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+The Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Unsichtbare Bande
+ Erzählungen
+
+Author: Selma Lagerlöf
+
+Translator: Marie Franzos
+
+Release Date: July 1, 2010 [EBook #33041]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Passagen, die im Original nicht in Fraktur gedruckt waren, sind hier
+mit »+« gekennzeichnet. Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt
+waren, sind hier mit »_« gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich
+am Ende des Textes.
+
+
+
+ Unsichtbare Bande
+
+ Erzählungen
+ von
+ Selma Lagerlöf
+
+
+ Deutsch von Marie Franzos
+
+
+ [Illustration: Verlags-Signet]
+
+
+ Leipzig / Hesse & Becker Verlag
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Seite
+
+ Peter Nord und Frau Fastenzeit 7
+ Die Legende vom Vogelnest 57
+ Das Hünengrab 67
+ Die Vogelfreien 90
+ Reors Geschichte 114
+ Waldemar Attertag brandschatzt Visby 120
+ Mamsell Friederike 126
+ Der Roman einer Fischersfrau 136
+ Mutters Bild 147
+ Ein gefallener König 154
+ Ein Weihnachtsgast 179
+ Onkel Ruben 189
+ Das Flaumvögelchen 199
+ Unter den Kletterrosen 234
+ Die Grabschrift 239
+ Römerblut 251
+ Die Rache bleibt nicht aus 269
+ Die Geisterhand 277
+
+
+
+
+Peter Nord und Frau Fastenzeit
+
+I
+
+
+So traulich wie ein Heim steht das kleine Städtchen vor mir. Es ist so
+klein, daß ich alle seine Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde
+gut Freund werden und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer über die
+Straße ging, wußte, bei welchem Fenster er den Blick aufschlagen mußte, um
+ein schönes Gesicht hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den
+Stadtpark wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mußte, um die Person
+zu treffen, die er treffen wollte.
+
+Auf die schönen Rosen im Nachbargarten war man fast ebenso stolz, als wenn
+sie im eignen gestanden hätten. Geschah etwas, was kleinlich oder
+gewöhnlich war, so schämte man sich, als wäre es in der eignen Familie
+passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder
+einer Marktschlägerei, brüstete man sich und sagte: »Seht nur, welches
+Gemeinwesen! Geschehen solche Dinge anderswo? Welche wunderbare Stadt!«
+
+Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich nichts. Komme ich
+wieder einmal hin, so werde ich dieselben Häuser und Kaufläden
+wiederfinden, die ich von altersher kenne, dieselben Gruben im
+Steinpflaster werden mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken,
+dieselben rundgeschnittenen Fliedersträucher meinen bewundernden Blick
+fesseln. Wieder werde ich sehen, wie der alte Ratsherr, der die ganze Stadt
+regiert, mit elefantenschweren Schritten die Straße hinabgewandert kommt.
+Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefühl der Sicherheit hat man nicht,
+wenn man dich so wandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in
+seinem Garten umhergehen und graben, während seine wasserklaren Augen
+suchend starren, als wollten sie sagen: »Alles, alles haben wir
+durchforscht, jetzt Erde, wollen wir uns bis in dein Innerstes bohren.«
+
+Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine runde Peter Nord. Ihr
+wißt doch, der kleine Wermländer, der in Halfvorsons Kramladen stand, er,
+der die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen
+weißen Mäusen unterhielt. Von ihm ist eine ganze Geschichte zu erzählen.
+Über alles und alle in der Stadt gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so
+wunderliche Dinge.
+
+Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er war klein und rund, er
+war braunäugig und hatte ein lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als
+Birkenlaub im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein Wermländer
+war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, daß er aus einem andern Lande
+komme. Mit prächtigen Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat
+ausgerüstet. Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den Fingern, flink
+mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu ein Narr, gutmütig und hoch hinaus,
+gefällig und streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, er war
+nicht imstande, einem Bürgermeister größre Ehrfurcht zu zeigen, als einem
+Bettler. Aber Herz hatte er, verliebt war er jeden zweiten Tag, und die
+ganze Stadt zog er ins Vertrauen.
+
+Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glücklich veranlagte Kind in
+irgendeiner übernatürlichen Weise. Die Kunden wurden bedient, während er
+die weißen Mäuse fütterte. Geld wurde gewechselt und gezählt, während er
+seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. Und indes er den
+Kunden von seiner allerletzten Verliebtheit erzählte, ließ er das Litermaß
+nicht aus den Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte.
+Und es machte den bewundernden Zuhörern Spaß, zu sehen, wie er plötzlich
+über den Ladentisch sprang und auf die Straße stürzte, wo er mit einem
+vorbeigehenden Gassenjungen einen Strauß ausfocht, um dann mit ruhiger
+Stirn in den Laden zurückzukehren und den Knoten an einem Paket zu knüpfen
+oder ein Stück Stoff fertig zu messen.
+
+War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen Stadt wurde? Wir
+fühlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord
+hingekommen war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter Nord
+ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Käfig mit den weißen Mäusen zeigte.
+Es war sehr spannend und aufregend, die Mäuse zu zeigen, denn Halfvorson
+hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.
+
+Da aber kamen mitten in dem heller werdenden Februar ein paar trübe Tage
+mit nebligem Tauwetter. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er
+ließ die weißen Mäuse ihren Drahtkäfig benagen, ohne sie zu füttern. Er
+versah seine Obliegenheiten tadellos. Er balgte sich nicht mit den
+Gassenjungen. Konnte Peter Nord es vielleicht nicht vertragen, daß das
+Wetter umgeschlagen hatte?
+
+Ach nein, die Sache war die, daß er einen Fünfzigkronenschein oben auf
+einem der Wandbretter gefunden hatte. Er hatte geglaubt, daß er mit einem
+Stoffballen hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte er ihn
+unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, der damals unmodern war und
+nie von den Wandbrettern heruntergenommen wurde.
+
+Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbändigen Groll gegen Halfvorson,
+der ihm eine ganze Mäusefamilie totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich
+rächen. Noch sah er die weiße Mutter mitten unter ihren hilflosen Jungen
+vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch gemacht zu fliehen, sondern war
+in unerschütterlichem Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte
+den herzlosen Mörder aus roten brennenden Augen angestarrt. Verdiente
+dieser nicht auch eine angstvolle Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er
+totenbleich aus dem Kontor stürzte und nach dem Fünfzigkronenschein suchte.
+Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren Augen sehen, die er in den
+granatroten der weißen Maus erblickt hatte. Der Krämer sollte nur suchen,
+er sollte den ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote
+finden ließ.
+
+Aber der Fünfzigkronenschein blieb den ganzen Tag in seinem Versteck
+liegen, ohne daß jemand danach fragte. Er war ganz neu, bunt und leuchtend
+und hatte die Zahl Fünfzig groß in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im
+Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte zu dem
+Kattunballen hinauf. Dann zog er den Fünfzigkronenschein hervor, entfaltete
+ihn und bewunderte seine Schönheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte er
+Angst bekommen, daß dem Fünfzigkronenschein etwas zugestoßen sei. Dann tat
+er, als suchte er etwas auf dem Wandbrett und tastete unter dem
+Kattunballen herum, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern rascheln
+fühlte.
+
+Dieser Schein hatte mit einem Male eine übernatürliche Gewalt über ihn
+erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges darin war? Die von breiten Ringen
+umgebenen Zahlen waren wie saugende Augen. Der Knabe küßte sie alle und
+flüsterte. »Solche wie du möchte ich viele haben, furchtbar viele.«
+
+Er begann sich allerlei Gedanken über den Schein zu machen, und darüber,
+daß Halfvorson nicht danach fragte. Vielleicht gehörte er gar nicht
+Halfvorson? Vielleicht lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er
+überhaupt keinen Besitzer mehr?
+
+Gedanken sind ansteckend. -- Beim Abendbrot hatte Halfvorson angefangen,
+von Geld und Geldmenschen zu sprechen. Er erzählte Peter Nord von allen den
+armen Jungen, die Reichtümer gesammelt hatten. Er begann mit Whittington
+und schloß mit Astor und Jay Gould. Halfvorson kannte ihre ganze
+Geschichte, er wußte, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und
+gewagt hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. Er
+durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er begleitete sie bei ihren
+Erfolgen, er jubelte bei ihrem Sieg. Peter Nord hörte ganz gespannt zu.
+
+Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein Hindernis für ein
+Gespräch, denn er las einem alles, was man sagte, von den Lippen ab.
+Hingegen konnte er seine eigne Stimme nicht hören. Die rollte darum so
+wunderlich eintönig dahin, wie das Tosen eines fernen Wasserfalls. Aber
+diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte es, daß alles, was er sagte,
+einem im Ohr nachhallte, so daß man es viele Tage nicht abschütteln konnte.
+Armer Peter Nord!
+
+»Was unumgänglich notwendig ist, um reich zu werden,« sagte Halfvorson,
+»das ist der Heckepfennig. Aber den kann man nicht verdienen. Merke dir,
+den haben alle auf der Straße gefunden, oder zwischen dem Futter und dem
+Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion gekauft haben, oder sie
+haben ihn im Spiel gewonnen, oder von einer schönen und barmherzigen Dame
+als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze dieser gesegneten Münze
+waren, ist ihnen alles geglückt. Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie
+aus einer Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der
+Heckepfennig.«
+
+Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und dumpfer. Der junge Peter Nord
+saß wie betäubt da und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Eßtisches
+stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem Fußboden wogte es weiß von
+Silber, und die wirren Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in
+Bankscheine, groß wie Tischtücher. Aber gerade vor seinen Augen flatterte
+die Zahl Fünfzig, von breiten Ringen umgeben, und lockte ihn wie die
+schönsten Augen. »Wer weiß,« lächelten die Augen, »vielleicht ist der
+Fünfzigkronenschein droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?«
+
+»Merke nun wohl,« sagte Halfvorson, »nächst dem Heckepfennig sind noch zwei
+Dinge für den notwendig, der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte
+Arbeit, Peter Nord, heißt das eine Ding; und das andre heißt Verzicht.
+Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und Lachen, auf den
+Morgenschlummer und den Abendspaziergang. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge
+sind notwendig für den, der das Glück erobern will. Arbeit heißt das eine,
+und das andre Verzicht.«
+
+Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich wollte er reich,
+freilich wollte er glücklich werden, aber das Glück sollte nicht so
+ängstlich kommen, nicht so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie
+sich einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade mit den
+Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame ihre Sänfte an der Ladentür
+halten lassen und dem Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten.
+Aber jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen Ohren. Sein
+ganzes Hirn ward davon erfüllt. Er glaubte nichts andres, wußte nichts
+andres. Arbeit und Verzicht, Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des
+Lebens Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, daß er
+sich je etwas andres gewünscht hatte.
+
+Am nächsten Tage getraute er sich gar nicht, den Fünfzigkronenschein zu
+küssen, er wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Er war still und gedrückt,
+ordentlich und fleißig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos,
+daß jeder merken konnte, daß etwas mit ihm los sein mußte. Der alte
+Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und tat, was er konnte, um ihn zu
+trösten.
+
+»Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?« fragte der Alte. »So, so,
+nein? Ja, dann will ich dich einladen, Peter Nord. Und laß mich sehen, daß
+du hinkommst, sonst erzähle ich Halfvorson, wo du deinen Mäusekäfig hast.«
+
+Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu gehen.
+
+Fastnachtsball, man denke, daß Peter Nord auf den Fastnachtsball sollte.
+Peter Nord sollte alle schönen Damen der Stadt sehen, fein, weiß gekleidet,
+blumengeschmückt. Aber Peter Nord durfte natürlich mit keiner einzigen von
+ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. Er war nicht in der Laune zu
+tanzen.
+
+Auf dem Balle lehnte er in einer Tür und machte nicht einen Schritt zum
+Tanze. Einige hatten ihn zu überreden versucht, aber er war standhaft
+gewesen und hatte nein gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Auch würde keine
+von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er war allzu gering für sie.
+
+Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen zu funkeln und zu
+leuchten, und er fühlte, wie die Freude durch alle Glieder zuckte. Es kam
+von der Tanzmusik, es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schönen
+Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen schon war er
+so strahlend froh, daß, wenn Freude Feuer wäre, die Flammen lichterloh um
+ihn aufgelodert wären. Und wenn die Liebe es wäre, wie so viele behaupten,
+dann wäre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war immer in irgendein
+schönes Mädchen verliebt, aber bis jetzt immer nur in eine zugleich. Doch
+als er jetzt alle diese schönen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht
+mehr eine einzige Flamme das sechzehnjährige Herz, sondern es war ein
+ganzer Waldbrand.
+
+Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die nichts weniger als
+Ballschuhe waren. Aber wie hätte er mit den breiten Absätzen den Takt
+stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In seinem
+Innern war etwas, was an ihm riß und zerrte, ihn wie einen geschlagnen Ball
+in den Tanzsaal schleudern wollte. Er widerstand noch ein Weilchen,
+obgleich die Bewegung in ihm immer stärker wurde, je weiter die Nacht
+fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und lebenswarm. Heißa, er war nicht
+mehr der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer
+aufpeitscht und den Wald umreißt.
+
+Ganz plötzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da geriet der Bauernjunge
+ganz außer sich. Er fand, daß diese wie seine eigne Wermländer Polka klang.
+
+In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle feinen Herrenmanieren
+waren von ihm abgeglitten. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern
+daheim in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging mit krummen Knien
+und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er
+einer Dame den Arm um den Leib und riß sie mit sich. Und dann begann er
+Polka zu tanzen. Das Mädchen folgte ihm halb widerwillig, beinahe
+geschleift. Sie war nicht im Takt, sie wußte gar nicht, was dies für ein
+Tanz war. Aber plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des
+Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, hob sie empor, sie hatte
+Flügel an den Füßen, sie wurde so leicht wie Luft. Es war ihr, als flöge
+sie dahin. Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt
+die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken
+Sohlen über ungehobelte Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie
+das Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, gleitend.
+Ihre edlen, maßvollen Bewegungen befreien die Körper, so daß sie sich
+leicht, elastisch schwebend fühlen.
+
+Während Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, wurde es still im
+Ballsaal. Anfangs lachte man, aber allmählich dämmerte es allen auf, daß
+dies Tanz war, dieses Dahinschweben in gleichmäßigen raschen Wirbeln, ja
+wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.
+
+Plötzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, daß rings um ihn
+eine wunderliche Stille herrschte. Er blieb plötzlich stehen und fuhr sich
+mit der Hand über die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine
+laubgeschmückten Wände, keine hellblaue Sommernacht, keine muntre
+Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu erblicken, in die er jetzt schaute.
+Er schämte sich und wollte sich fortschleichen.
+
+Aber schon war er umringt und bestürmt. Die jungen Damen drängten sich um
+den Ladenjungen und riefen: »Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!«
+
+Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie lernen. Der Ball kam
+ganz aus dem Geleise und war jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten,
+daß sie bisher gar nicht gewußt hätten, was tanzen heiße. Und Peter Nord
+ward ein großer Mann an diesem Abend.
+
+Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren über die Maßen
+freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Junge und übrigens solch ein
+fröhlicher Tollkopf. Man konnte nicht anders als ihn verziehen.
+
+Da fühlte Peter Nord, daß dies das Glück war. Der Günstling der Damen zu
+sein, es wagen, mit ihnen zu sprechen, sich mitten in dem strahlenden
+Lichte zu bewegen, gefeiert und verhätschelt zu werden, ja gewiß, das war
+das Glück.
+
+Und als der Ball zu Ende war, war er zu glücklich, um selbst darüber
+betrübt zu sein. Er hatte das Bedürfnis, heimzukommen, um in Ruhe alles das
+zu überdenken, was ihm an diesem Abend widerfahren war.
+
+Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte im Hause, die im
+Kontor arbeitete. Sie war arm und von Halfvorson abhängig, aber sie benahm
+sich recht hochmütig gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele
+Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und wurde in Familien
+eingeladen, in die Halfvorson nie kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen
+zusammen von dem Balle nach Hause.
+
+»Wissen Sie, Nord,« fragte Edith Halfvorson, »daß Halfvorson wegen
+verbotnen Branntweinhandels angeklagt werden wird? Sie könnten mir wirklich
+sagen, Nord, wie es sich mit dieser Sache verhält.«
+
+»Ach, das ist gar nicht der Mühe wert, solch ein Aufhebens davon zu
+machen,« sagte Peter Nord.
+
+Edith seufzte. »Natürlich wird etwas daran sein. Und dann gibt es Prozeß
+und Geldstrafen und Schande ohne Ende. Ich möchte so gerne wissen, wie die
+Sache steht.«
+
+»Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,« sagte Peter Nord.
+
+»Sehen Sie, Nord, ich will in die Höhe kommen,« fuhr Edith fort, »und
+Halfvorson mit hinaufziehen, aber er plumpst mir immer wieder hinunter.
+Ganz unversehens tut er etwas, was auch mich unmöglich macht. Ich sehe ihm
+jetzt an, daß er etwas im Schilde führt. Wissen Sie nicht, Peter, was es
+ist? Es wäre gut, es zu wissen.«
+
+»Nein,« sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte er sagen. War es
+menschlich, mit ihm, der von seinem ersten Balle kam, von derlei zu
+sprechen?
+
+Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag für den Ladenjungen. Da
+saß Peter Nord von heute und ging mit Peter Nord von gestern ins Gericht.
+Wie blaß und feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hören, was er war. Ein
+Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen
+sollte er eine Tracht Prügel haben. Ja, das sollte er.
+
+Gott sei gedankt und gelobt, daß er ihn auf den Ball geführt und seinen
+Sinn geändert hatte. Pfui, wie häßlich es in ihm ausgesehen hatte, aber
+jetzt war alles anders. Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm
+Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert wäre wie eine weiße
+Maus, wenn man dabei nicht vergnügt sein durfte! Er klaschte in die Hände
+und rief jubelnd: »Frei, frei, frei!« Nicht die leiseste Sehnsucht, den
+Fünfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner Seele. Wie gut war es
+doch, glücklich zu sein.
+
+Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson zeitig am
+nächsten Morgen die fünfzig Kronen zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, daß
+der Krämer am nächsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den Schein suchen
+und ihn finden könnte. Dann würde er wohl glauben, daß Peter Nord ihn
+versteckt hatte, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er
+versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er
+konnte nicht einschlafen. Da stand er auf, schlich sich leise in den Laden
+und tastete nach dem Fünfzigkronenschein. Dann schlummerte er süß ein mit
+der Banknote unter dem Kopfkissen.
+
+Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein fiel ihm
+blendend in die Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen und
+eine grollende Stimme zankte und fluchte.
+
+Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson schon die Banknote in
+der Hand und zeigte sie zwei Frauen, die in der Tür zum Verschlage standen.
+»Seht ihr, daß ich recht hatte,« sagte Halfvorson, »seht ihr, daß es der
+Mühe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen mitzunehmen. Seht ihr, daß
+er ein Dieb ist!«
+
+»Nein, nein, nein,« schrie der arme Peter Nord. »Ich wollte nicht fehlen.
+Ich habe den Schein ja _nur_ aufgehoben.«
+
+Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen standen mit dem Rücken zum
+Verschlage, wie fest entschlossen, weder zu hören noch zu sehen.
+
+Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit einem Male
+jämmerlich schwach und klein aus. Seine Tränen strömten. Er jammerte laut.
+
+»Onkel,« sagte Edith, »er heult.«
+
+»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson, »laß ihn nur heulen!« Und er trat näher
+und sah den Knaben an. »Kann mir schon denken, daß du heulst, mein Lieber,«
+sagte er. »Aber das verfängt bei mir nicht.«
+
+»Oh, oh!« rief Peter Nord, »ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein nur zum
+Spaß versteckt -- um Sie zu ärgern. Ich wollte Sie wegen der Mäuse strafen.
+Ich bin kein Dieb. Kann niemand mich hören? Ich bin kein Dieb.«
+
+»Onkel,« sagte Edith, »hast du ihn jetzt genug gequält, können wir
+vielleicht gehen und uns niederlegen?«
+
+»Ich kann mir schon denken, daß sich das greulich anhört,« sagte
+Halfvorson, »aber da läßt sich nichts machen.« Er war ganz munter, förmlich
+ausgelassen. »Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,« sagte
+er zu dem Knaben. »Immer hattest du irgend etwas wegzustecken, wenn ich in
+den Laden kam. Aber jetzt bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen
+dich, und jetzt hole ich die Polizei.«
+
+Der Junge stieß einen gellenden Schrei aus. »Kann mir denn niemand helfen,
+kann mir denn niemand helfen?« rief er. Aber nun war Halfvorson schon
+verschwunden, und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf ihn zu.
+
+»Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter Nord! Halfvorson holt
+die Polizei und indessen kannst du dich davonmachen. Das Fräulein geht wohl
+in die Küche und packt dir ein bißchen Proviant ein. Ich will unterdessen
+deine Sachen zusammensuchen.«
+
+Das furchtbare Weinen hörte sogleich auf. Nach einem kleinen Weilchen war
+der Junge fertig. Er küßte den beiden Frauen die Hand, demütig wie ein
+geschlagner Hund. Und dann eilte er fort.
+
+Sie blieben in der Tür stehen und sahen ihm nach. Als er verschwunden war,
+seufzten sie erleichtert auf.
+
+»Was wird Halfvorson jetzt sagen?« sagte Edith.
+
+»Er wird ganz froh sein,« antwortete die Haushälterin. »Er hat das Geld dem
+Knaben absichtlich hingelegt, glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.«
+
+»Warum denn? Der Junge war doch der beste, den wir seit Jahr und Tag im
+Laden gehabt haben.«
+
+»Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht zum Zeugen haben.«
+
+Edith stand stumm da und atmete heftig. »Wie gemein, wie gemein,« murmelte
+sie. Sie ballte die Fäuste gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch
+in der Tür, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie hatte
+selber nicht übel Lust, von all dieser Niedrigkeit fort in die Welt zu
+fliehen.
+
+Ganz rückwärts im Laden hörte sie ein Geräusch. Sie lauschte, trat näher,
+ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne den Käfig mit
+Peter Nords weißen Mäusen.
+
+Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und öffnete das Türchen.
+Maus um Maus eilte heraus und verschwand hinter Kisten und Tonnen.
+
+»Möget ihr gedeihen und euch vermehren,« sagte Edith, »laßt mich sehen, daß
+ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rächt.«
+
+
+II
+
+Freundlich und zufrieden lag das kleine Städtchen unter seinem roten Berg
+da. Es war so in Grün eingebettet, daß der Kirchturm noch gerade daraus
+hervorragte. Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen die Anhöhen
+hinan, und wenn sie nach dieser Richtung nicht weiter konnten, stürzten sie
+sich mit Sträuchern und Bäumen quer über die Straße und breiteten sich
+zwischen den zerstreuten Häusern und dem schmalen Erdstreif darunter aus,
+bis der breite Fluß ihnen Halt gebot.
+
+In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein Mensch war zu sehen, nur
+Bäume und Sträucher und hie und da ein Haus. Das einzige Geräusch, das man
+hörte, war das Rollen der Kugel über die Kegelbahn, und das klang wie
+ferner Donner an einem Sommertag. Es gehörte mit zu der Stille.
+
+Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des Marktes unter
+genagelten Absätzen. Der Laut grober Stimmen schlug an die Wand des
+Rathauses und der Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die
+lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die Vormittagsruhe.
+
+Ach, die süße Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie erschraken sie! Man
+konnte förmlich sehen, wie sie die Bergpfade hinaufflüchteten.
+
+Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, war Peter Nord, der
+Junge aus Wermland, der vor sechs Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der
+Stadt geflohen war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der großen
+Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt lag.
+
+Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er
+hatte den allervernünftigsten Freund und Begleiter gefunden.
+
+Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus dem Städtchen
+fortlief, da sangen und klangen die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von
+ihnen war hartnäckiger als alle andern.
+
+Es war die, die sie alle beim großen Rundtanz gesungen hatten:
+
+ Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
+ Ja, ja, Weihnachtsfest.
+ Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
+ Doch leider, leider ists nicht so,
+ Nein, nein, ists nicht so,
+ Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.
+
+Das hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. Und damit drang
+die Weisheit, die in dem alten Reigen verborgen liegt, in den kleinen
+genußsüchtigen Wermländerjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte sich
+mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark ein. So ist es, so
+ist es gemeint ... Zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen den Festen der
+Geburt und des Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man
+nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. Man darf ihm nie
+glauben, wie es sich auch verstellen mag. Im nächsten Augenblick ist es
+wieder grau und häßlich. Kann nichts dafür, das arme Ding, versteht es
+nicht besser!
+
+Und Peter Nord war beinahe stolz, daß er dem Leben sein tiefstes Geheimnis
+abgelauscht hatte.
+
+Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in Bettlergestalt, die
+Aschenrute in der Hand, über die Erde schleichen zu sehen. Und er hörte,
+wie sie ihn anknurrte: »Du wolltest das Fest der Freude und der fröhlichen
+Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Darum soll
+Schimpf und Schande dein Los sein, bis du dich besserst.«
+
+Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte ihn beschützt. Er
+hatte nicht weiter als bis in die große Handelsstadt fliehen müssen, denn
+er wurde gar nicht verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau
+Fastenzeit ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in einer
+Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde ernst und sparsam. Er hatte
+schmucke Sonntagskleider, er erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich
+Bücher aus und ging zu Vorträgen. Eigentlich war von dem kleinen Peter
+Nord nichts mehr übrig als das flachsblonde Haar und die braunen Augen.
+
+Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Arbeit in der
+Fabrik machte den Riß immer größer, so daß der närrische Wermländer dadurch
+ganz herausschlüpfen konnte. Er schwätzte kein dummes Zeug mehr, denn in
+der Fabrik war das Sprechen verboten, und dadurch gewöhnte er sich das
+Schweigen an. Er machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst
+Federn und Räder zu bedienen hatte, machten sie ihm keinen Spaß mehr. Er
+verliebte sich nicht, denn die Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn
+nicht mehr fesseln, seit er die Schönheiten des Städtchens kennen gelernt
+hatte. Er hatte keine Mäuse, keine Eichhörnchen mehr und nichts, womit er
+spielen konnte. Er hatte keine Zeit, er sah ein, daß derlei nur unnütz war,
+und er dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit Gassenjungen
+gebalgt hatte.
+
+Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders sein könnte als grau, grau,
+grau. Peter Nord langweilte sich immer, aber er war selbst so sehr daran
+gewöhnt, daß er es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst,
+weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Einkehr von der
+Nacht, da der Frohsinn ihn verließ und Frau Fastenzeit seine Begleiterin
+und Freundin ward.
+
+Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten an einem Arbeitstag in
+das Städtchen kommen, begleitet von drei Strolchen, die schmutzig und
+versoffen aussahen?
+
+Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Und diesen
+drei Strolchen hatte er immer zu helfen versucht, so gut er es konnte,
+obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende Baracke
+gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er hatte ihre Kleider gestopft
+und geflickt. Diese Kerle hielten wie Brüder zusammen, hauptsächlich weil
+sie alle drei Peter hießen. Dieser Name vereinte sie fester, als wenn sie
+wirklich Geschwister gewesen wären. Und nun litten sie es um dieses Namens
+willen, daß der Knabe ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am
+Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen auf den
+Holzstühlen einnahmen, warteten sie ihm, der dasaß und die grinsenden
+Löcher ihrer Strümpfe stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lügen
+auf. Das schien Peter Nord Vergnügen zu machen, obgleich er es nicht
+zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt für ihn beinahe dasselbe, was
+einstmals in der Welt die Mäuse gewesen waren.
+
+Nun geschah es, daß diesen Strolchen allerlei Klatsch aus der kleinen Stadt
+zu Ohren kam. Und nun nach sechs Jahren brachten sie Peter Nord die
+Nachricht, daß Halfvorson ihm die fünfzig Kronen absichtlich hingelegt
+hatte, um ihn als Zeugen unmöglich zu machen. Und ihre Meinung war, daß
+Peter in das Städtchen ziehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben
+sollte.
+
+Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt
+ausgerüstet. Er wollte sich durchaus nicht auf so etwas einlassen.
+
+Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel. Alle
+Leute sagten zu Peter Nord: »Geh hin und prügle Halfvorson durch, dann
+wirst du ins Loch gesteckt, und es gibt einen Prozeß und die Sache kommt in
+die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen Lande blamiert.«
+
+Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht vergnüglich sein, aber
+Rache ist ein teurer Spaß, und Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das
+Leben gestattet solche Belustigungen nicht.
+
+Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller Frühe zu ihm gekommen und
+hatten gesagt, jetzt wollten sie an seiner Statt gehen und Halfvorson
+durchbläuen, denn »Recht müsse Recht bleiben«, sagten sie.
+
+Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie
+auch nur einen Schritt nach dem Städtchen gingen.
+
+Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt war und der lange
+Peter hieß, Peter Nord eine Rede.
+
+»Diese Erde,« sagte er, »ist ein Apfel, der an einem Faden über einem Feuer
+hängt, um gebraten zu werden. Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter
+Nord. Und der Apfel muß nahe am Feuer hängen, um süß und weich zu werden,
+aber wenn der Faden reißt und der Apfel in das Feuer fällt, so ist er
+verdorben. Darum ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. Weißt
+du, was mit dem Faden gemeint ist?«
+
+»Ich denke, es muß ein Drahtseil sein,« sagte Peter Nord.
+
+»Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,« sagte der lange Peter mit
+düsterm Ernst. »Wenn auf der Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt
+alles in das Feuer. Darum darf sich der Rächer der Pflicht zu strafen nicht
+entziehen, oder, wenn er nicht will, müssen andre gehen.«
+
+»Es ist das letzte Mal, daß ich euch einen Grog spendiert habe,« sagte
+Peter Nord, gänzlich unberührt von der Rede.
+
+»Ja, da hilft nichts,« sagte der lange Peter, »Gerechtigkeit muß sein.«
+
+»Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern damit der ehrliche
+Name Peter nicht in Verruf kommt,« sagte der eine, der Rollpeter hieß und
+lang und mürrisch war.
+
+»So, so, ist der Name so hochgeachtet?« sagte Peter Nord wegwerfend.
+
+»Ja, und es ist eine kitzlige Sache, daß sie nun überall in den Gasthäusern
+sagen, du hättest die fünfzig Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun
+nicht haben willst, daß der Kaufmann bestraft wird.«
+
+Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und sagte, nun wolle er gehen
+und den Kaufmann durchpeitschen.
+
+»Ja, und wir kommen mit und helfen dir,« sagten die Strolche.
+
+Und so zogen sie vier Mann hoch in das Städtchen. Anfangs war Peter Nord
+mürrisch und grämlich und zorniger über seine Freunde, als über seinen
+Feind. Doch als er zu der Flußbrücke kam und die Stadt sah, war er ganz
+verwandelt. Es war, als wäre er dort einem kleinen weinenden Flüchtling
+begegnet und in diesen hineingeschlüpft. Und je heimischer er in dem alten
+Peter Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewußt, welches blutige Unrecht
+der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht genug damit, daß er ihn hatte
+verlocken und ins Unglück stürzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte
+ihn aus dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag hätte Peter
+Nord bleiben können. Ach, wie fröhlich hatte er es doch damals gehabt. Wie
+lustig und vergnügt war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden
+und wie schön war die Welt gewesen! Herrgott, wenn er doch nur hier hätte
+weiterleben können! Und er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war --
+schweigsam und langweilig, ernst und arbeitsam --, ganz wie an einen
+verlornen Menschen.
+
+Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, und statt wie
+früher hinter den Kameraden einherzugehen, schoß er an ihnen vorbei.
+
+Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, um Halfvorson zu strafen,
+sondern um überhaupt ihrer Wut Luft zu machen, wußten kaum, was sie
+beginnen sollten. Hier war für einen gereizten Mann nichts zu tun. Es gab
+keinen Hund, den man hetzen, keinen Straßenkehrer, mit dem man Krakeel
+anfangen, keinen feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern
+konnte.
+
+Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade so weit, daß der
+Frühling eben in den Sommer überging. Es war die weiße Zeit der
+Kirschblüten, wo Fliedertrauben hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und
+die Apfelblüten duften. Diese Männer, die unmittelbar von der Straße und
+vom Hafen in das Reich der Blumen gekommen waren, fühlten sich wunderlich
+davon berührt. Drei Paar Fäuste, die bisher entschlossen geballt waren,
+lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten weniger hart gegen das
+Pflaster.
+
+Vom Markte aus sahen sie einen Fußpfad, der sich die Hügel
+hinanschlängelte. Ihm entlang wuchsen junge Kirschbäume, die mit ihren
+weißen Kronen Bogen und Wölbungen bildeten. Die Wölbungen waren schwebend
+leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein und kindlich.
+
+Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Männer auf sich. Was war dies doch
+für ein unpraktisches Nest, wo man Kirschbäume dahin pflanzte, wo jedweder
+die Kirschen nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher als
+einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit und Tyrannei.
+Jetzt begannen sie sie auszulachen und ein wenig zu verachten.
+
+Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht loderte immer wilder
+auf, denn er fühlte es, dies war die Stadt, wo er hätte wohnen und wirken
+sollen. Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den andern zu
+fragen, ging er rasch die Straße hinauf.
+
+Sie folgten nach, und als sie merkten, daß es hier nur eine Straße gab, und
+als sie dieser entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich
+ihre Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht zum erstenmal in
+ihrem Leben, daß sie Blumen Aufmerksamkeit schenkten, aber hier konnten sie
+nicht anders, denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mützen vom Kopf,
+und die Blätter der Kirschblüten regneten auf sie herab.
+
+»Was glaubt ihr, was mögen wohl in dieser Stadt für Leute wohnen?« fragte
+der lange Peter nachdenklich.
+
+»Bienen,« antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der seinen Namen daher
+hatte, daß er einmal mit einem Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt
+hatte.
+
+Natürlich bekamen sie allmählich einige Menschen zu Gesicht. An den
+Fenstern, hinter blanken Scheiben und weißen Gardinen, zeigten sich ein
+paar schöne junge Gesichter, und sie sahen Kinder auf den Terrassen
+spielen. Aber kein Lärm störte die Stille. Es kam ihnen vor, als könnte
+selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts diese Stadt nicht wecken. Was
+sollten sie hier anfangen!
+
+Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da stellten sie mit rauher
+Stimme mehrere Fragen an den Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre
+Spritze in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel der Kirchenglocke
+stände für den Fall, daß es zum Sturmläuten kommen sollte.
+
+Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und warfen die Flaschen fort.
+Eins, zwei, drei, alle Flaschen an denselben Eckstein, ein Krachen und
+Klirren, und alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen förmlich
+wohl, wieder ein bißchen Lärm zu machen.
+
+Da hörten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, Stimmen, harte,
+deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dazu ein Klirren wie von
+Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurück. Das klang wie
+eine ganze Kompanie.
+
+Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen Mädchen. Die Dienstmägde der
+Stadt zogen in gesammeltem Trupp auf die Stadtweiden, um die Kühe zu
+melken.
+
+Das machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger, den stärksten
+Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern. Das war beinahe rührend!
+
+Urplötzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen: »Buh!«
+
+Die ganze Mädchenschar zerstob augenblicklich. Die Mägde kreischten und
+liefen davon. Die Röcke flatterten, die Kopftücher lösten sich, die
+Milchkübel rasselten auf die Straße.
+
+Und zugleich vernahm man die ganze Straße entlang dumpfe Laute von Toren
+und Türen, die zugeworfen wurden, von Klinken und Riegeln und Schlössern.
+
+Ein Stück weiter unten auf der Straße stand eine große Linde. Und darunter
+saß eine alte Frau an einem Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie rührte
+sich nicht, sie sah sich nicht um, sie saß ganz mäuschenstill. Schlafen tat
+sie auch nicht.
+
+»Die ist aus Holz,« sagte der Holzschuhpeter.
+
+»Nein, aus Ton,« meinte der Rollpeter.
+
+Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der Alten kamen sie ins
+Schwanken. Sie gingen gegen sie los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die
+Alte fing zu zanken an.
+
+»Weder Holz noch Ton,« sagten sie, »lauter Gift und Galle.«
+
+Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie gekümmert, aber jetzt
+waren sie endlich bei Halfvorsons Haus angelangt und da erwartete er sie.
+
+»Es läßt sich wohl nicht in Abrede stellen, daß das meine Angelegenheit
+ist,« sagte er stolz, und wies auf den Laden. »Ich will allein hineingehen
+und die Sache abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so könnt ihr euer Glück
+versuchen.«
+
+Sie nickten. »Geh du nur, Peter Nord! Wir warten hier draußen.«
+
+Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen Mann allein und
+fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich den Bescheid, daß dieser verreist
+war. Da fing er ein Gespräch mit dem Ladendiener an und erfuhr so
+mancherlei über seinen Herrn.
+
+Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar nicht angeklagt worden. Wie
+er sich gegen Peter Nord benommen hatte, das wußte die ganze Stadt. Aber
+niemand sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson hatte es weit
+gebracht, und jetzt war er nicht mehr so bösartig. Er war nicht mehr
+unbarmherzig gegen seine Schuldner und hatte aufgehört, dem Ladenjungen
+aufzulauern. In den allerletzten Jahren hatte er sich auf die Gärtnerei
+geworfen. Er hatte rings um das Haus in der Stadt einen Blumengarten
+angelegt und einen Küchengarten draußen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete
+er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum mehr daran dachte, Geld zu
+sammeln.
+
+Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natürlich war der Mann gut. Er
+hatte im Paradies bleiben dürfen. Natürlich wurde man gut, wenn man hier
+wohnte.
+
+Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war jetzt krank. Seit sie
+im Winter die Lungenentzündung gehabt hatte, war ihre Brust schwach.
+
+Während Peter Nord sich dies und noch mehr erzählen ließ, standen die drei
+Männer draußen und warteten.
+
+In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine Birkenlaube errichtet,
+damit Edith sich dort an den schönen, warmen Frühlingstagen aufhalten
+konnte. Sie kam nur langsam wieder zu Kräften, aber für ihr Leben bestand
+keine Gefahr mehr.
+
+Bei einigen ist es so, daß man glauben muß, sie wollen nicht leben. Bei der
+ersten Krankheit, die sie befällt, legen sie sich hin, um zu sterben.
+Halfvorsons Nichte war schon längst aller Dinge müde, des Kontors, des
+kleinen trüben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie siebzehn Jahre alt war,
+reizte es sie, sich einen vornehmen Verkehr und einen guten Freundeskreis
+zu erkämpfen. Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg der
+Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie sah keine
+Möglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens herauszukommen. Sie
+wollte gerne sterben.
+
+Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. Nichts als Nerven
+und Lebendigkeit, wenn etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich
+doch mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem Trotz
+gemüht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht hatte, einzusehen, daß weitre
+Peter Nord-Geschichten nicht mehr vorkommen dürften! Aber jetzt war er zahm
+und gebändigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. Ja, und nun
+sollte sie doch nicht sterben! Sie lag da und dachte nach, was sie anfangen
+sollte, wenn sie gesund wurde.
+
+Plötzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut gesagt, er wolle allein
+zu Halfvorson gehen und seine Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann
+antwortete ein andrer: »Geh du nur, Peter Nord!«
+
+Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglückseligste Name auf der
+Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen aller der alten Abscheulichkeiten.
+Edith richtete sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche
+Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und starrten sie an.
+Nur ein niedriges Staket und eine dünne Hecke lag zwischen ihr und der
+Straße.
+
+Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson
+arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen
+aufgetragen hatte, zu sagen, daß er verreist sei, denn er schämte sich
+seiner Gärtnermarotte. Edith fürchtete sich schrecklich vor den drei
+Männern sowie vor dem, der in den Laden gegangen war. Sie war überzeugt,
+daß sie ihr etwas zuleide tun wollten, und darum begann sie über die
+schlüpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen Holzstufen, die von
+Terrasse zu Terrasse führten, den Berg hinaufzulaufen.
+
+Den fremden Männern war es ein Hauptspaß, daß sie vor ihnen davonlief. Sie
+konnten es sich nicht versagen, sich so zu stellen, als wenn sie sie
+einholen wollten. Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle drei
+brüllten mit furchtbarer Stimme.
+
+Edith lief, so wie man im Traume läuft, keuchend, strauchelnd, in
+Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, nicht von der Stelle zu
+kommen. Alle erdenklichen Gefühle stürmten auf sie ein und erschütterten
+sie so sehr, daß sie glaubte sterben zu müssen. Ja, wenn einer dieser Kerle
+sie nur mit der Hand berührte, wußte sie, daß sie sterben mußte. Als sie
+die oberste Terrasse erreicht hatte und es wagte, sich umzusehen, merkte
+sie, daß die Männer unten auf der Straße standen und gar nicht mehr nach
+ihr hinsahen. Da ließ sie sich ganz ohnmächtig zu Boden sinken. Aber die
+Anstrengung war zu groß gewesen, sie hatte sie nicht ertragen können. Sie
+fühlte, wie etwas in ihr riß. Gleich darauf strömte Blut über ihre Lippen.
+
+Die Mägde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. Für diesmal wurde sie
+ins Leben zurückgerufen. Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, daß sie
+lange am Leben bleiben würde.
+
+Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um zu erzählen, in welcher
+Weise sie erschreckt worden war. Hätte sie es getan, wer weiß, ob die
+fremden Männer lebendig aus der Stadt gekommen wären. Es erging ihnen
+ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord wieder zu ihnen
+herausgekommen war und erzählt hatte, daß Halfvorson nicht daheim sei,
+gingen sie alle vier im besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten
+sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der Kaufmann zurückkehrte,
+verschlafen konnten.
+
+Aber als am Nachmittag alle Männer der Stadt, die draußen auf dem Felde
+gearbeitet hatten, wieder heimkamen, erzählten ihnen die Frauen von dem
+Besuch der Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, wo sie Bier
+gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen
+vergrößerten und übertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen
+Nachmittag daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. Die Männer
+glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstörer zu
+greifen, wählten einen beherzten Mann zum Anführer, nahmen tüchtige Knüttel
+mit und zogen von dannen.
+
+Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor die Haustüren und machten
+einander bange. Die Stimmung war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.
+
+Es dauerte nicht lange, so kamen die Jäger mit ihrer Beute zurück. Sie
+hatten alle vier. Sie hatten sie im Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das
+Kunststück hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.
+
+Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurück, indem sie sie wie Vieh vor
+sich hertrieben. Der Taumel des Rachedurstes hatte sich der Sieger
+bemächtigt. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen die
+Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf,
+und dann hagelten die Schläge auf ihn nieder, bis er sich erhob und
+weiterging. Die vier Männer waren dem Tode nahe.
+
+Es ist so schön in den alten Liedern. Da muß zuweilen der gefangne Held in
+Fesseln im Triumphzug des siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch
+im Unglück noch stolz und schön, und die Blicke suchen ihn ebenso wie den
+Glücklichen, der ihn besiegt hat. Die Kränze und die Tränen der Schönheit
+gehören dem noch im Unglück Beneidenswerten.
+
+Aber wer wollte wohl für den armen Peter Nord schwärmen? Sein Rock war
+zerrissen und sein flachsblondes Haar klebrig von Blut. Er bekam die
+meisten Schläge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz schrecklich
+sah er aus, wie er da einherging. Er brüllte, ohne es zu wissen. Jungens
+hängten sich an ihn fest, und er schleppte sie lange Strecken weit mit.
+Einmal blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die Straße.
+Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, bekam er mit einem Knüttel
+einen Schlag auf den Kopf und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Höhe,
+halb betäubt, und schwankte weiter, während Peitschenhiebe auf ihn
+herabhagelten und die Jungen sich ihm wie Blutegel an Arme und Beine
+hängten.
+
+So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner Whistpartie im
+Wirtshausgarten kam. »So, so,« sagte er zum Vortrab, »ihr wollt die in den
+Kotter bringen?«
+
+Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete ihn. Augenblicklich
+sah alles anständig aus. Gefangne und Gefangnenwächter marschierten in
+Frieden und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, einige
+stießen mit den Knütteln auf das Pflaster, andre schulterten sie wie
+Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen der Stadt der Polizei in Gewahrsam
+gegeben und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz geführt.
+
+Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem Markte stehen und sprachen
+von ihrem Mute und von der großen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube,
+wo der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige Männer ihren
+Mitternachtstoddy brauen, da taucht die Heldentat vergrößert wieder auf. Da
+wachsen die in den Schaukelstühlen, da blähen sich die in den Sofaecken, da
+sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert doch in der kleinen Stadt
+der großen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!
+
+Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht gefallen. Er konnte
+sich nicht recht damit befreunden, daß das Wikingerblut wieder in Wallung
+geraten war. Und dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen, er ging wieder
+auf die Straße und schlenderte gemächlich dem Marktplatze zu.
+
+Das kleine Städtchen lag in dem sanften Licht der Frühlingsnacht da. Der
+einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. Über die Kegelbahn rollten keine
+Kugeln mehr. Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als wenn die
+Häuser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht aufsteigenden Berge
+standen schwarz, wie in tiefer Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer
+wachte jemand -- der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich über die
+Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die Straße hinauf und hinab,
+kletterte zu jedem Fenster empor, das angelehnt stand, zu jeder Dachluke,
+die frische Luft einließ.
+
+Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich seine ganze kleine Stadt
+vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er
+sah sie als die Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern Garten
+an Garten. Er sah die Kirschbäume, die weiße Bogen über den steilen Waldweg
+spannten, die Fliederbüsche, die Knospen, die zu prächtigen Rosen
+schwollen, die stolzen Päonien, und die Haufen von Blütenblättern auf dem
+Boden unter den Faulbäumen.
+
+Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. Er war so weise und so
+alt. Das siebzigste Jahr hatte er erreicht, und fünfzig Jahre hatte er die
+Geschicke der Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob er
+recht getan habe, wenn er immer gedämpft und beschwichtigt hatte. »Ich
+hatte die Stadt in meiner Hand,« dachte er, »aber ich habe sie nicht zu
+etwas Großem gemacht.« Und er gedachte ihrer großen Vergangenheit und
+zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.
+
+Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht sich über den Fluß
+eröffnet. Ein Boot kam herangerudert. Ein paar Städter kehrten von einer
+Ausfahrt zurück. Lichtgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie steuerten
+unter die Brückenwölbung, aber da war die Strömung so stark, daß sie sie
+zurücktrieb. Es gab einen heftigen Kampf. Ihre schlanken Körper bogen sich
+nach rückwärts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande lagen. Weiche
+Armmuskeln spannten sich. Die Ruder krümmten sich wie Bogen. Lachen und
+Rufe erfüllten die Luft. Einmal ums andre siegte die Strömung. Schmählich
+wurde das Boot zurückgetrieben. Und als die Mädchen schließlich am Marktkai
+landen und es den Männern überlassen mußten, das Boot heimzubringen, wie
+waren sie rot und ärgerlich und wie lachten sie! Und wie klang ihr Lachen
+die Straße hinab! Wie belebten ihre breitrandigen, lichten Hüte, ihre
+leichten, flatternden Sommerkleider die stille Nacht.
+
+Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, denn im Dunkel konnte er
+sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, jungen Gesichtchen, ihre schönen,
+klaren Augen und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in die
+Höhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen Glanz. Andre Gemeinwesen
+konnten sich andrer Dinge rühmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an
+dem augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.
+
+Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein Wirken. Nein, er brauchte
+nicht für die Zukunft der Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich
+nicht durch strenge Gesetze zu schützen.
+
+Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er ging und weckte den
+Polizeimeister und sprach mit ihm. Und dieser dachte wie er. Sie gingen
+selbander zum Gefängnis und öffneten Peter Nord und seinen Kameraden die
+Tür.
+
+Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt ist wie die Venus
+von Milo. Sie hat lockenden Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.
+
+
+III
+
+Es ist, als müßte ich die Wirklichkeit verlassen und in die Welt des
+Märchens und der Unwahrscheinlichkeit fliehen, um zu erzählen, was sich
+jetzt begab. Wäre der junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit
+einer goldnen Krone unter dem Hut, dann würde alles ganz einfach und
+natürlich erscheinen. Aber jetzt will mir wohl niemand glauben, wenn ich
+sage, daß auch Peter Nord einen Königsreif um sein flachsblondes Haar trug.
+Niemand kann ja wissen, wie viel merkwürdige Dinge sich in dem kleinen
+Städtchen zutragen. Niemand kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen
+da herumgehen und auf den Hirtenknaben des Märchens warten.
+
+Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen Abenteuern kommen. Denn
+als Peter Nord von dem alten Ratsherrn befreit worden war und zum
+zweitenmal mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen mußte, da kamen
+ihm dieselben Gedanken, wie als er das erstemal entfloh. Da klangen ihm
+plötzlich wieder Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter ihnen
+erklang der alte Reigen:
+
+ Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
+ Ja, ja, Weihnachtsfest.
+ Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
+ Doch leider, leider ists nicht so,
+ Nein, nein, ists nicht so,
+ Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.
+
+Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit mit ihrem
+Rutenbündel im Arm über die Erde schlich. Und sie rief ihm zu:
+»Verschwender! Verschwender! Du wolltest das Fest der Rache und der
+Genugtuung in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man sich
+hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?«
+
+Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und war ein stiller, sparsamer
+Arbeiter geworden. Wieder stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit.
+Niemand hätte glauben können, daß er es war, der vor Zorn gebrüllt und die
+kleinen Kinder auf die Straße geschleudert hatte, so wie der verfolgte Elch
+die Hunde abschüttelt.
+
+Doch einige Wochen später kam Halfvorson zu ihm in die Fabrik. Er suchte
+ihn auf den Wunsch seiner Nichte auf. Sie wollte, wenn möglich, noch an
+demselben Tag mit ihm sprechen.
+
+Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er Halfvorson erblickte. Es
+war, als hätte er eine schlüpfrige Schlange gesehen. Er wußte nicht, was er
+lieber wollte, -- ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber plötzlich
+bemerkte er, daß Halfvorson sehr bekümmert aussah.
+
+Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat, wenn man im starken Winde
+geht. Die Gesichtsmuskeln waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die
+Augen rot und voll Tränen. Er kämpfte sichtlich mit irgendeinem Leid. Das
+einzige, was unverändert war, das war die Stimme. Sie war ebenso
+unmenschlich ausdruckslos.
+
+»Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu fürchten, und auch der
+neuen wegen nicht,« sagte Halfvorson. »Es ist wohl bekannt geworden, daß
+Sie mit jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so viel Aufstand
+machten. Und da wir annahmen, daß sie von hier seien, konnte ich Sie
+ausfindig machen. Edith wird bald sterben,« fuhr er fort, und sein Gesicht
+zuckte krampfhaft. »Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt. Aber wir
+führen nichts Böses gegen Sie im Schilde.«
+
+»Gewiß komme ich,« sagte Peter Nord.
+
+Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter Nord saß da, fein geputzt
+in seinem Sonntagsstaat. Und unter dem Hut spielten und gaukelten alle
+seine Knabenträume, einen richtigen Königsreif schlossen sie um sein
+blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm förmlich die Besinnung. Hatte er
+nicht immer gedacht, daß feine Damen ihn lieben würden? Und nun war da
+eine, die ihn sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles
+Wunderbaren! -- Nun saß er da und dachte an sie, wie sie einst gewesen war.
+Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt sollte sie sterben. Sie tat ihm so
+innig leid. Aber daß sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme,
+süße Wehmut kam über ihn.
+
+Nun war er wieder ganz heraus, der alte, närrische Peter Nord. Sobald er
+sich dem Städtchen näherte, verließ ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und
+Verachtung.
+
+Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der heftige Sturm, den er
+allein bemerkte, trieb ihn auf dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter
+vorbeikam, brummte er ein paar Worte, so daß dieser erfuhr, welche Pfade
+seine betrübten Gedanken wandelten. »Sie fanden sie auf dem Boden, halbtot
+-- und rings um sie lauter Blut,« sagte er einmal. Und ein andermal: »War
+sie nicht gut? War sie nicht schön? Wie konnte es ihr so schlecht ergehen?«
+Und ein andermal: »Sie hat mich auch gut gemacht. Konnte es nicht mit
+ansehen, daß sie den ganzen langen Tag betrübt dasaß und mit ihren Tränen
+das Kassabuch ruinierte.« -- Dann kam dies: »Ein schlaues Ding übrigens.
+Schmeichelte sich bei mir ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte
+mir Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich, aber konnte nicht
+widerstehen.« Er wanderte bis zum Vorderdeck. Als er zurückkam, sagte er:
+»Ich kann es nicht ertragen, daß sie sterben soll.«
+
+Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme, die er weder dämpfen
+noch modulieren konnte. Peter Nord hatte die stolze Empfindung, daß ein
+solcher Mann wie er, der einen Königsreif um die Stirn trug, gar nicht das
+Recht hatte, Halfvorson zu zürnen. Dieser war ja durch sein Gebrechen von
+den Menschen getrennt und konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mußte er
+sie alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit demselben Maßstab
+zu messen wie andre Menschen.
+
+Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Träume. Sie hatte sich also
+seiner alle diese Jahre erinnert, und jetzt konnte sie nicht sterben, ohne
+ihn gesehen zu haben. Ach, man denke, daß ein junges Mädchen alle die Jahre
+herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und vermißt hatte.
+
+Sobald er ans Land gekommen war und das Haus des Kaufmanns erreicht hatte,
+wurde er zu Edith geführt, die ihn draußen in der Laube erwartete.
+
+Der glückliche Peter Nord wurde nicht aus seinen Träumen gerissen, als er
+sie erblickte. Sie war ein liebliches Traumwesen, dieses Mädchen, das um
+die Wette mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte. Ihre
+großen Augen waren dunkler und klarer geworden. Ihre Hände waren so dünn
+und durchsichtig, daß man fürchtete, diese vergeistigte Materie zu
+berühren.
+
+Und sie liebte ihn. Natürlich mußte er sie sogleich wiederlieben, heiß,
+innig, glühend. Als sie sah, wie er dastand und sie anstarrte, begann sie
+zu lächeln, mit dem verzweifeltesten Lächeln der Welt, diesem Lächeln der
+Kranken, das sagt: »Sieh, so bin ich geworden. Zähle nicht auf mich. Ich
+kann nicht mehr schön und reizend sein. Ich muß bald sterben.«
+
+Das rief ihn zur Wirklichkeit zurück. Er sah, daß er es nicht mit einem
+Traumbilde zu tun hatte, sondern mit einer Seele, die im Entfliehen war und
+darum die Wände ihres Kerkers so dünn und durchsichtig gemacht hatte. Nun
+war es so deutlich in seinem Gesicht und in der Art, wie er Ediths Hand
+faßte, zu sehen, wie er mit einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre
+über dem Schmerze, daß sie sterben mußte, vergaß, daß die Kranke dasselbe
+Mitleid mit sich selbst fühlte und Tränen in ihre Augen traten.
+
+O, welches Mitgefühl hatte er vom ersten Augenblick an für sie. Er begriff
+gleich, daß sie ihre Bewegung nicht zeigen wollte. Natürlich war es
+ergreifend für sie, ihn, den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen.
+Aber nur ihre Schwäche war daran schuld, daß sie sich jetzt verriet. Sie
+wollte natürlich nicht, daß er es bemerkte. Und darum brachte er ein
+unverfängliches Gesprächsthema aufs Tapet.
+
+»Wissen Sie, wie es meinen weißen Mäusen ergangen ist?« fragte er.
+
+Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte er ihr den Weg ebnen.
+»Ich habe sie in den Laden gelassen,« sagte sie, »sie haben sich gut
+gehalten.«
+
+»Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen da?«
+
+»Halfvorson sagt, daß er Peter Nords Mäuse niemals loswerden kann. Sie
+haben Sie gerächt, verstehen Sie?« sagte sie bedeutungsvoll.
+
+»Es war eine ausgezeichnete Rasse,« antwortete Peter Nord stolz.
+
+Das Gespräch stockte einen Augenblick. Edith schloß die Augen, wie um zu
+ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. Seine letzte Antwort verstand sie
+nicht. Er hatte gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert. Als
+er angefangen hatte, von den Mäusen zu sprechen, hatte sie geglaubt, er
+verstünde, was sie damit sagen wolle.
+
+Sie wußte ja, daß er vor ein paar Wochen hergekommen war, um sich zu
+rächen. Der arme Peter Nord! Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl
+ergehen mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten Jungen in
+ihren Träumen ertönt. Zum Teil um seinetwillen, um nie mehr eine solche
+Nacht zu erleben, hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das
+Haus zu einem Heim für ihn gemacht, hatte den Einsamen es schätzen gelehrt,
+einen teilnehmenden Freund in seiner Nähe zu haben. Jetzt war ihr Schicksal
+wieder mit Peter Nord verknüpft. Sein Rachezug hatte sie zu Tode
+erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall ein wenig erholt hatte,
+hatte sie Halfvorson gebeten, ihn auszukundschaften.
+
+Und nun saß Peter Nord da und glaubte, daß sie ihn aus Liebe gerufen habe.
+Er konnte ja nicht wissen, daß sie ihn für rachsüchtig, roh und verkommen
+hielt, für einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden im
+Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte nicht ahnen, daß sie
+ihn herbeschieden hatte, um ihm Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn
+nichts andres half, ihm zu sagen: »Sieh mich an, Peter Nord! Dein
+Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines Todes. Denke daran und
+beginne ein andres Leben.«
+
+Er war voll Lebenslust und Träumerei gekommen, um das Fest der Liebe zu
+feiern, und sie lag da und dachte daran, ihn in die schwarzen Tiefen der
+Reue zu versenken.
+
+Aber es mußte ihr wohl etwas von dem Glanz des Königsreifens
+entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen, so daß sie beschloß, ihn
+zuerst ins Verhör zu nehmen.
+
+»Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen drei furchtbaren Kerlen
+da?«
+
+Er errötete und sah zu Boden. Dann mußte er ihr die ganze Geschichte von
+dem Rachezug mit all seiner Schmach erzählen. Fürs erste, wie unmännlich
+lange er gezögert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie er nur
+gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt selbst zu schlagen,
+geprügelt und gepeitscht worden war. Er wagte nicht aufzusehen, während er
+sprach; er wagte nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit
+Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasaß, fühlte er, daß er sich all des
+Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn in ihren Träumen umgeben haben mußte.
+
+»Aber Peter Nord, wie wäre es denn gegangen, wenn Sie Halfvorson
+angetroffen hätten?« fragte Edith, als er zu Ende gesprochen hatte.
+
+Er ließ den Kopf immer tiefer hängen. »Ich sah ihn ja ohnehin,« sagte er.
+»Er war gar nicht verreist. Er arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor.
+Der Junge im Laden hatte mir alles erzählt.«
+
+»Nun, warum haben Sie sich dann nicht gerächt?« fragte Edith.
+
+Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er fühlte, daß ihre Blicke sich
+forschend auf ihn hefteten, und er begann gehorsam: »Als die Männer sich
+auf einem Abhang schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson
+auf, denn ich wollte ihn allein für mich haben. Er ging da herum und
+richtete Stäbchen in einem Erbsenbeet auf. Es mußte am Tage vorher einen
+Platzregen gegeben haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige
+Blätter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah aus wie ein
+Krankenhaus. Und Halfvorson war der Doktor. Er richtete sie so zart in die
+Höhe, streifte die Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die Stäbchen
+umfassen. Ich stand da und sah zu. Er hörte mich ja nicht und er hatte
+keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte zornig zu bleiben, aber was sollte
+ich tun? Ich konnte doch nicht auf ihn losstürzen, solange er mit den
+Erbsen beschäftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch, dachte ich.
+
+Aber plötzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn und stürzte zum
+Treibbeete. Da hob er die Glasfenster ab und guckte hinein, und ich guckte
+auch, denn er sah aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung wäre. Ja
+freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen, die Pflanzen vor der
+Sonne zu schützen und es war wohl unter den Glasfenstern furchtbar heiß
+gewesen. Die Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; einige
+Blätter waren versengt und andre hingen schlaff herab. Ich war auch ganz
+erschrocken, so daß ich alle Vorsicht vergaß, und da erblickte Halfvorson
+meinen Schatten. >Du hör' einmal, nimm die Gießkanne, die beim Spargelbeet
+steht, laufe zum Fluß herunter und hole Wasser,< sagte er, ohne aufzusehen;
+er glaubte wohl, es sei der Gärtnerjunge. Und so lief ich.«
+
+»Taten Sie das, Peter Nord?«
+
+»Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter unsrer Feindschaft zu
+leiden. Es kam mir wohl auch vor, daß das charakterlos sei, aber ich konnte
+nicht anders. Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen könnten. Als ich
+zurückkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte noch ebenso
+verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm die Kanne in die Hand, und er begann
+zu gießen. Ja, man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat. Es
+war mir fast, als richteten sie sich in die Höhe, und ihm schien es wohl
+auch so, denn er fing zu lachen an. Da lief ich fort.«
+
+»Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?« Edith hatte sich in ihrem
+Ruhesessel aufgerichtet.
+
+»Ich konnte ihn nicht schlagen,« sagte Peter Nord.
+
+Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um den Kopf des armen Peter
+Nord. So, sie brauchte ihn also nicht mit der schweren Last der Sünde um
+den Hals in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann war er also!
+Ein so weichherziger und feinfühliger Mann! Sie sank zurück, schloß die
+Augen wieder und dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es
+wunderte sie selbst, welch große Erleichterung es ihr gewährte, ihn nicht
+betrüben zu müssen.
+
+»Ich bin so froh, daß Sie sich die Rachegedanken aus dem Kopfe geschlagen
+haben, Peter Nord,« begann sie freundlich. »Gerade darum wollte ich Sie
+bitten. Jetzt kann ich ruhig sterben.«
+
+Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. Sie sah nicht aus, als
+hätte sie sich in ihm getäuscht. Sie mußte ihn doch sehr lieb haben, wenn
+sie alle diese Feigheit entschuldigen konnte. -- Denn wenn sie sagte, daß
+sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen Racheplänen
+abzustehen, geschah dies wohl nur aus Schüchternheit, um ihm nicht den
+wirklichen Grund des Rufes gestehen zu müssen. Darin hatte sie ganz recht.
+Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen.
+
+»Wie können sie Sie sterben lassen?« rief er aus. »Halfvorson und alle die
+andern, wie können sie es? Wenn ich hier wäre, ich wollte es Ihnen
+verwehren, zu sterben. Ich würde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich würde
+alle Ihre Leiden auf mich nehmen.«
+
+»Ich habe keine großen Schmerzen,« sagte sie, über diese kühnen
+Versprechungen lächelnd.
+
+»Ich stelle mir vor, daß ich Sie forttragen möchte wie ein erfrorenes
+Vögelchen, Sie unter die Weste stecken wie ein Eichhörnchen. O Gott, wie
+schön wäre es doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches daheim auf
+einen wartete. Aber wenn Sie gesund wären, so würden wohl viele ...«
+
+Sie sah ihn mit müdem Staunen an, bereit, ihn in seine Schranken zu weisen.
+Aber sie mußte wohl wieder etwas von dem Zauberkranze der Träume um das
+Haupt des Knaben gesehen haben, denn sie übte Nachsicht gegen ihn. Er
+meinte wohl nichts damit. Er mußte wohl so sprechen wie er sprach. Er war
+ja nicht wie andre.
+
+»Ach,« sagte sie gleichgültig. »Nicht so viele, Peter Nord. Wohl kaum
+einer, der es ernst meinte.«
+
+Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten ein. In ihr erwachte
+plötzlich der Heißhunger der Kranken nach Mitleid. Sie wollte das
+Mitgefühl, die Zärtlichkeit haben, die der arme Arbeiter ihr schenken
+konnte, es war ihr ein Bedürfnis, lange in der Nähe dieser tiefen,
+uneigennützigen Teilnahme zu weilen. Die Kranken können ja an derlei nie
+genug haben. Sie wollte sie in seinen Blicken und in seinem ganzen Wesen
+lesen. Worte waren ihr gleichgültig.
+
+»Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,« sagte sie. »Bleiben Sie noch ein
+Weilchen sitzen und erzählen Sie, wie es Ihnen in diesen sechs Jahren
+ergangen ist.«
+
+Während er sprach, lag sie da und schlürfte dieses Unsagbare ein, was von
+ihm zu ihr strömte. Sie hörte und hörte nicht. Aber durch irgendeine
+wunderbare Sympathie fühlte sie sich gestärkt und belebt.
+
+Übrigens machten ihr auch seine Erzählungen Eindruck. Sie führten sie in
+die Arbeiterviertel, in eine neue Welt voll gärender Hoffnungen und Kräfte.
+Wie man dort glaubte und sich sehnte! Wie man haßte und litt!
+
+»Wie glücklich sind doch die Unterdrückten,« sagte sie.
+
+In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den Sinn, daß dies etwas für
+sie sein könnte, die immer Druck und Zwang brauchte, um das Leben
+lebenswert zu finden.
+
+»Wenn ich gesund wäre,« sagte sie, »wäre ich vielleicht mit dahin gegangen.
+Es wäre schön gewesen, sich zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die
+Höhe zu arbeiten.«
+
+Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Geständnis, auf das er die
+ganze Zeit gewartet hatte. »Ach, können Sie nicht leben!« bat er, und er
+strahlte vor Glück.
+
+Sie wurde aufmerksam. »Das ist ja Liebe,« sagte sie zu sich selbst. »Und
+jetzt glaubt er, daß ich auch verliebt bin. Solch ein närrischer Kauz,
+dieser Wermlandjunge!«
+
+Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen, aber etwas lag über
+Peter Nord an diesem siegreichen Tage, das sie zurückhielt. Sie brachte es
+nicht übers Herz, seine frohe Stimmung zu zerstören. Sie fühlte Mitleid mit
+seiner Torheit und ließ ihn weiter darin leben. »Es macht ja nichts, da ich
+ja doch bald sterben muß,« sagte sie zu sich selbst.
+
+Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er fragte, ob er
+wiederkommen dürfe, verbot sie es ihm ganz. »Aber,« sagte sie, »vergessen
+Sie den Kirchhof hier oben auf dem Hügel nicht, Peter Nord. Dorthin können
+Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode für diesen Tag danken.«
+
+Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er Halfvorson. Dieser ging
+verzweifelt auf und ab und fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, daß
+Edith dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufbürdete. Um ihn überwältigt
+von Gewissensbissen zu sehen, einzig und allein darum hatte er ihn geholt.
+Doch als er den jungen Arbeiter traf, sah er, daß Edith ihm nicht alles
+gesagt haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien er
+schwindelnd glückselig.
+
+»Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben muß?« fragte Halfvorson.
+
+»Nein,« antwortete Peter Nord.
+
+Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie um ihn nicht entkommen
+zu lassen.
+
+»Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche wegen. Sie war wohl
+vorher ein bißchen krank, aber das hatte nichts zu bedeuten. Niemand
+glaubte, daß sie sterben würde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei
+unglückseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, während Sie in
+meinem Laden waren. Sie verfolgten sie, und sie lief vor ihnen fort, lief
+so, daß sie einen Blutsturz bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie
+wollten sich an mir rächen, dadurch, daß Sie sie töteten. Wollten mich
+einsam und unglücklich sehen, ohne einen einzigen Menschen um mich, der mir
+gut ist. Alle meine Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.«
+
+Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit Vorwürfen überschütten,
+ihn mit Flüchen morden; aber dieser riß sich los und lief davon, als ob ein
+Erdbeben die ganze Stadt erschüttere und alle Häuser im Begriffe wären
+einzustürzen.
+
+
+IV
+
+Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht, aber wenn man auf
+steilen Steinstufen und nadelbedeckten, glatten Pfaden hinaufgeklettert
+ist, so findet man, daß der Berg sich zu einem großen welligen Plateau
+ausbreitet. Und dort oben findet man einen Märchenwald.
+
+Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald ohne Nadeln, ein Wald,
+der im Frühling stirbt und im Herbst grünt, ein lebloser Wald, der in
+Lebensfreude aufflackert, wenn andre Bäume das grüne Kleid des Lebens
+ablegen, ein Wald, der wächst, ohne daß jemand wissen kann wie, der grün im
+Frost und braun im Tau dasteht.
+
+Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten sind gezwungen worden,
+in den Rissen zwischen Felsblöcken Wurzel zu schlagen. Ihre zähen Wurzeln
+haben sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt. Eine
+Zeitlang ging es gut, die jungen Bäume schossen in die Höhe, und die
+Wurzeln bohrten sich frohgemut in den grauen Stein. Aber endlich konnten
+sie nicht weiterkommen, und da bemächtigte sich des Waldes eine nur
+schlecht verhehlte üble Laune. Er wollte hoch hinaus, aber auch in die
+Tiefe. Da ihm der Weg nach unten versperrt war, schien ihn das Leben nicht
+mehr zu freuen. Jeden Frühling war er bereit, mißmutig die Lebensbürde
+abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben sollte, stand der junge Wald
+ganz braun da. Hoch über der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm
+einen düstern Rand sterbender Bäume.
+
+Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles Düsterkeit und Todeskampf.
+Wenn man so unter den braunen Bäumen einhergeht und sich so bedrückt fühlt,
+daß man am liebsten sterben wollte, sieht man grüne Bäume schimmern,
+Blumenduft schlägt einem entgegen; Vogelgesang jubelt und lockt. Da denkt
+man an das Schloß im schlummernden Wald, an das Paradies des Märchens, das
+von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und wenn man dann zu dem
+Grün, dem Blumenduft, dem Vogelgezwitscher kommt, sieht man, daß man sich
+auf dem versteckten Kirchhof des kleinen Städtchens befindet.
+
+Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angefüllten Vertiefung des
+Bergplateaus. Und da innerhalb der grauen Steinmauern hat alles Welken und
+aller Lebensüberdruß ein Ende. Im Tore stehen Fliederbüsche, die sich unter
+schweren Blütentrauben neigen. Linden und Ahornbäume spannen mit
+überraschender Kraft einen himmelhohen Bogen über den ganzen Platz. Jasmin
+und Rosen entblühen freundlich der geweihten Erde. Um große alte Grabsteine
+schlingen sich Ranken von Immergrün und Efeu.
+
+Hier ist eine Ecke, wo die Nadelbäume die Höhe eines Mastbaumes erreichen.
+Müßte sich nicht eigentlich der junge Wald draußen schämen, wenn er sie
+sieht? Und da sind Hecken, die den Händen ihrer Pfleger ganz entwachsen
+sind, die ohne an Schere und Messer zu denken, blühen und sprießen.
+
+Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof, zu dem die Toten
+ohne sonderliche Mühe gelangen können. Es war recht beschwerlich für sie,
+im Winter hier heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis
+überzogen sind, und die Stufen schlüpfrig und schneebedeckt. Der Sarg
+knackte, die Träger keuchten, der alte Propst stützte sich schwer auf den
+Küster und den Totengräber. Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu
+werden, der es nicht selbst gewünscht hat.
+
+Schön sind die Gräber dort nicht. Die wenigsten verstehen es, den Toten
+eine schöne Wohnstatt zu bereiten. Aber das frische Grün ergießt seinen
+Frieden und seine Schönheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu
+wissen, daß alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende, der nach
+einem heißen Arbeitstage hinaufflüchtet, geht wie unter Freunden einher.
+Die hier schlummern, haben ja auch die hohen Bäume und die Stille geliebt.
+
+Kommt ein Fremder herauf, so erzählt man ihm nicht von Tod und Trauer,
+sondern auf den großen Steinplatten, auf den breiten Bürgermeistergräbern
+sitzt man und erzählt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen, und seiner
+Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte am besten dazu, hier oben
+erzählt zu werden, wo der Tod seine Schrecken verloren hat. Es ist, als
+müßte die geweihte Erde jubeln, daß sie auch einmal der Schauplatz
+erwachenden Glücks und neuerweckten Lebens sein durfte.
+
+Denn es kam so, daß Peter Nord, als er von Halfvorson fortlief, seine
+Zuflucht oben auf dem Kirchhofe suchte.
+
+Zuerst lief er auf die Flußbrücke zu und schlug den Weg zur großen
+Fabrikstadt ein. Doch auf der Brücke machte der arme Flüchtling halt. Mit
+dem Königsreif um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden,
+als wäre er aus Sonnenstrahlen gesponnen gewesen. Peter Nord war von Kummer
+tief gebeugt, sein ganzer Körper zitterte, das Herz tat ihm weh, das Hirn
+brannte wie Feuer.
+
+Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum drittenmal entgegenkam.
+Sie war viel freundlicher, viel milder als einst, aber sie erschien ihm
+darum nur um so furchtbarer.
+
+»Ach, du Armer,« sagte sie, »jetzt mußt du aber mit deinen Streichen doch
+endlich aufhören! Du wolltest das Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern,
+die man Leben nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt und
+bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt kannst du dich nur
+mehr an mich wenden.«
+
+Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen. »Ich weiß, was du von mir
+willst. Du willst mich zur Arbeit und Entbehrung führen, aber ich kann
+nicht! Nicht jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.«
+
+Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit lächelte immer milder. »Du bist ja
+unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das doch nicht so zu Herzen, wofür du
+nichts kannst. War Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, daß sie dir
+vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du gelebt hast!«
+
+Der Knabe wurde immer heftiger. »Meinst du, es ist besser für mich, daß ich
+gerade die getötet habe, die gut gegen mich war, sie, die mich liebte? Wäre
+es nicht besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet hätte, den ich ermorden
+wollte? Ich muß es sühnen. Ich muß ihr das Leben retten. Jetzt kann ich
+nicht an Arbeit denken.«
+
+»O du Narr,« sagte Frau Fastenzeit, »das Fest der Sühne, das du feiern
+willst, das ist die allergrößte Vermessenheit.«
+
+Da empörte sich Peter Nord vollends gegen seine langjährige Freundin. Er
+hohnlachte förmlich. »Was hast du mir eingeredet,« sagte er, »daß du eine
+brave, brummige Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten. Du bist
+eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist schön, und du bist
+entsetzlich. Du weißt selbst nichts von Maß und Ziel. Warum sollte ich es
+denn? Wie kannst du Fasten predigen, du, die du ein solches Übermaß von
+Schmerz auf mich wälzen wolltest? Was sind die Feste, die ich gefeiert
+habe, gegen die, die du dir unaufhörlich bereitest! Bleib mir vom Leibe mit
+deiner gelben, bleichen Mäßigkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben,
+wie du selbst.«
+
+Nicht einen Schritt konnte er nach der großen Fabrikstadt machen.
+Ebensowenig konnte er umkehren und wieder über die lange Straße in das
+Städtchen wandern, nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum
+verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den steifen, stechenden
+jungen Bäumen umher, bis ein freundlicher Pfad ihn zum Kirchhof führte.
+Dort suchte er sich ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die Höhe eines
+Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todmüde zu Boden.
+
+Er wußte nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit verging, oder ob
+alles jetzt stille stand. Aber nach einem Weilchen ertönten Schritte, und
+er erwachte zu halbem Bewußtsein. Es war ihm, als wäre er lange, lange fort
+gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen, und sogleich tauchte ein
+verwirrter Gedanke in ihm auf. Wie lange lag er schon da? War Edith schon
+tot? Suchte sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd nach ihrem
+Mörder? Er zitterte und bebte. Freilich lag er in dem dunkeln
+Tannendickicht verborgen, aber er zitterte vor dem, was geschehen wäre,
+wenn die Leiche ihn gefunden hätte. Er bog ein paar Zweige zurück und
+blickte hinaus. Ein gehetzter Flüchtling kann nicht wilder nach seinen
+Verfolgern ausblicken.
+
+Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig und spärlich war das
+Geleit. Unbekränzt wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der
+Gesichter zeigte Tränenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand genug, um
+einzusehen, daß dies unmöglich Edith Halfvorsons Begräbnis sein konnte.
+
+Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer weiß, vielleicht war es ein
+Gruß von ihr. Peter Nord fühlte, daß er nicht das Recht hatte, zu
+entfliehen. Sie hatte gesagt, er möge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte
+wohl, daß er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine Strafe zuteil
+werden lassen konnte. Dieser Leichenzug war ein Gruß, ein Zeichen. Sie
+wollte, daß er sie dort erwartete.
+
+Vor seinem kranken Hirn türmte sich jetzt die niedre Kirchhofsmauer so hoch
+wie ein Festungswall auf. Er starrte ängstlich auf das schwache
+Gitterpförtchen, es war wie die festeste Eichentür. Er war hier oben
+gefangen. Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn seiner
+Strafe zuführte.
+
+Was sie dann mit ihm beginnnen würde, das wußte er nicht. Nur eines war
+deutlich und klar. Er mußte hier warten, bis sie kam und ihn holte.
+Vielleicht wird sie ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm
+gebieten, sich vom Berge herunterzustürzen. Er konnte es nicht wissen --
+vorderhand mußte er warten.
+
+Die Vernunft kämpfte einen verzweifelten Kampf: Du bist ja unschuldig,
+Peter Nord. Mache dir doch kein Herzeleid über das, was du nicht
+verschuldet hast. Sie hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu
+deiner Arbeit! Erhebe den Fuß, und du bist über die Mauer, stoße mit einem
+Finger zu, und das Tor ist offen.
+
+Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem Nebel, einer Betäubung.
+Die Gedanken kamen unklar, so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines
+nur wußte er, er mußte bleiben, wo er war.
+
+Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die Wette mit den
+wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter Nord, mit dem du an einem Sommertag
+gespielt, geht oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter
+Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den Kirchhof nicht
+verlassen, bis dein blumengeschmückter Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.
+
+Das Mädchen schlug die Augen auf, gleichsam wie um noch einmal die Welt zu
+sehen. Sie schickte nach Peter Nord. Sie zürnte ihm wegen seines tollen
+Streiches. Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie hatte nie gewünscht,
+daß er sich ihrethalben Gewissensbisse mache.
+
+Der Bote kam ohne Peter Nord zurück. Er könne nicht kommen. Die Mauer sei
+zu hoch und das Tor zu stark. Nur eine könne ihn von dort fortbringen.
+
+In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an nichts andres. »Er geht
+noch immer dort herum, noch immer,« erzählte man einander jeden Tag. »Ist
+er verrückt?« fragten die Leute häufig, und einige, die mit ihm gesprochen
+hatten, antworteten, daß er es ganz gewiß werden würde, wenn »sie« kam.
+Aber sie waren sehr stolz auf diesen Märtyrer der Liebe, der ihrer Stadt
+Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die Reichen schlichen den
+Berg hinauf, um ihn wenigstens aus der Ferne zu sehen.
+
+Aber Edith, die sich nicht vom Fleck rühren konnte, die machtlos dalag und
+sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu denken hatte, womit beschäftigte
+sie sich wohl? Welche Gedanken wälzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh,
+Peter Nord, Peter Nord! Mußte sie nicht stets den Mann vor sich sehen, der
+sie liebte, der nahe daran war, um ihretwillen den Verstand zu verlieren,
+der wirklich, wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren Sarg
+wartete.
+
+Sieh da, das war etwas für die Stahlfedernatur in ihr. Das war etwas für
+die Phantasie, etwas für entschlummernde Gefühle. Sich vorzustellen, was er
+anfangen würde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen, was er beginnen würde,
+wenn sie nicht als Tote hinkam.
+
+Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon und von nichts
+anderm. So wie die alten Städte ihre Säulenheiligen geliebt hatten, so
+liebte das Städtchen den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne auf den
+Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer wilder und wilder aus. Immer
+dichter senkte sich die Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. »Warum
+beeilt sie sich nicht, gesund zu werden,« sagten sie von Edith. »Es wäre
+unrecht von ihr, zu sterben.«
+
+Edith fühlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem Leben war, sollte nun
+wieder die schwere Bürde auf sich nehmen müssen? Aber auf jeden Fall begann
+sie sich redlich zu mühen. In ihrem Körper wurde in diesen Wochen mit
+fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt. Und es wurde nicht an
+Material gespart. In ungeheuren Massen wurde alles verbraucht, was
+Lebenskraft gibt, wie es auch heißen mochte: Malzextrakt oder Lebertran,
+frische Luft oder Sonnenschein, Träume oder Liebe.
+
+Und was für herrliche Tage waren dies doch, lang, warm, regenlos!
+
+Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu lassen. Die ganze Stadt
+war in Angst, als sie den Weg antrat. Würde sie mit einem Wahnsinnigen
+zurückkommen? Konnten diese Wochen des Elends aus seinem Hirn ausgetilgt
+werden? Würde die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um wieder zu leben,
+fruchtlos sein? Und wenn, wie würde es dann ihr selbst ergehen?
+
+Wie sie dahinzog, blaß vor Spannung, aber doch voll Hoffnung, gab es Anlaß
+zur Unruhe genug. Niemand verhehlte sich, daß Peter Nord einen zu großen
+Raum in ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste in
+der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen. Alle Schranken waren für sie
+gefallen, als sie hörte, was er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus
+ihrer Schwärmerei werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem Wahnsinnigen
+ist nichts Romantisches.
+
+Als man sie bis an das Friedhofspförtchen getragen hatte, verließ sie die
+Träger und ging allein über den breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten
+rund um den grünenden Platz, aber sie sah niemanden.
+
+Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht, und von dort sah
+sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren. Nie hatte sie ein Antlitz
+gesehen, das so deutlich den Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst
+darüber, erschrak tödlich. Es fehlte nicht viel, so wäre sie geflohen.
+
+Aber dann loderte ein großes, heiliges Gefühl in ihr auf. Jetzt konnte
+nicht mehr von Liebe und Schwärmerei die Rede sein, nur von Angst, daß ein
+Mitmensch, einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde
+durchwanderten, verloren gehen sollte!
+
+Das Mädchen blieb stehen. Sie wich nicht einen Schritt zurück, sondern ließ
+ihn sich langsam an ihren Anblick gewöhnen. Aber alle Macht, die sie besaß,
+legte sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit der ganzen Kraft
+des Willens, der die Krankheit in ihr selbst besiegt hatte.
+
+Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt. Er ging auf
+sie zu, ohne daß das Grauen aus seinen Zügen wich. Er sah aus, als wäre er
+von einem wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerreißen. Als er
+dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre beiden Hände auf die Schultern
+und sah ihm lächelnd ins Gesicht.
+
+»Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie müssen von hier fort! Was
+meinen Sie damit, daß Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben,
+Peter Nord?«
+
+Er zitterte und sank zusammen. Aber sie fühlte, daß sie ihn mit ihren
+Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen hingegen gar keine Bedeutung für
+ihn zu haben.
+
+Sie schlug einen etwas andern Ton an. »Höre, was ich sage, Peter Nord. Ich
+bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich bin gesund geworden, um hier
+heraufzukommen und dich zu retten.«
+
+Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen da. Wieder veränderte
+sich ihre Stimme. »Du hast mir nicht den Tod gebracht,« sagte sie immer
+inniger, »du hast mir das Leben gegeben.«
+
+Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre Stimme ward zuletzt bebend
+vor Bewegung, trübe von Tränen. Aber er verstand nichts von dem, was sie
+sagte.
+
+»Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,« rief sie aus.
+
+Er blieb ebenso gleichgültig.
+
+Nun wußte sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie mußte ihn wohl mit in
+die Stadt hinabnehmen und gute Pflege und die Zeit walten lassen.
+
+Doch wer weiß, mit welchen Träumen sie heraufgekommen war und was sie sich
+von dieser Begegnung mit dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo
+sie alles das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln mußte,
+erfüllte sie ein Schmerz, als müßte sie das Kostbarste von sich lassen, was
+das Leben ihr geschenkt hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog
+sie ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn.
+
+Dies sollte ein Abschied von Leben und Glück sein. Sie fühlte, wie ihre
+Kräfte versagten. Tödliche Mattigkeit kam über sie.
+
+Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches Lebenszeichen zu
+merken, er war nicht mehr ganz so schlaff und stumpf. Es zuckte in seinen
+Gesichtszügen. Er zitterte immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer
+größrer Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu weinen.
+
+Sie führte ihn zu einem Grabstein. Sie ließ sich darauf nieder, zog ihn zu
+sich herab und bettete sein Haupt in ihrem Schoß. So saß sie da und
+streichelte ihn, während er weinte.
+
+Mit ihm ging etwas Ähnliches vor, wie wenn man aus einem bösen Traum
+erwacht. »Warum weine ich,« fragte er sich. »Ach, ich weiß, ich habe so
+furchtbar geträumt. Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht
+gemordet. Wie töricht, über einen Traum zu weinen.«
+
+Und so allmählich wurde ihm alles klar; doch seine Tränen flossen weiter.
+Sie saß da und liebkoste ihn, aber seine Tränen strömten noch lange.
+
+»Das Weinen tut mir so wohl,« sagte er.
+
+Dann sah er auf und lächelte. »Ist jetzt Ostern?« fragte er.
+
+»Was meinst du damit?«
+
+»Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,« fuhr er fort.
+Dann, als wären sie langjährige Vertraute, begann er, ihr von Frau
+Fastenzeit zu erzählen und von seiner Empörung gegen ihr Regiment.
+
+»Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein Ende,« sagte sie.
+
+Aber als er daran dachte, daß Edith dasaß und ihn liebkoste, mußte er
+wieder weinen. Es war ihm solch ein Bedürfnis zu weinen. Alles Mißtrauen
+gegen das Leben, das das Unglück dem kleinen Wermländer eingeflößt hatte,
+bedurfte der Tränen, um fortzuschmelzen. Das Mißtrauen, daß Liebe und
+Freude, Schönheit und Kraft nicht auf Erden blühen könnten, das Mißtrauen
+gegen sich selbst, alles das mußte fort. Alles das ging fort, denn es war
+Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit konnte nie mehr Macht erlangen.
+
+
+
+
+Die Legende vom Vogelnest
+
+
+Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte, und
+sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die
+windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. Doch
+er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den Bart in
+den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang
+streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso
+unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so wollte er bis zum
+Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu erbitten.
+
+Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren
+hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen
+andrer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. Darum
+zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am Flußufer und
+wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron Gehör fanden.
+
+Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das
+große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten Gerichts
+über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden
+Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde verkünden sollten. Er rief
+nach den Wellen des Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertränken. Er
+rief nach der Pest, auf daß sie die Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle.
+
+Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am
+Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem großen,
+kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne Zweige
+hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des holzarmen
+Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden Frühling trieb
+der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen Tagen sah man sie um
+den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart um Hatto, den Eremiten,
+flatterten.
+
+Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen
+den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage
+mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig peitschenden
+Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit Binsenhalmen und
+Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber sie mußten
+unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, der eben
+Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu lassen, damit das
+Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst zerstört werde.
+
+Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und
+vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein alter
+Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und Wangen,
+daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem kleinen
+Aufleuchten tief in den Augenhöhlen sah man, daß er Leben besaß. Und die
+vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der emporgestreckte
+nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, die mit
+verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen waren. Er trug einen
+alten, eng anliegenden schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne
+und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart waren licht, hatten
+sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne
+Farbe angenommen hatten, wie die Unterseite der Weidenblätter.
+
+Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten,
+hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie die
+andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie
+umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich den
+Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und Stürme,
+fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für ihn, wegen
+seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer und ihrem
+Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und legte sein
+Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten.
+
+Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht
+sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab
+es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des
+Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr Sünden
+beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die Lebenden
+gibt es keine Erlösung.«
+
+Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus der
+großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen wieder und
+versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine Finger
+einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger Daumen über
+die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich über die
+Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man bauen
+konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.
+
+»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du des
+Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Maß
+deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O Herr,
+wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?«
+
+Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des
+Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem
+roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden
+wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von
+diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der
+kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit einem
+vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten.
+
+Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das Gelübde
+getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen zu beten, um
+so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein Körper wurde,
+desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn erfüllten. Er hörte die
+Mauern der Städte zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen
+einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei, und
+ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, hohe,
+silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönem Antlitz, auf schwarzen
+Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus weißen Blitzen geflochten
+waren.
+
+Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und
+die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit ihrem
+steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und seinen
+Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur Mittagsrast
+noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen sie hin und
+her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst angelangt.
+
+Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und
+mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus,
+wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden
+tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich ein
+bißchen ausruhten.
+
+So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im
+Schilf auf.
+
+Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein Gesicht
+in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein
+wunderliches Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen mit großen,
+runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für den, der aufrecht
+steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen
+Köpfchen auf schwanähnlich gebognen Hälsen erhoben. Große Kröten kriechen
+träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der
+Fuchs springt nach einer Fledermaus, die Mücken über dem Fluß jagt. Es ist,
+als hätte jedes Erdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die
+kleinen Vögelchen auf dem schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf
+diesen Ruhestätten, denen kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser
+aufplätschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt.
+
+Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des
+gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen.
+
+Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest zu,
+aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin und
+erhoben sich gerade in die Luft, um zu spähen. Keine Spur von einem Nest
+oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine am
+Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und drehten
+das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen?
+
+Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf
+dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich auf
+denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war ebenso
+schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas,
+was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte.
+
+Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die vielen
+Wunder der Natur nachzugrübeln.
+
+Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte
+und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der
+Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den
+fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß
+hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem Blick
+die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am
+Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß nicht nur jeder
+Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgne mystische Bedeutung hat,
+sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er
+herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die Bachstelzchen ihr Nest in
+seiner Hand bauten; Gott wollte, daß er mit erhobnen Armen betend dastehen
+sollte, bis die Vögel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte er dies,
+so sollte er erhört werden.
+
+Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten Gerichtes.
+Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er
+sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund herum
+und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine Moosflechten von der
+wirklichen Weide und klebten sie außen an, das sollte anstatt Tünche oder
+Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm Flaum
+von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die
+Einrichtung und Möblierung.
+
+Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des
+Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu
+bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
+ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.
+
+»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und
+fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine
+Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken
+hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie lächelten nur
+über seine Verwünschungen.
+
+Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger
+und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er
+ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und
+wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf den
+Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nachts
+seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen zu
+schlafen. Unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch größre
+Dinge vollbracht haben.
+
+Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den
+Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und
+schützte das Nest so gut er konnte.
+
+Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide
+Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen
+und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest von
+einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen Weilchen
+ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus.
+
+Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was oben
+in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am
+allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten.
+
+Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die Gabe,
+sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen starren in das
+Nest herab.
+
+Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: kleine,
+nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine Augen, keine
+Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene Schnäbel.
+
+Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden wie
+sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang
+ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch
+Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für
+diese sechs Schutzlosen.
+
+Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht
+mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, freute
+er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen.
+
+Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des
+alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die
+Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die Körperformen
+sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur den beflügelten
+Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut.
+
+Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer zögernder
+über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, daß sie
+hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun stand er
+da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese
+sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er nicht opfern.
+
+Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein
+Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine Kind
+die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und machte ihn
+unschlüssig.
+
+Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er meinte,
+daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben dürfen.
+Mußte er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger und den
+mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade als er noch
+so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu
+töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im
+Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den
+Fluß.
+
+Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der Bachstelzchen
+mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand hinauszuschieben,
+während das andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war, wenn sie
+es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen sich hartnäckig fürchteten,
+da flogen die beiden Alten fort und zeigten ihnen ihre allerschönste
+Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschiedene
+Windungen, oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie Lerchen oder
+hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Luft.
+
+Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht
+lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen Puff
+mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen sie,
+zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, sie sinken,
+aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, und verwenden
+sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten
+kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte Hatto schmunzelt.
+
+Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.
+
+Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern Herrgott nicht auch
+einen Ausweg geben konnte.
+
+Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie
+ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu
+denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der
+Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte,
+so wie sich der Eremit der kleinen Vögel erbarmte.
+
+Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unsers Herrgotts
+Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch ein Herz für
+sie hatte.
+
+Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der
+Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner
+Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem anhielt, um
+dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. Doch in
+demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten sich ihm auf
+Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein
+Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er hatte ja den Arm
+gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel anzusehen.
+
+Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt,
+nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu. »Du bist frei,« sagte
+er, »du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch
+deines nicht zu halten.«
+
+Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich der
+Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe.
+
+
+
+
+Das Hünengrab
+
+
+Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot blüht. Auf der Sandhalde
+wuchs es in dichten Büscheln. Von niedrigen, baumähnlichen Stämmchen
+erhoben sich dicht sitzende grüne Zweige mit nadelharten, festen Blättern
+und kleinen, spät welkenden Blüten. Diese schienen nicht aus dem
+gewöhnlichen saftreichen Blumengewebe zu bestehen, sondern aus trocknen,
+harten Schuppen. Sie waren sehr unansehnlich von Größe und Gestalt; auch
+war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen Heide hatten sie
+sich nicht in der windgeschützten Luft entwickelt, in der die Lilien ihre
+Kelchblätter entfalten, auch nicht in dem üppigen Erdreich, aus dem die
+Rosen die Nahrung für ihre schwellenden Kronen schöpfen. Was sie zu Blumen
+machte, war eigentlich die Farbe; denn leuchtend rot waren sie. Den Farbe
+schenkenden Sonnenschein hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine
+bleichen Kellergewächse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die gesegnete
+Fröhlichkeit und Stärke der Gesundheit lag über der ganzen blühenden Heide.
+
+Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten Mantel bis hinauf zum
+Waldessaum. Da erhoben sich auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar
+uralte, halb zusammengestürzte Grabhügel; und wie innig das Heidekraut sich
+auch an sie zu schmiegen suchte: es gab doch dort oben Risse, durch die
+große flache Felsenplatten durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des
+Berges selbst. Unter dem größten Grabhügel ruhte ein alter König, Atle
+genannt. Unter den andern schlummerten die seiner Mannen, die gefallen
+waren, als die große Schlacht dort auf der Halde geschlagen ward. Nun
+hatten sie schon so lange dagelegen, daß die Angst und die Ehrfurcht vor
+dem Tode von ihren Gräbern gewichen war. Der Weg ging zwischen ihren
+Ruhestätten hindurch. Wer nachts hier wanderte, dem kam es nie in den
+Sinn, sich umzusehen, ob wohl zu mitternächtiger Stunde nebelumhüllte
+Gestalten auf der Spitze der Grabhügel säßen und in stummer Sehnsucht zu
+den Sternen emporblickten.
+
+Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. Der Schütze, der
+seit dem Morgengrauen auf der Jagd gewesen war, hatte sich in das
+Heidekraut hinter König Atles Hügel geworfen. Er lag auf dem Rücken und
+schlief. Den Hut hatte er über die Augen gezogen und die Jagdtasche aus
+Fell, aus der die langen Ohren des Hasen und die gekrümmten Schwanzfedern
+des Auerhahns lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen hatte er
+neben sich.
+
+Aus dem Walde kam ein Mädchen, ein Bündelchen mit Essen in der Hand. Als
+sie auf die flachen Platten zwischen den Grabhügeln kam, dachte sie, was
+für ein guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam große Lust, ihn zu
+probieren. Sie warf das Bündelchen ins Heidekraut und begann ganz
+mutterseelenallein zu tanzen. Sie wußte nicht darum, daß hinter dem
+Königshügel ein Mann lag und schlief.
+
+Der Schütze schlief noch immer. Brennend rot stand das Heidekraut gegen den
+tiefblauen Himmel. Der Ameisenlöwe hatte seinen Graben dicht neben dem
+Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stück Katzengold und funkelte, als
+wollte es alle alten Stoppeln der Sandhalde in Brand setzen. Über dem Kopf
+des Schützen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch aus und
+ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten Purpur bis ins Stahlblau. Auf
+den unbeschatteten Teil seines Gesichtes brannte glühender Sonnenschein.
+Aber er schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu schauen.
+
+Unterdessen fuhr das Mädchen fort, zu tanzen, und es drehte sich so eifrig,
+daß die geschwärzte Mooserde, die sich in den Unebenheiten der Blöcke
+angesammelt hatte, um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel,
+blank und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. Die nahm sie und
+drehte sich mit ihr herum. Späne lösten sich aus dem modernden Baume.
+Tausendfüßler und Ohrwürmer, die in den Ritzen genistet hatten, stürzten
+sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich in die Wurzeln des
+Heidekrautes.
+
+Wenn die fliegenden Röcke die Heide streiften, flatterten daraus Scharen
+von kleinen grauen Schmetterlingen auf. Die Unterseite ihrer Flügel war
+weiß und glänzte wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm auf
+und ab. Sie schienen nun ganz weiß, und es war, als ob das rote Heidemeer
+weißen Schaum emporspritzte. Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes
+Weilchen schwebend in der Luft. Ihre zarten Flügel zitterten so heftig, daß
+der Farbenstaub sich löste und als dünner, silberweißer Flaum auf das
+Heidekraut fiel. Da war es, als würde die Luft von einem sonnig glitzernden
+Tauregen durchrieselt.
+
+Ringsum im Heidekraut saßen Heuschrecken und rieben ihre Hinterbeine gegen
+die Flügel, so daß es wie Harfensaiten klang. Sie hielten guten Takt und
+waren so eingespielt, daß jeder, der über die Heide ging, dieselbe
+Heuschrecke auf seiner Wanderung zu hören meinte, obgleich er sie bald zur
+Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, bald hinter sich. Aber die
+Tanzende war nicht zufrieden mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem
+kleinen Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trällern. Ihre
+Stimme war schrill und spröde. Der Schütze erwachte von dem Gesang. Er
+wendete sich seitwärts, richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah über das
+Hünengrab hinweg zu ihr, die tanzte.
+
+Er hatte geträumt, daß der Hase, den er soeben getötet hatte, aus der
+Jagdtasche gesprungen sei und seine eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn
+zu schießen. Nun sah er zu dem Mädchen hinüber, schlaftrunken, wirr von
+Träumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf in der Sonne.
+
+Sie war groß und von grobem Gliederbau; nicht hold von Angesicht, nicht
+leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. Sie hatte breite Wangen, dicke
+Lippen und eine platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel von
+Haar, üppig von Gestalt, kräftig in den Bewegungen. Ihre Kleider waren
+dürftig, aber grell. Rote Borten faßten den gestreiften Rock ein, und bunte
+Wollgarnlitzen folgten den Nähten des Leibchens. Andre Jungfrauen gleichen
+Rosen und Lilien. Diese war wie das Heidekraut, stark, fröhlich, leuchtend.
+
+Mit Freude sah der Schütze das große, prächtige Weib auf der roten Halde
+tanzen, mitten unter zirpenden Grashüpfern und flatternden Schmetterlingen.
+Und wie er sie so ansah, lachte er, daß der Mund sich von einem Ohr zum
+anderen zog. Aber da erblickte sie ihn plötzlich und blieb unbeweglich
+stehen.
+
+»Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,« war das erste, was sie hervorbrachte.
+Zugleich erwog sie, wie sie ihn bewegen könne, über das zu schweigen, was
+er gesehen hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzählen hören, daß sie
+mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.
+
+Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte er über die Lippen. Er
+war so scheu, daß er nichts Besseres anzufangen wußte, als zu fliehen,
+obwohl er gern geblieben wäre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und die
+Jagdtasche auf den Rücken. Dann lief er zwischen den Heidekrauthügeln fort.
+
+Sie packte das Eßbündel und eilte ihm nach. Er war klein, steif von
+Bewegungen und hatte sichtlich geringe Kräfte. Sie holte ihn bald ein und
+schlug ihm den Hut vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben.
+Eigentlich hatte er die größte Lust, zu bleiben, aber er war ganz wirr vor
+Schüchternheit und floh in noch größrer Hast. Sie lief nach und begann, an
+seiner Tasche zu zerren. Da mußte er stehenbleiben, um die Tasche zu
+verteidigen. Das Mädchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen und sie
+warf ihn zu Boden. »Jetzt wird er's keinem erzählen,« dachte sie und war
+froh.
+
+In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn er, der auf der Erde
+lag, schien ganz bleich und die Augen drehten sich in ihren Höhlen. Er
+hatte sich aber nicht verletzt. Es war die Gemütsbewegung, die er nicht
+vertragen hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke Gefühle in
+diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er war froh über das Mädchen und
+zornig und scheu und dennoch stolz, daß sie so stark war. Er war ganz
+betäubt von alledem.
+
+Die große, starke Jungfrau legte den Arm um seinen Rücken und richtete ihn
+auf. Sie brach Heidekraut und peitschte sein Gesicht mit den steifen
+Zweigen, bis das Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich wieder
+dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor Freude beim Anblick des
+Mädchens. Noch immer schwieg er; aber die Hand, die sie um seinen Leib
+gelegt hatte, zog er an sich und streichelte sie sanft.
+
+Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mühsal. Trocken und
+bleichgelb, fleischlos und blutarm war er. Es rührte sie, daß er so verzagt
+war, er, der doch um die Dreißig sein mochte. Sie dachte, daß er wohl ganz
+mutterseelenallein tief im Walde leben müsse, da er so kläglich und so
+schlecht gekleidet war. Keinen hatte er wohl, der nach ihm sah, nicht
+Mutter noch Schwester oder Liebste.
+
+ * * * * *
+
+Der große barmherzige Wald breitete sich über die Wildnis aus. Verbergend
+und schützend nahm er in seinen Schoß alles auf, was bei ihm Hilfe suchte.
+Mit hohen Stämmen hielt er Wacht um die Höhle des Bären, und in der
+Dämmerung dichter Gebüsche hegte er das mit Eiern gefüllte Nest der kleinen
+Vöglein.
+
+Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flüchteten viele von ihnen
+in den Wald und fanden Schutz hinter seinen grünen Mauern. Er ward für sie
+ein großer Kerker, den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt diese
+seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die Stumpfen zum Nachdenken und
+erzog die in der Knechtschaft Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur
+dem Fleißigen schenkte er die Gnade des Lebens.
+
+Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, waren Abkömmlinge
+solcher Gefangnen des Waldes. Sie gingen manchmal hinunter in die bebauten,
+bewohnten Täler, denn sie brauchten nicht mehr zu befürchten, in die
+Knechtschaft zurückgeführt zu werden, aus der ihre Väter geflohen waren;
+doch am liebsten nahmen sie den Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des
+Schützen war Tönne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden urbar zu
+machen, aber er verstand sich auch auf andre Dinge. Er sammelte Reisig,
+kochte Teer, trocknete Schwämme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte,
+hieß Jofrid. Ihr Vater war Köhler. Sie band Besen, pflückte Wacholderbeeren
+und braute Bier aus dem weißblumigen Porsch. Beide waren sehr arm.
+
+Früher hatten sie einander in dem großen Walde nie getroffen, aber jetzt
+deuchte sie, daß alle Wege des Waldes sich zu einem Netz verschlängen, in
+dem sie hin und wieder liefen und einander unmöglich vermeiden konnten. Nie
+wußten sie nun einen Pfad zu wählen, auf dem sie einander nicht begegneten.
+
+Tönne hatte einmal einen großen Kummer gehabt. Er hatte lange mit seiner
+Mutter in einer elenden Reisigkoje gehaust; aber als er heranwuchs, faßte
+er den Plan, ihr ein warmes Häuschen zu bauen. In allen seinen Mußestunden
+ging er in den Holzschlag, fällte Bäume und spaltete sie in angemessene
+Stücke. Dann verbarg er das aufgehäufte Bauholz in dunklen Klüften unter
+Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, daß seine Mutter nicht früher von all
+der Arbeit etwas erfahren sollte, als bis er so weit war, die Hütte
+aufzubauen. Aber seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er
+gesammelt hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, was er tun wollte.
+Er, der mit demselben Eifer gearbeitet hatte wie David, Israels König, als
+er Schätze für Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor alle
+Lust an dem Bau. Für ihn war die Reisigkoje gut genug. Und doch hatte er's
+nicht viel besser in seinem Heim als ein Tier in seiner Höhle.
+
+Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen war, Lust bekam,
+Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete dieser Wunsch wohl sicherlich,
+daß er sie gern zur Liebsten und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch
+täglich, daß er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache sprechen
+werde. Aber Tönne brachte es nicht über sich. Man merkte ihm an, daß er von
+unfreier Abkunft war. Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf,
+wie die Sonne, wenn sie über das Himmelszelt zieht. Und schwerer war es für
+ihn, diese Gedanken zu zusammenhängender Rede zu formen, als für einen
+Schmied, einen Armreif aus rollenden Sandkörnern zu schmieden.
+
+Eines Tages führte Tönne Jofrid zu einer der Schluchten, wo er sein Bauholz
+verborgen hatte. Er riß Zweige und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen
+Stämme. »Das hätte Mutter haben sollen,« sagte er. Und sah Jofrid
+erwartungsvoll an. »Dies hätte Mutters Hütte werden sollen,« wiederholte
+er. Merkwürdig schwer fiel es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen
+Gesellen zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, hätte sie doch
+verstehen müssen; aber sie verstand nicht.
+
+Da beschloß er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklären. Ein paar
+Tage später begann er, die Stämme zu der Stelle zwischen den Grabhügeln zu
+schleppen, wo er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie
+gewöhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch weiter, ohne etwas
+zu sagen. Seit sie Freunde geworden waren, war sie ihm oft an die Hand
+gegangen, aber bei dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu
+wollen. Tönne meinte doch, sie hätte verstehen müssen, daß es ihre Hütte
+war, die er jetzt zimmern wollte.
+
+Sie verstand es ganz wohl, aber sie spürte keine Lust, sich einem Mann von
+Tönnes Art zu schenken. Sie wollte einen starken, gesunden Mann haben. Es
+schien ihr ein schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit einem
+verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. Und doch zog viel sie zu
+diesem stillen, scheuen Mann. Man denke doch, daß er sich so hart geplagt
+hatte, um seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glück genossen hatte, zur
+Zeit fertig zu werden. Sie hätte über sein Schicksal weinen können. Und nun
+baute er die Hütte gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein
+gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken an ihn; aber sie
+wollte durchaus nicht seine Frau werden.
+
+Jeden Tag ging sie über die Heide und sah die Hütte aufragen, dürftig und
+ohne Fenster; der Sonnenschein rieselte durch die undichten Wände.
+
+Tönnes Arbeit ging sehr rasch vorwärts; aber er arbeitete nicht sorgfältig,
+sein Bauholz war nicht in Kanten behauen, kaum abgerindet. In die Diele
+legte er gespaltne junge Bäume. Sie wurde sehr uneben und schwankend. Das
+Heidekraut, das darunter blühte, -- denn es war nun ein Jahr seit dem Tage
+vergangen, an dem Tönne hinter König Atles Hügel gelegen und geschlafen
+hatte --, steckte ganz verwegen seine roten Trauben durch die Ritzen, und
+die Ameisen wanderten unbehindert aus und ein und musterten dies
+gebrechliche Menschenwerk.
+
+Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken mochte: immer
+schwebte ihr der Gedanke vor, daß dort eine Hütte für sie erbaut würde. Ein
+eignes Heim ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie wußte,
+daß, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der Bär oder der Fuchs dort
+hausen mochte. Denn so gut kannte sie Tönne, daß sie begriff: wenn es sich
+zeigte, daß er vergeblich gearbeitet hatte, würde er niemals in die neue
+Hütte einziehen. Er würde weinen, der Arme, wenn er hörte, daß sie nicht
+dort hausen wolle. Es würde ein neuer Kummer für ihn sein, ebenso groß wie
+damals, als seine Mutter starb. Aber er mußte wohl sich selbst die Schuld
+geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig gefragt.
+
+Sie glaubte, daß sie ihm schon dadurch ein Zeichen gab, daß sie ihm nie bei
+der Hütte half. Dazu hatte sie doch große Lust. Jedesmal, wenn sie weiches
+weißes Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken Wände zu
+stopfen. Sie war auch geneigt, Tönne beim Mauern des Herdes zu helfen. Wie
+er dabei verfuhr, mußte sich ja aller Rauch in der Hütte sammeln. Aber es
+war ja gleichgültig, wie es da wurde. Da würde keine Speise kochen, kein
+Trank sieden. Dumm war's doch, daß diese Hütte niemals aus ihren Gedanken
+weichen wollte.
+
+Tönne arbeitete mit glühendem Eifer; er war gewiß, daß Jofrid die Absicht
+verstehen mußte, sobald nur die Hütte fertig war. Er grübelte nicht viel
+über sie nach. Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. Die
+Zeit verging ihm rasch.
+
+Eines Nachmittags, als Jofrid über die Heide ging, sah sie, daß eine Tür an
+die Hütte gekommen war und eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff
+sie, daß alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tönne hatte das
+Dach mit Büschen und blühendem Heidekraut gedeckt; und eine starke
+Sehnsucht ergriff sie, unter dieses rote Dach zu treten. Er selbst war
+nicht bei dem Neubau, und sie entschloß sich, hineinzugehen. Diese Hütte
+war ja für sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid konnte der Lust nicht
+widerstehen, es anzusehen.
+
+Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. Wacholder war über
+den Boden gestreut. Frischer Duft von Nadeln und Harz füllte den Raum. Die
+Sonnenstrahlen, die durch Luken und Spalten hereinspielten, spannen goldne
+Bänder durch die Luft. Es sah da aus, als würde sie erwartet; in die
+Mauerspalten waren grüne Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine
+frischgefällte Tanne. Tönne hatte nicht sein altes Hausgerät
+hineingestellt. Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, über die eine
+Elenhaut geworfen war.
+
+Kaum war Jofrid über die Schwelle getreten, fühlte sie sich schon von dem
+fröhlichen Behagen eines Heims umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr
+zumute, als sie so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer,
+wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid hatte vielen Fleiß darauf
+gewandt, sich eine Art Aussteuer zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen
+Händen Tücher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu schmücken; die
+wollte sie in ihrem eignen Heim aufhängen, wenn sie eins bekam. Nun mußte
+sie denken, wie sich diese Tücher wohl hier ausnehmen würden. Sie hätte sie
+gern in der neuen Hütte probiert.
+
+Rasch eilte sie heimwärts, holte ihren Leinwandschatz und begann, die
+farbenprächtigen Stoffstücke unter der Decke aufzuhängen. Sie stieß die Tür
+auf, so daß die helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte
+sich eifrig in der Stube, geschäftig und munter, ein Heldenliedchen
+trällernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde gar prächtig da drinnen. Die
+gewebten Rosen und Sterne leuchteten wie nie zuvor.
+
+Während sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau über die Heide und die
+Hünengräber. Vielleicht kauerte Tönne jetzt hinter einem der Grabhügel und
+lachte sie aus. Der Königshügel lag gerade vor der Tür, und dahinter sah
+sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie hin. Ihr war, als
+müsse dort jemand sitzen und sie betrachten.
+
+Gerade als die Sonne so tief unten war, daß nur noch ein paar blutrote
+Strahlen über die alte Steinhalde spielten, sah sie, wer es war, der sie
+betrachtete. Der ganze Hügel war kein Hügel mehr, sondern ein großer, alter
+Kämpe, der narbig und ergraut dasaß und sie anstarrte. Rings um sein Haupt
+bildeten die Sonnenstrahlen eine Krone, und sein roter Mantel war so weit,
+daß er sich über die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war groß und
+schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider und Waffen waren auch
+steinfarbig und ahmten so genau die Tönung und das Moosflechtenkleid der
+Steine nach, daß man sehr scharf hinsehen mußte, um zu merken, daß es ein
+Kämpe und kein Steinhaufen war. Es war wie mit jenen Würmern, die
+Baumzweigen gleichen. Man kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt,
+daß, was man für hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkörper ist.
+
+Aber Jofrid konnte sich nicht länger darüber täuschen, daß es der alte
+König Atle selbst war, der da saß. Sie stand in der Tür, hielt die Hand
+beschattend über die Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er
+hatte sehr kleine, schräge Augen unter seiner hochgewölbten Stirn, eine
+breite Nase und einen zottigen Bart. Und er lebte, dieser steinerne Mann.
+Er lächelte und blinzelte ihr zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten
+erschreckten sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und die haarigen
+Hände. Je länger sie ihn ansah, desto breiter wurde sein Lächeln; und
+endlich hob er einen seiner mächtigen Arme, um sie zu sich zu winken. Da
+floh Jofrid heimwärts.
+
+Aber als Tönne nach Haus kam und die Hütte mit bunten Tüchern geschmückt
+fand, faßte er so großen Mut, daß er seinen Fürbitter zu Jofrids Vater
+schickte. Der fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie war
+sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen hatte, wenn sie ihre
+Hand auch halb gezwungen schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein
+sagen, in dessen Hütte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch sah
+sie zuerst nach, ob der alte König Atle wieder ein Grabhügel geworden sei.
+
+ * * * * *
+
+Tönne und Jofrid lebten viele Jahre glücklich. Sie standen in gutem Ruf.
+»Das sind gute Menschen,« sagte man. »Seht, wie sie einander beistehen, wie
+sie zusammen arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!«
+
+Tönne wurde mit jedem Tage stärker, ausdauernder und weniger träge von
+Gedanken. Jofrid schien einen ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist
+ließ er sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zäher Hartnäckigkeit
+seinen eignen Willen durchzusetzen.
+
+Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fröhlichkeit. Ihre Kleider
+wurden immer bunter, je älter sie wurde. Das ganze Gesicht war grellrot.
+Aber in Tönnes Augen war sie lieblich.
+
+Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres Standes. Sie aßen Butter zur
+Grütze und mengten weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier
+schäumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden vermehrten sich so
+rasch, daß sie sich Fleischnahrung gönnen konnten.
+
+Einmal machte Tönne für einen Bauern drunten im Tal den Boden urbar. Als
+der sah, wie Tönne und seine Frau in großer Fröhlichkeit zusammen
+arbeiteten, dachte auch er: »Das sind gute Menschen.« Der Bauer hatte
+jüngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjähriges Kind hinterlassen
+hatte. Er bat Tönne und Jofrid, seinen Sohn in Pflege zu nehmen. »Das Kind
+ist mir sehr teuer,« sagte er, »drum gebe ich es euch, denn ihr seid gute
+Menschen.« Sie hatten keine eignen Kinder, so daß es sehr schicklich
+schien, dieses zu nehmen. Sie willigten auch ohne Zögern ein. Sie meinten,
+Vorteil davon zu haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch
+erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude für ihre alten Tage.
+
+Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das Jahr um war, war es tot.
+Dies sei die Schuld der Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz
+frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit wollte aber niemand
+sagen, sie hätten es vorsätzlich getötet; man meinte nur, daß sie etwas auf
+sich genommen hätten, was über ihr Vermögen gegangen war. Sie hatten nicht
+Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem Kinde die Pflege angedeihen zu
+lassen, deren es bedurfte. Sie hatten sich gewöhnt, nur an sich selbst zu
+denken und für ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, ein Kind
+zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen an die Arbeit gehen und nachts
+einen ruhigen Schlummer schlafen. Sie fanden, daß der Kleine zu viel von
+der guten Milch trinke, und sie gönnten es ihm nicht so wie sich selbst.
+Sie wußten aber nicht etwa, daß sie den Knaben schlecht behandelten. Sie
+dachten, daß sie geradeso für ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es
+ihnen vor, daß der Pflegesohn eine Strafe und Plage für sie gewesen war.
+Sie trauerten nicht über seinen Tod.
+
+Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu haben, mit Kindern
+umzugehen; aber Jofrid hatte einen Mann, für den sie in vielen Stücken die
+Sorge einer Mutter tragen mußte, und begehrte deshalb nicht, noch andres zu
+betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die raschen Fortschritte der
+Kleinen; aber Jofrid hatte Freude genug, wenn sie sah, wie Tönne sich zu
+Verstand und Männlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Hütte zu
+fegen und zu schmücken, freute sich an der Zunahme der Herden und an dem
+Anbau unten auf der Heide.
+
+Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, daß das Kind gestorben
+sei. Da sprach der Mann: »Nun ist es mir ergangen wie dem, der so weiche
+Kissen in sein Bett legt, daß er bis auf den harten Grund sinkt. Gar zu gut
+wollte ich meinen Sohn hüten; und siehe: nun ist er tot!« Und er war
+betrübt.
+
+Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. »Wollte Gott, daß du
+uns deinen Sohn nicht gegeben hättest!« sagte sie. »Wir waren zu arm. Er
+hat es nicht gut genug bei uns gehabt.«
+
+»Dies wollte ich nicht sagen,« antwortete der Bauer. »Eher glaube ich, daß
+ihr das Kind verhätschelt habt. Doch ich will keinen Menschen anklagen;
+denn über Leben und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, den
+Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben Aufwand zu feiern, als
+wenn ein Erwachsener gestorben wäre; und zum Gastmahl lade ich Tönne und
+dich. Daraus mögt ihr sehen, daß ich keinen Groll gegen euch hege.«
+
+So wohnten Tönne und Jofrid dem Leichenschmaus bei. Sie wurden freundlich
+bewirtet, und niemand sagte ihnen ein böses Wort. Wohl hatten die Frauen,
+die die Leiche einkleideten, erzählt, daß sie jämmerlich abgefallen sei und
+Spuren schwerer Vernachlässigung gezeigt habe. Das konnte aber wohl auch
+von der Krankheit herkommen. Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern
+glauben, denn man wußte, daß sie gute Menschen waren.
+
+Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als sie die Frauen erzählen
+hörte, wie sie bei ihren kleinen Kindern wachen und sich für sie plagen
+müßten. Sie merkte auch, daß bei dem Leichenschmaus unter den Weibern
+beständig von Kindern gesprochen wurde. Einige hatten solche Freude an
+ihnen, daß sie gar nie aufhören konnten, von ihren Fragen und Spielen zu
+erzählen. Jofrid hätte gern von Tönne gesprochen; aber die meisten Frauen
+sprachen gar nicht von ihren Männern.
+
+Spät abends kehrten Jofrid und Tönne von dem Leichenschmaus heim. Sie
+gingen sogleich zu Bett. Aber kaum waren sie eingeschlafen, als sie von
+einem leisen Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten sie, noch
+halb schlafend, und waren unwillig über die Störung. Aber plötzlich setzten
+sie sich beide im Bett auf. Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses
+Wimmern? Wenn sie ganz wach waren, hörten sie nichts; aber sobald sie
+einzuschlummern begannen, vernahmen sie es wieder. Kleine, schwache Füßchen
+hörten sie über die Steinplatte vor der Hütte gehen, ein kleines Händchen
+tastete an der Tür, und da sie nicht offen war, wanderte das Kind wimmernd
+und tappend die Wand entlang, bis es vor ihrer Lagerstätte stehenblieb.
+Wenn sie sprachen oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber
+wenn sie einschlummern wollten, hörten sie deutlich die unsichern Schritte
+und das erstickte Schluchzen.
+
+Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den letzten Tagen als
+Möglichkeit vor Augen gestanden hatte: nun wurde es ihnen zur Gewißheit.
+Sie sahen ein, daß sie das Kind getötet hatten. Wie hätte es sonst umgehen
+können?
+
+Von dieser Nacht an war alles Glück von ihnen gewichen. Sie lebten in
+steter Furcht vor dem Gespenst. Tagsüber hatten sie wohl einige Ruhe, aber
+in den Nächten wurden sie von dem Weinen und dem erstickten Schluchzen des
+Kindes so gestört, daß sie nicht wagten, allein zu liegen. Jofrid ging oft
+weit über Land, um einen Menschen zu holen, der über Nacht in ihrer Hütte
+bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; aber sobald sie allein
+waren, hörten sie das Kind.
+
+In einer Nacht, für die sie keinen Gast gefunden hatten und die sie, des
+Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, stand Jofrid aus dem Bett auf.
+
+»Schlaf du nur, Tönne,« sagte sie. »Wenn ich mich wach erhalte, wird sich
+nichts hören lassen.«
+
+Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Türschwelle und überlegte, was
+sie tun sollten, um Ruhe zu finden; denn so konnten sie nicht weiterleben.
+Sie fragte sich, ob Beichte und Buße, Demütigung und Reue sie von dieser
+schweren Heimsuchung befreien könnten.
+
+Da begab es sich, daß sie die Augen aufschlug und dieselbe Erscheinung sah
+wie schon einmal zuvor von dieser Stelle. Der Grabhügel war zu einem Kämpen
+geworden. Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich sehen und
+vernehmen, daß der alte König Atle dasaß und sie betrachtete. Sie sah ihn
+so genau, daß sie die mit Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken
+unterschied und wahrnehmen konnte, daß seine Beine mit gekreuzten Bändern
+umwickelt waren, zwischen denen die Wadenmuskeln schwollen.
+
+Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er schien ihr ein Freund und
+Tröster im Unglück. Er sah sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut
+einflößen. Da dachte sie, daß dieser gewaltige Held einst seinen Tag gehabt
+hatte, an dem er die Feinde in Scharen auf die Heide niederstreckte und in
+den Blutströmen watete, die zwischen den Hügeln brausten. Was hatte er da
+nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? Wie tief hatte das
+Seufzen der Kinder, deren Väter er erschlagen hatte, sein Steinherz
+gerührt? Federleicht hätte die Bürde von eines Kindes Tod auf seinem
+Gewissen gelegen.
+
+Und sie vernahm sein Flüstern, dieselbe Weise, die das alte, steinkalte
+Heidentum zu allen Zeiten geflüstert hat. »Warum bereuen? Die Götter lenken
+das Geschick. Die Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die Kinder
+der Erde trauern, daß sie getan, was die Unsterblichen sie zu tun zwangen?«
+
+Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: »Was konnte ich dafür,
+daß das Kind starb? Gott allein ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht
+ohne seinen Willen.« Und sie dachte, daß sie das Gespenst am besten
+abwehren werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.
+
+Aber da öffnete sich die Haustür, und Tönne kam zu ihr heraus. »Jofrid,«
+sagte er, »es ist jetzt in der Hütte. Es kam heran und klopfte an den
+Bettrand und weckte mich. Was sollen wir tun, Jofrid?«
+
+»Das Kind ist ja tot,« sagte Jofrid. »Du weißt, daß es tief unter der Erde
+liegt. Das alles sind nur Träume und Hirngespinste.« Sie sprach hart und
+abweisend, denn sie fürchtete, daß Tönne in dieser Sache zu weichherzig
+sein und sie dadurch ins Unglück stürzen könne.
+
+»Wir müssen ein Ende machen,« sagte Tönne.
+
+Jofrid lachte grell auf. »Was willst du tun? Gott hat es uns auferlegt.
+Konnte er das Kind nicht am Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es
+nicht; und jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, mit
+welchem Recht er uns verfolgt?«
+
+Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkämpen, der finster und hart auf
+seinem Hügel saß. Es war, als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tönne
+erwiderte.
+
+»Wir müssen eingestehen, daß wir das Kind vernachlässigt haben, und müssen
+Buße tun,« sagte Tönne.
+
+»Niemals will ich für etwas leiden, das nicht meine Schuld ist,« sagte
+Jofrid. »Wer wollte, daß das Kind sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art
+von Buße willst du denn tun? Willst du dich geißeln oder fasten wie die
+Mönche? Mich dünkt, du kannst deine Kräfte zur Arbeit brauchen.«
+
+»Mit dem Geißeln habe ich es schon probiert,« sagte Tönne. »Es nützt
+nichts.«
+
+»Siehst du!« sagte sie und lachte wieder.
+
+»Da tut andres not,« fuhr Tönne mit beharrlicher Entschlossenheit fort.
+»Wir müssen gestehen.«
+
+»Was willst du Gott sagen, das er nicht schon wüßte?« höhnte Jofrid.
+»Lenkt nicht er deine Gedanken? Was willst du ihm sagen?« Sie fand jetzt,
+daß Tönne dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn ihrer
+Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht mehr daran gedacht,
+sondern ihn lieb gehabt, seines guten Herzens wegen.
+
+»Wir müssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, und ihm Buße bieten.«
+
+»Was willst du ihm bieten?« fragte sie.
+
+»Die Hütte und die Ziegen.«
+
+»Sicherlich fordert er volle Mannesbuße für seinen einzigen Sohn. Die läßt
+sich mit allem, was wir besitzen, nicht bezahlen.«
+
+»Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt geben, wenn er sich
+nicht mit weniger zufrieden gibt.«
+
+Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, und sie haßte Tönne aus
+der Tiefe ihrer Seele. Alles, was sie verlieren mußte, stand klar vor ihr:
+die Freiheit, für die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Hütte, den
+Wohlstand, Ehre und Glück.
+
+»Merke meine Worte wohl, Tönne,« sagte sie heiser, halberstickt von
+Schmerz, »der Tag, an dem du solches tust, ist mein Todestag.«
+
+Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; aber sie blieben auf
+der Türschwelle sitzen, bis der Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu
+begütigen und zu versöhnen. Beide fürchteten und verachteten einander. Eins
+maß das andre mit dem Maß seines Zornes und fand es engherzig und böse.
+
+Seit dieser Nacht ließ Jofrid Tönne oft ihre Überlegenheit fühlen. Sie gab
+ihm in der Gegenwart Fremder zu verstehen, daß er einfältig sei, und half
+ihm bei der Arbeit so, daß er ihre Kraft erkennen mußte. Sie wollte ihm
+offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal stellte sie sich sehr froh,
+um ihn zu zerstreuen und von seinen Grübeleien abzulenken. Er hatte noch
+nichts getan, um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte nicht,
+daß er ihn aufgegeben habe.
+
+In dieser Zeit wurde Tönne mehr und mehr, wie er vor seiner Heirat gewesen
+war. Er wurde mager und bleich, wortkarg und träg von Gedanken. Jofrids
+Verzweiflung ward mit jedem Tage größer, denn es war, als sollte ihr nun
+alles genommen werden. Doch kam ihre Liebe zu Tönne wieder, als sie ihn
+unglücklich sah. »Was gilt mir alles, wenn Tönne zugrunde geht?« dachte
+sie. »Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu leben, als ihn als
+Freien sterben zu sehen.«
+
+ * * * * *
+
+Jofrid konnte sich jedoch nicht so plötzlich überwinden, Tönne zu
+gehorchen. Sie kämpfte einen langen und schweren Kampf. Aber eines Morgens,
+als sie erwachte, war ihr ungewöhnlich ruhig und mild zumute. Da war ihr,
+als könne sie nun tun, was er forderte. Und sie weckte ihn und sagte, daß
+es jetzt so werden solle, wie er wollte. Nur diesen einzigen Tag möge er
+ihr gönnen, damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen könne.
+
+Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. Leicht kamen ihr Tränen
+in die Augen, wie einem, der Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe
+sich an diesem Tage, ihr zuliebe, besonders schön geschmückt. Der Frost war
+über sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden und das ganze Feld trug
+ein braunes Kleid. Aber als die Sonne des Herbsttages ihre schrägen
+Strahlen darüber hingleiten ließ, war es, als erglühe das Heidekraut aufs
+neue rot. Und sie gedachte des Tages, an dem sie Tönne zum erstenmal
+gesehen hatte.
+
+Sie wünschte, daß sie den alten König noch einmal schauen dürfe; denn er
+hatte ja mitgeholfen, ihr Glück zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten
+Zeit ernstlich vor ihm gefürchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie zu
+packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr über sie haben, meinte sie.
+Sie wollte aufmerken, ob sie ihn nicht sehen konnte, abends, wenn der
+Mondschein kam.
+
+Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde Spielleute vorbeigezogen.
+Da hatte Jofrid den Einfall, sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem
+Hause zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tönne mußte schnell
+zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu kommen. Dann liefen ihre kleinen
+Geschwister weiter ins Dorf hinab, um Gäste zu holen. Bald waren viele
+Menschen versammelt.
+
+Die Fröhlichkeit war groß. Tönne hielt sich abseits in einer Ecke der
+Hütte, wie es seine Gewohnheit war, wenn Besuch kam; aber Jofrid war
+beinahe wild in ihrer Fröhlichkeit. Mit gellender Stimme führte sie die
+Tanzspiele an und bot eifrig den Gästen das schäumende Bier. Eng war es in
+der Stube, aber die Spielleute waren flink und der Tanz hatte Leben und
+Lust. Es wurde erstickend heiß dort drinnen. Man stieß die Tür auf; und nun
+sah Jofrid erst, daß die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen war. Da
+trat sie in die Haustür und blickte in die weiße Welt des Mondscheins
+hinaus.
+
+Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war weiß, weil sich das
+Mondlicht in den zahllosen Tropfen spiegelte, die sich auf allen Zweiglein
+gesammelt hatten. Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und Steinen
+wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. Jofrid stieg hinab; wohlig
+schwankend war's unter dem Fuß. Sie ging ein paar Schritte über den Pfad,
+der ins Dorf hinabführte, gleichsam als wolle sie prüfen, welches Gefühl es
+sei, da zu gehen. Tönne und sie sollten am nächsten Tage Hand in Hand hier
+wandern, in tiefste Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem
+Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten ließ: sicherlich
+war Schmach ihr Los. Die an diesem Abend eine gute Hütte und viele Freunde
+hatten, würden am nächsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht
+auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht sogar
+ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: »Dies ist der Weg des Todes.«
+Und nun konnte sie nicht fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu
+wandeln. Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt wie der
+alte König Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie das Gefühl, ihre schweren
+Steinglieder nicht regen zu können, um diesen Weg zu gehen.
+
+Sie wendete ihre Blicke dem Königshügel zu und sah deutlich den alten
+Kämpen da sitzen. Aber in dieser Nacht war er wie zum Fest geschmückt. Er
+trug nicht mehr das graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weißes,
+schimmerndes Silber. Auch schmückte ihn wieder eine Krone von Strahlen, wie
+damals, als sie ihn zuerst sah; aber diese Krone war weiß. Und weiß
+leuchtete Brustplatte und Armring, glitzernd weiß war Schwertgriff und
+Schild. Er saß da und betrachtete sie in stummer Gleichgültigkeit. Das
+seltsam Unergründliche, das in großen Steingesichtern liegt, hatte sich nun
+auf ihn herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mächtig; und Jofrid hatte
+die unklare Vorstellung, daß er ein Bild von etwas sei, was in ihr lag und
+in allen Menschen, etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von
+vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, den alten König,
+mitten im Menschenherzen sitzen. Über dessen unfruchtbare Felder breitete
+er seinen weiten Königsmantel. Da tanzte die Genußsucht, da jubelte das
+Prachtverlangen. Er war der große Steinheld, der Not und Armut
+vorüberwandern sah, ohne daß sein Steinherz gerührt ward. »Die Götter
+wollen es so,« sagte er. Er war der starke steinerne Mann, der ungesühnte
+Sünde tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: »Warum trauern, da
+das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen aufgezwungen ward?«
+
+Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie ein Schluchzen war.
+In ihr lebte eine Ahnung, die sie sich nicht klarzumachen vermochte, eine
+Ahnung, daß sie mit dem steinernen Mann kämpfen müsse, wenn sie glücklich
+werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fühlte sie sich so hilflos schwach.
+Ihre Unbußfertigkeit und der Steinheld auf der Heide schienen ihr ein und
+dasselbe, und konnte sie jene nicht besiegen, so würde dieser in
+irgendeiner Weise Macht über sie erlangen.
+
+Sah sie nun wieder zu der Hütte hin, wo die Tücher unter den Dachbalken
+schimmerten, wo die Spielleute Fröhlichkeit verbreiteten, und wo alles war,
+was sie liebte, dann fühlte sie, daß sie nicht in die Knechtschaft gehen
+konnte. Nicht einmal Tönne zuliebe. Sie sah sein blasses Antlitz in der
+Hütte und fragte sich mit zusammengekrampftem Herzen, ob er verdiene, daß
+sie ihm alles opfere.
+
+Aber drinnen in der Hütte hatten sich die Leute zu einem Reigentanz
+aufgestellt. Sie ordneten sich in einer langen Reihe, faßten einander bei
+den Händen und stürzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an der
+Spitze, in rasender Eile vorwärts. Der Anführer zog sie durch die offne Tür
+hinaus auf die im Mondschein glitzernde Heide. Sie stürmten an Jofrid
+vorbei, keuchend und wild; strauchelten über Steine, sanken ins Heidekraut,
+zogen weite Kreise rings um die Hütte. Der letzte in der Reihe rief Jofrid
+an und streckte ihr die Hand entgegen. Sie faßte sie und lief mit.
+
+Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstürmen. Doch Fröhlichkeit war
+darin, Lebenslust und Übermut. Immer kühner wurden die Schwenkungen, immer
+lauter tönten die Rufe, immer stürmischer ward das Lachen. Von Hünengrab zu
+Hünengrab, wie sie da über die Heide zerstreut lagen, schlang sich die
+Reihe der Tanzenden. Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde
+wieder emporgerissen, der Langsame vorwärts gezogen. Die Spielleute standen
+in der Haustür und lockten zu immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu
+ruhen, zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging der Tanz
+über schwankes Moos und glatte Felsplatten.
+
+Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, daß sie die Freiheit behalten
+mußte, daß sie lieber sterben, als sie verlieren wollte. Sie merkte, daß
+sie Tönne nicht folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den
+Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.
+
+Alle Hügel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den König Atle. Jofrid sah,
+daß es jetzt zu diesem hinaufging, und sie hielt die Blicke scharf auf den
+mächtigen Mann geheftet. Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den
+Hinstürmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch nur ein schallendes
+Gelächter antwortete ihr. Sie wollte stehenbleiben; aber eine starke Faust
+riß sie weiter. Sie sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig
+waren sie, daß die schweren Arme keinen von ihnen erreichen konnten.
+Unfaßlich war ihr, daß niemand ihn sah. Todesangst kam über sie. Sie wußte,
+daß er sie erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen Jahren.
+Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer würde er sich nun endlich
+bemächtigen.
+
+Jetzt kam an sie die Reihe, an König Atle vorbeizueilen. Sie sah, wie er
+sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, um Ernst zu machen und sie zu
+fangen. In dieser höchsten Not fühlte sie: wenn sie sich jetzt entschloß,
+am nächsten Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte er nicht die
+Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. Sie kam zuletzt und die
+Drehungen waren nun so heftig, daß sie mehr geschleppt und gezogen wurde
+als selbst lief und Mühe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich sie
+in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte Kämpe noch rascher. Die
+schweren Arme senkten sich auf sie hinab, die steinernen Hände ergriffen
+sie, zogen sie an die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer
+schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wußte noch bis
+zuletzt: nur weil sie den Steinkönig im eignen Herzen nicht zu besiegen
+vermocht hatte, war König Atle Gewalt über sie gegeben.
+
+Nun war es zu Ende mit Tanz und Fröhlichkeit. Jofrid lag im Sterben. Sie
+war in dem rasenden Lauf an den Königshügel geschleudert worden und hatte
+von seinen Steinen den Todesstoß empfangen.
+
+
+
+
+Die Vogelfreien
+
+
+Ein Bauer, der einen Mönch ermordet hatte, floh in den Wald und wurde
+geächtet. In der Wildnis fand er einen andern friedlosen Mann, einen
+Fischer von den äußersten Schären, der beschuldigt war, ein Heringsnetz
+gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen, wohnten in einer
+Erdhöhle, legten Fallen, schnitzten Pfeile, buken Brot auf einem Stein und
+wachten gegenseitig über ihr Leben. Der Bauer verließ den Wald niemals,
+aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen hatte, nahm
+zuweilen die erlegten Tiere über die Schulter und schlich sich zu den
+Menschen hinunter. Da bekam er für den schwarzen Auerhahn und das
+blauglänzende Birkhuhn, für den langohrigen Hasen und das feingliedrige Reh
+Milch und Butter, Pfeile und Kleider. So war es den Friedlosen möglich, ihr
+Leben zu fristen.
+
+Die Höhle, in der sie hausten, war in einen Hügelabhang gegraben. Breite
+Steinplatten und dornige Schlehenbüsche deckten den Eingang. Auf dem Dach
+stand eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der Erdhöhle. Der
+emporsteigende Rauch wurde durch die dichten, nadelreichen Zweige des
+Baumes gesiebt und verschwand unmerklich im Raume.
+
+Die Männer pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu gehen, indem sie den
+Waldbach durchwateten, der unter dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte
+die Spur der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser.
+
+Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern versammelten sich
+wie zur Treibjagd auf Bär und Wolf. Der Wald wurde von Bogenschützen
+umringt, Lanzenträger gingen dort umher und ließen keine dunkle Kluft, kein
+dichtes Gestrüpp unerforscht. Während die lärmende Treibjagd durch den Wald
+zog, lagen die Friedlosen in ihrer dunklen Höhle, atemlos lauschend, vor
+Angst keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus; er aber, der
+gemordet hatte, wurde von unerträglicher Angst ins Freie getrieben, wo er
+seinen Feind sehen konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies
+schien ihm tausendmal besser, als in ohnmächtiger Untätigkeit still
+dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte über Abhänge, sprang
+über Ströme, erkletterte kerzengerade Felswände. Alle verborgne Kraft und
+Geschicklichkeit in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt.
+Sein Körper ward elastisch wie eine Stahlfeder, der Fuß sprang nicht fehl,
+die Hand ließ nicht locker, Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf
+als einst. Er verstand das Flüstern des Laubes und die Warnungen der
+Steine. Wenn er eine Anhöhe erklettert hatte, wendete er sich gegen seine
+Verfolger und sandte ihnen Spottlieder mit beißenden Reimen nach. Wenn die
+sausenden Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie gegen
+die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden Zweigen durchdrängte,
+sang jemand in seinem Innern ein Loblied auf seine Großtaten.
+
+Da lief der kahle Bergrücken durch den Wald, und einsam auf seiner Höhe
+stand die himmelhohe Föhre. Der braunrote Stamm war kahl, aber in der
+astreichen Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollkühn war jetzt der
+Fliehende, daß er dort hinaufkletterte, während die Verfolger ihn auf den
+bewaldeten Abhängen suchten. Da saß er und drehte den Jungen des Sperbers
+den Hals um, während tief unter ihm die Jagd dahinzog. Sperber und
+Sperberweibchen schossen voll Rachbegier auf den Räuber hinab. Sie
+flatterten um sein Gesicht, sie richteten die Schnäbel auf seine Augen, sie
+schlugen ihn mit den Flügeln und kratzten mit den Klauen blutige Streifen
+in seine wettergebräunte Haut. Lachend kämpfte er gegen sie an. In dem
+schwankenden Neste aufrechtstehend, hackte er mit seinem scharfen Messer
+nach ihnen und vergaß über der Lust des Spieles die Lebensgefahr und die
+Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen, hatten sie sich
+nach einer andern Richtung entfernt. Niemandem war es in den Sinn gekommen,
+die Jagdbeute auf dem kahlen Bergrücken zu suchen. Keiner hatte den Blick
+zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche und Schlafwandlertaten
+vollbringen zu sehen, während sein Leben in äußerster Gefahr schwebte.
+
+Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender Hand griff er
+nach einer Stütze; schwindelnd maß er die Höhe, die er erklettert hatte.
+Und vor Angst zu fallen stöhnend, bange vor den Vögeln, bange, gesehen zu
+werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab. Er legte sich auf den
+Berg nieder, um nicht gesehen zu werden und schleppte sich über das Geröll
+weiter, bis das Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den
+verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und kraftlos sank er in
+das Moos. Ein einziger Mann hätte ihn leichtlich fangen können.
+
+ * * * * *
+
+Tord war der Name des Fischers. Er zählte nicht mehr als sechzehn Jahre,
+aber er war stark und kühn. Er hatte schon ein Jahr im Walde gelebt.
+
+Der Bauer hieß Berg, mit dem Beinamen der Riese. Er war der größte und
+stärkste Mann in der Gegend und dazu schön und wohlgewachsen. Er war breit
+um die Schultern und schlank um die Mitte. Seine Hände waren so
+wohlgebildet, als hätten sie niemals harte Arbeit gekostet. Das Haar war
+braun und das Antlitz zartgefärbt. Nachdem er einige Zeit im Walde
+verbracht hatte, nahm er in allen Stücken ein furchtbareres Aussehen an als
+früher. Seine Blicke wurden stechend, die Augenbrauen wuchsen buschig, und
+die Muskeln, die sie runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es
+trat auch deutlicher als früher hervor, wie der obere Teil seiner mächtigen
+Stirne über den untern vorragte. Die Lippen schlossen sich jetzt fester als
+einst, das ganze Gesicht wurde magrer, die Grübchen an der Stirn wurden
+sehr tief, und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor. Sein Körper
+wurde weniger voll, aber seine Muskeln ballten sich eisenhart. Das Haar
+ergraute rasch.
+
+An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht sattsehen. Etwas so Schönes
+und Gewaltiges hatte er nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er
+hoch wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente ihm wie einem
+Herrn und betete ihn an wie einen Gott. Es verstand sich ganz von selbst,
+daß Tord den Jagdspeer trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer
+anmachte. Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an, gönnte ihm aber fast
+nie ein freundliches Wort. Er verachtete ihn, weil er ein Dieb war.
+
+Die Friedlosen führten kein Räuber- oder Wegelagrerleben, sondern ernährten
+sich durch Jagd und Fischerei. Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen
+Mann ermordet hätte, würden die Bauern wohl bald aufgehört haben, ihn zu
+verfolgen, und hätten ihn oben im Gebirge in Frieden gelassen. Aber nun
+fürchteten sie großes Unheil für die Gegend, weil der Mann, der Hand an
+einen Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging. Wenn Tord mit
+dem erlegten Wild ins Tal hinabkam, boten sie ihm große Belohnungen und
+Vergebung seines eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der Höhle
+Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten, während er schlief.
+Aber der Knabe weigerte sich immer, und wenn ihm jemand in den Wald
+nachschleichen wollte, dann führte er ihn so schlau auf falsche Fährte, daß
+er die Verfolgung aufgeben mußte.
+
+Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum Verrat bewegen wollten,
+und als er hörte, welchen Lohn sie ihm boten, sagte er hohnvoll, daß Tord
+ein Einfaltspinsel wäre, wenn er solch ein Anerbieten nicht annähme.
+
+Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der Riese, desgleichen nie
+zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein schönes Weib in seiner Jugend, nie hatte
+seine Frau und seine Kinder ihn je so angesehen. »Du bist mein Herr, mein
+freigewählter Herrscher,« sagte der Blick, »wisse, daß du mich schlagen und
+beschimpfen kannst, soviel du willst. Ich bleibe doch treu.«
+
+Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den Jungen und merkte, daß er
+mutig im Handeln, aber schüchtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine
+Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder wenn das Moor im Frühling
+am gefährlichsten war, wenn die Moräste sich unter reichblühendem Wollgras
+und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am liebsten den Weg darüber. Es
+schien ihm ein Bedürfnis zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum
+Ersatz für die Stürme und Schrecknisse auf dem Meere, denen er nicht mehr
+begegnete. Doch nachts fürchtete er sich im Walde, und selbst am hellichten
+Tage konnte ein dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer
+umgestürzten Föhre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn darüber befragte,
+war er zu scheu, um auch nur zu antworten.
+
+Tord pflegte nicht auf dem hinten in der Höhle, nahe dem Feuer
+aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich von Moos und warmen Fellen war,
+sondern er kroch jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang
+hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte dies, und
+obgleich er den Grund erraten konnte, fragte er, was dies zu bedeuten
+habe. Tord erklärte es ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei
+Nächte lang nicht mehr in der Türe, aber dann nahm er seinen Wachtposten
+wieder ein.
+
+Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel wehte und in das
+windgeschützte Dickicht wirbelte, drangen die tanzenden Schneeflöckchen
+auch in die Höhle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten
+verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen erwachte, in eine
+schmelzende Schneewehe gebettet. Einige Tage später wurde er krank. Die
+Lungen pfiffen, und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen, fühlte er
+stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf den Beinen, als die Kräfte
+reichten. Aber als er sich eines Abends bückte, um das Feuer anzufachen,
+fiel er um und blieb liegen.
+
+Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er möge sich in sein Bett legen.
+Tord stöhnte vor Schmerz und vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg
+die Arme unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war ihm, als hätte
+er eine schlüpfrige Schlange berührt, und auf der Zunge hatte er einen
+Geschmack, als hätte er von dem unheiligen Pferdefleisch gegessen, so
+ekelte es ihn, diesen elenden Dieb anzurühren.
+
+Er breitete sein eignes, großes Bärenfell über ihn und reichte ihm Wasser,
+mehr konnte er nicht tun. Es war auch nicht gefährlich. Tord wurde bald
+gesund. Aber dadurch, daß Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein
+Diener sein mußte, waren sie einander näher gekommen. Tord wagte zu ihm zu
+sprechen, wenn er abends in der Höhle saß und Pfeile schnitzte.
+
+»Du bist aus gutem Stamm, Berg,« sagte Tord. »Die Reichsten im Tal sind
+deine Verwandten. Deine Vorfahren haben Königen gedient und in ihren Burgen
+gekämpft.«
+
+»Meistens haben sie in den Aufrührerscharen gekämpft und den Königen allen
+Schaden getan,« erwiderte Berg, der Riese.
+
+»Deine Väter gaben zu Weihnachten große Gelage, und das tatest auch du, als
+du auf deinem Hofe saßest. Hunderte von Männern und Frauen konnten auf den
+Bänken deiner großen Halle Platz finden, die schon erbaut war, ehe noch der
+heilige Olof hier in Viken taufte. Du hattest uralte Silberbecher und große
+Trinkhörner, die, mit Met gefüllt, von Mann zu Mann wanderten.«
+
+Wieder mußte Berg den Knaben ansehen. Er saß mit herabhängenden Beinen auf
+dem Bette, und der Kopf ruhte in den Händen, mit denen er zugleich die
+wilde Haarmasse zurückdrängte, die ihm in die Stirn fiel. Das Gesicht war
+durch die Krankheit bleich und fein geworden. In den Augen leuchtete noch
+das Fieber. Er lächelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor: die
+geschmückte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten Gäste und
+Berg, den Riesen, der in seiner Väter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der
+Bauer dachte, daß ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung leuchtenden
+Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern so herrlich gefunden hatte,
+wie der Knabe hier ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand.
+
+Er wurde gerührt und zornig zugleich. Dieser elende Dieb hatte kein Recht,
+ihn zu bewundern.
+
+»Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?« fragte er.
+
+Tord lachte. »Dort draußen auf der Schäre bei Vater und Mutter! Vater ist
+ja ein Wrackplünderer und Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!«
+
+»Deine Mutter ist eine Hexe?«
+
+»Das ist sie,« antwortete Tord ohne jede Befangenheit. »Bei stürmischem
+Wetter reitet sie auf einem Seehund zu den Schiffen, über die die
+Sturzwellen hinspülen, und wer dann in das Meer geschleudert wird, der
+gehört ihr.«
+
+»Was fängt sie mit ihnen an?« fragte Berg.
+
+»Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht wohl Salben aus ihnen,
+oder vielleicht ißt sie sie. In Mondscheinnächten sitzt sie draußen in der
+Brandung, wo sie am weißesten ist, und der Schaum sprüht über sie hin. Es
+heißt, daß sie da sitzt und nach den Fingern und Augen ertrunkner Kinder
+sieht.«
+
+»Das ist abscheulich,« sagte Berg.
+
+Der Knabe antwortete mit großer Zuversicht: »Es wäre abscheulich für andre,
+aber nicht für Hexen. Die müssen es so machen.«
+
+Berg schien es, daß dies eine neue Art war, Welt und Dinge zu betrachten.
+
+»Müssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern müssen?« fragte er
+scharf.
+
+»Ja, gewiß,« antwortete der Knabe, »jeder muß tun, wozu er bestimmt ist.«
+Aber dann fügte er mit einem versteckten Lächeln hinzu: »Es gibt aber auch
+Diebe, die niemals gestohlen haben.«
+
+»Sag doch gerade heraus, was du meinst,« sagte Berg.
+
+Der Knabe lächelte geheimnisvoll, stolz, ein unlösbares Rätsel zu sein. »Es
+ist, als spräche man von Vögeln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben
+spricht, die nicht stehlen.«
+
+Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren. »Man kann doch
+niemanden einen Dieb nennen, der nicht gestohlen hat,« sagte er.
+
+»Nein, freilich nicht,« sagte der Knabe und kniff die Lippen zusammen, wie
+um die Worte nicht durchzulassen. »Wenn einer aber einen Vater hätte, der
+stiehlt,« warf er nach einem Weilchen hin.
+
+»Geld und Gut erbt man,« wandte Berg ein, »aber den Namen Dieb trägt
+keiner, der ihn nicht erworben hat.«
+
+Tord lachte leise. »Und wenn einer eine Mutter hat, die einen bittet und
+anfleht, des Vaters Verbrechen auf sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem
+Henker ein Schnippchen schlägt und in den Wald flieht. Und wenn man dann
+für vogelfrei erklärt wird, eines Fischnetzes wegen, das man gar nie
+gesehen hat?«
+
+Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den Tisch. Er war zornig.
+Da war nun dieses schöne junge Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben
+fortgeworfen. Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter Männern
+konnte er fürderhin gewinnen. Die elende Sorge um Speise und Trank war
+alles, was ihm übrig blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, daß
+er, Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er schalt ihn mit
+strengen Worten, aber Tord hatte nicht einmal soviel Angst wie das kranke
+Kind vor der Mutter, wenn sie es schilt, weil es sich erkältet hat, als es
+durch den Frühlingsbach watete.
+
+ * * * * *
+
+Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler See. Er war
+viereckig, mit so geraden Ufern und so scharfen Winkeln, als wäre er von
+Menschen gegraben. Auf drei Seiten war er von steilen Felswänden umgeben,
+an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln festklammerten. Unten am
+See, wo das Erdreich so allmählich weggeschwemmt worden war, ragten diese
+Wurzeln aus dem Wasser auf, nackt und gekrümmt, und wunderbar ineinander
+verschlungen. Es war wie eine ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus
+dem Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt hatten und
+so stehen geblieben waren. Oder es war eine Menge dunkler Skelette
+ertrunkner Riesen, die der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine
+verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten sich in den
+harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten Rundbogen, die uralte Bäume
+trugen. Es war doch vorgekommen, daß die eisernen Arme, die stahlharten
+Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten, nachgegeben hatten.
+Und ein gewaltiger Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom
+Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem Wipfel voran war sie
+tief in den Schlammgrund eingedrungen und dort hängen geblieben. Jetzt
+hatte die Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen, aber
+die Wurzeln ragten über das Wasser hinaus, wie ein vielarmiges Ungeheuer,
+und die schwarzen Wurzelzweige trugen mit dazu bei, den Sumpfsee häßlich
+und erschreckend zu machen.
+
+Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge. Da entführte ein
+kleiner, schäumender Bach sein Wasser. Ehe dieser Bach den einzig möglichen
+Weg finden konnte, mußte er zwischen Steinen und Erdhügeln suchen und
+bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige nur eine Scholle groß, andre
+etwa zwanzig Bäume tragend.
+
+Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen, gediehen auch
+Laubbäume. Hier standen durstige graugrüne Erlen und glattblättrige Weiden.
+Die Birke war da, wie sie überall zur Stelle ist, wo es gilt, den Nadelwald
+zu verdrängen, und der Faulbaum und die Eberesche, diese beiden, die
+gewöhnlich die Waldwiesen besäumen, sie mit ihrem Duft erfüllen und mit
+ihrem Reiz umkränzen.
+
+Hier beim Ausfluß war auch ein mannshoher Schilfwald, durch den das
+Sonnenlicht grün über das Wasser fiel, wie es im richtigen Walde über das
+Moos fällt. Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche, und da
+schwammen die Seerosen. Die hohen Halme sahen mit mildem Ernst auf diese
+zarten Schönheiten herab, die verdrießlich ihre weißen Blätter und gelben
+Stempel in lederharten Hüllen verwahrten, sowie die Sonne sich nicht
+zeigen wollte.
+
+An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an diesen See, um zu fischen.
+Sie wateten zu ein paar großen Steinen im Binsenwalde und saßen da und
+warfen den grüngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen, Köder hin.
+
+Diese Männer, die stets im Walde und im Gebirge umherstreiften, waren, ohne
+daß sie selbst darum wußten, ebensosehr unter die Herrschaft der
+Naturmächte geraten, wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden sie
+offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die Sonne verschwunden war,
+verstummten sie, und die Nacht, die ihnen viel größer und gewaltiger
+vorkam, als der Tag, machte sie ängstlich und ohnmächtig. Jetzt versetzte
+sie das grüne Sonnenlicht, das durch das Schilf einfiel und das Wasser
+goldgestreift, braun und schwarzgrün färbte, in eine Art Wunderstimmung.
+Die Aussicht war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in einem
+unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die langen, bandähnlichen
+Blätter flatterten ihnen ins Gesicht. Sie saßen in grauen Fellgewändern auf
+den grauen Steinen. Die Färbung des Felles ahmte die Tönung des
+verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gefährten in seinem
+Schweigen und seiner Regungslosigkeit in ein Steinbild verwandelt. Aber
+drinnen durch das Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem
+Rücken. Als die Männer die Angelhaken auswarfen und sahen, wie sich die
+Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde die Bewegung immer stärker und
+stärker, bis sie merkten, daß sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe,
+halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und schlief. Sie lag
+auf dem Rücken mit dem ganzen Leibe unter dem Wasserspiegel. Die Wellen
+schlossen sich so eng an den Körper an, daß sie sie vorher nicht bemerkt
+hatten. Ihre Atemzüge ließen die Wellen nicht ruhen. Doch es war nichts
+Wunderliches darin, daß sie dalag, und als sie im nächsten Augenblick
+verschwunden war, wußten sie nicht recht, ob es nicht nur eine
+Sinnestäuschung gewesen war.
+
+Das grüne Licht drang wie ein süßer Rausch durch die Augen in das Hirn. Die
+Männer saßen da und starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend,
+die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang fiel schlecht aus,
+der Tag gehörte Träumen und Offenbarungen.
+
+Da ertönten Ruderschläge im Schilf, und sie schreckten wie aus dem
+Schlummer auf. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein Eichenstamm, schwer,
+ohne jede Kunstfertigkeit ausgehöhlt, moosbewachsen und mit Rudern, schmal
+wie Stäbchen. Ein junges Mädchen, das Seerosen geholt hatte, ruderte ihn.
+Sie hatte dunkelbraunes Haar, das in schwere Zöpfe geflochten war, und
+große dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre Blässe schimmerte
+rosig und nicht grau. Die Wangen waren nicht lebhafter gefärbt als das
+übrige Gesicht, kaum die Lippen. Sie trug ein weißes Leinenleibchen und
+einen Ledergürtel mit goldner Schließe. Der Rock war blau mit rotem Saum.
+Sie ruderte dicht an den Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie
+verhielten sich atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden,
+sondern nur um sie so recht sehen zu können. Sobald sie verschwunden war,
+verwandelten sie sich gleichsam wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie
+sahen einander lächelnd an.
+
+»Sie ist weiß wie die Seerosen,« sagte der eine. »Sie ist dunkeläugig wie
+das Wasser drüben unter den Tannenwurzeln.«
+
+Sie waren so übermütig, daß sie lachen wollten, richtig lachen, wie man nie
+zuvor an diesem See gelacht hatte, lachen, so daß die Felswände von dem
+Echo erzitterten und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken lösten.
+
+»Schien sie dir schön?« fragte Berg, der Riese.
+
+»Ach, ich weiß nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.«
+
+»Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest wohl, sie sei die
+Seejungfrau?«
+
+Und wieder schüttelte sie dieselbe törichte Lachlust.
+
+ * * * * *
+
+Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen. Er hatte die Leiche
+am hellichten Tage am Strand gefunden und war gar nicht erschrocken, aber
+nachts hatte er furchtbare Träume geträumt. Er sah ein Meer, in dem jede
+Welle einen toten Mann zu seinen Füßen rollte. Er sah auch alle Inseln der
+Schären mit Ertrunknen bedeckt, die tot waren und dem Meere gehörten, aber
+dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm drohen mit ihren welken,
+weißen Händen.
+
+So ging es ihm auch jetzt. Das Mädchen, das er im Schilfe gesehen hatte,
+kam in seinen Träumen wieder. Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo
+das Sonnenlicht noch grüner war als im Schilf, und er hatte Zeit, zu sehen,
+daß sie schön war. Er träumte, daß er auf der großen Tannenwurzel mitten in
+dem dunklen See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich so, daß
+er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien sie auf den kleinen
+Inselchen. Sie stand unter den roten Ebereschen und lachte ihn aus. Im
+letzten Traumbild brachte er es so weit, daß sie ihn küßte. Es ward früher
+Morgen, und er hörte, daß Berg aufgestanden war, aber er schloß hartnäckig
+die Augen, um weiter zu träumen. Als er erwachte, war er ganz wirr und
+betäubt von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er dachte jetzt viel
+mehr an das Mädchen, als am Tage vorher.
+
+Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu fragen, ob er ihren
+Namen wisse.
+
+Berg sah ihn prüfend an. »Vielleicht ist es am besten, wenn du es gleich
+erfährst,« sagte er. »Es war Unn. Wir sind Verwandte.«
+
+Da wußte Tord, daß um dieser bleichen Maid willen Berg, der Riese, friedlos
+durch Wald und Gebirge zog. Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was
+er von ihr wußte.
+
+Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter war tot, so daß sie das
+Regiment auf ihres Vaters Hof führte. Dies gefiel ihr, denn sie war
+herrschsüchtig, und sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen.
+
+Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder, und es hieß schon lange,
+daß Berg lieber bei Unn und ihren Mägden saß und mit ihnen scherzte, als
+daheim auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun das große
+Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde, hatte seine Frau einen Mönch aus
+Draksmark eingeladen, denn sie wollte, daß dieser Berg Vorwürfe mache, weil
+er sie um einer andern Frau willen vernachlässigte. Dieser Mönch war Berg
+und auch vielen andern wegen seines Aussehens verhaßt. Er war sehr feist
+und ganz weiß. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die Augenbrauen
+über seinen wässerigen Augen, die Gesichtsfarbe, die Hände und die Kutte,
+alles war weiß. Viele konnten seinen Anblick kaum ertragen.
+
+Bei der Tafel nun, so daß alle Gäste es hören konnten, sagte dieser Mönch
+-- denn er war unerschrocken und meinte, daß seine Worte besser wirken
+würden, wenn viele sie vernahmen --: »Man pflegt zu sagen, daß der Kuckuck
+der schlechteste der Vögel ist, weil er seine Jungen nicht im eignen Neste
+aufzieht, aber hier sitzt ein Mann, der nicht für Heim und Kinder sorgt,
+sondern seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich den
+schlechtesten der Männer nennen.« -- Da stand Unn auf. »Dies, Berg, geht
+auf dich und mich,« sagte sie. »Nie bin ich so beschimpft worden, aber
+freilich, mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.« Sie wendete sich,
+um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach. »Rühre mich nicht an,« rief sie.
+»Nie mehr will ich dich sehen.« Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte
+sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit flammenden Augen
+geantwortet, das müsse er selbst am besten wissen. Da ging Berg hin und
+erschlug den Mönch.
+
+Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken versunken, denn nach einem
+Weilchen sagte Berg: »Du hättest sie, Unn, sehen sollen, als der weiße
+Mönch gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder um sich und
+fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter Unn zu, damit sie sich auf ewige
+Zeiten die einprägten, die ihren Vater zum Mörder gemacht hatte. Aber Unn
+stand gelassen da und so schön, daß die Männer erbebten. Sie dankte mir für
+die Tat und hieß mich allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich,
+kein Räuber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen, als bis ich es
+für eine ebenso gerechte Sache brauchen könnte.«
+
+»Deine Tat hatte sie erhöht,« sagte Tord.
+
+Hier stand nun Berg vor demselben Rätsel, worüber er sich schon früher bei
+dem Knaben gewundert hatte. Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide,
+er verurteilte niemals das, was unrecht war. Er kannte keine
+Verantwortlichkeit. Was geschehen mußte, das geschah. Gott, Christus und
+die Heiligen kannte er, aber nur dem Namen nach, so wie man die Götter
+fremder Länder kennt. Die Gespenster der Schären waren seine Götter. An die
+Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter ihn glauben gelehrt.
+
+Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das ebenso töricht war, als
+wenn er einen Strick für seinen eignen Hals gedreht hätte. Er stellte dem
+Unwissenden den großen Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit, den
+Rächer der Missetaten, der die Schuldigen in ewige Pein hinabstürzt. Und er
+lehrte ihn Christus und seine Mutter lieben, und die heiligen Männer und
+Frauen, die mit gefalteten Händen vor Gottes Thron liegen, um den Zorn des
+großen Rächers von den sündigen Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles,
+was die Menschen tun, um Gottes Zorn zu versöhnen. Er zeigte ihm die
+Pilgerscharen, die zu heiligen Stätten ziehen, die selbstquälerischen Büßer
+und die Flucht der Mönche vom Weltleben.
+
+Und während er sprach, wurde der Knabe eifriger und blasser, seine Augen
+öffneten sich weit wie vor furchtbaren Gesichten. Berg, der Riese, wollte
+aufhören, aber der Strom der Gedanken riß ihn fort, und er sprach weiter.
+Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze Waldesnacht, in der die
+Käuzchen schreien. Gott kam ihnen so nahe, daß sie sahen, wie sein Thron
+die Sterne verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die Waldwipfel
+herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die Flammen der Unterwelt zu der
+platten Scheibe der Erde empor und beleckten gierig diesen schwanken
+Zufluchtsort qualbedrückter Menschengeschlechter.
+
+ * * * * *
+
+Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm wehte. Tord ging allein
+durch den Wald, um Schlingen und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese,
+saß daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg führte hinauf zu einer
+bewaldeten Höhe. Der Pfad war breit.
+
+Jeder Windstoß, der durch die dichten Bäume dringen konnte, fegte das
+trockne Laub in raschelnden Wirbeln den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums
+andre vor, als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um. Zuweilen
+blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann merkte er, daß es die Blätter
+und der Wind waren, und er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann,
+hörte er jemanden auf leisen Sohlen den Hügel hinauftanzen. Kleine
+Kinderfüße kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister spielten hinter ihm.
+Wenn er sich umwendete, war niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust
+gegen die raschelnden Blätter und ging weiter. Sie verstummten nicht, aber
+sie nahmen einen andern Ton an. Sie begannen hinter ihm zu zischen und zu
+schnauben. Eine große Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing ihr
+aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend von den
+verschrumpften Blättern ab. Neben der Schlange schlich ein Wolf, ein
+großer, magrer Geselle, der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren,
+wenn die Natter sich zwischen seine Füße schlängelte und ihn in die Ferse
+stach. Manchmal waren sie beide ganz still, wie um ihm unbemerkt zu nahen,
+aber gleich darauf verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen
+schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord ging unwillkürlich
+immer rascher, aber die Tiere eilten ihm nach. Als er glaubte, daß sie nur
+zwei Schritte entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er sich um.
+Es war niemand da, und das hatte er die ganze Zeit gewußt.
+
+Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen. Da gaukelten die
+trocknen Blätter zu seinen Füßen, wie um ihn zu ergötzen. Da waren sie,
+alle Blätter des Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte
+Ebereschenblätter, die trocknen schwärzlichbraunen Blätter der Ulme, die
+zähen lichtroten der Espe, und die goldgrünen der Palmweide. Verwandelt und
+verschrumpft, narbig und abgestoßen waren sie, sehr verschieden von den
+daunenweichen, lichtgrünen feingeformten Blättchen, die sich vor ein paar
+Monaten aus den Knospen entrollt hatten.
+
+»Sünder,« sagte der Knabe, »Sünder, nichts ist rein vor Gott. Die Flammen
+seines Zornes haben euch schon erreicht.«
+
+Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald unter sich wogen wie ein
+sturmgepeitschtes Meer, doch unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er
+hörte nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll Stimmen.
+
+Es klang wie Flüstern, wie Klagelieder, wie barsche Drohungen, wie
+dröhnende Flüche. Es lachte, und es klagte, es war wie das Lärmen von
+vielen Menschen. Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und
+zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war, machte seine
+Gedanken wild. Er fühlte wieder Todesangst wie damals, als er auf dem Boden
+seiner Höhle lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder hörte er
+das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte der Volksmenge, das Klirren
+der Waffen, die dröhnenden Rufe, das wilde, blutdürstige Gemurmel, das aus
+der Menge aufstieg.
+
+Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas andres, noch
+Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten konnte, ein Gewirr von
+Stimmen, die eine fremde Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere
+Stürme als diesen durch das Takelwerk brausen gehört. Aber nie zuvor hatte
+er den Wind auf einer so vielstimmigen Harfe spielen hören. Jeder Baum
+hatte seine Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die Pappel nicht
+wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren Ton, das Echo jeder Felswand
+seinen eignen Klang. Und das Rieseln der Bäche und der Schrei des Fuchses
+mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles das konnte er
+deuten, es ertönten andre, wunderbarere Laute. Und diese bewirkten es, daß
+es anfing, in ihm um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen
+und zu jammern.
+
+Er hatte sich immer gefürchtet, wenn er allein im Waldesdunkel war. Er
+liebte das offne Meer und die nackten Klippen. Zwischen den Bäumen
+schlichen Geister und Schatten einher.
+
+Mit einem Male hörte er, wer es war, der im Sturme sprach. Gott war es, der
+große Rächer, der Gott der Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes
+wegen. Er verlangte, daß er den Mörder des Mönches seiner Rache ausliefere.
+
+Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er sagte Gott, was er hatte
+tun wollen, aber nicht vermocht hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten
+wollen, sich mit Gott zu versöhnen, aber er war zu schüchtern gewesen. Die
+Scheu hatte ihn stumm gemacht. »Als ich erfuhr, daß die Erde von einem
+gerechten Gott gelenkt wird,« rief er, »da erkannte ich, daß er ein
+verlorener Mann sei. Nächtelang habe ich dagelegen und über meinen Freund
+geweint. Ich wußte, daß Gott ihn finden muß, wo er sich auch verbergen mag.
+Aber ich vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil ich ihn zu
+sehr liebe. Verlange nicht, daß ich mit ihm spreche, verlange nicht, daß
+das Meer sich so hoch wie die Berge erhebe.«
+
+Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe Stimme, die für ihn
+Gottes Stimme gewesen war. Mit einem Male kam Windstille und greller
+Sonnenschein und ein Plätschern wie von Rudern und ein leises Rascheln wie
+von steifen Schilfblättern. Diese sanften Laute zauberten ihm Unns Bild vor
+die Seele. -- Der Friedlose kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht
+Frauen, nicht Ansehen unter den Männern. -- Wenn er Berg verriet, kam er
+wieder unter die Hut der Gesetze. -- Aber Unn mußte Berg lieben, nach dem,
+was er für sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg.
+
+Als der Sturm zunahm, hörte er wieder Schritte hinter sich und ab und zu
+ein atemloses Keuchen. Jetzt wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wußte,
+daß der weiße Mönch hinter ihm war. Er kam von dem Feste in Bergs Hause,
+blutbespritzt mit einer klaffenden Wunde in der Stirn. Und er flüsterte:
+»Gib ihn an, verrate ihn, rette seine Seele. Überliefre seinen Leib dem
+Scheiterhaufen, auf daß seine Seele verschont werde. Überantworte ihn der
+langen Qual der Folterbank, auf daß seine Seele Zeit habe, zu bereuen.«
+
+Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und für sich nichts war,
+wuchs, da es so unaufhörlich seine Seele verfolgte, zu etwas Großem,
+Entsetzlichem an. Er wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann,
+ertönte wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme Gottes war.
+Gott selbst jagte ihn mit Schreckschüssen, damit er den Mörder ausliefre.
+Verabscheuungswürdiger denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein
+waffenloser Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem Stahl durchbohrt
+worden. Das hieß dem Herrn der Welten trotzen. Und der Mörder wagte, zu
+leben. Er freute sich des Sonnenlichtes und der Früchte der Erde, als ob
+der Arm des Allmächtigen zu kurz wäre, um ihn zu erreichen.
+
+Er blieb stehen, ballte die Fäuste und schrie drohende Worte. Dann eilte er
+wie ein Wahnsinniger aus dem Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal
+hinab.
+
+ * * * * *
+
+Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so waren sogleich zehn
+Männer bereit, ihm zu folgen. Es wurde beschlossen, daß Tord allein in die
+Höhle gehen sollte, damit Berg nicht mißtrauisch werde. Aber unterwegs
+sollte er Erbsen ausstreuen, damit die Männer den Weg finden konnten.
+
+Als Tord in die Höhle trat, saß der Vogelfreie auf der Steinbank und
+nähte. Der Feuerschein war matt, und die Arbeit schien schlecht vonstatten
+zu gehen. Das Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche Berg
+deuchte ihm arm und unglücklich. Und das einzige, was er sein Eigen nannte,
+das Leben, sollte ihm nun genommen werden. Tord begann zu weinen.
+
+»Was hast du?« fragte Berg. »Bist du krank? Bist du erschrocken?«
+
+Zum ersten Male erzählte da Tord von seiner Angst. »Es war unheimlich im
+Walde. Ich hörte Geister und sah Gespenster. Ich sah weiße Mönche.«
+
+»Gottes Tod, Junge!«
+
+»Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen Weg zum Bredfelsen
+hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte, aber sie kamen mit und sangen. Kann
+ich das Unwesen nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Ich
+meine, sie könnten einem die Messe lesen, der es nötiger hat.«
+
+»Bist du heute abend ganz toll, Tord?«
+
+Tord sprach und wußte kaum, welcher Worte er sich bediente. Alle Scheu war
+von ihm gewichen. Unbehindert strömte die Rede von seinen Lippen.
+
+»Es sind lauter weiße Mönche, weiß, leichenblaß. Alle haben sie Blut auf
+der Kutte. Sie ziehen die Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet
+doch hervor. Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb.«
+
+»Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?«
+
+»Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum muß ich sie sehen?«
+
+»Das mögen die Heiligen wissen, Tord,« sagte Berg, der Riese, bleich und
+mit düsterm Ernst, »was es bedeutet, daß du eine Wunde von einem Axthieb
+siehst. Ich habe den Mönch mit ein paar Messerstichen getötet.«
+
+Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die Hände. »Sie verlangen dich
+von mir. Sie wollen mich zwingen, dich zu verraten.«
+
+»Wer? Die Mönche?«
+
+»Ja, gewiß, die Mönche. Sie zeigen mir Gesichte. Sie zeigen mir sie, Unn.
+Sie zeigen mir das glitzernde, sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die
+Lagerplätze der Fischer, wo Tanz und Fröhlichkeit herrscht. Ich schließe
+die Augen, aber ich sehe dennoch. Laßt mich in Frieden, sage ich. Mein
+Freund hat gemordet, aber er ist nicht böse. Laßt mich gehen, und ich will
+mit ihm sprechen, damit er bereut und Buße tut. Er wird seine Sünde
+gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide werden zu den Stätten
+wallfahrten, die so heilig sind, daß alle Sünde von dem genommen wird, der
+ihnen naht.«
+
+»Was antworteten da die Mönche?« fragte Berg. »Sie wollen meine Rettung
+nicht. Sie wollen mich auf den Scheiterhaufen und auf die Folterbank
+bringen.«
+
+»Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich sie,« fuhr Tord fort.
+»Er ist mein alles auf Erden. Er hat mich vom Bär errettet, dessen Pranken
+auf meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und alles Ungemach
+erduldet. Er hat sein eignes Bärenfell über mich gebreitet, als ich krank
+lag. Ich habe Holz und Wasser für ihn getragen, ich habe seinen Schlummer
+bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht geführt. Warum glauben sie,
+daß ich solch einer bin, der einen Freund verrät? Mein Freund wird bald aus
+freien Stücken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen wir zusammen in
+das Land der Versöhnung.«
+
+Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf Tords Gesicht. »Du
+sollst selbst zum Priester gehen und ihm die Wahrheit sagen,« sagte er.
+»Du mußt wieder hinab zu den Menschen.«
+
+»Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner Sünde willen verfolgt
+mich der Tote und alle Schatten. Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du
+hast deine Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist so wie
+deines. Es ist mir, als müßte ich mich freuen, wenn ich dich an Rad und
+Galgen sähe. Wohl dem, der in dieser Welt seine Strafe empfängt und dem
+künftigen Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten Gott? Du
+zwingst mich, dich zu verraten. Hilf mir von dieser Sünde. Gehe zum
+Priester.« Und er fiel vor Berg auf die Knie.
+
+Der Mörder legte die Hand auf seinen Kopf und sah ihn an. Er mußte seine
+Sünde an der Angst des Gefährten messen. Und sie stand groß und grauenvoll
+vor seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen, der die Welt
+lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein Herz.
+
+»Weh mir, daß ich tat, was ich getan,« sagte er. »Was meiner harrt, das ist
+zu schwer, um es freiwillig auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den
+Priestern aus, so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern. Sie
+werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist nicht dieses Leben des
+Elends, das wir in Angst und Not führen, Buße genug? Habe ich nicht Hof und
+Heim verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von allem, was eines
+Mannes Freude ist? Wessen bedarf es noch?«
+
+Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen auf. »Kannst du bereuen?«
+rief er. »Können meine Worte dein Herz rühren? O, dann komm gleich! Wie
+konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch ist es Zeit!«
+
+Berg, der Riese, sprang auch auf. »Du hast es also getan --«
+
+»Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt rasch, da du bereuen
+kannst! Sie werden uns ziehen lassen! Wir müssen ihnen entkommen!«
+
+Da beugte sich der Mörder zum Boden herab, wo seine von den Vätern ererbte
+Streitaxt zu seinen Füßen lag. »Du Sohn eines Diebes,« sagte er, die Worte
+hervorzischend. »Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut gewesen.«
+
+Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt bückte, da wußte er, daß es nun
+sein Leben galt. Er riß seine eigne Axt aus dem Gürtel und schlug nach
+Berg, ehe dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr zischend
+durch die Luft und drang in den herabgebeugten Kopf. Berg, der Riese, fiel
+mit dem Kopfe nach vorn zu Boden, der ganze Körper taumelte nach. Blut und
+Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In dem struppigen Haar
+sah Tord ein großes, rotes, klaffendes Loch nach einem Axthieb.
+
+Jetzt stürzten die Bauern herein. Sie freuten sich und priesen die Tat.
+
+»Jetzt steht deine Sache gut,« sagten sie zu Tord.
+
+Tord sah auf seine Hände herab, als sähe er da die Fesseln, mit denen er
+herangeschleift worden war, um den zu töten, den er liebte. Sie waren wie
+die des Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den grünen Lichtern des
+Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten, aus dem Gesang des Sturmes, aus
+dem Rascheln des Laubes, aus dem Zauber der Träume waren sie gewoben. Und
+er sagte laut: »Gott ist groß!«
+
+Aber wieder verfiel er in seine frühern Gedanken. Er sank neben der Leiche
+auf die Knie und legte seinen Arm unter den Kopf des Freundes.
+
+»Tut ihm nichts zuleide,« sagte er. »Er bereut, er will zum Heiligen Grabe
+pilgern. Er ist nicht tot, aber fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit,
+zu gehen, da fiel er. Der weiße Mönch wollte wohl nicht, daß er bereue,
+aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt die Reue.«
+
+Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte und flehte den
+Toten an, aufzuwachen. Die Bauern bereiteten aus einigen Speeren eine
+Bahre. Sie wollten die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie
+hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in seiner Nähe. Als sie
+ihn auf die Bahre hoben, stand Tord auf, schüttelte die Haare aus dem
+Gesicht und sprach mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte:
+
+»So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum Mörder machte, daß er von
+Tord, dem Fischer, dessen Vater ein Wrackplünderer und dessen Mutter eine
+Hexe ist, erschlagen ward, weil er ihn lehrte, daß die Grundfeste dieser
+Erde Gerechtigkeit heißt.«
+
+
+
+
+Reors Geschichte
+
+
+War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel
+Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde getauft,
+als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein
+eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön, aber nicht
+hochgewachsen, stark, aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit Blick und Wort
+allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vöglein an sich
+locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, und die Natur hatte große
+Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und das Knospen der Bäume, das
+Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung des Barsches in dem
+abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung,
+dies waren die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und Freude
+bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter den Menschen zutrug.
+
+Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen
+Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen Schuß.
+Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, und
+er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der Pelz des Bären war
+weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn ab, rollte ihn zu einem
+harten Bündel zusammen und ging mit dem Bärenfell auf dem Rücken weiter.
+
+Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken Honigduft
+verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die den Boden
+bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, glatte
+Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des Stengels ein
+kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt war. Die kleinen
+Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus ihnen ragte eine
+kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte Knöpfchen auf
+weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter ihnen einherging,
+daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel standen,
+Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der starke honigsüße Duft
+war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die Bäume
+und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag etwas Beängstigendes in dem
+schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher gefüllt und ihre Tischlein
+gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber niemand kam. Sie sehnten sich
+zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem dunkeln, windstillen
+Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern zu wollen, weil die
+schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo
+die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es ihn, als sängen sie
+zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen Gäste, kommt heute, denn
+morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen Laub.«
+
+Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu
+sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste Lüftchen
+und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken Stämmen
+umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als wüßte er den Weg
+nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im
+Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weißbeschwingten Honigsucher
+versammelt war. Aber der erste war der Anführer, und er fand, vom Dufte
+geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer
+herangestürmt. Es stürzte sich auf die sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger
+sich auf die Beute stürzt. Wie ein Schneefall von weißen Flügeln senkten
+sie sich auf sie herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede
+Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.
+
+Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf
+dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde
+eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war, was
+ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt hatten. Er
+ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines
+großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn ängstigte, war, ob er auch
+den Weg zu diesem finden konnte, was sich nach ihm sehnte.
+
+Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte sich,
+um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den
+Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen und lag
+still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff, glitt sie so glatt wie
+Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor ganz und gar darauf
+erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange nach,
+konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn von dem Pfade fort auf
+den ungebahnten Waldboden.
+
+Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man selten
+Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockne Moos und die braunen
+Nadeln, Farrenkräuter und Preißelbeerbüsche zogen sich zurück, und Reor
+fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen Matte
+zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, und
+zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen,
+halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
+und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen Äste
+mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen
+viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß.
+
+Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht aus
+dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
+moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost zuletzt
+gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die die
+braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten
+Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
+eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen Mützen
+erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.
+
+Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu gleichen,
+aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand einer
+Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und Flechten die
+großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich drehte.
+
+Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
+sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte,
+und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den
+honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter
+der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam still:
+kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte
+alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und zu
+lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht allein
+war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob jemand ihn
+beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand keine Angst, nur
+ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte er bald etwas
+überaus Schönes zu sehen bekommen.
+
+In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich nicht
+versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die der Frost
+von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen Schlange sah
+er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase lag und schlief.
+Sie lag ohne andre Decke, als ein paar spinnwebdünne Schleier, gerade als
+hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im
+Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden,
+federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der Schlafenden, so daß
+Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers gewahren konnte. Er
+trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein gutes Messer zog er
+aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und die Felswand, damit
+die den Stahl fürchtende Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen
+konnte, wenn sie erwachte.
+
+Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er sogleich,
+das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch war er nicht
+recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte.
+
+Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der
+Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,« sagten
+sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsre schöne Tochter.
+Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du der edelsten
+Gabe würdig?«
+
+Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß,
+das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da
+er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen
+hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen habe, schämen
+würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte das steife Fell
+und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über sie.
+
+Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, von dem die
+Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand in
+großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon
+befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun
+auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die Nadeln
+begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte, daß der
+ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter der
+Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde.
+
+Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag in
+Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die
+grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte.
+Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im Berge war, war sie
+doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob sie in seine Arme und
+trug sie fort durch den Wald.
+
+Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut abhob.
+Da sah er auf und merkte, daß des Riesen Tochter erwacht war. Sie saß ganz
+ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann aussah, der
+sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größre Schritte, aber sagte
+nichts.
+
+Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf
+brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum über
+seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht auf,
+sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte. Da
+deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm
+trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen durchbebte
+Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims stand, da sah er,
+wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt, unter die Grundmauer
+schlüpfte.
+
+
+
+
+Waldemar Attertag brandschatzt Visby
+
+
+In dem Frühling, in dem Hellquists großes Bild »Waldemar Attertag
+brandschatzt Visby« im Kunstverein ausgestellt war, kam ich an einem
+stillen Vormittag hinauf, ohne zu ahnen, daß dieses Kunstwerk sich da
+befand. Die große, farbenreiche Leinwand mit den vielen Gestalten machte
+schon beim ersten Anblick einen außerordentlichen Eindruck. Ich konnte kein
+andres Bild ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte mich
+nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe Stunde lang lebte ich
+das Leben des Mittelalters.
+
+Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem Marktplatz von Visby
+abspielte. Ich sah die Bierbottiche, die sich mit dem goldnen Trank zu
+füllen begannen, den König Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich
+rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn mit dem Pagen, der
+unter seinen Gold- und Silberschüsseln fast zusammenbricht, den jungen
+Bürger, der die Faust gegen den König ballt, den Mönch mit dem scharfen
+Antlitz, das forschend die Majestät betrachtet, den zerlumpten Bettler, der
+sein Scherflein opfert, die Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist,
+den König auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem schmalen
+Gäßchen heranwälzt, die hohen Hausgiebel und die zerstreuten Gruppen
+trotziger Soldaten und halsstarriger Bürger.
+
+Aber plötzlich merkte ich, daß die Hauptgestalt des Bildes nicht der König
+ist, nicht einer der Bürger, sondern der eine der eisengepanzerten
+Schildträger des Königs, der mit dem gesenkten Visier.
+
+In diese Gestalt hat der Künstler eine seltsame Kraft gelegt. Man sieht
+nicht das geringste von ihm selbst, der ganze Mann ist Eisen und Stahl, und
+doch macht er den Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein.
+
+»Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,« sagt er. »Ich bin es, der Visby
+brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe
+meine Lust an Qualen und Grausamkeit. Mögen sie einander nur peinigen.
+Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu Visby.«
+
+»Sieh,« spricht er zu dem Betrachter, »kannst du nicht sehen, daß ich hier
+Herr bin? Soweit dein Auge reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die
+einander quälen. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr Gold aus.
+Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. Und die Begierde der
+Siegesherren wird immer wilder, je mehr Gold sie hervorpressen können. Was
+sind Dänemarks König und seine Soldaten andres als meine Diener, wenigstens
+für diesen Tag? Morgen werden sie zur Kirche gehen oder in friedlicher
+Zwiesprach in den Schenken sitzen oder vielleicht auch gute Väter sein im
+eignen Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie Bösewichte und
+Gewalttäter.«
+
+Und je länger man ihm zuhört, desto besser versteht man, was das Bild ist:
+nichts andres als eine Illustration der alten Mär, wie Menschen einander
+quälen können. Kein versöhnender Zug ist da, nur grausame Gewalt. Und
+trotziger Haß und hoffnungsloses Leiden.
+
+Es ist doch so, daß diese drei Bräukufen gefüllt werden müssen, auf daß
+Visby nicht geplündert und eingeäschert werde. Warum kommen sie nicht,
+diese Hanseaten, in flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen nicht
+herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit seinem Becher, der
+Priester mit dem Reliquienschrein, eifrig, glühend von Opfermut? »Für dich,
+für dich, unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn es sich um
+dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser Ruhm! Nimm zurück, was du uns
+gegeben hast!«
+
+Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war es auch nicht. Keine
+Begeisterung, nur Zwang, nur gebändigter Trotz, nur Jammer. Das Gold ist
+ihnen alles, Frauen und Männer seufzen über dies Gold, von dem sie sich
+trennen müssen.
+
+»Sieh sie an!« spricht die Gewalt, die auf den Stufen des Thrones steht.
+»Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu opfern. Mag, wer da will, mit ihnen
+Mitleid haben! Geizig, gewinnsüchtig, übermütig sind sie! Sie sind um
+nichts besser als der gierige Räuber, den ich gegen sie ausgesandt habe.«
+
+Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet es ihr so großes
+Leid, ihr Gold herzugeben! Oder ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie
+des Jammers Urheberin? Ist sie die, welche die Stadt verraten hat? Ja, sie
+ist es, die König Waldemars Liebste gewesen. Es ist Jung-Hansens Tochter.
+
+Sie weiß wohl, daß sie ihr Gold nicht auszuliefern braucht. Ihres Vaters
+Haus wird dennoch nicht geplündert, aber sie hat zusammengerafft, was sie
+besitzt und bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie von
+all dem Elend, das sie gesehen, überwältigt worden und in grenzenloser
+Verzweiflung zu Boden gesunken.
+
+Frisch und fröhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle, der
+voriges Jahr in ihres Vaters Haus diente. Herrlich war es, an seiner Seite
+über diesen selben Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den Giebeln
+hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete. Stolz war sie auf ihn
+gewesen, stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da,
+von Jammer gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt und
+grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung über die Stadt
+gebracht hat, ist er derselbe, der ihr zärtliche Worte zugeflüstert hat?
+Schlich sie sich zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht
+ihres Vaters Schlüssel stahl und das Stadttor öffnete? Und als sie ihren
+Goldschmiedegesellen als einen gewappneten Ritter traf mit einem
+stahlgepanzerten Heere hinter sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht
+wahnsinnig, da sie die stählerne Flut sich durch das Tor wälzen sah, das
+sie geöffnet hatte? Zu spät deine Klagen, o Jungfrau! Warum liebtest du den
+Feind deiner Stadt? Gefallen ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum
+stürztest du dich nicht mitten im Tore nieder und ließest dich von den
+eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest du leben, um den Verbrecher von des
+Himmels Blitzen getroffen zu sehen?
+
+O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und schützt ihn. An heiligern
+Dingen als einer leichtgläubigen Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal
+Gottes heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine bricht er
+aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe zu füllen.
+
+Da ändern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung. Blindes Entsetzen packt
+alles Lebende. Der wildeste Kriegsknecht erbleicht, die Bürger wenden ihren
+Blick zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle erbeben, außer
+der Gewalt auf den Stufen des Thrones und dem König, der ihr Diener ist.
+
+Ich wünschte, der Künstler lebte noch, so daß er mich hinab zum Hafen von
+Visby führen und mir diese selben Bürger zeigen könnte, als sie mit den
+Blicken der fortsegelnden Flotte folgten. Sie rufen Verwünschungen über die
+Wogen hin. »Vernichtet sie,« rufen sie, »vernichtet sie! O Meer, du unser
+Freund, nimm unsre Schätze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter
+den Gottlosen, unter den Treulosen!«
+
+Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt, die auf dem königlichen
+Schiffe steht, nickt zustimmend. »So ist es gut,« sagt sie, »verfolgen und
+verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Möge der Sturm und das Meer die
+räuberische Flotte zerstören und die Schätze meines königlichen Dieners an
+sich raffen! Desto früher ist es uns beschieden, auf neue Verheerungszüge
+auszuziehen!«
+
+Aber die Bürger auf dem Strande wenden sich um und sehen zu ihrer Stadt
+empor. Feuerflammen sind dort aufgelodert, Plünderung ist über sie
+hingezogen, hinter zersprungenen Scheiben gähnen verwüstete Wohnstätten.
+Geschwärzte Giebel sehen sie, geschändete Kirchen, blutige Leichen liegen
+in den engen Gäßchen, und vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die
+Stadt. Sollen sie alledem ohnmächtig gegenüberstehen? Gibt es niemanden,
+den ihre Rache erreichen kann, niemanden, den sie ihrerseits quälen und
+vernichten können?
+
+Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus ist nicht geplündert,
+nicht verbrannt. Was ist das? War er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht
+den Schlüssel zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam? O du,
+Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das bedeuten?
+
+Dort auf dem Königsschiffe steht die Gewalt und betrachtet ihren
+königlichen Diener, unter dem Visier lächelnd. Höre den Sturm, Herr, höre
+den Sturm! Das Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf dem
+Meeresgrunde ruhen. Und sieh zurück auf Visby, mein hoher Herr! Das Weib,
+das du betrogst, wird zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer
+geführt. Hörst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend und wehklagend?
+Sieh, sieh, die Maurer kommen mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen
+kommen mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle!
+
+O König, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby vorgeht, mußt du doch
+hören und wissen, was dort geschieht. Du bist ja nicht von Stahl und Eisen
+wie die Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters düstre Tage kommen und du
+unter dem Schatten des Todes lebst, dann wird das Bild von Jung-Hansens
+Tochter vor deine Erinnerung treten.
+
+Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung zusammensinken
+sehen. Du wirst sie dahinziehen sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten
+unter Glockengeläute und Hymnengesang. Sie ist schon tot in den Augen des
+Volkes. Tot fühlt sie sich in ihrem Innersten, getötet von allem, was sie
+geliebt. Du wirst sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine
+einfügt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und das Volk hören, wie
+es mit seinen Steinen herbeieilt. »O Maurer, nimm meinen, nimm meinen!
+Bediene dich meines Steines zum Rachewerk! Laß meinen Stein mit dabei sein,
+Jung-Hansens Tochter von Licht und Luft abzuschließen! Gefallen ist Visby,
+das herrliche Visby! Gott segne eure Hände, Maurer! Laß mich mit dabei sein
+und die Rache vollziehen!«
+
+Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken läuten wie über einer Toten.
+
+O Waldemar, König von Dänemark, auch dein Los wird es sein, dem Tode zu
+begegnen, dann wirst du auf deinem Bette liegen und vieles hören und sehen
+und dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren mit der
+Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du hören. Wo sind sie dann, die
+heiligen Glocken, die die Marter der Seele übertönen? Wo sind sie, die
+weiten Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade für dich flehen? Wo ist
+die von Wohllaut erzitternde Luft, die die Seele hin zu Gottes Gefilden
+führt?
+
+O hilf, Esrom, hilf, Sorö, und du, große Glocke in Lund!
+
+ * * * * *
+
+Welch düstre Geschichte erzählt nicht dieses Bild! Es war ein wunderliches,
+fremdes Gefühl, wieder in den Königsgarten zu treten, in den strahlenden
+Sonnenschein unter lebende Menschen.
+
+
+
+
+Mamsell Friederike
+
+
+Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht.
+
+Die Kobolde hoben die Felsblöcke auf hohe Goldsäulen und feierten
+Mittwinterfest. Die Heinzelmännchen tanzten in neuen roten Mützen um die
+Weihnachtsgrütze. Alte Götter zogen in grauen Unwettermänteln über das
+Himmelsgewölbe. Und auf dem Österhaninger Kirchhof stand das Höllenpferd.
+Es scharrte mit den Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz
+für ein neues Grab.
+
+Nicht weit davon auf dem alten Schloß Årsta lag Mamsell Friederike und
+schlief. Årsta ist, wie man weiß, ein altes Gespensterschloß, aber Mamsell
+Friederike schlief einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt
+geworden, und recht müde nach vielen schweren Arbeitstagen und vielen
+langen Reisen -- sie war ja beinahe rings um die Erde gefahren -- darum war
+sie in ihr Kindheitsheim zurückgekehrt, um Ruhe zu finden.
+
+Vor dem Schloß tönte eine kecke Fanfare in die Nacht hinaus. Der Tod hatte
+sich auf sein Rößlein Grau gesetzt und war zum Schloßtor geritten. Sein
+weiter Purpurmantel und der stolze Federbusch des Hutes wehten im
+Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schwärmerisches Herz bezwingen,
+darum trat er in so seltnem Staat auf. Vergebliche Mühe, Herr Ritter,
+vergebliche Mühe! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame schläft.
+Eine bessere Gelegenheit mußt du suchen und geeignetere Stunde. Laure ihr
+auf, wenn sie zur Frühmette fährt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf
+dem Kirchweg!
+
+ * * * * *
+
+Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten Heim. Niemand
+konnte die süße Ruhe besser als sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war
+sie eben in einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von Jesus und
+den Hirten erzählt, erzählt, bis ihre Augen strahlten und ihr ganzes
+verwelktes Gesicht wie verklärt war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch
+niemanden, der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden hatte.
+Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die kleinen, feinen Händchen und das
+kluge freundliche Gesicht, wollte im Gegenteil dieses Bild seinem
+Gedächtnis einprägen als die wunderschönste Erinnerung.
+
+In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter andern Reliquien und
+Erinnerungen ein kleiner trockner Strauch. Das war die Jerichorose, die
+Mamsell Friederike aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte. Jetzt in
+der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst zu blühen. Die trocknen
+Zweige bedeckten sich mit roten Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten
+und das ganze Zimmer erleuchteten.
+
+Bei dem Schein dieser Funken sah man, daß eine kleine und zarte, aber recht
+alte Dame in einem großen, gelben Fauteuil saß und Salon hielt. Es konnte
+nicht Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in guter
+Ruh, und dennoch war sie es. Sie saß da und hielt Empfang für Erinnerungen,
+das Zimmer war voll von ihnen. Menschen und Heime und Gegenstände und
+Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen und
+Jugenderinnerungen, Liebe und Tränen, Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn,
+alles kam auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasaß und alle mit einem
+gütigen Lächeln ansah. Sie hatte ein scherzendes oder wehmütiges Wort für
+sie alle.
+
+Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und Form. Und so wie man
+erst da des Himmels Sterne sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was
+man tagsüber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im Schein der roten
+Knospen der Jerichorose eine Menge wunderlicher Gestalten in Mamsell
+Friederikens Salon sehen. Da war die steife »+ma chère mère+«, die
+gutmütige Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem Abendland, die
+schwärmerische Nina, die energische kämpfende Herta in ihrem weißen Kleid.
+
+»Kann mir jemand sagen, warum dieses Geschöpf immer weiß gekleidet sein
+muß?« scherzte die kleine Gestalt im Fauteuil, als sie sie erblickte.
+
+Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und sagten: »Sieh, wie viel du
+geschaut und erfahren, wie viel du gewirkt und genützt hast! Bist du nicht
+müde, willst du nicht zur Ruhe gehen?«
+
+»Noch nicht,« antwortete der Schatten in dem gelben Fauteuil, »ich habe
+noch ein Buch zu schreiben. Ich kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig
+ist.«
+
+Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose erlosch, und der gelbe
+Fauteuil stand leer.
+
+ * * * * *
+
+In der Österhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse. Einer
+von ihnen stieg zu den Glocken hinauf und läutete das Christfest ein, ein
+anderer ging umher und entzündete die Weihnachtskerzen, und ein dritter
+begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen. Durch die geöffnete
+Tür kamen die übrigen aus Nacht und Gräbern in das helle, strahlende Haus
+des Herrn gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren, kamen
+sie, nur ein bißchen bleicher. Sie öffneten die Banktüren mit rasselnden
+Schlüsseln und wisperten und flüsterten, während sie den Gang hinaufgingen.
+
+»Das sind alle die Lichter, die _sie_ den Armen geschenkt hat, die leuchten
+jetzt in Gottes Haus.«
+
+»Wir liegen warm in unsern Gräbern, solange _sie_ den Armen Kleider und
+Holz gibt.«
+
+»Seht, sie hat so viele kräftige Worte gesprochen, die die Menschenherzen
+aufgeschlossen haben, diese Worte sind unsre Bankschlüssel.«
+
+»Sie hat schöne Gedanken über Gottes Liebe gedacht. Diese Gedanken heben
+uns aus unsern Gräbern empor.«
+
+So wisperten und flüsterten sie, bevor sie sich in die Bänke setzten und
+ihre bleichen Stirnen zum Gebet in verwelkte Hände neigten.
+
+ * * * * *
+
+Aber in Årsta kam jemand in Mamsell Friederikens Zimmer und legte
+freundlich die Hand auf den Arm der Schlafenden.
+
+»Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Frühmette zu fahren.«
+
+Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf und sah Agathe, ihre
+geliebte tote Schwester, mit einer Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie
+erkannte sie wohl, denn sie war ganz unverändert, so wie sie hier auf Erden
+gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht, sie freute sich nur, die
+Geliebte zu sehen, an deren Seite sie gerne den langen Schlummer schlafen
+wollte.
+
+Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es war keine Zeit zu
+Gesprächen; der Wagen stand vor dem Tor. Die andern mußten schon fort sein;
+denn niemand außer Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte sich
+im Hause.
+
+»Weißt du noch, Friederike,« sagte die Schwester, als sie im Wagen saßen
+und rasch zur Kirche fuhren, »weißt du noch, wie du früher immer dasaßest
+und wartetest, daß irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entführen
+sollte?«
+
+»Darauf warte ich noch immer,« sagte die alte Mamsell Friederike und
+lachte. »Ich fahre diesen Weg nie, ohne nach meinem Ritter auszulugen.«
+
+Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch zu spät. Der
+Priester stieg von der Kanzel herab, als sie in die Kirche eintraten, und
+der Schlußpsalm begann. Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen
+Gesang gehört. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt hätten, als hätte
+jede Bank und jeder Stein und jede Planke mitgesungen.
+
+Nie hatte sie die Kirche so überfüllt gesehen: auf dem Altartisch und auf
+den Kanzelstufen saßen Menschen, sie standen in den Gängen, sie drängten
+sich in den Bänken, und draußen war der Weg voll Leute, die nicht
+hereinkommen konnten. Die Schwestern fanden doch Platz, vor ihnen wich die
+Menge zurück.
+
+»Friederike,« sagte ihre Schwester, »sieh die Menschen an.«
+
+Und Mamsell Friederike sah und sah.
+
+Da merkte sie, daß sie wie die Frau im Märchen zu der Messe der Toten
+gekommen war. Sie fühlte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief,
+aber es erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie fühlte mehr Neugierde als
+Angst.
+
+Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter Frauen waren da: graue,
+gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen Kragen und verblaßten Mantillen,
+mit Hüten von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgestoßnen Röcken. Sie
+sah eine ungeheure Menge verrunzelter Gesichter, eingesunkner Lippen,
+trüber Brillen und verschrumpfter Hände, doch keine einzige Hand, die zwei
+glatte Ringe trug.
+
+Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren alle die entschlafnen alten
+Jungfern im Lande Schweden, die in der Österhaninger Kirche
+Mitternachtsmesse feierten.
+
+Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor.
+
+»Schwester, bereust du, was du für diese deine Schwestern getan hast?«
+
+»Nein,« sagte Mamsell Friederike. »Woran sollte ich mich wohl freuen, wenn
+nicht, daß es mir beschert war, für sie zu arbeiten: ich opferte einmal
+mein Ansehen als Schriftstellerin für sie. Ich bin froh, daß ich wußte, was
+ich opferte, und es dennoch tat.«
+
+»Dann kannst du bleiben und weiter zuhören,« sagte die Schwester.
+
+In demselben Augenblick hörte man jemand drüben im Chor sprechen, eine
+sanfte, aber deutliche Stimme.
+
+»Schwestern,« sagte die Stimme, »unser beklagenswertes Geschlecht, unser
+unwissendes und verhöhntes Geschlecht, bald wird es nicht mehr sein. Gott
+hat gewollt, daß wir von der Erde aussterben.
+
+Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage sein. Das Maß der alten
+Jungfern ist erfüllt. Der Tod reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte
+von uns zu treffen. Vor der nächsten Mitternachtsmesse ist sie tot, die
+letzte alte Mamsell.
+
+Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen auf Erden. Die
+Zurückgesetzten beim Gastmahl, die danklos Dienenden im Heim. Hohn und
+Lieblosigkeit umgab uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel
+dem Gespött anheim.
+
+Aber Gott hat sich erbarmt.
+
+Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von uns gab er niemals
+versagende Güte. Einer gab er des Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles,
+was wir hätten sein sollen. Sie warf Licht über unser dunkles Schicksal.
+Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen, aber tausend Heimen
+gab sie ihre Gabe. Sie war die Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen,
+aber sie kämpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie erzählte
+ihre Märchen tausend Kindern. Sie hatte ihre armen Freunde in allen
+Ländern. Sie gab aus vollern Händen als wir und mit wärmerm Gemüt. In ihrem
+Herzen war kein Raum für unsre Bitterkeit, denn sie hat fortgeliebt. Ihr
+Ruhm war wie der einer Königin. Sie hat den Zoll der Dankbarkeit von
+Millionen Herzen eingehoben. Ihre Worte sind in den großen Fragen der
+Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist durch neue und alte
+Welten erklungen. Und doch ist sie nur eine alte Mamsell.
+
+Sie hat unser dunkles Schicksal erklärt. Gesegnet sei ihr Name!«
+
+Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: »Gesegnet sei ihr Name!«
+
+»Schwester,« flüsterte Mamsell Friederike, »kannst du ihnen nicht
+verbieten, mich armen sündigen Menschen hochmütig zu machen?«
+
+»Aber Schwestern, Schwestern,« fuhr die Stimme fort, »sie hat sich gegen
+unser Geschlecht gewendet mit aller ihrer großen Macht. Auf ihren Ruf nach
+Freiheit und Arbeit sind die alten, verhöhnten Gnadenbrotempfängerinnen
+ausgestorben. Sie hat die Schranken der Tyrannei um die Kinder
+niedergebrochen. Sie hat die jungen Mädchen in die volle Tätigkeit des
+Lebens versetzt. Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der
+Freudlosigkeit ein Ende gemacht. Keine unglücklichen, verachteten alten
+Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt wird es mehr geben, keine solchen,
+wie wir gewesen sind.«
+
+Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie ein Jagdlied im Walde,
+wie der Ruf einer frohen Kinderschar: »Gesegnet sei ihr Angedenken!«
+
+Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell Friederike trocknete
+sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
+
+»Ich gehe nicht mit heim,« sagte ihre tote Schwester. »Willst du nicht auch
+gleich hierbleiben?«
+
+»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein Buch, das ich zuerst
+fertig haben muß.«
+
+»Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem Ritter auf dem Kirchweg in
+acht,« sagte ihre tote Schwester und lächelte schelmisch nach alter
+Gewohnheit.
+
+Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz Årsta schlief noch, und sie ging
+still in ihr Zimmer, legte sich nieder und schlummerte noch einmal ein.
+
+ * * * * *
+
+Einige Stunden später fuhr sie zur wirklichen Frühmette. Sie fuhr im
+gedeckten Wagen, aber sie ließ das Fenster herab, um die Sterne sehen zu
+können. Möglich ist es wohl auch, daß sie wie einst nach ihrem Ritter
+aussah.
+
+Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster heran. Prächtig saß er auf
+seinem sich bäumenden Roß. Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein
+bleiches Antlitz war streng, aber schön.
+
+»Willst du mein werden,« flüsterte er.
+
+Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der hohen Gestalt mit der
+wehenden Feder. Sie vergaß, daß sie noch ein Jahr leben mußte.
+
+»Ich bin bereit,« flüsterte sie.
+
+»Dann komme ich in einer Woche und hole dich von deines Vaters Hof.«
+
+Er beugte sich herab und küßte sie, und damit verschwand er; aber sie
+begann zu frieren und zu zittern unter dem Kuß des Todes.
+
+Ein kleines Weilchen später saß Mamsell Friederike in der Kirche, auf
+demselben Platze, auf dem sie als Kind gesessen. Hier vergaß sie Ritter und
+Gespenster und saß lächelnd in stiller Verzücktheit in dem Gedanken an die
+Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.
+
+Aber, ob sie nun müde war, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte,
+oder ob die Wärme und der Kerzenrauch eine einschläfernde Wirkung auf sie
+ausübten, wie auf so viele andre -- genug, sie schlummerte ein, nur einen
+Augenblick, sie konnte es nicht hindern.
+
+Vielleicht war es auch so, daß Gott ihr die Pforte in das Land der Träume
+öffnen wollte.
+
+In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, sah sie nun ihren
+strengen Vater, ihre schöne elegante Mutter und die häßliche kleine Petrea
+in der Kirche sitzen. Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst
+zusammengepreßt, größer als ein Erwachsener sie je erfahren. Auf der Kanzel
+stand der Priester und sprach von dem strengen, strafenden Gott, und das
+Kind saß bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe wären und
+durch sein Herz gingen.
+
+»O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!«
+
+In der nächsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte und schauerte so
+wie unter dem Kuß des Todes auf dem Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von
+der wilden Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.
+
+Sie hatte es mit einemmal so eilig, daß sie sogleich aus der Kirche hasten
+wollte. Sie mußte heim und ihr Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem
+Gott des Friedens und der Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Nichts weiter, was jetzt erwähnenswert scheinen kann, widerfuhr Mamsell
+Friederike vor der Neujahrsnacht. Leben und Tod, so wie Tag und Nacht,
+herrschten in der letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht über die
+Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod das Zepter und
+verkündete, daß die alte Mamsell Friederike nun ihm angehören solle.
+
+Hätte man dies nur gewußt, so hätte wohl alles Volk von Schweden ein
+gemeinsames Gebet an Gott gerichtet, seinen reinsten Geist, sein wärmstes
+Herz behalten zu dürfen. Da hätte man in Angst und Sorgen in so manchem
+Heim in fernen Ländern gewacht, wo sie liebende Herzen zurückließ. Dann
+hätten die Armen, die Kranken und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um
+der ihrigen zu gedenken, und dann hätten alle Kinder, die unter den
+Segnungen ihres Wirkens herangewachsen waren, die Hände gefaltet und um
+noch ein Jahr für ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem
+Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlußstein kröne.
+
+Denn der Tod kam zu früh für Mamsell Friederike.
+
+Sturm war draußen in der Neujahrsnacht, Sturm in ihrem Innern. Sie fühlte
+alle Qualen des Lebens und des Todes in ihrem Innern ringen.
+
+»Angst!« seufzte sie, »Angst!«
+
+Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie flüsterte leise: »Christi
+Liebe -- beste Liebe -- Gottesfriede -- das ewige Licht!«
+
+Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche hätte schreiben wollen, und
+vielleicht vieles andre ebenso Schöne und Herrliche. Wer weiß? Nur eines
+wissen wir, daß Bücher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das
+ihre vergißt man nie.
+
+Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie versank in Visionen.
+
+Ihr Körper kämpfte mit dem Tode, aber sie wußte es nicht. Ihre Nächsten
+saßen weinend um das Totenbett, aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte
+seinen Flug angetreten.
+
+Nun wurde der Traum für sie Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. Nun
+stand sie, wie sie sich schon in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend
+am Himmelstor mit unzähligen Scharen von Toten rings um sich. Und der
+Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der Seligkeitbringende, stand in dem
+geöffneten Tor. Und seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern
+und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und ihre Sehnsucht trug
+alle diese und sie, und sie schwebten wie auf Flügeln empor, empor.
+
+Am nächsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden, Trauer in weiten
+Teilen der Erde.
+
+_Friederike Bremer war tot._
+
+
+
+
+Der Roman einer Fischersfrau
+
+
+Am äußersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein kleines Hüttchen auf
+einem niedrigen Hügel aus weißem Meersand. Es war nicht so gebaut, daß es
+in einer Reihe mit den gleichmäßigen, schmucken, regelrechten Häusern
+stehen konnte, die den breiten grünen Platz umgaben, wo die braunen
+Fischernetze trockneten, sondern es schien gleichsam aus der Reihe
+geschoben und auf den Sandhügel hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es
+gebaut hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte die Wände
+ihres Hüttchens niedriger gemacht als die aller andern Hütten und sein
+steiles Strohdach höher als irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der
+Fußboden senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch noch
+groß, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum Erdboden. Für den Herd und
+den Gänsestall war schließlich in dem einzigen engen Raume kein Platz
+geblieben, sondern dafür hatte man kleine viereckige Vorsprünge anmauern
+müssen. Diese Hütte hatte nicht wie andre Häuschen ihr Gärtchen mit
+Stachelbeerbüschen, von Winden umschlungen, ihre halb von Kletten
+erstickten Holundersträucher. Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes
+waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen gekommen. Im Sommer, wenn sie
+frische, dunkelgrüne Blätter hatten und die stacheligen Körbchen sich mit
+hochroten Blumen füllten, waren sie schmuck genug. Aber gegen Herbst, wenn
+die Stacheln hart geworden und die Samen gereift waren, dann
+vernachlässigten sie ihr Aussehen und standen furchtbar häßlich und trocken
+da, die zerfetzten Blätter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben
+gehüllt.
+
+Die Hütte hatte nur zwei Besitzer, denn länger als zwei Generationen
+vermochte sie es nicht, mit ihren Wänden aus Rohr und Lehm das schwere Dach
+zu tragen. Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen Witwen. Die
+zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre Freude daran, die Kletten zu
+betrachten, namentlich im Herbst, wenn sie trocken wurden und sich überall
+anhängten. Sie erinnerten sie dann an sie, die die Hütte erbaut hatte. Sie
+war auch runzelig und trocken gewesen und hatte die Gabe gehabt, sich
+anzuklammern und hängen zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie für das
+Kind verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie, die nun allein
+dasaß, mußte bei diesem Gedanken bald lachen, bald weinen. Wenn die Alte
+nicht diese Klettennatur gehabt hätte, wie anders wäre dann nicht alles
+gekommen. Aber wer weiß, ob es besser gekommen wäre.
+
+Die einsame Frau saß oft da und grübelte über das Schicksal nach, das sie
+an die flache Küste Schoonens geführt hatte, zu diesem schmalen Sund und
+diesen stillen Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt
+geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen steilen Felsen und
+dem offnen Meere lag, und wenn sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann,
+gestorben und sie in Armut zurückgelassen, in bescheidnen Verhältnissen
+gelebt hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gewöhnt. Sie pflegte
+sich selbst ihre Geschichte wieder und wieder vorzuerzählen, so wie man ein
+schwer verständliches Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergründen.
+
+Das Merkwürdige, was sie erlebt hatte, hatte damit begonnen, daß sie eines
+Abends auf dem Heimwege von der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von
+zwei Seeleuten überfallen und von einem dritten gerettet worden war. Dieser
+kämpfte mit wirklicher Lebensgefahr für sie und brachte sie dann nach
+Hause. Sie führte ihn zu der Mutter und den Geschwistern und erzählte ihnen
+begeistert, was er getan habe. Es war, als hätte das Leben neuen Wert für
+sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte, um es zu verteidigen. Er war von
+ihren Angehörigen sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden, so
+bald und so oft er konnte, wiederzukommen.
+
+Sein Name war Börje Nilsson, und er war Matrose auf der schoonischen Jacht
+Albertina. Solange das Schiff im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu
+ihnen, und sie konnten es bald nicht mehr glauben, daß er nur ein simpler
+Matrose sein sollte. Er glänzte immer in reinem Umlegekragen und trug einen
+blauen Marineanzug aus feinem Tuch. Frisch und freimütig war er gegen sie,
+als wäre er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse wie sie zu
+bewegen. Ohne daß er es gerade heraussagte, erhielten sie den Eindruck, daß
+er aus einem angesehenen Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe,
+den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu gebracht hatte, sich
+als einfachen Matrosen zu verdingen, um seine Mutter zu überzeugen, daß er
+es ernst meinte. Wenn er seine Prüfungen gemacht hatte, würde sie ihm wohl
+ein eignes Schiff kaufen.
+
+Die einsame Familie, die sich von allen frühern Freunden zurückgezogen
+hatte, empfing ihn ohne das leiseste Mißtrauen. Und er beschrieb leichten
+Herzens und mit fließender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen
+Dach, dem offnen Kamin im Eßsaal und den kleinen Fensterscheiben. Er
+schilderte auch die stillen Straßen seiner Vaterstadt und die langen Reihen
+gleichmäßiger hoher Häuser, in denen sein Heim mit den unregelmäßigen
+Vorsprüngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung bildete. Und seine
+Zuhörer glaubten, daß er aus einem jener alten Bürgerhäuser komme, die mit
+ihrem bildergeschmückten Giebel und dem vorragenden Obergeschoß einen so
+mächtigen Eindruck von Reichtum und ehrwürdigem Alter machen.
+
+Sehr bald hatte sie es heraus, daß er ihr gut war. Und dies machte der
+Mutter und den Geschwistern große Freude. Der junge, reiche Schwede kam
+gleichsam, um sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er ihr nicht
+so gut gefallen hätte, als er es tat, hätte es gar nicht in Frage kommen
+können, seine Werbung abzuweisen. Hätte sie einen Vater oder einen
+erwachsenen Bruder gehabt, so würden diese sich wohl genauer nach Herkunft
+und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt haben, doch weder sie noch die
+Mutter dachten daran, ernstliche Nachforschungen anzustellen. Später
+erkannte sie, daß sie ihn förmlich zum Lügen gezwungen hatten. Anfangs
+hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so große Vorstellungen von seinem
+Reichtum zu machen, ohne alle böse Absicht, aber als er später merkte, wie
+froh sie darüber waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit zu
+sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren.
+
+Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht zurückkam, hielten
+sie Hochzeit. Es war eine Enttäuschung für sie, daß er auch bei seiner
+Rückkehr als Matrose auftrat, aber er war durch seinen Kontrakt gebunden.
+Er brachte auch keine Grüße von seiner Mutter mit. Diese hätte erwartet,
+daß er eine andre Wahl treffe, aber sie würde schon zufrieden sein, sagte
+er, wenn sie nur Astrid erst sähe. -- Trotz aller seiner Lügen wäre es doch
+ein leichtes gewesen, zu sehen, daß er ein armer Mann war, wenn sie nur die
+Augen hätten aufmachen wollen.
+
+Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kajüte zu überlassen, wenn sie die
+Überfahrt auf seiner Jacht machen wollte, und sie nahm das Anerbieten mit
+Freuden an. Börje wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und saß
+meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck. Und jetzt schenkte
+er ihr das Glück der Einbildung, von dem er selbst sein ganzes Leben lang
+gezehrt hatte. Je mehr er an das kleine Hüttchen dachte, das zur Hälfte im
+Sandhügel begraben lag, desto höher erbaute er den Palast, den er ihr gerne
+geboten hätte. Er ließ sie im Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren
+der Braut Börje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschmückt war. Er ließ sie
+die Begrüßungsrede des Bürgermeisters hören. Er ließ sie durch eine
+Triumphpforte fahren, während die Augen der Männer ihr folgten und die
+Frauen vor Neid erblaßten. Und er führte sie in das stattliche Haus, wo
+silberlockige, sich verneigende Diener an dem breiten Treppengeländer
+aufgereiht standen, und der zur festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich
+unter dem alten Familiensilber bog.
+
+Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, daß der Schiffer im
+Bunde mit Börje gewesen war, um sie zu betrügen, aber dann erkannte sie,
+daß es sich nicht so verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht
+daran gewöhnt, von Börje wie von einem großen Herrn zu reden. Das war an
+Bord der Hauptspaß, so recht im vollsten Ernst von seinen Reichtümern und
+seiner vornehmen Familie zu sprechen. Sie dachten, Börje hätte ihr die
+Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie alle, wenn sie von seinem
+großen Hause sprach. So war es möglich, daß sie, noch als die Jacht in dem
+Hafen Anker warf, der neben Börjes Heimatsdorf lag, es nicht anders wußte,
+als daß sie eines reichen Mannes Gattin war.
+
+Börje bekam für einen Tag Urlaub, um seine Frau in ihr künftiges Heim
+einzuführen und sie mit dem neuen Leben bekannt zu machen. Als sie nun an
+dem Kai landeten, wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuvermählten
+entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere und Alltagsruhe, und Börje
+merkte, daß seine Frau sich mit einer gewissen Enttäuschung umsah.
+
+»Wir sind zu früh gekommen,« hatte er da gesagt. »Die Fahrt ist bei diesem
+schönen Wetter merkwürdig rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen
+da, und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt außerhalb der
+Stadt.«
+
+»Das tut nichts, Börje,« hatte sie geantwortet, »das Gehen wird uns gut
+tun, nachdem wir so lange an Bord still gesessen sind.«
+
+Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle Wanderung, an
+die sie noch in ihren alten Tagen nicht denken konnte, ohne vor Angst zu
+stöhnen und schmerzlich die Hände zu ringen. Sie gingen über weite,
+menschenleere Straßen, die sie sogleich nach seiner Beschreibung erkannte.
+Sie glaubte in der dunklen Kirche und in den gleichmäßigen Holzhäusern alte
+Freunde zu begrüßen, doch wo blinkten die bildergeschmückten Giebel und die
+Marmortreppe mit dem breiten Geländer?
+
+Da hatte Börje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre Gedanken. »Es ist
+noch weit hin,« hatte er gesagt.
+
+Wäre er doch barmherzig gewesen. Hätte er doch ihrer Hoffnung auf einmal
+den Todesstoß gegeben. Sie hatte ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus
+freien Stücken alles gesagt hätte, so wäre in ihrer Seele kein Groll gegen
+ihn aufgekeimt. Aber daß er ihre Angst, betrogen zu werden, sah, und
+dennoch fortfuhr, sie zu täuschen, das hatte ihr allzu bittern Schmerz
+bereitet. Das hatte sie ihm nie ganz verzeihen können.
+
+Sie konnte sich freilich sagen, daß er sie so weit als möglich führen
+wollte, damit sie ihm nicht entfliehen konnte, aber sein Betrug rief eine
+solche Todeskälte in ihr hervor, daß keine Liebe sie ganz aufzutauen
+vermochte.
+
+Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende Ebene. Da zeigten
+sich mehrere Reihen dunkler Wallgräben und hoher, grüner Erdwälle,
+Überreste aus jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf dem
+Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschloß, sah sie ein paar
+altertümliche Bauten und große, runde Türme. Sie warf einen scheuen Blick
+hin, doch Börje bog zu den Wällen ein, die am Meeresufer entlang führten.
+
+»Das ist ein Abkürzungsweg,« sagte er, denn sie schien sich zu wundern, daß
+hier nur ein schmaler Pfad war.
+
+Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, daß er es nicht so
+ergötzlich fand, als er es sich gedacht hatte, mit seiner Frau zu der
+armseligen, kleinen Hütte im Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt
+nicht so herrlich, eines bessern Mannes Kind heimzuführen. Er hatte große
+Angst vor dem, was sie tun würde, wenn sie die Wahrheit erfuhr.
+
+»Börje,« sagte sie endlich, als sie lange den scharfen Winkeln der
+Strandwälle gefolgt waren, »wohin gehen wir?«
+
+Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf, wo seine Mutter in
+dem Hüttchen auf dem Sandhügel wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines
+der schönen Landgüter, die am Rande der Ebene auftauchten, und wurde wieder
+heiterer.
+
+Sie stiegen zu den öden Gemeindeweiden hinab, und da überfiel sie wieder
+die alte Angst. Da, wo jedes Erdhügelchen, wenn man es nur sehen kann,
+Schönheit und Abwechselung bietet, sah sie nur ein häßliches, sumpfiges
+Feld. Und der Wind, der draußen in steter Bewegung war, fuhr ihnen pfeifend
+entgegen und flüsterte von Unglück und Verrat.
+
+Börje beschleunigte seine Schritte immer mehr und schließlich erreichten
+sie das Ende der Weiden, und waren bei dem Fischerdörfchen angelangt. Sie,
+die es zuletzt gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen zu
+stellen, faßte wieder neuen Mut. Hier war abermals eine einförmige
+Häuserreihe, und diese erkannte sie noch besser als die in der Stadt.
+Vielleicht, vielleicht hatte er doch nicht gelogen.
+
+Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, daß sie seelenvergnügt
+gewesen wäre, wenn sie bei einer der schmucken Wohnstätten hätte haltmachen
+können, wo Blumen und weiße Gardinen hinter blanken Fensterscheiben
+blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen zu müssen.
+
+Da erblickte sie mit einem Male am äußersten Ende des Fischerdorfes eine
+elende Hütte, und es war ihr, als hätte sie sie schon längst mit den Augen
+der Seele gesehen, ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte.
+
+»Ist es hier?« sagte sie und blieb gerade am Fuße des kleinen Sandhügels
+stehen.
+
+Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort, auf die kleine Hütte
+zuzugehen.
+
+»Warte,« rief sie ihm nach. »Wir müssen zuerst miteinander sprechen, bevor
+ich dein Heim betrete. Du hast mich belogen,« fuhr sie drohend fort, als er
+sich ihr zuwendete. »Du hast mich ärger betrogen, als wenn du mein größter
+Feind wärest. Warum hast du das getan?«
+
+»Ich wollte dich zur Frau,« antwortete er mit leiser, unsichrer Stimme.
+
+»Wenn du mich doch nur mit Maß zum besten gehalten hättest! Warum mußtest
+du alles so reich und so prächtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten
+und Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest du, ich sei
+so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, daß ich ohnehin verliebt genug in dich
+war, um überallhin mit dir zu gehen? Daß du glaubtest, mich hinters Licht
+führen zu müssen! Daß du das Herz haben konntest, bis zuletzt bei deinen
+Lügen zu beharren!«
+
+»Willst du nicht hereinkommen und Mutter begrüßen,« fragte er ganz hilflos.
+
+»Nein, ich gehe nicht hinein.«
+
+»Willst du also nach Hause fahren?«
+
+»Wie könnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich ihnen den Schmerz
+bereiten, zurückzukehren, wenn sie mich für glücklich und reich halten?
+Aber bei dir bleibe ich auch nicht. Für den, der arbeiten kann, findet sich
+immer ein Auskommen.«
+
+»Bleib,« bat er, »ich tat es nur, um dich zu gewinnen.«
+
+»Wenn du mir die Wahrheit gesagt hättest, so wäre ich geblieben.«
+
+»Wäre ich ein reicher Mann gewesen und hätte mich für arm ausgegeben, so
+bliebest du schon.«
+
+Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen, als die Tür der Hütte
+aufgerissen wurde und Börjes Mutter herauskam. Sie war ein kleines
+vertrocknetes altes Weiblein mit wenig Zähnen und viel Runzeln, aber nicht
+so alt an Jahren und Gemüt wie dem Aussehen nach.
+
+Sie hatte wohl einiges gehört und das übrige erraten, denn sie wußte,
+worüber sie zankten. »So,« sagte sie, »dies ist die feine Schwiegertochter,
+die du mir gebracht hast, Börje. Und du hast es wieder nicht mit der
+Wahrheit gehalten, wie ich höre.« Aber auf Astrid ging sie freundlich zu
+und streichelte ihr die Wangen. »Komm du mit mir herein, du armes Kind. Ich
+kann mir denken, daß du müde und erschöpft bist. Siehst du, dies ist meine
+Hütte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt bist du meine
+Tochter, und ich kann dich doch nicht zu fremden Leuten gehen lassen.«
+
+Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte und schob und
+zog sie ganz unmerklich zur Tür hin. Schritt für Schritt lockte sie sie
+weiter und bekam sie schließlich in die Hütte, aber Börje schloß sie
+wirklich aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer sie sei und
+wie alles zugegangen wäre. Und sie weinte über sie, und brachte sie dazu,
+auch über sich selbst zu weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren
+Sohn. Sie, Astrid, täte ganz recht, nein, bei einem solchen Manne könnte
+sie nicht bleiben. Es wäre richtig, daß er zu lügen pflegte, ja, ganz gewiß
+wäre es richtig.
+
+Sie erzählte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen war. Er war schon als
+kleines Kind so schön von Gesicht und Gestalt gewesen, daß sie sich immer
+darüber wundern mußte, daß er armer Leute Kind war. Er war wie ein kleiner
+verirrter Prinz gewesen. Und später hatte es immer so ausgesehen, als wenn
+er nicht auf seinem richtigen Platze wäre. Er sah alles so groß. Er konnte
+nicht den richtigen Maßstab finden, wenn es sich um ihn selbst handelte.
+Seine Mutter hatte deswegen schon viele Tränen vergossen. Aber nie zuvor
+hatte er mit seinen Lügen etwas Böses angestellt. Hier, wo er bekannt war,
+lachten ihn die Leute nur aus. -- Aber jetzt war er wohl so sehr in
+Versuchung geführt worden ... Schien es ihr, Astrid, nicht selbst
+wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge hatte hinters Licht führen können?
+Er hatte immer soviel von feinen Dingen gewußt, als wenn es ihm angeboren
+wäre. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt gekommen. Das sah man ja auch
+daran, daß er nie daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen
+Stande zu wählen.
+
+Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte. »Sieh,« sagte die
+Alte unter anderm, »mir kann es nie gelingen, ihm den Hochmut und die
+Prahlsucht abzugewöhnen, aber eine, die klüger wäre als ich, könnte es
+vielleicht. Und er ist tüchtig und gut, mein Junge. Es lohnte wohl der
+Mühe. Aber du kannst morgen gehen. Ja, du sollst gehen.«
+
+»Wo schläft er heute nacht?« fragte Astrid plötzlich.
+
+»Ich denke, er liegt hier draußen im Sande. Er hat wohl nicht die Ruhe, von
+hier fortzugehen.«
+
+»Es wäre wohl am besten, wenn er hereinkäme,« sagte Astrid.
+
+»Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen. Er wird sich draußen
+schon behelfen, wenn ich ihm eine Decke gebe.«
+
+Sie ließ ihn wirklich diese Nacht draußen im Sande schlafen und schickte
+ihn am nächsten Tage in aller Frühe in die Stadt, da sie es für das beste
+hielt, wenn Astrid ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und
+hielt sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht mit
+Schmeichelei, sondern mit wirklicher Güte.
+
+Doch als sie es endlich erreicht hatte, daß die Schwiegertochter blieb und
+dem Sohne erhalten war, und als sie die jungen Leute versöhnt und Astrid
+gelehrt hatte, daß es gerade ihre Aufgabe im Leben war, Börje Nilssons Frau
+zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie konnte -- und dies war nicht
+die Arbeit einer Abendstunde, sondern die Mühe vieler Tage gewesen -- da
+hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt.
+
+Und in diesem Leben mit seiner treuen Fürsorge lag ein Sinn, dachte Börje
+Nilssons Frau.
+
+Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der Mann ertrank nach
+einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges Kind starb ganz jung. Sie hatte
+bei ihrem Mann keine Veränderung herbeiführen können. Ernst und
+Wahrhaftigkeit hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher hatte sie sich
+verändert, denn sie war immer mehr wie die Fischersleute geworden. Sie
+wollte keinen der Ihren sehen, denn sie schämte sich, daß sie jetzt in
+allen Stücken einer Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas
+genützt hätte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch das Ausbessern der
+Fischernetze bestritt, nur wüßte, warum sie überhaupt lebte! Wenn sie doch
+jemanden glücklich oder besser gemacht hätte!
+
+Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, daß, wer sein Leben für verfehlt
+hält, weil er andern nichts Gutes getan habe, vielleicht durch diesen
+Gedanken der Demut seine Seele gerettet hat.
+
+
+
+
+Mutters Bild
+
+
+In einem der hundert Häuschen des Fischerdorfes, die einander alle in Größe
+und Form gleichen, die alle gleich viele Fenster und gleich hohe
+Schornsteine haben, wohnte der alte Mattßon, der Lotse.
+
+In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben Hausrat, auf allen
+Fensterbrettern stehen dieselben Blumen, in allen Eckschränken prangen
+dieselben Arten Muscheln und Korallen, an allen Wänden hängen die gleichen
+Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt hat, leben alle Menschen
+des Fischerdorfes dasselbe Leben. Seit Mattßon, der Lotse, alt geworden
+war, richtete er sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine
+Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern.
+
+An der Wand über seinem Bette hatte der alte Mattßon ein Bild seiner
+Mutter. Eines Nachts träumte er, daß dieses Bild aus seinem Rahmen
+herabstieg, sich vor ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: »Du
+mußt heiraten, Mattßon.«
+
+Der alte Mattßon begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, daß dies
+unmöglich sei. Er war ja siebzig Jahre. -- Aber Mutters Bild wiederholte
+nur mit noch größerm Nachdruck: »Du mußt heiraten, Mattßon.«
+
+Der alte Mattßon hatte großen Respekt vor Mutters Bild. Es war in so
+manchen strittigen Fällen sein Ratgeber gewesen, und es hatte ihm immer
+Glück gebracht, wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er sein
+Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich das Bild ganz im
+Widerspruch mit früher geäußerten Ansichten. Obgleich er dalag und träumte,
+erinnerte er sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, als
+er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit ankleidete, lockerte
+sich der Nagel, an dem das Bild hing und fiel zu Boden. Da sah er, daß das
+Bild ihn vor der Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte
+sich aber später, daß das Bild recht gehabt hatte. Seine kurze Ehe war sehr
+unglücklich geworden.
+
+Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging es ebenso zu. Das
+Bild stürzte wieder zu Boden, und diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu
+sein. Er ließ Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose und
+fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach Hause wagte. -- Und
+jetzt stieg das Bild von der Wand herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut
+und gehorsam er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken, daß es nur
+seinen Scherz mit ihm treibe.
+
+Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, wie es nur scharfe
+Winde und salziger Meeresschaum ausmeißeln konnten, blieb ernst wie zuvor.
+Und mit einer Stimme, die das langjährige Ausbieten der Fische auf dem
+Markte der Stadt geübt und gestärkt hatte, wiederholte sie: »Du mußt
+heiraten.«
+
+Da bat der alte Mattßon Mutters Bild, doch ein Einsehen zu haben und zu
+bedenken, in welcher Gemeinde sie lebten.
+
+Alle hundert Häuser des Fischerdorfes hatten spitzige Dächer und
+weißgetünchte Wände, alle Boote des Fischerdorfes hatten denselben Bau und
+das gleiche Takelwerk. Niemand pflegte hier irgend etwas Ungewöhnliches zu
+tun. Mutter selbst wäre die erste gewesen, die sich einer solchen Heirat
+widersetzt hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Mutter hatte streng
+auf Ordnung und Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte in
+dem Fischerdorf, daß siebzigjährige Greise Hochzeit hielten.
+
+Da streckte Mutters Bild die ringgeschmückte Hand aus und befahl ihm
+geradezu zu gehorchen. Mutter hatte immer etwas unbegreiflich
+Ehrfurchtgebietendes an sich gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide
+mit den vielen Volants gekommen war. Die große glänzende Goldbrosche, die
+schwere rasselnde Goldkette hatten ihn immer eingeschüchtert. Wäre sie in
+ihren Marktkleidern gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit der
+Wachstuchschürze voll Fischschuppen und Fischaugen, dann hätte er nicht
+ganz so großen Respekt vor ihr gehabt. Aber jetzt war das Ende vom Liede,
+daß er versprach, zu heiraten. Und dann schlüpfte Mutters Bild wieder in
+seinen Rahmen.
+
+Am nächsten Morgen erwachte der alte Mattßon in großer Angst. Es fiel ihm
+gar nicht ein, gegen Mutters Bild ungehorsam zu sein, es wußte natürlich,
+was für ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, die jetzt
+kommen mußte.
+
+An demselben Tage hielt er um die häßlichste Tochter des ärmsten Fischers
+an, ein kleines Ding mit dem Kopf zwischen den Schultern und mit
+vorstehendem Unterkiefer. Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur
+Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde festgesetzt.
+
+Über windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden führt der Weg vom
+Fischerdorf in die Stadt. Eine Viertelmeile ist er lang, und man behauptet,
+daß die Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, daß sie ihn mit blankem
+Silbergelde pflastern könnten. Das würde dem Weg einen eigentümlichen Reiz
+verleihen. Glitzernd wie ein Fischbauch würde er sich mit seinen weißen
+Schuppen zwischen Riedgrashügeln und Strandpfützen dahinschlängeln.
+Tausendschönchen und Mandelblumen, die diesen von den Menschen verlassenen
+Boden schmücken, würden sich in den blanken Silbermünzen spiegeln, die
+Disteln würden schützend ihre Stacheln darüber ausstrecken, und der Wind
+würde einen klingenden Resonanzboden finden, wenn er durch das Schilf der
+Strandweiden spielte und in den Telephondrähten sang.
+
+Dem alten Mattßon wäre es vielleicht ein gewisser Trost gewesen, wenn er
+seine schweren Seestiefel auf klingendes Silber hätte setzen können, denn
+eines ist gewiß, jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg öfter machen
+mußte, als er wünschte.
+
+Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus dem Aufgebot hatte nichts
+werden können. Dies kam daher, daß er das vorige Mal seiner Braut
+durchgegangen war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium
+über seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis erwirken konnte, eine neue
+Ehe zu schließen.
+
+Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Mattßon an jedem
+Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause setzte er sich unten zur Tür
+hin und wartete dort stumm, bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er
+auf und fragte, ob der Pfarrer etwas für ihn habe. Nein, er hatte nichts.
+
+Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles bezwingende Liebe über
+diesen alten Mann erlangt hatte. Da saß er in seiner dicken gestrickten
+Wolljacke, den hohen Seestiefeln und dem windverwehten Südwester, mit einem
+scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, und wartete auf die
+Erlaubnis, zu heiraten. Dem Pfarrer schien es eigentümlich, daß dieser alte
+Fischer von einer so heißen Sehnsucht erfüllt war.
+
+»Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Mattßon,« sagte der Pfarrer.
+
+»Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.«
+
+»Könnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen Sache abstehen,
+Mattßon? Sie gehören ja nicht mehr zu den Jüngsten.«
+
+Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Mattßon wußte ja selbst,
+daß er zu alt war, aber er war gezwungen, zu heiraten. Da gab es keine
+Hilfe.
+
+Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche für Woche wieder, bis endlich die
+Erlaubnis eintraf.
+
+Während dieser ganzen Zeit war der alte Mattßon ein gehetzter Mann. Rings
+um den grünen Trockenplatz, wo die braunen Fischnetze hingen, längs der
+zementierten Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem Markte, wo
+Dorsche und Krabben verkauft wurden, und weit draußen auf dem Sunde, wo man
+den Heringszug verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes.
+
+Wie, er wollte heiraten, Mattßon, der vor seiner eignen Hochzeit
+davongelaufen war!
+
+Und man verschonte weder Bräutigam noch Braut.
+
+Doch am schlimmsten für ihn war, daß niemand mehr über die ganze Sache
+lachen konnte als er selbst. Niemand konnte sie lächerlicher finden.
+Mutters Bild war drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen.
+
+ * * * * *
+
+Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Mattßon, der noch
+immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang,
+bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. Dort draußen
+traf er seine Braut. Sie saß da und weinte.
+
+Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da
+und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf
+sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort.
+
+Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?
+
+Ach nein, gewiß nicht.
+
+Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds
+umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen, regelrechten Häuschen des
+Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schönheit des
+Meeres beglänzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist den westlichen
+Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnem
+Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht fröhlich um den Kiel, wenn es
+in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still die
+Segel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und
+unten im Boot liegt glitzernd die gefangne Beute.
+
+Es kam gerade ein Boot in den Hafen, während der alte Mattßon draußen am
+Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß, lüftete den Hut
+und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen
+aufleuchtete.
+
+»Ach so,« dachte er, »hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen
+Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich
+heiraten, wie auf den warten.«
+
+Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte. Wenn das Mädchen
+jemanden lieb gehabt hätte, den sie die geringste Aussicht hatte zu
+bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache
+loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben.
+
+ * * * * *
+
+Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf
+kam der große Novembersturm.
+
+Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrieben. Steuer
+und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Mattßon
+und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung
+herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz
+erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre
+feuchten Kleider waren in der Kälte ganz steif geworden. Der alte Mattßon
+erkältete sich dabei so schwer, daß er nie mehr seine Gesundheit
+wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod.
+
+Manchen schien es eigentümlich, daß er unmittelbar vor dem Unglücksfalle
+den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine
+gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und
+hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er
+nie etwas Klügres getan hätte, als da er sich verheiratete, und die kleine
+Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann
+pflegte.
+
+»Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,« sagte man.
+
+Der alte Mattßon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, seiner Frau die
+Geschichte von dem Bilde.
+
+»Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was
+mein ist,« sagte er.
+
+»Sprich doch nicht von so etwas.«
+
+»Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um
+dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf,
+der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.«
+
+
+
+
+Ein gefallener König
+
+ »Mein war das Reich der Phantasie,
+ Nun bin ich ein gefallener König.«
+ Snoilsky.
+
+
+Es klapperte über die Pflastersteine, die Holzpantoffeln klatschten in
+unruhigem Takt. Die Gassenjungen eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen.
+Es ging im Laufmarsch. Die Häuser zitterten, und aus den Seitengäßchen
+stürzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus seiner Hütte.
+
+Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte sich etwas
+zugetragen? War etwas los? Der Lärm verzog sich nach der Vorstadt. Die
+Dienstmädchen eilten hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die
+Hände zusammen und schrien: »Gott bewahre uns, Gott bewahre uns! Gibt es
+Mord, gibt es Brand?« Niemand antwortete. Das Klappern ertönte aus der
+Ferne.
+
+Nach den Mädchen kamen die weisen Matronen der Stadt geeilt. Sie fragten:
+»Was geht vor? Was stört die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es
+ein Begräbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der Turmwächter? Soll die
+Stadt niederbrennen, ehe er zu läuten anfängt?«
+
+Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Häuschen des Schuhmachers in der
+Vorstadt halt, dem kleinen Häuschen, das Weinranken um Türen und Fenster
+hatte und darunter zwischen der Straße und dem Hause einen ellenbreiten
+Garten. Ein Lusthäuschen aus Stroh, Bosketts für ein Mäuslein, Wege für ein
+Kätzchen. Alles aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und Lavendel,
+eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbüsche und einen Apfelbaum.
+
+Die Gassenjungen standen am nächsten, sie spähten und berieten. Die blanken
+schwarzen Fensterscheiben ließen die Blicke nicht weiter vordringen als
+bis zu den weißen Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich an die
+Weinranken fest und drückte das Gesicht an die Scheibe. »Was sieht er?«
+flüsterten die andern. »Was sieht er?« Die Schusterwerkstatt und die
+Schusterbank, Schmierbüchsen und Lederflecke, Leisten und Pflöcke, Ringe
+und Riemen. »Sieht er keinen Menschen?« Er sieht den Gesellen, der den
+Absatz an einem Schuh macht. Sonst niemand, sonst niemand? Große, schwarze
+Fliegen springen über die Scheibe und trüben seinen Blick. »Sieht er
+niemand anders als den Gesellen?« Niemand anders. Des Meisters Stuhl steht
+leer. Er sah einmal, zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.
+
+Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte sich. Es war also
+wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. Niemand wollte es glauben.
+Man stand da und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das steile Dach
+heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt die Dachrinne hinab. Ja, der
+Hausherr war fort, die Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und
+kreischten ganz hilflos.
+
+Ein weißes Küchlein guckte um die Hausecke. Es war schon beinahe ein
+richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete rot wie Weinlaub. Es spähte und guckte,
+krähte und rief. Die Hühner kamen, eine Reihe weißer Hühner in vollem Lauf,
+die Körper wiegten sich, die Flügel schlugen, die gelben Beinchen regten
+sich wie Trommelschlägel. Die Hühner hüpften in die Erbsen. Schlägereien
+entspannen sich. Mißgunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer vollen
+Erbsenschote Zwei Hähne hackten sie in den Nacken. Die Katze verließ das
+Spatzennest, um zuzusehen. Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die
+Hühner entflohen in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe
+dachte: »Freilich ist es wahr, daß der Schuster sich aus dem Staube gemacht
+hat. Man sieht es an der Katze und an den Hühnern, daß der Hausherr fort
+ist.«
+
+Die holprige, vom Herbstregen schlüpfrige Vorstadtgasse hallte von allen
+den Reden wider. Die Türen standen offen, die Fenster schwangen hin und
+her. Ein Kopf steckte sich neben den andern in verwundertem Geflüster. »Er
+ist durchgegangen.« Menschen flüsterten, Sperlinge kreischten,
+Holzpantoffeln klapperten: »Er ist durchgegangen. Der alte Schuhmacher ist
+durchgegangen. Der Besitzer des kleinen Häuschens, der Mann der jungen
+Frau, der Vater des schönen Kindes ist durchgegangen. Wer kann es
+verstehen? Wer kann es verstehen?«
+
+So geht ein altes Liedchen: »Alter Mann im Hause, junger Knab' im Walde;
+Frau entflieht; Kind weint; Heim ohne Herrin.«
+
+Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.
+
+Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem Tisch der Werkstatt lag
+seine Erklärung, daß er niemals wiederzukommen gedachte; daneben war auch
+ein Brief gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.
+
+Die junge Frau war in der Küche. Sie tat nichts. Die Nachbarin ging hin und
+her; hantierte geschäftig herum, setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu,
+weinte ein bißchen und trocknete sich die Tränen mit dem Wischfetzen.
+
+Die weisen Frauen des Viertels saßen steif rings an den Wänden. Sie wußten,
+was sich in einem Trauerhause schickte. Sie sahen darauf, daß Schweigen
+herrschte, daß Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die
+verlassene Frau in ihrer Trauer zu stützen. Grobe Hände lagen still im
+Schoße, wettergebräunte Wangen legten sich in tiefe Runzeln, dünne Lippen
+kniffen sich über zahnlosen Kinnladen zusammen.
+
+Die Frau saß unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, mit süßem
+Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. Sie war so ängstlich,
+daß sie fast vor Furcht starb. Sie biß die Zähne zusammen, damit niemand
+hörte, wie sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertönten, wenn es
+klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr sie zusammen.
+
+Sie saß mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. Sie erinnerte sich bald
+an eine Zeile daraus, bald an eine andre. Da stand: »Ich halte es nicht
+länger aus, Euch beide zu sehen.« Und an einer andern Stelle: »Ich habe
+jetzt die Gewißheit, daß Du mit Erikson durchgehen willst.« Und dann
+wieder: »Du sollst es nicht tun, denn die böse Nachrede der Leute würde
+Dich unglücklich machen. Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen
+und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver Arbeiter und kann
+Dich gut versorgen.« Dann tiefer unten: »Laß die Leute von mir sagen, was
+sie wollen, ich bin schon froh, wenn sie nichts Böses von Dir glauben; denn
+Du würdest es nicht ertragen.«
+
+Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrügen wollen. Wenn sie auch
+gerne mit dem jungen Gesellen plauderte, was ging das den Mann an? Die
+Liebe ist eine Krankheit, aber sie ist nicht tödlich. Sie hatte sie das
+ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. Wie hatte der Mann ihre
+heimlichsten Gedanken erraten können?
+
+Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mußte sich geängstigt und
+gesorgt haben. Er hatte über seine Jahre geweint. Er hatte über die Kräfte
+und den Mut des Jungen gerast. Er war bei jedem Flüstern, jedem Lächeln,
+jedem Händedruck erzittert. In lichterlohem Wahnsinn, in knirschender
+Eifersucht hatte er eine ganze Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch
+nichts war.
+
+Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein mußte, als er ging.
+Sein Rücken war gebeugt, seine Hände zitterten. Langer Nächte Qual hatte
+ihn so gemacht. Er war gegangen, um dieses Dasein quälender Zweifel los zu
+sein.
+
+Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: »Es ist nicht meine
+Absicht, Dich zu beschämen, ich bin immer zu alt für Dich gewesen.« Und
+dann an eine andre: »Du sollst immer geachtet und geehrt sein. Schweige nur
+selbst, dann fällt alle Schande auf mich.«
+
+Die Frau fühlte immer größre Angst. War es möglich, daß man Menschen so
+betrügen konnte? Ging es auch an, so vor Gott zu lügen? Warum saß sie hier
+in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt wie eine Braut am
+Hochzeitstage? Warum war nicht sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie
+kann so etwas geschehen? Wie kann Gott sich so betrügen lassen?
+
+Über der großen Chiffoniere hing ein kleines Bücherbrett. Zu oberst auf dem
+Brett stand ein großes Buch mit Messingspangen. Und diese Spangen bargen
+die Erzählung von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott und den
+Menschen logen. »Wer hat es dir eingegeben, o Weib, daß du solches tun
+sollst? Sieh, junge Männer stehen hier vor deiner Tür, um dich
+fortzuführen.«
+
+Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den Schritten der jungen Männer.
+Sie erzitterte bei jedem Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war
+bereit, aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und zu sterben.
+
+Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam zum Tisch hin. Sie
+schenkten die Tassen voll, nahmen Zucker in den Mund und begannen den
+siedendheißen Kaffee einzuschlürfen, still und anständig, die
+Handwerkerfrauen zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die Frau des
+Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst raubte ihr ganz die Besinnung.
+Sie hatte eine Erscheinung. Mitten in der Nacht saß sie auf einem frisch
+gepflügten Acker. Rings um sie saßen große Vögel mit starken Flügeln und
+spitzigen Schnäbeln. Sie waren grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden,
+aber sie wachten über sie. Sie hielten Gericht über sie. Mit einemmal
+flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf herab. Sie sah ihre scharfen
+Klauen, ihre spitzigen Schnäbel; ihre peitschenden Flügel kamen immer
+näher. Es war wie ein tödlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf hinab
+und fühlte, daß sie sterben mußte. Aber als sie näher kamen, ganz dicht an
+sie heran, mußte sie aufsehen. Da sah sie, daß die grauen Vögel alle diese
+alten Frauen waren.
+
+Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wußte, was anständig war, was sich
+in einem Trauerhause schickte. Man hatte jetzt lange genug geschwiegen.
+Aber die Schustersfrau fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen.
+Was wollte die Frau sagen? »Du Matts Wiks Frau, Anna Wik, gestehe! Lange
+genug hast du vor Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir
+wollen dich richten und dich zerreißen.«
+
+Nein, die Frau begann von den Männern zu sprechen. Und die andern stimmten
+ein, so wie der Anlaß es erforderte. Es wurde nicht zum Lob der Männer
+gesprochen. Alles Böse, was Männer je getan hatten, wurde ans Licht
+gezogen. Das war Trost für eine verlassene Frau.
+
+Verleumdung ward auf Verleumdung gewälzt. Wunderliche Wesen, diese Männer!
+Sie schlagen uns, sie vertrinken unser Geld. Sie verpfänden unsre Habe.
+Warum in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?
+
+Die Zungen wurden wie Drachenzähne, sie spien Gift, sie sprühten Feuer.
+Jede fügte ihr Wort ein. Erzählung häufte sich auf Erzählung. Die Frau floh
+vor dem berauschten Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich für versoffne
+Männer. Ehefrauen wurden um andrer Frauen willen verlassen. Die Zungen
+sausten wie Peitschenhiebe. Das häusliche Elend wurde entblößt. Lange
+Litaneien wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei bewahre uns, o gütiger
+Gott!
+
+Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Kälte des Winters, die Plage
+mit den Alten, alles kommt vom Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre
+Herren. Sie wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Füßen sie krochen.
+
+Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese Worte schrill in den
+Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen zu verteidigen. »Mein Mann,« sagte
+sie, »ist gut.« Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. »Er ist
+durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. Er, der schon alt
+ist, hätte es besser verstehen müssen, als von Frau und Kind fortzulaufen.
+Kannst du glauben, daß er besser ist als irgendein andrer?«
+
+Die Frau bebte, es war ihr, als würde sie durch stechendes Dornengestrüpp
+geschleift. Ihr Mann zu den Sündern gezählt! Sie erglühte in Scham, sie
+wollte sprechen, aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es nicht.
+Aber warum schwieg Gott? Warum ließ Gott so etwas geschehen?
+
+Wenn sie den Brief herausnähme und ihn laut läse. Dann würde sich der
+Giftstrom wenden. Der Eiter würde sie bespritzen. Todesangst kam über sie.
+Sie wagte es nicht. Sie wünschte beinahe, daß eine freche Hand in ihre
+Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen hätte. Sie vermochte nicht,
+sich selbst preiszugeben. Drinnen aus der Werkstätte hörte man einen
+Schusterhammer. Hörte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen Tag
+hatte sie dieses Klopfen gehört und sich darüber erzürnt. Aber keine der
+Frauen verstand es. Allwissender Gott, hattest du keinen Diener, der die
+Herzen durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, wenn sie nur
+nicht gestehen mußte. Sie wollte jemanden sagen hören: »Wer hat es dir
+eingegeben, daß du vor Gott lügen solltest?« Sie horchte nach dem Laut der
+Schritte der jungen Männer, um niederzufallen und zu sterben.
+
+ * * * * *
+
+Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene Frau einen
+Schuhmacher, der Gesell bei ihrem Manne gewesen war. Sie hatte es nicht
+gewollt, aber sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum
+Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur hängen geblieben ist.
+Der Fischer läßt sie spielen, er läßt sie hin und her schnellen und läßt
+sie glauben, daß sie frei ist. Aber wenn sie müde geworden ist, wenn sie
+nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck an das Boot, dann
+holt er sie herauf und wirft sie auf den Bootsgrund, ehe sie noch weiß, um
+was es sich handelt.
+
+Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte ihren Gesellen verabschiedet
+und hatte allein leben wollen. Sie wollte ihrem Manne zeigen, daß sie
+unschuldig war. Aber wo war der Mann? Kümmerte er sich nicht um ihre Treue?
+Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. Wie lange glaubte denn der Mann, daß
+sie warten konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, an den sie
+sich lehnen konnte.
+
+Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen in der Stadt. Seine
+Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben hinter breiten Auslagefenstern.
+Seine Werkstätte dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte
+Sammetmöbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur auf sie. Als sie der Armut
+gar zu müde war, kam sie.
+
+Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein Unglück. Sie wurde
+mit jedem Tage sichrer und immer glücklicher. Sie stand bei den Menschen in
+Ansehen und wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr
+Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde.
+
+Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt.
+Er ließ sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er
+bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren.
+Er wurde verachtet, während seine Frau große Ehre genoß. Und doch hatte er
+recht getan und sie unrecht gehandelt.
+
+Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er
+fühlte, wie er sank, weil alle ihn für einen schlechten Menschen hielten.
+Niemand verließ sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er
+schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewöhnte es sich
+an, zu trinken.
+
+Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie
+mietete einen großen Saal und begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend
+an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu
+treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um
+an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und
+im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe
+Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mägde und Scheuerfrauen; friedliche
+Polizisten und lärmender Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die Bälle
+verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel,
+alles ging zur Heilsarmee.
+
+Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere
+Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene Stühle. Zerschlissener Boden,
+Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen
+mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. Im Augenblick waren
+alle Plätze besetzt. Zunächst der Estrade saßen Frauen, anständig wie in
+der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe
+und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern
+auf dem Schoß. Und in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht
+hereinkommen konnten.
+
+Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung
+noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der
+»Kampfruf« flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das
+Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.
+
+Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das Zimmer. Das
+Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit.
+Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von
+breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten auf die Knie, sobald
+sie die Stufen der Estrade erklommen hatten.
+
+Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schloß aber die Augen.
+Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Während des Gebetes war es still.
+Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie
+warteten auf die Geständnisse und die anregenden Melodien.
+
+Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und
+predigten. Sie lächelten und sprachen von ihrem Glück. Vor sich hatten sie
+ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf
+die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der
+Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die
+Männer hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie spien jeden
+Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen
+sie kämpfen wollten, sprachen von ihrem Glück.
+
+Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schön, tapfer zu sein,
+ist es nicht ein Hochgefühl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, über
+die mit den großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, daß sie
+die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, die lästernden Lippen
+besiegen würden.
+
+»Singet mit,« riefen die Heilsarmeesoldatinnen. »Singet mit. Es ist gut, zu
+singen.« Sie stimmten eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren
+Gitarren und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. Sie brachten
+den einen oder andern der Zunächstsitzenden dazu, mitzusingen. Doch jetzt
+erdröhnte unten von der Türe ein leichtsinniger Gassenhauer. Töne kämpften
+gegen Töne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die Zischpfeife. Die
+starken, geübten Stimmen der Frauen stritten gegen die heisern, mutierenden
+Stimmen der Knaben, gegen die Brummbässe der Männer. Als der Gassenhauer
+nahe daran war, unterzutauchen, begann man unten an der Tür zu stampfen und
+zu pfeifen. Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. Der Lärm
+war entsetzlich, die Frauen stürzten auf die Knie.
+
+Sie lagen wie ohnmächtig da. Die Augen waren geschlossen. Die Körper
+wiegten sich in stummem Schmerz. Der Lärm erstarb. Die Heilsarmeekapitänin
+begann augenblicklich: »Herr, alle diese wirst du zu den Deinen machen.
+Dank, o Herr, daß du sie alle in dein Kriegsheer aufnehmen willst! Dank, o
+Herr, daß wir sie dir zuführen dürfen!«
+
+Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als ob alle diese Kehlen
+von einem scharfen Messer gekitzelt würden. Es war, als fürchteten die
+Menschen, überwunden zu werden, als hätten sie vergessen, daß sie
+freiwillig gekommen waren.
+
+Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende Stimme trug den Sieg
+davon. Sie mußten hören.
+
+»Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch windet sich und rast. Aber
+das ist gerade das Zeichen. Gesegnet sei das Brüllen der alten Schlange! Es
+zeigt, daß sie sich quält, daß sie sich fürchtet. Lacht uns aus! Schlagt
+uns die Fenster ein! Verjagt uns von der Estrade! Morgen werdet ihr uns
+angehören! Wir werden die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? Wie
+wollt ihr Gott widerstehen?«
+
+Gleich darauf befahl die Kapitänin einer ihrer Gefährtinnen, vorzutreten
+und ihr Bekenntnis abzulegen. Sie kam lächelnd. Sie stand kühn und
+unerschrocken da und schleuderte die Geschichte ihrer Sünde und ihrer
+Bekehrung den Höhnenden entgegen. Wo hätte es das Küchenmädchen gelernt,
+lächelnd unter allem diesem Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen
+waren, um ihren Spott zu treiben, erblaßten. Woher nahmen diese Frauen
+ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand hinter ihnen.
+
+Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschönes Kind, reicher
+Eltern Tochter, mit einer sanften, klaren Singstimme. Sie erzählte nicht
+von sich selbst. Ihr Zeugnis war eines der gewöhnlichen Lieder.
+
+Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung vergaß sich und
+lauschte. Dieses Kind war schön zu sehen, lieblich zu hören. Aber als sie
+verstummt war, brach das Getöse noch furchtbarer los. Unten an der Tür
+bauten sie eine Estrade aus Bänken, sprangen hinauf und legten Geständnisse
+ab.
+
+Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne Ofen wurde glutrot, er
+schluckte Luft und strömte Wärme aus. Die ehrbaren Frauen auf den
+vordersten Bänken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, aber es gab
+keine Möglichkeit, den Saal zu verlassen. Die Heilssoldatinnen auf der
+Estrade wankten, und auf ihren Stirnen perlte der Schweiß. Sie riefen und
+beteten um Stärke. Plötzlich fuhr ein Hauch durch die Luft, ein Flüstern
+schlug an ihr Ohr. Sie wußten nicht, woher es kam, aber sie fühlten einen
+Umschlag. Gott war mit ihnen. Er kämpfte für sie.
+
+Aufs neue in den Kampf! Die Kapitänin trat vor und erhob die Bibel über
+ihren Kopf. »Haltet inne, haltet inne! Wir fühlen, daß Gott unter uns
+wirkt. Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will uns eine Seele
+schenken.«
+
+Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige im Saal nahmen an dem
+Gebet teil. Allen teilte sich eine spannende Erwartung mit. War es wahr?
+Trug sich etwas Großes in der Seele eines Mitmenschen zu, hier, mitten
+unter ihnen? Würden sie es sehen? Konnten diese Frauen etwas bewirken?
+
+Für einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt war sie ebenso erpicht
+auf Wunder wie eben erst auf Lästerung. Niemand wagte sich zu rühren. Alle
+keuchten vor Erwartung, aber nichts geschah. »O Gott, du verlässest uns! Du
+verläßt uns, o Gott!«
+
+Die schöne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie wählte die mildeste der
+Melodien, das zarteste Kind der Sehnsucht: »Fern er weilet von grünenden
+Tälern.«
+
+Die Worte waren nur wenig verändert. Das Lied des finnischen Hirtenmädchens
+war unschwer zu Jesu Sehnsucht nach der Seele geworden. »O, du meine
+Geliebte, kommst du nicht bald?«
+
+So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang in die Gemüter, wie
+eine Liebkosung, wie ein Segen.
+
+Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese Töne. -- »Berge und
+Wälder verschmachten, Himmel und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in
+der Welt dürstet danach, daß du deine Seele dem Lichte erschließest. Dann
+verbreitet sich Herrlichkeit über alle Welt, dann stehen die Tiere auf aus
+ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen der Kreatur hat ein Ende. O, du meine
+Geliebte, kommst du nicht bald?«
+
+»Es ist nicht wahr, daß du in hohen Königssälen weilest. In dunklen
+Wäldern, in elenden Hütten hausest du, und du willst nicht kommen. Mein
+lichter Himmel lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht
+bald?«
+
+Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim ein. Stimme um Stimme
+kam mit. Sie wußten nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die
+Melodie war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tönen freisingen.
+Auch unten an der Tür wurde es gesungen. Es sprengte Herzen. Es
+unterjochte Willen. Es klang nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern
+stark, fordernd, befehlend.
+
+»O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?«
+
+Unten an der Tür im dichtesten Knäuel stand Matts Wik. Er sah ganz
+vertrunken aus, aber an diesem Abend war er nicht berauscht. Er stand da
+und dachte: »Wenn ich sprechen dürfte, wenn ich sprechen dürfte.«
+
+Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen hatte, die wunderbarste
+Gelegenheit. Eine Stimme sprach zu ihm: »Dies ist das Schilf, in das du
+flüstern kannst, die Wellen, die deine Stimme tragen werden.«
+
+Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als hätten sie einen Löwen brüllen
+hören. Eine starke, furchtbare Stimme sprach furchtbare Worte.
+
+Sie höhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? Er verließ alle, die ihm
+dienten. Er hatte seinen Sohn verlassen. Gott half niemandem.
+
+Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder Minute brausender. Solche
+Kraft hatte niemand Menschenlungen zugetraut. Solche Raserei hatte niemand
+je aus einem zertretnen Herzen losbrechen hören. Sie neigten ihr Haupt wie
+die Wandrer in der Wüste, wenn der Sturm über sie kommt.
+
+Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde Hammerschläge gegen
+Gottes Thron. Gegen ihn, der Hiob quälte, der die Märtyrer leiden, der
+seine Bekenner auf Scheiterhaufen verbrennen ließ. Der Ohnmächtige, wann
+begründet er sein Reich? Wann läßt er ab, die Arglist zum Siege zu führen?
+
+Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige hatten geglaubt, daß dies
+ein Scherz sei. Jetzt hörten sie bebend, daß es Ernst war. Schon erhoben
+sich einige, um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den Schutz der
+Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf sie herabbeschwor.
+
+Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen Lohn sie für ihre
+Mühe erwarteten, Gott zu dienen. Sie sollten sich nicht den Himmel
+erwarten. Gott geizte mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr
+Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu erringen. Er hatte
+größre Opfer gebracht, als Gott verlangte. Aber dann wurde er zur Sünde
+verlockt. Das Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon in
+dieser Welt. Er muß den Weg der Verdammten gehen.
+
+Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die Schiffe in den Hafen treibt.
+Bei den Worten des Höhnenden stürzten die Frauen die Estrade hinan. Die
+Hände der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfaßt und geküßt. Bekehrung folgte
+auf Bekehrung. Sie konnten kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen
+Gott.
+
+Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. Er sagte zu sich
+selbst: »Ich spreche, ich spreche, endlich spreche ich. Ich sage ihnen mein
+Geheimnis, und ich sage es doch nicht.« Zum ersten Male, seit er das große
+Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die Stadt sah wie eine
+Steinwüste aus, wie eine Mondlandschaft. Man sah keine Katze, keinen
+Sperling, kaum eine Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein
+rauchte. In den schwülen Straßen war keine Luft. Das Ganze war nur ein
+steinbesäter Acker, aus dem Steinwände wuchsen.
+
+Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die jungen Damen in schmalen Röcken
+und weiten Ärmeln, langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo waren
+Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und Gassenjungen?
+
+Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten Lustfahrerscharen,
+alle die Körbe und Ziehharmonikas und Flaschen, die das Dampfboot ans Land
+lud. Oder wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen wehten, die
+Trommeln dröhnten, Gassenjungen schwärmten, stampften, schrien hurra. Oder
+wo blieben sie, die blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen,
+während Vater und Mutter sie andächtig über die Gasse schoben.
+
+Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. Sie klagten über die langen
+Straßen. Es war, als wenn die Steinhäuser ihnen nachjagten. Endlich,
+endlich schimmerte Grün. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich durch
+platte, feuchte Felder schlängelte, wo der Lerchengesang am vollsten
+ertönte, wo der Klee honigsüß duftete, da lagen die ersten
+Zurückgebliebenen. Die Mütze im Nacken, die Nase im Grase. Den Körper in
+Sonnenschein und Blumenduft gebadet, die Seele von Muße und Ruhe erquickt.
+
+Aber über den Weg zum Walde eilten Proviantträger und Radfahrer. Jungen
+kamen mit Spaten und blanken Tornistern. Mädchen tanzten in Staubwolken.
+Himmel und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien und
+Arbeiterscharen. Die sich bäumenden Klepper der Charabans erhoben die
+Vorderbeine über die Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das
+Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert und blieb zappelnd auf
+dem Rücken im Staube der Landstraße liegen.
+
+Drinnen im Walde spielte und sang, flötete und schluchzte eine Nachtigall.
+Die Birken kamen nicht gut fort, sie hatten schwarze Stämme. Die Buchen
+bauten hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem Grün. Der
+Frosch saß da und zielte mit der Zunge. Und jedesmal fing er eine Fliege.
+Der Igel patschte in dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen
+huschten über das Moor mit glitzernden Flügeln. Die Menschen ließen sich
+um die Eßkörbe nieder. Goldkäfer krochen rings um sie durch das Gras. Die
+piepsenden funkelnden Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.
+
+Plötzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken in seine
+Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grün unter, ganz verstummt. Die
+Nachtigall sang aus Leibeskräften. Es waren Gitarren, Gitarren. Die
+Heilsarmee zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der stumpfen
+Ruhe unter den Bäumen. Tanzboden und Krocketplatz wurden verödet. Schaukel
+und Karussell hatten eine Stunde Rast. Alles strömte dem Lager der
+Heilsarmee zu. Die Bänke füllten sich, und auf jeder Erdhöhe saßen Zuhörer.
+
+Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mächtig geworden. Um manche
+liebliche Wange schloß sich der Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das
+rote Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der Menge. Schimpfworte
+wagten sich nicht über die Lippen. Die Flüche verrollten unschädlich hinter
+den Zähnen. Und Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslästerer,
+stand jetzt als Fahnenwächter unter der Estrade. Er war auch einer der
+Gläubigen. Die Enden der roten Fahne liebkosten freundlich seinen grauen
+Kopf.
+
+Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. Sie hatten ihm
+ihren ersten Sieg zu danken. Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm
+gekommen. Sie wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. Sie
+weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei ihren Zusammenkünften
+durfte er sprechen. Seit er sein Schweigen gebrochen hatte, war er
+glücklich. Er stand nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende
+Kraft erfüllte ihn. Er war glücklich, wenn er ihr Luft machen durfte. Wenn
+die Säle vor seiner Löwenstimme erzitterten, war er glücklich.
+
+Er sprach immer von sich selbst. Er erzählte immer seine eigne Geschichte.
+Das Schicksal des Verkannten schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs
+Blut, die gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne Anerkennung zu
+finden. Er kleidete das ein, was er erzählte. Er erzählte sein Geheimnis
+und erzählte es doch nicht.
+
+Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die Herzen zu gewinnen. Um
+seinetwillen sammelte sich die Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog
+sie hin mit den berückend phantastischen Bildern, die sein krankes Hirn
+erfüllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender Klage, die seines
+Herzens Qual ihn gelehrt hatte.
+
+Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt des Todes und des
+Wechsels geweilt. Vielleicht war er damals ein mächtiger Dichter gewesen,
+erfahren in der Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um
+schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, sein Erdenleben
+abermals zu beginnen, von seiner Hände Arbeit zu leben, unbekannt mit der
+Macht des Geistes. Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes
+gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. Lichtscheu und
+verwirrt, aber dennoch jubelnd über ihre Freiheit zog sie über die
+einstigen Schlachtfelder.
+
+Der wilde, ungelehrte Sänger, die schwarze Drossel, die unter Staren
+aufgewachsen war, lauschte mißtrauisch den Worten, die ihm auf die Lippen
+kamen. Woher hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen seiner
+Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, stolze Menschen auf die Knie zu
+zwingen, sie die Hände ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden
+begann. Dann kam ruhige Zuversicht über ihn. Aus der niemals ermessenen
+Tiefe seines Leidens stiegen unablässig Wolken von qualschweren Worten
+empor.
+
+Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, schmetternde
+Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, anfeuernd. Nicht zu fangen,
+nicht wiederzugeben. Sie waren Blitze und rollende Donnerschläge. Die
+Herzen erschütterten sie in düstrer Angst. Aber vergänglich waren sie,
+niemals ließen sie sich fangen. Der Wasserfall kann bis auf den letzten
+Tropfen gemessen werden, das irrende Spiel des Schaumes läßt sich malen,
+nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, gewaltige Strom
+dieser Reden.
+
+An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, ob sie wüßten, wie sie
+Gott dienen müßten. -- Wie Uria seinem König diente.
+
+Nun wurde der Mann auf der Rednertribüne zu Uria. Nun ritt er durch die
+Wüste mit seines Königs Brief. Er war allein, die Einsamkeit ängstigte ihn.
+Seine Gedanken waren düster. Aber er lächelte, wenn er an sein Weib dachte.
+Die Wüste wurde ein Blumengefilde, wenn er ihrer gedachte. Quellen
+entsprangen aus der Erde bei dem Gedanken an sie.
+
+Sein Kamel stürzte. Seine Seele ward von bösen Ahnungen erfüllt. Das
+Unglück, dachte er, ist ein Geier, der die Wüste liebt. Er machte nicht
+kehrt, sondern ging vorwärts mit des Königs Brief. Er trat auf Dornen. Er
+ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn dürstete und hungerte. Er sah
+Karawanen ihre dunklen Streifen durch den Wüstensand ziehen. Er suchte sie
+nicht auf. Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des Königs
+Brief trägt, muß allein gehen. Er sah des Abends die weißen Zelte der
+Hirten. Sie lockten ihn, wie die lächelnde Wohnstatt seines Weibes. Er
+glaubte, weiße Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten aus und
+ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie seines Königs Brief gestohlen
+hätten!
+
+Wankend geht er, als er die spähenden Räuber hinter sich herjagen sieht. Er
+denkt an des Königs Brief. Er liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er
+liest ihn und faßt neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstört den
+Brief nicht. Er ergibt sich den Räubern nicht. Er kämpft und siegt. Und
+dann weiter, weiter. Er führt sein Todesurteil mit sich durch tausend
+Gefahren. -- --
+
+So ist es, Gottes Wille muß befolgt werden bis aufs Blut, bis in den
+Tod. -- --
+
+Während Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da und hörte ihm zu. Sie
+war am Morgen in den Wald gezogen, vergnügt und strahlend, am Arm des
+Mannes höchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. Die
+Tochter und der Geselle trugen den Eßkorb. Die Magd folgte mit dem jüngsten
+Kinde nach. Alles war Friede, Glück, Ruhe gewesen.
+
+Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und
+getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das
+Gewissen schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste Mann
+betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in
+der Seele gefühlt.
+
+Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie
+fühlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und
+sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von sich selbst. Er
+wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem
+eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter,
+diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie
+ein offnes Grab. --
+
+Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grün und
+Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die
+Hügel zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der Wald wurde
+häßlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwüste, nach der
+Mondlandschaft. Dort ist es für Menschen gut sein. Vielleicht können
+leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.
+
+ * * * * *
+
+Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die
+Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum
+Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr
+gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitänin
+der Heilsarmee.
+
+Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie
+hatte ihren Mann gehört. Er erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete
+seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er
+war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die
+Kinder auf dem Wege verhöhnten.
+
+Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen,
+er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß
+der Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern leuchtete und lachte
+vor Freude über die Dichtermacht.
+
+Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht
+gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in
+ihrem Blut. Sie war alt geboren.
+
+Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war sie herangewachsen. Sie
+ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: »Seht, eines verachteten
+Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf
+meinem Wandel?« Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie
+bisweilen: »Ach, daß meiner Tochter Hände weniger weiß wären, vielleicht
+wären dann ihre Liebkosungen wärmer!«
+
+Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. Sie verachtete die
+Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie
+gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange.
+Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über sie hinzubrausen. Aber
+was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer
+Mutter.
+
+Diese Hand krümmte sich, krampfhafte Zuckungen durcheilten sie. Sie lag
+schlaff, gleichsam tot in der ihren, sie griff wild um sich, fieberheiß.
+Das Gesicht ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und kämpfte.
+
+Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. Jesu Freund lag
+krank. Seine Schwestern sandten ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht
+gekommen. Für Gottes Reich mußte Lazarus sterben.
+
+Er ließ nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf Christus niedersausen. Er
+beschrieb sein Leiden. Sein eignes Mitleid quälte ihn. Er machte alle
+Todespein durch, er wie Lazarus. Und doch mußte er schweigen.
+
+Nur ein Wort hätte es ihn gekostet, die Achtung der Freunde
+wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mußte die Klage der Schwestern hören. Er
+sagte ihnen die Wahrheit in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde
+höhnten ihn.
+
+Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.
+
+Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese Hand beichtete und
+bekannte: »Der Mann dort drüben trägt selbst das Martyrium des Schweigens.
+Er wird zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte könnte er sich frei machen.«
+
+Das Mädchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen stumm. Das Gesicht des
+jungen Mädchens war wie Stein. Sie grübelte, suchte alles auf, was die
+Erinnerung ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu ihr auf. Was
+wußte sie?
+
+An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. Man sprach
+gar lustig vom Markt des Tages, von dem Preise der Holzschuhe, von
+diebischen Mägden. Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen Kaffee in
+die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. Frau Anna Erikson konnte
+nicht verstehen, woher es gekommen war, daß sie sie früher gefürchtet, daß
+sie immer geglaubt hatte, daß diese sie richten würden.
+
+Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als sie wohlbehaglich
+dasaßen und der Kaffee auf dem Rand der Tassen zitterte und die Teller mit
+Weizenbrot beladen waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig
+feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.
+
+»In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mädchen, das sich verheiratet hat,
+ohne recht zu bedenken, was sie auf sich nimmt, kann in große Not kommen.
+Wer hat es schlimmer getroffen als ich?«
+
+Das wußten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und hatten mit ihr
+getrauert.
+
+»In der Jugend ist man unvernünftig. Man verschweigt das, was man sagen
+sollte, weil man sich schämt. Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor
+dem, was die Leute sagen könnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen
+hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.«
+
+Sie glaubten alle, daß dies wahr sei.
+
+Sie hatte Wik gestern gehört, wie so viele Male zuvor. Jetzt mußte sie
+ihnen allen etwas über ihn sagen. Es kam eine brennende Unruhe über sie,
+wenn sie bedachte, was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte
+sie, daß er, der alt gewesen war, es besser hätte verstehen sollen, als
+sie, das junge Ding zum Eheweib zu nehmen.
+
+»Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber er ist aus
+Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, daß ich Erikson haben wollte.
+Ich habe seinen Brief dafür.«
+
+Sie las ihnen den Brief vor. Eine Träne kam wohlanständig ihre Wangen
+hinabgeglitten.
+
+»Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen Erikson und mir war
+damals nichts. Es war vier Jahre, ehe wir heirateten. Aber ich will dies
+jetzt sagen, denn Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist
+nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern in guter Absicht.
+Ich möchte, daß dies überall bekannt wird. Kapitänin Anderson kann
+vielleicht den Brief in der Armee vorlesen. Ich will, daß Wik Genugtuung
+widerfährt. Ich weiß auch, daß ich allzulange geschwiegen habe, aber man
+gibt sich nicht gern selbst eines Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es
+eine andre Sache.«
+
+Die Frauen saßen förmlich versteinert da. Anna Erikson bebte die Stimme ein
+wenig, und sie sagte mit einem matten Lächeln:
+
+»Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu mir kommen?«
+
+»Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch so jung! Und Frau Erikson
+konnte doch nichts dafür. -- Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche
+Dinge einbildete.«
+
+Sie lächelte. Dies waren die harten Schnäbel, die sie zerreißen sollten.
+Die Wahrheit war nicht gefährlich, und die Lüge auch nicht. Die Füße der
+jungen Männer warteten nicht vor ihrer Tür.
+
+Wußte sie oder wußte sie nicht, daß ihre älteste Tochter an demselben
+Morgen ihr Haus verlassen hatte und zu ihrem Vater gegangen war?
+
+ * * * * *
+
+Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die Ehre seiner Frau zu retten,
+wurde bekannt. Er wurde bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in
+der Armee vorgelesen. Einige weinten aus Rührung. Auf der Straße kamen
+Leute auf ihn zu und drückten ihm die Hand. Seine Tochter zog zu ihm.
+
+An den nächsten Abenden nach diesem schwieg er bei den Zusammenkünften. Er
+fühlte keinen innern Ruf. Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf
+die Estrade, faltete die Hände und begann.
+
+Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt inne. Er erkannte die
+Stimme nicht wieder. Wo war das Löwengebrüll? Wo der brausende Nordwind?
+Und wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht.
+
+Er wankte zurück. »Ich kann nicht,« murmelte er. »Gott gibt mir noch nicht
+Kraft zu sprechen.« Er setzte sich auf die Bank nieder und stützte den Kopf
+in die Hände. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst einmal
+herauszufinden, worüber er sprechen sollte. Pflegte er in frühern Tagen zu
+grübeln? Konnte er jetzt grübeln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im
+Kreise.
+
+Vielleicht würde es gehen, wenn er sich wieder erhob, sich dorthin stellte,
+wo er zu stehen pflegte und mit seinem gewohnten Gebet anfing. Er
+versuchte. Er wurde aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der
+kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort kam über seine Lippen.
+
+Er saß auf seinem Platz und weinte, schwer stöhnend. Die Gabe war ihm
+genommen. Er versuchte zu sprechen, versuchte es stumm für sich selbst.
+Worüber sollte er sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte den
+Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht sagen durfte. Er hatte
+kein Geheimnis einzukleiden. Er brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung
+wich von ihm.
+
+Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums Leben. Er wollte das
+festhalten, was schon gegangen war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben,
+um wieder sprechen zu können. Sein Schmerz war dahin. Er konnte ihn nicht
+wiederfinden.
+
+Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder und immer wieder. Er
+stammelte einige sinnlose Worte. Er leierte wie eine auswendig gelernte
+Lektion das herunter, was er andre sagen gehört hatte. Er versuchte, sich
+selbst nachzuahmen. Er spähte nach Andacht in den Blicken, nach bebendem
+Schweigen, nach hastigem Atmen. Er vernahm nichts. Was seine Freude
+gewesen, war von ihm genommen.
+
+Er sank in das Dunkel zurück. Er verfluchte es, daß er mit seinen Reden
+Frau und Tochter bekehrt hatte. Er hatte das Köstlichste besessen und es
+verloren. Seine Verzweiflung war furchtbar. -- Aber nicht von solchem
+Schmerz lebt der Genius.
+
+Er war ein Maler ohne Hände, ein Sänger, der seine Stimme verloren hat. Er
+hatte nur von seinem Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden?
+
+Er betete: »O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die Verkanntheit spricht!
+gib mir die Verkanntheit wieder! Da das Glück stumm ist, aber der Schmerz
+spricht, gib mir den Schmerz wieder!«
+
+Aber die Krone war ihm genommen. Er saß da, elender als der Elendeste, denn
+er war von den Höhen des Lebens herabgestürzt. Er war ein gefallener König.
+
+
+
+
+Ein Weihnachtsgast
+
+
+Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby mitgelebt hatten, war der
+kleine Ruster, der Noten transponieren und Flöte spielen konnte. Er war von
+niedriger Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie. Es brachen schwere
+Zeiten für ihn an, als die Schar der Kavaliere sich zerstreute.
+
+Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr, keinen Pelz und keine
+rotgestrichene Proviantkiste. Er mußte zu Fuß von Gehöft zu Gehöft ziehen
+und trug seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden.
+Den Rock knöpfte er bis zum Kinn hinauf zu, so daß niemand zu erfahren
+brauchte, wie es um das Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen
+weiten Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitztümer: die
+auseinandergeschraubte Flöte, die flache Schnapsflasche und die Notenfeder.
+
+Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles gewesen wäre wie in
+alten Zeiten, so hätte es ihm nicht an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem
+Jahre, das ging, wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt. Die
+Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren gelockerten Schrauben und
+das bucklige Waldhorn mit den verblichnen Quasten und Schnüren wurden auf
+die Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick auf den
+langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten. Doch, je weniger der kleine Ruster
+mit Flöte und Notenfeder zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der
+Schnapsflasche, und schließlich wurde er ganz versoffen. Es war schade um
+den kleinen Ruster.
+
+Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den Herrenhöfen aufgenommen,
+aber es herrschte Jammer, wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch
+nach Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar Schnäpse oder
+einen Toddy bekommen hatte, wurde er wirr und erzählte unerquickliche
+Geschichten. Er war die Geißel der gastfreien Gutshöfe.
+
+Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach Löfdala, wo Liljekrona, der große
+Violinspieler, daheim war. Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere
+gewesen, aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein prächtiges Gut
+Löfdala und verblieb dort. Nun kam Ruster in den Tagen vor dem
+Weihnachtsabend zu ihm, mitten in die Festvorbereitungen, und verlangte
+Arbeit. Liljekrona gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu
+beschäftigen.
+
+»Du hättest ihn lieber gleich fortschicken sollen,« sagte seine Frau,
+»jetzt wird er das so in die Länge ziehen, daß wir ihn über den heiligen
+Abend hierbehalten müssen.«
+
+»Irgendwo muß er doch sein,« sagte Liljekrona. Und er bewirtete Ruster mit
+Toddy und Branntwein, leistete ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer
+Zeit noch einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner
+überdrüssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht merken lassen
+wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit waren ihm heilig.
+
+Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei Wochen lang für das
+Weihnachtsfest gerüstet. Sie hatten in Unbehagen und Hast gelebt, sich die
+Augen bei Talglichtern und Kienspänen rotgewacht, im Schuppen beim
+Fleischeinsalzen und im Bräuhaus beim Bierbrauen gefroren. Doch die
+Hausfrau sowohl wie die Dienstleute hatten sich all dem ohne Murren
+unterzogen.
+
+Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige Abend anbrach, dann
+würde ein süßer Zauber sie gefangennehmen. Das Weihnachtsfest würde
+bewirken, daß Scherz und Spaß, Reim und Fröhlichkeit ihnen ohne alle Mühe
+auf die Lippen kam. Aller Füße würden Lust bekommen, sich im Tanze zu
+drehen, und aus den dunklen Winkeln der Erinnerung würden die Worte und
+Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man gar nicht glauben konnte,
+daß sie noch immer da waren. Und dann würden sie alle so gut sein, so gut!
+
+Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt von Löfdala, daß
+Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau und die ältern Kinder und treuen
+Diener waren alle derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende
+Angst hervor. Sie fürchteten überdies, daß, wenn er und Liljekrona
+anfingen, sich in den alten Erinnerungen zu tummeln, das Künstlerblut in
+dem großen Violinspieler aufflammen würde und sein Heim ihn verlieren
+mußte. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten.
+
+Es läßt sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe den Hausherrn
+liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten bei sich behalten dürfen. Und
+was hatte er zu geben! Wie war er doch viel für sein Heim, besonders zu
+Weihnachten! Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem Sofa oder
+Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen, glattgescheuerten
+Holzbank in der Kaminecke. Wenn er dort hinaufgekommen war, dann ritt er
+auf Abenteuer aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den Sternen und
+noch höher empor. Er spielte und sprach abwechselnd, und alle Hausleute
+versammelten sich um ihn und hörten zu. Das ganze Leben wurde stolz und
+schön, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es überstrahlte.
+
+Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest, die Freude, die
+Frühlingssonne liebten. Und als nun der kleine Ruster kam, war ihr
+Weihnachtsfriede zerstört. Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun
+dieser kam und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht, daß
+dieser Säufer am Weihnachtstische eines frommen Hauses sitzen und alle
+Weihnachtsfreude stören sollte.
+
+Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine Ruster seine Noten
+fertiggeschrieben, und da ließ er ein paar Worte von Fortgehen fallen,
+obgleich es natürlich seine Absicht war, zu bleiben.
+
+Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt und sagte darum
+ganz lahm und matt, daß es wohl das beste wäre, wenn Ruster über
+Weihnachten da bliebe, wo er war.
+
+Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er drehte seinen
+Schnurrbart auf und schüttelte die schwarze Künstlermähne, die gleich einer
+dunklen Wolke um seinen Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er
+sollte bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah, man denke
+nur, wie sie in den großen Eisenwerken im Broer Kirchspiel standen und auf
+ihn warteten! Die Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gefüllt. Er
+hatte solche Eile. Er wußte nur nicht, zu wem er zuerst fahren sollte.
+
+»Gott bewahre,« sagte Liljekrona, »so fahre doch.«
+
+Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd und Schlitten, Pelz
+und Decken. Der Knecht von Löfdala sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro
+kutschieren und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem Schneesturm
+aus.
+
+Niemand glaubte, daß er erwartet wurde, oder daß es ein einziges Haus in
+der Umgegend gab, wo er willkommen gewesen wäre. Aber sie wollten ihn so
+gerne los werden, daß sie sich dies verhehlten und ihn ziehen ließen. »Er
+hat es selbst gewollt,« sagten sie. Und nun, dachten sie, wollten sie
+fröhlich sein.
+
+Aber als sie sich gegen fünf Uhr im Eßsaal versammelten, um Tee zu trinken
+und um den Christbaum zu tanzen, war Liljekrona stumm und verstimmt. Er
+setzte sich nicht auf die Märchenbank, er berührte weder Tee noch Punsch,
+er erinnerte sich an keine Polka, die Violine war verstimmt. Wer spielen
+und tanzen konnte, mochte es ohne ihn tun.
+
+Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder mißvergnügt, alles im
+ganzen Hause ging verkehrt. Es wurde der allertrübseligste Weihnachtsabend.
+
+Die Grütze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz rauchte, der Wind
+blies bittere Kälte in die Stuben. Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte,
+kam nicht heim. Die Haushälterin weinte, die Mägde zankten.
+
+Plötzlich erinnerte sich Liljekrona, daß man den Spatzen keine Garbe
+hinausgehängt hatte, und er beklagte sich laut über alle Frauen rings um
+ihn, die alte Sitte außer acht ließen und neumodisch und herzlos waren.
+Aber sie begriffen wohl, daß das, was ihn quälte, die Gewissensbisse waren,
+daß er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend aus seinem Hause
+hatte fortgehen lassen.
+
+Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer, versperrte die Tür und
+begann zu spielen, wie er nicht gespielt, seit er zu wandern aufgehört
+hatte. Es war Haß und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr dachtet mich
+zu binden, aber ihr müßt eure Fesseln umschmieden. Ihr dachtet, mich
+kleinsinnig zu machen, wie ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins
+Große, ins Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn es in
+eurer Macht steht!
+
+Als die Gattin diese Töne hörte, sagte sie: »Morgen ist er fort, wenn Gott
+nicht in dieser Nacht ein Wunder tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit
+gerade das hervorgerufen, was wir vermeiden zu können glaubten.«
+
+Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben herum. Er fuhr von
+einem Hause zum andern und fragte, ob es Arbeit für ihn gäbe, aber nirgends
+wurde er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf, aus dem Schlitten
+zu steigen. Einige hatten das Haus voll Besuch, andre wollten am
+Weihnachtstage über Land fahren. »Versuche es beim nächsten Nachbar,«
+sagten sie alle.
+
+Er mochte immerhin kommen und das Behagen von ein paar Werktagen stören,
+nicht aber das des Weihnachtsabends. Das Jahr hatte nur einen
+Weihnachtsabend, und auf den hatten sich die Kinder den ganzen Herbst
+gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht an einen Weihnachtstisch
+setzen, wo es Kinder gab. Früher hatten sie ihn gern aufgenommen, aber
+nicht jetzt, wo er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit dem
+Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu schlecht und das Gastzimmer zu
+fein.
+
+So mußte der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen, in dem peitschenden
+Schneesturm. Der nasse Schnurrbart hing schlaff über den Mund, die Augen
+waren blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verflüchtete sich
+aus seinem Hirn. Ruster begann zu grübeln und zu staunen. War es möglich,
+war es möglich, daß niemand ihn aufnehmen wollte?
+
+Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie jämmerlich und verkommen
+er war, und er begriff, daß er den Menschen verhaßt sein mußte. Mit mir ist
+es aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist aus mit der
+Flöte. Niemand auf Erden braucht mich, niemand hat Barmherzigkeit mit mir.
+
+Der Schneesturm schnurrte und spielte, er riß die Schneehaufen auf und
+türmte sie wieder zusammen, er nahm eine Schneesäule in die Arme und tanzte
+damit übers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und stürzte eine andre in
+eine Grube. »So ist es, so ist es,« sagte der kleine Ruster, »solange man
+fährt und tanzt, ist es ein fröhlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde
+soll, dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer und
+Herzeleid.« Doch hinab mußten alle, und jetzt war er an der Reihe. Man
+denke, daß er nun zum Ende gekommen war.
+
+Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn führte. Es deuchte ihn,
+daß er in das Reich des Todes fuhr.
+
+Der kleine Ruster verbrannte keine Götter auf dieser Fahrt. Er verfluchte
+weder das Flötenspiel noch das Kavaliersleben, er dachte nicht, daß es
+besser für ihn gewesen wäre, wenn er die Erde gepflügt oder Schuhe genäht
+hätte. Aber darüber klagte er, daß er nun ein ausgespieltes Instrument war,
+das die Freude nicht mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn
+er wußte, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die Gitarre die Stimmung
+nicht hält, dann müssen sie fort. Er wurde plötzlich ein sehr demütiger
+Mann. Er begriff, daß es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend.
+Der Hunger oder die Kälte würde ihn umbringen, denn er verstand nichts, er
+taugte zu nichts und hatte keine Freunde.
+
+Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es hell um ihn, und er
+hört freundliche Stimmen, und da ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer
+führt, und jemand, der heißen Tee in ihn gießt. Der Pelz wird ihm
+abgenommen, und mehrere Menschen rufen, daß er willkommen ist, und warme
+Hände reiben Leben in seine erstarrten Finger.
+
+Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, daß er wohl eine Viertelstunde
+nicht zur Besinnung kam. Er konnte unmöglich begreifen, daß er wieder nach
+Löfdala gekommen war. Er war sich gar nicht bewußt gewesen, daß der Knecht
+es satt bekommen hatte, im Schneesturm herumzufahren und nach Hause
+umgekehrt war.
+
+Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas Haus so freundlich
+empfangen wurde. Er konnte nicht wissen, daß Liljekronas Gattin begriff,
+welche schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte, wo man ihn
+an jeder Tür, an die er klopfte, abgewiesen hatte. Sie hatte so großes
+Mitleid mit ihm bekommen, daß sie ihre eigenen Sorgen vergaß.
+
+Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem wilden Spielen fort. Er
+wußte nichts davon, daß Ruster gekommen war. Dieser saß indessen im
+Speisesaal mit der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am
+Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der Langweile bei der
+Herrschaft in die Küche geflüchtet.
+
+Die Hausfrau säumte nicht, Ruster ans Werk zu setzen. »Sie hören ja,
+Ruster,« sagte sie, »daß Liljekrona den ganzen Abend nichts andres tut als
+spielen, und ich muß nach dem Tischdecken und dem Essen sehen. Die Kinder
+sind rein verlassen. Sie müssen sich der zwei Kleinsten annehmen, Ruster.«
+
+Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster am wenigsten in
+Berührung gekommen war. Er hatte sie weder im Kavaliersflügel noch im
+Soldatenzelt getroffen, weder in Gasthöfen noch auf Landstraßen. Er scheute
+sich beinahe vor ihnen und wußte nicht, was er sagen sollte, das fein genug
+für sie war.
+
+Er nahm die Flöte hervor und lehrte sie, auf Klappen und Löchern zu
+fingern. Es war ein vierjähriges und ein sechsjähriges Bübchen. Sie bekamen
+eine Lektion auf der Flöte, und das interessierte sie sehr. »Das ist A,«
+sagte er, »und das ist C,« und dann griff er die Töne. Da wollten die
+Kleinen wissen, was für ein A und was für ein C das war, das gespielt
+werden sollte.
+
+Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete ein paar Noten.
+
+»Nein,« sagten sie, »das ist nicht richtig.« Und sie eilten fort und holten
+ein Abcbuch.
+
+Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu überhören. Sie konnten
+und konnten nicht. Es sah windig aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde
+eifrig, hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu
+unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und hörte ganz erstaunt zu.
+Es klang wie ein Spiel, und die Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie
+lernten dabei, ja, das taten sie.
+
+Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht bei dem, was er tat.
+Er wälzte die alten Gedanken vom Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut
+und behaglich, aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus. Er war
+verbraucht. Er würde fortgeworfen werden. Und urplötzlich schlug er die
+Hände vors Gesicht und begann zu weinen.
+
+Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu.
+
+»Ruster,« sagte sie, »ich kann verstehen, daß Sie glauben, für Sie sei
+alles aus. Es geht Ihnen nicht mit der Musik, und Sie richten sich durch
+den Branntwein zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.«
+
+»Doch,« schluchzte der kleine Flötenspieler.
+
+»Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen, das wäre etwas
+für Sie. Wenn Sie die Kinder lesen und schreiben lehren wollten, dann
+würden Sie wieder überall willkommen sein. Das ist kein geringres
+Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Flöte und Violine. Sehen Sie
+sie an, Ruster!«
+
+Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah auf, blinzelnd, so,
+als hätte er in die Sonne gesehen. Es war, als fiele es seinen kleinen
+trüben Augen schwer, denen der Kinder zu begegnen, die groß und klar und
+unschuldig waren.
+
+»Sehen Sie sie an, Ruster!« ermahnte Liljekronas Frau.
+
+»Ich getraue mich nicht,« sagte Ruster, denn es war ihm wie ein Fegefeuer,
+durch die schönen Kinderaugen in die Schönheit der unbefleckten Seelen zu
+schauen.
+
+Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. »Dann sollen Sie sich an sie
+gewöhnen, Ruster. Sie sollen dieses Jahr als Schulmeister in meinem Hause
+bleiben.«
+
+Liljekrona hörte seine Frau lachen und kam aus seinem Zimmer.
+
+»Was gibt es?« sagte er. »Was gibt es?«
+
+»Nichts andres,« antwortete sie, »als daß Ruster wiedergekommen ist, und
+daß ich ihn zum Schulmeister für unsre kleinen Jungen bestellt habe.«
+
+Liljekrona war ganz verblüfft. »Wagst du das,« sagte er, »wagst du es? Er
+hat wohl versprochen, nie mehr ...«
+
+»Nein,« sagte die Frau, »Ruster hat nichts versprochen. Aber er wird sich
+vor mancherlei in acht nehmen müssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in
+die Augen sehen soll. Wäre es nicht Weihnachten, hätte ich dies vielleicht
+nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es wagte, ein kleines Kindlein, das
+sein eigner Sohn war, unter uns Sünder zu setzen, dann kann ich es wohl
+auch wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen Menschen zu
+retten.«
+
+Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte und zuckte in jeder
+Falte seines Gesichts, wie immer, wenn er etwas Großes hörte.
+
+Dann küßte er seiner Frau die Hand, so fromm wie ein Kind, das um
+Verzeihung bittet, und rief laut: »Alle Kinder sollen kommen und Mutter die
+Hand küssen.«
+
+Das taten sie, und dann hatten sie ein fröhliches Weihnachtsfest in
+Liljekronas Heim.
+
+
+
+
+Onkel Ruben
+
+
+Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner Junge, der auf dem
+Marktplatz mit seinem Kreisel spielte. Der kleine Junge hieß Ruben. Er war
+nicht mehr als drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so
+tapfer als nur irgendeiner und ließ das Kreisel schnurren, daß es eine
+wahre Freude war.
+
+An diesem Tage vor achtzig Jahren war wunderschönes Frühlingswetter. Der
+Monat März war gekommen, und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine
+weiße und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine kalte und dunkle, wo
+Schatten war. Der ganze Marktplatz gehörte dem Sonnenschein, bis auf einen
+schmalen Rand der einen Häuserreihe entlang.
+
+Nun geschah es, daß der kleine Junge, so tapfer er auch war, müde davon
+wurde, seinen Kreisel schnurren zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz
+umsah. Ein solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine Sessel
+oder Bänke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe versehen. Der kleine
+Ruben konnte sich nichts Besseres denken.
+
+Er war ein gewissenhaftes kleines Bürschchen. Er hatte eine dunkle Ahnung,
+daß Mutter es nicht wollte, daß er auf fremder Leute Treppenstufen sitze.
+Mutter war arm, aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man
+andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich auf ihre eigne
+Steintreppe, denn sie wohnten auch am Marktplatz.
+
+Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig kalt. Der Kleine
+lehnte den Kopf an das Geländer, zog die Beine hinauf und fühlte sich so
+wohl wie nie zuvor. Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein
+draußen über den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen und Kreisel
+schnurrten -- dann schloß er die Augen und schlummerte ein.
+
+Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, war ihm nicht so wohl
+zumute, wie als er einschlummerte, sondern alles schien so furchtbar
+unbehaglich. Er lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, daß er
+krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar Tagen war der Knabe
+tot.
+
+Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam nämlich so, daß seine
+Mutter ihn so recht aus tiefstem Herzensgrund betrauerte, mit solch einem
+Schmerz, der den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch mehrere
+andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit und ihre Gedanken in Anspruch,
+aber es gab immer noch einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz
+ungestört hausen konnte. Für sie blieb er stets lebendig. Sah sie eine
+Kinderschar auf dem Marktplatz spielen, so sprang er da mit herum, und wenn
+sie dann im Hause arbeitete und aufräumte, so glaubte sie steif und fest,
+daß der Kleine noch draußen auf der gefährlichen Steinstufe saß und
+schlief. Sicherlich war keines von Mutters lebenden Kindern ihren Gedanken
+so gegenwärtig wie das tote.
+
+Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine Ruben ein Schwesterchen, und
+als diese so alt wurde, daß sie draußen auf dem Marktplatz herumlaufen und
+Kreisel spielen konnte, geschah es, daß auch sie sich auf die Steinstufe
+setzte, um auszuruhen. Aber in demselben Augenblick hatte Mutter das
+Gefühl, als ob jemand sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus und
+packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie aufhob, daß diese
+sich daran erinnerte, solange sie lebte.
+
+Und noch weniger vergaß sie, wie merkwürdig Mutters Gesicht ausgesehen und
+wie ihre Stimme gezittert hatte, als sie sagte: »Weißt du, daß du einmal
+einen kleinen Bruder hattest, der Ruben hieß und der starb, weil er hier
+auf dieser Steinstufe saß und sich erkältete? Du willst doch nicht von
+Mutter wegsterben, Berta?«
+
+Bruder Ruben wurde für seine Brüder und Schwestern bald ebenso lebendig wie
+für seine Mutter. Sie hatte eine Art, daß sie alle mit ihren Augen sahen,
+und bald hatten sie dieselbe Gabe wie sie, ihn draußen auf der Steinstufe
+sitzen zu sehen. Und natürlich fiel es keinem von ihnen ein, sich dort
+hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend jemanden auf einer Steinstufe oder einem
+Steingeländer oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es ihnen
+einen Stich ins Herz, und sie mußten an Bruder Ruben denken.
+
+Ferner geschah es Bruder Ruben, daß er von allen Geschwistern am höchsten
+gestellt wurde, wenn sie voneinander sprachen. Denn alle Kinder wußten ja,
+daß sie ein beschwerliches und lästiges Geschlecht waren, das Mutter nur
+Mühe und Sorge bereitete. Sie konnten nicht glauben, daß Mutter so sehr
+darüber trauern würde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter Bruder
+Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher, daß er viel, viel artiger
+gewesen sein mußte, als sie waren.
+
+Es kam auch nicht so selten vor, daß eines von ihnen dachte: »Ach, wer doch
+Mutter soviel Freude machen könnte wie Bruder Ruben!« Und dennoch wußte
+keines mehr von ihm, als daß er Kreisel gespielt und sich auf einer
+Steinstufe erkältet hatte. Aber er mußte ja merkwürdig gewesen sein, da
+Mutter eine solche Liebe zu ihm hatte.
+
+Merkwürdig war es auch, er machte Mutter von allen Kindern am meisten
+Freude. Sie war Witwe geworden und arbeitete in Sorge und Not. Aber die
+Kinder hatten einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den kleinen
+Dreijährigen, daß sie überzeugt waren, daß, wenn er nur am Leben geblieben
+wäre, Mutter sich ihr Unglück nicht so zu Herzen genommen hätte. Und
+jedesmal, wenn sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder
+Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie Bruder Ruben waren.
+Bald erwachte in ihnen allen eine immer stärkre Lust, mit dem kleinen Toten
+um Mutters Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht für Mutter
+getan hätten, wenn sie ihnen nur ebenso gut sein wollte wie ihm. Und um
+dieser Sehnsucht willen meine ich, daß Bruder Ruben das nützlichste von
+allen Kindern Mutters war.
+
+Denkt nur, als der älteste Bruder einen Fremden über den Fluß ruderte und
+damit seine ersten Groschen verdiente, da kam er und gab sie seiner Mutter,
+ohne sich auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah Mutter so
+fröhlich aus, daß ihm das Herz vor Stolz schwoll, und er konnte nicht
+umhin, zu verraten, wie ungeheuer ehrgeizig er gewesen war.
+
+»Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder Ruben?«
+
+Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches,
+strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen draußen auf den Steinstufen.
+Und Mutter hätte sicherlich gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte,
+aber sie konnte nicht.
+
+»Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie.«
+
+Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten sie es
+nicht lassen, das Unerreichbare zu erstreben.
+
+Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermögen und
+Ansehen herauf, während Bruder Ruben nur still auf seiner Steinstufe saß.
+Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.
+
+Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als es ihnen so
+allmählich gelang, Mutter ein gutes Heim und Wohlstand zu bieten, mußte es
+Lohn genug für sie sein, wenn Mutter sagte: »Ach, daß mein kleiner Ruben
+das noch gesehen hätte!«
+
+Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem
+Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wußte sie doch,
+daß sie sie zu ihm führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter bei dem
+Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen.
+
+Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen erhöht und
+vergöttert hatte.
+
+Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Für
+alle seine Geschwister war er ein Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim
+geworden, der Liebe zu Mutter, aller der rührenden Erinnerungen aus den
+Jahren der Mühe und des Mißerfolges. Es lag immer etwas Warmes und Schönes
+in ihrer Stimme, wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung
+um den kleinen Dreijährigen.
+
+So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder. Mutters Liebe hatte
+ihn zu einer Größe gemacht, und die Großen, die wirken und üben Einfluß
+Geschlecht für Geschlecht.
+
+Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berührung mit Onkel
+Ruben kam.
+
+Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem Bordsteinrande saß und in
+den Rinnstein hinabguckte. Der strömte von Regenwasser. Hölzchen und Halme
+schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das seichte Gewässer hinab. Der
+Kleine saß da und sah mit der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das
+abenteuerliche Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit ist.
+
+Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner Mutter unterbrochen,
+die in demselben Augenblick, in dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim
+und an den Bruder denken mußte.
+
+»Ach, mein lieber kleiner Junge,« sagte sie, »sitze nicht so da! Weißt du
+nicht, daß deine Mama einen kleinen Bruder hatte, der Ruben hieß und vier
+Jahre war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf einen solchen
+Stein gesetzt und sich erkältet hatte.«
+
+Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen Gedanken gestört
+zu werden. Er saß da und philosophierte, während sein blondes, lockiges
+Haar ihm bis in die Augen fiel.
+
+Schwester Berta hätte es für keinen andern getan, aber um ihres lieben
+Bruders willen schüttelte sie den Kleinen recht unsanft. Und so lernte er
+Respekt vor Onkel Ruben.
+
+Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen auf dem Eise
+umgefallen. Er war aus purer Bosheit von einem großen, bösen Jungen
+umgeworfen worden, und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu
+zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da seine Mama nicht
+weit weg sein konnte.
+
+Aber er hatte vergessen, daß seine Mutter doch zu allererst Onkel Rubens
+Schwester war. Als sie Axel auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht
+begütigend und tröstend, sondern nur mit diesem ewigen:
+
+»Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel Ruben, welcher starb,
+gerade als er fünf Jahre alt war, so wie du jetzt, weil er sich in einen
+Schneehaufen gesetzt hatte.«
+
+Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben sprechen hörte, aber er
+fühlte die Kälte bis ins Herz. Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzählen,
+wenn ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte er sich schon
+hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, aber jetzt war es, als wenn ihm
+dieser Tote seine eigne Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht
+zulassen. So lernte er Onkel Ruben hassen.
+
+Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war eine Steinbalustrade, auf
+der es schwindelnd herrlich zu sitzen war. Tief unten lag der Steinboden
+des Flurs, und wer oben rittlings saß, konnte träumen, daß er über Abgründe
+dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein gutes Roß Grane. Auf seinem
+Rücken sprengte er über brennende Wallgräben in verzauberte Schlösser. Da
+saß er stolz und trotzig, während die großen Haarlocken von dem heftigen
+Anlauf wehten, und kämpfte Sankt Georgs Kampf mit dem Drachen. Und noch war
+es Onkel Ruben nicht eingefallen, dort reiten zu wollen.
+
+Aber natürlich kam er. Gerade als der Drache sich in Todesängsten wand und
+Axel in stolzer Siegesgewißheit dasaß, hörte er das Kindermädchen rufen:
+»Axel, nicht da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht Jahre
+alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem Steingeländer geritten ist.
+Hier darfst du nie mehr sitzen, Axel!«
+
+Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel Ruben! Er konnte es
+gewiß nicht ertragen, daß Axel Drachen tötete und Prinzessinnen rettete.
+Wenn er sich nicht hütete, wollte Axel zeigen, daß auch er Ruhm gewinnen
+konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort unten sprang und sich
+totschlug, dann würde er schon in den Schatten gestellt sein, dies große
+Lügenmaul!
+
+Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der draußen auf dem
+sonnenbeschienenen Marktplatz mit seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mußte
+er erfahren, was es heißt, ein großer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche war
+er geworden, die die Zeit, die war, der kommenden aufstellte.
+
+Es war draußen auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine ganze Menge Basen und
+Vettern waren auf dem herrlichen Landgut versammelt. Axel ging da herum,
+von seinem Haß gegen Onkel Ruben erfüllt. Er wollte nur wissen, ob dieser
+auch noch andre außer ihm quälte. Aber etwas schüchterte ihn ein, so daß er
+sich nicht zu fragen getraute. Es war, als hätte er damit eine Lästerung
+begangen.
+
+Endlich waren die Kinder allein. Kein Großer war dabei. Da fragte Axel, ob
+sie von Onkel Ruben gehört hätten.
+
+Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele kleine Fäustchen sich
+ballten, aber es schien, daß die kleinen Mündchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben
+gelernt hatten. »Still doch,« sagte die ganze Schar.
+
+»Nein,« sagte Axel, »jetzt möchte ich wissen, ob er noch irgend jemand
+anders peinigt, denn ich finde, daß er der lästigste von allen Onkeln ist.«
+
+Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den Harm gequälter
+Kinderherzen umgab. Es gab ein großes Murren und Rufen. So muß ein Haufen
+Nihilisten aussehen, wenn sie den Selbstherrscher schmähen.
+
+Jetzt wurde das Sündenregister des armen großen Mannes aufgezählt. Onkel
+Ruben verfolgte alle seine Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb überall, wo
+es ihm gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen Alter mit dem,
+dessen Ruhe er stören wollte.
+
+Und Respekt mußte man vor ihm haben, obwohl er ganz offenkundig ein Lügner
+war. Ihn in der verschwiegensten Tiefe seines Herzens hassen, das konnte
+man, aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen, Gott
+behüte.
+
+Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm sprachen! Hatte er denn
+je etwas so Merkwürdiges geleistet? Sich hinzusetzen und zu sterben, war
+doch nichts so Wunderbares. Und was er auch für Großtaten vollbracht haben
+mochte, gewiß war es, daß er jetzt seine Macht mißbrauchte. Er stellte sich
+den Kindern in allem entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte
+Vogelscheuche. Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese auf.
+Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und seine Benützung verboten.
+Jetzt erst kürzlich hatte er es sich einfallen lassen, auf ungesattelten
+Pferden zu reiten.
+
+Sie waren alle ganz sicher, daß der arme Tropf nie mehr als drei Jahre alt
+geworden war, und jetzt überfiel er große Vierzehnjährige und behauptete,
+daß er in einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste.
+
+Ganz unglaubliche Dinge kamen über ihn an den Tag. Er hatte von der Brücke
+Weißfische gefischt, er hatte in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war
+auf die Weide geklettert, die über das Wasser vorhing, und in der es sich
+so behaglich sitzen ließ, ja, er hatte sogar auf Pulvertonnen gelegen und
+geschlafen.
+
+Aber sie waren alle ganz gewiß, daß es keinen Ausweg vor seiner Tyrannei
+gab. Es war eine Erleichterung, sich ausgesprochen zu haben, aber kein
+Heilmittel. Man konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen.
+
+Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder groß wurden und eigne
+Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich Onkel Ruben zunutze zu machen,
+so wie ihre Väter es vor ihnen getan hatten.
+
+Und ihre Kinder wieder, nämlich die Jugend, die heute heranwächst, haben
+die Lektion so gut gelernt, daß es eines Sommers draußen auf dem Lande
+geschah, daß ein fünfjähriges Knirpschen zur alten Großmutter Berta kam,
+die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte, während sie auf den
+Wagen wartete, und sagte:
+
+»Großmutter, du hattest doch einmal einen Bruder, der Ruben hieß.«
+
+»Darin hast du recht, mein kleiner Junge,« sagte Großmutter und stand
+sogleich auf.
+
+Dies war für die gesamte Jugend ein Anblick, als hätten sie einen alten
+Krieger König Karls XII. sich vor König Karls Porträt verneigen sehen. Sie
+hatten nun eine Ahnung, daß Onkel Ruben, wie sehr er auch mißbraucht wurde,
+immer groß bleiben mußte, nur weil er einmal so sehr geliebt worden war.
+
+In unsern Tagen, wo man alle Größe so genau prüft, muß er mit mehr Maß
+verwendet werden als früher. Die Grenze seines Alters ist niedriger; Bäume,
+Boote und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus Stein, was zum
+Sitzen taugt, kann ihm entgehen.
+
+Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich anders gegen ihn als
+die Eltern. Sie kritisieren ihn offen und unverhüllt. Ihre Eltern verstehen
+die Kunst nicht mehr, stummen, ehrfürchtigen Gehorsam einzuflößen. Kleine
+Pensionsmädchen handeln das Thema Onkel Ruben ab und bezweifeln, ob er
+etwas andres als eine Mythe ist. Ein sechsjähriger Jüngling schlägt vor,
+daß man auf experimentalem Wege beweisen solle, daß es unmöglich ist, sich
+auf einer Steinstufe tödlich zu erkälten.
+
+Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im Allerinnersten ebenso
+von Onkel Rubens Größe überzeugt, wie die vorhergehende, und gehorcht ihm
+ebenso wie diese.
+
+Und der Tag wird kommen, wo diese Spötter zu dem uralten Hause ziehen, die
+alte Steinstufe aufsuchen und sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift
+erheben werden.
+
+Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben, aber sobald sie
+herangewachsen sind und eigne Kinder zu erziehen haben, werden sie von dem
+Nutzen und der Notwendigkeit des großen Mannes überzeugt sein.
+
+»Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe, deiner Mutter
+Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hieß. Er starb, als er in deinem Alter
+war, weil er sich auf eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.«
+
+So wird es heißen, so lange die Welt steht.
+
+
+
+
+Das Flaumvögelchen
+
+I
+
+
+Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen fuhren. Ganz deutlich
+sehe ich seinen steifen Zylinder mit der großen geschwungnen Krempe, so wie
+man sie in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine
+Halsbinde. Ich sehe auch sein schönes, glattrasiertes Gesicht mit kleinen,
+kleinen Polissons, seinen hohen steifen Kragen und die anmutige Würde in
+jeder seiner Bewegungen. Er sitzt rechts in der Chaise und faßt gerade die
+Zügel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine Frauenzimmerchen. Gott segne
+sie! Sie sehe ich noch deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale
+kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschließt und unter dem
+Kinn geknüpft ist, das dunkelbraune glattgekämmte Haar und den großen Schal
+mit den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der sie fahren, hat
+natürlich einen Stuhl mit grünen gedrechselten Stäbchen, und natürlich ist
+es das Pferd des Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von
+den kleinen, fetten Braunen.
+
+In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen. Es ist keine
+Vernunft darin, denn sie ist das unbedeutendste kleine, flatternde
+Dingelchen, aber alle die Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie
+fortfährt, das hat mich gefangen. Fürs erste sehe ich, wie Vater und Mutter
+ihr nachschauen, wie sie da in der Tür des Bäckerladens stehen, Vater hat
+sogar Tränen in den Augen, aber Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen.
+Mutter muß ihre Augen benützen, um ihrem Töchterchen nachzusehen, solange
+sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es natürlich fröhliche Grüße von
+den Kindern des Hintergäßchens und schelmische Blicke von allen den
+niedlichen Handwerkertöchtern hinter Fenstern und Türspalten, und
+träumerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und Lehrlingen. Aber alle
+nicken ihr Glückauf und Auf Wiedersehen zu. Und dann kommen unruhige Blicke
+von armen alten Mütterchen, die herauskommen und knixen und die Brillen
+abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in ihrem Staat vorbeifährt. Aber ich
+kann nicht sehen, daß ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein,
+nicht, so lang die Straße ist.
+
+Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch mit dem Ärmel die
+Tränen aus den Augen:
+
+»Sei nur nicht traurig, Mutter!« sagt er. »Du wirst sehen, daß sie sich zu
+helfen weiß. Das Flaumvögelchen, Mutter, weiß sich zu helfen, so klein es
+ist.«
+
+»Vater,« sagt Mutter mit starker Betonung, »du sprichst so seltsam. Warum
+sollte Anne-Marie sich nicht zu helfen wissen? Sie ist so gut wie
+irgendeine.«
+
+»Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter, dennoch. Nein,
+wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer Stelle sein und dorthin fahren, wohin
+sie jetzt fährt! Nein, wahrhaftig nicht!«
+
+»Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du häßlicher alter Bäckermeister,«
+sagt Mutter, die sieht, daß Vater so besorgt um sein Mädchen ist, daß man
+ihn mit einem kleinen Scherz aufmuntern muß. Und Vater lacht, denn das
+Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen. Und dann gehen die Alten
+wieder in den Laden.
+
+Indessen ist das Flaumvögelchen, das kleine Flöckchen, das Seidenblütchen,
+recht guten Muts, wie es da über den Weg fährt. Ein bißchen bange vor dem
+Bräutigam ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumvögelchen vor
+allen Menschen ein bißchen bange, und das kommt ihr zugute, denn darum sind
+alle Menschen nur bestrebt, ihr zu zeigen, daß sie nicht so gefährlich
+sind.
+
+Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie heute. Als sie das
+Hintergäßchen und alle ihre Freunde hinter sich gelassen haben, findet
+sie, daß Moritz förmlich zu etwas Großem anschwillt. Der Hut, der Kragen
+und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte bläht sich. Die
+Stimme wird ihm gleichsam dick im Halse und kommt nur schwer hervor. Sie
+fühlt sich dabei ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine Pracht,
+Moritz so großartig zu sehen.
+
+Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen -- man würde es kaum glauben
+können -- aber Moritz spricht ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht
+ihr, so ist Moritz. Er fragt das Flaumvögelchen, ob sie auch recht
+versteht, was diese Reise für ihn bedeutet. Glaubt sie, daß es sich nur um
+eine Lustfahrt über die Landstraße handelt? Eine sechs Meilen lange Reise
+in der guten Chaise, mit dem Bräutigam daneben, das konnte freilich wie
+eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja auf einen prächtigen
+Landsitz, sollte bei einem reichen Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl
+geglaubt, daß das alles nur ein Spaß war, wie?
+
+Ach, wenn er wüßte, daß sie sich gestern auf diese Fahrt unter langen
+Gesprächen mit Mutter vorbereitet hatte, bevor sie sich niederlegten, und
+mit einer langen Reihe ängstlicher Träume bei Nacht und mit Gebeten und
+Tränen. Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto mehr zu genießen,
+wie weise Moritz ist. Er liebt es, es zu zeigen, und sie gönnt es ihm gern,
+ach wie gern.
+
+»Es ist eigentlich ganz schrecklich, daß du so reizend bist,« sagt Moritz.
+Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen, und das war doch, bei Licht
+besehen, sehr dumm von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit
+einverstanden. Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran denken, was für
+Lärm sie geschlagen hatte, als Moritz ihr mitteilte, daß er sich mit einem
+armen Mädchen aus dem Hintergäßchen verlobt habe, einem Mädchen, das keine
+Erziehung und keine Talente hatte und das nicht einmal schön war, nur
+reizend.
+
+In Moritzens Augen war natürlich die Tochter eines Bäckermeisters
+ebensogut wie der Sohn des Bürgermeisters, aber nicht alle hatten so freie
+Anschauungen wie er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt
+hätte, dann hätte wohl gar nichts aus der ganzen Sache werden können, denn
+er, der nur Student war, hatte ja nichts, woraufhin er heiraten konnte.
+Aber wenn sie nun Onkel für sich zu gewinnen vermochten, dann war alles
+gut.
+
+Ich sehe sie so deutlich, wie sie über die Landstraße fahren. Sie macht
+eine unglückliche Miene, während sie seiner Weisheit lauscht. Aber wie
+vergnügt sie ist in ihren Gedanken! Wie verständig Moritz ist! Und wenn er
+davon spricht, welche Opfer er für sie bringt, dann ist das nur seine Art,
+zu sagen, wie lieb er sie hat.
+
+Und wenn sie erwartet hatte, daß er an einem solchen Tage zu zweien
+vielleicht ein bißchen anders sein würde, als wenn sie daheim bei Mutter
+saßen -- aber das wäre nicht recht von Moritz gewesen -- sie ist nur stolz
+auf ihn.
+
+Er erzählte ihr gerade, was Onkel für ein Mensch ist. Ein so mächtiger Mann
+ist er, daß, wenn er sie nur beschützen will, sie allsogleich im Hafen des
+Glücks gelandet sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hochöfen
+hat er und außerdem Güter und Höfe und Grubenanteile. Und von allem dem ist
+Moritz der direkte Erbe. Aber ein bißchen schwer ist Onkel zu behandeln,
+wenn es jemand ist, der ihm nicht gefällt. Wenn er mit Moritzens Frau nicht
+einverstanden ist, kann er alles jemandem anders hinterlassen.
+
+Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und schmäler, Moritz aber wird
+immer steifer und schwillt förmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, daß
+Anne-Marie Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz. Onkel ist ein ganz
+andrer Mann. Sein Geschmack, ja Moritz hat keine besondre Meinung von
+seinem Geschmack, aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas
+blitzend Rotes, das müßte Onkel gefallen. Außerdem ist er solch ein
+eingefleischter Junggeselle -- findet, daß Frauenzimmer nur lästig sind.
+Aber das einzige, was nötig ist, ist ja nur, daß sie Onkel nicht zu sehr
+mißfällt. Für das übrige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf kein
+Gänschen sein. Weint sie --! Ach, wenn sie nicht mutiger aussieht, wenn sie
+ankommen, dann wird Onkel ihnen beiden schnurstracks den Laufpaß geben. Sie
+ist in ihrem eignen Interesse froh, daß Onkel nicht so klug ist wie Moritz.
+Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz sein, zu denken, daß es gut
+ist, daß Onkel ein ganz andrer Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn
+Moritz Onkel wäre, und zwei arme junge Leutchen kämen zu ihm gefahren, um
+ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann würde ihnen Moritz, der so
+verständig ist, sicherlich raten, jeder zu sich nach Hause zu fahren und
+mit dem Heiraten so lange zu warten, bis sie etwas hätten, wovon sie leben
+könnten. Aber Onkel war gewiß in seiner Weise schrecklich. Er trank so viel
+und gab so große Feste, bei denen es ganz wild herging. Und er verstand es
+gar nicht, hauszuhalten. Er konnte glauben, daß alle Menschen ihn betrogen,
+und ließ sich darüber kein graues Haar wachsen. Und leichtsinnig --! Der
+Bürgermeister hatte ihm durch Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung
+geschickt, die nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm
+sicherlich ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach, wofür er
+sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem Markte in der Stadt
+gestanden und den Gassenjungen Silbermünzen hingestreut. Und in einer Nacht
+ein paar tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit
+Zehnreichstalerbanknoten anzuzünden, das gehörte zu dem Alltäglichsten, was
+Onkel tat.
+
+So fuhren sie, und so plauderten sie, während sie fuhren.
+
+Gegen Abend kamen sie an. Onkels »Residenz«, wie er zu sagen pflegte, war
+keine Fabrik. Sie lag fern von allem Kohlenrauch und allen Hammerschlägen
+auf dem Abhang einer gewaltigen Anhöhe, mit einer weiten Aussicht über Seen
+und langgestreckte Berge. Sie war stattlich angelegt, mit Waldwiesen und
+Birkenhainen ringsherum, aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die
+Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschloß.
+
+Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen hinauf. Sie fuhren
+zuletzt durch ein paar niedrige dichte Tannenhecken, und dann sollten sie
+in den Hof einschwenken.
+
+Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte, war eine Triumphpforte
+errichtet, und da stand Onkel mit seinen Untergebenen und grüßte. Seht, das
+hätte das Flaumvögelchen niemals von Moritz glauben können, daß er ihr
+einen solchen Empfang bereiten würde. Es wurde ihr gleich ganz leicht ums
+Herz. Und sie faßte seine Hand und drückte sie zum Dank. Mehr konnte sie im
+Augenblick nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte.
+
+Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr Theodor Fristedt, groß
+und schwarzbärtig und strahlend von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und
+rief hurra, und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie traten die
+Tränen in die Augen, und zugleich lächelte sie. Und natürlich mußten ihr
+alle vom ersten Augenblick an gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie
+Moritz ansah. Denn sie dachte ja, daß sie alle seinetwegen da seien, und
+sie mußte ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden, nur um ihn anzusehen,
+wie er mit einer großen Geste den Hut abnahm und so schön und königlich
+grüßte. Ach, was für einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel Theodor blieb
+fast im Hurra stecken und geriet in einen Fluch, als er ihn sah.
+
+Nein, das Flaumvögelchen wünschte gewiß keinem Menschen auf Erden etwas
+Böses, aber wenn es wirklich so gewesen wäre, daß das Ganze Moritz gehört
+hätte, so würde es wirklich gut gepaßt haben. Es war weihevoll, zu sehen,
+wie er da auf der Schwelle stand und sich zu den Leuten wendete, um zu
+danken. Onkel Theodor war ja auch stattlich, aber was hatte er für ein
+Auftreten gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm ihren Schal
+und ihren Hut wie ein Bedienter, während Moritz den Hut von seiner weißen
+Stirn lüftete und sagte: »Habt Dank, meine Kinder!« Nein, Onkel Theodor
+hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt von seinen Onkelrechten
+Gebrauch machte und sie in die Arme nahm und küßte und merkte, daß sie
+mitten im Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr häßlich.
+Das Flaumvögelchen war es nicht gewohnt, jemanden abstoßend zu finden, aber
+es würde sicherlich kein leichtes Stück Arbeit sein, Onkel Theodor zu
+gefallen.
+
+»Morgen,« sagt Onkel, »gibt es hier große Mittagsgesellschaft und Ball,
+aber heute sollen sich die jungen Herrschaften von der Reise ausruhen.
+Jetzt essen wir nur zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.«
+
+Sie werden in einen Salon geführt, und da werden sie allein gelassen. Onkel
+Theodor schießt hinaus wie ein Pfeil. Fünf Minuten später fährt er in
+seinem großen Wagen die Allee hinab, und der Kutscher fährt so zu, daß die
+Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang liegen. Es vergehen noch fünf
+Minuten, aber dann ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau
+neben ihm im Wagen.
+
+Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gesprächige Dame führend,
+die er »Frau Bergrätin« nennt. Und diese schließt Anne-Marie gleich in die
+Arme, aber Moritzen begrüßt sie etwas steifer. Und das muß sie ja. Niemand
+kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben.
+
+Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, daß diese gesprächige alte Dame
+gekommen ist. Sie und Onkel haben eine so lustige Art, miteinander zu
+scherzen. Es wird ganz heimlich in dem fremden Hause.
+
+Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt haben, und Anne-Marie
+in ihr kleines Stübchen gekommen ist, geschieht etwas so Peinliches und
+Ärgerliches.
+
+Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab, und das Flaumvögelchen
+merkt, daß Moritz seine Zukunftspläne auseinandersetzt. Onkel scheint gar
+nichts zu sagen, er geht nur und köpft mit seinem Stock Grashalme. Aber
+Moritz wird ihn schon bald zu überzeugen wissen, daß er nichts Besseres tun
+kann, als Moritz eine Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu
+geben, wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben will. Moritz
+hat so viel Sinn fürs Praktische, seit er sich verliebt hat. Er pflegt oft
+zu sagen: »Ist es nicht am besten, wenn ich, da ich doch einmal ein großer
+Gutsbesitzer werden soll, gleich damit anfange, mich in die Dinge
+einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es für mich, das Hofgerichtsexamen zu
+machen?«
+
+Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert sie, zu sehen, daß
+sie dort sitzt, aber da sie sich nicht darum bekümmern, kann niemand
+verlangen, daß sie nicht hören soll, was sie sagen. Es ist wirklich
+ebensosehr ihre Angelegenheit wie die von Moritz.
+
+Da bleibt Onkel Theodor plötzlich stehen, und er sieht böse aus. Er sieht
+ganz wütend aus, findet sie, und sie ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er
+möge sich in acht nehmen. Aber es ist zu spät, denn schon hat Onkel Theodor
+Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert und schüttelt ihn so,
+daß er sich windet wie ein Aal. Dann schleudert er ihn mit solcher Kraft
+von sich, daß Moritz nach rückwärts stolpert und gefallen wäre, wenn er
+sich nicht an einen Baum gestützt hätte. Und da bleibt nun Moritz stehen
+und sagt: »Wie?« Ja, was sollte er wohl sonst sagen?
+
+Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert. Er stürzt sich
+nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm zu kämpfen. Er sieht nur ruhig
+überlegen aus, nur unschuldig erstaunt. Sie versteht, daß er sich
+beherrscht, damit die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie und
+beherrscht sich.
+
+Armer Moritz, es stellt sich heraus, daß Onkel um ihretwillen auf ihn böse
+ist. Er fragt, ob Moritz nicht weiß, daß sein Onkel Junggeselle ist und
+sein Haus ein Junggesellenhaus, daß er seine Braut hergebracht hat, ohne
+ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumvögelchen ist für Moritz
+beleidigt. Mutter hat es sich doch selbst verbeten und gesagt, daß sie die
+Bäckerei nicht verlassen könne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel
+läßt keine Entschuldigungen gelten. -- Na, und die Bürgermeisterin, die
+hätte ihrem Sohn wohl den Gefallen tun können. Ja, wenn sie zu hochmütig
+war, dann hätten sie lieber da bleiben können, wo sie waren. Was würden sie
+denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergrätin nicht hätte kommen können?
+Und wie konnten denn überhaupt Bräutigam und Braut so zu zweien durchs Land
+ziehen! -- So, so, Moritz sei nicht gefährlich. Nein, das hatte er auch nie
+geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gefährlich. -- Na, und dann
+schließlich noch die Chaise, dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht
+das lächerlichste Vehikel in der ganzen Stadt aufgestöbert? Das Kind sechs
+Meilen in einer Chaise zu rütteln, und ihn, Onkel Theodor, eine
+Triumphpforte für solch einen Leiterwagen errichten zu lassen! --
+Wahrhaftig, er hatte nicht übel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu
+nehmen! Onkel Theodor für solch einen alten Karren hurra rufen zu lassen!
+Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert Moritz, der allem dem so
+ruhig standhält. Sie hätte eigentlich nicht übel Lust, sich hineinzumischen
+und Moritz zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, daß es ihm recht wäre.
+
+Und bevor sie einschläft, liegt sie da und rechnet sich vor, was sie alles
+hätte sagen wollen, um Moritz zu verteidigen. Dann schläft sie ein und
+fährt wieder auf, und im Ohr klingt ihr ein altes Rätsel:
+
+ Es steht ein Hund auf einem Stein
+ Und bellt wohl in das Land hinein.
+ Er hieß wie du, wie er, wie sie.
+ Wie hieß er doch, so sag doch wie!
+ Wie hieß der Hund?
+ Der Hund hieß Wie.
+
+Das Rätsel hatte sie als Kind oft geärgert, solch dummer Hund. Aber jetzt
+im Halbschlummer vermengt sie den Hund »Wie« mit Moritz, und es kommt ihr
+vor, daß der Hund seine weiße Stirn hat. Dann lacht sie. Das Lachen kommt
+ihr ebenso leicht an wie das Weinen. Das hat sie von Vater geerbt.
+
+
+II
+
+Wie ist »das« gekommen? Das, was sie nicht beim Namen zu nennen wagt.
+
+»Das« ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras, wie die Farbe in die Rose,
+wie die Süßigkeit in die Beere, unmerklich und hold, ohne sich vorher
+anzukündigen.
+
+Es ist ja auch gleichgültig, wie »das« gekommen ist und was »das« ist. Gut
+oder böse, schön oder häßlich, »das« ist das Verbotene, was es gar nicht
+geben sollte. »Das« macht sie ängstlich, sündhaft, unglücklich.
+
+An »das« will sie nie mehr denken. »Das« muß ausgerissen und
+fortgeschleudert werden, und doch ist es nichts, was sich greifen und
+fangen läßt. Sie verschließt sich davor, und »das« kommt doch herein. »Das«
+treibt das Blut aus ihren Adern und fließt selbst darin, es treibt die
+Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es tanzt durch die Nerven und
+zittert bis in die Fingerspitzen. Es ist überall in ihr, so daß, wenn sie
+alles fortnehmen könnte, woraus der Körper sonst besteht und nur »das«
+übrig ließe, es einen vollen Abdruck von ihr geben würde. Und dennoch war
+»das« nichts.
+
+Nie will sie an »das« denken, und stets muß sie an »das« denken. Wie ist
+sie so schlecht geworden. Und dann forscht sie und grübelt nach, wie »das«
+gekommen ist.
+
+Ach, Flaumvögelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn und wie leicht geweckt
+unser Herz!
+
+Sie war sicher, daß »das« nicht beim Frühstück gekommen war, nein, ganz
+gewiß nicht beim Frühstück.
+
+Da war sie nur ängstlich und scheu gewesen. Es hatte sie so sehr
+erschüttert, als sie zum Frühstück hinabkam und Moritz nicht vorfand, nur
+Onkel Theodor und die Bergrätin.
+
+Es war ja nur klug von Moritz gewesen, daß er auf die Jagd gegangen war,
+obgleich es unmöglich schien, herauszufinden, was er jetzt zur
+Mittsommerzeit jagte, wie auch die Bergrätin bemerkte. Aber er wußte
+natürlich, daß er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden von Onkel
+fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er konnte sich ja gewiß gar nicht
+denken, daß sie so schüchtern war, daß sie beinahe ohnmächtig wurde, als
+sie ihn fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergrätin allein sah.
+Moritz war nie schüchtern gewesen. Er wußte nicht, was für eine Qual das
+war.
+
+Dieses Frühstück, dieses Frühstück! Onkel hatte gleich damit angefangen,
+die Bergrätin zu fragen, ob sie die Geschichte von Sigrid der Schönen
+gehört habe. Er fragte nicht das Flaumvögelchen, und sie wäre auch nicht
+imstande gewesen, zu antworten. Die Bergrätin kannte die Geschichte gut,
+aber er erzählte sie dennoch. Da erinnerte sich Anne-Marie, daß Moritz
+Onkel ausgelacht hatte, weil er in seinem ganzen Hause nur zwei Bücher
+habe, und das waren die Sagen von Afzelius und Nösselts »Allgemeine
+Weltgeschichte für Frauenzimmer«. »Aber die kann er auch,« hatte Moritz
+gesagt.
+
+Anne-Marie hatte die Geschichte schön gefunden. Es gefiel ihr, daß Bengt
+Magnusson Perlen auf den Friesrock nähen ließ. Sie sah Moritz vor sich, wie
+königlich stolz er ausgesehen haben würde, wenn er die Perlen befohlen
+hätte. Das war gerade etwas, was Moritz gut angestanden hätte.
+
+Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erzählt wird, wie Bengt
+Magnusson in den Wald ritt, um der Begegnung mit seinem erzürnten Bruder
+auszuweichen und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen ließ,
+da wurde es ganz deutlich, daß Onkel verstand, daß Moritz nur auf die Jagd
+gegangen war, um seinem Zorn auszuweichen, und daß er wußte, wie sie dasaß
+und daran dachte, ihn zu gewinnen. -- -- Ja, gestern, da hatten sie
+freilich Pläne schmieden können, Moritz und sie, wie sie mit Onkel
+kokettieren würde, aber heute war kein Gedanke daran, sie auszuführen. Ah,
+nie hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut schoß ihr ins Gesicht,
+und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem Geklapper aus ihren Händen auf den
+Teller.
+
+Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern die Geschichte
+fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte kam: »Hätte mein Bruder dies
+nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Das hatte er mit so lustigem
+Tonfall gesagt, daß sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden braunen
+Augen begegnen mußte.
+
+Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah, da hatte er zu lachen
+angefangen wie ein richtiger Junge. »Was glauben Sie, Frau Bergrätin,«
+hatte er gerufen, »daß Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und das
+hörte: >Hätte mein Bruder< ... ich denke, ein nächstes Mal ist er daheim
+geblieben.«
+
+Dem Flaumvögelchen traten die Tränen in die Augen, und als Onkel dies sah,
+begann er immer heftiger zu lachen. »Ja, das ist eine schöne Mittlerin, die
+mein Brudersohn sich da ausgesucht hat,« schien er sagen zu wollen. »Du
+bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines Mädchen.« Und jedesmal,
+wenn sie ihn ansah, hatten die braunen Augen wiederholt: »Hätte mein Bruder
+dies nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Eigentlich war das
+Flaumvögelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht Brudersohn sagten. Und
+nun denke man, wie sie sich betragen hatte. Sie hatte laut zu weinen
+angefangen und war aus dem Zimmer gestürzt.
+
+Aber nicht damals war »das« gekommen, auch nicht auf dem
+Vormittagsspaziergang.
+
+Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war sie ganz hingerissen vor
+Freude über die schöne Besitzung und darüber, der Natur so vertraut nahe zu
+sein. Es war, als hätte sie etwas wiedergefunden, was sie vor langer,
+langer Zeit verloren hatte.
+
+Bäckermamsell, Stadtmädchen, ja dafür hielt man sie. Aber sie war nun auf
+einmal ein Landkind geworden, wie sie nur den Fuß auf den Kiesweg setzte.
+Sie erkannte sogleich, daß sie aufs Land gehörte.
+
+Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich auf eigne Faust
+herausgewagt, um das Gut zu besichtigen. Sie hatte sich unten auf dem
+Kiesplatz vor dem Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut auf
+den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und begann sich hin und her zu
+wiegen. Dann stemmte sie den Arm in die Hüfte und zog Luft in die Lungen
+ein, daß sich die Nasenflügel zusammenzogen und es nur so pfiff.
+
+Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gefühlt!
+
+Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig unten im Garten
+herumzugehen, aber das hatte sie nicht gelockt. Mit einer raschen Wendung
+hatte sie sich zu den großen angebauten Wirtschaftsgebäuden begeben. Sie
+war einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit ihr gesprochen.
+Sie war erstaunt zu hören, wie frisch ihre eigne Stimme klang. Sie war wie
+die eines Leutnants vor der Front. Und sie fühlte, wie flott es sich
+ausnahm, wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt, mit
+raschen, nachlässigen Bewegungen, eine kleine sausende Gerte in der Hand,
+in den Stall trat.
+
+Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte. Keine langen
+Reihen gehörnter Wesen gab es da, denen sie imponieren konnte, denn sie
+waren alle draußen auf der Weide. Ein einsames Kälbchen stand da und schien
+zu erwarten, daß sie etwas für es tun sollte. Sie ging auf das Tierchen zu,
+stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt das Kleid mit der einen Hand
+gerafft und berührte mit der äußersten Spitze der andern die Stirn des
+Kalbes.
+
+Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, daß sie genug getan
+habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte, überließ sie ihm gnädigst
+ihren kleinen Finger zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin können,
+sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser Heldentat zu suchen.
+Und da hatte sie gefunden, daß Onkel Theodor in der Stalltüre stand und
+lachte.
+
+Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet. Aber da kam »das« gewiß
+nicht. Da war nur das höchst Merkwürdige und Seltsame eingetroffen, daß sie
+vor Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm wie mit Mutter, er
+schien alle ihre Fehler und Schwächen zu kennen, und das war ein so ruhiges
+Gefühl. Da brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war.
+
+Onkel Theodor hatte sie in den Garten führen wollen und zu den Terrassen am
+Teich, aber das war nicht nach ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in
+allen diesen großen Gebäuden war.
+
+Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und in den Eiskeller, in den
+Weinkeller und in den Kartoffelkeller. Er nahm alles der Reihe nach durch
+und zeigte ihr die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen
+und die Rollkammer. Dann führte er sie durch den Stall der Arbeitspferde
+und durch den der Wagenpferde, er ließ sie die Sattelkammer und das
+Bedientenzimmer sehen und die Knechtestube und die Werkstatt. Sie war ein
+wenig verwirrt von allen diesen Räumen, die Onkel Theodor nötig gefunden
+hatte, in seinem Hause einzurichten, aber ihr Herz glühte vor Entzücken bei
+dem Gedanken, wie herrlich es sein mußte, über alles das zu walten und zu
+schalten, so daß sie gar nicht müde wurde, obgleich sie auch die
+Schafställe und die Schweineställe durchwanderten und zu den Hühnern und
+den Kaninchen hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer
+und die Molkerei, die Räucherkammer und die Schmiede, alles in wachsender
+Begeisterung. Dann gingen sie über große Dachböden, Trockenböden für Wäsche
+und Trockenböden für Holz, Heuböden und Böden für trocknes Laub, das die
+Schafe zu fressen bekommen.
+
+Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim Anblick aller dieser
+Vollkommenheit zu Leben und Bewußtsein. Aber den tiefsten Eindruck machte
+ihr das große Bräuhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem weiten
+Ofen und den großen Tischen.
+
+»Das sollte Mutter sehen,« sagte sie.
+
+Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht, und sie hatte
+von daheim erzählt. Das konnte sie Onkel gegenüber so leicht. Er war schon
+wie ein Freund, obgleich seine braunen Augen über alles lachten, was sie
+sagte.
+
+Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung. Sie war als Kind
+kränklich gewesen, und darum behüteten die Eltern sie so, daß sie sie gar
+nichts tun ließen. Nur zum Spaß durfte sie mit in der Backstube oder im
+Laden sein ... Und wie sie so erzählte, war es ihr auch herausgerutscht,
+daß Vater sie sein Flaumvögelchen nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie
+auch gesagt: »Zu Hause verwöhnen sie mich alle, außer Moritz, darum habe
+ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er nennt mich auch nie
+Flaumvögelchen, nur Anne-Marie. Moritz ist so vortrefflich.«
+
+Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie hätte ihn mit der Gerte
+schlagen können. Und sie wiederholte noch einmal mit Tränen im Halse:
+»Moritz ist so vortrefflich.«
+
+»Ja, ich weiß, ich weiß,« hatte Onkel da geantwortet. »Er soll ja mein Erbe
+sein.« Worauf sie ausgerufen hatte: »Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie
+nicht? Denken Sie doch, wie glücklich das Mädchen sein müßte, die Frau in
+einem solchen Schlosse wird?«
+
+»Wie stände es dann mit Moritzens Erbe?« hatte Onkel ganz gleichmütig
+gefragt.
+
+Da war sie für lange Zeit ganz verstummt, denn sie konnte Onkel nicht
+sagen, daß sie und Moritz nicht nach dem Erbe fragten, denn das taten sie
+doch gerade. Sie grübelte, ob es sehr häßlich war, daß sie es taten. Sie
+hatte plötzlich das Gefühl, als müßte sie Onkel um Verzeihung bitten für
+irgendein großes Unrecht, das sie ihm angetan habe. Aber das konnte sie
+auch nicht.
+
+Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels Hund entgegen. Das war ein
+kleines, kleines Dingelchen auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden
+Ohrläppchen und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen gellenden
+Stimmchen.
+
+»Du wunderst dich wohl, daß ich einen so kleinen Hund habe,« hatte Onkel
+Theodor gesagt.
+
+»Ja, wirklich,« hatte sie da geantwortet.
+
+»Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund gewählt, sondern Jenny
+hat mich zum Herrn genommen. Willst du die Geschichte hören,
+Flaumvögelchen?« Von dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen.
+
+Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken konnte, daß wieder
+irgendeine Neckerei dahinter steckte.
+
+»Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam, lag sie einer feinen Frau
+aus der Stadt auf dem Schoße und hatte ein Deckchen auf dem Rücken und ein
+Tüchlein um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest du! Und ich
+dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen. Aber siehst du, als das
+Hundeviehchen hier auf den Boden kam, da müssen irgendwelche
+Kindheitserinnerungen in ihm erwacht sein, oder was es nun war. Es kratzte
+und schlug um sich und wollte durchaus die Decke herunterzerren. Und dann
+betrug sich Jenny ganz wie die großen Hunde hier, so daß wir sagten, sie
+müsse ganz gewiß auf dem Lande aufgewachsen sein.
+
+Sie legte sich draußen auf die Schwelle und warf nicht einmal einen Blick
+auf das Salonsofa, und sie jagte die Hühner und stahl die Milch der Katze
+und kläffte die Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch
+kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu sehen, wie sie sich benahm.
+Denke dir doch, solch ein kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat
+und auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich. -- Und dann, weißt
+du, als sie fortfahren sollten, wollte Jenny nicht mit. Sie stand auf der
+Treppe und winselte so jämmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte
+förmlich, denke dir nur, bleiben zu dürfen. So wußten wir uns keinen andern
+Rat, als sie da zu lassen. Wir waren ganz gerührt über dies Hündchen, das
+so klein war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber das hätte
+ich doch nie geglaubt, daß ich mir noch einmal einen Schoßhund halten
+würde, vielleicht bekomme ich auch noch bald eine Frau.«
+
+O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so schüchtern, so unerzogen ist.
+Sie hätte wohl gerne wissen mögen, ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als
+sie so ungestüm fortstürzte. Aber es war ganz, als hätte er sie gemeint,
+als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar nicht. Aber
+immerhin -- -- ja, ja, sie war so verlegen gewesen. Sie hatte nicht bleiben
+können.
+
+Aber nicht damals war »das« gekommen, nicht damals.
+
+So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte sie sich noch so gut auf
+einem Ball unterhalten! Aber wenn jemand gefragt hätte, ob sie viel getanzt
+habe, dann hätte sie sich wohl besinnen und sagen müssen, das habe sie
+nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut sie sich unterhalten
+hatte, daß sie es gar nicht merkte, daß sie ein wenig vernachlässigt worden
+war.
+
+Es war für sie schon eine solche Unterhaltung gewesen, Moritz anzusehen.
+Gerade weil sie beim Frühstück ein kleines, kleines bißchen streng gegen
+ihn gewesen war und gestern abend über ihn gelacht hatte, war es ihr eine
+solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie war er ihr so schön
+und so überlegen vorgekommen.
+
+Er hatte gewiß das Gefühl gehabt, daß sie sich zurückgesetzt fühlte, weil
+er nicht nur mit ihr gesprochen und getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug
+Vergnügen gemacht, zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als ob sie
+ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung hätte ausstellen wollen! Ah, so dumm
+war das Flaumvögelchen nicht!
+
+Moritz tanzte viele Tänze mit der schönen Elisabeth Westling. Aber das
+hatte sie gar nicht beunruhigt, denn Moritz war immer wieder auf sie
+zugekommen und hatte geflüstert: »Du siehst, ich kann da nicht entwischen,
+wir sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem Lande so gar nicht
+gewöhnt, einen Kavalier zu haben, der in der großen Welt gewesen ist und
+tanzen und konversieren kann. Du mußt mich heute abend schon den
+Gutsbesitzerstöchtern leihen, Anne-Marie.«
+
+Aber Onkel ging Moritz gewissermaßen aus dem Wege. »Sei du heut abend
+Hausherr,« sagte er zu ihm, und das war Moritz. Er kam zu allem, er führte
+den Tanz an, führte das Trinken an und hielt Reden auf die schöne Gegend
+und auf die Damen. Er war großartig. Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke
+auf Moritz geheftet, und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte
+Onkel gelächelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich stolz auf Moritz.
+Es hatte sie vorher ein wenig bedrückt, daß Onkel seinen Neffen nicht recht
+zu schätzen wußte. Gegen Morgen war Onkel recht laut und lärmend geworden.
+Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen, aber die Mädchen wichen ihm
+aus, wenn er zu ihnen kam, und taten, als wären sie schon engagiert.
+
+»Tanze mit Anne-Marie,« hatte Moritz zu Onkel Theodor gesagt, und das hatte
+natürlich ein wenig protegierend geklungen. Sie erschrak so sehr, daß sie
+förmlich zusammenfuhr.
+
+Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins Rauchzimmer.
+
+Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit harter, harter Stimme
+gesagt:
+
+»Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mußt du so ein Gesicht
+machen, wenn Onkel mit dir tanzen will? Wenn du nur wüßtest, was er mir
+gestern über dich sagte. Du mußt auch etwas tun, Anne-Marie. Glaubst du,
+daß es recht ist, alles mir zu überlassen?«
+
+»Was willst du denn, daß ich tun soll, Moritz?«
+
+»Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren. Denke, was ich
+heute abend alles gewonnen habe! Aber jetzt ist es verloren.«
+
+»Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du es willst, Moritz.« Und
+sie meinte es auch. Es tat ihr wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben.
+
+»Es wäre natürlich das einzig Richtige, aber von jemandem, der so
+lächerlich schüchtern ist wie du, kann man ja nichts verlangen.«
+
+Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs in das Rauchzimmer
+gegangen, das jetzt beinahe leer war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl
+geworfen.
+
+»Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?« hatte sie gefragt.
+
+Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie auf und sah sie lange
+an. Es war der schmerzvollste Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte
+nun, wie einem Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln denkt.
+Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als brauchte er sie viel
+nötiger als Moritz, denn Moritz brauchte niemanden. Er war so prächtig, wie
+er war. Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf Onkel
+Theodors Arm.
+
+Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen. Er begann mit seiner
+großen Hand ihr Haar zu streicheln. »Mütterchen,« sagte er.
+
+Da kam »das« über sie, während er ihr Haar streichelte. Es kam geschlichen,
+es kam gekrochen, es kam gehuscht und geraschelt, so wie wenn die
+Heinzelmännchen durch den dunklen Wald ziehen.
+
+
+III
+
+Eines Abends liegen feine, weiche Wölkchen am Himmel, eines Abends ist es
+still und lau, eines Abends schweben kleine weiße Fläumchen von Espen und
+Pappeln durch die Luft.
+
+Es ist schon spät, und niemand ist mehr auf, nur Onkel Theodor, der draußen
+im Garten umhergeht und überlegt, wie er den jungen Mann und das junge
+Mädchen voneinander trennen könnte.
+
+Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, daß Moritz an ihrer
+Seite vom Hofe wegfährt, während Onkel Theodor auf der Schwelle steht und
+ihnen glückliche Reise wünscht.
+
+Ist es denn überhaupt möglich, sie ziehen zu lassen, nachdem sie drei Tage
+hindurch das Haus mit zwitschernder Fröhlichkeit erfüllt, nachdem sie sie
+in ihrer stillen Weise daran gewöhnt hat, daß sie für sie alle denkt und
+sorgt, nachdem er sich gewöhnt hat, dies weiche geschmeidige kleine Wesen
+überall umherstreifen zu sehen. Onkel Theodor sagt zu sich selbst, daß das
+nicht möglich ist. Er kann sie nicht mehr entbehren.
+
+In demselben Augenblick stößt er an einen abgeblühten Löwenzahn, und wie
+die Entschlüsse der Menschen und die Versprechungen der Menschen zerstreut
+sich das weiße Flaumbällchen, und die weißen Federchen fliegen eilig davon
+und verschwinden.
+
+Die Nacht ist nicht kalt, wie die Nächte in dieser Gegend zu sein pflegen.
+Die Wärme wird unter der grauen Wolkendecke zurückgehalten. Die Winde
+zeigen ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still.
+
+Onkel Theodor sieht sie, das Flaumvögelchen. Sie weint, weil Moritz sie
+verlassen hat. Aber er zieht sie an sich und küßt die Tränen fort.
+
+Weich und fein fliegen die weißen Fläumchen von den großen reifen Kätzchen
+der Bäume. So leicht, daß die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein
+und zart, daß sie kaum auf dem Boden sichtbar werden.
+
+Onkel Theodor lacht sich ins Fäustchen, als er an Moritz denkt. In Gedanken
+tritt er am nächsten Morgen in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt.
+»Höre, Moritz,« will er ihm sagen. »Ich möchte dir keine falschen
+Hoffnungen machen. Wenn du dieses Mädchen heiratest, so hast du keinen
+Pfennig von mir zu erwarten. Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft
+zu vernichten.«
+
+»Mißfällt sie Ihnen so sehr, Onkel?« wird Moritz dann fragen.
+
+»Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes Mädchen, aber doch nichts für
+dich. Du mußt ein Prachtweib haben wie Elisabeth Westling. Sei nun
+verständig, Moritz, was wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine
+Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst du nicht, mein Junge.
+Dazu ist etwas andres nötig, als den Hut schön zu schwingen und zu sagen:
+>Habt Dank, meine Kinder!< Du bist ja zum Beamten wie geschaffen. Du
+kannst Minister werden.«
+
+»Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, Onkel,« antwortet dann
+Moritz, »so helfen Sie mir doch, mein Examen zu machen, und lassen Sie uns
+dann heiraten!«
+
+»Nein, das nicht, du, das ganz gewiß nicht. Was, glaubst du, würde aus
+deiner Karriere werden, wenn du einen solchen Ballast mitschleppen müßtest,
+wie es eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen muß, galoppiert
+nicht. Denke dir nun die Bäckermamsell als Ministerfrau! Nein, du darfst
+dich nicht vor zehn Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was
+wäre die Folge, wenn ich es euch ermögliche, zu heiraten. Jedes Jahr würdet
+ihr zu mir kommen und um Geld betteln. Und das würdet ihr und ich bald satt
+kriegen.«
+
+»Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe mich doch verlobt.«
+
+»Höre mich nun an, Moritz! Was ist besser? Daß sie zehn Jahre herumgeht und
+auf dich wartet und du sie dann nicht heiraten willst oder daß du gleich
+ein Ende machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in deinen
+Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht. Es schickt sich ja ohnehin
+nicht, daß Bräutigam und Braut so zu zweien über Land ziehen. Ich werde
+schon für das Mädchen sorgen, wenn du nur von diesem Wahnwitz abstehst. Die
+Bergrätin wird sie nach Hause bringen, ich werde den schönsten Wagen
+anspannen lassen. Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen, so daß du
+dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen brauchst. Sieh mal, sei
+verständig, du machst deinen Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise
+jetzt ab, ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen. Sie
+will gewiß deinem Glück nicht im Wege stehen. Versuche nur nicht, sie zu
+treffen, ehe du fährst, sonst könntest du wieder schwankend werden, denn
+sie ist reizend.«
+
+Und nach diesen Worten faßt Moritz einen heldenmutigen Entschluß und reist
+ab.
+
+Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen?
+
+»Schlechter Kerl,« ruft es im Garten laut und drohend, wie nach einem Dieb.
+Onkel Theodor sieht sich um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich
+das selber zuruft?
+
+Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf vorbereiten, daß Moritz
+fort ist, ihr zeigen, daß Moritz ihrer nicht würdig war, sie dahin bringen,
+ihn zu verachten. Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint hat,
+wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig verstehen lassen, was er fühlt,
+sie locken, sie gewinnen.
+
+Die Fläumchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor streckt seine große Hand
+aus und fängt ein Flöckchen auf.
+
+Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und sieht es an.
+
+Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um Flocke. Was wird dann
+mit ihnen geschehen? Sie werden vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt,
+von schweren Füßen zertreten werden.
+
+Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fläumchen mit der größten
+Schwere auf ihn niederfielen. Wer will der Wind, wer will die Erde, wer
+will die Schuhsohle sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt?
+
+Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in Nösselts Weltgeschichte
+steht eine Episode daraus vor ihm, die sich mit dem vergleichen läßt, woran
+er eben gedacht hat.
+
+Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht wie jetzt. Es war ein
+Felsenstrand, und unten am Meere saß ein schöner Jüngling mit einem
+Pantherfell über der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos in
+der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst.
+
+Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah, war Griechenlands Meer.
+Das Schiff mit den schwarzen Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward
+von Theseus gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch in einem
+Absatz der steilen Strandberge öffnete, schlummerte Ariadne.
+
+Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: »Ist wohl der sterbliche
+Jüngling würdig der himmlischen Maid?« Und um Theseus zu prüfen, hatte er
+ihn in einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht, wenn er nicht
+sogleich Ariadne verließ. Da hatte sich dieser ungesäumt erhoben, war zum
+Schiffe geeilt und über die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau zu
+wecken, um ihr Lebewohl zu sagen.
+
+Nun saß Gott Bacchus lächelnd da, von den süßesten Hoffnungen gewiegt und
+harrte Ariadnes. Die Sonne ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er überließ
+sich lächelnden Träumen. Er würde die Verlassene schon zu trösten wissen,
+er, Gott Bacchus selbst.
+
+Da kam sie. Mit strahlendem Lächeln trat sie aus der Grotte. Ihre Augen
+suchten Theseus, sie irrten immer weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes,
+über die Wellen -- -- zu den schwarzen Segeln -- --
+
+Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung, ohne Zaudern, hinab
+ins Meer, hinab in Tod und Vergessenheit.
+
+Und da saß nun Gott Bacchus, der Tröster.
+
+So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor erinnert sich freilich,
+daß Nösselt ein paar Worte hinzufügt, daß mitleidige Dichter behaupten,
+Ariadne hätte sich von Bacchus trösten lassen. Aber die Mitleidigen hatten
+sicherlich unrecht. Ariadne ließ sich nicht trösten.
+
+Lieber Gott, weil sie so gut und süß ist, daß er sie lieben muß, darum soll
+sie unglücklich gemacht werden!
+
+Zum Lohn für das schöne, sanfte Lächeln, das sie ihm geschenkt hat, weil
+ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll in die seine gelegt, weil sie
+nicht gezürnt hat, wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Bräutigam
+verlieren und unglücklich gemacht werden.
+
+Für welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt werden? Weil sie
+ihn dazu gebracht hat, im Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu
+entdecken, der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen ist und
+nur auf solch ein kleines, zartes und mütterliches Frauenwesen gewartet zu
+haben scheint, oder weil sie schon jetzt über ihn Macht hat, so daß er kaum
+wagt, einmal zu fluchen, wenn sie es hört, oder warum soll sie gestraft
+werden?
+
+Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist nicht gut, es mit diesen
+Feinen, Lichten, Daunenweichen zu tun zu haben. -- Sie springen ins Meer,
+wenn sie die schwarzen Segel sehen.
+
+Onkel Theodor flucht in aller Stille darüber, daß das Flaumvögelchen nicht
+schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig ist.
+
+Da fällt wieder ein Flöckchen, und es fängt an zu sprechen: »Ich hätte dir
+all dein Lebtag folgen sollen. Ich hätte dir am Spieltisch eine Warnung ins
+Ohr geflüstert. Ich hätte das Weinglas fortgerückt. Von mir würdest du es
+geduldet haben.« -- »Das hätte ich,« flüstert er, »das hätte ich.«
+
+Ein andres kommt und spricht ebenfalls: »Ich hätte dein großes Haus
+regieren und es traulich und warm machen sollen. Ich hätte dich durch die
+öden Gefilde des Alters geleitet. Ich hätte dein Herdfeuer entzündet, wäre
+dir Auge und Stab gewesen. Würde ich nicht dazu getaugt haben?« -- »Liebes,
+kleines Fläumchen,« antwortet er, »freilich hättest du das.«
+
+Noch ein Flöckchen kommt geflogen, und es spricht: »Wie bin ich doch zu
+beklagen. Morgen fährt mein Bräutigam von mir fort, ohne mir auch nur
+Lebewohl zu sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen, denn
+ich werde es als solch eine Schmach empfinden, daß ich für Moritz nicht gut
+genug bin. Und wenn ich heimkomme, wie werde ich da über meines Vaters
+Schwelle treten können. Das ganze Hintergäßchen entlang wird man flüstern
+und zischeln, wenn ich mich zeige. Alle werden sich fragen, was ich wohl
+Böses verbrochen habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich dafür,
+daß du mich liebst?« Er antwortet mit Tränen in der Kehle: »Sprich nicht
+so, kleines Fläumchen! Es ist noch zu früh, um so zu sprechen.«
+
+Die ganze Nacht geht er draußen umher, und endlich gegen Mitternacht kommt
+ein wenig Dunkelheit. Da gerät er in große Angst, diese dumpfe schwüle Luft
+scheint stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die am Morgen
+begangen werden soll. Da sucht er die Nacht zu beschwichtigen, indem er
+ganz laut sagt: »Ich werde es nicht tun.«
+
+Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht gerät in solch eine zitternde
+Angst. Jetzt sind es nicht mehr die kleinen Fläumchen, die fallen, nein,
+rings um ihn rauschen große und kleine Flügel. Er hört, daß etwas
+entflieht, aber er weiß nicht, wohin.
+
+Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es berührt seine Wange, es streift
+seine Kleider und seine Hände, und er begreift, was es ist. Es sind die
+Blätter, die die Bäume verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln
+entfliehen, die Flügel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der
+Gesang, der die Vögel verläßt.
+
+Und er weiß, daß, wenn die Sonne aufgeht, sein Lustgarten ganz verwüstet
+sein wird. Leerer, kahler, stummer Winter wird da herrschen, kein
+Schmetterlingsspiel, kein Vogelgezwitscher.
+
+Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und er ist beinahe
+erstaunt, als er die dunklen Laubmassen der Ahornbäume sieht. »Ja so,« sagt
+er, »was war es dann, was verwüstet wurde, wenn nicht der Garten? Hier
+fehlt ja nicht einmal ein Grashälmchen. Der Tausend auch, ich selber bin
+es, der fortab durch Kälte und Winter wandern muß, nicht der Garten. Es
+ist, als wäre der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das geht
+wohl auch vorüber, wie alles andre. Das ist doch wahrlich zu viel Aufhebens
+um so ein kleines Frauenzimmerchen.«
+
+
+IV
+
+Wie schrecklich unbescheiden »das« sich an dem Morgen beträgt, wo sie
+fortfahren sollen. An den zwei Tagen, die sie nach dem Balle hier gewesen
+sind, ist »das« eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber
+jetzt, wo das Flaumvögelchen fort soll, wo »das« einsieht, daß es im Ernst
+aus ist, daß es keine Rolle in ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es
+sich in eine Todesschwere, in eine Todeskälte.
+
+Es ist, als müßte sie einen versteinerten Körper über die Treppen hinab ins
+Frühstückszimmer schleppen. Sie streckt eine schwere kalte Hand aus Stein
+aus, als sie grüßt, sie spricht mit einer trägen Steinzunge, sie lächelt
+mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.
+
+Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, daß alles an diesem
+Morgen so abgemacht wird, wie es die gute alte Treue und Ehre erfordert.
+
+Onkel Theodor wendet sich beim Frühstück an das Flaumvögelchen und erklärt
+mit wunderlich ungefüger Stimme, daß er sich entschlossen hat, Moritz die
+Verwalterstelle in der Laxåhütte zu geben; aber da der genannte junge Mann,
+fährt Onkel mit einem angestrengten Versuch, seinen gewöhnlichen
+Gesprächston beizubehalten, fort, in praktischen Beschäftigungen nicht
+allzu bewandert ist, so kann er den Platz nicht früher antreten, ehe er
+nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell Flaumvögelchen,
+ihre Myrte so gut gepflegt, daß sie im September Kranz und Krone tragen
+kann?
+
+Sie fühlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie weiß, daß er einen
+Blick zum Dank haben will, aber sie sieht nicht auf.
+
+Moritz hingegen springt in die Höhe. Er umarmt Onkel und treibt es ganz
+schrecklich. »Aber, Anne-Marie, warum dankst du Onkel nicht? Du mußt Onkel
+Theodor streicheln, Anne-Marie. Die Laxåhütte ist das Herrlichste auf der
+Welt. Nun, Anne-Marie!«
+
+Jetzt schlägt sie die Augen auf. Es stehen Tränen darin, und durch diese
+fällt auf Moritz ein Blick, voll Angst und Vorwurf. Daß er nicht versteht,
+daß er durchaus mit bloßem Licht in den Pulverkeller gehen muß.
+
+Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in der schüchternen,
+kindlichen Art wie zuvor, sondern mit einer gewissen Grandezza im Benehmen,
+mit etwas von einer Märtyrerin, einer gefangnen Königin.
+
+»Sie tun zu viel für uns, Onkel,« sagt sie nur.
+
+Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und des Anstandes abgemacht.
+Es ist kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den
+Glauben an den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht verraten.
+Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner Braut gemacht hat, obgleich sie
+nur ein armes Mädchen aus einem kleinen Bäckerladen im Hintergäßchen ist.
+
+Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack geschnürt, der Eßkorb
+gefüllt werden.
+
+Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich an das Fenster. Von
+dem Moment an, wo sie sich mit jenem tränenvollen Blick ihm zugewendet hat,
+ist er ganz von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu
+stürzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, er möge nur
+kommen und sie von dort losreißen, wenn er es kann.
+
+Er hält die Hände in den Taschen. Durch die geballten Fäuste gehen
+krampfhafte Zuckungen.
+
+Kann er es zulassen, daß sie den Hut aufsetzt, daß sie der Bergrätin
+Lebewohl sagt?
+
+Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und will die Geliebte stehlen.
+Nein, nicht stehlen! Warum nicht ehrlich und männlich vortreten und sagen:
+»Ich bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen uns wählen. Ihr
+seid noch nicht verheiratet, es ist keine Sünde, wenn ich versuche, sie dir
+abwendig zu machen. Hüte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.«
+
+Dann wäre er ja gewarnt, und sie wüßte, wonach sie sich zu richten hätte.
+
+Es knackt in den Knöcheln, als er wieder die Fäuste ballt. Wie würde Moritz
+über den alten Onkel lachen, wenn er vorträte und dies erklärte! Und wozu
+sollte es dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann nicht einmal
+mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu helfen?
+
+Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, um ihm Lebewohl zu
+sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, sich zu hüten, sich auf drei
+Schritt Entfernung von ihm zu halten.
+
+Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den Rücken, während sie mit
+dem Ankleiden und dem Füllen des Eßkorbes beschäftigt sind. Werden sie denn
+nie fertig? Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr die Hand
+gegeben, sie geküßt, ihr in den Wagen geholfen. Er hat es so oft getan, daß
+er sie schon fort glaubt.
+
+Er hat ihr auch Glück gewünscht. Glück ... Kann sie mit Moritz glücklich
+werden? Sie hat diesen Morgen nicht glücklich ausgesehen. O, doch gewiß.
+Sie weinte ja vor Freude.
+
+Während er so dasteht, sagt Moritz plötzlich zu Anne-Marie: »Was für ein
+Dummkopf ich bin. Ich habe ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien
+zu sprechen.«
+
+»Ich denke, es wäre am besten, du ließest es,« antwortet das
+Flaumvögelchen. »Es ist vielleicht nicht recht.«
+
+»Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade augenblicklich nichts.
+Aber wer weiß, ob sie nicht eines Tages besser werden? Und übrigens, was
+macht das Onkel? Solch eine Kleinigkeit ...«
+
+Sie unterbricht mit ungewöhnlicher Heftigkeit, beinahe mit Angst. »Ich
+bitte dich, Moritz, tue es nicht! Laß mich dieses einzige Mal recht
+behalten.«
+
+Er sieht sie an, ein bißchen verletzt. »Dieses einzige Mal. Als wenn ich
+dir gegenüber ein Tyrann wäre. Nein, weißt du, das kann ich nicht, schon
+dieses Wortes wegen finde ich, daß ich nicht nachgeben darf.«
+
+»Hänge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt es sich um mehr als um
+Höflichkeit und Phrasen. Ich finde es nicht schön von dir, Onkel
+übervorteilen zu wollen, wo er so gut gegen uns war.«
+
+»Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst du von Geschäften?«
+-- Sein ganzes Wesen ist noch aufreizend ruhig und überlegen. Er sieht sie
+an, wie ein Schulmeister einen guten Schüler, der sich gerade am
+Prüfungstage dumm anstellt.
+
+»Daß du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,« ruft sie aus. Und sie
+ringt verzweifelt die Hände.
+
+»Ich muß wirklich jetzt mit Onkel sprechen,« sagt Moritz, »wennschon aus
+keinem andern Grunde, so um ihm zu zeigen, daß es sich hier um keinen
+Betrug handelt. So wie du dich benimmst, könnte Onkel wirklich glauben, daß
+wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken sind.«
+
+Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklärt ihm, welche Bewandtnis es mit
+diesen Aktien hat, die sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hört so
+gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, daß sein Bruder, der
+Bürgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht hat und sich vor
+Verlusten schützen will. Aber was weiter, was weiter? Solche Gefälligkeiten
+pflegt er ja der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er nicht
+daran, sondern an das Flaumvögelchen. Er wüßte zu gern, was in dem empörten
+Blick liegt, den sie Moritz zuwirft. Liebe war es gerade nicht.
+
+Und nun mitten in seiner Verzweiflung über das Opfer, das er bringen mußte,
+beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl vor ihm aufzudämmern. Er steht da und
+starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo ein Geist umgeht, liegt
+und sieht, wie ein heller Nebel aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet
+und wächst und zu greifbarer Wirklichkeit wird.
+
+»Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,« sagt er, »dann kannst du das Geld
+gleich haben.«
+
+Aber während er spricht, ruht sein Blick auf dem Flaumvögelchen, um zu
+sehen, ob »das Geistchen« zum Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht
+er nur stumme Verzweiflung bei ihr.
+
+Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die Türe sich öffnet und
+Anne-Marie hereinkommt.
+
+»Onkel Theodor,« sagt sie sehr fest und entschlossen, »kaufen Sie doch
+diese Papiere nicht.«
+
+Ach, welcher Mut, Flaumvögelchen! Wer, der dich vor drei Tagen an Moritzens
+Seite im Wagen sah, wo du bei jedem Wort, das er sagte,
+zusammenzuschrumpfen und immer kleiner zu werden schienst, hätte dir so
+etwas zugetraut?
+
+Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird Moritz ernstlich
+böse.
+
+»Schweig,« zischt er sie an und brüllt darauf, um von Onkel Theodor, der am
+Pult sitzt und Banknoten zählt, richtig gehört zu werden. »Was fällt dir
+denn ein? Die Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt,
+aber Onkel weiß ebensogut wie ich, daß sie welche tragen werden. Glaubst
+du, daß Onkel sich so von einem, wie ich, übers Ohr hauen läßt? Onkel wird
+von diesen Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. Ist es je
+meine Absicht gewesen, diese Aktien für gut auszugeben? Habe ich je etwas
+andres gesagt, als für jemanden, der in der Lage ist, zu warten, könne dies
+ein gutes Geschäft werden?«
+
+Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein paar Banknoten. Er
+möchte wissen, ob dies den Geist zum Sprechen bringen wird.
+
+»Onkel,« sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverkünderin -- denn es ist
+ja eine bekannte Sache, daß niemand unerbittlicher sein kann, als diese
+Daunenweichen, diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind -- »diese
+Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden nie etwas wert sein. Das
+wissen wir zu Hause alle.«
+
+»Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken --«
+
+Sie fährt mit den Augen über ihn hin, so, als wären ihre Blicke die
+Schneiden einer Schere, und sie schneidet ihm Lappen um Lappen alles ab,
+womit sie ihn herausstaffiert hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen
+Nacktheit seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fällt ihr
+schreckliches kleines Zünglein das Urteil über ihn:
+
+»Was bist du denn anders?«
+
+»Anne-Marie!«
+
+»Ja, was sind wir alle beide anders,« fährt das unbarmherzige Zünglein
+fort, das, nun es in Gang ist, es am besten findet, die Dinge klarzulegen,
+die ihr Gewissen zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, daß
+auch der reiche Mann, dem dieses große Schloß gehört, ein Herz hat, das
+leiden und sich sehnen kann. Und nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang
+ist und alle Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:
+
+»Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten wir da? Wovon
+sprachen wir auf dem Wege? Wie wir ihn dort für uns gewinnen wollten. >Du
+mußt flott sein, Anne-Marie,< sagtest du. >Und du mußt schlau sein,
+Moritz,< sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. Viel
+wollten wir haben, und nichts wollten wir geben, nichts andres als
+Verstellung. Wir wollten nicht sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns
+lieb haben, sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel in dich
+oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. Aber wir wollten nichts
+zurückgeben, weder Liebe noch Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum
+bist du nicht allein gefahren, warum mußte ich mit? Du wolltest mich ihm
+zeigen, du wolltest, daß ich, daß ich ...«
+
+Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz die Hand gegen sie
+erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet und verfolgt das, was geschieht,
+mit einem Herzen, das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flöge sein Herz
+nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt aufschreit und in seine
+Arme flieht, in seine Arme flieht ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gäbe
+es keinen andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen könnte.
+
+»Onkel, er will mich schlagen!«
+
+Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.
+
+Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. »Verzeih meine Heftigkeit,
+Anne-Marie,« sagt er. »Es regte mich auf, dich in Onkels Gegenwart so
+kindisch sprechen zu hören. Aber Onkel wird auch verstehen, daß du eben nur
+ein Kind bist. Dennoch gebe ich zu, daß keine, wenn auch noch so gerechte
+Empörung einem Manne das Recht gibt, eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her
+und küsse mich. Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu suchen.«
+
+Sie rührt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie klammert sich nur fest.
+
+»Flaumvögelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?« flüstert Onkel Theodor.
+
+Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch seinen ganzen Körper
+durcheilt.
+
+Aber Onkel Theodor fühlt sich so frisch, so gehoben. Er ist jetzt ganz
+außerstande, den vollkommenen Neffen wie früher im richtigen Licht seiner
+Vollkommenheit zu sehen. Er wagt es, mit ihm zu scherzen.
+
+»Moritz,« sagt er, »du überraschst mich. Die Liebe macht dich schwach.
+Kannst du so mir nichts dir nichts verzeihen, daß sie dich einen Schurken
+nennt? Du mußt sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an deine
+Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, einen Mann zu
+beleidigen. Setze dich in deine Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses
+verlorne Wesen von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit nach
+einer solchen Beschimpfung.«
+
+Und während er seine Rede beschließt, legt er seine großen Hände um ihr
+Köpfchen und richtet es empor, so daß er ihre Stirn küssen kann.
+
+»Verlasse dieses verlorne Wesen,« wiederholt er.
+
+Aber jetzt fängt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, wie es in Onkel
+Theodors Augen funkelt, und wie ein Lächeln nach dem andern um seine Lippen
+spielt.
+
+»Komm, Anne-Marie.«
+
+Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie sich angelobt hat.
+Es ist, als müßte sie gehen. Und sie läßt Onkel Theodor so hastig los, daß
+er es nicht verhindern kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen,
+darum gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und schluchzt.
+
+»Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,« sagt Onkel Theodor
+scharf. »Diese junge Dame ist bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und
+ich gedenke sie vor deinen Übergriffen in Schutz zu nehmen.«
+
+Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur darauf bedacht, sie
+emporzuziehen, ihre Tränen zu trocknen und ihr zuzuflüstern, daß er sie
+liebt.
+
+Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre tröstend, ruft
+aus: »Ach, das ist alles abgekartet. Ich bin betrogen. Das ist eine
+Komödie. Man stiehlt mir meine Braut, und man verhöhnt mich obendrein. Man
+läßt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. Ich beglückwünsche
+dich zu diesem Handel, Anne-Marie.«
+
+Und während er hinausstürzt und die Türe zuwirft, ruft er aus:
+»Glückssucherin!«
+
+Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm nachzueilen und ihn zu
+züchtigen, aber das Flaumvögelchen hält ihn zurück.
+
+»Ach, Onkel Theodor, laß doch immerhin Moritz das letzte Wort behalten.
+Moritz hat immer recht. Eine Glückssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel
+Theodor.«
+
+Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Und
+Onkel Theodor ist ganz verwirrt, eben weinte sie noch und jetzt lacht sie,
+eben sollte sie den einen heiraten und jetzt küßte sie einen andern. Da
+hebt sie das Köpfchen und lächelt: »Jetzt bin ich dein kleines Hündchen. Du
+kannst mich nicht loswerden.«
+
+»Flaumvögelchen,« sagt der Gutsherr mit seiner barschesten Stimme. »Das
+hast du schon die ganze Zeit gewußt.«
+
+Sie begann zu flüstern: »Hätte mein Bruder ...«
+
+»Und du wolltest doch, Flaumvögelchen ... Moritz kann froh sein, daß er
+dich los wird. Solch ein dummes, lügnerisches, heuchelndes Flaumvögelchen,
+solch ein ungerechtes, kleines, wetterwendisches Fläumchen, solch ein,
+solch ein ...«
+
+ * * * * *
+
+Ach Flaumvögelchen, ach Seidenblümchen! Du warst wohl nicht nur eine
+Glückssucherin, du warst wohl auch eine Glücksbringerin, sonst würde wohl
+nicht so viel von deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du
+gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von großen Ahornen beschattet, und
+die Birkenstämme stehen weiß und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel
+da. Noch heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem Hügel, und im
+Parkteich schwimmt ein Kühling, der so alt ist, daß kein Junge es über das
+Herz bringt, ihn zu angeln. Und wenn ich hinkomme, da fühle ich, daß
+Feierfriede in der Luft liegt, und es ist, als sängen Vögel und Blumen noch
+ihre schönen Lieder dir zum Preise.
+
+
+
+
+Unter den Kletterrosen
+
+
+Ich wollte, daß die Blicke der Menschen, unter denen ich meinen Sommer
+verlebt habe, auf diese Zeilen fielen. Jetzt, wo Kälte und dunkle Nächte
+gekommen sind, möchte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit
+zurückführen.
+
+Vor allem möchte ich sie an die Kletterrosen erinnern, die die Veranda
+umschlangen, an das feine, ein wenig dünne Laubwerk der +Rosa bengalensis+,
+das sich beim Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen Schatten auf
+dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und einen leichten Spitzenschleier
+über alles dort draußen warf, und an ihre großen lichten Riesenblumen mit
+den ausgefransten Rändern.
+
+Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an Birkenwälder oder an
+Birnbäume und Beerensträucher, aber dieser Sommer hat seinen Charakter von
+den Kletterrosen bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder Wind noch
+Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgrünen Schößlinge, die sanft
+geneigten Stämmchen, der überschwengliche Reichtum an Blumen, die fröhlich
+summende Insektenschar, alles das wird mich begleiten und in seiner ganzen
+Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an den Sommer zurückdenke, den
+zarten, feinen Schmelz des Sommers.
+
+Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich
+meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner
+Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus tagein auf
+der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnenschein
+eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten.
+
+Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend
+bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit
+ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen,
+wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Bürde an sich
+drückend, flatterte sie fort zum Parke und ließ sich auf einem alten
+Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle
+Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte.
+In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfüßler
+je gewagt hatten, breitete sie die grüne Blattrolle aus und bedeckte den
+holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war,
+holte die Biene wieder neue Blätter, um die Wände des Schachtes zu
+bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen
+Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der
+bezeugte, daß es zur Ausschmückung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte
+beitragen müssen.
+
+Eines schönen Tages änderte das Bienchen seine Beschäftigung. Es bohrte
+sich tief in die Blätterwirrnis der Riesenrosen und schlürfte und trank aus
+ihren schönen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es einen
+Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu dem alten Baumstumpf, um
+die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu füllen.
+
+Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die draußen in der
+Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz
+unvergleichliche Spinne. Sie war größer als alles, was ich bisher vom
+Spinnengeschlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich
+punktierten Kreuz auf dem Rücken, und sie hatte acht lange, weiß und rot
+gestreifte Beine, alle gleich schön gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne
+sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. Von
+den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt dienten, bis zu den
+innersten feinen Webfäden. Und ihr hättet sehen sollen, wie sie den
+schmalen Fäden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren
+Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig,
+stundenlang wartend.
+
+Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so geduldig und so
+weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmützel mit der Tapezierbiene,
+und immer zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus der Affäre.
+Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeiführte, blieb einmal ums andre in
+ihrem Netz hängen. Sogleich begann sie zu surren und zu reißen, sie zerrte
+an dem feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natürlich zur Folge
+hatte, daß sie sich immer ärger und ärger verwickelte und Flügel und
+Beinchen in das klebrige Gewebe verstrickte.
+
+Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die Spinne zu ihr heran.
+Sie hielt sich immer in gebührlicher Entfernung, aber mit der äußersten
+Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene einen
+kleinen Stoß, so daß sie sich im Netz herumdrehte. Und wenn die Biene
+wieder herumgeschnurrt und sich müde gerast hatte, bekam sie abermals einen
+ganz sachten Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie sich wie ein
+Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein noch aus wußte und so
+verwirrt war, daß sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem
+Herumschwingen drehten sich die Fäden, die sie hielten, immer mehr
+zusammen, und die Spannung wurde so groß, daß sie rissen und die Biene zu
+Boden fiel. Ja, das war es natürlich, was die Spinne gewollt hatte.
+
+Und dieses Kunststück konnten die beiden Tag für Tag wiederholen, solange
+die Biene in der Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer
+es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie zeigte die
+Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie wirklich alle beide gerne leiden,
+die kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie die große schlaue alte
+Jägerin.
+
+Es begaben sich nicht oft große Ereignisse in dem Hause mit den
+Kletterrosen. Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der
+Sonne liegen und blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und zu
+umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu können, aber bei
+jedem kleinen Gekräusel des grauen Spiegels flogen tausende kleine Fünkchen
+auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wäre die
+ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus könnte. Und so war auch das
+Sommerleben dort draußen; es war gewöhnlich ganz still, aber kam nur das
+allergeringste kleine Gekräusel -- ach, wie konnte es da schimmern und
+glitzern.
+
+Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh zu machen. Eine Blume oder
+ein Vogel konnte uns Heiterkeit für mehrere Stunden bringen, von der
+Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie
+seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde.
+
+Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen und die Spinne hatte
+ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tüchtig festgesessen, so
+daß sie sich ungeheuer lange herumdrehen mußte und ganz zahm und gebändigt
+war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob das Netz
+großen Schaden genommen habe. Das hatte es glücklicherweise nicht, dagegen
+saß eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales Untier, das
+nur aus Kiefern und Krallen bestand, und ich war erregt, wirklich erregt,
+als ich es erblickte.
+
+Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maikäfer, die zu Tausenden die
+Blumen hinaufkriechen und sich unter ihren Kronenblättern verstecken?
+Kannte ich sie nicht und bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen
+schlauen Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten, und wenn
+es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene kommt, in deren schwarzgelbem
+Pelz sie sich verbergen können? Und wußte ich nicht von ihrer
+hassenswürdigen Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin
+einen Raum mit Honig gefüllt und auf dessen Oberfläche das Ei gelegt hat,
+aus dem der richtige Eigentümer der Zelle und des Honigs hervorkommen soll,
+gerade da auf das Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf
+sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen sie in den Honig hinab,
+so müßten sie ertrinken. Und während die Biene das fingerhutähnliche
+Nestchen mit einem grünen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges einschließt,
+schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern das Ei auf und verzehrt
+dessen Inhalt, während die Eischale noch immer als Nachen auf dem
+gefährlichen Honigsee dienen muß.
+
+Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding platt und groß und kann
+selbst auf dem Honig schwimmen und davon trinken, und wenn die Zeit sich
+erfüllt hat, kommt ein fetter schwarzer Maikäfer aus der Bienenzelle. Aber
+das ist es sicherlich nicht, was das kleine Bienchen mit seiner Arbeit
+erreichen wollte, und wie schlau und behend der Maikäfer sich auch betragen
+hat, so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer, der keine
+Barmherzigkeit verdient.
+
+Und meine Biene, meine kleine, fleißige Herzensbiene, war mit solch einem
+gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen. Aber während die Spinne sie im
+Kreise gedreht hatte, hatte er sich losgelöst und war in das Netz
+gefallen, und jetzt kam die große Gelbrote und gab ihm einen Biß mit ihrem
+Giftzahn und verwandelte ihn in einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben
+und Inhalt.
+
+Und als die kleine Biene zurückkam, war ihr Surren wie eine Lobhymne an das
+Leben.
+
+»O du schönes Leben!« sagte sie. »Ich danke dir, daß auf mein Los die
+fröhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein gefallen ist. Ich danke dir,
+daß ich dich ohne Angst und Furcht genießen kann. Wohl weiß ich, daß
+Spinnen lauern und Maikäfer stehlen, aber mein ist die fröhliche Arbeit und
+die mutige Sorglosigkeit. O du schönes Leben, du herrliches Dasein!«
+
+
+
+
+Die Grabschrift
+
+
+Heute beachtet gewiß keine Menschenseele das kleine Kreuzlein, das in einer
+Ecke des Svartsjöer Friedhofs steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran
+vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht wunderlich,
+daß keiner es bemerkt. Es ist so niedrig, daß Klee und Glockenblumen ihm
+bis über die Arme reichen und Timotheusgras darüber wächst. Auch nimmt sich
+keiner die Mühe, die Inschrift zu lesen, die da steht. Die weißen
+Buchstaben sind heute fast gänzlich vom Regen verwischt, und es scheint nie
+jemand einzufallen, sie zu Worten zusammenzufügen.
+
+Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz hat seinerzeit viel
+Staunen und Verwunderung erweckt. Eine Zeitlang konnte niemand den Fuß auf
+den Svartsjöer Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen. Und bekommt
+ein Mensch aus jener Zeit es heute zu Gesicht, so sieht er sogleich eine
+ganze Geschichte vor sich ...
+
+Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsjö in Winterschlummer versenkt und mit
+glattem, weißem Schnee bedeckt, der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht
+dort so aus, daß es kaum menschenmöglich ist, sich zurechtzufinden. Man muß
+nach dem Kompaß gehen, wie auf dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied
+zwischen Strand und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die Erde,
+die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die Köhlerleute, die auf großen
+Moorflächen und nackten Bergfirsten hausen, können sich einbilden, daß sie
+über ebensoviel gepflügten und bebauten Boden geböten wie der reichste
+Großbauer.
+
+Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den grauen Zäunen verlassen und
+abenteuern nun über die Wiesen und den Fluß entlang. Selbst drinnen
+zwischen den Gehöften kann man leicht verwirrt werden. Man kann plötzlich
+entdecken, daß der Weg zum Brunnen quer über die Spireahecke des kleinen
+Rosenbeets gelegt ist. Aber nirgends ist es so unmöglich, sich
+zurechtzufinden, wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer,
+die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz überschneit, so daß er jetzt völlig mit
+diesem zusammenfließt. Zweitens ist der Kirchhof jetzt nur noch ein großes,
+weißes Feld: nicht die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verrät die
+vielen Anhöhen und Hügelchen des Totenackers.
+
+Auf den meisten Gräbern stehen Eisenkreuze, an denen dünne, kleine Herzen
+hängen, die im Sommer der Wind bewegt. Jetzt sind sie alle überschneit.
+Diese kleinen Eisenherzen können nicht mehr ihre wehmütigen Weisen von
+Schmerz und Sehnen erklingen lassen.
+
+Leute, die drinnen in den Städten auf Arbeit waren, haben für ihre Toten
+daheim Trauerkränze mit Blumen aus Perlen und Blättern aus Eisenblech
+mitgebracht, und diese Kränze stehen so in Achtung, daß sie auf den Gräbern
+in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind auch sie unter dem Schnee
+verborgen und begraben. Nun ist das Grab, das solchen Schmuck trägt, um
+nichts vornehmer als irgendein andres.
+
+Ein paar Schneebeerenbüsche und Fliederhecken ragen aus der Schneedecke
+empor, allein die meisten sind verborgen. Die nackten Zweige, die aus dem
+Schnee hervorkommen, sind einander wunderlich gleich. Sie können dem nicht
+zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe zurechtzufinden sucht.
+Alte Mütterchen, deren Brauch es ist, allsonntäglich einzutreten, um einen
+Blick auf die Gräber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees wegen
+nicht weiter als ein Stück über den Hauptweg hinaus. Dort bleiben sie
+stehen und versuchen zu erraten, wo »das Grab« liegen mag. Ist es bei
+diesem Busch oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem Schmelzen des
+Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der Entrissene so unsagbar weit von
+ihnen entfernt, seit sie die Stelle nicht mehr sehen können, wo er in die
+Erde versenkt worden ist.
+
+Da sind auch ein paar große Steine, die sich über den Schnee erheben. Aber
+es sind ihrer so wenige. Und der Schnee hängt über ihnen, so daß man den
+einen nicht vom andern unterscheiden kann.
+
+Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er führt den Hauptgang
+entlang zu einem kleinen Leichenhause. Soll jemand begraben werden, so wird
+der Sarg in das Leichenhaus getragen, und dort hält der Pfarrer die
+Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung vor. Es ist nicht daran zu
+denken, daß der Sarg in die Erde kommen könnte, solange dieser Winter
+währt. Er muß im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter sendet und
+der Boden wieder zugänglich wird für Hacke und Spaten.
+
+Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und der Kirchhof ganz
+unzugänglich ist, stirbt ein Kind beim Hüttenherrn Sander auf dem Werke
+Lerum.
+
+Das ist ein großes Werk, Lerum, und Hüttenherr Sander ist ein mächtiger
+Mann. Er hat sich erst jüngst ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen
+lassen. Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter dem Schnee
+verborgen ist. Es ist von einem behauenen Steinrand und einer dicken
+Eisenkette umgeben; mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den
+Namen trägt. Dort steht das eine Wort Sander mit großen Lettern
+eingegraben, die über den ganzen Kirchhof leuchten.
+
+Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begräbnis zur Sprache kommt, sagt
+der Hüttenherr zu seiner Frau:
+
+»Ich will nicht, daß dieses Kind in meinem Grabe liege!«
+
+Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der Speisesaal auf Lerum, und
+da sitzt der Hüttenherr am Frühstückstisch und ißt allein, wie er zu tun
+pflegt. Seine Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster, von wo
+sie die Aussicht über den See und die birkenbestandnen Inselchen hat.
+
+Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann dieses sagt, werden ihre
+Augen auf einmal trocken. Die ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken
+zusammen, sie beginnt zu zittern, als fühle sie starke Kälte.
+
+»Was sagst du, was sagst du?« fragt sie. Und sie spricht wie einer, der vor
+Kälte klappert.
+
+»Es widerstrebt mir,« sagt der Hüttenherr. »Vater und Mutter liegen da, und
+auf dem Steine steht Sander. Ich will nicht, daß dieses Kind dort liege.«
+
+»Ah so, _das_ hast du dir ausgeheckt?« sagt sie und schauert dabei
+fortwährend zusammen. »Ich wußte wohl, daß du dich einmal rächen würdest.«
+
+Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und steht breit und
+groß vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht, seinen Willen mit vielen
+Worten zu ertrotzen. Aber sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht,
+daß er seinen Sinn nicht ändern kann. Der ganze Mann ist schwere,
+unerschütterliche Halsstarrigkeit.
+
+»Ich will mich nicht rächen,« sagt er, ohne die Stimme zu erheben. »Ich
+kann es nur nicht ertragen.«
+
+»Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn aus einem Bett in das
+andre zu legen,« sagt sie. »Und er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich
+sein, wo er liegt. Aber _ich_ bin dann eine Verlorne.«
+
+»Ich habe auch daran gedacht,« sagt er, »aber ich kann nicht.«
+
+Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet sind, brauchen nicht
+viel Worte, um sich zu verstehen. Sie weiß schon, daß es ganz zwecklos
+wäre, wollte sie versuchen, ihn umzustimmen.
+
+»Warum mußtest du mir damals verzeihen?« sagt sie und ringt die Hände.
+»Warum ließest du mich auf Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir,
+du wollest mir vergeben?«
+
+Er weiß bei sich, daß er ihr nicht schaden will. Er kann nichts dafür, daß
+er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht angelangt ist. »Sag den Nachbarn,
+was du willst,« sagt er. »Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser im
+Grabe, oder sage, es sei nicht Raum für mehr Särge als die von Vater und
+Mutter und meinen und deinen.«
+
+»Und das sollen sie glauben?«
+
+»Du mußt dir helfen, so gut du kannst,« sagt er.
+
+Er ist nicht böse, sie sieht, daß er es nicht ist. Es ist, wie er selbst
+sagt. Er kann sich darin nicht überwinden.
+
+Sie rückt sich höher in den Stuhl hinauf, verschränkt die Arme hinter dem
+Kopf und sitzt und starrt zum Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das
+Entsetzliche ist, daß es so viel im Leben gibt, was einen überwältigt. Vor
+allem ist es furchtbar, daß in einem selbst Mächte emporsteigen, die man
+nicht lenken kann. Vor einigen Jahren, als sie schon eine besonnene,
+verheiratete Frau war, kam die Liebe über sie. So eine Liebe! Es war nicht
+daran zu denken, daß sie sie hätte regieren können. Und was nun Gewalt über
+ihren Mann bekam, -- war es Rachbegier? Er ist ihr nie böse gewesen. Er hat
+ihr sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. »Du bist von Sinnen
+gewesen,« hat er gesagt und hat sie weiter als seine Gattin leben lassen.
+
+Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, daß man vergebe, es mag
+doch schwer genug fallen, es zu tun. Vor allem ist es schwer für einen
+Mann, der tiefsinnig und schwerblütig ist, der niemals vergißt und niemals
+aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen sitzt etwas, das hungert
+und danach schreit, sich sättigen zu dürfen an eines andern Leid. Ein
+wunderliches Gefühl hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen wäre,
+wenn er damals so gezürnt hätte, daß er sie geschlagen hätte. Dann hätte er
+nachher wieder gut werden können. Nun geht er umher und ist mürrisch und
+verdrossen, und sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an der
+Deichsel. Sie weiß, daß hinter ihr einer sitzt, der die Peitsche in der
+Hand hält, -- wenn er sie auch nicht gebraucht. Und nun hat er sie
+gebraucht. Nun ist sie eine Verlorne.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschen sagen, daß sie nie einen Schmerz gesehen hätten, wie den
+ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild. In diesen Tagen vor dem Begräbnis
+weiß man nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unmöglich, zu wissen, ob sie
+höre, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr spricht. Sie scheint keinen
+Hunger zu fühlen, sie scheint draußen in der bittern Kälte gehen zu können,
+ohne zu frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz, was
+sie versteinert, es ist Angst.
+
+Sie denkt nicht daran, am Begräbnistag daheim zu bleiben. Sie _muß_ mit zum
+Friedhofe, sie _muß_ mit im Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, daß
+alle, die dem Sarge folgen, glauben, daß die Leiche zu dem großen
+Sanderschen Grabe geführt werde. Sie denkt, daß sie unter der Verwunderung
+und dem Staunen, das sich gegen sie wenden werde, zusammenbrechen müsse,
+wenn er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem unbemerkten
+Grabplatz hinführen würde. Es werde ein Murmeln der Verwunderung von Reihe
+zu Reihe gehen, obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind nicht
+in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich der ungewissen,
+unbestimmten Gerüchte erinnern, die einmal über sie im Schwange waren. Es
+müsse wohl irgend etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man
+sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre, werde sie gerichtet
+und verloren sein.
+
+Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei zu sein. Sie wird
+da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird aussehen, als ob alles in Ordnung wäre.
+Vielleicht werden sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu erklären.
+
+Der Mann fährt auch mit zur Kirche. Er hat alles geordnet: die
+Begräbnisgäste geladen, den Sarg bestellt und bestimmt, wer ihn tragen
+soll. Er ist zufrieden und gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat.
+
+Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vorüber, und der Leichenzug stellt
+sich vor dem Gemeindehause auf. Die Träger legen die weißen Tragtücher über
+ihre Schultern, alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession mit
+und ein großer Teil der Kirchenbesucher.
+
+Während die Prozession sich ordnet, denkt sie, daß sie sich jetzt
+aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz zu geleiten.
+
+Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zurückkehren. Sie ist gekommen, um sie
+vorbereiten zu können, aber sie hat kein Wort über ihre Lippen gebracht.
+Sie kann nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun könnte, wäre: so
+heftig und laut zu jammern, daß man es über den ganzen Kirchenplatz hörte.
+Sie wagt die Lippen nicht zu regen, damit dieser Schrei nicht über sie
+hereinbreche.
+
+Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu rühren, und die Menschen
+setzen sich in Bewegung. Und jetzt kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum
+hat sie nicht sprechen können? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht
+zuzurufen, sie möchten nicht auf den Kirchhof gehen mit dem Toten. Ein
+Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet werden solle für einen Toten? Sie
+könnten ja den Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den
+Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei gefährlich. Er sei
+voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren auf ihm gesehen. Sie will sie
+schrecken, wie man Kinder schreckt.
+
+Sie weiß nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist. Sie erfahre es zeitig
+genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug in den Friedhof hineinschreitet, blickt
+sie über das Schneefeld, um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken ...
+
+Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort draußen ist nichts als ein
+ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug geht zum Leichenhause hinauf. So viele
+nur können, drängen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie
+vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon, zum Sanderschen Grabe zu gehen.
+Keiner kann wissen, daß der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet
+wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll!
+
+Hätte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen Augenblick hätte
+sie sich zu fürchten brauchen. »Im Frühling,« denkt sie, »wenn der Sarg
+versenkt wird, ist wohl kaum einer außer dem Totengräber zugegen. Jeder
+wird glauben, daß das Kind im Sanderschen Grabe liege.« Und sie begreift,
+daß sie gerettet ist.
+
+Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute sehen sie mitleidig an.
+
+»Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt,« sagen sie. Aber sie
+selbst weiß am besten, daß sie Tränen weint, wie eine, die aus Not und
+Lebensgefahr entronnen ist ...
+
+Ein paar Tage nach dem Begräbnis sitzt sie in der Dämmerung auf ihrem
+gewohnten Platz im Speisesaal. Während das Dunkel einfällt, ertappt sie
+sich darauf, daß sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und
+horcht nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen pflegt,
+um zu spielen. Wird es heute nicht kommen? Da fährt sie empor und denkt:
+»Es ist ja tot, es ist ja tot.«
+
+Am nächsten Tage sitzt sie wieder in der Dämmerung und sehnt sich, und
+Abend für Abend kommt diese Sehnsucht wieder und wird immer mächtiger. Sie
+breitet sich aus, wie das Licht im Frühling, bis sie schließlich alle
+Stunden des Tages und der Nacht beherrscht.
+
+Es ist ja beinahe selbstverständlich, daß ein Kind, wie das ihre, mehr
+Liebe im Tode empfängt als im Leben. Die Mutter hat, solange es lebte, an
+nichts andres gedacht, als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und für ihn
+konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es mußte ferngehalten werden. Es
+mußte oft fühlen, daß es ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten
+untreu geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, daß sie doch etwas
+wert war. Sie hatte unablässig in Küche und Webkammer gearbeitet. Wo hätte
+sich Platz für den kleinen Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und
+jetzt nachträglich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten und zu
+betteln pflegten. Abends wollte er, daß sie an seinem Bette sitze. Er
+sagte, er fürchte sich im Dunkeln, aber nun denkt sie, daß das vielleicht
+nicht wahr gewesen sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie
+erinnert sich, wie er dalag und gegen den Schlaf kämpfte. Jetzt begreift
+sie, daß er sich wach gehalten hat, um lange liegen und ihre Hand in der
+seinen halten zu dürfen.
+
+Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch war. Er hat seinen
+ganzen Verstand aufgewendet, um auch ein bißchen von ihrer Liebe
+abzubekommen.
+
+Es ist erstaunlich, daß Kinder so lieben können. Sie hatte es nie
+begriffen, solange er noch lebte.
+
+Eigentlich fängt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben. Jetzt erst fühlt
+sie sich berückt von seiner Schönheit. Sie kann sitzen und von seinen
+großen, geheimnisvollen Augen träumen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges
+Kind gewesen, es war zart und blaß. Aber es war wunderbar schön.
+
+Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher mit jedem Tag,
+der geht. Kinder müssen ja das Köstlichste sein, was die Erde trägt. Man
+bedenke doch nur, daß es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand
+entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben, die nicht danach
+fragen, ob ein Antlitz schön oder häßlich ist, sondern das häßliche ebenso
+gern küssen wie das hübsche, die alt und jung lieben können, reich und arm.
+Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen.
+
+Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage näher und näher. Sie wünscht wohl, daß
+es lebte, aber sie weiß nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen wäre
+wie jetzt.
+
+Zuweilen gerät sie in Verzweiflung darüber, daß sie den Knaben nicht
+glücklicher gemacht hat, so lange er am Leben war. Darum ist er mir wohl
+genommen worden, denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise.
+
+Sie hat sich früher vor Trauer gefürchtet, aber sie findet jetzt, daß
+Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht hat. Trauern heißt ja: ein
+Vergangnes wieder und wieder erleben. Trauern heißt: sich in das ganze
+Wesen des Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese Trauer
+macht sie sehr reich.
+
+Am meisten fürchtet sie sich jetzt davor, daß die Zeit ihn ihr entführen
+könnte. Sie hat kein Bild von ihm, vielleicht könnten seine Züge in ihrer
+Erinnerung auslöschen. Jeden Tag sitzt sie da und prüft sich: »Sehe ich
+ihn, sehe ich ihn recht?«
+
+Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt sie sich auf der Sehnsucht,
+ihn nicht mehr im Leichenhause, sondern in die Erde gebettet zu wissen,
+damit sie zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen könne. Er soll gegen
+Westen liegen, da ist es am schönsten. Und sie wird seinen Hügel mit Rosen
+schmücken. Sie will auch eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort
+sitzen können, lange, lange.
+
+Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen sollen es ja nicht
+anders wissen, als wenn ihr Kind im Familiengrabe liege. Wie werden sie
+staunen, wenn sie sie ein fremdes Grab schmücken und dort stundenlang
+sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu sagen?
+
+Manchmal denkt sie, daß sie es auf diese Weise machen müsse: Zuerst zu dem
+großen Grabe gehen und dort einen großen Strauß niederlegen und eine Weile
+dort sitzen. Dann würde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe hinschleichen
+können. Er würde wohl zufrieden sein mit dem einzigen kleinen Blümlein, das
+sie ihm heimlich zustecken könnte.
+
+Ja, er könnte sich wohl damit begnügen, aber kann sie es? Es ist, als würde
+sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft mit ihm kommen. Und er würde es
+dann erfahren, daß sie sich seiner schämte. Er würde begreifen, welche
+brennende Schmach es für sie gewesen war, daß er geboren wurde. Sie muß ihn
+schützen, damit er das nicht erfahre. Er soll glauben, daß das Glück, ihn
+zu besitzen, alles überwogen hätte.
+
+ * * * * *
+
+Endlich weicht der Winter. Man sieht, daß es Frühling wird. Die Schneedecke
+schmilzt, die Erde beginnt sich zu zeigen. Noch währt es vielleicht ein
+paar Wochen, bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch die
+Hoffnung, daß die Toten nun bald aus der Leichenkammer kommen. Und sie
+sehnt sich, sie sehnt sich.
+
+Kann sie ihn noch sehen? Sie prüft sich jeden Tag, aber es ist im Winter
+besser gegangen: im Frühling will er sich ihr nicht zeigen. Da gerät sie in
+Verzweiflung, sie muß auf dem Grabe sitzen können, um ihm nahe zu kommen,
+um ihn sehen, ihn lieben zu können. Kommt er denn niemals in die Erde
+hinunter?
+
+Sie hat nichts andres zu lieben, sie muß ihn sehen können, ihn sehen
+können, ihr ganzes Leben lang.
+
+Mit einem Male verschwindet alles Zögern und aller Kleinmut vor ihrer
+großen Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt, sie kann nicht leben ohne den
+Toten. Sie fühlt, daß sie auf niemand Rücksicht nehmen kann als auf ihn.
+Und als die Frühlingsfluten wirklich kommen, als auf dem Kirchhofe wieder
+Anhöhen und Hügel hervortreten, als die Herzen an den eisernen Kreuzen
+wieder zu klingen anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten
+leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge öffnen kann, hat
+sie schon ein schwarzes Kreuz machen lassen, um es auf den Hügel zu
+pflanzen.
+
+Quer über das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen weißen Buchstaben
+geschrieben:
+
+ _Hier ruht mein Kind._
+
+Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr Name.
+
+Sie fragt nicht danach, daß die ganze Welt erfährt, was sie getan hat.
+Alles andre ist eitel; nur das eine liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu
+können an ihres Kindes Grab.
+
+
+
+
+Römerblut
+
+
+Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewiß die kleinen Landgüter vor
+der Stadtmauer aufgefallen. Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man
+Artischocken, Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit. Man hat
+ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnhäuser, einen niedrigen Eselstall,
+einen großen gemauerten Brunnen und ein paar Hühnersteigen. Man hat
+natürlich eine Menge Federvieh, und nicht nur Hühner, Truthähne und Enten,
+sondern auch Pfauen und Fasane.
+
+Und dann schafft man sich, um ein bißchen besser leben zu können -- denn
+Grünzeug und Hühner werfen keinen glänzenden Gewinn ab -- ein paar große
+Fässer römischen Schloßwein an und legt sie in eine der niedrigen Hütten,
+deren jede nicht mehr als ein Gelaß hat. Dahin stellt man auch einen
+Ladentisch und ein Wandbrett mit Gläsern und Literflaschen, draußen aber
+auf dem Hofe, zwischen dem Brunnen und den Hühnersteigen, stellt man lange
+Bänke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer wehen die
+Campagnawinde stark und ungehemmt. Darum bringt man kleine Schutzdächer
+über den Bänken an und umgibt sie mit Rohrwänden, durch die die Sonne
+hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt läßt man auch ein Schild malen und
+hängt es über das kleine Mauerpförtchen, das nach der Straße und der Stadt
+führt. Und die Osteria ist fertig.
+
+Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch einer kleinen Osteria
+gewesen, man darf aber nicht glauben, daß er des Lohnes und der Trinkgelder
+wegen so lange geblieben wäre, oder weil er zu nichts anders getaugt hätte.
+Nino war ein prächtiger, ja ein gebildeter junger Mann; wenn er sich damit
+begnügte, Kellner in einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es,
+weil er in Teresa, die älteste Tochter des Hauses, verliebt war.
+
+Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so schön. Sie war gerade in der Art schön,
+wie Nino es haben wollte, mit großen, starken Zügen und warmen, klaren
+Farben. Sie ging so stolz und so leicht wie eine Königin. Sie sprach mit
+einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich, daß keine Silbe ihrer
+Worte verloren gehen konnte. Sie lachte so rein, wie ein Silberglöckchen
+läutet. Ihre Hände waren schön, weiß und fest, und ihr Händedruck stärkend
+wie ein Segen.
+
+Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen und verlangten,
+daß sie immer hinter dem Schanktisch zur Hand sei. »Wo ist Teresa?« fragten
+sie sicherlich, wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl.
+Wußte er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe schmeckte, wenn sie sie
+aus dem Kochtopf schöpfte, als wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht
+zu verwundern, daß jedermann mit ihr zu tun haben wollte. War es nicht
+schon eine Freude, in demselben Raume zu weilen wie sie?
+
+Er war fest davon überzeugt, daß die Leute nicht so sehr um Wein zu trinken
+hereinkämen, als vielmehr um Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu können.
+Wenn einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel besiegt hatte,
+oder wenn der tolle Pietro wieder einem das Messer in den Leib gestoßen
+hatte, so war es eine Erleichterung, es ihr zu erzählen. Nino wußte, daß
+junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten, zuweilen dasaßen und
+sich lange, traurige Geschichten ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei
+ihrem Tische stille stehe, ihnen zuhöre und sich ihrer ein wenig annehme.
+Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie wollten doch, daß sie
+den Wein in ihr Glas gieße oder ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie
+gingen, und ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern.
+
+Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie ihr sechzehntes Jahr
+erreicht hatten; eine zog fort, und eine blieb mit Mann und Kindern daheim.
+Aber Teresa wollte nicht heiraten, und Nino wußte schon, warum. Er wußte
+wohl, daß sie weder ihn noch irgendeinen andern aus dem Landvolk wollte,
+einen Signor wollte sie.
+
+Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an der Art, wie sie ihr
+Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine Signorina, und an ihren
+Sonntagskleidern. Zu Hause trug sie eine grüne Schürze und ein rotes Tuch
+um den Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer schwarz gekleidet.
+Und sie hatte einen großen Hut mit vielfach gebogner Krempe und einen
+Federkragen um den Hals, so lang, daß er bis zum Kleidsaum reichte.
+
+Natürlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu werden. Das einzige
+Unnatürliche war bloß, daß sie nicht einsah, daß sie schon eine war.
+
+Eigentlich war es Nino nicht unerwünscht, daß Teresa keinen Campagnabo
+nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war
+dick und rund wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue
+Müllerfarbe. Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger Augen. Er war
+zu häßlich für sie. Aber da es nun seine guten Wege hatte, bis ihr Signor
+kam, und da kein andrer den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino
+wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen. Und das war kein
+geringes Glück.
+
+Die Tage draußen auf dem Meierhof erschienen Nino voll Seligkeit. Des
+Morgens, wenn Teresa ihre Vögel betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem
+Mais. Vormittags half er ihr, das Unkraut ausjäten oder das Gemüse in
+Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt werden sollte. Und abends,
+wenn die Arbeitsleute auf ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben
+Castello romano zu trinken, da stand sie am Fasse und füllte in die Maße
+ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es ein großer Tag war, Festtag
+oder Markttag, und das Volk war zusammengeströmt, so daß alle Bänke
+übervoll waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und Verkäufern von
+gebratenen Äpfeln und Kastanien wimmelte, und er und sie mußten atemlos und
+heiß mit ihren Flaschen und Gläsern zwischen den Tischen hin und her eilen,
+dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen. Da fühlten sie sich
+so kameradschaftlich wie Soldaten, die in den Kampf ziehen.
+
+An Abenden aber, wo keine Gäste kamen, saß Nino da und erzählte Teresa aus
+Büchern, die er gelesen hatte. Da ließ sie ihn von dem alten Rom erzählen,
+und am liebsten hörte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen die
+Patrizier und von den mächtigen römischen Matronen. Nino wußte wohl, warum.
+Es war dasselbe Blut, sie fühlte in sich das gleiche Blut. Am nächsten Tage
+trug sie den Kopf noch viel stolzer, als früher. Nino wußte, daß er wie ein
+Tollhäusler handelte. Jedesmal, wenn er von Cornelia, der Mutter der
+Gracchen, erzählte, entfernte er sie weiter von sich. Warum konnte er diese
+Erzählungen nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten, wenn
+sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre Augen blitzten?
+
+Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, hörte Nino die Leute sagen, daß es
+bald zu spät für sie sein würde, noch einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht
+mehr schön. Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie denn
+nicht schön?
+
+Eines Tages jedoch merkte er, daß sie recht gehabt hatten. Sie war wirklich
+im Begriffe gewesen, alt zu werden. Sie mußte ganz verblaßt gewesen sein,
+obgleich er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, daß sie wieder
+aufzublühen begann. Die frische Jugendschönheit erhellte aufs neue ihr
+Gesicht. Was war das für ein Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah.
+
+Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der Osteria. Ach, ach,
+Nino konnte nicht leugnen, daß er das Netteste war, was man sehen konnte.
+Er hatte eine Uniform in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches
+Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am ersten Abend, da er
+sie sah. Und sie? War ihre Schönheit um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel
+ihr der kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen?
+
+Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die Krieger zu hassen.
+Italien führte gerade Krieg mit Abessinien, und es war Elend genug, daß
+Italiens Krieger übers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen, das
+nichts Böses getan hatte. Es war Elend genug, was die Kriegsleute dort
+draußen anrichteten. Hier zu Hause hätten sie es doch lassen können, die
+Leute ins Unglück zu bringen.
+
+Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine. Hier trat er als
+Redner auf und forderte die Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle
+nicht als Land des Streites groß sein, sondern als ein Land des Friedens.
+Er wurde bald einer der Führenden. Er wurde einer der beliebtesten Redner.
+Armer, armer Nino. »Laßt uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen,
+wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die landwirtschaftlichen
+Schulen zu schicken!« Das waren Ninos Worte.
+
+Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung nach Hause kam, bei der
+er den Krieg und das Kriegsheer abgeschafft hatte, ging Teresa ihm
+entgegen. Sie blieben bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu
+plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen. Um den jetzigen
+Krieg kümmerte sie sich nicht, aber sie wollte wissen, was die Römer in
+früheren Tagen vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio hören. Ob es
+nicht Scipio wäre, der nach Afrika gezogen wäre und die Schwarzen besiegt
+hätte? Und Nino mußte von ihm berichten. Nino mußte die halbe Nacht
+aufsitzen und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen.
+
+Während er davon sprach, wurde Teresa strahlend schön. Die Laterne, die auf
+dem Brunnenstaket hing, zeigte sie Nino wunderbar schön und mit einem
+geheimnisvollen Lächeln um die Lippen. Nino begriff, daß sie nur einen
+Helden lieben konnte. Und was war er? Er, der es ihr nicht einmal
+abschlagen konnte, von diesen verabscheuungswürdigen Gemetzeln zu erzählen.
+Er war feig. Wenn sie einen Nero geliebt hätte, so wäre Nino gezwungen
+gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war ein feiger Kerl, er war
+sicherlich kein Held.
+
+Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte Nino ernstlich daran,
+sich frei zu machen und einen andern Dienst zu suchen, aber er vermochte es
+nicht. Sie war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er müßte wohl bis nach
+der Hochzeit warten.
+
+Teresa vergaß Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag war am Tage nach der
+Verlobung, und Nino war am Morgen düster und glaubte, dies würde der
+traurigste Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher so
+gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschentücher gestickt, mit Monogrammen,
+die über das halbe Tuch reichten. Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken,
+und sie ging in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete für
+Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm. Nino mußte sich froh
+zeigen. Er mußte den ganzen Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten
+alle glücklich sein.
+
+Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er mußte weinen. Er hatte
+gemerkt, daß sie in diesen Tagen den Vögeln doppelte Rationen gab, der Esel
+hatte frisches Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter
+sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr der Katze, dem Esel
+und den Hühnern gleichgestellt gefühlt.
+
+Wie sie sich darüber freute, daß ihr Bräutigam Offizier war! Nächst dem
+Umstande, daß er ein Signor war, gefiel ihr sein militärischer Beruf am
+meisten. Als man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst hätte, daß er nach
+Afrika geschickt werden könnte, hörte Nino, wie sie antwortete:
+
+»Wollte Gott, er dürfte hinüber. Dann würdet ihr sehen, wie alles anders
+würde.« Denn dies war im Winter 1896, und da sah es aus, als sollte aus
+diesem Kriege mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden. Man
+schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort. Die Truppen lagerten dort
+in der Aduagegend, aber man hörte nie, daß es zu etwas kam. Es war so, wie
+wenn Bienen aus dem Korbe fliegen und außerhalb des Fluglochs in einem
+großen Beutel hängen bleiben, und man geht jeden Tag hin und sieht sie an
+und ärgert sich, daß sie nicht schwärmen wollen.
+
+Sie benahm sich auch großartig, als sie gegen Ende Februar erfuhr, daß er
+nach Afrika gehen mußte. Nino sah keine Träne in ihren Augen. Sie dachte
+nur daran, daß es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen würde. Jetzt
+sollte ihrem armen Italien geholfen werden.
+
+Sie gab ein Abschiedsfest für ihn und seine Kameraden. Es war ein
+herrliches Fest. Der Castello-Romanowein floß in Strömen. Sie hatte ihre
+fettesten Truthühner geschlachtet und die ersten Artischocken gepflückt.
+Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken.
+
+Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet und die italienische
+Flagge gehißt, und der arme Nino mußte ihr behilflich sein, Transparente zu
+verfertigen, auf denen zu lesen war: »Es lebe die Armee! Sieg unsern
+tapfern Soldaten! Für Italien!« und andre hochgestimmte Worte. Er hatte ihr
+helfen müssen, farbige Lampions unter den Strohdächern zu befestigen,
+Sänger zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten; aber er hatte
+geschworen, daß sie ihn nicht dazu bringen würde, eine Rede zu halten.
+Armer Nino, sie forderte ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm
+etwas so Hochwichtiges anzuvertrauen.
+
+Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerkskörper zu den Füßen der Gäste
+knallten, und als nicht nur die Strohdächer über den Bänken, sondern auch
+die Hühnersteigen, das Wohnhaus und der Brunnen von grün-rot-weißen
+Lampions strahlten, und als Nino drüben zwischen den Artischocken
+bengalische Feuer entzündete, da sah er, wenn sonst niemand es sah, was sie
+eigentlich meinte. Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie den
+Soldaten kredenzte, sagen: »Gehet hin und macht Ernst aus diesem Kriege.
+Roms Frauen wollen neue Triumphzüge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!«
+
+Niemand wußte besser als Nino, wie sehr Teresa diesen zierlichen kleinen
+Mann liebte, der gegen die Barbaren ausziehen sollte. Und als er sah, wie
+sie ihn gehen ließ, ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu
+werden, mußte er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie hätte eine der
+Matronen des alten Rom sein können, dachte Nino. Es rollt echtes Römerblut
+in ihren Adern.
+
+Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel abreiste, wo es sich nach
+Afrika einschiffen sollte, begleitete Nino Teresa zur Eisenbahnstation.
+
+Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt heranmarschiert, rings um
+sie schwärmten Gassenjungen, Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der
+Station waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale. Es wurden Reden
+gehalten, man rief: »Es lebe Italien!« man küßte sich und warf Blumen.
+Teresa stand bleich vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte.
+Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten verteilten. Das tat sie
+nicht.
+
+Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen, aber er mußte ihr
+versprechen, Meneliks Hauptstadt zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit
+der Krone der abessinischen Kaiserin zu ihr zurückzukommen. Und so
+schieden sie.
+
+Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort, er war noch gar nicht nach
+Afrika abgereist, als die Nachricht eintraf, daß der große Schwarm, der in
+Adua gelagert war, sich zu rühren anfange; er zog gegen die Abessinier und
+wurde geschlagen und zerstreut.
+
+Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas andres dachte als an den
+Sieg, der dort drüben erkämpft werden müßte, nachdem man so unerhört viele
+Menschen hingeschickt hatte. Der König selbst hatte sich nach Neapel
+begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen. An einem Tage sprach
+er ihnen von dem Ruhme, den sie für das geliebte Italien erringen würden,
+am zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner Schlacht, zerstreutem
+Heere, Flucht und Panik erzählte.
+
+Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen trafen. Meneliks Kugeln
+hatten nur etwa siebentausend Mann fällen können, aber die Depeschen nahmen
+das Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene Aduas, passierten das
+Mittelmeer und erreichten ihr Ziel. Ach, kein italienisches Herz blieb
+unversehrt davon!
+
+Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. »Was ist dort geschehen, Nino?« fragte
+sie. »Wie konnte es so schlecht gehen?«
+
+Nino erzählte ihr, daß die Italiener nicht so sehr von ihren menschlichen
+Feinden geschlagen worden wären, als vielmehr von der übermächtigen Natur.
+Dort müßte man Berge erklimmen, von denen die niedrigsten höher wären als
+das Sabiner- und Albanergebirge aufeinandergetürmt. Da gebe es keinen Weg,
+sondern man ziehe über Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln
+bewachsen wären, daß nicht einmal ein Esel sie fressen könnte. Mit der
+Nahrung wäre es so schlimm bestellt, daß die Soldaten sich über die
+Maultiere geworfen hätten, die auf dem Wege zusammengebrochen wären, und
+die Fleischstücke an sich gerissen hätten.
+
+Aber das wäre doch nichts, um Menschen hinzuschicken! Ein Land, wo man
+Maulesel essen müßte!
+
+Nein, das meinte Nino eben auch.
+
+Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte er ihr sagen, wie
+gräßlich der Krieg wäre. Sie lasen zusammen die Zeitungen. Sie lasen, daß
+man fürchtete, daß die Truppen, die jetzt auszögen, Menelik und die
+Schoaner im Hafen von Massaua treffen würden; die jetzt abführen, zögen dem
+sichern Tod entgegen.
+
+Sie las auch, daß die Barbaren vor allem auf die Offiziere schössen. Sie
+lägen da und zielten auf ihr blaues Rangzeichen und holten sie von den
+Hügelabhängen herab, wenn sie mit ihren Soldaten vorrückten.
+
+Und es gäbe so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten, die diese
+Schwarzen begingen; ihre Weiber plünderten die Toten und zerstückelten sie.
+
+Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen und wagte nicht,
+weiterzulesen.
+
+Nino schob seine Mütze zurück und fragte, was sie eigentlich geglaubt
+hätte, was die Leute im Kriege täten? Ob sie sich nicht gedacht hätte, daß
+sie sich dort töteten? Nein, sie wüßte nicht, was sie geglaubt hatte. Das
+hätte sie nicht gedacht.
+
+Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied von ihr nahm. Das
+Dampfschiff, das ihn nach Afrika führen sollte, ging am nächsten Abend ab.
+
+Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach Neapel. Was sie dort wollte?
+Nino glaubte, sie wolle ihren Bräutigam noch einmal sehen, bevor er
+abreiste. Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie fuhr,
+aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern als Nino hatte sie zur
+Begleitung haben wollen.
+
+Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte sie ihren Leutnant in
+der Kaserne auf.
+
+Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich geschmeichelt und
+gerührt, daß sie gekommen war, um ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde
+totenbleich, als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform aus
+gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande über der Brust. Das war das
+blaue Band, das die Schwarzen sich zur Zielscheibe nahmen.
+
+Er mußte gleich wieder zu seinen Soldaten zurück. Ob sie denn den ganzen
+Tag über nicht mit ihm zusammentreffen könnte? Ja, sie wollten gegen ein
+Uhr miteinander frühstücken. Er könnte zwei Stunden abkommen. Sie
+besprachen den Ort, und er eilte weg.
+
+Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die »Villa« hinunter und setzten
+sich auf eine Bank, um zu warten. Sie tat nichts andres, als daß sie Nino
+unaufhörlich fragte, wieviel es auf seiner Uhr wäre. Und als sie nun mit
+Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und bleich, wie die Gesichter
+der Statuen, die rings um sie standen, und ihre Augen schienen nicht mehr
+zu sehen, als die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich vor
+sich hinstarre. Sie sagte, sie säße da und sähe _seine_ Leiche an. Die
+ganze Nacht hatte sie ihn tot in einer Bergkluft liegen sehen, und auch die
+alten Weiber der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten,
+_ihn_ zu plündern und zu zerstückeln. Nino hatte ja gesagt, daß sie dort
+die Leichen zerstückelten.
+
+Nino versuchte, ihr etwas Tröstliches zu sagen. Alle würden ja nicht
+fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der so tapfer wäre, könnte sich der
+Barbaren schon erwehren.
+
+Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind in Schlupfwinkeln
+verborgen läge und auf das blaue Band zielte. Ob Nino das blaue Band
+bemerkt hätte? Warum es blau wäre, das Todesband, warum es nicht rot wie
+Blut wäre?
+
+Sie nahm Nino das Versprechen ab, daß er sie nicht verlassen würde, sie
+den ganzen Tag nicht verlassen würde.
+
+»Nein, nein, Teresa.«
+
+Er war auch beim Frühstück dabei. Leutnant Ugo bestellte ein Zimmer, und
+die drei aßen zusammen.
+
+Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso sorglos, als säße sie
+daheim in der Osteria. Nino dachte, sie wolle für diese zwei Stunden allen
+Kummer von sich werfen und einzig und allein glücklich sein. Sie war sogar
+viel muntrer als gewöhnlich, sie kokettierte mit Leutnant Ugo, bis er ganz
+toll war. Und sie ließ es zu, daß er sie küßte.
+
+Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch. Von Zeit zu Zeit sah
+er sie an, und seine kleinen grauen Äuglein bettelten um die Erlaubnis,
+gehen zu dürfen. Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte,
+unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die seine und hielt ihn
+zurück. Der Leutnant fand Nino wohl höchst überflüssig, sie aber wollte ihn
+offenbar da haben.
+
+Es gab +Asti spumante+ und +Lacrimae Christi+, und Nino trank, wie er nie
+zuvor getrunken hatte. Aber es gelang ihm nicht, sich taub oder blind zu
+machen.
+
+Plötzlich, als Nino sich dachte, daß Leutnant Ugo ganz berauscht von ihren
+Blicken und ihren Küssen sein müßte, neigte sie sich zu ihm und fragte
+schelmisch, ob er es nicht lassen könnte, zu reisen. Ob es sich nicht so
+einrichten ließe, daß er daheim bleiben könnte?
+
+Er lachte. Nein, er könnte nicht entrinnen.
+
+Ob er nicht krank werden könnte? Sich krank stellen? Nein, nein, das könnte
+er nicht.
+
+Aber ob er denn daran gedacht hätte, wie lange es dauern würde, bis sie
+ihre Hochzeit feiern könnten?
+
+Der Leutnant glaubte kaum, daß sie im Ernste sprach. Gewiß hatte er daran
+gedacht, aber das ließ sich ja nicht ändern.
+
+Teresa lächelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer Stimme, die vor
+Rührung bebte.
+
+Sie bekannte, daß sie sich furchtbar gesehnt hätte, seit er abgereist war.
+Sie könnte keinen Tag ohne ihn sein. Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand
+ausdenken könnte, um bleiben zu können?
+
+»Teresa,« sagte er, »ich wäre ja ein Mann ohne Ehre. Bitte mich nicht!«
+
+»Ehrlos?« sagte sie mit schmeichelnder Stimme. »Wie kannst du so etwas
+sagen? Du würdest ja nicht hier bleiben, weil du feig wärest, sondern weil
+ich dich so liebe, daß ich dich nicht ziehen lassen kann.«
+
+Und sie lächelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war unerschütterlich.
+
+Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun zur Schlacht käme und die
+Schwarzen zu schießen begännen? Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue
+Band fortzunehmen?
+
+Nein, das wolle er nicht. Er dürfe es nicht.
+
+Überhaupt glaubte der Leutnant, daß sie im Grunde nur scherze.
+
+Nino sah, daß sie wie ermattet den Kopf sinken ließ.
+
+Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus ihrem Gesicht
+verschwunden. Sie war so, wie sie am Vormittag gewesen war.
+
+Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erzählen, was sie von dem
+fremden Lande und der Kriegsführung der Schwarzen gehört hatte. Sie sprach
+von den Bergen und den Distelgewächsen und der Hungersnot. Als sie von den
+Mauleseln erzählte, lachte er und sagte, das sei nicht wahr.
+
+Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den Weibern der Schoaner
+verbrannt worden war. Ob er das wüßte, ja, ob er das wüßte? Und was für
+eine Ehre wäre es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und sie schössen
+alle Offiziere nieder, ob er das wüßte? Sie zielten auf die blauen Bänder
+und schössen auf die Offiziere.
+
+»Ah, Teresa,« sagte er, »willst du mich erschrecken? Sind das Worte für
+eine Römerin?«
+
+»Ja, ja, gerade für eine Römerin. Roms Frauen haben nie zugelassen, daß man
+ihnen raube, was sie liebten.« Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen,
+sie wüßte bestimmt, daß er fallen würde, wenn er jetzt reiste. Sie sehe ihn
+tot vor sich. Sie sehe seinen Körper zerstückelt und blutig. Und nachdem
+sie dies gesagt hatte, war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte
+ihm ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die Knie und
+bettelte, weinte, flehte.
+
+Er war sehr gerührt, aber auch befangen. Einen Augenblick sah er zu Nino
+hin, gleichsam unschlüssig, was er beginnen solle. Nino zog seine Uhr
+hervor. Ja, gewiß, das war das einzige, was er tun konnte: sagen, daß die
+Zeit abgelaufen sei, und dann gehen.
+
+»Was willst du?« sagte er. »Was willst du, daß ich tun soll? Ich kann mich
+nicht losmachen.«
+
+»Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist unrecht, zu reisen.
+Die dort drüben verteidigen nur ihr Haus und Heim. Sage, daß du nicht gegen
+sie kämpfen willst.«
+
+»Dann ist es um mich geschehen.«
+
+»Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um dafür zu sterben. Die Schwarzen
+haben uns nichts getan. Laß sie in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land
+nicht nehmen, warum sollen wir ihres rauben?«
+
+»Teresa,« sagte Leutnant Ugo, »sage mir jetzt mutig Lebewohl, wie eine
+Römerin. Ich muß gehen.«
+
+»Du mußt?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun, so geh!«
+
+»Teresa!«
+
+»Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken. Du bist tot für
+mich.«
+
+Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden liegen. Sie sah ihn nicht
+einmal an. Er strich über ihr blauschwarzes Haar. Sie rührte sich nicht. Er
+seufzte tief, er wußte nicht, was er sagen oder tun solle, und ging
+wirklich.
+
+Mit einem angstvollen Griff drückte er Ninos Hand. Es war, als vertraute er
+ihm Teresa an. Abends gegen zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein
+paar große Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine Menge Boote
+warteten darauf, die Soldaten hinzubringen. Einige tausend Menschen standen
+auf dem Kai, um die Abfahrt anzusehen.
+
+Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage! Früher im Winter
+hatte man nicht genug jubeln können, als die Truppen an Bord geführt
+wurden. Jetzt lag nichts als Düsterkeit über den Wartenden. Man hätte am
+liebsten die Boote und die Dampfer versenkt, damit sie keinen Sohn Italiens
+nach dem verfluchten Barbarenland führen könnten. Die Soldaten kamen so
+still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik, keine Schüsse,
+keine Hochrufe. Aber aus der wartenden Menge stieg ein dumpfes Murren der
+Empörung auf, und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie möglich.
+Man war nicht ganz sicher, daß das Volk nicht auf den Gedanken verfiele,
+die Abfahrt zu verhindern.
+
+Teresa schien etwas Ähnliches zu hoffen. »Sie werden es nicht zulassen,
+Nino,« sagte sie. »Alle diese Männer werden es nicht zulassen, daß man ihre
+Söhne fortführt, damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.«
+
+Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde weggebracht, und die
+Menge ließ es geschehen. Einige Menschen durchbrachen die Reihen der
+Soldaten, aber nur um zu küssen und Abschied zu nehmen. Nino sah Leutnant
+Ugo am Kai stehen und die Einschiffung überwachen.
+
+Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos Arm gehangen, jetzt aber
+sah er sie unten am Landungsplatz. Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er
+küßte sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung lösen. Es war die Reihe
+an ihn gekommen, einzusteigen.
+
+Sie schien sich zurückzuziehen, aber da sah Nino etwas Blankes in ihrer
+Hand leuchten. Sie schien den Leutnant noch einmal umarmen zu wollen. In
+demselben Moment wankte dieser und schrie auf.
+
+Nino eilte hinunter. Er riß Teresa an sich. Er zog sie in den Volkshaufen,
+in das heißeste Gedränge.
+
+»Stehe hier still.«
+
+Sie lachte beinahe irrsinnig. »Jetzt wird er nicht reisen, Nino,« sagte
+sie.
+
+Nino packte sie am Handgelenk. »Schweig,« sagte er und drückte es so, daß
+es schmerzte.
+
+»Meinethalben können die Gendarmen ...«
+
+Nino drückte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg.
+
+Das war ein Drängen, ein Hin- und Herstoßen. Nino blieb gelassen in dem
+dichtesten Getümmel. Er versuchte nicht zu fliehen.
+
+»Recht so,« flüsterte ein Neapolitaner Nino zu. »Nur stillstehen, daß die
+Gendarmen keinen Verdacht schöpfen. Kein Neapolitaner wird euch verraten.«
+
+Teresa begann plötzlich zu schluchzen.
+
+»Laß das sein,« sagte er, »du darfst nicht.«
+
+Und ihre Tränen versiegten. Sie stand stumm und still da, so lange Nino es
+wollte. Er hatte sie ganz in seiner Gewalt.
+
+Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann nach der zu forschen,
+die ihn verwundet hatte. Nino und Teresa hörten, wie man Fragen an die
+Menge stellte. »Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?«
+
+Es war eine große Signorina -- nein, eine kleine. -- Hier hatte man sie
+gesehen -- nein, hier. Sie hatte den Weg zur Station genommen -- nein, nach
+Santa Lucia. Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach
+links.
+
+Nino führte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten kühn nach Hause.
+Er verließ sich darauf, daß Leutnant Ugo sie nicht angeben würde.
+
+In der Zeitung las er am nächsten Tag auch, daß der Leutnant erklärt habe,
+er kenne die Frau nicht, die ihn verwundet hatte.
+
+Er war verwundet, aber nicht gefährlich. In der nächsten Woche kam ein
+Brief von ihm an Teresa.
+
+Seit der Reise nach Neapel ließ sie sich in allem von Nino lenken und
+leiten. Nun kam sie auch mit dem Briefe zu ihm.
+
+»Lies ihn, Nino,« bat sie.
+
+Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben.
+
+»Ist es aus, Nino?« fragte sie.
+
+Nino antwortete ja, so angstvoll, als verkünde er ihr ein Todesurteil.
+
+»Laß mich hören,« sagte sie und richtete sich auf. Nino las ihr vor, daß
+Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. »All meine Liebe ist tot,« schrieb er,
+»meine arme Liebe ist tot.«
+
+Sie zuckte verächtlich die Achseln.
+
+»Die Liebe eines Signor verträgt es wohl nicht, Blut zu sehen,« sagte sie.
+
+»Du, Teresa,« schrieb Leutnant Ugo, »du warst für mich des Vaterlandes
+Stolz, du warst das wiedergeborene Rom, du warst das starke Weib der
+Vorzeit. Du warst die, die die Römer einst zu Helden machen sollte, du
+solltest Seelenstärke genug haben, uns hinauszuschicken, um die Welt zu
+erobern. Vergib mir, daß ich mich täuschte. Nun weiß ich, daß die alten
+Römerinnen tot sind, die Töchter des neuen Rom senden keinen Mann hinaus,
+um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut, ihn zu hindern, seine Pflicht
+zu tun.«
+
+Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. »Ich will nicht mehr hören,« sagte
+sie.
+
+Nino schwieg.
+
+»Wenn ich es nicht getan hätte, Nino,« sagte sie, »wäre er jetzt tot. Ich
+verstehe nicht, was er meint. Ich sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen.
+Da läge er jetzt, wenn ich nicht gewesen wäre. Wie hätte ich ihn da ziehen
+lassen können?«
+
+»Findest du auch, Nino, daß ich feige bin?« fragte sie. »Bin ich entartet?
+Habe ich keinen Tropfen Römerblut in meinen Adern?«
+
+Nino sah zu ihr auf, wie sie da schön und stolz und trotzig vor ihm stand.
+Er liebte sie so, wie er sie immer geliebt hatte, und er sah seine ganze
+Zukunft vor sich. Sie würde nie heiraten, er würde sie nie verlassen
+können, und sie würden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin, er
+als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war, in der er beinahe Herrscher
+gewesen war, die kehrte nicht zurück. Sie würde bald wieder die Zügel der
+Gewalt an sich nehmen.
+
+»Sag mir, Nino,« fragte sie, »waren die Frauen des alten Rom wilde Tiere?
+Gaben sie zu, daß man ihnen das raubte, was sie liebten?«
+
+Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue Italien von dem alten
+unterschied, aber er schloß die Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte,
+er war aufs neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete, wie sie
+es wünschte, in ihren Adern fließe Römerblut, das edelste Römerblut.
+
+
+
+
+Die Rache bleibt nicht aus
+
+
+Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner einen Seite erhob sich
+eine Reihe zackiger Küstenberge, an der andern ein gleichmäßig hoher Kamm,
+den dichter Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und rings um sie
+her war eine weite, offne Gegend, in der aller Wald ausgerodet war.
+
+Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang lag brennend hinter
+den Küstenbergen. Leute, die den ganzen Tag drinnen in den Hütten
+geschlafen hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und
+spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer der vier Ecken der
+Welt her Tanzmusik erschalle. Wem es glückte, einen einzigen Geigenton
+aufzufangen, der machte sich davon über die schmalen, schneeigen Dorfwege
+und kam dann wie von ungefähr dahergegangen, langsam und bedächtig, aber
+die »Tanzhütte« als sichres Ziel im Sinn.
+
+So kam Gruppe auf Gruppe zur Tür Arilds, des Köhlers am Waldessaum,
+hereingeglitten. Da fragte niemand danach, wer kam; der neue Gast stand ein
+Weilchen unten an der Tür und gewöhnte die Augen an den Rauch, der sich
+unter dem Rauchfange hervorwälzte und in das Zimmer qualmte, bis er den Weg
+zu dem Loch im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ankömmling auch
+ins Spiel. Der Reigentanz ging über den bloßen Erdboden, das Stroh war
+weggetreten, die Ferkel hatte man von der Grube unter das Dachloch
+geschafft, wo sie sich am liebsten aufhielten; großer Schwingraum war nicht
+vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige, und der Tanz verlief
+drinnen im Winterquartier ebensogut, wie er an einem Sommerabend über den
+Waldeshang gegangen wäre.
+
+Arild hatte eine Frau, die Tora hieß; die pflegte sich immer in eine
+dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum Tanze lud. Sie war menschenscheu
+und schreckhaft, war fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand
+in dem Rufe, mehr sehen zu können, als andre.
+
+An diesem Abend war sie ungewöhnlich vergnügt, sie versteckte sich nicht,
+sondern saß vorn am Kamin, die Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig
+Farbe in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie Wasser
+waren, blickten lebendig, und sie bewegte die großen Hände, während sie
+sprach. Wenn die Leute sie bemerkten, traten sie aus den Reihen der
+Tanzenden und kamen heran, um sie zu begrüßen.
+
+Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie fest, bis sie das
+erzählt hatte, was ihr heute morgen geschehen war. Es bereitete ihr
+Verlegenheit, es herauszubringen, aber gleichzeitig war sie doch so stolz
+darauf, daß sie es nicht verschweigen konnte.
+
+Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbeißen, wenn sie
+erzählte, was sie gesehen und geträumt hatte. Nun sollte man sich aber
+überzeugen, daß ihre prophetische Gabe etwas wert sei.
+
+Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr geträumt, daß ihre drei Ziegen
+droben im dichten Wald in die Irre gingen. Sie hatte sie so jämmerlich
+meckern hören, daß sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle
+Ziegen in ihrer Hürde unten an der Tür, und sie hatte ja zuerst gedacht,
+dies sei nur ein gewöhnlicher Traum. Aber dann war eine Unruhe über sie
+gekommen: »Nein, nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,« hatte sie zu
+sich selbst gesagt.
+
+Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider gehüllt, hatte das
+Nebelhorn über die Schulter geworfen und war in den Wald hinaufgewandert.
+Sie war vom Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes gegangen
+und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu verirren. Sie lachte leise,
+als sie das erzählte. Ob sie wüßten, was das wäre, im dichten Walde vom
+Wege abzukommen? Grundloser Boden, der bei keiner Kälte zufröre, Gestrüpp,
+das jeden leeren Raum zwischen den Stämmen ausfülle, Schneehaufen und
+Wurzeln und stechende Dornen und umgestürzte Bäume, so sei es oben im Wald.
+
+»Aber dort oben fand ich drei wilde Böcke,« sagte sie. »Kommt und seht, was
+ich dort fand.« Sie führte ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu
+dem Bette hin, das mauerfest und durch Türen geschützt war. Sie öffnete die
+Türe, leuchtete mit einem Kienspan hinein, und da sah man drinnen drei
+Männer liegen. Sie waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren
+sie, daß die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre Wangen warfen, aber
+ihre Züge waren kühn und schön. Sie schliefen so fest, daß weder der Tanz,
+noch Toras Vorzeigen sie wecken konnte.
+
+»Das sind meine drei wilden Böcke, die ich im Dickicht gefunden habe,«
+sagte sie. »Es sind drei arme Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt
+haben und dort acht Tage umhergewandert sind. Wäre ich nicht gekommen, so
+wären sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe ich Essen für sie gekocht, und
+jetzt schlafen sie. Seht, wie sie schlafen.«
+
+»Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten ließ, Tora,« sagten ihre Gäste.
+
+»Gott wollte, daß ich nicht allezeit zum Gespött sein sollte,« sagte das
+Weib.
+
+So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit herankam, da wurde die
+Freude unterbrochen. Die Tür wurde mit Macht aufgestoßen, und ein langer,
+großer Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden, stellte sich
+mitten in den Raum und erhob die Hand.
+
+Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den Tanz in der Sonntagsnacht
+zu verbieten. Er hatte an diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren
+Wänden gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest müßten alle Menschen
+dahingerafft haben, aber nein, hier waren sie, hier in der Spielhütte waren
+sie zu finden. Und der Pfarrer verkündigte Buße und Kirchenstrafe über sie
+alle.
+
+Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt hören. Und er
+sprach und zertrümmerte ihre Freude und schreckte sie mit dem furchtbaren
+künftigen Leben, so daß sie vermeinten, niemals mehr den Fuß zum Tanze
+heben zu können.
+
+»Tanzet nun, wenn es euch gelüstet,« sagte der Pfarrer, »tanzet nun, ihr
+wißt jetzt, wohin ihr tanzet.«
+
+Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen verlegen da und
+suchten sich tapfer zu halten, sie begannen aber bald leise zu schluchzen.
+Ein Dirnlein, das eben noch am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie
+und küßte die Hand des Pfarrers.
+
+Keiner wagte ihm zu widersprechen, außer Tora. Sie, der sonst immer bange
+war, kam breit und ihrer Sache sicher heran. »Pfarrer,« sagte sie, »hier
+haben wir jeden Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies
+ein Haus Gottes. Du sollst hören, wie Gott heute seinen Segen über mich
+ergossen hat.«
+
+»Du Hexe,« sagte der Pfarrer, »willst du schweigen! Was an Segen zu dir
+kommt, das ist des Teufels Segen. Heute abend rede ich zu Menschen, die
+sich bekehren und bessern können. Mit dir rechne ich ein andermal ab.«
+
+Damit ging der Pfarrer, und in der Hütte herrschte große Betrübnis. Arild
+versuchte ein paar Striche auf der Geige, aber er legte sie gleich wieder
+fort. Die meisten von denen, die getanzt hatten, gingen heim.
+
+Tora saß wieder am Herde, sie warf neue Scheite in die Glut und schien
+ebenso froh wie zuvor. Einige, die sahen, daß sie den Mut nicht verloren
+hatte, gingen auf sie zu und begannen, übel vom Pfarrer zu sprechen.
+
+»Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,« sagte ein Bauer.
+»Früher, als er noch dem Papste zugehörte, durfte man sogar im Pfarrhof
+tanzen.«
+
+»Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, weißt du, Tora,« sagte ein
+andrer.
+
+»Tut er mir etwas, dann werde ich schon erzählen, wie er zu seinem Gelde
+gekommen ist,« sagte Tora.
+
+Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erzählte sie: »Der Pfarrer,
+Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er hatte einen Bruder, der ein
+Großbauer und sehr reich war.
+
+Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof, der näher zur Kirche lag,
+als sein eigner. Und sobald er in den Hof gekommen war, fing er an, nach
+dem Gelde des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden. Er grub in
+der Erde und riß die Kellermauer und die Küchenwand ein, um das Geld zu
+finden, aber es wollte sich ihm nicht zeigen.
+
+Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in langen Gebeten zu Gott
+darum flehte. Und Herr Ane wurde krank und verzweifelt vom Suchen und
+Nichtfinden.
+
+In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus, weil er seinen Kummer
+nicht verhehlte. >Hast du meines Bruders Geld gesehen?< konnte er den
+ärmsten Bettler fragen.
+
+Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein armes Bettelweib, das von
+Hof zu Hof zog, eines Abends in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr
+Unterkunft für die Nacht zu gewähren.
+
+>Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen kannst, wo mein
+Bruder sein Geld verwahrt hat,< sagte Herr Ane zu ihr.
+
+>Wenn ich das wüßte, Herr Ane,< sagte Mutter, >dann brauchte ich wohl nicht
+auf der Landstraße umherzuziehen und mein Brot zu erbetteln.<
+
+Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er möge ihr Obdach
+gewähren, denn es war nicht gut für sie, in ihrem hohen Alter draußen
+unter freiem Himmel zu liegen.
+
+Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt hätte, müsse es sein
+Bewenden haben, und sie könne kein Obdach bekommen, wenn sie ihm das Geld
+nicht verschaffe.
+
+>Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach im Pfarrhof haben bis zu
+meiner Todesstunde?< sagte Mutter. -- >Das sollst du,< sagte Herr Ane.
+
+Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was sie auf sich genommen
+hatte, Herr Ane möge ihr große Linnenlaken geben, und in die hüllte sie
+sich, als wäre sie eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm
+Graberde und streute sie über sich, und dann ließ sie sich von Herrn Ane
+die Kirchentür öffnen, und er folgte ihr in die Kirche und half ihr auf
+einen Dachbalken.
+
+Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem Dache. Aber sie erduldete
+alles mit fröhlichem Mute, in der Hoffnung, sich dadurch ein geschütztes
+Alter zu erringen.
+
+Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es hell in der Kirche, und
+ein paar Steine im Boden hoben sich, und einer der Toten kam herauf in die
+Kirche. Es war ein großer, derber Mann, er ging mehrere Male um die Kirche
+herum, da erblickte er meine Mutter. >Bist du tot?< sagte er zu ihr. Und
+sie wagte nicht zu antworten. Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr
+hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme: >Ja, ich bin tot.<
+Und da ließ er sie sein.
+
+Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er ging nun wieder zu seinem
+Grabe. Er holte daraus eine Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und
+Mutter sagte, sie hätte gesehen, wie er die Gold- und Silbermünzen nahm und
+mit ihnen spielte; er warf sie über sich, als sitze er im Bade und
+bespritze sich mit Wasser.
+
+Aber als er sich satt gespielt hatte, schüttete er das Geld ins Grab
+hinunter und stieg in seinen Sarg, und die Steine legten sich von selbst
+wieder auf ihren Platz zurecht.
+
+Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken hängen, und dann kam der
+Pfarrer, Herr Ane, und fragte, ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war
+frisch und gesund. >Dann komm und iß einen Bissen,< sagte der Pfarrer.
+>Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen für meine alten Tage,<
+sagte Mutter.
+
+Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann ließ sie den Boden
+über seines Bruders Grab aufbrechen und den Sarg herausheben. Und als sie
+dies taten, war nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte: >Seht
+nun nach, was noch in dem Grabe liegt,< da begann der Tote sich in seinem
+Sarge hin und her zu wälzen. Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich
+mit der Arbeit zu sputen.
+
+Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie hörte, wie der Tote
+drinnen arbeitete. Und sie holten aus dem Grabe eine große Tonne voll Gold-
+und Silbergeld. Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder unten im
+Grabe hatten und der Kirchenboden über ihm geschlossen war.
+
+>Gib mir zu essen,< sagte meine Mutter dann zum Pfarrer, >ich habe jetzt
+ein tüchtiges Stück Arbeit für dich getan.<
+
+Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben Tage bei sich, dann
+hieß er sie wieder gehen.
+
+Als Mutter so von neuem auf die Straße geworfen war, verfluchte sie ihn und
+sagte: >Das Geld, das ich dir verschafft habe, soll dein Unglück werden.<
+
+Und Mutter erzählte, der Pfarrer hätte ihr gesagt, er fürchte sich vor
+nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben könne.
+
+>Die Rache bleibt nicht aus,< sagte Mutter. Das war Mutters Sprichwort, daß
+die Rache nicht ausbleibe.
+
+Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,« fuhr Tora fort, »und nun heißt
+er ihre Tochter eine Hexe. Er hätte die große Kiste neben seinem Bett nicht
+so vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre,« fuhr Tora
+fort und richtete sich auf. »Er könnte nicht dasitzen und Geld über sich
+werfen und wälzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der Tote, wenn
+meine Mutter ihm nicht geholfen hätte.«
+
+Als Tora dies sagte, hörte man ein leises Scharren. Es war nicht ganz nahe,
+aber auch nicht weit weg. Niemand wußte, was es sein könnte. Es war, als
+versuche jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen.
+
+»Wer schleift Messer in meinem Hause?« rief Tora plötzlich.
+
+Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespräch wieder in Fluß gekommen war,
+begann es aufs neue zu knirschen und zu scharren.
+
+Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und sah hinein. Da lagen die
+drei Wanderer ausgestreckt und schliefen, wie sie den ganzen Abend
+geschlafen hatten.
+
+Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das Unwesen abermals. Jeder
+hörte deutlich, wie Messer gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen
+wurden. »Gott helfe uns, das ist ein Omen,« sagte Tora. »Möge uns nichts
+Böses widerfahren, weil wir Übles vom Pfarrer gesprochen haben!«
+
+Aber am nächsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane, ermordet in seinem Bett,
+und sein großer Geldschrein war verschwunden. Und es wurde allsogleich
+bekannt, daß die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem Köhler gelegen
+und ihre Müdigkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber des Mordes waren.
+
+Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erzählen hören, während sie dalagen
+und taten, als schliefen sie. Und sie hatten sofort den Mord geplant und
+sich daran gemacht, ihre Messer zu schleifen.
+
+Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes wie ein
+Wahrspruch durch die Umgegend. »Die Rache bleibt nicht aus,« sagt man.
+»Gott kann mit einer Sage fällen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die
+Rache bleibt nicht aus.«
+
+
+
+
+Die Geisterhand
+
+
+Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte an der Glocke des
+Doktors. Das erste Läuten hatte keinen Erfolg, aber als das zweite und
+dritte Läuten verrieten, daß es unerschütterlicher Ernst war, kam Doktors
+Karin durch die Küchentür, um zu sehen, was es gebe. Und als Karin eine
+Weile unterhandelt hatte, mußte sie sich darein finden, den Doktor zu
+wecken. Sie klopfte an die Schlafzimmertür.
+
+»Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor. Der Herr Doktor muß hin.«
+
+»Ist sie krank?« ertönte es von drinnen.
+
+»Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, daß sie etwas >gesehen<
+hat.«
+
+»Ja, ich lasse grüßen und komme.«
+
+Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das Mägdegeschwätz über
+seine Braut zu hören.
+
+Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben, dachte er, während er
+sich ankleidete. Nun liegt doch das Haus mitten in der Stadt, nicht das
+geringste Romantische daran. Ein ganz gewöhnliches, häßliches, altes Haus,
+eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber der Geisterspuk nistet
+sich dort fest.
+
+Wenn es noch in einem finstern Gäßchen läge oder ein wenig außerhalb der
+Stadt in irgendeinem verwilderten Garten, wo unheimliche alte Bäume die
+Fensterscheiben peitschten in solch einer stürmischen Winternacht! Aber es
+hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und die Zuckerfabrik ganz
+in der Nähe! Sollte man nicht glauben, daß die Zuckerfabrik mit allem
+ihrem Rasseln und Kochen und den großen glühenden Dampfkesseln es dem
+Gespenst unbehaglich machen müßte? Aber nein -- durchaus nicht.
+
+Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung verdienen. Es hatte
+Energie, unglaubliche Energie und die Fähigkeit, sich im Bewußtsein der
+Leute zu erhalten. Man gab wohl zu, daß es sich jetzt etwa zwanzig Jahre
+nicht hatte sehen lassen, seit die Fräulein Burmann in die Geisterzimmer
+gezogen waren. Aber hatte jemand es vergessen? Das zeigte sich ja jetzt:
+bloß weil Ellen ganz plötzlich krank geworden war, mußte es gleich heißen,
+sie hätte etwas gesehen.
+
+Daß sie sich vor etwas erschreckt hätte, ja, das war wohl nicht unmöglich.
+Sie war wie prädestiniert, Gespenster zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben
+mit den zwei nervösen, alten Tanten verbracht hatte. Und daß es ein
+Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer gehört und geglaubt. Von
+Kindheit auf war ihre Phantasie durch das alles aufgereizt.
+
+Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten gewesen war, hatte sie
+ihm gleichsam triumphierend gesagt: »Hier ist das Geisterzimmer,« in einem
+Ton, als zeige sie eine Familienkostbarkeit.
+
+»Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem Zimmer Karten zu
+spielen.«
+
+»Ach, warum nicht?«
+
+»Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler macht, den
+allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine Hand und legt sich neben ihm auf
+den Spieltisch.«
+
+»Was für eine Hand?«
+
+»Eine alte, häßliche Hand mit schweren Diamantringen auf den krummen
+Fingern und mit echten Spitzen ums Handgelenk.«
+
+»Nun und dann?«
+
+»Ja, man sieht nichts als die Hand.«
+
+»Aber woher kommt das?«
+
+»Das weiß niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.«
+
+Sie hatte das sehr keck erzählt; aber wer konnte wissen, wer konnte wissen?
+Sie glaubte wohl an den Spuk.
+
+»So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die Tischkante
+heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt. Hu, und dann weist sie mit
+einem großen, gekrümmten Finger auf eine der Karten! Sie hat Nägel wie
+Klauen, gekrümmt und spitzig.«
+
+Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl nicht. Sie hatte ja
+gerade das Gespensterzimmer zu ihrem Zimmer erwählt ...
+
+Der Doktor jagte an der großen Zuckerfabrik vorüber, wo die Arbeit die
+ganze Nacht fortging, und gelangte über die hohe Steintreppe in das Haus.
+
+Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken. Im Stiegenhaus
+stand eine lange Gestalt, ganz in einen schwarzen Schal eingerollt. Tante
+Malin war selbst heruntergekommen, um ihm die Stiege hinaufzuleuchten.
+
+»Wie geht es Ellen?« fragte der Doktor.
+
+»Wie gut von dir, daß du so rasch gekommen bist,« sagte Tante Malin. »Ich
+weiß nicht, was sie hat. Du mußt kommen und selbst sehen.«
+
+Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war. Der Doktor bekam
+erst jetzt den lebendigen Eindruck, daß wirklich Gefahr im Verzuge wäre.
+
+Ärgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen sollte, mit dem kleinen
+Mädchen dort oben, das er sich zur Frau gewählt hatte! Er hatte in seinem
+ganzen Leben keine gesehen, die ihm besser gepaßt hätte. Recht schön, und
+keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten, und natürlich streng
+erzogen, ans Heim gewöhnt, tüchtig im Häuslichen, friedfertig.
+
+Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante Malin wieder an ihn.
+
+»Wir erwachten mitten in der Nacht davon, daß sie so furchtbar schrie, und
+wir haben sie seitdem nicht beruhigen können. Wir wußten uns keinen andern
+Rat, als dich holen zu lassen.«
+
+Sie öffnete die Tür zu Ellens Zimmer, steckte den Kopf hinein und sagte,
+daß er gekommen sei. Gleich darauf wurde er eingelassen.
+
+Drinnen war es so hell, daß er im ersten Augenblick kaum etwas sehen
+konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht, was es in der Wohnung an
+Lampen und Leuchtern gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar, daß
+dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal gewesen war.
+
+Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und gerade da hatte die
+Gespensterhand sich gezeigt. Das mußte einen Schrecken und einen Aufstand
+gegeben haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um zu wissen, wie
+sie ausgesehen haben mochten.
+
+Sie saß mitten im Zimmer in einem großen Lehnstuhl, sie hielt sich ganz
+aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden Blicken um, war bleich, von
+einer richtigen Totenfarbe, ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie bebte.
+
+Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer gerückt. Es war einer mit freien Füßen.
+Kein Möbel stand in der Nähe, nichts konnte darunter verborgen liegen und
+plötzlich hervorkriechen.
+
+Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt jetzt die Augen fest,
+ganz fest auf den Schatten des Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke
+des Kachelofens streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht, daß er
+ihr irgendeinen häßlichen Streich spielen wolle. Sie zog die Röcke an sich,
+wie um bereit zu sein, zu fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und
+sich als etwas entpuppte, vielleicht als eine große Hand mit Fingern und
+Klauen. Der Doktor rückte also in aller Eile eine Lampe hinüber, so daß ihr
+Licht in die Ecke fiel. Sie sank wieder in den Stuhl.
+
+Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport ab wie Tante Malin.
+
+»Wir erwachten davon, daß sie schrie, als wäre sie wahnsinnig geworden, und
+so ist sie dann die ganze Zeit gewesen. Sie will nur Licht haben, immer
+mehr Licht. Was, glaubst du, kann das sein?«
+
+»Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken,« flüsterte der Doktor.
+
+So, nun waren ihre Blicke bemüht, sich hinter eine Gardine einzubohren. Er
+ging einmal ums Zimmer. Es konnte ja möglich sein, daß er entdeckte, was
+sie erschreckt hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes
+Briefpapier. Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die Feder war ihr
+aus der Hand gefallen und übers Papier gerollt. Ein Billett, das er ihr
+spät abends geschickt hatte, um zu fragen, ob sie und die Tanten am
+nächsten Tag einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben.
+
+Es war offenbar, daß sie sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, um ihm zu
+antworten. Sie hatte eben »Mein gel ...« geschrieben. Dann war sie
+erschrocken und hatte die Feder fallen lassen.
+
+Der Doktor fühlte, wie die Blicke der Tanten ihm folgten. Sie wunderten
+sich wohl, daß er kein Wort zu Ellen sagte. Das erste, was er tun mußte,
+war, alle aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als auch Tante
+Berta und das Hausmädchen, damit sie den Schrecken nicht in ihr wach
+erhielten.
+
+»Ich glaube, sie wird mir schon alles erzählen, wenn ich allein mit ihr
+sprechen kann,« sagte er und hatte rasch das Zimmer ausgeräumt.
+
+Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie.
+
+Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann! Er hätte Ellen kaum
+wiedererkannt. Ruhe, friedvolle Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens.
+Er war davon bezaubert worden, daß er sie immer gleich ruhig fand: eine
+förmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten zu behandeln. Sie sah kaum von
+der Stickerei auf, wie sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal
+gleichsam eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam, vermeinte er
+eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im Lampenscheine am Arbeitstisch
+sitzen zu sehen. Er hatte ein deutliches Bild des feinen Nackens und der
+kleinen Hände empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie geschmückt. Darauf
+hatte er um sie angehalten.
+
+Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte Wildheit. Gerade, was
+er nicht wollte. Eine hysterische Frau! Ah, Gott behüte, Gott behüte!
+
+»Sag, Ellen, was hast du?«
+
+Sie antwortete nicht.
+
+»Mir mußt du es sagen, verstehst du?« sagte er ein bißchen streng.
+
+Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein Schimmer von Hoffnung
+in ihnen auf.
+
+»Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.«
+
+Es war schade um ihre schönen, hellen Augen. Sie hatten auf dem, mit dem
+sie gesprochen hatte, immer mit einem Schimmer geruht, so still wie der der
+Sonne. Sie waren vielleicht glänzender jetzt. Aber das war ein Glanz, nach
+dem er eigentlich gar nicht fragte.
+
+Sie kämpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den Unterkiefer nicht still
+halten. Sie stopfte ein Taschentuch zwischen die Zähne, damit man nicht
+hörte, wie sie aufeinanderschlugen.
+
+Endlich hörte er sie ein paar Worte sagen. Sie saß da und schlug mit der
+einen Hand auf die andre und dachte laut. »Ich muß es ihm sagen. Ich muß,
+ich muß. Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.«
+
+Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich herabgestimmt dabei.
+Es glich am ehesten der Stimmung, die über einen kommt, wenn man im Frack
+in einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen. Man fühlt,
+wie man seine ganze Größe und Würde einbüßt.
+
+Sie gestand mit einem Male, daß sie ihn nicht lieb hätte. Sie hätte ihn
+gern heiraten wollen, aber bloß um von daheim wegzukommen.
+
+Hätte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er hätte darüber lachen
+können, wie dieses Kind sich nach einem Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten
+besten. Sie war so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten
+wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und wußten selbst
+nicht, wie sie sie quälten.
+
+Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte gleichsam, er möchte
+sie doch verstehen und für sie fühlen. Er wußte ja, wie die Tanten waren,
+er hatte sie ja viele Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so
+eigen, so voll fixer Ideen und Beängstigungen. Tante Malin erwartete immer
+eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte immer, daß sie auf der Straße
+überfahren werden würde. Er wußte, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen,
+weiter bei ihnen bliebe, würde sie ebenso wunderlich werden.
+
+Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und sie hatte die Tanten
+gebeten, fortgehen und arbeiten zu dürfen. Das hatten die natürlich nicht
+erlauben wollen. Da könnte er doch begreifen, daß ihr nichts andres übrig
+geblieben wäre, als zu heiraten.
+
+Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob sie bei einer
+Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich nichts machte, nicht gefürchtet
+hätte, ein noch ärgeres Leben führen zu müssen, als hier bei den Tanten.
+
+Ach nein, ärger könnte es wohl nie sein. Ein Mann wäre wenigstens manchmal
+fort. Die Tanten wären den ganzen Tag zu Hause.
+
+Nun, da sie schon so offenherzig wäre -- ob es ihr nie in den Sinn gekommen
+wäre, ihn lieb zu haben? Sie schüttelte den Kopf; das war etwas, was ganz
+außerhalb des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu häßlich wäre? Nein; sie
+schlug beteuernd die Augen auf. Ob er langweilig wäre? Sie machte eine
+abwehrende Handbewegung. Was für ein Fehler also an ihm wäre? Er sei zu
+kalt. Ja so, er war zu kalt.
+
+Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer. Das war doch
+unglaublich, daß ein solches Kind da herumgegangen war und etwas Derartiges
+zusammengebraut hatte. Hatte sich von ihm küssen lassen, ohne eine Spur von
+Neigung für ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre Rolle gar nicht schlecht
+gespielt. Er war der Betrogne gewesen. Und daß er so unsympathisch sein
+sollte, daß ein junges Mädchen gar nicht daran denken könnte, ihm gut zu
+sein ...!
+
+Aber natürlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes Leben geführt. Er
+konnte schon begreifen, daß ihr viel daran gelegen hatte, sich zu
+verheiraten. Das war ihr wohl wie eine Erlösung fürs ganze Leben gewesen.
+Sie legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu zeigen. Es fiel ihr
+gar nicht ein, daß sie ihn verletzte. Sie mußte wohl glauben, daß er
+gepanzert sei, ganz eisenhart.
+
+Ihre Stimme erhob sich plötzlich zu einem Schrei. »Du weißt ja,« sagte sie,
+»daß alle, die falsch spielen, in diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich
+habe sie gesehen. Ich saß dort, dort.« Und sie wendete sich heftig zum
+Schreibtisch. »Dort hab' ich sie gesehen.«
+
+»Glaubst du nicht, daß ich sie gesehen habe?« fuhr sie fort und bohrte ihre
+Augen in ihn, als wolle sie die Wahrheit hervorzwingen.
+
+»Laß mich hören, wie es war,« sagte er beruhigend.
+
+»Ja, du weißt doch, daß du mir am Abend geschrieben hattest, und ich wollte
+die Antwort schreiben, bevor ich mich niederlegte. Aber als ich mich an den
+Schreibtisch setzte, wurde ich unruhig und saß lange da und dachte, denn
+ich wußte nicht, wie ich die Überschrift schreiben sollte. Ich mußte ja
+>geliebter< schreiben, aber das kam mir nicht recht vor. Es war das
+erstemal, daß ich an dich schrieb. Ich fand, daß es schrecklich war, etwas
+zu schreiben, was nicht wahr war -- aber schließlich schien es mir, daß ich
+nicht weniger schreiben könnte.«
+
+»Ist ein so großer Unterschied zwischen dem, was man schreibt, und dem, was
+man sagt?«
+
+»Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur ob ich deine Frau
+werden wollte --«
+
+»Ah so!«
+
+»Aber da, in demselben Augenblick, in demselben Augenblick, als ich
+begonnen hatte, das Wort zu schreiben, war die Hand da. Sie kam über die
+Tischkante heraufgeglitten, und ich glaube, ich saß da und starrte sie ein
+paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war. Ich schrie nicht gleich.
+Ich konnte gleichsam nicht verstehen, daß es etwas Übernatürliches war.
+Aber da legte sie sich über das Papier und zeigte mit den gekrümmten
+Fingern auf das Wort da.
+
+Ich glaube, sie war froh, sie zitterte förmlich vor Freude. Es war, als
+wolle sie die Buchstaben an sich scharren -- es war falsches Spiel. Da
+wollte sie mit dabei sein.
+
+Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine große Spinne. Gerade
+als hätte sie Eile. Es war so lange her, seit sie Anlaß gehabt hatte,
+hervorzukommen. Nun mußte sie sich sputen. Sie griff förmlich nach der
+Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja falsches Spiel. Da
+wollte sie mit dabei sein.
+
+Ich schrie auf, als wäre es eine Schlange, und da verschwand sie, aber ich
+weiß nicht, ob sie nicht noch hier ist. Ich glaube, ich fühle, daß sie sich
+noch im Zimmer befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich war nahe
+daran, zu sterben.«
+
+»Nein, sie darf nicht wiederkommen,« sagte er tröstend.
+
+»Ich weiß, daß ich eins tun muß,« sagte sie, »ich muß es tun, damit sie
+nicht wiederkommt. Aber es ist so furchtbar hart.«
+
+Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre kalte, zitternde Hand
+in die des Doktors und ließ den Ring zurück. Dann weinte sie in der
+Bitterkeit der Entsagung.
+
+Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander und ließ
+den Ring dazwischen hin und her gleiten.
+
+Es wäre nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu werden wie mit dem
+andern, meinte er. Die Hand hatte gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein
+wenig Rache verschafft. Er fühlte Sympathie für sie.
+
+Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, daß das Gewissen in der einen
+oder andern Weise über sie kommt, wie sehr sie auch versuchen, es zu
+betrügen. Es hat seine eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine
+Braut alles aufs beste ausgeklügelt, um ein gutes Heim zu bekommen. Bloß
+ein bißchen Heuchelei brauchte sie sich aufzuerlegen, und alles Glück der
+Welt war ihr eigen. Und da kommt das Gewissen ganz still heran und gräbt
+seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich alle Klugheit, alle
+Berechnung in einem Augenblick in die Luft.
+
+Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, daß sie so ein ganzes Leben würde
+weiterlügen können. Hatte wohl gesehen, wie es andern geglückt war. Aber da
+stellt es sich heraus, daß sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt ein
+Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen anzugehören.
+Wenn man es am wenigsten erwartet, ist die Gewissenshalluzination da.
+
+Natürlich nimmt sie dann die Form an, die am nächsten zur Hand liegt. Es
+war ja sonnenklar, daß das Gewissen in diesem Zimmer zu einer Geisterhand
+werden mußte.
+
+Er saß noch immer da und spielte mit dem Ring und ließ ihn von einem Finger
+zum andern gleiten. Er fühlte etwas andres als Zorn darüber, daß er sie
+nicht hatte gewinnen können. Er war beinahe betrübt. Sie fing jetzt wohl
+an, sich seiner zu erinnern, zu denken, daß ihm ein Unrecht widerfahren
+sei, denn sie beugte sich hinab und küßte seine Hand. »Verzeih mir,« sagte
+sie.
+
+Es war merkwürdig, wie weich sie war. Wenn sie sich darüber klar geworden
+war, daß sie ein Unrecht getan hatte, wußte sie gar nicht, was sie alles
+anfangen sollte, um es zu sühnen. Es hatte wirklich keinen Zweck, sie
+länger zu quälen. Er brauchte ja nur gerade heraus zu sprechen, zu sagen,
+daß er nicht viel besser gewesen war als sie. Räsonnement auf beiden
+Seiten. Die eine hatte ein Heim, der andre eine Haushälterin gesucht. Es
+würde sie beruhigen, das zu hören.
+
+Er wollte ihr sagen, daß es keine so bittre Enttäuschung für ihn hatte
+werden können. Er war nicht so furchtbar verliebt gewesen, auch er nicht.
+
+Ja gewiß, er hatte ja keinen Anlaß, die Qual länger hinauszuziehen. Das
+beste war, ein Ende zu machen. Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen
+unverlobt zu erwachen.
+
+Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Tränen in die Augen. Es tat
+ihm doch weh, sie zu verlieren. Und nun war es das, was er ihr sagte.
+
+Er begann damit, ihr unzusammenhängende Dinge zu sagen, daß sie ein
+Gewissensmensch sei, daß sie der feineren Rasse von Nervenmenschen
+angehöre, die gerade jetzt angefangen hätten, hier und dort aufzutauchen.
+Sie sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen, was ihr in dieser
+Nacht widerfahren sei, fiele es ihm schwer, auf sie zu verzichten.
+
+Sie sei frei, ja, natürlich, aber wenn sie einmal könne und wolle -- --
+
+Er sah sie erstaunt an. Quälte sie das nicht? Nein, jetzt erst verschwand
+die Starrheit aus ihren Zügen, und die Augen wurden ruhig. Sie saß mit
+halbgeöffnetem Munde und lauschte --
+
+Er sprach davon, wie er das Leben für sie hätte ordnen wollen, sprach
+davon, wie er sich nach ihr gesehnt hätte. Er sprach ganz anders davon, als
+er vor einer halben Stunde gesprochen hätte. Aber er sah es auch ganz
+anders, jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel schöner, als er
+es sich zugetraut hätte. Das Zusammenleben mit einem weichen, liebenswerten
+Wesen, ja, gerade das Zusammenleben mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold
+für seine Phantasie aus, und er sagte es ihr.
+
+Als er näher trat und ihr die Hand zum Abschied reichte, kamen ihm noch
+einmal die Tränen in die Augen. Sie war so schön, gerade jetzt, die Farbe
+entzündete sich wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerblühte
+Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer Todesgefahr entronnen
+ist.
+
+Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und zog seine Schlüsse so
+rasch wie nie zuvor.
+
+Sie verstand sich natürlich selbst nicht, nicht im geringsten. Ah! Er
+schöpfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit war fort. Ein jubelndes
+Siegesgefühl durchblitzte ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er
+sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht, daß er zeigte, daß
+er sie lieb hatte.
+
+Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig wieder auf den
+Ringfinger. »Keine Torheiten,« sagte er, als sie die Hand wegziehen wollte.
+
+»Aber,« sagte sie. »Ich weiß nicht, ich wage nicht --«
+
+»Ich wage es, ich,« sagte der Doktor, »ich war nie so, daß ich vor dem
+Glück davongelaufen bin.«
+
+Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen Überrock und kam wieder herein,
+um seine Zigarre anzuzünden.
+
+»Arme Kleine,« sagte er, während er ein paar Züge machte. »Bist jetzt wie
+gebunden und gefesselt, mich zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch
+die Hand dort und preßt dir das Leben aus.«
+
+ * * * * *
+
+Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 2,525.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Seite 9: »bei Halvorson einzukaufen« wurde geändert in
+ »bei Halfvorson einzukaufen«
+ Seite 18: »»Laß ihn heulen!« sagte Halvorson« wurde geändert in
+ »»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson«
+ Seite 18: »Halvorson holt die Polizei« wurde geändert in
+ »Halfvorson holt die Polizei«
+ Seite 19: »durch das Halvorson« wurde geändert in »durch das Halfvorson«
+ Seite 21: nach »so ist es gemeint..« wurde ein Punkt ergänzt
+ Seite 31: »Aber als am Nachmittag alle Mäner« wurde geändert in
+ »Aber als am Nachmittag alle Männer«
+ Seite 32: »Die vier Mäner« wurde geändert in »Die vier Männer«
+ Seite 33: »in Frieden und Ordnun« wurde geändert in
+ »in Frieden und Ordnung«
+ Seite 61: »von dem lichten Abendhimmel« wurde geändert in
+ »vor dem lichten Abendhimmel«
+ Seite 103: »Gegend Abend« wurde geändert in »Gegen Abend«
+ Seite 147: »glichen den aller andern« wurde geändert in
+ »glichen denen aller andern«
+ Seite 214: vor »ob es sehr häßlich war« wurde ein Komma ergänzt
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
+
+***** This file should be named 33041-8.txt or 33041-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/3/0/4/33041/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+ The Project Gutenberg eBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerl&ouml;f
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+The Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Unsichtbare Bande
+ Erzählungen
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+Author: Selma Lagerlöf
+
+Translator: Marie Franzos
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+Release Date: July 1, 2010 [EBook #33041]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
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+<h1>Unsichtbare Bande</h1>
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+<p class="title big spaced">Erz&auml;hlungen<br />
+von<br />
+Selma Lagerl&ouml;f</p>
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+<p class="title">Deutsch von Marie Franzos</p>
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+<div class="figcenter" style="width: 100px;">
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+<hr style="width: 50%; margin-bottom: 0em" />
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+<p class="title spaced" style="margin-top: 0em">Leipzig / Hesse &amp; Becker Verlag</p>
+
+
+<p class="title big spaced" style="margin-bottom: 0em"><a name="inhalt" id="inhalt"></a>Inhalt</p>
+
+<table border="0" width="60%" summary="Inhaltsverzeichnis">
+<tr><td align="left">&nbsp;</td><td align="right" style="font-size: smaller">Seite</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr1">Peter Nord und Frau Fastenzeit</a></td><td align="right">7</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr2">Die Legende vom Vogelnest</a></td><td align="right">57</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr3">Das H&uuml;nengrab</a></td><td align="right">67</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr4">Die Vogelfreien</a></td><td align="right">90</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr5">Reors Geschichte</a></td><td align="right">114</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr6">Waldemar Attertag brandschatzt Visby</a></td><td align="right">120</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr7">Mamsell Friederike</a></td><td align="right">126</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr8">Der Roman einer Fischersfrau</a></td><td align="right">136</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr9">Mutters Bild</a></td><td align="right">147</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr10">Ein gefallener K&ouml;nig</a></td><td align="right">154</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr11">Ein Weihnachtsgast</a></td><td align="right">179</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr12">Onkel Ruben</a></td><td align="right">189</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr13">Das Flaumv&ouml;gelchen</a></td><td align="right">199</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr14">Unter den Kletterrosen</a></td><td align="right">234</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr15">Die Grabschrift</a></td><td align="right">239</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr16">R&ouml;merblut</a></td><td align="right">251</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr17">Die Rache bleibt nicht aus</a></td><td align="right">269</td></tr>
+<tr><td align="left"><a href="#nr18">Die Geisterhand</a></td><td align="right">277</td></tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_7" id="page_7"></a>7</span></p>
+<h2><a name="nr1" id="nr1"></a><a href="#inhalt">Peter Nord und Frau Fastenzeit</a></h2>
+
+<h3>I</h3>
+
+<p>So traulich wie ein Heim steht das kleine St&auml;dtchen
+vor mir. Es ist so klein, da&szlig; ich alle seine Winkel und
+Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde gut Freund werden
+und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer
+&uuml;ber die Stra&szlig;e ging, wu&szlig;te, bei welchem Fenster er
+den Blick aufschlagen mu&szlig;te, um ein sch&ouml;nes Gesicht
+hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den Stadtpark
+wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mu&szlig;te,
+um die Person zu treffen, die er treffen wollte.</p>
+
+<p>Auf die sch&ouml;nen Rosen im Nachbargarten war man
+fast ebenso stolz, als wenn sie im eignen gestanden h&auml;tten.
+Geschah etwas, was kleinlich oder gew&ouml;hnlich war, so
+sch&auml;mte man sich, als w&auml;re es in der eignen Familie
+passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer
+Feuersbrunst oder einer Marktschl&auml;gerei, br&uuml;stete man
+sich und sagte: &bdquo;Seht nur, welches Gemeinwesen! Geschehen
+solche Dinge anderswo? Welche wunderbare
+Stadt!&ldquo;</p>
+
+<p>Und in dieser meiner geliebten Stadt ver&auml;ndert sich
+nichts. Komme ich wieder einmal hin, so werde ich dieselben
+H&auml;user und Kaufl&auml;den wiederfinden, die ich von
+altersher kenne, dieselben Gruben im Steinpflaster werden
+mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken,
+dieselben rundgeschnittenen Fliederstr&auml;ucher meinen bewundernden
+Blick fesseln. Wieder werde ich sehen, wie
+der alte Ratsherr, der die ganze Stadt regiert, mit elefantenschweren
+Schritten die Stra&szlig;e hinabgewandert
+kommt. Patriarch und Vorsehung, welch ein Gef&uuml;hl der
+<span class="pagenum"><a name="page_8" id="page_8"></a>8</span>Sicherheit hat man nicht, wenn man dich so wandern
+sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in
+seinem Garten umhergehen und graben, w&auml;hrend seine
+wasserklaren Augen suchend starren, als wollten sie sagen:
+&bdquo;Alles, alles haben wir durchforscht, jetzt Erde, wollen
+wir uns bis in dein Innerstes bohren.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine
+runde Peter Nord. Ihr wi&szlig;t doch, der kleine Werml&auml;nder,
+der in Halfvorsons Kramladen stand, er, der die
+Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und
+seinen wei&szlig;en M&auml;usen unterhielt. Von ihm ist eine ganze
+Geschichte zu erz&auml;hlen. &Uuml;ber alles und alle in der Stadt
+gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so wunderliche
+Dinge.</p>
+
+<p>Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er
+war klein und rund, er war braun&auml;ugig und hatte ein
+lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als Birkenlaub
+im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein
+Werml&auml;nder war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben,
+da&szlig; er aus einem andern Lande komme. Mit pr&auml;chtigen
+Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat ausger&uuml;stet.
+Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den
+Fingern, flink mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu
+ein Narr, gutm&uuml;tig und hoch hinaus, gef&auml;llig und
+streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf,
+er war nicht imstande, einem B&uuml;rgermeister gr&ouml;&szlig;re Ehrfurcht
+zu zeigen, als einem Bettler. Aber Herz hatte er,
+verliebt war er jeden zweiten Tag, und die ganze Stadt
+zog er ins Vertrauen.</p>
+
+<p>Die Arbeit im Laden verrichtete dieses gl&uuml;cklich veranlagte
+Kind in irgendeiner &uuml;bernat&uuml;rlichen Weise. Die
+Kunden wurden bedient, w&auml;hrend er die wei&szlig;en M&auml;use
+f&uuml;tterte. Geld wurde gewechselt und gez&auml;hlt, w&auml;hrend
+er seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit R&auml;dern versah.
+Und indes er den Kunden von seiner allerletzten
+Verliebtheit erz&auml;hlte, lie&szlig; er das Literma&szlig; nicht aus den
+<span class="pagenum"><a name="page_9" id="page_9"></a>9</span>Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte.
+Und es machte den bewundernden Zuh&ouml;rern
+Spa&szlig;, zu sehen, wie er pl&ouml;tzlich &uuml;ber den Ladentisch sprang
+und auf die Stra&szlig;e st&uuml;rzte, wo er mit einem vorbeigehenden
+Gassenjungen einen Strau&szlig; ausfocht, um dann
+mit ruhiger Stirn in den Laden zur&uuml;ckzukehren und den
+Knoten an einem Paket zu kn&uuml;pfen oder ein St&uuml;ck Stoff
+fertig zu messen.</p>
+
+<p>War es nicht nat&uuml;rlich, da&szlig; er der G&uuml;nstling der ganzen
+Stadt wurde? Wir f&uuml;hlten uns alle verpflichtet, bei
+Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord hingekommen
+war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter
+Nord ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den K&auml;fig
+mit den wei&szlig;en M&auml;usen zeigte. Es war sehr spannend
+und aufregend, die M&auml;use zu zeigen, denn Halfvorson
+hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.</p>
+
+<p>Da aber kamen mitten in dem heller werdenden
+Februar ein paar tr&uuml;be Tage mit nebligem Tauwetter.
+Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er lie&szlig;
+die wei&szlig;en M&auml;use ihren Drahtk&auml;fig benagen, ohne sie
+zu f&uuml;ttern. Er versah seine Obliegenheiten tadellos. Er
+balgte sich nicht mit den Gassenjungen. Konnte Peter
+Nord es vielleicht nicht vertragen, da&szlig; das Wetter umgeschlagen
+hatte?</p>
+
+<p>Ach nein, die Sache war die, da&szlig; er einen F&uuml;nfzigkronenschein
+oben auf einem der Wandbretter gefunden
+hatte. Er hatte geglaubt, da&szlig; er mit einem Stoffballen
+hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte
+er ihn unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben,
+der damals unmodern war und nie von den Wandbrettern
+heruntergenommen wurde.</p>
+
+<p>Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unb&auml;ndigen
+Groll gegen Halfvorson, der ihm eine ganze M&auml;usefamilie
+totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich r&auml;chen.
+Noch sah er die wei&szlig;e Mutter mitten unter ihren hilflosen
+<span class="pagenum"><a name="page_10" id="page_10"></a>10</span>Jungen vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch
+gemacht zu fliehen, sondern war in unersch&uuml;tterlichem
+Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte
+den herzlosen M&ouml;rder aus roten brennenden Augen angestarrt.
+Verdiente dieser nicht auch eine angstvolle
+Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er totenbleich aus
+dem Kontor st&uuml;rzte und nach dem F&uuml;nfzigkronenschein
+suchte. Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren
+Augen sehen, die er in den granatroten der wei&szlig;en Maus
+erblickt hatte. Der Kr&auml;mer sollte nur suchen, er sollte den
+ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote
+finden lie&szlig;.</p>
+
+<p>Aber der F&uuml;nfzigkronenschein blieb den ganzen Tag
+in seinem Versteck liegen, ohne da&szlig; jemand danach fragte.
+Er war ganz neu, bunt und leuchtend und hatte die Zahl
+F&uuml;nfzig gro&szlig; in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im
+Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte
+zu dem Kattunballen hinauf. Dann zog er den
+F&uuml;nfzigkronenschein hervor, entfaltete ihn und bewunderte
+seine Sch&ouml;nheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte
+er Angst bekommen, da&szlig; dem F&uuml;nfzigkronenschein etwas
+zugesto&szlig;en sei. Dann tat er, als suchte er etwas auf
+dem Wandbrett und tastete unter dem Kattunballen herum,
+bis er den glatten Schein unter seinen Fingern
+rascheln f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Dieser Schein hatte mit einem Male eine &uuml;bernat&uuml;rliche
+Gewalt &uuml;ber ihn erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges
+darin war? Die von breiten Ringen umgebenen Zahlen
+waren wie saugende Augen. Der Knabe k&uuml;&szlig;te sie alle
+und fl&uuml;sterte. &bdquo;Solche wie du m&ouml;chte ich viele haben,
+furchtbar viele.&ldquo;</p>
+
+<p>Er begann sich allerlei Gedanken &uuml;ber den Schein zu
+machen, und dar&uuml;ber, da&szlig; Halfvorson nicht danach fragte.
+Vielleicht geh&ouml;rte er gar nicht Halfvorson? Vielleicht
+lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er &uuml;berhaupt
+keinen Besitzer mehr?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_11" id="page_11"></a>11</span>Gedanken sind ansteckend.&nbsp;&ndash; Beim Abendbrot hatte
+Halfvorson angefangen, von Geld und Geldmenschen zu
+sprechen. Er erz&auml;hlte Peter Nord von allen den armen
+Jungen, die Reicht&uuml;mer gesammelt hatten. Er begann
+mit Whittington und schlo&szlig; mit Astor und Jay Gould.
+Halfvorson kannte ihre ganze Geschichte, er wu&szlig;te, wie
+sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und gewagt
+hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam.
+Er durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er
+begleitete sie bei ihren Erfolgen, er jubelte bei ihrem
+Sieg. Peter Nord h&ouml;rte ganz gespannt zu.</p>
+
+<p>Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein
+Hindernis f&uuml;r ein Gespr&auml;ch, denn er las einem alles,
+was man sagte, von den Lippen ab. Hingegen konnte
+er seine eigne Stimme nicht h&ouml;ren. Die rollte darum so
+wunderlich eint&ouml;nig dahin, wie das Tosen eines fernen
+Wasserfalls. Aber diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte
+es, da&szlig; alles, was er sagte, einem im Ohr nachhallte,
+so da&szlig; man es viele Tage nicht absch&uuml;tteln konnte.
+Armer Peter Nord!</p>
+
+<p>&bdquo;Was unumg&auml;nglich notwendig ist, um reich zu werden,&ldquo;
+sagte Halfvorson, &bdquo;das ist der Heckepfennig. Aber
+den kann man nicht verdienen. Merke dir, den haben
+alle auf der Stra&szlig;e gefunden, oder zwischen dem Futter
+und dem Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion
+gekauft haben, oder sie haben ihn im Spiel gewonnen,
+oder von einer sch&ouml;nen und barmherzigen Dame
+als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze
+dieser gesegneten M&uuml;nze waren, ist ihnen alles gegl&uuml;ckt.
+Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie aus einer
+Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der
+Heckepfennig.&ldquo;</p>
+
+<p>Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und
+dumpfer. Der junge Peter Nord sa&szlig; wie bet&auml;ubt da
+und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des E&szlig;tisches
+stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem
+<span class="pagenum"><a name="page_12" id="page_12"></a>12</span>Fu&szlig;boden wogte es wei&szlig; von Silber, und die wirren
+Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in
+Bankscheine, gro&szlig; wie Tischt&uuml;cher. Aber gerade vor seinen
+Augen flatterte die Zahl F&uuml;nfzig, von breiten Ringen
+umgeben, und lockte ihn wie die sch&ouml;nsten Augen. &bdquo;Wer
+wei&szlig;,&ldquo; l&auml;chelten die Augen, &bdquo;vielleicht ist der F&uuml;nfzigkronenschein
+droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Merke nun wohl,&ldquo; sagte Halfvorson, &bdquo;n&auml;chst dem
+Heckepfennig sind noch zwei Dinge f&uuml;r den notwendig,
+der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte Arbeit, Peter
+Nord, hei&szlig;t das eine Ding; und das andre hei&szlig;t Verzicht.
+Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und
+Lachen, auf den Morgenschlummer und den Abendspaziergang.
+Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge sind notwendig
+f&uuml;r den, der das Gl&uuml;ck erobern will. Arbeit hei&szlig;t das
+eine, und das andre Verzicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich
+wollte er reich, freilich wollte er gl&uuml;cklich werden,
+aber das Gl&uuml;ck sollte nicht so &auml;ngstlich kommen, nicht
+so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie sich
+einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade
+mit den Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame
+ihre S&auml;nfte an der Ladent&uuml;r halten lassen und dem
+Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten. Aber
+jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen
+Ohren. Sein ganzes Hirn ward davon erf&uuml;llt. Er glaubte
+nichts andres, wu&szlig;te nichts andres. Arbeit und Verzicht,
+Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des Lebens
+Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben,
+da&szlig; er sich je etwas andres gew&uuml;nscht hatte.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage getraute er sich gar nicht, den
+F&uuml;nfzigkronenschein zu k&uuml;ssen, er wagte es nicht einmal,
+ihn anzusehen. Er war still und gedr&uuml;ckt, ordentlich und
+flei&szlig;ig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos, da&szlig;
+jeder merken konnte, da&szlig; etwas mit ihm los sein mu&szlig;te.
+<span class="pagenum"><a name="page_13" id="page_13"></a>13</span>Der alte Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und
+tat, was er konnte, um ihn zu tr&ouml;sten.</p>
+
+<p>&bdquo;Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?&ldquo;
+fragte der Alte. &bdquo;So, so, nein? Ja, dann will ich dich
+einladen, Peter Nord. Und la&szlig; mich sehen, da&szlig; du hinkommst,
+sonst erz&auml;hle ich Halfvorson, wo du deinen
+M&auml;usek&auml;fig hast.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu
+gehen.</p>
+
+<p>Fastnachtsball, man denke, da&szlig; Peter Nord auf den
+Fastnachtsball sollte. Peter Nord sollte alle sch&ouml;nen
+Damen der Stadt sehen, fein, wei&szlig; gekleidet, blumengeschm&uuml;ckt.
+Aber Peter Nord durfte nat&uuml;rlich mit keiner
+einzigen von ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei.
+Er war nicht in der Laune zu tanzen.</p>
+
+<p>Auf dem Balle lehnte er in einer T&uuml;r und machte nicht
+einen Schritt zum Tanze. Einige hatten ihn zu &uuml;berreden
+versucht, aber er war standhaft gewesen und hatte nein
+gesagt. Er k&ouml;nne diese T&auml;nze nicht. Auch w&uuml;rde keine
+von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er
+war allzu gering f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen
+zu funkeln und zu leuchten, und er f&uuml;hlte, wie die Freude
+durch alle Glieder zuckte. Es kam von der Tanzmusik,
+es kam vom Blumenduft, es kam von allen den sch&ouml;nen
+Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen
+schon war er so strahlend froh, da&szlig;, wenn Freude Feuer
+w&auml;re, die Flammen lichterloh um ihn aufgelodert w&auml;ren.
+Und wenn die Liebe es w&auml;re, wie so viele behaupten,
+dann w&auml;re es ihm auch nicht besser ergangen. Er war
+immer in irgendein sch&ouml;nes M&auml;dchen verliebt, aber bis
+jetzt immer nur in eine zugleich. Doch als er jetzt alle
+diese sch&ouml;nen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht
+mehr eine einzige Flamme das sechzehnj&auml;hrige Herz, sondern
+es war ein ganzer Waldbrand.</p>
+
+<p>Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die
+<span class="pagenum"><a name="page_14" id="page_14"></a>14</span>nichts weniger als Ballschuhe waren. Aber wie h&auml;tte er
+mit den breiten Abs&auml;tzen den Takt stampfen und sich
+auf den dicken Sohlen im Kreise drehen k&ouml;nnen! In
+seinem Innern war etwas, was an ihm ri&szlig; und zerrte,
+ihn wie einen geschlagnen Ball in den Tanzsaal schleudern
+wollte. Er widerstand noch ein Weilchen, obgleich
+die Bewegung in ihm immer st&auml;rker wurde, je weiter
+die Nacht fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und
+lebenswarm. Hei&szlig;a, er war nicht mehr der arme Peter
+Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer
+aufpeitscht und den Wald umrei&szlig;t.</p>
+
+<p>Ganz pl&ouml;tzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da
+geriet der Bauernjunge ganz au&szlig;er sich. Er fand, da&szlig;
+diese wie seine eigne Werml&auml;nder Polka klang.</p>
+
+<p>In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle
+feinen Herrenmanieren waren von ihm abgeglitten. Er
+war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern daheim
+in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging
+mit krummen Knien und zog den Kopf zwischen die
+Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er einer Dame
+den Arm um den Leib und ri&szlig; sie mit sich. Und dann
+begann er Polka zu tanzen. Das M&auml;dchen folgte ihm
+halb widerwillig, beinahe geschleift. Sie war nicht im
+Takt, sie wu&szlig;te gar nicht, was dies f&uuml;r ein Tanz war.
+Aber pl&ouml;tzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis
+des Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie,
+hob sie empor, sie hatte Fl&uuml;gel an den F&uuml;&szlig;en, sie wurde
+so leicht wie Luft. Es war ihr, als fl&ouml;ge sie dahin.
+Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz.
+Sie verwandelt die schwerf&uuml;&szlig;igen S&ouml;hne der Erde. Lautlos
+schweben sie auf zolldicken Sohlen &uuml;ber ungehobelte
+Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie das
+Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still,
+gleitend. Ihre edlen, ma&szlig;vollen Bewegungen befreien
+die K&ouml;rper, so da&szlig; sie sich leicht, elastisch schwebend
+f&uuml;hlen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_15" id="page_15"></a>15</span>W&auml;hrend Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte,
+wurde es still im Ballsaal. Anfangs lachte man, aber
+allm&auml;hlich d&auml;mmerte es allen auf, da&szlig; dies Tanz war,
+dieses Dahinschweben in gleichm&auml;&szlig;igen raschen Wirbeln,
+ja wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel,
+da&szlig; rings um ihn eine wunderliche Stille herrschte.
+Er blieb pl&ouml;tzlich stehen und fuhr sich mit der Hand
+&uuml;ber die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine
+laubgeschm&uuml;ckten W&auml;nde, keine hellblaue Sommernacht,
+keine muntre Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu
+erblicken, in die er jetzt schaute. Er sch&auml;mte sich und
+wollte sich fortschleichen.</p>
+
+<p>Aber schon war er umringt und best&uuml;rmt. Die jungen
+Damen dr&auml;ngten sich um den Ladenjungen und riefen:
+&bdquo;Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie
+lernen. Der Ball kam ganz aus dem Geleise und war
+jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten, da&szlig; sie bisher
+gar nicht gewu&szlig;t h&auml;tten, was tanzen hei&szlig;e. Und
+Peter Nord ward ein gro&szlig;er Mann an diesem Abend.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te mit allen den feinen Damen tanzen, und sie
+waren &uuml;ber die Ma&szlig;en freundlich gegen ihn. Er war ja
+nur ein Junge und &uuml;brigens solch ein fr&ouml;hlicher Tollkopf.
+Man konnte nicht anders als ihn verziehen.</p>
+
+<p>Da f&uuml;hlte Peter Nord, da&szlig; dies das Gl&uuml;ck war. Der
+G&uuml;nstling der Damen zu sein, es wagen, mit ihnen zu
+sprechen, sich mitten in dem strahlenden Lichte zu bewegen,
+gefeiert und verh&auml;tschelt zu werden, ja gewi&szlig;,
+das war das Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Und als der Ball zu Ende war, war er zu gl&uuml;cklich,
+um selbst dar&uuml;ber betr&uuml;bt zu sein. Er hatte das Bed&uuml;rfnis,
+heimzukommen, um in Ruhe alles das zu &uuml;berdenken,
+was ihm an diesem Abend widerfahren war.</p>
+
+<p>Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte
+im Hause, die im Kontor arbeitete. Sie war arm und
+<span class="pagenum"><a name="page_16" id="page_16"></a>16</span>von Halfvorson abh&auml;ngig, aber sie benahm sich recht hochm&uuml;tig
+gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele
+Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und
+wurde in Familien eingeladen, in die Halfvorson nie
+kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen zusammen
+von dem Balle nach Hause.</p>
+
+<p>&bdquo;Wissen Sie, Nord,&ldquo; fragte Edith Halfvorson, &bdquo;da&szlig;
+Halfvorson wegen verbotnen Branntweinhandels angeklagt
+werden wird? Sie k&ouml;nnten mir wirklich sagen,
+Nord, wie es sich mit dieser Sache verh&auml;lt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, das ist gar nicht der M&uuml;he wert, solch ein Aufhebens
+davon zu machen,&ldquo; sagte Peter Nord.</p>
+
+<p>Edith seufzte. &bdquo;Nat&uuml;rlich wird etwas daran sein. Und
+dann gibt es Proze&szlig; und Geldstrafen und Schande ohne
+Ende. Ich m&ouml;chte so gerne wissen, wie die Sache steht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,&ldquo; sagte Peter
+Nord.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie, Nord, ich will in die H&ouml;he kommen,&ldquo;
+fuhr Edith fort, &bdquo;und Halfvorson mit hinaufziehen, aber
+er plumpst mir immer wieder hinunter. Ganz unversehens
+tut er etwas, was auch mich unm&ouml;glich macht. Ich
+sehe ihm jetzt an, da&szlig; er etwas im Schilde f&uuml;hrt. Wissen
+Sie nicht, Peter, was es ist? Es w&auml;re gut, es zu wissen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte
+er sagen. War es menschlich, mit ihm, der von seinem
+ersten Balle kam, von derlei zu sprechen?</p>
+
+<p>Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag f&uuml;r
+den Ladenjungen. Da sa&szlig; Peter Nord von heute und ging
+mit Peter Nord von gestern ins Gericht. Wie bla&szlig; und
+feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er h&ouml;ren, was er war.
+Ein Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot?
+Von Rechts wegen sollte er eine Tracht Pr&uuml;gel
+haben. Ja, das sollte er.</p>
+
+<p>Gott sei gedankt und gelobt, da&szlig; er ihn auf den Ball
+gef&uuml;hrt und seinen Sinn ge&auml;ndert hatte. Pfui, wie h&auml;&szlig;lich
+es in ihm ausgesehen hatte, aber jetzt war alles anders.
+<span class="pagenum"><a name="page_17" id="page_17"></a>17</span>Als ob der Reichtum es wert w&auml;re, da&szlig; man ihm
+Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert
+w&auml;re wie eine wei&szlig;e Maus, wenn man dabei nicht vergn&uuml;gt
+sein durfte! Er klaschte in die H&auml;nde und rief jubelnd:
+&bdquo;Frei, frei, frei!&ldquo; Nicht die leiseste Sehnsucht,
+den F&uuml;nfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner
+Seele. Wie gut war es doch, gl&uuml;cklich zu sein.</p>
+
+<p>Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson
+zeitig am n&auml;chsten Morgen die f&uuml;nfzig Kronen
+zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, da&szlig; der Kr&auml;mer
+am n&auml;chsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den
+Schein suchen und ihn finden k&ouml;nnte. Dann w&uuml;rde er
+wohl glauben, da&szlig; Peter Nord ihn versteckt hatte, um
+ihn zu behalten. Dieser Gedanke lie&szlig; ihm keine Ruhe.
+Er versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber
+es gelang ihm nicht. Er konnte nicht einschlafen. Da stand
+er auf, schlich sich leise in den Laden und tastete nach dem
+F&uuml;nfzigkronenschein. Dann schlummerte er s&uuml;&szlig; ein mit
+der Banknote unter dem Kopfkissen.</p>
+
+<p>Eine Stunde sp&auml;ter wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein
+fiel ihm blendend in die Augen, eine Hand griff
+suchend unter sein Kopfkissen und eine grollende Stimme
+zankte und fluchte.</p>
+
+<p>Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson
+schon die Banknote in der Hand und zeigte sie zwei Frauen,
+die in der T&uuml;r zum Verschlage standen. &bdquo;Seht ihr,
+da&szlig; ich recht hatte,&ldquo; sagte Halfvorson, &bdquo;seht ihr, da&szlig;
+es der M&uuml;he wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen
+mitzunehmen. Seht ihr, da&szlig; er ein Dieb ist!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, nein,&ldquo; schrie der arme Peter Nord. &bdquo;Ich
+wollte nicht fehlen. Ich habe den Schein ja <span class="spaced">nur</span> aufgehoben.&ldquo;</p>
+
+<p>Halfvorson h&ouml;rte ja nichts. Die beiden Frauen standen
+mit dem R&uuml;cken zum Verschlage, wie fest entschlossen,
+weder zu h&ouml;ren noch zu sehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_18" id="page_18"></a>18</span>Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit
+einem Male j&auml;mmerlich schwach und klein aus. Seine
+Tr&auml;nen str&ouml;mten. Er jammerte laut.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel,&ldquo; sagte Edith, &bdquo;er heult.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; ihn heulen!&ldquo; sagte Halfvorson, &bdquo;la&szlig; ihn nur
+heulen!&ldquo; Und er trat n&auml;her und sah den Knaben an.
+&bdquo;Kann mir schon denken, da&szlig; du heulst, mein Lieber,&ldquo;
+sagte er. &bdquo;Aber das verf&auml;ngt bei mir nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Oh, oh!&ldquo; rief Peter Nord, &bdquo;ich bin kein Dieb. Ich
+habe den Schein nur zum Spa&szlig; versteckt&nbsp;&ndash; um Sie zu
+&auml;rgern. Ich wollte Sie wegen der M&auml;use strafen. Ich
+bin kein Dieb. Kann niemand mich h&ouml;ren? Ich bin kein
+Dieb.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel,&ldquo; sagte Edith, &bdquo;hast du ihn jetzt genug gequ&auml;lt,
+k&ouml;nnen wir vielleicht gehen und uns niederlegen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kann mir schon denken, da&szlig; sich das greulich anh&ouml;rt,&ldquo;
+sagte Halfvorson, &bdquo;aber da l&auml;&szlig;t sich nichts machen.&ldquo;
+Er war ganz munter, f&ouml;rmlich ausgelassen. &bdquo;Ich
+habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,&ldquo; sagte
+er zu dem Knaben. &bdquo;Immer hattest du irgend etwas
+wegzustecken, wenn ich in den Laden kam. Aber jetzt
+bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen dich, und
+jetzt hole ich die Polizei.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Junge stie&szlig; einen gellenden Schrei aus. &bdquo;Kann
+mir denn niemand helfen, kann mir denn niemand helfen?&ldquo;
+rief er. Aber nun war Halfvorson schon verschwunden,
+und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf
+ihn zu.</p>
+
+<p>&bdquo;Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter
+Nord! Halfvorson holt die Polizei und indessen kannst
+du dich davonmachen. Das Fr&auml;ulein geht wohl in die
+K&uuml;che und packt dir ein bi&szlig;chen Proviant ein. Ich will
+unterdessen deine Sachen zusammensuchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das furchtbare Weinen h&ouml;rte sogleich auf. Nach einem
+kleinen Weilchen war der Junge fertig. Er k&uuml;&szlig;te den
+<span class="pagenum"><a name="page_19" id="page_19"></a>19</span>beiden Frauen die Hand, dem&uuml;tig wie ein geschlagner
+Hund. Und dann eilte er fort.</p>
+
+<p>Sie blieben in der T&uuml;r stehen und sahen ihm nach.
+Als er verschwunden war, seufzten sie erleichtert auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Was wird Halfvorson jetzt sagen?&ldquo; sagte Edith.</p>
+
+<p>&bdquo;Er wird ganz froh sein,&ldquo; antwortete die Haush&auml;lterin.
+&bdquo;Er hat das Geld dem Knaben absichtlich hingelegt,
+glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Warum denn? Der Junge war doch der beste, den
+wir seit Jahr und Tag im Laden gehabt haben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht
+zum Zeugen haben.&ldquo;</p>
+
+<p>Edith stand stumm da und atmete heftig. &bdquo;Wie gemein,
+wie gemein,&ldquo; murmelte sie. Sie ballte die F&auml;uste
+gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch in der
+T&uuml;r, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte.
+Sie hatte selber nicht &uuml;bel Lust, von all dieser Niedrigkeit
+fort in die Welt zu fliehen.</p>
+
+<p>Ganz r&uuml;ckw&auml;rts im Laden h&ouml;rte sie ein Ger&auml;usch.
+Sie lauschte, trat n&auml;her, ging dem Tone nach und fand
+endlich hinter einer Heringstonne den K&auml;fig mit Peter
+Nords wei&szlig;en M&auml;usen.</p>
+
+<p>Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und
+&ouml;ffnete das T&uuml;rchen. Maus um Maus eilte heraus und
+verschwand hinter Kisten und Tonnen.</p>
+
+<p>&bdquo;M&ouml;get ihr gedeihen und euch vermehren,&ldquo; sagte
+Edith, &bdquo;la&szlig;t mich sehen, da&szlig; ihr Schaden anrichtet und
+euern Herrn r&auml;cht.&ldquo;</p>
+
+
+<h3>II</h3>
+
+<p>Freundlich und zufrieden lag das kleine St&auml;dtchen
+unter seinem roten Berg da. Es war so in Gr&uuml;n eingebettet,
+da&szlig; der Kirchturm noch gerade daraus hervorragte.
+Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen
+<span class="pagenum"><a name="page_20" id="page_20"></a>20</span>die Anh&ouml;hen hinan, und wenn sie nach dieser
+Richtung nicht weiter konnten, st&uuml;rzten sie sich mit Str&auml;uchern
+und B&auml;umen quer &uuml;ber die Stra&szlig;e und breiteten
+sich zwischen den zerstreuten H&auml;usern und dem schmalen
+Erdstreif darunter aus, bis der breite Flu&szlig; ihnen Halt
+gebot.</p>
+
+<p>In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein
+Mensch war zu sehen, nur B&auml;ume und Str&auml;ucher und hie
+und da ein Haus. Das einzige Ger&auml;usch, das man h&ouml;rte,
+war das Rollen der Kugel &uuml;ber die Kegelbahn, und das
+klang wie ferner Donner an einem Sommertag. Es geh&ouml;rte
+mit zu der Stille.</p>
+
+<p>Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des
+Marktes unter genagelten Abs&auml;tzen. Der Laut grober
+Stimmen schlug an die Wand des Rathauses und der
+Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die
+lange Stra&szlig;e hinab. Vier Wanderer st&ouml;rten die Vormittagsruhe.</p>
+
+<p>Ach, die s&uuml;&szlig;e Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie
+erschraken sie! Man konnte f&ouml;rmlich sehen, wie sie die
+Bergpfade hinauffl&uuml;chteten.</p>
+
+<p>Einer der L&auml;rmenden, die in das St&auml;dtchen einbrachen,
+war Peter Nord, der Junge aus Wermland, der vor sechs
+Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der Stadt geflohen
+war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der
+gro&szlig;en Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt
+lag.</p>
+
+<p>Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut
+war es ihm ergangen. Er hatte den allervern&uuml;nftigsten
+Freund und Begleiter gefunden.</p>
+
+<p>Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen
+aus dem St&auml;dtchen fortlief, da sangen und klangen
+die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von ihnen
+war hartn&auml;ckiger als alle andern.</p>
+
+<p>Es war die, die sie alle beim gro&szlig;en Rundtanz gesungen
+hatten:</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_21" id="page_21"></a>21</span></p>
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun ist es wieder Weihnachtsfest,<br /></span>
+<span class="i0">Ja, ja, Weihnachtsfest.<br /></span>
+<span class="i0">Und dann ist Ostern nicht mehr weit,<br /></span>
+<span class="i0">Doch leider, leider ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nein, nein, ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das h&ouml;rte der kleine Fl&uuml;chtling so deutlich, so deutlich.
+Und damit drang die Weisheit, die in dem alten
+Reigen verborgen liegt, in den kleinen genu&szlig;s&uuml;chtigen
+Werml&auml;nderjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte
+sich mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark
+ein. So ist es, so ist es gemeint&nbsp;&hellip; Zwischen Weihnachten
+und Ostern, zwischen den Festen der Geburt und des
+Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben
+soll man nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit.
+Man darf ihm nie glauben, wie es sich auch verstellen
+mag. Im n&auml;chsten Augenblick ist es wieder grau
+und h&auml;&szlig;lich. Kann nichts daf&uuml;r, das arme Ding, versteht
+es nicht besser!</p>
+
+<p>Und Peter Nord war beinahe stolz, da&szlig; er dem Leben
+sein tiefstes Geheimnis abgelauscht hatte.</p>
+
+<p>Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in
+Bettlergestalt, die Aschenrute in der Hand, &uuml;ber die Erde
+schleichen zu sehen. Und er h&ouml;rte, wie sie ihn anknurrte:
+&bdquo;Du wolltest das Fest der Freude und der fr&ouml;hlichen
+Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben
+nennt. Darum soll Schimpf und Schande dein Los sein,
+bis du dich besserst.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte
+ihn besch&uuml;tzt. Er hatte nicht weiter als bis in die gro&szlig;e
+Handelsstadt fliehen m&uuml;ssen, denn er wurde gar nicht
+verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau Fastenzeit
+ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in
+einer Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde
+ernst und sparsam. Er hatte schmucke Sonntagskleider, er
+erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich B&uuml;cher aus
+<span class="pagenum"><a name="page_22" id="page_22"></a>22</span>und ging zu Vortr&auml;gen. Eigentlich war von dem kleinen
+Peter Nord nichts mehr &uuml;brig als das flachsblonde Haar
+und die braunen Augen.</p>
+
+<p>Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die
+schwere Arbeit in der Fabrik machte den Ri&szlig; immer
+gr&ouml;&szlig;er, so da&szlig; der n&auml;rrische Werml&auml;nder dadurch ganz
+herausschl&uuml;pfen konnte. Er schw&auml;tzte kein dummes Zeug
+mehr, denn in der Fabrik war das Sprechen verboten,
+und dadurch gew&ouml;hnte er sich das Schweigen an. Er
+machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst
+Federn und R&auml;der zu bedienen hatte, machten sie ihm
+keinen Spa&szlig; mehr. Er verliebte sich nicht, denn die
+Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn nicht mehr fesseln,
+seit er die Sch&ouml;nheiten des St&auml;dtchens kennen gelernt
+hatte. Er hatte keine M&auml;use, keine Eichh&ouml;rnchen
+mehr und nichts, womit er spielen konnte. Er hatte keine
+Zeit, er sah ein, da&szlig; derlei nur unn&uuml;tz war, und er
+dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit
+Gassenjungen gebalgt hatte.</p>
+
+<p>Peter Nord glaubte nicht, da&szlig; das Leben anders sein
+k&ouml;nnte als grau, grau, grau. Peter Nord langweilte sich
+immer, aber er war selbst so sehr daran gew&ouml;hnt, da&szlig; er
+es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst,
+weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine
+Einkehr von der Nacht, da der Frohsinn ihn verlie&szlig; und
+Frau Fastenzeit seine Begleiterin und Freundin ward.</p>
+
+<p>Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten
+an einem Arbeitstag in das St&auml;dtchen kommen, begleitet
+von drei Strolchen, die schmutzig und versoffen
+aussahen?</p>
+
+<p>Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der
+arme Peter Nord. Und diesen drei Strolchen hatte er
+immer zu helfen versucht, so gut er es konnte, obwohl
+er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende
+Baracke gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er
+hatte ihre Kleider gestopft und geflickt. Diese Kerle hielten
+<span class="pagenum"><a name="page_23" id="page_23"></a>23</span>wie Br&uuml;der zusammen, haupts&auml;chlich weil sie alle
+drei Peter hie&szlig;en. Dieser Name vereinte sie fester, als
+wenn sie wirklich Geschwister gewesen w&auml;ren. Und nun
+litten sie es um dieses Namens willen, da&szlig; der Knabe
+ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am
+Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen
+auf den Holzst&uuml;hlen einnahmen, warteten sie
+ihm, der dasa&szlig; und die grinsenden L&ouml;cher ihrer Str&uuml;mpfe
+stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen L&uuml;gen auf.
+Das schien Peter Nord Vergn&uuml;gen zu machen, obgleich
+er es nicht zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt f&uuml;r
+ihn beinahe dasselbe, was einstmals in der Welt die
+M&auml;use gewesen waren.</p>
+
+<p>Nun geschah es, da&szlig; diesen Strolchen allerlei Klatsch
+aus der kleinen Stadt zu Ohren kam. Und nun nach
+sechs Jahren brachten sie Peter Nord die Nachricht,
+da&szlig; Halfvorson ihm die f&uuml;nfzig Kronen absichtlich hingelegt
+hatte, um ihn als Zeugen unm&ouml;glich zu machen.
+Und ihre Meinung war, da&szlig; Peter in das St&auml;dtchen
+ziehen und Halfvorson eine Tracht Pr&uuml;gel geben sollte.</p>
+
+<p>Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit
+der Weisheit dieser Welt ausger&uuml;stet. Er wollte sich
+durchaus nicht auf so etwas einlassen.</p>
+
+<p>Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen
+Arbeiterviertel. Alle Leute sagten zu Peter Nord: &bdquo;Geh
+hin und pr&uuml;gle Halfvorson durch, dann wirst du ins
+Loch gesteckt, und es gibt einen Proze&szlig; und die Sache
+kommt in die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen
+Lande blamiert.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht
+vergn&uuml;glich sein, aber Rache ist ein teurer Spa&szlig;, und
+Peter Nord wu&szlig;te, wie arm das Leben ist. Das Leben
+gestattet solche Belustigungen nicht.</p>
+
+<p>Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller
+Fr&uuml;he zu ihm gekommen und hatten gesagt, jetzt wollten
+<span class="pagenum"><a name="page_24" id="page_24"></a>24</span>sie an seiner Statt gehen und Halfvorson durchbl&auml;uen,
+denn &bdquo;Recht m&uuml;sse Recht bleiben&ldquo;, sagten sie.</p>
+
+<p>Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen,
+wenn sie auch nur einen Schritt nach dem
+St&auml;dtchen gingen.</p>
+
+<p>Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt
+war und der lange Peter hie&szlig;, Peter Nord eine Rede.</p>
+
+<p>&bdquo;Diese Erde,&ldquo; sagte er, &bdquo;ist ein Apfel, der an einem
+Faden &uuml;ber einem Feuer h&auml;ngt, um gebraten zu werden.
+Mit dem Feuer meine ich die H&ouml;lle, Peter Nord. Und
+der Apfel mu&szlig; nahe am Feuer h&auml;ngen, um s&uuml;&szlig; und
+weich zu werden, aber wenn der Faden rei&szlig;t und der
+Apfel in das Feuer f&auml;llt, so ist er verdorben. Darum
+ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord.
+Wei&szlig;t du, was mit dem Faden gemeint ist?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich denke, es mu&szlig; ein Drahtseil sein,&ldquo; sagte Peter
+Nord.</p>
+
+<p>&bdquo;Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,&ldquo; sagte
+der lange Peter mit d&uuml;sterm Ernst. &bdquo;Wenn auf der
+Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt alles in das
+Feuer. Darum darf sich der R&auml;cher der Pflicht zu strafen
+nicht entziehen, oder, wenn er nicht will, m&uuml;ssen
+andre gehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist das letzte Mal, da&szlig; ich euch einen Grog spendiert
+habe,&ldquo; sagte Peter Nord, g&auml;nzlich unber&uuml;hrt von
+der Rede.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, da hilft nichts,&ldquo; sagte der lange Peter, &bdquo;Gerechtigkeit
+mu&szlig; sein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern
+damit der ehrliche Name Peter nicht in Verruf
+kommt,&ldquo; sagte der eine, der Rollpeter hie&szlig; und lang
+und m&uuml;rrisch war.</p>
+
+<p>&bdquo;So, so, ist der Name so hochgeachtet?&ldquo; sagte Peter
+Nord wegwerfend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und es ist eine kitzlige Sache, da&szlig; sie nun
+&uuml;berall in den Gasth&auml;usern sagen, du h&auml;ttest die f&uuml;nfzig
+<span class="pagenum"><a name="page_25" id="page_25"></a>25</span>Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun nicht haben
+willst, da&szlig; der Kaufmann bestraft wird.&ldquo;</p>
+
+<p>Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und
+sagte, nun wolle er gehen und den Kaufmann durchpeitschen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, und wir kommen mit und helfen dir,&ldquo; sagten die
+Strolche.</p>
+
+<p>Und so zogen sie vier Mann hoch in das St&auml;dtchen.
+Anfangs war Peter Nord m&uuml;rrisch und gr&auml;mlich und
+zorniger &uuml;ber seine Freunde, als &uuml;ber seinen Feind. Doch
+als er zu der Flu&szlig;br&uuml;cke kam und die Stadt sah, war
+er ganz verwandelt. Es war, als w&auml;re er dort einem
+kleinen weinenden Fl&uuml;chtling begegnet und in diesen
+hineingeschl&uuml;pft. Und je heimischer er in dem alten Peter
+Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewu&szlig;t, welches
+blutige Unrecht der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht
+genug damit, da&szlig; er ihn hatte verlocken und ins Ungl&uuml;ck
+st&uuml;rzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte ihn aus
+dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag
+h&auml;tte Peter Nord bleiben k&ouml;nnen. Ach, wie fr&ouml;hlich hatte
+er es doch damals gehabt. Wie lustig und vergn&uuml;gt
+war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden
+und wie sch&ouml;n war die Welt gewesen! Herrgott,
+wenn er doch nur hier h&auml;tte weiterleben k&ouml;nnen! Und
+er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war&nbsp;&ndash; schweigsam
+und langweilig, ernst und arbeitsam&nbsp;&ndash;, ganz wie an
+einen verlornen Menschen.</p>
+
+<p>Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson,
+und statt wie fr&uuml;her hinter den Kameraden einherzugehen,
+scho&szlig; er an ihnen vorbei.</p>
+
+<p>Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren,
+um Halfvorson zu strafen, sondern um &uuml;berhaupt ihrer
+Wut Luft zu machen, wu&szlig;ten kaum, was sie beginnen
+sollten. Hier war f&uuml;r einen gereizten Mann nichts zu
+tun. Es gab keinen Hund, den man hetzen, keinen
+Stra&szlig;enkehrer, mit dem man Krakeel anfangen, keinen
+<span class="pagenum"><a name="page_26" id="page_26"></a>26</span>feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern
+konnte.</p>
+
+<p>Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade
+so weit, da&szlig; der Fr&uuml;hling eben in den Sommer &uuml;berging.
+Es war die wei&szlig;e Zeit der Kirschbl&uuml;ten, wo Fliedertrauben
+hohe, rundbeschnittene B&uuml;sche schm&uuml;cken und
+die Apfelbl&uuml;ten duften. Diese M&auml;nner, die unmittelbar
+von der Stra&szlig;e und vom Hafen in das Reich der Blumen
+gekommen waren, f&uuml;hlten sich wunderlich davon
+ber&uuml;hrt. Drei Paar F&auml;uste, die bisher entschlossen geballt
+waren, l&ouml;sten sich, und drei Paar Abs&auml;tze donnerten
+weniger hart gegen das Pflaster.</p>
+
+<p>Vom Markte aus sahen sie einen Fu&szlig;pfad, der sich
+die H&uuml;gel hinanschl&auml;ngelte. Ihm entlang wuchsen junge
+Kirschb&auml;ume, die mit ihren wei&szlig;en Kronen Bogen und
+W&ouml;lbungen bildeten. Die W&ouml;lbungen waren schwebend
+leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein
+und kindlich.</p>
+
+<p>Dieser Kirschenweg zog die Blicke der M&auml;nner auf sich.
+Was war dies doch f&uuml;r ein unpraktisches Nest, wo man
+Kirschb&auml;ume dahin pflanzte, wo jedweder die Kirschen
+nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher
+als einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit
+und Tyrannei. Jetzt begannen sie sie auszulachen
+und ein wenig zu verachten.</p>
+
+<p>Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht
+loderte immer wilder auf, denn er f&uuml;hlte es, dies
+war die Stadt, wo er h&auml;tte wohnen und wirken sollen.
+Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den
+andern zu fragen, ging er rasch die Stra&szlig;e hinauf.</p>
+
+<p>Sie folgten nach, und als sie merkten, da&szlig; es hier
+nur eine Stra&szlig;e gab, und als sie dieser entlang nur
+Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich ihre
+Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht
+zum erstenmal in ihrem Leben, da&szlig; sie Blumen Aufmerksamkeit
+schenkten, aber hier konnten sie nicht anders,
+<span class="pagenum"><a name="page_27" id="page_27"></a>27</span>denn die Fliedertrauben fegten ihnen die M&uuml;tzen vom
+Kopf, und die Bl&auml;tter der Kirschbl&uuml;ten regneten auf
+sie herab.</p>
+
+<p>&bdquo;Was glaubt ihr, was m&ouml;gen wohl in dieser Stadt
+f&uuml;r Leute wohnen?&ldquo; fragte der lange Peter nachdenklich.</p>
+
+<p>&bdquo;Bienen,&ldquo; antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der
+seinen Namen daher hatte, da&szlig; er einmal mit einem
+Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt hatte.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich bekamen sie allm&auml;hlich einige Menschen zu
+Gesicht. An den Fenstern, hinter blanken Scheiben und
+wei&szlig;en Gardinen, zeigten sich ein paar sch&ouml;ne junge Gesichter,
+und sie sahen Kinder auf den Terrassen spielen.
+Aber kein L&auml;rm st&ouml;rte die Stille. Es kam ihnen vor,
+als k&ouml;nnte selbst die Posaune des J&uuml;ngsten Gerichts diese
+Stadt nicht wecken. Was sollten sie hier anfangen!</p>
+
+<p>Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da
+stellten sie mit rauher Stimme mehrere Fragen an den
+Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre Spritze
+in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel
+der Kirchenglocke st&auml;nde f&uuml;r den Fall, da&szlig; es zum
+Sturml&auml;uten kommen sollte.</p>
+
+<p>Dann tranken sie das Bier auf der Stra&szlig;e aus und
+warfen die Flaschen fort. Eins, zwei, drei, alle Flaschen
+an denselben Eckstein, ein Krachen und Klirren, und
+alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen
+f&ouml;rmlich wohl, wieder ein bi&szlig;chen L&auml;rm zu machen.</p>
+
+<p>Da h&ouml;rten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte,
+Stimmen, harte, deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen
+und dazu ein Klirren wie von Metall. Sie stutzten
+und zogen sich in einen Torweg zur&uuml;ck. Das klang wie
+eine ganze Kompanie.</p>
+
+<p>Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen
+M&auml;dchen. Die Dienstm&auml;gde der Stadt zogen in gesammeltem
+Trupp auf die Stadtweiden, um die K&uuml;he zu
+melken.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_28" id="page_28"></a>28</span>Das machte auf diese Gro&szlig;st&auml;dter, diese Weltb&uuml;rger,
+den st&auml;rksten Eindruck. Dienstm&auml;dchen mit Milcheimern.
+Das war beinahe r&uuml;hrend!</p>
+
+<p>Urpl&ouml;tzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen:
+&bdquo;Buh!&ldquo;</p>
+
+<p>Die ganze M&auml;dchenschar zerstob augenblicklich. Die
+M&auml;gde kreischten und liefen davon. Die R&ouml;cke flatterten,
+die Kopft&uuml;cher l&ouml;sten sich, die Milchk&uuml;bel rasselten auf
+die Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Und zugleich vernahm man die ganze Stra&szlig;e entlang
+dumpfe Laute von Toren und T&uuml;ren, die zugeworfen
+wurden, von Klinken und Riegeln und Schl&ouml;ssern.</p>
+
+<p>Ein St&uuml;ck weiter unten auf der Stra&szlig;e stand eine
+gro&szlig;e Linde. Und darunter sa&szlig; eine alte Frau an einem
+Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie r&uuml;hrte sich nicht,
+sie sah sich nicht um, sie sa&szlig; ganz m&auml;uschenstill. Schlafen
+tat sie auch nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Die ist aus Holz,&ldquo; sagte der Holzschuhpeter.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, aus Ton,&ldquo; meinte der Rollpeter.</p>
+
+<p>Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der
+Alten kamen sie ins Schwanken. Sie gingen gegen sie
+los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die Alte fing zu
+zanken an.</p>
+
+<p>&bdquo;Weder Holz noch Ton,&ldquo; sagten sie, &bdquo;lauter Gift und
+Galle.&ldquo;</p>
+
+<p>Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie
+gek&uuml;mmert, aber jetzt waren sie endlich bei Halfvorsons
+Haus angelangt und da erwartete er sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Es l&auml;&szlig;t sich wohl nicht in Abrede stellen, da&szlig; das
+meine Angelegenheit ist,&ldquo; sagte er stolz, und wies auf
+den Laden. &bdquo;Ich will allein hineingehen und die Sache
+abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so k&ouml;nnt ihr euer
+Gl&uuml;ck versuchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie nickten. &bdquo;Geh du nur, Peter Nord! Wir warten
+hier drau&szlig;en.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen
+<span class="pagenum"><a name="page_29" id="page_29"></a>29</span>Mann allein und fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich
+den Bescheid, da&szlig; dieser verreist war. Da fing er
+ein Gespr&auml;ch mit dem Ladendiener an und erfuhr so
+mancherlei &uuml;ber seinen Herrn.</p>
+
+<p>Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar
+nicht angeklagt worden. Wie er sich gegen Peter Nord
+benommen hatte, das wu&szlig;te die ganze Stadt. Aber niemand
+sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson
+hatte es weit gebracht, und jetzt war er nicht mehr so
+b&ouml;sartig. Er war nicht mehr unbarmherzig gegen seine
+Schuldner und hatte aufgeh&ouml;rt, dem Ladenjungen aufzulauern.
+In den allerletzten Jahren hatte er sich auf
+die G&auml;rtnerei geworfen. Er hatte rings um das Haus
+in der Stadt einen Blumengarten angelegt und einen
+K&uuml;chengarten drau&szlig;en vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete
+er so eifrig in seinen G&auml;rten, da&szlig; er kaum mehr daran
+dachte, Geld zu sammeln.</p>
+
+<p>Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Nat&uuml;rlich
+war der Mann gut. Er hatte im Paradies bleiben d&uuml;rfen.
+Nat&uuml;rlich wurde man gut, wenn man hier wohnte.</p>
+
+<p>Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war
+jetzt krank. Seit sie im Winter die Lungenentz&uuml;ndung
+gehabt hatte, war ihre Brust schwach.</p>
+
+<p>W&auml;hrend Peter Nord sich dies und noch mehr erz&auml;hlen
+lie&szlig;, standen die drei M&auml;nner drau&szlig;en und warteten.</p>
+
+<p>In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine
+Birkenlaube errichtet, damit Edith sich dort an den sch&ouml;nen,
+warmen Fr&uuml;hlingstagen aufhalten konnte. Sie kam
+nur langsam wieder zu Kr&auml;ften, aber f&uuml;r ihr Leben bestand
+keine Gefahr mehr.</p>
+
+<p>Bei einigen ist es so, da&szlig; man glauben mu&szlig;, sie
+wollen nicht leben. Bei der ersten Krankheit, die sie
+bef&auml;llt, legen sie sich hin, um zu sterben. Halfvorsons
+Nichte war schon l&auml;ngst aller Dinge m&uuml;de, des Kontors,
+des kleinen tr&uuml;ben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie
+siebzehn Jahre alt war, reizte es sie, sich einen vornehmen
+<span class="pagenum"><a name="page_30" id="page_30"></a>30</span>Verkehr und einen guten Freundeskreis zu erk&auml;mpfen.
+Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg
+der Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie
+sah keine M&ouml;glichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens
+herauszukommen. Sie wollte gerne sterben.</p>
+
+<p>Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen.
+Nichts als Nerven und Lebendigkeit, wenn
+etwas sie dr&uuml;ckte und qu&auml;lte. Wie hatte sie sich doch
+mit List und Verstellung, mit weiblicher G&uuml;te und weiblichem
+Trotz gem&uuml;ht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht
+hatte, einzusehen, da&szlig; weitre Peter Nord-Geschichten
+nicht mehr vorkommen d&uuml;rften! Aber jetzt war er zahm
+und geb&auml;ndigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte.
+Ja, und nun sollte sie doch nicht sterben! Sie lag
+da und dachte nach, was sie anfangen sollte, wenn sie
+gesund wurde.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut
+gesagt, er wolle allein zu Halfvorson gehen und seine
+Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann antwortete
+ein andrer: &bdquo;Geh du nur, Peter Nord!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der ungl&uuml;ckseligste
+Name auf der Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen
+aller der alten Abscheulichkeiten. Edith richtete
+sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche
+Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und
+starrten sie an. Nur ein niedriges Staket und eine d&uuml;nne
+Hecke lag zwischen ihr und der Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Edith war allein. Die M&auml;gde waren zum Melken
+gegangen, und Halfvorson arbeitete in seinem Garten
+vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen aufgetragen
+hatte, zu sagen, da&szlig; er verreist sei, denn er sch&auml;mte sich
+seiner G&auml;rtnermarotte. Edith f&uuml;rchtete sich schrecklich vor
+den drei M&auml;nnern sowie vor dem, der in den Laden
+gegangen war. Sie war &uuml;berzeugt, da&szlig; sie ihr etwas
+zuleide tun wollten, und darum begann sie &uuml;ber die
+schl&uuml;pfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen
+<span class="pagenum"><a name="page_31" id="page_31"></a>31</span>Holzstufen, die von Terrasse zu Terrasse f&uuml;hrten, den
+Berg hinaufzulaufen.</p>
+
+<p>Den fremden M&auml;nnern war es ein Hauptspa&szlig;, da&szlig;
+sie vor ihnen davonlief. Sie konnten es sich nicht versagen,
+sich so zu stellen, als wenn sie sie einholen wollten.
+Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle
+drei br&uuml;llten mit furchtbarer Stimme.</p>
+
+<p>Edith lief, so wie man im Traume l&auml;uft, keuchend,
+strauchelnd, in Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung,
+nicht von der Stelle zu kommen. Alle erdenklichen
+Gef&uuml;hle st&uuml;rmten auf sie ein und ersch&uuml;tterten sie so sehr,
+da&szlig; sie glaubte sterben zu m&uuml;ssen. Ja, wenn einer dieser
+Kerle sie nur mit der Hand ber&uuml;hrte, wu&szlig;te sie, da&szlig; sie
+sterben mu&szlig;te. Als sie die oberste Terrasse erreicht hatte
+und es wagte, sich umzusehen, merkte sie, da&szlig; die M&auml;nner
+unten auf der Stra&szlig;e standen und gar nicht mehr
+nach ihr hinsahen. Da lie&szlig; sie sich ganz ohnm&auml;chtig zu
+Boden sinken. Aber die Anstrengung war zu gro&szlig; gewesen,
+sie hatte sie nicht ertragen k&ouml;nnen. Sie f&uuml;hlte,
+wie etwas in ihr ri&szlig;. Gleich darauf str&ouml;mte Blut &uuml;ber
+ihre Lippen.</p>
+
+<p>Die M&auml;gde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen.
+F&uuml;r diesmal wurde sie ins Leben zur&uuml;ckgerufen.
+Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, da&szlig; sie lange
+am Leben bleiben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um
+zu erz&auml;hlen, in welcher Weise sie erschreckt worden war.
+H&auml;tte sie es getan, wer wei&szlig;, ob die fremden M&auml;nner
+lebendig aus der Stadt gekommen w&auml;ren. Es erging
+ihnen ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord
+wieder zu ihnen herausgekommen war und erz&auml;hlt hatte,
+da&szlig; Halfvorson nicht daheim sei, gingen sie alle vier im
+besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten
+sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der
+Kaufmann zur&uuml;ckkehrte, verschlafen konnten.</p>
+
+<p>Aber als am Nachmittag alle M&auml;nner der Stadt, die
+<span class="pagenum"><a name="page_32" id="page_32"></a>32</span>drau&szlig;en auf dem Felde gearbeitet hatten, wieder heimkamen,
+erz&auml;hlten ihnen die Frauen von dem Besuch der
+Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden,
+wo sie Bier gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden
+Auftreten. Die Frauen vergr&ouml;&szlig;erten und
+&uuml;bertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen Nachmittag
+daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht.
+Die M&auml;nner glaubten Haus und Heim bedroht.
+Sie beschlossen, die Friedensst&ouml;rer zu greifen, w&auml;hlten
+einen beherzten Mann zum Anf&uuml;hrer, nahmen t&uuml;chtige
+Kn&uuml;ttel mit und zogen von dannen.</p>
+
+<p>Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor
+die Haust&uuml;ren und machten einander bange. Die Stimmung
+war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.</p>
+
+<p>Es dauerte nicht lange, so kamen die J&auml;ger mit ihrer
+Beute zur&uuml;ck. Sie hatten alle vier. Sie hatten sie im
+Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das Kunstst&uuml;ck
+hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.</p>
+
+<p>Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zur&uuml;ck, indem
+sie sie wie Vieh vor sich hertrieben. Der Taumel des
+Rachedurstes hatte sich der Sieger bem&auml;chtigt. Sie schlugen,
+um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen
+die Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf
+den Kopf, der ihn umwarf, und dann hagelten die
+Schl&auml;ge auf ihn nieder, bis er sich erhob und weiterging.
+Die vier M&auml;nner waren dem Tode nahe.</p>
+
+<p>Es ist so sch&ouml;n in den alten Liedern. Da mu&szlig; zuweilen
+der gefangne Held in Fesseln im Triumphzug des
+siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch im Ungl&uuml;ck
+noch stolz und sch&ouml;n, und die Blicke suchen ihn ebenso wie
+den Gl&uuml;cklichen, der ihn besiegt hat. Die Kr&auml;nze und
+die Tr&auml;nen der Sch&ouml;nheit geh&ouml;ren dem noch im Ungl&uuml;ck
+Beneidenswerten.</p>
+
+<p>Aber wer wollte wohl f&uuml;r den armen Peter Nord
+schw&auml;rmen? Sein Rock war zerrissen und sein flachsblondes
+Haar klebrig von Blut. Er bekam die meisten
+<span class="pagenum"><a name="page_33" id="page_33"></a>33</span>Schl&auml;ge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz
+schrecklich sah er aus, wie er da einherging. Er br&uuml;llte,
+ohne es zu wissen. Jungens h&auml;ngten sich an ihn fest,
+und er schleppte sie lange Strecken weit mit. Einmal
+blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die
+Stra&szlig;e. Gerade als er im Begriff war zu entfliehen,
+bekam er mit einem Kn&uuml;ttel einen Schlag auf den Kopf
+und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die H&ouml;he, halb
+bet&auml;ubt, und schwankte weiter, w&auml;hrend Peitschenhiebe
+auf ihn herabhagelten und die Jungen sich ihm wie
+Blutegel an Arme und Beine h&auml;ngten.</p>
+
+<p>So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner
+Whistpartie im Wirtshausgarten kam. &bdquo;So, so,&ldquo; sagte
+er zum Vortrab, &bdquo;ihr wollt die in den Kotter bringen?&ldquo;</p>
+
+<p>Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete
+ihn. Augenblicklich sah alles anst&auml;ndig aus. Gefangne
+und Gefangnenw&auml;chter marschierten in Frieden und Ordnung
+weiter. Doch die Wangen der St&auml;dter gl&uuml;hten,
+einige stie&szlig;en mit den Kn&uuml;tteln auf das Pflaster, andre
+schulterten sie wie Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen
+der Stadt der Polizei in Gewahrsam gegeben
+und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz gef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem
+Markte stehen und sprachen von ihrem Mute und von
+der gro&szlig;en Heldentat. Und in der kleinen Gaststube, wo
+der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige
+M&auml;nner ihren Mitternachtstoddy brauen, da taucht die
+Heldentat vergr&ouml;&szlig;ert wieder auf. Da wachsen die in
+den Schaukelst&uuml;hlen, da bl&auml;hen sich die in den Sofaecken,
+da sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert
+doch in der kleinen Stadt der gro&szlig;en Erinnerungen!
+Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!</p>
+
+<p>Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht
+gefallen. Er konnte sich nicht recht damit befreunden,
+da&szlig; das Wikingerblut wieder in Wallung geraten war.
+Und dieser Gedanke lie&szlig; ihn nicht schlafen, er ging wieder
+<span class="pagenum"><a name="page_34" id="page_34"></a>34</span>auf die Stra&szlig;e und schlenderte gem&auml;chlich dem
+Marktplatze zu.</p>
+
+<p>Das kleine St&auml;dtchen lag in dem sanften Licht der
+Fr&uuml;hlingsnacht da. Der einzige Zeiger der Turmuhr wies
+auf elf. &Uuml;ber die Kegelbahn rollten keine Kugeln mehr.
+Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als
+wenn die H&auml;user mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht
+aufsteigenden Berge standen schwarz, wie in tiefer
+Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer wachte
+jemand&nbsp;&ndash; der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich
+&uuml;ber die Lindenhecken, st&uuml;rmte aus den G&auml;rten, jagte die
+Stra&szlig;e hinauf und hinab, kletterte zu jedem Fenster empor,
+das angelehnt stand, zu jeder Dachluke, die frische
+Luft einlie&szlig;.</p>
+
+<p>Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich
+seine ganze kleine Stadt vor sich, obgleich die Dunkelheit
+sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er sah sie als die
+Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern
+Garten an Garten. Er sah die Kirschb&auml;ume, die
+wei&szlig;e Bogen &uuml;ber den steilen Waldweg spannten, die
+Fliederb&uuml;sche, die Knospen, die zu pr&auml;chtigen Rosen
+schwollen, die stolzen P&auml;onien, und die Haufen von Bl&uuml;tenbl&auml;ttern
+auf dem Boden unter den Faulb&auml;umen.</p>
+
+<p>Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken.
+Er war so weise und so alt. Das siebzigste Jahr hatte
+er erreicht, und f&uuml;nfzig Jahre hatte er die Geschicke der
+Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob
+er recht getan habe, wenn er immer ged&auml;mpft und beschwichtigt
+hatte. &bdquo;Ich hatte die Stadt in meiner Hand,&ldquo;
+dachte er, &bdquo;aber ich habe sie nicht zu etwas Gro&szlig;em
+gemacht.&ldquo; Und er gedachte ihrer gro&szlig;en Vergangenheit
+und zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.</p>
+
+<p>Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht
+sich &uuml;ber den Flu&szlig; er&ouml;ffnet. Ein Boot kam herangerudert.
+Ein paar St&auml;dter kehrten von einer Ausfahrt
+zur&uuml;ck. Lichtgekleidete M&auml;dchen f&uuml;hrten die Ruder. Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_35" id="page_35"></a>35</span>steuerten unter die Br&uuml;ckenw&ouml;lbung, aber da war die
+Str&ouml;mung so stark, da&szlig; sie sie zur&uuml;cktrieb. Es gab einen
+heftigen Kampf. Ihre schlanken K&ouml;rper bogen sich nach
+r&uuml;ckw&auml;rts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande
+lagen. Weiche Armmuskeln spannten sich. Die Ruder
+kr&uuml;mmten sich wie Bogen. Lachen und Rufe erf&uuml;llten
+die Luft. Einmal ums andre siegte die Str&ouml;mung.
+Schm&auml;hlich wurde das Boot zur&uuml;ckgetrieben. Und als
+die M&auml;dchen schlie&szlig;lich am Marktkai landen und es den
+M&auml;nnern &uuml;berlassen mu&szlig;ten, das Boot heimzubringen,
+wie waren sie rot und &auml;rgerlich und wie lachten sie!
+Und wie klang ihr Lachen die Stra&szlig;e hinab! Wie belebten
+ihre breitrandigen, lichten H&uuml;te, ihre leichten, flatternden
+Sommerkleider die stille Nacht.</p>
+
+<p>Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn,
+denn im Dunkel konnte er sie nicht klar sehen, ihre lieblichen,
+jungen Gesichtchen, ihre sch&ouml;nen, klaren Augen
+und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in
+die H&ouml;he. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen
+Glanz. Andre Gemeinwesen konnten sich andrer Dinge
+r&uuml;hmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an dem
+augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.</p>
+
+<p>Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein
+Wirken. Nein, er brauchte nicht f&uuml;r die Zukunft der
+Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich nicht
+durch strenge Gesetze zu sch&uuml;tzen.</p>
+
+<p>Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er
+ging und weckte den Polizeimeister und sprach mit ihm.
+Und dieser dachte wie er. Sie gingen selbander zum
+Gef&auml;ngnis und &ouml;ffneten Peter Nord und seinen Kameraden
+die T&uuml;r.</p>
+
+<p>Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine
+Stadt ist wie die Venus von Milo. Sie hat lockenden
+Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_36" id="page_36"></a>36</span></p>
+<h3>III</h3>
+
+<p>Es ist, als m&uuml;&szlig;te ich die Wirklichkeit verlassen und
+in die Welt des M&auml;rchens und der Unwahrscheinlichkeit
+fliehen, um zu erz&auml;hlen, was sich jetzt begab. W&auml;re der
+junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit
+einer goldnen Krone unter dem Hut, dann w&uuml;rde alles
+ganz einfach und nat&uuml;rlich erscheinen. Aber jetzt will
+mir wohl niemand glauben, wenn ich sage, da&szlig; auch
+Peter Nord einen K&ouml;nigsreif um sein flachsblondes Haar
+trug. Niemand kann ja wissen, wie viel merkw&uuml;rdige
+Dinge sich in dem kleinen St&auml;dtchen zutragen. Niemand
+kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen da herumgehen
+und auf den Hirtenknaben des M&auml;rchens warten.</p>
+
+<p>Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen
+Abenteuern kommen. Denn als Peter Nord von dem
+alten Ratsherrn befreit worden war und zum zweitenmal
+mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen
+mu&szlig;te, da kamen ihm dieselben Gedanken, wie als er
+das erstemal entfloh. Da klangen ihm pl&ouml;tzlich wieder
+Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter
+ihnen erklang der alte Reigen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Nun ist es wieder Weihnachtsfest,<br /></span>
+<span class="i0">Ja, ja, Weihnachtsfest.<br /></span>
+<span class="i0">Und dann ist Ostern nicht mehr weit,<br /></span>
+<span class="i0">Doch leider, leider ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nein, nein, ists nicht so,<br /></span>
+<span class="i0">Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit
+mit ihrem Rutenb&uuml;ndel im Arm &uuml;ber die Erde schlich.
+Und sie rief ihm zu: &bdquo;Verschwender! Verschwender! Du
+wolltest das Fest der Rache und der Genugtuung in
+jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man
+sich hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?&ldquo;</p>
+
+<p>Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und
+war ein stiller, sparsamer Arbeiter geworden. Wieder
+stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit. Niemand
+<span class="pagenum"><a name="page_37" id="page_37"></a>37</span>h&auml;tte glauben k&ouml;nnen, da&szlig; er es war, der vor Zorn gebr&uuml;llt
+und die kleinen Kinder auf die Stra&szlig;e geschleudert
+hatte, so wie der verfolgte Elch die Hunde absch&uuml;ttelt.</p>
+
+<p>Doch einige Wochen sp&auml;ter kam Halfvorson zu ihm in
+die Fabrik. Er suchte ihn auf den Wunsch seiner Nichte
+auf. Sie wollte, wenn m&ouml;glich, noch an demselben Tag
+mit ihm sprechen.</p>
+
+<p>Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er
+Halfvorson erblickte. Es war, als h&auml;tte er eine schl&uuml;pfrige
+Schlange gesehen. Er wu&szlig;te nicht, was er lieber wollte,&nbsp;&ndash;
+ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber pl&ouml;tzlich
+bemerkte er, da&szlig; Halfvorson sehr bek&uuml;mmert aussah.</p>
+
+<p>Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat,
+wenn man im starken Winde geht. Die Gesichtsmuskeln
+waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die
+Augen rot und voll Tr&auml;nen. Er k&auml;mpfte sichtlich mit irgendeinem
+Leid. Das einzige, was unver&auml;ndert war, das
+war die Stimme. Sie war ebenso unmenschlich ausdruckslos.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu
+f&uuml;rchten, und auch der neuen wegen nicht,&ldquo; sagte Halfvorson.
+&bdquo;Es ist wohl bekannt geworden, da&szlig; Sie mit
+jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so
+viel Aufstand machten. Und da wir annahmen, da&szlig; sie
+von hier seien, konnte ich Sie ausfindig machen. Edith
+wird bald sterben,&ldquo; fuhr er fort, und sein Gesicht zuckte
+krampfhaft. &bdquo;Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt.
+Aber wir f&uuml;hren nichts B&ouml;ses gegen Sie im Schilde.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gewi&szlig; komme ich,&ldquo; sagte Peter Nord.</p>
+
+<p>Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter
+Nord sa&szlig; da, fein geputzt in seinem Sonntagsstaat. Und
+unter dem Hut spielten und gaukelten alle seine Knabentr&auml;ume,
+einen richtigen K&ouml;nigsreif schlossen sie um sein
+blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm f&ouml;rmlich die
+Besinnung. Hatte er nicht immer gedacht, da&szlig; feine Damen
+ihn lieben w&uuml;rden? Und nun war da eine, die ihn
+<span class="pagenum"><a name="page_38" id="page_38"></a>38</span>sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles
+Wunderbaren!&nbsp;&ndash; Nun sa&szlig; er da und dachte an sie, wie
+sie einst gewesen war. Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt
+sollte sie sterben. Sie tat ihm so innig leid. Aber da&szlig;
+sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme, s&uuml;&szlig;e
+Wehmut kam &uuml;ber ihn.</p>
+
+<p>Nun war er wieder ganz heraus, der alte, n&auml;rrische
+Peter Nord. Sobald er sich dem St&auml;dtchen n&auml;herte, verlie&szlig;
+ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und Verachtung.</p>
+
+<p>Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der
+heftige Sturm, den er allein bemerkte, trieb ihn auf
+dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter vorbeikam,
+brummte er ein paar Worte, so da&szlig; dieser erfuhr, welche
+Pfade seine betr&uuml;bten Gedanken wandelten. &bdquo;Sie fanden
+sie auf dem Boden, halbtot&nbsp;&ndash; und rings um sie
+lauter Blut,&ldquo; sagte er einmal. Und ein andermal: &bdquo;War
+sie nicht gut? War sie nicht sch&ouml;n? Wie konnte es ihr
+so schlecht ergehen?&ldquo; Und ein andermal: &bdquo;Sie hat mich
+auch gut gemacht. Konnte es nicht mit ansehen, da&szlig; sie
+den ganzen langen Tag betr&uuml;bt dasa&szlig; und mit ihren
+Tr&auml;nen das Kassabuch ruinierte.&ldquo;&nbsp;&ndash; Dann kam dies:
+&bdquo;Ein schlaues Ding &uuml;brigens. Schmeichelte sich bei mir
+ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte mir
+Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich,
+aber konnte nicht widerstehen.&ldquo; Er wanderte bis zum
+Vorderdeck. Als er zur&uuml;ckkam, sagte er: &bdquo;Ich kann es
+nicht ertragen, da&szlig; sie sterben soll.&ldquo;</p>
+
+<p>Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme,
+die er weder d&auml;mpfen noch modulieren konnte. Peter
+Nord hatte die stolze Empfindung, da&szlig; ein solcher Mann
+wie er, der einen K&ouml;nigsreif um die Stirn trug, gar nicht
+das Recht hatte, Halfvorson zu z&uuml;rnen. Dieser war ja
+durch sein Gebrechen von den Menschen getrennt und
+konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mu&szlig;te er sie
+alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit
+demselben Ma&szlig;stab zu messen wie andre Menschen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_39" id="page_39"></a>39</span>Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Tr&auml;ume.
+Sie hatte sich also seiner alle diese Jahre erinnert, und
+jetzt konnte sie nicht sterben, ohne ihn gesehen zu haben.
+Ach, man denke, da&szlig; ein junges M&auml;dchen alle die Jahre
+herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und
+vermi&szlig;t hatte.</p>
+
+<p>Sobald er ans Land gekommen war und das Haus
+des Kaufmanns erreicht hatte, wurde er zu Edith gef&uuml;hrt,
+die ihn drau&szlig;en in der Laube erwartete.</p>
+
+<p>Der gl&uuml;ckliche Peter Nord wurde nicht aus seinen
+Tr&auml;umen gerissen, als er sie erblickte. Sie war ein liebliches
+Traumwesen, dieses M&auml;dchen, das um die Wette
+mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte.
+Ihre gro&szlig;en Augen waren dunkler und klarer geworden.
+Ihre H&auml;nde waren so d&uuml;nn und durchsichtig,
+da&szlig; man f&uuml;rchtete, diese vergeistigte Materie zu ber&uuml;hren.</p>
+
+<p>Und sie liebte ihn. Nat&uuml;rlich mu&szlig;te er sie sogleich
+wiederlieben, hei&szlig;, innig, gl&uuml;hend. Als sie sah, wie er
+dastand und sie anstarrte, begann sie zu l&auml;cheln, mit dem
+verzweifeltesten L&auml;cheln der Welt, diesem L&auml;cheln der
+Kranken, das sagt: &bdquo;Sieh, so bin ich geworden. Z&auml;hle
+nicht auf mich. Ich kann nicht mehr sch&ouml;n und reizend
+sein. Ich mu&szlig; bald sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>Das rief ihn zur Wirklichkeit zur&uuml;ck. Er sah, da&szlig; er
+es nicht mit einem Traumbilde zu tun hatte, sondern mit
+einer Seele, die im Entfliehen war und darum die
+W&auml;nde ihres Kerkers so d&uuml;nn und durchsichtig gemacht
+hatte. Nun war es so deutlich in seinem Gesicht und in
+der Art, wie er Ediths Hand fa&szlig;te, zu sehen, wie er mit
+einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre &uuml;ber dem
+Schmerze, da&szlig; sie sterben mu&szlig;te, verga&szlig;, da&szlig; die Kranke
+dasselbe Mitleid mit sich selbst f&uuml;hlte und Tr&auml;nen in ihre
+Augen traten.</p>
+
+<p>O, welches Mitgef&uuml;hl hatte er vom ersten Augenblick
+an f&uuml;r sie. Er begriff gleich, da&szlig; sie ihre Bewegung nicht
+<span class="pagenum"><a name="page_40" id="page_40"></a>40</span>zeigen wollte. Nat&uuml;rlich war es ergreifend f&uuml;r sie, ihn,
+den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen. Aber nur
+ihre Schw&auml;che war daran schuld, da&szlig; sie sich jetzt verriet.
+Sie wollte nat&uuml;rlich nicht, da&szlig; er es bemerkte. Und
+darum brachte er ein unverf&auml;ngliches Gespr&auml;chsthema
+aufs Tapet.</p>
+
+<p>&bdquo;Wissen Sie, wie es meinen wei&szlig;en M&auml;usen ergangen
+ist?&ldquo; fragte er.</p>
+
+<p>Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte
+er ihr den Weg ebnen. &bdquo;Ich habe sie in den Laden gelassen,&ldquo;
+sagte sie, &bdquo;sie haben sich gut gehalten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen
+da?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Halfvorson sagt, da&szlig; er Peter Nords M&auml;use niemals
+loswerden kann. Sie haben Sie ger&auml;cht, verstehen Sie?&ldquo;
+sagte sie bedeutungsvoll.</p>
+
+<p>&bdquo;Es war eine ausgezeichnete Rasse,&ldquo; antwortete Peter
+Nord stolz.</p>
+
+<p>Das Gespr&auml;ch stockte einen Augenblick. Edith schlo&szlig;
+die Augen, wie um zu ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll.
+Seine letzte Antwort verstand sie nicht. Er hatte
+gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert.
+Als er angefangen hatte, von den M&auml;usen zu sprechen,
+hatte sie geglaubt, er verst&uuml;nde, was sie damit sagen
+wolle.</p>
+
+<p>Sie wu&szlig;te ja, da&szlig; er vor ein paar Wochen hergekommen
+war, um sich zu r&auml;chen. Der arme Peter Nord!
+Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl ergehen
+mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten
+Jungen in ihren Tr&auml;umen ert&ouml;nt. Zum Teil um
+seinetwillen, um nie mehr eine solche Nacht zu erleben,
+hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das
+Haus zu einem Heim f&uuml;r ihn gemacht, hatte den Einsamen
+es sch&auml;tzen gelehrt, einen teilnehmenden Freund
+in seiner N&auml;he zu haben. Jetzt war ihr Schicksal wieder
+mit Peter Nord verkn&uuml;pft. Sein Rachezug hatte sie zu
+<span class="pagenum"><a name="page_41" id="page_41"></a>41</span>Tode erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall
+ein wenig erholt hatte, hatte sie Halfvorson gebeten, ihn
+auszukundschaften.</p>
+
+<p>Und nun sa&szlig; Peter Nord da und glaubte, da&szlig; sie ihn
+aus Liebe gerufen habe. Er konnte ja nicht wissen, da&szlig;
+sie ihn f&uuml;r rachs&uuml;chtig, roh und verkommen hielt, f&uuml;r
+einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden
+im Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte
+nicht ahnen, da&szlig; sie ihn herbeschieden hatte, um ihm
+Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn nichts
+andres half, ihm zu sagen: &bdquo;Sieh mich an, Peter Nord!
+Dein Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines
+Todes. Denke daran und beginne ein andres Leben.&ldquo;</p>
+
+<p>Er war voll Lebenslust und Tr&auml;umerei gekommen, um
+das Fest der Liebe zu feiern, und sie lag da und dachte
+daran, ihn in die schwarzen Tiefen der Reue zu versenken.</p>
+
+<p>Aber es mu&szlig;te ihr wohl etwas von dem Glanz des
+K&ouml;nigsreifens entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen,
+so da&szlig; sie beschlo&szlig;, ihn zuerst ins Verh&ouml;r zu nehmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen
+drei furchtbaren Kerlen da?&ldquo;</p>
+
+<p>Er err&ouml;tete und sah zu Boden. Dann mu&szlig;te er ihr
+die ganze Geschichte von dem Rachezug mit all seiner
+Schmach erz&auml;hlen. F&uuml;rs erste, wie unm&auml;nnlich lange er
+gez&ouml;gert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie
+er nur gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt
+selbst zu schlagen, gepr&uuml;gelt und gepeitscht worden war.
+Er wagte nicht aufzusehen, w&auml;hrend er sprach; er wagte
+nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit
+Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasa&szlig;, f&uuml;hlte er,
+da&szlig; er sich all des Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn
+in ihren Tr&auml;umen umgeben haben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Peter Nord, wie w&auml;re es denn gegangen, wenn
+Sie Halfvorson angetroffen h&auml;tten?&ldquo; fragte Edith, als
+er zu Ende gesprochen hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_42" id="page_42"></a>42</span>Er lie&szlig; den Kopf immer tiefer h&auml;ngen. &bdquo;Ich sah ihn
+ja ohnehin,&ldquo; sagte er. &bdquo;Er war gar nicht verreist. Er
+arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor. Der Junge
+im Laden hatte mir alles erz&auml;hlt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, warum haben Sie sich dann nicht ger&auml;cht?&ldquo;
+fragte Edith.</p>
+
+<p>Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er f&uuml;hlte, da&szlig;
+ihre Blicke sich forschend auf ihn hefteten, und er begann
+gehorsam: &bdquo;Als die M&auml;nner sich auf einem Abhang
+schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson
+auf, denn ich wollte ihn allein f&uuml;r mich haben. Er ging
+da herum und richtete St&auml;bchen in einem Erbsenbeet auf.
+Es mu&szlig;te am Tage vorher einen Platzregen gegeben
+haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige
+Bl&auml;tter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah
+aus wie ein Krankenhaus. Und Halfvorson war der
+Doktor. Er richtete sie so zart in die H&ouml;he, streifte die
+Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die St&auml;bchen
+umfassen. Ich stand da und sah zu. Er h&ouml;rte mich
+ja nicht und er hatte keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte
+zornig zu bleiben, aber was sollte ich tun? Ich
+konnte doch nicht auf ihn losst&uuml;rzen, solange er mit den
+Erbsen besch&auml;ftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch,
+dachte ich.</p>
+
+<p>Aber pl&ouml;tzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn
+und st&uuml;rzte zum Treibbeete. Da hob er die Glasfenster
+ab und guckte hinein, und ich guckte auch, denn er sah
+aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung w&auml;re.
+Ja freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen,
+die Pflanzen vor der Sonne zu sch&uuml;tzen und es war wohl
+unter den Glasfenstern furchtbar hei&szlig; gewesen. Die
+Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem;
+einige Bl&auml;tter waren versengt und andre hingen schlaff
+herab. Ich war auch ganz erschrocken, so da&szlig; ich alle
+Vorsicht verga&szlig;, und da erblickte Halfvorson meinen
+Schatten. &sbquo;Du h&ouml;r' einmal, nimm die Gie&szlig;kanne, die
+<span class="pagenum"><a name="page_43" id="page_43"></a>43</span>beim Spargelbeet steht, laufe zum Flu&szlig; herunter und
+hole Wasser,&lsquo; sagte er, ohne aufzusehen; er glaubte wohl,
+es sei der G&auml;rtnerjunge. Und so lief ich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Taten Sie das, Peter Nord?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter
+unsrer Feindschaft zu leiden. Es kam mir wohl auch vor,
+da&szlig; das charakterlos sei, aber ich konnte nicht anders.
+Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen k&ouml;nnten. Als
+ich zur&uuml;ckkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte
+noch ebenso verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm
+die Kanne in die Hand, und er begann zu gie&szlig;en. Ja,
+man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat.
+Es war mir fast, als richteten sie sich in die H&ouml;he, und
+ihm schien es wohl auch so, denn er fing zu lachen an.
+Da lief ich fort.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?&ldquo; Edith
+hatte sich in ihrem Ruhesessel aufgerichtet.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich konnte ihn nicht schlagen,&ldquo; sagte Peter Nord.</p>
+
+<p>Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um
+den Kopf des armen Peter Nord. So, sie brauchte ihn
+also nicht mit der schweren Last der S&uuml;nde um den Hals
+in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann
+war er also! Ein so weichherziger und feinf&uuml;hliger
+Mann! Sie sank zur&uuml;ck, schlo&szlig; die Augen wieder und
+dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es
+wunderte sie selbst, welch gro&szlig;e Erleichterung es ihr
+gew&auml;hrte, ihn nicht betr&uuml;ben zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin so froh, da&szlig; Sie sich die Rachegedanken
+aus dem Kopfe geschlagen haben, Peter Nord,&ldquo; begann
+sie freundlich. &bdquo;Gerade darum wollte ich Sie bitten.
+Jetzt kann ich ruhig sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich.
+Sie sah nicht aus, als h&auml;tte sie sich in ihm get&auml;uscht.
+Sie mu&szlig;te ihn doch sehr lieb haben, wenn sie alle diese
+Feigheit entschuldigen konnte.&nbsp;&ndash; Denn wenn sie sagte,
+da&szlig; sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen
+<span class="pagenum"><a name="page_44" id="page_44"></a>44</span>Rachepl&auml;nen abzustehen, geschah dies wohl nur aus
+Sch&uuml;chternheit, um ihm nicht den wirklichen Grund des
+Rufes gestehen zu m&uuml;ssen. Darin hatte sie ganz recht.
+Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie k&ouml;nnen sie Sie sterben lassen?&ldquo; rief er aus.
+&bdquo;Halfvorson und alle die andern, wie k&ouml;nnen sie es?
+Wenn ich hier w&auml;re, ich wollte es Ihnen verwehren, zu
+sterben. Ich w&uuml;rde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich
+w&uuml;rde alle Ihre Leiden auf mich nehmen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe keine gro&szlig;en Schmerzen,&ldquo; sagte sie, &uuml;ber
+diese k&uuml;hnen Versprechungen l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich stelle mir vor, da&szlig; ich Sie forttragen m&ouml;chte
+wie ein erfrorenes V&ouml;gelchen, Sie unter die Weste
+stecken wie ein Eichh&ouml;rnchen. O Gott, wie sch&ouml;n w&auml;re es
+doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches
+daheim auf einen wartete. Aber wenn Sie gesund
+w&auml;ren, so w&uuml;rden wohl viele&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Sie sah ihn mit m&uuml;dem Staunen an, bereit, ihn in
+seine Schranken zu weisen. Aber sie mu&szlig;te wohl wieder
+etwas von dem Zauberkranze der Tr&auml;ume um das Haupt
+des Knaben gesehen haben, denn sie &uuml;bte Nachsicht gegen
+ihn. Er meinte wohl nichts damit. Er mu&szlig;te wohl so
+sprechen wie er sprach. Er war ja nicht wie andre.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach,&ldquo; sagte sie gleichg&uuml;ltig. &bdquo;Nicht so viele, Peter
+Nord. Wohl kaum einer, der es ernst meinte.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten
+ein. In ihr erwachte pl&ouml;tzlich der Hei&szlig;hunger der Kranken
+nach Mitleid. Sie wollte das Mitgef&uuml;hl, die Z&auml;rtlichkeit
+haben, die der arme Arbeiter ihr schenken konnte, es war
+ihr ein Bed&uuml;rfnis, lange in der N&auml;he dieser tiefen, uneigenn&uuml;tzigen
+Teilnahme zu weilen. Die Kranken k&ouml;nnen
+ja an derlei nie genug haben. Sie wollte sie in seinen
+Blicken und in seinem ganzen Wesen lesen. Worte waren
+ihr gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>&bdquo;Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,&ldquo; sagte sie.
+<span class="pagenum"><a name="page_45" id="page_45"></a>45</span>&bdquo;Bleiben Sie noch ein Weilchen sitzen und erz&auml;hlen Sie,
+wie es Ihnen in diesen sechs Jahren ergangen ist.&ldquo;</p>
+
+<p>W&auml;hrend er sprach, lag sie da und schl&uuml;rfte dieses
+Unsagbare ein, was von ihm zu ihr str&ouml;mte. Sie h&ouml;rte
+und h&ouml;rte nicht. Aber durch irgendeine wunderbare Sympathie
+f&uuml;hlte sie sich gest&auml;rkt und belebt.</p>
+
+<p>&Uuml;brigens machten ihr auch seine Erz&auml;hlungen Eindruck.
+Sie f&uuml;hrten sie in die Arbeiterviertel, in eine neue Welt
+voll g&auml;render Hoffnungen und Kr&auml;fte. Wie man dort
+glaubte und sich sehnte! Wie man ha&szlig;te und litt!</p>
+
+<p>&bdquo;Wie gl&uuml;cklich sind doch die Unterdr&uuml;ckten,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den
+Sinn, da&szlig; dies etwas f&uuml;r sie sein k&ouml;nnte, die immer
+Druck und Zwang brauchte, um das Leben lebenswert zu
+finden.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn ich gesund w&auml;re,&ldquo; sagte sie, &bdquo;w&auml;re ich vielleicht
+mit dahin gegangen. Es w&auml;re sch&ouml;n gewesen, sich
+zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die H&ouml;he
+zu arbeiten.&ldquo;</p>
+
+<p>Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Gest&auml;ndnis,
+auf das er die ganze Zeit gewartet hatte. &bdquo;Ach,
+k&ouml;nnen Sie nicht leben!&ldquo; bat er, und er strahlte vor
+Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Sie wurde aufmerksam. &bdquo;Das ist ja Liebe,&ldquo; sagte sie
+zu sich selbst. &bdquo;Und jetzt glaubt er, da&szlig; ich auch verliebt
+bin. Solch ein n&auml;rrischer Kauz, dieser Wermlandjunge!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen,
+aber etwas lag &uuml;ber Peter Nord an diesem siegreichen
+Tage, das sie zur&uuml;ckhielt. Sie brachte es nicht &uuml;bers
+Herz, seine frohe Stimmung zu zerst&ouml;ren. Sie f&uuml;hlte
+Mitleid mit seiner Torheit und lie&szlig; ihn weiter darin
+leben. &bdquo;Es macht ja nichts, da ich ja doch bald sterben
+mu&szlig;,&ldquo; sagte sie zu sich selbst.</p>
+
+<p>Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er
+fragte, ob er wiederkommen d&uuml;rfe, verbot sie es ihm
+<span class="pagenum"><a name="page_46" id="page_46"></a>46</span>ganz. &bdquo;Aber,&ldquo; sagte sie, &bdquo;vergessen Sie den Kirchhof
+hier oben auf dem H&uuml;gel nicht, Peter Nord. Dorthin
+k&ouml;nnen Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode
+f&uuml;r diesen Tag danken.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er
+Halfvorson. Dieser ging verzweifelt auf und ab und
+fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, da&szlig; Edith
+dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufb&uuml;rdete. Um
+ihn &uuml;berw&auml;ltigt von Gewissensbissen zu sehen, einzig und
+allein darum hatte er ihn geholt. Doch als er den jungen
+Arbeiter traf, sah er, da&szlig; Edith ihm nicht alles gesagt
+haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien
+er schwindelnd gl&uuml;ckselig.</p>
+
+<p>&bdquo;Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben
+mu&szlig;?&ldquo; fragte Halfvorson.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; antwortete Peter Nord.</p>
+
+<p>Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie
+um ihn nicht entkommen zu lassen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche
+wegen. Sie war wohl vorher ein bi&szlig;chen krank, aber
+das hatte nichts zu bedeuten. Niemand glaubte, da&szlig; sie
+sterben w&uuml;rde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei
+ungl&uuml;ckseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, w&auml;hrend
+Sie in meinem Laden waren. Sie verfolgten sie,
+und sie lief vor ihnen fort, lief so, da&szlig; sie einen Blutsturz
+bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie
+wollten sich an mir r&auml;chen, dadurch, da&szlig; Sie sie t&ouml;teten.
+Wollten mich einsam und ungl&uuml;cklich sehen, ohne einen
+einzigen Menschen um mich, der mir gut ist. Alle meine
+Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.&ldquo;</p>
+
+<p>Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit
+Vorw&uuml;rfen &uuml;bersch&uuml;tten, ihn mit Fl&uuml;chen morden; aber
+dieser ri&szlig; sich los und lief davon, als ob ein Erdbeben
+die ganze Stadt ersch&uuml;ttere und alle H&auml;user im Begriffe
+w&auml;ren einzust&uuml;rzen.</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_47" id="page_47"></a>47</span></p>
+<h3>IV</h3>
+
+<p>Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht,
+aber wenn man auf steilen Steinstufen und nadelbedeckten,
+glatten Pfaden hinaufgeklettert ist, so findet man,
+da&szlig; der Berg sich zu einem gro&szlig;en welligen Plateau
+ausbreitet. Und dort oben findet man einen M&auml;rchenwald.</p>
+
+<p>Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald
+ohne Nadeln, ein Wald, der im Fr&uuml;hling stirbt und im
+Herbst gr&uuml;nt, ein lebloser Wald, der in Lebensfreude
+aufflackert, wenn andre B&auml;ume das gr&uuml;ne Kleid des
+Lebens ablegen, ein Wald, der w&auml;chst, ohne da&szlig; jemand
+wissen kann wie, der gr&uuml;n im Frost und braun im Tau
+dasteht.</p>
+
+<p>Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten
+sind gezwungen worden, in den Rissen zwischen Felsbl&ouml;cken
+Wurzel zu schlagen. Ihre z&auml;hen Wurzeln haben
+sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt.
+Eine Zeitlang ging es gut, die jungen B&auml;ume schossen
+in die H&ouml;he, und die Wurzeln bohrten sich frohgemut in
+den grauen Stein. Aber endlich konnten sie nicht weiterkommen,
+und da bem&auml;chtigte sich des Waldes eine nur
+schlecht verhehlte &uuml;ble Laune. Er wollte hoch hinaus,
+aber auch in die Tiefe. Da ihm der Weg nach unten
+versperrt war, schien ihn das Leben nicht mehr zu freuen.
+Jeden Fr&uuml;hling war er bereit, mi&szlig;mutig die Lebensb&uuml;rde
+abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben
+sollte, stand der junge Wald ganz braun da. Hoch
+&uuml;ber der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm
+einen d&uuml;stern Rand sterbender B&auml;ume.</p>
+
+<p>Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles D&uuml;sterkeit
+und Todeskampf. Wenn man so unter den braunen
+B&auml;umen einhergeht und sich so bedr&uuml;ckt f&uuml;hlt, da&szlig; man
+am liebsten sterben wollte, sieht man gr&uuml;ne B&auml;ume schimmern,
+Blumenduft schl&auml;gt einem entgegen; Vogelgesang
+<span class="pagenum"><a name="page_48" id="page_48"></a>48</span>jubelt und lockt. Da denkt man an das Schlo&szlig; im
+schlummernden Wald, an das Paradies des M&auml;rchens,
+das von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und
+wenn man dann zu dem Gr&uuml;n, dem Blumenduft, dem
+Vogelgezwitscher kommt, sieht man, da&szlig; man sich auf
+dem versteckten Kirchhof des kleinen St&auml;dtchens befindet.</p>
+
+<p>Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angef&uuml;llten
+Vertiefung des Bergplateaus. Und da innerhalb der
+grauen Steinmauern hat alles Welken und aller Lebens&uuml;berdru&szlig;
+ein Ende. Im Tore stehen Fliederb&uuml;sche, die
+sich unter schweren Bl&uuml;tentrauben neigen. Linden und
+Ahornb&auml;ume spannen mit &uuml;berraschender Kraft einen
+himmelhohen Bogen &uuml;ber den ganzen Platz. Jasmin
+und Rosen entbl&uuml;hen freundlich der geweihten Erde. Um
+gro&szlig;e alte Grabsteine schlingen sich Ranken von Immergr&uuml;n
+und Efeu.</p>
+
+<p>Hier ist eine Ecke, wo die Nadelb&auml;ume die H&ouml;he eines
+Mastbaumes erreichen. M&uuml;&szlig;te sich nicht eigentlich der
+junge Wald drau&szlig;en sch&auml;men, wenn er sie sieht? Und
+da sind Hecken, die den H&auml;nden ihrer Pfleger ganz entwachsen
+sind, die ohne an Schere und Messer zu denken,
+bl&uuml;hen und sprie&szlig;en.</p>
+
+<p>Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof,
+zu dem die Toten ohne sonderliche M&uuml;he gelangen k&ouml;nnen.
+Es war recht beschwerlich f&uuml;r sie, im Winter hier
+heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis
+&uuml;berzogen sind, und die Stufen schl&uuml;pfrig und schneebedeckt.
+Der Sarg knackte, die Tr&auml;ger keuchten, der alte
+Propst st&uuml;tzte sich schwer auf den K&uuml;ster und den Totengr&auml;ber.
+Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu
+werden, der es nicht selbst gew&uuml;nscht hat.</p>
+
+<p>Sch&ouml;n sind die Gr&auml;ber dort nicht. Die wenigsten verstehen
+es, den Toten eine sch&ouml;ne Wohnstatt zu bereiten.
+Aber das frische Gr&uuml;n ergie&szlig;t seinen Frieden und seine
+Sch&ouml;nheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu wissen,
+da&szlig; alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende,
+<span class="pagenum"><a name="page_49" id="page_49"></a>49</span>der nach einem hei&szlig;en Arbeitstage hinauffl&uuml;chtet, geht
+wie unter Freunden einher. Die hier schlummern, haben
+ja auch die hohen B&auml;ume und die Stille geliebt.</p>
+
+<p>Kommt ein Fremder herauf, so erz&auml;hlt man ihm nicht
+von Tod und Trauer, sondern auf den gro&szlig;en Steinplatten,
+auf den breiten B&uuml;rgermeistergr&auml;bern sitzt man
+und erz&auml;hlt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen,
+und seiner Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte
+am besten dazu, hier oben erz&auml;hlt zu werden, wo der Tod
+seine Schrecken verloren hat. Es ist, als m&uuml;&szlig;te die geweihte
+Erde jubeln, da&szlig; sie auch einmal der Schauplatz
+erwachenden Gl&uuml;cks und neuerweckten Lebens sein durfte.</p>
+
+<p>Denn es kam so, da&szlig; Peter Nord, als er von Halfvorson
+fortlief, seine Zuflucht oben auf dem Kirchhofe
+suchte.</p>
+
+<p>Zuerst lief er auf die Flu&szlig;br&uuml;cke zu und schlug den
+Weg zur gro&szlig;en Fabrikstadt ein. Doch auf der Br&uuml;cke
+machte der arme Fl&uuml;chtling halt. Mit dem K&ouml;nigsreif
+um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden,
+als w&auml;re er aus Sonnenstrahlen gesponnen
+gewesen. Peter Nord war von Kummer tief gebeugt,
+sein ganzer K&ouml;rper zitterte, das Herz tat ihm weh, das
+Hirn brannte wie Feuer.</p>
+
+<p>Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum
+drittenmal entgegenkam. Sie war viel freundlicher, viel
+milder als einst, aber sie erschien ihm darum nur um so
+furchtbarer.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, du Armer,&ldquo; sagte sie, &bdquo;jetzt mu&szlig;t du aber mit
+deinen Streichen doch endlich aufh&ouml;ren! Du wolltest das
+Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern, die man Leben
+nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt
+und bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt
+kannst du dich nur mehr an mich wenden.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen.
+&bdquo;Ich wei&szlig;, was du von mir willst. Du willst mich zur
+<span class="pagenum"><a name="page_50" id="page_50"></a>50</span>Arbeit und Entbehrung f&uuml;hren, aber ich kann nicht! Nicht
+jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.&ldquo;</p>
+
+<p>Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit l&auml;chelte immer milder.
+&bdquo;Du bist ja unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das
+doch nicht so zu Herzen, wof&uuml;r du nichts kannst. War
+Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, da&szlig; sie dir
+vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du
+gelebt hast!&ldquo;</p>
+
+<p>Der Knabe wurde immer heftiger. &bdquo;Meinst du, es ist
+besser f&uuml;r mich, da&szlig; ich gerade die get&ouml;tet habe, die gut
+gegen mich war, sie, die mich liebte? W&auml;re es nicht
+besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet h&auml;tte, den
+ich ermorden wollte? Ich mu&szlig; es s&uuml;hnen. Ich mu&szlig; ihr
+das Leben retten. Jetzt kann ich nicht an Arbeit denken.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;O du Narr,&ldquo; sagte Frau Fastenzeit, &bdquo;das Fest der
+S&uuml;hne, das du feiern willst, das ist die allergr&ouml;&szlig;te Vermessenheit.&ldquo;</p>
+
+<p>Da emp&ouml;rte sich Peter Nord vollends gegen seine langj&auml;hrige
+Freundin. Er hohnlachte f&ouml;rmlich. &bdquo;Was hast
+du mir eingeredet,&ldquo; sagte er, &bdquo;da&szlig; du eine brave, brummige
+Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten.
+Du bist eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist
+sch&ouml;n, und du bist entsetzlich. Du wei&szlig;t selbst nichts von
+Ma&szlig; und Ziel. Warum sollte ich es denn? Wie kannst
+du Fasten predigen, du, die du ein solches &Uuml;berma&szlig; von
+Schmerz auf mich w&auml;lzen wolltest? Was sind die Feste,
+die ich gefeiert habe, gegen die, die du dir unaufh&ouml;rlich
+bereitest! Bleib mir vom Leibe mit deiner gelben, bleichen
+M&auml;&szlig;igkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben, wie du
+selbst.&ldquo;</p>
+
+<p>Nicht einen Schritt konnte er nach der gro&szlig;en Fabrikstadt
+machen. Ebensowenig konnte er umkehren und
+wieder &uuml;ber die lange Stra&szlig;e in das St&auml;dtchen wandern,
+nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum
+verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den
+steifen, stechenden jungen B&auml;umen umher, bis ein freundlicher
+<span class="pagenum"><a name="page_51" id="page_51"></a>51</span>Pfad ihn zum Kirchhof f&uuml;hrte. Dort suchte er sich
+ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die H&ouml;he eines
+Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todm&uuml;de zu
+Boden.</p>
+
+<p>Er wu&szlig;te nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit
+verging, oder ob alles jetzt stille stand. Aber nach einem
+Weilchen ert&ouml;nten Schritte, und er erwachte zu halbem
+Bewu&szlig;tsein. Es war ihm, als w&auml;re er lange, lange fort
+gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen,
+und sogleich tauchte ein verwirrter Gedanke in ihm auf.
+Wie lange lag er schon da? War Edith schon tot? Suchte
+sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd
+nach ihrem M&ouml;rder? Er zitterte und bebte. Freilich lag
+er in dem dunkeln Tannendickicht verborgen, aber er
+zitterte vor dem, was geschehen w&auml;re, wenn die Leiche ihn
+gefunden h&auml;tte. Er bog ein paar Zweige zur&uuml;ck und
+blickte hinaus. Ein gehetzter Fl&uuml;chtling kann nicht wilder
+nach seinen Verfolgern ausblicken.</p>
+
+<p>Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig
+und sp&auml;rlich war das Geleit. Unbekr&auml;nzt wurde
+der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der Gesichter
+zeigte Tr&auml;nenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand
+genug, um einzusehen, da&szlig; dies unm&ouml;glich Edith Halfvorsons
+Begr&auml;bnis sein konnte.</p>
+
+<p>Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer wei&szlig;,
+vielleicht war es ein Gru&szlig; von ihr. Peter Nord f&uuml;hlte,
+da&szlig; er nicht das Recht hatte, zu entfliehen. Sie hatte
+gesagt, er m&ouml;ge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte
+wohl, da&szlig; er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine
+Strafe zuteil werden lassen konnte. Dieser Leichenzug
+war ein Gru&szlig;, ein Zeichen. Sie wollte, da&szlig; er sie dort
+erwartete.</p>
+
+<p>Vor seinem kranken Hirn t&uuml;rmte sich jetzt die niedre
+Kirchhofsmauer so hoch wie ein Festungswall auf. Er
+starrte &auml;ngstlich auf das schwache Gitterpf&ouml;rtchen, es war
+wie die festeste Eichent&uuml;r. Er war hier oben gefangen.
+<span class="pagenum"><a name="page_52" id="page_52"></a>52</span>Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn
+seiner Strafe zuf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Was sie dann mit ihm beginnnen w&uuml;rde, das wu&szlig;te
+er nicht. Nur eines war deutlich und klar. Er mu&szlig;te hier
+warten, bis sie kam und ihn holte. Vielleicht wird sie
+ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm
+gebieten, sich vom Berge herunterzust&uuml;rzen. Er konnte
+es nicht wissen&nbsp;&ndash; vorderhand mu&szlig;te er warten.</p>
+
+<p>Die Vernunft k&auml;mpfte einen verzweifelten Kampf:
+Du bist ja unschuldig, Peter Nord. Mache dir doch kein
+Herzeleid &uuml;ber das, was du nicht verschuldet hast. Sie
+hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu deiner
+Arbeit! Erhebe den Fu&szlig;, und du bist &uuml;ber die Mauer,
+sto&szlig;e mit einem Finger zu, und das Tor ist offen.</p>
+
+<p>Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem
+Nebel, einer Bet&auml;ubung. Die Gedanken kamen unklar,
+so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines nur
+wu&szlig;te er, er mu&szlig;te bleiben, wo er war.</p>
+
+<p>Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die
+Wette mit den wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter
+Nord, mit dem du an einem Sommertag gespielt, geht
+oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter
+Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den
+Kirchhof nicht verlassen, bis dein blumengeschm&uuml;ckter
+Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen schlug die Augen auf, gleichsam wie
+um noch einmal die Welt zu sehen. Sie schickte nach
+Peter Nord. Sie z&uuml;rnte ihm wegen seines tollen Streiches.
+Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie
+hatte nie gew&uuml;nscht, da&szlig; er sich ihrethalben Gewissensbisse
+mache.</p>
+
+<p>Der Bote kam ohne Peter Nord zur&uuml;ck. Er k&ouml;nne
+nicht kommen. Die Mauer sei zu hoch und das Tor zu
+stark. Nur eine k&ouml;nne ihn von dort fortbringen.</p>
+
+<p>In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an
+nichts andres. &bdquo;Er geht noch immer dort herum, noch
+<span class="pagenum"><a name="page_53" id="page_53"></a>53</span>immer,&ldquo; erz&auml;hlte man einander jeden Tag. &bdquo;Ist er verr&uuml;ckt?&ldquo;
+fragten die Leute h&auml;ufig, und einige, die mit ihm
+gesprochen hatten, antworteten, da&szlig; er es ganz gewi&szlig;
+werden w&uuml;rde, wenn &bdquo;sie&ldquo; kam. Aber sie waren sehr
+stolz auf diesen M&auml;rtyrer der Liebe, der ihrer Stadt
+Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die
+Reichen schlichen den Berg hinauf, um ihn wenigstens
+aus der Ferne zu sehen.</p>
+
+<p>Aber Edith, die sich nicht vom Fleck r&uuml;hren konnte, die
+machtlos dalag und sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu
+denken hatte, womit besch&auml;ftigte sie sich wohl? Welche
+Gedanken w&auml;lzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh,
+Peter Nord, Peter Nord! Mu&szlig;te sie nicht stets den
+Mann vor sich sehen, der sie liebte, der nahe daran war,
+um ihretwillen den Verstand zu verlieren, der wirklich,
+wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren
+Sarg wartete.</p>
+
+<p>Sieh da, das war etwas f&uuml;r die Stahlfedernatur in
+ihr. Das war etwas f&uuml;r die Phantasie, etwas f&uuml;r entschlummernde
+Gef&uuml;hle. Sich vorzustellen, was er anfangen
+w&uuml;rde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen,
+was er beginnen w&uuml;rde, wenn sie nicht als Tote hinkam.</p>
+
+<p>Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon
+und von nichts anderm. So wie die alten St&auml;dte
+ihre S&auml;ulenheiligen geliebt hatten, so liebte das St&auml;dtchen
+den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne
+auf den Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer
+wilder und wilder aus. Immer dichter senkte sich die
+Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. &bdquo;Warum beeilt
+sie sich nicht, gesund zu werden,&ldquo; sagten sie von Edith.
+&bdquo;Es w&auml;re unrecht von ihr, zu sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>Edith f&uuml;hlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem
+Leben war, sollte nun wieder die schwere B&uuml;rde auf sich
+nehmen m&uuml;ssen? Aber auf jeden Fall begann sie sich
+redlich zu m&uuml;hen. In ihrem K&ouml;rper wurde in diesen
+<span class="pagenum"><a name="page_54" id="page_54"></a>54</span>Wochen mit fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt.
+Und es wurde nicht an Material gespart. In ungeheuren
+Massen wurde alles verbraucht, was Lebenskraft
+gibt, wie es auch hei&szlig;en mochte: Malzextrakt oder
+Lebertran, frische Luft oder Sonnenschein, Tr&auml;ume oder
+Liebe.</p>
+
+<p>Und was f&uuml;r herrliche Tage waren dies doch, lang,
+warm, regenlos!</p>
+
+<p>Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu
+lassen. Die ganze Stadt war in Angst, als sie den Weg
+antrat. W&uuml;rde sie mit einem Wahnsinnigen zur&uuml;ckkommen?
+Konnten diese Wochen des Elends aus seinem
+Hirn ausgetilgt werden? W&uuml;rde die Anstrengung, die
+sie gemacht hatte, um wieder zu leben, fruchtlos sein?
+Und wenn, wie w&uuml;rde es dann ihr selbst ergehen?</p>
+
+<p>Wie sie dahinzog, bla&szlig; vor Spannung, aber doch voll
+Hoffnung, gab es Anla&szlig; zur Unruhe genug. Niemand
+verhehlte sich, da&szlig; Peter Nord einen zu gro&szlig;en Raum in
+ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste
+in der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen.
+Alle Schranken waren f&uuml;r sie gefallen, als sie h&ouml;rte, was
+er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus ihrer Schw&auml;rmerei
+werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem
+Wahnsinnigen ist nichts Romantisches.</p>
+
+<p>Als man sie bis an das Friedhofspf&ouml;rtchen getragen
+hatte, verlie&szlig; sie die Tr&auml;ger und ging allein &uuml;ber den
+breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten rund um den
+gr&uuml;nenden Platz, aber sie sah niemanden.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich h&ouml;rte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht,
+und von dort sah sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren.
+Nie hatte sie ein Antlitz gesehen, das so deutlich den
+Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst dar&uuml;ber,
+erschrak t&ouml;dlich. Es fehlte nicht viel, so w&auml;re sie geflohen.</p>
+
+<p>Aber dann loderte ein gro&szlig;es, heiliges Gef&uuml;hl in ihr
+auf. Jetzt konnte nicht mehr von Liebe und Schw&auml;rmerei
+die Rede sein, nur von Angst, da&szlig; ein Mitmensch,
+<span class="pagenum"><a name="page_55" id="page_55"></a>55</span>einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde
+durchwanderten, verloren gehen sollte!</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen blieb stehen. Sie wich nicht einen
+Schritt zur&uuml;ck, sondern lie&szlig; ihn sich langsam an ihren
+Anblick gew&ouml;hnen. Aber alle Macht, die sie besa&szlig;, legte
+sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit
+der ganzen Kraft des Willens, der die Krankheit in ihr
+selbst besiegt hatte.</p>
+
+<p>Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt.
+Er ging auf sie zu, ohne da&szlig; das Grauen aus
+seinen Z&uuml;gen wich. Er sah aus, als w&auml;re er von einem
+wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerrei&szlig;en.
+Als er dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre
+beiden H&auml;nde auf die Schultern und sah ihm l&auml;chelnd ins
+Gesicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie
+m&uuml;ssen von hier fort! Was meinen Sie damit, da&szlig;
+Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben, Peter
+Nord?&ldquo;</p>
+
+<p>Er zitterte und sank zusammen. Aber sie f&uuml;hlte, da&szlig;
+sie ihn mit ihren Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen
+hingegen gar keine Bedeutung f&uuml;r ihn zu haben.</p>
+
+<p>Sie schlug einen etwas andern Ton an. &bdquo;H&ouml;re, was
+ich sage, Peter Nord. Ich bin nicht tot. Ich werde nicht
+sterben. Ich bin gesund geworden, um hier heraufzukommen
+und dich zu retten.&ldquo;</p>
+
+<p>Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen
+da. Wieder ver&auml;nderte sich ihre Stimme. &bdquo;Du hast mir
+nicht den Tod gebracht,&ldquo; sagte sie immer inniger, &bdquo;du
+hast mir das Leben gegeben.&ldquo;</p>
+
+<p>Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre
+Stimme ward zuletzt bebend vor Bewegung, tr&uuml;be von
+Tr&auml;nen. Aber er verstand nichts von dem, was sie sagte.</p>
+
+<p>&bdquo;Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,&ldquo; rief sie
+aus.</p>
+
+<p>Er blieb ebenso gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_56" id="page_56"></a>56</span>Nun wu&szlig;te sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie
+mu&szlig;te ihn wohl mit in die Stadt hinabnehmen und gute
+Pflege und die Zeit walten lassen.</p>
+
+<p>Doch wer wei&szlig;, mit welchen Tr&auml;umen sie heraufgekommen
+war und was sie sich von dieser Begegnung mit
+dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo sie alles
+das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln
+mu&szlig;te, erf&uuml;llte sie ein Schmerz, als m&uuml;&szlig;te sie
+das Kostbarste von sich lassen, was das Leben ihr geschenkt
+hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog
+sie ihn an sich und k&uuml;&szlig;te ihn auf die Stirn.</p>
+
+<p>Dies sollte ein Abschied von Leben und Gl&uuml;ck sein.
+Sie f&uuml;hlte, wie ihre Kr&auml;fte versagten. T&ouml;dliche Mattigkeit
+kam &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches
+Lebenszeichen zu merken, er war nicht mehr ganz so schlaff
+und stumpf. Es zuckte in seinen Gesichtsz&uuml;gen. Er zitterte
+immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer gr&ouml;&szlig;rer
+Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu
+weinen.</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hrte ihn zu einem Grabstein. Sie lie&szlig; sich darauf
+nieder, zog ihn zu sich herab und bettete sein Haupt
+in ihrem Scho&szlig;. So sa&szlig; sie da und streichelte ihn, w&auml;hrend
+er weinte.</p>
+
+<p>Mit ihm ging etwas &Auml;hnliches vor, wie wenn man
+aus einem b&ouml;sen Traum erwacht. &bdquo;Warum weine ich,&ldquo;
+fragte er sich. &bdquo;Ach, ich wei&szlig;, ich habe so furchtbar getr&auml;umt.
+Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht
+gemordet. Wie t&ouml;richt, &uuml;ber einen Traum zu weinen.&ldquo;</p>
+
+<p>Und so allm&auml;hlich wurde ihm alles klar; doch seine
+Tr&auml;nen flossen weiter. Sie sa&szlig; da und liebkoste ihn, aber
+seine Tr&auml;nen str&ouml;mten noch lange.</p>
+
+<p>&bdquo;Das Weinen tut mir so wohl,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>Dann sah er auf und l&auml;chelte. &bdquo;Ist jetzt Ostern?&ldquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>&bdquo;Was meinst du damit?&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_57" id="page_57"></a>57</span>&bdquo;Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,&ldquo;
+fuhr er fort. Dann, als w&auml;ren sie langj&auml;hrige
+Vertraute, begann er, ihr von Frau Fastenzeit zu erz&auml;hlen
+und von seiner Emp&ouml;rung gegen ihr Regiment.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein
+Ende,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Aber als er daran dachte, da&szlig; Edith dasa&szlig; und ihn
+liebkoste, mu&szlig;te er wieder weinen. Es war ihm solch ein
+Bed&uuml;rfnis zu weinen. Alles Mi&szlig;trauen gegen das Leben,
+das das Ungl&uuml;ck dem kleinen Werml&auml;nder eingefl&ouml;&szlig;t
+hatte, bedurfte der Tr&auml;nen, um fortzuschmelzen. Das
+Mi&szlig;trauen, da&szlig; Liebe und Freude, Sch&ouml;nheit und Kraft
+nicht auf Erden bl&uuml;hen k&ouml;nnten, das Mi&szlig;trauen gegen
+sich selbst, alles das mu&szlig;te fort. Alles das ging fort, denn
+es war Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit
+konnte nie mehr Macht erlangen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr2" id="nr2"></a><a href="#inhalt">Die Legende vom Vogelnest</a></h2>
+
+
+<p>Hatto, der Eremit, stand in der Ein&ouml;de und betete zu
+Gott. Es st&uuml;rmte, und sein langer Bart und sein zottiges
+Haar flatterte um ihn, so wie die windgepeitschten
+Grasb&uuml;schel die Zinnen einer alten Ruine umflattern.
+Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch
+steckte er den Bart in den G&uuml;rtel, denn er hielt die Arme
+zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang streckte er seine
+knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso
+unerm&uuml;dlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und
+so wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas
+Gro&szlig;es zu erbitten.</p>
+
+<p>Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit
+der Welt erfahren hatte. Er hatte selbst verfolgt und
+gequ&auml;lt, und Verfolgung und Qualen andrer waren ihm
+zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte.
+Darum zog er hinaus auf die gro&szlig;e Heide, grub sich
+<span class="pagenum"><a name="page_58" id="page_58"></a>58</span>eine H&ouml;hle am Flu&szlig;ufer und wurde ein heiliger Mann,
+dessen Gebete an Gottes Thron Geh&ouml;r fanden.</p>
+
+<p>Hatto, der Eremit, stand am Flu&szlig;gestade vor seiner
+H&ouml;hle und betete das gro&szlig;e Gebet seines Lebens. Er
+betete zu Gott, den Tag des J&uuml;ngsten Gerichts &uuml;ber diese
+b&ouml;se Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden
+Engel an, die das Ende der Herrschaft der
+S&uuml;nde verk&uuml;nden sollten. Er rief nach den Wellen des
+Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertr&auml;nken. Er rief
+nach der Pest, auf da&szlig; sie die Kirchh&ouml;fe mit Leichenhaufen
+erf&uuml;lle.</p>
+
+<p>Rings um ihn war die &ouml;de Heide. Aber eine kleine
+Strecke weiter oben am Flu&szlig;ufer stand eine alte Weide
+mit kurzem Stamm, der oben zu einem gro&szlig;en, kopf&auml;hnlichen
+Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgr&uuml;ne
+Zweige hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den
+Bewohnern des holzarmen Flachlandes diese frischen
+Jahressch&ouml;&szlig;linge geraubt. Jeden Fr&uuml;hling trieb der Baum
+neue geschmeidige Zweige, und an st&uuml;rmischen Tagen sah
+man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar
+und Bart um Hatto, den Eremiten, flatterten.</p>
+
+<p>Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem
+Stamm der Weide zwischen den emporsprie&szlig;enden Zweigen
+zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage mit
+seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig
+peitschenden Zweigen fanden die V&ouml;gel keine Ruhe. Sie
+kamen mit Binsenhalmen und Wurzelf&auml;serchen und vorj&auml;hrigem
+Riedgras geflogen, aber sie mu&szlig;ten unverrichteter
+Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto,
+der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger
+werden zu lassen, damit das Nest der kleinen V&ouml;glein
+fortgefegt und der Adlerhorst zerst&ouml;rt werde.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie
+bemoost und vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenun&auml;hnlich
+solch ein alter Heidebewohner sein konnte.
+Die Haut lag so stramm &uuml;ber Stirn und Wangen, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_59" id="page_59"></a>59</span>sein Kopf fast einem Totensch&auml;del glich, und nur an einem
+kleinen Aufleuchten tief in den Augenh&ouml;hlen sah man,
+da&szlig; er Leben besa&szlig;. Und die vertrockneten Muskeln gaben
+dem K&ouml;rper keine Rundung, der emporgestreckte nackte
+Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen,
+die mit verrunzelter, harter, rinden&auml;hnlicher Haut
+&uuml;berzogen waren. Er trug einen alten, eng anliegenden
+schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne
+und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart
+waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet,
+bis sie dieselbe graugr&uuml;ne Farbe angenommen
+hatten, wie die Unterseite der Weidenbl&auml;tter.</p>
+
+<p>Die V&ouml;gel, die umherflatterten und einen Platz f&uuml;r ihr
+Nest suchten, hielten Hatto, den Eremiten, auch f&uuml;r eine
+alte Weide, die ebenso wie die andre durch Axt und S&auml;ge
+in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie
+umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zur&uuml;ck,
+merkten sich den Weg zu ihm, berechneten seine Lage im
+Hinblick auf Raubv&ouml;gel und St&uuml;rme, fanden sie recht
+unvorteilhaft, aber entschieden sich doch f&uuml;r ihn, wegen
+seiner N&auml;he zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer
+und ihrem Speicher. Eines der V&ouml;gelchen
+scho&szlig; pfeilschnell herab und legte sein Wurzelf&auml;serchen in
+die ausgestreckte Hand des Eremiten.</p>
+
+<p>Der Sturm hatte gerade aufgeh&ouml;rt, so da&szlig; das Wurzelf&auml;serchen
+ihm nicht sogleich aus der Hand gerissen
+wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab es kein
+Aufh&ouml;ren. &bdquo;M&ouml;gest du bald kommen, o Herr, und diese
+Welt des Verderbens vernichten, auf da&szlig; die Menschen
+sich nicht mit noch mehr S&uuml;nden beladen. M&ouml;chtest du
+die Ungebornen vom Leben erl&ouml;sen! F&uuml;r die Lebenden gibt
+es keine Erl&ouml;sung.&ldquo;</p>
+
+<p>Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelf&auml;serchen
+flatterte aus der gro&szlig;en, knochigen Hand des
+Eremiten fort. Aber die V&ouml;gel kamen wieder und versuchten
+die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine
+<span class="pagenum"><a name="page_60" id="page_60"></a>60</span>Finger einzukeilen. Da legte sich pl&ouml;tzlich ein plumper,
+schmutziger Daumen &uuml;ber die Halme und hielt sie fest,
+und vier Finger w&ouml;lbten sich &uuml;ber die Handfl&auml;che, so da&szlig;
+eine friedliche Nische entstand, in der man bauen konnte.
+Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.</p>
+
+<p>&bdquo;Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten?
+Wann &ouml;ffnest du des Himmels Schleusen, die die
+Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Ma&szlig; deiner
+Geduld nicht ersch&ouml;pft und die Schale deiner Gnade leer?
+O Herr, wann kommst du aus deinem sich spaltenden
+Himmel?&ldquo;</p>
+
+<p>Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen
+vom Tag des J&uuml;ngsten Gerichtes auf. Der Boden
+erbebte, der Himmel gl&uuml;hte. Unter dem roten Firmament
+sah er schwarze Wolken fliehender V&ouml;gel; &uuml;ber den
+Boden w&auml;lzte sich eine Schar fl&uuml;chtender Tiere. Doch
+w&auml;hrend seine Seele von diesen Fiebervisionen erf&uuml;llt
+war, begannen seine Augen dem Flug der kleinen V&ouml;gel
+zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit
+einem vergn&uuml;gten kleinen Piepsen ein neues H&auml;lmchen in
+das Nest f&uuml;gten.</p>
+
+<p>Der Alte lie&szlig; es sich nicht einfallen, sich zu r&uuml;hren.
+Er hatte das Gel&uuml;bde getan, den ganzen Tag stillstehend
+mit emporgestreckten H&auml;nden zu beten, um so unsern
+Herrn zu zwingen, ihn zu erh&ouml;ren. Je matter sein K&ouml;rper
+wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn
+erf&uuml;llten. Er h&ouml;rte die Mauern der St&auml;dte zusammenbrechen
+und die Wohnungen der Menschen einst&uuml;rzen.
+Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei,
+und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung,
+hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem,
+sch&ouml;nem Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Gei&szlig;eln
+schwingend, die aus wei&szlig;en Blitzen geflochten waren.</p>
+
+<p>Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten flei&szlig;ig
+den ganzen Tag, und die Arbeit machte gro&szlig;e Fortschritte.
+Auf dieser h&uuml;geligen Heide mit ihrem steifen
+<span class="pagenum"><a name="page_61" id="page_61"></a>61</span>Riedgras und an diesem Flu&szlig;ufer mit seinem Schilf und
+seinen Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden
+weder Zeit zur Mittagsrast noch zur Vesperruhe. Gl&uuml;hend
+vor Eifer und Vergn&uuml;gen flogen sie hin und her,
+und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst
+angelangt.</p>
+
+<p>Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des
+Eremiten mehr und mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen
+auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus, wenn sie sich dumm
+anstellten, er &auml;rgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden
+tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn
+sie sich ein bi&szlig;chen ausruhten.</p>
+
+<p>So sank die Sonne, und die V&ouml;gel suchten ihre vertrauten
+Ruhest&auml;tten im Schilf auf.</p>
+
+<p>Wer abends &uuml;ber die Heide geht, mu&szlig; sich herabbeugen,
+so da&szlig; sein Gesicht in gleicher H&ouml;he mit den Erdh&uuml;gelchen
+ist, dann wird er sehen, wie sich ein wunderliches
+Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen
+mit gro&szlig;en, runden Fl&uuml;geln huschen &uuml;ber das Feld,
+unsichtbar f&uuml;r den, der aufrecht steht. Nattern ringeln
+sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen K&ouml;pfchen
+auf schwan&auml;hnlich gebognen H&auml;lsen erhoben. Gro&szlig;e Kr&ouml;ten
+kriechen tr&auml;ge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen
+vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer
+Fledermaus, die M&uuml;cken &uuml;ber dem Flu&szlig; jagt. Es ist, als
+h&auml;tte jedes Erdh&uuml;gelchen Leben bekommen. Doch unterdessen
+schlafen die kleinen V&ouml;gelchen auf dem schwanken
+Schilf, geborgen vor allem B&ouml;sen auf diesen Ruhest&auml;tten,
+denen kein Feind nahen kann, ohne da&szlig; das Wasser aufpl&auml;tschert
+oder das Schilf zittert und sie aufweckt.</p>
+
+<p>Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst,
+die Ereignisse des gestrigen Tages seien ein sch&ouml;ner
+Traum gewesen.</p>
+
+<p>Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs
+auf ihr Nest zu, aber das war verschwunden.
+Sie guckten suchend &uuml;ber die Heide hin und erhoben sich
+<span class="pagenum"><a name="page_62" id="page_62"></a>62</span>gerade in die Luft, um zu sp&auml;hen. Keine Spur von einem
+Nest oder einem Baum. Schlie&szlig;lich setzten sie sich auf
+ein paar Steine am Flu&szlig;ufer und gr&uuml;belten nach. Sie
+wippten mit dem langen Schwanz und drehten das K&ouml;pfchen.
+Wohin war Baum und Nest gekommen?</p>
+
+<p>Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit
+&uuml;ber den Waldg&uuml;rtel auf dem jenseitigen Flu&szlig;ufer erhoben,
+als ihr Baum gewandert kam und sich auf denselben
+Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen.
+Er war ebenso schwarz und knorrig wie damals und
+trug ihr Nest auf der Spitze von etwas, was wohl ein
+d&uuml;rrer, aufrecht ragender Ast sein mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne
+weiter &uuml;ber die vielen Wunder der Natur nachzugr&uuml;beln.</p>
+
+<p>Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner
+H&ouml;hle fortscheuchte und ihnen sagte, es w&auml;re besser f&uuml;r
+sie, wenn sie niemals das Licht der Sonne gesehen h&auml;tten,
+er, der in den Schlamm hinausst&uuml;rzte, um den fr&ouml;hlichen
+jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den
+Flu&szlig; hinaufruderten, Verw&uuml;nschungen nachzuschleudern;
+er, vor dessen b&ouml;sem Blick die Hirten der Heide ihre
+Herden beh&uuml;teten, kehrte nicht zu seinem Platz am Flu&szlig;
+zur&uuml;ck, den kleinen V&ouml;geln zuliebe. Aber er wu&szlig;te, da&szlig;
+nicht nur jeder Buchstabe in den heiligen B&uuml;chern seine
+verborgne mystische Bedeutung hat, sondern auch alles,
+was Gott in der Natur geschehen l&auml;&szlig;t. Jetzt hatte er
+herausgefunden, was es bedeuten konnte, da&szlig; die Bachstelzchen
+ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte,
+da&szlig; er mit erhobnen Armen betend dastehen sollte, bis
+die V&ouml;gel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte
+er dies, so sollte er erh&ouml;rt werden.</p>
+
+<p>Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen
+des J&uuml;ngsten Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer
+eifriger mit seinen Blicken den V&ouml;geln. Er sah das Nest
+rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund
+herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine
+<span class="pagenum"><a name="page_63" id="page_63"></a>63</span>Moosflechten von der wirklichen Weide und klebten sie
+au&szlig;en an, das sollte anstatt T&uuml;nche oder Farbe sein. Sie
+holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm
+Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest
+innen damit, das war die Einrichtung und M&ouml;blierung.</p>
+
+<p>Die Bauern, die die verderbliche Macht f&uuml;rchteten, die
+die Gebete des Eremiten an Gottes Thron haben konnten,
+pflegten ihm Brot und Milch zu bringen, um seinen
+Groll zu bes&auml;nftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
+ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.</p>
+
+<p>&bdquo;Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,&ldquo;
+sagten sie und f&uuml;rchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern
+hoben den Milcheimer an seine Lippen und f&uuml;hrten
+ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken
+hatte, verjagte er die Menschen mit b&ouml;sen Worten, aber
+sie l&auml;chelten nur &uuml;ber seine Verw&uuml;nschungen.</p>
+
+<p>Sein K&ouml;rper war schon lange seines Willens Diener
+geworden. Durch Hunger und Schl&auml;ge, durch tagelanges
+Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er ihn Gehorsam
+gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine
+Arme tage- und wochenlang emporgestreckt, und w&auml;hrend
+das Bachstelzenweibchen auf den Eiern lag und das
+Nest nicht mehr verlie&szlig;, suchte er nicht einmal nachts
+seine H&ouml;hle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten
+Armen zu schlafen. Unter den Freunden der W&uuml;ste gibt
+es so manche, die noch gr&ouml;&szlig;re Dinge vollbracht haben.</p>
+
+<p>Er gew&ouml;hnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen,
+die &uuml;ber den Rand des Nestes zu ihm hinabblickten.
+Er achtete auf Hagel und Regen und sch&uuml;tzte
+das Nest so gut er konnte.</p>
+
+<p>Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten
+verlassen. Beide Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des
+Nestes, wippen mit den Schw&auml;nzchen und beratschlagen
+und sehen seelenvergn&uuml;gt aus, obgleich das ganze Nest
+von einem &auml;ngstlichen Piepsen erf&uuml;llt scheint. Nach einem
+<span class="pagenum"><a name="page_64" id="page_64"></a>64</span>kleinen Weilchen ziehen sie auf die allerverwegenste M&uuml;ckenjagd
+aus.</p>
+
+<p>Eine M&uuml;cke nach der andern wird gefangen und heimgebracht
+f&uuml;r das, was oben in seiner Hand piepst. Und
+als das Futter kommt, da piepsen sie am aller&auml;rgsten.
+Den frommen Mann st&ouml;rt das Piepsen in seinen
+Gebeten.</p>
+
+<p>Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab,
+die beinahe die Gabe, sich zu r&uuml;hren, verloren haben, und
+seine kleinen Glutaugen starren in das Nest herab.</p>
+
+<p>Niemals hatte er etwas so hilflos H&auml;&szlig;liches und Armseliges
+gesehen: kleine, nackte K&ouml;rperchen mit ein paar
+sp&auml;rlichen Fl&auml;umchen, keine Augen, keine Flugkraft,
+eigentlich nur sechs gro&szlig;e, aufgerissene Schn&auml;bel.</p>
+
+<p>Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie
+gerade so leiden wie sie waren. Die Alten hatte er ja
+niemals von dem gro&szlig;en Untergang ausgenommen, aber
+wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch Vernichtung
+zu erl&ouml;sen, da machte er eine stillschweigende
+Ausnahme f&uuml;r diese sechs Schutzlosen.</p>
+
+<p>Wenn die B&auml;uerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann
+dankte er ihnen nicht mit Verw&uuml;nschungen. Da er f&uuml;r
+die Kleinen dort oben notwendig war, freute er sich, da&szlig;
+die Leute ihn nicht verhungern lie&szlig;en.</p>
+
+<p>Bald guckten den ganzen Tag sechs runde K&ouml;pfchen
+&uuml;ber den Nestrand. Des alten Hatto Arm sank immer
+h&auml;ufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die Federn
+aus der roten Haut sprie&szlig;en, die Augen sich &ouml;ffnen, die
+K&ouml;rperformen sich runden. Gl&uuml;ckliche Erben der Sch&ouml;nheit,
+die die Natur den befl&uuml;gelten Bewohnern der Luft
+geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut.</p>
+
+<p>Und unterdessen kamen die Gebete um die gro&szlig;e Vernichtung
+immer z&ouml;gernder &uuml;ber Hattos Lippen. Er glaubte
+Gottes Zusicherung zu haben, da&szlig; sie hereinbrechen
+w&uuml;rde, wenn die kleinen V&ouml;gelchen fl&uuml;gge waren. Nun
+stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht
+<span class="pagenum"><a name="page_65" id="page_65"></a>65</span>vor Gottvater. Denn diese sechs Kleinen, die er besch&uuml;tzt
+und beh&uuml;tet hatte, konnte er nicht opfern.</p>
+
+<p>Fr&uuml;her war es etwas andres gewesen, als er noch
+nichts hatte, was sein Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen
+und Schutzlosen, die jedes kleine Kind die gro&szlig;en,
+gef&auml;hrlichen Menschen lehren mu&szlig;, kam &uuml;ber ihn und
+machte ihn unschl&uuml;ssig.</p>
+
+<p>Manchmal wollte er das ganze Nest in den Flu&szlig;
+schleudern, denn er meinte, da&szlig; die beneidenswert sind,
+die ohne Sorgen und S&uuml;nden sterben d&uuml;rfen. Mu&szlig;te er
+die Kleinen nicht vor Raubtieren und K&auml;lte, vor Hunger
+und den mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren?
+Aber gerade als er noch so dachte, kam der
+Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu
+t&ouml;ten. Da ergriff Hatto den K&uuml;hnen mit seiner linken
+Hand, schwang ihn im Kreise &uuml;ber seinem Kopf und
+schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den Flu&szlig;.</p>
+
+<p>Und der Tag kam, an dem die Kleinen fl&uuml;gge waren.
+Eines der Bachstelzchen m&uuml;hte sich drinnen im Nest, die
+Jungen auf den Rand hinauszuschieben, w&auml;hrend das
+andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war,
+wenn sie es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen
+sich hartn&auml;ckig f&uuml;rchteten, da flogen die beiden Alten fort
+und zeigten ihnen ihre allersch&ouml;nste Fliegekunst. Mit
+den Fl&uuml;geln schlagend, beschrieben sie verschiedene Windungen,
+oder sie stiegen auch gerade in die H&ouml;he wie
+Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen
+still in der Luft.</p>
+
+<p>Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben,
+kann Hatto es nicht lassen, sich in die Sache einzumischen.
+Er gibt ihnen einen behutsamen Puff mit dem
+Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen
+sie, zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Flederm&auml;use,
+sie sinken, aber erheben sich wieder, begreifen,
+worin die Kunst besteht, und verwenden sie dazu, so rasch
+als m&ouml;glich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten
+<span class="pagenum"><a name="page_66" id="page_66"></a>66</span>kommen stolz und jubelnd zu ihnen zur&uuml;ck, und der alte
+Hatto schmunzelt.</p>
+
+<p>Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.</p>
+
+<p>Er gr&uuml;belte nun in vollem Ernst nach, ob es f&uuml;r unsern
+Herrgott nicht auch einen Ausweg geben konnte.</p>
+
+<p>Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater
+diese Erde wie ein gro&szlig;es Vogelnest in seiner
+Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu denen gefa&szlig;t,
+die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern
+der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten
+gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen
+V&ouml;gel erbarmte.</p>
+
+<p>Freilich waren die V&ouml;gel des Eremiten um vieles besser
+als unsers Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen,
+da&szlig; Gottvater dennoch ein Herz f&uuml;r sie hatte.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage stand das Vogelnest leer, und die
+Bitterkeit der Einsamkeit bem&auml;chtigte sich des Eremiten.
+Langsam sank sein Arm an seiner Seite herab, und es
+deuchte ihn, da&szlig; die ganze Natur den Atem anhielt, um
+dem Dr&ouml;hnen der Posaune des J&uuml;ngsten Gerichts zu
+lauschen. Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen
+zur&uuml;ck und setzten sich ihm auf Haupt und Schultern,
+denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte
+ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto.
+Er hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um
+die V&ouml;gel anzusehen.</p>
+
+<p>Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert
+und umgaukelt, nickte er jemandem, den er nicht
+sah, vergn&uuml;gt zu. &bdquo;Du bist frei,&ldquo; sagte er, &bdquo;du bist
+frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du
+auch deines nicht zu halten.&ldquo;</p>
+
+<p>Und es war ihm, als h&ouml;rten die Berge zu zittern auf
+und als legte sich der Flu&szlig; gem&auml;chlich in seinem Bett
+zur Ruhe.</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_67" id="page_67"></a>67</span></p>
+<h2><a name="nr3" id="nr3"></a><a href="#inhalt">Das H&uuml;nengrab</a></h2>
+
+
+<p>Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot
+bl&uuml;ht. Auf der Sandhalde wuchs es in dichten B&uuml;scheln.
+Von niedrigen, baum&auml;hnlichen St&auml;mmchen erhoben sich
+dicht sitzende gr&uuml;ne Zweige mit nadelharten, festen Bl&auml;ttern
+und kleinen, sp&auml;t welkenden Bl&uuml;ten. Diese schienen
+nicht aus dem gew&ouml;hnlichen saftreichen Blumengewebe
+zu bestehen, sondern aus trocknen, harten Schuppen. Sie
+waren sehr unansehnlich von Gr&ouml;&szlig;e und Gestalt; auch
+war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen
+Heide hatten sie sich nicht in der windgesch&uuml;tzten Luft
+entwickelt, in der die Lilien ihre Kelchbl&auml;tter entfalten,
+auch nicht in dem &uuml;ppigen Erdreich, aus dem die Rosen
+die Nahrung f&uuml;r ihre schwellenden Kronen sch&ouml;pfen. Was
+sie zu Blumen machte, war eigentlich die Farbe; denn
+leuchtend rot waren sie. Den Farbe schenkenden Sonnenschein
+hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine bleichen
+Kellergew&auml;chse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die
+gesegnete Fr&ouml;hlichkeit und St&auml;rke der Gesundheit lag &uuml;ber
+der ganzen bl&uuml;henden Heide.</p>
+
+<p>Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten
+Mantel bis hinauf zum Waldessaum. Da erhoben sich
+auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar uralte,
+halb zusammengest&uuml;rzte Grabh&uuml;gel; und wie innig das
+Heidekraut sich auch an sie zu schmiegen suchte: es gab
+doch dort oben Risse, durch die gro&szlig;e flache Felsenplatten
+durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des Berges
+selbst. Unter dem gr&ouml;&szlig;ten Grabh&uuml;gel ruhte ein alter
+K&ouml;nig, Atle genannt. Unter den andern schlummerten die
+seiner Mannen, die gefallen waren, als die gro&szlig;e Schlacht
+dort auf der Halde geschlagen ward. Nun hatten sie schon
+so lange dagelegen, da&szlig; die Angst und die Ehrfurcht vor
+dem Tode von ihren Gr&auml;bern gewichen war. Der Weg
+ging zwischen ihren Ruhest&auml;tten hindurch. Wer nachts
+<span class="pagenum"><a name="page_68" id="page_68"></a>68</span>hier wanderte, dem kam es nie in den Sinn, sich umzusehen,
+ob wohl zu mittern&auml;chtiger Stunde nebelumh&uuml;llte
+Gestalten auf der Spitze der Grabh&uuml;gel s&auml;&szlig;en und
+in stummer Sehnsucht zu den Sternen emporblickten.</p>
+
+<p>Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm.
+Der Sch&uuml;tze, der seit dem Morgengrauen auf der
+Jagd gewesen war, hatte sich in das Heidekraut hinter
+K&ouml;nig Atles H&uuml;gel geworfen. Er lag auf dem R&uuml;cken
+und schlief. Den Hut hatte er &uuml;ber die Augen gezogen
+und die Jagdtasche aus Fell, aus der die langen Ohren
+des Hasen und die gekr&uuml;mmten Schwanzfedern des Auerhahns
+lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen
+hatte er neben sich.</p>
+
+<p>Aus dem Walde kam ein M&auml;dchen, ein B&uuml;ndelchen
+mit Essen in der Hand. Als sie auf die flachen Platten
+zwischen den Grabh&uuml;geln kam, dachte sie, was f&uuml;r ein
+guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam gro&szlig;e Lust, ihn
+zu probieren. Sie warf das B&uuml;ndelchen ins Heidekraut
+und begann ganz mutterseelenallein zu tanzen. Sie
+wu&szlig;te nicht darum, da&szlig; hinter dem K&ouml;nigsh&uuml;gel ein
+Mann lag und schlief.</p>
+
+<p>Der Sch&uuml;tze schlief noch immer. Brennend rot stand
+das Heidekraut gegen den tiefblauen Himmel. Der
+Ameisenl&ouml;we hatte seinen Graben dicht neben dem
+Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein St&uuml;ck
+Katzengold und funkelte, als wollte es alle alten Stoppeln
+der Sandhalde in Brand setzen. &Uuml;ber dem Kopf des
+Sch&uuml;tzen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch
+aus und ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten
+Purpur bis ins Stahlblau. Auf den unbeschatteten Teil
+seines Gesichtes brannte gl&uuml;hender Sonnenschein. Aber er
+schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu
+schauen.</p>
+
+<p>Unterdessen fuhr das M&auml;dchen fort, zu tanzen, und es
+drehte sich so eifrig, da&szlig; die geschw&auml;rzte Mooserde, die
+sich in den Unebenheiten der Bl&ouml;cke angesammelt hatte,
+<span class="pagenum"><a name="page_69" id="page_69"></a>69</span>um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel, blank
+und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut.
+Die nahm sie und drehte sich mit ihr herum. Sp&auml;ne
+l&ouml;sten sich aus dem modernden Baume. Tausendf&uuml;&szlig;ler
+und Ohrw&uuml;rmer, die in den Ritzen genistet hatten, st&uuml;rzten
+sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich
+in die Wurzeln des Heidekrautes.</p>
+
+<p>Wenn die fliegenden R&ouml;cke die Heide streiften, flatterten
+daraus Scharen von kleinen grauen Schmetterlingen
+auf. Die Unterseite ihrer Fl&uuml;gel war wei&szlig; und gl&auml;nzte
+wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm
+auf und ab. Sie schienen nun ganz wei&szlig;, und es war,
+als ob das rote Heidemeer wei&szlig;en Schaum emporspritzte.
+Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes Weilchen schwebend
+in der Luft. Ihre zarten Fl&uuml;gel zitterten so heftig,
+da&szlig; der Farbenstaub sich l&ouml;ste und als d&uuml;nner, silberwei&szlig;er
+Flaum auf das Heidekraut fiel. Da war es, als
+w&uuml;rde die Luft von einem sonnig glitzernden Tauregen
+durchrieselt.</p>
+
+<p>Ringsum im Heidekraut sa&szlig;en Heuschrecken und rieben
+ihre Hinterbeine gegen die Fl&uuml;gel, so da&szlig; es wie Harfensaiten
+klang. Sie hielten guten Takt und waren so eingespielt,
+da&szlig; jeder, der &uuml;ber die Heide ging, dieselbe Heuschrecke
+auf seiner Wanderung zu h&ouml;ren meinte, obgleich
+er sie bald zur Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor,
+bald hinter sich. Aber die Tanzende war nicht zufrieden
+mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem kleinen
+Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu tr&auml;llern.
+Ihre Stimme war schrill und spr&ouml;de. Der Sch&uuml;tze erwachte
+von dem Gesang. Er wendete sich seitw&auml;rts, richtete
+sich auf dem Ellbogen auf und sah &uuml;ber das H&uuml;nengrab
+hinweg zu ihr, die tanzte.</p>
+
+<p>Er hatte getr&auml;umt, da&szlig; der Hase, den er soeben get&ouml;tet
+hatte, aus der Jagdtasche gesprungen sei und seine
+eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn zu schie&szlig;en.
+Nun sah er zu dem M&auml;dchen hin&uuml;ber, schlaftrunken, wirr
+<span class="pagenum"><a name="page_70" id="page_70"></a>70</span>von Tr&auml;umen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf
+in der Sonne.</p>
+
+<p>Sie war gro&szlig; und von grobem Gliederbau; nicht hold
+von Angesicht, nicht leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang.
+Sie hatte breite Wangen, dicke Lippen und eine
+platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel
+von Haar, &uuml;ppig von Gestalt, kr&auml;ftig in den Bewegungen.
+Ihre Kleider waren d&uuml;rftig, aber grell. Rote Borten
+fa&szlig;ten den gestreiften Rock ein, und bunte Wollgarnlitzen
+folgten den N&auml;hten des Leibchens. Andre Jungfrauen
+gleichen Rosen und Lilien. Diese war wie das
+Heidekraut, stark, fr&ouml;hlich, leuchtend.</p>
+
+<p>Mit Freude sah der Sch&uuml;tze das gro&szlig;e, pr&auml;chtige Weib
+auf der roten Halde tanzen, mitten unter zirpenden Grash&uuml;pfern
+und flatternden Schmetterlingen. Und wie er
+sie so ansah, lachte er, da&szlig; der Mund sich von einem
+Ohr zum anderen zog. Aber da erblickte sie ihn pl&ouml;tzlich
+und blieb unbeweglich stehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,&ldquo; war das erste,
+was sie hervorbrachte. Zugleich erwog sie, wie sie ihn
+bewegen k&ouml;nne, &uuml;ber das zu schweigen, was er gesehen
+hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erz&auml;hlen h&ouml;ren,
+da&szlig; sie mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.</p>
+
+<p>Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte
+er &uuml;ber die Lippen. Er war so scheu, da&szlig; er nichts Besseres
+anzufangen wu&szlig;te, als zu fliehen, obwohl er gern
+geblieben w&auml;re. Hastig kam der Hut auf den Kopf und
+die Jagdtasche auf den R&uuml;cken. Dann lief er zwischen
+den Heidekrauth&uuml;geln fort.</p>
+
+<p>Sie packte das E&szlig;b&uuml;ndel und eilte ihm nach. Er war
+klein, steif von Bewegungen und hatte sichtlich geringe
+Kr&auml;fte. Sie holte ihn bald ein und schlug ihm den Hut
+vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben. Eigentlich
+hatte er die gr&ouml;&szlig;te Lust, zu bleiben, aber er war ganz
+wirr vor Sch&uuml;chternheit und floh in noch gr&ouml;&szlig;rer Hast.
+Sie lief nach und begann, an seiner Tasche zu zerren.
+<span class="pagenum"><a name="page_71" id="page_71"></a>71</span>Da mu&szlig;te er stehenbleiben, um die Tasche zu verteidigen.
+Das M&auml;dchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen
+und sie warf ihn zu Boden. &bdquo;Jetzt wird er's keinem
+erz&auml;hlen,&ldquo; dachte sie und war froh.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn
+er, der auf der Erde lag, schien ganz bleich und die Augen
+drehten sich in ihren H&ouml;hlen. Er hatte sich aber nicht
+verletzt. Es war die Gem&uuml;tsbewegung, die er nicht vertragen
+hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke
+Gef&uuml;hle in diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er
+war froh &uuml;ber das M&auml;dchen und zornig und scheu und
+dennoch stolz, da&szlig; sie so stark war. Er war ganz bet&auml;ubt
+von alledem.</p>
+
+<p>Die gro&szlig;e, starke Jungfrau legte den Arm um seinen
+R&uuml;cken und richtete ihn auf. Sie brach Heidekraut und
+peitschte sein Gesicht mit den steifen Zweigen, bis das
+Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich
+wieder dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor
+Freude beim Anblick des M&auml;dchens. Noch immer schwieg
+er; aber die Hand, die sie um seinen Leib gelegt hatte,
+zog er an sich und streichelte sie sanft.</p>
+
+<p>Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen M&uuml;hsal.
+Trocken und bleichgelb, fleischlos und blutarm war
+er. Es r&uuml;hrte sie, da&szlig; er so verzagt war, er, der doch
+um die Drei&szlig;ig sein mochte. Sie dachte, da&szlig; er wohl
+ganz mutterseelenallein tief im Walde leben m&uuml;sse, da
+er so kl&auml;glich und so schlecht gekleidet war. Keinen hatte
+er wohl, der nach ihm sah, nicht Mutter noch Schwester
+oder Liebste.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Der gro&szlig;e barmherzige Wald breitete sich &uuml;ber die
+Wildnis aus. Verbergend und sch&uuml;tzend nahm er in seinen
+Scho&szlig; alles auf, was bei ihm Hilfe suchte. Mit
+hohen St&auml;mmen hielt er Wacht um die H&ouml;hle des B&auml;ren,
+und in der D&auml;mmerung dichter Geb&uuml;sche hegte er das
+mit Eiern gef&uuml;llte Nest der kleinen V&ouml;glein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_72" id="page_72"></a>72</span>Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, fl&uuml;chteten
+viele von ihnen in den Wald und fanden Schutz hinter
+seinen gr&uuml;nen Mauern. Er ward f&uuml;r sie ein gro&szlig;er Kerker,
+den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt
+diese seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die
+Stumpfen zum Nachdenken und erzog die in der Knechtschaft
+Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur
+dem Flei&szlig;igen schenkte er die Gnade des Lebens.</p>
+
+<p>Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten,
+waren Abk&ouml;mmlinge solcher Gefangnen des Waldes. Sie
+gingen manchmal hinunter in die bebauten, bewohnten
+T&auml;ler, denn sie brauchten nicht mehr zu bef&uuml;rchten, in
+die Knechtschaft zur&uuml;ckgef&uuml;hrt zu werden, aus der ihre
+V&auml;ter geflohen waren; doch am liebsten nahmen sie den
+Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des Sch&uuml;tzen
+war T&ouml;nne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden
+urbar zu machen, aber er verstand sich auch auf andre
+Dinge. Er sammelte Reisig, kochte Teer, trocknete
+Schw&auml;mme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte,
+hie&szlig; Jofrid. Ihr Vater war K&ouml;hler. Sie band Besen,
+pfl&uuml;ckte Wacholderbeeren und braute Bier aus dem wei&szlig;blumigen
+Porsch. Beide waren sehr arm.</p>
+
+<p>Fr&uuml;her hatten sie einander in dem gro&szlig;en Walde nie
+getroffen, aber jetzt deuchte sie, da&szlig; alle Wege des Waldes
+sich zu einem Netz verschl&auml;ngen, in dem sie hin und
+wieder liefen und einander unm&ouml;glich vermeiden konnten.
+Nie wu&szlig;ten sie nun einen Pfad zu w&auml;hlen, auf dem
+sie einander nicht begegneten.</p>
+
+<p>T&ouml;nne hatte einmal einen gro&szlig;en Kummer gehabt.
+Er hatte lange mit seiner Mutter in einer elenden Reisigkoje
+gehaust; aber als er heranwuchs, fa&szlig;te er den Plan,
+ihr ein warmes H&auml;uschen zu bauen. In allen seinen
+Mu&szlig;estunden ging er in den Holzschlag, f&auml;llte B&auml;ume
+und spaltete sie in angemessene St&uuml;cke. Dann verbarg
+er das aufgeh&auml;ufte Bauholz in dunklen Kl&uuml;ften unter
+Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, da&szlig; seine Mutter
+<span class="pagenum"><a name="page_73" id="page_73"></a>73</span>nicht fr&uuml;her von all der Arbeit etwas erfahren sollte,
+als bis er so weit war, die H&uuml;tte aufzubauen. Aber
+seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er gesammelt
+hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte,
+was er tun wollte. Er, der mit demselben Eifer gearbeitet
+hatte wie David, Israels K&ouml;nig, als er Sch&auml;tze
+f&uuml;r Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor
+alle Lust an dem Bau. F&uuml;r ihn war die Reisigkoje gut
+genug. Und doch hatte er's nicht viel besser in seinem
+Heim als ein Tier in seiner H&ouml;hle.</p>
+
+<p>Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen
+war, Lust bekam, Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete
+dieser Wunsch wohl sicherlich, da&szlig; er sie gern zur Liebsten
+und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch t&auml;glich,
+da&szlig; er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache
+sprechen werde. Aber T&ouml;nne brachte es nicht &uuml;ber sich.
+Man merkte ihm an, da&szlig; er von unfreier Abkunft war.
+Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf,
+wie die Sonne, wenn sie &uuml;ber das Himmelszelt zieht.
+Und schwerer war es f&uuml;r ihn, diese Gedanken zu zusammenh&auml;ngender
+Rede zu formen, als f&uuml;r einen Schmied,
+einen Armreif aus rollenden Sandk&ouml;rnern zu schmieden.</p>
+
+<p>Eines Tages f&uuml;hrte T&ouml;nne Jofrid zu einer der Schluchten,
+wo er sein Bauholz verborgen hatte. Er ri&szlig; Zweige
+und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen St&auml;mme.
+&bdquo;Das h&auml;tte Mutter haben sollen,&ldquo; sagte er. Und sah
+Jofrid erwartungsvoll an. &bdquo;Dies h&auml;tte Mutters H&uuml;tte
+werden sollen,&ldquo; wiederholte er. Merkw&uuml;rdig schwer fiel
+es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen Gesellen
+zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, h&auml;tte sie
+doch verstehen m&uuml;ssen; aber sie verstand nicht.</p>
+
+<p>Da beschlo&szlig; er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erkl&auml;ren.
+Ein paar Tage sp&auml;ter begann er, die St&auml;mme
+zu der Stelle zwischen den Grabh&uuml;geln zu schleppen, wo
+er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie
+gew&ouml;hnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch
+<span class="pagenum"><a name="page_74" id="page_74"></a>74</span>weiter, ohne etwas zu sagen. Seit sie Freunde geworden
+waren, war sie ihm oft an die Hand gegangen, aber bei
+dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu wollen.
+T&ouml;nne meinte doch, sie h&auml;tte verstehen m&uuml;ssen, da&szlig; es
+ihre H&uuml;tte war, die er jetzt zimmern wollte.</p>
+
+<p>Sie verstand es ganz wohl, aber sie sp&uuml;rte keine Lust,
+sich einem Mann von T&ouml;nnes Art zu schenken. Sie wollte
+einen starken, gesunden Mann haben. Es schien ihr ein
+schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit
+einem verheiratete, der so schwach und wenig begabt war.
+Und doch zog viel sie zu diesem stillen, scheuen Mann.
+Man denke doch, da&szlig; er sich so hart geplagt hatte, um
+seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Gl&uuml;ck genossen
+hatte, zur Zeit fertig zu werden. Sie h&auml;tte &uuml;ber sein
+Schicksal weinen k&ouml;nnen. Und nun baute er die H&uuml;tte
+gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein
+gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken
+an ihn; aber sie wollte durchaus nicht seine Frau werden.</p>
+
+<p>Jeden Tag ging sie &uuml;ber die Heide und sah die H&uuml;tte
+aufragen, d&uuml;rftig und ohne Fenster; der Sonnenschein
+rieselte durch die undichten W&auml;nde.</p>
+
+<p>T&ouml;nnes Arbeit ging sehr rasch vorw&auml;rts; aber er arbeitete
+nicht sorgf&auml;ltig, sein Bauholz war nicht in Kanten
+behauen, kaum abgerindet. In die Diele legte er gespaltne
+junge B&auml;ume. Sie wurde sehr uneben und
+schwankend. Das Heidekraut, das darunter bl&uuml;hte,&nbsp;&ndash;
+denn es war nun ein Jahr seit dem Tage vergangen, an
+dem T&ouml;nne hinter K&ouml;nig Atles H&uuml;gel gelegen und geschlafen
+hatte&nbsp;&ndash;, steckte ganz verwegen seine roten Trauben
+durch die Ritzen, und die Ameisen wanderten unbehindert
+aus und ein und musterten dies gebrechliche
+Menschenwerk.</p>
+
+<p>Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken
+mochte: immer schwebte ihr der Gedanke vor, da&szlig;
+dort eine H&uuml;tte f&uuml;r sie erbaut w&uuml;rde. Ein eignes Heim
+ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie
+<span class="pagenum"><a name="page_75" id="page_75"></a>75</span>wu&szlig;te, da&szlig;, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der
+B&auml;r oder der Fuchs dort hausen mochte. Denn so gut
+kannte sie T&ouml;nne, da&szlig; sie begriff: wenn es sich zeigte,
+da&szlig; er vergeblich gearbeitet hatte, w&uuml;rde er niemals in
+die neue H&uuml;tte einziehen. Er w&uuml;rde weinen, der Arme,
+wenn er h&ouml;rte, da&szlig; sie nicht dort hausen wolle. Es w&uuml;rde
+ein neuer Kummer f&uuml;r ihn sein, ebenso gro&szlig; wie damals,
+als seine Mutter starb. Aber er mu&szlig;te wohl sich
+selbst die Schuld geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig
+gefragt.</p>
+
+<p>Sie glaubte, da&szlig; sie ihm schon dadurch ein Zeichen
+gab, da&szlig; sie ihm nie bei der H&uuml;tte half. Dazu hatte
+sie doch gro&szlig;e Lust. Jedesmal, wenn sie weiches wei&szlig;es
+Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken
+W&auml;nde zu stopfen. Sie war auch geneigt, T&ouml;nne beim
+Mauern des Herdes zu helfen. Wie er dabei verfuhr,
+mu&szlig;te sich ja aller Rauch in der H&uuml;tte sammeln. Aber
+es war ja gleichg&uuml;ltig, wie es da wurde. Da w&uuml;rde keine
+Speise kochen, kein Trank sieden. Dumm war's doch,
+da&szlig; diese H&uuml;tte niemals aus ihren Gedanken weichen
+wollte.</p>
+
+<p>T&ouml;nne arbeitete mit gl&uuml;hendem Eifer; er war gewi&szlig;,
+da&szlig; Jofrid die Absicht verstehen mu&szlig;te, sobald nur die
+H&uuml;tte fertig war. Er gr&uuml;belte nicht viel &uuml;ber sie nach.
+Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun.
+Die Zeit verging ihm rasch.</p>
+
+<p>Eines Nachmittags, als Jofrid &uuml;ber die Heide ging,
+sah sie, da&szlig; eine T&uuml;r an die H&uuml;tte gekommen war und
+eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff sie,
+da&szlig; alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. T&ouml;nne
+hatte das Dach mit B&uuml;schen und bl&uuml;hendem Heidekraut
+gedeckt; und eine starke Sehnsucht ergriff sie, unter dieses
+rote Dach zu treten. Er selbst war nicht bei dem Neubau,
+und sie entschlo&szlig; sich, hineinzugehen. Diese H&uuml;tte
+war ja f&uuml;r sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid
+konnte der Lust nicht widerstehen, es anzusehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_76" id="page_76"></a>76</span>Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte.
+Wacholder war &uuml;ber den Boden gestreut. Frischer Duft
+von Nadeln und Harz f&uuml;llte den Raum. Die Sonnenstrahlen,
+die durch Luken und Spalten hereinspielten,
+spannen goldne B&auml;nder durch die Luft. Es sah da aus,
+als w&uuml;rde sie erwartet; in die Mauerspalten waren gr&uuml;ne
+Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine frischgef&auml;llte
+Tanne. T&ouml;nne hatte nicht sein altes Hausger&auml;t hineingestellt.
+Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank,
+&uuml;ber die eine Elenhaut geworfen war.</p>
+
+<p>Kaum war Jofrid &uuml;ber die Schwelle getreten, f&uuml;hlte
+sie sich schon von dem fr&ouml;hlichen Behagen eines Heims
+umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr zumute, als sie
+so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer,
+wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid
+hatte vielen Flei&szlig; darauf gewandt, sich eine Art Aussteuer
+zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen H&auml;nden
+T&uuml;cher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu
+schm&uuml;cken; die wollte sie in ihrem eignen Heim aufh&auml;ngen,
+wenn sie eins bekam. Nun mu&szlig;te sie denken,
+wie sich diese T&uuml;cher wohl hier ausnehmen w&uuml;rden. Sie
+h&auml;tte sie gern in der neuen H&uuml;tte probiert.</p>
+
+<p>Rasch eilte sie heimw&auml;rts, holte ihren Leinwandschatz
+und begann, die farbenpr&auml;chtigen Stoffst&uuml;cke unter der
+Decke aufzuh&auml;ngen. Sie stie&szlig; die T&uuml;r auf, so da&szlig; die
+helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte
+sich eifrig in der Stube, gesch&auml;ftig und munter, ein Heldenliedchen
+tr&auml;llernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde
+gar pr&auml;chtig da drinnen. Die gewebten Rosen und Sterne
+leuchteten wie nie zuvor.</p>
+
+<p>W&auml;hrend sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau &uuml;ber die
+Heide und die H&uuml;nengr&auml;ber. Vielleicht kauerte T&ouml;nne
+jetzt hinter einem der Grabh&uuml;gel und lachte sie aus. Der
+K&ouml;nigsh&uuml;gel lag gerade vor der T&uuml;r, und dahinter sah
+sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie
+<span class="pagenum"><a name="page_77" id="page_77"></a>77</span>hin. Ihr war, als m&uuml;sse dort jemand sitzen und sie betrachten.</p>
+
+<p>Gerade als die Sonne so tief unten war, da&szlig; nur noch
+ein paar blutrote Strahlen &uuml;ber die alte Steinhalde spielten,
+sah sie, wer es war, der sie betrachtete. Der ganze
+H&uuml;gel war kein H&uuml;gel mehr, sondern ein gro&szlig;er, alter
+K&auml;mpe, der narbig und ergraut dasa&szlig; und sie anstarrte.
+Rings um sein Haupt bildeten die Sonnenstrahlen eine
+Krone, und sein roter Mantel war so weit, da&szlig; er sich
+&uuml;ber die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war gro&szlig;
+und schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider
+und Waffen waren auch steinfarbig und ahmten so genau
+die T&ouml;nung und das Moosflechtenkleid der Steine
+nach, da&szlig; man sehr scharf hinsehen mu&szlig;te, um zu merken,
+da&szlig; es ein K&auml;mpe und kein Steinhaufen war. Es war
+wie mit jenen W&uuml;rmern, die Baumzweigen gleichen. Man
+kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt, da&szlig;,
+was man f&uuml;r hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierk&ouml;rper
+ist.</p>
+
+<p>Aber Jofrid konnte sich nicht l&auml;nger dar&uuml;ber t&auml;uschen,
+da&szlig; es der alte K&ouml;nig Atle selbst war, der da sa&szlig;. Sie
+stand in der T&uuml;r, hielt die Hand beschattend &uuml;ber die
+Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er hatte
+sehr kleine, schr&auml;ge Augen unter seiner hochgew&ouml;lbten
+Stirn, eine breite Nase und einen zottigen Bart. Und er
+lebte, dieser steinerne Mann. Er l&auml;chelte und blinzelte ihr
+zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten erschreckten
+sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und
+die haarigen H&auml;nde. Je l&auml;nger sie ihn ansah, desto breiter
+wurde sein L&auml;cheln; und endlich hob er einen seiner m&auml;chtigen
+Arme, um sie zu sich zu winken. Da floh Jofrid
+heimw&auml;rts.</p>
+
+<p>Aber als T&ouml;nne nach Haus kam und die H&uuml;tte mit
+bunten T&uuml;chern geschm&uuml;ckt fand, fa&szlig;te er so gro&szlig;en Mut,
+da&szlig; er seinen F&uuml;rbitter zu Jofrids Vater schickte. Der
+fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_78" id="page_78"></a>78</span>war sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen
+hatte, wenn sie ihre Hand auch halb gezwungen
+schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein sagen, in
+dessen H&uuml;tte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch
+sah sie zuerst nach, ob der alte K&ouml;nig Atle wieder ein
+Grabh&uuml;gel geworden sei.</p>
+
+<hr />
+
+<p>T&ouml;nne und Jofrid lebten viele Jahre gl&uuml;cklich. Sie
+standen in gutem Ruf. &bdquo;Das sind gute Menschen,&ldquo; sagte
+man. &bdquo;Seht, wie sie einander beistehen, wie sie zusammen
+arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!&ldquo;</p>
+
+<p>T&ouml;nne wurde mit jedem Tage st&auml;rker, ausdauernder
+und weniger tr&auml;ge von Gedanken. Jofrid schien einen
+ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist lie&szlig; er
+sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit z&auml;her Hartn&auml;ckigkeit
+seinen eignen Willen durchzusetzen.</p>
+
+<p>Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fr&ouml;hlichkeit.
+Ihre Kleider wurden immer bunter, je &auml;lter sie
+wurde. Das ganze Gesicht war grellrot. Aber in T&ouml;nnes
+Augen war sie lieblich.</p>
+
+<p>Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres
+Standes. Sie a&szlig;en Butter zur Gr&uuml;tze und mengten
+weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier
+sch&auml;umte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden
+vermehrten sich so rasch, da&szlig; sie sich Fleischnahrung
+g&ouml;nnen konnten.</p>
+
+<p>Einmal machte T&ouml;nne f&uuml;r einen Bauern drunten im
+Tal den Boden urbar. Als der sah, wie T&ouml;nne und seine
+Frau in gro&szlig;er Fr&ouml;hlichkeit zusammen arbeiteten, dachte
+auch er: &bdquo;Das sind gute Menschen.&ldquo; Der Bauer hatte
+j&uuml;ngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbj&auml;hriges
+Kind hinterlassen hatte. Er bat T&ouml;nne und Jofrid, seinen
+Sohn in Pflege zu nehmen. &bdquo;Das Kind ist mir sehr
+teuer,&ldquo; sagte er, &bdquo;drum gebe ich es euch, denn ihr seid
+gute Menschen.&ldquo; Sie hatten keine eignen Kinder, so da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_79" id="page_79"></a>79</span>es sehr schicklich schien, dieses zu nehmen. Sie willigten
+auch ohne Z&ouml;gern ein. Sie meinten, Vorteil davon zu
+haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch
+erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude f&uuml;r ihre
+alten Tage.</p>
+
+<p>Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das
+Jahr um war, war es tot. Dies sei die Schuld der
+Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz
+frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit
+wollte aber niemand sagen, sie h&auml;tten es vors&auml;tzlich
+get&ouml;tet; man meinte nur, da&szlig; sie etwas auf sich genommen
+h&auml;tten, was &uuml;ber ihr Verm&ouml;gen gegangen war. Sie
+hatten nicht Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem
+Kinde die Pflege angedeihen zu lassen, deren es bedurfte.
+Sie hatten sich gew&ouml;hnt, nur an sich selbst zu denken und
+f&uuml;r ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit,
+ein Kind zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen
+an die Arbeit gehen und nachts einen ruhigen Schlummer
+schlafen. Sie fanden, da&szlig; der Kleine zu viel von der
+guten Milch trinke, und sie g&ouml;nnten es ihm nicht so wie
+sich selbst. Sie wu&szlig;ten aber nicht etwa, da&szlig; sie den
+Knaben schlecht behandelten. Sie dachten, da&szlig; sie geradeso
+f&uuml;r ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es
+ihnen vor, da&szlig; der Pflegesohn eine Strafe und Plage
+f&uuml;r sie gewesen war. Sie trauerten nicht &uuml;ber seinen Tod.</p>
+
+<p>Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu
+haben, mit Kindern umzugehen; aber Jofrid hatte einen
+Mann, f&uuml;r den sie in vielen St&uuml;cken die Sorge einer
+Mutter tragen mu&szlig;te, und begehrte deshalb nicht, noch
+andres zu betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die
+raschen Fortschritte der Kleinen; aber Jofrid hatte Freude
+genug, wenn sie sah, wie T&ouml;nne sich zu Verstand und
+M&auml;nnlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre H&uuml;tte
+zu fegen und zu schm&uuml;cken, freute sich an der Zunahme
+der Herden und an dem Anbau unten auf der Heide.</p>
+
+<p>Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm,
+<span class="pagenum"><a name="page_80" id="page_80"></a>80</span>da&szlig; das Kind gestorben sei. Da sprach der Mann: &bdquo;Nun
+ist es mir ergangen wie dem, der so weiche Kissen in
+sein Bett legt, da&szlig; er bis auf den harten Grund sinkt.
+Gar zu gut wollte ich meinen Sohn h&uuml;ten; und siehe:
+nun ist er tot!&ldquo; Und er war betr&uuml;bt.</p>
+
+<p>Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen.
+&bdquo;Wollte Gott, da&szlig; du uns deinen Sohn nicht gegeben
+h&auml;ttest!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Wir waren zu arm. Er hat es nicht
+gut genug bei uns gehabt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dies wollte ich nicht sagen,&ldquo; antwortete der Bauer.
+&bdquo;Eher glaube ich, da&szlig; ihr das Kind verh&auml;tschelt habt.
+Doch ich will keinen Menschen anklagen; denn &uuml;ber Leben
+und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille,
+den Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben
+Aufwand zu feiern, als wenn ein Erwachsener
+gestorben w&auml;re; und zum Gastmahl lade ich T&ouml;nne und
+dich. Daraus m&ouml;gt ihr sehen, da&szlig; ich keinen Groll gegen
+euch hege.&ldquo;</p>
+
+<p>So wohnten T&ouml;nne und Jofrid dem Leichenschmaus
+bei. Sie wurden freundlich bewirtet, und niemand sagte
+ihnen ein b&ouml;ses Wort. Wohl hatten die Frauen, die die
+Leiche einkleideten, erz&auml;hlt, da&szlig; sie j&auml;mmerlich abgefallen
+sei und Spuren schwerer Vernachl&auml;ssigung gezeigt habe.
+Das konnte aber wohl auch von der Krankheit herkommen.
+Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern
+glauben, denn man wu&szlig;te, da&szlig; sie gute Menschen
+waren.</p>
+
+<p>Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als
+sie die Frauen erz&auml;hlen h&ouml;rte, wie sie bei ihren kleinen
+Kindern wachen und sich f&uuml;r sie plagen m&uuml;&szlig;ten. Sie
+merkte auch, da&szlig; bei dem Leichenschmaus unter den Weibern
+best&auml;ndig von Kindern gesprochen wurde. Einige
+hatten solche Freude an ihnen, da&szlig; sie gar nie aufh&ouml;ren
+konnten, von ihren Fragen und Spielen zu erz&auml;hlen. Jofrid
+h&auml;tte gern von T&ouml;nne gesprochen; aber die meisten
+Frauen sprachen gar nicht von ihren M&auml;nnern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_81" id="page_81"></a>81</span>Sp&auml;t abends kehrten Jofrid und T&ouml;nne von dem
+Leichenschmaus heim. Sie gingen sogleich zu Bett. Aber
+kaum waren sie eingeschlafen, als sie von einem leisen
+Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten
+sie, noch halb schlafend, und waren unwillig &uuml;ber die
+St&ouml;rung. Aber pl&ouml;tzlich setzten sie sich beide im Bett auf.
+Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses Wimmern?
+Wenn sie ganz wach waren, h&ouml;rten sie nichts;
+aber sobald sie einzuschlummern begannen, vernahmen
+sie es wieder. Kleine, schwache F&uuml;&szlig;chen h&ouml;rten sie &uuml;ber
+die Steinplatte vor der H&uuml;tte gehen, ein kleines H&auml;ndchen
+tastete an der T&uuml;r, und da sie nicht offen war, wanderte
+das Kind wimmernd und tappend die Wand entlang,
+bis es vor ihrer Lagerst&auml;tte stehenblieb. Wenn sie sprachen
+oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber
+wenn sie einschlummern wollten, h&ouml;rten sie deutlich die
+unsichern Schritte und das erstickte Schluchzen.</p>
+
+<p>Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den
+letzten Tagen als M&ouml;glichkeit vor Augen gestanden hatte:
+nun wurde es ihnen zur Gewi&szlig;heit. Sie sahen ein, da&szlig;
+sie das Kind get&ouml;tet hatten. Wie h&auml;tte es sonst umgehen
+k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Von dieser Nacht an war alles Gl&uuml;ck von ihnen gewichen.
+Sie lebten in steter Furcht vor dem Gespenst.
+Tags&uuml;ber hatten sie wohl einige Ruhe, aber in den N&auml;chten
+wurden sie von dem Weinen und dem erstickten
+Schluchzen des Kindes so gest&ouml;rt, da&szlig; sie nicht wagten,
+allein zu liegen. Jofrid ging oft weit &uuml;ber Land, um
+einen Menschen zu holen, der &uuml;ber Nacht in ihrer H&uuml;tte
+bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe;
+aber sobald sie allein waren, h&ouml;rten sie das Kind.</p>
+
+<p>In einer Nacht, f&uuml;r die sie keinen Gast gefunden hatten
+und die sie, des Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten,
+stand Jofrid aus dem Bett auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Schlaf du nur, T&ouml;nne,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Wenn ich mich
+wach erhalte, wird sich nichts h&ouml;ren lassen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_82" id="page_82"></a>82</span>Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die T&uuml;rschwelle
+und &uuml;berlegte, was sie tun sollten, um Ruhe zu finden;
+denn so konnten sie nicht weiterleben. Sie fragte sich,
+ob Beichte und Bu&szlig;e, Dem&uuml;tigung und Reue sie von
+dieser schweren Heimsuchung befreien k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Da begab es sich, da&szlig; sie die Augen aufschlug und
+dieselbe Erscheinung sah wie schon einmal zuvor von dieser
+Stelle. Der Grabh&uuml;gel war zu einem K&auml;mpen geworden.
+Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich
+sehen und vernehmen, da&szlig; der alte K&ouml;nig Atle dasa&szlig; und
+sie betrachtete. Sie sah ihn so genau, da&szlig; sie die mit
+Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken
+unterschied und wahrnehmen konnte, da&szlig; seine Beine
+mit gekreuzten B&auml;ndern umwickelt waren, zwischen denen
+die Wadenmuskeln schwollen.</p>
+
+<p>Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er
+schien ihr ein Freund und Tr&ouml;ster im Ungl&uuml;ck. Er sah
+sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut einfl&ouml;&szlig;en.
+Da dachte sie, da&szlig; dieser gewaltige Held einst
+seinen Tag gehabt hatte, an dem er die Feinde in Scharen
+auf die Heide niederstreckte und in den Blutstr&ouml;men
+watete, die zwischen den H&uuml;geln brausten. Was hatte
+er da nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt?
+Wie tief hatte das Seufzen der Kinder, deren
+V&auml;ter er erschlagen hatte, sein Steinherz ger&uuml;hrt? Federleicht
+h&auml;tte die B&uuml;rde von eines Kindes Tod auf seinem
+Gewissen gelegen.</p>
+
+<p>Und sie vernahm sein Fl&uuml;stern, dieselbe Weise, die das
+alte, steinkalte Heidentum zu allen Zeiten gefl&uuml;stert hat.
+&bdquo;Warum bereuen? Die G&ouml;tter lenken das Geschick. Die
+Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die
+Kinder der Erde trauern, da&szlig; sie getan, was die Unsterblichen
+sie zu tun zwangen?&ldquo;</p>
+
+<p>Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst:
+&bdquo;Was konnte ich daf&uuml;r, da&szlig; das Kind starb? Gott allein
+ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht ohne seinen Willen.&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_83" id="page_83"></a>83</span>Und sie dachte, da&szlig; sie das Gespenst am besten abwehren
+werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.</p>
+
+<p>Aber da &ouml;ffnete sich die Haust&uuml;r, und T&ouml;nne kam zu
+ihr heraus. &bdquo;Jofrid,&ldquo; sagte er, &bdquo;es ist jetzt in der H&uuml;tte.
+Es kam heran und klopfte an den Bettrand und weckte
+mich. Was sollen wir tun, Jofrid?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das Kind ist ja tot,&ldquo; sagte Jofrid. &bdquo;Du wei&szlig;t,
+da&szlig; es tief unter der Erde liegt. Das alles sind nur
+Tr&auml;ume und Hirngespinste.&ldquo; Sie sprach hart und abweisend,
+denn sie f&uuml;rchtete, da&szlig; T&ouml;nne in dieser Sache
+zu weichherzig sein und sie dadurch ins Ungl&uuml;ck st&uuml;rzen
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen ein Ende machen,&ldquo; sagte T&ouml;nne.</p>
+
+<p>Jofrid lachte grell auf. &bdquo;Was willst du tun? Gott
+hat es uns auferlegt. Konnte er das Kind nicht am
+Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es nicht; und
+jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir,
+mit welchem Recht er uns verfolgt?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie hatte ihre Worte von dem alten Steink&auml;mpen,
+der finster und hart auf seinem H&uuml;gel sa&szlig;. Es war,
+als habe er ihr alles eingegeben, was sie T&ouml;nne erwiderte.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen eingestehen, da&szlig; wir das Kind vernachl&auml;ssigt
+haben, und m&uuml;ssen Bu&szlig;e tun,&ldquo; sagte T&ouml;nne.</p>
+
+<p>&bdquo;Niemals will ich f&uuml;r etwas leiden, das nicht meine
+Schuld ist,&ldquo; sagte Jofrid. &bdquo;Wer wollte, da&szlig; das Kind
+sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art von Bu&szlig;e willst
+du denn tun? Willst du dich gei&szlig;eln oder fasten wie
+die M&ouml;nche? Mich d&uuml;nkt, du kannst deine Kr&auml;fte zur
+Arbeit brauchen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mit dem Gei&szlig;eln habe ich es schon probiert,&ldquo; sagte
+T&ouml;nne. &bdquo;Es n&uuml;tzt nichts.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Siehst du!&ldquo; sagte sie und lachte wieder.</p>
+
+<p>&bdquo;Da tut andres not,&ldquo; fuhr T&ouml;nne mit beharrlicher
+Entschlossenheit fort. &bdquo;Wir m&uuml;ssen gestehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du Gott sagen, das er nicht schon
+<span class="pagenum"><a name="page_84" id="page_84"></a>84</span>w&uuml;&szlig;te?&ldquo; h&ouml;hnte Jofrid. &bdquo;Lenkt nicht er deine Gedanken?
+Was willst du ihm sagen?&ldquo; Sie fand jetzt, da&szlig; T&ouml;nne
+dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn
+ihrer Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht
+mehr daran gedacht, sondern ihn lieb gehabt, seines guten
+Herzens wegen.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir m&uuml;ssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid,
+und ihm Bu&szlig;e bieten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du ihm bieten?&ldquo; fragte sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Die H&uuml;tte und die Ziegen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sicherlich fordert er volle Mannesbu&szlig;e f&uuml;r seinen
+einzigen Sohn. Die l&auml;&szlig;t sich mit allem, was wir besitzen,
+nicht bezahlen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt
+geben, wenn er sich nicht mit weniger zufrieden gibt.&ldquo;</p>
+
+<p>Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung,
+und sie ha&szlig;te T&ouml;nne aus der Tiefe ihrer Seele. Alles,
+was sie verlieren mu&szlig;te, stand klar vor ihr: die Freiheit,
+f&uuml;r die einst die Ahnen das Leben gewagt, die H&uuml;tte,
+den Wohlstand, Ehre und Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Merke meine Worte wohl, T&ouml;nne,&ldquo; sagte sie heiser,
+halberstickt von Schmerz, &bdquo;der Tag, an dem du solches
+tust, ist mein Todestag.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt;
+aber sie blieben auf der T&uuml;rschwelle sitzen, bis der
+Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu beg&uuml;tigen
+und zu vers&ouml;hnen. Beide f&uuml;rchteten und verachteten einander.
+Eins ma&szlig; das andre mit dem Ma&szlig; seines Zornes
+und fand es engherzig und b&ouml;se.</p>
+
+<p>Seit dieser Nacht lie&szlig; Jofrid T&ouml;nne oft ihre &Uuml;berlegenheit
+f&uuml;hlen. Sie gab ihm in der Gegenwart Fremder
+zu verstehen, da&szlig; er einf&auml;ltig sei, und half ihm bei der
+Arbeit so, da&szlig; er ihre Kraft erkennen mu&szlig;te. Sie wollte
+ihm offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal
+stellte sie sich sehr froh, um ihn zu zerstreuen und von
+seinen Gr&uuml;beleien abzulenken. Er hatte noch nichts getan,
+<span class="pagenum"><a name="page_85" id="page_85"></a>85</span>um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte
+nicht, da&szlig; er ihn aufgegeben habe.</p>
+
+<p>In dieser Zeit wurde T&ouml;nne mehr und mehr, wie er
+vor seiner Heirat gewesen war. Er wurde mager und
+bleich, wortkarg und tr&auml;g von Gedanken. Jofrids Verzweiflung
+ward mit jedem Tage gr&ouml;&szlig;er, denn es war,
+als sollte ihr nun alles genommen werden. Doch kam
+ihre Liebe zu T&ouml;nne wieder, als sie ihn ungl&uuml;cklich sah.
+&bdquo;Was gilt mir alles, wenn T&ouml;nne zugrunde geht?&ldquo;
+dachte sie. &bdquo;Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu
+leben, als ihn als Freien sterben zu sehen.&ldquo;</p>
+
+<hr />
+
+<p>Jofrid konnte sich jedoch nicht so pl&ouml;tzlich &uuml;berwinden,
+T&ouml;nne zu gehorchen. Sie k&auml;mpfte einen langen und
+schweren Kampf. Aber eines Morgens, als sie erwachte,
+war ihr ungew&ouml;hnlich ruhig und mild zumute. Da war
+ihr, als k&ouml;nne sie nun tun, was er forderte. Und sie
+weckte ihn und sagte, da&szlig; es jetzt so werden solle, wie
+er wollte. Nur diesen einzigen Tag m&ouml;ge er ihr g&ouml;nnen,
+damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher.
+Leicht kamen ihr Tr&auml;nen in die Augen, wie einem, der
+Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe sich an diesem
+Tage, ihr zuliebe, besonders sch&ouml;n geschm&uuml;ckt. Der Frost
+war &uuml;ber sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden
+und das ganze Feld trug ein braunes Kleid. Aber
+als die Sonne des Herbsttages ihre schr&auml;gen Strahlen
+dar&uuml;ber hingleiten lie&szlig;, war es, als ergl&uuml;he das Heidekraut
+aufs neue rot. Und sie gedachte des Tages, an
+dem sie T&ouml;nne zum erstenmal gesehen hatte.</p>
+
+<p>Sie w&uuml;nschte, da&szlig; sie den alten K&ouml;nig noch einmal
+schauen d&uuml;rfe; denn er hatte ja mitgeholfen, ihr Gl&uuml;ck
+zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten Zeit ernstlich
+vor ihm gef&uuml;rchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie
+zu packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr &uuml;ber sie
+<span class="pagenum"><a name="page_86" id="page_86"></a>86</span>haben, meinte sie. Sie wollte aufmerken, ob sie ihn
+nicht sehen konnte, abends, wenn der Mondschein kam.</p>
+
+<p>Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde
+Spielleute vorbeigezogen. Da hatte Jofrid den Einfall,
+sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem Hause
+zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. T&ouml;nne
+mu&szlig;te schnell zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu
+kommen. Dann liefen ihre kleinen Geschwister weiter
+ins Dorf hinab, um G&auml;ste zu holen. Bald waren viele
+Menschen versammelt.</p>
+
+<p>Die Fr&ouml;hlichkeit war gro&szlig;. T&ouml;nne hielt sich abseits in
+einer Ecke der H&uuml;tte, wie es seine Gewohnheit war, wenn
+Besuch kam; aber Jofrid war beinahe wild in ihrer
+Fr&ouml;hlichkeit. Mit gellender Stimme f&uuml;hrte sie die Tanzspiele
+an und bot eifrig den G&auml;sten das sch&auml;umende Bier.
+Eng war es in der Stube, aber die Spielleute waren flink
+und der Tanz hatte Leben und Lust. Es wurde erstickend
+hei&szlig; dort drinnen. Man stie&szlig; die T&uuml;r auf; und nun
+sah Jofrid erst, da&szlig; die Nacht angebrochen und der Mond
+aufgegangen war. Da trat sie in die Haust&uuml;r und blickte
+in die wei&szlig;e Welt des Mondscheins hinaus.</p>
+
+<p>Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war
+wei&szlig;, weil sich das Mondlicht in den zahllosen Tropfen
+spiegelte, die sich auf allen Zweiglein gesammelt hatten.
+Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und
+Steinen wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt.
+Jofrid stieg hinab; wohlig schwankend war's unter dem
+Fu&szlig;. Sie ging ein paar Schritte &uuml;ber den Pfad, der ins
+Dorf hinabf&uuml;hrte, gleichsam als wolle sie pr&uuml;fen, welches
+Gef&uuml;hl es sei, da zu gehen. T&ouml;nne und sie sollten am
+n&auml;chsten Tage Hand in Hand hier wandern, in tiefste
+Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem
+Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten
+lie&szlig;: sicherlich war Schmach ihr Los. Die an diesem
+Abend eine gute H&uuml;tte und viele Freunde hatten, w&uuml;rden
+am n&auml;chsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht
+<span class="pagenum"><a name="page_87" id="page_87"></a>87</span>auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht
+sogar ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst:
+&bdquo;Dies ist der Weg des Todes.&ldquo; Und nun konnte sie nicht
+fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu wandeln.
+Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt
+wie der alte K&ouml;nig Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie
+das Gef&uuml;hl, ihre schweren Steinglieder nicht regen zu
+k&ouml;nnen, um diesen Weg zu gehen.</p>
+
+<p>Sie wendete ihre Blicke dem K&ouml;nigsh&uuml;gel zu und sah
+deutlich den alten K&auml;mpen da sitzen. Aber in dieser Nacht
+war er wie zum Fest geschm&uuml;ckt. Er trug nicht mehr das
+graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern wei&szlig;es,
+schimmerndes Silber. Auch schm&uuml;ckte ihn wieder
+eine Krone von Strahlen, wie damals, als sie ihn zuerst
+sah; aber diese Krone war wei&szlig;. Und wei&szlig; leuchtete
+Brustplatte und Armring, glitzernd wei&szlig; war Schwertgriff
+und Schild. Er sa&szlig; da und betrachtete sie in stummer
+Gleichg&uuml;ltigkeit. Das seltsam Unergr&uuml;ndliche, das
+in gro&szlig;en Steingesichtern liegt, hatte sich nun auf ihn
+herabgesenkt. Da thronte er dunkel und m&auml;chtig; und
+Jofrid hatte die unklare Vorstellung, da&szlig; er ein Bild
+von etwas sei, was in ihr lag und in allen Menschen,
+etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von
+vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn,
+den alten K&ouml;nig, mitten im Menschenherzen sitzen. &Uuml;ber
+dessen unfruchtbare Felder breitete er seinen weiten K&ouml;nigsmantel.
+Da tanzte die Genu&szlig;sucht, da jubelte das Prachtverlangen.
+Er war der gro&szlig;e Steinheld, der Not und
+Armut vor&uuml;berwandern sah, ohne da&szlig; sein Steinherz ger&uuml;hrt
+ward. &bdquo;Die G&ouml;tter wollen es so,&ldquo; sagte er. Er
+war der starke steinerne Mann, der unges&uuml;hnte S&uuml;nde
+tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: &bdquo;Warum
+trauern, da das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen
+aufgezwungen ward?&ldquo;</p>
+
+<p>Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie
+ein Schluchzen war. In ihr lebte eine Ahnung, die sie
+<span class="pagenum"><a name="page_88" id="page_88"></a>88</span>sich nicht klarzumachen vermochte, eine Ahnung, da&szlig; sie
+mit dem steinernen Mann k&auml;mpfen m&uuml;sse, wenn sie gl&uuml;cklich
+werden sollte. Aber zu gleicher Zeit f&uuml;hlte sie sich
+so hilflos schwach. Ihre Unbu&szlig;fertigkeit und der Steinheld
+auf der Heide schienen ihr ein und dasselbe, und
+konnte sie jene nicht besiegen, so w&uuml;rde dieser in irgendeiner
+Weise Macht &uuml;ber sie erlangen.</p>
+
+<p>Sah sie nun wieder zu der H&uuml;tte hin, wo die T&uuml;cher
+unter den Dachbalken schimmerten, wo die Spielleute
+Fr&ouml;hlichkeit verbreiteten, und wo alles war, was sie liebte,
+dann f&uuml;hlte sie, da&szlig; sie nicht in die Knechtschaft gehen
+konnte. Nicht einmal T&ouml;nne zuliebe. Sie sah sein blasses
+Antlitz in der H&uuml;tte und fragte sich mit zusammengekrampftem
+Herzen, ob er verdiene, da&szlig; sie ihm alles
+opfere.</p>
+
+<p>Aber drinnen in der H&uuml;tte hatten sich die Leute zu
+einem Reigentanz aufgestellt. Sie ordneten sich in einer
+langen Reihe, fa&szlig;ten einander bei den H&auml;nden und
+st&uuml;rzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an
+der Spitze, in rasender Eile vorw&auml;rts. Der Anf&uuml;hrer
+zog sie durch die offne T&uuml;r hinaus auf die im Mondschein
+glitzernde Heide. Sie st&uuml;rmten an Jofrid vorbei, keuchend
+und wild; strauchelten &uuml;ber Steine, sanken ins Heidekraut,
+zogen weite Kreise rings um die H&uuml;tte. Der letzte
+in der Reihe rief Jofrid an und streckte ihr die Hand
+entgegen. Sie fa&szlig;te sie und lief mit.</p>
+
+<p>Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinst&uuml;rmen.
+Doch Fr&ouml;hlichkeit war darin, Lebenslust und &Uuml;bermut.
+Immer k&uuml;hner wurden die Schwenkungen, immer lauter
+t&ouml;nten die Rufe, immer st&uuml;rmischer ward das Lachen.
+Von H&uuml;nengrab zu H&uuml;nengrab, wie sie da &uuml;ber die Heide
+zerstreut lagen, schlang sich die Reihe der Tanzenden.
+Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde
+wieder emporgerissen, der Langsame vorw&auml;rts gezogen.
+Die Spielleute standen in der Haust&uuml;r und lockten zu
+immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu ruhen,
+<span class="pagenum"><a name="page_89" id="page_89"></a>89</span>zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging
+der Tanz &uuml;ber schwankes Moos und glatte Felsplatten.</p>
+
+<p>Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, da&szlig;
+sie die Freiheit behalten mu&szlig;te, da&szlig; sie lieber sterben, als
+sie verlieren wollte. Sie merkte, da&szlig; sie T&ouml;nne nicht
+folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den
+Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.</p>
+
+<p>Alle H&uuml;gel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den K&ouml;nig
+Atle. Jofrid sah, da&szlig; es jetzt zu diesem hinaufging, und
+sie hielt die Blicke scharf auf den m&auml;chtigen Mann geheftet.
+Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den
+Hinst&uuml;rmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch
+nur ein schallendes Gel&auml;chter antwortete ihr. Sie wollte
+stehenbleiben; aber eine starke Faust ri&szlig; sie weiter. Sie
+sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig
+waren sie, da&szlig; die schweren Arme keinen von ihnen erreichen
+konnten. Unfa&szlig;lich war ihr, da&szlig; niemand ihn
+sah. Todesangst kam &uuml;ber sie. Sie wu&szlig;te, da&szlig; er sie
+erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen
+Jahren. Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer
+w&uuml;rde er sich nun endlich bem&auml;chtigen.</p>
+
+<p>Jetzt kam an sie die Reihe, an K&ouml;nig Atle vorbeizueilen.
+Sie sah, wie er sich erhob, sich dann zum Sprung duckte,
+um Ernst zu machen und sie zu fangen. In dieser h&ouml;chsten
+Not f&uuml;hlte sie: wenn sie sich jetzt entschlo&szlig;, am n&auml;chsten
+Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte
+er nicht die Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht.
+Sie kam zuletzt und die Drehungen waren nun so heftig,
+da&szlig; sie mehr geschleppt und gezogen wurde als selbst lief
+und M&uuml;he hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich
+sie in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte
+K&auml;mpe noch rascher. Die schweren Arme senkten sich auf
+sie hinab, die steinernen H&auml;nde ergriffen sie, zogen sie an
+die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer
+schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wu&szlig;te
+noch bis zuletzt: nur weil sie den Steink&ouml;nig im eignen
+<span class="pagenum"><a name="page_90" id="page_90"></a>90</span>Herzen nicht zu besiegen vermocht hatte, war K&ouml;nig Atle
+Gewalt &uuml;ber sie gegeben.</p>
+
+<p>Nun war es zu Ende mit Tanz und Fr&ouml;hlichkeit. Jofrid
+lag im Sterben. Sie war in dem rasenden Lauf an
+den K&ouml;nigsh&uuml;gel geschleudert worden und hatte von seinen
+Steinen den Todessto&szlig; empfangen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr4" id="nr4"></a><a href="#inhalt">Die Vogelfreien</a></h2>
+
+
+<p>Ein Bauer, der einen M&ouml;nch ermordet hatte, floh in
+den Wald und wurde ge&auml;chtet. In der Wildnis fand er
+einen andern friedlosen Mann, einen Fischer von den
+&auml;u&szlig;ersten Sch&auml;ren, der beschuldigt war, ein Heringsnetz
+gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen,
+wohnten in einer Erdh&ouml;hle, legten Fallen, schnitzten Pfeile,
+buken Brot auf einem Stein und wachten gegenseitig
+&uuml;ber ihr Leben. Der Bauer verlie&szlig; den Wald niemals,
+aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen
+hatte, nahm zuweilen die erlegten Tiere &uuml;ber die
+Schulter und schlich sich zu den Menschen hinunter. Da
+bekam er f&uuml;r den schwarzen Auerhahn und das blaugl&auml;nzende
+Birkhuhn, f&uuml;r den langohrigen Hasen und das
+feingliedrige Reh Milch und Butter, Pfeile und Kleider.
+So war es den Friedlosen m&ouml;glich, ihr Leben zu fristen.</p>
+
+<p>Die H&ouml;hle, in der sie hausten, war in einen H&uuml;gelabhang
+gegraben. Breite Steinplatten und dornige
+Schlehenb&uuml;sche deckten den Eingang. Auf dem Dach stand
+eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der
+Erdh&ouml;hle. Der emporsteigende Rauch wurde durch die
+dichten, nadelreichen Zweige des Baumes gesiebt und
+verschwand unmerklich im Raume.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu
+gehen, indem sie den Waldbach durchwateten, der unter
+dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte die Spur
+der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_91" id="page_91"></a>91</span>Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern
+versammelten sich wie zur Treibjagd auf B&auml;r und
+Wolf. Der Wald wurde von Bogensch&uuml;tzen umringt,
+Lanzentr&auml;ger gingen dort umher und lie&szlig;en keine dunkle
+Kluft, kein dichtes Gestr&uuml;pp unerforscht. W&auml;hrend die
+l&auml;rmende Treibjagd durch den Wald zog, lagen die Friedlosen
+in ihrer dunklen H&ouml;hle, atemlos lauschend, vor Angst
+keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus;
+er aber, der gemordet hatte, wurde von unertr&auml;glicher
+Angst ins Freie getrieben, wo er seinen Feind sehen
+konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies schien
+ihm tausendmal besser, als in ohnm&auml;chtiger Unt&auml;tigkeit
+still dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte
+&uuml;ber Abh&auml;nge, sprang &uuml;ber Str&ouml;me, erkletterte kerzengerade
+Felsw&auml;nde. Alle verborgne Kraft und Geschicklichkeit
+in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt.
+Sein K&ouml;rper ward elastisch wie eine Stahlfeder,
+der Fu&szlig; sprang nicht fehl, die Hand lie&szlig; nicht locker,
+Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf als einst.
+Er verstand das Fl&uuml;stern des Laubes und die Warnungen
+der Steine. Wenn er eine Anh&ouml;he erklettert hatte, wendete
+er sich gegen seine Verfolger und sandte ihnen Spottlieder
+mit bei&szlig;enden Reimen nach. Wenn die sausenden
+Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie
+gegen die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden
+Zweigen durchdr&auml;ngte, sang jemand in seinem Innern
+ein Loblied auf seine Gro&szlig;taten.</p>
+
+<p>Da lief der kahle Bergr&uuml;cken durch den Wald, und
+einsam auf seiner H&ouml;he stand die himmelhohe F&ouml;hre.
+Der braunrote Stamm war kahl, aber in der astreichen
+Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollk&uuml;hn war
+jetzt der Fliehende, da&szlig; er dort hinaufkletterte, w&auml;hrend
+die Verfolger ihn auf den bewaldeten Abh&auml;ngen suchten.
+Da sa&szlig; er und drehte den Jungen des Sperbers den
+Hals um, w&auml;hrend tief unter ihm die Jagd dahinzog.
+Sperber und Sperberweibchen schossen voll Rachbegier
+<span class="pagenum"><a name="page_92" id="page_92"></a>92</span>auf den R&auml;uber hinab. Sie flatterten um sein Gesicht,
+sie richteten die Schn&auml;bel auf seine Augen, sie schlugen
+ihn mit den Fl&uuml;geln und kratzten mit den Klauen blutige
+Streifen in seine wettergebr&auml;unte Haut. Lachend k&auml;mpfte
+er gegen sie an. In dem schwankenden Neste aufrechtstehend,
+hackte er mit seinem scharfen Messer nach ihnen
+und verga&szlig; &uuml;ber der Lust des Spieles die Lebensgefahr
+und die Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen,
+hatten sie sich nach einer andern Richtung entfernt.
+Niemandem war es in den Sinn gekommen, die
+Jagdbeute auf dem kahlen Bergr&uuml;cken zu suchen. Keiner
+hatte den Blick zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche
+und Schlafwandlertaten vollbringen zu sehen,
+w&auml;hrend sein Leben in &auml;u&szlig;erster Gefahr schwebte.</p>
+
+<p>Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender
+Hand griff er nach einer St&uuml;tze; schwindelnd ma&szlig;
+er die H&ouml;he, die er erklettert hatte. Und vor Angst zu
+fallen st&ouml;hnend, bange vor den V&ouml;geln, bange, gesehen
+zu werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab.
+Er legte sich auf den Berg nieder, um nicht gesehen zu
+werden und schleppte sich &uuml;ber das Ger&ouml;ll weiter, bis das
+Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den
+verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und
+kraftlos sank er in das Moos. Ein einziger Mann h&auml;tte
+ihn leichtlich fangen k&ouml;nnen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Tord war der Name des Fischers. Er z&auml;hlte nicht mehr
+als sechzehn Jahre, aber er war stark und k&uuml;hn. Er
+hatte schon ein Jahr im Walde gelebt.</p>
+
+<p>Der Bauer hie&szlig; Berg, mit dem Beinamen der Riese.
+Er war der gr&ouml;&szlig;te und st&auml;rkste Mann in der Gegend
+und dazu sch&ouml;n und wohlgewachsen. Er war breit um
+die Schultern und schlank um die Mitte. Seine H&auml;nde
+waren so wohlgebildet, als h&auml;tten sie niemals harte Arbeit
+<span class="pagenum"><a name="page_93" id="page_93"></a>93</span>gekostet. Das Haar war braun und das Antlitz zartgef&auml;rbt.
+Nachdem er einige Zeit im Walde verbracht
+hatte, nahm er in allen St&uuml;cken ein furchtbareres Aussehen
+an als fr&uuml;her. Seine Blicke wurden stechend, die
+Augenbrauen wuchsen buschig, und die Muskeln, die sie
+runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es trat
+auch deutlicher als fr&uuml;her hervor, wie der obere Teil seiner
+m&auml;chtigen Stirne &uuml;ber den untern vorragte. Die Lippen
+schlossen sich jetzt fester als einst, das ganze Gesicht wurde
+magrer, die Gr&uuml;bchen an der Stirn wurden sehr tief,
+und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor.
+Sein K&ouml;rper wurde weniger voll, aber seine Muskeln
+ballten sich eisenhart. Das Haar ergraute rasch.</p>
+
+<p>An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht
+sattsehen. Etwas so Sch&ouml;nes und Gewaltiges hatte er
+nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er hoch
+wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente
+ihm wie einem Herrn und betete ihn an wie einen Gott.
+Es verstand sich ganz von selbst, da&szlig; Tord den Jagdspeer
+trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer anmachte.
+Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an,
+g&ouml;nnte ihm aber fast nie ein freundliches Wort. Er verachtete
+ihn, weil er ein Dieb war.</p>
+
+<p>Die Friedlosen f&uuml;hrten kein R&auml;uber- oder Wegelagrerleben,
+sondern ern&auml;hrten sich durch Jagd und Fischerei.
+Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen Mann ermordet
+h&auml;tte, w&uuml;rden die Bauern wohl bald aufgeh&ouml;rt haben,
+ihn zu verfolgen, und h&auml;tten ihn oben im Gebirge in
+Frieden gelassen. Aber nun f&uuml;rchteten sie gro&szlig;es Unheil
+f&uuml;r die Gegend, weil der Mann, der Hand an einen
+Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging.
+Wenn Tord mit dem erlegten Wild ins Tal hinabkam,
+boten sie ihm gro&szlig;e Belohnungen und Vergebung seines
+eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der
+H&ouml;hle Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten,
+w&auml;hrend er schlief. Aber der Knabe weigerte sich
+<span class="pagenum"><a name="page_94" id="page_94"></a>94</span>immer, und wenn ihm jemand in den Wald nachschleichen
+wollte, dann f&uuml;hrte er ihn so schlau auf falsche
+F&auml;hrte, da&szlig; er die Verfolgung aufgeben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum
+Verrat bewegen wollten, und als er h&ouml;rte, welchen Lohn
+sie ihm boten, sagte er hohnvoll, da&szlig; Tord ein Einfaltspinsel
+w&auml;re, wenn er solch ein Anerbieten nicht ann&auml;hme.</p>
+
+<p>Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der
+Riese, desgleichen nie zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein
+sch&ouml;nes Weib in seiner Jugend, nie hatte seine Frau und
+seine Kinder ihn je so angesehen. &bdquo;Du bist mein Herr,
+mein freigew&auml;hlter Herrscher,&ldquo; sagte der Blick, &bdquo;wisse,
+da&szlig; du mich schlagen und beschimpfen kannst, soviel du
+willst. Ich bleibe doch treu.&ldquo;</p>
+
+<p>Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den
+Jungen und merkte, da&szlig; er mutig im Handeln, aber
+sch&uuml;chtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine
+Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder
+wenn das Moor im Fr&uuml;hling am gef&auml;hrlichsten war,
+wenn die Mor&auml;ste sich unter reichbl&uuml;hendem Wollgras
+und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am
+liebsten den Weg dar&uuml;ber. Es schien ihm ein Bed&uuml;rfnis
+zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum Ersatz
+f&uuml;r die St&uuml;rme und Schrecknisse auf dem Meere, denen
+er nicht mehr begegnete. Doch nachts f&uuml;rchtete er sich
+im Walde, und selbst am hellichten Tage konnte ein
+dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer
+umgest&uuml;rzten F&ouml;hre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn
+dar&uuml;ber befragte, war er zu scheu, um auch nur zu antworten.</p>
+
+<p>Tord pflegte nicht auf dem hinten in der H&ouml;hle, nahe
+dem Feuer aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich
+von Moos und warmen Fellen war, sondern er kroch
+jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang
+hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte
+dies, und obgleich er den Grund erraten konnte,
+<span class="pagenum"><a name="page_95" id="page_95"></a>95</span>fragte er, was dies zu bedeuten habe. Tord erkl&auml;rte es
+ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei
+N&auml;chte lang nicht mehr in der T&uuml;re, aber dann nahm er
+seinen Wachtposten wieder ein.</p>
+
+<p>Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel
+wehte und in das windgesch&uuml;tzte Dickicht wirbelte,
+drangen die tanzenden Schneefl&ouml;ckchen auch in die
+H&ouml;hle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten
+verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen
+erwachte, in eine schmelzende Schneewehe gebettet.
+Einige Tage sp&auml;ter wurde er krank. Die Lungen pfiffen,
+und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen,
+f&uuml;hlte er stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf
+den Beinen, als die Kr&auml;fte reichten. Aber als er sich
+eines Abends b&uuml;ckte, um das Feuer anzufachen, fiel er
+um und blieb liegen.</p>
+
+<p>Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er m&ouml;ge
+sich in sein Bett legen. Tord st&ouml;hnte vor Schmerz und
+vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg die Arme
+unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war
+ihm, als h&auml;tte er eine schl&uuml;pfrige Schlange ber&uuml;hrt, und auf
+der Zunge hatte er einen Geschmack, als h&auml;tte er von dem
+unheiligen Pferdefleisch gegessen, so ekelte es ihn, diesen
+elenden Dieb anzur&uuml;hren.</p>
+
+<p>Er breitete sein eignes, gro&szlig;es B&auml;renfell &uuml;ber ihn und
+reichte ihm Wasser, mehr konnte er nicht tun. Es war auch
+nicht gef&auml;hrlich. Tord wurde bald gesund. Aber dadurch,
+da&szlig; Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein Diener
+sein mu&szlig;te, waren sie einander n&auml;her gekommen. Tord
+wagte zu ihm zu sprechen, wenn er abends in der H&ouml;hle
+sa&szlig; und Pfeile schnitzte.</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist aus gutem Stamm, Berg,&ldquo; sagte Tord.
+&bdquo;Die Reichsten im Tal sind deine Verwandten. Deine
+Vorfahren haben K&ouml;nigen gedient und in ihren Burgen
+gek&auml;mpft.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Meistens haben sie in den Aufr&uuml;hrerscharen gek&auml;mpft
+<span class="pagenum"><a name="page_96" id="page_96"></a>96</span>und den K&ouml;nigen allen Schaden getan,&ldquo; erwiderte
+Berg, der Riese.</p>
+
+<p>&bdquo;Deine V&auml;ter gaben zu Weihnachten gro&szlig;e Gelage,
+und das tatest auch du, als du auf deinem Hofe sa&szlig;est.
+Hunderte von M&auml;nnern und Frauen konnten auf den
+B&auml;nken deiner gro&szlig;en Halle Platz finden, die schon erbaut
+war, ehe noch der heilige Olof hier in Viken taufte.
+Du hattest uralte Silberbecher und gro&szlig;e Trinkh&ouml;rner,
+die, mit Met gef&uuml;llt, von Mann zu Mann wanderten.&ldquo;</p>
+
+<p>Wieder mu&szlig;te Berg den Knaben ansehen. Er sa&szlig;
+mit herabh&auml;ngenden Beinen auf dem Bette, und der
+Kopf ruhte in den H&auml;nden, mit denen er zugleich die
+wilde Haarmasse zur&uuml;ckdr&auml;ngte, die ihm in die Stirn
+fiel. Das Gesicht war durch die Krankheit bleich und
+fein geworden. In den Augen leuchtete noch das Fieber.
+Er l&auml;chelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor:
+die geschm&uuml;ckte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten
+G&auml;ste und Berg, den Riesen, der in seiner
+V&auml;ter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der Bauer
+dachte, da&szlig; ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung
+leuchtenden Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern
+so herrlich gefunden hatte, wie der Knabe hier
+ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand.</p>
+
+<p>Er wurde ger&uuml;hrt und zornig zugleich. Dieser elende
+Dieb hatte kein Recht, ihn zu bewundern.</p>
+
+<p>&bdquo;Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?&ldquo;
+fragte er.</p>
+
+<p>Tord lachte. &bdquo;Dort drau&szlig;en auf der Sch&auml;re bei Vater
+und Mutter! Vater ist ja ein Wrackpl&uuml;nderer und
+Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Deine Mutter ist eine Hexe?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist sie,&ldquo; antwortete Tord ohne jede Befangenheit.
+&bdquo;Bei st&uuml;rmischem Wetter reitet sie auf einem Seehund
+zu den Schiffen, &uuml;ber die die Sturzwellen hinsp&uuml;len,
+und wer dann in das Meer geschleudert wird, der
+geh&ouml;rt ihr.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_97" id="page_97"></a>97</span>&bdquo;Was f&auml;ngt sie mit ihnen an?&ldquo; fragte Berg.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht
+wohl Salben aus ihnen, oder vielleicht i&szlig;t sie sie. In
+Mondscheinn&auml;chten sitzt sie drau&szlig;en in der Brandung, wo
+sie am wei&szlig;esten ist, und der Schaum spr&uuml;ht &uuml;ber sie
+hin. Es hei&szlig;t, da&szlig; sie da sitzt und nach den Fingern und
+Augen ertrunkner Kinder sieht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist abscheulich,&ldquo; sagte Berg.</p>
+
+<p>Der Knabe antwortete mit gro&szlig;er Zuversicht: &bdquo;Es
+w&auml;re abscheulich f&uuml;r andre, aber nicht f&uuml;r Hexen. Die
+m&uuml;ssen es so machen.&ldquo;</p>
+
+<p>Berg schien es, da&szlig; dies eine neue Art war, Welt und
+Dinge zu betrachten.</p>
+
+<p>&bdquo;M&uuml;ssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern
+m&uuml;ssen?&ldquo; fragte er scharf.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, gewi&szlig;,&ldquo; antwortete der Knabe, &bdquo;jeder mu&szlig; tun,
+wozu er bestimmt ist.&ldquo; Aber dann f&uuml;gte er mit einem
+versteckten L&auml;cheln hinzu: &bdquo;Es gibt aber auch Diebe,
+die niemals gestohlen haben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sag doch gerade heraus, was du meinst,&ldquo; sagte
+Berg.</p>
+
+<p>Der Knabe l&auml;chelte geheimnisvoll, stolz, ein unl&ouml;sbares
+R&auml;tsel zu sein. &bdquo;Es ist, als spr&auml;che man von
+V&ouml;geln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben spricht,
+die nicht stehlen.&ldquo;</p>
+
+<p>Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren.
+&bdquo;Man kann doch niemanden einen Dieb nennen,
+der nicht gestohlen hat,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, freilich nicht,&ldquo; sagte der Knabe und kniff die
+Lippen zusammen, wie um die Worte nicht durchzulassen.
+&bdquo;Wenn einer aber einen Vater h&auml;tte, der stiehlt,&ldquo; warf
+er nach einem Weilchen hin.</p>
+
+<p>&bdquo;Geld und Gut erbt man,&ldquo; wandte Berg ein, &bdquo;aber
+den Namen Dieb tr&auml;gt keiner, der ihn nicht erworben
+hat.&ldquo;</p>
+
+<p>Tord lachte leise. &bdquo;Und wenn einer eine Mutter hat,
+<span class="pagenum"><a name="page_98" id="page_98"></a>98</span>die einen bittet und anfleht, des Vaters Verbrechen auf
+sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem Henker ein
+Schnippchen schl&auml;gt und in den Wald flieht. Und wenn
+man dann f&uuml;r vogelfrei erkl&auml;rt wird, eines Fischnetzes
+wegen, das man gar nie gesehen hat?&ldquo;</p>
+
+<p>Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den
+Tisch. Er war zornig. Da war nun dieses sch&ouml;ne junge
+Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben fortgeworfen.
+Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter
+M&auml;nnern konnte er f&uuml;rderhin gewinnen. Die elende
+Sorge um Speise und Trank war alles, was ihm &uuml;brig
+blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, da&szlig; er,
+Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er
+schalt ihn mit strengen Worten, aber Tord hatte nicht
+einmal soviel Angst wie das kranke Kind vor der Mutter,
+wenn sie es schilt, weil es sich erk&auml;ltet hat, als es
+durch den Fr&uuml;hlingsbach watete.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler
+See. Er war viereckig, mit so geraden Ufern und so
+scharfen Winkeln, als w&auml;re er von Menschen gegraben.
+Auf drei Seiten war er von steilen Felsw&auml;nden umgeben,
+an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln
+festklammerten. Unten am See, wo das Erdreich so allm&auml;hlich
+weggeschwemmt worden war, ragten diese Wurzeln
+aus dem Wasser auf, nackt und gekr&uuml;mmt, und
+wunderbar ineinander verschlungen. Es war wie eine
+ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus dem
+Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt
+hatten und so stehen geblieben waren. Oder es
+war eine Menge dunkler Skelette ertrunkner Riesen, die
+der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine
+verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten
+<span class="pagenum"><a name="page_99" id="page_99"></a>99</span>sich in den harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten
+Rundbogen, die uralte B&auml;ume trugen. Es war
+doch vorgekommen, da&szlig; die eisernen Arme, die stahlharten
+Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten,
+nachgegeben hatten. Und ein gewaltiger
+Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom
+Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem
+Wipfel voran war sie tief in den Schlammgrund eingedrungen
+und dort h&auml;ngen geblieben. Jetzt hatte die
+Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen,
+aber die Wurzeln ragten &uuml;ber das Wasser hinaus,
+wie ein vielarmiges Ungeheuer, und die schwarzen Wurzelzweige
+trugen mit dazu bei, den Sumpfsee h&auml;&szlig;lich
+und erschreckend zu machen.</p>
+
+<p>Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge.
+Da entf&uuml;hrte ein kleiner, sch&auml;umender Bach sein
+Wasser. Ehe dieser Bach den einzig m&ouml;glichen Weg finden
+konnte, mu&szlig;te er zwischen Steinen und Erdh&uuml;geln
+suchen und bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige
+nur eine Scholle gro&szlig;, andre etwa zwanzig B&auml;ume tragend.</p>
+
+<p>Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen,
+gediehen auch Laubb&auml;ume. Hier standen durstige
+graugr&uuml;ne Erlen und glattbl&auml;ttrige Weiden. Die
+Birke war da, wie sie &uuml;berall zur Stelle ist, wo es gilt,
+den Nadelwald zu verdr&auml;ngen, und der Faulbaum und
+die Eberesche, diese beiden, die gew&ouml;hnlich die Waldwiesen
+bes&auml;umen, sie mit ihrem Duft erf&uuml;llen und mit
+ihrem Reiz umkr&auml;nzen.</p>
+
+<p>Hier beim Ausflu&szlig; war auch ein mannshoher Schilfwald,
+durch den das Sonnenlicht gr&uuml;n &uuml;ber das Wasser
+fiel, wie es im richtigen Walde &uuml;ber das Moos f&auml;llt.
+Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche,
+und da schwammen die Seerosen. Die hohen Halme
+sahen mit mildem Ernst auf diese zarten Sch&ouml;nheiten
+herab, die verdrie&szlig;lich ihre wei&szlig;en Bl&auml;tter und gelben
+<span class="pagenum"><a name="page_100" id="page_100"></a>100</span>Stempel in lederharten H&uuml;llen verwahrten, sowie die
+Sonne sich nicht zeigen wollte.</p>
+
+<p>An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an
+diesen See, um zu fischen. Sie wateten zu ein paar
+gro&szlig;en Steinen im Binsenwalde und sa&szlig;en da und warfen
+den gr&uuml;ngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen,
+K&ouml;der hin.</p>
+
+<p>Diese M&auml;nner, die stets im Walde und im Gebirge
+umherstreiften, waren, ohne da&szlig; sie selbst darum wu&szlig;ten,
+ebensosehr unter die Herrschaft der Naturm&auml;chte geraten,
+wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden
+sie offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die
+Sonne verschwunden war, verstummten sie, und die
+Nacht, die ihnen viel gr&ouml;&szlig;er und gewaltiger vorkam, als
+der Tag, machte sie &auml;ngstlich und ohnm&auml;chtig. Jetzt
+versetzte sie das gr&uuml;ne Sonnenlicht, das durch das Schilf
+einfiel und das Wasser goldgestreift, braun und schwarzgr&uuml;n
+f&auml;rbte, in eine Art Wunderstimmung. Die Aussicht
+war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in
+einem unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die
+langen, band&auml;hnlichen Bl&auml;tter flatterten ihnen ins Gesicht.
+Sie sa&szlig;en in grauen Fellgew&auml;ndern auf den grauen
+Steinen. Die F&auml;rbung des Felles ahmte die T&ouml;nung des
+verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gef&auml;hrten
+in seinem Schweigen und seiner Regungslosigkeit
+in ein Steinbild verwandelt. Aber drinnen durch das
+Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem
+R&uuml;cken. Als die M&auml;nner die Angelhaken auswarfen und
+sahen, wie sich die Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde
+die Bewegung immer st&auml;rker und st&auml;rker, bis sie merkten,
+da&szlig; sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe,
+halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und
+schlief. Sie lag auf dem R&uuml;cken mit dem ganzen Leibe
+unter dem Wasserspiegel. Die Wellen schlossen sich so
+eng an den K&ouml;rper an, da&szlig; sie sie vorher nicht bemerkt
+hatten. Ihre Atemz&uuml;ge lie&szlig;en die Wellen nicht ruhen.
+<span class="pagenum"><a name="page_101" id="page_101"></a>101</span>Doch es war nichts Wunderliches darin, da&szlig; sie dalag,
+und als sie im n&auml;chsten Augenblick verschwunden war,
+wu&szlig;ten sie nicht recht, ob es nicht nur eine Sinnest&auml;uschung
+gewesen war.</p>
+
+<p>Das gr&uuml;ne Licht drang wie ein s&uuml;&szlig;er Rausch durch
+die Augen in das Hirn. Die M&auml;nner sa&szlig;en da und
+starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend,
+die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang
+fiel schlecht aus, der Tag geh&ouml;rte Tr&auml;umen und Offenbarungen.</p>
+
+<p>Da ert&ouml;nten Ruderschl&auml;ge im Schilf, und sie schreckten
+wie aus dem Schlummer auf. Im n&auml;chsten Augenblick
+zeigte sich ein Eichenstamm, schwer, ohne jede Kunstfertigkeit
+ausgeh&ouml;hlt, moosbewachsen und mit Rudern,
+schmal wie St&auml;bchen. Ein junges M&auml;dchen, das Seerosen
+geholt hatte, ruderte ihn. Sie hatte dunkelbraunes
+Haar, das in schwere Z&ouml;pfe geflochten war, und gro&szlig;e
+dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre
+Bl&auml;sse schimmerte rosig und nicht grau. Die Wangen
+waren nicht lebhafter gef&auml;rbt als das &uuml;brige Gesicht,
+kaum die Lippen. Sie trug ein wei&szlig;es Leinenleibchen
+und einen Lederg&uuml;rtel mit goldner Schlie&szlig;e. Der Rock
+war blau mit rotem Saum. Sie ruderte dicht an den
+Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie verhielten sich
+atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden,
+sondern nur um sie so recht sehen zu k&ouml;nnen. Sobald
+sie verschwunden war, verwandelten sie sich gleichsam
+wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie sahen einander
+l&auml;chelnd an.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie ist wei&szlig; wie die Seerosen,&ldquo; sagte der eine. &bdquo;Sie
+ist dunkel&auml;ugig wie das Wasser dr&uuml;ben unter den Tannenwurzeln.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie waren so &uuml;berm&uuml;tig, da&szlig; sie lachen wollten, richtig
+lachen, wie man nie zuvor an diesem See gelacht hatte,
+lachen, so da&szlig; die Felsw&auml;nde von dem Echo erzitterten
+und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken l&ouml;sten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_102" id="page_102"></a>102</span>&bdquo;Schien sie dir sch&ouml;n?&ldquo; fragte Berg, der Riese.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, ich wei&szlig; nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest
+wohl, sie sei die Seejungfrau?&ldquo;</p>
+
+<p>Und wieder sch&uuml;ttelte sie dieselbe t&ouml;richte Lachlust.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen.
+Er hatte die Leiche am hellichten Tage am Strand
+gefunden und war gar nicht erschrocken, aber nachts hatte
+er furchtbare Tr&auml;ume getr&auml;umt. Er sah ein Meer, in
+dem jede Welle einen toten Mann zu seinen F&uuml;&szlig;en rollte.
+Er sah auch alle Inseln der Sch&auml;ren mit Ertrunknen
+bedeckt, die tot waren und dem Meere geh&ouml;rten, aber
+dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm
+drohen mit ihren welken, wei&szlig;en H&auml;nden.</p>
+
+<p>So ging es ihm auch jetzt. Das M&auml;dchen, das er im
+Schilfe gesehen hatte, kam in seinen Tr&auml;umen wieder.
+Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo das
+Sonnenlicht noch gr&uuml;ner war als im Schilf, und er
+hatte Zeit, zu sehen, da&szlig; sie sch&ouml;n war. Er tr&auml;umte, da&szlig;
+er auf der gro&szlig;en Tannenwurzel mitten in dem dunklen
+See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich
+so, da&szlig; er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien
+sie auf den kleinen Inselchen. Sie stand unter den roten
+Ebereschen und lachte ihn aus. Im letzten Traumbild
+brachte er es so weit, da&szlig; sie ihn k&uuml;&szlig;te. Es ward fr&uuml;her
+Morgen, und er h&ouml;rte, da&szlig; Berg aufgestanden war,
+aber er schlo&szlig; hartn&auml;ckig die Augen, um weiter zu tr&auml;umen.
+Als er erwachte, war er ganz wirr und bet&auml;ubt
+von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er
+dachte jetzt viel mehr an das M&auml;dchen, als am Tage
+vorher.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_103" id="page_103"></a>103</span>Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu
+fragen, ob er ihren Namen wisse.</p>
+
+<p>Berg sah ihn pr&uuml;fend an. &bdquo;Vielleicht ist es am besten,
+wenn du es gleich erf&auml;hrst,&ldquo; sagte er. &bdquo;Es war Unn.
+Wir sind Verwandte.&ldquo;</p>
+
+<p>Da wu&szlig;te Tord, da&szlig; um dieser bleichen Maid willen
+Berg, der Riese, friedlos durch Wald und Gebirge zog.
+Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was er von
+ihr wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter
+war tot, so da&szlig; sie das Regiment auf ihres Vaters Hof
+f&uuml;hrte. Dies gefiel ihr, denn sie war herrschs&uuml;chtig, und
+sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen.</p>
+
+<p>Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder,
+und es hie&szlig; schon lange, da&szlig; Berg lieber bei Unn und
+ihren M&auml;gden sa&szlig; und mit ihnen scherzte, als daheim
+auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun
+das gro&szlig;e Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde,
+hatte seine Frau einen M&ouml;nch aus Draksmark eingeladen,
+denn sie wollte, da&szlig; dieser Berg Vorw&uuml;rfe mache,
+weil er sie um einer andern Frau willen vernachl&auml;ssigte.
+Dieser M&ouml;nch war Berg und auch vielen andern wegen
+seines Aussehens verha&szlig;t. Er war sehr feist und ganz
+wei&szlig;. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die
+Augenbrauen &uuml;ber seinen w&auml;sserigen Augen, die Gesichtsfarbe,
+die H&auml;nde und die Kutte, alles war wei&szlig;. Viele
+konnten seinen Anblick kaum ertragen.</p>
+
+<p>Bei der Tafel nun, so da&szlig; alle G&auml;ste es h&ouml;ren konnten,
+sagte dieser M&ouml;nch&nbsp;&ndash; denn er war unerschrocken
+und meinte, da&szlig; seine Worte besser wirken w&uuml;rden, wenn
+viele sie vernahmen&nbsp;&ndash;: &bdquo;Man pflegt zu sagen, da&szlig; der
+Kuckuck der schlechteste der V&ouml;gel ist, weil er seine Jungen
+nicht im eignen Neste aufzieht, aber hier sitzt ein
+Mann, der nicht f&uuml;r Heim und Kinder sorgt, sondern
+seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich
+den schlechtesten der M&auml;nner nennen.&ldquo;&nbsp;&ndash; Da stand
+<span class="pagenum"><a name="page_104" id="page_104"></a>104</span>Unn auf. &bdquo;Dies, Berg, geht auf dich und mich,&ldquo; sagte
+sie. &bdquo;Nie bin ich so beschimpft worden, aber freilich,
+mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.&ldquo; Sie
+wendete sich, um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach.
+&bdquo;R&uuml;hre mich nicht an,&ldquo; rief sie. &bdquo;Nie mehr will ich
+dich sehen.&ldquo; Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte
+sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit
+flammenden Augen geantwortet, das m&uuml;sse er selbst
+am besten wissen. Da ging Berg hin und erschlug den
+M&ouml;nch.</p>
+
+<p>Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken
+versunken, denn nach einem Weilchen sagte Berg: &bdquo;Du
+h&auml;ttest sie, Unn, sehen sollen, als der wei&szlig;e M&ouml;nch
+gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder
+um sich und fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter
+Unn zu, damit sie sich auf ewige Zeiten die einpr&auml;gten,
+die ihren Vater zum M&ouml;rder gemacht hatte. Aber Unn
+stand gelassen da und so sch&ouml;n, da&szlig; die M&auml;nner erbebten.
+Sie dankte mir f&uuml;r die Tat und hie&szlig; mich
+allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich, kein
+R&auml;uber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen,
+als bis ich es f&uuml;r eine ebenso gerechte Sache brauchen
+k&ouml;nnte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Deine Tat hatte sie erh&ouml;ht,&ldquo; sagte Tord.</p>
+
+<p>Hier stand nun Berg vor demselben R&auml;tsel, wor&uuml;ber
+er sich schon fr&uuml;her bei dem Knaben gewundert hatte.
+Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide, er verurteilte
+niemals das, was unrecht war. Er kannte keine
+Verantwortlichkeit. Was geschehen mu&szlig;te, das geschah.
+Gott, Christus und die Heiligen kannte er, aber nur
+dem Namen nach, so wie man die G&ouml;tter fremder L&auml;nder
+kennt. Die Gespenster der Sch&auml;ren waren seine G&ouml;tter.
+An die Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter
+ihn glauben gelehrt.</p>
+
+<p>Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das
+ebenso t&ouml;richt war, als wenn er einen Strick f&uuml;r seinen
+<span class="pagenum"><a name="page_105" id="page_105"></a>105</span>eignen Hals gedreht h&auml;tte. Er stellte dem Unwissenden
+den gro&szlig;en Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit,
+den R&auml;cher der Missetaten, der die Schuldigen in
+ewige Pein hinabst&uuml;rzt. Und er lehrte ihn Christus und
+seine Mutter lieben, und die heiligen M&auml;nner und
+Frauen, die mit gefalteten H&auml;nden vor Gottes Thron
+liegen, um den Zorn des gro&szlig;en R&auml;chers von den s&uuml;ndigen
+Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles, was
+die Menschen tun, um Gottes Zorn zu vers&ouml;hnen. Er
+zeigte ihm die Pilgerscharen, die zu heiligen St&auml;tten
+ziehen, die selbstqu&auml;lerischen B&uuml;&szlig;er und die Flucht der
+M&ouml;nche vom Weltleben.</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend er sprach, wurde der Knabe eifriger und
+blasser, seine Augen &ouml;ffneten sich weit wie vor furchtbaren
+Gesichten. Berg, der Riese, wollte aufh&ouml;ren, aber
+der Strom der Gedanken ri&szlig; ihn fort, und er sprach
+weiter. Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze
+Waldesnacht, in der die K&auml;uzchen schreien. Gott kam
+ihnen so nahe, da&szlig; sie sahen, wie sein Thron die Sterne
+verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die
+Waldwipfel herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die
+Flammen der Unterwelt zu der platten Scheibe der Erde
+empor und beleckten gierig diesen schwanken Zufluchtsort
+qualbedr&uuml;ckter Menschengeschlechter.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm
+wehte. Tord ging allein durch den Wald, um Schlingen
+und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese, sa&szlig;
+daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg
+f&uuml;hrte hinauf zu einer bewaldeten H&ouml;he. Der Pfad war
+breit.</p>
+
+<p>Jeder Windsto&szlig;, der durch die dichten B&auml;ume dringen
+konnte, fegte das trockne Laub in raschelnden Wirbeln
+<span class="pagenum"><a name="page_106" id="page_106"></a>106</span>den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums andre vor,
+als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um.
+Zuweilen blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann
+merkte er, da&szlig; es die Bl&auml;tter und der Wind waren, und
+er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann, h&ouml;rte
+er jemanden auf leisen Sohlen den H&uuml;gel hinauftanzen.
+Kleine Kinderf&uuml;&szlig;e kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister
+spielten hinter ihm. Wenn er sich umwendete, war
+niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust gegen
+die raschelnden Bl&auml;tter und ging weiter. Sie verstummten
+nicht, aber sie nahmen einen andern Ton an. Sie
+begannen hinter ihm zu zischen und zu schnauben. Eine
+gro&szlig;e Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing
+ihr aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend
+von den verschrumpften Bl&auml;ttern ab. Neben der
+Schlange schlich ein Wolf, ein gro&szlig;er, magrer Geselle,
+der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren, wenn
+die Natter sich zwischen seine F&uuml;&szlig;e schl&auml;ngelte und ihn
+in die Ferse stach. Manchmal waren sie beide ganz still,
+wie um ihm unbemerkt zu nahen, aber gleich darauf
+verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen
+schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord
+ging unwillk&uuml;rlich immer rascher, aber die Tiere eilten
+ihm nach. Als er glaubte, da&szlig; sie nur zwei Schritte
+entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er
+sich um. Es war niemand da, und das hatte er die
+ganze Zeit gewu&szlig;t.</p>
+
+<p>Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen.
+Da gaukelten die trocknen Bl&auml;tter zu seinen F&uuml;&szlig;en, wie
+um ihn zu erg&ouml;tzen. Da waren sie, alle Bl&auml;tter des
+Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte
+Ebereschenbl&auml;tter, die trocknen schw&auml;rzlichbraunen Bl&auml;tter
+der Ulme, die z&auml;hen lichtroten der Espe, und die
+goldgr&uuml;nen der Palmweide. Verwandelt und verschrumpft,
+narbig und abgesto&szlig;en waren sie, sehr verschieden
+von den daunenweichen, lichtgr&uuml;nen feingeformten
+<span class="pagenum"><a name="page_107" id="page_107"></a>107</span>Bl&auml;ttchen, die sich vor ein paar Monaten aus den
+Knospen entrollt hatten.</p>
+
+<p>&bdquo;S&uuml;nder,&ldquo; sagte der Knabe, &bdquo;S&uuml;nder, nichts ist rein
+vor Gott. Die Flammen seines Zornes haben euch schon
+erreicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald
+unter sich wogen wie ein sturmgepeitschtes Meer, doch
+unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er h&ouml;rte
+nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll
+Stimmen.</p>
+
+<p>Es klang wie Fl&uuml;stern, wie Klagelieder, wie barsche
+Drohungen, wie dr&ouml;hnende Fl&uuml;che. Es lachte, und es
+klagte, es war wie das L&auml;rmen von vielen Menschen.
+Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und
+zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war,
+machte seine Gedanken wild. Er f&uuml;hlte wieder Todesangst
+wie damals, als er auf dem Boden seiner H&ouml;hle
+lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder
+h&ouml;rte er das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte
+der Volksmenge, das Klirren der Waffen, die dr&ouml;hnenden
+Rufe, das wilde, blutd&uuml;rstige Gemurmel, das aus
+der Menge aufstieg.</p>
+
+<p>Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas
+andres, noch Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten
+konnte, ein Gewirr von Stimmen, die eine fremde
+Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere
+St&uuml;rme als diesen durch das Takelwerk brausen geh&ouml;rt.
+Aber nie zuvor hatte er den Wind auf einer so vielstimmigen
+Harfe spielen h&ouml;ren. Jeder Baum hatte seine
+Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die
+Pappel nicht wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren
+Ton, das Echo jeder Felswand seinen eignen Klang.
+Und das Rieseln der B&auml;che und der Schrei des Fuchses
+mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles
+das konnte er deuten, es ert&ouml;nten andre, wunderbarere
+Laute. Und diese bewirkten es, da&szlig; es anfing, in ihm
+<span class="pagenum"><a name="page_108" id="page_108"></a>108</span>um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen
+und zu jammern.</p>
+
+<p>Er hatte sich immer gef&uuml;rchtet, wenn er allein im
+Waldesdunkel war. Er liebte das offne Meer und die
+nackten Klippen. Zwischen den B&auml;umen schlichen Geister
+und Schatten einher.</p>
+
+<p>Mit einem Male h&ouml;rte er, wer es war, der im Sturme
+sprach. Gott war es, der gro&szlig;e R&auml;cher, der Gott der
+Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes wegen. Er
+verlangte, da&szlig; er den M&ouml;rder des M&ouml;nches seiner Rache
+ausliefere.</p>
+
+<p>Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er
+sagte Gott, was er hatte tun wollen, aber nicht vermocht
+hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten wollen, sich
+mit Gott zu vers&ouml;hnen, aber er war zu sch&uuml;chtern gewesen.
+Die Scheu hatte ihn stumm gemacht. &bdquo;Als ich
+erfuhr, da&szlig; die Erde von einem gerechten Gott gelenkt
+wird,&ldquo; rief er, &bdquo;da erkannte ich, da&szlig; er ein verlorener
+Mann sei. N&auml;chtelang habe ich dagelegen und &uuml;ber
+meinen Freund geweint. Ich wu&szlig;te, da&szlig; Gott ihn finden
+mu&szlig;, wo er sich auch verbergen mag. Aber ich
+vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil
+ich ihn zu sehr liebe. Verlange nicht, da&szlig; ich mit ihm
+spreche, verlange nicht, da&szlig; das Meer sich so hoch wie
+die Berge erhebe.&ldquo;</p>
+
+<p>Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe
+Stimme, die f&uuml;r ihn Gottes Stimme gewesen war. Mit
+einem Male kam Windstille und greller Sonnenschein
+und ein Pl&auml;tschern wie von Rudern und ein leises Rascheln
+wie von steifen Schilfbl&auml;ttern. Diese sanften Laute
+zauberten ihm Unns Bild vor die Seele.&nbsp;&ndash; Der Friedlose
+kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht
+Frauen, nicht Ansehen unter den M&auml;nnern.&nbsp;&ndash; Wenn er
+Berg verriet, kam er wieder unter die Hut der Gesetze.&nbsp;&ndash;
+Aber Unn mu&szlig;te Berg lieben, nach dem, was er f&uuml;r
+sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_109" id="page_109"></a>109</span>Als der Sturm zunahm, h&ouml;rte er wieder Schritte
+hinter sich und ab und zu ein atemloses Keuchen. Jetzt
+wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wu&szlig;te, da&szlig; der
+wei&szlig;e M&ouml;nch hinter ihm war. Er kam von dem Feste
+in Bergs Hause, blutbespritzt mit einer klaffenden
+Wunde in der Stirn. Und er fl&uuml;sterte: &bdquo;Gib ihn an,
+verrate ihn, rette seine Seele. &Uuml;berliefre seinen Leib dem
+Scheiterhaufen, auf da&szlig; seine Seele verschont werde.
+&Uuml;berantworte ihn der langen Qual der Folterbank, auf
+da&szlig; seine Seele Zeit habe, zu bereuen.&ldquo;</p>
+
+<p>Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und
+f&uuml;r sich nichts war, wuchs, da es so unaufh&ouml;rlich seine
+Seele verfolgte, zu etwas Gro&szlig;em, Entsetzlichem an. Er
+wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann, ert&ouml;nte
+wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme
+Gottes war. Gott selbst jagte ihn mit Schrecksch&uuml;ssen,
+damit er den M&ouml;rder ausliefre. Verabscheuungsw&uuml;rdiger
+denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein waffenloser
+Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem
+Stahl durchbohrt worden. Das hie&szlig; dem Herrn der
+Welten trotzen. Und der M&ouml;rder wagte, zu leben. Er
+freute sich des Sonnenlichtes und der Fr&uuml;chte der Erde,
+als ob der Arm des Allm&auml;chtigen zu kurz w&auml;re, um ihn
+zu erreichen.</p>
+
+<p>Er blieb stehen, ballte die F&auml;uste und schrie drohende
+Worte. Dann eilte er wie ein Wahnsinniger aus dem
+Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal hinab.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so
+waren sogleich zehn M&auml;nner bereit, ihm zu folgen. Es
+wurde beschlossen, da&szlig; Tord allein in die H&ouml;hle gehen
+sollte, damit Berg nicht mi&szlig;trauisch werde. Aber unterwegs
+sollte er Erbsen ausstreuen, damit die M&auml;nner den
+Weg finden konnten.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_110" id="page_110"></a>110</span>Als Tord in die H&ouml;hle trat, sa&szlig; der Vogelfreie auf
+der Steinbank und n&auml;hte. Der Feuerschein war matt,
+und die Arbeit schien schlecht vonstatten zu gehen. Das
+Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche
+Berg deuchte ihm arm und ungl&uuml;cklich. Und das einzige,
+was er sein Eigen nannte, das Leben, sollte ihm nun
+genommen werden. Tord begann zu weinen.</p>
+
+<p>&bdquo;Was hast du?&ldquo; fragte Berg. &bdquo;Bist du krank? Bist
+du erschrocken?&ldquo;</p>
+
+<p>Zum ersten Male erz&auml;hlte da Tord von seiner Angst.
+&bdquo;Es war unheimlich im Walde. Ich h&ouml;rte Geister und
+sah Gespenster. Ich sah wei&szlig;e M&ouml;nche.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gottes Tod, Junge!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen
+Weg zum Bredfelsen hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte,
+aber sie kamen mit und sangen. Kann ich das Unwesen
+nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen?
+Ich meine, sie k&ouml;nnten einem die Messe lesen, der es
+n&ouml;tiger hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bist du heute abend ganz toll, Tord?&ldquo;</p>
+
+<p>Tord sprach und wu&szlig;te kaum, welcher Worte er sich
+bediente. Alle Scheu war von ihm gewichen. Unbehindert
+str&ouml;mte die Rede von seinen Lippen.</p>
+
+<p>&bdquo;Es sind lauter wei&szlig;e M&ouml;nche, wei&szlig;, leichenbla&szlig;.
+Alle haben sie Blut auf der Kutte. Sie ziehen die
+Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet doch
+hervor. Die gro&szlig;e, rote, klaffende Wunde nach dem
+Axthieb.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Die gro&szlig;e, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum mu&szlig; ich
+sie sehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das m&ouml;gen die Heiligen wissen, Tord,&ldquo; sagte Berg,
+der Riese, bleich und mit d&uuml;sterm Ernst, &bdquo;was es bedeutet,
+da&szlig; du eine Wunde von einem Axthieb siehst.
+<span class="pagenum"><a name="page_111" id="page_111"></a>111</span>Ich habe den M&ouml;nch mit ein paar Messerstichen get&ouml;tet.&ldquo;</p>
+
+<p>Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die H&auml;nde.
+&bdquo;Sie verlangen dich von mir. Sie wollen mich zwingen,
+dich zu verraten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wer? Die M&ouml;nche?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, gewi&szlig;, die M&ouml;nche. Sie zeigen mir Gesichte.
+Sie zeigen mir sie, Unn. Sie zeigen mir das glitzernde,
+sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die Lagerpl&auml;tze der
+Fischer, wo Tanz und Fr&ouml;hlichkeit herrscht. Ich schlie&szlig;e
+die Augen, aber ich sehe dennoch. La&szlig;t mich in Frieden,
+sage ich. Mein Freund hat gemordet, aber er ist
+nicht b&ouml;se. La&szlig;t mich gehen, und ich will mit ihm sprechen,
+damit er bereut und Bu&szlig;e tut. Er wird seine
+S&uuml;nde gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide
+werden zu den St&auml;tten wallfahrten, die so heilig sind,
+da&szlig; alle S&uuml;nde von dem genommen wird, der ihnen
+naht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was antworteten da die M&ouml;nche?&ldquo; fragte Berg.
+&bdquo;Sie wollen meine Rettung nicht. Sie wollen mich auf
+den Scheiterhaufen und auf die Folterbank bringen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich
+sie,&ldquo; fuhr Tord fort. &bdquo;Er ist mein alles auf Erden.
+Er hat mich vom B&auml;r errettet, dessen Pranken auf
+meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und
+alles Ungemach erduldet. Er hat sein eignes B&auml;renfell
+&uuml;ber mich gebreitet, als ich krank lag. Ich habe Holz
+und Wasser f&uuml;r ihn getragen, ich habe seinen Schlummer
+bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht gef&uuml;hrt.
+Warum glauben sie, da&szlig; ich solch einer bin, der einen
+Freund verr&auml;t? Mein Freund wird bald aus freien
+St&uuml;cken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen
+wir zusammen in das Land der Vers&ouml;hnung.&ldquo;</p>
+
+<p>Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf
+Tords Gesicht. &bdquo;Du sollst selbst zum Priester gehen
+<span class="pagenum"><a name="page_112" id="page_112"></a>112</span>und ihm die Wahrheit sagen,&ldquo; sagte er. &bdquo;Du mu&szlig;t
+wieder hinab zu den Menschen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner
+S&uuml;nde willen verfolgt mich der Tote und alle Schatten.
+Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du hast deine
+Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist
+so wie deines. Es ist mir, als m&uuml;&szlig;te ich mich freuen,
+wenn ich dich an Rad und Galgen s&auml;he. Wohl dem, der
+in dieser Welt seine Strafe empf&auml;ngt und dem k&uuml;nftigen
+Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten
+Gott? Du zwingst mich, dich zu verraten. Hilf
+mir von dieser S&uuml;nde. Gehe zum Priester.&ldquo; Und er
+fiel vor Berg auf die Knie.</p>
+
+<p>Der M&ouml;rder legte die Hand auf seinen Kopf und sah
+ihn an. Er mu&szlig;te seine S&uuml;nde an der Angst des Gef&auml;hrten
+messen. Und sie stand gro&szlig; und grauenvoll vor
+seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen,
+der die Welt lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein
+Herz.</p>
+
+<p>&bdquo;Weh mir, da&szlig; ich tat, was ich getan,&ldquo; sagte er.
+&bdquo;Was meiner harrt, das ist zu schwer, um es freiwillig
+auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den Priestern aus,
+so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern.
+Sie werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist
+nicht dieses Leben des Elends, das wir in Angst und Not
+f&uuml;hren, Bu&szlig;e genug? Habe ich nicht Hof und Heim
+verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von
+allem, was eines Mannes Freude ist? Wessen bedarf
+es noch?&ldquo;</p>
+
+<p>Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen
+auf. &bdquo;Kannst du bereuen?&ldquo; rief er. &bdquo;K&ouml;nnen meine
+Worte dein Herz r&uuml;hren? O, dann komm gleich! Wie
+konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch
+ist es Zeit!&ldquo;</p>
+
+<p>Berg, der Riese, sprang auch auf. &bdquo;Du hast es also
+getan&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_113" id="page_113"></a>113</span>&bdquo;Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt
+rasch, da du bereuen kannst! Sie werden uns ziehen
+lassen! Wir m&uuml;ssen ihnen entkommen!&ldquo;</p>
+
+<p>Da beugte sich der M&ouml;rder zum Boden herab, wo
+seine von den V&auml;tern ererbte Streitaxt zu seinen F&uuml;&szlig;en
+lag. &bdquo;Du Sohn eines Diebes,&ldquo; sagte er, die Worte
+hervorzischend. &bdquo;Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut
+gewesen.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt b&uuml;ckte,
+da wu&szlig;te er, da&szlig; es nun sein Leben galt. Er ri&szlig; seine
+eigne Axt aus dem G&uuml;rtel und schlug nach Berg, ehe
+dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr
+zischend durch die Luft und drang in den herabgebeugten
+Kopf. Berg, der Riese, fiel mit dem Kopfe nach vorn
+zu Boden, der ganze K&ouml;rper taumelte nach. Blut und
+Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In
+dem struppigen Haar sah Tord ein gro&szlig;es, rotes, klaffendes
+Loch nach einem Axthieb.</p>
+
+<p>Jetzt st&uuml;rzten die Bauern herein. Sie freuten sich
+und priesen die Tat.</p>
+
+<p>&bdquo;Jetzt steht deine Sache gut,&ldquo; sagten sie zu Tord.</p>
+
+<p>Tord sah auf seine H&auml;nde herab, als s&auml;he er da die
+Fesseln, mit denen er herangeschleift worden war, um
+den zu t&ouml;ten, den er liebte. Sie waren wie die des
+Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den gr&uuml;nen
+Lichtern des Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten,
+aus dem Gesang des Sturmes, aus dem Rascheln des
+Laubes, aus dem Zauber der Tr&auml;ume waren sie gewoben.
+Und er sagte laut: &bdquo;Gott ist gro&szlig;!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber wieder verfiel er in seine fr&uuml;hern Gedanken.
+Er sank neben der Leiche auf die Knie und legte seinen
+Arm unter den Kopf des Freundes.</p>
+
+<p>&bdquo;Tut ihm nichts zuleide,&ldquo; sagte er. &bdquo;Er bereut, er
+will zum Heiligen Grabe pilgern. Er ist nicht tot, aber
+fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit, zu gehen,
+da fiel er. Der wei&szlig;e M&ouml;nch wollte wohl nicht, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_114" id="page_114"></a>114</span>er bereue, aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt
+die Reue.&ldquo;</p>
+
+<p>Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte
+und flehte den Toten an, aufzuwachen. Die Bauern
+bereiteten aus einigen Speeren eine Bahre. Sie wollten
+die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie
+hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in
+seiner N&auml;he. Als sie ihn auf die Bahre hoben, stand Tord
+auf, sch&uuml;ttelte die Haare aus dem Gesicht und sprach
+mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte:</p>
+
+<p>&bdquo;So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum M&ouml;rder
+machte, da&szlig; er von Tord, dem Fischer, dessen Vater
+ein Wrackpl&uuml;nderer und dessen Mutter eine Hexe ist,
+erschlagen ward, weil er ihn lehrte, da&szlig; die Grundfeste
+dieser Erde Gerechtigkeit hei&szlig;t.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr5" id="nr5"></a><a href="#inhalt">Reors Geschichte</a></h2>
+
+
+<p>War da ein Mann, der hie&szlig; Reor. Er war aus Fuglek&auml;rr
+im Kirchspiel Svarteborg und galt f&uuml;r den besten
+Sch&uuml;tzen der Gegend. Er wurde getauft, als K&ouml;nig Olof
+die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein
+eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm,
+sch&ouml;n, aber nicht hochgewachsen, stark, aber sanft. Er
+z&auml;hmte junge Fohlen mit Blick und Wort allein, und
+er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen V&ouml;glein
+an sich locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf,
+und die Natur hatte gro&szlig;e Macht &uuml;ber ihn. Das Wachstum
+der Pflanzen und das Knospen der B&auml;ume, das
+Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung
+des Barsches in dem abendstillen See, der Kampf der
+Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung, dies waren
+die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und
+<span class="pagenum"><a name="page_115" id="page_115"></a>115</span>Freude bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter
+den Menschen zutrug.</p>
+
+<p>Eines Tages tat der geschickte J&auml;ger einen guten Fang.
+Er traf im tiefen Waldesdickicht einen alten B&auml;ren und
+erlegte ihn mit einem einzigen Schu&szlig;. Die scharfe Spitze
+des gro&szlig;en Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen,
+und er sank dem J&auml;ger tot zu F&uuml;&szlig;en. Es war Sommer,
+und der Pelz des B&auml;ren war weder dicht noch glatt,
+dennoch zog der Sch&uuml;tze ihn ab, rollte ihn zu einem
+harten B&uuml;ndel zusammen und ging mit dem B&auml;renfell
+auf dem R&uuml;cken weiter.</p>
+
+<p>Er war noch nicht lange gewandert, als er einen &uuml;beraus
+starken Honigduft versp&uuml;rte. Der kam von den kleinen,
+bl&uuml;henden Pflanzen, die den Boden bedeckten. Sie
+wuchsen auf d&uuml;nnen Stielen, hatten lichtgr&uuml;ne, glatte
+Bl&auml;tter, die sehr sch&ouml;n ge&auml;dert waren, und auf der Spitze
+des Stengels ein kleines B&uuml;schelchen, das dicht mit wei&szlig;en
+Bl&uuml;ten besetzt war. Die kleinen Kronen waren nach
+winzigem Ma&szlig;stabe geraten, doch aus ihnen ragte eine
+kleine B&uuml;rste von Stempeln auf, deren bl&uuml;tenstaubgef&uuml;llte
+Kn&ouml;pfchen auf wei&szlig;en Saiten zitterten. Reor
+dachte, w&auml;hrend er so unter ihnen einherging, da&szlig; diese
+Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel
+standen, Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten.
+Der starke honigs&uuml;&szlig;e Duft war ihr Ruf, der
+verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die
+B&auml;ume und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag
+etwas Be&auml;ngstigendes in dem schweren Duft. Die Blumen
+hatten ihre Becher gef&uuml;llt und ihre Tischlein gedeckt,
+der gefl&uuml;gelten G&auml;ste harrend, aber niemand kam. Sie
+sehnten sich zu Tode in ihrer tr&uuml;ben Einsamkeit in dem
+dunkeln, windstillen Waldesdickicht. Sie schienen schreien
+und jammern zu wollen, weil die sch&ouml;nen Schmetterlinge
+nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo die
+Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es
+ihn, als s&auml;ngen sie zusammen ein eint&ouml;niges Lied:
+<span class="pagenum"><a name="page_116" id="page_116"></a>116</span>&bdquo;Kommt, ihr sch&ouml;nen G&auml;ste, kommt heute, denn morgen
+sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen
+Laub.&ldquo;</p>
+
+<p>Doch es sollte Reor verg&ouml;nnt sein, das frohe Ende
+des Blumenm&auml;rchens zu sehen. Er vernahm hinter sich
+ein Flattern wie das allerleiseste L&uuml;ftchen und sah einen
+wei&szlig;en Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken
+St&auml;mmen umherirren. Unruhig suchend flog er hin und
+wieder, als w&uuml;&szlig;te er den Weg nicht. Er war nicht
+allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im
+Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der wei&szlig;beschwingten
+Honigsucher versammelt war. Aber der erste
+war der Anf&uuml;hrer, und er fand, vom Dufte geleitet, die
+Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer
+herangest&uuml;rmt. Es st&uuml;rzte sich auf die sehns&uuml;chtigen Blumen,
+wie der Sieger sich auf die Beute st&uuml;rzt. Wie ein
+Schneefall von wei&szlig;en Fl&uuml;geln senkten sie sich auf sie
+herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um
+jede Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.</p>
+
+<p>Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm
+der honigs&uuml;&szlig;e Duft auf dem Fu&szlig;e, wohin er auch ging.
+Und er empfand, da&szlig; sich drinnen im Walde eine Sehnsucht
+verbarg, st&auml;rker als die der Blumen. Da&szlig; da
+etwas war, was ihn zu sich zog, so wie die Blumen die
+Schmetterlinge angelockt hatten. Er ging mit einer stillen
+Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines gro&szlig;en
+unbekannten Gl&uuml;ckes. Das einzige, was ihn &auml;ngstigte,
+war, ob er auch den Weg zu diesem finden konnte, was
+sich nach ihm sehnte.</p>
+
+<p>Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine wei&szlig;e
+Schlange. Er b&uuml;ckte sich, um das gl&uuml;ckbringende Tier
+aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den H&auml;nden
+und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen
+und lag still, doch als der Sch&uuml;tze wieder nach
+ihr griff, glitt sie so glatt wie Eis zwischen seinen Fingern
+durch. Nun war Reor ganz und gar darauf erpicht,
+<span class="pagenum"><a name="page_117" id="page_117"></a>117</span>das kl&uuml;gste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange
+nach, konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn
+von dem Pfade fort auf den ungebahnten Waldboden.</p>
+
+<p>Dieser war mit F&ouml;hren bestanden, und in einem F&ouml;hrenwalde
+findet man selten Rasen. Aber jetzt verschwand
+pl&ouml;tzlich das trockne Moos und die braunen Nadeln, Farrenkr&auml;uter
+und Prei&szlig;elbeerb&uuml;sche zogen sich zur&uuml;ck, und
+Reor f&uuml;hlte seidenweiches Gras unter seinen F&uuml;&szlig;en.
+&Uuml;ber der gr&uuml;nen Matte zitterten federleichte Blumenrispen
+auf sanftgeneigten Stengeln, und zwischen den
+langen schmalen Bl&auml;ttern zeigten sich die kleinen, halberbl&uuml;hten
+Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz
+kleine Stelle, und dar&uuml;ber breiteten die hochst&auml;mmigen
+F&ouml;hren ihre knorrigen, braunen &Auml;ste mit dichten Nadelb&uuml;scheln.
+Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen
+viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend
+hei&szlig;.</p>
+
+<p>Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine
+Felswand lotrecht aus dem Boden. Sie lag im hellen
+Sonnenschein, und man sah deutlich die moosigen Steinfl&auml;chen,
+die frischen Br&uuml;che, da wo der Winterfrost zuletzt
+gewaltige Bl&ouml;cke gel&ouml;st hatte, die gro&szlig;en Stauden
+Steinwurz, die die braunen Wurzeln in erdgef&uuml;llte Spalten
+dr&auml;ngten, und die zollbreiten Abs&auml;tze, wo die S&auml;ulenflechte
+ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und eine
+grasgr&uuml;ne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen
+grauen M&uuml;tzen erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.</p>
+
+<p>Diese Felswand schien in allen St&uuml;cken jeder andern
+Felswand zu gleichen, aber Reor bemerkte sogleich, da&szlig;
+er gerade vor die Giebelwand einer Riesenbehausung gekommen
+war, und er entdeckte unter Moos und Flechten
+die gro&szlig;en Angeln, auf denen das Steintor des Berges
+sich drehte.</p>
+
+<p>Er glaubte jetzt, da&szlig; die Schlange sich in das Gras
+verkrochen habe, um sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt
+<span class="pagenum"><a name="page_118" id="page_118"></a>118</span>in den Felsen schl&uuml;pfen konnte, und er gab die
+Hoffnung auf, sie zu fangen. Er sp&uuml;rte jetzt wieder den
+honigs&uuml;&szlig;en Duft der sehns&uuml;chtigen Blumen und merkte,
+da&szlig; hier oben unter der Bergwand eine erstickende Hitze
+herrschte. Es war auch seltsam still: kein Vogel r&uuml;hrte
+sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte
+alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung
+zu warten und zu lauschen. Reor war gleichsam in ein
+Gemach gekommen, wo er nicht allein war, obgleich er
+niemanden sah. Er hatte das Gef&uuml;hl, als ob jemand ihn
+beobachtete, es war ihm, als w&uuml;rde er erwartet. Er empfand
+keine Angst, nur ein wohliger Schauer durchrieselte
+ihn, so, als sollte er bald etwas &uuml;beraus Sch&ouml;nes zu
+sehen bekommen.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange.
+Sie hatte sich nicht versteckt, sie war vielmehr auf einen
+der Bl&ouml;cke gekrochen, die der Frost von der Felswand abgesprengt
+hatte. Und dicht unter der wei&szlig;en Schlange sah
+er den lichten Leib eines M&auml;dchens, das im weichen Grase
+lag und schlief. Sie lag ohne andre Decke, als ein paar
+spinnwebd&uuml;nne Schleier, gerade als h&auml;tte sie sich dort
+hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im Elfenreigen
+getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden,
+federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch
+&uuml;ber der Schlafenden, so da&szlig; Reor nur undeutlich die
+weichen Linien ihres K&ouml;rpers gewahren konnte. Er trat
+auch nicht n&auml;her, um besser zu sehen, aber sein gutes
+Messer zog er aus der Scheide und warf es zwischen das
+M&auml;dchen und die Felswand, damit die den Stahl f&uuml;rchtende
+Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen konnte,
+wenn sie erwachte.</p>
+
+<p>Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen.
+Eines wu&szlig;te er sogleich, das M&auml;gdlein, das hier schlief,
+wollte er besitzen; aber noch war er nicht recht einig mit
+sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte.</p>
+
+<p>Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser
+<span class="pagenum"><a name="page_119" id="page_119"></a>119</span>kannte als die der Menschen, dem gro&szlig;en ernsten Walde
+und dem strengen Berge. &bdquo;Sieh,&ldquo; sagten sie, &bdquo;dir, der
+du die Wildnis liebst, geben wir unsre sch&ouml;ne Tochter.
+Besser ziemt sie dir als die T&ouml;chter der Ebene. Reor,
+bist du der edelsten Gabe w&uuml;rdig?&ldquo;</p>
+
+<p>Da dankte er in seinem Herzen der gro&szlig;en wohlt&auml;tigen
+Natur und beschlo&szlig;, das M&auml;dchen zu seiner Frau zu
+machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da er dachte,
+da&szlig; sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen
+hatte, sich bei dem Gedanken, da&szlig; sie so unverh&uuml;llt
+dagelegen habe, sch&auml;men w&uuml;rde, l&ouml;ste er die B&auml;renhaut
+von seinem R&uuml;cken, entrollte das steife Fell und
+warf den grauen zottigen Pelz des alten B&auml;ren &uuml;ber sie.</p>
+
+<p>Doch als er dies tat, erdr&ouml;hnte hinter der Felswand
+ein Lachen, von dem die Erde erzitterte. Es klang nicht
+wie Hohn, nur so, als h&auml;tte jemand in gro&szlig;er Angst
+gewartet, der lachen mu&szlig;te, als er ganz pl&ouml;tzlich davon
+befreit wurde. Die furchtbare Stille und die dr&uuml;ckende
+Hitze hatten nun auch ein Ende. &Uuml;ber das Gras schwebte
+ein erquickender Wind, und die Nadeln begannen ihren
+rauschenden Gesang. Der gl&uuml;ckliche J&auml;ger f&uuml;hlte, da&szlig;
+der ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe,
+wie die Tochter der Wildnis von dem Menschensohn behandelt
+werden w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Die Schlange schl&uuml;pfte jetzt in das hohe Gras; aber
+die Schlummernde lag in Zauberschlaf versunken und
+regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die grobe B&auml;renhaut,
+so da&szlig; nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte.
+Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten
+Riesen im Berge war, war sie doch zart und fein gebaut,
+und der starke Sch&uuml;tze hob sie in seine Arme und
+trug sie fort durch den Wald.</p>
+
+<p>Nach einem Weilchen f&uuml;hlte er, wie jemand seinen
+breitrandigen Hut abhob. Da sah er auf und merkte, da&szlig;
+des Riesen Tochter erwacht war. Sie sa&szlig; ganz ruhig in
+seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann
+<span class="pagenum"><a name="page_120" id="page_120"></a>120</span>aussah, der sie trug. Er lie&szlig; sie gew&auml;hren, er machte
+gr&ouml;&szlig;re Schritte, aber sagte nichts.</p>
+
+<p>Da mu&szlig;te sie wohl gemerkt haben, wie hei&szlig; ihm die
+Sonne auf den Kopf brannte, nachdem sie ihm den Hut
+abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum &uuml;ber seinen
+Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm
+nicht auf, sondern hielt ihn so, da&szlig; sie immerzu in sein
+Gesicht sehen konnte. Da deuchte es ihn, da&szlig; er nichts
+zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm trug er sie
+hinab zu seiner Mutter H&uuml;tte. Doch sein ganzes Wesen
+durchbebte Gl&uuml;ckseligkeit, und als er auf der Schwelle
+seines Heims stand, da sah er, wie die wei&szlig;e Schlange,
+die Gl&uuml;ck ins Haus bringt, unter die Grundmauer
+schl&uuml;pfte.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr6" id="nr6"></a><a href="#inhalt">Waldemar Attertag brandschatzt Visby</a></h2>
+
+
+<p>In dem Fr&uuml;hling, in dem Hellquists gro&szlig;es Bild
+&bdquo;Waldemar Attertag brandschatzt Visby&ldquo; im Kunstverein
+ausgestellt war, kam ich an einem stillen Vormittag
+hinauf, ohne zu ahnen, da&szlig; dieses Kunstwerk sich
+da befand. Die gro&szlig;e, farbenreiche Leinwand mit den
+vielen Gestalten machte schon beim ersten Anblick einen
+au&szlig;erordentlichen Eindruck. Ich konnte kein andres Bild
+ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte
+mich nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe
+Stunde lang lebte ich das Leben des Mittelalters.</p>
+
+<p>Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem
+Marktplatz von Visby abspielte. Ich sah die Bierbottiche,
+die sich mit dem goldnen Trank zu f&uuml;llen begannen, den
+K&ouml;nig Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich
+rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn
+mit dem Pagen, der unter seinen Gold- und Silbersch&uuml;sseln
+fast zusammenbricht, den jungen B&uuml;rger, der
+<span class="pagenum"><a name="page_121" id="page_121"></a>121</span>die Faust gegen den K&ouml;nig ballt, den M&ouml;nch mit dem
+scharfen Antlitz, das forschend die Majest&auml;t betrachtet,
+den zerlumpten Bettler, der sein Scherflein opfert, die
+Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist, den K&ouml;nig
+auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem
+schmalen G&auml;&szlig;chen heranw&auml;lzt, die hohen Hausgiebel und
+die zerstreuten Gruppen trotziger Soldaten und halsstarriger
+B&uuml;rger.</p>
+
+<p>Aber pl&ouml;tzlich merkte ich, da&szlig; die Hauptgestalt des
+Bildes nicht der K&ouml;nig ist, nicht einer der B&uuml;rger, sondern
+der eine der eisengepanzerten Schildtr&auml;ger des K&ouml;nigs,
+der mit dem gesenkten Visier.</p>
+
+<p>In diese Gestalt hat der K&uuml;nstler eine seltsame Kraft
+gelegt. Man sieht nicht das geringste von ihm selbst, der
+ganze Mann ist Eisen und Stahl, und doch macht er den
+Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,&ldquo; sagt er.
+&bdquo;Ich bin es, der Visby brandschatzt. Ich bin kein Mensch,
+ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe meine Lust an
+Qualen und Grausamkeit. M&ouml;gen sie einander nur peinigen.
+Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu
+Visby.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh,&ldquo; spricht er zu dem Betrachter, &bdquo;kannst du
+nicht sehen, da&szlig; ich hier Herr bin? Soweit dein Auge
+reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die einander
+qu&auml;len. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr
+Gold aus. Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen.
+Und die Begierde der Siegesherren wird immer wilder,
+je mehr Gold sie hervorpressen k&ouml;nnen. Was sind D&auml;nemarks
+K&ouml;nig und seine Soldaten andres als meine Diener,
+wenigstens f&uuml;r diesen Tag? Morgen werden sie zur
+Kirche gehen oder in friedlicher Zwiesprach in den Schenken
+sitzen oder vielleicht auch gute V&auml;ter sein im eignen
+Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie B&ouml;sewichte
+und Gewaltt&auml;ter.&ldquo;</p>
+
+<p>Und je l&auml;nger man ihm zuh&ouml;rt, desto besser versteht
+<span class="pagenum"><a name="page_122" id="page_122"></a>122</span>man, was das Bild ist: nichts andres als eine Illustration
+der alten M&auml;r, wie Menschen einander qu&auml;len k&ouml;nnen.
+Kein vers&ouml;hnender Zug ist da, nur grausame Gewalt.
+Und trotziger Ha&szlig; und hoffnungsloses Leiden.</p>
+
+<p>Es ist doch so, da&szlig; diese drei Br&auml;ukufen gef&uuml;llt werden
+m&uuml;ssen, auf da&szlig; Visby nicht gepl&uuml;ndert und einge&auml;schert
+werde. Warum kommen sie nicht, diese Hanseaten, in
+flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen
+nicht herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit
+seinem Becher, der Priester mit dem Reliquienschrein,
+eifrig, gl&uuml;hend von Opfermut? &bdquo;F&uuml;r dich, f&uuml;r dich,
+unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn
+es sich um dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser
+Ruhm! Nimm zur&uuml;ck, was du uns gegeben hast!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war
+es auch nicht. Keine Begeisterung, nur Zwang, nur geb&auml;ndigter
+Trotz, nur Jammer. Das Gold ist ihnen alles,
+Frauen und M&auml;nner seufzen &uuml;ber dies Gold, von dem sie
+sich trennen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh sie an!&ldquo; spricht die Gewalt, die auf den Stufen
+des Thrones steht. &bdquo;Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu
+opfern. Mag, wer da will, mit ihnen Mitleid haben!
+Geizig, gewinns&uuml;chtig, &uuml;berm&uuml;tig sind sie! Sie sind um
+nichts besser als der gierige R&auml;uber, den ich gegen sie
+ausgesandt habe.&ldquo;</p>
+
+<p>Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet
+es ihr so gro&szlig;es Leid, ihr Gold herzugeben! Oder
+ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie des Jammers Urheberin?
+Ist sie die, welche die Stadt verraten hat?
+Ja, sie ist es, die K&ouml;nig Waldemars Liebste gewesen.
+Es ist Jung-Hansens Tochter.</p>
+
+<p>Sie wei&szlig; wohl, da&szlig; sie ihr Gold nicht auszuliefern
+braucht. Ihres Vaters Haus wird dennoch nicht gepl&uuml;ndert,
+aber sie hat zusammengerafft, was sie besitzt und
+bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie
+<span class="pagenum"><a name="page_123" id="page_123"></a>123</span>von all dem Elend, das sie gesehen, &uuml;berw&auml;ltigt worden
+und in grenzenloser Verzweiflung zu Boden gesunken.</p>
+
+<p>Frisch und fr&ouml;hlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle,
+der voriges Jahr in ihres Vaters Haus
+diente. Herrlich war es, an seiner Seite &uuml;ber diesen selben
+Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den
+Giebeln hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete.
+Stolz war sie auf ihn gewesen, stolz auf ihren Vater,
+stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da, von Jammer
+gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt
+und grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung
+&uuml;ber die Stadt gebracht hat, ist er derselbe, der
+ihr z&auml;rtliche Worte zugefl&uuml;stert hat? Schlich sie sich
+zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht
+ihres Vaters Schl&uuml;ssel stahl und das Stadttor &ouml;ffnete?
+Und als sie ihren Goldschmiedegesellen als einen gewappneten
+Ritter traf mit einem stahlgepanzerten Heere hinter
+sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht wahnsinnig,
+da sie die st&auml;hlerne Flut sich durch das Tor w&auml;lzen sah,
+das sie ge&ouml;ffnet hatte? Zu sp&auml;t deine Klagen, o Jungfrau!
+Warum liebtest du den Feind deiner Stadt? Gefallen
+ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum
+st&uuml;rztest du dich nicht mitten im Tore nieder und lie&szlig;est
+dich von den eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest
+du leben, um den Verbrecher von des Himmels Blitzen
+getroffen zu sehen?</p>
+
+<p>O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und
+sch&uuml;tzt ihn. An heiligern Dingen als einer leichtgl&auml;ubigen
+Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal Gottes
+heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine
+bricht er aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe
+zu f&uuml;llen.</p>
+
+<p>Da &auml;ndern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung.
+Blindes Entsetzen packt alles Lebende. Der wildeste
+Kriegsknecht erbleicht, die B&uuml;rger wenden ihren Blick
+zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle
+<span class="pagenum"><a name="page_124" id="page_124"></a>124</span>erbeben, au&szlig;er der Gewalt auf den Stufen des Thrones
+und dem K&ouml;nig, der ihr Diener ist.</p>
+
+<p>Ich w&uuml;nschte, der K&uuml;nstler lebte noch, so da&szlig; er mich
+hinab zum Hafen von Visby f&uuml;hren und mir diese selben
+B&uuml;rger zeigen k&ouml;nnte, als sie mit den Blicken der fortsegelnden
+Flotte folgten. Sie rufen Verw&uuml;nschungen
+&uuml;ber die Wogen hin. &bdquo;Vernichtet sie,&ldquo; rufen sie, &bdquo;vernichtet
+sie! O Meer, du unser Freund, nimm unsre
+Sch&auml;tze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter
+den Gottlosen, unter den Treulosen!&ldquo;</p>
+
+<p>Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt,
+die auf dem k&ouml;niglichen Schiffe steht, nickt zustimmend.
+&bdquo;So ist es gut,&ldquo; sagt sie, &bdquo;verfolgen und
+verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. M&ouml;ge der Sturm
+und das Meer die r&auml;uberische Flotte zerst&ouml;ren und die
+Sch&auml;tze meines k&ouml;niglichen Dieners an sich raffen! Desto
+fr&uuml;her ist es uns beschieden, auf neue Verheerungsz&uuml;ge
+auszuziehen!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die B&uuml;rger auf dem Strande wenden sich um
+und sehen zu ihrer Stadt empor. Feuerflammen sind
+dort aufgelodert, Pl&uuml;nderung ist &uuml;ber sie hingezogen,
+hinter zersprungenen Scheiben g&auml;hnen verw&uuml;stete Wohnst&auml;tten.
+Geschw&auml;rzte Giebel sehen sie, gesch&auml;ndete Kirchen,
+blutige Leichen liegen in den engen G&auml;&szlig;chen, und
+vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die Stadt.
+Sollen sie alledem ohnm&auml;chtig gegen&uuml;berstehen? Gibt
+es niemanden, den ihre Rache erreichen kann, niemanden,
+den sie ihrerseits qu&auml;len und vernichten k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus
+ist nicht gepl&uuml;ndert, nicht verbrannt. Was ist das? War
+er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht den Schl&uuml;ssel
+zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam?
+O du, Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das
+bedeuten?</p>
+
+<p>Dort auf dem K&ouml;nigsschiffe steht die Gewalt und betrachtet
+ihren k&ouml;niglichen Diener, unter dem Visier l&auml;chelnd.
+<span class="pagenum"><a name="page_125" id="page_125"></a>125</span>H&ouml;re den Sturm, Herr, h&ouml;re den Sturm! Das
+Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf
+dem Meeresgrunde ruhen. Und sieh zur&uuml;ck auf Visby,
+mein hoher Herr! Das Weib, das du betrogst, wird
+zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer
+gef&uuml;hrt. H&ouml;rst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend
+und wehklagend? Sieh, sieh, die Maurer kommen
+mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen kommen
+mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle!</p>
+
+<p>O K&ouml;nig, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby
+vorgeht, mu&szlig;t du doch h&ouml;ren und wissen, was dort geschieht.
+Du bist ja nicht von Stahl und Eisen wie die
+Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters d&uuml;stre Tage
+kommen und du unter dem Schatten des Todes lebst,
+dann wird das Bild von Jung-Hansens Tochter vor
+deine Erinnerung treten.</p>
+
+<p>Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung
+zusammensinken sehen. Du wirst sie dahinziehen
+sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten unter
+Glockengel&auml;ute und Hymnengesang. Sie ist schon tot
+in den Augen des Volkes. Tot f&uuml;hlt sie sich in ihrem
+Innersten, get&ouml;tet von allem, was sie geliebt. Du wirst
+sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine
+einf&uuml;gt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und
+das Volk h&ouml;ren, wie es mit seinen Steinen herbeieilt.
+&bdquo;O Maurer, nimm meinen, nimm meinen! Bediene
+dich meines Steines zum Rachewerk! La&szlig; meinen Stein
+mit dabei sein, Jung-Hansens Tochter von Licht und
+Luft abzuschlie&szlig;en! Gefallen ist Visby, das herrliche
+Visby! Gott segne eure H&auml;nde, Maurer! La&szlig; mich mit
+dabei sein und die Rache vollziehen!&ldquo;</p>
+
+<p>Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken l&auml;uten
+wie &uuml;ber einer Toten.</p>
+
+<p>O Waldemar, K&ouml;nig von D&auml;nemark, auch dein Los
+wird es sein, dem Tode zu begegnen, dann wirst du auf
+deinem Bette liegen und vieles h&ouml;ren und sehen und
+<span class="pagenum"><a name="page_126" id="page_126"></a>126</span>dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren
+mit der Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du
+h&ouml;ren. Wo sind sie dann, die heiligen Glocken, die die
+Marter der Seele &uuml;bert&ouml;nen? Wo sind sie, die weiten
+Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade f&uuml;r dich
+flehen? Wo ist die von Wohllaut erzitternde Luft, die
+die Seele hin zu Gottes Gefilden f&uuml;hrt?</p>
+
+<p>O hilf, Esrom, hilf, Sor&ouml;, und du, gro&szlig;e Glocke in
+Lund!</p>
+
+<hr />
+
+<p>Welch d&uuml;stre Geschichte erz&auml;hlt nicht dieses Bild! Es
+war ein wunderliches, fremdes Gef&uuml;hl, wieder in den
+K&ouml;nigsgarten zu treten, in den strahlenden Sonnenschein
+unter lebende Menschen.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr7" id="nr7"></a><a href="#inhalt">Mamsell Friederike</a></h2>
+
+
+<p>Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht.</p>
+
+<p>Die Kobolde hoben die Felsbl&ouml;cke auf hohe Golds&auml;ulen
+und feierten Mittwinterfest. Die Heinzelm&auml;nnchen
+tanzten in neuen roten M&uuml;tzen um die Weihnachtsgr&uuml;tze.
+Alte G&ouml;tter zogen in grauen Unwetterm&auml;nteln
+&uuml;ber das Himmelsgew&ouml;lbe. Und auf dem &Ouml;sterhaninger
+Kirchhof stand das H&ouml;llenpferd. Es scharrte mit den
+Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz
+f&uuml;r ein neues Grab.</p>
+
+<p>Nicht weit davon auf dem alten Schlo&szlig; &Aring;rsta lag
+Mamsell Friederike und schlief. &Aring;rsta ist, wie man wei&szlig;,
+ein altes Gespensterschlo&szlig;, aber Mamsell Friederike schlief
+einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt geworden,
+und recht m&uuml;de nach vielen schweren Arbeitstagen
+und vielen langen Reisen&nbsp;&ndash; sie war ja beinahe
+rings um die Erde gefahren&nbsp;&ndash; darum war sie in ihr
+Kindheitsheim zur&uuml;ckgekehrt, um Ruhe zu finden.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_127" id="page_127"></a>127</span>Vor dem Schlo&szlig; t&ouml;nte eine kecke Fanfare in die Nacht
+hinaus. Der Tod hatte sich auf sein R&ouml;&szlig;lein Grau gesetzt
+und war zum Schlo&szlig;tor geritten. Sein weiter Purpurmantel
+und der stolze Federbusch des Hutes wehten
+im Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schw&auml;rmerisches
+Herz bezwingen, darum trat er in so seltnem
+Staat auf. Vergebliche M&uuml;he, Herr Ritter, vergebliche
+M&uuml;he! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame
+schl&auml;ft. Eine bessere Gelegenheit mu&szlig;t du suchen und
+geeignetere Stunde. Laure ihr auf, wenn sie zur Fr&uuml;hmette
+f&auml;hrt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf dem
+Kirchweg!</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten
+Heim. Niemand konnte die s&uuml;&szlig;e Ruhe besser als
+sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war sie eben in
+einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von
+Jesus und den Hirten erz&auml;hlt, erz&auml;hlt, bis ihre Augen
+strahlten und ihr ganzes verwelktes Gesicht wie verkl&auml;rt
+war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch niemanden,
+der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden
+hatte. Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die
+kleinen, feinen H&auml;ndchen und das kluge freundliche Gesicht,
+wollte im Gegenteil dieses Bild seinem Ged&auml;chtnis
+einpr&auml;gen als die wundersch&ouml;nste Erinnerung.</p>
+
+<p>In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter
+andern Reliquien und Erinnerungen ein kleiner trockner
+Strauch. Das war die Jerichorose, die Mamsell Friederike
+aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte.
+Jetzt in der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst
+zu bl&uuml;hen. Die trocknen Zweige bedeckten sich mit roten
+Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten und das ganze
+Zimmer erleuchteten.</p>
+
+<p>Bei dem Schein dieser Funken sah man, da&szlig; eine
+kleine und zarte, aber recht alte Dame in einem gro&szlig;en,
+<span class="pagenum"><a name="page_128" id="page_128"></a>128</span>gelben Fauteuil sa&szlig; und Salon hielt. Es konnte nicht
+Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in
+guter Ruh, und dennoch war sie es. Sie sa&szlig; da und
+hielt Empfang f&uuml;r Erinnerungen, das Zimmer war voll
+von ihnen. Menschen und Heime und Gegenst&auml;nde und
+Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen
+und Jugenderinnerungen, Liebe und Tr&auml;nen,
+Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn, alles kam
+auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasa&szlig; und alle
+mit einem g&uuml;tigen L&auml;cheln ansah. Sie hatte ein scherzendes
+oder wehm&uuml;tiges Wort f&uuml;r sie alle.</p>
+
+<p>Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und
+Form. Und so wie man erst da des Himmels Sterne
+sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was man
+tags&uuml;ber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im
+Schein der roten Knospen der Jerichorose eine Menge
+wunderlicher Gestalten in Mamsell Friederikens Salon
+sehen. Da war die steife &bdquo;<span class="antiqua">ma ch&egrave;re m&egrave;re</span>&ldquo;, die gutm&uuml;tige
+Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem
+Abendland, die schw&auml;rmerische Nina, die energische k&auml;mpfende
+Herta in ihrem wei&szlig;en Kleid.</p>
+
+<p>&bdquo;Kann mir jemand sagen, warum dieses Gesch&ouml;pf
+immer wei&szlig; gekleidet sein mu&szlig;?&ldquo; scherzte die kleine Gestalt
+im Fauteuil, als sie sie erblickte.</p>
+
+<p>Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und
+sagten: &bdquo;Sieh, wie viel du geschaut und erfahren, wie
+viel du gewirkt und gen&uuml;tzt hast! Bist du nicht m&uuml;de,
+willst du nicht zur Ruhe gehen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Noch nicht,&ldquo; antwortete der Schatten in dem gelben
+Fauteuil, &bdquo;ich habe noch ein Buch zu schreiben. Ich
+kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose
+erlosch, und der gelbe Fauteuil stand leer.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_129" id="page_129"></a>129</span>In der &Ouml;sterhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse.
+Einer von ihnen stieg zu den Glocken hinauf
+und l&auml;utete das Christfest ein, ein anderer ging umher
+und entz&uuml;ndete die Weihnachtskerzen, und ein dritter
+begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen.
+Durch die ge&ouml;ffnete T&uuml;r kamen die &uuml;brigen aus Nacht
+und Gr&auml;bern in das helle, strahlende Haus des Herrn
+gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren,
+kamen sie, nur ein bi&szlig;chen bleicher. Sie &ouml;ffneten die
+Bankt&uuml;ren mit rasselnden Schl&uuml;sseln und wisperten und
+fl&uuml;sterten, w&auml;hrend sie den Gang hinaufgingen.</p>
+
+<p>&bdquo;Das sind alle die Lichter, die <span class="spaced">sie</span> den Armen geschenkt
+hat, die leuchten jetzt in Gottes Haus.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wir liegen warm in unsern Gr&auml;bern, solange <span class="spaced">sie</span>
+den Armen Kleider und Holz gibt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Seht, sie hat so viele kr&auml;ftige Worte gesprochen, die
+die Menschenherzen aufgeschlossen haben, diese Worte
+sind unsre Bankschl&uuml;ssel.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Sie hat sch&ouml;ne Gedanken &uuml;ber Gottes Liebe gedacht.
+Diese Gedanken heben uns aus unsern Gr&auml;bern empor.&ldquo;</p>
+
+<p>So wisperten und fl&uuml;sterten sie, bevor sie sich in die
+B&auml;nke setzten und ihre bleichen Stirnen zum Gebet in
+verwelkte H&auml;nde neigten.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Aber in &Aring;rsta kam jemand in Mamsell Friederikens
+Zimmer und legte freundlich die Hand auf den Arm der
+Schlafenden.</p>
+
+<p>&bdquo;Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Fr&uuml;hmette zu
+fahren.&ldquo;</p>
+
+<p>Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf
+und sah Agathe, ihre geliebte tote Schwester, mit einer
+Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie erkannte sie
+wohl, denn sie war ganz unver&auml;ndert, so wie sie hier auf
+Erden gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht,
+<span class="pagenum"><a name="page_130" id="page_130"></a>130</span>sie freute sich nur, die Geliebte zu sehen, an deren Seite
+sie gerne den langen Schlummer schlafen wollte.</p>
+
+<p>Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es
+war keine Zeit zu Gespr&auml;chen; der Wagen stand vor dem
+Tor. Die andern mu&szlig;ten schon fort sein; denn niemand
+au&szlig;er Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte
+sich im Hause.</p>
+
+<p>&bdquo;Wei&szlig;t du noch, Friederike,&ldquo; sagte die Schwester, als
+sie im Wagen sa&szlig;en und rasch zur Kirche fuhren, &bdquo;wei&szlig;t
+du noch, wie du fr&uuml;her immer dasa&szlig;est und wartetest,
+da&szlig; irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entf&uuml;hren
+sollte?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Darauf warte ich noch immer,&ldquo; sagte die alte Mamsell
+Friederike und lachte. &bdquo;Ich fahre diesen Weg nie,
+ohne nach meinem Ritter auszulugen.&ldquo;</p>
+
+<p>Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch
+zu sp&auml;t. Der Priester stieg von der Kanzel herab, als
+sie in die Kirche eintraten, und der Schlu&szlig;psalm begann.
+Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen Gesang
+geh&ouml;rt. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt
+h&auml;tten, als h&auml;tte jede Bank und jeder Stein und jede
+Planke mitgesungen.</p>
+
+<p>Nie hatte sie die Kirche so &uuml;berf&uuml;llt gesehen: auf dem
+Altartisch und auf den Kanzelstufen sa&szlig;en Menschen, sie
+standen in den G&auml;ngen, sie dr&auml;ngten sich in den B&auml;nken,
+und drau&szlig;en war der Weg voll Leute, die nicht hereinkommen
+konnten. Die Schwestern fanden doch Platz,
+vor ihnen wich die Menge zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Friederike,&ldquo; sagte ihre Schwester, &bdquo;sieh die Menschen
+an.&ldquo;</p>
+
+<p>Und Mamsell Friederike sah und sah.</p>
+
+<p>Da merkte sie, da&szlig; sie wie die Frau im M&auml;rchen
+zu der Messe der Toten gekommen war. Sie f&uuml;hlte,
+wie ihr ein kalter Schauer &uuml;ber den R&uuml;cken lief, aber es
+erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie f&uuml;hlte mehr Neugierde
+als Angst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_131" id="page_131"></a>131</span>Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter
+Frauen waren da: graue, gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen
+Kragen und verbla&szlig;ten Mantillen, mit H&uuml;ten
+von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgesto&szlig;nen
+R&ouml;cken. Sie sah eine ungeheure Menge verrunzelter
+Gesichter, eingesunkner Lippen, tr&uuml;ber Brillen
+und verschrumpfter H&auml;nde, doch keine einzige Hand, die
+zwei glatte Ringe trug.</p>
+
+<p>Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren
+alle die entschlafnen alten Jungfern im Lande Schweden,
+die in der &Ouml;sterhaninger Kirche Mitternachtsmesse
+feierten.</p>
+
+<p>Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor.</p>
+
+<p>&bdquo;Schwester, bereust du, was du f&uuml;r diese deine
+Schwestern getan hast?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Mamsell Friederike. &bdquo;Woran sollte ich
+mich wohl freuen, wenn nicht, da&szlig; es mir beschert war,
+f&uuml;r sie zu arbeiten: ich opferte einmal mein Ansehen als
+Schriftstellerin f&uuml;r sie. Ich bin froh, da&szlig; ich wu&szlig;te,
+was ich opferte, und es dennoch tat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann kannst du bleiben und weiter zuh&ouml;ren,&ldquo; sagte
+die Schwester.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick h&ouml;rte man jemand dr&uuml;ben
+im Chor sprechen, eine sanfte, aber deutliche Stimme.</p>
+
+<p>&bdquo;Schwestern,&ldquo; sagte die Stimme, &bdquo;unser beklagenswertes
+Geschlecht, unser unwissendes und verh&ouml;hntes Geschlecht,
+bald wird es nicht mehr sein. Gott hat gewollt,
+da&szlig; wir von der Erde aussterben.</p>
+
+<p>Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage
+sein. Das Ma&szlig; der alten Jungfern ist erf&uuml;llt. Der Tod
+reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte von uns
+zu treffen. Vor der n&auml;chsten Mitternachtsmesse ist sie
+tot, die letzte alte Mamsell.</p>
+
+<p>Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen
+auf Erden. Die Zur&uuml;ckgesetzten beim Gastmahl, die danklos
+Dienenden im Heim. Hohn und Lieblosigkeit umgab
+<span class="pagenum"><a name="page_132" id="page_132"></a>132</span>uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel
+dem Gesp&ouml;tt anheim.</p>
+
+<p>Aber Gott hat sich erbarmt.</p>
+
+<p>Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von
+uns gab er niemals versagende G&uuml;te. Einer gab er des
+Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles, was wir h&auml;tten
+sein sollen. Sie warf Licht &uuml;ber unser dunkles Schicksal.
+Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen,
+aber tausend Heimen gab sie ihre Gabe. Sie war die
+Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen, aber sie
+k&auml;mpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie
+erz&auml;hlte ihre M&auml;rchen tausend Kindern. Sie hatte ihre
+armen Freunde in allen L&auml;ndern. Sie gab aus vollern
+H&auml;nden als wir und mit w&auml;rmerm Gem&uuml;t. In ihrem
+Herzen war kein Raum f&uuml;r unsre Bitterkeit, denn sie hat
+fortgeliebt. Ihr Ruhm war wie der einer K&ouml;nigin. Sie
+hat den Zoll der Dankbarkeit von Millionen Herzen eingehoben.
+Ihre Worte sind in den gro&szlig;en Fragen der
+Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist
+durch neue und alte Welten erklungen. Und doch ist sie
+nur eine alte Mamsell.</p>
+
+<p>Sie hat unser dunkles Schicksal erkl&auml;rt. Gesegnet sei
+ihr Name!&ldquo;</p>
+
+<p>Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein:
+&bdquo;Gesegnet sei ihr Name!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Schwester,&ldquo; fl&uuml;sterte Mamsell Friederike, &bdquo;kannst
+du ihnen nicht verbieten, mich armen s&uuml;ndigen Menschen
+hochm&uuml;tig zu machen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Schwestern, Schwestern,&ldquo; fuhr die Stimme
+fort, &bdquo;sie hat sich gegen unser Geschlecht gewendet mit
+aller ihrer gro&szlig;en Macht. Auf ihren Ruf nach Freiheit
+und Arbeit sind die alten, verh&ouml;hnten Gnadenbrotempf&auml;ngerinnen
+ausgestorben. Sie hat die Schranken der
+Tyrannei um die Kinder niedergebrochen. Sie hat die
+jungen M&auml;dchen in die volle T&auml;tigkeit des Lebens versetzt.
+Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der Freudlosigkeit
+<span class="pagenum"><a name="page_133" id="page_133"></a>133</span>ein Ende gemacht. Keine ungl&uuml;cklichen, verachteten
+alten Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt
+wird es mehr geben, keine solchen, wie wir gewesen
+sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie
+ein Jagdlied im Walde, wie der Ruf einer frohen Kinderschar:
+&bdquo;Gesegnet sei ihr Angedenken!&ldquo;</p>
+
+<p>Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell
+Friederike trocknete sich eine Tr&auml;ne aus dem Augenwinkel.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich gehe nicht mit heim,&ldquo; sagte ihre tote Schwester.
+&bdquo;Willst du nicht auch gleich hierbleiben?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich m&ouml;chte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein
+Buch, das ich zuerst fertig haben mu&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem
+Ritter auf dem Kirchweg in acht,&ldquo; sagte ihre tote Schwester
+und l&auml;chelte schelmisch nach alter Gewohnheit.</p>
+
+<p>Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz &Aring;rsta
+schlief noch, und sie ging still in ihr Zimmer, legte sich
+nieder und schlummerte noch einmal ein.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Einige Stunden sp&auml;ter fuhr sie zur wirklichen Fr&uuml;hmette.
+Sie fuhr im gedeckten Wagen, aber sie lie&szlig; das
+Fenster herab, um die Sterne sehen zu k&ouml;nnen. M&ouml;glich
+ist es wohl auch, da&szlig; sie wie einst nach ihrem Ritter
+aussah.</p>
+
+<p>Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster
+heran. Pr&auml;chtig sa&szlig; er auf seinem sich b&auml;umenden Ro&szlig;.
+Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein bleiches
+Antlitz war streng, aber sch&ouml;n.</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du mein werden,&ldquo; fl&uuml;sterte er.</p>
+
+<p>Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der
+<span class="pagenum"><a name="page_134" id="page_134"></a>134</span>hohen Gestalt mit der wehenden Feder. Sie verga&szlig;, da&szlig;
+sie noch ein Jahr leben mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin bereit,&ldquo; fl&uuml;sterte sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Dann komme ich in einer Woche und hole dich von
+deines Vaters Hof.&ldquo;</p>
+
+<p>Er beugte sich herab und k&uuml;&szlig;te sie, und damit verschwand
+er; aber sie begann zu frieren und zu zittern
+unter dem Ku&szlig; des Todes.</p>
+
+<p>Ein kleines Weilchen sp&auml;ter sa&szlig; Mamsell Friederike in
+der Kirche, auf demselben Platze, auf dem sie als Kind
+gesessen. Hier verga&szlig; sie Ritter und Gespenster und sa&szlig;
+l&auml;chelnd in stiller Verz&uuml;cktheit in dem Gedanken an die
+Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.</p>
+
+<p>Aber, ob sie nun m&uuml;de war, weil sie die ganze Nacht
+nicht geschlafen hatte, oder ob die W&auml;rme und der Kerzenrauch
+eine einschl&auml;fernde Wirkung auf sie aus&uuml;bten, wie
+auf so viele andre&nbsp;&ndash; genug, sie schlummerte ein, nur
+einen Augenblick, sie konnte es nicht hindern.</p>
+
+<p>Vielleicht war es auch so, da&szlig; Gott ihr die Pforte in
+das Land der Tr&auml;ume &ouml;ffnen wollte.</p>
+
+<p>In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte,
+sah sie nun ihren strengen Vater, ihre sch&ouml;ne elegante
+Mutter und die h&auml;&szlig;liche kleine Petrea in der Kirche sitzen.
+Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst zusammengepre&szlig;t,
+gr&ouml;&szlig;er als ein Erwachsener sie je erfahren.
+Auf der Kanzel stand der Priester und sprach
+von dem strengen, strafenden Gott, und das Kind sa&szlig;
+bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe
+w&auml;ren und durch sein Herz gingen.</p>
+
+<p>&bdquo;O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!&ldquo;</p>
+
+<p>In der n&auml;chsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte
+und schauerte so wie unter dem Ku&szlig; des Todes auf dem
+Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von der wilden
+Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.</p>
+
+<p>Sie hatte es mit einemmal so eilig, da&szlig; sie sogleich
+aus der Kirche hasten wollte. Sie mu&szlig;te heim und ihr
+<span class="pagenum"><a name="page_135" id="page_135"></a>135</span>Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem Gott des
+Friedens und der Liebe.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Nichts weiter, was jetzt erw&auml;hnenswert scheinen kann,
+widerfuhr Mamsell Friederike vor der Neujahrsnacht.
+Leben und Tod, so wie Tag und Nacht, herrschten in der
+letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht &uuml;ber die
+Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod
+das Zepter und verk&uuml;ndete, da&szlig; die alte Mamsell Friederike
+nun ihm angeh&ouml;ren solle.</p>
+
+<p>H&auml;tte man dies nur gewu&szlig;t, so h&auml;tte wohl alles Volk
+von Schweden ein gemeinsames Gebet an Gott gerichtet,
+seinen reinsten Geist, sein w&auml;rmstes Herz behalten zu
+d&uuml;rfen. Da h&auml;tte man in Angst und Sorgen in so manchem
+Heim in fernen L&auml;ndern gewacht, wo sie liebende
+Herzen zur&uuml;cklie&szlig;. Dann h&auml;tten die Armen, die Kranken
+und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um der
+ihrigen zu gedenken, und dann h&auml;tten alle Kinder, die
+unter den Segnungen ihres Wirkens herangewachsen
+waren, die H&auml;nde gefaltet und um noch ein Jahr f&uuml;r
+ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem
+Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlu&szlig;stein
+kr&ouml;ne.</p>
+
+<p>Denn der Tod kam zu fr&uuml;h f&uuml;r Mamsell Friederike.</p>
+
+<p>Sturm war drau&szlig;en in der Neujahrsnacht, Sturm in
+ihrem Innern. Sie f&uuml;hlte alle Qualen des Lebens und
+des Todes in ihrem Innern ringen.</p>
+
+<p>&bdquo;Angst!&ldquo; seufzte sie, &bdquo;Angst!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie
+fl&uuml;sterte leise: &bdquo;Christi Liebe&nbsp;&ndash; beste Liebe&nbsp;&ndash; Gottesfriede&nbsp;&ndash;
+das ewige Licht!&ldquo;</p>
+
+<p>Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche h&auml;tte
+schreiben wollen, und vielleicht vieles andre ebenso Sch&ouml;ne
+und Herrliche. Wer wei&szlig;? Nur eines wissen wir, da&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_136" id="page_136"></a>136</span>B&uuml;cher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das
+ihre vergi&szlig;t man nie.</p>
+
+<p>Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie
+versank in Visionen.</p>
+
+<p>Ihr K&ouml;rper k&auml;mpfte mit dem Tode, aber sie wu&szlig;te es
+nicht. Ihre N&auml;chsten sa&szlig;en weinend um das Totenbett,
+aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte seinen Flug
+angetreten.</p>
+
+<p>Nun wurde der Traum f&uuml;r sie Wirklichkeit und die
+Wirklichkeit Traum. Nun stand sie, wie sie sich schon
+in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend am Himmelstor
+mit unz&auml;hligen Scharen von Toten rings um
+sich. Und der Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der
+Seligkeitbringende, stand in dem ge&ouml;ffneten Tor. Und
+seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern
+und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und
+ihre Sehnsucht trug alle diese und sie, und sie schwebten
+wie auf Fl&uuml;geln empor, empor.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden,
+Trauer in weiten Teilen der Erde.</p>
+
+<p><span class="spaced">Friederike Bremer war tot.</span></p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr8" id="nr8"></a><a href="#inhalt">Der Roman einer Fischersfrau</a></h2>
+
+
+<p>Am &auml;u&szlig;ersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein
+kleines H&uuml;ttchen auf einem niedrigen H&uuml;gel aus wei&szlig;em
+Meersand. Es war nicht so gebaut, da&szlig; es in einer Reihe
+mit den gleichm&auml;&szlig;igen, schmucken, regelrechten H&auml;usern
+stehen konnte, die den breiten gr&uuml;nen Platz umgaben, wo
+die braunen Fischernetze trockneten, sondern es schien
+gleichsam aus der Reihe geschoben und auf den Sandh&uuml;gel
+hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es gebaut
+hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte
+die W&auml;nde ihres H&uuml;ttchens niedriger gemacht als die aller
+andern H&uuml;tten und sein steiles Strohdach h&ouml;her als
+<span class="pagenum"><a name="page_137" id="page_137"></a>137</span>irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der Fu&szlig;boden
+senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch
+noch gro&szlig;, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum
+Erdboden. F&uuml;r den Herd und den G&auml;nsestall war schlie&szlig;lich
+in dem einzigen engen Raume kein Platz geblieben,
+sondern daf&uuml;r hatte man kleine viereckige Vorspr&uuml;nge
+anmauern m&uuml;ssen. Diese H&uuml;tte hatte nicht wie andre
+H&auml;uschen ihr G&auml;rtchen mit Stachelbeerb&uuml;schen, von Winden
+umschlungen, ihre halb von Kletten erstickten Holunderstr&auml;ucher.
+Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes
+waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen
+gekommen. Im Sommer, wenn sie frische, dunkelgr&uuml;ne
+Bl&auml;tter hatten und die stacheligen K&ouml;rbchen sich mit hochroten
+Blumen f&uuml;llten, waren sie schmuck genug. Aber
+gegen Herbst, wenn die Stacheln hart geworden und die
+Samen gereift waren, dann vernachl&auml;ssigten sie ihr Aussehen
+und standen furchtbar h&auml;&szlig;lich und trocken da, die
+zerfetzten Bl&auml;tter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben
+geh&uuml;llt.</p>
+
+<p>Die H&uuml;tte hatte nur zwei Besitzer, denn l&auml;nger als
+zwei Generationen vermochte sie es nicht, mit ihren W&auml;nden
+aus Rohr und Lehm das schwere Dach zu tragen.
+Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen
+Witwen. Die zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre
+Freude daran, die Kletten zu betrachten, namentlich im
+Herbst, wenn sie trocken wurden und sich &uuml;berall anh&auml;ngten.
+Sie erinnerten sie dann an sie, die die H&uuml;tte
+erbaut hatte. Sie war auch runzelig und trocken gewesen
+und hatte die Gabe gehabt, sich anzuklammern und h&auml;ngen
+zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie f&uuml;r das Kind
+verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie,
+die nun allein dasa&szlig;, mu&szlig;te bei diesem Gedanken bald
+lachen, bald weinen. Wenn die Alte nicht diese Klettennatur
+gehabt h&auml;tte, wie anders w&auml;re dann nicht alles gekommen.
+Aber wer wei&szlig;, ob es besser gekommen w&auml;re.</p>
+
+<p>Die einsame Frau sa&szlig; oft da und gr&uuml;belte &uuml;ber das
+<span class="pagenum"><a name="page_138" id="page_138"></a>138</span>Schicksal nach, das sie an die flache K&uuml;ste Schoonens
+gef&uuml;hrt hatte, zu diesem schmalen Sund und diesen stillen
+Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt
+geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen
+steilen Felsen und dem offnen Meere lag, und wenn
+sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann, gestorben und sie
+in Armut zur&uuml;ckgelassen, in bescheidnen Verh&auml;ltnissen gelebt
+hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gew&ouml;hnt.
+Sie pflegte sich selbst ihre Geschichte wieder und
+wieder vorzuerz&auml;hlen, so wie man ein schwer verst&auml;ndliches
+Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergr&uuml;nden.</p>
+
+<p>Das Merkw&uuml;rdige, was sie erlebt hatte, hatte damit
+begonnen, da&szlig; sie eines Abends auf dem Heimwege von
+der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von zwei Seeleuten
+&uuml;berfallen und von einem dritten gerettet worden war.
+Dieser k&auml;mpfte mit wirklicher Lebensgefahr f&uuml;r sie und
+brachte sie dann nach Hause. Sie f&uuml;hrte ihn zu der
+Mutter und den Geschwistern und erz&auml;hlte ihnen begeistert,
+was er getan habe. Es war, als h&auml;tte das Leben
+neuen Wert f&uuml;r sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte,
+um es zu verteidigen. Er war von ihren Angeh&ouml;rigen
+sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden,
+so bald und so oft er konnte, wiederzukommen.</p>
+
+<p>Sein Name war B&ouml;rje Nilsson, und er war Matrose
+auf der schoonischen Jacht Albertina. Solange das Schiff
+im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu ihnen, und
+sie konnten es bald nicht mehr glauben, da&szlig; er nur ein
+simpler Matrose sein sollte. Er gl&auml;nzte immer in reinem
+Umlegekragen und trug einen blauen Marineanzug aus
+feinem Tuch. Frisch und freim&uuml;tig war er gegen sie,
+als w&auml;re er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse
+wie sie zu bewegen. Ohne da&szlig; er es gerade heraussagte,
+erhielten sie den Eindruck, da&szlig; er aus einem angesehenen
+Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe,
+den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu
+gebracht hatte, sich als einfachen Matrosen zu verdingen,
+<span class="pagenum"><a name="page_139" id="page_139"></a>139</span>um seine Mutter zu &uuml;berzeugen, da&szlig; er es ernst meinte.
+Wenn er seine Pr&uuml;fungen gemacht hatte, w&uuml;rde sie ihm
+wohl ein eignes Schiff kaufen.</p>
+
+<p>Die einsame Familie, die sich von allen fr&uuml;hern Freunden
+zur&uuml;ckgezogen hatte, empfing ihn ohne das leiseste
+Mi&szlig;trauen. Und er beschrieb leichten Herzens und mit
+flie&szlig;ender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen
+Dach, dem offnen Kamin im E&szlig;saal und den kleinen
+Fensterscheiben. Er schilderte auch die stillen Stra&szlig;en
+seiner Vaterstadt und die langen Reihen gleichm&auml;&szlig;iger
+hoher H&auml;user, in denen sein Heim mit den unregelm&auml;&szlig;igen
+Vorspr&uuml;ngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung
+bildete. Und seine Zuh&ouml;rer glaubten, da&szlig; er aus
+einem jener alten B&uuml;rgerh&auml;user komme, die mit ihrem
+bildergeschm&uuml;ckten Giebel und dem vorragenden Obergescho&szlig;
+einen so m&auml;chtigen Eindruck von Reichtum und
+ehrw&uuml;rdigem Alter machen.</p>
+
+<p>Sehr bald hatte sie es heraus, da&szlig; er ihr gut war.
+Und dies machte der Mutter und den Geschwistern gro&szlig;e
+Freude. Der junge, reiche Schwede kam gleichsam, um
+sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er
+ihr nicht so gut gefallen h&auml;tte, als er es tat, h&auml;tte es gar
+nicht in Frage kommen k&ouml;nnen, seine Werbung abzuweisen.
+H&auml;tte sie einen Vater oder einen erwachsenen
+Bruder gehabt, so w&uuml;rden diese sich wohl genauer nach
+Herkunft und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt
+haben, doch weder sie noch die Mutter dachten daran,
+ernstliche Nachforschungen anzustellen. Sp&auml;ter erkannte
+sie, da&szlig; sie ihn f&ouml;rmlich zum L&uuml;gen gezwungen hatten.
+Anfangs hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so gro&szlig;e
+Vorstellungen von seinem Reichtum zu machen, ohne alle
+b&ouml;se Absicht, aber als er sp&auml;ter merkte, wie froh sie dar&uuml;ber
+waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit
+zu sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren.</p>
+
+<p>Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht
+zur&uuml;ckkam, hielten sie Hochzeit. Es war eine Entt&auml;uschung
+<span class="pagenum"><a name="page_140" id="page_140"></a>140</span>f&uuml;r sie, da&szlig; er auch bei seiner R&uuml;ckkehr als Matrose auftrat,
+aber er war durch seinen Kontrakt gebunden. Er
+brachte auch keine Gr&uuml;&szlig;e von seiner Mutter mit. Diese
+h&auml;tte erwartet, da&szlig; er eine andre Wahl treffe, aber sie
+w&uuml;rde schon zufrieden sein, sagte er, wenn sie nur Astrid
+erst s&auml;he.&nbsp;&ndash; Trotz aller seiner L&uuml;gen w&auml;re es doch ein
+leichtes gewesen, zu sehen, da&szlig; er ein armer Mann war,
+wenn sie nur die Augen h&auml;tten aufmachen wollen.</p>
+
+<p>Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kaj&uuml;te zu &uuml;berlassen,
+wenn sie die &Uuml;berfahrt auf seiner Jacht machen wollte,
+und sie nahm das Anerbieten mit Freuden an. B&ouml;rje
+wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und sa&szlig;
+meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck.
+Und jetzt schenkte er ihr das Gl&uuml;ck der Einbildung, von
+dem er selbst sein ganzes Leben lang gezehrt hatte. Je
+mehr er an das kleine H&uuml;ttchen dachte, das zur H&auml;lfte im
+Sandh&uuml;gel begraben lag, desto h&ouml;her erbaute er den
+Palast, den er ihr gerne geboten h&auml;tte. Er lie&szlig; sie im
+Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren der Braut
+B&ouml;rje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschm&uuml;ckt
+war. Er lie&szlig; sie die Begr&uuml;&szlig;ungsrede des B&uuml;rgermeisters
+h&ouml;ren. Er lie&szlig; sie durch eine Triumphpforte fahren, w&auml;hrend
+die Augen der M&auml;nner ihr folgten und die Frauen
+vor Neid erbla&szlig;ten. Und er f&uuml;hrte sie in das stattliche
+Haus, wo silberlockige, sich verneigende Diener an dem
+breiten Treppengel&auml;nder aufgereiht standen, und der zur
+festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich unter dem alten
+Familiensilber bog.</p>
+
+<p>Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, da&szlig;
+der Schiffer im Bunde mit B&ouml;rje gewesen war, um sie
+zu betr&uuml;gen, aber dann erkannte sie, da&szlig; es sich nicht so
+verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht daran
+gew&ouml;hnt, von B&ouml;rje wie von einem gro&szlig;en Herrn zu
+reden. Das war an Bord der Hauptspa&szlig;, so recht im
+vollsten Ernst von seinen Reicht&uuml;mern und seiner vornehmen
+Familie zu sprechen. Sie dachten, B&ouml;rje h&auml;tte
+<span class="pagenum"><a name="page_141" id="page_141"></a>141</span>ihr die Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie
+alle, wenn sie von seinem gro&szlig;en Hause sprach. So war
+es m&ouml;glich, da&szlig; sie, noch als die Jacht in dem Hafen
+Anker warf, der neben B&ouml;rjes Heimatsdorf lag, es nicht
+anders wu&szlig;te, als da&szlig; sie eines reichen Mannes Gattin
+war.</p>
+
+<p>B&ouml;rje bekam f&uuml;r einen Tag Urlaub, um seine Frau
+in ihr k&uuml;nftiges Heim einzuf&uuml;hren und sie mit dem neuen
+Leben bekannt zu machen. Als sie nun an dem Kai landeten,
+wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuverm&auml;hlten
+entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere
+und Alltagsruhe, und B&ouml;rje merkte, da&szlig; seine Frau sich
+mit einer gewissen Entt&auml;uschung umsah.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir sind zu fr&uuml;h gekommen,&ldquo; hatte er da gesagt.
+&bdquo;Die Fahrt ist bei diesem sch&ouml;nen Wetter merkw&uuml;rdig
+rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen da,
+und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt
+au&szlig;erhalb der Stadt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das tut nichts, B&ouml;rje,&ldquo; hatte sie geantwortet, &bdquo;das
+Gehen wird uns gut tun, nachdem wir so lange an Bord
+still gesessen sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle
+Wanderung, an die sie noch in ihren alten Tagen
+nicht denken konnte, ohne vor Angst zu st&ouml;hnen und
+schmerzlich die H&auml;nde zu ringen. Sie gingen &uuml;ber weite,
+menschenleere Stra&szlig;en, die sie sogleich nach seiner Beschreibung
+erkannte. Sie glaubte in der dunklen Kirche
+und in den gleichm&auml;&szlig;igen Holzh&auml;usern alte Freunde zu
+begr&uuml;&szlig;en, doch wo blinkten die bildergeschm&uuml;ckten Giebel
+und die Marmortreppe mit dem breiten Gel&auml;nder?</p>
+
+<p>Da hatte B&ouml;rje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre
+Gedanken. &bdquo;Es ist noch weit hin,&ldquo; hatte er gesagt.</p>
+
+<p>W&auml;re er doch barmherzig gewesen. H&auml;tte er doch ihrer
+Hoffnung auf einmal den Todessto&szlig; gegeben. Sie hatte
+ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus freien St&uuml;cken
+alles gesagt h&auml;tte, so w&auml;re in ihrer Seele kein Groll
+<span class="pagenum"><a name="page_142" id="page_142"></a>142</span>gegen ihn aufgekeimt. Aber da&szlig; er ihre Angst, betrogen
+zu werden, sah, und dennoch fortfuhr, sie zu t&auml;uschen,
+das hatte ihr allzu bittern Schmerz bereitet. Das hatte
+sie ihm nie ganz verzeihen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Sie konnte sich freilich sagen, da&szlig; er sie so weit als
+m&ouml;glich f&uuml;hren wollte, damit sie ihm nicht entfliehen
+konnte, aber sein Betrug rief eine solche Todesk&auml;lte in
+ihr hervor, da&szlig; keine Liebe sie ganz aufzutauen vermochte.</p>
+
+<p>Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende
+Ebene. Da zeigten sich mehrere Reihen dunkler
+Wallgr&auml;ben und hoher, gr&uuml;ner Erdw&auml;lle, &Uuml;berreste aus
+jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf
+dem Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschlo&szlig;,
+sah sie ein paar altert&uuml;mliche Bauten und gro&szlig;e,
+runde T&uuml;rme. Sie warf einen scheuen Blick hin, doch
+B&ouml;rje bog zu den W&auml;llen ein, die am Meeresufer entlang
+f&uuml;hrten.</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist ein Abk&uuml;rzungsweg,&ldquo; sagte er, denn sie schien
+sich zu wundern, da&szlig; hier nur ein schmaler Pfad war.</p>
+
+<p>Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, da&szlig;
+er es nicht so erg&ouml;tzlich fand, als er es sich gedacht hatte,
+mit seiner Frau zu der armseligen, kleinen H&uuml;tte im
+Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt nicht so herrlich,
+eines bessern Mannes Kind heimzuf&uuml;hren. Er hatte
+gro&szlig;e Angst vor dem, was sie tun w&uuml;rde, wenn sie die
+Wahrheit erfuhr.</p>
+
+<p>&bdquo;B&ouml;rje,&ldquo; sagte sie endlich, als sie lange den scharfen
+Winkeln der Strandw&auml;lle gefolgt waren, &bdquo;wohin gehen
+wir?&ldquo;</p>
+
+<p>Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf,
+wo seine Mutter in dem H&uuml;ttchen auf dem Sandh&uuml;gel
+wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines der sch&ouml;nen
+Landg&uuml;ter, die am Rande der Ebene auftauchten, und
+wurde wieder heiterer.</p>
+
+<p>Sie stiegen zu den &ouml;den Gemeindeweiden hinab, und
+da &uuml;berfiel sie wieder die alte Angst. Da, wo jedes Erdh&uuml;gelchen,
+<span class="pagenum"><a name="page_143" id="page_143"></a>143</span>wenn man es nur sehen kann, Sch&ouml;nheit und
+Abwechselung bietet, sah sie nur ein h&auml;&szlig;liches, sumpfiges
+Feld. Und der Wind, der drau&szlig;en in steter Bewegung
+war, fuhr ihnen pfeifend entgegen und fl&uuml;sterte von Ungl&uuml;ck
+und Verrat.</p>
+
+<p>B&ouml;rje beschleunigte seine Schritte immer mehr und
+schlie&szlig;lich erreichten sie das Ende der Weiden, und waren
+bei dem Fischerd&ouml;rfchen angelangt. Sie, die es zuletzt
+gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen
+zu stellen, fa&szlig;te wieder neuen Mut. Hier war abermals
+eine einf&ouml;rmige H&auml;userreihe, und diese erkannte sie noch
+besser als die in der Stadt. Vielleicht, vielleicht hatte er
+doch nicht gelogen.</p>
+
+<p>Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, da&szlig;
+sie seelenvergn&uuml;gt gewesen w&auml;re, wenn sie bei einer der
+schmucken Wohnst&auml;tten h&auml;tte haltmachen k&ouml;nnen, wo
+Blumen und wei&szlig;e Gardinen hinter blanken Fensterscheiben
+blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen
+zu m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Da erblickte sie mit einem Male am &auml;u&szlig;ersten Ende
+des Fischerdorfes eine elende H&uuml;tte, und es war ihr, als
+h&auml;tte sie sie schon l&auml;ngst mit den Augen der Seele gesehen,
+ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte.</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es hier?&ldquo; sagte sie und blieb gerade am Fu&szlig;e des
+kleinen Sandh&uuml;gels stehen.</p>
+
+<p>Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort,
+auf die kleine H&uuml;tte zuzugehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Warte,&ldquo; rief sie ihm nach. &bdquo;Wir m&uuml;ssen zuerst miteinander
+sprechen, bevor ich dein Heim betrete. Du hast
+mich belogen,&ldquo; fuhr sie drohend fort, als er sich ihr zuwendete.
+&bdquo;Du hast mich &auml;rger betrogen, als wenn du
+mein gr&ouml;&szlig;ter Feind w&auml;rest. Warum hast du das getan?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wollte dich zur Frau,&ldquo; antwortete er mit leiser,
+unsichrer Stimme.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du mich doch nur mit Ma&szlig; zum besten gehalten
+h&auml;ttest! Warum mu&szlig;test du alles so reich und so
+<span class="pagenum"><a name="page_144" id="page_144"></a>144</span>pr&auml;chtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten und
+Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest
+du, ich sei so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, da&szlig;
+ich ohnehin verliebt genug in dich war, um &uuml;berallhin
+mit dir zu gehen? Da&szlig; du glaubtest, mich hinters Licht
+f&uuml;hren zu m&uuml;ssen! Da&szlig; du das Herz haben konntest, bis
+zuletzt bei deinen L&uuml;gen zu beharren!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du nicht hereinkommen und Mutter begr&uuml;&szlig;en,&ldquo;
+fragte er ganz hilflos.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, ich gehe nicht hinein.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du also nach Hause fahren?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie k&ouml;nnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich
+ihnen den Schmerz bereiten, zur&uuml;ckzukehren, wenn sie
+mich f&uuml;r gl&uuml;cklich und reich halten? Aber bei dir bleibe
+ich auch nicht. F&uuml;r den, der arbeiten kann, findet sich
+immer ein Auskommen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Bleib,&ldquo; bat er, &bdquo;ich tat es nur, um dich zu gewinnen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du mir die Wahrheit gesagt h&auml;ttest, so w&auml;re
+ich geblieben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;W&auml;re ich ein reicher Mann gewesen und h&auml;tte mich
+f&uuml;r arm ausgegeben, so bliebest du schon.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen,
+als die T&uuml;r der H&uuml;tte aufgerissen wurde und B&ouml;rjes
+Mutter herauskam. Sie war ein kleines vertrocknetes
+altes Weiblein mit wenig Z&auml;hnen und viel Runzeln, aber
+nicht so alt an Jahren und Gem&uuml;t wie dem Aussehen
+nach.</p>
+
+<p>Sie hatte wohl einiges geh&ouml;rt und das &uuml;brige erraten,
+denn sie wu&szlig;te, wor&uuml;ber sie zankten. &bdquo;So,&ldquo; sagte sie,
+&bdquo;dies ist die feine Schwiegertochter, die du mir gebracht
+hast, B&ouml;rje. Und du hast es wieder nicht mit der Wahrheit
+gehalten, wie ich h&ouml;re.&ldquo; Aber auf Astrid ging sie freundlich
+zu und streichelte ihr die Wangen. &bdquo;Komm du mit
+mir herein, du armes Kind. Ich kann mir denken, da&szlig;
+du m&uuml;de und ersch&ouml;pft bist. Siehst du, dies ist meine
+<span class="pagenum"><a name="page_145" id="page_145"></a>145</span>H&uuml;tte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt
+bist du meine Tochter, und ich kann dich doch nicht zu
+fremden Leuten gehen lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte
+und schob und zog sie ganz unmerklich zur T&uuml;r
+hin. Schritt f&uuml;r Schritt lockte sie sie weiter und bekam
+sie schlie&szlig;lich in die H&uuml;tte, aber B&ouml;rje schlo&szlig; sie wirklich
+aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer
+sie sei und wie alles zugegangen w&auml;re. Und sie weinte
+&uuml;ber sie, und brachte sie dazu, auch &uuml;ber sich selbst zu
+weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren Sohn.
+Sie, Astrid, t&auml;te ganz recht, nein, bei einem solchen
+Manne k&ouml;nnte sie nicht bleiben. Es w&auml;re richtig, da&szlig; er
+zu l&uuml;gen pflegte, ja, ganz gewi&szlig; w&auml;re es richtig.</p>
+
+<p>Sie erz&auml;hlte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen
+war. Er war schon als kleines Kind so sch&ouml;n von Gesicht
+und Gestalt gewesen, da&szlig; sie sich immer dar&uuml;ber wundern
+mu&szlig;te, da&szlig; er armer Leute Kind war. Er war wie
+ein kleiner verirrter Prinz gewesen. Und sp&auml;ter hatte es
+immer so ausgesehen, als wenn er nicht auf seinem richtigen
+Platze w&auml;re. Er sah alles so gro&szlig;. Er konnte nicht
+den richtigen Ma&szlig;stab finden, wenn es sich um ihn selbst
+handelte. Seine Mutter hatte deswegen schon viele Tr&auml;nen
+vergossen. Aber nie zuvor hatte er mit seinen L&uuml;gen
+etwas B&ouml;ses angestellt. Hier, wo er bekannt war, lachten
+ihn die Leute nur aus.&nbsp;&ndash; Aber jetzt war er wohl
+so sehr in Versuchung gef&uuml;hrt worden&nbsp;&hellip; Schien es
+ihr, Astrid, nicht selbst wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge
+hatte hinters Licht f&uuml;hren k&ouml;nnen? Er hatte immer
+soviel von feinen Dingen gewu&szlig;t, als wenn es ihm angeboren
+w&auml;re. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt
+gekommen. Das sah man ja auch daran, da&szlig; er nie
+daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen
+Stande zu w&auml;hlen.</p>
+
+<p>Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte.
+&bdquo;Sieh,&ldquo; sagte die Alte unter anderm, &bdquo;mir kann es nie
+<span class="pagenum"><a name="page_146" id="page_146"></a>146</span>gelingen, ihm den Hochmut und die Prahlsucht abzugew&ouml;hnen,
+aber eine, die kl&uuml;ger w&auml;re als ich, k&ouml;nnte
+es vielleicht. Und er ist t&uuml;chtig und gut, mein Junge.
+Es lohnte wohl der M&uuml;he. Aber du kannst morgen gehen.
+Ja, du sollst gehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wo schl&auml;ft er heute nacht?&ldquo; fragte Astrid pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich denke, er liegt hier drau&szlig;en im Sande. Er hat
+wohl nicht die Ruhe, von hier fortzugehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es w&auml;re wohl am besten, wenn er hereink&auml;me,&ldquo;
+sagte Astrid.</p>
+
+<p>&bdquo;Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen.
+Er wird sich drau&szlig;en schon behelfen, wenn ich ihm eine
+Decke gebe.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie lie&szlig; ihn wirklich diese Nacht drau&szlig;en im Sande
+schlafen und schickte ihn am n&auml;chsten Tage in aller Fr&uuml;he
+in die Stadt, da sie es f&uuml;r das beste hielt, wenn Astrid
+ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und hielt
+sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht
+mit Schmeichelei, sondern mit wirklicher G&uuml;te.</p>
+
+<p>Doch als sie es endlich erreicht hatte, da&szlig; die Schwiegertochter
+blieb und dem Sohne erhalten war, und als
+sie die jungen Leute vers&ouml;hnt und Astrid gelehrt hatte,
+da&szlig; es gerade ihre Aufgabe im Leben war, B&ouml;rje Nilssons
+Frau zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie
+konnte&nbsp;&ndash; und dies war nicht die Arbeit einer Abendstunde,
+sondern die M&uuml;he vieler Tage gewesen&nbsp;&ndash; da
+hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt.</p>
+
+<p>Und in diesem Leben mit seiner treuen F&uuml;rsorge lag
+ein Sinn, dachte B&ouml;rje Nilssons Frau.</p>
+
+<p>Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der
+Mann ertrank nach einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges
+Kind starb ganz jung. Sie hatte bei ihrem Mann
+keine Ver&auml;nderung herbeif&uuml;hren k&ouml;nnen. Ernst und Wahrhaftigkeit
+hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher
+hatte sie sich ver&auml;ndert, denn sie war immer mehr wie die
+Fischersleute geworden. Sie wollte keinen der Ihren sehen,
+<span class="pagenum"><a name="page_147" id="page_147"></a>147</span>denn sie sch&auml;mte sich, da&szlig; sie jetzt in allen St&uuml;cken einer
+Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas
+gen&uuml;tzt h&auml;tte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch
+das Ausbessern der Fischernetze bestritt, nur w&uuml;&szlig;te, warum
+sie &uuml;berhaupt lebte! Wenn sie doch jemanden gl&uuml;cklich
+oder besser gemacht h&auml;tte!</p>
+
+<p>Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, da&szlig;, wer sein
+Leben f&uuml;r verfehlt h&auml;lt, weil er andern nichts Gutes getan
+habe, vielleicht durch diesen Gedanken der Demut
+seine Seele gerettet hat.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr9" id="nr9"></a><a href="#inhalt">Mutters Bild</a></h2>
+
+
+<p>In einem der hundert H&auml;uschen des Fischerdorfes, die
+einander alle in Gr&ouml;&szlig;e und Form gleichen, die alle gleich
+viele Fenster und gleich hohe Schornsteine haben, wohnte
+der alte Matt&szlig;on, der Lotse.</p>
+
+<p>In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben
+Hausrat, auf allen Fensterbrettern stehen dieselben
+Blumen, in allen Eckschr&auml;nken prangen dieselben Arten
+Muscheln und Korallen, an allen W&auml;nden h&auml;ngen die
+gleichen Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt
+hat, leben alle Menschen des Fischerdorfes dasselbe Leben.
+Seit Matt&szlig;on, der Lotse, alt geworden war, richtete er
+sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine
+Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern.</p>
+
+<p>An der Wand &uuml;ber seinem Bette hatte der alte Matt&szlig;on
+ein Bild seiner Mutter. Eines Nachts tr&auml;umte er,
+da&szlig; dieses Bild aus seinem Rahmen herabstieg, sich vor
+ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: &bdquo;Du
+mu&szlig;t heiraten, Matt&szlig;on.&ldquo;</p>
+
+<p>Der alte Matt&szlig;on begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen,
+da&szlig; dies unm&ouml;glich sei. Er war ja siebzig
+Jahre.&nbsp;&ndash; Aber Mutters Bild wiederholte nur mit
+<span class="pagenum"><a name="page_148" id="page_148"></a>148</span>noch gr&ouml;&szlig;erm Nachdruck: &bdquo;Du mu&szlig;t heiraten, Matt&szlig;on.&ldquo;</p>
+
+<p>Der alte Matt&szlig;on hatte gro&szlig;en Respekt vor Mutters
+Bild. Es war in so manchen strittigen F&auml;llen sein Ratgeber
+gewesen, und es hatte ihm immer Gl&uuml;ck gebracht,
+wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er
+sein Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich
+das Bild ganz im Widerspruch mit fr&uuml;her ge&auml;u&szlig;erten
+Ansichten. Obgleich er dalag und tr&auml;umte, erinnerte er
+sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war,
+als er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit
+ankleidete, lockerte sich der Nagel, an dem das Bild hing
+und fiel zu Boden. Da sah er, da&szlig; das Bild ihn vor der
+Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte
+sich aber sp&auml;ter, da&szlig; das Bild recht gehabt hatte. Seine
+kurze Ehe war sehr ungl&uuml;cklich geworden.</p>
+
+<p>Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging
+es ebenso zu. Das Bild st&uuml;rzte wieder zu Boden, und
+diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu sein. Er lie&szlig;
+Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose
+und fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach
+Hause wagte.&nbsp;&ndash; Und jetzt stieg das Bild von der Wand
+herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut und gehorsam
+er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken,
+da&szlig; es nur seinen Scherz mit ihm treibe.</p>
+
+<p>Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab,
+wie es nur scharfe Winde und salziger Meeresschaum
+ausmei&szlig;eln konnten, blieb ernst wie zuvor. Und mit einer
+Stimme, die das langj&auml;hrige Ausbieten der Fische auf
+dem Markte der Stadt ge&uuml;bt und gest&auml;rkt hatte, wiederholte
+sie: &bdquo;Du mu&szlig;t heiraten.&ldquo;</p>
+
+<p>Da bat der alte Matt&szlig;on Mutters Bild, doch ein Einsehen
+zu haben und zu bedenken, in welcher Gemeinde
+sie lebten.</p>
+
+<p>Alle hundert H&auml;user des Fischerdorfes hatten spitzige
+D&auml;cher und wei&szlig;get&uuml;nchte W&auml;nde, alle Boote des Fischerdorfes
+<span class="pagenum"><a name="page_149" id="page_149"></a>149</span>hatten denselben Bau und das gleiche Takelwerk.
+Niemand pflegte hier irgend etwas Ungew&ouml;hnliches zu
+tun. Mutter selbst w&auml;re die erste gewesen, die sich einer
+solchen Heirat widersetzt h&auml;tte, wenn sie noch am Leben
+gewesen w&auml;re. Mutter hatte streng auf Ordnung und
+Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte
+in dem Fischerdorf, da&szlig; siebzigj&auml;hrige Greise Hochzeit
+hielten.</p>
+
+<p>Da streckte Mutters Bild die ringgeschm&uuml;ckte Hand
+aus und befahl ihm geradezu zu gehorchen. Mutter hatte
+immer etwas unbegreiflich Ehrfurchtgebietendes an sich
+gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide mit den
+vielen Volants gekommen war. Die gro&szlig;e gl&auml;nzende
+Goldbrosche, die schwere rasselnde Goldkette hatten ihn
+immer eingesch&uuml;chtert. W&auml;re sie in ihren Marktkleidern
+gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit
+der Wachstuchsch&uuml;rze voll Fischschuppen und Fischaugen,
+dann h&auml;tte er nicht ganz so gro&szlig;en Respekt vor ihr gehabt.
+Aber jetzt war das Ende vom Liede, da&szlig; er versprach,
+zu heiraten. Und dann schl&uuml;pfte Mutters Bild
+wieder in seinen Rahmen.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen erwachte der alte Matt&szlig;on in
+gro&szlig;er Angst. Es fiel ihm gar nicht ein, gegen Mutters
+Bild ungehorsam zu sein, es wu&szlig;te nat&uuml;rlich, was f&uuml;r
+ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit,
+die jetzt kommen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>An demselben Tage hielt er um die h&auml;&szlig;lichste Tochter
+des &auml;rmsten Fischers an, ein kleines Ding mit dem Kopf
+zwischen den Schultern und mit vorstehendem Unterkiefer.
+Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur
+Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde
+festgesetzt.</p>
+
+<p>&Uuml;ber windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden
+f&uuml;hrt der Weg vom Fischerdorf in die Stadt. Eine
+Viertelmeile ist er lang, und man behauptet, da&szlig; die
+Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, da&szlig; sie ihn
+<span class="pagenum"><a name="page_150" id="page_150"></a>150</span>mit blankem Silbergelde pflastern k&ouml;nnten. Das w&uuml;rde
+dem Weg einen eigent&uuml;mlichen Reiz verleihen. Glitzernd
+wie ein Fischbauch w&uuml;rde er sich mit seinen wei&szlig;en Schuppen
+zwischen Riedgrash&uuml;geln und Strandpf&uuml;tzen dahinschl&auml;ngeln.
+Tausendsch&ouml;nchen und Mandelblumen, die diesen
+von den Menschen verlassenen Boden schm&uuml;cken, w&uuml;rden
+sich in den blanken Silberm&uuml;nzen spiegeln, die Disteln
+w&uuml;rden sch&uuml;tzend ihre Stacheln dar&uuml;ber ausstrecken,
+und der Wind w&uuml;rde einen klingenden Resonanzboden
+finden, wenn er durch das Schilf der Strandweiden
+spielte und in den Telephondr&auml;hten sang.</p>
+
+<p>Dem alten Matt&szlig;on w&auml;re es vielleicht ein gewisser
+Trost gewesen, wenn er seine schweren Seestiefel auf
+klingendes Silber h&auml;tte setzen k&ouml;nnen, denn eines ist gewi&szlig;,
+jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg &ouml;fter machen
+mu&szlig;te, als er w&uuml;nschte.</p>
+
+<p>Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus
+dem Aufgebot hatte nichts werden k&ouml;nnen. Dies kam daher,
+da&szlig; er das vorige Mal seiner Braut durchgegangen
+war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium
+&uuml;ber seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis
+erwirken konnte, eine neue Ehe zu schlie&szlig;en.</p>
+
+<p>Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Matt&szlig;on
+an jedem Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause
+setzte er sich unten zur T&uuml;r hin und wartete dort stumm,
+bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er auf und
+fragte, ob der Pfarrer etwas f&uuml;r ihn habe. Nein, er
+hatte nichts.</p>
+
+<p>Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles
+bezwingende Liebe &uuml;ber diesen alten Mann erlangt hatte.
+Da sa&szlig; er in seiner dicken gestrickten Wolljacke, den hohen
+Seestiefeln und dem windverwehten S&uuml;dwester, mit
+einem scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren,
+und wartete auf die Erlaubnis, zu heiraten. Dem
+Pfarrer schien es eigent&uuml;mlich, da&szlig; dieser alte Fischer
+von einer so hei&szlig;en Sehnsucht erf&uuml;llt war.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_151" id="page_151"></a>151</span>&bdquo;Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Matt&szlig;on,&ldquo;
+sagte der Pfarrer.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;K&ouml;nnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen
+Sache abstehen, Matt&szlig;on? Sie geh&ouml;ren ja nicht mehr
+zu den J&uuml;ngsten.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Matt&szlig;on
+wu&szlig;te ja selbst, da&szlig; er zu alt war, aber er war gezwungen,
+zu heiraten. Da gab es keine Hilfe.</p>
+
+<p>Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche f&uuml;r Woche
+wieder, bis endlich die Erlaubnis eintraf.</p>
+
+<p>W&auml;hrend dieser ganzen Zeit war der alte Matt&szlig;on ein
+gehetzter Mann. Rings um den gr&uuml;nen Trockenplatz, wo
+die braunen Fischnetze hingen, l&auml;ngs der zementierten
+Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem
+Markte, wo Dorsche und Krabben verkauft wurden, und
+weit drau&szlig;en auf dem Sunde, wo man den Heringszug
+verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes.</p>
+
+<p>Wie, er wollte heiraten, Matt&szlig;on, der vor seiner eignen
+Hochzeit davongelaufen war!</p>
+
+<p>Und man verschonte weder Br&auml;utigam noch Braut.</p>
+
+<p>Doch am schlimmsten f&uuml;r ihn war, da&szlig; niemand mehr
+&uuml;ber die ganze Sache lachen konnte als er selbst. Niemand
+konnte sie l&auml;cherlicher finden. Mutters Bild war
+drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der
+alte Matt&szlig;on, der noch immer ein von Gerede und Spott
+verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, bis zu
+dem wei&szlig;get&uuml;nchten Leuchtturm, um dort allein zu sein.
+Dort drau&szlig;en traf er seine Braut. Sie sa&szlig; da und weinte.</p>
+
+<p>Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern h&auml;tte haben
+wollen. Sie sa&szlig; da und lockerte kleine Kalkst&uuml;ckchen von
+<span class="pagenum"><a name="page_152" id="page_152"></a>152</span>der Mauer des Leuchtturmes und warf sie in das Wasser.
+Zuerst gab sie gar keine Antwort.</p>
+
+<p>Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?</p>
+
+<p>Ach nein, gewi&szlig; nicht.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en am Leuchtturm ist es sehr sch&ouml;n. Das klare
+Wasser des Sunds umrauscht ihn. Der flache Strand,
+die kleinen, regelrechten H&auml;uschen des Fischerdorfes, die
+ferne Stadt, alles ist von der ewigen Sch&ouml;nheit des
+Meeres begl&auml;nzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist
+den westlichen Horizont verh&uuml;llen, taucht hier und da ein
+Fischerboot auf. Mit k&uuml;hnem Kreuzen steuert es dem
+Hafen zu. Es rauscht fr&ouml;hlich um den Kiel, wenn es in
+den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden
+ganz still die Segel eingezogen. Die Fischer schwenken
+den Hut zum fr&ouml;hlichen Gru&szlig;e, und unten im Boot liegt
+glitzernd die gefangne Beute.</p>
+
+<p>Es kam gerade ein Boot in den Hafen, w&auml;hrend der
+alte Matt&szlig;on drau&szlig;en am Leuchtturm stand. Ein junger
+Bursche, der am Steuer sa&szlig;, l&uuml;ftete den Hut und nickte
+dem M&auml;dchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen
+aufleuchtete.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach so,&ldquo; dachte er, &bdquo;hast du dich in den sch&ouml;nsten
+Burschen im ganzen Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du
+nie. Ebensogut kannst du da mich heiraten, wie auf den
+warten.&ldquo;</p>
+
+<p>Er merkte, da&szlig; er Mutters Bild nicht entkommen
+konnte. Wenn das M&auml;dchen jemanden lieb gehabt h&auml;tte,
+den sie die geringste Aussicht hatte zu bekommen, dann
+w&auml;re dies eine sch&ouml;ne Ausrede gewesen, um die ganze
+Sache loszuwerden. Aber jetzt n&uuml;tzte es nichts, sie freizugeben.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_153" id="page_153"></a>153</span>Vierzehn Tage sp&auml;ter wurde die Hochzeit gefeiert, und
+ein paar Tage drauf kam der gro&szlig;e Novembersturm.</p>
+
+<p>Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund
+hinabgetrieben. Steuer und Mast waren fort, so da&szlig; es
+unm&ouml;glich zu lenken war. Der alte Matt&szlig;on und f&uuml;nf
+andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang
+ohne Nahrung herum. Als sie geborgen wurden, waren
+sie vor Mattigkeit und K&auml;lte ganz ersch&ouml;pft. Alles im
+Boote war mit einer Eiskruste &uuml;berzogen, und ihre feuchten
+Kleider waren in der K&auml;lte ganz steif geworden. Der
+alte Matt&szlig;on erk&auml;ltete sich dabei so schwer, da&szlig; er nie
+mehr seine Gesundheit wiedererlangte. Er lag zwei Jahre
+lang krank, dann kam der Tod.</p>
+
+<p>Manchen schien es eigent&uuml;mlich, da&szlig; er unmittelbar
+vor dem Ungl&uuml;cksfalle den Einfall gehabt hatte, zu heiraten,
+denn die kleine Frau war ihm eine gute Pflegerin
+geworden. Wie w&auml;re es ihm wohl ergangen, wenn er einsam
+und hilflos dagelegen w&auml;re? Das ganze Fischerdorf
+erkannte schlie&szlig;lich, da&szlig; er nie etwas Kl&uuml;gres getan h&auml;tte,
+als da er sich verheiratete, und die kleine Frau stand in
+gro&szlig;em Ansehen wegen der Z&auml;rtlichkeit, mit der sie den
+Mann pflegte.</p>
+
+<p>&bdquo;Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,&ldquo;
+sagte man.</p>
+
+<p>Der alte Matt&szlig;on erz&auml;hlte jeden Tag, solange er krank
+lag, seiner Frau die Geschichte von dem Bilde.</p>
+
+<p>&bdquo;Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles
+haben sollst, was mein ist,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>&bdquo;Sprich doch nicht von so etwas.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und du sollst auf Mutters Portr&auml;t acht geben, wenn
+die jungen Burschen um dich werben. Wahrlich, ich glaube,
+es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf, der sich besser
+auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_154" id="page_154"></a>154</span></p>
+<h2 style="margin-bottom: 1em"><a name="nr10" id="nr10"></a><a href="#inhalt">Ein gefallener K&ouml;nig</a></h2>
+
+<p style="margin-left: 50%; margin-top: 0em; font-size: smaller">&bdquo;Mein war das Reich der Phantasie,<br />
+Nun bin ich ein gefallener K&ouml;nig.&ldquo;<br />
+<span style="margin-left: 35%">Snoilsky.</span></p>
+
+
+<p>Es klapperte &uuml;ber die Pflastersteine, die Holzpantoffeln
+klatschten in unruhigem Takt. Die Gassenjungen
+eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen. Es ging im
+Laufmarsch. Die H&auml;user zitterten, und aus den Seiteng&auml;&szlig;chen
+st&uuml;rzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus
+seiner H&uuml;tte.</p>
+
+<p>Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte
+sich etwas zugetragen? War etwas los? Der L&auml;rm verzog
+sich nach der Vorstadt. Die Dienstm&auml;dchen eilten
+hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die
+H&auml;nde zusammen und schrien: &bdquo;Gott bewahre uns, Gott
+bewahre uns! Gibt es Mord, gibt es Brand?&ldquo; Niemand
+antwortete. Das Klappern ert&ouml;nte aus der Ferne.</p>
+
+<p>Nach den M&auml;dchen kamen die weisen Matronen der
+Stadt geeilt. Sie fragten: &bdquo;Was geht vor? Was st&ouml;rt
+die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es ein
+Begr&auml;bnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der
+Turmw&auml;chter? Soll die Stadt niederbrennen, ehe er zu
+l&auml;uten anf&auml;ngt?&ldquo;</p>
+
+<p>Der ganze Haufen machte vor dem kleinen H&auml;uschen
+des Schuhmachers in der Vorstadt halt, dem kleinen
+H&auml;uschen, das Weinranken um T&uuml;ren und Fenster hatte
+und darunter zwischen der Stra&szlig;e und dem Hause einen
+ellenbreiten Garten. Ein Lusth&auml;uschen aus Stroh, Bosketts
+f&uuml;r ein M&auml;uslein, Wege f&uuml;r ein K&auml;tzchen. Alles
+aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und
+Lavendel, eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerb&uuml;sche und
+einen Apfelbaum.</p>
+
+<p>Die Gassenjungen standen am n&auml;chsten, sie sp&auml;hten
+und berieten. Die blanken schwarzen Fensterscheiben lie&szlig;en
+<span class="pagenum"><a name="page_155" id="page_155"></a>155</span>die Blicke nicht weiter vordringen als bis zu den
+wei&szlig;en Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich
+an die Weinranken fest und dr&uuml;ckte das Gesicht an die
+Scheibe. &bdquo;Was sieht er?&ldquo; fl&uuml;sterten die andern. &bdquo;Was
+sieht er?&ldquo; Die Schusterwerkstatt und die Schusterbank,
+Schmierb&uuml;chsen und Lederflecke, Leisten und Pfl&ouml;cke,
+Ringe und Riemen. &bdquo;Sieht er keinen Menschen?&ldquo; Er
+sieht den Gesellen, der den Absatz an einem Schuh macht.
+Sonst niemand, sonst niemand? Gro&szlig;e, schwarze Fliegen
+springen &uuml;ber die Scheibe und tr&uuml;ben seinen Blick.
+&bdquo;Sieht er niemand anders als den Gesellen?&ldquo; Niemand
+anders. Des Meisters Stuhl steht leer. Er sah einmal,
+zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.</p>
+
+<p>Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte
+sich. Es war also wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen.
+Niemand wollte es glauben. Man stand da
+und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das
+steile Dach heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt
+die Dachrinne hinab. Ja, der Hausherr war fort, die
+Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und kreischten
+ganz hilflos.</p>
+
+<p>Ein wei&szlig;es K&uuml;chlein guckte um die Hausecke. Es war
+schon beinahe ein richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete
+rot wie Weinlaub. Es sp&auml;hte und guckte, kr&auml;hte und rief.
+Die H&uuml;hner kamen, eine Reihe wei&szlig;er H&uuml;hner in vollem
+Lauf, die K&ouml;rper wiegten sich, die Fl&uuml;gel schlugen, die
+gelben Beinchen regten sich wie Trommelschl&auml;gel. Die
+H&uuml;hner h&uuml;pften in die Erbsen. Schl&auml;gereien entspannen
+sich. Mi&szlig;gunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer
+vollen Erbsenschote Zwei H&auml;hne hackten sie in den
+Nacken. Die Katze verlie&szlig; das Spatzennest, um zuzusehen.
+Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die H&uuml;hner entflohen
+in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe
+dachte: &bdquo;Freilich ist es wahr, da&szlig; der Schuster
+sich aus dem Staube gemacht hat. Man sieht es an der
+Katze und an den H&uuml;hnern, da&szlig; der Hausherr fort ist.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_156" id="page_156"></a>156</span>Die holprige, vom Herbstregen schl&uuml;pfrige Vorstadtgasse
+hallte von allen den Reden wider. Die T&uuml;ren standen
+offen, die Fenster schwangen hin und her. Ein Kopf
+steckte sich neben den andern in verwundertem Gefl&uuml;ster.
+&bdquo;Er ist durchgegangen.&ldquo; Menschen fl&uuml;sterten, Sperlinge
+kreischten, Holzpantoffeln klapperten: &bdquo;Er ist durchgegangen.
+Der alte Schuhmacher ist durchgegangen. Der
+Besitzer des kleinen H&auml;uschens, der Mann der jungen
+Frau, der Vater des sch&ouml;nen Kindes ist durchgegangen.
+Wer kann es verstehen? Wer kann es verstehen?&ldquo;</p>
+
+<p>So geht ein altes Liedchen: &bdquo;Alter Mann im Hause,
+junger Knab' im Walde; Frau entflieht; Kind weint;
+Heim ohne Herrin.&ldquo;</p>
+
+<p>Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.</p>
+
+<p>Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem
+Tisch der Werkstatt lag seine Erkl&auml;rung, da&szlig; er niemals
+wiederzukommen gedachte; daneben war auch ein Brief
+gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.</p>
+
+<p>Die junge Frau war in der K&uuml;che. Sie tat nichts.
+Die Nachbarin ging hin und her; hantierte gesch&auml;ftig herum,
+setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu, weinte ein
+bi&szlig;chen und trocknete sich die Tr&auml;nen mit dem Wischfetzen.</p>
+
+<p>Die weisen Frauen des Viertels sa&szlig;en steif rings an
+den W&auml;nden. Sie wu&szlig;ten, was sich in einem Trauerhause
+schickte. Sie sahen darauf, da&szlig; Schweigen herrschte, da&szlig;
+Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die
+verlassene Frau in ihrer Trauer zu st&uuml;tzen. Grobe H&auml;nde
+lagen still im Scho&szlig;e, wettergebr&auml;unte Wangen legten
+sich in tiefe Runzeln, d&uuml;nne Lippen kniffen sich &uuml;ber
+zahnlosen Kinnladen zusammen.</p>
+
+<p>Die Frau sa&szlig; unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell,
+mit s&uuml;&szlig;em Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte.
+Sie war so &auml;ngstlich, da&szlig; sie fast vor Furcht starb.
+Sie bi&szlig; die Z&auml;hne zusammen, damit niemand h&ouml;rte, wie
+sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ert&ouml;nten, wenn
+<span class="pagenum"><a name="page_157" id="page_157"></a>157</span>es klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr
+sie zusammen.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; mit dem Brief des Mannes in der Tasche da.
+Sie erinnerte sich bald an eine Zeile daraus, bald an eine
+andre. Da stand: &bdquo;Ich halte es nicht l&auml;nger aus, Euch
+beide zu sehen.&ldquo; Und an einer andern Stelle: &bdquo;Ich habe
+jetzt die Gewi&szlig;heit, da&szlig; Du mit Erikson durchgehen
+willst.&ldquo; Und dann wieder: &bdquo;Du sollst es nicht tun, denn
+die b&ouml;se Nachrede der Leute w&uuml;rde Dich ungl&uuml;cklich machen.
+Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen
+und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver
+Arbeiter und kann Dich gut versorgen.&ldquo; Dann tiefer
+unten: &bdquo;La&szlig; die Leute von mir sagen, was sie wollen,
+ich bin schon froh, wenn sie nichts B&ouml;ses von Dir glauben;
+denn Du w&uuml;rdest es nicht ertragen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betr&uuml;gen
+wollen. Wenn sie auch gerne mit dem jungen Gesellen
+plauderte, was ging das den Mann an? Die Liebe ist
+eine Krankheit, aber sie ist nicht t&ouml;dlich. Sie hatte sie
+das ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen.
+Wie hatte der Mann ihre heimlichsten Gedanken erraten
+k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mu&szlig;te
+sich ge&auml;ngstigt und gesorgt haben. Er hatte &uuml;ber seine
+Jahre geweint. Er hatte &uuml;ber die Kr&auml;fte und den Mut
+des Jungen gerast. Er war bei jedem Fl&uuml;stern, jedem
+L&auml;cheln, jedem H&auml;ndedruck erzittert. In lichterlohem
+Wahnsinn, in knirschender Eifersucht hatte er eine ganze
+Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch nichts war.</p>
+
+<p>Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein
+mu&szlig;te, als er ging. Sein R&uuml;cken war gebeugt, seine
+H&auml;nde zitterten. Langer N&auml;chte Qual hatte ihn so gemacht.
+Er war gegangen, um dieses Dasein qu&auml;lender
+Zweifel los zu sein.</p>
+
+<p>Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe:
+&bdquo;Es ist nicht meine Absicht, Dich zu besch&auml;men, ich bin
+<span class="pagenum"><a name="page_158" id="page_158"></a>158</span>immer zu alt f&uuml;r Dich gewesen.&ldquo; Und dann an eine
+andre: &bdquo;Du sollst immer geachtet und geehrt sein.
+Schweige nur selbst, dann f&auml;llt alle Schande auf mich.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frau f&uuml;hlte immer gr&ouml;&szlig;re Angst. War es m&ouml;glich,
+da&szlig; man Menschen so betr&uuml;gen konnte? Ging es
+auch an, so vor Gott zu l&uuml;gen? Warum sa&szlig; sie hier
+in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt
+wie eine Braut am Hochzeitstage? Warum war nicht
+sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie kann so etwas
+geschehen? Wie kann Gott sich so betr&uuml;gen lassen?</p>
+
+<p>&Uuml;ber der gro&szlig;en Chiffoniere hing ein kleines B&uuml;cherbrett.
+Zu oberst auf dem Brett stand ein gro&szlig;es Buch mit
+Messingspangen. Und diese Spangen bargen die Erz&auml;hlung
+von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott
+und den Menschen logen. &bdquo;Wer hat es dir eingegeben,
+o Weib, da&szlig; du solches tun sollst? Sieh, junge M&auml;nner
+stehen hier vor deiner T&uuml;r, um dich fortzuf&uuml;hren.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den
+Schritten der jungen M&auml;nner. Sie erzitterte bei jedem
+Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war bereit,
+aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und
+zu sterben.</p>
+
+<p>Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam
+zum Tisch hin. Sie schenkten die Tassen voll, nahmen
+Zucker in den Mund und begannen den siedendhei&szlig;en
+Kaffee einzuschl&uuml;rfen, still und anst&auml;ndig, die Handwerkerfrauen
+zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die
+Frau des Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst
+raubte ihr ganz die Besinnung. Sie hatte eine Erscheinung.
+Mitten in der Nacht sa&szlig; sie auf einem frisch gepfl&uuml;gten
+Acker. Rings um sie sa&szlig;en gro&szlig;e V&ouml;gel mit
+starken Fl&uuml;geln und spitzigen Schn&auml;beln. Sie waren
+grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden, aber sie
+wachten &uuml;ber sie. Sie hielten Gericht &uuml;ber sie. Mit
+einemmal flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf
+herab. Sie sah ihre scharfen Klauen, ihre spitzigen Schn&auml;bel;
+<span class="pagenum"><a name="page_159" id="page_159"></a>159</span>ihre peitschenden Fl&uuml;gel kamen immer n&auml;her. Es war
+wie ein t&ouml;dlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf
+hinab und f&uuml;hlte, da&szlig; sie sterben mu&szlig;te. Aber als sie
+n&auml;her kamen, ganz dicht an sie heran, mu&szlig;te sie aufsehen.
+Da sah sie, da&szlig; die grauen V&ouml;gel alle diese alten
+Frauen waren.</p>
+
+<p>Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wu&szlig;te, was
+anst&auml;ndig war, was sich in einem Trauerhause schickte.
+Man hatte jetzt lange genug geschwiegen. Aber die Schustersfrau
+fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen.
+Was wollte die Frau sagen? &bdquo;Du Matts Wiks
+Frau, Anna Wik, gestehe! Lange genug hast du vor
+Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir
+wollen dich richten und dich zerrei&szlig;en.&ldquo;</p>
+
+<p>Nein, die Frau begann von den M&auml;nnern zu sprechen.
+Und die andern stimmten ein, so wie der Anla&szlig; es erforderte.
+Es wurde nicht zum Lob der M&auml;nner gesprochen.
+Alles B&ouml;se, was M&auml;nner je getan hatten, wurde
+ans Licht gezogen. Das war Trost f&uuml;r eine verlassene
+Frau.</p>
+
+<p>Verleumdung ward auf Verleumdung gew&auml;lzt. Wunderliche
+Wesen, diese M&auml;nner! Sie schlagen uns, sie vertrinken
+unser Geld. Sie verpf&auml;nden unsre Habe. Warum
+in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?</p>
+
+<p>Die Zungen wurden wie Drachenz&auml;hne, sie spien Gift,
+sie spr&uuml;hten Feuer. Jede f&uuml;gte ihr Wort ein. Erz&auml;hlung
+h&auml;ufte sich auf Erz&auml;hlung. Die Frau floh vor dem berauschten
+Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich
+f&uuml;r versoffne M&auml;nner. Ehefrauen wurden um andrer
+Frauen willen verlassen. Die Zungen sausten wie Peitschenhiebe.
+Das h&auml;usliche Elend wurde entbl&ouml;&szlig;t. Lange Litaneien
+wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei
+bewahre uns, o g&uuml;tiger Gott!</p>
+
+<p>Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die K&auml;lte
+des Winters, die Plage mit den Alten, alles kommt vom
+Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre Herren. Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_160" id="page_160"></a>160</span>wendeten den Stachel gegen den, zu dessen F&uuml;&szlig;en sie
+krochen.</p>
+
+<p>Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese
+Worte schrill in den Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen
+zu verteidigen. &bdquo;Mein Mann,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ist gut.&ldquo;
+Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. &bdquo;Er
+ist durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer.
+Er, der schon alt ist, h&auml;tte es besser verstehen
+m&uuml;ssen, als von Frau und Kind fortzulaufen. Kannst
+du glauben, da&szlig; er besser ist als irgendein andrer?&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frau bebte, es war ihr, als w&uuml;rde sie durch stechendes
+Dornengestr&uuml;pp geschleift. Ihr Mann zu den S&uuml;ndern
+gez&auml;hlt! Sie ergl&uuml;hte in Scham, sie wollte sprechen,
+aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es
+nicht. Aber warum schwieg Gott? Warum lie&szlig; Gott
+so etwas geschehen?</p>
+
+<p>Wenn sie den Brief herausn&auml;hme und ihn laut l&auml;se.
+Dann w&uuml;rde sich der Giftstrom wenden. Der Eiter w&uuml;rde
+sie bespritzen. Todesangst kam &uuml;ber sie. Sie wagte es
+nicht. Sie w&uuml;nschte beinahe, da&szlig; eine freche Hand in
+ihre Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen h&auml;tte.
+Sie vermochte nicht, sich selbst preiszugeben. Drinnen
+aus der Werkst&auml;tte h&ouml;rte man einen Schusterhammer.
+H&ouml;rte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen
+Tag hatte sie dieses Klopfen geh&ouml;rt und sich dar&uuml;ber
+erz&uuml;rnt. Aber keine der Frauen verstand es. Allwissender
+Gott, hattest du keinen Diener, der die Herzen
+durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen,
+wenn sie nur nicht gestehen mu&szlig;te. Sie wollte jemanden
+sagen h&ouml;ren: &bdquo;Wer hat es dir eingegeben, da&szlig; du vor
+Gott l&uuml;gen solltest?&ldquo; Sie horchte nach dem Laut der
+Schritte der jungen M&auml;nner, um niederzufallen und zu
+sterben.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_161" id="page_161"></a>161</span>Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene
+Frau einen Schuhmacher, der Gesell bei ihrem
+Manne gewesen war. Sie hatte es nicht gewollt, aber
+sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum
+Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur
+h&auml;ngen geblieben ist. Der Fischer l&auml;&szlig;t sie spielen, er
+l&auml;&szlig;t sie hin und her schnellen und l&auml;&szlig;t sie glauben, da&szlig;
+sie frei ist. Aber wenn sie m&uuml;de geworden ist, wenn
+sie nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck
+an das Boot, dann holt er sie herauf und wirft sie auf
+den Bootsgrund, ehe sie noch wei&szlig;, um was es sich
+handelt.</p>
+
+<p>Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte
+ihren Gesellen verabschiedet und hatte allein leben wollen.
+Sie wollte ihrem Manne zeigen, da&szlig; sie unschuldig war.
+Aber wo war der Mann? K&uuml;mmerte er sich nicht um
+ihre Treue? Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen.
+Wie lange glaubte denn der Mann, da&szlig; sie warten
+konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte,
+an den sie sich lehnen konnte.</p>
+
+<p>Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen
+in der Stadt. Seine Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben
+hinter breiten Auslagefenstern. Seine Werkst&auml;tte
+dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte
+Sammetm&ouml;bel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur
+auf sie. Als sie der Armut gar zu m&uuml;de war, kam sie.</p>
+
+<p>Sie war anfangs sehr &auml;ngstlich. Aber es traf sie kein
+Ungl&uuml;ck. Sie wurde mit jedem Tage sichrer und immer
+gl&uuml;cklicher. Sie stand bei den Menschen in Ansehen und
+wu&szlig;te bei sich, da&szlig; sie es nicht verdiente. Dies hielt
+ihr Gewissen wach, so da&szlig; sie eine gute Frau wurde.</p>
+
+<p>Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in
+das Haus in der Vorstadt. Er lie&szlig; sich wieder dort
+nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er bekam
+keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit
+ihm verkehren. Er wurde verachtet, w&auml;hrend seine Frau
+<span class="pagenum"><a name="page_162" id="page_162"></a>162</span>gro&szlig;e Ehre geno&szlig;. Und doch hatte er recht getan und
+sie unrecht gehandelt.</p>
+
+<p>Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es
+erstickte ihn beinahe. Er f&uuml;hlte, wie er sank, weil alle
+ihn f&uuml;r einen schlechten Menschen hielten. Niemand verlie&szlig;
+sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen.
+Er schlo&szlig; sich der Gesellschaft an, die er finden konnte,
+und gew&ouml;hnte es sich an, zu trinken.</p>
+
+<p>W&auml;hrend es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee
+in die Stadt. Sie mietete einen gro&szlig;en Saal und
+begann ihre T&auml;tigkeit. Schon vom ersten Abend an lief
+alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug
+zu treiben. Als dies ungef&auml;hr eine Woche gedauert
+hatte, kam Matts Wik mit, um an der Belustigung teilzunehmen.
+Es herrschte Gedr&auml;nge auf der Gasse, und
+im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen
+und scharfe Zungen; Gassenjungen und Soldaten,
+M&auml;gde und Scheuerfrauen; friedliche Polizisten und l&auml;rmender
+P&ouml;bel. Die Armee war neu und modern. Die
+B&auml;lle verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants
+und Hafengesindel, alles ging zur Heilsarmee.</p>
+
+<p>Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde
+stand eine leere Estrade. Ungestrichne B&auml;nke, geliehene
+St&uuml;hle. Zerschlissener Boden, Feuchtigkeitsflecke
+an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen
+mitten im Zimmer verbreitete W&auml;rme und Kohlendunst.
+Im Augenblick waren alle Pl&auml;tze besetzt. Zun&auml;chst der
+Estrade sa&szlig;en Frauen, anst&auml;ndig wie in der Kirche, feierlich
+wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe
+und N&auml;hm&auml;dchen. Ganz r&uuml;ckw&auml;rts sa&szlig;en die Jungen,
+ein Gassenjunge dem andern auf dem Scho&szlig;. Und
+in der T&uuml;r gab es Schl&auml;gereien zwischen jenen, die nicht
+hereinkommen konnten.</p>
+
+<p>Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen,
+die Vorstellung noch nicht begonnen. Einer pfiff,
+einer lachte. B&auml;nke wurden zertreten. Der &bdquo;Kampfruf&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_163" id="page_163"></a>163</span>flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her.
+Das Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.</p>
+
+<p>Die Seitent&uuml;re &ouml;ffnete sich. Kalte Luft str&ouml;mte in das
+Zimmer. Das Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat
+ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Endlich kamen
+sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter
+von breitkrempigen H&uuml;ten beinahe verdeckt. Sie st&uuml;rzten
+auf die Knie, sobald sie die Stufen der Estrade erklommen
+hatten.</p>
+
+<p>Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor,
+schlo&szlig; aber die Augen. Die Stimme war schneidend wie
+ein Messer. W&auml;hrend des Gebetes war es still. Gassenjungen
+und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug
+gekommen. Sie warteten auf die Gest&auml;ndnisse und die
+anregenden Melodien.</p>
+
+<p>Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und
+beteten, sangen und predigten. Sie l&auml;chelten und sprachen
+von ihrem Gl&uuml;ck. Vor sich hatten sie ein Parterre von
+Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen
+auf die B&auml;nke. Ein drohender L&auml;rm erhob sich in den
+Scharen. Die Frauen auf der Estrade sahen furchtbare
+Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die M&auml;nner
+hatten feuchte, schmutzige Kleider, die &uuml;bel rochen. Sie
+spien jeden Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem
+Wort. Diese Frauen, die gegen sie k&auml;mpfen wollten,
+sprachen von ihrem Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht
+sch&ouml;n, tapfer zu sein, ist es nicht ein Hochgef&uuml;hl, Gott
+mit sich zu haben! Es half nichts, &uuml;ber die mit den
+gro&szlig;en H&uuml;ten zu lachen. Es war h&ouml;chstwahrscheinlich,
+da&szlig; sie die schwieligen H&auml;nde, die grausamen Gesichter,
+die l&auml;sternden Lippen besiegen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>&bdquo;Singet mit,&ldquo; riefen die Heilsarmeesoldatinnen.
+&bdquo;Singet mit. Es ist gut, zu singen.&ldquo; Sie stimmten
+eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren Gitarren
+und wiederholten denselben Vers einmal ums andre.
+<span class="pagenum"><a name="page_164" id="page_164"></a>164</span>Sie brachten den einen oder andern der Zun&auml;chstsitzenden
+dazu, mitzusingen. Doch jetzt erdr&ouml;hnte unten von der
+T&uuml;re ein leichtsinniger Gassenhauer. T&ouml;ne k&auml;mpften
+gegen T&ouml;ne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die
+Zischpfeife. Die starken, ge&uuml;bten Stimmen der Frauen
+stritten gegen die heisern, mutierenden Stimmen der
+Knaben, gegen die Brummb&auml;sse der M&auml;nner. Als der
+Gassenhauer nahe daran war, unterzutauchen, begann
+man unten an der T&uuml;r zu stampfen und zu pfeifen.
+Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger.
+Der L&auml;rm war entsetzlich, die Frauen st&uuml;rzten auf die
+Knie.</p>
+
+<p>Sie lagen wie ohnm&auml;chtig da. Die Augen waren geschlossen.
+Die K&ouml;rper wiegten sich in stummem Schmerz.
+Der L&auml;rm erstarb. Die Heilsarmeekapit&auml;nin begann
+augenblicklich: &bdquo;Herr, alle diese wirst du zu den Deinen
+machen. Dank, o Herr, da&szlig; du sie alle in dein Kriegsheer
+aufnehmen willst! Dank, o Herr, da&szlig; wir sie dir
+zuf&uuml;hren d&uuml;rfen!&ldquo;</p>
+
+<p>Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als
+ob alle diese Kehlen von einem scharfen Messer gekitzelt
+w&uuml;rden. Es war, als f&uuml;rchteten die Menschen, &uuml;berwunden
+zu werden, als h&auml;tten sie vergessen, da&szlig; sie
+freiwillig gekommen waren.</p>
+
+<p>Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende
+Stimme trug den Sieg davon. Sie mu&szlig;ten h&ouml;ren.</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch
+windet sich und rast. Aber das ist gerade das Zeichen.
+Gesegnet sei das Br&uuml;llen der alten Schlange! Es zeigt,
+da&szlig; sie sich qu&auml;lt, da&szlig; sie sich f&uuml;rchtet. Lacht uns aus!
+Schlagt uns die Fenster ein! Verjagt uns von der
+Estrade! Morgen werdet ihr uns angeh&ouml;ren! Wir werden
+die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen?
+Wie wollt ihr Gott widerstehen?&ldquo;</p>
+
+<p>Gleich darauf befahl die Kapit&auml;nin einer ihrer Gef&auml;hrtinnen,
+vorzutreten und ihr Bekenntnis abzulegen.
+<span class="pagenum"><a name="page_165" id="page_165"></a>165</span>Sie kam l&auml;chelnd. Sie stand k&uuml;hn und unerschrocken da
+und schleuderte die Geschichte ihrer S&uuml;nde und ihrer Bekehrung
+den H&ouml;hnenden entgegen. Wo h&auml;tte es das
+K&uuml;chenm&auml;dchen gelernt, l&auml;chelnd unter allem diesem
+Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen waren,
+um ihren Spott zu treiben, erbla&szlig;ten. Woher nahmen
+diese Frauen ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand
+hinter ihnen.</p>
+
+<p>Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wundersch&ouml;nes
+Kind, reicher Eltern Tochter, mit einer sanften,
+klaren Singstimme. Sie erz&auml;hlte nicht von sich selbst.
+Ihr Zeugnis war eines der gew&ouml;hnlichen Lieder.</p>
+
+<p>Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung
+verga&szlig; sich und lauschte. Dieses Kind war
+sch&ouml;n zu sehen, lieblich zu h&ouml;ren. Aber als sie verstummt
+war, brach das Get&ouml;se noch furchtbarer los. Unten an
+der T&uuml;r bauten sie eine Estrade aus B&auml;nken, sprangen
+hinauf und legten Gest&auml;ndnisse ab.</p>
+
+<p>Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne
+Ofen wurde glutrot, er schluckte Luft und str&ouml;mte
+W&auml;rme aus. Die ehrbaren Frauen auf den vordersten
+B&auml;nken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um,
+aber es gab keine M&ouml;glichkeit, den Saal zu verlassen.
+Die Heilssoldatinnen auf der Estrade wankten, und auf
+ihren Stirnen perlte der Schwei&szlig;. Sie riefen und beteten
+um St&auml;rke. Pl&ouml;tzlich fuhr ein Hauch durch die
+Luft, ein Fl&uuml;stern schlug an ihr Ohr. Sie wu&szlig;ten nicht,
+woher es kam, aber sie f&uuml;hlten einen Umschlag. Gott
+war mit ihnen. Er k&auml;mpfte f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Aufs neue in den Kampf! Die Kapit&auml;nin trat vor
+und erhob die Bibel &uuml;ber ihren Kopf. &bdquo;Haltet inne,
+haltet inne! Wir f&uuml;hlen, da&szlig; Gott unter uns wirkt.
+Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will
+uns eine Seele schenken.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige
+im Saal nahmen an dem Gebet teil. Allen teilte sich
+<span class="pagenum"><a name="page_166" id="page_166"></a>166</span>eine spannende Erwartung mit. War es wahr? Trug
+sich etwas Gro&szlig;es in der Seele eines Mitmenschen zu,
+hier, mitten unter ihnen? W&uuml;rden sie es sehen? Konnten
+diese Frauen etwas bewirken?</p>
+
+<p>F&uuml;r einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt
+war sie ebenso erpicht auf Wunder wie eben erst auf
+L&auml;sterung. Niemand wagte sich zu r&uuml;hren. Alle keuchten
+vor Erwartung, aber nichts geschah. &bdquo;O Gott, du verl&auml;ssest
+uns! Du verl&auml;&szlig;t uns, o Gott!&ldquo;</p>
+
+<p>Die sch&ouml;ne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie
+w&auml;hlte die mildeste der Melodien, das zarteste Kind der
+Sehnsucht: &bdquo;Fern er weilet von gr&uuml;nenden T&auml;lern.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Worte waren nur wenig ver&auml;ndert. Das Lied des
+finnischen Hirtenm&auml;dchens war unschwer zu Jesu Sehnsucht
+nach der Seele geworden. &bdquo;O, du meine Geliebte,
+kommst du nicht bald?&ldquo;</p>
+
+<p>So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang
+in die Gem&uuml;ter, wie eine Liebkosung, wie ein Segen.</p>
+
+<p>Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese
+T&ouml;ne.&nbsp;&ndash; &bdquo;Berge und W&auml;lder verschmachten, Himmel
+und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in der Welt
+d&uuml;rstet danach, da&szlig; du deine Seele dem Lichte erschlie&szlig;est.
+Dann verbreitet sich Herrlichkeit &uuml;ber alle Welt, dann
+stehen die Tiere auf aus ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen
+der Kreatur hat ein Ende. O, du meine Geliebte,
+kommst du nicht bald?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist nicht wahr, da&szlig; du in hohen K&ouml;nigss&auml;len
+weilest. In dunklen W&auml;ldern, in elenden H&uuml;tten hausest
+du, und du willst nicht kommen. Mein lichter Himmel
+lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht
+bald?&ldquo;</p>
+
+<p>Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim
+ein. Stimme um Stimme kam mit. Sie wu&szlig;ten
+nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die Melodie
+war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen T&ouml;nen
+freisingen. Auch unten an der T&uuml;r wurde es gesungen.
+<span class="pagenum"><a name="page_167" id="page_167"></a>167</span>Es sprengte Herzen. Es unterjochte Willen. Es klang
+nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern stark,
+fordernd, befehlend.</p>
+
+<p>&bdquo;O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?&ldquo;</p>
+
+<p>Unten an der T&uuml;r im dichtesten Kn&auml;uel stand Matts
+Wik. Er sah ganz vertrunken aus, aber an diesem Abend
+war er nicht berauscht. Er stand da und dachte: &bdquo;Wenn
+ich sprechen d&uuml;rfte, wenn ich sprechen d&uuml;rfte.&ldquo;</p>
+
+<p>Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen
+hatte, die wunderbarste Gelegenheit. Eine Stimme sprach
+zu ihm: &bdquo;Dies ist das Schilf, in das du fl&uuml;stern kannst,
+die Wellen, die deine Stimme tragen werden.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als h&auml;tten
+sie einen L&ouml;wen br&uuml;llen h&ouml;ren. Eine starke, furchtbare
+Stimme sprach furchtbare Worte.</p>
+
+<p>Sie h&ouml;hnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott?
+Er verlie&szlig; alle, die ihm dienten. Er hatte seinen Sohn
+verlassen. Gott half niemandem.</p>
+
+<p>Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder
+Minute brausender. Solche Kraft hatte niemand Menschenlungen
+zugetraut. Solche Raserei hatte niemand je
+aus einem zertretnen Herzen losbrechen h&ouml;ren. Sie neigten
+ihr Haupt wie die Wandrer in der W&uuml;ste, wenn der
+Sturm &uuml;ber sie kommt.</p>
+
+<p>Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde
+Hammerschl&auml;ge gegen Gottes Thron. Gegen ihn, der
+Hiob qu&auml;lte, der die M&auml;rtyrer leiden, der seine Bekenner
+auf Scheiterhaufen verbrennen lie&szlig;. Der Ohnm&auml;chtige,
+wann begr&uuml;ndet er sein Reich? Wann l&auml;&szlig;t er ab, die
+Arglist zum Siege zu f&uuml;hren?</p>
+
+<p>Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige
+hatten geglaubt, da&szlig; dies ein Scherz sei. Jetzt h&ouml;rten
+sie bebend, da&szlig; es Ernst war. Schon erhoben sich einige,
+um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den
+Schutz der Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf
+sie herabbeschwor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_168" id="page_168"></a>168</span>Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen
+Lohn sie f&uuml;r ihre M&uuml;he erwarteten, Gott zu dienen.
+Sie sollten sich nicht den Himmel erwarten. Gott geizte
+mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr
+Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu
+erringen. Er hatte gr&ouml;&szlig;re Opfer gebracht, als Gott verlangte.
+Aber dann wurde er zur S&uuml;nde verlockt. Das
+Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon
+in dieser Welt. Er mu&szlig; den Weg der Verdammten
+gehen.</p>
+
+<p>Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die
+Schiffe in den Hafen treibt. Bei den Worten des H&ouml;hnenden
+st&uuml;rzten die Frauen die Estrade hinan. Die
+H&auml;nde der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfa&szlig;t und
+gek&uuml;&szlig;t. Bekehrung folgte auf Bekehrung. Sie konnten
+kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen Gott.</p>
+
+<p>Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn.
+Er sagte zu sich selbst: &bdquo;Ich spreche, ich spreche, endlich
+spreche ich. Ich sage ihnen mein Geheimnis, und ich
+sage es doch nicht.&ldquo; Zum ersten Male, seit er das gro&szlig;e
+Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die
+Stadt sah wie eine Steinw&uuml;ste aus, wie eine Mondlandschaft.
+Man sah keine Katze, keinen Sperling, kaum eine
+Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein rauchte.
+In den schw&uuml;len Stra&szlig;en war keine Luft. Das Ganze
+war nur ein steinbes&auml;ter Acker, aus dem Steinw&auml;nde
+wuchsen.</p>
+
+<p>Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die
+jungen Damen in schmalen R&ouml;cken und weiten &Auml;rmeln,
+langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo
+waren Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und
+Gassenjungen?</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_169" id="page_169"></a>169</span>Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten
+Lustfahrerscharen, alle die K&ouml;rbe und Ziehharmonikas
+und Flaschen, die das Dampfboot ans Land lud. Oder
+wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen
+wehten, die Trommeln dr&ouml;hnten, Gassenjungen schw&auml;rmten,
+stampften, schrien hurra. Oder wo blieben sie, die
+blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen,
+w&auml;hrend Vater und Mutter sie and&auml;chtig &uuml;ber die Gasse
+schoben.</p>
+
+<p>Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald.
+Sie klagten &uuml;ber die langen Stra&szlig;en. Es war, als wenn
+die Steinh&auml;user ihnen nachjagten. Endlich, endlich schimmerte
+Gr&uuml;n. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich
+durch platte, feuchte Felder schl&auml;ngelte, wo der Lerchengesang
+am vollsten ert&ouml;nte, wo der Klee honigs&uuml;&szlig; duftete,
+da lagen die ersten Zur&uuml;ckgebliebenen. Die M&uuml;tze
+im Nacken, die Nase im Grase. Den K&ouml;rper in Sonnenschein
+und Blumenduft gebadet, die Seele von Mu&szlig;e und
+Ruhe erquickt.</p>
+
+<p>Aber &uuml;ber den Weg zum Walde eilten Provianttr&auml;ger
+und Radfahrer. Jungen kamen mit Spaten und blanken
+Tornistern. M&auml;dchen tanzten in Staubwolken. Himmel
+und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien
+und Arbeiterscharen. Die sich b&auml;umenden Klepper
+der Charabans erhoben die Vorderbeine &uuml;ber die
+Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das
+Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert
+und blieb zappelnd auf dem R&uuml;cken im Staube der Landstra&szlig;e
+liegen.</p>
+
+<p>Drinnen im Walde spielte und sang, fl&ouml;tete und
+schluchzte eine Nachtigall. Die Birken kamen nicht gut
+fort, sie hatten schwarze St&auml;mme. Die Buchen bauten
+hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem
+Gr&uuml;n. Der Frosch sa&szlig; da und zielte mit der Zunge.
+Und jedesmal fing er eine Fliege. Der Igel patschte in
+dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen huschten
+<span class="pagenum"><a name="page_170" id="page_170"></a>170</span>&uuml;ber das Moor mit glitzernden Fl&uuml;geln. Die Menschen
+lie&szlig;en sich um die E&szlig;k&ouml;rbe nieder. Goldk&auml;fer krochen
+rings um sie durch das Gras. Die piepsenden funkelnden
+Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken
+in seine Stacheln. Die Grillen tauchten in das Gr&uuml;n
+unter, ganz verstummt. Die Nachtigall sang aus Leibeskr&auml;ften.
+Es waren Gitarren, Gitarren. Die Heilsarmee
+zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der
+stumpfen Ruhe unter den B&auml;umen. Tanzboden und
+Krocketplatz wurden ver&ouml;det. Schaukel und Karussell
+hatten eine Stunde Rast. Alles str&ouml;mte dem Lager der
+Heilsarmee zu. Die B&auml;nke f&uuml;llten sich, und auf jeder
+Erdh&ouml;he sa&szlig;en Zuh&ouml;rer.</p>
+
+<p>Jetzt war die Armee gewachsen und stark und m&auml;chtig
+geworden. Um manche liebliche Wange schlo&szlig; sich der
+Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das rote
+Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der
+Menge. Schimpfworte wagten sich nicht &uuml;ber die Lippen.
+Die Fl&uuml;che verrollten unsch&auml;dlich hinter den Z&auml;hnen. Und
+Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gottesl&auml;sterer,
+stand jetzt als Fahnenw&auml;chter unter der Estrade.
+Er war auch einer der Gl&auml;ubigen. Die Enden der roten
+Fahne liebkosten freundlich seinen grauen Kopf.</p>
+
+<p>Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen.
+Sie hatten ihm ihren ersten Sieg zu danken.
+Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm gekommen. Sie
+wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus.
+Sie weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei
+ihren Zusammenk&uuml;nften durfte er sprechen. Seit er sein
+Schweigen gebrochen hatte, war er gl&uuml;cklich. Er stand
+nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende Kraft
+erf&uuml;llte ihn. Er war gl&uuml;cklich, wenn er ihr Luft machen
+durfte. Wenn die S&auml;le vor seiner L&ouml;wenstimme erzitterten,
+war er gl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>Er sprach immer von sich selbst. Er erz&auml;hlte immer
+<span class="pagenum"><a name="page_171" id="page_171"></a>171</span>seine eigne Geschichte. Das Schicksal des Verkannten
+schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs Blut, die
+gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne
+Anerkennung zu finden. Er kleidete das ein, was er
+erz&auml;hlte. Er erz&auml;hlte sein Geheimnis und erz&auml;hlte es doch
+nicht.</p>
+
+<p>Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die
+Herzen zu gewinnen. Um seinetwillen sammelte sich die
+Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog sie hin
+mit den ber&uuml;ckend phantastischen Bildern, die sein krankes
+Hirn erf&uuml;llten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender
+Klage, die seines Herzens Qual ihn gelehrt hatte.</p>
+
+<p>Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt
+des Todes und des Wechsels geweilt. Vielleicht war er
+damals ein m&auml;chtiger Dichter gewesen, erfahren in der
+Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um
+schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden,
+sein Erdenleben abermals zu beginnen, von seiner H&auml;nde
+Arbeit zu leben, unbekannt mit der Macht des Geistes.
+Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes
+gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner.
+Lichtscheu und verwirrt, aber dennoch jubelnd &uuml;ber
+ihre Freiheit zog sie &uuml;ber die einstigen Schlachtfelder.</p>
+
+<p>Der wilde, ungelehrte S&auml;nger, die schwarze Drossel,
+die unter Staren aufgewachsen war, lauschte mi&szlig;trauisch
+den Worten, die ihm auf die Lippen kamen. Woher
+hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen
+seiner Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht,
+stolze Menschen auf die Knie zu zwingen, sie die H&auml;nde
+ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden begann.
+Dann kam ruhige Zuversicht &uuml;ber ihn. Aus der niemals
+ermessenen Tiefe seines Leidens stiegen unabl&auml;ssig Wolken
+von qualschweren Worten empor.</p>
+
+<p>Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe,
+schmetternde Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend,
+anfeuernd. Nicht zu fangen, nicht wiederzugeben.
+<span class="pagenum"><a name="page_172" id="page_172"></a>172</span>Sie waren Blitze und rollende Donnerschl&auml;ge.
+Die Herzen ersch&uuml;tterten sie in d&uuml;strer Angst. Aber verg&auml;nglich
+waren sie, niemals lie&szlig;en sie sich fangen. Der
+Wasserfall kann bis auf den letzten Tropfen gemessen
+werden, das irrende Spiel des Schaumes l&auml;&szlig;t sich malen,
+nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende,
+gewaltige Strom dieser Reden.</p>
+
+<p>An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten,
+ob sie w&uuml;&szlig;ten, wie sie Gott dienen m&uuml;&szlig;ten.&nbsp;&ndash; Wie
+Uria seinem K&ouml;nig diente.</p>
+
+<p>Nun wurde der Mann auf der Rednertrib&uuml;ne zu Uria.
+Nun ritt er durch die W&uuml;ste mit seines K&ouml;nigs Brief.
+Er war allein, die Einsamkeit &auml;ngstigte ihn. Seine Gedanken
+waren d&uuml;ster. Aber er l&auml;chelte, wenn er an sein
+Weib dachte. Die W&uuml;ste wurde ein Blumengefilde, wenn
+er ihrer gedachte. Quellen entsprangen aus der Erde bei
+dem Gedanken an sie.</p>
+
+<p>Sein Kamel st&uuml;rzte. Seine Seele ward von b&ouml;sen
+Ahnungen erf&uuml;llt. Das Ungl&uuml;ck, dachte er, ist ein Geier,
+der die W&uuml;ste liebt. Er machte nicht kehrt, sondern ging
+vorw&auml;rts mit des K&ouml;nigs Brief. Er trat auf Dornen.
+Er ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn d&uuml;rstete
+und hungerte. Er sah Karawanen ihre dunklen Streifen
+durch den W&uuml;stensand ziehen. Er suchte sie nicht auf.
+Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des
+K&ouml;nigs Brief tr&auml;gt, mu&szlig; allein gehen. Er sah des
+Abends die wei&szlig;en Zelte der Hirten. Sie lockten ihn,
+wie die l&auml;chelnde Wohnstatt seines Weibes. Er glaubte,
+wei&szlig;e Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten
+aus und ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie
+seines K&ouml;nigs Brief gestohlen h&auml;tten!</p>
+
+<p>Wankend geht er, als er die sp&auml;henden R&auml;uber hinter
+sich herjagen sieht. Er denkt an des K&ouml;nigs Brief. Er
+liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er liest ihn und
+fa&szlig;t neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerst&ouml;rt
+den Brief nicht. Er ergibt sich den R&auml;ubern nicht.
+<span class="pagenum"><a name="page_173" id="page_173"></a>173</span>Er k&auml;mpft und siegt. Und dann weiter, weiter. Er f&uuml;hrt
+sein Todesurteil mit sich durch tausend Gefahren.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>So ist es, Gottes Wille mu&szlig; befolgt werden bis aufs
+Blut, bis in den Tod.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>W&auml;hrend Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da
+und h&ouml;rte ihm zu. Sie war am Morgen in den Wald
+gezogen, vergn&uuml;gt und strahlend, am Arm des Mannes
+h&ouml;chst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen.
+Die Tochter und der Geselle trugen den E&szlig;korb. Die
+Magd folgte mit dem j&uuml;ngsten Kinde nach. Alles war
+Friede, Gl&uuml;ck, Ruhe gewesen.</p>
+
+<p>Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie
+hatten gegessen und getrunken, gespielt und gelacht.
+Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das Gewissen
+schwieg wie ein ges&auml;ttigtes Kind. Fr&uuml;her, wenn der erste
+Mann betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war,
+hatte sie einen Stich in der Seele gef&uuml;hlt.</p>
+
+<p>Dann hatte sie geh&ouml;rt, da&szlig; er der Abgott der Heilsarmee
+geworden sei. Sie f&uuml;hlte sich daher ganz ruhig.
+Jetzt war sie gekommen, um ihn zu h&ouml;ren. Und sie
+verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erz&auml;hlte von
+sich selbst. Er wand sich unter dem Gedanken an sein
+eignes Opfer. Er ri&szlig; St&uuml;cke aus seinem eignen Herzen
+und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen W&uuml;stenreiter,
+diesen Besieger der R&auml;uber. Und diese ungestillte
+Qual starrte sie an wie ein offnes Grab.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt
+wohl nun, Gr&uuml;n und Blumen! Weiter Himmel, lebe
+wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die H&uuml;gel
+zu kriechen. Die Kr&ouml;ten sprangen &uuml;ber den Weg. Der
+Wald wurde h&auml;&szlig;lich. Alle sehnten sich heim nach der
+Steinw&uuml;ste, nach der Mondlandschaft. Dort ist es f&uuml;r
+Menschen gut sein. Vielleicht k&ouml;nnen leidende Herzen
+dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_174" id="page_174"></a>174</span>Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen.
+Die Handwerkersgattinnen der Vorstadt und
+die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum Vormittagskaffee.
+Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr
+gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria
+Anderson, die Kapit&auml;nin der Heilsarmee.</p>
+
+<p>Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee
+unternommen. Sie hatte ihren Mann geh&ouml;rt. Er
+erz&auml;hlte immer von sich selbst. Er verkleidete seine Geschichte.
+Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er
+war Hiob. Er war Jeremias, den das Volk in den
+Brunnen warf. Er war Elisa, den die Kinder auf dem
+Wege verh&ouml;hnten.</p>
+
+<p>Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer
+lieh sich alle Stimmen, er machte sich Masken aus
+allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, da&szlig; der
+Mann sich gesund sprach, da&szlig; es in seinem Innern
+leuchtete und lachte vor Freude &uuml;ber die Dichtermacht.</p>
+
+<p>Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die
+Tochter hatte nicht gehen wollen. Sie war sittsam,
+streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in ihrem Blut.
+Sie war alt geboren.</p>
+
+<p>Sie hatte sich ihres Vaters immer gesch&auml;mt. So war
+sie herangewachsen. Sie ging gerade, herbe, gleichsam
+als sagte sie: &bdquo;Seht, eines verachteten Mannes Tochter!
+Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel
+auf meinem Wandel?&ldquo; Ihre Mutter war stolz auf sie.
+Dennoch seufzte sie bisweilen: &bdquo;Ach, da&szlig; meiner Tochter
+H&auml;nde weniger wei&szlig; w&auml;ren, vielleicht w&auml;ren dann ihre
+Liebkosungen w&auml;rmer!&ldquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sa&szlig; in der Armee, sp&ouml;ttisch l&auml;chelnd.
+Sie verachtete die Theatervorstellung. Als ihr Vater
+hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie gehen. Frau Anna
+Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange.
+Das M&auml;dchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann &uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="page_175" id="page_175"></a>175</span>sie hinzubrausen. Aber was zu ihr sprach, waren nicht
+so sehr die Worte, als die Hand ihrer Mutter.</p>
+
+<p>Diese Hand kr&uuml;mmte sich, krampfhafte Zuckungen
+durcheilten sie. Sie lag schlaff, gleichsam tot in der
+ihren, sie griff wild um sich, fieberhei&szlig;. Das Gesicht
+ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und
+k&auml;mpfte.</p>
+
+<p>Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens.
+Jesu Freund lag krank. Seine Schwestern sandten
+ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht gekommen.
+F&uuml;r Gottes Reich mu&szlig;te Lazarus sterben.</p>
+
+<p>Er lie&szlig; nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf
+Christus niedersausen. Er beschrieb sein Leiden. Sein
+eignes Mitleid qu&auml;lte ihn. Er machte alle Todespein
+durch, er wie Lazarus. Und doch mu&szlig;te er schweigen.</p>
+
+<p>Nur ein Wort h&auml;tte es ihn gekostet, die Achtung der
+Freunde wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mu&szlig;te die
+Klage der Schwestern h&ouml;ren. Er sagte ihnen die Wahrheit
+in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde
+h&ouml;hnten ihn.</p>
+
+<p>Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.</p>
+
+<p>Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese
+Hand beichtete und bekannte: &bdquo;Der Mann dort dr&uuml;ben
+tr&auml;gt selbst das Martyrium des Schweigens. Er wird
+zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte k&ouml;nnte er sich
+frei machen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen
+stumm. Das Gesicht des jungen M&auml;dchens war wie
+Stein. Sie gr&uuml;belte, suchte alles auf, was die Erinnerung
+ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu
+ihr auf. Was wu&szlig;te sie?</p>
+
+<p>An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft.
+Man sprach gar lustig vom Markt des Tages,
+von dem Preise der Holzschuhe, von diebischen M&auml;gden.
+Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen
+Kaffee in die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos.
+<span class="pagenum"><a name="page_176" id="page_176"></a>176</span>Frau Anna Erikson konnte nicht verstehen, woher es
+gekommen war, da&szlig; sie sie fr&uuml;her gef&uuml;rchtet, da&szlig; sie
+immer geglaubt hatte, da&szlig; diese sie richten w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als
+sie wohlbehaglich dasa&szlig;en und der Kaffee auf dem Rand
+der Tassen zitterte und die Teller mit Weizenbrot beladen
+waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig
+feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.</p>
+
+<p>&bdquo;In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein M&auml;dchen,
+das sich verheiratet hat, ohne recht zu bedenken, was
+sie auf sich nimmt, kann in gro&szlig;e Not kommen. Wer
+hat es schlimmer getroffen als ich?&ldquo;</p>
+
+<p>Das wu&szlig;ten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und
+hatten mit ihr getrauert.</p>
+
+<p>&bdquo;In der Jugend ist man unvern&uuml;nftig. Man verschweigt
+das, was man sagen sollte, weil man sich sch&auml;mt.
+Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor dem, was
+die Leute sagen k&ouml;nnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen
+hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie glaubten alle, da&szlig; dies wahr sei.</p>
+
+<p>Sie hatte Wik gestern geh&ouml;rt, wie so viele Male zuvor.
+Jetzt mu&szlig;te sie ihnen allen etwas &uuml;ber ihn sagen. Es
+kam eine brennende Unruhe &uuml;ber sie, wenn sie bedachte,
+was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte
+sie, da&szlig; er, der alt gewesen war, es besser h&auml;tte verstehen
+sollen, als sie, das junge Ding zum Eheweib zu
+nehmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber
+er ist aus Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte,
+da&szlig; ich Erikson haben wollte. Ich habe seinen Brief
+daf&uuml;r.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie las ihnen den Brief vor. Eine Tr&auml;ne kam wohlanst&auml;ndig
+ihre Wangen hinabgeglitten.</p>
+
+<p>&bdquo;Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen
+Erikson und mir war damals nichts. Es war vier Jahre,
+ehe wir heirateten. Aber ich will dies jetzt sagen, denn
+<span class="pagenum"><a name="page_177" id="page_177"></a>177</span>Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist
+nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern
+in guter Absicht. Ich m&ouml;chte, da&szlig; dies &uuml;berall bekannt
+wird. Kapit&auml;nin Anderson kann vielleicht den Brief in
+der Armee vorlesen. Ich will, da&szlig; Wik Genugtuung
+widerf&auml;hrt. Ich wei&szlig; auch, da&szlig; ich allzulange geschwiegen
+habe, aber man gibt sich nicht gern selbst eines
+Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es eine andre
+Sache.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Frauen sa&szlig;en f&ouml;rmlich versteinert da. Anna Erikson
+bebte die Stimme ein wenig, und sie sagte mit einem
+matten L&auml;cheln:</p>
+
+<p>&bdquo;Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu
+mir kommen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch
+so jung! Und Frau Erikson konnte doch nichts daf&uuml;r.&nbsp;&ndash;
+Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche Dinge einbildete.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie l&auml;chelte. Dies waren die harten Schn&auml;bel, die sie
+zerrei&szlig;en sollten. Die Wahrheit war nicht gef&auml;hrlich,
+und die L&uuml;ge auch nicht. Die F&uuml;&szlig;e der jungen M&auml;nner
+warteten nicht vor ihrer T&uuml;r.</p>
+
+<p>Wu&szlig;te sie oder wu&szlig;te sie nicht, da&szlig; ihre &auml;lteste Tochter
+an demselben Morgen ihr Haus verlassen hatte und
+zu ihrem Vater gegangen war?</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die
+Ehre seiner Frau zu retten, wurde bekannt. Er wurde
+bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in der
+Armee vorgelesen. Einige weinten aus R&uuml;hrung. Auf
+der Stra&szlig;e kamen Leute auf ihn zu und dr&uuml;ckten ihm
+die Hand. Seine Tochter zog zu ihm.</p>
+
+<p>An den n&auml;chsten Abenden nach diesem schwieg er bei
+den Zusammenk&uuml;nften. Er f&uuml;hlte keinen innern Ruf.
+<span class="pagenum"><a name="page_178" id="page_178"></a>178</span>Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf die
+Estrade, faltete die H&auml;nde und begann.</p>
+
+<p>Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt
+inne. Er erkannte die Stimme nicht wieder. Wo war
+das L&ouml;wengebr&uuml;ll? Wo der brausende Nordwind? Und
+wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht.</p>
+
+<p>Er wankte zur&uuml;ck. &bdquo;Ich kann nicht,&ldquo; murmelte er.
+&bdquo;Gott gibt mir noch nicht Kraft zu sprechen.&ldquo; Er setzte
+sich auf die Bank nieder und st&uuml;tzte den Kopf in die
+H&auml;nde. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst
+einmal herauszufinden, wor&uuml;ber er sprechen sollte.
+Pflegte er in fr&uuml;hern Tagen zu gr&uuml;beln? Konnte er jetzt
+gr&uuml;beln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im
+Kreise.</p>
+
+<p>Vielleicht w&uuml;rde es gehen, wenn er sich wieder erhob,
+sich dorthin stellte, wo er zu stehen pflegte und mit seinem
+gewohnten Gebet anfing. Er versuchte. Er wurde
+aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der
+kalte Schwei&szlig; trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort
+kam &uuml;ber seine Lippen.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; auf seinem Platz und weinte, schwer st&ouml;hnend.
+Die Gabe war ihm genommen. Er versuchte zu sprechen,
+versuchte es stumm f&uuml;r sich selbst. Wor&uuml;ber sollte er
+sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte
+den Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht
+sagen durfte. Er hatte kein Geheimnis einzukleiden. Er
+brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung wich von ihm.</p>
+
+<p>Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums
+Leben. Er wollte das festhalten, was schon gegangen
+war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben, um wieder
+sprechen zu k&ouml;nnen. Sein Schmerz war dahin. Er
+konnte ihn nicht wiederfinden.</p>
+
+<p>Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder
+und immer wieder. Er stammelte einige sinnlose Worte.
+Er leierte wie eine auswendig gelernte Lektion das herunter,
+was er andre sagen geh&ouml;rt hatte. Er versuchte,
+<span class="pagenum"><a name="page_179" id="page_179"></a>179</span>sich selbst nachzuahmen. Er sp&auml;hte nach Andacht in den
+Blicken, nach bebendem Schweigen, nach hastigem Atmen.
+Er vernahm nichts. Was seine Freude gewesen,
+war von ihm genommen.</p>
+
+<p>Er sank in das Dunkel zur&uuml;ck. Er verfluchte es, da&szlig;
+er mit seinen Reden Frau und Tochter bekehrt hatte. Er
+hatte das K&ouml;stlichste besessen und es verloren. Seine
+Verzweiflung war furchtbar.&nbsp;&ndash; Aber nicht von solchem
+Schmerz lebt der Genius.</p>
+
+<p>Er war ein Maler ohne H&auml;nde, ein S&auml;nger, der
+seine Stimme verloren hat. Er hatte nur von seinem
+Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden?</p>
+
+<p>Er betete: &bdquo;O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die
+Verkanntheit spricht! gib mir die Verkanntheit wieder!
+Da das Gl&uuml;ck stumm ist, aber der Schmerz spricht, gib
+mir den Schmerz wieder!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber die Krone war ihm genommen. Er sa&szlig; da,
+elender als der Elendeste, denn er war von den H&ouml;hen
+des Lebens herabgest&uuml;rzt. Er war ein gefallener K&ouml;nig.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr11" id="nr11"></a><a href="#inhalt">Ein Weihnachtsgast</a></h2>
+
+
+<p>Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby
+mitgelebt hatten, war der kleine Ruster, der Noten transponieren
+und Fl&ouml;te spielen konnte. Er war von niedriger
+Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie.
+Es brachen schwere Zeiten f&uuml;r ihn an, als die Schar der
+Kavaliere sich zerstreute.</p>
+
+<p>Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr,
+keinen Pelz und keine rotgestrichene Proviantkiste. Er
+mu&szlig;te zu Fu&szlig; von Geh&ouml;ft zu Geh&ouml;ft ziehen und trug
+seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden.
+Den Rock kn&ouml;pfte er bis zum Kinn hinauf zu,
+so da&szlig; niemand zu erfahren brauchte, wie es um das
+Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen weiten
+<span class="pagenum"><a name="page_180" id="page_180"></a>180</span>Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitzt&uuml;mer: die
+auseinandergeschraubte Fl&ouml;te, die flache Schnapsflasche
+und die Notenfeder.</p>
+
+<p>Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles
+gewesen w&auml;re wie in alten Zeiten, so h&auml;tte es ihm nicht
+an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem Jahre, das ging,
+wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt.
+Die Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren
+gelockerten Schrauben und das bucklige Waldhorn mit
+den verblichnen Quasten und Schn&uuml;ren wurden auf die
+Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick
+auf den langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten.
+Doch, je weniger der kleine Ruster mit Fl&ouml;te und Notenfeder
+zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der
+Schnapsflasche, und schlie&szlig;lich wurde er ganz versoffen.
+Es war schade um den kleinen Ruster.</p>
+
+<p>Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den
+Herrenh&ouml;fen aufgenommen, aber es herrschte Jammer,
+wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch nach
+Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar
+Schn&auml;pse oder einen Toddy bekommen hatte, wurde er
+wirr und erz&auml;hlte unerquickliche Geschichten. Er war die
+Gei&szlig;el der gastfreien Gutsh&ouml;fe.</p>
+
+<p>Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach L&ouml;fdala,
+wo Liljekrona, der gro&szlig;e Violinspieler, daheim war.
+Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere gewesen,
+aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein pr&auml;chtiges
+Gut L&ouml;fdala und verblieb dort. Nun kam Ruster
+in den Tagen vor dem Weihnachtsabend zu ihm, mitten
+in die Festvorbereitungen, und verlangte Arbeit. Liljekrona
+gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu
+besch&auml;ftigen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du h&auml;ttest ihn lieber gleich fortschicken sollen,&ldquo; sagte
+seine Frau, &bdquo;jetzt wird er das so in die L&auml;nge ziehen,
+da&szlig; wir ihn &uuml;ber den heiligen Abend hierbehalten m&uuml;ssen.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_181" id="page_181"></a>181</span>&bdquo;Irgendwo mu&szlig; er doch sein,&ldquo; sagte Liljekrona. Und
+er bewirtete Ruster mit Toddy und Branntwein, leistete
+ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer Zeit noch
+einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner
+&uuml;berdr&uuml;ssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht
+merken lassen wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit
+waren ihm heilig.</p>
+
+<p>Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei
+Wochen lang f&uuml;r das Weihnachtsfest ger&uuml;stet. Sie hatten
+in Unbehagen und Hast gelebt, sich die Augen bei Talglichtern
+und Kiensp&auml;nen rotgewacht, im Schuppen beim
+Fleischeinsalzen und im Br&auml;uhaus beim Bierbrauen gefroren.
+Doch die Hausfrau sowohl wie die Dienstleute
+hatten sich all dem ohne Murren unterzogen.</p>
+
+<p>Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige
+Abend anbrach, dann w&uuml;rde ein s&uuml;&szlig;er Zauber sie gefangennehmen.
+Das Weihnachtsfest w&uuml;rde bewirken,
+da&szlig; Scherz und Spa&szlig;, Reim und Fr&ouml;hlichkeit ihnen
+ohne alle M&uuml;he auf die Lippen kam. Aller F&uuml;&szlig;e w&uuml;rden
+Lust bekommen, sich im Tanze zu drehen, und aus den
+dunklen Winkeln der Erinnerung w&uuml;rden die Worte
+und Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man
+gar nicht glauben konnte, da&szlig; sie noch immer da waren.
+Und dann w&uuml;rden sie alle so gut sein, so gut!</p>
+
+<p>Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt
+von L&ouml;fdala, da&szlig; Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau
+und die &auml;ltern Kinder und treuen Diener waren alle
+derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende
+Angst hervor. Sie f&uuml;rchteten &uuml;berdies, da&szlig;, wenn er
+und Liljekrona anfingen, sich in den alten Erinnerungen
+zu tummeln, das K&uuml;nstlerblut in dem gro&szlig;en Violinspieler
+aufflammen w&uuml;rde und sein Heim ihn verlieren
+mu&szlig;te. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten.</p>
+
+<p>Es l&auml;&szlig;t sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe
+den Hausherrn liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten
+bei sich behalten d&uuml;rfen. Und was hatte er zu geben!
+<span class="pagenum"><a name="page_182" id="page_182"></a>182</span>Wie war er doch viel f&uuml;r sein Heim, besonders zu Weihnachten!
+Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem
+Sofa oder Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen,
+glattgescheuerten Holzbank in der Kaminecke. Wenn
+er dort hinaufgekommen war, dann ritt er auf Abenteuer
+aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den
+Sternen und noch h&ouml;her empor. Er spielte und sprach
+abwechselnd, und alle Hausleute versammelten sich um
+ihn und h&ouml;rten zu. Das ganze Leben wurde stolz und
+sch&ouml;n, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es &uuml;berstrahlte.</p>
+
+<p>Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest,
+die Freude, die Fr&uuml;hlingssonne liebten. Und als nun
+der kleine Ruster kam, war ihr Weihnachtsfriede zerst&ouml;rt.
+Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun dieser kam
+und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht,
+da&szlig; dieser S&auml;ufer am Weihnachtstische eines frommen
+Hauses sitzen und alle Weihnachtsfreude st&ouml;ren sollte.</p>
+
+<p>Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine
+Ruster seine Noten fertiggeschrieben, und da lie&szlig; er ein
+paar Worte von Fortgehen fallen, obgleich es nat&uuml;rlich
+seine Absicht war, zu bleiben.</p>
+
+<p>Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt
+und sagte darum ganz lahm und matt, da&szlig; es
+wohl das beste w&auml;re, wenn Ruster &uuml;ber Weihnachten da
+bliebe, wo er war.</p>
+
+<p>Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er
+drehte seinen Schnurrbart auf und sch&uuml;ttelte die schwarze
+K&uuml;nstlerm&auml;hne, die gleich einer dunklen Wolke um seinen
+Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er sollte
+bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah,
+man denke nur, wie sie in den gro&szlig;en Eisenwerken im
+Broer Kirchspiel standen und auf ihn warteten! Die
+Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gef&uuml;llt.
+Er hatte solche Eile. Er wu&szlig;te nur nicht, zu wem er
+zuerst fahren sollte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_183" id="page_183"></a>183</span>&bdquo;Gott bewahre,&ldquo; sagte Liljekrona, &bdquo;so fahre doch.&ldquo;</p>
+
+<p>Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd
+und Schlitten, Pelz und Decken. Der Knecht von L&ouml;fdala
+sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro kutschieren
+und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem
+Schneesturm aus.</p>
+
+<p>Niemand glaubte, da&szlig; er erwartet wurde, oder da&szlig; es
+ein einziges Haus in der Umgegend gab, wo er willkommen
+gewesen w&auml;re. Aber sie wollten ihn so gerne los
+werden, da&szlig; sie sich dies verhehlten und ihn ziehen lie&szlig;en.
+&bdquo;Er hat es selbst gewollt,&ldquo; sagten sie. Und nun, dachten
+sie, wollten sie fr&ouml;hlich sein.</p>
+
+<p>Aber als sie sich gegen f&uuml;nf Uhr im E&szlig;saal versammelten,
+um Tee zu trinken und um den Christbaum zu tanzen,
+war Liljekrona stumm und verstimmt. Er setzte
+sich nicht auf die M&auml;rchenbank, er ber&uuml;hrte weder Tee
+noch Punsch, er erinnerte sich an keine Polka, die Violine
+war verstimmt. Wer spielen und tanzen konnte, mochte
+es ohne ihn tun.</p>
+
+<p>Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder
+mi&szlig;vergn&uuml;gt, alles im ganzen Hause ging verkehrt. Es
+wurde der allertr&uuml;bseligste Weihnachtsabend.</p>
+
+<p>Die Gr&uuml;tze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz
+rauchte, der Wind blies bittere K&auml;lte in die Stuben.
+Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte, kam nicht heim.
+Die Haush&auml;lterin weinte, die M&auml;gde zankten.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich erinnerte sich Liljekrona, da&szlig; man den Spatzen
+keine Garbe hinausgeh&auml;ngt hatte, und er beklagte sich
+laut &uuml;ber alle Frauen rings um ihn, die alte Sitte au&szlig;er
+acht lie&szlig;en und neumodisch und herzlos waren. Aber sie
+begriffen wohl, da&szlig; das, was ihn qu&auml;lte, die Gewissensbisse
+waren, da&szlig; er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend
+aus seinem Hause hatte fortgehen lassen.</p>
+
+<p>Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer,
+versperrte die T&uuml;r und begann zu spielen, wie er nicht
+gespielt, seit er zu wandern aufgeh&ouml;rt hatte. Es war
+<span class="pagenum"><a name="page_184" id="page_184"></a>184</span>Ha&szlig; und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr
+dachtet mich zu binden, aber ihr m&uuml;&szlig;t eure Fesseln umschmieden.
+Ihr dachtet, mich kleinsinnig zu machen, wie
+ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins Gro&szlig;e, ins
+Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn
+es in eurer Macht steht!</p>
+
+<p>Als die Gattin diese T&ouml;ne h&ouml;rte, sagte sie: &bdquo;Morgen
+ist er fort, wenn Gott nicht in dieser Nacht ein Wunder
+tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit gerade das hervorgerufen,
+was wir vermeiden zu k&ouml;nnen glaubten.&ldquo;</p>
+
+<p>Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben
+herum. Er fuhr von einem Hause zum andern und
+fragte, ob es Arbeit f&uuml;r ihn g&auml;be, aber nirgends wurde
+er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf,
+aus dem Schlitten zu steigen. Einige hatten das Haus
+voll Besuch, andre wollten am Weihnachtstage &uuml;ber Land
+fahren. &bdquo;Versuche es beim n&auml;chsten Nachbar,&ldquo; sagten
+sie alle.</p>
+
+<p>Er mochte immerhin kommen und das Behagen von
+ein paar Werktagen st&ouml;ren, nicht aber das des Weihnachtsabends.
+Das Jahr hatte nur einen Weihnachtsabend,
+und auf den hatten sich die Kinder den ganzen
+Herbst gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht
+an einen Weihnachtstisch setzen, wo es Kinder gab. Fr&uuml;her
+hatten sie ihn gern aufgenommen, aber nicht jetzt, wo
+er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit
+dem Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu
+schlecht und das Gastzimmer zu fein.</p>
+
+<p>So mu&szlig;te der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen,
+in dem peitschenden Schneesturm. Der nasse Schnurrbart
+hing schlaff &uuml;ber den Mund, die Augen waren
+blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verfl&uuml;chtete
+sich aus seinem Hirn. Ruster begann zu gr&uuml;beln
+und zu staunen. War es m&ouml;glich, war es m&ouml;glich, da&szlig;
+niemand ihn aufnehmen wollte?</p>
+
+<p>Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie
+<span class="pagenum"><a name="page_185" id="page_185"></a>185</span>j&auml;mmerlich und verkommen er war, und er begriff, da&szlig;
+er den Menschen verha&szlig;t sein mu&szlig;te. Mit mir ist es
+aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist
+aus mit der Fl&ouml;te. Niemand auf Erden braucht mich,
+niemand hat Barmherzigkeit mit mir.</p>
+
+<p>Der Schneesturm schnurrte und spielte, er ri&szlig; die
+Schneehaufen auf und t&uuml;rmte sie wieder zusammen, er
+nahm eine Schnees&auml;ule in die Arme und tanzte damit
+&uuml;bers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und st&uuml;rzte
+eine andre in eine Grube. &bdquo;So ist es, so ist es,&ldquo; sagte der
+kleine Ruster, &bdquo;solange man f&auml;hrt und tanzt, ist es ein
+fr&ouml;hlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde soll,
+dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer
+und Herzeleid.&ldquo; Doch hinab mu&szlig;ten alle, und
+jetzt war er an der Reihe. Man denke, da&szlig; er nun zum
+Ende gekommen war.</p>
+
+<p>Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn
+f&uuml;hrte. Es deuchte ihn, da&szlig; er in das Reich des Todes
+fuhr.</p>
+
+<p>Der kleine Ruster verbrannte keine G&ouml;tter auf dieser
+Fahrt. Er verfluchte weder das Fl&ouml;tenspiel noch das
+Kavaliersleben, er dachte nicht, da&szlig; es besser f&uuml;r ihn
+gewesen w&auml;re, wenn er die Erde gepfl&uuml;gt oder Schuhe
+gen&auml;ht h&auml;tte. Aber dar&uuml;ber klagte er, da&szlig; er nun ein
+ausgespieltes Instrument war, das die Freude nicht
+mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn
+er wu&szlig;te, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die
+Gitarre die Stimmung nicht h&auml;lt, dann m&uuml;ssen sie fort.
+Er wurde pl&ouml;tzlich ein sehr dem&uuml;tiger Mann. Er begriff,
+da&szlig; es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend.
+Der Hunger oder die K&auml;lte w&uuml;rde ihn umbringen, denn
+er verstand nichts, er taugte zu nichts und hatte keine
+Freunde.</p>
+
+<p>Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es
+hell um ihn, und er h&ouml;rt freundliche Stimmen, und da
+ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer f&uuml;hrt, und
+<span class="pagenum"><a name="page_186" id="page_186"></a>186</span>jemand, der hei&szlig;en Tee in ihn gie&szlig;t. Der Pelz wird ihm
+abgenommen, und mehrere Menschen rufen, da&szlig; er willkommen
+ist, und warme H&auml;nde reiben Leben in seine
+erstarrten Finger.</p>
+
+<p>Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, da&szlig; er
+wohl eine Viertelstunde nicht zur Besinnung kam. Er
+konnte unm&ouml;glich begreifen, da&szlig; er wieder nach L&ouml;fdala
+gekommen war. Er war sich gar nicht bewu&szlig;t gewesen,
+da&szlig; der Knecht es satt bekommen hatte, im Schneesturm
+herumzufahren und nach Hause umgekehrt war.</p>
+
+<p>Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas
+Haus so freundlich empfangen wurde. Er konnte
+nicht wissen, da&szlig; Liljekronas Gattin begriff, welche
+schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte,
+wo man ihn an jeder T&uuml;r, an die er klopfte, abgewiesen
+hatte. Sie hatte so gro&szlig;es Mitleid mit ihm bekommen,
+da&szlig; sie ihre eigenen Sorgen verga&szlig;.</p>
+
+<p>Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem
+wilden Spielen fort. Er wu&szlig;te nichts davon, da&szlig; Ruster
+gekommen war. Dieser sa&szlig; indessen im Speisesaal mit
+der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am
+Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der
+Langweile bei der Herrschaft in die K&uuml;che gefl&uuml;chtet.</p>
+
+<p>Die Hausfrau s&auml;umte nicht, Ruster ans Werk zu
+setzen. &bdquo;Sie h&ouml;ren ja, Ruster,&ldquo; sagte sie, &bdquo;da&szlig; Liljekrona
+den ganzen Abend nichts andres tut als spielen,
+und ich mu&szlig; nach dem Tischdecken und dem Essen sehen.
+Die Kinder sind rein verlassen. Sie m&uuml;ssen sich der zwei
+Kleinsten annehmen, Ruster.&ldquo;</p>
+
+<p>Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster
+am wenigsten in Ber&uuml;hrung gekommen war. Er hatte
+sie weder im Kavaliersfl&uuml;gel noch im Soldatenzelt getroffen,
+weder in Gasth&ouml;fen noch auf Landstra&szlig;en. Er
+scheute sich beinahe vor ihnen und wu&szlig;te nicht, was er
+sagen sollte, das fein genug f&uuml;r sie war.</p>
+
+<p>Er nahm die Fl&ouml;te hervor und lehrte sie, auf Klappen
+<span class="pagenum"><a name="page_187" id="page_187"></a>187</span>und L&ouml;chern zu fingern. Es war ein vierj&auml;hriges und
+ein sechsj&auml;hriges B&uuml;bchen. Sie bekamen eine Lektion
+auf der Fl&ouml;te, und das interessierte sie sehr. &bdquo;Das ist A,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;und das ist C,&ldquo; und dann griff er die T&ouml;ne.
+Da wollten die Kleinen wissen, was f&uuml;r ein A und was
+f&uuml;r ein C das war, das gespielt werden sollte.</p>
+
+<p>Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete
+ein paar Noten.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagten sie, &bdquo;das ist nicht richtig.&ldquo; Und sie
+eilten fort und holten ein Abcbuch.</p>
+
+<p>Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu
+&uuml;berh&ouml;ren. Sie konnten und konnten nicht. Es sah windig
+aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde eifrig,
+hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu
+unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und
+h&ouml;rte ganz erstaunt zu. Es klang wie ein Spiel, und die
+Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie lernten dabei, ja,
+das taten sie.</p>
+
+<p>Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht
+bei dem, was er tat. Er w&auml;lzte die alten Gedanken vom
+Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut und behaglich,
+aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus.
+Er war verbraucht. Er w&uuml;rde fortgeworfen werden. Und
+urpl&ouml;tzlich schlug er die H&auml;nde vors Gesicht und begann
+zu weinen.</p>
+
+<p>Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu.</p>
+
+<p>&bdquo;Ruster,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich kann verstehen, da&szlig; Sie
+glauben, f&uuml;r Sie sei alles aus. Es geht Ihnen nicht mit
+der Musik, und Sie richten sich durch den Branntwein
+zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Doch,&ldquo; schluchzte der kleine Fl&ouml;tenspieler.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen,
+das w&auml;re etwas f&uuml;r Sie. Wenn Sie die Kinder
+lesen und schreiben lehren wollten, dann w&uuml;rden Sie
+wieder &uuml;berall willkommen sein. Das ist kein geringres
+<span class="pagenum"><a name="page_188" id="page_188"></a>188</span>Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Fl&ouml;te und
+Violine. Sehen Sie sie an, Ruster!&ldquo;</p>
+
+<p>Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah
+auf, blinzelnd, so, als h&auml;tte er in die Sonne gesehen.
+Es war, als fiele es seinen kleinen tr&uuml;ben Augen schwer,
+denen der Kinder zu begegnen, die gro&szlig; und klar und unschuldig
+waren.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie sie an, Ruster!&ldquo; ermahnte Liljekronas
+Frau.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich getraue mich nicht,&ldquo; sagte Ruster, denn es war
+ihm wie ein Fegefeuer, durch die sch&ouml;nen Kinderaugen in
+die Sch&ouml;nheit der unbefleckten Seelen zu schauen.</p>
+
+<p>Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. &bdquo;Dann
+sollen Sie sich an sie gew&ouml;hnen, Ruster. Sie sollen dieses
+Jahr als Schulmeister in meinem Hause bleiben.&ldquo;</p>
+
+<p>Liljekrona h&ouml;rte seine Frau lachen und kam aus seinem
+Zimmer.</p>
+
+<p>&bdquo;Was gibt es?&ldquo; sagte er. &bdquo;Was gibt es?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nichts andres,&ldquo; antwortete sie, &bdquo;als da&szlig; Ruster
+wiedergekommen ist, und da&szlig; ich ihn zum Schulmeister
+f&uuml;r unsre kleinen Jungen bestellt habe.&ldquo;</p>
+
+<p>Liljekrona war ganz verbl&uuml;fft. &bdquo;Wagst du das,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;wagst du es? Er hat wohl versprochen, nie
+mehr&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte die Frau, &bdquo;Ruster hat nichts versprochen.
+Aber er wird sich vor mancherlei in acht nehmen
+m&uuml;ssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in die
+Augen sehen soll. W&auml;re es nicht Weihnachten, h&auml;tte ich
+dies vielleicht nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es
+wagte, ein kleines Kindlein, das sein eigner Sohn war,
+unter uns S&uuml;nder zu setzen, dann kann ich es wohl auch
+wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen
+Menschen zu retten.&ldquo;</p>
+
+<p>Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte
+und zuckte in jeder Falte seines Gesichts, wie immer,
+wenn er etwas Gro&szlig;es h&ouml;rte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_189" id="page_189"></a>189</span>Dann k&uuml;&szlig;te er seiner Frau die Hand, so fromm wie
+ein Kind, das um Verzeihung bittet, und rief laut: &bdquo;Alle
+Kinder sollen kommen und Mutter die Hand k&uuml;ssen.&ldquo;</p>
+
+<p>Das taten sie, und dann hatten sie ein fr&ouml;hliches
+Weihnachtsfest in Liljekronas Heim.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr12" id="nr12"></a><a href="#inhalt">Onkel Ruben</a></h2>
+
+
+<p>Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner
+Junge, der auf dem Marktplatz mit seinem Kreisel spielte.
+Der kleine Junge hie&szlig; Ruben. Er war nicht mehr als
+drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so
+tapfer als nur irgendeiner und lie&szlig; das Kreisel schnurren,
+da&szlig; es eine wahre Freude war.</p>
+
+<p>An diesem Tage vor achtzig Jahren war wundersch&ouml;nes
+Fr&uuml;hlingswetter. Der Monat M&auml;rz war gekommen,
+und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine
+wei&szlig;e und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine
+kalte und dunkle, wo Schatten war. Der ganze Marktplatz
+geh&ouml;rte dem Sonnenschein, bis auf einen schmalen
+Rand der einen H&auml;userreihe entlang.</p>
+
+<p>Nun geschah es, da&szlig; der kleine Junge, so tapfer er
+auch war, m&uuml;de davon wurde, seinen Kreisel schnurren
+zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz umsah. Ein
+solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine
+Sessel oder B&auml;nke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe
+versehen. Der kleine Ruben konnte sich nichts
+Besseres denken.</p>
+
+<p>Er war ein gewissenhaftes kleines B&uuml;rschchen. Er hatte
+eine dunkle Ahnung, da&szlig; Mutter es nicht wollte, da&szlig; er
+auf fremder Leute Treppenstufen sitze. Mutter war arm,
+aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man
+andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich
+auf ihre eigne Steintreppe, denn sie wohnten auch am
+Marktplatz.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_190" id="page_190"></a>190</span>Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig
+kalt. Der Kleine lehnte den Kopf an das Gel&auml;nder, zog
+die Beine hinauf und f&uuml;hlte sich so wohl wie nie zuvor.
+Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein
+drau&szlig;en &uuml;ber den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen
+und Kreisel schnurrten&nbsp;&ndash; dann schlo&szlig; er die
+Augen und schlummerte ein.</p>
+
+<p>Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte,
+war ihm nicht so wohl zumute, wie als er einschlummerte,
+sondern alles schien so furchtbar unbehaglich. Er
+lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, da&szlig; er
+krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar
+Tagen war der Knabe tot.</p>
+
+<p>Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam
+n&auml;mlich so, da&szlig; seine Mutter ihn so recht aus tiefstem
+Herzensgrund betrauerte, mit solch einem Schmerz, der
+den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch
+mehrere andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit
+und ihre Gedanken in Anspruch, aber es gab immer noch
+einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz
+ungest&ouml;rt hausen konnte. F&uuml;r sie blieb er stets lebendig.
+Sah sie eine Kinderschar auf dem Marktplatz spielen,
+so sprang er da mit herum, und wenn sie dann im Hause
+arbeitete und aufr&auml;umte, so glaubte sie steif und fest,
+da&szlig; der Kleine noch drau&szlig;en auf der gef&auml;hrlichen Steinstufe
+sa&szlig; und schlief. Sicherlich war keines von Mutters
+lebenden Kindern ihren Gedanken so gegenw&auml;rtig wie
+das tote.</p>
+
+<p>Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine
+Ruben ein Schwesterchen, und als diese so alt wurde,
+da&szlig; sie drau&szlig;en auf dem Marktplatz herumlaufen und
+Kreisel spielen konnte, geschah es, da&szlig; auch sie sich auf
+die Steinstufe setzte, um auszuruhen. Aber in demselben
+Augenblick hatte Mutter das Gef&uuml;hl, als ob jemand
+sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus
+und packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie
+<span class="pagenum"><a name="page_191" id="page_191"></a>191</span>aufhob, da&szlig; diese sich daran erinnerte, solange sie
+lebte.</p>
+
+<p>Und noch weniger verga&szlig; sie, wie merkw&uuml;rdig Mutters
+Gesicht ausgesehen und wie ihre Stimme gezittert hatte,
+als sie sagte: &bdquo;Wei&szlig;t du, da&szlig; du einmal einen kleinen
+Bruder hattest, der Ruben hie&szlig; und der starb, weil er
+hier auf dieser Steinstufe sa&szlig; und sich erk&auml;ltete? Du
+willst doch nicht von Mutter wegsterben, Berta?&ldquo;</p>
+
+<p>Bruder Ruben wurde f&uuml;r seine Br&uuml;der und Schwestern
+bald ebenso lebendig wie f&uuml;r seine Mutter. Sie hatte eine
+Art, da&szlig; sie alle mit ihren Augen sahen, und bald hatten
+sie dieselbe Gabe wie sie, ihn drau&szlig;en auf der Steinstufe
+sitzen zu sehen. Und nat&uuml;rlich fiel es keinem von
+ihnen ein, sich dort hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend
+jemanden auf einer Steinstufe oder einem Steingel&auml;nder
+oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es
+ihnen einen Stich ins Herz, und sie mu&szlig;ten an Bruder
+Ruben denken.</p>
+
+<p>Ferner geschah es Bruder Ruben, da&szlig; er von allen
+Geschwistern am h&ouml;chsten gestellt wurde, wenn sie voneinander
+sprachen. Denn alle Kinder wu&szlig;ten ja, da&szlig;
+sie ein beschwerliches und l&auml;stiges Geschlecht waren, das
+Mutter nur M&uuml;he und Sorge bereitete. Sie konnten
+nicht glauben, da&szlig; Mutter so sehr dar&uuml;ber trauern
+w&uuml;rde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter
+Bruder Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher,
+da&szlig; er viel, viel artiger gewesen sein mu&szlig;te, als sie waren.</p>
+
+<p>Es kam auch nicht so selten vor, da&szlig; eines von ihnen
+dachte: &bdquo;Ach, wer doch Mutter soviel Freude machen
+k&ouml;nnte wie Bruder Ruben!&ldquo; Und dennoch wu&szlig;te keines
+mehr von ihm, als da&szlig; er Kreisel gespielt und sich auf
+einer Steinstufe erk&auml;ltet hatte. Aber er mu&szlig;te ja merkw&uuml;rdig
+gewesen sein, da Mutter eine solche Liebe zu ihm
+hatte.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig war es auch, er machte Mutter von allen
+Kindern am meisten Freude. Sie war Witwe geworden
+<span class="pagenum"><a name="page_192" id="page_192"></a>192</span>und arbeitete in Sorge und Not. Aber die Kinder hatten
+einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den
+kleinen Dreij&auml;hrigen, da&szlig; sie &uuml;berzeugt waren, da&szlig;, wenn
+er nur am Leben geblieben w&auml;re, Mutter sich ihr Ungl&uuml;ck
+nicht so zu Herzen genommen h&auml;tte. Und jedesmal, wenn
+sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder
+Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie
+Bruder Ruben waren. Bald erwachte in ihnen allen eine
+immer st&auml;rkre Lust, mit dem kleinen Toten um Mutters
+Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht
+f&uuml;r Mutter getan h&auml;tten, wenn sie ihnen nur ebenso gut
+sein wollte wie ihm. Und um dieser Sehnsucht willen
+meine ich, da&szlig; Bruder Ruben das n&uuml;tzlichste von allen
+Kindern Mutters war.</p>
+
+<p>Denkt nur, als der &auml;lteste Bruder einen Fremden &uuml;ber
+den Flu&szlig; ruderte und damit seine ersten Groschen verdiente,
+da kam er und gab sie seiner Mutter, ohne sich
+auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah
+Mutter so fr&ouml;hlich aus, da&szlig; ihm das Herz vor Stolz
+schwoll, und er konnte nicht umhin, zu verraten, wie ungeheuer
+ehrgeizig er gewesen war.</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder
+Ruben?&ldquo;</p>
+
+<p>Mutter sah ihn pr&uuml;fend an. Es war, als vergliche sie
+sein frisches, strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen
+drau&szlig;en auf den Steinstufen. Und Mutter h&auml;tte sicherlich
+gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt h&auml;tte, aber
+sie konnte nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder
+Ruben wirst du nie.&ldquo;</p>
+
+<p>Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und
+dennoch konnten sie es nicht lassen, das Unerreichbare zu
+erstreben.</p>
+
+<p>Sie wuchsen zu t&uuml;chtigen Menschen heran, arbeiteten
+sich zu Verm&ouml;gen und Ansehen herauf, w&auml;hrend Bruder
+Ruben nur still auf seiner Steinstufe sa&szlig;. Aber er
+<span class="pagenum"><a name="page_193" id="page_193"></a>193</span>hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.</p>
+
+<p>Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als
+es ihnen so allm&auml;hlich gelang, Mutter ein gutes Heim
+und Wohlstand zu bieten, mu&szlig;te es Lohn genug f&uuml;r sie
+sein, wenn Mutter sagte: &bdquo;Ach, da&szlig; mein kleiner Ruben
+das noch gesehen h&auml;tte!&ldquo;</p>
+
+<p>Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben
+bis zu ihrem Totenbett. Er war es, der den Todesqualen
+den Stachel nahm, wu&szlig;te sie doch, da&szlig; sie sie zu ihm
+f&uuml;hrten. Mitten im gr&ouml;&szlig;ten Jammer konnte Mutter
+bei dem Gedanken l&auml;cheln, da&szlig; sie ging, um dem kleinen
+Ruben zu begegnen.</p>
+
+<p>Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreij&auml;hrigen
+erh&ouml;ht und verg&ouml;ttert hatte.</p>
+
+<p>Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben
+noch nicht zu Ende. F&uuml;r alle seine Geschwister war er ein
+Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim geworden, der
+Liebe zu Mutter, aller der r&uuml;hrenden Erinnerungen aus
+den Jahren der M&uuml;he und des Mi&szlig;erfolges. Es lag
+immer etwas Warmes und Sch&ouml;nes in ihrer Stimme,
+wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung
+um den kleinen Dreij&auml;hrigen.</p>
+
+<p>So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder.
+Mutters Liebe hatte ihn zu einer Gr&ouml;&szlig;e gemacht, und
+die Gro&szlig;en, die wirken und &uuml;ben Einflu&szlig; Geschlecht f&uuml;r
+Geschlecht.</p>
+
+<p>Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe
+Ber&uuml;hrung mit Onkel Ruben kam.</p>
+
+<p>Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem
+Bordsteinrande sa&szlig; und in den Rinnstein hinabguckte.
+Der str&ouml;mte von Regenwasser. H&ouml;lzchen und Halme
+schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das
+seichte Gew&auml;sser hinab. Der Kleine sa&szlig; da und sah mit
+der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das abenteuerliche
+<span class="pagenum"><a name="page_194" id="page_194"></a>194</span>Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit
+ist.</p>
+
+<p>Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner
+Mutter unterbrochen, die in demselben Augenblick, in
+dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim und an den
+Bruder denken mu&szlig;te.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, mein lieber kleiner Junge,&ldquo; sagte sie, &bdquo;sitze
+nicht so da! Wei&szlig;t du nicht, da&szlig; deine Mama einen
+kleinen Bruder hatte, der Ruben hie&szlig; und vier Jahre
+war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf
+einen solchen Stein gesetzt und sich erk&auml;ltet hatte.&ldquo;</p>
+
+<p>Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen
+Gedanken gest&ouml;rt zu werden. Er sa&szlig; da und
+philosophierte, w&auml;hrend sein blondes, lockiges Haar ihm
+bis in die Augen fiel.</p>
+
+<p>Schwester Berta h&auml;tte es f&uuml;r keinen andern getan,
+aber um ihres lieben Bruders willen sch&uuml;ttelte sie den
+Kleinen recht unsanft. Und so lernte er Respekt vor
+Onkel Ruben.</p>
+
+<p>Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen
+auf dem Eise umgefallen. Er war aus purer Bosheit
+von einem gro&szlig;en, b&ouml;sen Jungen umgeworfen worden,
+und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu
+zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da
+seine Mama nicht weit weg sein konnte.</p>
+
+<p>Aber er hatte vergessen, da&szlig; seine Mutter doch zu
+allererst Onkel Rubens Schwester war. Als sie Axel
+auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht beg&uuml;tigend
+und tr&ouml;stend, sondern nur mit diesem ewigen:</p>
+
+<p>&bdquo;Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel
+Ruben, welcher starb, gerade als er f&uuml;nf Jahre alt war,
+so wie du jetzt, weil er sich in einen Schneehaufen gesetzt
+hatte.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben
+sprechen h&ouml;rte, aber er f&uuml;hlte die K&auml;lte bis ins Herz.
+Wie konnte Mama von Onkel Ruben erz&auml;hlen, wenn
+<span class="pagenum"><a name="page_195" id="page_195"></a>195</span>ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte
+er sich schon hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte,
+aber jetzt war es, als wenn ihm dieser Tote seine eigne
+Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht zulassen.
+So lernte er Onkel Ruben hassen.</p>
+
+<p>Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war
+eine Steinbalustrade, auf der es schwindelnd herrlich zu
+sitzen war. Tief unten lag der Steinboden des Flurs,
+und wer oben rittlings sa&szlig;, konnte tr&auml;umen, da&szlig; er &uuml;ber
+Abgr&uuml;nde dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein
+gutes Ro&szlig; Grane. Auf seinem R&uuml;cken sprengte er &uuml;ber
+brennende Wallgr&auml;ben in verzauberte Schl&ouml;sser. Da sa&szlig;
+er stolz und trotzig, w&auml;hrend die gro&szlig;en Haarlocken von
+dem heftigen Anlauf wehten, und k&auml;mpfte Sankt Georgs
+Kampf mit dem Drachen. Und noch war es Onkel Ruben
+nicht eingefallen, dort reiten zu wollen.</p>
+
+<p>Aber nat&uuml;rlich kam er. Gerade als der Drache sich in
+Todes&auml;ngsten wand und Axel in stolzer Siegesgewi&szlig;heit
+dasa&szlig;, h&ouml;rte er das Kinderm&auml;dchen rufen: &bdquo;Axel, nicht
+da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht
+Jahre alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem
+Steingel&auml;nder geritten ist. Hier darfst du nie mehr sitzen,
+Axel!&ldquo;</p>
+
+<p>Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel
+Ruben! Er konnte es gewi&szlig; nicht ertragen, da&szlig; Axel
+Drachen t&ouml;tete und Prinzessinnen rettete. Wenn er sich
+nicht h&uuml;tete, wollte Axel zeigen, da&szlig; auch er Ruhm gewinnen
+konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort
+unten sprang und sich totschlug, dann w&uuml;rde er schon in
+den Schatten gestellt sein, dies gro&szlig;e L&uuml;genmaul!</p>
+
+<p>Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der
+drau&szlig;en auf dem sonnenbeschienenen Marktplatz mit
+seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mu&szlig;te er erfahren,
+was es hei&szlig;t, ein gro&szlig;er Mann zu sein. Eine Vogelscheuche
+war er geworden, die die Zeit, die war, der
+kommenden aufstellte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_196" id="page_196"></a>196</span>Es war drau&szlig;en auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine
+ganze Menge Basen und Vettern waren auf dem herrlichen
+Landgut versammelt. Axel ging da herum, von
+seinem Ha&szlig; gegen Onkel Ruben erf&uuml;llt. Er wollte nur
+wissen, ob dieser auch noch andre au&szlig;er ihm qu&auml;lte.
+Aber etwas sch&uuml;chterte ihn ein, so da&szlig; er sich nicht zu
+fragen getraute. Es war, als h&auml;tte er damit eine L&auml;sterung
+begangen.</p>
+
+<p>Endlich waren die Kinder allein. Kein Gro&szlig;er war
+dabei. Da fragte Axel, ob sie von Onkel Ruben geh&ouml;rt
+h&auml;tten.</p>
+
+<p>Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele
+kleine F&auml;ustchen sich ballten, aber es schien, da&szlig; die
+kleinen M&uuml;ndchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben gelernt
+hatten. &bdquo;Still doch,&ldquo; sagte die ganze Schar.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Axel, &bdquo;jetzt m&ouml;chte ich wissen, ob er
+noch irgend jemand anders peinigt, denn ich finde, da&szlig;
+er der l&auml;stigste von allen Onkeln ist.&ldquo;</p>
+
+<p>Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den
+Harm gequ&auml;lter Kinderherzen umgab. Es gab ein gro&szlig;es
+Murren und Rufen. So mu&szlig; ein Haufen Nihilisten aussehen,
+wenn sie den Selbstherrscher schm&auml;hen.</p>
+
+<p>Jetzt wurde das S&uuml;ndenregister des armen gro&szlig;en
+Mannes aufgez&auml;hlt. Onkel Ruben verfolgte alle seine
+Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb &uuml;berall, wo es ihm
+gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen
+Alter mit dem, dessen Ruhe er st&ouml;ren wollte.</p>
+
+<p>Und Respekt mu&szlig;te man vor ihm haben, obwohl er
+ganz offenkundig ein L&uuml;gner war. Ihn in der verschwiegensten
+Tiefe seines Herzens hassen, das konnte man,
+aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen,
+Gott beh&uuml;te.</p>
+
+<p>Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm
+sprachen! Hatte er denn je etwas so Merkw&uuml;rdiges geleistet?
+Sich hinzusetzen und zu sterben, war doch nichts
+so Wunderbares. Und was er auch f&uuml;r Gro&szlig;taten vollbracht
+<span class="pagenum"><a name="page_197" id="page_197"></a>197</span>haben mochte, gewi&szlig; war es, da&szlig; er jetzt seine
+Macht mi&szlig;brauchte. Er stellte sich den Kindern in allem
+entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte Vogelscheuche.
+Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese
+auf. Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und
+seine Ben&uuml;tzung verboten. Jetzt erst k&uuml;rzlich hatte er es
+sich einfallen lassen, auf ungesattelten Pferden zu reiten.</p>
+
+<p>Sie waren alle ganz sicher, da&szlig; der arme Tropf nie
+mehr als drei Jahre alt geworden war, und jetzt &uuml;berfiel
+er gro&szlig;e Vierzehnj&auml;hrige und behauptete, da&szlig; er in
+einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste.</p>
+
+<p>Ganz unglaubliche Dinge kamen &uuml;ber ihn an den Tag.
+Er hatte von der Br&uuml;cke Wei&szlig;fische gefischt, er hatte
+in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war auf die
+Weide geklettert, die &uuml;ber das Wasser vorhing, und in der
+es sich so behaglich sitzen lie&szlig;, ja, er hatte sogar auf
+Pulvertonnen gelegen und geschlafen.</p>
+
+<p>Aber sie waren alle ganz gewi&szlig;, da&szlig; es keinen Ausweg
+vor seiner Tyrannei gab. Es war eine Erleichterung,
+sich ausgesprochen zu haben, aber kein Heilmittel. Man
+konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen.</p>
+
+<p>Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder gro&szlig;
+wurden und eigne Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich
+Onkel Ruben zunutze zu machen, so wie ihre V&auml;ter
+es vor ihnen getan hatten.</p>
+
+<p>Und ihre Kinder wieder, n&auml;mlich die Jugend, die heute
+heranw&auml;chst, haben die Lektion so gut gelernt, da&szlig; es
+eines Sommers drau&szlig;en auf dem Lande geschah, da&szlig; ein
+f&uuml;nfj&auml;hriges Knirpschen zur alten Gro&szlig;mutter Berta
+kam, die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte,
+w&auml;hrend sie auf den Wagen wartete, und sagte:</p>
+
+<p>&bdquo;Gro&szlig;mutter, du hattest doch einmal einen Bruder,
+der Ruben hie&szlig;.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Darin hast du recht, mein kleiner Junge,&ldquo; sagte
+Gro&szlig;mutter und stand sogleich auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_198" id="page_198"></a>198</span>Dies war f&uuml;r die gesamte Jugend ein Anblick, als
+h&auml;tten sie einen alten Krieger K&ouml;nig Karls&nbsp;XII. sich
+vor K&ouml;nig Karls Portr&auml;t verneigen sehen. Sie hatten
+nun eine Ahnung, da&szlig; Onkel Ruben, wie sehr er auch
+mi&szlig;braucht wurde, immer gro&szlig; bleiben mu&szlig;te, nur weil
+er einmal so sehr geliebt worden war.</p>
+
+<p>In unsern Tagen, wo man alle Gr&ouml;&szlig;e so genau pr&uuml;ft,
+mu&szlig; er mit mehr Ma&szlig; verwendet werden als fr&uuml;her.
+Die Grenze seines Alters ist niedriger; B&auml;ume, Boote
+und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus
+Stein, was zum Sitzen taugt, kann ihm entgehen.</p>
+
+<p>Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich
+anders gegen ihn als die Eltern. Sie kritisieren ihn offen
+und unverh&uuml;llt. Ihre Eltern verstehen die Kunst nicht
+mehr, stummen, ehrf&uuml;rchtigen Gehorsam einzufl&ouml;&szlig;en.
+Kleine Pensionsm&auml;dchen handeln das Thema Onkel Ruben
+ab und bezweifeln, ob er etwas andres als eine Mythe
+ist. Ein sechsj&auml;hriger J&uuml;ngling schl&auml;gt vor, da&szlig; man auf
+experimentalem Wege beweisen solle, da&szlig; es unm&ouml;glich
+ist, sich auf einer Steinstufe t&ouml;dlich zu erk&auml;lten.</p>
+
+<p>Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im
+Allerinnersten ebenso von Onkel Rubens Gr&ouml;&szlig;e &uuml;berzeugt,
+wie die vorhergehende, und gehorcht ihm ebenso
+wie diese.</p>
+
+<p>Und der Tag wird kommen, wo diese Sp&ouml;tter zu dem
+uralten Hause ziehen, die alte Steinstufe aufsuchen und
+sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift erheben werden.</p>
+
+<p>Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben,
+aber sobald sie herangewachsen sind und eigne Kinder
+zu erziehen haben, werden sie von dem Nutzen und der
+Notwendigkeit des gro&szlig;en Mannes &uuml;berzeugt sein.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe,
+deiner Mutter Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hie&szlig;.
+Er starb, als er in deinem Alter war, weil er sich auf
+eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.&ldquo;</p>
+
+<p>So wird es hei&szlig;en, so lange die Welt steht.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_199" id="page_199"></a>199</span></p>
+<h2><a name="nr13" id="nr13"></a><a href="#inhalt">Das Flaumv&ouml;gelchen</a></h2>
+
+<h3>I</h3>
+
+
+<p>Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen
+fuhren. Ganz deutlich sehe ich seinen steifen Zylinder
+mit der gro&szlig;en geschwungnen Krempe, so wie man sie
+in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine
+Halsbinde. Ich sehe auch sein sch&ouml;nes, glattrasiertes Gesicht
+mit kleinen, kleinen Polissons, seinen hohen steifen
+Kragen und die anmutige W&uuml;rde in jeder seiner Bewegungen.
+Er sitzt rechts in der Chaise und fa&szlig;t gerade
+die Z&uuml;gel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine
+Frauenzimmerchen. Gott segne sie! Sie sehe ich noch
+deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale
+kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschlie&szlig;t
+und unter dem Kinn gekn&uuml;pft ist, das dunkelbraune
+glattgek&auml;mmte Haar und den gro&szlig;en Schal mit
+den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der
+sie fahren, hat nat&uuml;rlich einen Stuhl mit gr&uuml;nen gedrechselten
+St&auml;bchen, und nat&uuml;rlich ist es das Pferd des
+Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von
+den kleinen, fetten Braunen.</p>
+
+<p>In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen.
+Es ist keine Vernunft darin, denn sie ist das
+unbedeutendste kleine, flatternde Dingelchen, aber alle die
+Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie fortf&auml;hrt, das hat
+mich gefangen. F&uuml;rs erste sehe ich, wie Vater und Mutter
+ihr nachschauen, wie sie da in der T&uuml;r des B&auml;ckerladens
+stehen, Vater hat sogar Tr&auml;nen in den Augen, aber
+Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen. Mutter mu&szlig;
+ihre Augen ben&uuml;tzen, um ihrem T&ouml;chterchen nachzusehen,
+solange sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es
+nat&uuml;rlich fr&ouml;hliche Gr&uuml;&szlig;e von den Kindern des Hinterg&auml;&szlig;chens
+und schelmische Blicke von allen den niedlichen
+<span class="pagenum"><a name="page_200" id="page_200"></a>200</span>Handwerkert&ouml;chtern hinter Fenstern und T&uuml;rspalten, und
+tr&auml;umerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und
+Lehrlingen. Aber alle nicken ihr Gl&uuml;ckauf und Auf Wiedersehen
+zu. Und dann kommen unruhige Blicke von
+armen alten M&uuml;tterchen, die herauskommen und knixen
+und die Brillen abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in
+ihrem Staat vorbeif&auml;hrt. Aber ich kann nicht sehen, da&szlig;
+ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein, nicht, so
+lang die Stra&szlig;e ist.</p>
+
+<p>Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch
+mit dem &Auml;rmel die Tr&auml;nen aus den Augen:</p>
+
+<p>&bdquo;Sei nur nicht traurig, Mutter!&ldquo; sagt er. &bdquo;Du wirst
+sehen, da&szlig; sie sich zu helfen wei&szlig;. Das Flaumv&ouml;gelchen,
+Mutter, wei&szlig; sich zu helfen, so klein es ist.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Vater,&ldquo; sagt Mutter mit starker Betonung, &bdquo;du
+sprichst so seltsam. Warum sollte Anne-Marie sich nicht
+zu helfen wissen? Sie ist so gut wie irgendeine.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter,
+dennoch. Nein, wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer
+Stelle sein und dorthin fahren, wohin sie jetzt f&auml;hrt!
+Nein, wahrhaftig nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du h&auml;&szlig;licher
+alter B&auml;ckermeister,&ldquo; sagt Mutter, die sieht, da&szlig; Vater
+so besorgt um sein M&auml;dchen ist, da&szlig; man ihn mit einem
+kleinen Scherz aufmuntern mu&szlig;. Und Vater lacht, denn
+das Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen.
+Und dann gehen die Alten wieder in den Laden.</p>
+
+<p>Indessen ist das Flaumv&ouml;gelchen, das kleine Fl&ouml;ckchen,
+das Seidenbl&uuml;tchen, recht guten Muts, wie es da &uuml;ber
+den Weg f&auml;hrt. Ein bi&szlig;chen bange vor dem Br&auml;utigam
+ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumv&ouml;gelchen
+vor allen Menschen ein bi&szlig;chen bange, und das
+kommt ihr zugute, denn darum sind alle Menschen nur
+bestrebt, ihr zu zeigen, da&szlig; sie nicht so gef&auml;hrlich sind.</p>
+
+<p>Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie
+heute. Als sie das Hinterg&auml;&szlig;chen und alle ihre Freunde
+<span class="pagenum"><a name="page_201" id="page_201"></a>201</span>hinter sich gelassen haben, findet sie, da&szlig; Moritz f&ouml;rmlich
+zu etwas Gro&szlig;em anschwillt. Der Hut, der Kragen
+und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte
+bl&auml;ht sich. Die Stimme wird ihm gleichsam dick im
+Halse und kommt nur schwer hervor. Sie f&uuml;hlt sich dabei
+ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine
+Pracht, Moritz so gro&szlig;artig zu sehen.</p>
+
+<p>Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen&nbsp;&ndash; man
+w&uuml;rde es kaum glauben k&ouml;nnen&nbsp;&ndash; aber Moritz spricht
+ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht ihr,
+so ist Moritz. Er fragt das Flaumv&ouml;gelchen, ob sie auch
+recht versteht, was diese Reise f&uuml;r ihn bedeutet. Glaubt
+sie, da&szlig; es sich nur um eine Lustfahrt &uuml;ber die Landstra&szlig;e
+handelt? Eine sechs Meilen lange Reise in der guten
+Chaise, mit dem Br&auml;utigam daneben, das konnte freilich
+wie eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja
+auf einen pr&auml;chtigen Landsitz, sollte bei einem reichen
+Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl geglaubt, da&szlig; das
+alles nur ein Spa&szlig; war, wie?</p>
+
+<p>Ach, wenn er w&uuml;&szlig;te, da&szlig; sie sich gestern auf diese Fahrt
+unter langen Gespr&auml;chen mit Mutter vorbereitet hatte,
+bevor sie sich niederlegten, und mit einer langen Reihe
+&auml;ngstlicher Tr&auml;ume bei Nacht und mit Gebeten und Tr&auml;nen.
+Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto
+mehr zu genie&szlig;en, wie weise Moritz ist. Er liebt es, es
+zu zeigen, und sie g&ouml;nnt es ihm gern, ach wie gern.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist eigentlich ganz schrecklich, da&szlig; du so reizend
+bist,&ldquo; sagt Moritz. Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen,
+und das war doch, bei Licht besehen, sehr dumm
+von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit einverstanden.
+Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran
+denken, was f&uuml;r L&auml;rm sie geschlagen hatte, als Moritz
+ihr mitteilte, da&szlig; er sich mit einem armen M&auml;dchen aus
+dem Hinterg&auml;&szlig;chen verlobt habe, einem M&auml;dchen, das
+keine Erziehung und keine Talente hatte und das nicht
+einmal sch&ouml;n war, nur reizend.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_202" id="page_202"></a>202</span>In Moritzens Augen war nat&uuml;rlich die Tochter eines
+B&auml;ckermeisters ebensogut wie der Sohn des B&uuml;rgermeisters,
+aber nicht alle hatten so freie Anschauungen wie
+er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt
+h&auml;tte, dann h&auml;tte wohl gar nichts aus der ganzen Sache
+werden k&ouml;nnen, denn er, der nur Student war, hatte
+ja nichts, woraufhin er heiraten konnte. Aber wenn sie
+nun Onkel f&uuml;r sich zu gewinnen vermochten, dann war
+alles gut.</p>
+
+<p>Ich sehe sie so deutlich, wie sie &uuml;ber die Landstra&szlig;e
+fahren. Sie macht eine ungl&uuml;ckliche Miene, w&auml;hrend sie
+seiner Weisheit lauscht. Aber wie vergn&uuml;gt sie ist in ihren
+Gedanken! Wie verst&auml;ndig Moritz ist! Und wenn er davon
+spricht, welche Opfer er f&uuml;r sie bringt, dann ist das
+nur seine Art, zu sagen, wie lieb er sie hat.</p>
+
+<p>Und wenn sie erwartet hatte, da&szlig; er an einem solchen
+Tage zu zweien vielleicht ein bi&szlig;chen anders sein w&uuml;rde,
+als wenn sie daheim bei Mutter sa&szlig;en&nbsp;&ndash; aber das w&auml;re
+nicht recht von Moritz gewesen&nbsp;&ndash; sie ist nur stolz auf
+ihn.</p>
+
+<p>Er erz&auml;hlte ihr gerade, was Onkel f&uuml;r ein Mensch ist.
+Ein so m&auml;chtiger Mann ist er, da&szlig;, wenn er sie nur besch&uuml;tzen
+will, sie allsogleich im Hafen des Gl&uuml;cks gelandet
+sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hoch&ouml;fen
+hat er und au&szlig;erdem G&uuml;ter und H&ouml;fe und Grubenanteile.
+Und von allem dem ist Moritz der direkte Erbe.
+Aber ein bi&szlig;chen schwer ist Onkel zu behandeln, wenn es
+jemand ist, der ihm nicht gef&auml;llt. Wenn er mit Moritzens
+Frau nicht einverstanden ist, kann er alles jemandem anders
+hinterlassen.</p>
+
+<p>Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und
+schm&auml;ler, Moritz aber wird immer steifer und schwillt
+f&ouml;rmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, da&szlig; Anne-Marie
+Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz.
+Onkel ist ein ganz andrer Mann. Sein Geschmack, ja
+Moritz hat keine besondre Meinung von seinem Geschmack,
+<span class="pagenum"><a name="page_203" id="page_203"></a>203</span>aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas
+blitzend Rotes, das m&uuml;&szlig;te Onkel gefallen. Au&szlig;erdem ist
+er solch ein eingefleischter Junggeselle&nbsp;&ndash; findet, da&szlig;
+Frauenzimmer nur l&auml;stig sind. Aber das einzige, was
+n&ouml;tig ist, ist ja nur, da&szlig; sie Onkel nicht zu sehr mi&szlig;f&auml;llt.
+F&uuml;r das &uuml;brige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf
+kein G&auml;nschen sein. Weint sie&nbsp;&ndash;! Ach, wenn sie nicht
+mutiger aussieht, wenn sie ankommen, dann wird Onkel
+ihnen beiden schnurstracks den Laufpa&szlig; geben. Sie ist in
+ihrem eignen Interesse froh, da&szlig; Onkel nicht so klug ist
+wie Moritz. Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz
+sein, zu denken, da&szlig; es gut ist, da&szlig; Onkel ein ganz andrer
+Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn Moritz
+Onkel w&auml;re, und zwei arme junge Leutchen k&auml;men zu ihm
+gefahren, um ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann
+w&uuml;rde ihnen Moritz, der so verst&auml;ndig ist, sicherlich raten,
+jeder zu sich nach Hause zu fahren und mit dem Heiraten
+so lange zu warten, bis sie etwas h&auml;tten, wovon sie leben
+k&ouml;nnten. Aber Onkel war gewi&szlig; in seiner Weise schrecklich.
+Er trank so viel und gab so gro&szlig;e Feste, bei denen
+es ganz wild herging. Und er verstand es gar nicht, hauszuhalten.
+Er konnte glauben, da&szlig; alle Menschen ihn betrogen,
+und lie&szlig; sich dar&uuml;ber kein graues Haar wachsen.
+Und leichtsinnig&nbsp;&ndash;! Der B&uuml;rgermeister hatte ihm durch
+Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung geschickt, die
+nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm sicherlich
+ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach,
+wof&uuml;r er sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem
+Markte in der Stadt gestanden und den Gassenjungen
+Silberm&uuml;nzen hingestreut. Und in einer Nacht ein paar
+tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit
+Zehnreichstalerbanknoten anzuz&uuml;nden, das geh&ouml;rte zu dem
+Allt&auml;glichsten, was Onkel tat.</p>
+
+<p>So fuhren sie, und so plauderten sie, w&auml;hrend sie
+fuhren.</p>
+
+<p>Gegen Abend kamen sie an. Onkels &bdquo;Residenz&ldquo;, wie
+<span class="pagenum"><a name="page_204" id="page_204"></a>204</span>er zu sagen pflegte, war keine Fabrik. Sie lag fern von
+allem Kohlenrauch und allen Hammerschl&auml;gen auf dem
+Abhang einer gewaltigen Anh&ouml;he, mit einer weiten Aussicht
+&uuml;ber Seen und langgestreckte Berge. Sie war stattlich
+angelegt, mit Waldwiesen und Birkenhainen ringsherum,
+aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die
+Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschlo&szlig;.</p>
+
+<p>Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen
+hinauf. Sie fuhren zuletzt durch ein paar niedrige
+dichte Tannenhecken, und dann sollten sie in den Hof
+einschwenken.</p>
+
+<p>Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte,
+war eine Triumphpforte errichtet, und da stand Onkel
+mit seinen Untergebenen und gr&uuml;&szlig;te. Seht, das h&auml;tte das
+Flaumv&ouml;gelchen niemals von Moritz glauben k&ouml;nnen, da&szlig;
+er ihr einen solchen Empfang bereiten w&uuml;rde. Es wurde
+ihr gleich ganz leicht ums Herz. Und sie fa&szlig;te seine Hand
+und dr&uuml;ckte sie zum Dank. Mehr konnte sie im Augenblick
+nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte.</p>
+
+<p>Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr
+Theodor Fristedt, gro&szlig; und schwarzb&auml;rtig und strahlend
+von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und rief hurra,
+und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie
+traten die Tr&auml;nen in die Augen, und zugleich l&auml;chelte sie.
+Und nat&uuml;rlich mu&szlig;ten ihr alle vom ersten Augenblick an
+gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie Moritz ansah.
+Denn sie dachte ja, da&szlig; sie alle seinetwegen da seien,
+und sie mu&szlig;te ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden,
+nur um ihn anzusehen, wie er mit einer gro&szlig;en
+Geste den Hut abnahm und so sch&ouml;n und k&ouml;niglich gr&uuml;&szlig;te.
+Ach, was f&uuml;r einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel
+Theodor blieb fast im Hurra stecken und geriet in einen
+Fluch, als er ihn sah.</p>
+
+<p>Nein, das Flaumv&ouml;gelchen w&uuml;nschte gewi&szlig; keinem
+Menschen auf Erden etwas B&ouml;ses, aber wenn es wirklich
+<span class="pagenum"><a name="page_205" id="page_205"></a>205</span>so gewesen w&auml;re, da&szlig; das Ganze Moritz geh&ouml;rt h&auml;tte, so
+w&uuml;rde es wirklich gut gepa&szlig;t haben. Es war weihevoll,
+zu sehen, wie er da auf der Schwelle stand und sich zu
+den Leuten wendete, um zu danken. Onkel Theodor war
+ja auch stattlich, aber was hatte er f&uuml;r ein Auftreten
+gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm
+ihren Schal und ihren Hut wie ein Bedienter, w&auml;hrend
+Moritz den Hut von seiner wei&szlig;en Stirn l&uuml;ftete und
+sagte: &bdquo;Habt Dank, meine Kinder!&ldquo; Nein, Onkel Theodor
+hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt
+von seinen Onkelrechten Gebrauch machte und sie in die
+Arme nahm und k&uuml;&szlig;te und merkte, da&szlig; sie mitten im
+Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr
+h&auml;&szlig;lich. Das Flaumv&ouml;gelchen war es nicht gewohnt, jemanden
+absto&szlig;end zu finden, aber es w&uuml;rde sicherlich
+kein leichtes St&uuml;ck Arbeit sein, Onkel Theodor zu gefallen.</p>
+
+<p>&bdquo;Morgen,&ldquo; sagt Onkel, &bdquo;gibt es hier gro&szlig;e Mittagsgesellschaft
+und Ball, aber heute sollen sich die jungen
+Herrschaften von der Reise ausruhen. Jetzt essen wir nur
+zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie werden in einen Salon gef&uuml;hrt, und da werden
+sie allein gelassen. Onkel Theodor schie&szlig;t hinaus wie ein
+Pfeil. F&uuml;nf Minuten sp&auml;ter f&auml;hrt er in seinem gro&szlig;en
+Wagen die Allee hinab, und der Kutscher f&auml;hrt so zu,
+da&szlig; die Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang
+liegen. Es vergehen noch f&uuml;nf Minuten, aber dann
+ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau neben
+ihm im Wagen.</p>
+
+<p>Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gespr&auml;chige
+Dame f&uuml;hrend, die er &bdquo;Frau Bergr&auml;tin&ldquo; nennt.
+Und diese schlie&szlig;t Anne-Marie gleich in die Arme, aber
+Moritzen begr&uuml;&szlig;t sie etwas steifer. Und das mu&szlig; sie ja.
+Niemand kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben.</p>
+
+<p>Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, da&szlig; diese
+gespr&auml;chige alte Dame gekommen ist. Sie und Onkel
+<span class="pagenum"><a name="page_206" id="page_206"></a>206</span>haben eine so lustige Art, miteinander zu scherzen. Es
+wird ganz heimlich in dem fremden Hause.</p>
+
+<p>Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt
+haben, und Anne-Marie in ihr kleines St&uuml;bchen gekommen
+ist, geschieht etwas so Peinliches und &Auml;rgerliches.</p>
+
+<p>Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab,
+und das Flaumv&ouml;gelchen merkt, da&szlig; Moritz seine Zukunftspl&auml;ne
+auseinandersetzt. Onkel scheint gar nichts zu
+sagen, er geht nur und k&ouml;pft mit seinem Stock Grashalme.
+Aber Moritz wird ihn schon bald zu &uuml;berzeugen
+wissen, da&szlig; er nichts Besseres tun kann, als Moritz eine
+Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu geben,
+wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben
+will. Moritz hat so viel Sinn f&uuml;rs Praktische, seit er sich
+verliebt hat. Er pflegt oft zu sagen: &bdquo;Ist es nicht am
+besten, wenn ich, da ich doch einmal ein gro&szlig;er Gutsbesitzer
+werden soll, gleich damit anfange, mich in die
+Dinge einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es f&uuml;r mich,
+das Hofgerichtsexamen zu machen?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert
+sie, zu sehen, da&szlig; sie dort sitzt, aber da sie sich nicht
+darum bek&uuml;mmern, kann niemand verlangen, da&szlig; sie
+nicht h&ouml;ren soll, was sie sagen. Es ist wirklich ebensosehr
+ihre Angelegenheit wie die von Moritz.</p>
+
+<p>Da bleibt Onkel Theodor pl&ouml;tzlich stehen, und er sieht
+b&ouml;se aus. Er sieht ganz w&uuml;tend aus, findet sie, und sie
+ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er m&ouml;ge sich in acht
+nehmen. Aber es ist zu sp&auml;t, denn schon hat Onkel Theodor
+Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert
+und sch&uuml;ttelt ihn so, da&szlig; er sich windet wie ein Aal. Dann
+schleudert er ihn mit solcher Kraft von sich, da&szlig; Moritz
+nach r&uuml;ckw&auml;rts stolpert und gefallen w&auml;re, wenn er sich
+nicht an einen Baum gest&uuml;tzt h&auml;tte. Und da bleibt nun
+Moritz stehen und sagt: &bdquo;Wie?&ldquo; Ja, was sollte er wohl
+sonst sagen?</p>
+
+<p>Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert.
+<span class="pagenum"><a name="page_207" id="page_207"></a>207</span>Er st&uuml;rzt sich nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm
+zu k&auml;mpfen. Er sieht nur ruhig &uuml;berlegen aus, nur unschuldig
+erstaunt. Sie versteht, da&szlig; er sich beherrscht, damit
+die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie
+und beherrscht sich.</p>
+
+<p>Armer Moritz, es stellt sich heraus, da&szlig; Onkel um
+ihretwillen auf ihn b&ouml;se ist. Er fragt, ob Moritz nicht
+wei&szlig;, da&szlig; sein Onkel Junggeselle ist und sein Haus ein
+Junggesellenhaus, da&szlig; er seine Braut hergebracht hat,
+ohne ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumv&ouml;gelchen
+ist f&uuml;r Moritz beleidigt. Mutter hat es sich doch
+selbst verbeten und gesagt, da&szlig; sie die B&auml;ckerei nicht verlassen
+k&ouml;nne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel
+l&auml;&szlig;t keine Entschuldigungen gelten.&nbsp;&ndash; Na, und die B&uuml;rgermeisterin,
+die h&auml;tte ihrem Sohn wohl den Gefallen
+tun k&ouml;nnen. Ja, wenn sie zu hochm&uuml;tig war, dann h&auml;tten
+sie lieber da bleiben k&ouml;nnen, wo sie waren. Was w&uuml;rden
+sie denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergr&auml;tin nicht
+h&auml;tte kommen k&ouml;nnen? Und wie konnten denn &uuml;berhaupt
+Br&auml;utigam und Braut so zu zweien durchs Land ziehen!&nbsp;&ndash;
+So, so, Moritz sei nicht gef&auml;hrlich. Nein, das hatte
+er auch nie geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gef&auml;hrlich.&nbsp;&ndash;
+Na, und dann schlie&szlig;lich noch die Chaise,
+dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht das l&auml;cherlichste
+Vehikel in der ganzen Stadt aufgest&ouml;bert? Das
+Kind sechs Meilen in einer Chaise zu r&uuml;tteln, und ihn,
+Onkel Theodor, eine Triumphpforte f&uuml;r solch einen Leiterwagen
+errichten zu lassen!&nbsp;&ndash; Wahrhaftig, er hatte nicht
+&uuml;bel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu nehmen! Onkel
+Theodor f&uuml;r solch einen alten Karren hurra rufen zu
+lassen! Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert
+Moritz, der allem dem so ruhig standh&auml;lt. Sie h&auml;tte
+eigentlich nicht &uuml;bel Lust, sich hineinzumischen und Moritz
+zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, da&szlig; es ihm recht
+w&auml;re.</p>
+
+<p>Und bevor sie einschl&auml;ft, liegt sie da und rechnet sich
+<span class="pagenum"><a name="page_208" id="page_208"></a>208</span>vor, was sie alles h&auml;tte sagen wollen, um Moritz zu
+verteidigen. Dann schl&auml;ft sie ein und f&auml;hrt wieder auf,
+und im Ohr klingt ihr ein altes R&auml;tsel:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Es steht ein Hund auf einem Stein<br /></span>
+<span class="i0">Und bellt wohl in das Land hinein.<br /></span>
+<span class="i0">Er hie&szlig; wie du, wie er, wie sie.<br /></span>
+<span class="i0">Wie hie&szlig; er doch, so sag doch wie!<br /></span>
+<span class="i0">Wie hie&szlig; der Hund?<br /></span>
+<span class="i0">Der Hund hie&szlig; Wie.<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Das R&auml;tsel hatte sie als Kind oft ge&auml;rgert, solch dummer
+Hund. Aber jetzt im Halbschlummer vermengt sie
+den Hund &bdquo;Wie&ldquo; mit Moritz, und es kommt ihr vor,
+da&szlig; der Hund seine wei&szlig;e Stirn hat. Dann lacht sie.
+Das Lachen kommt ihr ebenso leicht an wie das Weinen.
+Das hat sie von Vater geerbt.</p>
+
+
+<h3>II</h3>
+
+<p>Wie ist &bdquo;das&ldquo; gekommen? Das, was sie nicht beim
+Namen zu nennen wagt.</p>
+
+<p>&bdquo;Das&ldquo; ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras,
+wie die Farbe in die Rose, wie die S&uuml;&szlig;igkeit in die Beere,
+unmerklich und hold, ohne sich vorher anzuk&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>Es ist ja auch gleichg&uuml;ltig, wie &bdquo;das&ldquo; gekommen ist
+und was &bdquo;das&ldquo; ist. Gut oder b&ouml;se, sch&ouml;n oder h&auml;&szlig;lich,
+&bdquo;das&ldquo; ist das Verbotene, was es gar nicht geben sollte.
+&bdquo;Das&ldquo; macht sie &auml;ngstlich, s&uuml;ndhaft, ungl&uuml;cklich.</p>
+
+<p>An &bdquo;das&ldquo; will sie nie mehr denken. &bdquo;Das&ldquo; mu&szlig; ausgerissen
+und fortgeschleudert werden, und doch ist es
+nichts, was sich greifen und fangen l&auml;&szlig;t. Sie verschlie&szlig;t
+sich davor, und &bdquo;das&ldquo; kommt doch herein. &bdquo;Das&ldquo; treibt
+das Blut aus ihren Adern und flie&szlig;t selbst darin, es
+treibt die Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es
+tanzt durch die Nerven und zittert bis in die Fingerspitzen.
+Es ist &uuml;berall in ihr, so da&szlig;, wenn sie alles fortnehmen
+k&ouml;nnte, woraus der K&ouml;rper sonst besteht und
+<span class="pagenum"><a name="page_209" id="page_209"></a>209</span>nur &bdquo;das&ldquo; &uuml;brig lie&szlig;e, es einen vollen Abdruck von ihr
+geben w&uuml;rde. Und dennoch war &bdquo;das&ldquo; nichts.</p>
+
+<p>Nie will sie an &bdquo;das&ldquo; denken, und stets mu&szlig; sie an
+&bdquo;das&ldquo; denken. Wie ist sie so schlecht geworden. Und dann
+forscht sie und gr&uuml;belt nach, wie &bdquo;das&ldquo; gekommen ist.</p>
+
+<p>Ach, Flaumv&ouml;gelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn
+und wie leicht geweckt unser Herz!</p>
+
+<p>Sie war sicher, da&szlig; &bdquo;das&ldquo; nicht beim Fr&uuml;hst&uuml;ck gekommen
+war, nein, ganz gewi&szlig; nicht beim Fr&uuml;hst&uuml;ck.</p>
+
+<p>Da war sie nur &auml;ngstlich und scheu gewesen. Es hatte
+sie so sehr ersch&uuml;ttert, als sie zum Fr&uuml;hst&uuml;ck hinabkam
+und Moritz nicht vorfand, nur Onkel Theodor und die
+Bergr&auml;tin.</p>
+
+<p>Es war ja nur klug von Moritz gewesen, da&szlig; er auf
+die Jagd gegangen war, obgleich es unm&ouml;glich schien,
+herauszufinden, was er jetzt zur Mittsommerzeit jagte,
+wie auch die Bergr&auml;tin bemerkte. Aber er wu&szlig;te nat&uuml;rlich,
+da&szlig; er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden
+von Onkel fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er
+konnte sich ja gewi&szlig; gar nicht denken, da&szlig; sie so sch&uuml;chtern
+war, da&szlig; sie beinahe ohnm&auml;chtig wurde, als sie ihn
+fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergr&auml;tin
+allein sah. Moritz war nie sch&uuml;chtern gewesen. Er wu&szlig;te
+nicht, was f&uuml;r eine Qual das war.</p>
+
+<p>Dieses Fr&uuml;hst&uuml;ck, dieses Fr&uuml;hst&uuml;ck! Onkel hatte gleich
+damit angefangen, die Bergr&auml;tin zu fragen, ob sie die
+Geschichte von Sigrid der Sch&ouml;nen geh&ouml;rt habe. Er fragte
+nicht das Flaumv&ouml;gelchen, und sie w&auml;re auch nicht imstande
+gewesen, zu antworten. Die Bergr&auml;tin kannte die
+Geschichte gut, aber er erz&auml;hlte sie dennoch. Da erinnerte
+sich Anne-Marie, da&szlig; Moritz Onkel ausgelacht hatte, weil
+er in seinem ganzen Hause nur zwei B&uuml;cher habe, und
+das waren die Sagen von Afzelius und N&ouml;sselts &bdquo;Allgemeine
+Weltgeschichte f&uuml;r Frauenzimmer&ldquo;. &bdquo;Aber die
+kann er auch,&ldquo; hatte Moritz gesagt.</p>
+
+<p>Anne-Marie hatte die Geschichte sch&ouml;n gefunden. Es
+<span class="pagenum"><a name="page_210" id="page_210"></a>210</span>gefiel ihr, da&szlig; Bengt Magnusson Perlen auf den Friesrock
+n&auml;hen lie&szlig;. Sie sah Moritz vor sich, wie k&ouml;niglich
+stolz er ausgesehen haben w&uuml;rde, wenn er die Perlen befohlen
+h&auml;tte. Das war gerade etwas, was Moritz gut
+angestanden h&auml;tte.</p>
+
+<p>Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erz&auml;hlt
+wird, wie Bengt Magnusson in den Wald ritt, um
+der Begegnung mit seinem erz&uuml;rnten Bruder auszuweichen
+und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen
+lie&szlig;, da wurde es ganz deutlich, da&szlig; Onkel verstand,
+da&szlig; Moritz nur auf die Jagd gegangen war, um
+seinem Zorn auszuweichen, und da&szlig; er wu&szlig;te, wie sie
+dasa&szlig; und daran dachte, ihn zu gewinnen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Ja,
+gestern, da hatten sie freilich Pl&auml;ne schmieden k&ouml;nnen,
+Moritz und sie, wie sie mit Onkel kokettieren w&uuml;rde, aber
+heute war kein Gedanke daran, sie auszuf&uuml;hren. Ah, nie
+hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut scho&szlig;
+ihr ins Gesicht, und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem
+Geklapper aus ihren H&auml;nden auf den Teller.</p>
+
+<p>Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern
+die Geschichte fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte
+kam: &bdquo;H&auml;tte mein Bruder dies nicht getan, wahrlich,
+ich t&auml;t es selber.&ldquo; Das hatte er mit so lustigem Tonfall
+gesagt, da&szlig; sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden
+braunen Augen begegnen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah,
+da hatte er zu lachen angefangen wie ein richtiger Junge.
+&bdquo;Was glauben Sie, Frau Bergr&auml;tin,&ldquo; hatte er gerufen,
+&bdquo;da&szlig; Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und
+das h&ouml;rte: &sbquo;H&auml;tte mein Bruder&lsquo;&nbsp;&hellip; ich denke, ein n&auml;chstes
+Mal ist er daheim geblieben.&ldquo;</p>
+
+<p>Dem Flaumv&ouml;gelchen traten die Tr&auml;nen in die Augen,
+und als Onkel dies sah, begann er immer heftiger zu
+lachen. &bdquo;Ja, das ist eine sch&ouml;ne Mittlerin, die mein Brudersohn
+sich da ausgesucht hat,&ldquo; schien er sagen zu wollen.
+&bdquo;Du bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines
+<span class="pagenum"><a name="page_211" id="page_211"></a>211</span>M&auml;dchen.&ldquo; Und jedesmal, wenn sie ihn ansah, hatten die
+braunen Augen wiederholt: &bdquo;H&auml;tte mein Bruder dies
+nicht getan, wahrlich, ich t&auml;t es selber.&ldquo; Eigentlich war
+das Flaumv&ouml;gelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht
+Brudersohn sagten. Und nun denke man, wie sie sich betragen
+hatte. Sie hatte laut zu weinen angefangen und
+war aus dem Zimmer gest&uuml;rzt.</p>
+
+<p>Aber nicht damals war &bdquo;das&ldquo; gekommen, auch nicht
+auf dem Vormittagsspaziergang.</p>
+
+<p>Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war
+sie ganz hingerissen vor Freude &uuml;ber die sch&ouml;ne Besitzung
+und dar&uuml;ber, der Natur so vertraut nahe zu sein. Es
+war, als h&auml;tte sie etwas wiedergefunden, was sie vor
+langer, langer Zeit verloren hatte.</p>
+
+<p>B&auml;ckermamsell, Stadtm&auml;dchen, ja daf&uuml;r hielt man sie.
+Aber sie war nun auf einmal ein Landkind geworden, wie
+sie nur den Fu&szlig; auf den Kiesweg setzte. Sie erkannte sogleich,
+da&szlig; sie aufs Land geh&ouml;rte.</p>
+
+<p>Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich
+auf eigne Faust herausgewagt, um das Gut zu besichtigen.
+Sie hatte sich unten auf dem Kiesplatz vor dem
+Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut
+auf den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und
+begann sich hin und her zu wiegen. Dann stemmte sie
+den Arm in die H&uuml;fte und zog Luft in die Lungen ein,
+da&szlig; sich die Nasenfl&uuml;gel zusammenzogen und es nur so
+pfiff.</p>
+
+<p>Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gef&uuml;hlt!</p>
+
+<p>Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig
+unten im Garten herumzugehen, aber das hatte sie nicht
+gelockt. Mit einer raschen Wendung hatte sie sich zu den
+gro&szlig;en angebauten Wirtschaftsgeb&auml;uden begeben. Sie war
+einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit
+ihr gesprochen. Sie war erstaunt zu h&ouml;ren, wie frisch ihre
+eigne Stimme klang. Sie war wie die eines Leutnants
+vor der Front. Und sie f&uuml;hlte, wie flott es sich ausnahm,
+<span class="pagenum"><a name="page_212" id="page_212"></a>212</span>wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt,
+mit raschen, nachl&auml;ssigen Bewegungen, eine kleine sausende
+Gerte in der Hand, in den Stall trat.</p>
+
+<p>Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte.
+Keine langen Reihen geh&ouml;rnter Wesen gab es da, denen
+sie imponieren konnte, denn sie waren alle drau&szlig;en auf
+der Weide. Ein einsames K&auml;lbchen stand da und schien
+zu erwarten, da&szlig; sie etwas f&uuml;r es tun sollte. Sie ging
+auf das Tierchen zu, stellte sich auf die Zehenspitzen,
+hielt das Kleid mit der einen Hand gerafft und ber&uuml;hrte
+mit der &auml;u&szlig;ersten Spitze der andern die Stirn des Kalbes.</p>
+
+<p>Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, da&szlig;
+sie genug getan habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte,
+&uuml;berlie&szlig; sie ihm gn&auml;digst ihren kleinen Finger
+zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin k&ouml;nnen,
+sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser
+Heldentat zu suchen. Und da hatte sie gefunden, da&szlig;
+Onkel Theodor in der Stallt&uuml;re stand und lachte.</p>
+
+<p>Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet.
+Aber da kam &bdquo;das&ldquo; gewi&szlig; nicht. Da war nur das h&ouml;chst
+Merkw&uuml;rdige und Seltsame eingetroffen, da&szlig; sie vor
+Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm
+wie mit Mutter, er schien alle ihre Fehler und Schw&auml;chen
+zu kennen, und das war ein so ruhiges Gef&uuml;hl. Da
+brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war.</p>
+
+<p>Onkel Theodor hatte sie in den Garten f&uuml;hren wollen
+und zu den Terrassen am Teich, aber das war nicht nach
+ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in allen diesen
+gro&szlig;en Geb&auml;uden war.</p>
+
+<p>Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und
+in den Eiskeller, in den Weinkeller und in den Kartoffelkeller.
+Er nahm alles der Reihe nach durch und zeigte ihr
+die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen
+und die Rollkammer. Dann f&uuml;hrte er sie durch
+den Stall der Arbeitspferde und durch den der Wagenpferde,
+er lie&szlig; sie die Sattelkammer und das Bedientenzimmer
+<span class="pagenum"><a name="page_213" id="page_213"></a>213</span>sehen und die Knechtestube und die Werkstatt.
+Sie war ein wenig verwirrt von allen diesen R&auml;umen,
+die Onkel Theodor n&ouml;tig gefunden hatte, in seinem Hause
+einzurichten, aber ihr Herz gl&uuml;hte vor Entz&uuml;cken bei dem
+Gedanken, wie herrlich es sein mu&szlig;te, &uuml;ber alles das zu
+walten und zu schalten, so da&szlig; sie gar nicht m&uuml;de wurde,
+obgleich sie auch die Schafst&auml;lle und die Schweinest&auml;lle
+durchwanderten und zu den H&uuml;hnern und den Kaninchen
+hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer
+und die Molkerei, die R&auml;ucherkammer und die
+Schmiede, alles in wachsender Begeisterung. Dann gingen
+sie &uuml;ber gro&szlig;e Dachb&ouml;den, Trockenb&ouml;den f&uuml;r W&auml;sche
+und Trockenb&ouml;den f&uuml;r Holz, Heub&ouml;den und B&ouml;den f&uuml;r
+trocknes Laub, das die Schafe zu fressen bekommen.</p>
+
+<p>Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim
+Anblick aller dieser Vollkommenheit zu Leben und Bewu&szlig;tsein.
+Aber den tiefsten Eindruck machte ihr das gro&szlig;e
+Br&auml;uhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem
+weiten Ofen und den gro&szlig;en Tischen.</p>
+
+<p>&bdquo;Das sollte Mutter sehen,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht,
+und sie hatte von daheim erz&auml;hlt. Das konnte sie
+Onkel gegen&uuml;ber so leicht. Er war schon wie ein Freund,
+obgleich seine braunen Augen &uuml;ber alles lachten, was sie
+sagte.</p>
+
+<p>Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung.
+Sie war als Kind kr&auml;nklich gewesen, und darum
+beh&uuml;teten die Eltern sie so, da&szlig; sie sie gar nichts tun
+lie&szlig;en. Nur zum Spa&szlig; durfte sie mit in der Backstube
+oder im Laden sein&nbsp;&hellip; Und wie sie so erz&auml;hlte, war es
+ihr auch herausgerutscht, da&szlig; Vater sie sein Flaumv&ouml;gelchen
+nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie auch
+gesagt: &bdquo;Zu Hause verw&ouml;hnen sie mich alle, au&szlig;er Moritz,
+darum habe ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er
+nennt mich auch nie Flaumv&ouml;gelchen, nur Anne-Marie.
+Moritz ist so vortrefflich.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_214" id="page_214"></a>214</span>Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie h&auml;tte
+ihn mit der Gerte schlagen k&ouml;nnen. Und sie wiederholte
+noch einmal mit Tr&auml;nen im Halse: &bdquo;Moritz ist so vortrefflich.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich wei&szlig;, ich wei&szlig;,&ldquo; hatte Onkel da geantwortet.
+&bdquo;Er soll ja mein Erbe sein.&ldquo; Worauf sie ausgerufen
+hatte: &bdquo;Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie nicht?
+Denken Sie doch, wie gl&uuml;cklich das M&auml;dchen sein m&uuml;&szlig;te,
+die Frau in einem solchen Schlosse wird?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie st&auml;nde es dann mit Moritzens Erbe?&ldquo; hatte Onkel
+ganz gleichm&uuml;tig gefragt.</p>
+
+<p>Da war sie f&uuml;r lange Zeit ganz verstummt, denn sie
+konnte Onkel nicht sagen, da&szlig; sie und Moritz nicht nach
+dem Erbe fragten, denn das taten sie doch gerade. Sie
+gr&uuml;belte, ob es sehr h&auml;&szlig;lich war, da&szlig; sie es taten. Sie
+hatte pl&ouml;tzlich das Gef&uuml;hl, als m&uuml;&szlig;te sie Onkel um Verzeihung
+bitten f&uuml;r irgendein gro&szlig;es Unrecht, das sie ihm
+angetan habe. Aber das konnte sie auch nicht.</p>
+
+<p>Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels
+Hund entgegen. Das war ein kleines, kleines Dingelchen
+auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden Ohrl&auml;ppchen
+und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen
+gellenden Stimmchen.</p>
+
+<p>&bdquo;Du wunderst dich wohl, da&szlig; ich einen so kleinen
+Hund habe,&ldquo; hatte Onkel Theodor gesagt.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, wirklich,&ldquo; hatte sie da geantwortet.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund
+gew&auml;hlt, sondern Jenny hat mich zum Herrn genommen.
+Willst du die Geschichte h&ouml;ren, Flaumv&ouml;gelchen?&ldquo; Von
+dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen.</p>
+
+<p>Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken
+konnte, da&szlig; wieder irgendeine Neckerei dahinter steckte.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam,
+lag sie einer feinen Frau aus der Stadt auf dem Scho&szlig;e
+und hatte ein Deckchen auf dem R&uuml;cken und ein T&uuml;chlein
+um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest
+<span class="pagenum"><a name="page_215" id="page_215"></a>215</span>du! Und ich dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen.
+Aber siehst du, als das Hundeviehchen hier auf
+den Boden kam, da m&uuml;ssen irgendwelche Kindheitserinnerungen
+in ihm erwacht sein, oder was es nun war.
+Es kratzte und schlug um sich und wollte durchaus die
+Decke herunterzerren. Und dann betrug sich Jenny ganz
+wie die gro&szlig;en Hunde hier, so da&szlig; wir sagten, sie m&uuml;sse
+ganz gewi&szlig; auf dem Lande aufgewachsen sein.</p>
+
+<p>Sie legte sich drau&szlig;en auf die Schwelle und warf nicht
+einmal einen Blick auf das Salonsofa, und sie jagte die
+H&uuml;hner und stahl die Milch der Katze und kl&auml;ffte die
+Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch
+kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu
+sehen, wie sie sich benahm. Denke dir doch, solch ein
+kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat und
+auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich.&nbsp;&ndash;
+Und dann, wei&szlig;t du, als sie fortfahren sollten, wollte
+Jenny nicht mit. Sie stand auf der Treppe und winselte
+so j&auml;mmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte
+f&ouml;rmlich, denke dir nur, bleiben zu d&uuml;rfen. So wu&szlig;ten
+wir uns keinen andern Rat, als sie da zu lassen. Wir
+waren ganz ger&uuml;hrt &uuml;ber dies H&uuml;ndchen, das so klein
+war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber
+das h&auml;tte ich doch nie geglaubt, da&szlig; ich mir noch einmal
+einen Scho&szlig;hund halten w&uuml;rde, vielleicht bekomme ich
+auch noch bald eine Frau.&ldquo;</p>
+
+<p>O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so sch&uuml;chtern,
+so unerzogen ist. Sie h&auml;tte wohl gerne wissen m&ouml;gen,
+ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als sie so ungest&uuml;m
+fortst&uuml;rzte. Aber es war ganz, als h&auml;tte er sie gemeint,
+als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar
+nicht. Aber immerhin&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; ja, ja, sie war so verlegen
+gewesen. Sie hatte nicht bleiben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Aber nicht damals war &bdquo;das&ldquo; gekommen, nicht damals.</p>
+
+<p>So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte
+<span class="pagenum"><a name="page_216" id="page_216"></a>216</span>sie sich noch so gut auf einem Ball unterhalten! Aber
+wenn jemand gefragt h&auml;tte, ob sie viel getanzt habe, dann
+h&auml;tte sie sich wohl besinnen und sagen m&uuml;ssen, das habe
+sie nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut
+sie sich unterhalten hatte, da&szlig; sie es gar nicht merkte,
+da&szlig; sie ein wenig vernachl&auml;ssigt worden war.</p>
+
+<p>Es war f&uuml;r sie schon eine solche Unterhaltung gewesen,
+Moritz anzusehen. Gerade weil sie beim Fr&uuml;hst&uuml;ck ein
+kleines, kleines bi&szlig;chen streng gegen ihn gewesen war
+und gestern abend &uuml;ber ihn gelacht hatte, war es ihr eine
+solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie
+war er ihr so sch&ouml;n und so &uuml;berlegen vorgekommen.</p>
+
+<p>Er hatte gewi&szlig; das Gef&uuml;hl gehabt, da&szlig; sie sich zur&uuml;ckgesetzt
+f&uuml;hlte, weil er nicht nur mit ihr gesprochen und
+getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug Vergn&uuml;gen gemacht,
+zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als
+ob sie ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung h&auml;tte ausstellen
+wollen! Ah, so dumm war das Flaumv&ouml;gelchen
+nicht!</p>
+
+<p>Moritz tanzte viele T&auml;nze mit der sch&ouml;nen Elisabeth
+Westling. Aber das hatte sie gar nicht beunruhigt, denn
+Moritz war immer wieder auf sie zugekommen und hatte
+gefl&uuml;stert: &bdquo;Du siehst, ich kann da nicht entwischen, wir
+sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem
+Lande so gar nicht gew&ouml;hnt, einen Kavalier zu haben,
+der in der gro&szlig;en Welt gewesen ist und tanzen und konversieren
+kann. Du mu&szlig;t mich heute abend schon den
+Gutsbesitzerst&ouml;chtern leihen, Anne-Marie.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber Onkel ging Moritz gewisserma&szlig;en aus dem Wege.
+&bdquo;Sei du heut abend Hausherr,&ldquo; sagte er zu ihm, und
+das war Moritz. Er kam zu allem, er f&uuml;hrte den Tanz
+an, f&uuml;hrte das Trinken an und hielt Reden auf die
+sch&ouml;ne Gegend und auf die Damen. Er war gro&szlig;artig.
+Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke auf Moritz geheftet,
+und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte
+Onkel gel&auml;chelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich
+<span class="pagenum"><a name="page_217" id="page_217"></a>217</span>stolz auf Moritz. Es hatte sie vorher ein wenig bedr&uuml;ckt,
+da&szlig; Onkel seinen Neffen nicht recht zu sch&auml;tzen wu&szlig;te.
+Gegen Morgen war Onkel recht laut und l&auml;rmend geworden.
+Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen,
+aber die M&auml;dchen wichen ihm aus, wenn er zu ihnen
+kam, und taten, als w&auml;ren sie schon engagiert.</p>
+
+<p>&bdquo;Tanze mit Anne-Marie,&ldquo; hatte Moritz zu Onkel
+Theodor gesagt, und das hatte nat&uuml;rlich ein wenig protegierend
+geklungen. Sie erschrak so sehr, da&szlig; sie f&ouml;rmlich
+zusammenfuhr.</p>
+
+<p>Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins
+Rauchzimmer.</p>
+
+<p>Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit
+harter, harter Stimme gesagt:</p>
+
+<p>&bdquo;Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mu&szlig;t
+du so ein Gesicht machen, wenn Onkel mit dir tanzen
+will? Wenn du nur w&uuml;&szlig;test, was er mir gestern &uuml;ber
+dich sagte. Du mu&szlig;t auch etwas tun, Anne-Marie.
+Glaubst du, da&szlig; es recht ist, alles mir zu &uuml;berlassen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du denn, da&szlig; ich tun soll, Moritz?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren.
+Denke, was ich heute abend alles gewonnen habe! Aber
+jetzt ist es verloren.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du
+es willst, Moritz.&ldquo; Und sie meinte es auch. Es tat ihr
+wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben.</p>
+
+<p>&bdquo;Es w&auml;re nat&uuml;rlich das einzig Richtige, aber von jemandem,
+der so l&auml;cherlich sch&uuml;chtern ist wie du, kann
+man ja nichts verlangen.&ldquo;</p>
+
+<p>Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs
+in das Rauchzimmer gegangen, das jetzt beinahe leer
+war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl geworfen.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?&ldquo;
+hatte sie gefragt.</p>
+
+<p>Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie
+auf und sah sie lange an. Es war der schmerzvollste
+<span class="pagenum"><a name="page_218" id="page_218"></a>218</span>Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte nun, wie einem
+Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln
+denkt. Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als
+brauchte er sie viel n&ouml;tiger als Moritz, denn Moritz
+brauchte niemanden. Er war so pr&auml;chtig, wie er war.
+Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf
+Onkel Theodors Arm.</p>
+
+<p>Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen.
+Er begann mit seiner gro&szlig;en Hand ihr Haar zu streicheln.
+&bdquo;M&uuml;tterchen,&ldquo; sagte er.</p>
+
+<p>Da kam &bdquo;das&ldquo; &uuml;ber sie, w&auml;hrend er ihr Haar streichelte.
+Es kam geschlichen, es kam gekrochen, es kam
+gehuscht und geraschelt, so wie wenn die Heinzelm&auml;nnchen
+durch den dunklen Wald ziehen.</p>
+
+
+<h3>III</h3>
+
+<p>Eines Abends liegen feine, weiche W&ouml;lkchen am Himmel,
+eines Abends ist es still und lau, eines Abends
+schweben kleine wei&szlig;e Fl&auml;umchen von Espen und Pappeln
+durch die Luft.</p>
+
+<p>Es ist schon sp&auml;t, und niemand ist mehr auf, nur Onkel
+Theodor, der drau&szlig;en im Garten umhergeht und &uuml;berlegt,
+wie er den jungen Mann und das junge M&auml;dchen
+voneinander trennen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, da&szlig;
+Moritz an ihrer Seite vom Hofe wegf&auml;hrt, w&auml;hrend Onkel
+Theodor auf der Schwelle steht und ihnen gl&uuml;ckliche Reise
+w&uuml;nscht.</p>
+
+<p>Ist es denn &uuml;berhaupt m&ouml;glich, sie ziehen zu lassen,
+nachdem sie drei Tage hindurch das Haus mit zwitschernder
+Fr&ouml;hlichkeit erf&uuml;llt, nachdem sie sie in ihrer stillen
+Weise daran gew&ouml;hnt hat, da&szlig; sie f&uuml;r sie alle denkt und
+sorgt, nachdem er sich gew&ouml;hnt hat, dies weiche geschmeidige
+kleine Wesen &uuml;berall umherstreifen zu sehen. Onkel
+<span class="pagenum"><a name="page_219" id="page_219"></a>219</span>Theodor sagt zu sich selbst, da&szlig; das nicht m&ouml;glich ist. Er
+kann sie nicht mehr entbehren.</p>
+
+<p>In demselben Augenblick st&ouml;&szlig;t er an einen abgebl&uuml;hten
+L&ouml;wenzahn, und wie die Entschl&uuml;sse der Menschen und
+die Versprechungen der Menschen zerstreut sich das wei&szlig;e
+Flaumb&auml;llchen, und die wei&szlig;en Federchen fliegen eilig
+davon und verschwinden.</p>
+
+<p>Die Nacht ist nicht kalt, wie die N&auml;chte in dieser
+Gegend zu sein pflegen. Die W&auml;rme wird unter der
+grauen Wolkendecke zur&uuml;ckgehalten. Die Winde zeigen
+ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still.</p>
+
+<p>Onkel Theodor sieht sie, das Flaumv&ouml;gelchen. Sie
+weint, weil Moritz sie verlassen hat. Aber er zieht sie
+an sich und k&uuml;&szlig;t die Tr&auml;nen fort.</p>
+
+<p>Weich und fein fliegen die wei&szlig;en Fl&auml;umchen von
+den gro&szlig;en reifen K&auml;tzchen der B&auml;ume. So leicht, da&szlig;
+die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein und zart,
+da&szlig; sie kaum auf dem Boden sichtbar werden.</p>
+
+<p>Onkel Theodor lacht sich ins F&auml;ustchen, als er an
+Moritz denkt. In Gedanken tritt er am n&auml;chsten Morgen
+in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt. &bdquo;H&ouml;re,
+Moritz,&ldquo; will er ihm sagen. &bdquo;Ich m&ouml;chte dir keine falschen
+Hoffnungen machen. Wenn du dieses M&auml;dchen
+heiratest, so hast du keinen Pfennig von mir zu erwarten.
+Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft zu vernichten.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Mi&szlig;f&auml;llt sie Ihnen so sehr, Onkel?&ldquo; wird Moritz
+dann fragen.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes M&auml;dchen,
+aber doch nichts f&uuml;r dich. Du mu&szlig;t ein Prachtweib haben
+wie Elisabeth Westling. Sei nun verst&auml;ndig, Moritz, was
+wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine
+Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst
+du nicht, mein Junge. Dazu ist etwas andres n&ouml;tig, als
+den Hut sch&ouml;n zu schwingen und zu sagen: &sbquo;Habt Dank,
+<span class="pagenum"><a name="page_220" id="page_220"></a>220</span>meine Kinder!&lsquo; Du bist ja zum Beamten wie geschaffen.
+Du kannst Minister werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben,
+Onkel,&ldquo; antwortet dann Moritz, &bdquo;so helfen Sie mir doch,
+mein Examen zu machen, und lassen Sie uns dann
+heiraten!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, das nicht, du, das ganz gewi&szlig; nicht. Was,
+glaubst du, w&uuml;rde aus deiner Karriere werden, wenn
+du einen solchen Ballast mitschleppen m&uuml;&szlig;test, wie es
+eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen
+mu&szlig;, galoppiert nicht. Denke dir nun die B&auml;ckermamsell
+als Ministerfrau! Nein, du darfst dich nicht vor zehn
+Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was
+w&auml;re die Folge, wenn ich es euch erm&ouml;gliche, zu heiraten.
+Jedes Jahr w&uuml;rdet ihr zu mir kommen und um
+Geld betteln. Und das w&uuml;rdet ihr und ich bald satt kriegen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe
+mich doch verlobt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;H&ouml;re mich nun an, Moritz! Was ist besser? Da&szlig;
+sie zehn Jahre herumgeht und auf dich wartet und du
+sie dann nicht heiraten willst oder da&szlig; du gleich ein Ende
+machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in
+deinen Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht.
+Es schickt sich ja ohnehin nicht, da&szlig; Br&auml;utigam und
+Braut so zu zweien &uuml;ber Land ziehen. Ich werde schon
+f&uuml;r das M&auml;dchen sorgen, wenn du nur von diesem
+Wahnwitz abstehst. Die Bergr&auml;tin wird sie nach Hause
+bringen, ich werde den sch&ouml;nsten Wagen anspannen lassen.
+Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen,
+so da&szlig; du dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen
+brauchst. Sieh mal, sei verst&auml;ndig, du machst deinen
+Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise jetzt ab,
+ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen.
+Sie will gewi&szlig; deinem Gl&uuml;ck nicht im Wege
+stehen. Versuche nur nicht, sie zu treffen, ehe du f&auml;hrst,
+<span class="pagenum"><a name="page_221" id="page_221"></a>221</span>sonst k&ouml;nntest du wieder schwankend werden, denn sie ist
+reizend.&ldquo;</p>
+
+<p>Und nach diesen Worten fa&szlig;t Moritz einen heldenmutigen
+Entschlu&szlig; und reist ab.</p>
+
+<p>Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen?</p>
+
+<p>&bdquo;Schlechter Kerl,&ldquo; ruft es im Garten laut und
+drohend, wie nach einem Dieb. Onkel Theodor sieht sich
+um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich das
+selber zuruft?</p>
+
+<p>Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf
+vorbereiten, da&szlig; Moritz fort ist, ihr zeigen, da&szlig; Moritz
+ihrer nicht w&uuml;rdig war, sie dahin bringen, ihn zu verachten.
+Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint
+hat, wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig
+verstehen lassen, was er f&uuml;hlt, sie locken, sie gewinnen.</p>
+
+<p>Die Fl&auml;umchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor
+streckt seine gro&szlig;e Hand aus und f&auml;ngt ein Fl&ouml;ckchen auf.</p>
+
+<p>Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und
+sieht es an.</p>
+
+<p>Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um
+Flocke. Was wird dann mit ihnen geschehen? Sie werden
+vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt, von schweren
+F&uuml;&szlig;en zertreten werden.</p>
+
+<p>Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fl&auml;umchen
+mit der gr&ouml;&szlig;ten Schwere auf ihn niederfielen. Wer will
+der Wind, wer will die Erde, wer will die Schuhsohle
+sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt?</p>
+
+<p>Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in
+N&ouml;sselts Weltgeschichte steht eine Episode daraus vor
+ihm, die sich mit dem vergleichen l&auml;&szlig;t, woran er eben
+gedacht hat.</p>
+
+<p>Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht
+wie jetzt. Es war ein Felsenstrand, und unten am Meere
+sa&szlig; ein sch&ouml;ner J&uuml;ngling mit einem Pantherfell &uuml;ber
+der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos
+in der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_222" id="page_222"></a>222</span>Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah,
+war Griechenlands Meer. Das Schiff mit den schwarzen
+Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward von Theseus
+gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch
+in einem Absatz der steilen Strandberge &ouml;ffnete, schlummerte
+Ariadne.</p>
+
+<p>Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: &bdquo;Ist
+wohl der sterbliche J&uuml;ngling w&uuml;rdig der himmlischen
+Maid?&ldquo; Und um Theseus zu pr&uuml;fen, hatte er ihn in
+einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht,
+wenn er nicht sogleich Ariadne verlie&szlig;. Da hatte sich
+dieser unges&auml;umt erhoben, war zum Schiffe geeilt und
+&uuml;ber die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau
+zu wecken, um ihr Lebewohl zu sagen.</p>
+
+<p>Nun sa&szlig; Gott Bacchus l&auml;chelnd da, von den s&uuml;&szlig;esten
+Hoffnungen gewiegt und harrte Ariadnes. Die Sonne
+ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er &uuml;berlie&szlig; sich
+l&auml;chelnden Tr&auml;umen. Er w&uuml;rde die Verlassene schon zu
+tr&ouml;sten wissen, er, Gott Bacchus selbst.</p>
+
+<p>Da kam sie. Mit strahlendem L&auml;cheln trat sie aus der
+Grotte. Ihre Augen suchten Theseus, sie irrten immer
+weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes, &uuml;ber die Wellen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
+zu den schwarzen Segeln&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung,
+ohne Zaudern, hinab ins Meer, hinab in Tod
+und Vergessenheit.</p>
+
+<p>Und da sa&szlig; nun Gott Bacchus, der Tr&ouml;ster.</p>
+
+<p>So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor
+erinnert sich freilich, da&szlig; N&ouml;sselt ein paar Worte hinzuf&uuml;gt,
+da&szlig; mitleidige Dichter behaupten, Ariadne h&auml;tte
+sich von Bacchus tr&ouml;sten lassen. Aber die Mitleidigen
+hatten sicherlich unrecht. Ariadne lie&szlig; sich nicht tr&ouml;sten.</p>
+
+<p>Lieber Gott, weil sie so gut und s&uuml;&szlig; ist, da&szlig; er sie
+lieben mu&szlig;, darum soll sie ungl&uuml;cklich gemacht werden!</p>
+
+<p>Zum Lohn f&uuml;r das sch&ouml;ne, sanfte L&auml;cheln, das sie ihm
+geschenkt hat, weil ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll
+<span class="pagenum"><a name="page_223" id="page_223"></a>223</span>in die seine gelegt, weil sie nicht gez&uuml;rnt hat,
+wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Br&auml;utigam verlieren
+und ungl&uuml;cklich gemacht werden.</p>
+
+<p>F&uuml;r welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt
+werden? Weil sie ihn dazu gebracht hat, im
+Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu entdecken,
+der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen
+ist und nur auf solch ein kleines, zartes und m&uuml;tterliches
+Frauenwesen gewartet zu haben scheint, oder weil sie
+schon jetzt &uuml;ber ihn Macht hat, so da&szlig; er kaum wagt,
+einmal zu fluchen, wenn sie es h&ouml;rt, oder warum soll
+sie gestraft werden?</p>
+
+<p>Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist
+nicht gut, es mit diesen Feinen, Lichten, Daunenweichen
+zu tun zu haben.&nbsp;&ndash; Sie springen ins Meer, wenn sie die
+schwarzen Segel sehen.</p>
+
+<p>Onkel Theodor flucht in aller Stille dar&uuml;ber, da&szlig; das
+Flaumv&ouml;gelchen nicht schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig
+ist.</p>
+
+<p>Da f&auml;llt wieder ein Fl&ouml;ckchen, und es f&auml;ngt an zu
+sprechen: &bdquo;Ich h&auml;tte dir all dein Lebtag folgen sollen.
+Ich h&auml;tte dir am Spieltisch eine Warnung ins Ohr gefl&uuml;stert.
+Ich h&auml;tte das Weinglas fortger&uuml;ckt. Von mir
+w&uuml;rdest du es geduldet haben.&ldquo;&nbsp;&ndash; &bdquo;Das h&auml;tte ich,&ldquo;
+fl&uuml;stert er, &bdquo;das h&auml;tte ich.&ldquo;</p>
+
+<p>Ein andres kommt und spricht ebenfalls: &bdquo;Ich h&auml;tte
+dein gro&szlig;es Haus regieren und es traulich und warm
+machen sollen. Ich h&auml;tte dich durch die &ouml;den Gefilde
+des Alters geleitet. Ich h&auml;tte dein Herdfeuer entz&uuml;ndet,
+w&auml;re dir Auge und Stab gewesen. W&uuml;rde ich nicht dazu
+getaugt haben?&ldquo;&nbsp;&ndash; &bdquo;Liebes, kleines Fl&auml;umchen,&ldquo; antwortet
+er, &bdquo;freilich h&auml;ttest du das.&ldquo;</p>
+
+<p>Noch ein Fl&ouml;ckchen kommt geflogen, und es spricht:
+&bdquo;Wie bin ich doch zu beklagen. Morgen f&auml;hrt mein Br&auml;utigam
+von mir fort, ohne mir auch nur Lebewohl zu
+sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen,
+<span class="pagenum"><a name="page_224" id="page_224"></a>224</span>denn ich werde es als solch eine Schmach empfinden,
+da&szlig; ich f&uuml;r Moritz nicht gut genug bin. Und wenn ich
+heimkomme, wie werde ich da &uuml;ber meines Vaters
+Schwelle treten k&ouml;nnen. Das ganze Hinterg&auml;&szlig;chen entlang
+wird man fl&uuml;stern und zischeln, wenn ich mich zeige.
+Alle werden sich fragen, was ich wohl B&ouml;ses verbrochen
+habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich daf&uuml;r,
+da&szlig; du mich liebst?&ldquo; Er antwortet mit Tr&auml;nen in
+der Kehle: &bdquo;Sprich nicht so, kleines Fl&auml;umchen! Es ist
+noch zu fr&uuml;h, um so zu sprechen.&ldquo;</p>
+
+<p>Die ganze Nacht geht er drau&szlig;en umher, und endlich
+gegen Mitternacht kommt ein wenig Dunkelheit. Da ger&auml;t
+er in gro&szlig;e Angst, diese dumpfe schw&uuml;le Luft scheint
+stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die
+am Morgen begangen werden soll. Da sucht er die Nacht
+zu beschwichtigen, indem er ganz laut sagt: &bdquo;Ich werde
+es nicht tun.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht ger&auml;t
+in solch eine zitternde Angst. Jetzt sind es nicht mehr die
+kleinen Fl&auml;umchen, die fallen, nein, rings um ihn rauschen
+gro&szlig;e und kleine Fl&uuml;gel. Er h&ouml;rt, da&szlig; etwas entflieht,
+aber er wei&szlig; nicht, wohin.</p>
+
+<p>Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es ber&uuml;hrt seine
+Wange, es streift seine Kleider und seine H&auml;nde, und er
+begreift, was es ist. Es sind die Bl&auml;tter, die die B&auml;ume
+verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln entfliehen,
+die Fl&uuml;gel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der
+Gesang, der die V&ouml;gel verl&auml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Und er wei&szlig;, da&szlig;, wenn die Sonne aufgeht, sein
+Lustgarten ganz verw&uuml;stet sein wird. Leerer, kahler, stummer
+Winter wird da herrschen, kein Schmetterlingsspiel,
+kein Vogelgezwitscher.</p>
+
+<p>Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und
+er ist beinahe erstaunt, als er die dunklen Laubmassen
+der Ahornb&auml;ume sieht. &bdquo;Ja so,&ldquo; sagt er, &bdquo;was war es
+dann, was verw&uuml;stet wurde, wenn nicht der Garten?
+<span class="pagenum"><a name="page_225" id="page_225"></a>225</span>Hier fehlt ja nicht einmal ein Grash&auml;lmchen. Der Tausend
+auch, ich selber bin es, der fortab durch K&auml;lte und
+Winter wandern mu&szlig;, nicht der Garten. Es ist, als w&auml;re
+der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das
+geht wohl auch vor&uuml;ber, wie alles andre. Das ist doch
+wahrlich zu viel Aufhebens um so ein kleines Frauenzimmerchen.&ldquo;</p>
+
+
+<h3>IV</h3>
+
+<p>Wie schrecklich unbescheiden &bdquo;das&ldquo; sich an dem Morgen
+betr&auml;gt, wo sie fortfahren sollen. An den zwei Tagen,
+die sie nach dem Balle hier gewesen sind, ist &bdquo;das&ldquo;
+eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber
+jetzt, wo das Flaumv&ouml;gelchen fort soll, wo &bdquo;das&ldquo; einsieht,
+da&szlig; es im Ernst aus ist, da&szlig; es keine Rolle in
+ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es sich in eine
+Todesschwere, in eine Todesk&auml;lte.</p>
+
+<p>Es ist, als m&uuml;&szlig;te sie einen versteinerten K&ouml;rper &uuml;ber
+die Treppen hinab ins Fr&uuml;hst&uuml;ckszimmer schleppen. Sie
+streckt eine schwere kalte Hand aus Stein aus, als sie
+gr&uuml;&szlig;t, sie spricht mit einer tr&auml;gen Steinzunge, sie l&auml;chelt
+mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.</p>
+
+<p>Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt,
+da&szlig; alles an diesem Morgen so abgemacht wird, wie es
+die gute alte Treue und Ehre erfordert.</p>
+
+<p>Onkel Theodor wendet sich beim Fr&uuml;hst&uuml;ck an das
+Flaumv&ouml;gelchen und erkl&auml;rt mit wunderlich ungef&uuml;ger
+Stimme, da&szlig; er sich entschlossen hat, Moritz die Verwalterstelle
+in der Lax&aring;h&uuml;tte zu geben; aber da der genannte
+junge Mann, f&auml;hrt Onkel mit einem angestrengten
+Versuch, seinen gew&ouml;hnlichen Gespr&auml;chston beizubehalten,
+fort, in praktischen Besch&auml;ftigungen nicht allzu bewandert
+ist, so kann er den Platz nicht fr&uuml;her antreten, ehe
+er nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell
+<span class="pagenum"><a name="page_226" id="page_226"></a>226</span>Flaumv&ouml;gelchen, ihre Myrte so gut gepflegt, da&szlig; sie
+im September Kranz und Krone tragen kann?</p>
+
+<p>Sie f&uuml;hlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie
+wei&szlig;, da&szlig; er einen Blick zum Dank haben will, aber sie
+sieht nicht auf.</p>
+
+<p>Moritz hingegen springt in die H&ouml;he. Er umarmt
+Onkel und treibt es ganz schrecklich. &bdquo;Aber, Anne-Marie,
+warum dankst du Onkel nicht? Du mu&szlig;t Onkel Theodor
+streicheln, Anne-Marie. Die Lax&aring;h&uuml;tte ist das Herrlichste
+auf der Welt. Nun, Anne-Marie!&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt schl&auml;gt sie die Augen auf. Es stehen Tr&auml;nen
+darin, und durch diese f&auml;llt auf Moritz ein Blick, voll
+Angst und Vorwurf. Da&szlig; er nicht versteht, da&szlig; er durchaus
+mit blo&szlig;em Licht in den Pulverkeller gehen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in
+der sch&uuml;chternen, kindlichen Art wie zuvor, sondern mit
+einer gewissen Grandezza im Benehmen, mit etwas von
+einer M&auml;rtyrerin, einer gefangnen K&ouml;nigin.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie tun zu viel f&uuml;r uns, Onkel,&ldquo; sagt sie nur.</p>
+
+<p>Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und
+des Anstandes abgemacht. Es ist kein Wort mehr &uuml;ber
+die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den Glauben an
+den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht
+verraten. Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner
+Braut gemacht hat, obgleich sie nur ein armes M&auml;dchen
+aus einem kleinen B&auml;ckerladen im Hinterg&auml;&szlig;chen ist.</p>
+
+<p>Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack
+geschn&uuml;rt, der E&szlig;korb gef&uuml;llt werden.</p>
+
+<p>Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich
+an das Fenster. Von dem Moment an, wo sie sich mit
+jenem tr&auml;nenvollen Blick ihm zugewendet hat, ist er ganz
+von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu
+st&uuml;rzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen,
+er m&ouml;ge nur kommen und sie von dort losrei&szlig;en,
+wenn er es kann.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_227" id="page_227"></a>227</span>Er h&auml;lt die H&auml;nde in den Taschen. Durch die geballten
+F&auml;uste gehen krampfhafte Zuckungen.</p>
+
+<p>Kann er es zulassen, da&szlig; sie den Hut aufsetzt, da&szlig; sie
+der Bergr&auml;tin Lebewohl sagt?</p>
+
+<p>Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und
+will die Geliebte stehlen. Nein, nicht stehlen! Warum
+nicht ehrlich und m&auml;nnlich vortreten und sagen: &bdquo;Ich
+bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen
+uns w&auml;hlen. Ihr seid noch nicht verheiratet, es ist
+keine S&uuml;nde, wenn ich versuche, sie dir abwendig zu
+machen. H&uuml;te sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann w&auml;re er ja gewarnt, und sie w&uuml;&szlig;te, wonach sie
+sich zu richten h&auml;tte.</p>
+
+<p>Es knackt in den Kn&ouml;cheln, als er wieder die F&auml;uste
+ballt. Wie w&uuml;rde Moritz &uuml;ber den alten Onkel lachen,
+wenn er vortr&auml;te und dies erkl&auml;rte! Und wozu sollte es
+dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann
+nicht einmal mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu
+helfen?</p>
+
+<p>Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt,
+um ihm Lebewohl zu sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien,
+sich zu h&uuml;ten, sich auf drei Schritt Entfernung
+von ihm zu halten.</p>
+
+<p>Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den
+R&uuml;cken, w&auml;hrend sie mit dem Ankleiden und dem F&uuml;llen
+des E&szlig;korbes besch&auml;ftigt sind. Werden sie denn nie fertig?
+Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr
+die Hand gegeben, sie gek&uuml;&szlig;t, ihr in den Wagen geholfen.
+Er hat es so oft getan, da&szlig; er sie schon fort
+glaubt.</p>
+
+<p>Er hat ihr auch Gl&uuml;ck gew&uuml;nscht. Gl&uuml;ck&nbsp;&hellip; Kann sie
+mit Moritz gl&uuml;cklich werden? Sie hat diesen Morgen
+nicht gl&uuml;cklich ausgesehen. O, doch gewi&szlig;. Sie weinte
+ja vor Freude.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er so dasteht, sagt Moritz pl&ouml;tzlich zu Anne-Marie:
+&bdquo;Was f&uuml;r ein Dummkopf ich bin. Ich habe
+<span class="pagenum"><a name="page_228" id="page_228"></a>228</span>ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien zu
+sprechen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich denke, es w&auml;re am besten, du lie&szlig;est es,&ldquo; antwortet
+das Flaumv&ouml;gelchen. &bdquo;Es ist vielleicht nicht
+recht.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade
+augenblicklich nichts. Aber wer wei&szlig;, ob sie nicht eines
+Tages besser werden? Und &uuml;brigens, was macht das
+Onkel? Solch eine Kleinigkeit&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Sie unterbricht mit ungew&ouml;hnlicher Heftigkeit, beinahe
+mit Angst. &bdquo;Ich bitte dich, Moritz, tue es nicht! La&szlig;
+mich dieses einzige Mal recht behalten.&ldquo;</p>
+
+<p>Er sieht sie an, ein bi&szlig;chen verletzt. &bdquo;Dieses einzige
+Mal. Als wenn ich dir gegen&uuml;ber ein Tyrann w&auml;re.
+Nein, wei&szlig;t du, das kann ich nicht, schon dieses Wortes
+wegen finde ich, da&szlig; ich nicht nachgeben darf.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;H&auml;nge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt
+es sich um mehr als um H&ouml;flichkeit und Phrasen. Ich
+finde es nicht sch&ouml;n von dir, Onkel &uuml;bervorteilen zu wollen,
+wo er so gut gegen uns war.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst
+du von Gesch&auml;ften?&ldquo;&nbsp;&ndash; Sein ganzes Wesen ist
+noch aufreizend ruhig und &uuml;berlegen. Er sieht sie an, wie
+ein Schulmeister einen guten Sch&uuml;ler, der sich gerade
+am Pr&uuml;fungstage dumm anstellt.</p>
+
+<p>&bdquo;Da&szlig; du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,&ldquo;
+ruft sie aus. Und sie ringt verzweifelt die H&auml;nde.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich mu&szlig; wirklich jetzt mit Onkel sprechen,&ldquo; sagt
+Moritz, &bdquo;wennschon aus keinem andern Grunde, so um
+ihm zu zeigen, da&szlig; es sich hier um keinen Betrug handelt.
+So wie du dich benimmst, k&ouml;nnte Onkel wirklich glauben,
+da&szlig; wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken
+sind.&ldquo;</p>
+
+<p>Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erkl&auml;rt
+ihm, welche Bewandtnis es mit diesen Aktien hat, die
+sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor h&ouml;rt so
+<span class="pagenum"><a name="page_229" id="page_229"></a>229</span>gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, da&szlig; sein Bruder,
+der B&uuml;rgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht
+hat und sich vor Verlusten sch&uuml;tzen will. Aber was
+weiter, was weiter? Solche Gef&auml;lligkeiten pflegt er ja
+der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er
+nicht daran, sondern an das Flaumv&ouml;gelchen. Er w&uuml;&szlig;te
+zu gern, was in dem emp&ouml;rten Blick liegt, den sie Moritz
+zuwirft. Liebe war es gerade nicht.</p>
+
+<p>Und nun mitten in seiner Verzweiflung &uuml;ber das
+Opfer, das er bringen mu&szlig;te, beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl
+vor ihm aufzud&auml;mmern. Er steht da und
+starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo
+ein Geist umgeht, liegt und sieht, wie ein heller Nebel
+aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet und w&auml;chst
+und zu greifbarer Wirklichkeit wird.</p>
+
+<p>&bdquo;Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,&ldquo; sagt er,
+&bdquo;dann kannst du das Geld gleich haben.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber w&auml;hrend er spricht, ruht sein Blick auf dem
+Flaumv&ouml;gelchen, um zu sehen, ob &bdquo;das Geistchen&ldquo; zum
+Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht er nur
+stumme Verzweiflung bei ihr.</p>
+
+<p>Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die
+T&uuml;re sich &ouml;ffnet und Anne-Marie hereinkommt.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel Theodor,&ldquo; sagt sie sehr fest und entschlossen,
+&bdquo;kaufen Sie doch diese Papiere nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Ach, welcher Mut, Flaumv&ouml;gelchen! Wer, der dich vor
+drei Tagen an Moritzens Seite im Wagen sah, wo du bei
+jedem Wort, das er sagte, zusammenzuschrumpfen und
+immer kleiner zu werden schienst, h&auml;tte dir so etwas zugetraut?</p>
+
+<p>Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird
+Moritz ernstlich b&ouml;se.</p>
+
+<p>&bdquo;Schweig,&ldquo; zischt er sie an und br&uuml;llt darauf, um von
+Onkel Theodor, der am Pult sitzt und Banknoten z&auml;hlt,
+richtig geh&ouml;rt zu werden. &bdquo;Was f&auml;llt dir denn ein? Die
+Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt,
+<span class="pagenum"><a name="page_230" id="page_230"></a>230</span>aber Onkel wei&szlig; ebensogut wie ich, da&szlig; sie welche
+tragen werden. Glaubst du, da&szlig; Onkel sich so von einem,
+wie ich, &uuml;bers Ohr hauen l&auml;&szlig;t? Onkel wird von diesen
+Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns.
+Ist es je meine Absicht gewesen, diese Aktien f&uuml;r gut auszugeben?
+Habe ich je etwas andres gesagt, als f&uuml;r jemanden,
+der in der Lage ist, zu warten, k&ouml;nne dies ein gutes
+Gesch&auml;ft werden?&ldquo;</p>
+
+<p>Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein
+paar Banknoten. Er m&ouml;chte wissen, ob dies den Geist
+zum Sprechen bringen wird.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel,&ldquo; sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverk&uuml;nderin&nbsp;&ndash;
+denn es ist ja eine bekannte Sache, da&szlig; niemand
+unerbittlicher sein kann, als diese Daunenweichen,
+diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind&nbsp;&ndash;
+&bdquo;diese Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden
+nie etwas wert sein. Das wissen wir zu Hause alle.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>Sie f&auml;hrt mit den Augen &uuml;ber ihn hin, so, als w&auml;ren
+ihre Blicke die Schneiden einer Schere, und sie schneidet
+ihm Lappen um Lappen alles ab, womit sie ihn herausstaffiert
+hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen Nacktheit
+seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, f&auml;llt
+ihr schreckliches kleines Z&uuml;nglein das Urteil &uuml;ber ihn:</p>
+
+<p>&bdquo;Was bist du denn anders?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Anne-Marie!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, was sind wir alle beide anders,&ldquo; f&auml;hrt das unbarmherzige
+Z&uuml;nglein fort, das, nun es in Gang ist, es
+am besten findet, die Dinge klarzulegen, die ihr Gewissen
+zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken,
+da&szlig; auch der reiche Mann, dem dieses gro&szlig;e Schlo&szlig; geh&ouml;rt,
+ein Herz hat, das leiden und sich sehnen kann. Und
+nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang ist und alle
+Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:</p>
+
+<p>&bdquo;Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten
+<span class="pagenum"><a name="page_231" id="page_231"></a>231</span>wir da? Wovon sprachen wir auf dem Wege? Wie wir
+ihn dort f&uuml;r uns gewinnen wollten. &sbquo;Du mu&szlig;t flott sein,
+Anne-Marie,&lsquo; sagtest du. &sbquo;Und du mu&szlig;t schlau sein, Moritz,&lsquo;
+sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln.
+Viel wollten wir haben, und nichts wollten wir
+geben, nichts andres als Verstellung. Wir wollten nicht
+sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns lieb haben,
+sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel
+in dich oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht.
+Aber wir wollten nichts zur&uuml;ckgeben, weder Liebe noch
+Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum bist du
+nicht allein gefahren, warum mu&szlig;te ich mit? Du wolltest
+mich ihm zeigen, du wolltest, da&szlig; ich, da&szlig; ich&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz
+die Hand gegen sie erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet
+und verfolgt das, was geschieht, mit einem Herzen,
+das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als fl&ouml;ge sein
+Herz nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt
+aufschreit und in seine Arme flieht, in seine Arme flieht
+ohne Zaudern und Bedenken, ganz als g&auml;be es keinen
+andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Onkel, er will mich schlagen!&ldquo;</p>
+
+<p>Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.</p>
+
+<p>Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. &bdquo;Verzeih meine
+Heftigkeit, Anne-Marie,&ldquo; sagt er. &bdquo;Es regte mich auf,
+dich in Onkels Gegenwart so kindisch sprechen zu h&ouml;ren.
+Aber Onkel wird auch verstehen, da&szlig; du eben nur ein
+Kind bist. Dennoch gebe ich zu, da&szlig; keine, wenn auch
+noch so gerechte Emp&ouml;rung einem Manne das Recht gibt,
+eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her und k&uuml;sse mich.
+Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu
+suchen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie r&uuml;hrt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie
+klammert sich nur fest.</p>
+
+<p>&bdquo;Flaumv&ouml;gelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?&ldquo;
+fl&uuml;stert Onkel Theodor.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_232" id="page_232"></a>232</span>Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch
+seinen ganzen K&ouml;rper durcheilt.</p>
+
+<p>Aber Onkel Theodor f&uuml;hlt sich so frisch, so gehoben. Er
+ist jetzt ganz au&szlig;erstande, den vollkommenen Neffen wie
+fr&uuml;her im richtigen Licht seiner Vollkommenheit zu sehen.
+Er wagt es, mit ihm zu scherzen.</p>
+
+<p>&bdquo;Moritz,&ldquo; sagt er, &bdquo;du &uuml;berraschst mich. Die Liebe
+macht dich schwach. Kannst du so mir nichts dir nichts
+verzeihen, da&szlig; sie dich einen Schurken nennt? Du mu&szlig;t
+sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an
+deine Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten,
+einen Mann zu beleidigen. Setze dich in deine
+Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses verlorne Wesen
+von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit
+nach einer solchen Beschimpfung.&ldquo;</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend er seine Rede beschlie&szlig;t, legt er seine
+gro&szlig;en H&auml;nde um ihr K&ouml;pfchen und richtet es empor, so
+da&szlig; er ihre Stirn k&uuml;ssen kann.</p>
+
+<p>&bdquo;Verlasse dieses verlorne Wesen,&ldquo; wiederholt er.</p>
+
+<p>Aber jetzt f&auml;ngt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht,
+wie es in Onkel Theodors Augen funkelt, und wie ein
+L&auml;cheln nach dem andern um seine Lippen spielt.</p>
+
+<p>&bdquo;Komm, Anne-Marie.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie
+sich angelobt hat. Es ist, als m&uuml;&szlig;te sie gehen. Und sie
+l&auml;&szlig;t Onkel Theodor so hastig los, da&szlig; er es nicht verhindern
+kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen, darum
+gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und
+schluchzt.</p>
+
+<p>&bdquo;Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,&ldquo;
+sagt Onkel Theodor scharf. &bdquo;Diese junge Dame ist
+bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und ich gedenke
+sie vor deinen &Uuml;bergriffen in Schutz zu nehmen.&ldquo;</p>
+
+<p>Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur
+darauf bedacht, sie emporzuziehen, ihre Tr&auml;nen zu trocknen
+und ihr zuzufl&uuml;stern, da&szlig; er sie liebt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_233" id="page_233"></a>233</span>Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre
+tr&ouml;stend, ruft aus: &bdquo;Ach, das ist alles abgekartet. Ich
+bin betrogen. Das ist eine Kom&ouml;die. Man stiehlt mir
+meine Braut, und man verh&ouml;hnt mich obendrein. Man
+l&auml;&szlig;t mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will.
+Ich begl&uuml;ckw&uuml;nsche dich zu diesem Handel, Anne-Marie.&ldquo;</p>
+
+<p>Und w&auml;hrend er hinausst&uuml;rzt und die T&uuml;re zuwirft,
+ruft er aus: &bdquo;Gl&uuml;ckssucherin!&ldquo;</p>
+
+<p>Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm
+nachzueilen und ihn zu z&uuml;chtigen, aber das Flaumv&ouml;gelchen
+h&auml;lt ihn zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, Onkel Theodor, la&szlig; doch immerhin Moritz das
+letzte Wort behalten. Moritz hat immer recht. Eine
+Gl&uuml;ckssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel Theodor.&ldquo;</p>
+
+<p>Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu z&ouml;gern,
+ohne zu fragen. Und Onkel Theodor ist ganz verwirrt,
+eben weinte sie noch und jetzt lacht sie, eben sollte sie den
+einen heiraten und jetzt k&uuml;&szlig;te sie einen andern. Da hebt
+sie das K&ouml;pfchen und l&auml;chelt: &bdquo;Jetzt bin ich dein kleines
+H&uuml;ndchen. Du kannst mich nicht loswerden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Flaumv&ouml;gelchen,&ldquo; sagt der Gutsherr mit seiner barschesten
+Stimme. &bdquo;Das hast du schon die ganze Zeit gewu&szlig;t.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie begann zu fl&uuml;stern: &bdquo;H&auml;tte mein Bruder&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und du wolltest doch, Flaumv&ouml;gelchen&nbsp;&hellip; Moritz kann
+froh sein, da&szlig; er dich los wird. Solch ein dummes, l&uuml;gnerisches,
+heuchelndes Flaumv&ouml;gelchen, solch ein ungerechtes,
+kleines, wetterwendisches Fl&auml;umchen, solch ein,
+solch ein&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 260px;">
+<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" />
+</div>
+
+<p>Ach Flaumv&ouml;gelchen, ach Seidenbl&uuml;mchen! Du warst
+wohl nicht nur eine Gl&uuml;ckssucherin, du warst wohl auch
+eine Gl&uuml;cksbringerin, sonst w&uuml;rde wohl nicht so viel von
+deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du
+<span class="pagenum"><a name="page_234" id="page_234"></a>234</span>gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von gro&szlig;en
+Ahornen beschattet, und die Birkenst&auml;mme stehen wei&szlig;
+und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel da. Noch
+heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem H&uuml;gel, und
+im Parkteich schwimmt ein K&uuml;hling, der so alt ist, da&szlig;
+kein Junge es &uuml;ber das Herz bringt, ihn zu angeln. Und
+wenn ich hinkomme, da f&uuml;hle ich, da&szlig; Feierfriede in der
+Luft liegt, und es ist, als s&auml;ngen V&ouml;gel und Blumen noch
+ihre sch&ouml;nen Lieder dir zum Preise.</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr14" id="nr14"></a><a href="#inhalt">Unter den Kletterrosen</a></h2>
+
+
+<p>Ich wollte, da&szlig; die Blicke der Menschen, unter denen
+ich meinen Sommer verlebt habe, auf diese Zeilen fielen.
+Jetzt, wo K&auml;lte und dunkle N&auml;chte gekommen sind,
+m&ouml;chte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit
+zur&uuml;ckf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Vor allem m&ouml;chte ich sie an die Kletterrosen erinnern,
+die die Veranda umschlangen, an das feine, ein wenig
+d&uuml;nne Laubwerk der <span class="antiqua">Rosa bengalensis</span>, das sich beim
+Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen
+Schatten auf dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und
+einen leichten Spitzenschleier &uuml;ber alles dort drau&szlig;en
+warf, und an ihre gro&szlig;en lichten Riesenblumen mit den
+ausgefransten R&auml;ndern.</p>
+
+<p>Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an
+Birkenw&auml;lder oder an Birnb&auml;ume und Beerenstr&auml;ucher,
+aber dieser Sommer hat seinen Charakter von den Kletterrosen
+bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder
+Wind noch Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgr&uuml;nen
+Sch&ouml;&szlig;linge, die sanft geneigten St&auml;mmchen, der
+&uuml;berschwengliche Reichtum an Blumen, die fr&ouml;hlich summende
+Insektenschar, alles das wird mich begleiten und
+in seiner ganzen Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an
+<span class="pagenum"><a name="page_235" id="page_235"></a>235</span>den Sommer zur&uuml;ckdenke, den zarten, feinen Schmelz
+des Sommers.</p>
+
+<p>Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man
+mich oft, womit ich meinen Sommer verbracht habe.
+Dann gleitet alles andre aus meiner Erinnerung fort,
+und es will mir scheinen, als h&auml;tte ich tagaus tagein auf
+der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft
+und Sonnenschein eingeschl&uuml;rft. Was tat ich da? Ach, ich
+sah zu, wie andre arbeiteten.</p>
+
+<p>Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen
+bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen arbeitete.
+Aus den weichen gr&uuml;nen Bl&auml;ttern s&auml;gte sie mit ihren
+scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so
+zusammen, wie man eine richtige Tapete rollt, und die
+kostbare B&uuml;rde an sich dr&uuml;ckend, flatterte sie fort zum
+Parke und lie&szlig; sich auf einem alten Baumstumpf nieder.
+Da vertiefte sie sich in dunkle G&auml;nge und geheimnisvolle
+Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten
+Schachtes erreichte. In dessen unbekannten Tiefen, in
+die sich weder Ameise noch Tausendf&uuml;&szlig;ler je gewagt
+hatten, breitete sie die gr&uuml;ne Blattrolle aus und bedeckte
+den holprigen Boden mit dem sch&ouml;nsten Teppich. Und als
+der Boden bedeckt war, holte die Biene wieder neue
+Bl&auml;tter, um die W&auml;nde des Schachtes zu bekleiden, und
+arbeitete so rasch und eifrig, da&szlig; es bald in der ganzen
+Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt
+hatte, der bezeugte, da&szlig; es zur Ausschm&uuml;ckung des
+alten Baumstumpfes das Seinige hatte beitragen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Eines sch&ouml;nen Tages &auml;nderte das Bienchen seine Besch&auml;ftigung.
+Es bohrte sich tief in die Bl&auml;tterwirrnis
+der Riesenrosen und schl&uuml;rfte und trank aus ihren sch&ouml;nen
+Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn
+es einen Mund voll hatte, schwirrte es gleich hin&uuml;ber zu
+dem alten Baumstumpf, um die frischtapezierte Kammer
+mit dem klarsten Honig zu f&uuml;llen.</p>
+
+<p>Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige,
+<span class="pagenum"><a name="page_236" id="page_236"></a>236</span>die drau&szlig;en in der Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch
+eine Spinne, eine ganz unvergleichliche Spinne. Sie war
+gr&ouml;&szlig;er als alles, was ich bisher vom Spinnengeschlechte
+gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich
+punktierten Kreuz auf dem R&uuml;cken, und sie hatte acht
+lange, wei&szlig; und rot gestreifte Beine, alle gleich sch&ouml;n
+gezeichnet. Ihr h&auml;ttet diese Spinne sehen sollen! Jeder
+Faden wurde mit der &auml;u&szlig;ersten Genauigkeit gezogen.
+Von den ersten an, die nur zur St&uuml;tze und zum Halt
+dienten, bis zu den innersten feinen Webf&auml;den. Und ihr
+h&auml;ttet sehen sollen, wie sie den schmalen F&auml;den entlang
+balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren Thron
+in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig,
+stundenlang wartend.</p>
+
+<p>Diese gro&szlig;e rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie
+war so geduldig und so weise. Jeden Tag hatte sie ihr
+kleines Scharm&uuml;tzel mit der Tapezierbiene, und immer
+zog sie sich mit dem gleichen untr&uuml;glichen Takt aus der
+Aff&auml;re. Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeif&uuml;hrte,
+blieb einmal ums andre in ihrem Netz h&auml;ngen. Sogleich
+begann sie zu surren und zu rei&szlig;en, sie zerrte an dem
+feinen Netz und benahm sich ganz toll, was nat&uuml;rlich zur
+Folge hatte, da&szlig; sie sich immer &auml;rger und &auml;rger verwickelte
+und Fl&uuml;gel und Beinchen in das klebrige Gewebe
+verstrickte.</p>
+
+<p>Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die
+Spinne zu ihr heran. Sie hielt sich immer in geb&uuml;hrlicher
+Entfernung, aber mit der &auml;u&szlig;ersten Spitze eines
+ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene
+einen kleinen Sto&szlig;, so da&szlig; sie sich im Netz herumdrehte.
+Und wenn die Biene wieder herumgeschnurrt und sich
+m&uuml;de gerast hatte, bekam sie abermals einen ganz sachten
+Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie
+sich wie ein Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein
+noch aus wu&szlig;te und so verwirrt war, da&szlig; sie sich nicht
+zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem Herumschwingen
+<span class="pagenum"><a name="page_237" id="page_237"></a>237</span>drehten sich die F&auml;den, die sie hielten, immer mehr zusammen,
+und die Spannung wurde so gro&szlig;, da&szlig; sie
+rissen und die Biene zu Boden fiel. Ja, das war es
+nat&uuml;rlich, was die Spinne gewollt hatte.</p>
+
+<p>Und dieses Kunstst&uuml;ck konnten die beiden Tag f&uuml;r
+Tag wiederholen, solange die Biene in der Rosenhecke
+Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer es lernen,
+sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie
+zeigte die Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie
+wirklich alle beide gerne leiden, die kleine eifrige zottige
+Arbeiterin geradeso wie die gro&szlig;e schlaue alte J&auml;gerin.</p>
+
+<p>Es begaben sich nicht oft gro&szlig;e Ereignisse in dem
+Hause mit den Kletterrosen. Zwischen den Spalieren
+konnte man den kleinen See in der Sonne liegen und
+blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und
+zu umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben
+zu k&ouml;nnen, aber bei jedem kleinen Gekr&auml;usel des grauen
+Spiegels flogen tausende kleine F&uuml;nkchen auf, die auf
+den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als w&auml;re
+die ganze Tiefe von Feuer erf&uuml;llt, das nicht heraus
+k&ouml;nnte. Und so war auch das Sommerleben dort drau&szlig;en;
+es war gew&ouml;hnlich ganz still, aber kam nur das
+allergeringste kleine Gekr&auml;usel&nbsp;&ndash; ach, wie konnte es
+da schimmern und glitzern.</p>
+
+<p>Und es bedurfte keiner gro&szlig;en Dinge, um uns froh
+zu machen. Eine Blume oder ein Vogel konnte uns
+Heiterkeit f&uuml;r mehrere Stunden bringen, von der Tapezierbiene
+gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen,
+wie seelenvergn&uuml;gt ich einmal durch sie wurde.</p>
+
+<p>Die Biene war wie gew&ouml;hnlich im Spinnennetz gewesen
+und die Spinne hatte ihr wie gew&ouml;hnlich herausgeholfen,
+aber sie hatte t&uuml;chtig festgesessen, so da&szlig; sie sich ungeheuer
+lange herumdrehen mu&szlig;te und ganz zahm und
+geb&auml;ndigt war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor,
+um zu sehen, ob das Netz gro&szlig;en Schaden genommen
+habe. Das hatte es gl&uuml;cklicherweise nicht, dagegen sa&szlig;
+<span class="pagenum"><a name="page_238" id="page_238"></a>238</span>eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales
+Untier, das nur aus Kiefern und Krallen bestand, und
+ich war erregt, wirklich erregt, als ich es erblickte.</p>
+
+<p>Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maik&auml;fer, die
+zu Tausenden die Blumen hinaufkriechen und sich unter
+ihren Kronenbl&auml;ttern verstecken? Kannte ich sie nicht und
+bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen schlauen
+Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten,
+und wenn es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene
+kommt, in deren schwarzgelbem Pelz sie sich verbergen
+k&ouml;nnen? Und wu&szlig;te ich nicht von ihrer hassensw&uuml;rdigen
+Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin einen
+Raum mit Honig gef&uuml;llt und auf dessen Oberfl&auml;che das
+Ei gelegt hat, aus dem der richtige Eigent&uuml;mer der Zelle
+und des Honigs hervorkommen soll, gerade da auf das
+Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf
+sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen
+sie in den Honig hinab, so m&uuml;&szlig;ten sie ertrinken. Und
+w&auml;hrend die Biene das fingerhut&auml;hnliche Nestchen mit
+einem gr&uuml;nen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges
+einschlie&szlig;t, schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern
+das Ei auf und verzehrt dessen Inhalt, w&auml;hrend die Eischale
+noch immer als Nachen auf dem gef&auml;hrlichen
+Honigsee dienen mu&szlig;.</p>
+
+<p>Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding
+platt und gro&szlig; und kann selbst auf dem Honig schwimmen
+und davon trinken, und wenn die Zeit sich erf&uuml;llt
+hat, kommt ein fetter schwarzer Maik&auml;fer aus der Bienenzelle.
+Aber das ist es sicherlich nicht, was das kleine
+Bienchen mit seiner Arbeit erreichen wollte, und wie
+schlau und behend der Maik&auml;fer sich auch betragen hat,
+so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer,
+der keine Barmherzigkeit verdient.</p>
+
+<p>Und meine Biene, meine kleine, flei&szlig;ige Herzensbiene,
+war mit solch einem gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen.
+Aber w&auml;hrend die Spinne sie im Kreise gedreht
+<span class="pagenum"><a name="page_239" id="page_239"></a>239</span>hatte, hatte er sich losgel&ouml;st und war in das Netz
+gefallen, und jetzt kam die gro&szlig;e Gelbrote und gab ihm
+einen Bi&szlig; mit ihrem Giftzahn und verwandelte ihn in
+einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben und
+Inhalt.</p>
+
+<p>Und als die kleine Biene zur&uuml;ckkam, war ihr Surren
+wie eine Lobhymne an das Leben.</p>
+
+<p>&bdquo;O du sch&ouml;nes Leben!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich danke dir, da&szlig;
+auf mein Los die fr&ouml;hliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein
+gefallen ist. Ich danke dir, da&szlig; ich dich ohne
+Angst und Furcht genie&szlig;en kann. Wohl wei&szlig; ich, da&szlig;
+Spinnen lauern und Maik&auml;fer stehlen, aber mein ist die
+fr&ouml;hliche Arbeit und die mutige Sorglosigkeit. O du
+sch&ouml;nes Leben, du herrliches Dasein!&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr15" id="nr15"></a><a href="#inhalt">Die Grabschrift</a></h2>
+
+
+<p>Heute beachtet gewi&szlig; keine Menschenseele das kleine
+Kreuzlein, das in einer Ecke des Svartsj&ouml;er Friedhofs
+steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran vorbei,
+ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht
+wunderlich, da&szlig; keiner es bemerkt. Es ist so niedrig,
+da&szlig; Klee und Glockenblumen ihm bis &uuml;ber die Arme
+reichen und Timotheusgras dar&uuml;ber w&auml;chst. Auch nimmt
+sich keiner die M&uuml;he, die Inschrift zu lesen, die da steht.
+Die wei&szlig;en Buchstaben sind heute fast g&auml;nzlich vom Regen
+verwischt, und es scheint nie jemand einzufallen, sie zu
+Worten zusammenzuf&uuml;gen.</p>
+
+<p>Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz
+hat seinerzeit viel Staunen und Verwunderung erweckt.
+Eine Zeitlang konnte niemand den Fu&szlig; auf den Svartsj&ouml;er
+Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen.
+Und bekommt ein Mensch aus jener Zeit es heute zu
+Gesicht, so sieht er sogleich eine ganze Geschichte vor
+sich&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_240" id="page_240"></a>240</span>Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsj&ouml; in Winterschlummer
+versenkt und mit glattem, wei&szlig;em Schnee bedeckt,
+der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht dort so
+aus, da&szlig; es kaum menschenm&ouml;glich ist, sich zurechtzufinden.
+Man mu&szlig; nach dem Kompa&szlig; gehen, wie auf
+dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied zwischen Strand
+und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die
+Erde, die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die K&ouml;hlerleute,
+die auf gro&szlig;en Moorfl&auml;chen und nackten Bergfirsten
+hausen, k&ouml;nnen sich einbilden, da&szlig; sie &uuml;ber ebensoviel
+gepfl&uuml;gten und bebauten Boden geb&ouml;ten wie der reichste
+Gro&szlig;bauer.</p>
+
+<p>Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den
+grauen Z&auml;unen verlassen und abenteuern nun &uuml;ber die
+Wiesen und den Flu&szlig; entlang. Selbst drinnen zwischen
+den Geh&ouml;ften kann man leicht verwirrt werden. Man
+kann pl&ouml;tzlich entdecken, da&szlig; der Weg zum Brunnen quer
+&uuml;ber die Spireahecke des kleinen Rosenbeets gelegt ist.
+Aber nirgends ist es so unm&ouml;glich, sich zurechtzufinden,
+wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer,
+die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz &uuml;berschneit, so da&szlig;
+er jetzt v&ouml;llig mit diesem zusammenflie&szlig;t. Zweitens ist
+der Kirchhof jetzt nur noch ein gro&szlig;es, wei&szlig;es Feld: nicht
+die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verr&auml;t die vielen
+Anh&ouml;hen und H&uuml;gelchen des Totenackers.</p>
+
+<p>Auf den meisten Gr&auml;bern stehen Eisenkreuze, an denen
+d&uuml;nne, kleine Herzen h&auml;ngen, die im Sommer der Wind
+bewegt. Jetzt sind sie alle &uuml;berschneit. Diese kleinen
+Eisenherzen k&ouml;nnen nicht mehr ihre wehm&uuml;tigen Weisen
+von Schmerz und Sehnen erklingen lassen.</p>
+
+<p>Leute, die drinnen in den St&auml;dten auf Arbeit waren,
+haben f&uuml;r ihre Toten daheim Trauerkr&auml;nze mit Blumen
+aus Perlen und Bl&auml;ttern aus Eisenblech mitgebracht,
+und diese Kr&auml;nze stehen so in Achtung, da&szlig; sie auf den
+Gr&auml;bern in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind
+auch sie unter dem Schnee verborgen und begraben. Nun
+<span class="pagenum"><a name="page_241" id="page_241"></a>241</span>ist das Grab, das solchen Schmuck tr&auml;gt, um nichts
+vornehmer als irgendein andres.</p>
+
+<p>Ein paar Schneebeerenb&uuml;sche und Fliederhecken ragen
+aus der Schneedecke empor, allein die meisten sind verborgen.
+Die nackten Zweige, die aus dem Schnee hervorkommen,
+sind einander wunderlich gleich. Sie k&ouml;nnen
+dem nicht zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe
+zurechtzufinden sucht. Alte M&uuml;tterchen, deren Brauch
+es ist, allsonnt&auml;glich einzutreten, um einen Blick auf die
+Gr&auml;ber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees
+wegen nicht weiter als ein St&uuml;ck &uuml;ber den Hauptweg
+hinaus. Dort bleiben sie stehen und versuchen zu erraten,
+wo &bdquo;das Grab&ldquo; liegen mag. Ist es bei diesem Busch
+oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem
+Schmelzen des Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der
+Entrissene so unsagbar weit von ihnen entfernt, seit sie
+die Stelle nicht mehr sehen k&ouml;nnen, wo er in die Erde
+versenkt worden ist.</p>
+
+<p>Da sind auch ein paar gro&szlig;e Steine, die sich &uuml;ber
+den Schnee erheben. Aber es sind ihrer so wenige. Und
+der Schnee h&auml;ngt &uuml;ber ihnen, so da&szlig; man den einen
+nicht vom andern unterscheiden kann.</p>
+
+<p>Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er
+f&uuml;hrt den Hauptgang entlang zu einem kleinen Leichenhause.
+Soll jemand begraben werden, so wird der Sarg
+in das Leichenhaus getragen, und dort h&auml;lt der Pfarrer
+die Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung
+vor. Es ist nicht daran zu denken, da&szlig; der Sarg in die
+Erde kommen k&ouml;nnte, solange dieser Winter w&auml;hrt. Er
+mu&szlig; im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter
+sendet und der Boden wieder zug&auml;nglich wird f&uuml;r Hacke
+und Spaten.</p>
+
+<p>Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und
+der Kirchhof ganz unzug&auml;nglich ist, stirbt ein Kind beim
+H&uuml;ttenherrn Sander auf dem Werke Lerum.</p>
+
+<p>Das ist ein gro&szlig;es Werk, Lerum, und H&uuml;ttenherr
+<span class="pagenum"><a name="page_242" id="page_242"></a>242</span>Sander ist ein m&auml;chtiger Mann. Er hat sich erst j&uuml;ngst
+ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen lassen.
+Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter
+dem Schnee verborgen ist. Es ist von einem behauenen
+Steinrand und einer dicken Eisenkette umgeben;
+mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den
+Namen tr&auml;gt. Dort steht das eine Wort Sander mit
+gro&szlig;en Lettern eingegraben, die &uuml;ber den ganzen Kirchhof
+leuchten.</p>
+
+<p>Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begr&auml;bnis
+zur Sprache kommt, sagt der H&uuml;ttenherr zu seiner Frau:</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will nicht, da&szlig; dieses Kind in meinem Grabe
+liege!&ldquo;</p>
+
+<p>Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der
+Speisesaal auf Lerum, und da sitzt der H&uuml;ttenherr am
+Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch und i&szlig;t allein, wie er zu tun pflegt. Seine
+Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster,
+von wo sie die Aussicht &uuml;ber den See und die birkenbestandnen
+Inselchen hat.</p>
+
+<p>Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann
+dieses sagt, werden ihre Augen auf einmal trocken. Die
+ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken zusammen,
+sie beginnt zu zittern, als f&uuml;hle sie starke K&auml;lte.</p>
+
+<p>&bdquo;Was sagst du, was sagst du?&ldquo; fragt sie. Und sie
+spricht wie einer, der vor K&auml;lte klappert.</p>
+
+<p>&bdquo;Es widerstrebt mir,&ldquo; sagt der H&uuml;ttenherr. &bdquo;Vater
+und Mutter liegen da, und auf dem Steine steht Sander.
+Ich will nicht, da&szlig; dieses Kind dort liege.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ah so, <span class="spaced">das</span> hast du dir ausgeheckt?&ldquo; sagt sie und
+schauert dabei fortw&auml;hrend zusammen. &bdquo;Ich wu&szlig;te wohl,
+da&szlig; du dich einmal r&auml;chen w&uuml;rdest.&ldquo;</p>
+
+<p>Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und
+steht breit und gro&szlig; vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht,
+seinen Willen mit vielen Worten zu ertrotzen. Aber
+sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht, da&szlig; er
+<span class="pagenum"><a name="page_243" id="page_243"></a>243</span>seinen Sinn nicht &auml;ndern kann. Der ganze Mann ist
+schwere, unersch&uuml;tterliche Halsstarrigkeit.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will mich nicht r&auml;chen,&ldquo; sagt er, ohne die
+Stimme zu erheben. &bdquo;Ich kann es nur nicht ertragen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn
+aus einem Bett in das andre zu legen,&ldquo; sagt sie. &bdquo;Und
+er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich sein, wo er liegt.
+Aber <span class="spaced">ich</span> bin dann eine Verlorne.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe auch daran gedacht,&ldquo; sagt er, &bdquo;aber ich
+kann nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet
+sind, brauchen nicht viel Worte, um sich zu verstehen.
+Sie wei&szlig; schon, da&szlig; es ganz zwecklos w&auml;re, wollte sie
+versuchen, ihn umzustimmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Warum mu&szlig;test du mir damals verzeihen?&ldquo; sagt
+sie und ringt die H&auml;nde. &bdquo;Warum lie&szlig;est du mich auf
+Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir, du
+wollest mir vergeben?&ldquo;</p>
+
+<p>Er wei&szlig; bei sich, da&szlig; er ihr nicht schaden will. Er
+kann nichts daf&uuml;r, da&szlig; er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht
+angelangt ist. &bdquo;Sag den Nachbarn, was du willst,&ldquo;
+sagt er. &bdquo;Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser
+im Grabe, oder sage, es sei nicht Raum f&uuml;r mehr S&auml;rge
+als die von Vater und Mutter und meinen und deinen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Und das sollen sie glauben?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t dir helfen, so gut du kannst,&ldquo; sagt er.</p>
+
+<p>Er ist nicht b&ouml;se, sie sieht, da&szlig; er es nicht ist. Es ist,
+wie er selbst sagt. Er kann sich darin nicht &uuml;berwinden.</p>
+
+<p>Sie r&uuml;ckt sich h&ouml;her in den Stuhl hinauf, verschr&auml;nkt
+die Arme hinter dem Kopf und sitzt und starrt zum
+Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das Entsetzliche
+ist, da&szlig; es so viel im Leben gibt, was einen &uuml;berw&auml;ltigt.
+Vor allem ist es furchtbar, da&szlig; in einem selbst M&auml;chte
+emporsteigen, die man nicht lenken kann. Vor einigen
+Jahren, als sie schon eine besonnene, verheiratete Frau
+war, kam die Liebe &uuml;ber sie. So eine Liebe! Es war
+<span class="pagenum"><a name="page_244" id="page_244"></a>244</span>nicht daran zu denken, da&szlig; sie sie h&auml;tte regieren k&ouml;nnen.
+Und was nun Gewalt &uuml;ber ihren Mann bekam,&nbsp;&ndash; war
+es Rachbegier? Er ist ihr nie b&ouml;se gewesen. Er hat ihr
+sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. &bdquo;Du
+bist von Sinnen gewesen,&ldquo; hat er gesagt und hat sie
+weiter als seine Gattin leben lassen.</p>
+
+<p>Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, da&szlig;
+man vergebe, es mag doch schwer genug fallen, es zu tun.
+Vor allem ist es schwer f&uuml;r einen Mann, der tiefsinnig
+und schwerbl&uuml;tig ist, der niemals vergi&szlig;t und niemals
+aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen
+sitzt etwas, das hungert und danach schreit, sich s&auml;ttigen
+zu d&uuml;rfen an eines andern Leid. Ein wunderliches Gef&uuml;hl
+hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen w&auml;re,
+wenn er damals so gez&uuml;rnt h&auml;tte, da&szlig; er sie geschlagen
+h&auml;tte. Dann h&auml;tte er nachher wieder gut werden k&ouml;nnen.
+Nun geht er umher und ist m&uuml;rrisch und verdrossen, und
+sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an
+der Deichsel. Sie wei&szlig;, da&szlig; hinter ihr einer sitzt, der die
+Peitsche in der Hand h&auml;lt,&nbsp;&ndash; wenn er sie auch nicht gebraucht.
+Und nun hat er sie gebraucht. Nun ist sie eine
+Verlorne.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Die Menschen sagen, da&szlig; sie nie einen Schmerz gesehen
+h&auml;tten, wie den ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild.
+In diesen Tagen vor dem Begr&auml;bnis wei&szlig; man
+nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unm&ouml;glich, zu wissen,
+ob sie h&ouml;re, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr
+spricht. Sie scheint keinen Hunger zu f&uuml;hlen, sie scheint
+drau&szlig;en in der bittern K&auml;lte gehen zu k&ouml;nnen, ohne zu
+frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz,
+was sie versteinert, es ist Angst.</p>
+
+<p>Sie denkt nicht daran, am Begr&auml;bnistag daheim zu
+bleiben. Sie <span class="spaced">mu&szlig;</span> mit zum Friedhofe, sie <span class="spaced">mu&szlig;</span> mit im
+Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, da&szlig; alle, die
+<span class="pagenum"><a name="page_245" id="page_245"></a>245</span>dem Sarge folgen, glauben, da&szlig; die Leiche zu dem gro&szlig;en
+Sanderschen Grabe gef&uuml;hrt werde. Sie denkt, da&szlig;
+sie unter der Verwunderung und dem Staunen, das sich
+gegen sie wenden werde, zusammenbrechen m&uuml;sse, wenn
+er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem
+unbemerkten Grabplatz hinf&uuml;hren w&uuml;rde. Es werde ein
+Murmeln der Verwunderung von Reihe zu Reihe gehen,
+obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind
+nicht in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich
+der ungewissen, unbestimmten Ger&uuml;chte erinnern, die einmal
+&uuml;ber sie im Schwange waren. Es m&uuml;sse wohl irgend
+etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man
+sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre,
+werde sie gerichtet und verloren sein.</p>
+
+<p>Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei
+zu sein. Sie wird da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird
+aussehen, als ob alles in Ordnung w&auml;re. Vielleicht werden
+sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu
+erkl&auml;ren.</p>
+
+<p>Der Mann f&auml;hrt auch mit zur Kirche. Er hat alles
+geordnet: die Begr&auml;bnisg&auml;ste geladen, den Sarg bestellt
+und bestimmt, wer ihn tragen soll. Er ist zufrieden und
+gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat.</p>
+
+<p>Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vor&uuml;ber, und der
+Leichenzug stellt sich vor dem Gemeindehause auf. Die
+Tr&auml;ger legen die wei&szlig;en Tragt&uuml;cher &uuml;ber ihre Schultern,
+alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession
+mit und ein gro&szlig;er Teil der Kirchenbesucher.</p>
+
+<p>W&auml;hrend die Prozession sich ordnet, denkt sie, da&szlig; sie
+sich jetzt aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz
+zu geleiten.</p>
+
+<p>Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zur&uuml;ckkehren.
+Sie ist gekommen, um sie vorbereiten zu k&ouml;nnen, aber
+sie hat kein Wort &uuml;ber ihre Lippen gebracht. Sie kann
+nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun k&ouml;nnte,
+w&auml;re: so heftig und laut zu jammern, da&szlig; man es &uuml;ber
+<span class="pagenum"><a name="page_246" id="page_246"></a>246</span>den ganzen Kirchenplatz h&ouml;rte. Sie wagt die Lippen nicht
+zu regen, damit dieser Schrei nicht &uuml;ber sie hereinbreche.</p>
+
+<p>Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu r&uuml;hren,
+und die Menschen setzen sich in Bewegung. Und jetzt
+kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum hat sie nicht
+sprechen k&ouml;nnen? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht
+zuzurufen, sie m&ouml;chten nicht auf den Kirchhof gehen mit
+dem Toten. Ein Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet
+werden solle f&uuml;r einen Toten? Sie k&ouml;nnten ja den
+Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den
+Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei
+gef&auml;hrlich. Er sei voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren
+auf ihm gesehen. Sie will sie schrecken, wie man
+Kinder schreckt.</p>
+
+<p>Sie wei&szlig; nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist.
+Sie erfahre es zeitig genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug
+in den Friedhof hineinschreitet, blickt sie &uuml;ber das Schneefeld,
+um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort drau&szlig;en
+ist nichts als ein ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug
+geht zum Leichenhause hinauf. So viele nur k&ouml;nnen,
+dr&auml;ngen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie
+vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon,
+zum Sanderschen Grabe zu gehen. Keiner kann wissen,
+da&szlig; der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet
+wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll!</p>
+
+<p>H&auml;tte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen
+Augenblick h&auml;tte sie sich zu f&uuml;rchten brauchen. &bdquo;Im Fr&uuml;hling,&ldquo;
+denkt sie, &bdquo;wenn der Sarg versenkt wird, ist wohl
+kaum einer au&szlig;er dem Totengr&auml;ber zugegen. Jeder wird
+glauben, da&szlig; das Kind im Sanderschen Grabe liege.&ldquo;
+Und sie begreift, da&szlig; sie gerettet ist.</p>
+
+<p>Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute
+sehen sie mitleidig an.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt,&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_247" id="page_247"></a>247</span>sagen sie. Aber sie selbst wei&szlig; am besten, da&szlig; sie Tr&auml;nen
+weint, wie eine, die aus Not und Lebensgefahr entronnen
+ist&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Ein paar Tage nach dem Begr&auml;bnis sitzt sie in der
+D&auml;mmerung auf ihrem gewohnten Platz im Speisesaal.
+W&auml;hrend das Dunkel einf&auml;llt, ertappt sie sich darauf, da&szlig;
+sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und horcht
+nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen
+pflegt, um zu spielen. Wird es heute nicht
+kommen? Da f&auml;hrt sie empor und denkt: &bdquo;Es ist ja tot,
+es ist ja tot.&ldquo;</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Tage sitzt sie wieder in der D&auml;mmerung
+und sehnt sich, und Abend f&uuml;r Abend kommt diese Sehnsucht
+wieder und wird immer m&auml;chtiger. Sie breitet sich
+aus, wie das Licht im Fr&uuml;hling, bis sie schlie&szlig;lich alle
+Stunden des Tages und der Nacht beherrscht.</p>
+
+<p>Es ist ja beinahe selbstverst&auml;ndlich, da&szlig; ein Kind, wie
+das ihre, mehr Liebe im Tode empf&auml;ngt als im Leben.
+Die Mutter hat, solange es lebte, an nichts andres gedacht,
+als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und
+f&uuml;r ihn konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es
+mu&szlig;te ferngehalten werden. Es mu&szlig;te oft f&uuml;hlen, da&szlig; es
+ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten untreu
+geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, da&szlig; sie
+doch etwas wert war. Sie hatte unabl&auml;ssig in K&uuml;che und
+Webkammer gearbeitet. Wo h&auml;tte sich Platz f&uuml;r den kleinen
+Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und jetzt
+nachtr&auml;glich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten
+und zu betteln pflegten. Abends wollte er, da&szlig; sie an
+seinem Bette sitze. Er sagte, er f&uuml;rchte sich im Dunkeln,
+aber nun denkt sie, da&szlig; das vielleicht nicht wahr gewesen
+sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie erinnert
+sich, wie er dalag und gegen den Schlaf k&auml;mpfte.
+Jetzt begreift sie, da&szlig; er sich wach gehalten hat, um lange
+liegen und ihre Hand in der seinen halten zu d&uuml;rfen.</p>
+
+<p>Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch
+<span class="pagenum"><a name="page_248" id="page_248"></a>248</span>war. Er hat seinen ganzen Verstand aufgewendet, um
+auch ein bi&szlig;chen von ihrer Liebe abzubekommen.</p>
+
+<p>Es ist erstaunlich, da&szlig; Kinder so lieben k&ouml;nnen. Sie
+hatte es nie begriffen, solange er noch lebte.</p>
+
+<p>Eigentlich f&auml;ngt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben.
+Jetzt erst f&uuml;hlt sie sich ber&uuml;ckt von seiner Sch&ouml;nheit. Sie
+kann sitzen und von seinen gro&szlig;en, geheimnisvollen Augen
+tr&auml;umen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges Kind gewesen,
+es war zart und bla&szlig;. Aber es war wunderbar
+sch&ouml;n.</p>
+
+<p>Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher
+mit jedem Tag, der geht. Kinder m&uuml;ssen ja das
+K&ouml;stlichste sein, was die Erde tr&auml;gt. Man bedenke doch
+nur, da&szlig; es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand
+entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben,
+die nicht danach fragen, ob ein Antlitz sch&ouml;n oder h&auml;&szlig;lich
+ist, sondern das h&auml;&szlig;liche ebenso gern k&uuml;ssen wie das
+h&uuml;bsche, die alt und jung lieben k&ouml;nnen, reich und arm.
+Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen.</p>
+
+<p>Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage n&auml;her und
+n&auml;her. Sie w&uuml;nscht wohl, da&szlig; es lebte, aber sie wei&szlig;
+nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen w&auml;re
+wie jetzt.</p>
+
+<p>Zuweilen ger&auml;t sie in Verzweiflung dar&uuml;ber, da&szlig; sie
+den Knaben nicht gl&uuml;cklicher gemacht hat, so lange er
+am Leben war. Darum ist er mir wohl genommen worden,
+denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise.</p>
+
+<p>Sie hat sich fr&uuml;her vor Trauer gef&uuml;rchtet, aber sie
+findet jetzt, da&szlig; Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht
+hat. Trauern hei&szlig;t ja: ein Vergangnes wieder und wieder
+erleben. Trauern hei&szlig;t: sich in das ganze Wesen des
+Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese
+Trauer macht sie sehr reich.</p>
+
+<p>Am meisten f&uuml;rchtet sie sich jetzt davor, da&szlig; die Zeit
+ihn ihr entf&uuml;hren k&ouml;nnte. Sie hat kein Bild von ihm,
+vielleicht k&ouml;nnten seine Z&uuml;ge in ihrer Erinnerung ausl&ouml;schen.
+<span class="pagenum"><a name="page_249" id="page_249"></a>249</span>Jeden Tag sitzt sie da und pr&uuml;ft sich: &bdquo;Sehe ich
+ihn, sehe ich ihn recht?&ldquo;</p>
+
+<p>Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt
+sie sich auf der Sehnsucht, ihn nicht mehr im Leichenhause,
+sondern in die Erde gebettet zu wissen, damit sie
+zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen k&ouml;nne. Er
+soll gegen Westen liegen, da ist es am sch&ouml;nsten. Und sie
+wird seinen H&uuml;gel mit Rosen schm&uuml;cken. Sie will auch
+eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort sitzen
+k&ouml;nnen, lange, lange.</p>
+
+<p>Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen
+sollen es ja nicht anders wissen, als wenn ihr Kind
+im Familiengrabe liege. Wie werden sie staunen, wenn
+sie sie ein fremdes Grab schm&uuml;cken und dort stundenlang
+sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu
+sagen?</p>
+
+<p>Manchmal denkt sie, da&szlig; sie es auf diese Weise machen
+m&uuml;sse: Zuerst zu dem gro&szlig;en Grabe gehen und dort
+einen gro&szlig;en Strau&szlig; niederlegen und eine Weile dort
+sitzen. Dann w&uuml;rde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe
+hinschleichen k&ouml;nnen. Er w&uuml;rde wohl zufrieden sein mit
+dem einzigen kleinen Bl&uuml;mlein, das sie ihm heimlich zustecken
+k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Ja, er k&ouml;nnte sich wohl damit begn&uuml;gen, aber kann
+sie es? Es ist, als w&uuml;rde sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft
+mit ihm kommen. Und er w&uuml;rde es dann erfahren,
+da&szlig; sie sich seiner sch&auml;mte. Er w&uuml;rde begreifen,
+welche brennende Schmach es f&uuml;r sie gewesen war, da&szlig;
+er geboren wurde. Sie mu&szlig; ihn sch&uuml;tzen, damit er das
+nicht erfahre. Er soll glauben, da&szlig; das Gl&uuml;ck, ihn zu
+besitzen, alles &uuml;berwogen h&auml;tte.</p>
+
+<hr />
+
+<p>Endlich weicht der Winter. Man sieht, da&szlig; es Fr&uuml;hling
+wird. Die Schneedecke schmilzt, die Erde beginnt
+sich zu zeigen. Noch w&auml;hrt es vielleicht ein paar Wochen,
+<span class="pagenum"><a name="page_250" id="page_250"></a>250</span>bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch
+die Hoffnung, da&szlig; die Toten nun bald aus der Leichenkammer
+kommen. Und sie sehnt sich, sie sehnt sich.</p>
+
+<p>Kann sie ihn noch sehen? Sie pr&uuml;ft sich jeden Tag,
+aber es ist im Winter besser gegangen: im Fr&uuml;hling will
+er sich ihr nicht zeigen. Da ger&auml;t sie in Verzweiflung, sie
+mu&szlig; auf dem Grabe sitzen k&ouml;nnen, um ihm nahe zu
+kommen, um ihn sehen, ihn lieben zu k&ouml;nnen. Kommt er
+denn niemals in die Erde hinunter?</p>
+
+<p>Sie hat nichts andres zu lieben, sie mu&szlig; ihn sehen
+k&ouml;nnen, ihn sehen k&ouml;nnen, ihr ganzes Leben lang.</p>
+
+<p>Mit einem Male verschwindet alles Z&ouml;gern und aller
+Kleinmut vor ihrer gro&szlig;en Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt,
+sie kann nicht leben ohne den Toten. Sie f&uuml;hlt, da&szlig; sie
+auf niemand R&uuml;cksicht nehmen kann als auf ihn. Und
+als die Fr&uuml;hlingsfluten wirklich kommen, als auf dem
+Kirchhofe wieder Anh&ouml;hen und H&uuml;gel hervortreten, als
+die Herzen an den eisernen Kreuzen wieder zu klingen
+anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten
+leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge
+&ouml;ffnen kann, hat sie schon ein schwarzes Kreuz machen
+lassen, um es auf den H&uuml;gel zu pflanzen.</p>
+
+<p>Quer &uuml;ber das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen
+wei&szlig;en Buchstaben geschrieben:</p>
+
+<p class="center spaced">Hier ruht mein Kind.</p>
+
+<p>Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr
+Name.</p>
+
+<p>Sie fragt nicht danach, da&szlig; die ganze Welt erf&auml;hrt,
+was sie getan hat. Alles andre ist eitel; nur das eine
+liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu k&ouml;nnen an ihres
+Kindes Grab.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_251" id="page_251"></a>251</span></p>
+<h2><a name="nr16" id="nr16"></a><a href="#inhalt">R&ouml;merblut</a></h2>
+
+
+<p>Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewi&szlig;
+die kleinen Landg&uuml;ter vor der Stadtmauer aufgefallen.
+Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man Artischocken,
+Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit.
+Man hat ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnh&auml;user,
+einen niedrigen Eselstall, einen gro&szlig;en gemauerten
+Brunnen und ein paar H&uuml;hnersteigen. Man hat
+nat&uuml;rlich eine Menge Federvieh, und nicht nur H&uuml;hner,
+Truth&auml;hne und Enten, sondern auch Pfauen und Fasane.</p>
+
+<p>Und dann schafft man sich, um ein bi&szlig;chen besser leben
+zu k&ouml;nnen&nbsp;&ndash; denn Gr&uuml;nzeug und H&uuml;hner werfen keinen
+gl&auml;nzenden Gewinn ab&nbsp;&ndash; ein paar gro&szlig;e F&auml;sser
+r&ouml;mischen Schlo&szlig;wein an und legt sie in eine der niedrigen
+H&uuml;tten, deren jede nicht mehr als ein Gela&szlig; hat. Dahin
+stellt man auch einen Ladentisch und ein Wandbrett mit
+Gl&auml;sern und Literflaschen, drau&szlig;en aber auf dem Hofe,
+zwischen dem Brunnen und den H&uuml;hnersteigen, stellt man
+lange B&auml;nke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer
+wehen die Campagnawinde stark und ungehemmt.
+Darum bringt man kleine Schutzd&auml;cher &uuml;ber den B&auml;nken
+an und umgibt sie mit Rohrw&auml;nden, durch die die Sonne
+hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt l&auml;&szlig;t man auch ein
+Schild malen und h&auml;ngt es &uuml;ber das kleine Mauerpf&ouml;rtchen,
+das nach der Stra&szlig;e und der Stadt f&uuml;hrt. Und die
+Osteria ist fertig.</p>
+
+<p>Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch
+einer kleinen Osteria gewesen, man darf aber nicht glauben,
+da&szlig; er des Lohnes und der Trinkgelder wegen so
+lange geblieben w&auml;re, oder weil er zu nichts anders getaugt
+h&auml;tte. Nino war ein pr&auml;chtiger, ja ein gebildeter
+junger Mann; wenn er sich damit begn&uuml;gte, Kellner in
+einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es,
+<span class="pagenum"><a name="page_252" id="page_252"></a>252</span>weil er in Teresa, die &auml;lteste Tochter des Hauses, verliebt
+war.</p>
+
+<p>Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so sch&ouml;n. Sie war
+gerade in der Art sch&ouml;n, wie Nino es haben wollte, mit
+gro&szlig;en, starken Z&uuml;gen und warmen, klaren Farben. Sie
+ging so stolz und so leicht wie eine K&ouml;nigin. Sie sprach
+mit einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich,
+da&szlig; keine Silbe ihrer Worte verloren gehen konnte. Sie
+lachte so rein, wie ein Silbergl&ouml;ckchen l&auml;utet. Ihre H&auml;nde
+waren sch&ouml;n, wei&szlig; und fest, und ihr H&auml;ndedruck st&auml;rkend
+wie ein Segen.</p>
+
+<p>Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen
+und verlangten, da&szlig; sie immer hinter dem Schanktisch
+zur Hand sei. &bdquo;Wo ist Teresa?&ldquo; fragten sie sicherlich,
+wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl.
+Wu&szlig;te er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe
+schmeckte, wenn sie sie aus dem Kochtopf sch&ouml;pfte, als
+wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht zu verwundern,
+da&szlig; jedermann mit ihr zu tun haben wollte.
+War es nicht schon eine Freude, in demselben Raume zu
+weilen wie sie?</p>
+
+<p>Er war fest davon &uuml;berzeugt, da&szlig; die Leute nicht so
+sehr um Wein zu trinken hereink&auml;men, als vielmehr um
+Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu k&ouml;nnen. Wenn
+einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel
+besiegt hatte, oder wenn der tolle Pietro wieder
+einem das Messer in den Leib gesto&szlig;en hatte, so war es
+eine Erleichterung, es ihr zu erz&auml;hlen. Nino wu&szlig;te, da&szlig;
+junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten,
+zuweilen dasa&szlig;en und sich lange, traurige Geschichten
+ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei ihrem Tische
+stille stehe, ihnen zuh&ouml;re und sich ihrer ein wenig annehme.
+Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie
+wollten doch, da&szlig; sie den Wein in ihr Glas gie&szlig;e oder
+ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie gingen, und
+ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_253" id="page_253"></a>253</span>Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie
+ihr sechzehntes Jahr erreicht hatten; eine zog fort, und
+eine blieb mit Mann und Kindern daheim. Aber Teresa
+wollte nicht heiraten, und Nino wu&szlig;te schon, warum. Er
+wu&szlig;te wohl, da&szlig; sie weder ihn noch irgendeinen andern
+aus dem Landvolk wollte, einen Signor wollte sie.</p>
+
+<p>Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an
+der Art, wie sie ihr Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine
+Signorina, und an ihren Sonntagskleidern. Zu Hause
+trug sie eine gr&uuml;ne Sch&uuml;rze und ein rotes Tuch um den
+Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer
+schwarz gekleidet. Und sie hatte einen gro&szlig;en Hut mit
+vielfach gebogner Krempe und einen Federkragen um den
+Hals, so lang, da&szlig; er bis zum Kleidsaum reichte.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu
+werden. Das einzige Unnat&uuml;rliche war blo&szlig;, da&szlig; sie nicht
+einsah, da&szlig; sie schon eine war.</p>
+
+<p>Eigentlich war es Nino nicht unerw&uuml;nscht, da&szlig; Teresa
+keinen Campagnabo nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine
+Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war dick und rund
+wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue M&uuml;llerfarbe.
+Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger
+Augen. Er war zu h&auml;&szlig;lich f&uuml;r sie. Aber da es nun seine
+guten Wege hatte, bis ihr Signor kam, und da kein andrer
+den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino
+wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen.
+Und das war kein geringes Gl&uuml;ck.</p>
+
+<p>Die Tage drau&szlig;en auf dem Meierhof erschienen Nino
+voll Seligkeit. Des Morgens, wenn Teresa ihre V&ouml;gel
+betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem Mais. Vormittags
+half er ihr, das Unkraut ausj&auml;ten oder das Gem&uuml;se
+in Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt
+werden sollte. Und abends, wenn die Arbeitsleute auf
+ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben Castello
+romano zu trinken, da stand sie am Fasse und f&uuml;llte in
+die Ma&szlig;e ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es
+<span class="pagenum"><a name="page_254" id="page_254"></a>254</span>ein gro&szlig;er Tag war, Festtag oder Markttag, und das
+Volk war zusammengestr&ouml;mt, so da&szlig; alle B&auml;nke &uuml;bervoll
+waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und
+Verk&auml;ufern von gebratenen &Auml;pfeln und Kastanien wimmelte,
+und er und sie mu&szlig;ten atemlos und hei&szlig; mit ihren
+Flaschen und Gl&auml;sern zwischen den Tischen hin und her
+eilen, dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen.
+Da f&uuml;hlten sie sich so kameradschaftlich wie Soldaten,
+die in den Kampf ziehen.</p>
+
+<p>An Abenden aber, wo keine G&auml;ste kamen, sa&szlig; Nino da
+und erz&auml;hlte Teresa aus B&uuml;chern, die er gelesen hatte.
+Da lie&szlig; sie ihn von dem alten Rom erz&auml;hlen, und am
+liebsten h&ouml;rte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen
+die Patrizier und von den m&auml;chtigen r&ouml;mischen Matronen.
+Nino wu&szlig;te wohl, warum. Es war dasselbe Blut, sie
+f&uuml;hlte in sich das gleiche Blut. Am n&auml;chsten Tage trug
+sie den Kopf noch viel stolzer, als fr&uuml;her. Nino wu&szlig;te,
+da&szlig; er wie ein Tollh&auml;usler handelte. Jedesmal, wenn er
+von Cornelia, der Mutter der Gracchen, erz&auml;hlte, entfernte
+er sie weiter von sich. Warum konnte er diese Erz&auml;hlungen
+nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten,
+wenn sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre
+Augen blitzten?</p>
+
+<p>Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, h&ouml;rte Nino die
+Leute sagen, da&szlig; es bald zu sp&auml;t f&uuml;r sie sein w&uuml;rde, noch
+einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht mehr sch&ouml;n.
+Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie
+denn nicht sch&ouml;n?</p>
+
+<p>Eines Tages jedoch merkte er, da&szlig; sie recht gehabt
+hatten. Sie war wirklich im Begriffe gewesen, alt zu
+werden. Sie mu&szlig;te ganz verbla&szlig;t gewesen sein, obgleich
+er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, da&szlig;
+sie wieder aufzubl&uuml;hen begann. Die frische Jugendsch&ouml;nheit
+erhellte aufs neue ihr Gesicht. Was war das f&uuml;r ein
+Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah.</p>
+
+<p>Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der
+<span class="pagenum"><a name="page_255" id="page_255"></a>255</span>Osteria. Ach, ach, Nino konnte nicht leugnen, da&szlig; er das
+Netteste war, was man sehen konnte. Er hatte eine Uniform
+in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches
+Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am
+ersten Abend, da er sie sah. Und sie? War ihre Sch&ouml;nheit
+um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel ihr der
+kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen?</p>
+
+<p>Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die
+Krieger zu hassen. Italien f&uuml;hrte gerade Krieg mit Abessinien,
+und es war Elend genug, da&szlig; Italiens Krieger
+&uuml;bers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen,
+das nichts B&ouml;ses getan hatte. Es war Elend genug, was
+die Kriegsleute dort drau&szlig;en anrichteten. Hier zu Hause
+h&auml;tten sie es doch lassen k&ouml;nnen, die Leute ins Ungl&uuml;ck
+zu bringen.</p>
+
+<p>Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine.
+Hier trat er als Redner auf und forderte die
+Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle nicht als
+Land des Streites gro&szlig; sein, sondern als ein Land des
+Friedens. Er wurde bald einer der F&uuml;hrenden. Er wurde
+einer der beliebtesten Redner. Armer, armer Nino.
+&bdquo;La&szlig;t uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen,
+wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die
+landwirtschaftlichen Schulen zu schicken!&ldquo; Das waren
+Ninos Worte.</p>
+
+<p>Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung
+nach Hause kam, bei der er den Krieg und das Kriegsheer
+abgeschafft hatte, ging Teresa ihm entgegen. Sie blieben
+bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu
+plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen.
+Um den jetzigen Krieg k&uuml;mmerte sie sich nicht,
+aber sie wollte wissen, was die R&ouml;mer in fr&uuml;heren Tagen
+vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio h&ouml;ren.
+Ob es nicht Scipio w&auml;re, der nach Afrika gezogen w&auml;re
+und die Schwarzen besiegt h&auml;tte? Und Nino mu&szlig;te von
+<span class="pagenum"><a name="page_256" id="page_256"></a>256</span>ihm berichten. Nino mu&szlig;te die halbe Nacht aufsitzen
+und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend er davon sprach, wurde Teresa strahlend
+sch&ouml;n. Die Laterne, die auf dem Brunnenstaket hing,
+zeigte sie Nino wunderbar sch&ouml;n und mit einem geheimnisvollen
+L&auml;cheln um die Lippen. Nino begriff, da&szlig; sie
+nur einen Helden lieben konnte. Und was war er? Er,
+der es ihr nicht einmal abschlagen konnte, von diesen
+verabscheuungsw&uuml;rdigen Gemetzeln zu erz&auml;hlen. Er war
+feig. Wenn sie einen Nero geliebt h&auml;tte, so w&auml;re Nino
+gezwungen gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war
+ein feiger Kerl, er war sicherlich kein Held.</p>
+
+<p>Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte
+Nino ernstlich daran, sich frei zu machen und einen andern
+Dienst zu suchen, aber er vermochte es nicht. Sie
+war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er m&uuml;&szlig;te wohl
+bis nach der Hochzeit warten.</p>
+
+<p>Teresa verga&szlig; Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag
+war am Tage nach der Verlobung, und Nino war
+am Morgen d&uuml;ster und glaubte, dies w&uuml;rde der traurigste
+Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher
+so gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschent&uuml;cher gestickt,
+mit Monogrammen, die &uuml;ber das halbe Tuch reichten.
+Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken, und sie ging
+in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete
+f&uuml;r Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm.
+Nino mu&szlig;te sich froh zeigen. Er mu&szlig;te den ganzen
+Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten alle gl&uuml;cklich
+sein.</p>
+
+<p>Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er
+mu&szlig;te weinen. Er hatte gemerkt, da&szlig; sie in diesen Tagen
+den V&ouml;geln doppelte Rationen gab, der Esel hatte frisches
+Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter
+sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr
+der Katze, dem Esel und den H&uuml;hnern gleichgestellt gef&uuml;hlt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_257" id="page_257"></a>257</span>Wie sie sich dar&uuml;ber freute, da&szlig; ihr Br&auml;utigam Offizier
+war! N&auml;chst dem Umstande, da&szlig; er ein Signor
+war, gefiel ihr sein milit&auml;rischer Beruf am meisten. Als
+man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst h&auml;tte, da&szlig; er
+nach Afrika geschickt werden k&ouml;nnte, h&ouml;rte Nino, wie sie
+antwortete:</p>
+
+<p>&bdquo;Wollte Gott, er d&uuml;rfte hin&uuml;ber. Dann w&uuml;rdet ihr
+sehen, wie alles anders w&uuml;rde.&ldquo; Denn dies war im Winter
+1896, und da sah es aus, als sollte aus diesem Kriege
+mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden.
+Man schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort.
+Die Truppen lagerten dort in der Aduagegend, aber man
+h&ouml;rte nie, da&szlig; es zu etwas kam. Es war so, wie wenn
+Bienen aus dem Korbe fliegen und au&szlig;erhalb des Fluglochs
+in einem gro&szlig;en Beutel h&auml;ngen bleiben, und man
+geht jeden Tag hin und sieht sie an und &auml;rgert sich, da&szlig;
+sie nicht schw&auml;rmen wollen.</p>
+
+<p>Sie benahm sich auch gro&szlig;artig, als sie gegen Ende
+Februar erfuhr, da&szlig; er nach Afrika gehen mu&szlig;te. Nino
+sah keine Tr&auml;ne in ihren Augen. Sie dachte nur daran,
+da&szlig; es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen
+w&uuml;rde. Jetzt sollte ihrem armen Italien geholfen werden.</p>
+
+<p>Sie gab ein Abschiedsfest f&uuml;r ihn und seine Kameraden.
+Es war ein herrliches Fest. Der Castello-Romanowein
+flo&szlig; in Str&ouml;men. Sie hatte ihre fettesten Truth&uuml;hner
+geschlachtet und die ersten Artischocken gepfl&uuml;ckt.
+Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken.</p>
+
+<p>Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet
+und die italienische Flagge gehi&szlig;t, und der arme Nino
+mu&szlig;te ihr behilflich sein, Transparente zu verfertigen,
+auf denen zu lesen war: &bdquo;Es lebe die Armee! Sieg
+unsern tapfern Soldaten! F&uuml;r Italien!&ldquo; und andre hochgestimmte
+Worte. Er hatte ihr helfen m&uuml;ssen, farbige
+Lampions unter den Strohd&auml;chern zu befestigen, S&auml;nger
+zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten;
+aber er hatte geschworen, da&szlig; sie ihn nicht dazu bringen
+<span class="pagenum"><a name="page_258" id="page_258"></a>258</span>w&uuml;rde, eine Rede zu halten. Armer Nino, sie forderte
+ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm etwas so
+Hochwichtiges anzuvertrauen.</p>
+
+<p>Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerksk&ouml;rper zu
+den F&uuml;&szlig;en der G&auml;ste knallten, und als nicht nur die
+Strohd&auml;cher &uuml;ber den B&auml;nken, sondern auch die H&uuml;hnersteigen,
+das Wohnhaus und der Brunnen von gr&uuml;n-rot-wei&szlig;en
+Lampions strahlten, und als Nino dr&uuml;ben zwischen
+den Artischocken bengalische Feuer entz&uuml;ndete, da sah er,
+wenn sonst niemand es sah, was sie eigentlich meinte.
+Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie
+den Soldaten kredenzte, sagen: &bdquo;Gehet hin und macht
+Ernst aus diesem Kriege. Roms Frauen wollen neue
+Triumphz&uuml;ge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!&ldquo;</p>
+
+<p>Niemand wu&szlig;te besser als Nino, wie sehr Teresa diesen
+zierlichen kleinen Mann liebte, der gegen die Barbaren
+ausziehen sollte. Und als er sah, wie sie ihn gehen lie&szlig;,
+ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu werden,
+mu&szlig;te er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie
+h&auml;tte eine der Matronen des alten Rom sein k&ouml;nnen,
+dachte Nino. Es rollt echtes R&ouml;merblut in ihren Adern.</p>
+
+<p>Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel
+abreiste, wo es sich nach Afrika einschiffen sollte, begleitete
+Nino Teresa zur Eisenbahnstation.</p>
+
+<p>Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt
+heranmarschiert, rings um sie schw&auml;rmten Gassenjungen,
+Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der Station
+waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale.
+Es wurden Reden gehalten, man rief: &bdquo;Es lebe Italien!&ldquo;
+man k&uuml;&szlig;te sich und warf Blumen. Teresa stand bleich
+vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte.
+Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten
+verteilten. Das tat sie nicht.</p>
+
+<p>Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen,
+aber er mu&szlig;te ihr versprechen, Meneliks Hauptstadt
+zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit der Krone der
+<span class="pagenum"><a name="page_259" id="page_259"></a>259</span>abessinischen Kaiserin zu ihr zur&uuml;ckzukommen. Und so
+schieden sie.</p>
+
+<p>Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort,
+er war noch gar nicht nach Afrika abgereist, als die Nachricht
+eintraf, da&szlig; der gro&szlig;e Schwarm, der in Adua gelagert
+war, sich zu r&uuml;hren anfange; er zog gegen die Abessinier
+und wurde geschlagen und zerstreut.</p>
+
+<p>Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas
+andres dachte als an den Sieg, der dort dr&uuml;ben erk&auml;mpft
+werden m&uuml;&szlig;te, nachdem man so unerh&ouml;rt viele Menschen
+hingeschickt hatte. Der K&ouml;nig selbst hatte sich nach
+Neapel begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen.
+An einem Tage sprach er ihnen von dem Ruhme,
+den sie f&uuml;r das geliebte Italien erringen w&uuml;rden, am
+zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner
+Schlacht, zerstreutem Heere, Flucht und Panik erz&auml;hlte.</p>
+
+<p>Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen
+trafen. Meneliks Kugeln hatten nur etwa siebentausend
+Mann f&auml;llen k&ouml;nnen, aber die Depeschen nahmen das
+Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene
+Aduas, passierten das Mittelmeer und erreichten ihr Ziel.
+Ach, kein italienisches Herz blieb unversehrt davon!</p>
+
+<p>Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. &bdquo;Was ist dort
+geschehen, Nino?&ldquo; fragte sie. &bdquo;Wie konnte es so schlecht
+gehen?&ldquo;</p>
+
+<p>Nino erz&auml;hlte ihr, da&szlig; die Italiener nicht so sehr von
+ihren menschlichen Feinden geschlagen worden w&auml;ren, als
+vielmehr von der &uuml;berm&auml;chtigen Natur. Dort m&uuml;&szlig;te man
+Berge erklimmen, von denen die niedrigsten h&ouml;her w&auml;ren
+als das Sabiner- und Albanergebirge aufeinanderget&uuml;rmt.
+Da gebe es keinen Weg, sondern man ziehe &uuml;ber
+Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln bewachsen
+w&auml;ren, da&szlig; nicht einmal ein Esel sie fressen
+k&ouml;nnte. Mit der Nahrung w&auml;re es so schlimm bestellt,
+da&szlig; die Soldaten sich &uuml;ber die Maultiere geworfen h&auml;tten,
+<span class="pagenum"><a name="page_260" id="page_260"></a>260</span>die auf dem Wege zusammengebrochen w&auml;ren, und die
+Fleischst&uuml;cke an sich gerissen h&auml;tten.</p>
+
+<p>Aber das w&auml;re doch nichts, um Menschen hinzuschicken!
+Ein Land, wo man Maulesel essen m&uuml;&szlig;te!</p>
+
+<p>Nein, das meinte Nino eben auch.</p>
+
+<p>Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte
+er ihr sagen, wie gr&auml;&szlig;lich der Krieg w&auml;re. Sie lasen zusammen
+die Zeitungen. Sie lasen, da&szlig; man f&uuml;rchtete,
+da&szlig; die Truppen, die jetzt ausz&ouml;gen, Menelik und die
+Schoaner im Hafen von Massaua treffen w&uuml;rden; die
+jetzt abf&uuml;hren, z&ouml;gen dem sichern Tod entgegen.</p>
+
+<p>Sie las auch, da&szlig; die Barbaren vor allem auf die
+Offiziere sch&ouml;ssen. Sie l&auml;gen da und zielten auf ihr blaues
+Rangzeichen und holten sie von den H&uuml;gelabh&auml;ngen herab,
+wenn sie mit ihren Soldaten vorr&uuml;ckten.</p>
+
+<p>Und es g&auml;be so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten,
+die diese Schwarzen begingen; ihre Weiber pl&uuml;nderten
+die Toten und zerst&uuml;ckelten sie.</p>
+
+<p>Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen
+und wagte nicht, weiterzulesen.</p>
+
+<p>Nino schob seine M&uuml;tze zur&uuml;ck und fragte, was sie
+eigentlich geglaubt h&auml;tte, was die Leute im Kriege t&auml;ten?
+Ob sie sich nicht gedacht h&auml;tte, da&szlig; sie sich dort t&ouml;teten?
+Nein, sie w&uuml;&szlig;te nicht, was sie geglaubt hatte. Das h&auml;tte
+sie nicht gedacht.</p>
+
+<p>Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied
+von ihr nahm. Das Dampfschiff, das ihn nach
+Afrika f&uuml;hren sollte, ging am n&auml;chsten Abend ab.</p>
+
+<p>Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach
+Neapel. Was sie dort wollte? Nino glaubte, sie wolle
+ihren Br&auml;utigam noch einmal sehen, bevor er abreiste.
+Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie
+fuhr, aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern
+als Nino hatte sie zur Begleitung haben wollen.</p>
+
+<p>Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte
+sie ihren Leutnant in der Kaserne auf.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_261" id="page_261"></a>261</span>Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich
+geschmeichelt und ger&uuml;hrt, da&szlig; sie gekommen war, um
+ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde totenbleich,
+als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform
+aus gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande &uuml;ber
+der Brust. Das war das blaue Band, das die Schwarzen
+sich zur Zielscheibe nahmen.</p>
+
+<p>Er mu&szlig;te gleich wieder zu seinen Soldaten zur&uuml;ck. Ob
+sie denn den ganzen Tag &uuml;ber nicht mit ihm zusammentreffen
+k&ouml;nnte? Ja, sie wollten gegen ein Uhr miteinander
+fr&uuml;hst&uuml;cken. Er k&ouml;nnte zwei Stunden abkommen.
+Sie besprachen den Ort, und er eilte weg.</p>
+
+<p>Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die &bdquo;Villa&ldquo;
+hinunter und setzten sich auf eine Bank, um zu warten.
+Sie tat nichts andres, als da&szlig; sie Nino unaufh&ouml;rlich
+fragte, wieviel es auf seiner Uhr w&auml;re. Und als sie nun
+mit Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und
+bleich, wie die Gesichter der Statuen, die rings um sie
+standen, und ihre Augen schienen nicht mehr zu sehen, als
+die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich
+vor sich hinstarre. Sie sagte, sie s&auml;&szlig;e da und s&auml;he
+<span class="spaced">seine</span> Leiche an. Die ganze Nacht hatte sie ihn tot in
+einer Bergkluft liegen sehen, und auch die alten Weiber
+der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten,
+<span class="spaced">ihn</span> zu pl&uuml;ndern und zu zerst&uuml;ckeln. Nino hatte ja gesagt,
+da&szlig; sie dort die Leichen zerst&uuml;ckelten.</p>
+
+<p>Nino versuchte, ihr etwas Tr&ouml;stliches zu sagen. Alle
+w&uuml;rden ja nicht fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der
+so tapfer w&auml;re, k&ouml;nnte sich der Barbaren schon erwehren.</p>
+
+<p>Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind
+in Schlupfwinkeln verborgen l&auml;ge und auf das blaue
+Band zielte. Ob Nino das blaue Band bemerkt h&auml;tte?
+Warum es blau w&auml;re, das Todesband, warum es nicht
+rot wie Blut w&auml;re?</p>
+
+<p>Sie nahm Nino das Versprechen ab, da&szlig; er sie nicht
+<span class="pagenum"><a name="page_262" id="page_262"></a>262</span>verlassen w&uuml;rde, sie den ganzen Tag nicht verlassen
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, Teresa.&ldquo;</p>
+
+<p>Er war auch beim Fr&uuml;hst&uuml;ck dabei. Leutnant Ugo bestellte
+ein Zimmer, und die drei a&szlig;en zusammen.</p>
+
+<p>Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso
+sorglos, als s&auml;&szlig;e sie daheim in der Osteria. Nino dachte,
+sie wolle f&uuml;r diese zwei Stunden allen Kummer von
+sich werfen und einzig und allein gl&uuml;cklich sein. Sie
+war sogar viel muntrer als gew&ouml;hnlich, sie kokettierte
+mit Leutnant Ugo, bis er ganz toll war. Und sie lie&szlig; es
+zu, da&szlig; er sie k&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch.
+Von Zeit zu Zeit sah er sie an, und seine kleinen grauen
+&Auml;uglein bettelten um die Erlaubnis, gehen zu d&uuml;rfen.
+Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte,
+unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die
+seine und hielt ihn zur&uuml;ck. Der Leutnant fand Nino wohl
+h&ouml;chst &uuml;berfl&uuml;ssig, sie aber wollte ihn offenbar da haben.</p>
+
+<p>Es gab <span class="antiqua">Asti spumante</span> und <span class="antiqua">Lacrimae Christi</span>, und
+Nino trank, wie er nie zuvor getrunken hatte. Aber es gelang
+ihm nicht, sich taub oder blind zu machen.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich, als Nino sich dachte, da&szlig; Leutnant Ugo ganz
+berauscht von ihren Blicken und ihren K&uuml;ssen sein m&uuml;&szlig;te,
+neigte sie sich zu ihm und fragte schelmisch, ob er es nicht
+lassen k&ouml;nnte, zu reisen. Ob es sich nicht so einrichten
+lie&szlig;e, da&szlig; er daheim bleiben k&ouml;nnte?</p>
+
+<p>Er lachte. Nein, er k&ouml;nnte nicht entrinnen.</p>
+
+<p>Ob er nicht krank werden k&ouml;nnte? Sich krank stellen?
+Nein, nein, das k&ouml;nnte er nicht.</p>
+
+<p>Aber ob er denn daran gedacht h&auml;tte, wie lange es
+dauern w&uuml;rde, bis sie ihre Hochzeit feiern k&ouml;nnten?</p>
+
+<p>Der Leutnant glaubte kaum, da&szlig; sie im Ernste sprach.
+Gewi&szlig; hatte er daran gedacht, aber das lie&szlig; sich ja nicht
+&auml;ndern.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_263" id="page_263"></a>263</span>Teresa l&auml;chelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer
+Stimme, die vor R&uuml;hrung bebte.</p>
+
+<p>Sie bekannte, da&szlig; sie sich furchtbar gesehnt h&auml;tte, seit
+er abgereist war. Sie k&ouml;nnte keinen Tag ohne ihn sein.
+Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand ausdenken k&ouml;nnte,
+um bleiben zu k&ouml;nnen?</p>
+
+<p>&bdquo;Teresa,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich w&auml;re ja ein Mann ohne Ehre.
+Bitte mich nicht!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ehrlos?&ldquo; sagte sie mit schmeichelnder Stimme. &bdquo;Wie
+kannst du so etwas sagen? Du w&uuml;rdest ja nicht hier
+bleiben, weil du feig w&auml;rest, sondern weil ich dich so liebe,
+da&szlig; ich dich nicht ziehen lassen kann.&ldquo;</p>
+
+<p>Und sie l&auml;chelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war
+unersch&uuml;tterlich.</p>
+
+<p>Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun
+zur Schlacht k&auml;me und die Schwarzen zu schie&szlig;en beg&auml;nnen?
+Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue
+Band fortzunehmen?</p>
+
+<p>Nein, das wolle er nicht. Er d&uuml;rfe es nicht.</p>
+
+<p>&Uuml;berhaupt glaubte der Leutnant, da&szlig; sie im Grunde
+nur scherze.</p>
+
+<p>Nino sah, da&szlig; sie wie ermattet den Kopf sinken lie&szlig;.</p>
+
+<p>Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus
+ihrem Gesicht verschwunden. Sie war so, wie sie am
+Vormittag gewesen war.</p>
+
+<p>Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erz&auml;hlen,
+was sie von dem fremden Lande und der Kriegsf&uuml;hrung
+der Schwarzen geh&ouml;rt hatte. Sie sprach von den Bergen
+und den Distelgew&auml;chsen und der Hungersnot. Als sie
+von den Mauleseln erz&auml;hlte, lachte er und sagte, das sei
+nicht wahr.</p>
+
+<p>Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den
+Weibern der Schoaner verbrannt worden war. Ob er
+das w&uuml;&szlig;te, ja, ob er das w&uuml;&szlig;te? Und was f&uuml;r eine Ehre
+w&auml;re es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und
+sie sch&ouml;ssen alle Offiziere nieder, ob er das w&uuml;&szlig;te? Sie
+<span class="pagenum"><a name="page_264" id="page_264"></a>264</span>zielten auf die blauen B&auml;nder und sch&ouml;ssen auf die
+Offiziere.</p>
+
+<p>&bdquo;Ah, Teresa,&ldquo; sagte er, &bdquo;willst du mich erschrecken?
+Sind das Worte f&uuml;r eine R&ouml;merin?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, gerade f&uuml;r eine R&ouml;merin. Roms Frauen
+haben nie zugelassen, da&szlig; man ihnen raube, was sie
+liebten.&ldquo; Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen,
+sie w&uuml;&szlig;te bestimmt, da&szlig; er fallen w&uuml;rde, wenn er jetzt
+reiste. Sie sehe ihn tot vor sich. Sie sehe seinen K&ouml;rper
+zerst&uuml;ckelt und blutig. Und nachdem sie dies gesagt hatte,
+war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte ihm
+ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die
+Knie und bettelte, weinte, flehte.</p>
+
+<p>Er war sehr ger&uuml;hrt, aber auch befangen. Einen Augenblick
+sah er zu Nino hin, gleichsam unschl&uuml;ssig, was er
+beginnen solle. Nino zog seine Uhr hervor. Ja, gewi&szlig;,
+das war das einzige, was er tun konnte: sagen, da&szlig; die
+Zeit abgelaufen sei, und dann gehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du?&ldquo; sagte er. &bdquo;Was willst du, da&szlig; ich
+tun soll? Ich kann mich nicht losmachen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist
+unrecht, zu reisen. Die dort dr&uuml;ben verteidigen nur ihr
+Haus und Heim. Sage, da&szlig; du nicht gegen sie k&auml;mpfen
+willst.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Dann ist es um mich geschehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um daf&uuml;r zu
+sterben. Die Schwarzen haben uns nichts getan. La&szlig; sie
+in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land nicht nehmen,
+warum sollen wir ihres rauben?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Teresa,&ldquo; sagte Leutnant Ugo, &bdquo;sage mir jetzt mutig
+Lebewohl, wie eine R&ouml;merin. Ich mu&szlig; gehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du mu&szlig;t?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, so geh!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Teresa!&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_265" id="page_265"></a>265</span>&bdquo;Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken.
+Du bist tot f&uuml;r mich.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden
+liegen. Sie sah ihn nicht einmal an. Er strich &uuml;ber ihr
+blauschwarzes Haar. Sie r&uuml;hrte sich nicht. Er seufzte
+tief, er wu&szlig;te nicht, was er sagen oder tun solle, und
+ging wirklich.</p>
+
+<p>Mit einem angstvollen Griff dr&uuml;ckte er Ninos Hand.
+Es war, als vertraute er ihm Teresa an. Abends gegen
+zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein paar
+gro&szlig;e Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine
+Menge Boote warteten darauf, die Soldaten hinzubringen.
+Einige tausend Menschen standen auf dem Kai,
+um die Abfahrt anzusehen.</p>
+
+<p>Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage!
+Fr&uuml;her im Winter hatte man nicht genug jubeln
+k&ouml;nnen, als die Truppen an Bord gef&uuml;hrt wurden. Jetzt
+lag nichts als D&uuml;sterkeit &uuml;ber den Wartenden. Man
+h&auml;tte am liebsten die Boote und die Dampfer versenkt,
+damit sie keinen Sohn Italiens nach dem verfluchten
+Barbarenland f&uuml;hren k&ouml;nnten. Die Soldaten kamen so
+still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik,
+keine Sch&uuml;sse, keine Hochrufe. Aber aus der wartenden
+Menge stieg ein dumpfes Murren der Emp&ouml;rung auf,
+und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie m&ouml;glich.
+Man war nicht ganz sicher, da&szlig; das Volk nicht auf
+den Gedanken verfiele, die Abfahrt zu verhindern.</p>
+
+<p>Teresa schien etwas &Auml;hnliches zu hoffen. &bdquo;Sie werden
+es nicht zulassen, Nino,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Alle diese M&auml;nner
+werden es nicht zulassen, da&szlig; man ihre S&ouml;hne fortf&uuml;hrt,
+damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.&ldquo;</p>
+
+<p>Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde
+weggebracht, und die Menge lie&szlig; es geschehen. Einige
+Menschen durchbrachen die Reihen der Soldaten, aber
+nur um zu k&uuml;ssen und Abschied zu nehmen. Nino sah
+<span class="pagenum"><a name="page_266" id="page_266"></a>266</span>Leutnant Ugo am Kai stehen und die Einschiffung &uuml;berwachen.</p>
+
+<p>Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos
+Arm gehangen, jetzt aber sah er sie unten am Landungsplatz.
+Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er k&uuml;&szlig;te
+sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung l&ouml;sen. Es
+war die Reihe an ihn gekommen, einzusteigen.</p>
+
+<p>Sie schien sich zur&uuml;ckzuziehen, aber da sah Nino etwas
+Blankes in ihrer Hand leuchten. Sie schien den Leutnant
+noch einmal umarmen zu wollen. In demselben Moment
+wankte dieser und schrie auf.</p>
+
+<p>Nino eilte hinunter. Er ri&szlig; Teresa an sich. Er zog
+sie in den Volkshaufen, in das hei&szlig;este Gedr&auml;nge.</p>
+
+<p>&bdquo;Stehe hier still.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie lachte beinahe irrsinnig. &bdquo;Jetzt wird er nicht reisen,
+Nino,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Nino packte sie am Handgelenk. &bdquo;Schweig,&ldquo; sagte er
+und dr&uuml;ckte es so, da&szlig; es schmerzte.</p>
+
+<p>&bdquo;Meinethalben k&ouml;nnen die Gendarmen&nbsp;&hellip;&ldquo;</p>
+
+<p>Nino dr&uuml;ckte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg.</p>
+
+<p>Das war ein Dr&auml;ngen, ein Hin- und Hersto&szlig;en. Nino
+blieb gelassen in dem dichtesten Get&uuml;mmel. Er versuchte
+nicht zu fliehen.</p>
+
+<p>&bdquo;Recht so,&ldquo; fl&uuml;sterte ein Neapolitaner Nino zu. &bdquo;Nur
+stillstehen, da&szlig; die Gendarmen keinen Verdacht sch&ouml;pfen.
+Kein Neapolitaner wird euch verraten.&ldquo;</p>
+
+<p>Teresa begann pl&ouml;tzlich zu schluchzen.</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; das sein,&ldquo; sagte er, &bdquo;du darfst nicht.&ldquo;</p>
+
+<p>Und ihre Tr&auml;nen versiegten. Sie stand stumm und
+still da, so lange Nino es wollte. Er hatte sie ganz in
+seiner Gewalt.</p>
+
+<p>Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann
+nach der zu forschen, die ihn verwundet hatte. Nino und
+Teresa h&ouml;rten, wie man Fragen an die Menge stellte.
+&bdquo;Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?&ldquo;</p>
+
+<p>Es war eine gro&szlig;e Signorina&nbsp;&ndash; nein, eine kleine.&nbsp;&ndash;
+<span class="pagenum"><a name="page_267" id="page_267"></a>267</span>Hier hatte man sie gesehen&nbsp;&ndash; nein, hier. Sie hatte den
+Weg zur Station genommen&nbsp;&ndash; nein, nach Santa Lucia.
+Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach
+links.</p>
+
+<p>Nino f&uuml;hrte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten
+k&uuml;hn nach Hause. Er verlie&szlig; sich darauf, da&szlig; Leutnant
+Ugo sie nicht angeben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>In der Zeitung las er am n&auml;chsten Tag auch, da&szlig; der
+Leutnant erkl&auml;rt habe, er kenne die Frau nicht, die ihn
+verwundet hatte.</p>
+
+<p>Er war verwundet, aber nicht gef&auml;hrlich. In der n&auml;chsten
+Woche kam ein Brief von ihm an Teresa.</p>
+
+<p>Seit der Reise nach Neapel lie&szlig; sie sich in allem von
+Nino lenken und leiten. Nun kam sie auch mit dem
+Briefe zu ihm.</p>
+
+<p>&bdquo;Lies ihn, Nino,&ldquo; bat sie.</p>
+
+<p>Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben.</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es aus, Nino?&ldquo; fragte sie.</p>
+
+<p>Nino antwortete ja, so angstvoll, als verk&uuml;nde er ihr
+ein Todesurteil.</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; mich h&ouml;ren,&ldquo; sagte sie und richtete sich auf. Nino
+las ihr vor, da&szlig; Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. &bdquo;All
+meine Liebe ist tot,&ldquo; schrieb er, &bdquo;meine arme Liebe ist tot.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie zuckte ver&auml;chtlich die Achseln.</p>
+
+<p>&bdquo;Die Liebe eines Signor vertr&auml;gt es wohl nicht, Blut
+zu sehen,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Du, Teresa,&ldquo; schrieb Leutnant Ugo, &bdquo;du warst f&uuml;r
+mich des Vaterlandes Stolz, du warst das wiedergeborene
+Rom, du warst das starke Weib der Vorzeit. Du warst
+die, die die R&ouml;mer einst zu Helden machen sollte, du
+solltest Seelenst&auml;rke genug haben, uns hinauszuschicken,
+um die Welt zu erobern. Vergib mir, da&szlig; ich mich
+t&auml;uschte. Nun wei&szlig; ich, da&szlig; die alten R&ouml;merinnen tot
+sind, die T&ouml;chter des neuen Rom senden keinen Mann
+hinaus, um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut,
+ihn zu hindern, seine Pflicht zu tun.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_268" id="page_268"></a>268</span>Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. &bdquo;Ich will nicht
+mehr h&ouml;ren,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Nino schwieg.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn ich es nicht getan h&auml;tte, Nino,&ldquo; sagte sie,
+&bdquo;w&auml;re er jetzt tot. Ich verstehe nicht, was er meint. Ich
+sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen. Da l&auml;ge er jetzt,
+wenn ich nicht gewesen w&auml;re. Wie h&auml;tte ich ihn da ziehen
+lassen k&ouml;nnen?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Findest du auch, Nino, da&szlig; ich feige bin?&ldquo; fragte
+sie. &bdquo;Bin ich entartet? Habe ich keinen Tropfen R&ouml;merblut
+in meinen Adern?&ldquo;</p>
+
+<p>Nino sah zu ihr auf, wie sie da sch&ouml;n und stolz und
+trotzig vor ihm stand. Er liebte sie so, wie er sie immer
+geliebt hatte, und er sah seine ganze Zukunft vor sich.
+Sie w&uuml;rde nie heiraten, er w&uuml;rde sie nie verlassen k&ouml;nnen,
+und sie w&uuml;rden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin,
+er als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war,
+in der er beinahe Herrscher gewesen war, die kehrte nicht
+zur&uuml;ck. Sie w&uuml;rde bald wieder die Z&uuml;gel der Gewalt an
+sich nehmen.</p>
+
+<p>&bdquo;Sag mir, Nino,&ldquo; fragte sie, &bdquo;waren die Frauen des
+alten Rom wilde Tiere? Gaben sie zu, da&szlig; man ihnen
+das raubte, was sie liebten?&ldquo;</p>
+
+<p>Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue
+Italien von dem alten unterschied, aber er schlo&szlig; die
+Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte, er war aufs
+neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete,
+wie sie es w&uuml;nschte, in ihren Adern flie&szlig;e R&ouml;merblut,
+das edelste R&ouml;merblut.</p>
+
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_269" id="page_269"></a>269</span></p>
+<h2><a name="nr17" id="nr17"></a><a href="#inhalt">Die Rache bleibt nicht aus</a></h2>
+
+
+<p>Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner
+einen Seite erhob sich eine Reihe zackiger K&uuml;stenberge,
+an der andern ein gleichm&auml;&szlig;ig hoher Kamm, den dichter
+Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und
+rings um sie her war eine weite, offne Gegend, in der
+aller Wald ausgerodet war.</p>
+
+<p>Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang
+lag brennend hinter den K&uuml;stenbergen. Leute,
+die den ganzen Tag drinnen in den H&uuml;tten geschlafen
+hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und
+spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer
+der vier Ecken der Welt her Tanzmusik erschalle. Wem
+es gl&uuml;ckte, einen einzigen Geigenton aufzufangen, der
+machte sich davon &uuml;ber die schmalen, schneeigen Dorfwege
+und kam dann wie von ungef&auml;hr dahergegangen,
+langsam und bed&auml;chtig, aber die &bdquo;Tanzh&uuml;tte&ldquo; als sichres
+Ziel im Sinn.</p>
+
+<p>So kam Gruppe auf Gruppe zur T&uuml;r Arilds, des
+K&ouml;hlers am Waldessaum, hereingeglitten. Da fragte niemand
+danach, wer kam; der neue Gast stand ein Weilchen
+unten an der T&uuml;r und gew&ouml;hnte die Augen an den
+Rauch, der sich unter dem Rauchfange hervorw&auml;lzte und
+in das Zimmer qualmte, bis er den Weg zu dem Loch
+im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ank&ouml;mmling
+auch ins Spiel. Der Reigentanz ging &uuml;ber den
+blo&szlig;en Erdboden, das Stroh war weggetreten, die Ferkel
+hatte man von der Grube unter das Dachloch geschafft,
+wo sie sich am liebsten aufhielten; gro&szlig;er Schwingraum
+war nicht vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige,
+und der Tanz verlief drinnen im Winterquartier ebensogut,
+wie er an einem Sommerabend &uuml;ber den Waldeshang
+gegangen w&auml;re.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_270" id="page_270"></a>270</span>Arild hatte eine Frau, die Tora hie&szlig;; die pflegte sich
+immer in eine dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum
+Tanze lud. Sie war menschenscheu und schreckhaft, war
+fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand
+in dem Rufe, mehr sehen zu k&ouml;nnen, als andre.</p>
+
+<p>An diesem Abend war sie ungew&ouml;hnlich vergn&uuml;gt, sie
+versteckte sich nicht, sondern sa&szlig; vorn am Kamin, die
+Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig Farbe
+in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie
+Wasser waren, blickten lebendig, und sie bewegte die
+gro&szlig;en H&auml;nde, w&auml;hrend sie sprach. Wenn die Leute sie
+bemerkten, traten sie aus den Reihen der Tanzenden und
+kamen heran, um sie zu begr&uuml;&szlig;en.</p>
+
+<p>Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie
+fest, bis sie das erz&auml;hlt hatte, was ihr heute morgen
+geschehen war. Es bereitete ihr Verlegenheit, es herauszubringen,
+aber gleichzeitig war sie doch so stolz darauf,
+da&szlig; sie es nicht verschweigen konnte.</p>
+
+<p>Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbei&szlig;en,
+wenn sie erz&auml;hlte, was sie gesehen und getr&auml;umt
+hatte. Nun sollte man sich aber &uuml;berzeugen, da&szlig; ihre
+prophetische Gabe etwas wert sei.</p>
+
+<p>Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr getr&auml;umt,
+da&szlig; ihre drei Ziegen droben im dichten Wald in die
+Irre gingen. Sie hatte sie so j&auml;mmerlich meckern h&ouml;ren,
+da&szlig; sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle
+Ziegen in ihrer H&uuml;rde unten an der T&uuml;r, und sie hatte ja
+zuerst gedacht, dies sei nur ein gew&ouml;hnlicher Traum.
+Aber dann war eine Unruhe &uuml;ber sie gekommen: &bdquo;Nein,
+nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,&ldquo; hatte sie zu
+sich selbst gesagt.</p>
+
+<p>Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider
+geh&uuml;llt, hatte das Nebelhorn &uuml;ber die Schulter geworfen
+und war in den Wald hinaufgewandert. Sie war vom
+Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes
+gegangen und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu
+<span class="pagenum"><a name="page_271" id="page_271"></a>271</span>verirren. Sie lachte leise, als sie das erz&auml;hlte. Ob sie
+w&uuml;&szlig;ten, was das w&auml;re, im dichten Walde vom Wege abzukommen?
+Grundloser Boden, der bei keiner K&auml;lte zufr&ouml;re,
+Gestr&uuml;pp, das jeden leeren Raum zwischen den
+St&auml;mmen ausf&uuml;lle, Schneehaufen und Wurzeln und
+stechende Dornen und umgest&uuml;rzte B&auml;ume, so sei es oben
+im Wald.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber dort oben fand ich drei wilde B&ouml;cke,&ldquo; sagte sie.
+&bdquo;Kommt und seht, was ich dort fand.&ldquo; Sie f&uuml;hrte
+ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu dem
+Bette hin, das mauerfest und durch T&uuml;ren gesch&uuml;tzt war.
+Sie &ouml;ffnete die T&uuml;re, leuchtete mit einem Kienspan hinein,
+und da sah man drinnen drei M&auml;nner liegen. Sie
+waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren
+sie, da&szlig; die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre
+Wangen warfen, aber ihre Z&uuml;ge waren k&uuml;hn und sch&ouml;n.
+Sie schliefen so fest, da&szlig; weder der Tanz, noch Toras
+Vorzeigen sie wecken konnte.</p>
+
+<p>&bdquo;Das sind meine drei wilden B&ouml;cke, die ich im
+Dickicht gefunden habe,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Es sind drei arme
+Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt haben und
+dort acht Tage umhergewandert sind. W&auml;re ich nicht
+gekommen, so w&auml;ren sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe
+ich Essen f&uuml;r sie gekocht, und jetzt schlafen sie. Seht, wie
+sie schlafen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten lie&szlig;, Tora,&ldquo;
+sagten ihre G&auml;ste.</p>
+
+<p>&bdquo;Gott wollte, da&szlig; ich nicht allezeit zum Gesp&ouml;tt sein
+sollte,&ldquo; sagte das Weib.</p>
+
+<p>So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit
+herankam, da wurde die Freude unterbrochen. Die T&uuml;r
+wurde mit Macht aufgesto&szlig;en, und ein langer, gro&szlig;er
+Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden,
+stellte sich mitten in den Raum und erhob die Hand.</p>
+
+<p>Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den
+Tanz in der Sonntagsnacht zu verbieten. Er hatte an
+<span class="pagenum"><a name="page_272" id="page_272"></a>272</span>diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren W&auml;nden
+gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest m&uuml;&szlig;ten
+alle Menschen dahingerafft haben, aber nein, hier waren
+sie, hier in der Spielh&uuml;tte waren sie zu finden. Und der
+Pfarrer verk&uuml;ndigte Bu&szlig;e und Kirchenstrafe &uuml;ber sie alle.</p>
+
+<p>Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt
+h&ouml;ren. Und er sprach und zertr&uuml;mmerte ihre Freude und
+schreckte sie mit dem furchtbaren k&uuml;nftigen Leben, so da&szlig;
+sie vermeinten, niemals mehr den Fu&szlig; zum Tanze heben
+zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Tanzet nun, wenn es euch gel&uuml;stet,&ldquo; sagte der Pfarrer,
+&bdquo;tanzet nun, ihr wi&szlig;t jetzt, wohin ihr tanzet.&ldquo;</p>
+
+<p>Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen
+verlegen da und suchten sich tapfer zu halten, sie begannen
+aber bald leise zu schluchzen. Ein Dirnlein, das eben noch
+am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie und k&uuml;&szlig;te
+die Hand des Pfarrers.</p>
+
+<p>Keiner wagte ihm zu widersprechen, au&szlig;er Tora. Sie,
+der sonst immer bange war, kam breit und ihrer Sache
+sicher heran. &bdquo;Pfarrer,&ldquo; sagte sie, &bdquo;hier haben wir jeden
+Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies
+ein Haus Gottes. Du sollst h&ouml;ren, wie Gott heute seinen
+Segen &uuml;ber mich ergossen hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du Hexe,&ldquo; sagte der Pfarrer, &bdquo;willst du schweigen!
+Was an Segen zu dir kommt, das ist des Teufels Segen.
+Heute abend rede ich zu Menschen, die sich bekehren und
+bessern k&ouml;nnen. Mit dir rechne ich ein andermal ab.&ldquo;</p>
+
+<p>Damit ging der Pfarrer, und in der H&uuml;tte herrschte
+gro&szlig;e Betr&uuml;bnis. Arild versuchte ein paar Striche auf
+der Geige, aber er legte sie gleich wieder fort. Die meisten
+von denen, die getanzt hatten, gingen heim.</p>
+
+<p>Tora sa&szlig; wieder am Herde, sie warf neue Scheite in
+die Glut und schien ebenso froh wie zuvor. Einige, die
+sahen, da&szlig; sie den Mut nicht verloren hatte, gingen auf
+sie zu und begannen, &uuml;bel vom Pfarrer zu sprechen.</p>
+
+<p>&bdquo;Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,&ldquo;
+<span class="pagenum"><a name="page_273" id="page_273"></a>273</span>sagte ein Bauer. &bdquo;Fr&uuml;her, als er noch dem Papste zugeh&ouml;rte,
+durfte man sogar im Pfarrhof tanzen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, wei&szlig;t du, Tora,&ldquo;
+sagte ein andrer.</p>
+
+<p>&bdquo;Tut er mir etwas, dann werde ich schon erz&auml;hlen,
+wie er zu seinem Gelde gekommen ist,&ldquo; sagte Tora.</p>
+
+<p>Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erz&auml;hlte
+sie: &bdquo;Der Pfarrer, Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er
+hatte einen Bruder, der ein Gro&szlig;bauer und sehr reich war.</p>
+
+<p>Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof,
+der n&auml;her zur Kirche lag, als sein eigner. Und sobald er
+in den Hof gekommen war, fing er an, nach dem Gelde
+des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden.
+Er grub in der Erde und ri&szlig; die Kellermauer und die
+K&uuml;chenwand ein, um das Geld zu finden, aber es wollte
+sich ihm nicht zeigen.</p>
+
+<p>Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in
+langen Gebeten zu Gott darum flehte. Und Herr Ane
+wurde krank und verzweifelt vom Suchen und Nichtfinden.</p>
+
+<p>In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus,
+weil er seinen Kummer nicht verhehlte. &sbquo;Hast du meines
+Bruders Geld gesehen?&lsquo; konnte er den &auml;rmsten Bettler
+fragen.</p>
+
+<p>Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein
+armes Bettelweib, das von Hof zu Hof zog, eines Abends
+in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr Unterkunft
+f&uuml;r die Nacht zu gew&auml;hren.</p>
+
+<p>&sbquo;Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen
+kannst, wo mein Bruder sein Geld verwahrt hat,&lsquo; sagte
+Herr Ane zu ihr.</p>
+
+<p>&sbquo;Wenn ich das w&uuml;&szlig;te, Herr Ane,&lsquo; sagte Mutter, &sbquo;dann
+brauchte ich wohl nicht auf der Landstra&szlig;e umherzuziehen
+und mein Brot zu erbetteln.&lsquo;</p>
+
+<p>Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er
+m&ouml;ge ihr Obdach gew&auml;hren, denn es war nicht gut f&uuml;r
+<span class="pagenum"><a name="page_274" id="page_274"></a>274</span>sie, in ihrem hohen Alter drau&szlig;en unter freiem Himmel
+zu liegen.</p>
+
+<p>Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt h&auml;tte,
+m&uuml;sse es sein Bewenden haben, und sie k&ouml;nne kein Obdach
+bekommen, wenn sie ihm das Geld nicht verschaffe.</p>
+
+<p>&sbquo;Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach
+im Pfarrhof haben bis zu meiner Todesstunde?&lsquo; sagte
+Mutter.&nbsp;&ndash; &sbquo;Das sollst du,&lsquo; sagte Herr Ane.</p>
+
+<p>Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was
+sie auf sich genommen hatte, Herr Ane m&ouml;ge ihr gro&szlig;e
+Linnenlaken geben, und in die h&uuml;llte sie sich, als w&auml;re sie
+eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm
+Graberde und streute sie &uuml;ber sich, und dann lie&szlig; sie sich
+von Herrn Ane die Kirchent&uuml;r &ouml;ffnen, und er folgte ihr
+in die Kirche und half ihr auf einen Dachbalken.</p>
+
+<p>Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem
+Dache. Aber sie erduldete alles mit fr&ouml;hlichem Mute, in
+der Hoffnung, sich dadurch ein gesch&uuml;tztes Alter zu erringen.</p>
+
+<p>Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es
+hell in der Kirche, und ein paar Steine im Boden hoben
+sich, und einer der Toten kam herauf in die Kirche. Es
+war ein gro&szlig;er, derber Mann, er ging mehrere Male um
+die Kirche herum, da erblickte er meine Mutter. &sbquo;Bist
+du tot?&lsquo; sagte er zu ihr. Und sie wagte nicht zu antworten.
+Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr
+hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme:
+&sbquo;Ja, ich bin tot.&lsquo; Und da lie&szlig; er sie sein.</p>
+
+<p>Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er
+ging nun wieder zu seinem Grabe. Er holte daraus eine
+Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und Mutter
+sagte, sie h&auml;tte gesehen, wie er die Gold- und Silberm&uuml;nzen
+nahm und mit ihnen spielte; er warf sie &uuml;ber sich,
+als sitze er im Bade und bespritze sich mit Wasser.</p>
+
+<p>Aber als er sich satt gespielt hatte, sch&uuml;ttete er das
+Geld ins Grab hinunter und stieg in seinen Sarg, und
+<span class="pagenum"><a name="page_275" id="page_275"></a>275</span>die Steine legten sich von selbst wieder auf ihren Platz
+zurecht.</p>
+
+<p>Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken h&auml;ngen,
+und dann kam der Pfarrer, Herr Ane, und fragte,
+ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war frisch
+und gesund. &sbquo;Dann komm und i&szlig; einen Bissen,&lsquo; sagte der
+Pfarrer. &sbquo;Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen
+f&uuml;r meine alten Tage,&lsquo; sagte Mutter.</p>
+
+<p>Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann
+lie&szlig; sie den Boden &uuml;ber seines Bruders Grab aufbrechen
+und den Sarg herausheben. Und als sie dies taten, war
+nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte:
+&sbquo;Seht nun nach, was noch in dem Grabe liegt,&lsquo; da begann
+der Tote sich in seinem Sarge hin und her zu w&auml;lzen.
+Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich mit der
+Arbeit zu sputen.</p>
+
+<p>Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie
+h&ouml;rte, wie der Tote drinnen arbeitete. Und sie holten
+aus dem Grabe eine gro&szlig;e Tonne voll Gold- und Silbergeld.
+Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder
+unten im Grabe hatten und der Kirchenboden &uuml;ber ihm
+geschlossen war.</p>
+
+<p>&sbquo;Gib mir zu essen,&lsquo; sagte meine Mutter dann zum
+Pfarrer, &sbquo;ich habe jetzt ein t&uuml;chtiges St&uuml;ck Arbeit f&uuml;r dich
+getan.&lsquo;</p>
+
+<p>Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben
+Tage bei sich, dann hie&szlig; er sie wieder gehen.</p>
+
+<p>Als Mutter so von neuem auf die Stra&szlig;e geworfen
+war, verfluchte sie ihn und sagte: &sbquo;Das Geld, das ich dir
+verschafft habe, soll dein Ungl&uuml;ck werden.&lsquo;</p>
+
+<p>Und Mutter erz&auml;hlte, der Pfarrer h&auml;tte ihr gesagt, er
+f&uuml;rchte sich vor nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&sbquo;Die Rache bleibt nicht aus,&lsquo; sagte Mutter. Das war
+Mutters Sprichwort, da&szlig; die Rache nicht ausbleibe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_276" id="page_276"></a>276</span>Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,&ldquo; fuhr
+Tora fort, &bdquo;und nun hei&szlig;t er ihre Tochter eine Hexe.
+Er h&auml;tte die gro&szlig;e Kiste neben seinem Bett nicht so
+vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen
+w&auml;re,&ldquo; fuhr Tora fort und richtete sich auf. &bdquo;Er
+k&ouml;nnte nicht dasitzen und Geld &uuml;ber sich werfen und
+w&auml;lzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der
+Tote, wenn meine Mutter ihm nicht geholfen h&auml;tte.&ldquo;</p>
+
+<p>Als Tora dies sagte, h&ouml;rte man ein leises Scharren.
+Es war nicht ganz nahe, aber auch nicht weit weg. Niemand
+wu&szlig;te, was es sein k&ouml;nnte. Es war, als versuche
+jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen.</p>
+
+<p>&bdquo;Wer schleift Messer in meinem Hause?&ldquo; rief Tora
+pl&ouml;tzlich.</p>
+
+<p>Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespr&auml;ch
+wieder in Flu&szlig; gekommen war, begann es aufs neue zu
+knirschen und zu scharren.</p>
+
+<p>Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und
+sah hinein. Da lagen die drei Wanderer ausgestreckt und
+schliefen, wie sie den ganzen Abend geschlafen hatten.</p>
+
+<p>Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das
+Unwesen abermals. Jeder h&ouml;rte deutlich, wie Messer
+gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen wurden.
+&bdquo;Gott helfe uns, das ist ein Omen,&ldquo; sagte Tora. &bdquo;M&ouml;ge
+uns nichts B&ouml;ses widerfahren, weil wir &Uuml;bles vom Pfarrer
+gesprochen haben!&ldquo;</p>
+
+<p>Aber am n&auml;chsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane,
+ermordet in seinem Bett, und sein gro&szlig;er Geldschrein war
+verschwunden. Und es wurde allsogleich bekannt, da&szlig;
+die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem K&ouml;hler
+gelegen und ihre M&uuml;digkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber
+des Mordes waren.</p>
+
+<p>Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erz&auml;hlen
+h&ouml;ren, w&auml;hrend sie dalagen und taten, als schliefen sie.
+Und sie hatten sofort den Mord geplant und sich daran
+gemacht, ihre Messer zu schleifen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_277" id="page_277"></a>277</span>Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes
+wie ein Wahrspruch durch die Umgegend. &bdquo;Die
+Rache bleibt nicht aus,&ldquo; sagt man. &bdquo;Gott kann mit einer
+Sage f&auml;llen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die
+Rache bleibt nicht aus.&ldquo;</p>
+
+
+
+
+<h2><a name="nr18" id="nr18"></a><a href="#inhalt">Die Geisterhand</a></h2>
+
+
+<p>Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte
+an der Glocke des Doktors. Das erste L&auml;uten hatte
+keinen Erfolg, aber als das zweite und dritte L&auml;uten verrieten,
+da&szlig; es unersch&uuml;tterlicher Ernst war, kam Doktors
+Karin durch die K&uuml;chent&uuml;r, um zu sehen, was es gebe.
+Und als Karin eine Weile unterhandelt hatte, mu&szlig;te sie
+sich darein finden, den Doktor zu wecken. Sie klopfte an
+die Schlafzimmert&uuml;r.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor.
+Der Herr Doktor mu&szlig; hin.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist sie krank?&ldquo; ert&ouml;nte es von drinnen.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, da&szlig;
+sie etwas &sbquo;gesehen&lsquo; hat.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich lasse gr&uuml;&szlig;en und komme.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das
+M&auml;gdegeschw&auml;tz &uuml;ber seine Braut zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben,
+dachte er, w&auml;hrend er sich ankleidete. Nun liegt doch
+das Haus mitten in der Stadt, nicht das geringste Romantische
+daran. Ein ganz gew&ouml;hnliches, h&auml;&szlig;liches, altes
+Haus, eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber
+der Geisterspuk nistet sich dort fest.</p>
+
+<p>Wenn es noch in einem finstern G&auml;&szlig;chen l&auml;ge oder ein
+wenig au&szlig;erhalb der Stadt in irgendeinem verwilderten
+Garten, wo unheimliche alte B&auml;ume die Fensterscheiben
+peitschten in solch einer st&uuml;rmischen Winternacht! Aber
+es hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und
+die Zuckerfabrik ganz in der N&auml;he! Sollte man nicht
+<span class="pagenum"><a name="page_278" id="page_278"></a>278</span>glauben, da&szlig; die Zuckerfabrik mit allem ihrem Rasseln
+und Kochen und den gro&szlig;en gl&uuml;henden Dampfkesseln
+es dem Gespenst unbehaglich machen m&uuml;&szlig;te? Aber nein&nbsp;&ndash;
+durchaus nicht.</p>
+
+<p>Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung
+verdienen. Es hatte Energie, unglaubliche Energie und
+die F&auml;higkeit, sich im Bewu&szlig;tsein der Leute zu erhalten.
+Man gab wohl zu, da&szlig; es sich jetzt etwa zwanzig Jahre
+nicht hatte sehen lassen, seit die Fr&auml;ulein Burmann in
+die Geisterzimmer gezogen waren. Aber hatte jemand es
+vergessen? Das zeigte sich ja jetzt: blo&szlig; weil Ellen ganz
+pl&ouml;tzlich krank geworden war, mu&szlig;te es gleich hei&szlig;en,
+sie h&auml;tte etwas gesehen.</p>
+
+<p>Da&szlig; sie sich vor etwas erschreckt h&auml;tte, ja, das war
+wohl nicht unm&ouml;glich. Sie war wie pr&auml;destiniert, Gespenster
+zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben mit den zwei
+nerv&ouml;sen, alten Tanten verbracht hatte. Und da&szlig; es ein
+Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer geh&ouml;rt und
+geglaubt. Von Kindheit auf war ihre Phantasie durch
+das alles aufgereizt.</p>
+
+<p>Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten
+gewesen war, hatte sie ihm gleichsam triumphierend gesagt:
+&bdquo;Hier ist das Geisterzimmer,&ldquo; in einem Ton, als
+zeige sie eine Familienkostbarkeit.</p>
+
+<p>&bdquo;Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem
+Zimmer Karten zu spielen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ach, warum nicht?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler
+macht, den allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine
+Hand und legt sich neben ihm auf den Spieltisch.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was f&uuml;r eine Hand?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Eine alte, h&auml;&szlig;liche Hand mit schweren Diamantringen
+auf den krummen Fingern und mit echten Spitzen ums
+Handgelenk.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nun und dann?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, man sieht nichts als die Hand.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_279" id="page_279"></a>279</span>&bdquo;Aber woher kommt das?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das wei&szlig; niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie hatte das sehr keck erz&auml;hlt; aber wer konnte wissen,
+wer konnte wissen? Sie glaubte wohl an den Spuk.</p>
+
+<p>&bdquo;So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die
+Tischkante heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt.
+Hu, und dann weist sie mit einem gro&szlig;en, gekr&uuml;mmten
+Finger auf eine der Karten! Sie hat N&auml;gel wie Klauen,
+gekr&uuml;mmt und spitzig.&ldquo;</p>
+
+<p>Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl
+nicht. Sie hatte ja gerade das Gespensterzimmer zu ihrem
+Zimmer erw&auml;hlt&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p>Der Doktor jagte an der gro&szlig;en Zuckerfabrik vor&uuml;ber,
+wo die Arbeit die ganze Nacht fortging, und gelangte &uuml;ber
+die hohe Steintreppe in das Haus.</p>
+
+<p>Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken.
+Im Stiegenhaus stand eine lange Gestalt, ganz in einen
+schwarzen Schal eingerollt. Tante Malin war selbst heruntergekommen,
+um ihm die Stiege hinaufzuleuchten.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie geht es Ellen?&ldquo; fragte der Doktor.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie gut von dir, da&szlig; du so rasch gekommen bist,&ldquo;
+sagte Tante Malin. &bdquo;Ich wei&szlig; nicht, was sie hat. Du
+mu&szlig;t kommen und selbst sehen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war.
+Der Doktor bekam erst jetzt den lebendigen Eindruck, da&szlig;
+wirklich Gefahr im Verzuge w&auml;re.</p>
+
+<p>&Auml;rgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen
+sollte, mit dem kleinen M&auml;dchen dort oben, das er sich
+zur Frau gew&auml;hlt hatte! Er hatte in seinem ganzen Leben
+keine gesehen, die ihm besser gepa&szlig;t h&auml;tte. Recht sch&ouml;n,
+und keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten,
+und nat&uuml;rlich streng erzogen, ans Heim gew&ouml;hnt, t&uuml;chtig
+im H&auml;uslichen, friedfertig.</p>
+
+<p>Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante
+Malin wieder an ihn.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir erwachten mitten in der Nacht davon, da&szlig; sie
+<span class="pagenum"><a name="page_280" id="page_280"></a>280</span>so furchtbar schrie, und wir haben sie seitdem nicht beruhigen
+k&ouml;nnen. Wir wu&szlig;ten uns keinen andern Rat,
+als dich holen zu lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Sie &ouml;ffnete die T&uuml;r zu Ellens Zimmer, steckte den
+Kopf hinein und sagte, da&szlig; er gekommen sei. Gleich
+darauf wurde er eingelassen.</p>
+
+<p>Drinnen war es so hell, da&szlig; er im ersten Augenblick
+kaum etwas sehen konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht,
+was es in der Wohnung an Lampen und Leuchtern
+gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar,
+da&szlig; dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal
+gewesen war.</p>
+
+<p>Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und
+gerade da hatte die Gespensterhand sich gezeigt. Das
+mu&szlig;te einen Schrecken und einen Aufstand gegeben
+haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um
+zu wissen, wie sie ausgesehen haben mochten.</p>
+
+<p>Sie sa&szlig; mitten im Zimmer in einem gro&szlig;en Lehnstuhl,
+sie hielt sich ganz aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden
+Blicken um, war bleich, von einer richtigen Totenfarbe,
+ihre Z&auml;hne schlugen aufeinander, und sie bebte.</p>
+
+<p>Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer ger&uuml;ckt. Es
+war einer mit freien F&uuml;&szlig;en. Kein M&ouml;bel stand in der
+N&auml;he, nichts konnte darunter verborgen liegen und pl&ouml;tzlich
+hervorkriechen.</p>
+
+<p>Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt
+jetzt die Augen fest, ganz fest auf den Schatten des
+Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke des Kachelofens
+streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht,
+da&szlig; er ihr irgendeinen h&auml;&szlig;lichen Streich spielen wolle.
+Sie zog die R&ouml;cke an sich, wie um bereit zu sein, zu
+fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und sich als
+etwas entpuppte, vielleicht als eine gro&szlig;e Hand mit
+Fingern und Klauen. Der Doktor r&uuml;ckte also in aller
+Eile eine Lampe hin&uuml;ber, so da&szlig; ihr Licht in die Ecke
+fiel. Sie sank wieder in den Stuhl.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_281" id="page_281"></a>281</span>Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport
+ab wie Tante Malin.</p>
+
+<p>&bdquo;Wir erwachten davon, da&szlig; sie schrie, als w&auml;re sie
+wahnsinnig geworden, und so ist sie dann die ganze Zeit
+gewesen. Sie will nur Licht haben, immer mehr Licht.
+Was, glaubst du, kann das sein?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken,&ldquo; fl&uuml;sterte
+der Doktor.</p>
+
+<p>So, nun waren ihre Blicke bem&uuml;ht, sich hinter eine
+Gardine einzubohren. Er ging einmal ums Zimmer. Es
+konnte ja m&ouml;glich sein, da&szlig; er entdeckte, was sie erschreckt
+hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes Briefpapier.
+Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die
+Feder war ihr aus der Hand gefallen und &uuml;bers Papier
+gerollt. Ein Billett, das er ihr sp&auml;t abends geschickt hatte,
+um zu fragen, ob sie und die Tanten am n&auml;chsten Tag
+einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben.</p>
+
+<p>Es war offenbar, da&szlig; sie sich an den Schreibtisch gesetzt
+hatte, um ihm zu antworten. Sie hatte eben &bdquo;Mein
+gel&nbsp;&hellip;&ldquo; geschrieben. Dann war sie erschrocken und hatte
+die Feder fallen lassen.</p>
+
+<p>Der Doktor f&uuml;hlte, wie die Blicke der Tanten ihm
+folgten. Sie wunderten sich wohl, da&szlig; er kein Wort zu
+Ellen sagte. Das erste, was er tun mu&szlig;te, war, alle
+aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als
+auch Tante Berta und das Hausm&auml;dchen, damit sie den
+Schrecken nicht in ihr wach erhielten.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich glaube, sie wird mir schon alles erz&auml;hlen, wenn
+ich allein mit ihr sprechen kann,&ldquo; sagte er und hatte rasch
+das Zimmer ausger&auml;umt.</p>
+
+<p>Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie.</p>
+
+<p>Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann!
+Er h&auml;tte Ellen kaum wiedererkannt. Ruhe, friedvolle
+Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens. Er war
+davon bezaubert worden, da&szlig; er sie immer gleich ruhig
+<span class="pagenum"><a name="page_282" id="page_282"></a>282</span>fand: eine f&ouml;rmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten
+zu behandeln. Sie sah kaum von der Stickerei auf, wie
+sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal gleichsam
+eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam,
+vermeinte er eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im
+Lampenscheine am Arbeitstisch sitzen zu sehen. Er hatte
+ein deutliches Bild des feinen Nackens und der kleinen
+H&auml;nde empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie
+geschm&uuml;ckt. Darauf hatte er um sie angehalten.</p>
+
+<p>Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte
+Wildheit. Gerade, was er nicht wollte. Eine hysterische
+Frau! Ah, Gott beh&uuml;te, Gott beh&uuml;te!</p>
+
+<p>&bdquo;Sag, Ellen, was hast du?&ldquo;</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht.</p>
+
+<p>&bdquo;Mir mu&szlig;t du es sagen, verstehst du?&ldquo; sagte er ein
+bi&szlig;chen streng.</p>
+
+<p>Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein
+Schimmer von Hoffnung in ihnen auf.</p>
+
+<p>&bdquo;Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.&ldquo;</p>
+
+<p>Es war schade um ihre sch&ouml;nen, hellen Augen. Sie
+hatten auf dem, mit dem sie gesprochen hatte, immer
+mit einem Schimmer geruht, so still wie der der Sonne.
+Sie waren vielleicht gl&auml;nzender jetzt. Aber das war ein
+Glanz, nach dem er eigentlich gar nicht fragte.</p>
+
+<p>Sie k&auml;mpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den
+Unterkiefer nicht still halten. Sie stopfte ein Taschentuch
+zwischen die Z&auml;hne, damit man nicht h&ouml;rte, wie sie aufeinanderschlugen.</p>
+
+<p>Endlich h&ouml;rte er sie ein paar Worte sagen. Sie sa&szlig;
+da und schlug mit der einen Hand auf die andre und
+dachte laut. &bdquo;Ich mu&szlig; es ihm sagen. Ich mu&szlig;, ich mu&szlig;.
+Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.&ldquo;</p>
+
+<p>Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich
+herabgestimmt dabei. Es glich am ehesten der Stimmung,
+die &uuml;ber einen kommt, wenn man im Frack in
+einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen.
+<span class="pagenum"><a name="page_283" id="page_283"></a>283</span>Man f&uuml;hlt, wie man seine ganze Gr&ouml;&szlig;e und
+W&uuml;rde einb&uuml;&szlig;t.</p>
+
+<p>Sie gestand mit einem Male, da&szlig; sie ihn nicht lieb
+h&auml;tte. Sie h&auml;tte ihn gern heiraten wollen, aber blo&szlig;
+um von daheim wegzukommen.</p>
+
+<p>H&auml;tte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er h&auml;tte
+dar&uuml;ber lachen k&ouml;nnen, wie dieses Kind sich nach einem
+Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten besten. Sie war
+so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten
+wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und
+wu&szlig;ten selbst nicht, wie sie sie qu&auml;lten.</p>
+
+<p>Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte
+gleichsam, er m&ouml;chte sie doch verstehen und f&uuml;r sie f&uuml;hlen.
+Er wu&szlig;te ja, wie die Tanten waren, er hatte sie ja viele
+Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so eigen, so
+voll fixer Ideen und Be&auml;ngstigungen. Tante Malin erwartete
+immer eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte
+immer, da&szlig; sie auf der Stra&szlig;e &uuml;berfahren werden w&uuml;rde.
+Er wu&szlig;te, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen, weiter
+bei ihnen bliebe, w&uuml;rde sie ebenso wunderlich werden.</p>
+
+<p>Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und
+sie hatte die Tanten gebeten, fortgehen und arbeiten zu
+d&uuml;rfen. Das hatten die nat&uuml;rlich nicht erlauben wollen.
+Da k&ouml;nnte er doch begreifen, da&szlig; ihr nichts andres &uuml;brig
+geblieben w&auml;re, als zu heiraten.</p>
+
+<p>Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob
+sie bei einer Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich
+nichts machte, nicht gef&uuml;rchtet h&auml;tte, ein noch &auml;rgeres
+Leben f&uuml;hren zu m&uuml;ssen, als hier bei den Tanten.</p>
+
+<p>Ach nein, &auml;rger k&ouml;nnte es wohl nie sein. Ein Mann
+w&auml;re wenigstens manchmal fort. Die Tanten w&auml;ren den
+ganzen Tag zu Hause.</p>
+
+<p>Nun, da sie schon so offenherzig w&auml;re&nbsp;&ndash; ob es ihr
+nie in den Sinn gekommen w&auml;re, ihn lieb zu haben? Sie
+sch&uuml;ttelte den Kopf; das war etwas, was ganz au&szlig;erhalb
+des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu h&auml;&szlig;lich
+<span class="pagenum"><a name="page_284" id="page_284"></a>284</span>w&auml;re? Nein; sie schlug beteuernd die Augen auf. Ob
+er langweilig w&auml;re? Sie machte eine abwehrende Handbewegung.
+Was f&uuml;r ein Fehler also an ihm w&auml;re? Er
+sei zu kalt. Ja so, er war zu kalt.</p>
+
+<p>Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer.
+Das war doch unglaublich, da&szlig; ein solches Kind da herumgegangen
+war und etwas Derartiges zusammengebraut
+hatte. Hatte sich von ihm k&uuml;ssen lassen, ohne eine Spur
+von Neigung f&uuml;r ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre
+Rolle gar nicht schlecht gespielt. Er war der Betrogne
+gewesen. Und da&szlig; er so unsympathisch sein sollte, da&szlig;
+ein junges M&auml;dchen gar nicht daran denken k&ouml;nnte, ihm
+gut zu sein&nbsp;&hellip;!</p>
+
+<p>Aber nat&uuml;rlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes
+Leben gef&uuml;hrt. Er konnte schon begreifen, da&szlig; ihr viel
+daran gelegen hatte, sich zu verheiraten. Das war ihr
+wohl wie eine Erl&ouml;sung f&uuml;rs ganze Leben gewesen. Sie
+legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu
+zeigen. Es fiel ihr gar nicht ein, da&szlig; sie ihn verletzte. Sie
+mu&szlig;te wohl glauben, da&szlig; er gepanzert sei, ganz eisenhart.</p>
+
+<p>Ihre Stimme erhob sich pl&ouml;tzlich zu einem Schrei. &bdquo;Du
+wei&szlig;t ja,&ldquo; sagte sie, &bdquo;da&szlig; alle, die falsch spielen, in
+diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich habe sie gesehen.
+Ich sa&szlig; dort, dort.&ldquo; Und sie wendete sich heftig
+zum Schreibtisch. &bdquo;Dort hab' ich sie gesehen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Glaubst du nicht, da&szlig; ich sie gesehen habe?&ldquo; fuhr sie
+fort und bohrte ihre Augen in ihn, als wolle sie die
+Wahrheit hervorzwingen.</p>
+
+<p>&bdquo;La&szlig; mich h&ouml;ren, wie es war,&ldquo; sagte er beruhigend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, du wei&szlig;t doch, da&szlig; du mir am Abend geschrieben
+hattest, und ich wollte die Antwort schreiben, bevor ich
+mich niederlegte. Aber als ich mich an den Schreibtisch
+setzte, wurde ich unruhig und sa&szlig; lange da und dachte,
+denn ich wu&szlig;te nicht, wie ich die &Uuml;berschrift schreiben
+sollte. Ich mu&szlig;te ja &sbquo;geliebter&lsquo; schreiben, aber das kam
+mir nicht recht vor. Es war das erstemal, da&szlig; ich an
+<span class="pagenum"><a name="page_285" id="page_285"></a>285</span>dich schrieb. Ich fand, da&szlig; es schrecklich war, etwas zu
+schreiben, was nicht wahr war&nbsp;&ndash; aber schlie&szlig;lich schien
+es mir, da&szlig; ich nicht weniger schreiben k&ouml;nnte.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ist ein so gro&szlig;er Unterschied zwischen dem, was man
+schreibt, und dem, was man sagt?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur
+ob ich deine Frau werden wollte&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ah so!&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Aber da, in demselben Augenblick, in demselben
+Augenblick, als ich begonnen hatte, das Wort zu schreiben,
+war die Hand da. Sie kam &uuml;ber die Tischkante
+heraufgeglitten, und ich glaube, ich sa&szlig; da und starrte
+sie ein paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war.
+Ich schrie nicht gleich. Ich konnte gleichsam nicht verstehen,
+da&szlig; es etwas &Uuml;bernat&uuml;rliches war. Aber da legte
+sie sich &uuml;ber das Papier und zeigte mit den gekr&uuml;mmten
+Fingern auf das Wort da.</p>
+
+<p>Ich glaube, sie war froh, sie zitterte f&ouml;rmlich vor
+Freude. Es war, als wolle sie die Buchstaben an sich
+scharren&nbsp;&ndash; es war falsches Spiel. Da wollte sie mit
+dabei sein.</p>
+
+<p>Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine
+gro&szlig;e Spinne. Gerade als h&auml;tte sie Eile. Es war so
+lange her, seit sie Anla&szlig; gehabt hatte, hervorzukommen.
+Nun mu&szlig;te sie sich sputen. Sie griff f&ouml;rmlich nach der
+Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja
+falsches Spiel. Da wollte sie mit dabei sein.</p>
+
+<p>Ich schrie auf, als w&auml;re es eine Schlange, und da
+verschwand sie, aber ich wei&szlig; nicht, ob sie nicht noch hier
+ist. Ich glaube, ich f&uuml;hle, da&szlig; sie sich noch im Zimmer
+befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich
+war nahe daran, zu sterben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, sie darf nicht wiederkommen,&ldquo; sagte er tr&ouml;stend.</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wei&szlig;, da&szlig; ich eins tun mu&szlig;,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich mu&szlig;
+es tun, damit sie nicht wiederkommt. Aber es ist so
+furchtbar hart.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="page_286" id="page_286"></a>286</span>Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre
+kalte, zitternde Hand in die des Doktors und lie&szlig; den
+Ring zur&uuml;ck. Dann weinte sie in der Bitterkeit der Entsagung.</p>
+
+<p>Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander
+und lie&szlig; den Ring dazwischen hin und her
+gleiten.</p>
+
+<p>Es w&auml;re nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu
+werden wie mit dem andern, meinte er. Die Hand hatte
+gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein wenig Rache
+verschafft. Er f&uuml;hlte Sympathie f&uuml;r sie.</p>
+
+<p>Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, da&szlig; das
+Gewissen in der einen oder andern Weise &uuml;ber sie kommt,
+wie sehr sie auch versuchen, es zu betr&uuml;gen. Es hat seine
+eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine
+Braut alles aufs beste ausgekl&uuml;gelt, um ein gutes Heim
+zu bekommen. Blo&szlig; ein bi&szlig;chen Heuchelei brauchte sie
+sich aufzuerlegen, und alles Gl&uuml;ck der Welt war ihr eigen.
+Und da kommt das Gewissen ganz still heran und gr&auml;bt
+seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich
+alle Klugheit, alle Berechnung in einem Augenblick in
+die Luft.</p>
+
+<p>Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, da&szlig; sie so ein
+ganzes Leben w&uuml;rde weiterl&uuml;gen k&ouml;nnen. Hatte wohl gesehen,
+wie es andern gegl&uuml;ckt war. Aber da stellt es sich
+heraus, da&szlig; sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt
+ein Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen
+anzugeh&ouml;ren. Wenn man es am wenigsten
+erwartet, ist die Gewissenshalluzination da.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich nimmt sie dann die Form an, die am n&auml;chsten
+zur Hand liegt. Es war ja sonnenklar, da&szlig; das Gewissen
+in diesem Zimmer zu einer Geisterhand werden
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Er sa&szlig; noch immer da und spielte mit dem Ring und
+lie&szlig; ihn von einem Finger zum andern gleiten. Er f&uuml;hlte
+etwas andres als Zorn dar&uuml;ber, da&szlig; er sie nicht hatte
+<span class="pagenum"><a name="page_287" id="page_287"></a>287</span>gewinnen k&ouml;nnen. Er war beinahe betr&uuml;bt. Sie fing jetzt
+wohl an, sich seiner zu erinnern, zu denken, da&szlig; ihm
+ein Unrecht widerfahren sei, denn sie beugte sich hinab
+und k&uuml;&szlig;te seine Hand. &bdquo;Verzeih mir,&ldquo; sagte sie.</p>
+
+<p>Es war merkw&uuml;rdig, wie weich sie war. Wenn sie
+sich dar&uuml;ber klar geworden war, da&szlig; sie ein Unrecht getan
+hatte, wu&szlig;te sie gar nicht, was sie alles anfangen
+sollte, um es zu s&uuml;hnen. Es hatte wirklich keinen Zweck,
+sie l&auml;nger zu qu&auml;len. Er brauchte ja nur gerade heraus
+zu sprechen, zu sagen, da&szlig; er nicht viel besser gewesen war
+als sie. R&auml;sonnement auf beiden Seiten. Die eine hatte
+ein Heim, der andre eine Haush&auml;lterin gesucht. Es w&uuml;rde
+sie beruhigen, das zu h&ouml;ren.</p>
+
+<p>Er wollte ihr sagen, da&szlig; es keine so bittre Entt&auml;uschung
+f&uuml;r ihn hatte werden k&ouml;nnen. Er war nicht so furchtbar
+verliebt gewesen, auch er nicht.</p>
+
+<p>Ja gewi&szlig;, er hatte ja keinen Anla&szlig;, die Qual l&auml;nger
+hinauszuziehen. Das beste war, ein Ende zu machen.
+Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen unverlobt
+zu erwachen.</p>
+
+<p>Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Tr&auml;nen
+in die Augen. Es tat ihm doch weh, sie zu verlieren. Und
+nun war es das, was er ihr sagte.</p>
+
+<p>Er begann damit, ihr unzusammenh&auml;ngende Dinge zu
+sagen, da&szlig; sie ein Gewissensmensch sei, da&szlig; sie der feineren
+Rasse von Nervenmenschen angeh&ouml;re, die gerade
+jetzt angefangen h&auml;tten, hier und dort aufzutauchen. Sie
+sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen,
+was ihr in dieser Nacht widerfahren sei, fiele es ihm
+schwer, auf sie zu verzichten.</p>
+
+<p>Sie sei frei, ja, nat&uuml;rlich, aber wenn sie einmal k&ouml;nne
+und wolle&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er sah sie erstaunt an. Qu&auml;lte sie das nicht? Nein,
+jetzt erst verschwand die Starrheit aus ihren Z&uuml;gen, und
+die Augen wurden ruhig. Sie sa&szlig; mit halbge&ouml;ffnetem
+Munde und lauschte&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er sprach davon, wie er das Leben f&uuml;r sie h&auml;tte ordnen
+wollen, sprach davon, wie er sich nach ihr gesehnt h&auml;tte.
+Er sprach ganz anders davon, als er vor einer halben
+Stunde gesprochen h&auml;tte. Aber er sah es auch ganz anders,
+jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel sch&ouml;ner,
+als er es sich zugetraut h&auml;tte. Das Zusammenleben mit
+einem weichen, liebenswerten Wesen, ja, gerade das Zusammenleben
+mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold
+f&uuml;r seine Phantasie aus, und er sagte es ihr.</p>
+
+<p>Als er n&auml;her trat und ihr die Hand zum Abschied
+reichte, kamen ihm noch einmal die Tr&auml;nen in die Augen.
+Sie war so sch&ouml;n, gerade jetzt, die Farbe entz&uuml;ndete sich
+wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerbl&uuml;hte
+Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer
+Todesgefahr entronnen ist.</p>
+
+<p>Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und
+zog seine Schl&uuml;sse so rasch wie nie zuvor.</p>
+
+<p>Sie verstand sich nat&uuml;rlich selbst nicht, nicht im geringsten.
+Ah! Er sch&ouml;pfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit
+war fort. Ein jubelndes Siegesgef&uuml;hl durchblitzte
+ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er
+sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht,
+da&szlig; er zeigte, da&szlig; er sie lieb hatte.</p>
+
+<p>Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig
+wieder auf den Ringfinger. &bdquo;Keine Torheiten,&ldquo; sagte
+er, als sie die Hand wegziehen wollte.</p>
+
+<p>&bdquo;Aber,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich wei&szlig; nicht, ich wage nicht&nbsp;&ndash;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wage es, ich,&ldquo; sagte der Doktor, &bdquo;ich war nie
+so, da&szlig; ich vor dem Gl&uuml;ck davongelaufen bin.&ldquo;</p>
+
+<p>Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen &Uuml;berrock
+und kam wieder herein, um seine Zigarre anzuz&uuml;nden.</p>
+
+<p>&bdquo;Arme Kleine,&ldquo; sagte er, w&auml;hrend er ein paar Z&uuml;ge
+machte. &bdquo;Bist jetzt wie gebunden und gefesselt, mich
+zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch die Hand
+dort und pre&szlig;t dir das Leben aus.&ldquo;</p>
+
+<hr style="width: 50%; margin-bottom: 0em" />
+
+<p class="center small">Druck und Einband von Hesse &amp; Becker, Leipzig. 2,525.</p>
+
+<div class="ppnote">
+<p>Anmerkungen zur Transkription:</p>
+
+<p><a href="#page_9">Seite 9</a>: &bdquo;bei Halvorson einzukaufen&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;bei Halfvorson einzukaufen&ldquo;<br />
+<a href="#page_18">Seite 18</a>: &bdquo;&bdquo;La&szlig; ihn heulen!&ldquo; sagte Halvorson&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;&bdquo;La&szlig; ihn heulen!&ldquo; sagte Halfvorson&ldquo;<br />
+<a href="#page_18">Seite 18</a>: &bdquo;Halvorson holt die Polizei&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Halfvorson holt die Polizei&ldquo;<br />
+<a href="#page_19">Seite 19</a>: &bdquo;durch das Halvorson&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;durch das Halfvorson&ldquo;<br />
+<a href="#page_21">Seite 21</a>: nach &bdquo;so ist es gemeint..&ldquo; wurde ein Punkt erg&auml;nzt<br />
+<a href="#page_31">Seite 31</a>: &bdquo;Aber als am Nachmittag alle M&auml;ner&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Aber als am Nachmittag alle M&auml;nner&ldquo;<br />
+<a href="#page_32">Seite 32</a>: &bdquo;Die vier M&auml;ner&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Die vier M&auml;nner&ldquo;<br />
+<a href="#page_33">Seite 33</a>: &bdquo;in Frieden und Ordnun&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;in Frieden und Ordnung&ldquo;<br />
+<a href="#page_61">Seite 61</a>: &bdquo;von dem lichten Abendhimmel&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;vor dem lichten Abendhimmel&ldquo;<br />
+<a href="#page_103">Seite 103</a>: &bdquo;Gegend Abend&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;Gegen Abend&ldquo;<br />
+<a href="#page_147">Seite 147</a>: &bdquo;glichen den aller andern&ldquo; wurde ge&auml;ndert in &bdquo;glichen denen aller andern&ldquo;<br />
+<a href="#page_214">Seite 214</a>: vor &bdquo;ob es sehr h&auml;&szlig;lich war&ldquo; wurde ein Komma erg&auml;nzt</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
+
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+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
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+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
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+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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