szlig; diese
+gespr&auml;chige alte Dame gekommen ist. Sie und Onkel
+<span class="pagenum"><a name="page_206" id="page_206"></a>206</span>haben eine so lustige Art, miteinander zu scherzen. Es
+wird ganz heimlich in dem fremden Hause.</p>
+
+<p>Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt
+haben, und Anne-Marie in ihr kleines St&uuml;bchen gekommen
+ist, geschieht etwas so Peinliches und &Auml;rgerliches.</p>
+
+<p>Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab,
+und das Flaumv&ouml;gelchen merkt, da&szlig; Moritz seine Zukunftspl&auml;ne
+auseinandersetzt. Onkel scheint gar nichts zu
+sagen, er geht nur und k&ouml;pft mit seinem Stock Grashalme.
+Aber Moritz wird ihn schon bald zu &uuml;berzeugen
+wissen, da&szlig; er nichts Besseres tun kann, als Moritz eine
+Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu geben,
+wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben
+will. Moritz hat so viel Sinn f&uuml;rs Praktische, seit er sich
+verliebt hat. Er pflegt oft zu sagen: &bdquo;Ist es nicht am
+besten, wenn ich, da ich doch einmal ein gro&szlig;er Gutsbesitzer
+werden soll, gleich damit anfange, mich in die
+Dinge einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es f&uuml;r mich,
+das Hofgerichtsexamen zu machen?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert
+sie, zu sehen, da&szlig; sie dort sitzt, aber da sie sich nicht
+darum bek&uuml;mmern, kann niemand verlangen, da&szlig; sie
+nicht h&ouml;ren soll, was sie sagen. Es ist wirklich ebensosehr
+ihre Angelegenheit wie die von Moritz.</p>
+
+<p>Da bleibt Onkel Theodor pl&ouml;tzlich stehen, und er sieht
+b&ouml;se aus. Er sieht ganz w&uuml;tend aus, findet sie, und sie
+ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er m&ouml;ge sich in acht
+nehmen. Aber es ist zu sp&auml;t, denn schon hat Onkel Theodor
+Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert
+und sch&uuml;ttelt ihn so, da&szlig; er sich windet wie ein Aal. Dann
+schleudert er ihn mit solcher Kraft von sich, da&szlig; Moritz
+nach r&uuml;ckw&auml;rts stolpert und gefallen w&auml;re, wenn er sich
+nicht an einen Baum gest&uuml;tzt h&auml;tte. Und da bleibt nun
+Moritz stehen und sagt: &bdquo;Wie?&ldquo; Ja, was sollte er wohl
+sonst sagen?</p>
+
+<p>Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert.
+<span class="pagenum"><a name="page_207" id="page_207"></a>207</span>Er st&uuml;rzt sich nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm
+zu k&auml;mpfen. Er sieht nur ruhig &uuml;berlegen aus, nur unschuldig
+erstaunt. Sie versteht, da&szlig; er sich beherrscht, damit
+die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie
+und beherrscht sich.</p>
+
+<p>Armer Moritz, es stellt sich heraus, da&szlig; Onkel um
+ihretwillen auf ihn b&ouml;se ist. Er fragt, ob Moritz nicht
+wei&szlig;, da&szlig; sein Onkel Junggeselle ist und sein Haus ein
+Junggesellenhaus, da&szlig; er seine Braut hergebracht hat,
+ohne ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumv&ouml;gelchen
+ist f&uuml;r Moritz beleidigt. Mutter hat es sich doch
+selbst verbeten und gesagt, da&szlig; sie die B&auml;ckerei nicht verlassen
+k&ouml;nne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel
+l&auml;&szlig;t keine Entschuldigungen gelten.&nbsp;&ndash; Na, und die B&uuml;rgermeisterin,
+die h&auml;tte ihrem Sohn wohl den Gefallen
+tun k&ouml;nnen. Ja, wenn sie zu hochm&uuml;tig war, dann h&auml;tten
+sie lieber da bleiben k&ouml;nnen, wo sie waren. Was w&uuml;rden
+sie denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergr&auml;tin nicht
+h&auml;tte kommen k&ouml;nnen? Und wie konnten denn &uuml;berhaupt
+Br&auml;utigam und Braut so zu zweien durchs Land ziehen!&nbsp;&ndash;
+So, so, Moritz sei nicht gef&auml;hrlich. Nein, das hatte
+er auch nie geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gef&auml;hrlich.&nbsp;&ndash;
+Na, und dann schlie&szlig;lich noch die Chaise,
+dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht das l&auml;cherlichste
+Vehikel in der ganzen Stadt aufgest&ouml;bert? Das
+Kind sechs Meilen in einer Chaise zu r&uuml;tteln, und ihn,
+Onkel Theodor, eine Triumphpforte f&uuml;r solch einen Leiterwagen
+errichten zu lassen!&nbsp;&ndash; Wahrhaftig, er hatte nicht
+&uuml;bel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu nehmen! Onkel
+Theodor f&uuml;r solch einen alten Karren hurra rufen zu
+lassen! Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert
+Moritz, der allem dem so ruhig standh&auml;lt. Sie h&auml;tte
+eigentlich nicht &uuml;bel Lust, sich hineinzumischen und Moritz
+zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, da&szlig; es ihm recht
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Und bevor sie einschl&auml;ft, liegt sie da und rechnet sich
+<span class="pagenum"><a name="page_208" id="page_208"></a>208</span>vor, was sie alles h&auml;tte sagen wollen, um Moritz zu
+verteidigen. Dann schl&auml;ft sie ein und f&auml;hrt wieder auf,
+und im Ohr klingt ihr ein altes R&auml;tsel:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es steht ein Hund auf einem Stein<br /></span>
+<span class="i0">Und bellt wohl in das Land hinein.<br /></span>
+<span class="i0">Er hie&szlig; wie du, wie er, wie sie.<br /></span>
+<span class="i0">Wie hie&szlig; er doch, so sag doch wie!<br /></span>
+<span class="i0">Wie hie&szlig; der Hund?<br /></span>
+<span class="i0">Der Hund hie&szlig; Wie.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das R&auml;tsel hatte sie als Kind oft ge&auml;rgert, solch dummer
+Hund. Aber jetzt im Halbschlummer vermengt sie
+den Hund &bdquo;Wie&ldquo; mit Moritz, und es kommt ihr vor,
+da&szlig; der Hund seine wei&szlig;e Stirn hat. Dann lacht sie.
+Das Lachen kommt ihr ebenso leicht an wie das Weinen.
+Das hat sie von Vater geerbt.</p>
+
+
+<h3>II</h3>
+
+<p>Wie ist &bdquo;das&ldquo; gekommen? Das, was sie nicht beim
+Namen zu nennen wagt.</p>
+
+<p>&bdquo;Das&ldquo; ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras,
+wie die Farbe in die Rose, wie die S&uuml;&szlig;igkeit in die Beere,
+unmerklich und hold, ohne sich vorher anzuk&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>Es ist ja auch gleichg&uuml;ltig, wie &bdquo;das&ldquo; gekommen ist
+und was &bdquo;das&ldquo; ist. Gut oder b&ouml;se, sch&ouml;n oder h&auml;&szlig;lich,
+&bdquo;das&ldquo; ist das Verbotene, was es gar nicht geben sollte.
+&bdquo;Das&ldquo; macht sie &auml;ngstlich, s&uuml;ndhaft, ungl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>An &bdquo;das&ldquo; will sie nie mehr denken. &bdquo;Das&ldquo; mu&szlig; ausgerissen
+und fortgeschleudert werden, und doch ist es
+nichts, was sich greifen und fangen l&auml;&szlig;t. Sie verschlie&szlig;t
+sich davor, und &bdquo;das&ldquo; kommt doch herein. &bdquo;Das&ldquo; treibt
+das Blut aus ihren Adern und flie&szlig;t selbst darin, es
+treibt die Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es
+tanzt durch die Nerven und zittert bis in die Fingerspitzen.
+Es ist &uuml;berall in ihr, so da&szlig;, wenn sie alles fortnehmen
+k&ouml;nnte, woraus der K&ouml;rper sonst besteht und
+<span class="pagenum"><a name="page_209" id="page_209"></a>209</span>nur &bdquo;das&ldquo; &uuml;brig lie&szlig;e, es einen vollen Abdruck von ihr
+geben w&uuml;rde. Und dennoch war &bdquo;das&ldquo; nichts.</p>
+
+<p>Nie will sie an &bdquo;das&ldquo; denken, und stets mu&szlig; sie an
+&bdquo;das&ldquo; denken. Wie ist sie so schlecht geworden. Und dann
+forscht sie und gr&uuml;belt nach, wie &bdquo;das&ldquo; gekommen ist.</p>
+
+<p>Ach, Flaumv&ouml;gelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn
+und wie leicht geweckt unser Herz!</p>
+
+<p>Sie war sicher, da&szlig; &bdquo;das&ldquo; nicht beim Fr&uuml;hst&uuml;ck gekommen
+war, nein, ganz gewi&szlig; nicht beim Fr&uuml;hst&uuml;ck.</p>
+
+<p>Da war sie nur &auml;ngstlich und scheu gewesen. Es hatte
+sie so sehr ersch&uuml;ttert, als sie zum Fr&uuml;hst&uuml;ck hinabkam
+und Moritz nicht vorfand, nur Onkel Theodor und die
+Bergr&auml;tin.</p>
+
+<p>Es war ja nur klug von Moritz gewesen, da&szlig; er auf
+die Jagd gegangen war, obgleich es unm&ouml;glich schien,
+herauszufinden, was er jetzt zur Mittsommerzeit jagte,
+wie auch die Bergr&auml;tin bemerkte. Aber er wu&szlig;te nat&uuml;rlich,
+da&szlig; er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden
+von Onkel fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er
+konnte sich ja gewi&szlig; gar nicht denken, da&szlig; sie so sch&uuml;chtern
+war, da&szlig; sie beinahe ohnm&auml;chtig wurde, als sie ihn
+fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergr&auml;tin
+allein sah. Moritz war nie sch&uuml;chtern gewesen. Er wu&szlig;te
+nicht, was f&uuml;r eine Qual das war.</p>
+
+<p>Dieses Fr&uuml;hst&uuml;ck, dieses Fr&uuml;hst&uuml;ck! Onkel hatte gleich
+damit angefangen, die Bergr&auml;tin zu fragen, ob sie die
+Geschichte von Sigrid der Sch&ouml;nen geh&ouml;rt habe. Er fragte
+nicht das Flaumv&ouml;gelchen, und sie w&auml;re auch nicht imstande
+gewesen, zu antworten. Die Bergr&auml;tin kannte die
+Geschichte gut, aber er erz&auml;hlte sie dennoch. Da erinnerte
+sich Anne-Marie, da&szlig; Moritz Onkel ausgelacht hatte, weil
+er in seinem ganzen Hause nur zwei B&uuml;cher habe, und
+das waren die Sagen von Afzelius und N&ouml;sselts &bdquo;Allgemeine
+Weltgeschichte f&uuml;r Frauenzimmer&ldquo;. &bdquo;Aber die
+kann er auch,&ldquo; hatte Moritz gesagt.</p>
+
+<p>Anne-Marie hatte die Geschichte sch&ouml;n gefunden. Es
+<span class="pagenum"><a name="page_210" id="page_210"></a>210</span>gefiel ihr, da&szlig; Bengt Magnusson Perlen auf den Friesrock
+n&auml;hen lie&szlig;. Sie sah Moritz vor sich, wie k&ouml;niglich
+stolz er ausgesehen haben w&uuml;rde, wenn er die Perlen befohlen
+h&auml;tte. Das war gerade etwas, was Moritz gut
+angestanden h&auml;tte.</p>
+
+<p>Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erz&auml;hlt
+wird, wie Bengt Magnusson in den Wald ritt, um
+der Begegnung mit seinem erz&uuml;rnten Bruder auszuweichen
+und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen
+lie&szlig;, da wurde es ganz deutlich, da&szlig; Onkel verstand,
+da&szlig; Moritz nur auf die Jagd gegangen war, um
+seinem Zorn auszuweichen, und da&szlig; er wu&szlig;te, wie sie
+dasa&szlig; und daran dachte, ihn zu gewinnen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Ja,
+gestern, da hatten sie freilich Pl&auml;ne schmieden k&ouml;nnen,
+Moritz und sie, wie sie mit Onkel kokettieren w&uuml;rde, aber
+heute war kein Gedanke daran, sie auszuf&uuml;hren. Ah, nie
+hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut scho&szlig;
+ihr ins Gesicht, und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem
+Geklapper aus ihren H&auml;nden auf den Teller.</p>
+
+<p>Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern
+die Geschichte fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte
+kam: &bdquo;H&auml;tte mein Bruder dies nicht getan, wahrlich,
+ich t&auml;t es selber.&ldquo; Das hatte er mit so lustigem Tonfall
+gesagt, da&szlig; sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden
+braunen Augen begegnen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah,
+da hatte er zu lachen angefangen wie ein richtiger Junge.
+&bdquo;Was glauben Sie, Frau Bergr&auml;tin,&ldquo; hatte er gerufen,
+&bdquo;da&szlig; Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und
+das h&ouml;rte: &sbquo;H&auml;tte mein Bruder&lsquo;&nbsp;&hellip; ich denke, ein n&auml;chstes
+Mal ist er daheim geblieben.&ldquo;</p>
+
+<p>Dem Flaumv&ouml;gelchen traten die Tr&auml;nen in die Augen,
+und als Onkel dies sah, begann er immer heftiger zu
+lachen. &bdquo;Ja, das ist eine sch&ouml;ne Mittlerin, die mein Brudersohn
+sich da ausgesucht hat,&ldquo; schien er sagen zu wollen.
+&bdquo;Du bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines
+<span class="pagenum"><a name="page_211" id="page_211"></a>211</span>M&auml;dchen.&ldquo; Und jedesmal, wenn sie ihn ansah, hatten die
+braunen Augen wiederholt: &bdquo;H&auml;tte mein Bruder dies
+nicht getan, wahrlich, ich t&auml;t es selber.&ldquo; Eigentlich war
+das Flaumv&ouml;gelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht
+Brudersohn sagten. Und nun denke man, wie sie sich betragen
+hatte. Sie hatte laut zu weinen angefangen und
+war aus dem Zimmer gest&uuml;rzt.</p>
+
+<p>Aber nicht damals war &bdquo;das&ldquo; gekommen, auch nicht
+auf dem Vormittagsspaziergang.</p>
+
+<p>Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war
+sie ganz hingerissen vor Freude &uuml;ber die sch&ouml;ne Besitzung
+und dar&uuml;ber, der Natur so vertraut nahe zu sein. Es
+war, als h&auml;tte sie etwas wiedergefunden, was sie vor
+langer, langer Zeit verloren hatte.</p>
+
+<p>B&auml;ckermamsell, Stadtm&auml;dchen, ja daf&uuml;r hielt man sie.
+Aber sie war nun auf einmal ein Landkind geworden, wie
+sie nur den Fu&szlig; auf den Kiesweg setzte. Sie erkannte sogleich,
+da&szlig; sie aufs Land geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich
+auf eigne Faust herausgewagt, um das Gut zu besichtigen.
+Sie hatte sich unten auf dem Kiesplatz vor dem
+Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut
+auf den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und
+begann sich hin und her zu wiegen. Dann stemmte sie
+den Arm in die H&uuml;fte und zog Luft in die Lungen ein,
+da&szlig; sich die Nasenfl&uuml;gel zusammenzogen und es nur so
+pfiff.</p>
+
+<p>Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gef&uuml;hlt!</p>
+
+<p>Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig
+unten im Garten herumzugehen, aber das hatte sie nicht
+gelockt. Mit einer raschen Wendung hatte sie sich zu den
+gro&szlig;en angebauten Wirtschaftsgeb&auml;uden begeben. Sie war
+einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit
+ihr gesprochen. Sie war erstaunt zu h&ouml;ren, wie frisch ihre
+eigne Stimme klang. Sie war wie die eines Leutnants
+vor der Front. Und sie f&uuml;hlte, wie flott es sich ausnahm,
+<span class="pagenum"><a name="page_212" id="page_212"></a>212</span>wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt,
+mit raschen, nachl&auml;ssigen Bewegungen, eine kleine sausende
+Gerte in der Hand, in den Stall trat.</p>
+
+<p>Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte.
+Keine langen Reihen geh&ouml;rnter Wesen gab es da, denen
+sie imponieren konnte, denn sie waren alle drau&szlig;en auf
+der Weide. Ein einsames K&auml;lbchen stand da und schien
+zu erwarten, da&szlig; sie etwas f&uuml;r es tun sollte. Sie ging
+auf das Tierchen zu, stellte sich auf die Zehenspitzen,
+hielt das Kleid mit der einen Hand gerafft und ber&uuml;hrte
+mit der &auml;u&szlig;ersten Spitze der andern die Stirn des Kalbes.</p>
+
+<p>Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, da&szlig;
+sie genug getan habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte,
+&uuml;berlie&szlig; sie ihm gn&auml;digst ihren kleinen Finger
+zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin k&ouml;nnen,
+sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser
+Heldentat zu suchen. Und da hatte sie gefunden, da&szlig;
+Onkel Theodor in der Stallt&uuml;re stand und lachte.</p>
+
+<p>Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet.
+Aber da kam &bdquo;das&ldquo; gewi&szlig; nicht. Da war nur das h&ouml;chst
+Merkw&uuml;rdige und Seltsame eingetroffen, da&szlig; sie vor
+Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm
+wie mit Mutter, er schien alle ihre Fehler und Schw&auml;chen
+zu kennen, und das war ein so ruhiges Gef&uuml;hl. Da
+brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war.</p>
+
+<p>Onkel Theodor hatte sie in den Garten f&uuml;hren wollen
+und zu den Terrassen am Teich, aber das war nicht nach
+ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in allen diesen
+gro&szlig;en Geb&auml;uden war.</p>
+
+<p>Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und
+in den Eiskeller, in den Weinkeller und in den Kartoffelkeller.
+Er nahm alles der Reihe nach durch und zeigte ihr
+die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen
+und die Rollkammer. Dann f&uuml;hrte er sie durch
+den Stall der Arbeitspferde und durch den der Wagenpferde,
+er lie&szlig; sie die Sattelkammer und das Bedientenzimmer
+<span class="pagenum"><a name="page_213" id="page_213"></a>213</span>sehen und die Knechtestube und die Werkstatt.
+Sie war ein wenig verwirrt von allen diesen R&auml;umen,
+die Onkel Theodor n&ouml;tig gefunden hatte, in seinem Hause
+einzurichten, aber ihr Herz gl&uuml;hte vor Entz&uuml;cken bei dem
+Gedanken, wie herrlich es sein mu&szlig;te, &uuml;ber alles das zu
+walten und zu schalten, so da&szlig; sie gar nicht m&uuml;de wurde,
+obgleich sie auch die Schafst&auml;lle und die Schweinest&auml;lle
+durchwanderten und zu den H&uuml;hnern und den Kaninchen
+hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer
+und die Molkerei, die R&auml;ucherkammer und die
+Schmiede, alles in wachsender Begeisterung. Dann gingen
+sie &uuml;ber gro&szlig;e Dachb&ouml;den, Trockenb&ouml;den f&uuml;r W&auml;sche
+und Trockenb&ouml;den f&uuml;r Holz, Heub&ouml;den und B&ouml;den f&uuml;r
+trocknes Laub, das die Schafe zu fressen bekommen.</p>
+
+<p>Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim
+Anblick aller dieser Vollkommenheit zu Leben und Bewu&szlig;tsein.
+Aber den tiefsten Eindruck machte ihr das gro&szlig;e
+Br&auml;uhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem
+weiten Ofen und den gro&szlig;en Tischen.</p>
+
+<p>&bdquo;Das sollte Mutter sehen,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht,
+und sie hatte von daheim erz&auml;hlt. Das konnte sie
+Onkel gegen&uuml;ber so leicht. Er war schon wie ein Freund,
+obgleich seine braunen Augen &uuml;ber alles lachten, was sie
+sagte.</p>
+
+<p>Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung.
+Sie war als Kind kr&auml;nklich gewesen, und darum
+beh&uuml;teten die Eltern sie so, da&szlig; sie sie gar nichts tun
+lie&szlig;en. Nur zum Spa&szlig; durfte sie mit in der Backstube
+oder im Laden sein&nbsp;&hellip; Und wie sie so erz&auml;hlte, war es
+ihr auch herausgerutscht, da&szlig; Vater sie sein Flaumv&ouml;gelchen
+nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie auch
+gesagt: &bdquo;Zu Hause verw&ouml;hnen sie mich alle, au&szlig;er Moritz,
+darum habe ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er
+nennt mich auch nie Flaumv&ouml;gelchen, nur Anne-Marie.
+Moritz ist so vortrefflich.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_214" id="page_214"></a>214</span>Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie h&auml;tte
+ihn mit der Gerte schlagen k&ouml;nnen. Und sie wiederholte
+noch einmal mit Tr&auml;nen im Halse: &bdquo;Moritz ist so vortrefflich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich wei&szlig;, ich wei&szlig;,&ldquo; hatte Onkel da geantwortet.
+&bdquo;Er soll ja mein Erbe sein.&ldquo; Worauf sie ausgerufen
+hatte: &bdquo;Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie nicht?
+Denken Sie doch, wie gl&uuml;cklich das M&auml;dchen sein m&uuml;&szlig;te,
+die Frau in einem solchen Schlosse wird?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie st&auml;nde es dann mit Moritzens Erbe?&ldquo; hatte Onkel
+ganz gleichm&uuml;tig gefragt.</p>
+
+<p>Da war sie f&uuml;r lange Zeit ganz verstummt, denn sie
+konnte Onkel nicht sagen, da&szlig; sie und Moritz nicht nach
+dem Erbe fragten, denn das taten sie doch gerade. Sie
+gr&uuml;belte, ob es sehr h&auml;&szlig;lich war, da&szlig; sie es taten. Sie
+hatte pl&ouml;tzlich das Gef&uuml;hl, als m&uuml;&szlig;te sie Onkel um Verzeihung
+bitten f&uuml;r irgendein gro&szlig;es Unrecht, das sie ihm
+angetan habe. Aber das konnte sie auch nicht.</p>
+
+<p>Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels
+Hund entgegen. Das war ein kleines, kleines Dingelchen
+auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden Ohrl&auml;ppchen
+und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen
+gellenden Stimmchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du wunderst dich wohl, da&szlig; ich einen so kleinen
+Hund habe,&ldquo; hatte Onkel Theodor gesagt.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, wirklich,&ldquo; hatte sie da geantwortet.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund
+gew&auml;hlt, sondern Jenny hat mich zum Herrn genommen.
+Willst du die Geschichte h&ouml;ren, Flaumv&ouml;gelchen?&ldquo; Von
+dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen.</p>
+
+<p>Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken
+konnte, da&szlig; wieder irgendeine Neckerei dahinter steckte.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam,
+lag sie einer feinen Frau aus der Stadt auf dem Scho&szlig;e
+und hatte ein Deckchen auf dem R&uuml;cken und ein T&uuml;chlein
+um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest
+<span class="pagenum"><a name="page_215" id="page_215"></a>215</span>du! Und ich dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen.
+Aber siehst du, als das Hundeviehchen hier auf
+den Boden kam, da m&uuml;ssen irgendwelche Kindheitserinnerungen
+in ihm erwacht sein, oder was es nun war.
+Es kratzte und schlug um sich und wollte durchaus die
+Decke herunterzerren. Und dann betrug sich Jenny ganz
+wie die gro&szlig;en Hunde hier, so da&szlig; wir sagten, sie m&uuml;sse
+ganz gewi&szlig; auf dem Lande aufgewachsen sein.</p>
+
+<p>Sie legte sich drau&szlig;en auf die Schwelle und warf nicht
+einmal einen Blick auf das Salonsofa, und sie jagte die
+H&uuml;hner und stahl die Milch der Katze und kl&auml;ffte die
+Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch
+kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu
+sehen, wie sie sich benahm. Denke dir doch, solch ein
+kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat und
+auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich.&nbsp;&ndash;
+Und dann, wei&szlig;t du, als sie fortfahren sollten, wollte
+Jenny nicht mit. Sie stand auf der Treppe und winselte
+so j&auml;mmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte
+f&ouml;rmlich, denke dir nur, bleiben zu d&uuml;rfen. So wu&szlig;ten
+wir uns keinen andern Rat, als sie da zu lassen. Wir
+waren ganz ger&uuml;hrt &uuml;ber dies H&uuml;ndchen, das so klein
+war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber
+das h&auml;tte ich doch nie geglaubt, da&szlig; ich mir noch einmal
+einen Scho&szlig;hund halten w&uuml;rde, vielleicht bekomme ich
+auch noch bald eine Frau.&ldquo;</p>
+
+<p>O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so sch&uuml;chtern,
+so unerzogen ist. Sie h&auml;tte wohl gerne wissen m&ouml;gen,
+ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als sie so ungest&uuml;m
+fortst&uuml;rzte. Aber es war ganz, als h&auml;tte er sie gemeint,
+als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar
+nicht. Aber immerhin&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ja, ja, sie war so verlegen
+gewesen. Sie hatte nicht bleiben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Aber nicht damals war &bdquo;das&ldquo; gekommen, nicht damals.</p>
+
+<p>So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte
+<span class="pagenum"><a name="page_216" id="page_216"></a>216</span>sie sich noch so gut auf einem Ball unterhalten! Aber
+wenn jemand gefragt h&auml;tte, ob sie viel getanzt habe, dann
+h&auml;tte sie sich wohl besinnen und sagen m&uuml;ssen, das habe
+sie nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut
+sie sich unterhalten hatte, da&szlig; sie es gar nicht merkte,
+da&szlig; sie ein wenig vernachl&auml;ssigt worden war.</p>
+
+<p>Es war f&uuml;r sie schon eine solche Unterhaltung gewesen,
+Moritz anzusehen. Gerade weil sie beim Fr&uuml;hst&uuml;ck ein
+kleines, kleines bi&szlig;chen streng gegen ihn gewesen war
+und gestern abend &uuml;ber ihn gelacht hatte, war es ihr eine
+solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie
+war er ihr so sch&ouml;n und so &uuml;berlegen vorgekommen.</p>
+
+<p>Er hatte gewi&szlig; das Gef&uuml;hl gehabt, da&szlig; sie sich zur&uuml;ckgesetzt
+f&uuml;hlte, weil er nicht nur mit ihr gesprochen und
+getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug Vergn&uuml;gen gemacht,
+zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als
+ob sie ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung h&auml;tte ausstellen
+wollen! Ah, so dumm war das Flaumv&ouml;gelchen
+nicht!</p>
+
+<p>Moritz tanzte viele T&auml;nze mit der sch&ouml;nen Elisabeth
+Westling. Aber das hatte sie gar nicht beunruhigt, denn
+Moritz war immer wieder auf sie zugekommen und hatte
+gefl&uuml;stert: &bdquo;Du siehst, ich kann da nicht entwischen, wir
+sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem
+Lande so gar nicht gew&ouml;hnt, einen Kavalier zu haben,
+der in der gro&szlig;en Welt gewesen ist und tanzen und konversieren
+kann. Du mu&szlig;t mich heute abend schon den
+Gutsbesitzerst&ouml;chtern leihen, Anne-Marie.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Onkel ging Moritz gewisserma&szlig;en aus dem Wege.
+&bdquo;Sei du heut abend Hausherr,&ldquo; sagte er zu ihm, und
+das war Moritz. Er kam zu allem, er f&uuml;hrte den Tanz
+an, f&uuml;hrte das Trinken an und hielt Reden auf die
+sch&ouml;ne Gegend und auf die Damen. Er war gro&szlig;artig.
+Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke auf Moritz geheftet,
+und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte
+Onkel gel&auml;chelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich
+<span class="pagenum"><a name="page_217" id="page_217"></a>217</span>stolz auf Moritz. Es hatte sie vorher ein wenig bedr&uuml;ckt,
+da&szlig; Onkel seinen Neffen nicht recht zu sch&auml;tzen wu&szlig;te.
+Gegen Morgen war Onkel recht laut und l&auml;rmend geworden.
+Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen,
+aber die M&auml;dchen wichen ihm aus, wenn er zu ihnen
+kam, und taten, als w&auml;ren sie schon engagiert.</p>
+
+<p>&bdquo;Tanze mit Anne-Marie,&ldquo; hatte Moritz zu Onkel
+Theodor gesagt, und das hatte nat&uuml;rlich ein wenig protegierend
+geklungen. Sie erschrak so sehr, da&szlig; sie f&ouml;rmlich
+zusammenfuhr.</p>
+
+<p>Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins
+Rauchzimmer.</p>
+
+<p>Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit
+harter, harter Stimme gesagt:</p>
+
+<p>&bdquo;Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mu&szlig;t
+du so ein Gesicht machen, wenn Onkel mit dir tanzen
+will? Wenn du nur w&uuml;&szlig;test, was er mir gestern &uuml;ber
+dich sagte. Du mu&szlig;t auch etwas tun, Anne-Marie.
+Glaubst du, da&szlig; es recht ist, alles mir zu &uuml;berlassen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du denn, da&szlig; ich tun soll, Moritz?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren.
+Denke, was ich heute abend alles gewonnen habe! Aber
+jetzt ist es verloren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du
+es willst, Moritz.&ldquo; Und sie meinte es auch. Es tat ihr
+wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben.</p>
+
+<p>&bdquo;Es w&auml;re nat&uuml;rlich das einzig Richtige, aber von jemandem,
+der so l&auml;cherlich sch&uuml;chtern ist wie du, kann
+man ja nichts verlangen.&ldquo;</p>
+
+<p>Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs
+in das Rauchzimmer gegangen, das jetzt beinahe leer
+war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl geworfen.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?&ldquo;
+hatte sie gefragt.</p>
+
+<p>Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie
+auf und sah sie lange an. Es war der schmerzvollste
+<span class="pagenum"><a name="page_218" id="page_218"></a>218</span>Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte nun, wie einem
+Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln
+denkt. Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als
+brauchte er sie viel n&ouml;tiger als Moritz, denn Moritz
+brauchte niemanden. Er war so pr&auml;chtig, wie er war.
+Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf
+Onkel Theodors Arm.</p>
+
+<p>Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen.
+Er begann mit seiner gro&szlig;en Hand ihr Haar zu streicheln.
+&bdquo;M&uuml;tterchen,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>Da kam &bdquo;das&ldquo; &uuml;ber sie, w&auml;hrend er ihr Haar streichelte.
+Es kam geschlichen, es kam gekrochen, es kam
+gehuscht und geraschelt, so wie wenn die Heinzelm&auml;nnchen
+durch den dunklen Wald ziehen.</p>
+
+
+<h3>III</h3>
+
+<p>Eines Abends liegen feine, weiche W&ouml;lkchen am Himmel,
+eines Abends ist es still und lau, eines Abends
+schweben kleine wei&szlig;e Fl&auml;umchen von Espen und Pappeln
+durch die Luft.</p>
+
+<p>Es ist schon sp&auml;t, und niemand ist mehr auf, nur Onkel
+Theodor, der drau&szlig;en im Garten umhergeht und &uuml;berlegt,
+wie er den jungen Mann und das junge M&auml;dchen
+voneinander trennen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, da&szlig;
+Moritz an ihrer Seite vom Hofe wegf&auml;hrt, w&auml;hrend Onkel
+Theodor auf der Schwelle steht und ihnen gl&uuml;ckliche Reise
+w&uuml;nscht.</p>
+
+<p>Ist es denn &uuml;berhaupt m&ouml;glich, sie ziehen zu lassen,
+nachdem sie drei Tage hindurch das Haus mit zwitschernder
+Fr&ouml;hlichkeit erf&uuml;llt, nachdem sie sie in ihrer stillen
+Weise daran gew&ouml;hnt hat, da&szlig; sie f&uuml;r sie alle denkt und
+sorgt, nachdem er sich gew&ouml;hnt hat, dies weiche geschmeidige
+kleine Wesen &uuml;berall umherstreifen zu sehen. Onkel
+<span class="pagenum"><a name="page_219" id="page_219"></a>219</span>Theodor sagt zu sich selbst, da&szlig; das nicht m&ouml;glich ist. Er
+kann sie nicht mehr entbehren.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick st&ouml;&szlig;t er an einen abgebl&uuml;hten
+L&ouml;wenzahn, und wie die Entschl&uuml;sse der Menschen und
+die Versprechungen der Menschen zerstreut sich das wei&szlig;e
+Flaumb&auml;llchen, und die wei&szlig;en Federchen fliegen eilig
+davon und verschwinden.</p>
+
+<p>Die Nacht ist nicht kalt, wie die N&auml;chte in dieser
+Gegend zu sein pflegen. Die W&auml;rme wird unter der
+grauen Wolkendecke zur&uuml;ckgehalten. Die Winde zeigen
+ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still.</p>
+
+<p>Onkel Theodor sieht sie, das Flaumv&ouml;gelchen. Sie
+weint, weil Moritz sie verlassen hat. Aber er zieht sie
+an sich und k&uuml;&szlig;t die Tr&auml;nen fort.</p>
+
+<p>Weich und fein fliegen die wei&szlig;en Fl&auml;umchen von
+den gro&szlig;en reifen K&auml;tzchen der B&auml;ume. So leicht, da&szlig;
+die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein und zart,
+da&szlig; sie kaum auf dem Boden sichtbar werden.</p>
+
+<p>Onkel Theodor lacht sich ins F&auml;ustchen, als er an
+Moritz denkt. In Gedanken tritt er am n&auml;chsten Morgen
+in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt. &bdquo;H&ouml;re,
+Moritz,&ldquo; will er ihm sagen. &bdquo;Ich m&ouml;chte dir keine falschen
+Hoffnungen machen. Wenn du dieses M&auml;dchen
+heiratest, so hast du keinen Pfennig von mir zu erwarten.
+Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft zu vernichten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mi&szlig;f&auml;llt sie Ihnen so sehr, Onkel?&ldquo; wird Moritz
+dann fragen.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes M&auml;dchen,
+aber doch nichts f&uuml;r dich. Du mu&szlig;t ein Prachtweib haben
+wie Elisabeth Westling. Sei nun verst&auml;ndig, Moritz, was
+wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine
+Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst
+du nicht, mein Junge. Dazu ist etwas andres n&ouml;tig, als
+den Hut sch&ouml;n zu schwingen und zu sagen: &sbquo;Habt Dank,
+<span class="pagenum"><a name="page_220" id="page_220"></a>220</span>meine Kinder!&lsquo; Du bist ja zum Beamten wie geschaffen.
+Du kannst Minister werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben,
+Onkel,&ldquo; antwortet dann Moritz, &bdquo;so helfen Sie mir doch,
+mein Examen zu machen, und lassen Sie uns dann
+heiraten!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, das nicht, du, das ganz gewi&szlig; nicht. Was,
+glaubst du, w&uuml;rde aus deiner Karriere werden, wenn
+du einen solchen Ballast mitschleppen m&uuml;&szlig;test, wie es
+eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen
+mu&szlig;, galoppiert nicht. Denke dir nun die B&auml;ckermamsell
+als Ministerfrau! Nein, du darfst dich nicht vor zehn
+Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was
+w&auml;re die Folge, wenn ich es euch erm&ouml;gliche, zu heiraten.
+Jedes Jahr w&uuml;rdet ihr zu mir kommen und um
+Geld betteln. Und das w&uuml;rdet ihr und ich bald satt kriegen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe
+mich doch verlobt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;H&ouml;re mich nun an, Moritz! Was ist besser? Da&szlig;
+sie zehn Jahre herumgeht und auf dich wartet und du
+sie dann nicht heiraten willst oder da&szlig; du gleich ein Ende
+machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in
+deinen Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht.
+Es schickt sich ja ohnehin nicht, da&szlig; Br&auml;utigam und
+Braut so zu zweien &uuml;ber Land ziehen. Ich werde schon
+f&uuml;r das M&auml;dchen sorgen, wenn du nur von diesem
+Wahnwitz abstehst. Die Bergr&auml;tin wird sie nach Hause
+bringen, ich werde den sch&ouml;nsten Wagen anspannen lassen.
+Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen,
+so da&szlig; du dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen
+brauchst. Sieh mal, sei verst&auml;ndig, du machst deinen
+Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise jetzt ab,
+ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen.
+Sie will gewi&szlig; deinem Gl&uuml;ck nicht im Wege
+stehen. Versuche nur nicht, sie zu treffen, ehe du f&auml;hrst,
+<span class="pagenum"><a name="page_221" id="page_221"></a>221</span>sonst k&ouml;nntest du wieder schwankend werden, denn sie ist
+reizend.&ldquo;</p>
+
+<p>Und nach diesen Worten fa&szlig;t Moritz einen heldenmutigen
+Entschlu&szlig; und reist ab.</p>
+
+<p>Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen?</p>
+
+<p>&bdquo;Schlechter Kerl,&ldquo; ruft es im Garten laut und
+drohend, wie nach einem Dieb. Onkel Theodor sieht sich
+um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich das
+selber zuruft?</p>
+
+<p>Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf
+vorbereiten, da&szlig; Moritz fort ist, ihr zeigen, da&szlig; Moritz
+ihrer nicht w&uuml;rdig war, sie dahin bringen, ihn zu verachten.
+Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint
+hat, wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig
+verstehen lassen, was er f&uuml;hlt, sie locken, sie gewinnen.</p>
+
+<p>Die Fl&auml;umchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor
+streckt seine gro&szlig;e Hand aus und f&auml;ngt ein Fl&ouml;ckchen auf.</p>
+
+<p>Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und
+sieht es an.</p>
+
+<p>Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um
+Flocke. Was wird dann mit ihnen geschehen? Sie werden
+vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt, von schweren
+F&uuml;&szlig;en zertreten werden.</p>
+
+<p>Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fl&auml;umchen
+mit der gr&ouml;&szlig;ten Schwere auf ihn niederfielen. Wer will
+der Wind, wer will die Erde, wer will die Schuhsohle
+sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt?</p>
+
+<p>Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in
+N&ouml;sselts Weltgeschichte steht eine Episode daraus vor
+ihm, die sich mit dem vergleichen l&auml;&szlig;t, woran er eben
+gedacht hat.</p>
+
+<p>Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht
+wie jetzt. Es war ein Felsenstrand, und unten am Meere
+sa&szlig; ein sch&ouml;ner J&uuml;ngling mit einem Pantherfell &uuml;ber
+der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos
+in der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_222" id="page_222"></a>222</span>Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah,
+war Griechenlands Meer. Das Schiff mit den schwarzen
+Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward von Theseus
+gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch
+in einem Absatz der steilen Strandberge &ouml;ffnete, schlummerte
+Ariadne.</p>
+
+<p>Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: &bdquo;Ist
+wohl der sterbliche J&uuml;ngling w&uuml;rdig der himmlischen
+Maid?&ldquo; Und um Theseus zu pr&uuml;fen, hatte er ihn in
+einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht,
+wenn er nicht sogleich Ariadne verlie&szlig;. Da hatte sich
+dieser unges&auml;umt erhoben, war zum Schiffe geeilt und
+&uuml;ber die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau
+zu wecken, um ihr Lebewohl zu sagen.</p>
+
+<p>Nun sa&szlig; Gott Bacchus l&auml;chelnd da, von den s&uuml;&szlig;esten
+Hoffnungen gewiegt und harrte Ariadnes. Die Sonne
+ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er &uuml;berlie&szlig; sich
+l&auml;chelnden Tr&auml;umen. Er w&uuml;rde die Verlassene schon zu
+tr&ouml;sten wissen, er, Gott Bacchus selbst.</p>
+
+<p>Da kam sie. Mit strahlendem L&auml;cheln trat sie aus der
+Grotte. Ihre Augen suchten Theseus, sie irrten immer
+weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes, &uuml;ber die Wellen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+zu den schwarzen Segeln&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung,
+ohne Zaudern, hinab ins Meer, hinab in Tod
+und Vergessenheit.</p>
+
+<p>Und da sa&szlig; nun Gott Bacchus, der Tr&ouml;ster.</p>
+
+<p>So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor
+erinnert sich freilich, da&szlig; N&ouml;sselt ein paar Worte hinzuf&uuml;gt,
+da&szlig; mitleidige Dichter behaupten, Ariadne h&auml;tte
+sich von Bacchus tr&ouml;sten lassen. Aber die Mitleidigen
+hatten sicherlich unrecht. Ariadne lie&szlig; sich nicht tr&ouml;sten.</p>
+
+<p>Lieber Gott, weil sie so gut und s&uuml;&szlig; ist, da&szlig; er sie
+lieben mu&szlig;, darum soll sie ungl&uuml;cklich gemacht werden!</p>
+
+<p>Zum Lohn f&uuml;r das sch&ouml;ne, sanfte L&auml;cheln, das sie ihm
+geschenkt hat, weil ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll
+<span class="pagenum"><a name="page_223" id="page_223"></a>223</span>in die seine gelegt, weil sie nicht gez&uuml;rnt hat,
+wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Br&auml;utigam verlieren
+und ungl&uuml;cklich gemacht werden.</p>
+
+<p>F&uuml;r welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt
+werden? Weil sie ihn dazu gebracht hat, im
+Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu entdecken,
+der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen
+ist und nur auf solch ein kleines, zartes und m&uuml;tterliches
+Frauenwesen gewartet zu haben scheint, oder weil sie
+schon jetzt &uuml;ber ihn Macht hat, so da&szlig; er kaum wagt,
+einmal zu fluchen, wenn sie es h&ouml;rt, oder warum soll
+sie gestraft werden?</p>
+
+<p>Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist
+nicht gut, es mit diesen Feinen, Lichten, Daunenweichen
+zu tun zu haben.&nbsp;&ndash; Sie springen ins Meer, wenn sie die
+schwarzen Segel sehen.</p>
+
+<p>Onkel Theodor flucht in aller Stille dar&uuml;ber, da&szlig; das
+Flaumv&ouml;gelchen nicht schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig
+ist.</p>
+
+<p>Da f&auml;llt wieder ein Fl&ouml;ckchen, und es f&auml;ngt an zu
+sprechen: &bdquo;Ich h&auml;tte dir all dein Lebtag folgen sollen.
+Ich h&auml;tte dir am Spieltisch eine Warnung ins Ohr gefl&uuml;stert.
+Ich h&auml;tte das Weinglas fortger&uuml;ckt. Von mir
+w&uuml;rdest du es geduldet haben.&ldquo;&nbsp;&ndash; &bdquo;Das h&auml;tte ich,&ldquo;
+fl&uuml;stert er, &bdquo;das h&auml;tte ich.&ldquo;</p>
+
+<p>Ein andres kommt und spricht ebenfalls: &bdquo;Ich h&auml;tte
+dein gro&szlig;es Haus regieren und es traulich und warm
+machen sollen. Ich h&auml;tte dich durch die &ouml;den Gefilde
+des Alters geleitet. Ich h&auml;tte dein Herdfeuer entz&uuml;ndet,
+w&auml;re dir Auge und Stab gewesen. W&uuml;rde ich nicht dazu
+getaugt haben?&ldquo;&nbsp;&ndash; &bdquo;Liebes, kleines Fl&auml;umchen,&ldquo; antwortet
+er, &bdquo;freilich h&auml;ttest du das.&ldquo;</p>
+
+<p>Noch ein Fl&ouml;ckchen kommt geflogen, und es spricht:
+&bdquo;Wie bin ich doch zu beklagen. Morgen f&auml;hrt mein Br&auml;utigam
+von mir fort, ohne mir auch nur Lebewohl zu
+sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen,
+<span class="pagenum"><a name="page_224" id="page_224"></a>224</span>denn ich werde es als solch eine Schmach empfinden,
+da&szlig; ich f&uuml;r Moritz nicht gut genug bin. Und wenn ich
+heimkomme, wie werde ich da &uuml;ber meines Vaters
+Schwelle treten k&ouml;nnen. Das ganze Hinterg&auml;&szlig;chen entlang
+wird man fl&uuml;stern und zischeln, wenn ich mich zeige.
+Alle werden sich fragen, was ich wohl B&ouml;ses verbrochen
+habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich daf&uuml;r,
+da&szlig; du mich liebst?&ldquo; Er antwortet mit Tr&auml;nen in
+der Kehle: &bdquo;Sprich nicht so, kleines Fl&auml;umchen! Es ist
+noch zu fr&uuml;h, um so zu sprechen.&ldquo;</p>
+
+<p>Die ganze Nacht geht er drau&szlig;en umher, und endlich
+gegen Mitternacht kommt ein wenig Dunkelheit. Da ger&auml;t
+er in gro&szlig;e Angst, diese dumpfe schw&uuml;le Luft scheint
+stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die
+am Morgen begangen werden soll. Da sucht er die Nacht
+zu beschwichtigen, indem er ganz laut sagt: &bdquo;Ich werde
+es nicht tun.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht ger&auml;t
+in solch eine zitternde Angst. Jetzt sind es nicht mehr die
+kleinen Fl&auml;umchen, die fallen, nein, rings um ihn rauschen
+gro&szlig;e und kleine Fl&uuml;gel. Er h&ouml;rt, da&szlig; etwas entflieht,
+aber er wei&szlig; nicht, wohin.</p>
+
+<p>Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es ber&uuml;hrt seine
+Wange, es streift seine Kleider und seine H&auml;nde, und er
+begreift, was es ist. Es sind die Bl&auml;tter, die die B&auml;ume
+verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln entfliehen,
+die Fl&uuml;gel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der
+Gesang, der die V&ouml;gel verl&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Und er wei&szlig;, da&szlig;, wenn die Sonne aufgeht, sein
+Lustgarten ganz verw&uuml;stet sein wird. Leerer, kahler, stummer
+Winter wird da herrschen, kein Schmetterlingsspiel,
+kein Vogelgezwitscher.</p>
+
+<p>Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und
+er ist beinahe erstaunt, als er die dunklen Laubmassen
+der Ahornb&auml;ume sieht. &bdquo;Ja so,&ldquo; sagt er, &bdquo;was war es
+dann, was verw&uuml;stet wurde, wenn nicht der Garten?
+<span class="pagenum"><a name="page_225" id="page_225"></a>225</span>Hier fehlt ja nicht einmal ein Grash&auml;lmchen. Der Tausend
+auch, ich selber bin es, der fortab durch K&auml;lte und
+Winter wandern mu&szlig;, nicht der Garten. Es ist, als w&auml;re
+der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das
+geht wohl auch vor&uuml;ber, wie alles andre. Das ist doch
+wahrlich zu viel Aufhebens um so ein kleines Frauenzimmerchen.&ldquo;</p>
+
+
+<h3>IV</h3>
+
+<p>Wie schrecklich unbescheiden &bdquo;das&ldquo; sich an dem Morgen
+betr&auml;gt, wo sie fortfahren sollen. An den zwei Tagen,
+die sie nach dem Balle hier gewesen sind, ist &bdquo;das&ldquo;
+eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber
+jetzt, wo das Flaumv&ouml;gelchen fort soll, wo &bdquo;das&ldquo; einsieht,
+da&szlig; es im Ernst aus ist, da&szlig; es keine Rolle in
+ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es sich in eine
+Todesschwere, in eine Todesk&auml;lte.</p>
+
+<p>Es ist, als m&uuml;&szlig;te sie einen versteinerten K&ouml;rper &uuml;ber
+die Treppen hinab ins Fr&uuml;hst&uuml;ckszimmer schleppen. Sie
+streckt eine schwere kalte Hand aus Stein aus, als sie
+gr&uuml;&szlig;t, sie spricht mit einer tr&auml;gen Steinzunge, sie l&auml;chelt
+mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.</p>
+
+<p>Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt,
+da&szlig; alles an diesem Morgen so abgemacht wird, wie es
+die gute alte Treue und Ehre erfordert.</p>
+
+<p>Onkel Theodor wendet sich beim Fr&uuml;hst&uuml;ck an das
+Flaumv&ouml;gelchen und erkl&auml;rt mit wunderlich ungef&uuml;ger
+Stimme, da&szlig; er sich entschlossen hat, Moritz die Verwalterstelle
+in der Lax&aring;h&uuml;tte zu geben; aber da der genannte
+junge Mann, f&auml;hrt Onkel mit einem angestrengten
+Versuch, seinen gew&ouml;hnlichen Gespr&auml;chston beizubehalten,
+fort, in praktischen Besch&auml;ftigungen nicht allzu bewandert
+ist, so kann er den Platz nicht fr&uuml;her antreten, ehe
+er nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell
+<span class="pagenum"><a name="page_226" id="page_226"></a>226</span>Flaumv&ouml;gelchen, ihre Myrte so gut gepflegt, da&szlig; sie
+im September Kranz und Krone tragen kann?</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie
+wei&szlig;, da&szlig; er einen Blick zum Dank haben will, aber sie
+sieht nicht auf.</p>
+
+<p>Moritz hingegen springt in die H&ouml;he. Er umarmt
+Onkel und treibt es ganz schrecklich. &bdquo;Aber, Anne-Marie,
+warum dankst du Onkel nicht? Du mu&szlig;t Onkel Theodor
+streicheln, Anne-Marie. Die Lax&aring;h&uuml;tte ist das Herrlichste
+auf der Welt. Nun, Anne-Marie!&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt schl&auml;gt sie die Augen auf. Es stehen Tr&auml;nen
+darin, und durch diese f&auml;llt auf Moritz ein Blick, voll
+Angst und Vorwurf. Da&szlig; er nicht versteht, da&szlig; er durchaus
+mit blo&szlig;em Licht in den Pulverkeller gehen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in
+der sch&uuml;chternen, kindlichen Art wie zuvor, sondern mit
+einer gewissen Grandezza im Benehmen, mit etwas von
+einer M&auml;rtyrerin, einer gefangnen K&ouml;nigin.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie tun zu viel f&uuml;r uns, Onkel,&ldquo; sagt sie nur.</p>
+
+<p>Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und
+des Anstandes abgemacht. Es ist kein Wort mehr &uuml;ber
+die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den Glauben an
+den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht
+verraten. Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner
+Braut gemacht hat, obgleich sie nur ein armes M&auml;dchen
+aus einem kleinen B&auml;ckerladen im Hinterg&auml;&szlig;chen ist.</p>
+
+<p>Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack
+geschn&uuml;rt, der E&szlig;korb gef&uuml;llt werden.</p>
+
+<p>Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich
+an das Fenster. Von dem Moment an, wo sie sich mit
+jenem tr&auml;nenvollen Blick ihm zugewendet hat, ist er ganz
+von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu
+st&uuml;rzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen,
+er m&ouml;ge nur kommen und sie von dort losrei&szlig;en,
+wenn er es kann.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_227" id="page_227"></a>227</span>Er h&auml;lt die H&auml;nde in den Taschen. Durch die geballten
+F&auml;uste gehen krampfhafte Zuckungen.</p>
+
+<p>Kann er es zulassen, da&szlig; sie den Hut aufsetzt, da&szlig; sie
+der Bergr&auml;tin Lebewohl sagt?</p>
+
+<p>Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und
+will die Geliebte stehlen. Nein, nicht stehlen! Warum
+nicht ehrlich und m&auml;nnlich vortreten und sagen: &bdquo;Ich
+bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen
+uns w&auml;hlen. Ihr seid noch nicht verheiratet, es ist
+keine S&uuml;nde, wenn ich versuche, sie dir abwendig zu
+machen. H&uuml;te sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann w&auml;re er ja gewarnt, und sie w&uuml;&szlig;te, wonach sie
+sich zu richten h&auml;tte.</p>
+
+<p>Es knackt in den Kn&ouml;cheln, als er wieder die F&auml;uste
+ballt. Wie w&uuml;rde Moritz &uuml;ber den alten Onkel lachen,
+wenn er vortr&auml;te und dies erkl&auml;rte! Und wozu sollte es
+dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann
+nicht einmal mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu
+helfen?</p>
+
+<p>Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt,
+um ihm Lebewohl zu sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien,
+sich zu h&uuml;ten, sich auf drei Schritt Entfernung
+von ihm zu halten.</p>
+
+<p>Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den
+R&uuml;cken, w&auml;hrend sie mit dem Ankleiden und dem F&uuml;llen
+des E&szlig;korbes besch&auml;ftigt sind. Werden sie denn nie fertig?
+Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr
+die Hand gegeben, sie gek&uuml;&szlig;t, ihr in den Wagen geholfen.
+Er hat es so oft getan, da&szlig; er sie schon fort
+glaubt.</p>
+
+<p>Er hat ihr auch Gl&uuml;ck gew&uuml;nscht. Gl&uuml;ck&nbsp;&hellip; Kann sie
+mit Moritz gl&uuml;cklich werden? Sie hat diesen Morgen
+nicht gl&uuml;cklich ausgesehen. O, doch gewi&szlig;. Sie weinte
+ja vor Freude.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er so dasteht, sagt Moritz pl&ouml;tzlich zu Anne-Marie:
+&bdquo;Was f&uuml;r ein Dummkopf ich bin. Ich habe
+<span class="pagenum"><a name="page_228" id="page_228"></a>228</span>ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien zu
+sprechen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich denke, es w&auml;re am besten, du lie&szlig;est es,&ldquo; antwortet
+das Flaumv&ouml;gelchen. &bdquo;Es ist vielleicht nicht
+recht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade
+augenblicklich nichts. Aber wer wei&szlig;, ob sie nicht eines
+Tages besser werden? Und &uuml;brigens, was macht das
+Onkel? Solch eine Kleinigkeit&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Sie unterbricht mit ungew&ouml;hnlicher Heftigkeit, beinahe
+mit Angst. &bdquo;Ich bitte dich, Moritz, tue es nicht! La&szlig;
+mich dieses einzige Mal recht behalten.&ldquo;</p>
+
+<p>Er sieht sie an, ein bi&szlig;chen verletzt. &bdquo;Dieses einzige
+Mal. Als wenn ich dir gegen&uuml;ber ein Tyrann w&auml;re.
+Nein, wei&szlig;t du, das kann ich nicht, schon dieses Wortes
+wegen finde ich, da&szlig; ich nicht nachgeben darf.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;H&auml;nge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt
+es sich um mehr als um H&ouml;flichkeit und Phrasen. Ich
+finde es nicht sch&ouml;n von dir, Onkel &uuml;bervorteilen zu wollen,
+wo er so gut gegen uns war.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst
+du von Gesch&auml;ften?&ldquo;&nbsp;&ndash; Sein ganzes Wesen ist
+noch aufreizend ruhig und &uuml;berlegen. Er sieht sie an, wie
+ein Schulmeister einen guten Sch&uuml;ler, der sich gerade
+am Pr&uuml;fungstage dumm anstellt.</p>
+
+<p>&bdquo;Da&szlig; du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,&ldquo;
+ruft sie aus. Und sie ringt verzweifelt die H&auml;nde.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich mu&szlig; wirklich jetzt mit Onkel sprechen,&ldquo; sagt
+Moritz, &bdquo;wennschon aus keinem andern Grunde, so um
+ihm zu zeigen, da&szlig; es sich hier um keinen Betrug handelt.
+So wie du dich benimmst, k&ouml;nnte Onkel wirklich glauben,
+da&szlig; wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken
+sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erkl&auml;rt
+ihm, welche Bewandtnis es mit diesen Aktien hat, die
+sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor h&ouml;rt so
+<span class="pagenum"><a name="page_229" id="page_229"></a>229</span>gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, da&szlig; sein Bruder,
+der B&uuml;rgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht
+hat und sich vor Verlusten sch&uuml;tzen will. Aber was
+weiter, was weiter? Solche Gef&auml;lligkeiten pflegt er ja
+der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er
+nicht daran, sondern an das Flaumv&ouml;gelchen. Er w&uuml;&szlig;te
+zu gern, was in dem emp&ouml;rten Blick liegt, den sie Moritz
+zuwirft. Liebe war es gerade nicht.</p>
+
+<p>Und nun mitten in seiner Verzweiflung &uuml;ber das
+Opfer, das er bringen mu&szlig;te, beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl
+vor ihm aufzud&auml;mmern. Er steht da und
+starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo
+ein Geist umgeht, liegt und sieht, wie ein heller Nebel
+aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet und w&auml;chst
+und zu greifbarer Wirklichkeit wird.</p>
+
+<p>&bdquo;Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,&ldquo; sagt er,
+&bdquo;dann kannst du das Geld gleich haben.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber w&auml;hrend er spricht, ruht sein Blick auf dem
+Flaumv&ouml;gelchen, um zu sehen, ob &bdquo;das Geistchen&ldquo; zum
+Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht er nur
+stumme Verzweiflung bei ihr.</p>
+
+<p>Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die
+T&uuml;re sich &ouml;ffnet und Anne-Marie hereinkommt.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel Theodor,&ldquo; sagt sie sehr fest und entschlossen,
+&bdquo;kaufen Sie doch diese Papiere nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Ach, welcher Mut, Flaumv&ouml;gelchen! Wer, der dich vor
+drei Tagen an Moritzens Seite im Wagen sah, wo du bei
+jedem Wort, das er sagte, zusammenzuschrumpfen und
+immer kleiner zu werden schienst, h&auml;tte dir so etwas zugetraut?</p>
+
+<p>Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird
+Moritz ernstlich b&ouml;se.</p>
+
+<p>&bdquo;Schweig,&ldquo; zischt er sie an und br&uuml;llt darauf, um von
+Onkel Theodor, der am Pult sitzt und Banknoten z&auml;hlt,
+richtig geh&ouml;rt zu werden. &bdquo;Was f&auml;llt dir denn ein? Die
+Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt,
+<span class="pagenum"><a name="page_230" id="page_230"></a>230</span>aber Onkel wei&szlig; ebensogut wie ich, da&szlig; sie welche
+tragen werden. Glaubst du, da&szlig; Onkel sich so von einem,
+wie ich, &uuml;bers Ohr hauen l&auml;&szlig;t? Onkel wird von diesen
+Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns.
+Ist es je meine Absicht gewesen, diese Aktien f&uuml;r gut auszugeben?
+Habe ich je etwas andres gesagt, als f&uuml;r jemanden,
+der in der Lage ist, zu warten, k&ouml;nne dies ein gutes
+Gesch&auml;ft werden?&ldquo;</p>
+
+<p>Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein
+paar Banknoten. Er m&ouml;chte wissen, ob dies den Geist
+zum Sprechen bringen wird.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel,&ldquo; sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverk&uuml;nderin&nbsp;&ndash;
+denn es ist ja eine bekannte Sache, da&szlig; niemand
+unerbittlicher sein kann, als diese Daunenweichen,
+diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind&nbsp;&ndash;
+&bdquo;diese Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden
+nie etwas wert sein. Das wissen wir zu Hause alle.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>Sie f&auml;hrt mit den Augen &uuml;ber ihn hin, so, als w&auml;ren
+ihre Blicke die Schneiden einer Schere, und sie schneidet
+ihm Lappen um Lappen alles ab, womit sie ihn herausstaffiert
+hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen Nacktheit
+seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, f&auml;llt
+ihr schreckliches kleines Z&uuml;nglein das Urteil &uuml;ber ihn:</p>
+
+<p>&bdquo;Was bist du denn anders?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Anne-Marie!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, was sind wir alle beide anders,&ldquo; f&auml;hrt das unbarmherzige
+Z&uuml;nglein fort, das, nun es in Gang ist, es
+am besten findet, die Dinge klarzulegen, die ihr Gewissen
+zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken,
+da&szlig; auch der reiche Mann, dem dieses gro&szlig;e Schlo&szlig; geh&ouml;rt,
+ein Herz hat, das leiden und sich sehnen kann. Und
+nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang ist und alle
+Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:</p>
+
+<p>&bdquo;Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten
+<span class="pagenum"><a name="page_231" id="page_231"></a>231</span>wir da? Wovon sprachen wir auf dem Wege? Wie wir
+ihn dort f&uuml;r uns gewinnen wollten. &sbquo;Du mu&szlig;t flott sein,
+Anne-Marie,&lsquo; sagtest du. &sbquo;Und du mu&szlig;t schlau sein, Moritz,&lsquo;
+sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln.
+Viel wollten wir haben, und nichts wollten wir
+geben, nichts andres als Verstellung. Wir wollten nicht
+sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns lieb haben,
+sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel
+in dich oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht.
+Aber wir wollten nichts zur&uuml;ckgeben, weder Liebe noch
+Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum bist du
+nicht allein gefahren, warum mu&szlig;te ich mit? Du wolltest
+mich ihm zeigen, du wolltest, da&szlig; ich, da&szlig; ich&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz
+die Hand gegen sie erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet
+und verfolgt das, was geschieht, mit einem Herzen,
+das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als fl&ouml;ge sein
+Herz nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt
+aufschreit und in seine Arme flieht, in seine Arme flieht
+ohne Zaudern und Bedenken, ganz als g&auml;be es keinen
+andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel, er will mich schlagen!&ldquo;</p>
+
+<p>Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.</p>
+
+<p>Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. &bdquo;Verzeih meine
+Heftigkeit, Anne-Marie,&ldquo; sagt er. &bdquo;Es regte mich auf,
+dich in Onkels Gegenwart so kindisch sprechen zu h&ouml;ren.
+Aber Onkel wird auch verstehen, da&szlig; du eben nur ein
+Kind bist. Dennoch gebe ich zu, da&szlig; keine, wenn auch
+noch so gerechte Emp&ouml;rung einem Manne das Recht gibt,
+eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her und k&uuml;sse mich.
+Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu
+suchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie r&uuml;hrt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie
+klammert sich nur fest.</p>
+
+<p>&bdquo;Flaumv&ouml;gelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?&ldquo;
+fl&uuml;stert Onkel Theodor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_232" id="page_232"></a>232</span>Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch
+seinen ganzen K&ouml;rper durcheilt.</p>
+
+<p>Aber Onkel Theodor f&uuml;hlt sich so frisch, so gehoben. Er
+ist jetzt ganz au&szlig;erstande, den vollkommenen Neffen wie
+fr&uuml;her im richtigen Licht seiner Vollkommenheit zu sehen.
+Er wagt es, mit ihm zu scherzen.</p>
+
+<p>&bdquo;Moritz,&ldquo; sagt er, &bdquo;du &uuml;berraschst mich. Die Liebe
+macht dich schwach. Kannst du so mir nichts dir nichts
+verzeihen, da&szlig; sie dich einen Schurken nennt? Du mu&szlig;t
+sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an
+deine Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten,
+einen Mann zu beleidigen. Setze dich in deine
+Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses verlorne Wesen
+von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit
+nach einer solchen Beschimpfung.&ldquo;</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend er seine Rede beschlie&szlig;t, legt er seine
+gro&szlig;en H&auml;nde um ihr K&ouml;pfchen und richtet es empor, so
+da&szlig; er ihre Stirn k&uuml;ssen kann.</p>
+
+<p>&bdquo;Verlasse dieses verlorne Wesen,&ldquo; wiederholt er.</p>
+
+<p>Aber jetzt f&auml;ngt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht,
+wie es in Onkel Theodors Augen funkelt, und wie ein
+L&auml;cheln nach dem andern um seine Lippen spielt.</p>
+
+<p>&bdquo;Komm, Anne-Marie.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie
+sich angelobt hat. Es ist, als m&uuml;&szlig;te sie gehen. Und sie
+l&auml;&szlig;t Onkel Theodor so hastig los, da&szlig; er es nicht verhindern
+kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen, darum
+gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und
+schluchzt.</p>
+
+<p>&bdquo;Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,&ldquo;
+sagt Onkel Theodor scharf. &bdquo;Diese junge Dame ist
+bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und ich gedenke
+sie vor deinen &Uuml;bergriffen in Schutz zu nehmen.&ldquo;</p>
+
+<p>Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur
+darauf bedacht, sie emporzuziehen, ihre Tr&auml;nen zu trocknen
+und ihr zuzufl&uuml;stern, da&szlig; er sie liebt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_233" id="page_233"></a>233</span>Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre
+tr&ouml;stend, ruft aus: &bdquo;Ach, das ist alles abgekartet. Ich
+bin betrogen. Das ist eine Kom&ouml;die. Man stiehlt mir
+meine Braut, und man verh&ouml;hnt mich obendrein. Man
+l&auml;&szlig;t mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will.
+Ich begl&uuml;ckw&uuml;nsche dich zu diesem Handel, Anne-Marie.&ldquo;</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend er hinausst&uuml;rzt und die T&uuml;re zuwirft,
+ruft er aus: &bdquo;Gl&uuml;ckssucherin!&ldquo;</p>
+
+<p>Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm
+nachzueilen und ihn zu z&uuml;chtigen, aber das Flaumv&ouml;gelchen
+h&auml;lt ihn zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Onkel Theodor, la&szlig; doch immerhin Moritz das
+letzte Wort behalten. Moritz hat immer recht. Eine
+Gl&uuml;ckssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel Theodor.&ldquo;</p>
+
+<p>Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu z&ouml;gern,
+ohne zu fragen. Und Onkel Theodor ist ganz verwirrt,
+eben weinte sie noch und jetzt lacht sie, eben sollte sie den
+einen heiraten und jetzt k&uuml;&szlig;te sie einen andern. Da hebt
+sie das K&ouml;pfchen und l&auml;chelt: &bdquo;Jetzt bin ich dein kleines
+H&uuml;ndchen. Du kannst mich nicht loswerden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Flaumv&ouml;gelchen,&ldquo; sagt der Gutsherr mit seiner barschesten
+Stimme. &bdquo;Das hast du schon die ganze Zeit gewu&szlig;t.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie begann zu fl&uuml;stern: &bdquo;H&auml;tte mein Bruder&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und du wolltest doch, Flaumv&ouml;gelchen&nbsp;&hellip; Moritz kann
+froh sein, da&szlig; er dich los wird. Solch ein dummes, l&uuml;gnerisches,
+heuchelndes Flaumv&ouml;gelchen, solch ein ungerechtes,
+kleines, wetterwendisches Fl&auml;umchen, solch ein,
+solch ein&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Ach Flaumv&ouml;gelchen, ach Seidenbl&uuml;mchen! Du warst
+wohl nicht nur eine Gl&uuml;ckssucherin, du warst wohl auch
+eine Gl&uuml;cksbringerin, sonst w&uuml;rde wohl nicht so viel von
+deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du
+<span class="pagenum"><a name="page_234" id="page_234"></a>234</span>gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von gro&szlig;en
+Ahornen beschattet, und die Birkenst&auml;mme stehen wei&szlig;
+und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel da. Noch
+heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem H&uuml;gel, und
+im Parkteich schwimmt ein K&uuml;hling, der so alt ist, da&szlig;
+kein Junge es &uuml;ber das Herz bringt, ihn zu angeln. Und
+wenn ich hinkomme, da f&uuml;hle ich, da&szlig; Feierfriede in der
+Luft liegt, und es ist, als s&auml;ngen V&ouml;gel und Blumen noch
+ihre sch&ouml;nen Lieder dir zum Preise.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr14" id="nr14"></a><a href="#inhalt">Unter den Kletterrosen</a></h2>
+
+
+<p>Ich wollte, da&szlig; die Blicke der Menschen, unter denen
+ich meinen Sommer verlebt habe, auf diese Zeilen fielen.
+Jetzt, wo K&auml;lte und dunkle N&auml;chte gekommen sind,
+m&ouml;chte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit
+zur&uuml;ckf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Vor allem m&ouml;chte ich sie an die Kletterrosen erinnern,
+die die Veranda umschlangen, an das feine, ein wenig
+d&uuml;nne Laubwerk der <span class="antiqua">Rosa bengalensis</span>, das sich beim
+Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen
+Schatten auf dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und
+einen leichten Spitzenschleier &uuml;ber alles dort drau&szlig;en
+warf, und an ihre gro&szlig;en lichten Riesenblumen mit den
+ausgefransten R&auml;ndern.</p>
+
+<p>Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an
+Birkenw&auml;lder oder an Birnb&auml;ume und Beerenstr&auml;ucher,
+aber dieser Sommer hat seinen Charakter von den Kletterrosen
+bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder
+Wind noch Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgr&uuml;nen
+Sch&ouml;&szlig;linge, die sanft geneigten St&auml;mmchen, der
+&uuml;berschwengliche Reichtum an Blumen, die fr&ouml;hlich summende
+Insektenschar, alles das wird mich begleiten und
+in seiner ganzen Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an
+<span class="pagenum"><a name="page_235" id="page_235"></a>235</span>den Sommer zur&uuml;ckdenke, den zarten, feinen Schmelz
+des Sommers.</p>
+
+<p>Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man
+mich oft, womit ich meinen Sommer verbracht habe.
+Dann gleitet alles andre aus meiner Erinnerung fort,
+und es will mir scheinen, als h&auml;tte ich tagaus tagein auf
+der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft
+und Sonnenschein eingeschl&uuml;rft. Was tat ich da? Ach, ich
+sah zu, wie andre arbeiteten.</p>
+
+<p>Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen
+bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen arbeitete.
+Aus den weichen gr&uuml;nen Bl&auml;ttern s&auml;gte sie mit ihren
+scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so
+zusammen, wie man eine richtige Tapete rollt, und die
+kostbare B&uuml;rde an sich dr&uuml;ckend, flatterte sie fort zum
+Parke und lie&szlig; sich auf einem alten Baumstumpf nieder.
+Da vertiefte sie sich in dunkle G&auml;nge und geheimnisvolle
+Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten
+Schachtes erreichte. In dessen unbekannten Tiefen, in
+die sich weder Ameise noch Tausendf&uuml;&szlig;ler je gewagt
+hatten, breitete sie die gr&uuml;ne Blattrolle aus und bedeckte
+den holprigen Boden mit dem sch&ouml;nsten Teppich. Und als
+der Boden bedeckt war, holte die Biene wieder neue
+Bl&auml;tter, um die W&auml;nde des Schachtes zu bekleiden, und
+arbeitete so rasch und eifrig, da&szlig; es bald in der ganzen
+Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt
+hatte, der bezeugte, da&szlig; es zur Ausschm&uuml;ckung des
+alten Baumstumpfes das Seinige hatte beitragen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Eines sch&ouml;nen Tages &auml;nderte das Bienchen seine Besch&auml;ftigung.
+Es bohrte sich tief in die Bl&auml;tterwirrnis
+der Riesenrosen und schl&uuml;rfte und trank aus ihren sch&ouml;nen
+Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn
+es einen Mund voll hatte, schwirrte es gleich hin&uuml;ber zu
+dem alten Baumstumpf, um die frischtapezierte Kammer
+mit dem klarsten Honig zu f&uuml;llen.</p>
+
+<p>Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige,
+<span class="pagenum"><a name="page_236" id="page_236"></a>236</span>die drau&szlig;en in der Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch
+eine Spinne, eine ganz unvergleichliche Spinne. Sie war
+gr&ouml;&szlig;er als alles, was ich bisher vom Spinnengeschlechte
+gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich
+punktierten Kreuz auf dem R&uuml;cken, und sie hatte acht
+lange, wei&szlig; und rot gestreifte Beine, alle gleich sch&ouml;n
+gezeichnet. Ihr h&auml;ttet diese Spinne sehen sollen! Jeder
+Faden wurde mit der &auml;u&szlig;ersten Genauigkeit gezogen.
+Von den ersten an, die nur zur St&uuml;tze und zum Halt
+dienten, bis zu den innersten feinen Webf&auml;den. Und ihr
+h&auml;ttet sehen sollen, wie sie den schmalen F&auml;den entlang
+balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren Thron
+in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig,
+stundenlang wartend.</p>
+
+<p>Diese gro&szlig;e rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie
+war so geduldig und so weise. Jeden Tag hatte sie ihr
+kleines Scharm&uuml;tzel mit der Tapezierbiene, und immer
+zog sie sich mit dem gleichen untr&uuml;glichen Takt aus der
+Aff&auml;re. Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeif&uuml;hrte,
+blieb einmal ums andre in ihrem Netz h&auml;ngen. Sogleich
+begann sie zu surren und zu rei&szlig;en, sie zerrte an dem
+feinen Netz und benahm sich ganz toll, was nat&uuml;rlich zur
+Folge hatte, da&szlig; sie sich immer &auml;rger und &auml;rger verwickelte
+und Fl&uuml;gel und Beinchen in das klebrige Gewebe
+verstrickte.</p>
+
+<p>Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die
+Spinne zu ihr heran. Sie hielt sich immer in geb&uuml;hrlicher
+Entfernung, aber mit der &auml;u&szlig;ersten Spitze eines
+ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene
+einen kleinen Sto&szlig;, so da&szlig; sie sich im Netz herumdrehte.
+Und wenn die Biene wieder herumgeschnurrt und sich
+m&uuml;de gerast hatte, bekam sie abermals einen ganz sachten
+Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie
+sich wie ein Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein
+noch aus wu&szlig;te und so verwirrt war, da&szlig; sie sich nicht
+zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem Herumschwingen
+<span class="pagenum"><a name="page_237" id="page_237"></a>237</span>drehten sich die F&auml;den, die sie hielten, immer mehr zusammen,
+und die Spannung wurde so gro&szlig;, da&szlig; sie
+rissen und die Biene zu Boden fiel. Ja, das war es
+nat&uuml;rlich, was die Spinne gewollt hatte.</p>
+
+<p>Und dieses Kunstst&uuml;ck konnten die beiden Tag f&uuml;r
+Tag wiederholen, solange die Biene in der Rosenhecke
+Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer es lernen,
+sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie
+zeigte die Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie
+wirklich alle beide gerne leiden, die kleine eifrige zottige
+Arbeiterin geradeso wie die gro&szlig;e schlaue alte J&auml;gerin.</p>
+
+<p>Es begaben sich nicht oft gro&szlig;e Ereignisse in dem
+Hause mit den Kletterrosen. Zwischen den Spalieren
+konnte man den kleinen See in der Sonne liegen und
+blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und
+zu umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben
+zu k&ouml;nnen, aber bei jedem kleinen Gekr&auml;usel des grauen
+Spiegels flogen tausende kleine F&uuml;nkchen auf, die auf
+den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als w&auml;re
+die ganze Tiefe von Feuer erf&uuml;llt, das nicht heraus
+k&ouml;nnte. Und so war auch das Sommerleben dort drau&szlig;en;
+es war gew&ouml;hnlich ganz still, aber kam nur das
+allergeringste kleine Gekr&auml;usel&nbsp;&ndash; ach, wie konnte es
+da schimmern und glitzern.</p>
+
+<p>Und es bedurfte keiner gro&szlig;en Dinge, um uns froh
+zu machen. Eine Blume oder ein Vogel konnte uns
+Heiterkeit f&uuml;r mehrere Stunden bringen, von der Tapezierbiene
+gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen,
+wie seelenvergn&uuml;gt ich einmal durch sie wurde.</p>
+
+<p>Die Biene war wie gew&ouml;hnlich im Spinnennetz gewesen
+und die Spinne hatte ihr wie gew&ouml;hnlich herausgeholfen,
+aber sie hatte t&uuml;chtig festgesessen, so da&szlig; sie sich ungeheuer
+lange herumdrehen mu&szlig;te und ganz zahm und
+geb&auml;ndigt war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor,
+um zu sehen, ob das Netz gro&szlig;en Schaden genommen
+habe. Das hatte es gl&uuml;cklicherweise nicht, dagegen sa&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_238" id="page_238"></a>238</span>eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales
+Untier, das nur aus Kiefern und Krallen bestand, und
+ich war erregt, wirklich erregt, als ich es erblickte.</p>
+
+<p>Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maik&auml;fer, die
+zu Tausenden die Blumen hinaufkriechen und sich unter
+ihren Kronenbl&auml;ttern verstecken? Kannte ich sie nicht und
+bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen schlauen
+Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten,
+und wenn es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene
+kommt, in deren schwarzgelbem Pelz sie sich verbergen
+k&ouml;nnen? Und wu&szlig;te ich nicht von ihrer hassensw&uuml;rdigen
+Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin einen
+Raum mit Honig gef&uuml;llt und auf dessen Oberfl&auml;che das
+Ei gelegt hat, aus dem der richtige Eigent&uuml;mer der Zelle
+und des Honigs hervorkommen soll, gerade da auf das
+Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf
+sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen
+sie in den Honig hinab, so m&uuml;&szlig;ten sie ertrinken. Und
+w&auml;hrend die Biene das fingerhut&auml;hnliche Nestchen mit
+einem gr&uuml;nen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges
+einschlie&szlig;t, schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern
+das Ei auf und verzehrt dessen Inhalt, w&auml;hrend die Eischale
+noch immer als Nachen auf dem gef&auml;hrlichen
+Honigsee dienen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding
+platt und gro&szlig; und kann selbst auf dem Honig schwimmen
+und davon trinken, und wenn die Zeit sich erf&uuml;llt
+hat, kommt ein fetter schwarzer Maik&auml;fer aus der Bienenzelle.
+Aber das ist es sicherlich nicht, was das kleine
+Bienchen mit seiner Arbeit erreichen wollte, und wie
+schlau und behend der Maik&auml;fer sich auch betragen hat,
+so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer,
+der keine Barmherzigkeit verdient.</p>
+
+<p>Und meine Biene, meine kleine, flei&szlig;ige Herzensbiene,
+war mit solch einem gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen.
+Aber w&auml;hrend die Spinne sie im Kreise gedreht
+<span class="pagenum"><a name="page_239" id="page_239"></a>239</span>hatte, hatte er sich losgel&ouml;st und war in das Netz
+gefallen, und jetzt kam die gro&szlig;e Gelbrote und gab ihm
+einen Bi&szlig; mit ihrem Giftzahn und verwandelte ihn in
+einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben und
+Inhalt.</p>
+
+<p>Und als die kleine Biene zur&uuml;ckkam, war ihr Surren
+wie eine Lobhymne an das Leben.</p>
+
+<p>&bdquo;O du sch&ouml;nes Leben!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich danke dir, da&szlig;
+auf mein Los die fr&ouml;hliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein
+gefallen ist. Ich danke dir, da&szlig; ich dich ohne
+Angst und Furcht genie&szlig;en kann. Wohl wei&szlig; ich, da&szlig;
+Spinnen lauern und Maik&auml;fer stehlen, aber mein ist die
+fr&ouml;hliche Arbeit und die mutige Sorglosigkeit. O du
+sch&ouml;nes Leben, du herrliches Dasein!&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr15" id="nr15"></a><a href="#inhalt">Die Grabschrift</a></h2>
+
+
+<p>Heute beachtet gewi&szlig; keine Menschenseele das kleine
+Kreuzlein, das in einer Ecke des Svartsj&ouml;er Friedhofs
+steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran vorbei,
+ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht
+wunderlich, da&szlig; keiner es bemerkt. Es ist so niedrig,
+da&szlig; Klee und Glockenblumen ihm bis &uuml;ber die Arme
+reichen und Timotheusgras dar&uuml;ber w&auml;chst. Auch nimmt
+sich keiner die M&uuml;he, die Inschrift zu lesen, die da steht.
+Die wei&szlig;en Buchstaben sind heute fast g&auml;nzlich vom Regen
+verwischt, und es scheint nie jemand einzufallen, sie zu
+Worten zusammenzuf&uuml;gen.</p>
+
+<p>Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz
+hat seinerzeit viel Staunen und Verwunderung erweckt.
+Eine Zeitlang konnte niemand den Fu&szlig; auf den Svartsj&ouml;er
+Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen.
+Und bekommt ein Mensch aus jener Zeit es heute zu
+Gesicht, so sieht er sogleich eine ganze Geschichte vor
+sich&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_240" id="page_240"></a>240</span>Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsj&ouml; in Winterschlummer
+versenkt und mit glattem, wei&szlig;em Schnee bedeckt,
+der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht dort so
+aus, da&szlig; es kaum menschenm&ouml;glich ist, sich zurechtzufinden.
+Man mu&szlig; nach dem Kompa&szlig; gehen, wie auf
+dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied zwischen Strand
+und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die
+Erde, die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die K&ouml;hlerleute,
+die auf gro&szlig;en Moorfl&auml;chen und nackten Bergfirsten
+hausen, k&ouml;nnen sich einbilden, da&szlig; sie &uuml;ber ebensoviel
+gepfl&uuml;gten und bebauten Boden geb&ouml;ten wie der reichste
+Gro&szlig;bauer.</p>
+
+<p>Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den
+grauen Z&auml;unen verlassen und abenteuern nun &uuml;ber die
+Wiesen und den Flu&szlig; entlang. Selbst drinnen zwischen
+den Geh&ouml;ften kann man leicht verwirrt werden. Man
+kann pl&ouml;tzlich entdecken, da&szlig; der Weg zum Brunnen quer
+&uuml;ber die Spireahecke des kleinen Rosenbeets gelegt ist.
+Aber nirgends ist es so unm&ouml;glich, sich zurechtzufinden,
+wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer,
+die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz &uuml;berschneit, so da&szlig;
+er jetzt v&ouml;llig mit diesem zusammenflie&szlig;t. Zweitens ist
+der Kirchhof jetzt nur noch ein gro&szlig;es, wei&szlig;es Feld: nicht
+die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verr&auml;t die vielen
+Anh&ouml;hen und H&uuml;gelchen des Totenackers.</p>
+
+<p>Auf den meisten Gr&auml;bern stehen Eisenkreuze, an denen
+d&uuml;nne, kleine Herzen h&auml;ngen, die im Sommer der Wind
+bewegt. Jetzt sind sie alle &uuml;berschneit. Diese kleinen
+Eisenherzen k&ouml;nnen nicht mehr ihre wehm&uuml;tigen Weisen
+von Schmerz und Sehnen erklingen lassen.</p>
+
+<p>Leute, die drinnen in den St&auml;dten auf Arbeit waren,
+haben f&uuml;r ihre Toten daheim Trauerkr&auml;nze mit Blumen
+aus Perlen und Bl&auml;ttern aus Eisenblech mitgebracht,
+und diese Kr&auml;nze stehen so in Achtung, da&szlig; sie auf den
+Gr&auml;bern in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind
+auch sie unter dem Schnee verborgen und begraben. Nun
+<span class="pagenum"><a name="page_241" id="page_241"></a>241</span>ist das Grab, das solchen Schmuck tr&auml;gt, um nichts
+vornehmer als irgendein andres.</p>
+
+<p>Ein paar Schneebeerenb&uuml;sche und Fliederhecken ragen
+aus der Schneedecke empor, allein die meisten sind verborgen.
+Die nackten Zweige, die aus dem Schnee hervorkommen,
+sind einander wunderlich gleich. Sie k&ouml;nnen
+dem nicht zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe
+zurechtzufinden sucht. Alte M&uuml;tterchen, deren Brauch
+es ist, allsonnt&auml;glich einzutreten, um einen Blick auf die
+Gr&auml;ber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees
+wegen nicht weiter als ein St&uuml;ck &uuml;ber den Hauptweg
+hinaus. Dort bleiben sie stehen und versuchen zu erraten,
+wo &bdquo;das Grab&ldquo; liegen mag. Ist es bei diesem Busch
+oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem
+Schmelzen des Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der
+Entrissene so unsagbar weit von ihnen entfernt, seit sie
+die Stelle nicht mehr sehen k&ouml;nnen, wo er in die Erde
+versenkt worden ist.</p>
+
+<p>Da sind auch ein paar gro&szlig;e Steine, die sich &uuml;ber
+den Schnee erheben. Aber es sind ihrer so wenige. Und
+der Schnee h&auml;ngt &uuml;ber ihnen, so da&szlig; man den einen
+nicht vom andern unterscheiden kann.</p>
+
+<p>Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er
+f&uuml;hrt den Hauptgang entlang zu einem kleinen Leichenhause.
+Soll jemand begraben werden, so wird der Sarg
+in das Leichenhaus getragen, und dort h&auml;lt der Pfarrer
+die Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung
+vor. Es ist nicht daran zu denken, da&szlig; der Sarg in die
+Erde kommen k&ouml;nnte, solange dieser Winter w&auml;hrt. Er
+mu&szlig; im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter
+sendet und der Boden wieder zug&auml;nglich wird f&uuml;r Hacke
+und Spaten.</p>
+
+<p>Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und
+der Kirchhof ganz unzug&auml;nglich ist, stirbt ein Kind beim
+H&uuml;ttenherrn Sander auf dem Werke Lerum.</p>
+
+<p>Das ist ein gro&szlig;es Werk, Lerum, und H&uuml;ttenherr
+<span class="pagenum"><a name="page_242" id="page_242"></a>242</span>Sander ist ein m&auml;chtiger Mann. Er hat sich erst j&uuml;ngst
+ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen lassen.
+Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter
+dem Schnee verborgen ist. Es ist von einem behauenen
+Steinrand und einer dicken Eisenkette umgeben;
+mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den
+Namen tr&auml;gt. Dort steht das eine Wort Sander mit
+gro&szlig;en Lettern eingegraben, die &uuml;ber den ganzen Kirchhof
+leuchten.</p>
+
+<p>Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begr&auml;bnis
+zur Sprache kommt, sagt der H&uuml;ttenherr zu seiner Frau:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will nicht, da&szlig; dieses Kind in meinem Grabe
+liege!&ldquo;</p>
+
+<p>Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der
+Speisesaal auf Lerum, und da sitzt der H&uuml;ttenherr am
+Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch und i&szlig;t allein, wie er zu tun pflegt. Seine
+Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster,
+von wo sie die Aussicht &uuml;ber den See und die birkenbestandnen
+Inselchen hat.</p>
+
+<p>Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann
+dieses sagt, werden ihre Augen auf einmal trocken. Die
+ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken zusammen,
+sie beginnt zu zittern, als f&uuml;hle sie starke K&auml;lte.</p>
+
+<p>&bdquo;Was sagst du, was sagst du?&ldquo; fragt sie. Und sie
+spricht wie einer, der vor K&auml;lte klappert.</p>
+
+<p>&bdquo;Es widerstrebt mir,&ldquo; sagt der H&uuml;ttenherr. &bdquo;Vater
+und Mutter liegen da, und auf dem Steine steht Sander.
+Ich will nicht, da&szlig; dieses Kind dort liege.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ah so, <span class="spaced">das</span> hast du dir ausgeheckt?&ldquo; sagt sie und
+schauert dabei fortw&auml;hrend zusammen. &bdquo;Ich wu&szlig;te wohl,
+da&szlig; du dich einmal r&auml;chen w&uuml;rdest.&ldquo;</p>
+
+<p>Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und
+steht breit und gro&szlig; vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht,
+seinen Willen mit vielen Worten zu ertrotzen. Aber
+sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht, da&szlig; er
+<span class="pagenum"><a name="page_243" id="page_243"></a>243</span>seinen Sinn nicht &auml;ndern kann. Der ganze Mann ist
+schwere, unersch&uuml;tterliche Halsstarrigkeit.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will mich nicht r&auml;chen,&ldquo; sagt er, ohne die
+Stimme zu erheben. &bdquo;Ich kann es nur nicht ertragen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn
+aus einem Bett in das andre zu legen,&ldquo; sagt sie. &bdquo;Und
+er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich sein, wo er liegt.
+Aber <span class="spaced">ich</span> bin dann eine Verlorne.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe auch daran gedacht,&ldquo; sagt er, &bdquo;aber ich
+kann nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet
+sind, brauchen nicht viel Worte, um sich zu verstehen.
+Sie wei&szlig; schon, da&szlig; es ganz zwecklos w&auml;re, wollte sie
+versuchen, ihn umzustimmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum mu&szlig;test du mir damals verzeihen?&ldquo; sagt
+sie und ringt die H&auml;nde. &bdquo;Warum lie&szlig;est du mich auf
+Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir, du
+wollest mir vergeben?&ldquo;</p>
+
+<p>Er wei&szlig; bei sich, da&szlig; er ihr nicht schaden will. Er
+kann nichts daf&uuml;r, da&szlig; er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht
+angelangt ist. &bdquo;Sag den Nachbarn, was du willst,&ldquo;
+sagt er. &bdquo;Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser
+im Grabe, oder sage, es sei nicht Raum f&uuml;r mehr S&auml;rge
+als die von Vater und Mutter und meinen und deinen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und das sollen sie glauben?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t dir helfen, so gut du kannst,&ldquo; sagt er.</p>
+
+<p>Er ist nicht b&ouml;se, sie sieht, da&szlig; er es nicht ist. Es ist,
+wie er selbst sagt. Er kann sich darin nicht &uuml;berwinden.</p>
+
+<p>Sie r&uuml;ckt sich h&ouml;her in den Stuhl hinauf, verschr&auml;nkt
+die Arme hinter dem Kopf und sitzt und starrt zum
+Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das Entsetzliche
+ist, da&szlig; es so viel im Leben gibt, was einen &uuml;berw&auml;ltigt.
+Vor allem ist es furchtbar, da&szlig; in einem selbst M&auml;chte
+emporsteigen, die man nicht lenken kann. Vor einigen
+Jahren, als sie schon eine besonnene, verheiratete Frau
+war, kam die Liebe &uuml;ber sie. So eine Liebe! Es war
+<span class="pagenum"><a name="page_244" id="page_244"></a>244</span>nicht daran zu denken, da&szlig; sie sie h&auml;tte regieren k&ouml;nnen.
+Und was nun Gewalt &uuml;ber ihren Mann bekam,&nbsp;&ndash; war
+es Rachbegier? Er ist ihr nie b&ouml;se gewesen. Er hat ihr
+sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. &bdquo;Du
+bist von Sinnen gewesen,&ldquo; hat er gesagt und hat sie
+weiter als seine Gattin leben lassen.</p>
+
+<p>Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, da&szlig;
+man vergebe, es mag doch schwer genug fallen, es zu tun.
+Vor allem ist es schwer f&uuml;r einen Mann, der tiefsinnig
+und schwerbl&uuml;tig ist, der niemals vergi&szlig;t und niemals
+aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen
+sitzt etwas, das hungert und danach schreit, sich s&auml;ttigen
+zu d&uuml;rfen an eines andern Leid. Ein wunderliches Gef&uuml;hl
+hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen w&auml;re,
+wenn er damals so gez&uuml;rnt h&auml;tte, da&szlig; er sie geschlagen
+h&auml;tte. Dann h&auml;tte er nachher wieder gut werden k&ouml;nnen.
+Nun geht er umher und ist m&uuml;rrisch und verdrossen, und
+sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an
+der Deichsel. Sie wei&szlig;, da&szlig; hinter ihr einer sitzt, der die
+Peitsche in der Hand h&auml;lt,&nbsp;&ndash; wenn er sie auch nicht gebraucht.
+Und nun hat er sie gebraucht. Nun ist sie eine
+Verlorne.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Die Menschen sagen, da&szlig; sie nie einen Schmerz gesehen
+h&auml;tten, wie den ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild.
+In diesen Tagen vor dem Begr&auml;bnis wei&szlig; man
+nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unm&ouml;glich, zu wissen,
+ob sie h&ouml;re, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr
+spricht. Sie scheint keinen Hunger zu f&uuml;hlen, sie scheint
+drau&szlig;en in der bittern K&auml;lte gehen zu k&ouml;nnen, ohne zu
+frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz,
+was sie versteinert, es ist Angst.</p>
+
+<p>Sie denkt nicht daran, am Begr&auml;bnistag daheim zu
+bleiben. Sie <span class="spaced">mu&szlig;</span> mit zum Friedhofe, sie <span class="spaced">mu&szlig;</span> mit im
+Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, da&szlig; alle, die
+<span class="pagenum"><a name="page_245" id="page_245"></a>245</span>dem Sarge folgen, glauben, da&szlig; die Leiche zu dem gro&szlig;en
+Sanderschen Grabe gef&uuml;hrt werde. Sie denkt, da&szlig;
+sie unter der Verwunderung und dem Staunen, das sich
+gegen sie wenden werde, zusammenbrechen m&uuml;sse, wenn
+er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem
+unbemerkten Grabplatz hinf&uuml;hren w&uuml;rde. Es werde ein
+Murmeln der Verwunderung von Reihe zu Reihe gehen,
+obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind
+nicht in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich
+der ungewissen, unbestimmten Ger&uuml;chte erinnern, die einmal
+&uuml;ber sie im Schwange waren. Es m&uuml;sse wohl irgend
+etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man
+sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre,
+werde sie gerichtet und verloren sein.</p>
+
+<p>Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei
+zu sein. Sie wird da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird
+aussehen, als ob alles in Ordnung w&auml;re. Vielleicht werden
+sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu
+erkl&auml;ren.</p>
+
+<p>Der Mann f&auml;hrt auch mit zur Kirche. Er hat alles
+geordnet: die Begr&auml;bnisg&auml;ste geladen, den Sarg bestellt
+und bestimmt, wer ihn tragen soll. Er ist zufrieden und
+gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat.</p>
+
+<p>Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vor&uuml;ber, und der
+Leichenzug stellt sich vor dem Gemeindehause auf. Die
+Tr&auml;ger legen die wei&szlig;en Tragt&uuml;cher &uuml;ber ihre Schultern,
+alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession
+mit und ein gro&szlig;er Teil der Kirchenbesucher.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die Prozession sich ordnet, denkt sie, da&szlig; sie
+sich jetzt aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz
+zu geleiten.</p>
+
+<p>Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zur&uuml;ckkehren.
+Sie ist gekommen, um sie vorbereiten zu k&ouml;nnen, aber
+sie hat kein Wort &uuml;ber ihre Lippen gebracht. Sie kann
+nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun k&ouml;nnte,
+w&auml;re: so heftig und laut zu jammern, da&szlig; man es &uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="page_246" id="page_246"></a>246</span>den ganzen Kirchenplatz h&ouml;rte. Sie wagt die Lippen nicht
+zu regen, damit dieser Schrei nicht &uuml;ber sie hereinbreche.</p>
+
+<p>Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu r&uuml;hren,
+und die Menschen setzen sich in Bewegung. Und jetzt
+kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum hat sie nicht
+sprechen k&ouml;nnen? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht
+zuzurufen, sie m&ouml;chten nicht auf den Kirchhof gehen mit
+dem Toten. Ein Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet
+werden solle f&uuml;r einen Toten? Sie k&ouml;nnten ja den
+Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den
+Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei
+gef&auml;hrlich. Er sei voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren
+auf ihm gesehen. Sie will sie schrecken, wie man
+Kinder schreckt.</p>
+
+<p>Sie wei&szlig; nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist.
+Sie erfahre es zeitig genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug
+in den Friedhof hineinschreitet, blickt sie &uuml;ber das Schneefeld,
+um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort drau&szlig;en
+ist nichts als ein ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug
+geht zum Leichenhause hinauf. So viele nur k&ouml;nnen,
+dr&auml;ngen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie
+vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon,
+zum Sanderschen Grabe zu gehen. Keiner kann wissen,
+da&szlig; der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet
+wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll!</p>
+
+<p>H&auml;tte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen
+Augenblick h&auml;tte sie sich zu f&uuml;rchten brauchen. &bdquo;Im Fr&uuml;hling,&ldquo;
+denkt sie, &bdquo;wenn der Sarg versenkt wird, ist wohl
+kaum einer au&szlig;er dem Totengr&auml;ber zugegen. Jeder wird
+glauben, da&szlig; das Kind im Sanderschen Grabe liege.&ldquo;
+Und sie begreift, da&szlig; sie gerettet ist.</p>
+
+<p>Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute
+sehen sie mitleidig an.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt,&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_247" id="page_247"></a>247</span>sagen sie. Aber sie selbst wei&szlig; am besten, da&szlig; sie Tr&auml;nen
+weint, wie eine, die aus Not und Lebensgefahr entronnen
+ist&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Ein paar Tage nach dem Begr&auml;bnis sitzt sie in der
+D&auml;mmerung auf ihrem gewohnten Platz im Speisesaal.
+W&auml;hrend das Dunkel einf&auml;llt, ertappt sie sich darauf, da&szlig;
+sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und horcht
+nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen
+pflegt, um zu spielen. Wird es heute nicht
+kommen? Da f&auml;hrt sie empor und denkt: &bdquo;Es ist ja tot,
+es ist ja tot.&ldquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage sitzt sie wieder in der D&auml;mmerung
+und sehnt sich, und Abend f&uuml;r Abend kommt diese Sehnsucht
+wieder und wird immer m&auml;chtiger. Sie breitet sich
+aus, wie das Licht im Fr&uuml;hling, bis sie schlie&szlig;lich alle
+Stunden des Tages und der Nacht beherrscht.</p>
+
+<p>Es ist ja beinahe selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; ein Kind, wie
+das ihre, mehr Liebe im Tode empf&auml;ngt als im Leben.
+Die Mutter hat, solange es lebte, an nichts andres gedacht,
+als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und
+f&uuml;r ihn konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es
+mu&szlig;te ferngehalten werden. Es mu&szlig;te oft f&uuml;hlen, da&szlig; es
+ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten untreu
+geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, da&szlig; sie
+doch etwas wert war. Sie hatte unabl&auml;ssig in K&uuml;che und
+Webkammer gearbeitet. Wo h&auml;tte sich Platz f&uuml;r den kleinen
+Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und jetzt
+nachtr&auml;glich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten
+und zu betteln pflegten. Abends wollte er, da&szlig; sie an
+seinem Bette sitze. Er sagte, er f&uuml;rchte sich im Dunkeln,
+aber nun denkt sie, da&szlig; das vielleicht nicht wahr gewesen
+sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie erinnert
+sich, wie er dalag und gegen den Schlaf k&auml;mpfte.
+Jetzt begreift sie, da&szlig; er sich wach gehalten hat, um lange
+liegen und ihre Hand in der seinen halten zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch
+<span class="pagenum"><a name="page_248" id="page_248"></a>248</span>war. Er hat seinen ganzen Verstand aufgewendet, um
+auch ein bi&szlig;chen von ihrer Liebe abzubekommen.</p>
+
+<p>Es ist erstaunlich, da&szlig; Kinder so lieben k&ouml;nnen. Sie
+hatte es nie begriffen, solange er noch lebte.</p>
+
+<p>Eigentlich f&auml;ngt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben.
+Jetzt erst f&uuml;hlt sie sich ber&uuml;ckt von seiner Sch&ouml;nheit. Sie
+kann sitzen und von seinen gro&szlig;en, geheimnisvollen Augen
+tr&auml;umen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges Kind gewesen,
+es war zart und bla&szlig;. Aber es war wunderbar
+sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher
+mit jedem Tag, der geht. Kinder m&uuml;ssen ja das
+K&ouml;stlichste sein, was die Erde tr&auml;gt. Man bedenke doch
+nur, da&szlig; es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand
+entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben,
+die nicht danach fragen, ob ein Antlitz sch&ouml;n oder h&auml;&szlig;lich
+ist, sondern das h&auml;&szlig;liche ebenso gern k&uuml;ssen wie das
+h&uuml;bsche, die alt und jung lieben k&ouml;nnen, reich und arm.
+Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen.</p>
+
+<p>Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage n&auml;her und
+n&auml;her. Sie w&uuml;nscht wohl, da&szlig; es lebte, aber sie wei&szlig;
+nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen w&auml;re
+wie jetzt.</p>
+
+<p>Zuweilen ger&auml;t sie in Verzweiflung dar&uuml;ber, da&szlig; sie
+den Knaben nicht gl&uuml;cklicher gemacht hat, so lange er
+am Leben war. Darum ist er mir wohl genommen worden,
+denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise.</p>
+
+<p>Sie hat sich fr&uuml;her vor Trauer gef&uuml;rchtet, aber sie
+findet jetzt, da&szlig; Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht
+hat. Trauern hei&szlig;t ja: ein Vergangnes wieder und wieder
+erleben. Trauern hei&szlig;t: sich in das ganze Wesen des
+Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese
+Trauer macht sie sehr reich.</p>
+
+<p>Am meisten f&uuml;rchtet sie sich jetzt davor, da&szlig; die Zeit
+ihn ihr entf&uuml;hren k&ouml;nnte. Sie hat kein Bild von ihm,
+vielleicht k&ouml;nnten seine Z&uuml;ge in ihrer Erinnerung ausl&ouml;schen.
+<span class="pagenum"><a name="page_249" id="page_249"></a>249</span>Jeden Tag sitzt sie da und pr&uuml;ft sich: &bdquo;Sehe ich
+ihn, sehe ich ihn recht?&ldquo;</p>
+
+<p>Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt
+sie sich auf der Sehnsucht, ihn nicht mehr im Leichenhause,
+sondern in die Erde gebettet zu wissen, damit sie
+zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen k&ouml;nne. Er
+soll gegen Westen liegen, da ist es am sch&ouml;nsten. Und sie
+wird seinen H&uuml;gel mit Rosen schm&uuml;cken. Sie will auch
+eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort sitzen
+k&ouml;nnen, lange, lange.</p>
+
+<p>Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen
+sollen es ja nicht anders wissen, als wenn ihr Kind
+im Familiengrabe liege. Wie werden sie staunen, wenn
+sie sie ein fremdes Grab schm&uuml;cken und dort stundenlang
+sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu
+sagen?</p>
+
+<p>Manchmal denkt sie, da&szlig; sie es auf diese Weise machen
+m&uuml;sse: Zuerst zu dem gro&szlig;en Grabe gehen und dort
+einen gro&szlig;en Strau&szlig; niederlegen und eine Weile dort
+sitzen. Dann w&uuml;rde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe
+hinschleichen k&ouml;nnen. Er w&uuml;rde wohl zufrieden sein mit
+dem einzigen kleinen Bl&uuml;mlein, das sie ihm heimlich zustecken
+k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Ja, er k&ouml;nnte sich wohl damit begn&uuml;gen, aber kann
+sie es? Es ist, als w&uuml;rde sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft
+mit ihm kommen. Und er w&uuml;rde es dann erfahren,
+da&szlig; sie sich seiner sch&auml;mte. Er w&uuml;rde begreifen,
+welche brennende Schmach es f&uuml;r sie gewesen war, da&szlig;
+er geboren wurde. Sie mu&szlig; ihn sch&uuml;tzen, damit er das
+nicht erfahre. Er soll glauben, da&szlig; das Gl&uuml;ck, ihn zu
+besitzen, alles &uuml;berwogen h&auml;tte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Endlich weicht der Winter. Man sieht, da&szlig; es Fr&uuml;hling
+wird. Die Schneedecke schmilzt, die Erde beginnt
+sich zu zeigen. Noch w&auml;hrt es vielleicht ein paar Wochen,
+<span class="pagenum"><a name="page_250" id="page_250"></a>250</span>bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch
+die Hoffnung, da&szlig; die Toten nun bald aus der Leichenkammer
+kommen. Und sie sehnt sich, sie sehnt sich.</p>
+
+<p>Kann sie ihn noch sehen? Sie pr&uuml;ft sich jeden Tag,
+aber es ist im Winter besser gegangen: im Fr&uuml;hling will
+er sich ihr nicht zeigen. Da ger&auml;t sie in Verzweiflung, sie
+mu&szlig; auf dem Grabe sitzen k&ouml;nnen, um ihm nahe zu
+kommen, um ihn sehen, ihn lieben zu k&ouml;nnen. Kommt er
+denn niemals in die Erde hinunter?</p>
+
+<p>Sie hat nichts andres zu lieben, sie mu&szlig; ihn sehen
+k&ouml;nnen, ihn sehen k&ouml;nnen, ihr ganzes Leben lang.</p>
+
+<p>Mit einem Male verschwindet alles Z&ouml;gern und aller
+Kleinmut vor ihrer gro&szlig;en Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt,
+sie kann nicht leben ohne den Toten. Sie f&uuml;hlt, da&szlig; sie
+auf niemand R&uuml;cksicht nehmen kann als auf ihn. Und
+als die Fr&uuml;hlingsfluten wirklich kommen, als auf dem
+Kirchhofe wieder Anh&ouml;hen und H&uuml;gel hervortreten, als
+die Herzen an den eisernen Kreuzen wieder zu klingen
+anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten
+leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge
+&ouml;ffnen kann, hat sie schon ein schwarzes Kreuz machen
+lassen, um es auf den H&uuml;gel zu pflanzen.</p>
+
+<p>Quer &uuml;ber das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen
+wei&szlig;en Buchstaben geschrieben:</p>
+
+<p class="center spaced">Hier ruht mein Kind.</p>
+
+<p>Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr
+Name.</p>
+
+<p>Sie fragt nicht danach, da&szlig; die ganze Welt erf&auml;hrt,
+was sie getan hat. Alles andre ist eitel; nur das eine
+liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu k&ouml;nnen an ihres
+Kindes Grab.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_251" id="page_251"></a>251</span></p>
+<h2><a name="nr16" id="nr16"></a><a href="#inhalt">R&ouml;merblut</a></h2>
+
+
+<p>Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewi&szlig;
+die kleinen Landg&uuml;ter vor der Stadtmauer aufgefallen.
+Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man Artischocken,
+Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit.
+Man hat ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnh&auml;user,
+einen niedrigen Eselstall, einen gro&szlig;en gemauerten
+Brunnen und ein paar H&uuml;hnersteigen. Man hat
+nat&uuml;rlich eine Menge Federvieh, und nicht nur H&uuml;hner,
+Truth&auml;hne und Enten, sondern auch Pfauen und Fasane.</p>
+
+<p>Und dann schafft man sich, um ein bi&szlig;chen besser leben
+zu k&ouml;nnen&nbsp;&ndash; denn Gr&uuml;nzeug und H&uuml;hner werfen keinen
+gl&auml;nzenden Gewinn ab&nbsp;&ndash; ein paar gro&szlig;e F&auml;sser
+r&ouml;mischen Schlo&szlig;wein an und legt sie in eine der niedrigen
+H&uuml;tten, deren jede nicht mehr als ein Gela&szlig; hat. Dahin
+stellt man auch einen Ladentisch und ein Wandbrett mit
+Gl&auml;sern und Literflaschen, drau&szlig;en aber auf dem Hofe,
+zwischen dem Brunnen und den H&uuml;hnersteigen, stellt man
+lange B&auml;nke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer
+wehen die Campagnawinde stark und ungehemmt.
+Darum bringt man kleine Schutzd&auml;cher &uuml;ber den B&auml;nken
+an und umgibt sie mit Rohrw&auml;nden, durch die die Sonne
+hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt l&auml;&szlig;t man auch ein
+Schild malen und h&auml;ngt es &uuml;ber das kleine Mauerpf&ouml;rtchen,
+das nach der Stra&szlig;e und der Stadt f&uuml;hrt. Und die
+Osteria ist fertig.</p>
+
+<p>Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch
+einer kleinen Osteria gewesen, man darf aber nicht glauben,
+da&szlig; er des Lohnes und der Trinkgelder wegen so
+lange geblieben w&auml;re, oder weil er zu nichts anders getaugt
+h&auml;tte. Nino war ein pr&auml;chtiger, ja ein gebildeter
+junger Mann; wenn er sich damit begn&uuml;gte, Kellner in
+einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es,
+<span class="pagenum"><a name="page_252" id="page_252"></a>252</span>weil er in Teresa, die &auml;lteste Tochter des Hauses, verliebt
+war.</p>
+
+<p>Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so sch&ouml;n. Sie war
+gerade in der Art sch&ouml;n, wie Nino es haben wollte, mit
+gro&szlig;en, starken Z&uuml;gen und warmen, klaren Farben. Sie
+ging so stolz und so leicht wie eine K&ouml;nigin. Sie sprach
+mit einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich,
+da&szlig; keine Silbe ihrer Worte verloren gehen konnte. Sie
+lachte so rein, wie ein Silbergl&ouml;ckchen l&auml;utet. Ihre H&auml;nde
+waren sch&ouml;n, wei&szlig; und fest, und ihr H&auml;ndedruck st&auml;rkend
+wie ein Segen.</p>
+
+<p>Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen
+und verlangten, da&szlig; sie immer hinter dem Schanktisch
+zur Hand sei. &bdquo;Wo ist Teresa?&ldquo; fragten sie sicherlich,
+wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl.
+Wu&szlig;te er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe
+schmeckte, wenn sie sie aus dem Kochtopf sch&ouml;pfte, als
+wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht zu verwundern,
+da&szlig; jedermann mit ihr zu tun haben wollte.
+War es nicht schon eine Freude, in demselben Raume zu
+weilen wie sie?</p>
+
+<p>Er war fest davon &uuml;berzeugt, da&szlig; die Leute nicht so
+sehr um Wein zu trinken hereink&auml;men, als vielmehr um
+Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu k&ouml;nnen. Wenn
+einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel
+besiegt hatte, oder wenn der tolle Pietro wieder
+einem das Messer in den Leib gesto&szlig;en hatte, so war es
+eine Erleichterung, es ihr zu erz&auml;hlen. Nino wu&szlig;te, da&szlig;
+junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten,
+zuweilen dasa&szlig;en und sich lange, traurige Geschichten
+ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei ihrem Tische
+stille stehe, ihnen zuh&ouml;re und sich ihrer ein wenig annehme.
+Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie
+wollten doch, da&szlig; sie den Wein in ihr Glas gie&szlig;e oder
+ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie gingen, und
+ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_253" id="page_253"></a>253</span>Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie
+ihr sechzehntes Jahr erreicht hatten; eine zog fort, und
+eine blieb mit Mann und Kindern daheim. Aber Teresa
+wollte nicht heiraten, und Nino wu&szlig;te schon, warum. Er
+wu&szlig;te wohl, da&szlig; sie weder ihn noch irgendeinen andern
+aus dem Landvolk wollte, einen Signor wollte sie.</p>
+
+<p>Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an
+der Art, wie sie ihr Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine
+Signorina, und an ihren Sonntagskleidern. Zu Hause
+trug sie eine gr&uuml;ne Sch&uuml;rze und ein rotes Tuch um den
+Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer
+schwarz gekleidet. Und sie hatte einen gro&szlig;en Hut mit
+vielfach gebogner Krempe und einen Federkragen um den
+Hals, so lang, da&szlig; er bis zum Kleidsaum reichte.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu
+werden. Das einzige Unnat&uuml;rliche war blo&szlig;, da&szlig; sie nicht
+einsah, da&szlig; sie schon eine war.</p>
+
+<p>Eigentlich war es Nino nicht unerw&uuml;nscht, da&szlig; Teresa
+keinen Campagnabo nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine
+Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war dick und rund
+wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue M&uuml;llerfarbe.
+Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger
+Augen. Er war zu h&auml;&szlig;lich f&uuml;r sie. Aber da es nun seine
+guten Wege hatte, bis ihr Signor kam, und da kein andrer
+den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino
+wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen.
+Und das war kein geringes Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Die Tage drau&szlig;en auf dem Meierhof erschienen Nino
+voll Seligkeit. Des Morgens, wenn Teresa ihre V&ouml;gel
+betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem Mais. Vormittags
+half er ihr, das Unkraut ausj&auml;ten oder das Gem&uuml;se
+in Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt
+werden sollte. Und abends, wenn die Arbeitsleute auf
+ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben Castello
+romano zu trinken, da stand sie am Fasse und f&uuml;llte in
+die Ma&szlig;e ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es
+<span class="pagenum"><a name="page_254" id="page_254"></a>254</span>ein gro&szlig;er Tag war, Festtag oder Markttag, und das
+Volk war zusammengestr&ouml;mt, so da&szlig; alle B&auml;nke &uuml;bervoll
+waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und
+Verk&auml;ufern von gebratenen &Auml;pfeln und Kastanien wimmelte,
+und er und sie mu&szlig;ten atemlos und hei&szlig; mit ihren
+Flaschen und Gl&auml;sern zwischen den Tischen hin und her
+eilen, dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen.
+Da f&uuml;hlten sie sich so kameradschaftlich wie Soldaten,
+die in den Kampf ziehen.</p>
+
+<p>An Abenden aber, wo keine G&auml;ste kamen, sa&szlig; Nino da
+und erz&auml;hlte Teresa aus B&uuml;chern, die er gelesen hatte.
+Da lie&szlig; sie ihn von dem alten Rom erz&auml;hlen, und am
+liebsten h&ouml;rte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen
+die Patrizier und von den m&auml;chtigen r&ouml;mischen Matronen.
+Nino wu&szlig;te wohl, warum. Es war dasselbe Blut, sie
+f&uuml;hlte in sich das gleiche Blut. Am n&auml;chsten Tage trug
+sie den Kopf noch viel stolzer, als fr&uuml;her. Nino wu&szlig;te,
+da&szlig; er wie ein Tollh&auml;usler handelte. Jedesmal, wenn er
+von Cornelia, der Mutter der Gracchen, erz&auml;hlte, entfernte
+er sie weiter von sich. Warum konnte er diese Erz&auml;hlungen
+nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten,
+wenn sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre
+Augen blitzten?</p>
+
+<p>Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, h&ouml;rte Nino die
+Leute sagen, da&szlig; es bald zu sp&auml;t f&uuml;r sie sein w&uuml;rde, noch
+einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht mehr sch&ouml;n.
+Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie
+denn nicht sch&ouml;n?</p>
+
+<p>Eines Tages jedoch merkte er, da&szlig; sie recht gehabt
+hatten. Sie war wirklich im Begriffe gewesen, alt zu
+werden. Sie mu&szlig;te ganz verbla&szlig;t gewesen sein, obgleich
+er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, da&szlig;
+sie wieder aufzubl&uuml;hen begann. Die frische Jugendsch&ouml;nheit
+erhellte aufs neue ihr Gesicht. Was war das f&uuml;r ein
+Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah.</p>
+
+<p>Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der
+<span class="pagenum"><a name="page_255" id="page_255"></a>255</span>Osteria. Ach, ach, Nino konnte nicht leugnen, da&szlig; er das
+Netteste war, was man sehen konnte. Er hatte eine Uniform
+in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches
+Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am
+ersten Abend, da er sie sah. Und sie? War ihre Sch&ouml;nheit
+um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel ihr der
+kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen?</p>
+
+<p>Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die
+Krieger zu hassen. Italien f&uuml;hrte gerade Krieg mit Abessinien,
+und es war Elend genug, da&szlig; Italiens Krieger
+&uuml;bers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen,
+das nichts B&ouml;ses getan hatte. Es war Elend genug, was
+die Kriegsleute dort drau&szlig;en anrichteten. Hier zu Hause
+h&auml;tten sie es doch lassen k&ouml;nnen, die Leute ins Ungl&uuml;ck
+zu bringen.</p>
+
+<p>Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine.
+Hier trat er als Redner auf und forderte die
+Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle nicht als
+Land des Streites gro&szlig; sein, sondern als ein Land des
+Friedens. Er wurde bald einer der F&uuml;hrenden. Er wurde
+einer der beliebtesten Redner. Armer, armer Nino.
+&bdquo;La&szlig;t uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen,
+wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die
+landwirtschaftlichen Schulen zu schicken!&ldquo; Das waren
+Ninos Worte.</p>
+
+<p>Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung
+nach Hause kam, bei der er den Krieg und das Kriegsheer
+abgeschafft hatte, ging Teresa ihm entgegen. Sie blieben
+bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu
+plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen.
+Um den jetzigen Krieg k&uuml;mmerte sie sich nicht,
+aber sie wollte wissen, was die R&ouml;mer in fr&uuml;heren Tagen
+vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio h&ouml;ren.
+Ob es nicht Scipio w&auml;re, der nach Afrika gezogen w&auml;re
+und die Schwarzen besiegt h&auml;tte? Und Nino mu&szlig;te von
+<span class="pagenum"><a name="page_256" id="page_256"></a>256</span>ihm berichten. Nino mu&szlig;te die halbe Nacht aufsitzen
+und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er davon sprach, wurde Teresa strahlend
+sch&ouml;n. Die Laterne, die auf dem Brunnenstaket hing,
+zeigte sie Nino wunderbar sch&ouml;n und mit einem geheimnisvollen
+L&auml;cheln um die Lippen. Nino begriff, da&szlig; sie
+nur einen Helden lieben konnte. Und was war er? Er,
+der es ihr nicht einmal abschlagen konnte, von diesen
+verabscheuungsw&uuml;rdigen Gemetzeln zu erz&auml;hlen. Er war
+feig. Wenn sie einen Nero geliebt h&auml;tte, so w&auml;re Nino
+gezwungen gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war
+ein feiger Kerl, er war sicherlich kein Held.</p>
+
+<p>Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte
+Nino ernstlich daran, sich frei zu machen und einen andern
+Dienst zu suchen, aber er vermochte es nicht. Sie
+war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er m&uuml;&szlig;te wohl
+bis nach der Hochzeit warten.</p>
+
+<p>Teresa verga&szlig; Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag
+war am Tage nach der Verlobung, und Nino war
+am Morgen d&uuml;ster und glaubte, dies w&uuml;rde der traurigste
+Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher
+so gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschent&uuml;cher gestickt,
+mit Monogrammen, die &uuml;ber das halbe Tuch reichten.
+Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken, und sie ging
+in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete
+f&uuml;r Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm.
+Nino mu&szlig;te sich froh zeigen. Er mu&szlig;te den ganzen
+Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten alle gl&uuml;cklich
+sein.</p>
+
+<p>Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er
+mu&szlig;te weinen. Er hatte gemerkt, da&szlig; sie in diesen Tagen
+den V&ouml;geln doppelte Rationen gab, der Esel hatte frisches
+Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter
+sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr
+der Katze, dem Esel und den H&uuml;hnern gleichgestellt gef&uuml;hlt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_257" id="page_257"></a>257</span>Wie sie sich dar&uuml;ber freute, da&szlig; ihr Br&auml;utigam Offizier
+war! N&auml;chst dem Umstande, da&szlig; er ein Signor
+war, gefiel ihr sein milit&auml;rischer Beruf am meisten. Als
+man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst h&auml;tte, da&szlig; er
+nach Afrika geschickt werden k&ouml;nnte, h&ouml;rte Nino, wie sie
+antwortete:</p>
+
+<p>&bdquo;Wollte Gott, er d&uuml;rfte hin&uuml;ber. Dann w&uuml;rdet ihr
+sehen, wie alles anders w&uuml;rde.&ldquo; Denn dies war im Winter
+1896, und da sah es aus, als sollte aus diesem Kriege
+mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden.
+Man schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort.
+Die Truppen lagerten dort in der Aduagegend, aber man
+h&ouml;rte nie, da&szlig; es zu etwas kam. Es war so, wie wenn
+Bienen aus dem Korbe fliegen und au&szlig;erhalb des Fluglochs
+in einem gro&szlig;en Beutel h&auml;ngen bleiben, und man
+geht jeden Tag hin und sieht sie an und &auml;rgert sich, da&szlig;
+sie nicht schw&auml;rmen wollen.</p>
+
+<p>Sie benahm sich auch gro&szlig;artig, als sie gegen Ende
+Februar erfuhr, da&szlig; er nach Afrika gehen mu&szlig;te. Nino
+sah keine Tr&auml;ne in ihren Augen. Sie dachte nur daran,
+da&szlig; es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen
+w&uuml;rde. Jetzt sollte ihrem armen Italien geholfen werden.</p>
+
+<p>Sie gab ein Abschiedsfest f&uuml;r ihn und seine Kameraden.
+Es war ein herrliches Fest. Der Castello-Romanowein
+flo&szlig; in Str&ouml;men. Sie hatte ihre fettesten Truth&uuml;hner
+geschlachtet und die ersten Artischocken gepfl&uuml;ckt.
+Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken.</p>
+
+<p>Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet
+und die italienische Flagge gehi&szlig;t, und der arme Nino
+mu&szlig;te ihr behilflich sein, Transparente zu verfertigen,
+auf denen zu lesen war: &bdquo;Es lebe die Armee! Sieg
+unsern tapfern Soldaten! F&uuml;r Italien!&ldquo; und andre hochgestimmte
+Worte. Er hatte ihr helfen m&uuml;ssen, farbige
+Lampions unter den Strohd&auml;chern zu befestigen, S&auml;nger
+zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten;
+aber er hatte geschworen, da&szlig; sie ihn nicht dazu bringen
+<span class="pagenum"><a name="page_258" id="page_258"></a>258</span>w&uuml;rde, eine Rede zu halten. Armer Nino, sie forderte
+ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm etwas so
+Hochwichtiges anzuvertrauen.</p>
+
+<p>Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerksk&ouml;rper zu
+den F&uuml;&szlig;en der G&auml;ste knallten, und als nicht nur die
+Strohd&auml;cher &uuml;ber den B&auml;nken, sondern auch die H&uuml;hnersteigen,
+das Wohnhaus und der Brunnen von gr&uuml;n-rot-wei&szlig;en
+Lampions strahlten, und als Nino dr&uuml;ben zwischen
+den Artischocken bengalische Feuer entz&uuml;ndete, da sah er,
+wenn sonst niemand es sah, was sie eigentlich meinte.
+Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie
+den Soldaten kredenzte, sagen: &bdquo;Gehet hin und macht
+Ernst aus diesem Kriege. Roms Frauen wollen neue
+Triumphz&uuml;ge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!&ldquo;</p>
+
+<p>Niemand wu&szlig;te besser als Nino, wie sehr Teresa diesen
+zierlichen kleinen Mann liebte, der gegen die Barbaren
+ausziehen sollte. Und als er sah, wie sie ihn gehen lie&szlig;,
+ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu werden,
+mu&szlig;te er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie
+h&auml;tte eine der Matronen des alten Rom sein k&ouml;nnen,
+dachte Nino. Es rollt echtes R&ouml;merblut in ihren Adern.</p>
+
+<p>Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel
+abreiste, wo es sich nach Afrika einschiffen sollte, begleitete
+Nino Teresa zur Eisenbahnstation.</p>
+
+<p>Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt
+heranmarschiert, rings um sie schw&auml;rmten Gassenjungen,
+Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der Station
+waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale.
+Es wurden Reden gehalten, man rief: &bdquo;Es lebe Italien!&ldquo;
+man k&uuml;&szlig;te sich und warf Blumen. Teresa stand bleich
+vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte.
+Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten
+verteilten. Das tat sie nicht.</p>
+
+<p>Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen,
+aber er mu&szlig;te ihr versprechen, Meneliks Hauptstadt
+zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit der Krone der
+<span class="pagenum"><a name="page_259" id="page_259"></a>259</span>abessinischen Kaiserin zu ihr zur&uuml;ckzukommen. Und so
+schieden sie.</p>
+
+<p>Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort,
+er war noch gar nicht nach Afrika abgereist, als die Nachricht
+eintraf, da&szlig; der gro&szlig;e Schwarm, der in Adua gelagert
+war, sich zu r&uuml;hren anfange; er zog gegen die Abessinier
+und wurde geschlagen und zerstreut.</p>
+
+<p>Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas
+andres dachte als an den Sieg, der dort dr&uuml;ben erk&auml;mpft
+werden m&uuml;&szlig;te, nachdem man so unerh&ouml;rt viele Menschen
+hingeschickt hatte. Der K&ouml;nig selbst hatte sich nach
+Neapel begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen.
+An einem Tage sprach er ihnen von dem Ruhme,
+den sie f&uuml;r das geliebte Italien erringen w&uuml;rden, am
+zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner
+Schlacht, zerstreutem Heere, Flucht und Panik erz&auml;hlte.</p>
+
+<p>Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen
+trafen. Meneliks Kugeln hatten nur etwa siebentausend
+Mann f&auml;llen k&ouml;nnen, aber die Depeschen nahmen das
+Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene
+Aduas, passierten das Mittelmeer und erreichten ihr Ziel.
+Ach, kein italienisches Herz blieb unversehrt davon!</p>
+
+<p>Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. &bdquo;Was ist dort
+geschehen, Nino?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Wie konnte es so schlecht
+gehen?&ldquo;</p>
+
+<p>Nino erz&auml;hlte ihr, da&szlig; die Italiener nicht so sehr von
+ihren menschlichen Feinden geschlagen worden w&auml;ren, als
+vielmehr von der &uuml;berm&auml;chtigen Natur. Dort m&uuml;&szlig;te man
+Berge erklimmen, von denen die niedrigsten h&ouml;her w&auml;ren
+als das Sabiner- und Albanergebirge aufeinanderget&uuml;rmt.
+Da gebe es keinen Weg, sondern man ziehe &uuml;ber
+Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln bewachsen
+w&auml;ren, da&szlig; nicht einmal ein Esel sie fressen
+k&ouml;nnte. Mit der Nahrung w&auml;re es so schlimm bestellt,
+da&szlig; die Soldaten sich &uuml;ber die Maultiere geworfen h&auml;tten,
+<span class="pagenum"><a name="page_260" id="page_260"></a>260</span>die auf dem Wege zusammengebrochen w&auml;ren, und die
+Fleischst&uuml;cke an sich gerissen h&auml;tten.</p>
+
+<p>Aber das w&auml;re doch nichts, um Menschen hinzuschicken!
+Ein Land, wo man Maulesel essen m&uuml;&szlig;te!</p>
+
+<p>Nein, das meinte Nino eben auch.</p>
+
+<p>Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte
+er ihr sagen, wie gr&auml;&szlig;lich der Krieg w&auml;re. Sie lasen zusammen
+die Zeitungen. Sie lasen, da&szlig; man f&uuml;rchtete,
+da&szlig; die Truppen, die jetzt ausz&ouml;gen, Menelik und die
+Schoaner im Hafen von Massaua treffen w&uuml;rden; die
+jetzt abf&uuml;hren, z&ouml;gen dem sichern Tod entgegen.</p>
+
+<p>Sie las auch, da&szlig; die Barbaren vor allem auf die
+Offiziere sch&ouml;ssen. Sie l&auml;gen da und zielten auf ihr blaues
+Rangzeichen und holten sie von den H&uuml;gelabh&auml;ngen herab,
+wenn sie mit ihren Soldaten vorr&uuml;ckten.</p>
+
+<p>Und es g&auml;be so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten,
+die diese Schwarzen begingen; ihre Weiber pl&uuml;nderten
+die Toten und zerst&uuml;ckelten sie.</p>
+
+<p>Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen
+und wagte nicht, weiterzulesen.</p>
+
+<p>Nino schob seine M&uuml;tze zur&uuml;ck und fragte, was sie
+eigentlich geglaubt h&auml;tte, was die Leute im Kriege t&auml;ten?
+Ob sie sich nicht gedacht h&auml;tte, da&szlig; sie sich dort t&ouml;teten?
+Nein, sie w&uuml;&szlig;te nicht, was sie geglaubt hatte. Das h&auml;tte
+sie nicht gedacht.</p>
+
+<p>Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied
+von ihr nahm. Das Dampfschiff, das ihn nach
+Afrika f&uuml;hren sollte, ging am n&auml;chsten Abend ab.</p>
+
+<p>Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach
+Neapel. Was sie dort wollte? Nino glaubte, sie wolle
+ihren Br&auml;utigam noch einmal sehen, bevor er abreiste.
+Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie
+fuhr, aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern
+als Nino hatte sie zur Begleitung haben wollen.</p>
+
+<p>Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte
+sie ihren Leutnant in der Kaserne auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_261" id="page_261"></a>261</span>Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich
+geschmeichelt und ger&uuml;hrt, da&szlig; sie gekommen war, um
+ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde totenbleich,
+als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform
+aus gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande &uuml;ber
+der Brust. Das war das blaue Band, das die Schwarzen
+sich zur Zielscheibe nahmen.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te gleich wieder zu seinen Soldaten zur&uuml;ck. Ob
+sie denn den ganzen Tag &uuml;ber nicht mit ihm zusammentreffen
+k&ouml;nnte? Ja, sie wollten gegen ein Uhr miteinander
+fr&uuml;hst&uuml;cken. Er k&ouml;nnte zwei Stunden abkommen.
+Sie besprachen den Ort, und er eilte weg.</p>
+
+<p>Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die &bdquo;Villa&ldquo;
+hinunter und setzten sich auf eine Bank, um zu warten.
+Sie tat nichts andres, als da&szlig; sie Nino unaufh&ouml;rlich
+fragte, wieviel es auf seiner Uhr w&auml;re. Und als sie nun
+mit Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und
+bleich, wie die Gesichter der Statuen, die rings um sie
+standen, und ihre Augen schienen nicht mehr zu sehen, als
+die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich
+vor sich hinstarre. Sie sagte, sie s&auml;&szlig;e da und s&auml;he
+<span class="spaced">seine</span> Leiche an. Die ganze Nacht hatte sie ihn tot in
+einer Bergkluft liegen sehen, und auch die alten Weiber
+der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten,
+<span class="spaced">ihn</span> zu pl&uuml;ndern und zu zerst&uuml;ckeln. Nino hatte ja gesagt,
+da&szlig; sie dort die Leichen zerst&uuml;ckelten.</p>
+
+<p>Nino versuchte, ihr etwas Tr&ouml;stliches zu sagen. Alle
+w&uuml;rden ja nicht fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der
+so tapfer w&auml;re, k&ouml;nnte sich der Barbaren schon erwehren.</p>
+
+<p>Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind
+in Schlupfwinkeln verborgen l&auml;ge und auf das blaue
+Band zielte. Ob Nino das blaue Band bemerkt h&auml;tte?
+Warum es blau w&auml;re, das Todesband, warum es nicht
+rot wie Blut w&auml;re?</p>
+
+<p>Sie nahm Nino das Versprechen ab, da&szlig; er sie nicht
+<span class="pagenum"><a name="page_262" id="page_262"></a>262</span>verlassen w&uuml;rde, sie den ganzen Tag nicht verlassen
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, Teresa.&ldquo;</p>
+
+<p>Er war auch beim Fr&uuml;hst&uuml;ck dabei. Leutnant Ugo bestellte
+ein Zimmer, und die drei a&szlig;en zusammen.</p>
+
+<p>Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso
+sorglos, als s&auml;&szlig;e sie daheim in der Osteria. Nino dachte,
+sie wolle f&uuml;r diese zwei Stunden allen Kummer von
+sich werfen und einzig und allein gl&uuml;cklich sein. Sie
+war sogar viel muntrer als gew&ouml;hnlich, sie kokettierte
+mit Leutnant Ugo, bis er ganz toll war. Und sie lie&szlig; es
+zu, da&szlig; er sie k&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch.
+Von Zeit zu Zeit sah er sie an, und seine kleinen grauen
+&Auml;uglein bettelten um die Erlaubnis, gehen zu d&uuml;rfen.
+Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte,
+unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die
+seine und hielt ihn zur&uuml;ck. Der Leutnant fand Nino wohl
+h&ouml;chst &uuml;berfl&uuml;ssig, sie aber wollte ihn offenbar da haben.</p>
+
+<p>Es gab <span class="antiqua">Asti spumante</span> und <span class="antiqua">Lacrimae Christi</span>, und
+Nino trank, wie er nie zuvor getrunken hatte. Aber es gelang
+ihm nicht, sich taub oder blind zu machen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich, als Nino sich dachte, da&szlig; Leutnant Ugo ganz
+berauscht von ihren Blicken und ihren K&uuml;ssen sein m&uuml;&szlig;te,
+neigte sie sich zu ihm und fragte schelmisch, ob er es nicht
+lassen k&ouml;nnte, zu reisen. Ob es sich nicht so einrichten
+lie&szlig;e, da&szlig; er daheim bleiben k&ouml;nnte?</p>
+
+<p>Er lachte. Nein, er k&ouml;nnte nicht entrinnen.</p>
+
+<p>Ob er nicht krank werden k&ouml;nnte? Sich krank stellen?
+Nein, nein, das k&ouml;nnte er nicht.</p>
+
+<p>Aber ob er denn daran gedacht h&auml;tte, wie lange es
+dauern w&uuml;rde, bis sie ihre Hochzeit feiern k&ouml;nnten?</p>
+
+<p>Der Leutnant glaubte kaum, da&szlig; sie im Ernste sprach.
+Gewi&szlig; hatte er daran gedacht, aber das lie&szlig; sich ja nicht
+&auml;ndern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_263" id="page_263"></a>263</span>Teresa l&auml;chelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer
+Stimme, die vor R&uuml;hrung bebte.</p>
+
+<p>Sie bekannte, da&szlig; sie sich furchtbar gesehnt h&auml;tte, seit
+er abgereist war. Sie k&ouml;nnte keinen Tag ohne ihn sein.
+Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand ausdenken k&ouml;nnte,
+um bleiben zu k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>&bdquo;Teresa,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich w&auml;re ja ein Mann ohne Ehre.
+Bitte mich nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ehrlos?&ldquo; sagte sie mit schmeichelnder Stimme. &bdquo;Wie
+kannst du so etwas sagen? Du w&uuml;rdest ja nicht hier
+bleiben, weil du feig w&auml;rest, sondern weil ich dich so liebe,
+da&szlig; ich dich nicht ziehen lassen kann.&ldquo;</p>
+
+<p>Und sie l&auml;chelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war
+unersch&uuml;tterlich.</p>
+
+<p>Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun
+zur Schlacht k&auml;me und die Schwarzen zu schie&szlig;en beg&auml;nnen?
+Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue
+Band fortzunehmen?</p>
+
+<p>Nein, das wolle er nicht. Er d&uuml;rfe es nicht.</p>
+
+<p>&Uuml;berhaupt glaubte der Leutnant, da&szlig; sie im Grunde
+nur scherze.</p>
+
+<p>Nino sah, da&szlig; sie wie ermattet den Kopf sinken lie&szlig;.</p>
+
+<p>Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus
+ihrem Gesicht verschwunden. Sie war so, wie sie am
+Vormittag gewesen war.</p>
+
+<p>Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erz&auml;hlen,
+was sie von dem fremden Lande und der Kriegsf&uuml;hrung
+der Schwarzen geh&ouml;rt hatte. Sie sprach von den Bergen
+und den Distelgew&auml;chsen und der Hungersnot. Als sie
+von den Mauleseln erz&auml;hlte, lachte er und sagte, das sei
+nicht wahr.</p>
+
+<p>Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den
+Weibern der Schoaner verbrannt worden war. Ob er
+das w&uuml;&szlig;te, ja, ob er das w&uuml;&szlig;te? Und was f&uuml;r eine Ehre
+w&auml;re es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und
+sie sch&ouml;ssen alle Offiziere nieder, ob er das w&uuml;&szlig;te? Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_264" id="page_264"></a>264</span>zielten auf die blauen B&auml;nder und sch&ouml;ssen auf die
+Offiziere.</p>
+
+<p>&bdquo;Ah, Teresa,&ldquo; sagte er, &bdquo;willst du mich erschrecken?
+Sind das Worte f&uuml;r eine R&ouml;merin?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, gerade f&uuml;r eine R&ouml;merin. Roms Frauen
+haben nie zugelassen, da&szlig; man ihnen raube, was sie
+liebten.&ldquo; Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen,
+sie w&uuml;&szlig;te bestimmt, da&szlig; er fallen w&uuml;rde, wenn er jetzt
+reiste. Sie sehe ihn tot vor sich. Sie sehe seinen K&ouml;rper
+zerst&uuml;ckelt und blutig. Und nachdem sie dies gesagt hatte,
+war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte ihm
+ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die
+Knie und bettelte, weinte, flehte.</p>
+
+<p>Er war sehr ger&uuml;hrt, aber auch befangen. Einen Augenblick
+sah er zu Nino hin, gleichsam unschl&uuml;ssig, was er
+beginnen solle. Nino zog seine Uhr hervor. Ja, gewi&szlig;,
+das war das einzige, was er tun konnte: sagen, da&szlig; die
+Zeit abgelaufen sei, und dann gehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du?&ldquo; sagte er. &bdquo;Was willst du, da&szlig; ich
+tun soll? Ich kann mich nicht losmachen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist
+unrecht, zu reisen. Die dort dr&uuml;ben verteidigen nur ihr
+Haus und Heim. Sage, da&szlig; du nicht gegen sie k&auml;mpfen
+willst.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann ist es um mich geschehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um daf&uuml;r zu
+sterben. Die Schwarzen haben uns nichts getan. La&szlig; sie
+in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land nicht nehmen,
+warum sollen wir ihres rauben?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Teresa,&ldquo; sagte Leutnant Ugo, &bdquo;sage mir jetzt mutig
+Lebewohl, wie eine R&ouml;merin. Ich mu&szlig; gehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, so geh!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Teresa!&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_265" id="page_265"></a>265</span>&bdquo;Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken.
+Du bist tot f&uuml;r mich.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden
+liegen. Sie sah ihn nicht einmal an. Er strich &uuml;ber ihr
+blauschwarzes Haar. Sie r&uuml;hrte sich nicht. Er seufzte
+tief, er wu&szlig;te nicht, was er sagen oder tun solle, und
+ging wirklich.</p>
+
+<p>Mit einem angstvollen Griff dr&uuml;ckte er Ninos Hand.
+Es war, als vertraute er ihm Teresa an. Abends gegen
+zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein paar
+gro&szlig;e Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine
+Menge Boote warteten darauf, die Soldaten hinzubringen.
+Einige tausend Menschen standen auf dem Kai,
+um die Abfahrt anzusehen.</p>
+
+<p>Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage!
+Fr&uuml;her im Winter hatte man nicht genug jubeln
+k&ouml;nnen, als die Truppen an Bord gef&uuml;hrt wurden. Jetzt
+lag nichts als D&uuml;sterkeit &uuml;ber den Wartenden. Man
+h&auml;tte am liebsten die Boote und die Dampfer versenkt,
+damit sie keinen Sohn Italiens nach dem verfluchten
+Barbarenland f&uuml;hren k&ouml;nnten. Die Soldaten kamen so
+still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik,
+keine Sch&uuml;sse, keine Hochrufe. Aber aus der wartenden
+Menge stieg ein dumpfes Murren der Emp&ouml;rung auf,
+und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie m&ouml;glich.
+Man war nicht ganz sicher, da&szlig; das Volk nicht auf
+den Gedanken verfiele, die Abfahrt zu verhindern.</p>
+
+<p>Teresa schien etwas &Auml;hnliches zu hoffen. &bdquo;Sie werden
+es nicht zulassen, Nino,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Alle diese M&auml;nner
+werden es nicht zulassen, da&szlig; man ihre S&ouml;hne fortf&uuml;hrt,
+damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde
+weggebracht, und die Menge lie&szlig; es geschehen. Einige
+Menschen durchbrachen die Reihen der Soldaten, aber
+nur um zu k&uuml;ssen und Abschied zu nehmen. Nino sah
+<span class="pagenum"><a name="page_266" id="page_266"></a>266</span>Leutnant Ugo am Kai stehen und die Einschiffung &uuml;berwachen.</p>
+
+<p>Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos
+Arm gehangen, jetzt aber sah er sie unten am Landungsplatz.
+Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er k&uuml;&szlig;te
+sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung l&ouml;sen. Es
+war die Reihe an ihn gekommen, einzusteigen.</p>
+
+<p>Sie schien sich zur&uuml;ckzuziehen, aber da sah Nino etwas
+Blankes in ihrer Hand leuchten. Sie schien den Leutnant
+noch einmal umarmen zu wollen. In demselben Moment
+wankte dieser und schrie auf.</p>
+
+<p>Nino eilte hinunter. Er ri&szlig; Teresa an sich. Er zog
+sie in den Volkshaufen, in das hei&szlig;este Gedr&auml;nge.</p>
+
+<p>&bdquo;Stehe hier still.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie lachte beinahe irrsinnig. &bdquo;Jetzt wird er nicht reisen,
+Nino,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Nino packte sie am Handgelenk. &bdquo;Schweig,&ldquo; sagte er
+und dr&uuml;ckte es so, da&szlig; es schmerzte.</p>
+
+<p>&bdquo;Meinethalben k&ouml;nnen die Gendarmen&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Nino dr&uuml;ckte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg.</p>
+
+<p>Das war ein Dr&auml;ngen, ein Hin- und Hersto&szlig;en. Nino
+blieb gelassen in dem dichtesten Get&uuml;mmel. Er versuchte
+nicht zu fliehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Recht so,&ldquo; fl&uuml;sterte ein Neapolitaner Nino zu. &bdquo;Nur
+stillstehen, da&szlig; die Gendarmen keinen Verdacht sch&ouml;pfen.
+Kein Neapolitaner wird euch verraten.&ldquo;</p>
+
+<p>Teresa begann pl&ouml;tzlich zu schluchzen.</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; das sein,&ldquo; sagte er, &bdquo;du darfst nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Und ihre Tr&auml;nen versiegten. Sie stand stumm und
+still da, so lange Nino es wollte. Er hatte sie ganz in
+seiner Gewalt.</p>
+
+<p>Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann
+nach der zu forschen, die ihn verwundet hatte. Nino und
+Teresa h&ouml;rten, wie man Fragen an die Menge stellte.
+&bdquo;Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?&ldquo;</p>
+
+<p>Es war eine gro&szlig;e Signorina&nbsp;&ndash; nein, eine kleine.&nbsp;&ndash;
+<span class="pagenum"><a name="page_267" id="page_267"></a>267</span>Hier hatte man sie gesehen&nbsp;&ndash; nein, hier. Sie hatte den
+Weg zur Station genommen&nbsp;&ndash; nein, nach Santa Lucia.
+Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach
+links.</p>
+
+<p>Nino f&uuml;hrte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten
+k&uuml;hn nach Hause. Er verlie&szlig; sich darauf, da&szlig; Leutnant
+Ugo sie nicht angeben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>In der Zeitung las er am n&auml;chsten Tag auch, da&szlig; der
+Leutnant erkl&auml;rt habe, er kenne die Frau nicht, die ihn
+verwundet hatte.</p>
+
+<p>Er war verwundet, aber nicht gef&auml;hrlich. In der n&auml;chsten
+Woche kam ein Brief von ihm an Teresa.</p>
+
+<p>Seit der Reise nach Neapel lie&szlig; sie sich in allem von
+Nino lenken und leiten. Nun kam sie auch mit dem
+Briefe zu ihm.</p>
+
+<p>&bdquo;Lies ihn, Nino,&ldquo; bat sie.</p>
+
+<p>Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben.</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es aus, Nino?&ldquo; fragte sie.</p>
+
+<p>Nino antwortete ja, so angstvoll, als verk&uuml;nde er ihr
+ein Todesurteil.</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; mich h&ouml;ren,&ldquo; sagte sie und richtete sich auf. Nino
+las ihr vor, da&szlig; Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. &bdquo;All
+meine Liebe ist tot,&ldquo; schrieb er, &bdquo;meine arme Liebe ist tot.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte ver&auml;chtlich die Achseln.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Liebe eines Signor vertr&auml;gt es wohl nicht, Blut
+zu sehen,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Du, Teresa,&ldquo; schrieb Leutnant Ugo, &bdquo;du warst f&uuml;r
+mich des Vaterlandes Stolz, du warst das wiedergeborene
+Rom, du warst das starke Weib der Vorzeit. Du warst
+die, die die R&ouml;mer einst zu Helden machen sollte, du
+solltest Seelenst&auml;rke genug haben, uns hinauszuschicken,
+um die Welt zu erobern. Vergib mir, da&szlig; ich mich
+t&auml;uschte. Nun wei&szlig; ich, da&szlig; die alten R&ouml;merinnen tot
+sind, die T&ouml;chter des neuen Rom senden keinen Mann
+hinaus, um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut,
+ihn zu hindern, seine Pflicht zu tun.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_268" id="page_268"></a>268</span>Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. &bdquo;Ich will nicht
+mehr h&ouml;ren,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Nino schwieg.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn ich es nicht getan h&auml;tte, Nino,&ldquo; sagte sie,
+&bdquo;w&auml;re er jetzt tot. Ich verstehe nicht, was er meint. Ich
+sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen. Da l&auml;ge er jetzt,
+wenn ich nicht gewesen w&auml;re. Wie h&auml;tte ich ihn da ziehen
+lassen k&ouml;nnen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Findest du auch, Nino, da&szlig; ich feige bin?&ldquo; fragte
+sie. &bdquo;Bin ich entartet? Habe ich keinen Tropfen R&ouml;merblut
+in meinen Adern?&ldquo;</p>
+
+<p>Nino sah zu ihr auf, wie sie da sch&ouml;n und stolz und
+trotzig vor ihm stand. Er liebte sie so, wie er sie immer
+geliebt hatte, und er sah seine ganze Zukunft vor sich.
+Sie w&uuml;rde nie heiraten, er w&uuml;rde sie nie verlassen k&ouml;nnen,
+und sie w&uuml;rden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin,
+er als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war,
+in der er beinahe Herrscher gewesen war, die kehrte nicht
+zur&uuml;ck. Sie w&uuml;rde bald wieder die Z&uuml;gel der Gewalt an
+sich nehmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Sag mir, Nino,&ldquo; fragte sie, &bdquo;waren die Frauen des
+alten Rom wilde Tiere? Gaben sie zu, da&szlig; man ihnen
+das raubte, was sie liebten?&ldquo;</p>
+
+<p>Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue
+Italien von dem alten unterschied, aber er schlo&szlig; die
+Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte, er war aufs
+neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete,
+wie sie es w&uuml;nschte, in ihren Adern flie&szlig;e R&ouml;merblut,
+das edelste R&ouml;merblut.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_269" id="page_269"></a>269</span></p>
+<h2><a name="nr17" id="nr17"></a><a href="#inhalt">Die Rache bleibt nicht aus</a></h2>
+
+
+<p>Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner
+einen Seite erhob sich eine Reihe zackiger K&uuml;stenberge,
+an der andern ein gleichm&auml;&szlig;ig hoher Kamm, den dichter
+Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und
+rings um sie her war eine weite, offne Gegend, in der
+aller Wald ausgerodet war.</p>
+
+<p>Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang
+lag brennend hinter den K&uuml;stenbergen. Leute,
+die den ganzen Tag drinnen in den H&uuml;tten geschlafen
+hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und
+spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer
+der vier Ecken der Welt her Tanzmusik erschalle. Wem
+es gl&uuml;ckte, einen einzigen Geigenton aufzufangen, der
+machte sich davon &uuml;ber die schmalen, schneeigen Dorfwege
+und kam dann wie von ungef&auml;hr dahergegangen,
+langsam und bed&auml;chtig, aber die &bdquo;Tanzh&uuml;tte&ldquo; als sichres
+Ziel im Sinn.</p>
+
+<p>So kam Gruppe auf Gruppe zur T&uuml;r Arilds, des
+K&ouml;hlers am Waldessaum, hereingeglitten. Da fragte niemand
+danach, wer kam; der neue Gast stand ein Weilchen
+unten an der T&uuml;r und gew&ouml;hnte die Augen an den
+Rauch, der sich unter dem Rauchfange hervorw&auml;lzte und
+in das Zimmer qualmte, bis er den Weg zu dem Loch
+im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ank&ouml;mmling
+auch ins Spiel. Der Reigentanz ging &uuml;ber den
+blo&szlig;en Erdboden, das Stroh war weggetreten, die Ferkel
+hatte man von der Grube unter das Dachloch geschafft,
+wo sie sich am liebsten aufhielten; gro&szlig;er Schwingraum
+war nicht vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige,
+und der Tanz verlief drinnen im Winterquartier ebensogut,
+wie er an einem Sommerabend &uuml;ber den Waldeshang
+gegangen w&auml;re.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_270" id="page_270"></a>270</span>Arild hatte eine Frau, die Tora hie&szlig;; die pflegte sich
+immer in eine dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum
+Tanze lud. Sie war menschenscheu und schreckhaft, war
+fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand
+in dem Rufe, mehr sehen zu k&ouml;nnen, als andre.</p>
+
+<p>An diesem Abend war sie ungew&ouml;hnlich vergn&uuml;gt, sie
+versteckte sich nicht, sondern sa&szlig; vorn am Kamin, die
+Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig Farbe
+in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie
+Wasser waren, blickten lebendig, und sie bewegte die
+gro&szlig;en H&auml;nde, w&auml;hrend sie sprach. Wenn die Leute sie
+bemerkten, traten sie aus den Reihen der Tanzenden und
+kamen heran, um sie zu begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie
+fest, bis sie das erz&auml;hlt hatte, was ihr heute morgen
+geschehen war. Es bereitete ihr Verlegenheit, es herauszubringen,
+aber gleichzeitig war sie doch so stolz darauf,
+da&szlig; sie es nicht verschweigen konnte.</p>
+
+<p>Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbei&szlig;en,
+wenn sie erz&auml;hlte, was sie gesehen und getr&auml;umt
+hatte. Nun sollte man sich aber &uuml;berzeugen, da&szlig; ihre
+prophetische Gabe etwas wert sei.</p>
+
+<p>Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr getr&auml;umt,
+da&szlig; ihre drei Ziegen droben im dichten Wald in die
+Irre gingen. Sie hatte sie so j&auml;mmerlich meckern h&ouml;ren,
+da&szlig; sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle
+Ziegen in ihrer H&uuml;rde unten an der T&uuml;r, und sie hatte ja
+zuerst gedacht, dies sei nur ein gew&ouml;hnlicher Traum.
+Aber dann war eine Unruhe &uuml;ber sie gekommen: &bdquo;Nein,
+nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,&ldquo; hatte sie zu
+sich selbst gesagt.</p>
+
+<p>Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider
+geh&uuml;llt, hatte das Nebelhorn &uuml;ber die Schulter geworfen
+und war in den Wald hinaufgewandert. Sie war vom
+Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes
+gegangen und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu
+<span class="pagenum"><a name="page_271" id="page_271"></a>271</span>verirren. Sie lachte leise, als sie das erz&auml;hlte. Ob sie
+w&uuml;&szlig;ten, was das w&auml;re, im dichten Walde vom Wege abzukommen?
+Grundloser Boden, der bei keiner K&auml;lte zufr&ouml;re,
+Gestr&uuml;pp, das jeden leeren Raum zwischen den
+St&auml;mmen ausf&uuml;lle, Schneehaufen und Wurzeln und
+stechende Dornen und umgest&uuml;rzte B&auml;ume, so sei es oben
+im Wald.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber dort oben fand ich drei wilde B&ouml;cke,&ldquo; sagte sie.
+&bdquo;Kommt und seht, was ich dort fand.&ldquo; Sie f&uuml;hrte
+ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu dem
+Bette hin, das mauerfest und durch T&uuml;ren gesch&uuml;tzt war.
+Sie &ouml;ffnete die T&uuml;re, leuchtete mit einem Kienspan hinein,
+und da sah man drinnen drei M&auml;nner liegen. Sie
+waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren
+sie, da&szlig; die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre
+Wangen warfen, aber ihre Z&uuml;ge waren k&uuml;hn und sch&ouml;n.
+Sie schliefen so fest, da&szlig; weder der Tanz, noch Toras
+Vorzeigen sie wecken konnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Das sind meine drei wilden B&ouml;cke, die ich im
+Dickicht gefunden habe,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Es sind drei arme
+Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt haben und
+dort acht Tage umhergewandert sind. W&auml;re ich nicht
+gekommen, so w&auml;ren sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe
+ich Essen f&uuml;r sie gekocht, und jetzt schlafen sie. Seht, wie
+sie schlafen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten lie&szlig;, Tora,&ldquo;
+sagten ihre G&auml;ste.</p>
+
+<p>&bdquo;Gott wollte, da&szlig; ich nicht allezeit zum Gesp&ouml;tt sein
+sollte,&ldquo; sagte das Weib.</p>
+
+<p>So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit
+herankam, da wurde die Freude unterbrochen. Die T&uuml;r
+wurde mit Macht aufgesto&szlig;en, und ein langer, gro&szlig;er
+Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden,
+stellte sich mitten in den Raum und erhob die Hand.</p>
+
+<p>Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den
+Tanz in der Sonntagsnacht zu verbieten. Er hatte an
+<span class="pagenum"><a name="page_272" id="page_272"></a>272</span>diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren W&auml;nden
+gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest m&uuml;&szlig;ten
+alle Menschen dahingerafft haben, aber nein, hier waren
+sie, hier in der Spielh&uuml;tte waren sie zu finden. Und der
+Pfarrer verk&uuml;ndigte Bu&szlig;e und Kirchenstrafe &uuml;ber sie alle.</p>
+
+<p>Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt
+h&ouml;ren. Und er sprach und zertr&uuml;mmerte ihre Freude und
+schreckte sie mit dem furchtbaren k&uuml;nftigen Leben, so da&szlig;
+sie vermeinten, niemals mehr den Fu&szlig; zum Tanze heben
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Tanzet nun, wenn es euch gel&uuml;stet,&ldquo; sagte der Pfarrer,
+&bdquo;tanzet nun, ihr wi&szlig;t jetzt, wohin ihr tanzet.&ldquo;</p>
+
+<p>Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen
+verlegen da und suchten sich tapfer zu halten, sie begannen
+aber bald leise zu schluchzen. Ein Dirnlein, das eben noch
+am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie und k&uuml;&szlig;te
+die Hand des Pfarrers.</p>
+
+<p>Keiner wagte ihm zu widersprechen, au&szlig;er Tora. Sie,
+der sonst immer bange war, kam breit und ihrer Sache
+sicher heran. &bdquo;Pfarrer,&ldquo; sagte sie, &bdquo;hier haben wir jeden
+Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies
+ein Haus Gottes. Du sollst h&ouml;ren, wie Gott heute seinen
+Segen &uuml;ber mich ergossen hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du Hexe,&ldquo; sagte der Pfarrer, &bdquo;willst du schweigen!
+Was an Segen zu dir kommt, das ist des Teufels Segen.
+Heute abend rede ich zu Menschen, die sich bekehren und
+bessern k&ouml;nnen. Mit dir rechne ich ein andermal ab.&ldquo;</p>
+
+<p>Damit ging der Pfarrer, und in der H&uuml;tte herrschte
+gro&szlig;e Betr&uuml;bnis. Arild versuchte ein paar Striche auf
+der Geige, aber er legte sie gleich wieder fort. Die meisten
+von denen, die getanzt hatten, gingen heim.</p>
+
+<p>Tora sa&szlig; wieder am Herde, sie warf neue Scheite in
+die Glut und schien ebenso froh wie zuvor. Einige, die
+sahen, da&szlig; sie den Mut nicht verloren hatte, gingen auf
+sie zu und begannen, &uuml;bel vom Pfarrer zu sprechen.</p>
+
+<p>&bdquo;Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_273" id="page_273"></a>273</span>sagte ein Bauer. &bdquo;Fr&uuml;her, als er noch dem Papste zugeh&ouml;rte,
+durfte man sogar im Pfarrhof tanzen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, wei&szlig;t du, Tora,&ldquo;
+sagte ein andrer.</p>
+
+<p>&bdquo;Tut er mir etwas, dann werde ich schon erz&auml;hlen,
+wie er zu seinem Gelde gekommen ist,&ldquo; sagte Tora.</p>
+
+<p>Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erz&auml;hlte
+sie: &bdquo;Der Pfarrer, Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er
+hatte einen Bruder, der ein Gro&szlig;bauer und sehr reich war.</p>
+
+<p>Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof,
+der n&auml;her zur Kirche lag, als sein eigner. Und sobald er
+in den Hof gekommen war, fing er an, nach dem Gelde
+des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden.
+Er grub in der Erde und ri&szlig; die Kellermauer und die
+K&uuml;chenwand ein, um das Geld zu finden, aber es wollte
+sich ihm nicht zeigen.</p>
+
+<p>Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in
+langen Gebeten zu Gott darum flehte. Und Herr Ane
+wurde krank und verzweifelt vom Suchen und Nichtfinden.</p>
+
+<p>In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus,
+weil er seinen Kummer nicht verhehlte. &sbquo;Hast du meines
+Bruders Geld gesehen?&lsquo; konnte er den &auml;rmsten Bettler
+fragen.</p>
+
+<p>Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein
+armes Bettelweib, das von Hof zu Hof zog, eines Abends
+in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr Unterkunft
+f&uuml;r die Nacht zu gew&auml;hren.</p>
+
+<p>&sbquo;Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen
+kannst, wo mein Bruder sein Geld verwahrt hat,&lsquo; sagte
+Herr Ane zu ihr.</p>
+
+<p>&sbquo;Wenn ich das w&uuml;&szlig;te, Herr Ane,&lsquo; sagte Mutter, &sbquo;dann
+brauchte ich wohl nicht auf der Landstra&szlig;e umherzuziehen
+und mein Brot zu erbetteln.&lsquo;</p>
+
+<p>Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er
+m&ouml;ge ihr Obdach gew&auml;hren, denn es war nicht gut f&uuml;r
+<span class="pagenum"><a name="page_274" id="page_274"></a>274</span>sie, in ihrem hohen Alter drau&szlig;en unter freiem Himmel
+zu liegen.</p>
+
+<p>Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt h&auml;tte,
+m&uuml;sse es sein Bewenden haben, und sie k&ouml;nne kein Obdach
+bekommen, wenn sie ihm das Geld nicht verschaffe.</p>
+
+<p>&sbquo;Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach
+im Pfarrhof haben bis zu meiner Todesstunde?&lsquo; sagte
+Mutter.&nbsp;&ndash; &sbquo;Das sollst du,&lsquo; sagte Herr Ane.</p>
+
+<p>Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was
+sie auf sich genommen hatte, Herr Ane m&ouml;ge ihr gro&szlig;e
+Linnenlaken geben, und in die h&uuml;llte sie sich, als w&auml;re sie
+eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm
+Graberde und streute sie &uuml;ber sich, und dann lie&szlig; sie sich
+von Herrn Ane die Kirchent&uuml;r &ouml;ffnen, und er folgte ihr
+in die Kirche und half ihr auf einen Dachbalken.</p>
+
+<p>Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem
+Dache. Aber sie erduldete alles mit fr&ouml;hlichem Mute, in
+der Hoffnung, sich dadurch ein gesch&uuml;tztes Alter zu erringen.</p>
+
+<p>Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es
+hell in der Kirche, und ein paar Steine im Boden hoben
+sich, und einer der Toten kam herauf in die Kirche. Es
+war ein gro&szlig;er, derber Mann, er ging mehrere Male um
+die Kirche herum, da erblickte er meine Mutter. &sbquo;Bist
+du tot?&lsquo; sagte er zu ihr. Und sie wagte nicht zu antworten.
+Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr
+hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme:
+&sbquo;Ja, ich bin tot.&lsquo; Und da lie&szlig; er sie sein.</p>
+
+<p>Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er
+ging nun wieder zu seinem Grabe. Er holte daraus eine
+Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und Mutter
+sagte, sie h&auml;tte gesehen, wie er die Gold- und Silberm&uuml;nzen
+nahm und mit ihnen spielte; er warf sie &uuml;ber sich,
+als sitze er im Bade und bespritze sich mit Wasser.</p>
+
+<p>Aber als er sich satt gespielt hatte, sch&uuml;ttete er das
+Geld ins Grab hinunter und stieg in seinen Sarg, und
+<span class="pagenum"><a name="page_275" id="page_275"></a>275</span>die Steine legten sich von selbst wieder auf ihren Platz
+zurecht.</p>
+
+<p>Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken h&auml;ngen,
+und dann kam der Pfarrer, Herr Ane, und fragte,
+ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war frisch
+und gesund. &sbquo;Dann komm und i&szlig; einen Bissen,&lsquo; sagte der
+Pfarrer. &sbquo;Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen
+f&uuml;r meine alten Tage,&lsquo; sagte Mutter.</p>
+
+<p>Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann
+lie&szlig; sie den Boden &uuml;ber seines Bruders Grab aufbrechen
+und den Sarg herausheben. Und als sie dies taten, war
+nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte:
+&sbquo;Seht nun nach, was noch in dem Grabe liegt,&lsquo; da begann
+der Tote sich in seinem Sarge hin und her zu w&auml;lzen.
+Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich mit der
+Arbeit zu sputen.</p>
+
+<p>Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie
+h&ouml;rte, wie der Tote drinnen arbeitete. Und sie holten
+aus dem Grabe eine gro&szlig;e Tonne voll Gold- und Silbergeld.
+Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder
+unten im Grabe hatten und der Kirchenboden &uuml;ber ihm
+geschlossen war.</p>
+
+<p>&sbquo;Gib mir zu essen,&lsquo; sagte meine Mutter dann zum
+Pfarrer, &sbquo;ich habe jetzt ein t&uuml;chtiges St&uuml;ck Arbeit f&uuml;r dich
+getan.&lsquo;</p>
+
+<p>Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben
+Tage bei sich, dann hie&szlig; er sie wieder gehen.</p>
+
+<p>Als Mutter so von neuem auf die Stra&szlig;e geworfen
+war, verfluchte sie ihn und sagte: &sbquo;Das Geld, das ich dir
+verschafft habe, soll dein Ungl&uuml;ck werden.&lsquo;</p>
+
+<p>Und Mutter erz&auml;hlte, der Pfarrer h&auml;tte ihr gesagt, er
+f&uuml;rchte sich vor nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&sbquo;Die Rache bleibt nicht aus,&lsquo; sagte Mutter. Das war
+Mutters Sprichwort, da&szlig; die Rache nicht ausbleibe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_276" id="page_276"></a>276</span>Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,&ldquo; fuhr
+Tora fort, &bdquo;und nun hei&szlig;t er ihre Tochter eine Hexe.
+Er h&auml;tte die gro&szlig;e Kiste neben seinem Bett nicht so
+vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen
+w&auml;re,&ldquo; fuhr Tora fort und richtete sich auf. &bdquo;Er
+k&ouml;nnte nicht dasitzen und Geld &uuml;ber sich werfen und
+w&auml;lzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der
+Tote, wenn meine Mutter ihm nicht geholfen h&auml;tte.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Tora dies sagte, h&ouml;rte man ein leises Scharren.
+Es war nicht ganz nahe, aber auch nicht weit weg. Niemand
+wu&szlig;te, was es sein k&ouml;nnte. Es war, als versuche
+jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen.</p>
+
+<p>&bdquo;Wer schleift Messer in meinem Hause?&ldquo; rief Tora
+pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespr&auml;ch
+wieder in Flu&szlig; gekommen war, begann es aufs neue zu
+knirschen und zu scharren.</p>
+
+<p>Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und
+sah hinein. Da lagen die drei Wanderer ausgestreckt und
+schliefen, wie sie den ganzen Abend geschlafen hatten.</p>
+
+<p>Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das
+Unwesen abermals. Jeder h&ouml;rte deutlich, wie Messer
+gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen wurden.
+&bdquo;Gott helfe uns, das ist ein Omen,&ldquo; sagte Tora. &bdquo;M&ouml;ge
+uns nichts B&ouml;ses widerfahren, weil wir &Uuml;bles vom Pfarrer
+gesprochen haben!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber am n&auml;chsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane,
+ermordet in seinem Bett, und sein gro&szlig;er Geldschrein war
+verschwunden. Und es wurde allsogleich bekannt, da&szlig;
+die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem K&ouml;hler
+gelegen und ihre M&uuml;digkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber
+des Mordes waren.</p>
+
+<p>Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erz&auml;hlen
+h&ouml;ren, w&auml;hrend sie dalagen und taten, als schliefen sie.
+Und sie hatten sofort den Mord geplant und sich daran
+gemacht, ihre Messer zu schleifen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_277" id="page_277"></a>277</span>Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes
+wie ein Wahrspruch durch die Umgegend. &bdquo;Die
+Rache bleibt nicht aus,&ldquo; sagt man. &bdquo;Gott kann mit einer
+Sage f&auml;llen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die
+Rache bleibt nicht aus.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr18" id="nr18"></a><a href="#inhalt">Die Geisterhand</a></h2>
+
+
+<p>Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte
+an der Glocke des Doktors. Das erste L&auml;uten hatte
+keinen Erfolg, aber als das zweite und dritte L&auml;uten verrieten,
+da&szlig; es unersch&uuml;tterlicher Ernst war, kam Doktors
+Karin durch die K&uuml;chent&uuml;r, um zu sehen, was es gebe.
+Und als Karin eine Weile unterhandelt hatte, mu&szlig;te sie
+sich darein finden, den Doktor zu wecken. Sie klopfte an
+die Schlafzimmert&uuml;r.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor.
+Der Herr Doktor mu&szlig; hin.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist sie krank?&ldquo; ert&ouml;nte es von drinnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, da&szlig;
+sie etwas &sbquo;gesehen&lsquo; hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich lasse gr&uuml;&szlig;en und komme.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das
+M&auml;gdegeschw&auml;tz &uuml;ber seine Braut zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben,
+dachte er, w&auml;hrend er sich ankleidete. Nun liegt doch
+das Haus mitten in der Stadt, nicht das geringste Romantische
+daran. Ein ganz gew&ouml;hnliches, h&auml;&szlig;liches, altes
+Haus, eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber
+der Geisterspuk nistet sich dort fest.</p>
+
+<p>Wenn es noch in einem finstern G&auml;&szlig;chen l&auml;ge oder ein
+wenig au&szlig;erhalb der Stadt in irgendeinem verwilderten
+Garten, wo unheimliche alte B&auml;ume die Fensterscheiben
+peitschten in solch einer st&uuml;rmischen Winternacht! Aber
+es hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und
+die Zuckerfabrik ganz in der N&auml;he! Sollte man nicht
+<span class="pagenum"><a name="page_278" id="page_278"></a>278</span>glauben, da&szlig; die Zuckerfabrik mit allem ihrem Rasseln
+und Kochen und den gro&szlig;en gl&uuml;henden Dampfkesseln
+es dem Gespenst unbehaglich machen m&uuml;&szlig;te? Aber nein&nbsp;&ndash;
+durchaus nicht.</p>
+
+<p>Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung
+verdienen. Es hatte Energie, unglaubliche Energie und
+die F&auml;higkeit, sich im Bewu&szlig;tsein der Leute zu erhalten.
+Man gab wohl zu, da&szlig; es sich jetzt etwa zwanzig Jahre
+nicht hatte sehen lassen, seit die Fr&auml;ulein Burmann in
+die Geisterzimmer gezogen waren. Aber hatte jemand es
+vergessen? Das zeigte sich ja jetzt: blo&szlig; weil Ellen ganz
+pl&ouml;tzlich krank geworden war, mu&szlig;te es gleich hei&szlig;en,
+sie h&auml;tte etwas gesehen.</p>
+
+<p>Da&szlig; sie sich vor etwas erschreckt h&auml;tte, ja, das war
+wohl nicht unm&ouml;glich. Sie war wie pr&auml;destiniert, Gespenster
+zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben mit den zwei
+nerv&ouml;sen, alten Tanten verbracht hatte. Und da&szlig; es ein
+Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer geh&ouml;rt und
+geglaubt. Von Kindheit auf war ihre Phantasie durch
+das alles aufgereizt.</p>
+
+<p>Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten
+gewesen war, hatte sie ihm gleichsam triumphierend gesagt:
+&bdquo;Hier ist das Geisterzimmer,&ldquo; in einem Ton, als
+zeige sie eine Familienkostbarkeit.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem
+Zimmer Karten zu spielen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, warum nicht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler
+macht, den allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine
+Hand und legt sich neben ihm auf den Spieltisch.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was f&uuml;r eine Hand?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Eine alte, h&auml;&szlig;liche Hand mit schweren Diamantringen
+auf den krummen Fingern und mit echten Spitzen ums
+Handgelenk.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun und dann?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, man sieht nichts als die Hand.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_279" id="page_279"></a>279</span>&bdquo;Aber woher kommt das?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das wei&szlig; niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie hatte das sehr keck erz&auml;hlt; aber wer konnte wissen,
+wer konnte wissen? Sie glaubte wohl an den Spuk.</p>
+
+<p>&bdquo;So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die
+Tischkante heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt.
+Hu, und dann weist sie mit einem gro&szlig;en, gekr&uuml;mmten
+Finger auf eine der Karten! Sie hat N&auml;gel wie Klauen,
+gekr&uuml;mmt und spitzig.&ldquo;</p>
+
+<p>Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl
+nicht. Sie hatte ja gerade das Gespensterzimmer zu ihrem
+Zimmer erw&auml;hlt&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Der Doktor jagte an der gro&szlig;en Zuckerfabrik vor&uuml;ber,
+wo die Arbeit die ganze Nacht fortging, und gelangte &uuml;ber
+die hohe Steintreppe in das Haus.</p>
+
+<p>Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken.
+Im Stiegenhaus stand eine lange Gestalt, ganz in einen
+schwarzen Schal eingerollt. Tante Malin war selbst heruntergekommen,
+um ihm die Stiege hinaufzuleuchten.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie geht es Ellen?&ldquo; fragte der Doktor.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie gut von dir, da&szlig; du so rasch gekommen bist,&ldquo;
+sagte Tante Malin. &bdquo;Ich wei&szlig; nicht, was sie hat. Du
+mu&szlig;t kommen und selbst sehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war.
+Der Doktor bekam erst jetzt den lebendigen Eindruck, da&szlig;
+wirklich Gefahr im Verzuge w&auml;re.</p>
+
+<p>&Auml;rgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen
+sollte, mit dem kleinen M&auml;dchen dort oben, das er sich
+zur Frau gew&auml;hlt hatte! Er hatte in seinem ganzen Leben
+keine gesehen, die ihm besser gepa&szlig;t h&auml;tte. Recht sch&ouml;n,
+und keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten,
+und nat&uuml;rlich streng erzogen, ans Heim gew&ouml;hnt, t&uuml;chtig
+im H&auml;uslichen, friedfertig.</p>
+
+<p>Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante
+Malin wieder an ihn.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir erwachten mitten in der Nacht davon, da&szlig; sie
+<span class="pagenum"><a name="page_280" id="page_280"></a>280</span>so furchtbar schrie, und wir haben sie seitdem nicht beruhigen
+k&ouml;nnen. Wir wu&szlig;ten uns keinen andern Rat,
+als dich holen zu lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie &ouml;ffnete die T&uuml;r zu Ellens Zimmer, steckte den
+Kopf hinein und sagte, da&szlig; er gekommen sei. Gleich
+darauf wurde er eingelassen.</p>
+
+<p>Drinnen war es so hell, da&szlig; er im ersten Augenblick
+kaum etwas sehen konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht,
+was es in der Wohnung an Lampen und Leuchtern
+gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar,
+da&szlig; dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal
+gewesen war.</p>
+
+<p>Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und
+gerade da hatte die Gespensterhand sich gezeigt. Das
+mu&szlig;te einen Schrecken und einen Aufstand gegeben
+haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um
+zu wissen, wie sie ausgesehen haben mochten.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; mitten im Zimmer in einem gro&szlig;en Lehnstuhl,
+sie hielt sich ganz aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden
+Blicken um, war bleich, von einer richtigen Totenfarbe,
+ihre Z&auml;hne schlugen aufeinander, und sie bebte.</p>
+
+<p>Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer ger&uuml;ckt. Es
+war einer mit freien F&uuml;&szlig;en. Kein M&ouml;bel stand in der
+N&auml;he, nichts konnte darunter verborgen liegen und pl&ouml;tzlich
+hervorkriechen.</p>
+
+<p>Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt
+jetzt die Augen fest, ganz fest auf den Schatten des
+Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke des Kachelofens
+streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht,
+da&szlig; er ihr irgendeinen h&auml;&szlig;lichen Streich spielen wolle.
+Sie zog die R&ouml;cke an sich, wie um bereit zu sein, zu
+fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und sich als
+etwas entpuppte, vielleicht als eine gro&szlig;e Hand mit
+Fingern und Klauen. Der Doktor r&uuml;ckte also in aller
+Eile eine Lampe hin&uuml;ber, so da&szlig; ihr Licht in die Ecke
+fiel. Sie sank wieder in den Stuhl.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_281" id="page_281"></a>281</span>Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport
+ab wie Tante Malin.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir erwachten davon, da&szlig; sie schrie, als w&auml;re sie
+wahnsinnig geworden, und so ist sie dann die ganze Zeit
+gewesen. Sie will nur Licht haben, immer mehr Licht.
+Was, glaubst du, kann das sein?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken,&ldquo; fl&uuml;sterte
+der Doktor.</p>
+
+<p>So, nun waren ihre Blicke bem&uuml;ht, sich hinter eine
+Gardine einzubohren. Er ging einmal ums Zimmer. Es
+konnte ja m&ouml;glich sein, da&szlig; er entdeckte, was sie erschreckt
+hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes Briefpapier.
+Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die
+Feder war ihr aus der Hand gefallen und &uuml;bers Papier
+gerollt. Ein Billett, das er ihr sp&auml;t abends geschickt hatte,
+um zu fragen, ob sie und die Tanten am n&auml;chsten Tag
+einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben.</p>
+
+<p>Es war offenbar, da&szlig; sie sich an den Schreibtisch gesetzt
+hatte, um ihm zu antworten. Sie hatte eben &bdquo;Mein
+gel&nbsp;&hellip;&ldquo; geschrieben. Dann war sie erschrocken und hatte
+die Feder fallen lassen.</p>
+
+<p>Der Doktor f&uuml;hlte, wie die Blicke der Tanten ihm
+folgten. Sie wunderten sich wohl, da&szlig; er kein Wort zu
+Ellen sagte. Das erste, was er tun mu&szlig;te, war, alle
+aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als
+auch Tante Berta und das Hausm&auml;dchen, damit sie den
+Schrecken nicht in ihr wach erhielten.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich glaube, sie wird mir schon alles erz&auml;hlen, wenn
+ich allein mit ihr sprechen kann,&ldquo; sagte er und hatte rasch
+das Zimmer ausger&auml;umt.</p>
+
+<p>Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie.</p>
+
+<p>Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann!
+Er h&auml;tte Ellen kaum wiedererkannt. Ruhe, friedvolle
+Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens. Er war
+davon bezaubert worden, da&szlig; er sie immer gleich ruhig
+<span class="pagenum"><a name="page_282" id="page_282"></a>282</span>fand: eine f&ouml;rmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten
+zu behandeln. Sie sah kaum von der Stickerei auf, wie
+sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal gleichsam
+eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam,
+vermeinte er eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im
+Lampenscheine am Arbeitstisch sitzen zu sehen. Er hatte
+ein deutliches Bild des feinen Nackens und der kleinen
+H&auml;nde empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie
+geschm&uuml;ckt. Darauf hatte er um sie angehalten.</p>
+
+<p>Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte
+Wildheit. Gerade, was er nicht wollte. Eine hysterische
+Frau! Ah, Gott beh&uuml;te, Gott beh&uuml;te!</p>
+
+<p>&bdquo;Sag, Ellen, was hast du?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Mir mu&szlig;t du es sagen, verstehst du?&ldquo; sagte er ein
+bi&szlig;chen streng.</p>
+
+<p>Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein
+Schimmer von Hoffnung in ihnen auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.&ldquo;</p>
+
+<p>Es war schade um ihre sch&ouml;nen, hellen Augen. Sie
+hatten auf dem, mit dem sie gesprochen hatte, immer
+mit einem Schimmer geruht, so still wie der der Sonne.
+Sie waren vielleicht gl&auml;nzender jetzt. Aber das war ein
+Glanz, nach dem er eigentlich gar nicht fragte.</p>
+
+<p>Sie k&auml;mpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den
+Unterkiefer nicht still halten. Sie stopfte ein Taschentuch
+zwischen die Z&auml;hne, damit man nicht h&ouml;rte, wie sie aufeinanderschlugen.</p>
+
+<p>Endlich h&ouml;rte er sie ein paar Worte sagen. Sie sa&szlig;
+da und schlug mit der einen Hand auf die andre und
+dachte laut. &bdquo;Ich mu&szlig; es ihm sagen. Ich mu&szlig;, ich mu&szlig;.
+Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich
+herabgestimmt dabei. Es glich am ehesten der Stimmung,
+die &uuml;ber einen kommt, wenn man im Frack in
+einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen.
+<span class="pagenum"><a name="page_283" id="page_283"></a>283</span>Man f&uuml;hlt, wie man seine ganze Gr&ouml;&szlig;e und
+W&uuml;rde einb&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Sie gestand mit einem Male, da&szlig; sie ihn nicht lieb
+h&auml;tte. Sie h&auml;tte ihn gern heiraten wollen, aber blo&szlig;
+um von daheim wegzukommen.</p>
+
+<p>H&auml;tte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er h&auml;tte
+dar&uuml;ber lachen k&ouml;nnen, wie dieses Kind sich nach einem
+Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten besten. Sie war
+so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten
+wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und
+wu&szlig;ten selbst nicht, wie sie sie qu&auml;lten.</p>
+
+<p>Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte
+gleichsam, er m&ouml;chte sie doch verstehen und f&uuml;r sie f&uuml;hlen.
+Er wu&szlig;te ja, wie die Tanten waren, er hatte sie ja viele
+Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so eigen, so
+voll fixer Ideen und Be&auml;ngstigungen. Tante Malin erwartete
+immer eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte
+immer, da&szlig; sie auf der Stra&szlig;e &uuml;berfahren werden w&uuml;rde.
+Er wu&szlig;te, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen, weiter
+bei ihnen bliebe, w&uuml;rde sie ebenso wunderlich werden.</p>
+
+<p>Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und
+sie hatte die Tanten gebeten, fortgehen und arbeiten zu
+d&uuml;rfen. Das hatten die nat&uuml;rlich nicht erlauben wollen.
+Da k&ouml;nnte er doch begreifen, da&szlig; ihr nichts andres &uuml;brig
+geblieben w&auml;re, als zu heiraten.</p>
+
+<p>Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob
+sie bei einer Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich
+nichts machte, nicht gef&uuml;rchtet h&auml;tte, ein noch &auml;rgeres
+Leben f&uuml;hren zu m&uuml;ssen, als hier bei den Tanten.</p>
+
+<p>Ach nein, &auml;rger k&ouml;nnte es wohl nie sein. Ein Mann
+w&auml;re wenigstens manchmal fort. Die Tanten w&auml;ren den
+ganzen Tag zu Hause.</p>
+
+<p>Nun, da sie schon so offenherzig w&auml;re&nbsp;&ndash; ob es ihr
+nie in den Sinn gekommen w&auml;re, ihn lieb zu haben? Sie
+sch&uuml;ttelte den Kopf; das war etwas, was ganz au&szlig;erhalb
+des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu h&auml;&szlig;lich
+<span class="pagenum"><a name="page_284" id="page_284"></a>284</span>w&auml;re? Nein; sie schlug beteuernd die Augen auf. Ob
+er langweilig w&auml;re? Sie machte eine abwehrende Handbewegung.
+Was f&uuml;r ein Fehler also an ihm w&auml;re? Er
+sei zu kalt. Ja so, er war zu kalt.</p>
+
+<p>Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer.
+Das war doch unglaublich, da&szlig; ein solches Kind da herumgegangen
+war und etwas Derartiges zusammengebraut
+hatte. Hatte sich von ihm k&uuml;ssen lassen, ohne eine Spur
+von Neigung f&uuml;r ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre
+Rolle gar nicht schlecht gespielt. Er war der Betrogne
+gewesen. Und da&szlig; er so unsympathisch sein sollte, da&szlig;
+ein junges M&auml;dchen gar nicht daran denken k&ouml;nnte, ihm
+gut zu sein&nbsp;&hellip;!</p>
+
+<p>Aber nat&uuml;rlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes
+Leben gef&uuml;hrt. Er konnte schon begreifen, da&szlig; ihr viel
+daran gelegen hatte, sich zu verheiraten. Das war ihr
+wohl wie eine Erl&ouml;sung f&uuml;rs ganze Leben gewesen. Sie
+legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu
+zeigen. Es fiel ihr gar nicht ein, da&szlig; sie ihn verletzte. Sie
+mu&szlig;te wohl glauben, da&szlig; er gepanzert sei, ganz eisenhart.</p>
+
+<p>Ihre Stimme erhob sich pl&ouml;tzlich zu einem Schrei. &bdquo;Du
+wei&szlig;t ja,&ldquo; sagte sie, &bdquo;da&szlig; alle, die falsch spielen, in
+diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich habe sie gesehen.
+Ich sa&szlig; dort, dort.&ldquo; Und sie wendete sich heftig
+zum Schreibtisch. &bdquo;Dort hab' ich sie gesehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Glaubst du nicht, da&szlig; ich sie gesehen habe?&ldquo; fuhr sie
+fort und bohrte ihre Augen in ihn, als wolle sie die
+Wahrheit hervorzwingen.</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; mich h&ouml;ren, wie es war,&ldquo; sagte er beruhigend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, du wei&szlig;t doch, da&szlig; du mir am Abend geschrieben
+hattest, und ich wollte die Antwort schreiben, bevor ich
+mich niederlegte. Aber als ich mich an den Schreibtisch
+setzte, wurde ich unruhig und sa&szlig; lange da und dachte,
+denn ich wu&szlig;te nicht, wie ich die &Uuml;berschrift schreiben
+sollte. Ich mu&szlig;te ja &sbquo;geliebter&lsquo; schreiben, aber das kam
+mir nicht recht vor. Es war das erstemal, da&szlig; ich an
+<span class="pagenum"><a name="page_285" id="page_285"></a>285</span>dich schrieb. Ich fand, da&szlig; es schrecklich war, etwas zu
+schreiben, was nicht wahr war&nbsp;&ndash; aber schlie&szlig;lich schien
+es mir, da&szlig; ich nicht weniger schreiben k&ouml;nnte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist ein so gro&szlig;er Unterschied zwischen dem, was man
+schreibt, und dem, was man sagt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur
+ob ich deine Frau werden wollte&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ah so!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber da, in demselben Augenblick, in demselben
+Augenblick, als ich begonnen hatte, das Wort zu schreiben,
+war die Hand da. Sie kam &uuml;ber die Tischkante
+heraufgeglitten, und ich glaube, ich sa&szlig; da und starrte
+sie ein paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war.
+Ich schrie nicht gleich. Ich konnte gleichsam nicht verstehen,
+da&szlig; es etwas &Uuml;bernat&uuml;rliches war. Aber da legte
+sie sich &uuml;ber das Papier und zeigte mit den gekr&uuml;mmten
+Fingern auf das Wort da.</p>
+
+<p>Ich glaube, sie war froh, sie zitterte f&ouml;rmlich vor
+Freude. Es war, als wolle sie die Buchstaben an sich
+scharren&nbsp;&ndash; es war falsches Spiel. Da wollte sie mit
+dabei sein.</p>
+
+<p>Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine
+gro&szlig;e Spinne. Gerade als h&auml;tte sie Eile. Es war so
+lange her, seit sie Anla&szlig; gehabt hatte, hervorzukommen.
+Nun mu&szlig;te sie sich sputen. Sie griff f&ouml;rmlich nach der
+Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja
+falsches Spiel. Da wollte sie mit dabei sein.</p>
+
+<p>Ich schrie auf, als w&auml;re es eine Schlange, und da
+verschwand sie, aber ich wei&szlig; nicht, ob sie nicht noch hier
+ist. Ich glaube, ich f&uuml;hle, da&szlig; sie sich noch im Zimmer
+befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich
+war nahe daran, zu sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, sie darf nicht wiederkommen,&ldquo; sagte er tr&ouml;stend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig;, da&szlig; ich eins tun mu&szlig;,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich mu&szlig;
+es tun, damit sie nicht wiederkommt. Aber es ist so
+furchtbar hart.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_286" id="page_286"></a>286</span>Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre
+kalte, zitternde Hand in die des Doktors und lie&szlig; den
+Ring zur&uuml;ck. Dann weinte sie in der Bitterkeit der Entsagung.</p>
+
+<p>Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander
+und lie&szlig; den Ring dazwischen hin und her
+gleiten.</p>
+
+<p>Es w&auml;re nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu
+werden wie mit dem andern, meinte er. Die Hand hatte
+gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein wenig Rache
+verschafft. Er f&uuml;hlte Sympathie f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, da&szlig; das
+Gewissen in der einen oder andern Weise &uuml;ber sie kommt,
+wie sehr sie auch versuchen, es zu betr&uuml;gen. Es hat seine
+eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine
+Braut alles aufs beste ausgekl&uuml;gelt, um ein gutes Heim
+zu bekommen. Blo&szlig; ein bi&szlig;chen Heuchelei brauchte sie
+sich aufzuerlegen, und alles Gl&uuml;ck der Welt war ihr eigen.
+Und da kommt das Gewissen ganz still heran und gr&auml;bt
+seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich
+alle Klugheit, alle Berechnung in einem Augenblick in
+die Luft.</p>
+
+<p>Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, da&szlig; sie so ein
+ganzes Leben w&uuml;rde weiterl&uuml;gen k&ouml;nnen. Hatte wohl gesehen,
+wie es andern gegl&uuml;ckt war. Aber da stellt es sich
+heraus, da&szlig; sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt
+ein Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen
+anzugeh&ouml;ren. Wenn man es am wenigsten
+erwartet, ist die Gewissenshalluzination da.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich nimmt sie dann die Form an, die am n&auml;chsten
+zur Hand liegt. Es war ja sonnenklar, da&szlig; das Gewissen
+in diesem Zimmer zu einer Geisterhand werden
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; noch immer da und spielte mit dem Ring und
+lie&szlig; ihn von einem Finger zum andern gleiten. Er f&uuml;hlte
+etwas andres als Zorn dar&uuml;ber, da&szlig; er sie nicht hatte
+<span class="pagenum"><a name="page_287" id="page_287"></a>287</span>gewinnen k&ouml;nnen. Er war beinahe betr&uuml;bt. Sie fing jetzt
+wohl an, sich seiner zu erinnern, zu denken, da&szlig; ihm
+ein Unrecht widerfahren sei, denn sie beugte sich hinab
+und k&uuml;&szlig;te seine Hand. &bdquo;Verzeih mir,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Es war merkw&uuml;rdig, wie weich sie war. Wenn sie
+sich dar&uuml;ber klar geworden war, da&szlig; sie ein Unrecht getan
+hatte, wu&szlig;te sie gar nicht, was sie alles anfangen
+sollte, um es zu s&uuml;hnen. Es hatte wirklich keinen Zweck,
+sie l&auml;nger zu qu&auml;len. Er brauchte ja nur gerade heraus
+zu sprechen, zu sagen, da&szlig; er nicht viel besser gewesen war
+als sie. R&auml;sonnement auf beiden Seiten. Die eine hatte
+ein Heim, der andre eine Haush&auml;lterin gesucht. Es w&uuml;rde
+sie beruhigen, das zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Er wollte ihr sagen, da&szlig; es keine so bittre Entt&auml;uschung
+f&uuml;r ihn hatte werden k&ouml;nnen. Er war nicht so furchtbar
+verliebt gewesen, auch er nicht.</p>
+
+<p>Ja gewi&szlig;, er hatte ja keinen Anla&szlig;, die Qual l&auml;nger
+hinauszuziehen. Das beste war, ein Ende zu machen.
+Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen unverlobt
+zu erwachen.</p>
+
+<p>Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Tr&auml;nen
+in die Augen. Es tat ihm doch weh, sie zu verlieren. Und
+nun war es das, was er ihr sagte.</p>
+
+<p>Er begann damit, ihr unzusammenh&auml;ngende Dinge zu
+sagen, da&szlig; sie ein Gewissensmensch sei, da&szlig; sie der feineren
+Rasse von Nervenmenschen angeh&ouml;re, die gerade
+jetzt angefangen h&auml;tten, hier und dort aufzutauchen. Sie
+sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen,
+was ihr in dieser Nacht widerfahren sei, fiele es ihm
+schwer, auf sie zu verzichten.</p>
+
+<p>Sie sei frei, ja, nat&uuml;rlich, aber wenn sie einmal k&ouml;nne
+und wolle&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er sah sie erstaunt an. Qu&auml;lte sie das nicht? Nein,
+jetzt erst verschwand die Starrheit aus ihren Z&uuml;gen, und
+die Augen wurden ruhig. Sie sa&szlig; mit halbge&ouml;ffnetem
+Munde und lauschte&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er sprach davon, wie er das Leben f&uuml;r sie h&auml;tte ordnen
+wollen, sprach davon, wie er sich nach ihr gesehnt h&auml;tte.
+Er sprach ganz anders davon, als er vor einer halben
+Stunde gesprochen h&auml;tte. Aber er sah es auch ganz anders,
+jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel sch&ouml;ner,
+als er es sich zugetraut h&auml;tte. Das Zusammenleben mit
+einem weichen, liebenswerten Wesen, ja, gerade das Zusammenleben
+mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold
+f&uuml;r seine Phantasie aus, und er sagte es ihr.</p>
+
+<p>Als er n&auml;her trat und ihr die Hand zum Abschied
+reichte, kamen ihm noch einmal die Tr&auml;nen in die Augen.
+Sie war so sch&ouml;n, gerade jetzt, die Farbe entz&uuml;ndete sich
+wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerbl&uuml;hte
+Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer
+Todesgefahr entronnen ist.</p>
+
+<p>Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und
+zog seine Schl&uuml;sse so rasch wie nie zuvor.</p>
+
+<p>Sie verstand sich nat&uuml;rlich selbst nicht, nicht im geringsten.
+Ah! Er sch&ouml;pfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit
+war fort. Ein jubelndes Siegesgef&uuml;hl durchblitzte
+ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er
+sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht,
+da&szlig; er zeigte, da&szlig; er sie lieb hatte.</p>
+
+<p>Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig
+wieder auf den Ringfinger. &bdquo;Keine Torheiten,&ldquo; sagte
+er, als sie die Hand wegziehen wollte.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich wei&szlig; nicht, ich wage nicht&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wage es, ich,&ldquo; sagte der Doktor, &bdquo;ich war nie
+so, da&szlig; ich vor dem Gl&uuml;ck davongelaufen bin.&ldquo;</p>
+
+<p>Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen &Uuml;berrock
+und kam wieder herein, um seine Zigarre anzuz&uuml;nden.</p>
+
+<p>&bdquo;Arme Kleine,&ldquo; sagte er, w&auml;hrend er ein paar Z&uuml;ge
+machte. &bdquo;Bist jetzt wie gebunden und gefesselt, mich
+zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch die Hand
+dort und pre&szlig;t dir das Leben aus.&ldquo;</p>
+
+<hr style="width: 50%; margin-bottom: 0em" />
+
+<p class="center small">Druck und Einband von Hesse &amp; Becker, Leipzig. 2,525.</p>
+
+<div class="ppnote">
+<p>Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+<p><a href="#page_9">Seite 9</a>: &bdquo;bei Halvorson einzukaufen&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;bei Halfvorson einzukaufen&ldquo;<br />
+<a href="#page_18">Seite 18</a>: &bdquo;&bdquo;La&szlig; ihn heulen!&ldquo; sagte Halvorson&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;&bdquo;La&szlig; ihn heulen!&ldquo; sagte Halfvorson&ldquo;<br />
+<a href="#page_18">Seite 18</a>: &bdquo;Halvorson holt die Polizei&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Halfvorson holt die Polizei&ldquo;<br />
+<a href="#page_19">Seite 19</a>: &bdquo;durch das Halvorson&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;durch das Halfvorson&ldquo;<br />
+<a href="#page_21">Seite 21</a>: nach &bdquo;so ist es gemeint..&ldquo; wurde ein Punkt erg&auml;nzt<br />
+<a href="#page_31">Seite 31</a>: &bdquo;Aber als am Nachmittag alle M&auml;ner&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Aber als am Nachmittag alle M&auml;nner&ldquo;<br />
+<a href="#page_32">Seite 32</a>: &bdquo;Die vier M&auml;ner&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Die vier M&auml;nner&ldquo;<br />
+<a href="#page_33">Seite 33</a>: &bdquo;in Frieden und Ordnun&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;in Frieden und Ordnung&ldquo;<br />
+<a href="#page_61">Seite 61</a>: &bdquo;von dem lichten Abendhimmel&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;vor dem lichten Abendhimmel&ldquo;<br />
+<a href="#page_103">Seite 103</a>: &bdquo;Gegend Abend&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Gegen Abend&ldquo;<br />
+<a href="#page_147">Seite 147</a>: &bdquo;glichen den aller andern&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;glichen denen aller andern&ldquo;<br />
+<a href="#page_214">Seite 214</a>: vor &bdquo;ob es sehr h&auml;&szlig;lich war&ldquo; wurde ein Komma erg&auml;nzt</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
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+works. See paragraph 1.E below.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+
+</pre>
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