summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/33041-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '33041-8.txt')
-rw-r--r--33041-8.txt9759
1 files changed, 9759 insertions, 0 deletions
diff --git a/33041-8.txt b/33041-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..4d72a3f
--- /dev/null
+++ b/33041-8.txt
@@ -0,0 +1,9759 @@
+The Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Unsichtbare Bande
+ Erzählungen
+
+Author: Selma Lagerlöf
+
+Translator: Marie Franzos
+
+Release Date: July 1, 2010 [EBook #33041]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+Passagen, die im Original nicht in Fraktur gedruckt waren, sind hier
+mit »+« gekennzeichnet. Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt
+waren, sind hier mit »_« gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich
+am Ende des Textes.
+
+
+
+ Unsichtbare Bande
+
+ Erzählungen
+ von
+ Selma Lagerlöf
+
+
+ Deutsch von Marie Franzos
+
+
+ [Illustration: Verlags-Signet]
+
+
+ Leipzig / Hesse & Becker Verlag
+
+
+
+
+ Inhalt
+
+ Seite
+
+ Peter Nord und Frau Fastenzeit 7
+ Die Legende vom Vogelnest 57
+ Das Hünengrab 67
+ Die Vogelfreien 90
+ Reors Geschichte 114
+ Waldemar Attertag brandschatzt Visby 120
+ Mamsell Friederike 126
+ Der Roman einer Fischersfrau 136
+ Mutters Bild 147
+ Ein gefallener König 154
+ Ein Weihnachtsgast 179
+ Onkel Ruben 189
+ Das Flaumvögelchen 199
+ Unter den Kletterrosen 234
+ Die Grabschrift 239
+ Römerblut 251
+ Die Rache bleibt nicht aus 269
+ Die Geisterhand 277
+
+
+
+
+Peter Nord und Frau Fastenzeit
+
+I
+
+
+So traulich wie ein Heim steht das kleine Städtchen vor mir. Es ist so
+klein, daß ich alle seine Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde
+gut Freund werden und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer über die
+Straße ging, wußte, bei welchem Fenster er den Blick aufschlagen mußte, um
+ein schönes Gesicht hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den
+Stadtpark wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mußte, um die Person
+zu treffen, die er treffen wollte.
+
+Auf die schönen Rosen im Nachbargarten war man fast ebenso stolz, als wenn
+sie im eignen gestanden hätten. Geschah etwas, was kleinlich oder
+gewöhnlich war, so schämte man sich, als wäre es in der eignen Familie
+passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder
+einer Marktschlägerei, brüstete man sich und sagte: »Seht nur, welches
+Gemeinwesen! Geschehen solche Dinge anderswo? Welche wunderbare Stadt!«
+
+Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich nichts. Komme ich
+wieder einmal hin, so werde ich dieselben Häuser und Kaufläden
+wiederfinden, die ich von altersher kenne, dieselben Gruben im
+Steinpflaster werden mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken,
+dieselben rundgeschnittenen Fliedersträucher meinen bewundernden Blick
+fesseln. Wieder werde ich sehen, wie der alte Ratsherr, der die ganze Stadt
+regiert, mit elefantenschweren Schritten die Straße hinabgewandert kommt.
+Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefühl der Sicherheit hat man nicht,
+wenn man dich so wandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in
+seinem Garten umhergehen und graben, während seine wasserklaren Augen
+suchend starren, als wollten sie sagen: »Alles, alles haben wir
+durchforscht, jetzt Erde, wollen wir uns bis in dein Innerstes bohren.«
+
+Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine runde Peter Nord. Ihr
+wißt doch, der kleine Wermländer, der in Halfvorsons Kramladen stand, er,
+der die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen
+weißen Mäusen unterhielt. Von ihm ist eine ganze Geschichte zu erzählen.
+Über alles und alle in der Stadt gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so
+wunderliche Dinge.
+
+Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er war klein und rund, er
+war braunäugig und hatte ein lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als
+Birkenlaub im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein Wermländer
+war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, daß er aus einem andern Lande
+komme. Mit prächtigen Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat
+ausgerüstet. Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den Fingern, flink
+mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu ein Narr, gutmütig und hoch hinaus,
+gefällig und streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, er war
+nicht imstande, einem Bürgermeister größre Ehrfurcht zu zeigen, als einem
+Bettler. Aber Herz hatte er, verliebt war er jeden zweiten Tag, und die
+ganze Stadt zog er ins Vertrauen.
+
+Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glücklich veranlagte Kind in
+irgendeiner übernatürlichen Weise. Die Kunden wurden bedient, während er
+die weißen Mäuse fütterte. Geld wurde gewechselt und gezählt, während er
+seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. Und indes er den
+Kunden von seiner allerletzten Verliebtheit erzählte, ließ er das Litermaß
+nicht aus den Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte.
+Und es machte den bewundernden Zuhörern Spaß, zu sehen, wie er plötzlich
+über den Ladentisch sprang und auf die Straße stürzte, wo er mit einem
+vorbeigehenden Gassenjungen einen Strauß ausfocht, um dann mit ruhiger
+Stirn in den Laden zurückzukehren und den Knoten an einem Paket zu knüpfen
+oder ein Stück Stoff fertig zu messen.
+
+War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen Stadt wurde? Wir
+fühlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord
+hingekommen war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter Nord
+ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Käfig mit den weißen Mäusen zeigte.
+Es war sehr spannend und aufregend, die Mäuse zu zeigen, denn Halfvorson
+hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten.
+
+Da aber kamen mitten in dem heller werdenden Februar ein paar trübe Tage
+mit nebligem Tauwetter. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er
+ließ die weißen Mäuse ihren Drahtkäfig benagen, ohne sie zu füttern. Er
+versah seine Obliegenheiten tadellos. Er balgte sich nicht mit den
+Gassenjungen. Konnte Peter Nord es vielleicht nicht vertragen, daß das
+Wetter umgeschlagen hatte?
+
+Ach nein, die Sache war die, daß er einen Fünfzigkronenschein oben auf
+einem der Wandbretter gefunden hatte. Er hatte geglaubt, daß er mit einem
+Stoffballen hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte er ihn
+unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, der damals unmodern war und
+nie von den Wandbrettern heruntergenommen wurde.
+
+Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbändigen Groll gegen Halfvorson,
+der ihm eine ganze Mäusefamilie totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich
+rächen. Noch sah er die weiße Mutter mitten unter ihren hilflosen Jungen
+vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch gemacht zu fliehen, sondern war
+in unerschütterlichem Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte
+den herzlosen Mörder aus roten brennenden Augen angestarrt. Verdiente
+dieser nicht auch eine angstvolle Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er
+totenbleich aus dem Kontor stürzte und nach dem Fünfzigkronenschein suchte.
+Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren Augen sehen, die er in den
+granatroten der weißen Maus erblickt hatte. Der Krämer sollte nur suchen,
+er sollte den ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote
+finden ließ.
+
+Aber der Fünfzigkronenschein blieb den ganzen Tag in seinem Versteck
+liegen, ohne daß jemand danach fragte. Er war ganz neu, bunt und leuchtend
+und hatte die Zahl Fünfzig groß in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im
+Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte zu dem
+Kattunballen hinauf. Dann zog er den Fünfzigkronenschein hervor, entfaltete
+ihn und bewunderte seine Schönheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte er
+Angst bekommen, daß dem Fünfzigkronenschein etwas zugestoßen sei. Dann tat
+er, als suchte er etwas auf dem Wandbrett und tastete unter dem
+Kattunballen herum, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern rascheln
+fühlte.
+
+Dieser Schein hatte mit einem Male eine übernatürliche Gewalt über ihn
+erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges darin war? Die von breiten Ringen
+umgebenen Zahlen waren wie saugende Augen. Der Knabe küßte sie alle und
+flüsterte. »Solche wie du möchte ich viele haben, furchtbar viele.«
+
+Er begann sich allerlei Gedanken über den Schein zu machen, und darüber,
+daß Halfvorson nicht danach fragte. Vielleicht gehörte er gar nicht
+Halfvorson? Vielleicht lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er
+überhaupt keinen Besitzer mehr?
+
+Gedanken sind ansteckend. -- Beim Abendbrot hatte Halfvorson angefangen,
+von Geld und Geldmenschen zu sprechen. Er erzählte Peter Nord von allen den
+armen Jungen, die Reichtümer gesammelt hatten. Er begann mit Whittington
+und schloß mit Astor und Jay Gould. Halfvorson kannte ihre ganze
+Geschichte, er wußte, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und
+gewagt hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. Er
+durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er begleitete sie bei ihren
+Erfolgen, er jubelte bei ihrem Sieg. Peter Nord hörte ganz gespannt zu.
+
+Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein Hindernis für ein
+Gespräch, denn er las einem alles, was man sagte, von den Lippen ab.
+Hingegen konnte er seine eigne Stimme nicht hören. Die rollte darum so
+wunderlich eintönig dahin, wie das Tosen eines fernen Wasserfalls. Aber
+diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte es, daß alles, was er sagte,
+einem im Ohr nachhallte, so daß man es viele Tage nicht abschütteln konnte.
+Armer Peter Nord!
+
+»Was unumgänglich notwendig ist, um reich zu werden,« sagte Halfvorson,
+»das ist der Heckepfennig. Aber den kann man nicht verdienen. Merke dir,
+den haben alle auf der Straße gefunden, oder zwischen dem Futter und dem
+Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion gekauft haben, oder sie
+haben ihn im Spiel gewonnen, oder von einer schönen und barmherzigen Dame
+als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze dieser gesegneten Münze
+waren, ist ihnen alles geglückt. Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie
+aus einer Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der
+Heckepfennig.«
+
+Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und dumpfer. Der junge Peter Nord
+saß wie betäubt da und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Eßtisches
+stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem Fußboden wogte es weiß von
+Silber, und die wirren Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in
+Bankscheine, groß wie Tischtücher. Aber gerade vor seinen Augen flatterte
+die Zahl Fünfzig, von breiten Ringen umgeben, und lockte ihn wie die
+schönsten Augen. »Wer weiß,« lächelten die Augen, »vielleicht ist der
+Fünfzigkronenschein droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?«
+
+»Merke nun wohl,« sagte Halfvorson, »nächst dem Heckepfennig sind noch zwei
+Dinge für den notwendig, der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte
+Arbeit, Peter Nord, heißt das eine Ding; und das andre heißt Verzicht.
+Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und Lachen, auf den
+Morgenschlummer und den Abendspaziergang. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge
+sind notwendig für den, der das Glück erobern will. Arbeit heißt das eine,
+und das andre Verzicht.«
+
+Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich wollte er reich,
+freilich wollte er glücklich werden, aber das Glück sollte nicht so
+ängstlich kommen, nicht so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie
+sich einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade mit den
+Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame ihre Sänfte an der Ladentür
+halten lassen und dem Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten.
+Aber jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen Ohren. Sein
+ganzes Hirn ward davon erfüllt. Er glaubte nichts andres, wußte nichts
+andres. Arbeit und Verzicht, Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des
+Lebens Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, daß er
+sich je etwas andres gewünscht hatte.
+
+Am nächsten Tage getraute er sich gar nicht, den Fünfzigkronenschein zu
+küssen, er wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Er war still und gedrückt,
+ordentlich und fleißig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos,
+daß jeder merken konnte, daß etwas mit ihm los sein mußte. Der alte
+Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und tat, was er konnte, um ihn zu
+trösten.
+
+»Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?« fragte der Alte. »So, so,
+nein? Ja, dann will ich dich einladen, Peter Nord. Und laß mich sehen, daß
+du hinkommst, sonst erzähle ich Halfvorson, wo du deinen Mäusekäfig hast.«
+
+Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu gehen.
+
+Fastnachtsball, man denke, daß Peter Nord auf den Fastnachtsball sollte.
+Peter Nord sollte alle schönen Damen der Stadt sehen, fein, weiß gekleidet,
+blumengeschmückt. Aber Peter Nord durfte natürlich mit keiner einzigen von
+ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. Er war nicht in der Laune zu
+tanzen.
+
+Auf dem Balle lehnte er in einer Tür und machte nicht einen Schritt zum
+Tanze. Einige hatten ihn zu überreden versucht, aber er war standhaft
+gewesen und hatte nein gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Auch würde keine
+von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er war allzu gering für sie.
+
+Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen zu funkeln und zu
+leuchten, und er fühlte, wie die Freude durch alle Glieder zuckte. Es kam
+von der Tanzmusik, es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schönen
+Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen schon war er
+so strahlend froh, daß, wenn Freude Feuer wäre, die Flammen lichterloh um
+ihn aufgelodert wären. Und wenn die Liebe es wäre, wie so viele behaupten,
+dann wäre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war immer in irgendein
+schönes Mädchen verliebt, aber bis jetzt immer nur in eine zugleich. Doch
+als er jetzt alle diese schönen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht
+mehr eine einzige Flamme das sechzehnjährige Herz, sondern es war ein
+ganzer Waldbrand.
+
+Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die nichts weniger als
+Ballschuhe waren. Aber wie hätte er mit den breiten Absätzen den Takt
+stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In seinem
+Innern war etwas, was an ihm riß und zerrte, ihn wie einen geschlagnen Ball
+in den Tanzsaal schleudern wollte. Er widerstand noch ein Weilchen,
+obgleich die Bewegung in ihm immer stärker wurde, je weiter die Nacht
+fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und lebenswarm. Heißa, er war nicht
+mehr der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer
+aufpeitscht und den Wald umreißt.
+
+Ganz plötzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da geriet der Bauernjunge
+ganz außer sich. Er fand, daß diese wie seine eigne Wermländer Polka klang.
+
+In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle feinen Herrenmanieren
+waren von ihm abgeglitten. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern
+daheim in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging mit krummen Knien
+und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er
+einer Dame den Arm um den Leib und riß sie mit sich. Und dann begann er
+Polka zu tanzen. Das Mädchen folgte ihm halb widerwillig, beinahe
+geschleift. Sie war nicht im Takt, sie wußte gar nicht, was dies für ein
+Tanz war. Aber plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des
+Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, hob sie empor, sie hatte
+Flügel an den Füßen, sie wurde so leicht wie Luft. Es war ihr, als flöge
+sie dahin. Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt
+die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken
+Sohlen über ungehobelte Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie
+das Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, gleitend.
+Ihre edlen, maßvollen Bewegungen befreien die Körper, so daß sie sich
+leicht, elastisch schwebend fühlen.
+
+Während Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, wurde es still im
+Ballsaal. Anfangs lachte man, aber allmählich dämmerte es allen auf, daß
+dies Tanz war, dieses Dahinschweben in gleichmäßigen raschen Wirbeln, ja
+wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies.
+
+Plötzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, daß rings um ihn
+eine wunderliche Stille herrschte. Er blieb plötzlich stehen und fuhr sich
+mit der Hand über die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine
+laubgeschmückten Wände, keine hellblaue Sommernacht, keine muntre
+Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu erblicken, in die er jetzt schaute.
+Er schämte sich und wollte sich fortschleichen.
+
+Aber schon war er umringt und bestürmt. Die jungen Damen drängten sich um
+den Ladenjungen und riefen: »Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!«
+
+Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie lernen. Der Ball kam
+ganz aus dem Geleise und war jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten,
+daß sie bisher gar nicht gewußt hätten, was tanzen heiße. Und Peter Nord
+ward ein großer Mann an diesem Abend.
+
+Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren über die Maßen
+freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Junge und übrigens solch ein
+fröhlicher Tollkopf. Man konnte nicht anders als ihn verziehen.
+
+Da fühlte Peter Nord, daß dies das Glück war. Der Günstling der Damen zu
+sein, es wagen, mit ihnen zu sprechen, sich mitten in dem strahlenden
+Lichte zu bewegen, gefeiert und verhätschelt zu werden, ja gewiß, das war
+das Glück.
+
+Und als der Ball zu Ende war, war er zu glücklich, um selbst darüber
+betrübt zu sein. Er hatte das Bedürfnis, heimzukommen, um in Ruhe alles das
+zu überdenken, was ihm an diesem Abend widerfahren war.
+
+Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte im Hause, die im
+Kontor arbeitete. Sie war arm und von Halfvorson abhängig, aber sie benahm
+sich recht hochmütig gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele
+Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und wurde in Familien
+eingeladen, in die Halfvorson nie kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen
+zusammen von dem Balle nach Hause.
+
+»Wissen Sie, Nord,« fragte Edith Halfvorson, »daß Halfvorson wegen
+verbotnen Branntweinhandels angeklagt werden wird? Sie könnten mir wirklich
+sagen, Nord, wie es sich mit dieser Sache verhält.«
+
+»Ach, das ist gar nicht der Mühe wert, solch ein Aufhebens davon zu
+machen,« sagte Peter Nord.
+
+Edith seufzte. »Natürlich wird etwas daran sein. Und dann gibt es Prozeß
+und Geldstrafen und Schande ohne Ende. Ich möchte so gerne wissen, wie die
+Sache steht.«
+
+»Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,« sagte Peter Nord.
+
+»Sehen Sie, Nord, ich will in die Höhe kommen,« fuhr Edith fort, »und
+Halfvorson mit hinaufziehen, aber er plumpst mir immer wieder hinunter.
+Ganz unversehens tut er etwas, was auch mich unmöglich macht. Ich sehe ihm
+jetzt an, daß er etwas im Schilde führt. Wissen Sie nicht, Peter, was es
+ist? Es wäre gut, es zu wissen.«
+
+»Nein,« sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte er sagen. War es
+menschlich, mit ihm, der von seinem ersten Balle kam, von derlei zu
+sprechen?
+
+Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag für den Ladenjungen. Da
+saß Peter Nord von heute und ging mit Peter Nord von gestern ins Gericht.
+Wie blaß und feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hören, was er war. Ein
+Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen
+sollte er eine Tracht Prügel haben. Ja, das sollte er.
+
+Gott sei gedankt und gelobt, daß er ihn auf den Ball geführt und seinen
+Sinn geändert hatte. Pfui, wie häßlich es in ihm ausgesehen hatte, aber
+jetzt war alles anders. Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm
+Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert wäre wie eine weiße
+Maus, wenn man dabei nicht vergnügt sein durfte! Er klaschte in die Hände
+und rief jubelnd: »Frei, frei, frei!« Nicht die leiseste Sehnsucht, den
+Fünfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner Seele. Wie gut war es
+doch, glücklich zu sein.
+
+Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson zeitig am
+nächsten Morgen die fünfzig Kronen zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, daß
+der Krämer am nächsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den Schein suchen
+und ihn finden könnte. Dann würde er wohl glauben, daß Peter Nord ihn
+versteckt hatte, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er
+versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er
+konnte nicht einschlafen. Da stand er auf, schlich sich leise in den Laden
+und tastete nach dem Fünfzigkronenschein. Dann schlummerte er süß ein mit
+der Banknote unter dem Kopfkissen.
+
+Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein fiel ihm
+blendend in die Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen und
+eine grollende Stimme zankte und fluchte.
+
+Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson schon die Banknote in
+der Hand und zeigte sie zwei Frauen, die in der Tür zum Verschlage standen.
+»Seht ihr, daß ich recht hatte,« sagte Halfvorson, »seht ihr, daß es der
+Mühe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen mitzunehmen. Seht ihr, daß
+er ein Dieb ist!«
+
+»Nein, nein, nein,« schrie der arme Peter Nord. »Ich wollte nicht fehlen.
+Ich habe den Schein ja _nur_ aufgehoben.«
+
+Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen standen mit dem Rücken zum
+Verschlage, wie fest entschlossen, weder zu hören noch zu sehen.
+
+Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit einem Male
+jämmerlich schwach und klein aus. Seine Tränen strömten. Er jammerte laut.
+
+»Onkel,« sagte Edith, »er heult.«
+
+»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson, »laß ihn nur heulen!« Und er trat näher
+und sah den Knaben an. »Kann mir schon denken, daß du heulst, mein Lieber,«
+sagte er. »Aber das verfängt bei mir nicht.«
+
+»Oh, oh!« rief Peter Nord, »ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein nur zum
+Spaß versteckt -- um Sie zu ärgern. Ich wollte Sie wegen der Mäuse strafen.
+Ich bin kein Dieb. Kann niemand mich hören? Ich bin kein Dieb.«
+
+»Onkel,« sagte Edith, »hast du ihn jetzt genug gequält, können wir
+vielleicht gehen und uns niederlegen?«
+
+»Ich kann mir schon denken, daß sich das greulich anhört,« sagte
+Halfvorson, »aber da läßt sich nichts machen.« Er war ganz munter, förmlich
+ausgelassen. »Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,« sagte
+er zu dem Knaben. »Immer hattest du irgend etwas wegzustecken, wenn ich in
+den Laden kam. Aber jetzt bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen
+dich, und jetzt hole ich die Polizei.«
+
+Der Junge stieß einen gellenden Schrei aus. »Kann mir denn niemand helfen,
+kann mir denn niemand helfen?« rief er. Aber nun war Halfvorson schon
+verschwunden, und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf ihn zu.
+
+»Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter Nord! Halfvorson holt
+die Polizei und indessen kannst du dich davonmachen. Das Fräulein geht wohl
+in die Küche und packt dir ein bißchen Proviant ein. Ich will unterdessen
+deine Sachen zusammensuchen.«
+
+Das furchtbare Weinen hörte sogleich auf. Nach einem kleinen Weilchen war
+der Junge fertig. Er küßte den beiden Frauen die Hand, demütig wie ein
+geschlagner Hund. Und dann eilte er fort.
+
+Sie blieben in der Tür stehen und sahen ihm nach. Als er verschwunden war,
+seufzten sie erleichtert auf.
+
+»Was wird Halfvorson jetzt sagen?« sagte Edith.
+
+»Er wird ganz froh sein,« antwortete die Haushälterin. »Er hat das Geld dem
+Knaben absichtlich hingelegt, glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.«
+
+»Warum denn? Der Junge war doch der beste, den wir seit Jahr und Tag im
+Laden gehabt haben.«
+
+»Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht zum Zeugen haben.«
+
+Edith stand stumm da und atmete heftig. »Wie gemein, wie gemein,« murmelte
+sie. Sie ballte die Fäuste gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch
+in der Tür, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie hatte
+selber nicht übel Lust, von all dieser Niedrigkeit fort in die Welt zu
+fliehen.
+
+Ganz rückwärts im Laden hörte sie ein Geräusch. Sie lauschte, trat näher,
+ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne den Käfig mit
+Peter Nords weißen Mäusen.
+
+Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und öffnete das Türchen.
+Maus um Maus eilte heraus und verschwand hinter Kisten und Tonnen.
+
+»Möget ihr gedeihen und euch vermehren,« sagte Edith, »laßt mich sehen, daß
+ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rächt.«
+
+
+II
+
+Freundlich und zufrieden lag das kleine Städtchen unter seinem roten Berg
+da. Es war so in Grün eingebettet, daß der Kirchturm noch gerade daraus
+hervorragte. Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen die Anhöhen
+hinan, und wenn sie nach dieser Richtung nicht weiter konnten, stürzten sie
+sich mit Sträuchern und Bäumen quer über die Straße und breiteten sich
+zwischen den zerstreuten Häusern und dem schmalen Erdstreif darunter aus,
+bis der breite Fluß ihnen Halt gebot.
+
+In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein Mensch war zu sehen, nur
+Bäume und Sträucher und hie und da ein Haus. Das einzige Geräusch, das man
+hörte, war das Rollen der Kugel über die Kegelbahn, und das klang wie
+ferner Donner an einem Sommertag. Es gehörte mit zu der Stille.
+
+Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des Marktes unter
+genagelten Absätzen. Der Laut grober Stimmen schlug an die Wand des
+Rathauses und der Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die
+lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die Vormittagsruhe.
+
+Ach, die süße Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie erschraken sie! Man
+konnte förmlich sehen, wie sie die Bergpfade hinaufflüchteten.
+
+Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, war Peter Nord, der
+Junge aus Wermland, der vor sechs Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der
+Stadt geflohen war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der großen
+Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt lag.
+
+Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er
+hatte den allervernünftigsten Freund und Begleiter gefunden.
+
+Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus dem Städtchen
+fortlief, da sangen und klangen die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von
+ihnen war hartnäckiger als alle andern.
+
+Es war die, die sie alle beim großen Rundtanz gesungen hatten:
+
+ Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
+ Ja, ja, Weihnachtsfest.
+ Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
+ Doch leider, leider ists nicht so,
+ Nein, nein, ists nicht so,
+ Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.
+
+Das hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. Und damit drang
+die Weisheit, die in dem alten Reigen verborgen liegt, in den kleinen
+genußsüchtigen Wermländerjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte sich
+mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark ein. So ist es, so
+ist es gemeint ... Zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen den Festen der
+Geburt und des Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man
+nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. Man darf ihm nie
+glauben, wie es sich auch verstellen mag. Im nächsten Augenblick ist es
+wieder grau und häßlich. Kann nichts dafür, das arme Ding, versteht es
+nicht besser!
+
+Und Peter Nord war beinahe stolz, daß er dem Leben sein tiefstes Geheimnis
+abgelauscht hatte.
+
+Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in Bettlergestalt, die
+Aschenrute in der Hand, über die Erde schleichen zu sehen. Und er hörte,
+wie sie ihn anknurrte: »Du wolltest das Fest der Freude und der fröhlichen
+Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Darum soll
+Schimpf und Schande dein Los sein, bis du dich besserst.«
+
+Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte ihn beschützt. Er
+hatte nicht weiter als bis in die große Handelsstadt fliehen müssen, denn
+er wurde gar nicht verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau
+Fastenzeit ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in einer
+Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde ernst und sparsam. Er hatte
+schmucke Sonntagskleider, er erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich
+Bücher aus und ging zu Vorträgen. Eigentlich war von dem kleinen Peter
+Nord nichts mehr übrig als das flachsblonde Haar und die braunen Augen.
+
+Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Arbeit in der
+Fabrik machte den Riß immer größer, so daß der närrische Wermländer dadurch
+ganz herausschlüpfen konnte. Er schwätzte kein dummes Zeug mehr, denn in
+der Fabrik war das Sprechen verboten, und dadurch gewöhnte er sich das
+Schweigen an. Er machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst
+Federn und Räder zu bedienen hatte, machten sie ihm keinen Spaß mehr. Er
+verliebte sich nicht, denn die Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn
+nicht mehr fesseln, seit er die Schönheiten des Städtchens kennen gelernt
+hatte. Er hatte keine Mäuse, keine Eichhörnchen mehr und nichts, womit er
+spielen konnte. Er hatte keine Zeit, er sah ein, daß derlei nur unnütz war,
+und er dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit Gassenjungen
+gebalgt hatte.
+
+Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders sein könnte als grau, grau,
+grau. Peter Nord langweilte sich immer, aber er war selbst so sehr daran
+gewöhnt, daß er es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst,
+weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Einkehr von der
+Nacht, da der Frohsinn ihn verließ und Frau Fastenzeit seine Begleiterin
+und Freundin ward.
+
+Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten an einem Arbeitstag in
+das Städtchen kommen, begleitet von drei Strolchen, die schmutzig und
+versoffen aussahen?
+
+Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Und diesen
+drei Strolchen hatte er immer zu helfen versucht, so gut er es konnte,
+obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende Baracke
+gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er hatte ihre Kleider gestopft
+und geflickt. Diese Kerle hielten wie Brüder zusammen, hauptsächlich weil
+sie alle drei Peter hießen. Dieser Name vereinte sie fester, als wenn sie
+wirklich Geschwister gewesen wären. Und nun litten sie es um dieses Namens
+willen, daß der Knabe ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am
+Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen auf den
+Holzstühlen einnahmen, warteten sie ihm, der dasaß und die grinsenden
+Löcher ihrer Strümpfe stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lügen
+auf. Das schien Peter Nord Vergnügen zu machen, obgleich er es nicht
+zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt für ihn beinahe dasselbe, was
+einstmals in der Welt die Mäuse gewesen waren.
+
+Nun geschah es, daß diesen Strolchen allerlei Klatsch aus der kleinen Stadt
+zu Ohren kam. Und nun nach sechs Jahren brachten sie Peter Nord die
+Nachricht, daß Halfvorson ihm die fünfzig Kronen absichtlich hingelegt
+hatte, um ihn als Zeugen unmöglich zu machen. Und ihre Meinung war, daß
+Peter in das Städtchen ziehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben
+sollte.
+
+Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt
+ausgerüstet. Er wollte sich durchaus nicht auf so etwas einlassen.
+
+Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel. Alle
+Leute sagten zu Peter Nord: »Geh hin und prügle Halfvorson durch, dann
+wirst du ins Loch gesteckt, und es gibt einen Prozeß und die Sache kommt in
+die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen Lande blamiert.«
+
+Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht vergnüglich sein, aber
+Rache ist ein teurer Spaß, und Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das
+Leben gestattet solche Belustigungen nicht.
+
+Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller Frühe zu ihm gekommen und
+hatten gesagt, jetzt wollten sie an seiner Statt gehen und Halfvorson
+durchbläuen, denn »Recht müsse Recht bleiben«, sagten sie.
+
+Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie
+auch nur einen Schritt nach dem Städtchen gingen.
+
+Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt war und der lange
+Peter hieß, Peter Nord eine Rede.
+
+»Diese Erde,« sagte er, »ist ein Apfel, der an einem Faden über einem Feuer
+hängt, um gebraten zu werden. Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter
+Nord. Und der Apfel muß nahe am Feuer hängen, um süß und weich zu werden,
+aber wenn der Faden reißt und der Apfel in das Feuer fällt, so ist er
+verdorben. Darum ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. Weißt
+du, was mit dem Faden gemeint ist?«
+
+»Ich denke, es muß ein Drahtseil sein,« sagte Peter Nord.
+
+»Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,« sagte der lange Peter mit
+düsterm Ernst. »Wenn auf der Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt
+alles in das Feuer. Darum darf sich der Rächer der Pflicht zu strafen nicht
+entziehen, oder, wenn er nicht will, müssen andre gehen.«
+
+»Es ist das letzte Mal, daß ich euch einen Grog spendiert habe,« sagte
+Peter Nord, gänzlich unberührt von der Rede.
+
+»Ja, da hilft nichts,« sagte der lange Peter, »Gerechtigkeit muß sein.«
+
+»Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern damit der ehrliche
+Name Peter nicht in Verruf kommt,« sagte der eine, der Rollpeter hieß und
+lang und mürrisch war.
+
+»So, so, ist der Name so hochgeachtet?« sagte Peter Nord wegwerfend.
+
+»Ja, und es ist eine kitzlige Sache, daß sie nun überall in den Gasthäusern
+sagen, du hättest die fünfzig Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun
+nicht haben willst, daß der Kaufmann bestraft wird.«
+
+Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und sagte, nun wolle er gehen
+und den Kaufmann durchpeitschen.
+
+»Ja, und wir kommen mit und helfen dir,« sagten die Strolche.
+
+Und so zogen sie vier Mann hoch in das Städtchen. Anfangs war Peter Nord
+mürrisch und grämlich und zorniger über seine Freunde, als über seinen
+Feind. Doch als er zu der Flußbrücke kam und die Stadt sah, war er ganz
+verwandelt. Es war, als wäre er dort einem kleinen weinenden Flüchtling
+begegnet und in diesen hineingeschlüpft. Und je heimischer er in dem alten
+Peter Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewußt, welches blutige Unrecht
+der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht genug damit, daß er ihn hatte
+verlocken und ins Unglück stürzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte
+ihn aus dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag hätte Peter
+Nord bleiben können. Ach, wie fröhlich hatte er es doch damals gehabt. Wie
+lustig und vergnügt war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden
+und wie schön war die Welt gewesen! Herrgott, wenn er doch nur hier hätte
+weiterleben können! Und er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war --
+schweigsam und langweilig, ernst und arbeitsam --, ganz wie an einen
+verlornen Menschen.
+
+Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, und statt wie
+früher hinter den Kameraden einherzugehen, schoß er an ihnen vorbei.
+
+Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, um Halfvorson zu strafen,
+sondern um überhaupt ihrer Wut Luft zu machen, wußten kaum, was sie
+beginnen sollten. Hier war für einen gereizten Mann nichts zu tun. Es gab
+keinen Hund, den man hetzen, keinen Straßenkehrer, mit dem man Krakeel
+anfangen, keinen feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern
+konnte.
+
+Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade so weit, daß der
+Frühling eben in den Sommer überging. Es war die weiße Zeit der
+Kirschblüten, wo Fliedertrauben hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und
+die Apfelblüten duften. Diese Männer, die unmittelbar von der Straße und
+vom Hafen in das Reich der Blumen gekommen waren, fühlten sich wunderlich
+davon berührt. Drei Paar Fäuste, die bisher entschlossen geballt waren,
+lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten weniger hart gegen das
+Pflaster.
+
+Vom Markte aus sahen sie einen Fußpfad, der sich die Hügel
+hinanschlängelte. Ihm entlang wuchsen junge Kirschbäume, die mit ihren
+weißen Kronen Bogen und Wölbungen bildeten. Die Wölbungen waren schwebend
+leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein und kindlich.
+
+Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Männer auf sich. Was war dies doch
+für ein unpraktisches Nest, wo man Kirschbäume dahin pflanzte, wo jedweder
+die Kirschen nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher als
+einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit und Tyrannei.
+Jetzt begannen sie sie auszulachen und ein wenig zu verachten.
+
+Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht loderte immer wilder
+auf, denn er fühlte es, dies war die Stadt, wo er hätte wohnen und wirken
+sollen. Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den andern zu
+fragen, ging er rasch die Straße hinauf.
+
+Sie folgten nach, und als sie merkten, daß es hier nur eine Straße gab, und
+als sie dieser entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich
+ihre Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht zum erstenmal in
+ihrem Leben, daß sie Blumen Aufmerksamkeit schenkten, aber hier konnten sie
+nicht anders, denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mützen vom Kopf,
+und die Blätter der Kirschblüten regneten auf sie herab.
+
+»Was glaubt ihr, was mögen wohl in dieser Stadt für Leute wohnen?« fragte
+der lange Peter nachdenklich.
+
+»Bienen,« antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der seinen Namen daher
+hatte, daß er einmal mit einem Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt
+hatte.
+
+Natürlich bekamen sie allmählich einige Menschen zu Gesicht. An den
+Fenstern, hinter blanken Scheiben und weißen Gardinen, zeigten sich ein
+paar schöne junge Gesichter, und sie sahen Kinder auf den Terrassen
+spielen. Aber kein Lärm störte die Stille. Es kam ihnen vor, als könnte
+selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts diese Stadt nicht wecken. Was
+sollten sie hier anfangen!
+
+Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da stellten sie mit rauher
+Stimme mehrere Fragen an den Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre
+Spritze in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel der Kirchenglocke
+stände für den Fall, daß es zum Sturmläuten kommen sollte.
+
+Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und warfen die Flaschen fort.
+Eins, zwei, drei, alle Flaschen an denselben Eckstein, ein Krachen und
+Klirren, und alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen förmlich
+wohl, wieder ein bißchen Lärm zu machen.
+
+Da hörten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, Stimmen, harte,
+deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dazu ein Klirren wie von
+Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurück. Das klang wie
+eine ganze Kompanie.
+
+Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen Mädchen. Die Dienstmägde der
+Stadt zogen in gesammeltem Trupp auf die Stadtweiden, um die Kühe zu
+melken.
+
+Das machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger, den stärksten
+Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern. Das war beinahe rührend!
+
+Urplötzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen: »Buh!«
+
+Die ganze Mädchenschar zerstob augenblicklich. Die Mägde kreischten und
+liefen davon. Die Röcke flatterten, die Kopftücher lösten sich, die
+Milchkübel rasselten auf die Straße.
+
+Und zugleich vernahm man die ganze Straße entlang dumpfe Laute von Toren
+und Türen, die zugeworfen wurden, von Klinken und Riegeln und Schlössern.
+
+Ein Stück weiter unten auf der Straße stand eine große Linde. Und darunter
+saß eine alte Frau an einem Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie rührte
+sich nicht, sie sah sich nicht um, sie saß ganz mäuschenstill. Schlafen tat
+sie auch nicht.
+
+»Die ist aus Holz,« sagte der Holzschuhpeter.
+
+»Nein, aus Ton,« meinte der Rollpeter.
+
+Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der Alten kamen sie ins
+Schwanken. Sie gingen gegen sie los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die
+Alte fing zu zanken an.
+
+»Weder Holz noch Ton,« sagten sie, »lauter Gift und Galle.«
+
+Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie gekümmert, aber jetzt
+waren sie endlich bei Halfvorsons Haus angelangt und da erwartete er sie.
+
+»Es läßt sich wohl nicht in Abrede stellen, daß das meine Angelegenheit
+ist,« sagte er stolz, und wies auf den Laden. »Ich will allein hineingehen
+und die Sache abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so könnt ihr euer Glück
+versuchen.«
+
+Sie nickten. »Geh du nur, Peter Nord! Wir warten hier draußen.«
+
+Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen Mann allein und
+fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich den Bescheid, daß dieser verreist
+war. Da fing er ein Gespräch mit dem Ladendiener an und erfuhr so
+mancherlei über seinen Herrn.
+
+Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar nicht angeklagt worden. Wie
+er sich gegen Peter Nord benommen hatte, das wußte die ganze Stadt. Aber
+niemand sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson hatte es weit
+gebracht, und jetzt war er nicht mehr so bösartig. Er war nicht mehr
+unbarmherzig gegen seine Schuldner und hatte aufgehört, dem Ladenjungen
+aufzulauern. In den allerletzten Jahren hatte er sich auf die Gärtnerei
+geworfen. Er hatte rings um das Haus in der Stadt einen Blumengarten
+angelegt und einen Küchengarten draußen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete
+er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum mehr daran dachte, Geld zu
+sammeln.
+
+Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natürlich war der Mann gut. Er
+hatte im Paradies bleiben dürfen. Natürlich wurde man gut, wenn man hier
+wohnte.
+
+Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war jetzt krank. Seit sie
+im Winter die Lungenentzündung gehabt hatte, war ihre Brust schwach.
+
+Während Peter Nord sich dies und noch mehr erzählen ließ, standen die drei
+Männer draußen und warteten.
+
+In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine Birkenlaube errichtet,
+damit Edith sich dort an den schönen, warmen Frühlingstagen aufhalten
+konnte. Sie kam nur langsam wieder zu Kräften, aber für ihr Leben bestand
+keine Gefahr mehr.
+
+Bei einigen ist es so, daß man glauben muß, sie wollen nicht leben. Bei der
+ersten Krankheit, die sie befällt, legen sie sich hin, um zu sterben.
+Halfvorsons Nichte war schon längst aller Dinge müde, des Kontors, des
+kleinen trüben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie siebzehn Jahre alt war,
+reizte es sie, sich einen vornehmen Verkehr und einen guten Freundeskreis
+zu erkämpfen. Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg der
+Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie sah keine
+Möglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens herauszukommen. Sie
+wollte gerne sterben.
+
+Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. Nichts als Nerven
+und Lebendigkeit, wenn etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich
+doch mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem Trotz
+gemüht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht hatte, einzusehen, daß weitre
+Peter Nord-Geschichten nicht mehr vorkommen dürften! Aber jetzt war er zahm
+und gebändigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. Ja, und nun
+sollte sie doch nicht sterben! Sie lag da und dachte nach, was sie anfangen
+sollte, wenn sie gesund wurde.
+
+Plötzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut gesagt, er wolle allein
+zu Halfvorson gehen und seine Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann
+antwortete ein andrer: »Geh du nur, Peter Nord!«
+
+Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglückseligste Name auf der
+Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen aller der alten Abscheulichkeiten.
+Edith richtete sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche
+Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und starrten sie an.
+Nur ein niedriges Staket und eine dünne Hecke lag zwischen ihr und der
+Straße.
+
+Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson
+arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen
+aufgetragen hatte, zu sagen, daß er verreist sei, denn er schämte sich
+seiner Gärtnermarotte. Edith fürchtete sich schrecklich vor den drei
+Männern sowie vor dem, der in den Laden gegangen war. Sie war überzeugt,
+daß sie ihr etwas zuleide tun wollten, und darum begann sie über die
+schlüpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen Holzstufen, die von
+Terrasse zu Terrasse führten, den Berg hinaufzulaufen.
+
+Den fremden Männern war es ein Hauptspaß, daß sie vor ihnen davonlief. Sie
+konnten es sich nicht versagen, sich so zu stellen, als wenn sie sie
+einholen wollten. Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle drei
+brüllten mit furchtbarer Stimme.
+
+Edith lief, so wie man im Traume läuft, keuchend, strauchelnd, in
+Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, nicht von der Stelle zu
+kommen. Alle erdenklichen Gefühle stürmten auf sie ein und erschütterten
+sie so sehr, daß sie glaubte sterben zu müssen. Ja, wenn einer dieser Kerle
+sie nur mit der Hand berührte, wußte sie, daß sie sterben mußte. Als sie
+die oberste Terrasse erreicht hatte und es wagte, sich umzusehen, merkte
+sie, daß die Männer unten auf der Straße standen und gar nicht mehr nach
+ihr hinsahen. Da ließ sie sich ganz ohnmächtig zu Boden sinken. Aber die
+Anstrengung war zu groß gewesen, sie hatte sie nicht ertragen können. Sie
+fühlte, wie etwas in ihr riß. Gleich darauf strömte Blut über ihre Lippen.
+
+Die Mägde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. Für diesmal wurde sie
+ins Leben zurückgerufen. Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, daß sie
+lange am Leben bleiben würde.
+
+Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um zu erzählen, in welcher
+Weise sie erschreckt worden war. Hätte sie es getan, wer weiß, ob die
+fremden Männer lebendig aus der Stadt gekommen wären. Es erging ihnen
+ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord wieder zu ihnen
+herausgekommen war und erzählt hatte, daß Halfvorson nicht daheim sei,
+gingen sie alle vier im besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten
+sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der Kaufmann zurückkehrte,
+verschlafen konnten.
+
+Aber als am Nachmittag alle Männer der Stadt, die draußen auf dem Felde
+gearbeitet hatten, wieder heimkamen, erzählten ihnen die Frauen von dem
+Besuch der Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, wo sie Bier
+gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen
+vergrößerten und übertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen
+Nachmittag daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. Die Männer
+glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstörer zu
+greifen, wählten einen beherzten Mann zum Anführer, nahmen tüchtige Knüttel
+mit und zogen von dannen.
+
+Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor die Haustüren und machten
+einander bange. Die Stimmung war zugleich unheimlich und erwartungsvoll.
+
+Es dauerte nicht lange, so kamen die Jäger mit ihrer Beute zurück. Sie
+hatten alle vier. Sie hatten sie im Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das
+Kunststück hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert.
+
+Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurück, indem sie sie wie Vieh vor
+sich hertrieben. Der Taumel des Rachedurstes hatte sich der Sieger
+bemächtigt. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen die
+Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf,
+und dann hagelten die Schläge auf ihn nieder, bis er sich erhob und
+weiterging. Die vier Männer waren dem Tode nahe.
+
+Es ist so schön in den alten Liedern. Da muß zuweilen der gefangne Held in
+Fesseln im Triumphzug des siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch
+im Unglück noch stolz und schön, und die Blicke suchen ihn ebenso wie den
+Glücklichen, der ihn besiegt hat. Die Kränze und die Tränen der Schönheit
+gehören dem noch im Unglück Beneidenswerten.
+
+Aber wer wollte wohl für den armen Peter Nord schwärmen? Sein Rock war
+zerrissen und sein flachsblondes Haar klebrig von Blut. Er bekam die
+meisten Schläge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz schrecklich
+sah er aus, wie er da einherging. Er brüllte, ohne es zu wissen. Jungens
+hängten sich an ihn fest, und er schleppte sie lange Strecken weit mit.
+Einmal blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die Straße.
+Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, bekam er mit einem Knüttel
+einen Schlag auf den Kopf und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Höhe,
+halb betäubt, und schwankte weiter, während Peitschenhiebe auf ihn
+herabhagelten und die Jungen sich ihm wie Blutegel an Arme und Beine
+hängten.
+
+So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner Whistpartie im
+Wirtshausgarten kam. »So, so,« sagte er zum Vortrab, »ihr wollt die in den
+Kotter bringen?«
+
+Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete ihn. Augenblicklich
+sah alles anständig aus. Gefangne und Gefangnenwächter marschierten in
+Frieden und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, einige
+stießen mit den Knütteln auf das Pflaster, andre schulterten sie wie
+Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen der Stadt der Polizei in Gewahrsam
+gegeben und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz geführt.
+
+Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem Markte stehen und sprachen
+von ihrem Mute und von der großen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube,
+wo der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige Männer ihren
+Mitternachtstoddy brauen, da taucht die Heldentat vergrößert wieder auf. Da
+wachsen die in den Schaukelstühlen, da blähen sich die in den Sofaecken, da
+sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert doch in der kleinen Stadt
+der großen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut!
+
+Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht gefallen. Er konnte
+sich nicht recht damit befreunden, daß das Wikingerblut wieder in Wallung
+geraten war. Und dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen, er ging wieder
+auf die Straße und schlenderte gemächlich dem Marktplatze zu.
+
+Das kleine Städtchen lag in dem sanften Licht der Frühlingsnacht da. Der
+einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. Über die Kegelbahn rollten keine
+Kugeln mehr. Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als wenn die
+Häuser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht aufsteigenden Berge
+standen schwarz, wie in tiefer Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer
+wachte jemand -- der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich über die
+Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die Straße hinauf und hinab,
+kletterte zu jedem Fenster empor, das angelehnt stand, zu jeder Dachluke,
+die frische Luft einließ.
+
+Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich seine ganze kleine Stadt
+vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er
+sah sie als die Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern Garten
+an Garten. Er sah die Kirschbäume, die weiße Bogen über den steilen Waldweg
+spannten, die Fliederbüsche, die Knospen, die zu prächtigen Rosen
+schwollen, die stolzen Päonien, und die Haufen von Blütenblättern auf dem
+Boden unter den Faulbäumen.
+
+Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. Er war so weise und so
+alt. Das siebzigste Jahr hatte er erreicht, und fünfzig Jahre hatte er die
+Geschicke der Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob er
+recht getan habe, wenn er immer gedämpft und beschwichtigt hatte. »Ich
+hatte die Stadt in meiner Hand,« dachte er, »aber ich habe sie nicht zu
+etwas Großem gemacht.« Und er gedachte ihrer großen Vergangenheit und
+zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe.
+
+Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht sich über den Fluß
+eröffnet. Ein Boot kam herangerudert. Ein paar Städter kehrten von einer
+Ausfahrt zurück. Lichtgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie steuerten
+unter die Brückenwölbung, aber da war die Strömung so stark, daß sie sie
+zurücktrieb. Es gab einen heftigen Kampf. Ihre schlanken Körper bogen sich
+nach rückwärts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande lagen. Weiche
+Armmuskeln spannten sich. Die Ruder krümmten sich wie Bogen. Lachen und
+Rufe erfüllten die Luft. Einmal ums andre siegte die Strömung. Schmählich
+wurde das Boot zurückgetrieben. Und als die Mädchen schließlich am Marktkai
+landen und es den Männern überlassen mußten, das Boot heimzubringen, wie
+waren sie rot und ärgerlich und wie lachten sie! Und wie klang ihr Lachen
+die Straße hinab! Wie belebten ihre breitrandigen, lichten Hüte, ihre
+leichten, flatternden Sommerkleider die stille Nacht.
+
+Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, denn im Dunkel konnte er
+sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, jungen Gesichtchen, ihre schönen,
+klaren Augen und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in die
+Höhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen Glanz. Andre Gemeinwesen
+konnten sich andrer Dinge rühmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an
+dem augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war.
+
+Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein Wirken. Nein, er brauchte
+nicht für die Zukunft der Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich
+nicht durch strenge Gesetze zu schützen.
+
+Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er ging und weckte den
+Polizeimeister und sprach mit ihm. Und dieser dachte wie er. Sie gingen
+selbander zum Gefängnis und öffneten Peter Nord und seinen Kameraden die
+Tür.
+
+Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt ist wie die Venus
+von Milo. Sie hat lockenden Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme.
+
+
+III
+
+Es ist, als müßte ich die Wirklichkeit verlassen und in die Welt des
+Märchens und der Unwahrscheinlichkeit fliehen, um zu erzählen, was sich
+jetzt begab. Wäre der junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit
+einer goldnen Krone unter dem Hut, dann würde alles ganz einfach und
+natürlich erscheinen. Aber jetzt will mir wohl niemand glauben, wenn ich
+sage, daß auch Peter Nord einen Königsreif um sein flachsblondes Haar trug.
+Niemand kann ja wissen, wie viel merkwürdige Dinge sich in dem kleinen
+Städtchen zutragen. Niemand kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen
+da herumgehen und auf den Hirtenknaben des Märchens warten.
+
+Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen Abenteuern kommen. Denn
+als Peter Nord von dem alten Ratsherrn befreit worden war und zum
+zweitenmal mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen mußte, da kamen
+ihm dieselben Gedanken, wie als er das erstemal entfloh. Da klangen ihm
+plötzlich wieder Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter ihnen
+erklang der alte Reigen:
+
+ Nun ist es wieder Weihnachtsfest,
+ Ja, ja, Weihnachtsfest.
+ Und dann ist Ostern nicht mehr weit,
+ Doch leider, leider ists nicht so,
+ Nein, nein, ists nicht so,
+ Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit.
+
+Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit mit ihrem
+Rutenbündel im Arm über die Erde schlich. Und sie rief ihm zu:
+»Verschwender! Verschwender! Du wolltest das Fest der Rache und der
+Genugtuung in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man sich
+hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?«
+
+Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und war ein stiller, sparsamer
+Arbeiter geworden. Wieder stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit.
+Niemand hätte glauben können, daß er es war, der vor Zorn gebrüllt und die
+kleinen Kinder auf die Straße geschleudert hatte, so wie der verfolgte Elch
+die Hunde abschüttelt.
+
+Doch einige Wochen später kam Halfvorson zu ihm in die Fabrik. Er suchte
+ihn auf den Wunsch seiner Nichte auf. Sie wollte, wenn möglich, noch an
+demselben Tag mit ihm sprechen.
+
+Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er Halfvorson erblickte. Es
+war, als hätte er eine schlüpfrige Schlange gesehen. Er wußte nicht, was er
+lieber wollte, -- ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber plötzlich
+bemerkte er, daß Halfvorson sehr bekümmert aussah.
+
+Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat, wenn man im starken Winde
+geht. Die Gesichtsmuskeln waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die
+Augen rot und voll Tränen. Er kämpfte sichtlich mit irgendeinem Leid. Das
+einzige, was unverändert war, das war die Stimme. Sie war ebenso
+unmenschlich ausdruckslos.
+
+»Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu fürchten, und auch der
+neuen wegen nicht,« sagte Halfvorson. »Es ist wohl bekannt geworden, daß
+Sie mit jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so viel Aufstand
+machten. Und da wir annahmen, daß sie von hier seien, konnte ich Sie
+ausfindig machen. Edith wird bald sterben,« fuhr er fort, und sein Gesicht
+zuckte krampfhaft. »Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt. Aber wir
+führen nichts Böses gegen Sie im Schilde.«
+
+»Gewiß komme ich,« sagte Peter Nord.
+
+Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter Nord saß da, fein geputzt
+in seinem Sonntagsstaat. Und unter dem Hut spielten und gaukelten alle
+seine Knabenträume, einen richtigen Königsreif schlossen sie um sein
+blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm förmlich die Besinnung. Hatte er
+nicht immer gedacht, daß feine Damen ihn lieben würden? Und nun war da
+eine, die ihn sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles
+Wunderbaren! -- Nun saß er da und dachte an sie, wie sie einst gewesen war.
+Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt sollte sie sterben. Sie tat ihm so
+innig leid. Aber daß sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme,
+süße Wehmut kam über ihn.
+
+Nun war er wieder ganz heraus, der alte, närrische Peter Nord. Sobald er
+sich dem Städtchen näherte, verließ ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und
+Verachtung.
+
+Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der heftige Sturm, den er
+allein bemerkte, trieb ihn auf dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter
+vorbeikam, brummte er ein paar Worte, so daß dieser erfuhr, welche Pfade
+seine betrübten Gedanken wandelten. »Sie fanden sie auf dem Boden, halbtot
+-- und rings um sie lauter Blut,« sagte er einmal. Und ein andermal: »War
+sie nicht gut? War sie nicht schön? Wie konnte es ihr so schlecht ergehen?«
+Und ein andermal: »Sie hat mich auch gut gemacht. Konnte es nicht mit
+ansehen, daß sie den ganzen langen Tag betrübt dasaß und mit ihren Tränen
+das Kassabuch ruinierte.« -- Dann kam dies: »Ein schlaues Ding übrigens.
+Schmeichelte sich bei mir ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte
+mir Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich, aber konnte nicht
+widerstehen.« Er wanderte bis zum Vorderdeck. Als er zurückkam, sagte er:
+»Ich kann es nicht ertragen, daß sie sterben soll.«
+
+Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme, die er weder dämpfen
+noch modulieren konnte. Peter Nord hatte die stolze Empfindung, daß ein
+solcher Mann wie er, der einen Königsreif um die Stirn trug, gar nicht das
+Recht hatte, Halfvorson zu zürnen. Dieser war ja durch sein Gebrechen von
+den Menschen getrennt und konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mußte er
+sie alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit demselben Maßstab
+zu messen wie andre Menschen.
+
+Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Träume. Sie hatte sich also
+seiner alle diese Jahre erinnert, und jetzt konnte sie nicht sterben, ohne
+ihn gesehen zu haben. Ach, man denke, daß ein junges Mädchen alle die Jahre
+herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und vermißt hatte.
+
+Sobald er ans Land gekommen war und das Haus des Kaufmanns erreicht hatte,
+wurde er zu Edith geführt, die ihn draußen in der Laube erwartete.
+
+Der glückliche Peter Nord wurde nicht aus seinen Träumen gerissen, als er
+sie erblickte. Sie war ein liebliches Traumwesen, dieses Mädchen, das um
+die Wette mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte. Ihre
+großen Augen waren dunkler und klarer geworden. Ihre Hände waren so dünn
+und durchsichtig, daß man fürchtete, diese vergeistigte Materie zu
+berühren.
+
+Und sie liebte ihn. Natürlich mußte er sie sogleich wiederlieben, heiß,
+innig, glühend. Als sie sah, wie er dastand und sie anstarrte, begann sie
+zu lächeln, mit dem verzweifeltesten Lächeln der Welt, diesem Lächeln der
+Kranken, das sagt: »Sieh, so bin ich geworden. Zähle nicht auf mich. Ich
+kann nicht mehr schön und reizend sein. Ich muß bald sterben.«
+
+Das rief ihn zur Wirklichkeit zurück. Er sah, daß er es nicht mit einem
+Traumbilde zu tun hatte, sondern mit einer Seele, die im Entfliehen war und
+darum die Wände ihres Kerkers so dünn und durchsichtig gemacht hatte. Nun
+war es so deutlich in seinem Gesicht und in der Art, wie er Ediths Hand
+faßte, zu sehen, wie er mit einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre
+über dem Schmerze, daß sie sterben mußte, vergaß, daß die Kranke dasselbe
+Mitleid mit sich selbst fühlte und Tränen in ihre Augen traten.
+
+O, welches Mitgefühl hatte er vom ersten Augenblick an für sie. Er begriff
+gleich, daß sie ihre Bewegung nicht zeigen wollte. Natürlich war es
+ergreifend für sie, ihn, den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen.
+Aber nur ihre Schwäche war daran schuld, daß sie sich jetzt verriet. Sie
+wollte natürlich nicht, daß er es bemerkte. Und darum brachte er ein
+unverfängliches Gesprächsthema aufs Tapet.
+
+»Wissen Sie, wie es meinen weißen Mäusen ergangen ist?« fragte er.
+
+Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte er ihr den Weg ebnen.
+»Ich habe sie in den Laden gelassen,« sagte sie, »sie haben sich gut
+gehalten.«
+
+»Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen da?«
+
+»Halfvorson sagt, daß er Peter Nords Mäuse niemals loswerden kann. Sie
+haben Sie gerächt, verstehen Sie?« sagte sie bedeutungsvoll.
+
+»Es war eine ausgezeichnete Rasse,« antwortete Peter Nord stolz.
+
+Das Gespräch stockte einen Augenblick. Edith schloß die Augen, wie um zu
+ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. Seine letzte Antwort verstand sie
+nicht. Er hatte gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert. Als
+er angefangen hatte, von den Mäusen zu sprechen, hatte sie geglaubt, er
+verstünde, was sie damit sagen wolle.
+
+Sie wußte ja, daß er vor ein paar Wochen hergekommen war, um sich zu
+rächen. Der arme Peter Nord! Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl
+ergehen mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten Jungen in
+ihren Träumen ertönt. Zum Teil um seinetwillen, um nie mehr eine solche
+Nacht zu erleben, hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das
+Haus zu einem Heim für ihn gemacht, hatte den Einsamen es schätzen gelehrt,
+einen teilnehmenden Freund in seiner Nähe zu haben. Jetzt war ihr Schicksal
+wieder mit Peter Nord verknüpft. Sein Rachezug hatte sie zu Tode
+erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall ein wenig erholt hatte,
+hatte sie Halfvorson gebeten, ihn auszukundschaften.
+
+Und nun saß Peter Nord da und glaubte, daß sie ihn aus Liebe gerufen habe.
+Er konnte ja nicht wissen, daß sie ihn für rachsüchtig, roh und verkommen
+hielt, für einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden im
+Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte nicht ahnen, daß sie
+ihn herbeschieden hatte, um ihm Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn
+nichts andres half, ihm zu sagen: »Sieh mich an, Peter Nord! Dein
+Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines Todes. Denke daran und
+beginne ein andres Leben.«
+
+Er war voll Lebenslust und Träumerei gekommen, um das Fest der Liebe zu
+feiern, und sie lag da und dachte daran, ihn in die schwarzen Tiefen der
+Reue zu versenken.
+
+Aber es mußte ihr wohl etwas von dem Glanz des Königsreifens
+entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen, so daß sie beschloß, ihn
+zuerst ins Verhör zu nehmen.
+
+»Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen drei furchtbaren Kerlen
+da?«
+
+Er errötete und sah zu Boden. Dann mußte er ihr die ganze Geschichte von
+dem Rachezug mit all seiner Schmach erzählen. Fürs erste, wie unmännlich
+lange er gezögert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie er nur
+gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt selbst zu schlagen,
+geprügelt und gepeitscht worden war. Er wagte nicht aufzusehen, während er
+sprach; er wagte nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit
+Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasaß, fühlte er, daß er sich all des
+Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn in ihren Träumen umgeben haben mußte.
+
+»Aber Peter Nord, wie wäre es denn gegangen, wenn Sie Halfvorson
+angetroffen hätten?« fragte Edith, als er zu Ende gesprochen hatte.
+
+Er ließ den Kopf immer tiefer hängen. »Ich sah ihn ja ohnehin,« sagte er.
+»Er war gar nicht verreist. Er arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor.
+Der Junge im Laden hatte mir alles erzählt.«
+
+»Nun, warum haben Sie sich dann nicht gerächt?« fragte Edith.
+
+Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er fühlte, daß ihre Blicke sich
+forschend auf ihn hefteten, und er begann gehorsam: »Als die Männer sich
+auf einem Abhang schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson
+auf, denn ich wollte ihn allein für mich haben. Er ging da herum und
+richtete Stäbchen in einem Erbsenbeet auf. Es mußte am Tage vorher einen
+Platzregen gegeben haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige
+Blätter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah aus wie ein
+Krankenhaus. Und Halfvorson war der Doktor. Er richtete sie so zart in die
+Höhe, streifte die Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die Stäbchen
+umfassen. Ich stand da und sah zu. Er hörte mich ja nicht und er hatte
+keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte zornig zu bleiben, aber was sollte
+ich tun? Ich konnte doch nicht auf ihn losstürzen, solange er mit den
+Erbsen beschäftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch, dachte ich.
+
+Aber plötzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn und stürzte zum
+Treibbeete. Da hob er die Glasfenster ab und guckte hinein, und ich guckte
+auch, denn er sah aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung wäre. Ja
+freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen, die Pflanzen vor der
+Sonne zu schützen und es war wohl unter den Glasfenstern furchtbar heiß
+gewesen. Die Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; einige
+Blätter waren versengt und andre hingen schlaff herab. Ich war auch ganz
+erschrocken, so daß ich alle Vorsicht vergaß, und da erblickte Halfvorson
+meinen Schatten. >Du hör' einmal, nimm die Gießkanne, die beim Spargelbeet
+steht, laufe zum Fluß herunter und hole Wasser,< sagte er, ohne aufzusehen;
+er glaubte wohl, es sei der Gärtnerjunge. Und so lief ich.«
+
+»Taten Sie das, Peter Nord?«
+
+»Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter unsrer Feindschaft zu
+leiden. Es kam mir wohl auch vor, daß das charakterlos sei, aber ich konnte
+nicht anders. Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen könnten. Als ich
+zurückkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte noch ebenso
+verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm die Kanne in die Hand, und er begann
+zu gießen. Ja, man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat. Es
+war mir fast, als richteten sie sich in die Höhe, und ihm schien es wohl
+auch so, denn er fing zu lachen an. Da lief ich fort.«
+
+»Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?« Edith hatte sich in ihrem
+Ruhesessel aufgerichtet.
+
+»Ich konnte ihn nicht schlagen,« sagte Peter Nord.
+
+Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um den Kopf des armen Peter
+Nord. So, sie brauchte ihn also nicht mit der schweren Last der Sünde um
+den Hals in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann war er also!
+Ein so weichherziger und feinfühliger Mann! Sie sank zurück, schloß die
+Augen wieder und dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es
+wunderte sie selbst, welch große Erleichterung es ihr gewährte, ihn nicht
+betrüben zu müssen.
+
+»Ich bin so froh, daß Sie sich die Rachegedanken aus dem Kopfe geschlagen
+haben, Peter Nord,« begann sie freundlich. »Gerade darum wollte ich Sie
+bitten. Jetzt kann ich ruhig sterben.«
+
+Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. Sie sah nicht aus, als
+hätte sie sich in ihm getäuscht. Sie mußte ihn doch sehr lieb haben, wenn
+sie alle diese Feigheit entschuldigen konnte. -- Denn wenn sie sagte, daß
+sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen Racheplänen
+abzustehen, geschah dies wohl nur aus Schüchternheit, um ihm nicht den
+wirklichen Grund des Rufes gestehen zu müssen. Darin hatte sie ganz recht.
+Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen.
+
+»Wie können sie Sie sterben lassen?« rief er aus. »Halfvorson und alle die
+andern, wie können sie es? Wenn ich hier wäre, ich wollte es Ihnen
+verwehren, zu sterben. Ich würde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich würde
+alle Ihre Leiden auf mich nehmen.«
+
+»Ich habe keine großen Schmerzen,« sagte sie, über diese kühnen
+Versprechungen lächelnd.
+
+»Ich stelle mir vor, daß ich Sie forttragen möchte wie ein erfrorenes
+Vögelchen, Sie unter die Weste stecken wie ein Eichhörnchen. O Gott, wie
+schön wäre es doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches daheim auf
+einen wartete. Aber wenn Sie gesund wären, so würden wohl viele ...«
+
+Sie sah ihn mit müdem Staunen an, bereit, ihn in seine Schranken zu weisen.
+Aber sie mußte wohl wieder etwas von dem Zauberkranze der Träume um das
+Haupt des Knaben gesehen haben, denn sie übte Nachsicht gegen ihn. Er
+meinte wohl nichts damit. Er mußte wohl so sprechen wie er sprach. Er war
+ja nicht wie andre.
+
+»Ach,« sagte sie gleichgültig. »Nicht so viele, Peter Nord. Wohl kaum
+einer, der es ernst meinte.«
+
+Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten ein. In ihr erwachte
+plötzlich der Heißhunger der Kranken nach Mitleid. Sie wollte das
+Mitgefühl, die Zärtlichkeit haben, die der arme Arbeiter ihr schenken
+konnte, es war ihr ein Bedürfnis, lange in der Nähe dieser tiefen,
+uneigennützigen Teilnahme zu weilen. Die Kranken können ja an derlei nie
+genug haben. Sie wollte sie in seinen Blicken und in seinem ganzen Wesen
+lesen. Worte waren ihr gleichgültig.
+
+»Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,« sagte sie. »Bleiben Sie noch ein
+Weilchen sitzen und erzählen Sie, wie es Ihnen in diesen sechs Jahren
+ergangen ist.«
+
+Während er sprach, lag sie da und schlürfte dieses Unsagbare ein, was von
+ihm zu ihr strömte. Sie hörte und hörte nicht. Aber durch irgendeine
+wunderbare Sympathie fühlte sie sich gestärkt und belebt.
+
+Übrigens machten ihr auch seine Erzählungen Eindruck. Sie führten sie in
+die Arbeiterviertel, in eine neue Welt voll gärender Hoffnungen und Kräfte.
+Wie man dort glaubte und sich sehnte! Wie man haßte und litt!
+
+»Wie glücklich sind doch die Unterdrückten,« sagte sie.
+
+In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den Sinn, daß dies etwas für
+sie sein könnte, die immer Druck und Zwang brauchte, um das Leben
+lebenswert zu finden.
+
+»Wenn ich gesund wäre,« sagte sie, »wäre ich vielleicht mit dahin gegangen.
+Es wäre schön gewesen, sich zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die
+Höhe zu arbeiten.«
+
+Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Geständnis, auf das er die
+ganze Zeit gewartet hatte. »Ach, können Sie nicht leben!« bat er, und er
+strahlte vor Glück.
+
+Sie wurde aufmerksam. »Das ist ja Liebe,« sagte sie zu sich selbst. »Und
+jetzt glaubt er, daß ich auch verliebt bin. Solch ein närrischer Kauz,
+dieser Wermlandjunge!«
+
+Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen, aber etwas lag über
+Peter Nord an diesem siegreichen Tage, das sie zurückhielt. Sie brachte es
+nicht übers Herz, seine frohe Stimmung zu zerstören. Sie fühlte Mitleid mit
+seiner Torheit und ließ ihn weiter darin leben. »Es macht ja nichts, da ich
+ja doch bald sterben muß,« sagte sie zu sich selbst.
+
+Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er fragte, ob er
+wiederkommen dürfe, verbot sie es ihm ganz. »Aber,« sagte sie, »vergessen
+Sie den Kirchhof hier oben auf dem Hügel nicht, Peter Nord. Dorthin können
+Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode für diesen Tag danken.«
+
+Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er Halfvorson. Dieser ging
+verzweifelt auf und ab und fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, daß
+Edith dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufbürdete. Um ihn überwältigt
+von Gewissensbissen zu sehen, einzig und allein darum hatte er ihn geholt.
+Doch als er den jungen Arbeiter traf, sah er, daß Edith ihm nicht alles
+gesagt haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien er
+schwindelnd glückselig.
+
+»Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben muß?« fragte Halfvorson.
+
+»Nein,« antwortete Peter Nord.
+
+Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie um ihn nicht entkommen
+zu lassen.
+
+»Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche wegen. Sie war wohl
+vorher ein bißchen krank, aber das hatte nichts zu bedeuten. Niemand
+glaubte, daß sie sterben würde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei
+unglückseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, während Sie in
+meinem Laden waren. Sie verfolgten sie, und sie lief vor ihnen fort, lief
+so, daß sie einen Blutsturz bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie
+wollten sich an mir rächen, dadurch, daß Sie sie töteten. Wollten mich
+einsam und unglücklich sehen, ohne einen einzigen Menschen um mich, der mir
+gut ist. Alle meine Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.«
+
+Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit Vorwürfen überschütten,
+ihn mit Flüchen morden; aber dieser riß sich los und lief davon, als ob ein
+Erdbeben die ganze Stadt erschüttere und alle Häuser im Begriffe wären
+einzustürzen.
+
+
+IV
+
+Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht, aber wenn man auf
+steilen Steinstufen und nadelbedeckten, glatten Pfaden hinaufgeklettert
+ist, so findet man, daß der Berg sich zu einem großen welligen Plateau
+ausbreitet. Und dort oben findet man einen Märchenwald.
+
+Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald ohne Nadeln, ein Wald,
+der im Frühling stirbt und im Herbst grünt, ein lebloser Wald, der in
+Lebensfreude aufflackert, wenn andre Bäume das grüne Kleid des Lebens
+ablegen, ein Wald, der wächst, ohne daß jemand wissen kann wie, der grün im
+Frost und braun im Tau dasteht.
+
+Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten sind gezwungen worden,
+in den Rissen zwischen Felsblöcken Wurzel zu schlagen. Ihre zähen Wurzeln
+haben sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt. Eine
+Zeitlang ging es gut, die jungen Bäume schossen in die Höhe, und die
+Wurzeln bohrten sich frohgemut in den grauen Stein. Aber endlich konnten
+sie nicht weiterkommen, und da bemächtigte sich des Waldes eine nur
+schlecht verhehlte üble Laune. Er wollte hoch hinaus, aber auch in die
+Tiefe. Da ihm der Weg nach unten versperrt war, schien ihn das Leben nicht
+mehr zu freuen. Jeden Frühling war er bereit, mißmutig die Lebensbürde
+abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben sollte, stand der junge Wald
+ganz braun da. Hoch über der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm
+einen düstern Rand sterbender Bäume.
+
+Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles Düsterkeit und Todeskampf.
+Wenn man so unter den braunen Bäumen einhergeht und sich so bedrückt fühlt,
+daß man am liebsten sterben wollte, sieht man grüne Bäume schimmern,
+Blumenduft schlägt einem entgegen; Vogelgesang jubelt und lockt. Da denkt
+man an das Schloß im schlummernden Wald, an das Paradies des Märchens, das
+von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und wenn man dann zu dem
+Grün, dem Blumenduft, dem Vogelgezwitscher kommt, sieht man, daß man sich
+auf dem versteckten Kirchhof des kleinen Städtchens befindet.
+
+Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angefüllten Vertiefung des
+Bergplateaus. Und da innerhalb der grauen Steinmauern hat alles Welken und
+aller Lebensüberdruß ein Ende. Im Tore stehen Fliederbüsche, die sich unter
+schweren Blütentrauben neigen. Linden und Ahornbäume spannen mit
+überraschender Kraft einen himmelhohen Bogen über den ganzen Platz. Jasmin
+und Rosen entblühen freundlich der geweihten Erde. Um große alte Grabsteine
+schlingen sich Ranken von Immergrün und Efeu.
+
+Hier ist eine Ecke, wo die Nadelbäume die Höhe eines Mastbaumes erreichen.
+Müßte sich nicht eigentlich der junge Wald draußen schämen, wenn er sie
+sieht? Und da sind Hecken, die den Händen ihrer Pfleger ganz entwachsen
+sind, die ohne an Schere und Messer zu denken, blühen und sprießen.
+
+Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof, zu dem die Toten
+ohne sonderliche Mühe gelangen können. Es war recht beschwerlich für sie,
+im Winter hier heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis
+überzogen sind, und die Stufen schlüpfrig und schneebedeckt. Der Sarg
+knackte, die Träger keuchten, der alte Propst stützte sich schwer auf den
+Küster und den Totengräber. Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu
+werden, der es nicht selbst gewünscht hat.
+
+Schön sind die Gräber dort nicht. Die wenigsten verstehen es, den Toten
+eine schöne Wohnstatt zu bereiten. Aber das frische Grün ergießt seinen
+Frieden und seine Schönheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu
+wissen, daß alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende, der nach
+einem heißen Arbeitstage hinaufflüchtet, geht wie unter Freunden einher.
+Die hier schlummern, haben ja auch die hohen Bäume und die Stille geliebt.
+
+Kommt ein Fremder herauf, so erzählt man ihm nicht von Tod und Trauer,
+sondern auf den großen Steinplatten, auf den breiten Bürgermeistergräbern
+sitzt man und erzählt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen, und seiner
+Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte am besten dazu, hier oben
+erzählt zu werden, wo der Tod seine Schrecken verloren hat. Es ist, als
+müßte die geweihte Erde jubeln, daß sie auch einmal der Schauplatz
+erwachenden Glücks und neuerweckten Lebens sein durfte.
+
+Denn es kam so, daß Peter Nord, als er von Halfvorson fortlief, seine
+Zuflucht oben auf dem Kirchhofe suchte.
+
+Zuerst lief er auf die Flußbrücke zu und schlug den Weg zur großen
+Fabrikstadt ein. Doch auf der Brücke machte der arme Flüchtling halt. Mit
+dem Königsreif um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden,
+als wäre er aus Sonnenstrahlen gesponnen gewesen. Peter Nord war von Kummer
+tief gebeugt, sein ganzer Körper zitterte, das Herz tat ihm weh, das Hirn
+brannte wie Feuer.
+
+Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum drittenmal entgegenkam.
+Sie war viel freundlicher, viel milder als einst, aber sie erschien ihm
+darum nur um so furchtbarer.
+
+»Ach, du Armer,« sagte sie, »jetzt mußt du aber mit deinen Streichen doch
+endlich aufhören! Du wolltest das Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern,
+die man Leben nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt und
+bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt kannst du dich nur
+mehr an mich wenden.«
+
+Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen. »Ich weiß, was du von mir
+willst. Du willst mich zur Arbeit und Entbehrung führen, aber ich kann
+nicht! Nicht jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.«
+
+Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit lächelte immer milder. »Du bist ja
+unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das doch nicht so zu Herzen, wofür du
+nichts kannst. War Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, daß sie dir
+vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du gelebt hast!«
+
+Der Knabe wurde immer heftiger. »Meinst du, es ist besser für mich, daß ich
+gerade die getötet habe, die gut gegen mich war, sie, die mich liebte? Wäre
+es nicht besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet hätte, den ich ermorden
+wollte? Ich muß es sühnen. Ich muß ihr das Leben retten. Jetzt kann ich
+nicht an Arbeit denken.«
+
+»O du Narr,« sagte Frau Fastenzeit, »das Fest der Sühne, das du feiern
+willst, das ist die allergrößte Vermessenheit.«
+
+Da empörte sich Peter Nord vollends gegen seine langjährige Freundin. Er
+hohnlachte förmlich. »Was hast du mir eingeredet,« sagte er, »daß du eine
+brave, brummige Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten. Du bist
+eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist schön, und du bist
+entsetzlich. Du weißt selbst nichts von Maß und Ziel. Warum sollte ich es
+denn? Wie kannst du Fasten predigen, du, die du ein solches Übermaß von
+Schmerz auf mich wälzen wolltest? Was sind die Feste, die ich gefeiert
+habe, gegen die, die du dir unaufhörlich bereitest! Bleib mir vom Leibe mit
+deiner gelben, bleichen Mäßigkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben,
+wie du selbst.«
+
+Nicht einen Schritt konnte er nach der großen Fabrikstadt machen.
+Ebensowenig konnte er umkehren und wieder über die lange Straße in das
+Städtchen wandern, nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum
+verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den steifen, stechenden
+jungen Bäumen umher, bis ein freundlicher Pfad ihn zum Kirchhof führte.
+Dort suchte er sich ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die Höhe eines
+Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todmüde zu Boden.
+
+Er wußte nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit verging, oder ob
+alles jetzt stille stand. Aber nach einem Weilchen ertönten Schritte, und
+er erwachte zu halbem Bewußtsein. Es war ihm, als wäre er lange, lange fort
+gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen, und sogleich tauchte ein
+verwirrter Gedanke in ihm auf. Wie lange lag er schon da? War Edith schon
+tot? Suchte sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd nach ihrem
+Mörder? Er zitterte und bebte. Freilich lag er in dem dunkeln
+Tannendickicht verborgen, aber er zitterte vor dem, was geschehen wäre,
+wenn die Leiche ihn gefunden hätte. Er bog ein paar Zweige zurück und
+blickte hinaus. Ein gehetzter Flüchtling kann nicht wilder nach seinen
+Verfolgern ausblicken.
+
+Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig und spärlich war das
+Geleit. Unbekränzt wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der
+Gesichter zeigte Tränenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand genug, um
+einzusehen, daß dies unmöglich Edith Halfvorsons Begräbnis sein konnte.
+
+Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer weiß, vielleicht war es ein
+Gruß von ihr. Peter Nord fühlte, daß er nicht das Recht hatte, zu
+entfliehen. Sie hatte gesagt, er möge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte
+wohl, daß er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine Strafe zuteil
+werden lassen konnte. Dieser Leichenzug war ein Gruß, ein Zeichen. Sie
+wollte, daß er sie dort erwartete.
+
+Vor seinem kranken Hirn türmte sich jetzt die niedre Kirchhofsmauer so hoch
+wie ein Festungswall auf. Er starrte ängstlich auf das schwache
+Gitterpförtchen, es war wie die festeste Eichentür. Er war hier oben
+gefangen. Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn seiner
+Strafe zuführte.
+
+Was sie dann mit ihm beginnnen würde, das wußte er nicht. Nur eines war
+deutlich und klar. Er mußte hier warten, bis sie kam und ihn holte.
+Vielleicht wird sie ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm
+gebieten, sich vom Berge herunterzustürzen. Er konnte es nicht wissen --
+vorderhand mußte er warten.
+
+Die Vernunft kämpfte einen verzweifelten Kampf: Du bist ja unschuldig,
+Peter Nord. Mache dir doch kein Herzeleid über das, was du nicht
+verschuldet hast. Sie hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu
+deiner Arbeit! Erhebe den Fuß, und du bist über die Mauer, stoße mit einem
+Finger zu, und das Tor ist offen.
+
+Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem Nebel, einer Betäubung.
+Die Gedanken kamen unklar, so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines
+nur wußte er, er mußte bleiben, wo er war.
+
+Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die Wette mit den
+wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter Nord, mit dem du an einem Sommertag
+gespielt, geht oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter
+Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den Kirchhof nicht
+verlassen, bis dein blumengeschmückter Sarg heraufkommt, um ihn zu holen.
+
+Das Mädchen schlug die Augen auf, gleichsam wie um noch einmal die Welt zu
+sehen. Sie schickte nach Peter Nord. Sie zürnte ihm wegen seines tollen
+Streiches. Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie hatte nie gewünscht,
+daß er sich ihrethalben Gewissensbisse mache.
+
+Der Bote kam ohne Peter Nord zurück. Er könne nicht kommen. Die Mauer sei
+zu hoch und das Tor zu stark. Nur eine könne ihn von dort fortbringen.
+
+In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an nichts andres. »Er geht
+noch immer dort herum, noch immer,« erzählte man einander jeden Tag. »Ist
+er verrückt?« fragten die Leute häufig, und einige, die mit ihm gesprochen
+hatten, antworteten, daß er es ganz gewiß werden würde, wenn »sie« kam.
+Aber sie waren sehr stolz auf diesen Märtyrer der Liebe, der ihrer Stadt
+Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die Reichen schlichen den
+Berg hinauf, um ihn wenigstens aus der Ferne zu sehen.
+
+Aber Edith, die sich nicht vom Fleck rühren konnte, die machtlos dalag und
+sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu denken hatte, womit beschäftigte
+sie sich wohl? Welche Gedanken wälzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh,
+Peter Nord, Peter Nord! Mußte sie nicht stets den Mann vor sich sehen, der
+sie liebte, der nahe daran war, um ihretwillen den Verstand zu verlieren,
+der wirklich, wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren Sarg
+wartete.
+
+Sieh da, das war etwas für die Stahlfedernatur in ihr. Das war etwas für
+die Phantasie, etwas für entschlummernde Gefühle. Sich vorzustellen, was er
+anfangen würde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen, was er beginnen würde,
+wenn sie nicht als Tote hinkam.
+
+Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon und von nichts
+anderm. So wie die alten Städte ihre Säulenheiligen geliebt hatten, so
+liebte das Städtchen den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne auf den
+Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer wilder und wilder aus. Immer
+dichter senkte sich die Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. »Warum
+beeilt sie sich nicht, gesund zu werden,« sagten sie von Edith. »Es wäre
+unrecht von ihr, zu sterben.«
+
+Edith fühlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem Leben war, sollte nun
+wieder die schwere Bürde auf sich nehmen müssen? Aber auf jeden Fall begann
+sie sich redlich zu mühen. In ihrem Körper wurde in diesen Wochen mit
+fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt. Und es wurde nicht an
+Material gespart. In ungeheuren Massen wurde alles verbraucht, was
+Lebenskraft gibt, wie es auch heißen mochte: Malzextrakt oder Lebertran,
+frische Luft oder Sonnenschein, Träume oder Liebe.
+
+Und was für herrliche Tage waren dies doch, lang, warm, regenlos!
+
+Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu lassen. Die ganze Stadt
+war in Angst, als sie den Weg antrat. Würde sie mit einem Wahnsinnigen
+zurückkommen? Konnten diese Wochen des Elends aus seinem Hirn ausgetilgt
+werden? Würde die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um wieder zu leben,
+fruchtlos sein? Und wenn, wie würde es dann ihr selbst ergehen?
+
+Wie sie dahinzog, blaß vor Spannung, aber doch voll Hoffnung, gab es Anlaß
+zur Unruhe genug. Niemand verhehlte sich, daß Peter Nord einen zu großen
+Raum in ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste in
+der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen. Alle Schranken waren für sie
+gefallen, als sie hörte, was er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus
+ihrer Schwärmerei werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem Wahnsinnigen
+ist nichts Romantisches.
+
+Als man sie bis an das Friedhofspförtchen getragen hatte, verließ sie die
+Träger und ging allein über den breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten
+rund um den grünenden Platz, aber sie sah niemanden.
+
+Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht, und von dort sah
+sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren. Nie hatte sie ein Antlitz
+gesehen, das so deutlich den Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst
+darüber, erschrak tödlich. Es fehlte nicht viel, so wäre sie geflohen.
+
+Aber dann loderte ein großes, heiliges Gefühl in ihr auf. Jetzt konnte
+nicht mehr von Liebe und Schwärmerei die Rede sein, nur von Angst, daß ein
+Mitmensch, einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde
+durchwanderten, verloren gehen sollte!
+
+Das Mädchen blieb stehen. Sie wich nicht einen Schritt zurück, sondern ließ
+ihn sich langsam an ihren Anblick gewöhnen. Aber alle Macht, die sie besaß,
+legte sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit der ganzen Kraft
+des Willens, der die Krankheit in ihr selbst besiegt hatte.
+
+Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt. Er ging auf
+sie zu, ohne daß das Grauen aus seinen Zügen wich. Er sah aus, als wäre er
+von einem wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerreißen. Als er
+dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre beiden Hände auf die Schultern
+und sah ihm lächelnd ins Gesicht.
+
+»Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie müssen von hier fort! Was
+meinen Sie damit, daß Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben,
+Peter Nord?«
+
+Er zitterte und sank zusammen. Aber sie fühlte, daß sie ihn mit ihren
+Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen hingegen gar keine Bedeutung für
+ihn zu haben.
+
+Sie schlug einen etwas andern Ton an. »Höre, was ich sage, Peter Nord. Ich
+bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich bin gesund geworden, um hier
+heraufzukommen und dich zu retten.«
+
+Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen da. Wieder veränderte
+sich ihre Stimme. »Du hast mir nicht den Tod gebracht,« sagte sie immer
+inniger, »du hast mir das Leben gegeben.«
+
+Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre Stimme ward zuletzt bebend
+vor Bewegung, trübe von Tränen. Aber er verstand nichts von dem, was sie
+sagte.
+
+»Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,« rief sie aus.
+
+Er blieb ebenso gleichgültig.
+
+Nun wußte sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie mußte ihn wohl mit in
+die Stadt hinabnehmen und gute Pflege und die Zeit walten lassen.
+
+Doch wer weiß, mit welchen Träumen sie heraufgekommen war und was sie sich
+von dieser Begegnung mit dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo
+sie alles das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln mußte,
+erfüllte sie ein Schmerz, als müßte sie das Kostbarste von sich lassen, was
+das Leben ihr geschenkt hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog
+sie ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn.
+
+Dies sollte ein Abschied von Leben und Glück sein. Sie fühlte, wie ihre
+Kräfte versagten. Tödliche Mattigkeit kam über sie.
+
+Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches Lebenszeichen zu
+merken, er war nicht mehr ganz so schlaff und stumpf. Es zuckte in seinen
+Gesichtszügen. Er zitterte immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer
+größrer Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu weinen.
+
+Sie führte ihn zu einem Grabstein. Sie ließ sich darauf nieder, zog ihn zu
+sich herab und bettete sein Haupt in ihrem Schoß. So saß sie da und
+streichelte ihn, während er weinte.
+
+Mit ihm ging etwas Ähnliches vor, wie wenn man aus einem bösen Traum
+erwacht. »Warum weine ich,« fragte er sich. »Ach, ich weiß, ich habe so
+furchtbar geträumt. Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht
+gemordet. Wie töricht, über einen Traum zu weinen.«
+
+Und so allmählich wurde ihm alles klar; doch seine Tränen flossen weiter.
+Sie saß da und liebkoste ihn, aber seine Tränen strömten noch lange.
+
+»Das Weinen tut mir so wohl,« sagte er.
+
+Dann sah er auf und lächelte. »Ist jetzt Ostern?« fragte er.
+
+»Was meinst du damit?«
+
+»Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,« fuhr er fort.
+Dann, als wären sie langjährige Vertraute, begann er, ihr von Frau
+Fastenzeit zu erzählen und von seiner Empörung gegen ihr Regiment.
+
+»Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein Ende,« sagte sie.
+
+Aber als er daran dachte, daß Edith dasaß und ihn liebkoste, mußte er
+wieder weinen. Es war ihm solch ein Bedürfnis zu weinen. Alles Mißtrauen
+gegen das Leben, das das Unglück dem kleinen Wermländer eingeflößt hatte,
+bedurfte der Tränen, um fortzuschmelzen. Das Mißtrauen, daß Liebe und
+Freude, Schönheit und Kraft nicht auf Erden blühen könnten, das Mißtrauen
+gegen sich selbst, alles das mußte fort. Alles das ging fort, denn es war
+Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit konnte nie mehr Macht erlangen.
+
+
+
+
+Die Legende vom Vogelnest
+
+
+Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte, und
+sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die
+windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. Doch
+er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den Bart in
+den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang
+streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso
+unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so wollte er bis zum
+Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu erbitten.
+
+Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren
+hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen
+andrer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. Darum
+zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am Flußufer und
+wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron Gehör fanden.
+
+Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das
+große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten Gerichts
+über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden
+Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde verkünden sollten. Er rief
+nach den Wellen des Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertränken. Er
+rief nach der Pest, auf daß sie die Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle.
+
+Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am
+Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem großen,
+kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne Zweige
+hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des holzarmen
+Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden Frühling trieb
+der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen Tagen sah man sie um
+den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart um Hatto, den Eremiten,
+flatterten.
+
+Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen
+den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage
+mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig peitschenden
+Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit Binsenhalmen und
+Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber sie mußten
+unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, der eben
+Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu lassen, damit das
+Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst zerstört werde.
+
+Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und
+vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein alter
+Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und Wangen,
+daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem kleinen
+Aufleuchten tief in den Augenhöhlen sah man, daß er Leben besaß. Und die
+vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der emporgestreckte
+nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, die mit
+verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen waren. Er trug einen
+alten, eng anliegenden schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne
+und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart waren licht, hatten
+sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne
+Farbe angenommen hatten, wie die Unterseite der Weidenblätter.
+
+Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten,
+hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie die
+andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie
+umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich den
+Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und Stürme,
+fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für ihn, wegen
+seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer und ihrem
+Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und legte sein
+Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten.
+
+Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht
+sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab
+es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des
+Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr Sünden
+beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die Lebenden
+gibt es keine Erlösung.«
+
+Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus der
+großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen wieder und
+versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine Finger
+einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger Daumen über
+die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich über die
+Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man bauen
+konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort.
+
+»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du des
+Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Maß
+deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O Herr,
+wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?«
+
+Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des
+Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem
+roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden
+wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von
+diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der
+kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit einem
+vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten.
+
+Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das Gelübde
+getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen zu beten, um
+so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein Körper wurde,
+desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn erfüllten. Er hörte die
+Mauern der Städte zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen
+einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei, und
+ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, hohe,
+silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönem Antlitz, auf schwarzen
+Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus weißen Blitzen geflochten
+waren.
+
+Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und
+die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit ihrem
+steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und seinen
+Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur Mittagsrast
+noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen sie hin und
+her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst angelangt.
+
+Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und
+mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus,
+wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden
+tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich ein
+bißchen ausruhten.
+
+So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im
+Schilf auf.
+
+Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein Gesicht
+in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein
+wunderliches Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen mit großen,
+runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für den, der aufrecht
+steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen
+Köpfchen auf schwanähnlich gebognen Hälsen erhoben. Große Kröten kriechen
+träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der
+Fuchs springt nach einer Fledermaus, die Mücken über dem Fluß jagt. Es ist,
+als hätte jedes Erdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die
+kleinen Vögelchen auf dem schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf
+diesen Ruhestätten, denen kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser
+aufplätschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt.
+
+Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des
+gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen.
+
+Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest zu,
+aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin und
+erhoben sich gerade in die Luft, um zu spähen. Keine Spur von einem Nest
+oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine am
+Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und drehten
+das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen?
+
+Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf
+dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich auf
+denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war ebenso
+schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas,
+was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte.
+
+Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die vielen
+Wunder der Natur nachzugrübeln.
+
+Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte
+und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der
+Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den
+fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß
+hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem Blick
+die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am
+Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß nicht nur jeder
+Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgne mystische Bedeutung hat,
+sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er
+herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die Bachstelzchen ihr Nest in
+seiner Hand bauten; Gott wollte, daß er mit erhobnen Armen betend dastehen
+sollte, bis die Vögel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte er dies,
+so sollte er erhört werden.
+
+Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten Gerichtes.
+Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er
+sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund herum
+und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine Moosflechten von der
+wirklichen Weide und klebten sie außen an, das sollte anstatt Tünche oder
+Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm Flaum
+von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die
+Einrichtung und Möblierung.
+
+Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des
+Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu
+bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden
+ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand.
+
+»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und
+fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine
+Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken
+hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie lächelten nur
+über seine Verwünschungen.
+
+Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger
+und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er
+ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und
+wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf den
+Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nachts
+seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen zu
+schlafen. Unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch größre
+Dinge vollbracht haben.
+
+Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den
+Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und
+schützte das Nest so gut er konnte.
+
+Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide
+Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen
+und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest von
+einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen Weilchen
+ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus.
+
+Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was oben
+in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am
+allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten.
+
+Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die Gabe,
+sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen starren in das
+Nest herab.
+
+Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: kleine,
+nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine Augen, keine
+Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene Schnäbel.
+
+Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden wie
+sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang
+ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch
+Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für
+diese sechs Schutzlosen.
+
+Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht
+mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, freute
+er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen.
+
+Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des
+alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die
+Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die Körperformen
+sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur den beflügelten
+Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut.
+
+Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer zögernder
+über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, daß sie
+hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun stand er
+da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese
+sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er nicht opfern.
+
+Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein
+Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine Kind
+die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und machte ihn
+unschlüssig.
+
+Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er meinte,
+daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben dürfen.
+Mußte er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger und den
+mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade als er noch
+so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu
+töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im
+Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den
+Fluß.
+
+Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der Bachstelzchen
+mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand hinauszuschieben,
+während das andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war, wenn sie
+es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen sich hartnäckig fürchteten,
+da flogen die beiden Alten fort und zeigten ihnen ihre allerschönste
+Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschiedene
+Windungen, oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie Lerchen oder
+hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Luft.
+
+Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht
+lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen Puff
+mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen sie,
+zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, sie sinken,
+aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, und verwenden
+sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten
+kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte Hatto schmunzelt.
+
+Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben.
+
+Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern Herrgott nicht auch
+einen Ausweg geben konnte.
+
+Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie
+ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu
+denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der
+Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte,
+so wie sich der Eremit der kleinen Vögel erbarmte.
+
+Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unsers Herrgotts
+Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch ein Herz für
+sie hatte.
+
+Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der
+Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner
+Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem anhielt, um
+dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. Doch in
+demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten sich ihm auf
+Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein
+Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er hatte ja den Arm
+gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel anzusehen.
+
+Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt,
+nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu. »Du bist frei,« sagte
+er, »du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch
+deines nicht zu halten.«
+
+Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich der
+Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe.
+
+
+
+
+Das Hünengrab
+
+
+Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot blüht. Auf der Sandhalde
+wuchs es in dichten Büscheln. Von niedrigen, baumähnlichen Stämmchen
+erhoben sich dicht sitzende grüne Zweige mit nadelharten, festen Blättern
+und kleinen, spät welkenden Blüten. Diese schienen nicht aus dem
+gewöhnlichen saftreichen Blumengewebe zu bestehen, sondern aus trocknen,
+harten Schuppen. Sie waren sehr unansehnlich von Größe und Gestalt; auch
+war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen Heide hatten sie
+sich nicht in der windgeschützten Luft entwickelt, in der die Lilien ihre
+Kelchblätter entfalten, auch nicht in dem üppigen Erdreich, aus dem die
+Rosen die Nahrung für ihre schwellenden Kronen schöpfen. Was sie zu Blumen
+machte, war eigentlich die Farbe; denn leuchtend rot waren sie. Den Farbe
+schenkenden Sonnenschein hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine
+bleichen Kellergewächse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die gesegnete
+Fröhlichkeit und Stärke der Gesundheit lag über der ganzen blühenden Heide.
+
+Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten Mantel bis hinauf zum
+Waldessaum. Da erhoben sich auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar
+uralte, halb zusammengestürzte Grabhügel; und wie innig das Heidekraut sich
+auch an sie zu schmiegen suchte: es gab doch dort oben Risse, durch die
+große flache Felsenplatten durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des
+Berges selbst. Unter dem größten Grabhügel ruhte ein alter König, Atle
+genannt. Unter den andern schlummerten die seiner Mannen, die gefallen
+waren, als die große Schlacht dort auf der Halde geschlagen ward. Nun
+hatten sie schon so lange dagelegen, daß die Angst und die Ehrfurcht vor
+dem Tode von ihren Gräbern gewichen war. Der Weg ging zwischen ihren
+Ruhestätten hindurch. Wer nachts hier wanderte, dem kam es nie in den
+Sinn, sich umzusehen, ob wohl zu mitternächtiger Stunde nebelumhüllte
+Gestalten auf der Spitze der Grabhügel säßen und in stummer Sehnsucht zu
+den Sternen emporblickten.
+
+Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. Der Schütze, der
+seit dem Morgengrauen auf der Jagd gewesen war, hatte sich in das
+Heidekraut hinter König Atles Hügel geworfen. Er lag auf dem Rücken und
+schlief. Den Hut hatte er über die Augen gezogen und die Jagdtasche aus
+Fell, aus der die langen Ohren des Hasen und die gekrümmten Schwanzfedern
+des Auerhahns lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen hatte er
+neben sich.
+
+Aus dem Walde kam ein Mädchen, ein Bündelchen mit Essen in der Hand. Als
+sie auf die flachen Platten zwischen den Grabhügeln kam, dachte sie, was
+für ein guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam große Lust, ihn zu
+probieren. Sie warf das Bündelchen ins Heidekraut und begann ganz
+mutterseelenallein zu tanzen. Sie wußte nicht darum, daß hinter dem
+Königshügel ein Mann lag und schlief.
+
+Der Schütze schlief noch immer. Brennend rot stand das Heidekraut gegen den
+tiefblauen Himmel. Der Ameisenlöwe hatte seinen Graben dicht neben dem
+Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stück Katzengold und funkelte, als
+wollte es alle alten Stoppeln der Sandhalde in Brand setzen. Über dem Kopf
+des Schützen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch aus und
+ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten Purpur bis ins Stahlblau. Auf
+den unbeschatteten Teil seines Gesichtes brannte glühender Sonnenschein.
+Aber er schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu schauen.
+
+Unterdessen fuhr das Mädchen fort, zu tanzen, und es drehte sich so eifrig,
+daß die geschwärzte Mooserde, die sich in den Unebenheiten der Blöcke
+angesammelt hatte, um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel,
+blank und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. Die nahm sie und
+drehte sich mit ihr herum. Späne lösten sich aus dem modernden Baume.
+Tausendfüßler und Ohrwürmer, die in den Ritzen genistet hatten, stürzten
+sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich in die Wurzeln des
+Heidekrautes.
+
+Wenn die fliegenden Röcke die Heide streiften, flatterten daraus Scharen
+von kleinen grauen Schmetterlingen auf. Die Unterseite ihrer Flügel war
+weiß und glänzte wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm auf
+und ab. Sie schienen nun ganz weiß, und es war, als ob das rote Heidemeer
+weißen Schaum emporspritzte. Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes
+Weilchen schwebend in der Luft. Ihre zarten Flügel zitterten so heftig, daß
+der Farbenstaub sich löste und als dünner, silberweißer Flaum auf das
+Heidekraut fiel. Da war es, als würde die Luft von einem sonnig glitzernden
+Tauregen durchrieselt.
+
+Ringsum im Heidekraut saßen Heuschrecken und rieben ihre Hinterbeine gegen
+die Flügel, so daß es wie Harfensaiten klang. Sie hielten guten Takt und
+waren so eingespielt, daß jeder, der über die Heide ging, dieselbe
+Heuschrecke auf seiner Wanderung zu hören meinte, obgleich er sie bald zur
+Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, bald hinter sich. Aber die
+Tanzende war nicht zufrieden mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem
+kleinen Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trällern. Ihre
+Stimme war schrill und spröde. Der Schütze erwachte von dem Gesang. Er
+wendete sich seitwärts, richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah über das
+Hünengrab hinweg zu ihr, die tanzte.
+
+Er hatte geträumt, daß der Hase, den er soeben getötet hatte, aus der
+Jagdtasche gesprungen sei und seine eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn
+zu schießen. Nun sah er zu dem Mädchen hinüber, schlaftrunken, wirr von
+Träumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf in der Sonne.
+
+Sie war groß und von grobem Gliederbau; nicht hold von Angesicht, nicht
+leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. Sie hatte breite Wangen, dicke
+Lippen und eine platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel von
+Haar, üppig von Gestalt, kräftig in den Bewegungen. Ihre Kleider waren
+dürftig, aber grell. Rote Borten faßten den gestreiften Rock ein, und bunte
+Wollgarnlitzen folgten den Nähten des Leibchens. Andre Jungfrauen gleichen
+Rosen und Lilien. Diese war wie das Heidekraut, stark, fröhlich, leuchtend.
+
+Mit Freude sah der Schütze das große, prächtige Weib auf der roten Halde
+tanzen, mitten unter zirpenden Grashüpfern und flatternden Schmetterlingen.
+Und wie er sie so ansah, lachte er, daß der Mund sich von einem Ohr zum
+anderen zog. Aber da erblickte sie ihn plötzlich und blieb unbeweglich
+stehen.
+
+»Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,« war das erste, was sie hervorbrachte.
+Zugleich erwog sie, wie sie ihn bewegen könne, über das zu schweigen, was
+er gesehen hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzählen hören, daß sie
+mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.
+
+Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte er über die Lippen. Er
+war so scheu, daß er nichts Besseres anzufangen wußte, als zu fliehen,
+obwohl er gern geblieben wäre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und die
+Jagdtasche auf den Rücken. Dann lief er zwischen den Heidekrauthügeln fort.
+
+Sie packte das Eßbündel und eilte ihm nach. Er war klein, steif von
+Bewegungen und hatte sichtlich geringe Kräfte. Sie holte ihn bald ein und
+schlug ihm den Hut vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben.
+Eigentlich hatte er die größte Lust, zu bleiben, aber er war ganz wirr vor
+Schüchternheit und floh in noch größrer Hast. Sie lief nach und begann, an
+seiner Tasche zu zerren. Da mußte er stehenbleiben, um die Tasche zu
+verteidigen. Das Mädchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen und sie
+warf ihn zu Boden. »Jetzt wird er's keinem erzählen,« dachte sie und war
+froh.
+
+In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn er, der auf der Erde
+lag, schien ganz bleich und die Augen drehten sich in ihren Höhlen. Er
+hatte sich aber nicht verletzt. Es war die Gemütsbewegung, die er nicht
+vertragen hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke Gefühle in
+diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er war froh über das Mädchen und
+zornig und scheu und dennoch stolz, daß sie so stark war. Er war ganz
+betäubt von alledem.
+
+Die große, starke Jungfrau legte den Arm um seinen Rücken und richtete ihn
+auf. Sie brach Heidekraut und peitschte sein Gesicht mit den steifen
+Zweigen, bis das Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich wieder
+dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor Freude beim Anblick des
+Mädchens. Noch immer schwieg er; aber die Hand, die sie um seinen Leib
+gelegt hatte, zog er an sich und streichelte sie sanft.
+
+Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mühsal. Trocken und
+bleichgelb, fleischlos und blutarm war er. Es rührte sie, daß er so verzagt
+war, er, der doch um die Dreißig sein mochte. Sie dachte, daß er wohl ganz
+mutterseelenallein tief im Walde leben müsse, da er so kläglich und so
+schlecht gekleidet war. Keinen hatte er wohl, der nach ihm sah, nicht
+Mutter noch Schwester oder Liebste.
+
+ * * * * *
+
+Der große barmherzige Wald breitete sich über die Wildnis aus. Verbergend
+und schützend nahm er in seinen Schoß alles auf, was bei ihm Hilfe suchte.
+Mit hohen Stämmen hielt er Wacht um die Höhle des Bären, und in der
+Dämmerung dichter Gebüsche hegte er das mit Eiern gefüllte Nest der kleinen
+Vöglein.
+
+Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flüchteten viele von ihnen
+in den Wald und fanden Schutz hinter seinen grünen Mauern. Er ward für sie
+ein großer Kerker, den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt diese
+seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die Stumpfen zum Nachdenken und
+erzog die in der Knechtschaft Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur
+dem Fleißigen schenkte er die Gnade des Lebens.
+
+Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, waren Abkömmlinge
+solcher Gefangnen des Waldes. Sie gingen manchmal hinunter in die bebauten,
+bewohnten Täler, denn sie brauchten nicht mehr zu befürchten, in die
+Knechtschaft zurückgeführt zu werden, aus der ihre Väter geflohen waren;
+doch am liebsten nahmen sie den Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des
+Schützen war Tönne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden urbar zu
+machen, aber er verstand sich auch auf andre Dinge. Er sammelte Reisig,
+kochte Teer, trocknete Schwämme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte,
+hieß Jofrid. Ihr Vater war Köhler. Sie band Besen, pflückte Wacholderbeeren
+und braute Bier aus dem weißblumigen Porsch. Beide waren sehr arm.
+
+Früher hatten sie einander in dem großen Walde nie getroffen, aber jetzt
+deuchte sie, daß alle Wege des Waldes sich zu einem Netz verschlängen, in
+dem sie hin und wieder liefen und einander unmöglich vermeiden konnten. Nie
+wußten sie nun einen Pfad zu wählen, auf dem sie einander nicht begegneten.
+
+Tönne hatte einmal einen großen Kummer gehabt. Er hatte lange mit seiner
+Mutter in einer elenden Reisigkoje gehaust; aber als er heranwuchs, faßte
+er den Plan, ihr ein warmes Häuschen zu bauen. In allen seinen Mußestunden
+ging er in den Holzschlag, fällte Bäume und spaltete sie in angemessene
+Stücke. Dann verbarg er das aufgehäufte Bauholz in dunklen Klüften unter
+Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, daß seine Mutter nicht früher von all
+der Arbeit etwas erfahren sollte, als bis er so weit war, die Hütte
+aufzubauen. Aber seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er
+gesammelt hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, was er tun wollte.
+Er, der mit demselben Eifer gearbeitet hatte wie David, Israels König, als
+er Schätze für Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor alle
+Lust an dem Bau. Für ihn war die Reisigkoje gut genug. Und doch hatte er's
+nicht viel besser in seinem Heim als ein Tier in seiner Höhle.
+
+Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen war, Lust bekam,
+Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete dieser Wunsch wohl sicherlich,
+daß er sie gern zur Liebsten und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch
+täglich, daß er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache sprechen
+werde. Aber Tönne brachte es nicht über sich. Man merkte ihm an, daß er von
+unfreier Abkunft war. Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf,
+wie die Sonne, wenn sie über das Himmelszelt zieht. Und schwerer war es für
+ihn, diese Gedanken zu zusammenhängender Rede zu formen, als für einen
+Schmied, einen Armreif aus rollenden Sandkörnern zu schmieden.
+
+Eines Tages führte Tönne Jofrid zu einer der Schluchten, wo er sein Bauholz
+verborgen hatte. Er riß Zweige und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen
+Stämme. »Das hätte Mutter haben sollen,« sagte er. Und sah Jofrid
+erwartungsvoll an. »Dies hätte Mutters Hütte werden sollen,« wiederholte
+er. Merkwürdig schwer fiel es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen
+Gesellen zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, hätte sie doch
+verstehen müssen; aber sie verstand nicht.
+
+Da beschloß er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklären. Ein paar
+Tage später begann er, die Stämme zu der Stelle zwischen den Grabhügeln zu
+schleppen, wo er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie
+gewöhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch weiter, ohne etwas
+zu sagen. Seit sie Freunde geworden waren, war sie ihm oft an die Hand
+gegangen, aber bei dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu
+wollen. Tönne meinte doch, sie hätte verstehen müssen, daß es ihre Hütte
+war, die er jetzt zimmern wollte.
+
+Sie verstand es ganz wohl, aber sie spürte keine Lust, sich einem Mann von
+Tönnes Art zu schenken. Sie wollte einen starken, gesunden Mann haben. Es
+schien ihr ein schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit einem
+verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. Und doch zog viel sie zu
+diesem stillen, scheuen Mann. Man denke doch, daß er sich so hart geplagt
+hatte, um seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glück genossen hatte, zur
+Zeit fertig zu werden. Sie hätte über sein Schicksal weinen können. Und nun
+baute er die Hütte gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein
+gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken an ihn; aber sie
+wollte durchaus nicht seine Frau werden.
+
+Jeden Tag ging sie über die Heide und sah die Hütte aufragen, dürftig und
+ohne Fenster; der Sonnenschein rieselte durch die undichten Wände.
+
+Tönnes Arbeit ging sehr rasch vorwärts; aber er arbeitete nicht sorgfältig,
+sein Bauholz war nicht in Kanten behauen, kaum abgerindet. In die Diele
+legte er gespaltne junge Bäume. Sie wurde sehr uneben und schwankend. Das
+Heidekraut, das darunter blühte, -- denn es war nun ein Jahr seit dem Tage
+vergangen, an dem Tönne hinter König Atles Hügel gelegen und geschlafen
+hatte --, steckte ganz verwegen seine roten Trauben durch die Ritzen, und
+die Ameisen wanderten unbehindert aus und ein und musterten dies
+gebrechliche Menschenwerk.
+
+Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken mochte: immer
+schwebte ihr der Gedanke vor, daß dort eine Hütte für sie erbaut würde. Ein
+eignes Heim ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie wußte,
+daß, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der Bär oder der Fuchs dort
+hausen mochte. Denn so gut kannte sie Tönne, daß sie begriff: wenn es sich
+zeigte, daß er vergeblich gearbeitet hatte, würde er niemals in die neue
+Hütte einziehen. Er würde weinen, der Arme, wenn er hörte, daß sie nicht
+dort hausen wolle. Es würde ein neuer Kummer für ihn sein, ebenso groß wie
+damals, als seine Mutter starb. Aber er mußte wohl sich selbst die Schuld
+geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig gefragt.
+
+Sie glaubte, daß sie ihm schon dadurch ein Zeichen gab, daß sie ihm nie bei
+der Hütte half. Dazu hatte sie doch große Lust. Jedesmal, wenn sie weiches
+weißes Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken Wände zu
+stopfen. Sie war auch geneigt, Tönne beim Mauern des Herdes zu helfen. Wie
+er dabei verfuhr, mußte sich ja aller Rauch in der Hütte sammeln. Aber es
+war ja gleichgültig, wie es da wurde. Da würde keine Speise kochen, kein
+Trank sieden. Dumm war's doch, daß diese Hütte niemals aus ihren Gedanken
+weichen wollte.
+
+Tönne arbeitete mit glühendem Eifer; er war gewiß, daß Jofrid die Absicht
+verstehen mußte, sobald nur die Hütte fertig war. Er grübelte nicht viel
+über sie nach. Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. Die
+Zeit verging ihm rasch.
+
+Eines Nachmittags, als Jofrid über die Heide ging, sah sie, daß eine Tür an
+die Hütte gekommen war und eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff
+sie, daß alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tönne hatte das
+Dach mit Büschen und blühendem Heidekraut gedeckt; und eine starke
+Sehnsucht ergriff sie, unter dieses rote Dach zu treten. Er selbst war
+nicht bei dem Neubau, und sie entschloß sich, hineinzugehen. Diese Hütte
+war ja für sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid konnte der Lust nicht
+widerstehen, es anzusehen.
+
+Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. Wacholder war über
+den Boden gestreut. Frischer Duft von Nadeln und Harz füllte den Raum. Die
+Sonnenstrahlen, die durch Luken und Spalten hereinspielten, spannen goldne
+Bänder durch die Luft. Es sah da aus, als würde sie erwartet; in die
+Mauerspalten waren grüne Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine
+frischgefällte Tanne. Tönne hatte nicht sein altes Hausgerät
+hineingestellt. Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, über die eine
+Elenhaut geworfen war.
+
+Kaum war Jofrid über die Schwelle getreten, fühlte sie sich schon von dem
+fröhlichen Behagen eines Heims umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr
+zumute, als sie so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer,
+wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid hatte vielen Fleiß darauf
+gewandt, sich eine Art Aussteuer zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen
+Händen Tücher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu schmücken; die
+wollte sie in ihrem eignen Heim aufhängen, wenn sie eins bekam. Nun mußte
+sie denken, wie sich diese Tücher wohl hier ausnehmen würden. Sie hätte sie
+gern in der neuen Hütte probiert.
+
+Rasch eilte sie heimwärts, holte ihren Leinwandschatz und begann, die
+farbenprächtigen Stoffstücke unter der Decke aufzuhängen. Sie stieß die Tür
+auf, so daß die helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte
+sich eifrig in der Stube, geschäftig und munter, ein Heldenliedchen
+trällernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde gar prächtig da drinnen. Die
+gewebten Rosen und Sterne leuchteten wie nie zuvor.
+
+Während sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau über die Heide und die
+Hünengräber. Vielleicht kauerte Tönne jetzt hinter einem der Grabhügel und
+lachte sie aus. Der Königshügel lag gerade vor der Tür, und dahinter sah
+sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie hin. Ihr war, als
+müsse dort jemand sitzen und sie betrachten.
+
+Gerade als die Sonne so tief unten war, daß nur noch ein paar blutrote
+Strahlen über die alte Steinhalde spielten, sah sie, wer es war, der sie
+betrachtete. Der ganze Hügel war kein Hügel mehr, sondern ein großer, alter
+Kämpe, der narbig und ergraut dasaß und sie anstarrte. Rings um sein Haupt
+bildeten die Sonnenstrahlen eine Krone, und sein roter Mantel war so weit,
+daß er sich über die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war groß und
+schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider und Waffen waren auch
+steinfarbig und ahmten so genau die Tönung und das Moosflechtenkleid der
+Steine nach, daß man sehr scharf hinsehen mußte, um zu merken, daß es ein
+Kämpe und kein Steinhaufen war. Es war wie mit jenen Würmern, die
+Baumzweigen gleichen. Man kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt,
+daß, was man für hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkörper ist.
+
+Aber Jofrid konnte sich nicht länger darüber täuschen, daß es der alte
+König Atle selbst war, der da saß. Sie stand in der Tür, hielt die Hand
+beschattend über die Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er
+hatte sehr kleine, schräge Augen unter seiner hochgewölbten Stirn, eine
+breite Nase und einen zottigen Bart. Und er lebte, dieser steinerne Mann.
+Er lächelte und blinzelte ihr zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten
+erschreckten sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und die haarigen
+Hände. Je länger sie ihn ansah, desto breiter wurde sein Lächeln; und
+endlich hob er einen seiner mächtigen Arme, um sie zu sich zu winken. Da
+floh Jofrid heimwärts.
+
+Aber als Tönne nach Haus kam und die Hütte mit bunten Tüchern geschmückt
+fand, faßte er so großen Mut, daß er seinen Fürbitter zu Jofrids Vater
+schickte. Der fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie war
+sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen hatte, wenn sie ihre
+Hand auch halb gezwungen schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein
+sagen, in dessen Hütte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch sah
+sie zuerst nach, ob der alte König Atle wieder ein Grabhügel geworden sei.
+
+ * * * * *
+
+Tönne und Jofrid lebten viele Jahre glücklich. Sie standen in gutem Ruf.
+»Das sind gute Menschen,« sagte man. »Seht, wie sie einander beistehen, wie
+sie zusammen arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!«
+
+Tönne wurde mit jedem Tage stärker, ausdauernder und weniger träge von
+Gedanken. Jofrid schien einen ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist
+ließ er sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zäher Hartnäckigkeit
+seinen eignen Willen durchzusetzen.
+
+Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fröhlichkeit. Ihre Kleider
+wurden immer bunter, je älter sie wurde. Das ganze Gesicht war grellrot.
+Aber in Tönnes Augen war sie lieblich.
+
+Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres Standes. Sie aßen Butter zur
+Grütze und mengten weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier
+schäumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden vermehrten sich so
+rasch, daß sie sich Fleischnahrung gönnen konnten.
+
+Einmal machte Tönne für einen Bauern drunten im Tal den Boden urbar. Als
+der sah, wie Tönne und seine Frau in großer Fröhlichkeit zusammen
+arbeiteten, dachte auch er: »Das sind gute Menschen.« Der Bauer hatte
+jüngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjähriges Kind hinterlassen
+hatte. Er bat Tönne und Jofrid, seinen Sohn in Pflege zu nehmen. »Das Kind
+ist mir sehr teuer,« sagte er, »drum gebe ich es euch, denn ihr seid gute
+Menschen.« Sie hatten keine eignen Kinder, so daß es sehr schicklich
+schien, dieses zu nehmen. Sie willigten auch ohne Zögern ein. Sie meinten,
+Vorteil davon zu haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch
+erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude für ihre alten Tage.
+
+Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das Jahr um war, war es tot.
+Dies sei die Schuld der Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz
+frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit wollte aber niemand
+sagen, sie hätten es vorsätzlich getötet; man meinte nur, daß sie etwas auf
+sich genommen hätten, was über ihr Vermögen gegangen war. Sie hatten nicht
+Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem Kinde die Pflege angedeihen zu
+lassen, deren es bedurfte. Sie hatten sich gewöhnt, nur an sich selbst zu
+denken und für ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, ein Kind
+zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen an die Arbeit gehen und nachts
+einen ruhigen Schlummer schlafen. Sie fanden, daß der Kleine zu viel von
+der guten Milch trinke, und sie gönnten es ihm nicht so wie sich selbst.
+Sie wußten aber nicht etwa, daß sie den Knaben schlecht behandelten. Sie
+dachten, daß sie geradeso für ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es
+ihnen vor, daß der Pflegesohn eine Strafe und Plage für sie gewesen war.
+Sie trauerten nicht über seinen Tod.
+
+Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu haben, mit Kindern
+umzugehen; aber Jofrid hatte einen Mann, für den sie in vielen Stücken die
+Sorge einer Mutter tragen mußte, und begehrte deshalb nicht, noch andres zu
+betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die raschen Fortschritte der
+Kleinen; aber Jofrid hatte Freude genug, wenn sie sah, wie Tönne sich zu
+Verstand und Männlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Hütte zu
+fegen und zu schmücken, freute sich an der Zunahme der Herden und an dem
+Anbau unten auf der Heide.
+
+Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, daß das Kind gestorben
+sei. Da sprach der Mann: »Nun ist es mir ergangen wie dem, der so weiche
+Kissen in sein Bett legt, daß er bis auf den harten Grund sinkt. Gar zu gut
+wollte ich meinen Sohn hüten; und siehe: nun ist er tot!« Und er war
+betrübt.
+
+Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. »Wollte Gott, daß du
+uns deinen Sohn nicht gegeben hättest!« sagte sie. »Wir waren zu arm. Er
+hat es nicht gut genug bei uns gehabt.«
+
+»Dies wollte ich nicht sagen,« antwortete der Bauer. »Eher glaube ich, daß
+ihr das Kind verhätschelt habt. Doch ich will keinen Menschen anklagen;
+denn über Leben und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, den
+Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben Aufwand zu feiern, als
+wenn ein Erwachsener gestorben wäre; und zum Gastmahl lade ich Tönne und
+dich. Daraus mögt ihr sehen, daß ich keinen Groll gegen euch hege.«
+
+So wohnten Tönne und Jofrid dem Leichenschmaus bei. Sie wurden freundlich
+bewirtet, und niemand sagte ihnen ein böses Wort. Wohl hatten die Frauen,
+die die Leiche einkleideten, erzählt, daß sie jämmerlich abgefallen sei und
+Spuren schwerer Vernachlässigung gezeigt habe. Das konnte aber wohl auch
+von der Krankheit herkommen. Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern
+glauben, denn man wußte, daß sie gute Menschen waren.
+
+Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als sie die Frauen erzählen
+hörte, wie sie bei ihren kleinen Kindern wachen und sich für sie plagen
+müßten. Sie merkte auch, daß bei dem Leichenschmaus unter den Weibern
+beständig von Kindern gesprochen wurde. Einige hatten solche Freude an
+ihnen, daß sie gar nie aufhören konnten, von ihren Fragen und Spielen zu
+erzählen. Jofrid hätte gern von Tönne gesprochen; aber die meisten Frauen
+sprachen gar nicht von ihren Männern.
+
+Spät abends kehrten Jofrid und Tönne von dem Leichenschmaus heim. Sie
+gingen sogleich zu Bett. Aber kaum waren sie eingeschlafen, als sie von
+einem leisen Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten sie, noch
+halb schlafend, und waren unwillig über die Störung. Aber plötzlich setzten
+sie sich beide im Bett auf. Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses
+Wimmern? Wenn sie ganz wach waren, hörten sie nichts; aber sobald sie
+einzuschlummern begannen, vernahmen sie es wieder. Kleine, schwache Füßchen
+hörten sie über die Steinplatte vor der Hütte gehen, ein kleines Händchen
+tastete an der Tür, und da sie nicht offen war, wanderte das Kind wimmernd
+und tappend die Wand entlang, bis es vor ihrer Lagerstätte stehenblieb.
+Wenn sie sprachen oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber
+wenn sie einschlummern wollten, hörten sie deutlich die unsichern Schritte
+und das erstickte Schluchzen.
+
+Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den letzten Tagen als
+Möglichkeit vor Augen gestanden hatte: nun wurde es ihnen zur Gewißheit.
+Sie sahen ein, daß sie das Kind getötet hatten. Wie hätte es sonst umgehen
+können?
+
+Von dieser Nacht an war alles Glück von ihnen gewichen. Sie lebten in
+steter Furcht vor dem Gespenst. Tagsüber hatten sie wohl einige Ruhe, aber
+in den Nächten wurden sie von dem Weinen und dem erstickten Schluchzen des
+Kindes so gestört, daß sie nicht wagten, allein zu liegen. Jofrid ging oft
+weit über Land, um einen Menschen zu holen, der über Nacht in ihrer Hütte
+bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; aber sobald sie allein
+waren, hörten sie das Kind.
+
+In einer Nacht, für die sie keinen Gast gefunden hatten und die sie, des
+Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, stand Jofrid aus dem Bett auf.
+
+»Schlaf du nur, Tönne,« sagte sie. »Wenn ich mich wach erhalte, wird sich
+nichts hören lassen.«
+
+Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Türschwelle und überlegte, was
+sie tun sollten, um Ruhe zu finden; denn so konnten sie nicht weiterleben.
+Sie fragte sich, ob Beichte und Buße, Demütigung und Reue sie von dieser
+schweren Heimsuchung befreien könnten.
+
+Da begab es sich, daß sie die Augen aufschlug und dieselbe Erscheinung sah
+wie schon einmal zuvor von dieser Stelle. Der Grabhügel war zu einem Kämpen
+geworden. Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich sehen und
+vernehmen, daß der alte König Atle dasaß und sie betrachtete. Sie sah ihn
+so genau, daß sie die mit Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken
+unterschied und wahrnehmen konnte, daß seine Beine mit gekreuzten Bändern
+umwickelt waren, zwischen denen die Wadenmuskeln schwollen.
+
+Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er schien ihr ein Freund und
+Tröster im Unglück. Er sah sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut
+einflößen. Da dachte sie, daß dieser gewaltige Held einst seinen Tag gehabt
+hatte, an dem er die Feinde in Scharen auf die Heide niederstreckte und in
+den Blutströmen watete, die zwischen den Hügeln brausten. Was hatte er da
+nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? Wie tief hatte das
+Seufzen der Kinder, deren Väter er erschlagen hatte, sein Steinherz
+gerührt? Federleicht hätte die Bürde von eines Kindes Tod auf seinem
+Gewissen gelegen.
+
+Und sie vernahm sein Flüstern, dieselbe Weise, die das alte, steinkalte
+Heidentum zu allen Zeiten geflüstert hat. »Warum bereuen? Die Götter lenken
+das Geschick. Die Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die Kinder
+der Erde trauern, daß sie getan, was die Unsterblichen sie zu tun zwangen?«
+
+Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: »Was konnte ich dafür,
+daß das Kind starb? Gott allein ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht
+ohne seinen Willen.« Und sie dachte, daß sie das Gespenst am besten
+abwehren werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.
+
+Aber da öffnete sich die Haustür, und Tönne kam zu ihr heraus. »Jofrid,«
+sagte er, »es ist jetzt in der Hütte. Es kam heran und klopfte an den
+Bettrand und weckte mich. Was sollen wir tun, Jofrid?«
+
+»Das Kind ist ja tot,« sagte Jofrid. »Du weißt, daß es tief unter der Erde
+liegt. Das alles sind nur Träume und Hirngespinste.« Sie sprach hart und
+abweisend, denn sie fürchtete, daß Tönne in dieser Sache zu weichherzig
+sein und sie dadurch ins Unglück stürzen könne.
+
+»Wir müssen ein Ende machen,« sagte Tönne.
+
+Jofrid lachte grell auf. »Was willst du tun? Gott hat es uns auferlegt.
+Konnte er das Kind nicht am Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es
+nicht; und jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, mit
+welchem Recht er uns verfolgt?«
+
+Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkämpen, der finster und hart auf
+seinem Hügel saß. Es war, als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tönne
+erwiderte.
+
+»Wir müssen eingestehen, daß wir das Kind vernachlässigt haben, und müssen
+Buße tun,« sagte Tönne.
+
+»Niemals will ich für etwas leiden, das nicht meine Schuld ist,« sagte
+Jofrid. »Wer wollte, daß das Kind sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art
+von Buße willst du denn tun? Willst du dich geißeln oder fasten wie die
+Mönche? Mich dünkt, du kannst deine Kräfte zur Arbeit brauchen.«
+
+»Mit dem Geißeln habe ich es schon probiert,« sagte Tönne. »Es nützt
+nichts.«
+
+»Siehst du!« sagte sie und lachte wieder.
+
+»Da tut andres not,« fuhr Tönne mit beharrlicher Entschlossenheit fort.
+»Wir müssen gestehen.«
+
+»Was willst du Gott sagen, das er nicht schon wüßte?« höhnte Jofrid.
+»Lenkt nicht er deine Gedanken? Was willst du ihm sagen?« Sie fand jetzt,
+daß Tönne dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn ihrer
+Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht mehr daran gedacht,
+sondern ihn lieb gehabt, seines guten Herzens wegen.
+
+»Wir müssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, und ihm Buße bieten.«
+
+»Was willst du ihm bieten?« fragte sie.
+
+»Die Hütte und die Ziegen.«
+
+»Sicherlich fordert er volle Mannesbuße für seinen einzigen Sohn. Die läßt
+sich mit allem, was wir besitzen, nicht bezahlen.«
+
+»Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt geben, wenn er sich
+nicht mit weniger zufrieden gibt.«
+
+Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, und sie haßte Tönne aus
+der Tiefe ihrer Seele. Alles, was sie verlieren mußte, stand klar vor ihr:
+die Freiheit, für die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Hütte, den
+Wohlstand, Ehre und Glück.
+
+»Merke meine Worte wohl, Tönne,« sagte sie heiser, halberstickt von
+Schmerz, »der Tag, an dem du solches tust, ist mein Todestag.«
+
+Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; aber sie blieben auf
+der Türschwelle sitzen, bis der Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu
+begütigen und zu versöhnen. Beide fürchteten und verachteten einander. Eins
+maß das andre mit dem Maß seines Zornes und fand es engherzig und böse.
+
+Seit dieser Nacht ließ Jofrid Tönne oft ihre Überlegenheit fühlen. Sie gab
+ihm in der Gegenwart Fremder zu verstehen, daß er einfältig sei, und half
+ihm bei der Arbeit so, daß er ihre Kraft erkennen mußte. Sie wollte ihm
+offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal stellte sie sich sehr froh,
+um ihn zu zerstreuen und von seinen Grübeleien abzulenken. Er hatte noch
+nichts getan, um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte nicht,
+daß er ihn aufgegeben habe.
+
+In dieser Zeit wurde Tönne mehr und mehr, wie er vor seiner Heirat gewesen
+war. Er wurde mager und bleich, wortkarg und träg von Gedanken. Jofrids
+Verzweiflung ward mit jedem Tage größer, denn es war, als sollte ihr nun
+alles genommen werden. Doch kam ihre Liebe zu Tönne wieder, als sie ihn
+unglücklich sah. »Was gilt mir alles, wenn Tönne zugrunde geht?« dachte
+sie. »Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu leben, als ihn als
+Freien sterben zu sehen.«
+
+ * * * * *
+
+Jofrid konnte sich jedoch nicht so plötzlich überwinden, Tönne zu
+gehorchen. Sie kämpfte einen langen und schweren Kampf. Aber eines Morgens,
+als sie erwachte, war ihr ungewöhnlich ruhig und mild zumute. Da war ihr,
+als könne sie nun tun, was er forderte. Und sie weckte ihn und sagte, daß
+es jetzt so werden solle, wie er wollte. Nur diesen einzigen Tag möge er
+ihr gönnen, damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen könne.
+
+Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. Leicht kamen ihr Tränen
+in die Augen, wie einem, der Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe
+sich an diesem Tage, ihr zuliebe, besonders schön geschmückt. Der Frost war
+über sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden und das ganze Feld trug
+ein braunes Kleid. Aber als die Sonne des Herbsttages ihre schrägen
+Strahlen darüber hingleiten ließ, war es, als erglühe das Heidekraut aufs
+neue rot. Und sie gedachte des Tages, an dem sie Tönne zum erstenmal
+gesehen hatte.
+
+Sie wünschte, daß sie den alten König noch einmal schauen dürfe; denn er
+hatte ja mitgeholfen, ihr Glück zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten
+Zeit ernstlich vor ihm gefürchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie zu
+packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr über sie haben, meinte sie.
+Sie wollte aufmerken, ob sie ihn nicht sehen konnte, abends, wenn der
+Mondschein kam.
+
+Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde Spielleute vorbeigezogen.
+Da hatte Jofrid den Einfall, sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem
+Hause zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tönne mußte schnell
+zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu kommen. Dann liefen ihre kleinen
+Geschwister weiter ins Dorf hinab, um Gäste zu holen. Bald waren viele
+Menschen versammelt.
+
+Die Fröhlichkeit war groß. Tönne hielt sich abseits in einer Ecke der
+Hütte, wie es seine Gewohnheit war, wenn Besuch kam; aber Jofrid war
+beinahe wild in ihrer Fröhlichkeit. Mit gellender Stimme führte sie die
+Tanzspiele an und bot eifrig den Gästen das schäumende Bier. Eng war es in
+der Stube, aber die Spielleute waren flink und der Tanz hatte Leben und
+Lust. Es wurde erstickend heiß dort drinnen. Man stieß die Tür auf; und nun
+sah Jofrid erst, daß die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen war. Da
+trat sie in die Haustür und blickte in die weiße Welt des Mondscheins
+hinaus.
+
+Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war weiß, weil sich das
+Mondlicht in den zahllosen Tropfen spiegelte, die sich auf allen Zweiglein
+gesammelt hatten. Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und Steinen
+wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. Jofrid stieg hinab; wohlig
+schwankend war's unter dem Fuß. Sie ging ein paar Schritte über den Pfad,
+der ins Dorf hinabführte, gleichsam als wolle sie prüfen, welches Gefühl es
+sei, da zu gehen. Tönne und sie sollten am nächsten Tage Hand in Hand hier
+wandern, in tiefste Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem
+Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten ließ: sicherlich
+war Schmach ihr Los. Die an diesem Abend eine gute Hütte und viele Freunde
+hatten, würden am nächsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht
+auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht sogar
+ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: »Dies ist der Weg des Todes.«
+Und nun konnte sie nicht fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu
+wandeln. Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt wie der
+alte König Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie das Gefühl, ihre schweren
+Steinglieder nicht regen zu können, um diesen Weg zu gehen.
+
+Sie wendete ihre Blicke dem Königshügel zu und sah deutlich den alten
+Kämpen da sitzen. Aber in dieser Nacht war er wie zum Fest geschmückt. Er
+trug nicht mehr das graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weißes,
+schimmerndes Silber. Auch schmückte ihn wieder eine Krone von Strahlen, wie
+damals, als sie ihn zuerst sah; aber diese Krone war weiß. Und weiß
+leuchtete Brustplatte und Armring, glitzernd weiß war Schwertgriff und
+Schild. Er saß da und betrachtete sie in stummer Gleichgültigkeit. Das
+seltsam Unergründliche, das in großen Steingesichtern liegt, hatte sich nun
+auf ihn herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mächtig; und Jofrid hatte
+die unklare Vorstellung, daß er ein Bild von etwas sei, was in ihr lag und
+in allen Menschen, etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von
+vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, den alten König,
+mitten im Menschenherzen sitzen. Über dessen unfruchtbare Felder breitete
+er seinen weiten Königsmantel. Da tanzte die Genußsucht, da jubelte das
+Prachtverlangen. Er war der große Steinheld, der Not und Armut
+vorüberwandern sah, ohne daß sein Steinherz gerührt ward. »Die Götter
+wollen es so,« sagte er. Er war der starke steinerne Mann, der ungesühnte
+Sünde tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: »Warum trauern, da
+das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen aufgezwungen ward?«
+
+Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie ein Schluchzen war.
+In ihr lebte eine Ahnung, die sie sich nicht klarzumachen vermochte, eine
+Ahnung, daß sie mit dem steinernen Mann kämpfen müsse, wenn sie glücklich
+werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fühlte sie sich so hilflos schwach.
+Ihre Unbußfertigkeit und der Steinheld auf der Heide schienen ihr ein und
+dasselbe, und konnte sie jene nicht besiegen, so würde dieser in
+irgendeiner Weise Macht über sie erlangen.
+
+Sah sie nun wieder zu der Hütte hin, wo die Tücher unter den Dachbalken
+schimmerten, wo die Spielleute Fröhlichkeit verbreiteten, und wo alles war,
+was sie liebte, dann fühlte sie, daß sie nicht in die Knechtschaft gehen
+konnte. Nicht einmal Tönne zuliebe. Sie sah sein blasses Antlitz in der
+Hütte und fragte sich mit zusammengekrampftem Herzen, ob er verdiene, daß
+sie ihm alles opfere.
+
+Aber drinnen in der Hütte hatten sich die Leute zu einem Reigentanz
+aufgestellt. Sie ordneten sich in einer langen Reihe, faßten einander bei
+den Händen und stürzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an der
+Spitze, in rasender Eile vorwärts. Der Anführer zog sie durch die offne Tür
+hinaus auf die im Mondschein glitzernde Heide. Sie stürmten an Jofrid
+vorbei, keuchend und wild; strauchelten über Steine, sanken ins Heidekraut,
+zogen weite Kreise rings um die Hütte. Der letzte in der Reihe rief Jofrid
+an und streckte ihr die Hand entgegen. Sie faßte sie und lief mit.
+
+Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstürmen. Doch Fröhlichkeit war
+darin, Lebenslust und Übermut. Immer kühner wurden die Schwenkungen, immer
+lauter tönten die Rufe, immer stürmischer ward das Lachen. Von Hünengrab zu
+Hünengrab, wie sie da über die Heide zerstreut lagen, schlang sich die
+Reihe der Tanzenden. Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde
+wieder emporgerissen, der Langsame vorwärts gezogen. Die Spielleute standen
+in der Haustür und lockten zu immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu
+ruhen, zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging der Tanz
+über schwankes Moos und glatte Felsplatten.
+
+Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, daß sie die Freiheit behalten
+mußte, daß sie lieber sterben, als sie verlieren wollte. Sie merkte, daß
+sie Tönne nicht folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den
+Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.
+
+Alle Hügel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den König Atle. Jofrid sah,
+daß es jetzt zu diesem hinaufging, und sie hielt die Blicke scharf auf den
+mächtigen Mann geheftet. Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den
+Hinstürmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch nur ein schallendes
+Gelächter antwortete ihr. Sie wollte stehenbleiben; aber eine starke Faust
+riß sie weiter. Sie sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig
+waren sie, daß die schweren Arme keinen von ihnen erreichen konnten.
+Unfaßlich war ihr, daß niemand ihn sah. Todesangst kam über sie. Sie wußte,
+daß er sie erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen Jahren.
+Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer würde er sich nun endlich
+bemächtigen.
+
+Jetzt kam an sie die Reihe, an König Atle vorbeizueilen. Sie sah, wie er
+sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, um Ernst zu machen und sie zu
+fangen. In dieser höchsten Not fühlte sie: wenn sie sich jetzt entschloß,
+am nächsten Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte er nicht die
+Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. Sie kam zuletzt und die
+Drehungen waren nun so heftig, daß sie mehr geschleppt und gezogen wurde
+als selbst lief und Mühe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich sie
+in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte Kämpe noch rascher. Die
+schweren Arme senkten sich auf sie hinab, die steinernen Hände ergriffen
+sie, zogen sie an die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer
+schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wußte noch bis
+zuletzt: nur weil sie den Steinkönig im eignen Herzen nicht zu besiegen
+vermocht hatte, war König Atle Gewalt über sie gegeben.
+
+Nun war es zu Ende mit Tanz und Fröhlichkeit. Jofrid lag im Sterben. Sie
+war in dem rasenden Lauf an den Königshügel geschleudert worden und hatte
+von seinen Steinen den Todesstoß empfangen.
+
+
+
+
+Die Vogelfreien
+
+
+Ein Bauer, der einen Mönch ermordet hatte, floh in den Wald und wurde
+geächtet. In der Wildnis fand er einen andern friedlosen Mann, einen
+Fischer von den äußersten Schären, der beschuldigt war, ein Heringsnetz
+gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen, wohnten in einer
+Erdhöhle, legten Fallen, schnitzten Pfeile, buken Brot auf einem Stein und
+wachten gegenseitig über ihr Leben. Der Bauer verließ den Wald niemals,
+aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen hatte, nahm
+zuweilen die erlegten Tiere über die Schulter und schlich sich zu den
+Menschen hinunter. Da bekam er für den schwarzen Auerhahn und das
+blauglänzende Birkhuhn, für den langohrigen Hasen und das feingliedrige Reh
+Milch und Butter, Pfeile und Kleider. So war es den Friedlosen möglich, ihr
+Leben zu fristen.
+
+Die Höhle, in der sie hausten, war in einen Hügelabhang gegraben. Breite
+Steinplatten und dornige Schlehenbüsche deckten den Eingang. Auf dem Dach
+stand eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der Erdhöhle. Der
+emporsteigende Rauch wurde durch die dichten, nadelreichen Zweige des
+Baumes gesiebt und verschwand unmerklich im Raume.
+
+Die Männer pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu gehen, indem sie den
+Waldbach durchwateten, der unter dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte
+die Spur der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser.
+
+Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern versammelten sich
+wie zur Treibjagd auf Bär und Wolf. Der Wald wurde von Bogenschützen
+umringt, Lanzenträger gingen dort umher und ließen keine dunkle Kluft, kein
+dichtes Gestrüpp unerforscht. Während die lärmende Treibjagd durch den Wald
+zog, lagen die Friedlosen in ihrer dunklen Höhle, atemlos lauschend, vor
+Angst keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus; er aber, der
+gemordet hatte, wurde von unerträglicher Angst ins Freie getrieben, wo er
+seinen Feind sehen konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies
+schien ihm tausendmal besser, als in ohnmächtiger Untätigkeit still
+dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte über Abhänge, sprang
+über Ströme, erkletterte kerzengerade Felswände. Alle verborgne Kraft und
+Geschicklichkeit in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt.
+Sein Körper ward elastisch wie eine Stahlfeder, der Fuß sprang nicht fehl,
+die Hand ließ nicht locker, Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf
+als einst. Er verstand das Flüstern des Laubes und die Warnungen der
+Steine. Wenn er eine Anhöhe erklettert hatte, wendete er sich gegen seine
+Verfolger und sandte ihnen Spottlieder mit beißenden Reimen nach. Wenn die
+sausenden Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie gegen
+die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden Zweigen durchdrängte,
+sang jemand in seinem Innern ein Loblied auf seine Großtaten.
+
+Da lief der kahle Bergrücken durch den Wald, und einsam auf seiner Höhe
+stand die himmelhohe Föhre. Der braunrote Stamm war kahl, aber in der
+astreichen Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollkühn war jetzt der
+Fliehende, daß er dort hinaufkletterte, während die Verfolger ihn auf den
+bewaldeten Abhängen suchten. Da saß er und drehte den Jungen des Sperbers
+den Hals um, während tief unter ihm die Jagd dahinzog. Sperber und
+Sperberweibchen schossen voll Rachbegier auf den Räuber hinab. Sie
+flatterten um sein Gesicht, sie richteten die Schnäbel auf seine Augen, sie
+schlugen ihn mit den Flügeln und kratzten mit den Klauen blutige Streifen
+in seine wettergebräunte Haut. Lachend kämpfte er gegen sie an. In dem
+schwankenden Neste aufrechtstehend, hackte er mit seinem scharfen Messer
+nach ihnen und vergaß über der Lust des Spieles die Lebensgefahr und die
+Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen, hatten sie sich
+nach einer andern Richtung entfernt. Niemandem war es in den Sinn gekommen,
+die Jagdbeute auf dem kahlen Bergrücken zu suchen. Keiner hatte den Blick
+zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche und Schlafwandlertaten
+vollbringen zu sehen, während sein Leben in äußerster Gefahr schwebte.
+
+Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender Hand griff er
+nach einer Stütze; schwindelnd maß er die Höhe, die er erklettert hatte.
+Und vor Angst zu fallen stöhnend, bange vor den Vögeln, bange, gesehen zu
+werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab. Er legte sich auf den
+Berg nieder, um nicht gesehen zu werden und schleppte sich über das Geröll
+weiter, bis das Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den
+verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und kraftlos sank er in
+das Moos. Ein einziger Mann hätte ihn leichtlich fangen können.
+
+ * * * * *
+
+Tord war der Name des Fischers. Er zählte nicht mehr als sechzehn Jahre,
+aber er war stark und kühn. Er hatte schon ein Jahr im Walde gelebt.
+
+Der Bauer hieß Berg, mit dem Beinamen der Riese. Er war der größte und
+stärkste Mann in der Gegend und dazu schön und wohlgewachsen. Er war breit
+um die Schultern und schlank um die Mitte. Seine Hände waren so
+wohlgebildet, als hätten sie niemals harte Arbeit gekostet. Das Haar war
+braun und das Antlitz zartgefärbt. Nachdem er einige Zeit im Walde
+verbracht hatte, nahm er in allen Stücken ein furchtbareres Aussehen an als
+früher. Seine Blicke wurden stechend, die Augenbrauen wuchsen buschig, und
+die Muskeln, die sie runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es
+trat auch deutlicher als früher hervor, wie der obere Teil seiner mächtigen
+Stirne über den untern vorragte. Die Lippen schlossen sich jetzt fester als
+einst, das ganze Gesicht wurde magrer, die Grübchen an der Stirn wurden
+sehr tief, und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor. Sein Körper
+wurde weniger voll, aber seine Muskeln ballten sich eisenhart. Das Haar
+ergraute rasch.
+
+An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht sattsehen. Etwas so Schönes
+und Gewaltiges hatte er nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er
+hoch wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente ihm wie einem
+Herrn und betete ihn an wie einen Gott. Es verstand sich ganz von selbst,
+daß Tord den Jagdspeer trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer
+anmachte. Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an, gönnte ihm aber fast
+nie ein freundliches Wort. Er verachtete ihn, weil er ein Dieb war.
+
+Die Friedlosen führten kein Räuber- oder Wegelagrerleben, sondern ernährten
+sich durch Jagd und Fischerei. Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen
+Mann ermordet hätte, würden die Bauern wohl bald aufgehört haben, ihn zu
+verfolgen, und hätten ihn oben im Gebirge in Frieden gelassen. Aber nun
+fürchteten sie großes Unheil für die Gegend, weil der Mann, der Hand an
+einen Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging. Wenn Tord mit
+dem erlegten Wild ins Tal hinabkam, boten sie ihm große Belohnungen und
+Vergebung seines eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der Höhle
+Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten, während er schlief.
+Aber der Knabe weigerte sich immer, und wenn ihm jemand in den Wald
+nachschleichen wollte, dann führte er ihn so schlau auf falsche Fährte, daß
+er die Verfolgung aufgeben mußte.
+
+Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum Verrat bewegen wollten,
+und als er hörte, welchen Lohn sie ihm boten, sagte er hohnvoll, daß Tord
+ein Einfaltspinsel wäre, wenn er solch ein Anerbieten nicht annähme.
+
+Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der Riese, desgleichen nie
+zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein schönes Weib in seiner Jugend, nie hatte
+seine Frau und seine Kinder ihn je so angesehen. »Du bist mein Herr, mein
+freigewählter Herrscher,« sagte der Blick, »wisse, daß du mich schlagen und
+beschimpfen kannst, soviel du willst. Ich bleibe doch treu.«
+
+Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den Jungen und merkte, daß er
+mutig im Handeln, aber schüchtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine
+Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder wenn das Moor im Frühling
+am gefährlichsten war, wenn die Moräste sich unter reichblühendem Wollgras
+und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am liebsten den Weg darüber. Es
+schien ihm ein Bedürfnis zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum
+Ersatz für die Stürme und Schrecknisse auf dem Meere, denen er nicht mehr
+begegnete. Doch nachts fürchtete er sich im Walde, und selbst am hellichten
+Tage konnte ein dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer
+umgestürzten Föhre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn darüber befragte,
+war er zu scheu, um auch nur zu antworten.
+
+Tord pflegte nicht auf dem hinten in der Höhle, nahe dem Feuer
+aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich von Moos und warmen Fellen war,
+sondern er kroch jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang
+hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte dies, und
+obgleich er den Grund erraten konnte, fragte er, was dies zu bedeuten
+habe. Tord erklärte es ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei
+Nächte lang nicht mehr in der Türe, aber dann nahm er seinen Wachtposten
+wieder ein.
+
+Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel wehte und in das
+windgeschützte Dickicht wirbelte, drangen die tanzenden Schneeflöckchen
+auch in die Höhle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten
+verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen erwachte, in eine
+schmelzende Schneewehe gebettet. Einige Tage später wurde er krank. Die
+Lungen pfiffen, und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen, fühlte er
+stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf den Beinen, als die Kräfte
+reichten. Aber als er sich eines Abends bückte, um das Feuer anzufachen,
+fiel er um und blieb liegen.
+
+Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er möge sich in sein Bett legen.
+Tord stöhnte vor Schmerz und vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg
+die Arme unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war ihm, als hätte
+er eine schlüpfrige Schlange berührt, und auf der Zunge hatte er einen
+Geschmack, als hätte er von dem unheiligen Pferdefleisch gegessen, so
+ekelte es ihn, diesen elenden Dieb anzurühren.
+
+Er breitete sein eignes, großes Bärenfell über ihn und reichte ihm Wasser,
+mehr konnte er nicht tun. Es war auch nicht gefährlich. Tord wurde bald
+gesund. Aber dadurch, daß Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein
+Diener sein mußte, waren sie einander näher gekommen. Tord wagte zu ihm zu
+sprechen, wenn er abends in der Höhle saß und Pfeile schnitzte.
+
+»Du bist aus gutem Stamm, Berg,« sagte Tord. »Die Reichsten im Tal sind
+deine Verwandten. Deine Vorfahren haben Königen gedient und in ihren Burgen
+gekämpft.«
+
+»Meistens haben sie in den Aufrührerscharen gekämpft und den Königen allen
+Schaden getan,« erwiderte Berg, der Riese.
+
+»Deine Väter gaben zu Weihnachten große Gelage, und das tatest auch du, als
+du auf deinem Hofe saßest. Hunderte von Männern und Frauen konnten auf den
+Bänken deiner großen Halle Platz finden, die schon erbaut war, ehe noch der
+heilige Olof hier in Viken taufte. Du hattest uralte Silberbecher und große
+Trinkhörner, die, mit Met gefüllt, von Mann zu Mann wanderten.«
+
+Wieder mußte Berg den Knaben ansehen. Er saß mit herabhängenden Beinen auf
+dem Bette, und der Kopf ruhte in den Händen, mit denen er zugleich die
+wilde Haarmasse zurückdrängte, die ihm in die Stirn fiel. Das Gesicht war
+durch die Krankheit bleich und fein geworden. In den Augen leuchtete noch
+das Fieber. Er lächelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor: die
+geschmückte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten Gäste und
+Berg, den Riesen, der in seiner Väter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der
+Bauer dachte, daß ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung leuchtenden
+Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern so herrlich gefunden hatte,
+wie der Knabe hier ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand.
+
+Er wurde gerührt und zornig zugleich. Dieser elende Dieb hatte kein Recht,
+ihn zu bewundern.
+
+»Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?« fragte er.
+
+Tord lachte. »Dort draußen auf der Schäre bei Vater und Mutter! Vater ist
+ja ein Wrackplünderer und Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!«
+
+»Deine Mutter ist eine Hexe?«
+
+»Das ist sie,« antwortete Tord ohne jede Befangenheit. »Bei stürmischem
+Wetter reitet sie auf einem Seehund zu den Schiffen, über die die
+Sturzwellen hinspülen, und wer dann in das Meer geschleudert wird, der
+gehört ihr.«
+
+»Was fängt sie mit ihnen an?« fragte Berg.
+
+»Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht wohl Salben aus ihnen,
+oder vielleicht ißt sie sie. In Mondscheinnächten sitzt sie draußen in der
+Brandung, wo sie am weißesten ist, und der Schaum sprüht über sie hin. Es
+heißt, daß sie da sitzt und nach den Fingern und Augen ertrunkner Kinder
+sieht.«
+
+»Das ist abscheulich,« sagte Berg.
+
+Der Knabe antwortete mit großer Zuversicht: »Es wäre abscheulich für andre,
+aber nicht für Hexen. Die müssen es so machen.«
+
+Berg schien es, daß dies eine neue Art war, Welt und Dinge zu betrachten.
+
+»Müssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern müssen?« fragte er
+scharf.
+
+»Ja, gewiß,« antwortete der Knabe, »jeder muß tun, wozu er bestimmt ist.«
+Aber dann fügte er mit einem versteckten Lächeln hinzu: »Es gibt aber auch
+Diebe, die niemals gestohlen haben.«
+
+»Sag doch gerade heraus, was du meinst,« sagte Berg.
+
+Der Knabe lächelte geheimnisvoll, stolz, ein unlösbares Rätsel zu sein. »Es
+ist, als spräche man von Vögeln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben
+spricht, die nicht stehlen.«
+
+Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren. »Man kann doch
+niemanden einen Dieb nennen, der nicht gestohlen hat,« sagte er.
+
+»Nein, freilich nicht,« sagte der Knabe und kniff die Lippen zusammen, wie
+um die Worte nicht durchzulassen. »Wenn einer aber einen Vater hätte, der
+stiehlt,« warf er nach einem Weilchen hin.
+
+»Geld und Gut erbt man,« wandte Berg ein, »aber den Namen Dieb trägt
+keiner, der ihn nicht erworben hat.«
+
+Tord lachte leise. »Und wenn einer eine Mutter hat, die einen bittet und
+anfleht, des Vaters Verbrechen auf sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem
+Henker ein Schnippchen schlägt und in den Wald flieht. Und wenn man dann
+für vogelfrei erklärt wird, eines Fischnetzes wegen, das man gar nie
+gesehen hat?«
+
+Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den Tisch. Er war zornig.
+Da war nun dieses schöne junge Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben
+fortgeworfen. Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter Männern
+konnte er fürderhin gewinnen. Die elende Sorge um Speise und Trank war
+alles, was ihm übrig blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, daß
+er, Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er schalt ihn mit
+strengen Worten, aber Tord hatte nicht einmal soviel Angst wie das kranke
+Kind vor der Mutter, wenn sie es schilt, weil es sich erkältet hat, als es
+durch den Frühlingsbach watete.
+
+ * * * * *
+
+Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler See. Er war
+viereckig, mit so geraden Ufern und so scharfen Winkeln, als wäre er von
+Menschen gegraben. Auf drei Seiten war er von steilen Felswänden umgeben,
+an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln festklammerten. Unten am
+See, wo das Erdreich so allmählich weggeschwemmt worden war, ragten diese
+Wurzeln aus dem Wasser auf, nackt und gekrümmt, und wunderbar ineinander
+verschlungen. Es war wie eine ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus
+dem Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt hatten und
+so stehen geblieben waren. Oder es war eine Menge dunkler Skelette
+ertrunkner Riesen, die der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine
+verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten sich in den
+harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten Rundbogen, die uralte Bäume
+trugen. Es war doch vorgekommen, daß die eisernen Arme, die stahlharten
+Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten, nachgegeben hatten.
+Und ein gewaltiger Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom
+Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem Wipfel voran war sie
+tief in den Schlammgrund eingedrungen und dort hängen geblieben. Jetzt
+hatte die Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen, aber
+die Wurzeln ragten über das Wasser hinaus, wie ein vielarmiges Ungeheuer,
+und die schwarzen Wurzelzweige trugen mit dazu bei, den Sumpfsee häßlich
+und erschreckend zu machen.
+
+Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge. Da entführte ein
+kleiner, schäumender Bach sein Wasser. Ehe dieser Bach den einzig möglichen
+Weg finden konnte, mußte er zwischen Steinen und Erdhügeln suchen und
+bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige nur eine Scholle groß, andre
+etwa zwanzig Bäume tragend.
+
+Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen, gediehen auch
+Laubbäume. Hier standen durstige graugrüne Erlen und glattblättrige Weiden.
+Die Birke war da, wie sie überall zur Stelle ist, wo es gilt, den Nadelwald
+zu verdrängen, und der Faulbaum und die Eberesche, diese beiden, die
+gewöhnlich die Waldwiesen besäumen, sie mit ihrem Duft erfüllen und mit
+ihrem Reiz umkränzen.
+
+Hier beim Ausfluß war auch ein mannshoher Schilfwald, durch den das
+Sonnenlicht grün über das Wasser fiel, wie es im richtigen Walde über das
+Moos fällt. Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche, und da
+schwammen die Seerosen. Die hohen Halme sahen mit mildem Ernst auf diese
+zarten Schönheiten herab, die verdrießlich ihre weißen Blätter und gelben
+Stempel in lederharten Hüllen verwahrten, sowie die Sonne sich nicht
+zeigen wollte.
+
+An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an diesen See, um zu fischen.
+Sie wateten zu ein paar großen Steinen im Binsenwalde und saßen da und
+warfen den grüngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen, Köder hin.
+
+Diese Männer, die stets im Walde und im Gebirge umherstreiften, waren, ohne
+daß sie selbst darum wußten, ebensosehr unter die Herrschaft der
+Naturmächte geraten, wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden sie
+offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die Sonne verschwunden war,
+verstummten sie, und die Nacht, die ihnen viel größer und gewaltiger
+vorkam, als der Tag, machte sie ängstlich und ohnmächtig. Jetzt versetzte
+sie das grüne Sonnenlicht, das durch das Schilf einfiel und das Wasser
+goldgestreift, braun und schwarzgrün färbte, in eine Art Wunderstimmung.
+Die Aussicht war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in einem
+unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die langen, bandähnlichen
+Blätter flatterten ihnen ins Gesicht. Sie saßen in grauen Fellgewändern auf
+den grauen Steinen. Die Färbung des Felles ahmte die Tönung des
+verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gefährten in seinem
+Schweigen und seiner Regungslosigkeit in ein Steinbild verwandelt. Aber
+drinnen durch das Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem
+Rücken. Als die Männer die Angelhaken auswarfen und sahen, wie sich die
+Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde die Bewegung immer stärker und
+stärker, bis sie merkten, daß sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe,
+halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und schlief. Sie lag
+auf dem Rücken mit dem ganzen Leibe unter dem Wasserspiegel. Die Wellen
+schlossen sich so eng an den Körper an, daß sie sie vorher nicht bemerkt
+hatten. Ihre Atemzüge ließen die Wellen nicht ruhen. Doch es war nichts
+Wunderliches darin, daß sie dalag, und als sie im nächsten Augenblick
+verschwunden war, wußten sie nicht recht, ob es nicht nur eine
+Sinnestäuschung gewesen war.
+
+Das grüne Licht drang wie ein süßer Rausch durch die Augen in das Hirn. Die
+Männer saßen da und starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend,
+die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang fiel schlecht aus,
+der Tag gehörte Träumen und Offenbarungen.
+
+Da ertönten Ruderschläge im Schilf, und sie schreckten wie aus dem
+Schlummer auf. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein Eichenstamm, schwer,
+ohne jede Kunstfertigkeit ausgehöhlt, moosbewachsen und mit Rudern, schmal
+wie Stäbchen. Ein junges Mädchen, das Seerosen geholt hatte, ruderte ihn.
+Sie hatte dunkelbraunes Haar, das in schwere Zöpfe geflochten war, und
+große dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre Blässe schimmerte
+rosig und nicht grau. Die Wangen waren nicht lebhafter gefärbt als das
+übrige Gesicht, kaum die Lippen. Sie trug ein weißes Leinenleibchen und
+einen Ledergürtel mit goldner Schließe. Der Rock war blau mit rotem Saum.
+Sie ruderte dicht an den Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie
+verhielten sich atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden,
+sondern nur um sie so recht sehen zu können. Sobald sie verschwunden war,
+verwandelten sie sich gleichsam wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie
+sahen einander lächelnd an.
+
+»Sie ist weiß wie die Seerosen,« sagte der eine. »Sie ist dunkeläugig wie
+das Wasser drüben unter den Tannenwurzeln.«
+
+Sie waren so übermütig, daß sie lachen wollten, richtig lachen, wie man nie
+zuvor an diesem See gelacht hatte, lachen, so daß die Felswände von dem
+Echo erzitterten und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken lösten.
+
+»Schien sie dir schön?« fragte Berg, der Riese.
+
+»Ach, ich weiß nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.«
+
+»Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest wohl, sie sei die
+Seejungfrau?«
+
+Und wieder schüttelte sie dieselbe törichte Lachlust.
+
+ * * * * *
+
+Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen. Er hatte die Leiche
+am hellichten Tage am Strand gefunden und war gar nicht erschrocken, aber
+nachts hatte er furchtbare Träume geträumt. Er sah ein Meer, in dem jede
+Welle einen toten Mann zu seinen Füßen rollte. Er sah auch alle Inseln der
+Schären mit Ertrunknen bedeckt, die tot waren und dem Meere gehörten, aber
+dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm drohen mit ihren welken,
+weißen Händen.
+
+So ging es ihm auch jetzt. Das Mädchen, das er im Schilfe gesehen hatte,
+kam in seinen Träumen wieder. Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo
+das Sonnenlicht noch grüner war als im Schilf, und er hatte Zeit, zu sehen,
+daß sie schön war. Er träumte, daß er auf der großen Tannenwurzel mitten in
+dem dunklen See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich so, daß
+er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien sie auf den kleinen
+Inselchen. Sie stand unter den roten Ebereschen und lachte ihn aus. Im
+letzten Traumbild brachte er es so weit, daß sie ihn küßte. Es ward früher
+Morgen, und er hörte, daß Berg aufgestanden war, aber er schloß hartnäckig
+die Augen, um weiter zu träumen. Als er erwachte, war er ganz wirr und
+betäubt von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er dachte jetzt viel
+mehr an das Mädchen, als am Tage vorher.
+
+Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu fragen, ob er ihren
+Namen wisse.
+
+Berg sah ihn prüfend an. »Vielleicht ist es am besten, wenn du es gleich
+erfährst,« sagte er. »Es war Unn. Wir sind Verwandte.«
+
+Da wußte Tord, daß um dieser bleichen Maid willen Berg, der Riese, friedlos
+durch Wald und Gebirge zog. Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was
+er von ihr wußte.
+
+Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter war tot, so daß sie das
+Regiment auf ihres Vaters Hof führte. Dies gefiel ihr, denn sie war
+herrschsüchtig, und sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen.
+
+Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder, und es hieß schon lange,
+daß Berg lieber bei Unn und ihren Mägden saß und mit ihnen scherzte, als
+daheim auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun das große
+Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde, hatte seine Frau einen Mönch aus
+Draksmark eingeladen, denn sie wollte, daß dieser Berg Vorwürfe mache, weil
+er sie um einer andern Frau willen vernachlässigte. Dieser Mönch war Berg
+und auch vielen andern wegen seines Aussehens verhaßt. Er war sehr feist
+und ganz weiß. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die Augenbrauen
+über seinen wässerigen Augen, die Gesichtsfarbe, die Hände und die Kutte,
+alles war weiß. Viele konnten seinen Anblick kaum ertragen.
+
+Bei der Tafel nun, so daß alle Gäste es hören konnten, sagte dieser Mönch
+-- denn er war unerschrocken und meinte, daß seine Worte besser wirken
+würden, wenn viele sie vernahmen --: »Man pflegt zu sagen, daß der Kuckuck
+der schlechteste der Vögel ist, weil er seine Jungen nicht im eignen Neste
+aufzieht, aber hier sitzt ein Mann, der nicht für Heim und Kinder sorgt,
+sondern seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich den
+schlechtesten der Männer nennen.« -- Da stand Unn auf. »Dies, Berg, geht
+auf dich und mich,« sagte sie. »Nie bin ich so beschimpft worden, aber
+freilich, mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.« Sie wendete sich,
+um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach. »Rühre mich nicht an,« rief sie.
+»Nie mehr will ich dich sehen.« Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte
+sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit flammenden Augen
+geantwortet, das müsse er selbst am besten wissen. Da ging Berg hin und
+erschlug den Mönch.
+
+Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken versunken, denn nach einem
+Weilchen sagte Berg: »Du hättest sie, Unn, sehen sollen, als der weiße
+Mönch gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder um sich und
+fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter Unn zu, damit sie sich auf ewige
+Zeiten die einprägten, die ihren Vater zum Mörder gemacht hatte. Aber Unn
+stand gelassen da und so schön, daß die Männer erbebten. Sie dankte mir für
+die Tat und hieß mich allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich,
+kein Räuber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen, als bis ich es
+für eine ebenso gerechte Sache brauchen könnte.«
+
+»Deine Tat hatte sie erhöht,« sagte Tord.
+
+Hier stand nun Berg vor demselben Rätsel, worüber er sich schon früher bei
+dem Knaben gewundert hatte. Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide,
+er verurteilte niemals das, was unrecht war. Er kannte keine
+Verantwortlichkeit. Was geschehen mußte, das geschah. Gott, Christus und
+die Heiligen kannte er, aber nur dem Namen nach, so wie man die Götter
+fremder Länder kennt. Die Gespenster der Schären waren seine Götter. An die
+Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter ihn glauben gelehrt.
+
+Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das ebenso töricht war, als
+wenn er einen Strick für seinen eignen Hals gedreht hätte. Er stellte dem
+Unwissenden den großen Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit, den
+Rächer der Missetaten, der die Schuldigen in ewige Pein hinabstürzt. Und er
+lehrte ihn Christus und seine Mutter lieben, und die heiligen Männer und
+Frauen, die mit gefalteten Händen vor Gottes Thron liegen, um den Zorn des
+großen Rächers von den sündigen Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles,
+was die Menschen tun, um Gottes Zorn zu versöhnen. Er zeigte ihm die
+Pilgerscharen, die zu heiligen Stätten ziehen, die selbstquälerischen Büßer
+und die Flucht der Mönche vom Weltleben.
+
+Und während er sprach, wurde der Knabe eifriger und blasser, seine Augen
+öffneten sich weit wie vor furchtbaren Gesichten. Berg, der Riese, wollte
+aufhören, aber der Strom der Gedanken riß ihn fort, und er sprach weiter.
+Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze Waldesnacht, in der die
+Käuzchen schreien. Gott kam ihnen so nahe, daß sie sahen, wie sein Thron
+die Sterne verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die Waldwipfel
+herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die Flammen der Unterwelt zu der
+platten Scheibe der Erde empor und beleckten gierig diesen schwanken
+Zufluchtsort qualbedrückter Menschengeschlechter.
+
+ * * * * *
+
+Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm wehte. Tord ging allein
+durch den Wald, um Schlingen und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese,
+saß daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg führte hinauf zu einer
+bewaldeten Höhe. Der Pfad war breit.
+
+Jeder Windstoß, der durch die dichten Bäume dringen konnte, fegte das
+trockne Laub in raschelnden Wirbeln den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums
+andre vor, als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um. Zuweilen
+blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann merkte er, daß es die Blätter
+und der Wind waren, und er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann,
+hörte er jemanden auf leisen Sohlen den Hügel hinauftanzen. Kleine
+Kinderfüße kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister spielten hinter ihm.
+Wenn er sich umwendete, war niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust
+gegen die raschelnden Blätter und ging weiter. Sie verstummten nicht, aber
+sie nahmen einen andern Ton an. Sie begannen hinter ihm zu zischen und zu
+schnauben. Eine große Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing ihr
+aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend von den
+verschrumpften Blättern ab. Neben der Schlange schlich ein Wolf, ein
+großer, magrer Geselle, der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren,
+wenn die Natter sich zwischen seine Füße schlängelte und ihn in die Ferse
+stach. Manchmal waren sie beide ganz still, wie um ihm unbemerkt zu nahen,
+aber gleich darauf verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen
+schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord ging unwillkürlich
+immer rascher, aber die Tiere eilten ihm nach. Als er glaubte, daß sie nur
+zwei Schritte entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er sich um.
+Es war niemand da, und das hatte er die ganze Zeit gewußt.
+
+Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen. Da gaukelten die
+trocknen Blätter zu seinen Füßen, wie um ihn zu ergötzen. Da waren sie,
+alle Blätter des Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte
+Ebereschenblätter, die trocknen schwärzlichbraunen Blätter der Ulme, die
+zähen lichtroten der Espe, und die goldgrünen der Palmweide. Verwandelt und
+verschrumpft, narbig und abgestoßen waren sie, sehr verschieden von den
+daunenweichen, lichtgrünen feingeformten Blättchen, die sich vor ein paar
+Monaten aus den Knospen entrollt hatten.
+
+»Sünder,« sagte der Knabe, »Sünder, nichts ist rein vor Gott. Die Flammen
+seines Zornes haben euch schon erreicht.«
+
+Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald unter sich wogen wie ein
+sturmgepeitschtes Meer, doch unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er
+hörte nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll Stimmen.
+
+Es klang wie Flüstern, wie Klagelieder, wie barsche Drohungen, wie
+dröhnende Flüche. Es lachte, und es klagte, es war wie das Lärmen von
+vielen Menschen. Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und
+zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war, machte seine
+Gedanken wild. Er fühlte wieder Todesangst wie damals, als er auf dem Boden
+seiner Höhle lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder hörte er
+das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte der Volksmenge, das Klirren
+der Waffen, die dröhnenden Rufe, das wilde, blutdürstige Gemurmel, das aus
+der Menge aufstieg.
+
+Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas andres, noch
+Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten konnte, ein Gewirr von
+Stimmen, die eine fremde Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere
+Stürme als diesen durch das Takelwerk brausen gehört. Aber nie zuvor hatte
+er den Wind auf einer so vielstimmigen Harfe spielen hören. Jeder Baum
+hatte seine Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die Pappel nicht
+wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren Ton, das Echo jeder Felswand
+seinen eignen Klang. Und das Rieseln der Bäche und der Schrei des Fuchses
+mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles das konnte er
+deuten, es ertönten andre, wunderbarere Laute. Und diese bewirkten es, daß
+es anfing, in ihm um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen
+und zu jammern.
+
+Er hatte sich immer gefürchtet, wenn er allein im Waldesdunkel war. Er
+liebte das offne Meer und die nackten Klippen. Zwischen den Bäumen
+schlichen Geister und Schatten einher.
+
+Mit einem Male hörte er, wer es war, der im Sturme sprach. Gott war es, der
+große Rächer, der Gott der Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes
+wegen. Er verlangte, daß er den Mörder des Mönches seiner Rache ausliefere.
+
+Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er sagte Gott, was er hatte
+tun wollen, aber nicht vermocht hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten
+wollen, sich mit Gott zu versöhnen, aber er war zu schüchtern gewesen. Die
+Scheu hatte ihn stumm gemacht. »Als ich erfuhr, daß die Erde von einem
+gerechten Gott gelenkt wird,« rief er, »da erkannte ich, daß er ein
+verlorener Mann sei. Nächtelang habe ich dagelegen und über meinen Freund
+geweint. Ich wußte, daß Gott ihn finden muß, wo er sich auch verbergen mag.
+Aber ich vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil ich ihn zu
+sehr liebe. Verlange nicht, daß ich mit ihm spreche, verlange nicht, daß
+das Meer sich so hoch wie die Berge erhebe.«
+
+Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe Stimme, die für ihn
+Gottes Stimme gewesen war. Mit einem Male kam Windstille und greller
+Sonnenschein und ein Plätschern wie von Rudern und ein leises Rascheln wie
+von steifen Schilfblättern. Diese sanften Laute zauberten ihm Unns Bild vor
+die Seele. -- Der Friedlose kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht
+Frauen, nicht Ansehen unter den Männern. -- Wenn er Berg verriet, kam er
+wieder unter die Hut der Gesetze. -- Aber Unn mußte Berg lieben, nach dem,
+was er für sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg.
+
+Als der Sturm zunahm, hörte er wieder Schritte hinter sich und ab und zu
+ein atemloses Keuchen. Jetzt wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wußte,
+daß der weiße Mönch hinter ihm war. Er kam von dem Feste in Bergs Hause,
+blutbespritzt mit einer klaffenden Wunde in der Stirn. Und er flüsterte:
+»Gib ihn an, verrate ihn, rette seine Seele. Überliefre seinen Leib dem
+Scheiterhaufen, auf daß seine Seele verschont werde. Überantworte ihn der
+langen Qual der Folterbank, auf daß seine Seele Zeit habe, zu bereuen.«
+
+Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und für sich nichts war,
+wuchs, da es so unaufhörlich seine Seele verfolgte, zu etwas Großem,
+Entsetzlichem an. Er wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann,
+ertönte wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme Gottes war.
+Gott selbst jagte ihn mit Schreckschüssen, damit er den Mörder ausliefre.
+Verabscheuungswürdiger denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein
+waffenloser Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem Stahl durchbohrt
+worden. Das hieß dem Herrn der Welten trotzen. Und der Mörder wagte, zu
+leben. Er freute sich des Sonnenlichtes und der Früchte der Erde, als ob
+der Arm des Allmächtigen zu kurz wäre, um ihn zu erreichen.
+
+Er blieb stehen, ballte die Fäuste und schrie drohende Worte. Dann eilte er
+wie ein Wahnsinniger aus dem Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal
+hinab.
+
+ * * * * *
+
+Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so waren sogleich zehn
+Männer bereit, ihm zu folgen. Es wurde beschlossen, daß Tord allein in die
+Höhle gehen sollte, damit Berg nicht mißtrauisch werde. Aber unterwegs
+sollte er Erbsen ausstreuen, damit die Männer den Weg finden konnten.
+
+Als Tord in die Höhle trat, saß der Vogelfreie auf der Steinbank und
+nähte. Der Feuerschein war matt, und die Arbeit schien schlecht vonstatten
+zu gehen. Das Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche Berg
+deuchte ihm arm und unglücklich. Und das einzige, was er sein Eigen nannte,
+das Leben, sollte ihm nun genommen werden. Tord begann zu weinen.
+
+»Was hast du?« fragte Berg. »Bist du krank? Bist du erschrocken?«
+
+Zum ersten Male erzählte da Tord von seiner Angst. »Es war unheimlich im
+Walde. Ich hörte Geister und sah Gespenster. Ich sah weiße Mönche.«
+
+»Gottes Tod, Junge!«
+
+»Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen Weg zum Bredfelsen
+hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte, aber sie kamen mit und sangen. Kann
+ich das Unwesen nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Ich
+meine, sie könnten einem die Messe lesen, der es nötiger hat.«
+
+»Bist du heute abend ganz toll, Tord?«
+
+Tord sprach und wußte kaum, welcher Worte er sich bediente. Alle Scheu war
+von ihm gewichen. Unbehindert strömte die Rede von seinen Lippen.
+
+»Es sind lauter weiße Mönche, weiß, leichenblaß. Alle haben sie Blut auf
+der Kutte. Sie ziehen die Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet
+doch hervor. Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb.«
+
+»Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?«
+
+»Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum muß ich sie sehen?«
+
+»Das mögen die Heiligen wissen, Tord,« sagte Berg, der Riese, bleich und
+mit düsterm Ernst, »was es bedeutet, daß du eine Wunde von einem Axthieb
+siehst. Ich habe den Mönch mit ein paar Messerstichen getötet.«
+
+Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die Hände. »Sie verlangen dich
+von mir. Sie wollen mich zwingen, dich zu verraten.«
+
+»Wer? Die Mönche?«
+
+»Ja, gewiß, die Mönche. Sie zeigen mir Gesichte. Sie zeigen mir sie, Unn.
+Sie zeigen mir das glitzernde, sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die
+Lagerplätze der Fischer, wo Tanz und Fröhlichkeit herrscht. Ich schließe
+die Augen, aber ich sehe dennoch. Laßt mich in Frieden, sage ich. Mein
+Freund hat gemordet, aber er ist nicht böse. Laßt mich gehen, und ich will
+mit ihm sprechen, damit er bereut und Buße tut. Er wird seine Sünde
+gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide werden zu den Stätten
+wallfahrten, die so heilig sind, daß alle Sünde von dem genommen wird, der
+ihnen naht.«
+
+»Was antworteten da die Mönche?« fragte Berg. »Sie wollen meine Rettung
+nicht. Sie wollen mich auf den Scheiterhaufen und auf die Folterbank
+bringen.«
+
+»Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich sie,« fuhr Tord fort.
+»Er ist mein alles auf Erden. Er hat mich vom Bär errettet, dessen Pranken
+auf meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und alles Ungemach
+erduldet. Er hat sein eignes Bärenfell über mich gebreitet, als ich krank
+lag. Ich habe Holz und Wasser für ihn getragen, ich habe seinen Schlummer
+bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht geführt. Warum glauben sie,
+daß ich solch einer bin, der einen Freund verrät? Mein Freund wird bald aus
+freien Stücken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen wir zusammen in
+das Land der Versöhnung.«
+
+Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf Tords Gesicht. »Du
+sollst selbst zum Priester gehen und ihm die Wahrheit sagen,« sagte er.
+»Du mußt wieder hinab zu den Menschen.«
+
+»Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner Sünde willen verfolgt
+mich der Tote und alle Schatten. Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du
+hast deine Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist so wie
+deines. Es ist mir, als müßte ich mich freuen, wenn ich dich an Rad und
+Galgen sähe. Wohl dem, der in dieser Welt seine Strafe empfängt und dem
+künftigen Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten Gott? Du
+zwingst mich, dich zu verraten. Hilf mir von dieser Sünde. Gehe zum
+Priester.« Und er fiel vor Berg auf die Knie.
+
+Der Mörder legte die Hand auf seinen Kopf und sah ihn an. Er mußte seine
+Sünde an der Angst des Gefährten messen. Und sie stand groß und grauenvoll
+vor seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen, der die Welt
+lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein Herz.
+
+»Weh mir, daß ich tat, was ich getan,« sagte er. »Was meiner harrt, das ist
+zu schwer, um es freiwillig auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den
+Priestern aus, so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern. Sie
+werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist nicht dieses Leben des
+Elends, das wir in Angst und Not führen, Buße genug? Habe ich nicht Hof und
+Heim verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von allem, was eines
+Mannes Freude ist? Wessen bedarf es noch?«
+
+Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen auf. »Kannst du bereuen?«
+rief er. »Können meine Worte dein Herz rühren? O, dann komm gleich! Wie
+konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch ist es Zeit!«
+
+Berg, der Riese, sprang auch auf. »Du hast es also getan --«
+
+»Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt rasch, da du bereuen
+kannst! Sie werden uns ziehen lassen! Wir müssen ihnen entkommen!«
+
+Da beugte sich der Mörder zum Boden herab, wo seine von den Vätern ererbte
+Streitaxt zu seinen Füßen lag. »Du Sohn eines Diebes,« sagte er, die Worte
+hervorzischend. »Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut gewesen.«
+
+Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt bückte, da wußte er, daß es nun
+sein Leben galt. Er riß seine eigne Axt aus dem Gürtel und schlug nach
+Berg, ehe dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr zischend
+durch die Luft und drang in den herabgebeugten Kopf. Berg, der Riese, fiel
+mit dem Kopfe nach vorn zu Boden, der ganze Körper taumelte nach. Blut und
+Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In dem struppigen Haar
+sah Tord ein großes, rotes, klaffendes Loch nach einem Axthieb.
+
+Jetzt stürzten die Bauern herein. Sie freuten sich und priesen die Tat.
+
+»Jetzt steht deine Sache gut,« sagten sie zu Tord.
+
+Tord sah auf seine Hände herab, als sähe er da die Fesseln, mit denen er
+herangeschleift worden war, um den zu töten, den er liebte. Sie waren wie
+die des Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den grünen Lichtern des
+Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten, aus dem Gesang des Sturmes, aus
+dem Rascheln des Laubes, aus dem Zauber der Träume waren sie gewoben. Und
+er sagte laut: »Gott ist groß!«
+
+Aber wieder verfiel er in seine frühern Gedanken. Er sank neben der Leiche
+auf die Knie und legte seinen Arm unter den Kopf des Freundes.
+
+»Tut ihm nichts zuleide,« sagte er. »Er bereut, er will zum Heiligen Grabe
+pilgern. Er ist nicht tot, aber fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit,
+zu gehen, da fiel er. Der weiße Mönch wollte wohl nicht, daß er bereue,
+aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt die Reue.«
+
+Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte und flehte den
+Toten an, aufzuwachen. Die Bauern bereiteten aus einigen Speeren eine
+Bahre. Sie wollten die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie
+hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in seiner Nähe. Als sie
+ihn auf die Bahre hoben, stand Tord auf, schüttelte die Haare aus dem
+Gesicht und sprach mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte:
+
+»So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum Mörder machte, daß er von
+Tord, dem Fischer, dessen Vater ein Wrackplünderer und dessen Mutter eine
+Hexe ist, erschlagen ward, weil er ihn lehrte, daß die Grundfeste dieser
+Erde Gerechtigkeit heißt.«
+
+
+
+
+Reors Geschichte
+
+
+War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel
+Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde getauft,
+als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein
+eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön, aber nicht
+hochgewachsen, stark, aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit Blick und Wort
+allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vöglein an sich
+locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, und die Natur hatte große
+Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und das Knospen der Bäume, das
+Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung des Barsches in dem
+abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung,
+dies waren die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und Freude
+bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter den Menschen zutrug.
+
+Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen
+Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen Schuß.
+Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, und
+er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der Pelz des Bären war
+weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn ab, rollte ihn zu einem
+harten Bündel zusammen und ging mit dem Bärenfell auf dem Rücken weiter.
+
+Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken Honigduft
+verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die den Boden
+bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, glatte
+Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des Stengels ein
+kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt war. Die kleinen
+Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus ihnen ragte eine
+kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte Knöpfchen auf
+weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter ihnen einherging,
+daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel standen,
+Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der starke honigsüße Duft
+war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die Bäume
+und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag etwas Beängstigendes in dem
+schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher gefüllt und ihre Tischlein
+gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber niemand kam. Sie sehnten sich
+zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem dunkeln, windstillen
+Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern zu wollen, weil die
+schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo
+die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es ihn, als sängen sie
+zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen Gäste, kommt heute, denn
+morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen Laub.«
+
+Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu
+sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste Lüftchen
+und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken Stämmen
+umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als wüßte er den Weg
+nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im
+Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weißbeschwingten Honigsucher
+versammelt war. Aber der erste war der Anführer, und er fand, vom Dufte
+geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer
+herangestürmt. Es stürzte sich auf die sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger
+sich auf die Beute stürzt. Wie ein Schneefall von weißen Flügeln senkten
+sie sich auf sie herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede
+Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel.
+
+Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf
+dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde
+eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war, was
+ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt hatten. Er
+ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines
+großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn ängstigte, war, ob er auch
+den Weg zu diesem finden konnte, was sich nach ihm sehnte.
+
+Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte sich,
+um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den
+Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen und lag
+still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff, glitt sie so glatt wie
+Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor ganz und gar darauf
+erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange nach,
+konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn von dem Pfade fort auf
+den ungebahnten Waldboden.
+
+Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man selten
+Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockne Moos und die braunen
+Nadeln, Farrenkräuter und Preißelbeerbüsche zogen sich zurück, und Reor
+fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen Matte
+zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, und
+zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen,
+halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle,
+und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen Äste
+mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen
+viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß.
+
+Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht aus
+dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die
+moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost zuletzt
+gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die die
+braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten
+Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und
+eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen Mützen
+erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten.
+
+Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu gleichen,
+aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand einer
+Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und Flechten die
+großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich drehte.
+
+Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um
+sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte,
+und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den
+honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter
+der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam still:
+kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte
+alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und zu
+lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht allein
+war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob jemand ihn
+beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand keine Angst, nur
+ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte er bald etwas
+überaus Schönes zu sehen bekommen.
+
+In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich nicht
+versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die der Frost
+von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen Schlange sah
+er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase lag und schlief.
+Sie lag ohne andre Decke, als ein paar spinnwebdünne Schleier, gerade als
+hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im
+Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden,
+federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der Schlafenden, so daß
+Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers gewahren konnte. Er
+trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein gutes Messer zog er
+aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und die Felswand, damit
+die den Stahl fürchtende Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen
+konnte, wenn sie erwachte.
+
+Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er sogleich,
+das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch war er nicht
+recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte.
+
+Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der
+Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,« sagten
+sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsre schöne Tochter.
+Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du der edelsten
+Gabe würdig?«
+
+Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß,
+das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da
+er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen
+hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen habe, schämen
+würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte das steife Fell
+und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über sie.
+
+Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, von dem die
+Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand in
+großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon
+befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun
+auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die Nadeln
+begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte, daß der
+ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter der
+Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde.
+
+Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag in
+Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die
+grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte.
+Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im Berge war, war sie
+doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob sie in seine Arme und
+trug sie fort durch den Wald.
+
+Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut abhob.
+Da sah er auf und merkte, daß des Riesen Tochter erwacht war. Sie saß ganz
+ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann aussah, der
+sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größre Schritte, aber sagte
+nichts.
+
+Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf
+brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum über
+seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht auf,
+sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte. Da
+deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm
+trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen durchbebte
+Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims stand, da sah er,
+wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt, unter die Grundmauer
+schlüpfte.
+
+
+
+
+Waldemar Attertag brandschatzt Visby
+
+
+In dem Frühling, in dem Hellquists großes Bild »Waldemar Attertag
+brandschatzt Visby« im Kunstverein ausgestellt war, kam ich an einem
+stillen Vormittag hinauf, ohne zu ahnen, daß dieses Kunstwerk sich da
+befand. Die große, farbenreiche Leinwand mit den vielen Gestalten machte
+schon beim ersten Anblick einen außerordentlichen Eindruck. Ich konnte kein
+andres Bild ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte mich
+nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe Stunde lang lebte ich
+das Leben des Mittelalters.
+
+Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem Marktplatz von Visby
+abspielte. Ich sah die Bierbottiche, die sich mit dem goldnen Trank zu
+füllen begannen, den König Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich
+rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn mit dem Pagen, der
+unter seinen Gold- und Silberschüsseln fast zusammenbricht, den jungen
+Bürger, der die Faust gegen den König ballt, den Mönch mit dem scharfen
+Antlitz, das forschend die Majestät betrachtet, den zerlumpten Bettler, der
+sein Scherflein opfert, die Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist,
+den König auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem schmalen
+Gäßchen heranwälzt, die hohen Hausgiebel und die zerstreuten Gruppen
+trotziger Soldaten und halsstarriger Bürger.
+
+Aber plötzlich merkte ich, daß die Hauptgestalt des Bildes nicht der König
+ist, nicht einer der Bürger, sondern der eine der eisengepanzerten
+Schildträger des Königs, der mit dem gesenkten Visier.
+
+In diese Gestalt hat der Künstler eine seltsame Kraft gelegt. Man sieht
+nicht das geringste von ihm selbst, der ganze Mann ist Eisen und Stahl, und
+doch macht er den Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein.
+
+»Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,« sagt er. »Ich bin es, der Visby
+brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe
+meine Lust an Qualen und Grausamkeit. Mögen sie einander nur peinigen.
+Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu Visby.«
+
+»Sieh,« spricht er zu dem Betrachter, »kannst du nicht sehen, daß ich hier
+Herr bin? Soweit dein Auge reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die
+einander quälen. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr Gold aus.
+Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. Und die Begierde der
+Siegesherren wird immer wilder, je mehr Gold sie hervorpressen können. Was
+sind Dänemarks König und seine Soldaten andres als meine Diener, wenigstens
+für diesen Tag? Morgen werden sie zur Kirche gehen oder in friedlicher
+Zwiesprach in den Schenken sitzen oder vielleicht auch gute Väter sein im
+eignen Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie Bösewichte und
+Gewalttäter.«
+
+Und je länger man ihm zuhört, desto besser versteht man, was das Bild ist:
+nichts andres als eine Illustration der alten Mär, wie Menschen einander
+quälen können. Kein versöhnender Zug ist da, nur grausame Gewalt. Und
+trotziger Haß und hoffnungsloses Leiden.
+
+Es ist doch so, daß diese drei Bräukufen gefüllt werden müssen, auf daß
+Visby nicht geplündert und eingeäschert werde. Warum kommen sie nicht,
+diese Hanseaten, in flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen nicht
+herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit seinem Becher, der
+Priester mit dem Reliquienschrein, eifrig, glühend von Opfermut? »Für dich,
+für dich, unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn es sich um
+dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser Ruhm! Nimm zurück, was du uns
+gegeben hast!«
+
+Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war es auch nicht. Keine
+Begeisterung, nur Zwang, nur gebändigter Trotz, nur Jammer. Das Gold ist
+ihnen alles, Frauen und Männer seufzen über dies Gold, von dem sie sich
+trennen müssen.
+
+»Sieh sie an!« spricht die Gewalt, die auf den Stufen des Thrones steht.
+»Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu opfern. Mag, wer da will, mit ihnen
+Mitleid haben! Geizig, gewinnsüchtig, übermütig sind sie! Sie sind um
+nichts besser als der gierige Räuber, den ich gegen sie ausgesandt habe.«
+
+Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet es ihr so großes
+Leid, ihr Gold herzugeben! Oder ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie
+des Jammers Urheberin? Ist sie die, welche die Stadt verraten hat? Ja, sie
+ist es, die König Waldemars Liebste gewesen. Es ist Jung-Hansens Tochter.
+
+Sie weiß wohl, daß sie ihr Gold nicht auszuliefern braucht. Ihres Vaters
+Haus wird dennoch nicht geplündert, aber sie hat zusammengerafft, was sie
+besitzt und bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie von
+all dem Elend, das sie gesehen, überwältigt worden und in grenzenloser
+Verzweiflung zu Boden gesunken.
+
+Frisch und fröhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle, der
+voriges Jahr in ihres Vaters Haus diente. Herrlich war es, an seiner Seite
+über diesen selben Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den Giebeln
+hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete. Stolz war sie auf ihn
+gewesen, stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da,
+von Jammer gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt und
+grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung über die Stadt
+gebracht hat, ist er derselbe, der ihr zärtliche Worte zugeflüstert hat?
+Schlich sie sich zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht
+ihres Vaters Schlüssel stahl und das Stadttor öffnete? Und als sie ihren
+Goldschmiedegesellen als einen gewappneten Ritter traf mit einem
+stahlgepanzerten Heere hinter sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht
+wahnsinnig, da sie die stählerne Flut sich durch das Tor wälzen sah, das
+sie geöffnet hatte? Zu spät deine Klagen, o Jungfrau! Warum liebtest du den
+Feind deiner Stadt? Gefallen ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum
+stürztest du dich nicht mitten im Tore nieder und ließest dich von den
+eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest du leben, um den Verbrecher von des
+Himmels Blitzen getroffen zu sehen?
+
+O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und schützt ihn. An heiligern
+Dingen als einer leichtgläubigen Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal
+Gottes heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine bricht er
+aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe zu füllen.
+
+Da ändern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung. Blindes Entsetzen packt
+alles Lebende. Der wildeste Kriegsknecht erbleicht, die Bürger wenden ihren
+Blick zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle erbeben, außer
+der Gewalt auf den Stufen des Thrones und dem König, der ihr Diener ist.
+
+Ich wünschte, der Künstler lebte noch, so daß er mich hinab zum Hafen von
+Visby führen und mir diese selben Bürger zeigen könnte, als sie mit den
+Blicken der fortsegelnden Flotte folgten. Sie rufen Verwünschungen über die
+Wogen hin. »Vernichtet sie,« rufen sie, »vernichtet sie! O Meer, du unser
+Freund, nimm unsre Schätze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter
+den Gottlosen, unter den Treulosen!«
+
+Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt, die auf dem königlichen
+Schiffe steht, nickt zustimmend. »So ist es gut,« sagt sie, »verfolgen und
+verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Möge der Sturm und das Meer die
+räuberische Flotte zerstören und die Schätze meines königlichen Dieners an
+sich raffen! Desto früher ist es uns beschieden, auf neue Verheerungszüge
+auszuziehen!«
+
+Aber die Bürger auf dem Strande wenden sich um und sehen zu ihrer Stadt
+empor. Feuerflammen sind dort aufgelodert, Plünderung ist über sie
+hingezogen, hinter zersprungenen Scheiben gähnen verwüstete Wohnstätten.
+Geschwärzte Giebel sehen sie, geschändete Kirchen, blutige Leichen liegen
+in den engen Gäßchen, und vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die
+Stadt. Sollen sie alledem ohnmächtig gegenüberstehen? Gibt es niemanden,
+den ihre Rache erreichen kann, niemanden, den sie ihrerseits quälen und
+vernichten können?
+
+Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus ist nicht geplündert,
+nicht verbrannt. Was ist das? War er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht
+den Schlüssel zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam? O du,
+Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das bedeuten?
+
+Dort auf dem Königsschiffe steht die Gewalt und betrachtet ihren
+königlichen Diener, unter dem Visier lächelnd. Höre den Sturm, Herr, höre
+den Sturm! Das Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf dem
+Meeresgrunde ruhen. Und sieh zurück auf Visby, mein hoher Herr! Das Weib,
+das du betrogst, wird zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer
+geführt. Hörst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend und wehklagend?
+Sieh, sieh, die Maurer kommen mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen
+kommen mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle!
+
+O König, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby vorgeht, mußt du doch
+hören und wissen, was dort geschieht. Du bist ja nicht von Stahl und Eisen
+wie die Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters düstre Tage kommen und du
+unter dem Schatten des Todes lebst, dann wird das Bild von Jung-Hansens
+Tochter vor deine Erinnerung treten.
+
+Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung zusammensinken
+sehen. Du wirst sie dahinziehen sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten
+unter Glockengeläute und Hymnengesang. Sie ist schon tot in den Augen des
+Volkes. Tot fühlt sie sich in ihrem Innersten, getötet von allem, was sie
+geliebt. Du wirst sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine
+einfügt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und das Volk hören, wie
+es mit seinen Steinen herbeieilt. »O Maurer, nimm meinen, nimm meinen!
+Bediene dich meines Steines zum Rachewerk! Laß meinen Stein mit dabei sein,
+Jung-Hansens Tochter von Licht und Luft abzuschließen! Gefallen ist Visby,
+das herrliche Visby! Gott segne eure Hände, Maurer! Laß mich mit dabei sein
+und die Rache vollziehen!«
+
+Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken läuten wie über einer Toten.
+
+O Waldemar, König von Dänemark, auch dein Los wird es sein, dem Tode zu
+begegnen, dann wirst du auf deinem Bette liegen und vieles hören und sehen
+und dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren mit der
+Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du hören. Wo sind sie dann, die
+heiligen Glocken, die die Marter der Seele übertönen? Wo sind sie, die
+weiten Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade für dich flehen? Wo ist
+die von Wohllaut erzitternde Luft, die die Seele hin zu Gottes Gefilden
+führt?
+
+O hilf, Esrom, hilf, Sorö, und du, große Glocke in Lund!
+
+ * * * * *
+
+Welch düstre Geschichte erzählt nicht dieses Bild! Es war ein wunderliches,
+fremdes Gefühl, wieder in den Königsgarten zu treten, in den strahlenden
+Sonnenschein unter lebende Menschen.
+
+
+
+
+Mamsell Friederike
+
+
+Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht.
+
+Die Kobolde hoben die Felsblöcke auf hohe Goldsäulen und feierten
+Mittwinterfest. Die Heinzelmännchen tanzten in neuen roten Mützen um die
+Weihnachtsgrütze. Alte Götter zogen in grauen Unwettermänteln über das
+Himmelsgewölbe. Und auf dem Österhaninger Kirchhof stand das Höllenpferd.
+Es scharrte mit den Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz
+für ein neues Grab.
+
+Nicht weit davon auf dem alten Schloß Årsta lag Mamsell Friederike und
+schlief. Årsta ist, wie man weiß, ein altes Gespensterschloß, aber Mamsell
+Friederike schlief einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt
+geworden, und recht müde nach vielen schweren Arbeitstagen und vielen
+langen Reisen -- sie war ja beinahe rings um die Erde gefahren -- darum war
+sie in ihr Kindheitsheim zurückgekehrt, um Ruhe zu finden.
+
+Vor dem Schloß tönte eine kecke Fanfare in die Nacht hinaus. Der Tod hatte
+sich auf sein Rößlein Grau gesetzt und war zum Schloßtor geritten. Sein
+weiter Purpurmantel und der stolze Federbusch des Hutes wehten im
+Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schwärmerisches Herz bezwingen,
+darum trat er in so seltnem Staat auf. Vergebliche Mühe, Herr Ritter,
+vergebliche Mühe! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame schläft.
+Eine bessere Gelegenheit mußt du suchen und geeignetere Stunde. Laure ihr
+auf, wenn sie zur Frühmette fährt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf
+dem Kirchweg!
+
+ * * * * *
+
+Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten Heim. Niemand
+konnte die süße Ruhe besser als sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war
+sie eben in einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von Jesus und
+den Hirten erzählt, erzählt, bis ihre Augen strahlten und ihr ganzes
+verwelktes Gesicht wie verklärt war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch
+niemanden, der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden hatte.
+Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die kleinen, feinen Händchen und das
+kluge freundliche Gesicht, wollte im Gegenteil dieses Bild seinem
+Gedächtnis einprägen als die wunderschönste Erinnerung.
+
+In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter andern Reliquien und
+Erinnerungen ein kleiner trockner Strauch. Das war die Jerichorose, die
+Mamsell Friederike aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte. Jetzt in
+der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst zu blühen. Die trocknen
+Zweige bedeckten sich mit roten Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten
+und das ganze Zimmer erleuchteten.
+
+Bei dem Schein dieser Funken sah man, daß eine kleine und zarte, aber recht
+alte Dame in einem großen, gelben Fauteuil saß und Salon hielt. Es konnte
+nicht Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in guter
+Ruh, und dennoch war sie es. Sie saß da und hielt Empfang für Erinnerungen,
+das Zimmer war voll von ihnen. Menschen und Heime und Gegenstände und
+Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen und
+Jugenderinnerungen, Liebe und Tränen, Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn,
+alles kam auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasaß und alle mit einem
+gütigen Lächeln ansah. Sie hatte ein scherzendes oder wehmütiges Wort für
+sie alle.
+
+Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und Form. Und so wie man
+erst da des Himmels Sterne sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was
+man tagsüber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im Schein der roten
+Knospen der Jerichorose eine Menge wunderlicher Gestalten in Mamsell
+Friederikens Salon sehen. Da war die steife »+ma chère mère+«, die
+gutmütige Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem Abendland, die
+schwärmerische Nina, die energische kämpfende Herta in ihrem weißen Kleid.
+
+»Kann mir jemand sagen, warum dieses Geschöpf immer weiß gekleidet sein
+muß?« scherzte die kleine Gestalt im Fauteuil, als sie sie erblickte.
+
+Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und sagten: »Sieh, wie viel du
+geschaut und erfahren, wie viel du gewirkt und genützt hast! Bist du nicht
+müde, willst du nicht zur Ruhe gehen?«
+
+»Noch nicht,« antwortete der Schatten in dem gelben Fauteuil, »ich habe
+noch ein Buch zu schreiben. Ich kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig
+ist.«
+
+Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose erlosch, und der gelbe
+Fauteuil stand leer.
+
+ * * * * *
+
+In der Österhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse. Einer
+von ihnen stieg zu den Glocken hinauf und läutete das Christfest ein, ein
+anderer ging umher und entzündete die Weihnachtskerzen, und ein dritter
+begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen. Durch die geöffnete
+Tür kamen die übrigen aus Nacht und Gräbern in das helle, strahlende Haus
+des Herrn gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren, kamen
+sie, nur ein bißchen bleicher. Sie öffneten die Banktüren mit rasselnden
+Schlüsseln und wisperten und flüsterten, während sie den Gang hinaufgingen.
+
+»Das sind alle die Lichter, die _sie_ den Armen geschenkt hat, die leuchten
+jetzt in Gottes Haus.«
+
+»Wir liegen warm in unsern Gräbern, solange _sie_ den Armen Kleider und
+Holz gibt.«
+
+»Seht, sie hat so viele kräftige Worte gesprochen, die die Menschenherzen
+aufgeschlossen haben, diese Worte sind unsre Bankschlüssel.«
+
+»Sie hat schöne Gedanken über Gottes Liebe gedacht. Diese Gedanken heben
+uns aus unsern Gräbern empor.«
+
+So wisperten und flüsterten sie, bevor sie sich in die Bänke setzten und
+ihre bleichen Stirnen zum Gebet in verwelkte Hände neigten.
+
+ * * * * *
+
+Aber in Årsta kam jemand in Mamsell Friederikens Zimmer und legte
+freundlich die Hand auf den Arm der Schlafenden.
+
+»Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Frühmette zu fahren.«
+
+Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf und sah Agathe, ihre
+geliebte tote Schwester, mit einer Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie
+erkannte sie wohl, denn sie war ganz unverändert, so wie sie hier auf Erden
+gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht, sie freute sich nur, die
+Geliebte zu sehen, an deren Seite sie gerne den langen Schlummer schlafen
+wollte.
+
+Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es war keine Zeit zu
+Gesprächen; der Wagen stand vor dem Tor. Die andern mußten schon fort sein;
+denn niemand außer Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte sich
+im Hause.
+
+»Weißt du noch, Friederike,« sagte die Schwester, als sie im Wagen saßen
+und rasch zur Kirche fuhren, »weißt du noch, wie du früher immer dasaßest
+und wartetest, daß irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entführen
+sollte?«
+
+»Darauf warte ich noch immer,« sagte die alte Mamsell Friederike und
+lachte. »Ich fahre diesen Weg nie, ohne nach meinem Ritter auszulugen.«
+
+Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch zu spät. Der
+Priester stieg von der Kanzel herab, als sie in die Kirche eintraten, und
+der Schlußpsalm begann. Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen
+Gesang gehört. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt hätten, als hätte
+jede Bank und jeder Stein und jede Planke mitgesungen.
+
+Nie hatte sie die Kirche so überfüllt gesehen: auf dem Altartisch und auf
+den Kanzelstufen saßen Menschen, sie standen in den Gängen, sie drängten
+sich in den Bänken, und draußen war der Weg voll Leute, die nicht
+hereinkommen konnten. Die Schwestern fanden doch Platz, vor ihnen wich die
+Menge zurück.
+
+»Friederike,« sagte ihre Schwester, »sieh die Menschen an.«
+
+Und Mamsell Friederike sah und sah.
+
+Da merkte sie, daß sie wie die Frau im Märchen zu der Messe der Toten
+gekommen war. Sie fühlte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief,
+aber es erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie fühlte mehr Neugierde als
+Angst.
+
+Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter Frauen waren da: graue,
+gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen Kragen und verblaßten Mantillen,
+mit Hüten von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgestoßnen Röcken. Sie
+sah eine ungeheure Menge verrunzelter Gesichter, eingesunkner Lippen,
+trüber Brillen und verschrumpfter Hände, doch keine einzige Hand, die zwei
+glatte Ringe trug.
+
+Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren alle die entschlafnen alten
+Jungfern im Lande Schweden, die in der Österhaninger Kirche
+Mitternachtsmesse feierten.
+
+Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor.
+
+»Schwester, bereust du, was du für diese deine Schwestern getan hast?«
+
+»Nein,« sagte Mamsell Friederike. »Woran sollte ich mich wohl freuen, wenn
+nicht, daß es mir beschert war, für sie zu arbeiten: ich opferte einmal
+mein Ansehen als Schriftstellerin für sie. Ich bin froh, daß ich wußte, was
+ich opferte, und es dennoch tat.«
+
+»Dann kannst du bleiben und weiter zuhören,« sagte die Schwester.
+
+In demselben Augenblick hörte man jemand drüben im Chor sprechen, eine
+sanfte, aber deutliche Stimme.
+
+»Schwestern,« sagte die Stimme, »unser beklagenswertes Geschlecht, unser
+unwissendes und verhöhntes Geschlecht, bald wird es nicht mehr sein. Gott
+hat gewollt, daß wir von der Erde aussterben.
+
+Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage sein. Das Maß der alten
+Jungfern ist erfüllt. Der Tod reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte
+von uns zu treffen. Vor der nächsten Mitternachtsmesse ist sie tot, die
+letzte alte Mamsell.
+
+Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen auf Erden. Die
+Zurückgesetzten beim Gastmahl, die danklos Dienenden im Heim. Hohn und
+Lieblosigkeit umgab uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel
+dem Gespött anheim.
+
+Aber Gott hat sich erbarmt.
+
+Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von uns gab er niemals
+versagende Güte. Einer gab er des Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles,
+was wir hätten sein sollen. Sie warf Licht über unser dunkles Schicksal.
+Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen, aber tausend Heimen
+gab sie ihre Gabe. Sie war die Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen,
+aber sie kämpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie erzählte
+ihre Märchen tausend Kindern. Sie hatte ihre armen Freunde in allen
+Ländern. Sie gab aus vollern Händen als wir und mit wärmerm Gemüt. In ihrem
+Herzen war kein Raum für unsre Bitterkeit, denn sie hat fortgeliebt. Ihr
+Ruhm war wie der einer Königin. Sie hat den Zoll der Dankbarkeit von
+Millionen Herzen eingehoben. Ihre Worte sind in den großen Fragen der
+Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist durch neue und alte
+Welten erklungen. Und doch ist sie nur eine alte Mamsell.
+
+Sie hat unser dunkles Schicksal erklärt. Gesegnet sei ihr Name!«
+
+Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: »Gesegnet sei ihr Name!«
+
+»Schwester,« flüsterte Mamsell Friederike, »kannst du ihnen nicht
+verbieten, mich armen sündigen Menschen hochmütig zu machen?«
+
+»Aber Schwestern, Schwestern,« fuhr die Stimme fort, »sie hat sich gegen
+unser Geschlecht gewendet mit aller ihrer großen Macht. Auf ihren Ruf nach
+Freiheit und Arbeit sind die alten, verhöhnten Gnadenbrotempfängerinnen
+ausgestorben. Sie hat die Schranken der Tyrannei um die Kinder
+niedergebrochen. Sie hat die jungen Mädchen in die volle Tätigkeit des
+Lebens versetzt. Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der
+Freudlosigkeit ein Ende gemacht. Keine unglücklichen, verachteten alten
+Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt wird es mehr geben, keine solchen,
+wie wir gewesen sind.«
+
+Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie ein Jagdlied im Walde,
+wie der Ruf einer frohen Kinderschar: »Gesegnet sei ihr Angedenken!«
+
+Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell Friederike trocknete
+sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
+
+»Ich gehe nicht mit heim,« sagte ihre tote Schwester. »Willst du nicht auch
+gleich hierbleiben?«
+
+»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein Buch, das ich zuerst
+fertig haben muß.«
+
+»Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem Ritter auf dem Kirchweg in
+acht,« sagte ihre tote Schwester und lächelte schelmisch nach alter
+Gewohnheit.
+
+Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz Årsta schlief noch, und sie ging
+still in ihr Zimmer, legte sich nieder und schlummerte noch einmal ein.
+
+ * * * * *
+
+Einige Stunden später fuhr sie zur wirklichen Frühmette. Sie fuhr im
+gedeckten Wagen, aber sie ließ das Fenster herab, um die Sterne sehen zu
+können. Möglich ist es wohl auch, daß sie wie einst nach ihrem Ritter
+aussah.
+
+Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster heran. Prächtig saß er auf
+seinem sich bäumenden Roß. Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein
+bleiches Antlitz war streng, aber schön.
+
+»Willst du mein werden,« flüsterte er.
+
+Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der hohen Gestalt mit der
+wehenden Feder. Sie vergaß, daß sie noch ein Jahr leben mußte.
+
+»Ich bin bereit,« flüsterte sie.
+
+»Dann komme ich in einer Woche und hole dich von deines Vaters Hof.«
+
+Er beugte sich herab und küßte sie, und damit verschwand er; aber sie
+begann zu frieren und zu zittern unter dem Kuß des Todes.
+
+Ein kleines Weilchen später saß Mamsell Friederike in der Kirche, auf
+demselben Platze, auf dem sie als Kind gesessen. Hier vergaß sie Ritter und
+Gespenster und saß lächelnd in stiller Verzücktheit in dem Gedanken an die
+Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.
+
+Aber, ob sie nun müde war, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte,
+oder ob die Wärme und der Kerzenrauch eine einschläfernde Wirkung auf sie
+ausübten, wie auf so viele andre -- genug, sie schlummerte ein, nur einen
+Augenblick, sie konnte es nicht hindern.
+
+Vielleicht war es auch so, daß Gott ihr die Pforte in das Land der Träume
+öffnen wollte.
+
+In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, sah sie nun ihren
+strengen Vater, ihre schöne elegante Mutter und die häßliche kleine Petrea
+in der Kirche sitzen. Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst
+zusammengepreßt, größer als ein Erwachsener sie je erfahren. Auf der Kanzel
+stand der Priester und sprach von dem strengen, strafenden Gott, und das
+Kind saß bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe wären und
+durch sein Herz gingen.
+
+»O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!«
+
+In der nächsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte und schauerte so
+wie unter dem Kuß des Todes auf dem Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von
+der wilden Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.
+
+Sie hatte es mit einemmal so eilig, daß sie sogleich aus der Kirche hasten
+wollte. Sie mußte heim und ihr Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem
+Gott des Friedens und der Liebe.
+
+ * * * * *
+
+Nichts weiter, was jetzt erwähnenswert scheinen kann, widerfuhr Mamsell
+Friederike vor der Neujahrsnacht. Leben und Tod, so wie Tag und Nacht,
+herrschten in der letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht über die
+Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod das Zepter und
+verkündete, daß die alte Mamsell Friederike nun ihm angehören solle.
+
+Hätte man dies nur gewußt, so hätte wohl alles Volk von Schweden ein
+gemeinsames Gebet an Gott gerichtet, seinen reinsten Geist, sein wärmstes
+Herz behalten zu dürfen. Da hätte man in Angst und Sorgen in so manchem
+Heim in fernen Ländern gewacht, wo sie liebende Herzen zurückließ. Dann
+hätten die Armen, die Kranken und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um
+der ihrigen zu gedenken, und dann hätten alle Kinder, die unter den
+Segnungen ihres Wirkens herangewachsen waren, die Hände gefaltet und um
+noch ein Jahr für ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem
+Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlußstein kröne.
+
+Denn der Tod kam zu früh für Mamsell Friederike.
+
+Sturm war draußen in der Neujahrsnacht, Sturm in ihrem Innern. Sie fühlte
+alle Qualen des Lebens und des Todes in ihrem Innern ringen.
+
+»Angst!« seufzte sie, »Angst!«
+
+Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie flüsterte leise: »Christi
+Liebe -- beste Liebe -- Gottesfriede -- das ewige Licht!«
+
+Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche hätte schreiben wollen, und
+vielleicht vieles andre ebenso Schöne und Herrliche. Wer weiß? Nur eines
+wissen wir, daß Bücher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das
+ihre vergißt man nie.
+
+Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie versank in Visionen.
+
+Ihr Körper kämpfte mit dem Tode, aber sie wußte es nicht. Ihre Nächsten
+saßen weinend um das Totenbett, aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte
+seinen Flug angetreten.
+
+Nun wurde der Traum für sie Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. Nun
+stand sie, wie sie sich schon in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend
+am Himmelstor mit unzähligen Scharen von Toten rings um sich. Und der
+Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der Seligkeitbringende, stand in dem
+geöffneten Tor. Und seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern
+und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und ihre Sehnsucht trug
+alle diese und sie, und sie schwebten wie auf Flügeln empor, empor.
+
+Am nächsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden, Trauer in weiten
+Teilen der Erde.
+
+_Friederike Bremer war tot._
+
+
+
+
+Der Roman einer Fischersfrau
+
+
+Am äußersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein kleines Hüttchen auf
+einem niedrigen Hügel aus weißem Meersand. Es war nicht so gebaut, daß es
+in einer Reihe mit den gleichmäßigen, schmucken, regelrechten Häusern
+stehen konnte, die den breiten grünen Platz umgaben, wo die braunen
+Fischernetze trockneten, sondern es schien gleichsam aus der Reihe
+geschoben und auf den Sandhügel hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es
+gebaut hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte die Wände
+ihres Hüttchens niedriger gemacht als die aller andern Hütten und sein
+steiles Strohdach höher als irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der
+Fußboden senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch noch
+groß, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum Erdboden. Für den Herd und
+den Gänsestall war schließlich in dem einzigen engen Raume kein Platz
+geblieben, sondern dafür hatte man kleine viereckige Vorsprünge anmauern
+müssen. Diese Hütte hatte nicht wie andre Häuschen ihr Gärtchen mit
+Stachelbeerbüschen, von Winden umschlungen, ihre halb von Kletten
+erstickten Holundersträucher. Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes
+waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen gekommen. Im Sommer, wenn sie
+frische, dunkelgrüne Blätter hatten und die stacheligen Körbchen sich mit
+hochroten Blumen füllten, waren sie schmuck genug. Aber gegen Herbst, wenn
+die Stacheln hart geworden und die Samen gereift waren, dann
+vernachlässigten sie ihr Aussehen und standen furchtbar häßlich und trocken
+da, die zerfetzten Blätter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben
+gehüllt.
+
+Die Hütte hatte nur zwei Besitzer, denn länger als zwei Generationen
+vermochte sie es nicht, mit ihren Wänden aus Rohr und Lehm das schwere Dach
+zu tragen. Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen Witwen. Die
+zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre Freude daran, die Kletten zu
+betrachten, namentlich im Herbst, wenn sie trocken wurden und sich überall
+anhängten. Sie erinnerten sie dann an sie, die die Hütte erbaut hatte. Sie
+war auch runzelig und trocken gewesen und hatte die Gabe gehabt, sich
+anzuklammern und hängen zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie für das
+Kind verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie, die nun allein
+dasaß, mußte bei diesem Gedanken bald lachen, bald weinen. Wenn die Alte
+nicht diese Klettennatur gehabt hätte, wie anders wäre dann nicht alles
+gekommen. Aber wer weiß, ob es besser gekommen wäre.
+
+Die einsame Frau saß oft da und grübelte über das Schicksal nach, das sie
+an die flache Küste Schoonens geführt hatte, zu diesem schmalen Sund und
+diesen stillen Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt
+geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen steilen Felsen und
+dem offnen Meere lag, und wenn sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann,
+gestorben und sie in Armut zurückgelassen, in bescheidnen Verhältnissen
+gelebt hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gewöhnt. Sie pflegte
+sich selbst ihre Geschichte wieder und wieder vorzuerzählen, so wie man ein
+schwer verständliches Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergründen.
+
+Das Merkwürdige, was sie erlebt hatte, hatte damit begonnen, daß sie eines
+Abends auf dem Heimwege von der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von
+zwei Seeleuten überfallen und von einem dritten gerettet worden war. Dieser
+kämpfte mit wirklicher Lebensgefahr für sie und brachte sie dann nach
+Hause. Sie führte ihn zu der Mutter und den Geschwistern und erzählte ihnen
+begeistert, was er getan habe. Es war, als hätte das Leben neuen Wert für
+sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte, um es zu verteidigen. Er war von
+ihren Angehörigen sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden, so
+bald und so oft er konnte, wiederzukommen.
+
+Sein Name war Börje Nilsson, und er war Matrose auf der schoonischen Jacht
+Albertina. Solange das Schiff im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu
+ihnen, und sie konnten es bald nicht mehr glauben, daß er nur ein simpler
+Matrose sein sollte. Er glänzte immer in reinem Umlegekragen und trug einen
+blauen Marineanzug aus feinem Tuch. Frisch und freimütig war er gegen sie,
+als wäre er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse wie sie zu
+bewegen. Ohne daß er es gerade heraussagte, erhielten sie den Eindruck, daß
+er aus einem angesehenen Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe,
+den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu gebracht hatte, sich
+als einfachen Matrosen zu verdingen, um seine Mutter zu überzeugen, daß er
+es ernst meinte. Wenn er seine Prüfungen gemacht hatte, würde sie ihm wohl
+ein eignes Schiff kaufen.
+
+Die einsame Familie, die sich von allen frühern Freunden zurückgezogen
+hatte, empfing ihn ohne das leiseste Mißtrauen. Und er beschrieb leichten
+Herzens und mit fließender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen
+Dach, dem offnen Kamin im Eßsaal und den kleinen Fensterscheiben. Er
+schilderte auch die stillen Straßen seiner Vaterstadt und die langen Reihen
+gleichmäßiger hoher Häuser, in denen sein Heim mit den unregelmäßigen
+Vorsprüngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung bildete. Und seine
+Zuhörer glaubten, daß er aus einem jener alten Bürgerhäuser komme, die mit
+ihrem bildergeschmückten Giebel und dem vorragenden Obergeschoß einen so
+mächtigen Eindruck von Reichtum und ehrwürdigem Alter machen.
+
+Sehr bald hatte sie es heraus, daß er ihr gut war. Und dies machte der
+Mutter und den Geschwistern große Freude. Der junge, reiche Schwede kam
+gleichsam, um sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er ihr nicht
+so gut gefallen hätte, als er es tat, hätte es gar nicht in Frage kommen
+können, seine Werbung abzuweisen. Hätte sie einen Vater oder einen
+erwachsenen Bruder gehabt, so würden diese sich wohl genauer nach Herkunft
+und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt haben, doch weder sie noch die
+Mutter dachten daran, ernstliche Nachforschungen anzustellen. Später
+erkannte sie, daß sie ihn förmlich zum Lügen gezwungen hatten. Anfangs
+hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so große Vorstellungen von seinem
+Reichtum zu machen, ohne alle böse Absicht, aber als er später merkte, wie
+froh sie darüber waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit zu
+sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren.
+
+Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht zurückkam, hielten
+sie Hochzeit. Es war eine Enttäuschung für sie, daß er auch bei seiner
+Rückkehr als Matrose auftrat, aber er war durch seinen Kontrakt gebunden.
+Er brachte auch keine Grüße von seiner Mutter mit. Diese hätte erwartet,
+daß er eine andre Wahl treffe, aber sie würde schon zufrieden sein, sagte
+er, wenn sie nur Astrid erst sähe. -- Trotz aller seiner Lügen wäre es doch
+ein leichtes gewesen, zu sehen, daß er ein armer Mann war, wenn sie nur die
+Augen hätten aufmachen wollen.
+
+Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kajüte zu überlassen, wenn sie die
+Überfahrt auf seiner Jacht machen wollte, und sie nahm das Anerbieten mit
+Freuden an. Börje wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und saß
+meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck. Und jetzt schenkte
+er ihr das Glück der Einbildung, von dem er selbst sein ganzes Leben lang
+gezehrt hatte. Je mehr er an das kleine Hüttchen dachte, das zur Hälfte im
+Sandhügel begraben lag, desto höher erbaute er den Palast, den er ihr gerne
+geboten hätte. Er ließ sie im Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren
+der Braut Börje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschmückt war. Er ließ sie
+die Begrüßungsrede des Bürgermeisters hören. Er ließ sie durch eine
+Triumphpforte fahren, während die Augen der Männer ihr folgten und die
+Frauen vor Neid erblaßten. Und er führte sie in das stattliche Haus, wo
+silberlockige, sich verneigende Diener an dem breiten Treppengeländer
+aufgereiht standen, und der zur festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich
+unter dem alten Familiensilber bog.
+
+Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, daß der Schiffer im
+Bunde mit Börje gewesen war, um sie zu betrügen, aber dann erkannte sie,
+daß es sich nicht so verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht
+daran gewöhnt, von Börje wie von einem großen Herrn zu reden. Das war an
+Bord der Hauptspaß, so recht im vollsten Ernst von seinen Reichtümern und
+seiner vornehmen Familie zu sprechen. Sie dachten, Börje hätte ihr die
+Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie alle, wenn sie von seinem
+großen Hause sprach. So war es möglich, daß sie, noch als die Jacht in dem
+Hafen Anker warf, der neben Börjes Heimatsdorf lag, es nicht anders wußte,
+als daß sie eines reichen Mannes Gattin war.
+
+Börje bekam für einen Tag Urlaub, um seine Frau in ihr künftiges Heim
+einzuführen und sie mit dem neuen Leben bekannt zu machen. Als sie nun an
+dem Kai landeten, wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuvermählten
+entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere und Alltagsruhe, und Börje
+merkte, daß seine Frau sich mit einer gewissen Enttäuschung umsah.
+
+»Wir sind zu früh gekommen,« hatte er da gesagt. »Die Fahrt ist bei diesem
+schönen Wetter merkwürdig rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen
+da, und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt außerhalb der
+Stadt.«
+
+»Das tut nichts, Börje,« hatte sie geantwortet, »das Gehen wird uns gut
+tun, nachdem wir so lange an Bord still gesessen sind.«
+
+Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle Wanderung, an
+die sie noch in ihren alten Tagen nicht denken konnte, ohne vor Angst zu
+stöhnen und schmerzlich die Hände zu ringen. Sie gingen über weite,
+menschenleere Straßen, die sie sogleich nach seiner Beschreibung erkannte.
+Sie glaubte in der dunklen Kirche und in den gleichmäßigen Holzhäusern alte
+Freunde zu begrüßen, doch wo blinkten die bildergeschmückten Giebel und die
+Marmortreppe mit dem breiten Geländer?
+
+Da hatte Börje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre Gedanken. »Es ist
+noch weit hin,« hatte er gesagt.
+
+Wäre er doch barmherzig gewesen. Hätte er doch ihrer Hoffnung auf einmal
+den Todesstoß gegeben. Sie hatte ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus
+freien Stücken alles gesagt hätte, so wäre in ihrer Seele kein Groll gegen
+ihn aufgekeimt. Aber daß er ihre Angst, betrogen zu werden, sah, und
+dennoch fortfuhr, sie zu täuschen, das hatte ihr allzu bittern Schmerz
+bereitet. Das hatte sie ihm nie ganz verzeihen können.
+
+Sie konnte sich freilich sagen, daß er sie so weit als möglich führen
+wollte, damit sie ihm nicht entfliehen konnte, aber sein Betrug rief eine
+solche Todeskälte in ihr hervor, daß keine Liebe sie ganz aufzutauen
+vermochte.
+
+Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende Ebene. Da zeigten
+sich mehrere Reihen dunkler Wallgräben und hoher, grüner Erdwälle,
+Überreste aus jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf dem
+Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschloß, sah sie ein paar
+altertümliche Bauten und große, runde Türme. Sie warf einen scheuen Blick
+hin, doch Börje bog zu den Wällen ein, die am Meeresufer entlang führten.
+
+»Das ist ein Abkürzungsweg,« sagte er, denn sie schien sich zu wundern, daß
+hier nur ein schmaler Pfad war.
+
+Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, daß er es nicht so
+ergötzlich fand, als er es sich gedacht hatte, mit seiner Frau zu der
+armseligen, kleinen Hütte im Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt
+nicht so herrlich, eines bessern Mannes Kind heimzuführen. Er hatte große
+Angst vor dem, was sie tun würde, wenn sie die Wahrheit erfuhr.
+
+»Börje,« sagte sie endlich, als sie lange den scharfen Winkeln der
+Strandwälle gefolgt waren, »wohin gehen wir?«
+
+Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf, wo seine Mutter in
+dem Hüttchen auf dem Sandhügel wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines
+der schönen Landgüter, die am Rande der Ebene auftauchten, und wurde wieder
+heiterer.
+
+Sie stiegen zu den öden Gemeindeweiden hinab, und da überfiel sie wieder
+die alte Angst. Da, wo jedes Erdhügelchen, wenn man es nur sehen kann,
+Schönheit und Abwechselung bietet, sah sie nur ein häßliches, sumpfiges
+Feld. Und der Wind, der draußen in steter Bewegung war, fuhr ihnen pfeifend
+entgegen und flüsterte von Unglück und Verrat.
+
+Börje beschleunigte seine Schritte immer mehr und schließlich erreichten
+sie das Ende der Weiden, und waren bei dem Fischerdörfchen angelangt. Sie,
+die es zuletzt gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen zu
+stellen, faßte wieder neuen Mut. Hier war abermals eine einförmige
+Häuserreihe, und diese erkannte sie noch besser als die in der Stadt.
+Vielleicht, vielleicht hatte er doch nicht gelogen.
+
+Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, daß sie seelenvergnügt
+gewesen wäre, wenn sie bei einer der schmucken Wohnstätten hätte haltmachen
+können, wo Blumen und weiße Gardinen hinter blanken Fensterscheiben
+blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen zu müssen.
+
+Da erblickte sie mit einem Male am äußersten Ende des Fischerdorfes eine
+elende Hütte, und es war ihr, als hätte sie sie schon längst mit den Augen
+der Seele gesehen, ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte.
+
+»Ist es hier?« sagte sie und blieb gerade am Fuße des kleinen Sandhügels
+stehen.
+
+Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort, auf die kleine Hütte
+zuzugehen.
+
+»Warte,« rief sie ihm nach. »Wir müssen zuerst miteinander sprechen, bevor
+ich dein Heim betrete. Du hast mich belogen,« fuhr sie drohend fort, als er
+sich ihr zuwendete. »Du hast mich ärger betrogen, als wenn du mein größter
+Feind wärest. Warum hast du das getan?«
+
+»Ich wollte dich zur Frau,« antwortete er mit leiser, unsichrer Stimme.
+
+»Wenn du mich doch nur mit Maß zum besten gehalten hättest! Warum mußtest
+du alles so reich und so prächtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten
+und Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest du, ich sei
+so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, daß ich ohnehin verliebt genug in dich
+war, um überallhin mit dir zu gehen? Daß du glaubtest, mich hinters Licht
+führen zu müssen! Daß du das Herz haben konntest, bis zuletzt bei deinen
+Lügen zu beharren!«
+
+»Willst du nicht hereinkommen und Mutter begrüßen,« fragte er ganz hilflos.
+
+»Nein, ich gehe nicht hinein.«
+
+»Willst du also nach Hause fahren?«
+
+»Wie könnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich ihnen den Schmerz
+bereiten, zurückzukehren, wenn sie mich für glücklich und reich halten?
+Aber bei dir bleibe ich auch nicht. Für den, der arbeiten kann, findet sich
+immer ein Auskommen.«
+
+»Bleib,« bat er, »ich tat es nur, um dich zu gewinnen.«
+
+»Wenn du mir die Wahrheit gesagt hättest, so wäre ich geblieben.«
+
+»Wäre ich ein reicher Mann gewesen und hätte mich für arm ausgegeben, so
+bliebest du schon.«
+
+Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen, als die Tür der Hütte
+aufgerissen wurde und Börjes Mutter herauskam. Sie war ein kleines
+vertrocknetes altes Weiblein mit wenig Zähnen und viel Runzeln, aber nicht
+so alt an Jahren und Gemüt wie dem Aussehen nach.
+
+Sie hatte wohl einiges gehört und das übrige erraten, denn sie wußte,
+worüber sie zankten. »So,« sagte sie, »dies ist die feine Schwiegertochter,
+die du mir gebracht hast, Börje. Und du hast es wieder nicht mit der
+Wahrheit gehalten, wie ich höre.« Aber auf Astrid ging sie freundlich zu
+und streichelte ihr die Wangen. »Komm du mit mir herein, du armes Kind. Ich
+kann mir denken, daß du müde und erschöpft bist. Siehst du, dies ist meine
+Hütte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt bist du meine
+Tochter, und ich kann dich doch nicht zu fremden Leuten gehen lassen.«
+
+Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte und schob und
+zog sie ganz unmerklich zur Tür hin. Schritt für Schritt lockte sie sie
+weiter und bekam sie schließlich in die Hütte, aber Börje schloß sie
+wirklich aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer sie sei und
+wie alles zugegangen wäre. Und sie weinte über sie, und brachte sie dazu,
+auch über sich selbst zu weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren
+Sohn. Sie, Astrid, täte ganz recht, nein, bei einem solchen Manne könnte
+sie nicht bleiben. Es wäre richtig, daß er zu lügen pflegte, ja, ganz gewiß
+wäre es richtig.
+
+Sie erzählte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen war. Er war schon als
+kleines Kind so schön von Gesicht und Gestalt gewesen, daß sie sich immer
+darüber wundern mußte, daß er armer Leute Kind war. Er war wie ein kleiner
+verirrter Prinz gewesen. Und später hatte es immer so ausgesehen, als wenn
+er nicht auf seinem richtigen Platze wäre. Er sah alles so groß. Er konnte
+nicht den richtigen Maßstab finden, wenn es sich um ihn selbst handelte.
+Seine Mutter hatte deswegen schon viele Tränen vergossen. Aber nie zuvor
+hatte er mit seinen Lügen etwas Böses angestellt. Hier, wo er bekannt war,
+lachten ihn die Leute nur aus. -- Aber jetzt war er wohl so sehr in
+Versuchung geführt worden ... Schien es ihr, Astrid, nicht selbst
+wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge hatte hinters Licht führen können?
+Er hatte immer soviel von feinen Dingen gewußt, als wenn es ihm angeboren
+wäre. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt gekommen. Das sah man ja auch
+daran, daß er nie daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen
+Stande zu wählen.
+
+Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte. »Sieh,« sagte die
+Alte unter anderm, »mir kann es nie gelingen, ihm den Hochmut und die
+Prahlsucht abzugewöhnen, aber eine, die klüger wäre als ich, könnte es
+vielleicht. Und er ist tüchtig und gut, mein Junge. Es lohnte wohl der
+Mühe. Aber du kannst morgen gehen. Ja, du sollst gehen.«
+
+»Wo schläft er heute nacht?« fragte Astrid plötzlich.
+
+»Ich denke, er liegt hier draußen im Sande. Er hat wohl nicht die Ruhe, von
+hier fortzugehen.«
+
+»Es wäre wohl am besten, wenn er hereinkäme,« sagte Astrid.
+
+»Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen. Er wird sich draußen
+schon behelfen, wenn ich ihm eine Decke gebe.«
+
+Sie ließ ihn wirklich diese Nacht draußen im Sande schlafen und schickte
+ihn am nächsten Tage in aller Frühe in die Stadt, da sie es für das beste
+hielt, wenn Astrid ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und
+hielt sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht mit
+Schmeichelei, sondern mit wirklicher Güte.
+
+Doch als sie es endlich erreicht hatte, daß die Schwiegertochter blieb und
+dem Sohne erhalten war, und als sie die jungen Leute versöhnt und Astrid
+gelehrt hatte, daß es gerade ihre Aufgabe im Leben war, Börje Nilssons Frau
+zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie konnte -- und dies war nicht
+die Arbeit einer Abendstunde, sondern die Mühe vieler Tage gewesen -- da
+hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt.
+
+Und in diesem Leben mit seiner treuen Fürsorge lag ein Sinn, dachte Börje
+Nilssons Frau.
+
+Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der Mann ertrank nach
+einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges Kind starb ganz jung. Sie hatte
+bei ihrem Mann keine Veränderung herbeiführen können. Ernst und
+Wahrhaftigkeit hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher hatte sie sich
+verändert, denn sie war immer mehr wie die Fischersleute geworden. Sie
+wollte keinen der Ihren sehen, denn sie schämte sich, daß sie jetzt in
+allen Stücken einer Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas
+genützt hätte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch das Ausbessern der
+Fischernetze bestritt, nur wüßte, warum sie überhaupt lebte! Wenn sie doch
+jemanden glücklich oder besser gemacht hätte!
+
+Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, daß, wer sein Leben für verfehlt
+hält, weil er andern nichts Gutes getan habe, vielleicht durch diesen
+Gedanken der Demut seine Seele gerettet hat.
+
+
+
+
+Mutters Bild
+
+
+In einem der hundert Häuschen des Fischerdorfes, die einander alle in Größe
+und Form gleichen, die alle gleich viele Fenster und gleich hohe
+Schornsteine haben, wohnte der alte Mattßon, der Lotse.
+
+In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben Hausrat, auf allen
+Fensterbrettern stehen dieselben Blumen, in allen Eckschränken prangen
+dieselben Arten Muscheln und Korallen, an allen Wänden hängen die gleichen
+Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt hat, leben alle Menschen
+des Fischerdorfes dasselbe Leben. Seit Mattßon, der Lotse, alt geworden
+war, richtete er sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine
+Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern.
+
+An der Wand über seinem Bette hatte der alte Mattßon ein Bild seiner
+Mutter. Eines Nachts träumte er, daß dieses Bild aus seinem Rahmen
+herabstieg, sich vor ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: »Du
+mußt heiraten, Mattßon.«
+
+Der alte Mattßon begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, daß dies
+unmöglich sei. Er war ja siebzig Jahre. -- Aber Mutters Bild wiederholte
+nur mit noch größerm Nachdruck: »Du mußt heiraten, Mattßon.«
+
+Der alte Mattßon hatte großen Respekt vor Mutters Bild. Es war in so
+manchen strittigen Fällen sein Ratgeber gewesen, und es hatte ihm immer
+Glück gebracht, wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er sein
+Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich das Bild ganz im
+Widerspruch mit früher geäußerten Ansichten. Obgleich er dalag und träumte,
+erinnerte er sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, als
+er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit ankleidete, lockerte
+sich der Nagel, an dem das Bild hing und fiel zu Boden. Da sah er, daß das
+Bild ihn vor der Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte
+sich aber später, daß das Bild recht gehabt hatte. Seine kurze Ehe war sehr
+unglücklich geworden.
+
+Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging es ebenso zu. Das
+Bild stürzte wieder zu Boden, und diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu
+sein. Er ließ Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose und
+fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach Hause wagte. -- Und
+jetzt stieg das Bild von der Wand herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut
+und gehorsam er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken, daß es nur
+seinen Scherz mit ihm treibe.
+
+Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, wie es nur scharfe
+Winde und salziger Meeresschaum ausmeißeln konnten, blieb ernst wie zuvor.
+Und mit einer Stimme, die das langjährige Ausbieten der Fische auf dem
+Markte der Stadt geübt und gestärkt hatte, wiederholte sie: »Du mußt
+heiraten.«
+
+Da bat der alte Mattßon Mutters Bild, doch ein Einsehen zu haben und zu
+bedenken, in welcher Gemeinde sie lebten.
+
+Alle hundert Häuser des Fischerdorfes hatten spitzige Dächer und
+weißgetünchte Wände, alle Boote des Fischerdorfes hatten denselben Bau und
+das gleiche Takelwerk. Niemand pflegte hier irgend etwas Ungewöhnliches zu
+tun. Mutter selbst wäre die erste gewesen, die sich einer solchen Heirat
+widersetzt hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Mutter hatte streng
+auf Ordnung und Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte in
+dem Fischerdorf, daß siebzigjährige Greise Hochzeit hielten.
+
+Da streckte Mutters Bild die ringgeschmückte Hand aus und befahl ihm
+geradezu zu gehorchen. Mutter hatte immer etwas unbegreiflich
+Ehrfurchtgebietendes an sich gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide
+mit den vielen Volants gekommen war. Die große glänzende Goldbrosche, die
+schwere rasselnde Goldkette hatten ihn immer eingeschüchtert. Wäre sie in
+ihren Marktkleidern gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit der
+Wachstuchschürze voll Fischschuppen und Fischaugen, dann hätte er nicht
+ganz so großen Respekt vor ihr gehabt. Aber jetzt war das Ende vom Liede,
+daß er versprach, zu heiraten. Und dann schlüpfte Mutters Bild wieder in
+seinen Rahmen.
+
+Am nächsten Morgen erwachte der alte Mattßon in großer Angst. Es fiel ihm
+gar nicht ein, gegen Mutters Bild ungehorsam zu sein, es wußte natürlich,
+was für ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, die jetzt
+kommen mußte.
+
+An demselben Tage hielt er um die häßlichste Tochter des ärmsten Fischers
+an, ein kleines Ding mit dem Kopf zwischen den Schultern und mit
+vorstehendem Unterkiefer. Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur
+Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde festgesetzt.
+
+Über windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden führt der Weg vom
+Fischerdorf in die Stadt. Eine Viertelmeile ist er lang, und man behauptet,
+daß die Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, daß sie ihn mit blankem
+Silbergelde pflastern könnten. Das würde dem Weg einen eigentümlichen Reiz
+verleihen. Glitzernd wie ein Fischbauch würde er sich mit seinen weißen
+Schuppen zwischen Riedgrashügeln und Strandpfützen dahinschlängeln.
+Tausendschönchen und Mandelblumen, die diesen von den Menschen verlassenen
+Boden schmücken, würden sich in den blanken Silbermünzen spiegeln, die
+Disteln würden schützend ihre Stacheln darüber ausstrecken, und der Wind
+würde einen klingenden Resonanzboden finden, wenn er durch das Schilf der
+Strandweiden spielte und in den Telephondrähten sang.
+
+Dem alten Mattßon wäre es vielleicht ein gewisser Trost gewesen, wenn er
+seine schweren Seestiefel auf klingendes Silber hätte setzen können, denn
+eines ist gewiß, jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg öfter machen
+mußte, als er wünschte.
+
+Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus dem Aufgebot hatte nichts
+werden können. Dies kam daher, daß er das vorige Mal seiner Braut
+durchgegangen war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium
+über seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis erwirken konnte, eine neue
+Ehe zu schließen.
+
+Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Mattßon an jedem
+Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause setzte er sich unten zur Tür
+hin und wartete dort stumm, bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er
+auf und fragte, ob der Pfarrer etwas für ihn habe. Nein, er hatte nichts.
+
+Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles bezwingende Liebe über
+diesen alten Mann erlangt hatte. Da saß er in seiner dicken gestrickten
+Wolljacke, den hohen Seestiefeln und dem windverwehten Südwester, mit einem
+scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, und wartete auf die
+Erlaubnis, zu heiraten. Dem Pfarrer schien es eigentümlich, daß dieser alte
+Fischer von einer so heißen Sehnsucht erfüllt war.
+
+»Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Mattßon,« sagte der Pfarrer.
+
+»Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.«
+
+»Könnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen Sache abstehen,
+Mattßon? Sie gehören ja nicht mehr zu den Jüngsten.«
+
+Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Mattßon wußte ja selbst,
+daß er zu alt war, aber er war gezwungen, zu heiraten. Da gab es keine
+Hilfe.
+
+Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche für Woche wieder, bis endlich die
+Erlaubnis eintraf.
+
+Während dieser ganzen Zeit war der alte Mattßon ein gehetzter Mann. Rings
+um den grünen Trockenplatz, wo die braunen Fischnetze hingen, längs der
+zementierten Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem Markte, wo
+Dorsche und Krabben verkauft wurden, und weit draußen auf dem Sunde, wo man
+den Heringszug verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes.
+
+Wie, er wollte heiraten, Mattßon, der vor seiner eignen Hochzeit
+davongelaufen war!
+
+Und man verschonte weder Bräutigam noch Braut.
+
+Doch am schlimmsten für ihn war, daß niemand mehr über die ganze Sache
+lachen konnte als er selbst. Niemand konnte sie lächerlicher finden.
+Mutters Bild war drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen.
+
+ * * * * *
+
+Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Mattßon, der noch
+immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang,
+bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. Dort draußen
+traf er seine Braut. Sie saß da und weinte.
+
+Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da
+und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf
+sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort.
+
+Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war?
+
+Ach nein, gewiß nicht.
+
+Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds
+umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen, regelrechten Häuschen des
+Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schönheit des
+Meeres beglänzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist den westlichen
+Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnem
+Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht fröhlich um den Kiel, wenn es
+in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still die
+Segel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und
+unten im Boot liegt glitzernd die gefangne Beute.
+
+Es kam gerade ein Boot in den Hafen, während der alte Mattßon draußen am
+Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß, lüftete den Hut
+und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen
+aufleuchtete.
+
+»Ach so,« dachte er, »hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen
+Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich
+heiraten, wie auf den warten.«
+
+Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte. Wenn das Mädchen
+jemanden lieb gehabt hätte, den sie die geringste Aussicht hatte zu
+bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache
+loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben.
+
+ * * * * *
+
+Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf
+kam der große Novembersturm.
+
+Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrieben. Steuer
+und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Mattßon
+und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung
+herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz
+erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre
+feuchten Kleider waren in der Kälte ganz steif geworden. Der alte Mattßon
+erkältete sich dabei so schwer, daß er nie mehr seine Gesundheit
+wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod.
+
+Manchen schien es eigentümlich, daß er unmittelbar vor dem Unglücksfalle
+den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine
+gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und
+hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er
+nie etwas Klügres getan hätte, als da er sich verheiratete, und die kleine
+Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann
+pflegte.
+
+»Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,« sagte man.
+
+Der alte Mattßon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, seiner Frau die
+Geschichte von dem Bilde.
+
+»Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was
+mein ist,« sagte er.
+
+»Sprich doch nicht von so etwas.«
+
+»Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um
+dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf,
+der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.«
+
+
+
+
+Ein gefallener König
+
+ »Mein war das Reich der Phantasie,
+ Nun bin ich ein gefallener König.«
+ Snoilsky.
+
+
+Es klapperte über die Pflastersteine, die Holzpantoffeln klatschten in
+unruhigem Takt. Die Gassenjungen eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen.
+Es ging im Laufmarsch. Die Häuser zitterten, und aus den Seitengäßchen
+stürzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus seiner Hütte.
+
+Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte sich etwas
+zugetragen? War etwas los? Der Lärm verzog sich nach der Vorstadt. Die
+Dienstmädchen eilten hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die
+Hände zusammen und schrien: »Gott bewahre uns, Gott bewahre uns! Gibt es
+Mord, gibt es Brand?« Niemand antwortete. Das Klappern ertönte aus der
+Ferne.
+
+Nach den Mädchen kamen die weisen Matronen der Stadt geeilt. Sie fragten:
+»Was geht vor? Was stört die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es
+ein Begräbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der Turmwächter? Soll die
+Stadt niederbrennen, ehe er zu läuten anfängt?«
+
+Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Häuschen des Schuhmachers in der
+Vorstadt halt, dem kleinen Häuschen, das Weinranken um Türen und Fenster
+hatte und darunter zwischen der Straße und dem Hause einen ellenbreiten
+Garten. Ein Lusthäuschen aus Stroh, Bosketts für ein Mäuslein, Wege für ein
+Kätzchen. Alles aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und Lavendel,
+eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbüsche und einen Apfelbaum.
+
+Die Gassenjungen standen am nächsten, sie spähten und berieten. Die blanken
+schwarzen Fensterscheiben ließen die Blicke nicht weiter vordringen als
+bis zu den weißen Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich an die
+Weinranken fest und drückte das Gesicht an die Scheibe. »Was sieht er?«
+flüsterten die andern. »Was sieht er?« Die Schusterwerkstatt und die
+Schusterbank, Schmierbüchsen und Lederflecke, Leisten und Pflöcke, Ringe
+und Riemen. »Sieht er keinen Menschen?« Er sieht den Gesellen, der den
+Absatz an einem Schuh macht. Sonst niemand, sonst niemand? Große, schwarze
+Fliegen springen über die Scheibe und trüben seinen Blick. »Sieht er
+niemand anders als den Gesellen?« Niemand anders. Des Meisters Stuhl steht
+leer. Er sah einmal, zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.
+
+Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte sich. Es war also
+wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. Niemand wollte es glauben.
+Man stand da und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das steile Dach
+heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt die Dachrinne hinab. Ja, der
+Hausherr war fort, die Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und
+kreischten ganz hilflos.
+
+Ein weißes Küchlein guckte um die Hausecke. Es war schon beinahe ein
+richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete rot wie Weinlaub. Es spähte und guckte,
+krähte und rief. Die Hühner kamen, eine Reihe weißer Hühner in vollem Lauf,
+die Körper wiegten sich, die Flügel schlugen, die gelben Beinchen regten
+sich wie Trommelschlägel. Die Hühner hüpften in die Erbsen. Schlägereien
+entspannen sich. Mißgunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer vollen
+Erbsenschote Zwei Hähne hackten sie in den Nacken. Die Katze verließ das
+Spatzennest, um zuzusehen. Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die
+Hühner entflohen in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe
+dachte: »Freilich ist es wahr, daß der Schuster sich aus dem Staube gemacht
+hat. Man sieht es an der Katze und an den Hühnern, daß der Hausherr fort
+ist.«
+
+Die holprige, vom Herbstregen schlüpfrige Vorstadtgasse hallte von allen
+den Reden wider. Die Türen standen offen, die Fenster schwangen hin und
+her. Ein Kopf steckte sich neben den andern in verwundertem Geflüster. »Er
+ist durchgegangen.« Menschen flüsterten, Sperlinge kreischten,
+Holzpantoffeln klapperten: »Er ist durchgegangen. Der alte Schuhmacher ist
+durchgegangen. Der Besitzer des kleinen Häuschens, der Mann der jungen
+Frau, der Vater des schönen Kindes ist durchgegangen. Wer kann es
+verstehen? Wer kann es verstehen?«
+
+So geht ein altes Liedchen: »Alter Mann im Hause, junger Knab' im Walde;
+Frau entflieht; Kind weint; Heim ohne Herrin.«
+
+Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.
+
+Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem Tisch der Werkstatt lag
+seine Erklärung, daß er niemals wiederzukommen gedachte; daneben war auch
+ein Brief gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.
+
+Die junge Frau war in der Küche. Sie tat nichts. Die Nachbarin ging hin und
+her; hantierte geschäftig herum, setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu,
+weinte ein bißchen und trocknete sich die Tränen mit dem Wischfetzen.
+
+Die weisen Frauen des Viertels saßen steif rings an den Wänden. Sie wußten,
+was sich in einem Trauerhause schickte. Sie sahen darauf, daß Schweigen
+herrschte, daß Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die
+verlassene Frau in ihrer Trauer zu stützen. Grobe Hände lagen still im
+Schoße, wettergebräunte Wangen legten sich in tiefe Runzeln, dünne Lippen
+kniffen sich über zahnlosen Kinnladen zusammen.
+
+Die Frau saß unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, mit süßem
+Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. Sie war so ängstlich,
+daß sie fast vor Furcht starb. Sie biß die Zähne zusammen, damit niemand
+hörte, wie sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertönten, wenn es
+klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr sie zusammen.
+
+Sie saß mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. Sie erinnerte sich bald
+an eine Zeile daraus, bald an eine andre. Da stand: »Ich halte es nicht
+länger aus, Euch beide zu sehen.« Und an einer andern Stelle: »Ich habe
+jetzt die Gewißheit, daß Du mit Erikson durchgehen willst.« Und dann
+wieder: »Du sollst es nicht tun, denn die böse Nachrede der Leute würde
+Dich unglücklich machen. Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen
+und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver Arbeiter und kann
+Dich gut versorgen.« Dann tiefer unten: »Laß die Leute von mir sagen, was
+sie wollen, ich bin schon froh, wenn sie nichts Böses von Dir glauben; denn
+Du würdest es nicht ertragen.«
+
+Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrügen wollen. Wenn sie auch
+gerne mit dem jungen Gesellen plauderte, was ging das den Mann an? Die
+Liebe ist eine Krankheit, aber sie ist nicht tödlich. Sie hatte sie das
+ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. Wie hatte der Mann ihre
+heimlichsten Gedanken erraten können?
+
+Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mußte sich geängstigt und
+gesorgt haben. Er hatte über seine Jahre geweint. Er hatte über die Kräfte
+und den Mut des Jungen gerast. Er war bei jedem Flüstern, jedem Lächeln,
+jedem Händedruck erzittert. In lichterlohem Wahnsinn, in knirschender
+Eifersucht hatte er eine ganze Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch
+nichts war.
+
+Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein mußte, als er ging.
+Sein Rücken war gebeugt, seine Hände zitterten. Langer Nächte Qual hatte
+ihn so gemacht. Er war gegangen, um dieses Dasein quälender Zweifel los zu
+sein.
+
+Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: »Es ist nicht meine
+Absicht, Dich zu beschämen, ich bin immer zu alt für Dich gewesen.« Und
+dann an eine andre: »Du sollst immer geachtet und geehrt sein. Schweige nur
+selbst, dann fällt alle Schande auf mich.«
+
+Die Frau fühlte immer größre Angst. War es möglich, daß man Menschen so
+betrügen konnte? Ging es auch an, so vor Gott zu lügen? Warum saß sie hier
+in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt wie eine Braut am
+Hochzeitstage? Warum war nicht sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie
+kann so etwas geschehen? Wie kann Gott sich so betrügen lassen?
+
+Über der großen Chiffoniere hing ein kleines Bücherbrett. Zu oberst auf dem
+Brett stand ein großes Buch mit Messingspangen. Und diese Spangen bargen
+die Erzählung von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott und den
+Menschen logen. »Wer hat es dir eingegeben, o Weib, daß du solches tun
+sollst? Sieh, junge Männer stehen hier vor deiner Tür, um dich
+fortzuführen.«
+
+Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den Schritten der jungen Männer.
+Sie erzitterte bei jedem Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war
+bereit, aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und zu sterben.
+
+Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam zum Tisch hin. Sie
+schenkten die Tassen voll, nahmen Zucker in den Mund und begannen den
+siedendheißen Kaffee einzuschlürfen, still und anständig, die
+Handwerkerfrauen zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die Frau des
+Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst raubte ihr ganz die Besinnung.
+Sie hatte eine Erscheinung. Mitten in der Nacht saß sie auf einem frisch
+gepflügten Acker. Rings um sie saßen große Vögel mit starken Flügeln und
+spitzigen Schnäbeln. Sie waren grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden,
+aber sie wachten über sie. Sie hielten Gericht über sie. Mit einemmal
+flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf herab. Sie sah ihre scharfen
+Klauen, ihre spitzigen Schnäbel; ihre peitschenden Flügel kamen immer
+näher. Es war wie ein tödlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf hinab
+und fühlte, daß sie sterben mußte. Aber als sie näher kamen, ganz dicht an
+sie heran, mußte sie aufsehen. Da sah sie, daß die grauen Vögel alle diese
+alten Frauen waren.
+
+Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wußte, was anständig war, was sich
+in einem Trauerhause schickte. Man hatte jetzt lange genug geschwiegen.
+Aber die Schustersfrau fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen.
+Was wollte die Frau sagen? »Du Matts Wiks Frau, Anna Wik, gestehe! Lange
+genug hast du vor Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir
+wollen dich richten und dich zerreißen.«
+
+Nein, die Frau begann von den Männern zu sprechen. Und die andern stimmten
+ein, so wie der Anlaß es erforderte. Es wurde nicht zum Lob der Männer
+gesprochen. Alles Böse, was Männer je getan hatten, wurde ans Licht
+gezogen. Das war Trost für eine verlassene Frau.
+
+Verleumdung ward auf Verleumdung gewälzt. Wunderliche Wesen, diese Männer!
+Sie schlagen uns, sie vertrinken unser Geld. Sie verpfänden unsre Habe.
+Warum in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?
+
+Die Zungen wurden wie Drachenzähne, sie spien Gift, sie sprühten Feuer.
+Jede fügte ihr Wort ein. Erzählung häufte sich auf Erzählung. Die Frau floh
+vor dem berauschten Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich für versoffne
+Männer. Ehefrauen wurden um andrer Frauen willen verlassen. Die Zungen
+sausten wie Peitschenhiebe. Das häusliche Elend wurde entblößt. Lange
+Litaneien wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei bewahre uns, o gütiger
+Gott!
+
+Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Kälte des Winters, die Plage
+mit den Alten, alles kommt vom Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre
+Herren. Sie wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Füßen sie krochen.
+
+Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese Worte schrill in den
+Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen zu verteidigen. »Mein Mann,« sagte
+sie, »ist gut.« Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. »Er ist
+durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. Er, der schon alt
+ist, hätte es besser verstehen müssen, als von Frau und Kind fortzulaufen.
+Kannst du glauben, daß er besser ist als irgendein andrer?«
+
+Die Frau bebte, es war ihr, als würde sie durch stechendes Dornengestrüpp
+geschleift. Ihr Mann zu den Sündern gezählt! Sie erglühte in Scham, sie
+wollte sprechen, aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es nicht.
+Aber warum schwieg Gott? Warum ließ Gott so etwas geschehen?
+
+Wenn sie den Brief herausnähme und ihn laut läse. Dann würde sich der
+Giftstrom wenden. Der Eiter würde sie bespritzen. Todesangst kam über sie.
+Sie wagte es nicht. Sie wünschte beinahe, daß eine freche Hand in ihre
+Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen hätte. Sie vermochte nicht,
+sich selbst preiszugeben. Drinnen aus der Werkstätte hörte man einen
+Schusterhammer. Hörte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen Tag
+hatte sie dieses Klopfen gehört und sich darüber erzürnt. Aber keine der
+Frauen verstand es. Allwissender Gott, hattest du keinen Diener, der die
+Herzen durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, wenn sie nur
+nicht gestehen mußte. Sie wollte jemanden sagen hören: »Wer hat es dir
+eingegeben, daß du vor Gott lügen solltest?« Sie horchte nach dem Laut der
+Schritte der jungen Männer, um niederzufallen und zu sterben.
+
+ * * * * *
+
+Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene Frau einen
+Schuhmacher, der Gesell bei ihrem Manne gewesen war. Sie hatte es nicht
+gewollt, aber sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum
+Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur hängen geblieben ist.
+Der Fischer läßt sie spielen, er läßt sie hin und her schnellen und läßt
+sie glauben, daß sie frei ist. Aber wenn sie müde geworden ist, wenn sie
+nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck an das Boot, dann
+holt er sie herauf und wirft sie auf den Bootsgrund, ehe sie noch weiß, um
+was es sich handelt.
+
+Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte ihren Gesellen verabschiedet
+und hatte allein leben wollen. Sie wollte ihrem Manne zeigen, daß sie
+unschuldig war. Aber wo war der Mann? Kümmerte er sich nicht um ihre Treue?
+Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. Wie lange glaubte denn der Mann, daß
+sie warten konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, an den sie
+sich lehnen konnte.
+
+Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen in der Stadt. Seine
+Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben hinter breiten Auslagefenstern.
+Seine Werkstätte dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte
+Sammetmöbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur auf sie. Als sie der Armut
+gar zu müde war, kam sie.
+
+Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein Unglück. Sie wurde
+mit jedem Tage sichrer und immer glücklicher. Sie stand bei den Menschen in
+Ansehen und wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr
+Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde.
+
+Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt.
+Er ließ sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er
+bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren.
+Er wurde verachtet, während seine Frau große Ehre genoß. Und doch hatte er
+recht getan und sie unrecht gehandelt.
+
+Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er
+fühlte, wie er sank, weil alle ihn für einen schlechten Menschen hielten.
+Niemand verließ sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er
+schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewöhnte es sich
+an, zu trinken.
+
+Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie
+mietete einen großen Saal und begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend
+an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu
+treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um
+an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und
+im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe
+Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mägde und Scheuerfrauen; friedliche
+Polizisten und lärmender Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die Bälle
+verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel,
+alles ging zur Heilsarmee.
+
+Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere
+Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene Stühle. Zerschlissener Boden,
+Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen
+mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. Im Augenblick waren
+alle Plätze besetzt. Zunächst der Estrade saßen Frauen, anständig wie in
+der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe
+und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern
+auf dem Schoß. Und in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht
+hereinkommen konnten.
+
+Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung
+noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der
+»Kampfruf« flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das
+Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.
+
+Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das Zimmer. Das
+Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit.
+Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von
+breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten auf die Knie, sobald
+sie die Stufen der Estrade erklommen hatten.
+
+Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schloß aber die Augen.
+Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Während des Gebetes war es still.
+Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie
+warteten auf die Geständnisse und die anregenden Melodien.
+
+Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und
+predigten. Sie lächelten und sprachen von ihrem Glück. Vor sich hatten sie
+ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf
+die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der
+Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die
+Männer hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie spien jeden
+Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen
+sie kämpfen wollten, sprachen von ihrem Glück.
+
+Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schön, tapfer zu sein,
+ist es nicht ein Hochgefühl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, über
+die mit den großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, daß sie
+die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, die lästernden Lippen
+besiegen würden.
+
+»Singet mit,« riefen die Heilsarmeesoldatinnen. »Singet mit. Es ist gut, zu
+singen.« Sie stimmten eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren
+Gitarren und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. Sie brachten
+den einen oder andern der Zunächstsitzenden dazu, mitzusingen. Doch jetzt
+erdröhnte unten von der Türe ein leichtsinniger Gassenhauer. Töne kämpften
+gegen Töne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die Zischpfeife. Die
+starken, geübten Stimmen der Frauen stritten gegen die heisern, mutierenden
+Stimmen der Knaben, gegen die Brummbässe der Männer. Als der Gassenhauer
+nahe daran war, unterzutauchen, begann man unten an der Tür zu stampfen und
+zu pfeifen. Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. Der Lärm
+war entsetzlich, die Frauen stürzten auf die Knie.
+
+Sie lagen wie ohnmächtig da. Die Augen waren geschlossen. Die Körper
+wiegten sich in stummem Schmerz. Der Lärm erstarb. Die Heilsarmeekapitänin
+begann augenblicklich: »Herr, alle diese wirst du zu den Deinen machen.
+Dank, o Herr, daß du sie alle in dein Kriegsheer aufnehmen willst! Dank, o
+Herr, daß wir sie dir zuführen dürfen!«
+
+Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als ob alle diese Kehlen
+von einem scharfen Messer gekitzelt würden. Es war, als fürchteten die
+Menschen, überwunden zu werden, als hätten sie vergessen, daß sie
+freiwillig gekommen waren.
+
+Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende Stimme trug den Sieg
+davon. Sie mußten hören.
+
+»Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch windet sich und rast. Aber
+das ist gerade das Zeichen. Gesegnet sei das Brüllen der alten Schlange! Es
+zeigt, daß sie sich quält, daß sie sich fürchtet. Lacht uns aus! Schlagt
+uns die Fenster ein! Verjagt uns von der Estrade! Morgen werdet ihr uns
+angehören! Wir werden die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? Wie
+wollt ihr Gott widerstehen?«
+
+Gleich darauf befahl die Kapitänin einer ihrer Gefährtinnen, vorzutreten
+und ihr Bekenntnis abzulegen. Sie kam lächelnd. Sie stand kühn und
+unerschrocken da und schleuderte die Geschichte ihrer Sünde und ihrer
+Bekehrung den Höhnenden entgegen. Wo hätte es das Küchenmädchen gelernt,
+lächelnd unter allem diesem Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen
+waren, um ihren Spott zu treiben, erblaßten. Woher nahmen diese Frauen
+ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand hinter ihnen.
+
+Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschönes Kind, reicher
+Eltern Tochter, mit einer sanften, klaren Singstimme. Sie erzählte nicht
+von sich selbst. Ihr Zeugnis war eines der gewöhnlichen Lieder.
+
+Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung vergaß sich und
+lauschte. Dieses Kind war schön zu sehen, lieblich zu hören. Aber als sie
+verstummt war, brach das Getöse noch furchtbarer los. Unten an der Tür
+bauten sie eine Estrade aus Bänken, sprangen hinauf und legten Geständnisse
+ab.
+
+Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne Ofen wurde glutrot, er
+schluckte Luft und strömte Wärme aus. Die ehrbaren Frauen auf den
+vordersten Bänken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, aber es gab
+keine Möglichkeit, den Saal zu verlassen. Die Heilssoldatinnen auf der
+Estrade wankten, und auf ihren Stirnen perlte der Schweiß. Sie riefen und
+beteten um Stärke. Plötzlich fuhr ein Hauch durch die Luft, ein Flüstern
+schlug an ihr Ohr. Sie wußten nicht, woher es kam, aber sie fühlten einen
+Umschlag. Gott war mit ihnen. Er kämpfte für sie.
+
+Aufs neue in den Kampf! Die Kapitänin trat vor und erhob die Bibel über
+ihren Kopf. »Haltet inne, haltet inne! Wir fühlen, daß Gott unter uns
+wirkt. Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will uns eine Seele
+schenken.«
+
+Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige im Saal nahmen an dem
+Gebet teil. Allen teilte sich eine spannende Erwartung mit. War es wahr?
+Trug sich etwas Großes in der Seele eines Mitmenschen zu, hier, mitten
+unter ihnen? Würden sie es sehen? Konnten diese Frauen etwas bewirken?
+
+Für einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt war sie ebenso erpicht
+auf Wunder wie eben erst auf Lästerung. Niemand wagte sich zu rühren. Alle
+keuchten vor Erwartung, aber nichts geschah. »O Gott, du verlässest uns! Du
+verläßt uns, o Gott!«
+
+Die schöne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie wählte die mildeste der
+Melodien, das zarteste Kind der Sehnsucht: »Fern er weilet von grünenden
+Tälern.«
+
+Die Worte waren nur wenig verändert. Das Lied des finnischen Hirtenmädchens
+war unschwer zu Jesu Sehnsucht nach der Seele geworden. »O, du meine
+Geliebte, kommst du nicht bald?«
+
+So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang in die Gemüter, wie
+eine Liebkosung, wie ein Segen.
+
+Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese Töne. -- »Berge und
+Wälder verschmachten, Himmel und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in
+der Welt dürstet danach, daß du deine Seele dem Lichte erschließest. Dann
+verbreitet sich Herrlichkeit über alle Welt, dann stehen die Tiere auf aus
+ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen der Kreatur hat ein Ende. O, du meine
+Geliebte, kommst du nicht bald?«
+
+»Es ist nicht wahr, daß du in hohen Königssälen weilest. In dunklen
+Wäldern, in elenden Hütten hausest du, und du willst nicht kommen. Mein
+lichter Himmel lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht
+bald?«
+
+Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim ein. Stimme um Stimme
+kam mit. Sie wußten nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die
+Melodie war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tönen freisingen.
+Auch unten an der Tür wurde es gesungen. Es sprengte Herzen. Es
+unterjochte Willen. Es klang nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern
+stark, fordernd, befehlend.
+
+»O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?«
+
+Unten an der Tür im dichtesten Knäuel stand Matts Wik. Er sah ganz
+vertrunken aus, aber an diesem Abend war er nicht berauscht. Er stand da
+und dachte: »Wenn ich sprechen dürfte, wenn ich sprechen dürfte.«
+
+Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen hatte, die wunderbarste
+Gelegenheit. Eine Stimme sprach zu ihm: »Dies ist das Schilf, in das du
+flüstern kannst, die Wellen, die deine Stimme tragen werden.«
+
+Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als hätten sie einen Löwen brüllen
+hören. Eine starke, furchtbare Stimme sprach furchtbare Worte.
+
+Sie höhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? Er verließ alle, die ihm
+dienten. Er hatte seinen Sohn verlassen. Gott half niemandem.
+
+Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder Minute brausender. Solche
+Kraft hatte niemand Menschenlungen zugetraut. Solche Raserei hatte niemand
+je aus einem zertretnen Herzen losbrechen hören. Sie neigten ihr Haupt wie
+die Wandrer in der Wüste, wenn der Sturm über sie kommt.
+
+Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde Hammerschläge gegen
+Gottes Thron. Gegen ihn, der Hiob quälte, der die Märtyrer leiden, der
+seine Bekenner auf Scheiterhaufen verbrennen ließ. Der Ohnmächtige, wann
+begründet er sein Reich? Wann läßt er ab, die Arglist zum Siege zu führen?
+
+Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige hatten geglaubt, daß dies
+ein Scherz sei. Jetzt hörten sie bebend, daß es Ernst war. Schon erhoben
+sich einige, um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den Schutz der
+Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf sie herabbeschwor.
+
+Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen Lohn sie für ihre
+Mühe erwarteten, Gott zu dienen. Sie sollten sich nicht den Himmel
+erwarten. Gott geizte mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr
+Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu erringen. Er hatte
+größre Opfer gebracht, als Gott verlangte. Aber dann wurde er zur Sünde
+verlockt. Das Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon in
+dieser Welt. Er muß den Weg der Verdammten gehen.
+
+Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die Schiffe in den Hafen treibt.
+Bei den Worten des Höhnenden stürzten die Frauen die Estrade hinan. Die
+Hände der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfaßt und geküßt. Bekehrung folgte
+auf Bekehrung. Sie konnten kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen
+Gott.
+
+Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. Er sagte zu sich
+selbst: »Ich spreche, ich spreche, endlich spreche ich. Ich sage ihnen mein
+Geheimnis, und ich sage es doch nicht.« Zum ersten Male, seit er das große
+Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die Stadt sah wie eine
+Steinwüste aus, wie eine Mondlandschaft. Man sah keine Katze, keinen
+Sperling, kaum eine Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein
+rauchte. In den schwülen Straßen war keine Luft. Das Ganze war nur ein
+steinbesäter Acker, aus dem Steinwände wuchsen.
+
+Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die jungen Damen in schmalen Röcken
+und weiten Ärmeln, langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo waren
+Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und Gassenjungen?
+
+Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten Lustfahrerscharen,
+alle die Körbe und Ziehharmonikas und Flaschen, die das Dampfboot ans Land
+lud. Oder wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen wehten, die
+Trommeln dröhnten, Gassenjungen schwärmten, stampften, schrien hurra. Oder
+wo blieben sie, die blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen,
+während Vater und Mutter sie andächtig über die Gasse schoben.
+
+Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. Sie klagten über die langen
+Straßen. Es war, als wenn die Steinhäuser ihnen nachjagten. Endlich,
+endlich schimmerte Grün. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich durch
+platte, feuchte Felder schlängelte, wo der Lerchengesang am vollsten
+ertönte, wo der Klee honigsüß duftete, da lagen die ersten
+Zurückgebliebenen. Die Mütze im Nacken, die Nase im Grase. Den Körper in
+Sonnenschein und Blumenduft gebadet, die Seele von Muße und Ruhe erquickt.
+
+Aber über den Weg zum Walde eilten Proviantträger und Radfahrer. Jungen
+kamen mit Spaten und blanken Tornistern. Mädchen tanzten in Staubwolken.
+Himmel und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien und
+Arbeiterscharen. Die sich bäumenden Klepper der Charabans erhoben die
+Vorderbeine über die Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das
+Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert und blieb zappelnd auf
+dem Rücken im Staube der Landstraße liegen.
+
+Drinnen im Walde spielte und sang, flötete und schluchzte eine Nachtigall.
+Die Birken kamen nicht gut fort, sie hatten schwarze Stämme. Die Buchen
+bauten hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem Grün. Der
+Frosch saß da und zielte mit der Zunge. Und jedesmal fing er eine Fliege.
+Der Igel patschte in dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen
+huschten über das Moor mit glitzernden Flügeln. Die Menschen ließen sich
+um die Eßkörbe nieder. Goldkäfer krochen rings um sie durch das Gras. Die
+piepsenden funkelnden Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.
+
+Plötzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken in seine
+Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grün unter, ganz verstummt. Die
+Nachtigall sang aus Leibeskräften. Es waren Gitarren, Gitarren. Die
+Heilsarmee zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der stumpfen
+Ruhe unter den Bäumen. Tanzboden und Krocketplatz wurden verödet. Schaukel
+und Karussell hatten eine Stunde Rast. Alles strömte dem Lager der
+Heilsarmee zu. Die Bänke füllten sich, und auf jeder Erdhöhe saßen Zuhörer.
+
+Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mächtig geworden. Um manche
+liebliche Wange schloß sich der Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das
+rote Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der Menge. Schimpfworte
+wagten sich nicht über die Lippen. Die Flüche verrollten unschädlich hinter
+den Zähnen. Und Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslästerer,
+stand jetzt als Fahnenwächter unter der Estrade. Er war auch einer der
+Gläubigen. Die Enden der roten Fahne liebkosten freundlich seinen grauen
+Kopf.
+
+Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. Sie hatten ihm
+ihren ersten Sieg zu danken. Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm
+gekommen. Sie wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. Sie
+weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei ihren Zusammenkünften
+durfte er sprechen. Seit er sein Schweigen gebrochen hatte, war er
+glücklich. Er stand nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende
+Kraft erfüllte ihn. Er war glücklich, wenn er ihr Luft machen durfte. Wenn
+die Säle vor seiner Löwenstimme erzitterten, war er glücklich.
+
+Er sprach immer von sich selbst. Er erzählte immer seine eigne Geschichte.
+Das Schicksal des Verkannten schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs
+Blut, die gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne Anerkennung zu
+finden. Er kleidete das ein, was er erzählte. Er erzählte sein Geheimnis
+und erzählte es doch nicht.
+
+Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die Herzen zu gewinnen. Um
+seinetwillen sammelte sich die Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog
+sie hin mit den berückend phantastischen Bildern, die sein krankes Hirn
+erfüllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender Klage, die seines
+Herzens Qual ihn gelehrt hatte.
+
+Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt des Todes und des
+Wechsels geweilt. Vielleicht war er damals ein mächtiger Dichter gewesen,
+erfahren in der Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um
+schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, sein Erdenleben
+abermals zu beginnen, von seiner Hände Arbeit zu leben, unbekannt mit der
+Macht des Geistes. Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes
+gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. Lichtscheu und
+verwirrt, aber dennoch jubelnd über ihre Freiheit zog sie über die
+einstigen Schlachtfelder.
+
+Der wilde, ungelehrte Sänger, die schwarze Drossel, die unter Staren
+aufgewachsen war, lauschte mißtrauisch den Worten, die ihm auf die Lippen
+kamen. Woher hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen seiner
+Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, stolze Menschen auf die Knie zu
+zwingen, sie die Hände ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden
+begann. Dann kam ruhige Zuversicht über ihn. Aus der niemals ermessenen
+Tiefe seines Leidens stiegen unablässig Wolken von qualschweren Worten
+empor.
+
+Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, schmetternde
+Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, anfeuernd. Nicht zu fangen,
+nicht wiederzugeben. Sie waren Blitze und rollende Donnerschläge. Die
+Herzen erschütterten sie in düstrer Angst. Aber vergänglich waren sie,
+niemals ließen sie sich fangen. Der Wasserfall kann bis auf den letzten
+Tropfen gemessen werden, das irrende Spiel des Schaumes läßt sich malen,
+nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, gewaltige Strom
+dieser Reden.
+
+An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, ob sie wüßten, wie sie
+Gott dienen müßten. -- Wie Uria seinem König diente.
+
+Nun wurde der Mann auf der Rednertribüne zu Uria. Nun ritt er durch die
+Wüste mit seines Königs Brief. Er war allein, die Einsamkeit ängstigte ihn.
+Seine Gedanken waren düster. Aber er lächelte, wenn er an sein Weib dachte.
+Die Wüste wurde ein Blumengefilde, wenn er ihrer gedachte. Quellen
+entsprangen aus der Erde bei dem Gedanken an sie.
+
+Sein Kamel stürzte. Seine Seele ward von bösen Ahnungen erfüllt. Das
+Unglück, dachte er, ist ein Geier, der die Wüste liebt. Er machte nicht
+kehrt, sondern ging vorwärts mit des Königs Brief. Er trat auf Dornen. Er
+ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn dürstete und hungerte. Er sah
+Karawanen ihre dunklen Streifen durch den Wüstensand ziehen. Er suchte sie
+nicht auf. Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des Königs
+Brief trägt, muß allein gehen. Er sah des Abends die weißen Zelte der
+Hirten. Sie lockten ihn, wie die lächelnde Wohnstatt seines Weibes. Er
+glaubte, weiße Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten aus und
+ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie seines Königs Brief gestohlen
+hätten!
+
+Wankend geht er, als er die spähenden Räuber hinter sich herjagen sieht. Er
+denkt an des Königs Brief. Er liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er
+liest ihn und faßt neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstört den
+Brief nicht. Er ergibt sich den Räubern nicht. Er kämpft und siegt. Und
+dann weiter, weiter. Er führt sein Todesurteil mit sich durch tausend
+Gefahren. -- --
+
+So ist es, Gottes Wille muß befolgt werden bis aufs Blut, bis in den
+Tod. -- --
+
+Während Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da und hörte ihm zu. Sie
+war am Morgen in den Wald gezogen, vergnügt und strahlend, am Arm des
+Mannes höchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. Die
+Tochter und der Geselle trugen den Eßkorb. Die Magd folgte mit dem jüngsten
+Kinde nach. Alles war Friede, Glück, Ruhe gewesen.
+
+Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und
+getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das
+Gewissen schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste Mann
+betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in
+der Seele gefühlt.
+
+Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie
+fühlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und
+sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von sich selbst. Er
+wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem
+eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter,
+diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie
+ein offnes Grab. --
+
+Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grün und
+Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die
+Hügel zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der Wald wurde
+häßlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwüste, nach der
+Mondlandschaft. Dort ist es für Menschen gut sein. Vielleicht können
+leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.
+
+ * * * * *
+
+Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die
+Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum
+Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr
+gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitänin
+der Heilsarmee.
+
+Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie
+hatte ihren Mann gehört. Er erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete
+seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er
+war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die
+Kinder auf dem Wege verhöhnten.
+
+Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen,
+er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß
+der Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern leuchtete und lachte
+vor Freude über die Dichtermacht.
+
+Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht
+gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in
+ihrem Blut. Sie war alt geboren.
+
+Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war sie herangewachsen. Sie
+ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: »Seht, eines verachteten
+Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf
+meinem Wandel?« Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie
+bisweilen: »Ach, daß meiner Tochter Hände weniger weiß wären, vielleicht
+wären dann ihre Liebkosungen wärmer!«
+
+Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. Sie verachtete die
+Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie
+gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange.
+Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über sie hinzubrausen. Aber
+was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer
+Mutter.
+
+Diese Hand krümmte sich, krampfhafte Zuckungen durcheilten sie. Sie lag
+schlaff, gleichsam tot in der ihren, sie griff wild um sich, fieberheiß.
+Das Gesicht ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und kämpfte.
+
+Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. Jesu Freund lag
+krank. Seine Schwestern sandten ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht
+gekommen. Für Gottes Reich mußte Lazarus sterben.
+
+Er ließ nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf Christus niedersausen. Er
+beschrieb sein Leiden. Sein eignes Mitleid quälte ihn. Er machte alle
+Todespein durch, er wie Lazarus. Und doch mußte er schweigen.
+
+Nur ein Wort hätte es ihn gekostet, die Achtung der Freunde
+wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mußte die Klage der Schwestern hören. Er
+sagte ihnen die Wahrheit in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde
+höhnten ihn.
+
+Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.
+
+Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese Hand beichtete und
+bekannte: »Der Mann dort drüben trägt selbst das Martyrium des Schweigens.
+Er wird zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte könnte er sich frei machen.«
+
+Das Mädchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen stumm. Das Gesicht des
+jungen Mädchens war wie Stein. Sie grübelte, suchte alles auf, was die
+Erinnerung ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu ihr auf. Was
+wußte sie?
+
+An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. Man sprach
+gar lustig vom Markt des Tages, von dem Preise der Holzschuhe, von
+diebischen Mägden. Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen Kaffee in
+die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. Frau Anna Erikson konnte
+nicht verstehen, woher es gekommen war, daß sie sie früher gefürchtet, daß
+sie immer geglaubt hatte, daß diese sie richten würden.
+
+Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als sie wohlbehaglich
+dasaßen und der Kaffee auf dem Rand der Tassen zitterte und die Teller mit
+Weizenbrot beladen waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig
+feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.
+
+»In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mädchen, das sich verheiratet hat,
+ohne recht zu bedenken, was sie auf sich nimmt, kann in große Not kommen.
+Wer hat es schlimmer getroffen als ich?«
+
+Das wußten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und hatten mit ihr
+getrauert.
+
+»In der Jugend ist man unvernünftig. Man verschweigt das, was man sagen
+sollte, weil man sich schämt. Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor
+dem, was die Leute sagen könnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen
+hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.«
+
+Sie glaubten alle, daß dies wahr sei.
+
+Sie hatte Wik gestern gehört, wie so viele Male zuvor. Jetzt mußte sie
+ihnen allen etwas über ihn sagen. Es kam eine brennende Unruhe über sie,
+wenn sie bedachte, was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte
+sie, daß er, der alt gewesen war, es besser hätte verstehen sollen, als
+sie, das junge Ding zum Eheweib zu nehmen.
+
+»Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber er ist aus
+Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, daß ich Erikson haben wollte.
+Ich habe seinen Brief dafür.«
+
+Sie las ihnen den Brief vor. Eine Träne kam wohlanständig ihre Wangen
+hinabgeglitten.
+
+»Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen Erikson und mir war
+damals nichts. Es war vier Jahre, ehe wir heirateten. Aber ich will dies
+jetzt sagen, denn Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist
+nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern in guter Absicht.
+Ich möchte, daß dies überall bekannt wird. Kapitänin Anderson kann
+vielleicht den Brief in der Armee vorlesen. Ich will, daß Wik Genugtuung
+widerfährt. Ich weiß auch, daß ich allzulange geschwiegen habe, aber man
+gibt sich nicht gern selbst eines Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es
+eine andre Sache.«
+
+Die Frauen saßen förmlich versteinert da. Anna Erikson bebte die Stimme ein
+wenig, und sie sagte mit einem matten Lächeln:
+
+»Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu mir kommen?«
+
+»Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch so jung! Und Frau Erikson
+konnte doch nichts dafür. -- Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche
+Dinge einbildete.«
+
+Sie lächelte. Dies waren die harten Schnäbel, die sie zerreißen sollten.
+Die Wahrheit war nicht gefährlich, und die Lüge auch nicht. Die Füße der
+jungen Männer warteten nicht vor ihrer Tür.
+
+Wußte sie oder wußte sie nicht, daß ihre älteste Tochter an demselben
+Morgen ihr Haus verlassen hatte und zu ihrem Vater gegangen war?
+
+ * * * * *
+
+Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die Ehre seiner Frau zu retten,
+wurde bekannt. Er wurde bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in
+der Armee vorgelesen. Einige weinten aus Rührung. Auf der Straße kamen
+Leute auf ihn zu und drückten ihm die Hand. Seine Tochter zog zu ihm.
+
+An den nächsten Abenden nach diesem schwieg er bei den Zusammenkünften. Er
+fühlte keinen innern Ruf. Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf
+die Estrade, faltete die Hände und begann.
+
+Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt inne. Er erkannte die
+Stimme nicht wieder. Wo war das Löwengebrüll? Wo der brausende Nordwind?
+Und wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht.
+
+Er wankte zurück. »Ich kann nicht,« murmelte er. »Gott gibt mir noch nicht
+Kraft zu sprechen.« Er setzte sich auf die Bank nieder und stützte den Kopf
+in die Hände. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst einmal
+herauszufinden, worüber er sprechen sollte. Pflegte er in frühern Tagen zu
+grübeln? Konnte er jetzt grübeln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im
+Kreise.
+
+Vielleicht würde es gehen, wenn er sich wieder erhob, sich dorthin stellte,
+wo er zu stehen pflegte und mit seinem gewohnten Gebet anfing. Er
+versuchte. Er wurde aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der
+kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort kam über seine Lippen.
+
+Er saß auf seinem Platz und weinte, schwer stöhnend. Die Gabe war ihm
+genommen. Er versuchte zu sprechen, versuchte es stumm für sich selbst.
+Worüber sollte er sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte den
+Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht sagen durfte. Er hatte
+kein Geheimnis einzukleiden. Er brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung
+wich von ihm.
+
+Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums Leben. Er wollte das
+festhalten, was schon gegangen war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben,
+um wieder sprechen zu können. Sein Schmerz war dahin. Er konnte ihn nicht
+wiederfinden.
+
+Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder und immer wieder. Er
+stammelte einige sinnlose Worte. Er leierte wie eine auswendig gelernte
+Lektion das herunter, was er andre sagen gehört hatte. Er versuchte, sich
+selbst nachzuahmen. Er spähte nach Andacht in den Blicken, nach bebendem
+Schweigen, nach hastigem Atmen. Er vernahm nichts. Was seine Freude
+gewesen, war von ihm genommen.
+
+Er sank in das Dunkel zurück. Er verfluchte es, daß er mit seinen Reden
+Frau und Tochter bekehrt hatte. Er hatte das Köstlichste besessen und es
+verloren. Seine Verzweiflung war furchtbar. -- Aber nicht von solchem
+Schmerz lebt der Genius.
+
+Er war ein Maler ohne Hände, ein Sänger, der seine Stimme verloren hat. Er
+hatte nur von seinem Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden?
+
+Er betete: »O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die Verkanntheit spricht!
+gib mir die Verkanntheit wieder! Da das Glück stumm ist, aber der Schmerz
+spricht, gib mir den Schmerz wieder!«
+
+Aber die Krone war ihm genommen. Er saß da, elender als der Elendeste, denn
+er war von den Höhen des Lebens herabgestürzt. Er war ein gefallener König.
+
+
+
+
+Ein Weihnachtsgast
+
+
+Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby mitgelebt hatten, war der
+kleine Ruster, der Noten transponieren und Flöte spielen konnte. Er war von
+niedriger Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie. Es brachen schwere
+Zeiten für ihn an, als die Schar der Kavaliere sich zerstreute.
+
+Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr, keinen Pelz und keine
+rotgestrichene Proviantkiste. Er mußte zu Fuß von Gehöft zu Gehöft ziehen
+und trug seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden.
+Den Rock knöpfte er bis zum Kinn hinauf zu, so daß niemand zu erfahren
+brauchte, wie es um das Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen
+weiten Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitztümer: die
+auseinandergeschraubte Flöte, die flache Schnapsflasche und die Notenfeder.
+
+Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles gewesen wäre wie in
+alten Zeiten, so hätte es ihm nicht an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem
+Jahre, das ging, wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt. Die
+Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren gelockerten Schrauben und
+das bucklige Waldhorn mit den verblichnen Quasten und Schnüren wurden auf
+die Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick auf den
+langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten. Doch, je weniger der kleine Ruster
+mit Flöte und Notenfeder zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der
+Schnapsflasche, und schließlich wurde er ganz versoffen. Es war schade um
+den kleinen Ruster.
+
+Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den Herrenhöfen aufgenommen,
+aber es herrschte Jammer, wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch
+nach Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar Schnäpse oder
+einen Toddy bekommen hatte, wurde er wirr und erzählte unerquickliche
+Geschichten. Er war die Geißel der gastfreien Gutshöfe.
+
+Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach Löfdala, wo Liljekrona, der große
+Violinspieler, daheim war. Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere
+gewesen, aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein prächtiges Gut
+Löfdala und verblieb dort. Nun kam Ruster in den Tagen vor dem
+Weihnachtsabend zu ihm, mitten in die Festvorbereitungen, und verlangte
+Arbeit. Liljekrona gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu
+beschäftigen.
+
+»Du hättest ihn lieber gleich fortschicken sollen,« sagte seine Frau,
+»jetzt wird er das so in die Länge ziehen, daß wir ihn über den heiligen
+Abend hierbehalten müssen.«
+
+»Irgendwo muß er doch sein,« sagte Liljekrona. Und er bewirtete Ruster mit
+Toddy und Branntwein, leistete ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer
+Zeit noch einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner
+überdrüssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht merken lassen
+wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit waren ihm heilig.
+
+Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei Wochen lang für das
+Weihnachtsfest gerüstet. Sie hatten in Unbehagen und Hast gelebt, sich die
+Augen bei Talglichtern und Kienspänen rotgewacht, im Schuppen beim
+Fleischeinsalzen und im Bräuhaus beim Bierbrauen gefroren. Doch die
+Hausfrau sowohl wie die Dienstleute hatten sich all dem ohne Murren
+unterzogen.
+
+Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige Abend anbrach, dann
+würde ein süßer Zauber sie gefangennehmen. Das Weihnachtsfest würde
+bewirken, daß Scherz und Spaß, Reim und Fröhlichkeit ihnen ohne alle Mühe
+auf die Lippen kam. Aller Füße würden Lust bekommen, sich im Tanze zu
+drehen, und aus den dunklen Winkeln der Erinnerung würden die Worte und
+Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man gar nicht glauben konnte,
+daß sie noch immer da waren. Und dann würden sie alle so gut sein, so gut!
+
+Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt von Löfdala, daß
+Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau und die ältern Kinder und treuen
+Diener waren alle derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende
+Angst hervor. Sie fürchteten überdies, daß, wenn er und Liljekrona
+anfingen, sich in den alten Erinnerungen zu tummeln, das Künstlerblut in
+dem großen Violinspieler aufflammen würde und sein Heim ihn verlieren
+mußte. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten.
+
+Es läßt sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe den Hausherrn
+liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten bei sich behalten dürfen. Und
+was hatte er zu geben! Wie war er doch viel für sein Heim, besonders zu
+Weihnachten! Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem Sofa oder
+Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen, glattgescheuerten
+Holzbank in der Kaminecke. Wenn er dort hinaufgekommen war, dann ritt er
+auf Abenteuer aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den Sternen und
+noch höher empor. Er spielte und sprach abwechselnd, und alle Hausleute
+versammelten sich um ihn und hörten zu. Das ganze Leben wurde stolz und
+schön, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es überstrahlte.
+
+Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest, die Freude, die
+Frühlingssonne liebten. Und als nun der kleine Ruster kam, war ihr
+Weihnachtsfriede zerstört. Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun
+dieser kam und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht, daß
+dieser Säufer am Weihnachtstische eines frommen Hauses sitzen und alle
+Weihnachtsfreude stören sollte.
+
+Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine Ruster seine Noten
+fertiggeschrieben, und da ließ er ein paar Worte von Fortgehen fallen,
+obgleich es natürlich seine Absicht war, zu bleiben.
+
+Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt und sagte darum
+ganz lahm und matt, daß es wohl das beste wäre, wenn Ruster über
+Weihnachten da bliebe, wo er war.
+
+Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er drehte seinen
+Schnurrbart auf und schüttelte die schwarze Künstlermähne, die gleich einer
+dunklen Wolke um seinen Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er
+sollte bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah, man denke
+nur, wie sie in den großen Eisenwerken im Broer Kirchspiel standen und auf
+ihn warteten! Die Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gefüllt. Er
+hatte solche Eile. Er wußte nur nicht, zu wem er zuerst fahren sollte.
+
+»Gott bewahre,« sagte Liljekrona, »so fahre doch.«
+
+Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd und Schlitten, Pelz
+und Decken. Der Knecht von Löfdala sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro
+kutschieren und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem Schneesturm
+aus.
+
+Niemand glaubte, daß er erwartet wurde, oder daß es ein einziges Haus in
+der Umgegend gab, wo er willkommen gewesen wäre. Aber sie wollten ihn so
+gerne los werden, daß sie sich dies verhehlten und ihn ziehen ließen. »Er
+hat es selbst gewollt,« sagten sie. Und nun, dachten sie, wollten sie
+fröhlich sein.
+
+Aber als sie sich gegen fünf Uhr im Eßsaal versammelten, um Tee zu trinken
+und um den Christbaum zu tanzen, war Liljekrona stumm und verstimmt. Er
+setzte sich nicht auf die Märchenbank, er berührte weder Tee noch Punsch,
+er erinnerte sich an keine Polka, die Violine war verstimmt. Wer spielen
+und tanzen konnte, mochte es ohne ihn tun.
+
+Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder mißvergnügt, alles im
+ganzen Hause ging verkehrt. Es wurde der allertrübseligste Weihnachtsabend.
+
+Die Grütze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz rauchte, der Wind
+blies bittere Kälte in die Stuben. Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte,
+kam nicht heim. Die Haushälterin weinte, die Mägde zankten.
+
+Plötzlich erinnerte sich Liljekrona, daß man den Spatzen keine Garbe
+hinausgehängt hatte, und er beklagte sich laut über alle Frauen rings um
+ihn, die alte Sitte außer acht ließen und neumodisch und herzlos waren.
+Aber sie begriffen wohl, daß das, was ihn quälte, die Gewissensbisse waren,
+daß er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend aus seinem Hause
+hatte fortgehen lassen.
+
+Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer, versperrte die Tür und
+begann zu spielen, wie er nicht gespielt, seit er zu wandern aufgehört
+hatte. Es war Haß und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr dachtet mich
+zu binden, aber ihr müßt eure Fesseln umschmieden. Ihr dachtet, mich
+kleinsinnig zu machen, wie ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins
+Große, ins Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn es in
+eurer Macht steht!
+
+Als die Gattin diese Töne hörte, sagte sie: »Morgen ist er fort, wenn Gott
+nicht in dieser Nacht ein Wunder tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit
+gerade das hervorgerufen, was wir vermeiden zu können glaubten.«
+
+Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben herum. Er fuhr von
+einem Hause zum andern und fragte, ob es Arbeit für ihn gäbe, aber nirgends
+wurde er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf, aus dem Schlitten
+zu steigen. Einige hatten das Haus voll Besuch, andre wollten am
+Weihnachtstage über Land fahren. »Versuche es beim nächsten Nachbar,«
+sagten sie alle.
+
+Er mochte immerhin kommen und das Behagen von ein paar Werktagen stören,
+nicht aber das des Weihnachtsabends. Das Jahr hatte nur einen
+Weihnachtsabend, und auf den hatten sich die Kinder den ganzen Herbst
+gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht an einen Weihnachtstisch
+setzen, wo es Kinder gab. Früher hatten sie ihn gern aufgenommen, aber
+nicht jetzt, wo er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit dem
+Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu schlecht und das Gastzimmer zu
+fein.
+
+So mußte der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen, in dem peitschenden
+Schneesturm. Der nasse Schnurrbart hing schlaff über den Mund, die Augen
+waren blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verflüchtete sich
+aus seinem Hirn. Ruster begann zu grübeln und zu staunen. War es möglich,
+war es möglich, daß niemand ihn aufnehmen wollte?
+
+Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie jämmerlich und verkommen
+er war, und er begriff, daß er den Menschen verhaßt sein mußte. Mit mir ist
+es aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist aus mit der
+Flöte. Niemand auf Erden braucht mich, niemand hat Barmherzigkeit mit mir.
+
+Der Schneesturm schnurrte und spielte, er riß die Schneehaufen auf und
+türmte sie wieder zusammen, er nahm eine Schneesäule in die Arme und tanzte
+damit übers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und stürzte eine andre in
+eine Grube. »So ist es, so ist es,« sagte der kleine Ruster, »solange man
+fährt und tanzt, ist es ein fröhlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde
+soll, dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer und
+Herzeleid.« Doch hinab mußten alle, und jetzt war er an der Reihe. Man
+denke, daß er nun zum Ende gekommen war.
+
+Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn führte. Es deuchte ihn,
+daß er in das Reich des Todes fuhr.
+
+Der kleine Ruster verbrannte keine Götter auf dieser Fahrt. Er verfluchte
+weder das Flötenspiel noch das Kavaliersleben, er dachte nicht, daß es
+besser für ihn gewesen wäre, wenn er die Erde gepflügt oder Schuhe genäht
+hätte. Aber darüber klagte er, daß er nun ein ausgespieltes Instrument war,
+das die Freude nicht mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn
+er wußte, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die Gitarre die Stimmung
+nicht hält, dann müssen sie fort. Er wurde plötzlich ein sehr demütiger
+Mann. Er begriff, daß es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend.
+Der Hunger oder die Kälte würde ihn umbringen, denn er verstand nichts, er
+taugte zu nichts und hatte keine Freunde.
+
+Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es hell um ihn, und er
+hört freundliche Stimmen, und da ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer
+führt, und jemand, der heißen Tee in ihn gießt. Der Pelz wird ihm
+abgenommen, und mehrere Menschen rufen, daß er willkommen ist, und warme
+Hände reiben Leben in seine erstarrten Finger.
+
+Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, daß er wohl eine Viertelstunde
+nicht zur Besinnung kam. Er konnte unmöglich begreifen, daß er wieder nach
+Löfdala gekommen war. Er war sich gar nicht bewußt gewesen, daß der Knecht
+es satt bekommen hatte, im Schneesturm herumzufahren und nach Hause
+umgekehrt war.
+
+Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas Haus so freundlich
+empfangen wurde. Er konnte nicht wissen, daß Liljekronas Gattin begriff,
+welche schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte, wo man ihn
+an jeder Tür, an die er klopfte, abgewiesen hatte. Sie hatte so großes
+Mitleid mit ihm bekommen, daß sie ihre eigenen Sorgen vergaß.
+
+Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem wilden Spielen fort. Er
+wußte nichts davon, daß Ruster gekommen war. Dieser saß indessen im
+Speisesaal mit der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am
+Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der Langweile bei der
+Herrschaft in die Küche geflüchtet.
+
+Die Hausfrau säumte nicht, Ruster ans Werk zu setzen. »Sie hören ja,
+Ruster,« sagte sie, »daß Liljekrona den ganzen Abend nichts andres tut als
+spielen, und ich muß nach dem Tischdecken und dem Essen sehen. Die Kinder
+sind rein verlassen. Sie müssen sich der zwei Kleinsten annehmen, Ruster.«
+
+Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster am wenigsten in
+Berührung gekommen war. Er hatte sie weder im Kavaliersflügel noch im
+Soldatenzelt getroffen, weder in Gasthöfen noch auf Landstraßen. Er scheute
+sich beinahe vor ihnen und wußte nicht, was er sagen sollte, das fein genug
+für sie war.
+
+Er nahm die Flöte hervor und lehrte sie, auf Klappen und Löchern zu
+fingern. Es war ein vierjähriges und ein sechsjähriges Bübchen. Sie bekamen
+eine Lektion auf der Flöte, und das interessierte sie sehr. »Das ist A,«
+sagte er, »und das ist C,« und dann griff er die Töne. Da wollten die
+Kleinen wissen, was für ein A und was für ein C das war, das gespielt
+werden sollte.
+
+Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete ein paar Noten.
+
+»Nein,« sagten sie, »das ist nicht richtig.« Und sie eilten fort und holten
+ein Abcbuch.
+
+Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu überhören. Sie konnten
+und konnten nicht. Es sah windig aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde
+eifrig, hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu
+unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und hörte ganz erstaunt zu.
+Es klang wie ein Spiel, und die Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie
+lernten dabei, ja, das taten sie.
+
+Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht bei dem, was er tat.
+Er wälzte die alten Gedanken vom Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut
+und behaglich, aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus. Er war
+verbraucht. Er würde fortgeworfen werden. Und urplötzlich schlug er die
+Hände vors Gesicht und begann zu weinen.
+
+Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu.
+
+»Ruster,« sagte sie, »ich kann verstehen, daß Sie glauben, für Sie sei
+alles aus. Es geht Ihnen nicht mit der Musik, und Sie richten sich durch
+den Branntwein zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.«
+
+»Doch,« schluchzte der kleine Flötenspieler.
+
+»Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen, das wäre etwas
+für Sie. Wenn Sie die Kinder lesen und schreiben lehren wollten, dann
+würden Sie wieder überall willkommen sein. Das ist kein geringres
+Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Flöte und Violine. Sehen Sie
+sie an, Ruster!«
+
+Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah auf, blinzelnd, so,
+als hätte er in die Sonne gesehen. Es war, als fiele es seinen kleinen
+trüben Augen schwer, denen der Kinder zu begegnen, die groß und klar und
+unschuldig waren.
+
+»Sehen Sie sie an, Ruster!« ermahnte Liljekronas Frau.
+
+»Ich getraue mich nicht,« sagte Ruster, denn es war ihm wie ein Fegefeuer,
+durch die schönen Kinderaugen in die Schönheit der unbefleckten Seelen zu
+schauen.
+
+Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. »Dann sollen Sie sich an sie
+gewöhnen, Ruster. Sie sollen dieses Jahr als Schulmeister in meinem Hause
+bleiben.«
+
+Liljekrona hörte seine Frau lachen und kam aus seinem Zimmer.
+
+»Was gibt es?« sagte er. »Was gibt es?«
+
+»Nichts andres,« antwortete sie, »als daß Ruster wiedergekommen ist, und
+daß ich ihn zum Schulmeister für unsre kleinen Jungen bestellt habe.«
+
+Liljekrona war ganz verblüfft. »Wagst du das,« sagte er, »wagst du es? Er
+hat wohl versprochen, nie mehr ...«
+
+»Nein,« sagte die Frau, »Ruster hat nichts versprochen. Aber er wird sich
+vor mancherlei in acht nehmen müssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in
+die Augen sehen soll. Wäre es nicht Weihnachten, hätte ich dies vielleicht
+nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es wagte, ein kleines Kindlein, das
+sein eigner Sohn war, unter uns Sünder zu setzen, dann kann ich es wohl
+auch wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen Menschen zu
+retten.«
+
+Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte und zuckte in jeder
+Falte seines Gesichts, wie immer, wenn er etwas Großes hörte.
+
+Dann küßte er seiner Frau die Hand, so fromm wie ein Kind, das um
+Verzeihung bittet, und rief laut: »Alle Kinder sollen kommen und Mutter die
+Hand küssen.«
+
+Das taten sie, und dann hatten sie ein fröhliches Weihnachtsfest in
+Liljekronas Heim.
+
+
+
+
+Onkel Ruben
+
+
+Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner Junge, der auf dem
+Marktplatz mit seinem Kreisel spielte. Der kleine Junge hieß Ruben. Er war
+nicht mehr als drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so
+tapfer als nur irgendeiner und ließ das Kreisel schnurren, daß es eine
+wahre Freude war.
+
+An diesem Tage vor achtzig Jahren war wunderschönes Frühlingswetter. Der
+Monat März war gekommen, und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine
+weiße und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine kalte und dunkle, wo
+Schatten war. Der ganze Marktplatz gehörte dem Sonnenschein, bis auf einen
+schmalen Rand der einen Häuserreihe entlang.
+
+Nun geschah es, daß der kleine Junge, so tapfer er auch war, müde davon
+wurde, seinen Kreisel schnurren zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz
+umsah. Ein solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine Sessel
+oder Bänke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe versehen. Der kleine
+Ruben konnte sich nichts Besseres denken.
+
+Er war ein gewissenhaftes kleines Bürschchen. Er hatte eine dunkle Ahnung,
+daß Mutter es nicht wollte, daß er auf fremder Leute Treppenstufen sitze.
+Mutter war arm, aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man
+andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich auf ihre eigne
+Steintreppe, denn sie wohnten auch am Marktplatz.
+
+Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig kalt. Der Kleine
+lehnte den Kopf an das Geländer, zog die Beine hinauf und fühlte sich so
+wohl wie nie zuvor. Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein
+draußen über den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen und Kreisel
+schnurrten -- dann schloß er die Augen und schlummerte ein.
+
+Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, war ihm nicht so wohl
+zumute, wie als er einschlummerte, sondern alles schien so furchtbar
+unbehaglich. Er lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, daß er
+krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar Tagen war der Knabe
+tot.
+
+Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam nämlich so, daß seine
+Mutter ihn so recht aus tiefstem Herzensgrund betrauerte, mit solch einem
+Schmerz, der den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch mehrere
+andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit und ihre Gedanken in Anspruch,
+aber es gab immer noch einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz
+ungestört hausen konnte. Für sie blieb er stets lebendig. Sah sie eine
+Kinderschar auf dem Marktplatz spielen, so sprang er da mit herum, und wenn
+sie dann im Hause arbeitete und aufräumte, so glaubte sie steif und fest,
+daß der Kleine noch draußen auf der gefährlichen Steinstufe saß und
+schlief. Sicherlich war keines von Mutters lebenden Kindern ihren Gedanken
+so gegenwärtig wie das tote.
+
+Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine Ruben ein Schwesterchen, und
+als diese so alt wurde, daß sie draußen auf dem Marktplatz herumlaufen und
+Kreisel spielen konnte, geschah es, daß auch sie sich auf die Steinstufe
+setzte, um auszuruhen. Aber in demselben Augenblick hatte Mutter das
+Gefühl, als ob jemand sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus und
+packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie aufhob, daß diese
+sich daran erinnerte, solange sie lebte.
+
+Und noch weniger vergaß sie, wie merkwürdig Mutters Gesicht ausgesehen und
+wie ihre Stimme gezittert hatte, als sie sagte: »Weißt du, daß du einmal
+einen kleinen Bruder hattest, der Ruben hieß und der starb, weil er hier
+auf dieser Steinstufe saß und sich erkältete? Du willst doch nicht von
+Mutter wegsterben, Berta?«
+
+Bruder Ruben wurde für seine Brüder und Schwestern bald ebenso lebendig wie
+für seine Mutter. Sie hatte eine Art, daß sie alle mit ihren Augen sahen,
+und bald hatten sie dieselbe Gabe wie sie, ihn draußen auf der Steinstufe
+sitzen zu sehen. Und natürlich fiel es keinem von ihnen ein, sich dort
+hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend jemanden auf einer Steinstufe oder einem
+Steingeländer oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es ihnen
+einen Stich ins Herz, und sie mußten an Bruder Ruben denken.
+
+Ferner geschah es Bruder Ruben, daß er von allen Geschwistern am höchsten
+gestellt wurde, wenn sie voneinander sprachen. Denn alle Kinder wußten ja,
+daß sie ein beschwerliches und lästiges Geschlecht waren, das Mutter nur
+Mühe und Sorge bereitete. Sie konnten nicht glauben, daß Mutter so sehr
+darüber trauern würde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter Bruder
+Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher, daß er viel, viel artiger
+gewesen sein mußte, als sie waren.
+
+Es kam auch nicht so selten vor, daß eines von ihnen dachte: »Ach, wer doch
+Mutter soviel Freude machen könnte wie Bruder Ruben!« Und dennoch wußte
+keines mehr von ihm, als daß er Kreisel gespielt und sich auf einer
+Steinstufe erkältet hatte. Aber er mußte ja merkwürdig gewesen sein, da
+Mutter eine solche Liebe zu ihm hatte.
+
+Merkwürdig war es auch, er machte Mutter von allen Kindern am meisten
+Freude. Sie war Witwe geworden und arbeitete in Sorge und Not. Aber die
+Kinder hatten einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den kleinen
+Dreijährigen, daß sie überzeugt waren, daß, wenn er nur am Leben geblieben
+wäre, Mutter sich ihr Unglück nicht so zu Herzen genommen hätte. Und
+jedesmal, wenn sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder
+Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie Bruder Ruben waren.
+Bald erwachte in ihnen allen eine immer stärkre Lust, mit dem kleinen Toten
+um Mutters Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht für Mutter
+getan hätten, wenn sie ihnen nur ebenso gut sein wollte wie ihm. Und um
+dieser Sehnsucht willen meine ich, daß Bruder Ruben das nützlichste von
+allen Kindern Mutters war.
+
+Denkt nur, als der älteste Bruder einen Fremden über den Fluß ruderte und
+damit seine ersten Groschen verdiente, da kam er und gab sie seiner Mutter,
+ohne sich auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah Mutter so
+fröhlich aus, daß ihm das Herz vor Stolz schwoll, und er konnte nicht
+umhin, zu verraten, wie ungeheuer ehrgeizig er gewesen war.
+
+»Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder Ruben?«
+
+Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches,
+strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen draußen auf den Steinstufen.
+Und Mutter hätte sicherlich gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte,
+aber sie konnte nicht.
+
+»Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie.«
+
+Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten sie es
+nicht lassen, das Unerreichbare zu erstreben.
+
+Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermögen und
+Ansehen herauf, während Bruder Ruben nur still auf seiner Steinstufe saß.
+Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen.
+
+Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als es ihnen so
+allmählich gelang, Mutter ein gutes Heim und Wohlstand zu bieten, mußte es
+Lohn genug für sie sein, wenn Mutter sagte: »Ach, daß mein kleiner Ruben
+das noch gesehen hätte!«
+
+Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem
+Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wußte sie doch,
+daß sie sie zu ihm führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter bei dem
+Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen.
+
+Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen erhöht und
+vergöttert hatte.
+
+Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Für
+alle seine Geschwister war er ein Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim
+geworden, der Liebe zu Mutter, aller der rührenden Erinnerungen aus den
+Jahren der Mühe und des Mißerfolges. Es lag immer etwas Warmes und Schönes
+in ihrer Stimme, wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung
+um den kleinen Dreijährigen.
+
+So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder. Mutters Liebe hatte
+ihn zu einer Größe gemacht, und die Großen, die wirken und üben Einfluß
+Geschlecht für Geschlecht.
+
+Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berührung mit Onkel
+Ruben kam.
+
+Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem Bordsteinrande saß und in
+den Rinnstein hinabguckte. Der strömte von Regenwasser. Hölzchen und Halme
+schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das seichte Gewässer hinab. Der
+Kleine saß da und sah mit der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das
+abenteuerliche Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit ist.
+
+Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner Mutter unterbrochen,
+die in demselben Augenblick, in dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim
+und an den Bruder denken mußte.
+
+»Ach, mein lieber kleiner Junge,« sagte sie, »sitze nicht so da! Weißt du
+nicht, daß deine Mama einen kleinen Bruder hatte, der Ruben hieß und vier
+Jahre war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf einen solchen
+Stein gesetzt und sich erkältet hatte.«
+
+Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen Gedanken gestört
+zu werden. Er saß da und philosophierte, während sein blondes, lockiges
+Haar ihm bis in die Augen fiel.
+
+Schwester Berta hätte es für keinen andern getan, aber um ihres lieben
+Bruders willen schüttelte sie den Kleinen recht unsanft. Und so lernte er
+Respekt vor Onkel Ruben.
+
+Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen auf dem Eise
+umgefallen. Er war aus purer Bosheit von einem großen, bösen Jungen
+umgeworfen worden, und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu
+zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da seine Mama nicht
+weit weg sein konnte.
+
+Aber er hatte vergessen, daß seine Mutter doch zu allererst Onkel Rubens
+Schwester war. Als sie Axel auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht
+begütigend und tröstend, sondern nur mit diesem ewigen:
+
+»Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel Ruben, welcher starb,
+gerade als er fünf Jahre alt war, so wie du jetzt, weil er sich in einen
+Schneehaufen gesetzt hatte.«
+
+Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben sprechen hörte, aber er
+fühlte die Kälte bis ins Herz. Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzählen,
+wenn ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte er sich schon
+hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, aber jetzt war es, als wenn ihm
+dieser Tote seine eigne Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht
+zulassen. So lernte er Onkel Ruben hassen.
+
+Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war eine Steinbalustrade, auf
+der es schwindelnd herrlich zu sitzen war. Tief unten lag der Steinboden
+des Flurs, und wer oben rittlings saß, konnte träumen, daß er über Abgründe
+dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein gutes Roß Grane. Auf seinem
+Rücken sprengte er über brennende Wallgräben in verzauberte Schlösser. Da
+saß er stolz und trotzig, während die großen Haarlocken von dem heftigen
+Anlauf wehten, und kämpfte Sankt Georgs Kampf mit dem Drachen. Und noch war
+es Onkel Ruben nicht eingefallen, dort reiten zu wollen.
+
+Aber natürlich kam er. Gerade als der Drache sich in Todesängsten wand und
+Axel in stolzer Siegesgewißheit dasaß, hörte er das Kindermädchen rufen:
+»Axel, nicht da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht Jahre
+alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem Steingeländer geritten ist.
+Hier darfst du nie mehr sitzen, Axel!«
+
+Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel Ruben! Er konnte es
+gewiß nicht ertragen, daß Axel Drachen tötete und Prinzessinnen rettete.
+Wenn er sich nicht hütete, wollte Axel zeigen, daß auch er Ruhm gewinnen
+konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort unten sprang und sich
+totschlug, dann würde er schon in den Schatten gestellt sein, dies große
+Lügenmaul!
+
+Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der draußen auf dem
+sonnenbeschienenen Marktplatz mit seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mußte
+er erfahren, was es heißt, ein großer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche war
+er geworden, die die Zeit, die war, der kommenden aufstellte.
+
+Es war draußen auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine ganze Menge Basen und
+Vettern waren auf dem herrlichen Landgut versammelt. Axel ging da herum,
+von seinem Haß gegen Onkel Ruben erfüllt. Er wollte nur wissen, ob dieser
+auch noch andre außer ihm quälte. Aber etwas schüchterte ihn ein, so daß er
+sich nicht zu fragen getraute. Es war, als hätte er damit eine Lästerung
+begangen.
+
+Endlich waren die Kinder allein. Kein Großer war dabei. Da fragte Axel, ob
+sie von Onkel Ruben gehört hätten.
+
+Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele kleine Fäustchen sich
+ballten, aber es schien, daß die kleinen Mündchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben
+gelernt hatten. »Still doch,« sagte die ganze Schar.
+
+»Nein,« sagte Axel, »jetzt möchte ich wissen, ob er noch irgend jemand
+anders peinigt, denn ich finde, daß er der lästigste von allen Onkeln ist.«
+
+Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den Harm gequälter
+Kinderherzen umgab. Es gab ein großes Murren und Rufen. So muß ein Haufen
+Nihilisten aussehen, wenn sie den Selbstherrscher schmähen.
+
+Jetzt wurde das Sündenregister des armen großen Mannes aufgezählt. Onkel
+Ruben verfolgte alle seine Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb überall, wo
+es ihm gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen Alter mit dem,
+dessen Ruhe er stören wollte.
+
+Und Respekt mußte man vor ihm haben, obwohl er ganz offenkundig ein Lügner
+war. Ihn in der verschwiegensten Tiefe seines Herzens hassen, das konnte
+man, aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen, Gott
+behüte.
+
+Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm sprachen! Hatte er denn
+je etwas so Merkwürdiges geleistet? Sich hinzusetzen und zu sterben, war
+doch nichts so Wunderbares. Und was er auch für Großtaten vollbracht haben
+mochte, gewiß war es, daß er jetzt seine Macht mißbrauchte. Er stellte sich
+den Kindern in allem entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte
+Vogelscheuche. Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese auf.
+Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und seine Benützung verboten.
+Jetzt erst kürzlich hatte er es sich einfallen lassen, auf ungesattelten
+Pferden zu reiten.
+
+Sie waren alle ganz sicher, daß der arme Tropf nie mehr als drei Jahre alt
+geworden war, und jetzt überfiel er große Vierzehnjährige und behauptete,
+daß er in einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste.
+
+Ganz unglaubliche Dinge kamen über ihn an den Tag. Er hatte von der Brücke
+Weißfische gefischt, er hatte in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war
+auf die Weide geklettert, die über das Wasser vorhing, und in der es sich
+so behaglich sitzen ließ, ja, er hatte sogar auf Pulvertonnen gelegen und
+geschlafen.
+
+Aber sie waren alle ganz gewiß, daß es keinen Ausweg vor seiner Tyrannei
+gab. Es war eine Erleichterung, sich ausgesprochen zu haben, aber kein
+Heilmittel. Man konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen.
+
+Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder groß wurden und eigne
+Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich Onkel Ruben zunutze zu machen,
+so wie ihre Väter es vor ihnen getan hatten.
+
+Und ihre Kinder wieder, nämlich die Jugend, die heute heranwächst, haben
+die Lektion so gut gelernt, daß es eines Sommers draußen auf dem Lande
+geschah, daß ein fünfjähriges Knirpschen zur alten Großmutter Berta kam,
+die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte, während sie auf den
+Wagen wartete, und sagte:
+
+»Großmutter, du hattest doch einmal einen Bruder, der Ruben hieß.«
+
+»Darin hast du recht, mein kleiner Junge,« sagte Großmutter und stand
+sogleich auf.
+
+Dies war für die gesamte Jugend ein Anblick, als hätten sie einen alten
+Krieger König Karls XII. sich vor König Karls Porträt verneigen sehen. Sie
+hatten nun eine Ahnung, daß Onkel Ruben, wie sehr er auch mißbraucht wurde,
+immer groß bleiben mußte, nur weil er einmal so sehr geliebt worden war.
+
+In unsern Tagen, wo man alle Größe so genau prüft, muß er mit mehr Maß
+verwendet werden als früher. Die Grenze seines Alters ist niedriger; Bäume,
+Boote und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus Stein, was zum
+Sitzen taugt, kann ihm entgehen.
+
+Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich anders gegen ihn als
+die Eltern. Sie kritisieren ihn offen und unverhüllt. Ihre Eltern verstehen
+die Kunst nicht mehr, stummen, ehrfürchtigen Gehorsam einzuflößen. Kleine
+Pensionsmädchen handeln das Thema Onkel Ruben ab und bezweifeln, ob er
+etwas andres als eine Mythe ist. Ein sechsjähriger Jüngling schlägt vor,
+daß man auf experimentalem Wege beweisen solle, daß es unmöglich ist, sich
+auf einer Steinstufe tödlich zu erkälten.
+
+Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im Allerinnersten ebenso
+von Onkel Rubens Größe überzeugt, wie die vorhergehende, und gehorcht ihm
+ebenso wie diese.
+
+Und der Tag wird kommen, wo diese Spötter zu dem uralten Hause ziehen, die
+alte Steinstufe aufsuchen und sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift
+erheben werden.
+
+Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben, aber sobald sie
+herangewachsen sind und eigne Kinder zu erziehen haben, werden sie von dem
+Nutzen und der Notwendigkeit des großen Mannes überzeugt sein.
+
+»Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe, deiner Mutter
+Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hieß. Er starb, als er in deinem Alter
+war, weil er sich auf eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.«
+
+So wird es heißen, so lange die Welt steht.
+
+
+
+
+Das Flaumvögelchen
+
+I
+
+
+Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen fuhren. Ganz deutlich
+sehe ich seinen steifen Zylinder mit der großen geschwungnen Krempe, so wie
+man sie in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine
+Halsbinde. Ich sehe auch sein schönes, glattrasiertes Gesicht mit kleinen,
+kleinen Polissons, seinen hohen steifen Kragen und die anmutige Würde in
+jeder seiner Bewegungen. Er sitzt rechts in der Chaise und faßt gerade die
+Zügel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine Frauenzimmerchen. Gott segne
+sie! Sie sehe ich noch deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale
+kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschließt und unter dem
+Kinn geknüpft ist, das dunkelbraune glattgekämmte Haar und den großen Schal
+mit den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der sie fahren, hat
+natürlich einen Stuhl mit grünen gedrechselten Stäbchen, und natürlich ist
+es das Pferd des Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von
+den kleinen, fetten Braunen.
+
+In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen. Es ist keine
+Vernunft darin, denn sie ist das unbedeutendste kleine, flatternde
+Dingelchen, aber alle die Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie
+fortfährt, das hat mich gefangen. Fürs erste sehe ich, wie Vater und Mutter
+ihr nachschauen, wie sie da in der Tür des Bäckerladens stehen, Vater hat
+sogar Tränen in den Augen, aber Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen.
+Mutter muß ihre Augen benützen, um ihrem Töchterchen nachzusehen, solange
+sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es natürlich fröhliche Grüße von
+den Kindern des Hintergäßchens und schelmische Blicke von allen den
+niedlichen Handwerkertöchtern hinter Fenstern und Türspalten, und
+träumerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und Lehrlingen. Aber alle
+nicken ihr Glückauf und Auf Wiedersehen zu. Und dann kommen unruhige Blicke
+von armen alten Mütterchen, die herauskommen und knixen und die Brillen
+abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in ihrem Staat vorbeifährt. Aber ich
+kann nicht sehen, daß ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein,
+nicht, so lang die Straße ist.
+
+Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch mit dem Ärmel die
+Tränen aus den Augen:
+
+»Sei nur nicht traurig, Mutter!« sagt er. »Du wirst sehen, daß sie sich zu
+helfen weiß. Das Flaumvögelchen, Mutter, weiß sich zu helfen, so klein es
+ist.«
+
+»Vater,« sagt Mutter mit starker Betonung, »du sprichst so seltsam. Warum
+sollte Anne-Marie sich nicht zu helfen wissen? Sie ist so gut wie
+irgendeine.«
+
+»Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter, dennoch. Nein,
+wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer Stelle sein und dorthin fahren, wohin
+sie jetzt fährt! Nein, wahrhaftig nicht!«
+
+»Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du häßlicher alter Bäckermeister,«
+sagt Mutter, die sieht, daß Vater so besorgt um sein Mädchen ist, daß man
+ihn mit einem kleinen Scherz aufmuntern muß. Und Vater lacht, denn das
+Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen. Und dann gehen die Alten
+wieder in den Laden.
+
+Indessen ist das Flaumvögelchen, das kleine Flöckchen, das Seidenblütchen,
+recht guten Muts, wie es da über den Weg fährt. Ein bißchen bange vor dem
+Bräutigam ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumvögelchen vor
+allen Menschen ein bißchen bange, und das kommt ihr zugute, denn darum sind
+alle Menschen nur bestrebt, ihr zu zeigen, daß sie nicht so gefährlich
+sind.
+
+Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie heute. Als sie das
+Hintergäßchen und alle ihre Freunde hinter sich gelassen haben, findet
+sie, daß Moritz förmlich zu etwas Großem anschwillt. Der Hut, der Kragen
+und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte bläht sich. Die
+Stimme wird ihm gleichsam dick im Halse und kommt nur schwer hervor. Sie
+fühlt sich dabei ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine Pracht,
+Moritz so großartig zu sehen.
+
+Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen -- man würde es kaum glauben
+können -- aber Moritz spricht ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht
+ihr, so ist Moritz. Er fragt das Flaumvögelchen, ob sie auch recht
+versteht, was diese Reise für ihn bedeutet. Glaubt sie, daß es sich nur um
+eine Lustfahrt über die Landstraße handelt? Eine sechs Meilen lange Reise
+in der guten Chaise, mit dem Bräutigam daneben, das konnte freilich wie
+eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja auf einen prächtigen
+Landsitz, sollte bei einem reichen Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl
+geglaubt, daß das alles nur ein Spaß war, wie?
+
+Ach, wenn er wüßte, daß sie sich gestern auf diese Fahrt unter langen
+Gesprächen mit Mutter vorbereitet hatte, bevor sie sich niederlegten, und
+mit einer langen Reihe ängstlicher Träume bei Nacht und mit Gebeten und
+Tränen. Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto mehr zu genießen,
+wie weise Moritz ist. Er liebt es, es zu zeigen, und sie gönnt es ihm gern,
+ach wie gern.
+
+»Es ist eigentlich ganz schrecklich, daß du so reizend bist,« sagt Moritz.
+Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen, und das war doch, bei Licht
+besehen, sehr dumm von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit
+einverstanden. Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran denken, was für
+Lärm sie geschlagen hatte, als Moritz ihr mitteilte, daß er sich mit einem
+armen Mädchen aus dem Hintergäßchen verlobt habe, einem Mädchen, das keine
+Erziehung und keine Talente hatte und das nicht einmal schön war, nur
+reizend.
+
+In Moritzens Augen war natürlich die Tochter eines Bäckermeisters
+ebensogut wie der Sohn des Bürgermeisters, aber nicht alle hatten so freie
+Anschauungen wie er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt
+hätte, dann hätte wohl gar nichts aus der ganzen Sache werden können, denn
+er, der nur Student war, hatte ja nichts, woraufhin er heiraten konnte.
+Aber wenn sie nun Onkel für sich zu gewinnen vermochten, dann war alles
+gut.
+
+Ich sehe sie so deutlich, wie sie über die Landstraße fahren. Sie macht
+eine unglückliche Miene, während sie seiner Weisheit lauscht. Aber wie
+vergnügt sie ist in ihren Gedanken! Wie verständig Moritz ist! Und wenn er
+davon spricht, welche Opfer er für sie bringt, dann ist das nur seine Art,
+zu sagen, wie lieb er sie hat.
+
+Und wenn sie erwartet hatte, daß er an einem solchen Tage zu zweien
+vielleicht ein bißchen anders sein würde, als wenn sie daheim bei Mutter
+saßen -- aber das wäre nicht recht von Moritz gewesen -- sie ist nur stolz
+auf ihn.
+
+Er erzählte ihr gerade, was Onkel für ein Mensch ist. Ein so mächtiger Mann
+ist er, daß, wenn er sie nur beschützen will, sie allsogleich im Hafen des
+Glücks gelandet sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hochöfen
+hat er und außerdem Güter und Höfe und Grubenanteile. Und von allem dem ist
+Moritz der direkte Erbe. Aber ein bißchen schwer ist Onkel zu behandeln,
+wenn es jemand ist, der ihm nicht gefällt. Wenn er mit Moritzens Frau nicht
+einverstanden ist, kann er alles jemandem anders hinterlassen.
+
+Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und schmäler, Moritz aber wird
+immer steifer und schwillt förmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, daß
+Anne-Marie Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz. Onkel ist ein ganz
+andrer Mann. Sein Geschmack, ja Moritz hat keine besondre Meinung von
+seinem Geschmack, aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas
+blitzend Rotes, das müßte Onkel gefallen. Außerdem ist er solch ein
+eingefleischter Junggeselle -- findet, daß Frauenzimmer nur lästig sind.
+Aber das einzige, was nötig ist, ist ja nur, daß sie Onkel nicht zu sehr
+mißfällt. Für das übrige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf kein
+Gänschen sein. Weint sie --! Ach, wenn sie nicht mutiger aussieht, wenn sie
+ankommen, dann wird Onkel ihnen beiden schnurstracks den Laufpaß geben. Sie
+ist in ihrem eignen Interesse froh, daß Onkel nicht so klug ist wie Moritz.
+Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz sein, zu denken, daß es gut
+ist, daß Onkel ein ganz andrer Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn
+Moritz Onkel wäre, und zwei arme junge Leutchen kämen zu ihm gefahren, um
+ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann würde ihnen Moritz, der so
+verständig ist, sicherlich raten, jeder zu sich nach Hause zu fahren und
+mit dem Heiraten so lange zu warten, bis sie etwas hätten, wovon sie leben
+könnten. Aber Onkel war gewiß in seiner Weise schrecklich. Er trank so viel
+und gab so große Feste, bei denen es ganz wild herging. Und er verstand es
+gar nicht, hauszuhalten. Er konnte glauben, daß alle Menschen ihn betrogen,
+und ließ sich darüber kein graues Haar wachsen. Und leichtsinnig --! Der
+Bürgermeister hatte ihm durch Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung
+geschickt, die nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm
+sicherlich ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach, wofür er
+sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem Markte in der Stadt
+gestanden und den Gassenjungen Silbermünzen hingestreut. Und in einer Nacht
+ein paar tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit
+Zehnreichstalerbanknoten anzuzünden, das gehörte zu dem Alltäglichsten, was
+Onkel tat.
+
+So fuhren sie, und so plauderten sie, während sie fuhren.
+
+Gegen Abend kamen sie an. Onkels »Residenz«, wie er zu sagen pflegte, war
+keine Fabrik. Sie lag fern von allem Kohlenrauch und allen Hammerschlägen
+auf dem Abhang einer gewaltigen Anhöhe, mit einer weiten Aussicht über Seen
+und langgestreckte Berge. Sie war stattlich angelegt, mit Waldwiesen und
+Birkenhainen ringsherum, aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die
+Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschloß.
+
+Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen hinauf. Sie fuhren
+zuletzt durch ein paar niedrige dichte Tannenhecken, und dann sollten sie
+in den Hof einschwenken.
+
+Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte, war eine Triumphpforte
+errichtet, und da stand Onkel mit seinen Untergebenen und grüßte. Seht, das
+hätte das Flaumvögelchen niemals von Moritz glauben können, daß er ihr
+einen solchen Empfang bereiten würde. Es wurde ihr gleich ganz leicht ums
+Herz. Und sie faßte seine Hand und drückte sie zum Dank. Mehr konnte sie im
+Augenblick nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte.
+
+Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr Theodor Fristedt, groß
+und schwarzbärtig und strahlend von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und
+rief hurra, und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie traten die
+Tränen in die Augen, und zugleich lächelte sie. Und natürlich mußten ihr
+alle vom ersten Augenblick an gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie
+Moritz ansah. Denn sie dachte ja, daß sie alle seinetwegen da seien, und
+sie mußte ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden, nur um ihn anzusehen,
+wie er mit einer großen Geste den Hut abnahm und so schön und königlich
+grüßte. Ach, was für einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel Theodor blieb
+fast im Hurra stecken und geriet in einen Fluch, als er ihn sah.
+
+Nein, das Flaumvögelchen wünschte gewiß keinem Menschen auf Erden etwas
+Böses, aber wenn es wirklich so gewesen wäre, daß das Ganze Moritz gehört
+hätte, so würde es wirklich gut gepaßt haben. Es war weihevoll, zu sehen,
+wie er da auf der Schwelle stand und sich zu den Leuten wendete, um zu
+danken. Onkel Theodor war ja auch stattlich, aber was hatte er für ein
+Auftreten gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm ihren Schal
+und ihren Hut wie ein Bedienter, während Moritz den Hut von seiner weißen
+Stirn lüftete und sagte: »Habt Dank, meine Kinder!« Nein, Onkel Theodor
+hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt von seinen Onkelrechten
+Gebrauch machte und sie in die Arme nahm und küßte und merkte, daß sie
+mitten im Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr häßlich.
+Das Flaumvögelchen war es nicht gewohnt, jemanden abstoßend zu finden, aber
+es würde sicherlich kein leichtes Stück Arbeit sein, Onkel Theodor zu
+gefallen.
+
+»Morgen,« sagt Onkel, »gibt es hier große Mittagsgesellschaft und Ball,
+aber heute sollen sich die jungen Herrschaften von der Reise ausruhen.
+Jetzt essen wir nur zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.«
+
+Sie werden in einen Salon geführt, und da werden sie allein gelassen. Onkel
+Theodor schießt hinaus wie ein Pfeil. Fünf Minuten später fährt er in
+seinem großen Wagen die Allee hinab, und der Kutscher fährt so zu, daß die
+Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang liegen. Es vergehen noch fünf
+Minuten, aber dann ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau
+neben ihm im Wagen.
+
+Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gesprächige Dame führend,
+die er »Frau Bergrätin« nennt. Und diese schließt Anne-Marie gleich in die
+Arme, aber Moritzen begrüßt sie etwas steifer. Und das muß sie ja. Niemand
+kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben.
+
+Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, daß diese gesprächige alte Dame
+gekommen ist. Sie und Onkel haben eine so lustige Art, miteinander zu
+scherzen. Es wird ganz heimlich in dem fremden Hause.
+
+Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt haben, und Anne-Marie
+in ihr kleines Stübchen gekommen ist, geschieht etwas so Peinliches und
+Ärgerliches.
+
+Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab, und das Flaumvögelchen
+merkt, daß Moritz seine Zukunftspläne auseinandersetzt. Onkel scheint gar
+nichts zu sagen, er geht nur und köpft mit seinem Stock Grashalme. Aber
+Moritz wird ihn schon bald zu überzeugen wissen, daß er nichts Besseres tun
+kann, als Moritz eine Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu
+geben, wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben will. Moritz
+hat so viel Sinn fürs Praktische, seit er sich verliebt hat. Er pflegt oft
+zu sagen: »Ist es nicht am besten, wenn ich, da ich doch einmal ein großer
+Gutsbesitzer werden soll, gleich damit anfange, mich in die Dinge
+einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es für mich, das Hofgerichtsexamen zu
+machen?«
+
+Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert sie, zu sehen, daß
+sie dort sitzt, aber da sie sich nicht darum bekümmern, kann niemand
+verlangen, daß sie nicht hören soll, was sie sagen. Es ist wirklich
+ebensosehr ihre Angelegenheit wie die von Moritz.
+
+Da bleibt Onkel Theodor plötzlich stehen, und er sieht böse aus. Er sieht
+ganz wütend aus, findet sie, und sie ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er
+möge sich in acht nehmen. Aber es ist zu spät, denn schon hat Onkel Theodor
+Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert und schüttelt ihn so,
+daß er sich windet wie ein Aal. Dann schleudert er ihn mit solcher Kraft
+von sich, daß Moritz nach rückwärts stolpert und gefallen wäre, wenn er
+sich nicht an einen Baum gestützt hätte. Und da bleibt nun Moritz stehen
+und sagt: »Wie?« Ja, was sollte er wohl sonst sagen?
+
+Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert. Er stürzt sich
+nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm zu kämpfen. Er sieht nur ruhig
+überlegen aus, nur unschuldig erstaunt. Sie versteht, daß er sich
+beherrscht, damit die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie und
+beherrscht sich.
+
+Armer Moritz, es stellt sich heraus, daß Onkel um ihretwillen auf ihn böse
+ist. Er fragt, ob Moritz nicht weiß, daß sein Onkel Junggeselle ist und
+sein Haus ein Junggesellenhaus, daß er seine Braut hergebracht hat, ohne
+ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumvögelchen ist für Moritz
+beleidigt. Mutter hat es sich doch selbst verbeten und gesagt, daß sie die
+Bäckerei nicht verlassen könne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel
+läßt keine Entschuldigungen gelten. -- Na, und die Bürgermeisterin, die
+hätte ihrem Sohn wohl den Gefallen tun können. Ja, wenn sie zu hochmütig
+war, dann hätten sie lieber da bleiben können, wo sie waren. Was würden sie
+denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergrätin nicht hätte kommen können?
+Und wie konnten denn überhaupt Bräutigam und Braut so zu zweien durchs Land
+ziehen! -- So, so, Moritz sei nicht gefährlich. Nein, das hatte er auch nie
+geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gefährlich. -- Na, und dann
+schließlich noch die Chaise, dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht
+das lächerlichste Vehikel in der ganzen Stadt aufgestöbert? Das Kind sechs
+Meilen in einer Chaise zu rütteln, und ihn, Onkel Theodor, eine
+Triumphpforte für solch einen Leiterwagen errichten zu lassen! --
+Wahrhaftig, er hatte nicht übel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu
+nehmen! Onkel Theodor für solch einen alten Karren hurra rufen zu lassen!
+Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert Moritz, der allem dem so
+ruhig standhält. Sie hätte eigentlich nicht übel Lust, sich hineinzumischen
+und Moritz zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, daß es ihm recht wäre.
+
+Und bevor sie einschläft, liegt sie da und rechnet sich vor, was sie alles
+hätte sagen wollen, um Moritz zu verteidigen. Dann schläft sie ein und
+fährt wieder auf, und im Ohr klingt ihr ein altes Rätsel:
+
+ Es steht ein Hund auf einem Stein
+ Und bellt wohl in das Land hinein.
+ Er hieß wie du, wie er, wie sie.
+ Wie hieß er doch, so sag doch wie!
+ Wie hieß der Hund?
+ Der Hund hieß Wie.
+
+Das Rätsel hatte sie als Kind oft geärgert, solch dummer Hund. Aber jetzt
+im Halbschlummer vermengt sie den Hund »Wie« mit Moritz, und es kommt ihr
+vor, daß der Hund seine weiße Stirn hat. Dann lacht sie. Das Lachen kommt
+ihr ebenso leicht an wie das Weinen. Das hat sie von Vater geerbt.
+
+
+II
+
+Wie ist »das« gekommen? Das, was sie nicht beim Namen zu nennen wagt.
+
+»Das« ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras, wie die Farbe in die Rose,
+wie die Süßigkeit in die Beere, unmerklich und hold, ohne sich vorher
+anzukündigen.
+
+Es ist ja auch gleichgültig, wie »das« gekommen ist und was »das« ist. Gut
+oder böse, schön oder häßlich, »das« ist das Verbotene, was es gar nicht
+geben sollte. »Das« macht sie ängstlich, sündhaft, unglücklich.
+
+An »das« will sie nie mehr denken. »Das« muß ausgerissen und
+fortgeschleudert werden, und doch ist es nichts, was sich greifen und
+fangen läßt. Sie verschließt sich davor, und »das« kommt doch herein. »Das«
+treibt das Blut aus ihren Adern und fließt selbst darin, es treibt die
+Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es tanzt durch die Nerven und
+zittert bis in die Fingerspitzen. Es ist überall in ihr, so daß, wenn sie
+alles fortnehmen könnte, woraus der Körper sonst besteht und nur »das«
+übrig ließe, es einen vollen Abdruck von ihr geben würde. Und dennoch war
+»das« nichts.
+
+Nie will sie an »das« denken, und stets muß sie an »das« denken. Wie ist
+sie so schlecht geworden. Und dann forscht sie und grübelt nach, wie »das«
+gekommen ist.
+
+Ach, Flaumvögelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn und wie leicht geweckt
+unser Herz!
+
+Sie war sicher, daß »das« nicht beim Frühstück gekommen war, nein, ganz
+gewiß nicht beim Frühstück.
+
+Da war sie nur ängstlich und scheu gewesen. Es hatte sie so sehr
+erschüttert, als sie zum Frühstück hinabkam und Moritz nicht vorfand, nur
+Onkel Theodor und die Bergrätin.
+
+Es war ja nur klug von Moritz gewesen, daß er auf die Jagd gegangen war,
+obgleich es unmöglich schien, herauszufinden, was er jetzt zur
+Mittsommerzeit jagte, wie auch die Bergrätin bemerkte. Aber er wußte
+natürlich, daß er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden von Onkel
+fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er konnte sich ja gewiß gar nicht
+denken, daß sie so schüchtern war, daß sie beinahe ohnmächtig wurde, als
+sie ihn fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergrätin allein sah.
+Moritz war nie schüchtern gewesen. Er wußte nicht, was für eine Qual das
+war.
+
+Dieses Frühstück, dieses Frühstück! Onkel hatte gleich damit angefangen,
+die Bergrätin zu fragen, ob sie die Geschichte von Sigrid der Schönen
+gehört habe. Er fragte nicht das Flaumvögelchen, und sie wäre auch nicht
+imstande gewesen, zu antworten. Die Bergrätin kannte die Geschichte gut,
+aber er erzählte sie dennoch. Da erinnerte sich Anne-Marie, daß Moritz
+Onkel ausgelacht hatte, weil er in seinem ganzen Hause nur zwei Bücher
+habe, und das waren die Sagen von Afzelius und Nösselts »Allgemeine
+Weltgeschichte für Frauenzimmer«. »Aber die kann er auch,« hatte Moritz
+gesagt.
+
+Anne-Marie hatte die Geschichte schön gefunden. Es gefiel ihr, daß Bengt
+Magnusson Perlen auf den Friesrock nähen ließ. Sie sah Moritz vor sich, wie
+königlich stolz er ausgesehen haben würde, wenn er die Perlen befohlen
+hätte. Das war gerade etwas, was Moritz gut angestanden hätte.
+
+Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erzählt wird, wie Bengt
+Magnusson in den Wald ritt, um der Begegnung mit seinem erzürnten Bruder
+auszuweichen und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen ließ,
+da wurde es ganz deutlich, daß Onkel verstand, daß Moritz nur auf die Jagd
+gegangen war, um seinem Zorn auszuweichen, und daß er wußte, wie sie dasaß
+und daran dachte, ihn zu gewinnen. -- -- Ja, gestern, da hatten sie
+freilich Pläne schmieden können, Moritz und sie, wie sie mit Onkel
+kokettieren würde, aber heute war kein Gedanke daran, sie auszuführen. Ah,
+nie hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut schoß ihr ins Gesicht,
+und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem Geklapper aus ihren Händen auf den
+Teller.
+
+Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern die Geschichte
+fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte kam: »Hätte mein Bruder dies
+nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Das hatte er mit so lustigem
+Tonfall gesagt, daß sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden braunen
+Augen begegnen mußte.
+
+Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah, da hatte er zu lachen
+angefangen wie ein richtiger Junge. »Was glauben Sie, Frau Bergrätin,«
+hatte er gerufen, »daß Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und das
+hörte: >Hätte mein Bruder< ... ich denke, ein nächstes Mal ist er daheim
+geblieben.«
+
+Dem Flaumvögelchen traten die Tränen in die Augen, und als Onkel dies sah,
+begann er immer heftiger zu lachen. »Ja, das ist eine schöne Mittlerin, die
+mein Brudersohn sich da ausgesucht hat,« schien er sagen zu wollen. »Du
+bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines Mädchen.« Und jedesmal,
+wenn sie ihn ansah, hatten die braunen Augen wiederholt: »Hätte mein Bruder
+dies nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Eigentlich war das
+Flaumvögelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht Brudersohn sagten. Und
+nun denke man, wie sie sich betragen hatte. Sie hatte laut zu weinen
+angefangen und war aus dem Zimmer gestürzt.
+
+Aber nicht damals war »das« gekommen, auch nicht auf dem
+Vormittagsspaziergang.
+
+Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war sie ganz hingerissen vor
+Freude über die schöne Besitzung und darüber, der Natur so vertraut nahe zu
+sein. Es war, als hätte sie etwas wiedergefunden, was sie vor langer,
+langer Zeit verloren hatte.
+
+Bäckermamsell, Stadtmädchen, ja dafür hielt man sie. Aber sie war nun auf
+einmal ein Landkind geworden, wie sie nur den Fuß auf den Kiesweg setzte.
+Sie erkannte sogleich, daß sie aufs Land gehörte.
+
+Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich auf eigne Faust
+herausgewagt, um das Gut zu besichtigen. Sie hatte sich unten auf dem
+Kiesplatz vor dem Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut auf
+den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und begann sich hin und her zu
+wiegen. Dann stemmte sie den Arm in die Hüfte und zog Luft in die Lungen
+ein, daß sich die Nasenflügel zusammenzogen und es nur so pfiff.
+
+Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gefühlt!
+
+Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig unten im Garten
+herumzugehen, aber das hatte sie nicht gelockt. Mit einer raschen Wendung
+hatte sie sich zu den großen angebauten Wirtschaftsgebäuden begeben. Sie
+war einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit ihr gesprochen.
+Sie war erstaunt zu hören, wie frisch ihre eigne Stimme klang. Sie war wie
+die eines Leutnants vor der Front. Und sie fühlte, wie flott es sich
+ausnahm, wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt, mit
+raschen, nachlässigen Bewegungen, eine kleine sausende Gerte in der Hand,
+in den Stall trat.
+
+Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte. Keine langen
+Reihen gehörnter Wesen gab es da, denen sie imponieren konnte, denn sie
+waren alle draußen auf der Weide. Ein einsames Kälbchen stand da und schien
+zu erwarten, daß sie etwas für es tun sollte. Sie ging auf das Tierchen zu,
+stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt das Kleid mit der einen Hand
+gerafft und berührte mit der äußersten Spitze der andern die Stirn des
+Kalbes.
+
+Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, daß sie genug getan
+habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte, überließ sie ihm gnädigst
+ihren kleinen Finger zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin können,
+sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser Heldentat zu suchen.
+Und da hatte sie gefunden, daß Onkel Theodor in der Stalltüre stand und
+lachte.
+
+Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet. Aber da kam »das« gewiß
+nicht. Da war nur das höchst Merkwürdige und Seltsame eingetroffen, daß sie
+vor Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm wie mit Mutter, er
+schien alle ihre Fehler und Schwächen zu kennen, und das war ein so ruhiges
+Gefühl. Da brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war.
+
+Onkel Theodor hatte sie in den Garten führen wollen und zu den Terrassen am
+Teich, aber das war nicht nach ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in
+allen diesen großen Gebäuden war.
+
+Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und in den Eiskeller, in den
+Weinkeller und in den Kartoffelkeller. Er nahm alles der Reihe nach durch
+und zeigte ihr die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen
+und die Rollkammer. Dann führte er sie durch den Stall der Arbeitspferde
+und durch den der Wagenpferde, er ließ sie die Sattelkammer und das
+Bedientenzimmer sehen und die Knechtestube und die Werkstatt. Sie war ein
+wenig verwirrt von allen diesen Räumen, die Onkel Theodor nötig gefunden
+hatte, in seinem Hause einzurichten, aber ihr Herz glühte vor Entzücken bei
+dem Gedanken, wie herrlich es sein mußte, über alles das zu walten und zu
+schalten, so daß sie gar nicht müde wurde, obgleich sie auch die
+Schafställe und die Schweineställe durchwanderten und zu den Hühnern und
+den Kaninchen hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer
+und die Molkerei, die Räucherkammer und die Schmiede, alles in wachsender
+Begeisterung. Dann gingen sie über große Dachböden, Trockenböden für Wäsche
+und Trockenböden für Holz, Heuböden und Böden für trocknes Laub, das die
+Schafe zu fressen bekommen.
+
+Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim Anblick aller dieser
+Vollkommenheit zu Leben und Bewußtsein. Aber den tiefsten Eindruck machte
+ihr das große Bräuhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem weiten
+Ofen und den großen Tischen.
+
+»Das sollte Mutter sehen,« sagte sie.
+
+Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht, und sie hatte
+von daheim erzählt. Das konnte sie Onkel gegenüber so leicht. Er war schon
+wie ein Freund, obgleich seine braunen Augen über alles lachten, was sie
+sagte.
+
+Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung. Sie war als Kind
+kränklich gewesen, und darum behüteten die Eltern sie so, daß sie sie gar
+nichts tun ließen. Nur zum Spaß durfte sie mit in der Backstube oder im
+Laden sein ... Und wie sie so erzählte, war es ihr auch herausgerutscht,
+daß Vater sie sein Flaumvögelchen nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie
+auch gesagt: »Zu Hause verwöhnen sie mich alle, außer Moritz, darum habe
+ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er nennt mich auch nie
+Flaumvögelchen, nur Anne-Marie. Moritz ist so vortrefflich.«
+
+Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie hätte ihn mit der Gerte
+schlagen können. Und sie wiederholte noch einmal mit Tränen im Halse:
+»Moritz ist so vortrefflich.«
+
+»Ja, ich weiß, ich weiß,« hatte Onkel da geantwortet. »Er soll ja mein Erbe
+sein.« Worauf sie ausgerufen hatte: »Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie
+nicht? Denken Sie doch, wie glücklich das Mädchen sein müßte, die Frau in
+einem solchen Schlosse wird?«
+
+»Wie stände es dann mit Moritzens Erbe?« hatte Onkel ganz gleichmütig
+gefragt.
+
+Da war sie für lange Zeit ganz verstummt, denn sie konnte Onkel nicht
+sagen, daß sie und Moritz nicht nach dem Erbe fragten, denn das taten sie
+doch gerade. Sie grübelte, ob es sehr häßlich war, daß sie es taten. Sie
+hatte plötzlich das Gefühl, als müßte sie Onkel um Verzeihung bitten für
+irgendein großes Unrecht, das sie ihm angetan habe. Aber das konnte sie
+auch nicht.
+
+Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels Hund entgegen. Das war ein
+kleines, kleines Dingelchen auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden
+Ohrläppchen und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen gellenden
+Stimmchen.
+
+»Du wunderst dich wohl, daß ich einen so kleinen Hund habe,« hatte Onkel
+Theodor gesagt.
+
+»Ja, wirklich,« hatte sie da geantwortet.
+
+»Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund gewählt, sondern Jenny
+hat mich zum Herrn genommen. Willst du die Geschichte hören,
+Flaumvögelchen?« Von dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen.
+
+Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken konnte, daß wieder
+irgendeine Neckerei dahinter steckte.
+
+»Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam, lag sie einer feinen Frau
+aus der Stadt auf dem Schoße und hatte ein Deckchen auf dem Rücken und ein
+Tüchlein um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest du! Und ich
+dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen. Aber siehst du, als das
+Hundeviehchen hier auf den Boden kam, da müssen irgendwelche
+Kindheitserinnerungen in ihm erwacht sein, oder was es nun war. Es kratzte
+und schlug um sich und wollte durchaus die Decke herunterzerren. Und dann
+betrug sich Jenny ganz wie die großen Hunde hier, so daß wir sagten, sie
+müsse ganz gewiß auf dem Lande aufgewachsen sein.
+
+Sie legte sich draußen auf die Schwelle und warf nicht einmal einen Blick
+auf das Salonsofa, und sie jagte die Hühner und stahl die Milch der Katze
+und kläffte die Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch
+kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu sehen, wie sie sich benahm.
+Denke dir doch, solch ein kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat
+und auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich. -- Und dann, weißt
+du, als sie fortfahren sollten, wollte Jenny nicht mit. Sie stand auf der
+Treppe und winselte so jämmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte
+förmlich, denke dir nur, bleiben zu dürfen. So wußten wir uns keinen andern
+Rat, als sie da zu lassen. Wir waren ganz gerührt über dies Hündchen, das
+so klein war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber das hätte
+ich doch nie geglaubt, daß ich mir noch einmal einen Schoßhund halten
+würde, vielleicht bekomme ich auch noch bald eine Frau.«
+
+O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so schüchtern, so unerzogen ist.
+Sie hätte wohl gerne wissen mögen, ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als
+sie so ungestüm fortstürzte. Aber es war ganz, als hätte er sie gemeint,
+als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar nicht. Aber
+immerhin -- -- ja, ja, sie war so verlegen gewesen. Sie hatte nicht bleiben
+können.
+
+Aber nicht damals war »das« gekommen, nicht damals.
+
+So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte sie sich noch so gut auf
+einem Ball unterhalten! Aber wenn jemand gefragt hätte, ob sie viel getanzt
+habe, dann hätte sie sich wohl besinnen und sagen müssen, das habe sie
+nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut sie sich unterhalten
+hatte, daß sie es gar nicht merkte, daß sie ein wenig vernachlässigt worden
+war.
+
+Es war für sie schon eine solche Unterhaltung gewesen, Moritz anzusehen.
+Gerade weil sie beim Frühstück ein kleines, kleines bißchen streng gegen
+ihn gewesen war und gestern abend über ihn gelacht hatte, war es ihr eine
+solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie war er ihr so schön
+und so überlegen vorgekommen.
+
+Er hatte gewiß das Gefühl gehabt, daß sie sich zurückgesetzt fühlte, weil
+er nicht nur mit ihr gesprochen und getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug
+Vergnügen gemacht, zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als ob sie
+ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung hätte ausstellen wollen! Ah, so dumm
+war das Flaumvögelchen nicht!
+
+Moritz tanzte viele Tänze mit der schönen Elisabeth Westling. Aber das
+hatte sie gar nicht beunruhigt, denn Moritz war immer wieder auf sie
+zugekommen und hatte geflüstert: »Du siehst, ich kann da nicht entwischen,
+wir sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem Lande so gar nicht
+gewöhnt, einen Kavalier zu haben, der in der großen Welt gewesen ist und
+tanzen und konversieren kann. Du mußt mich heute abend schon den
+Gutsbesitzerstöchtern leihen, Anne-Marie.«
+
+Aber Onkel ging Moritz gewissermaßen aus dem Wege. »Sei du heut abend
+Hausherr,« sagte er zu ihm, und das war Moritz. Er kam zu allem, er führte
+den Tanz an, führte das Trinken an und hielt Reden auf die schöne Gegend
+und auf die Damen. Er war großartig. Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke
+auf Moritz geheftet, und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte
+Onkel gelächelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich stolz auf Moritz.
+Es hatte sie vorher ein wenig bedrückt, daß Onkel seinen Neffen nicht recht
+zu schätzen wußte. Gegen Morgen war Onkel recht laut und lärmend geworden.
+Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen, aber die Mädchen wichen ihm
+aus, wenn er zu ihnen kam, und taten, als wären sie schon engagiert.
+
+»Tanze mit Anne-Marie,« hatte Moritz zu Onkel Theodor gesagt, und das hatte
+natürlich ein wenig protegierend geklungen. Sie erschrak so sehr, daß sie
+förmlich zusammenfuhr.
+
+Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins Rauchzimmer.
+
+Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit harter, harter Stimme
+gesagt:
+
+»Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mußt du so ein Gesicht
+machen, wenn Onkel mit dir tanzen will? Wenn du nur wüßtest, was er mir
+gestern über dich sagte. Du mußt auch etwas tun, Anne-Marie. Glaubst du,
+daß es recht ist, alles mir zu überlassen?«
+
+»Was willst du denn, daß ich tun soll, Moritz?«
+
+»Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren. Denke, was ich
+heute abend alles gewonnen habe! Aber jetzt ist es verloren.«
+
+»Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du es willst, Moritz.« Und
+sie meinte es auch. Es tat ihr wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben.
+
+»Es wäre natürlich das einzig Richtige, aber von jemandem, der so
+lächerlich schüchtern ist wie du, kann man ja nichts verlangen.«
+
+Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs in das Rauchzimmer
+gegangen, das jetzt beinahe leer war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl
+geworfen.
+
+»Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?« hatte sie gefragt.
+
+Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie auf und sah sie lange
+an. Es war der schmerzvollste Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte
+nun, wie einem Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln denkt.
+Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als brauchte er sie viel
+nötiger als Moritz, denn Moritz brauchte niemanden. Er war so prächtig, wie
+er war. Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf Onkel
+Theodors Arm.
+
+Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen. Er begann mit seiner
+großen Hand ihr Haar zu streicheln. »Mütterchen,« sagte er.
+
+Da kam »das« über sie, während er ihr Haar streichelte. Es kam geschlichen,
+es kam gekrochen, es kam gehuscht und geraschelt, so wie wenn die
+Heinzelmännchen durch den dunklen Wald ziehen.
+
+
+III
+
+Eines Abends liegen feine, weiche Wölkchen am Himmel, eines Abends ist es
+still und lau, eines Abends schweben kleine weiße Fläumchen von Espen und
+Pappeln durch die Luft.
+
+Es ist schon spät, und niemand ist mehr auf, nur Onkel Theodor, der draußen
+im Garten umhergeht und überlegt, wie er den jungen Mann und das junge
+Mädchen voneinander trennen könnte.
+
+Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, daß Moritz an ihrer
+Seite vom Hofe wegfährt, während Onkel Theodor auf der Schwelle steht und
+ihnen glückliche Reise wünscht.
+
+Ist es denn überhaupt möglich, sie ziehen zu lassen, nachdem sie drei Tage
+hindurch das Haus mit zwitschernder Fröhlichkeit erfüllt, nachdem sie sie
+in ihrer stillen Weise daran gewöhnt hat, daß sie für sie alle denkt und
+sorgt, nachdem er sich gewöhnt hat, dies weiche geschmeidige kleine Wesen
+überall umherstreifen zu sehen. Onkel Theodor sagt zu sich selbst, daß das
+nicht möglich ist. Er kann sie nicht mehr entbehren.
+
+In demselben Augenblick stößt er an einen abgeblühten Löwenzahn, und wie
+die Entschlüsse der Menschen und die Versprechungen der Menschen zerstreut
+sich das weiße Flaumbällchen, und die weißen Federchen fliegen eilig davon
+und verschwinden.
+
+Die Nacht ist nicht kalt, wie die Nächte in dieser Gegend zu sein pflegen.
+Die Wärme wird unter der grauen Wolkendecke zurückgehalten. Die Winde
+zeigen ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still.
+
+Onkel Theodor sieht sie, das Flaumvögelchen. Sie weint, weil Moritz sie
+verlassen hat. Aber er zieht sie an sich und küßt die Tränen fort.
+
+Weich und fein fliegen die weißen Fläumchen von den großen reifen Kätzchen
+der Bäume. So leicht, daß die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein
+und zart, daß sie kaum auf dem Boden sichtbar werden.
+
+Onkel Theodor lacht sich ins Fäustchen, als er an Moritz denkt. In Gedanken
+tritt er am nächsten Morgen in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt.
+»Höre, Moritz,« will er ihm sagen. »Ich möchte dir keine falschen
+Hoffnungen machen. Wenn du dieses Mädchen heiratest, so hast du keinen
+Pfennig von mir zu erwarten. Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft
+zu vernichten.«
+
+»Mißfällt sie Ihnen so sehr, Onkel?« wird Moritz dann fragen.
+
+»Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes Mädchen, aber doch nichts für
+dich. Du mußt ein Prachtweib haben wie Elisabeth Westling. Sei nun
+verständig, Moritz, was wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine
+Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst du nicht, mein Junge.
+Dazu ist etwas andres nötig, als den Hut schön zu schwingen und zu sagen:
+>Habt Dank, meine Kinder!< Du bist ja zum Beamten wie geschaffen. Du
+kannst Minister werden.«
+
+»Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, Onkel,« antwortet dann
+Moritz, »so helfen Sie mir doch, mein Examen zu machen, und lassen Sie uns
+dann heiraten!«
+
+»Nein, das nicht, du, das ganz gewiß nicht. Was, glaubst du, würde aus
+deiner Karriere werden, wenn du einen solchen Ballast mitschleppen müßtest,
+wie es eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen muß, galoppiert
+nicht. Denke dir nun die Bäckermamsell als Ministerfrau! Nein, du darfst
+dich nicht vor zehn Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was
+wäre die Folge, wenn ich es euch ermögliche, zu heiraten. Jedes Jahr würdet
+ihr zu mir kommen und um Geld betteln. Und das würdet ihr und ich bald satt
+kriegen.«
+
+»Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe mich doch verlobt.«
+
+»Höre mich nun an, Moritz! Was ist besser? Daß sie zehn Jahre herumgeht und
+auf dich wartet und du sie dann nicht heiraten willst oder daß du gleich
+ein Ende machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in deinen
+Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht. Es schickt sich ja ohnehin
+nicht, daß Bräutigam und Braut so zu zweien über Land ziehen. Ich werde
+schon für das Mädchen sorgen, wenn du nur von diesem Wahnwitz abstehst. Die
+Bergrätin wird sie nach Hause bringen, ich werde den schönsten Wagen
+anspannen lassen. Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen, so daß du
+dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen brauchst. Sieh mal, sei
+verständig, du machst deinen Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise
+jetzt ab, ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen. Sie
+will gewiß deinem Glück nicht im Wege stehen. Versuche nur nicht, sie zu
+treffen, ehe du fährst, sonst könntest du wieder schwankend werden, denn
+sie ist reizend.«
+
+Und nach diesen Worten faßt Moritz einen heldenmutigen Entschluß und reist
+ab.
+
+Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen?
+
+»Schlechter Kerl,« ruft es im Garten laut und drohend, wie nach einem Dieb.
+Onkel Theodor sieht sich um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich
+das selber zuruft?
+
+Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf vorbereiten, daß Moritz
+fort ist, ihr zeigen, daß Moritz ihrer nicht würdig war, sie dahin bringen,
+ihn zu verachten. Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint hat,
+wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig verstehen lassen, was er fühlt,
+sie locken, sie gewinnen.
+
+Die Fläumchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor streckt seine große Hand
+aus und fängt ein Flöckchen auf.
+
+Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und sieht es an.
+
+Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um Flocke. Was wird dann
+mit ihnen geschehen? Sie werden vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt,
+von schweren Füßen zertreten werden.
+
+Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fläumchen mit der größten
+Schwere auf ihn niederfielen. Wer will der Wind, wer will die Erde, wer
+will die Schuhsohle sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt?
+
+Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in Nösselts Weltgeschichte
+steht eine Episode daraus vor ihm, die sich mit dem vergleichen läßt, woran
+er eben gedacht hat.
+
+Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht wie jetzt. Es war ein
+Felsenstrand, und unten am Meere saß ein schöner Jüngling mit einem
+Pantherfell über der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos in
+der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst.
+
+Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah, war Griechenlands Meer.
+Das Schiff mit den schwarzen Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward
+von Theseus gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch in einem
+Absatz der steilen Strandberge öffnete, schlummerte Ariadne.
+
+Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: »Ist wohl der sterbliche
+Jüngling würdig der himmlischen Maid?« Und um Theseus zu prüfen, hatte er
+ihn in einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht, wenn er nicht
+sogleich Ariadne verließ. Da hatte sich dieser ungesäumt erhoben, war zum
+Schiffe geeilt und über die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau zu
+wecken, um ihr Lebewohl zu sagen.
+
+Nun saß Gott Bacchus lächelnd da, von den süßesten Hoffnungen gewiegt und
+harrte Ariadnes. Die Sonne ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er überließ
+sich lächelnden Träumen. Er würde die Verlassene schon zu trösten wissen,
+er, Gott Bacchus selbst.
+
+Da kam sie. Mit strahlendem Lächeln trat sie aus der Grotte. Ihre Augen
+suchten Theseus, sie irrten immer weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes,
+über die Wellen -- -- zu den schwarzen Segeln -- --
+
+Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung, ohne Zaudern, hinab
+ins Meer, hinab in Tod und Vergessenheit.
+
+Und da saß nun Gott Bacchus, der Tröster.
+
+So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor erinnert sich freilich,
+daß Nösselt ein paar Worte hinzufügt, daß mitleidige Dichter behaupten,
+Ariadne hätte sich von Bacchus trösten lassen. Aber die Mitleidigen hatten
+sicherlich unrecht. Ariadne ließ sich nicht trösten.
+
+Lieber Gott, weil sie so gut und süß ist, daß er sie lieben muß, darum soll
+sie unglücklich gemacht werden!
+
+Zum Lohn für das schöne, sanfte Lächeln, das sie ihm geschenkt hat, weil
+ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll in die seine gelegt, weil sie
+nicht gezürnt hat, wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Bräutigam
+verlieren und unglücklich gemacht werden.
+
+Für welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt werden? Weil sie
+ihn dazu gebracht hat, im Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu
+entdecken, der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen ist und
+nur auf solch ein kleines, zartes und mütterliches Frauenwesen gewartet zu
+haben scheint, oder weil sie schon jetzt über ihn Macht hat, so daß er kaum
+wagt, einmal zu fluchen, wenn sie es hört, oder warum soll sie gestraft
+werden?
+
+Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist nicht gut, es mit diesen
+Feinen, Lichten, Daunenweichen zu tun zu haben. -- Sie springen ins Meer,
+wenn sie die schwarzen Segel sehen.
+
+Onkel Theodor flucht in aller Stille darüber, daß das Flaumvögelchen nicht
+schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig ist.
+
+Da fällt wieder ein Flöckchen, und es fängt an zu sprechen: »Ich hätte dir
+all dein Lebtag folgen sollen. Ich hätte dir am Spieltisch eine Warnung ins
+Ohr geflüstert. Ich hätte das Weinglas fortgerückt. Von mir würdest du es
+geduldet haben.« -- »Das hätte ich,« flüstert er, »das hätte ich.«
+
+Ein andres kommt und spricht ebenfalls: »Ich hätte dein großes Haus
+regieren und es traulich und warm machen sollen. Ich hätte dich durch die
+öden Gefilde des Alters geleitet. Ich hätte dein Herdfeuer entzündet, wäre
+dir Auge und Stab gewesen. Würde ich nicht dazu getaugt haben?« -- »Liebes,
+kleines Fläumchen,« antwortet er, »freilich hättest du das.«
+
+Noch ein Flöckchen kommt geflogen, und es spricht: »Wie bin ich doch zu
+beklagen. Morgen fährt mein Bräutigam von mir fort, ohne mir auch nur
+Lebewohl zu sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen, denn
+ich werde es als solch eine Schmach empfinden, daß ich für Moritz nicht gut
+genug bin. Und wenn ich heimkomme, wie werde ich da über meines Vaters
+Schwelle treten können. Das ganze Hintergäßchen entlang wird man flüstern
+und zischeln, wenn ich mich zeige. Alle werden sich fragen, was ich wohl
+Böses verbrochen habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich dafür,
+daß du mich liebst?« Er antwortet mit Tränen in der Kehle: »Sprich nicht
+so, kleines Fläumchen! Es ist noch zu früh, um so zu sprechen.«
+
+Die ganze Nacht geht er draußen umher, und endlich gegen Mitternacht kommt
+ein wenig Dunkelheit. Da gerät er in große Angst, diese dumpfe schwüle Luft
+scheint stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die am Morgen
+begangen werden soll. Da sucht er die Nacht zu beschwichtigen, indem er
+ganz laut sagt: »Ich werde es nicht tun.«
+
+Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht gerät in solch eine zitternde
+Angst. Jetzt sind es nicht mehr die kleinen Fläumchen, die fallen, nein,
+rings um ihn rauschen große und kleine Flügel. Er hört, daß etwas
+entflieht, aber er weiß nicht, wohin.
+
+Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es berührt seine Wange, es streift
+seine Kleider und seine Hände, und er begreift, was es ist. Es sind die
+Blätter, die die Bäume verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln
+entfliehen, die Flügel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der
+Gesang, der die Vögel verläßt.
+
+Und er weiß, daß, wenn die Sonne aufgeht, sein Lustgarten ganz verwüstet
+sein wird. Leerer, kahler, stummer Winter wird da herrschen, kein
+Schmetterlingsspiel, kein Vogelgezwitscher.
+
+Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und er ist beinahe
+erstaunt, als er die dunklen Laubmassen der Ahornbäume sieht. »Ja so,« sagt
+er, »was war es dann, was verwüstet wurde, wenn nicht der Garten? Hier
+fehlt ja nicht einmal ein Grashälmchen. Der Tausend auch, ich selber bin
+es, der fortab durch Kälte und Winter wandern muß, nicht der Garten. Es
+ist, als wäre der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das geht
+wohl auch vorüber, wie alles andre. Das ist doch wahrlich zu viel Aufhebens
+um so ein kleines Frauenzimmerchen.«
+
+
+IV
+
+Wie schrecklich unbescheiden »das« sich an dem Morgen beträgt, wo sie
+fortfahren sollen. An den zwei Tagen, die sie nach dem Balle hier gewesen
+sind, ist »das« eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber
+jetzt, wo das Flaumvögelchen fort soll, wo »das« einsieht, daß es im Ernst
+aus ist, daß es keine Rolle in ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es
+sich in eine Todesschwere, in eine Todeskälte.
+
+Es ist, als müßte sie einen versteinerten Körper über die Treppen hinab ins
+Frühstückszimmer schleppen. Sie streckt eine schwere kalte Hand aus Stein
+aus, als sie grüßt, sie spricht mit einer trägen Steinzunge, sie lächelt
+mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit.
+
+Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, daß alles an diesem
+Morgen so abgemacht wird, wie es die gute alte Treue und Ehre erfordert.
+
+Onkel Theodor wendet sich beim Frühstück an das Flaumvögelchen und erklärt
+mit wunderlich ungefüger Stimme, daß er sich entschlossen hat, Moritz die
+Verwalterstelle in der Laxåhütte zu geben; aber da der genannte junge Mann,
+fährt Onkel mit einem angestrengten Versuch, seinen gewöhnlichen
+Gesprächston beizubehalten, fort, in praktischen Beschäftigungen nicht
+allzu bewandert ist, so kann er den Platz nicht früher antreten, ehe er
+nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell Flaumvögelchen,
+ihre Myrte so gut gepflegt, daß sie im September Kranz und Krone tragen
+kann?
+
+Sie fühlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie weiß, daß er einen
+Blick zum Dank haben will, aber sie sieht nicht auf.
+
+Moritz hingegen springt in die Höhe. Er umarmt Onkel und treibt es ganz
+schrecklich. »Aber, Anne-Marie, warum dankst du Onkel nicht? Du mußt Onkel
+Theodor streicheln, Anne-Marie. Die Laxåhütte ist das Herrlichste auf der
+Welt. Nun, Anne-Marie!«
+
+Jetzt schlägt sie die Augen auf. Es stehen Tränen darin, und durch diese
+fällt auf Moritz ein Blick, voll Angst und Vorwurf. Daß er nicht versteht,
+daß er durchaus mit bloßem Licht in den Pulverkeller gehen muß.
+
+Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in der schüchternen,
+kindlichen Art wie zuvor, sondern mit einer gewissen Grandezza im Benehmen,
+mit etwas von einer Märtyrerin, einer gefangnen Königin.
+
+»Sie tun zu viel für uns, Onkel,« sagt sie nur.
+
+Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und des Anstandes abgemacht.
+Es ist kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den
+Glauben an den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht verraten.
+Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner Braut gemacht hat, obgleich sie
+nur ein armes Mädchen aus einem kleinen Bäckerladen im Hintergäßchen ist.
+
+Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack geschnürt, der Eßkorb
+gefüllt werden.
+
+Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich an das Fenster. Von
+dem Moment an, wo sie sich mit jenem tränenvollen Blick ihm zugewendet hat,
+ist er ganz von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu
+stürzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, er möge nur
+kommen und sie von dort losreißen, wenn er es kann.
+
+Er hält die Hände in den Taschen. Durch die geballten Fäuste gehen
+krampfhafte Zuckungen.
+
+Kann er es zulassen, daß sie den Hut aufsetzt, daß sie der Bergrätin
+Lebewohl sagt?
+
+Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und will die Geliebte stehlen.
+Nein, nicht stehlen! Warum nicht ehrlich und männlich vortreten und sagen:
+»Ich bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen uns wählen. Ihr
+seid noch nicht verheiratet, es ist keine Sünde, wenn ich versuche, sie dir
+abwendig zu machen. Hüte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.«
+
+Dann wäre er ja gewarnt, und sie wüßte, wonach sie sich zu richten hätte.
+
+Es knackt in den Knöcheln, als er wieder die Fäuste ballt. Wie würde Moritz
+über den alten Onkel lachen, wenn er vorträte und dies erklärte! Und wozu
+sollte es dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann nicht einmal
+mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu helfen?
+
+Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, um ihm Lebewohl zu
+sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, sich zu hüten, sich auf drei
+Schritt Entfernung von ihm zu halten.
+
+Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den Rücken, während sie mit
+dem Ankleiden und dem Füllen des Eßkorbes beschäftigt sind. Werden sie denn
+nie fertig? Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr die Hand
+gegeben, sie geküßt, ihr in den Wagen geholfen. Er hat es so oft getan, daß
+er sie schon fort glaubt.
+
+Er hat ihr auch Glück gewünscht. Glück ... Kann sie mit Moritz glücklich
+werden? Sie hat diesen Morgen nicht glücklich ausgesehen. O, doch gewiß.
+Sie weinte ja vor Freude.
+
+Während er so dasteht, sagt Moritz plötzlich zu Anne-Marie: »Was für ein
+Dummkopf ich bin. Ich habe ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien
+zu sprechen.«
+
+»Ich denke, es wäre am besten, du ließest es,« antwortet das
+Flaumvögelchen. »Es ist vielleicht nicht recht.«
+
+»Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade augenblicklich nichts.
+Aber wer weiß, ob sie nicht eines Tages besser werden? Und übrigens, was
+macht das Onkel? Solch eine Kleinigkeit ...«
+
+Sie unterbricht mit ungewöhnlicher Heftigkeit, beinahe mit Angst. »Ich
+bitte dich, Moritz, tue es nicht! Laß mich dieses einzige Mal recht
+behalten.«
+
+Er sieht sie an, ein bißchen verletzt. »Dieses einzige Mal. Als wenn ich
+dir gegenüber ein Tyrann wäre. Nein, weißt du, das kann ich nicht, schon
+dieses Wortes wegen finde ich, daß ich nicht nachgeben darf.«
+
+»Hänge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt es sich um mehr als um
+Höflichkeit und Phrasen. Ich finde es nicht schön von dir, Onkel
+übervorteilen zu wollen, wo er so gut gegen uns war.«
+
+»Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst du von Geschäften?«
+-- Sein ganzes Wesen ist noch aufreizend ruhig und überlegen. Er sieht sie
+an, wie ein Schulmeister einen guten Schüler, der sich gerade am
+Prüfungstage dumm anstellt.
+
+»Daß du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,« ruft sie aus. Und sie
+ringt verzweifelt die Hände.
+
+»Ich muß wirklich jetzt mit Onkel sprechen,« sagt Moritz, »wennschon aus
+keinem andern Grunde, so um ihm zu zeigen, daß es sich hier um keinen
+Betrug handelt. So wie du dich benimmst, könnte Onkel wirklich glauben, daß
+wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken sind.«
+
+Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklärt ihm, welche Bewandtnis es mit
+diesen Aktien hat, die sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hört so
+gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, daß sein Bruder, der
+Bürgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht hat und sich vor
+Verlusten schützen will. Aber was weiter, was weiter? Solche Gefälligkeiten
+pflegt er ja der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er nicht
+daran, sondern an das Flaumvögelchen. Er wüßte zu gern, was in dem empörten
+Blick liegt, den sie Moritz zuwirft. Liebe war es gerade nicht.
+
+Und nun mitten in seiner Verzweiflung über das Opfer, das er bringen mußte,
+beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl vor ihm aufzudämmern. Er steht da und
+starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo ein Geist umgeht, liegt
+und sieht, wie ein heller Nebel aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet
+und wächst und zu greifbarer Wirklichkeit wird.
+
+»Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,« sagt er, »dann kannst du das Geld
+gleich haben.«
+
+Aber während er spricht, ruht sein Blick auf dem Flaumvögelchen, um zu
+sehen, ob »das Geistchen« zum Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht
+er nur stumme Verzweiflung bei ihr.
+
+Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die Türe sich öffnet und
+Anne-Marie hereinkommt.
+
+»Onkel Theodor,« sagt sie sehr fest und entschlossen, »kaufen Sie doch
+diese Papiere nicht.«
+
+Ach, welcher Mut, Flaumvögelchen! Wer, der dich vor drei Tagen an Moritzens
+Seite im Wagen sah, wo du bei jedem Wort, das er sagte,
+zusammenzuschrumpfen und immer kleiner zu werden schienst, hätte dir so
+etwas zugetraut?
+
+Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird Moritz ernstlich
+böse.
+
+»Schweig,« zischt er sie an und brüllt darauf, um von Onkel Theodor, der am
+Pult sitzt und Banknoten zählt, richtig gehört zu werden. »Was fällt dir
+denn ein? Die Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt,
+aber Onkel weiß ebensogut wie ich, daß sie welche tragen werden. Glaubst
+du, daß Onkel sich so von einem, wie ich, übers Ohr hauen läßt? Onkel wird
+von diesen Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. Ist es je
+meine Absicht gewesen, diese Aktien für gut auszugeben? Habe ich je etwas
+andres gesagt, als für jemanden, der in der Lage ist, zu warten, könne dies
+ein gutes Geschäft werden?«
+
+Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein paar Banknoten. Er
+möchte wissen, ob dies den Geist zum Sprechen bringen wird.
+
+»Onkel,« sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverkünderin -- denn es ist
+ja eine bekannte Sache, daß niemand unerbittlicher sein kann, als diese
+Daunenweichen, diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind -- »diese
+Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden nie etwas wert sein. Das
+wissen wir zu Hause alle.«
+
+»Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken --«
+
+Sie fährt mit den Augen über ihn hin, so, als wären ihre Blicke die
+Schneiden einer Schere, und sie schneidet ihm Lappen um Lappen alles ab,
+womit sie ihn herausstaffiert hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen
+Nacktheit seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fällt ihr
+schreckliches kleines Zünglein das Urteil über ihn:
+
+»Was bist du denn anders?«
+
+»Anne-Marie!«
+
+»Ja, was sind wir alle beide anders,« fährt das unbarmherzige Zünglein
+fort, das, nun es in Gang ist, es am besten findet, die Dinge klarzulegen,
+die ihr Gewissen zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, daß
+auch der reiche Mann, dem dieses große Schloß gehört, ein Herz hat, das
+leiden und sich sehnen kann. Und nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang
+ist und alle Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie:
+
+»Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten wir da? Wovon
+sprachen wir auf dem Wege? Wie wir ihn dort für uns gewinnen wollten. >Du
+mußt flott sein, Anne-Marie,< sagtest du. >Und du mußt schlau sein,
+Moritz,< sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. Viel
+wollten wir haben, und nichts wollten wir geben, nichts andres als
+Verstellung. Wir wollten nicht sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns
+lieb haben, sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel in dich
+oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. Aber wir wollten nichts
+zurückgeben, weder Liebe noch Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum
+bist du nicht allein gefahren, warum mußte ich mit? Du wolltest mich ihm
+zeigen, du wolltest, daß ich, daß ich ...«
+
+Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz die Hand gegen sie
+erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet und verfolgt das, was geschieht,
+mit einem Herzen, das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flöge sein Herz
+nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt aufschreit und in seine
+Arme flieht, in seine Arme flieht ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gäbe
+es keinen andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen könnte.
+
+»Onkel, er will mich schlagen!«
+
+Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn.
+
+Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. »Verzeih meine Heftigkeit,
+Anne-Marie,« sagt er. »Es regte mich auf, dich in Onkels Gegenwart so
+kindisch sprechen zu hören. Aber Onkel wird auch verstehen, daß du eben nur
+ein Kind bist. Dennoch gebe ich zu, daß keine, wenn auch noch so gerechte
+Empörung einem Manne das Recht gibt, eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her
+und küsse mich. Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu suchen.«
+
+Sie rührt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie klammert sich nur fest.
+
+»Flaumvögelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?« flüstert Onkel Theodor.
+
+Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch seinen ganzen Körper
+durcheilt.
+
+Aber Onkel Theodor fühlt sich so frisch, so gehoben. Er ist jetzt ganz
+außerstande, den vollkommenen Neffen wie früher im richtigen Licht seiner
+Vollkommenheit zu sehen. Er wagt es, mit ihm zu scherzen.
+
+»Moritz,« sagt er, »du überraschst mich. Die Liebe macht dich schwach.
+Kannst du so mir nichts dir nichts verzeihen, daß sie dich einen Schurken
+nennt? Du mußt sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an deine
+Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, einen Mann zu
+beleidigen. Setze dich in deine Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses
+verlorne Wesen von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit nach
+einer solchen Beschimpfung.«
+
+Und während er seine Rede beschließt, legt er seine großen Hände um ihr
+Köpfchen und richtet es empor, so daß er ihre Stirn küssen kann.
+
+»Verlasse dieses verlorne Wesen,« wiederholt er.
+
+Aber jetzt fängt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, wie es in Onkel
+Theodors Augen funkelt, und wie ein Lächeln nach dem andern um seine Lippen
+spielt.
+
+»Komm, Anne-Marie.«
+
+Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie sich angelobt hat.
+Es ist, als müßte sie gehen. Und sie läßt Onkel Theodor so hastig los, daß
+er es nicht verhindern kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen,
+darum gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und schluchzt.
+
+»Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,« sagt Onkel Theodor
+scharf. »Diese junge Dame ist bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und
+ich gedenke sie vor deinen Übergriffen in Schutz zu nehmen.«
+
+Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur darauf bedacht, sie
+emporzuziehen, ihre Tränen zu trocknen und ihr zuzuflüstern, daß er sie
+liebt.
+
+Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre tröstend, ruft
+aus: »Ach, das ist alles abgekartet. Ich bin betrogen. Das ist eine
+Komödie. Man stiehlt mir meine Braut, und man verhöhnt mich obendrein. Man
+läßt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. Ich beglückwünsche
+dich zu diesem Handel, Anne-Marie.«
+
+Und während er hinausstürzt und die Türe zuwirft, ruft er aus:
+»Glückssucherin!«
+
+Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm nachzueilen und ihn zu
+züchtigen, aber das Flaumvögelchen hält ihn zurück.
+
+»Ach, Onkel Theodor, laß doch immerhin Moritz das letzte Wort behalten.
+Moritz hat immer recht. Eine Glückssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel
+Theodor.«
+
+Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Und
+Onkel Theodor ist ganz verwirrt, eben weinte sie noch und jetzt lacht sie,
+eben sollte sie den einen heiraten und jetzt küßte sie einen andern. Da
+hebt sie das Köpfchen und lächelt: »Jetzt bin ich dein kleines Hündchen. Du
+kannst mich nicht loswerden.«
+
+»Flaumvögelchen,« sagt der Gutsherr mit seiner barschesten Stimme. »Das
+hast du schon die ganze Zeit gewußt.«
+
+Sie begann zu flüstern: »Hätte mein Bruder ...«
+
+»Und du wolltest doch, Flaumvögelchen ... Moritz kann froh sein, daß er
+dich los wird. Solch ein dummes, lügnerisches, heuchelndes Flaumvögelchen,
+solch ein ungerechtes, kleines, wetterwendisches Fläumchen, solch ein,
+solch ein ...«
+
+ * * * * *
+
+Ach Flaumvögelchen, ach Seidenblümchen! Du warst wohl nicht nur eine
+Glückssucherin, du warst wohl auch eine Glücksbringerin, sonst würde wohl
+nicht so viel von deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du
+gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von großen Ahornen beschattet, und
+die Birkenstämme stehen weiß und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel
+da. Noch heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem Hügel, und im
+Parkteich schwimmt ein Kühling, der so alt ist, daß kein Junge es über das
+Herz bringt, ihn zu angeln. Und wenn ich hinkomme, da fühle ich, daß
+Feierfriede in der Luft liegt, und es ist, als sängen Vögel und Blumen noch
+ihre schönen Lieder dir zum Preise.
+
+
+
+
+Unter den Kletterrosen
+
+
+Ich wollte, daß die Blicke der Menschen, unter denen ich meinen Sommer
+verlebt habe, auf diese Zeilen fielen. Jetzt, wo Kälte und dunkle Nächte
+gekommen sind, möchte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit
+zurückführen.
+
+Vor allem möchte ich sie an die Kletterrosen erinnern, die die Veranda
+umschlangen, an das feine, ein wenig dünne Laubwerk der +Rosa bengalensis+,
+das sich beim Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen Schatten auf
+dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und einen leichten Spitzenschleier
+über alles dort draußen warf, und an ihre großen lichten Riesenblumen mit
+den ausgefransten Rändern.
+
+Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an Birkenwälder oder an
+Birnbäume und Beerensträucher, aber dieser Sommer hat seinen Charakter von
+den Kletterrosen bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder Wind noch
+Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgrünen Schößlinge, die sanft
+geneigten Stämmchen, der überschwengliche Reichtum an Blumen, die fröhlich
+summende Insektenschar, alles das wird mich begleiten und in seiner ganzen
+Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an den Sommer zurückdenke, den
+zarten, feinen Schmelz des Sommers.
+
+Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich
+meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner
+Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus tagein auf
+der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnenschein
+eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten.
+
+Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend
+bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit
+ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen,
+wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Bürde an sich
+drückend, flatterte sie fort zum Parke und ließ sich auf einem alten
+Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle
+Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte.
+In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfüßler
+je gewagt hatten, breitete sie die grüne Blattrolle aus und bedeckte den
+holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war,
+holte die Biene wieder neue Blätter, um die Wände des Schachtes zu
+bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen
+Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der
+bezeugte, daß es zur Ausschmückung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte
+beitragen müssen.
+
+Eines schönen Tages änderte das Bienchen seine Beschäftigung. Es bohrte
+sich tief in die Blätterwirrnis der Riesenrosen und schlürfte und trank aus
+ihren schönen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es einen
+Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu dem alten Baumstumpf, um
+die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu füllen.
+
+Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die draußen in der
+Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz
+unvergleichliche Spinne. Sie war größer als alles, was ich bisher vom
+Spinnengeschlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich
+punktierten Kreuz auf dem Rücken, und sie hatte acht lange, weiß und rot
+gestreifte Beine, alle gleich schön gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne
+sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. Von
+den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt dienten, bis zu den
+innersten feinen Webfäden. Und ihr hättet sehen sollen, wie sie den
+schmalen Fäden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren
+Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig,
+stundenlang wartend.
+
+Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so geduldig und so
+weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmützel mit der Tapezierbiene,
+und immer zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus der Affäre.
+Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeiführte, blieb einmal ums andre in
+ihrem Netz hängen. Sogleich begann sie zu surren und zu reißen, sie zerrte
+an dem feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natürlich zur Folge
+hatte, daß sie sich immer ärger und ärger verwickelte und Flügel und
+Beinchen in das klebrige Gewebe verstrickte.
+
+Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die Spinne zu ihr heran.
+Sie hielt sich immer in gebührlicher Entfernung, aber mit der äußersten
+Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene einen
+kleinen Stoß, so daß sie sich im Netz herumdrehte. Und wenn die Biene
+wieder herumgeschnurrt und sich müde gerast hatte, bekam sie abermals einen
+ganz sachten Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie sich wie ein
+Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein noch aus wußte und so
+verwirrt war, daß sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem
+Herumschwingen drehten sich die Fäden, die sie hielten, immer mehr
+zusammen, und die Spannung wurde so groß, daß sie rissen und die Biene zu
+Boden fiel. Ja, das war es natürlich, was die Spinne gewollt hatte.
+
+Und dieses Kunststück konnten die beiden Tag für Tag wiederholen, solange
+die Biene in der Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer
+es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie zeigte die
+Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie wirklich alle beide gerne leiden,
+die kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie die große schlaue alte
+Jägerin.
+
+Es begaben sich nicht oft große Ereignisse in dem Hause mit den
+Kletterrosen. Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der
+Sonne liegen und blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und zu
+umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu können, aber bei
+jedem kleinen Gekräusel des grauen Spiegels flogen tausende kleine Fünkchen
+auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wäre die
+ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus könnte. Und so war auch das
+Sommerleben dort draußen; es war gewöhnlich ganz still, aber kam nur das
+allergeringste kleine Gekräusel -- ach, wie konnte es da schimmern und
+glitzern.
+
+Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh zu machen. Eine Blume oder
+ein Vogel konnte uns Heiterkeit für mehrere Stunden bringen, von der
+Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie
+seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde.
+
+Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen und die Spinne hatte
+ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tüchtig festgesessen, so
+daß sie sich ungeheuer lange herumdrehen mußte und ganz zahm und gebändigt
+war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob das Netz
+großen Schaden genommen habe. Das hatte es glücklicherweise nicht, dagegen
+saß eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales Untier, das
+nur aus Kiefern und Krallen bestand, und ich war erregt, wirklich erregt,
+als ich es erblickte.
+
+Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maikäfer, die zu Tausenden die
+Blumen hinaufkriechen und sich unter ihren Kronenblättern verstecken?
+Kannte ich sie nicht und bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen
+schlauen Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten, und wenn
+es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene kommt, in deren schwarzgelbem
+Pelz sie sich verbergen können? Und wußte ich nicht von ihrer
+hassenswürdigen Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin
+einen Raum mit Honig gefüllt und auf dessen Oberfläche das Ei gelegt hat,
+aus dem der richtige Eigentümer der Zelle und des Honigs hervorkommen soll,
+gerade da auf das Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf
+sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen sie in den Honig hinab,
+so müßten sie ertrinken. Und während die Biene das fingerhutähnliche
+Nestchen mit einem grünen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges einschließt,
+schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern das Ei auf und verzehrt
+dessen Inhalt, während die Eischale noch immer als Nachen auf dem
+gefährlichen Honigsee dienen muß.
+
+Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding platt und groß und kann
+selbst auf dem Honig schwimmen und davon trinken, und wenn die Zeit sich
+erfüllt hat, kommt ein fetter schwarzer Maikäfer aus der Bienenzelle. Aber
+das ist es sicherlich nicht, was das kleine Bienchen mit seiner Arbeit
+erreichen wollte, und wie schlau und behend der Maikäfer sich auch betragen
+hat, so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer, der keine
+Barmherzigkeit verdient.
+
+Und meine Biene, meine kleine, fleißige Herzensbiene, war mit solch einem
+gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen. Aber während die Spinne sie im
+Kreise gedreht hatte, hatte er sich losgelöst und war in das Netz
+gefallen, und jetzt kam die große Gelbrote und gab ihm einen Biß mit ihrem
+Giftzahn und verwandelte ihn in einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben
+und Inhalt.
+
+Und als die kleine Biene zurückkam, war ihr Surren wie eine Lobhymne an das
+Leben.
+
+»O du schönes Leben!« sagte sie. »Ich danke dir, daß auf mein Los die
+fröhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein gefallen ist. Ich danke dir,
+daß ich dich ohne Angst und Furcht genießen kann. Wohl weiß ich, daß
+Spinnen lauern und Maikäfer stehlen, aber mein ist die fröhliche Arbeit und
+die mutige Sorglosigkeit. O du schönes Leben, du herrliches Dasein!«
+
+
+
+
+Die Grabschrift
+
+
+Heute beachtet gewiß keine Menschenseele das kleine Kreuzlein, das in einer
+Ecke des Svartsjöer Friedhofs steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran
+vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht wunderlich,
+daß keiner es bemerkt. Es ist so niedrig, daß Klee und Glockenblumen ihm
+bis über die Arme reichen und Timotheusgras darüber wächst. Auch nimmt sich
+keiner die Mühe, die Inschrift zu lesen, die da steht. Die weißen
+Buchstaben sind heute fast gänzlich vom Regen verwischt, und es scheint nie
+jemand einzufallen, sie zu Worten zusammenzufügen.
+
+Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz hat seinerzeit viel
+Staunen und Verwunderung erweckt. Eine Zeitlang konnte niemand den Fuß auf
+den Svartsjöer Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen. Und bekommt
+ein Mensch aus jener Zeit es heute zu Gesicht, so sieht er sogleich eine
+ganze Geschichte vor sich ...
+
+Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsjö in Winterschlummer versenkt und mit
+glattem, weißem Schnee bedeckt, der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht
+dort so aus, daß es kaum menschenmöglich ist, sich zurechtzufinden. Man muß
+nach dem Kompaß gehen, wie auf dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied
+zwischen Strand und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die Erde,
+die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die Köhlerleute, die auf großen
+Moorflächen und nackten Bergfirsten hausen, können sich einbilden, daß sie
+über ebensoviel gepflügten und bebauten Boden geböten wie der reichste
+Großbauer.
+
+Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den grauen Zäunen verlassen und
+abenteuern nun über die Wiesen und den Fluß entlang. Selbst drinnen
+zwischen den Gehöften kann man leicht verwirrt werden. Man kann plötzlich
+entdecken, daß der Weg zum Brunnen quer über die Spireahecke des kleinen
+Rosenbeets gelegt ist. Aber nirgends ist es so unmöglich, sich
+zurechtzufinden, wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer,
+die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz überschneit, so daß er jetzt völlig mit
+diesem zusammenfließt. Zweitens ist der Kirchhof jetzt nur noch ein großes,
+weißes Feld: nicht die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verrät die
+vielen Anhöhen und Hügelchen des Totenackers.
+
+Auf den meisten Gräbern stehen Eisenkreuze, an denen dünne, kleine Herzen
+hängen, die im Sommer der Wind bewegt. Jetzt sind sie alle überschneit.
+Diese kleinen Eisenherzen können nicht mehr ihre wehmütigen Weisen von
+Schmerz und Sehnen erklingen lassen.
+
+Leute, die drinnen in den Städten auf Arbeit waren, haben für ihre Toten
+daheim Trauerkränze mit Blumen aus Perlen und Blättern aus Eisenblech
+mitgebracht, und diese Kränze stehen so in Achtung, daß sie auf den Gräbern
+in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind auch sie unter dem Schnee
+verborgen und begraben. Nun ist das Grab, das solchen Schmuck trägt, um
+nichts vornehmer als irgendein andres.
+
+Ein paar Schneebeerenbüsche und Fliederhecken ragen aus der Schneedecke
+empor, allein die meisten sind verborgen. Die nackten Zweige, die aus dem
+Schnee hervorkommen, sind einander wunderlich gleich. Sie können dem nicht
+zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe zurechtzufinden sucht.
+Alte Mütterchen, deren Brauch es ist, allsonntäglich einzutreten, um einen
+Blick auf die Gräber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees wegen
+nicht weiter als ein Stück über den Hauptweg hinaus. Dort bleiben sie
+stehen und versuchen zu erraten, wo »das Grab« liegen mag. Ist es bei
+diesem Busch oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem Schmelzen des
+Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der Entrissene so unsagbar weit von
+ihnen entfernt, seit sie die Stelle nicht mehr sehen können, wo er in die
+Erde versenkt worden ist.
+
+Da sind auch ein paar große Steine, die sich über den Schnee erheben. Aber
+es sind ihrer so wenige. Und der Schnee hängt über ihnen, so daß man den
+einen nicht vom andern unterscheiden kann.
+
+Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er führt den Hauptgang
+entlang zu einem kleinen Leichenhause. Soll jemand begraben werden, so wird
+der Sarg in das Leichenhaus getragen, und dort hält der Pfarrer die
+Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung vor. Es ist nicht daran zu
+denken, daß der Sarg in die Erde kommen könnte, solange dieser Winter
+währt. Er muß im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter sendet und
+der Boden wieder zugänglich wird für Hacke und Spaten.
+
+Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und der Kirchhof ganz
+unzugänglich ist, stirbt ein Kind beim Hüttenherrn Sander auf dem Werke
+Lerum.
+
+Das ist ein großes Werk, Lerum, und Hüttenherr Sander ist ein mächtiger
+Mann. Er hat sich erst jüngst ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen
+lassen. Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter dem Schnee
+verborgen ist. Es ist von einem behauenen Steinrand und einer dicken
+Eisenkette umgeben; mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den
+Namen trägt. Dort steht das eine Wort Sander mit großen Lettern
+eingegraben, die über den ganzen Kirchhof leuchten.
+
+Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begräbnis zur Sprache kommt, sagt
+der Hüttenherr zu seiner Frau:
+
+»Ich will nicht, daß dieses Kind in meinem Grabe liege!«
+
+Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der Speisesaal auf Lerum, und
+da sitzt der Hüttenherr am Frühstückstisch und ißt allein, wie er zu tun
+pflegt. Seine Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster, von wo
+sie die Aussicht über den See und die birkenbestandnen Inselchen hat.
+
+Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann dieses sagt, werden ihre
+Augen auf einmal trocken. Die ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken
+zusammen, sie beginnt zu zittern, als fühle sie starke Kälte.
+
+»Was sagst du, was sagst du?« fragt sie. Und sie spricht wie einer, der vor
+Kälte klappert.
+
+»Es widerstrebt mir,« sagt der Hüttenherr. »Vater und Mutter liegen da, und
+auf dem Steine steht Sander. Ich will nicht, daß dieses Kind dort liege.«
+
+»Ah so, _das_ hast du dir ausgeheckt?« sagt sie und schauert dabei
+fortwährend zusammen. »Ich wußte wohl, daß du dich einmal rächen würdest.«
+
+Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und steht breit und
+groß vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht, seinen Willen mit vielen
+Worten zu ertrotzen. Aber sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht,
+daß er seinen Sinn nicht ändern kann. Der ganze Mann ist schwere,
+unerschütterliche Halsstarrigkeit.
+
+»Ich will mich nicht rächen,« sagt er, ohne die Stimme zu erheben. »Ich
+kann es nur nicht ertragen.«
+
+»Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn aus einem Bett in das
+andre zu legen,« sagt sie. »Und er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich
+sein, wo er liegt. Aber _ich_ bin dann eine Verlorne.«
+
+»Ich habe auch daran gedacht,« sagt er, »aber ich kann nicht.«
+
+Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet sind, brauchen nicht
+viel Worte, um sich zu verstehen. Sie weiß schon, daß es ganz zwecklos
+wäre, wollte sie versuchen, ihn umzustimmen.
+
+»Warum mußtest du mir damals verzeihen?« sagt sie und ringt die Hände.
+»Warum ließest du mich auf Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir,
+du wollest mir vergeben?«
+
+Er weiß bei sich, daß er ihr nicht schaden will. Er kann nichts dafür, daß
+er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht angelangt ist. »Sag den Nachbarn,
+was du willst,« sagt er. »Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser im
+Grabe, oder sage, es sei nicht Raum für mehr Särge als die von Vater und
+Mutter und meinen und deinen.«
+
+»Und das sollen sie glauben?«
+
+»Du mußt dir helfen, so gut du kannst,« sagt er.
+
+Er ist nicht böse, sie sieht, daß er es nicht ist. Es ist, wie er selbst
+sagt. Er kann sich darin nicht überwinden.
+
+Sie rückt sich höher in den Stuhl hinauf, verschränkt die Arme hinter dem
+Kopf und sitzt und starrt zum Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das
+Entsetzliche ist, daß es so viel im Leben gibt, was einen überwältigt. Vor
+allem ist es furchtbar, daß in einem selbst Mächte emporsteigen, die man
+nicht lenken kann. Vor einigen Jahren, als sie schon eine besonnene,
+verheiratete Frau war, kam die Liebe über sie. So eine Liebe! Es war nicht
+daran zu denken, daß sie sie hätte regieren können. Und was nun Gewalt über
+ihren Mann bekam, -- war es Rachbegier? Er ist ihr nie böse gewesen. Er hat
+ihr sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. »Du bist von Sinnen
+gewesen,« hat er gesagt und hat sie weiter als seine Gattin leben lassen.
+
+Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, daß man vergebe, es mag
+doch schwer genug fallen, es zu tun. Vor allem ist es schwer für einen
+Mann, der tiefsinnig und schwerblütig ist, der niemals vergißt und niemals
+aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen sitzt etwas, das hungert
+und danach schreit, sich sättigen zu dürfen an eines andern Leid. Ein
+wunderliches Gefühl hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen wäre,
+wenn er damals so gezürnt hätte, daß er sie geschlagen hätte. Dann hätte er
+nachher wieder gut werden können. Nun geht er umher und ist mürrisch und
+verdrossen, und sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an der
+Deichsel. Sie weiß, daß hinter ihr einer sitzt, der die Peitsche in der
+Hand hält, -- wenn er sie auch nicht gebraucht. Und nun hat er sie
+gebraucht. Nun ist sie eine Verlorne.
+
+ * * * * *
+
+Die Menschen sagen, daß sie nie einen Schmerz gesehen hätten, wie den
+ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild. In diesen Tagen vor dem Begräbnis
+weiß man nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unmöglich, zu wissen, ob sie
+höre, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr spricht. Sie scheint keinen
+Hunger zu fühlen, sie scheint draußen in der bittern Kälte gehen zu können,
+ohne zu frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz, was
+sie versteinert, es ist Angst.
+
+Sie denkt nicht daran, am Begräbnistag daheim zu bleiben. Sie _muß_ mit zum
+Friedhofe, sie _muß_ mit im Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, daß
+alle, die dem Sarge folgen, glauben, daß die Leiche zu dem großen
+Sanderschen Grabe geführt werde. Sie denkt, daß sie unter der Verwunderung
+und dem Staunen, das sich gegen sie wenden werde, zusammenbrechen müsse,
+wenn er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem unbemerkten
+Grabplatz hinführen würde. Es werde ein Murmeln der Verwunderung von Reihe
+zu Reihe gehen, obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind nicht
+in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich der ungewissen,
+unbestimmten Gerüchte erinnern, die einmal über sie im Schwange waren. Es
+müsse wohl irgend etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man
+sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre, werde sie gerichtet
+und verloren sein.
+
+Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei zu sein. Sie wird
+da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird aussehen, als ob alles in Ordnung wäre.
+Vielleicht werden sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu erklären.
+
+Der Mann fährt auch mit zur Kirche. Er hat alles geordnet: die
+Begräbnisgäste geladen, den Sarg bestellt und bestimmt, wer ihn tragen
+soll. Er ist zufrieden und gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat.
+
+Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vorüber, und der Leichenzug stellt
+sich vor dem Gemeindehause auf. Die Träger legen die weißen Tragtücher über
+ihre Schultern, alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession mit
+und ein großer Teil der Kirchenbesucher.
+
+Während die Prozession sich ordnet, denkt sie, daß sie sich jetzt
+aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz zu geleiten.
+
+Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zurückkehren. Sie ist gekommen, um sie
+vorbereiten zu können, aber sie hat kein Wort über ihre Lippen gebracht.
+Sie kann nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun könnte, wäre: so
+heftig und laut zu jammern, daß man es über den ganzen Kirchenplatz hörte.
+Sie wagt die Lippen nicht zu regen, damit dieser Schrei nicht über sie
+hereinbreche.
+
+Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu rühren, und die Menschen
+setzen sich in Bewegung. Und jetzt kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum
+hat sie nicht sprechen können? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht
+zuzurufen, sie möchten nicht auf den Kirchhof gehen mit dem Toten. Ein
+Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet werden solle für einen Toten? Sie
+könnten ja den Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den
+Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei gefährlich. Er sei
+voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren auf ihm gesehen. Sie will sie
+schrecken, wie man Kinder schreckt.
+
+Sie weiß nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist. Sie erfahre es zeitig
+genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug in den Friedhof hineinschreitet, blickt
+sie über das Schneefeld, um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken ...
+
+Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort draußen ist nichts als ein
+ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug geht zum Leichenhause hinauf. So viele
+nur können, drängen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie
+vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon, zum Sanderschen Grabe zu gehen.
+Keiner kann wissen, daß der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet
+wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll!
+
+Hätte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen Augenblick hätte
+sie sich zu fürchten brauchen. »Im Frühling,« denkt sie, »wenn der Sarg
+versenkt wird, ist wohl kaum einer außer dem Totengräber zugegen. Jeder
+wird glauben, daß das Kind im Sanderschen Grabe liege.« Und sie begreift,
+daß sie gerettet ist.
+
+Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute sehen sie mitleidig an.
+
+»Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt,« sagen sie. Aber sie
+selbst weiß am besten, daß sie Tränen weint, wie eine, die aus Not und
+Lebensgefahr entronnen ist ...
+
+Ein paar Tage nach dem Begräbnis sitzt sie in der Dämmerung auf ihrem
+gewohnten Platz im Speisesaal. Während das Dunkel einfällt, ertappt sie
+sich darauf, daß sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und
+horcht nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen pflegt,
+um zu spielen. Wird es heute nicht kommen? Da fährt sie empor und denkt:
+»Es ist ja tot, es ist ja tot.«
+
+Am nächsten Tage sitzt sie wieder in der Dämmerung und sehnt sich, und
+Abend für Abend kommt diese Sehnsucht wieder und wird immer mächtiger. Sie
+breitet sich aus, wie das Licht im Frühling, bis sie schließlich alle
+Stunden des Tages und der Nacht beherrscht.
+
+Es ist ja beinahe selbstverständlich, daß ein Kind, wie das ihre, mehr
+Liebe im Tode empfängt als im Leben. Die Mutter hat, solange es lebte, an
+nichts andres gedacht, als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und für ihn
+konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es mußte ferngehalten werden. Es
+mußte oft fühlen, daß es ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten
+untreu geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, daß sie doch etwas
+wert war. Sie hatte unablässig in Küche und Webkammer gearbeitet. Wo hätte
+sich Platz für den kleinen Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und
+jetzt nachträglich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten und zu
+betteln pflegten. Abends wollte er, daß sie an seinem Bette sitze. Er
+sagte, er fürchte sich im Dunkeln, aber nun denkt sie, daß das vielleicht
+nicht wahr gewesen sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie
+erinnert sich, wie er dalag und gegen den Schlaf kämpfte. Jetzt begreift
+sie, daß er sich wach gehalten hat, um lange liegen und ihre Hand in der
+seinen halten zu dürfen.
+
+Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch war. Er hat seinen
+ganzen Verstand aufgewendet, um auch ein bißchen von ihrer Liebe
+abzubekommen.
+
+Es ist erstaunlich, daß Kinder so lieben können. Sie hatte es nie
+begriffen, solange er noch lebte.
+
+Eigentlich fängt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben. Jetzt erst fühlt
+sie sich berückt von seiner Schönheit. Sie kann sitzen und von seinen
+großen, geheimnisvollen Augen träumen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges
+Kind gewesen, es war zart und blaß. Aber es war wunderbar schön.
+
+Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher mit jedem Tag,
+der geht. Kinder müssen ja das Köstlichste sein, was die Erde trägt. Man
+bedenke doch nur, daß es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand
+entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben, die nicht danach
+fragen, ob ein Antlitz schön oder häßlich ist, sondern das häßliche ebenso
+gern küssen wie das hübsche, die alt und jung lieben können, reich und arm.
+Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen.
+
+Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage näher und näher. Sie wünscht wohl, daß
+es lebte, aber sie weiß nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen wäre
+wie jetzt.
+
+Zuweilen gerät sie in Verzweiflung darüber, daß sie den Knaben nicht
+glücklicher gemacht hat, so lange er am Leben war. Darum ist er mir wohl
+genommen worden, denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise.
+
+Sie hat sich früher vor Trauer gefürchtet, aber sie findet jetzt, daß
+Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht hat. Trauern heißt ja: ein
+Vergangnes wieder und wieder erleben. Trauern heißt: sich in das ganze
+Wesen des Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese Trauer
+macht sie sehr reich.
+
+Am meisten fürchtet sie sich jetzt davor, daß die Zeit ihn ihr entführen
+könnte. Sie hat kein Bild von ihm, vielleicht könnten seine Züge in ihrer
+Erinnerung auslöschen. Jeden Tag sitzt sie da und prüft sich: »Sehe ich
+ihn, sehe ich ihn recht?«
+
+Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt sie sich auf der Sehnsucht,
+ihn nicht mehr im Leichenhause, sondern in die Erde gebettet zu wissen,
+damit sie zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen könne. Er soll gegen
+Westen liegen, da ist es am schönsten. Und sie wird seinen Hügel mit Rosen
+schmücken. Sie will auch eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort
+sitzen können, lange, lange.
+
+Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen sollen es ja nicht
+anders wissen, als wenn ihr Kind im Familiengrabe liege. Wie werden sie
+staunen, wenn sie sie ein fremdes Grab schmücken und dort stundenlang
+sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu sagen?
+
+Manchmal denkt sie, daß sie es auf diese Weise machen müsse: Zuerst zu dem
+großen Grabe gehen und dort einen großen Strauß niederlegen und eine Weile
+dort sitzen. Dann würde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe hinschleichen
+können. Er würde wohl zufrieden sein mit dem einzigen kleinen Blümlein, das
+sie ihm heimlich zustecken könnte.
+
+Ja, er könnte sich wohl damit begnügen, aber kann sie es? Es ist, als würde
+sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft mit ihm kommen. Und er würde es
+dann erfahren, daß sie sich seiner schämte. Er würde begreifen, welche
+brennende Schmach es für sie gewesen war, daß er geboren wurde. Sie muß ihn
+schützen, damit er das nicht erfahre. Er soll glauben, daß das Glück, ihn
+zu besitzen, alles überwogen hätte.
+
+ * * * * *
+
+Endlich weicht der Winter. Man sieht, daß es Frühling wird. Die Schneedecke
+schmilzt, die Erde beginnt sich zu zeigen. Noch währt es vielleicht ein
+paar Wochen, bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch die
+Hoffnung, daß die Toten nun bald aus der Leichenkammer kommen. Und sie
+sehnt sich, sie sehnt sich.
+
+Kann sie ihn noch sehen? Sie prüft sich jeden Tag, aber es ist im Winter
+besser gegangen: im Frühling will er sich ihr nicht zeigen. Da gerät sie in
+Verzweiflung, sie muß auf dem Grabe sitzen können, um ihm nahe zu kommen,
+um ihn sehen, ihn lieben zu können. Kommt er denn niemals in die Erde
+hinunter?
+
+Sie hat nichts andres zu lieben, sie muß ihn sehen können, ihn sehen
+können, ihr ganzes Leben lang.
+
+Mit einem Male verschwindet alles Zögern und aller Kleinmut vor ihrer
+großen Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt, sie kann nicht leben ohne den
+Toten. Sie fühlt, daß sie auf niemand Rücksicht nehmen kann als auf ihn.
+Und als die Frühlingsfluten wirklich kommen, als auf dem Kirchhofe wieder
+Anhöhen und Hügel hervortreten, als die Herzen an den eisernen Kreuzen
+wieder zu klingen anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten
+leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge öffnen kann, hat
+sie schon ein schwarzes Kreuz machen lassen, um es auf den Hügel zu
+pflanzen.
+
+Quer über das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen weißen Buchstaben
+geschrieben:
+
+ _Hier ruht mein Kind._
+
+Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr Name.
+
+Sie fragt nicht danach, daß die ganze Welt erfährt, was sie getan hat.
+Alles andre ist eitel; nur das eine liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu
+können an ihres Kindes Grab.
+
+
+
+
+Römerblut
+
+
+Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewiß die kleinen Landgüter vor
+der Stadtmauer aufgefallen. Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man
+Artischocken, Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit. Man hat
+ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnhäuser, einen niedrigen Eselstall,
+einen großen gemauerten Brunnen und ein paar Hühnersteigen. Man hat
+natürlich eine Menge Federvieh, und nicht nur Hühner, Truthähne und Enten,
+sondern auch Pfauen und Fasane.
+
+Und dann schafft man sich, um ein bißchen besser leben zu können -- denn
+Grünzeug und Hühner werfen keinen glänzenden Gewinn ab -- ein paar große
+Fässer römischen Schloßwein an und legt sie in eine der niedrigen Hütten,
+deren jede nicht mehr als ein Gelaß hat. Dahin stellt man auch einen
+Ladentisch und ein Wandbrett mit Gläsern und Literflaschen, draußen aber
+auf dem Hofe, zwischen dem Brunnen und den Hühnersteigen, stellt man lange
+Bänke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer wehen die
+Campagnawinde stark und ungehemmt. Darum bringt man kleine Schutzdächer
+über den Bänken an und umgibt sie mit Rohrwänden, durch die die Sonne
+hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt läßt man auch ein Schild malen und
+hängt es über das kleine Mauerpförtchen, das nach der Straße und der Stadt
+führt. Und die Osteria ist fertig.
+
+Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch einer kleinen Osteria
+gewesen, man darf aber nicht glauben, daß er des Lohnes und der Trinkgelder
+wegen so lange geblieben wäre, oder weil er zu nichts anders getaugt hätte.
+Nino war ein prächtiger, ja ein gebildeter junger Mann; wenn er sich damit
+begnügte, Kellner in einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es,
+weil er in Teresa, die älteste Tochter des Hauses, verliebt war.
+
+Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so schön. Sie war gerade in der Art schön,
+wie Nino es haben wollte, mit großen, starken Zügen und warmen, klaren
+Farben. Sie ging so stolz und so leicht wie eine Königin. Sie sprach mit
+einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich, daß keine Silbe ihrer
+Worte verloren gehen konnte. Sie lachte so rein, wie ein Silberglöckchen
+läutet. Ihre Hände waren schön, weiß und fest, und ihr Händedruck stärkend
+wie ein Segen.
+
+Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen und verlangten,
+daß sie immer hinter dem Schanktisch zur Hand sei. »Wo ist Teresa?« fragten
+sie sicherlich, wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl.
+Wußte er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe schmeckte, wenn sie sie
+aus dem Kochtopf schöpfte, als wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht
+zu verwundern, daß jedermann mit ihr zu tun haben wollte. War es nicht
+schon eine Freude, in demselben Raume zu weilen wie sie?
+
+Er war fest davon überzeugt, daß die Leute nicht so sehr um Wein zu trinken
+hereinkämen, als vielmehr um Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu können.
+Wenn einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel besiegt hatte,
+oder wenn der tolle Pietro wieder einem das Messer in den Leib gestoßen
+hatte, so war es eine Erleichterung, es ihr zu erzählen. Nino wußte, daß
+junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten, zuweilen dasaßen und
+sich lange, traurige Geschichten ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei
+ihrem Tische stille stehe, ihnen zuhöre und sich ihrer ein wenig annehme.
+Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie wollten doch, daß sie
+den Wein in ihr Glas gieße oder ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie
+gingen, und ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern.
+
+Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie ihr sechzehntes Jahr
+erreicht hatten; eine zog fort, und eine blieb mit Mann und Kindern daheim.
+Aber Teresa wollte nicht heiraten, und Nino wußte schon, warum. Er wußte
+wohl, daß sie weder ihn noch irgendeinen andern aus dem Landvolk wollte,
+einen Signor wollte sie.
+
+Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an der Art, wie sie ihr
+Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine Signorina, und an ihren
+Sonntagskleidern. Zu Hause trug sie eine grüne Schürze und ein rotes Tuch
+um den Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer schwarz gekleidet.
+Und sie hatte einen großen Hut mit vielfach gebogner Krempe und einen
+Federkragen um den Hals, so lang, daß er bis zum Kleidsaum reichte.
+
+Natürlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu werden. Das einzige
+Unnatürliche war bloß, daß sie nicht einsah, daß sie schon eine war.
+
+Eigentlich war es Nino nicht unerwünscht, daß Teresa keinen Campagnabo
+nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war
+dick und rund wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue
+Müllerfarbe. Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger Augen. Er war
+zu häßlich für sie. Aber da es nun seine guten Wege hatte, bis ihr Signor
+kam, und da kein andrer den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino
+wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen. Und das war kein
+geringes Glück.
+
+Die Tage draußen auf dem Meierhof erschienen Nino voll Seligkeit. Des
+Morgens, wenn Teresa ihre Vögel betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem
+Mais. Vormittags half er ihr, das Unkraut ausjäten oder das Gemüse in
+Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt werden sollte. Und abends,
+wenn die Arbeitsleute auf ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben
+Castello romano zu trinken, da stand sie am Fasse und füllte in die Maße
+ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es ein großer Tag war, Festtag
+oder Markttag, und das Volk war zusammengeströmt, so daß alle Bänke
+übervoll waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und Verkäufern von
+gebratenen Äpfeln und Kastanien wimmelte, und er und sie mußten atemlos und
+heiß mit ihren Flaschen und Gläsern zwischen den Tischen hin und her eilen,
+dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen. Da fühlten sie sich
+so kameradschaftlich wie Soldaten, die in den Kampf ziehen.
+
+An Abenden aber, wo keine Gäste kamen, saß Nino da und erzählte Teresa aus
+Büchern, die er gelesen hatte. Da ließ sie ihn von dem alten Rom erzählen,
+und am liebsten hörte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen die
+Patrizier und von den mächtigen römischen Matronen. Nino wußte wohl, warum.
+Es war dasselbe Blut, sie fühlte in sich das gleiche Blut. Am nächsten Tage
+trug sie den Kopf noch viel stolzer, als früher. Nino wußte, daß er wie ein
+Tollhäusler handelte. Jedesmal, wenn er von Cornelia, der Mutter der
+Gracchen, erzählte, entfernte er sie weiter von sich. Warum konnte er diese
+Erzählungen nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten, wenn
+sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre Augen blitzten?
+
+Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, hörte Nino die Leute sagen, daß es
+bald zu spät für sie sein würde, noch einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht
+mehr schön. Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie denn
+nicht schön?
+
+Eines Tages jedoch merkte er, daß sie recht gehabt hatten. Sie war wirklich
+im Begriffe gewesen, alt zu werden. Sie mußte ganz verblaßt gewesen sein,
+obgleich er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, daß sie wieder
+aufzublühen begann. Die frische Jugendschönheit erhellte aufs neue ihr
+Gesicht. Was war das für ein Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah.
+
+Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der Osteria. Ach, ach,
+Nino konnte nicht leugnen, daß er das Netteste war, was man sehen konnte.
+Er hatte eine Uniform in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches
+Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am ersten Abend, da er
+sie sah. Und sie? War ihre Schönheit um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel
+ihr der kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen?
+
+Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die Krieger zu hassen.
+Italien führte gerade Krieg mit Abessinien, und es war Elend genug, daß
+Italiens Krieger übers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen, das
+nichts Böses getan hatte. Es war Elend genug, was die Kriegsleute dort
+draußen anrichteten. Hier zu Hause hätten sie es doch lassen können, die
+Leute ins Unglück zu bringen.
+
+Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine. Hier trat er als
+Redner auf und forderte die Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle
+nicht als Land des Streites groß sein, sondern als ein Land des Friedens.
+Er wurde bald einer der Führenden. Er wurde einer der beliebtesten Redner.
+Armer, armer Nino. »Laßt uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen,
+wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die landwirtschaftlichen
+Schulen zu schicken!« Das waren Ninos Worte.
+
+Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung nach Hause kam, bei der
+er den Krieg und das Kriegsheer abgeschafft hatte, ging Teresa ihm
+entgegen. Sie blieben bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu
+plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen. Um den jetzigen
+Krieg kümmerte sie sich nicht, aber sie wollte wissen, was die Römer in
+früheren Tagen vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio hören. Ob es
+nicht Scipio wäre, der nach Afrika gezogen wäre und die Schwarzen besiegt
+hätte? Und Nino mußte von ihm berichten. Nino mußte die halbe Nacht
+aufsitzen und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen.
+
+Während er davon sprach, wurde Teresa strahlend schön. Die Laterne, die auf
+dem Brunnenstaket hing, zeigte sie Nino wunderbar schön und mit einem
+geheimnisvollen Lächeln um die Lippen. Nino begriff, daß sie nur einen
+Helden lieben konnte. Und was war er? Er, der es ihr nicht einmal
+abschlagen konnte, von diesen verabscheuungswürdigen Gemetzeln zu erzählen.
+Er war feig. Wenn sie einen Nero geliebt hätte, so wäre Nino gezwungen
+gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war ein feiger Kerl, er war
+sicherlich kein Held.
+
+Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte Nino ernstlich daran,
+sich frei zu machen und einen andern Dienst zu suchen, aber er vermochte es
+nicht. Sie war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er müßte wohl bis nach
+der Hochzeit warten.
+
+Teresa vergaß Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag war am Tage nach der
+Verlobung, und Nino war am Morgen düster und glaubte, dies würde der
+traurigste Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher so
+gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschentücher gestickt, mit Monogrammen,
+die über das halbe Tuch reichten. Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken,
+und sie ging in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete für
+Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm. Nino mußte sich froh
+zeigen. Er mußte den ganzen Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten
+alle glücklich sein.
+
+Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er mußte weinen. Er hatte
+gemerkt, daß sie in diesen Tagen den Vögeln doppelte Rationen gab, der Esel
+hatte frisches Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter
+sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr der Katze, dem Esel
+und den Hühnern gleichgestellt gefühlt.
+
+Wie sie sich darüber freute, daß ihr Bräutigam Offizier war! Nächst dem
+Umstande, daß er ein Signor war, gefiel ihr sein militärischer Beruf am
+meisten. Als man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst hätte, daß er nach
+Afrika geschickt werden könnte, hörte Nino, wie sie antwortete:
+
+»Wollte Gott, er dürfte hinüber. Dann würdet ihr sehen, wie alles anders
+würde.« Denn dies war im Winter 1896, und da sah es aus, als sollte aus
+diesem Kriege mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden. Man
+schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort. Die Truppen lagerten dort
+in der Aduagegend, aber man hörte nie, daß es zu etwas kam. Es war so, wie
+wenn Bienen aus dem Korbe fliegen und außerhalb des Fluglochs in einem
+großen Beutel hängen bleiben, und man geht jeden Tag hin und sieht sie an
+und ärgert sich, daß sie nicht schwärmen wollen.
+
+Sie benahm sich auch großartig, als sie gegen Ende Februar erfuhr, daß er
+nach Afrika gehen mußte. Nino sah keine Träne in ihren Augen. Sie dachte
+nur daran, daß es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen würde. Jetzt
+sollte ihrem armen Italien geholfen werden.
+
+Sie gab ein Abschiedsfest für ihn und seine Kameraden. Es war ein
+herrliches Fest. Der Castello-Romanowein floß in Strömen. Sie hatte ihre
+fettesten Truthühner geschlachtet und die ersten Artischocken gepflückt.
+Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken.
+
+Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet und die italienische
+Flagge gehißt, und der arme Nino mußte ihr behilflich sein, Transparente zu
+verfertigen, auf denen zu lesen war: »Es lebe die Armee! Sieg unsern
+tapfern Soldaten! Für Italien!« und andre hochgestimmte Worte. Er hatte ihr
+helfen müssen, farbige Lampions unter den Strohdächern zu befestigen,
+Sänger zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten; aber er hatte
+geschworen, daß sie ihn nicht dazu bringen würde, eine Rede zu halten.
+Armer Nino, sie forderte ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm
+etwas so Hochwichtiges anzuvertrauen.
+
+Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerkskörper zu den Füßen der Gäste
+knallten, und als nicht nur die Strohdächer über den Bänken, sondern auch
+die Hühnersteigen, das Wohnhaus und der Brunnen von grün-rot-weißen
+Lampions strahlten, und als Nino drüben zwischen den Artischocken
+bengalische Feuer entzündete, da sah er, wenn sonst niemand es sah, was sie
+eigentlich meinte. Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie den
+Soldaten kredenzte, sagen: »Gehet hin und macht Ernst aus diesem Kriege.
+Roms Frauen wollen neue Triumphzüge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!«
+
+Niemand wußte besser als Nino, wie sehr Teresa diesen zierlichen kleinen
+Mann liebte, der gegen die Barbaren ausziehen sollte. Und als er sah, wie
+sie ihn gehen ließ, ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu
+werden, mußte er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie hätte eine der
+Matronen des alten Rom sein können, dachte Nino. Es rollt echtes Römerblut
+in ihren Adern.
+
+Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel abreiste, wo es sich nach
+Afrika einschiffen sollte, begleitete Nino Teresa zur Eisenbahnstation.
+
+Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt heranmarschiert, rings um
+sie schwärmten Gassenjungen, Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der
+Station waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale. Es wurden Reden
+gehalten, man rief: »Es lebe Italien!« man küßte sich und warf Blumen.
+Teresa stand bleich vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte.
+Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten verteilten. Das tat sie
+nicht.
+
+Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen, aber er mußte ihr
+versprechen, Meneliks Hauptstadt zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit
+der Krone der abessinischen Kaiserin zu ihr zurückzukommen. Und so
+schieden sie.
+
+Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort, er war noch gar nicht nach
+Afrika abgereist, als die Nachricht eintraf, daß der große Schwarm, der in
+Adua gelagert war, sich zu rühren anfange; er zog gegen die Abessinier und
+wurde geschlagen und zerstreut.
+
+Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas andres dachte als an den
+Sieg, der dort drüben erkämpft werden müßte, nachdem man so unerhört viele
+Menschen hingeschickt hatte. Der König selbst hatte sich nach Neapel
+begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen. An einem Tage sprach
+er ihnen von dem Ruhme, den sie für das geliebte Italien erringen würden,
+am zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner Schlacht, zerstreutem
+Heere, Flucht und Panik erzählte.
+
+Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen trafen. Meneliks Kugeln
+hatten nur etwa siebentausend Mann fällen können, aber die Depeschen nahmen
+das Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene Aduas, passierten das
+Mittelmeer und erreichten ihr Ziel. Ach, kein italienisches Herz blieb
+unversehrt davon!
+
+Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. »Was ist dort geschehen, Nino?« fragte
+sie. »Wie konnte es so schlecht gehen?«
+
+Nino erzählte ihr, daß die Italiener nicht so sehr von ihren menschlichen
+Feinden geschlagen worden wären, als vielmehr von der übermächtigen Natur.
+Dort müßte man Berge erklimmen, von denen die niedrigsten höher wären als
+das Sabiner- und Albanergebirge aufeinandergetürmt. Da gebe es keinen Weg,
+sondern man ziehe über Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln
+bewachsen wären, daß nicht einmal ein Esel sie fressen könnte. Mit der
+Nahrung wäre es so schlimm bestellt, daß die Soldaten sich über die
+Maultiere geworfen hätten, die auf dem Wege zusammengebrochen wären, und
+die Fleischstücke an sich gerissen hätten.
+
+Aber das wäre doch nichts, um Menschen hinzuschicken! Ein Land, wo man
+Maulesel essen müßte!
+
+Nein, das meinte Nino eben auch.
+
+Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte er ihr sagen, wie
+gräßlich der Krieg wäre. Sie lasen zusammen die Zeitungen. Sie lasen, daß
+man fürchtete, daß die Truppen, die jetzt auszögen, Menelik und die
+Schoaner im Hafen von Massaua treffen würden; die jetzt abführen, zögen dem
+sichern Tod entgegen.
+
+Sie las auch, daß die Barbaren vor allem auf die Offiziere schössen. Sie
+lägen da und zielten auf ihr blaues Rangzeichen und holten sie von den
+Hügelabhängen herab, wenn sie mit ihren Soldaten vorrückten.
+
+Und es gäbe so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten, die diese
+Schwarzen begingen; ihre Weiber plünderten die Toten und zerstückelten sie.
+
+Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen und wagte nicht,
+weiterzulesen.
+
+Nino schob seine Mütze zurück und fragte, was sie eigentlich geglaubt
+hätte, was die Leute im Kriege täten? Ob sie sich nicht gedacht hätte, daß
+sie sich dort töteten? Nein, sie wüßte nicht, was sie geglaubt hatte. Das
+hätte sie nicht gedacht.
+
+Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied von ihr nahm. Das
+Dampfschiff, das ihn nach Afrika führen sollte, ging am nächsten Abend ab.
+
+Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach Neapel. Was sie dort wollte?
+Nino glaubte, sie wolle ihren Bräutigam noch einmal sehen, bevor er
+abreiste. Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie fuhr,
+aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern als Nino hatte sie zur
+Begleitung haben wollen.
+
+Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte sie ihren Leutnant in
+der Kaserne auf.
+
+Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich geschmeichelt und
+gerührt, daß sie gekommen war, um ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde
+totenbleich, als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform aus
+gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande über der Brust. Das war das
+blaue Band, das die Schwarzen sich zur Zielscheibe nahmen.
+
+Er mußte gleich wieder zu seinen Soldaten zurück. Ob sie denn den ganzen
+Tag über nicht mit ihm zusammentreffen könnte? Ja, sie wollten gegen ein
+Uhr miteinander frühstücken. Er könnte zwei Stunden abkommen. Sie
+besprachen den Ort, und er eilte weg.
+
+Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die »Villa« hinunter und setzten
+sich auf eine Bank, um zu warten. Sie tat nichts andres, als daß sie Nino
+unaufhörlich fragte, wieviel es auf seiner Uhr wäre. Und als sie nun mit
+Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und bleich, wie die Gesichter
+der Statuen, die rings um sie standen, und ihre Augen schienen nicht mehr
+zu sehen, als die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich vor
+sich hinstarre. Sie sagte, sie säße da und sähe _seine_ Leiche an. Die
+ganze Nacht hatte sie ihn tot in einer Bergkluft liegen sehen, und auch die
+alten Weiber der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten,
+_ihn_ zu plündern und zu zerstückeln. Nino hatte ja gesagt, daß sie dort
+die Leichen zerstückelten.
+
+Nino versuchte, ihr etwas Tröstliches zu sagen. Alle würden ja nicht
+fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der so tapfer wäre, könnte sich der
+Barbaren schon erwehren.
+
+Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind in Schlupfwinkeln
+verborgen läge und auf das blaue Band zielte. Ob Nino das blaue Band
+bemerkt hätte? Warum es blau wäre, das Todesband, warum es nicht rot wie
+Blut wäre?
+
+Sie nahm Nino das Versprechen ab, daß er sie nicht verlassen würde, sie
+den ganzen Tag nicht verlassen würde.
+
+»Nein, nein, Teresa.«
+
+Er war auch beim Frühstück dabei. Leutnant Ugo bestellte ein Zimmer, und
+die drei aßen zusammen.
+
+Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso sorglos, als säße sie
+daheim in der Osteria. Nino dachte, sie wolle für diese zwei Stunden allen
+Kummer von sich werfen und einzig und allein glücklich sein. Sie war sogar
+viel muntrer als gewöhnlich, sie kokettierte mit Leutnant Ugo, bis er ganz
+toll war. Und sie ließ es zu, daß er sie küßte.
+
+Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch. Von Zeit zu Zeit sah
+er sie an, und seine kleinen grauen Äuglein bettelten um die Erlaubnis,
+gehen zu dürfen. Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte,
+unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die seine und hielt ihn
+zurück. Der Leutnant fand Nino wohl höchst überflüssig, sie aber wollte ihn
+offenbar da haben.
+
+Es gab +Asti spumante+ und +Lacrimae Christi+, und Nino trank, wie er nie
+zuvor getrunken hatte. Aber es gelang ihm nicht, sich taub oder blind zu
+machen.
+
+Plötzlich, als Nino sich dachte, daß Leutnant Ugo ganz berauscht von ihren
+Blicken und ihren Küssen sein müßte, neigte sie sich zu ihm und fragte
+schelmisch, ob er es nicht lassen könnte, zu reisen. Ob es sich nicht so
+einrichten ließe, daß er daheim bleiben könnte?
+
+Er lachte. Nein, er könnte nicht entrinnen.
+
+Ob er nicht krank werden könnte? Sich krank stellen? Nein, nein, das könnte
+er nicht.
+
+Aber ob er denn daran gedacht hätte, wie lange es dauern würde, bis sie
+ihre Hochzeit feiern könnten?
+
+Der Leutnant glaubte kaum, daß sie im Ernste sprach. Gewiß hatte er daran
+gedacht, aber das ließ sich ja nicht ändern.
+
+Teresa lächelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer Stimme, die vor
+Rührung bebte.
+
+Sie bekannte, daß sie sich furchtbar gesehnt hätte, seit er abgereist war.
+Sie könnte keinen Tag ohne ihn sein. Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand
+ausdenken könnte, um bleiben zu können?
+
+»Teresa,« sagte er, »ich wäre ja ein Mann ohne Ehre. Bitte mich nicht!«
+
+»Ehrlos?« sagte sie mit schmeichelnder Stimme. »Wie kannst du so etwas
+sagen? Du würdest ja nicht hier bleiben, weil du feig wärest, sondern weil
+ich dich so liebe, daß ich dich nicht ziehen lassen kann.«
+
+Und sie lächelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war unerschütterlich.
+
+Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun zur Schlacht käme und die
+Schwarzen zu schießen begännen? Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue
+Band fortzunehmen?
+
+Nein, das wolle er nicht. Er dürfe es nicht.
+
+Überhaupt glaubte der Leutnant, daß sie im Grunde nur scherze.
+
+Nino sah, daß sie wie ermattet den Kopf sinken ließ.
+
+Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus ihrem Gesicht
+verschwunden. Sie war so, wie sie am Vormittag gewesen war.
+
+Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erzählen, was sie von dem
+fremden Lande und der Kriegsführung der Schwarzen gehört hatte. Sie sprach
+von den Bergen und den Distelgewächsen und der Hungersnot. Als sie von den
+Mauleseln erzählte, lachte er und sagte, das sei nicht wahr.
+
+Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den Weibern der Schoaner
+verbrannt worden war. Ob er das wüßte, ja, ob er das wüßte? Und was für
+eine Ehre wäre es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und sie schössen
+alle Offiziere nieder, ob er das wüßte? Sie zielten auf die blauen Bänder
+und schössen auf die Offiziere.
+
+»Ah, Teresa,« sagte er, »willst du mich erschrecken? Sind das Worte für
+eine Römerin?«
+
+»Ja, ja, gerade für eine Römerin. Roms Frauen haben nie zugelassen, daß man
+ihnen raube, was sie liebten.« Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen,
+sie wüßte bestimmt, daß er fallen würde, wenn er jetzt reiste. Sie sehe ihn
+tot vor sich. Sie sehe seinen Körper zerstückelt und blutig. Und nachdem
+sie dies gesagt hatte, war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte
+ihm ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die Knie und
+bettelte, weinte, flehte.
+
+Er war sehr gerührt, aber auch befangen. Einen Augenblick sah er zu Nino
+hin, gleichsam unschlüssig, was er beginnen solle. Nino zog seine Uhr
+hervor. Ja, gewiß, das war das einzige, was er tun konnte: sagen, daß die
+Zeit abgelaufen sei, und dann gehen.
+
+»Was willst du?« sagte er. »Was willst du, daß ich tun soll? Ich kann mich
+nicht losmachen.«
+
+»Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist unrecht, zu reisen.
+Die dort drüben verteidigen nur ihr Haus und Heim. Sage, daß du nicht gegen
+sie kämpfen willst.«
+
+»Dann ist es um mich geschehen.«
+
+»Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um dafür zu sterben. Die Schwarzen
+haben uns nichts getan. Laß sie in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land
+nicht nehmen, warum sollen wir ihres rauben?«
+
+»Teresa,« sagte Leutnant Ugo, »sage mir jetzt mutig Lebewohl, wie eine
+Römerin. Ich muß gehen.«
+
+»Du mußt?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun, so geh!«
+
+»Teresa!«
+
+»Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken. Du bist tot für
+mich.«
+
+Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden liegen. Sie sah ihn nicht
+einmal an. Er strich über ihr blauschwarzes Haar. Sie rührte sich nicht. Er
+seufzte tief, er wußte nicht, was er sagen oder tun solle, und ging
+wirklich.
+
+Mit einem angstvollen Griff drückte er Ninos Hand. Es war, als vertraute er
+ihm Teresa an. Abends gegen zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein
+paar große Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine Menge Boote
+warteten darauf, die Soldaten hinzubringen. Einige tausend Menschen standen
+auf dem Kai, um die Abfahrt anzusehen.
+
+Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage! Früher im Winter
+hatte man nicht genug jubeln können, als die Truppen an Bord geführt
+wurden. Jetzt lag nichts als Düsterkeit über den Wartenden. Man hätte am
+liebsten die Boote und die Dampfer versenkt, damit sie keinen Sohn Italiens
+nach dem verfluchten Barbarenland führen könnten. Die Soldaten kamen so
+still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik, keine Schüsse,
+keine Hochrufe. Aber aus der wartenden Menge stieg ein dumpfes Murren der
+Empörung auf, und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie möglich.
+Man war nicht ganz sicher, daß das Volk nicht auf den Gedanken verfiele,
+die Abfahrt zu verhindern.
+
+Teresa schien etwas Ähnliches zu hoffen. »Sie werden es nicht zulassen,
+Nino,« sagte sie. »Alle diese Männer werden es nicht zulassen, daß man ihre
+Söhne fortführt, damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.«
+
+Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde weggebracht, und die
+Menge ließ es geschehen. Einige Menschen durchbrachen die Reihen der
+Soldaten, aber nur um zu küssen und Abschied zu nehmen. Nino sah Leutnant
+Ugo am Kai stehen und die Einschiffung überwachen.
+
+Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos Arm gehangen, jetzt aber
+sah er sie unten am Landungsplatz. Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er
+küßte sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung lösen. Es war die Reihe
+an ihn gekommen, einzusteigen.
+
+Sie schien sich zurückzuziehen, aber da sah Nino etwas Blankes in ihrer
+Hand leuchten. Sie schien den Leutnant noch einmal umarmen zu wollen. In
+demselben Moment wankte dieser und schrie auf.
+
+Nino eilte hinunter. Er riß Teresa an sich. Er zog sie in den Volkshaufen,
+in das heißeste Gedränge.
+
+»Stehe hier still.«
+
+Sie lachte beinahe irrsinnig. »Jetzt wird er nicht reisen, Nino,« sagte
+sie.
+
+Nino packte sie am Handgelenk. »Schweig,« sagte er und drückte es so, daß
+es schmerzte.
+
+»Meinethalben können die Gendarmen ...«
+
+Nino drückte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg.
+
+Das war ein Drängen, ein Hin- und Herstoßen. Nino blieb gelassen in dem
+dichtesten Getümmel. Er versuchte nicht zu fliehen.
+
+»Recht so,« flüsterte ein Neapolitaner Nino zu. »Nur stillstehen, daß die
+Gendarmen keinen Verdacht schöpfen. Kein Neapolitaner wird euch verraten.«
+
+Teresa begann plötzlich zu schluchzen.
+
+»Laß das sein,« sagte er, »du darfst nicht.«
+
+Und ihre Tränen versiegten. Sie stand stumm und still da, so lange Nino es
+wollte. Er hatte sie ganz in seiner Gewalt.
+
+Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann nach der zu forschen,
+die ihn verwundet hatte. Nino und Teresa hörten, wie man Fragen an die
+Menge stellte. »Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?«
+
+Es war eine große Signorina -- nein, eine kleine. -- Hier hatte man sie
+gesehen -- nein, hier. Sie hatte den Weg zur Station genommen -- nein, nach
+Santa Lucia. Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach
+links.
+
+Nino führte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten kühn nach Hause.
+Er verließ sich darauf, daß Leutnant Ugo sie nicht angeben würde.
+
+In der Zeitung las er am nächsten Tag auch, daß der Leutnant erklärt habe,
+er kenne die Frau nicht, die ihn verwundet hatte.
+
+Er war verwundet, aber nicht gefährlich. In der nächsten Woche kam ein
+Brief von ihm an Teresa.
+
+Seit der Reise nach Neapel ließ sie sich in allem von Nino lenken und
+leiten. Nun kam sie auch mit dem Briefe zu ihm.
+
+»Lies ihn, Nino,« bat sie.
+
+Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben.
+
+»Ist es aus, Nino?« fragte sie.
+
+Nino antwortete ja, so angstvoll, als verkünde er ihr ein Todesurteil.
+
+»Laß mich hören,« sagte sie und richtete sich auf. Nino las ihr vor, daß
+Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. »All meine Liebe ist tot,« schrieb er,
+»meine arme Liebe ist tot.«
+
+Sie zuckte verächtlich die Achseln.
+
+»Die Liebe eines Signor verträgt es wohl nicht, Blut zu sehen,« sagte sie.
+
+»Du, Teresa,« schrieb Leutnant Ugo, »du warst für mich des Vaterlandes
+Stolz, du warst das wiedergeborene Rom, du warst das starke Weib der
+Vorzeit. Du warst die, die die Römer einst zu Helden machen sollte, du
+solltest Seelenstärke genug haben, uns hinauszuschicken, um die Welt zu
+erobern. Vergib mir, daß ich mich täuschte. Nun weiß ich, daß die alten
+Römerinnen tot sind, die Töchter des neuen Rom senden keinen Mann hinaus,
+um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut, ihn zu hindern, seine Pflicht
+zu tun.«
+
+Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. »Ich will nicht mehr hören,« sagte
+sie.
+
+Nino schwieg.
+
+»Wenn ich es nicht getan hätte, Nino,« sagte sie, »wäre er jetzt tot. Ich
+verstehe nicht, was er meint. Ich sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen.
+Da läge er jetzt, wenn ich nicht gewesen wäre. Wie hätte ich ihn da ziehen
+lassen können?«
+
+»Findest du auch, Nino, daß ich feige bin?« fragte sie. »Bin ich entartet?
+Habe ich keinen Tropfen Römerblut in meinen Adern?«
+
+Nino sah zu ihr auf, wie sie da schön und stolz und trotzig vor ihm stand.
+Er liebte sie so, wie er sie immer geliebt hatte, und er sah seine ganze
+Zukunft vor sich. Sie würde nie heiraten, er würde sie nie verlassen
+können, und sie würden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin, er
+als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war, in der er beinahe Herrscher
+gewesen war, die kehrte nicht zurück. Sie würde bald wieder die Zügel der
+Gewalt an sich nehmen.
+
+»Sag mir, Nino,« fragte sie, »waren die Frauen des alten Rom wilde Tiere?
+Gaben sie zu, daß man ihnen das raubte, was sie liebten?«
+
+Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue Italien von dem alten
+unterschied, aber er schloß die Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte,
+er war aufs neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete, wie sie
+es wünschte, in ihren Adern fließe Römerblut, das edelste Römerblut.
+
+
+
+
+Die Rache bleibt nicht aus
+
+
+Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner einen Seite erhob sich
+eine Reihe zackiger Küstenberge, an der andern ein gleichmäßig hoher Kamm,
+den dichter Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und rings um sie
+her war eine weite, offne Gegend, in der aller Wald ausgerodet war.
+
+Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang lag brennend hinter
+den Küstenbergen. Leute, die den ganzen Tag drinnen in den Hütten
+geschlafen hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und
+spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer der vier Ecken der
+Welt her Tanzmusik erschalle. Wem es glückte, einen einzigen Geigenton
+aufzufangen, der machte sich davon über die schmalen, schneeigen Dorfwege
+und kam dann wie von ungefähr dahergegangen, langsam und bedächtig, aber
+die »Tanzhütte« als sichres Ziel im Sinn.
+
+So kam Gruppe auf Gruppe zur Tür Arilds, des Köhlers am Waldessaum,
+hereingeglitten. Da fragte niemand danach, wer kam; der neue Gast stand ein
+Weilchen unten an der Tür und gewöhnte die Augen an den Rauch, der sich
+unter dem Rauchfange hervorwälzte und in das Zimmer qualmte, bis er den Weg
+zu dem Loch im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ankömmling auch
+ins Spiel. Der Reigentanz ging über den bloßen Erdboden, das Stroh war
+weggetreten, die Ferkel hatte man von der Grube unter das Dachloch
+geschafft, wo sie sich am liebsten aufhielten; großer Schwingraum war nicht
+vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige, und der Tanz verlief
+drinnen im Winterquartier ebensogut, wie er an einem Sommerabend über den
+Waldeshang gegangen wäre.
+
+Arild hatte eine Frau, die Tora hieß; die pflegte sich immer in eine
+dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum Tanze lud. Sie war menschenscheu
+und schreckhaft, war fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand
+in dem Rufe, mehr sehen zu können, als andre.
+
+An diesem Abend war sie ungewöhnlich vergnügt, sie versteckte sich nicht,
+sondern saß vorn am Kamin, die Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig
+Farbe in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie Wasser
+waren, blickten lebendig, und sie bewegte die großen Hände, während sie
+sprach. Wenn die Leute sie bemerkten, traten sie aus den Reihen der
+Tanzenden und kamen heran, um sie zu begrüßen.
+
+Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie fest, bis sie das
+erzählt hatte, was ihr heute morgen geschehen war. Es bereitete ihr
+Verlegenheit, es herauszubringen, aber gleichzeitig war sie doch so stolz
+darauf, daß sie es nicht verschweigen konnte.
+
+Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbeißen, wenn sie
+erzählte, was sie gesehen und geträumt hatte. Nun sollte man sich aber
+überzeugen, daß ihre prophetische Gabe etwas wert sei.
+
+Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr geträumt, daß ihre drei Ziegen
+droben im dichten Wald in die Irre gingen. Sie hatte sie so jämmerlich
+meckern hören, daß sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle
+Ziegen in ihrer Hürde unten an der Tür, und sie hatte ja zuerst gedacht,
+dies sei nur ein gewöhnlicher Traum. Aber dann war eine Unruhe über sie
+gekommen: »Nein, nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,« hatte sie zu
+sich selbst gesagt.
+
+Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider gehüllt, hatte das
+Nebelhorn über die Schulter geworfen und war in den Wald hinaufgewandert.
+Sie war vom Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes gegangen
+und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu verirren. Sie lachte leise,
+als sie das erzählte. Ob sie wüßten, was das wäre, im dichten Walde vom
+Wege abzukommen? Grundloser Boden, der bei keiner Kälte zufröre, Gestrüpp,
+das jeden leeren Raum zwischen den Stämmen ausfülle, Schneehaufen und
+Wurzeln und stechende Dornen und umgestürzte Bäume, so sei es oben im Wald.
+
+»Aber dort oben fand ich drei wilde Böcke,« sagte sie. »Kommt und seht, was
+ich dort fand.« Sie führte ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu
+dem Bette hin, das mauerfest und durch Türen geschützt war. Sie öffnete die
+Türe, leuchtete mit einem Kienspan hinein, und da sah man drinnen drei
+Männer liegen. Sie waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren
+sie, daß die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre Wangen warfen, aber
+ihre Züge waren kühn und schön. Sie schliefen so fest, daß weder der Tanz,
+noch Toras Vorzeigen sie wecken konnte.
+
+»Das sind meine drei wilden Böcke, die ich im Dickicht gefunden habe,«
+sagte sie. »Es sind drei arme Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt
+haben und dort acht Tage umhergewandert sind. Wäre ich nicht gekommen, so
+wären sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe ich Essen für sie gekocht, und
+jetzt schlafen sie. Seht, wie sie schlafen.«
+
+»Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten ließ, Tora,« sagten ihre Gäste.
+
+»Gott wollte, daß ich nicht allezeit zum Gespött sein sollte,« sagte das
+Weib.
+
+So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit herankam, da wurde die
+Freude unterbrochen. Die Tür wurde mit Macht aufgestoßen, und ein langer,
+großer Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden, stellte sich
+mitten in den Raum und erhob die Hand.
+
+Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den Tanz in der Sonntagsnacht
+zu verbieten. Er hatte an diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren
+Wänden gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest müßten alle Menschen
+dahingerafft haben, aber nein, hier waren sie, hier in der Spielhütte waren
+sie zu finden. Und der Pfarrer verkündigte Buße und Kirchenstrafe über sie
+alle.
+
+Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt hören. Und er
+sprach und zertrümmerte ihre Freude und schreckte sie mit dem furchtbaren
+künftigen Leben, so daß sie vermeinten, niemals mehr den Fuß zum Tanze
+heben zu können.
+
+»Tanzet nun, wenn es euch gelüstet,« sagte der Pfarrer, »tanzet nun, ihr
+wißt jetzt, wohin ihr tanzet.«
+
+Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen verlegen da und
+suchten sich tapfer zu halten, sie begannen aber bald leise zu schluchzen.
+Ein Dirnlein, das eben noch am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie
+und küßte die Hand des Pfarrers.
+
+Keiner wagte ihm zu widersprechen, außer Tora. Sie, der sonst immer bange
+war, kam breit und ihrer Sache sicher heran. »Pfarrer,« sagte sie, »hier
+haben wir jeden Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies
+ein Haus Gottes. Du sollst hören, wie Gott heute seinen Segen über mich
+ergossen hat.«
+
+»Du Hexe,« sagte der Pfarrer, »willst du schweigen! Was an Segen zu dir
+kommt, das ist des Teufels Segen. Heute abend rede ich zu Menschen, die
+sich bekehren und bessern können. Mit dir rechne ich ein andermal ab.«
+
+Damit ging der Pfarrer, und in der Hütte herrschte große Betrübnis. Arild
+versuchte ein paar Striche auf der Geige, aber er legte sie gleich wieder
+fort. Die meisten von denen, die getanzt hatten, gingen heim.
+
+Tora saß wieder am Herde, sie warf neue Scheite in die Glut und schien
+ebenso froh wie zuvor. Einige, die sahen, daß sie den Mut nicht verloren
+hatte, gingen auf sie zu und begannen, übel vom Pfarrer zu sprechen.
+
+»Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,« sagte ein Bauer.
+»Früher, als er noch dem Papste zugehörte, durfte man sogar im Pfarrhof
+tanzen.«
+
+»Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, weißt du, Tora,« sagte ein
+andrer.
+
+»Tut er mir etwas, dann werde ich schon erzählen, wie er zu seinem Gelde
+gekommen ist,« sagte Tora.
+
+Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erzählte sie: »Der Pfarrer,
+Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er hatte einen Bruder, der ein
+Großbauer und sehr reich war.
+
+Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof, der näher zur Kirche lag,
+als sein eigner. Und sobald er in den Hof gekommen war, fing er an, nach
+dem Gelde des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden. Er grub in
+der Erde und riß die Kellermauer und die Küchenwand ein, um das Geld zu
+finden, aber es wollte sich ihm nicht zeigen.
+
+Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in langen Gebeten zu Gott
+darum flehte. Und Herr Ane wurde krank und verzweifelt vom Suchen und
+Nichtfinden.
+
+In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus, weil er seinen Kummer
+nicht verhehlte. >Hast du meines Bruders Geld gesehen?< konnte er den
+ärmsten Bettler fragen.
+
+Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein armes Bettelweib, das von
+Hof zu Hof zog, eines Abends in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr
+Unterkunft für die Nacht zu gewähren.
+
+>Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen kannst, wo mein
+Bruder sein Geld verwahrt hat,< sagte Herr Ane zu ihr.
+
+>Wenn ich das wüßte, Herr Ane,< sagte Mutter, >dann brauchte ich wohl nicht
+auf der Landstraße umherzuziehen und mein Brot zu erbetteln.<
+
+Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er möge ihr Obdach
+gewähren, denn es war nicht gut für sie, in ihrem hohen Alter draußen
+unter freiem Himmel zu liegen.
+
+Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt hätte, müsse es sein
+Bewenden haben, und sie könne kein Obdach bekommen, wenn sie ihm das Geld
+nicht verschaffe.
+
+>Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach im Pfarrhof haben bis zu
+meiner Todesstunde?< sagte Mutter. -- >Das sollst du,< sagte Herr Ane.
+
+Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was sie auf sich genommen
+hatte, Herr Ane möge ihr große Linnenlaken geben, und in die hüllte sie
+sich, als wäre sie eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm
+Graberde und streute sie über sich, und dann ließ sie sich von Herrn Ane
+die Kirchentür öffnen, und er folgte ihr in die Kirche und half ihr auf
+einen Dachbalken.
+
+Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem Dache. Aber sie erduldete
+alles mit fröhlichem Mute, in der Hoffnung, sich dadurch ein geschütztes
+Alter zu erringen.
+
+Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es hell in der Kirche, und
+ein paar Steine im Boden hoben sich, und einer der Toten kam herauf in die
+Kirche. Es war ein großer, derber Mann, er ging mehrere Male um die Kirche
+herum, da erblickte er meine Mutter. >Bist du tot?< sagte er zu ihr. Und
+sie wagte nicht zu antworten. Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr
+hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme: >Ja, ich bin tot.<
+Und da ließ er sie sein.
+
+Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er ging nun wieder zu seinem
+Grabe. Er holte daraus eine Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und
+Mutter sagte, sie hätte gesehen, wie er die Gold- und Silbermünzen nahm und
+mit ihnen spielte; er warf sie über sich, als sitze er im Bade und
+bespritze sich mit Wasser.
+
+Aber als er sich satt gespielt hatte, schüttete er das Geld ins Grab
+hinunter und stieg in seinen Sarg, und die Steine legten sich von selbst
+wieder auf ihren Platz zurecht.
+
+Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken hängen, und dann kam der
+Pfarrer, Herr Ane, und fragte, ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war
+frisch und gesund. >Dann komm und iß einen Bissen,< sagte der Pfarrer.
+>Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen für meine alten Tage,<
+sagte Mutter.
+
+Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann ließ sie den Boden
+über seines Bruders Grab aufbrechen und den Sarg herausheben. Und als sie
+dies taten, war nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte: >Seht
+nun nach, was noch in dem Grabe liegt,< da begann der Tote sich in seinem
+Sarge hin und her zu wälzen. Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich
+mit der Arbeit zu sputen.
+
+Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie hörte, wie der Tote
+drinnen arbeitete. Und sie holten aus dem Grabe eine große Tonne voll Gold-
+und Silbergeld. Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder unten im
+Grabe hatten und der Kirchenboden über ihm geschlossen war.
+
+>Gib mir zu essen,< sagte meine Mutter dann zum Pfarrer, >ich habe jetzt
+ein tüchtiges Stück Arbeit für dich getan.<
+
+Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben Tage bei sich, dann
+hieß er sie wieder gehen.
+
+Als Mutter so von neuem auf die Straße geworfen war, verfluchte sie ihn und
+sagte: >Das Geld, das ich dir verschafft habe, soll dein Unglück werden.<
+
+Und Mutter erzählte, der Pfarrer hätte ihr gesagt, er fürchte sich vor
+nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben könne.
+
+>Die Rache bleibt nicht aus,< sagte Mutter. Das war Mutters Sprichwort, daß
+die Rache nicht ausbleibe.
+
+Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,« fuhr Tora fort, »und nun heißt
+er ihre Tochter eine Hexe. Er hätte die große Kiste neben seinem Bett nicht
+so vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre,« fuhr Tora
+fort und richtete sich auf. »Er könnte nicht dasitzen und Geld über sich
+werfen und wälzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der Tote, wenn
+meine Mutter ihm nicht geholfen hätte.«
+
+Als Tora dies sagte, hörte man ein leises Scharren. Es war nicht ganz nahe,
+aber auch nicht weit weg. Niemand wußte, was es sein könnte. Es war, als
+versuche jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen.
+
+»Wer schleift Messer in meinem Hause?« rief Tora plötzlich.
+
+Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespräch wieder in Fluß gekommen war,
+begann es aufs neue zu knirschen und zu scharren.
+
+Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und sah hinein. Da lagen die
+drei Wanderer ausgestreckt und schliefen, wie sie den ganzen Abend
+geschlafen hatten.
+
+Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das Unwesen abermals. Jeder
+hörte deutlich, wie Messer gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen
+wurden. »Gott helfe uns, das ist ein Omen,« sagte Tora. »Möge uns nichts
+Böses widerfahren, weil wir Übles vom Pfarrer gesprochen haben!«
+
+Aber am nächsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane, ermordet in seinem Bett,
+und sein großer Geldschrein war verschwunden. Und es wurde allsogleich
+bekannt, daß die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem Köhler gelegen
+und ihre Müdigkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber des Mordes waren.
+
+Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erzählen hören, während sie dalagen
+und taten, als schliefen sie. Und sie hatten sofort den Mord geplant und
+sich daran gemacht, ihre Messer zu schleifen.
+
+Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes wie ein
+Wahrspruch durch die Umgegend. »Die Rache bleibt nicht aus,« sagt man.
+»Gott kann mit einer Sage fällen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die
+Rache bleibt nicht aus.«
+
+
+
+
+Die Geisterhand
+
+
+Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte an der Glocke des
+Doktors. Das erste Läuten hatte keinen Erfolg, aber als das zweite und
+dritte Läuten verrieten, daß es unerschütterlicher Ernst war, kam Doktors
+Karin durch die Küchentür, um zu sehen, was es gebe. Und als Karin eine
+Weile unterhandelt hatte, mußte sie sich darein finden, den Doktor zu
+wecken. Sie klopfte an die Schlafzimmertür.
+
+»Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor. Der Herr Doktor muß hin.«
+
+»Ist sie krank?« ertönte es von drinnen.
+
+»Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, daß sie etwas >gesehen<
+hat.«
+
+»Ja, ich lasse grüßen und komme.«
+
+Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das Mägdegeschwätz über
+seine Braut zu hören.
+
+Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben, dachte er, während er
+sich ankleidete. Nun liegt doch das Haus mitten in der Stadt, nicht das
+geringste Romantische daran. Ein ganz gewöhnliches, häßliches, altes Haus,
+eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber der Geisterspuk nistet
+sich dort fest.
+
+Wenn es noch in einem finstern Gäßchen läge oder ein wenig außerhalb der
+Stadt in irgendeinem verwilderten Garten, wo unheimliche alte Bäume die
+Fensterscheiben peitschten in solch einer stürmischen Winternacht! Aber es
+hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und die Zuckerfabrik ganz
+in der Nähe! Sollte man nicht glauben, daß die Zuckerfabrik mit allem
+ihrem Rasseln und Kochen und den großen glühenden Dampfkesseln es dem
+Gespenst unbehaglich machen müßte? Aber nein -- durchaus nicht.
+
+Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung verdienen. Es hatte
+Energie, unglaubliche Energie und die Fähigkeit, sich im Bewußtsein der
+Leute zu erhalten. Man gab wohl zu, daß es sich jetzt etwa zwanzig Jahre
+nicht hatte sehen lassen, seit die Fräulein Burmann in die Geisterzimmer
+gezogen waren. Aber hatte jemand es vergessen? Das zeigte sich ja jetzt:
+bloß weil Ellen ganz plötzlich krank geworden war, mußte es gleich heißen,
+sie hätte etwas gesehen.
+
+Daß sie sich vor etwas erschreckt hätte, ja, das war wohl nicht unmöglich.
+Sie war wie prädestiniert, Gespenster zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben
+mit den zwei nervösen, alten Tanten verbracht hatte. Und daß es ein
+Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer gehört und geglaubt. Von
+Kindheit auf war ihre Phantasie durch das alles aufgereizt.
+
+Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten gewesen war, hatte sie
+ihm gleichsam triumphierend gesagt: »Hier ist das Geisterzimmer,« in einem
+Ton, als zeige sie eine Familienkostbarkeit.
+
+»Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem Zimmer Karten zu
+spielen.«
+
+»Ach, warum nicht?«
+
+»Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler macht, den
+allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine Hand und legt sich neben ihm auf
+den Spieltisch.«
+
+»Was für eine Hand?«
+
+»Eine alte, häßliche Hand mit schweren Diamantringen auf den krummen
+Fingern und mit echten Spitzen ums Handgelenk.«
+
+»Nun und dann?«
+
+»Ja, man sieht nichts als die Hand.«
+
+»Aber woher kommt das?«
+
+»Das weiß niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.«
+
+Sie hatte das sehr keck erzählt; aber wer konnte wissen, wer konnte wissen?
+Sie glaubte wohl an den Spuk.
+
+»So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die Tischkante
+heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt. Hu, und dann weist sie mit
+einem großen, gekrümmten Finger auf eine der Karten! Sie hat Nägel wie
+Klauen, gekrümmt und spitzig.«
+
+Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl nicht. Sie hatte ja
+gerade das Gespensterzimmer zu ihrem Zimmer erwählt ...
+
+Der Doktor jagte an der großen Zuckerfabrik vorüber, wo die Arbeit die
+ganze Nacht fortging, und gelangte über die hohe Steintreppe in das Haus.
+
+Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken. Im Stiegenhaus
+stand eine lange Gestalt, ganz in einen schwarzen Schal eingerollt. Tante
+Malin war selbst heruntergekommen, um ihm die Stiege hinaufzuleuchten.
+
+»Wie geht es Ellen?« fragte der Doktor.
+
+»Wie gut von dir, daß du so rasch gekommen bist,« sagte Tante Malin. »Ich
+weiß nicht, was sie hat. Du mußt kommen und selbst sehen.«
+
+Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war. Der Doktor bekam
+erst jetzt den lebendigen Eindruck, daß wirklich Gefahr im Verzuge wäre.
+
+Ärgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen sollte, mit dem kleinen
+Mädchen dort oben, das er sich zur Frau gewählt hatte! Er hatte in seinem
+ganzen Leben keine gesehen, die ihm besser gepaßt hätte. Recht schön, und
+keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten, und natürlich streng
+erzogen, ans Heim gewöhnt, tüchtig im Häuslichen, friedfertig.
+
+Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante Malin wieder an ihn.
+
+»Wir erwachten mitten in der Nacht davon, daß sie so furchtbar schrie, und
+wir haben sie seitdem nicht beruhigen können. Wir wußten uns keinen andern
+Rat, als dich holen zu lassen.«
+
+Sie öffnete die Tür zu Ellens Zimmer, steckte den Kopf hinein und sagte,
+daß er gekommen sei. Gleich darauf wurde er eingelassen.
+
+Drinnen war es so hell, daß er im ersten Augenblick kaum etwas sehen
+konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht, was es in der Wohnung an
+Lampen und Leuchtern gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar, daß
+dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal gewesen war.
+
+Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und gerade da hatte die
+Gespensterhand sich gezeigt. Das mußte einen Schrecken und einen Aufstand
+gegeben haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um zu wissen, wie
+sie ausgesehen haben mochten.
+
+Sie saß mitten im Zimmer in einem großen Lehnstuhl, sie hielt sich ganz
+aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden Blicken um, war bleich, von
+einer richtigen Totenfarbe, ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie bebte.
+
+Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer gerückt. Es war einer mit freien Füßen.
+Kein Möbel stand in der Nähe, nichts konnte darunter verborgen liegen und
+plötzlich hervorkriechen.
+
+Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt jetzt die Augen fest,
+ganz fest auf den Schatten des Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke
+des Kachelofens streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht, daß er
+ihr irgendeinen häßlichen Streich spielen wolle. Sie zog die Röcke an sich,
+wie um bereit zu sein, zu fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und
+sich als etwas entpuppte, vielleicht als eine große Hand mit Fingern und
+Klauen. Der Doktor rückte also in aller Eile eine Lampe hinüber, so daß ihr
+Licht in die Ecke fiel. Sie sank wieder in den Stuhl.
+
+Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport ab wie Tante Malin.
+
+»Wir erwachten davon, daß sie schrie, als wäre sie wahnsinnig geworden, und
+so ist sie dann die ganze Zeit gewesen. Sie will nur Licht haben, immer
+mehr Licht. Was, glaubst du, kann das sein?«
+
+»Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken,« flüsterte der Doktor.
+
+So, nun waren ihre Blicke bemüht, sich hinter eine Gardine einzubohren. Er
+ging einmal ums Zimmer. Es konnte ja möglich sein, daß er entdeckte, was
+sie erschreckt hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes
+Briefpapier. Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die Feder war ihr
+aus der Hand gefallen und übers Papier gerollt. Ein Billett, das er ihr
+spät abends geschickt hatte, um zu fragen, ob sie und die Tanten am
+nächsten Tag einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben.
+
+Es war offenbar, daß sie sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, um ihm zu
+antworten. Sie hatte eben »Mein gel ...« geschrieben. Dann war sie
+erschrocken und hatte die Feder fallen lassen.
+
+Der Doktor fühlte, wie die Blicke der Tanten ihm folgten. Sie wunderten
+sich wohl, daß er kein Wort zu Ellen sagte. Das erste, was er tun mußte,
+war, alle aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als auch Tante
+Berta und das Hausmädchen, damit sie den Schrecken nicht in ihr wach
+erhielten.
+
+»Ich glaube, sie wird mir schon alles erzählen, wenn ich allein mit ihr
+sprechen kann,« sagte er und hatte rasch das Zimmer ausgeräumt.
+
+Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie.
+
+Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann! Er hätte Ellen kaum
+wiedererkannt. Ruhe, friedvolle Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens.
+Er war davon bezaubert worden, daß er sie immer gleich ruhig fand: eine
+förmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten zu behandeln. Sie sah kaum von
+der Stickerei auf, wie sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal
+gleichsam eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam, vermeinte er
+eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im Lampenscheine am Arbeitstisch
+sitzen zu sehen. Er hatte ein deutliches Bild des feinen Nackens und der
+kleinen Hände empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie geschmückt. Darauf
+hatte er um sie angehalten.
+
+Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte Wildheit. Gerade, was
+er nicht wollte. Eine hysterische Frau! Ah, Gott behüte, Gott behüte!
+
+»Sag, Ellen, was hast du?«
+
+Sie antwortete nicht.
+
+»Mir mußt du es sagen, verstehst du?« sagte er ein bißchen streng.
+
+Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein Schimmer von Hoffnung
+in ihnen auf.
+
+»Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.«
+
+Es war schade um ihre schönen, hellen Augen. Sie hatten auf dem, mit dem
+sie gesprochen hatte, immer mit einem Schimmer geruht, so still wie der der
+Sonne. Sie waren vielleicht glänzender jetzt. Aber das war ein Glanz, nach
+dem er eigentlich gar nicht fragte.
+
+Sie kämpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den Unterkiefer nicht still
+halten. Sie stopfte ein Taschentuch zwischen die Zähne, damit man nicht
+hörte, wie sie aufeinanderschlugen.
+
+Endlich hörte er sie ein paar Worte sagen. Sie saß da und schlug mit der
+einen Hand auf die andre und dachte laut. »Ich muß es ihm sagen. Ich muß,
+ich muß. Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.«
+
+Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich herabgestimmt dabei.
+Es glich am ehesten der Stimmung, die über einen kommt, wenn man im Frack
+in einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen. Man fühlt,
+wie man seine ganze Größe und Würde einbüßt.
+
+Sie gestand mit einem Male, daß sie ihn nicht lieb hätte. Sie hätte ihn
+gern heiraten wollen, aber bloß um von daheim wegzukommen.
+
+Hätte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er hätte darüber lachen
+können, wie dieses Kind sich nach einem Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten
+besten. Sie war so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten
+wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und wußten selbst
+nicht, wie sie sie quälten.
+
+Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte gleichsam, er möchte
+sie doch verstehen und für sie fühlen. Er wußte ja, wie die Tanten waren,
+er hatte sie ja viele Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so
+eigen, so voll fixer Ideen und Beängstigungen. Tante Malin erwartete immer
+eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte immer, daß sie auf der Straße
+überfahren werden würde. Er wußte, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen,
+weiter bei ihnen bliebe, würde sie ebenso wunderlich werden.
+
+Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und sie hatte die Tanten
+gebeten, fortgehen und arbeiten zu dürfen. Das hatten die natürlich nicht
+erlauben wollen. Da könnte er doch begreifen, daß ihr nichts andres übrig
+geblieben wäre, als zu heiraten.
+
+Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob sie bei einer
+Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich nichts machte, nicht gefürchtet
+hätte, ein noch ärgeres Leben führen zu müssen, als hier bei den Tanten.
+
+Ach nein, ärger könnte es wohl nie sein. Ein Mann wäre wenigstens manchmal
+fort. Die Tanten wären den ganzen Tag zu Hause.
+
+Nun, da sie schon so offenherzig wäre -- ob es ihr nie in den Sinn gekommen
+wäre, ihn lieb zu haben? Sie schüttelte den Kopf; das war etwas, was ganz
+außerhalb des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu häßlich wäre? Nein; sie
+schlug beteuernd die Augen auf. Ob er langweilig wäre? Sie machte eine
+abwehrende Handbewegung. Was für ein Fehler also an ihm wäre? Er sei zu
+kalt. Ja so, er war zu kalt.
+
+Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer. Das war doch
+unglaublich, daß ein solches Kind da herumgegangen war und etwas Derartiges
+zusammengebraut hatte. Hatte sich von ihm küssen lassen, ohne eine Spur von
+Neigung für ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre Rolle gar nicht schlecht
+gespielt. Er war der Betrogne gewesen. Und daß er so unsympathisch sein
+sollte, daß ein junges Mädchen gar nicht daran denken könnte, ihm gut zu
+sein ...!
+
+Aber natürlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes Leben geführt. Er
+konnte schon begreifen, daß ihr viel daran gelegen hatte, sich zu
+verheiraten. Das war ihr wohl wie eine Erlösung fürs ganze Leben gewesen.
+Sie legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu zeigen. Es fiel ihr
+gar nicht ein, daß sie ihn verletzte. Sie mußte wohl glauben, daß er
+gepanzert sei, ganz eisenhart.
+
+Ihre Stimme erhob sich plötzlich zu einem Schrei. »Du weißt ja,« sagte sie,
+»daß alle, die falsch spielen, in diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich
+habe sie gesehen. Ich saß dort, dort.« Und sie wendete sich heftig zum
+Schreibtisch. »Dort hab' ich sie gesehen.«
+
+»Glaubst du nicht, daß ich sie gesehen habe?« fuhr sie fort und bohrte ihre
+Augen in ihn, als wolle sie die Wahrheit hervorzwingen.
+
+»Laß mich hören, wie es war,« sagte er beruhigend.
+
+»Ja, du weißt doch, daß du mir am Abend geschrieben hattest, und ich wollte
+die Antwort schreiben, bevor ich mich niederlegte. Aber als ich mich an den
+Schreibtisch setzte, wurde ich unruhig und saß lange da und dachte, denn
+ich wußte nicht, wie ich die Überschrift schreiben sollte. Ich mußte ja
+>geliebter< schreiben, aber das kam mir nicht recht vor. Es war das
+erstemal, daß ich an dich schrieb. Ich fand, daß es schrecklich war, etwas
+zu schreiben, was nicht wahr war -- aber schließlich schien es mir, daß ich
+nicht weniger schreiben könnte.«
+
+»Ist ein so großer Unterschied zwischen dem, was man schreibt, und dem, was
+man sagt?«
+
+»Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur ob ich deine Frau
+werden wollte --«
+
+»Ah so!«
+
+»Aber da, in demselben Augenblick, in demselben Augenblick, als ich
+begonnen hatte, das Wort zu schreiben, war die Hand da. Sie kam über die
+Tischkante heraufgeglitten, und ich glaube, ich saß da und starrte sie ein
+paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war. Ich schrie nicht gleich.
+Ich konnte gleichsam nicht verstehen, daß es etwas Übernatürliches war.
+Aber da legte sie sich über das Papier und zeigte mit den gekrümmten
+Fingern auf das Wort da.
+
+Ich glaube, sie war froh, sie zitterte förmlich vor Freude. Es war, als
+wolle sie die Buchstaben an sich scharren -- es war falsches Spiel. Da
+wollte sie mit dabei sein.
+
+Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine große Spinne. Gerade
+als hätte sie Eile. Es war so lange her, seit sie Anlaß gehabt hatte,
+hervorzukommen. Nun mußte sie sich sputen. Sie griff förmlich nach der
+Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja falsches Spiel. Da
+wollte sie mit dabei sein.
+
+Ich schrie auf, als wäre es eine Schlange, und da verschwand sie, aber ich
+weiß nicht, ob sie nicht noch hier ist. Ich glaube, ich fühle, daß sie sich
+noch im Zimmer befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich war nahe
+daran, zu sterben.«
+
+»Nein, sie darf nicht wiederkommen,« sagte er tröstend.
+
+»Ich weiß, daß ich eins tun muß,« sagte sie, »ich muß es tun, damit sie
+nicht wiederkommt. Aber es ist so furchtbar hart.«
+
+Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre kalte, zitternde Hand
+in die des Doktors und ließ den Ring zurück. Dann weinte sie in der
+Bitterkeit der Entsagung.
+
+Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander und ließ
+den Ring dazwischen hin und her gleiten.
+
+Es wäre nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu werden wie mit dem
+andern, meinte er. Die Hand hatte gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein
+wenig Rache verschafft. Er fühlte Sympathie für sie.
+
+Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, daß das Gewissen in der einen
+oder andern Weise über sie kommt, wie sehr sie auch versuchen, es zu
+betrügen. Es hat seine eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine
+Braut alles aufs beste ausgeklügelt, um ein gutes Heim zu bekommen. Bloß
+ein bißchen Heuchelei brauchte sie sich aufzuerlegen, und alles Glück der
+Welt war ihr eigen. Und da kommt das Gewissen ganz still heran und gräbt
+seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich alle Klugheit, alle
+Berechnung in einem Augenblick in die Luft.
+
+Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, daß sie so ein ganzes Leben würde
+weiterlügen können. Hatte wohl gesehen, wie es andern geglückt war. Aber da
+stellt es sich heraus, daß sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt ein
+Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen anzugehören.
+Wenn man es am wenigsten erwartet, ist die Gewissenshalluzination da.
+
+Natürlich nimmt sie dann die Form an, die am nächsten zur Hand liegt. Es
+war ja sonnenklar, daß das Gewissen in diesem Zimmer zu einer Geisterhand
+werden mußte.
+
+Er saß noch immer da und spielte mit dem Ring und ließ ihn von einem Finger
+zum andern gleiten. Er fühlte etwas andres als Zorn darüber, daß er sie
+nicht hatte gewinnen können. Er war beinahe betrübt. Sie fing jetzt wohl
+an, sich seiner zu erinnern, zu denken, daß ihm ein Unrecht widerfahren
+sei, denn sie beugte sich hinab und küßte seine Hand. »Verzeih mir,« sagte
+sie.
+
+Es war merkwürdig, wie weich sie war. Wenn sie sich darüber klar geworden
+war, daß sie ein Unrecht getan hatte, wußte sie gar nicht, was sie alles
+anfangen sollte, um es zu sühnen. Es hatte wirklich keinen Zweck, sie
+länger zu quälen. Er brauchte ja nur gerade heraus zu sprechen, zu sagen,
+daß er nicht viel besser gewesen war als sie. Räsonnement auf beiden
+Seiten. Die eine hatte ein Heim, der andre eine Haushälterin gesucht. Es
+würde sie beruhigen, das zu hören.
+
+Er wollte ihr sagen, daß es keine so bittre Enttäuschung für ihn hatte
+werden können. Er war nicht so furchtbar verliebt gewesen, auch er nicht.
+
+Ja gewiß, er hatte ja keinen Anlaß, die Qual länger hinauszuziehen. Das
+beste war, ein Ende zu machen. Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen
+unverlobt zu erwachen.
+
+Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Tränen in die Augen. Es tat
+ihm doch weh, sie zu verlieren. Und nun war es das, was er ihr sagte.
+
+Er begann damit, ihr unzusammenhängende Dinge zu sagen, daß sie ein
+Gewissensmensch sei, daß sie der feineren Rasse von Nervenmenschen
+angehöre, die gerade jetzt angefangen hätten, hier und dort aufzutauchen.
+Sie sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen, was ihr in dieser
+Nacht widerfahren sei, fiele es ihm schwer, auf sie zu verzichten.
+
+Sie sei frei, ja, natürlich, aber wenn sie einmal könne und wolle -- --
+
+Er sah sie erstaunt an. Quälte sie das nicht? Nein, jetzt erst verschwand
+die Starrheit aus ihren Zügen, und die Augen wurden ruhig. Sie saß mit
+halbgeöffnetem Munde und lauschte --
+
+Er sprach davon, wie er das Leben für sie hätte ordnen wollen, sprach
+davon, wie er sich nach ihr gesehnt hätte. Er sprach ganz anders davon, als
+er vor einer halben Stunde gesprochen hätte. Aber er sah es auch ganz
+anders, jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel schöner, als er
+es sich zugetraut hätte. Das Zusammenleben mit einem weichen, liebenswerten
+Wesen, ja, gerade das Zusammenleben mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold
+für seine Phantasie aus, und er sagte es ihr.
+
+Als er näher trat und ihr die Hand zum Abschied reichte, kamen ihm noch
+einmal die Tränen in die Augen. Sie war so schön, gerade jetzt, die Farbe
+entzündete sich wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerblühte
+Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer Todesgefahr entronnen
+ist.
+
+Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und zog seine Schlüsse so
+rasch wie nie zuvor.
+
+Sie verstand sich natürlich selbst nicht, nicht im geringsten. Ah! Er
+schöpfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit war fort. Ein jubelndes
+Siegesgefühl durchblitzte ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er
+sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht, daß er zeigte, daß
+er sie lieb hatte.
+
+Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig wieder auf den
+Ringfinger. »Keine Torheiten,« sagte er, als sie die Hand wegziehen wollte.
+
+»Aber,« sagte sie. »Ich weiß nicht, ich wage nicht --«
+
+»Ich wage es, ich,« sagte der Doktor, »ich war nie so, daß ich vor dem
+Glück davongelaufen bin.«
+
+Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen Überrock und kam wieder herein,
+um seine Zigarre anzuzünden.
+
+»Arme Kleine,« sagte er, während er ein paar Züge machte. »Bist jetzt wie
+gebunden und gefesselt, mich zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch
+die Hand dort und preßt dir das Leben aus.«
+
+ * * * * *
+
+Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 2,525.
+
+
+
+
+ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Seite 9: »bei Halvorson einzukaufen« wurde geändert in
+ »bei Halfvorson einzukaufen«
+ Seite 18: »»Laß ihn heulen!« sagte Halvorson« wurde geändert in
+ »»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson«
+ Seite 18: »Halvorson holt die Polizei« wurde geändert in
+ »Halfvorson holt die Polizei«
+ Seite 19: »durch das Halvorson« wurde geändert in »durch das Halfvorson«
+ Seite 21: nach »so ist es gemeint..« wurde ein Punkt ergänzt
+ Seite 31: »Aber als am Nachmittag alle Mäner« wurde geändert in
+ »Aber als am Nachmittag alle Männer«
+ Seite 32: »Die vier Mäner« wurde geändert in »Die vier Männer«
+ Seite 33: »in Frieden und Ordnun« wurde geändert in
+ »in Frieden und Ordnung«
+ Seite 61: »von dem lichten Abendhimmel« wurde geändert in
+ »vor dem lichten Abendhimmel«
+ Seite 103: »Gegend Abend« wurde geändert in »Gegen Abend«
+ Seite 147: »glichen den aller andern« wurde geändert in
+ »glichen denen aller andern«
+ Seite 214: vor »ob es sehr häßlich war« wurde ein Komma ergänzt
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE ***
+
+***** This file should be named 33041-8.txt or 33041-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/3/0/4/33041/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.