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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/33041-8.txt b/33041-8.txt new file mode 100644 index 0000000..4d72a3f --- /dev/null +++ b/33041-8.txt @@ -0,0 +1,9759 @@ +The Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Unsichtbare Bande + Erzählungen + +Author: Selma Lagerlöf + +Translator: Marie Franzos + +Release Date: July 1, 2010 [EBook #33041] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Passagen, die im Original nicht in Fraktur gedruckt waren, sind hier +mit »+« gekennzeichnet. Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt +waren, sind hier mit »_« gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich +am Ende des Textes. + + + + Unsichtbare Bande + + Erzählungen + von + Selma Lagerlöf + + + Deutsch von Marie Franzos + + + [Illustration: Verlags-Signet] + + + Leipzig / Hesse & Becker Verlag + + + + + Inhalt + + Seite + + Peter Nord und Frau Fastenzeit 7 + Die Legende vom Vogelnest 57 + Das Hünengrab 67 + Die Vogelfreien 90 + Reors Geschichte 114 + Waldemar Attertag brandschatzt Visby 120 + Mamsell Friederike 126 + Der Roman einer Fischersfrau 136 + Mutters Bild 147 + Ein gefallener König 154 + Ein Weihnachtsgast 179 + Onkel Ruben 189 + Das Flaumvögelchen 199 + Unter den Kletterrosen 234 + Die Grabschrift 239 + Römerblut 251 + Die Rache bleibt nicht aus 269 + Die Geisterhand 277 + + + + +Peter Nord und Frau Fastenzeit + +I + + +So traulich wie ein Heim steht das kleine Städtchen vor mir. Es ist so +klein, daß ich alle seine Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde +gut Freund werden und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer über die +Straße ging, wußte, bei welchem Fenster er den Blick aufschlagen mußte, um +ein schönes Gesicht hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den +Stadtpark wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mußte, um die Person +zu treffen, die er treffen wollte. + +Auf die schönen Rosen im Nachbargarten war man fast ebenso stolz, als wenn +sie im eignen gestanden hätten. Geschah etwas, was kleinlich oder +gewöhnlich war, so schämte man sich, als wäre es in der eignen Familie +passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder +einer Marktschlägerei, brüstete man sich und sagte: »Seht nur, welches +Gemeinwesen! Geschehen solche Dinge anderswo? Welche wunderbare Stadt!« + +Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich nichts. Komme ich +wieder einmal hin, so werde ich dieselben Häuser und Kaufläden +wiederfinden, die ich von altersher kenne, dieselben Gruben im +Steinpflaster werden mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken, +dieselben rundgeschnittenen Fliedersträucher meinen bewundernden Blick +fesseln. Wieder werde ich sehen, wie der alte Ratsherr, der die ganze Stadt +regiert, mit elefantenschweren Schritten die Straße hinabgewandert kommt. +Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefühl der Sicherheit hat man nicht, +wenn man dich so wandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in +seinem Garten umhergehen und graben, während seine wasserklaren Augen +suchend starren, als wollten sie sagen: »Alles, alles haben wir +durchforscht, jetzt Erde, wollen wir uns bis in dein Innerstes bohren.« + +Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine runde Peter Nord. Ihr +wißt doch, der kleine Wermländer, der in Halfvorsons Kramladen stand, er, +der die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen +weißen Mäusen unterhielt. Von ihm ist eine ganze Geschichte zu erzählen. +Über alles und alle in der Stadt gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so +wunderliche Dinge. + +Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er war klein und rund, er +war braunäugig und hatte ein lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als +Birkenlaub im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein Wermländer +war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, daß er aus einem andern Lande +komme. Mit prächtigen Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat +ausgerüstet. Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den Fingern, flink +mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu ein Narr, gutmütig und hoch hinaus, +gefällig und streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, er war +nicht imstande, einem Bürgermeister größre Ehrfurcht zu zeigen, als einem +Bettler. Aber Herz hatte er, verliebt war er jeden zweiten Tag, und die +ganze Stadt zog er ins Vertrauen. + +Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glücklich veranlagte Kind in +irgendeiner übernatürlichen Weise. Die Kunden wurden bedient, während er +die weißen Mäuse fütterte. Geld wurde gewechselt und gezählt, während er +seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. Und indes er den +Kunden von seiner allerletzten Verliebtheit erzählte, ließ er das Litermaß +nicht aus den Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte. +Und es machte den bewundernden Zuhörern Spaß, zu sehen, wie er plötzlich +über den Ladentisch sprang und auf die Straße stürzte, wo er mit einem +vorbeigehenden Gassenjungen einen Strauß ausfocht, um dann mit ruhiger +Stirn in den Laden zurückzukehren und den Knoten an einem Paket zu knüpfen +oder ein Stück Stoff fertig zu messen. + +War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen Stadt wurde? Wir +fühlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord +hingekommen war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter Nord +ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Käfig mit den weißen Mäusen zeigte. +Es war sehr spannend und aufregend, die Mäuse zu zeigen, denn Halfvorson +hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten. + +Da aber kamen mitten in dem heller werdenden Februar ein paar trübe Tage +mit nebligem Tauwetter. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er +ließ die weißen Mäuse ihren Drahtkäfig benagen, ohne sie zu füttern. Er +versah seine Obliegenheiten tadellos. Er balgte sich nicht mit den +Gassenjungen. Konnte Peter Nord es vielleicht nicht vertragen, daß das +Wetter umgeschlagen hatte? + +Ach nein, die Sache war die, daß er einen Fünfzigkronenschein oben auf +einem der Wandbretter gefunden hatte. Er hatte geglaubt, daß er mit einem +Stoffballen hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte er ihn +unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, der damals unmodern war und +nie von den Wandbrettern heruntergenommen wurde. + +Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbändigen Groll gegen Halfvorson, +der ihm eine ganze Mäusefamilie totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich +rächen. Noch sah er die weiße Mutter mitten unter ihren hilflosen Jungen +vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch gemacht zu fliehen, sondern war +in unerschütterlichem Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte +den herzlosen Mörder aus roten brennenden Augen angestarrt. Verdiente +dieser nicht auch eine angstvolle Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er +totenbleich aus dem Kontor stürzte und nach dem Fünfzigkronenschein suchte. +Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren Augen sehen, die er in den +granatroten der weißen Maus erblickt hatte. Der Krämer sollte nur suchen, +er sollte den ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote +finden ließ. + +Aber der Fünfzigkronenschein blieb den ganzen Tag in seinem Versteck +liegen, ohne daß jemand danach fragte. Er war ganz neu, bunt und leuchtend +und hatte die Zahl Fünfzig groß in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im +Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte zu dem +Kattunballen hinauf. Dann zog er den Fünfzigkronenschein hervor, entfaltete +ihn und bewunderte seine Schönheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte er +Angst bekommen, daß dem Fünfzigkronenschein etwas zugestoßen sei. Dann tat +er, als suchte er etwas auf dem Wandbrett und tastete unter dem +Kattunballen herum, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern rascheln +fühlte. + +Dieser Schein hatte mit einem Male eine übernatürliche Gewalt über ihn +erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges darin war? Die von breiten Ringen +umgebenen Zahlen waren wie saugende Augen. Der Knabe küßte sie alle und +flüsterte. »Solche wie du möchte ich viele haben, furchtbar viele.« + +Er begann sich allerlei Gedanken über den Schein zu machen, und darüber, +daß Halfvorson nicht danach fragte. Vielleicht gehörte er gar nicht +Halfvorson? Vielleicht lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er +überhaupt keinen Besitzer mehr? + +Gedanken sind ansteckend. -- Beim Abendbrot hatte Halfvorson angefangen, +von Geld und Geldmenschen zu sprechen. Er erzählte Peter Nord von allen den +armen Jungen, die Reichtümer gesammelt hatten. Er begann mit Whittington +und schloß mit Astor und Jay Gould. Halfvorson kannte ihre ganze +Geschichte, er wußte, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und +gewagt hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. Er +durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er begleitete sie bei ihren +Erfolgen, er jubelte bei ihrem Sieg. Peter Nord hörte ganz gespannt zu. + +Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein Hindernis für ein +Gespräch, denn er las einem alles, was man sagte, von den Lippen ab. +Hingegen konnte er seine eigne Stimme nicht hören. Die rollte darum so +wunderlich eintönig dahin, wie das Tosen eines fernen Wasserfalls. Aber +diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte es, daß alles, was er sagte, +einem im Ohr nachhallte, so daß man es viele Tage nicht abschütteln konnte. +Armer Peter Nord! + +»Was unumgänglich notwendig ist, um reich zu werden,« sagte Halfvorson, +»das ist der Heckepfennig. Aber den kann man nicht verdienen. Merke dir, +den haben alle auf der Straße gefunden, oder zwischen dem Futter und dem +Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion gekauft haben, oder sie +haben ihn im Spiel gewonnen, oder von einer schönen und barmherzigen Dame +als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze dieser gesegneten Münze +waren, ist ihnen alles geglückt. Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie +aus einer Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der +Heckepfennig.« + +Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und dumpfer. Der junge Peter Nord +saß wie betäubt da und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Eßtisches +stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem Fußboden wogte es weiß von +Silber, und die wirren Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in +Bankscheine, groß wie Tischtücher. Aber gerade vor seinen Augen flatterte +die Zahl Fünfzig, von breiten Ringen umgeben, und lockte ihn wie die +schönsten Augen. »Wer weiß,« lächelten die Augen, »vielleicht ist der +Fünfzigkronenschein droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?« + +»Merke nun wohl,« sagte Halfvorson, »nächst dem Heckepfennig sind noch zwei +Dinge für den notwendig, der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte +Arbeit, Peter Nord, heißt das eine Ding; und das andre heißt Verzicht. +Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und Lachen, auf den +Morgenschlummer und den Abendspaziergang. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge +sind notwendig für den, der das Glück erobern will. Arbeit heißt das eine, +und das andre Verzicht.« + +Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich wollte er reich, +freilich wollte er glücklich werden, aber das Glück sollte nicht so +ängstlich kommen, nicht so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie +sich einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade mit den +Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame ihre Sänfte an der Ladentür +halten lassen und dem Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten. +Aber jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen Ohren. Sein +ganzes Hirn ward davon erfüllt. Er glaubte nichts andres, wußte nichts +andres. Arbeit und Verzicht, Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des +Lebens Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, daß er +sich je etwas andres gewünscht hatte. + +Am nächsten Tage getraute er sich gar nicht, den Fünfzigkronenschein zu +küssen, er wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Er war still und gedrückt, +ordentlich und fleißig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos, +daß jeder merken konnte, daß etwas mit ihm los sein mußte. Der alte +Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und tat, was er konnte, um ihn zu +trösten. + +»Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?« fragte der Alte. »So, so, +nein? Ja, dann will ich dich einladen, Peter Nord. Und laß mich sehen, daß +du hinkommst, sonst erzähle ich Halfvorson, wo du deinen Mäusekäfig hast.« + +Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu gehen. + +Fastnachtsball, man denke, daß Peter Nord auf den Fastnachtsball sollte. +Peter Nord sollte alle schönen Damen der Stadt sehen, fein, weiß gekleidet, +blumengeschmückt. Aber Peter Nord durfte natürlich mit keiner einzigen von +ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. Er war nicht in der Laune zu +tanzen. + +Auf dem Balle lehnte er in einer Tür und machte nicht einen Schritt zum +Tanze. Einige hatten ihn zu überreden versucht, aber er war standhaft +gewesen und hatte nein gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Auch würde keine +von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er war allzu gering für sie. + +Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen zu funkeln und zu +leuchten, und er fühlte, wie die Freude durch alle Glieder zuckte. Es kam +von der Tanzmusik, es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schönen +Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen schon war er +so strahlend froh, daß, wenn Freude Feuer wäre, die Flammen lichterloh um +ihn aufgelodert wären. Und wenn die Liebe es wäre, wie so viele behaupten, +dann wäre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war immer in irgendein +schönes Mädchen verliebt, aber bis jetzt immer nur in eine zugleich. Doch +als er jetzt alle diese schönen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht +mehr eine einzige Flamme das sechzehnjährige Herz, sondern es war ein +ganzer Waldbrand. + +Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die nichts weniger als +Ballschuhe waren. Aber wie hätte er mit den breiten Absätzen den Takt +stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In seinem +Innern war etwas, was an ihm riß und zerrte, ihn wie einen geschlagnen Ball +in den Tanzsaal schleudern wollte. Er widerstand noch ein Weilchen, +obgleich die Bewegung in ihm immer stärker wurde, je weiter die Nacht +fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und lebenswarm. Heißa, er war nicht +mehr der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer +aufpeitscht und den Wald umreißt. + +Ganz plötzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da geriet der Bauernjunge +ganz außer sich. Er fand, daß diese wie seine eigne Wermländer Polka klang. + +In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle feinen Herrenmanieren +waren von ihm abgeglitten. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern +daheim in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging mit krummen Knien +und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er +einer Dame den Arm um den Leib und riß sie mit sich. Und dann begann er +Polka zu tanzen. Das Mädchen folgte ihm halb widerwillig, beinahe +geschleift. Sie war nicht im Takt, sie wußte gar nicht, was dies für ein +Tanz war. Aber plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des +Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, hob sie empor, sie hatte +Flügel an den Füßen, sie wurde so leicht wie Luft. Es war ihr, als flöge +sie dahin. Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt +die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken +Sohlen über ungehobelte Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie +das Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, gleitend. +Ihre edlen, maßvollen Bewegungen befreien die Körper, so daß sie sich +leicht, elastisch schwebend fühlen. + +Während Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, wurde es still im +Ballsaal. Anfangs lachte man, aber allmählich dämmerte es allen auf, daß +dies Tanz war, dieses Dahinschweben in gleichmäßigen raschen Wirbeln, ja +wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies. + +Plötzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, daß rings um ihn +eine wunderliche Stille herrschte. Er blieb plötzlich stehen und fuhr sich +mit der Hand über die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine +laubgeschmückten Wände, keine hellblaue Sommernacht, keine muntre +Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu erblicken, in die er jetzt schaute. +Er schämte sich und wollte sich fortschleichen. + +Aber schon war er umringt und bestürmt. Die jungen Damen drängten sich um +den Ladenjungen und riefen: »Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!« + +Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie lernen. Der Ball kam +ganz aus dem Geleise und war jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten, +daß sie bisher gar nicht gewußt hätten, was tanzen heiße. Und Peter Nord +ward ein großer Mann an diesem Abend. + +Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren über die Maßen +freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Junge und übrigens solch ein +fröhlicher Tollkopf. Man konnte nicht anders als ihn verziehen. + +Da fühlte Peter Nord, daß dies das Glück war. Der Günstling der Damen zu +sein, es wagen, mit ihnen zu sprechen, sich mitten in dem strahlenden +Lichte zu bewegen, gefeiert und verhätschelt zu werden, ja gewiß, das war +das Glück. + +Und als der Ball zu Ende war, war er zu glücklich, um selbst darüber +betrübt zu sein. Er hatte das Bedürfnis, heimzukommen, um in Ruhe alles das +zu überdenken, was ihm an diesem Abend widerfahren war. + +Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte im Hause, die im +Kontor arbeitete. Sie war arm und von Halfvorson abhängig, aber sie benahm +sich recht hochmütig gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele +Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und wurde in Familien +eingeladen, in die Halfvorson nie kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen +zusammen von dem Balle nach Hause. + +»Wissen Sie, Nord,« fragte Edith Halfvorson, »daß Halfvorson wegen +verbotnen Branntweinhandels angeklagt werden wird? Sie könnten mir wirklich +sagen, Nord, wie es sich mit dieser Sache verhält.« + +»Ach, das ist gar nicht der Mühe wert, solch ein Aufhebens davon zu +machen,« sagte Peter Nord. + +Edith seufzte. »Natürlich wird etwas daran sein. Und dann gibt es Prozeß +und Geldstrafen und Schande ohne Ende. Ich möchte so gerne wissen, wie die +Sache steht.« + +»Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,« sagte Peter Nord. + +»Sehen Sie, Nord, ich will in die Höhe kommen,« fuhr Edith fort, »und +Halfvorson mit hinaufziehen, aber er plumpst mir immer wieder hinunter. +Ganz unversehens tut er etwas, was auch mich unmöglich macht. Ich sehe ihm +jetzt an, daß er etwas im Schilde führt. Wissen Sie nicht, Peter, was es +ist? Es wäre gut, es zu wissen.« + +»Nein,« sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte er sagen. War es +menschlich, mit ihm, der von seinem ersten Balle kam, von derlei zu +sprechen? + +Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag für den Ladenjungen. Da +saß Peter Nord von heute und ging mit Peter Nord von gestern ins Gericht. +Wie blaß und feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hören, was er war. Ein +Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen +sollte er eine Tracht Prügel haben. Ja, das sollte er. + +Gott sei gedankt und gelobt, daß er ihn auf den Ball geführt und seinen +Sinn geändert hatte. Pfui, wie häßlich es in ihm ausgesehen hatte, aber +jetzt war alles anders. Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm +Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert wäre wie eine weiße +Maus, wenn man dabei nicht vergnügt sein durfte! Er klaschte in die Hände +und rief jubelnd: »Frei, frei, frei!« Nicht die leiseste Sehnsucht, den +Fünfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner Seele. Wie gut war es +doch, glücklich zu sein. + +Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson zeitig am +nächsten Morgen die fünfzig Kronen zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, daß +der Krämer am nächsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den Schein suchen +und ihn finden könnte. Dann würde er wohl glauben, daß Peter Nord ihn +versteckt hatte, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er +versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er +konnte nicht einschlafen. Da stand er auf, schlich sich leise in den Laden +und tastete nach dem Fünfzigkronenschein. Dann schlummerte er süß ein mit +der Banknote unter dem Kopfkissen. + +Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein fiel ihm +blendend in die Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen und +eine grollende Stimme zankte und fluchte. + +Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson schon die Banknote in +der Hand und zeigte sie zwei Frauen, die in der Tür zum Verschlage standen. +»Seht ihr, daß ich recht hatte,« sagte Halfvorson, »seht ihr, daß es der +Mühe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen mitzunehmen. Seht ihr, daß +er ein Dieb ist!« + +»Nein, nein, nein,« schrie der arme Peter Nord. »Ich wollte nicht fehlen. +Ich habe den Schein ja _nur_ aufgehoben.« + +Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen standen mit dem Rücken zum +Verschlage, wie fest entschlossen, weder zu hören noch zu sehen. + +Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit einem Male +jämmerlich schwach und klein aus. Seine Tränen strömten. Er jammerte laut. + +»Onkel,« sagte Edith, »er heult.« + +»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson, »laß ihn nur heulen!« Und er trat näher +und sah den Knaben an. »Kann mir schon denken, daß du heulst, mein Lieber,« +sagte er. »Aber das verfängt bei mir nicht.« + +»Oh, oh!« rief Peter Nord, »ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein nur zum +Spaß versteckt -- um Sie zu ärgern. Ich wollte Sie wegen der Mäuse strafen. +Ich bin kein Dieb. Kann niemand mich hören? Ich bin kein Dieb.« + +»Onkel,« sagte Edith, »hast du ihn jetzt genug gequält, können wir +vielleicht gehen und uns niederlegen?« + +»Ich kann mir schon denken, daß sich das greulich anhört,« sagte +Halfvorson, »aber da läßt sich nichts machen.« Er war ganz munter, förmlich +ausgelassen. »Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,« sagte +er zu dem Knaben. »Immer hattest du irgend etwas wegzustecken, wenn ich in +den Laden kam. Aber jetzt bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen +dich, und jetzt hole ich die Polizei.« + +Der Junge stieß einen gellenden Schrei aus. »Kann mir denn niemand helfen, +kann mir denn niemand helfen?« rief er. Aber nun war Halfvorson schon +verschwunden, und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf ihn zu. + +»Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter Nord! Halfvorson holt +die Polizei und indessen kannst du dich davonmachen. Das Fräulein geht wohl +in die Küche und packt dir ein bißchen Proviant ein. Ich will unterdessen +deine Sachen zusammensuchen.« + +Das furchtbare Weinen hörte sogleich auf. Nach einem kleinen Weilchen war +der Junge fertig. Er küßte den beiden Frauen die Hand, demütig wie ein +geschlagner Hund. Und dann eilte er fort. + +Sie blieben in der Tür stehen und sahen ihm nach. Als er verschwunden war, +seufzten sie erleichtert auf. + +»Was wird Halfvorson jetzt sagen?« sagte Edith. + +»Er wird ganz froh sein,« antwortete die Haushälterin. »Er hat das Geld dem +Knaben absichtlich hingelegt, glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.« + +»Warum denn? Der Junge war doch der beste, den wir seit Jahr und Tag im +Laden gehabt haben.« + +»Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht zum Zeugen haben.« + +Edith stand stumm da und atmete heftig. »Wie gemein, wie gemein,« murmelte +sie. Sie ballte die Fäuste gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch +in der Tür, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie hatte +selber nicht übel Lust, von all dieser Niedrigkeit fort in die Welt zu +fliehen. + +Ganz rückwärts im Laden hörte sie ein Geräusch. Sie lauschte, trat näher, +ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne den Käfig mit +Peter Nords weißen Mäusen. + +Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und öffnete das Türchen. +Maus um Maus eilte heraus und verschwand hinter Kisten und Tonnen. + +»Möget ihr gedeihen und euch vermehren,« sagte Edith, »laßt mich sehen, daß +ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rächt.« + + +II + +Freundlich und zufrieden lag das kleine Städtchen unter seinem roten Berg +da. Es war so in Grün eingebettet, daß der Kirchturm noch gerade daraus +hervorragte. Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen die Anhöhen +hinan, und wenn sie nach dieser Richtung nicht weiter konnten, stürzten sie +sich mit Sträuchern und Bäumen quer über die Straße und breiteten sich +zwischen den zerstreuten Häusern und dem schmalen Erdstreif darunter aus, +bis der breite Fluß ihnen Halt gebot. + +In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein Mensch war zu sehen, nur +Bäume und Sträucher und hie und da ein Haus. Das einzige Geräusch, das man +hörte, war das Rollen der Kugel über die Kegelbahn, und das klang wie +ferner Donner an einem Sommertag. Es gehörte mit zu der Stille. + +Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des Marktes unter +genagelten Absätzen. Der Laut grober Stimmen schlug an die Wand des +Rathauses und der Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die +lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die Vormittagsruhe. + +Ach, die süße Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie erschraken sie! Man +konnte förmlich sehen, wie sie die Bergpfade hinaufflüchteten. + +Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, war Peter Nord, der +Junge aus Wermland, der vor sechs Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der +Stadt geflohen war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der großen +Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt lag. + +Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er +hatte den allervernünftigsten Freund und Begleiter gefunden. + +Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus dem Städtchen +fortlief, da sangen und klangen die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von +ihnen war hartnäckiger als alle andern. + +Es war die, die sie alle beim großen Rundtanz gesungen hatten: + + Nun ist es wieder Weihnachtsfest, + Ja, ja, Weihnachtsfest. + Und dann ist Ostern nicht mehr weit, + Doch leider, leider ists nicht so, + Nein, nein, ists nicht so, + Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit. + +Das hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. Und damit drang +die Weisheit, die in dem alten Reigen verborgen liegt, in den kleinen +genußsüchtigen Wermländerjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte sich +mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark ein. So ist es, so +ist es gemeint ... Zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen den Festen der +Geburt und des Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man +nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. Man darf ihm nie +glauben, wie es sich auch verstellen mag. Im nächsten Augenblick ist es +wieder grau und häßlich. Kann nichts dafür, das arme Ding, versteht es +nicht besser! + +Und Peter Nord war beinahe stolz, daß er dem Leben sein tiefstes Geheimnis +abgelauscht hatte. + +Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in Bettlergestalt, die +Aschenrute in der Hand, über die Erde schleichen zu sehen. Und er hörte, +wie sie ihn anknurrte: »Du wolltest das Fest der Freude und der fröhlichen +Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Darum soll +Schimpf und Schande dein Los sein, bis du dich besserst.« + +Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte ihn beschützt. Er +hatte nicht weiter als bis in die große Handelsstadt fliehen müssen, denn +er wurde gar nicht verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau +Fastenzeit ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in einer +Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde ernst und sparsam. Er hatte +schmucke Sonntagskleider, er erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich +Bücher aus und ging zu Vorträgen. Eigentlich war von dem kleinen Peter +Nord nichts mehr übrig als das flachsblonde Haar und die braunen Augen. + +Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Arbeit in der +Fabrik machte den Riß immer größer, so daß der närrische Wermländer dadurch +ganz herausschlüpfen konnte. Er schwätzte kein dummes Zeug mehr, denn in +der Fabrik war das Sprechen verboten, und dadurch gewöhnte er sich das +Schweigen an. Er machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst +Federn und Räder zu bedienen hatte, machten sie ihm keinen Spaß mehr. Er +verliebte sich nicht, denn die Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn +nicht mehr fesseln, seit er die Schönheiten des Städtchens kennen gelernt +hatte. Er hatte keine Mäuse, keine Eichhörnchen mehr und nichts, womit er +spielen konnte. Er hatte keine Zeit, er sah ein, daß derlei nur unnütz war, +und er dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit Gassenjungen +gebalgt hatte. + +Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders sein könnte als grau, grau, +grau. Peter Nord langweilte sich immer, aber er war selbst so sehr daran +gewöhnt, daß er es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst, +weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Einkehr von der +Nacht, da der Frohsinn ihn verließ und Frau Fastenzeit seine Begleiterin +und Freundin ward. + +Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten an einem Arbeitstag in +das Städtchen kommen, begleitet von drei Strolchen, die schmutzig und +versoffen aussahen? + +Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Und diesen +drei Strolchen hatte er immer zu helfen versucht, so gut er es konnte, +obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende Baracke +gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er hatte ihre Kleider gestopft +und geflickt. Diese Kerle hielten wie Brüder zusammen, hauptsächlich weil +sie alle drei Peter hießen. Dieser Name vereinte sie fester, als wenn sie +wirklich Geschwister gewesen wären. Und nun litten sie es um dieses Namens +willen, daß der Knabe ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am +Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen auf den +Holzstühlen einnahmen, warteten sie ihm, der dasaß und die grinsenden +Löcher ihrer Strümpfe stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lügen +auf. Das schien Peter Nord Vergnügen zu machen, obgleich er es nicht +zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt für ihn beinahe dasselbe, was +einstmals in der Welt die Mäuse gewesen waren. + +Nun geschah es, daß diesen Strolchen allerlei Klatsch aus der kleinen Stadt +zu Ohren kam. Und nun nach sechs Jahren brachten sie Peter Nord die +Nachricht, daß Halfvorson ihm die fünfzig Kronen absichtlich hingelegt +hatte, um ihn als Zeugen unmöglich zu machen. Und ihre Meinung war, daß +Peter in das Städtchen ziehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben +sollte. + +Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt +ausgerüstet. Er wollte sich durchaus nicht auf so etwas einlassen. + +Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel. Alle +Leute sagten zu Peter Nord: »Geh hin und prügle Halfvorson durch, dann +wirst du ins Loch gesteckt, und es gibt einen Prozeß und die Sache kommt in +die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen Lande blamiert.« + +Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht vergnüglich sein, aber +Rache ist ein teurer Spaß, und Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das +Leben gestattet solche Belustigungen nicht. + +Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller Frühe zu ihm gekommen und +hatten gesagt, jetzt wollten sie an seiner Statt gehen und Halfvorson +durchbläuen, denn »Recht müsse Recht bleiben«, sagten sie. + +Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie +auch nur einen Schritt nach dem Städtchen gingen. + +Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt war und der lange +Peter hieß, Peter Nord eine Rede. + +»Diese Erde,« sagte er, »ist ein Apfel, der an einem Faden über einem Feuer +hängt, um gebraten zu werden. Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter +Nord. Und der Apfel muß nahe am Feuer hängen, um süß und weich zu werden, +aber wenn der Faden reißt und der Apfel in das Feuer fällt, so ist er +verdorben. Darum ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. Weißt +du, was mit dem Faden gemeint ist?« + +»Ich denke, es muß ein Drahtseil sein,« sagte Peter Nord. + +»Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,« sagte der lange Peter mit +düsterm Ernst. »Wenn auf der Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt +alles in das Feuer. Darum darf sich der Rächer der Pflicht zu strafen nicht +entziehen, oder, wenn er nicht will, müssen andre gehen.« + +»Es ist das letzte Mal, daß ich euch einen Grog spendiert habe,« sagte +Peter Nord, gänzlich unberührt von der Rede. + +»Ja, da hilft nichts,« sagte der lange Peter, »Gerechtigkeit muß sein.« + +»Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern damit der ehrliche +Name Peter nicht in Verruf kommt,« sagte der eine, der Rollpeter hieß und +lang und mürrisch war. + +»So, so, ist der Name so hochgeachtet?« sagte Peter Nord wegwerfend. + +»Ja, und es ist eine kitzlige Sache, daß sie nun überall in den Gasthäusern +sagen, du hättest die fünfzig Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun +nicht haben willst, daß der Kaufmann bestraft wird.« + +Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und sagte, nun wolle er gehen +und den Kaufmann durchpeitschen. + +»Ja, und wir kommen mit und helfen dir,« sagten die Strolche. + +Und so zogen sie vier Mann hoch in das Städtchen. Anfangs war Peter Nord +mürrisch und grämlich und zorniger über seine Freunde, als über seinen +Feind. Doch als er zu der Flußbrücke kam und die Stadt sah, war er ganz +verwandelt. Es war, als wäre er dort einem kleinen weinenden Flüchtling +begegnet und in diesen hineingeschlüpft. Und je heimischer er in dem alten +Peter Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewußt, welches blutige Unrecht +der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht genug damit, daß er ihn hatte +verlocken und ins Unglück stürzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte +ihn aus dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag hätte Peter +Nord bleiben können. Ach, wie fröhlich hatte er es doch damals gehabt. Wie +lustig und vergnügt war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden +und wie schön war die Welt gewesen! Herrgott, wenn er doch nur hier hätte +weiterleben können! Und er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war -- +schweigsam und langweilig, ernst und arbeitsam --, ganz wie an einen +verlornen Menschen. + +Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, und statt wie +früher hinter den Kameraden einherzugehen, schoß er an ihnen vorbei. + +Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, um Halfvorson zu strafen, +sondern um überhaupt ihrer Wut Luft zu machen, wußten kaum, was sie +beginnen sollten. Hier war für einen gereizten Mann nichts zu tun. Es gab +keinen Hund, den man hetzen, keinen Straßenkehrer, mit dem man Krakeel +anfangen, keinen feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern +konnte. + +Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade so weit, daß der +Frühling eben in den Sommer überging. Es war die weiße Zeit der +Kirschblüten, wo Fliedertrauben hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und +die Apfelblüten duften. Diese Männer, die unmittelbar von der Straße und +vom Hafen in das Reich der Blumen gekommen waren, fühlten sich wunderlich +davon berührt. Drei Paar Fäuste, die bisher entschlossen geballt waren, +lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten weniger hart gegen das +Pflaster. + +Vom Markte aus sahen sie einen Fußpfad, der sich die Hügel +hinanschlängelte. Ihm entlang wuchsen junge Kirschbäume, die mit ihren +weißen Kronen Bogen und Wölbungen bildeten. Die Wölbungen waren schwebend +leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein und kindlich. + +Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Männer auf sich. Was war dies doch +für ein unpraktisches Nest, wo man Kirschbäume dahin pflanzte, wo jedweder +die Kirschen nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher als +einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit und Tyrannei. +Jetzt begannen sie sie auszulachen und ein wenig zu verachten. + +Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht loderte immer wilder +auf, denn er fühlte es, dies war die Stadt, wo er hätte wohnen und wirken +sollen. Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den andern zu +fragen, ging er rasch die Straße hinauf. + +Sie folgten nach, und als sie merkten, daß es hier nur eine Straße gab, und +als sie dieser entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich +ihre Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht zum erstenmal in +ihrem Leben, daß sie Blumen Aufmerksamkeit schenkten, aber hier konnten sie +nicht anders, denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mützen vom Kopf, +und die Blätter der Kirschblüten regneten auf sie herab. + +»Was glaubt ihr, was mögen wohl in dieser Stadt für Leute wohnen?« fragte +der lange Peter nachdenklich. + +»Bienen,« antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der seinen Namen daher +hatte, daß er einmal mit einem Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt +hatte. + +Natürlich bekamen sie allmählich einige Menschen zu Gesicht. An den +Fenstern, hinter blanken Scheiben und weißen Gardinen, zeigten sich ein +paar schöne junge Gesichter, und sie sahen Kinder auf den Terrassen +spielen. Aber kein Lärm störte die Stille. Es kam ihnen vor, als könnte +selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts diese Stadt nicht wecken. Was +sollten sie hier anfangen! + +Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da stellten sie mit rauher +Stimme mehrere Fragen an den Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre +Spritze in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel der Kirchenglocke +stände für den Fall, daß es zum Sturmläuten kommen sollte. + +Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und warfen die Flaschen fort. +Eins, zwei, drei, alle Flaschen an denselben Eckstein, ein Krachen und +Klirren, und alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen förmlich +wohl, wieder ein bißchen Lärm zu machen. + +Da hörten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, Stimmen, harte, +deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dazu ein Klirren wie von +Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurück. Das klang wie +eine ganze Kompanie. + +Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen Mädchen. Die Dienstmägde der +Stadt zogen in gesammeltem Trupp auf die Stadtweiden, um die Kühe zu +melken. + +Das machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger, den stärksten +Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern. Das war beinahe rührend! + +Urplötzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen: »Buh!« + +Die ganze Mädchenschar zerstob augenblicklich. Die Mägde kreischten und +liefen davon. Die Röcke flatterten, die Kopftücher lösten sich, die +Milchkübel rasselten auf die Straße. + +Und zugleich vernahm man die ganze Straße entlang dumpfe Laute von Toren +und Türen, die zugeworfen wurden, von Klinken und Riegeln und Schlössern. + +Ein Stück weiter unten auf der Straße stand eine große Linde. Und darunter +saß eine alte Frau an einem Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie rührte +sich nicht, sie sah sich nicht um, sie saß ganz mäuschenstill. Schlafen tat +sie auch nicht. + +»Die ist aus Holz,« sagte der Holzschuhpeter. + +»Nein, aus Ton,« meinte der Rollpeter. + +Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der Alten kamen sie ins +Schwanken. Sie gingen gegen sie los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die +Alte fing zu zanken an. + +»Weder Holz noch Ton,« sagten sie, »lauter Gift und Galle.« + +Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie gekümmert, aber jetzt +waren sie endlich bei Halfvorsons Haus angelangt und da erwartete er sie. + +»Es läßt sich wohl nicht in Abrede stellen, daß das meine Angelegenheit +ist,« sagte er stolz, und wies auf den Laden. »Ich will allein hineingehen +und die Sache abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so könnt ihr euer Glück +versuchen.« + +Sie nickten. »Geh du nur, Peter Nord! Wir warten hier draußen.« + +Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen Mann allein und +fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich den Bescheid, daß dieser verreist +war. Da fing er ein Gespräch mit dem Ladendiener an und erfuhr so +mancherlei über seinen Herrn. + +Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar nicht angeklagt worden. Wie +er sich gegen Peter Nord benommen hatte, das wußte die ganze Stadt. Aber +niemand sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson hatte es weit +gebracht, und jetzt war er nicht mehr so bösartig. Er war nicht mehr +unbarmherzig gegen seine Schuldner und hatte aufgehört, dem Ladenjungen +aufzulauern. In den allerletzten Jahren hatte er sich auf die Gärtnerei +geworfen. Er hatte rings um das Haus in der Stadt einen Blumengarten +angelegt und einen Küchengarten draußen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete +er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum mehr daran dachte, Geld zu +sammeln. + +Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natürlich war der Mann gut. Er +hatte im Paradies bleiben dürfen. Natürlich wurde man gut, wenn man hier +wohnte. + +Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war jetzt krank. Seit sie +im Winter die Lungenentzündung gehabt hatte, war ihre Brust schwach. + +Während Peter Nord sich dies und noch mehr erzählen ließ, standen die drei +Männer draußen und warteten. + +In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine Birkenlaube errichtet, +damit Edith sich dort an den schönen, warmen Frühlingstagen aufhalten +konnte. Sie kam nur langsam wieder zu Kräften, aber für ihr Leben bestand +keine Gefahr mehr. + +Bei einigen ist es so, daß man glauben muß, sie wollen nicht leben. Bei der +ersten Krankheit, die sie befällt, legen sie sich hin, um zu sterben. +Halfvorsons Nichte war schon längst aller Dinge müde, des Kontors, des +kleinen trüben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie siebzehn Jahre alt war, +reizte es sie, sich einen vornehmen Verkehr und einen guten Freundeskreis +zu erkämpfen. Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg der +Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie sah keine +Möglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens herauszukommen. Sie +wollte gerne sterben. + +Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. Nichts als Nerven +und Lebendigkeit, wenn etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich +doch mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem Trotz +gemüht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht hatte, einzusehen, daß weitre +Peter Nord-Geschichten nicht mehr vorkommen dürften! Aber jetzt war er zahm +und gebändigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. Ja, und nun +sollte sie doch nicht sterben! Sie lag da und dachte nach, was sie anfangen +sollte, wenn sie gesund wurde. + +Plötzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut gesagt, er wolle allein +zu Halfvorson gehen und seine Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann +antwortete ein andrer: »Geh du nur, Peter Nord!« + +Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglückseligste Name auf der +Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen aller der alten Abscheulichkeiten. +Edith richtete sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche +Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und starrten sie an. +Nur ein niedriges Staket und eine dünne Hecke lag zwischen ihr und der +Straße. + +Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson +arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen +aufgetragen hatte, zu sagen, daß er verreist sei, denn er schämte sich +seiner Gärtnermarotte. Edith fürchtete sich schrecklich vor den drei +Männern sowie vor dem, der in den Laden gegangen war. Sie war überzeugt, +daß sie ihr etwas zuleide tun wollten, und darum begann sie über die +schlüpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen Holzstufen, die von +Terrasse zu Terrasse führten, den Berg hinaufzulaufen. + +Den fremden Männern war es ein Hauptspaß, daß sie vor ihnen davonlief. Sie +konnten es sich nicht versagen, sich so zu stellen, als wenn sie sie +einholen wollten. Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle drei +brüllten mit furchtbarer Stimme. + +Edith lief, so wie man im Traume läuft, keuchend, strauchelnd, in +Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, nicht von der Stelle zu +kommen. Alle erdenklichen Gefühle stürmten auf sie ein und erschütterten +sie so sehr, daß sie glaubte sterben zu müssen. Ja, wenn einer dieser Kerle +sie nur mit der Hand berührte, wußte sie, daß sie sterben mußte. Als sie +die oberste Terrasse erreicht hatte und es wagte, sich umzusehen, merkte +sie, daß die Männer unten auf der Straße standen und gar nicht mehr nach +ihr hinsahen. Da ließ sie sich ganz ohnmächtig zu Boden sinken. Aber die +Anstrengung war zu groß gewesen, sie hatte sie nicht ertragen können. Sie +fühlte, wie etwas in ihr riß. Gleich darauf strömte Blut über ihre Lippen. + +Die Mägde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. Für diesmal wurde sie +ins Leben zurückgerufen. Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, daß sie +lange am Leben bleiben würde. + +Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um zu erzählen, in welcher +Weise sie erschreckt worden war. Hätte sie es getan, wer weiß, ob die +fremden Männer lebendig aus der Stadt gekommen wären. Es erging ihnen +ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord wieder zu ihnen +herausgekommen war und erzählt hatte, daß Halfvorson nicht daheim sei, +gingen sie alle vier im besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten +sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der Kaufmann zurückkehrte, +verschlafen konnten. + +Aber als am Nachmittag alle Männer der Stadt, die draußen auf dem Felde +gearbeitet hatten, wieder heimkamen, erzählten ihnen die Frauen von dem +Besuch der Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, wo sie Bier +gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen +vergrößerten und übertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen +Nachmittag daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. Die Männer +glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstörer zu +greifen, wählten einen beherzten Mann zum Anführer, nahmen tüchtige Knüttel +mit und zogen von dannen. + +Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor die Haustüren und machten +einander bange. Die Stimmung war zugleich unheimlich und erwartungsvoll. + +Es dauerte nicht lange, so kamen die Jäger mit ihrer Beute zurück. Sie +hatten alle vier. Sie hatten sie im Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das +Kunststück hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert. + +Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurück, indem sie sie wie Vieh vor +sich hertrieben. Der Taumel des Rachedurstes hatte sich der Sieger +bemächtigt. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen die +Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf, +und dann hagelten die Schläge auf ihn nieder, bis er sich erhob und +weiterging. Die vier Männer waren dem Tode nahe. + +Es ist so schön in den alten Liedern. Da muß zuweilen der gefangne Held in +Fesseln im Triumphzug des siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch +im Unglück noch stolz und schön, und die Blicke suchen ihn ebenso wie den +Glücklichen, der ihn besiegt hat. Die Kränze und die Tränen der Schönheit +gehören dem noch im Unglück Beneidenswerten. + +Aber wer wollte wohl für den armen Peter Nord schwärmen? Sein Rock war +zerrissen und sein flachsblondes Haar klebrig von Blut. Er bekam die +meisten Schläge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz schrecklich +sah er aus, wie er da einherging. Er brüllte, ohne es zu wissen. Jungens +hängten sich an ihn fest, und er schleppte sie lange Strecken weit mit. +Einmal blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die Straße. +Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, bekam er mit einem Knüttel +einen Schlag auf den Kopf und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Höhe, +halb betäubt, und schwankte weiter, während Peitschenhiebe auf ihn +herabhagelten und die Jungen sich ihm wie Blutegel an Arme und Beine +hängten. + +So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner Whistpartie im +Wirtshausgarten kam. »So, so,« sagte er zum Vortrab, »ihr wollt die in den +Kotter bringen?« + +Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete ihn. Augenblicklich +sah alles anständig aus. Gefangne und Gefangnenwächter marschierten in +Frieden und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, einige +stießen mit den Knütteln auf das Pflaster, andre schulterten sie wie +Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen der Stadt der Polizei in Gewahrsam +gegeben und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz geführt. + +Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem Markte stehen und sprachen +von ihrem Mute und von der großen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube, +wo der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige Männer ihren +Mitternachtstoddy brauen, da taucht die Heldentat vergrößert wieder auf. Da +wachsen die in den Schaukelstühlen, da blähen sich die in den Sofaecken, da +sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert doch in der kleinen Stadt +der großen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut! + +Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht gefallen. Er konnte +sich nicht recht damit befreunden, daß das Wikingerblut wieder in Wallung +geraten war. Und dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen, er ging wieder +auf die Straße und schlenderte gemächlich dem Marktplatze zu. + +Das kleine Städtchen lag in dem sanften Licht der Frühlingsnacht da. Der +einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. Über die Kegelbahn rollten keine +Kugeln mehr. Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als wenn die +Häuser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht aufsteigenden Berge +standen schwarz, wie in tiefer Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer +wachte jemand -- der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich über die +Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die Straße hinauf und hinab, +kletterte zu jedem Fenster empor, das angelehnt stand, zu jeder Dachluke, +die frische Luft einließ. + +Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich seine ganze kleine Stadt +vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er +sah sie als die Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern Garten +an Garten. Er sah die Kirschbäume, die weiße Bogen über den steilen Waldweg +spannten, die Fliederbüsche, die Knospen, die zu prächtigen Rosen +schwollen, die stolzen Päonien, und die Haufen von Blütenblättern auf dem +Boden unter den Faulbäumen. + +Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. Er war so weise und so +alt. Das siebzigste Jahr hatte er erreicht, und fünfzig Jahre hatte er die +Geschicke der Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob er +recht getan habe, wenn er immer gedämpft und beschwichtigt hatte. »Ich +hatte die Stadt in meiner Hand,« dachte er, »aber ich habe sie nicht zu +etwas Großem gemacht.« Und er gedachte ihrer großen Vergangenheit und +zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe. + +Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht sich über den Fluß +eröffnet. Ein Boot kam herangerudert. Ein paar Städter kehrten von einer +Ausfahrt zurück. Lichtgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie steuerten +unter die Brückenwölbung, aber da war die Strömung so stark, daß sie sie +zurücktrieb. Es gab einen heftigen Kampf. Ihre schlanken Körper bogen sich +nach rückwärts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande lagen. Weiche +Armmuskeln spannten sich. Die Ruder krümmten sich wie Bogen. Lachen und +Rufe erfüllten die Luft. Einmal ums andre siegte die Strömung. Schmählich +wurde das Boot zurückgetrieben. Und als die Mädchen schließlich am Marktkai +landen und es den Männern überlassen mußten, das Boot heimzubringen, wie +waren sie rot und ärgerlich und wie lachten sie! Und wie klang ihr Lachen +die Straße hinab! Wie belebten ihre breitrandigen, lichten Hüte, ihre +leichten, flatternden Sommerkleider die stille Nacht. + +Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, denn im Dunkel konnte er +sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, jungen Gesichtchen, ihre schönen, +klaren Augen und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in die +Höhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen Glanz. Andre Gemeinwesen +konnten sich andrer Dinge rühmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an +dem augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war. + +Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein Wirken. Nein, er brauchte +nicht für die Zukunft der Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich +nicht durch strenge Gesetze zu schützen. + +Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er ging und weckte den +Polizeimeister und sprach mit ihm. Und dieser dachte wie er. Sie gingen +selbander zum Gefängnis und öffneten Peter Nord und seinen Kameraden die +Tür. + +Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt ist wie die Venus +von Milo. Sie hat lockenden Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme. + + +III + +Es ist, als müßte ich die Wirklichkeit verlassen und in die Welt des +Märchens und der Unwahrscheinlichkeit fliehen, um zu erzählen, was sich +jetzt begab. Wäre der junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit +einer goldnen Krone unter dem Hut, dann würde alles ganz einfach und +natürlich erscheinen. Aber jetzt will mir wohl niemand glauben, wenn ich +sage, daß auch Peter Nord einen Königsreif um sein flachsblondes Haar trug. +Niemand kann ja wissen, wie viel merkwürdige Dinge sich in dem kleinen +Städtchen zutragen. Niemand kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen +da herumgehen und auf den Hirtenknaben des Märchens warten. + +Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen Abenteuern kommen. Denn +als Peter Nord von dem alten Ratsherrn befreit worden war und zum +zweitenmal mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen mußte, da kamen +ihm dieselben Gedanken, wie als er das erstemal entfloh. Da klangen ihm +plötzlich wieder Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter ihnen +erklang der alte Reigen: + + Nun ist es wieder Weihnachtsfest, + Ja, ja, Weihnachtsfest. + Und dann ist Ostern nicht mehr weit, + Doch leider, leider ists nicht so, + Nein, nein, ists nicht so, + Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit. + +Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit mit ihrem +Rutenbündel im Arm über die Erde schlich. Und sie rief ihm zu: +»Verschwender! Verschwender! Du wolltest das Fest der Rache und der +Genugtuung in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man sich +hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?« + +Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und war ein stiller, sparsamer +Arbeiter geworden. Wieder stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit. +Niemand hätte glauben können, daß er es war, der vor Zorn gebrüllt und die +kleinen Kinder auf die Straße geschleudert hatte, so wie der verfolgte Elch +die Hunde abschüttelt. + +Doch einige Wochen später kam Halfvorson zu ihm in die Fabrik. Er suchte +ihn auf den Wunsch seiner Nichte auf. Sie wollte, wenn möglich, noch an +demselben Tag mit ihm sprechen. + +Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er Halfvorson erblickte. Es +war, als hätte er eine schlüpfrige Schlange gesehen. Er wußte nicht, was er +lieber wollte, -- ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber plötzlich +bemerkte er, daß Halfvorson sehr bekümmert aussah. + +Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat, wenn man im starken Winde +geht. Die Gesichtsmuskeln waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die +Augen rot und voll Tränen. Er kämpfte sichtlich mit irgendeinem Leid. Das +einzige, was unverändert war, das war die Stimme. Sie war ebenso +unmenschlich ausdruckslos. + +»Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu fürchten, und auch der +neuen wegen nicht,« sagte Halfvorson. »Es ist wohl bekannt geworden, daß +Sie mit jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so viel Aufstand +machten. Und da wir annahmen, daß sie von hier seien, konnte ich Sie +ausfindig machen. Edith wird bald sterben,« fuhr er fort, und sein Gesicht +zuckte krampfhaft. »Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt. Aber wir +führen nichts Böses gegen Sie im Schilde.« + +»Gewiß komme ich,« sagte Peter Nord. + +Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter Nord saß da, fein geputzt +in seinem Sonntagsstaat. Und unter dem Hut spielten und gaukelten alle +seine Knabenträume, einen richtigen Königsreif schlossen sie um sein +blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm förmlich die Besinnung. Hatte er +nicht immer gedacht, daß feine Damen ihn lieben würden? Und nun war da +eine, die ihn sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles +Wunderbaren! -- Nun saß er da und dachte an sie, wie sie einst gewesen war. +Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt sollte sie sterben. Sie tat ihm so +innig leid. Aber daß sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme, +süße Wehmut kam über ihn. + +Nun war er wieder ganz heraus, der alte, närrische Peter Nord. Sobald er +sich dem Städtchen näherte, verließ ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und +Verachtung. + +Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der heftige Sturm, den er +allein bemerkte, trieb ihn auf dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter +vorbeikam, brummte er ein paar Worte, so daß dieser erfuhr, welche Pfade +seine betrübten Gedanken wandelten. »Sie fanden sie auf dem Boden, halbtot +-- und rings um sie lauter Blut,« sagte er einmal. Und ein andermal: »War +sie nicht gut? War sie nicht schön? Wie konnte es ihr so schlecht ergehen?« +Und ein andermal: »Sie hat mich auch gut gemacht. Konnte es nicht mit +ansehen, daß sie den ganzen langen Tag betrübt dasaß und mit ihren Tränen +das Kassabuch ruinierte.« -- Dann kam dies: »Ein schlaues Ding übrigens. +Schmeichelte sich bei mir ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte +mir Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich, aber konnte nicht +widerstehen.« Er wanderte bis zum Vorderdeck. Als er zurückkam, sagte er: +»Ich kann es nicht ertragen, daß sie sterben soll.« + +Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme, die er weder dämpfen +noch modulieren konnte. Peter Nord hatte die stolze Empfindung, daß ein +solcher Mann wie er, der einen Königsreif um die Stirn trug, gar nicht das +Recht hatte, Halfvorson zu zürnen. Dieser war ja durch sein Gebrechen von +den Menschen getrennt und konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mußte er +sie alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit demselben Maßstab +zu messen wie andre Menschen. + +Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Träume. Sie hatte sich also +seiner alle diese Jahre erinnert, und jetzt konnte sie nicht sterben, ohne +ihn gesehen zu haben. Ach, man denke, daß ein junges Mädchen alle die Jahre +herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und vermißt hatte. + +Sobald er ans Land gekommen war und das Haus des Kaufmanns erreicht hatte, +wurde er zu Edith geführt, die ihn draußen in der Laube erwartete. + +Der glückliche Peter Nord wurde nicht aus seinen Träumen gerissen, als er +sie erblickte. Sie war ein liebliches Traumwesen, dieses Mädchen, das um +die Wette mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte. Ihre +großen Augen waren dunkler und klarer geworden. Ihre Hände waren so dünn +und durchsichtig, daß man fürchtete, diese vergeistigte Materie zu +berühren. + +Und sie liebte ihn. Natürlich mußte er sie sogleich wiederlieben, heiß, +innig, glühend. Als sie sah, wie er dastand und sie anstarrte, begann sie +zu lächeln, mit dem verzweifeltesten Lächeln der Welt, diesem Lächeln der +Kranken, das sagt: »Sieh, so bin ich geworden. Zähle nicht auf mich. Ich +kann nicht mehr schön und reizend sein. Ich muß bald sterben.« + +Das rief ihn zur Wirklichkeit zurück. Er sah, daß er es nicht mit einem +Traumbilde zu tun hatte, sondern mit einer Seele, die im Entfliehen war und +darum die Wände ihres Kerkers so dünn und durchsichtig gemacht hatte. Nun +war es so deutlich in seinem Gesicht und in der Art, wie er Ediths Hand +faßte, zu sehen, wie er mit einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre +über dem Schmerze, daß sie sterben mußte, vergaß, daß die Kranke dasselbe +Mitleid mit sich selbst fühlte und Tränen in ihre Augen traten. + +O, welches Mitgefühl hatte er vom ersten Augenblick an für sie. Er begriff +gleich, daß sie ihre Bewegung nicht zeigen wollte. Natürlich war es +ergreifend für sie, ihn, den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen. +Aber nur ihre Schwäche war daran schuld, daß sie sich jetzt verriet. Sie +wollte natürlich nicht, daß er es bemerkte. Und darum brachte er ein +unverfängliches Gesprächsthema aufs Tapet. + +»Wissen Sie, wie es meinen weißen Mäusen ergangen ist?« fragte er. + +Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte er ihr den Weg ebnen. +»Ich habe sie in den Laden gelassen,« sagte sie, »sie haben sich gut +gehalten.« + +»Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen da?« + +»Halfvorson sagt, daß er Peter Nords Mäuse niemals loswerden kann. Sie +haben Sie gerächt, verstehen Sie?« sagte sie bedeutungsvoll. + +»Es war eine ausgezeichnete Rasse,« antwortete Peter Nord stolz. + +Das Gespräch stockte einen Augenblick. Edith schloß die Augen, wie um zu +ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. Seine letzte Antwort verstand sie +nicht. Er hatte gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert. Als +er angefangen hatte, von den Mäusen zu sprechen, hatte sie geglaubt, er +verstünde, was sie damit sagen wolle. + +Sie wußte ja, daß er vor ein paar Wochen hergekommen war, um sich zu +rächen. Der arme Peter Nord! Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl +ergehen mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten Jungen in +ihren Träumen ertönt. Zum Teil um seinetwillen, um nie mehr eine solche +Nacht zu erleben, hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das +Haus zu einem Heim für ihn gemacht, hatte den Einsamen es schätzen gelehrt, +einen teilnehmenden Freund in seiner Nähe zu haben. Jetzt war ihr Schicksal +wieder mit Peter Nord verknüpft. Sein Rachezug hatte sie zu Tode +erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall ein wenig erholt hatte, +hatte sie Halfvorson gebeten, ihn auszukundschaften. + +Und nun saß Peter Nord da und glaubte, daß sie ihn aus Liebe gerufen habe. +Er konnte ja nicht wissen, daß sie ihn für rachsüchtig, roh und verkommen +hielt, für einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden im +Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte nicht ahnen, daß sie +ihn herbeschieden hatte, um ihm Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn +nichts andres half, ihm zu sagen: »Sieh mich an, Peter Nord! Dein +Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines Todes. Denke daran und +beginne ein andres Leben.« + +Er war voll Lebenslust und Träumerei gekommen, um das Fest der Liebe zu +feiern, und sie lag da und dachte daran, ihn in die schwarzen Tiefen der +Reue zu versenken. + +Aber es mußte ihr wohl etwas von dem Glanz des Königsreifens +entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen, so daß sie beschloß, ihn +zuerst ins Verhör zu nehmen. + +»Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen drei furchtbaren Kerlen +da?« + +Er errötete und sah zu Boden. Dann mußte er ihr die ganze Geschichte von +dem Rachezug mit all seiner Schmach erzählen. Fürs erste, wie unmännlich +lange er gezögert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie er nur +gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt selbst zu schlagen, +geprügelt und gepeitscht worden war. Er wagte nicht aufzusehen, während er +sprach; er wagte nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit +Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasaß, fühlte er, daß er sich all des +Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn in ihren Träumen umgeben haben mußte. + +»Aber Peter Nord, wie wäre es denn gegangen, wenn Sie Halfvorson +angetroffen hätten?« fragte Edith, als er zu Ende gesprochen hatte. + +Er ließ den Kopf immer tiefer hängen. »Ich sah ihn ja ohnehin,« sagte er. +»Er war gar nicht verreist. Er arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor. +Der Junge im Laden hatte mir alles erzählt.« + +»Nun, warum haben Sie sich dann nicht gerächt?« fragte Edith. + +Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er fühlte, daß ihre Blicke sich +forschend auf ihn hefteten, und er begann gehorsam: »Als die Männer sich +auf einem Abhang schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson +auf, denn ich wollte ihn allein für mich haben. Er ging da herum und +richtete Stäbchen in einem Erbsenbeet auf. Es mußte am Tage vorher einen +Platzregen gegeben haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige +Blätter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah aus wie ein +Krankenhaus. Und Halfvorson war der Doktor. Er richtete sie so zart in die +Höhe, streifte die Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die Stäbchen +umfassen. Ich stand da und sah zu. Er hörte mich ja nicht und er hatte +keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte zornig zu bleiben, aber was sollte +ich tun? Ich konnte doch nicht auf ihn losstürzen, solange er mit den +Erbsen beschäftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch, dachte ich. + +Aber plötzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn und stürzte zum +Treibbeete. Da hob er die Glasfenster ab und guckte hinein, und ich guckte +auch, denn er sah aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung wäre. Ja +freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen, die Pflanzen vor der +Sonne zu schützen und es war wohl unter den Glasfenstern furchtbar heiß +gewesen. Die Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; einige +Blätter waren versengt und andre hingen schlaff herab. Ich war auch ganz +erschrocken, so daß ich alle Vorsicht vergaß, und da erblickte Halfvorson +meinen Schatten. >Du hör' einmal, nimm die Gießkanne, die beim Spargelbeet +steht, laufe zum Fluß herunter und hole Wasser,< sagte er, ohne aufzusehen; +er glaubte wohl, es sei der Gärtnerjunge. Und so lief ich.« + +»Taten Sie das, Peter Nord?« + +»Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter unsrer Feindschaft zu +leiden. Es kam mir wohl auch vor, daß das charakterlos sei, aber ich konnte +nicht anders. Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen könnten. Als ich +zurückkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte noch ebenso +verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm die Kanne in die Hand, und er begann +zu gießen. Ja, man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat. Es +war mir fast, als richteten sie sich in die Höhe, und ihm schien es wohl +auch so, denn er fing zu lachen an. Da lief ich fort.« + +»Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?« Edith hatte sich in ihrem +Ruhesessel aufgerichtet. + +»Ich konnte ihn nicht schlagen,« sagte Peter Nord. + +Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um den Kopf des armen Peter +Nord. So, sie brauchte ihn also nicht mit der schweren Last der Sünde um +den Hals in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann war er also! +Ein so weichherziger und feinfühliger Mann! Sie sank zurück, schloß die +Augen wieder und dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es +wunderte sie selbst, welch große Erleichterung es ihr gewährte, ihn nicht +betrüben zu müssen. + +»Ich bin so froh, daß Sie sich die Rachegedanken aus dem Kopfe geschlagen +haben, Peter Nord,« begann sie freundlich. »Gerade darum wollte ich Sie +bitten. Jetzt kann ich ruhig sterben.« + +Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. Sie sah nicht aus, als +hätte sie sich in ihm getäuscht. Sie mußte ihn doch sehr lieb haben, wenn +sie alle diese Feigheit entschuldigen konnte. -- Denn wenn sie sagte, daß +sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen Racheplänen +abzustehen, geschah dies wohl nur aus Schüchternheit, um ihm nicht den +wirklichen Grund des Rufes gestehen zu müssen. Darin hatte sie ganz recht. +Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen. + +»Wie können sie Sie sterben lassen?« rief er aus. »Halfvorson und alle die +andern, wie können sie es? Wenn ich hier wäre, ich wollte es Ihnen +verwehren, zu sterben. Ich würde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich würde +alle Ihre Leiden auf mich nehmen.« + +»Ich habe keine großen Schmerzen,« sagte sie, über diese kühnen +Versprechungen lächelnd. + +»Ich stelle mir vor, daß ich Sie forttragen möchte wie ein erfrorenes +Vögelchen, Sie unter die Weste stecken wie ein Eichhörnchen. O Gott, wie +schön wäre es doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches daheim auf +einen wartete. Aber wenn Sie gesund wären, so würden wohl viele ...« + +Sie sah ihn mit müdem Staunen an, bereit, ihn in seine Schranken zu weisen. +Aber sie mußte wohl wieder etwas von dem Zauberkranze der Träume um das +Haupt des Knaben gesehen haben, denn sie übte Nachsicht gegen ihn. Er +meinte wohl nichts damit. Er mußte wohl so sprechen wie er sprach. Er war +ja nicht wie andre. + +»Ach,« sagte sie gleichgültig. »Nicht so viele, Peter Nord. Wohl kaum +einer, der es ernst meinte.« + +Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten ein. In ihr erwachte +plötzlich der Heißhunger der Kranken nach Mitleid. Sie wollte das +Mitgefühl, die Zärtlichkeit haben, die der arme Arbeiter ihr schenken +konnte, es war ihr ein Bedürfnis, lange in der Nähe dieser tiefen, +uneigennützigen Teilnahme zu weilen. Die Kranken können ja an derlei nie +genug haben. Sie wollte sie in seinen Blicken und in seinem ganzen Wesen +lesen. Worte waren ihr gleichgültig. + +»Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,« sagte sie. »Bleiben Sie noch ein +Weilchen sitzen und erzählen Sie, wie es Ihnen in diesen sechs Jahren +ergangen ist.« + +Während er sprach, lag sie da und schlürfte dieses Unsagbare ein, was von +ihm zu ihr strömte. Sie hörte und hörte nicht. Aber durch irgendeine +wunderbare Sympathie fühlte sie sich gestärkt und belebt. + +Übrigens machten ihr auch seine Erzählungen Eindruck. Sie führten sie in +die Arbeiterviertel, in eine neue Welt voll gärender Hoffnungen und Kräfte. +Wie man dort glaubte und sich sehnte! Wie man haßte und litt! + +»Wie glücklich sind doch die Unterdrückten,« sagte sie. + +In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den Sinn, daß dies etwas für +sie sein könnte, die immer Druck und Zwang brauchte, um das Leben +lebenswert zu finden. + +»Wenn ich gesund wäre,« sagte sie, »wäre ich vielleicht mit dahin gegangen. +Es wäre schön gewesen, sich zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die +Höhe zu arbeiten.« + +Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Geständnis, auf das er die +ganze Zeit gewartet hatte. »Ach, können Sie nicht leben!« bat er, und er +strahlte vor Glück. + +Sie wurde aufmerksam. »Das ist ja Liebe,« sagte sie zu sich selbst. »Und +jetzt glaubt er, daß ich auch verliebt bin. Solch ein närrischer Kauz, +dieser Wermlandjunge!« + +Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen, aber etwas lag über +Peter Nord an diesem siegreichen Tage, das sie zurückhielt. Sie brachte es +nicht übers Herz, seine frohe Stimmung zu zerstören. Sie fühlte Mitleid mit +seiner Torheit und ließ ihn weiter darin leben. »Es macht ja nichts, da ich +ja doch bald sterben muß,« sagte sie zu sich selbst. + +Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er fragte, ob er +wiederkommen dürfe, verbot sie es ihm ganz. »Aber,« sagte sie, »vergessen +Sie den Kirchhof hier oben auf dem Hügel nicht, Peter Nord. Dorthin können +Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode für diesen Tag danken.« + +Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er Halfvorson. Dieser ging +verzweifelt auf und ab und fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, daß +Edith dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufbürdete. Um ihn überwältigt +von Gewissensbissen zu sehen, einzig und allein darum hatte er ihn geholt. +Doch als er den jungen Arbeiter traf, sah er, daß Edith ihm nicht alles +gesagt haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien er +schwindelnd glückselig. + +»Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben muß?« fragte Halfvorson. + +»Nein,« antwortete Peter Nord. + +Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie um ihn nicht entkommen +zu lassen. + +»Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche wegen. Sie war wohl +vorher ein bißchen krank, aber das hatte nichts zu bedeuten. Niemand +glaubte, daß sie sterben würde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei +unglückseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, während Sie in +meinem Laden waren. Sie verfolgten sie, und sie lief vor ihnen fort, lief +so, daß sie einen Blutsturz bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie +wollten sich an mir rächen, dadurch, daß Sie sie töteten. Wollten mich +einsam und unglücklich sehen, ohne einen einzigen Menschen um mich, der mir +gut ist. Alle meine Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.« + +Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit Vorwürfen überschütten, +ihn mit Flüchen morden; aber dieser riß sich los und lief davon, als ob ein +Erdbeben die ganze Stadt erschüttere und alle Häuser im Begriffe wären +einzustürzen. + + +IV + +Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht, aber wenn man auf +steilen Steinstufen und nadelbedeckten, glatten Pfaden hinaufgeklettert +ist, so findet man, daß der Berg sich zu einem großen welligen Plateau +ausbreitet. Und dort oben findet man einen Märchenwald. + +Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald ohne Nadeln, ein Wald, +der im Frühling stirbt und im Herbst grünt, ein lebloser Wald, der in +Lebensfreude aufflackert, wenn andre Bäume das grüne Kleid des Lebens +ablegen, ein Wald, der wächst, ohne daß jemand wissen kann wie, der grün im +Frost und braun im Tau dasteht. + +Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten sind gezwungen worden, +in den Rissen zwischen Felsblöcken Wurzel zu schlagen. Ihre zähen Wurzeln +haben sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt. Eine +Zeitlang ging es gut, die jungen Bäume schossen in die Höhe, und die +Wurzeln bohrten sich frohgemut in den grauen Stein. Aber endlich konnten +sie nicht weiterkommen, und da bemächtigte sich des Waldes eine nur +schlecht verhehlte üble Laune. Er wollte hoch hinaus, aber auch in die +Tiefe. Da ihm der Weg nach unten versperrt war, schien ihn das Leben nicht +mehr zu freuen. Jeden Frühling war er bereit, mißmutig die Lebensbürde +abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben sollte, stand der junge Wald +ganz braun da. Hoch über der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm +einen düstern Rand sterbender Bäume. + +Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles Düsterkeit und Todeskampf. +Wenn man so unter den braunen Bäumen einhergeht und sich so bedrückt fühlt, +daß man am liebsten sterben wollte, sieht man grüne Bäume schimmern, +Blumenduft schlägt einem entgegen; Vogelgesang jubelt und lockt. Da denkt +man an das Schloß im schlummernden Wald, an das Paradies des Märchens, das +von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und wenn man dann zu dem +Grün, dem Blumenduft, dem Vogelgezwitscher kommt, sieht man, daß man sich +auf dem versteckten Kirchhof des kleinen Städtchens befindet. + +Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angefüllten Vertiefung des +Bergplateaus. Und da innerhalb der grauen Steinmauern hat alles Welken und +aller Lebensüberdruß ein Ende. Im Tore stehen Fliederbüsche, die sich unter +schweren Blütentrauben neigen. Linden und Ahornbäume spannen mit +überraschender Kraft einen himmelhohen Bogen über den ganzen Platz. Jasmin +und Rosen entblühen freundlich der geweihten Erde. Um große alte Grabsteine +schlingen sich Ranken von Immergrün und Efeu. + +Hier ist eine Ecke, wo die Nadelbäume die Höhe eines Mastbaumes erreichen. +Müßte sich nicht eigentlich der junge Wald draußen schämen, wenn er sie +sieht? Und da sind Hecken, die den Händen ihrer Pfleger ganz entwachsen +sind, die ohne an Schere und Messer zu denken, blühen und sprießen. + +Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof, zu dem die Toten +ohne sonderliche Mühe gelangen können. Es war recht beschwerlich für sie, +im Winter hier heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis +überzogen sind, und die Stufen schlüpfrig und schneebedeckt. Der Sarg +knackte, die Träger keuchten, der alte Propst stützte sich schwer auf den +Küster und den Totengräber. Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu +werden, der es nicht selbst gewünscht hat. + +Schön sind die Gräber dort nicht. Die wenigsten verstehen es, den Toten +eine schöne Wohnstatt zu bereiten. Aber das frische Grün ergießt seinen +Frieden und seine Schönheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu +wissen, daß alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende, der nach +einem heißen Arbeitstage hinaufflüchtet, geht wie unter Freunden einher. +Die hier schlummern, haben ja auch die hohen Bäume und die Stille geliebt. + +Kommt ein Fremder herauf, so erzählt man ihm nicht von Tod und Trauer, +sondern auf den großen Steinplatten, auf den breiten Bürgermeistergräbern +sitzt man und erzählt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen, und seiner +Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte am besten dazu, hier oben +erzählt zu werden, wo der Tod seine Schrecken verloren hat. Es ist, als +müßte die geweihte Erde jubeln, daß sie auch einmal der Schauplatz +erwachenden Glücks und neuerweckten Lebens sein durfte. + +Denn es kam so, daß Peter Nord, als er von Halfvorson fortlief, seine +Zuflucht oben auf dem Kirchhofe suchte. + +Zuerst lief er auf die Flußbrücke zu und schlug den Weg zur großen +Fabrikstadt ein. Doch auf der Brücke machte der arme Flüchtling halt. Mit +dem Königsreif um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden, +als wäre er aus Sonnenstrahlen gesponnen gewesen. Peter Nord war von Kummer +tief gebeugt, sein ganzer Körper zitterte, das Herz tat ihm weh, das Hirn +brannte wie Feuer. + +Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum drittenmal entgegenkam. +Sie war viel freundlicher, viel milder als einst, aber sie erschien ihm +darum nur um so furchtbarer. + +»Ach, du Armer,« sagte sie, »jetzt mußt du aber mit deinen Streichen doch +endlich aufhören! Du wolltest das Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern, +die man Leben nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt und +bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt kannst du dich nur +mehr an mich wenden.« + +Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen. »Ich weiß, was du von mir +willst. Du willst mich zur Arbeit und Entbehrung führen, aber ich kann +nicht! Nicht jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.« + +Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit lächelte immer milder. »Du bist ja +unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das doch nicht so zu Herzen, wofür du +nichts kannst. War Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, daß sie dir +vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du gelebt hast!« + +Der Knabe wurde immer heftiger. »Meinst du, es ist besser für mich, daß ich +gerade die getötet habe, die gut gegen mich war, sie, die mich liebte? Wäre +es nicht besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet hätte, den ich ermorden +wollte? Ich muß es sühnen. Ich muß ihr das Leben retten. Jetzt kann ich +nicht an Arbeit denken.« + +»O du Narr,« sagte Frau Fastenzeit, »das Fest der Sühne, das du feiern +willst, das ist die allergrößte Vermessenheit.« + +Da empörte sich Peter Nord vollends gegen seine langjährige Freundin. Er +hohnlachte förmlich. »Was hast du mir eingeredet,« sagte er, »daß du eine +brave, brummige Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten. Du bist +eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist schön, und du bist +entsetzlich. Du weißt selbst nichts von Maß und Ziel. Warum sollte ich es +denn? Wie kannst du Fasten predigen, du, die du ein solches Übermaß von +Schmerz auf mich wälzen wolltest? Was sind die Feste, die ich gefeiert +habe, gegen die, die du dir unaufhörlich bereitest! Bleib mir vom Leibe mit +deiner gelben, bleichen Mäßigkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben, +wie du selbst.« + +Nicht einen Schritt konnte er nach der großen Fabrikstadt machen. +Ebensowenig konnte er umkehren und wieder über die lange Straße in das +Städtchen wandern, nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum +verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den steifen, stechenden +jungen Bäumen umher, bis ein freundlicher Pfad ihn zum Kirchhof führte. +Dort suchte er sich ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die Höhe eines +Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todmüde zu Boden. + +Er wußte nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit verging, oder ob +alles jetzt stille stand. Aber nach einem Weilchen ertönten Schritte, und +er erwachte zu halbem Bewußtsein. Es war ihm, als wäre er lange, lange fort +gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen, und sogleich tauchte ein +verwirrter Gedanke in ihm auf. Wie lange lag er schon da? War Edith schon +tot? Suchte sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd nach ihrem +Mörder? Er zitterte und bebte. Freilich lag er in dem dunkeln +Tannendickicht verborgen, aber er zitterte vor dem, was geschehen wäre, +wenn die Leiche ihn gefunden hätte. Er bog ein paar Zweige zurück und +blickte hinaus. Ein gehetzter Flüchtling kann nicht wilder nach seinen +Verfolgern ausblicken. + +Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig und spärlich war das +Geleit. Unbekränzt wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der +Gesichter zeigte Tränenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand genug, um +einzusehen, daß dies unmöglich Edith Halfvorsons Begräbnis sein konnte. + +Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer weiß, vielleicht war es ein +Gruß von ihr. Peter Nord fühlte, daß er nicht das Recht hatte, zu +entfliehen. Sie hatte gesagt, er möge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte +wohl, daß er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine Strafe zuteil +werden lassen konnte. Dieser Leichenzug war ein Gruß, ein Zeichen. Sie +wollte, daß er sie dort erwartete. + +Vor seinem kranken Hirn türmte sich jetzt die niedre Kirchhofsmauer so hoch +wie ein Festungswall auf. Er starrte ängstlich auf das schwache +Gitterpförtchen, es war wie die festeste Eichentür. Er war hier oben +gefangen. Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn seiner +Strafe zuführte. + +Was sie dann mit ihm beginnnen würde, das wußte er nicht. Nur eines war +deutlich und klar. Er mußte hier warten, bis sie kam und ihn holte. +Vielleicht wird sie ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm +gebieten, sich vom Berge herunterzustürzen. Er konnte es nicht wissen -- +vorderhand mußte er warten. + +Die Vernunft kämpfte einen verzweifelten Kampf: Du bist ja unschuldig, +Peter Nord. Mache dir doch kein Herzeleid über das, was du nicht +verschuldet hast. Sie hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu +deiner Arbeit! Erhebe den Fuß, und du bist über die Mauer, stoße mit einem +Finger zu, und das Tor ist offen. + +Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem Nebel, einer Betäubung. +Die Gedanken kamen unklar, so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines +nur wußte er, er mußte bleiben, wo er war. + +Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die Wette mit den +wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter Nord, mit dem du an einem Sommertag +gespielt, geht oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter +Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den Kirchhof nicht +verlassen, bis dein blumengeschmückter Sarg heraufkommt, um ihn zu holen. + +Das Mädchen schlug die Augen auf, gleichsam wie um noch einmal die Welt zu +sehen. Sie schickte nach Peter Nord. Sie zürnte ihm wegen seines tollen +Streiches. Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie hatte nie gewünscht, +daß er sich ihrethalben Gewissensbisse mache. + +Der Bote kam ohne Peter Nord zurück. Er könne nicht kommen. Die Mauer sei +zu hoch und das Tor zu stark. Nur eine könne ihn von dort fortbringen. + +In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an nichts andres. »Er geht +noch immer dort herum, noch immer,« erzählte man einander jeden Tag. »Ist +er verrückt?« fragten die Leute häufig, und einige, die mit ihm gesprochen +hatten, antworteten, daß er es ganz gewiß werden würde, wenn »sie« kam. +Aber sie waren sehr stolz auf diesen Märtyrer der Liebe, der ihrer Stadt +Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die Reichen schlichen den +Berg hinauf, um ihn wenigstens aus der Ferne zu sehen. + +Aber Edith, die sich nicht vom Fleck rühren konnte, die machtlos dalag und +sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu denken hatte, womit beschäftigte +sie sich wohl? Welche Gedanken wälzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh, +Peter Nord, Peter Nord! Mußte sie nicht stets den Mann vor sich sehen, der +sie liebte, der nahe daran war, um ihretwillen den Verstand zu verlieren, +der wirklich, wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren Sarg +wartete. + +Sieh da, das war etwas für die Stahlfedernatur in ihr. Das war etwas für +die Phantasie, etwas für entschlummernde Gefühle. Sich vorzustellen, was er +anfangen würde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen, was er beginnen würde, +wenn sie nicht als Tote hinkam. + +Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon und von nichts +anderm. So wie die alten Städte ihre Säulenheiligen geliebt hatten, so +liebte das Städtchen den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne auf den +Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer wilder und wilder aus. Immer +dichter senkte sich die Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. »Warum +beeilt sie sich nicht, gesund zu werden,« sagten sie von Edith. »Es wäre +unrecht von ihr, zu sterben.« + +Edith fühlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem Leben war, sollte nun +wieder die schwere Bürde auf sich nehmen müssen? Aber auf jeden Fall begann +sie sich redlich zu mühen. In ihrem Körper wurde in diesen Wochen mit +fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt. Und es wurde nicht an +Material gespart. In ungeheuren Massen wurde alles verbraucht, was +Lebenskraft gibt, wie es auch heißen mochte: Malzextrakt oder Lebertran, +frische Luft oder Sonnenschein, Träume oder Liebe. + +Und was für herrliche Tage waren dies doch, lang, warm, regenlos! + +Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu lassen. Die ganze Stadt +war in Angst, als sie den Weg antrat. Würde sie mit einem Wahnsinnigen +zurückkommen? Konnten diese Wochen des Elends aus seinem Hirn ausgetilgt +werden? Würde die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um wieder zu leben, +fruchtlos sein? Und wenn, wie würde es dann ihr selbst ergehen? + +Wie sie dahinzog, blaß vor Spannung, aber doch voll Hoffnung, gab es Anlaß +zur Unruhe genug. Niemand verhehlte sich, daß Peter Nord einen zu großen +Raum in ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste in +der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen. Alle Schranken waren für sie +gefallen, als sie hörte, was er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus +ihrer Schwärmerei werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem Wahnsinnigen +ist nichts Romantisches. + +Als man sie bis an das Friedhofspförtchen getragen hatte, verließ sie die +Träger und ging allein über den breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten +rund um den grünenden Platz, aber sie sah niemanden. + +Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht, und von dort sah +sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren. Nie hatte sie ein Antlitz +gesehen, das so deutlich den Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst +darüber, erschrak tödlich. Es fehlte nicht viel, so wäre sie geflohen. + +Aber dann loderte ein großes, heiliges Gefühl in ihr auf. Jetzt konnte +nicht mehr von Liebe und Schwärmerei die Rede sein, nur von Angst, daß ein +Mitmensch, einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde +durchwanderten, verloren gehen sollte! + +Das Mädchen blieb stehen. Sie wich nicht einen Schritt zurück, sondern ließ +ihn sich langsam an ihren Anblick gewöhnen. Aber alle Macht, die sie besaß, +legte sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit der ganzen Kraft +des Willens, der die Krankheit in ihr selbst besiegt hatte. + +Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt. Er ging auf +sie zu, ohne daß das Grauen aus seinen Zügen wich. Er sah aus, als wäre er +von einem wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerreißen. Als er +dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre beiden Hände auf die Schultern +und sah ihm lächelnd ins Gesicht. + +»Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie müssen von hier fort! Was +meinen Sie damit, daß Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben, +Peter Nord?« + +Er zitterte und sank zusammen. Aber sie fühlte, daß sie ihn mit ihren +Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen hingegen gar keine Bedeutung für +ihn zu haben. + +Sie schlug einen etwas andern Ton an. »Höre, was ich sage, Peter Nord. Ich +bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich bin gesund geworden, um hier +heraufzukommen und dich zu retten.« + +Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen da. Wieder veränderte +sich ihre Stimme. »Du hast mir nicht den Tod gebracht,« sagte sie immer +inniger, »du hast mir das Leben gegeben.« + +Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre Stimme ward zuletzt bebend +vor Bewegung, trübe von Tränen. Aber er verstand nichts von dem, was sie +sagte. + +»Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,« rief sie aus. + +Er blieb ebenso gleichgültig. + +Nun wußte sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie mußte ihn wohl mit in +die Stadt hinabnehmen und gute Pflege und die Zeit walten lassen. + +Doch wer weiß, mit welchen Träumen sie heraufgekommen war und was sie sich +von dieser Begegnung mit dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo +sie alles das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln mußte, +erfüllte sie ein Schmerz, als müßte sie das Kostbarste von sich lassen, was +das Leben ihr geschenkt hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog +sie ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn. + +Dies sollte ein Abschied von Leben und Glück sein. Sie fühlte, wie ihre +Kräfte versagten. Tödliche Mattigkeit kam über sie. + +Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches Lebenszeichen zu +merken, er war nicht mehr ganz so schlaff und stumpf. Es zuckte in seinen +Gesichtszügen. Er zitterte immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer +größrer Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu weinen. + +Sie führte ihn zu einem Grabstein. Sie ließ sich darauf nieder, zog ihn zu +sich herab und bettete sein Haupt in ihrem Schoß. So saß sie da und +streichelte ihn, während er weinte. + +Mit ihm ging etwas Ähnliches vor, wie wenn man aus einem bösen Traum +erwacht. »Warum weine ich,« fragte er sich. »Ach, ich weiß, ich habe so +furchtbar geträumt. Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht +gemordet. Wie töricht, über einen Traum zu weinen.« + +Und so allmählich wurde ihm alles klar; doch seine Tränen flossen weiter. +Sie saß da und liebkoste ihn, aber seine Tränen strömten noch lange. + +»Das Weinen tut mir so wohl,« sagte er. + +Dann sah er auf und lächelte. »Ist jetzt Ostern?« fragte er. + +»Was meinst du damit?« + +»Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,« fuhr er fort. +Dann, als wären sie langjährige Vertraute, begann er, ihr von Frau +Fastenzeit zu erzählen und von seiner Empörung gegen ihr Regiment. + +»Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein Ende,« sagte sie. + +Aber als er daran dachte, daß Edith dasaß und ihn liebkoste, mußte er +wieder weinen. Es war ihm solch ein Bedürfnis zu weinen. Alles Mißtrauen +gegen das Leben, das das Unglück dem kleinen Wermländer eingeflößt hatte, +bedurfte der Tränen, um fortzuschmelzen. Das Mißtrauen, daß Liebe und +Freude, Schönheit und Kraft nicht auf Erden blühen könnten, das Mißtrauen +gegen sich selbst, alles das mußte fort. Alles das ging fort, denn es war +Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit konnte nie mehr Macht erlangen. + + + + +Die Legende vom Vogelnest + + +Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte, und +sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die +windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. Doch +er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den Bart in +den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang +streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso +unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so wollte er bis zum +Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu erbitten. + +Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren +hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen +andrer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. Darum +zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am Flußufer und +wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron Gehör fanden. + +Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das +große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten Gerichts +über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden +Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde verkünden sollten. Er rief +nach den Wellen des Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertränken. Er +rief nach der Pest, auf daß sie die Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle. + +Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am +Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem großen, +kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne Zweige +hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des holzarmen +Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden Frühling trieb +der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen Tagen sah man sie um +den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart um Hatto, den Eremiten, +flatterten. + +Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen +den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage +mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig peitschenden +Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit Binsenhalmen und +Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber sie mußten +unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, der eben +Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu lassen, damit das +Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst zerstört werde. + +Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und +vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein alter +Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und Wangen, +daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem kleinen +Aufleuchten tief in den Augenhöhlen sah man, daß er Leben besaß. Und die +vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der emporgestreckte +nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, die mit +verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen waren. Er trug einen +alten, eng anliegenden schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne +und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart waren licht, hatten +sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne +Farbe angenommen hatten, wie die Unterseite der Weidenblätter. + +Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten, +hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie die +andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie +umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich den +Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und Stürme, +fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für ihn, wegen +seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer und ihrem +Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und legte sein +Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten. + +Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht +sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab +es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des +Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr Sünden +beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die Lebenden +gibt es keine Erlösung.« + +Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus der +großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen wieder und +versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine Finger +einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger Daumen über +die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich über die +Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man bauen +konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort. + +»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du des +Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Maß +deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O Herr, +wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?« + +Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des +Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem +roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden +wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von +diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der +kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit einem +vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten. + +Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das Gelübde +getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen zu beten, um +so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein Körper wurde, +desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn erfüllten. Er hörte die +Mauern der Städte zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen +einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei, und +ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, hohe, +silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönem Antlitz, auf schwarzen +Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus weißen Blitzen geflochten +waren. + +Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und +die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit ihrem +steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und seinen +Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur Mittagsrast +noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen sie hin und +her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst angelangt. + +Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und +mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus, +wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden +tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich ein +bißchen ausruhten. + +So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im +Schilf auf. + +Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein Gesicht +in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein +wunderliches Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen mit großen, +runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für den, der aufrecht +steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen +Köpfchen auf schwanähnlich gebognen Hälsen erhoben. Große Kröten kriechen +träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der +Fuchs springt nach einer Fledermaus, die Mücken über dem Fluß jagt. Es ist, +als hätte jedes Erdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die +kleinen Vögelchen auf dem schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf +diesen Ruhestätten, denen kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser +aufplätschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt. + +Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des +gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen. + +Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest zu, +aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin und +erhoben sich gerade in die Luft, um zu spähen. Keine Spur von einem Nest +oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine am +Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und drehten +das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen? + +Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf +dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich auf +denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war ebenso +schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas, +was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte. + +Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die vielen +Wunder der Natur nachzugrübeln. + +Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte +und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der +Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den +fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß +hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem Blick +die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am +Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß nicht nur jeder +Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgne mystische Bedeutung hat, +sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er +herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die Bachstelzchen ihr Nest in +seiner Hand bauten; Gott wollte, daß er mit erhobnen Armen betend dastehen +sollte, bis die Vögel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte er dies, +so sollte er erhört werden. + +Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten Gerichtes. +Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er +sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund herum +und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine Moosflechten von der +wirklichen Weide und klebten sie außen an, das sollte anstatt Tünche oder +Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm Flaum +von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die +Einrichtung und Möblierung. + +Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des +Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu +bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden +ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand. + +»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und +fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine +Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken +hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie lächelten nur +über seine Verwünschungen. + +Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger +und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er +ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und +wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf den +Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nachts +seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen zu +schlafen. Unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch größre +Dinge vollbracht haben. + +Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den +Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und +schützte das Nest so gut er konnte. + +Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide +Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen +und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest von +einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen Weilchen +ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus. + +Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was oben +in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am +allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten. + +Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die Gabe, +sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen starren in das +Nest herab. + +Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: kleine, +nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine Augen, keine +Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene Schnäbel. + +Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden wie +sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang +ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch +Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für +diese sechs Schutzlosen. + +Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht +mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, freute +er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen. + +Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des +alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die +Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die Körperformen +sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur den beflügelten +Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut. + +Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer zögernder +über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, daß sie +hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun stand er +da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese +sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er nicht opfern. + +Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein +Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine Kind +die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und machte ihn +unschlüssig. + +Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er meinte, +daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben dürfen. +Mußte er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger und den +mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade als er noch +so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu +töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im +Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den +Fluß. + +Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der Bachstelzchen +mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand hinauszuschieben, +während das andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war, wenn sie +es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen sich hartnäckig fürchteten, +da flogen die beiden Alten fort und zeigten ihnen ihre allerschönste +Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschiedene +Windungen, oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie Lerchen oder +hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Luft. + +Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht +lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen Puff +mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen sie, +zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, sie sinken, +aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, und verwenden +sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten +kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte Hatto schmunzelt. + +Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben. + +Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern Herrgott nicht auch +einen Ausweg geben konnte. + +Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie +ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu +denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der +Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte, +so wie sich der Eremit der kleinen Vögel erbarmte. + +Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unsers Herrgotts +Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch ein Herz für +sie hatte. + +Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der +Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner +Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem anhielt, um +dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. Doch in +demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten sich ihm auf +Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein +Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er hatte ja den Arm +gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel anzusehen. + +Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt, +nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu. »Du bist frei,« sagte +er, »du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch +deines nicht zu halten.« + +Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich der +Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe. + + + + +Das Hünengrab + + +Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot blüht. Auf der Sandhalde +wuchs es in dichten Büscheln. Von niedrigen, baumähnlichen Stämmchen +erhoben sich dicht sitzende grüne Zweige mit nadelharten, festen Blättern +und kleinen, spät welkenden Blüten. Diese schienen nicht aus dem +gewöhnlichen saftreichen Blumengewebe zu bestehen, sondern aus trocknen, +harten Schuppen. Sie waren sehr unansehnlich von Größe und Gestalt; auch +war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen Heide hatten sie +sich nicht in der windgeschützten Luft entwickelt, in der die Lilien ihre +Kelchblätter entfalten, auch nicht in dem üppigen Erdreich, aus dem die +Rosen die Nahrung für ihre schwellenden Kronen schöpfen. Was sie zu Blumen +machte, war eigentlich die Farbe; denn leuchtend rot waren sie. Den Farbe +schenkenden Sonnenschein hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine +bleichen Kellergewächse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die gesegnete +Fröhlichkeit und Stärke der Gesundheit lag über der ganzen blühenden Heide. + +Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten Mantel bis hinauf zum +Waldessaum. Da erhoben sich auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar +uralte, halb zusammengestürzte Grabhügel; und wie innig das Heidekraut sich +auch an sie zu schmiegen suchte: es gab doch dort oben Risse, durch die +große flache Felsenplatten durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des +Berges selbst. Unter dem größten Grabhügel ruhte ein alter König, Atle +genannt. Unter den andern schlummerten die seiner Mannen, die gefallen +waren, als die große Schlacht dort auf der Halde geschlagen ward. Nun +hatten sie schon so lange dagelegen, daß die Angst und die Ehrfurcht vor +dem Tode von ihren Gräbern gewichen war. Der Weg ging zwischen ihren +Ruhestätten hindurch. Wer nachts hier wanderte, dem kam es nie in den +Sinn, sich umzusehen, ob wohl zu mitternächtiger Stunde nebelumhüllte +Gestalten auf der Spitze der Grabhügel säßen und in stummer Sehnsucht zu +den Sternen emporblickten. + +Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. Der Schütze, der +seit dem Morgengrauen auf der Jagd gewesen war, hatte sich in das +Heidekraut hinter König Atles Hügel geworfen. Er lag auf dem Rücken und +schlief. Den Hut hatte er über die Augen gezogen und die Jagdtasche aus +Fell, aus der die langen Ohren des Hasen und die gekrümmten Schwanzfedern +des Auerhahns lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen hatte er +neben sich. + +Aus dem Walde kam ein Mädchen, ein Bündelchen mit Essen in der Hand. Als +sie auf die flachen Platten zwischen den Grabhügeln kam, dachte sie, was +für ein guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam große Lust, ihn zu +probieren. Sie warf das Bündelchen ins Heidekraut und begann ganz +mutterseelenallein zu tanzen. Sie wußte nicht darum, daß hinter dem +Königshügel ein Mann lag und schlief. + +Der Schütze schlief noch immer. Brennend rot stand das Heidekraut gegen den +tiefblauen Himmel. Der Ameisenlöwe hatte seinen Graben dicht neben dem +Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stück Katzengold und funkelte, als +wollte es alle alten Stoppeln der Sandhalde in Brand setzen. Über dem Kopf +des Schützen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch aus und +ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten Purpur bis ins Stahlblau. Auf +den unbeschatteten Teil seines Gesichtes brannte glühender Sonnenschein. +Aber er schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu schauen. + +Unterdessen fuhr das Mädchen fort, zu tanzen, und es drehte sich so eifrig, +daß die geschwärzte Mooserde, die sich in den Unebenheiten der Blöcke +angesammelt hatte, um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel, +blank und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. Die nahm sie und +drehte sich mit ihr herum. Späne lösten sich aus dem modernden Baume. +Tausendfüßler und Ohrwürmer, die in den Ritzen genistet hatten, stürzten +sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich in die Wurzeln des +Heidekrautes. + +Wenn die fliegenden Röcke die Heide streiften, flatterten daraus Scharen +von kleinen grauen Schmetterlingen auf. Die Unterseite ihrer Flügel war +weiß und glänzte wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm auf +und ab. Sie schienen nun ganz weiß, und es war, als ob das rote Heidemeer +weißen Schaum emporspritzte. Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes +Weilchen schwebend in der Luft. Ihre zarten Flügel zitterten so heftig, daß +der Farbenstaub sich löste und als dünner, silberweißer Flaum auf das +Heidekraut fiel. Da war es, als würde die Luft von einem sonnig glitzernden +Tauregen durchrieselt. + +Ringsum im Heidekraut saßen Heuschrecken und rieben ihre Hinterbeine gegen +die Flügel, so daß es wie Harfensaiten klang. Sie hielten guten Takt und +waren so eingespielt, daß jeder, der über die Heide ging, dieselbe +Heuschrecke auf seiner Wanderung zu hören meinte, obgleich er sie bald zur +Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, bald hinter sich. Aber die +Tanzende war nicht zufrieden mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem +kleinen Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trällern. Ihre +Stimme war schrill und spröde. Der Schütze erwachte von dem Gesang. Er +wendete sich seitwärts, richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah über das +Hünengrab hinweg zu ihr, die tanzte. + +Er hatte geträumt, daß der Hase, den er soeben getötet hatte, aus der +Jagdtasche gesprungen sei und seine eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn +zu schießen. Nun sah er zu dem Mädchen hinüber, schlaftrunken, wirr von +Träumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf in der Sonne. + +Sie war groß und von grobem Gliederbau; nicht hold von Angesicht, nicht +leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. Sie hatte breite Wangen, dicke +Lippen und eine platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel von +Haar, üppig von Gestalt, kräftig in den Bewegungen. Ihre Kleider waren +dürftig, aber grell. Rote Borten faßten den gestreiften Rock ein, und bunte +Wollgarnlitzen folgten den Nähten des Leibchens. Andre Jungfrauen gleichen +Rosen und Lilien. Diese war wie das Heidekraut, stark, fröhlich, leuchtend. + +Mit Freude sah der Schütze das große, prächtige Weib auf der roten Halde +tanzen, mitten unter zirpenden Grashüpfern und flatternden Schmetterlingen. +Und wie er sie so ansah, lachte er, daß der Mund sich von einem Ohr zum +anderen zog. Aber da erblickte sie ihn plötzlich und blieb unbeweglich +stehen. + +»Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,« war das erste, was sie hervorbrachte. +Zugleich erwog sie, wie sie ihn bewegen könne, über das zu schweigen, was +er gesehen hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzählen hören, daß sie +mit einer Fichtenwurzel getanzt habe. + +Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte er über die Lippen. Er +war so scheu, daß er nichts Besseres anzufangen wußte, als zu fliehen, +obwohl er gern geblieben wäre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und die +Jagdtasche auf den Rücken. Dann lief er zwischen den Heidekrauthügeln fort. + +Sie packte das Eßbündel und eilte ihm nach. Er war klein, steif von +Bewegungen und hatte sichtlich geringe Kräfte. Sie holte ihn bald ein und +schlug ihm den Hut vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben. +Eigentlich hatte er die größte Lust, zu bleiben, aber er war ganz wirr vor +Schüchternheit und floh in noch größrer Hast. Sie lief nach und begann, an +seiner Tasche zu zerren. Da mußte er stehenbleiben, um die Tasche zu +verteidigen. Das Mädchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen und sie +warf ihn zu Boden. »Jetzt wird er's keinem erzählen,« dachte sie und war +froh. + +In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn er, der auf der Erde +lag, schien ganz bleich und die Augen drehten sich in ihren Höhlen. Er +hatte sich aber nicht verletzt. Es war die Gemütsbewegung, die er nicht +vertragen hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke Gefühle in +diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er war froh über das Mädchen und +zornig und scheu und dennoch stolz, daß sie so stark war. Er war ganz +betäubt von alledem. + +Die große, starke Jungfrau legte den Arm um seinen Rücken und richtete ihn +auf. Sie brach Heidekraut und peitschte sein Gesicht mit den steifen +Zweigen, bis das Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich wieder +dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor Freude beim Anblick des +Mädchens. Noch immer schwieg er; aber die Hand, die sie um seinen Leib +gelegt hatte, zog er an sich und streichelte sie sanft. + +Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mühsal. Trocken und +bleichgelb, fleischlos und blutarm war er. Es rührte sie, daß er so verzagt +war, er, der doch um die Dreißig sein mochte. Sie dachte, daß er wohl ganz +mutterseelenallein tief im Walde leben müsse, da er so kläglich und so +schlecht gekleidet war. Keinen hatte er wohl, der nach ihm sah, nicht +Mutter noch Schwester oder Liebste. + + * * * * * + +Der große barmherzige Wald breitete sich über die Wildnis aus. Verbergend +und schützend nahm er in seinen Schoß alles auf, was bei ihm Hilfe suchte. +Mit hohen Stämmen hielt er Wacht um die Höhle des Bären, und in der +Dämmerung dichter Gebüsche hegte er das mit Eiern gefüllte Nest der kleinen +Vöglein. + +Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flüchteten viele von ihnen +in den Wald und fanden Schutz hinter seinen grünen Mauern. Er ward für sie +ein großer Kerker, den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt diese +seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die Stumpfen zum Nachdenken und +erzog die in der Knechtschaft Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur +dem Fleißigen schenkte er die Gnade des Lebens. + +Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, waren Abkömmlinge +solcher Gefangnen des Waldes. Sie gingen manchmal hinunter in die bebauten, +bewohnten Täler, denn sie brauchten nicht mehr zu befürchten, in die +Knechtschaft zurückgeführt zu werden, aus der ihre Väter geflohen waren; +doch am liebsten nahmen sie den Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des +Schützen war Tönne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden urbar zu +machen, aber er verstand sich auch auf andre Dinge. Er sammelte Reisig, +kochte Teer, trocknete Schwämme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte, +hieß Jofrid. Ihr Vater war Köhler. Sie band Besen, pflückte Wacholderbeeren +und braute Bier aus dem weißblumigen Porsch. Beide waren sehr arm. + +Früher hatten sie einander in dem großen Walde nie getroffen, aber jetzt +deuchte sie, daß alle Wege des Waldes sich zu einem Netz verschlängen, in +dem sie hin und wieder liefen und einander unmöglich vermeiden konnten. Nie +wußten sie nun einen Pfad zu wählen, auf dem sie einander nicht begegneten. + +Tönne hatte einmal einen großen Kummer gehabt. Er hatte lange mit seiner +Mutter in einer elenden Reisigkoje gehaust; aber als er heranwuchs, faßte +er den Plan, ihr ein warmes Häuschen zu bauen. In allen seinen Mußestunden +ging er in den Holzschlag, fällte Bäume und spaltete sie in angemessene +Stücke. Dann verbarg er das aufgehäufte Bauholz in dunklen Klüften unter +Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, daß seine Mutter nicht früher von all +der Arbeit etwas erfahren sollte, als bis er so weit war, die Hütte +aufzubauen. Aber seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er +gesammelt hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, was er tun wollte. +Er, der mit demselben Eifer gearbeitet hatte wie David, Israels König, als +er Schätze für Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor alle +Lust an dem Bau. Für ihn war die Reisigkoje gut genug. Und doch hatte er's +nicht viel besser in seinem Heim als ein Tier in seiner Höhle. + +Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen war, Lust bekam, +Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete dieser Wunsch wohl sicherlich, +daß er sie gern zur Liebsten und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch +täglich, daß er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache sprechen +werde. Aber Tönne brachte es nicht über sich. Man merkte ihm an, daß er von +unfreier Abkunft war. Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf, +wie die Sonne, wenn sie über das Himmelszelt zieht. Und schwerer war es für +ihn, diese Gedanken zu zusammenhängender Rede zu formen, als für einen +Schmied, einen Armreif aus rollenden Sandkörnern zu schmieden. + +Eines Tages führte Tönne Jofrid zu einer der Schluchten, wo er sein Bauholz +verborgen hatte. Er riß Zweige und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen +Stämme. »Das hätte Mutter haben sollen,« sagte er. Und sah Jofrid +erwartungsvoll an. »Dies hätte Mutters Hütte werden sollen,« wiederholte +er. Merkwürdig schwer fiel es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen +Gesellen zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, hätte sie doch +verstehen müssen; aber sie verstand nicht. + +Da beschloß er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklären. Ein paar +Tage später begann er, die Stämme zu der Stelle zwischen den Grabhügeln zu +schleppen, wo er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie +gewöhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch weiter, ohne etwas +zu sagen. Seit sie Freunde geworden waren, war sie ihm oft an die Hand +gegangen, aber bei dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu +wollen. Tönne meinte doch, sie hätte verstehen müssen, daß es ihre Hütte +war, die er jetzt zimmern wollte. + +Sie verstand es ganz wohl, aber sie spürte keine Lust, sich einem Mann von +Tönnes Art zu schenken. Sie wollte einen starken, gesunden Mann haben. Es +schien ihr ein schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit einem +verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. Und doch zog viel sie zu +diesem stillen, scheuen Mann. Man denke doch, daß er sich so hart geplagt +hatte, um seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glück genossen hatte, zur +Zeit fertig zu werden. Sie hätte über sein Schicksal weinen können. Und nun +baute er die Hütte gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein +gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken an ihn; aber sie +wollte durchaus nicht seine Frau werden. + +Jeden Tag ging sie über die Heide und sah die Hütte aufragen, dürftig und +ohne Fenster; der Sonnenschein rieselte durch die undichten Wände. + +Tönnes Arbeit ging sehr rasch vorwärts; aber er arbeitete nicht sorgfältig, +sein Bauholz war nicht in Kanten behauen, kaum abgerindet. In die Diele +legte er gespaltne junge Bäume. Sie wurde sehr uneben und schwankend. Das +Heidekraut, das darunter blühte, -- denn es war nun ein Jahr seit dem Tage +vergangen, an dem Tönne hinter König Atles Hügel gelegen und geschlafen +hatte --, steckte ganz verwegen seine roten Trauben durch die Ritzen, und +die Ameisen wanderten unbehindert aus und ein und musterten dies +gebrechliche Menschenwerk. + +Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken mochte: immer +schwebte ihr der Gedanke vor, daß dort eine Hütte für sie erbaut würde. Ein +eignes Heim ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie wußte, +daß, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der Bär oder der Fuchs dort +hausen mochte. Denn so gut kannte sie Tönne, daß sie begriff: wenn es sich +zeigte, daß er vergeblich gearbeitet hatte, würde er niemals in die neue +Hütte einziehen. Er würde weinen, der Arme, wenn er hörte, daß sie nicht +dort hausen wolle. Es würde ein neuer Kummer für ihn sein, ebenso groß wie +damals, als seine Mutter starb. Aber er mußte wohl sich selbst die Schuld +geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig gefragt. + +Sie glaubte, daß sie ihm schon dadurch ein Zeichen gab, daß sie ihm nie bei +der Hütte half. Dazu hatte sie doch große Lust. Jedesmal, wenn sie weiches +weißes Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken Wände zu +stopfen. Sie war auch geneigt, Tönne beim Mauern des Herdes zu helfen. Wie +er dabei verfuhr, mußte sich ja aller Rauch in der Hütte sammeln. Aber es +war ja gleichgültig, wie es da wurde. Da würde keine Speise kochen, kein +Trank sieden. Dumm war's doch, daß diese Hütte niemals aus ihren Gedanken +weichen wollte. + +Tönne arbeitete mit glühendem Eifer; er war gewiß, daß Jofrid die Absicht +verstehen mußte, sobald nur die Hütte fertig war. Er grübelte nicht viel +über sie nach. Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. Die +Zeit verging ihm rasch. + +Eines Nachmittags, als Jofrid über die Heide ging, sah sie, daß eine Tür an +die Hütte gekommen war und eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff +sie, daß alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tönne hatte das +Dach mit Büschen und blühendem Heidekraut gedeckt; und eine starke +Sehnsucht ergriff sie, unter dieses rote Dach zu treten. Er selbst war +nicht bei dem Neubau, und sie entschloß sich, hineinzugehen. Diese Hütte +war ja für sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid konnte der Lust nicht +widerstehen, es anzusehen. + +Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. Wacholder war über +den Boden gestreut. Frischer Duft von Nadeln und Harz füllte den Raum. Die +Sonnenstrahlen, die durch Luken und Spalten hereinspielten, spannen goldne +Bänder durch die Luft. Es sah da aus, als würde sie erwartet; in die +Mauerspalten waren grüne Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine +frischgefällte Tanne. Tönne hatte nicht sein altes Hausgerät +hineingestellt. Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, über die eine +Elenhaut geworfen war. + +Kaum war Jofrid über die Schwelle getreten, fühlte sie sich schon von dem +fröhlichen Behagen eines Heims umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr +zumute, als sie so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer, +wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid hatte vielen Fleiß darauf +gewandt, sich eine Art Aussteuer zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen +Händen Tücher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu schmücken; die +wollte sie in ihrem eignen Heim aufhängen, wenn sie eins bekam. Nun mußte +sie denken, wie sich diese Tücher wohl hier ausnehmen würden. Sie hätte sie +gern in der neuen Hütte probiert. + +Rasch eilte sie heimwärts, holte ihren Leinwandschatz und begann, die +farbenprächtigen Stoffstücke unter der Decke aufzuhängen. Sie stieß die Tür +auf, so daß die helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte +sich eifrig in der Stube, geschäftig und munter, ein Heldenliedchen +trällernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde gar prächtig da drinnen. Die +gewebten Rosen und Sterne leuchteten wie nie zuvor. + +Während sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau über die Heide und die +Hünengräber. Vielleicht kauerte Tönne jetzt hinter einem der Grabhügel und +lachte sie aus. Der Königshügel lag gerade vor der Tür, und dahinter sah +sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie hin. Ihr war, als +müsse dort jemand sitzen und sie betrachten. + +Gerade als die Sonne so tief unten war, daß nur noch ein paar blutrote +Strahlen über die alte Steinhalde spielten, sah sie, wer es war, der sie +betrachtete. Der ganze Hügel war kein Hügel mehr, sondern ein großer, alter +Kämpe, der narbig und ergraut dasaß und sie anstarrte. Rings um sein Haupt +bildeten die Sonnenstrahlen eine Krone, und sein roter Mantel war so weit, +daß er sich über die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war groß und +schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider und Waffen waren auch +steinfarbig und ahmten so genau die Tönung und das Moosflechtenkleid der +Steine nach, daß man sehr scharf hinsehen mußte, um zu merken, daß es ein +Kämpe und kein Steinhaufen war. Es war wie mit jenen Würmern, die +Baumzweigen gleichen. Man kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt, +daß, was man für hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkörper ist. + +Aber Jofrid konnte sich nicht länger darüber täuschen, daß es der alte +König Atle selbst war, der da saß. Sie stand in der Tür, hielt die Hand +beschattend über die Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er +hatte sehr kleine, schräge Augen unter seiner hochgewölbten Stirn, eine +breite Nase und einen zottigen Bart. Und er lebte, dieser steinerne Mann. +Er lächelte und blinzelte ihr zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten +erschreckten sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und die haarigen +Hände. Je länger sie ihn ansah, desto breiter wurde sein Lächeln; und +endlich hob er einen seiner mächtigen Arme, um sie zu sich zu winken. Da +floh Jofrid heimwärts. + +Aber als Tönne nach Haus kam und die Hütte mit bunten Tüchern geschmückt +fand, faßte er so großen Mut, daß er seinen Fürbitter zu Jofrids Vater +schickte. Der fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie war +sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen hatte, wenn sie ihre +Hand auch halb gezwungen schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein +sagen, in dessen Hütte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch sah +sie zuerst nach, ob der alte König Atle wieder ein Grabhügel geworden sei. + + * * * * * + +Tönne und Jofrid lebten viele Jahre glücklich. Sie standen in gutem Ruf. +»Das sind gute Menschen,« sagte man. »Seht, wie sie einander beistehen, wie +sie zusammen arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!« + +Tönne wurde mit jedem Tage stärker, ausdauernder und weniger träge von +Gedanken. Jofrid schien einen ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist +ließ er sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zäher Hartnäckigkeit +seinen eignen Willen durchzusetzen. + +Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fröhlichkeit. Ihre Kleider +wurden immer bunter, je älter sie wurde. Das ganze Gesicht war grellrot. +Aber in Tönnes Augen war sie lieblich. + +Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres Standes. Sie aßen Butter zur +Grütze und mengten weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier +schäumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden vermehrten sich so +rasch, daß sie sich Fleischnahrung gönnen konnten. + +Einmal machte Tönne für einen Bauern drunten im Tal den Boden urbar. Als +der sah, wie Tönne und seine Frau in großer Fröhlichkeit zusammen +arbeiteten, dachte auch er: »Das sind gute Menschen.« Der Bauer hatte +jüngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjähriges Kind hinterlassen +hatte. Er bat Tönne und Jofrid, seinen Sohn in Pflege zu nehmen. »Das Kind +ist mir sehr teuer,« sagte er, »drum gebe ich es euch, denn ihr seid gute +Menschen.« Sie hatten keine eignen Kinder, so daß es sehr schicklich +schien, dieses zu nehmen. Sie willigten auch ohne Zögern ein. Sie meinten, +Vorteil davon zu haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch +erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude für ihre alten Tage. + +Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das Jahr um war, war es tot. +Dies sei die Schuld der Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz +frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit wollte aber niemand +sagen, sie hätten es vorsätzlich getötet; man meinte nur, daß sie etwas auf +sich genommen hätten, was über ihr Vermögen gegangen war. Sie hatten nicht +Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem Kinde die Pflege angedeihen zu +lassen, deren es bedurfte. Sie hatten sich gewöhnt, nur an sich selbst zu +denken und für ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, ein Kind +zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen an die Arbeit gehen und nachts +einen ruhigen Schlummer schlafen. Sie fanden, daß der Kleine zu viel von +der guten Milch trinke, und sie gönnten es ihm nicht so wie sich selbst. +Sie wußten aber nicht etwa, daß sie den Knaben schlecht behandelten. Sie +dachten, daß sie geradeso für ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es +ihnen vor, daß der Pflegesohn eine Strafe und Plage für sie gewesen war. +Sie trauerten nicht über seinen Tod. + +Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu haben, mit Kindern +umzugehen; aber Jofrid hatte einen Mann, für den sie in vielen Stücken die +Sorge einer Mutter tragen mußte, und begehrte deshalb nicht, noch andres zu +betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die raschen Fortschritte der +Kleinen; aber Jofrid hatte Freude genug, wenn sie sah, wie Tönne sich zu +Verstand und Männlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Hütte zu +fegen und zu schmücken, freute sich an der Zunahme der Herden und an dem +Anbau unten auf der Heide. + +Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, daß das Kind gestorben +sei. Da sprach der Mann: »Nun ist es mir ergangen wie dem, der so weiche +Kissen in sein Bett legt, daß er bis auf den harten Grund sinkt. Gar zu gut +wollte ich meinen Sohn hüten; und siehe: nun ist er tot!« Und er war +betrübt. + +Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. »Wollte Gott, daß du +uns deinen Sohn nicht gegeben hättest!« sagte sie. »Wir waren zu arm. Er +hat es nicht gut genug bei uns gehabt.« + +»Dies wollte ich nicht sagen,« antwortete der Bauer. »Eher glaube ich, daß +ihr das Kind verhätschelt habt. Doch ich will keinen Menschen anklagen; +denn über Leben und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, den +Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben Aufwand zu feiern, als +wenn ein Erwachsener gestorben wäre; und zum Gastmahl lade ich Tönne und +dich. Daraus mögt ihr sehen, daß ich keinen Groll gegen euch hege.« + +So wohnten Tönne und Jofrid dem Leichenschmaus bei. Sie wurden freundlich +bewirtet, und niemand sagte ihnen ein böses Wort. Wohl hatten die Frauen, +die die Leiche einkleideten, erzählt, daß sie jämmerlich abgefallen sei und +Spuren schwerer Vernachlässigung gezeigt habe. Das konnte aber wohl auch +von der Krankheit herkommen. Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern +glauben, denn man wußte, daß sie gute Menschen waren. + +Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als sie die Frauen erzählen +hörte, wie sie bei ihren kleinen Kindern wachen und sich für sie plagen +müßten. Sie merkte auch, daß bei dem Leichenschmaus unter den Weibern +beständig von Kindern gesprochen wurde. Einige hatten solche Freude an +ihnen, daß sie gar nie aufhören konnten, von ihren Fragen und Spielen zu +erzählen. Jofrid hätte gern von Tönne gesprochen; aber die meisten Frauen +sprachen gar nicht von ihren Männern. + +Spät abends kehrten Jofrid und Tönne von dem Leichenschmaus heim. Sie +gingen sogleich zu Bett. Aber kaum waren sie eingeschlafen, als sie von +einem leisen Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten sie, noch +halb schlafend, und waren unwillig über die Störung. Aber plötzlich setzten +sie sich beide im Bett auf. Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses +Wimmern? Wenn sie ganz wach waren, hörten sie nichts; aber sobald sie +einzuschlummern begannen, vernahmen sie es wieder. Kleine, schwache Füßchen +hörten sie über die Steinplatte vor der Hütte gehen, ein kleines Händchen +tastete an der Tür, und da sie nicht offen war, wanderte das Kind wimmernd +und tappend die Wand entlang, bis es vor ihrer Lagerstätte stehenblieb. +Wenn sie sprachen oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber +wenn sie einschlummern wollten, hörten sie deutlich die unsichern Schritte +und das erstickte Schluchzen. + +Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den letzten Tagen als +Möglichkeit vor Augen gestanden hatte: nun wurde es ihnen zur Gewißheit. +Sie sahen ein, daß sie das Kind getötet hatten. Wie hätte es sonst umgehen +können? + +Von dieser Nacht an war alles Glück von ihnen gewichen. Sie lebten in +steter Furcht vor dem Gespenst. Tagsüber hatten sie wohl einige Ruhe, aber +in den Nächten wurden sie von dem Weinen und dem erstickten Schluchzen des +Kindes so gestört, daß sie nicht wagten, allein zu liegen. Jofrid ging oft +weit über Land, um einen Menschen zu holen, der über Nacht in ihrer Hütte +bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; aber sobald sie allein +waren, hörten sie das Kind. + +In einer Nacht, für die sie keinen Gast gefunden hatten und die sie, des +Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, stand Jofrid aus dem Bett auf. + +»Schlaf du nur, Tönne,« sagte sie. »Wenn ich mich wach erhalte, wird sich +nichts hören lassen.« + +Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Türschwelle und überlegte, was +sie tun sollten, um Ruhe zu finden; denn so konnten sie nicht weiterleben. +Sie fragte sich, ob Beichte und Buße, Demütigung und Reue sie von dieser +schweren Heimsuchung befreien könnten. + +Da begab es sich, daß sie die Augen aufschlug und dieselbe Erscheinung sah +wie schon einmal zuvor von dieser Stelle. Der Grabhügel war zu einem Kämpen +geworden. Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich sehen und +vernehmen, daß der alte König Atle dasaß und sie betrachtete. Sie sah ihn +so genau, daß sie die mit Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken +unterschied und wahrnehmen konnte, daß seine Beine mit gekreuzten Bändern +umwickelt waren, zwischen denen die Wadenmuskeln schwollen. + +Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er schien ihr ein Freund und +Tröster im Unglück. Er sah sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut +einflößen. Da dachte sie, daß dieser gewaltige Held einst seinen Tag gehabt +hatte, an dem er die Feinde in Scharen auf die Heide niederstreckte und in +den Blutströmen watete, die zwischen den Hügeln brausten. Was hatte er da +nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? Wie tief hatte das +Seufzen der Kinder, deren Väter er erschlagen hatte, sein Steinherz +gerührt? Federleicht hätte die Bürde von eines Kindes Tod auf seinem +Gewissen gelegen. + +Und sie vernahm sein Flüstern, dieselbe Weise, die das alte, steinkalte +Heidentum zu allen Zeiten geflüstert hat. »Warum bereuen? Die Götter lenken +das Geschick. Die Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die Kinder +der Erde trauern, daß sie getan, was die Unsterblichen sie zu tun zwangen?« + +Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: »Was konnte ich dafür, +daß das Kind starb? Gott allein ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht +ohne seinen Willen.« Und sie dachte, daß sie das Gespenst am besten +abwehren werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt. + +Aber da öffnete sich die Haustür, und Tönne kam zu ihr heraus. »Jofrid,« +sagte er, »es ist jetzt in der Hütte. Es kam heran und klopfte an den +Bettrand und weckte mich. Was sollen wir tun, Jofrid?« + +»Das Kind ist ja tot,« sagte Jofrid. »Du weißt, daß es tief unter der Erde +liegt. Das alles sind nur Träume und Hirngespinste.« Sie sprach hart und +abweisend, denn sie fürchtete, daß Tönne in dieser Sache zu weichherzig +sein und sie dadurch ins Unglück stürzen könne. + +»Wir müssen ein Ende machen,« sagte Tönne. + +Jofrid lachte grell auf. »Was willst du tun? Gott hat es uns auferlegt. +Konnte er das Kind nicht am Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es +nicht; und jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, mit +welchem Recht er uns verfolgt?« + +Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkämpen, der finster und hart auf +seinem Hügel saß. Es war, als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tönne +erwiderte. + +»Wir müssen eingestehen, daß wir das Kind vernachlässigt haben, und müssen +Buße tun,« sagte Tönne. + +»Niemals will ich für etwas leiden, das nicht meine Schuld ist,« sagte +Jofrid. »Wer wollte, daß das Kind sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art +von Buße willst du denn tun? Willst du dich geißeln oder fasten wie die +Mönche? Mich dünkt, du kannst deine Kräfte zur Arbeit brauchen.« + +»Mit dem Geißeln habe ich es schon probiert,« sagte Tönne. »Es nützt +nichts.« + +»Siehst du!« sagte sie und lachte wieder. + +»Da tut andres not,« fuhr Tönne mit beharrlicher Entschlossenheit fort. +»Wir müssen gestehen.« + +»Was willst du Gott sagen, das er nicht schon wüßte?« höhnte Jofrid. +»Lenkt nicht er deine Gedanken? Was willst du ihm sagen?« Sie fand jetzt, +daß Tönne dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn ihrer +Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht mehr daran gedacht, +sondern ihn lieb gehabt, seines guten Herzens wegen. + +»Wir müssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, und ihm Buße bieten.« + +»Was willst du ihm bieten?« fragte sie. + +»Die Hütte und die Ziegen.« + +»Sicherlich fordert er volle Mannesbuße für seinen einzigen Sohn. Die läßt +sich mit allem, was wir besitzen, nicht bezahlen.« + +»Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt geben, wenn er sich +nicht mit weniger zufrieden gibt.« + +Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, und sie haßte Tönne aus +der Tiefe ihrer Seele. Alles, was sie verlieren mußte, stand klar vor ihr: +die Freiheit, für die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Hütte, den +Wohlstand, Ehre und Glück. + +»Merke meine Worte wohl, Tönne,« sagte sie heiser, halberstickt von +Schmerz, »der Tag, an dem du solches tust, ist mein Todestag.« + +Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; aber sie blieben auf +der Türschwelle sitzen, bis der Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu +begütigen und zu versöhnen. Beide fürchteten und verachteten einander. Eins +maß das andre mit dem Maß seines Zornes und fand es engherzig und böse. + +Seit dieser Nacht ließ Jofrid Tönne oft ihre Überlegenheit fühlen. Sie gab +ihm in der Gegenwart Fremder zu verstehen, daß er einfältig sei, und half +ihm bei der Arbeit so, daß er ihre Kraft erkennen mußte. Sie wollte ihm +offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal stellte sie sich sehr froh, +um ihn zu zerstreuen und von seinen Grübeleien abzulenken. Er hatte noch +nichts getan, um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte nicht, +daß er ihn aufgegeben habe. + +In dieser Zeit wurde Tönne mehr und mehr, wie er vor seiner Heirat gewesen +war. Er wurde mager und bleich, wortkarg und träg von Gedanken. Jofrids +Verzweiflung ward mit jedem Tage größer, denn es war, als sollte ihr nun +alles genommen werden. Doch kam ihre Liebe zu Tönne wieder, als sie ihn +unglücklich sah. »Was gilt mir alles, wenn Tönne zugrunde geht?« dachte +sie. »Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu leben, als ihn als +Freien sterben zu sehen.« + + * * * * * + +Jofrid konnte sich jedoch nicht so plötzlich überwinden, Tönne zu +gehorchen. Sie kämpfte einen langen und schweren Kampf. Aber eines Morgens, +als sie erwachte, war ihr ungewöhnlich ruhig und mild zumute. Da war ihr, +als könne sie nun tun, was er forderte. Und sie weckte ihn und sagte, daß +es jetzt so werden solle, wie er wollte. Nur diesen einzigen Tag möge er +ihr gönnen, damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen könne. + +Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. Leicht kamen ihr Tränen +in die Augen, wie einem, der Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe +sich an diesem Tage, ihr zuliebe, besonders schön geschmückt. Der Frost war +über sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden und das ganze Feld trug +ein braunes Kleid. Aber als die Sonne des Herbsttages ihre schrägen +Strahlen darüber hingleiten ließ, war es, als erglühe das Heidekraut aufs +neue rot. Und sie gedachte des Tages, an dem sie Tönne zum erstenmal +gesehen hatte. + +Sie wünschte, daß sie den alten König noch einmal schauen dürfe; denn er +hatte ja mitgeholfen, ihr Glück zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten +Zeit ernstlich vor ihm gefürchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie zu +packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr über sie haben, meinte sie. +Sie wollte aufmerken, ob sie ihn nicht sehen konnte, abends, wenn der +Mondschein kam. + +Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde Spielleute vorbeigezogen. +Da hatte Jofrid den Einfall, sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem +Hause zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tönne mußte schnell +zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu kommen. Dann liefen ihre kleinen +Geschwister weiter ins Dorf hinab, um Gäste zu holen. Bald waren viele +Menschen versammelt. + +Die Fröhlichkeit war groß. Tönne hielt sich abseits in einer Ecke der +Hütte, wie es seine Gewohnheit war, wenn Besuch kam; aber Jofrid war +beinahe wild in ihrer Fröhlichkeit. Mit gellender Stimme führte sie die +Tanzspiele an und bot eifrig den Gästen das schäumende Bier. Eng war es in +der Stube, aber die Spielleute waren flink und der Tanz hatte Leben und +Lust. Es wurde erstickend heiß dort drinnen. Man stieß die Tür auf; und nun +sah Jofrid erst, daß die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen war. Da +trat sie in die Haustür und blickte in die weiße Welt des Mondscheins +hinaus. + +Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war weiß, weil sich das +Mondlicht in den zahllosen Tropfen spiegelte, die sich auf allen Zweiglein +gesammelt hatten. Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und Steinen +wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. Jofrid stieg hinab; wohlig +schwankend war's unter dem Fuß. Sie ging ein paar Schritte über den Pfad, +der ins Dorf hinabführte, gleichsam als wolle sie prüfen, welches Gefühl es +sei, da zu gehen. Tönne und sie sollten am nächsten Tage Hand in Hand hier +wandern, in tiefste Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem +Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten ließ: sicherlich +war Schmach ihr Los. Die an diesem Abend eine gute Hütte und viele Freunde +hatten, würden am nächsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht +auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht sogar +ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: »Dies ist der Weg des Todes.« +Und nun konnte sie nicht fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu +wandeln. Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt wie der +alte König Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie das Gefühl, ihre schweren +Steinglieder nicht regen zu können, um diesen Weg zu gehen. + +Sie wendete ihre Blicke dem Königshügel zu und sah deutlich den alten +Kämpen da sitzen. Aber in dieser Nacht war er wie zum Fest geschmückt. Er +trug nicht mehr das graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weißes, +schimmerndes Silber. Auch schmückte ihn wieder eine Krone von Strahlen, wie +damals, als sie ihn zuerst sah; aber diese Krone war weiß. Und weiß +leuchtete Brustplatte und Armring, glitzernd weiß war Schwertgriff und +Schild. Er saß da und betrachtete sie in stummer Gleichgültigkeit. Das +seltsam Unergründliche, das in großen Steingesichtern liegt, hatte sich nun +auf ihn herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mächtig; und Jofrid hatte +die unklare Vorstellung, daß er ein Bild von etwas sei, was in ihr lag und +in allen Menschen, etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von +vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, den alten König, +mitten im Menschenherzen sitzen. Über dessen unfruchtbare Felder breitete +er seinen weiten Königsmantel. Da tanzte die Genußsucht, da jubelte das +Prachtverlangen. Er war der große Steinheld, der Not und Armut +vorüberwandern sah, ohne daß sein Steinherz gerührt ward. »Die Götter +wollen es so,« sagte er. Er war der starke steinerne Mann, der ungesühnte +Sünde tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: »Warum trauern, da +das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen aufgezwungen ward?« + +Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie ein Schluchzen war. +In ihr lebte eine Ahnung, die sie sich nicht klarzumachen vermochte, eine +Ahnung, daß sie mit dem steinernen Mann kämpfen müsse, wenn sie glücklich +werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fühlte sie sich so hilflos schwach. +Ihre Unbußfertigkeit und der Steinheld auf der Heide schienen ihr ein und +dasselbe, und konnte sie jene nicht besiegen, so würde dieser in +irgendeiner Weise Macht über sie erlangen. + +Sah sie nun wieder zu der Hütte hin, wo die Tücher unter den Dachbalken +schimmerten, wo die Spielleute Fröhlichkeit verbreiteten, und wo alles war, +was sie liebte, dann fühlte sie, daß sie nicht in die Knechtschaft gehen +konnte. Nicht einmal Tönne zuliebe. Sie sah sein blasses Antlitz in der +Hütte und fragte sich mit zusammengekrampftem Herzen, ob er verdiene, daß +sie ihm alles opfere. + +Aber drinnen in der Hütte hatten sich die Leute zu einem Reigentanz +aufgestellt. Sie ordneten sich in einer langen Reihe, faßten einander bei +den Händen und stürzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an der +Spitze, in rasender Eile vorwärts. Der Anführer zog sie durch die offne Tür +hinaus auf die im Mondschein glitzernde Heide. Sie stürmten an Jofrid +vorbei, keuchend und wild; strauchelten über Steine, sanken ins Heidekraut, +zogen weite Kreise rings um die Hütte. Der letzte in der Reihe rief Jofrid +an und streckte ihr die Hand entgegen. Sie faßte sie und lief mit. + +Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstürmen. Doch Fröhlichkeit war +darin, Lebenslust und Übermut. Immer kühner wurden die Schwenkungen, immer +lauter tönten die Rufe, immer stürmischer ward das Lachen. Von Hünengrab zu +Hünengrab, wie sie da über die Heide zerstreut lagen, schlang sich die +Reihe der Tanzenden. Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde +wieder emporgerissen, der Langsame vorwärts gezogen. Die Spielleute standen +in der Haustür und lockten zu immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu +ruhen, zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging der Tanz +über schwankes Moos und glatte Felsplatten. + +Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, daß sie die Freiheit behalten +mußte, daß sie lieber sterben, als sie verlieren wollte. Sie merkte, daß +sie Tönne nicht folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den +Wald zu eilen und niemals wiederzukommen. + +Alle Hügel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den König Atle. Jofrid sah, +daß es jetzt zu diesem hinaufging, und sie hielt die Blicke scharf auf den +mächtigen Mann geheftet. Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den +Hinstürmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch nur ein schallendes +Gelächter antwortete ihr. Sie wollte stehenbleiben; aber eine starke Faust +riß sie weiter. Sie sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig +waren sie, daß die schweren Arme keinen von ihnen erreichen konnten. +Unfaßlich war ihr, daß niemand ihn sah. Todesangst kam über sie. Sie wußte, +daß er sie erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen Jahren. +Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer würde er sich nun endlich +bemächtigen. + +Jetzt kam an sie die Reihe, an König Atle vorbeizueilen. Sie sah, wie er +sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, um Ernst zu machen und sie zu +fangen. In dieser höchsten Not fühlte sie: wenn sie sich jetzt entschloß, +am nächsten Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte er nicht die +Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. Sie kam zuletzt und die +Drehungen waren nun so heftig, daß sie mehr geschleppt und gezogen wurde +als selbst lief und Mühe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich sie +in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte Kämpe noch rascher. Die +schweren Arme senkten sich auf sie hinab, die steinernen Hände ergriffen +sie, zogen sie an die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer +schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wußte noch bis +zuletzt: nur weil sie den Steinkönig im eignen Herzen nicht zu besiegen +vermocht hatte, war König Atle Gewalt über sie gegeben. + +Nun war es zu Ende mit Tanz und Fröhlichkeit. Jofrid lag im Sterben. Sie +war in dem rasenden Lauf an den Königshügel geschleudert worden und hatte +von seinen Steinen den Todesstoß empfangen. + + + + +Die Vogelfreien + + +Ein Bauer, der einen Mönch ermordet hatte, floh in den Wald und wurde +geächtet. In der Wildnis fand er einen andern friedlosen Mann, einen +Fischer von den äußersten Schären, der beschuldigt war, ein Heringsnetz +gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen, wohnten in einer +Erdhöhle, legten Fallen, schnitzten Pfeile, buken Brot auf einem Stein und +wachten gegenseitig über ihr Leben. Der Bauer verließ den Wald niemals, +aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen hatte, nahm +zuweilen die erlegten Tiere über die Schulter und schlich sich zu den +Menschen hinunter. Da bekam er für den schwarzen Auerhahn und das +blauglänzende Birkhuhn, für den langohrigen Hasen und das feingliedrige Reh +Milch und Butter, Pfeile und Kleider. So war es den Friedlosen möglich, ihr +Leben zu fristen. + +Die Höhle, in der sie hausten, war in einen Hügelabhang gegraben. Breite +Steinplatten und dornige Schlehenbüsche deckten den Eingang. Auf dem Dach +stand eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der Erdhöhle. Der +emporsteigende Rauch wurde durch die dichten, nadelreichen Zweige des +Baumes gesiebt und verschwand unmerklich im Raume. + +Die Männer pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu gehen, indem sie den +Waldbach durchwateten, der unter dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte +die Spur der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser. + +Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern versammelten sich +wie zur Treibjagd auf Bär und Wolf. Der Wald wurde von Bogenschützen +umringt, Lanzenträger gingen dort umher und ließen keine dunkle Kluft, kein +dichtes Gestrüpp unerforscht. Während die lärmende Treibjagd durch den Wald +zog, lagen die Friedlosen in ihrer dunklen Höhle, atemlos lauschend, vor +Angst keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus; er aber, der +gemordet hatte, wurde von unerträglicher Angst ins Freie getrieben, wo er +seinen Feind sehen konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies +schien ihm tausendmal besser, als in ohnmächtiger Untätigkeit still +dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte über Abhänge, sprang +über Ströme, erkletterte kerzengerade Felswände. Alle verborgne Kraft und +Geschicklichkeit in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt. +Sein Körper ward elastisch wie eine Stahlfeder, der Fuß sprang nicht fehl, +die Hand ließ nicht locker, Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf +als einst. Er verstand das Flüstern des Laubes und die Warnungen der +Steine. Wenn er eine Anhöhe erklettert hatte, wendete er sich gegen seine +Verfolger und sandte ihnen Spottlieder mit beißenden Reimen nach. Wenn die +sausenden Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie gegen +die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden Zweigen durchdrängte, +sang jemand in seinem Innern ein Loblied auf seine Großtaten. + +Da lief der kahle Bergrücken durch den Wald, und einsam auf seiner Höhe +stand die himmelhohe Föhre. Der braunrote Stamm war kahl, aber in der +astreichen Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollkühn war jetzt der +Fliehende, daß er dort hinaufkletterte, während die Verfolger ihn auf den +bewaldeten Abhängen suchten. Da saß er und drehte den Jungen des Sperbers +den Hals um, während tief unter ihm die Jagd dahinzog. Sperber und +Sperberweibchen schossen voll Rachbegier auf den Räuber hinab. Sie +flatterten um sein Gesicht, sie richteten die Schnäbel auf seine Augen, sie +schlugen ihn mit den Flügeln und kratzten mit den Klauen blutige Streifen +in seine wettergebräunte Haut. Lachend kämpfte er gegen sie an. In dem +schwankenden Neste aufrechtstehend, hackte er mit seinem scharfen Messer +nach ihnen und vergaß über der Lust des Spieles die Lebensgefahr und die +Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen, hatten sie sich +nach einer andern Richtung entfernt. Niemandem war es in den Sinn gekommen, +die Jagdbeute auf dem kahlen Bergrücken zu suchen. Keiner hatte den Blick +zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche und Schlafwandlertaten +vollbringen zu sehen, während sein Leben in äußerster Gefahr schwebte. + +Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender Hand griff er +nach einer Stütze; schwindelnd maß er die Höhe, die er erklettert hatte. +Und vor Angst zu fallen stöhnend, bange vor den Vögeln, bange, gesehen zu +werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab. Er legte sich auf den +Berg nieder, um nicht gesehen zu werden und schleppte sich über das Geröll +weiter, bis das Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den +verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und kraftlos sank er in +das Moos. Ein einziger Mann hätte ihn leichtlich fangen können. + + * * * * * + +Tord war der Name des Fischers. Er zählte nicht mehr als sechzehn Jahre, +aber er war stark und kühn. Er hatte schon ein Jahr im Walde gelebt. + +Der Bauer hieß Berg, mit dem Beinamen der Riese. Er war der größte und +stärkste Mann in der Gegend und dazu schön und wohlgewachsen. Er war breit +um die Schultern und schlank um die Mitte. Seine Hände waren so +wohlgebildet, als hätten sie niemals harte Arbeit gekostet. Das Haar war +braun und das Antlitz zartgefärbt. Nachdem er einige Zeit im Walde +verbracht hatte, nahm er in allen Stücken ein furchtbareres Aussehen an als +früher. Seine Blicke wurden stechend, die Augenbrauen wuchsen buschig, und +die Muskeln, die sie runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es +trat auch deutlicher als früher hervor, wie der obere Teil seiner mächtigen +Stirne über den untern vorragte. Die Lippen schlossen sich jetzt fester als +einst, das ganze Gesicht wurde magrer, die Grübchen an der Stirn wurden +sehr tief, und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor. Sein Körper +wurde weniger voll, aber seine Muskeln ballten sich eisenhart. Das Haar +ergraute rasch. + +An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht sattsehen. Etwas so Schönes +und Gewaltiges hatte er nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er +hoch wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente ihm wie einem +Herrn und betete ihn an wie einen Gott. Es verstand sich ganz von selbst, +daß Tord den Jagdspeer trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer +anmachte. Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an, gönnte ihm aber fast +nie ein freundliches Wort. Er verachtete ihn, weil er ein Dieb war. + +Die Friedlosen führten kein Räuber- oder Wegelagrerleben, sondern ernährten +sich durch Jagd und Fischerei. Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen +Mann ermordet hätte, würden die Bauern wohl bald aufgehört haben, ihn zu +verfolgen, und hätten ihn oben im Gebirge in Frieden gelassen. Aber nun +fürchteten sie großes Unheil für die Gegend, weil der Mann, der Hand an +einen Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging. Wenn Tord mit +dem erlegten Wild ins Tal hinabkam, boten sie ihm große Belohnungen und +Vergebung seines eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der Höhle +Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten, während er schlief. +Aber der Knabe weigerte sich immer, und wenn ihm jemand in den Wald +nachschleichen wollte, dann führte er ihn so schlau auf falsche Fährte, daß +er die Verfolgung aufgeben mußte. + +Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum Verrat bewegen wollten, +und als er hörte, welchen Lohn sie ihm boten, sagte er hohnvoll, daß Tord +ein Einfaltspinsel wäre, wenn er solch ein Anerbieten nicht annähme. + +Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der Riese, desgleichen nie +zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein schönes Weib in seiner Jugend, nie hatte +seine Frau und seine Kinder ihn je so angesehen. »Du bist mein Herr, mein +freigewählter Herrscher,« sagte der Blick, »wisse, daß du mich schlagen und +beschimpfen kannst, soviel du willst. Ich bleibe doch treu.« + +Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den Jungen und merkte, daß er +mutig im Handeln, aber schüchtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine +Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder wenn das Moor im Frühling +am gefährlichsten war, wenn die Moräste sich unter reichblühendem Wollgras +und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am liebsten den Weg darüber. Es +schien ihm ein Bedürfnis zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum +Ersatz für die Stürme und Schrecknisse auf dem Meere, denen er nicht mehr +begegnete. Doch nachts fürchtete er sich im Walde, und selbst am hellichten +Tage konnte ein dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer +umgestürzten Föhre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn darüber befragte, +war er zu scheu, um auch nur zu antworten. + +Tord pflegte nicht auf dem hinten in der Höhle, nahe dem Feuer +aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich von Moos und warmen Fellen war, +sondern er kroch jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang +hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte dies, und +obgleich er den Grund erraten konnte, fragte er, was dies zu bedeuten +habe. Tord erklärte es ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei +Nächte lang nicht mehr in der Türe, aber dann nahm er seinen Wachtposten +wieder ein. + +Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel wehte und in das +windgeschützte Dickicht wirbelte, drangen die tanzenden Schneeflöckchen +auch in die Höhle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten +verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen erwachte, in eine +schmelzende Schneewehe gebettet. Einige Tage später wurde er krank. Die +Lungen pfiffen, und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen, fühlte er +stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf den Beinen, als die Kräfte +reichten. Aber als er sich eines Abends bückte, um das Feuer anzufachen, +fiel er um und blieb liegen. + +Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er möge sich in sein Bett legen. +Tord stöhnte vor Schmerz und vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg +die Arme unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war ihm, als hätte +er eine schlüpfrige Schlange berührt, und auf der Zunge hatte er einen +Geschmack, als hätte er von dem unheiligen Pferdefleisch gegessen, so +ekelte es ihn, diesen elenden Dieb anzurühren. + +Er breitete sein eignes, großes Bärenfell über ihn und reichte ihm Wasser, +mehr konnte er nicht tun. Es war auch nicht gefährlich. Tord wurde bald +gesund. Aber dadurch, daß Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein +Diener sein mußte, waren sie einander näher gekommen. Tord wagte zu ihm zu +sprechen, wenn er abends in der Höhle saß und Pfeile schnitzte. + +»Du bist aus gutem Stamm, Berg,« sagte Tord. »Die Reichsten im Tal sind +deine Verwandten. Deine Vorfahren haben Königen gedient und in ihren Burgen +gekämpft.« + +»Meistens haben sie in den Aufrührerscharen gekämpft und den Königen allen +Schaden getan,« erwiderte Berg, der Riese. + +»Deine Väter gaben zu Weihnachten große Gelage, und das tatest auch du, als +du auf deinem Hofe saßest. Hunderte von Männern und Frauen konnten auf den +Bänken deiner großen Halle Platz finden, die schon erbaut war, ehe noch der +heilige Olof hier in Viken taufte. Du hattest uralte Silberbecher und große +Trinkhörner, die, mit Met gefüllt, von Mann zu Mann wanderten.« + +Wieder mußte Berg den Knaben ansehen. Er saß mit herabhängenden Beinen auf +dem Bette, und der Kopf ruhte in den Händen, mit denen er zugleich die +wilde Haarmasse zurückdrängte, die ihm in die Stirn fiel. Das Gesicht war +durch die Krankheit bleich und fein geworden. In den Augen leuchtete noch +das Fieber. Er lächelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor: die +geschmückte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten Gäste und +Berg, den Riesen, der in seiner Väter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der +Bauer dachte, daß ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung leuchtenden +Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern so herrlich gefunden hatte, +wie der Knabe hier ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand. + +Er wurde gerührt und zornig zugleich. Dieser elende Dieb hatte kein Recht, +ihn zu bewundern. + +»Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?« fragte er. + +Tord lachte. »Dort draußen auf der Schäre bei Vater und Mutter! Vater ist +ja ein Wrackplünderer und Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!« + +»Deine Mutter ist eine Hexe?« + +»Das ist sie,« antwortete Tord ohne jede Befangenheit. »Bei stürmischem +Wetter reitet sie auf einem Seehund zu den Schiffen, über die die +Sturzwellen hinspülen, und wer dann in das Meer geschleudert wird, der +gehört ihr.« + +»Was fängt sie mit ihnen an?« fragte Berg. + +»Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht wohl Salben aus ihnen, +oder vielleicht ißt sie sie. In Mondscheinnächten sitzt sie draußen in der +Brandung, wo sie am weißesten ist, und der Schaum sprüht über sie hin. Es +heißt, daß sie da sitzt und nach den Fingern und Augen ertrunkner Kinder +sieht.« + +»Das ist abscheulich,« sagte Berg. + +Der Knabe antwortete mit großer Zuversicht: »Es wäre abscheulich für andre, +aber nicht für Hexen. Die müssen es so machen.« + +Berg schien es, daß dies eine neue Art war, Welt und Dinge zu betrachten. + +»Müssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern müssen?« fragte er +scharf. + +»Ja, gewiß,« antwortete der Knabe, »jeder muß tun, wozu er bestimmt ist.« +Aber dann fügte er mit einem versteckten Lächeln hinzu: »Es gibt aber auch +Diebe, die niemals gestohlen haben.« + +»Sag doch gerade heraus, was du meinst,« sagte Berg. + +Der Knabe lächelte geheimnisvoll, stolz, ein unlösbares Rätsel zu sein. »Es +ist, als spräche man von Vögeln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben +spricht, die nicht stehlen.« + +Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren. »Man kann doch +niemanden einen Dieb nennen, der nicht gestohlen hat,« sagte er. + +»Nein, freilich nicht,« sagte der Knabe und kniff die Lippen zusammen, wie +um die Worte nicht durchzulassen. »Wenn einer aber einen Vater hätte, der +stiehlt,« warf er nach einem Weilchen hin. + +»Geld und Gut erbt man,« wandte Berg ein, »aber den Namen Dieb trägt +keiner, der ihn nicht erworben hat.« + +Tord lachte leise. »Und wenn einer eine Mutter hat, die einen bittet und +anfleht, des Vaters Verbrechen auf sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem +Henker ein Schnippchen schlägt und in den Wald flieht. Und wenn man dann +für vogelfrei erklärt wird, eines Fischnetzes wegen, das man gar nie +gesehen hat?« + +Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den Tisch. Er war zornig. +Da war nun dieses schöne junge Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben +fortgeworfen. Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter Männern +konnte er fürderhin gewinnen. Die elende Sorge um Speise und Trank war +alles, was ihm übrig blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, daß +er, Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er schalt ihn mit +strengen Worten, aber Tord hatte nicht einmal soviel Angst wie das kranke +Kind vor der Mutter, wenn sie es schilt, weil es sich erkältet hat, als es +durch den Frühlingsbach watete. + + * * * * * + +Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler See. Er war +viereckig, mit so geraden Ufern und so scharfen Winkeln, als wäre er von +Menschen gegraben. Auf drei Seiten war er von steilen Felswänden umgeben, +an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln festklammerten. Unten am +See, wo das Erdreich so allmählich weggeschwemmt worden war, ragten diese +Wurzeln aus dem Wasser auf, nackt und gekrümmt, und wunderbar ineinander +verschlungen. Es war wie eine ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus +dem Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt hatten und +so stehen geblieben waren. Oder es war eine Menge dunkler Skelette +ertrunkner Riesen, die der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine +verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten sich in den +harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten Rundbogen, die uralte Bäume +trugen. Es war doch vorgekommen, daß die eisernen Arme, die stahlharten +Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten, nachgegeben hatten. +Und ein gewaltiger Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom +Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem Wipfel voran war sie +tief in den Schlammgrund eingedrungen und dort hängen geblieben. Jetzt +hatte die Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen, aber +die Wurzeln ragten über das Wasser hinaus, wie ein vielarmiges Ungeheuer, +und die schwarzen Wurzelzweige trugen mit dazu bei, den Sumpfsee häßlich +und erschreckend zu machen. + +Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge. Da entführte ein +kleiner, schäumender Bach sein Wasser. Ehe dieser Bach den einzig möglichen +Weg finden konnte, mußte er zwischen Steinen und Erdhügeln suchen und +bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige nur eine Scholle groß, andre +etwa zwanzig Bäume tragend. + +Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen, gediehen auch +Laubbäume. Hier standen durstige graugrüne Erlen und glattblättrige Weiden. +Die Birke war da, wie sie überall zur Stelle ist, wo es gilt, den Nadelwald +zu verdrängen, und der Faulbaum und die Eberesche, diese beiden, die +gewöhnlich die Waldwiesen besäumen, sie mit ihrem Duft erfüllen und mit +ihrem Reiz umkränzen. + +Hier beim Ausfluß war auch ein mannshoher Schilfwald, durch den das +Sonnenlicht grün über das Wasser fiel, wie es im richtigen Walde über das +Moos fällt. Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche, und da +schwammen die Seerosen. Die hohen Halme sahen mit mildem Ernst auf diese +zarten Schönheiten herab, die verdrießlich ihre weißen Blätter und gelben +Stempel in lederharten Hüllen verwahrten, sowie die Sonne sich nicht +zeigen wollte. + +An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an diesen See, um zu fischen. +Sie wateten zu ein paar großen Steinen im Binsenwalde und saßen da und +warfen den grüngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen, Köder hin. + +Diese Männer, die stets im Walde und im Gebirge umherstreiften, waren, ohne +daß sie selbst darum wußten, ebensosehr unter die Herrschaft der +Naturmächte geraten, wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden sie +offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die Sonne verschwunden war, +verstummten sie, und die Nacht, die ihnen viel größer und gewaltiger +vorkam, als der Tag, machte sie ängstlich und ohnmächtig. Jetzt versetzte +sie das grüne Sonnenlicht, das durch das Schilf einfiel und das Wasser +goldgestreift, braun und schwarzgrün färbte, in eine Art Wunderstimmung. +Die Aussicht war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in einem +unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die langen, bandähnlichen +Blätter flatterten ihnen ins Gesicht. Sie saßen in grauen Fellgewändern auf +den grauen Steinen. Die Färbung des Felles ahmte die Tönung des +verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gefährten in seinem +Schweigen und seiner Regungslosigkeit in ein Steinbild verwandelt. Aber +drinnen durch das Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem +Rücken. Als die Männer die Angelhaken auswarfen und sahen, wie sich die +Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde die Bewegung immer stärker und +stärker, bis sie merkten, daß sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe, +halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und schlief. Sie lag +auf dem Rücken mit dem ganzen Leibe unter dem Wasserspiegel. Die Wellen +schlossen sich so eng an den Körper an, daß sie sie vorher nicht bemerkt +hatten. Ihre Atemzüge ließen die Wellen nicht ruhen. Doch es war nichts +Wunderliches darin, daß sie dalag, und als sie im nächsten Augenblick +verschwunden war, wußten sie nicht recht, ob es nicht nur eine +Sinnestäuschung gewesen war. + +Das grüne Licht drang wie ein süßer Rausch durch die Augen in das Hirn. Die +Männer saßen da und starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend, +die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang fiel schlecht aus, +der Tag gehörte Träumen und Offenbarungen. + +Da ertönten Ruderschläge im Schilf, und sie schreckten wie aus dem +Schlummer auf. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein Eichenstamm, schwer, +ohne jede Kunstfertigkeit ausgehöhlt, moosbewachsen und mit Rudern, schmal +wie Stäbchen. Ein junges Mädchen, das Seerosen geholt hatte, ruderte ihn. +Sie hatte dunkelbraunes Haar, das in schwere Zöpfe geflochten war, und +große dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre Blässe schimmerte +rosig und nicht grau. Die Wangen waren nicht lebhafter gefärbt als das +übrige Gesicht, kaum die Lippen. Sie trug ein weißes Leinenleibchen und +einen Ledergürtel mit goldner Schließe. Der Rock war blau mit rotem Saum. +Sie ruderte dicht an den Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie +verhielten sich atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden, +sondern nur um sie so recht sehen zu können. Sobald sie verschwunden war, +verwandelten sie sich gleichsam wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie +sahen einander lächelnd an. + +»Sie ist weiß wie die Seerosen,« sagte der eine. »Sie ist dunkeläugig wie +das Wasser drüben unter den Tannenwurzeln.« + +Sie waren so übermütig, daß sie lachen wollten, richtig lachen, wie man nie +zuvor an diesem See gelacht hatte, lachen, so daß die Felswände von dem +Echo erzitterten und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken lösten. + +»Schien sie dir schön?« fragte Berg, der Riese. + +»Ach, ich weiß nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.« + +»Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest wohl, sie sei die +Seejungfrau?« + +Und wieder schüttelte sie dieselbe törichte Lachlust. + + * * * * * + +Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen. Er hatte die Leiche +am hellichten Tage am Strand gefunden und war gar nicht erschrocken, aber +nachts hatte er furchtbare Träume geträumt. Er sah ein Meer, in dem jede +Welle einen toten Mann zu seinen Füßen rollte. Er sah auch alle Inseln der +Schären mit Ertrunknen bedeckt, die tot waren und dem Meere gehörten, aber +dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm drohen mit ihren welken, +weißen Händen. + +So ging es ihm auch jetzt. Das Mädchen, das er im Schilfe gesehen hatte, +kam in seinen Träumen wieder. Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo +das Sonnenlicht noch grüner war als im Schilf, und er hatte Zeit, zu sehen, +daß sie schön war. Er träumte, daß er auf der großen Tannenwurzel mitten in +dem dunklen See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich so, daß +er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien sie auf den kleinen +Inselchen. Sie stand unter den roten Ebereschen und lachte ihn aus. Im +letzten Traumbild brachte er es so weit, daß sie ihn küßte. Es ward früher +Morgen, und er hörte, daß Berg aufgestanden war, aber er schloß hartnäckig +die Augen, um weiter zu träumen. Als er erwachte, war er ganz wirr und +betäubt von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er dachte jetzt viel +mehr an das Mädchen, als am Tage vorher. + +Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu fragen, ob er ihren +Namen wisse. + +Berg sah ihn prüfend an. »Vielleicht ist es am besten, wenn du es gleich +erfährst,« sagte er. »Es war Unn. Wir sind Verwandte.« + +Da wußte Tord, daß um dieser bleichen Maid willen Berg, der Riese, friedlos +durch Wald und Gebirge zog. Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was +er von ihr wußte. + +Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter war tot, so daß sie das +Regiment auf ihres Vaters Hof führte. Dies gefiel ihr, denn sie war +herrschsüchtig, und sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen. + +Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder, und es hieß schon lange, +daß Berg lieber bei Unn und ihren Mägden saß und mit ihnen scherzte, als +daheim auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun das große +Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde, hatte seine Frau einen Mönch aus +Draksmark eingeladen, denn sie wollte, daß dieser Berg Vorwürfe mache, weil +er sie um einer andern Frau willen vernachlässigte. Dieser Mönch war Berg +und auch vielen andern wegen seines Aussehens verhaßt. Er war sehr feist +und ganz weiß. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die Augenbrauen +über seinen wässerigen Augen, die Gesichtsfarbe, die Hände und die Kutte, +alles war weiß. Viele konnten seinen Anblick kaum ertragen. + +Bei der Tafel nun, so daß alle Gäste es hören konnten, sagte dieser Mönch +-- denn er war unerschrocken und meinte, daß seine Worte besser wirken +würden, wenn viele sie vernahmen --: »Man pflegt zu sagen, daß der Kuckuck +der schlechteste der Vögel ist, weil er seine Jungen nicht im eignen Neste +aufzieht, aber hier sitzt ein Mann, der nicht für Heim und Kinder sorgt, +sondern seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich den +schlechtesten der Männer nennen.« -- Da stand Unn auf. »Dies, Berg, geht +auf dich und mich,« sagte sie. »Nie bin ich so beschimpft worden, aber +freilich, mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.« Sie wendete sich, +um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach. »Rühre mich nicht an,« rief sie. +»Nie mehr will ich dich sehen.« Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte +sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit flammenden Augen +geantwortet, das müsse er selbst am besten wissen. Da ging Berg hin und +erschlug den Mönch. + +Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken versunken, denn nach einem +Weilchen sagte Berg: »Du hättest sie, Unn, sehen sollen, als der weiße +Mönch gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder um sich und +fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter Unn zu, damit sie sich auf ewige +Zeiten die einprägten, die ihren Vater zum Mörder gemacht hatte. Aber Unn +stand gelassen da und so schön, daß die Männer erbebten. Sie dankte mir für +die Tat und hieß mich allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich, +kein Räuber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen, als bis ich es +für eine ebenso gerechte Sache brauchen könnte.« + +»Deine Tat hatte sie erhöht,« sagte Tord. + +Hier stand nun Berg vor demselben Rätsel, worüber er sich schon früher bei +dem Knaben gewundert hatte. Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide, +er verurteilte niemals das, was unrecht war. Er kannte keine +Verantwortlichkeit. Was geschehen mußte, das geschah. Gott, Christus und +die Heiligen kannte er, aber nur dem Namen nach, so wie man die Götter +fremder Länder kennt. Die Gespenster der Schären waren seine Götter. An die +Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter ihn glauben gelehrt. + +Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das ebenso töricht war, als +wenn er einen Strick für seinen eignen Hals gedreht hätte. Er stellte dem +Unwissenden den großen Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit, den +Rächer der Missetaten, der die Schuldigen in ewige Pein hinabstürzt. Und er +lehrte ihn Christus und seine Mutter lieben, und die heiligen Männer und +Frauen, die mit gefalteten Händen vor Gottes Thron liegen, um den Zorn des +großen Rächers von den sündigen Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles, +was die Menschen tun, um Gottes Zorn zu versöhnen. Er zeigte ihm die +Pilgerscharen, die zu heiligen Stätten ziehen, die selbstquälerischen Büßer +und die Flucht der Mönche vom Weltleben. + +Und während er sprach, wurde der Knabe eifriger und blasser, seine Augen +öffneten sich weit wie vor furchtbaren Gesichten. Berg, der Riese, wollte +aufhören, aber der Strom der Gedanken riß ihn fort, und er sprach weiter. +Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze Waldesnacht, in der die +Käuzchen schreien. Gott kam ihnen so nahe, daß sie sahen, wie sein Thron +die Sterne verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die Waldwipfel +herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die Flammen der Unterwelt zu der +platten Scheibe der Erde empor und beleckten gierig diesen schwanken +Zufluchtsort qualbedrückter Menschengeschlechter. + + * * * * * + +Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm wehte. Tord ging allein +durch den Wald, um Schlingen und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese, +saß daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg führte hinauf zu einer +bewaldeten Höhe. Der Pfad war breit. + +Jeder Windstoß, der durch die dichten Bäume dringen konnte, fegte das +trockne Laub in raschelnden Wirbeln den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums +andre vor, als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um. Zuweilen +blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann merkte er, daß es die Blätter +und der Wind waren, und er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann, +hörte er jemanden auf leisen Sohlen den Hügel hinauftanzen. Kleine +Kinderfüße kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister spielten hinter ihm. +Wenn er sich umwendete, war niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust +gegen die raschelnden Blätter und ging weiter. Sie verstummten nicht, aber +sie nahmen einen andern Ton an. Sie begannen hinter ihm zu zischen und zu +schnauben. Eine große Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing ihr +aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend von den +verschrumpften Blättern ab. Neben der Schlange schlich ein Wolf, ein +großer, magrer Geselle, der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren, +wenn die Natter sich zwischen seine Füße schlängelte und ihn in die Ferse +stach. Manchmal waren sie beide ganz still, wie um ihm unbemerkt zu nahen, +aber gleich darauf verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen +schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord ging unwillkürlich +immer rascher, aber die Tiere eilten ihm nach. Als er glaubte, daß sie nur +zwei Schritte entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er sich um. +Es war niemand da, und das hatte er die ganze Zeit gewußt. + +Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen. Da gaukelten die +trocknen Blätter zu seinen Füßen, wie um ihn zu ergötzen. Da waren sie, +alle Blätter des Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte +Ebereschenblätter, die trocknen schwärzlichbraunen Blätter der Ulme, die +zähen lichtroten der Espe, und die goldgrünen der Palmweide. Verwandelt und +verschrumpft, narbig und abgestoßen waren sie, sehr verschieden von den +daunenweichen, lichtgrünen feingeformten Blättchen, die sich vor ein paar +Monaten aus den Knospen entrollt hatten. + +»Sünder,« sagte der Knabe, »Sünder, nichts ist rein vor Gott. Die Flammen +seines Zornes haben euch schon erreicht.« + +Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald unter sich wogen wie ein +sturmgepeitschtes Meer, doch unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er +hörte nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll Stimmen. + +Es klang wie Flüstern, wie Klagelieder, wie barsche Drohungen, wie +dröhnende Flüche. Es lachte, und es klagte, es war wie das Lärmen von +vielen Menschen. Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und +zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war, machte seine +Gedanken wild. Er fühlte wieder Todesangst wie damals, als er auf dem Boden +seiner Höhle lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder hörte er +das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte der Volksmenge, das Klirren +der Waffen, die dröhnenden Rufe, das wilde, blutdürstige Gemurmel, das aus +der Menge aufstieg. + +Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas andres, noch +Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten konnte, ein Gewirr von +Stimmen, die eine fremde Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere +Stürme als diesen durch das Takelwerk brausen gehört. Aber nie zuvor hatte +er den Wind auf einer so vielstimmigen Harfe spielen hören. Jeder Baum +hatte seine Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die Pappel nicht +wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren Ton, das Echo jeder Felswand +seinen eignen Klang. Und das Rieseln der Bäche und der Schrei des Fuchses +mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles das konnte er +deuten, es ertönten andre, wunderbarere Laute. Und diese bewirkten es, daß +es anfing, in ihm um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen +und zu jammern. + +Er hatte sich immer gefürchtet, wenn er allein im Waldesdunkel war. Er +liebte das offne Meer und die nackten Klippen. Zwischen den Bäumen +schlichen Geister und Schatten einher. + +Mit einem Male hörte er, wer es war, der im Sturme sprach. Gott war es, der +große Rächer, der Gott der Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes +wegen. Er verlangte, daß er den Mörder des Mönches seiner Rache ausliefere. + +Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er sagte Gott, was er hatte +tun wollen, aber nicht vermocht hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten +wollen, sich mit Gott zu versöhnen, aber er war zu schüchtern gewesen. Die +Scheu hatte ihn stumm gemacht. »Als ich erfuhr, daß die Erde von einem +gerechten Gott gelenkt wird,« rief er, »da erkannte ich, daß er ein +verlorener Mann sei. Nächtelang habe ich dagelegen und über meinen Freund +geweint. Ich wußte, daß Gott ihn finden muß, wo er sich auch verbergen mag. +Aber ich vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil ich ihn zu +sehr liebe. Verlange nicht, daß ich mit ihm spreche, verlange nicht, daß +das Meer sich so hoch wie die Berge erhebe.« + +Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe Stimme, die für ihn +Gottes Stimme gewesen war. Mit einem Male kam Windstille und greller +Sonnenschein und ein Plätschern wie von Rudern und ein leises Rascheln wie +von steifen Schilfblättern. Diese sanften Laute zauberten ihm Unns Bild vor +die Seele. -- Der Friedlose kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht +Frauen, nicht Ansehen unter den Männern. -- Wenn er Berg verriet, kam er +wieder unter die Hut der Gesetze. -- Aber Unn mußte Berg lieben, nach dem, +was er für sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg. + +Als der Sturm zunahm, hörte er wieder Schritte hinter sich und ab und zu +ein atemloses Keuchen. Jetzt wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wußte, +daß der weiße Mönch hinter ihm war. Er kam von dem Feste in Bergs Hause, +blutbespritzt mit einer klaffenden Wunde in der Stirn. Und er flüsterte: +»Gib ihn an, verrate ihn, rette seine Seele. Überliefre seinen Leib dem +Scheiterhaufen, auf daß seine Seele verschont werde. Überantworte ihn der +langen Qual der Folterbank, auf daß seine Seele Zeit habe, zu bereuen.« + +Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und für sich nichts war, +wuchs, da es so unaufhörlich seine Seele verfolgte, zu etwas Großem, +Entsetzlichem an. Er wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann, +ertönte wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme Gottes war. +Gott selbst jagte ihn mit Schreckschüssen, damit er den Mörder ausliefre. +Verabscheuungswürdiger denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein +waffenloser Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem Stahl durchbohrt +worden. Das hieß dem Herrn der Welten trotzen. Und der Mörder wagte, zu +leben. Er freute sich des Sonnenlichtes und der Früchte der Erde, als ob +der Arm des Allmächtigen zu kurz wäre, um ihn zu erreichen. + +Er blieb stehen, ballte die Fäuste und schrie drohende Worte. Dann eilte er +wie ein Wahnsinniger aus dem Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal +hinab. + + * * * * * + +Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so waren sogleich zehn +Männer bereit, ihm zu folgen. Es wurde beschlossen, daß Tord allein in die +Höhle gehen sollte, damit Berg nicht mißtrauisch werde. Aber unterwegs +sollte er Erbsen ausstreuen, damit die Männer den Weg finden konnten. + +Als Tord in die Höhle trat, saß der Vogelfreie auf der Steinbank und +nähte. Der Feuerschein war matt, und die Arbeit schien schlecht vonstatten +zu gehen. Das Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche Berg +deuchte ihm arm und unglücklich. Und das einzige, was er sein Eigen nannte, +das Leben, sollte ihm nun genommen werden. Tord begann zu weinen. + +»Was hast du?« fragte Berg. »Bist du krank? Bist du erschrocken?« + +Zum ersten Male erzählte da Tord von seiner Angst. »Es war unheimlich im +Walde. Ich hörte Geister und sah Gespenster. Ich sah weiße Mönche.« + +»Gottes Tod, Junge!« + +»Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen Weg zum Bredfelsen +hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte, aber sie kamen mit und sangen. Kann +ich das Unwesen nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Ich +meine, sie könnten einem die Messe lesen, der es nötiger hat.« + +»Bist du heute abend ganz toll, Tord?« + +Tord sprach und wußte kaum, welcher Worte er sich bediente. Alle Scheu war +von ihm gewichen. Unbehindert strömte die Rede von seinen Lippen. + +»Es sind lauter weiße Mönche, weiß, leichenblaß. Alle haben sie Blut auf +der Kutte. Sie ziehen die Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet +doch hervor. Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb.« + +»Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?« + +»Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum muß ich sie sehen?« + +»Das mögen die Heiligen wissen, Tord,« sagte Berg, der Riese, bleich und +mit düsterm Ernst, »was es bedeutet, daß du eine Wunde von einem Axthieb +siehst. Ich habe den Mönch mit ein paar Messerstichen getötet.« + +Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die Hände. »Sie verlangen dich +von mir. Sie wollen mich zwingen, dich zu verraten.« + +»Wer? Die Mönche?« + +»Ja, gewiß, die Mönche. Sie zeigen mir Gesichte. Sie zeigen mir sie, Unn. +Sie zeigen mir das glitzernde, sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die +Lagerplätze der Fischer, wo Tanz und Fröhlichkeit herrscht. Ich schließe +die Augen, aber ich sehe dennoch. Laßt mich in Frieden, sage ich. Mein +Freund hat gemordet, aber er ist nicht böse. Laßt mich gehen, und ich will +mit ihm sprechen, damit er bereut und Buße tut. Er wird seine Sünde +gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide werden zu den Stätten +wallfahrten, die so heilig sind, daß alle Sünde von dem genommen wird, der +ihnen naht.« + +»Was antworteten da die Mönche?« fragte Berg. »Sie wollen meine Rettung +nicht. Sie wollen mich auf den Scheiterhaufen und auf die Folterbank +bringen.« + +»Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich sie,« fuhr Tord fort. +»Er ist mein alles auf Erden. Er hat mich vom Bär errettet, dessen Pranken +auf meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und alles Ungemach +erduldet. Er hat sein eignes Bärenfell über mich gebreitet, als ich krank +lag. Ich habe Holz und Wasser für ihn getragen, ich habe seinen Schlummer +bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht geführt. Warum glauben sie, +daß ich solch einer bin, der einen Freund verrät? Mein Freund wird bald aus +freien Stücken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen wir zusammen in +das Land der Versöhnung.« + +Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf Tords Gesicht. »Du +sollst selbst zum Priester gehen und ihm die Wahrheit sagen,« sagte er. +»Du mußt wieder hinab zu den Menschen.« + +»Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner Sünde willen verfolgt +mich der Tote und alle Schatten. Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du +hast deine Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist so wie +deines. Es ist mir, als müßte ich mich freuen, wenn ich dich an Rad und +Galgen sähe. Wohl dem, der in dieser Welt seine Strafe empfängt und dem +künftigen Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten Gott? Du +zwingst mich, dich zu verraten. Hilf mir von dieser Sünde. Gehe zum +Priester.« Und er fiel vor Berg auf die Knie. + +Der Mörder legte die Hand auf seinen Kopf und sah ihn an. Er mußte seine +Sünde an der Angst des Gefährten messen. Und sie stand groß und grauenvoll +vor seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen, der die Welt +lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein Herz. + +»Weh mir, daß ich tat, was ich getan,« sagte er. »Was meiner harrt, das ist +zu schwer, um es freiwillig auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den +Priestern aus, so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern. Sie +werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist nicht dieses Leben des +Elends, das wir in Angst und Not führen, Buße genug? Habe ich nicht Hof und +Heim verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von allem, was eines +Mannes Freude ist? Wessen bedarf es noch?« + +Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen auf. »Kannst du bereuen?« +rief er. »Können meine Worte dein Herz rühren? O, dann komm gleich! Wie +konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch ist es Zeit!« + +Berg, der Riese, sprang auch auf. »Du hast es also getan --« + +»Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt rasch, da du bereuen +kannst! Sie werden uns ziehen lassen! Wir müssen ihnen entkommen!« + +Da beugte sich der Mörder zum Boden herab, wo seine von den Vätern ererbte +Streitaxt zu seinen Füßen lag. »Du Sohn eines Diebes,« sagte er, die Worte +hervorzischend. »Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut gewesen.« + +Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt bückte, da wußte er, daß es nun +sein Leben galt. Er riß seine eigne Axt aus dem Gürtel und schlug nach +Berg, ehe dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr zischend +durch die Luft und drang in den herabgebeugten Kopf. Berg, der Riese, fiel +mit dem Kopfe nach vorn zu Boden, der ganze Körper taumelte nach. Blut und +Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In dem struppigen Haar +sah Tord ein großes, rotes, klaffendes Loch nach einem Axthieb. + +Jetzt stürzten die Bauern herein. Sie freuten sich und priesen die Tat. + +»Jetzt steht deine Sache gut,« sagten sie zu Tord. + +Tord sah auf seine Hände herab, als sähe er da die Fesseln, mit denen er +herangeschleift worden war, um den zu töten, den er liebte. Sie waren wie +die des Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den grünen Lichtern des +Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten, aus dem Gesang des Sturmes, aus +dem Rascheln des Laubes, aus dem Zauber der Träume waren sie gewoben. Und +er sagte laut: »Gott ist groß!« + +Aber wieder verfiel er in seine frühern Gedanken. Er sank neben der Leiche +auf die Knie und legte seinen Arm unter den Kopf des Freundes. + +»Tut ihm nichts zuleide,« sagte er. »Er bereut, er will zum Heiligen Grabe +pilgern. Er ist nicht tot, aber fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit, +zu gehen, da fiel er. Der weiße Mönch wollte wohl nicht, daß er bereue, +aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt die Reue.« + +Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte und flehte den +Toten an, aufzuwachen. Die Bauern bereiteten aus einigen Speeren eine +Bahre. Sie wollten die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie +hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in seiner Nähe. Als sie +ihn auf die Bahre hoben, stand Tord auf, schüttelte die Haare aus dem +Gesicht und sprach mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte: + +»So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum Mörder machte, daß er von +Tord, dem Fischer, dessen Vater ein Wrackplünderer und dessen Mutter eine +Hexe ist, erschlagen ward, weil er ihn lehrte, daß die Grundfeste dieser +Erde Gerechtigkeit heißt.« + + + + +Reors Geschichte + + +War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel +Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde getauft, +als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein +eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön, aber nicht +hochgewachsen, stark, aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit Blick und Wort +allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vöglein an sich +locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, und die Natur hatte große +Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und das Knospen der Bäume, das +Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung des Barsches in dem +abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung, +dies waren die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und Freude +bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter den Menschen zutrug. + +Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen +Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen Schuß. +Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, und +er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der Pelz des Bären war +weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn ab, rollte ihn zu einem +harten Bündel zusammen und ging mit dem Bärenfell auf dem Rücken weiter. + +Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken Honigduft +verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die den Boden +bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, glatte +Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des Stengels ein +kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt war. Die kleinen +Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus ihnen ragte eine +kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte Knöpfchen auf +weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter ihnen einherging, +daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel standen, +Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der starke honigsüße Duft +war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die Bäume +und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag etwas Beängstigendes in dem +schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher gefüllt und ihre Tischlein +gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber niemand kam. Sie sehnten sich +zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem dunkeln, windstillen +Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern zu wollen, weil die +schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo +die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es ihn, als sängen sie +zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen Gäste, kommt heute, denn +morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen Laub.« + +Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu +sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste Lüftchen +und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken Stämmen +umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als wüßte er den Weg +nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im +Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weißbeschwingten Honigsucher +versammelt war. Aber der erste war der Anführer, und er fand, vom Dufte +geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer +herangestürmt. Es stürzte sich auf die sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger +sich auf die Beute stürzt. Wie ein Schneefall von weißen Flügeln senkten +sie sich auf sie herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede +Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel. + +Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf +dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde +eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war, was +ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt hatten. Er +ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines +großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn ängstigte, war, ob er auch +den Weg zu diesem finden konnte, was sich nach ihm sehnte. + +Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte sich, +um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den +Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen und lag +still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff, glitt sie so glatt wie +Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor ganz und gar darauf +erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange nach, +konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn von dem Pfade fort auf +den ungebahnten Waldboden. + +Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man selten +Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockne Moos und die braunen +Nadeln, Farrenkräuter und Preißelbeerbüsche zogen sich zurück, und Reor +fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen Matte +zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, und +zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen, +halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle, +und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen Äste +mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen +viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß. + +Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht aus +dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die +moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost zuletzt +gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die die +braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten +Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und +eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen Mützen +erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten. + +Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu gleichen, +aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand einer +Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und Flechten die +großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich drehte. + +Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um +sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte, +und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den +honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter +der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam still: +kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte +alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und zu +lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht allein +war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob jemand ihn +beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand keine Angst, nur +ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte er bald etwas +überaus Schönes zu sehen bekommen. + +In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich nicht +versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die der Frost +von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen Schlange sah +er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase lag und schlief. +Sie lag ohne andre Decke, als ein paar spinnwebdünne Schleier, gerade als +hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im +Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden, +federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der Schlafenden, so daß +Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers gewahren konnte. Er +trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein gutes Messer zog er +aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und die Felswand, damit +die den Stahl fürchtende Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen +konnte, wenn sie erwachte. + +Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er sogleich, +das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch war er nicht +recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte. + +Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der +Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,« sagten +sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsre schöne Tochter. +Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du der edelsten +Gabe würdig?« + +Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß, +das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da +er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen +hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen habe, schämen +würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte das steife Fell +und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über sie. + +Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, von dem die +Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand in +großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon +befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun +auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die Nadeln +begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte, daß der +ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter der +Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde. + +Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag in +Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die +grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte. +Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im Berge war, war sie +doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob sie in seine Arme und +trug sie fort durch den Wald. + +Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut abhob. +Da sah er auf und merkte, daß des Riesen Tochter erwacht war. Sie saß ganz +ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann aussah, der +sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größre Schritte, aber sagte +nichts. + +Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf +brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum über +seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht auf, +sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte. Da +deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm +trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen durchbebte +Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims stand, da sah er, +wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt, unter die Grundmauer +schlüpfte. + + + + +Waldemar Attertag brandschatzt Visby + + +In dem Frühling, in dem Hellquists großes Bild »Waldemar Attertag +brandschatzt Visby« im Kunstverein ausgestellt war, kam ich an einem +stillen Vormittag hinauf, ohne zu ahnen, daß dieses Kunstwerk sich da +befand. Die große, farbenreiche Leinwand mit den vielen Gestalten machte +schon beim ersten Anblick einen außerordentlichen Eindruck. Ich konnte kein +andres Bild ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte mich +nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe Stunde lang lebte ich +das Leben des Mittelalters. + +Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem Marktplatz von Visby +abspielte. Ich sah die Bierbottiche, die sich mit dem goldnen Trank zu +füllen begannen, den König Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich +rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn mit dem Pagen, der +unter seinen Gold- und Silberschüsseln fast zusammenbricht, den jungen +Bürger, der die Faust gegen den König ballt, den Mönch mit dem scharfen +Antlitz, das forschend die Majestät betrachtet, den zerlumpten Bettler, der +sein Scherflein opfert, die Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist, +den König auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem schmalen +Gäßchen heranwälzt, die hohen Hausgiebel und die zerstreuten Gruppen +trotziger Soldaten und halsstarriger Bürger. + +Aber plötzlich merkte ich, daß die Hauptgestalt des Bildes nicht der König +ist, nicht einer der Bürger, sondern der eine der eisengepanzerten +Schildträger des Königs, der mit dem gesenkten Visier. + +In diese Gestalt hat der Künstler eine seltsame Kraft gelegt. Man sieht +nicht das geringste von ihm selbst, der ganze Mann ist Eisen und Stahl, und +doch macht er den Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein. + +»Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,« sagt er. »Ich bin es, der Visby +brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe +meine Lust an Qualen und Grausamkeit. Mögen sie einander nur peinigen. +Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu Visby.« + +»Sieh,« spricht er zu dem Betrachter, »kannst du nicht sehen, daß ich hier +Herr bin? Soweit dein Auge reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die +einander quälen. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr Gold aus. +Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. Und die Begierde der +Siegesherren wird immer wilder, je mehr Gold sie hervorpressen können. Was +sind Dänemarks König und seine Soldaten andres als meine Diener, wenigstens +für diesen Tag? Morgen werden sie zur Kirche gehen oder in friedlicher +Zwiesprach in den Schenken sitzen oder vielleicht auch gute Väter sein im +eignen Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie Bösewichte und +Gewalttäter.« + +Und je länger man ihm zuhört, desto besser versteht man, was das Bild ist: +nichts andres als eine Illustration der alten Mär, wie Menschen einander +quälen können. Kein versöhnender Zug ist da, nur grausame Gewalt. Und +trotziger Haß und hoffnungsloses Leiden. + +Es ist doch so, daß diese drei Bräukufen gefüllt werden müssen, auf daß +Visby nicht geplündert und eingeäschert werde. Warum kommen sie nicht, +diese Hanseaten, in flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen nicht +herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit seinem Becher, der +Priester mit dem Reliquienschrein, eifrig, glühend von Opfermut? »Für dich, +für dich, unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn es sich um +dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser Ruhm! Nimm zurück, was du uns +gegeben hast!« + +Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war es auch nicht. Keine +Begeisterung, nur Zwang, nur gebändigter Trotz, nur Jammer. Das Gold ist +ihnen alles, Frauen und Männer seufzen über dies Gold, von dem sie sich +trennen müssen. + +»Sieh sie an!« spricht die Gewalt, die auf den Stufen des Thrones steht. +»Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu opfern. Mag, wer da will, mit ihnen +Mitleid haben! Geizig, gewinnsüchtig, übermütig sind sie! Sie sind um +nichts besser als der gierige Räuber, den ich gegen sie ausgesandt habe.« + +Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet es ihr so großes +Leid, ihr Gold herzugeben! Oder ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie +des Jammers Urheberin? Ist sie die, welche die Stadt verraten hat? Ja, sie +ist es, die König Waldemars Liebste gewesen. Es ist Jung-Hansens Tochter. + +Sie weiß wohl, daß sie ihr Gold nicht auszuliefern braucht. Ihres Vaters +Haus wird dennoch nicht geplündert, aber sie hat zusammengerafft, was sie +besitzt und bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie von +all dem Elend, das sie gesehen, überwältigt worden und in grenzenloser +Verzweiflung zu Boden gesunken. + +Frisch und fröhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle, der +voriges Jahr in ihres Vaters Haus diente. Herrlich war es, an seiner Seite +über diesen selben Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den Giebeln +hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete. Stolz war sie auf ihn +gewesen, stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da, +von Jammer gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt und +grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung über die Stadt +gebracht hat, ist er derselbe, der ihr zärtliche Worte zugeflüstert hat? +Schlich sie sich zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht +ihres Vaters Schlüssel stahl und das Stadttor öffnete? Und als sie ihren +Goldschmiedegesellen als einen gewappneten Ritter traf mit einem +stahlgepanzerten Heere hinter sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht +wahnsinnig, da sie die stählerne Flut sich durch das Tor wälzen sah, das +sie geöffnet hatte? Zu spät deine Klagen, o Jungfrau! Warum liebtest du den +Feind deiner Stadt? Gefallen ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum +stürztest du dich nicht mitten im Tore nieder und ließest dich von den +eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest du leben, um den Verbrecher von des +Himmels Blitzen getroffen zu sehen? + +O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und schützt ihn. An heiligern +Dingen als einer leichtgläubigen Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal +Gottes heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine bricht er +aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe zu füllen. + +Da ändern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung. Blindes Entsetzen packt +alles Lebende. Der wildeste Kriegsknecht erbleicht, die Bürger wenden ihren +Blick zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle erbeben, außer +der Gewalt auf den Stufen des Thrones und dem König, der ihr Diener ist. + +Ich wünschte, der Künstler lebte noch, so daß er mich hinab zum Hafen von +Visby führen und mir diese selben Bürger zeigen könnte, als sie mit den +Blicken der fortsegelnden Flotte folgten. Sie rufen Verwünschungen über die +Wogen hin. »Vernichtet sie,« rufen sie, »vernichtet sie! O Meer, du unser +Freund, nimm unsre Schätze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter +den Gottlosen, unter den Treulosen!« + +Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt, die auf dem königlichen +Schiffe steht, nickt zustimmend. »So ist es gut,« sagt sie, »verfolgen und +verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Möge der Sturm und das Meer die +räuberische Flotte zerstören und die Schätze meines königlichen Dieners an +sich raffen! Desto früher ist es uns beschieden, auf neue Verheerungszüge +auszuziehen!« + +Aber die Bürger auf dem Strande wenden sich um und sehen zu ihrer Stadt +empor. Feuerflammen sind dort aufgelodert, Plünderung ist über sie +hingezogen, hinter zersprungenen Scheiben gähnen verwüstete Wohnstätten. +Geschwärzte Giebel sehen sie, geschändete Kirchen, blutige Leichen liegen +in den engen Gäßchen, und vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die +Stadt. Sollen sie alledem ohnmächtig gegenüberstehen? Gibt es niemanden, +den ihre Rache erreichen kann, niemanden, den sie ihrerseits quälen und +vernichten können? + +Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus ist nicht geplündert, +nicht verbrannt. Was ist das? War er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht +den Schlüssel zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam? O du, +Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das bedeuten? + +Dort auf dem Königsschiffe steht die Gewalt und betrachtet ihren +königlichen Diener, unter dem Visier lächelnd. Höre den Sturm, Herr, höre +den Sturm! Das Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf dem +Meeresgrunde ruhen. Und sieh zurück auf Visby, mein hoher Herr! Das Weib, +das du betrogst, wird zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer +geführt. Hörst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend und wehklagend? +Sieh, sieh, die Maurer kommen mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen +kommen mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle! + +O König, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby vorgeht, mußt du doch +hören und wissen, was dort geschieht. Du bist ja nicht von Stahl und Eisen +wie die Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters düstre Tage kommen und du +unter dem Schatten des Todes lebst, dann wird das Bild von Jung-Hansens +Tochter vor deine Erinnerung treten. + +Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung zusammensinken +sehen. Du wirst sie dahinziehen sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten +unter Glockengeläute und Hymnengesang. Sie ist schon tot in den Augen des +Volkes. Tot fühlt sie sich in ihrem Innersten, getötet von allem, was sie +geliebt. Du wirst sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine +einfügt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und das Volk hören, wie +es mit seinen Steinen herbeieilt. »O Maurer, nimm meinen, nimm meinen! +Bediene dich meines Steines zum Rachewerk! Laß meinen Stein mit dabei sein, +Jung-Hansens Tochter von Licht und Luft abzuschließen! Gefallen ist Visby, +das herrliche Visby! Gott segne eure Hände, Maurer! Laß mich mit dabei sein +und die Rache vollziehen!« + +Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken läuten wie über einer Toten. + +O Waldemar, König von Dänemark, auch dein Los wird es sein, dem Tode zu +begegnen, dann wirst du auf deinem Bette liegen und vieles hören und sehen +und dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren mit der +Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du hören. Wo sind sie dann, die +heiligen Glocken, die die Marter der Seele übertönen? Wo sind sie, die +weiten Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade für dich flehen? Wo ist +die von Wohllaut erzitternde Luft, die die Seele hin zu Gottes Gefilden +führt? + +O hilf, Esrom, hilf, Sorö, und du, große Glocke in Lund! + + * * * * * + +Welch düstre Geschichte erzählt nicht dieses Bild! Es war ein wunderliches, +fremdes Gefühl, wieder in den Königsgarten zu treten, in den strahlenden +Sonnenschein unter lebende Menschen. + + + + +Mamsell Friederike + + +Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht. + +Die Kobolde hoben die Felsblöcke auf hohe Goldsäulen und feierten +Mittwinterfest. Die Heinzelmännchen tanzten in neuen roten Mützen um die +Weihnachtsgrütze. Alte Götter zogen in grauen Unwettermänteln über das +Himmelsgewölbe. Und auf dem Österhaninger Kirchhof stand das Höllenpferd. +Es scharrte mit den Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz +für ein neues Grab. + +Nicht weit davon auf dem alten Schloß Årsta lag Mamsell Friederike und +schlief. Årsta ist, wie man weiß, ein altes Gespensterschloß, aber Mamsell +Friederike schlief einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt +geworden, und recht müde nach vielen schweren Arbeitstagen und vielen +langen Reisen -- sie war ja beinahe rings um die Erde gefahren -- darum war +sie in ihr Kindheitsheim zurückgekehrt, um Ruhe zu finden. + +Vor dem Schloß tönte eine kecke Fanfare in die Nacht hinaus. Der Tod hatte +sich auf sein Rößlein Grau gesetzt und war zum Schloßtor geritten. Sein +weiter Purpurmantel und der stolze Federbusch des Hutes wehten im +Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schwärmerisches Herz bezwingen, +darum trat er in so seltnem Staat auf. Vergebliche Mühe, Herr Ritter, +vergebliche Mühe! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame schläft. +Eine bessere Gelegenheit mußt du suchen und geeignetere Stunde. Laure ihr +auf, wenn sie zur Frühmette fährt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf +dem Kirchweg! + + * * * * * + +Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten Heim. Niemand +konnte die süße Ruhe besser als sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war +sie eben in einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von Jesus und +den Hirten erzählt, erzählt, bis ihre Augen strahlten und ihr ganzes +verwelktes Gesicht wie verklärt war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch +niemanden, der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden hatte. +Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die kleinen, feinen Händchen und das +kluge freundliche Gesicht, wollte im Gegenteil dieses Bild seinem +Gedächtnis einprägen als die wunderschönste Erinnerung. + +In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter andern Reliquien und +Erinnerungen ein kleiner trockner Strauch. Das war die Jerichorose, die +Mamsell Friederike aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte. Jetzt in +der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst zu blühen. Die trocknen +Zweige bedeckten sich mit roten Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten +und das ganze Zimmer erleuchteten. + +Bei dem Schein dieser Funken sah man, daß eine kleine und zarte, aber recht +alte Dame in einem großen, gelben Fauteuil saß und Salon hielt. Es konnte +nicht Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in guter +Ruh, und dennoch war sie es. Sie saß da und hielt Empfang für Erinnerungen, +das Zimmer war voll von ihnen. Menschen und Heime und Gegenstände und +Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen und +Jugenderinnerungen, Liebe und Tränen, Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn, +alles kam auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasaß und alle mit einem +gütigen Lächeln ansah. Sie hatte ein scherzendes oder wehmütiges Wort für +sie alle. + +Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und Form. Und so wie man +erst da des Himmels Sterne sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was +man tagsüber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im Schein der roten +Knospen der Jerichorose eine Menge wunderlicher Gestalten in Mamsell +Friederikens Salon sehen. Da war die steife »+ma chère mère+«, die +gutmütige Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem Abendland, die +schwärmerische Nina, die energische kämpfende Herta in ihrem weißen Kleid. + +»Kann mir jemand sagen, warum dieses Geschöpf immer weiß gekleidet sein +muß?« scherzte die kleine Gestalt im Fauteuil, als sie sie erblickte. + +Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und sagten: »Sieh, wie viel du +geschaut und erfahren, wie viel du gewirkt und genützt hast! Bist du nicht +müde, willst du nicht zur Ruhe gehen?« + +»Noch nicht,« antwortete der Schatten in dem gelben Fauteuil, »ich habe +noch ein Buch zu schreiben. Ich kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig +ist.« + +Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose erlosch, und der gelbe +Fauteuil stand leer. + + * * * * * + +In der Österhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse. Einer +von ihnen stieg zu den Glocken hinauf und läutete das Christfest ein, ein +anderer ging umher und entzündete die Weihnachtskerzen, und ein dritter +begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen. Durch die geöffnete +Tür kamen die übrigen aus Nacht und Gräbern in das helle, strahlende Haus +des Herrn gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren, kamen +sie, nur ein bißchen bleicher. Sie öffneten die Banktüren mit rasselnden +Schlüsseln und wisperten und flüsterten, während sie den Gang hinaufgingen. + +»Das sind alle die Lichter, die _sie_ den Armen geschenkt hat, die leuchten +jetzt in Gottes Haus.« + +»Wir liegen warm in unsern Gräbern, solange _sie_ den Armen Kleider und +Holz gibt.« + +»Seht, sie hat so viele kräftige Worte gesprochen, die die Menschenherzen +aufgeschlossen haben, diese Worte sind unsre Bankschlüssel.« + +»Sie hat schöne Gedanken über Gottes Liebe gedacht. Diese Gedanken heben +uns aus unsern Gräbern empor.« + +So wisperten und flüsterten sie, bevor sie sich in die Bänke setzten und +ihre bleichen Stirnen zum Gebet in verwelkte Hände neigten. + + * * * * * + +Aber in Årsta kam jemand in Mamsell Friederikens Zimmer und legte +freundlich die Hand auf den Arm der Schlafenden. + +»Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Frühmette zu fahren.« + +Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf und sah Agathe, ihre +geliebte tote Schwester, mit einer Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie +erkannte sie wohl, denn sie war ganz unverändert, so wie sie hier auf Erden +gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht, sie freute sich nur, die +Geliebte zu sehen, an deren Seite sie gerne den langen Schlummer schlafen +wollte. + +Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es war keine Zeit zu +Gesprächen; der Wagen stand vor dem Tor. Die andern mußten schon fort sein; +denn niemand außer Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte sich +im Hause. + +»Weißt du noch, Friederike,« sagte die Schwester, als sie im Wagen saßen +und rasch zur Kirche fuhren, »weißt du noch, wie du früher immer dasaßest +und wartetest, daß irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entführen +sollte?« + +»Darauf warte ich noch immer,« sagte die alte Mamsell Friederike und +lachte. »Ich fahre diesen Weg nie, ohne nach meinem Ritter auszulugen.« + +Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch zu spät. Der +Priester stieg von der Kanzel herab, als sie in die Kirche eintraten, und +der Schlußpsalm begann. Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen +Gesang gehört. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt hätten, als hätte +jede Bank und jeder Stein und jede Planke mitgesungen. + +Nie hatte sie die Kirche so überfüllt gesehen: auf dem Altartisch und auf +den Kanzelstufen saßen Menschen, sie standen in den Gängen, sie drängten +sich in den Bänken, und draußen war der Weg voll Leute, die nicht +hereinkommen konnten. Die Schwestern fanden doch Platz, vor ihnen wich die +Menge zurück. + +»Friederike,« sagte ihre Schwester, »sieh die Menschen an.« + +Und Mamsell Friederike sah und sah. + +Da merkte sie, daß sie wie die Frau im Märchen zu der Messe der Toten +gekommen war. Sie fühlte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, +aber es erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie fühlte mehr Neugierde als +Angst. + +Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter Frauen waren da: graue, +gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen Kragen und verblaßten Mantillen, +mit Hüten von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgestoßnen Röcken. Sie +sah eine ungeheure Menge verrunzelter Gesichter, eingesunkner Lippen, +trüber Brillen und verschrumpfter Hände, doch keine einzige Hand, die zwei +glatte Ringe trug. + +Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren alle die entschlafnen alten +Jungfern im Lande Schweden, die in der Österhaninger Kirche +Mitternachtsmesse feierten. + +Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor. + +»Schwester, bereust du, was du für diese deine Schwestern getan hast?« + +»Nein,« sagte Mamsell Friederike. »Woran sollte ich mich wohl freuen, wenn +nicht, daß es mir beschert war, für sie zu arbeiten: ich opferte einmal +mein Ansehen als Schriftstellerin für sie. Ich bin froh, daß ich wußte, was +ich opferte, und es dennoch tat.« + +»Dann kannst du bleiben und weiter zuhören,« sagte die Schwester. + +In demselben Augenblick hörte man jemand drüben im Chor sprechen, eine +sanfte, aber deutliche Stimme. + +»Schwestern,« sagte die Stimme, »unser beklagenswertes Geschlecht, unser +unwissendes und verhöhntes Geschlecht, bald wird es nicht mehr sein. Gott +hat gewollt, daß wir von der Erde aussterben. + +Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage sein. Das Maß der alten +Jungfern ist erfüllt. Der Tod reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte +von uns zu treffen. Vor der nächsten Mitternachtsmesse ist sie tot, die +letzte alte Mamsell. + +Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen auf Erden. Die +Zurückgesetzten beim Gastmahl, die danklos Dienenden im Heim. Hohn und +Lieblosigkeit umgab uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel +dem Gespött anheim. + +Aber Gott hat sich erbarmt. + +Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von uns gab er niemals +versagende Güte. Einer gab er des Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles, +was wir hätten sein sollen. Sie warf Licht über unser dunkles Schicksal. +Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen, aber tausend Heimen +gab sie ihre Gabe. Sie war die Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen, +aber sie kämpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie erzählte +ihre Märchen tausend Kindern. Sie hatte ihre armen Freunde in allen +Ländern. Sie gab aus vollern Händen als wir und mit wärmerm Gemüt. In ihrem +Herzen war kein Raum für unsre Bitterkeit, denn sie hat fortgeliebt. Ihr +Ruhm war wie der einer Königin. Sie hat den Zoll der Dankbarkeit von +Millionen Herzen eingehoben. Ihre Worte sind in den großen Fragen der +Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist durch neue und alte +Welten erklungen. Und doch ist sie nur eine alte Mamsell. + +Sie hat unser dunkles Schicksal erklärt. Gesegnet sei ihr Name!« + +Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: »Gesegnet sei ihr Name!« + +»Schwester,« flüsterte Mamsell Friederike, »kannst du ihnen nicht +verbieten, mich armen sündigen Menschen hochmütig zu machen?« + +»Aber Schwestern, Schwestern,« fuhr die Stimme fort, »sie hat sich gegen +unser Geschlecht gewendet mit aller ihrer großen Macht. Auf ihren Ruf nach +Freiheit und Arbeit sind die alten, verhöhnten Gnadenbrotempfängerinnen +ausgestorben. Sie hat die Schranken der Tyrannei um die Kinder +niedergebrochen. Sie hat die jungen Mädchen in die volle Tätigkeit des +Lebens versetzt. Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der +Freudlosigkeit ein Ende gemacht. Keine unglücklichen, verachteten alten +Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt wird es mehr geben, keine solchen, +wie wir gewesen sind.« + +Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie ein Jagdlied im Walde, +wie der Ruf einer frohen Kinderschar: »Gesegnet sei ihr Angedenken!« + +Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell Friederike trocknete +sich eine Träne aus dem Augenwinkel. + +»Ich gehe nicht mit heim,« sagte ihre tote Schwester. »Willst du nicht auch +gleich hierbleiben?« + +»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein Buch, das ich zuerst +fertig haben muß.« + +»Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem Ritter auf dem Kirchweg in +acht,« sagte ihre tote Schwester und lächelte schelmisch nach alter +Gewohnheit. + +Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz Årsta schlief noch, und sie ging +still in ihr Zimmer, legte sich nieder und schlummerte noch einmal ein. + + * * * * * + +Einige Stunden später fuhr sie zur wirklichen Frühmette. Sie fuhr im +gedeckten Wagen, aber sie ließ das Fenster herab, um die Sterne sehen zu +können. Möglich ist es wohl auch, daß sie wie einst nach ihrem Ritter +aussah. + +Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster heran. Prächtig saß er auf +seinem sich bäumenden Roß. Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein +bleiches Antlitz war streng, aber schön. + +»Willst du mein werden,« flüsterte er. + +Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der hohen Gestalt mit der +wehenden Feder. Sie vergaß, daß sie noch ein Jahr leben mußte. + +»Ich bin bereit,« flüsterte sie. + +»Dann komme ich in einer Woche und hole dich von deines Vaters Hof.« + +Er beugte sich herab und küßte sie, und damit verschwand er; aber sie +begann zu frieren und zu zittern unter dem Kuß des Todes. + +Ein kleines Weilchen später saß Mamsell Friederike in der Kirche, auf +demselben Platze, auf dem sie als Kind gesessen. Hier vergaß sie Ritter und +Gespenster und saß lächelnd in stiller Verzücktheit in dem Gedanken an die +Offenbarung von Gottes Herrlichkeit. + +Aber, ob sie nun müde war, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, +oder ob die Wärme und der Kerzenrauch eine einschläfernde Wirkung auf sie +ausübten, wie auf so viele andre -- genug, sie schlummerte ein, nur einen +Augenblick, sie konnte es nicht hindern. + +Vielleicht war es auch so, daß Gott ihr die Pforte in das Land der Träume +öffnen wollte. + +In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, sah sie nun ihren +strengen Vater, ihre schöne elegante Mutter und die häßliche kleine Petrea +in der Kirche sitzen. Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst +zusammengepreßt, größer als ein Erwachsener sie je erfahren. Auf der Kanzel +stand der Priester und sprach von dem strengen, strafenden Gott, und das +Kind saß bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe wären und +durch sein Herz gingen. + +»O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!« + +In der nächsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte und schauerte so +wie unter dem Kuß des Todes auf dem Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von +der wilden Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen. + +Sie hatte es mit einemmal so eilig, daß sie sogleich aus der Kirche hasten +wollte. Sie mußte heim und ihr Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem +Gott des Friedens und der Liebe. + + * * * * * + +Nichts weiter, was jetzt erwähnenswert scheinen kann, widerfuhr Mamsell +Friederike vor der Neujahrsnacht. Leben und Tod, so wie Tag und Nacht, +herrschten in der letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht über die +Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod das Zepter und +verkündete, daß die alte Mamsell Friederike nun ihm angehören solle. + +Hätte man dies nur gewußt, so hätte wohl alles Volk von Schweden ein +gemeinsames Gebet an Gott gerichtet, seinen reinsten Geist, sein wärmstes +Herz behalten zu dürfen. Da hätte man in Angst und Sorgen in so manchem +Heim in fernen Ländern gewacht, wo sie liebende Herzen zurückließ. Dann +hätten die Armen, die Kranken und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um +der ihrigen zu gedenken, und dann hätten alle Kinder, die unter den +Segnungen ihres Wirkens herangewachsen waren, die Hände gefaltet und um +noch ein Jahr für ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem +Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlußstein kröne. + +Denn der Tod kam zu früh für Mamsell Friederike. + +Sturm war draußen in der Neujahrsnacht, Sturm in ihrem Innern. Sie fühlte +alle Qualen des Lebens und des Todes in ihrem Innern ringen. + +»Angst!« seufzte sie, »Angst!« + +Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie flüsterte leise: »Christi +Liebe -- beste Liebe -- Gottesfriede -- das ewige Licht!« + +Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche hätte schreiben wollen, und +vielleicht vieles andre ebenso Schöne und Herrliche. Wer weiß? Nur eines +wissen wir, daß Bücher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das +ihre vergißt man nie. + +Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie versank in Visionen. + +Ihr Körper kämpfte mit dem Tode, aber sie wußte es nicht. Ihre Nächsten +saßen weinend um das Totenbett, aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte +seinen Flug angetreten. + +Nun wurde der Traum für sie Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. Nun +stand sie, wie sie sich schon in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend +am Himmelstor mit unzähligen Scharen von Toten rings um sich. Und der +Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der Seligkeitbringende, stand in dem +geöffneten Tor. Und seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern +und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und ihre Sehnsucht trug +alle diese und sie, und sie schwebten wie auf Flügeln empor, empor. + +Am nächsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden, Trauer in weiten +Teilen der Erde. + +_Friederike Bremer war tot._ + + + + +Der Roman einer Fischersfrau + + +Am äußersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein kleines Hüttchen auf +einem niedrigen Hügel aus weißem Meersand. Es war nicht so gebaut, daß es +in einer Reihe mit den gleichmäßigen, schmucken, regelrechten Häusern +stehen konnte, die den breiten grünen Platz umgaben, wo die braunen +Fischernetze trockneten, sondern es schien gleichsam aus der Reihe +geschoben und auf den Sandhügel hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es +gebaut hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte die Wände +ihres Hüttchens niedriger gemacht als die aller andern Hütten und sein +steiles Strohdach höher als irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der +Fußboden senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch noch +groß, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum Erdboden. Für den Herd und +den Gänsestall war schließlich in dem einzigen engen Raume kein Platz +geblieben, sondern dafür hatte man kleine viereckige Vorsprünge anmauern +müssen. Diese Hütte hatte nicht wie andre Häuschen ihr Gärtchen mit +Stachelbeerbüschen, von Winden umschlungen, ihre halb von Kletten +erstickten Holundersträucher. Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes +waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen gekommen. Im Sommer, wenn sie +frische, dunkelgrüne Blätter hatten und die stacheligen Körbchen sich mit +hochroten Blumen füllten, waren sie schmuck genug. Aber gegen Herbst, wenn +die Stacheln hart geworden und die Samen gereift waren, dann +vernachlässigten sie ihr Aussehen und standen furchtbar häßlich und trocken +da, die zerfetzten Blätter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben +gehüllt. + +Die Hütte hatte nur zwei Besitzer, denn länger als zwei Generationen +vermochte sie es nicht, mit ihren Wänden aus Rohr und Lehm das schwere Dach +zu tragen. Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen Witwen. Die +zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre Freude daran, die Kletten zu +betrachten, namentlich im Herbst, wenn sie trocken wurden und sich überall +anhängten. Sie erinnerten sie dann an sie, die die Hütte erbaut hatte. Sie +war auch runzelig und trocken gewesen und hatte die Gabe gehabt, sich +anzuklammern und hängen zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie für das +Kind verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie, die nun allein +dasaß, mußte bei diesem Gedanken bald lachen, bald weinen. Wenn die Alte +nicht diese Klettennatur gehabt hätte, wie anders wäre dann nicht alles +gekommen. Aber wer weiß, ob es besser gekommen wäre. + +Die einsame Frau saß oft da und grübelte über das Schicksal nach, das sie +an die flache Küste Schoonens geführt hatte, zu diesem schmalen Sund und +diesen stillen Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt +geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen steilen Felsen und +dem offnen Meere lag, und wenn sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann, +gestorben und sie in Armut zurückgelassen, in bescheidnen Verhältnissen +gelebt hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gewöhnt. Sie pflegte +sich selbst ihre Geschichte wieder und wieder vorzuerzählen, so wie man ein +schwer verständliches Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergründen. + +Das Merkwürdige, was sie erlebt hatte, hatte damit begonnen, daß sie eines +Abends auf dem Heimwege von der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von +zwei Seeleuten überfallen und von einem dritten gerettet worden war. Dieser +kämpfte mit wirklicher Lebensgefahr für sie und brachte sie dann nach +Hause. Sie führte ihn zu der Mutter und den Geschwistern und erzählte ihnen +begeistert, was er getan habe. Es war, als hätte das Leben neuen Wert für +sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte, um es zu verteidigen. Er war von +ihren Angehörigen sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden, so +bald und so oft er konnte, wiederzukommen. + +Sein Name war Börje Nilsson, und er war Matrose auf der schoonischen Jacht +Albertina. Solange das Schiff im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu +ihnen, und sie konnten es bald nicht mehr glauben, daß er nur ein simpler +Matrose sein sollte. Er glänzte immer in reinem Umlegekragen und trug einen +blauen Marineanzug aus feinem Tuch. Frisch und freimütig war er gegen sie, +als wäre er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse wie sie zu +bewegen. Ohne daß er es gerade heraussagte, erhielten sie den Eindruck, daß +er aus einem angesehenen Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe, +den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu gebracht hatte, sich +als einfachen Matrosen zu verdingen, um seine Mutter zu überzeugen, daß er +es ernst meinte. Wenn er seine Prüfungen gemacht hatte, würde sie ihm wohl +ein eignes Schiff kaufen. + +Die einsame Familie, die sich von allen frühern Freunden zurückgezogen +hatte, empfing ihn ohne das leiseste Mißtrauen. Und er beschrieb leichten +Herzens und mit fließender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen +Dach, dem offnen Kamin im Eßsaal und den kleinen Fensterscheiben. Er +schilderte auch die stillen Straßen seiner Vaterstadt und die langen Reihen +gleichmäßiger hoher Häuser, in denen sein Heim mit den unregelmäßigen +Vorsprüngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung bildete. Und seine +Zuhörer glaubten, daß er aus einem jener alten Bürgerhäuser komme, die mit +ihrem bildergeschmückten Giebel und dem vorragenden Obergeschoß einen so +mächtigen Eindruck von Reichtum und ehrwürdigem Alter machen. + +Sehr bald hatte sie es heraus, daß er ihr gut war. Und dies machte der +Mutter und den Geschwistern große Freude. Der junge, reiche Schwede kam +gleichsam, um sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er ihr nicht +so gut gefallen hätte, als er es tat, hätte es gar nicht in Frage kommen +können, seine Werbung abzuweisen. Hätte sie einen Vater oder einen +erwachsenen Bruder gehabt, so würden diese sich wohl genauer nach Herkunft +und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt haben, doch weder sie noch die +Mutter dachten daran, ernstliche Nachforschungen anzustellen. Später +erkannte sie, daß sie ihn förmlich zum Lügen gezwungen hatten. Anfangs +hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so große Vorstellungen von seinem +Reichtum zu machen, ohne alle böse Absicht, aber als er später merkte, wie +froh sie darüber waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit zu +sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren. + +Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht zurückkam, hielten +sie Hochzeit. Es war eine Enttäuschung für sie, daß er auch bei seiner +Rückkehr als Matrose auftrat, aber er war durch seinen Kontrakt gebunden. +Er brachte auch keine Grüße von seiner Mutter mit. Diese hätte erwartet, +daß er eine andre Wahl treffe, aber sie würde schon zufrieden sein, sagte +er, wenn sie nur Astrid erst sähe. -- Trotz aller seiner Lügen wäre es doch +ein leichtes gewesen, zu sehen, daß er ein armer Mann war, wenn sie nur die +Augen hätten aufmachen wollen. + +Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kajüte zu überlassen, wenn sie die +Überfahrt auf seiner Jacht machen wollte, und sie nahm das Anerbieten mit +Freuden an. Börje wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und saß +meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck. Und jetzt schenkte +er ihr das Glück der Einbildung, von dem er selbst sein ganzes Leben lang +gezehrt hatte. Je mehr er an das kleine Hüttchen dachte, das zur Hälfte im +Sandhügel begraben lag, desto höher erbaute er den Palast, den er ihr gerne +geboten hätte. Er ließ sie im Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren +der Braut Börje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschmückt war. Er ließ sie +die Begrüßungsrede des Bürgermeisters hören. Er ließ sie durch eine +Triumphpforte fahren, während die Augen der Männer ihr folgten und die +Frauen vor Neid erblaßten. Und er führte sie in das stattliche Haus, wo +silberlockige, sich verneigende Diener an dem breiten Treppengeländer +aufgereiht standen, und der zur festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich +unter dem alten Familiensilber bog. + +Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, daß der Schiffer im +Bunde mit Börje gewesen war, um sie zu betrügen, aber dann erkannte sie, +daß es sich nicht so verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht +daran gewöhnt, von Börje wie von einem großen Herrn zu reden. Das war an +Bord der Hauptspaß, so recht im vollsten Ernst von seinen Reichtümern und +seiner vornehmen Familie zu sprechen. Sie dachten, Börje hätte ihr die +Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie alle, wenn sie von seinem +großen Hause sprach. So war es möglich, daß sie, noch als die Jacht in dem +Hafen Anker warf, der neben Börjes Heimatsdorf lag, es nicht anders wußte, +als daß sie eines reichen Mannes Gattin war. + +Börje bekam für einen Tag Urlaub, um seine Frau in ihr künftiges Heim +einzuführen und sie mit dem neuen Leben bekannt zu machen. Als sie nun an +dem Kai landeten, wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuvermählten +entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere und Alltagsruhe, und Börje +merkte, daß seine Frau sich mit einer gewissen Enttäuschung umsah. + +»Wir sind zu früh gekommen,« hatte er da gesagt. »Die Fahrt ist bei diesem +schönen Wetter merkwürdig rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen +da, und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt außerhalb der +Stadt.« + +»Das tut nichts, Börje,« hatte sie geantwortet, »das Gehen wird uns gut +tun, nachdem wir so lange an Bord still gesessen sind.« + +Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle Wanderung, an +die sie noch in ihren alten Tagen nicht denken konnte, ohne vor Angst zu +stöhnen und schmerzlich die Hände zu ringen. Sie gingen über weite, +menschenleere Straßen, die sie sogleich nach seiner Beschreibung erkannte. +Sie glaubte in der dunklen Kirche und in den gleichmäßigen Holzhäusern alte +Freunde zu begrüßen, doch wo blinkten die bildergeschmückten Giebel und die +Marmortreppe mit dem breiten Geländer? + +Da hatte Börje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre Gedanken. »Es ist +noch weit hin,« hatte er gesagt. + +Wäre er doch barmherzig gewesen. Hätte er doch ihrer Hoffnung auf einmal +den Todesstoß gegeben. Sie hatte ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus +freien Stücken alles gesagt hätte, so wäre in ihrer Seele kein Groll gegen +ihn aufgekeimt. Aber daß er ihre Angst, betrogen zu werden, sah, und +dennoch fortfuhr, sie zu täuschen, das hatte ihr allzu bittern Schmerz +bereitet. Das hatte sie ihm nie ganz verzeihen können. + +Sie konnte sich freilich sagen, daß er sie so weit als möglich führen +wollte, damit sie ihm nicht entfliehen konnte, aber sein Betrug rief eine +solche Todeskälte in ihr hervor, daß keine Liebe sie ganz aufzutauen +vermochte. + +Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende Ebene. Da zeigten +sich mehrere Reihen dunkler Wallgräben und hoher, grüner Erdwälle, +Überreste aus jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf dem +Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschloß, sah sie ein paar +altertümliche Bauten und große, runde Türme. Sie warf einen scheuen Blick +hin, doch Börje bog zu den Wällen ein, die am Meeresufer entlang führten. + +»Das ist ein Abkürzungsweg,« sagte er, denn sie schien sich zu wundern, daß +hier nur ein schmaler Pfad war. + +Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, daß er es nicht so +ergötzlich fand, als er es sich gedacht hatte, mit seiner Frau zu der +armseligen, kleinen Hütte im Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt +nicht so herrlich, eines bessern Mannes Kind heimzuführen. Er hatte große +Angst vor dem, was sie tun würde, wenn sie die Wahrheit erfuhr. + +»Börje,« sagte sie endlich, als sie lange den scharfen Winkeln der +Strandwälle gefolgt waren, »wohin gehen wir?« + +Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf, wo seine Mutter in +dem Hüttchen auf dem Sandhügel wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines +der schönen Landgüter, die am Rande der Ebene auftauchten, und wurde wieder +heiterer. + +Sie stiegen zu den öden Gemeindeweiden hinab, und da überfiel sie wieder +die alte Angst. Da, wo jedes Erdhügelchen, wenn man es nur sehen kann, +Schönheit und Abwechselung bietet, sah sie nur ein häßliches, sumpfiges +Feld. Und der Wind, der draußen in steter Bewegung war, fuhr ihnen pfeifend +entgegen und flüsterte von Unglück und Verrat. + +Börje beschleunigte seine Schritte immer mehr und schließlich erreichten +sie das Ende der Weiden, und waren bei dem Fischerdörfchen angelangt. Sie, +die es zuletzt gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen zu +stellen, faßte wieder neuen Mut. Hier war abermals eine einförmige +Häuserreihe, und diese erkannte sie noch besser als die in der Stadt. +Vielleicht, vielleicht hatte er doch nicht gelogen. + +Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, daß sie seelenvergnügt +gewesen wäre, wenn sie bei einer der schmucken Wohnstätten hätte haltmachen +können, wo Blumen und weiße Gardinen hinter blanken Fensterscheiben +blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen zu müssen. + +Da erblickte sie mit einem Male am äußersten Ende des Fischerdorfes eine +elende Hütte, und es war ihr, als hätte sie sie schon längst mit den Augen +der Seele gesehen, ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte. + +»Ist es hier?« sagte sie und blieb gerade am Fuße des kleinen Sandhügels +stehen. + +Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort, auf die kleine Hütte +zuzugehen. + +»Warte,« rief sie ihm nach. »Wir müssen zuerst miteinander sprechen, bevor +ich dein Heim betrete. Du hast mich belogen,« fuhr sie drohend fort, als er +sich ihr zuwendete. »Du hast mich ärger betrogen, als wenn du mein größter +Feind wärest. Warum hast du das getan?« + +»Ich wollte dich zur Frau,« antwortete er mit leiser, unsichrer Stimme. + +»Wenn du mich doch nur mit Maß zum besten gehalten hättest! Warum mußtest +du alles so reich und so prächtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten +und Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest du, ich sei +so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, daß ich ohnehin verliebt genug in dich +war, um überallhin mit dir zu gehen? Daß du glaubtest, mich hinters Licht +führen zu müssen! Daß du das Herz haben konntest, bis zuletzt bei deinen +Lügen zu beharren!« + +»Willst du nicht hereinkommen und Mutter begrüßen,« fragte er ganz hilflos. + +»Nein, ich gehe nicht hinein.« + +»Willst du also nach Hause fahren?« + +»Wie könnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich ihnen den Schmerz +bereiten, zurückzukehren, wenn sie mich für glücklich und reich halten? +Aber bei dir bleibe ich auch nicht. Für den, der arbeiten kann, findet sich +immer ein Auskommen.« + +»Bleib,« bat er, »ich tat es nur, um dich zu gewinnen.« + +»Wenn du mir die Wahrheit gesagt hättest, so wäre ich geblieben.« + +»Wäre ich ein reicher Mann gewesen und hätte mich für arm ausgegeben, so +bliebest du schon.« + +Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen, als die Tür der Hütte +aufgerissen wurde und Börjes Mutter herauskam. Sie war ein kleines +vertrocknetes altes Weiblein mit wenig Zähnen und viel Runzeln, aber nicht +so alt an Jahren und Gemüt wie dem Aussehen nach. + +Sie hatte wohl einiges gehört und das übrige erraten, denn sie wußte, +worüber sie zankten. »So,« sagte sie, »dies ist die feine Schwiegertochter, +die du mir gebracht hast, Börje. Und du hast es wieder nicht mit der +Wahrheit gehalten, wie ich höre.« Aber auf Astrid ging sie freundlich zu +und streichelte ihr die Wangen. »Komm du mit mir herein, du armes Kind. Ich +kann mir denken, daß du müde und erschöpft bist. Siehst du, dies ist meine +Hütte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt bist du meine +Tochter, und ich kann dich doch nicht zu fremden Leuten gehen lassen.« + +Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte und schob und +zog sie ganz unmerklich zur Tür hin. Schritt für Schritt lockte sie sie +weiter und bekam sie schließlich in die Hütte, aber Börje schloß sie +wirklich aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer sie sei und +wie alles zugegangen wäre. Und sie weinte über sie, und brachte sie dazu, +auch über sich selbst zu weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren +Sohn. Sie, Astrid, täte ganz recht, nein, bei einem solchen Manne könnte +sie nicht bleiben. Es wäre richtig, daß er zu lügen pflegte, ja, ganz gewiß +wäre es richtig. + +Sie erzählte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen war. Er war schon als +kleines Kind so schön von Gesicht und Gestalt gewesen, daß sie sich immer +darüber wundern mußte, daß er armer Leute Kind war. Er war wie ein kleiner +verirrter Prinz gewesen. Und später hatte es immer so ausgesehen, als wenn +er nicht auf seinem richtigen Platze wäre. Er sah alles so groß. Er konnte +nicht den richtigen Maßstab finden, wenn es sich um ihn selbst handelte. +Seine Mutter hatte deswegen schon viele Tränen vergossen. Aber nie zuvor +hatte er mit seinen Lügen etwas Böses angestellt. Hier, wo er bekannt war, +lachten ihn die Leute nur aus. -- Aber jetzt war er wohl so sehr in +Versuchung geführt worden ... Schien es ihr, Astrid, nicht selbst +wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge hatte hinters Licht führen können? +Er hatte immer soviel von feinen Dingen gewußt, als wenn es ihm angeboren +wäre. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt gekommen. Das sah man ja auch +daran, daß er nie daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen +Stande zu wählen. + +Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte. »Sieh,« sagte die +Alte unter anderm, »mir kann es nie gelingen, ihm den Hochmut und die +Prahlsucht abzugewöhnen, aber eine, die klüger wäre als ich, könnte es +vielleicht. Und er ist tüchtig und gut, mein Junge. Es lohnte wohl der +Mühe. Aber du kannst morgen gehen. Ja, du sollst gehen.« + +»Wo schläft er heute nacht?« fragte Astrid plötzlich. + +»Ich denke, er liegt hier draußen im Sande. Er hat wohl nicht die Ruhe, von +hier fortzugehen.« + +»Es wäre wohl am besten, wenn er hereinkäme,« sagte Astrid. + +»Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen. Er wird sich draußen +schon behelfen, wenn ich ihm eine Decke gebe.« + +Sie ließ ihn wirklich diese Nacht draußen im Sande schlafen und schickte +ihn am nächsten Tage in aller Frühe in die Stadt, da sie es für das beste +hielt, wenn Astrid ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und +hielt sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht mit +Schmeichelei, sondern mit wirklicher Güte. + +Doch als sie es endlich erreicht hatte, daß die Schwiegertochter blieb und +dem Sohne erhalten war, und als sie die jungen Leute versöhnt und Astrid +gelehrt hatte, daß es gerade ihre Aufgabe im Leben war, Börje Nilssons Frau +zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie konnte -- und dies war nicht +die Arbeit einer Abendstunde, sondern die Mühe vieler Tage gewesen -- da +hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt. + +Und in diesem Leben mit seiner treuen Fürsorge lag ein Sinn, dachte Börje +Nilssons Frau. + +Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der Mann ertrank nach +einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges Kind starb ganz jung. Sie hatte +bei ihrem Mann keine Veränderung herbeiführen können. Ernst und +Wahrhaftigkeit hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher hatte sie sich +verändert, denn sie war immer mehr wie die Fischersleute geworden. Sie +wollte keinen der Ihren sehen, denn sie schämte sich, daß sie jetzt in +allen Stücken einer Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas +genützt hätte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch das Ausbessern der +Fischernetze bestritt, nur wüßte, warum sie überhaupt lebte! Wenn sie doch +jemanden glücklich oder besser gemacht hätte! + +Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, daß, wer sein Leben für verfehlt +hält, weil er andern nichts Gutes getan habe, vielleicht durch diesen +Gedanken der Demut seine Seele gerettet hat. + + + + +Mutters Bild + + +In einem der hundert Häuschen des Fischerdorfes, die einander alle in Größe +und Form gleichen, die alle gleich viele Fenster und gleich hohe +Schornsteine haben, wohnte der alte Mattßon, der Lotse. + +In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben Hausrat, auf allen +Fensterbrettern stehen dieselben Blumen, in allen Eckschränken prangen +dieselben Arten Muscheln und Korallen, an allen Wänden hängen die gleichen +Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt hat, leben alle Menschen +des Fischerdorfes dasselbe Leben. Seit Mattßon, der Lotse, alt geworden +war, richtete er sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine +Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern. + +An der Wand über seinem Bette hatte der alte Mattßon ein Bild seiner +Mutter. Eines Nachts träumte er, daß dieses Bild aus seinem Rahmen +herabstieg, sich vor ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: »Du +mußt heiraten, Mattßon.« + +Der alte Mattßon begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, daß dies +unmöglich sei. Er war ja siebzig Jahre. -- Aber Mutters Bild wiederholte +nur mit noch größerm Nachdruck: »Du mußt heiraten, Mattßon.« + +Der alte Mattßon hatte großen Respekt vor Mutters Bild. Es war in so +manchen strittigen Fällen sein Ratgeber gewesen, und es hatte ihm immer +Glück gebracht, wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er sein +Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich das Bild ganz im +Widerspruch mit früher geäußerten Ansichten. Obgleich er dalag und träumte, +erinnerte er sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, als +er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit ankleidete, lockerte +sich der Nagel, an dem das Bild hing und fiel zu Boden. Da sah er, daß das +Bild ihn vor der Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte +sich aber später, daß das Bild recht gehabt hatte. Seine kurze Ehe war sehr +unglücklich geworden. + +Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging es ebenso zu. Das +Bild stürzte wieder zu Boden, und diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu +sein. Er ließ Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose und +fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach Hause wagte. -- Und +jetzt stieg das Bild von der Wand herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut +und gehorsam er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken, daß es nur +seinen Scherz mit ihm treibe. + +Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, wie es nur scharfe +Winde und salziger Meeresschaum ausmeißeln konnten, blieb ernst wie zuvor. +Und mit einer Stimme, die das langjährige Ausbieten der Fische auf dem +Markte der Stadt geübt und gestärkt hatte, wiederholte sie: »Du mußt +heiraten.« + +Da bat der alte Mattßon Mutters Bild, doch ein Einsehen zu haben und zu +bedenken, in welcher Gemeinde sie lebten. + +Alle hundert Häuser des Fischerdorfes hatten spitzige Dächer und +weißgetünchte Wände, alle Boote des Fischerdorfes hatten denselben Bau und +das gleiche Takelwerk. Niemand pflegte hier irgend etwas Ungewöhnliches zu +tun. Mutter selbst wäre die erste gewesen, die sich einer solchen Heirat +widersetzt hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Mutter hatte streng +auf Ordnung und Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte in +dem Fischerdorf, daß siebzigjährige Greise Hochzeit hielten. + +Da streckte Mutters Bild die ringgeschmückte Hand aus und befahl ihm +geradezu zu gehorchen. Mutter hatte immer etwas unbegreiflich +Ehrfurchtgebietendes an sich gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide +mit den vielen Volants gekommen war. Die große glänzende Goldbrosche, die +schwere rasselnde Goldkette hatten ihn immer eingeschüchtert. Wäre sie in +ihren Marktkleidern gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit der +Wachstuchschürze voll Fischschuppen und Fischaugen, dann hätte er nicht +ganz so großen Respekt vor ihr gehabt. Aber jetzt war das Ende vom Liede, +daß er versprach, zu heiraten. Und dann schlüpfte Mutters Bild wieder in +seinen Rahmen. + +Am nächsten Morgen erwachte der alte Mattßon in großer Angst. Es fiel ihm +gar nicht ein, gegen Mutters Bild ungehorsam zu sein, es wußte natürlich, +was für ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, die jetzt +kommen mußte. + +An demselben Tage hielt er um die häßlichste Tochter des ärmsten Fischers +an, ein kleines Ding mit dem Kopf zwischen den Schultern und mit +vorstehendem Unterkiefer. Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur +Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde festgesetzt. + +Über windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden führt der Weg vom +Fischerdorf in die Stadt. Eine Viertelmeile ist er lang, und man behauptet, +daß die Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, daß sie ihn mit blankem +Silbergelde pflastern könnten. Das würde dem Weg einen eigentümlichen Reiz +verleihen. Glitzernd wie ein Fischbauch würde er sich mit seinen weißen +Schuppen zwischen Riedgrashügeln und Strandpfützen dahinschlängeln. +Tausendschönchen und Mandelblumen, die diesen von den Menschen verlassenen +Boden schmücken, würden sich in den blanken Silbermünzen spiegeln, die +Disteln würden schützend ihre Stacheln darüber ausstrecken, und der Wind +würde einen klingenden Resonanzboden finden, wenn er durch das Schilf der +Strandweiden spielte und in den Telephondrähten sang. + +Dem alten Mattßon wäre es vielleicht ein gewisser Trost gewesen, wenn er +seine schweren Seestiefel auf klingendes Silber hätte setzen können, denn +eines ist gewiß, jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg öfter machen +mußte, als er wünschte. + +Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus dem Aufgebot hatte nichts +werden können. Dies kam daher, daß er das vorige Mal seiner Braut +durchgegangen war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium +über seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis erwirken konnte, eine neue +Ehe zu schließen. + +Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Mattßon an jedem +Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause setzte er sich unten zur Tür +hin und wartete dort stumm, bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er +auf und fragte, ob der Pfarrer etwas für ihn habe. Nein, er hatte nichts. + +Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles bezwingende Liebe über +diesen alten Mann erlangt hatte. Da saß er in seiner dicken gestrickten +Wolljacke, den hohen Seestiefeln und dem windverwehten Südwester, mit einem +scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, und wartete auf die +Erlaubnis, zu heiraten. Dem Pfarrer schien es eigentümlich, daß dieser alte +Fischer von einer so heißen Sehnsucht erfüllt war. + +»Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Mattßon,« sagte der Pfarrer. + +»Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.« + +»Könnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen Sache abstehen, +Mattßon? Sie gehören ja nicht mehr zu den Jüngsten.« + +Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Mattßon wußte ja selbst, +daß er zu alt war, aber er war gezwungen, zu heiraten. Da gab es keine +Hilfe. + +Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche für Woche wieder, bis endlich die +Erlaubnis eintraf. + +Während dieser ganzen Zeit war der alte Mattßon ein gehetzter Mann. Rings +um den grünen Trockenplatz, wo die braunen Fischnetze hingen, längs der +zementierten Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem Markte, wo +Dorsche und Krabben verkauft wurden, und weit draußen auf dem Sunde, wo man +den Heringszug verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes. + +Wie, er wollte heiraten, Mattßon, der vor seiner eignen Hochzeit +davongelaufen war! + +Und man verschonte weder Bräutigam noch Braut. + +Doch am schlimmsten für ihn war, daß niemand mehr über die ganze Sache +lachen konnte als er selbst. Niemand konnte sie lächerlicher finden. +Mutters Bild war drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen. + + * * * * * + +Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Mattßon, der noch +immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, +bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. Dort draußen +traf er seine Braut. Sie saß da und weinte. + +Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da +und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf +sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort. + +Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war? + +Ach nein, gewiß nicht. + +Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds +umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen, regelrechten Häuschen des +Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schönheit des +Meeres beglänzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist den westlichen +Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnem +Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht fröhlich um den Kiel, wenn es +in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still die +Segel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und +unten im Boot liegt glitzernd die gefangne Beute. + +Es kam gerade ein Boot in den Hafen, während der alte Mattßon draußen am +Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß, lüftete den Hut +und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen +aufleuchtete. + +»Ach so,« dachte er, »hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen +Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich +heiraten, wie auf den warten.« + +Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte. Wenn das Mädchen +jemanden lieb gehabt hätte, den sie die geringste Aussicht hatte zu +bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache +loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben. + + * * * * * + +Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf +kam der große Novembersturm. + +Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrieben. Steuer +und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Mattßon +und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung +herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz +erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre +feuchten Kleider waren in der Kälte ganz steif geworden. Der alte Mattßon +erkältete sich dabei so schwer, daß er nie mehr seine Gesundheit +wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod. + +Manchen schien es eigentümlich, daß er unmittelbar vor dem Unglücksfalle +den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine +gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und +hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er +nie etwas Klügres getan hätte, als da er sich verheiratete, und die kleine +Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann +pflegte. + +»Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,« sagte man. + +Der alte Mattßon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, seiner Frau die +Geschichte von dem Bilde. + +»Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was +mein ist,« sagte er. + +»Sprich doch nicht von so etwas.« + +»Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um +dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf, +der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.« + + + + +Ein gefallener König + + »Mein war das Reich der Phantasie, + Nun bin ich ein gefallener König.« + Snoilsky. + + +Es klapperte über die Pflastersteine, die Holzpantoffeln klatschten in +unruhigem Takt. Die Gassenjungen eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen. +Es ging im Laufmarsch. Die Häuser zitterten, und aus den Seitengäßchen +stürzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus seiner Hütte. + +Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte sich etwas +zugetragen? War etwas los? Der Lärm verzog sich nach der Vorstadt. Die +Dienstmädchen eilten hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die +Hände zusammen und schrien: »Gott bewahre uns, Gott bewahre uns! Gibt es +Mord, gibt es Brand?« Niemand antwortete. Das Klappern ertönte aus der +Ferne. + +Nach den Mädchen kamen die weisen Matronen der Stadt geeilt. Sie fragten: +»Was geht vor? Was stört die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es +ein Begräbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der Turmwächter? Soll die +Stadt niederbrennen, ehe er zu läuten anfängt?« + +Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Häuschen des Schuhmachers in der +Vorstadt halt, dem kleinen Häuschen, das Weinranken um Türen und Fenster +hatte und darunter zwischen der Straße und dem Hause einen ellenbreiten +Garten. Ein Lusthäuschen aus Stroh, Bosketts für ein Mäuslein, Wege für ein +Kätzchen. Alles aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und Lavendel, +eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbüsche und einen Apfelbaum. + +Die Gassenjungen standen am nächsten, sie spähten und berieten. Die blanken +schwarzen Fensterscheiben ließen die Blicke nicht weiter vordringen als +bis zu den weißen Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich an die +Weinranken fest und drückte das Gesicht an die Scheibe. »Was sieht er?« +flüsterten die andern. »Was sieht er?« Die Schusterwerkstatt und die +Schusterbank, Schmierbüchsen und Lederflecke, Leisten und Pflöcke, Ringe +und Riemen. »Sieht er keinen Menschen?« Er sieht den Gesellen, der den +Absatz an einem Schuh macht. Sonst niemand, sonst niemand? Große, schwarze +Fliegen springen über die Scheibe und trüben seinen Blick. »Sieht er +niemand anders als den Gesellen?« Niemand anders. Des Meisters Stuhl steht +leer. Er sah einmal, zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer. + +Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte sich. Es war also +wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. Niemand wollte es glauben. +Man stand da und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das steile Dach +heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt die Dachrinne hinab. Ja, der +Hausherr war fort, die Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und +kreischten ganz hilflos. + +Ein weißes Küchlein guckte um die Hausecke. Es war schon beinahe ein +richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete rot wie Weinlaub. Es spähte und guckte, +krähte und rief. Die Hühner kamen, eine Reihe weißer Hühner in vollem Lauf, +die Körper wiegten sich, die Flügel schlugen, die gelben Beinchen regten +sich wie Trommelschlägel. Die Hühner hüpften in die Erbsen. Schlägereien +entspannen sich. Mißgunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer vollen +Erbsenschote Zwei Hähne hackten sie in den Nacken. Die Katze verließ das +Spatzennest, um zuzusehen. Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die +Hühner entflohen in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe +dachte: »Freilich ist es wahr, daß der Schuster sich aus dem Staube gemacht +hat. Man sieht es an der Katze und an den Hühnern, daß der Hausherr fort +ist.« + +Die holprige, vom Herbstregen schlüpfrige Vorstadtgasse hallte von allen +den Reden wider. Die Türen standen offen, die Fenster schwangen hin und +her. Ein Kopf steckte sich neben den andern in verwundertem Geflüster. »Er +ist durchgegangen.« Menschen flüsterten, Sperlinge kreischten, +Holzpantoffeln klapperten: »Er ist durchgegangen. Der alte Schuhmacher ist +durchgegangen. Der Besitzer des kleinen Häuschens, der Mann der jungen +Frau, der Vater des schönen Kindes ist durchgegangen. Wer kann es +verstehen? Wer kann es verstehen?« + +So geht ein altes Liedchen: »Alter Mann im Hause, junger Knab' im Walde; +Frau entflieht; Kind weint; Heim ohne Herrin.« + +Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es. + +Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem Tisch der Werkstatt lag +seine Erklärung, daß er niemals wiederzukommen gedachte; daneben war auch +ein Brief gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand. + +Die junge Frau war in der Küche. Sie tat nichts. Die Nachbarin ging hin und +her; hantierte geschäftig herum, setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu, +weinte ein bißchen und trocknete sich die Tränen mit dem Wischfetzen. + +Die weisen Frauen des Viertels saßen steif rings an den Wänden. Sie wußten, +was sich in einem Trauerhause schickte. Sie sahen darauf, daß Schweigen +herrschte, daß Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die +verlassene Frau in ihrer Trauer zu stützen. Grobe Hände lagen still im +Schoße, wettergebräunte Wangen legten sich in tiefe Runzeln, dünne Lippen +kniffen sich über zahnlosen Kinnladen zusammen. + +Die Frau saß unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, mit süßem +Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. Sie war so ängstlich, +daß sie fast vor Furcht starb. Sie biß die Zähne zusammen, damit niemand +hörte, wie sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertönten, wenn es +klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr sie zusammen. + +Sie saß mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. Sie erinnerte sich bald +an eine Zeile daraus, bald an eine andre. Da stand: »Ich halte es nicht +länger aus, Euch beide zu sehen.« Und an einer andern Stelle: »Ich habe +jetzt die Gewißheit, daß Du mit Erikson durchgehen willst.« Und dann +wieder: »Du sollst es nicht tun, denn die böse Nachrede der Leute würde +Dich unglücklich machen. Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen +und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver Arbeiter und kann +Dich gut versorgen.« Dann tiefer unten: »Laß die Leute von mir sagen, was +sie wollen, ich bin schon froh, wenn sie nichts Böses von Dir glauben; denn +Du würdest es nicht ertragen.« + +Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrügen wollen. Wenn sie auch +gerne mit dem jungen Gesellen plauderte, was ging das den Mann an? Die +Liebe ist eine Krankheit, aber sie ist nicht tödlich. Sie hatte sie das +ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. Wie hatte der Mann ihre +heimlichsten Gedanken erraten können? + +Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mußte sich geängstigt und +gesorgt haben. Er hatte über seine Jahre geweint. Er hatte über die Kräfte +und den Mut des Jungen gerast. Er war bei jedem Flüstern, jedem Lächeln, +jedem Händedruck erzittert. In lichterlohem Wahnsinn, in knirschender +Eifersucht hatte er eine ganze Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch +nichts war. + +Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein mußte, als er ging. +Sein Rücken war gebeugt, seine Hände zitterten. Langer Nächte Qual hatte +ihn so gemacht. Er war gegangen, um dieses Dasein quälender Zweifel los zu +sein. + +Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: »Es ist nicht meine +Absicht, Dich zu beschämen, ich bin immer zu alt für Dich gewesen.« Und +dann an eine andre: »Du sollst immer geachtet und geehrt sein. Schweige nur +selbst, dann fällt alle Schande auf mich.« + +Die Frau fühlte immer größre Angst. War es möglich, daß man Menschen so +betrügen konnte? Ging es auch an, so vor Gott zu lügen? Warum saß sie hier +in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt wie eine Braut am +Hochzeitstage? Warum war nicht sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie +kann so etwas geschehen? Wie kann Gott sich so betrügen lassen? + +Über der großen Chiffoniere hing ein kleines Bücherbrett. Zu oberst auf dem +Brett stand ein großes Buch mit Messingspangen. Und diese Spangen bargen +die Erzählung von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott und den +Menschen logen. »Wer hat es dir eingegeben, o Weib, daß du solches tun +sollst? Sieh, junge Männer stehen hier vor deiner Tür, um dich +fortzuführen.« + +Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den Schritten der jungen Männer. +Sie erzitterte bei jedem Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war +bereit, aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und zu sterben. + +Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam zum Tisch hin. Sie +schenkten die Tassen voll, nahmen Zucker in den Mund und begannen den +siedendheißen Kaffee einzuschlürfen, still und anständig, die +Handwerkerfrauen zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die Frau des +Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst raubte ihr ganz die Besinnung. +Sie hatte eine Erscheinung. Mitten in der Nacht saß sie auf einem frisch +gepflügten Acker. Rings um sie saßen große Vögel mit starken Flügeln und +spitzigen Schnäbeln. Sie waren grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden, +aber sie wachten über sie. Sie hielten Gericht über sie. Mit einemmal +flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf herab. Sie sah ihre scharfen +Klauen, ihre spitzigen Schnäbel; ihre peitschenden Flügel kamen immer +näher. Es war wie ein tödlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf hinab +und fühlte, daß sie sterben mußte. Aber als sie näher kamen, ganz dicht an +sie heran, mußte sie aufsehen. Da sah sie, daß die grauen Vögel alle diese +alten Frauen waren. + +Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wußte, was anständig war, was sich +in einem Trauerhause schickte. Man hatte jetzt lange genug geschwiegen. +Aber die Schustersfrau fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen. +Was wollte die Frau sagen? »Du Matts Wiks Frau, Anna Wik, gestehe! Lange +genug hast du vor Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir +wollen dich richten und dich zerreißen.« + +Nein, die Frau begann von den Männern zu sprechen. Und die andern stimmten +ein, so wie der Anlaß es erforderte. Es wurde nicht zum Lob der Männer +gesprochen. Alles Böse, was Männer je getan hatten, wurde ans Licht +gezogen. Das war Trost für eine verlassene Frau. + +Verleumdung ward auf Verleumdung gewälzt. Wunderliche Wesen, diese Männer! +Sie schlagen uns, sie vertrinken unser Geld. Sie verpfänden unsre Habe. +Warum in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen? + +Die Zungen wurden wie Drachenzähne, sie spien Gift, sie sprühten Feuer. +Jede fügte ihr Wort ein. Erzählung häufte sich auf Erzählung. Die Frau floh +vor dem berauschten Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich für versoffne +Männer. Ehefrauen wurden um andrer Frauen willen verlassen. Die Zungen +sausten wie Peitschenhiebe. Das häusliche Elend wurde entblößt. Lange +Litaneien wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei bewahre uns, o gütiger +Gott! + +Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Kälte des Winters, die Plage +mit den Alten, alles kommt vom Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre +Herren. Sie wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Füßen sie krochen. + +Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese Worte schrill in den +Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen zu verteidigen. »Mein Mann,« sagte +sie, »ist gut.« Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. »Er ist +durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. Er, der schon alt +ist, hätte es besser verstehen müssen, als von Frau und Kind fortzulaufen. +Kannst du glauben, daß er besser ist als irgendein andrer?« + +Die Frau bebte, es war ihr, als würde sie durch stechendes Dornengestrüpp +geschleift. Ihr Mann zu den Sündern gezählt! Sie erglühte in Scham, sie +wollte sprechen, aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es nicht. +Aber warum schwieg Gott? Warum ließ Gott so etwas geschehen? + +Wenn sie den Brief herausnähme und ihn laut läse. Dann würde sich der +Giftstrom wenden. Der Eiter würde sie bespritzen. Todesangst kam über sie. +Sie wagte es nicht. Sie wünschte beinahe, daß eine freche Hand in ihre +Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen hätte. Sie vermochte nicht, +sich selbst preiszugeben. Drinnen aus der Werkstätte hörte man einen +Schusterhammer. Hörte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen Tag +hatte sie dieses Klopfen gehört und sich darüber erzürnt. Aber keine der +Frauen verstand es. Allwissender Gott, hattest du keinen Diener, der die +Herzen durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, wenn sie nur +nicht gestehen mußte. Sie wollte jemanden sagen hören: »Wer hat es dir +eingegeben, daß du vor Gott lügen solltest?« Sie horchte nach dem Laut der +Schritte der jungen Männer, um niederzufallen und zu sterben. + + * * * * * + +Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene Frau einen +Schuhmacher, der Gesell bei ihrem Manne gewesen war. Sie hatte es nicht +gewollt, aber sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum +Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur hängen geblieben ist. +Der Fischer läßt sie spielen, er läßt sie hin und her schnellen und läßt +sie glauben, daß sie frei ist. Aber wenn sie müde geworden ist, wenn sie +nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck an das Boot, dann +holt er sie herauf und wirft sie auf den Bootsgrund, ehe sie noch weiß, um +was es sich handelt. + +Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte ihren Gesellen verabschiedet +und hatte allein leben wollen. Sie wollte ihrem Manne zeigen, daß sie +unschuldig war. Aber wo war der Mann? Kümmerte er sich nicht um ihre Treue? +Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. Wie lange glaubte denn der Mann, daß +sie warten konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, an den sie +sich lehnen konnte. + +Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen in der Stadt. Seine +Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben hinter breiten Auslagefenstern. +Seine Werkstätte dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte +Sammetmöbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur auf sie. Als sie der Armut +gar zu müde war, kam sie. + +Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein Unglück. Sie wurde +mit jedem Tage sichrer und immer glücklicher. Sie stand bei den Menschen in +Ansehen und wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr +Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde. + +Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt. +Er ließ sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er +bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren. +Er wurde verachtet, während seine Frau große Ehre genoß. Und doch hatte er +recht getan und sie unrecht gehandelt. + +Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er +fühlte, wie er sank, weil alle ihn für einen schlechten Menschen hielten. +Niemand verließ sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er +schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewöhnte es sich +an, zu trinken. + +Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie +mietete einen großen Saal und begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend +an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu +treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um +an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und +im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe +Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mägde und Scheuerfrauen; friedliche +Polizisten und lärmender Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die Bälle +verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel, +alles ging zur Heilsarmee. + +Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere +Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene Stühle. Zerschlissener Boden, +Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen +mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. Im Augenblick waren +alle Plätze besetzt. Zunächst der Estrade saßen Frauen, anständig wie in +der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe +und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern +auf dem Schoß. Und in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht +hereinkommen konnten. + +Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung +noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der +»Kampfruf« flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das +Publikum unterhielt sich auf eigne Faust. + +Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das Zimmer. Das +Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit. +Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von +breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten auf die Knie, sobald +sie die Stufen der Estrade erklommen hatten. + +Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schloß aber die Augen. +Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Während des Gebetes war es still. +Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie +warteten auf die Geständnisse und die anregenden Melodien. + +Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und +predigten. Sie lächelten und sprachen von ihrem Glück. Vor sich hatten sie +ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf +die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der +Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die +Männer hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie spien jeden +Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen +sie kämpfen wollten, sprachen von ihrem Glück. + +Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schön, tapfer zu sein, +ist es nicht ein Hochgefühl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, über +die mit den großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, daß sie +die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, die lästernden Lippen +besiegen würden. + +»Singet mit,« riefen die Heilsarmeesoldatinnen. »Singet mit. Es ist gut, zu +singen.« Sie stimmten eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren +Gitarren und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. Sie brachten +den einen oder andern der Zunächstsitzenden dazu, mitzusingen. Doch jetzt +erdröhnte unten von der Türe ein leichtsinniger Gassenhauer. Töne kämpften +gegen Töne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die Zischpfeife. Die +starken, geübten Stimmen der Frauen stritten gegen die heisern, mutierenden +Stimmen der Knaben, gegen die Brummbässe der Männer. Als der Gassenhauer +nahe daran war, unterzutauchen, begann man unten an der Tür zu stampfen und +zu pfeifen. Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. Der Lärm +war entsetzlich, die Frauen stürzten auf die Knie. + +Sie lagen wie ohnmächtig da. Die Augen waren geschlossen. Die Körper +wiegten sich in stummem Schmerz. Der Lärm erstarb. Die Heilsarmeekapitänin +begann augenblicklich: »Herr, alle diese wirst du zu den Deinen machen. +Dank, o Herr, daß du sie alle in dein Kriegsheer aufnehmen willst! Dank, o +Herr, daß wir sie dir zuführen dürfen!« + +Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als ob alle diese Kehlen +von einem scharfen Messer gekitzelt würden. Es war, als fürchteten die +Menschen, überwunden zu werden, als hätten sie vergessen, daß sie +freiwillig gekommen waren. + +Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende Stimme trug den Sieg +davon. Sie mußten hören. + +»Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch windet sich und rast. Aber +das ist gerade das Zeichen. Gesegnet sei das Brüllen der alten Schlange! Es +zeigt, daß sie sich quält, daß sie sich fürchtet. Lacht uns aus! Schlagt +uns die Fenster ein! Verjagt uns von der Estrade! Morgen werdet ihr uns +angehören! Wir werden die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? Wie +wollt ihr Gott widerstehen?« + +Gleich darauf befahl die Kapitänin einer ihrer Gefährtinnen, vorzutreten +und ihr Bekenntnis abzulegen. Sie kam lächelnd. Sie stand kühn und +unerschrocken da und schleuderte die Geschichte ihrer Sünde und ihrer +Bekehrung den Höhnenden entgegen. Wo hätte es das Küchenmädchen gelernt, +lächelnd unter allem diesem Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen +waren, um ihren Spott zu treiben, erblaßten. Woher nahmen diese Frauen +ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand hinter ihnen. + +Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschönes Kind, reicher +Eltern Tochter, mit einer sanften, klaren Singstimme. Sie erzählte nicht +von sich selbst. Ihr Zeugnis war eines der gewöhnlichen Lieder. + +Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung vergaß sich und +lauschte. Dieses Kind war schön zu sehen, lieblich zu hören. Aber als sie +verstummt war, brach das Getöse noch furchtbarer los. Unten an der Tür +bauten sie eine Estrade aus Bänken, sprangen hinauf und legten Geständnisse +ab. + +Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne Ofen wurde glutrot, er +schluckte Luft und strömte Wärme aus. Die ehrbaren Frauen auf den +vordersten Bänken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, aber es gab +keine Möglichkeit, den Saal zu verlassen. Die Heilssoldatinnen auf der +Estrade wankten, und auf ihren Stirnen perlte der Schweiß. Sie riefen und +beteten um Stärke. Plötzlich fuhr ein Hauch durch die Luft, ein Flüstern +schlug an ihr Ohr. Sie wußten nicht, woher es kam, aber sie fühlten einen +Umschlag. Gott war mit ihnen. Er kämpfte für sie. + +Aufs neue in den Kampf! Die Kapitänin trat vor und erhob die Bibel über +ihren Kopf. »Haltet inne, haltet inne! Wir fühlen, daß Gott unter uns +wirkt. Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will uns eine Seele +schenken.« + +Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige im Saal nahmen an dem +Gebet teil. Allen teilte sich eine spannende Erwartung mit. War es wahr? +Trug sich etwas Großes in der Seele eines Mitmenschen zu, hier, mitten +unter ihnen? Würden sie es sehen? Konnten diese Frauen etwas bewirken? + +Für einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt war sie ebenso erpicht +auf Wunder wie eben erst auf Lästerung. Niemand wagte sich zu rühren. Alle +keuchten vor Erwartung, aber nichts geschah. »O Gott, du verlässest uns! Du +verläßt uns, o Gott!« + +Die schöne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie wählte die mildeste der +Melodien, das zarteste Kind der Sehnsucht: »Fern er weilet von grünenden +Tälern.« + +Die Worte waren nur wenig verändert. Das Lied des finnischen Hirtenmädchens +war unschwer zu Jesu Sehnsucht nach der Seele geworden. »O, du meine +Geliebte, kommst du nicht bald?« + +So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang in die Gemüter, wie +eine Liebkosung, wie ein Segen. + +Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese Töne. -- »Berge und +Wälder verschmachten, Himmel und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in +der Welt dürstet danach, daß du deine Seele dem Lichte erschließest. Dann +verbreitet sich Herrlichkeit über alle Welt, dann stehen die Tiere auf aus +ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen der Kreatur hat ein Ende. O, du meine +Geliebte, kommst du nicht bald?« + +»Es ist nicht wahr, daß du in hohen Königssälen weilest. In dunklen +Wäldern, in elenden Hütten hausest du, und du willst nicht kommen. Mein +lichter Himmel lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht +bald?« + +Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim ein. Stimme um Stimme +kam mit. Sie wußten nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die +Melodie war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tönen freisingen. +Auch unten an der Tür wurde es gesungen. Es sprengte Herzen. Es +unterjochte Willen. Es klang nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern +stark, fordernd, befehlend. + +»O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?« + +Unten an der Tür im dichtesten Knäuel stand Matts Wik. Er sah ganz +vertrunken aus, aber an diesem Abend war er nicht berauscht. Er stand da +und dachte: »Wenn ich sprechen dürfte, wenn ich sprechen dürfte.« + +Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen hatte, die wunderbarste +Gelegenheit. Eine Stimme sprach zu ihm: »Dies ist das Schilf, in das du +flüstern kannst, die Wellen, die deine Stimme tragen werden.« + +Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als hätten sie einen Löwen brüllen +hören. Eine starke, furchtbare Stimme sprach furchtbare Worte. + +Sie höhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? Er verließ alle, die ihm +dienten. Er hatte seinen Sohn verlassen. Gott half niemandem. + +Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder Minute brausender. Solche +Kraft hatte niemand Menschenlungen zugetraut. Solche Raserei hatte niemand +je aus einem zertretnen Herzen losbrechen hören. Sie neigten ihr Haupt wie +die Wandrer in der Wüste, wenn der Sturm über sie kommt. + +Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde Hammerschläge gegen +Gottes Thron. Gegen ihn, der Hiob quälte, der die Märtyrer leiden, der +seine Bekenner auf Scheiterhaufen verbrennen ließ. Der Ohnmächtige, wann +begründet er sein Reich? Wann läßt er ab, die Arglist zum Siege zu führen? + +Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige hatten geglaubt, daß dies +ein Scherz sei. Jetzt hörten sie bebend, daß es Ernst war. Schon erhoben +sich einige, um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den Schutz der +Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf sie herabbeschwor. + +Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen Lohn sie für ihre +Mühe erwarteten, Gott zu dienen. Sie sollten sich nicht den Himmel +erwarten. Gott geizte mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr +Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu erringen. Er hatte +größre Opfer gebracht, als Gott verlangte. Aber dann wurde er zur Sünde +verlockt. Das Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon in +dieser Welt. Er muß den Weg der Verdammten gehen. + +Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die Schiffe in den Hafen treibt. +Bei den Worten des Höhnenden stürzten die Frauen die Estrade hinan. Die +Hände der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfaßt und geküßt. Bekehrung folgte +auf Bekehrung. Sie konnten kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen +Gott. + +Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. Er sagte zu sich +selbst: »Ich spreche, ich spreche, endlich spreche ich. Ich sage ihnen mein +Geheimnis, und ich sage es doch nicht.« Zum ersten Male, seit er das große +Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer. + + * * * * * + +Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die Stadt sah wie eine +Steinwüste aus, wie eine Mondlandschaft. Man sah keine Katze, keinen +Sperling, kaum eine Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein +rauchte. In den schwülen Straßen war keine Luft. Das Ganze war nur ein +steinbesäter Acker, aus dem Steinwände wuchsen. + +Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die jungen Damen in schmalen Röcken +und weiten Ärmeln, langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo waren +Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und Gassenjungen? + +Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten Lustfahrerscharen, +alle die Körbe und Ziehharmonikas und Flaschen, die das Dampfboot ans Land +lud. Oder wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen wehten, die +Trommeln dröhnten, Gassenjungen schwärmten, stampften, schrien hurra. Oder +wo blieben sie, die blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen, +während Vater und Mutter sie andächtig über die Gasse schoben. + +Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. Sie klagten über die langen +Straßen. Es war, als wenn die Steinhäuser ihnen nachjagten. Endlich, +endlich schimmerte Grün. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich durch +platte, feuchte Felder schlängelte, wo der Lerchengesang am vollsten +ertönte, wo der Klee honigsüß duftete, da lagen die ersten +Zurückgebliebenen. Die Mütze im Nacken, die Nase im Grase. Den Körper in +Sonnenschein und Blumenduft gebadet, die Seele von Muße und Ruhe erquickt. + +Aber über den Weg zum Walde eilten Proviantträger und Radfahrer. Jungen +kamen mit Spaten und blanken Tornistern. Mädchen tanzten in Staubwolken. +Himmel und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien und +Arbeiterscharen. Die sich bäumenden Klepper der Charabans erhoben die +Vorderbeine über die Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das +Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert und blieb zappelnd auf +dem Rücken im Staube der Landstraße liegen. + +Drinnen im Walde spielte und sang, flötete und schluchzte eine Nachtigall. +Die Birken kamen nicht gut fort, sie hatten schwarze Stämme. Die Buchen +bauten hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem Grün. Der +Frosch saß da und zielte mit der Zunge. Und jedesmal fing er eine Fliege. +Der Igel patschte in dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen +huschten über das Moor mit glitzernden Flügeln. Die Menschen ließen sich +um die Eßkörbe nieder. Goldkäfer krochen rings um sie durch das Gras. Die +piepsenden funkelnden Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen. + +Plötzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken in seine +Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grün unter, ganz verstummt. Die +Nachtigall sang aus Leibeskräften. Es waren Gitarren, Gitarren. Die +Heilsarmee zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der stumpfen +Ruhe unter den Bäumen. Tanzboden und Krocketplatz wurden verödet. Schaukel +und Karussell hatten eine Stunde Rast. Alles strömte dem Lager der +Heilsarmee zu. Die Bänke füllten sich, und auf jeder Erdhöhe saßen Zuhörer. + +Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mächtig geworden. Um manche +liebliche Wange schloß sich der Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das +rote Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der Menge. Schimpfworte +wagten sich nicht über die Lippen. Die Flüche verrollten unschädlich hinter +den Zähnen. Und Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslästerer, +stand jetzt als Fahnenwächter unter der Estrade. Er war auch einer der +Gläubigen. Die Enden der roten Fahne liebkosten freundlich seinen grauen +Kopf. + +Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. Sie hatten ihm +ihren ersten Sieg zu danken. Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm +gekommen. Sie wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. Sie +weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei ihren Zusammenkünften +durfte er sprechen. Seit er sein Schweigen gebrochen hatte, war er +glücklich. Er stand nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende +Kraft erfüllte ihn. Er war glücklich, wenn er ihr Luft machen durfte. Wenn +die Säle vor seiner Löwenstimme erzitterten, war er glücklich. + +Er sprach immer von sich selbst. Er erzählte immer seine eigne Geschichte. +Das Schicksal des Verkannten schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs +Blut, die gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne Anerkennung zu +finden. Er kleidete das ein, was er erzählte. Er erzählte sein Geheimnis +und erzählte es doch nicht. + +Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die Herzen zu gewinnen. Um +seinetwillen sammelte sich die Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog +sie hin mit den berückend phantastischen Bildern, die sein krankes Hirn +erfüllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender Klage, die seines +Herzens Qual ihn gelehrt hatte. + +Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt des Todes und des +Wechsels geweilt. Vielleicht war er damals ein mächtiger Dichter gewesen, +erfahren in der Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um +schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, sein Erdenleben +abermals zu beginnen, von seiner Hände Arbeit zu leben, unbekannt mit der +Macht des Geistes. Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes +gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. Lichtscheu und +verwirrt, aber dennoch jubelnd über ihre Freiheit zog sie über die +einstigen Schlachtfelder. + +Der wilde, ungelehrte Sänger, die schwarze Drossel, die unter Staren +aufgewachsen war, lauschte mißtrauisch den Worten, die ihm auf die Lippen +kamen. Woher hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen seiner +Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, stolze Menschen auf die Knie zu +zwingen, sie die Hände ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden +begann. Dann kam ruhige Zuversicht über ihn. Aus der niemals ermessenen +Tiefe seines Leidens stiegen unablässig Wolken von qualschweren Worten +empor. + +Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, schmetternde +Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, anfeuernd. Nicht zu fangen, +nicht wiederzugeben. Sie waren Blitze und rollende Donnerschläge. Die +Herzen erschütterten sie in düstrer Angst. Aber vergänglich waren sie, +niemals ließen sie sich fangen. Der Wasserfall kann bis auf den letzten +Tropfen gemessen werden, das irrende Spiel des Schaumes läßt sich malen, +nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, gewaltige Strom +dieser Reden. + +An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, ob sie wüßten, wie sie +Gott dienen müßten. -- Wie Uria seinem König diente. + +Nun wurde der Mann auf der Rednertribüne zu Uria. Nun ritt er durch die +Wüste mit seines Königs Brief. Er war allein, die Einsamkeit ängstigte ihn. +Seine Gedanken waren düster. Aber er lächelte, wenn er an sein Weib dachte. +Die Wüste wurde ein Blumengefilde, wenn er ihrer gedachte. Quellen +entsprangen aus der Erde bei dem Gedanken an sie. + +Sein Kamel stürzte. Seine Seele ward von bösen Ahnungen erfüllt. Das +Unglück, dachte er, ist ein Geier, der die Wüste liebt. Er machte nicht +kehrt, sondern ging vorwärts mit des Königs Brief. Er trat auf Dornen. Er +ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn dürstete und hungerte. Er sah +Karawanen ihre dunklen Streifen durch den Wüstensand ziehen. Er suchte sie +nicht auf. Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des Königs +Brief trägt, muß allein gehen. Er sah des Abends die weißen Zelte der +Hirten. Sie lockten ihn, wie die lächelnde Wohnstatt seines Weibes. Er +glaubte, weiße Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten aus und +ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie seines Königs Brief gestohlen +hätten! + +Wankend geht er, als er die spähenden Räuber hinter sich herjagen sieht. Er +denkt an des Königs Brief. Er liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er +liest ihn und faßt neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstört den +Brief nicht. Er ergibt sich den Räubern nicht. Er kämpft und siegt. Und +dann weiter, weiter. Er führt sein Todesurteil mit sich durch tausend +Gefahren. -- -- + +So ist es, Gottes Wille muß befolgt werden bis aufs Blut, bis in den +Tod. -- -- + +Während Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da und hörte ihm zu. Sie +war am Morgen in den Wald gezogen, vergnügt und strahlend, am Arm des +Mannes höchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. Die +Tochter und der Geselle trugen den Eßkorb. Die Magd folgte mit dem jüngsten +Kinde nach. Alles war Friede, Glück, Ruhe gewesen. + +Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und +getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das +Gewissen schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste Mann +betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in +der Seele gefühlt. + +Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie +fühlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und +sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von sich selbst. Er +wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem +eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter, +diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie +ein offnes Grab. -- + +Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grün und +Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die +Hügel zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der Wald wurde +häßlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwüste, nach der +Mondlandschaft. Dort ist es für Menschen gut sein. Vielleicht können +leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen. + + * * * * * + +Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die +Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum +Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr +gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitänin +der Heilsarmee. + +Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie +hatte ihren Mann gehört. Er erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete +seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er +war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die +Kinder auf dem Wege verhöhnten. + +Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen, +er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß +der Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern leuchtete und lachte +vor Freude über die Dichtermacht. + +Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht +gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in +ihrem Blut. Sie war alt geboren. + +Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war sie herangewachsen. Sie +ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: »Seht, eines verachteten +Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf +meinem Wandel?« Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie +bisweilen: »Ach, daß meiner Tochter Hände weniger weiß wären, vielleicht +wären dann ihre Liebkosungen wärmer!« + +Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. Sie verachtete die +Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie +gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange. +Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über sie hinzubrausen. Aber +was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer +Mutter. + +Diese Hand krümmte sich, krampfhafte Zuckungen durcheilten sie. Sie lag +schlaff, gleichsam tot in der ihren, sie griff wild um sich, fieberheiß. +Das Gesicht ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und kämpfte. + +Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. Jesu Freund lag +krank. Seine Schwestern sandten ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht +gekommen. Für Gottes Reich mußte Lazarus sterben. + +Er ließ nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf Christus niedersausen. Er +beschrieb sein Leiden. Sein eignes Mitleid quälte ihn. Er machte alle +Todespein durch, er wie Lazarus. Und doch mußte er schweigen. + +Nur ein Wort hätte es ihn gekostet, die Achtung der Freunde +wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mußte die Klage der Schwestern hören. Er +sagte ihnen die Wahrheit in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde +höhnten ihn. + +Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender. + +Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese Hand beichtete und +bekannte: »Der Mann dort drüben trägt selbst das Martyrium des Schweigens. +Er wird zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte könnte er sich frei machen.« + +Das Mädchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen stumm. Das Gesicht des +jungen Mädchens war wie Stein. Sie grübelte, suchte alles auf, was die +Erinnerung ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu ihr auf. Was +wußte sie? + +An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. Man sprach +gar lustig vom Markt des Tages, von dem Preise der Holzschuhe, von +diebischen Mägden. Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen Kaffee in +die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. Frau Anna Erikson konnte +nicht verstehen, woher es gekommen war, daß sie sie früher gefürchtet, daß +sie immer geglaubt hatte, daß diese sie richten würden. + +Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als sie wohlbehaglich +dasaßen und der Kaffee auf dem Rand der Tassen zitterte und die Teller mit +Weizenbrot beladen waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig +feierlich, aber ihre Stimme war ruhig. + +»In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mädchen, das sich verheiratet hat, +ohne recht zu bedenken, was sie auf sich nimmt, kann in große Not kommen. +Wer hat es schlimmer getroffen als ich?« + +Das wußten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und hatten mit ihr +getrauert. + +»In der Jugend ist man unvernünftig. Man verschweigt das, was man sagen +sollte, weil man sich schämt. Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor +dem, was die Leute sagen könnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen +hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.« + +Sie glaubten alle, daß dies wahr sei. + +Sie hatte Wik gestern gehört, wie so viele Male zuvor. Jetzt mußte sie +ihnen allen etwas über ihn sagen. Es kam eine brennende Unruhe über sie, +wenn sie bedachte, was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte +sie, daß er, der alt gewesen war, es besser hätte verstehen sollen, als +sie, das junge Ding zum Eheweib zu nehmen. + +»Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber er ist aus +Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, daß ich Erikson haben wollte. +Ich habe seinen Brief dafür.« + +Sie las ihnen den Brief vor. Eine Träne kam wohlanständig ihre Wangen +hinabgeglitten. + +»Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen Erikson und mir war +damals nichts. Es war vier Jahre, ehe wir heirateten. Aber ich will dies +jetzt sagen, denn Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist +nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern in guter Absicht. +Ich möchte, daß dies überall bekannt wird. Kapitänin Anderson kann +vielleicht den Brief in der Armee vorlesen. Ich will, daß Wik Genugtuung +widerfährt. Ich weiß auch, daß ich allzulange geschwiegen habe, aber man +gibt sich nicht gern selbst eines Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es +eine andre Sache.« + +Die Frauen saßen förmlich versteinert da. Anna Erikson bebte die Stimme ein +wenig, und sie sagte mit einem matten Lächeln: + +»Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu mir kommen?« + +»Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch so jung! Und Frau Erikson +konnte doch nichts dafür. -- Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche +Dinge einbildete.« + +Sie lächelte. Dies waren die harten Schnäbel, die sie zerreißen sollten. +Die Wahrheit war nicht gefährlich, und die Lüge auch nicht. Die Füße der +jungen Männer warteten nicht vor ihrer Tür. + +Wußte sie oder wußte sie nicht, daß ihre älteste Tochter an demselben +Morgen ihr Haus verlassen hatte und zu ihrem Vater gegangen war? + + * * * * * + +Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die Ehre seiner Frau zu retten, +wurde bekannt. Er wurde bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in +der Armee vorgelesen. Einige weinten aus Rührung. Auf der Straße kamen +Leute auf ihn zu und drückten ihm die Hand. Seine Tochter zog zu ihm. + +An den nächsten Abenden nach diesem schwieg er bei den Zusammenkünften. Er +fühlte keinen innern Ruf. Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf +die Estrade, faltete die Hände und begann. + +Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt inne. Er erkannte die +Stimme nicht wieder. Wo war das Löwengebrüll? Wo der brausende Nordwind? +Und wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht. + +Er wankte zurück. »Ich kann nicht,« murmelte er. »Gott gibt mir noch nicht +Kraft zu sprechen.« Er setzte sich auf die Bank nieder und stützte den Kopf +in die Hände. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst einmal +herauszufinden, worüber er sprechen sollte. Pflegte er in frühern Tagen zu +grübeln? Konnte er jetzt grübeln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im +Kreise. + +Vielleicht würde es gehen, wenn er sich wieder erhob, sich dorthin stellte, +wo er zu stehen pflegte und mit seinem gewohnten Gebet anfing. Er +versuchte. Er wurde aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der +kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort kam über seine Lippen. + +Er saß auf seinem Platz und weinte, schwer stöhnend. Die Gabe war ihm +genommen. Er versuchte zu sprechen, versuchte es stumm für sich selbst. +Worüber sollte er sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte den +Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht sagen durfte. Er hatte +kein Geheimnis einzukleiden. Er brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung +wich von ihm. + +Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums Leben. Er wollte das +festhalten, was schon gegangen war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben, +um wieder sprechen zu können. Sein Schmerz war dahin. Er konnte ihn nicht +wiederfinden. + +Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder und immer wieder. Er +stammelte einige sinnlose Worte. Er leierte wie eine auswendig gelernte +Lektion das herunter, was er andre sagen gehört hatte. Er versuchte, sich +selbst nachzuahmen. Er spähte nach Andacht in den Blicken, nach bebendem +Schweigen, nach hastigem Atmen. Er vernahm nichts. Was seine Freude +gewesen, war von ihm genommen. + +Er sank in das Dunkel zurück. Er verfluchte es, daß er mit seinen Reden +Frau und Tochter bekehrt hatte. Er hatte das Köstlichste besessen und es +verloren. Seine Verzweiflung war furchtbar. -- Aber nicht von solchem +Schmerz lebt der Genius. + +Er war ein Maler ohne Hände, ein Sänger, der seine Stimme verloren hat. Er +hatte nur von seinem Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden? + +Er betete: »O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die Verkanntheit spricht! +gib mir die Verkanntheit wieder! Da das Glück stumm ist, aber der Schmerz +spricht, gib mir den Schmerz wieder!« + +Aber die Krone war ihm genommen. Er saß da, elender als der Elendeste, denn +er war von den Höhen des Lebens herabgestürzt. Er war ein gefallener König. + + + + +Ein Weihnachtsgast + + +Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby mitgelebt hatten, war der +kleine Ruster, der Noten transponieren und Flöte spielen konnte. Er war von +niedriger Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie. Es brachen schwere +Zeiten für ihn an, als die Schar der Kavaliere sich zerstreute. + +Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr, keinen Pelz und keine +rotgestrichene Proviantkiste. Er mußte zu Fuß von Gehöft zu Gehöft ziehen +und trug seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden. +Den Rock knöpfte er bis zum Kinn hinauf zu, so daß niemand zu erfahren +brauchte, wie es um das Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen +weiten Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitztümer: die +auseinandergeschraubte Flöte, die flache Schnapsflasche und die Notenfeder. + +Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles gewesen wäre wie in +alten Zeiten, so hätte es ihm nicht an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem +Jahre, das ging, wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt. Die +Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren gelockerten Schrauben und +das bucklige Waldhorn mit den verblichnen Quasten und Schnüren wurden auf +die Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick auf den +langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten. Doch, je weniger der kleine Ruster +mit Flöte und Notenfeder zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der +Schnapsflasche, und schließlich wurde er ganz versoffen. Es war schade um +den kleinen Ruster. + +Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den Herrenhöfen aufgenommen, +aber es herrschte Jammer, wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch +nach Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar Schnäpse oder +einen Toddy bekommen hatte, wurde er wirr und erzählte unerquickliche +Geschichten. Er war die Geißel der gastfreien Gutshöfe. + +Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach Löfdala, wo Liljekrona, der große +Violinspieler, daheim war. Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere +gewesen, aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein prächtiges Gut +Löfdala und verblieb dort. Nun kam Ruster in den Tagen vor dem +Weihnachtsabend zu ihm, mitten in die Festvorbereitungen, und verlangte +Arbeit. Liljekrona gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu +beschäftigen. + +»Du hättest ihn lieber gleich fortschicken sollen,« sagte seine Frau, +»jetzt wird er das so in die Länge ziehen, daß wir ihn über den heiligen +Abend hierbehalten müssen.« + +»Irgendwo muß er doch sein,« sagte Liljekrona. Und er bewirtete Ruster mit +Toddy und Branntwein, leistete ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer +Zeit noch einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner +überdrüssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht merken lassen +wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit waren ihm heilig. + +Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei Wochen lang für das +Weihnachtsfest gerüstet. Sie hatten in Unbehagen und Hast gelebt, sich die +Augen bei Talglichtern und Kienspänen rotgewacht, im Schuppen beim +Fleischeinsalzen und im Bräuhaus beim Bierbrauen gefroren. Doch die +Hausfrau sowohl wie die Dienstleute hatten sich all dem ohne Murren +unterzogen. + +Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige Abend anbrach, dann +würde ein süßer Zauber sie gefangennehmen. Das Weihnachtsfest würde +bewirken, daß Scherz und Spaß, Reim und Fröhlichkeit ihnen ohne alle Mühe +auf die Lippen kam. Aller Füße würden Lust bekommen, sich im Tanze zu +drehen, und aus den dunklen Winkeln der Erinnerung würden die Worte und +Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man gar nicht glauben konnte, +daß sie noch immer da waren. Und dann würden sie alle so gut sein, so gut! + +Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt von Löfdala, daß +Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau und die ältern Kinder und treuen +Diener waren alle derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende +Angst hervor. Sie fürchteten überdies, daß, wenn er und Liljekrona +anfingen, sich in den alten Erinnerungen zu tummeln, das Künstlerblut in +dem großen Violinspieler aufflammen würde und sein Heim ihn verlieren +mußte. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten. + +Es läßt sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe den Hausherrn +liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten bei sich behalten dürfen. Und +was hatte er zu geben! Wie war er doch viel für sein Heim, besonders zu +Weihnachten! Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem Sofa oder +Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen, glattgescheuerten +Holzbank in der Kaminecke. Wenn er dort hinaufgekommen war, dann ritt er +auf Abenteuer aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den Sternen und +noch höher empor. Er spielte und sprach abwechselnd, und alle Hausleute +versammelten sich um ihn und hörten zu. Das ganze Leben wurde stolz und +schön, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es überstrahlte. + +Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest, die Freude, die +Frühlingssonne liebten. Und als nun der kleine Ruster kam, war ihr +Weihnachtsfriede zerstört. Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun +dieser kam und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht, daß +dieser Säufer am Weihnachtstische eines frommen Hauses sitzen und alle +Weihnachtsfreude stören sollte. + +Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine Ruster seine Noten +fertiggeschrieben, und da ließ er ein paar Worte von Fortgehen fallen, +obgleich es natürlich seine Absicht war, zu bleiben. + +Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt und sagte darum +ganz lahm und matt, daß es wohl das beste wäre, wenn Ruster über +Weihnachten da bliebe, wo er war. + +Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er drehte seinen +Schnurrbart auf und schüttelte die schwarze Künstlermähne, die gleich einer +dunklen Wolke um seinen Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er +sollte bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah, man denke +nur, wie sie in den großen Eisenwerken im Broer Kirchspiel standen und auf +ihn warteten! Die Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gefüllt. Er +hatte solche Eile. Er wußte nur nicht, zu wem er zuerst fahren sollte. + +»Gott bewahre,« sagte Liljekrona, »so fahre doch.« + +Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd und Schlitten, Pelz +und Decken. Der Knecht von Löfdala sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro +kutschieren und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem Schneesturm +aus. + +Niemand glaubte, daß er erwartet wurde, oder daß es ein einziges Haus in +der Umgegend gab, wo er willkommen gewesen wäre. Aber sie wollten ihn so +gerne los werden, daß sie sich dies verhehlten und ihn ziehen ließen. »Er +hat es selbst gewollt,« sagten sie. Und nun, dachten sie, wollten sie +fröhlich sein. + +Aber als sie sich gegen fünf Uhr im Eßsaal versammelten, um Tee zu trinken +und um den Christbaum zu tanzen, war Liljekrona stumm und verstimmt. Er +setzte sich nicht auf die Märchenbank, er berührte weder Tee noch Punsch, +er erinnerte sich an keine Polka, die Violine war verstimmt. Wer spielen +und tanzen konnte, mochte es ohne ihn tun. + +Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder mißvergnügt, alles im +ganzen Hause ging verkehrt. Es wurde der allertrübseligste Weihnachtsabend. + +Die Grütze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz rauchte, der Wind +blies bittere Kälte in die Stuben. Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte, +kam nicht heim. Die Haushälterin weinte, die Mägde zankten. + +Plötzlich erinnerte sich Liljekrona, daß man den Spatzen keine Garbe +hinausgehängt hatte, und er beklagte sich laut über alle Frauen rings um +ihn, die alte Sitte außer acht ließen und neumodisch und herzlos waren. +Aber sie begriffen wohl, daß das, was ihn quälte, die Gewissensbisse waren, +daß er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend aus seinem Hause +hatte fortgehen lassen. + +Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer, versperrte die Tür und +begann zu spielen, wie er nicht gespielt, seit er zu wandern aufgehört +hatte. Es war Haß und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr dachtet mich +zu binden, aber ihr müßt eure Fesseln umschmieden. Ihr dachtet, mich +kleinsinnig zu machen, wie ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins +Große, ins Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn es in +eurer Macht steht! + +Als die Gattin diese Töne hörte, sagte sie: »Morgen ist er fort, wenn Gott +nicht in dieser Nacht ein Wunder tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit +gerade das hervorgerufen, was wir vermeiden zu können glaubten.« + +Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben herum. Er fuhr von +einem Hause zum andern und fragte, ob es Arbeit für ihn gäbe, aber nirgends +wurde er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf, aus dem Schlitten +zu steigen. Einige hatten das Haus voll Besuch, andre wollten am +Weihnachtstage über Land fahren. »Versuche es beim nächsten Nachbar,« +sagten sie alle. + +Er mochte immerhin kommen und das Behagen von ein paar Werktagen stören, +nicht aber das des Weihnachtsabends. Das Jahr hatte nur einen +Weihnachtsabend, und auf den hatten sich die Kinder den ganzen Herbst +gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht an einen Weihnachtstisch +setzen, wo es Kinder gab. Früher hatten sie ihn gern aufgenommen, aber +nicht jetzt, wo er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit dem +Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu schlecht und das Gastzimmer zu +fein. + +So mußte der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen, in dem peitschenden +Schneesturm. Der nasse Schnurrbart hing schlaff über den Mund, die Augen +waren blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verflüchtete sich +aus seinem Hirn. Ruster begann zu grübeln und zu staunen. War es möglich, +war es möglich, daß niemand ihn aufnehmen wollte? + +Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie jämmerlich und verkommen +er war, und er begriff, daß er den Menschen verhaßt sein mußte. Mit mir ist +es aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist aus mit der +Flöte. Niemand auf Erden braucht mich, niemand hat Barmherzigkeit mit mir. + +Der Schneesturm schnurrte und spielte, er riß die Schneehaufen auf und +türmte sie wieder zusammen, er nahm eine Schneesäule in die Arme und tanzte +damit übers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und stürzte eine andre in +eine Grube. »So ist es, so ist es,« sagte der kleine Ruster, »solange man +fährt und tanzt, ist es ein fröhlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde +soll, dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer und +Herzeleid.« Doch hinab mußten alle, und jetzt war er an der Reihe. Man +denke, daß er nun zum Ende gekommen war. + +Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn führte. Es deuchte ihn, +daß er in das Reich des Todes fuhr. + +Der kleine Ruster verbrannte keine Götter auf dieser Fahrt. Er verfluchte +weder das Flötenspiel noch das Kavaliersleben, er dachte nicht, daß es +besser für ihn gewesen wäre, wenn er die Erde gepflügt oder Schuhe genäht +hätte. Aber darüber klagte er, daß er nun ein ausgespieltes Instrument war, +das die Freude nicht mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn +er wußte, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die Gitarre die Stimmung +nicht hält, dann müssen sie fort. Er wurde plötzlich ein sehr demütiger +Mann. Er begriff, daß es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend. +Der Hunger oder die Kälte würde ihn umbringen, denn er verstand nichts, er +taugte zu nichts und hatte keine Freunde. + +Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es hell um ihn, und er +hört freundliche Stimmen, und da ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer +führt, und jemand, der heißen Tee in ihn gießt. Der Pelz wird ihm +abgenommen, und mehrere Menschen rufen, daß er willkommen ist, und warme +Hände reiben Leben in seine erstarrten Finger. + +Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, daß er wohl eine Viertelstunde +nicht zur Besinnung kam. Er konnte unmöglich begreifen, daß er wieder nach +Löfdala gekommen war. Er war sich gar nicht bewußt gewesen, daß der Knecht +es satt bekommen hatte, im Schneesturm herumzufahren und nach Hause +umgekehrt war. + +Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas Haus so freundlich +empfangen wurde. Er konnte nicht wissen, daß Liljekronas Gattin begriff, +welche schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte, wo man ihn +an jeder Tür, an die er klopfte, abgewiesen hatte. Sie hatte so großes +Mitleid mit ihm bekommen, daß sie ihre eigenen Sorgen vergaß. + +Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem wilden Spielen fort. Er +wußte nichts davon, daß Ruster gekommen war. Dieser saß indessen im +Speisesaal mit der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am +Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der Langweile bei der +Herrschaft in die Küche geflüchtet. + +Die Hausfrau säumte nicht, Ruster ans Werk zu setzen. »Sie hören ja, +Ruster,« sagte sie, »daß Liljekrona den ganzen Abend nichts andres tut als +spielen, und ich muß nach dem Tischdecken und dem Essen sehen. Die Kinder +sind rein verlassen. Sie müssen sich der zwei Kleinsten annehmen, Ruster.« + +Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster am wenigsten in +Berührung gekommen war. Er hatte sie weder im Kavaliersflügel noch im +Soldatenzelt getroffen, weder in Gasthöfen noch auf Landstraßen. Er scheute +sich beinahe vor ihnen und wußte nicht, was er sagen sollte, das fein genug +für sie war. + +Er nahm die Flöte hervor und lehrte sie, auf Klappen und Löchern zu +fingern. Es war ein vierjähriges und ein sechsjähriges Bübchen. Sie bekamen +eine Lektion auf der Flöte, und das interessierte sie sehr. »Das ist A,« +sagte er, »und das ist C,« und dann griff er die Töne. Da wollten die +Kleinen wissen, was für ein A und was für ein C das war, das gespielt +werden sollte. + +Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete ein paar Noten. + +»Nein,« sagten sie, »das ist nicht richtig.« Und sie eilten fort und holten +ein Abcbuch. + +Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu überhören. Sie konnten +und konnten nicht. Es sah windig aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde +eifrig, hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu +unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und hörte ganz erstaunt zu. +Es klang wie ein Spiel, und die Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie +lernten dabei, ja, das taten sie. + +Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht bei dem, was er tat. +Er wälzte die alten Gedanken vom Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut +und behaglich, aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus. Er war +verbraucht. Er würde fortgeworfen werden. Und urplötzlich schlug er die +Hände vors Gesicht und begann zu weinen. + +Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu. + +»Ruster,« sagte sie, »ich kann verstehen, daß Sie glauben, für Sie sei +alles aus. Es geht Ihnen nicht mit der Musik, und Sie richten sich durch +den Branntwein zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.« + +»Doch,« schluchzte der kleine Flötenspieler. + +»Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen, das wäre etwas +für Sie. Wenn Sie die Kinder lesen und schreiben lehren wollten, dann +würden Sie wieder überall willkommen sein. Das ist kein geringres +Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Flöte und Violine. Sehen Sie +sie an, Ruster!« + +Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah auf, blinzelnd, so, +als hätte er in die Sonne gesehen. Es war, als fiele es seinen kleinen +trüben Augen schwer, denen der Kinder zu begegnen, die groß und klar und +unschuldig waren. + +»Sehen Sie sie an, Ruster!« ermahnte Liljekronas Frau. + +»Ich getraue mich nicht,« sagte Ruster, denn es war ihm wie ein Fegefeuer, +durch die schönen Kinderaugen in die Schönheit der unbefleckten Seelen zu +schauen. + +Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. »Dann sollen Sie sich an sie +gewöhnen, Ruster. Sie sollen dieses Jahr als Schulmeister in meinem Hause +bleiben.« + +Liljekrona hörte seine Frau lachen und kam aus seinem Zimmer. + +»Was gibt es?« sagte er. »Was gibt es?« + +»Nichts andres,« antwortete sie, »als daß Ruster wiedergekommen ist, und +daß ich ihn zum Schulmeister für unsre kleinen Jungen bestellt habe.« + +Liljekrona war ganz verblüfft. »Wagst du das,« sagte er, »wagst du es? Er +hat wohl versprochen, nie mehr ...« + +»Nein,« sagte die Frau, »Ruster hat nichts versprochen. Aber er wird sich +vor mancherlei in acht nehmen müssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in +die Augen sehen soll. Wäre es nicht Weihnachten, hätte ich dies vielleicht +nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es wagte, ein kleines Kindlein, das +sein eigner Sohn war, unter uns Sünder zu setzen, dann kann ich es wohl +auch wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen Menschen zu +retten.« + +Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte und zuckte in jeder +Falte seines Gesichts, wie immer, wenn er etwas Großes hörte. + +Dann küßte er seiner Frau die Hand, so fromm wie ein Kind, das um +Verzeihung bittet, und rief laut: »Alle Kinder sollen kommen und Mutter die +Hand küssen.« + +Das taten sie, und dann hatten sie ein fröhliches Weihnachtsfest in +Liljekronas Heim. + + + + +Onkel Ruben + + +Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner Junge, der auf dem +Marktplatz mit seinem Kreisel spielte. Der kleine Junge hieß Ruben. Er war +nicht mehr als drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so +tapfer als nur irgendeiner und ließ das Kreisel schnurren, daß es eine +wahre Freude war. + +An diesem Tage vor achtzig Jahren war wunderschönes Frühlingswetter. Der +Monat März war gekommen, und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine +weiße und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine kalte und dunkle, wo +Schatten war. Der ganze Marktplatz gehörte dem Sonnenschein, bis auf einen +schmalen Rand der einen Häuserreihe entlang. + +Nun geschah es, daß der kleine Junge, so tapfer er auch war, müde davon +wurde, seinen Kreisel schnurren zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz +umsah. Ein solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine Sessel +oder Bänke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe versehen. Der kleine +Ruben konnte sich nichts Besseres denken. + +Er war ein gewissenhaftes kleines Bürschchen. Er hatte eine dunkle Ahnung, +daß Mutter es nicht wollte, daß er auf fremder Leute Treppenstufen sitze. +Mutter war arm, aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man +andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich auf ihre eigne +Steintreppe, denn sie wohnten auch am Marktplatz. + +Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig kalt. Der Kleine +lehnte den Kopf an das Geländer, zog die Beine hinauf und fühlte sich so +wohl wie nie zuvor. Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein +draußen über den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen und Kreisel +schnurrten -- dann schloß er die Augen und schlummerte ein. + +Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, war ihm nicht so wohl +zumute, wie als er einschlummerte, sondern alles schien so furchtbar +unbehaglich. Er lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, daß er +krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar Tagen war der Knabe +tot. + +Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam nämlich so, daß seine +Mutter ihn so recht aus tiefstem Herzensgrund betrauerte, mit solch einem +Schmerz, der den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch mehrere +andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit und ihre Gedanken in Anspruch, +aber es gab immer noch einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz +ungestört hausen konnte. Für sie blieb er stets lebendig. Sah sie eine +Kinderschar auf dem Marktplatz spielen, so sprang er da mit herum, und wenn +sie dann im Hause arbeitete und aufräumte, so glaubte sie steif und fest, +daß der Kleine noch draußen auf der gefährlichen Steinstufe saß und +schlief. Sicherlich war keines von Mutters lebenden Kindern ihren Gedanken +so gegenwärtig wie das tote. + +Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine Ruben ein Schwesterchen, und +als diese so alt wurde, daß sie draußen auf dem Marktplatz herumlaufen und +Kreisel spielen konnte, geschah es, daß auch sie sich auf die Steinstufe +setzte, um auszuruhen. Aber in demselben Augenblick hatte Mutter das +Gefühl, als ob jemand sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus und +packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie aufhob, daß diese +sich daran erinnerte, solange sie lebte. + +Und noch weniger vergaß sie, wie merkwürdig Mutters Gesicht ausgesehen und +wie ihre Stimme gezittert hatte, als sie sagte: »Weißt du, daß du einmal +einen kleinen Bruder hattest, der Ruben hieß und der starb, weil er hier +auf dieser Steinstufe saß und sich erkältete? Du willst doch nicht von +Mutter wegsterben, Berta?« + +Bruder Ruben wurde für seine Brüder und Schwestern bald ebenso lebendig wie +für seine Mutter. Sie hatte eine Art, daß sie alle mit ihren Augen sahen, +und bald hatten sie dieselbe Gabe wie sie, ihn draußen auf der Steinstufe +sitzen zu sehen. Und natürlich fiel es keinem von ihnen ein, sich dort +hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend jemanden auf einer Steinstufe oder einem +Steingeländer oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es ihnen +einen Stich ins Herz, und sie mußten an Bruder Ruben denken. + +Ferner geschah es Bruder Ruben, daß er von allen Geschwistern am höchsten +gestellt wurde, wenn sie voneinander sprachen. Denn alle Kinder wußten ja, +daß sie ein beschwerliches und lästiges Geschlecht waren, das Mutter nur +Mühe und Sorge bereitete. Sie konnten nicht glauben, daß Mutter so sehr +darüber trauern würde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter Bruder +Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher, daß er viel, viel artiger +gewesen sein mußte, als sie waren. + +Es kam auch nicht so selten vor, daß eines von ihnen dachte: »Ach, wer doch +Mutter soviel Freude machen könnte wie Bruder Ruben!« Und dennoch wußte +keines mehr von ihm, als daß er Kreisel gespielt und sich auf einer +Steinstufe erkältet hatte. Aber er mußte ja merkwürdig gewesen sein, da +Mutter eine solche Liebe zu ihm hatte. + +Merkwürdig war es auch, er machte Mutter von allen Kindern am meisten +Freude. Sie war Witwe geworden und arbeitete in Sorge und Not. Aber die +Kinder hatten einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den kleinen +Dreijährigen, daß sie überzeugt waren, daß, wenn er nur am Leben geblieben +wäre, Mutter sich ihr Unglück nicht so zu Herzen genommen hätte. Und +jedesmal, wenn sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder +Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie Bruder Ruben waren. +Bald erwachte in ihnen allen eine immer stärkre Lust, mit dem kleinen Toten +um Mutters Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht für Mutter +getan hätten, wenn sie ihnen nur ebenso gut sein wollte wie ihm. Und um +dieser Sehnsucht willen meine ich, daß Bruder Ruben das nützlichste von +allen Kindern Mutters war. + +Denkt nur, als der älteste Bruder einen Fremden über den Fluß ruderte und +damit seine ersten Groschen verdiente, da kam er und gab sie seiner Mutter, +ohne sich auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah Mutter so +fröhlich aus, daß ihm das Herz vor Stolz schwoll, und er konnte nicht +umhin, zu verraten, wie ungeheuer ehrgeizig er gewesen war. + +»Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder Ruben?« + +Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches, +strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen draußen auf den Steinstufen. +Und Mutter hätte sicherlich gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte, +aber sie konnte nicht. + +»Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie.« + +Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten sie es +nicht lassen, das Unerreichbare zu erstreben. + +Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermögen und +Ansehen herauf, während Bruder Ruben nur still auf seiner Steinstufe saß. +Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen. + +Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als es ihnen so +allmählich gelang, Mutter ein gutes Heim und Wohlstand zu bieten, mußte es +Lohn genug für sie sein, wenn Mutter sagte: »Ach, daß mein kleiner Ruben +das noch gesehen hätte!« + +Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem +Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wußte sie doch, +daß sie sie zu ihm führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter bei dem +Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen. + +Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen erhöht und +vergöttert hatte. + +Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Für +alle seine Geschwister war er ein Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim +geworden, der Liebe zu Mutter, aller der rührenden Erinnerungen aus den +Jahren der Mühe und des Mißerfolges. Es lag immer etwas Warmes und Schönes +in ihrer Stimme, wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung +um den kleinen Dreijährigen. + +So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder. Mutters Liebe hatte +ihn zu einer Größe gemacht, und die Großen, die wirken und üben Einfluß +Geschlecht für Geschlecht. + +Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berührung mit Onkel +Ruben kam. + +Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem Bordsteinrande saß und in +den Rinnstein hinabguckte. Der strömte von Regenwasser. Hölzchen und Halme +schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das seichte Gewässer hinab. Der +Kleine saß da und sah mit der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das +abenteuerliche Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit ist. + +Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner Mutter unterbrochen, +die in demselben Augenblick, in dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim +und an den Bruder denken mußte. + +»Ach, mein lieber kleiner Junge,« sagte sie, »sitze nicht so da! Weißt du +nicht, daß deine Mama einen kleinen Bruder hatte, der Ruben hieß und vier +Jahre war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf einen solchen +Stein gesetzt und sich erkältet hatte.« + +Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen Gedanken gestört +zu werden. Er saß da und philosophierte, während sein blondes, lockiges +Haar ihm bis in die Augen fiel. + +Schwester Berta hätte es für keinen andern getan, aber um ihres lieben +Bruders willen schüttelte sie den Kleinen recht unsanft. Und so lernte er +Respekt vor Onkel Ruben. + +Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen auf dem Eise +umgefallen. Er war aus purer Bosheit von einem großen, bösen Jungen +umgeworfen worden, und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu +zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da seine Mama nicht +weit weg sein konnte. + +Aber er hatte vergessen, daß seine Mutter doch zu allererst Onkel Rubens +Schwester war. Als sie Axel auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht +begütigend und tröstend, sondern nur mit diesem ewigen: + +»Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel Ruben, welcher starb, +gerade als er fünf Jahre alt war, so wie du jetzt, weil er sich in einen +Schneehaufen gesetzt hatte.« + +Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben sprechen hörte, aber er +fühlte die Kälte bis ins Herz. Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzählen, +wenn ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte er sich schon +hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, aber jetzt war es, als wenn ihm +dieser Tote seine eigne Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht +zulassen. So lernte er Onkel Ruben hassen. + +Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war eine Steinbalustrade, auf +der es schwindelnd herrlich zu sitzen war. Tief unten lag der Steinboden +des Flurs, und wer oben rittlings saß, konnte träumen, daß er über Abgründe +dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein gutes Roß Grane. Auf seinem +Rücken sprengte er über brennende Wallgräben in verzauberte Schlösser. Da +saß er stolz und trotzig, während die großen Haarlocken von dem heftigen +Anlauf wehten, und kämpfte Sankt Georgs Kampf mit dem Drachen. Und noch war +es Onkel Ruben nicht eingefallen, dort reiten zu wollen. + +Aber natürlich kam er. Gerade als der Drache sich in Todesängsten wand und +Axel in stolzer Siegesgewißheit dasaß, hörte er das Kindermädchen rufen: +»Axel, nicht da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht Jahre +alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem Steingeländer geritten ist. +Hier darfst du nie mehr sitzen, Axel!« + +Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel Ruben! Er konnte es +gewiß nicht ertragen, daß Axel Drachen tötete und Prinzessinnen rettete. +Wenn er sich nicht hütete, wollte Axel zeigen, daß auch er Ruhm gewinnen +konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort unten sprang und sich +totschlug, dann würde er schon in den Schatten gestellt sein, dies große +Lügenmaul! + +Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der draußen auf dem +sonnenbeschienenen Marktplatz mit seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mußte +er erfahren, was es heißt, ein großer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche war +er geworden, die die Zeit, die war, der kommenden aufstellte. + +Es war draußen auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine ganze Menge Basen und +Vettern waren auf dem herrlichen Landgut versammelt. Axel ging da herum, +von seinem Haß gegen Onkel Ruben erfüllt. Er wollte nur wissen, ob dieser +auch noch andre außer ihm quälte. Aber etwas schüchterte ihn ein, so daß er +sich nicht zu fragen getraute. Es war, als hätte er damit eine Lästerung +begangen. + +Endlich waren die Kinder allein. Kein Großer war dabei. Da fragte Axel, ob +sie von Onkel Ruben gehört hätten. + +Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele kleine Fäustchen sich +ballten, aber es schien, daß die kleinen Mündchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben +gelernt hatten. »Still doch,« sagte die ganze Schar. + +»Nein,« sagte Axel, »jetzt möchte ich wissen, ob er noch irgend jemand +anders peinigt, denn ich finde, daß er der lästigste von allen Onkeln ist.« + +Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den Harm gequälter +Kinderherzen umgab. Es gab ein großes Murren und Rufen. So muß ein Haufen +Nihilisten aussehen, wenn sie den Selbstherrscher schmähen. + +Jetzt wurde das Sündenregister des armen großen Mannes aufgezählt. Onkel +Ruben verfolgte alle seine Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb überall, wo +es ihm gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen Alter mit dem, +dessen Ruhe er stören wollte. + +Und Respekt mußte man vor ihm haben, obwohl er ganz offenkundig ein Lügner +war. Ihn in der verschwiegensten Tiefe seines Herzens hassen, das konnte +man, aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen, Gott +behüte. + +Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm sprachen! Hatte er denn +je etwas so Merkwürdiges geleistet? Sich hinzusetzen und zu sterben, war +doch nichts so Wunderbares. Und was er auch für Großtaten vollbracht haben +mochte, gewiß war es, daß er jetzt seine Macht mißbrauchte. Er stellte sich +den Kindern in allem entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte +Vogelscheuche. Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese auf. +Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und seine Benützung verboten. +Jetzt erst kürzlich hatte er es sich einfallen lassen, auf ungesattelten +Pferden zu reiten. + +Sie waren alle ganz sicher, daß der arme Tropf nie mehr als drei Jahre alt +geworden war, und jetzt überfiel er große Vierzehnjährige und behauptete, +daß er in einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste. + +Ganz unglaubliche Dinge kamen über ihn an den Tag. Er hatte von der Brücke +Weißfische gefischt, er hatte in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war +auf die Weide geklettert, die über das Wasser vorhing, und in der es sich +so behaglich sitzen ließ, ja, er hatte sogar auf Pulvertonnen gelegen und +geschlafen. + +Aber sie waren alle ganz gewiß, daß es keinen Ausweg vor seiner Tyrannei +gab. Es war eine Erleichterung, sich ausgesprochen zu haben, aber kein +Heilmittel. Man konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen. + +Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder groß wurden und eigne +Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich Onkel Ruben zunutze zu machen, +so wie ihre Väter es vor ihnen getan hatten. + +Und ihre Kinder wieder, nämlich die Jugend, die heute heranwächst, haben +die Lektion so gut gelernt, daß es eines Sommers draußen auf dem Lande +geschah, daß ein fünfjähriges Knirpschen zur alten Großmutter Berta kam, +die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte, während sie auf den +Wagen wartete, und sagte: + +»Großmutter, du hattest doch einmal einen Bruder, der Ruben hieß.« + +»Darin hast du recht, mein kleiner Junge,« sagte Großmutter und stand +sogleich auf. + +Dies war für die gesamte Jugend ein Anblick, als hätten sie einen alten +Krieger König Karls XII. sich vor König Karls Porträt verneigen sehen. Sie +hatten nun eine Ahnung, daß Onkel Ruben, wie sehr er auch mißbraucht wurde, +immer groß bleiben mußte, nur weil er einmal so sehr geliebt worden war. + +In unsern Tagen, wo man alle Größe so genau prüft, muß er mit mehr Maß +verwendet werden als früher. Die Grenze seines Alters ist niedriger; Bäume, +Boote und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus Stein, was zum +Sitzen taugt, kann ihm entgehen. + +Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich anders gegen ihn als +die Eltern. Sie kritisieren ihn offen und unverhüllt. Ihre Eltern verstehen +die Kunst nicht mehr, stummen, ehrfürchtigen Gehorsam einzuflößen. Kleine +Pensionsmädchen handeln das Thema Onkel Ruben ab und bezweifeln, ob er +etwas andres als eine Mythe ist. Ein sechsjähriger Jüngling schlägt vor, +daß man auf experimentalem Wege beweisen solle, daß es unmöglich ist, sich +auf einer Steinstufe tödlich zu erkälten. + +Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im Allerinnersten ebenso +von Onkel Rubens Größe überzeugt, wie die vorhergehende, und gehorcht ihm +ebenso wie diese. + +Und der Tag wird kommen, wo diese Spötter zu dem uralten Hause ziehen, die +alte Steinstufe aufsuchen und sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift +erheben werden. + +Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben, aber sobald sie +herangewachsen sind und eigne Kinder zu erziehen haben, werden sie von dem +Nutzen und der Notwendigkeit des großen Mannes überzeugt sein. + +»Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe, deiner Mutter +Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hieß. Er starb, als er in deinem Alter +war, weil er sich auf eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.« + +So wird es heißen, so lange die Welt steht. + + + + +Das Flaumvögelchen + +I + + +Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen fuhren. Ganz deutlich +sehe ich seinen steifen Zylinder mit der großen geschwungnen Krempe, so wie +man sie in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine +Halsbinde. Ich sehe auch sein schönes, glattrasiertes Gesicht mit kleinen, +kleinen Polissons, seinen hohen steifen Kragen und die anmutige Würde in +jeder seiner Bewegungen. Er sitzt rechts in der Chaise und faßt gerade die +Zügel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine Frauenzimmerchen. Gott segne +sie! Sie sehe ich noch deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale +kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschließt und unter dem +Kinn geknüpft ist, das dunkelbraune glattgekämmte Haar und den großen Schal +mit den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der sie fahren, hat +natürlich einen Stuhl mit grünen gedrechselten Stäbchen, und natürlich ist +es das Pferd des Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von +den kleinen, fetten Braunen. + +In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen. Es ist keine +Vernunft darin, denn sie ist das unbedeutendste kleine, flatternde +Dingelchen, aber alle die Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie +fortfährt, das hat mich gefangen. Fürs erste sehe ich, wie Vater und Mutter +ihr nachschauen, wie sie da in der Tür des Bäckerladens stehen, Vater hat +sogar Tränen in den Augen, aber Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen. +Mutter muß ihre Augen benützen, um ihrem Töchterchen nachzusehen, solange +sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es natürlich fröhliche Grüße von +den Kindern des Hintergäßchens und schelmische Blicke von allen den +niedlichen Handwerkertöchtern hinter Fenstern und Türspalten, und +träumerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und Lehrlingen. Aber alle +nicken ihr Glückauf und Auf Wiedersehen zu. Und dann kommen unruhige Blicke +von armen alten Mütterchen, die herauskommen und knixen und die Brillen +abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in ihrem Staat vorbeifährt. Aber ich +kann nicht sehen, daß ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein, +nicht, so lang die Straße ist. + +Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch mit dem Ärmel die +Tränen aus den Augen: + +»Sei nur nicht traurig, Mutter!« sagt er. »Du wirst sehen, daß sie sich zu +helfen weiß. Das Flaumvögelchen, Mutter, weiß sich zu helfen, so klein es +ist.« + +»Vater,« sagt Mutter mit starker Betonung, »du sprichst so seltsam. Warum +sollte Anne-Marie sich nicht zu helfen wissen? Sie ist so gut wie +irgendeine.« + +»Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter, dennoch. Nein, +wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer Stelle sein und dorthin fahren, wohin +sie jetzt fährt! Nein, wahrhaftig nicht!« + +»Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du häßlicher alter Bäckermeister,« +sagt Mutter, die sieht, daß Vater so besorgt um sein Mädchen ist, daß man +ihn mit einem kleinen Scherz aufmuntern muß. Und Vater lacht, denn das +Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen. Und dann gehen die Alten +wieder in den Laden. + +Indessen ist das Flaumvögelchen, das kleine Flöckchen, das Seidenblütchen, +recht guten Muts, wie es da über den Weg fährt. Ein bißchen bange vor dem +Bräutigam ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumvögelchen vor +allen Menschen ein bißchen bange, und das kommt ihr zugute, denn darum sind +alle Menschen nur bestrebt, ihr zu zeigen, daß sie nicht so gefährlich +sind. + +Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie heute. Als sie das +Hintergäßchen und alle ihre Freunde hinter sich gelassen haben, findet +sie, daß Moritz förmlich zu etwas Großem anschwillt. Der Hut, der Kragen +und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte bläht sich. Die +Stimme wird ihm gleichsam dick im Halse und kommt nur schwer hervor. Sie +fühlt sich dabei ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine Pracht, +Moritz so großartig zu sehen. + +Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen -- man würde es kaum glauben +können -- aber Moritz spricht ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht +ihr, so ist Moritz. Er fragt das Flaumvögelchen, ob sie auch recht +versteht, was diese Reise für ihn bedeutet. Glaubt sie, daß es sich nur um +eine Lustfahrt über die Landstraße handelt? Eine sechs Meilen lange Reise +in der guten Chaise, mit dem Bräutigam daneben, das konnte freilich wie +eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja auf einen prächtigen +Landsitz, sollte bei einem reichen Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl +geglaubt, daß das alles nur ein Spaß war, wie? + +Ach, wenn er wüßte, daß sie sich gestern auf diese Fahrt unter langen +Gesprächen mit Mutter vorbereitet hatte, bevor sie sich niederlegten, und +mit einer langen Reihe ängstlicher Träume bei Nacht und mit Gebeten und +Tränen. Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto mehr zu genießen, +wie weise Moritz ist. Er liebt es, es zu zeigen, und sie gönnt es ihm gern, +ach wie gern. + +»Es ist eigentlich ganz schrecklich, daß du so reizend bist,« sagt Moritz. +Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen, und das war doch, bei Licht +besehen, sehr dumm von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit +einverstanden. Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran denken, was für +Lärm sie geschlagen hatte, als Moritz ihr mitteilte, daß er sich mit einem +armen Mädchen aus dem Hintergäßchen verlobt habe, einem Mädchen, das keine +Erziehung und keine Talente hatte und das nicht einmal schön war, nur +reizend. + +In Moritzens Augen war natürlich die Tochter eines Bäckermeisters +ebensogut wie der Sohn des Bürgermeisters, aber nicht alle hatten so freie +Anschauungen wie er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt +hätte, dann hätte wohl gar nichts aus der ganzen Sache werden können, denn +er, der nur Student war, hatte ja nichts, woraufhin er heiraten konnte. +Aber wenn sie nun Onkel für sich zu gewinnen vermochten, dann war alles +gut. + +Ich sehe sie so deutlich, wie sie über die Landstraße fahren. Sie macht +eine unglückliche Miene, während sie seiner Weisheit lauscht. Aber wie +vergnügt sie ist in ihren Gedanken! Wie verständig Moritz ist! Und wenn er +davon spricht, welche Opfer er für sie bringt, dann ist das nur seine Art, +zu sagen, wie lieb er sie hat. + +Und wenn sie erwartet hatte, daß er an einem solchen Tage zu zweien +vielleicht ein bißchen anders sein würde, als wenn sie daheim bei Mutter +saßen -- aber das wäre nicht recht von Moritz gewesen -- sie ist nur stolz +auf ihn. + +Er erzählte ihr gerade, was Onkel für ein Mensch ist. Ein so mächtiger Mann +ist er, daß, wenn er sie nur beschützen will, sie allsogleich im Hafen des +Glücks gelandet sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hochöfen +hat er und außerdem Güter und Höfe und Grubenanteile. Und von allem dem ist +Moritz der direkte Erbe. Aber ein bißchen schwer ist Onkel zu behandeln, +wenn es jemand ist, der ihm nicht gefällt. Wenn er mit Moritzens Frau nicht +einverstanden ist, kann er alles jemandem anders hinterlassen. + +Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und schmäler, Moritz aber wird +immer steifer und schwillt förmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, daß +Anne-Marie Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz. Onkel ist ein ganz +andrer Mann. Sein Geschmack, ja Moritz hat keine besondre Meinung von +seinem Geschmack, aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas +blitzend Rotes, das müßte Onkel gefallen. Außerdem ist er solch ein +eingefleischter Junggeselle -- findet, daß Frauenzimmer nur lästig sind. +Aber das einzige, was nötig ist, ist ja nur, daß sie Onkel nicht zu sehr +mißfällt. Für das übrige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf kein +Gänschen sein. Weint sie --! Ach, wenn sie nicht mutiger aussieht, wenn sie +ankommen, dann wird Onkel ihnen beiden schnurstracks den Laufpaß geben. Sie +ist in ihrem eignen Interesse froh, daß Onkel nicht so klug ist wie Moritz. +Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz sein, zu denken, daß es gut +ist, daß Onkel ein ganz andrer Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn +Moritz Onkel wäre, und zwei arme junge Leutchen kämen zu ihm gefahren, um +ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann würde ihnen Moritz, der so +verständig ist, sicherlich raten, jeder zu sich nach Hause zu fahren und +mit dem Heiraten so lange zu warten, bis sie etwas hätten, wovon sie leben +könnten. Aber Onkel war gewiß in seiner Weise schrecklich. Er trank so viel +und gab so große Feste, bei denen es ganz wild herging. Und er verstand es +gar nicht, hauszuhalten. Er konnte glauben, daß alle Menschen ihn betrogen, +und ließ sich darüber kein graues Haar wachsen. Und leichtsinnig --! Der +Bürgermeister hatte ihm durch Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung +geschickt, die nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm +sicherlich ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach, wofür er +sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem Markte in der Stadt +gestanden und den Gassenjungen Silbermünzen hingestreut. Und in einer Nacht +ein paar tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit +Zehnreichstalerbanknoten anzuzünden, das gehörte zu dem Alltäglichsten, was +Onkel tat. + +So fuhren sie, und so plauderten sie, während sie fuhren. + +Gegen Abend kamen sie an. Onkels »Residenz«, wie er zu sagen pflegte, war +keine Fabrik. Sie lag fern von allem Kohlenrauch und allen Hammerschlägen +auf dem Abhang einer gewaltigen Anhöhe, mit einer weiten Aussicht über Seen +und langgestreckte Berge. Sie war stattlich angelegt, mit Waldwiesen und +Birkenhainen ringsherum, aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die +Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschloß. + +Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen hinauf. Sie fuhren +zuletzt durch ein paar niedrige dichte Tannenhecken, und dann sollten sie +in den Hof einschwenken. + +Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte, war eine Triumphpforte +errichtet, und da stand Onkel mit seinen Untergebenen und grüßte. Seht, das +hätte das Flaumvögelchen niemals von Moritz glauben können, daß er ihr +einen solchen Empfang bereiten würde. Es wurde ihr gleich ganz leicht ums +Herz. Und sie faßte seine Hand und drückte sie zum Dank. Mehr konnte sie im +Augenblick nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte. + +Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr Theodor Fristedt, groß +und schwarzbärtig und strahlend von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und +rief hurra, und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie traten die +Tränen in die Augen, und zugleich lächelte sie. Und natürlich mußten ihr +alle vom ersten Augenblick an gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie +Moritz ansah. Denn sie dachte ja, daß sie alle seinetwegen da seien, und +sie mußte ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden, nur um ihn anzusehen, +wie er mit einer großen Geste den Hut abnahm und so schön und königlich +grüßte. Ach, was für einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel Theodor blieb +fast im Hurra stecken und geriet in einen Fluch, als er ihn sah. + +Nein, das Flaumvögelchen wünschte gewiß keinem Menschen auf Erden etwas +Böses, aber wenn es wirklich so gewesen wäre, daß das Ganze Moritz gehört +hätte, so würde es wirklich gut gepaßt haben. Es war weihevoll, zu sehen, +wie er da auf der Schwelle stand und sich zu den Leuten wendete, um zu +danken. Onkel Theodor war ja auch stattlich, aber was hatte er für ein +Auftreten gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm ihren Schal +und ihren Hut wie ein Bedienter, während Moritz den Hut von seiner weißen +Stirn lüftete und sagte: »Habt Dank, meine Kinder!« Nein, Onkel Theodor +hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt von seinen Onkelrechten +Gebrauch machte und sie in die Arme nahm und küßte und merkte, daß sie +mitten im Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr häßlich. +Das Flaumvögelchen war es nicht gewohnt, jemanden abstoßend zu finden, aber +es würde sicherlich kein leichtes Stück Arbeit sein, Onkel Theodor zu +gefallen. + +»Morgen,« sagt Onkel, »gibt es hier große Mittagsgesellschaft und Ball, +aber heute sollen sich die jungen Herrschaften von der Reise ausruhen. +Jetzt essen wir nur zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.« + +Sie werden in einen Salon geführt, und da werden sie allein gelassen. Onkel +Theodor schießt hinaus wie ein Pfeil. Fünf Minuten später fährt er in +seinem großen Wagen die Allee hinab, und der Kutscher fährt so zu, daß die +Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang liegen. Es vergehen noch fünf +Minuten, aber dann ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau +neben ihm im Wagen. + +Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gesprächige Dame führend, +die er »Frau Bergrätin« nennt. Und diese schließt Anne-Marie gleich in die +Arme, aber Moritzen begrüßt sie etwas steifer. Und das muß sie ja. Niemand +kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben. + +Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, daß diese gesprächige alte Dame +gekommen ist. Sie und Onkel haben eine so lustige Art, miteinander zu +scherzen. Es wird ganz heimlich in dem fremden Hause. + +Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt haben, und Anne-Marie +in ihr kleines Stübchen gekommen ist, geschieht etwas so Peinliches und +Ärgerliches. + +Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab, und das Flaumvögelchen +merkt, daß Moritz seine Zukunftspläne auseinandersetzt. Onkel scheint gar +nichts zu sagen, er geht nur und köpft mit seinem Stock Grashalme. Aber +Moritz wird ihn schon bald zu überzeugen wissen, daß er nichts Besseres tun +kann, als Moritz eine Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu +geben, wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben will. Moritz +hat so viel Sinn fürs Praktische, seit er sich verliebt hat. Er pflegt oft +zu sagen: »Ist es nicht am besten, wenn ich, da ich doch einmal ein großer +Gutsbesitzer werden soll, gleich damit anfange, mich in die Dinge +einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es für mich, das Hofgerichtsexamen zu +machen?« + +Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert sie, zu sehen, daß +sie dort sitzt, aber da sie sich nicht darum bekümmern, kann niemand +verlangen, daß sie nicht hören soll, was sie sagen. Es ist wirklich +ebensosehr ihre Angelegenheit wie die von Moritz. + +Da bleibt Onkel Theodor plötzlich stehen, und er sieht böse aus. Er sieht +ganz wütend aus, findet sie, und sie ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er +möge sich in acht nehmen. Aber es ist zu spät, denn schon hat Onkel Theodor +Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert und schüttelt ihn so, +daß er sich windet wie ein Aal. Dann schleudert er ihn mit solcher Kraft +von sich, daß Moritz nach rückwärts stolpert und gefallen wäre, wenn er +sich nicht an einen Baum gestützt hätte. Und da bleibt nun Moritz stehen +und sagt: »Wie?« Ja, was sollte er wohl sonst sagen? + +Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert. Er stürzt sich +nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm zu kämpfen. Er sieht nur ruhig +überlegen aus, nur unschuldig erstaunt. Sie versteht, daß er sich +beherrscht, damit die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie und +beherrscht sich. + +Armer Moritz, es stellt sich heraus, daß Onkel um ihretwillen auf ihn böse +ist. Er fragt, ob Moritz nicht weiß, daß sein Onkel Junggeselle ist und +sein Haus ein Junggesellenhaus, daß er seine Braut hergebracht hat, ohne +ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumvögelchen ist für Moritz +beleidigt. Mutter hat es sich doch selbst verbeten und gesagt, daß sie die +Bäckerei nicht verlassen könne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel +läßt keine Entschuldigungen gelten. -- Na, und die Bürgermeisterin, die +hätte ihrem Sohn wohl den Gefallen tun können. Ja, wenn sie zu hochmütig +war, dann hätten sie lieber da bleiben können, wo sie waren. Was würden sie +denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergrätin nicht hätte kommen können? +Und wie konnten denn überhaupt Bräutigam und Braut so zu zweien durchs Land +ziehen! -- So, so, Moritz sei nicht gefährlich. Nein, das hatte er auch nie +geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gefährlich. -- Na, und dann +schließlich noch die Chaise, dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht +das lächerlichste Vehikel in der ganzen Stadt aufgestöbert? Das Kind sechs +Meilen in einer Chaise zu rütteln, und ihn, Onkel Theodor, eine +Triumphpforte für solch einen Leiterwagen errichten zu lassen! -- +Wahrhaftig, er hatte nicht übel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu +nehmen! Onkel Theodor für solch einen alten Karren hurra rufen zu lassen! +Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert Moritz, der allem dem so +ruhig standhält. Sie hätte eigentlich nicht übel Lust, sich hineinzumischen +und Moritz zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, daß es ihm recht wäre. + +Und bevor sie einschläft, liegt sie da und rechnet sich vor, was sie alles +hätte sagen wollen, um Moritz zu verteidigen. Dann schläft sie ein und +fährt wieder auf, und im Ohr klingt ihr ein altes Rätsel: + + Es steht ein Hund auf einem Stein + Und bellt wohl in das Land hinein. + Er hieß wie du, wie er, wie sie. + Wie hieß er doch, so sag doch wie! + Wie hieß der Hund? + Der Hund hieß Wie. + +Das Rätsel hatte sie als Kind oft geärgert, solch dummer Hund. Aber jetzt +im Halbschlummer vermengt sie den Hund »Wie« mit Moritz, und es kommt ihr +vor, daß der Hund seine weiße Stirn hat. Dann lacht sie. Das Lachen kommt +ihr ebenso leicht an wie das Weinen. Das hat sie von Vater geerbt. + + +II + +Wie ist »das« gekommen? Das, was sie nicht beim Namen zu nennen wagt. + +»Das« ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras, wie die Farbe in die Rose, +wie die Süßigkeit in die Beere, unmerklich und hold, ohne sich vorher +anzukündigen. + +Es ist ja auch gleichgültig, wie »das« gekommen ist und was »das« ist. Gut +oder böse, schön oder häßlich, »das« ist das Verbotene, was es gar nicht +geben sollte. »Das« macht sie ängstlich, sündhaft, unglücklich. + +An »das« will sie nie mehr denken. »Das« muß ausgerissen und +fortgeschleudert werden, und doch ist es nichts, was sich greifen und +fangen läßt. Sie verschließt sich davor, und »das« kommt doch herein. »Das« +treibt das Blut aus ihren Adern und fließt selbst darin, es treibt die +Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es tanzt durch die Nerven und +zittert bis in die Fingerspitzen. Es ist überall in ihr, so daß, wenn sie +alles fortnehmen könnte, woraus der Körper sonst besteht und nur »das« +übrig ließe, es einen vollen Abdruck von ihr geben würde. Und dennoch war +»das« nichts. + +Nie will sie an »das« denken, und stets muß sie an »das« denken. Wie ist +sie so schlecht geworden. Und dann forscht sie und grübelt nach, wie »das« +gekommen ist. + +Ach, Flaumvögelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn und wie leicht geweckt +unser Herz! + +Sie war sicher, daß »das« nicht beim Frühstück gekommen war, nein, ganz +gewiß nicht beim Frühstück. + +Da war sie nur ängstlich und scheu gewesen. Es hatte sie so sehr +erschüttert, als sie zum Frühstück hinabkam und Moritz nicht vorfand, nur +Onkel Theodor und die Bergrätin. + +Es war ja nur klug von Moritz gewesen, daß er auf die Jagd gegangen war, +obgleich es unmöglich schien, herauszufinden, was er jetzt zur +Mittsommerzeit jagte, wie auch die Bergrätin bemerkte. Aber er wußte +natürlich, daß er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden von Onkel +fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er konnte sich ja gewiß gar nicht +denken, daß sie so schüchtern war, daß sie beinahe ohnmächtig wurde, als +sie ihn fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergrätin allein sah. +Moritz war nie schüchtern gewesen. Er wußte nicht, was für eine Qual das +war. + +Dieses Frühstück, dieses Frühstück! Onkel hatte gleich damit angefangen, +die Bergrätin zu fragen, ob sie die Geschichte von Sigrid der Schönen +gehört habe. Er fragte nicht das Flaumvögelchen, und sie wäre auch nicht +imstande gewesen, zu antworten. Die Bergrätin kannte die Geschichte gut, +aber er erzählte sie dennoch. Da erinnerte sich Anne-Marie, daß Moritz +Onkel ausgelacht hatte, weil er in seinem ganzen Hause nur zwei Bücher +habe, und das waren die Sagen von Afzelius und Nösselts »Allgemeine +Weltgeschichte für Frauenzimmer«. »Aber die kann er auch,« hatte Moritz +gesagt. + +Anne-Marie hatte die Geschichte schön gefunden. Es gefiel ihr, daß Bengt +Magnusson Perlen auf den Friesrock nähen ließ. Sie sah Moritz vor sich, wie +königlich stolz er ausgesehen haben würde, wenn er die Perlen befohlen +hätte. Das war gerade etwas, was Moritz gut angestanden hätte. + +Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erzählt wird, wie Bengt +Magnusson in den Wald ritt, um der Begegnung mit seinem erzürnten Bruder +auszuweichen und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen ließ, +da wurde es ganz deutlich, daß Onkel verstand, daß Moritz nur auf die Jagd +gegangen war, um seinem Zorn auszuweichen, und daß er wußte, wie sie dasaß +und daran dachte, ihn zu gewinnen. -- -- Ja, gestern, da hatten sie +freilich Pläne schmieden können, Moritz und sie, wie sie mit Onkel +kokettieren würde, aber heute war kein Gedanke daran, sie auszuführen. Ah, +nie hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut schoß ihr ins Gesicht, +und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem Geklapper aus ihren Händen auf den +Teller. + +Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern die Geschichte +fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte kam: »Hätte mein Bruder dies +nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Das hatte er mit so lustigem +Tonfall gesagt, daß sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden braunen +Augen begegnen mußte. + +Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah, da hatte er zu lachen +angefangen wie ein richtiger Junge. »Was glauben Sie, Frau Bergrätin,« +hatte er gerufen, »daß Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und das +hörte: >Hätte mein Bruder< ... ich denke, ein nächstes Mal ist er daheim +geblieben.« + +Dem Flaumvögelchen traten die Tränen in die Augen, und als Onkel dies sah, +begann er immer heftiger zu lachen. »Ja, das ist eine schöne Mittlerin, die +mein Brudersohn sich da ausgesucht hat,« schien er sagen zu wollen. »Du +bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines Mädchen.« Und jedesmal, +wenn sie ihn ansah, hatten die braunen Augen wiederholt: »Hätte mein Bruder +dies nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Eigentlich war das +Flaumvögelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht Brudersohn sagten. Und +nun denke man, wie sie sich betragen hatte. Sie hatte laut zu weinen +angefangen und war aus dem Zimmer gestürzt. + +Aber nicht damals war »das« gekommen, auch nicht auf dem +Vormittagsspaziergang. + +Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war sie ganz hingerissen vor +Freude über die schöne Besitzung und darüber, der Natur so vertraut nahe zu +sein. Es war, als hätte sie etwas wiedergefunden, was sie vor langer, +langer Zeit verloren hatte. + +Bäckermamsell, Stadtmädchen, ja dafür hielt man sie. Aber sie war nun auf +einmal ein Landkind geworden, wie sie nur den Fuß auf den Kiesweg setzte. +Sie erkannte sogleich, daß sie aufs Land gehörte. + +Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich auf eigne Faust +herausgewagt, um das Gut zu besichtigen. Sie hatte sich unten auf dem +Kiesplatz vor dem Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut auf +den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und begann sich hin und her zu +wiegen. Dann stemmte sie den Arm in die Hüfte und zog Luft in die Lungen +ein, daß sich die Nasenflügel zusammenzogen und es nur so pfiff. + +Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gefühlt! + +Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig unten im Garten +herumzugehen, aber das hatte sie nicht gelockt. Mit einer raschen Wendung +hatte sie sich zu den großen angebauten Wirtschaftsgebäuden begeben. Sie +war einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit ihr gesprochen. +Sie war erstaunt zu hören, wie frisch ihre eigne Stimme klang. Sie war wie +die eines Leutnants vor der Front. Und sie fühlte, wie flott es sich +ausnahm, wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt, mit +raschen, nachlässigen Bewegungen, eine kleine sausende Gerte in der Hand, +in den Stall trat. + +Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte. Keine langen +Reihen gehörnter Wesen gab es da, denen sie imponieren konnte, denn sie +waren alle draußen auf der Weide. Ein einsames Kälbchen stand da und schien +zu erwarten, daß sie etwas für es tun sollte. Sie ging auf das Tierchen zu, +stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt das Kleid mit der einen Hand +gerafft und berührte mit der äußersten Spitze der andern die Stirn des +Kalbes. + +Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, daß sie genug getan +habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte, überließ sie ihm gnädigst +ihren kleinen Finger zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin können, +sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser Heldentat zu suchen. +Und da hatte sie gefunden, daß Onkel Theodor in der Stalltüre stand und +lachte. + +Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet. Aber da kam »das« gewiß +nicht. Da war nur das höchst Merkwürdige und Seltsame eingetroffen, daß sie +vor Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm wie mit Mutter, er +schien alle ihre Fehler und Schwächen zu kennen, und das war ein so ruhiges +Gefühl. Da brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war. + +Onkel Theodor hatte sie in den Garten führen wollen und zu den Terrassen am +Teich, aber das war nicht nach ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in +allen diesen großen Gebäuden war. + +Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und in den Eiskeller, in den +Weinkeller und in den Kartoffelkeller. Er nahm alles der Reihe nach durch +und zeigte ihr die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen +und die Rollkammer. Dann führte er sie durch den Stall der Arbeitspferde +und durch den der Wagenpferde, er ließ sie die Sattelkammer und das +Bedientenzimmer sehen und die Knechtestube und die Werkstatt. Sie war ein +wenig verwirrt von allen diesen Räumen, die Onkel Theodor nötig gefunden +hatte, in seinem Hause einzurichten, aber ihr Herz glühte vor Entzücken bei +dem Gedanken, wie herrlich es sein mußte, über alles das zu walten und zu +schalten, so daß sie gar nicht müde wurde, obgleich sie auch die +Schafställe und die Schweineställe durchwanderten und zu den Hühnern und +den Kaninchen hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer +und die Molkerei, die Räucherkammer und die Schmiede, alles in wachsender +Begeisterung. Dann gingen sie über große Dachböden, Trockenböden für Wäsche +und Trockenböden für Holz, Heuböden und Böden für trocknes Laub, das die +Schafe zu fressen bekommen. + +Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim Anblick aller dieser +Vollkommenheit zu Leben und Bewußtsein. Aber den tiefsten Eindruck machte +ihr das große Bräuhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem weiten +Ofen und den großen Tischen. + +»Das sollte Mutter sehen,« sagte sie. + +Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht, und sie hatte +von daheim erzählt. Das konnte sie Onkel gegenüber so leicht. Er war schon +wie ein Freund, obgleich seine braunen Augen über alles lachten, was sie +sagte. + +Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung. Sie war als Kind +kränklich gewesen, und darum behüteten die Eltern sie so, daß sie sie gar +nichts tun ließen. Nur zum Spaß durfte sie mit in der Backstube oder im +Laden sein ... Und wie sie so erzählte, war es ihr auch herausgerutscht, +daß Vater sie sein Flaumvögelchen nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie +auch gesagt: »Zu Hause verwöhnen sie mich alle, außer Moritz, darum habe +ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er nennt mich auch nie +Flaumvögelchen, nur Anne-Marie. Moritz ist so vortrefflich.« + +Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie hätte ihn mit der Gerte +schlagen können. Und sie wiederholte noch einmal mit Tränen im Halse: +»Moritz ist so vortrefflich.« + +»Ja, ich weiß, ich weiß,« hatte Onkel da geantwortet. »Er soll ja mein Erbe +sein.« Worauf sie ausgerufen hatte: »Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie +nicht? Denken Sie doch, wie glücklich das Mädchen sein müßte, die Frau in +einem solchen Schlosse wird?« + +»Wie stände es dann mit Moritzens Erbe?« hatte Onkel ganz gleichmütig +gefragt. + +Da war sie für lange Zeit ganz verstummt, denn sie konnte Onkel nicht +sagen, daß sie und Moritz nicht nach dem Erbe fragten, denn das taten sie +doch gerade. Sie grübelte, ob es sehr häßlich war, daß sie es taten. Sie +hatte plötzlich das Gefühl, als müßte sie Onkel um Verzeihung bitten für +irgendein großes Unrecht, das sie ihm angetan habe. Aber das konnte sie +auch nicht. + +Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels Hund entgegen. Das war ein +kleines, kleines Dingelchen auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden +Ohrläppchen und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen gellenden +Stimmchen. + +»Du wunderst dich wohl, daß ich einen so kleinen Hund habe,« hatte Onkel +Theodor gesagt. + +»Ja, wirklich,« hatte sie da geantwortet. + +»Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund gewählt, sondern Jenny +hat mich zum Herrn genommen. Willst du die Geschichte hören, +Flaumvögelchen?« Von dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen. + +Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken konnte, daß wieder +irgendeine Neckerei dahinter steckte. + +»Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam, lag sie einer feinen Frau +aus der Stadt auf dem Schoße und hatte ein Deckchen auf dem Rücken und ein +Tüchlein um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest du! Und ich +dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen. Aber siehst du, als das +Hundeviehchen hier auf den Boden kam, da müssen irgendwelche +Kindheitserinnerungen in ihm erwacht sein, oder was es nun war. Es kratzte +und schlug um sich und wollte durchaus die Decke herunterzerren. Und dann +betrug sich Jenny ganz wie die großen Hunde hier, so daß wir sagten, sie +müsse ganz gewiß auf dem Lande aufgewachsen sein. + +Sie legte sich draußen auf die Schwelle und warf nicht einmal einen Blick +auf das Salonsofa, und sie jagte die Hühner und stahl die Milch der Katze +und kläffte die Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch +kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu sehen, wie sie sich benahm. +Denke dir doch, solch ein kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat +und auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich. -- Und dann, weißt +du, als sie fortfahren sollten, wollte Jenny nicht mit. Sie stand auf der +Treppe und winselte so jämmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte +förmlich, denke dir nur, bleiben zu dürfen. So wußten wir uns keinen andern +Rat, als sie da zu lassen. Wir waren ganz gerührt über dies Hündchen, das +so klein war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber das hätte +ich doch nie geglaubt, daß ich mir noch einmal einen Schoßhund halten +würde, vielleicht bekomme ich auch noch bald eine Frau.« + +O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so schüchtern, so unerzogen ist. +Sie hätte wohl gerne wissen mögen, ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als +sie so ungestüm fortstürzte. Aber es war ganz, als hätte er sie gemeint, +als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar nicht. Aber +immerhin -- -- ja, ja, sie war so verlegen gewesen. Sie hatte nicht bleiben +können. + +Aber nicht damals war »das« gekommen, nicht damals. + +So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte sie sich noch so gut auf +einem Ball unterhalten! Aber wenn jemand gefragt hätte, ob sie viel getanzt +habe, dann hätte sie sich wohl besinnen und sagen müssen, das habe sie +nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut sie sich unterhalten +hatte, daß sie es gar nicht merkte, daß sie ein wenig vernachlässigt worden +war. + +Es war für sie schon eine solche Unterhaltung gewesen, Moritz anzusehen. +Gerade weil sie beim Frühstück ein kleines, kleines bißchen streng gegen +ihn gewesen war und gestern abend über ihn gelacht hatte, war es ihr eine +solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie war er ihr so schön +und so überlegen vorgekommen. + +Er hatte gewiß das Gefühl gehabt, daß sie sich zurückgesetzt fühlte, weil +er nicht nur mit ihr gesprochen und getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug +Vergnügen gemacht, zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als ob sie +ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung hätte ausstellen wollen! Ah, so dumm +war das Flaumvögelchen nicht! + +Moritz tanzte viele Tänze mit der schönen Elisabeth Westling. Aber das +hatte sie gar nicht beunruhigt, denn Moritz war immer wieder auf sie +zugekommen und hatte geflüstert: »Du siehst, ich kann da nicht entwischen, +wir sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem Lande so gar nicht +gewöhnt, einen Kavalier zu haben, der in der großen Welt gewesen ist und +tanzen und konversieren kann. Du mußt mich heute abend schon den +Gutsbesitzerstöchtern leihen, Anne-Marie.« + +Aber Onkel ging Moritz gewissermaßen aus dem Wege. »Sei du heut abend +Hausherr,« sagte er zu ihm, und das war Moritz. Er kam zu allem, er führte +den Tanz an, führte das Trinken an und hielt Reden auf die schöne Gegend +und auf die Damen. Er war großartig. Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke +auf Moritz geheftet, und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte +Onkel gelächelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich stolz auf Moritz. +Es hatte sie vorher ein wenig bedrückt, daß Onkel seinen Neffen nicht recht +zu schätzen wußte. Gegen Morgen war Onkel recht laut und lärmend geworden. +Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen, aber die Mädchen wichen ihm +aus, wenn er zu ihnen kam, und taten, als wären sie schon engagiert. + +»Tanze mit Anne-Marie,« hatte Moritz zu Onkel Theodor gesagt, und das hatte +natürlich ein wenig protegierend geklungen. Sie erschrak so sehr, daß sie +förmlich zusammenfuhr. + +Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins Rauchzimmer. + +Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit harter, harter Stimme +gesagt: + +»Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mußt du so ein Gesicht +machen, wenn Onkel mit dir tanzen will? Wenn du nur wüßtest, was er mir +gestern über dich sagte. Du mußt auch etwas tun, Anne-Marie. Glaubst du, +daß es recht ist, alles mir zu überlassen?« + +»Was willst du denn, daß ich tun soll, Moritz?« + +»Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren. Denke, was ich +heute abend alles gewonnen habe! Aber jetzt ist es verloren.« + +»Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du es willst, Moritz.« Und +sie meinte es auch. Es tat ihr wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben. + +»Es wäre natürlich das einzig Richtige, aber von jemandem, der so +lächerlich schüchtern ist wie du, kann man ja nichts verlangen.« + +Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs in das Rauchzimmer +gegangen, das jetzt beinahe leer war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl +geworfen. + +»Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?« hatte sie gefragt. + +Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie auf und sah sie lange +an. Es war der schmerzvollste Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte +nun, wie einem Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln denkt. +Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als brauchte er sie viel +nötiger als Moritz, denn Moritz brauchte niemanden. Er war so prächtig, wie +er war. Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf Onkel +Theodors Arm. + +Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen. Er begann mit seiner +großen Hand ihr Haar zu streicheln. »Mütterchen,« sagte er. + +Da kam »das« über sie, während er ihr Haar streichelte. Es kam geschlichen, +es kam gekrochen, es kam gehuscht und geraschelt, so wie wenn die +Heinzelmännchen durch den dunklen Wald ziehen. + + +III + +Eines Abends liegen feine, weiche Wölkchen am Himmel, eines Abends ist es +still und lau, eines Abends schweben kleine weiße Fläumchen von Espen und +Pappeln durch die Luft. + +Es ist schon spät, und niemand ist mehr auf, nur Onkel Theodor, der draußen +im Garten umhergeht und überlegt, wie er den jungen Mann und das junge +Mädchen voneinander trennen könnte. + +Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, daß Moritz an ihrer +Seite vom Hofe wegfährt, während Onkel Theodor auf der Schwelle steht und +ihnen glückliche Reise wünscht. + +Ist es denn überhaupt möglich, sie ziehen zu lassen, nachdem sie drei Tage +hindurch das Haus mit zwitschernder Fröhlichkeit erfüllt, nachdem sie sie +in ihrer stillen Weise daran gewöhnt hat, daß sie für sie alle denkt und +sorgt, nachdem er sich gewöhnt hat, dies weiche geschmeidige kleine Wesen +überall umherstreifen zu sehen. Onkel Theodor sagt zu sich selbst, daß das +nicht möglich ist. Er kann sie nicht mehr entbehren. + +In demselben Augenblick stößt er an einen abgeblühten Löwenzahn, und wie +die Entschlüsse der Menschen und die Versprechungen der Menschen zerstreut +sich das weiße Flaumbällchen, und die weißen Federchen fliegen eilig davon +und verschwinden. + +Die Nacht ist nicht kalt, wie die Nächte in dieser Gegend zu sein pflegen. +Die Wärme wird unter der grauen Wolkendecke zurückgehalten. Die Winde +zeigen ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still. + +Onkel Theodor sieht sie, das Flaumvögelchen. Sie weint, weil Moritz sie +verlassen hat. Aber er zieht sie an sich und küßt die Tränen fort. + +Weich und fein fliegen die weißen Fläumchen von den großen reifen Kätzchen +der Bäume. So leicht, daß die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein +und zart, daß sie kaum auf dem Boden sichtbar werden. + +Onkel Theodor lacht sich ins Fäustchen, als er an Moritz denkt. In Gedanken +tritt er am nächsten Morgen in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt. +»Höre, Moritz,« will er ihm sagen. »Ich möchte dir keine falschen +Hoffnungen machen. Wenn du dieses Mädchen heiratest, so hast du keinen +Pfennig von mir zu erwarten. Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft +zu vernichten.« + +»Mißfällt sie Ihnen so sehr, Onkel?« wird Moritz dann fragen. + +»Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes Mädchen, aber doch nichts für +dich. Du mußt ein Prachtweib haben wie Elisabeth Westling. Sei nun +verständig, Moritz, was wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine +Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst du nicht, mein Junge. +Dazu ist etwas andres nötig, als den Hut schön zu schwingen und zu sagen: +>Habt Dank, meine Kinder!< Du bist ja zum Beamten wie geschaffen. Du +kannst Minister werden.« + +»Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, Onkel,« antwortet dann +Moritz, »so helfen Sie mir doch, mein Examen zu machen, und lassen Sie uns +dann heiraten!« + +»Nein, das nicht, du, das ganz gewiß nicht. Was, glaubst du, würde aus +deiner Karriere werden, wenn du einen solchen Ballast mitschleppen müßtest, +wie es eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen muß, galoppiert +nicht. Denke dir nun die Bäckermamsell als Ministerfrau! Nein, du darfst +dich nicht vor zehn Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was +wäre die Folge, wenn ich es euch ermögliche, zu heiraten. Jedes Jahr würdet +ihr zu mir kommen und um Geld betteln. Und das würdet ihr und ich bald satt +kriegen.« + +»Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe mich doch verlobt.« + +»Höre mich nun an, Moritz! Was ist besser? Daß sie zehn Jahre herumgeht und +auf dich wartet und du sie dann nicht heiraten willst oder daß du gleich +ein Ende machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in deinen +Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht. Es schickt sich ja ohnehin +nicht, daß Bräutigam und Braut so zu zweien über Land ziehen. Ich werde +schon für das Mädchen sorgen, wenn du nur von diesem Wahnwitz abstehst. Die +Bergrätin wird sie nach Hause bringen, ich werde den schönsten Wagen +anspannen lassen. Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen, so daß du +dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen brauchst. Sieh mal, sei +verständig, du machst deinen Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise +jetzt ab, ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen. Sie +will gewiß deinem Glück nicht im Wege stehen. Versuche nur nicht, sie zu +treffen, ehe du fährst, sonst könntest du wieder schwankend werden, denn +sie ist reizend.« + +Und nach diesen Worten faßt Moritz einen heldenmutigen Entschluß und reist +ab. + +Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen? + +»Schlechter Kerl,« ruft es im Garten laut und drohend, wie nach einem Dieb. +Onkel Theodor sieht sich um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich +das selber zuruft? + +Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf vorbereiten, daß Moritz +fort ist, ihr zeigen, daß Moritz ihrer nicht würdig war, sie dahin bringen, +ihn zu verachten. Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint hat, +wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig verstehen lassen, was er fühlt, +sie locken, sie gewinnen. + +Die Fläumchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor streckt seine große Hand +aus und fängt ein Flöckchen auf. + +Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und sieht es an. + +Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um Flocke. Was wird dann +mit ihnen geschehen? Sie werden vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt, +von schweren Füßen zertreten werden. + +Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fläumchen mit der größten +Schwere auf ihn niederfielen. Wer will der Wind, wer will die Erde, wer +will die Schuhsohle sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt? + +Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in Nösselts Weltgeschichte +steht eine Episode daraus vor ihm, die sich mit dem vergleichen läßt, woran +er eben gedacht hat. + +Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht wie jetzt. Es war ein +Felsenstrand, und unten am Meere saß ein schöner Jüngling mit einem +Pantherfell über der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos in +der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst. + +Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah, war Griechenlands Meer. +Das Schiff mit den schwarzen Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward +von Theseus gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch in einem +Absatz der steilen Strandberge öffnete, schlummerte Ariadne. + +Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: »Ist wohl der sterbliche +Jüngling würdig der himmlischen Maid?« Und um Theseus zu prüfen, hatte er +ihn in einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht, wenn er nicht +sogleich Ariadne verließ. Da hatte sich dieser ungesäumt erhoben, war zum +Schiffe geeilt und über die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau zu +wecken, um ihr Lebewohl zu sagen. + +Nun saß Gott Bacchus lächelnd da, von den süßesten Hoffnungen gewiegt und +harrte Ariadnes. Die Sonne ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er überließ +sich lächelnden Träumen. Er würde die Verlassene schon zu trösten wissen, +er, Gott Bacchus selbst. + +Da kam sie. Mit strahlendem Lächeln trat sie aus der Grotte. Ihre Augen +suchten Theseus, sie irrten immer weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes, +über die Wellen -- -- zu den schwarzen Segeln -- -- + +Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung, ohne Zaudern, hinab +ins Meer, hinab in Tod und Vergessenheit. + +Und da saß nun Gott Bacchus, der Tröster. + +So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor erinnert sich freilich, +daß Nösselt ein paar Worte hinzufügt, daß mitleidige Dichter behaupten, +Ariadne hätte sich von Bacchus trösten lassen. Aber die Mitleidigen hatten +sicherlich unrecht. Ariadne ließ sich nicht trösten. + +Lieber Gott, weil sie so gut und süß ist, daß er sie lieben muß, darum soll +sie unglücklich gemacht werden! + +Zum Lohn für das schöne, sanfte Lächeln, das sie ihm geschenkt hat, weil +ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll in die seine gelegt, weil sie +nicht gezürnt hat, wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Bräutigam +verlieren und unglücklich gemacht werden. + +Für welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt werden? Weil sie +ihn dazu gebracht hat, im Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu +entdecken, der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen ist und +nur auf solch ein kleines, zartes und mütterliches Frauenwesen gewartet zu +haben scheint, oder weil sie schon jetzt über ihn Macht hat, so daß er kaum +wagt, einmal zu fluchen, wenn sie es hört, oder warum soll sie gestraft +werden? + +Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist nicht gut, es mit diesen +Feinen, Lichten, Daunenweichen zu tun zu haben. -- Sie springen ins Meer, +wenn sie die schwarzen Segel sehen. + +Onkel Theodor flucht in aller Stille darüber, daß das Flaumvögelchen nicht +schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig ist. + +Da fällt wieder ein Flöckchen, und es fängt an zu sprechen: »Ich hätte dir +all dein Lebtag folgen sollen. Ich hätte dir am Spieltisch eine Warnung ins +Ohr geflüstert. Ich hätte das Weinglas fortgerückt. Von mir würdest du es +geduldet haben.« -- »Das hätte ich,« flüstert er, »das hätte ich.« + +Ein andres kommt und spricht ebenfalls: »Ich hätte dein großes Haus +regieren und es traulich und warm machen sollen. Ich hätte dich durch die +öden Gefilde des Alters geleitet. Ich hätte dein Herdfeuer entzündet, wäre +dir Auge und Stab gewesen. Würde ich nicht dazu getaugt haben?« -- »Liebes, +kleines Fläumchen,« antwortet er, »freilich hättest du das.« + +Noch ein Flöckchen kommt geflogen, und es spricht: »Wie bin ich doch zu +beklagen. Morgen fährt mein Bräutigam von mir fort, ohne mir auch nur +Lebewohl zu sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen, denn +ich werde es als solch eine Schmach empfinden, daß ich für Moritz nicht gut +genug bin. Und wenn ich heimkomme, wie werde ich da über meines Vaters +Schwelle treten können. Das ganze Hintergäßchen entlang wird man flüstern +und zischeln, wenn ich mich zeige. Alle werden sich fragen, was ich wohl +Böses verbrochen habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich dafür, +daß du mich liebst?« Er antwortet mit Tränen in der Kehle: »Sprich nicht +so, kleines Fläumchen! Es ist noch zu früh, um so zu sprechen.« + +Die ganze Nacht geht er draußen umher, und endlich gegen Mitternacht kommt +ein wenig Dunkelheit. Da gerät er in große Angst, diese dumpfe schwüle Luft +scheint stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die am Morgen +begangen werden soll. Da sucht er die Nacht zu beschwichtigen, indem er +ganz laut sagt: »Ich werde es nicht tun.« + +Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht gerät in solch eine zitternde +Angst. Jetzt sind es nicht mehr die kleinen Fläumchen, die fallen, nein, +rings um ihn rauschen große und kleine Flügel. Er hört, daß etwas +entflieht, aber er weiß nicht, wohin. + +Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es berührt seine Wange, es streift +seine Kleider und seine Hände, und er begreift, was es ist. Es sind die +Blätter, die die Bäume verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln +entfliehen, die Flügel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der +Gesang, der die Vögel verläßt. + +Und er weiß, daß, wenn die Sonne aufgeht, sein Lustgarten ganz verwüstet +sein wird. Leerer, kahler, stummer Winter wird da herrschen, kein +Schmetterlingsspiel, kein Vogelgezwitscher. + +Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und er ist beinahe +erstaunt, als er die dunklen Laubmassen der Ahornbäume sieht. »Ja so,« sagt +er, »was war es dann, was verwüstet wurde, wenn nicht der Garten? Hier +fehlt ja nicht einmal ein Grashälmchen. Der Tausend auch, ich selber bin +es, der fortab durch Kälte und Winter wandern muß, nicht der Garten. Es +ist, als wäre der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das geht +wohl auch vorüber, wie alles andre. Das ist doch wahrlich zu viel Aufhebens +um so ein kleines Frauenzimmerchen.« + + +IV + +Wie schrecklich unbescheiden »das« sich an dem Morgen beträgt, wo sie +fortfahren sollen. An den zwei Tagen, die sie nach dem Balle hier gewesen +sind, ist »das« eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber +jetzt, wo das Flaumvögelchen fort soll, wo »das« einsieht, daß es im Ernst +aus ist, daß es keine Rolle in ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es +sich in eine Todesschwere, in eine Todeskälte. + +Es ist, als müßte sie einen versteinerten Körper über die Treppen hinab ins +Frühstückszimmer schleppen. Sie streckt eine schwere kalte Hand aus Stein +aus, als sie grüßt, sie spricht mit einer trägen Steinzunge, sie lächelt +mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit. + +Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, daß alles an diesem +Morgen so abgemacht wird, wie es die gute alte Treue und Ehre erfordert. + +Onkel Theodor wendet sich beim Frühstück an das Flaumvögelchen und erklärt +mit wunderlich ungefüger Stimme, daß er sich entschlossen hat, Moritz die +Verwalterstelle in der Laxåhütte zu geben; aber da der genannte junge Mann, +fährt Onkel mit einem angestrengten Versuch, seinen gewöhnlichen +Gesprächston beizubehalten, fort, in praktischen Beschäftigungen nicht +allzu bewandert ist, so kann er den Platz nicht früher antreten, ehe er +nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell Flaumvögelchen, +ihre Myrte so gut gepflegt, daß sie im September Kranz und Krone tragen +kann? + +Sie fühlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie weiß, daß er einen +Blick zum Dank haben will, aber sie sieht nicht auf. + +Moritz hingegen springt in die Höhe. Er umarmt Onkel und treibt es ganz +schrecklich. »Aber, Anne-Marie, warum dankst du Onkel nicht? Du mußt Onkel +Theodor streicheln, Anne-Marie. Die Laxåhütte ist das Herrlichste auf der +Welt. Nun, Anne-Marie!« + +Jetzt schlägt sie die Augen auf. Es stehen Tränen darin, und durch diese +fällt auf Moritz ein Blick, voll Angst und Vorwurf. Daß er nicht versteht, +daß er durchaus mit bloßem Licht in den Pulverkeller gehen muß. + +Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in der schüchternen, +kindlichen Art wie zuvor, sondern mit einer gewissen Grandezza im Benehmen, +mit etwas von einer Märtyrerin, einer gefangnen Königin. + +»Sie tun zu viel für uns, Onkel,« sagt sie nur. + +Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und des Anstandes abgemacht. +Es ist kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den +Glauben an den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht verraten. +Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner Braut gemacht hat, obgleich sie +nur ein armes Mädchen aus einem kleinen Bäckerladen im Hintergäßchen ist. + +Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack geschnürt, der Eßkorb +gefüllt werden. + +Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich an das Fenster. Von +dem Moment an, wo sie sich mit jenem tränenvollen Blick ihm zugewendet hat, +ist er ganz von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu +stürzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, er möge nur +kommen und sie von dort losreißen, wenn er es kann. + +Er hält die Hände in den Taschen. Durch die geballten Fäuste gehen +krampfhafte Zuckungen. + +Kann er es zulassen, daß sie den Hut aufsetzt, daß sie der Bergrätin +Lebewohl sagt? + +Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und will die Geliebte stehlen. +Nein, nicht stehlen! Warum nicht ehrlich und männlich vortreten und sagen: +»Ich bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen uns wählen. Ihr +seid noch nicht verheiratet, es ist keine Sünde, wenn ich versuche, sie dir +abwendig zu machen. Hüte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.« + +Dann wäre er ja gewarnt, und sie wüßte, wonach sie sich zu richten hätte. + +Es knackt in den Knöcheln, als er wieder die Fäuste ballt. Wie würde Moritz +über den alten Onkel lachen, wenn er vorträte und dies erklärte! Und wozu +sollte es dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann nicht einmal +mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu helfen? + +Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, um ihm Lebewohl zu +sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, sich zu hüten, sich auf drei +Schritt Entfernung von ihm zu halten. + +Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den Rücken, während sie mit +dem Ankleiden und dem Füllen des Eßkorbes beschäftigt sind. Werden sie denn +nie fertig? Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr die Hand +gegeben, sie geküßt, ihr in den Wagen geholfen. Er hat es so oft getan, daß +er sie schon fort glaubt. + +Er hat ihr auch Glück gewünscht. Glück ... Kann sie mit Moritz glücklich +werden? Sie hat diesen Morgen nicht glücklich ausgesehen. O, doch gewiß. +Sie weinte ja vor Freude. + +Während er so dasteht, sagt Moritz plötzlich zu Anne-Marie: »Was für ein +Dummkopf ich bin. Ich habe ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien +zu sprechen.« + +»Ich denke, es wäre am besten, du ließest es,« antwortet das +Flaumvögelchen. »Es ist vielleicht nicht recht.« + +»Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade augenblicklich nichts. +Aber wer weiß, ob sie nicht eines Tages besser werden? Und übrigens, was +macht das Onkel? Solch eine Kleinigkeit ...« + +Sie unterbricht mit ungewöhnlicher Heftigkeit, beinahe mit Angst. »Ich +bitte dich, Moritz, tue es nicht! Laß mich dieses einzige Mal recht +behalten.« + +Er sieht sie an, ein bißchen verletzt. »Dieses einzige Mal. Als wenn ich +dir gegenüber ein Tyrann wäre. Nein, weißt du, das kann ich nicht, schon +dieses Wortes wegen finde ich, daß ich nicht nachgeben darf.« + +»Hänge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt es sich um mehr als um +Höflichkeit und Phrasen. Ich finde es nicht schön von dir, Onkel +übervorteilen zu wollen, wo er so gut gegen uns war.« + +»Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst du von Geschäften?« +-- Sein ganzes Wesen ist noch aufreizend ruhig und überlegen. Er sieht sie +an, wie ein Schulmeister einen guten Schüler, der sich gerade am +Prüfungstage dumm anstellt. + +»Daß du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,« ruft sie aus. Und sie +ringt verzweifelt die Hände. + +»Ich muß wirklich jetzt mit Onkel sprechen,« sagt Moritz, »wennschon aus +keinem andern Grunde, so um ihm zu zeigen, daß es sich hier um keinen +Betrug handelt. So wie du dich benimmst, könnte Onkel wirklich glauben, daß +wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken sind.« + +Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklärt ihm, welche Bewandtnis es mit +diesen Aktien hat, die sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hört so +gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, daß sein Bruder, der +Bürgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht hat und sich vor +Verlusten schützen will. Aber was weiter, was weiter? Solche Gefälligkeiten +pflegt er ja der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er nicht +daran, sondern an das Flaumvögelchen. Er wüßte zu gern, was in dem empörten +Blick liegt, den sie Moritz zuwirft. Liebe war es gerade nicht. + +Und nun mitten in seiner Verzweiflung über das Opfer, das er bringen mußte, +beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl vor ihm aufzudämmern. Er steht da und +starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo ein Geist umgeht, liegt +und sieht, wie ein heller Nebel aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet +und wächst und zu greifbarer Wirklichkeit wird. + +»Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,« sagt er, »dann kannst du das Geld +gleich haben.« + +Aber während er spricht, ruht sein Blick auf dem Flaumvögelchen, um zu +sehen, ob »das Geistchen« zum Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht +er nur stumme Verzweiflung bei ihr. + +Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die Türe sich öffnet und +Anne-Marie hereinkommt. + +»Onkel Theodor,« sagt sie sehr fest und entschlossen, »kaufen Sie doch +diese Papiere nicht.« + +Ach, welcher Mut, Flaumvögelchen! Wer, der dich vor drei Tagen an Moritzens +Seite im Wagen sah, wo du bei jedem Wort, das er sagte, +zusammenzuschrumpfen und immer kleiner zu werden schienst, hätte dir so +etwas zugetraut? + +Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird Moritz ernstlich +böse. + +»Schweig,« zischt er sie an und brüllt darauf, um von Onkel Theodor, der am +Pult sitzt und Banknoten zählt, richtig gehört zu werden. »Was fällt dir +denn ein? Die Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt, +aber Onkel weiß ebensogut wie ich, daß sie welche tragen werden. Glaubst +du, daß Onkel sich so von einem, wie ich, übers Ohr hauen läßt? Onkel wird +von diesen Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. Ist es je +meine Absicht gewesen, diese Aktien für gut auszugeben? Habe ich je etwas +andres gesagt, als für jemanden, der in der Lage ist, zu warten, könne dies +ein gutes Geschäft werden?« + +Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein paar Banknoten. Er +möchte wissen, ob dies den Geist zum Sprechen bringen wird. + +»Onkel,« sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverkünderin -- denn es ist +ja eine bekannte Sache, daß niemand unerbittlicher sein kann, als diese +Daunenweichen, diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind -- »diese +Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden nie etwas wert sein. Das +wissen wir zu Hause alle.« + +»Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken --« + +Sie fährt mit den Augen über ihn hin, so, als wären ihre Blicke die +Schneiden einer Schere, und sie schneidet ihm Lappen um Lappen alles ab, +womit sie ihn herausstaffiert hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen +Nacktheit seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fällt ihr +schreckliches kleines Zünglein das Urteil über ihn: + +»Was bist du denn anders?« + +»Anne-Marie!« + +»Ja, was sind wir alle beide anders,« fährt das unbarmherzige Zünglein +fort, das, nun es in Gang ist, es am besten findet, die Dinge klarzulegen, +die ihr Gewissen zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, daß +auch der reiche Mann, dem dieses große Schloß gehört, ein Herz hat, das +leiden und sich sehnen kann. Und nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang +ist und alle Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie: + +»Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten wir da? Wovon +sprachen wir auf dem Wege? Wie wir ihn dort für uns gewinnen wollten. >Du +mußt flott sein, Anne-Marie,< sagtest du. >Und du mußt schlau sein, +Moritz,< sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. Viel +wollten wir haben, und nichts wollten wir geben, nichts andres als +Verstellung. Wir wollten nicht sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns +lieb haben, sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel in dich +oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. Aber wir wollten nichts +zurückgeben, weder Liebe noch Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum +bist du nicht allein gefahren, warum mußte ich mit? Du wolltest mich ihm +zeigen, du wolltest, daß ich, daß ich ...« + +Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz die Hand gegen sie +erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet und verfolgt das, was geschieht, +mit einem Herzen, das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flöge sein Herz +nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt aufschreit und in seine +Arme flieht, in seine Arme flieht ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gäbe +es keinen andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen könnte. + +»Onkel, er will mich schlagen!« + +Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn. + +Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. »Verzeih meine Heftigkeit, +Anne-Marie,« sagt er. »Es regte mich auf, dich in Onkels Gegenwart so +kindisch sprechen zu hören. Aber Onkel wird auch verstehen, daß du eben nur +ein Kind bist. Dennoch gebe ich zu, daß keine, wenn auch noch so gerechte +Empörung einem Manne das Recht gibt, eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her +und küsse mich. Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu suchen.« + +Sie rührt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie klammert sich nur fest. + +»Flaumvögelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?« flüstert Onkel Theodor. + +Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch seinen ganzen Körper +durcheilt. + +Aber Onkel Theodor fühlt sich so frisch, so gehoben. Er ist jetzt ganz +außerstande, den vollkommenen Neffen wie früher im richtigen Licht seiner +Vollkommenheit zu sehen. Er wagt es, mit ihm zu scherzen. + +»Moritz,« sagt er, »du überraschst mich. Die Liebe macht dich schwach. +Kannst du so mir nichts dir nichts verzeihen, daß sie dich einen Schurken +nennt? Du mußt sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an deine +Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, einen Mann zu +beleidigen. Setze dich in deine Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses +verlorne Wesen von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit nach +einer solchen Beschimpfung.« + +Und während er seine Rede beschließt, legt er seine großen Hände um ihr +Köpfchen und richtet es empor, so daß er ihre Stirn küssen kann. + +»Verlasse dieses verlorne Wesen,« wiederholt er. + +Aber jetzt fängt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, wie es in Onkel +Theodors Augen funkelt, und wie ein Lächeln nach dem andern um seine Lippen +spielt. + +»Komm, Anne-Marie.« + +Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie sich angelobt hat. +Es ist, als müßte sie gehen. Und sie läßt Onkel Theodor so hastig los, daß +er es nicht verhindern kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen, +darum gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und schluchzt. + +»Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,« sagt Onkel Theodor +scharf. »Diese junge Dame ist bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und +ich gedenke sie vor deinen Übergriffen in Schutz zu nehmen.« + +Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur darauf bedacht, sie +emporzuziehen, ihre Tränen zu trocknen und ihr zuzuflüstern, daß er sie +liebt. + +Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre tröstend, ruft +aus: »Ach, das ist alles abgekartet. Ich bin betrogen. Das ist eine +Komödie. Man stiehlt mir meine Braut, und man verhöhnt mich obendrein. Man +läßt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. Ich beglückwünsche +dich zu diesem Handel, Anne-Marie.« + +Und während er hinausstürzt und die Türe zuwirft, ruft er aus: +»Glückssucherin!« + +Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm nachzueilen und ihn zu +züchtigen, aber das Flaumvögelchen hält ihn zurück. + +»Ach, Onkel Theodor, laß doch immerhin Moritz das letzte Wort behalten. +Moritz hat immer recht. Eine Glückssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel +Theodor.« + +Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Und +Onkel Theodor ist ganz verwirrt, eben weinte sie noch und jetzt lacht sie, +eben sollte sie den einen heiraten und jetzt küßte sie einen andern. Da +hebt sie das Köpfchen und lächelt: »Jetzt bin ich dein kleines Hündchen. Du +kannst mich nicht loswerden.« + +»Flaumvögelchen,« sagt der Gutsherr mit seiner barschesten Stimme. »Das +hast du schon die ganze Zeit gewußt.« + +Sie begann zu flüstern: »Hätte mein Bruder ...« + +»Und du wolltest doch, Flaumvögelchen ... Moritz kann froh sein, daß er +dich los wird. Solch ein dummes, lügnerisches, heuchelndes Flaumvögelchen, +solch ein ungerechtes, kleines, wetterwendisches Fläumchen, solch ein, +solch ein ...« + + * * * * * + +Ach Flaumvögelchen, ach Seidenblümchen! Du warst wohl nicht nur eine +Glückssucherin, du warst wohl auch eine Glücksbringerin, sonst würde wohl +nicht so viel von deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du +gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von großen Ahornen beschattet, und +die Birkenstämme stehen weiß und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel +da. Noch heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem Hügel, und im +Parkteich schwimmt ein Kühling, der so alt ist, daß kein Junge es über das +Herz bringt, ihn zu angeln. Und wenn ich hinkomme, da fühle ich, daß +Feierfriede in der Luft liegt, und es ist, als sängen Vögel und Blumen noch +ihre schönen Lieder dir zum Preise. + + + + +Unter den Kletterrosen + + +Ich wollte, daß die Blicke der Menschen, unter denen ich meinen Sommer +verlebt habe, auf diese Zeilen fielen. Jetzt, wo Kälte und dunkle Nächte +gekommen sind, möchte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit +zurückführen. + +Vor allem möchte ich sie an die Kletterrosen erinnern, die die Veranda +umschlangen, an das feine, ein wenig dünne Laubwerk der +Rosa bengalensis+, +das sich beim Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen Schatten auf +dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und einen leichten Spitzenschleier +über alles dort draußen warf, und an ihre großen lichten Riesenblumen mit +den ausgefransten Rändern. + +Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an Birkenwälder oder an +Birnbäume und Beerensträucher, aber dieser Sommer hat seinen Charakter von +den Kletterrosen bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder Wind noch +Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgrünen Schößlinge, die sanft +geneigten Stämmchen, der überschwengliche Reichtum an Blumen, die fröhlich +summende Insektenschar, alles das wird mich begleiten und in seiner ganzen +Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an den Sommer zurückdenke, den +zarten, feinen Schmelz des Sommers. + +Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich +meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner +Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus tagein auf +der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnenschein +eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten. + +Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend +bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit +ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen, +wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Bürde an sich +drückend, flatterte sie fort zum Parke und ließ sich auf einem alten +Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle +Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte. +In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfüßler +je gewagt hatten, breitete sie die grüne Blattrolle aus und bedeckte den +holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war, +holte die Biene wieder neue Blätter, um die Wände des Schachtes zu +bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen +Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der +bezeugte, daß es zur Ausschmückung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte +beitragen müssen. + +Eines schönen Tages änderte das Bienchen seine Beschäftigung. Es bohrte +sich tief in die Blätterwirrnis der Riesenrosen und schlürfte und trank aus +ihren schönen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es einen +Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu dem alten Baumstumpf, um +die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu füllen. + +Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die draußen in der +Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz +unvergleichliche Spinne. Sie war größer als alles, was ich bisher vom +Spinnengeschlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich +punktierten Kreuz auf dem Rücken, und sie hatte acht lange, weiß und rot +gestreifte Beine, alle gleich schön gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne +sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. Von +den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt dienten, bis zu den +innersten feinen Webfäden. Und ihr hättet sehen sollen, wie sie den +schmalen Fäden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren +Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig, +stundenlang wartend. + +Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so geduldig und so +weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmützel mit der Tapezierbiene, +und immer zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus der Affäre. +Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeiführte, blieb einmal ums andre in +ihrem Netz hängen. Sogleich begann sie zu surren und zu reißen, sie zerrte +an dem feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natürlich zur Folge +hatte, daß sie sich immer ärger und ärger verwickelte und Flügel und +Beinchen in das klebrige Gewebe verstrickte. + +Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die Spinne zu ihr heran. +Sie hielt sich immer in gebührlicher Entfernung, aber mit der äußersten +Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene einen +kleinen Stoß, so daß sie sich im Netz herumdrehte. Und wenn die Biene +wieder herumgeschnurrt und sich müde gerast hatte, bekam sie abermals einen +ganz sachten Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie sich wie ein +Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein noch aus wußte und so +verwirrt war, daß sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem +Herumschwingen drehten sich die Fäden, die sie hielten, immer mehr +zusammen, und die Spannung wurde so groß, daß sie rissen und die Biene zu +Boden fiel. Ja, das war es natürlich, was die Spinne gewollt hatte. + +Und dieses Kunststück konnten die beiden Tag für Tag wiederholen, solange +die Biene in der Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer +es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie zeigte die +Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie wirklich alle beide gerne leiden, +die kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie die große schlaue alte +Jägerin. + +Es begaben sich nicht oft große Ereignisse in dem Hause mit den +Kletterrosen. Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der +Sonne liegen und blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und zu +umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu können, aber bei +jedem kleinen Gekräusel des grauen Spiegels flogen tausende kleine Fünkchen +auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wäre die +ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus könnte. Und so war auch das +Sommerleben dort draußen; es war gewöhnlich ganz still, aber kam nur das +allergeringste kleine Gekräusel -- ach, wie konnte es da schimmern und +glitzern. + +Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh zu machen. Eine Blume oder +ein Vogel konnte uns Heiterkeit für mehrere Stunden bringen, von der +Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie +seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde. + +Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen und die Spinne hatte +ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tüchtig festgesessen, so +daß sie sich ungeheuer lange herumdrehen mußte und ganz zahm und gebändigt +war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob das Netz +großen Schaden genommen habe. Das hatte es glücklicherweise nicht, dagegen +saß eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales Untier, das +nur aus Kiefern und Krallen bestand, und ich war erregt, wirklich erregt, +als ich es erblickte. + +Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maikäfer, die zu Tausenden die +Blumen hinaufkriechen und sich unter ihren Kronenblättern verstecken? +Kannte ich sie nicht und bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen +schlauen Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten, und wenn +es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene kommt, in deren schwarzgelbem +Pelz sie sich verbergen können? Und wußte ich nicht von ihrer +hassenswürdigen Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin +einen Raum mit Honig gefüllt und auf dessen Oberfläche das Ei gelegt hat, +aus dem der richtige Eigentümer der Zelle und des Honigs hervorkommen soll, +gerade da auf das Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf +sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen sie in den Honig hinab, +so müßten sie ertrinken. Und während die Biene das fingerhutähnliche +Nestchen mit einem grünen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges einschließt, +schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern das Ei auf und verzehrt +dessen Inhalt, während die Eischale noch immer als Nachen auf dem +gefährlichen Honigsee dienen muß. + +Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding platt und groß und kann +selbst auf dem Honig schwimmen und davon trinken, und wenn die Zeit sich +erfüllt hat, kommt ein fetter schwarzer Maikäfer aus der Bienenzelle. Aber +das ist es sicherlich nicht, was das kleine Bienchen mit seiner Arbeit +erreichen wollte, und wie schlau und behend der Maikäfer sich auch betragen +hat, so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer, der keine +Barmherzigkeit verdient. + +Und meine Biene, meine kleine, fleißige Herzensbiene, war mit solch einem +gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen. Aber während die Spinne sie im +Kreise gedreht hatte, hatte er sich losgelöst und war in das Netz +gefallen, und jetzt kam die große Gelbrote und gab ihm einen Biß mit ihrem +Giftzahn und verwandelte ihn in einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben +und Inhalt. + +Und als die kleine Biene zurückkam, war ihr Surren wie eine Lobhymne an das +Leben. + +»O du schönes Leben!« sagte sie. »Ich danke dir, daß auf mein Los die +fröhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein gefallen ist. Ich danke dir, +daß ich dich ohne Angst und Furcht genießen kann. Wohl weiß ich, daß +Spinnen lauern und Maikäfer stehlen, aber mein ist die fröhliche Arbeit und +die mutige Sorglosigkeit. O du schönes Leben, du herrliches Dasein!« + + + + +Die Grabschrift + + +Heute beachtet gewiß keine Menschenseele das kleine Kreuzlein, das in einer +Ecke des Svartsjöer Friedhofs steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran +vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht wunderlich, +daß keiner es bemerkt. Es ist so niedrig, daß Klee und Glockenblumen ihm +bis über die Arme reichen und Timotheusgras darüber wächst. Auch nimmt sich +keiner die Mühe, die Inschrift zu lesen, die da steht. Die weißen +Buchstaben sind heute fast gänzlich vom Regen verwischt, und es scheint nie +jemand einzufallen, sie zu Worten zusammenzufügen. + +Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz hat seinerzeit viel +Staunen und Verwunderung erweckt. Eine Zeitlang konnte niemand den Fuß auf +den Svartsjöer Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen. Und bekommt +ein Mensch aus jener Zeit es heute zu Gesicht, so sieht er sogleich eine +ganze Geschichte vor sich ... + +Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsjö in Winterschlummer versenkt und mit +glattem, weißem Schnee bedeckt, der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht +dort so aus, daß es kaum menschenmöglich ist, sich zurechtzufinden. Man muß +nach dem Kompaß gehen, wie auf dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied +zwischen Strand und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die Erde, +die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die Köhlerleute, die auf großen +Moorflächen und nackten Bergfirsten hausen, können sich einbilden, daß sie +über ebensoviel gepflügten und bebauten Boden geböten wie der reichste +Großbauer. + +Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den grauen Zäunen verlassen und +abenteuern nun über die Wiesen und den Fluß entlang. Selbst drinnen +zwischen den Gehöften kann man leicht verwirrt werden. Man kann plötzlich +entdecken, daß der Weg zum Brunnen quer über die Spireahecke des kleinen +Rosenbeets gelegt ist. Aber nirgends ist es so unmöglich, sich +zurechtzufinden, wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer, +die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz überschneit, so daß er jetzt völlig mit +diesem zusammenfließt. Zweitens ist der Kirchhof jetzt nur noch ein großes, +weißes Feld: nicht die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verrät die +vielen Anhöhen und Hügelchen des Totenackers. + +Auf den meisten Gräbern stehen Eisenkreuze, an denen dünne, kleine Herzen +hängen, die im Sommer der Wind bewegt. Jetzt sind sie alle überschneit. +Diese kleinen Eisenherzen können nicht mehr ihre wehmütigen Weisen von +Schmerz und Sehnen erklingen lassen. + +Leute, die drinnen in den Städten auf Arbeit waren, haben für ihre Toten +daheim Trauerkränze mit Blumen aus Perlen und Blättern aus Eisenblech +mitgebracht, und diese Kränze stehen so in Achtung, daß sie auf den Gräbern +in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind auch sie unter dem Schnee +verborgen und begraben. Nun ist das Grab, das solchen Schmuck trägt, um +nichts vornehmer als irgendein andres. + +Ein paar Schneebeerenbüsche und Fliederhecken ragen aus der Schneedecke +empor, allein die meisten sind verborgen. Die nackten Zweige, die aus dem +Schnee hervorkommen, sind einander wunderlich gleich. Sie können dem nicht +zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe zurechtzufinden sucht. +Alte Mütterchen, deren Brauch es ist, allsonntäglich einzutreten, um einen +Blick auf die Gräber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees wegen +nicht weiter als ein Stück über den Hauptweg hinaus. Dort bleiben sie +stehen und versuchen zu erraten, wo »das Grab« liegen mag. Ist es bei +diesem Busch oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem Schmelzen des +Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der Entrissene so unsagbar weit von +ihnen entfernt, seit sie die Stelle nicht mehr sehen können, wo er in die +Erde versenkt worden ist. + +Da sind auch ein paar große Steine, die sich über den Schnee erheben. Aber +es sind ihrer so wenige. Und der Schnee hängt über ihnen, so daß man den +einen nicht vom andern unterscheiden kann. + +Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er führt den Hauptgang +entlang zu einem kleinen Leichenhause. Soll jemand begraben werden, so wird +der Sarg in das Leichenhaus getragen, und dort hält der Pfarrer die +Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung vor. Es ist nicht daran zu +denken, daß der Sarg in die Erde kommen könnte, solange dieser Winter +währt. Er muß im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter sendet und +der Boden wieder zugänglich wird für Hacke und Spaten. + +Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und der Kirchhof ganz +unzugänglich ist, stirbt ein Kind beim Hüttenherrn Sander auf dem Werke +Lerum. + +Das ist ein großes Werk, Lerum, und Hüttenherr Sander ist ein mächtiger +Mann. Er hat sich erst jüngst ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen +lassen. Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter dem Schnee +verborgen ist. Es ist von einem behauenen Steinrand und einer dicken +Eisenkette umgeben; mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den +Namen trägt. Dort steht das eine Wort Sander mit großen Lettern +eingegraben, die über den ganzen Kirchhof leuchten. + +Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begräbnis zur Sprache kommt, sagt +der Hüttenherr zu seiner Frau: + +»Ich will nicht, daß dieses Kind in meinem Grabe liege!« + +Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der Speisesaal auf Lerum, und +da sitzt der Hüttenherr am Frühstückstisch und ißt allein, wie er zu tun +pflegt. Seine Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster, von wo +sie die Aussicht über den See und die birkenbestandnen Inselchen hat. + +Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann dieses sagt, werden ihre +Augen auf einmal trocken. Die ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken +zusammen, sie beginnt zu zittern, als fühle sie starke Kälte. + +»Was sagst du, was sagst du?« fragt sie. Und sie spricht wie einer, der vor +Kälte klappert. + +»Es widerstrebt mir,« sagt der Hüttenherr. »Vater und Mutter liegen da, und +auf dem Steine steht Sander. Ich will nicht, daß dieses Kind dort liege.« + +»Ah so, _das_ hast du dir ausgeheckt?« sagt sie und schauert dabei +fortwährend zusammen. »Ich wußte wohl, daß du dich einmal rächen würdest.« + +Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und steht breit und +groß vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht, seinen Willen mit vielen +Worten zu ertrotzen. Aber sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht, +daß er seinen Sinn nicht ändern kann. Der ganze Mann ist schwere, +unerschütterliche Halsstarrigkeit. + +»Ich will mich nicht rächen,« sagt er, ohne die Stimme zu erheben. »Ich +kann es nur nicht ertragen.« + +»Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn aus einem Bett in das +andre zu legen,« sagt sie. »Und er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich +sein, wo er liegt. Aber _ich_ bin dann eine Verlorne.« + +»Ich habe auch daran gedacht,« sagt er, »aber ich kann nicht.« + +Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet sind, brauchen nicht +viel Worte, um sich zu verstehen. Sie weiß schon, daß es ganz zwecklos +wäre, wollte sie versuchen, ihn umzustimmen. + +»Warum mußtest du mir damals verzeihen?« sagt sie und ringt die Hände. +»Warum ließest du mich auf Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir, +du wollest mir vergeben?« + +Er weiß bei sich, daß er ihr nicht schaden will. Er kann nichts dafür, daß +er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht angelangt ist. »Sag den Nachbarn, +was du willst,« sagt er. »Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser im +Grabe, oder sage, es sei nicht Raum für mehr Särge als die von Vater und +Mutter und meinen und deinen.« + +»Und das sollen sie glauben?« + +»Du mußt dir helfen, so gut du kannst,« sagt er. + +Er ist nicht böse, sie sieht, daß er es nicht ist. Es ist, wie er selbst +sagt. Er kann sich darin nicht überwinden. + +Sie rückt sich höher in den Stuhl hinauf, verschränkt die Arme hinter dem +Kopf und sitzt und starrt zum Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das +Entsetzliche ist, daß es so viel im Leben gibt, was einen überwältigt. Vor +allem ist es furchtbar, daß in einem selbst Mächte emporsteigen, die man +nicht lenken kann. Vor einigen Jahren, als sie schon eine besonnene, +verheiratete Frau war, kam die Liebe über sie. So eine Liebe! Es war nicht +daran zu denken, daß sie sie hätte regieren können. Und was nun Gewalt über +ihren Mann bekam, -- war es Rachbegier? Er ist ihr nie böse gewesen. Er hat +ihr sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. »Du bist von Sinnen +gewesen,« hat er gesagt und hat sie weiter als seine Gattin leben lassen. + +Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, daß man vergebe, es mag +doch schwer genug fallen, es zu tun. Vor allem ist es schwer für einen +Mann, der tiefsinnig und schwerblütig ist, der niemals vergißt und niemals +aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen sitzt etwas, das hungert +und danach schreit, sich sättigen zu dürfen an eines andern Leid. Ein +wunderliches Gefühl hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen wäre, +wenn er damals so gezürnt hätte, daß er sie geschlagen hätte. Dann hätte er +nachher wieder gut werden können. Nun geht er umher und ist mürrisch und +verdrossen, und sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an der +Deichsel. Sie weiß, daß hinter ihr einer sitzt, der die Peitsche in der +Hand hält, -- wenn er sie auch nicht gebraucht. Und nun hat er sie +gebraucht. Nun ist sie eine Verlorne. + + * * * * * + +Die Menschen sagen, daß sie nie einen Schmerz gesehen hätten, wie den +ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild. In diesen Tagen vor dem Begräbnis +weiß man nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unmöglich, zu wissen, ob sie +höre, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr spricht. Sie scheint keinen +Hunger zu fühlen, sie scheint draußen in der bittern Kälte gehen zu können, +ohne zu frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz, was +sie versteinert, es ist Angst. + +Sie denkt nicht daran, am Begräbnistag daheim zu bleiben. Sie _muß_ mit zum +Friedhofe, sie _muß_ mit im Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, daß +alle, die dem Sarge folgen, glauben, daß die Leiche zu dem großen +Sanderschen Grabe geführt werde. Sie denkt, daß sie unter der Verwunderung +und dem Staunen, das sich gegen sie wenden werde, zusammenbrechen müsse, +wenn er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem unbemerkten +Grabplatz hinführen würde. Es werde ein Murmeln der Verwunderung von Reihe +zu Reihe gehen, obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind nicht +in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich der ungewissen, +unbestimmten Gerüchte erinnern, die einmal über sie im Schwange waren. Es +müsse wohl irgend etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man +sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre, werde sie gerichtet +und verloren sein. + +Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei zu sein. Sie wird +da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird aussehen, als ob alles in Ordnung wäre. +Vielleicht werden sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu erklären. + +Der Mann fährt auch mit zur Kirche. Er hat alles geordnet: die +Begräbnisgäste geladen, den Sarg bestellt und bestimmt, wer ihn tragen +soll. Er ist zufrieden und gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat. + +Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vorüber, und der Leichenzug stellt +sich vor dem Gemeindehause auf. Die Träger legen die weißen Tragtücher über +ihre Schultern, alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession mit +und ein großer Teil der Kirchenbesucher. + +Während die Prozession sich ordnet, denkt sie, daß sie sich jetzt +aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz zu geleiten. + +Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zurückkehren. Sie ist gekommen, um sie +vorbereiten zu können, aber sie hat kein Wort über ihre Lippen gebracht. +Sie kann nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun könnte, wäre: so +heftig und laut zu jammern, daß man es über den ganzen Kirchenplatz hörte. +Sie wagt die Lippen nicht zu regen, damit dieser Schrei nicht über sie +hereinbreche. + +Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu rühren, und die Menschen +setzen sich in Bewegung. Und jetzt kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum +hat sie nicht sprechen können? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht +zuzurufen, sie möchten nicht auf den Kirchhof gehen mit dem Toten. Ein +Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet werden solle für einen Toten? Sie +könnten ja den Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den +Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei gefährlich. Er sei +voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren auf ihm gesehen. Sie will sie +schrecken, wie man Kinder schreckt. + +Sie weiß nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist. Sie erfahre es zeitig +genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug in den Friedhof hineinschreitet, blickt +sie über das Schneefeld, um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken ... + +Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort draußen ist nichts als ein +ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug geht zum Leichenhause hinauf. So viele +nur können, drängen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie +vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon, zum Sanderschen Grabe zu gehen. +Keiner kann wissen, daß der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet +wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll! + +Hätte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen Augenblick hätte +sie sich zu fürchten brauchen. »Im Frühling,« denkt sie, »wenn der Sarg +versenkt wird, ist wohl kaum einer außer dem Totengräber zugegen. Jeder +wird glauben, daß das Kind im Sanderschen Grabe liege.« Und sie begreift, +daß sie gerettet ist. + +Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute sehen sie mitleidig an. + +»Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt,« sagen sie. Aber sie +selbst weiß am besten, daß sie Tränen weint, wie eine, die aus Not und +Lebensgefahr entronnen ist ... + +Ein paar Tage nach dem Begräbnis sitzt sie in der Dämmerung auf ihrem +gewohnten Platz im Speisesaal. Während das Dunkel einfällt, ertappt sie +sich darauf, daß sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und +horcht nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen pflegt, +um zu spielen. Wird es heute nicht kommen? Da fährt sie empor und denkt: +»Es ist ja tot, es ist ja tot.« + +Am nächsten Tage sitzt sie wieder in der Dämmerung und sehnt sich, und +Abend für Abend kommt diese Sehnsucht wieder und wird immer mächtiger. Sie +breitet sich aus, wie das Licht im Frühling, bis sie schließlich alle +Stunden des Tages und der Nacht beherrscht. + +Es ist ja beinahe selbstverständlich, daß ein Kind, wie das ihre, mehr +Liebe im Tode empfängt als im Leben. Die Mutter hat, solange es lebte, an +nichts andres gedacht, als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und für ihn +konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es mußte ferngehalten werden. Es +mußte oft fühlen, daß es ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten +untreu geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, daß sie doch etwas +wert war. Sie hatte unablässig in Küche und Webkammer gearbeitet. Wo hätte +sich Platz für den kleinen Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und +jetzt nachträglich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten und zu +betteln pflegten. Abends wollte er, daß sie an seinem Bette sitze. Er +sagte, er fürchte sich im Dunkeln, aber nun denkt sie, daß das vielleicht +nicht wahr gewesen sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie +erinnert sich, wie er dalag und gegen den Schlaf kämpfte. Jetzt begreift +sie, daß er sich wach gehalten hat, um lange liegen und ihre Hand in der +seinen halten zu dürfen. + +Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch war. Er hat seinen +ganzen Verstand aufgewendet, um auch ein bißchen von ihrer Liebe +abzubekommen. + +Es ist erstaunlich, daß Kinder so lieben können. Sie hatte es nie +begriffen, solange er noch lebte. + +Eigentlich fängt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben. Jetzt erst fühlt +sie sich berückt von seiner Schönheit. Sie kann sitzen und von seinen +großen, geheimnisvollen Augen träumen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges +Kind gewesen, es war zart und blaß. Aber es war wunderbar schön. + +Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher mit jedem Tag, +der geht. Kinder müssen ja das Köstlichste sein, was die Erde trägt. Man +bedenke doch nur, daß es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand +entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben, die nicht danach +fragen, ob ein Antlitz schön oder häßlich ist, sondern das häßliche ebenso +gern küssen wie das hübsche, die alt und jung lieben können, reich und arm. +Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen. + +Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage näher und näher. Sie wünscht wohl, daß +es lebte, aber sie weiß nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen wäre +wie jetzt. + +Zuweilen gerät sie in Verzweiflung darüber, daß sie den Knaben nicht +glücklicher gemacht hat, so lange er am Leben war. Darum ist er mir wohl +genommen worden, denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise. + +Sie hat sich früher vor Trauer gefürchtet, aber sie findet jetzt, daß +Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht hat. Trauern heißt ja: ein +Vergangnes wieder und wieder erleben. Trauern heißt: sich in das ganze +Wesen des Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese Trauer +macht sie sehr reich. + +Am meisten fürchtet sie sich jetzt davor, daß die Zeit ihn ihr entführen +könnte. Sie hat kein Bild von ihm, vielleicht könnten seine Züge in ihrer +Erinnerung auslöschen. Jeden Tag sitzt sie da und prüft sich: »Sehe ich +ihn, sehe ich ihn recht?« + +Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt sie sich auf der Sehnsucht, +ihn nicht mehr im Leichenhause, sondern in die Erde gebettet zu wissen, +damit sie zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen könne. Er soll gegen +Westen liegen, da ist es am schönsten. Und sie wird seinen Hügel mit Rosen +schmücken. Sie will auch eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort +sitzen können, lange, lange. + +Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen sollen es ja nicht +anders wissen, als wenn ihr Kind im Familiengrabe liege. Wie werden sie +staunen, wenn sie sie ein fremdes Grab schmücken und dort stundenlang +sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu sagen? + +Manchmal denkt sie, daß sie es auf diese Weise machen müsse: Zuerst zu dem +großen Grabe gehen und dort einen großen Strauß niederlegen und eine Weile +dort sitzen. Dann würde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe hinschleichen +können. Er würde wohl zufrieden sein mit dem einzigen kleinen Blümlein, das +sie ihm heimlich zustecken könnte. + +Ja, er könnte sich wohl damit begnügen, aber kann sie es? Es ist, als würde +sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft mit ihm kommen. Und er würde es +dann erfahren, daß sie sich seiner schämte. Er würde begreifen, welche +brennende Schmach es für sie gewesen war, daß er geboren wurde. Sie muß ihn +schützen, damit er das nicht erfahre. Er soll glauben, daß das Glück, ihn +zu besitzen, alles überwogen hätte. + + * * * * * + +Endlich weicht der Winter. Man sieht, daß es Frühling wird. Die Schneedecke +schmilzt, die Erde beginnt sich zu zeigen. Noch währt es vielleicht ein +paar Wochen, bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch die +Hoffnung, daß die Toten nun bald aus der Leichenkammer kommen. Und sie +sehnt sich, sie sehnt sich. + +Kann sie ihn noch sehen? Sie prüft sich jeden Tag, aber es ist im Winter +besser gegangen: im Frühling will er sich ihr nicht zeigen. Da gerät sie in +Verzweiflung, sie muß auf dem Grabe sitzen können, um ihm nahe zu kommen, +um ihn sehen, ihn lieben zu können. Kommt er denn niemals in die Erde +hinunter? + +Sie hat nichts andres zu lieben, sie muß ihn sehen können, ihn sehen +können, ihr ganzes Leben lang. + +Mit einem Male verschwindet alles Zögern und aller Kleinmut vor ihrer +großen Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt, sie kann nicht leben ohne den +Toten. Sie fühlt, daß sie auf niemand Rücksicht nehmen kann als auf ihn. +Und als die Frühlingsfluten wirklich kommen, als auf dem Kirchhofe wieder +Anhöhen und Hügel hervortreten, als die Herzen an den eisernen Kreuzen +wieder zu klingen anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten +leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge öffnen kann, hat +sie schon ein schwarzes Kreuz machen lassen, um es auf den Hügel zu +pflanzen. + +Quer über das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen weißen Buchstaben +geschrieben: + + _Hier ruht mein Kind._ + +Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr Name. + +Sie fragt nicht danach, daß die ganze Welt erfährt, was sie getan hat. +Alles andre ist eitel; nur das eine liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu +können an ihres Kindes Grab. + + + + +Römerblut + + +Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewiß die kleinen Landgüter vor +der Stadtmauer aufgefallen. Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man +Artischocken, Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit. Man hat +ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnhäuser, einen niedrigen Eselstall, +einen großen gemauerten Brunnen und ein paar Hühnersteigen. Man hat +natürlich eine Menge Federvieh, und nicht nur Hühner, Truthähne und Enten, +sondern auch Pfauen und Fasane. + +Und dann schafft man sich, um ein bißchen besser leben zu können -- denn +Grünzeug und Hühner werfen keinen glänzenden Gewinn ab -- ein paar große +Fässer römischen Schloßwein an und legt sie in eine der niedrigen Hütten, +deren jede nicht mehr als ein Gelaß hat. Dahin stellt man auch einen +Ladentisch und ein Wandbrett mit Gläsern und Literflaschen, draußen aber +auf dem Hofe, zwischen dem Brunnen und den Hühnersteigen, stellt man lange +Bänke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer wehen die +Campagnawinde stark und ungehemmt. Darum bringt man kleine Schutzdächer +über den Bänken an und umgibt sie mit Rohrwänden, durch die die Sonne +hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt läßt man auch ein Schild malen und +hängt es über das kleine Mauerpförtchen, das nach der Straße und der Stadt +führt. Und die Osteria ist fertig. + +Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch einer kleinen Osteria +gewesen, man darf aber nicht glauben, daß er des Lohnes und der Trinkgelder +wegen so lange geblieben wäre, oder weil er zu nichts anders getaugt hätte. +Nino war ein prächtiger, ja ein gebildeter junger Mann; wenn er sich damit +begnügte, Kellner in einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es, +weil er in Teresa, die älteste Tochter des Hauses, verliebt war. + +Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so schön. Sie war gerade in der Art schön, +wie Nino es haben wollte, mit großen, starken Zügen und warmen, klaren +Farben. Sie ging so stolz und so leicht wie eine Königin. Sie sprach mit +einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich, daß keine Silbe ihrer +Worte verloren gehen konnte. Sie lachte so rein, wie ein Silberglöckchen +läutet. Ihre Hände waren schön, weiß und fest, und ihr Händedruck stärkend +wie ein Segen. + +Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen und verlangten, +daß sie immer hinter dem Schanktisch zur Hand sei. »Wo ist Teresa?« fragten +sie sicherlich, wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl. +Wußte er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe schmeckte, wenn sie sie +aus dem Kochtopf schöpfte, als wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht +zu verwundern, daß jedermann mit ihr zu tun haben wollte. War es nicht +schon eine Freude, in demselben Raume zu weilen wie sie? + +Er war fest davon überzeugt, daß die Leute nicht so sehr um Wein zu trinken +hereinkämen, als vielmehr um Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu können. +Wenn einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel besiegt hatte, +oder wenn der tolle Pietro wieder einem das Messer in den Leib gestoßen +hatte, so war es eine Erleichterung, es ihr zu erzählen. Nino wußte, daß +junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten, zuweilen dasaßen und +sich lange, traurige Geschichten ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei +ihrem Tische stille stehe, ihnen zuhöre und sich ihrer ein wenig annehme. +Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie wollten doch, daß sie +den Wein in ihr Glas gieße oder ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie +gingen, und ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern. + +Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie ihr sechzehntes Jahr +erreicht hatten; eine zog fort, und eine blieb mit Mann und Kindern daheim. +Aber Teresa wollte nicht heiraten, und Nino wußte schon, warum. Er wußte +wohl, daß sie weder ihn noch irgendeinen andern aus dem Landvolk wollte, +einen Signor wollte sie. + +Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an der Art, wie sie ihr +Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine Signorina, und an ihren +Sonntagskleidern. Zu Hause trug sie eine grüne Schürze und ein rotes Tuch +um den Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer schwarz gekleidet. +Und sie hatte einen großen Hut mit vielfach gebogner Krempe und einen +Federkragen um den Hals, so lang, daß er bis zum Kleidsaum reichte. + +Natürlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu werden. Das einzige +Unnatürliche war bloß, daß sie nicht einsah, daß sie schon eine war. + +Eigentlich war es Nino nicht unerwünscht, daß Teresa keinen Campagnabo +nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war +dick und rund wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue +Müllerfarbe. Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger Augen. Er war +zu häßlich für sie. Aber da es nun seine guten Wege hatte, bis ihr Signor +kam, und da kein andrer den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino +wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen. Und das war kein +geringes Glück. + +Die Tage draußen auf dem Meierhof erschienen Nino voll Seligkeit. Des +Morgens, wenn Teresa ihre Vögel betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem +Mais. Vormittags half er ihr, das Unkraut ausjäten oder das Gemüse in +Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt werden sollte. Und abends, +wenn die Arbeitsleute auf ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben +Castello romano zu trinken, da stand sie am Fasse und füllte in die Maße +ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es ein großer Tag war, Festtag +oder Markttag, und das Volk war zusammengeströmt, so daß alle Bänke +übervoll waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und Verkäufern von +gebratenen Äpfeln und Kastanien wimmelte, und er und sie mußten atemlos und +heiß mit ihren Flaschen und Gläsern zwischen den Tischen hin und her eilen, +dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen. Da fühlten sie sich +so kameradschaftlich wie Soldaten, die in den Kampf ziehen. + +An Abenden aber, wo keine Gäste kamen, saß Nino da und erzählte Teresa aus +Büchern, die er gelesen hatte. Da ließ sie ihn von dem alten Rom erzählen, +und am liebsten hörte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen die +Patrizier und von den mächtigen römischen Matronen. Nino wußte wohl, warum. +Es war dasselbe Blut, sie fühlte in sich das gleiche Blut. Am nächsten Tage +trug sie den Kopf noch viel stolzer, als früher. Nino wußte, daß er wie ein +Tollhäusler handelte. Jedesmal, wenn er von Cornelia, der Mutter der +Gracchen, erzählte, entfernte er sie weiter von sich. Warum konnte er diese +Erzählungen nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten, wenn +sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre Augen blitzten? + +Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, hörte Nino die Leute sagen, daß es +bald zu spät für sie sein würde, noch einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht +mehr schön. Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie denn +nicht schön? + +Eines Tages jedoch merkte er, daß sie recht gehabt hatten. Sie war wirklich +im Begriffe gewesen, alt zu werden. Sie mußte ganz verblaßt gewesen sein, +obgleich er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, daß sie wieder +aufzublühen begann. Die frische Jugendschönheit erhellte aufs neue ihr +Gesicht. Was war das für ein Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah. + +Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der Osteria. Ach, ach, +Nino konnte nicht leugnen, daß er das Netteste war, was man sehen konnte. +Er hatte eine Uniform in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches +Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am ersten Abend, da er +sie sah. Und sie? War ihre Schönheit um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel +ihr der kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen? + +Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die Krieger zu hassen. +Italien führte gerade Krieg mit Abessinien, und es war Elend genug, daß +Italiens Krieger übers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen, das +nichts Böses getan hatte. Es war Elend genug, was die Kriegsleute dort +draußen anrichteten. Hier zu Hause hätten sie es doch lassen können, die +Leute ins Unglück zu bringen. + +Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine. Hier trat er als +Redner auf und forderte die Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle +nicht als Land des Streites groß sein, sondern als ein Land des Friedens. +Er wurde bald einer der Führenden. Er wurde einer der beliebtesten Redner. +Armer, armer Nino. »Laßt uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen, +wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die landwirtschaftlichen +Schulen zu schicken!« Das waren Ninos Worte. + +Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung nach Hause kam, bei der +er den Krieg und das Kriegsheer abgeschafft hatte, ging Teresa ihm +entgegen. Sie blieben bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu +plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen. Um den jetzigen +Krieg kümmerte sie sich nicht, aber sie wollte wissen, was die Römer in +früheren Tagen vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio hören. Ob es +nicht Scipio wäre, der nach Afrika gezogen wäre und die Schwarzen besiegt +hätte? Und Nino mußte von ihm berichten. Nino mußte die halbe Nacht +aufsitzen und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen. + +Während er davon sprach, wurde Teresa strahlend schön. Die Laterne, die auf +dem Brunnenstaket hing, zeigte sie Nino wunderbar schön und mit einem +geheimnisvollen Lächeln um die Lippen. Nino begriff, daß sie nur einen +Helden lieben konnte. Und was war er? Er, der es ihr nicht einmal +abschlagen konnte, von diesen verabscheuungswürdigen Gemetzeln zu erzählen. +Er war feig. Wenn sie einen Nero geliebt hätte, so wäre Nino gezwungen +gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war ein feiger Kerl, er war +sicherlich kein Held. + +Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte Nino ernstlich daran, +sich frei zu machen und einen andern Dienst zu suchen, aber er vermochte es +nicht. Sie war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er müßte wohl bis nach +der Hochzeit warten. + +Teresa vergaß Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag war am Tage nach der +Verlobung, und Nino war am Morgen düster und glaubte, dies würde der +traurigste Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher so +gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschentücher gestickt, mit Monogrammen, +die über das halbe Tuch reichten. Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken, +und sie ging in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete für +Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm. Nino mußte sich froh +zeigen. Er mußte den ganzen Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten +alle glücklich sein. + +Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er mußte weinen. Er hatte +gemerkt, daß sie in diesen Tagen den Vögeln doppelte Rationen gab, der Esel +hatte frisches Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter +sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr der Katze, dem Esel +und den Hühnern gleichgestellt gefühlt. + +Wie sie sich darüber freute, daß ihr Bräutigam Offizier war! Nächst dem +Umstande, daß er ein Signor war, gefiel ihr sein militärischer Beruf am +meisten. Als man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst hätte, daß er nach +Afrika geschickt werden könnte, hörte Nino, wie sie antwortete: + +»Wollte Gott, er dürfte hinüber. Dann würdet ihr sehen, wie alles anders +würde.« Denn dies war im Winter 1896, und da sah es aus, als sollte aus +diesem Kriege mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden. Man +schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort. Die Truppen lagerten dort +in der Aduagegend, aber man hörte nie, daß es zu etwas kam. Es war so, wie +wenn Bienen aus dem Korbe fliegen und außerhalb des Fluglochs in einem +großen Beutel hängen bleiben, und man geht jeden Tag hin und sieht sie an +und ärgert sich, daß sie nicht schwärmen wollen. + +Sie benahm sich auch großartig, als sie gegen Ende Februar erfuhr, daß er +nach Afrika gehen mußte. Nino sah keine Träne in ihren Augen. Sie dachte +nur daran, daß es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen würde. Jetzt +sollte ihrem armen Italien geholfen werden. + +Sie gab ein Abschiedsfest für ihn und seine Kameraden. Es war ein +herrliches Fest. Der Castello-Romanowein floß in Strömen. Sie hatte ihre +fettesten Truthühner geschlachtet und die ersten Artischocken gepflückt. +Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken. + +Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet und die italienische +Flagge gehißt, und der arme Nino mußte ihr behilflich sein, Transparente zu +verfertigen, auf denen zu lesen war: »Es lebe die Armee! Sieg unsern +tapfern Soldaten! Für Italien!« und andre hochgestimmte Worte. Er hatte ihr +helfen müssen, farbige Lampions unter den Strohdächern zu befestigen, +Sänger zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten; aber er hatte +geschworen, daß sie ihn nicht dazu bringen würde, eine Rede zu halten. +Armer Nino, sie forderte ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm +etwas so Hochwichtiges anzuvertrauen. + +Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerkskörper zu den Füßen der Gäste +knallten, und als nicht nur die Strohdächer über den Bänken, sondern auch +die Hühnersteigen, das Wohnhaus und der Brunnen von grün-rot-weißen +Lampions strahlten, und als Nino drüben zwischen den Artischocken +bengalische Feuer entzündete, da sah er, wenn sonst niemand es sah, was sie +eigentlich meinte. Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie den +Soldaten kredenzte, sagen: »Gehet hin und macht Ernst aus diesem Kriege. +Roms Frauen wollen neue Triumphzüge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!« + +Niemand wußte besser als Nino, wie sehr Teresa diesen zierlichen kleinen +Mann liebte, der gegen die Barbaren ausziehen sollte. Und als er sah, wie +sie ihn gehen ließ, ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu +werden, mußte er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie hätte eine der +Matronen des alten Rom sein können, dachte Nino. Es rollt echtes Römerblut +in ihren Adern. + +Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel abreiste, wo es sich nach +Afrika einschiffen sollte, begleitete Nino Teresa zur Eisenbahnstation. + +Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt heranmarschiert, rings um +sie schwärmten Gassenjungen, Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der +Station waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale. Es wurden Reden +gehalten, man rief: »Es lebe Italien!« man küßte sich und warf Blumen. +Teresa stand bleich vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte. +Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten verteilten. Das tat sie +nicht. + +Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen, aber er mußte ihr +versprechen, Meneliks Hauptstadt zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit +der Krone der abessinischen Kaiserin zu ihr zurückzukommen. Und so +schieden sie. + +Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort, er war noch gar nicht nach +Afrika abgereist, als die Nachricht eintraf, daß der große Schwarm, der in +Adua gelagert war, sich zu rühren anfange; er zog gegen die Abessinier und +wurde geschlagen und zerstreut. + +Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas andres dachte als an den +Sieg, der dort drüben erkämpft werden müßte, nachdem man so unerhört viele +Menschen hingeschickt hatte. Der König selbst hatte sich nach Neapel +begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen. An einem Tage sprach +er ihnen von dem Ruhme, den sie für das geliebte Italien erringen würden, +am zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner Schlacht, zerstreutem +Heere, Flucht und Panik erzählte. + +Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen trafen. Meneliks Kugeln +hatten nur etwa siebentausend Mann fällen können, aber die Depeschen nahmen +das Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene Aduas, passierten das +Mittelmeer und erreichten ihr Ziel. Ach, kein italienisches Herz blieb +unversehrt davon! + +Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. »Was ist dort geschehen, Nino?« fragte +sie. »Wie konnte es so schlecht gehen?« + +Nino erzählte ihr, daß die Italiener nicht so sehr von ihren menschlichen +Feinden geschlagen worden wären, als vielmehr von der übermächtigen Natur. +Dort müßte man Berge erklimmen, von denen die niedrigsten höher wären als +das Sabiner- und Albanergebirge aufeinandergetürmt. Da gebe es keinen Weg, +sondern man ziehe über Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln +bewachsen wären, daß nicht einmal ein Esel sie fressen könnte. Mit der +Nahrung wäre es so schlimm bestellt, daß die Soldaten sich über die +Maultiere geworfen hätten, die auf dem Wege zusammengebrochen wären, und +die Fleischstücke an sich gerissen hätten. + +Aber das wäre doch nichts, um Menschen hinzuschicken! Ein Land, wo man +Maulesel essen müßte! + +Nein, das meinte Nino eben auch. + +Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte er ihr sagen, wie +gräßlich der Krieg wäre. Sie lasen zusammen die Zeitungen. Sie lasen, daß +man fürchtete, daß die Truppen, die jetzt auszögen, Menelik und die +Schoaner im Hafen von Massaua treffen würden; die jetzt abführen, zögen dem +sichern Tod entgegen. + +Sie las auch, daß die Barbaren vor allem auf die Offiziere schössen. Sie +lägen da und zielten auf ihr blaues Rangzeichen und holten sie von den +Hügelabhängen herab, wenn sie mit ihren Soldaten vorrückten. + +Und es gäbe so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten, die diese +Schwarzen begingen; ihre Weiber plünderten die Toten und zerstückelten sie. + +Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen und wagte nicht, +weiterzulesen. + +Nino schob seine Mütze zurück und fragte, was sie eigentlich geglaubt +hätte, was die Leute im Kriege täten? Ob sie sich nicht gedacht hätte, daß +sie sich dort töteten? Nein, sie wüßte nicht, was sie geglaubt hatte. Das +hätte sie nicht gedacht. + +Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied von ihr nahm. Das +Dampfschiff, das ihn nach Afrika führen sollte, ging am nächsten Abend ab. + +Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach Neapel. Was sie dort wollte? +Nino glaubte, sie wolle ihren Bräutigam noch einmal sehen, bevor er +abreiste. Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie fuhr, +aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern als Nino hatte sie zur +Begleitung haben wollen. + +Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte sie ihren Leutnant in +der Kaserne auf. + +Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich geschmeichelt und +gerührt, daß sie gekommen war, um ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde +totenbleich, als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform aus +gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande über der Brust. Das war das +blaue Band, das die Schwarzen sich zur Zielscheibe nahmen. + +Er mußte gleich wieder zu seinen Soldaten zurück. Ob sie denn den ganzen +Tag über nicht mit ihm zusammentreffen könnte? Ja, sie wollten gegen ein +Uhr miteinander frühstücken. Er könnte zwei Stunden abkommen. Sie +besprachen den Ort, und er eilte weg. + +Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die »Villa« hinunter und setzten +sich auf eine Bank, um zu warten. Sie tat nichts andres, als daß sie Nino +unaufhörlich fragte, wieviel es auf seiner Uhr wäre. Und als sie nun mit +Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und bleich, wie die Gesichter +der Statuen, die rings um sie standen, und ihre Augen schienen nicht mehr +zu sehen, als die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich vor +sich hinstarre. Sie sagte, sie säße da und sähe _seine_ Leiche an. Die +ganze Nacht hatte sie ihn tot in einer Bergkluft liegen sehen, und auch die +alten Weiber der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten, +_ihn_ zu plündern und zu zerstückeln. Nino hatte ja gesagt, daß sie dort +die Leichen zerstückelten. + +Nino versuchte, ihr etwas Tröstliches zu sagen. Alle würden ja nicht +fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der so tapfer wäre, könnte sich der +Barbaren schon erwehren. + +Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind in Schlupfwinkeln +verborgen läge und auf das blaue Band zielte. Ob Nino das blaue Band +bemerkt hätte? Warum es blau wäre, das Todesband, warum es nicht rot wie +Blut wäre? + +Sie nahm Nino das Versprechen ab, daß er sie nicht verlassen würde, sie +den ganzen Tag nicht verlassen würde. + +»Nein, nein, Teresa.« + +Er war auch beim Frühstück dabei. Leutnant Ugo bestellte ein Zimmer, und +die drei aßen zusammen. + +Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso sorglos, als säße sie +daheim in der Osteria. Nino dachte, sie wolle für diese zwei Stunden allen +Kummer von sich werfen und einzig und allein glücklich sein. Sie war sogar +viel muntrer als gewöhnlich, sie kokettierte mit Leutnant Ugo, bis er ganz +toll war. Und sie ließ es zu, daß er sie küßte. + +Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch. Von Zeit zu Zeit sah +er sie an, und seine kleinen grauen Äuglein bettelten um die Erlaubnis, +gehen zu dürfen. Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte, +unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die seine und hielt ihn +zurück. Der Leutnant fand Nino wohl höchst überflüssig, sie aber wollte ihn +offenbar da haben. + +Es gab +Asti spumante+ und +Lacrimae Christi+, und Nino trank, wie er nie +zuvor getrunken hatte. Aber es gelang ihm nicht, sich taub oder blind zu +machen. + +Plötzlich, als Nino sich dachte, daß Leutnant Ugo ganz berauscht von ihren +Blicken und ihren Küssen sein müßte, neigte sie sich zu ihm und fragte +schelmisch, ob er es nicht lassen könnte, zu reisen. Ob es sich nicht so +einrichten ließe, daß er daheim bleiben könnte? + +Er lachte. Nein, er könnte nicht entrinnen. + +Ob er nicht krank werden könnte? Sich krank stellen? Nein, nein, das könnte +er nicht. + +Aber ob er denn daran gedacht hätte, wie lange es dauern würde, bis sie +ihre Hochzeit feiern könnten? + +Der Leutnant glaubte kaum, daß sie im Ernste sprach. Gewiß hatte er daran +gedacht, aber das ließ sich ja nicht ändern. + +Teresa lächelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer Stimme, die vor +Rührung bebte. + +Sie bekannte, daß sie sich furchtbar gesehnt hätte, seit er abgereist war. +Sie könnte keinen Tag ohne ihn sein. Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand +ausdenken könnte, um bleiben zu können? + +»Teresa,« sagte er, »ich wäre ja ein Mann ohne Ehre. Bitte mich nicht!« + +»Ehrlos?« sagte sie mit schmeichelnder Stimme. »Wie kannst du so etwas +sagen? Du würdest ja nicht hier bleiben, weil du feig wärest, sondern weil +ich dich so liebe, daß ich dich nicht ziehen lassen kann.« + +Und sie lächelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war unerschütterlich. + +Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun zur Schlacht käme und die +Schwarzen zu schießen begännen? Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue +Band fortzunehmen? + +Nein, das wolle er nicht. Er dürfe es nicht. + +Überhaupt glaubte der Leutnant, daß sie im Grunde nur scherze. + +Nino sah, daß sie wie ermattet den Kopf sinken ließ. + +Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus ihrem Gesicht +verschwunden. Sie war so, wie sie am Vormittag gewesen war. + +Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erzählen, was sie von dem +fremden Lande und der Kriegsführung der Schwarzen gehört hatte. Sie sprach +von den Bergen und den Distelgewächsen und der Hungersnot. Als sie von den +Mauleseln erzählte, lachte er und sagte, das sei nicht wahr. + +Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den Weibern der Schoaner +verbrannt worden war. Ob er das wüßte, ja, ob er das wüßte? Und was für +eine Ehre wäre es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und sie schössen +alle Offiziere nieder, ob er das wüßte? Sie zielten auf die blauen Bänder +und schössen auf die Offiziere. + +»Ah, Teresa,« sagte er, »willst du mich erschrecken? Sind das Worte für +eine Römerin?« + +»Ja, ja, gerade für eine Römerin. Roms Frauen haben nie zugelassen, daß man +ihnen raube, was sie liebten.« Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen, +sie wüßte bestimmt, daß er fallen würde, wenn er jetzt reiste. Sie sehe ihn +tot vor sich. Sie sehe seinen Körper zerstückelt und blutig. Und nachdem +sie dies gesagt hatte, war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte +ihm ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die Knie und +bettelte, weinte, flehte. + +Er war sehr gerührt, aber auch befangen. Einen Augenblick sah er zu Nino +hin, gleichsam unschlüssig, was er beginnen solle. Nino zog seine Uhr +hervor. Ja, gewiß, das war das einzige, was er tun konnte: sagen, daß die +Zeit abgelaufen sei, und dann gehen. + +»Was willst du?« sagte er. »Was willst du, daß ich tun soll? Ich kann mich +nicht losmachen.« + +»Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist unrecht, zu reisen. +Die dort drüben verteidigen nur ihr Haus und Heim. Sage, daß du nicht gegen +sie kämpfen willst.« + +»Dann ist es um mich geschehen.« + +»Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um dafür zu sterben. Die Schwarzen +haben uns nichts getan. Laß sie in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land +nicht nehmen, warum sollen wir ihres rauben?« + +»Teresa,« sagte Leutnant Ugo, »sage mir jetzt mutig Lebewohl, wie eine +Römerin. Ich muß gehen.« + +»Du mußt?« + +»Ja.« + +»Nun, so geh!« + +»Teresa!« + +»Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken. Du bist tot für +mich.« + +Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden liegen. Sie sah ihn nicht +einmal an. Er strich über ihr blauschwarzes Haar. Sie rührte sich nicht. Er +seufzte tief, er wußte nicht, was er sagen oder tun solle, und ging +wirklich. + +Mit einem angstvollen Griff drückte er Ninos Hand. Es war, als vertraute er +ihm Teresa an. Abends gegen zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein +paar große Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine Menge Boote +warteten darauf, die Soldaten hinzubringen. Einige tausend Menschen standen +auf dem Kai, um die Abfahrt anzusehen. + +Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage! Früher im Winter +hatte man nicht genug jubeln können, als die Truppen an Bord geführt +wurden. Jetzt lag nichts als Düsterkeit über den Wartenden. Man hätte am +liebsten die Boote und die Dampfer versenkt, damit sie keinen Sohn Italiens +nach dem verfluchten Barbarenland führen könnten. Die Soldaten kamen so +still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik, keine Schüsse, +keine Hochrufe. Aber aus der wartenden Menge stieg ein dumpfes Murren der +Empörung auf, und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie möglich. +Man war nicht ganz sicher, daß das Volk nicht auf den Gedanken verfiele, +die Abfahrt zu verhindern. + +Teresa schien etwas Ähnliches zu hoffen. »Sie werden es nicht zulassen, +Nino,« sagte sie. »Alle diese Männer werden es nicht zulassen, daß man ihre +Söhne fortführt, damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.« + +Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde weggebracht, und die +Menge ließ es geschehen. Einige Menschen durchbrachen die Reihen der +Soldaten, aber nur um zu küssen und Abschied zu nehmen. Nino sah Leutnant +Ugo am Kai stehen und die Einschiffung überwachen. + +Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos Arm gehangen, jetzt aber +sah er sie unten am Landungsplatz. Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er +küßte sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung lösen. Es war die Reihe +an ihn gekommen, einzusteigen. + +Sie schien sich zurückzuziehen, aber da sah Nino etwas Blankes in ihrer +Hand leuchten. Sie schien den Leutnant noch einmal umarmen zu wollen. In +demselben Moment wankte dieser und schrie auf. + +Nino eilte hinunter. Er riß Teresa an sich. Er zog sie in den Volkshaufen, +in das heißeste Gedränge. + +»Stehe hier still.« + +Sie lachte beinahe irrsinnig. »Jetzt wird er nicht reisen, Nino,« sagte +sie. + +Nino packte sie am Handgelenk. »Schweig,« sagte er und drückte es so, daß +es schmerzte. + +»Meinethalben können die Gendarmen ...« + +Nino drückte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg. + +Das war ein Drängen, ein Hin- und Herstoßen. Nino blieb gelassen in dem +dichtesten Getümmel. Er versuchte nicht zu fliehen. + +»Recht so,« flüsterte ein Neapolitaner Nino zu. »Nur stillstehen, daß die +Gendarmen keinen Verdacht schöpfen. Kein Neapolitaner wird euch verraten.« + +Teresa begann plötzlich zu schluchzen. + +»Laß das sein,« sagte er, »du darfst nicht.« + +Und ihre Tränen versiegten. Sie stand stumm und still da, so lange Nino es +wollte. Er hatte sie ganz in seiner Gewalt. + +Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann nach der zu forschen, +die ihn verwundet hatte. Nino und Teresa hörten, wie man Fragen an die +Menge stellte. »Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?« + +Es war eine große Signorina -- nein, eine kleine. -- Hier hatte man sie +gesehen -- nein, hier. Sie hatte den Weg zur Station genommen -- nein, nach +Santa Lucia. Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach +links. + +Nino führte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten kühn nach Hause. +Er verließ sich darauf, daß Leutnant Ugo sie nicht angeben würde. + +In der Zeitung las er am nächsten Tag auch, daß der Leutnant erklärt habe, +er kenne die Frau nicht, die ihn verwundet hatte. + +Er war verwundet, aber nicht gefährlich. In der nächsten Woche kam ein +Brief von ihm an Teresa. + +Seit der Reise nach Neapel ließ sie sich in allem von Nino lenken und +leiten. Nun kam sie auch mit dem Briefe zu ihm. + +»Lies ihn, Nino,« bat sie. + +Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben. + +»Ist es aus, Nino?« fragte sie. + +Nino antwortete ja, so angstvoll, als verkünde er ihr ein Todesurteil. + +»Laß mich hören,« sagte sie und richtete sich auf. Nino las ihr vor, daß +Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. »All meine Liebe ist tot,« schrieb er, +»meine arme Liebe ist tot.« + +Sie zuckte verächtlich die Achseln. + +»Die Liebe eines Signor verträgt es wohl nicht, Blut zu sehen,« sagte sie. + +»Du, Teresa,« schrieb Leutnant Ugo, »du warst für mich des Vaterlandes +Stolz, du warst das wiedergeborene Rom, du warst das starke Weib der +Vorzeit. Du warst die, die die Römer einst zu Helden machen sollte, du +solltest Seelenstärke genug haben, uns hinauszuschicken, um die Welt zu +erobern. Vergib mir, daß ich mich täuschte. Nun weiß ich, daß die alten +Römerinnen tot sind, die Töchter des neuen Rom senden keinen Mann hinaus, +um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut, ihn zu hindern, seine Pflicht +zu tun.« + +Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. »Ich will nicht mehr hören,« sagte +sie. + +Nino schwieg. + +»Wenn ich es nicht getan hätte, Nino,« sagte sie, »wäre er jetzt tot. Ich +verstehe nicht, was er meint. Ich sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen. +Da läge er jetzt, wenn ich nicht gewesen wäre. Wie hätte ich ihn da ziehen +lassen können?« + +»Findest du auch, Nino, daß ich feige bin?« fragte sie. »Bin ich entartet? +Habe ich keinen Tropfen Römerblut in meinen Adern?« + +Nino sah zu ihr auf, wie sie da schön und stolz und trotzig vor ihm stand. +Er liebte sie so, wie er sie immer geliebt hatte, und er sah seine ganze +Zukunft vor sich. Sie würde nie heiraten, er würde sie nie verlassen +können, und sie würden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin, er +als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war, in der er beinahe Herrscher +gewesen war, die kehrte nicht zurück. Sie würde bald wieder die Zügel der +Gewalt an sich nehmen. + +»Sag mir, Nino,« fragte sie, »waren die Frauen des alten Rom wilde Tiere? +Gaben sie zu, daß man ihnen das raubte, was sie liebten?« + +Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue Italien von dem alten +unterschied, aber er schloß die Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte, +er war aufs neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete, wie sie +es wünschte, in ihren Adern fließe Römerblut, das edelste Römerblut. + + + + +Die Rache bleibt nicht aus + + +Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner einen Seite erhob sich +eine Reihe zackiger Küstenberge, an der andern ein gleichmäßig hoher Kamm, +den dichter Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und rings um sie +her war eine weite, offne Gegend, in der aller Wald ausgerodet war. + +Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang lag brennend hinter +den Küstenbergen. Leute, die den ganzen Tag drinnen in den Hütten +geschlafen hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und +spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer der vier Ecken der +Welt her Tanzmusik erschalle. Wem es glückte, einen einzigen Geigenton +aufzufangen, der machte sich davon über die schmalen, schneeigen Dorfwege +und kam dann wie von ungefähr dahergegangen, langsam und bedächtig, aber +die »Tanzhütte« als sichres Ziel im Sinn. + +So kam Gruppe auf Gruppe zur Tür Arilds, des Köhlers am Waldessaum, +hereingeglitten. Da fragte niemand danach, wer kam; der neue Gast stand ein +Weilchen unten an der Tür und gewöhnte die Augen an den Rauch, der sich +unter dem Rauchfange hervorwälzte und in das Zimmer qualmte, bis er den Weg +zu dem Loch im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ankömmling auch +ins Spiel. Der Reigentanz ging über den bloßen Erdboden, das Stroh war +weggetreten, die Ferkel hatte man von der Grube unter das Dachloch +geschafft, wo sie sich am liebsten aufhielten; großer Schwingraum war nicht +vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige, und der Tanz verlief +drinnen im Winterquartier ebensogut, wie er an einem Sommerabend über den +Waldeshang gegangen wäre. + +Arild hatte eine Frau, die Tora hieß; die pflegte sich immer in eine +dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum Tanze lud. Sie war menschenscheu +und schreckhaft, war fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand +in dem Rufe, mehr sehen zu können, als andre. + +An diesem Abend war sie ungewöhnlich vergnügt, sie versteckte sich nicht, +sondern saß vorn am Kamin, die Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig +Farbe in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie Wasser +waren, blickten lebendig, und sie bewegte die großen Hände, während sie +sprach. Wenn die Leute sie bemerkten, traten sie aus den Reihen der +Tanzenden und kamen heran, um sie zu begrüßen. + +Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie fest, bis sie das +erzählt hatte, was ihr heute morgen geschehen war. Es bereitete ihr +Verlegenheit, es herauszubringen, aber gleichzeitig war sie doch so stolz +darauf, daß sie es nicht verschweigen konnte. + +Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbeißen, wenn sie +erzählte, was sie gesehen und geträumt hatte. Nun sollte man sich aber +überzeugen, daß ihre prophetische Gabe etwas wert sei. + +Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr geträumt, daß ihre drei Ziegen +droben im dichten Wald in die Irre gingen. Sie hatte sie so jämmerlich +meckern hören, daß sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle +Ziegen in ihrer Hürde unten an der Tür, und sie hatte ja zuerst gedacht, +dies sei nur ein gewöhnlicher Traum. Aber dann war eine Unruhe über sie +gekommen: »Nein, nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,« hatte sie zu +sich selbst gesagt. + +Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider gehüllt, hatte das +Nebelhorn über die Schulter geworfen und war in den Wald hinaufgewandert. +Sie war vom Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes gegangen +und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu verirren. Sie lachte leise, +als sie das erzählte. Ob sie wüßten, was das wäre, im dichten Walde vom +Wege abzukommen? Grundloser Boden, der bei keiner Kälte zufröre, Gestrüpp, +das jeden leeren Raum zwischen den Stämmen ausfülle, Schneehaufen und +Wurzeln und stechende Dornen und umgestürzte Bäume, so sei es oben im Wald. + +»Aber dort oben fand ich drei wilde Böcke,« sagte sie. »Kommt und seht, was +ich dort fand.« Sie führte ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu +dem Bette hin, das mauerfest und durch Türen geschützt war. Sie öffnete die +Türe, leuchtete mit einem Kienspan hinein, und da sah man drinnen drei +Männer liegen. Sie waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren +sie, daß die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre Wangen warfen, aber +ihre Züge waren kühn und schön. Sie schliefen so fest, daß weder der Tanz, +noch Toras Vorzeigen sie wecken konnte. + +»Das sind meine drei wilden Böcke, die ich im Dickicht gefunden habe,« +sagte sie. »Es sind drei arme Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt +haben und dort acht Tage umhergewandert sind. Wäre ich nicht gekommen, so +wären sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe ich Essen für sie gekocht, und +jetzt schlafen sie. Seht, wie sie schlafen.« + +»Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten ließ, Tora,« sagten ihre Gäste. + +»Gott wollte, daß ich nicht allezeit zum Gespött sein sollte,« sagte das +Weib. + +So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit herankam, da wurde die +Freude unterbrochen. Die Tür wurde mit Macht aufgestoßen, und ein langer, +großer Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden, stellte sich +mitten in den Raum und erhob die Hand. + +Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den Tanz in der Sonntagsnacht +zu verbieten. Er hatte an diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren +Wänden gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest müßten alle Menschen +dahingerafft haben, aber nein, hier waren sie, hier in der Spielhütte waren +sie zu finden. Und der Pfarrer verkündigte Buße und Kirchenstrafe über sie +alle. + +Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt hören. Und er +sprach und zertrümmerte ihre Freude und schreckte sie mit dem furchtbaren +künftigen Leben, so daß sie vermeinten, niemals mehr den Fuß zum Tanze +heben zu können. + +»Tanzet nun, wenn es euch gelüstet,« sagte der Pfarrer, »tanzet nun, ihr +wißt jetzt, wohin ihr tanzet.« + +Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen verlegen da und +suchten sich tapfer zu halten, sie begannen aber bald leise zu schluchzen. +Ein Dirnlein, das eben noch am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie +und küßte die Hand des Pfarrers. + +Keiner wagte ihm zu widersprechen, außer Tora. Sie, der sonst immer bange +war, kam breit und ihrer Sache sicher heran. »Pfarrer,« sagte sie, »hier +haben wir jeden Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies +ein Haus Gottes. Du sollst hören, wie Gott heute seinen Segen über mich +ergossen hat.« + +»Du Hexe,« sagte der Pfarrer, »willst du schweigen! Was an Segen zu dir +kommt, das ist des Teufels Segen. Heute abend rede ich zu Menschen, die +sich bekehren und bessern können. Mit dir rechne ich ein andermal ab.« + +Damit ging der Pfarrer, und in der Hütte herrschte große Betrübnis. Arild +versuchte ein paar Striche auf der Geige, aber er legte sie gleich wieder +fort. Die meisten von denen, die getanzt hatten, gingen heim. + +Tora saß wieder am Herde, sie warf neue Scheite in die Glut und schien +ebenso froh wie zuvor. Einige, die sahen, daß sie den Mut nicht verloren +hatte, gingen auf sie zu und begannen, übel vom Pfarrer zu sprechen. + +»Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,« sagte ein Bauer. +»Früher, als er noch dem Papste zugehörte, durfte man sogar im Pfarrhof +tanzen.« + +»Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, weißt du, Tora,« sagte ein +andrer. + +»Tut er mir etwas, dann werde ich schon erzählen, wie er zu seinem Gelde +gekommen ist,« sagte Tora. + +Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erzählte sie: »Der Pfarrer, +Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er hatte einen Bruder, der ein +Großbauer und sehr reich war. + +Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof, der näher zur Kirche lag, +als sein eigner. Und sobald er in den Hof gekommen war, fing er an, nach +dem Gelde des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden. Er grub in +der Erde und riß die Kellermauer und die Küchenwand ein, um das Geld zu +finden, aber es wollte sich ihm nicht zeigen. + +Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in langen Gebeten zu Gott +darum flehte. Und Herr Ane wurde krank und verzweifelt vom Suchen und +Nichtfinden. + +In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus, weil er seinen Kummer +nicht verhehlte. >Hast du meines Bruders Geld gesehen?< konnte er den +ärmsten Bettler fragen. + +Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein armes Bettelweib, das von +Hof zu Hof zog, eines Abends in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr +Unterkunft für die Nacht zu gewähren. + +>Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen kannst, wo mein +Bruder sein Geld verwahrt hat,< sagte Herr Ane zu ihr. + +>Wenn ich das wüßte, Herr Ane,< sagte Mutter, >dann brauchte ich wohl nicht +auf der Landstraße umherzuziehen und mein Brot zu erbetteln.< + +Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er möge ihr Obdach +gewähren, denn es war nicht gut für sie, in ihrem hohen Alter draußen +unter freiem Himmel zu liegen. + +Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt hätte, müsse es sein +Bewenden haben, und sie könne kein Obdach bekommen, wenn sie ihm das Geld +nicht verschaffe. + +>Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach im Pfarrhof haben bis zu +meiner Todesstunde?< sagte Mutter. -- >Das sollst du,< sagte Herr Ane. + +Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was sie auf sich genommen +hatte, Herr Ane möge ihr große Linnenlaken geben, und in die hüllte sie +sich, als wäre sie eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm +Graberde und streute sie über sich, und dann ließ sie sich von Herrn Ane +die Kirchentür öffnen, und er folgte ihr in die Kirche und half ihr auf +einen Dachbalken. + +Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem Dache. Aber sie erduldete +alles mit fröhlichem Mute, in der Hoffnung, sich dadurch ein geschütztes +Alter zu erringen. + +Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es hell in der Kirche, und +ein paar Steine im Boden hoben sich, und einer der Toten kam herauf in die +Kirche. Es war ein großer, derber Mann, er ging mehrere Male um die Kirche +herum, da erblickte er meine Mutter. >Bist du tot?< sagte er zu ihr. Und +sie wagte nicht zu antworten. Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr +hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme: >Ja, ich bin tot.< +Und da ließ er sie sein. + +Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er ging nun wieder zu seinem +Grabe. Er holte daraus eine Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und +Mutter sagte, sie hätte gesehen, wie er die Gold- und Silbermünzen nahm und +mit ihnen spielte; er warf sie über sich, als sitze er im Bade und +bespritze sich mit Wasser. + +Aber als er sich satt gespielt hatte, schüttete er das Geld ins Grab +hinunter und stieg in seinen Sarg, und die Steine legten sich von selbst +wieder auf ihren Platz zurecht. + +Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken hängen, und dann kam der +Pfarrer, Herr Ane, und fragte, ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war +frisch und gesund. >Dann komm und iß einen Bissen,< sagte der Pfarrer. +>Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen für meine alten Tage,< +sagte Mutter. + +Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann ließ sie den Boden +über seines Bruders Grab aufbrechen und den Sarg herausheben. Und als sie +dies taten, war nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte: >Seht +nun nach, was noch in dem Grabe liegt,< da begann der Tote sich in seinem +Sarge hin und her zu wälzen. Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich +mit der Arbeit zu sputen. + +Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie hörte, wie der Tote +drinnen arbeitete. Und sie holten aus dem Grabe eine große Tonne voll Gold- +und Silbergeld. Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder unten im +Grabe hatten und der Kirchenboden über ihm geschlossen war. + +>Gib mir zu essen,< sagte meine Mutter dann zum Pfarrer, >ich habe jetzt +ein tüchtiges Stück Arbeit für dich getan.< + +Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben Tage bei sich, dann +hieß er sie wieder gehen. + +Als Mutter so von neuem auf die Straße geworfen war, verfluchte sie ihn und +sagte: >Das Geld, das ich dir verschafft habe, soll dein Unglück werden.< + +Und Mutter erzählte, der Pfarrer hätte ihr gesagt, er fürchte sich vor +nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben könne. + +>Die Rache bleibt nicht aus,< sagte Mutter. Das war Mutters Sprichwort, daß +die Rache nicht ausbleibe. + +Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,« fuhr Tora fort, »und nun heißt +er ihre Tochter eine Hexe. Er hätte die große Kiste neben seinem Bett nicht +so vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre,« fuhr Tora +fort und richtete sich auf. »Er könnte nicht dasitzen und Geld über sich +werfen und wälzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der Tote, wenn +meine Mutter ihm nicht geholfen hätte.« + +Als Tora dies sagte, hörte man ein leises Scharren. Es war nicht ganz nahe, +aber auch nicht weit weg. Niemand wußte, was es sein könnte. Es war, als +versuche jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen. + +»Wer schleift Messer in meinem Hause?« rief Tora plötzlich. + +Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespräch wieder in Fluß gekommen war, +begann es aufs neue zu knirschen und zu scharren. + +Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und sah hinein. Da lagen die +drei Wanderer ausgestreckt und schliefen, wie sie den ganzen Abend +geschlafen hatten. + +Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das Unwesen abermals. Jeder +hörte deutlich, wie Messer gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen +wurden. »Gott helfe uns, das ist ein Omen,« sagte Tora. »Möge uns nichts +Böses widerfahren, weil wir Übles vom Pfarrer gesprochen haben!« + +Aber am nächsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane, ermordet in seinem Bett, +und sein großer Geldschrein war verschwunden. Und es wurde allsogleich +bekannt, daß die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem Köhler gelegen +und ihre Müdigkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber des Mordes waren. + +Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erzählen hören, während sie dalagen +und taten, als schliefen sie. Und sie hatten sofort den Mord geplant und +sich daran gemacht, ihre Messer zu schleifen. + +Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes wie ein +Wahrspruch durch die Umgegend. »Die Rache bleibt nicht aus,« sagt man. +»Gott kann mit einer Sage fällen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die +Rache bleibt nicht aus.« + + + + +Die Geisterhand + + +Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte an der Glocke des +Doktors. Das erste Läuten hatte keinen Erfolg, aber als das zweite und +dritte Läuten verrieten, daß es unerschütterlicher Ernst war, kam Doktors +Karin durch die Küchentür, um zu sehen, was es gebe. Und als Karin eine +Weile unterhandelt hatte, mußte sie sich darein finden, den Doktor zu +wecken. Sie klopfte an die Schlafzimmertür. + +»Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor. Der Herr Doktor muß hin.« + +»Ist sie krank?« ertönte es von drinnen. + +»Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, daß sie etwas >gesehen< +hat.« + +»Ja, ich lasse grüßen und komme.« + +Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das Mägdegeschwätz über +seine Braut zu hören. + +Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben, dachte er, während er +sich ankleidete. Nun liegt doch das Haus mitten in der Stadt, nicht das +geringste Romantische daran. Ein ganz gewöhnliches, häßliches, altes Haus, +eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber der Geisterspuk nistet +sich dort fest. + +Wenn es noch in einem finstern Gäßchen läge oder ein wenig außerhalb der +Stadt in irgendeinem verwilderten Garten, wo unheimliche alte Bäume die +Fensterscheiben peitschten in solch einer stürmischen Winternacht! Aber es +hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und die Zuckerfabrik ganz +in der Nähe! Sollte man nicht glauben, daß die Zuckerfabrik mit allem +ihrem Rasseln und Kochen und den großen glühenden Dampfkesseln es dem +Gespenst unbehaglich machen müßte? Aber nein -- durchaus nicht. + +Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung verdienen. Es hatte +Energie, unglaubliche Energie und die Fähigkeit, sich im Bewußtsein der +Leute zu erhalten. Man gab wohl zu, daß es sich jetzt etwa zwanzig Jahre +nicht hatte sehen lassen, seit die Fräulein Burmann in die Geisterzimmer +gezogen waren. Aber hatte jemand es vergessen? Das zeigte sich ja jetzt: +bloß weil Ellen ganz plötzlich krank geworden war, mußte es gleich heißen, +sie hätte etwas gesehen. + +Daß sie sich vor etwas erschreckt hätte, ja, das war wohl nicht unmöglich. +Sie war wie prädestiniert, Gespenster zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben +mit den zwei nervösen, alten Tanten verbracht hatte. Und daß es ein +Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer gehört und geglaubt. Von +Kindheit auf war ihre Phantasie durch das alles aufgereizt. + +Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten gewesen war, hatte sie +ihm gleichsam triumphierend gesagt: »Hier ist das Geisterzimmer,« in einem +Ton, als zeige sie eine Familienkostbarkeit. + +»Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem Zimmer Karten zu +spielen.« + +»Ach, warum nicht?« + +»Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler macht, den +allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine Hand und legt sich neben ihm auf +den Spieltisch.« + +»Was für eine Hand?« + +»Eine alte, häßliche Hand mit schweren Diamantringen auf den krummen +Fingern und mit echten Spitzen ums Handgelenk.« + +»Nun und dann?« + +»Ja, man sieht nichts als die Hand.« + +»Aber woher kommt das?« + +»Das weiß niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.« + +Sie hatte das sehr keck erzählt; aber wer konnte wissen, wer konnte wissen? +Sie glaubte wohl an den Spuk. + +»So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die Tischkante +heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt. Hu, und dann weist sie mit +einem großen, gekrümmten Finger auf eine der Karten! Sie hat Nägel wie +Klauen, gekrümmt und spitzig.« + +Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl nicht. Sie hatte ja +gerade das Gespensterzimmer zu ihrem Zimmer erwählt ... + +Der Doktor jagte an der großen Zuckerfabrik vorüber, wo die Arbeit die +ganze Nacht fortging, und gelangte über die hohe Steintreppe in das Haus. + +Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken. Im Stiegenhaus +stand eine lange Gestalt, ganz in einen schwarzen Schal eingerollt. Tante +Malin war selbst heruntergekommen, um ihm die Stiege hinaufzuleuchten. + +»Wie geht es Ellen?« fragte der Doktor. + +»Wie gut von dir, daß du so rasch gekommen bist,« sagte Tante Malin. »Ich +weiß nicht, was sie hat. Du mußt kommen und selbst sehen.« + +Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war. Der Doktor bekam +erst jetzt den lebendigen Eindruck, daß wirklich Gefahr im Verzuge wäre. + +Ärgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen sollte, mit dem kleinen +Mädchen dort oben, das er sich zur Frau gewählt hatte! Er hatte in seinem +ganzen Leben keine gesehen, die ihm besser gepaßt hätte. Recht schön, und +keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten, und natürlich streng +erzogen, ans Heim gewöhnt, tüchtig im Häuslichen, friedfertig. + +Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante Malin wieder an ihn. + +»Wir erwachten mitten in der Nacht davon, daß sie so furchtbar schrie, und +wir haben sie seitdem nicht beruhigen können. Wir wußten uns keinen andern +Rat, als dich holen zu lassen.« + +Sie öffnete die Tür zu Ellens Zimmer, steckte den Kopf hinein und sagte, +daß er gekommen sei. Gleich darauf wurde er eingelassen. + +Drinnen war es so hell, daß er im ersten Augenblick kaum etwas sehen +konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht, was es in der Wohnung an +Lampen und Leuchtern gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar, daß +dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal gewesen war. + +Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und gerade da hatte die +Gespensterhand sich gezeigt. Das mußte einen Schrecken und einen Aufstand +gegeben haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um zu wissen, wie +sie ausgesehen haben mochten. + +Sie saß mitten im Zimmer in einem großen Lehnstuhl, sie hielt sich ganz +aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden Blicken um, war bleich, von +einer richtigen Totenfarbe, ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie bebte. + +Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer gerückt. Es war einer mit freien Füßen. +Kein Möbel stand in der Nähe, nichts konnte darunter verborgen liegen und +plötzlich hervorkriechen. + +Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt jetzt die Augen fest, +ganz fest auf den Schatten des Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke +des Kachelofens streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht, daß er +ihr irgendeinen häßlichen Streich spielen wolle. Sie zog die Röcke an sich, +wie um bereit zu sein, zu fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und +sich als etwas entpuppte, vielleicht als eine große Hand mit Fingern und +Klauen. Der Doktor rückte also in aller Eile eine Lampe hinüber, so daß ihr +Licht in die Ecke fiel. Sie sank wieder in den Stuhl. + +Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport ab wie Tante Malin. + +»Wir erwachten davon, daß sie schrie, als wäre sie wahnsinnig geworden, und +so ist sie dann die ganze Zeit gewesen. Sie will nur Licht haben, immer +mehr Licht. Was, glaubst du, kann das sein?« + +»Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken,« flüsterte der Doktor. + +So, nun waren ihre Blicke bemüht, sich hinter eine Gardine einzubohren. Er +ging einmal ums Zimmer. Es konnte ja möglich sein, daß er entdeckte, was +sie erschreckt hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes +Briefpapier. Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die Feder war ihr +aus der Hand gefallen und übers Papier gerollt. Ein Billett, das er ihr +spät abends geschickt hatte, um zu fragen, ob sie und die Tanten am +nächsten Tag einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben. + +Es war offenbar, daß sie sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, um ihm zu +antworten. Sie hatte eben »Mein gel ...« geschrieben. Dann war sie +erschrocken und hatte die Feder fallen lassen. + +Der Doktor fühlte, wie die Blicke der Tanten ihm folgten. Sie wunderten +sich wohl, daß er kein Wort zu Ellen sagte. Das erste, was er tun mußte, +war, alle aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als auch Tante +Berta und das Hausmädchen, damit sie den Schrecken nicht in ihr wach +erhielten. + +»Ich glaube, sie wird mir schon alles erzählen, wenn ich allein mit ihr +sprechen kann,« sagte er und hatte rasch das Zimmer ausgeräumt. + +Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie. + +Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann! Er hätte Ellen kaum +wiedererkannt. Ruhe, friedvolle Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens. +Er war davon bezaubert worden, daß er sie immer gleich ruhig fand: eine +förmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten zu behandeln. Sie sah kaum von +der Stickerei auf, wie sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal +gleichsam eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam, vermeinte er +eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im Lampenscheine am Arbeitstisch +sitzen zu sehen. Er hatte ein deutliches Bild des feinen Nackens und der +kleinen Hände empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie geschmückt. Darauf +hatte er um sie angehalten. + +Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte Wildheit. Gerade, was +er nicht wollte. Eine hysterische Frau! Ah, Gott behüte, Gott behüte! + +»Sag, Ellen, was hast du?« + +Sie antwortete nicht. + +»Mir mußt du es sagen, verstehst du?« sagte er ein bißchen streng. + +Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein Schimmer von Hoffnung +in ihnen auf. + +»Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.« + +Es war schade um ihre schönen, hellen Augen. Sie hatten auf dem, mit dem +sie gesprochen hatte, immer mit einem Schimmer geruht, so still wie der der +Sonne. Sie waren vielleicht glänzender jetzt. Aber das war ein Glanz, nach +dem er eigentlich gar nicht fragte. + +Sie kämpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den Unterkiefer nicht still +halten. Sie stopfte ein Taschentuch zwischen die Zähne, damit man nicht +hörte, wie sie aufeinanderschlugen. + +Endlich hörte er sie ein paar Worte sagen. Sie saß da und schlug mit der +einen Hand auf die andre und dachte laut. »Ich muß es ihm sagen. Ich muß, +ich muß. Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.« + +Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich herabgestimmt dabei. +Es glich am ehesten der Stimmung, die über einen kommt, wenn man im Frack +in einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen. Man fühlt, +wie man seine ganze Größe und Würde einbüßt. + +Sie gestand mit einem Male, daß sie ihn nicht lieb hätte. Sie hätte ihn +gern heiraten wollen, aber bloß um von daheim wegzukommen. + +Hätte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er hätte darüber lachen +können, wie dieses Kind sich nach einem Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten +besten. Sie war so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten +wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und wußten selbst +nicht, wie sie sie quälten. + +Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte gleichsam, er möchte +sie doch verstehen und für sie fühlen. Er wußte ja, wie die Tanten waren, +er hatte sie ja viele Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so +eigen, so voll fixer Ideen und Beängstigungen. Tante Malin erwartete immer +eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte immer, daß sie auf der Straße +überfahren werden würde. Er wußte, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen, +weiter bei ihnen bliebe, würde sie ebenso wunderlich werden. + +Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und sie hatte die Tanten +gebeten, fortgehen und arbeiten zu dürfen. Das hatten die natürlich nicht +erlauben wollen. Da könnte er doch begreifen, daß ihr nichts andres übrig +geblieben wäre, als zu heiraten. + +Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob sie bei einer +Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich nichts machte, nicht gefürchtet +hätte, ein noch ärgeres Leben führen zu müssen, als hier bei den Tanten. + +Ach nein, ärger könnte es wohl nie sein. Ein Mann wäre wenigstens manchmal +fort. Die Tanten wären den ganzen Tag zu Hause. + +Nun, da sie schon so offenherzig wäre -- ob es ihr nie in den Sinn gekommen +wäre, ihn lieb zu haben? Sie schüttelte den Kopf; das war etwas, was ganz +außerhalb des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu häßlich wäre? Nein; sie +schlug beteuernd die Augen auf. Ob er langweilig wäre? Sie machte eine +abwehrende Handbewegung. Was für ein Fehler also an ihm wäre? Er sei zu +kalt. Ja so, er war zu kalt. + +Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer. Das war doch +unglaublich, daß ein solches Kind da herumgegangen war und etwas Derartiges +zusammengebraut hatte. Hatte sich von ihm küssen lassen, ohne eine Spur von +Neigung für ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre Rolle gar nicht schlecht +gespielt. Er war der Betrogne gewesen. Und daß er so unsympathisch sein +sollte, daß ein junges Mädchen gar nicht daran denken könnte, ihm gut zu +sein ...! + +Aber natürlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes Leben geführt. Er +konnte schon begreifen, daß ihr viel daran gelegen hatte, sich zu +verheiraten. Das war ihr wohl wie eine Erlösung fürs ganze Leben gewesen. +Sie legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu zeigen. Es fiel ihr +gar nicht ein, daß sie ihn verletzte. Sie mußte wohl glauben, daß er +gepanzert sei, ganz eisenhart. + +Ihre Stimme erhob sich plötzlich zu einem Schrei. »Du weißt ja,« sagte sie, +»daß alle, die falsch spielen, in diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich +habe sie gesehen. Ich saß dort, dort.« Und sie wendete sich heftig zum +Schreibtisch. »Dort hab' ich sie gesehen.« + +»Glaubst du nicht, daß ich sie gesehen habe?« fuhr sie fort und bohrte ihre +Augen in ihn, als wolle sie die Wahrheit hervorzwingen. + +»Laß mich hören, wie es war,« sagte er beruhigend. + +»Ja, du weißt doch, daß du mir am Abend geschrieben hattest, und ich wollte +die Antwort schreiben, bevor ich mich niederlegte. Aber als ich mich an den +Schreibtisch setzte, wurde ich unruhig und saß lange da und dachte, denn +ich wußte nicht, wie ich die Überschrift schreiben sollte. Ich mußte ja +>geliebter< schreiben, aber das kam mir nicht recht vor. Es war das +erstemal, daß ich an dich schrieb. Ich fand, daß es schrecklich war, etwas +zu schreiben, was nicht wahr war -- aber schließlich schien es mir, daß ich +nicht weniger schreiben könnte.« + +»Ist ein so großer Unterschied zwischen dem, was man schreibt, und dem, was +man sagt?« + +»Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur ob ich deine Frau +werden wollte --« + +»Ah so!« + +»Aber da, in demselben Augenblick, in demselben Augenblick, als ich +begonnen hatte, das Wort zu schreiben, war die Hand da. Sie kam über die +Tischkante heraufgeglitten, und ich glaube, ich saß da und starrte sie ein +paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war. Ich schrie nicht gleich. +Ich konnte gleichsam nicht verstehen, daß es etwas Übernatürliches war. +Aber da legte sie sich über das Papier und zeigte mit den gekrümmten +Fingern auf das Wort da. + +Ich glaube, sie war froh, sie zitterte förmlich vor Freude. Es war, als +wolle sie die Buchstaben an sich scharren -- es war falsches Spiel. Da +wollte sie mit dabei sein. + +Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine große Spinne. Gerade +als hätte sie Eile. Es war so lange her, seit sie Anlaß gehabt hatte, +hervorzukommen. Nun mußte sie sich sputen. Sie griff förmlich nach der +Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja falsches Spiel. Da +wollte sie mit dabei sein. + +Ich schrie auf, als wäre es eine Schlange, und da verschwand sie, aber ich +weiß nicht, ob sie nicht noch hier ist. Ich glaube, ich fühle, daß sie sich +noch im Zimmer befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich war nahe +daran, zu sterben.« + +»Nein, sie darf nicht wiederkommen,« sagte er tröstend. + +»Ich weiß, daß ich eins tun muß,« sagte sie, »ich muß es tun, damit sie +nicht wiederkommt. Aber es ist so furchtbar hart.« + +Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre kalte, zitternde Hand +in die des Doktors und ließ den Ring zurück. Dann weinte sie in der +Bitterkeit der Entsagung. + +Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander und ließ +den Ring dazwischen hin und her gleiten. + +Es wäre nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu werden wie mit dem +andern, meinte er. Die Hand hatte gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein +wenig Rache verschafft. Er fühlte Sympathie für sie. + +Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, daß das Gewissen in der einen +oder andern Weise über sie kommt, wie sehr sie auch versuchen, es zu +betrügen. Es hat seine eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine +Braut alles aufs beste ausgeklügelt, um ein gutes Heim zu bekommen. Bloß +ein bißchen Heuchelei brauchte sie sich aufzuerlegen, und alles Glück der +Welt war ihr eigen. Und da kommt das Gewissen ganz still heran und gräbt +seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich alle Klugheit, alle +Berechnung in einem Augenblick in die Luft. + +Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, daß sie so ein ganzes Leben würde +weiterlügen können. Hatte wohl gesehen, wie es andern geglückt war. Aber da +stellt es sich heraus, daß sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt ein +Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen anzugehören. +Wenn man es am wenigsten erwartet, ist die Gewissenshalluzination da. + +Natürlich nimmt sie dann die Form an, die am nächsten zur Hand liegt. Es +war ja sonnenklar, daß das Gewissen in diesem Zimmer zu einer Geisterhand +werden mußte. + +Er saß noch immer da und spielte mit dem Ring und ließ ihn von einem Finger +zum andern gleiten. Er fühlte etwas andres als Zorn darüber, daß er sie +nicht hatte gewinnen können. Er war beinahe betrübt. Sie fing jetzt wohl +an, sich seiner zu erinnern, zu denken, daß ihm ein Unrecht widerfahren +sei, denn sie beugte sich hinab und küßte seine Hand. »Verzeih mir,« sagte +sie. + +Es war merkwürdig, wie weich sie war. Wenn sie sich darüber klar geworden +war, daß sie ein Unrecht getan hatte, wußte sie gar nicht, was sie alles +anfangen sollte, um es zu sühnen. Es hatte wirklich keinen Zweck, sie +länger zu quälen. Er brauchte ja nur gerade heraus zu sprechen, zu sagen, +daß er nicht viel besser gewesen war als sie. Räsonnement auf beiden +Seiten. Die eine hatte ein Heim, der andre eine Haushälterin gesucht. Es +würde sie beruhigen, das zu hören. + +Er wollte ihr sagen, daß es keine so bittre Enttäuschung für ihn hatte +werden können. Er war nicht so furchtbar verliebt gewesen, auch er nicht. + +Ja gewiß, er hatte ja keinen Anlaß, die Qual länger hinauszuziehen. Das +beste war, ein Ende zu machen. Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen +unverlobt zu erwachen. + +Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Tränen in die Augen. Es tat +ihm doch weh, sie zu verlieren. Und nun war es das, was er ihr sagte. + +Er begann damit, ihr unzusammenhängende Dinge zu sagen, daß sie ein +Gewissensmensch sei, daß sie der feineren Rasse von Nervenmenschen +angehöre, die gerade jetzt angefangen hätten, hier und dort aufzutauchen. +Sie sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen, was ihr in dieser +Nacht widerfahren sei, fiele es ihm schwer, auf sie zu verzichten. + +Sie sei frei, ja, natürlich, aber wenn sie einmal könne und wolle -- -- + +Er sah sie erstaunt an. Quälte sie das nicht? Nein, jetzt erst verschwand +die Starrheit aus ihren Zügen, und die Augen wurden ruhig. Sie saß mit +halbgeöffnetem Munde und lauschte -- + +Er sprach davon, wie er das Leben für sie hätte ordnen wollen, sprach +davon, wie er sich nach ihr gesehnt hätte. Er sprach ganz anders davon, als +er vor einer halben Stunde gesprochen hätte. Aber er sah es auch ganz +anders, jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel schöner, als er +es sich zugetraut hätte. Das Zusammenleben mit einem weichen, liebenswerten +Wesen, ja, gerade das Zusammenleben mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold +für seine Phantasie aus, und er sagte es ihr. + +Als er näher trat und ihr die Hand zum Abschied reichte, kamen ihm noch +einmal die Tränen in die Augen. Sie war so schön, gerade jetzt, die Farbe +entzündete sich wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerblühte +Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer Todesgefahr entronnen +ist. + +Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und zog seine Schlüsse so +rasch wie nie zuvor. + +Sie verstand sich natürlich selbst nicht, nicht im geringsten. Ah! Er +schöpfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit war fort. Ein jubelndes +Siegesgefühl durchblitzte ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er +sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht, daß er zeigte, daß +er sie lieb hatte. + +Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig wieder auf den +Ringfinger. »Keine Torheiten,« sagte er, als sie die Hand wegziehen wollte. + +»Aber,« sagte sie. »Ich weiß nicht, ich wage nicht --« + +»Ich wage es, ich,« sagte der Doktor, »ich war nie so, daß ich vor dem +Glück davongelaufen bin.« + +Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen Überrock und kam wieder herein, +um seine Zigarre anzuzünden. + +»Arme Kleine,« sagte er, während er ein paar Züge machte. »Bist jetzt wie +gebunden und gefesselt, mich zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch +die Hand dort und preßt dir das Leben aus.« + + * * * * * + +Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 2,525. + + + + + Anmerkungen zur Transkription: + + Seite 9: »bei Halvorson einzukaufen« wurde geändert in + »bei Halfvorson einzukaufen« + Seite 18: »»Laß ihn heulen!« sagte Halvorson« wurde geändert in + »»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson« + Seite 18: »Halvorson holt die Polizei« wurde geändert in + »Halfvorson holt die Polizei« + Seite 19: »durch das Halvorson« wurde geändert in »durch das Halfvorson« + Seite 21: nach »so ist es gemeint..« wurde ein Punkt ergänzt + Seite 31: »Aber als am Nachmittag alle Mäner« wurde geändert in + »Aber als am Nachmittag alle Männer« + Seite 32: »Die vier Mäner« wurde geändert in »Die vier Männer« + Seite 33: »in Frieden und Ordnun« wurde geändert in + »in Frieden und Ordnung« + Seite 61: »von dem lichten Abendhimmel« wurde geändert in + »vor dem lichten Abendhimmel« + Seite 103: »Gegend Abend« wurde geändert in »Gegen Abend« + Seite 147: »glichen den aller andern« wurde geändert in + »glichen denen aller andern« + Seite 214: vor »ob es sehr häßlich war« wurde ein Komma ergänzt + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE *** + +***** This file should be named 33041-8.txt or 33041-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/3/0/4/33041/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<h1>Unsichtbare Bande</h1> + +<p class="title big spaced">Erzählungen<br /> +von<br /> +Selma Lagerlöf</p> + +<p class="title">Deutsch von Marie Franzos</p> + +<div class="figcenter" style="width: 100px;"> +<img src="images/signet.png" width="100" height="100" alt="Verlags-Signet" title="" /> +</div> + +<hr style="width: 50%; margin-bottom: 0em" /> + +<p class="title spaced" style="margin-top: 0em">Leipzig / Hesse & Becker Verlag</p> + + +<p class="title big spaced" style="margin-bottom: 0em"><a name="inhalt" id="inhalt"></a>Inhalt</p> + +<table border="0" width="60%" summary="Inhaltsverzeichnis"> +<tr><td align="left"> </td><td align="right" style="font-size: smaller">Seite</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr1">Peter Nord und Frau Fastenzeit</a></td><td align="right">7</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr2">Die Legende vom Vogelnest</a></td><td align="right">57</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr3">Das Hünengrab</a></td><td align="right">67</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr4">Die Vogelfreien</a></td><td align="right">90</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr5">Reors Geschichte</a></td><td align="right">114</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr6">Waldemar Attertag brandschatzt Visby</a></td><td align="right">120</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr7">Mamsell Friederike</a></td><td align="right">126</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr8">Der Roman einer Fischersfrau</a></td><td align="right">136</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr9">Mutters Bild</a></td><td align="right">147</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr10">Ein gefallener König</a></td><td align="right">154</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr11">Ein Weihnachtsgast</a></td><td align="right">179</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr12">Onkel Ruben</a></td><td align="right">189</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr13">Das Flaumvögelchen</a></td><td align="right">199</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr14">Unter den Kletterrosen</a></td><td align="right">234</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr15">Die Grabschrift</a></td><td align="right">239</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr16">Römerblut</a></td><td align="right">251</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr17">Die Rache bleibt nicht aus</a></td><td align="right">269</td></tr> +<tr><td align="left"><a href="#nr18">Die Geisterhand</a></td><td align="right">277</td></tr> +</table> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_7" id="page_7"></a>7</span></p> +<h2><a name="nr1" id="nr1"></a><a href="#inhalt">Peter Nord und Frau Fastenzeit</a></h2> + +<h3>I</h3> + +<p>So traulich wie ein Heim steht das kleine Städtchen +vor mir. Es ist so klein, daß ich alle seine Winkel und +Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde gut Freund werden +und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer +über die Straße ging, wußte, bei welchem Fenster er +den Blick aufschlagen mußte, um ein schönes Gesicht +hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den Stadtpark +wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mußte, +um die Person zu treffen, die er treffen wollte.</p> + +<p>Auf die schönen Rosen im Nachbargarten war man +fast ebenso stolz, als wenn sie im eignen gestanden hätten. +Geschah etwas, was kleinlich oder gewöhnlich war, so +schämte man sich, als wäre es in der eignen Familie +passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer +Feuersbrunst oder einer Marktschlägerei, brüstete man +sich und sagte: „Seht nur, welches Gemeinwesen! Geschehen +solche Dinge anderswo? Welche wunderbare +Stadt!“</p> + +<p>Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich +nichts. Komme ich wieder einmal hin, so werde ich dieselben +Häuser und Kaufläden wiederfinden, die ich von +altersher kenne, dieselben Gruben im Steinpflaster werden +mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken, +dieselben rundgeschnittenen Fliedersträucher meinen bewundernden +Blick fesseln. Wieder werde ich sehen, wie +der alte Ratsherr, der die ganze Stadt regiert, mit elefantenschweren +Schritten die Straße hinabgewandert +kommt. Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefühl der +<span class="pagenum"><a name="page_8" id="page_8"></a>8</span>Sicherheit hat man nicht, wenn man dich so wandern +sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in +seinem Garten umhergehen und graben, während seine +wasserklaren Augen suchend starren, als wollten sie sagen: +„Alles, alles haben wir durchforscht, jetzt Erde, wollen +wir uns bis in dein Innerstes bohren.“</p> + +<p>Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine +runde Peter Nord. Ihr wißt doch, der kleine Wermländer, +der in Halfvorsons Kramladen stand, er, der die +Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und +seinen weißen Mäusen unterhielt. Von ihm ist eine ganze +Geschichte zu erzählen. Über alles und alle in der Stadt +gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so wunderliche +Dinge.</p> + +<p>Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er +war klein und rund, er war braunäugig und hatte ein +lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als Birkenlaub +im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein +Wermländer war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, +daß er aus einem andern Lande komme. Mit prächtigen +Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat ausgerüstet. +Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den +Fingern, flink mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu +ein Narr, gutmütig und hoch hinaus, gefällig und +streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, +er war nicht imstande, einem Bürgermeister größre Ehrfurcht +zu zeigen, als einem Bettler. Aber Herz hatte er, +verliebt war er jeden zweiten Tag, und die ganze Stadt +zog er ins Vertrauen.</p> + +<p>Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glücklich veranlagte +Kind in irgendeiner übernatürlichen Weise. Die +Kunden wurden bedient, während er die weißen Mäuse +fütterte. Geld wurde gewechselt und gezählt, während +er seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. +Und indes er den Kunden von seiner allerletzten +Verliebtheit erzählte, ließ er das Litermaß nicht aus den +<span class="pagenum"><a name="page_9" id="page_9"></a>9</span>Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte. +Und es machte den bewundernden Zuhörern +Spaß, zu sehen, wie er plötzlich über den Ladentisch sprang +und auf die Straße stürzte, wo er mit einem vorbeigehenden +Gassenjungen einen Strauß ausfocht, um dann +mit ruhiger Stirn in den Laden zurückzukehren und den +Knoten an einem Paket zu knüpfen oder ein Stück Stoff +fertig zu messen.</p> + +<p>War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen +Stadt wurde? Wir fühlten uns alle verpflichtet, bei +Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord hingekommen +war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter +Nord ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Käfig +mit den weißen Mäusen zeigte. Es war sehr spannend +und aufregend, die Mäuse zu zeigen, denn Halfvorson +hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.</p> + +<p>Da aber kamen mitten in dem heller werdenden +Februar ein paar trübe Tage mit nebligem Tauwetter. +Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er ließ +die weißen Mäuse ihren Drahtkäfig benagen, ohne sie +zu füttern. Er versah seine Obliegenheiten tadellos. Er +balgte sich nicht mit den Gassenjungen. Konnte Peter +Nord es vielleicht nicht vertragen, daß das Wetter umgeschlagen +hatte?</p> + +<p>Ach nein, die Sache war die, daß er einen Fünfzigkronenschein +oben auf einem der Wandbretter gefunden +hatte. Er hatte geglaubt, daß er mit einem Stoffballen +hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte +er ihn unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, +der damals unmodern war und nie von den Wandbrettern +heruntergenommen wurde.</p> + +<p>Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbändigen +Groll gegen Halfvorson, der ihm eine ganze Mäusefamilie +totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich rächen. +Noch sah er die weiße Mutter mitten unter ihren hilflosen +<span class="pagenum"><a name="page_10" id="page_10"></a>10</span>Jungen vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch +gemacht zu fliehen, sondern war in unerschütterlichem +Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte +den herzlosen Mörder aus roten brennenden Augen angestarrt. +Verdiente dieser nicht auch eine angstvolle +Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er totenbleich aus +dem Kontor stürzte und nach dem Fünfzigkronenschein +suchte. Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren +Augen sehen, die er in den granatroten der weißen Maus +erblickt hatte. Der Krämer sollte nur suchen, er sollte den +ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote +finden ließ.</p> + +<p>Aber der Fünfzigkronenschein blieb den ganzen Tag +in seinem Versteck liegen, ohne daß jemand danach fragte. +Er war ganz neu, bunt und leuchtend und hatte die Zahl +Fünfzig groß in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im +Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte +zu dem Kattunballen hinauf. Dann zog er den +Fünfzigkronenschein hervor, entfaltete ihn und bewunderte +seine Schönheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte +er Angst bekommen, daß dem Fünfzigkronenschein etwas +zugestoßen sei. Dann tat er, als suchte er etwas auf +dem Wandbrett und tastete unter dem Kattunballen herum, +bis er den glatten Schein unter seinen Fingern +rascheln fühlte.</p> + +<p>Dieser Schein hatte mit einem Male eine übernatürliche +Gewalt über ihn erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges +darin war? Die von breiten Ringen umgebenen Zahlen +waren wie saugende Augen. Der Knabe küßte sie alle +und flüsterte. „Solche wie du möchte ich viele haben, +furchtbar viele.“</p> + +<p>Er begann sich allerlei Gedanken über den Schein zu +machen, und darüber, daß Halfvorson nicht danach fragte. +Vielleicht gehörte er gar nicht Halfvorson? Vielleicht +lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er überhaupt +keinen Besitzer mehr?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_11" id="page_11"></a>11</span>Gedanken sind ansteckend. – Beim Abendbrot hatte +Halfvorson angefangen, von Geld und Geldmenschen zu +sprechen. Er erzählte Peter Nord von allen den armen +Jungen, die Reichtümer gesammelt hatten. Er begann +mit Whittington und schloß mit Astor und Jay Gould. +Halfvorson kannte ihre ganze Geschichte, er wußte, wie +sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und gewagt +hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. +Er durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er +begleitete sie bei ihren Erfolgen, er jubelte bei ihrem +Sieg. Peter Nord hörte ganz gespannt zu.</p> + +<p>Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein +Hindernis für ein Gespräch, denn er las einem alles, +was man sagte, von den Lippen ab. Hingegen konnte +er seine eigne Stimme nicht hören. Die rollte darum so +wunderlich eintönig dahin, wie das Tosen eines fernen +Wasserfalls. Aber diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte +es, daß alles, was er sagte, einem im Ohr nachhallte, +so daß man es viele Tage nicht abschütteln konnte. +Armer Peter Nord!</p> + +<p>„Was unumgänglich notwendig ist, um reich zu werden,“ +sagte Halfvorson, „das ist der Heckepfennig. Aber +den kann man nicht verdienen. Merke dir, den haben +alle auf der Straße gefunden, oder zwischen dem Futter +und dem Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion +gekauft haben, oder sie haben ihn im Spiel gewonnen, +oder von einer schönen und barmherzigen Dame +als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze +dieser gesegneten Münze waren, ist ihnen alles geglückt. +Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie aus einer +Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der +Heckepfennig.“</p> + +<p>Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und +dumpfer. Der junge Peter Nord saß wie betäubt da +und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Eßtisches +stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem +<span class="pagenum"><a name="page_12" id="page_12"></a>12</span>Fußboden wogte es weiß von Silber, und die wirren +Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in +Bankscheine, groß wie Tischtücher. Aber gerade vor seinen +Augen flatterte die Zahl Fünfzig, von breiten Ringen +umgeben, und lockte ihn wie die schönsten Augen. „Wer +weiß,“ lächelten die Augen, „vielleicht ist der Fünfzigkronenschein +droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?“</p> + +<p>„Merke nun wohl,“ sagte Halfvorson, „nächst dem +Heckepfennig sind noch zwei Dinge für den notwendig, +der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte Arbeit, Peter +Nord, heißt das eine Ding; und das andre heißt Verzicht. +Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und +Lachen, auf den Morgenschlummer und den Abendspaziergang. +Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge sind notwendig +für den, der das Glück erobern will. Arbeit heißt das +eine, und das andre Verzicht.“</p> + +<p>Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich +wollte er reich, freilich wollte er glücklich werden, +aber das Glück sollte nicht so ängstlich kommen, nicht +so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie sich +einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade +mit den Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame +ihre Sänfte an der Ladentür halten lassen und dem +Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten. Aber +jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen +Ohren. Sein ganzes Hirn ward davon erfüllt. Er glaubte +nichts andres, wußte nichts andres. Arbeit und Verzicht, +Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des Lebens +Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, +daß er sich je etwas andres gewünscht hatte.</p> + +<p>Am nächsten Tage getraute er sich gar nicht, den +Fünfzigkronenschein zu küssen, er wagte es nicht einmal, +ihn anzusehen. Er war still und gedrückt, ordentlich und +fleißig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos, daß +jeder merken konnte, daß etwas mit ihm los sein mußte. +<span class="pagenum"><a name="page_13" id="page_13"></a>13</span>Der alte Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und +tat, was er konnte, um ihn zu trösten.</p> + +<p>„Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?“ +fragte der Alte. „So, so, nein? Ja, dann will ich dich +einladen, Peter Nord. Und laß mich sehen, daß du hinkommst, +sonst erzähle ich Halfvorson, wo du deinen +Mäusekäfig hast.“</p> + +<p>Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu +gehen.</p> + +<p>Fastnachtsball, man denke, daß Peter Nord auf den +Fastnachtsball sollte. Peter Nord sollte alle schönen +Damen der Stadt sehen, fein, weiß gekleidet, blumengeschmückt. +Aber Peter Nord durfte natürlich mit keiner +einzigen von ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. +Er war nicht in der Laune zu tanzen.</p> + +<p>Auf dem Balle lehnte er in einer Tür und machte nicht +einen Schritt zum Tanze. Einige hatten ihn zu überreden +versucht, aber er war standhaft gewesen und hatte nein +gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Auch würde keine +von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er +war allzu gering für sie.</p> + +<p>Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen +zu funkeln und zu leuchten, und er fühlte, wie die Freude +durch alle Glieder zuckte. Es kam von der Tanzmusik, +es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schönen +Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen +schon war er so strahlend froh, daß, wenn Freude Feuer +wäre, die Flammen lichterloh um ihn aufgelodert wären. +Und wenn die Liebe es wäre, wie so viele behaupten, +dann wäre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war +immer in irgendein schönes Mädchen verliebt, aber bis +jetzt immer nur in eine zugleich. Doch als er jetzt alle +diese schönen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht +mehr eine einzige Flamme das sechzehnjährige Herz, sondern +es war ein ganzer Waldbrand.</p> + +<p>Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die +<span class="pagenum"><a name="page_14" id="page_14"></a>14</span>nichts weniger als Ballschuhe waren. Aber wie hätte er +mit den breiten Absätzen den Takt stampfen und sich +auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In +seinem Innern war etwas, was an ihm riß und zerrte, +ihn wie einen geschlagnen Ball in den Tanzsaal schleudern +wollte. Er widerstand noch ein Weilchen, obgleich +die Bewegung in ihm immer stärker wurde, je weiter +die Nacht fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und +lebenswarm. Heißa, er war nicht mehr der arme Peter +Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer +aufpeitscht und den Wald umreißt.</p> + +<p>Ganz plötzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da +geriet der Bauernjunge ganz außer sich. Er fand, daß +diese wie seine eigne Wermländer Polka klang.</p> + +<p>In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle +feinen Herrenmanieren waren von ihm abgeglitten. Er +war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern daheim +in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging +mit krummen Knien und zog den Kopf zwischen die +Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er einer Dame +den Arm um den Leib und riß sie mit sich. Und dann +begann er Polka zu tanzen. Das Mädchen folgte ihm +halb widerwillig, beinahe geschleift. Sie war nicht im +Takt, sie wußte gar nicht, was dies für ein Tanz war. +Aber plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis +des Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, +hob sie empor, sie hatte Flügel an den Füßen, sie wurde +so leicht wie Luft. Es war ihr, als flöge sie dahin. +Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. +Sie verwandelt die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos +schweben sie auf zolldicken Sohlen über ungehobelte +Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie das +Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, +gleitend. Ihre edlen, maßvollen Bewegungen befreien +die Körper, so daß sie sich leicht, elastisch schwebend +fühlen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_15" id="page_15"></a>15</span>Während Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, +wurde es still im Ballsaal. Anfangs lachte man, aber +allmählich dämmerte es allen auf, daß dies Tanz war, +dieses Dahinschweben in gleichmäßigen raschen Wirbeln, +ja wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.</p> + +<p>Plötzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, +daß rings um ihn eine wunderliche Stille herrschte. +Er blieb plötzlich stehen und fuhr sich mit der Hand +über die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine +laubgeschmückten Wände, keine hellblaue Sommernacht, +keine muntre Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu +erblicken, in die er jetzt schaute. Er schämte sich und +wollte sich fortschleichen.</p> + +<p>Aber schon war er umringt und bestürmt. Die jungen +Damen drängten sich um den Ladenjungen und riefen: +„Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!“</p> + +<p>Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie +lernen. Der Ball kam ganz aus dem Geleise und war +jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten, daß sie bisher +gar nicht gewußt hätten, was tanzen heiße. Und +Peter Nord ward ein großer Mann an diesem Abend.</p> + +<p>Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie +waren über die Maßen freundlich gegen ihn. Er war ja +nur ein Junge und übrigens solch ein fröhlicher Tollkopf. +Man konnte nicht anders als ihn verziehen.</p> + +<p>Da fühlte Peter Nord, daß dies das Glück war. Der +Günstling der Damen zu sein, es wagen, mit ihnen zu +sprechen, sich mitten in dem strahlenden Lichte zu bewegen, +gefeiert und verhätschelt zu werden, ja gewiß, +das war das Glück.</p> + +<p>Und als der Ball zu Ende war, war er zu glücklich, +um selbst darüber betrübt zu sein. Er hatte das Bedürfnis, +heimzukommen, um in Ruhe alles das zu überdenken, +was ihm an diesem Abend widerfahren war.</p> + +<p>Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte +im Hause, die im Kontor arbeitete. Sie war arm und +<span class="pagenum"><a name="page_16" id="page_16"></a>16</span>von Halfvorson abhängig, aber sie benahm sich recht hochmütig +gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele +Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und +wurde in Familien eingeladen, in die Halfvorson nie +kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen zusammen +von dem Balle nach Hause.</p> + +<p>„Wissen Sie, Nord,“ fragte Edith Halfvorson, „daß +Halfvorson wegen verbotnen Branntweinhandels angeklagt +werden wird? Sie könnten mir wirklich sagen, +Nord, wie es sich mit dieser Sache verhält.“</p> + +<p>„Ach, das ist gar nicht der Mühe wert, solch ein Aufhebens +davon zu machen,“ sagte Peter Nord.</p> + +<p>Edith seufzte. „Natürlich wird etwas daran sein. Und +dann gibt es Prozeß und Geldstrafen und Schande ohne +Ende. Ich möchte so gerne wissen, wie die Sache steht.“</p> + +<p>„Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,“ sagte Peter +Nord.</p> + +<p>„Sehen Sie, Nord, ich will in die Höhe kommen,“ +fuhr Edith fort, „und Halfvorson mit hinaufziehen, aber +er plumpst mir immer wieder hinunter. Ganz unversehens +tut er etwas, was auch mich unmöglich macht. Ich +sehe ihm jetzt an, daß er etwas im Schilde führt. Wissen +Sie nicht, Peter, was es ist? Es wäre gut, es zu wissen.“</p> + +<p>„Nein,“ sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte +er sagen. War es menschlich, mit ihm, der von seinem +ersten Balle kam, von derlei zu sprechen?</p> + +<p>Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag für +den Ladenjungen. Da saß Peter Nord von heute und ging +mit Peter Nord von gestern ins Gericht. Wie blaß und +feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hören, was er war. +Ein Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? +Von Rechts wegen sollte er eine Tracht Prügel +haben. Ja, das sollte er.</p> + +<p>Gott sei gedankt und gelobt, daß er ihn auf den Ball +geführt und seinen Sinn geändert hatte. Pfui, wie häßlich +es in ihm ausgesehen hatte, aber jetzt war alles anders. +<span class="pagenum"><a name="page_17" id="page_17"></a>17</span>Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm +Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert +wäre wie eine weiße Maus, wenn man dabei nicht vergnügt +sein durfte! Er klaschte in die Hände und rief jubelnd: +„Frei, frei, frei!“ Nicht die leiseste Sehnsucht, +den Fünfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner +Seele. Wie gut war es doch, glücklich zu sein.</p> + +<p>Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson +zeitig am nächsten Morgen die fünfzig Kronen +zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, daß der Krämer +am nächsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den +Schein suchen und ihn finden könnte. Dann würde er +wohl glauben, daß Peter Nord ihn versteckt hatte, um +ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. +Er versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber +es gelang ihm nicht. Er konnte nicht einschlafen. Da stand +er auf, schlich sich leise in den Laden und tastete nach dem +Fünfzigkronenschein. Dann schlummerte er süß ein mit +der Banknote unter dem Kopfkissen.</p> + +<p>Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein +fiel ihm blendend in die Augen, eine Hand griff +suchend unter sein Kopfkissen und eine grollende Stimme +zankte und fluchte.</p> + +<p>Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson +schon die Banknote in der Hand und zeigte sie zwei Frauen, +die in der Tür zum Verschlage standen. „Seht ihr, +daß ich recht hatte,“ sagte Halfvorson, „seht ihr, daß +es der Mühe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen +mitzunehmen. Seht ihr, daß er ein Dieb ist!“</p> + +<p>„Nein, nein, nein,“ schrie der arme Peter Nord. „Ich +wollte nicht fehlen. Ich habe den Schein ja <span class="spaced">nur</span> aufgehoben.“</p> + +<p>Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen standen +mit dem Rücken zum Verschlage, wie fest entschlossen, +weder zu hören noch zu sehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_18" id="page_18"></a>18</span>Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit +einem Male jämmerlich schwach und klein aus. Seine +Tränen strömten. Er jammerte laut.</p> + +<p>„Onkel,“ sagte Edith, „er heult.“</p> + +<p>„Laß ihn heulen!“ sagte Halfvorson, „laß ihn nur +heulen!“ Und er trat näher und sah den Knaben an. +„Kann mir schon denken, daß du heulst, mein Lieber,“ +sagte er. „Aber das verfängt bei mir nicht.“</p> + +<p>„Oh, oh!“ rief Peter Nord, „ich bin kein Dieb. Ich +habe den Schein nur zum Spaß versteckt – um Sie zu +ärgern. Ich wollte Sie wegen der Mäuse strafen. Ich +bin kein Dieb. Kann niemand mich hören? Ich bin kein +Dieb.“</p> + +<p>„Onkel,“ sagte Edith, „hast du ihn jetzt genug gequält, +können wir vielleicht gehen und uns niederlegen?“</p> + +<p>„Ich kann mir schon denken, daß sich das greulich anhört,“ +sagte Halfvorson, „aber da läßt sich nichts machen.“ +Er war ganz munter, förmlich ausgelassen. „Ich +habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,“ sagte +er zu dem Knaben. „Immer hattest du irgend etwas +wegzustecken, wenn ich in den Laden kam. Aber jetzt +bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen dich, und +jetzt hole ich die Polizei.“</p> + +<p>Der Junge stieß einen gellenden Schrei aus. „Kann +mir denn niemand helfen, kann mir denn niemand helfen?“ +rief er. Aber nun war Halfvorson schon verschwunden, +und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf +ihn zu.</p> + +<p>„Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter +Nord! Halfvorson holt die Polizei und indessen kannst +du dich davonmachen. Das Fräulein geht wohl in die +Küche und packt dir ein bißchen Proviant ein. Ich will +unterdessen deine Sachen zusammensuchen.“</p> + +<p>Das furchtbare Weinen hörte sogleich auf. Nach einem +kleinen Weilchen war der Junge fertig. Er küßte den +<span class="pagenum"><a name="page_19" id="page_19"></a>19</span>beiden Frauen die Hand, demütig wie ein geschlagner +Hund. Und dann eilte er fort.</p> + +<p>Sie blieben in der Tür stehen und sahen ihm nach. +Als er verschwunden war, seufzten sie erleichtert auf.</p> + +<p>„Was wird Halfvorson jetzt sagen?“ sagte Edith.</p> + +<p>„Er wird ganz froh sein,“ antwortete die Haushälterin. +„Er hat das Geld dem Knaben absichtlich hingelegt, +glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.“</p> + +<p>„Warum denn? Der Junge war doch der beste, den +wir seit Jahr und Tag im Laden gehabt haben.“</p> + +<p>„Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht +zum Zeugen haben.“</p> + +<p>Edith stand stumm da und atmete heftig. „Wie gemein, +wie gemein,“ murmelte sie. Sie ballte die Fäuste +gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch in der +Tür, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. +Sie hatte selber nicht übel Lust, von all dieser Niedrigkeit +fort in die Welt zu fliehen.</p> + +<p>Ganz rückwärts im Laden hörte sie ein Geräusch. +Sie lauschte, trat näher, ging dem Tone nach und fand +endlich hinter einer Heringstonne den Käfig mit Peter +Nords weißen Mäusen.</p> + +<p>Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und +öffnete das Türchen. Maus um Maus eilte heraus und +verschwand hinter Kisten und Tonnen.</p> + +<p>„Möget ihr gedeihen und euch vermehren,“ sagte +Edith, „laßt mich sehen, daß ihr Schaden anrichtet und +euern Herrn rächt.“</p> + + +<h3>II</h3> + +<p>Freundlich und zufrieden lag das kleine Städtchen +unter seinem roten Berg da. Es war so in Grün eingebettet, +daß der Kirchturm noch gerade daraus hervorragte. +Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen +<span class="pagenum"><a name="page_20" id="page_20"></a>20</span>die Anhöhen hinan, und wenn sie nach dieser +Richtung nicht weiter konnten, stürzten sie sich mit Sträuchern +und Bäumen quer über die Straße und breiteten +sich zwischen den zerstreuten Häusern und dem schmalen +Erdstreif darunter aus, bis der breite Fluß ihnen Halt +gebot.</p> + +<p>In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein +Mensch war zu sehen, nur Bäume und Sträucher und hie +und da ein Haus. Das einzige Geräusch, das man hörte, +war das Rollen der Kugel über die Kegelbahn, und das +klang wie ferner Donner an einem Sommertag. Es gehörte +mit zu der Stille.</p> + +<p>Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des +Marktes unter genagelten Absätzen. Der Laut grober +Stimmen schlug an die Wand des Rathauses und der +Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die +lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die Vormittagsruhe.</p> + +<p>Ach, die süße Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie +erschraken sie! Man konnte förmlich sehen, wie sie die +Bergpfade hinaufflüchteten.</p> + +<p>Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, +war Peter Nord, der Junge aus Wermland, der vor sechs +Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der Stadt geflohen +war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der +großen Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt +lag.</p> + +<p>Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut +war es ihm ergangen. Er hatte den allervernünftigsten +Freund und Begleiter gefunden.</p> + +<p>Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen +aus dem Städtchen fortlief, da sangen und klangen +die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von ihnen +war hartnäckiger als alle andern.</p> + +<p>Es war die, die sie alle beim großen Rundtanz gesungen +hatten:</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_21" id="page_21"></a>21</span></p> +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nun ist es wieder Weihnachtsfest,<br /></span> +<span class="i0">Ja, ja, Weihnachtsfest.<br /></span> +<span class="i0">Und dann ist Ostern nicht mehr weit,<br /></span> +<span class="i0">Doch leider, leider ists nicht so,<br /></span> +<span class="i0">Nein, nein, ists nicht so,<br /></span> +<span class="i0">Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.<br /></span> +</div></div> + +<p>Das hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. +Und damit drang die Weisheit, die in dem alten +Reigen verborgen liegt, in den kleinen genußsüchtigen +Wermländerjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte +sich mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark +ein. So ist es, so ist es gemeint … Zwischen Weihnachten +und Ostern, zwischen den Festen der Geburt und des +Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben +soll man nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. +Man darf ihm nie glauben, wie es sich auch verstellen +mag. Im nächsten Augenblick ist es wieder grau +und häßlich. Kann nichts dafür, das arme Ding, versteht +es nicht besser!</p> + +<p>Und Peter Nord war beinahe stolz, daß er dem Leben +sein tiefstes Geheimnis abgelauscht hatte.</p> + +<p>Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in +Bettlergestalt, die Aschenrute in der Hand, über die Erde +schleichen zu sehen. Und er hörte, wie sie ihn anknurrte: +„Du wolltest das Fest der Freude und der fröhlichen +Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben +nennt. Darum soll Schimpf und Schande dein Los sein, +bis du dich besserst.“</p> + +<p>Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte +ihn beschützt. Er hatte nicht weiter als bis in die große +Handelsstadt fliehen müssen, denn er wurde gar nicht +verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau Fastenzeit +ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in +einer Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde +ernst und sparsam. Er hatte schmucke Sonntagskleider, er +erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich Bücher aus +<span class="pagenum"><a name="page_22" id="page_22"></a>22</span>und ging zu Vorträgen. Eigentlich war von dem kleinen +Peter Nord nichts mehr übrig als das flachsblonde Haar +und die braunen Augen.</p> + +<p>Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die +schwere Arbeit in der Fabrik machte den Riß immer +größer, so daß der närrische Wermländer dadurch ganz +herausschlüpfen konnte. Er schwätzte kein dummes Zeug +mehr, denn in der Fabrik war das Sprechen verboten, +und dadurch gewöhnte er sich das Schweigen an. Er +machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst +Federn und Räder zu bedienen hatte, machten sie ihm +keinen Spaß mehr. Er verliebte sich nicht, denn die +Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn nicht mehr fesseln, +seit er die Schönheiten des Städtchens kennen gelernt +hatte. Er hatte keine Mäuse, keine Eichhörnchen +mehr und nichts, womit er spielen konnte. Er hatte keine +Zeit, er sah ein, daß derlei nur unnütz war, und er +dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit +Gassenjungen gebalgt hatte.</p> + +<p>Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders sein +könnte als grau, grau, grau. Peter Nord langweilte sich +immer, aber er war selbst so sehr daran gewöhnt, daß er +es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst, +weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine +Einkehr von der Nacht, da der Frohsinn ihn verließ und +Frau Fastenzeit seine Begleiterin und Freundin ward.</p> + +<p>Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten +an einem Arbeitstag in das Städtchen kommen, begleitet +von drei Strolchen, die schmutzig und versoffen +aussahen?</p> + +<p>Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der +arme Peter Nord. Und diesen drei Strolchen hatte er +immer zu helfen versucht, so gut er es konnte, obwohl +er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende +Baracke gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er +hatte ihre Kleider gestopft und geflickt. Diese Kerle hielten +<span class="pagenum"><a name="page_23" id="page_23"></a>23</span>wie Brüder zusammen, hauptsächlich weil sie alle +drei Peter hießen. Dieser Name vereinte sie fester, als +wenn sie wirklich Geschwister gewesen wären. Und nun +litten sie es um dieses Namens willen, daß der Knabe +ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am +Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen +auf den Holzstühlen einnahmen, warteten sie +ihm, der dasaß und die grinsenden Löcher ihrer Strümpfe +stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lügen auf. +Das schien Peter Nord Vergnügen zu machen, obgleich +er es nicht zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt für +ihn beinahe dasselbe, was einstmals in der Welt die +Mäuse gewesen waren.</p> + +<p>Nun geschah es, daß diesen Strolchen allerlei Klatsch +aus der kleinen Stadt zu Ohren kam. Und nun nach +sechs Jahren brachten sie Peter Nord die Nachricht, +daß Halfvorson ihm die fünfzig Kronen absichtlich hingelegt +hatte, um ihn als Zeugen unmöglich zu machen. +Und ihre Meinung war, daß Peter in das Städtchen +ziehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben sollte.</p> + +<p>Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit +der Weisheit dieser Welt ausgerüstet. Er wollte sich +durchaus nicht auf so etwas einlassen.</p> + +<p>Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen +Arbeiterviertel. Alle Leute sagten zu Peter Nord: „Geh +hin und prügle Halfvorson durch, dann wirst du ins +Loch gesteckt, und es gibt einen Prozeß und die Sache +kommt in die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen +Lande blamiert.“</p> + +<p>Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht +vergnüglich sein, aber Rache ist ein teurer Spaß, und +Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das Leben +gestattet solche Belustigungen nicht.</p> + +<p>Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller +Frühe zu ihm gekommen und hatten gesagt, jetzt wollten +<span class="pagenum"><a name="page_24" id="page_24"></a>24</span>sie an seiner Statt gehen und Halfvorson durchbläuen, +denn „Recht müsse Recht bleiben“, sagten sie.</p> + +<p>Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, +wenn sie auch nur einen Schritt nach dem +Städtchen gingen.</p> + +<p>Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt +war und der lange Peter hieß, Peter Nord eine Rede.</p> + +<p>„Diese Erde,“ sagte er, „ist ein Apfel, der an einem +Faden über einem Feuer hängt, um gebraten zu werden. +Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter Nord. Und +der Apfel muß nahe am Feuer hängen, um süß und +weich zu werden, aber wenn der Faden reißt und der +Apfel in das Feuer fällt, so ist er verdorben. Darum +ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. +Weißt du, was mit dem Faden gemeint ist?“</p> + +<p>„Ich denke, es muß ein Drahtseil sein,“ sagte Peter +Nord.</p> + +<p>„Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,“ sagte +der lange Peter mit düsterm Ernst. „Wenn auf der +Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt alles in das +Feuer. Darum darf sich der Rächer der Pflicht zu strafen +nicht entziehen, oder, wenn er nicht will, müssen +andre gehen.“</p> + +<p>„Es ist das letzte Mal, daß ich euch einen Grog spendiert +habe,“ sagte Peter Nord, gänzlich unberührt von +der Rede.</p> + +<p>„Ja, da hilft nichts,“ sagte der lange Peter, „Gerechtigkeit +muß sein.“</p> + +<p>„Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern +damit der ehrliche Name Peter nicht in Verruf +kommt,“ sagte der eine, der Rollpeter hieß und lang +und mürrisch war.</p> + +<p>„So, so, ist der Name so hochgeachtet?“ sagte Peter +Nord wegwerfend.</p> + +<p>„Ja, und es ist eine kitzlige Sache, daß sie nun +überall in den Gasthäusern sagen, du hättest die fünfzig +<span class="pagenum"><a name="page_25" id="page_25"></a>25</span>Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun nicht haben +willst, daß der Kaufmann bestraft wird.“</p> + +<p>Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und +sagte, nun wolle er gehen und den Kaufmann durchpeitschen.</p> + +<p>„Ja, und wir kommen mit und helfen dir,“ sagten die +Strolche.</p> + +<p>Und so zogen sie vier Mann hoch in das Städtchen. +Anfangs war Peter Nord mürrisch und grämlich und +zorniger über seine Freunde, als über seinen Feind. Doch +als er zu der Flußbrücke kam und die Stadt sah, war +er ganz verwandelt. Es war, als wäre er dort einem +kleinen weinenden Flüchtling begegnet und in diesen +hineingeschlüpft. Und je heimischer er in dem alten Peter +Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewußt, welches +blutige Unrecht der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht +genug damit, daß er ihn hatte verlocken und ins Unglück +stürzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte ihn aus +dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag +hätte Peter Nord bleiben können. Ach, wie fröhlich hatte +er es doch damals gehabt. Wie lustig und vergnügt +war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden +und wie schön war die Welt gewesen! Herrgott, +wenn er doch nur hier hätte weiterleben können! Und +er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war – schweigsam +und langweilig, ernst und arbeitsam –, ganz wie an +einen verlornen Menschen.</p> + +<p>Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, +und statt wie früher hinter den Kameraden einherzugehen, +schoß er an ihnen vorbei.</p> + +<p>Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, +um Halfvorson zu strafen, sondern um überhaupt ihrer +Wut Luft zu machen, wußten kaum, was sie beginnen +sollten. Hier war für einen gereizten Mann nichts zu +tun. Es gab keinen Hund, den man hetzen, keinen +Straßenkehrer, mit dem man Krakeel anfangen, keinen +<span class="pagenum"><a name="page_26" id="page_26"></a>26</span>feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern +konnte.</p> + +<p>Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade +so weit, daß der Frühling eben in den Sommer überging. +Es war die weiße Zeit der Kirschblüten, wo Fliedertrauben +hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und +die Apfelblüten duften. Diese Männer, die unmittelbar +von der Straße und vom Hafen in das Reich der Blumen +gekommen waren, fühlten sich wunderlich davon +berührt. Drei Paar Fäuste, die bisher entschlossen geballt +waren, lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten +weniger hart gegen das Pflaster.</p> + +<p>Vom Markte aus sahen sie einen Fußpfad, der sich +die Hügel hinanschlängelte. Ihm entlang wuchsen junge +Kirschbäume, die mit ihren weißen Kronen Bogen und +Wölbungen bildeten. Die Wölbungen waren schwebend +leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein +und kindlich.</p> + +<p>Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Männer auf sich. +Was war dies doch für ein unpraktisches Nest, wo man +Kirschbäume dahin pflanzte, wo jedweder die Kirschen +nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher +als einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit +und Tyrannei. Jetzt begannen sie sie auszulachen +und ein wenig zu verachten.</p> + +<p>Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht +loderte immer wilder auf, denn er fühlte es, dies +war die Stadt, wo er hätte wohnen und wirken sollen. +Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den +andern zu fragen, ging er rasch die Straße hinauf.</p> + +<p>Sie folgten nach, und als sie merkten, daß es hier +nur eine Straße gab, und als sie dieser entlang nur +Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich ihre +Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht +zum erstenmal in ihrem Leben, daß sie Blumen Aufmerksamkeit +schenkten, aber hier konnten sie nicht anders, +<span class="pagenum"><a name="page_27" id="page_27"></a>27</span>denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mützen vom +Kopf, und die Blätter der Kirschblüten regneten auf +sie herab.</p> + +<p>„Was glaubt ihr, was mögen wohl in dieser Stadt +für Leute wohnen?“ fragte der lange Peter nachdenklich.</p> + +<p>„Bienen,“ antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der +seinen Namen daher hatte, daß er einmal mit einem +Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt hatte.</p> + +<p>Natürlich bekamen sie allmählich einige Menschen zu +Gesicht. An den Fenstern, hinter blanken Scheiben und +weißen Gardinen, zeigten sich ein paar schöne junge Gesichter, +und sie sahen Kinder auf den Terrassen spielen. +Aber kein Lärm störte die Stille. Es kam ihnen vor, +als könnte selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts diese +Stadt nicht wecken. Was sollten sie hier anfangen!</p> + +<p>Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da +stellten sie mit rauher Stimme mehrere Fragen an den +Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre Spritze +in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel +der Kirchenglocke stände für den Fall, daß es zum +Sturmläuten kommen sollte.</p> + +<p>Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und +warfen die Flaschen fort. Eins, zwei, drei, alle Flaschen +an denselben Eckstein, ein Krachen und Klirren, und +alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen +förmlich wohl, wieder ein bißchen Lärm zu machen.</p> + +<p>Da hörten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, +Stimmen, harte, deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen +und dazu ein Klirren wie von Metall. Sie stutzten +und zogen sich in einen Torweg zurück. Das klang wie +eine ganze Kompanie.</p> + +<p>Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen +Mädchen. Die Dienstmägde der Stadt zogen in gesammeltem +Trupp auf die Stadtweiden, um die Kühe zu +melken.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_28" id="page_28"></a>28</span>Das machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger, +den stärksten Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern. +Das war beinahe rührend!</p> + +<p>Urplötzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen: +„Buh!“</p> + +<p>Die ganze Mädchenschar zerstob augenblicklich. Die +Mägde kreischten und liefen davon. Die Röcke flatterten, +die Kopftücher lösten sich, die Milchkübel rasselten auf +die Straße.</p> + +<p>Und zugleich vernahm man die ganze Straße entlang +dumpfe Laute von Toren und Türen, die zugeworfen +wurden, von Klinken und Riegeln und Schlössern.</p> + +<p>Ein Stück weiter unten auf der Straße stand eine +große Linde. Und darunter saß eine alte Frau an einem +Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie rührte sich nicht, +sie sah sich nicht um, sie saß ganz mäuschenstill. Schlafen +tat sie auch nicht.</p> + +<p>„Die ist aus Holz,“ sagte der Holzschuhpeter.</p> + +<p>„Nein, aus Ton,“ meinte der Rollpeter.</p> + +<p>Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der +Alten kamen sie ins Schwanken. Sie gingen gegen sie +los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die Alte fing zu +zanken an.</p> + +<p>„Weder Holz noch Ton,“ sagten sie, „lauter Gift und +Galle.“</p> + +<p>Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie +gekümmert, aber jetzt waren sie endlich bei Halfvorsons +Haus angelangt und da erwartete er sie.</p> + +<p>„Es läßt sich wohl nicht in Abrede stellen, daß das +meine Angelegenheit ist,“ sagte er stolz, und wies auf +den Laden. „Ich will allein hineingehen und die Sache +abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so könnt ihr euer +Glück versuchen.“</p> + +<p>Sie nickten. „Geh du nur, Peter Nord! Wir warten +hier draußen.“</p> + +<p>Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen +<span class="pagenum"><a name="page_29" id="page_29"></a>29</span>Mann allein und fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich +den Bescheid, daß dieser verreist war. Da fing er +ein Gespräch mit dem Ladendiener an und erfuhr so +mancherlei über seinen Herrn.</p> + +<p>Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar +nicht angeklagt worden. Wie er sich gegen Peter Nord +benommen hatte, das wußte die ganze Stadt. Aber niemand +sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson +hatte es weit gebracht, und jetzt war er nicht mehr so +bösartig. Er war nicht mehr unbarmherzig gegen seine +Schuldner und hatte aufgehört, dem Ladenjungen aufzulauern. +In den allerletzten Jahren hatte er sich auf +die Gärtnerei geworfen. Er hatte rings um das Haus +in der Stadt einen Blumengarten angelegt und einen +Küchengarten draußen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete +er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum mehr daran +dachte, Geld zu sammeln.</p> + +<p>Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natürlich +war der Mann gut. Er hatte im Paradies bleiben dürfen. +Natürlich wurde man gut, wenn man hier wohnte.</p> + +<p>Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war +jetzt krank. Seit sie im Winter die Lungenentzündung +gehabt hatte, war ihre Brust schwach.</p> + +<p>Während Peter Nord sich dies und noch mehr erzählen +ließ, standen die drei Männer draußen und warteten.</p> + +<p>In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine +Birkenlaube errichtet, damit Edith sich dort an den schönen, +warmen Frühlingstagen aufhalten konnte. Sie kam +nur langsam wieder zu Kräften, aber für ihr Leben bestand +keine Gefahr mehr.</p> + +<p>Bei einigen ist es so, daß man glauben muß, sie +wollen nicht leben. Bei der ersten Krankheit, die sie +befällt, legen sie sich hin, um zu sterben. Halfvorsons +Nichte war schon längst aller Dinge müde, des Kontors, +des kleinen trüben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie +siebzehn Jahre alt war, reizte es sie, sich einen vornehmen +<span class="pagenum"><a name="page_30" id="page_30"></a>30</span>Verkehr und einen guten Freundeskreis zu erkämpfen. +Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg +der Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie +sah keine Möglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens +herauszukommen. Sie wollte gerne sterben.</p> + +<p>Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. +Nichts als Nerven und Lebendigkeit, wenn +etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich doch +mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem +Trotz gemüht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht +hatte, einzusehen, daß weitre Peter Nord-Geschichten +nicht mehr vorkommen dürften! Aber jetzt war er zahm +und gebändigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. +Ja, und nun sollte sie doch nicht sterben! Sie lag +da und dachte nach, was sie anfangen sollte, wenn sie +gesund wurde.</p> + +<p>Plötzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut +gesagt, er wolle allein zu Halfvorson gehen und seine +Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann antwortete +ein andrer: „Geh du nur, Peter Nord!“</p> + +<p>Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglückseligste +Name auf der Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen +aller der alten Abscheulichkeiten. Edith richtete +sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche +Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und +starrten sie an. Nur ein niedriges Staket und eine dünne +Hecke lag zwischen ihr und der Straße.</p> + +<p>Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken +gegangen, und Halfvorson arbeitete in seinem Garten +vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen aufgetragen +hatte, zu sagen, daß er verreist sei, denn er schämte sich +seiner Gärtnermarotte. Edith fürchtete sich schrecklich vor +den drei Männern sowie vor dem, der in den Laden +gegangen war. Sie war überzeugt, daß sie ihr etwas +zuleide tun wollten, und darum begann sie über die +schlüpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen +<span class="pagenum"><a name="page_31" id="page_31"></a>31</span>Holzstufen, die von Terrasse zu Terrasse führten, den +Berg hinaufzulaufen.</p> + +<p>Den fremden Männern war es ein Hauptspaß, daß +sie vor ihnen davonlief. Sie konnten es sich nicht versagen, +sich so zu stellen, als wenn sie sie einholen wollten. +Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle +drei brüllten mit furchtbarer Stimme.</p> + +<p>Edith lief, so wie man im Traume läuft, keuchend, +strauchelnd, in Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, +nicht von der Stelle zu kommen. Alle erdenklichen +Gefühle stürmten auf sie ein und erschütterten sie so sehr, +daß sie glaubte sterben zu müssen. Ja, wenn einer dieser +Kerle sie nur mit der Hand berührte, wußte sie, daß sie +sterben mußte. Als sie die oberste Terrasse erreicht hatte +und es wagte, sich umzusehen, merkte sie, daß die Männer +unten auf der Straße standen und gar nicht mehr +nach ihr hinsahen. Da ließ sie sich ganz ohnmächtig zu +Boden sinken. Aber die Anstrengung war zu groß gewesen, +sie hatte sie nicht ertragen können. Sie fühlte, +wie etwas in ihr riß. Gleich darauf strömte Blut über +ihre Lippen.</p> + +<p>Die Mägde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. +Für diesmal wurde sie ins Leben zurückgerufen. +Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, daß sie lange +am Leben bleiben würde.</p> + +<p>Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um +zu erzählen, in welcher Weise sie erschreckt worden war. +Hätte sie es getan, wer weiß, ob die fremden Männer +lebendig aus der Stadt gekommen wären. Es erging +ihnen ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord +wieder zu ihnen herausgekommen war und erzählt hatte, +daß Halfvorson nicht daheim sei, gingen sie alle vier im +besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten +sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der +Kaufmann zurückkehrte, verschlafen konnten.</p> + +<p>Aber als am Nachmittag alle Männer der Stadt, die +<span class="pagenum"><a name="page_32" id="page_32"></a>32</span>draußen auf dem Felde gearbeitet hatten, wieder heimkamen, +erzählten ihnen die Frauen von dem Besuch der +Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, +wo sie Bier gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden +Auftreten. Die Frauen vergrößerten und +übertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen Nachmittag +daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. +Die Männer glaubten Haus und Heim bedroht. +Sie beschlossen, die Friedensstörer zu greifen, wählten +einen beherzten Mann zum Anführer, nahmen tüchtige +Knüttel mit und zogen von dannen.</p> + +<p>Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor +die Haustüren und machten einander bange. Die Stimmung +war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.</p> + +<p>Es dauerte nicht lange, so kamen die Jäger mit ihrer +Beute zurück. Sie hatten alle vier. Sie hatten sie im +Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das Kunststück +hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.</p> + +<p>Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurück, indem +sie sie wie Vieh vor sich hertrieben. Der Taumel des +Rachedurstes hatte sich der Sieger bemächtigt. Sie schlugen, +um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen +die Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf +den Kopf, der ihn umwarf, und dann hagelten die +Schläge auf ihn nieder, bis er sich erhob und weiterging. +Die vier Männer waren dem Tode nahe.</p> + +<p>Es ist so schön in den alten Liedern. Da muß zuweilen +der gefangne Held in Fesseln im Triumphzug des +siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch im Unglück +noch stolz und schön, und die Blicke suchen ihn ebenso wie +den Glücklichen, der ihn besiegt hat. Die Kränze und +die Tränen der Schönheit gehören dem noch im Unglück +Beneidenswerten.</p> + +<p>Aber wer wollte wohl für den armen Peter Nord +schwärmen? Sein Rock war zerrissen und sein flachsblondes +Haar klebrig von Blut. Er bekam die meisten +<span class="pagenum"><a name="page_33" id="page_33"></a>33</span>Schläge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz +schrecklich sah er aus, wie er da einherging. Er brüllte, +ohne es zu wissen. Jungens hängten sich an ihn fest, +und er schleppte sie lange Strecken weit mit. Einmal +blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die +Straße. Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, +bekam er mit einem Knüttel einen Schlag auf den Kopf +und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Höhe, halb +betäubt, und schwankte weiter, während Peitschenhiebe +auf ihn herabhagelten und die Jungen sich ihm wie +Blutegel an Arme und Beine hängten.</p> + +<p>So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner +Whistpartie im Wirtshausgarten kam. „So, so,“ sagte +er zum Vortrab, „ihr wollt die in den Kotter bringen?“</p> + +<p>Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete +ihn. Augenblicklich sah alles anständig aus. Gefangne +und Gefangnenwächter marschierten in Frieden und Ordnung +weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, +einige stießen mit den Knütteln auf das Pflaster, andre +schulterten sie wie Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen +der Stadt der Polizei in Gewahrsam gegeben +und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz geführt.</p> + +<p>Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem +Markte stehen und sprachen von ihrem Mute und von +der großen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube, wo +der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige +Männer ihren Mitternachtstoddy brauen, da taucht die +Heldentat vergrößert wieder auf. Da wachsen die in +den Schaukelstühlen, da blähen sich die in den Sofaecken, +da sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert +doch in der kleinen Stadt der großen Erinnerungen! +Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!</p> + +<p>Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht +gefallen. Er konnte sich nicht recht damit befreunden, +daß das Wikingerblut wieder in Wallung geraten war. +Und dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen, er ging wieder +<span class="pagenum"><a name="page_34" id="page_34"></a>34</span>auf die Straße und schlenderte gemächlich dem +Marktplatze zu.</p> + +<p>Das kleine Städtchen lag in dem sanften Licht der +Frühlingsnacht da. Der einzige Zeiger der Turmuhr wies +auf elf. Über die Kegelbahn rollten keine Kugeln mehr. +Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als +wenn die Häuser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht +aufsteigenden Berge standen schwarz, wie in tiefer +Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer wachte +jemand – der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich +über die Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die +Straße hinauf und hinab, kletterte zu jedem Fenster empor, +das angelehnt stand, zu jeder Dachluke, die frische +Luft einließ.</p> + +<p>Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich +seine ganze kleine Stadt vor sich, obgleich die Dunkelheit +sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er sah sie als die +Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern +Garten an Garten. Er sah die Kirschbäume, die +weiße Bogen über den steilen Waldweg spannten, die +Fliederbüsche, die Knospen, die zu prächtigen Rosen +schwollen, die stolzen Päonien, und die Haufen von Blütenblättern +auf dem Boden unter den Faulbäumen.</p> + +<p>Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. +Er war so weise und so alt. Das siebzigste Jahr hatte +er erreicht, und fünfzig Jahre hatte er die Geschicke der +Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob +er recht getan habe, wenn er immer gedämpft und beschwichtigt +hatte. „Ich hatte die Stadt in meiner Hand,“ +dachte er, „aber ich habe sie nicht zu etwas Großem +gemacht.“ Und er gedachte ihrer großen Vergangenheit +und zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.</p> + +<p>Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht +sich über den Fluß eröffnet. Ein Boot kam herangerudert. +Ein paar Städter kehrten von einer Ausfahrt +zurück. Lichtgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie +<span class="pagenum"><a name="page_35" id="page_35"></a>35</span>steuerten unter die Brückenwölbung, aber da war die +Strömung so stark, daß sie sie zurücktrieb. Es gab einen +heftigen Kampf. Ihre schlanken Körper bogen sich nach +rückwärts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande +lagen. Weiche Armmuskeln spannten sich. Die Ruder +krümmten sich wie Bogen. Lachen und Rufe erfüllten +die Luft. Einmal ums andre siegte die Strömung. +Schmählich wurde das Boot zurückgetrieben. Und als +die Mädchen schließlich am Marktkai landen und es den +Männern überlassen mußten, das Boot heimzubringen, +wie waren sie rot und ärgerlich und wie lachten sie! +Und wie klang ihr Lachen die Straße hinab! Wie belebten +ihre breitrandigen, lichten Hüte, ihre leichten, flatternden +Sommerkleider die stille Nacht.</p> + +<p>Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, +denn im Dunkel konnte er sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, +jungen Gesichtchen, ihre schönen, klaren Augen +und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in +die Höhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen +Glanz. Andre Gemeinwesen konnten sich andrer Dinge +rühmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an dem +augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.</p> + +<p>Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein +Wirken. Nein, er brauchte nicht für die Zukunft der +Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich nicht +durch strenge Gesetze zu schützen.</p> + +<p>Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er +ging und weckte den Polizeimeister und sprach mit ihm. +Und dieser dachte wie er. Sie gingen selbander zum +Gefängnis und öffneten Peter Nord und seinen Kameraden +die Tür.</p> + +<p>Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine +Stadt ist wie die Venus von Milo. Sie hat lockenden +Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="page_36" id="page_36"></a>36</span></p> +<h3>III</h3> + +<p>Es ist, als müßte ich die Wirklichkeit verlassen und +in die Welt des Märchens und der Unwahrscheinlichkeit +fliehen, um zu erzählen, was sich jetzt begab. Wäre der +junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit +einer goldnen Krone unter dem Hut, dann würde alles +ganz einfach und natürlich erscheinen. Aber jetzt will +mir wohl niemand glauben, wenn ich sage, daß auch +Peter Nord einen Königsreif um sein flachsblondes Haar +trug. Niemand kann ja wissen, wie viel merkwürdige +Dinge sich in dem kleinen Städtchen zutragen. Niemand +kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen da herumgehen +und auf den Hirtenknaben des Märchens warten.</p> + +<p>Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen +Abenteuern kommen. Denn als Peter Nord von dem +alten Ratsherrn befreit worden war und zum zweitenmal +mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen +mußte, da kamen ihm dieselben Gedanken, wie als er +das erstemal entfloh. Da klangen ihm plötzlich wieder +Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter +ihnen erklang der alte Reigen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Nun ist es wieder Weihnachtsfest,<br /></span> +<span class="i0">Ja, ja, Weihnachtsfest.<br /></span> +<span class="i0">Und dann ist Ostern nicht mehr weit,<br /></span> +<span class="i0">Doch leider, leider ists nicht so,<br /></span> +<span class="i0">Nein, nein, ists nicht so,<br /></span> +<span class="i0">Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.<br /></span> +</div></div> + +<p>Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit +mit ihrem Rutenbündel im Arm über die Erde schlich. +Und sie rief ihm zu: „Verschwender! Verschwender! Du +wolltest das Fest der Rache und der Genugtuung in +jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man +sich hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?“</p> + +<p>Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und +war ein stiller, sparsamer Arbeiter geworden. Wieder +stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit. Niemand +<span class="pagenum"><a name="page_37" id="page_37"></a>37</span>hätte glauben können, daß er es war, der vor Zorn gebrüllt +und die kleinen Kinder auf die Straße geschleudert +hatte, so wie der verfolgte Elch die Hunde abschüttelt.</p> + +<p>Doch einige Wochen später kam Halfvorson zu ihm in +die Fabrik. Er suchte ihn auf den Wunsch seiner Nichte +auf. Sie wollte, wenn möglich, noch an demselben Tag +mit ihm sprechen.</p> + +<p>Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er +Halfvorson erblickte. Es war, als hätte er eine schlüpfrige +Schlange gesehen. Er wußte nicht, was er lieber wollte, – +ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber plötzlich +bemerkte er, daß Halfvorson sehr bekümmert aussah.</p> + +<p>Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat, +wenn man im starken Winde geht. Die Gesichtsmuskeln +waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die +Augen rot und voll Tränen. Er kämpfte sichtlich mit irgendeinem +Leid. Das einzige, was unverändert war, das +war die Stimme. Sie war ebenso unmenschlich ausdruckslos.</p> + +<p>„Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu +fürchten, und auch der neuen wegen nicht,“ sagte Halfvorson. +„Es ist wohl bekannt geworden, daß Sie mit +jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so +viel Aufstand machten. Und da wir annahmen, daß sie +von hier seien, konnte ich Sie ausfindig machen. Edith +wird bald sterben,“ fuhr er fort, und sein Gesicht zuckte +krampfhaft. „Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt. +Aber wir führen nichts Böses gegen Sie im Schilde.“</p> + +<p>„Gewiß komme ich,“ sagte Peter Nord.</p> + +<p>Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter +Nord saß da, fein geputzt in seinem Sonntagsstaat. Und +unter dem Hut spielten und gaukelten alle seine Knabenträume, +einen richtigen Königsreif schlossen sie um sein +blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm förmlich die +Besinnung. Hatte er nicht immer gedacht, daß feine Damen +ihn lieben würden? Und nun war da eine, die ihn +<span class="pagenum"><a name="page_38" id="page_38"></a>38</span>sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles +Wunderbaren! – Nun saß er da und dachte an sie, wie +sie einst gewesen war. Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt +sollte sie sterben. Sie tat ihm so innig leid. Aber daß +sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme, süße +Wehmut kam über ihn.</p> + +<p>Nun war er wieder ganz heraus, der alte, närrische +Peter Nord. Sobald er sich dem Städtchen näherte, verließ +ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und Verachtung.</p> + +<p>Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der +heftige Sturm, den er allein bemerkte, trieb ihn auf +dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter vorbeikam, +brummte er ein paar Worte, so daß dieser erfuhr, welche +Pfade seine betrübten Gedanken wandelten. „Sie fanden +sie auf dem Boden, halbtot – und rings um sie +lauter Blut,“ sagte er einmal. Und ein andermal: „War +sie nicht gut? War sie nicht schön? Wie konnte es ihr +so schlecht ergehen?“ Und ein andermal: „Sie hat mich +auch gut gemacht. Konnte es nicht mit ansehen, daß sie +den ganzen langen Tag betrübt dasaß und mit ihren +Tränen das Kassabuch ruinierte.“ – Dann kam dies: +„Ein schlaues Ding übrigens. Schmeichelte sich bei mir +ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte mir +Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich, +aber konnte nicht widerstehen.“ Er wanderte bis zum +Vorderdeck. Als er zurückkam, sagte er: „Ich kann es +nicht ertragen, daß sie sterben soll.“</p> + +<p>Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme, +die er weder dämpfen noch modulieren konnte. Peter +Nord hatte die stolze Empfindung, daß ein solcher Mann +wie er, der einen Königsreif um die Stirn trug, gar nicht +das Recht hatte, Halfvorson zu zürnen. Dieser war ja +durch sein Gebrechen von den Menschen getrennt und +konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mußte er sie +alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit +demselben Maßstab zu messen wie andre Menschen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_39" id="page_39"></a>39</span>Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Träume. +Sie hatte sich also seiner alle diese Jahre erinnert, und +jetzt konnte sie nicht sterben, ohne ihn gesehen zu haben. +Ach, man denke, daß ein junges Mädchen alle die Jahre +herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und +vermißt hatte.</p> + +<p>Sobald er ans Land gekommen war und das Haus +des Kaufmanns erreicht hatte, wurde er zu Edith geführt, +die ihn draußen in der Laube erwartete.</p> + +<p>Der glückliche Peter Nord wurde nicht aus seinen +Träumen gerissen, als er sie erblickte. Sie war ein liebliches +Traumwesen, dieses Mädchen, das um die Wette +mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte. +Ihre großen Augen waren dunkler und klarer geworden. +Ihre Hände waren so dünn und durchsichtig, +daß man fürchtete, diese vergeistigte Materie zu berühren.</p> + +<p>Und sie liebte ihn. Natürlich mußte er sie sogleich +wiederlieben, heiß, innig, glühend. Als sie sah, wie er +dastand und sie anstarrte, begann sie zu lächeln, mit dem +verzweifeltesten Lächeln der Welt, diesem Lächeln der +Kranken, das sagt: „Sieh, so bin ich geworden. Zähle +nicht auf mich. Ich kann nicht mehr schön und reizend +sein. Ich muß bald sterben.“</p> + +<p>Das rief ihn zur Wirklichkeit zurück. Er sah, daß er +es nicht mit einem Traumbilde zu tun hatte, sondern mit +einer Seele, die im Entfliehen war und darum die +Wände ihres Kerkers so dünn und durchsichtig gemacht +hatte. Nun war es so deutlich in seinem Gesicht und in +der Art, wie er Ediths Hand faßte, zu sehen, wie er mit +einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre über dem +Schmerze, daß sie sterben mußte, vergaß, daß die Kranke +dasselbe Mitleid mit sich selbst fühlte und Tränen in ihre +Augen traten.</p> + +<p>O, welches Mitgefühl hatte er vom ersten Augenblick +an für sie. Er begriff gleich, daß sie ihre Bewegung nicht +<span class="pagenum"><a name="page_40" id="page_40"></a>40</span>zeigen wollte. Natürlich war es ergreifend für sie, ihn, +den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen. Aber nur +ihre Schwäche war daran schuld, daß sie sich jetzt verriet. +Sie wollte natürlich nicht, daß er es bemerkte. Und +darum brachte er ein unverfängliches Gesprächsthema +aufs Tapet.</p> + +<p>„Wissen Sie, wie es meinen weißen Mäusen ergangen +ist?“ fragte er.</p> + +<p>Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte +er ihr den Weg ebnen. „Ich habe sie in den Laden gelassen,“ +sagte sie, „sie haben sich gut gehalten.“</p> + +<p>„Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen +da?“</p> + +<p>„Halfvorson sagt, daß er Peter Nords Mäuse niemals +loswerden kann. Sie haben Sie gerächt, verstehen Sie?“ +sagte sie bedeutungsvoll.</p> + +<p>„Es war eine ausgezeichnete Rasse,“ antwortete Peter +Nord stolz.</p> + +<p>Das Gespräch stockte einen Augenblick. Edith schloß +die Augen, wie um zu ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. +Seine letzte Antwort verstand sie nicht. Er hatte +gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert. +Als er angefangen hatte, von den Mäusen zu sprechen, +hatte sie geglaubt, er verstünde, was sie damit sagen +wolle.</p> + +<p>Sie wußte ja, daß er vor ein paar Wochen hergekommen +war, um sich zu rächen. Der arme Peter Nord! +Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl ergehen +mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten +Jungen in ihren Träumen ertönt. Zum Teil um +seinetwillen, um nie mehr eine solche Nacht zu erleben, +hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das +Haus zu einem Heim für ihn gemacht, hatte den Einsamen +es schätzen gelehrt, einen teilnehmenden Freund +in seiner Nähe zu haben. Jetzt war ihr Schicksal wieder +mit Peter Nord verknüpft. Sein Rachezug hatte sie zu +<span class="pagenum"><a name="page_41" id="page_41"></a>41</span>Tode erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall +ein wenig erholt hatte, hatte sie Halfvorson gebeten, ihn +auszukundschaften.</p> + +<p>Und nun saß Peter Nord da und glaubte, daß sie ihn +aus Liebe gerufen habe. Er konnte ja nicht wissen, daß +sie ihn für rachsüchtig, roh und verkommen hielt, für +einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden +im Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte +nicht ahnen, daß sie ihn herbeschieden hatte, um ihm +Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn nichts +andres half, ihm zu sagen: „Sieh mich an, Peter Nord! +Dein Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines +Todes. Denke daran und beginne ein andres Leben.“</p> + +<p>Er war voll Lebenslust und Träumerei gekommen, um +das Fest der Liebe zu feiern, und sie lag da und dachte +daran, ihn in die schwarzen Tiefen der Reue zu versenken.</p> + +<p>Aber es mußte ihr wohl etwas von dem Glanz des +Königsreifens entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen, +so daß sie beschloß, ihn zuerst ins Verhör zu nehmen.</p> + +<p>„Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen +drei furchtbaren Kerlen da?“</p> + +<p>Er errötete und sah zu Boden. Dann mußte er ihr +die ganze Geschichte von dem Rachezug mit all seiner +Schmach erzählen. Fürs erste, wie unmännlich lange er +gezögert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie +er nur gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt +selbst zu schlagen, geprügelt und gepeitscht worden war. +Er wagte nicht aufzusehen, während er sprach; er wagte +nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit +Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasaß, fühlte er, +daß er sich all des Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn +in ihren Träumen umgeben haben mußte.</p> + +<p>„Aber Peter Nord, wie wäre es denn gegangen, wenn +Sie Halfvorson angetroffen hätten?“ fragte Edith, als +er zu Ende gesprochen hatte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_42" id="page_42"></a>42</span>Er ließ den Kopf immer tiefer hängen. „Ich sah ihn +ja ohnehin,“ sagte er. „Er war gar nicht verreist. Er +arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor. Der Junge +im Laden hatte mir alles erzählt.“</p> + +<p>„Nun, warum haben Sie sich dann nicht gerächt?“ +fragte Edith.</p> + +<p>Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er fühlte, daß +ihre Blicke sich forschend auf ihn hefteten, und er begann +gehorsam: „Als die Männer sich auf einem Abhang +schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson +auf, denn ich wollte ihn allein für mich haben. Er ging +da herum und richtete Stäbchen in einem Erbsenbeet auf. +Es mußte am Tage vorher einen Platzregen gegeben +haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige +Blätter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah +aus wie ein Krankenhaus. Und Halfvorson war der +Doktor. Er richtete sie so zart in die Höhe, streifte die +Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die Stäbchen +umfassen. Ich stand da und sah zu. Er hörte mich +ja nicht und er hatte keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte +zornig zu bleiben, aber was sollte ich tun? Ich +konnte doch nicht auf ihn losstürzen, solange er mit den +Erbsen beschäftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch, +dachte ich.</p> + +<p>Aber plötzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn +und stürzte zum Treibbeete. Da hob er die Glasfenster +ab und guckte hinein, und ich guckte auch, denn er sah +aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung wäre. +Ja freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen, +die Pflanzen vor der Sonne zu schützen und es war wohl +unter den Glasfenstern furchtbar heiß gewesen. Die +Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; +einige Blätter waren versengt und andre hingen schlaff +herab. Ich war auch ganz erschrocken, so daß ich alle +Vorsicht vergaß, und da erblickte Halfvorson meinen +Schatten. ‚Du hör' einmal, nimm die Gießkanne, die +<span class="pagenum"><a name="page_43" id="page_43"></a>43</span>beim Spargelbeet steht, laufe zum Fluß herunter und +hole Wasser,‘ sagte er, ohne aufzusehen; er glaubte wohl, +es sei der Gärtnerjunge. Und so lief ich.“</p> + +<p>„Taten Sie das, Peter Nord?“</p> + +<p>„Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter +unsrer Feindschaft zu leiden. Es kam mir wohl auch vor, +daß das charakterlos sei, aber ich konnte nicht anders. +Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen könnten. Als +ich zurückkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte +noch ebenso verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm +die Kanne in die Hand, und er begann zu gießen. Ja, +man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat. +Es war mir fast, als richteten sie sich in die Höhe, und +ihm schien es wohl auch so, denn er fing zu lachen an. +Da lief ich fort.“</p> + +<p>„Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?“ Edith +hatte sich in ihrem Ruhesessel aufgerichtet.</p> + +<p>„Ich konnte ihn nicht schlagen,“ sagte Peter Nord.</p> + +<p>Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um +den Kopf des armen Peter Nord. So, sie brauchte ihn +also nicht mit der schweren Last der Sünde um den Hals +in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann +war er also! Ein so weichherziger und feinfühliger +Mann! Sie sank zurück, schloß die Augen wieder und +dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es +wunderte sie selbst, welch große Erleichterung es ihr +gewährte, ihn nicht betrüben zu müssen.</p> + +<p>„Ich bin so froh, daß Sie sich die Rachegedanken +aus dem Kopfe geschlagen haben, Peter Nord,“ begann +sie freundlich. „Gerade darum wollte ich Sie bitten. +Jetzt kann ich ruhig sterben.“</p> + +<p>Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. +Sie sah nicht aus, als hätte sie sich in ihm getäuscht. +Sie mußte ihn doch sehr lieb haben, wenn sie alle diese +Feigheit entschuldigen konnte. – Denn wenn sie sagte, +daß sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen +<span class="pagenum"><a name="page_44" id="page_44"></a>44</span>Racheplänen abzustehen, geschah dies wohl nur aus +Schüchternheit, um ihm nicht den wirklichen Grund des +Rufes gestehen zu müssen. Darin hatte sie ganz recht. +Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen.</p> + +<p>„Wie können sie Sie sterben lassen?“ rief er aus. +„Halfvorson und alle die andern, wie können sie es? +Wenn ich hier wäre, ich wollte es Ihnen verwehren, zu +sterben. Ich würde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich +würde alle Ihre Leiden auf mich nehmen.“</p> + +<p>„Ich habe keine großen Schmerzen,“ sagte sie, über +diese kühnen Versprechungen lächelnd.</p> + +<p>„Ich stelle mir vor, daß ich Sie forttragen möchte +wie ein erfrorenes Vögelchen, Sie unter die Weste +stecken wie ein Eichhörnchen. O Gott, wie schön wäre es +doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches +daheim auf einen wartete. Aber wenn Sie gesund +wären, so würden wohl viele …“</p> + +<p>Sie sah ihn mit müdem Staunen an, bereit, ihn in +seine Schranken zu weisen. Aber sie mußte wohl wieder +etwas von dem Zauberkranze der Träume um das Haupt +des Knaben gesehen haben, denn sie übte Nachsicht gegen +ihn. Er meinte wohl nichts damit. Er mußte wohl so +sprechen wie er sprach. Er war ja nicht wie andre.</p> + +<p>„Ach,“ sagte sie gleichgültig. „Nicht so viele, Peter +Nord. Wohl kaum einer, der es ernst meinte.“</p> + +<p>Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten +ein. In ihr erwachte plötzlich der Heißhunger der Kranken +nach Mitleid. Sie wollte das Mitgefühl, die Zärtlichkeit +haben, die der arme Arbeiter ihr schenken konnte, es war +ihr ein Bedürfnis, lange in der Nähe dieser tiefen, uneigennützigen +Teilnahme zu weilen. Die Kranken können +ja an derlei nie genug haben. Sie wollte sie in seinen +Blicken und in seinem ganzen Wesen lesen. Worte waren +ihr gleichgültig.</p> + +<p>„Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,“ sagte sie. +<span class="pagenum"><a name="page_45" id="page_45"></a>45</span>„Bleiben Sie noch ein Weilchen sitzen und erzählen Sie, +wie es Ihnen in diesen sechs Jahren ergangen ist.“</p> + +<p>Während er sprach, lag sie da und schlürfte dieses +Unsagbare ein, was von ihm zu ihr strömte. Sie hörte +und hörte nicht. Aber durch irgendeine wunderbare Sympathie +fühlte sie sich gestärkt und belebt.</p> + +<p>Übrigens machten ihr auch seine Erzählungen Eindruck. +Sie führten sie in die Arbeiterviertel, in eine neue Welt +voll gärender Hoffnungen und Kräfte. Wie man dort +glaubte und sich sehnte! Wie man haßte und litt!</p> + +<p>„Wie glücklich sind doch die Unterdrückten,“ sagte sie.</p> + +<p>In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den +Sinn, daß dies etwas für sie sein könnte, die immer +Druck und Zwang brauchte, um das Leben lebenswert zu +finden.</p> + +<p>„Wenn ich gesund wäre,“ sagte sie, „wäre ich vielleicht +mit dahin gegangen. Es wäre schön gewesen, sich +zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die Höhe +zu arbeiten.“</p> + +<p>Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Geständnis, +auf das er die ganze Zeit gewartet hatte. „Ach, +können Sie nicht leben!“ bat er, und er strahlte vor +Glück.</p> + +<p>Sie wurde aufmerksam. „Das ist ja Liebe,“ sagte sie +zu sich selbst. „Und jetzt glaubt er, daß ich auch verliebt +bin. Solch ein närrischer Kauz, dieser Wermlandjunge!“</p> + +<p>Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen, +aber etwas lag über Peter Nord an diesem siegreichen +Tage, das sie zurückhielt. Sie brachte es nicht übers +Herz, seine frohe Stimmung zu zerstören. Sie fühlte +Mitleid mit seiner Torheit und ließ ihn weiter darin +leben. „Es macht ja nichts, da ich ja doch bald sterben +muß,“ sagte sie zu sich selbst.</p> + +<p>Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er +fragte, ob er wiederkommen dürfe, verbot sie es ihm +<span class="pagenum"><a name="page_46" id="page_46"></a>46</span>ganz. „Aber,“ sagte sie, „vergessen Sie den Kirchhof +hier oben auf dem Hügel nicht, Peter Nord. Dorthin +können Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode +für diesen Tag danken.“</p> + +<p>Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er +Halfvorson. Dieser ging verzweifelt auf und ab und +fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, daß Edith +dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufbürdete. Um +ihn überwältigt von Gewissensbissen zu sehen, einzig und +allein darum hatte er ihn geholt. Doch als er den jungen +Arbeiter traf, sah er, daß Edith ihm nicht alles gesagt +haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien +er schwindelnd glückselig.</p> + +<p>„Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben +muß?“ fragte Halfvorson.</p> + +<p>„Nein,“ antwortete Peter Nord.</p> + +<p>Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie +um ihn nicht entkommen zu lassen.</p> + +<p>„Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche +wegen. Sie war wohl vorher ein bißchen krank, aber +das hatte nichts zu bedeuten. Niemand glaubte, daß sie +sterben würde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei +unglückseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, während +Sie in meinem Laden waren. Sie verfolgten sie, +und sie lief vor ihnen fort, lief so, daß sie einen Blutsturz +bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie +wollten sich an mir rächen, dadurch, daß Sie sie töteten. +Wollten mich einsam und unglücklich sehen, ohne einen +einzigen Menschen um mich, der mir gut ist. Alle meine +Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.“</p> + +<p>Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit +Vorwürfen überschütten, ihn mit Flüchen morden; aber +dieser riß sich los und lief davon, als ob ein Erdbeben +die ganze Stadt erschüttere und alle Häuser im Begriffe +wären einzustürzen.</p> + + +<p><span class="pagenum"><a name="page_47" id="page_47"></a>47</span></p> +<h3>IV</h3> + +<p>Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht, +aber wenn man auf steilen Steinstufen und nadelbedeckten, +glatten Pfaden hinaufgeklettert ist, so findet man, +daß der Berg sich zu einem großen welligen Plateau +ausbreitet. Und dort oben findet man einen Märchenwald.</p> + +<p>Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald +ohne Nadeln, ein Wald, der im Frühling stirbt und im +Herbst grünt, ein lebloser Wald, der in Lebensfreude +aufflackert, wenn andre Bäume das grüne Kleid des +Lebens ablegen, ein Wald, der wächst, ohne daß jemand +wissen kann wie, der grün im Frost und braun im Tau +dasteht.</p> + +<p>Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten +sind gezwungen worden, in den Rissen zwischen Felsblöcken +Wurzel zu schlagen. Ihre zähen Wurzeln haben +sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt. +Eine Zeitlang ging es gut, die jungen Bäume schossen +in die Höhe, und die Wurzeln bohrten sich frohgemut in +den grauen Stein. Aber endlich konnten sie nicht weiterkommen, +und da bemächtigte sich des Waldes eine nur +schlecht verhehlte üble Laune. Er wollte hoch hinaus, +aber auch in die Tiefe. Da ihm der Weg nach unten +versperrt war, schien ihn das Leben nicht mehr zu freuen. +Jeden Frühling war er bereit, mißmutig die Lebensbürde +abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben +sollte, stand der junge Wald ganz braun da. Hoch +über der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm +einen düstern Rand sterbender Bäume.</p> + +<p>Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles Düsterkeit +und Todeskampf. Wenn man so unter den braunen +Bäumen einhergeht und sich so bedrückt fühlt, daß man +am liebsten sterben wollte, sieht man grüne Bäume schimmern, +Blumenduft schlägt einem entgegen; Vogelgesang +<span class="pagenum"><a name="page_48" id="page_48"></a>48</span>jubelt und lockt. Da denkt man an das Schloß im +schlummernden Wald, an das Paradies des Märchens, +das von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und +wenn man dann zu dem Grün, dem Blumenduft, dem +Vogelgezwitscher kommt, sieht man, daß man sich auf +dem versteckten Kirchhof des kleinen Städtchens befindet.</p> + +<p>Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angefüllten +Vertiefung des Bergplateaus. Und da innerhalb der +grauen Steinmauern hat alles Welken und aller Lebensüberdruß +ein Ende. Im Tore stehen Fliederbüsche, die +sich unter schweren Blütentrauben neigen. Linden und +Ahornbäume spannen mit überraschender Kraft einen +himmelhohen Bogen über den ganzen Platz. Jasmin +und Rosen entblühen freundlich der geweihten Erde. Um +große alte Grabsteine schlingen sich Ranken von Immergrün +und Efeu.</p> + +<p>Hier ist eine Ecke, wo die Nadelbäume die Höhe eines +Mastbaumes erreichen. Müßte sich nicht eigentlich der +junge Wald draußen schämen, wenn er sie sieht? Und +da sind Hecken, die den Händen ihrer Pfleger ganz entwachsen +sind, die ohne an Schere und Messer zu denken, +blühen und sprießen.</p> + +<p>Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof, +zu dem die Toten ohne sonderliche Mühe gelangen können. +Es war recht beschwerlich für sie, im Winter hier +heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis +überzogen sind, und die Stufen schlüpfrig und schneebedeckt. +Der Sarg knackte, die Träger keuchten, der alte +Propst stützte sich schwer auf den Küster und den Totengräber. +Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu +werden, der es nicht selbst gewünscht hat.</p> + +<p>Schön sind die Gräber dort nicht. Die wenigsten verstehen +es, den Toten eine schöne Wohnstatt zu bereiten. +Aber das frische Grün ergießt seinen Frieden und seine +Schönheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu wissen, +daß alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende, +<span class="pagenum"><a name="page_49" id="page_49"></a>49</span>der nach einem heißen Arbeitstage hinaufflüchtet, geht +wie unter Freunden einher. Die hier schlummern, haben +ja auch die hohen Bäume und die Stille geliebt.</p> + +<p>Kommt ein Fremder herauf, so erzählt man ihm nicht +von Tod und Trauer, sondern auf den großen Steinplatten, +auf den breiten Bürgermeistergräbern sitzt man +und erzählt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen, +und seiner Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte +am besten dazu, hier oben erzählt zu werden, wo der Tod +seine Schrecken verloren hat. Es ist, als müßte die geweihte +Erde jubeln, daß sie auch einmal der Schauplatz +erwachenden Glücks und neuerweckten Lebens sein durfte.</p> + +<p>Denn es kam so, daß Peter Nord, als er von Halfvorson +fortlief, seine Zuflucht oben auf dem Kirchhofe +suchte.</p> + +<p>Zuerst lief er auf die Flußbrücke zu und schlug den +Weg zur großen Fabrikstadt ein. Doch auf der Brücke +machte der arme Flüchtling halt. Mit dem Königsreif +um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden, +als wäre er aus Sonnenstrahlen gesponnen +gewesen. Peter Nord war von Kummer tief gebeugt, +sein ganzer Körper zitterte, das Herz tat ihm weh, das +Hirn brannte wie Feuer.</p> + +<p>Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum +drittenmal entgegenkam. Sie war viel freundlicher, viel +milder als einst, aber sie erschien ihm darum nur um so +furchtbarer.</p> + +<p>„Ach, du Armer,“ sagte sie, „jetzt mußt du aber mit +deinen Streichen doch endlich aufhören! Du wolltest das +Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern, die man Leben +nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt +und bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt +kannst du dich nur mehr an mich wenden.“</p> + +<p>Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen. +„Ich weiß, was du von mir willst. Du willst mich zur +<span class="pagenum"><a name="page_50" id="page_50"></a>50</span>Arbeit und Entbehrung führen, aber ich kann nicht! Nicht +jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.“</p> + +<p>Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit lächelte immer milder. +„Du bist ja unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das +doch nicht so zu Herzen, wofür du nichts kannst. War +Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, daß sie dir +vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du +gelebt hast!“</p> + +<p>Der Knabe wurde immer heftiger. „Meinst du, es ist +besser für mich, daß ich gerade die getötet habe, die gut +gegen mich war, sie, die mich liebte? Wäre es nicht +besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet hätte, den +ich ermorden wollte? Ich muß es sühnen. Ich muß ihr +das Leben retten. Jetzt kann ich nicht an Arbeit denken.“</p> + +<p>„O du Narr,“ sagte Frau Fastenzeit, „das Fest der +Sühne, das du feiern willst, das ist die allergrößte Vermessenheit.“</p> + +<p>Da empörte sich Peter Nord vollends gegen seine langjährige +Freundin. Er hohnlachte förmlich. „Was hast +du mir eingeredet,“ sagte er, „daß du eine brave, brummige +Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten. +Du bist eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist +schön, und du bist entsetzlich. Du weißt selbst nichts von +Maß und Ziel. Warum sollte ich es denn? Wie kannst +du Fasten predigen, du, die du ein solches Übermaß von +Schmerz auf mich wälzen wolltest? Was sind die Feste, +die ich gefeiert habe, gegen die, die du dir unaufhörlich +bereitest! Bleib mir vom Leibe mit deiner gelben, bleichen +Mäßigkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben, wie du +selbst.“</p> + +<p>Nicht einen Schritt konnte er nach der großen Fabrikstadt +machen. Ebensowenig konnte er umkehren und +wieder über die lange Straße in das Städtchen wandern, +nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum +verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den +steifen, stechenden jungen Bäumen umher, bis ein freundlicher +<span class="pagenum"><a name="page_51" id="page_51"></a>51</span>Pfad ihn zum Kirchhof führte. Dort suchte er sich +ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die Höhe eines +Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todmüde zu +Boden.</p> + +<p>Er wußte nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit +verging, oder ob alles jetzt stille stand. Aber nach einem +Weilchen ertönten Schritte, und er erwachte zu halbem +Bewußtsein. Es war ihm, als wäre er lange, lange fort +gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen, +und sogleich tauchte ein verwirrter Gedanke in ihm auf. +Wie lange lag er schon da? War Edith schon tot? Suchte +sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd +nach ihrem Mörder? Er zitterte und bebte. Freilich lag +er in dem dunkeln Tannendickicht verborgen, aber er +zitterte vor dem, was geschehen wäre, wenn die Leiche ihn +gefunden hätte. Er bog ein paar Zweige zurück und +blickte hinaus. Ein gehetzter Flüchtling kann nicht wilder +nach seinen Verfolgern ausblicken.</p> + +<p>Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig +und spärlich war das Geleit. Unbekränzt wurde +der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der Gesichter +zeigte Tränenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand +genug, um einzusehen, daß dies unmöglich Edith Halfvorsons +Begräbnis sein konnte.</p> + +<p>Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer weiß, +vielleicht war es ein Gruß von ihr. Peter Nord fühlte, +daß er nicht das Recht hatte, zu entfliehen. Sie hatte +gesagt, er möge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte +wohl, daß er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine +Strafe zuteil werden lassen konnte. Dieser Leichenzug +war ein Gruß, ein Zeichen. Sie wollte, daß er sie dort +erwartete.</p> + +<p>Vor seinem kranken Hirn türmte sich jetzt die niedre +Kirchhofsmauer so hoch wie ein Festungswall auf. Er +starrte ängstlich auf das schwache Gitterpförtchen, es war +wie die festeste Eichentür. Er war hier oben gefangen. +<span class="pagenum"><a name="page_52" id="page_52"></a>52</span>Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn +seiner Strafe zuführte.</p> + +<p>Was sie dann mit ihm beginnnen würde, das wußte +er nicht. Nur eines war deutlich und klar. Er mußte hier +warten, bis sie kam und ihn holte. Vielleicht wird sie +ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm +gebieten, sich vom Berge herunterzustürzen. Er konnte +es nicht wissen – vorderhand mußte er warten.</p> + +<p>Die Vernunft kämpfte einen verzweifelten Kampf: +Du bist ja unschuldig, Peter Nord. Mache dir doch kein +Herzeleid über das, was du nicht verschuldet hast. Sie +hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu deiner +Arbeit! Erhebe den Fuß, und du bist über die Mauer, +stoße mit einem Finger zu, und das Tor ist offen.</p> + +<p>Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem +Nebel, einer Betäubung. Die Gedanken kamen unklar, +so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines nur +wußte er, er mußte bleiben, wo er war.</p> + +<p>Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die +Wette mit den wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter +Nord, mit dem du an einem Sommertag gespielt, geht +oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter +Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den +Kirchhof nicht verlassen, bis dein blumengeschmückter +Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.</p> + +<p>Das Mädchen schlug die Augen auf, gleichsam wie +um noch einmal die Welt zu sehen. Sie schickte nach +Peter Nord. Sie zürnte ihm wegen seines tollen Streiches. +Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie +hatte nie gewünscht, daß er sich ihrethalben Gewissensbisse +mache.</p> + +<p>Der Bote kam ohne Peter Nord zurück. Er könne +nicht kommen. Die Mauer sei zu hoch und das Tor zu +stark. Nur eine könne ihn von dort fortbringen.</p> + +<p>In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an +nichts andres. „Er geht noch immer dort herum, noch +<span class="pagenum"><a name="page_53" id="page_53"></a>53</span>immer,“ erzählte man einander jeden Tag. „Ist er verrückt?“ +fragten die Leute häufig, und einige, die mit ihm +gesprochen hatten, antworteten, daß er es ganz gewiß +werden würde, wenn „sie“ kam. Aber sie waren sehr +stolz auf diesen Märtyrer der Liebe, der ihrer Stadt +Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die +Reichen schlichen den Berg hinauf, um ihn wenigstens +aus der Ferne zu sehen.</p> + +<p>Aber Edith, die sich nicht vom Fleck rühren konnte, die +machtlos dalag und sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu +denken hatte, womit beschäftigte sie sich wohl? Welche +Gedanken wälzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh, +Peter Nord, Peter Nord! Mußte sie nicht stets den +Mann vor sich sehen, der sie liebte, der nahe daran war, +um ihretwillen den Verstand zu verlieren, der wirklich, +wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren +Sarg wartete.</p> + +<p>Sieh da, das war etwas für die Stahlfedernatur in +ihr. Das war etwas für die Phantasie, etwas für entschlummernde +Gefühle. Sich vorzustellen, was er anfangen +würde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen, +was er beginnen würde, wenn sie nicht als Tote hinkam.</p> + +<p>Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon +und von nichts anderm. So wie die alten Städte +ihre Säulenheiligen geliebt hatten, so liebte das Städtchen +den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne +auf den Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer +wilder und wilder aus. Immer dichter senkte sich die +Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. „Warum beeilt +sie sich nicht, gesund zu werden,“ sagten sie von Edith. +„Es wäre unrecht von ihr, zu sterben.“</p> + +<p>Edith fühlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem +Leben war, sollte nun wieder die schwere Bürde auf sich +nehmen müssen? Aber auf jeden Fall begann sie sich +redlich zu mühen. In ihrem Körper wurde in diesen +<span class="pagenum"><a name="page_54" id="page_54"></a>54</span>Wochen mit fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt. +Und es wurde nicht an Material gespart. In ungeheuren +Massen wurde alles verbraucht, was Lebenskraft +gibt, wie es auch heißen mochte: Malzextrakt oder +Lebertran, frische Luft oder Sonnenschein, Träume oder +Liebe.</p> + +<p>Und was für herrliche Tage waren dies doch, lang, +warm, regenlos!</p> + +<p>Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu +lassen. Die ganze Stadt war in Angst, als sie den Weg +antrat. Würde sie mit einem Wahnsinnigen zurückkommen? +Konnten diese Wochen des Elends aus seinem +Hirn ausgetilgt werden? Würde die Anstrengung, die +sie gemacht hatte, um wieder zu leben, fruchtlos sein? +Und wenn, wie würde es dann ihr selbst ergehen?</p> + +<p>Wie sie dahinzog, blaß vor Spannung, aber doch voll +Hoffnung, gab es Anlaß zur Unruhe genug. Niemand +verhehlte sich, daß Peter Nord einen zu großen Raum in +ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste +in der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen. +Alle Schranken waren für sie gefallen, als sie hörte, was +er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus ihrer Schwärmerei +werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem +Wahnsinnigen ist nichts Romantisches.</p> + +<p>Als man sie bis an das Friedhofspförtchen getragen +hatte, verließ sie die Träger und ging allein über den +breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten rund um den +grünenden Platz, aber sie sah niemanden.</p> + +<p>Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht, +und von dort sah sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren. +Nie hatte sie ein Antlitz gesehen, das so deutlich den +Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst darüber, +erschrak tödlich. Es fehlte nicht viel, so wäre sie geflohen.</p> + +<p>Aber dann loderte ein großes, heiliges Gefühl in ihr +auf. Jetzt konnte nicht mehr von Liebe und Schwärmerei +die Rede sein, nur von Angst, daß ein Mitmensch, +<span class="pagenum"><a name="page_55" id="page_55"></a>55</span>einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde +durchwanderten, verloren gehen sollte!</p> + +<p>Das Mädchen blieb stehen. Sie wich nicht einen +Schritt zurück, sondern ließ ihn sich langsam an ihren +Anblick gewöhnen. Aber alle Macht, die sie besaß, legte +sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit +der ganzen Kraft des Willens, der die Krankheit in ihr +selbst besiegt hatte.</p> + +<p>Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt. +Er ging auf sie zu, ohne daß das Grauen aus +seinen Zügen wich. Er sah aus, als wäre er von einem +wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerreißen. +Als er dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre +beiden Hände auf die Schultern und sah ihm lächelnd ins +Gesicht.</p> + +<p>„Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie +müssen von hier fort! Was meinen Sie damit, daß +Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben, Peter +Nord?“</p> + +<p>Er zitterte und sank zusammen. Aber sie fühlte, daß +sie ihn mit ihren Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen +hingegen gar keine Bedeutung für ihn zu haben.</p> + +<p>Sie schlug einen etwas andern Ton an. „Höre, was +ich sage, Peter Nord. Ich bin nicht tot. Ich werde nicht +sterben. Ich bin gesund geworden, um hier heraufzukommen +und dich zu retten.“</p> + +<p>Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen +da. Wieder veränderte sich ihre Stimme. „Du hast mir +nicht den Tod gebracht,“ sagte sie immer inniger, „du +hast mir das Leben gegeben.“</p> + +<p>Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre +Stimme ward zuletzt bebend vor Bewegung, trübe von +Tränen. Aber er verstand nichts von dem, was sie sagte.</p> + +<p>„Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,“ rief sie +aus.</p> + +<p>Er blieb ebenso gleichgültig.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_56" id="page_56"></a>56</span>Nun wußte sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie +mußte ihn wohl mit in die Stadt hinabnehmen und gute +Pflege und die Zeit walten lassen.</p> + +<p>Doch wer weiß, mit welchen Träumen sie heraufgekommen +war und was sie sich von dieser Begegnung mit +dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo sie alles +das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln +mußte, erfüllte sie ein Schmerz, als müßte sie +das Kostbarste von sich lassen, was das Leben ihr geschenkt +hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog +sie ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn.</p> + +<p>Dies sollte ein Abschied von Leben und Glück sein. +Sie fühlte, wie ihre Kräfte versagten. Tödliche Mattigkeit +kam über sie.</p> + +<p>Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches +Lebenszeichen zu merken, er war nicht mehr ganz so schlaff +und stumpf. Es zuckte in seinen Gesichtszügen. Er zitterte +immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer größrer +Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu +weinen.</p> + +<p>Sie führte ihn zu einem Grabstein. Sie ließ sich darauf +nieder, zog ihn zu sich herab und bettete sein Haupt +in ihrem Schoß. So saß sie da und streichelte ihn, während +er weinte.</p> + +<p>Mit ihm ging etwas Ähnliches vor, wie wenn man +aus einem bösen Traum erwacht. „Warum weine ich,“ +fragte er sich. „Ach, ich weiß, ich habe so furchtbar geträumt. +Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht +gemordet. Wie töricht, über einen Traum zu weinen.“</p> + +<p>Und so allmählich wurde ihm alles klar; doch seine +Tränen flossen weiter. Sie saß da und liebkoste ihn, aber +seine Tränen strömten noch lange.</p> + +<p>„Das Weinen tut mir so wohl,“ sagte er.</p> + +<p>Dann sah er auf und lächelte. „Ist jetzt Ostern?“ +fragte er.</p> + +<p>„Was meinst du damit?“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_57" id="page_57"></a>57</span>„Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,“ +fuhr er fort. Dann, als wären sie langjährige +Vertraute, begann er, ihr von Frau Fastenzeit zu erzählen +und von seiner Empörung gegen ihr Regiment.</p> + +<p>„Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein +Ende,“ sagte sie.</p> + +<p>Aber als er daran dachte, daß Edith dasaß und ihn +liebkoste, mußte er wieder weinen. Es war ihm solch ein +Bedürfnis zu weinen. Alles Mißtrauen gegen das Leben, +das das Unglück dem kleinen Wermländer eingeflößt +hatte, bedurfte der Tränen, um fortzuschmelzen. Das +Mißtrauen, daß Liebe und Freude, Schönheit und Kraft +nicht auf Erden blühen könnten, das Mißtrauen gegen +sich selbst, alles das mußte fort. Alles das ging fort, denn +es war Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit +konnte nie mehr Macht erlangen.</p> + + + + +<h2><a name="nr2" id="nr2"></a><a href="#inhalt">Die Legende vom Vogelnest</a></h2> + + +<p>Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu +Gott. Es stürmte, und sein langer Bart und sein zottiges +Haar flatterte um ihn, so wie die windgepeitschten +Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. +Doch er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch +steckte er den Bart in den Gürtel, denn er hielt die Arme +zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang streckte er seine +knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso +unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und +so wollte er bis zum Abend stehen bleiben. Er hatte etwas +Großes zu erbitten.</p> + +<p>Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit +der Welt erfahren hatte. Er hatte selbst verfolgt und +gequält, und Verfolgung und Qualen andrer waren ihm +zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. +Darum zog er hinaus auf die große Heide, grub sich +<span class="pagenum"><a name="page_58" id="page_58"></a>58</span>eine Höhle am Flußufer und wurde ein heiliger Mann, +dessen Gebete an Gottes Thron Gehör fanden.</p> + +<p>Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner +Höhle und betete das große Gebet seines Lebens. Er +betete zu Gott, den Tag des Jüngsten Gerichts über diese +böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden +Engel an, die das Ende der Herrschaft der +Sünde verkünden sollten. Er rief nach den Wellen des +Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertränken. Er rief +nach der Pest, auf daß sie die Kirchhöfe mit Leichenhaufen +erfülle.</p> + +<p>Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine +Strecke weiter oben am Flußufer stand eine alte Weide +mit kurzem Stamm, der oben zu einem großen, kopfähnlichen +Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne +Zweige hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den +Bewohnern des holzarmen Flachlandes diese frischen +Jahresschößlinge geraubt. Jeden Frühling trieb der Baum +neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen Tagen sah +man sie um den Baum flattern und wehen, so wie Haar +und Bart um Hatto, den Eremiten, flatterten.</p> + +<p>Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem +Stamm der Weide zwischen den emporsprießenden Zweigen +zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage mit +seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig +peitschenden Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie +kamen mit Binsenhalmen und Wurzelfäserchen und vorjährigem +Riedgras geflogen, aber sie mußten unverrichteter +Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, +der eben Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger +werden zu lassen, damit das Nest der kleinen Vöglein +fortgefegt und der Adlerhorst zerstört werde.</p> + +<p>Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie +bemoost und vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich +solch ein alter Heidebewohner sein konnte. +Die Haut lag so stramm über Stirn und Wangen, daß +<span class="pagenum"><a name="page_59" id="page_59"></a>59</span>sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem +kleinen Aufleuchten tief in den Augenhöhlen sah man, +daß er Leben besaß. Und die vertrockneten Muskeln gaben +dem Körper keine Rundung, der emporgestreckte nackte +Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, +die mit verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut +überzogen waren. Er trug einen alten, eng anliegenden +schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne +und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart +waren licht, hatten sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, +bis sie dieselbe graugrüne Farbe angenommen +hatten, wie die Unterseite der Weidenblätter.</p> + +<p>Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr +Nest suchten, hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine +alte Weide, die ebenso wie die andre durch Axt und Säge +in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie +umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, +merkten sich den Weg zu ihm, berechneten seine Lage im +Hinblick auf Raubvögel und Stürme, fanden sie recht +unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für ihn, wegen +seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer +und ihrem Speicher. Eines der Vögelchen +schoß pfeilschnell herab und legte sein Wurzelfäserchen in +die ausgestreckte Hand des Eremiten.</p> + +<p>Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen +ihm nicht sogleich aus der Hand gerissen +wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab es kein +Aufhören. „Mögest du bald kommen, o Herr, und diese +Welt des Verderbens vernichten, auf daß die Menschen +sich nicht mit noch mehr Sünden beladen. Möchtest du +die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die Lebenden gibt +es keine Erlösung.“</p> + +<p>Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen +flatterte aus der großen, knochigen Hand des +Eremiten fort. Aber die Vögel kamen wieder und versuchten +die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine +<span class="pagenum"><a name="page_60" id="page_60"></a>60</span>Finger einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, +schmutziger Daumen über die Halme und hielt sie fest, +und vier Finger wölbten sich über die Handfläche, so daß +eine friedliche Nische entstand, in der man bauen konnte. +Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.</p> + +<p>„Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? +Wann öffnest du des Himmels Schleusen, die die +Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Maß deiner +Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? +O Herr, wann kommst du aus deinem sich spaltenden +Himmel?“</p> + +<p>Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen +vom Tag des Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden +erbebte, der Himmel glühte. Unter dem roten Firmament +sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den +Boden wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch +während seine Seele von diesen Fiebervisionen erfüllt +war, begannen seine Augen dem Flug der kleinen Vögel +zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit +einem vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in +das Nest fügten.</p> + +<p>Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. +Er hatte das Gelübde getan, den ganzen Tag stillstehend +mit emporgestreckten Händen zu beten, um so unsern +Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein Körper +wurde, desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn +erfüllten. Er hörte die Mauern der Städte zusammenbrechen +und die Wohnungen der Menschen einstürzen. +Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei, +und ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, +hohe, silbergepanzerte Gestalten mit strengem, +schönem Antlitz, auf schwarzen Rossen reitend und Geißeln +schwingend, die aus weißen Blitzen geflochten waren.</p> + +<p>Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten fleißig +den ganzen Tag, und die Arbeit machte große Fortschritte. +Auf dieser hügeligen Heide mit ihrem steifen +<span class="pagenum"><a name="page_61" id="page_61"></a>61</span>Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und +seinen Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden +weder Zeit zur Mittagsrast noch zur Vesperruhe. Glühend +vor Eifer und Vergnügen flogen sie hin und her, +und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst +angelangt.</p> + +<p>Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des +Eremiten mehr und mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen +auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus, wenn sie sich dumm +anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden +tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn +sie sich ein bißchen ausruhten.</p> + +<p>So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten +Ruhestätten im Schilf auf.</p> + +<p>Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, +so daß sein Gesicht in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen +ist, dann wird er sehen, wie sich ein wunderliches +Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen +mit großen, runden Flügeln huschen über das Feld, +unsichtbar für den, der aufrecht steht. Nattern ringeln +sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen Köpfchen +auf schwanähnlich gebognen Hälsen erhoben. Große Kröten +kriechen träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen +vor den Raubtieren, und der Fuchs springt nach einer +Fledermaus, die Mücken über dem Fluß jagt. Es ist, als +hätte jedes Erdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen +schlafen die kleinen Vögelchen auf dem schwanken +Schilf, geborgen vor allem Bösen auf diesen Ruhestätten, +denen kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser aufplätschert +oder das Schilf zittert und sie aufweckt.</p> + +<p>Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, +die Ereignisse des gestrigen Tages seien ein schöner +Traum gewesen.</p> + +<p>Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs +auf ihr Nest zu, aber das war verschwunden. +Sie guckten suchend über die Heide hin und erhoben sich +<span class="pagenum"><a name="page_62" id="page_62"></a>62</span>gerade in die Luft, um zu spähen. Keine Spur von einem +Nest oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf +ein paar Steine am Flußufer und grübelten nach. Sie +wippten mit dem langen Schwanz und drehten das Köpfchen. +Wohin war Baum und Nest gekommen?</p> + +<p>Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit +über den Waldgürtel auf dem jenseitigen Flußufer erhoben, +als ihr Baum gewandert kam und sich auf denselben +Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. +Er war ebenso schwarz und knorrig wie damals und +trug ihr Nest auf der Spitze von etwas, was wohl ein +dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte.</p> + +<p>Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne +weiter über die vielen Wunder der Natur nachzugrübeln.</p> + +<p>Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner +Höhle fortscheuchte und ihnen sagte, es wäre besser für +sie, wenn sie niemals das Licht der Sonne gesehen hätten, +er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den fröhlichen +jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den +Fluß hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; +er, vor dessen bösem Blick die Hirten der Heide ihre +Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am Fluß +zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß +nicht nur jeder Buchstabe in den heiligen Büchern seine +verborgne mystische Bedeutung hat, sondern auch alles, +was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er +herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die Bachstelzchen +ihr Nest in seiner Hand bauten; Gott wollte, +daß er mit erhobnen Armen betend dastehen sollte, bis +die Vögel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte +er dies, so sollte er erhört werden.</p> + +<p>Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen +des Jüngsten Gerichtes. Anstatt dessen folgte er immer +eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er sah das Nest +rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund +herum und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine +<span class="pagenum"><a name="page_63" id="page_63"></a>63</span>Moosflechten von der wirklichen Weide und klebten sie +außen an, das sollte anstatt Tünche oder Farbe sein. Sie +holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm +Flaum von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest +innen damit, das war die Einrichtung und Möblierung.</p> + +<p>Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die +die Gebete des Eremiten an Gottes Thron haben konnten, +pflegten ihm Brot und Milch zu bringen, um seinen +Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden +ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.</p> + +<p>„Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,“ +sagten sie und fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern +hoben den Milcheimer an seine Lippen und führten +ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken +hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber +sie lächelten nur über seine Verwünschungen.</p> + +<p>Sein Körper war schon lange seines Willens Diener +geworden. Durch Hunger und Schläge, durch tagelanges +Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er ihn Gehorsam +gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine +Arme tage- und wochenlang emporgestreckt, und während +das Bachstelzenweibchen auf den Eiern lag und das +Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nachts +seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten +Armen zu schlafen. Unter den Freunden der Wüste gibt +es so manche, die noch größre Dinge vollbracht haben.</p> + +<p>Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, +die über den Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. +Er achtete auf Hagel und Regen und schützte +das Nest so gut er konnte.</p> + +<p>Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten +verlassen. Beide Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des +Nestes, wippen mit den Schwänzchen und beratschlagen +und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest +von einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem +<span class="pagenum"><a name="page_64" id="page_64"></a>64</span>kleinen Weilchen ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd +aus.</p> + +<p>Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht +für das, was oben in seiner Hand piepst. Und +als das Futter kommt, da piepsen sie am allerärgsten. +Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen +Gebeten.</p> + +<p>Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, +die beinahe die Gabe, sich zu rühren, verloren haben, und +seine kleinen Glutaugen starren in das Nest herab.</p> + +<p>Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges +gesehen: kleine, nackte Körperchen mit ein paar +spärlichen Fläumchen, keine Augen, keine Flugkraft, +eigentlich nur sechs große, aufgerissene Schnäbel.</p> + +<p>Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie +gerade so leiden wie sie waren. Die Alten hatte er ja +niemals von dem großen Untergang ausgenommen, aber +wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch Vernichtung +zu erlösen, da machte er eine stillschweigende +Ausnahme für diese sechs Schutzlosen.</p> + +<p>Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann +dankte er ihnen nicht mit Verwünschungen. Da er für +die Kleinen dort oben notwendig war, freute er sich, daß +die Leute ihn nicht verhungern ließen.</p> + +<p>Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen +über den Nestrand. Des alten Hatto Arm sank immer +häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die Federn +aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die +Körperformen sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, +die die Natur den beflügelten Bewohnern der Luft +geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut.</p> + +<p>Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung +immer zögernder über Hattos Lippen. Er glaubte +Gottes Zusicherung zu haben, daß sie hereinbrechen +würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun +stand er da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht +<span class="pagenum"><a name="page_65" id="page_65"></a>65</span>vor Gottvater. Denn diese sechs Kleinen, die er beschützt +und behütet hatte, konnte er nicht opfern.</p> + +<p>Früher war es etwas andres gewesen, als er noch +nichts hatte, was sein Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen +und Schutzlosen, die jedes kleine Kind die großen, +gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und +machte ihn unschlüssig.</p> + +<p>Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß +schleudern, denn er meinte, daß die beneidenswert sind, +die ohne Sorgen und Sünden sterben dürfen. Mußte er +die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger +und den mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? +Aber gerade als er noch so dachte, kam der +Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu +töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken +Hand, schwang ihn im Kreise über seinem Kopf und +schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den Fluß.</p> + +<p>Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. +Eines der Bachstelzchen mühte sich drinnen im Nest, die +Jungen auf den Rand hinauszuschieben, während das +andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war, +wenn sie es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen +sich hartnäckig fürchteten, da flogen die beiden Alten fort +und zeigten ihnen ihre allerschönste Fliegekunst. Mit +den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschiedene Windungen, +oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie +Lerchen oder hielten sich mit heftig zitternden Schwingen +still in der Luft.</p> + +<p>Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, +kann Hatto es nicht lassen, sich in die Sache einzumischen. +Er gibt ihnen einen behutsamen Puff mit dem +Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen +sie, zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, +sie sinken, aber erheben sich wieder, begreifen, +worin die Kunst besteht, und verwenden sie dazu, so rasch +als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten +<span class="pagenum"><a name="page_66" id="page_66"></a>66</span>kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte +Hatto schmunzelt.</p> + +<p>Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.</p> + +<p>Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern +Herrgott nicht auch einen Ausweg geben konnte.</p> + +<p>Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater +diese Erde wie ein großes Vogelnest in seiner +Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu denen gefaßt, +die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern +der Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten +gelobt hatte, so wie sich der Eremit der kleinen +Vögel erbarmte.</p> + +<p>Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser +als unsers Herrgotts Menschen, aber er konnte doch begreifen, +daß Gottvater dennoch ein Herz für sie hatte.</p> + +<p>Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die +Bitterkeit der Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. +Langsam sank sein Arm an seiner Seite herab, und es +deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem anhielt, um +dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu +lauschen. Doch in demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen +zurück und setzten sich ihm auf Haupt und Schultern, +denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte +ein Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. +Er hatte ja den Arm gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um +die Vögel anzusehen.</p> + +<p>Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert +und umgaukelt, nickte er jemandem, den er nicht +sah, vergnügt zu. „Du bist frei,“ sagte er, „du bist +frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du +auch deines nicht zu halten.“</p> + +<p>Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf +und als legte sich der Fluß gemächlich in seinem Bett +zur Ruhe.</p> + + + +<p><span class="pagenum"><a name="page_67" id="page_67"></a>67</span></p> +<h2><a name="nr3" id="nr3"></a><a href="#inhalt">Das Hünengrab</a></h2> + + +<p>Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot +blüht. Auf der Sandhalde wuchs es in dichten Büscheln. +Von niedrigen, baumähnlichen Stämmchen erhoben sich +dicht sitzende grüne Zweige mit nadelharten, festen Blättern +und kleinen, spät welkenden Blüten. Diese schienen +nicht aus dem gewöhnlichen saftreichen Blumengewebe +zu bestehen, sondern aus trocknen, harten Schuppen. Sie +waren sehr unansehnlich von Größe und Gestalt; auch +war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen +Heide hatten sie sich nicht in der windgeschützten Luft +entwickelt, in der die Lilien ihre Kelchblätter entfalten, +auch nicht in dem üppigen Erdreich, aus dem die Rosen +die Nahrung für ihre schwellenden Kronen schöpfen. Was +sie zu Blumen machte, war eigentlich die Farbe; denn +leuchtend rot waren sie. Den Farbe schenkenden Sonnenschein +hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine bleichen +Kellergewächse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die +gesegnete Fröhlichkeit und Stärke der Gesundheit lag über +der ganzen blühenden Heide.</p> + +<p>Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten +Mantel bis hinauf zum Waldessaum. Da erhoben sich +auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar uralte, +halb zusammengestürzte Grabhügel; und wie innig das +Heidekraut sich auch an sie zu schmiegen suchte: es gab +doch dort oben Risse, durch die große flache Felsenplatten +durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des Berges +selbst. Unter dem größten Grabhügel ruhte ein alter +König, Atle genannt. Unter den andern schlummerten die +seiner Mannen, die gefallen waren, als die große Schlacht +dort auf der Halde geschlagen ward. Nun hatten sie schon +so lange dagelegen, daß die Angst und die Ehrfurcht vor +dem Tode von ihren Gräbern gewichen war. Der Weg +ging zwischen ihren Ruhestätten hindurch. Wer nachts +<span class="pagenum"><a name="page_68" id="page_68"></a>68</span>hier wanderte, dem kam es nie in den Sinn, sich umzusehen, +ob wohl zu mitternächtiger Stunde nebelumhüllte +Gestalten auf der Spitze der Grabhügel säßen und +in stummer Sehnsucht zu den Sternen emporblickten.</p> + +<p>Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. +Der Schütze, der seit dem Morgengrauen auf der +Jagd gewesen war, hatte sich in das Heidekraut hinter +König Atles Hügel geworfen. Er lag auf dem Rücken +und schlief. Den Hut hatte er über die Augen gezogen +und die Jagdtasche aus Fell, aus der die langen Ohren +des Hasen und die gekrümmten Schwanzfedern des Auerhahns +lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen +hatte er neben sich.</p> + +<p>Aus dem Walde kam ein Mädchen, ein Bündelchen +mit Essen in der Hand. Als sie auf die flachen Platten +zwischen den Grabhügeln kam, dachte sie, was für ein +guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam große Lust, ihn +zu probieren. Sie warf das Bündelchen ins Heidekraut +und begann ganz mutterseelenallein zu tanzen. Sie +wußte nicht darum, daß hinter dem Königshügel ein +Mann lag und schlief.</p> + +<p>Der Schütze schlief noch immer. Brennend rot stand +das Heidekraut gegen den tiefblauen Himmel. Der +Ameisenlöwe hatte seinen Graben dicht neben dem +Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stück +Katzengold und funkelte, als wollte es alle alten Stoppeln +der Sandhalde in Brand setzen. Über dem Kopf des +Schützen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch +aus und ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten +Purpur bis ins Stahlblau. Auf den unbeschatteten Teil +seines Gesichtes brannte glühender Sonnenschein. Aber er +schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu +schauen.</p> + +<p>Unterdessen fuhr das Mädchen fort, zu tanzen, und es +drehte sich so eifrig, daß die geschwärzte Mooserde, die +sich in den Unebenheiten der Blöcke angesammelt hatte, +<span class="pagenum"><a name="page_69" id="page_69"></a>69</span>um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel, blank +und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. +Die nahm sie und drehte sich mit ihr herum. Späne +lösten sich aus dem modernden Baume. Tausendfüßler +und Ohrwürmer, die in den Ritzen genistet hatten, stürzten +sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich +in die Wurzeln des Heidekrautes.</p> + +<p>Wenn die fliegenden Röcke die Heide streiften, flatterten +daraus Scharen von kleinen grauen Schmetterlingen +auf. Die Unterseite ihrer Flügel war weiß und glänzte +wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm +auf und ab. Sie schienen nun ganz weiß, und es war, +als ob das rote Heidemeer weißen Schaum emporspritzte. +Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes Weilchen schwebend +in der Luft. Ihre zarten Flügel zitterten so heftig, +daß der Farbenstaub sich löste und als dünner, silberweißer +Flaum auf das Heidekraut fiel. Da war es, als +würde die Luft von einem sonnig glitzernden Tauregen +durchrieselt.</p> + +<p>Ringsum im Heidekraut saßen Heuschrecken und rieben +ihre Hinterbeine gegen die Flügel, so daß es wie Harfensaiten +klang. Sie hielten guten Takt und waren so eingespielt, +daß jeder, der über die Heide ging, dieselbe Heuschrecke +auf seiner Wanderung zu hören meinte, obgleich +er sie bald zur Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, +bald hinter sich. Aber die Tanzende war nicht zufrieden +mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem kleinen +Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trällern. +Ihre Stimme war schrill und spröde. Der Schütze erwachte +von dem Gesang. Er wendete sich seitwärts, richtete +sich auf dem Ellbogen auf und sah über das Hünengrab +hinweg zu ihr, die tanzte.</p> + +<p>Er hatte geträumt, daß der Hase, den er soeben getötet +hatte, aus der Jagdtasche gesprungen sei und seine +eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn zu schießen. +Nun sah er zu dem Mädchen hinüber, schlaftrunken, wirr +<span class="pagenum"><a name="page_70" id="page_70"></a>70</span>von Träumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf +in der Sonne.</p> + +<p>Sie war groß und von grobem Gliederbau; nicht hold +von Angesicht, nicht leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. +Sie hatte breite Wangen, dicke Lippen und eine +platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel +von Haar, üppig von Gestalt, kräftig in den Bewegungen. +Ihre Kleider waren dürftig, aber grell. Rote Borten +faßten den gestreiften Rock ein, und bunte Wollgarnlitzen +folgten den Nähten des Leibchens. Andre Jungfrauen +gleichen Rosen und Lilien. Diese war wie das +Heidekraut, stark, fröhlich, leuchtend.</p> + +<p>Mit Freude sah der Schütze das große, prächtige Weib +auf der roten Halde tanzen, mitten unter zirpenden Grashüpfern +und flatternden Schmetterlingen. Und wie er +sie so ansah, lachte er, daß der Mund sich von einem +Ohr zum anderen zog. Aber da erblickte sie ihn plötzlich +und blieb unbeweglich stehen.</p> + +<p>„Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,“ war das erste, +was sie hervorbrachte. Zugleich erwog sie, wie sie ihn +bewegen könne, über das zu schweigen, was er gesehen +hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzählen hören, +daß sie mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.</p> + +<p>Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte +er über die Lippen. Er war so scheu, daß er nichts Besseres +anzufangen wußte, als zu fliehen, obwohl er gern +geblieben wäre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und +die Jagdtasche auf den Rücken. Dann lief er zwischen +den Heidekrauthügeln fort.</p> + +<p>Sie packte das Eßbündel und eilte ihm nach. Er war +klein, steif von Bewegungen und hatte sichtlich geringe +Kräfte. Sie holte ihn bald ein und schlug ihm den Hut +vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben. Eigentlich +hatte er die größte Lust, zu bleiben, aber er war ganz +wirr vor Schüchternheit und floh in noch größrer Hast. +Sie lief nach und begann, an seiner Tasche zu zerren. +<span class="pagenum"><a name="page_71" id="page_71"></a>71</span>Da mußte er stehenbleiben, um die Tasche zu verteidigen. +Das Mädchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen +und sie warf ihn zu Boden. „Jetzt wird er's keinem +erzählen,“ dachte sie und war froh.</p> + +<p>In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn +er, der auf der Erde lag, schien ganz bleich und die Augen +drehten sich in ihren Höhlen. Er hatte sich aber nicht +verletzt. Es war die Gemütsbewegung, die er nicht vertragen +hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke +Gefühle in diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er +war froh über das Mädchen und zornig und scheu und +dennoch stolz, daß sie so stark war. Er war ganz betäubt +von alledem.</p> + +<p>Die große, starke Jungfrau legte den Arm um seinen +Rücken und richtete ihn auf. Sie brach Heidekraut und +peitschte sein Gesicht mit den steifen Zweigen, bis das +Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich +wieder dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor +Freude beim Anblick des Mädchens. Noch immer schwieg +er; aber die Hand, die sie um seinen Leib gelegt hatte, +zog er an sich und streichelte sie sanft.</p> + +<p>Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mühsal. +Trocken und bleichgelb, fleischlos und blutarm war +er. Es rührte sie, daß er so verzagt war, er, der doch +um die Dreißig sein mochte. Sie dachte, daß er wohl +ganz mutterseelenallein tief im Walde leben müsse, da +er so kläglich und so schlecht gekleidet war. Keinen hatte +er wohl, der nach ihm sah, nicht Mutter noch Schwester +oder Liebste.</p> + +<hr /> + +<p>Der große barmherzige Wald breitete sich über die +Wildnis aus. Verbergend und schützend nahm er in seinen +Schoß alles auf, was bei ihm Hilfe suchte. Mit +hohen Stämmen hielt er Wacht um die Höhle des Bären, +und in der Dämmerung dichter Gebüsche hegte er das +mit Eiern gefüllte Nest der kleinen Vöglein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_72" id="page_72"></a>72</span>Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flüchteten +viele von ihnen in den Wald und fanden Schutz hinter +seinen grünen Mauern. Er ward für sie ein großer Kerker, +den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt +diese seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die +Stumpfen zum Nachdenken und erzog die in der Knechtschaft +Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur +dem Fleißigen schenkte er die Gnade des Lebens.</p> + +<p>Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, +waren Abkömmlinge solcher Gefangnen des Waldes. Sie +gingen manchmal hinunter in die bebauten, bewohnten +Täler, denn sie brauchten nicht mehr zu befürchten, in +die Knechtschaft zurückgeführt zu werden, aus der ihre +Väter geflohen waren; doch am liebsten nahmen sie den +Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des Schützen +war Tönne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden +urbar zu machen, aber er verstand sich auch auf andre +Dinge. Er sammelte Reisig, kochte Teer, trocknete +Schwämme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte, +hieß Jofrid. Ihr Vater war Köhler. Sie band Besen, +pflückte Wacholderbeeren und braute Bier aus dem weißblumigen +Porsch. Beide waren sehr arm.</p> + +<p>Früher hatten sie einander in dem großen Walde nie +getroffen, aber jetzt deuchte sie, daß alle Wege des Waldes +sich zu einem Netz verschlängen, in dem sie hin und +wieder liefen und einander unmöglich vermeiden konnten. +Nie wußten sie nun einen Pfad zu wählen, auf dem +sie einander nicht begegneten.</p> + +<p>Tönne hatte einmal einen großen Kummer gehabt. +Er hatte lange mit seiner Mutter in einer elenden Reisigkoje +gehaust; aber als er heranwuchs, faßte er den Plan, +ihr ein warmes Häuschen zu bauen. In allen seinen +Mußestunden ging er in den Holzschlag, fällte Bäume +und spaltete sie in angemessene Stücke. Dann verbarg +er das aufgehäufte Bauholz in dunklen Klüften unter +Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, daß seine Mutter +<span class="pagenum"><a name="page_73" id="page_73"></a>73</span>nicht früher von all der Arbeit etwas erfahren sollte, +als bis er so weit war, die Hütte aufzubauen. Aber +seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er gesammelt +hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, +was er tun wollte. Er, der mit demselben Eifer gearbeitet +hatte wie David, Israels König, als er Schätze +für Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor +alle Lust an dem Bau. Für ihn war die Reisigkoje gut +genug. Und doch hatte er's nicht viel besser in seinem +Heim als ein Tier in seiner Höhle.</p> + +<p>Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen +war, Lust bekam, Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete +dieser Wunsch wohl sicherlich, daß er sie gern zur Liebsten +und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch täglich, +daß er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache +sprechen werde. Aber Tönne brachte es nicht über sich. +Man merkte ihm an, daß er von unfreier Abkunft war. +Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf, +wie die Sonne, wenn sie über das Himmelszelt zieht. +Und schwerer war es für ihn, diese Gedanken zu zusammenhängender +Rede zu formen, als für einen Schmied, +einen Armreif aus rollenden Sandkörnern zu schmieden.</p> + +<p>Eines Tages führte Tönne Jofrid zu einer der Schluchten, +wo er sein Bauholz verborgen hatte. Er riß Zweige +und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen Stämme. +„Das hätte Mutter haben sollen,“ sagte er. Und sah +Jofrid erwartungsvoll an. „Dies hätte Mutters Hütte +werden sollen,“ wiederholte er. Merkwürdig schwer fiel +es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen Gesellen +zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, hätte sie +doch verstehen müssen; aber sie verstand nicht.</p> + +<p>Da beschloß er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklären. +Ein paar Tage später begann er, die Stämme +zu der Stelle zwischen den Grabhügeln zu schleppen, wo +er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie +gewöhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch +<span class="pagenum"><a name="page_74" id="page_74"></a>74</span>weiter, ohne etwas zu sagen. Seit sie Freunde geworden +waren, war sie ihm oft an die Hand gegangen, aber bei +dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu wollen. +Tönne meinte doch, sie hätte verstehen müssen, daß es +ihre Hütte war, die er jetzt zimmern wollte.</p> + +<p>Sie verstand es ganz wohl, aber sie spürte keine Lust, +sich einem Mann von Tönnes Art zu schenken. Sie wollte +einen starken, gesunden Mann haben. Es schien ihr ein +schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit +einem verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. +Und doch zog viel sie zu diesem stillen, scheuen Mann. +Man denke doch, daß er sich so hart geplagt hatte, um +seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glück genossen +hatte, zur Zeit fertig zu werden. Sie hätte über sein +Schicksal weinen können. Und nun baute er die Hütte +gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein +gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken +an ihn; aber sie wollte durchaus nicht seine Frau werden.</p> + +<p>Jeden Tag ging sie über die Heide und sah die Hütte +aufragen, dürftig und ohne Fenster; der Sonnenschein +rieselte durch die undichten Wände.</p> + +<p>Tönnes Arbeit ging sehr rasch vorwärts; aber er arbeitete +nicht sorgfältig, sein Bauholz war nicht in Kanten +behauen, kaum abgerindet. In die Diele legte er gespaltne +junge Bäume. Sie wurde sehr uneben und +schwankend. Das Heidekraut, das darunter blühte, – +denn es war nun ein Jahr seit dem Tage vergangen, an +dem Tönne hinter König Atles Hügel gelegen und geschlafen +hatte –, steckte ganz verwegen seine roten Trauben +durch die Ritzen, und die Ameisen wanderten unbehindert +aus und ein und musterten dies gebrechliche +Menschenwerk.</p> + +<p>Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken +mochte: immer schwebte ihr der Gedanke vor, daß +dort eine Hütte für sie erbaut würde. Ein eignes Heim +ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie +<span class="pagenum"><a name="page_75" id="page_75"></a>75</span>wußte, daß, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der +Bär oder der Fuchs dort hausen mochte. Denn so gut +kannte sie Tönne, daß sie begriff: wenn es sich zeigte, +daß er vergeblich gearbeitet hatte, würde er niemals in +die neue Hütte einziehen. Er würde weinen, der Arme, +wenn er hörte, daß sie nicht dort hausen wolle. Es würde +ein neuer Kummer für ihn sein, ebenso groß wie damals, +als seine Mutter starb. Aber er mußte wohl sich +selbst die Schuld geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig +gefragt.</p> + +<p>Sie glaubte, daß sie ihm schon dadurch ein Zeichen +gab, daß sie ihm nie bei der Hütte half. Dazu hatte +sie doch große Lust. Jedesmal, wenn sie weiches weißes +Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken +Wände zu stopfen. Sie war auch geneigt, Tönne beim +Mauern des Herdes zu helfen. Wie er dabei verfuhr, +mußte sich ja aller Rauch in der Hütte sammeln. Aber +es war ja gleichgültig, wie es da wurde. Da würde keine +Speise kochen, kein Trank sieden. Dumm war's doch, +daß diese Hütte niemals aus ihren Gedanken weichen +wollte.</p> + +<p>Tönne arbeitete mit glühendem Eifer; er war gewiß, +daß Jofrid die Absicht verstehen mußte, sobald nur die +Hütte fertig war. Er grübelte nicht viel über sie nach. +Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. +Die Zeit verging ihm rasch.</p> + +<p>Eines Nachmittags, als Jofrid über die Heide ging, +sah sie, daß eine Tür an die Hütte gekommen war und +eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff sie, +daß alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tönne +hatte das Dach mit Büschen und blühendem Heidekraut +gedeckt; und eine starke Sehnsucht ergriff sie, unter dieses +rote Dach zu treten. Er selbst war nicht bei dem Neubau, +und sie entschloß sich, hineinzugehen. Diese Hütte +war ja für sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid +konnte der Lust nicht widerstehen, es anzusehen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_76" id="page_76"></a>76</span>Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. +Wacholder war über den Boden gestreut. Frischer Duft +von Nadeln und Harz füllte den Raum. Die Sonnenstrahlen, +die durch Luken und Spalten hereinspielten, +spannen goldne Bänder durch die Luft. Es sah da aus, +als würde sie erwartet; in die Mauerspalten waren grüne +Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine frischgefällte +Tanne. Tönne hatte nicht sein altes Hausgerät hineingestellt. +Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, +über die eine Elenhaut geworfen war.</p> + +<p>Kaum war Jofrid über die Schwelle getreten, fühlte +sie sich schon von dem fröhlichen Behagen eines Heims +umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr zumute, als sie +so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer, +wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid +hatte vielen Fleiß darauf gewandt, sich eine Art Aussteuer +zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen Händen +Tücher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu +schmücken; die wollte sie in ihrem eignen Heim aufhängen, +wenn sie eins bekam. Nun mußte sie denken, +wie sich diese Tücher wohl hier ausnehmen würden. Sie +hätte sie gern in der neuen Hütte probiert.</p> + +<p>Rasch eilte sie heimwärts, holte ihren Leinwandschatz +und begann, die farbenprächtigen Stoffstücke unter der +Decke aufzuhängen. Sie stieß die Tür auf, so daß die +helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte +sich eifrig in der Stube, geschäftig und munter, ein Heldenliedchen +trällernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde +gar prächtig da drinnen. Die gewebten Rosen und Sterne +leuchteten wie nie zuvor.</p> + +<p>Während sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau über die +Heide und die Hünengräber. Vielleicht kauerte Tönne +jetzt hinter einem der Grabhügel und lachte sie aus. Der +Königshügel lag gerade vor der Tür, und dahinter sah +sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie +<span class="pagenum"><a name="page_77" id="page_77"></a>77</span>hin. Ihr war, als müsse dort jemand sitzen und sie betrachten.</p> + +<p>Gerade als die Sonne so tief unten war, daß nur noch +ein paar blutrote Strahlen über die alte Steinhalde spielten, +sah sie, wer es war, der sie betrachtete. Der ganze +Hügel war kein Hügel mehr, sondern ein großer, alter +Kämpe, der narbig und ergraut dasaß und sie anstarrte. +Rings um sein Haupt bildeten die Sonnenstrahlen eine +Krone, und sein roter Mantel war so weit, daß er sich +über die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war groß +und schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider +und Waffen waren auch steinfarbig und ahmten so genau +die Tönung und das Moosflechtenkleid der Steine +nach, daß man sehr scharf hinsehen mußte, um zu merken, +daß es ein Kämpe und kein Steinhaufen war. Es war +wie mit jenen Würmern, die Baumzweigen gleichen. Man +kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt, daß, +was man für hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkörper +ist.</p> + +<p>Aber Jofrid konnte sich nicht länger darüber täuschen, +daß es der alte König Atle selbst war, der da saß. Sie +stand in der Tür, hielt die Hand beschattend über die +Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er hatte +sehr kleine, schräge Augen unter seiner hochgewölbten +Stirn, eine breite Nase und einen zottigen Bart. Und er +lebte, dieser steinerne Mann. Er lächelte und blinzelte ihr +zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten erschreckten +sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und +die haarigen Hände. Je länger sie ihn ansah, desto breiter +wurde sein Lächeln; und endlich hob er einen seiner mächtigen +Arme, um sie zu sich zu winken. Da floh Jofrid +heimwärts.</p> + +<p>Aber als Tönne nach Haus kam und die Hütte mit +bunten Tüchern geschmückt fand, faßte er so großen Mut, +daß er seinen Fürbitter zu Jofrids Vater schickte. Der +fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie +<span class="pagenum"><a name="page_78" id="page_78"></a>78</span>war sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen +hatte, wenn sie ihre Hand auch halb gezwungen +schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein sagen, in +dessen Hütte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch +sah sie zuerst nach, ob der alte König Atle wieder ein +Grabhügel geworden sei.</p> + +<hr /> + +<p>Tönne und Jofrid lebten viele Jahre glücklich. Sie +standen in gutem Ruf. „Das sind gute Menschen,“ sagte +man. „Seht, wie sie einander beistehen, wie sie zusammen +arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!“</p> + +<p>Tönne wurde mit jedem Tage stärker, ausdauernder +und weniger träge von Gedanken. Jofrid schien einen +ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist ließ er +sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zäher Hartnäckigkeit +seinen eignen Willen durchzusetzen.</p> + +<p>Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fröhlichkeit. +Ihre Kleider wurden immer bunter, je älter sie +wurde. Das ganze Gesicht war grellrot. Aber in Tönnes +Augen war sie lieblich.</p> + +<p>Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres +Standes. Sie aßen Butter zur Grütze und mengten +weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier +schäumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden +vermehrten sich so rasch, daß sie sich Fleischnahrung +gönnen konnten.</p> + +<p>Einmal machte Tönne für einen Bauern drunten im +Tal den Boden urbar. Als der sah, wie Tönne und seine +Frau in großer Fröhlichkeit zusammen arbeiteten, dachte +auch er: „Das sind gute Menschen.“ Der Bauer hatte +jüngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjähriges +Kind hinterlassen hatte. Er bat Tönne und Jofrid, seinen +Sohn in Pflege zu nehmen. „Das Kind ist mir sehr +teuer,“ sagte er, „drum gebe ich es euch, denn ihr seid +gute Menschen.“ Sie hatten keine eignen Kinder, so daß +<span class="pagenum"><a name="page_79" id="page_79"></a>79</span>es sehr schicklich schien, dieses zu nehmen. Sie willigten +auch ohne Zögern ein. Sie meinten, Vorteil davon zu +haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch +erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude für ihre +alten Tage.</p> + +<p>Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das +Jahr um war, war es tot. Dies sei die Schuld der +Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz +frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit +wollte aber niemand sagen, sie hätten es vorsätzlich +getötet; man meinte nur, daß sie etwas auf sich genommen +hätten, was über ihr Vermögen gegangen war. Sie +hatten nicht Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem +Kinde die Pflege angedeihen zu lassen, deren es bedurfte. +Sie hatten sich gewöhnt, nur an sich selbst zu denken und +für ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, +ein Kind zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen +an die Arbeit gehen und nachts einen ruhigen Schlummer +schlafen. Sie fanden, daß der Kleine zu viel von der +guten Milch trinke, und sie gönnten es ihm nicht so wie +sich selbst. Sie wußten aber nicht etwa, daß sie den +Knaben schlecht behandelten. Sie dachten, daß sie geradeso +für ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es +ihnen vor, daß der Pflegesohn eine Strafe und Plage +für sie gewesen war. Sie trauerten nicht über seinen Tod.</p> + +<p>Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu +haben, mit Kindern umzugehen; aber Jofrid hatte einen +Mann, für den sie in vielen Stücken die Sorge einer +Mutter tragen mußte, und begehrte deshalb nicht, noch +andres zu betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die +raschen Fortschritte der Kleinen; aber Jofrid hatte Freude +genug, wenn sie sah, wie Tönne sich zu Verstand und +Männlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Hütte +zu fegen und zu schmücken, freute sich an der Zunahme +der Herden und an dem Anbau unten auf der Heide.</p> + +<p>Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, +<span class="pagenum"><a name="page_80" id="page_80"></a>80</span>daß das Kind gestorben sei. Da sprach der Mann: „Nun +ist es mir ergangen wie dem, der so weiche Kissen in +sein Bett legt, daß er bis auf den harten Grund sinkt. +Gar zu gut wollte ich meinen Sohn hüten; und siehe: +nun ist er tot!“ Und er war betrübt.</p> + +<p>Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. +„Wollte Gott, daß du uns deinen Sohn nicht gegeben +hättest!“ sagte sie. „Wir waren zu arm. Er hat es nicht +gut genug bei uns gehabt.“</p> + +<p>„Dies wollte ich nicht sagen,“ antwortete der Bauer. +„Eher glaube ich, daß ihr das Kind verhätschelt habt. +Doch ich will keinen Menschen anklagen; denn über Leben +und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, +den Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben +Aufwand zu feiern, als wenn ein Erwachsener +gestorben wäre; und zum Gastmahl lade ich Tönne und +dich. Daraus mögt ihr sehen, daß ich keinen Groll gegen +euch hege.“</p> + +<p>So wohnten Tönne und Jofrid dem Leichenschmaus +bei. Sie wurden freundlich bewirtet, und niemand sagte +ihnen ein böses Wort. Wohl hatten die Frauen, die die +Leiche einkleideten, erzählt, daß sie jämmerlich abgefallen +sei und Spuren schwerer Vernachlässigung gezeigt habe. +Das konnte aber wohl auch von der Krankheit herkommen. +Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern +glauben, denn man wußte, daß sie gute Menschen +waren.</p> + +<p>Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als +sie die Frauen erzählen hörte, wie sie bei ihren kleinen +Kindern wachen und sich für sie plagen müßten. Sie +merkte auch, daß bei dem Leichenschmaus unter den Weibern +beständig von Kindern gesprochen wurde. Einige +hatten solche Freude an ihnen, daß sie gar nie aufhören +konnten, von ihren Fragen und Spielen zu erzählen. Jofrid +hätte gern von Tönne gesprochen; aber die meisten +Frauen sprachen gar nicht von ihren Männern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_81" id="page_81"></a>81</span>Spät abends kehrten Jofrid und Tönne von dem +Leichenschmaus heim. Sie gingen sogleich zu Bett. Aber +kaum waren sie eingeschlafen, als sie von einem leisen +Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten +sie, noch halb schlafend, und waren unwillig über die +Störung. Aber plötzlich setzten sie sich beide im Bett auf. +Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses Wimmern? +Wenn sie ganz wach waren, hörten sie nichts; +aber sobald sie einzuschlummern begannen, vernahmen +sie es wieder. Kleine, schwache Füßchen hörten sie über +die Steinplatte vor der Hütte gehen, ein kleines Händchen +tastete an der Tür, und da sie nicht offen war, wanderte +das Kind wimmernd und tappend die Wand entlang, +bis es vor ihrer Lagerstätte stehenblieb. Wenn sie sprachen +oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber +wenn sie einschlummern wollten, hörten sie deutlich die +unsichern Schritte und das erstickte Schluchzen.</p> + +<p>Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den +letzten Tagen als Möglichkeit vor Augen gestanden hatte: +nun wurde es ihnen zur Gewißheit. Sie sahen ein, daß +sie das Kind getötet hatten. Wie hätte es sonst umgehen +können?</p> + +<p>Von dieser Nacht an war alles Glück von ihnen gewichen. +Sie lebten in steter Furcht vor dem Gespenst. +Tagsüber hatten sie wohl einige Ruhe, aber in den Nächten +wurden sie von dem Weinen und dem erstickten +Schluchzen des Kindes so gestört, daß sie nicht wagten, +allein zu liegen. Jofrid ging oft weit über Land, um +einen Menschen zu holen, der über Nacht in ihrer Hütte +bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; +aber sobald sie allein waren, hörten sie das Kind.</p> + +<p>In einer Nacht, für die sie keinen Gast gefunden hatten +und die sie, des Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, +stand Jofrid aus dem Bett auf.</p> + +<p>„Schlaf du nur, Tönne,“ sagte sie. „Wenn ich mich +wach erhalte, wird sich nichts hören lassen.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_82" id="page_82"></a>82</span>Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Türschwelle +und überlegte, was sie tun sollten, um Ruhe zu finden; +denn so konnten sie nicht weiterleben. Sie fragte sich, +ob Beichte und Buße, Demütigung und Reue sie von +dieser schweren Heimsuchung befreien könnten.</p> + +<p>Da begab es sich, daß sie die Augen aufschlug und +dieselbe Erscheinung sah wie schon einmal zuvor von dieser +Stelle. Der Grabhügel war zu einem Kämpen geworden. +Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich +sehen und vernehmen, daß der alte König Atle dasaß und +sie betrachtete. Sie sah ihn so genau, daß sie die mit +Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken +unterschied und wahrnehmen konnte, daß seine Beine +mit gekreuzten Bändern umwickelt waren, zwischen denen +die Wadenmuskeln schwollen.</p> + +<p>Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er +schien ihr ein Freund und Tröster im Unglück. Er sah +sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut einflößen. +Da dachte sie, daß dieser gewaltige Held einst +seinen Tag gehabt hatte, an dem er die Feinde in Scharen +auf die Heide niederstreckte und in den Blutströmen +watete, die zwischen den Hügeln brausten. Was hatte +er da nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? +Wie tief hatte das Seufzen der Kinder, deren +Väter er erschlagen hatte, sein Steinherz gerührt? Federleicht +hätte die Bürde von eines Kindes Tod auf seinem +Gewissen gelegen.</p> + +<p>Und sie vernahm sein Flüstern, dieselbe Weise, die das +alte, steinkalte Heidentum zu allen Zeiten geflüstert hat. +„Warum bereuen? Die Götter lenken das Geschick. Die +Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die +Kinder der Erde trauern, daß sie getan, was die Unsterblichen +sie zu tun zwangen?“</p> + +<p>Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: +„Was konnte ich dafür, daß das Kind starb? Gott allein +ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht ohne seinen Willen.“ +<span class="pagenum"><a name="page_83" id="page_83"></a>83</span>Und sie dachte, daß sie das Gespenst am besten abwehren +werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.</p> + +<p>Aber da öffnete sich die Haustür, und Tönne kam zu +ihr heraus. „Jofrid,“ sagte er, „es ist jetzt in der Hütte. +Es kam heran und klopfte an den Bettrand und weckte +mich. Was sollen wir tun, Jofrid?“</p> + +<p>„Das Kind ist ja tot,“ sagte Jofrid. „Du weißt, +daß es tief unter der Erde liegt. Das alles sind nur +Träume und Hirngespinste.“ Sie sprach hart und abweisend, +denn sie fürchtete, daß Tönne in dieser Sache +zu weichherzig sein und sie dadurch ins Unglück stürzen +könne.</p> + +<p>„Wir müssen ein Ende machen,“ sagte Tönne.</p> + +<p>Jofrid lachte grell auf. „Was willst du tun? Gott +hat es uns auferlegt. Konnte er das Kind nicht am +Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es nicht; und +jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, +mit welchem Recht er uns verfolgt?“</p> + +<p>Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkämpen, +der finster und hart auf seinem Hügel saß. Es war, +als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tönne erwiderte.</p> + +<p>„Wir müssen eingestehen, daß wir das Kind vernachlässigt +haben, und müssen Buße tun,“ sagte Tönne.</p> + +<p>„Niemals will ich für etwas leiden, das nicht meine +Schuld ist,“ sagte Jofrid. „Wer wollte, daß das Kind +sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art von Buße willst +du denn tun? Willst du dich geißeln oder fasten wie +die Mönche? Mich dünkt, du kannst deine Kräfte zur +Arbeit brauchen.“</p> + +<p>„Mit dem Geißeln habe ich es schon probiert,“ sagte +Tönne. „Es nützt nichts.“</p> + +<p>„Siehst du!“ sagte sie und lachte wieder.</p> + +<p>„Da tut andres not,“ fuhr Tönne mit beharrlicher +Entschlossenheit fort. „Wir müssen gestehen.“</p> + +<p>„Was willst du Gott sagen, das er nicht schon +<span class="pagenum"><a name="page_84" id="page_84"></a>84</span>wüßte?“ höhnte Jofrid. „Lenkt nicht er deine Gedanken? +Was willst du ihm sagen?“ Sie fand jetzt, daß Tönne +dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn +ihrer Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht +mehr daran gedacht, sondern ihn lieb gehabt, seines guten +Herzens wegen.</p> + +<p>„Wir müssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, +und ihm Buße bieten.“</p> + +<p>„Was willst du ihm bieten?“ fragte sie.</p> + +<p>„Die Hütte und die Ziegen.“</p> + +<p>„Sicherlich fordert er volle Mannesbuße für seinen +einzigen Sohn. Die läßt sich mit allem, was wir besitzen, +nicht bezahlen.“</p> + +<p>„Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt +geben, wenn er sich nicht mit weniger zufrieden gibt.“</p> + +<p>Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, +und sie haßte Tönne aus der Tiefe ihrer Seele. Alles, +was sie verlieren mußte, stand klar vor ihr: die Freiheit, +für die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Hütte, +den Wohlstand, Ehre und Glück.</p> + +<p>„Merke meine Worte wohl, Tönne,“ sagte sie heiser, +halberstickt von Schmerz, „der Tag, an dem du solches +tust, ist mein Todestag.“</p> + +<p>Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; +aber sie blieben auf der Türschwelle sitzen, bis der +Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu begütigen +und zu versöhnen. Beide fürchteten und verachteten einander. +Eins maß das andre mit dem Maß seines Zornes +und fand es engherzig und böse.</p> + +<p>Seit dieser Nacht ließ Jofrid Tönne oft ihre Überlegenheit +fühlen. Sie gab ihm in der Gegenwart Fremder +zu verstehen, daß er einfältig sei, und half ihm bei der +Arbeit so, daß er ihre Kraft erkennen mußte. Sie wollte +ihm offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal +stellte sie sich sehr froh, um ihn zu zerstreuen und von +seinen Grübeleien abzulenken. Er hatte noch nichts getan, +<span class="pagenum"><a name="page_85" id="page_85"></a>85</span>um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte +nicht, daß er ihn aufgegeben habe.</p> + +<p>In dieser Zeit wurde Tönne mehr und mehr, wie er +vor seiner Heirat gewesen war. Er wurde mager und +bleich, wortkarg und träg von Gedanken. Jofrids Verzweiflung +ward mit jedem Tage größer, denn es war, +als sollte ihr nun alles genommen werden. Doch kam +ihre Liebe zu Tönne wieder, als sie ihn unglücklich sah. +„Was gilt mir alles, wenn Tönne zugrunde geht?“ +dachte sie. „Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu +leben, als ihn als Freien sterben zu sehen.“</p> + +<hr /> + +<p>Jofrid konnte sich jedoch nicht so plötzlich überwinden, +Tönne zu gehorchen. Sie kämpfte einen langen und +schweren Kampf. Aber eines Morgens, als sie erwachte, +war ihr ungewöhnlich ruhig und mild zumute. Da war +ihr, als könne sie nun tun, was er forderte. Und sie +weckte ihn und sagte, daß es jetzt so werden solle, wie +er wollte. Nur diesen einzigen Tag möge er ihr gönnen, +damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen könne.</p> + +<p>Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. +Leicht kamen ihr Tränen in die Augen, wie einem, der +Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe sich an diesem +Tage, ihr zuliebe, besonders schön geschmückt. Der Frost +war über sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden +und das ganze Feld trug ein braunes Kleid. Aber +als die Sonne des Herbsttages ihre schrägen Strahlen +darüber hingleiten ließ, war es, als erglühe das Heidekraut +aufs neue rot. Und sie gedachte des Tages, an +dem sie Tönne zum erstenmal gesehen hatte.</p> + +<p>Sie wünschte, daß sie den alten König noch einmal +schauen dürfe; denn er hatte ja mitgeholfen, ihr Glück +zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten Zeit ernstlich +vor ihm gefürchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie +zu packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr über sie +<span class="pagenum"><a name="page_86" id="page_86"></a>86</span>haben, meinte sie. Sie wollte aufmerken, ob sie ihn +nicht sehen konnte, abends, wenn der Mondschein kam.</p> + +<p>Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde +Spielleute vorbeigezogen. Da hatte Jofrid den Einfall, +sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem Hause +zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tönne +mußte schnell zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu +kommen. Dann liefen ihre kleinen Geschwister weiter +ins Dorf hinab, um Gäste zu holen. Bald waren viele +Menschen versammelt.</p> + +<p>Die Fröhlichkeit war groß. Tönne hielt sich abseits in +einer Ecke der Hütte, wie es seine Gewohnheit war, wenn +Besuch kam; aber Jofrid war beinahe wild in ihrer +Fröhlichkeit. Mit gellender Stimme führte sie die Tanzspiele +an und bot eifrig den Gästen das schäumende Bier. +Eng war es in der Stube, aber die Spielleute waren flink +und der Tanz hatte Leben und Lust. Es wurde erstickend +heiß dort drinnen. Man stieß die Tür auf; und nun +sah Jofrid erst, daß die Nacht angebrochen und der Mond +aufgegangen war. Da trat sie in die Haustür und blickte +in die weiße Welt des Mondscheins hinaus.</p> + +<p>Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war +weiß, weil sich das Mondlicht in den zahllosen Tropfen +spiegelte, die sich auf allen Zweiglein gesammelt hatten. +Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und +Steinen wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. +Jofrid stieg hinab; wohlig schwankend war's unter dem +Fuß. Sie ging ein paar Schritte über den Pfad, der ins +Dorf hinabführte, gleichsam als wolle sie prüfen, welches +Gefühl es sei, da zu gehen. Tönne und sie sollten am +nächsten Tage Hand in Hand hier wandern, in tiefste +Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem +Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten +ließ: sicherlich war Schmach ihr Los. Die an diesem +Abend eine gute Hütte und viele Freunde hatten, würden +am nächsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht +<span class="pagenum"><a name="page_87" id="page_87"></a>87</span>auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht +sogar ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: +„Dies ist der Weg des Todes.“ Und nun konnte sie nicht +fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu wandeln. +Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt +wie der alte König Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie +das Gefühl, ihre schweren Steinglieder nicht regen zu +können, um diesen Weg zu gehen.</p> + +<p>Sie wendete ihre Blicke dem Königshügel zu und sah +deutlich den alten Kämpen da sitzen. Aber in dieser Nacht +war er wie zum Fest geschmückt. Er trug nicht mehr das +graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weißes, +schimmerndes Silber. Auch schmückte ihn wieder +eine Krone von Strahlen, wie damals, als sie ihn zuerst +sah; aber diese Krone war weiß. Und weiß leuchtete +Brustplatte und Armring, glitzernd weiß war Schwertgriff +und Schild. Er saß da und betrachtete sie in stummer +Gleichgültigkeit. Das seltsam Unergründliche, das +in großen Steingesichtern liegt, hatte sich nun auf ihn +herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mächtig; und +Jofrid hatte die unklare Vorstellung, daß er ein Bild +von etwas sei, was in ihr lag und in allen Menschen, +etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von +vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, +den alten König, mitten im Menschenherzen sitzen. Über +dessen unfruchtbare Felder breitete er seinen weiten Königsmantel. +Da tanzte die Genußsucht, da jubelte das Prachtverlangen. +Er war der große Steinheld, der Not und +Armut vorüberwandern sah, ohne daß sein Steinherz gerührt +ward. „Die Götter wollen es so,“ sagte er. Er +war der starke steinerne Mann, der ungesühnte Sünde +tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: „Warum +trauern, da das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen +aufgezwungen ward?“</p> + +<p>Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie +ein Schluchzen war. In ihr lebte eine Ahnung, die sie +<span class="pagenum"><a name="page_88" id="page_88"></a>88</span>sich nicht klarzumachen vermochte, eine Ahnung, daß sie +mit dem steinernen Mann kämpfen müsse, wenn sie glücklich +werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fühlte sie sich +so hilflos schwach. Ihre Unbußfertigkeit und der Steinheld +auf der Heide schienen ihr ein und dasselbe, und +konnte sie jene nicht besiegen, so würde dieser in irgendeiner +Weise Macht über sie erlangen.</p> + +<p>Sah sie nun wieder zu der Hütte hin, wo die Tücher +unter den Dachbalken schimmerten, wo die Spielleute +Fröhlichkeit verbreiteten, und wo alles war, was sie liebte, +dann fühlte sie, daß sie nicht in die Knechtschaft gehen +konnte. Nicht einmal Tönne zuliebe. Sie sah sein blasses +Antlitz in der Hütte und fragte sich mit zusammengekrampftem +Herzen, ob er verdiene, daß sie ihm alles +opfere.</p> + +<p>Aber drinnen in der Hütte hatten sich die Leute zu +einem Reigentanz aufgestellt. Sie ordneten sich in einer +langen Reihe, faßten einander bei den Händen und +stürzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an +der Spitze, in rasender Eile vorwärts. Der Anführer +zog sie durch die offne Tür hinaus auf die im Mondschein +glitzernde Heide. Sie stürmten an Jofrid vorbei, keuchend +und wild; strauchelten über Steine, sanken ins Heidekraut, +zogen weite Kreise rings um die Hütte. Der letzte +in der Reihe rief Jofrid an und streckte ihr die Hand +entgegen. Sie faßte sie und lief mit.</p> + +<p>Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstürmen. +Doch Fröhlichkeit war darin, Lebenslust und Übermut. +Immer kühner wurden die Schwenkungen, immer lauter +tönten die Rufe, immer stürmischer ward das Lachen. +Von Hünengrab zu Hünengrab, wie sie da über die Heide +zerstreut lagen, schlang sich die Reihe der Tanzenden. +Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde +wieder emporgerissen, der Langsame vorwärts gezogen. +Die Spielleute standen in der Haustür und lockten zu +immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu ruhen, +<span class="pagenum"><a name="page_89" id="page_89"></a>89</span>zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging +der Tanz über schwankes Moos und glatte Felsplatten.</p> + +<p>Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, daß +sie die Freiheit behalten mußte, daß sie lieber sterben, als +sie verlieren wollte. Sie merkte, daß sie Tönne nicht +folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den +Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.</p> + +<p>Alle Hügel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den König +Atle. Jofrid sah, daß es jetzt zu diesem hinaufging, und +sie hielt die Blicke scharf auf den mächtigen Mann geheftet. +Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den +Hinstürmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch +nur ein schallendes Gelächter antwortete ihr. Sie wollte +stehenbleiben; aber eine starke Faust riß sie weiter. Sie +sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig +waren sie, daß die schweren Arme keinen von ihnen erreichen +konnten. Unfaßlich war ihr, daß niemand ihn +sah. Todesangst kam über sie. Sie wußte, daß er sie +erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen +Jahren. Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer +würde er sich nun endlich bemächtigen.</p> + +<p>Jetzt kam an sie die Reihe, an König Atle vorbeizueilen. +Sie sah, wie er sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, +um Ernst zu machen und sie zu fangen. In dieser höchsten +Not fühlte sie: wenn sie sich jetzt entschloß, am nächsten +Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte +er nicht die Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. +Sie kam zuletzt und die Drehungen waren nun so heftig, +daß sie mehr geschleppt und gezogen wurde als selbst lief +und Mühe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich +sie in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte +Kämpe noch rascher. Die schweren Arme senkten sich auf +sie hinab, die steinernen Hände ergriffen sie, zogen sie an +die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer +schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wußte +noch bis zuletzt: nur weil sie den Steinkönig im eignen +<span class="pagenum"><a name="page_90" id="page_90"></a>90</span>Herzen nicht zu besiegen vermocht hatte, war König Atle +Gewalt über sie gegeben.</p> + +<p>Nun war es zu Ende mit Tanz und Fröhlichkeit. Jofrid +lag im Sterben. Sie war in dem rasenden Lauf an +den Königshügel geschleudert worden und hatte von seinen +Steinen den Todesstoß empfangen.</p> + + + + +<h2><a name="nr4" id="nr4"></a><a href="#inhalt">Die Vogelfreien</a></h2> + + +<p>Ein Bauer, der einen Mönch ermordet hatte, floh in +den Wald und wurde geächtet. In der Wildnis fand er +einen andern friedlosen Mann, einen Fischer von den +äußersten Schären, der beschuldigt war, ein Heringsnetz +gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen, +wohnten in einer Erdhöhle, legten Fallen, schnitzten Pfeile, +buken Brot auf einem Stein und wachten gegenseitig +über ihr Leben. Der Bauer verließ den Wald niemals, +aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen +hatte, nahm zuweilen die erlegten Tiere über die +Schulter und schlich sich zu den Menschen hinunter. Da +bekam er für den schwarzen Auerhahn und das blauglänzende +Birkhuhn, für den langohrigen Hasen und das +feingliedrige Reh Milch und Butter, Pfeile und Kleider. +So war es den Friedlosen möglich, ihr Leben zu fristen.</p> + +<p>Die Höhle, in der sie hausten, war in einen Hügelabhang +gegraben. Breite Steinplatten und dornige +Schlehenbüsche deckten den Eingang. Auf dem Dach stand +eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der +Erdhöhle. Der emporsteigende Rauch wurde durch die +dichten, nadelreichen Zweige des Baumes gesiebt und +verschwand unmerklich im Raume.</p> + +<p>Die Männer pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu +gehen, indem sie den Waldbach durchwateten, der unter +dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte die Spur +der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_91" id="page_91"></a>91</span>Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern +versammelten sich wie zur Treibjagd auf Bär und +Wolf. Der Wald wurde von Bogenschützen umringt, +Lanzenträger gingen dort umher und ließen keine dunkle +Kluft, kein dichtes Gestrüpp unerforscht. Während die +lärmende Treibjagd durch den Wald zog, lagen die Friedlosen +in ihrer dunklen Höhle, atemlos lauschend, vor Angst +keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus; +er aber, der gemordet hatte, wurde von unerträglicher +Angst ins Freie getrieben, wo er seinen Feind sehen +konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies schien +ihm tausendmal besser, als in ohnmächtiger Untätigkeit +still dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte +über Abhänge, sprang über Ströme, erkletterte kerzengerade +Felswände. Alle verborgne Kraft und Geschicklichkeit +in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt. +Sein Körper ward elastisch wie eine Stahlfeder, +der Fuß sprang nicht fehl, die Hand ließ nicht locker, +Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf als einst. +Er verstand das Flüstern des Laubes und die Warnungen +der Steine. Wenn er eine Anhöhe erklettert hatte, wendete +er sich gegen seine Verfolger und sandte ihnen Spottlieder +mit beißenden Reimen nach. Wenn die sausenden +Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie +gegen die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden +Zweigen durchdrängte, sang jemand in seinem Innern +ein Loblied auf seine Großtaten.</p> + +<p>Da lief der kahle Bergrücken durch den Wald, und +einsam auf seiner Höhe stand die himmelhohe Föhre. +Der braunrote Stamm war kahl, aber in der astreichen +Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollkühn war +jetzt der Fliehende, daß er dort hinaufkletterte, während +die Verfolger ihn auf den bewaldeten Abhängen suchten. +Da saß er und drehte den Jungen des Sperbers den +Hals um, während tief unter ihm die Jagd dahinzog. +Sperber und Sperberweibchen schossen voll Rachbegier +<span class="pagenum"><a name="page_92" id="page_92"></a>92</span>auf den Räuber hinab. Sie flatterten um sein Gesicht, +sie richteten die Schnäbel auf seine Augen, sie schlugen +ihn mit den Flügeln und kratzten mit den Klauen blutige +Streifen in seine wettergebräunte Haut. Lachend kämpfte +er gegen sie an. In dem schwankenden Neste aufrechtstehend, +hackte er mit seinem scharfen Messer nach ihnen +und vergaß über der Lust des Spieles die Lebensgefahr +und die Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen, +hatten sie sich nach einer andern Richtung entfernt. +Niemandem war es in den Sinn gekommen, die +Jagdbeute auf dem kahlen Bergrücken zu suchen. Keiner +hatte den Blick zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche +und Schlafwandlertaten vollbringen zu sehen, +während sein Leben in äußerster Gefahr schwebte.</p> + +<p>Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender +Hand griff er nach einer Stütze; schwindelnd maß +er die Höhe, die er erklettert hatte. Und vor Angst zu +fallen stöhnend, bange vor den Vögeln, bange, gesehen +zu werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab. +Er legte sich auf den Berg nieder, um nicht gesehen zu +werden und schleppte sich über das Geröll weiter, bis das +Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den +verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und +kraftlos sank er in das Moos. Ein einziger Mann hätte +ihn leichtlich fangen können.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Tord war der Name des Fischers. Er zählte nicht mehr +als sechzehn Jahre, aber er war stark und kühn. Er +hatte schon ein Jahr im Walde gelebt.</p> + +<p>Der Bauer hieß Berg, mit dem Beinamen der Riese. +Er war der größte und stärkste Mann in der Gegend +und dazu schön und wohlgewachsen. Er war breit um +die Schultern und schlank um die Mitte. Seine Hände +waren so wohlgebildet, als hätten sie niemals harte Arbeit +<span class="pagenum"><a name="page_93" id="page_93"></a>93</span>gekostet. Das Haar war braun und das Antlitz zartgefärbt. +Nachdem er einige Zeit im Walde verbracht +hatte, nahm er in allen Stücken ein furchtbareres Aussehen +an als früher. Seine Blicke wurden stechend, die +Augenbrauen wuchsen buschig, und die Muskeln, die sie +runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es trat +auch deutlicher als früher hervor, wie der obere Teil seiner +mächtigen Stirne über den untern vorragte. Die Lippen +schlossen sich jetzt fester als einst, das ganze Gesicht wurde +magrer, die Grübchen an der Stirn wurden sehr tief, +und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor. +Sein Körper wurde weniger voll, aber seine Muskeln +ballten sich eisenhart. Das Haar ergraute rasch.</p> + +<p>An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht +sattsehen. Etwas so Schönes und Gewaltiges hatte er +nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er hoch +wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente +ihm wie einem Herrn und betete ihn an wie einen Gott. +Es verstand sich ganz von selbst, daß Tord den Jagdspeer +trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer anmachte. +Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an, +gönnte ihm aber fast nie ein freundliches Wort. Er verachtete +ihn, weil er ein Dieb war.</p> + +<p>Die Friedlosen führten kein Räuber- oder Wegelagrerleben, +sondern ernährten sich durch Jagd und Fischerei. +Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen Mann ermordet +hätte, würden die Bauern wohl bald aufgehört haben, +ihn zu verfolgen, und hätten ihn oben im Gebirge in +Frieden gelassen. Aber nun fürchteten sie großes Unheil +für die Gegend, weil der Mann, der Hand an einen +Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging. +Wenn Tord mit dem erlegten Wild ins Tal hinabkam, +boten sie ihm große Belohnungen und Vergebung seines +eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der +Höhle Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten, +während er schlief. Aber der Knabe weigerte sich +<span class="pagenum"><a name="page_94" id="page_94"></a>94</span>immer, und wenn ihm jemand in den Wald nachschleichen +wollte, dann führte er ihn so schlau auf falsche +Fährte, daß er die Verfolgung aufgeben mußte.</p> + +<p>Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum +Verrat bewegen wollten, und als er hörte, welchen Lohn +sie ihm boten, sagte er hohnvoll, daß Tord ein Einfaltspinsel +wäre, wenn er solch ein Anerbieten nicht annähme.</p> + +<p>Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der +Riese, desgleichen nie zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein +schönes Weib in seiner Jugend, nie hatte seine Frau und +seine Kinder ihn je so angesehen. „Du bist mein Herr, +mein freigewählter Herrscher,“ sagte der Blick, „wisse, +daß du mich schlagen und beschimpfen kannst, soviel du +willst. Ich bleibe doch treu.“</p> + +<p>Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den +Jungen und merkte, daß er mutig im Handeln, aber +schüchtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine +Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder +wenn das Moor im Frühling am gefährlichsten war, +wenn die Moräste sich unter reichblühendem Wollgras +und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am +liebsten den Weg darüber. Es schien ihm ein Bedürfnis +zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum Ersatz +für die Stürme und Schrecknisse auf dem Meere, denen +er nicht mehr begegnete. Doch nachts fürchtete er sich +im Walde, und selbst am hellichten Tage konnte ein +dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer +umgestürzten Föhre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn +darüber befragte, war er zu scheu, um auch nur zu antworten.</p> + +<p>Tord pflegte nicht auf dem hinten in der Höhle, nahe +dem Feuer aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich +von Moos und warmen Fellen war, sondern er kroch +jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang +hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte +dies, und obgleich er den Grund erraten konnte, +<span class="pagenum"><a name="page_95" id="page_95"></a>95</span>fragte er, was dies zu bedeuten habe. Tord erklärte es +ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei +Nächte lang nicht mehr in der Türe, aber dann nahm er +seinen Wachtposten wieder ein.</p> + +<p>Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel +wehte und in das windgeschützte Dickicht wirbelte, +drangen die tanzenden Schneeflöckchen auch in die +Höhle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten +verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen +erwachte, in eine schmelzende Schneewehe gebettet. +Einige Tage später wurde er krank. Die Lungen pfiffen, +und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen, +fühlte er stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf +den Beinen, als die Kräfte reichten. Aber als er sich +eines Abends bückte, um das Feuer anzufachen, fiel er +um und blieb liegen.</p> + +<p>Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er möge +sich in sein Bett legen. Tord stöhnte vor Schmerz und +vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg die Arme +unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war +ihm, als hätte er eine schlüpfrige Schlange berührt, und auf +der Zunge hatte er einen Geschmack, als hätte er von dem +unheiligen Pferdefleisch gegessen, so ekelte es ihn, diesen +elenden Dieb anzurühren.</p> + +<p>Er breitete sein eignes, großes Bärenfell über ihn und +reichte ihm Wasser, mehr konnte er nicht tun. Es war auch +nicht gefährlich. Tord wurde bald gesund. Aber dadurch, +daß Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein Diener +sein mußte, waren sie einander näher gekommen. Tord +wagte zu ihm zu sprechen, wenn er abends in der Höhle +saß und Pfeile schnitzte.</p> + +<p>„Du bist aus gutem Stamm, Berg,“ sagte Tord. +„Die Reichsten im Tal sind deine Verwandten. Deine +Vorfahren haben Königen gedient und in ihren Burgen +gekämpft.“</p> + +<p>„Meistens haben sie in den Aufrührerscharen gekämpft +<span class="pagenum"><a name="page_96" id="page_96"></a>96</span>und den Königen allen Schaden getan,“ erwiderte +Berg, der Riese.</p> + +<p>„Deine Väter gaben zu Weihnachten große Gelage, +und das tatest auch du, als du auf deinem Hofe saßest. +Hunderte von Männern und Frauen konnten auf den +Bänken deiner großen Halle Platz finden, die schon erbaut +war, ehe noch der heilige Olof hier in Viken taufte. +Du hattest uralte Silberbecher und große Trinkhörner, +die, mit Met gefüllt, von Mann zu Mann wanderten.“</p> + +<p>Wieder mußte Berg den Knaben ansehen. Er saß +mit herabhängenden Beinen auf dem Bette, und der +Kopf ruhte in den Händen, mit denen er zugleich die +wilde Haarmasse zurückdrängte, die ihm in die Stirn +fiel. Das Gesicht war durch die Krankheit bleich und +fein geworden. In den Augen leuchtete noch das Fieber. +Er lächelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor: +die geschmückte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten +Gäste und Berg, den Riesen, der in seiner +Väter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der Bauer +dachte, daß ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung +leuchtenden Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern +so herrlich gefunden hatte, wie der Knabe hier +ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand.</p> + +<p>Er wurde gerührt und zornig zugleich. Dieser elende +Dieb hatte kein Recht, ihn zu bewundern.</p> + +<p>„Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?“ +fragte er.</p> + +<p>Tord lachte. „Dort draußen auf der Schäre bei Vater +und Mutter! Vater ist ja ein Wrackplünderer und +Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!“</p> + +<p>„Deine Mutter ist eine Hexe?“</p> + +<p>„Das ist sie,“ antwortete Tord ohne jede Befangenheit. +„Bei stürmischem Wetter reitet sie auf einem Seehund +zu den Schiffen, über die die Sturzwellen hinspülen, +und wer dann in das Meer geschleudert wird, der +gehört ihr.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_97" id="page_97"></a>97</span>„Was fängt sie mit ihnen an?“ fragte Berg.</p> + +<p>„Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht +wohl Salben aus ihnen, oder vielleicht ißt sie sie. In +Mondscheinnächten sitzt sie draußen in der Brandung, wo +sie am weißesten ist, und der Schaum sprüht über sie +hin. Es heißt, daß sie da sitzt und nach den Fingern und +Augen ertrunkner Kinder sieht.“</p> + +<p>„Das ist abscheulich,“ sagte Berg.</p> + +<p>Der Knabe antwortete mit großer Zuversicht: „Es +wäre abscheulich für andre, aber nicht für Hexen. Die +müssen es so machen.“</p> + +<p>Berg schien es, daß dies eine neue Art war, Welt und +Dinge zu betrachten.</p> + +<p>„Müssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern +müssen?“ fragte er scharf.</p> + +<p>„Ja, gewiß,“ antwortete der Knabe, „jeder muß tun, +wozu er bestimmt ist.“ Aber dann fügte er mit einem +versteckten Lächeln hinzu: „Es gibt aber auch Diebe, +die niemals gestohlen haben.“</p> + +<p>„Sag doch gerade heraus, was du meinst,“ sagte +Berg.</p> + +<p>Der Knabe lächelte geheimnisvoll, stolz, ein unlösbares +Rätsel zu sein. „Es ist, als spräche man von +Vögeln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben spricht, +die nicht stehlen.“</p> + +<p>Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren. +„Man kann doch niemanden einen Dieb nennen, +der nicht gestohlen hat,“ sagte er.</p> + +<p>„Nein, freilich nicht,“ sagte der Knabe und kniff die +Lippen zusammen, wie um die Worte nicht durchzulassen. +„Wenn einer aber einen Vater hätte, der stiehlt,“ warf +er nach einem Weilchen hin.</p> + +<p>„Geld und Gut erbt man,“ wandte Berg ein, „aber +den Namen Dieb trägt keiner, der ihn nicht erworben +hat.“</p> + +<p>Tord lachte leise. „Und wenn einer eine Mutter hat, +<span class="pagenum"><a name="page_98" id="page_98"></a>98</span>die einen bittet und anfleht, des Vaters Verbrechen auf +sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem Henker ein +Schnippchen schlägt und in den Wald flieht. Und wenn +man dann für vogelfrei erklärt wird, eines Fischnetzes +wegen, das man gar nie gesehen hat?“</p> + +<p>Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den +Tisch. Er war zornig. Da war nun dieses schöne junge +Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben fortgeworfen. +Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter +Männern konnte er fürderhin gewinnen. Die elende +Sorge um Speise und Trank war alles, was ihm übrig +blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, daß er, +Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er +schalt ihn mit strengen Worten, aber Tord hatte nicht +einmal soviel Angst wie das kranke Kind vor der Mutter, +wenn sie es schilt, weil es sich erkältet hat, als es +durch den Frühlingsbach watete.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler +See. Er war viereckig, mit so geraden Ufern und so +scharfen Winkeln, als wäre er von Menschen gegraben. +Auf drei Seiten war er von steilen Felswänden umgeben, +an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln +festklammerten. Unten am See, wo das Erdreich so allmählich +weggeschwemmt worden war, ragten diese Wurzeln +aus dem Wasser auf, nackt und gekrümmt, und +wunderbar ineinander verschlungen. Es war wie eine +ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus dem +Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt +hatten und so stehen geblieben waren. Oder es +war eine Menge dunkler Skelette ertrunkner Riesen, die +der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine +verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten +<span class="pagenum"><a name="page_99" id="page_99"></a>99</span>sich in den harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten +Rundbogen, die uralte Bäume trugen. Es war +doch vorgekommen, daß die eisernen Arme, die stahlharten +Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten, +nachgegeben hatten. Und ein gewaltiger +Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom +Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem +Wipfel voran war sie tief in den Schlammgrund eingedrungen +und dort hängen geblieben. Jetzt hatte die +Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen, +aber die Wurzeln ragten über das Wasser hinaus, +wie ein vielarmiges Ungeheuer, und die schwarzen Wurzelzweige +trugen mit dazu bei, den Sumpfsee häßlich +und erschreckend zu machen.</p> + +<p>Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge. +Da entführte ein kleiner, schäumender Bach sein +Wasser. Ehe dieser Bach den einzig möglichen Weg finden +konnte, mußte er zwischen Steinen und Erdhügeln +suchen und bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige +nur eine Scholle groß, andre etwa zwanzig Bäume tragend.</p> + +<p>Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen, +gediehen auch Laubbäume. Hier standen durstige +graugrüne Erlen und glattblättrige Weiden. Die +Birke war da, wie sie überall zur Stelle ist, wo es gilt, +den Nadelwald zu verdrängen, und der Faulbaum und +die Eberesche, diese beiden, die gewöhnlich die Waldwiesen +besäumen, sie mit ihrem Duft erfüllen und mit +ihrem Reiz umkränzen.</p> + +<p>Hier beim Ausfluß war auch ein mannshoher Schilfwald, +durch den das Sonnenlicht grün über das Wasser +fiel, wie es im richtigen Walde über das Moos fällt. +Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche, +und da schwammen die Seerosen. Die hohen Halme +sahen mit mildem Ernst auf diese zarten Schönheiten +herab, die verdrießlich ihre weißen Blätter und gelben +<span class="pagenum"><a name="page_100" id="page_100"></a>100</span>Stempel in lederharten Hüllen verwahrten, sowie die +Sonne sich nicht zeigen wollte.</p> + +<p>An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an +diesen See, um zu fischen. Sie wateten zu ein paar +großen Steinen im Binsenwalde und saßen da und warfen +den grüngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen, +Köder hin.</p> + +<p>Diese Männer, die stets im Walde und im Gebirge +umherstreiften, waren, ohne daß sie selbst darum wußten, +ebensosehr unter die Herrschaft der Naturmächte geraten, +wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden +sie offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die +Sonne verschwunden war, verstummten sie, und die +Nacht, die ihnen viel größer und gewaltiger vorkam, als +der Tag, machte sie ängstlich und ohnmächtig. Jetzt +versetzte sie das grüne Sonnenlicht, das durch das Schilf +einfiel und das Wasser goldgestreift, braun und schwarzgrün +färbte, in eine Art Wunderstimmung. Die Aussicht +war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in +einem unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die +langen, bandähnlichen Blätter flatterten ihnen ins Gesicht. +Sie saßen in grauen Fellgewändern auf den grauen +Steinen. Die Färbung des Felles ahmte die Tönung des +verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gefährten +in seinem Schweigen und seiner Regungslosigkeit +in ein Steinbild verwandelt. Aber drinnen durch das +Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem +Rücken. Als die Männer die Angelhaken auswarfen und +sahen, wie sich die Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde +die Bewegung immer stärker und stärker, bis sie merkten, +daß sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe, +halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und +schlief. Sie lag auf dem Rücken mit dem ganzen Leibe +unter dem Wasserspiegel. Die Wellen schlossen sich so +eng an den Körper an, daß sie sie vorher nicht bemerkt +hatten. Ihre Atemzüge ließen die Wellen nicht ruhen. +<span class="pagenum"><a name="page_101" id="page_101"></a>101</span>Doch es war nichts Wunderliches darin, daß sie dalag, +und als sie im nächsten Augenblick verschwunden war, +wußten sie nicht recht, ob es nicht nur eine Sinnestäuschung +gewesen war.</p> + +<p>Das grüne Licht drang wie ein süßer Rausch durch +die Augen in das Hirn. Die Männer saßen da und +starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend, +die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang +fiel schlecht aus, der Tag gehörte Träumen und Offenbarungen.</p> + +<p>Da ertönten Ruderschläge im Schilf, und sie schreckten +wie aus dem Schlummer auf. Im nächsten Augenblick +zeigte sich ein Eichenstamm, schwer, ohne jede Kunstfertigkeit +ausgehöhlt, moosbewachsen und mit Rudern, +schmal wie Stäbchen. Ein junges Mädchen, das Seerosen +geholt hatte, ruderte ihn. Sie hatte dunkelbraunes +Haar, das in schwere Zöpfe geflochten war, und große +dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre +Blässe schimmerte rosig und nicht grau. Die Wangen +waren nicht lebhafter gefärbt als das übrige Gesicht, +kaum die Lippen. Sie trug ein weißes Leinenleibchen +und einen Ledergürtel mit goldner Schließe. Der Rock +war blau mit rotem Saum. Sie ruderte dicht an den +Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie verhielten sich +atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden, +sondern nur um sie so recht sehen zu können. Sobald +sie verschwunden war, verwandelten sie sich gleichsam +wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie sahen einander +lächelnd an.</p> + +<p>„Sie ist weiß wie die Seerosen,“ sagte der eine. „Sie +ist dunkeläugig wie das Wasser drüben unter den Tannenwurzeln.“</p> + +<p>Sie waren so übermütig, daß sie lachen wollten, richtig +lachen, wie man nie zuvor an diesem See gelacht hatte, +lachen, so daß die Felswände von dem Echo erzitterten +und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken lösten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_102" id="page_102"></a>102</span>„Schien sie dir schön?“ fragte Berg, der Riese.</p> + +<p>„Ach, ich weiß nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.“</p> + +<p>„Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest +wohl, sie sei die Seejungfrau?“</p> + +<p>Und wieder schüttelte sie dieselbe törichte Lachlust.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen. +Er hatte die Leiche am hellichten Tage am Strand +gefunden und war gar nicht erschrocken, aber nachts hatte +er furchtbare Träume geträumt. Er sah ein Meer, in +dem jede Welle einen toten Mann zu seinen Füßen rollte. +Er sah auch alle Inseln der Schären mit Ertrunknen +bedeckt, die tot waren und dem Meere gehörten, aber +dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm +drohen mit ihren welken, weißen Händen.</p> + +<p>So ging es ihm auch jetzt. Das Mädchen, das er im +Schilfe gesehen hatte, kam in seinen Träumen wieder. +Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo das +Sonnenlicht noch grüner war als im Schilf, und er +hatte Zeit, zu sehen, daß sie schön war. Er träumte, daß +er auf der großen Tannenwurzel mitten in dem dunklen +See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich +so, daß er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien +sie auf den kleinen Inselchen. Sie stand unter den roten +Ebereschen und lachte ihn aus. Im letzten Traumbild +brachte er es so weit, daß sie ihn küßte. Es ward früher +Morgen, und er hörte, daß Berg aufgestanden war, +aber er schloß hartnäckig die Augen, um weiter zu träumen. +Als er erwachte, war er ganz wirr und betäubt +von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er +dachte jetzt viel mehr an das Mädchen, als am Tage +vorher.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_103" id="page_103"></a>103</span>Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu +fragen, ob er ihren Namen wisse.</p> + +<p>Berg sah ihn prüfend an. „Vielleicht ist es am besten, +wenn du es gleich erfährst,“ sagte er. „Es war Unn. +Wir sind Verwandte.“</p> + +<p>Da wußte Tord, daß um dieser bleichen Maid willen +Berg, der Riese, friedlos durch Wald und Gebirge zog. +Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was er von +ihr wußte.</p> + +<p>Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter +war tot, so daß sie das Regiment auf ihres Vaters Hof +führte. Dies gefiel ihr, denn sie war herrschsüchtig, und +sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen.</p> + +<p>Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder, +und es hieß schon lange, daß Berg lieber bei Unn und +ihren Mägden saß und mit ihnen scherzte, als daheim +auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun +das große Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde, +hatte seine Frau einen Mönch aus Draksmark eingeladen, +denn sie wollte, daß dieser Berg Vorwürfe mache, +weil er sie um einer andern Frau willen vernachlässigte. +Dieser Mönch war Berg und auch vielen andern wegen +seines Aussehens verhaßt. Er war sehr feist und ganz +weiß. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die +Augenbrauen über seinen wässerigen Augen, die Gesichtsfarbe, +die Hände und die Kutte, alles war weiß. Viele +konnten seinen Anblick kaum ertragen.</p> + +<p>Bei der Tafel nun, so daß alle Gäste es hören konnten, +sagte dieser Mönch – denn er war unerschrocken +und meinte, daß seine Worte besser wirken würden, wenn +viele sie vernahmen –: „Man pflegt zu sagen, daß der +Kuckuck der schlechteste der Vögel ist, weil er seine Jungen +nicht im eignen Neste aufzieht, aber hier sitzt ein +Mann, der nicht für Heim und Kinder sorgt, sondern +seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich +den schlechtesten der Männer nennen.“ – Da stand +<span class="pagenum"><a name="page_104" id="page_104"></a>104</span>Unn auf. „Dies, Berg, geht auf dich und mich,“ sagte +sie. „Nie bin ich so beschimpft worden, aber freilich, +mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.“ Sie +wendete sich, um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach. +„Rühre mich nicht an,“ rief sie. „Nie mehr will ich +dich sehen.“ Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte +sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit +flammenden Augen geantwortet, das müsse er selbst +am besten wissen. Da ging Berg hin und erschlug den +Mönch.</p> + +<p>Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken +versunken, denn nach einem Weilchen sagte Berg: „Du +hättest sie, Unn, sehen sollen, als der weiße Mönch +gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder +um sich und fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter +Unn zu, damit sie sich auf ewige Zeiten die einprägten, +die ihren Vater zum Mörder gemacht hatte. Aber Unn +stand gelassen da und so schön, daß die Männer erbebten. +Sie dankte mir für die Tat und hieß mich +allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich, kein +Räuber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen, +als bis ich es für eine ebenso gerechte Sache brauchen +könnte.“</p> + +<p>„Deine Tat hatte sie erhöht,“ sagte Tord.</p> + +<p>Hier stand nun Berg vor demselben Rätsel, worüber +er sich schon früher bei dem Knaben gewundert hatte. +Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide, er verurteilte +niemals das, was unrecht war. Er kannte keine +Verantwortlichkeit. Was geschehen mußte, das geschah. +Gott, Christus und die Heiligen kannte er, aber nur +dem Namen nach, so wie man die Götter fremder Länder +kennt. Die Gespenster der Schären waren seine Götter. +An die Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter +ihn glauben gelehrt.</p> + +<p>Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das +ebenso töricht war, als wenn er einen Strick für seinen +<span class="pagenum"><a name="page_105" id="page_105"></a>105</span>eignen Hals gedreht hätte. Er stellte dem Unwissenden +den großen Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit, +den Rächer der Missetaten, der die Schuldigen in +ewige Pein hinabstürzt. Und er lehrte ihn Christus und +seine Mutter lieben, und die heiligen Männer und +Frauen, die mit gefalteten Händen vor Gottes Thron +liegen, um den Zorn des großen Rächers von den sündigen +Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles, was +die Menschen tun, um Gottes Zorn zu versöhnen. Er +zeigte ihm die Pilgerscharen, die zu heiligen Stätten +ziehen, die selbstquälerischen Büßer und die Flucht der +Mönche vom Weltleben.</p> + +<p>Und während er sprach, wurde der Knabe eifriger und +blasser, seine Augen öffneten sich weit wie vor furchtbaren +Gesichten. Berg, der Riese, wollte aufhören, aber +der Strom der Gedanken riß ihn fort, und er sprach +weiter. Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze +Waldesnacht, in der die Käuzchen schreien. Gott kam +ihnen so nahe, daß sie sahen, wie sein Thron die Sterne +verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die +Waldwipfel herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die +Flammen der Unterwelt zu der platten Scheibe der Erde +empor und beleckten gierig diesen schwanken Zufluchtsort +qualbedrückter Menschengeschlechter.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm +wehte. Tord ging allein durch den Wald, um Schlingen +und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese, saß +daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg +führte hinauf zu einer bewaldeten Höhe. Der Pfad war +breit.</p> + +<p>Jeder Windstoß, der durch die dichten Bäume dringen +konnte, fegte das trockne Laub in raschelnden Wirbeln +<span class="pagenum"><a name="page_106" id="page_106"></a>106</span>den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums andre vor, +als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um. +Zuweilen blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann +merkte er, daß es die Blätter und der Wind waren, und +er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann, hörte +er jemanden auf leisen Sohlen den Hügel hinauftanzen. +Kleine Kinderfüße kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister +spielten hinter ihm. Wenn er sich umwendete, war +niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust gegen +die raschelnden Blätter und ging weiter. Sie verstummten +nicht, aber sie nahmen einen andern Ton an. Sie +begannen hinter ihm zu zischen und zu schnauben. Eine +große Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing +ihr aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend +von den verschrumpften Blättern ab. Neben der +Schlange schlich ein Wolf, ein großer, magrer Geselle, +der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren, wenn +die Natter sich zwischen seine Füße schlängelte und ihn +in die Ferse stach. Manchmal waren sie beide ganz still, +wie um ihm unbemerkt zu nahen, aber gleich darauf +verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen +schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord +ging unwillkürlich immer rascher, aber die Tiere eilten +ihm nach. Als er glaubte, daß sie nur zwei Schritte +entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er +sich um. Es war niemand da, und das hatte er die +ganze Zeit gewußt.</p> + +<p>Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen. +Da gaukelten die trocknen Blätter zu seinen Füßen, wie +um ihn zu ergötzen. Da waren sie, alle Blätter des +Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte +Ebereschenblätter, die trocknen schwärzlichbraunen Blätter +der Ulme, die zähen lichtroten der Espe, und die +goldgrünen der Palmweide. Verwandelt und verschrumpft, +narbig und abgestoßen waren sie, sehr verschieden +von den daunenweichen, lichtgrünen feingeformten +<span class="pagenum"><a name="page_107" id="page_107"></a>107</span>Blättchen, die sich vor ein paar Monaten aus den +Knospen entrollt hatten.</p> + +<p>„Sünder,“ sagte der Knabe, „Sünder, nichts ist rein +vor Gott. Die Flammen seines Zornes haben euch schon +erreicht.“</p> + +<p>Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald +unter sich wogen wie ein sturmgepeitschtes Meer, doch +unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er hörte +nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll +Stimmen.</p> + +<p>Es klang wie Flüstern, wie Klagelieder, wie barsche +Drohungen, wie dröhnende Flüche. Es lachte, und es +klagte, es war wie das Lärmen von vielen Menschen. +Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und +zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war, +machte seine Gedanken wild. Er fühlte wieder Todesangst +wie damals, als er auf dem Boden seiner Höhle +lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder +hörte er das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte +der Volksmenge, das Klirren der Waffen, die dröhnenden +Rufe, das wilde, blutdürstige Gemurmel, das aus +der Menge aufstieg.</p> + +<p>Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas +andres, noch Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten +konnte, ein Gewirr von Stimmen, die eine fremde +Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere +Stürme als diesen durch das Takelwerk brausen gehört. +Aber nie zuvor hatte er den Wind auf einer so vielstimmigen +Harfe spielen hören. Jeder Baum hatte seine +Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die +Pappel nicht wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren +Ton, das Echo jeder Felswand seinen eignen Klang. +Und das Rieseln der Bäche und der Schrei des Fuchses +mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles +das konnte er deuten, es ertönten andre, wunderbarere +Laute. Und diese bewirkten es, daß es anfing, in ihm +<span class="pagenum"><a name="page_108" id="page_108"></a>108</span>um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen +und zu jammern.</p> + +<p>Er hatte sich immer gefürchtet, wenn er allein im +Waldesdunkel war. Er liebte das offne Meer und die +nackten Klippen. Zwischen den Bäumen schlichen Geister +und Schatten einher.</p> + +<p>Mit einem Male hörte er, wer es war, der im Sturme +sprach. Gott war es, der große Rächer, der Gott der +Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes wegen. Er +verlangte, daß er den Mörder des Mönches seiner Rache +ausliefere.</p> + +<p>Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er +sagte Gott, was er hatte tun wollen, aber nicht vermocht +hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten wollen, sich +mit Gott zu versöhnen, aber er war zu schüchtern gewesen. +Die Scheu hatte ihn stumm gemacht. „Als ich +erfuhr, daß die Erde von einem gerechten Gott gelenkt +wird,“ rief er, „da erkannte ich, daß er ein verlorener +Mann sei. Nächtelang habe ich dagelegen und über +meinen Freund geweint. Ich wußte, daß Gott ihn finden +muß, wo er sich auch verbergen mag. Aber ich +vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil +ich ihn zu sehr liebe. Verlange nicht, daß ich mit ihm +spreche, verlange nicht, daß das Meer sich so hoch wie +die Berge erhebe.“</p> + +<p>Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe +Stimme, die für ihn Gottes Stimme gewesen war. Mit +einem Male kam Windstille und greller Sonnenschein +und ein Plätschern wie von Rudern und ein leises Rascheln +wie von steifen Schilfblättern. Diese sanften Laute +zauberten ihm Unns Bild vor die Seele. – Der Friedlose +kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht +Frauen, nicht Ansehen unter den Männern. – Wenn er +Berg verriet, kam er wieder unter die Hut der Gesetze. – +Aber Unn mußte Berg lieben, nach dem, was er für +sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_109" id="page_109"></a>109</span>Als der Sturm zunahm, hörte er wieder Schritte +hinter sich und ab und zu ein atemloses Keuchen. Jetzt +wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wußte, daß der +weiße Mönch hinter ihm war. Er kam von dem Feste +in Bergs Hause, blutbespritzt mit einer klaffenden +Wunde in der Stirn. Und er flüsterte: „Gib ihn an, +verrate ihn, rette seine Seele. Überliefre seinen Leib dem +Scheiterhaufen, auf daß seine Seele verschont werde. +Überantworte ihn der langen Qual der Folterbank, auf +daß seine Seele Zeit habe, zu bereuen.“</p> + +<p>Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und +für sich nichts war, wuchs, da es so unaufhörlich seine +Seele verfolgte, zu etwas Großem, Entsetzlichem an. Er +wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann, ertönte +wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme +Gottes war. Gott selbst jagte ihn mit Schreckschüssen, +damit er den Mörder ausliefre. Verabscheuungswürdiger +denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein waffenloser +Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem +Stahl durchbohrt worden. Das hieß dem Herrn der +Welten trotzen. Und der Mörder wagte, zu leben. Er +freute sich des Sonnenlichtes und der Früchte der Erde, +als ob der Arm des Allmächtigen zu kurz wäre, um ihn +zu erreichen.</p> + +<p>Er blieb stehen, ballte die Fäuste und schrie drohende +Worte. Dann eilte er wie ein Wahnsinniger aus dem +Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal hinab.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so +waren sogleich zehn Männer bereit, ihm zu folgen. Es +wurde beschlossen, daß Tord allein in die Höhle gehen +sollte, damit Berg nicht mißtrauisch werde. Aber unterwegs +sollte er Erbsen ausstreuen, damit die Männer den +Weg finden konnten.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_110" id="page_110"></a>110</span>Als Tord in die Höhle trat, saß der Vogelfreie auf +der Steinbank und nähte. Der Feuerschein war matt, +und die Arbeit schien schlecht vonstatten zu gehen. Das +Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche +Berg deuchte ihm arm und unglücklich. Und das einzige, +was er sein Eigen nannte, das Leben, sollte ihm nun +genommen werden. Tord begann zu weinen.</p> + +<p>„Was hast du?“ fragte Berg. „Bist du krank? Bist +du erschrocken?“</p> + +<p>Zum ersten Male erzählte da Tord von seiner Angst. +„Es war unheimlich im Walde. Ich hörte Geister und +sah Gespenster. Ich sah weiße Mönche.“</p> + +<p>„Gottes Tod, Junge!“</p> + +<p>„Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen +Weg zum Bredfelsen hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte, +aber sie kamen mit und sangen. Kann ich das Unwesen +nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? +Ich meine, sie könnten einem die Messe lesen, der es +nötiger hat.“</p> + +<p>„Bist du heute abend ganz toll, Tord?“</p> + +<p>Tord sprach und wußte kaum, welcher Worte er sich +bediente. Alle Scheu war von ihm gewichen. Unbehindert +strömte die Rede von seinen Lippen.</p> + +<p>„Es sind lauter weiße Mönche, weiß, leichenblaß. +Alle haben sie Blut auf der Kutte. Sie ziehen die +Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet doch +hervor. Die große, rote, klaffende Wunde nach dem +Axthieb.“</p> + +<p>„Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?“</p> + +<p>„Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum muß ich +sie sehen?“</p> + +<p>„Das mögen die Heiligen wissen, Tord,“ sagte Berg, +der Riese, bleich und mit düsterm Ernst, „was es bedeutet, +daß du eine Wunde von einem Axthieb siehst. +<span class="pagenum"><a name="page_111" id="page_111"></a>111</span>Ich habe den Mönch mit ein paar Messerstichen getötet.“</p> + +<p>Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die Hände. +„Sie verlangen dich von mir. Sie wollen mich zwingen, +dich zu verraten.“</p> + +<p>„Wer? Die Mönche?“</p> + +<p>„Ja, gewiß, die Mönche. Sie zeigen mir Gesichte. +Sie zeigen mir sie, Unn. Sie zeigen mir das glitzernde, +sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die Lagerplätze der +Fischer, wo Tanz und Fröhlichkeit herrscht. Ich schließe +die Augen, aber ich sehe dennoch. Laßt mich in Frieden, +sage ich. Mein Freund hat gemordet, aber er ist +nicht böse. Laßt mich gehen, und ich will mit ihm sprechen, +damit er bereut und Buße tut. Er wird seine +Sünde gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide +werden zu den Stätten wallfahrten, die so heilig sind, +daß alle Sünde von dem genommen wird, der ihnen +naht.“</p> + +<p>„Was antworteten da die Mönche?“ fragte Berg. +„Sie wollen meine Rettung nicht. Sie wollen mich auf +den Scheiterhaufen und auf die Folterbank bringen.“</p> + +<p>„Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich +sie,“ fuhr Tord fort. „Er ist mein alles auf Erden. +Er hat mich vom Bär errettet, dessen Pranken auf +meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und +alles Ungemach erduldet. Er hat sein eignes Bärenfell +über mich gebreitet, als ich krank lag. Ich habe Holz +und Wasser für ihn getragen, ich habe seinen Schlummer +bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht geführt. +Warum glauben sie, daß ich solch einer bin, der einen +Freund verrät? Mein Freund wird bald aus freien +Stücken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen +wir zusammen in das Land der Versöhnung.“</p> + +<p>Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf +Tords Gesicht. „Du sollst selbst zum Priester gehen +<span class="pagenum"><a name="page_112" id="page_112"></a>112</span>und ihm die Wahrheit sagen,“ sagte er. „Du mußt +wieder hinab zu den Menschen.“</p> + +<p>„Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner +Sünde willen verfolgt mich der Tote und alle Schatten. +Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du hast deine +Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist +so wie deines. Es ist mir, als müßte ich mich freuen, +wenn ich dich an Rad und Galgen sähe. Wohl dem, der +in dieser Welt seine Strafe empfängt und dem künftigen +Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten +Gott? Du zwingst mich, dich zu verraten. Hilf +mir von dieser Sünde. Gehe zum Priester.“ Und er +fiel vor Berg auf die Knie.</p> + +<p>Der Mörder legte die Hand auf seinen Kopf und sah +ihn an. Er mußte seine Sünde an der Angst des Gefährten +messen. Und sie stand groß und grauenvoll vor +seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen, +der die Welt lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein +Herz.</p> + +<p>„Weh mir, daß ich tat, was ich getan,“ sagte er. +„Was meiner harrt, das ist zu schwer, um es freiwillig +auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den Priestern aus, +so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern. +Sie werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist +nicht dieses Leben des Elends, das wir in Angst und Not +führen, Buße genug? Habe ich nicht Hof und Heim +verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von +allem, was eines Mannes Freude ist? Wessen bedarf +es noch?“</p> + +<p>Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen +auf. „Kannst du bereuen?“ rief er. „Können meine +Worte dein Herz rühren? O, dann komm gleich! Wie +konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch +ist es Zeit!“</p> + +<p>Berg, der Riese, sprang auch auf. „Du hast es also +getan –“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_113" id="page_113"></a>113</span>„Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt +rasch, da du bereuen kannst! Sie werden uns ziehen +lassen! Wir müssen ihnen entkommen!“</p> + +<p>Da beugte sich der Mörder zum Boden herab, wo +seine von den Vätern ererbte Streitaxt zu seinen Füßen +lag. „Du Sohn eines Diebes,“ sagte er, die Worte +hervorzischend. „Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut +gewesen.“</p> + +<p>Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt bückte, +da wußte er, daß es nun sein Leben galt. Er riß seine +eigne Axt aus dem Gürtel und schlug nach Berg, ehe +dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr +zischend durch die Luft und drang in den herabgebeugten +Kopf. Berg, der Riese, fiel mit dem Kopfe nach vorn +zu Boden, der ganze Körper taumelte nach. Blut und +Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In +dem struppigen Haar sah Tord ein großes, rotes, klaffendes +Loch nach einem Axthieb.</p> + +<p>Jetzt stürzten die Bauern herein. Sie freuten sich +und priesen die Tat.</p> + +<p>„Jetzt steht deine Sache gut,“ sagten sie zu Tord.</p> + +<p>Tord sah auf seine Hände herab, als sähe er da die +Fesseln, mit denen er herangeschleift worden war, um +den zu töten, den er liebte. Sie waren wie die des +Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den grünen +Lichtern des Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten, +aus dem Gesang des Sturmes, aus dem Rascheln des +Laubes, aus dem Zauber der Träume waren sie gewoben. +Und er sagte laut: „Gott ist groß!“</p> + +<p>Aber wieder verfiel er in seine frühern Gedanken. +Er sank neben der Leiche auf die Knie und legte seinen +Arm unter den Kopf des Freundes.</p> + +<p>„Tut ihm nichts zuleide,“ sagte er. „Er bereut, er +will zum Heiligen Grabe pilgern. Er ist nicht tot, aber +fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit, zu gehen, +da fiel er. Der weiße Mönch wollte wohl nicht, daß +<span class="pagenum"><a name="page_114" id="page_114"></a>114</span>er bereue, aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt +die Reue.“</p> + +<p>Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte +und flehte den Toten an, aufzuwachen. Die Bauern +bereiteten aus einigen Speeren eine Bahre. Sie wollten +die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie +hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in +seiner Nähe. Als sie ihn auf die Bahre hoben, stand Tord +auf, schüttelte die Haare aus dem Gesicht und sprach +mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte:</p> + +<p>„So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum Mörder +machte, daß er von Tord, dem Fischer, dessen Vater +ein Wrackplünderer und dessen Mutter eine Hexe ist, +erschlagen ward, weil er ihn lehrte, daß die Grundfeste +dieser Erde Gerechtigkeit heißt.“</p> + + + + +<h2><a name="nr5" id="nr5"></a><a href="#inhalt">Reors Geschichte</a></h2> + + +<p>War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr +im Kirchspiel Svarteborg und galt für den besten +Schützen der Gegend. Er wurde getauft, als König Olof +die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein +eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, +schön, aber nicht hochgewachsen, stark, aber sanft. Er +zähmte junge Fohlen mit Blick und Wort allein, und +er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vöglein +an sich locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, +und die Natur hatte große Macht über ihn. Das Wachstum +der Pflanzen und das Knospen der Bäume, das +Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung +des Barsches in dem abendstillen See, der Kampf der +Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung, dies waren +die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und +<span class="pagenum"><a name="page_115" id="page_115"></a>115</span>Freude bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter +den Menschen zutrug.</p> + +<p>Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. +Er traf im tiefen Waldesdickicht einen alten Bären und +erlegte ihn mit einem einzigen Schuß. Die scharfe Spitze +des großen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, +und er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, +und der Pelz des Bären war weder dicht noch glatt, +dennoch zog der Schütze ihn ab, rollte ihn zu einem +harten Bündel zusammen und ging mit dem Bärenfell +auf dem Rücken weiter.</p> + +<p>Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus +starken Honigduft verspürte. Der kam von den kleinen, +blühenden Pflanzen, die den Boden bedeckten. Sie +wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, glatte +Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze +des Stengels ein kleines Büschelchen, das dicht mit weißen +Blüten besetzt war. Die kleinen Kronen waren nach +winzigem Maßstabe geraten, doch aus ihnen ragte eine +kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte +Knöpfchen auf weißen Saiten zitterten. Reor +dachte, während er so unter ihnen einherging, daß diese +Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel +standen, Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. +Der starke honigsüße Duft war ihr Ruf, der +verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die +Bäume und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag +etwas Beängstigendes in dem schweren Duft. Die Blumen +hatten ihre Becher gefüllt und ihre Tischlein gedeckt, +der geflügelten Gäste harrend, aber niemand kam. Sie +sehnten sich zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem +dunkeln, windstillen Waldesdickicht. Sie schienen schreien +und jammern zu wollen, weil die schönen Schmetterlinge +nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo die +Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es +ihn, als sängen sie zusammen ein eintöniges Lied: +<span class="pagenum"><a name="page_116" id="page_116"></a>116</span>„Kommt, ihr schönen Gäste, kommt heute, denn morgen +sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen +Laub.“</p> + +<p>Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende +des Blumenmärchens zu sehen. Er vernahm hinter sich +ein Flattern wie das allerleiseste Lüftchen und sah einen +weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken +Stämmen umherirren. Unruhig suchend flog er hin und +wieder, als wüßte er den Weg nicht. Er war nicht +allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im +Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weißbeschwingten +Honigsucher versammelt war. Aber der erste +war der Anführer, und er fand, vom Dufte geleitet, die +Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer +herangestürmt. Es stürzte sich auf die sehnsüchtigen Blumen, +wie der Sieger sich auf die Beute stürzt. Wie ein +Schneefall von weißen Flügeln senkten sie sich auf sie +herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um +jede Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.</p> + +<p>Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm +der honigsüße Duft auf dem Fuße, wohin er auch ging. +Und er empfand, daß sich drinnen im Walde eine Sehnsucht +verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da +etwas war, was ihn zu sich zog, so wie die Blumen die +Schmetterlinge angelockt hatten. Er ging mit einer stillen +Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines großen +unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn ängstigte, +war, ob er auch den Weg zu diesem finden konnte, was +sich nach ihm sehnte.</p> + +<p>Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße +Schlange. Er bückte sich, um das glückbringende Tier +aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den Händen +und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen +und lag still, doch als der Schütze wieder nach +ihr griff, glitt sie so glatt wie Eis zwischen seinen Fingern +durch. Nun war Reor ganz und gar darauf erpicht, +<span class="pagenum"><a name="page_117" id="page_117"></a>117</span>das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange +nach, konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn +von dem Pfade fort auf den ungebahnten Waldboden.</p> + +<p>Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde +findet man selten Rasen. Aber jetzt verschwand +plötzlich das trockne Moos und die braunen Nadeln, Farrenkräuter +und Preißelbeerbüsche zogen sich zurück, und +Reor fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. +Über der grünen Matte zitterten federleichte Blumenrispen +auf sanftgeneigten Stengeln, und zwischen den +langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen, halberblühten +Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz +kleine Stelle, und darüber breiteten die hochstämmigen +Föhren ihre knorrigen, braunen Äste mit dichten Nadelbüscheln. +Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen +viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend +heiß.</p> + +<p>Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine +Felswand lotrecht aus dem Boden. Sie lag im hellen +Sonnenschein, und man sah deutlich die moosigen Steinflächen, +die frischen Brüche, da wo der Winterfrost zuletzt +gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden +Steinwurz, die die braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten +drängten, und die zollbreiten Absätze, wo die Säulenflechte +ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und eine +grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen +grauen Mützen erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.</p> + +<p>Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern +Felswand zu gleichen, aber Reor bemerkte sogleich, daß +er gerade vor die Giebelwand einer Riesenbehausung gekommen +war, und er entdeckte unter Moos und Flechten +die großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges +sich drehte.</p> + +<p>Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras +verkrochen habe, um sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt +<span class="pagenum"><a name="page_118" id="page_118"></a>118</span>in den Felsen schlüpfen konnte, und er gab die +Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den +honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, +daß hier oben unter der Bergwand eine erstickende Hitze +herrschte. Es war auch seltsam still: kein Vogel rührte +sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte +alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung +zu warten und zu lauschen. Reor war gleichsam in ein +Gemach gekommen, wo er nicht allein war, obgleich er +niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob jemand ihn +beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand +keine Angst, nur ein wohliger Schauer durchrieselte +ihn, so, als sollte er bald etwas überaus Schönes zu +sehen bekommen.</p> + +<p>In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. +Sie hatte sich nicht versteckt, sie war vielmehr auf einen +der Blöcke gekrochen, die der Frost von der Felswand abgesprengt +hatte. Und dicht unter der weißen Schlange sah +er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase +lag und schlief. Sie lag ohne andre Decke, als ein paar +spinnwebdünne Schleier, gerade als hätte sie sich dort +hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im Elfenreigen +getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden, +federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch +über der Schlafenden, so daß Reor nur undeutlich die +weichen Linien ihres Körpers gewahren konnte. Er trat +auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein gutes +Messer zog er aus der Scheide und warf es zwischen das +Mädchen und die Felswand, damit die den Stahl fürchtende +Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen konnte, +wenn sie erwachte.</p> + +<p>Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. +Eines wußte er sogleich, das Mägdlein, das hier schlief, +wollte er besitzen; aber noch war er nicht recht einig mit +sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte.</p> + +<p>Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser +<span class="pagenum"><a name="page_119" id="page_119"></a>119</span>kannte als die der Menschen, dem großen ernsten Walde +und dem strengen Berge. „Sieh,“ sagten sie, „dir, der +du die Wildnis liebst, geben wir unsre schöne Tochter. +Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, +bist du der edelsten Gabe würdig?“</p> + +<p>Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen +Natur und beschloß, das Mädchen zu seiner Frau zu +machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da er dachte, +daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen +hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt +dagelegen habe, schämen würde, löste er die Bärenhaut +von seinem Rücken, entrollte das steife Fell und +warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über sie.</p> + +<p>Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand +ein Lachen, von dem die Erde erzitterte. Es klang nicht +wie Hohn, nur so, als hätte jemand in großer Angst +gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon +befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende +Hitze hatten nun auch ein Ende. Über das Gras schwebte +ein erquickender Wind, und die Nadeln begannen ihren +rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte, daß +der ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, +wie die Tochter der Wildnis von dem Menschensohn behandelt +werden würde.</p> + +<p>Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber +die Schlummernde lag in Zauberschlaf versunken und +regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die grobe Bärenhaut, +so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte. +Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten +Riesen im Berge war, war sie doch zart und fein gebaut, +und der starke Schütze hob sie in seine Arme und +trug sie fort durch den Wald.</p> + +<p>Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen +breitrandigen Hut abhob. Da sah er auf und merkte, daß +des Riesen Tochter erwacht war. Sie saß ganz ruhig in +seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann +<span class="pagenum"><a name="page_120" id="page_120"></a>120</span>aussah, der sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte +größre Schritte, aber sagte nichts.</p> + +<p>Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die +Sonne auf den Kopf brannte, nachdem sie ihm den Hut +abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum über seinen +Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm +nicht auf, sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein +Gesicht sehen konnte. Da deuchte es ihn, daß er nichts +zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm trug er sie +hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen +durchbebte Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle +seines Heims stand, da sah er, wie die weiße Schlange, +die Glück ins Haus bringt, unter die Grundmauer +schlüpfte.</p> + + + + +<h2><a name="nr6" id="nr6"></a><a href="#inhalt">Waldemar Attertag brandschatzt Visby</a></h2> + + +<p>In dem Frühling, in dem Hellquists großes Bild +„Waldemar Attertag brandschatzt Visby“ im Kunstverein +ausgestellt war, kam ich an einem stillen Vormittag +hinauf, ohne zu ahnen, daß dieses Kunstwerk sich +da befand. Die große, farbenreiche Leinwand mit den +vielen Gestalten machte schon beim ersten Anblick einen +außerordentlichen Eindruck. Ich konnte kein andres Bild +ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte +mich nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe +Stunde lang lebte ich das Leben des Mittelalters.</p> + +<p>Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem +Marktplatz von Visby abspielte. Ich sah die Bierbottiche, +die sich mit dem goldnen Trank zu füllen begannen, den +König Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich +rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn +mit dem Pagen, der unter seinen Gold- und Silberschüsseln +fast zusammenbricht, den jungen Bürger, der +<span class="pagenum"><a name="page_121" id="page_121"></a>121</span>die Faust gegen den König ballt, den Mönch mit dem +scharfen Antlitz, das forschend die Majestät betrachtet, +den zerlumpten Bettler, der sein Scherflein opfert, die +Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist, den König +auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem +schmalen Gäßchen heranwälzt, die hohen Hausgiebel und +die zerstreuten Gruppen trotziger Soldaten und halsstarriger +Bürger.</p> + +<p>Aber plötzlich merkte ich, daß die Hauptgestalt des +Bildes nicht der König ist, nicht einer der Bürger, sondern +der eine der eisengepanzerten Schildträger des Königs, +der mit dem gesenkten Visier.</p> + +<p>In diese Gestalt hat der Künstler eine seltsame Kraft +gelegt. Man sieht nicht das geringste von ihm selbst, der +ganze Mann ist Eisen und Stahl, und doch macht er den +Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein.</p> + +<p>„Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,“ sagt er. +„Ich bin es, der Visby brandschatzt. Ich bin kein Mensch, +ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe meine Lust an +Qualen und Grausamkeit. Mögen sie einander nur peinigen. +Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu +Visby.“</p> + +<p>„Sieh,“ spricht er zu dem Betrachter, „kannst du +nicht sehen, daß ich hier Herr bin? Soweit dein Auge +reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die einander +quälen. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr +Gold aus. Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. +Und die Begierde der Siegesherren wird immer wilder, +je mehr Gold sie hervorpressen können. Was sind Dänemarks +König und seine Soldaten andres als meine Diener, +wenigstens für diesen Tag? Morgen werden sie zur +Kirche gehen oder in friedlicher Zwiesprach in den Schenken +sitzen oder vielleicht auch gute Väter sein im eignen +Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie Bösewichte +und Gewalttäter.“</p> + +<p>Und je länger man ihm zuhört, desto besser versteht +<span class="pagenum"><a name="page_122" id="page_122"></a>122</span>man, was das Bild ist: nichts andres als eine Illustration +der alten Mär, wie Menschen einander quälen können. +Kein versöhnender Zug ist da, nur grausame Gewalt. +Und trotziger Haß und hoffnungsloses Leiden.</p> + +<p>Es ist doch so, daß diese drei Bräukufen gefüllt werden +müssen, auf daß Visby nicht geplündert und eingeäschert +werde. Warum kommen sie nicht, diese Hanseaten, in +flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen +nicht herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit +seinem Becher, der Priester mit dem Reliquienschrein, +eifrig, glühend von Opfermut? „Für dich, für dich, +unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn +es sich um dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser +Ruhm! Nimm zurück, was du uns gegeben hast!“</p> + +<p>Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war +es auch nicht. Keine Begeisterung, nur Zwang, nur gebändigter +Trotz, nur Jammer. Das Gold ist ihnen alles, +Frauen und Männer seufzen über dies Gold, von dem sie +sich trennen müssen.</p> + +<p>„Sieh sie an!“ spricht die Gewalt, die auf den Stufen +des Thrones steht. „Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu +opfern. Mag, wer da will, mit ihnen Mitleid haben! +Geizig, gewinnsüchtig, übermütig sind sie! Sie sind um +nichts besser als der gierige Räuber, den ich gegen sie +ausgesandt habe.“</p> + +<p>Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet +es ihr so großes Leid, ihr Gold herzugeben! Oder +ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie des Jammers Urheberin? +Ist sie die, welche die Stadt verraten hat? +Ja, sie ist es, die König Waldemars Liebste gewesen. +Es ist Jung-Hansens Tochter.</p> + +<p>Sie weiß wohl, daß sie ihr Gold nicht auszuliefern +braucht. Ihres Vaters Haus wird dennoch nicht geplündert, +aber sie hat zusammengerafft, was sie besitzt und +bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie +<span class="pagenum"><a name="page_123" id="page_123"></a>123</span>von all dem Elend, das sie gesehen, überwältigt worden +und in grenzenloser Verzweiflung zu Boden gesunken.</p> + +<p>Frisch und fröhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle, +der voriges Jahr in ihres Vaters Haus +diente. Herrlich war es, an seiner Seite über diesen selben +Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den +Giebeln hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete. +Stolz war sie auf ihn gewesen, stolz auf ihren Vater, +stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da, von Jammer +gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt +und grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung +über die Stadt gebracht hat, ist er derselbe, der +ihr zärtliche Worte zugeflüstert hat? Schlich sie sich +zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht +ihres Vaters Schlüssel stahl und das Stadttor öffnete? +Und als sie ihren Goldschmiedegesellen als einen gewappneten +Ritter traf mit einem stahlgepanzerten Heere hinter +sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht wahnsinnig, +da sie die stählerne Flut sich durch das Tor wälzen sah, +das sie geöffnet hatte? Zu spät deine Klagen, o Jungfrau! +Warum liebtest du den Feind deiner Stadt? Gefallen +ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum +stürztest du dich nicht mitten im Tore nieder und ließest +dich von den eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest +du leben, um den Verbrecher von des Himmels Blitzen +getroffen zu sehen?</p> + +<p>O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und +schützt ihn. An heiligern Dingen als einer leichtgläubigen +Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal Gottes +heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine +bricht er aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe +zu füllen.</p> + +<p>Da ändern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung. +Blindes Entsetzen packt alles Lebende. Der wildeste +Kriegsknecht erbleicht, die Bürger wenden ihren Blick +zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle +<span class="pagenum"><a name="page_124" id="page_124"></a>124</span>erbeben, außer der Gewalt auf den Stufen des Thrones +und dem König, der ihr Diener ist.</p> + +<p>Ich wünschte, der Künstler lebte noch, so daß er mich +hinab zum Hafen von Visby führen und mir diese selben +Bürger zeigen könnte, als sie mit den Blicken der fortsegelnden +Flotte folgten. Sie rufen Verwünschungen +über die Wogen hin. „Vernichtet sie,“ rufen sie, „vernichtet +sie! O Meer, du unser Freund, nimm unsre +Schätze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter +den Gottlosen, unter den Treulosen!“</p> + +<p>Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt, +die auf dem königlichen Schiffe steht, nickt zustimmend. +„So ist es gut,“ sagt sie, „verfolgen und +verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Möge der Sturm +und das Meer die räuberische Flotte zerstören und die +Schätze meines königlichen Dieners an sich raffen! Desto +früher ist es uns beschieden, auf neue Verheerungszüge +auszuziehen!“</p> + +<p>Aber die Bürger auf dem Strande wenden sich um +und sehen zu ihrer Stadt empor. Feuerflammen sind +dort aufgelodert, Plünderung ist über sie hingezogen, +hinter zersprungenen Scheiben gähnen verwüstete Wohnstätten. +Geschwärzte Giebel sehen sie, geschändete Kirchen, +blutige Leichen liegen in den engen Gäßchen, und +vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die Stadt. +Sollen sie alledem ohnmächtig gegenüberstehen? Gibt +es niemanden, den ihre Rache erreichen kann, niemanden, +den sie ihrerseits quälen und vernichten können?</p> + +<p>Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus +ist nicht geplündert, nicht verbrannt. Was ist das? War +er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht den Schlüssel +zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam? +O du, Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das +bedeuten?</p> + +<p>Dort auf dem Königsschiffe steht die Gewalt und betrachtet +ihren königlichen Diener, unter dem Visier lächelnd. +<span class="pagenum"><a name="page_125" id="page_125"></a>125</span>Höre den Sturm, Herr, höre den Sturm! Das +Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf +dem Meeresgrunde ruhen. Und sieh zurück auf Visby, +mein hoher Herr! Das Weib, das du betrogst, wird +zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer +geführt. Hörst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend +und wehklagend? Sieh, sieh, die Maurer kommen +mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen kommen +mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle!</p> + +<p>O König, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby +vorgeht, mußt du doch hören und wissen, was dort geschieht. +Du bist ja nicht von Stahl und Eisen wie die +Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters düstre Tage +kommen und du unter dem Schatten des Todes lebst, +dann wird das Bild von Jung-Hansens Tochter vor +deine Erinnerung treten.</p> + +<p>Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung +zusammensinken sehen. Du wirst sie dahinziehen +sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten unter +Glockengeläute und Hymnengesang. Sie ist schon tot +in den Augen des Volkes. Tot fühlt sie sich in ihrem +Innersten, getötet von allem, was sie geliebt. Du wirst +sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine +einfügt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und +das Volk hören, wie es mit seinen Steinen herbeieilt. +„O Maurer, nimm meinen, nimm meinen! Bediene +dich meines Steines zum Rachewerk! Laß meinen Stein +mit dabei sein, Jung-Hansens Tochter von Licht und +Luft abzuschließen! Gefallen ist Visby, das herrliche +Visby! Gott segne eure Hände, Maurer! Laß mich mit +dabei sein und die Rache vollziehen!“</p> + +<p>Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken läuten +wie über einer Toten.</p> + +<p>O Waldemar, König von Dänemark, auch dein Los +wird es sein, dem Tode zu begegnen, dann wirst du auf +deinem Bette liegen und vieles hören und sehen und +<span class="pagenum"><a name="page_126" id="page_126"></a>126</span>dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren +mit der Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du +hören. Wo sind sie dann, die heiligen Glocken, die die +Marter der Seele übertönen? Wo sind sie, die weiten +Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade für dich +flehen? Wo ist die von Wohllaut erzitternde Luft, die +die Seele hin zu Gottes Gefilden führt?</p> + +<p>O hilf, Esrom, hilf, Sorö, und du, große Glocke in +Lund!</p> + +<hr /> + +<p>Welch düstre Geschichte erzählt nicht dieses Bild! Es +war ein wunderliches, fremdes Gefühl, wieder in den +Königsgarten zu treten, in den strahlenden Sonnenschein +unter lebende Menschen.</p> + + + + +<h2><a name="nr7" id="nr7"></a><a href="#inhalt">Mamsell Friederike</a></h2> + + +<p>Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht.</p> + +<p>Die Kobolde hoben die Felsblöcke auf hohe Goldsäulen +und feierten Mittwinterfest. Die Heinzelmännchen +tanzten in neuen roten Mützen um die Weihnachtsgrütze. +Alte Götter zogen in grauen Unwettermänteln +über das Himmelsgewölbe. Und auf dem Österhaninger +Kirchhof stand das Höllenpferd. Es scharrte mit den +Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz +für ein neues Grab.</p> + +<p>Nicht weit davon auf dem alten Schloß Årsta lag +Mamsell Friederike und schlief. Årsta ist, wie man weiß, +ein altes Gespensterschloß, aber Mamsell Friederike schlief +einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt geworden, +und recht müde nach vielen schweren Arbeitstagen +und vielen langen Reisen – sie war ja beinahe +rings um die Erde gefahren – darum war sie in ihr +Kindheitsheim zurückgekehrt, um Ruhe zu finden.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_127" id="page_127"></a>127</span>Vor dem Schloß tönte eine kecke Fanfare in die Nacht +hinaus. Der Tod hatte sich auf sein Rößlein Grau gesetzt +und war zum Schloßtor geritten. Sein weiter Purpurmantel +und der stolze Federbusch des Hutes wehten +im Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schwärmerisches +Herz bezwingen, darum trat er in so seltnem +Staat auf. Vergebliche Mühe, Herr Ritter, vergebliche +Mühe! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame +schläft. Eine bessere Gelegenheit mußt du suchen und +geeignetere Stunde. Laure ihr auf, wenn sie zur Frühmette +fährt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf dem +Kirchweg!</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten +Heim. Niemand konnte die süße Ruhe besser als +sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war sie eben in +einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von +Jesus und den Hirten erzählt, erzählt, bis ihre Augen +strahlten und ihr ganzes verwelktes Gesicht wie verklärt +war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch niemanden, +der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden +hatte. Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die +kleinen, feinen Händchen und das kluge freundliche Gesicht, +wollte im Gegenteil dieses Bild seinem Gedächtnis +einprägen als die wunderschönste Erinnerung.</p> + +<p>In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter +andern Reliquien und Erinnerungen ein kleiner trockner +Strauch. Das war die Jerichorose, die Mamsell Friederike +aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte. +Jetzt in der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst +zu blühen. Die trocknen Zweige bedeckten sich mit roten +Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten und das ganze +Zimmer erleuchteten.</p> + +<p>Bei dem Schein dieser Funken sah man, daß eine +kleine und zarte, aber recht alte Dame in einem großen, +<span class="pagenum"><a name="page_128" id="page_128"></a>128</span>gelben Fauteuil saß und Salon hielt. Es konnte nicht +Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in +guter Ruh, und dennoch war sie es. Sie saß da und +hielt Empfang für Erinnerungen, das Zimmer war voll +von ihnen. Menschen und Heime und Gegenstände und +Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen +und Jugenderinnerungen, Liebe und Tränen, +Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn, alles kam +auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasaß und alle +mit einem gütigen Lächeln ansah. Sie hatte ein scherzendes +oder wehmütiges Wort für sie alle.</p> + +<p>Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und +Form. Und so wie man erst da des Himmels Sterne +sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was man +tagsüber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im +Schein der roten Knospen der Jerichorose eine Menge +wunderlicher Gestalten in Mamsell Friederikens Salon +sehen. Da war die steife „<span class="antiqua">ma chère mère</span>“, die gutmütige +Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem +Abendland, die schwärmerische Nina, die energische kämpfende +Herta in ihrem weißen Kleid.</p> + +<p>„Kann mir jemand sagen, warum dieses Geschöpf +immer weiß gekleidet sein muß?“ scherzte die kleine Gestalt +im Fauteuil, als sie sie erblickte.</p> + +<p>Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und +sagten: „Sieh, wie viel du geschaut und erfahren, wie +viel du gewirkt und genützt hast! Bist du nicht müde, +willst du nicht zur Ruhe gehen?“</p> + +<p>„Noch nicht,“ antwortete der Schatten in dem gelben +Fauteuil, „ich habe noch ein Buch zu schreiben. Ich +kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig ist.“</p> + +<p>Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose +erlosch, und der gelbe Fauteuil stand leer.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_129" id="page_129"></a>129</span>In der Österhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse. +Einer von ihnen stieg zu den Glocken hinauf +und läutete das Christfest ein, ein anderer ging umher +und entzündete die Weihnachtskerzen, und ein dritter +begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen. +Durch die geöffnete Tür kamen die übrigen aus Nacht +und Gräbern in das helle, strahlende Haus des Herrn +gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren, +kamen sie, nur ein bißchen bleicher. Sie öffneten die +Banktüren mit rasselnden Schlüsseln und wisperten und +flüsterten, während sie den Gang hinaufgingen.</p> + +<p>„Das sind alle die Lichter, die <span class="spaced">sie</span> den Armen geschenkt +hat, die leuchten jetzt in Gottes Haus.“</p> + +<p>„Wir liegen warm in unsern Gräbern, solange <span class="spaced">sie</span> +den Armen Kleider und Holz gibt.“</p> + +<p>„Seht, sie hat so viele kräftige Worte gesprochen, die +die Menschenherzen aufgeschlossen haben, diese Worte +sind unsre Bankschlüssel.“</p> + +<p>„Sie hat schöne Gedanken über Gottes Liebe gedacht. +Diese Gedanken heben uns aus unsern Gräbern empor.“</p> + +<p>So wisperten und flüsterten sie, bevor sie sich in die +Bänke setzten und ihre bleichen Stirnen zum Gebet in +verwelkte Hände neigten.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Aber in Årsta kam jemand in Mamsell Friederikens +Zimmer und legte freundlich die Hand auf den Arm der +Schlafenden.</p> + +<p>„Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Frühmette zu +fahren.“</p> + +<p>Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf +und sah Agathe, ihre geliebte tote Schwester, mit einer +Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie erkannte sie +wohl, denn sie war ganz unverändert, so wie sie hier auf +Erden gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht, +<span class="pagenum"><a name="page_130" id="page_130"></a>130</span>sie freute sich nur, die Geliebte zu sehen, an deren Seite +sie gerne den langen Schlummer schlafen wollte.</p> + +<p>Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es +war keine Zeit zu Gesprächen; der Wagen stand vor dem +Tor. Die andern mußten schon fort sein; denn niemand +außer Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte +sich im Hause.</p> + +<p>„Weißt du noch, Friederike,“ sagte die Schwester, als +sie im Wagen saßen und rasch zur Kirche fuhren, „weißt +du noch, wie du früher immer dasaßest und wartetest, +daß irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entführen +sollte?“</p> + +<p>„Darauf warte ich noch immer,“ sagte die alte Mamsell +Friederike und lachte. „Ich fahre diesen Weg nie, +ohne nach meinem Ritter auszulugen.“</p> + +<p>Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch +zu spät. Der Priester stieg von der Kanzel herab, als +sie in die Kirche eintraten, und der Schlußpsalm begann. +Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen Gesang +gehört. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt +hätten, als hätte jede Bank und jeder Stein und jede +Planke mitgesungen.</p> + +<p>Nie hatte sie die Kirche so überfüllt gesehen: auf dem +Altartisch und auf den Kanzelstufen saßen Menschen, sie +standen in den Gängen, sie drängten sich in den Bänken, +und draußen war der Weg voll Leute, die nicht hereinkommen +konnten. Die Schwestern fanden doch Platz, +vor ihnen wich die Menge zurück.</p> + +<p>„Friederike,“ sagte ihre Schwester, „sieh die Menschen +an.“</p> + +<p>Und Mamsell Friederike sah und sah.</p> + +<p>Da merkte sie, daß sie wie die Frau im Märchen +zu der Messe der Toten gekommen war. Sie fühlte, +wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, aber es +erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie fühlte mehr Neugierde +als Angst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_131" id="page_131"></a>131</span>Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter +Frauen waren da: graue, gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen +Kragen und verblaßten Mantillen, mit Hüten +von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgestoßnen +Röcken. Sie sah eine ungeheure Menge verrunzelter +Gesichter, eingesunkner Lippen, trüber Brillen +und verschrumpfter Hände, doch keine einzige Hand, die +zwei glatte Ringe trug.</p> + +<p>Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren +alle die entschlafnen alten Jungfern im Lande Schweden, +die in der Österhaninger Kirche Mitternachtsmesse +feierten.</p> + +<p>Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor.</p> + +<p>„Schwester, bereust du, was du für diese deine +Schwestern getan hast?“</p> + +<p>„Nein,“ sagte Mamsell Friederike. „Woran sollte ich +mich wohl freuen, wenn nicht, daß es mir beschert war, +für sie zu arbeiten: ich opferte einmal mein Ansehen als +Schriftstellerin für sie. Ich bin froh, daß ich wußte, +was ich opferte, und es dennoch tat.“</p> + +<p>„Dann kannst du bleiben und weiter zuhören,“ sagte +die Schwester.</p> + +<p>In demselben Augenblick hörte man jemand drüben +im Chor sprechen, eine sanfte, aber deutliche Stimme.</p> + +<p>„Schwestern,“ sagte die Stimme, „unser beklagenswertes +Geschlecht, unser unwissendes und verhöhntes Geschlecht, +bald wird es nicht mehr sein. Gott hat gewollt, +daß wir von der Erde aussterben.</p> + +<p>Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage +sein. Das Maß der alten Jungfern ist erfüllt. Der Tod +reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte von uns +zu treffen. Vor der nächsten Mitternachtsmesse ist sie +tot, die letzte alte Mamsell.</p> + +<p>Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen +auf Erden. Die Zurückgesetzten beim Gastmahl, die danklos +Dienenden im Heim. Hohn und Lieblosigkeit umgab +<span class="pagenum"><a name="page_132" id="page_132"></a>132</span>uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel +dem Gespött anheim.</p> + +<p>Aber Gott hat sich erbarmt.</p> + +<p>Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von +uns gab er niemals versagende Güte. Einer gab er des +Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles, was wir hätten +sein sollen. Sie warf Licht über unser dunkles Schicksal. +Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen, +aber tausend Heimen gab sie ihre Gabe. Sie war die +Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen, aber sie +kämpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie +erzählte ihre Märchen tausend Kindern. Sie hatte ihre +armen Freunde in allen Ländern. Sie gab aus vollern +Händen als wir und mit wärmerm Gemüt. In ihrem +Herzen war kein Raum für unsre Bitterkeit, denn sie hat +fortgeliebt. Ihr Ruhm war wie der einer Königin. Sie +hat den Zoll der Dankbarkeit von Millionen Herzen eingehoben. +Ihre Worte sind in den großen Fragen der +Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist +durch neue und alte Welten erklungen. Und doch ist sie +nur eine alte Mamsell.</p> + +<p>Sie hat unser dunkles Schicksal erklärt. Gesegnet sei +ihr Name!“</p> + +<p>Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: +„Gesegnet sei ihr Name!“</p> + +<p>„Schwester,“ flüsterte Mamsell Friederike, „kannst +du ihnen nicht verbieten, mich armen sündigen Menschen +hochmütig zu machen?“</p> + +<p>„Aber Schwestern, Schwestern,“ fuhr die Stimme +fort, „sie hat sich gegen unser Geschlecht gewendet mit +aller ihrer großen Macht. Auf ihren Ruf nach Freiheit +und Arbeit sind die alten, verhöhnten Gnadenbrotempfängerinnen +ausgestorben. Sie hat die Schranken der +Tyrannei um die Kinder niedergebrochen. Sie hat die +jungen Mädchen in die volle Tätigkeit des Lebens versetzt. +Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der Freudlosigkeit +<span class="pagenum"><a name="page_133" id="page_133"></a>133</span>ein Ende gemacht. Keine unglücklichen, verachteten +alten Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt +wird es mehr geben, keine solchen, wie wir gewesen +sind.“</p> + +<p>Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie +ein Jagdlied im Walde, wie der Ruf einer frohen Kinderschar: +„Gesegnet sei ihr Angedenken!“</p> + +<p>Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell +Friederike trocknete sich eine Träne aus dem Augenwinkel.</p> + +<p>„Ich gehe nicht mit heim,“ sagte ihre tote Schwester. +„Willst du nicht auch gleich hierbleiben?“</p> + +<p>„Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein +Buch, das ich zuerst fertig haben muß.“</p> + +<p>„Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem +Ritter auf dem Kirchweg in acht,“ sagte ihre tote Schwester +und lächelte schelmisch nach alter Gewohnheit.</p> + +<p>Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz Årsta +schlief noch, und sie ging still in ihr Zimmer, legte sich +nieder und schlummerte noch einmal ein.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Einige Stunden später fuhr sie zur wirklichen Frühmette. +Sie fuhr im gedeckten Wagen, aber sie ließ das +Fenster herab, um die Sterne sehen zu können. Möglich +ist es wohl auch, daß sie wie einst nach ihrem Ritter +aussah.</p> + +<p>Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster +heran. Prächtig saß er auf seinem sich bäumenden Roß. +Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein bleiches +Antlitz war streng, aber schön.</p> + +<p>„Willst du mein werden,“ flüsterte er.</p> + +<p>Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der +<span class="pagenum"><a name="page_134" id="page_134"></a>134</span>hohen Gestalt mit der wehenden Feder. Sie vergaß, daß +sie noch ein Jahr leben mußte.</p> + +<p>„Ich bin bereit,“ flüsterte sie.</p> + +<p>„Dann komme ich in einer Woche und hole dich von +deines Vaters Hof.“</p> + +<p>Er beugte sich herab und küßte sie, und damit verschwand +er; aber sie begann zu frieren und zu zittern +unter dem Kuß des Todes.</p> + +<p>Ein kleines Weilchen später saß Mamsell Friederike in +der Kirche, auf demselben Platze, auf dem sie als Kind +gesessen. Hier vergaß sie Ritter und Gespenster und saß +lächelnd in stiller Verzücktheit in dem Gedanken an die +Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.</p> + +<p>Aber, ob sie nun müde war, weil sie die ganze Nacht +nicht geschlafen hatte, oder ob die Wärme und der Kerzenrauch +eine einschläfernde Wirkung auf sie ausübten, wie +auf so viele andre – genug, sie schlummerte ein, nur +einen Augenblick, sie konnte es nicht hindern.</p> + +<p>Vielleicht war es auch so, daß Gott ihr die Pforte in +das Land der Träume öffnen wollte.</p> + +<p>In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, +sah sie nun ihren strengen Vater, ihre schöne elegante +Mutter und die häßliche kleine Petrea in der Kirche sitzen. +Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst zusammengepreßt, +größer als ein Erwachsener sie je erfahren. +Auf der Kanzel stand der Priester und sprach +von dem strengen, strafenden Gott, und das Kind saß +bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe +wären und durch sein Herz gingen.</p> + +<p>„O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!“</p> + +<p>In der nächsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte +und schauerte so wie unter dem Kuß des Todes auf dem +Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von der wilden +Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.</p> + +<p>Sie hatte es mit einemmal so eilig, daß sie sogleich +aus der Kirche hasten wollte. Sie mußte heim und ihr +<span class="pagenum"><a name="page_135" id="page_135"></a>135</span>Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem Gott des +Friedens und der Liebe.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Nichts weiter, was jetzt erwähnenswert scheinen kann, +widerfuhr Mamsell Friederike vor der Neujahrsnacht. +Leben und Tod, so wie Tag und Nacht, herrschten in der +letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht über die +Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod +das Zepter und verkündete, daß die alte Mamsell Friederike +nun ihm angehören solle.</p> + +<p>Hätte man dies nur gewußt, so hätte wohl alles Volk +von Schweden ein gemeinsames Gebet an Gott gerichtet, +seinen reinsten Geist, sein wärmstes Herz behalten zu +dürfen. Da hätte man in Angst und Sorgen in so manchem +Heim in fernen Ländern gewacht, wo sie liebende +Herzen zurückließ. Dann hätten die Armen, die Kranken +und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um der +ihrigen zu gedenken, und dann hätten alle Kinder, die +unter den Segnungen ihres Wirkens herangewachsen +waren, die Hände gefaltet und um noch ein Jahr für +ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem +Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlußstein +kröne.</p> + +<p>Denn der Tod kam zu früh für Mamsell Friederike.</p> + +<p>Sturm war draußen in der Neujahrsnacht, Sturm in +ihrem Innern. Sie fühlte alle Qualen des Lebens und +des Todes in ihrem Innern ringen.</p> + +<p>„Angst!“ seufzte sie, „Angst!“</p> + +<p>Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie +flüsterte leise: „Christi Liebe – beste Liebe – Gottesfriede – +das ewige Licht!“</p> + +<p>Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche hätte +schreiben wollen, und vielleicht vieles andre ebenso Schöne +und Herrliche. Wer weiß? Nur eines wissen wir, daß +<span class="pagenum"><a name="page_136" id="page_136"></a>136</span>Bücher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das +ihre vergißt man nie.</p> + +<p>Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie +versank in Visionen.</p> + +<p>Ihr Körper kämpfte mit dem Tode, aber sie wußte es +nicht. Ihre Nächsten saßen weinend um das Totenbett, +aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte seinen Flug +angetreten.</p> + +<p>Nun wurde der Traum für sie Wirklichkeit und die +Wirklichkeit Traum. Nun stand sie, wie sie sich schon +in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend am Himmelstor +mit unzähligen Scharen von Toten rings um +sich. Und der Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der +Seligkeitbringende, stand in dem geöffneten Tor. Und +seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern +und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und +ihre Sehnsucht trug alle diese und sie, und sie schwebten +wie auf Flügeln empor, empor.</p> + +<p>Am nächsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden, +Trauer in weiten Teilen der Erde.</p> + +<p><span class="spaced">Friederike Bremer war tot.</span></p> + + + + +<h2><a name="nr8" id="nr8"></a><a href="#inhalt">Der Roman einer Fischersfrau</a></h2> + + +<p>Am äußersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein +kleines Hüttchen auf einem niedrigen Hügel aus weißem +Meersand. Es war nicht so gebaut, daß es in einer Reihe +mit den gleichmäßigen, schmucken, regelrechten Häusern +stehen konnte, die den breiten grünen Platz umgaben, wo +die braunen Fischernetze trockneten, sondern es schien +gleichsam aus der Reihe geschoben und auf den Sandhügel +hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es gebaut +hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte +die Wände ihres Hüttchens niedriger gemacht als die aller +andern Hütten und sein steiles Strohdach höher als +<span class="pagenum"><a name="page_137" id="page_137"></a>137</span>irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der Fußboden +senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch +noch groß, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum +Erdboden. Für den Herd und den Gänsestall war schließlich +in dem einzigen engen Raume kein Platz geblieben, +sondern dafür hatte man kleine viereckige Vorsprünge +anmauern müssen. Diese Hütte hatte nicht wie andre +Häuschen ihr Gärtchen mit Stachelbeerbüschen, von Winden +umschlungen, ihre halb von Kletten erstickten Holundersträucher. +Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes +waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen +gekommen. Im Sommer, wenn sie frische, dunkelgrüne +Blätter hatten und die stacheligen Körbchen sich mit hochroten +Blumen füllten, waren sie schmuck genug. Aber +gegen Herbst, wenn die Stacheln hart geworden und die +Samen gereift waren, dann vernachlässigten sie ihr Aussehen +und standen furchtbar häßlich und trocken da, die +zerfetzten Blätter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben +gehüllt.</p> + +<p>Die Hütte hatte nur zwei Besitzer, denn länger als +zwei Generationen vermochte sie es nicht, mit ihren Wänden +aus Rohr und Lehm das schwere Dach zu tragen. +Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen +Witwen. Die zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre +Freude daran, die Kletten zu betrachten, namentlich im +Herbst, wenn sie trocken wurden und sich überall anhängten. +Sie erinnerten sie dann an sie, die die Hütte +erbaut hatte. Sie war auch runzelig und trocken gewesen +und hatte die Gabe gehabt, sich anzuklammern und hängen +zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie für das Kind +verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie, +die nun allein dasaß, mußte bei diesem Gedanken bald +lachen, bald weinen. Wenn die Alte nicht diese Klettennatur +gehabt hätte, wie anders wäre dann nicht alles gekommen. +Aber wer weiß, ob es besser gekommen wäre.</p> + +<p>Die einsame Frau saß oft da und grübelte über das +<span class="pagenum"><a name="page_138" id="page_138"></a>138</span>Schicksal nach, das sie an die flache Küste Schoonens +geführt hatte, zu diesem schmalen Sund und diesen stillen +Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt +geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen +steilen Felsen und dem offnen Meere lag, und wenn +sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann, gestorben und sie +in Armut zurückgelassen, in bescheidnen Verhältnissen gelebt +hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gewöhnt. +Sie pflegte sich selbst ihre Geschichte wieder und +wieder vorzuerzählen, so wie man ein schwer verständliches +Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergründen.</p> + +<p>Das Merkwürdige, was sie erlebt hatte, hatte damit +begonnen, daß sie eines Abends auf dem Heimwege von +der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von zwei Seeleuten +überfallen und von einem dritten gerettet worden war. +Dieser kämpfte mit wirklicher Lebensgefahr für sie und +brachte sie dann nach Hause. Sie führte ihn zu der +Mutter und den Geschwistern und erzählte ihnen begeistert, +was er getan habe. Es war, als hätte das Leben +neuen Wert für sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte, +um es zu verteidigen. Er war von ihren Angehörigen +sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden, +so bald und so oft er konnte, wiederzukommen.</p> + +<p>Sein Name war Börje Nilsson, und er war Matrose +auf der schoonischen Jacht Albertina. Solange das Schiff +im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu ihnen, und +sie konnten es bald nicht mehr glauben, daß er nur ein +simpler Matrose sein sollte. Er glänzte immer in reinem +Umlegekragen und trug einen blauen Marineanzug aus +feinem Tuch. Frisch und freimütig war er gegen sie, +als wäre er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse +wie sie zu bewegen. Ohne daß er es gerade heraussagte, +erhielten sie den Eindruck, daß er aus einem angesehenen +Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe, +den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu +gebracht hatte, sich als einfachen Matrosen zu verdingen, +<span class="pagenum"><a name="page_139" id="page_139"></a>139</span>um seine Mutter zu überzeugen, daß er es ernst meinte. +Wenn er seine Prüfungen gemacht hatte, würde sie ihm +wohl ein eignes Schiff kaufen.</p> + +<p>Die einsame Familie, die sich von allen frühern Freunden +zurückgezogen hatte, empfing ihn ohne das leiseste +Mißtrauen. Und er beschrieb leichten Herzens und mit +fließender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen +Dach, dem offnen Kamin im Eßsaal und den kleinen +Fensterscheiben. Er schilderte auch die stillen Straßen +seiner Vaterstadt und die langen Reihen gleichmäßiger +hoher Häuser, in denen sein Heim mit den unregelmäßigen +Vorsprüngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung +bildete. Und seine Zuhörer glaubten, daß er aus +einem jener alten Bürgerhäuser komme, die mit ihrem +bildergeschmückten Giebel und dem vorragenden Obergeschoß +einen so mächtigen Eindruck von Reichtum und +ehrwürdigem Alter machen.</p> + +<p>Sehr bald hatte sie es heraus, daß er ihr gut war. +Und dies machte der Mutter und den Geschwistern große +Freude. Der junge, reiche Schwede kam gleichsam, um +sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er +ihr nicht so gut gefallen hätte, als er es tat, hätte es gar +nicht in Frage kommen können, seine Werbung abzuweisen. +Hätte sie einen Vater oder einen erwachsenen +Bruder gehabt, so würden diese sich wohl genauer nach +Herkunft und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt +haben, doch weder sie noch die Mutter dachten daran, +ernstliche Nachforschungen anzustellen. Später erkannte +sie, daß sie ihn förmlich zum Lügen gezwungen hatten. +Anfangs hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so große +Vorstellungen von seinem Reichtum zu machen, ohne alle +böse Absicht, aber als er später merkte, wie froh sie darüber +waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit +zu sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren.</p> + +<p>Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht +zurückkam, hielten sie Hochzeit. Es war eine Enttäuschung +<span class="pagenum"><a name="page_140" id="page_140"></a>140</span>für sie, daß er auch bei seiner Rückkehr als Matrose auftrat, +aber er war durch seinen Kontrakt gebunden. Er +brachte auch keine Grüße von seiner Mutter mit. Diese +hätte erwartet, daß er eine andre Wahl treffe, aber sie +würde schon zufrieden sein, sagte er, wenn sie nur Astrid +erst sähe. – Trotz aller seiner Lügen wäre es doch ein +leichtes gewesen, zu sehen, daß er ein armer Mann war, +wenn sie nur die Augen hätten aufmachen wollen.</p> + +<p>Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kajüte zu überlassen, +wenn sie die Überfahrt auf seiner Jacht machen wollte, +und sie nahm das Anerbieten mit Freuden an. Börje +wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und saß +meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck. +Und jetzt schenkte er ihr das Glück der Einbildung, von +dem er selbst sein ganzes Leben lang gezehrt hatte. Je +mehr er an das kleine Hüttchen dachte, das zur Hälfte im +Sandhügel begraben lag, desto höher erbaute er den +Palast, den er ihr gerne geboten hätte. Er ließ sie im +Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren der Braut +Börje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschmückt +war. Er ließ sie die Begrüßungsrede des Bürgermeisters +hören. Er ließ sie durch eine Triumphpforte fahren, während +die Augen der Männer ihr folgten und die Frauen +vor Neid erblaßten. Und er führte sie in das stattliche +Haus, wo silberlockige, sich verneigende Diener an dem +breiten Treppengeländer aufgereiht standen, und der zur +festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich unter dem alten +Familiensilber bog.</p> + +<p>Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, daß +der Schiffer im Bunde mit Börje gewesen war, um sie +zu betrügen, aber dann erkannte sie, daß es sich nicht so +verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht daran +gewöhnt, von Börje wie von einem großen Herrn zu +reden. Das war an Bord der Hauptspaß, so recht im +vollsten Ernst von seinen Reichtümern und seiner vornehmen +Familie zu sprechen. Sie dachten, Börje hätte +<span class="pagenum"><a name="page_141" id="page_141"></a>141</span>ihr die Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie +alle, wenn sie von seinem großen Hause sprach. So war +es möglich, daß sie, noch als die Jacht in dem Hafen +Anker warf, der neben Börjes Heimatsdorf lag, es nicht +anders wußte, als daß sie eines reichen Mannes Gattin +war.</p> + +<p>Börje bekam für einen Tag Urlaub, um seine Frau +in ihr künftiges Heim einzuführen und sie mit dem neuen +Leben bekannt zu machen. Als sie nun an dem Kai landeten, +wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuvermählten +entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere +und Alltagsruhe, und Börje merkte, daß seine Frau sich +mit einer gewissen Enttäuschung umsah.</p> + +<p>„Wir sind zu früh gekommen,“ hatte er da gesagt. +„Die Fahrt ist bei diesem schönen Wetter merkwürdig +rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen da, +und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt +außerhalb der Stadt.“</p> + +<p>„Das tut nichts, Börje,“ hatte sie geantwortet, „das +Gehen wird uns gut tun, nachdem wir so lange an Bord +still gesessen sind.“</p> + +<p>Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle +Wanderung, an die sie noch in ihren alten Tagen +nicht denken konnte, ohne vor Angst zu stöhnen und +schmerzlich die Hände zu ringen. Sie gingen über weite, +menschenleere Straßen, die sie sogleich nach seiner Beschreibung +erkannte. Sie glaubte in der dunklen Kirche +und in den gleichmäßigen Holzhäusern alte Freunde zu +begrüßen, doch wo blinkten die bildergeschmückten Giebel +und die Marmortreppe mit dem breiten Geländer?</p> + +<p>Da hatte Börje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre +Gedanken. „Es ist noch weit hin,“ hatte er gesagt.</p> + +<p>Wäre er doch barmherzig gewesen. Hätte er doch ihrer +Hoffnung auf einmal den Todesstoß gegeben. Sie hatte +ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus freien Stücken +alles gesagt hätte, so wäre in ihrer Seele kein Groll +<span class="pagenum"><a name="page_142" id="page_142"></a>142</span>gegen ihn aufgekeimt. Aber daß er ihre Angst, betrogen +zu werden, sah, und dennoch fortfuhr, sie zu täuschen, +das hatte ihr allzu bittern Schmerz bereitet. Das hatte +sie ihm nie ganz verzeihen können.</p> + +<p>Sie konnte sich freilich sagen, daß er sie so weit als +möglich führen wollte, damit sie ihm nicht entfliehen +konnte, aber sein Betrug rief eine solche Todeskälte in +ihr hervor, daß keine Liebe sie ganz aufzutauen vermochte.</p> + +<p>Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende +Ebene. Da zeigten sich mehrere Reihen dunkler +Wallgräben und hoher, grüner Erdwälle, Überreste aus +jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf +dem Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschloß, +sah sie ein paar altertümliche Bauten und große, +runde Türme. Sie warf einen scheuen Blick hin, doch +Börje bog zu den Wällen ein, die am Meeresufer entlang +führten.</p> + +<p>„Das ist ein Abkürzungsweg,“ sagte er, denn sie schien +sich zu wundern, daß hier nur ein schmaler Pfad war.</p> + +<p>Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, daß +er es nicht so ergötzlich fand, als er es sich gedacht hatte, +mit seiner Frau zu der armseligen, kleinen Hütte im +Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt nicht so herrlich, +eines bessern Mannes Kind heimzuführen. Er hatte +große Angst vor dem, was sie tun würde, wenn sie die +Wahrheit erfuhr.</p> + +<p>„Börje,“ sagte sie endlich, als sie lange den scharfen +Winkeln der Strandwälle gefolgt waren, „wohin gehen +wir?“</p> + +<p>Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf, +wo seine Mutter in dem Hüttchen auf dem Sandhügel +wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines der schönen +Landgüter, die am Rande der Ebene auftauchten, und +wurde wieder heiterer.</p> + +<p>Sie stiegen zu den öden Gemeindeweiden hinab, und +da überfiel sie wieder die alte Angst. Da, wo jedes Erdhügelchen, +<span class="pagenum"><a name="page_143" id="page_143"></a>143</span>wenn man es nur sehen kann, Schönheit und +Abwechselung bietet, sah sie nur ein häßliches, sumpfiges +Feld. Und der Wind, der draußen in steter Bewegung +war, fuhr ihnen pfeifend entgegen und flüsterte von Unglück +und Verrat.</p> + +<p>Börje beschleunigte seine Schritte immer mehr und +schließlich erreichten sie das Ende der Weiden, und waren +bei dem Fischerdörfchen angelangt. Sie, die es zuletzt +gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen +zu stellen, faßte wieder neuen Mut. Hier war abermals +eine einförmige Häuserreihe, und diese erkannte sie noch +besser als die in der Stadt. Vielleicht, vielleicht hatte er +doch nicht gelogen.</p> + +<p>Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, daß +sie seelenvergnügt gewesen wäre, wenn sie bei einer der +schmucken Wohnstätten hätte haltmachen können, wo +Blumen und weiße Gardinen hinter blanken Fensterscheiben +blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen +zu müssen.</p> + +<p>Da erblickte sie mit einem Male am äußersten Ende +des Fischerdorfes eine elende Hütte, und es war ihr, als +hätte sie sie schon längst mit den Augen der Seele gesehen, +ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte.</p> + +<p>„Ist es hier?“ sagte sie und blieb gerade am Fuße des +kleinen Sandhügels stehen.</p> + +<p>Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort, +auf die kleine Hütte zuzugehen.</p> + +<p>„Warte,“ rief sie ihm nach. „Wir müssen zuerst miteinander +sprechen, bevor ich dein Heim betrete. Du hast +mich belogen,“ fuhr sie drohend fort, als er sich ihr zuwendete. +„Du hast mich ärger betrogen, als wenn du +mein größter Feind wärest. Warum hast du das getan?“</p> + +<p>„Ich wollte dich zur Frau,“ antwortete er mit leiser, +unsichrer Stimme.</p> + +<p>„Wenn du mich doch nur mit Maß zum besten gehalten +hättest! Warum mußtest du alles so reich und so +<span class="pagenum"><a name="page_144" id="page_144"></a>144</span>prächtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten und +Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest +du, ich sei so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, daß +ich ohnehin verliebt genug in dich war, um überallhin +mit dir zu gehen? Daß du glaubtest, mich hinters Licht +führen zu müssen! Daß du das Herz haben konntest, bis +zuletzt bei deinen Lügen zu beharren!“</p> + +<p>„Willst du nicht hereinkommen und Mutter begrüßen,“ +fragte er ganz hilflos.</p> + +<p>„Nein, ich gehe nicht hinein.“</p> + +<p>„Willst du also nach Hause fahren?“</p> + +<p>„Wie könnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich +ihnen den Schmerz bereiten, zurückzukehren, wenn sie +mich für glücklich und reich halten? Aber bei dir bleibe +ich auch nicht. Für den, der arbeiten kann, findet sich +immer ein Auskommen.“</p> + +<p>„Bleib,“ bat er, „ich tat es nur, um dich zu gewinnen.“</p> + +<p>„Wenn du mir die Wahrheit gesagt hättest, so wäre +ich geblieben.“</p> + +<p>„Wäre ich ein reicher Mann gewesen und hätte mich +für arm ausgegeben, so bliebest du schon.“</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen, +als die Tür der Hütte aufgerissen wurde und Börjes +Mutter herauskam. Sie war ein kleines vertrocknetes +altes Weiblein mit wenig Zähnen und viel Runzeln, aber +nicht so alt an Jahren und Gemüt wie dem Aussehen +nach.</p> + +<p>Sie hatte wohl einiges gehört und das übrige erraten, +denn sie wußte, worüber sie zankten. „So,“ sagte sie, +„dies ist die feine Schwiegertochter, die du mir gebracht +hast, Börje. Und du hast es wieder nicht mit der Wahrheit +gehalten, wie ich höre.“ Aber auf Astrid ging sie freundlich +zu und streichelte ihr die Wangen. „Komm du mit +mir herein, du armes Kind. Ich kann mir denken, daß +du müde und erschöpft bist. Siehst du, dies ist meine +<span class="pagenum"><a name="page_145" id="page_145"></a>145</span>Hütte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt +bist du meine Tochter, und ich kann dich doch nicht zu +fremden Leuten gehen lassen.“</p> + +<p>Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte +und schob und zog sie ganz unmerklich zur Tür +hin. Schritt für Schritt lockte sie sie weiter und bekam +sie schließlich in die Hütte, aber Börje schloß sie wirklich +aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer +sie sei und wie alles zugegangen wäre. Und sie weinte +über sie, und brachte sie dazu, auch über sich selbst zu +weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren Sohn. +Sie, Astrid, täte ganz recht, nein, bei einem solchen +Manne könnte sie nicht bleiben. Es wäre richtig, daß er +zu lügen pflegte, ja, ganz gewiß wäre es richtig.</p> + +<p>Sie erzählte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen +war. Er war schon als kleines Kind so schön von Gesicht +und Gestalt gewesen, daß sie sich immer darüber wundern +mußte, daß er armer Leute Kind war. Er war wie +ein kleiner verirrter Prinz gewesen. Und später hatte es +immer so ausgesehen, als wenn er nicht auf seinem richtigen +Platze wäre. Er sah alles so groß. Er konnte nicht +den richtigen Maßstab finden, wenn es sich um ihn selbst +handelte. Seine Mutter hatte deswegen schon viele Tränen +vergossen. Aber nie zuvor hatte er mit seinen Lügen +etwas Böses angestellt. Hier, wo er bekannt war, lachten +ihn die Leute nur aus. – Aber jetzt war er wohl +so sehr in Versuchung geführt worden … Schien es +ihr, Astrid, nicht selbst wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge +hatte hinters Licht führen können? Er hatte immer +soviel von feinen Dingen gewußt, als wenn es ihm angeboren +wäre. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt +gekommen. Das sah man ja auch daran, daß er nie +daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen +Stande zu wählen.</p> + +<p>Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte. +„Sieh,“ sagte die Alte unter anderm, „mir kann es nie +<span class="pagenum"><a name="page_146" id="page_146"></a>146</span>gelingen, ihm den Hochmut und die Prahlsucht abzugewöhnen, +aber eine, die klüger wäre als ich, könnte +es vielleicht. Und er ist tüchtig und gut, mein Junge. +Es lohnte wohl der Mühe. Aber du kannst morgen gehen. +Ja, du sollst gehen.“</p> + +<p>„Wo schläft er heute nacht?“ fragte Astrid plötzlich.</p> + +<p>„Ich denke, er liegt hier draußen im Sande. Er hat +wohl nicht die Ruhe, von hier fortzugehen.“</p> + +<p>„Es wäre wohl am besten, wenn er hereinkäme,“ +sagte Astrid.</p> + +<p>„Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen. +Er wird sich draußen schon behelfen, wenn ich ihm eine +Decke gebe.“</p> + +<p>Sie ließ ihn wirklich diese Nacht draußen im Sande +schlafen und schickte ihn am nächsten Tage in aller Frühe +in die Stadt, da sie es für das beste hielt, wenn Astrid +ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und hielt +sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht +mit Schmeichelei, sondern mit wirklicher Güte.</p> + +<p>Doch als sie es endlich erreicht hatte, daß die Schwiegertochter +blieb und dem Sohne erhalten war, und als +sie die jungen Leute versöhnt und Astrid gelehrt hatte, +daß es gerade ihre Aufgabe im Leben war, Börje Nilssons +Frau zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie +konnte – und dies war nicht die Arbeit einer Abendstunde, +sondern die Mühe vieler Tage gewesen – da +hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt.</p> + +<p>Und in diesem Leben mit seiner treuen Fürsorge lag +ein Sinn, dachte Börje Nilssons Frau.</p> + +<p>Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der +Mann ertrank nach einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges +Kind starb ganz jung. Sie hatte bei ihrem Mann +keine Veränderung herbeiführen können. Ernst und Wahrhaftigkeit +hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher +hatte sie sich verändert, denn sie war immer mehr wie die +Fischersleute geworden. Sie wollte keinen der Ihren sehen, +<span class="pagenum"><a name="page_147" id="page_147"></a>147</span>denn sie schämte sich, daß sie jetzt in allen Stücken einer +Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas +genützt hätte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch +das Ausbessern der Fischernetze bestritt, nur wüßte, warum +sie überhaupt lebte! Wenn sie doch jemanden glücklich +oder besser gemacht hätte!</p> + +<p>Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, daß, wer sein +Leben für verfehlt hält, weil er andern nichts Gutes getan +habe, vielleicht durch diesen Gedanken der Demut +seine Seele gerettet hat.</p> + + + + +<h2><a name="nr9" id="nr9"></a><a href="#inhalt">Mutters Bild</a></h2> + + +<p>In einem der hundert Häuschen des Fischerdorfes, die +einander alle in Größe und Form gleichen, die alle gleich +viele Fenster und gleich hohe Schornsteine haben, wohnte +der alte Mattßon, der Lotse.</p> + +<p>In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben +Hausrat, auf allen Fensterbrettern stehen dieselben +Blumen, in allen Eckschränken prangen dieselben Arten +Muscheln und Korallen, an allen Wänden hängen die +gleichen Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt +hat, leben alle Menschen des Fischerdorfes dasselbe Leben. +Seit Mattßon, der Lotse, alt geworden war, richtete er +sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine +Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern.</p> + +<p>An der Wand über seinem Bette hatte der alte Mattßon +ein Bild seiner Mutter. Eines Nachts träumte er, +daß dieses Bild aus seinem Rahmen herabstieg, sich vor +ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: „Du +mußt heiraten, Mattßon.“</p> + +<p>Der alte Mattßon begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, +daß dies unmöglich sei. Er war ja siebzig +Jahre. – Aber Mutters Bild wiederholte nur mit +<span class="pagenum"><a name="page_148" id="page_148"></a>148</span>noch größerm Nachdruck: „Du mußt heiraten, Mattßon.“</p> + +<p>Der alte Mattßon hatte großen Respekt vor Mutters +Bild. Es war in so manchen strittigen Fällen sein Ratgeber +gewesen, und es hatte ihm immer Glück gebracht, +wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er +sein Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich +das Bild ganz im Widerspruch mit früher geäußerten +Ansichten. Obgleich er dalag und träumte, erinnerte er +sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, +als er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit +ankleidete, lockerte sich der Nagel, an dem das Bild hing +und fiel zu Boden. Da sah er, daß das Bild ihn vor der +Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte +sich aber später, daß das Bild recht gehabt hatte. Seine +kurze Ehe war sehr unglücklich geworden.</p> + +<p>Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging +es ebenso zu. Das Bild stürzte wieder zu Boden, und +diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu sein. Er ließ +Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose +und fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach +Hause wagte. – Und jetzt stieg das Bild von der Wand +herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut und gehorsam +er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken, +daß es nur seinen Scherz mit ihm treibe.</p> + +<p>Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, +wie es nur scharfe Winde und salziger Meeresschaum +ausmeißeln konnten, blieb ernst wie zuvor. Und mit einer +Stimme, die das langjährige Ausbieten der Fische auf +dem Markte der Stadt geübt und gestärkt hatte, wiederholte +sie: „Du mußt heiraten.“</p> + +<p>Da bat der alte Mattßon Mutters Bild, doch ein Einsehen +zu haben und zu bedenken, in welcher Gemeinde +sie lebten.</p> + +<p>Alle hundert Häuser des Fischerdorfes hatten spitzige +Dächer und weißgetünchte Wände, alle Boote des Fischerdorfes +<span class="pagenum"><a name="page_149" id="page_149"></a>149</span>hatten denselben Bau und das gleiche Takelwerk. +Niemand pflegte hier irgend etwas Ungewöhnliches zu +tun. Mutter selbst wäre die erste gewesen, die sich einer +solchen Heirat widersetzt hätte, wenn sie noch am Leben +gewesen wäre. Mutter hatte streng auf Ordnung und +Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte +in dem Fischerdorf, daß siebzigjährige Greise Hochzeit +hielten.</p> + +<p>Da streckte Mutters Bild die ringgeschmückte Hand +aus und befahl ihm geradezu zu gehorchen. Mutter hatte +immer etwas unbegreiflich Ehrfurchtgebietendes an sich +gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide mit den +vielen Volants gekommen war. Die große glänzende +Goldbrosche, die schwere rasselnde Goldkette hatten ihn +immer eingeschüchtert. Wäre sie in ihren Marktkleidern +gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit +der Wachstuchschürze voll Fischschuppen und Fischaugen, +dann hätte er nicht ganz so großen Respekt vor ihr gehabt. +Aber jetzt war das Ende vom Liede, daß er versprach, +zu heiraten. Und dann schlüpfte Mutters Bild +wieder in seinen Rahmen.</p> + +<p>Am nächsten Morgen erwachte der alte Mattßon in +großer Angst. Es fiel ihm gar nicht ein, gegen Mutters +Bild ungehorsam zu sein, es wußte natürlich, was für +ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, +die jetzt kommen mußte.</p> + +<p>An demselben Tage hielt er um die häßlichste Tochter +des ärmsten Fischers an, ein kleines Ding mit dem Kopf +zwischen den Schultern und mit vorstehendem Unterkiefer. +Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur +Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde +festgesetzt.</p> + +<p>Über windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden +führt der Weg vom Fischerdorf in die Stadt. Eine +Viertelmeile ist er lang, und man behauptet, daß die +Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, daß sie ihn +<span class="pagenum"><a name="page_150" id="page_150"></a>150</span>mit blankem Silbergelde pflastern könnten. Das würde +dem Weg einen eigentümlichen Reiz verleihen. Glitzernd +wie ein Fischbauch würde er sich mit seinen weißen Schuppen +zwischen Riedgrashügeln und Strandpfützen dahinschlängeln. +Tausendschönchen und Mandelblumen, die diesen +von den Menschen verlassenen Boden schmücken, würden +sich in den blanken Silbermünzen spiegeln, die Disteln +würden schützend ihre Stacheln darüber ausstrecken, +und der Wind würde einen klingenden Resonanzboden +finden, wenn er durch das Schilf der Strandweiden +spielte und in den Telephondrähten sang.</p> + +<p>Dem alten Mattßon wäre es vielleicht ein gewisser +Trost gewesen, wenn er seine schweren Seestiefel auf +klingendes Silber hätte setzen können, denn eines ist gewiß, +jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg öfter machen +mußte, als er wünschte.</p> + +<p>Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus +dem Aufgebot hatte nichts werden können. Dies kam daher, +daß er das vorige Mal seiner Braut durchgegangen +war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium +über seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis +erwirken konnte, eine neue Ehe zu schließen.</p> + +<p>Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Mattßon +an jedem Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause +setzte er sich unten zur Tür hin und wartete dort stumm, +bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er auf und +fragte, ob der Pfarrer etwas für ihn habe. Nein, er +hatte nichts.</p> + +<p>Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles +bezwingende Liebe über diesen alten Mann erlangt hatte. +Da saß er in seiner dicken gestrickten Wolljacke, den hohen +Seestiefeln und dem windverwehten Südwester, mit +einem scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, +und wartete auf die Erlaubnis, zu heiraten. Dem +Pfarrer schien es eigentümlich, daß dieser alte Fischer +von einer so heißen Sehnsucht erfüllt war.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_151" id="page_151"></a>151</span>„Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Mattßon,“ +sagte der Pfarrer.</p> + +<p>„Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.“</p> + +<p>„Könnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen +Sache abstehen, Mattßon? Sie gehören ja nicht mehr +zu den Jüngsten.“</p> + +<p>Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Mattßon +wußte ja selbst, daß er zu alt war, aber er war gezwungen, +zu heiraten. Da gab es keine Hilfe.</p> + +<p>Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche für Woche +wieder, bis endlich die Erlaubnis eintraf.</p> + +<p>Während dieser ganzen Zeit war der alte Mattßon ein +gehetzter Mann. Rings um den grünen Trockenplatz, wo +die braunen Fischnetze hingen, längs der zementierten +Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem +Markte, wo Dorsche und Krabben verkauft wurden, und +weit draußen auf dem Sunde, wo man den Heringszug +verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes.</p> + +<p>Wie, er wollte heiraten, Mattßon, der vor seiner eignen +Hochzeit davongelaufen war!</p> + +<p>Und man verschonte weder Bräutigam noch Braut.</p> + +<p>Doch am schlimmsten für ihn war, daß niemand mehr +über die ganze Sache lachen konnte als er selbst. Niemand +konnte sie lächerlicher finden. Mutters Bild war +drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der +alte Mattßon, der noch immer ein von Gerede und Spott +verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, bis zu +dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. +Dort draußen traf er seine Braut. Sie saß da und weinte.</p> + +<p>Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben +wollen. Sie saß da und lockerte kleine Kalkstückchen von +<span class="pagenum"><a name="page_152" id="page_152"></a>152</span>der Mauer des Leuchtturmes und warf sie in das Wasser. +Zuerst gab sie gar keine Antwort.</p> + +<p>Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?</p> + +<p>Ach nein, gewiß nicht.</p> + +<p>Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare +Wasser des Sunds umrauscht ihn. Der flache Strand, +die kleinen, regelrechten Häuschen des Fischerdorfes, die +ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schönheit des +Meeres beglänzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist +den westlichen Horizont verhüllen, taucht hier und da ein +Fischerboot auf. Mit kühnem Kreuzen steuert es dem +Hafen zu. Es rauscht fröhlich um den Kiel, wenn es in +den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden +ganz still die Segel eingezogen. Die Fischer schwenken +den Hut zum fröhlichen Gruße, und unten im Boot liegt +glitzernd die gefangne Beute.</p> + +<p>Es kam gerade ein Boot in den Hafen, während der +alte Mattßon draußen am Leuchtturm stand. Ein junger +Bursche, der am Steuer saß, lüftete den Hut und nickte +dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen +aufleuchtete.</p> + +<p>„Ach so,“ dachte er, „hast du dich in den schönsten +Burschen im ganzen Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du +nie. Ebensogut kannst du da mich heiraten, wie auf den +warten.“</p> + +<p>Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen +konnte. Wenn das Mädchen jemanden lieb gehabt hätte, +den sie die geringste Aussicht hatte zu bekommen, dann +wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze +Sache loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_153" id="page_153"></a>153</span>Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und +ein paar Tage drauf kam der große Novembersturm.</p> + +<p>Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund +hinabgetrieben. Steuer und Mast waren fort, so daß es +unmöglich zu lenken war. Der alte Mattßon und fünf +andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang +ohne Nahrung herum. Als sie geborgen wurden, waren +sie vor Mattigkeit und Kälte ganz erschöpft. Alles im +Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre feuchten +Kleider waren in der Kälte ganz steif geworden. Der +alte Mattßon erkältete sich dabei so schwer, daß er nie +mehr seine Gesundheit wiedererlangte. Er lag zwei Jahre +lang krank, dann kam der Tod.</p> + +<p>Manchen schien es eigentümlich, daß er unmittelbar +vor dem Unglücksfalle den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, +denn die kleine Frau war ihm eine gute Pflegerin +geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam +und hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf +erkannte schließlich, daß er nie etwas Klügres getan hätte, +als da er sich verheiratete, und die kleine Frau stand in +großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den +Mann pflegte.</p> + +<p>„Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,“ +sagte man.</p> + +<p>Der alte Mattßon erzählte jeden Tag, solange er krank +lag, seiner Frau die Geschichte von dem Bilde.</p> + +<p>„Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles +haben sollst, was mein ist,“ sagte er.</p> + +<p>„Sprich doch nicht von so etwas.“</p> + +<p>„Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn +die jungen Burschen um dich werben. Wahrlich, ich glaube, +es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf, der sich besser +auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.“</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="page_154" id="page_154"></a>154</span></p> +<h2 style="margin-bottom: 1em"><a name="nr10" id="nr10"></a><a href="#inhalt">Ein gefallener König</a></h2> + +<p style="margin-left: 50%; margin-top: 0em; font-size: smaller">„Mein war das Reich der Phantasie,<br /> +Nun bin ich ein gefallener König.“<br /> +<span style="margin-left: 35%">Snoilsky.</span></p> + + +<p>Es klapperte über die Pflastersteine, die Holzpantoffeln +klatschten in unruhigem Takt. Die Gassenjungen +eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen. Es ging im +Laufmarsch. Die Häuser zitterten, und aus den Seitengäßchen +stürzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus +seiner Hütte.</p> + +<p>Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte +sich etwas zugetragen? War etwas los? Der Lärm verzog +sich nach der Vorstadt. Die Dienstmädchen eilten +hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die +Hände zusammen und schrien: „Gott bewahre uns, Gott +bewahre uns! Gibt es Mord, gibt es Brand?“ Niemand +antwortete. Das Klappern ertönte aus der Ferne.</p> + +<p>Nach den Mädchen kamen die weisen Matronen der +Stadt geeilt. Sie fragten: „Was geht vor? Was stört +die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es ein +Begräbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der +Turmwächter? Soll die Stadt niederbrennen, ehe er zu +läuten anfängt?“</p> + +<p>Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Häuschen +des Schuhmachers in der Vorstadt halt, dem kleinen +Häuschen, das Weinranken um Türen und Fenster hatte +und darunter zwischen der Straße und dem Hause einen +ellenbreiten Garten. Ein Lusthäuschen aus Stroh, Bosketts +für ein Mäuslein, Wege für ein Kätzchen. Alles +aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und +Lavendel, eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbüsche und +einen Apfelbaum.</p> + +<p>Die Gassenjungen standen am nächsten, sie spähten +und berieten. Die blanken schwarzen Fensterscheiben ließen +<span class="pagenum"><a name="page_155" id="page_155"></a>155</span>die Blicke nicht weiter vordringen als bis zu den +weißen Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich +an die Weinranken fest und drückte das Gesicht an die +Scheibe. „Was sieht er?“ flüsterten die andern. „Was +sieht er?“ Die Schusterwerkstatt und die Schusterbank, +Schmierbüchsen und Lederflecke, Leisten und Pflöcke, +Ringe und Riemen. „Sieht er keinen Menschen?“ Er +sieht den Gesellen, der den Absatz an einem Schuh macht. +Sonst niemand, sonst niemand? Große, schwarze Fliegen +springen über die Scheibe und trüben seinen Blick. +„Sieht er niemand anders als den Gesellen?“ Niemand +anders. Des Meisters Stuhl steht leer. Er sah einmal, +zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.</p> + +<p>Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte +sich. Es war also wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. +Niemand wollte es glauben. Man stand da +und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das +steile Dach heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt +die Dachrinne hinab. Ja, der Hausherr war fort, die +Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und kreischten +ganz hilflos.</p> + +<p>Ein weißes Küchlein guckte um die Hausecke. Es war +schon beinahe ein richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete +rot wie Weinlaub. Es spähte und guckte, krähte und rief. +Die Hühner kamen, eine Reihe weißer Hühner in vollem +Lauf, die Körper wiegten sich, die Flügel schlugen, die +gelben Beinchen regten sich wie Trommelschlägel. Die +Hühner hüpften in die Erbsen. Schlägereien entspannen +sich. Mißgunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer +vollen Erbsenschote Zwei Hähne hackten sie in den +Nacken. Die Katze verließ das Spatzennest, um zuzusehen. +Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die Hühner entflohen +in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe +dachte: „Freilich ist es wahr, daß der Schuster +sich aus dem Staube gemacht hat. Man sieht es an der +Katze und an den Hühnern, daß der Hausherr fort ist.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_156" id="page_156"></a>156</span>Die holprige, vom Herbstregen schlüpfrige Vorstadtgasse +hallte von allen den Reden wider. Die Türen standen +offen, die Fenster schwangen hin und her. Ein Kopf +steckte sich neben den andern in verwundertem Geflüster. +„Er ist durchgegangen.“ Menschen flüsterten, Sperlinge +kreischten, Holzpantoffeln klapperten: „Er ist durchgegangen. +Der alte Schuhmacher ist durchgegangen. Der +Besitzer des kleinen Häuschens, der Mann der jungen +Frau, der Vater des schönen Kindes ist durchgegangen. +Wer kann es verstehen? Wer kann es verstehen?“</p> + +<p>So geht ein altes Liedchen: „Alter Mann im Hause, +junger Knab' im Walde; Frau entflieht; Kind weint; +Heim ohne Herrin.“</p> + +<p>Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.</p> + +<p>Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem +Tisch der Werkstatt lag seine Erklärung, daß er niemals +wiederzukommen gedachte; daneben war auch ein Brief +gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.</p> + +<p>Die junge Frau war in der Küche. Sie tat nichts. +Die Nachbarin ging hin und her; hantierte geschäftig herum, +setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu, weinte ein +bißchen und trocknete sich die Tränen mit dem Wischfetzen.</p> + +<p>Die weisen Frauen des Viertels saßen steif rings an +den Wänden. Sie wußten, was sich in einem Trauerhause +schickte. Sie sahen darauf, daß Schweigen herrschte, daß +Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die +verlassene Frau in ihrer Trauer zu stützen. Grobe Hände +lagen still im Schoße, wettergebräunte Wangen legten +sich in tiefe Runzeln, dünne Lippen kniffen sich über +zahnlosen Kinnladen zusammen.</p> + +<p>Die Frau saß unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, +mit süßem Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. +Sie war so ängstlich, daß sie fast vor Furcht starb. +Sie biß die Zähne zusammen, damit niemand hörte, wie +sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertönten, wenn +<span class="pagenum"><a name="page_157" id="page_157"></a>157</span>es klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr +sie zusammen.</p> + +<p>Sie saß mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. +Sie erinnerte sich bald an eine Zeile daraus, bald an eine +andre. Da stand: „Ich halte es nicht länger aus, Euch +beide zu sehen.“ Und an einer andern Stelle: „Ich habe +jetzt die Gewißheit, daß Du mit Erikson durchgehen +willst.“ Und dann wieder: „Du sollst es nicht tun, denn +die böse Nachrede der Leute würde Dich unglücklich machen. +Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen +und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver +Arbeiter und kann Dich gut versorgen.“ Dann tiefer +unten: „Laß die Leute von mir sagen, was sie wollen, +ich bin schon froh, wenn sie nichts Böses von Dir glauben; +denn Du würdest es nicht ertragen.“</p> + +<p>Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrügen +wollen. Wenn sie auch gerne mit dem jungen Gesellen +plauderte, was ging das den Mann an? Die Liebe ist +eine Krankheit, aber sie ist nicht tödlich. Sie hatte sie +das ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. +Wie hatte der Mann ihre heimlichsten Gedanken erraten +können?</p> + +<p>Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mußte +sich geängstigt und gesorgt haben. Er hatte über seine +Jahre geweint. Er hatte über die Kräfte und den Mut +des Jungen gerast. Er war bei jedem Flüstern, jedem +Lächeln, jedem Händedruck erzittert. In lichterlohem +Wahnsinn, in knirschender Eifersucht hatte er eine ganze +Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch nichts war.</p> + +<p>Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein +mußte, als er ging. Sein Rücken war gebeugt, seine +Hände zitterten. Langer Nächte Qual hatte ihn so gemacht. +Er war gegangen, um dieses Dasein quälender +Zweifel los zu sein.</p> + +<p>Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: +„Es ist nicht meine Absicht, Dich zu beschämen, ich bin +<span class="pagenum"><a name="page_158" id="page_158"></a>158</span>immer zu alt für Dich gewesen.“ Und dann an eine +andre: „Du sollst immer geachtet und geehrt sein. +Schweige nur selbst, dann fällt alle Schande auf mich.“</p> + +<p>Die Frau fühlte immer größre Angst. War es möglich, +daß man Menschen so betrügen konnte? Ging es +auch an, so vor Gott zu lügen? Warum saß sie hier +in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt +wie eine Braut am Hochzeitstage? Warum war nicht +sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie kann so etwas +geschehen? Wie kann Gott sich so betrügen lassen?</p> + +<p>Über der großen Chiffoniere hing ein kleines Bücherbrett. +Zu oberst auf dem Brett stand ein großes Buch mit +Messingspangen. Und diese Spangen bargen die Erzählung +von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott +und den Menschen logen. „Wer hat es dir eingegeben, +o Weib, daß du solches tun sollst? Sieh, junge Männer +stehen hier vor deiner Tür, um dich fortzuführen.“</p> + +<p>Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den +Schritten der jungen Männer. Sie erzitterte bei jedem +Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war bereit, +aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und +zu sterben.</p> + +<p>Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam +zum Tisch hin. Sie schenkten die Tassen voll, nahmen +Zucker in den Mund und begannen den siedendheißen +Kaffee einzuschlürfen, still und anständig, die Handwerkerfrauen +zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die +Frau des Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst +raubte ihr ganz die Besinnung. Sie hatte eine Erscheinung. +Mitten in der Nacht saß sie auf einem frisch gepflügten +Acker. Rings um sie saßen große Vögel mit +starken Flügeln und spitzigen Schnäbeln. Sie waren +grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden, aber sie +wachten über sie. Sie hielten Gericht über sie. Mit +einemmal flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf +herab. Sie sah ihre scharfen Klauen, ihre spitzigen Schnäbel; +<span class="pagenum"><a name="page_159" id="page_159"></a>159</span>ihre peitschenden Flügel kamen immer näher. Es war +wie ein tödlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf +hinab und fühlte, daß sie sterben mußte. Aber als sie +näher kamen, ganz dicht an sie heran, mußte sie aufsehen. +Da sah sie, daß die grauen Vögel alle diese alten +Frauen waren.</p> + +<p>Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wußte, was +anständig war, was sich in einem Trauerhause schickte. +Man hatte jetzt lange genug geschwiegen. Aber die Schustersfrau +fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen. +Was wollte die Frau sagen? „Du Matts Wiks +Frau, Anna Wik, gestehe! Lange genug hast du vor +Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir +wollen dich richten und dich zerreißen.“</p> + +<p>Nein, die Frau begann von den Männern zu sprechen. +Und die andern stimmten ein, so wie der Anlaß es erforderte. +Es wurde nicht zum Lob der Männer gesprochen. +Alles Böse, was Männer je getan hatten, wurde +ans Licht gezogen. Das war Trost für eine verlassene +Frau.</p> + +<p>Verleumdung ward auf Verleumdung gewälzt. Wunderliche +Wesen, diese Männer! Sie schlagen uns, sie vertrinken +unser Geld. Sie verpfänden unsre Habe. Warum +in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?</p> + +<p>Die Zungen wurden wie Drachenzähne, sie spien Gift, +sie sprühten Feuer. Jede fügte ihr Wort ein. Erzählung +häufte sich auf Erzählung. Die Frau floh vor dem berauschten +Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich +für versoffne Männer. Ehefrauen wurden um andrer +Frauen willen verlassen. Die Zungen sausten wie Peitschenhiebe. +Das häusliche Elend wurde entblößt. Lange Litaneien +wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei +bewahre uns, o gütiger Gott!</p> + +<p>Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Kälte +des Winters, die Plage mit den Alten, alles kommt vom +Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre Herren. Sie +<span class="pagenum"><a name="page_160" id="page_160"></a>160</span>wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Füßen sie +krochen.</p> + +<p>Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese +Worte schrill in den Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen +zu verteidigen. „Mein Mann,“ sagte sie, „ist gut.“ +Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. „Er +ist durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. +Er, der schon alt ist, hätte es besser verstehen +müssen, als von Frau und Kind fortzulaufen. Kannst +du glauben, daß er besser ist als irgendein andrer?“</p> + +<p>Die Frau bebte, es war ihr, als würde sie durch stechendes +Dornengestrüpp geschleift. Ihr Mann zu den Sündern +gezählt! Sie erglühte in Scham, sie wollte sprechen, +aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es +nicht. Aber warum schwieg Gott? Warum ließ Gott +so etwas geschehen?</p> + +<p>Wenn sie den Brief herausnähme und ihn laut läse. +Dann würde sich der Giftstrom wenden. Der Eiter würde +sie bespritzen. Todesangst kam über sie. Sie wagte es +nicht. Sie wünschte beinahe, daß eine freche Hand in +ihre Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen hätte. +Sie vermochte nicht, sich selbst preiszugeben. Drinnen +aus der Werkstätte hörte man einen Schusterhammer. +Hörte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen +Tag hatte sie dieses Klopfen gehört und sich darüber +erzürnt. Aber keine der Frauen verstand es. Allwissender +Gott, hattest du keinen Diener, der die Herzen +durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, +wenn sie nur nicht gestehen mußte. Sie wollte jemanden +sagen hören: „Wer hat es dir eingegeben, daß du vor +Gott lügen solltest?“ Sie horchte nach dem Laut der +Schritte der jungen Männer, um niederzufallen und zu +sterben.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_161" id="page_161"></a>161</span>Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene +Frau einen Schuhmacher, der Gesell bei ihrem +Manne gewesen war. Sie hatte es nicht gewollt, aber +sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum +Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur +hängen geblieben ist. Der Fischer läßt sie spielen, er +läßt sie hin und her schnellen und läßt sie glauben, daß +sie frei ist. Aber wenn sie müde geworden ist, wenn +sie nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck +an das Boot, dann holt er sie herauf und wirft sie auf +den Bootsgrund, ehe sie noch weiß, um was es sich +handelt.</p> + +<p>Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte +ihren Gesellen verabschiedet und hatte allein leben wollen. +Sie wollte ihrem Manne zeigen, daß sie unschuldig war. +Aber wo war der Mann? Kümmerte er sich nicht um +ihre Treue? Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. +Wie lange glaubte denn der Mann, daß sie warten +konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, +an den sie sich lehnen konnte.</p> + +<p>Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen +in der Stadt. Seine Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben +hinter breiten Auslagefenstern. Seine Werkstätte +dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte +Sammetmöbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur +auf sie. Als sie der Armut gar zu müde war, kam sie.</p> + +<p>Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein +Unglück. Sie wurde mit jedem Tage sichrer und immer +glücklicher. Sie stand bei den Menschen in Ansehen und +wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt +ihr Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde.</p> + +<p>Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in +das Haus in der Vorstadt. Er ließ sich wieder dort +nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er bekam +keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit +ihm verkehren. Er wurde verachtet, während seine Frau +<span class="pagenum"><a name="page_162" id="page_162"></a>162</span>große Ehre genoß. Und doch hatte er recht getan und +sie unrecht gehandelt.</p> + +<p>Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es +erstickte ihn beinahe. Er fühlte, wie er sank, weil alle +ihn für einen schlechten Menschen hielten. Niemand verließ +sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. +Er schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, +und gewöhnte es sich an, zu trinken.</p> + +<p>Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee +in die Stadt. Sie mietete einen großen Saal und +begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend an lief +alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug +zu treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert +hatte, kam Matts Wik mit, um an der Belustigung teilzunehmen. +Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und +im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen +und scharfe Zungen; Gassenjungen und Soldaten, +Mägde und Scheuerfrauen; friedliche Polizisten und lärmender +Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die +Bälle verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants +und Hafengesindel, alles ging zur Heilsarmee.</p> + +<p>Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde +stand eine leere Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene +Stühle. Zerschlissener Boden, Feuchtigkeitsflecke +an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen +mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. +Im Augenblick waren alle Plätze besetzt. Zunächst der +Estrade saßen Frauen, anständig wie in der Kirche, feierlich +wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe +und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, +ein Gassenjunge dem andern auf dem Schoß. Und +in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht +hereinkommen konnten.</p> + +<p>Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, +die Vorstellung noch nicht begonnen. Einer pfiff, +einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der „Kampfruf“ +<span class="pagenum"><a name="page_163" id="page_163"></a>163</span>flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. +Das Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.</p> + +<p>Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das +Zimmer. Das Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat +ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit. Endlich kamen +sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter +von breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten +auf die Knie, sobald sie die Stufen der Estrade erklommen +hatten.</p> + +<p>Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, +schloß aber die Augen. Die Stimme war schneidend wie +ein Messer. Während des Gebetes war es still. Gassenjungen +und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug +gekommen. Sie warteten auf die Geständnisse und die +anregenden Melodien.</p> + +<p>Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und +beteten, sangen und predigten. Sie lächelten und sprachen +von ihrem Glück. Vor sich hatten sie ein Parterre von +Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen +auf die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den +Scharen. Die Frauen auf der Estrade sahen furchtbare +Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die Männer +hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie +spien jeden Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem +Wort. Diese Frauen, die gegen sie kämpfen wollten, +sprachen von ihrem Glück.</p> + +<p>Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht +schön, tapfer zu sein, ist es nicht ein Hochgefühl, Gott +mit sich zu haben! Es half nichts, über die mit den +großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, +daß sie die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, +die lästernden Lippen besiegen würden.</p> + +<p>„Singet mit,“ riefen die Heilsarmeesoldatinnen. +„Singet mit. Es ist gut, zu singen.“ Sie stimmten +eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren Gitarren +und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. +<span class="pagenum"><a name="page_164" id="page_164"></a>164</span>Sie brachten den einen oder andern der Zunächstsitzenden +dazu, mitzusingen. Doch jetzt erdröhnte unten von der +Türe ein leichtsinniger Gassenhauer. Töne kämpften +gegen Töne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die +Zischpfeife. Die starken, geübten Stimmen der Frauen +stritten gegen die heisern, mutierenden Stimmen der +Knaben, gegen die Brummbässe der Männer. Als der +Gassenhauer nahe daran war, unterzutauchen, begann +man unten an der Tür zu stampfen und zu pfeifen. +Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. +Der Lärm war entsetzlich, die Frauen stürzten auf die +Knie.</p> + +<p>Sie lagen wie ohnmächtig da. Die Augen waren geschlossen. +Die Körper wiegten sich in stummem Schmerz. +Der Lärm erstarb. Die Heilsarmeekapitänin begann +augenblicklich: „Herr, alle diese wirst du zu den Deinen +machen. Dank, o Herr, daß du sie alle in dein Kriegsheer +aufnehmen willst! Dank, o Herr, daß wir sie dir +zuführen dürfen!“</p> + +<p>Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als +ob alle diese Kehlen von einem scharfen Messer gekitzelt +würden. Es war, als fürchteten die Menschen, überwunden +zu werden, als hätten sie vergessen, daß sie +freiwillig gekommen waren.</p> + +<p>Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende +Stimme trug den Sieg davon. Sie mußten hören.</p> + +<p>„Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch +windet sich und rast. Aber das ist gerade das Zeichen. +Gesegnet sei das Brüllen der alten Schlange! Es zeigt, +daß sie sich quält, daß sie sich fürchtet. Lacht uns aus! +Schlagt uns die Fenster ein! Verjagt uns von der +Estrade! Morgen werdet ihr uns angehören! Wir werden +die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? +Wie wollt ihr Gott widerstehen?“</p> + +<p>Gleich darauf befahl die Kapitänin einer ihrer Gefährtinnen, +vorzutreten und ihr Bekenntnis abzulegen. +<span class="pagenum"><a name="page_165" id="page_165"></a>165</span>Sie kam lächelnd. Sie stand kühn und unerschrocken da +und schleuderte die Geschichte ihrer Sünde und ihrer Bekehrung +den Höhnenden entgegen. Wo hätte es das +Küchenmädchen gelernt, lächelnd unter allem diesem +Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen waren, +um ihren Spott zu treiben, erblaßten. Woher nahmen +diese Frauen ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand +hinter ihnen.</p> + +<p>Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschönes +Kind, reicher Eltern Tochter, mit einer sanften, +klaren Singstimme. Sie erzählte nicht von sich selbst. +Ihr Zeugnis war eines der gewöhnlichen Lieder.</p> + +<p>Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung +vergaß sich und lauschte. Dieses Kind war +schön zu sehen, lieblich zu hören. Aber als sie verstummt +war, brach das Getöse noch furchtbarer los. Unten an +der Tür bauten sie eine Estrade aus Bänken, sprangen +hinauf und legten Geständnisse ab.</p> + +<p>Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne +Ofen wurde glutrot, er schluckte Luft und strömte +Wärme aus. Die ehrbaren Frauen auf den vordersten +Bänken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, +aber es gab keine Möglichkeit, den Saal zu verlassen. +Die Heilssoldatinnen auf der Estrade wankten, und auf +ihren Stirnen perlte der Schweiß. Sie riefen und beteten +um Stärke. Plötzlich fuhr ein Hauch durch die +Luft, ein Flüstern schlug an ihr Ohr. Sie wußten nicht, +woher es kam, aber sie fühlten einen Umschlag. Gott +war mit ihnen. Er kämpfte für sie.</p> + +<p>Aufs neue in den Kampf! Die Kapitänin trat vor +und erhob die Bibel über ihren Kopf. „Haltet inne, +haltet inne! Wir fühlen, daß Gott unter uns wirkt. +Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will +uns eine Seele schenken.“</p> + +<p>Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige +im Saal nahmen an dem Gebet teil. Allen teilte sich +<span class="pagenum"><a name="page_166" id="page_166"></a>166</span>eine spannende Erwartung mit. War es wahr? Trug +sich etwas Großes in der Seele eines Mitmenschen zu, +hier, mitten unter ihnen? Würden sie es sehen? Konnten +diese Frauen etwas bewirken?</p> + +<p>Für einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt +war sie ebenso erpicht auf Wunder wie eben erst auf +Lästerung. Niemand wagte sich zu rühren. Alle keuchten +vor Erwartung, aber nichts geschah. „O Gott, du verlässest +uns! Du verläßt uns, o Gott!“</p> + +<p>Die schöne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie +wählte die mildeste der Melodien, das zarteste Kind der +Sehnsucht: „Fern er weilet von grünenden Tälern.“</p> + +<p>Die Worte waren nur wenig verändert. Das Lied des +finnischen Hirtenmädchens war unschwer zu Jesu Sehnsucht +nach der Seele geworden. „O, du meine Geliebte, +kommst du nicht bald?“</p> + +<p>So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang +in die Gemüter, wie eine Liebkosung, wie ein Segen.</p> + +<p>Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese +Töne. – „Berge und Wälder verschmachten, Himmel +und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in der Welt +dürstet danach, daß du deine Seele dem Lichte erschließest. +Dann verbreitet sich Herrlichkeit über alle Welt, dann +stehen die Tiere auf aus ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen +der Kreatur hat ein Ende. O, du meine Geliebte, +kommst du nicht bald?“</p> + +<p>„Es ist nicht wahr, daß du in hohen Königssälen +weilest. In dunklen Wäldern, in elenden Hütten hausest +du, und du willst nicht kommen. Mein lichter Himmel +lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht +bald?“</p> + +<p>Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim +ein. Stimme um Stimme kam mit. Sie wußten +nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die Melodie +war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tönen +freisingen. Auch unten an der Tür wurde es gesungen. +<span class="pagenum"><a name="page_167" id="page_167"></a>167</span>Es sprengte Herzen. Es unterjochte Willen. Es klang +nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern stark, +fordernd, befehlend.</p> + +<p>„O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?“</p> + +<p>Unten an der Tür im dichtesten Knäuel stand Matts +Wik. Er sah ganz vertrunken aus, aber an diesem Abend +war er nicht berauscht. Er stand da und dachte: „Wenn +ich sprechen dürfte, wenn ich sprechen dürfte.“</p> + +<p>Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen +hatte, die wunderbarste Gelegenheit. Eine Stimme sprach +zu ihm: „Dies ist das Schilf, in das du flüstern kannst, +die Wellen, die deine Stimme tragen werden.“</p> + +<p>Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als hätten +sie einen Löwen brüllen hören. Eine starke, furchtbare +Stimme sprach furchtbare Worte.</p> + +<p>Sie höhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? +Er verließ alle, die ihm dienten. Er hatte seinen Sohn +verlassen. Gott half niemandem.</p> + +<p>Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder +Minute brausender. Solche Kraft hatte niemand Menschenlungen +zugetraut. Solche Raserei hatte niemand je +aus einem zertretnen Herzen losbrechen hören. Sie neigten +ihr Haupt wie die Wandrer in der Wüste, wenn der +Sturm über sie kommt.</p> + +<p>Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde +Hammerschläge gegen Gottes Thron. Gegen ihn, der +Hiob quälte, der die Märtyrer leiden, der seine Bekenner +auf Scheiterhaufen verbrennen ließ. Der Ohnmächtige, +wann begründet er sein Reich? Wann läßt er ab, die +Arglist zum Siege zu führen?</p> + +<p>Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige +hatten geglaubt, daß dies ein Scherz sei. Jetzt hörten +sie bebend, daß es Ernst war. Schon erhoben sich einige, +um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den +Schutz der Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf +sie herabbeschwor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_168" id="page_168"></a>168</span>Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen +Lohn sie für ihre Mühe erwarteten, Gott zu dienen. +Sie sollten sich nicht den Himmel erwarten. Gott geizte +mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr +Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu +erringen. Er hatte größre Opfer gebracht, als Gott verlangte. +Aber dann wurde er zur Sünde verlockt. Das +Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon +in dieser Welt. Er muß den Weg der Verdammten +gehen.</p> + +<p>Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die +Schiffe in den Hafen treibt. Bei den Worten des Höhnenden +stürzten die Frauen die Estrade hinan. Die +Hände der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfaßt und +geküßt. Bekehrung folgte auf Bekehrung. Sie konnten +kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen Gott.</p> + +<p>Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. +Er sagte zu sich selbst: „Ich spreche, ich spreche, endlich +spreche ich. Ich sage ihnen mein Geheimnis, und ich +sage es doch nicht.“ Zum ersten Male, seit er das große +Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die +Stadt sah wie eine Steinwüste aus, wie eine Mondlandschaft. +Man sah keine Katze, keinen Sperling, kaum eine +Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein rauchte. +In den schwülen Straßen war keine Luft. Das Ganze +war nur ein steinbesäter Acker, aus dem Steinwände +wuchsen.</p> + +<p>Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die +jungen Damen in schmalen Röcken und weiten Ärmeln, +langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo +waren Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und +Gassenjungen?</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_169" id="page_169"></a>169</span>Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten +Lustfahrerscharen, alle die Körbe und Ziehharmonikas +und Flaschen, die das Dampfboot ans Land lud. Oder +wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen +wehten, die Trommeln dröhnten, Gassenjungen schwärmten, +stampften, schrien hurra. Oder wo blieben sie, die +blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen, +während Vater und Mutter sie andächtig über die Gasse +schoben.</p> + +<p>Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. +Sie klagten über die langen Straßen. Es war, als wenn +die Steinhäuser ihnen nachjagten. Endlich, endlich schimmerte +Grün. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich +durch platte, feuchte Felder schlängelte, wo der Lerchengesang +am vollsten ertönte, wo der Klee honigsüß duftete, +da lagen die ersten Zurückgebliebenen. Die Mütze +im Nacken, die Nase im Grase. Den Körper in Sonnenschein +und Blumenduft gebadet, die Seele von Muße und +Ruhe erquickt.</p> + +<p>Aber über den Weg zum Walde eilten Proviantträger +und Radfahrer. Jungen kamen mit Spaten und blanken +Tornistern. Mädchen tanzten in Staubwolken. Himmel +und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien +und Arbeiterscharen. Die sich bäumenden Klepper +der Charabans erhoben die Vorderbeine über die +Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das +Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert +und blieb zappelnd auf dem Rücken im Staube der Landstraße +liegen.</p> + +<p>Drinnen im Walde spielte und sang, flötete und +schluchzte eine Nachtigall. Die Birken kamen nicht gut +fort, sie hatten schwarze Stämme. Die Buchen bauten +hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem +Grün. Der Frosch saß da und zielte mit der Zunge. +Und jedesmal fing er eine Fliege. Der Igel patschte in +dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen huschten +<span class="pagenum"><a name="page_170" id="page_170"></a>170</span>über das Moor mit glitzernden Flügeln. Die Menschen +ließen sich um die Eßkörbe nieder. Goldkäfer krochen +rings um sie durch das Gras. Die piepsenden funkelnden +Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.</p> + +<p>Plötzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken +in seine Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grün +unter, ganz verstummt. Die Nachtigall sang aus Leibeskräften. +Es waren Gitarren, Gitarren. Die Heilsarmee +zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der +stumpfen Ruhe unter den Bäumen. Tanzboden und +Krocketplatz wurden verödet. Schaukel und Karussell +hatten eine Stunde Rast. Alles strömte dem Lager der +Heilsarmee zu. Die Bänke füllten sich, und auf jeder +Erdhöhe saßen Zuhörer.</p> + +<p>Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mächtig +geworden. Um manche liebliche Wange schloß sich der +Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das rote +Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der +Menge. Schimpfworte wagten sich nicht über die Lippen. +Die Flüche verrollten unschädlich hinter den Zähnen. Und +Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslästerer, +stand jetzt als Fahnenwächter unter der Estrade. +Er war auch einer der Gläubigen. Die Enden der roten +Fahne liebkosten freundlich seinen grauen Kopf.</p> + +<p>Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. +Sie hatten ihm ihren ersten Sieg zu danken. +Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm gekommen. Sie +wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. +Sie weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei +ihren Zusammenkünften durfte er sprechen. Seit er sein +Schweigen gebrochen hatte, war er glücklich. Er stand +nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende Kraft +erfüllte ihn. Er war glücklich, wenn er ihr Luft machen +durfte. Wenn die Säle vor seiner Löwenstimme erzitterten, +war er glücklich.</p> + +<p>Er sprach immer von sich selbst. Er erzählte immer +<span class="pagenum"><a name="page_171" id="page_171"></a>171</span>seine eigne Geschichte. Das Schicksal des Verkannten +schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs Blut, die +gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne +Anerkennung zu finden. Er kleidete das ein, was er +erzählte. Er erzählte sein Geheimnis und erzählte es doch +nicht.</p> + +<p>Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die +Herzen zu gewinnen. Um seinetwillen sammelte sich die +Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog sie hin +mit den berückend phantastischen Bildern, die sein krankes +Hirn erfüllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender +Klage, die seines Herzens Qual ihn gelehrt hatte.</p> + +<p>Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt +des Todes und des Wechsels geweilt. Vielleicht war er +damals ein mächtiger Dichter gewesen, erfahren in der +Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um +schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, +sein Erdenleben abermals zu beginnen, von seiner Hände +Arbeit zu leben, unbekannt mit der Macht des Geistes. +Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes +gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. +Lichtscheu und verwirrt, aber dennoch jubelnd über +ihre Freiheit zog sie über die einstigen Schlachtfelder.</p> + +<p>Der wilde, ungelehrte Sänger, die schwarze Drossel, +die unter Staren aufgewachsen war, lauschte mißtrauisch +den Worten, die ihm auf die Lippen kamen. Woher +hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen +seiner Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, +stolze Menschen auf die Knie zu zwingen, sie die Hände +ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden begann. +Dann kam ruhige Zuversicht über ihn. Aus der niemals +ermessenen Tiefe seines Leidens stiegen unablässig Wolken +von qualschweren Worten empor.</p> + +<p>Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, +schmetternde Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, +anfeuernd. Nicht zu fangen, nicht wiederzugeben. +<span class="pagenum"><a name="page_172" id="page_172"></a>172</span>Sie waren Blitze und rollende Donnerschläge. +Die Herzen erschütterten sie in düstrer Angst. Aber vergänglich +waren sie, niemals ließen sie sich fangen. Der +Wasserfall kann bis auf den letzten Tropfen gemessen +werden, das irrende Spiel des Schaumes läßt sich malen, +nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, +gewaltige Strom dieser Reden.</p> + +<p>An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, +ob sie wüßten, wie sie Gott dienen müßten. – Wie +Uria seinem König diente.</p> + +<p>Nun wurde der Mann auf der Rednertribüne zu Uria. +Nun ritt er durch die Wüste mit seines Königs Brief. +Er war allein, die Einsamkeit ängstigte ihn. Seine Gedanken +waren düster. Aber er lächelte, wenn er an sein +Weib dachte. Die Wüste wurde ein Blumengefilde, wenn +er ihrer gedachte. Quellen entsprangen aus der Erde bei +dem Gedanken an sie.</p> + +<p>Sein Kamel stürzte. Seine Seele ward von bösen +Ahnungen erfüllt. Das Unglück, dachte er, ist ein Geier, +der die Wüste liebt. Er machte nicht kehrt, sondern ging +vorwärts mit des Königs Brief. Er trat auf Dornen. +Er ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn dürstete +und hungerte. Er sah Karawanen ihre dunklen Streifen +durch den Wüstensand ziehen. Er suchte sie nicht auf. +Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des +Königs Brief trägt, muß allein gehen. Er sah des +Abends die weißen Zelte der Hirten. Sie lockten ihn, +wie die lächelnde Wohnstatt seines Weibes. Er glaubte, +weiße Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten +aus und ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie +seines Königs Brief gestohlen hätten!</p> + +<p>Wankend geht er, als er die spähenden Räuber hinter +sich herjagen sieht. Er denkt an des Königs Brief. Er +liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er liest ihn und +faßt neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstört +den Brief nicht. Er ergibt sich den Räubern nicht. +<span class="pagenum"><a name="page_173" id="page_173"></a>173</span>Er kämpft und siegt. Und dann weiter, weiter. Er führt +sein Todesurteil mit sich durch tausend Gefahren. – –</p> + +<p>So ist es, Gottes Wille muß befolgt werden bis aufs +Blut, bis in den Tod. – –</p> + +<p>Während Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da +und hörte ihm zu. Sie war am Morgen in den Wald +gezogen, vergnügt und strahlend, am Arm des Mannes +höchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. +Die Tochter und der Geselle trugen den Eßkorb. Die +Magd folgte mit dem jüngsten Kinde nach. Alles war +Friede, Glück, Ruhe gewesen.</p> + +<p>Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie +hatten gegessen und getrunken, gespielt und gelacht. +Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das Gewissen +schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste +Mann betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, +hatte sie einen Stich in der Seele gefühlt.</p> + +<p>Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee +geworden sei. Sie fühlte sich daher ganz ruhig. +Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und sie +verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von +sich selbst. Er wand sich unter dem Gedanken an sein +eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem eignen Herzen +und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter, +diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte +Qual starrte sie an wie ein offnes Grab. –</p> + +<p>Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt +wohl nun, Grün und Blumen! Weiter Himmel, lebe +wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die Hügel +zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der +Wald wurde häßlich. Alle sehnten sich heim nach der +Steinwüste, nach der Mondlandschaft. Dort ist es für +Menschen gut sein. Vielleicht können leidende Herzen +dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_174" id="page_174"></a>174</span>Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. +Die Handwerkersgattinnen der Vorstadt und +die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum Vormittagskaffee. +Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr +gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria +Anderson, die Kapitänin der Heilsarmee.</p> + +<p>Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee +unternommen. Sie hatte ihren Mann gehört. Er +erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete seine Geschichte. +Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er +war Hiob. Er war Jeremias, den das Volk in den +Brunnen warf. Er war Elisa, den die Kinder auf dem +Wege verhöhnten.</p> + +<p>Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer +lieh sich alle Stimmen, er machte sich Masken aus +allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß der +Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern +leuchtete und lachte vor Freude über die Dichtermacht.</p> + +<p>Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die +Tochter hatte nicht gehen wollen. Sie war sittsam, +streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in ihrem Blut. +Sie war alt geboren.</p> + +<p>Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war +sie herangewachsen. Sie ging gerade, herbe, gleichsam +als sagte sie: „Seht, eines verachteten Mannes Tochter! +Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel +auf meinem Wandel?“ Ihre Mutter war stolz auf sie. +Dennoch seufzte sie bisweilen: „Ach, daß meiner Tochter +Hände weniger weiß wären, vielleicht wären dann ihre +Liebkosungen wärmer!“</p> + +<p>Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. +Sie verachtete die Theatervorstellung. Als ihr Vater +hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie gehen. Frau Anna +Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange. +Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über +<span class="pagenum"><a name="page_175" id="page_175"></a>175</span>sie hinzubrausen. Aber was zu ihr sprach, waren nicht +so sehr die Worte, als die Hand ihrer Mutter.</p> + +<p>Diese Hand krümmte sich, krampfhafte Zuckungen +durcheilten sie. Sie lag schlaff, gleichsam tot in der +ihren, sie griff wild um sich, fieberheiß. Das Gesicht +ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und +kämpfte.</p> + +<p>Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. +Jesu Freund lag krank. Seine Schwestern sandten +ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht gekommen. +Für Gottes Reich mußte Lazarus sterben.</p> + +<p>Er ließ nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf +Christus niedersausen. Er beschrieb sein Leiden. Sein +eignes Mitleid quälte ihn. Er machte alle Todespein +durch, er wie Lazarus. Und doch mußte er schweigen.</p> + +<p>Nur ein Wort hätte es ihn gekostet, die Achtung der +Freunde wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mußte die +Klage der Schwestern hören. Er sagte ihnen die Wahrheit +in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde +höhnten ihn.</p> + +<p>Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.</p> + +<p>Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese +Hand beichtete und bekannte: „Der Mann dort drüben +trägt selbst das Martyrium des Schweigens. Er wird +zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte könnte er sich +frei machen.“</p> + +<p>Das Mädchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen +stumm. Das Gesicht des jungen Mädchens war wie +Stein. Sie grübelte, suchte alles auf, was die Erinnerung +ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu +ihr auf. Was wußte sie?</p> + +<p>An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. +Man sprach gar lustig vom Markt des Tages, +von dem Preise der Holzschuhe, von diebischen Mägden. +Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen +Kaffee in die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. +<span class="pagenum"><a name="page_176" id="page_176"></a>176</span>Frau Anna Erikson konnte nicht verstehen, woher es +gekommen war, daß sie sie früher gefürchtet, daß sie +immer geglaubt hatte, daß diese sie richten würden.</p> + +<p>Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als +sie wohlbehaglich dasaßen und der Kaffee auf dem Rand +der Tassen zitterte und die Teller mit Weizenbrot beladen +waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig +feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.</p> + +<p>„In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mädchen, +das sich verheiratet hat, ohne recht zu bedenken, was +sie auf sich nimmt, kann in große Not kommen. Wer +hat es schlimmer getroffen als ich?“</p> + +<p>Das wußten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und +hatten mit ihr getrauert.</p> + +<p>„In der Jugend ist man unvernünftig. Man verschweigt +das, was man sagen sollte, weil man sich schämt. +Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor dem, was +die Leute sagen könnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen +hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.“</p> + +<p>Sie glaubten alle, daß dies wahr sei.</p> + +<p>Sie hatte Wik gestern gehört, wie so viele Male zuvor. +Jetzt mußte sie ihnen allen etwas über ihn sagen. Es +kam eine brennende Unruhe über sie, wenn sie bedachte, +was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte +sie, daß er, der alt gewesen war, es besser hätte verstehen +sollen, als sie, das junge Ding zum Eheweib zu +nehmen.</p> + +<p>„Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber +er ist aus Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, +daß ich Erikson haben wollte. Ich habe seinen Brief +dafür.“</p> + +<p>Sie las ihnen den Brief vor. Eine Träne kam wohlanständig +ihre Wangen hinabgeglitten.</p> + +<p>„Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen +Erikson und mir war damals nichts. Es war vier Jahre, +ehe wir heirateten. Aber ich will dies jetzt sagen, denn +<span class="pagenum"><a name="page_177" id="page_177"></a>177</span>Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist +nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern +in guter Absicht. Ich möchte, daß dies überall bekannt +wird. Kapitänin Anderson kann vielleicht den Brief in +der Armee vorlesen. Ich will, daß Wik Genugtuung +widerfährt. Ich weiß auch, daß ich allzulange geschwiegen +habe, aber man gibt sich nicht gern selbst eines +Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es eine andre +Sache.“</p> + +<p>Die Frauen saßen förmlich versteinert da. Anna Erikson +bebte die Stimme ein wenig, und sie sagte mit einem +matten Lächeln:</p> + +<p>„Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu +mir kommen?“</p> + +<p>„Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch +so jung! Und Frau Erikson konnte doch nichts dafür. – +Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche Dinge einbildete.“</p> + +<p>Sie lächelte. Dies waren die harten Schnäbel, die sie +zerreißen sollten. Die Wahrheit war nicht gefährlich, +und die Lüge auch nicht. Die Füße der jungen Männer +warteten nicht vor ihrer Tür.</p> + +<p>Wußte sie oder wußte sie nicht, daß ihre älteste Tochter +an demselben Morgen ihr Haus verlassen hatte und +zu ihrem Vater gegangen war?</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die +Ehre seiner Frau zu retten, wurde bekannt. Er wurde +bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in der +Armee vorgelesen. Einige weinten aus Rührung. Auf +der Straße kamen Leute auf ihn zu und drückten ihm +die Hand. Seine Tochter zog zu ihm.</p> + +<p>An den nächsten Abenden nach diesem schwieg er bei +den Zusammenkünften. Er fühlte keinen innern Ruf. +<span class="pagenum"><a name="page_178" id="page_178"></a>178</span>Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf die +Estrade, faltete die Hände und begann.</p> + +<p>Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt +inne. Er erkannte die Stimme nicht wieder. Wo war +das Löwengebrüll? Wo der brausende Nordwind? Und +wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht.</p> + +<p>Er wankte zurück. „Ich kann nicht,“ murmelte er. +„Gott gibt mir noch nicht Kraft zu sprechen.“ Er setzte +sich auf die Bank nieder und stützte den Kopf in die +Hände. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst +einmal herauszufinden, worüber er sprechen sollte. +Pflegte er in frühern Tagen zu grübeln? Konnte er jetzt +grübeln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im +Kreise.</p> + +<p>Vielleicht würde es gehen, wenn er sich wieder erhob, +sich dorthin stellte, wo er zu stehen pflegte und mit seinem +gewohnten Gebet anfing. Er versuchte. Er wurde +aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der +kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort +kam über seine Lippen.</p> + +<p>Er saß auf seinem Platz und weinte, schwer stöhnend. +Die Gabe war ihm genommen. Er versuchte zu sprechen, +versuchte es stumm für sich selbst. Worüber sollte er +sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte +den Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht +sagen durfte. Er hatte kein Geheimnis einzukleiden. Er +brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung wich von ihm.</p> + +<p>Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums +Leben. Er wollte das festhalten, was schon gegangen +war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben, um wieder +sprechen zu können. Sein Schmerz war dahin. Er +konnte ihn nicht wiederfinden.</p> + +<p>Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder +und immer wieder. Er stammelte einige sinnlose Worte. +Er leierte wie eine auswendig gelernte Lektion das herunter, +was er andre sagen gehört hatte. Er versuchte, +<span class="pagenum"><a name="page_179" id="page_179"></a>179</span>sich selbst nachzuahmen. Er spähte nach Andacht in den +Blicken, nach bebendem Schweigen, nach hastigem Atmen. +Er vernahm nichts. Was seine Freude gewesen, +war von ihm genommen.</p> + +<p>Er sank in das Dunkel zurück. Er verfluchte es, daß +er mit seinen Reden Frau und Tochter bekehrt hatte. Er +hatte das Köstlichste besessen und es verloren. Seine +Verzweiflung war furchtbar. – Aber nicht von solchem +Schmerz lebt der Genius.</p> + +<p>Er war ein Maler ohne Hände, ein Sänger, der +seine Stimme verloren hat. Er hatte nur von seinem +Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden?</p> + +<p>Er betete: „O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die +Verkanntheit spricht! gib mir die Verkanntheit wieder! +Da das Glück stumm ist, aber der Schmerz spricht, gib +mir den Schmerz wieder!“</p> + +<p>Aber die Krone war ihm genommen. Er saß da, +elender als der Elendeste, denn er war von den Höhen +des Lebens herabgestürzt. Er war ein gefallener König.</p> + + + + +<h2><a name="nr11" id="nr11"></a><a href="#inhalt">Ein Weihnachtsgast</a></h2> + + +<p>Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby +mitgelebt hatten, war der kleine Ruster, der Noten transponieren +und Flöte spielen konnte. Er war von niedriger +Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie. +Es brachen schwere Zeiten für ihn an, als die Schar der +Kavaliere sich zerstreute.</p> + +<p>Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr, +keinen Pelz und keine rotgestrichene Proviantkiste. Er +mußte zu Fuß von Gehöft zu Gehöft ziehen und trug +seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden. +Den Rock knöpfte er bis zum Kinn hinauf zu, +so daß niemand zu erfahren brauchte, wie es um das +Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen weiten +<span class="pagenum"><a name="page_180" id="page_180"></a>180</span>Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitztümer: die +auseinandergeschraubte Flöte, die flache Schnapsflasche +und die Notenfeder.</p> + +<p>Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles +gewesen wäre wie in alten Zeiten, so hätte es ihm nicht +an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem Jahre, das ging, +wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt. +Die Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren +gelockerten Schrauben und das bucklige Waldhorn mit +den verblichnen Quasten und Schnüren wurden auf die +Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick +auf den langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten. +Doch, je weniger der kleine Ruster mit Flöte und Notenfeder +zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der +Schnapsflasche, und schließlich wurde er ganz versoffen. +Es war schade um den kleinen Ruster.</p> + +<p>Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den +Herrenhöfen aufgenommen, aber es herrschte Jammer, +wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch nach +Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar +Schnäpse oder einen Toddy bekommen hatte, wurde er +wirr und erzählte unerquickliche Geschichten. Er war die +Geißel der gastfreien Gutshöfe.</p> + +<p>Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach Löfdala, +wo Liljekrona, der große Violinspieler, daheim war. +Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere gewesen, +aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein prächtiges +Gut Löfdala und verblieb dort. Nun kam Ruster +in den Tagen vor dem Weihnachtsabend zu ihm, mitten +in die Festvorbereitungen, und verlangte Arbeit. Liljekrona +gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu +beschäftigen.</p> + +<p>„Du hättest ihn lieber gleich fortschicken sollen,“ sagte +seine Frau, „jetzt wird er das so in die Länge ziehen, +daß wir ihn über den heiligen Abend hierbehalten müssen.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_181" id="page_181"></a>181</span>„Irgendwo muß er doch sein,“ sagte Liljekrona. Und +er bewirtete Ruster mit Toddy und Branntwein, leistete +ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer Zeit noch +einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner +überdrüssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht +merken lassen wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit +waren ihm heilig.</p> + +<p>Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei +Wochen lang für das Weihnachtsfest gerüstet. Sie hatten +in Unbehagen und Hast gelebt, sich die Augen bei Talglichtern +und Kienspänen rotgewacht, im Schuppen beim +Fleischeinsalzen und im Bräuhaus beim Bierbrauen gefroren. +Doch die Hausfrau sowohl wie die Dienstleute +hatten sich all dem ohne Murren unterzogen.</p> + +<p>Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige +Abend anbrach, dann würde ein süßer Zauber sie gefangennehmen. +Das Weihnachtsfest würde bewirken, +daß Scherz und Spaß, Reim und Fröhlichkeit ihnen +ohne alle Mühe auf die Lippen kam. Aller Füße würden +Lust bekommen, sich im Tanze zu drehen, und aus den +dunklen Winkeln der Erinnerung würden die Worte +und Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man +gar nicht glauben konnte, daß sie noch immer da waren. +Und dann würden sie alle so gut sein, so gut!</p> + +<p>Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt +von Löfdala, daß Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau +und die ältern Kinder und treuen Diener waren alle +derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende +Angst hervor. Sie fürchteten überdies, daß, wenn er +und Liljekrona anfingen, sich in den alten Erinnerungen +zu tummeln, das Künstlerblut in dem großen Violinspieler +aufflammen würde und sein Heim ihn verlieren +mußte. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten.</p> + +<p>Es läßt sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe +den Hausherrn liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten +bei sich behalten dürfen. Und was hatte er zu geben! +<span class="pagenum"><a name="page_182" id="page_182"></a>182</span>Wie war er doch viel für sein Heim, besonders zu Weihnachten! +Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem +Sofa oder Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen, +glattgescheuerten Holzbank in der Kaminecke. Wenn +er dort hinaufgekommen war, dann ritt er auf Abenteuer +aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den +Sternen und noch höher empor. Er spielte und sprach +abwechselnd, und alle Hausleute versammelten sich um +ihn und hörten zu. Das ganze Leben wurde stolz und +schön, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es überstrahlte.</p> + +<p>Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest, +die Freude, die Frühlingssonne liebten. Und als nun +der kleine Ruster kam, war ihr Weihnachtsfriede zerstört. +Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun dieser kam +und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht, +daß dieser Säufer am Weihnachtstische eines frommen +Hauses sitzen und alle Weihnachtsfreude stören sollte.</p> + +<p>Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine +Ruster seine Noten fertiggeschrieben, und da ließ er ein +paar Worte von Fortgehen fallen, obgleich es natürlich +seine Absicht war, zu bleiben.</p> + +<p>Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt +und sagte darum ganz lahm und matt, daß es +wohl das beste wäre, wenn Ruster über Weihnachten da +bliebe, wo er war.</p> + +<p>Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er +drehte seinen Schnurrbart auf und schüttelte die schwarze +Künstlermähne, die gleich einer dunklen Wolke um seinen +Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er sollte +bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah, +man denke nur, wie sie in den großen Eisenwerken im +Broer Kirchspiel standen und auf ihn warteten! Die +Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gefüllt. +Er hatte solche Eile. Er wußte nur nicht, zu wem er +zuerst fahren sollte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_183" id="page_183"></a>183</span>„Gott bewahre,“ sagte Liljekrona, „so fahre doch.“</p> + +<p>Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd +und Schlitten, Pelz und Decken. Der Knecht von Löfdala +sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro kutschieren +und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem +Schneesturm aus.</p> + +<p>Niemand glaubte, daß er erwartet wurde, oder daß es +ein einziges Haus in der Umgegend gab, wo er willkommen +gewesen wäre. Aber sie wollten ihn so gerne los +werden, daß sie sich dies verhehlten und ihn ziehen ließen. +„Er hat es selbst gewollt,“ sagten sie. Und nun, dachten +sie, wollten sie fröhlich sein.</p> + +<p>Aber als sie sich gegen fünf Uhr im Eßsaal versammelten, +um Tee zu trinken und um den Christbaum zu tanzen, +war Liljekrona stumm und verstimmt. Er setzte +sich nicht auf die Märchenbank, er berührte weder Tee +noch Punsch, er erinnerte sich an keine Polka, die Violine +war verstimmt. Wer spielen und tanzen konnte, mochte +es ohne ihn tun.</p> + +<p>Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder +mißvergnügt, alles im ganzen Hause ging verkehrt. Es +wurde der allertrübseligste Weihnachtsabend.</p> + +<p>Die Grütze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz +rauchte, der Wind blies bittere Kälte in die Stuben. +Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte, kam nicht heim. +Die Haushälterin weinte, die Mägde zankten.</p> + +<p>Plötzlich erinnerte sich Liljekrona, daß man den Spatzen +keine Garbe hinausgehängt hatte, und er beklagte sich +laut über alle Frauen rings um ihn, die alte Sitte außer +acht ließen und neumodisch und herzlos waren. Aber sie +begriffen wohl, daß das, was ihn quälte, die Gewissensbisse +waren, daß er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend +aus seinem Hause hatte fortgehen lassen.</p> + +<p>Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer, +versperrte die Tür und begann zu spielen, wie er nicht +gespielt, seit er zu wandern aufgehört hatte. Es war +<span class="pagenum"><a name="page_184" id="page_184"></a>184</span>Haß und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr +dachtet mich zu binden, aber ihr müßt eure Fesseln umschmieden. +Ihr dachtet, mich kleinsinnig zu machen, wie +ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins Große, ins +Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn +es in eurer Macht steht!</p> + +<p>Als die Gattin diese Töne hörte, sagte sie: „Morgen +ist er fort, wenn Gott nicht in dieser Nacht ein Wunder +tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit gerade das hervorgerufen, +was wir vermeiden zu können glaubten.“</p> + +<p>Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben +herum. Er fuhr von einem Hause zum andern und +fragte, ob es Arbeit für ihn gäbe, aber nirgends wurde +er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf, +aus dem Schlitten zu steigen. Einige hatten das Haus +voll Besuch, andre wollten am Weihnachtstage über Land +fahren. „Versuche es beim nächsten Nachbar,“ sagten +sie alle.</p> + +<p>Er mochte immerhin kommen und das Behagen von +ein paar Werktagen stören, nicht aber das des Weihnachtsabends. +Das Jahr hatte nur einen Weihnachtsabend, +und auf den hatten sich die Kinder den ganzen +Herbst gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht +an einen Weihnachtstisch setzen, wo es Kinder gab. Früher +hatten sie ihn gern aufgenommen, aber nicht jetzt, wo +er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit +dem Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu +schlecht und das Gastzimmer zu fein.</p> + +<p>So mußte der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen, +in dem peitschenden Schneesturm. Der nasse Schnurrbart +hing schlaff über den Mund, die Augen waren +blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verflüchtete +sich aus seinem Hirn. Ruster begann zu grübeln +und zu staunen. War es möglich, war es möglich, daß +niemand ihn aufnehmen wollte?</p> + +<p>Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie +<span class="pagenum"><a name="page_185" id="page_185"></a>185</span>jämmerlich und verkommen er war, und er begriff, daß +er den Menschen verhaßt sein mußte. Mit mir ist es +aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist +aus mit der Flöte. Niemand auf Erden braucht mich, +niemand hat Barmherzigkeit mit mir.</p> + +<p>Der Schneesturm schnurrte und spielte, er riß die +Schneehaufen auf und türmte sie wieder zusammen, er +nahm eine Schneesäule in die Arme und tanzte damit +übers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und stürzte +eine andre in eine Grube. „So ist es, so ist es,“ sagte der +kleine Ruster, „solange man fährt und tanzt, ist es ein +fröhlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde soll, +dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer +und Herzeleid.“ Doch hinab mußten alle, und +jetzt war er an der Reihe. Man denke, daß er nun zum +Ende gekommen war.</p> + +<p>Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn +führte. Es deuchte ihn, daß er in das Reich des Todes +fuhr.</p> + +<p>Der kleine Ruster verbrannte keine Götter auf dieser +Fahrt. Er verfluchte weder das Flötenspiel noch das +Kavaliersleben, er dachte nicht, daß es besser für ihn +gewesen wäre, wenn er die Erde gepflügt oder Schuhe +genäht hätte. Aber darüber klagte er, daß er nun ein +ausgespieltes Instrument war, das die Freude nicht +mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn +er wußte, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die +Gitarre die Stimmung nicht hält, dann müssen sie fort. +Er wurde plötzlich ein sehr demütiger Mann. Er begriff, +daß es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend. +Der Hunger oder die Kälte würde ihn umbringen, denn +er verstand nichts, er taugte zu nichts und hatte keine +Freunde.</p> + +<p>Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es +hell um ihn, und er hört freundliche Stimmen, und da +ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer führt, und +<span class="pagenum"><a name="page_186" id="page_186"></a>186</span>jemand, der heißen Tee in ihn gießt. Der Pelz wird ihm +abgenommen, und mehrere Menschen rufen, daß er willkommen +ist, und warme Hände reiben Leben in seine +erstarrten Finger.</p> + +<p>Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, daß er +wohl eine Viertelstunde nicht zur Besinnung kam. Er +konnte unmöglich begreifen, daß er wieder nach Löfdala +gekommen war. Er war sich gar nicht bewußt gewesen, +daß der Knecht es satt bekommen hatte, im Schneesturm +herumzufahren und nach Hause umgekehrt war.</p> + +<p>Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas +Haus so freundlich empfangen wurde. Er konnte +nicht wissen, daß Liljekronas Gattin begriff, welche +schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte, +wo man ihn an jeder Tür, an die er klopfte, abgewiesen +hatte. Sie hatte so großes Mitleid mit ihm bekommen, +daß sie ihre eigenen Sorgen vergaß.</p> + +<p>Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem +wilden Spielen fort. Er wußte nichts davon, daß Ruster +gekommen war. Dieser saß indessen im Speisesaal mit +der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am +Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der +Langweile bei der Herrschaft in die Küche geflüchtet.</p> + +<p>Die Hausfrau säumte nicht, Ruster ans Werk zu +setzen. „Sie hören ja, Ruster,“ sagte sie, „daß Liljekrona +den ganzen Abend nichts andres tut als spielen, +und ich muß nach dem Tischdecken und dem Essen sehen. +Die Kinder sind rein verlassen. Sie müssen sich der zwei +Kleinsten annehmen, Ruster.“</p> + +<p>Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster +am wenigsten in Berührung gekommen war. Er hatte +sie weder im Kavaliersflügel noch im Soldatenzelt getroffen, +weder in Gasthöfen noch auf Landstraßen. Er +scheute sich beinahe vor ihnen und wußte nicht, was er +sagen sollte, das fein genug für sie war.</p> + +<p>Er nahm die Flöte hervor und lehrte sie, auf Klappen +<span class="pagenum"><a name="page_187" id="page_187"></a>187</span>und Löchern zu fingern. Es war ein vierjähriges und +ein sechsjähriges Bübchen. Sie bekamen eine Lektion +auf der Flöte, und das interessierte sie sehr. „Das ist A,“ +sagte er, „und das ist C,“ und dann griff er die Töne. +Da wollten die Kleinen wissen, was für ein A und was +für ein C das war, das gespielt werden sollte.</p> + +<p>Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete +ein paar Noten.</p> + +<p>„Nein,“ sagten sie, „das ist nicht richtig.“ Und sie +eilten fort und holten ein Abcbuch.</p> + +<p>Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu +überhören. Sie konnten und konnten nicht. Es sah windig +aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde eifrig, +hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu +unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und +hörte ganz erstaunt zu. Es klang wie ein Spiel, und die +Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie lernten dabei, ja, +das taten sie.</p> + +<p>Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht +bei dem, was er tat. Er wälzte die alten Gedanken vom +Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut und behaglich, +aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus. +Er war verbraucht. Er würde fortgeworfen werden. Und +urplötzlich schlug er die Hände vors Gesicht und begann +zu weinen.</p> + +<p>Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu.</p> + +<p>„Ruster,“ sagte sie, „ich kann verstehen, daß Sie +glauben, für Sie sei alles aus. Es geht Ihnen nicht mit +der Musik, und Sie richten sich durch den Branntwein +zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.“</p> + +<p>„Doch,“ schluchzte der kleine Flötenspieler.</p> + +<p>„Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen, +das wäre etwas für Sie. Wenn Sie die Kinder +lesen und schreiben lehren wollten, dann würden Sie +wieder überall willkommen sein. Das ist kein geringres +<span class="pagenum"><a name="page_188" id="page_188"></a>188</span>Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Flöte und +Violine. Sehen Sie sie an, Ruster!“</p> + +<p>Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah +auf, blinzelnd, so, als hätte er in die Sonne gesehen. +Es war, als fiele es seinen kleinen trüben Augen schwer, +denen der Kinder zu begegnen, die groß und klar und unschuldig +waren.</p> + +<p>„Sehen Sie sie an, Ruster!“ ermahnte Liljekronas +Frau.</p> + +<p>„Ich getraue mich nicht,“ sagte Ruster, denn es war +ihm wie ein Fegefeuer, durch die schönen Kinderaugen in +die Schönheit der unbefleckten Seelen zu schauen.</p> + +<p>Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. „Dann +sollen Sie sich an sie gewöhnen, Ruster. Sie sollen dieses +Jahr als Schulmeister in meinem Hause bleiben.“</p> + +<p>Liljekrona hörte seine Frau lachen und kam aus seinem +Zimmer.</p> + +<p>„Was gibt es?“ sagte er. „Was gibt es?“</p> + +<p>„Nichts andres,“ antwortete sie, „als daß Ruster +wiedergekommen ist, und daß ich ihn zum Schulmeister +für unsre kleinen Jungen bestellt habe.“</p> + +<p>Liljekrona war ganz verblüfft. „Wagst du das,“ +sagte er, „wagst du es? Er hat wohl versprochen, nie +mehr …“</p> + +<p>„Nein,“ sagte die Frau, „Ruster hat nichts versprochen. +Aber er wird sich vor mancherlei in acht nehmen +müssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in die +Augen sehen soll. Wäre es nicht Weihnachten, hätte ich +dies vielleicht nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es +wagte, ein kleines Kindlein, das sein eigner Sohn war, +unter uns Sünder zu setzen, dann kann ich es wohl auch +wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen +Menschen zu retten.“</p> + +<p>Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte +und zuckte in jeder Falte seines Gesichts, wie immer, +wenn er etwas Großes hörte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_189" id="page_189"></a>189</span>Dann küßte er seiner Frau die Hand, so fromm wie +ein Kind, das um Verzeihung bittet, und rief laut: „Alle +Kinder sollen kommen und Mutter die Hand küssen.“</p> + +<p>Das taten sie, und dann hatten sie ein fröhliches +Weihnachtsfest in Liljekronas Heim.</p> + + + + +<h2><a name="nr12" id="nr12"></a><a href="#inhalt">Onkel Ruben</a></h2> + + +<p>Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner +Junge, der auf dem Marktplatz mit seinem Kreisel spielte. +Der kleine Junge hieß Ruben. Er war nicht mehr als +drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so +tapfer als nur irgendeiner und ließ das Kreisel schnurren, +daß es eine wahre Freude war.</p> + +<p>An diesem Tage vor achtzig Jahren war wunderschönes +Frühlingswetter. Der Monat März war gekommen, +und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine +weiße und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine +kalte und dunkle, wo Schatten war. Der ganze Marktplatz +gehörte dem Sonnenschein, bis auf einen schmalen +Rand der einen Häuserreihe entlang.</p> + +<p>Nun geschah es, daß der kleine Junge, so tapfer er +auch war, müde davon wurde, seinen Kreisel schnurren +zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz umsah. Ein +solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine +Sessel oder Bänke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe +versehen. Der kleine Ruben konnte sich nichts +Besseres denken.</p> + +<p>Er war ein gewissenhaftes kleines Bürschchen. Er hatte +eine dunkle Ahnung, daß Mutter es nicht wollte, daß er +auf fremder Leute Treppenstufen sitze. Mutter war arm, +aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man +andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich +auf ihre eigne Steintreppe, denn sie wohnten auch am +Marktplatz.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_190" id="page_190"></a>190</span>Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig +kalt. Der Kleine lehnte den Kopf an das Geländer, zog +die Beine hinauf und fühlte sich so wohl wie nie zuvor. +Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein +draußen über den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen +und Kreisel schnurrten – dann schloß er die +Augen und schlummerte ein.</p> + +<p>Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, +war ihm nicht so wohl zumute, wie als er einschlummerte, +sondern alles schien so furchtbar unbehaglich. Er +lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, daß er +krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar +Tagen war der Knabe tot.</p> + +<p>Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam +nämlich so, daß seine Mutter ihn so recht aus tiefstem +Herzensgrund betrauerte, mit solch einem Schmerz, der +den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch +mehrere andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit +und ihre Gedanken in Anspruch, aber es gab immer noch +einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz +ungestört hausen konnte. Für sie blieb er stets lebendig. +Sah sie eine Kinderschar auf dem Marktplatz spielen, +so sprang er da mit herum, und wenn sie dann im Hause +arbeitete und aufräumte, so glaubte sie steif und fest, +daß der Kleine noch draußen auf der gefährlichen Steinstufe +saß und schlief. Sicherlich war keines von Mutters +lebenden Kindern ihren Gedanken so gegenwärtig wie +das tote.</p> + +<p>Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine +Ruben ein Schwesterchen, und als diese so alt wurde, +daß sie draußen auf dem Marktplatz herumlaufen und +Kreisel spielen konnte, geschah es, daß auch sie sich auf +die Steinstufe setzte, um auszuruhen. Aber in demselben +Augenblick hatte Mutter das Gefühl, als ob jemand +sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus +und packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie +<span class="pagenum"><a name="page_191" id="page_191"></a>191</span>aufhob, daß diese sich daran erinnerte, solange sie +lebte.</p> + +<p>Und noch weniger vergaß sie, wie merkwürdig Mutters +Gesicht ausgesehen und wie ihre Stimme gezittert hatte, +als sie sagte: „Weißt du, daß du einmal einen kleinen +Bruder hattest, der Ruben hieß und der starb, weil er +hier auf dieser Steinstufe saß und sich erkältete? Du +willst doch nicht von Mutter wegsterben, Berta?“</p> + +<p>Bruder Ruben wurde für seine Brüder und Schwestern +bald ebenso lebendig wie für seine Mutter. Sie hatte eine +Art, daß sie alle mit ihren Augen sahen, und bald hatten +sie dieselbe Gabe wie sie, ihn draußen auf der Steinstufe +sitzen zu sehen. Und natürlich fiel es keinem von +ihnen ein, sich dort hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend +jemanden auf einer Steinstufe oder einem Steingeländer +oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es +ihnen einen Stich ins Herz, und sie mußten an Bruder +Ruben denken.</p> + +<p>Ferner geschah es Bruder Ruben, daß er von allen +Geschwistern am höchsten gestellt wurde, wenn sie voneinander +sprachen. Denn alle Kinder wußten ja, daß +sie ein beschwerliches und lästiges Geschlecht waren, das +Mutter nur Mühe und Sorge bereitete. Sie konnten +nicht glauben, daß Mutter so sehr darüber trauern +würde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter +Bruder Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher, +daß er viel, viel artiger gewesen sein mußte, als sie waren.</p> + +<p>Es kam auch nicht so selten vor, daß eines von ihnen +dachte: „Ach, wer doch Mutter soviel Freude machen +könnte wie Bruder Ruben!“ Und dennoch wußte keines +mehr von ihm, als daß er Kreisel gespielt und sich auf +einer Steinstufe erkältet hatte. Aber er mußte ja merkwürdig +gewesen sein, da Mutter eine solche Liebe zu ihm +hatte.</p> + +<p>Merkwürdig war es auch, er machte Mutter von allen +Kindern am meisten Freude. Sie war Witwe geworden +<span class="pagenum"><a name="page_192" id="page_192"></a>192</span>und arbeitete in Sorge und Not. Aber die Kinder hatten +einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den +kleinen Dreijährigen, daß sie überzeugt waren, daß, wenn +er nur am Leben geblieben wäre, Mutter sich ihr Unglück +nicht so zu Herzen genommen hätte. Und jedesmal, wenn +sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder +Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie +Bruder Ruben waren. Bald erwachte in ihnen allen eine +immer stärkre Lust, mit dem kleinen Toten um Mutters +Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht +für Mutter getan hätten, wenn sie ihnen nur ebenso gut +sein wollte wie ihm. Und um dieser Sehnsucht willen +meine ich, daß Bruder Ruben das nützlichste von allen +Kindern Mutters war.</p> + +<p>Denkt nur, als der älteste Bruder einen Fremden über +den Fluß ruderte und damit seine ersten Groschen verdiente, +da kam er und gab sie seiner Mutter, ohne sich +auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah +Mutter so fröhlich aus, daß ihm das Herz vor Stolz +schwoll, und er konnte nicht umhin, zu verraten, wie ungeheuer +ehrgeizig er gewesen war.</p> + +<p>„Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder +Ruben?“</p> + +<p>Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie +sein frisches, strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen +draußen auf den Steinstufen. Und Mutter hätte sicherlich +gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte, aber +sie konnte nicht.</p> + +<p>„Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder +Ruben wirst du nie.“</p> + +<p>Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und +dennoch konnten sie es nicht lassen, das Unerreichbare zu +erstreben.</p> + +<p>Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten +sich zu Vermögen und Ansehen herauf, während Bruder +Ruben nur still auf seiner Steinstufe saß. Aber er +<span class="pagenum"><a name="page_193" id="page_193"></a>193</span>hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.</p> + +<p>Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als +es ihnen so allmählich gelang, Mutter ein gutes Heim +und Wohlstand zu bieten, mußte es Lohn genug für sie +sein, wenn Mutter sagte: „Ach, daß mein kleiner Ruben +das noch gesehen hätte!“</p> + +<p>Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben +bis zu ihrem Totenbett. Er war es, der den Todesqualen +den Stachel nahm, wußte sie doch, daß sie sie zu ihm +führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter +bei dem Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen +Ruben zu begegnen.</p> + +<p>Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen +erhöht und vergöttert hatte.</p> + +<p>Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben +noch nicht zu Ende. Für alle seine Geschwister war er ein +Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim geworden, der +Liebe zu Mutter, aller der rührenden Erinnerungen aus +den Jahren der Mühe und des Mißerfolges. Es lag +immer etwas Warmes und Schönes in ihrer Stimme, +wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung +um den kleinen Dreijährigen.</p> + +<p>So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder. +Mutters Liebe hatte ihn zu einer Größe gemacht, und +die Großen, die wirken und üben Einfluß Geschlecht für +Geschlecht.</p> + +<p>Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe +Berührung mit Onkel Ruben kam.</p> + +<p>Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem +Bordsteinrande saß und in den Rinnstein hinabguckte. +Der strömte von Regenwasser. Hölzchen und Halme +schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das +seichte Gewässer hinab. Der Kleine saß da und sah mit +der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das abenteuerliche +<span class="pagenum"><a name="page_194" id="page_194"></a>194</span>Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit +ist.</p> + +<p>Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner +Mutter unterbrochen, die in demselben Augenblick, in +dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim und an den +Bruder denken mußte.</p> + +<p>„Ach, mein lieber kleiner Junge,“ sagte sie, „sitze +nicht so da! Weißt du nicht, daß deine Mama einen +kleinen Bruder hatte, der Ruben hieß und vier Jahre +war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf +einen solchen Stein gesetzt und sich erkältet hatte.“</p> + +<p>Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen +Gedanken gestört zu werden. Er saß da und +philosophierte, während sein blondes, lockiges Haar ihm +bis in die Augen fiel.</p> + +<p>Schwester Berta hätte es für keinen andern getan, +aber um ihres lieben Bruders willen schüttelte sie den +Kleinen recht unsanft. Und so lernte er Respekt vor +Onkel Ruben.</p> + +<p>Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen +auf dem Eise umgefallen. Er war aus purer Bosheit +von einem großen, bösen Jungen umgeworfen worden, +und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu +zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da +seine Mama nicht weit weg sein konnte.</p> + +<p>Aber er hatte vergessen, daß seine Mutter doch zu +allererst Onkel Rubens Schwester war. Als sie Axel +auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht begütigend +und tröstend, sondern nur mit diesem ewigen:</p> + +<p>„Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel +Ruben, welcher starb, gerade als er fünf Jahre alt war, +so wie du jetzt, weil er sich in einen Schneehaufen gesetzt +hatte.“</p> + +<p>Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben +sprechen hörte, aber er fühlte die Kälte bis ins Herz. +Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzählen, wenn +<span class="pagenum"><a name="page_195" id="page_195"></a>195</span>ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte +er sich schon hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, +aber jetzt war es, als wenn ihm dieser Tote seine eigne +Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht zulassen. +So lernte er Onkel Ruben hassen.</p> + +<p>Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war +eine Steinbalustrade, auf der es schwindelnd herrlich zu +sitzen war. Tief unten lag der Steinboden des Flurs, +und wer oben rittlings saß, konnte träumen, daß er über +Abgründe dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein +gutes Roß Grane. Auf seinem Rücken sprengte er über +brennende Wallgräben in verzauberte Schlösser. Da saß +er stolz und trotzig, während die großen Haarlocken von +dem heftigen Anlauf wehten, und kämpfte Sankt Georgs +Kampf mit dem Drachen. Und noch war es Onkel Ruben +nicht eingefallen, dort reiten zu wollen.</p> + +<p>Aber natürlich kam er. Gerade als der Drache sich in +Todesängsten wand und Axel in stolzer Siegesgewißheit +dasaß, hörte er das Kindermädchen rufen: „Axel, nicht +da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht +Jahre alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem +Steingeländer geritten ist. Hier darfst du nie mehr sitzen, +Axel!“</p> + +<p>Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel +Ruben! Er konnte es gewiß nicht ertragen, daß Axel +Drachen tötete und Prinzessinnen rettete. Wenn er sich +nicht hütete, wollte Axel zeigen, daß auch er Ruhm gewinnen +konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort +unten sprang und sich totschlug, dann würde er schon in +den Schatten gestellt sein, dies große Lügenmaul!</p> + +<p>Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der +draußen auf dem sonnenbeschienenen Marktplatz mit +seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mußte er erfahren, +was es heißt, ein großer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche +war er geworden, die die Zeit, die war, der +kommenden aufstellte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_196" id="page_196"></a>196</span>Es war draußen auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine +ganze Menge Basen und Vettern waren auf dem herrlichen +Landgut versammelt. Axel ging da herum, von +seinem Haß gegen Onkel Ruben erfüllt. Er wollte nur +wissen, ob dieser auch noch andre außer ihm quälte. +Aber etwas schüchterte ihn ein, so daß er sich nicht zu +fragen getraute. Es war, als hätte er damit eine Lästerung +begangen.</p> + +<p>Endlich waren die Kinder allein. Kein Großer war +dabei. Da fragte Axel, ob sie von Onkel Ruben gehört +hätten.</p> + +<p>Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele +kleine Fäustchen sich ballten, aber es schien, daß die +kleinen Mündchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben gelernt +hatten. „Still doch,“ sagte die ganze Schar.</p> + +<p>„Nein,“ sagte Axel, „jetzt möchte ich wissen, ob er +noch irgend jemand anders peinigt, denn ich finde, daß +er der lästigste von allen Onkeln ist.“</p> + +<p>Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den +Harm gequälter Kinderherzen umgab. Es gab ein großes +Murren und Rufen. So muß ein Haufen Nihilisten aussehen, +wenn sie den Selbstherrscher schmähen.</p> + +<p>Jetzt wurde das Sündenregister des armen großen +Mannes aufgezählt. Onkel Ruben verfolgte alle seine +Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb überall, wo es ihm +gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen +Alter mit dem, dessen Ruhe er stören wollte.</p> + +<p>Und Respekt mußte man vor ihm haben, obwohl er +ganz offenkundig ein Lügner war. Ihn in der verschwiegensten +Tiefe seines Herzens hassen, das konnte man, +aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen, +Gott behüte.</p> + +<p>Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm +sprachen! Hatte er denn je etwas so Merkwürdiges geleistet? +Sich hinzusetzen und zu sterben, war doch nichts +so Wunderbares. Und was er auch für Großtaten vollbracht +<span class="pagenum"><a name="page_197" id="page_197"></a>197</span>haben mochte, gewiß war es, daß er jetzt seine +Macht mißbrauchte. Er stellte sich den Kindern in allem +entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte Vogelscheuche. +Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese +auf. Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und +seine Benützung verboten. Jetzt erst kürzlich hatte er es +sich einfallen lassen, auf ungesattelten Pferden zu reiten.</p> + +<p>Sie waren alle ganz sicher, daß der arme Tropf nie +mehr als drei Jahre alt geworden war, und jetzt überfiel +er große Vierzehnjährige und behauptete, daß er in +einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste.</p> + +<p>Ganz unglaubliche Dinge kamen über ihn an den Tag. +Er hatte von der Brücke Weißfische gefischt, er hatte +in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war auf die +Weide geklettert, die über das Wasser vorhing, und in der +es sich so behaglich sitzen ließ, ja, er hatte sogar auf +Pulvertonnen gelegen und geschlafen.</p> + +<p>Aber sie waren alle ganz gewiß, daß es keinen Ausweg +vor seiner Tyrannei gab. Es war eine Erleichterung, +sich ausgesprochen zu haben, aber kein Heilmittel. Man +konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen.</p> + +<p>Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder groß +wurden und eigne Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich +Onkel Ruben zunutze zu machen, so wie ihre Väter +es vor ihnen getan hatten.</p> + +<p>Und ihre Kinder wieder, nämlich die Jugend, die heute +heranwächst, haben die Lektion so gut gelernt, daß es +eines Sommers draußen auf dem Lande geschah, daß ein +fünfjähriges Knirpschen zur alten Großmutter Berta +kam, die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte, +während sie auf den Wagen wartete, und sagte:</p> + +<p>„Großmutter, du hattest doch einmal einen Bruder, +der Ruben hieß.“</p> + +<p>„Darin hast du recht, mein kleiner Junge,“ sagte +Großmutter und stand sogleich auf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_198" id="page_198"></a>198</span>Dies war für die gesamte Jugend ein Anblick, als +hätten sie einen alten Krieger König Karls XII. sich +vor König Karls Porträt verneigen sehen. Sie hatten +nun eine Ahnung, daß Onkel Ruben, wie sehr er auch +mißbraucht wurde, immer groß bleiben mußte, nur weil +er einmal so sehr geliebt worden war.</p> + +<p>In unsern Tagen, wo man alle Größe so genau prüft, +muß er mit mehr Maß verwendet werden als früher. +Die Grenze seines Alters ist niedriger; Bäume, Boote +und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus +Stein, was zum Sitzen taugt, kann ihm entgehen.</p> + +<p>Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich +anders gegen ihn als die Eltern. Sie kritisieren ihn offen +und unverhüllt. Ihre Eltern verstehen die Kunst nicht +mehr, stummen, ehrfürchtigen Gehorsam einzuflößen. +Kleine Pensionsmädchen handeln das Thema Onkel Ruben +ab und bezweifeln, ob er etwas andres als eine Mythe +ist. Ein sechsjähriger Jüngling schlägt vor, daß man auf +experimentalem Wege beweisen solle, daß es unmöglich +ist, sich auf einer Steinstufe tödlich zu erkälten.</p> + +<p>Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im +Allerinnersten ebenso von Onkel Rubens Größe überzeugt, +wie die vorhergehende, und gehorcht ihm ebenso +wie diese.</p> + +<p>Und der Tag wird kommen, wo diese Spötter zu dem +uralten Hause ziehen, die alte Steinstufe aufsuchen und +sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift erheben werden.</p> + +<p>Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben, +aber sobald sie herangewachsen sind und eigne Kinder +zu erziehen haben, werden sie von dem Nutzen und der +Notwendigkeit des großen Mannes überzeugt sein.</p> + +<p>„Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe, +deiner Mutter Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hieß. +Er starb, als er in deinem Alter war, weil er sich auf +eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.“</p> + +<p>So wird es heißen, so lange die Welt steht.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="page_199" id="page_199"></a>199</span></p> +<h2><a name="nr13" id="nr13"></a><a href="#inhalt">Das Flaumvögelchen</a></h2> + +<h3>I</h3> + + +<p>Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen +fuhren. Ganz deutlich sehe ich seinen steifen Zylinder +mit der großen geschwungnen Krempe, so wie man sie +in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine +Halsbinde. Ich sehe auch sein schönes, glattrasiertes Gesicht +mit kleinen, kleinen Polissons, seinen hohen steifen +Kragen und die anmutige Würde in jeder seiner Bewegungen. +Er sitzt rechts in der Chaise und faßt gerade +die Zügel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine +Frauenzimmerchen. Gott segne sie! Sie sehe ich noch +deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale +kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschließt +und unter dem Kinn geknüpft ist, das dunkelbraune +glattgekämmte Haar und den großen Schal mit +den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der +sie fahren, hat natürlich einen Stuhl mit grünen gedrechselten +Stäbchen, und natürlich ist es das Pferd des +Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von +den kleinen, fetten Braunen.</p> + +<p>In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen. +Es ist keine Vernunft darin, denn sie ist das +unbedeutendste kleine, flatternde Dingelchen, aber alle die +Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie fortfährt, das hat +mich gefangen. Fürs erste sehe ich, wie Vater und Mutter +ihr nachschauen, wie sie da in der Tür des Bäckerladens +stehen, Vater hat sogar Tränen in den Augen, aber +Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen. Mutter muß +ihre Augen benützen, um ihrem Töchterchen nachzusehen, +solange sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es +natürlich fröhliche Grüße von den Kindern des Hintergäßchens +und schelmische Blicke von allen den niedlichen +<span class="pagenum"><a name="page_200" id="page_200"></a>200</span>Handwerkertöchtern hinter Fenstern und Türspalten, und +träumerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und +Lehrlingen. Aber alle nicken ihr Glückauf und Auf Wiedersehen +zu. Und dann kommen unruhige Blicke von +armen alten Mütterchen, die herauskommen und knixen +und die Brillen abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in +ihrem Staat vorbeifährt. Aber ich kann nicht sehen, daß +ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein, nicht, so +lang die Straße ist.</p> + +<p>Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch +mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen:</p> + +<p>„Sei nur nicht traurig, Mutter!“ sagt er. „Du wirst +sehen, daß sie sich zu helfen weiß. Das Flaumvögelchen, +Mutter, weiß sich zu helfen, so klein es ist.“</p> + +<p>„Vater,“ sagt Mutter mit starker Betonung, „du +sprichst so seltsam. Warum sollte Anne-Marie sich nicht +zu helfen wissen? Sie ist so gut wie irgendeine.“</p> + +<p>„Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter, +dennoch. Nein, wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer +Stelle sein und dorthin fahren, wohin sie jetzt fährt! +Nein, wahrhaftig nicht!“</p> + +<p>„Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du häßlicher +alter Bäckermeister,“ sagt Mutter, die sieht, daß Vater +so besorgt um sein Mädchen ist, daß man ihn mit einem +kleinen Scherz aufmuntern muß. Und Vater lacht, denn +das Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen. +Und dann gehen die Alten wieder in den Laden.</p> + +<p>Indessen ist das Flaumvögelchen, das kleine Flöckchen, +das Seidenblütchen, recht guten Muts, wie es da über +den Weg fährt. Ein bißchen bange vor dem Bräutigam +ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumvögelchen +vor allen Menschen ein bißchen bange, und das +kommt ihr zugute, denn darum sind alle Menschen nur +bestrebt, ihr zu zeigen, daß sie nicht so gefährlich sind.</p> + +<p>Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie +heute. Als sie das Hintergäßchen und alle ihre Freunde +<span class="pagenum"><a name="page_201" id="page_201"></a>201</span>hinter sich gelassen haben, findet sie, daß Moritz förmlich +zu etwas Großem anschwillt. Der Hut, der Kragen +und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte +bläht sich. Die Stimme wird ihm gleichsam dick im +Halse und kommt nur schwer hervor. Sie fühlt sich dabei +ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine +Pracht, Moritz so großartig zu sehen.</p> + +<p>Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen – man +würde es kaum glauben können – aber Moritz spricht +ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht ihr, +so ist Moritz. Er fragt das Flaumvögelchen, ob sie auch +recht versteht, was diese Reise für ihn bedeutet. Glaubt +sie, daß es sich nur um eine Lustfahrt über die Landstraße +handelt? Eine sechs Meilen lange Reise in der guten +Chaise, mit dem Bräutigam daneben, das konnte freilich +wie eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja +auf einen prächtigen Landsitz, sollte bei einem reichen +Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl geglaubt, daß das +alles nur ein Spaß war, wie?</p> + +<p>Ach, wenn er wüßte, daß sie sich gestern auf diese Fahrt +unter langen Gesprächen mit Mutter vorbereitet hatte, +bevor sie sich niederlegten, und mit einer langen Reihe +ängstlicher Träume bei Nacht und mit Gebeten und Tränen. +Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto +mehr zu genießen, wie weise Moritz ist. Er liebt es, es +zu zeigen, und sie gönnt es ihm gern, ach wie gern.</p> + +<p>„Es ist eigentlich ganz schrecklich, daß du so reizend +bist,“ sagt Moritz. Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen, +und das war doch, bei Licht besehen, sehr dumm +von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit einverstanden. +Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran +denken, was für Lärm sie geschlagen hatte, als Moritz +ihr mitteilte, daß er sich mit einem armen Mädchen aus +dem Hintergäßchen verlobt habe, einem Mädchen, das +keine Erziehung und keine Talente hatte und das nicht +einmal schön war, nur reizend.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_202" id="page_202"></a>202</span>In Moritzens Augen war natürlich die Tochter eines +Bäckermeisters ebensogut wie der Sohn des Bürgermeisters, +aber nicht alle hatten so freie Anschauungen wie +er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt +hätte, dann hätte wohl gar nichts aus der ganzen Sache +werden können, denn er, der nur Student war, hatte +ja nichts, woraufhin er heiraten konnte. Aber wenn sie +nun Onkel für sich zu gewinnen vermochten, dann war +alles gut.</p> + +<p>Ich sehe sie so deutlich, wie sie über die Landstraße +fahren. Sie macht eine unglückliche Miene, während sie +seiner Weisheit lauscht. Aber wie vergnügt sie ist in ihren +Gedanken! Wie verständig Moritz ist! Und wenn er davon +spricht, welche Opfer er für sie bringt, dann ist das +nur seine Art, zu sagen, wie lieb er sie hat.</p> + +<p>Und wenn sie erwartet hatte, daß er an einem solchen +Tage zu zweien vielleicht ein bißchen anders sein würde, +als wenn sie daheim bei Mutter saßen – aber das wäre +nicht recht von Moritz gewesen – sie ist nur stolz auf +ihn.</p> + +<p>Er erzählte ihr gerade, was Onkel für ein Mensch ist. +Ein so mächtiger Mann ist er, daß, wenn er sie nur beschützen +will, sie allsogleich im Hafen des Glücks gelandet +sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hochöfen +hat er und außerdem Güter und Höfe und Grubenanteile. +Und von allem dem ist Moritz der direkte Erbe. +Aber ein bißchen schwer ist Onkel zu behandeln, wenn es +jemand ist, der ihm nicht gefällt. Wenn er mit Moritzens +Frau nicht einverstanden ist, kann er alles jemandem anders +hinterlassen.</p> + +<p>Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und +schmäler, Moritz aber wird immer steifer und schwillt +förmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, daß Anne-Marie +Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz. +Onkel ist ein ganz andrer Mann. Sein Geschmack, ja +Moritz hat keine besondre Meinung von seinem Geschmack, +<span class="pagenum"><a name="page_203" id="page_203"></a>203</span>aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas +blitzend Rotes, das müßte Onkel gefallen. Außerdem ist +er solch ein eingefleischter Junggeselle – findet, daß +Frauenzimmer nur lästig sind. Aber das einzige, was +nötig ist, ist ja nur, daß sie Onkel nicht zu sehr mißfällt. +Für das übrige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf +kein Gänschen sein. Weint sie –! Ach, wenn sie nicht +mutiger aussieht, wenn sie ankommen, dann wird Onkel +ihnen beiden schnurstracks den Laufpaß geben. Sie ist in +ihrem eignen Interesse froh, daß Onkel nicht so klug ist +wie Moritz. Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz +sein, zu denken, daß es gut ist, daß Onkel ein ganz andrer +Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn Moritz +Onkel wäre, und zwei arme junge Leutchen kämen zu ihm +gefahren, um ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann +würde ihnen Moritz, der so verständig ist, sicherlich raten, +jeder zu sich nach Hause zu fahren und mit dem Heiraten +so lange zu warten, bis sie etwas hätten, wovon sie leben +könnten. Aber Onkel war gewiß in seiner Weise schrecklich. +Er trank so viel und gab so große Feste, bei denen +es ganz wild herging. Und er verstand es gar nicht, hauszuhalten. +Er konnte glauben, daß alle Menschen ihn betrogen, +und ließ sich darüber kein graues Haar wachsen. +Und leichtsinnig –! Der Bürgermeister hatte ihm durch +Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung geschickt, die +nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm sicherlich +ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach, +wofür er sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem +Markte in der Stadt gestanden und den Gassenjungen +Silbermünzen hingestreut. Und in einer Nacht ein paar +tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit +Zehnreichstalerbanknoten anzuzünden, das gehörte zu dem +Alltäglichsten, was Onkel tat.</p> + +<p>So fuhren sie, und so plauderten sie, während sie +fuhren.</p> + +<p>Gegen Abend kamen sie an. Onkels „Residenz“, wie +<span class="pagenum"><a name="page_204" id="page_204"></a>204</span>er zu sagen pflegte, war keine Fabrik. Sie lag fern von +allem Kohlenrauch und allen Hammerschlägen auf dem +Abhang einer gewaltigen Anhöhe, mit einer weiten Aussicht +über Seen und langgestreckte Berge. Sie war stattlich +angelegt, mit Waldwiesen und Birkenhainen ringsherum, +aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die +Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschloß.</p> + +<p>Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen +hinauf. Sie fuhren zuletzt durch ein paar niedrige +dichte Tannenhecken, und dann sollten sie in den Hof +einschwenken.</p> + +<p>Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte, +war eine Triumphpforte errichtet, und da stand Onkel +mit seinen Untergebenen und grüßte. Seht, das hätte das +Flaumvögelchen niemals von Moritz glauben können, daß +er ihr einen solchen Empfang bereiten würde. Es wurde +ihr gleich ganz leicht ums Herz. Und sie faßte seine Hand +und drückte sie zum Dank. Mehr konnte sie im Augenblick +nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte.</p> + +<p>Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr +Theodor Fristedt, groß und schwarzbärtig und strahlend +von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und rief hurra, +und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie +traten die Tränen in die Augen, und zugleich lächelte sie. +Und natürlich mußten ihr alle vom ersten Augenblick an +gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie Moritz ansah. +Denn sie dachte ja, daß sie alle seinetwegen da seien, +und sie mußte ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden, +nur um ihn anzusehen, wie er mit einer großen +Geste den Hut abnahm und so schön und königlich grüßte. +Ach, was für einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel +Theodor blieb fast im Hurra stecken und geriet in einen +Fluch, als er ihn sah.</p> + +<p>Nein, das Flaumvögelchen wünschte gewiß keinem +Menschen auf Erden etwas Böses, aber wenn es wirklich +<span class="pagenum"><a name="page_205" id="page_205"></a>205</span>so gewesen wäre, daß das Ganze Moritz gehört hätte, so +würde es wirklich gut gepaßt haben. Es war weihevoll, +zu sehen, wie er da auf der Schwelle stand und sich zu +den Leuten wendete, um zu danken. Onkel Theodor war +ja auch stattlich, aber was hatte er für ein Auftreten +gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm +ihren Schal und ihren Hut wie ein Bedienter, während +Moritz den Hut von seiner weißen Stirn lüftete und +sagte: „Habt Dank, meine Kinder!“ Nein, Onkel Theodor +hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt +von seinen Onkelrechten Gebrauch machte und sie in die +Arme nahm und küßte und merkte, daß sie mitten im +Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr +häßlich. Das Flaumvögelchen war es nicht gewohnt, jemanden +abstoßend zu finden, aber es würde sicherlich +kein leichtes Stück Arbeit sein, Onkel Theodor zu gefallen.</p> + +<p>„Morgen,“ sagt Onkel, „gibt es hier große Mittagsgesellschaft +und Ball, aber heute sollen sich die jungen +Herrschaften von der Reise ausruhen. Jetzt essen wir nur +zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.“</p> + +<p>Sie werden in einen Salon geführt, und da werden +sie allein gelassen. Onkel Theodor schießt hinaus wie ein +Pfeil. Fünf Minuten später fährt er in seinem großen +Wagen die Allee hinab, und der Kutscher fährt so zu, +daß die Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang +liegen. Es vergehen noch fünf Minuten, aber dann +ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau neben +ihm im Wagen.</p> + +<p>Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gesprächige +Dame führend, die er „Frau Bergrätin“ nennt. +Und diese schließt Anne-Marie gleich in die Arme, aber +Moritzen begrüßt sie etwas steifer. Und das muß sie ja. +Niemand kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben.</p> + +<p>Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, daß diese +gesprächige alte Dame gekommen ist. Sie und Onkel +<span class="pagenum"><a name="page_206" id="page_206"></a>206</span>haben eine so lustige Art, miteinander zu scherzen. Es +wird ganz heimlich in dem fremden Hause.</p> + +<p>Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt +haben, und Anne-Marie in ihr kleines Stübchen gekommen +ist, geschieht etwas so Peinliches und Ärgerliches.</p> + +<p>Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab, +und das Flaumvögelchen merkt, daß Moritz seine Zukunftspläne +auseinandersetzt. Onkel scheint gar nichts zu +sagen, er geht nur und köpft mit seinem Stock Grashalme. +Aber Moritz wird ihn schon bald zu überzeugen +wissen, daß er nichts Besseres tun kann, als Moritz eine +Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu geben, +wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben +will. Moritz hat so viel Sinn fürs Praktische, seit er sich +verliebt hat. Er pflegt oft zu sagen: „Ist es nicht am +besten, wenn ich, da ich doch einmal ein großer Gutsbesitzer +werden soll, gleich damit anfange, mich in die +Dinge einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es für mich, +das Hofgerichtsexamen zu machen?“</p> + +<p>Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert +sie, zu sehen, daß sie dort sitzt, aber da sie sich nicht +darum bekümmern, kann niemand verlangen, daß sie +nicht hören soll, was sie sagen. Es ist wirklich ebensosehr +ihre Angelegenheit wie die von Moritz.</p> + +<p>Da bleibt Onkel Theodor plötzlich stehen, und er sieht +böse aus. Er sieht ganz wütend aus, findet sie, und sie +ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er möge sich in acht +nehmen. Aber es ist zu spät, denn schon hat Onkel Theodor +Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert +und schüttelt ihn so, daß er sich windet wie ein Aal. Dann +schleudert er ihn mit solcher Kraft von sich, daß Moritz +nach rückwärts stolpert und gefallen wäre, wenn er sich +nicht an einen Baum gestützt hätte. Und da bleibt nun +Moritz stehen und sagt: „Wie?“ Ja, was sollte er wohl +sonst sagen?</p> + +<p>Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert. +<span class="pagenum"><a name="page_207" id="page_207"></a>207</span>Er stürzt sich nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm +zu kämpfen. Er sieht nur ruhig überlegen aus, nur unschuldig +erstaunt. Sie versteht, daß er sich beherrscht, damit +die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie +und beherrscht sich.</p> + +<p>Armer Moritz, es stellt sich heraus, daß Onkel um +ihretwillen auf ihn böse ist. Er fragt, ob Moritz nicht +weiß, daß sein Onkel Junggeselle ist und sein Haus ein +Junggesellenhaus, daß er seine Braut hergebracht hat, +ohne ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumvögelchen +ist für Moritz beleidigt. Mutter hat es sich doch +selbst verbeten und gesagt, daß sie die Bäckerei nicht verlassen +könne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel +läßt keine Entschuldigungen gelten. – Na, und die Bürgermeisterin, +die hätte ihrem Sohn wohl den Gefallen +tun können. Ja, wenn sie zu hochmütig war, dann hätten +sie lieber da bleiben können, wo sie waren. Was würden +sie denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergrätin nicht +hätte kommen können? Und wie konnten denn überhaupt +Bräutigam und Braut so zu zweien durchs Land ziehen! – +So, so, Moritz sei nicht gefährlich. Nein, das hatte +er auch nie geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gefährlich. – +Na, und dann schließlich noch die Chaise, +dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht das lächerlichste +Vehikel in der ganzen Stadt aufgestöbert? Das +Kind sechs Meilen in einer Chaise zu rütteln, und ihn, +Onkel Theodor, eine Triumphpforte für solch einen Leiterwagen +errichten zu lassen! – Wahrhaftig, er hatte nicht +übel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu nehmen! Onkel +Theodor für solch einen alten Karren hurra rufen zu +lassen! Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert +Moritz, der allem dem so ruhig standhält. Sie hätte +eigentlich nicht übel Lust, sich hineinzumischen und Moritz +zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, daß es ihm recht +wäre.</p> + +<p>Und bevor sie einschläft, liegt sie da und rechnet sich +<span class="pagenum"><a name="page_208" id="page_208"></a>208</span>vor, was sie alles hätte sagen wollen, um Moritz zu +verteidigen. Dann schläft sie ein und fährt wieder auf, +und im Ohr klingt ihr ein altes Rätsel:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Es steht ein Hund auf einem Stein<br /></span> +<span class="i0">Und bellt wohl in das Land hinein.<br /></span> +<span class="i0">Er hieß wie du, wie er, wie sie.<br /></span> +<span class="i0">Wie hieß er doch, so sag doch wie!<br /></span> +<span class="i0">Wie hieß der Hund?<br /></span> +<span class="i0">Der Hund hieß Wie.<br /></span> +</div></div> + +<p>Das Rätsel hatte sie als Kind oft geärgert, solch dummer +Hund. Aber jetzt im Halbschlummer vermengt sie +den Hund „Wie“ mit Moritz, und es kommt ihr vor, +daß der Hund seine weiße Stirn hat. Dann lacht sie. +Das Lachen kommt ihr ebenso leicht an wie das Weinen. +Das hat sie von Vater geerbt.</p> + + +<h3>II</h3> + +<p>Wie ist „das“ gekommen? Das, was sie nicht beim +Namen zu nennen wagt.</p> + +<p>„Das“ ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras, +wie die Farbe in die Rose, wie die Süßigkeit in die Beere, +unmerklich und hold, ohne sich vorher anzukündigen.</p> + +<p>Es ist ja auch gleichgültig, wie „das“ gekommen ist +und was „das“ ist. Gut oder böse, schön oder häßlich, +„das“ ist das Verbotene, was es gar nicht geben sollte. +„Das“ macht sie ängstlich, sündhaft, unglücklich.</p> + +<p>An „das“ will sie nie mehr denken. „Das“ muß ausgerissen +und fortgeschleudert werden, und doch ist es +nichts, was sich greifen und fangen läßt. Sie verschließt +sich davor, und „das“ kommt doch herein. „Das“ treibt +das Blut aus ihren Adern und fließt selbst darin, es +treibt die Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es +tanzt durch die Nerven und zittert bis in die Fingerspitzen. +Es ist überall in ihr, so daß, wenn sie alles fortnehmen +könnte, woraus der Körper sonst besteht und +<span class="pagenum"><a name="page_209" id="page_209"></a>209</span>nur „das“ übrig ließe, es einen vollen Abdruck von ihr +geben würde. Und dennoch war „das“ nichts.</p> + +<p>Nie will sie an „das“ denken, und stets muß sie an +„das“ denken. Wie ist sie so schlecht geworden. Und dann +forscht sie und grübelt nach, wie „das“ gekommen ist.</p> + +<p>Ach, Flaumvögelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn +und wie leicht geweckt unser Herz!</p> + +<p>Sie war sicher, daß „das“ nicht beim Frühstück gekommen +war, nein, ganz gewiß nicht beim Frühstück.</p> + +<p>Da war sie nur ängstlich und scheu gewesen. Es hatte +sie so sehr erschüttert, als sie zum Frühstück hinabkam +und Moritz nicht vorfand, nur Onkel Theodor und die +Bergrätin.</p> + +<p>Es war ja nur klug von Moritz gewesen, daß er auf +die Jagd gegangen war, obgleich es unmöglich schien, +herauszufinden, was er jetzt zur Mittsommerzeit jagte, +wie auch die Bergrätin bemerkte. Aber er wußte natürlich, +daß er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden +von Onkel fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er +konnte sich ja gewiß gar nicht denken, daß sie so schüchtern +war, daß sie beinahe ohnmächtig wurde, als sie ihn +fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergrätin +allein sah. Moritz war nie schüchtern gewesen. Er wußte +nicht, was für eine Qual das war.</p> + +<p>Dieses Frühstück, dieses Frühstück! Onkel hatte gleich +damit angefangen, die Bergrätin zu fragen, ob sie die +Geschichte von Sigrid der Schönen gehört habe. Er fragte +nicht das Flaumvögelchen, und sie wäre auch nicht imstande +gewesen, zu antworten. Die Bergrätin kannte die +Geschichte gut, aber er erzählte sie dennoch. Da erinnerte +sich Anne-Marie, daß Moritz Onkel ausgelacht hatte, weil +er in seinem ganzen Hause nur zwei Bücher habe, und +das waren die Sagen von Afzelius und Nösselts „Allgemeine +Weltgeschichte für Frauenzimmer“. „Aber die +kann er auch,“ hatte Moritz gesagt.</p> + +<p>Anne-Marie hatte die Geschichte schön gefunden. Es +<span class="pagenum"><a name="page_210" id="page_210"></a>210</span>gefiel ihr, daß Bengt Magnusson Perlen auf den Friesrock +nähen ließ. Sie sah Moritz vor sich, wie königlich +stolz er ausgesehen haben würde, wenn er die Perlen befohlen +hätte. Das war gerade etwas, was Moritz gut +angestanden hätte.</p> + +<p>Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erzählt +wird, wie Bengt Magnusson in den Wald ritt, um +der Begegnung mit seinem erzürnten Bruder auszuweichen +und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen +ließ, da wurde es ganz deutlich, daß Onkel verstand, +daß Moritz nur auf die Jagd gegangen war, um +seinem Zorn auszuweichen, und daß er wußte, wie sie +dasaß und daran dachte, ihn zu gewinnen. – – Ja, +gestern, da hatten sie freilich Pläne schmieden können, +Moritz und sie, wie sie mit Onkel kokettieren würde, aber +heute war kein Gedanke daran, sie auszuführen. Ah, nie +hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut schoß +ihr ins Gesicht, und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem +Geklapper aus ihren Händen auf den Teller.</p> + +<p>Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern +die Geschichte fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte +kam: „Hätte mein Bruder dies nicht getan, wahrlich, +ich tät es selber.“ Das hatte er mit so lustigem Tonfall +gesagt, daß sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden +braunen Augen begegnen mußte.</p> + +<p>Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah, +da hatte er zu lachen angefangen wie ein richtiger Junge. +„Was glauben Sie, Frau Bergrätin,“ hatte er gerufen, +„daß Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und +das hörte: ‚Hätte mein Bruder‘ … ich denke, ein nächstes +Mal ist er daheim geblieben.“</p> + +<p>Dem Flaumvögelchen traten die Tränen in die Augen, +und als Onkel dies sah, begann er immer heftiger zu +lachen. „Ja, das ist eine schöne Mittlerin, die mein Brudersohn +sich da ausgesucht hat,“ schien er sagen zu wollen. +„Du bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines +<span class="pagenum"><a name="page_211" id="page_211"></a>211</span>Mädchen.“ Und jedesmal, wenn sie ihn ansah, hatten die +braunen Augen wiederholt: „Hätte mein Bruder dies +nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.“ Eigentlich war +das Flaumvögelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht +Brudersohn sagten. Und nun denke man, wie sie sich betragen +hatte. Sie hatte laut zu weinen angefangen und +war aus dem Zimmer gestürzt.</p> + +<p>Aber nicht damals war „das“ gekommen, auch nicht +auf dem Vormittagsspaziergang.</p> + +<p>Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war +sie ganz hingerissen vor Freude über die schöne Besitzung +und darüber, der Natur so vertraut nahe zu sein. Es +war, als hätte sie etwas wiedergefunden, was sie vor +langer, langer Zeit verloren hatte.</p> + +<p>Bäckermamsell, Stadtmädchen, ja dafür hielt man sie. +Aber sie war nun auf einmal ein Landkind geworden, wie +sie nur den Fuß auf den Kiesweg setzte. Sie erkannte sogleich, +daß sie aufs Land gehörte.</p> + +<p>Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich +auf eigne Faust herausgewagt, um das Gut zu besichtigen. +Sie hatte sich unten auf dem Kiesplatz vor dem +Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut +auf den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und +begann sich hin und her zu wiegen. Dann stemmte sie +den Arm in die Hüfte und zog Luft in die Lungen ein, +daß sich die Nasenflügel zusammenzogen und es nur so +pfiff.</p> + +<p>Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gefühlt!</p> + +<p>Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig +unten im Garten herumzugehen, aber das hatte sie nicht +gelockt. Mit einer raschen Wendung hatte sie sich zu den +großen angebauten Wirtschaftsgebäuden begeben. Sie war +einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit +ihr gesprochen. Sie war erstaunt zu hören, wie frisch ihre +eigne Stimme klang. Sie war wie die eines Leutnants +vor der Front. Und sie fühlte, wie flott es sich ausnahm, +<span class="pagenum"><a name="page_212" id="page_212"></a>212</span>wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt, +mit raschen, nachlässigen Bewegungen, eine kleine sausende +Gerte in der Hand, in den Stall trat.</p> + +<p>Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte. +Keine langen Reihen gehörnter Wesen gab es da, denen +sie imponieren konnte, denn sie waren alle draußen auf +der Weide. Ein einsames Kälbchen stand da und schien +zu erwarten, daß sie etwas für es tun sollte. Sie ging +auf das Tierchen zu, stellte sich auf die Zehenspitzen, +hielt das Kleid mit der einen Hand gerafft und berührte +mit der äußersten Spitze der andern die Stirn des Kalbes.</p> + +<p>Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, daß +sie genug getan habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte, +überließ sie ihm gnädigst ihren kleinen Finger +zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin können, +sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser +Heldentat zu suchen. Und da hatte sie gefunden, daß +Onkel Theodor in der Stalltüre stand und lachte.</p> + +<p>Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet. +Aber da kam „das“ gewiß nicht. Da war nur das höchst +Merkwürdige und Seltsame eingetroffen, daß sie vor +Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm +wie mit Mutter, er schien alle ihre Fehler und Schwächen +zu kennen, und das war ein so ruhiges Gefühl. Da +brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war.</p> + +<p>Onkel Theodor hatte sie in den Garten führen wollen +und zu den Terrassen am Teich, aber das war nicht nach +ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in allen diesen +großen Gebäuden war.</p> + +<p>Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und +in den Eiskeller, in den Weinkeller und in den Kartoffelkeller. +Er nahm alles der Reihe nach durch und zeigte ihr +die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen +und die Rollkammer. Dann führte er sie durch +den Stall der Arbeitspferde und durch den der Wagenpferde, +er ließ sie die Sattelkammer und das Bedientenzimmer +<span class="pagenum"><a name="page_213" id="page_213"></a>213</span>sehen und die Knechtestube und die Werkstatt. +Sie war ein wenig verwirrt von allen diesen Räumen, +die Onkel Theodor nötig gefunden hatte, in seinem Hause +einzurichten, aber ihr Herz glühte vor Entzücken bei dem +Gedanken, wie herrlich es sein mußte, über alles das zu +walten und zu schalten, so daß sie gar nicht müde wurde, +obgleich sie auch die Schafställe und die Schweineställe +durchwanderten und zu den Hühnern und den Kaninchen +hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer +und die Molkerei, die Räucherkammer und die +Schmiede, alles in wachsender Begeisterung. Dann gingen +sie über große Dachböden, Trockenböden für Wäsche +und Trockenböden für Holz, Heuböden und Böden für +trocknes Laub, das die Schafe zu fressen bekommen.</p> + +<p>Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim +Anblick aller dieser Vollkommenheit zu Leben und Bewußtsein. +Aber den tiefsten Eindruck machte ihr das große +Bräuhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem +weiten Ofen und den großen Tischen.</p> + +<p>„Das sollte Mutter sehen,“ sagte sie.</p> + +<p>Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht, +und sie hatte von daheim erzählt. Das konnte sie +Onkel gegenüber so leicht. Er war schon wie ein Freund, +obgleich seine braunen Augen über alles lachten, was sie +sagte.</p> + +<p>Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung. +Sie war als Kind kränklich gewesen, und darum +behüteten die Eltern sie so, daß sie sie gar nichts tun +ließen. Nur zum Spaß durfte sie mit in der Backstube +oder im Laden sein … Und wie sie so erzählte, war es +ihr auch herausgerutscht, daß Vater sie sein Flaumvögelchen +nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie auch +gesagt: „Zu Hause verwöhnen sie mich alle, außer Moritz, +darum habe ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er +nennt mich auch nie Flaumvögelchen, nur Anne-Marie. +Moritz ist so vortrefflich.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_214" id="page_214"></a>214</span>Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie hätte +ihn mit der Gerte schlagen können. Und sie wiederholte +noch einmal mit Tränen im Halse: „Moritz ist so vortrefflich.“</p> + +<p>„Ja, ich weiß, ich weiß,“ hatte Onkel da geantwortet. +„Er soll ja mein Erbe sein.“ Worauf sie ausgerufen +hatte: „Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie nicht? +Denken Sie doch, wie glücklich das Mädchen sein müßte, +die Frau in einem solchen Schlosse wird?“</p> + +<p>„Wie stände es dann mit Moritzens Erbe?“ hatte Onkel +ganz gleichmütig gefragt.</p> + +<p>Da war sie für lange Zeit ganz verstummt, denn sie +konnte Onkel nicht sagen, daß sie und Moritz nicht nach +dem Erbe fragten, denn das taten sie doch gerade. Sie +grübelte, ob es sehr häßlich war, daß sie es taten. Sie +hatte plötzlich das Gefühl, als müßte sie Onkel um Verzeihung +bitten für irgendein großes Unrecht, das sie ihm +angetan habe. Aber das konnte sie auch nicht.</p> + +<p>Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels +Hund entgegen. Das war ein kleines, kleines Dingelchen +auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden Ohrläppchen +und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen +gellenden Stimmchen.</p> + +<p>„Du wunderst dich wohl, daß ich einen so kleinen +Hund habe,“ hatte Onkel Theodor gesagt.</p> + +<p>„Ja, wirklich,“ hatte sie da geantwortet.</p> + +<p>„Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund +gewählt, sondern Jenny hat mich zum Herrn genommen. +Willst du die Geschichte hören, Flaumvögelchen?“ Von +dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen.</p> + +<p>Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken +konnte, daß wieder irgendeine Neckerei dahinter steckte.</p> + +<p>„Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam, +lag sie einer feinen Frau aus der Stadt auf dem Schoße +und hatte ein Deckchen auf dem Rücken und ein Tüchlein +um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest +<span class="pagenum"><a name="page_215" id="page_215"></a>215</span>du! Und ich dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen. +Aber siehst du, als das Hundeviehchen hier auf +den Boden kam, da müssen irgendwelche Kindheitserinnerungen +in ihm erwacht sein, oder was es nun war. +Es kratzte und schlug um sich und wollte durchaus die +Decke herunterzerren. Und dann betrug sich Jenny ganz +wie die großen Hunde hier, so daß wir sagten, sie müsse +ganz gewiß auf dem Lande aufgewachsen sein.</p> + +<p>Sie legte sich draußen auf die Schwelle und warf nicht +einmal einen Blick auf das Salonsofa, und sie jagte die +Hühner und stahl die Milch der Katze und kläffte die +Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch +kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu +sehen, wie sie sich benahm. Denke dir doch, solch ein +kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat und +auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich. – +Und dann, weißt du, als sie fortfahren sollten, wollte +Jenny nicht mit. Sie stand auf der Treppe und winselte +so jämmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte +förmlich, denke dir nur, bleiben zu dürfen. So wußten +wir uns keinen andern Rat, als sie da zu lassen. Wir +waren ganz gerührt über dies Hündchen, das so klein +war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber +das hätte ich doch nie geglaubt, daß ich mir noch einmal +einen Schoßhund halten würde, vielleicht bekomme ich +auch noch bald eine Frau.“</p> + +<p>O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so schüchtern, +so unerzogen ist. Sie hätte wohl gerne wissen mögen, +ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als sie so ungestüm +fortstürzte. Aber es war ganz, als hätte er sie gemeint, +als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar +nicht. Aber immerhin – – ja, ja, sie war so verlegen +gewesen. Sie hatte nicht bleiben können.</p> + +<p>Aber nicht damals war „das“ gekommen, nicht damals.</p> + +<p>So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte +<span class="pagenum"><a name="page_216" id="page_216"></a>216</span>sie sich noch so gut auf einem Ball unterhalten! Aber +wenn jemand gefragt hätte, ob sie viel getanzt habe, dann +hätte sie sich wohl besinnen und sagen müssen, das habe +sie nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut +sie sich unterhalten hatte, daß sie es gar nicht merkte, +daß sie ein wenig vernachlässigt worden war.</p> + +<p>Es war für sie schon eine solche Unterhaltung gewesen, +Moritz anzusehen. Gerade weil sie beim Frühstück ein +kleines, kleines bißchen streng gegen ihn gewesen war +und gestern abend über ihn gelacht hatte, war es ihr eine +solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie +war er ihr so schön und so überlegen vorgekommen.</p> + +<p>Er hatte gewiß das Gefühl gehabt, daß sie sich zurückgesetzt +fühlte, weil er nicht nur mit ihr gesprochen und +getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug Vergnügen gemacht, +zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als +ob sie ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung hätte ausstellen +wollen! Ah, so dumm war das Flaumvögelchen +nicht!</p> + +<p>Moritz tanzte viele Tänze mit der schönen Elisabeth +Westling. Aber das hatte sie gar nicht beunruhigt, denn +Moritz war immer wieder auf sie zugekommen und hatte +geflüstert: „Du siehst, ich kann da nicht entwischen, wir +sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem +Lande so gar nicht gewöhnt, einen Kavalier zu haben, +der in der großen Welt gewesen ist und tanzen und konversieren +kann. Du mußt mich heute abend schon den +Gutsbesitzerstöchtern leihen, Anne-Marie.“</p> + +<p>Aber Onkel ging Moritz gewissermaßen aus dem Wege. +„Sei du heut abend Hausherr,“ sagte er zu ihm, und +das war Moritz. Er kam zu allem, er führte den Tanz +an, führte das Trinken an und hielt Reden auf die +schöne Gegend und auf die Damen. Er war großartig. +Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke auf Moritz geheftet, +und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte +Onkel gelächelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich +<span class="pagenum"><a name="page_217" id="page_217"></a>217</span>stolz auf Moritz. Es hatte sie vorher ein wenig bedrückt, +daß Onkel seinen Neffen nicht recht zu schätzen wußte. +Gegen Morgen war Onkel recht laut und lärmend geworden. +Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen, +aber die Mädchen wichen ihm aus, wenn er zu ihnen +kam, und taten, als wären sie schon engagiert.</p> + +<p>„Tanze mit Anne-Marie,“ hatte Moritz zu Onkel +Theodor gesagt, und das hatte natürlich ein wenig protegierend +geklungen. Sie erschrak so sehr, daß sie förmlich +zusammenfuhr.</p> + +<p>Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins +Rauchzimmer.</p> + +<p>Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit +harter, harter Stimme gesagt:</p> + +<p>„Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mußt +du so ein Gesicht machen, wenn Onkel mit dir tanzen +will? Wenn du nur wüßtest, was er mir gestern über +dich sagte. Du mußt auch etwas tun, Anne-Marie. +Glaubst du, daß es recht ist, alles mir zu überlassen?“</p> + +<p>„Was willst du denn, daß ich tun soll, Moritz?“</p> + +<p>„Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren. +Denke, was ich heute abend alles gewonnen habe! Aber +jetzt ist es verloren.“</p> + +<p>„Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du +es willst, Moritz.“ Und sie meinte es auch. Es tat ihr +wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben.</p> + +<p>„Es wäre natürlich das einzig Richtige, aber von jemandem, +der so lächerlich schüchtern ist wie du, kann +man ja nichts verlangen.“</p> + +<p>Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs +in das Rauchzimmer gegangen, das jetzt beinahe leer +war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl geworfen.</p> + +<p>„Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?“ +hatte sie gefragt.</p> + +<p>Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie +auf und sah sie lange an. Es war der schmerzvollste +<span class="pagenum"><a name="page_218" id="page_218"></a>218</span>Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte nun, wie einem +Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln +denkt. Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als +brauchte er sie viel nötiger als Moritz, denn Moritz +brauchte niemanden. Er war so prächtig, wie er war. +Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf +Onkel Theodors Arm.</p> + +<p>Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen. +Er begann mit seiner großen Hand ihr Haar zu streicheln. +„Mütterchen,“ sagte er.</p> + +<p>Da kam „das“ über sie, während er ihr Haar streichelte. +Es kam geschlichen, es kam gekrochen, es kam +gehuscht und geraschelt, so wie wenn die Heinzelmännchen +durch den dunklen Wald ziehen.</p> + + +<h3>III</h3> + +<p>Eines Abends liegen feine, weiche Wölkchen am Himmel, +eines Abends ist es still und lau, eines Abends +schweben kleine weiße Fläumchen von Espen und Pappeln +durch die Luft.</p> + +<p>Es ist schon spät, und niemand ist mehr auf, nur Onkel +Theodor, der draußen im Garten umhergeht und überlegt, +wie er den jungen Mann und das junge Mädchen +voneinander trennen könnte.</p> + +<p>Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, daß +Moritz an ihrer Seite vom Hofe wegfährt, während Onkel +Theodor auf der Schwelle steht und ihnen glückliche Reise +wünscht.</p> + +<p>Ist es denn überhaupt möglich, sie ziehen zu lassen, +nachdem sie drei Tage hindurch das Haus mit zwitschernder +Fröhlichkeit erfüllt, nachdem sie sie in ihrer stillen +Weise daran gewöhnt hat, daß sie für sie alle denkt und +sorgt, nachdem er sich gewöhnt hat, dies weiche geschmeidige +kleine Wesen überall umherstreifen zu sehen. Onkel +<span class="pagenum"><a name="page_219" id="page_219"></a>219</span>Theodor sagt zu sich selbst, daß das nicht möglich ist. Er +kann sie nicht mehr entbehren.</p> + +<p>In demselben Augenblick stößt er an einen abgeblühten +Löwenzahn, und wie die Entschlüsse der Menschen und +die Versprechungen der Menschen zerstreut sich das weiße +Flaumbällchen, und die weißen Federchen fliegen eilig +davon und verschwinden.</p> + +<p>Die Nacht ist nicht kalt, wie die Nächte in dieser +Gegend zu sein pflegen. Die Wärme wird unter der +grauen Wolkendecke zurückgehalten. Die Winde zeigen +ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still.</p> + +<p>Onkel Theodor sieht sie, das Flaumvögelchen. Sie +weint, weil Moritz sie verlassen hat. Aber er zieht sie +an sich und küßt die Tränen fort.</p> + +<p>Weich und fein fliegen die weißen Fläumchen von +den großen reifen Kätzchen der Bäume. So leicht, daß +die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein und zart, +daß sie kaum auf dem Boden sichtbar werden.</p> + +<p>Onkel Theodor lacht sich ins Fäustchen, als er an +Moritz denkt. In Gedanken tritt er am nächsten Morgen +in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt. „Höre, +Moritz,“ will er ihm sagen. „Ich möchte dir keine falschen +Hoffnungen machen. Wenn du dieses Mädchen +heiratest, so hast du keinen Pfennig von mir zu erwarten. +Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft zu vernichten.“</p> + +<p>„Mißfällt sie Ihnen so sehr, Onkel?“ wird Moritz +dann fragen.</p> + +<p>„Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes Mädchen, +aber doch nichts für dich. Du mußt ein Prachtweib haben +wie Elisabeth Westling. Sei nun verständig, Moritz, was +wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine +Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst +du nicht, mein Junge. Dazu ist etwas andres nötig, als +den Hut schön zu schwingen und zu sagen: ‚Habt Dank, +<span class="pagenum"><a name="page_220" id="page_220"></a>220</span>meine Kinder!‘ Du bist ja zum Beamten wie geschaffen. +Du kannst Minister werden.“</p> + +<p>„Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, +Onkel,“ antwortet dann Moritz, „so helfen Sie mir doch, +mein Examen zu machen, und lassen Sie uns dann +heiraten!“</p> + +<p>„Nein, das nicht, du, das ganz gewiß nicht. Was, +glaubst du, würde aus deiner Karriere werden, wenn +du einen solchen Ballast mitschleppen müßtest, wie es +eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen +muß, galoppiert nicht. Denke dir nun die Bäckermamsell +als Ministerfrau! Nein, du darfst dich nicht vor zehn +Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was +wäre die Folge, wenn ich es euch ermögliche, zu heiraten. +Jedes Jahr würdet ihr zu mir kommen und um +Geld betteln. Und das würdet ihr und ich bald satt kriegen.“</p> + +<p>„Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe +mich doch verlobt.“</p> + +<p>„Höre mich nun an, Moritz! Was ist besser? Daß +sie zehn Jahre herumgeht und auf dich wartet und du +sie dann nicht heiraten willst oder daß du gleich ein Ende +machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in +deinen Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht. +Es schickt sich ja ohnehin nicht, daß Bräutigam und +Braut so zu zweien über Land ziehen. Ich werde schon +für das Mädchen sorgen, wenn du nur von diesem +Wahnwitz abstehst. Die Bergrätin wird sie nach Hause +bringen, ich werde den schönsten Wagen anspannen lassen. +Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen, +so daß du dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen +brauchst. Sieh mal, sei verständig, du machst deinen +Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise jetzt ab, +ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen. +Sie will gewiß deinem Glück nicht im Wege +stehen. Versuche nur nicht, sie zu treffen, ehe du fährst, +<span class="pagenum"><a name="page_221" id="page_221"></a>221</span>sonst könntest du wieder schwankend werden, denn sie ist +reizend.“</p> + +<p>Und nach diesen Worten faßt Moritz einen heldenmutigen +Entschluß und reist ab.</p> + +<p>Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen?</p> + +<p>„Schlechter Kerl,“ ruft es im Garten laut und +drohend, wie nach einem Dieb. Onkel Theodor sieht sich +um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich das +selber zuruft?</p> + +<p>Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf +vorbereiten, daß Moritz fort ist, ihr zeigen, daß Moritz +ihrer nicht würdig war, sie dahin bringen, ihn zu verachten. +Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint +hat, wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig +verstehen lassen, was er fühlt, sie locken, sie gewinnen.</p> + +<p>Die Fläumchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor +streckt seine große Hand aus und fängt ein Flöckchen auf.</p> + +<p>Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und +sieht es an.</p> + +<p>Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um +Flocke. Was wird dann mit ihnen geschehen? Sie werden +vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt, von schweren +Füßen zertreten werden.</p> + +<p>Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fläumchen +mit der größten Schwere auf ihn niederfielen. Wer will +der Wind, wer will die Erde, wer will die Schuhsohle +sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt?</p> + +<p>Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in +Nösselts Weltgeschichte steht eine Episode daraus vor +ihm, die sich mit dem vergleichen läßt, woran er eben +gedacht hat.</p> + +<p>Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht +wie jetzt. Es war ein Felsenstrand, und unten am Meere +saß ein schöner Jüngling mit einem Pantherfell über +der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos +in der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_222" id="page_222"></a>222</span>Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah, +war Griechenlands Meer. Das Schiff mit den schwarzen +Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward von Theseus +gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch +in einem Absatz der steilen Strandberge öffnete, schlummerte +Ariadne.</p> + +<p>Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: „Ist +wohl der sterbliche Jüngling würdig der himmlischen +Maid?“ Und um Theseus zu prüfen, hatte er ihn in +einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht, +wenn er nicht sogleich Ariadne verließ. Da hatte sich +dieser ungesäumt erhoben, war zum Schiffe geeilt und +über die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau +zu wecken, um ihr Lebewohl zu sagen.</p> + +<p>Nun saß Gott Bacchus lächelnd da, von den süßesten +Hoffnungen gewiegt und harrte Ariadnes. Die Sonne +ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er überließ sich +lächelnden Träumen. Er würde die Verlassene schon zu +trösten wissen, er, Gott Bacchus selbst.</p> + +<p>Da kam sie. Mit strahlendem Lächeln trat sie aus der +Grotte. Ihre Augen suchten Theseus, sie irrten immer +weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes, über die Wellen – – +zu den schwarzen Segeln – –</p> + +<p>Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung, +ohne Zaudern, hinab ins Meer, hinab in Tod +und Vergessenheit.</p> + +<p>Und da saß nun Gott Bacchus, der Tröster.</p> + +<p>So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor +erinnert sich freilich, daß Nösselt ein paar Worte hinzufügt, +daß mitleidige Dichter behaupten, Ariadne hätte +sich von Bacchus trösten lassen. Aber die Mitleidigen +hatten sicherlich unrecht. Ariadne ließ sich nicht trösten.</p> + +<p>Lieber Gott, weil sie so gut und süß ist, daß er sie +lieben muß, darum soll sie unglücklich gemacht werden!</p> + +<p>Zum Lohn für das schöne, sanfte Lächeln, das sie ihm +geschenkt hat, weil ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll +<span class="pagenum"><a name="page_223" id="page_223"></a>223</span>in die seine gelegt, weil sie nicht gezürnt hat, +wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Bräutigam verlieren +und unglücklich gemacht werden.</p> + +<p>Für welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt +werden? Weil sie ihn dazu gebracht hat, im +Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu entdecken, +der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen +ist und nur auf solch ein kleines, zartes und mütterliches +Frauenwesen gewartet zu haben scheint, oder weil sie +schon jetzt über ihn Macht hat, so daß er kaum wagt, +einmal zu fluchen, wenn sie es hört, oder warum soll +sie gestraft werden?</p> + +<p>Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist +nicht gut, es mit diesen Feinen, Lichten, Daunenweichen +zu tun zu haben. – Sie springen ins Meer, wenn sie die +schwarzen Segel sehen.</p> + +<p>Onkel Theodor flucht in aller Stille darüber, daß das +Flaumvögelchen nicht schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig +ist.</p> + +<p>Da fällt wieder ein Flöckchen, und es fängt an zu +sprechen: „Ich hätte dir all dein Lebtag folgen sollen. +Ich hätte dir am Spieltisch eine Warnung ins Ohr geflüstert. +Ich hätte das Weinglas fortgerückt. Von mir +würdest du es geduldet haben.“ – „Das hätte ich,“ +flüstert er, „das hätte ich.“</p> + +<p>Ein andres kommt und spricht ebenfalls: „Ich hätte +dein großes Haus regieren und es traulich und warm +machen sollen. Ich hätte dich durch die öden Gefilde +des Alters geleitet. Ich hätte dein Herdfeuer entzündet, +wäre dir Auge und Stab gewesen. Würde ich nicht dazu +getaugt haben?“ – „Liebes, kleines Fläumchen,“ antwortet +er, „freilich hättest du das.“</p> + +<p>Noch ein Flöckchen kommt geflogen, und es spricht: +„Wie bin ich doch zu beklagen. Morgen fährt mein Bräutigam +von mir fort, ohne mir auch nur Lebewohl zu +sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen, +<span class="pagenum"><a name="page_224" id="page_224"></a>224</span>denn ich werde es als solch eine Schmach empfinden, +daß ich für Moritz nicht gut genug bin. Und wenn ich +heimkomme, wie werde ich da über meines Vaters +Schwelle treten können. Das ganze Hintergäßchen entlang +wird man flüstern und zischeln, wenn ich mich zeige. +Alle werden sich fragen, was ich wohl Böses verbrochen +habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich dafür, +daß du mich liebst?“ Er antwortet mit Tränen in +der Kehle: „Sprich nicht so, kleines Fläumchen! Es ist +noch zu früh, um so zu sprechen.“</p> + +<p>Die ganze Nacht geht er draußen umher, und endlich +gegen Mitternacht kommt ein wenig Dunkelheit. Da gerät +er in große Angst, diese dumpfe schwüle Luft scheint +stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die +am Morgen begangen werden soll. Da sucht er die Nacht +zu beschwichtigen, indem er ganz laut sagt: „Ich werde +es nicht tun.“</p> + +<p>Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht gerät +in solch eine zitternde Angst. Jetzt sind es nicht mehr die +kleinen Fläumchen, die fallen, nein, rings um ihn rauschen +große und kleine Flügel. Er hört, daß etwas entflieht, +aber er weiß nicht, wohin.</p> + +<p>Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es berührt seine +Wange, es streift seine Kleider und seine Hände, und er +begreift, was es ist. Es sind die Blätter, die die Bäume +verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln entfliehen, +die Flügel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der +Gesang, der die Vögel verläßt.</p> + +<p>Und er weiß, daß, wenn die Sonne aufgeht, sein +Lustgarten ganz verwüstet sein wird. Leerer, kahler, stummer +Winter wird da herrschen, kein Schmetterlingsspiel, +kein Vogelgezwitscher.</p> + +<p>Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und +er ist beinahe erstaunt, als er die dunklen Laubmassen +der Ahornbäume sieht. „Ja so,“ sagt er, „was war es +dann, was verwüstet wurde, wenn nicht der Garten? +<span class="pagenum"><a name="page_225" id="page_225"></a>225</span>Hier fehlt ja nicht einmal ein Grashälmchen. Der Tausend +auch, ich selber bin es, der fortab durch Kälte und +Winter wandern muß, nicht der Garten. Es ist, als wäre +der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das +geht wohl auch vorüber, wie alles andre. Das ist doch +wahrlich zu viel Aufhebens um so ein kleines Frauenzimmerchen.“</p> + + +<h3>IV</h3> + +<p>Wie schrecklich unbescheiden „das“ sich an dem Morgen +beträgt, wo sie fortfahren sollen. An den zwei Tagen, +die sie nach dem Balle hier gewesen sind, ist „das“ +eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber +jetzt, wo das Flaumvögelchen fort soll, wo „das“ einsieht, +daß es im Ernst aus ist, daß es keine Rolle in +ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es sich in eine +Todesschwere, in eine Todeskälte.</p> + +<p>Es ist, als müßte sie einen versteinerten Körper über +die Treppen hinab ins Frühstückszimmer schleppen. Sie +streckt eine schwere kalte Hand aus Stein aus, als sie +grüßt, sie spricht mit einer trägen Steinzunge, sie lächelt +mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.</p> + +<p>Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, +daß alles an diesem Morgen so abgemacht wird, wie es +die gute alte Treue und Ehre erfordert.</p> + +<p>Onkel Theodor wendet sich beim Frühstück an das +Flaumvögelchen und erklärt mit wunderlich ungefüger +Stimme, daß er sich entschlossen hat, Moritz die Verwalterstelle +in der Laxåhütte zu geben; aber da der genannte +junge Mann, fährt Onkel mit einem angestrengten +Versuch, seinen gewöhnlichen Gesprächston beizubehalten, +fort, in praktischen Beschäftigungen nicht allzu bewandert +ist, so kann er den Platz nicht früher antreten, ehe +er nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell +<span class="pagenum"><a name="page_226" id="page_226"></a>226</span>Flaumvögelchen, ihre Myrte so gut gepflegt, daß sie +im September Kranz und Krone tragen kann?</p> + +<p>Sie fühlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie +weiß, daß er einen Blick zum Dank haben will, aber sie +sieht nicht auf.</p> + +<p>Moritz hingegen springt in die Höhe. Er umarmt +Onkel und treibt es ganz schrecklich. „Aber, Anne-Marie, +warum dankst du Onkel nicht? Du mußt Onkel Theodor +streicheln, Anne-Marie. Die Laxåhütte ist das Herrlichste +auf der Welt. Nun, Anne-Marie!“</p> + +<p>Jetzt schlägt sie die Augen auf. Es stehen Tränen +darin, und durch diese fällt auf Moritz ein Blick, voll +Angst und Vorwurf. Daß er nicht versteht, daß er durchaus +mit bloßem Licht in den Pulverkeller gehen muß.</p> + +<p>Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in +der schüchternen, kindlichen Art wie zuvor, sondern mit +einer gewissen Grandezza im Benehmen, mit etwas von +einer Märtyrerin, einer gefangnen Königin.</p> + +<p>„Sie tun zu viel für uns, Onkel,“ sagt sie nur.</p> + +<p>Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und +des Anstandes abgemacht. Es ist kein Wort mehr über +die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den Glauben an +den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht +verraten. Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner +Braut gemacht hat, obgleich sie nur ein armes Mädchen +aus einem kleinen Bäckerladen im Hintergäßchen ist.</p> + +<p>Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack +geschnürt, der Eßkorb gefüllt werden.</p> + +<p>Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich +an das Fenster. Von dem Moment an, wo sie sich mit +jenem tränenvollen Blick ihm zugewendet hat, ist er ganz +von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu +stürzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, +er möge nur kommen und sie von dort losreißen, +wenn er es kann.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_227" id="page_227"></a>227</span>Er hält die Hände in den Taschen. Durch die geballten +Fäuste gehen krampfhafte Zuckungen.</p> + +<p>Kann er es zulassen, daß sie den Hut aufsetzt, daß sie +der Bergrätin Lebewohl sagt?</p> + +<p>Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und +will die Geliebte stehlen. Nein, nicht stehlen! Warum +nicht ehrlich und männlich vortreten und sagen: „Ich +bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen +uns wählen. Ihr seid noch nicht verheiratet, es ist +keine Sünde, wenn ich versuche, sie dir abwendig zu +machen. Hüte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.“</p> + +<p>Dann wäre er ja gewarnt, und sie wüßte, wonach sie +sich zu richten hätte.</p> + +<p>Es knackt in den Knöcheln, als er wieder die Fäuste +ballt. Wie würde Moritz über den alten Onkel lachen, +wenn er vorträte und dies erklärte! Und wozu sollte es +dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann +nicht einmal mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu +helfen?</p> + +<p>Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, +um ihm Lebewohl zu sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, +sich zu hüten, sich auf drei Schritt Entfernung +von ihm zu halten.</p> + +<p>Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den +Rücken, während sie mit dem Ankleiden und dem Füllen +des Eßkorbes beschäftigt sind. Werden sie denn nie fertig? +Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr +die Hand gegeben, sie geküßt, ihr in den Wagen geholfen. +Er hat es so oft getan, daß er sie schon fort +glaubt.</p> + +<p>Er hat ihr auch Glück gewünscht. Glück … Kann sie +mit Moritz glücklich werden? Sie hat diesen Morgen +nicht glücklich ausgesehen. O, doch gewiß. Sie weinte +ja vor Freude.</p> + +<p>Während er so dasteht, sagt Moritz plötzlich zu Anne-Marie: +„Was für ein Dummkopf ich bin. Ich habe +<span class="pagenum"><a name="page_228" id="page_228"></a>228</span>ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien zu +sprechen.“</p> + +<p>„Ich denke, es wäre am besten, du ließest es,“ antwortet +das Flaumvögelchen. „Es ist vielleicht nicht +recht.“</p> + +<p>„Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade +augenblicklich nichts. Aber wer weiß, ob sie nicht eines +Tages besser werden? Und übrigens, was macht das +Onkel? Solch eine Kleinigkeit …“</p> + +<p>Sie unterbricht mit ungewöhnlicher Heftigkeit, beinahe +mit Angst. „Ich bitte dich, Moritz, tue es nicht! Laß +mich dieses einzige Mal recht behalten.“</p> + +<p>Er sieht sie an, ein bißchen verletzt. „Dieses einzige +Mal. Als wenn ich dir gegenüber ein Tyrann wäre. +Nein, weißt du, das kann ich nicht, schon dieses Wortes +wegen finde ich, daß ich nicht nachgeben darf.“</p> + +<p>„Hänge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt +es sich um mehr als um Höflichkeit und Phrasen. Ich +finde es nicht schön von dir, Onkel übervorteilen zu wollen, +wo er so gut gegen uns war.“</p> + +<p>„Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst +du von Geschäften?“ – Sein ganzes Wesen ist +noch aufreizend ruhig und überlegen. Er sieht sie an, wie +ein Schulmeister einen guten Schüler, der sich gerade +am Prüfungstage dumm anstellt.</p> + +<p>„Daß du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,“ +ruft sie aus. Und sie ringt verzweifelt die Hände.</p> + +<p>„Ich muß wirklich jetzt mit Onkel sprechen,“ sagt +Moritz, „wennschon aus keinem andern Grunde, so um +ihm zu zeigen, daß es sich hier um keinen Betrug handelt. +So wie du dich benimmst, könnte Onkel wirklich glauben, +daß wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken +sind.“</p> + +<p>Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklärt +ihm, welche Bewandtnis es mit diesen Aktien hat, die +sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hört so +<span class="pagenum"><a name="page_229" id="page_229"></a>229</span>gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, daß sein Bruder, +der Bürgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht +hat und sich vor Verlusten schützen will. Aber was +weiter, was weiter? Solche Gefälligkeiten pflegt er ja +der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er +nicht daran, sondern an das Flaumvögelchen. Er wüßte +zu gern, was in dem empörten Blick liegt, den sie Moritz +zuwirft. Liebe war es gerade nicht.</p> + +<p>Und nun mitten in seiner Verzweiflung über das +Opfer, das er bringen mußte, beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl +vor ihm aufzudämmern. Er steht da und +starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo +ein Geist umgeht, liegt und sieht, wie ein heller Nebel +aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet und wächst +und zu greifbarer Wirklichkeit wird.</p> + +<p>„Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,“ sagt er, +„dann kannst du das Geld gleich haben.“</p> + +<p>Aber während er spricht, ruht sein Blick auf dem +Flaumvögelchen, um zu sehen, ob „das Geistchen“ zum +Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht er nur +stumme Verzweiflung bei ihr.</p> + +<p>Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die +Türe sich öffnet und Anne-Marie hereinkommt.</p> + +<p>„Onkel Theodor,“ sagt sie sehr fest und entschlossen, +„kaufen Sie doch diese Papiere nicht.“</p> + +<p>Ach, welcher Mut, Flaumvögelchen! Wer, der dich vor +drei Tagen an Moritzens Seite im Wagen sah, wo du bei +jedem Wort, das er sagte, zusammenzuschrumpfen und +immer kleiner zu werden schienst, hätte dir so etwas zugetraut?</p> + +<p>Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird +Moritz ernstlich böse.</p> + +<p>„Schweig,“ zischt er sie an und brüllt darauf, um von +Onkel Theodor, der am Pult sitzt und Banknoten zählt, +richtig gehört zu werden. „Was fällt dir denn ein? Die +Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt, +<span class="pagenum"><a name="page_230" id="page_230"></a>230</span>aber Onkel weiß ebensogut wie ich, daß sie welche +tragen werden. Glaubst du, daß Onkel sich so von einem, +wie ich, übers Ohr hauen läßt? Onkel wird von diesen +Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. +Ist es je meine Absicht gewesen, diese Aktien für gut auszugeben? +Habe ich je etwas andres gesagt, als für jemanden, +der in der Lage ist, zu warten, könne dies ein gutes +Geschäft werden?“</p> + +<p>Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein +paar Banknoten. Er möchte wissen, ob dies den Geist +zum Sprechen bringen wird.</p> + +<p>„Onkel,“ sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverkünderin – +denn es ist ja eine bekannte Sache, daß niemand +unerbittlicher sein kann, als diese Daunenweichen, +diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind – +„diese Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden +nie etwas wert sein. Das wissen wir zu Hause alle.“</p> + +<p>„Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken –“</p> + +<p>Sie fährt mit den Augen über ihn hin, so, als wären +ihre Blicke die Schneiden einer Schere, und sie schneidet +ihm Lappen um Lappen alles ab, womit sie ihn herausstaffiert +hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen Nacktheit +seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fällt +ihr schreckliches kleines Zünglein das Urteil über ihn:</p> + +<p>„Was bist du denn anders?“</p> + +<p>„Anne-Marie!“</p> + +<p>„Ja, was sind wir alle beide anders,“ fährt das unbarmherzige +Zünglein fort, das, nun es in Gang ist, es +am besten findet, die Dinge klarzulegen, die ihr Gewissen +zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, +daß auch der reiche Mann, dem dieses große Schloß gehört, +ein Herz hat, das leiden und sich sehnen kann. Und +nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang ist und alle +Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:</p> + +<p>„Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten +<span class="pagenum"><a name="page_231" id="page_231"></a>231</span>wir da? Wovon sprachen wir auf dem Wege? Wie wir +ihn dort für uns gewinnen wollten. ‚Du mußt flott sein, +Anne-Marie,‘ sagtest du. ‚Und du mußt schlau sein, Moritz,‘ +sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. +Viel wollten wir haben, und nichts wollten wir +geben, nichts andres als Verstellung. Wir wollten nicht +sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns lieb haben, +sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel +in dich oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. +Aber wir wollten nichts zurückgeben, weder Liebe noch +Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum bist du +nicht allein gefahren, warum mußte ich mit? Du wolltest +mich ihm zeigen, du wolltest, daß ich, daß ich …“</p> + +<p>Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz +die Hand gegen sie erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet +und verfolgt das, was geschieht, mit einem Herzen, +das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flöge sein +Herz nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt +aufschreit und in seine Arme flieht, in seine Arme flieht +ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gäbe es keinen +andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen könnte.</p> + +<p>„Onkel, er will mich schlagen!“</p> + +<p>Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.</p> + +<p>Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. „Verzeih meine +Heftigkeit, Anne-Marie,“ sagt er. „Es regte mich auf, +dich in Onkels Gegenwart so kindisch sprechen zu hören. +Aber Onkel wird auch verstehen, daß du eben nur ein +Kind bist. Dennoch gebe ich zu, daß keine, wenn auch +noch so gerechte Empörung einem Manne das Recht gibt, +eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her und küsse mich. +Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu +suchen.“</p> + +<p>Sie rührt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie +klammert sich nur fest.</p> + +<p>„Flaumvögelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?“ +flüstert Onkel Theodor.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_232" id="page_232"></a>232</span>Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch +seinen ganzen Körper durcheilt.</p> + +<p>Aber Onkel Theodor fühlt sich so frisch, so gehoben. Er +ist jetzt ganz außerstande, den vollkommenen Neffen wie +früher im richtigen Licht seiner Vollkommenheit zu sehen. +Er wagt es, mit ihm zu scherzen.</p> + +<p>„Moritz,“ sagt er, „du überraschst mich. Die Liebe +macht dich schwach. Kannst du so mir nichts dir nichts +verzeihen, daß sie dich einen Schurken nennt? Du mußt +sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an +deine Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, +einen Mann zu beleidigen. Setze dich in deine +Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses verlorne Wesen +von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit +nach einer solchen Beschimpfung.“</p> + +<p>Und während er seine Rede beschließt, legt er seine +großen Hände um ihr Köpfchen und richtet es empor, so +daß er ihre Stirn küssen kann.</p> + +<p>„Verlasse dieses verlorne Wesen,“ wiederholt er.</p> + +<p>Aber jetzt fängt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, +wie es in Onkel Theodors Augen funkelt, und wie ein +Lächeln nach dem andern um seine Lippen spielt.</p> + +<p>„Komm, Anne-Marie.“</p> + +<p>Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie +sich angelobt hat. Es ist, als müßte sie gehen. Und sie +läßt Onkel Theodor so hastig los, daß er es nicht verhindern +kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen, darum +gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und +schluchzt.</p> + +<p>„Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,“ +sagt Onkel Theodor scharf. „Diese junge Dame ist +bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und ich gedenke +sie vor deinen Übergriffen in Schutz zu nehmen.“</p> + +<p>Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur +darauf bedacht, sie emporzuziehen, ihre Tränen zu trocknen +und ihr zuzuflüstern, daß er sie liebt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_233" id="page_233"></a>233</span>Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre +tröstend, ruft aus: „Ach, das ist alles abgekartet. Ich +bin betrogen. Das ist eine Komödie. Man stiehlt mir +meine Braut, und man verhöhnt mich obendrein. Man +läßt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. +Ich beglückwünsche dich zu diesem Handel, Anne-Marie.“</p> + +<p>Und während er hinausstürzt und die Türe zuwirft, +ruft er aus: „Glückssucherin!“</p> + +<p>Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm +nachzueilen und ihn zu züchtigen, aber das Flaumvögelchen +hält ihn zurück.</p> + +<p>„Ach, Onkel Theodor, laß doch immerhin Moritz das +letzte Wort behalten. Moritz hat immer recht. Eine +Glückssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel Theodor.“</p> + +<p>Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zögern, +ohne zu fragen. Und Onkel Theodor ist ganz verwirrt, +eben weinte sie noch und jetzt lacht sie, eben sollte sie den +einen heiraten und jetzt küßte sie einen andern. Da hebt +sie das Köpfchen und lächelt: „Jetzt bin ich dein kleines +Hündchen. Du kannst mich nicht loswerden.“</p> + +<p>„Flaumvögelchen,“ sagt der Gutsherr mit seiner barschesten +Stimme. „Das hast du schon die ganze Zeit gewußt.“</p> + +<p>Sie begann zu flüstern: „Hätte mein Bruder …“</p> + +<p>„Und du wolltest doch, Flaumvögelchen … Moritz kann +froh sein, daß er dich los wird. Solch ein dummes, lügnerisches, +heuchelndes Flaumvögelchen, solch ein ungerechtes, +kleines, wetterwendisches Fläumchen, solch ein, +solch ein …“</p> + +<div class="figcenter" style="width: 260px;"> +<img src="images/thoughtbreak.png" width="260" height="55" alt="Dekoration" title="" /> +</div> + +<p>Ach Flaumvögelchen, ach Seidenblümchen! Du warst +wohl nicht nur eine Glückssucherin, du warst wohl auch +eine Glücksbringerin, sonst würde wohl nicht so viel von +deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du +<span class="pagenum"><a name="page_234" id="page_234"></a>234</span>gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von großen +Ahornen beschattet, und die Birkenstämme stehen weiß +und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel da. Noch +heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem Hügel, und +im Parkteich schwimmt ein Kühling, der so alt ist, daß +kein Junge es über das Herz bringt, ihn zu angeln. Und +wenn ich hinkomme, da fühle ich, daß Feierfriede in der +Luft liegt, und es ist, als sängen Vögel und Blumen noch +ihre schönen Lieder dir zum Preise.</p> + + + + +<h2><a name="nr14" id="nr14"></a><a href="#inhalt">Unter den Kletterrosen</a></h2> + + +<p>Ich wollte, daß die Blicke der Menschen, unter denen +ich meinen Sommer verlebt habe, auf diese Zeilen fielen. +Jetzt, wo Kälte und dunkle Nächte gekommen sind, +möchte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit +zurückführen.</p> + +<p>Vor allem möchte ich sie an die Kletterrosen erinnern, +die die Veranda umschlangen, an das feine, ein wenig +dünne Laubwerk der <span class="antiqua">Rosa bengalensis</span>, das sich beim +Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen +Schatten auf dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und +einen leichten Spitzenschleier über alles dort draußen +warf, und an ihre großen lichten Riesenblumen mit den +ausgefransten Rändern.</p> + +<p>Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an +Birkenwälder oder an Birnbäume und Beerensträucher, +aber dieser Sommer hat seinen Charakter von den Kletterrosen +bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder +Wind noch Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgrünen +Schößlinge, die sanft geneigten Stämmchen, der +überschwengliche Reichtum an Blumen, die fröhlich summende +Insektenschar, alles das wird mich begleiten und +in seiner ganzen Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an +<span class="pagenum"><a name="page_235" id="page_235"></a>235</span>den Sommer zurückdenke, den zarten, feinen Schmelz +des Sommers.</p> + +<p>Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man +mich oft, womit ich meinen Sommer verbracht habe. +Dann gleitet alles andre aus meiner Erinnerung fort, +und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus tagein auf +der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft +und Sonnenschein eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich +sah zu, wie andre arbeiteten.</p> + +<p>Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen +bis zum Abend, vom Abend bis zum Morgen arbeitete. +Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit ihren +scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so +zusammen, wie man eine richtige Tapete rollt, und die +kostbare Bürde an sich drückend, flatterte sie fort zum +Parke und ließ sich auf einem alten Baumstumpf nieder. +Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle +Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten +Schachtes erreichte. In dessen unbekannten Tiefen, in +die sich weder Ameise noch Tausendfüßler je gewagt +hatten, breitete sie die grüne Blattrolle aus und bedeckte +den holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als +der Boden bedeckt war, holte die Biene wieder neue +Blätter, um die Wände des Schachtes zu bekleiden, und +arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen +Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt +hatte, der bezeugte, daß es zur Ausschmückung des +alten Baumstumpfes das Seinige hatte beitragen müssen.</p> + +<p>Eines schönen Tages änderte das Bienchen seine Beschäftigung. +Es bohrte sich tief in die Blätterwirrnis +der Riesenrosen und schlürfte und trank aus ihren schönen +Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn +es einen Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu +dem alten Baumstumpf, um die frischtapezierte Kammer +mit dem klarsten Honig zu füllen.</p> + +<p>Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, +<span class="pagenum"><a name="page_236" id="page_236"></a>236</span>die draußen in der Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch +eine Spinne, eine ganz unvergleichliche Spinne. Sie war +größer als alles, was ich bisher vom Spinnengeschlechte +gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich +punktierten Kreuz auf dem Rücken, und sie hatte acht +lange, weiß und rot gestreifte Beine, alle gleich schön +gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne sehen sollen! Jeder +Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. +Von den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt +dienten, bis zu den innersten feinen Webfäden. Und ihr +hättet sehen sollen, wie sie den schmalen Fäden entlang +balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren Thron +in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig, +stundenlang wartend.</p> + +<p>Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie +war so geduldig und so weise. Jeden Tag hatte sie ihr +kleines Scharmützel mit der Tapezierbiene, und immer +zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus der +Affäre. Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeiführte, +blieb einmal ums andre in ihrem Netz hängen. Sogleich +begann sie zu surren und zu reißen, sie zerrte an dem +feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natürlich zur +Folge hatte, daß sie sich immer ärger und ärger verwickelte +und Flügel und Beinchen in das klebrige Gewebe +verstrickte.</p> + +<p>Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die +Spinne zu ihr heran. Sie hielt sich immer in gebührlicher +Entfernung, aber mit der äußersten Spitze eines +ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene +einen kleinen Stoß, so daß sie sich im Netz herumdrehte. +Und wenn die Biene wieder herumgeschnurrt und sich +müde gerast hatte, bekam sie abermals einen ganz sachten +Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie +sich wie ein Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein +noch aus wußte und so verwirrt war, daß sie sich nicht +zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem Herumschwingen +<span class="pagenum"><a name="page_237" id="page_237"></a>237</span>drehten sich die Fäden, die sie hielten, immer mehr zusammen, +und die Spannung wurde so groß, daß sie +rissen und die Biene zu Boden fiel. Ja, das war es +natürlich, was die Spinne gewollt hatte.</p> + +<p>Und dieses Kunststück konnten die beiden Tag für +Tag wiederholen, solange die Biene in der Rosenhecke +Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer es lernen, +sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie +zeigte die Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie +wirklich alle beide gerne leiden, die kleine eifrige zottige +Arbeiterin geradeso wie die große schlaue alte Jägerin.</p> + +<p>Es begaben sich nicht oft große Ereignisse in dem +Hause mit den Kletterrosen. Zwischen den Spalieren +konnte man den kleinen See in der Sonne liegen und +blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und +zu umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben +zu können, aber bei jedem kleinen Gekräusel des grauen +Spiegels flogen tausende kleine Fünkchen auf, die auf +den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wäre +die ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus +könnte. Und so war auch das Sommerleben dort draußen; +es war gewöhnlich ganz still, aber kam nur das +allergeringste kleine Gekräusel – ach, wie konnte es +da schimmern und glitzern.</p> + +<p>Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh +zu machen. Eine Blume oder ein Vogel konnte uns +Heiterkeit für mehrere Stunden bringen, von der Tapezierbiene +gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, +wie seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde.</p> + +<p>Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen +und die Spinne hatte ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, +aber sie hatte tüchtig festgesessen, so daß sie sich ungeheuer +lange herumdrehen mußte und ganz zahm und +gebändigt war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, +um zu sehen, ob das Netz großen Schaden genommen +habe. Das hatte es glücklicherweise nicht, dagegen saß +<span class="pagenum"><a name="page_238" id="page_238"></a>238</span>eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales +Untier, das nur aus Kiefern und Krallen bestand, und +ich war erregt, wirklich erregt, als ich es erblickte.</p> + +<p>Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maikäfer, die +zu Tausenden die Blumen hinaufkriechen und sich unter +ihren Kronenblättern verstecken? Kannte ich sie nicht und +bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen schlauen +Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten, +und wenn es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene +kommt, in deren schwarzgelbem Pelz sie sich verbergen +können? Und wußte ich nicht von ihrer hassenswürdigen +Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin einen +Raum mit Honig gefüllt und auf dessen Oberfläche das +Ei gelegt hat, aus dem der richtige Eigentümer der Zelle +und des Honigs hervorkommen soll, gerade da auf das +Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf +sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen +sie in den Honig hinab, so müßten sie ertrinken. Und +während die Biene das fingerhutähnliche Nestchen mit +einem grünen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges +einschließt, schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern +das Ei auf und verzehrt dessen Inhalt, während die Eischale +noch immer als Nachen auf dem gefährlichen +Honigsee dienen muß.</p> + +<p>Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding +platt und groß und kann selbst auf dem Honig schwimmen +und davon trinken, und wenn die Zeit sich erfüllt +hat, kommt ein fetter schwarzer Maikäfer aus der Bienenzelle. +Aber das ist es sicherlich nicht, was das kleine +Bienchen mit seiner Arbeit erreichen wollte, und wie +schlau und behend der Maikäfer sich auch betragen hat, +so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer, +der keine Barmherzigkeit verdient.</p> + +<p>Und meine Biene, meine kleine, fleißige Herzensbiene, +war mit solch einem gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen. +Aber während die Spinne sie im Kreise gedreht +<span class="pagenum"><a name="page_239" id="page_239"></a>239</span>hatte, hatte er sich losgelöst und war in das Netz +gefallen, und jetzt kam die große Gelbrote und gab ihm +einen Biß mit ihrem Giftzahn und verwandelte ihn in +einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben und +Inhalt.</p> + +<p>Und als die kleine Biene zurückkam, war ihr Surren +wie eine Lobhymne an das Leben.</p> + +<p>„O du schönes Leben!“ sagte sie. „Ich danke dir, daß +auf mein Los die fröhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein +gefallen ist. Ich danke dir, daß ich dich ohne +Angst und Furcht genießen kann. Wohl weiß ich, daß +Spinnen lauern und Maikäfer stehlen, aber mein ist die +fröhliche Arbeit und die mutige Sorglosigkeit. O du +schönes Leben, du herrliches Dasein!“</p> + + + + +<h2><a name="nr15" id="nr15"></a><a href="#inhalt">Die Grabschrift</a></h2> + + +<p>Heute beachtet gewiß keine Menschenseele das kleine +Kreuzlein, das in einer Ecke des Svartsjöer Friedhofs +steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran vorbei, +ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht +wunderlich, daß keiner es bemerkt. Es ist so niedrig, +daß Klee und Glockenblumen ihm bis über die Arme +reichen und Timotheusgras darüber wächst. Auch nimmt +sich keiner die Mühe, die Inschrift zu lesen, die da steht. +Die weißen Buchstaben sind heute fast gänzlich vom Regen +verwischt, und es scheint nie jemand einzufallen, sie zu +Worten zusammenzufügen.</p> + +<p>Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz +hat seinerzeit viel Staunen und Verwunderung erweckt. +Eine Zeitlang konnte niemand den Fuß auf den Svartsjöer +Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen. +Und bekommt ein Mensch aus jener Zeit es heute zu +Gesicht, so sieht er sogleich eine ganze Geschichte vor +sich …</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_240" id="page_240"></a>240</span>Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsjö in Winterschlummer +versenkt und mit glattem, weißem Schnee bedeckt, +der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht dort so +aus, daß es kaum menschenmöglich ist, sich zurechtzufinden. +Man muß nach dem Kompaß gehen, wie auf +dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied zwischen Strand +und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die +Erde, die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die Köhlerleute, +die auf großen Moorflächen und nackten Bergfirsten +hausen, können sich einbilden, daß sie über ebensoviel +gepflügten und bebauten Boden geböten wie der reichste +Großbauer.</p> + +<p>Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den +grauen Zäunen verlassen und abenteuern nun über die +Wiesen und den Fluß entlang. Selbst drinnen zwischen +den Gehöften kann man leicht verwirrt werden. Man +kann plötzlich entdecken, daß der Weg zum Brunnen quer +über die Spireahecke des kleinen Rosenbeets gelegt ist. +Aber nirgends ist es so unmöglich, sich zurechtzufinden, +wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer, +die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz überschneit, so daß +er jetzt völlig mit diesem zusammenfließt. Zweitens ist +der Kirchhof jetzt nur noch ein großes, weißes Feld: nicht +die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verrät die vielen +Anhöhen und Hügelchen des Totenackers.</p> + +<p>Auf den meisten Gräbern stehen Eisenkreuze, an denen +dünne, kleine Herzen hängen, die im Sommer der Wind +bewegt. Jetzt sind sie alle überschneit. Diese kleinen +Eisenherzen können nicht mehr ihre wehmütigen Weisen +von Schmerz und Sehnen erklingen lassen.</p> + +<p>Leute, die drinnen in den Städten auf Arbeit waren, +haben für ihre Toten daheim Trauerkränze mit Blumen +aus Perlen und Blättern aus Eisenblech mitgebracht, +und diese Kränze stehen so in Achtung, daß sie auf den +Gräbern in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind +auch sie unter dem Schnee verborgen und begraben. Nun +<span class="pagenum"><a name="page_241" id="page_241"></a>241</span>ist das Grab, das solchen Schmuck trägt, um nichts +vornehmer als irgendein andres.</p> + +<p>Ein paar Schneebeerenbüsche und Fliederhecken ragen +aus der Schneedecke empor, allein die meisten sind verborgen. +Die nackten Zweige, die aus dem Schnee hervorkommen, +sind einander wunderlich gleich. Sie können +dem nicht zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe +zurechtzufinden sucht. Alte Mütterchen, deren Brauch +es ist, allsonntäglich einzutreten, um einen Blick auf die +Gräber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees +wegen nicht weiter als ein Stück über den Hauptweg +hinaus. Dort bleiben sie stehen und versuchen zu erraten, +wo „das Grab“ liegen mag. Ist es bei diesem Busch +oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem +Schmelzen des Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der +Entrissene so unsagbar weit von ihnen entfernt, seit sie +die Stelle nicht mehr sehen können, wo er in die Erde +versenkt worden ist.</p> + +<p>Da sind auch ein paar große Steine, die sich über +den Schnee erheben. Aber es sind ihrer so wenige. Und +der Schnee hängt über ihnen, so daß man den einen +nicht vom andern unterscheiden kann.</p> + +<p>Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er +führt den Hauptgang entlang zu einem kleinen Leichenhause. +Soll jemand begraben werden, so wird der Sarg +in das Leichenhaus getragen, und dort hält der Pfarrer +die Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung +vor. Es ist nicht daran zu denken, daß der Sarg in die +Erde kommen könnte, solange dieser Winter währt. Er +muß im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter +sendet und der Boden wieder zugänglich wird für Hacke +und Spaten.</p> + +<p>Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und +der Kirchhof ganz unzugänglich ist, stirbt ein Kind beim +Hüttenherrn Sander auf dem Werke Lerum.</p> + +<p>Das ist ein großes Werk, Lerum, und Hüttenherr +<span class="pagenum"><a name="page_242" id="page_242"></a>242</span>Sander ist ein mächtiger Mann. Er hat sich erst jüngst +ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen lassen. +Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter +dem Schnee verborgen ist. Es ist von einem behauenen +Steinrand und einer dicken Eisenkette umgeben; +mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den +Namen trägt. Dort steht das eine Wort Sander mit +großen Lettern eingegraben, die über den ganzen Kirchhof +leuchten.</p> + +<p>Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begräbnis +zur Sprache kommt, sagt der Hüttenherr zu seiner Frau:</p> + +<p>„Ich will nicht, daß dieses Kind in meinem Grabe +liege!“</p> + +<p>Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der +Speisesaal auf Lerum, und da sitzt der Hüttenherr am +Frühstückstisch und ißt allein, wie er zu tun pflegt. Seine +Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster, +von wo sie die Aussicht über den See und die birkenbestandnen +Inselchen hat.</p> + +<p>Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann +dieses sagt, werden ihre Augen auf einmal trocken. Die +ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken zusammen, +sie beginnt zu zittern, als fühle sie starke Kälte.</p> + +<p>„Was sagst du, was sagst du?“ fragt sie. Und sie +spricht wie einer, der vor Kälte klappert.</p> + +<p>„Es widerstrebt mir,“ sagt der Hüttenherr. „Vater +und Mutter liegen da, und auf dem Steine steht Sander. +Ich will nicht, daß dieses Kind dort liege.“</p> + +<p>„Ah so, <span class="spaced">das</span> hast du dir ausgeheckt?“ sagt sie und +schauert dabei fortwährend zusammen. „Ich wußte wohl, +daß du dich einmal rächen würdest.“</p> + +<p>Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und +steht breit und groß vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht, +seinen Willen mit vielen Worten zu ertrotzen. Aber +sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht, daß er +<span class="pagenum"><a name="page_243" id="page_243"></a>243</span>seinen Sinn nicht ändern kann. Der ganze Mann ist +schwere, unerschütterliche Halsstarrigkeit.</p> + +<p>„Ich will mich nicht rächen,“ sagt er, ohne die +Stimme zu erheben. „Ich kann es nur nicht ertragen.“</p> + +<p>„Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn +aus einem Bett in das andre zu legen,“ sagt sie. „Und +er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich sein, wo er liegt. +Aber <span class="spaced">ich</span> bin dann eine Verlorne.“</p> + +<p>„Ich habe auch daran gedacht,“ sagt er, „aber ich +kann nicht.“</p> + +<p>Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet +sind, brauchen nicht viel Worte, um sich zu verstehen. +Sie weiß schon, daß es ganz zwecklos wäre, wollte sie +versuchen, ihn umzustimmen.</p> + +<p>„Warum mußtest du mir damals verzeihen?“ sagt +sie und ringt die Hände. „Warum ließest du mich auf +Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir, du +wollest mir vergeben?“</p> + +<p>Er weiß bei sich, daß er ihr nicht schaden will. Er +kann nichts dafür, daß er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht +angelangt ist. „Sag den Nachbarn, was du willst,“ +sagt er. „Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser +im Grabe, oder sage, es sei nicht Raum für mehr Särge +als die von Vater und Mutter und meinen und deinen.“</p> + +<p>„Und das sollen sie glauben?“</p> + +<p>„Du mußt dir helfen, so gut du kannst,“ sagt er.</p> + +<p>Er ist nicht böse, sie sieht, daß er es nicht ist. Es ist, +wie er selbst sagt. Er kann sich darin nicht überwinden.</p> + +<p>Sie rückt sich höher in den Stuhl hinauf, verschränkt +die Arme hinter dem Kopf und sitzt und starrt zum +Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das Entsetzliche +ist, daß es so viel im Leben gibt, was einen überwältigt. +Vor allem ist es furchtbar, daß in einem selbst Mächte +emporsteigen, die man nicht lenken kann. Vor einigen +Jahren, als sie schon eine besonnene, verheiratete Frau +war, kam die Liebe über sie. So eine Liebe! Es war +<span class="pagenum"><a name="page_244" id="page_244"></a>244</span>nicht daran zu denken, daß sie sie hätte regieren können. +Und was nun Gewalt über ihren Mann bekam, – war +es Rachbegier? Er ist ihr nie böse gewesen. Er hat ihr +sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. „Du +bist von Sinnen gewesen,“ hat er gesagt und hat sie +weiter als seine Gattin leben lassen.</p> + +<p>Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, daß +man vergebe, es mag doch schwer genug fallen, es zu tun. +Vor allem ist es schwer für einen Mann, der tiefsinnig +und schwerblütig ist, der niemals vergißt und niemals +aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen +sitzt etwas, das hungert und danach schreit, sich sättigen +zu dürfen an eines andern Leid. Ein wunderliches Gefühl +hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen wäre, +wenn er damals so gezürnt hätte, daß er sie geschlagen +hätte. Dann hätte er nachher wieder gut werden können. +Nun geht er umher und ist mürrisch und verdrossen, und +sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an +der Deichsel. Sie weiß, daß hinter ihr einer sitzt, der die +Peitsche in der Hand hält, – wenn er sie auch nicht gebraucht. +Und nun hat er sie gebraucht. Nun ist sie eine +Verlorne.</p> + +<hr /> + +<p>Die Menschen sagen, daß sie nie einen Schmerz gesehen +hätten, wie den ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild. +In diesen Tagen vor dem Begräbnis weiß man +nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unmöglich, zu wissen, +ob sie höre, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr +spricht. Sie scheint keinen Hunger zu fühlen, sie scheint +draußen in der bittern Kälte gehen zu können, ohne zu +frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz, +was sie versteinert, es ist Angst.</p> + +<p>Sie denkt nicht daran, am Begräbnistag daheim zu +bleiben. Sie <span class="spaced">muß</span> mit zum Friedhofe, sie <span class="spaced">muß</span> mit im +Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, daß alle, die +<span class="pagenum"><a name="page_245" id="page_245"></a>245</span>dem Sarge folgen, glauben, daß die Leiche zu dem großen +Sanderschen Grabe geführt werde. Sie denkt, daß +sie unter der Verwunderung und dem Staunen, das sich +gegen sie wenden werde, zusammenbrechen müsse, wenn +er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem +unbemerkten Grabplatz hinführen würde. Es werde ein +Murmeln der Verwunderung von Reihe zu Reihe gehen, +obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind +nicht in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich +der ungewissen, unbestimmten Gerüchte erinnern, die einmal +über sie im Schwange waren. Es müsse wohl irgend +etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man +sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre, +werde sie gerichtet und verloren sein.</p> + +<p>Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei +zu sein. Sie wird da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird +aussehen, als ob alles in Ordnung wäre. Vielleicht werden +sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu +erklären.</p> + +<p>Der Mann fährt auch mit zur Kirche. Er hat alles +geordnet: die Begräbnisgäste geladen, den Sarg bestellt +und bestimmt, wer ihn tragen soll. Er ist zufrieden und +gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat.</p> + +<p>Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vorüber, und der +Leichenzug stellt sich vor dem Gemeindehause auf. Die +Träger legen die weißen Tragtücher über ihre Schultern, +alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession +mit und ein großer Teil der Kirchenbesucher.</p> + +<p>Während die Prozession sich ordnet, denkt sie, daß sie +sich jetzt aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz +zu geleiten.</p> + +<p>Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zurückkehren. +Sie ist gekommen, um sie vorbereiten zu können, aber +sie hat kein Wort über ihre Lippen gebracht. Sie kann +nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun könnte, +wäre: so heftig und laut zu jammern, daß man es über +<span class="pagenum"><a name="page_246" id="page_246"></a>246</span>den ganzen Kirchenplatz hörte. Sie wagt die Lippen nicht +zu regen, damit dieser Schrei nicht über sie hereinbreche.</p> + +<p>Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu rühren, +und die Menschen setzen sich in Bewegung. Und jetzt +kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum hat sie nicht +sprechen können? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht +zuzurufen, sie möchten nicht auf den Kirchhof gehen mit +dem Toten. Ein Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet +werden solle für einen Toten? Sie könnten ja den +Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den +Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei +gefährlich. Er sei voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren +auf ihm gesehen. Sie will sie schrecken, wie man +Kinder schreckt.</p> + +<p>Sie weiß nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist. +Sie erfahre es zeitig genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug +in den Friedhof hineinschreitet, blickt sie über das Schneefeld, +um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken …</p> + +<p>Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort draußen +ist nichts als ein ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug +geht zum Leichenhause hinauf. So viele nur können, +drängen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie +vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon, +zum Sanderschen Grabe zu gehen. Keiner kann wissen, +daß der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet +wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll!</p> + +<p>Hätte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen +Augenblick hätte sie sich zu fürchten brauchen. „Im Frühling,“ +denkt sie, „wenn der Sarg versenkt wird, ist wohl +kaum einer außer dem Totengräber zugegen. Jeder wird +glauben, daß das Kind im Sanderschen Grabe liege.“ +Und sie begreift, daß sie gerettet ist.</p> + +<p>Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute +sehen sie mitleidig an.</p> + +<p>„Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt,“ +<span class="pagenum"><a name="page_247" id="page_247"></a>247</span>sagen sie. Aber sie selbst weiß am besten, daß sie Tränen +weint, wie eine, die aus Not und Lebensgefahr entronnen +ist …</p> + +<p>Ein paar Tage nach dem Begräbnis sitzt sie in der +Dämmerung auf ihrem gewohnten Platz im Speisesaal. +Während das Dunkel einfällt, ertappt sie sich darauf, daß +sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und horcht +nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen +pflegt, um zu spielen. Wird es heute nicht +kommen? Da fährt sie empor und denkt: „Es ist ja tot, +es ist ja tot.“</p> + +<p>Am nächsten Tage sitzt sie wieder in der Dämmerung +und sehnt sich, und Abend für Abend kommt diese Sehnsucht +wieder und wird immer mächtiger. Sie breitet sich +aus, wie das Licht im Frühling, bis sie schließlich alle +Stunden des Tages und der Nacht beherrscht.</p> + +<p>Es ist ja beinahe selbstverständlich, daß ein Kind, wie +das ihre, mehr Liebe im Tode empfängt als im Leben. +Die Mutter hat, solange es lebte, an nichts andres gedacht, +als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und +für ihn konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es +mußte ferngehalten werden. Es mußte oft fühlen, daß es +ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten untreu +geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, daß sie +doch etwas wert war. Sie hatte unablässig in Küche und +Webkammer gearbeitet. Wo hätte sich Platz für den kleinen +Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und jetzt +nachträglich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten +und zu betteln pflegten. Abends wollte er, daß sie an +seinem Bette sitze. Er sagte, er fürchte sich im Dunkeln, +aber nun denkt sie, daß das vielleicht nicht wahr gewesen +sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie erinnert +sich, wie er dalag und gegen den Schlaf kämpfte. +Jetzt begreift sie, daß er sich wach gehalten hat, um lange +liegen und ihre Hand in der seinen halten zu dürfen.</p> + +<p>Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch +<span class="pagenum"><a name="page_248" id="page_248"></a>248</span>war. Er hat seinen ganzen Verstand aufgewendet, um +auch ein bißchen von ihrer Liebe abzubekommen.</p> + +<p>Es ist erstaunlich, daß Kinder so lieben können. Sie +hatte es nie begriffen, solange er noch lebte.</p> + +<p>Eigentlich fängt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben. +Jetzt erst fühlt sie sich berückt von seiner Schönheit. Sie +kann sitzen und von seinen großen, geheimnisvollen Augen +träumen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges Kind gewesen, +es war zart und blaß. Aber es war wunderbar +schön.</p> + +<p>Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher +mit jedem Tag, der geht. Kinder müssen ja das +Köstlichste sein, was die Erde trägt. Man bedenke doch +nur, daß es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand +entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben, +die nicht danach fragen, ob ein Antlitz schön oder häßlich +ist, sondern das häßliche ebenso gern küssen wie das +hübsche, die alt und jung lieben können, reich und arm. +Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen.</p> + +<p>Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage näher und +näher. Sie wünscht wohl, daß es lebte, aber sie weiß +nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen wäre +wie jetzt.</p> + +<p>Zuweilen gerät sie in Verzweiflung darüber, daß sie +den Knaben nicht glücklicher gemacht hat, so lange er +am Leben war. Darum ist er mir wohl genommen worden, +denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise.</p> + +<p>Sie hat sich früher vor Trauer gefürchtet, aber sie +findet jetzt, daß Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht +hat. Trauern heißt ja: ein Vergangnes wieder und wieder +erleben. Trauern heißt: sich in das ganze Wesen des +Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese +Trauer macht sie sehr reich.</p> + +<p>Am meisten fürchtet sie sich jetzt davor, daß die Zeit +ihn ihr entführen könnte. Sie hat kein Bild von ihm, +vielleicht könnten seine Züge in ihrer Erinnerung auslöschen. +<span class="pagenum"><a name="page_249" id="page_249"></a>249</span>Jeden Tag sitzt sie da und prüft sich: „Sehe ich +ihn, sehe ich ihn recht?“</p> + +<p>Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt +sie sich auf der Sehnsucht, ihn nicht mehr im Leichenhause, +sondern in die Erde gebettet zu wissen, damit sie +zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen könne. Er +soll gegen Westen liegen, da ist es am schönsten. Und sie +wird seinen Hügel mit Rosen schmücken. Sie will auch +eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort sitzen +können, lange, lange.</p> + +<p>Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen +sollen es ja nicht anders wissen, als wenn ihr Kind +im Familiengrabe liege. Wie werden sie staunen, wenn +sie sie ein fremdes Grab schmücken und dort stundenlang +sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu +sagen?</p> + +<p>Manchmal denkt sie, daß sie es auf diese Weise machen +müsse: Zuerst zu dem großen Grabe gehen und dort +einen großen Strauß niederlegen und eine Weile dort +sitzen. Dann würde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe +hinschleichen können. Er würde wohl zufrieden sein mit +dem einzigen kleinen Blümlein, das sie ihm heimlich zustecken +könnte.</p> + +<p>Ja, er könnte sich wohl damit begnügen, aber kann +sie es? Es ist, als würde sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft +mit ihm kommen. Und er würde es dann erfahren, +daß sie sich seiner schämte. Er würde begreifen, +welche brennende Schmach es für sie gewesen war, daß +er geboren wurde. Sie muß ihn schützen, damit er das +nicht erfahre. Er soll glauben, daß das Glück, ihn zu +besitzen, alles überwogen hätte.</p> + +<hr /> + +<p>Endlich weicht der Winter. Man sieht, daß es Frühling +wird. Die Schneedecke schmilzt, die Erde beginnt +sich zu zeigen. Noch währt es vielleicht ein paar Wochen, +<span class="pagenum"><a name="page_250" id="page_250"></a>250</span>bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch +die Hoffnung, daß die Toten nun bald aus der Leichenkammer +kommen. Und sie sehnt sich, sie sehnt sich.</p> + +<p>Kann sie ihn noch sehen? Sie prüft sich jeden Tag, +aber es ist im Winter besser gegangen: im Frühling will +er sich ihr nicht zeigen. Da gerät sie in Verzweiflung, sie +muß auf dem Grabe sitzen können, um ihm nahe zu +kommen, um ihn sehen, ihn lieben zu können. Kommt er +denn niemals in die Erde hinunter?</p> + +<p>Sie hat nichts andres zu lieben, sie muß ihn sehen +können, ihn sehen können, ihr ganzes Leben lang.</p> + +<p>Mit einem Male verschwindet alles Zögern und aller +Kleinmut vor ihrer großen Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt, +sie kann nicht leben ohne den Toten. Sie fühlt, daß sie +auf niemand Rücksicht nehmen kann als auf ihn. Und +als die Frühlingsfluten wirklich kommen, als auf dem +Kirchhofe wieder Anhöhen und Hügel hervortreten, als +die Herzen an den eisernen Kreuzen wieder zu klingen +anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten +leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge +öffnen kann, hat sie schon ein schwarzes Kreuz machen +lassen, um es auf den Hügel zu pflanzen.</p> + +<p>Quer über das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen +weißen Buchstaben geschrieben:</p> + +<p class="center spaced">Hier ruht mein Kind.</p> + +<p>Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr +Name.</p> + +<p>Sie fragt nicht danach, daß die ganze Welt erfährt, +was sie getan hat. Alles andre ist eitel; nur das eine +liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu können an ihres +Kindes Grab.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="page_251" id="page_251"></a>251</span></p> +<h2><a name="nr16" id="nr16"></a><a href="#inhalt">Römerblut</a></h2> + + +<p>Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewiß +die kleinen Landgüter vor der Stadtmauer aufgefallen. +Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man Artischocken, +Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit. +Man hat ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnhäuser, +einen niedrigen Eselstall, einen großen gemauerten +Brunnen und ein paar Hühnersteigen. Man hat +natürlich eine Menge Federvieh, und nicht nur Hühner, +Truthähne und Enten, sondern auch Pfauen und Fasane.</p> + +<p>Und dann schafft man sich, um ein bißchen besser leben +zu können – denn Grünzeug und Hühner werfen keinen +glänzenden Gewinn ab – ein paar große Fässer +römischen Schloßwein an und legt sie in eine der niedrigen +Hütten, deren jede nicht mehr als ein Gelaß hat. Dahin +stellt man auch einen Ladentisch und ein Wandbrett mit +Gläsern und Literflaschen, draußen aber auf dem Hofe, +zwischen dem Brunnen und den Hühnersteigen, stellt man +lange Bänke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer +wehen die Campagnawinde stark und ungehemmt. +Darum bringt man kleine Schutzdächer über den Bänken +an und umgibt sie mit Rohrwänden, durch die die Sonne +hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt läßt man auch ein +Schild malen und hängt es über das kleine Mauerpförtchen, +das nach der Straße und der Stadt führt. Und die +Osteria ist fertig.</p> + +<p>Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch +einer kleinen Osteria gewesen, man darf aber nicht glauben, +daß er des Lohnes und der Trinkgelder wegen so +lange geblieben wäre, oder weil er zu nichts anders getaugt +hätte. Nino war ein prächtiger, ja ein gebildeter +junger Mann; wenn er sich damit begnügte, Kellner in +einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es, +<span class="pagenum"><a name="page_252" id="page_252"></a>252</span>weil er in Teresa, die älteste Tochter des Hauses, verliebt +war.</p> + +<p>Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so schön. Sie war +gerade in der Art schön, wie Nino es haben wollte, mit +großen, starken Zügen und warmen, klaren Farben. Sie +ging so stolz und so leicht wie eine Königin. Sie sprach +mit einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich, +daß keine Silbe ihrer Worte verloren gehen konnte. Sie +lachte so rein, wie ein Silberglöckchen läutet. Ihre Hände +waren schön, weiß und fest, und ihr Händedruck stärkend +wie ein Segen.</p> + +<p>Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen +und verlangten, daß sie immer hinter dem Schanktisch +zur Hand sei. „Wo ist Teresa?“ fragten sie sicherlich, +wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl. +Wußte er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe +schmeckte, wenn sie sie aus dem Kochtopf schöpfte, als +wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht zu verwundern, +daß jedermann mit ihr zu tun haben wollte. +War es nicht schon eine Freude, in demselben Raume zu +weilen wie sie?</p> + +<p>Er war fest davon überzeugt, daß die Leute nicht so +sehr um Wein zu trinken hereinkämen, als vielmehr um +Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu können. Wenn +einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel +besiegt hatte, oder wenn der tolle Pietro wieder +einem das Messer in den Leib gestoßen hatte, so war es +eine Erleichterung, es ihr zu erzählen. Nino wußte, daß +junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten, +zuweilen dasaßen und sich lange, traurige Geschichten +ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei ihrem Tische +stille stehe, ihnen zuhöre und sich ihrer ein wenig annehme. +Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie +wollten doch, daß sie den Wein in ihr Glas gieße oder +ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie gingen, und +ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_253" id="page_253"></a>253</span>Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie +ihr sechzehntes Jahr erreicht hatten; eine zog fort, und +eine blieb mit Mann und Kindern daheim. Aber Teresa +wollte nicht heiraten, und Nino wußte schon, warum. Er +wußte wohl, daß sie weder ihn noch irgendeinen andern +aus dem Landvolk wollte, einen Signor wollte sie.</p> + +<p>Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an +der Art, wie sie ihr Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine +Signorina, und an ihren Sonntagskleidern. Zu Hause +trug sie eine grüne Schürze und ein rotes Tuch um den +Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer +schwarz gekleidet. Und sie hatte einen großen Hut mit +vielfach gebogner Krempe und einen Federkragen um den +Hals, so lang, daß er bis zum Kleidsaum reichte.</p> + +<p>Natürlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu +werden. Das einzige Unnatürliche war bloß, daß sie nicht +einsah, daß sie schon eine war.</p> + +<p>Eigentlich war es Nino nicht unerwünscht, daß Teresa +keinen Campagnabo nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine +Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war dick und rund +wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue Müllerfarbe. +Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger +Augen. Er war zu häßlich für sie. Aber da es nun seine +guten Wege hatte, bis ihr Signor kam, und da kein andrer +den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino +wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen. +Und das war kein geringes Glück.</p> + +<p>Die Tage draußen auf dem Meierhof erschienen Nino +voll Seligkeit. Des Morgens, wenn Teresa ihre Vögel +betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem Mais. Vormittags +half er ihr, das Unkraut ausjäten oder das Gemüse +in Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt +werden sollte. Und abends, wenn die Arbeitsleute auf +ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben Castello +romano zu trinken, da stand sie am Fasse und füllte in +die Maße ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es +<span class="pagenum"><a name="page_254" id="page_254"></a>254</span>ein großer Tag war, Festtag oder Markttag, und das +Volk war zusammengeströmt, so daß alle Bänke übervoll +waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und +Verkäufern von gebratenen Äpfeln und Kastanien wimmelte, +und er und sie mußten atemlos und heiß mit ihren +Flaschen und Gläsern zwischen den Tischen hin und her +eilen, dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen. +Da fühlten sie sich so kameradschaftlich wie Soldaten, +die in den Kampf ziehen.</p> + +<p>An Abenden aber, wo keine Gäste kamen, saß Nino da +und erzählte Teresa aus Büchern, die er gelesen hatte. +Da ließ sie ihn von dem alten Rom erzählen, und am +liebsten hörte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen +die Patrizier und von den mächtigen römischen Matronen. +Nino wußte wohl, warum. Es war dasselbe Blut, sie +fühlte in sich das gleiche Blut. Am nächsten Tage trug +sie den Kopf noch viel stolzer, als früher. Nino wußte, +daß er wie ein Tollhäusler handelte. Jedesmal, wenn er +von Cornelia, der Mutter der Gracchen, erzählte, entfernte +er sie weiter von sich. Warum konnte er diese Erzählungen +nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten, +wenn sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre +Augen blitzten?</p> + +<p>Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, hörte Nino die +Leute sagen, daß es bald zu spät für sie sein würde, noch +einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht mehr schön. +Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie +denn nicht schön?</p> + +<p>Eines Tages jedoch merkte er, daß sie recht gehabt +hatten. Sie war wirklich im Begriffe gewesen, alt zu +werden. Sie mußte ganz verblaßt gewesen sein, obgleich +er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, daß +sie wieder aufzublühen begann. Die frische Jugendschönheit +erhellte aufs neue ihr Gesicht. Was war das für ein +Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah.</p> + +<p>Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der +<span class="pagenum"><a name="page_255" id="page_255"></a>255</span>Osteria. Ach, ach, Nino konnte nicht leugnen, daß er das +Netteste war, was man sehen konnte. Er hatte eine Uniform +in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches +Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am +ersten Abend, da er sie sah. Und sie? War ihre Schönheit +um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel ihr der +kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen?</p> + +<p>Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die +Krieger zu hassen. Italien führte gerade Krieg mit Abessinien, +und es war Elend genug, daß Italiens Krieger +übers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen, +das nichts Böses getan hatte. Es war Elend genug, was +die Kriegsleute dort draußen anrichteten. Hier zu Hause +hätten sie es doch lassen können, die Leute ins Unglück +zu bringen.</p> + +<p>Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine. +Hier trat er als Redner auf und forderte die +Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle nicht als +Land des Streites groß sein, sondern als ein Land des +Friedens. Er wurde bald einer der Führenden. Er wurde +einer der beliebtesten Redner. Armer, armer Nino. +„Laßt uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen, +wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die +landwirtschaftlichen Schulen zu schicken!“ Das waren +Ninos Worte.</p> + +<p>Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung +nach Hause kam, bei der er den Krieg und das Kriegsheer +abgeschafft hatte, ging Teresa ihm entgegen. Sie blieben +bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu +plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen. +Um den jetzigen Krieg kümmerte sie sich nicht, +aber sie wollte wissen, was die Römer in früheren Tagen +vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio hören. +Ob es nicht Scipio wäre, der nach Afrika gezogen wäre +und die Schwarzen besiegt hätte? Und Nino mußte von +<span class="pagenum"><a name="page_256" id="page_256"></a>256</span>ihm berichten. Nino mußte die halbe Nacht aufsitzen +und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen.</p> + +<p>Während er davon sprach, wurde Teresa strahlend +schön. Die Laterne, die auf dem Brunnenstaket hing, +zeigte sie Nino wunderbar schön und mit einem geheimnisvollen +Lächeln um die Lippen. Nino begriff, daß sie +nur einen Helden lieben konnte. Und was war er? Er, +der es ihr nicht einmal abschlagen konnte, von diesen +verabscheuungswürdigen Gemetzeln zu erzählen. Er war +feig. Wenn sie einen Nero geliebt hätte, so wäre Nino +gezwungen gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war +ein feiger Kerl, er war sicherlich kein Held.</p> + +<p>Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte +Nino ernstlich daran, sich frei zu machen und einen andern +Dienst zu suchen, aber er vermochte es nicht. Sie +war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er müßte wohl +bis nach der Hochzeit warten.</p> + +<p>Teresa vergaß Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag +war am Tage nach der Verlobung, und Nino war +am Morgen düster und glaubte, dies würde der traurigste +Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher +so gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschentücher gestickt, +mit Monogrammen, die über das halbe Tuch reichten. +Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken, und sie ging +in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete +für Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm. +Nino mußte sich froh zeigen. Er mußte den ganzen +Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten alle glücklich +sein.</p> + +<p>Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er +mußte weinen. Er hatte gemerkt, daß sie in diesen Tagen +den Vögeln doppelte Rationen gab, der Esel hatte frisches +Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter +sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr +der Katze, dem Esel und den Hühnern gleichgestellt gefühlt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_257" id="page_257"></a>257</span>Wie sie sich darüber freute, daß ihr Bräutigam Offizier +war! Nächst dem Umstande, daß er ein Signor +war, gefiel ihr sein militärischer Beruf am meisten. Als +man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst hätte, daß er +nach Afrika geschickt werden könnte, hörte Nino, wie sie +antwortete:</p> + +<p>„Wollte Gott, er dürfte hinüber. Dann würdet ihr +sehen, wie alles anders würde.“ Denn dies war im Winter +1896, und da sah es aus, als sollte aus diesem Kriege +mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden. +Man schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort. +Die Truppen lagerten dort in der Aduagegend, aber man +hörte nie, daß es zu etwas kam. Es war so, wie wenn +Bienen aus dem Korbe fliegen und außerhalb des Fluglochs +in einem großen Beutel hängen bleiben, und man +geht jeden Tag hin und sieht sie an und ärgert sich, daß +sie nicht schwärmen wollen.</p> + +<p>Sie benahm sich auch großartig, als sie gegen Ende +Februar erfuhr, daß er nach Afrika gehen mußte. Nino +sah keine Träne in ihren Augen. Sie dachte nur daran, +daß es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen +würde. Jetzt sollte ihrem armen Italien geholfen werden.</p> + +<p>Sie gab ein Abschiedsfest für ihn und seine Kameraden. +Es war ein herrliches Fest. Der Castello-Romanowein +floß in Strömen. Sie hatte ihre fettesten Truthühner +geschlachtet und die ersten Artischocken gepflückt. +Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken.</p> + +<p>Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet +und die italienische Flagge gehißt, und der arme Nino +mußte ihr behilflich sein, Transparente zu verfertigen, +auf denen zu lesen war: „Es lebe die Armee! Sieg +unsern tapfern Soldaten! Für Italien!“ und andre hochgestimmte +Worte. Er hatte ihr helfen müssen, farbige +Lampions unter den Strohdächern zu befestigen, Sänger +zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten; +aber er hatte geschworen, daß sie ihn nicht dazu bringen +<span class="pagenum"><a name="page_258" id="page_258"></a>258</span>würde, eine Rede zu halten. Armer Nino, sie forderte +ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm etwas so +Hochwichtiges anzuvertrauen.</p> + +<p>Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerkskörper zu +den Füßen der Gäste knallten, und als nicht nur die +Strohdächer über den Bänken, sondern auch die Hühnersteigen, +das Wohnhaus und der Brunnen von grün-rot-weißen +Lampions strahlten, und als Nino drüben zwischen +den Artischocken bengalische Feuer entzündete, da sah er, +wenn sonst niemand es sah, was sie eigentlich meinte. +Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie +den Soldaten kredenzte, sagen: „Gehet hin und macht +Ernst aus diesem Kriege. Roms Frauen wollen neue +Triumphzüge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!“</p> + +<p>Niemand wußte besser als Nino, wie sehr Teresa diesen +zierlichen kleinen Mann liebte, der gegen die Barbaren +ausziehen sollte. Und als er sah, wie sie ihn gehen ließ, +ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu werden, +mußte er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie +hätte eine der Matronen des alten Rom sein können, +dachte Nino. Es rollt echtes Römerblut in ihren Adern.</p> + +<p>Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel +abreiste, wo es sich nach Afrika einschiffen sollte, begleitete +Nino Teresa zur Eisenbahnstation.</p> + +<p>Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt +heranmarschiert, rings um sie schwärmten Gassenjungen, +Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der Station +waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale. +Es wurden Reden gehalten, man rief: „Es lebe Italien!“ +man küßte sich und warf Blumen. Teresa stand bleich +vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte. +Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten +verteilten. Das tat sie nicht.</p> + +<p>Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen, +aber er mußte ihr versprechen, Meneliks Hauptstadt +zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit der Krone der +<span class="pagenum"><a name="page_259" id="page_259"></a>259</span>abessinischen Kaiserin zu ihr zurückzukommen. Und so +schieden sie.</p> + +<p>Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort, +er war noch gar nicht nach Afrika abgereist, als die Nachricht +eintraf, daß der große Schwarm, der in Adua gelagert +war, sich zu rühren anfange; er zog gegen die Abessinier +und wurde geschlagen und zerstreut.</p> + +<p>Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas +andres dachte als an den Sieg, der dort drüben erkämpft +werden müßte, nachdem man so unerhört viele Menschen +hingeschickt hatte. Der König selbst hatte sich nach +Neapel begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen. +An einem Tage sprach er ihnen von dem Ruhme, +den sie für das geliebte Italien erringen würden, am +zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner +Schlacht, zerstreutem Heere, Flucht und Panik erzählte.</p> + +<p>Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen +trafen. Meneliks Kugeln hatten nur etwa siebentausend +Mann fällen können, aber die Depeschen nahmen das +Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene +Aduas, passierten das Mittelmeer und erreichten ihr Ziel. +Ach, kein italienisches Herz blieb unversehrt davon!</p> + +<p>Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. „Was ist dort +geschehen, Nino?“ fragte sie. „Wie konnte es so schlecht +gehen?“</p> + +<p>Nino erzählte ihr, daß die Italiener nicht so sehr von +ihren menschlichen Feinden geschlagen worden wären, als +vielmehr von der übermächtigen Natur. Dort müßte man +Berge erklimmen, von denen die niedrigsten höher wären +als das Sabiner- und Albanergebirge aufeinandergetürmt. +Da gebe es keinen Weg, sondern man ziehe über +Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln bewachsen +wären, daß nicht einmal ein Esel sie fressen +könnte. Mit der Nahrung wäre es so schlimm bestellt, +daß die Soldaten sich über die Maultiere geworfen hätten, +<span class="pagenum"><a name="page_260" id="page_260"></a>260</span>die auf dem Wege zusammengebrochen wären, und die +Fleischstücke an sich gerissen hätten.</p> + +<p>Aber das wäre doch nichts, um Menschen hinzuschicken! +Ein Land, wo man Maulesel essen müßte!</p> + +<p>Nein, das meinte Nino eben auch.</p> + +<p>Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte +er ihr sagen, wie gräßlich der Krieg wäre. Sie lasen zusammen +die Zeitungen. Sie lasen, daß man fürchtete, +daß die Truppen, die jetzt auszögen, Menelik und die +Schoaner im Hafen von Massaua treffen würden; die +jetzt abführen, zögen dem sichern Tod entgegen.</p> + +<p>Sie las auch, daß die Barbaren vor allem auf die +Offiziere schössen. Sie lägen da und zielten auf ihr blaues +Rangzeichen und holten sie von den Hügelabhängen herab, +wenn sie mit ihren Soldaten vorrückten.</p> + +<p>Und es gäbe so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten, +die diese Schwarzen begingen; ihre Weiber plünderten +die Toten und zerstückelten sie.</p> + +<p>Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen +und wagte nicht, weiterzulesen.</p> + +<p>Nino schob seine Mütze zurück und fragte, was sie +eigentlich geglaubt hätte, was die Leute im Kriege täten? +Ob sie sich nicht gedacht hätte, daß sie sich dort töteten? +Nein, sie wüßte nicht, was sie geglaubt hatte. Das hätte +sie nicht gedacht.</p> + +<p>Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied +von ihr nahm. Das Dampfschiff, das ihn nach +Afrika führen sollte, ging am nächsten Abend ab.</p> + +<p>Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach +Neapel. Was sie dort wollte? Nino glaubte, sie wolle +ihren Bräutigam noch einmal sehen, bevor er abreiste. +Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie +fuhr, aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern +als Nino hatte sie zur Begleitung haben wollen.</p> + +<p>Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte +sie ihren Leutnant in der Kaserne auf.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_261" id="page_261"></a>261</span>Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich +geschmeichelt und gerührt, daß sie gekommen war, um +ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde totenbleich, +als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform +aus gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande über +der Brust. Das war das blaue Band, das die Schwarzen +sich zur Zielscheibe nahmen.</p> + +<p>Er mußte gleich wieder zu seinen Soldaten zurück. Ob +sie denn den ganzen Tag über nicht mit ihm zusammentreffen +könnte? Ja, sie wollten gegen ein Uhr miteinander +frühstücken. Er könnte zwei Stunden abkommen. +Sie besprachen den Ort, und er eilte weg.</p> + +<p>Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die „Villa“ +hinunter und setzten sich auf eine Bank, um zu warten. +Sie tat nichts andres, als daß sie Nino unaufhörlich +fragte, wieviel es auf seiner Uhr wäre. Und als sie nun +mit Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und +bleich, wie die Gesichter der Statuen, die rings um sie +standen, und ihre Augen schienen nicht mehr zu sehen, als +die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich +vor sich hinstarre. Sie sagte, sie säße da und sähe +<span class="spaced">seine</span> Leiche an. Die ganze Nacht hatte sie ihn tot in +einer Bergkluft liegen sehen, und auch die alten Weiber +der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten, +<span class="spaced">ihn</span> zu plündern und zu zerstückeln. Nino hatte ja gesagt, +daß sie dort die Leichen zerstückelten.</p> + +<p>Nino versuchte, ihr etwas Tröstliches zu sagen. Alle +würden ja nicht fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der +so tapfer wäre, könnte sich der Barbaren schon erwehren.</p> + +<p>Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind +in Schlupfwinkeln verborgen läge und auf das blaue +Band zielte. Ob Nino das blaue Band bemerkt hätte? +Warum es blau wäre, das Todesband, warum es nicht +rot wie Blut wäre?</p> + +<p>Sie nahm Nino das Versprechen ab, daß er sie nicht +<span class="pagenum"><a name="page_262" id="page_262"></a>262</span>verlassen würde, sie den ganzen Tag nicht verlassen +würde.</p> + +<p>„Nein, nein, Teresa.“</p> + +<p>Er war auch beim Frühstück dabei. Leutnant Ugo bestellte +ein Zimmer, und die drei aßen zusammen.</p> + +<p>Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso +sorglos, als säße sie daheim in der Osteria. Nino dachte, +sie wolle für diese zwei Stunden allen Kummer von +sich werfen und einzig und allein glücklich sein. Sie +war sogar viel muntrer als gewöhnlich, sie kokettierte +mit Leutnant Ugo, bis er ganz toll war. Und sie ließ es +zu, daß er sie küßte.</p> + +<p>Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch. +Von Zeit zu Zeit sah er sie an, und seine kleinen grauen +Äuglein bettelten um die Erlaubnis, gehen zu dürfen. +Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte, +unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die +seine und hielt ihn zurück. Der Leutnant fand Nino wohl +höchst überflüssig, sie aber wollte ihn offenbar da haben.</p> + +<p>Es gab <span class="antiqua">Asti spumante</span> und <span class="antiqua">Lacrimae Christi</span>, und +Nino trank, wie er nie zuvor getrunken hatte. Aber es gelang +ihm nicht, sich taub oder blind zu machen.</p> + +<p>Plötzlich, als Nino sich dachte, daß Leutnant Ugo ganz +berauscht von ihren Blicken und ihren Küssen sein müßte, +neigte sie sich zu ihm und fragte schelmisch, ob er es nicht +lassen könnte, zu reisen. Ob es sich nicht so einrichten +ließe, daß er daheim bleiben könnte?</p> + +<p>Er lachte. Nein, er könnte nicht entrinnen.</p> + +<p>Ob er nicht krank werden könnte? Sich krank stellen? +Nein, nein, das könnte er nicht.</p> + +<p>Aber ob er denn daran gedacht hätte, wie lange es +dauern würde, bis sie ihre Hochzeit feiern könnten?</p> + +<p>Der Leutnant glaubte kaum, daß sie im Ernste sprach. +Gewiß hatte er daran gedacht, aber das ließ sich ja nicht +ändern.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_263" id="page_263"></a>263</span>Teresa lächelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer +Stimme, die vor Rührung bebte.</p> + +<p>Sie bekannte, daß sie sich furchtbar gesehnt hätte, seit +er abgereist war. Sie könnte keinen Tag ohne ihn sein. +Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand ausdenken könnte, +um bleiben zu können?</p> + +<p>„Teresa,“ sagte er, „ich wäre ja ein Mann ohne Ehre. +Bitte mich nicht!“</p> + +<p>„Ehrlos?“ sagte sie mit schmeichelnder Stimme. „Wie +kannst du so etwas sagen? Du würdest ja nicht hier +bleiben, weil du feig wärest, sondern weil ich dich so liebe, +daß ich dich nicht ziehen lassen kann.“</p> + +<p>Und sie lächelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war +unerschütterlich.</p> + +<p>Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun +zur Schlacht käme und die Schwarzen zu schießen begännen? +Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue +Band fortzunehmen?</p> + +<p>Nein, das wolle er nicht. Er dürfe es nicht.</p> + +<p>Überhaupt glaubte der Leutnant, daß sie im Grunde +nur scherze.</p> + +<p>Nino sah, daß sie wie ermattet den Kopf sinken ließ.</p> + +<p>Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus +ihrem Gesicht verschwunden. Sie war so, wie sie am +Vormittag gewesen war.</p> + +<p>Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erzählen, +was sie von dem fremden Lande und der Kriegsführung +der Schwarzen gehört hatte. Sie sprach von den Bergen +und den Distelgewächsen und der Hungersnot. Als sie +von den Mauleseln erzählte, lachte er und sagte, das sei +nicht wahr.</p> + +<p>Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den +Weibern der Schoaner verbrannt worden war. Ob er +das wüßte, ja, ob er das wüßte? Und was für eine Ehre +wäre es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und +sie schössen alle Offiziere nieder, ob er das wüßte? Sie +<span class="pagenum"><a name="page_264" id="page_264"></a>264</span>zielten auf die blauen Bänder und schössen auf die +Offiziere.</p> + +<p>„Ah, Teresa,“ sagte er, „willst du mich erschrecken? +Sind das Worte für eine Römerin?“</p> + +<p>„Ja, ja, gerade für eine Römerin. Roms Frauen +haben nie zugelassen, daß man ihnen raube, was sie +liebten.“ Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen, +sie wüßte bestimmt, daß er fallen würde, wenn er jetzt +reiste. Sie sehe ihn tot vor sich. Sie sehe seinen Körper +zerstückelt und blutig. Und nachdem sie dies gesagt hatte, +war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte ihm +ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die +Knie und bettelte, weinte, flehte.</p> + +<p>Er war sehr gerührt, aber auch befangen. Einen Augenblick +sah er zu Nino hin, gleichsam unschlüssig, was er +beginnen solle. Nino zog seine Uhr hervor. Ja, gewiß, +das war das einzige, was er tun konnte: sagen, daß die +Zeit abgelaufen sei, und dann gehen.</p> + +<p>„Was willst du?“ sagte er. „Was willst du, daß ich +tun soll? Ich kann mich nicht losmachen.“</p> + +<p>„Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist +unrecht, zu reisen. Die dort drüben verteidigen nur ihr +Haus und Heim. Sage, daß du nicht gegen sie kämpfen +willst.“</p> + +<p>„Dann ist es um mich geschehen.“</p> + +<p>„Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um dafür zu +sterben. Die Schwarzen haben uns nichts getan. Laß sie +in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land nicht nehmen, +warum sollen wir ihres rauben?“</p> + +<p>„Teresa,“ sagte Leutnant Ugo, „sage mir jetzt mutig +Lebewohl, wie eine Römerin. Ich muß gehen.“</p> + +<p>„Du mußt?“</p> + +<p>„Ja.“</p> + +<p>„Nun, so geh!“</p> + +<p>„Teresa!“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_265" id="page_265"></a>265</span>„Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken. +Du bist tot für mich.“</p> + +<p>Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden +liegen. Sie sah ihn nicht einmal an. Er strich über ihr +blauschwarzes Haar. Sie rührte sich nicht. Er seufzte +tief, er wußte nicht, was er sagen oder tun solle, und +ging wirklich.</p> + +<p>Mit einem angstvollen Griff drückte er Ninos Hand. +Es war, als vertraute er ihm Teresa an. Abends gegen +zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein paar +große Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine +Menge Boote warteten darauf, die Soldaten hinzubringen. +Einige tausend Menschen standen auf dem Kai, +um die Abfahrt anzusehen.</p> + +<p>Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage! +Früher im Winter hatte man nicht genug jubeln +können, als die Truppen an Bord geführt wurden. Jetzt +lag nichts als Düsterkeit über den Wartenden. Man +hätte am liebsten die Boote und die Dampfer versenkt, +damit sie keinen Sohn Italiens nach dem verfluchten +Barbarenland führen könnten. Die Soldaten kamen so +still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik, +keine Schüsse, keine Hochrufe. Aber aus der wartenden +Menge stieg ein dumpfes Murren der Empörung auf, +und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie möglich. +Man war nicht ganz sicher, daß das Volk nicht auf +den Gedanken verfiele, die Abfahrt zu verhindern.</p> + +<p>Teresa schien etwas Ähnliches zu hoffen. „Sie werden +es nicht zulassen, Nino,“ sagte sie. „Alle diese Männer +werden es nicht zulassen, daß man ihre Söhne fortführt, +damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.“</p> + +<p>Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde +weggebracht, und die Menge ließ es geschehen. Einige +Menschen durchbrachen die Reihen der Soldaten, aber +nur um zu küssen und Abschied zu nehmen. Nino sah +<span class="pagenum"><a name="page_266" id="page_266"></a>266</span>Leutnant Ugo am Kai stehen und die Einschiffung überwachen.</p> + +<p>Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos +Arm gehangen, jetzt aber sah er sie unten am Landungsplatz. +Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er küßte +sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung lösen. Es +war die Reihe an ihn gekommen, einzusteigen.</p> + +<p>Sie schien sich zurückzuziehen, aber da sah Nino etwas +Blankes in ihrer Hand leuchten. Sie schien den Leutnant +noch einmal umarmen zu wollen. In demselben Moment +wankte dieser und schrie auf.</p> + +<p>Nino eilte hinunter. Er riß Teresa an sich. Er zog +sie in den Volkshaufen, in das heißeste Gedränge.</p> + +<p>„Stehe hier still.“</p> + +<p>Sie lachte beinahe irrsinnig. „Jetzt wird er nicht reisen, +Nino,“ sagte sie.</p> + +<p>Nino packte sie am Handgelenk. „Schweig,“ sagte er +und drückte es so, daß es schmerzte.</p> + +<p>„Meinethalben können die Gendarmen …“</p> + +<p>Nino drückte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg.</p> + +<p>Das war ein Drängen, ein Hin- und Herstoßen. Nino +blieb gelassen in dem dichtesten Getümmel. Er versuchte +nicht zu fliehen.</p> + +<p>„Recht so,“ flüsterte ein Neapolitaner Nino zu. „Nur +stillstehen, daß die Gendarmen keinen Verdacht schöpfen. +Kein Neapolitaner wird euch verraten.“</p> + +<p>Teresa begann plötzlich zu schluchzen.</p> + +<p>„Laß das sein,“ sagte er, „du darfst nicht.“</p> + +<p>Und ihre Tränen versiegten. Sie stand stumm und +still da, so lange Nino es wollte. Er hatte sie ganz in +seiner Gewalt.</p> + +<p>Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann +nach der zu forschen, die ihn verwundet hatte. Nino und +Teresa hörten, wie man Fragen an die Menge stellte. +„Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?“</p> + +<p>Es war eine große Signorina – nein, eine kleine. – +<span class="pagenum"><a name="page_267" id="page_267"></a>267</span>Hier hatte man sie gesehen – nein, hier. Sie hatte den +Weg zur Station genommen – nein, nach Santa Lucia. +Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach +links.</p> + +<p>Nino führte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten +kühn nach Hause. Er verließ sich darauf, daß Leutnant +Ugo sie nicht angeben würde.</p> + +<p>In der Zeitung las er am nächsten Tag auch, daß der +Leutnant erklärt habe, er kenne die Frau nicht, die ihn +verwundet hatte.</p> + +<p>Er war verwundet, aber nicht gefährlich. In der nächsten +Woche kam ein Brief von ihm an Teresa.</p> + +<p>Seit der Reise nach Neapel ließ sie sich in allem von +Nino lenken und leiten. Nun kam sie auch mit dem +Briefe zu ihm.</p> + +<p>„Lies ihn, Nino,“ bat sie.</p> + +<p>Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben.</p> + +<p>„Ist es aus, Nino?“ fragte sie.</p> + +<p>Nino antwortete ja, so angstvoll, als verkünde er ihr +ein Todesurteil.</p> + +<p>„Laß mich hören,“ sagte sie und richtete sich auf. Nino +las ihr vor, daß Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. „All +meine Liebe ist tot,“ schrieb er, „meine arme Liebe ist tot.“</p> + +<p>Sie zuckte verächtlich die Achseln.</p> + +<p>„Die Liebe eines Signor verträgt es wohl nicht, Blut +zu sehen,“ sagte sie.</p> + +<p>„Du, Teresa,“ schrieb Leutnant Ugo, „du warst für +mich des Vaterlandes Stolz, du warst das wiedergeborene +Rom, du warst das starke Weib der Vorzeit. Du warst +die, die die Römer einst zu Helden machen sollte, du +solltest Seelenstärke genug haben, uns hinauszuschicken, +um die Welt zu erobern. Vergib mir, daß ich mich +täuschte. Nun weiß ich, daß die alten Römerinnen tot +sind, die Töchter des neuen Rom senden keinen Mann +hinaus, um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut, +ihn zu hindern, seine Pflicht zu tun.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_268" id="page_268"></a>268</span>Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. „Ich will nicht +mehr hören,“ sagte sie.</p> + +<p>Nino schwieg.</p> + +<p>„Wenn ich es nicht getan hätte, Nino,“ sagte sie, +„wäre er jetzt tot. Ich verstehe nicht, was er meint. Ich +sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen. Da läge er jetzt, +wenn ich nicht gewesen wäre. Wie hätte ich ihn da ziehen +lassen können?“</p> + +<p>„Findest du auch, Nino, daß ich feige bin?“ fragte +sie. „Bin ich entartet? Habe ich keinen Tropfen Römerblut +in meinen Adern?“</p> + +<p>Nino sah zu ihr auf, wie sie da schön und stolz und +trotzig vor ihm stand. Er liebte sie so, wie er sie immer +geliebt hatte, und er sah seine ganze Zukunft vor sich. +Sie würde nie heiraten, er würde sie nie verlassen können, +und sie würden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin, +er als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war, +in der er beinahe Herrscher gewesen war, die kehrte nicht +zurück. Sie würde bald wieder die Zügel der Gewalt an +sich nehmen.</p> + +<p>„Sag mir, Nino,“ fragte sie, „waren die Frauen des +alten Rom wilde Tiere? Gaben sie zu, daß man ihnen +das raubte, was sie liebten?“</p> + +<p>Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue +Italien von dem alten unterschied, aber er schloß die +Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte, er war aufs +neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete, +wie sie es wünschte, in ihren Adern fließe Römerblut, +das edelste Römerblut.</p> + + + + +<p><span class="pagenum"><a name="page_269" id="page_269"></a>269</span></p> +<h2><a name="nr17" id="nr17"></a><a href="#inhalt">Die Rache bleibt nicht aus</a></h2> + + +<p>Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner +einen Seite erhob sich eine Reihe zackiger Küstenberge, +an der andern ein gleichmäßig hoher Kamm, den dichter +Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und +rings um sie her war eine weite, offne Gegend, in der +aller Wald ausgerodet war.</p> + +<p>Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang +lag brennend hinter den Küstenbergen. Leute, +die den ganzen Tag drinnen in den Hütten geschlafen +hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und +spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer +der vier Ecken der Welt her Tanzmusik erschalle. Wem +es glückte, einen einzigen Geigenton aufzufangen, der +machte sich davon über die schmalen, schneeigen Dorfwege +und kam dann wie von ungefähr dahergegangen, +langsam und bedächtig, aber die „Tanzhütte“ als sichres +Ziel im Sinn.</p> + +<p>So kam Gruppe auf Gruppe zur Tür Arilds, des +Köhlers am Waldessaum, hereingeglitten. Da fragte niemand +danach, wer kam; der neue Gast stand ein Weilchen +unten an der Tür und gewöhnte die Augen an den +Rauch, der sich unter dem Rauchfange hervorwälzte und +in das Zimmer qualmte, bis er den Weg zu dem Loch +im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ankömmling +auch ins Spiel. Der Reigentanz ging über den +bloßen Erdboden, das Stroh war weggetreten, die Ferkel +hatte man von der Grube unter das Dachloch geschafft, +wo sie sich am liebsten aufhielten; großer Schwingraum +war nicht vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige, +und der Tanz verlief drinnen im Winterquartier ebensogut, +wie er an einem Sommerabend über den Waldeshang +gegangen wäre.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_270" id="page_270"></a>270</span>Arild hatte eine Frau, die Tora hieß; die pflegte sich +immer in eine dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum +Tanze lud. Sie war menschenscheu und schreckhaft, war +fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand +in dem Rufe, mehr sehen zu können, als andre.</p> + +<p>An diesem Abend war sie ungewöhnlich vergnügt, sie +versteckte sich nicht, sondern saß vorn am Kamin, die +Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig Farbe +in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie +Wasser waren, blickten lebendig, und sie bewegte die +großen Hände, während sie sprach. Wenn die Leute sie +bemerkten, traten sie aus den Reihen der Tanzenden und +kamen heran, um sie zu begrüßen.</p> + +<p>Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie +fest, bis sie das erzählt hatte, was ihr heute morgen +geschehen war. Es bereitete ihr Verlegenheit, es herauszubringen, +aber gleichzeitig war sie doch so stolz darauf, +daß sie es nicht verschweigen konnte.</p> + +<p>Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbeißen, +wenn sie erzählte, was sie gesehen und geträumt +hatte. Nun sollte man sich aber überzeugen, daß ihre +prophetische Gabe etwas wert sei.</p> + +<p>Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr geträumt, +daß ihre drei Ziegen droben im dichten Wald in die +Irre gingen. Sie hatte sie so jämmerlich meckern hören, +daß sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle +Ziegen in ihrer Hürde unten an der Tür, und sie hatte ja +zuerst gedacht, dies sei nur ein gewöhnlicher Traum. +Aber dann war eine Unruhe über sie gekommen: „Nein, +nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,“ hatte sie zu +sich selbst gesagt.</p> + +<p>Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider +gehüllt, hatte das Nebelhorn über die Schulter geworfen +und war in den Wald hinaufgewandert. Sie war vom +Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes +gegangen und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu +<span class="pagenum"><a name="page_271" id="page_271"></a>271</span>verirren. Sie lachte leise, als sie das erzählte. Ob sie +wüßten, was das wäre, im dichten Walde vom Wege abzukommen? +Grundloser Boden, der bei keiner Kälte zufröre, +Gestrüpp, das jeden leeren Raum zwischen den +Stämmen ausfülle, Schneehaufen und Wurzeln und +stechende Dornen und umgestürzte Bäume, so sei es oben +im Wald.</p> + +<p>„Aber dort oben fand ich drei wilde Böcke,“ sagte sie. +„Kommt und seht, was ich dort fand.“ Sie führte +ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu dem +Bette hin, das mauerfest und durch Türen geschützt war. +Sie öffnete die Türe, leuchtete mit einem Kienspan hinein, +und da sah man drinnen drei Männer liegen. Sie +waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren +sie, daß die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre +Wangen warfen, aber ihre Züge waren kühn und schön. +Sie schliefen so fest, daß weder der Tanz, noch Toras +Vorzeigen sie wecken konnte.</p> + +<p>„Das sind meine drei wilden Böcke, die ich im +Dickicht gefunden habe,“ sagte sie. „Es sind drei arme +Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt haben und +dort acht Tage umhergewandert sind. Wäre ich nicht +gekommen, so wären sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe +ich Essen für sie gekocht, und jetzt schlafen sie. Seht, wie +sie schlafen.“</p> + +<p>„Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten ließ, Tora,“ +sagten ihre Gäste.</p> + +<p>„Gott wollte, daß ich nicht allezeit zum Gespött sein +sollte,“ sagte das Weib.</p> + +<p>So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit +herankam, da wurde die Freude unterbrochen. Die Tür +wurde mit Macht aufgestoßen, und ein langer, großer +Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden, +stellte sich mitten in den Raum und erhob die Hand.</p> + +<p>Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den +Tanz in der Sonntagsnacht zu verbieten. Er hatte an +<span class="pagenum"><a name="page_272" id="page_272"></a>272</span>diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren Wänden +gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest müßten +alle Menschen dahingerafft haben, aber nein, hier waren +sie, hier in der Spielhütte waren sie zu finden. Und der +Pfarrer verkündigte Buße und Kirchenstrafe über sie alle.</p> + +<p>Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt +hören. Und er sprach und zertrümmerte ihre Freude und +schreckte sie mit dem furchtbaren künftigen Leben, so daß +sie vermeinten, niemals mehr den Fuß zum Tanze heben +zu können.</p> + +<p>„Tanzet nun, wenn es euch gelüstet,“ sagte der Pfarrer, +„tanzet nun, ihr wißt jetzt, wohin ihr tanzet.“</p> + +<p>Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen +verlegen da und suchten sich tapfer zu halten, sie begannen +aber bald leise zu schluchzen. Ein Dirnlein, das eben noch +am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie und küßte +die Hand des Pfarrers.</p> + +<p>Keiner wagte ihm zu widersprechen, außer Tora. Sie, +der sonst immer bange war, kam breit und ihrer Sache +sicher heran. „Pfarrer,“ sagte sie, „hier haben wir jeden +Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies +ein Haus Gottes. Du sollst hören, wie Gott heute seinen +Segen über mich ergossen hat.“</p> + +<p>„Du Hexe,“ sagte der Pfarrer, „willst du schweigen! +Was an Segen zu dir kommt, das ist des Teufels Segen. +Heute abend rede ich zu Menschen, die sich bekehren und +bessern können. Mit dir rechne ich ein andermal ab.“</p> + +<p>Damit ging der Pfarrer, und in der Hütte herrschte +große Betrübnis. Arild versuchte ein paar Striche auf +der Geige, aber er legte sie gleich wieder fort. Die meisten +von denen, die getanzt hatten, gingen heim.</p> + +<p>Tora saß wieder am Herde, sie warf neue Scheite in +die Glut und schien ebenso froh wie zuvor. Einige, die +sahen, daß sie den Mut nicht verloren hatte, gingen auf +sie zu und begannen, übel vom Pfarrer zu sprechen.</p> + +<p>„Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,“ +<span class="pagenum"><a name="page_273" id="page_273"></a>273</span>sagte ein Bauer. „Früher, als er noch dem Papste zugehörte, +durfte man sogar im Pfarrhof tanzen.“</p> + +<p>„Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, weißt du, Tora,“ +sagte ein andrer.</p> + +<p>„Tut er mir etwas, dann werde ich schon erzählen, +wie er zu seinem Gelde gekommen ist,“ sagte Tora.</p> + +<p>Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erzählte +sie: „Der Pfarrer, Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er +hatte einen Bruder, der ein Großbauer und sehr reich war.</p> + +<p>Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof, +der näher zur Kirche lag, als sein eigner. Und sobald er +in den Hof gekommen war, fing er an, nach dem Gelde +des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden. +Er grub in der Erde und riß die Kellermauer und die +Küchenwand ein, um das Geld zu finden, aber es wollte +sich ihm nicht zeigen.</p> + +<p>Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in +langen Gebeten zu Gott darum flehte. Und Herr Ane +wurde krank und verzweifelt vom Suchen und Nichtfinden.</p> + +<p>In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus, +weil er seinen Kummer nicht verhehlte. ‚Hast du meines +Bruders Geld gesehen?‘ konnte er den ärmsten Bettler +fragen.</p> + +<p>Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein +armes Bettelweib, das von Hof zu Hof zog, eines Abends +in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr Unterkunft +für die Nacht zu gewähren.</p> + +<p>‚Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen +kannst, wo mein Bruder sein Geld verwahrt hat,‘ sagte +Herr Ane zu ihr.</p> + +<p>‚Wenn ich das wüßte, Herr Ane,‘ sagte Mutter, ‚dann +brauchte ich wohl nicht auf der Landstraße umherzuziehen +und mein Brot zu erbetteln.‘</p> + +<p>Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er +möge ihr Obdach gewähren, denn es war nicht gut für +<span class="pagenum"><a name="page_274" id="page_274"></a>274</span>sie, in ihrem hohen Alter draußen unter freiem Himmel +zu liegen.</p> + +<p>Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt hätte, +müsse es sein Bewenden haben, und sie könne kein Obdach +bekommen, wenn sie ihm das Geld nicht verschaffe.</p> + +<p>‚Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach +im Pfarrhof haben bis zu meiner Todesstunde?‘ sagte +Mutter. – ‚Das sollst du,‘ sagte Herr Ane.</p> + +<p>Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was +sie auf sich genommen hatte, Herr Ane möge ihr große +Linnenlaken geben, und in die hüllte sie sich, als wäre sie +eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm +Graberde und streute sie über sich, und dann ließ sie sich +von Herrn Ane die Kirchentür öffnen, und er folgte ihr +in die Kirche und half ihr auf einen Dachbalken.</p> + +<p>Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem +Dache. Aber sie erduldete alles mit fröhlichem Mute, in +der Hoffnung, sich dadurch ein geschütztes Alter zu erringen.</p> + +<p>Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es +hell in der Kirche, und ein paar Steine im Boden hoben +sich, und einer der Toten kam herauf in die Kirche. Es +war ein großer, derber Mann, er ging mehrere Male um +die Kirche herum, da erblickte er meine Mutter. ‚Bist +du tot?‘ sagte er zu ihr. Und sie wagte nicht zu antworten. +Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr +hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme: +‚Ja, ich bin tot.‘ Und da ließ er sie sein.</p> + +<p>Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er +ging nun wieder zu seinem Grabe. Er holte daraus eine +Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und Mutter +sagte, sie hätte gesehen, wie er die Gold- und Silbermünzen +nahm und mit ihnen spielte; er warf sie über sich, +als sitze er im Bade und bespritze sich mit Wasser.</p> + +<p>Aber als er sich satt gespielt hatte, schüttete er das +Geld ins Grab hinunter und stieg in seinen Sarg, und +<span class="pagenum"><a name="page_275" id="page_275"></a>275</span>die Steine legten sich von selbst wieder auf ihren Platz +zurecht.</p> + +<p>Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken hängen, +und dann kam der Pfarrer, Herr Ane, und fragte, +ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war frisch +und gesund. ‚Dann komm und iß einen Bissen,‘ sagte der +Pfarrer. ‚Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen +für meine alten Tage,‘ sagte Mutter.</p> + +<p>Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann +ließ sie den Boden über seines Bruders Grab aufbrechen +und den Sarg herausheben. Und als sie dies taten, war +nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte: +‚Seht nun nach, was noch in dem Grabe liegt,‘ da begann +der Tote sich in seinem Sarge hin und her zu wälzen. +Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich mit der +Arbeit zu sputen.</p> + +<p>Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie +hörte, wie der Tote drinnen arbeitete. Und sie holten +aus dem Grabe eine große Tonne voll Gold- und Silbergeld. +Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder +unten im Grabe hatten und der Kirchenboden über ihm +geschlossen war.</p> + +<p>‚Gib mir zu essen,‘ sagte meine Mutter dann zum +Pfarrer, ‚ich habe jetzt ein tüchtiges Stück Arbeit für dich +getan.‘</p> + +<p>Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben +Tage bei sich, dann hieß er sie wieder gehen.</p> + +<p>Als Mutter so von neuem auf die Straße geworfen +war, verfluchte sie ihn und sagte: ‚Das Geld, das ich dir +verschafft habe, soll dein Unglück werden.‘</p> + +<p>Und Mutter erzählte, der Pfarrer hätte ihr gesagt, er +fürchte sich vor nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben +könne.</p> + +<p>‚Die Rache bleibt nicht aus,‘ sagte Mutter. Das war +Mutters Sprichwort, daß die Rache nicht ausbleibe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_276" id="page_276"></a>276</span>Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,“ fuhr +Tora fort, „und nun heißt er ihre Tochter eine Hexe. +Er hätte die große Kiste neben seinem Bett nicht so +vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen +wäre,“ fuhr Tora fort und richtete sich auf. „Er +könnte nicht dasitzen und Geld über sich werfen und +wälzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der +Tote, wenn meine Mutter ihm nicht geholfen hätte.“</p> + +<p>Als Tora dies sagte, hörte man ein leises Scharren. +Es war nicht ganz nahe, aber auch nicht weit weg. Niemand +wußte, was es sein könnte. Es war, als versuche +jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen.</p> + +<p>„Wer schleift Messer in meinem Hause?“ rief Tora +plötzlich.</p> + +<p>Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespräch +wieder in Fluß gekommen war, begann es aufs neue zu +knirschen und zu scharren.</p> + +<p>Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und +sah hinein. Da lagen die drei Wanderer ausgestreckt und +schliefen, wie sie den ganzen Abend geschlafen hatten.</p> + +<p>Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das +Unwesen abermals. Jeder hörte deutlich, wie Messer +gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen wurden. +„Gott helfe uns, das ist ein Omen,“ sagte Tora. „Möge +uns nichts Böses widerfahren, weil wir Übles vom Pfarrer +gesprochen haben!“</p> + +<p>Aber am nächsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane, +ermordet in seinem Bett, und sein großer Geldschrein war +verschwunden. Und es wurde allsogleich bekannt, daß +die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem Köhler +gelegen und ihre Müdigkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber +des Mordes waren.</p> + +<p>Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erzählen +hören, während sie dalagen und taten, als schliefen sie. +Und sie hatten sofort den Mord geplant und sich daran +gemacht, ihre Messer zu schleifen.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_277" id="page_277"></a>277</span>Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes +wie ein Wahrspruch durch die Umgegend. „Die +Rache bleibt nicht aus,“ sagt man. „Gott kann mit einer +Sage fällen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die +Rache bleibt nicht aus.“</p> + + + + +<h2><a name="nr18" id="nr18"></a><a href="#inhalt">Die Geisterhand</a></h2> + + +<p>Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte +an der Glocke des Doktors. Das erste Läuten hatte +keinen Erfolg, aber als das zweite und dritte Läuten verrieten, +daß es unerschütterlicher Ernst war, kam Doktors +Karin durch die Küchentür, um zu sehen, was es gebe. +Und als Karin eine Weile unterhandelt hatte, mußte sie +sich darein finden, den Doktor zu wecken. Sie klopfte an +die Schlafzimmertür.</p> + +<p>„Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor. +Der Herr Doktor muß hin.“</p> + +<p>„Ist sie krank?“ ertönte es von drinnen.</p> + +<p>„Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, daß +sie etwas ‚gesehen‘ hat.“</p> + +<p>„Ja, ich lasse grüßen und komme.“</p> + +<p>Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das +Mägdegeschwätz über seine Braut zu hören.</p> + +<p>Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben, +dachte er, während er sich ankleidete. Nun liegt doch +das Haus mitten in der Stadt, nicht das geringste Romantische +daran. Ein ganz gewöhnliches, häßliches, altes +Haus, eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber +der Geisterspuk nistet sich dort fest.</p> + +<p>Wenn es noch in einem finstern Gäßchen läge oder ein +wenig außerhalb der Stadt in irgendeinem verwilderten +Garten, wo unheimliche alte Bäume die Fensterscheiben +peitschten in solch einer stürmischen Winternacht! Aber +es hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und +die Zuckerfabrik ganz in der Nähe! Sollte man nicht +<span class="pagenum"><a name="page_278" id="page_278"></a>278</span>glauben, daß die Zuckerfabrik mit allem ihrem Rasseln +und Kochen und den großen glühenden Dampfkesseln +es dem Gespenst unbehaglich machen müßte? Aber nein – +durchaus nicht.</p> + +<p>Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung +verdienen. Es hatte Energie, unglaubliche Energie und +die Fähigkeit, sich im Bewußtsein der Leute zu erhalten. +Man gab wohl zu, daß es sich jetzt etwa zwanzig Jahre +nicht hatte sehen lassen, seit die Fräulein Burmann in +die Geisterzimmer gezogen waren. Aber hatte jemand es +vergessen? Das zeigte sich ja jetzt: bloß weil Ellen ganz +plötzlich krank geworden war, mußte es gleich heißen, +sie hätte etwas gesehen.</p> + +<p>Daß sie sich vor etwas erschreckt hätte, ja, das war +wohl nicht unmöglich. Sie war wie prädestiniert, Gespenster +zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben mit den zwei +nervösen, alten Tanten verbracht hatte. Und daß es ein +Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer gehört und +geglaubt. Von Kindheit auf war ihre Phantasie durch +das alles aufgereizt.</p> + +<p>Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten +gewesen war, hatte sie ihm gleichsam triumphierend gesagt: +„Hier ist das Geisterzimmer,“ in einem Ton, als +zeige sie eine Familienkostbarkeit.</p> + +<p>„Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem +Zimmer Karten zu spielen.“</p> + +<p>„Ach, warum nicht?“</p> + +<p>„Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler +macht, den allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine +Hand und legt sich neben ihm auf den Spieltisch.“</p> + +<p>„Was für eine Hand?“</p> + +<p>„Eine alte, häßliche Hand mit schweren Diamantringen +auf den krummen Fingern und mit echten Spitzen ums +Handgelenk.“</p> + +<p>„Nun und dann?“</p> + +<p>„Ja, man sieht nichts als die Hand.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_279" id="page_279"></a>279</span>„Aber woher kommt das?“</p> + +<p>„Das weiß niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.“</p> + +<p>Sie hatte das sehr keck erzählt; aber wer konnte wissen, +wer konnte wissen? Sie glaubte wohl an den Spuk.</p> + +<p>„So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die +Tischkante heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt. +Hu, und dann weist sie mit einem großen, gekrümmten +Finger auf eine der Karten! Sie hat Nägel wie Klauen, +gekrümmt und spitzig.“</p> + +<p>Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl +nicht. Sie hatte ja gerade das Gespensterzimmer zu ihrem +Zimmer erwählt …</p> + +<p>Der Doktor jagte an der großen Zuckerfabrik vorüber, +wo die Arbeit die ganze Nacht fortging, und gelangte über +die hohe Steintreppe in das Haus.</p> + +<p>Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken. +Im Stiegenhaus stand eine lange Gestalt, ganz in einen +schwarzen Schal eingerollt. Tante Malin war selbst heruntergekommen, +um ihm die Stiege hinaufzuleuchten.</p> + +<p>„Wie geht es Ellen?“ fragte der Doktor.</p> + +<p>„Wie gut von dir, daß du so rasch gekommen bist,“ +sagte Tante Malin. „Ich weiß nicht, was sie hat. Du +mußt kommen und selbst sehen.“</p> + +<p>Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war. +Der Doktor bekam erst jetzt den lebendigen Eindruck, daß +wirklich Gefahr im Verzuge wäre.</p> + +<p>Ärgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen +sollte, mit dem kleinen Mädchen dort oben, das er sich +zur Frau gewählt hatte! Er hatte in seinem ganzen Leben +keine gesehen, die ihm besser gepaßt hätte. Recht schön, +und keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten, +und natürlich streng erzogen, ans Heim gewöhnt, tüchtig +im Häuslichen, friedfertig.</p> + +<p>Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante +Malin wieder an ihn.</p> + +<p>„Wir erwachten mitten in der Nacht davon, daß sie +<span class="pagenum"><a name="page_280" id="page_280"></a>280</span>so furchtbar schrie, und wir haben sie seitdem nicht beruhigen +können. Wir wußten uns keinen andern Rat, +als dich holen zu lassen.“</p> + +<p>Sie öffnete die Tür zu Ellens Zimmer, steckte den +Kopf hinein und sagte, daß er gekommen sei. Gleich +darauf wurde er eingelassen.</p> + +<p>Drinnen war es so hell, daß er im ersten Augenblick +kaum etwas sehen konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht, +was es in der Wohnung an Lampen und Leuchtern +gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar, +daß dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal +gewesen war.</p> + +<p>Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und +gerade da hatte die Gespensterhand sich gezeigt. Das +mußte einen Schrecken und einen Aufstand gegeben +haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um +zu wissen, wie sie ausgesehen haben mochten.</p> + +<p>Sie saß mitten im Zimmer in einem großen Lehnstuhl, +sie hielt sich ganz aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden +Blicken um, war bleich, von einer richtigen Totenfarbe, +ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie bebte.</p> + +<p>Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer gerückt. Es +war einer mit freien Füßen. Kein Möbel stand in der +Nähe, nichts konnte darunter verborgen liegen und plötzlich +hervorkriechen.</p> + +<p>Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt +jetzt die Augen fest, ganz fest auf den Schatten des +Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke des Kachelofens +streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht, +daß er ihr irgendeinen häßlichen Streich spielen wolle. +Sie zog die Röcke an sich, wie um bereit zu sein, zu +fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und sich als +etwas entpuppte, vielleicht als eine große Hand mit +Fingern und Klauen. Der Doktor rückte also in aller +Eile eine Lampe hinüber, so daß ihr Licht in die Ecke +fiel. Sie sank wieder in den Stuhl.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_281" id="page_281"></a>281</span>Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport +ab wie Tante Malin.</p> + +<p>„Wir erwachten davon, daß sie schrie, als wäre sie +wahnsinnig geworden, und so ist sie dann die ganze Zeit +gewesen. Sie will nur Licht haben, immer mehr Licht. +Was, glaubst du, kann das sein?“</p> + +<p>„Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken,“ flüsterte +der Doktor.</p> + +<p>So, nun waren ihre Blicke bemüht, sich hinter eine +Gardine einzubohren. Er ging einmal ums Zimmer. Es +konnte ja möglich sein, daß er entdeckte, was sie erschreckt +hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes Briefpapier. +Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die +Feder war ihr aus der Hand gefallen und übers Papier +gerollt. Ein Billett, das er ihr spät abends geschickt hatte, +um zu fragen, ob sie und die Tanten am nächsten Tag +einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben.</p> + +<p>Es war offenbar, daß sie sich an den Schreibtisch gesetzt +hatte, um ihm zu antworten. Sie hatte eben „Mein +gel …“ geschrieben. Dann war sie erschrocken und hatte +die Feder fallen lassen.</p> + +<p>Der Doktor fühlte, wie die Blicke der Tanten ihm +folgten. Sie wunderten sich wohl, daß er kein Wort zu +Ellen sagte. Das erste, was er tun mußte, war, alle +aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als +auch Tante Berta und das Hausmädchen, damit sie den +Schrecken nicht in ihr wach erhielten.</p> + +<p>„Ich glaube, sie wird mir schon alles erzählen, wenn +ich allein mit ihr sprechen kann,“ sagte er und hatte rasch +das Zimmer ausgeräumt.</p> + +<p>Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie.</p> + +<p>Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann! +Er hätte Ellen kaum wiedererkannt. Ruhe, friedvolle +Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens. Er war +davon bezaubert worden, daß er sie immer gleich ruhig +<span class="pagenum"><a name="page_282" id="page_282"></a>282</span>fand: eine förmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten +zu behandeln. Sie sah kaum von der Stickerei auf, wie +sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal gleichsam +eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam, +vermeinte er eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im +Lampenscheine am Arbeitstisch sitzen zu sehen. Er hatte +ein deutliches Bild des feinen Nackens und der kleinen +Hände empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie +geschmückt. Darauf hatte er um sie angehalten.</p> + +<p>Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte +Wildheit. Gerade, was er nicht wollte. Eine hysterische +Frau! Ah, Gott behüte, Gott behüte!</p> + +<p>„Sag, Ellen, was hast du?“</p> + +<p>Sie antwortete nicht.</p> + +<p>„Mir mußt du es sagen, verstehst du?“ sagte er ein +bißchen streng.</p> + +<p>Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein +Schimmer von Hoffnung in ihnen auf.</p> + +<p>„Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.“</p> + +<p>Es war schade um ihre schönen, hellen Augen. Sie +hatten auf dem, mit dem sie gesprochen hatte, immer +mit einem Schimmer geruht, so still wie der der Sonne. +Sie waren vielleicht glänzender jetzt. Aber das war ein +Glanz, nach dem er eigentlich gar nicht fragte.</p> + +<p>Sie kämpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den +Unterkiefer nicht still halten. Sie stopfte ein Taschentuch +zwischen die Zähne, damit man nicht hörte, wie sie aufeinanderschlugen.</p> + +<p>Endlich hörte er sie ein paar Worte sagen. Sie saß +da und schlug mit der einen Hand auf die andre und +dachte laut. „Ich muß es ihm sagen. Ich muß, ich muß. +Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.“</p> + +<p>Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich +herabgestimmt dabei. Es glich am ehesten der Stimmung, +die über einen kommt, wenn man im Frack in +einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen. +<span class="pagenum"><a name="page_283" id="page_283"></a>283</span>Man fühlt, wie man seine ganze Größe und +Würde einbüßt.</p> + +<p>Sie gestand mit einem Male, daß sie ihn nicht lieb +hätte. Sie hätte ihn gern heiraten wollen, aber bloß +um von daheim wegzukommen.</p> + +<p>Hätte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er hätte +darüber lachen können, wie dieses Kind sich nach einem +Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten besten. Sie war +so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten +wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und +wußten selbst nicht, wie sie sie quälten.</p> + +<p>Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte +gleichsam, er möchte sie doch verstehen und für sie fühlen. +Er wußte ja, wie die Tanten waren, er hatte sie ja viele +Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so eigen, so +voll fixer Ideen und Beängstigungen. Tante Malin erwartete +immer eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte +immer, daß sie auf der Straße überfahren werden würde. +Er wußte, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen, weiter +bei ihnen bliebe, würde sie ebenso wunderlich werden.</p> + +<p>Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und +sie hatte die Tanten gebeten, fortgehen und arbeiten zu +dürfen. Das hatten die natürlich nicht erlauben wollen. +Da könnte er doch begreifen, daß ihr nichts andres übrig +geblieben wäre, als zu heiraten.</p> + +<p>Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob +sie bei einer Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich +nichts machte, nicht gefürchtet hätte, ein noch ärgeres +Leben führen zu müssen, als hier bei den Tanten.</p> + +<p>Ach nein, ärger könnte es wohl nie sein. Ein Mann +wäre wenigstens manchmal fort. Die Tanten wären den +ganzen Tag zu Hause.</p> + +<p>Nun, da sie schon so offenherzig wäre – ob es ihr +nie in den Sinn gekommen wäre, ihn lieb zu haben? Sie +schüttelte den Kopf; das war etwas, was ganz außerhalb +des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu häßlich +<span class="pagenum"><a name="page_284" id="page_284"></a>284</span>wäre? Nein; sie schlug beteuernd die Augen auf. Ob +er langweilig wäre? Sie machte eine abwehrende Handbewegung. +Was für ein Fehler also an ihm wäre? Er +sei zu kalt. Ja so, er war zu kalt.</p> + +<p>Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer. +Das war doch unglaublich, daß ein solches Kind da herumgegangen +war und etwas Derartiges zusammengebraut +hatte. Hatte sich von ihm küssen lassen, ohne eine Spur +von Neigung für ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre +Rolle gar nicht schlecht gespielt. Er war der Betrogne +gewesen. Und daß er so unsympathisch sein sollte, daß +ein junges Mädchen gar nicht daran denken könnte, ihm +gut zu sein …!</p> + +<p>Aber natürlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes +Leben geführt. Er konnte schon begreifen, daß ihr viel +daran gelegen hatte, sich zu verheiraten. Das war ihr +wohl wie eine Erlösung fürs ganze Leben gewesen. Sie +legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu +zeigen. Es fiel ihr gar nicht ein, daß sie ihn verletzte. Sie +mußte wohl glauben, daß er gepanzert sei, ganz eisenhart.</p> + +<p>Ihre Stimme erhob sich plötzlich zu einem Schrei. „Du +weißt ja,“ sagte sie, „daß alle, die falsch spielen, in +diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich habe sie gesehen. +Ich saß dort, dort.“ Und sie wendete sich heftig +zum Schreibtisch. „Dort hab' ich sie gesehen.“</p> + +<p>„Glaubst du nicht, daß ich sie gesehen habe?“ fuhr sie +fort und bohrte ihre Augen in ihn, als wolle sie die +Wahrheit hervorzwingen.</p> + +<p>„Laß mich hören, wie es war,“ sagte er beruhigend.</p> + +<p>„Ja, du weißt doch, daß du mir am Abend geschrieben +hattest, und ich wollte die Antwort schreiben, bevor ich +mich niederlegte. Aber als ich mich an den Schreibtisch +setzte, wurde ich unruhig und saß lange da und dachte, +denn ich wußte nicht, wie ich die Überschrift schreiben +sollte. Ich mußte ja ‚geliebter‘ schreiben, aber das kam +mir nicht recht vor. Es war das erstemal, daß ich an +<span class="pagenum"><a name="page_285" id="page_285"></a>285</span>dich schrieb. Ich fand, daß es schrecklich war, etwas zu +schreiben, was nicht wahr war – aber schließlich schien +es mir, daß ich nicht weniger schreiben könnte.“</p> + +<p>„Ist ein so großer Unterschied zwischen dem, was man +schreibt, und dem, was man sagt?“</p> + +<p>„Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur +ob ich deine Frau werden wollte –“</p> + +<p>„Ah so!“</p> + +<p>„Aber da, in demselben Augenblick, in demselben +Augenblick, als ich begonnen hatte, das Wort zu schreiben, +war die Hand da. Sie kam über die Tischkante +heraufgeglitten, und ich glaube, ich saß da und starrte +sie ein paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war. +Ich schrie nicht gleich. Ich konnte gleichsam nicht verstehen, +daß es etwas Übernatürliches war. Aber da legte +sie sich über das Papier und zeigte mit den gekrümmten +Fingern auf das Wort da.</p> + +<p>Ich glaube, sie war froh, sie zitterte förmlich vor +Freude. Es war, als wolle sie die Buchstaben an sich +scharren – es war falsches Spiel. Da wollte sie mit +dabei sein.</p> + +<p>Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine +große Spinne. Gerade als hätte sie Eile. Es war so +lange her, seit sie Anlaß gehabt hatte, hervorzukommen. +Nun mußte sie sich sputen. Sie griff förmlich nach der +Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja +falsches Spiel. Da wollte sie mit dabei sein.</p> + +<p>Ich schrie auf, als wäre es eine Schlange, und da +verschwand sie, aber ich weiß nicht, ob sie nicht noch hier +ist. Ich glaube, ich fühle, daß sie sich noch im Zimmer +befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich +war nahe daran, zu sterben.“</p> + +<p>„Nein, sie darf nicht wiederkommen,“ sagte er tröstend.</p> + +<p>„Ich weiß, daß ich eins tun muß,“ sagte sie, „ich muß +es tun, damit sie nicht wiederkommt. Aber es ist so +furchtbar hart.“</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="page_286" id="page_286"></a>286</span>Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre +kalte, zitternde Hand in die des Doktors und ließ den +Ring zurück. Dann weinte sie in der Bitterkeit der Entsagung.</p> + +<p>Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander +und ließ den Ring dazwischen hin und her +gleiten.</p> + +<p>Es wäre nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu +werden wie mit dem andern, meinte er. Die Hand hatte +gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein wenig Rache +verschafft. Er fühlte Sympathie für sie.</p> + +<p>Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, daß das +Gewissen in der einen oder andern Weise über sie kommt, +wie sehr sie auch versuchen, es zu betrügen. Es hat seine +eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine +Braut alles aufs beste ausgeklügelt, um ein gutes Heim +zu bekommen. Bloß ein bißchen Heuchelei brauchte sie +sich aufzuerlegen, und alles Glück der Welt war ihr eigen. +Und da kommt das Gewissen ganz still heran und gräbt +seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich +alle Klugheit, alle Berechnung in einem Augenblick in +die Luft.</p> + +<p>Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, daß sie so ein +ganzes Leben würde weiterlügen können. Hatte wohl gesehen, +wie es andern geglückt war. Aber da stellt es sich +heraus, daß sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt +ein Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen +anzugehören. Wenn man es am wenigsten +erwartet, ist die Gewissenshalluzination da.</p> + +<p>Natürlich nimmt sie dann die Form an, die am nächsten +zur Hand liegt. Es war ja sonnenklar, daß das Gewissen +in diesem Zimmer zu einer Geisterhand werden +mußte.</p> + +<p>Er saß noch immer da und spielte mit dem Ring und +ließ ihn von einem Finger zum andern gleiten. Er fühlte +etwas andres als Zorn darüber, daß er sie nicht hatte +<span class="pagenum"><a name="page_287" id="page_287"></a>287</span>gewinnen können. Er war beinahe betrübt. Sie fing jetzt +wohl an, sich seiner zu erinnern, zu denken, daß ihm +ein Unrecht widerfahren sei, denn sie beugte sich hinab +und küßte seine Hand. „Verzeih mir,“ sagte sie.</p> + +<p>Es war merkwürdig, wie weich sie war. Wenn sie +sich darüber klar geworden war, daß sie ein Unrecht getan +hatte, wußte sie gar nicht, was sie alles anfangen +sollte, um es zu sühnen. Es hatte wirklich keinen Zweck, +sie länger zu quälen. Er brauchte ja nur gerade heraus +zu sprechen, zu sagen, daß er nicht viel besser gewesen war +als sie. Räsonnement auf beiden Seiten. Die eine hatte +ein Heim, der andre eine Haushälterin gesucht. Es würde +sie beruhigen, das zu hören.</p> + +<p>Er wollte ihr sagen, daß es keine so bittre Enttäuschung +für ihn hatte werden können. Er war nicht so furchtbar +verliebt gewesen, auch er nicht.</p> + +<p>Ja gewiß, er hatte ja keinen Anlaß, die Qual länger +hinauszuziehen. Das beste war, ein Ende zu machen. +Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen unverlobt +zu erwachen.</p> + +<p>Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Tränen +in die Augen. Es tat ihm doch weh, sie zu verlieren. Und +nun war es das, was er ihr sagte.</p> + +<p>Er begann damit, ihr unzusammenhängende Dinge zu +sagen, daß sie ein Gewissensmensch sei, daß sie der feineren +Rasse von Nervenmenschen angehöre, die gerade +jetzt angefangen hätten, hier und dort aufzutauchen. Sie +sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen, +was ihr in dieser Nacht widerfahren sei, fiele es ihm +schwer, auf sie zu verzichten.</p> + +<p>Sie sei frei, ja, natürlich, aber wenn sie einmal könne +und wolle – –</p> + +<p>Er sah sie erstaunt an. Quälte sie das nicht? Nein, +jetzt erst verschwand die Starrheit aus ihren Zügen, und +die Augen wurden ruhig. Sie saß mit halbgeöffnetem +Munde und lauschte –</p> + +<p>Er sprach davon, wie er das Leben für sie hätte ordnen +wollen, sprach davon, wie er sich nach ihr gesehnt hätte. +Er sprach ganz anders davon, als er vor einer halben +Stunde gesprochen hätte. Aber er sah es auch ganz anders, +jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel schöner, +als er es sich zugetraut hätte. Das Zusammenleben mit +einem weichen, liebenswerten Wesen, ja, gerade das Zusammenleben +mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold +für seine Phantasie aus, und er sagte es ihr.</p> + +<p>Als er näher trat und ihr die Hand zum Abschied +reichte, kamen ihm noch einmal die Tränen in die Augen. +Sie war so schön, gerade jetzt, die Farbe entzündete sich +wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerblühte +Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer +Todesgefahr entronnen ist.</p> + +<p>Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und +zog seine Schlüsse so rasch wie nie zuvor.</p> + +<p>Sie verstand sich natürlich selbst nicht, nicht im geringsten. +Ah! Er schöpfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit +war fort. Ein jubelndes Siegesgefühl durchblitzte +ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er +sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht, +daß er zeigte, daß er sie lieb hatte.</p> + +<p>Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig +wieder auf den Ringfinger. „Keine Torheiten,“ sagte +er, als sie die Hand wegziehen wollte.</p> + +<p>„Aber,“ sagte sie. „Ich weiß nicht, ich wage nicht –“</p> + +<p>„Ich wage es, ich,“ sagte der Doktor, „ich war nie +so, daß ich vor dem Glück davongelaufen bin.“</p> + +<p>Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen Überrock +und kam wieder herein, um seine Zigarre anzuzünden.</p> + +<p>„Arme Kleine,“ sagte er, während er ein paar Züge +machte. „Bist jetzt wie gebunden und gefesselt, mich +zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch die Hand +dort und preßt dir das Leben aus.“</p> + +<hr style="width: 50%; margin-bottom: 0em" /> + +<p class="center small">Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 2,525.</p> + +<div class="ppnote"> +<p>Anmerkungen zur Transkription:</p> + +<p><a href="#page_9">Seite 9</a>: „bei Halvorson einzukaufen“ wurde geändert in „bei Halfvorson einzukaufen“<br /> +<a href="#page_18">Seite 18</a>: „„Laß ihn heulen!“ sagte Halvorson“ wurde geändert in „„Laß ihn heulen!“ sagte Halfvorson“<br /> +<a href="#page_18">Seite 18</a>: „Halvorson holt die Polizei“ wurde geändert in „Halfvorson holt die Polizei“<br /> +<a href="#page_19">Seite 19</a>: „durch das Halvorson“ wurde geändert in „durch das Halfvorson“<br /> +<a href="#page_21">Seite 21</a>: nach „so ist es gemeint..“ wurde ein Punkt ergänzt<br /> +<a href="#page_31">Seite 31</a>: „Aber als am Nachmittag alle Mäner“ wurde geändert in „Aber als am Nachmittag alle Männer“<br /> +<a href="#page_32">Seite 32</a>: „Die vier Mäner“ wurde geändert in „Die vier Männer“<br /> +<a href="#page_33">Seite 33</a>: „in Frieden und Ordnun“ wurde geändert in „in Frieden und Ordnung“<br /> +<a href="#page_61">Seite 61</a>: „von dem lichten Abendhimmel“ wurde geändert in „vor dem lichten Abendhimmel“<br /> +<a href="#page_103">Seite 103</a>: „Gegend Abend“ wurde geändert in „Gegen Abend“<br /> +<a href="#page_147">Seite 147</a>: „glichen den aller andern“ wurde geändert in „glichen denen aller andern“<br /> +<a href="#page_214">Seite 214</a>: vor „ob es sehr häßlich war“ wurde ein Komma ergänzt</p> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE *** + +***** This file should be named 33041-h.htm or 33041-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/3/0/4/33041/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/33041-h/images/signet.png b/33041-h/images/signet.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..88bebe1 --- /dev/null +++ b/33041-h/images/signet.png diff --git a/33041-h/images/thoughtbreak.png b/33041-h/images/thoughtbreak.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..6fc2260 --- /dev/null +++ b/33041-h/images/thoughtbreak.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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