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Passagen, die im Originaltext gesperrt gedruckt +waren, sind hier mit »_« gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich +am Ende des Textes. + + + + Unsichtbare Bande + + Erzählungen + von + Selma Lagerlöf + + + Deutsch von Marie Franzos + + + [Illustration: Verlags-Signet] + + + Leipzig / Hesse & Becker Verlag + + + + + Inhalt + + Seite + + Peter Nord und Frau Fastenzeit 7 + Die Legende vom Vogelnest 57 + Das Hünengrab 67 + Die Vogelfreien 90 + Reors Geschichte 114 + Waldemar Attertag brandschatzt Visby 120 + Mamsell Friederike 126 + Der Roman einer Fischersfrau 136 + Mutters Bild 147 + Ein gefallener König 154 + Ein Weihnachtsgast 179 + Onkel Ruben 189 + Das Flaumvögelchen 199 + Unter den Kletterrosen 234 + Die Grabschrift 239 + Römerblut 251 + Die Rache bleibt nicht aus 269 + Die Geisterhand 277 + + + + +Peter Nord und Frau Fastenzeit + +I + + +So traulich wie ein Heim steht das kleine Städtchen vor mir. Es ist so +klein, daß ich alle seine Winkel und Ecken kennen lernen, mit jedem Kinde +gut Freund werden und alle Hunde beim Namen rufen konnte. Wer über die +Straße ging, wußte, bei welchem Fenster er den Blick aufschlagen mußte, um +ein schönes Gesicht hinter der Scheibe zu erblicken, und wer durch den +Stadtpark wanderte, kannte die Zeit, wann er da gehen mußte, um die Person +zu treffen, die er treffen wollte. + +Auf die schönen Rosen im Nachbargarten war man fast ebenso stolz, als wenn +sie im eignen gestanden hätten. Geschah etwas, was kleinlich oder +gewöhnlich war, so schämte man sich, als wäre es in der eignen Familie +passiert, aber bei dem allergeringsten Ereignis, einer Feuersbrunst oder +einer Marktschlägerei, brüstete man sich und sagte: »Seht nur, welches +Gemeinwesen! Geschehen solche Dinge anderswo? Welche wunderbare Stadt!« + +Und in dieser meiner geliebten Stadt verändert sich nichts. Komme ich +wieder einmal hin, so werde ich dieselben Häuser und Kaufläden +wiederfinden, die ich von altersher kenne, dieselben Gruben im +Steinpflaster werden mich zu Fall bringen, dieselben steifen Lindenhecken, +dieselben rundgeschnittenen Fliedersträucher meinen bewundernden Blick +fesseln. Wieder werde ich sehen, wie der alte Ratsherr, der die ganze Stadt +regiert, mit elefantenschweren Schritten die Straße hinabgewandert kommt. +Patriarch und Vorsehung, welch ein Gefühl der Sicherheit hat man nicht, +wenn man dich so wandern sieht! Und der taube Halfvorson wird noch immer in +seinem Garten umhergehen und graben, während seine wasserklaren Augen +suchend starren, als wollten sie sagen: »Alles, alles haben wir +durchforscht, jetzt Erde, wollen wir uns bis in dein Innerstes bohren.« + +Aber wer nicht mehr da sein wird, das ist der kleine runde Peter Nord. Ihr +wißt doch, der kleine Wermländer, der in Halfvorsons Kramladen stand, er, +der die Kunden mit seinen kleinen mechanischen Erfindungen und seinen +weißen Mäusen unterhielt. Von ihm ist eine ganze Geschichte zu erzählen. +Über alles und alle in der Stadt gibt es Geschichten. Nirgends geschehen so +wunderliche Dinge. + +Er war ein Bauernjunge, der kleine Peter Nord. Er war klein und rund, er +war braunäugig und hatte ein lachendes Gesicht. Sein Haar war heller als +Birkenlaub im Herbst, die Wangen waren rot und flaumig. Und ein Wermländer +war er. Niemand, der ihn sah, konnte glauben, daß er aus einem andern Lande +komme. Mit prächtigen Eigenschaften hatte ihn die treffliche Heimat +ausgerüstet. Hurtig war er bei seiner Arbeit, rasch mit den Fingern, flink +mit der Zunge, klar im Kopfe. Und dazu ein Narr, gutmütig und hoch hinaus, +gefällig und streitlustig, neugierig und plapperhaft. Der Tollkopf, er war +nicht imstande, einem Bürgermeister größre Ehrfurcht zu zeigen, als einem +Bettler. Aber Herz hatte er, verliebt war er jeden zweiten Tag, und die +ganze Stadt zog er ins Vertrauen. + +Die Arbeit im Laden verrichtete dieses glücklich veranlagte Kind in +irgendeiner übernatürlichen Weise. Die Kunden wurden bedient, während er +die weißen Mäuse fütterte. Geld wurde gewechselt und gezählt, während er +seine kleinen, selbstgehenden Wagen mit Rädern versah. Und indes er den +Kunden von seiner allerletzten Verliebtheit erzählte, ließ er das Litermaß +nicht aus den Augen, aus dem der braune Sirup sich sachte herabringelte. +Und es machte den bewundernden Zuhörern Spaß, zu sehen, wie er plötzlich +über den Ladentisch sprang und auf die Straße stürzte, wo er mit einem +vorbeigehenden Gassenjungen einen Strauß ausfocht, um dann mit ruhiger +Stirn in den Laden zurückzukehren und den Knoten an einem Paket zu knüpfen +oder ein Stück Stoff fertig zu messen. + +War es nicht natürlich, daß er der Günstling der ganzen Stadt wurde? Wir +fühlten uns alle verpflichtet, bei Halfvorson einzukaufen, seit Peter Nord +hingekommen war. Und selbst der alte Ratsherr war stolz, wenn Peter Nord +ihn in eine dunkle Ecke zog und ihm den Käfig mit den weißen Mäusen zeigte. +Es war sehr spannend und aufregend, die Mäuse zu zeigen, denn Halfvorson +hatte ihm verboten, sie im Laden zu halten. + +Da aber kamen mitten in dem heller werdenden Februar ein paar trübe Tage +mit nebligem Tauwetter. Peter Nord wurde auf einmal ernst und still. Er +ließ die weißen Mäuse ihren Drahtkäfig benagen, ohne sie zu füttern. Er +versah seine Obliegenheiten tadellos. Er balgte sich nicht mit den +Gassenjungen. Konnte Peter Nord es vielleicht nicht vertragen, daß das +Wetter umgeschlagen hatte? + +Ach nein, die Sache war die, daß er einen Fünfzigkronenschein oben auf +einem der Wandbretter gefunden hatte. Er hatte geglaubt, daß er mit einem +Stoffballen hinaufgeschleudert worden war, und ganz unbemerkt hatte er ihn +unter einen Pack gestreiften Kattun geschoben, der damals unmodern war und +nie von den Wandbrettern heruntergenommen wurde. + +Der Knabe hegte in seinem Herzen einen unbändigen Groll gegen Halfvorson, +der ihm eine ganze Mäusefamilie totgeschlagen hatte, und nun wollte er sich +rächen. Noch sah er die weiße Mutter mitten unter ihren hilflosen Jungen +vor sich. Sie hatte keinen einzigen Versuch gemacht zu fliehen, sondern war +in unerschütterlichem Heldenmut auf ihrem Platz liegen geblieben und hatte +den herzlosen Mörder aus roten brennenden Augen angestarrt. Verdiente +dieser nicht auch eine angstvolle Stunde? Peter Nord wollte sehen, wie er +totenbleich aus dem Kontor stürzte und nach dem Fünfzigkronenschein suchte. +Er wollte dieselbe Angst in seinen wasserklaren Augen sehen, die er in den +granatroten der weißen Maus erblickt hatte. Der Krämer sollte nur suchen, +er sollte den ganzen Laden umkehren, bevor Peter Nord ihn die Banknote +finden ließ. + +Aber der Fünfzigkronenschein blieb den ganzen Tag in seinem Versteck +liegen, ohne daß jemand danach fragte. Er war ganz neu, bunt und leuchtend +und hatte die Zahl Fünfzig groß in allen Ecken. Wenn Peter Nord allein im +Laden war, lehnte er eine Leiter an die Regale und kletterte zu dem +Kattunballen hinauf. Dann zog er den Fünfzigkronenschein hervor, entfaltete +ihn und bewunderte seine Schönheit. Mitten im eifrigsten Handeln konnte er +Angst bekommen, daß dem Fünfzigkronenschein etwas zugestoßen sei. Dann tat +er, als suchte er etwas auf dem Wandbrett und tastete unter dem +Kattunballen herum, bis er den glatten Schein unter seinen Fingern rascheln +fühlte. + +Dieser Schein hatte mit einem Male eine übernatürliche Gewalt über ihn +erlangt. Ob wohl etwas Lebendiges darin war? Die von breiten Ringen +umgebenen Zahlen waren wie saugende Augen. Der Knabe küßte sie alle und +flüsterte. »Solche wie du möchte ich viele haben, furchtbar viele.« + +Er begann sich allerlei Gedanken über den Schein zu machen, und darüber, +daß Halfvorson nicht danach fragte. Vielleicht gehörte er gar nicht +Halfvorson? Vielleicht lag er schon lange im Laden? Vielleicht hatte er +überhaupt keinen Besitzer mehr? + +Gedanken sind ansteckend. -- Beim Abendbrot hatte Halfvorson angefangen, +von Geld und Geldmenschen zu sprechen. Er erzählte Peter Nord von allen den +armen Jungen, die Reichtümer gesammelt hatten. Er begann mit Whittington +und schloß mit Astor und Jay Gould. Halfvorson kannte ihre ganze +Geschichte, er wußte, wie sie gestrebt und entbehrt, was sie erfunden und +gewagt hatten. Er wurde ganz beredt, als er auf alles dies kam. Er +durchlebte die Leiden der jungen Geldmenschen, er begleitete sie bei ihren +Erfolgen, er jubelte bei ihrem Sieg. Peter Nord hörte ganz gespannt zu. + +Halfvorson war vollkommen taub, aber dies war kein Hindernis für ein +Gespräch, denn er las einem alles, was man sagte, von den Lippen ab. +Hingegen konnte er seine eigne Stimme nicht hören. Die rollte darum so +wunderlich eintönig dahin, wie das Tosen eines fernen Wasserfalls. Aber +diese wunderliche Art zu sprechen bewirkte es, daß alles, was er sagte, +einem im Ohr nachhallte, so daß man es viele Tage nicht abschütteln konnte. +Armer Peter Nord! + +»Was unumgänglich notwendig ist, um reich zu werden,« sagte Halfvorson, +»das ist der Heckepfennig. Aber den kann man nicht verdienen. Merke dir, +den haben alle auf der Straße gefunden, oder zwischen dem Futter und dem +Oberstoff eines Rockes, den sie auf einer Auktion gekauft haben, oder sie +haben ihn im Spiel gewonnen, oder von einer schönen und barmherzigen Dame +als Almosen bekommen. Aber nachdem sie im Besitze dieser gesegneten Münze +waren, ist ihnen alles geglückt. Der Geldstrom sprudelte daraus hervor wie +aus einer Quelle. Das erste, was nottut, Peter Nord, das ist der +Heckepfennig.« + +Halfvorsons Stimme klang immer dumpfer und dumpfer. Der junge Peter Nord +saß wie betäubt da und sah eitel Gold vor sich. Auf dem Tuche des Eßtisches +stapelten sich Haufen von Dukaten auf, auf dem Fußboden wogte es weiß von +Silber, und die wirren Muster der schmutzigen Tapeten verwandelten sich in +Bankscheine, groß wie Tischtücher. Aber gerade vor seinen Augen flatterte +die Zahl Fünfzig, von breiten Ringen umgeben, und lockte ihn wie die +schönsten Augen. »Wer weiß,« lächelten die Augen, »vielleicht ist der +Fünfzigkronenschein droben auf dem Wandbrett solch ein Heckepfennig?« + +»Merke nun wohl,« sagte Halfvorson, »nächst dem Heckepfennig sind noch zwei +Dinge für den notwendig, der es weit bringen will. Arbeit, eisenharte +Arbeit, Peter Nord, heißt das eine Ding; und das andre heißt Verzicht. +Verzicht auf Liebe und Spiel, auf Plaudern und Lachen, auf den +Morgenschlummer und den Abendspaziergang. Wahrlich, wahrlich, zwei Dinge +sind notwendig für den, der das Glück erobern will. Arbeit heißt das eine, +und das andre Verzicht.« + +Peter Nord sah aus, als wenn er weinen wollte. Freilich wollte er reich, +freilich wollte er glücklich werden, aber das Glück sollte nicht so +ängstlich kommen, nicht so sauer erworben sein. Ganz von selbst sollte sie +sich einstellen, Frau Fortuna. Wenn Peter Nord sich gerade mit den +Gassenjungen balgte, dann sollte die edle Dame ihre Sänfte an der Ladentür +halten lassen und dem Wermlandjungen den Platz an ihrer Seite anbieten. +Aber jetzt grollte Halfvorsons Stimme noch immer in seinen Ohren. Sein +ganzes Hirn ward davon erfüllt. Er glaubte nichts andres, wußte nichts +andres. Arbeit und Verzicht, Arbeit und Verzicht, das war das Leben und des +Lebens Ziel. Er begehrte nichts andres, er wagte nicht zu glauben, daß er +sich je etwas andres gewünscht hatte. + +Am nächsten Tage getraute er sich gar nicht, den Fünfzigkronenschein zu +küssen, er wagte es nicht einmal, ihn anzusehen. Er war still und gedrückt, +ordentlich und fleißig. Alle seine Obliegenheiten versah er so tadellos, +daß jeder merken konnte, daß etwas mit ihm los sein mußte. Der alte +Ratsherr hatte Mitleid mit dem Jungen und tat, was er konnte, um ihn zu +trösten. + +»Gehst du heute abend auf den Fastnachtsball?« fragte der Alte. »So, so, +nein? Ja, dann will ich dich einladen, Peter Nord. Und laß mich sehen, daß +du hinkommst, sonst erzähle ich Halfvorson, wo du deinen Mäusekäfig hast.« + +Peter Nord seufzte und versprach, auf den Ball zu gehen. + +Fastnachtsball, man denke, daß Peter Nord auf den Fastnachtsball sollte. +Peter Nord sollte alle schönen Damen der Stadt sehen, fein, weiß gekleidet, +blumengeschmückt. Aber Peter Nord durfte natürlich mit keiner einzigen von +ihnen tanzen. Nun, das war ihm auch einerlei. Er war nicht in der Laune zu +tanzen. + +Auf dem Balle lehnte er in einer Tür und machte nicht einen Schritt zum +Tanze. Einige hatten ihn zu überreden versucht, aber er war standhaft +gewesen und hatte nein gesagt. Er könne diese Tänze nicht. Auch würde keine +von diesen feinen Damen mit ihm tanzen wollen. Er war allzu gering für sie. + +Aber wie er so dastand, begann es in seinen Augen zu funkeln und zu +leuchten, und er fühlte, wie die Freude durch alle Glieder zuckte. Es kam +von der Tanzmusik, es kam vom Blumenduft, es kam von allen den schönen +Gesichtern, die er vor sich hatte. Nach einem kleinen Weilchen schon war er +so strahlend froh, daß, wenn Freude Feuer wäre, die Flammen lichterloh um +ihn aufgelodert wären. Und wenn die Liebe es wäre, wie so viele behaupten, +dann wäre es ihm auch nicht besser ergangen. Er war immer in irgendein +schönes Mädchen verliebt, aber bis jetzt immer nur in eine zugleich. Doch +als er jetzt alle diese schönen Damen auf einmal sah, da verheerte nicht +mehr eine einzige Flamme das sechzehnjährige Herz, sondern es war ein +ganzer Waldbrand. + +Von Zeit zu Zeit sah er auf seine Stiefel herab, die nichts weniger als +Ballschuhe waren. Aber wie hätte er mit den breiten Absätzen den Takt +stampfen und sich auf den dicken Sohlen im Kreise drehen können! In seinem +Innern war etwas, was an ihm riß und zerrte, ihn wie einen geschlagnen Ball +in den Tanzsaal schleudern wollte. Er widerstand noch ein Weilchen, +obgleich die Bewegung in ihm immer stärker wurde, je weiter die Nacht +fortschritt. Er wurde ganz schwindlig und lebenswarm. Heißa, er war nicht +mehr der arme Peter Nord! Er war der junge Wirbelwind, der das Meer +aufpeitscht und den Wald umreißt. + +Ganz plötzlich wurde eine Hambopolka gespielt. Da geriet der Bauernjunge +ganz außer sich. Er fand, daß diese wie seine eigne Wermländer Polka klang. + +In einem Nu stand Peter Nord mitten im Saale. Alle feinen Herrenmanieren +waren von ihm abgeglitten. Er war nicht mehr auf dem Rathausballe, sondern +daheim in der Scheune, beim Mittsommernachtstanz. Er ging mit krummen Knien +und zog den Kopf zwischen die Schultern. Ohne aufzufordern, schlang er +einer Dame den Arm um den Leib und riß sie mit sich. Und dann begann er +Polka zu tanzen. Das Mädchen folgte ihm halb widerwillig, beinahe +geschleift. Sie war nicht im Takt, sie wußte gar nicht, was dies für ein +Tanz war. Aber plötzlich ging alles wie von selbst. Das Geheimnis des +Tanzes offenbarte sich ihr. Die Polka trug sie, hob sie empor, sie hatte +Flügel an den Füßen, sie wurde so leicht wie Luft. Es war ihr, als flöge +sie dahin. Denn die Wermlandpolka ist der wunderbarste Tanz. Sie verwandelt +die schwerfüßigen Söhne der Erde. Lautlos schweben sie auf zolldicken +Sohlen über ungehobelte Scheunendielen. Sie wirbeln umher, so leicht wie +das Laub im Herbststurm. Diese Polka ist weich, hurtig, still, gleitend. +Ihre edlen, maßvollen Bewegungen befreien die Körper, so daß sie sich +leicht, elastisch schwebend fühlen. + +Während Peter Nord seinen heimatlichen Tanz tanzte, wurde es still im +Ballsaal. Anfangs lachte man, aber allmählich dämmerte es allen auf, daß +dies Tanz war, dieses Dahinschweben in gleichmäßigen raschen Wirbeln, ja +wahrlich, wenn irgendetwas Tanz war, so war es dies. + +Plötzlich bemerkte Peter Nord mitten in seinem Taumel, daß rings um ihn +eine wunderliche Stille herrschte. Er blieb plötzlich stehen und fuhr sich +mit der Hand über die Stirne. Keine schwarze Scheunendiele, keine +laubgeschmückten Wände, keine hellblaue Sommernacht, keine muntre +Bauerndirne war in der Wirklichkeit zu erblicken, in die er jetzt schaute. +Er schämte sich und wollte sich fortschleichen. + +Aber schon war er umringt und bestürmt. Die jungen Damen drängten sich um +den Ladenjungen und riefen: »Ach tanzen Sie mit uns, tanzen Sie mit uns!« + +Sie wollten diese Polka lernen. Alle wollten sie sie lernen. Der Ball kam +ganz aus dem Geleise und war jetzt wie eine Tanzschule. Alle versicherten, +daß sie bisher gar nicht gewußt hätten, was tanzen heiße. Und Peter Nord +ward ein großer Mann an diesem Abend. + +Er mußte mit allen den feinen Damen tanzen, und sie waren über die Maßen +freundlich gegen ihn. Er war ja nur ein Junge und übrigens solch ein +fröhlicher Tollkopf. Man konnte nicht anders als ihn verziehen. + +Da fühlte Peter Nord, daß dies das Glück war. Der Günstling der Damen zu +sein, es wagen, mit ihnen zu sprechen, sich mitten in dem strahlenden +Lichte zu bewegen, gefeiert und verhätschelt zu werden, ja gewiß, das war +das Glück. + +Und als der Ball zu Ende war, war er zu glücklich, um selbst darüber +betrübt zu sein. Er hatte das Bedürfnis, heimzukommen, um in Ruhe alles das +zu überdenken, was ihm an diesem Abend widerfahren war. + +Halfvorson war unverheiratet, aber er hatte eine Nichte im Hause, die im +Kontor arbeitete. Sie war arm und von Halfvorson abhängig, aber sie benahm +sich recht hochmütig gegen ihn und gegen Peter Nord. Sie hatte viele +Freunde unter den angeseheneren Leuten der Stadt und wurde in Familien +eingeladen, in die Halfvorson nie kommen konnte. Sie und Peter Nord gingen +zusammen von dem Balle nach Hause. + +»Wissen Sie, Nord,« fragte Edith Halfvorson, »daß Halfvorson wegen +verbotnen Branntweinhandels angeklagt werden wird? Sie könnten mir wirklich +sagen, Nord, wie es sich mit dieser Sache verhält.« + +»Ach, das ist gar nicht der Mühe wert, solch ein Aufhebens davon zu +machen,« sagte Peter Nord. + +Edith seufzte. »Natürlich wird etwas daran sein. Und dann gibt es Prozeß +und Geldstrafen und Schande ohne Ende. Ich möchte so gerne wissen, wie die +Sache steht.« + +»Es ist wohl am besten, nichts zu wissen,« sagte Peter Nord. + +»Sehen Sie, Nord, ich will in die Höhe kommen,« fuhr Edith fort, »und +Halfvorson mit hinaufziehen, aber er plumpst mir immer wieder hinunter. +Ganz unversehens tut er etwas, was auch mich unmöglich macht. Ich sehe ihm +jetzt an, daß er etwas im Schilde führt. Wissen Sie nicht, Peter, was es +ist? Es wäre gut, es zu wissen.« + +»Nein,« sagte Peter Nord, nicht ein Wort mehr konnte er sagen. War es +menschlich, mit ihm, der von seinem ersten Balle kam, von derlei zu +sprechen? + +Hinter dem Laden befand sich ein kleiner Verschlag für den Ladenjungen. Da +saß Peter Nord von heute und ging mit Peter Nord von gestern ins Gericht. +Wie blaß und feige der Kerl aussah. Jetzt sollte er hören, was er war. Ein +Dieb und ein Geizhals. Kannte er das siebente Gebot? Von Rechts wegen +sollte er eine Tracht Prügel haben. Ja, das sollte er. + +Gott sei gedankt und gelobt, daß er ihn auf den Ball geführt und seinen +Sinn geändert hatte. Pfui, wie häßlich es in ihm ausgesehen hatte, aber +jetzt war alles anders. Als ob der Reichtum es wert wäre, daß man ihm +Gewissen und Seelenruhe opferte?! Als ob er soviel wert wäre wie eine weiße +Maus, wenn man dabei nicht vergnügt sein durfte! Er klaschte in die Hände +und rief jubelnd: »Frei, frei, frei!« Nicht die leiseste Sehnsucht, den +Fünfzigkronenschein zu besitzen, war mehr in seiner Seele. Wie gut war es +doch, glücklich zu sein. + +Als er sich niedergelegt hatte, nahm er sich vor, Halfvorson zeitig am +nächsten Morgen die fünfzig Kronen zu zeigen. Dann aber bekam er Angst, daß +der Krämer am nächsten Tag vor ihm in den Laden kommen, den Schein suchen +und ihn finden könnte. Dann würde er wohl glauben, daß Peter Nord ihn +versteckt hatte, um ihn zu behalten. Dieser Gedanke ließ ihm keine Ruhe. Er +versuchte sich ihn aus dem Sinne zu schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er +konnte nicht einschlafen. Da stand er auf, schlich sich leise in den Laden +und tastete nach dem Fünfzigkronenschein. Dann schlummerte er süß ein mit +der Banknote unter dem Kopfkissen. + +Eine Stunde später wurde er geweckt. Ein greller Lichtschein fiel ihm +blendend in die Augen, eine Hand griff suchend unter sein Kopfkissen und +eine grollende Stimme zankte und fluchte. + +Ehe noch der Knabe recht wach war, hatte Halfvorson schon die Banknote in +der Hand und zeigte sie zwei Frauen, die in der Tür zum Verschlage standen. +»Seht ihr, daß ich recht hatte,« sagte Halfvorson, »seht ihr, daß es der +Mühe wert war, euch zu wecken und als Zeuginnen mitzunehmen. Seht ihr, daß +er ein Dieb ist!« + +»Nein, nein, nein,« schrie der arme Peter Nord. »Ich wollte nicht fehlen. +Ich habe den Schein ja _nur_ aufgehoben.« + +Halfvorson hörte ja nichts. Die beiden Frauen standen mit dem Rücken zum +Verschlage, wie fest entschlossen, weder zu hören noch zu sehen. + +Peter Nord hatte sich im Bette aufgesetzt. Er sah mit einem Male +jämmerlich schwach und klein aus. Seine Tränen strömten. Er jammerte laut. + +»Onkel,« sagte Edith, »er heult.« + +»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson, »laß ihn nur heulen!« Und er trat näher +und sah den Knaben an. »Kann mir schon denken, daß du heulst, mein Lieber,« +sagte er. »Aber das verfängt bei mir nicht.« + +»Oh, oh!« rief Peter Nord, »ich bin kein Dieb. Ich habe den Schein nur zum +Spaß versteckt -- um Sie zu ärgern. Ich wollte Sie wegen der Mäuse strafen. +Ich bin kein Dieb. Kann niemand mich hören? Ich bin kein Dieb.« + +»Onkel,« sagte Edith, »hast du ihn jetzt genug gequält, können wir +vielleicht gehen und uns niederlegen?« + +»Ich kann mir schon denken, daß sich das greulich anhört,« sagte +Halfvorson, »aber da läßt sich nichts machen.« Er war ganz munter, förmlich +ausgelassen. »Ich habe lange ein Auge auf dich gehabt, mein Lieber,« sagte +er zu dem Knaben. »Immer hattest du irgend etwas wegzustecken, wenn ich in +den Laden kam. Aber jetzt bist du ertappt. Jetzt habe ich Zeugen gegen +dich, und jetzt hole ich die Polizei.« + +Der Junge stieß einen gellenden Schrei aus. »Kann mir denn niemand helfen, +kann mir denn niemand helfen?« rief er. Aber nun war Halfvorson schon +verschwunden, und die Frau, die dem Haushalt vorstand, kam auf ihn zu. + +»Geschwind, aufgestanden und in die Kleider, Peter Nord! Halfvorson holt +die Polizei und indessen kannst du dich davonmachen. Das Fräulein geht wohl +in die Küche und packt dir ein bißchen Proviant ein. Ich will unterdessen +deine Sachen zusammensuchen.« + +Das furchtbare Weinen hörte sogleich auf. Nach einem kleinen Weilchen war +der Junge fertig. Er küßte den beiden Frauen die Hand, demütig wie ein +geschlagner Hund. Und dann eilte er fort. + +Sie blieben in der Tür stehen und sahen ihm nach. Als er verschwunden war, +seufzten sie erleichtert auf. + +»Was wird Halfvorson jetzt sagen?« sagte Edith. + +»Er wird ganz froh sein,« antwortete die Haushälterin. »Er hat das Geld dem +Knaben absichtlich hingelegt, glaube ich. Er wollte ihn nur los sein.« + +»Warum denn? Der Junge war doch der beste, den wir seit Jahr und Tag im +Laden gehabt haben.« + +»Er wollte ihn wohl bei der Branntweingeschichte nicht zum Zeugen haben.« + +Edith stand stumm da und atmete heftig. »Wie gemein, wie gemein,« murmelte +sie. Sie ballte die Fäuste gegen das Kontor und gegen das kleine Guckloch +in der Tür, durch das Halfvorson in den Laden sehen konnte. Sie hatte +selber nicht übel Lust, von all dieser Niedrigkeit fort in die Welt zu +fliehen. + +Ganz rückwärts im Laden hörte sie ein Geräusch. Sie lauschte, trat näher, +ging dem Tone nach und fand endlich hinter einer Heringstonne den Käfig mit +Peter Nords weißen Mäusen. + +Sie hob ihn auf, stellte ihn auf den Ladentisch und öffnete das Türchen. +Maus um Maus eilte heraus und verschwand hinter Kisten und Tonnen. + +»Möget ihr gedeihen und euch vermehren,« sagte Edith, »laßt mich sehen, daß +ihr Schaden anrichtet und euern Herrn rächt.« + + +II + +Freundlich und zufrieden lag das kleine Städtchen unter seinem roten Berg +da. Es war so in Grün eingebettet, daß der Kirchturm noch gerade daraus +hervorragte. Garten an Garten kletterte auf schmalen Terrassen die Anhöhen +hinan, und wenn sie nach dieser Richtung nicht weiter konnten, stürzten sie +sich mit Sträuchern und Bäumen quer über die Straße und breiteten sich +zwischen den zerstreuten Häusern und dem schmalen Erdstreif darunter aus, +bis der breite Fluß ihnen Halt gebot. + +In der Stadt war es ganz still und stumm. Kein Mensch war zu sehen, nur +Bäume und Sträucher und hie und da ein Haus. Das einzige Geräusch, das man +hörte, war das Rollen der Kugel über die Kegelbahn, und das klang wie +ferner Donner an einem Sommertag. Es gehörte mit zu der Stille. + +Doch jetzt knirschte das holprige Steinpflaster des Marktes unter +genagelten Absätzen. Der Laut grober Stimmen schlug an die Wand des +Rathauses und der Kirche, hallte vom Berg wider und eilte unbehindert die +lange Straße hinab. Vier Wanderer störten die Vormittagsruhe. + +Ach, die süße Stille, der jahrelange Feierfriede! Wie erschraken sie! Man +konnte förmlich sehen, wie sie die Bergpfade hinaufflüchteten. + +Einer der Lärmenden, die in das Städtchen einbrachen, war Peter Nord, der +Junge aus Wermland, der vor sechs Jahren des Diebstahls bezichtigt aus der +Stadt geflohen war. Die mit ihm gingen, waren drei Tagediebe aus der großen +Handelsstadt, die nur ein paar Meilen entfernt lag. + +Wie war es dem kleinen Peter Nord ergangen? Gut war es ihm ergangen. Er +hatte den allervernünftigsten Freund und Begleiter gefunden. + +Als er an jenem dunklen, regenschweren Februarmorgen aus dem Städtchen +fortlief, da sangen und klangen die Polkamelodien ihm im Ohre. Und eine von +ihnen war hartnäckiger als alle andern. + +Es war die, die sie alle beim großen Rundtanz gesungen hatten: + + Nun ist es wieder Weihnachtsfest, + Ja, ja, Weihnachtsfest. + Und dann ist Ostern nicht mehr weit, + Doch leider, leider ists nicht so, + Nein, nein, ists nicht so, + Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit. + +Das hörte der kleine Flüchtling so deutlich, so deutlich. Und damit drang +die Weisheit, die in dem alten Reigen verborgen liegt, in den kleinen +genußsüchtigen Wermländerjungen ein, drang in jede Fiber, vermischte sich +mit jedem Blutstropfen, nistete sich in Hirn und Mark ein. So ist es, so +ist es gemeint ... Zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen den Festen der +Geburt und des Todes kommt die Fastenzeit des Lebens. Vom Leben soll man +nichts verlangen. Es ist eine arme kalte Fastenzeit. Man darf ihm nie +glauben, wie es sich auch verstellen mag. Im nächsten Augenblick ist es +wieder grau und häßlich. Kann nichts dafür, das arme Ding, versteht es +nicht besser! + +Und Peter Nord war beinahe stolz, daß er dem Leben sein tiefstes Geheimnis +abgelauscht hatte. + +Und er glaubte, die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit in Bettlergestalt, die +Aschenrute in der Hand, über die Erde schleichen zu sehen. Und er hörte, +wie sie ihn anknurrte: »Du wolltest das Fest der Freude und der fröhlichen +Laune mitten in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Darum soll +Schimpf und Schande dein Los sein, bis du dich besserst.« + +Aber er hatte sich gebessert, und Frau Fastenzeit hatte ihn beschützt. Er +hatte nicht weiter als bis in die große Handelsstadt fliehen müssen, denn +er wurde gar nicht verfolgt. Und dort im Arbeiterviertel hatte Frau +Fastenzeit ihre sichre Wohnstatt. Peter Nord wurde Arbeiter in einer +Fabrik. Er wurde stark und energisch. Er wurde ernst und sparsam. Er hatte +schmucke Sonntagskleider, er erwarb sich einige Kenntnisse, er lieh sich +Bücher aus und ging zu Vorträgen. Eigentlich war von dem kleinen Peter +Nord nichts mehr übrig als das flachsblonde Haar und die braunen Augen. + +Diese Nacht hatte etwas in ihm geknickt, und die schwere Arbeit in der +Fabrik machte den Riß immer größer, so daß der närrische Wermländer dadurch +ganz herausschlüpfen konnte. Er schwätzte kein dummes Zeug mehr, denn in +der Fabrik war das Sprechen verboten, und dadurch gewöhnte er sich das +Schweigen an. Er machte keine Erfindungen mehr, denn seit er im Ernst +Federn und Räder zu bedienen hatte, machten sie ihm keinen Spaß mehr. Er +verliebte sich nicht, denn die Frauen des Arbeiterviertels konnten ihn +nicht mehr fesseln, seit er die Schönheiten des Städtchens kennen gelernt +hatte. Er hatte keine Mäuse, keine Eichhörnchen mehr und nichts, womit er +spielen konnte. Er hatte keine Zeit, er sah ein, daß derlei nur unnütz war, +und er dachte mit Entsetzen an die Zeit, wo er sich noch mit Gassenjungen +gebalgt hatte. + +Peter Nord glaubte nicht, daß das Leben anders sein könnte als grau, grau, +grau. Peter Nord langweilte sich immer, aber er war selbst so sehr daran +gewöhnt, daß er es gar nicht merkte. Peter Nord war stolz auf sich selbst, +weil er so tugendhaft geworden war. Er datierte seine Einkehr von der +Nacht, da der Frohsinn ihn verließ und Frau Fastenzeit seine Begleiterin +und Freundin ward. + +Doch wie konnte der tugendhafte Peter Nord mitten an einem Arbeitstag in +das Städtchen kommen, begleitet von drei Strolchen, die schmutzig und +versoffen aussahen? + +Er war doch immer ein guter Junge gewesen, der arme Peter Nord. Und diesen +drei Strolchen hatte er immer zu helfen versucht, so gut er es konnte, +obwohl er sie verachtete. Er hatte ihnen Holz in ihre elende Baracke +gebracht, wenn der Winter sehr hart war, und er hatte ihre Kleider gestopft +und geflickt. Diese Kerle hielten wie Brüder zusammen, hauptsächlich weil +sie alle drei Peter hießen. Dieser Name vereinte sie fester, als wenn sie +wirklich Geschwister gewesen wären. Und nun litten sie es um dieses Namens +willen, daß der Knabe ihnen Freundschaftsdienste erwies, und wenn sie am +Abend ihren Grog in Ordnung hatten und bequeme Stellungen auf den +Holzstühlen einnahmen, warteten sie ihm, der dasaß und die grinsenden +Löcher ihrer Strümpfe stopfte, mit Galgenhumor und abenteuerlichen Lügen +auf. Das schien Peter Nord Vergnügen zu machen, obgleich er es nicht +zugestehen wollte. Diese Kerle waren jetzt für ihn beinahe dasselbe, was +einstmals in der Welt die Mäuse gewesen waren. + +Nun geschah es, daß diesen Strolchen allerlei Klatsch aus der kleinen Stadt +zu Ohren kam. Und nun nach sechs Jahren brachten sie Peter Nord die +Nachricht, daß Halfvorson ihm die fünfzig Kronen absichtlich hingelegt +hatte, um ihn als Zeugen unmöglich zu machen. Und ihre Meinung war, daß +Peter in das Städtchen ziehen und Halfvorson eine Tracht Prügel geben +sollte. + +Aber Peter Nord war klug und besonnen und mit der Weisheit dieser Welt +ausgerüstet. Er wollte sich durchaus nicht auf so etwas einlassen. + +Die drei Peter verbreiteten die Geschichte im ganzen Arbeiterviertel. Alle +Leute sagten zu Peter Nord: »Geh hin und prügle Halfvorson durch, dann +wirst du ins Loch gesteckt, und es gibt einen Prozeß und die Sache kommt in +die Zeitungen, und der Kerl ist vor dem ganzen Lande blamiert.« + +Aber Peter Nord wollte nicht. Es konnte ja recht vergnüglich sein, aber +Rache ist ein teurer Spaß, und Peter Nord wußte, wie arm das Leben ist. Das +Leben gestattet solche Belustigungen nicht. + +Da waren die drei Strolche eines Morgens in aller Frühe zu ihm gekommen und +hatten gesagt, jetzt wollten sie an seiner Statt gehen und Halfvorson +durchbläuen, denn »Recht müsse Recht bleiben«, sagten sie. + +Und Peter Nord hatte versprochen, sie alle drei totzuschlagen, wenn sie +auch nur einen Schritt nach dem Städtchen gingen. + +Da hielt der eine von ihnen, der klein und untersetzt war und der lange +Peter hieß, Peter Nord eine Rede. + +»Diese Erde,« sagte er, »ist ein Apfel, der an einem Faden über einem Feuer +hängt, um gebraten zu werden. Mit dem Feuer meine ich die Hölle, Peter +Nord. Und der Apfel muß nahe am Feuer hängen, um süß und weich zu werden, +aber wenn der Faden reißt und der Apfel in das Feuer fällt, so ist er +verdorben. Darum ist der Faden eine sehr wichtige Sache, Peter Nord. Weißt +du, was mit dem Faden gemeint ist?« + +»Ich denke, es muß ein Drahtseil sein,« sagte Peter Nord. + +»Mit dem Faden meine ich die Gerechtigkeit,« sagte der lange Peter mit +düsterm Ernst. »Wenn auf der Erde nicht Gerechtigkeit geschieht, so purzelt +alles in das Feuer. Darum darf sich der Rächer der Pflicht zu strafen nicht +entziehen, oder, wenn er nicht will, müssen andre gehen.« + +»Es ist das letzte Mal, daß ich euch einen Grog spendiert habe,« sagte +Peter Nord, gänzlich unberührt von der Rede. + +»Ja, da hilft nichts,« sagte der lange Peter, »Gerechtigkeit muß sein.« + +»Wir tun es nicht, um Dank von dir zu ernten, sondern damit der ehrliche +Name Peter nicht in Verruf kommt,« sagte der eine, der Rollpeter hieß und +lang und mürrisch war. + +»So, so, ist der Name so hochgeachtet?« sagte Peter Nord wegwerfend. + +»Ja, und es ist eine kitzlige Sache, daß sie nun überall in den Gasthäusern +sagen, du hättest die fünfzig Kronen doch wohl stehlen wollen, da du nun +nicht haben willst, daß der Kaufmann bestraft wird.« + +Dieses Wort traf tief. Peter Nord sprang auf und sagte, nun wolle er gehen +und den Kaufmann durchpeitschen. + +»Ja, und wir kommen mit und helfen dir,« sagten die Strolche. + +Und so zogen sie vier Mann hoch in das Städtchen. Anfangs war Peter Nord +mürrisch und grämlich und zorniger über seine Freunde, als über seinen +Feind. Doch als er zu der Flußbrücke kam und die Stadt sah, war er ganz +verwandelt. Es war, als wäre er dort einem kleinen weinenden Flüchtling +begegnet und in diesen hineingeschlüpft. Und je heimischer er in dem alten +Peter Nord wurde, desto mehr ward es ihm bewußt, welches blutige Unrecht +der Kaufmann ihm angetan hatte. Nicht genug damit, daß er ihn hatte +verlocken und ins Unglück stürzen wollen, nein, noch schlimmer, er hatte +ihn aus dieser Stadt vertrieben, wo Peter Nord all sein Lebtag hätte Peter +Nord bleiben können. Ach, wie fröhlich hatte er es doch damals gehabt. Wie +lustig und vergnügt war er gewesen, wie hatte doch sein Herz offengestanden +und wie schön war die Welt gewesen! Herrgott, wenn er doch nur hier hätte +weiterleben können! Und er dachte an sich selbst, so wie er jetzt war -- +schweigsam und langweilig, ernst und arbeitsam --, ganz wie an einen +verlornen Menschen. + +Nun packte ihn ein wahnsinniger Groll gegen Halfvorson, und statt wie +früher hinter den Kameraden einherzugehen, schoß er an ihnen vorbei. + +Aber die Strolche, die nicht nur gekommen waren, um Halfvorson zu strafen, +sondern um überhaupt ihrer Wut Luft zu machen, wußten kaum, was sie +beginnen sollten. Hier war für einen gereizten Mann nichts zu tun. Es gab +keinen Hund, den man hetzen, keinen Straßenkehrer, mit dem man Krakeel +anfangen, keinen feinen Herrn, dem man ein Schimpfwort nachschleudern +konnte. + +Das Jahr war noch nicht weit vorgeschritten, gerade so weit, daß der +Frühling eben in den Sommer überging. Es war die weiße Zeit der +Kirschblüten, wo Fliedertrauben hohe, rundbeschnittene Büsche schmücken und +die Apfelblüten duften. Diese Männer, die unmittelbar von der Straße und +vom Hafen in das Reich der Blumen gekommen waren, fühlten sich wunderlich +davon berührt. Drei Paar Fäuste, die bisher entschlossen geballt waren, +lösten sich, und drei Paar Absätze donnerten weniger hart gegen das +Pflaster. + +Vom Markte aus sahen sie einen Fußpfad, der sich die Hügel +hinanschlängelte. Ihm entlang wuchsen junge Kirschbäume, die mit ihren +weißen Kronen Bogen und Wölbungen bildeten. Die Wölbungen waren schwebend +leicht, und die Zweige unsagbar schwach, alles zart, fein und kindlich. + +Dieser Kirschenweg zog die Blicke der Männer auf sich. Was war dies doch +für ein unpraktisches Nest, wo man Kirschbäume dahin pflanzte, wo jedweder +die Kirschen nehmen konnte. Die drei Peter hatten die Stadt bisher als +einen Herd der Ungerechtigkeit betrachtet, voll Grausamkeit und Tyrannei. +Jetzt begannen sie sie auszulachen und ein wenig zu verachten. + +Aber der vierte im Bunde lachte nicht. Seine Rachsucht loderte immer wilder +auf, denn er fühlte es, dies war die Stadt, wo er hätte wohnen und wirken +sollen. Dies war sein verlornes Paradies. Und ohne nach den andern zu +fragen, ging er rasch die Straße hinauf. + +Sie folgten nach, und als sie merkten, daß es hier nur eine Straße gab, und +als sie dieser entlang nur Blumen und wieder Blumen sahen, steigerte sich +ihre Verachtung und ihre Heiterkeit. Es geschah vielleicht zum erstenmal in +ihrem Leben, daß sie Blumen Aufmerksamkeit schenkten, aber hier konnten sie +nicht anders, denn die Fliedertrauben fegten ihnen die Mützen vom Kopf, +und die Blätter der Kirschblüten regneten auf sie herab. + +»Was glaubt ihr, was mögen wohl in dieser Stadt für Leute wohnen?« fragte +der lange Peter nachdenklich. + +»Bienen,« antwortete sogleich der Holzschuhpeter, der seinen Namen daher +hatte, daß er einmal mit einem Holzschuhmacher in demselben Hause gewohnt +hatte. + +Natürlich bekamen sie allmählich einige Menschen zu Gesicht. An den +Fenstern, hinter blanken Scheiben und weißen Gardinen, zeigten sich ein +paar schöne junge Gesichter, und sie sahen Kinder auf den Terrassen +spielen. Aber kein Lärm störte die Stille. Es kam ihnen vor, als könnte +selbst die Posaune des Jüngsten Gerichts diese Stadt nicht wecken. Was +sollten sie hier anfangen! + +Sie gingen in einen Laden und kauften Bier. Da stellten sie mit rauher +Stimme mehrere Fragen an den Kaufmann. Sie fragten, ob die Feuerwehr ihre +Spritze in Ordnung habe und wie es wohl mit dem Schwengel der Kirchenglocke +stände für den Fall, daß es zum Sturmläuten kommen sollte. + +Dann tranken sie das Bier auf der Straße aus und warfen die Flaschen fort. +Eins, zwei, drei, alle Flaschen an denselben Eckstein, ein Krachen und +Klirren, und alle Scherben flogen ihnen um die Ohren. Es tat ihnen förmlich +wohl, wieder ein bißchen Lärm zu machen. + +Da hörten sie hinter sich Schritte, wirkliche Schritte, Stimmen, harte, +deutliche Stimmen, Lachen, lautes Lachen und dazu ein Klirren wie von +Metall. Sie stutzten und zogen sich in einen Torweg zurück. Das klang wie +eine ganze Kompanie. + +Das war es auch. Aber eine Kompanie von jungen Mädchen. Die Dienstmägde der +Stadt zogen in gesammeltem Trupp auf die Stadtweiden, um die Kühe zu +melken. + +Das machte auf diese Großstädter, diese Weltbürger, den stärksten +Eindruck. Dienstmädchen mit Milcheimern. Das war beinahe rührend! + +Urplötzlich traten sie aus dem Tor hervor und riefen: »Buh!« + +Die ganze Mädchenschar zerstob augenblicklich. Die Mägde kreischten und +liefen davon. Die Röcke flatterten, die Kopftücher lösten sich, die +Milchkübel rasselten auf die Straße. + +Und zugleich vernahm man die ganze Straße entlang dumpfe Laute von Toren +und Türen, die zugeworfen wurden, von Klinken und Riegeln und Schlössern. + +Ein Stück weiter unten auf der Straße stand eine große Linde. Und darunter +saß eine alte Frau an einem Tisch mit Karamels und Backwerk. Sie rührte +sich nicht, sie sah sich nicht um, sie saß ganz mäuschenstill. Schlafen tat +sie auch nicht. + +»Die ist aus Holz,« sagte der Holzschuhpeter. + +»Nein, aus Ton,« meinte der Rollpeter. + +Sie gingen alle drei in einer Reihe. Gerade vor der Alten kamen sie ins +Schwanken. Sie gingen gegen sie los. Der Tisch bekam einen Puff. Und die +Alte fing zu zanken an. + +»Weder Holz noch Ton,« sagten sie, »lauter Gift und Galle.« + +Die ganze Zeit hatte Peter Nord sich gar nicht um sie gekümmert, aber jetzt +waren sie endlich bei Halfvorsons Haus angelangt und da erwartete er sie. + +»Es läßt sich wohl nicht in Abrede stellen, daß das meine Angelegenheit +ist,« sagte er stolz, und wies auf den Laden. »Ich will allein hineingehen +und die Sache abmachen. Bringe ich es nicht zuwege, so könnt ihr euer Glück +versuchen.« + +Sie nickten. »Geh du nur, Peter Nord! Wir warten hier draußen.« + +Peter Nord trat in den Laden, fand dort einen jungen Mann allein und +fragte nach Halfvorson. Er bekam sogleich den Bescheid, daß dieser verreist +war. Da fing er ein Gespräch mit dem Ladendiener an und erfuhr so +mancherlei über seinen Herrn. + +Halfvorson war wegen des Branntweinhandels gar nicht angeklagt worden. Wie +er sich gegen Peter Nord benommen hatte, das wußte die ganze Stadt. Aber +niemand sprach jetzt mehr von der Geschichte. Halfvorson hatte es weit +gebracht, und jetzt war er nicht mehr so bösartig. Er war nicht mehr +unbarmherzig gegen seine Schuldner und hatte aufgehört, dem Ladenjungen +aufzulauern. In den allerletzten Jahren hatte er sich auf die Gärtnerei +geworfen. Er hatte rings um das Haus in der Stadt einen Blumengarten +angelegt und einen Küchengarten draußen vor dem Stadttor. Jetzt arbeitete +er so eifrig in seinen Gärten, daß er kaum mehr daran dachte, Geld zu +sammeln. + +Peter Nord gab es einen Stich ins Herz. Natürlich war der Mann gut. Er +hatte im Paradies bleiben dürfen. Natürlich wurde man gut, wenn man hier +wohnte. + +Edith Halfvorson lebte noch beim Onkel, aber sie war jetzt krank. Seit sie +im Winter die Lungenentzündung gehabt hatte, war ihre Brust schwach. + +Während Peter Nord sich dies und noch mehr erzählen ließ, standen die drei +Männer draußen und warteten. + +In Halfvorsons schattenlosem Garten hatte man eine Birkenlaube errichtet, +damit Edith sich dort an den schönen, warmen Frühlingstagen aufhalten +konnte. Sie kam nur langsam wieder zu Kräften, aber für ihr Leben bestand +keine Gefahr mehr. + +Bei einigen ist es so, daß man glauben muß, sie wollen nicht leben. Bei der +ersten Krankheit, die sie befällt, legen sie sich hin, um zu sterben. +Halfvorsons Nichte war schon längst aller Dinge müde, des Kontors, des +kleinen trüben Ladens, des Gelderwerbes. Als sie siebzehn Jahre alt war, +reizte es sie, sich einen vornehmen Verkehr und einen guten Freundeskreis +zu erkämpfen. Dann setzte sie sich das Ziel, Halfvorson auf den Weg der +Tugend zu bringen, aber jetzt war alles erreicht. Sie sah keine +Möglichkeit, aus dem Einerlei des Kleinstadtlebens herauszukommen. Sie +wollte gerne sterben. + +Sie war eine der elastischen, eine der Stahlfedernaturen. Nichts als Nerven +und Lebendigkeit, wenn etwas sie drückte und quälte. Wie hatte sie sich +doch mit List und Verstellung, mit weiblicher Güte und weiblichem Trotz +gemüht, bis sie ihren Oheim dahin gebracht hatte, einzusehen, daß weitre +Peter Nord-Geschichten nicht mehr vorkommen dürften! Aber jetzt war er zahm +und gebändigt, und sie hatte nichts mehr, was sie fesselte. Ja, und nun +sollte sie doch nicht sterben! Sie lag da und dachte nach, was sie anfangen +sollte, wenn sie gesund wurde. + +Plötzlich fuhr sie zusammen. Jemand hatte sehr laut gesagt, er wolle allein +zu Halfvorson gehen und seine Angelegenheit mit ihm abmachen. Und dann +antwortete ein andrer: »Geh du nur, Peter Nord!« + +Aber Peter Nord war ja der furchtbarste, der unglückseligste Name auf der +Welt. Er bedeutete ja ein Wiedererwachen aller der alten Abscheulichkeiten. +Edith richtete sich bebend auf, und gerade da kamen drei unheimliche +Gestalten um die Ecke und stellten sich vor sie hin und starrten sie an. +Nur ein niedriges Staket und eine dünne Hecke lag zwischen ihr und der +Straße. + +Edith war allein. Die Mägde waren zum Melken gegangen, und Halfvorson +arbeitete in seinem Garten vor der Stadt, obgleich er dem Ladenjungen +aufgetragen hatte, zu sagen, daß er verreist sei, denn er schämte sich +seiner Gärtnermarotte. Edith fürchtete sich schrecklich vor den drei +Männern sowie vor dem, der in den Laden gegangen war. Sie war überzeugt, +daß sie ihr etwas zuleide tun wollten, und darum begann sie über die +schlüpfrigen, steilen Pfade und die kleinen, morschen Holzstufen, die von +Terrasse zu Terrasse führten, den Berg hinaufzulaufen. + +Den fremden Männern war es ein Hauptspaß, daß sie vor ihnen davonlief. Sie +konnten es sich nicht versagen, sich so zu stellen, als wenn sie sie +einholen wollten. Einer von ihnen kletterte auf das Staket, und alle drei +brüllten mit furchtbarer Stimme. + +Edith lief, so wie man im Traume läuft, keuchend, strauchelnd, in +Todesangst, mit der entsetzlichen Empfindung, nicht von der Stelle zu +kommen. Alle erdenklichen Gefühle stürmten auf sie ein und erschütterten +sie so sehr, daß sie glaubte sterben zu müssen. Ja, wenn einer dieser Kerle +sie nur mit der Hand berührte, wußte sie, daß sie sterben mußte. Als sie +die oberste Terrasse erreicht hatte und es wagte, sich umzusehen, merkte +sie, daß die Männer unten auf der Straße standen und gar nicht mehr nach +ihr hinsahen. Da ließ sie sich ganz ohnmächtig zu Boden sinken. Aber die +Anstrengung war zu groß gewesen, sie hatte sie nicht ertragen können. Sie +fühlte, wie etwas in ihr riß. Gleich darauf strömte Blut über ihre Lippen. + +Die Mägde fanden sie, als sie vom Melken heimkamen. Für diesmal wurde sie +ins Leben zurückgerufen. Aber dennoch wagte niemand zu hoffen, daß sie +lange am Leben bleiben würde. + +Sie konnte an diesem Tage nicht soviel sprechen, um zu erzählen, in welcher +Weise sie erschreckt worden war. Hätte sie es getan, wer weiß, ob die +fremden Männer lebendig aus der Stadt gekommen wären. Es erging ihnen +ohnehin schlimm genug. Denn nachdem Peter Nord wieder zu ihnen +herausgekommen war und erzählt hatte, daß Halfvorson nicht daheim sei, +gingen sie alle vier im besten Einvernehmen durch das Stadttor und suchten +sich einen sonnigen Abhang, wo sie die Zeit, bis der Kaufmann zurückkehrte, +verschlafen konnten. + +Aber als am Nachmittag alle Männer der Stadt, die draußen auf dem Felde +gearbeitet hatten, wieder heimkamen, erzählten ihnen die Frauen von dem +Besuch der Landstreicher, von ihren drohenden Fragen im Laden, wo sie Bier +gekauft hatten, und ihrem ganzen herausfordernden Auftreten. Die Frauen +vergrößerten und übertrieben die Sache, denn sie hatten den ganzen +Nachmittag daheim gesessen und sich gegenseitig Angst gemacht. Die Männer +glaubten Haus und Heim bedroht. Sie beschlossen, die Friedensstörer zu +greifen, wählten einen beherzten Mann zum Anführer, nahmen tüchtige Knüttel +mit und zogen von dannen. + +Nun kam Leben in die Stadt. Die Frauen traten vor die Haustüren und machten +einander bange. Die Stimmung war zugleich unheimlich und erwartungsvoll. + +Es dauerte nicht lange, so kamen die Jäger mit ihrer Beute zurück. Sie +hatten alle vier. Sie hatten sie im Schlafe umzingelt und sie gefangen. Das +Kunststück hatte gerade keinen besondern Heldenmut erfordert. + +Jetzt kehrten sie mit ihnen in die Stadt zurück, indem sie sie wie Vieh vor +sich hertrieben. Der Taumel des Rachedurstes hatte sich der Sieger +bemächtigt. Sie schlugen, um zu schlagen. Wenn einer von den Gefangenen die +Faust gegen sie ballte, bekam er einen Schlag auf den Kopf, der ihn umwarf, +und dann hagelten die Schläge auf ihn nieder, bis er sich erhob und +weiterging. Die vier Männer waren dem Tode nahe. + +Es ist so schön in den alten Liedern. Da muß zuweilen der gefangne Held in +Fesseln im Triumphzug des siegreichen Feindes schreiten. Aber er ist auch +im Unglück noch stolz und schön, und die Blicke suchen ihn ebenso wie den +Glücklichen, der ihn besiegt hat. Die Kränze und die Tränen der Schönheit +gehören dem noch im Unglück Beneidenswerten. + +Aber wer wollte wohl für den armen Peter Nord schwärmen? Sein Rock war +zerrissen und sein flachsblondes Haar klebrig von Blut. Er bekam die +meisten Schläge, denn er leistete am meisten Widerstand. Ganz schrecklich +sah er aus, wie er da einherging. Er brüllte, ohne es zu wissen. Jungens +hängten sich an ihn fest, und er schleppte sie lange Strecken weit mit. +Einmal blieb er stehen und schleuderte all das Kleinzeug auf die Straße. +Gerade als er im Begriff war zu entfliehen, bekam er mit einem Knüttel +einen Schlag auf den Kopf und fiel zu Boden. Er fuhr wieder in die Höhe, +halb betäubt, und schwankte weiter, während Peitschenhiebe auf ihn +herabhagelten und die Jungen sich ihm wie Blutegel an Arme und Beine +hängten. + +So begegneten sie dem alten Ratsherrn, der von seiner Whistpartie im +Wirtshausgarten kam. »So, so,« sagte er zum Vortrab, »ihr wollt die in den +Kotter bringen?« + +Und er stellte sich an die Spitze des Zugs und ordnete ihn. Augenblicklich +sah alles anständig aus. Gefangne und Gefangnenwächter marschierten in +Frieden und Ordnung weiter. Doch die Wangen der Städter glühten, einige +stießen mit den Knütteln auf das Pflaster, andre schulterten sie wie +Gewehre. Und dann wurden die Gefangnen der Stadt der Polizei in Gewahrsam +gegeben und in das Arrestlokal auf dem Marktplatz geführt. + +Die Retter der Stadt blieben noch lange auf dem Markte stehen und sprachen +von ihrem Mute und von der großen Heldentat. Und in der kleinen Gaststube, +wo der Rauch so dicht wie eine Wolke steht und gewichtige Männer ihren +Mitternachtstoddy brauen, da taucht die Heldentat vergrößert wieder auf. Da +wachsen die in den Schaukelstühlen, da blähen sich die in den Sofaecken, da +sind sie alle Helden. Welche Tatkraft schlummert doch in der kleinen Stadt +der großen Erinnerungen! Du furchtbares Erbteil, du altes Wikingerblut! + +Doch dem alten Ratsherrn wollte die Sache nicht recht gefallen. Er konnte +sich nicht recht damit befreunden, daß das Wikingerblut wieder in Wallung +geraten war. Und dieser Gedanke ließ ihn nicht schlafen, er ging wieder +auf die Straße und schlenderte gemächlich dem Marktplatze zu. + +Das kleine Städtchen lag in dem sanften Licht der Frühlingsnacht da. Der +einzige Zeiger der Turmuhr wies auf elf. Über die Kegelbahn rollten keine +Kugeln mehr. Die Rollgardinen waren herabgelassen. Es war, als wenn die +Häuser mit gesenkten Lidern schliefen. Die lotrecht aufsteigenden Berge +standen schwarz, wie in tiefer Trauer da. Aber mitten in all dem Schlummer +wachte jemand -- der Blumenduft schlief nicht! Der schlich sich über die +Lindenhecken, stürmte aus den Gärten, jagte die Straße hinauf und hinab, +kletterte zu jedem Fenster empor, das angelehnt stand, zu jeder Dachluke, +die frische Luft einließ. + +Jeder, zu dem der Blumenduft drang, sah alsogleich seine ganze kleine Stadt +vor sich, obgleich die Dunkelheit sich leise auf sie herabgesenkt hatte. Er +sah sie als die Stadt der Blumen, wo nicht Haus an Haus lag, sondern Garten +an Garten. Er sah die Kirschbäume, die weiße Bogen über den steilen Waldweg +spannten, die Fliederbüsche, die Knospen, die zu prächtigen Rosen +schwollen, die stolzen Päonien, und die Haufen von Blütenblättern auf dem +Boden unter den Faulbäumen. + +Der alte Ratsherr ging in tiefe Gedanken versunken. Er war so weise und so +alt. Das siebzigste Jahr hatte er erreicht, und fünfzig Jahre hatte er die +Geschicke der Stadt gelenkt. Aber in dieser Nacht fragte er sich, ob er +recht getan habe, wenn er immer gedämpft und beschwichtigt hatte. »Ich +hatte die Stadt in meiner Hand,« dachte er, »aber ich habe sie nicht zu +etwas Großem gemacht.« Und er gedachte ihrer großen Vergangenheit und +zweifelte immer mehr, ob er auch recht getan habe. + +Er stand unten auf dem Markt, da, wo die Aussicht sich über den Fluß +eröffnet. Ein Boot kam herangerudert. Ein paar Städter kehrten von einer +Ausfahrt zurück. Lichtgekleidete Mädchen führten die Ruder. Sie steuerten +unter die Brückenwölbung, aber da war die Strömung so stark, daß sie sie +zurücktrieb. Es gab einen heftigen Kampf. Ihre schlanken Körper bogen sich +nach rückwärts, bis sie in einer Linie mit dem Bootrande lagen. Weiche +Armmuskeln spannten sich. Die Ruder krümmten sich wie Bogen. Lachen und +Rufe erfüllten die Luft. Einmal ums andre siegte die Strömung. Schmählich +wurde das Boot zurückgetrieben. Und als die Mädchen schließlich am Marktkai +landen und es den Männern überlassen mußten, das Boot heimzubringen, wie +waren sie rot und ärgerlich und wie lachten sie! Und wie klang ihr Lachen +die Straße hinab! Wie belebten ihre breitrandigen, lichten Hüte, ihre +leichten, flatternden Sommerkleider die stille Nacht. + +Da tauchten vor den Gedanken des alten Ratsherrn, denn im Dunkel konnte er +sie nicht klar sehen, ihre lieblichen, jungen Gesichtchen, ihre schönen, +klaren Augen und ihre roten Lippen auf. Da richtete er sich stolz in die +Höhe. Die kleine Stadt war doch nicht ohne allen Glanz. Andre Gemeinwesen +konnten sich andrer Dinge rühmen, aber keinen Ort kannte er, der reicher an +dem augenerquickenden Reiz von Blumen und Frauen war. + +Da dachte der Alte mit neuerwachtem Mut an sein Wirken. Nein, er brauchte +nicht für die Zukunft der Stadt zu zittern. Eine solche Stadt brauchte sich +nicht durch strenge Gesetze zu schützen. + +Und so erbarmte er sich der armen Gefangnen. Er ging und weckte den +Polizeimeister und sprach mit ihm. Und dieser dachte wie er. Sie gingen +selbander zum Gefängnis und öffneten Peter Nord und seinen Kameraden die +Tür. + +Und daran tat die Obrigkeit recht. Denn die kleine Stadt ist wie die Venus +von Milo. Sie hat lockenden Reiz, und ihr fehlen die festhaltenden Arme. + + +III + +Es ist, als müßte ich die Wirklichkeit verlassen und in die Welt des +Märchens und der Unwahrscheinlichkeit fliehen, um zu erzählen, was sich +jetzt begab. Wäre der junge Peter Nord ein Peter Schweinehirt gewesen, mit +einer goldnen Krone unter dem Hut, dann würde alles ganz einfach und +natürlich erscheinen. Aber jetzt will mir wohl niemand glauben, wenn ich +sage, daß auch Peter Nord einen Königsreif um sein flachsblondes Haar trug. +Niemand kann ja wissen, wie viel merkwürdige Dinge sich in dem kleinen +Städtchen zutragen. Niemand kann ahnen, wieviel verzauberte Prinzessinnen +da herumgehen und auf den Hirtenknaben des Märchens warten. + +Zuerst sah es aus, als sollte es weiter zu keinen Abenteuern kommen. Denn +als Peter Nord von dem alten Ratsherrn befreit worden war und zum +zweitenmal mit Schimpf und Schande aus der Stadt fliehen mußte, da kamen +ihm dieselben Gedanken, wie als er das erstemal entfloh. Da klangen ihm +plötzlich wieder Polkamelodien im Ohre, und am allerlautesten unter ihnen +erklang der alte Reigen: + + Nun ist es wieder Weihnachtsfest, + Ja, ja, Weihnachtsfest. + Und dann ist Ostern nicht mehr weit, + Doch leider, leider ists nicht so, + Nein, nein, ists nicht so, + Nach Weihnacht kommt die Fastenzeit. + +Und er sah deutlich, wie die gelbe, blasse Frau Fastenzeit mit ihrem +Rutenbündel im Arm über die Erde schlich. Und sie rief ihm zu: +»Verschwender! Verschwender! Du wolltest das Fest der Rache und der +Genugtuung in jener Fastenzeit feiern, die man Leben nennt. Kann man sich +hier solche Ausgaben gestatten, du Dummkopf?« + +Darauf hatte er ihr abermals Gehorsam gelobt und war ein stiller, sparsamer +Arbeiter geworden. Wieder stand er friedlich und besonnen bei der Arbeit. +Niemand hätte glauben können, daß er es war, der vor Zorn gebrüllt und die +kleinen Kinder auf die Straße geschleudert hatte, so wie der verfolgte Elch +die Hunde abschüttelt. + +Doch einige Wochen später kam Halfvorson zu ihm in die Fabrik. Er suchte +ihn auf den Wunsch seiner Nichte auf. Sie wollte, wenn möglich, noch an +demselben Tag mit ihm sprechen. + +Peter Nord begann zu zittern und zu beben, als er Halfvorson erblickte. Es +war, als hätte er eine schlüpfrige Schlange gesehen. Er wußte nicht, was er +lieber wollte, -- ihn schlagen oder von ihm fortlaufen; aber plötzlich +bemerkte er, daß Halfvorson sehr bekümmert aussah. + +Der Kaufmann hatte ein Aussehen, wie man es hat, wenn man im starken Winde +geht. Die Gesichtsmuskeln waren angespannt, der Mund zusammengekniffen, die +Augen rot und voll Tränen. Er kämpfte sichtlich mit irgendeinem Leid. Das +einzige, was unverändert war, das war die Stimme. Sie war ebenso +unmenschlich ausdruckslos. + +»Sie brauchen der alten Geschichte wegen nichts zu fürchten, und auch der +neuen wegen nicht,« sagte Halfvorson. »Es ist wohl bekannt geworden, daß +Sie mit jenen Kerlen waren, die dieser Tage bei uns daheim so viel Aufstand +machten. Und da wir annahmen, daß sie von hier seien, konnte ich Sie +ausfindig machen. Edith wird bald sterben,« fuhr er fort, und sein Gesicht +zuckte krampfhaft. »Sie will mit Ihnen sprechen, ehe sie stirbt. Aber wir +führen nichts Böses gegen Sie im Schilde.« + +»Gewiß komme ich,« sagte Peter Nord. + +Bald waren sie beide an Bord des Dampfers. Peter Nord saß da, fein geputzt +in seinem Sonntagsstaat. Und unter dem Hut spielten und gaukelten alle +seine Knabenträume, einen richtigen Königsreif schlossen sie um sein +blondes Haar. Ediths Botschaft raubte ihm förmlich die Besinnung. Hatte er +nicht immer gedacht, daß feine Damen ihn lieben würden? Und nun war da +eine, die ihn sehen wollte, bevor sie starb. Das Wunderbarste alles +Wunderbaren! -- Nun saß er da und dachte an sie, wie sie einst gewesen war. +Wie stolz, wie lebensfrisch! Und jetzt sollte sie sterben. Sie tat ihm so +innig leid. Aber daß sie alle die Jahre seiner gedacht hatte! Eine warme, +süße Wehmut kam über ihn. + +Nun war er wieder ganz heraus, der alte, närrische Peter Nord. Sobald er +sich dem Städtchen näherte, verließ ihn Frau Fastenzeit mit Unmut und +Verachtung. + +Halfvorson konnte keinen Augenblick stillstehen. Der heftige Sturm, den er +allein bemerkte, trieb ihn auf dem Verdeck hin und her. Wenn er an Peter +vorbeikam, brummte er ein paar Worte, so daß dieser erfuhr, welche Pfade +seine betrübten Gedanken wandelten. »Sie fanden sie auf dem Boden, halbtot +-- und rings um sie lauter Blut,« sagte er einmal. Und ein andermal: »War +sie nicht gut? War sie nicht schön? Wie konnte es ihr so schlecht ergehen?« +Und ein andermal: »Sie hat mich auch gut gemacht. Konnte es nicht mit +ansehen, daß sie den ganzen langen Tag betrübt dasaß und mit ihren Tränen +das Kassabuch ruinierte.« -- Dann kam dies: »Ein schlaues Ding übrigens. +Schmeichelte sich bei mir ein. Machte es mir behaglich daheim, verschaffte +mir Verkehr mit den Vornehmen. Durchschaute sie freilich, aber konnte nicht +widerstehen.« Er wanderte bis zum Vorderdeck. Als er zurückkam, sagte er: +»Ich kann es nicht ertragen, daß sie sterben soll.« + +Und alles das sagte er mit dieser hilflosen Stimme, die er weder dämpfen +noch modulieren konnte. Peter Nord hatte die stolze Empfindung, daß ein +solcher Mann wie er, der einen Königsreif um die Stirn trug, gar nicht das +Recht hatte, Halfvorson zu zürnen. Dieser war ja durch sein Gebrechen von +den Menschen getrennt und konnte ihre Liebe nicht erringen. Darum mußte er +sie alle als Feinde behandeln. Es ging nicht an, ihn mit demselben Maßstab +zu messen wie andre Menschen. + +Aber dann versank Peter Nord wieder in seine Träume. Sie hatte sich also +seiner alle diese Jahre erinnert, und jetzt konnte sie nicht sterben, ohne +ihn gesehen zu haben. Ach, man denke, daß ein junges Mädchen alle die Jahre +herumgegangen war und an ihn gedacht, ihn geliebt und vermißt hatte. + +Sobald er ans Land gekommen war und das Haus des Kaufmanns erreicht hatte, +wurde er zu Edith geführt, die ihn draußen in der Laube erwartete. + +Der glückliche Peter Nord wurde nicht aus seinen Träumen gerissen, als er +sie erblickte. Sie war ein liebliches Traumwesen, dieses Mädchen, das um +die Wette mit den wurzellosen Birken, die sie umgaben, dahinwelkte. Ihre +großen Augen waren dunkler und klarer geworden. Ihre Hände waren so dünn +und durchsichtig, daß man fürchtete, diese vergeistigte Materie zu +berühren. + +Und sie liebte ihn. Natürlich mußte er sie sogleich wiederlieben, heiß, +innig, glühend. Als sie sah, wie er dastand und sie anstarrte, begann sie +zu lächeln, mit dem verzweifeltesten Lächeln der Welt, diesem Lächeln der +Kranken, das sagt: »Sieh, so bin ich geworden. Zähle nicht auf mich. Ich +kann nicht mehr schön und reizend sein. Ich muß bald sterben.« + +Das rief ihn zur Wirklichkeit zurück. Er sah, daß er es nicht mit einem +Traumbilde zu tun hatte, sondern mit einer Seele, die im Entfliehen war und +darum die Wände ihres Kerkers so dünn und durchsichtig gemacht hatte. Nun +war es so deutlich in seinem Gesicht und in der Art, wie er Ediths Hand +faßte, zu sehen, wie er mit einemmal ihre Leiden litt, wie er alles andre +über dem Schmerze, daß sie sterben mußte, vergaß, daß die Kranke dasselbe +Mitleid mit sich selbst fühlte und Tränen in ihre Augen traten. + +O, welches Mitgefühl hatte er vom ersten Augenblick an für sie. Er begriff +gleich, daß sie ihre Bewegung nicht zeigen wollte. Natürlich war es +ergreifend für sie, ihn, den sie so lange entbehrt hatte, wiederzusehen. +Aber nur ihre Schwäche war daran schuld, daß sie sich jetzt verriet. Sie +wollte natürlich nicht, daß er es bemerkte. Und darum brachte er ein +unverfängliches Gesprächsthema aufs Tapet. + +»Wissen Sie, wie es meinen weißen Mäusen ergangen ist?« fragte er. + +Sie sah bewundernd zu ihm auf. Es war, als wollte er ihr den Weg ebnen. +»Ich habe sie in den Laden gelassen,« sagte sie, »sie haben sich gut +gehalten.« + +»Ach nein, wirklich! Sind noch welche von ihnen da?« + +»Halfvorson sagt, daß er Peter Nords Mäuse niemals loswerden kann. Sie +haben Sie gerächt, verstehen Sie?« sagte sie bedeutungsvoll. + +»Es war eine ausgezeichnete Rasse,« antwortete Peter Nord stolz. + +Das Gespräch stockte einen Augenblick. Edith schloß die Augen, wie um zu +ruhen, und er schwieg ehrfurchtsvoll. Seine letzte Antwort verstand sie +nicht. Er hatte gar nichts auf ihre Bemerkung von der Rache erwidert. Als +er angefangen hatte, von den Mäusen zu sprechen, hatte sie geglaubt, er +verstünde, was sie damit sagen wolle. + +Sie wußte ja, daß er vor ein paar Wochen hergekommen war, um sich zu +rächen. Der arme Peter Nord! Oftmals hatte sie gedacht, wie es ihm wohl +ergehen mochte. So manche Nacht war das Heulen des erschreckten Jungen in +ihren Träumen ertönt. Zum Teil um seinetwillen, um nie mehr eine solche +Nacht zu erleben, hatte sie angefangen, ihren Onkel zu bessern, hatte das +Haus zu einem Heim für ihn gemacht, hatte den Einsamen es schätzen gelehrt, +einen teilnehmenden Freund in seiner Nähe zu haben. Jetzt war ihr Schicksal +wieder mit Peter Nord verknüpft. Sein Rachezug hatte sie zu Tode +erschreckt. Als sie sich nach dem schweren Anfall ein wenig erholt hatte, +hatte sie Halfvorson gebeten, ihn auszukundschaften. + +Und nun saß Peter Nord da und glaubte, daß sie ihn aus Liebe gerufen habe. +Er konnte ja nicht wissen, daß sie ihn für rachsüchtig, roh und verkommen +hielt, für einen Trinker und Raufbold. Er, der seinen Kameraden im +Arbeiterviertel ein leuchtendes Vorbild war, konnte nicht ahnen, daß sie +ihn herbeschieden hatte, um ihm Tugend und gute Sitte zu predigen, um, wenn +nichts andres half, ihm zu sagen: »Sieh mich an, Peter Nord! Dein +Unverstand, deine Rachgier ist die Ursache meines Todes. Denke daran und +beginne ein andres Leben.« + +Er war voll Lebenslust und Träumerei gekommen, um das Fest der Liebe zu +feiern, und sie lag da und dachte daran, ihn in die schwarzen Tiefen der +Reue zu versenken. + +Aber es mußte ihr wohl etwas von dem Glanz des Königsreifens +entgegenstrahlen und sie nachdenklich stimmen, so daß sie beschloß, ihn +zuerst ins Verhör zu nehmen. + +»Aber Peter Nord, waren Sie wirklich mit diesen drei furchtbaren Kerlen +da?« + +Er errötete und sah zu Boden. Dann mußte er ihr die ganze Geschichte von +dem Rachezug mit all seiner Schmach erzählen. Fürs erste, wie unmännlich +lange er gezögert hatte, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, und wie er nur +gezwungen gegangen war, und wie er dann anstatt selbst zu schlagen, +geprügelt und gepeitscht worden war. Er wagte nicht aufzusehen, während er +sprach; er wagte nicht zu hoffen, selbst von diesen milden Augen mit +Nachsicht beurteilt zu werden. Wie er dasaß, fühlte er, daß er sich all des +Glanzes entkleidete, mit dem sie ihn in ihren Träumen umgeben haben mußte. + +»Aber Peter Nord, wie wäre es denn gegangen, wenn Sie Halfvorson +angetroffen hätten?« fragte Edith, als er zu Ende gesprochen hatte. + +Er ließ den Kopf immer tiefer hängen. »Ich sah ihn ja ohnehin,« sagte er. +»Er war gar nicht verreist. Er arbeitete in seinem Garten vor dem Stadttor. +Der Junge im Laden hatte mir alles erzählt.« + +»Nun, warum haben Sie sich dann nicht gerächt?« fragte Edith. + +Nichts sollte ihm erspart bleiben. Aber er fühlte, daß ihre Blicke sich +forschend auf ihn hefteten, und er begann gehorsam: »Als die Männer sich +auf einem Abhang schlafen gelegt hatten, ging ich und suchte Halfvorson +auf, denn ich wollte ihn allein für mich haben. Er ging da herum und +richtete Stäbchen in einem Erbsenbeet auf. Es mußte am Tage vorher einen +Platzregen gegeben haben, denn die Erbsen waren zu Boden gefallen, einige +Blätter waren ganz zerfetzt, andre voll Erde. Es sah aus wie ein +Krankenhaus. Und Halfvorson war der Doktor. Er richtete sie so zart in die +Höhe, streifte die Erde ab und half den armen, kleinen Dingern die Stäbchen +umfassen. Ich stand da und sah zu. Er hörte mich ja nicht und er hatte +keine Zeit aufzublicken. Ich versuchte zornig zu bleiben, aber was sollte +ich tun? Ich konnte doch nicht auf ihn losstürzen, solange er mit den +Erbsen beschäftigt war. Meine Zeit kommt wohl noch, dachte ich. + +Aber plötzlich sprang er auf, schlug sich vor die Stirn und stürzte zum +Treibbeete. Da hob er die Glasfenster ab und guckte hinein, und ich guckte +auch, denn er sah aus, als wenn er in der bittersten Verzweiflung wäre. Ja +freilich, da sah es schlimm aus. Er hatte vergessen, die Pflanzen vor der +Sonne zu schützen und es war wohl unter den Glasfenstern furchtbar heiß +gewesen. Die Gurken lagen wie halbtot da und rangen nach Atem; einige +Blätter waren versengt und andre hingen schlaff herab. Ich war auch ganz +erschrocken, so daß ich alle Vorsicht vergaß, und da erblickte Halfvorson +meinen Schatten. >Du hör' einmal, nimm die Gießkanne, die beim Spargelbeet +steht, laufe zum Fluß herunter und hole Wasser,< sagte er, ohne aufzusehen; +er glaubte wohl, es sei der Gärtnerjunge. Und so lief ich.« + +»Taten Sie das, Peter Nord?« + +»Ja, sehen Sie, die Gurken brauchten doch nicht unter unsrer Feindschaft zu +leiden. Es kam mir wohl auch vor, daß das charakterlos sei, aber ich konnte +nicht anders. Ich wollte doch sehen, ob sie sich erholen könnten. Als ich +zurückkam, hatte er die Fenster ausgehoben und starrte noch ebenso +verzweifelt vor sich hin. Ich gab ihm die Kanne in die Hand, und er begann +zu gießen. Ja, man konnte sehen, wie gut das den Gurken im Beete tat. Es +war mir fast, als richteten sie sich in die Höhe, und ihm schien es wohl +auch so, denn er fing zu lachen an. Da lief ich fort.« + +»Sie liefen fort, Peter Nord, Sie liefen fort?« Edith hatte sich in ihrem +Ruhesessel aufgerichtet. + +»Ich konnte ihn nicht schlagen,« sagte Peter Nord. + +Immer deutlicher merkte Edith den Strahlenkranz um den Kopf des armen Peter +Nord. So, sie brauchte ihn also nicht mit der schweren Last der Sünde um +den Hals in die Tiefen der Reue zu versenken. Ein solcher Mann war er also! +Ein so weichherziger und feinfühliger Mann! Sie sank zurück, schloß die +Augen wieder und dachte nach. Sie brauchte es ihm nicht zu sagen. Es +wunderte sie selbst, welch große Erleichterung es ihr gewährte, ihn nicht +betrüben zu müssen. + +»Ich bin so froh, daß Sie sich die Rachegedanken aus dem Kopfe geschlagen +haben, Peter Nord,« begann sie freundlich. »Gerade darum wollte ich Sie +bitten. Jetzt kann ich ruhig sterben.« + +Sie rang nach Atem. Sie war nicht unfreundlich. Sie sah nicht aus, als +hätte sie sich in ihm getäuscht. Sie mußte ihn doch sehr lieb haben, wenn +sie alle diese Feigheit entschuldigen konnte. -- Denn wenn sie sagte, daß +sie ihn hergerufen habe, um ihn zu bitten, von seinen Racheplänen +abzustehen, geschah dies wohl nur aus Schüchternheit, um ihm nicht den +wirklichen Grund des Rufes gestehen zu müssen. Darin hatte sie ganz recht. +Ihm, dem Manne, kam es zu, das erste Wort zu sagen. + +»Wie können sie Sie sterben lassen?« rief er aus. »Halfvorson und alle die +andern, wie können sie es? Wenn ich hier wäre, ich wollte es Ihnen +verwehren, zu sterben. Ich würde Ihnen alle meine Kraft geben. Ich würde +alle Ihre Leiden auf mich nehmen.« + +»Ich habe keine großen Schmerzen,« sagte sie, über diese kühnen +Versprechungen lächelnd. + +»Ich stelle mir vor, daß ich Sie forttragen möchte wie ein erfrorenes +Vögelchen, Sie unter die Weste stecken wie ein Eichhörnchen. O Gott, wie +schön wäre es doch zu arbeiten, wenn etwas so Warmes und Weiches daheim auf +einen wartete. Aber wenn Sie gesund wären, so würden wohl viele ...« + +Sie sah ihn mit müdem Staunen an, bereit, ihn in seine Schranken zu weisen. +Aber sie mußte wohl wieder etwas von dem Zauberkranze der Träume um das +Haupt des Knaben gesehen haben, denn sie übte Nachsicht gegen ihn. Er +meinte wohl nichts damit. Er mußte wohl so sprechen wie er sprach. Er war +ja nicht wie andre. + +»Ach,« sagte sie gleichgültig. »Nicht so viele, Peter Nord. Wohl kaum +einer, der es ernst meinte.« + +Aber nun trat wieder eine Wendung zu seinen Gunsten ein. In ihr erwachte +plötzlich der Heißhunger der Kranken nach Mitleid. Sie wollte das +Mitgefühl, die Zärtlichkeit haben, die der arme Arbeiter ihr schenken +konnte, es war ihr ein Bedürfnis, lange in der Nähe dieser tiefen, +uneigennützigen Teilnahme zu weilen. Die Kranken können ja an derlei nie +genug haben. Sie wollte sie in seinen Blicken und in seinem ganzen Wesen +lesen. Worte waren ihr gleichgültig. + +»Es macht mir Freude, Sie hier zu sehen,« sagte sie. »Bleiben Sie noch ein +Weilchen sitzen und erzählen Sie, wie es Ihnen in diesen sechs Jahren +ergangen ist.« + +Während er sprach, lag sie da und schlürfte dieses Unsagbare ein, was von +ihm zu ihr strömte. Sie hörte und hörte nicht. Aber durch irgendeine +wunderbare Sympathie fühlte sie sich gestärkt und belebt. + +Übrigens machten ihr auch seine Erzählungen Eindruck. Sie führten sie in +die Arbeiterviertel, in eine neue Welt voll gärender Hoffnungen und Kräfte. +Wie man dort glaubte und sich sehnte! Wie man haßte und litt! + +»Wie glücklich sind doch die Unterdrückten,« sagte sie. + +In einem Anfall von Lebenslust kam es ihr in den Sinn, daß dies etwas für +sie sein könnte, die immer Druck und Zwang brauchte, um das Leben +lebenswert zu finden. + +»Wenn ich gesund wäre,« sagte sie, »wäre ich vielleicht mit dahin gegangen. +Es wäre schön gewesen, sich zusammen mit jemandem, dem man gut ist, in die +Höhe zu arbeiten.« + +Peter Nord zuckte zusammen. Hier war ja das Geständnis, auf das er die +ganze Zeit gewartet hatte. »Ach, können Sie nicht leben!« bat er, und er +strahlte vor Glück. + +Sie wurde aufmerksam. »Das ist ja Liebe,« sagte sie zu sich selbst. »Und +jetzt glaubt er, daß ich auch verliebt bin. Solch ein närrischer Kauz, +dieser Wermlandjunge!« + +Sie wollte ihn sogleich wieder zur Vernunft bringen, aber etwas lag über +Peter Nord an diesem siegreichen Tage, das sie zurückhielt. Sie brachte es +nicht übers Herz, seine frohe Stimmung zu zerstören. Sie fühlte Mitleid mit +seiner Torheit und ließ ihn weiter darin leben. »Es macht ja nichts, da ich +ja doch bald sterben muß,« sagte sie zu sich selbst. + +Aber gleich darauf verabschiedete sie ihn, und als er fragte, ob er +wiederkommen dürfe, verbot sie es ihm ganz. »Aber,« sagte sie, »vergessen +Sie den Kirchhof hier oben auf dem Hügel nicht, Peter Nord. Dorthin können +Sie in ein paar Wochen gehen und dem Tode für diesen Tag danken.« + +Als Peter Nord aus dem Garten kam, begegnete er Halfvorson. Dieser ging +verzweifelt auf und ab und fand seinen einzigen Trost in dem Gedanken, daß +Edith dem Schuldigen jetzt die Last der Reue aufbürdete. Um ihn überwältigt +von Gewissensbissen zu sehen, einzig und allein darum hatte er ihn geholt. +Doch als er den jungen Arbeiter traf, sah er, daß Edith ihm nicht alles +gesagt haben konnte. Wohl sah er ernst aus, aber zugleich schien er +schwindelnd glückselig. + +»Hat Edith Ihnen jetzt gesagt, warum sie sterben muß?« fragte Halfvorson. + +»Nein,« antwortete Peter Nord. + +Halfvorson legte ihm die Hand auf die Schulter, wie um ihn nicht entkommen +zu lassen. + +»Ihretwegen stirbt sie, Ihrer verdammten Streiche wegen. Sie war wohl +vorher ein bißchen krank, aber das hatte nichts zu bedeuten. Niemand +glaubte, daß sie sterben würde. Aber dann kamen Sie mit diesen drei +unglückseligen Schurken her, und sie erschreckten sie, während Sie in +meinem Laden waren. Sie verfolgten sie, und sie lief vor ihnen fort, lief +so, daß sie einen Blutsturz bekam. Aber das war es ja, was Sie wollten, Sie +wollten sich an mir rächen, dadurch, daß Sie sie töteten. Wollten mich +einsam und unglücklich sehen, ohne einen einzigen Menschen um mich, der mir +gut ist. Alle meine Freude wollten Sie mir nehmen, alle meine Freude.« + +Er wollte noch lange weitersprechen, Peter Nord mit Vorwürfen überschütten, +ihn mit Flüchen morden; aber dieser riß sich los und lief davon, als ob ein +Erdbeben die ganze Stadt erschüttere und alle Häuser im Begriffe wären +einzustürzen. + + +IV + +Hinter der Stadt erhebt sich die Bergwand lotrecht, aber wenn man auf +steilen Steinstufen und nadelbedeckten, glatten Pfaden hinaufgeklettert +ist, so findet man, daß der Berg sich zu einem großen welligen Plateau +ausbreitet. Und dort oben findet man einen Märchenwald. + +Auf der ganzen Breite des Berges steht ein Nadelwald ohne Nadeln, ein Wald, +der im Frühling stirbt und im Herbst grünt, ein lebloser Wald, der in +Lebensfreude aufflackert, wenn andre Bäume das grüne Kleid des Lebens +ablegen, ein Wald, der wächst, ohne daß jemand wissen kann wie, der grün im +Frost und braun im Tau dasteht. + +Es ist ein frisch angepflanzter Wald. Junge Fichten sind gezwungen worden, +in den Rissen zwischen Felsblöcken Wurzel zu schlagen. Ihre zähen Wurzeln +haben sich wie scharfe Keile in Spalten und Ritzen eingebohrt. Eine +Zeitlang ging es gut, die jungen Bäume schossen in die Höhe, und die +Wurzeln bohrten sich frohgemut in den grauen Stein. Aber endlich konnten +sie nicht weiterkommen, und da bemächtigte sich des Waldes eine nur +schlecht verhehlte üble Laune. Er wollte hoch hinaus, aber auch in die +Tiefe. Da ihm der Weg nach unten versperrt war, schien ihn das Leben nicht +mehr zu freuen. Jeden Frühling war er bereit, mißmutig die Lebensbürde +abzuwerfen. In dem Sommer, als Edith sterben sollte, stand der junge Wald +ganz braun da. Hoch über der Stadt der Blumen sah man auf dem Bergkamm +einen düstern Rand sterbender Bäume. + +Aber dort oben auf dem Berge ist nicht alles Düsterkeit und Todeskampf. +Wenn man so unter den braunen Bäumen einhergeht und sich so bedrückt fühlt, +daß man am liebsten sterben wollte, sieht man grüne Bäume schimmern, +Blumenduft schlägt einem entgegen; Vogelgesang jubelt und lockt. Da denkt +man an das Schloß im schlummernden Wald, an das Paradies des Märchens, das +von einer stechenden Dornenhecke umgeben ist. Und wenn man dann zu dem +Grün, dem Blumenduft, dem Vogelgezwitscher kommt, sieht man, daß man sich +auf dem versteckten Kirchhof des kleinen Städtchens befindet. + +Das Heim der Toten liegt in einer mit Erde angefüllten Vertiefung des +Bergplateaus. Und da innerhalb der grauen Steinmauern hat alles Welken und +aller Lebensüberdruß ein Ende. Im Tore stehen Fliederbüsche, die sich unter +schweren Blütentrauben neigen. Linden und Ahornbäume spannen mit +überraschender Kraft einen himmelhohen Bogen über den ganzen Platz. Jasmin +und Rosen entblühen freundlich der geweihten Erde. Um große alte Grabsteine +schlingen sich Ranken von Immergrün und Efeu. + +Hier ist eine Ecke, wo die Nadelbäume die Höhe eines Mastbaumes erreichen. +Müßte sich nicht eigentlich der junge Wald draußen schämen, wenn er sie +sieht? Und da sind Hecken, die den Händen ihrer Pfleger ganz entwachsen +sind, die ohne an Schere und Messer zu denken, blühen und sprießen. + +Die Stadt hat jetzt auch einen andern, neuen Friedhof, zu dem die Toten +ohne sonderliche Mühe gelangen können. Es war recht beschwerlich für sie, +im Winter hier heraufzuwandern, wo die steilen Waldpfade mit Glatteis +überzogen sind, und die Stufen schlüpfrig und schneebedeckt. Der Sarg +knackte, die Träger keuchten, der alte Propst stützte sich schwer auf den +Küster und den Totengräber. Jetzt braucht niemand dort oben begraben zu +werden, der es nicht selbst gewünscht hat. + +Schön sind die Gräber dort nicht. Die wenigsten verstehen es, den Toten +eine schöne Wohnstatt zu bereiten. Aber das frische Grün ergießt seinen +Frieden und seine Schönheit auf sie alle. Seltsam feierlich ist es, zu +wissen, daß alle, die hier ruhen, gerne da liegen. Der Lebende, der nach +einem heißen Arbeitstage hinaufflüchtet, geht wie unter Freunden einher. +Die hier schlummern, haben ja auch die hohen Bäume und die Stille geliebt. + +Kommt ein Fremder herauf, so erzählt man ihm nicht von Tod und Trauer, +sondern auf den großen Steinplatten, auf den breiten Bürgermeistergräbern +sitzt man und erzählt ihm von Peter Nord, dem Wermlandjungen, und seiner +Liebe. Es ist, als eignete sich die Geschichte am besten dazu, hier oben +erzählt zu werden, wo der Tod seine Schrecken verloren hat. Es ist, als +müßte die geweihte Erde jubeln, daß sie auch einmal der Schauplatz +erwachenden Glücks und neuerweckten Lebens sein durfte. + +Denn es kam so, daß Peter Nord, als er von Halfvorson fortlief, seine +Zuflucht oben auf dem Kirchhofe suchte. + +Zuerst lief er auf die Flußbrücke zu und schlug den Weg zur großen +Fabrikstadt ein. Doch auf der Brücke machte der arme Flüchtling halt. Mit +dem Königsreif um seine Stirn war es nun ganz vorbei. Er war verschwunden, +als wäre er aus Sonnenstrahlen gesponnen gewesen. Peter Nord war von Kummer +tief gebeugt, sein ganzer Körper zitterte, das Herz tat ihm weh, das Hirn +brannte wie Feuer. + +Da glaubte er zu sehen, wie Frau Fastenzeit ihm zum drittenmal entgegenkam. +Sie war viel freundlicher, viel milder als einst, aber sie erschien ihm +darum nur um so furchtbarer. + +»Ach, du Armer,« sagte sie, »jetzt mußt du aber mit deinen Streichen doch +endlich aufhören! Du wolltest das Fest der Liebe in der Fastenzeit feiern, +die man Leben nennt, aber du siehst, wie es dir ergeht. Komm jetzt und +bleibe mir treu. Jetzt hast du alles versucht, jetzt kannst du dich nur +mehr an mich wenden.« + +Aber er streckte ihr abwehrend die Arme entgegen. »Ich weiß, was du von mir +willst. Du willst mich zur Arbeit und Entbehrung führen, aber ich kann +nicht! Nicht jetzt, Frau Fastenzeit, nicht jetzt.« + +Die gelbe, bleiche Frau Fastenzeit lächelte immer milder. »Du bist ja +unschuldig, Peter Nord! Nimm dir das doch nicht so zu Herzen, wofür du +nichts kannst. War Edith nicht gut gegen dich? Sahst du nicht, daß sie dir +vergeben hat? Komm mit zur Arbeit! Lebe, wie du gelebt hast!« + +Der Knabe wurde immer heftiger. »Meinst du, es ist besser für mich, daß ich +gerade die getötet habe, die gut gegen mich war, sie, die mich liebte? Wäre +es nicht besser gewesen, wenn ich jemanden ermordet hätte, den ich ermorden +wollte? Ich muß es sühnen. Ich muß ihr das Leben retten. Jetzt kann ich +nicht an Arbeit denken.« + +»O du Narr,« sagte Frau Fastenzeit, »das Fest der Sühne, das du feiern +willst, das ist die allergrößte Vermessenheit.« + +Da empörte sich Peter Nord vollends gegen seine langjährige Freundin. Er +hohnlachte förmlich. »Was hast du mir eingeredet,« sagte er, »daß du eine +brave, brummige Alte seiest, den Arm voll netter, kleiner Ruten. Du bist +eine Hexe, Leben, du bist ein Ungeheuer. Du bist schön, und du bist +entsetzlich. Du weißt selbst nichts von Maß und Ziel. Warum sollte ich es +denn? Wie kannst du Fasten predigen, du, die du ein solches Übermaß von +Schmerz auf mich wälzen wolltest? Was sind die Feste, die ich gefeiert +habe, gegen die, die du dir unaufhörlich bereitest! Bleib mir vom Leibe mit +deiner gelben, bleichen Mäßigkeit. Jetzt will ich es ebenso toll treiben, +wie du selbst.« + +Nicht einen Schritt konnte er nach der großen Fabrikstadt machen. +Ebensowenig konnte er umkehren und wieder über die lange Straße in das +Städtchen wandern, nein, er schlug den Weg in die Berge ein, kletterte zum +verhexten Tannenwald hinauf und irrte zwischen den steifen, stechenden +jungen Bäumen umher, bis ein freundlicher Pfad ihn zum Kirchhof führte. +Dort suchte er sich ein Versteck in der Ecke, wo die Tannen die Höhe eines +Mastbaumes erreichen, und da warf er sich todmüde zu Boden. + +Er wußte nichts von sich. Er ahnte nicht, ob die Zeit verging, oder ob +alles jetzt stille stand. Aber nach einem Weilchen ertönten Schritte, und +er erwachte zu halbem Bewußtsein. Es war ihm, als wäre er lange, lange fort +gewesen! Nun sah er einen Leichenzug herankommen, und sogleich tauchte ein +verwirrter Gedanke in ihm auf. Wie lange lag er schon da? War Edith schon +tot? Suchte sie ihn hier auf? War die Tote im Sarge auf der Jagd nach ihrem +Mörder? Er zitterte und bebte. Freilich lag er in dem dunkeln +Tannendickicht verborgen, aber er zitterte vor dem, was geschehen wäre, +wenn die Leiche ihn gefunden hätte. Er bog ein paar Zweige zurück und +blickte hinaus. Ein gehetzter Flüchtling kann nicht wilder nach seinen +Verfolgern ausblicken. + +Der Leichenzug war der eines armen Mannes. Armselig und spärlich war das +Geleit. Unbekränzt wurde der Sarg in die Gruft gesenkt. Keines der +Gesichter zeigte Tränenspuren. Peter Nord hatte noch Verstand genug, um +einzusehen, daß dies unmöglich Edith Halfvorsons Begräbnis sein konnte. + +Aber wenn sie es auch nicht selbst war, wer weiß, vielleicht war es ein +Gruß von ihr. Peter Nord fühlte, daß er nicht das Recht hatte, zu +entfliehen. Sie hatte gesagt, er möge hinauf zum Friedhof gehen. Sie meinte +wohl, daß er sie dort erwarten solle, damit sie ihm seine Strafe zuteil +werden lassen konnte. Dieser Leichenzug war ein Gruß, ein Zeichen. Sie +wollte, daß er sie dort erwartete. + +Vor seinem kranken Hirn türmte sich jetzt die niedre Kirchhofsmauer so hoch +wie ein Festungswall auf. Er starrte ängstlich auf das schwache +Gitterpförtchen, es war wie die festeste Eichentür. Er war hier oben +gefangen. Nie konnte er von hier fort, bis sie selbst kam und ihn seiner +Strafe zuführte. + +Was sie dann mit ihm beginnnen würde, das wußte er nicht. Nur eines war +deutlich und klar. Er mußte hier warten, bis sie kam und ihn holte. +Vielleicht wird sie ihn mit sich ins Grab nehmen, vielleicht wird sie ihm +gebieten, sich vom Berge herunterzustürzen. Er konnte es nicht wissen -- +vorderhand mußte er warten. + +Die Vernunft kämpfte einen verzweifelten Kampf: Du bist ja unschuldig, +Peter Nord. Mache dir doch kein Herzeleid über das, was du nicht +verschuldet hast. Sie hat dir keine Botschaft geschickt. Gehe hinaus zu +deiner Arbeit! Erhebe den Fuß, und du bist über die Mauer, stoße mit einem +Finger zu, und das Tor ist offen. + +Nein, er konnte nicht. Meistens war er wie in einem Nebel, einer Betäubung. +Die Gedanken kamen unklar, so wie wenn man eben im Einschlafen ist. Eines +nur wußte er, er mußte bleiben, wo er war. + +Nun kam die Nachricht zu ihr, die dalag und um die Wette mit den +wurzellosen Birken dahinwelkte. Peter Nord, mit dem du an einem Sommertag +gespielt, geht oben auf dem Kirchhof einher und wartet auf dich. Peter +Nord, den dein Oheim zu Tode erschreckt hat, kann den Kirchhof nicht +verlassen, bis dein blumengeschmückter Sarg heraufkommt, um ihn zu holen. + +Das Mädchen schlug die Augen auf, gleichsam wie um noch einmal die Welt zu +sehen. Sie schickte nach Peter Nord. Sie zürnte ihm wegen seines tollen +Streiches. Warum konnte sie nicht in Ruhe sterben? Sie hatte nie gewünscht, +daß er sich ihrethalben Gewissensbisse mache. + +Der Bote kam ohne Peter Nord zurück. Er könne nicht kommen. Die Mauer sei +zu hoch und das Tor zu stark. Nur eine könne ihn von dort fortbringen. + +In diesen Tagen dachte man in der kleinen Stadt an nichts andres. »Er geht +noch immer dort herum, noch immer,« erzählte man einander jeden Tag. »Ist +er verrückt?« fragten die Leute häufig, und einige, die mit ihm gesprochen +hatten, antworteten, daß er es ganz gewiß werden würde, wenn »sie« kam. +Aber sie waren sehr stolz auf diesen Märtyrer der Liebe, der ihrer Stadt +Glanz verlieh. Arme Leute brachten ihm Essen. Die Reichen schlichen den +Berg hinauf, um ihn wenigstens aus der Ferne zu sehen. + +Aber Edith, die sich nicht vom Fleck rühren konnte, die machtlos dalag und +sterben sollte, sie, die so viel Zeit zu denken hatte, womit beschäftigte +sie sich wohl? Welche Gedanken wälzte sie Tag und Nacht in ihrem Hirn? Oh, +Peter Nord, Peter Nord! Mußte sie nicht stets den Mann vor sich sehen, der +sie liebte, der nahe daran war, um ihretwillen den Verstand zu verlieren, +der wirklich, wirklich oben auf dem Kirchhof einherging und auf ihren Sarg +wartete. + +Sieh da, das war etwas für die Stahlfedernatur in ihr. Das war etwas für +die Phantasie, etwas für entschlummernde Gefühle. Sich vorzustellen, was er +anfangen würde, wenn sie hinaufkam! Sich auszumalen, was er beginnen würde, +wenn sie nicht als Tote hinkam. + +Sie sprachen davon in der ganzen Stadt, sprachen davon und von nichts +anderm. So wie die alten Städte ihre Säulenheiligen geliebt hatten, so +liebte das Städtchen den armen Peter Nord. Doch niemand ging gerne auf den +Kirchhof, um mit ihm zu sprechen. Er sah immer wilder und wilder aus. Immer +dichter senkte sich die Dunkelheit des Wahnsinns auf ihn herab. »Warum +beeilt sie sich nicht, gesund zu werden,« sagten sie von Edith. »Es wäre +unrecht von ihr, zu sterben.« + +Edith fühlte beinahe Zorn. Sie, die so fertig mit dem Leben war, sollte nun +wieder die schwere Bürde auf sich nehmen müssen? Aber auf jeden Fall begann +sie sich redlich zu mühen. In ihrem Körper wurde in diesen Wochen mit +fieberhafter Kraft ausgebessert und instandgesetzt. Und es wurde nicht an +Material gespart. In ungeheuren Massen wurde alles verbraucht, was +Lebenskraft gibt, wie es auch heißen mochte: Malzextrakt oder Lebertran, +frische Luft oder Sonnenschein, Träume oder Liebe. + +Und was für herrliche Tage waren dies doch, lang, warm, regenlos! + +Endlich erlaubte ihr der Arzt, sich hinauftragen zu lassen. Die ganze Stadt +war in Angst, als sie den Weg antrat. Würde sie mit einem Wahnsinnigen +zurückkommen? Konnten diese Wochen des Elends aus seinem Hirn ausgetilgt +werden? Würde die Anstrengung, die sie gemacht hatte, um wieder zu leben, +fruchtlos sein? Und wenn, wie würde es dann ihr selbst ergehen? + +Wie sie dahinzog, blaß vor Spannung, aber doch voll Hoffnung, gab es Anlaß +zur Unruhe genug. Niemand verhehlte sich, daß Peter Nord einen zu großen +Raum in ihrer Phantasie eingenommen hatte. Sie war die Allereifrigste in +der Anbetung dieses wunderlichen Heiligen. Alle Schranken waren für sie +gefallen, als sie hörte, was er um ihretwillen litt. Doch was sollte aus +ihrer Schwärmerei werden, wenn sie ihn wirklich sah? An einem Wahnsinnigen +ist nichts Romantisches. + +Als man sie bis an das Friedhofspförtchen getragen hatte, verließ sie die +Träger und ging allein über den breiten Mittelgang. Ihre Blicke wanderten +rund um den grünenden Platz, aber sie sah niemanden. + +Plötzlich hörte sie ein leises Rascheln im Tannendickicht, und von dort sah +sie ein wildes, verzerrtes Gesicht starren. Nie hatte sie ein Antlitz +gesehen, das so deutlich den Stempel des Grauens trug. Sie erschrak selbst +darüber, erschrak tödlich. Es fehlte nicht viel, so wäre sie geflohen. + +Aber dann loderte ein großes, heiliges Gefühl in ihr auf. Jetzt konnte +nicht mehr von Liebe und Schwärmerei die Rede sein, nur von Angst, daß ein +Mitmensch, einer der Armen, die mit ihr das Jammertal der Erde +durchwanderten, verloren gehen sollte! + +Das Mädchen blieb stehen. Sie wich nicht einen Schritt zurück, sondern ließ +ihn sich langsam an ihren Anblick gewöhnen. Aber alle Macht, die sie besaß, +legte sie in den Blick. Sie zog den Mann dort an sich mit der ganzen Kraft +des Willens, der die Krankheit in ihr selbst besiegt hatte. + +Und er kam aus seinem Winkel, bleich, verwildert, ungepflegt. Er ging auf +sie zu, ohne daß das Grauen aus seinen Zügen wich. Er sah aus, als wäre er +von einem wilden Tier behext, das gekommen war, um ihn zu zerreißen. Als er +dicht neben ihr stand, legte sie ihm ihre beiden Hände auf die Schultern +und sah ihm lächelnd ins Gesicht. + +»Sieh da, Peter Nord. Wie ist es mit Ihnen? Sie müssen von hier fort! Was +meinen Sie damit, daß Sie so lange hier oben auf dem Kirchhof bleiben, +Peter Nord?« + +Er zitterte und sank zusammen. Aber sie fühlte, daß sie ihn mit ihren +Blicken unterjochte. Ihre Worte schienen hingegen gar keine Bedeutung für +ihn zu haben. + +Sie schlug einen etwas andern Ton an. »Höre, was ich sage, Peter Nord. Ich +bin nicht tot. Ich werde nicht sterben. Ich bin gesund geworden, um hier +heraufzukommen und dich zu retten.« + +Er stand noch immer in demselben stumpfen Entsetzen da. Wieder veränderte +sich ihre Stimme. »Du hast mir nicht den Tod gebracht,« sagte sie immer +inniger, »du hast mir das Leben gegeben.« + +Dies wiederholte sie einmal ums andre. Und ihre Stimme ward zuletzt bebend +vor Bewegung, trübe von Tränen. Aber er verstand nichts von dem, was sie +sagte. + +»Peter Nord, ich habe dich so lieb, so lieb,« rief sie aus. + +Er blieb ebenso gleichgültig. + +Nun wußte sie nichts mehr mit ihm anzufangen. Sie mußte ihn wohl mit in +die Stadt hinabnehmen und gute Pflege und die Zeit walten lassen. + +Doch wer weiß, mit welchen Träumen sie heraufgekommen war und was sie sich +von dieser Begegnung mit dem, der sie liebte, versprochen hatte. Nun, wo +sie alles das aufgeben und ihn nur als einen Wahnsinnigen behandeln mußte, +erfüllte sie ein Schmerz, als müßte sie das Kostbarste von sich lassen, was +das Leben ihr geschenkt hatte. Und in der Bitterkeit dieses Verzichtes zog +sie ihn an sich und küßte ihn auf die Stirn. + +Dies sollte ein Abschied von Leben und Glück sein. Sie fühlte, wie ihre +Kräfte versagten. Tödliche Mattigkeit kam über sie. + +Doch da glaubte sie bei ihm etwas wie ein schwaches Lebenszeichen zu +merken, er war nicht mehr ganz so schlaff und stumpf. Es zuckte in seinen +Gesichtszügen. Er zitterte immer heftiger, sie beobachtete alles mit immer +größrer Angst. Er erwachte, aber wozu? Endlich begann er zu weinen. + +Sie führte ihn zu einem Grabstein. Sie ließ sich darauf nieder, zog ihn zu +sich herab und bettete sein Haupt in ihrem Schoß. So saß sie da und +streichelte ihn, während er weinte. + +Mit ihm ging etwas Ähnliches vor, wie wenn man aus einem bösen Traum +erwacht. »Warum weine ich,« fragte er sich. »Ach, ich weiß, ich habe so +furchtbar geträumt. Aber es ist nicht wahr, sie lebt. Ich habe sie nicht +gemordet. Wie töricht, über einen Traum zu weinen.« + +Und so allmählich wurde ihm alles klar; doch seine Tränen flossen weiter. +Sie saß da und liebkoste ihn, aber seine Tränen strömten noch lange. + +»Das Weinen tut mir so wohl,« sagte er. + +Dann sah er auf und lächelte. »Ist jetzt Ostern?« fragte er. + +»Was meinst du damit?« + +»Man kann es ja Ostern nennen, da die Toten auferstehen,« fuhr er fort. +Dann, als wären sie langjährige Vertraute, begann er, ihr von Frau +Fastenzeit zu erzählen und von seiner Empörung gegen ihr Regiment. + +»Es ist jetzt Ostern, und ihre Regierungszeit hat ein Ende,« sagte sie. + +Aber als er daran dachte, daß Edith dasaß und ihn liebkoste, mußte er +wieder weinen. Es war ihm solch ein Bedürfnis zu weinen. Alles Mißtrauen +gegen das Leben, das das Unglück dem kleinen Wermländer eingeflößt hatte, +bedurfte der Tränen, um fortzuschmelzen. Das Mißtrauen, daß Liebe und +Freude, Schönheit und Kraft nicht auf Erden blühen könnten, das Mißtrauen +gegen sich selbst, alles das mußte fort. Alles das ging fort, denn es war +Ostern: Die Tote lebte, und Frau Fastenzeit konnte nie mehr Macht erlangen. + + + + +Die Legende vom Vogelnest + + +Hatto, der Eremit, stand in der Einöde und betete zu Gott. Es stürmte, und +sein langer Bart und sein zottiges Haar flatterte um ihn, so wie die +windgepeitschten Grasbüschel die Zinnen einer alten Ruine umflattern. Doch +er strich sich nicht das Haar aus den Augen, noch steckte er den Bart in +den Gürtel, denn er hielt die Arme zum Gebet erhoben. Seit Sonnenaufgang +streckte er seine knochigen behaarten Arme zum Himmel empor, ebenso +unermüdlich wie ein Baum seine Zweige ausstreckt, und so wollte er bis zum +Abend stehen bleiben. Er hatte etwas Großes zu erbitten. + +Er war ein Mann, der viel von der Arglist und Bosheit der Welt erfahren +hatte. Er hatte selbst verfolgt und gequält, und Verfolgung und Qualen +andrer waren ihm zuteil geworden, mehr als sein Herz ertragen konnte. Darum +zog er hinaus auf die große Heide, grub sich eine Höhle am Flußufer und +wurde ein heiliger Mann, dessen Gebete an Gottes Thron Gehör fanden. + +Hatto, der Eremit, stand am Flußgestade vor seiner Höhle und betete das +große Gebet seines Lebens. Er betete zu Gott, den Tag des Jüngsten Gerichts +über diese böse Welt hereinbrechen zu lassen. Er rief die posaunenblasenden +Engel an, die das Ende der Herrschaft der Sünde verkünden sollten. Er rief +nach den Wellen des Blutmeeres, um die Ungerechtigkeit zu ertränken. Er +rief nach der Pest, auf daß sie die Kirchhöfe mit Leichenhaufen erfülle. + +Rings um ihn war die öde Heide. Aber eine kleine Strecke weiter oben am +Flußufer stand eine alte Weide mit kurzem Stamm, der oben zu einem großen, +kopfähnlichen Knollen anschwoll, aus dem neue, frischgrüne Zweige +hervorwuchsen. Jeden Herbst wurden ihr von den Bewohnern des holzarmen +Flachlandes diese frischen Jahresschößlinge geraubt. Jeden Frühling trieb +der Baum neue geschmeidige Zweige, und an stürmischen Tagen sah man sie um +den Baum flattern und wehen, so wie Haar und Bart um Hatto, den Eremiten, +flatterten. + +Das Bachstelzchenpaar, das sein Nest oben auf dem Stamm der Weide zwischen +den emporsprießenden Zweigen zu bauen pflegte, hatte gerade an diesem Tage +mit seiner Arbeit beginnen wollen. Aber zwischen den heftig peitschenden +Zweigen fanden die Vögel keine Ruhe. Sie kamen mit Binsenhalmen und +Wurzelfäserchen und vorjährigem Riedgras geflogen, aber sie mußten +unverrichteter Dinge umkehren. Da bemerkten sie den alten Hatto, der eben +Gott anflehte, den Sturm siebenmal heftiger werden zu lassen, damit das +Nest der kleinen Vöglein fortgefegt und der Adlerhorst zerstört werde. + +Natürlich kann kein heute Lebender sich vorstellen, wie bemoost und +vertrocknet und knorrig und schwarz und menschenunähnlich solch ein alter +Heidebewohner sein konnte. Die Haut lag so stramm über Stirn und Wangen, +daß sein Kopf fast einem Totenschädel glich, und nur an einem kleinen +Aufleuchten tief in den Augenhöhlen sah man, daß er Leben besaß. Und die +vertrockneten Muskeln gaben dem Körper keine Rundung, der emporgestreckte +nackte Arm bestand vielmehr nur aus ein paar schmalen Knochen, die mit +verrunzelter, harter, rindenähnlicher Haut überzogen waren. Er trug einen +alten, eng anliegenden schwarzen Mantel. Er war braungebrannt von der Sonne +und schwarz von Schmutz. Nur sein Haar und sein Bart waren licht, hatten +sie doch Regen und Sonnenschein bearbeitet, bis sie dieselbe graugrüne +Farbe angenommen hatten, wie die Unterseite der Weidenblätter. + +Die Vögel, die umherflatterten und einen Platz für ihr Nest suchten, +hielten Hatto, den Eremiten, auch für eine alte Weide, die ebenso wie die +andre durch Axt und Säge in ihrem Himmelsstreben gehemmt worden war. Sie +umkreisten ihn viele Male, flogen weg und kamen zurück, merkten sich den +Weg zu ihm, berechneten seine Lage im Hinblick auf Raubvögel und Stürme, +fanden sie recht unvorteilhaft, aber entschieden sich doch für ihn, wegen +seiner Nähe zum Flusse und dem Riedgras, ihrer Vorratskammer und ihrem +Speicher. Eines der Vögelchen schoß pfeilschnell herab und legte sein +Wurzelfäserchen in die ausgestreckte Hand des Eremiten. + +Der Sturm hatte gerade aufgehört, so daß das Wurzelfäserchen ihm nicht +sogleich aus der Hand gerissen wurde, aber in den Gebeten des Eremiten gab +es kein Aufhören. »Mögest du bald kommen, o Herr, und diese Welt des +Verderbens vernichten, auf daß die Menschen sich nicht mit noch mehr Sünden +beladen. Möchtest du die Ungebornen vom Leben erlösen! Für die Lebenden +gibt es keine Erlösung.« + +Nun setzte der Sturm wieder ein, und das Wurzelfäserchen flatterte aus der +großen, knochigen Hand des Eremiten fort. Aber die Vögel kamen wieder und +versuchten die Grundpfeiler des neuen Heims zwischen seine Finger +einzukeilen. Da legte sich plötzlich ein plumper, schmutziger Daumen über +die Halme und hielt sie fest, und vier Finger wölbten sich über die +Handfläche, so daß eine friedliche Nische entstand, in der man bauen +konnte. Doch der Eremit fuhr in seinen Gebeten fort. + +»Herr, wo sind die Feuerwolken, die Sodom verheerten? Wann öffnest du des +Himmels Schleusen, die die Arche zum Berge Ararat erhoben? Ist das Maß +deiner Geduld nicht erschöpft und die Schale deiner Gnade leer? O Herr, +wann kommst du aus deinem sich spaltenden Himmel?« + +Und vor Hatto, dem Eremiten, tauchten die Fiebervisionen vom Tag des +Jüngsten Gerichtes auf. Der Boden erbebte, der Himmel glühte. Unter dem +roten Firmament sah er schwarze Wolken fliehender Vögel; über den Boden +wälzte sich eine Schar flüchtender Tiere. Doch während seine Seele von +diesen Fiebervisionen erfüllt war, begannen seine Augen dem Flug der +kleinen Vögel zu folgen, die blitzschnell hin und her flogen und mit einem +vergnügten kleinen Piepsen ein neues Hälmchen in das Nest fügten. + +Der Alte ließ es sich nicht einfallen, sich zu rühren. Er hatte das Gelübde +getan, den ganzen Tag stillstehend mit emporgestreckten Händen zu beten, um +so unsern Herrn zu zwingen, ihn zu erhören. Je matter sein Körper wurde, +desto lebendiger wurden die Gesichte, die sein Hirn erfüllten. Er hörte die +Mauern der Städte zusammenbrechen und die Wohnungen der Menschen +einstürzen. Schreiende, entsetzte Volkshaufen eilten an ihm vorbei, und +ihnen nach jagten die Engel der Rache und der Vernichtung, hohe, +silbergepanzerte Gestalten mit strengem, schönem Antlitz, auf schwarzen +Rossen reitend und Geißeln schwingend, die aus weißen Blitzen geflochten +waren. + +Die kleinen Bachstelzchen bauten und zimmerten fleißig den ganzen Tag, und +die Arbeit machte große Fortschritte. Auf dieser hügeligen Heide mit ihrem +steifen Riedgras und an diesem Flußufer mit seinem Schilf und seinen +Binsen war kein Mangel an Baustoff. Sie fanden weder Zeit zur Mittagsrast +noch zur Vesperruhe. Glühend vor Eifer und Vergnügen flogen sie hin und +her, und ehe der Abend anbrach, waren sie schon beim Dachfirst angelangt. + +Aber ehe der Abend anbrach, hatten sich die Blicke des Eremiten mehr und +mehr auf sie geheftet. Er folgte ihnen auf ihrer Fahrt, er schalt sie aus, +wenn sie sich dumm anstellten, er ärgerte sich, wenn der Wind ihnen Schaden +tat, und am allerwenigsten konnte er es vertragen, wenn sie sich ein +bißchen ausruhten. + +So sank die Sonne, und die Vögel suchten ihre vertrauten Ruhestätten im +Schilf auf. + +Wer abends über die Heide geht, muß sich herabbeugen, so daß sein Gesicht +in gleicher Höhe mit den Erdhügelchen ist, dann wird er sehen, wie sich ein +wunderliches Bild vor dem lichten Abendhimmel abzeichnet. Eulen mit großen, +runden Flügeln huschen über das Feld, unsichtbar für den, der aufrecht +steht. Nattern ringeln sich heran, geschmeidig, behend, die schmalen +Köpfchen auf schwanähnlich gebognen Hälsen erhoben. Große Kröten kriechen +träge vorbei. Hasen und Wasserratten fliehen vor den Raubtieren, und der +Fuchs springt nach einer Fledermaus, die Mücken über dem Fluß jagt. Es ist, +als hätte jedes Erdhügelchen Leben bekommen. Doch unterdessen schlafen die +kleinen Vögelchen auf dem schwanken Schilf, geborgen vor allem Bösen auf +diesen Ruhestätten, denen kein Feind nahen kann, ohne daß das Wasser +aufplätschert oder das Schilf zittert und sie aufweckt. + +Als der Morgen kam, glaubten die Bachstelzchen zuerst, die Ereignisse des +gestrigen Tages seien ein schöner Traum gewesen. + +Sie hatten ihre Merkzeichen gemacht und flogen geradeswegs auf ihr Nest zu, +aber das war verschwunden. Sie guckten suchend über die Heide hin und +erhoben sich gerade in die Luft, um zu spähen. Keine Spur von einem Nest +oder einem Baum. Schließlich setzten sie sich auf ein paar Steine am +Flußufer und grübelten nach. Sie wippten mit dem langen Schwanz und drehten +das Köpfchen. Wohin war Baum und Nest gekommen? + +Doch kaum hatte sich die Sonne um eine Handbreit über den Waldgürtel auf +dem jenseitigen Flußufer erhoben, als ihr Baum gewandert kam und sich auf +denselben Platz stellte, den er am vorigen Tage eingenommen. Er war ebenso +schwarz und knorrig wie damals und trug ihr Nest auf der Spitze von etwas, +was wohl ein dürrer, aufrecht ragender Ast sein mußte. + +Da begannen die Bachstelzchen wieder zu bauen, ohne weiter über die vielen +Wunder der Natur nachzugrübeln. + +Hatto, der Eremit, der die kleinen Kinder von seiner Höhle fortscheuchte +und ihnen sagte, es wäre besser für sie, wenn sie niemals das Licht der +Sonne gesehen hätten, er, der in den Schlamm hinausstürzte, um den +fröhlichen jungen Menschen, die in bewimpelten Booten den Fluß +hinaufruderten, Verwünschungen nachzuschleudern; er, vor dessen bösem Blick +die Hirten der Heide ihre Herden behüteten, kehrte nicht zu seinem Platz am +Fluß zurück, den kleinen Vögeln zuliebe. Aber er wußte, daß nicht nur jeder +Buchstabe in den heiligen Büchern seine verborgne mystische Bedeutung hat, +sondern auch alles, was Gott in der Natur geschehen läßt. Jetzt hatte er +herausgefunden, was es bedeuten konnte, daß die Bachstelzchen ihr Nest in +seiner Hand bauten; Gott wollte, daß er mit erhobnen Armen betend dastehen +sollte, bis die Vögel ihre Jungen aufgezogen hatten, und vermochte er dies, +so sollte er erhört werden. + +Doch an diesem Tage sah er immer weniger Visionen des Jüngsten Gerichtes. +Anstatt dessen folgte er immer eifriger mit seinen Blicken den Vögeln. Er +sah das Nest rasch vollendet. Die kleinen Baumeister flatterten rund herum +und besichtigten es. Sie holten ein paar kleine Moosflechten von der +wirklichen Weide und klebten sie außen an, das sollte anstatt Tünche oder +Farbe sein. Sie holten das feinste Wollgras, und das Weibchen nahm Flaum +von seiner eignen Brust und bekleidete das Nest innen damit, das war die +Einrichtung und Möblierung. + +Die Bauern, die die verderbliche Macht fürchteten, die die Gebete des +Eremiten an Gottes Thron haben konnten, pflegten ihm Brot und Milch zu +bringen, um seinen Groll zu besänftigen. Sie kamen auch jetzt und fanden +ihn regungslos dastehen, das Vogelnest in der Hand. + +»Seht, wie der fromme Mann die kleinen Tiere liebt,« sagten sie und +fürchteten sich nicht mehr vor ihm, sondern hoben den Milcheimer an seine +Lippen und führten ihm das Brot zum Munde. Als er gegessen und getrunken +hatte, verjagte er die Menschen mit bösen Worten, aber sie lächelten nur +über seine Verwünschungen. + +Sein Körper war schon lange seines Willens Diener geworden. Durch Hunger +und Schläge, durch tagelanges Knien und wochenlange Nachtwachen hatte er +ihn Gehorsam gelehrt. Nun hielten stahlharte Muskeln seine Arme tage- und +wochenlang emporgestreckt, und während das Bachstelzenweibchen auf den +Eiern lag und das Nest nicht mehr verließ, suchte er nicht einmal nachts +seine Höhle auf. Er lernte es, sitzend mit emporgestreckten Armen zu +schlafen. Unter den Freunden der Wüste gibt es so manche, die noch größre +Dinge vollbracht haben. + +Er gewöhnte sich an die zwei kleinen unruhigen Vogelaugen, die über den +Rand des Nestes zu ihm hinabblickten. Er achtete auf Hagel und Regen und +schützte das Nest so gut er konnte. + +Eines Tages kann das Weibchen seinen Wachtposten verlassen. Beide +Bachstelzchen sitzen auf dem Rand des Nestes, wippen mit den Schwänzchen +und beratschlagen und sehen seelenvergnügt aus, obgleich das ganze Nest von +einem ängstlichen Piepsen erfüllt scheint. Nach einem kleinen Weilchen +ziehen sie auf die allerverwegenste Mückenjagd aus. + +Eine Mücke nach der andern wird gefangen und heimgebracht für das, was oben +in seiner Hand piepst. Und als das Futter kommt, da piepsen sie am +allerärgsten. Den frommen Mann stört das Piepsen in seinen Gebeten. + +Und sachte, sachte sinkt sein Arm auf Gelenken herab, die beinahe die Gabe, +sich zu rühren, verloren haben, und seine kleinen Glutaugen starren in das +Nest herab. + +Niemals hatte er etwas so hilflos Häßliches und Armseliges gesehen: kleine, +nackte Körperchen mit ein paar spärlichen Fläumchen, keine Augen, keine +Flugkraft, eigentlich nur sechs große, aufgerissene Schnäbel. + +Es kam ihm selbst wunderlich vor, aber er mochte sie gerade so leiden wie +sie waren. Die Alten hatte er ja niemals von dem großen Untergang +ausgenommen, aber wenn er von nun ab Gott anflehte, die Welt durch +Vernichtung zu erlösen, da machte er eine stillschweigende Ausnahme für +diese sechs Schutzlosen. + +Wenn die Bäuerinnen ihm jetzt Essen brachten, dann dankte er ihnen nicht +mit Verwünschungen. Da er für die Kleinen dort oben notwendig war, freute +er sich, daß die Leute ihn nicht verhungern ließen. + +Bald guckten den ganzen Tag sechs runde Köpfchen über den Nestrand. Des +alten Hatto Arm sank immer häufiger zu seinen Augen hernieder. Er sah die +Federn aus der roten Haut sprießen, die Augen sich öffnen, die Körperformen +sich runden. Glückliche Erben der Schönheit, die die Natur den beflügelten +Bewohnern der Luft geschenkt, entwickelten sie bald ihre Anmut. + +Und unterdessen kamen die Gebete um die große Vernichtung immer zögernder +über Hattos Lippen. Er glaubte Gottes Zusicherung zu haben, daß sie +hereinbrechen würde, wenn die kleinen Vögelchen flügge waren. Nun stand er +da und suchte gleichsam nach einer Ausflucht vor Gottvater. Denn diese +sechs Kleinen, die er beschützt und behütet hatte, konnte er nicht opfern. + +Früher war es etwas andres gewesen, als er noch nichts hatte, was sein +Eigen war. Die Liebe zu den Kleinen und Schutzlosen, die jedes kleine Kind +die großen, gefährlichen Menschen lehren muß, kam über ihn und machte ihn +unschlüssig. + +Manchmal wollte er das ganze Nest in den Fluß schleudern, denn er meinte, +daß die beneidenswert sind, die ohne Sorgen und Sünden sterben dürfen. +Mußte er die Kleinen nicht vor Raubtieren und Kälte, vor Hunger und den +mannigfaltigen Heimsuchungen des Lebens bewahren? Aber gerade als er noch +so dachte, kam der Sperber auf das Nest herabgesaust, um die Jungen zu +töten. Da ergriff Hatto den Kühnen mit seiner linken Hand, schwang ihn im +Kreise über seinem Kopf und schleuderte ihn mit der Kraft des Zornes in den +Fluß. + +Und der Tag kam, an dem die Kleinen flügge waren. Eines der Bachstelzchen +mühte sich drinnen im Nest, die Jungen auf den Rand hinauszuschieben, +während das andre herumflog und ihnen zeigte, wie leicht es war, wenn sie +es nur zu versuchen wagten. Und als die Jungen sich hartnäckig fürchteten, +da flogen die beiden Alten fort und zeigten ihnen ihre allerschönste +Fliegekunst. Mit den Flügeln schlagend, beschrieben sie verschiedene +Windungen, oder sie stiegen auch gerade in die Höhe wie Lerchen oder +hielten sich mit heftig zitternden Schwingen still in der Luft. + +Aber als die Jungen noch immer eigensinnig bleiben, kann Hatto es nicht +lassen, sich in die Sache einzumischen. Er gibt ihnen einen behutsamen Puff +mit dem Finger, und damit ist alles entschieden. Heraus fliegen sie, +zitternd und unsicher, die Luft peitschend wie Fledermäuse, sie sinken, +aber erheben sich wieder, begreifen, worin die Kunst besteht, und verwenden +sie dazu, so rasch als möglich das Nest wieder zu erreichen. Die Alten +kommen stolz und jubelnd zu ihnen zurück, und der alte Hatto schmunzelt. + +Er hatte doch in der Sache den Ausschlag gegeben. + +Er grübelte nun in vollem Ernst nach, ob es für unsern Herrgott nicht auch +einen Ausweg geben konnte. + +Vielleicht, wenn man es so recht bedachte, hielt Gottvater diese Erde wie +ein großes Vogelnest in seiner Rechten, und vielleicht hatte er Liebe zu +denen gefaßt, die dort wohnen und hausen, zu allen schutzlosen Kindern der +Erde. Vielleicht erbarmte er sich ihrer, die er zu vernichten gelobt hatte, +so wie sich der Eremit der kleinen Vögel erbarmte. + +Freilich waren die Vögel des Eremiten um vieles besser als unsers Herrgotts +Menschen, aber er konnte doch begreifen, daß Gottvater dennoch ein Herz für +sie hatte. + +Am nächsten Tage stand das Vogelnest leer, und die Bitterkeit der +Einsamkeit bemächtigte sich des Eremiten. Langsam sank sein Arm an seiner +Seite herab, und es deuchte ihn, daß die ganze Natur den Atem anhielt, um +dem Dröhnen der Posaune des Jüngsten Gerichts zu lauschen. Doch in +demselben Augenblick kamen alle Bachstelzen zurück und setzten sich ihm auf +Haupt und Schultern, denn sie hatten gar keine Angst vor ihm. Da zuckte ein +Lichtstrahl durch das verwirrte Hirn des alten Hatto. Er hatte ja den Arm +gesenkt, ihn jeden Tag gesenkt, um die Vögel anzusehen. + +Und wie er da stand, von allen sechs Jungen umflattert und umgaukelt, +nickte er jemandem, den er nicht sah, vergnügt zu. »Du bist frei,« sagte +er, »du bist frei. Ich hielt mein Wort nicht, und so brauchst du auch +deines nicht zu halten.« + +Und es war ihm, als hörten die Berge zu zittern auf und als legte sich der +Fluß gemächlich in seinem Bett zur Ruhe. + + + + +Das Hünengrab + + +Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot blüht. Auf der Sandhalde +wuchs es in dichten Büscheln. Von niedrigen, baumähnlichen Stämmchen +erhoben sich dicht sitzende grüne Zweige mit nadelharten, festen Blättern +und kleinen, spät welkenden Blüten. Diese schienen nicht aus dem +gewöhnlichen saftreichen Blumengewebe zu bestehen, sondern aus trocknen, +harten Schuppen. Sie waren sehr unansehnlich von Größe und Gestalt; auch +war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen Heide hatten sie +sich nicht in der windgeschützten Luft entwickelt, in der die Lilien ihre +Kelchblätter entfalten, auch nicht in dem üppigen Erdreich, aus dem die +Rosen die Nahrung für ihre schwellenden Kronen schöpfen. Was sie zu Blumen +machte, war eigentlich die Farbe; denn leuchtend rot waren sie. Den Farbe +schenkenden Sonnenschein hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine +bleichen Kellergewächse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die gesegnete +Fröhlichkeit und Stärke der Gesundheit lag über der ganzen blühenden Heide. + +Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten Mantel bis hinauf zum +Waldessaum. Da erhoben sich auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar +uralte, halb zusammengestürzte Grabhügel; und wie innig das Heidekraut sich +auch an sie zu schmiegen suchte: es gab doch dort oben Risse, durch die +große flache Felsenplatten durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des +Berges selbst. Unter dem größten Grabhügel ruhte ein alter König, Atle +genannt. Unter den andern schlummerten die seiner Mannen, die gefallen +waren, als die große Schlacht dort auf der Halde geschlagen ward. Nun +hatten sie schon so lange dagelegen, daß die Angst und die Ehrfurcht vor +dem Tode von ihren Gräbern gewichen war. Der Weg ging zwischen ihren +Ruhestätten hindurch. Wer nachts hier wanderte, dem kam es nie in den +Sinn, sich umzusehen, ob wohl zu mitternächtiger Stunde nebelumhüllte +Gestalten auf der Spitze der Grabhügel säßen und in stummer Sehnsucht zu +den Sternen emporblickten. + +Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. Der Schütze, der +seit dem Morgengrauen auf der Jagd gewesen war, hatte sich in das +Heidekraut hinter König Atles Hügel geworfen. Er lag auf dem Rücken und +schlief. Den Hut hatte er über die Augen gezogen und die Jagdtasche aus +Fell, aus der die langen Ohren des Hasen und die gekrümmten Schwanzfedern +des Auerhahns lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen hatte er +neben sich. + +Aus dem Walde kam ein Mädchen, ein Bündelchen mit Essen in der Hand. Als +sie auf die flachen Platten zwischen den Grabhügeln kam, dachte sie, was +für ein guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam große Lust, ihn zu +probieren. Sie warf das Bündelchen ins Heidekraut und begann ganz +mutterseelenallein zu tanzen. Sie wußte nicht darum, daß hinter dem +Königshügel ein Mann lag und schlief. + +Der Schütze schlief noch immer. Brennend rot stand das Heidekraut gegen den +tiefblauen Himmel. Der Ameisenlöwe hatte seinen Graben dicht neben dem +Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stück Katzengold und funkelte, als +wollte es alle alten Stoppeln der Sandhalde in Brand setzen. Über dem Kopf +des Schützen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch aus und +ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten Purpur bis ins Stahlblau. Auf +den unbeschatteten Teil seines Gesichtes brannte glühender Sonnenschein. +Aber er schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu schauen. + +Unterdessen fuhr das Mädchen fort, zu tanzen, und es drehte sich so eifrig, +daß die geschwärzte Mooserde, die sich in den Unebenheiten der Blöcke +angesammelt hatte, um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel, +blank und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. Die nahm sie und +drehte sich mit ihr herum. Späne lösten sich aus dem modernden Baume. +Tausendfüßler und Ohrwürmer, die in den Ritzen genistet hatten, stürzten +sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich in die Wurzeln des +Heidekrautes. + +Wenn die fliegenden Röcke die Heide streiften, flatterten daraus Scharen +von kleinen grauen Schmetterlingen auf. Die Unterseite ihrer Flügel war +weiß und glänzte wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm auf +und ab. Sie schienen nun ganz weiß, und es war, als ob das rote Heidemeer +weißen Schaum emporspritzte. Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes +Weilchen schwebend in der Luft. Ihre zarten Flügel zitterten so heftig, daß +der Farbenstaub sich löste und als dünner, silberweißer Flaum auf das +Heidekraut fiel. Da war es, als würde die Luft von einem sonnig glitzernden +Tauregen durchrieselt. + +Ringsum im Heidekraut saßen Heuschrecken und rieben ihre Hinterbeine gegen +die Flügel, so daß es wie Harfensaiten klang. Sie hielten guten Takt und +waren so eingespielt, daß jeder, der über die Heide ging, dieselbe +Heuschrecke auf seiner Wanderung zu hören meinte, obgleich er sie bald zur +Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, bald hinter sich. Aber die +Tanzende war nicht zufrieden mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem +kleinen Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trällern. Ihre +Stimme war schrill und spröde. Der Schütze erwachte von dem Gesang. Er +wendete sich seitwärts, richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah über das +Hünengrab hinweg zu ihr, die tanzte. + +Er hatte geträumt, daß der Hase, den er soeben getötet hatte, aus der +Jagdtasche gesprungen sei und seine eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn +zu schießen. Nun sah er zu dem Mädchen hinüber, schlaftrunken, wirr von +Träumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf in der Sonne. + +Sie war groß und von grobem Gliederbau; nicht hold von Angesicht, nicht +leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. Sie hatte breite Wangen, dicke +Lippen und eine platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel von +Haar, üppig von Gestalt, kräftig in den Bewegungen. Ihre Kleider waren +dürftig, aber grell. Rote Borten faßten den gestreiften Rock ein, und bunte +Wollgarnlitzen folgten den Nähten des Leibchens. Andre Jungfrauen gleichen +Rosen und Lilien. Diese war wie das Heidekraut, stark, fröhlich, leuchtend. + +Mit Freude sah der Schütze das große, prächtige Weib auf der roten Halde +tanzen, mitten unter zirpenden Grashüpfern und flatternden Schmetterlingen. +Und wie er sie so ansah, lachte er, daß der Mund sich von einem Ohr zum +anderen zog. Aber da erblickte sie ihn plötzlich und blieb unbeweglich +stehen. + +»Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,« war das erste, was sie hervorbrachte. +Zugleich erwog sie, wie sie ihn bewegen könne, über das zu schweigen, was +er gesehen hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzählen hören, daß sie +mit einer Fichtenwurzel getanzt habe. + +Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte er über die Lippen. Er +war so scheu, daß er nichts Besseres anzufangen wußte, als zu fliehen, +obwohl er gern geblieben wäre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und die +Jagdtasche auf den Rücken. Dann lief er zwischen den Heidekrauthügeln fort. + +Sie packte das Eßbündel und eilte ihm nach. Er war klein, steif von +Bewegungen und hatte sichtlich geringe Kräfte. Sie holte ihn bald ein und +schlug ihm den Hut vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben. +Eigentlich hatte er die größte Lust, zu bleiben, aber er war ganz wirr vor +Schüchternheit und floh in noch größrer Hast. Sie lief nach und begann, an +seiner Tasche zu zerren. Da mußte er stehenbleiben, um die Tasche zu +verteidigen. Das Mädchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen und sie +warf ihn zu Boden. »Jetzt wird er's keinem erzählen,« dachte sie und war +froh. + +In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn er, der auf der Erde +lag, schien ganz bleich und die Augen drehten sich in ihren Höhlen. Er +hatte sich aber nicht verletzt. Es war die Gemütsbewegung, die er nicht +vertragen hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke Gefühle in +diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er war froh über das Mädchen und +zornig und scheu und dennoch stolz, daß sie so stark war. Er war ganz +betäubt von alledem. + +Die große, starke Jungfrau legte den Arm um seinen Rücken und richtete ihn +auf. Sie brach Heidekraut und peitschte sein Gesicht mit den steifen +Zweigen, bis das Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich wieder +dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor Freude beim Anblick des +Mädchens. Noch immer schwieg er; aber die Hand, die sie um seinen Leib +gelegt hatte, zog er an sich und streichelte sie sanft. + +Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mühsal. Trocken und +bleichgelb, fleischlos und blutarm war er. Es rührte sie, daß er so verzagt +war, er, der doch um die Dreißig sein mochte. Sie dachte, daß er wohl ganz +mutterseelenallein tief im Walde leben müsse, da er so kläglich und so +schlecht gekleidet war. Keinen hatte er wohl, der nach ihm sah, nicht +Mutter noch Schwester oder Liebste. + + * * * * * + +Der große barmherzige Wald breitete sich über die Wildnis aus. Verbergend +und schützend nahm er in seinen Schoß alles auf, was bei ihm Hilfe suchte. +Mit hohen Stämmen hielt er Wacht um die Höhle des Bären, und in der +Dämmerung dichter Gebüsche hegte er das mit Eiern gefüllte Nest der kleinen +Vöglein. + +Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flüchteten viele von ihnen +in den Wald und fanden Schutz hinter seinen grünen Mauern. Er ward für sie +ein großer Kerker, den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt diese +seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die Stumpfen zum Nachdenken und +erzog die in der Knechtschaft Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur +dem Fleißigen schenkte er die Gnade des Lebens. + +Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, waren Abkömmlinge +solcher Gefangnen des Waldes. Sie gingen manchmal hinunter in die bebauten, +bewohnten Täler, denn sie brauchten nicht mehr zu befürchten, in die +Knechtschaft zurückgeführt zu werden, aus der ihre Väter geflohen waren; +doch am liebsten nahmen sie den Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des +Schützen war Tönne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden urbar zu +machen, aber er verstand sich auch auf andre Dinge. Er sammelte Reisig, +kochte Teer, trocknete Schwämme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte, +hieß Jofrid. Ihr Vater war Köhler. Sie band Besen, pflückte Wacholderbeeren +und braute Bier aus dem weißblumigen Porsch. Beide waren sehr arm. + +Früher hatten sie einander in dem großen Walde nie getroffen, aber jetzt +deuchte sie, daß alle Wege des Waldes sich zu einem Netz verschlängen, in +dem sie hin und wieder liefen und einander unmöglich vermeiden konnten. Nie +wußten sie nun einen Pfad zu wählen, auf dem sie einander nicht begegneten. + +Tönne hatte einmal einen großen Kummer gehabt. Er hatte lange mit seiner +Mutter in einer elenden Reisigkoje gehaust; aber als er heranwuchs, faßte +er den Plan, ihr ein warmes Häuschen zu bauen. In allen seinen Mußestunden +ging er in den Holzschlag, fällte Bäume und spaltete sie in angemessene +Stücke. Dann verbarg er das aufgehäufte Bauholz in dunklen Klüften unter +Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, daß seine Mutter nicht früher von all +der Arbeit etwas erfahren sollte, als bis er so weit war, die Hütte +aufzubauen. Aber seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er +gesammelt hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, was er tun wollte. +Er, der mit demselben Eifer gearbeitet hatte wie David, Israels König, als +er Schätze für Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor alle +Lust an dem Bau. Für ihn war die Reisigkoje gut genug. Und doch hatte er's +nicht viel besser in seinem Heim als ein Tier in seiner Höhle. + +Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen war, Lust bekam, +Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete dieser Wunsch wohl sicherlich, +daß er sie gern zur Liebsten und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch +täglich, daß er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache sprechen +werde. Aber Tönne brachte es nicht über sich. Man merkte ihm an, daß er von +unfreier Abkunft war. Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf, +wie die Sonne, wenn sie über das Himmelszelt zieht. Und schwerer war es für +ihn, diese Gedanken zu zusammenhängender Rede zu formen, als für einen +Schmied, einen Armreif aus rollenden Sandkörnern zu schmieden. + +Eines Tages führte Tönne Jofrid zu einer der Schluchten, wo er sein Bauholz +verborgen hatte. Er riß Zweige und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen +Stämme. »Das hätte Mutter haben sollen,« sagte er. Und sah Jofrid +erwartungsvoll an. »Dies hätte Mutters Hütte werden sollen,« wiederholte +er. Merkwürdig schwer fiel es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen +Gesellen zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, hätte sie doch +verstehen müssen; aber sie verstand nicht. + +Da beschloß er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklären. Ein paar +Tage später begann er, die Stämme zu der Stelle zwischen den Grabhügeln zu +schleppen, wo er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie +gewöhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch weiter, ohne etwas +zu sagen. Seit sie Freunde geworden waren, war sie ihm oft an die Hand +gegangen, aber bei dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu +wollen. Tönne meinte doch, sie hätte verstehen müssen, daß es ihre Hütte +war, die er jetzt zimmern wollte. + +Sie verstand es ganz wohl, aber sie spürte keine Lust, sich einem Mann von +Tönnes Art zu schenken. Sie wollte einen starken, gesunden Mann haben. Es +schien ihr ein schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit einem +verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. Und doch zog viel sie zu +diesem stillen, scheuen Mann. Man denke doch, daß er sich so hart geplagt +hatte, um seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glück genossen hatte, zur +Zeit fertig zu werden. Sie hätte über sein Schicksal weinen können. Und nun +baute er die Hütte gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein +gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken an ihn; aber sie +wollte durchaus nicht seine Frau werden. + +Jeden Tag ging sie über die Heide und sah die Hütte aufragen, dürftig und +ohne Fenster; der Sonnenschein rieselte durch die undichten Wände. + +Tönnes Arbeit ging sehr rasch vorwärts; aber er arbeitete nicht sorgfältig, +sein Bauholz war nicht in Kanten behauen, kaum abgerindet. In die Diele +legte er gespaltne junge Bäume. Sie wurde sehr uneben und schwankend. Das +Heidekraut, das darunter blühte, -- denn es war nun ein Jahr seit dem Tage +vergangen, an dem Tönne hinter König Atles Hügel gelegen und geschlafen +hatte --, steckte ganz verwegen seine roten Trauben durch die Ritzen, und +die Ameisen wanderten unbehindert aus und ein und musterten dies +gebrechliche Menschenwerk. + +Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken mochte: immer +schwebte ihr der Gedanke vor, daß dort eine Hütte für sie erbaut würde. Ein +eignes Heim ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie wußte, +daß, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der Bär oder der Fuchs dort +hausen mochte. Denn so gut kannte sie Tönne, daß sie begriff: wenn es sich +zeigte, daß er vergeblich gearbeitet hatte, würde er niemals in die neue +Hütte einziehen. Er würde weinen, der Arme, wenn er hörte, daß sie nicht +dort hausen wolle. Es würde ein neuer Kummer für ihn sein, ebenso groß wie +damals, als seine Mutter starb. Aber er mußte wohl sich selbst die Schuld +geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig gefragt. + +Sie glaubte, daß sie ihm schon dadurch ein Zeichen gab, daß sie ihm nie bei +der Hütte half. Dazu hatte sie doch große Lust. Jedesmal, wenn sie weiches +weißes Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken Wände zu +stopfen. Sie war auch geneigt, Tönne beim Mauern des Herdes zu helfen. Wie +er dabei verfuhr, mußte sich ja aller Rauch in der Hütte sammeln. Aber es +war ja gleichgültig, wie es da wurde. Da würde keine Speise kochen, kein +Trank sieden. Dumm war's doch, daß diese Hütte niemals aus ihren Gedanken +weichen wollte. + +Tönne arbeitete mit glühendem Eifer; er war gewiß, daß Jofrid die Absicht +verstehen mußte, sobald nur die Hütte fertig war. Er grübelte nicht viel +über sie nach. Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. Die +Zeit verging ihm rasch. + +Eines Nachmittags, als Jofrid über die Heide ging, sah sie, daß eine Tür an +die Hütte gekommen war und eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff +sie, daß alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tönne hatte das +Dach mit Büschen und blühendem Heidekraut gedeckt; und eine starke +Sehnsucht ergriff sie, unter dieses rote Dach zu treten. Er selbst war +nicht bei dem Neubau, und sie entschloß sich, hineinzugehen. Diese Hütte +war ja für sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid konnte der Lust nicht +widerstehen, es anzusehen. + +Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. Wacholder war über +den Boden gestreut. Frischer Duft von Nadeln und Harz füllte den Raum. Die +Sonnenstrahlen, die durch Luken und Spalten hereinspielten, spannen goldne +Bänder durch die Luft. Es sah da aus, als würde sie erwartet; in die +Mauerspalten waren grüne Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine +frischgefällte Tanne. Tönne hatte nicht sein altes Hausgerät +hineingestellt. Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, über die eine +Elenhaut geworfen war. + +Kaum war Jofrid über die Schwelle getreten, fühlte sie sich schon von dem +fröhlichen Behagen eines Heims umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr +zumute, als sie so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer, +wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid hatte vielen Fleiß darauf +gewandt, sich eine Art Aussteuer zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen +Händen Tücher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu schmücken; die +wollte sie in ihrem eignen Heim aufhängen, wenn sie eins bekam. Nun mußte +sie denken, wie sich diese Tücher wohl hier ausnehmen würden. Sie hätte sie +gern in der neuen Hütte probiert. + +Rasch eilte sie heimwärts, holte ihren Leinwandschatz und begann, die +farbenprächtigen Stoffstücke unter der Decke aufzuhängen. Sie stieß die Tür +auf, so daß die helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte +sich eifrig in der Stube, geschäftig und munter, ein Heldenliedchen +trällernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde gar prächtig da drinnen. Die +gewebten Rosen und Sterne leuchteten wie nie zuvor. + +Während sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau über die Heide und die +Hünengräber. Vielleicht kauerte Tönne jetzt hinter einem der Grabhügel und +lachte sie aus. Der Königshügel lag gerade vor der Tür, und dahinter sah +sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie hin. Ihr war, als +müsse dort jemand sitzen und sie betrachten. + +Gerade als die Sonne so tief unten war, daß nur noch ein paar blutrote +Strahlen über die alte Steinhalde spielten, sah sie, wer es war, der sie +betrachtete. Der ganze Hügel war kein Hügel mehr, sondern ein großer, alter +Kämpe, der narbig und ergraut dasaß und sie anstarrte. Rings um sein Haupt +bildeten die Sonnenstrahlen eine Krone, und sein roter Mantel war so weit, +daß er sich über die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war groß und +schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider und Waffen waren auch +steinfarbig und ahmten so genau die Tönung und das Moosflechtenkleid der +Steine nach, daß man sehr scharf hinsehen mußte, um zu merken, daß es ein +Kämpe und kein Steinhaufen war. Es war wie mit jenen Würmern, die +Baumzweigen gleichen. Man kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt, +daß, was man für hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkörper ist. + +Aber Jofrid konnte sich nicht länger darüber täuschen, daß es der alte +König Atle selbst war, der da saß. Sie stand in der Tür, hielt die Hand +beschattend über die Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er +hatte sehr kleine, schräge Augen unter seiner hochgewölbten Stirn, eine +breite Nase und einen zottigen Bart. Und er lebte, dieser steinerne Mann. +Er lächelte und blinzelte ihr zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten +erschreckten sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und die haarigen +Hände. Je länger sie ihn ansah, desto breiter wurde sein Lächeln; und +endlich hob er einen seiner mächtigen Arme, um sie zu sich zu winken. Da +floh Jofrid heimwärts. + +Aber als Tönne nach Haus kam und die Hütte mit bunten Tüchern geschmückt +fand, faßte er so großen Mut, daß er seinen Fürbitter zu Jofrids Vater +schickte. Der fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie war +sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen hatte, wenn sie ihre +Hand auch halb gezwungen schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein +sagen, in dessen Hütte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch sah +sie zuerst nach, ob der alte König Atle wieder ein Grabhügel geworden sei. + + * * * * * + +Tönne und Jofrid lebten viele Jahre glücklich. Sie standen in gutem Ruf. +»Das sind gute Menschen,« sagte man. »Seht, wie sie einander beistehen, wie +sie zusammen arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!« + +Tönne wurde mit jedem Tage stärker, ausdauernder und weniger träge von +Gedanken. Jofrid schien einen ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist +ließ er sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zäher Hartnäckigkeit +seinen eignen Willen durchzusetzen. + +Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fröhlichkeit. Ihre Kleider +wurden immer bunter, je älter sie wurde. Das ganze Gesicht war grellrot. +Aber in Tönnes Augen war sie lieblich. + +Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres Standes. Sie aßen Butter zur +Grütze und mengten weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier +schäumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden vermehrten sich so +rasch, daß sie sich Fleischnahrung gönnen konnten. + +Einmal machte Tönne für einen Bauern drunten im Tal den Boden urbar. Als +der sah, wie Tönne und seine Frau in großer Fröhlichkeit zusammen +arbeiteten, dachte auch er: »Das sind gute Menschen.« Der Bauer hatte +jüngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjähriges Kind hinterlassen +hatte. Er bat Tönne und Jofrid, seinen Sohn in Pflege zu nehmen. »Das Kind +ist mir sehr teuer,« sagte er, »drum gebe ich es euch, denn ihr seid gute +Menschen.« Sie hatten keine eignen Kinder, so daß es sehr schicklich +schien, dieses zu nehmen. Sie willigten auch ohne Zögern ein. Sie meinten, +Vorteil davon zu haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch +erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude für ihre alten Tage. + +Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das Jahr um war, war es tot. +Dies sei die Schuld der Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz +frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit wollte aber niemand +sagen, sie hätten es vorsätzlich getötet; man meinte nur, daß sie etwas auf +sich genommen hätten, was über ihr Vermögen gegangen war. Sie hatten nicht +Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem Kinde die Pflege angedeihen zu +lassen, deren es bedurfte. Sie hatten sich gewöhnt, nur an sich selbst zu +denken und für ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, ein Kind +zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen an die Arbeit gehen und nachts +einen ruhigen Schlummer schlafen. Sie fanden, daß der Kleine zu viel von +der guten Milch trinke, und sie gönnten es ihm nicht so wie sich selbst. +Sie wußten aber nicht etwa, daß sie den Knaben schlecht behandelten. Sie +dachten, daß sie geradeso für ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es +ihnen vor, daß der Pflegesohn eine Strafe und Plage für sie gewesen war. +Sie trauerten nicht über seinen Tod. + +Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu haben, mit Kindern +umzugehen; aber Jofrid hatte einen Mann, für den sie in vielen Stücken die +Sorge einer Mutter tragen mußte, und begehrte deshalb nicht, noch andres zu +betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die raschen Fortschritte der +Kleinen; aber Jofrid hatte Freude genug, wenn sie sah, wie Tönne sich zu +Verstand und Männlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Hütte zu +fegen und zu schmücken, freute sich an der Zunahme der Herden und an dem +Anbau unten auf der Heide. + +Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, daß das Kind gestorben +sei. Da sprach der Mann: »Nun ist es mir ergangen wie dem, der so weiche +Kissen in sein Bett legt, daß er bis auf den harten Grund sinkt. Gar zu gut +wollte ich meinen Sohn hüten; und siehe: nun ist er tot!« Und er war +betrübt. + +Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. »Wollte Gott, daß du +uns deinen Sohn nicht gegeben hättest!« sagte sie. »Wir waren zu arm. Er +hat es nicht gut genug bei uns gehabt.« + +»Dies wollte ich nicht sagen,« antwortete der Bauer. »Eher glaube ich, daß +ihr das Kind verhätschelt habt. Doch ich will keinen Menschen anklagen; +denn über Leben und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, den +Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben Aufwand zu feiern, als +wenn ein Erwachsener gestorben wäre; und zum Gastmahl lade ich Tönne und +dich. Daraus mögt ihr sehen, daß ich keinen Groll gegen euch hege.« + +So wohnten Tönne und Jofrid dem Leichenschmaus bei. Sie wurden freundlich +bewirtet, und niemand sagte ihnen ein böses Wort. Wohl hatten die Frauen, +die die Leiche einkleideten, erzählt, daß sie jämmerlich abgefallen sei und +Spuren schwerer Vernachlässigung gezeigt habe. Das konnte aber wohl auch +von der Krankheit herkommen. Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern +glauben, denn man wußte, daß sie gute Menschen waren. + +Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als sie die Frauen erzählen +hörte, wie sie bei ihren kleinen Kindern wachen und sich für sie plagen +müßten. Sie merkte auch, daß bei dem Leichenschmaus unter den Weibern +beständig von Kindern gesprochen wurde. Einige hatten solche Freude an +ihnen, daß sie gar nie aufhören konnten, von ihren Fragen und Spielen zu +erzählen. Jofrid hätte gern von Tönne gesprochen; aber die meisten Frauen +sprachen gar nicht von ihren Männern. + +Spät abends kehrten Jofrid und Tönne von dem Leichenschmaus heim. Sie +gingen sogleich zu Bett. Aber kaum waren sie eingeschlafen, als sie von +einem leisen Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten sie, noch +halb schlafend, und waren unwillig über die Störung. Aber plötzlich setzten +sie sich beide im Bett auf. Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses +Wimmern? Wenn sie ganz wach waren, hörten sie nichts; aber sobald sie +einzuschlummern begannen, vernahmen sie es wieder. Kleine, schwache Füßchen +hörten sie über die Steinplatte vor der Hütte gehen, ein kleines Händchen +tastete an der Tür, und da sie nicht offen war, wanderte das Kind wimmernd +und tappend die Wand entlang, bis es vor ihrer Lagerstätte stehenblieb. +Wenn sie sprachen oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber +wenn sie einschlummern wollten, hörten sie deutlich die unsichern Schritte +und das erstickte Schluchzen. + +Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den letzten Tagen als +Möglichkeit vor Augen gestanden hatte: nun wurde es ihnen zur Gewißheit. +Sie sahen ein, daß sie das Kind getötet hatten. Wie hätte es sonst umgehen +können? + +Von dieser Nacht an war alles Glück von ihnen gewichen. Sie lebten in +steter Furcht vor dem Gespenst. Tagsüber hatten sie wohl einige Ruhe, aber +in den Nächten wurden sie von dem Weinen und dem erstickten Schluchzen des +Kindes so gestört, daß sie nicht wagten, allein zu liegen. Jofrid ging oft +weit über Land, um einen Menschen zu holen, der über Nacht in ihrer Hütte +bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; aber sobald sie allein +waren, hörten sie das Kind. + +In einer Nacht, für die sie keinen Gast gefunden hatten und die sie, des +Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, stand Jofrid aus dem Bett auf. + +»Schlaf du nur, Tönne,« sagte sie. »Wenn ich mich wach erhalte, wird sich +nichts hören lassen.« + +Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Türschwelle und überlegte, was +sie tun sollten, um Ruhe zu finden; denn so konnten sie nicht weiterleben. +Sie fragte sich, ob Beichte und Buße, Demütigung und Reue sie von dieser +schweren Heimsuchung befreien könnten. + +Da begab es sich, daß sie die Augen aufschlug und dieselbe Erscheinung sah +wie schon einmal zuvor von dieser Stelle. Der Grabhügel war zu einem Kämpen +geworden. Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich sehen und +vernehmen, daß der alte König Atle dasaß und sie betrachtete. Sie sah ihn +so genau, daß sie die mit Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken +unterschied und wahrnehmen konnte, daß seine Beine mit gekreuzten Bändern +umwickelt waren, zwischen denen die Wadenmuskeln schwollen. + +Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er schien ihr ein Freund und +Tröster im Unglück. Er sah sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut +einflößen. Da dachte sie, daß dieser gewaltige Held einst seinen Tag gehabt +hatte, an dem er die Feinde in Scharen auf die Heide niederstreckte und in +den Blutströmen watete, die zwischen den Hügeln brausten. Was hatte er da +nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? Wie tief hatte das +Seufzen der Kinder, deren Väter er erschlagen hatte, sein Steinherz +gerührt? Federleicht hätte die Bürde von eines Kindes Tod auf seinem +Gewissen gelegen. + +Und sie vernahm sein Flüstern, dieselbe Weise, die das alte, steinkalte +Heidentum zu allen Zeiten geflüstert hat. »Warum bereuen? Die Götter lenken +das Geschick. Die Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die Kinder +der Erde trauern, daß sie getan, was die Unsterblichen sie zu tun zwangen?« + +Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: »Was konnte ich dafür, +daß das Kind starb? Gott allein ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht +ohne seinen Willen.« Und sie dachte, daß sie das Gespenst am besten +abwehren werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt. + +Aber da öffnete sich die Haustür, und Tönne kam zu ihr heraus. »Jofrid,« +sagte er, »es ist jetzt in der Hütte. Es kam heran und klopfte an den +Bettrand und weckte mich. Was sollen wir tun, Jofrid?« + +»Das Kind ist ja tot,« sagte Jofrid. »Du weißt, daß es tief unter der Erde +liegt. Das alles sind nur Träume und Hirngespinste.« Sie sprach hart und +abweisend, denn sie fürchtete, daß Tönne in dieser Sache zu weichherzig +sein und sie dadurch ins Unglück stürzen könne. + +»Wir müssen ein Ende machen,« sagte Tönne. + +Jofrid lachte grell auf. »Was willst du tun? Gott hat es uns auferlegt. +Konnte er das Kind nicht am Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es +nicht; und jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, mit +welchem Recht er uns verfolgt?« + +Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkämpen, der finster und hart auf +seinem Hügel saß. Es war, als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tönne +erwiderte. + +»Wir müssen eingestehen, daß wir das Kind vernachlässigt haben, und müssen +Buße tun,« sagte Tönne. + +»Niemals will ich für etwas leiden, das nicht meine Schuld ist,« sagte +Jofrid. »Wer wollte, daß das Kind sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art +von Buße willst du denn tun? Willst du dich geißeln oder fasten wie die +Mönche? Mich dünkt, du kannst deine Kräfte zur Arbeit brauchen.« + +»Mit dem Geißeln habe ich es schon probiert,« sagte Tönne. »Es nützt +nichts.« + +»Siehst du!« sagte sie und lachte wieder. + +»Da tut andres not,« fuhr Tönne mit beharrlicher Entschlossenheit fort. +»Wir müssen gestehen.« + +»Was willst du Gott sagen, das er nicht schon wüßte?« höhnte Jofrid. +»Lenkt nicht er deine Gedanken? Was willst du ihm sagen?« Sie fand jetzt, +daß Tönne dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn ihrer +Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht mehr daran gedacht, +sondern ihn lieb gehabt, seines guten Herzens wegen. + +»Wir müssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, und ihm Buße bieten.« + +»Was willst du ihm bieten?« fragte sie. + +»Die Hütte und die Ziegen.« + +»Sicherlich fordert er volle Mannesbuße für seinen einzigen Sohn. Die läßt +sich mit allem, was wir besitzen, nicht bezahlen.« + +»Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt geben, wenn er sich +nicht mit weniger zufrieden gibt.« + +Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, und sie haßte Tönne aus +der Tiefe ihrer Seele. Alles, was sie verlieren mußte, stand klar vor ihr: +die Freiheit, für die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Hütte, den +Wohlstand, Ehre und Glück. + +»Merke meine Worte wohl, Tönne,« sagte sie heiser, halberstickt von +Schmerz, »der Tag, an dem du solches tust, ist mein Todestag.« + +Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; aber sie blieben auf +der Türschwelle sitzen, bis der Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu +begütigen und zu versöhnen. Beide fürchteten und verachteten einander. Eins +maß das andre mit dem Maß seines Zornes und fand es engherzig und böse. + +Seit dieser Nacht ließ Jofrid Tönne oft ihre Überlegenheit fühlen. Sie gab +ihm in der Gegenwart Fremder zu verstehen, daß er einfältig sei, und half +ihm bei der Arbeit so, daß er ihre Kraft erkennen mußte. Sie wollte ihm +offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal stellte sie sich sehr froh, +um ihn zu zerstreuen und von seinen Grübeleien abzulenken. Er hatte noch +nichts getan, um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte nicht, +daß er ihn aufgegeben habe. + +In dieser Zeit wurde Tönne mehr und mehr, wie er vor seiner Heirat gewesen +war. Er wurde mager und bleich, wortkarg und träg von Gedanken. Jofrids +Verzweiflung ward mit jedem Tage größer, denn es war, als sollte ihr nun +alles genommen werden. Doch kam ihre Liebe zu Tönne wieder, als sie ihn +unglücklich sah. »Was gilt mir alles, wenn Tönne zugrunde geht?« dachte +sie. »Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu leben, als ihn als +Freien sterben zu sehen.« + + * * * * * + +Jofrid konnte sich jedoch nicht so plötzlich überwinden, Tönne zu +gehorchen. Sie kämpfte einen langen und schweren Kampf. Aber eines Morgens, +als sie erwachte, war ihr ungewöhnlich ruhig und mild zumute. Da war ihr, +als könne sie nun tun, was er forderte. Und sie weckte ihn und sagte, daß +es jetzt so werden solle, wie er wollte. Nur diesen einzigen Tag möge er +ihr gönnen, damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen könne. + +Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. Leicht kamen ihr Tränen +in die Augen, wie einem, der Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe +sich an diesem Tage, ihr zuliebe, besonders schön geschmückt. Der Frost war +über sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden und das ganze Feld trug +ein braunes Kleid. Aber als die Sonne des Herbsttages ihre schrägen +Strahlen darüber hingleiten ließ, war es, als erglühe das Heidekraut aufs +neue rot. Und sie gedachte des Tages, an dem sie Tönne zum erstenmal +gesehen hatte. + +Sie wünschte, daß sie den alten König noch einmal schauen dürfe; denn er +hatte ja mitgeholfen, ihr Glück zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten +Zeit ernstlich vor ihm gefürchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie zu +packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr über sie haben, meinte sie. +Sie wollte aufmerken, ob sie ihn nicht sehen konnte, abends, wenn der +Mondschein kam. + +Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde Spielleute vorbeigezogen. +Da hatte Jofrid den Einfall, sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem +Hause zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tönne mußte schnell +zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu kommen. Dann liefen ihre kleinen +Geschwister weiter ins Dorf hinab, um Gäste zu holen. Bald waren viele +Menschen versammelt. + +Die Fröhlichkeit war groß. Tönne hielt sich abseits in einer Ecke der +Hütte, wie es seine Gewohnheit war, wenn Besuch kam; aber Jofrid war +beinahe wild in ihrer Fröhlichkeit. Mit gellender Stimme führte sie die +Tanzspiele an und bot eifrig den Gästen das schäumende Bier. Eng war es in +der Stube, aber die Spielleute waren flink und der Tanz hatte Leben und +Lust. Es wurde erstickend heiß dort drinnen. Man stieß die Tür auf; und nun +sah Jofrid erst, daß die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen war. Da +trat sie in die Haustür und blickte in die weiße Welt des Mondscheins +hinaus. + +Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war weiß, weil sich das +Mondlicht in den zahllosen Tropfen spiegelte, die sich auf allen Zweiglein +gesammelt hatten. Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und Steinen +wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. Jofrid stieg hinab; wohlig +schwankend war's unter dem Fuß. Sie ging ein paar Schritte über den Pfad, +der ins Dorf hinabführte, gleichsam als wolle sie prüfen, welches Gefühl es +sei, da zu gehen. Tönne und sie sollten am nächsten Tage Hand in Hand hier +wandern, in tiefste Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem +Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten ließ: sicherlich +war Schmach ihr Los. Die an diesem Abend eine gute Hütte und viele Freunde +hatten, würden am nächsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht +auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht sogar +ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: »Dies ist der Weg des Todes.« +Und nun konnte sie nicht fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu +wandeln. Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt wie der +alte König Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie das Gefühl, ihre schweren +Steinglieder nicht regen zu können, um diesen Weg zu gehen. + +Sie wendete ihre Blicke dem Königshügel zu und sah deutlich den alten +Kämpen da sitzen. Aber in dieser Nacht war er wie zum Fest geschmückt. Er +trug nicht mehr das graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weißes, +schimmerndes Silber. Auch schmückte ihn wieder eine Krone von Strahlen, wie +damals, als sie ihn zuerst sah; aber diese Krone war weiß. Und weiß +leuchtete Brustplatte und Armring, glitzernd weiß war Schwertgriff und +Schild. Er saß da und betrachtete sie in stummer Gleichgültigkeit. Das +seltsam Unergründliche, das in großen Steingesichtern liegt, hatte sich nun +auf ihn herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mächtig; und Jofrid hatte +die unklare Vorstellung, daß er ein Bild von etwas sei, was in ihr lag und +in allen Menschen, etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von +vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, den alten König, +mitten im Menschenherzen sitzen. Über dessen unfruchtbare Felder breitete +er seinen weiten Königsmantel. Da tanzte die Genußsucht, da jubelte das +Prachtverlangen. Er war der große Steinheld, der Not und Armut +vorüberwandern sah, ohne daß sein Steinherz gerührt ward. »Die Götter +wollen es so,« sagte er. Er war der starke steinerne Mann, der ungesühnte +Sünde tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: »Warum trauern, da +das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen aufgezwungen ward?« + +Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie ein Schluchzen war. +In ihr lebte eine Ahnung, die sie sich nicht klarzumachen vermochte, eine +Ahnung, daß sie mit dem steinernen Mann kämpfen müsse, wenn sie glücklich +werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fühlte sie sich so hilflos schwach. +Ihre Unbußfertigkeit und der Steinheld auf der Heide schienen ihr ein und +dasselbe, und konnte sie jene nicht besiegen, so würde dieser in +irgendeiner Weise Macht über sie erlangen. + +Sah sie nun wieder zu der Hütte hin, wo die Tücher unter den Dachbalken +schimmerten, wo die Spielleute Fröhlichkeit verbreiteten, und wo alles war, +was sie liebte, dann fühlte sie, daß sie nicht in die Knechtschaft gehen +konnte. Nicht einmal Tönne zuliebe. Sie sah sein blasses Antlitz in der +Hütte und fragte sich mit zusammengekrampftem Herzen, ob er verdiene, daß +sie ihm alles opfere. + +Aber drinnen in der Hütte hatten sich die Leute zu einem Reigentanz +aufgestellt. Sie ordneten sich in einer langen Reihe, faßten einander bei +den Händen und stürzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an der +Spitze, in rasender Eile vorwärts. Der Anführer zog sie durch die offne Tür +hinaus auf die im Mondschein glitzernde Heide. Sie stürmten an Jofrid +vorbei, keuchend und wild; strauchelten über Steine, sanken ins Heidekraut, +zogen weite Kreise rings um die Hütte. Der letzte in der Reihe rief Jofrid +an und streckte ihr die Hand entgegen. Sie faßte sie und lief mit. + +Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstürmen. Doch Fröhlichkeit war +darin, Lebenslust und Übermut. Immer kühner wurden die Schwenkungen, immer +lauter tönten die Rufe, immer stürmischer ward das Lachen. Von Hünengrab zu +Hünengrab, wie sie da über die Heide zerstreut lagen, schlang sich die +Reihe der Tanzenden. Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde +wieder emporgerissen, der Langsame vorwärts gezogen. Die Spielleute standen +in der Haustür und lockten zu immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu +ruhen, zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging der Tanz +über schwankes Moos und glatte Felsplatten. + +Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, daß sie die Freiheit behalten +mußte, daß sie lieber sterben, als sie verlieren wollte. Sie merkte, daß +sie Tönne nicht folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den +Wald zu eilen und niemals wiederzukommen. + +Alle Hügel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den König Atle. Jofrid sah, +daß es jetzt zu diesem hinaufging, und sie hielt die Blicke scharf auf den +mächtigen Mann geheftet. Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den +Hinstürmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch nur ein schallendes +Gelächter antwortete ihr. Sie wollte stehenbleiben; aber eine starke Faust +riß sie weiter. Sie sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig +waren sie, daß die schweren Arme keinen von ihnen erreichen konnten. +Unfaßlich war ihr, daß niemand ihn sah. Todesangst kam über sie. Sie wußte, +daß er sie erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen Jahren. +Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer würde er sich nun endlich +bemächtigen. + +Jetzt kam an sie die Reihe, an König Atle vorbeizueilen. Sie sah, wie er +sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, um Ernst zu machen und sie zu +fangen. In dieser höchsten Not fühlte sie: wenn sie sich jetzt entschloß, +am nächsten Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte er nicht die +Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. Sie kam zuletzt und die +Drehungen waren nun so heftig, daß sie mehr geschleppt und gezogen wurde +als selbst lief und Mühe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich sie +in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte Kämpe noch rascher. Die +schweren Arme senkten sich auf sie hinab, die steinernen Hände ergriffen +sie, zogen sie an die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer +schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wußte noch bis +zuletzt: nur weil sie den Steinkönig im eignen Herzen nicht zu besiegen +vermocht hatte, war König Atle Gewalt über sie gegeben. + +Nun war es zu Ende mit Tanz und Fröhlichkeit. Jofrid lag im Sterben. Sie +war in dem rasenden Lauf an den Königshügel geschleudert worden und hatte +von seinen Steinen den Todesstoß empfangen. + + + + +Die Vogelfreien + + +Ein Bauer, der einen Mönch ermordet hatte, floh in den Wald und wurde +geächtet. In der Wildnis fand er einen andern friedlosen Mann, einen +Fischer von den äußersten Schären, der beschuldigt war, ein Heringsnetz +gestohlen zu haben. Diese beiden taten sich zusammen, wohnten in einer +Erdhöhle, legten Fallen, schnitzten Pfeile, buken Brot auf einem Stein und +wachten gegenseitig über ihr Leben. Der Bauer verließ den Wald niemals, +aber der Fischer, der kein so furchtbares Verbrechen begangen hatte, nahm +zuweilen die erlegten Tiere über die Schulter und schlich sich zu den +Menschen hinunter. Da bekam er für den schwarzen Auerhahn und das +blauglänzende Birkhuhn, für den langohrigen Hasen und das feingliedrige Reh +Milch und Butter, Pfeile und Kleider. So war es den Friedlosen möglich, ihr +Leben zu fristen. + +Die Höhle, in der sie hausten, war in einen Hügelabhang gegraben. Breite +Steinplatten und dornige Schlehenbüsche deckten den Eingang. Auf dem Dach +stand eine Tanne. An ihrer Wurzel war der Schornstein der Erdhöhle. Der +emporsteigende Rauch wurde durch die dichten, nadelreichen Zweige des +Baumes gesiebt und verschwand unmerklich im Raume. + +Die Männer pflegten von und zu ihrer Wohnstatt zu gehen, indem sie den +Waldbach durchwateten, der unter dem Bergabhang entsprang. Niemand suchte +die Spur der Friedlosen unter dem rieselnden Wasser. + +Anfangs wurden sie gejagt wie wilde Tiere. Die Bauern versammelten sich +wie zur Treibjagd auf Bär und Wolf. Der Wald wurde von Bogenschützen +umringt, Lanzenträger gingen dort umher und ließen keine dunkle Kluft, kein +dichtes Gestrüpp unerforscht. Während die lärmende Treibjagd durch den Wald +zog, lagen die Friedlosen in ihrer dunklen Höhle, atemlos lauschend, vor +Angst keuchend. So hielt es der Fischer einen ganzen Tag aus; er aber, der +gemordet hatte, wurde von unerträglicher Angst ins Freie getrieben, wo er +seinen Feind sehen konnte. Da wurde er entdeckt und gejagt, aber dies +schien ihm tausendmal besser, als in ohnmächtiger Untätigkeit still +dazuliegen. Er entfloh seinen Verfolgern, rutschte über Abhänge, sprang +über Ströme, erkletterte kerzengerade Felswände. Alle verborgne Kraft und +Geschicklichkeit in ihm wurde von dem Ansporn der Gefahr hervorgelockt. +Sein Körper ward elastisch wie eine Stahlfeder, der Fuß sprang nicht fehl, +die Hand ließ nicht locker, Augen und Ohren beobachteten doppelt so scharf +als einst. Er verstand das Flüstern des Laubes und die Warnungen der +Steine. Wenn er eine Anhöhe erklettert hatte, wendete er sich gegen seine +Verfolger und sandte ihnen Spottlieder mit beißenden Reimen nach. Wenn die +sausenden Lanzen zischten, packte er sie plitzschnell und warf sie gegen +die Feinde hinab. Wenn er sich zwischen peitschenden Zweigen durchdrängte, +sang jemand in seinem Innern ein Loblied auf seine Großtaten. + +Da lief der kahle Bergrücken durch den Wald, und einsam auf seiner Höhe +stand die himmelhohe Föhre. Der braunrote Stamm war kahl, aber in der +astreichen Krone wiegte sich der Raubvogelhorst. So tollkühn war jetzt der +Fliehende, daß er dort hinaufkletterte, während die Verfolger ihn auf den +bewaldeten Abhängen suchten. Da saß er und drehte den Jungen des Sperbers +den Hals um, während tief unter ihm die Jagd dahinzog. Sperber und +Sperberweibchen schossen voll Rachbegier auf den Räuber hinab. Sie +flatterten um sein Gesicht, sie richteten die Schnäbel auf seine Augen, sie +schlugen ihn mit den Flügeln und kratzten mit den Klauen blutige Streifen +in seine wettergebräunte Haut. Lachend kämpfte er gegen sie an. In dem +schwankenden Neste aufrechtstehend, hackte er mit seinem scharfen Messer +nach ihnen und vergaß über der Lust des Spieles die Lebensgefahr und die +Verfolger. Als er Zeit fand, sich nach ihnen umzusehen, hatten sie sich +nach einer andern Richtung entfernt. Niemandem war es in den Sinn gekommen, +die Jagdbeute auf dem kahlen Bergrücken zu suchen. Keiner hatte den Blick +zu den Wolken erhoben, um ihn Knabenstreiche und Schlafwandlertaten +vollbringen zu sehen, während sein Leben in äußerster Gefahr schwebte. + +Der Mann erzitterte, als er sich gerettet sah. Mit bebender Hand griff er +nach einer Stütze; schwindelnd maß er die Höhe, die er erklettert hatte. +Und vor Angst zu fallen stöhnend, bange vor den Vögeln, bange, gesehen zu +werden, bange vor allem, glitt er den Stamm hinab. Er legte sich auf den +Berg nieder, um nicht gesehen zu werden und schleppte sich über das Geröll +weiter, bis das Unterholz ihn verdeckte. Dann barg er sich unter den +verschlungenen Zweigen der jungen Tannen, schwach und kraftlos sank er in +das Moos. Ein einziger Mann hätte ihn leichtlich fangen können. + + * * * * * + +Tord war der Name des Fischers. Er zählte nicht mehr als sechzehn Jahre, +aber er war stark und kühn. Er hatte schon ein Jahr im Walde gelebt. + +Der Bauer hieß Berg, mit dem Beinamen der Riese. Er war der größte und +stärkste Mann in der Gegend und dazu schön und wohlgewachsen. Er war breit +um die Schultern und schlank um die Mitte. Seine Hände waren so +wohlgebildet, als hätten sie niemals harte Arbeit gekostet. Das Haar war +braun und das Antlitz zartgefärbt. Nachdem er einige Zeit im Walde +verbracht hatte, nahm er in allen Stücken ein furchtbareres Aussehen an als +früher. Seine Blicke wurden stechend, die Augenbrauen wuchsen buschig, und +die Muskeln, die sie runzelten, lagen fingerdick an der Nasenwurzel. Es +trat auch deutlicher als früher hervor, wie der obere Teil seiner mächtigen +Stirne über den untern vorragte. Die Lippen schlossen sich jetzt fester als +einst, das ganze Gesicht wurde magrer, die Grübchen an der Stirn wurden +sehr tief, und die gewaltigen Kinnladen traten merkbar hervor. Sein Körper +wurde weniger voll, aber seine Muskeln ballten sich eisenhart. Das Haar +ergraute rasch. + +An diesem Mann konnte der junge Tord sich nicht sattsehen. Etwas so Schönes +und Gewaltiges hatte er nie zuvor geschaut. Vor seiner Phantasie stand er +hoch wie der Wald, stark wie die Meeresbrandung. Er diente ihm wie einem +Herrn und betete ihn an wie einen Gott. Es verstand sich ganz von selbst, +daß Tord den Jagdspeer trug, das Wildbret heimschleppte und das Feuer +anmachte. Berg, der Riese, nahm alle seine Dienste an, gönnte ihm aber fast +nie ein freundliches Wort. Er verachtete ihn, weil er ein Dieb war. + +Die Friedlosen führten kein Räuber- oder Wegelagrerleben, sondern ernährten +sich durch Jagd und Fischerei. Wenn Berg, der Riese, nicht einen heiligen +Mann ermordet hätte, würden die Bauern wohl bald aufgehört haben, ihn zu +verfolgen, und hätten ihn oben im Gebirge in Frieden gelassen. Aber nun +fürchteten sie großes Unheil für die Gegend, weil der Mann, der Hand an +einen Diener Gottes gelegt hatte, noch ungestraft umherging. Wenn Tord mit +dem erlegten Wild ins Tal hinabkam, boten sie ihm große Belohnungen und +Vergebung seines eignen Verbrechens, wenn er ihnen den Weg zu der Höhle +Bergs zeigen wollte, damit sie diesen greifen konnten, während er schlief. +Aber der Knabe weigerte sich immer, und wenn ihm jemand in den Wald +nachschleichen wollte, dann führte er ihn so schlau auf falsche Fährte, daß +er die Verfolgung aufgeben mußte. + +Einmal fragte ihn Berg, ob die Bauern ihn nicht zum Verrat bewegen wollten, +und als er hörte, welchen Lohn sie ihm boten, sagte er hohnvoll, daß Tord +ein Einfaltspinsel wäre, wenn er solch ein Anerbieten nicht annähme. + +Da sah ihn Tord mit einem Blicke an, wie Berg, der Riese, desgleichen nie +zuvor gesehen hatte. Nie hatte ein schönes Weib in seiner Jugend, nie hatte +seine Frau und seine Kinder ihn je so angesehen. »Du bist mein Herr, mein +freigewählter Herrscher,« sagte der Blick, »wisse, daß du mich schlagen und +beschimpfen kannst, soviel du willst. Ich bleibe doch treu.« + +Von nun an achtete Berg, der Riese, mehr auf den Jungen und merkte, daß er +mutig im Handeln, aber schüchtern im Reden war. Vor dem Tode hatte er keine +Furcht. Wenn die Seen eben zugefroren waren, oder wenn das Moor im Frühling +am gefährlichsten war, wenn die Moräste sich unter reichblühendem Wollgras +und Sumpfbrombeeren verbargen, dann nahm er am liebsten den Weg darüber. Es +schien ihm ein Bedürfnis zu sein, sich Gefahren auszusetzen, gleichsam zum +Ersatz für die Stürme und Schrecknisse auf dem Meere, denen er nicht mehr +begegnete. Doch nachts fürchtete er sich im Walde, und selbst am hellichten +Tage konnte ein dunkles Dickicht oder die weitausgestreckten Wurzeln einer +umgestürzten Föhre ihn erschrecken. Aber wenn Berg ihn darüber befragte, +war er zu scheu, um auch nur zu antworten. + +Tord pflegte nicht auf dem hinten in der Höhle, nahe dem Feuer +aufgeschlagnen Lager zu schlafen, das weich von Moos und warmen Fellen war, +sondern er kroch jede Nacht, nachdem Berg eingeschlafen war, zum Eingang +hin und legte sich dort auf eine Steinplatte. Berg entdeckte dies, und +obgleich er den Grund erraten konnte, fragte er, was dies zu bedeuten +habe. Tord erklärte es ihm nicht. Um allen Fragen auszuweichen, lag er zwei +Nächte lang nicht mehr in der Türe, aber dann nahm er seinen Wachtposten +wieder ein. + +Eines Nachts, als der Schneesturm durch die Baumwipfel wehte und in das +windgeschützte Dickicht wirbelte, drangen die tanzenden Schneeflöckchen +auch in die Höhle der Friedlosen. Tord, der dicht an dem von Steinplatten +verschlossenen Eingang lag, war, als er am Morgen erwachte, in eine +schmelzende Schneewehe gebettet. Einige Tage später wurde er krank. Die +Lungen pfiffen, und wenn sie sich dehnten, um Luft einzuatmen, fühlte er +stechende Schmerzen. Er hielt sich solange auf den Beinen, als die Kräfte +reichten. Aber als er sich eines Abends bückte, um das Feuer anzufachen, +fiel er um und blieb liegen. + +Berg, der Riese, kam zu ihm und sagte ihm, er möge sich in sein Bett legen. +Tord stöhnte vor Schmerz und vermochte sich nicht zu erheben. Da schob Berg +die Arme unter ihn und trug ihn zu seinem Lager. Aber es war ihm, als hätte +er eine schlüpfrige Schlange berührt, und auf der Zunge hatte er einen +Geschmack, als hätte er von dem unheiligen Pferdefleisch gegessen, so +ekelte es ihn, diesen elenden Dieb anzurühren. + +Er breitete sein eignes, großes Bärenfell über ihn und reichte ihm Wasser, +mehr konnte er nicht tun. Es war auch nicht gefährlich. Tord wurde bald +gesund. Aber dadurch, daß Berg seine Obliegenheiten verrichtete und sein +Diener sein mußte, waren sie einander näher gekommen. Tord wagte zu ihm zu +sprechen, wenn er abends in der Höhle saß und Pfeile schnitzte. + +»Du bist aus gutem Stamm, Berg,« sagte Tord. »Die Reichsten im Tal sind +deine Verwandten. Deine Vorfahren haben Königen gedient und in ihren Burgen +gekämpft.« + +»Meistens haben sie in den Aufrührerscharen gekämpft und den Königen allen +Schaden getan,« erwiderte Berg, der Riese. + +»Deine Väter gaben zu Weihnachten große Gelage, und das tatest auch du, als +du auf deinem Hofe saßest. Hunderte von Männern und Frauen konnten auf den +Bänken deiner großen Halle Platz finden, die schon erbaut war, ehe noch der +heilige Olof hier in Viken taufte. Du hattest uralte Silberbecher und große +Trinkhörner, die, mit Met gefüllt, von Mann zu Mann wanderten.« + +Wieder mußte Berg den Knaben ansehen. Er saß mit herabhängenden Beinen auf +dem Bette, und der Kopf ruhte in den Händen, mit denen er zugleich die +wilde Haarmasse zurückdrängte, die ihm in die Stirn fiel. Das Gesicht war +durch die Krankheit bleich und fein geworden. In den Augen leuchtete noch +das Fieber. Er lächelte die Bilder an, die er vor sich heraufbeschwor: die +geschmückte Halle, die Silberbecher, die festlich gekleideten Gäste und +Berg, den Riesen, der in seiner Väter Saal auf dem Hochsitze thronte. Der +Bauer dachte, daß ihn noch niemand mit solchen vor Bewunderung leuchtenden +Augen angesehen oder ihn in seinen Festkleidern so herrlich gefunden hatte, +wie der Knabe hier ihn in dem abgescheuerten Fellwams fand. + +Er wurde gerührt und zornig zugleich. Dieser elende Dieb hatte kein Recht, +ihn zu bewundern. + +»Wurden denn in deinem Hause keine Gelage abgehalten?« fragte er. + +Tord lachte. »Dort draußen auf der Schäre bei Vater und Mutter! Vater ist +ja ein Wrackplünderer und Mutter eine Hexe! Zu uns will niemand kommen!« + +»Deine Mutter ist eine Hexe?« + +»Das ist sie,« antwortete Tord ohne jede Befangenheit. »Bei stürmischem +Wetter reitet sie auf einem Seehund zu den Schiffen, über die die +Sturzwellen hinspülen, und wer dann in das Meer geschleudert wird, der +gehört ihr.« + +»Was fängt sie mit ihnen an?« fragte Berg. + +»Ach, eine Hexe braucht immer Leichen. Sie kocht wohl Salben aus ihnen, +oder vielleicht ißt sie sie. In Mondscheinnächten sitzt sie draußen in der +Brandung, wo sie am weißesten ist, und der Schaum sprüht über sie hin. Es +heißt, daß sie da sitzt und nach den Fingern und Augen ertrunkner Kinder +sieht.« + +»Das ist abscheulich,« sagte Berg. + +Der Knabe antwortete mit großer Zuversicht: »Es wäre abscheulich für andre, +aber nicht für Hexen. Die müssen es so machen.« + +Berg schien es, daß dies eine neue Art war, Welt und Dinge zu betrachten. + +»Müssen Diebe auch stehlen, ebenso wie Hexen zaubern müssen?« fragte er +scharf. + +»Ja, gewiß,« antwortete der Knabe, »jeder muß tun, wozu er bestimmt ist.« +Aber dann fügte er mit einem versteckten Lächeln hinzu: »Es gibt aber auch +Diebe, die niemals gestohlen haben.« + +»Sag doch gerade heraus, was du meinst,« sagte Berg. + +Der Knabe lächelte geheimnisvoll, stolz, ein unlösbares Rätsel zu sein. »Es +ist, als spräche man von Vögeln, die nicht fliegen, wenn man von Dieben +spricht, die nicht stehlen.« + +Berg, der Riese, stellte sich dumm, um mehr zu erfahren. »Man kann doch +niemanden einen Dieb nennen, der nicht gestohlen hat,« sagte er. + +»Nein, freilich nicht,« sagte der Knabe und kniff die Lippen zusammen, wie +um die Worte nicht durchzulassen. »Wenn einer aber einen Vater hätte, der +stiehlt,« warf er nach einem Weilchen hin. + +»Geld und Gut erbt man,« wandte Berg ein, »aber den Namen Dieb trägt +keiner, der ihn nicht erworben hat.« + +Tord lachte leise. »Und wenn einer eine Mutter hat, die einen bittet und +anfleht, des Vaters Verbrechen auf sich zu nehmen. Und wenn einer dann dem +Henker ein Schnippchen schlägt und in den Wald flieht. Und wenn man dann +für vogelfrei erklärt wird, eines Fischnetzes wegen, das man gar nie +gesehen hat?« + +Berg, der Riese, schlug mit geballter Faust auf den Tisch. Er war zornig. +Da war nun dieses schöne junge Blut hingegangen und hatte sein ganzes Leben +fortgeworfen. Nicht Liebe, nicht Reichtum, nicht Ansehen unter Männern +konnte er fürderhin gewinnen. Die elende Sorge um Speise und Trank war +alles, was ihm übrig blieb. Und dieser Tor hatte es geschehen lassen, daß +er, Berg, umherging und einen Unschuldigen verachtete. Er schalt ihn mit +strengen Worten, aber Tord hatte nicht einmal soviel Angst wie das kranke +Kind vor der Mutter, wenn sie es schilt, weil es sich erkältet hat, als es +durch den Frühlingsbach watete. + + * * * * * + +Auf einem der breiten, bewaldeten Berge lag ein dunkler See. Er war +viereckig, mit so geraden Ufern und so scharfen Winkeln, als wäre er von +Menschen gegraben. Auf drei Seiten war er von steilen Felswänden umgeben, +an die die Tannen sich mit ihren dicken Wurzeln festklammerten. Unten am +See, wo das Erdreich so allmählich weggeschwemmt worden war, ragten diese +Wurzeln aus dem Wasser auf, nackt und gekrümmt, und wunderbar ineinander +verschlungen. Es war wie eine ungeheure Menge Schlangen, die zugleich aus +dem Sumpfsee kriechen wollten, aber sich ineinander verwickelt hatten und +so stehen geblieben waren. Oder es war eine Menge dunkler Skelette +ertrunkner Riesen, die der See ans Land hatte werfen wollen. Arme und Beine +verschlangen sich ineinander, die langen Finger krallten sich in den +harten Fels ein, die ungeheuren Rippen bildeten Rundbogen, die uralte Bäume +trugen. Es war doch vorgekommen, daß die eisernen Arme, die stahlharten +Riesenfinger, mit denen die Tannen sich festklammerten, nachgegeben hatten. +Und ein gewaltiger Nordwind hatte eine Tanne in einem weiten Bogen vom +Berghang bis in den Sumpfsee geschleudert. Mit dem Wipfel voran war sie +tief in den Schlammgrund eingedrungen und dort hängen geblieben. Jetzt +hatte die Fischbrut einen guten Zufluchtsort zwischen ihren Zweigen, aber +die Wurzeln ragten über das Wasser hinaus, wie ein vielarmiges Ungeheuer, +und die schwarzen Wurzelzweige trugen mit dazu bei, den Sumpfsee häßlich +und erschreckend zu machen. + +Auf der vierten Seite des Sees senkte sich das Gebirge. Da entführte ein +kleiner, schäumender Bach sein Wasser. Ehe dieser Bach den einzig möglichen +Weg finden konnte, mußte er zwischen Steinen und Erdhügeln suchen und +bildete so eine kleine Welt von Inseln, einige nur eine Scholle groß, andre +etwa zwanzig Bäume tragend. + +Hier, wo die umgebenden Berge nicht alle Sonne ausschlossen, gediehen auch +Laubbäume. Hier standen durstige graugrüne Erlen und glattblättrige Weiden. +Die Birke war da, wie sie überall zur Stelle ist, wo es gilt, den Nadelwald +zu verdrängen, und der Faulbaum und die Eberesche, diese beiden, die +gewöhnlich die Waldwiesen besäumen, sie mit ihrem Duft erfüllen und mit +ihrem Reiz umkränzen. + +Hier beim Ausfluß war auch ein mannshoher Schilfwald, durch den das +Sonnenlicht grün über das Wasser fiel, wie es im richtigen Walde über das +Moos fällt. Im Schilfe gab es offne Stellen, kleine, runde Teiche, und da +schwammen die Seerosen. Die hohen Halme sahen mit mildem Ernst auf diese +zarten Schönheiten herab, die verdrießlich ihre weißen Blätter und gelben +Stempel in lederharten Hüllen verwahrten, sowie die Sonne sich nicht +zeigen wollte. + +An einem sonnigen Tage kamen die Friedlosen an diesen See, um zu fischen. +Sie wateten zu ein paar großen Steinen im Binsenwalde und saßen da und +warfen den grüngestreiften Hechten, die im Wasser schliefen, Köder hin. + +Diese Männer, die stets im Walde und im Gebirge umherstreiften, waren, ohne +daß sie selbst darum wußten, ebensosehr unter die Herrschaft der +Naturmächte geraten, wie Pflanzen und Tiere. Bei Sonnenschein wurden sie +offenherzig und mutig, doch des Abends, sobald die Sonne verschwunden war, +verstummten sie, und die Nacht, die ihnen viel größer und gewaltiger +vorkam, als der Tag, machte sie ängstlich und ohnmächtig. Jetzt versetzte +sie das grüne Sonnenlicht, das durch das Schilf einfiel und das Wasser +goldgestreift, braun und schwarzgrün färbte, in eine Art Wunderstimmung. +Die Aussicht war ganz versperrt. Zuweilen wogte das Schilf in einem +unmerklichen Wind, die Halme raschelten und die langen, bandähnlichen +Blätter flatterten ihnen ins Gesicht. Sie saßen in grauen Fellgewändern auf +den grauen Steinen. Die Färbung des Felles ahmte die Tönung des +verwitterten, bemoosten Steines nach. Jeder sah den Gefährten in seinem +Schweigen und seiner Regungslosigkeit in ein Steinbild verwandelt. Aber +drinnen durch das Schilf huschten Riesenfische mit regenbogenfarbenem +Rücken. Als die Männer die Angelhaken auswarfen und sahen, wie sich die +Ringe im Schilf fortpflanzten, wurde die Bewegung immer stärker und +stärker, bis sie merkten, daß sie nicht nur von ihrem Wurf kam. Eine Nixe, +halb Weib, halb glitzernder Fisch, lag in den Wellen und schlief. Sie lag +auf dem Rücken mit dem ganzen Leibe unter dem Wasserspiegel. Die Wellen +schlossen sich so eng an den Körper an, daß sie sie vorher nicht bemerkt +hatten. Ihre Atemzüge ließen die Wellen nicht ruhen. Doch es war nichts +Wunderliches darin, daß sie dalag, und als sie im nächsten Augenblick +verschwunden war, wußten sie nicht recht, ob es nicht nur eine +Sinnestäuschung gewesen war. + +Das grüne Licht drang wie ein süßer Rausch durch die Augen in das Hirn. Die +Männer saßen da und starrten stumm vor sich hin, im Schilf Gesichte sehend, +die sie einander nicht anzuvertrauen wagten. Der Fang fiel schlecht aus, +der Tag gehörte Träumen und Offenbarungen. + +Da ertönten Ruderschläge im Schilf, und sie schreckten wie aus dem +Schlummer auf. Im nächsten Augenblick zeigte sich ein Eichenstamm, schwer, +ohne jede Kunstfertigkeit ausgehöhlt, moosbewachsen und mit Rudern, schmal +wie Stäbchen. Ein junges Mädchen, das Seerosen geholt hatte, ruderte ihn. +Sie hatte dunkelbraunes Haar, das in schwere Zöpfe geflochten war, und +große dunkle Augen, und sie war seltsam bleich. Aber ihre Blässe schimmerte +rosig und nicht grau. Die Wangen waren nicht lebhafter gefärbt als das +übrige Gesicht, kaum die Lippen. Sie trug ein weißes Leinenleibchen und +einen Ledergürtel mit goldner Schließe. Der Rock war blau mit rotem Saum. +Sie ruderte dicht an den Friedlosen vorbei, ohne sie zu sehen. Sie +verhielten sich atemlos still, doch nicht aus Furcht, gesehen zu werden, +sondern nur um sie so recht sehen zu können. Sobald sie verschwunden war, +verwandelten sie sich gleichsam wieder aus Steinbildern in Menschen. Sie +sahen einander lächelnd an. + +»Sie ist weiß wie die Seerosen,« sagte der eine. »Sie ist dunkeläugig wie +das Wasser drüben unter den Tannenwurzeln.« + +Sie waren so übermütig, daß sie lachen wollten, richtig lachen, wie man nie +zuvor an diesem See gelacht hatte, lachen, so daß die Felswände von dem +Echo erzitterten und die Wurzeln der Tannen sich vor Schrecken lösten. + +»Schien sie dir schön?« fragte Berg, der Riese. + +»Ach, ich weiß nicht, ich sah sie ja so kurz. Vielleicht.« + +»Du wagtest wohl nicht, sie anzusehen? Du dachtest wohl, sie sei die +Seejungfrau?« + +Und wieder schüttelte sie dieselbe törichte Lachlust. + + * * * * * + +Tord hatte einmal als Kind einen Ertrunkenen gesehen. Er hatte die Leiche +am hellichten Tage am Strand gefunden und war gar nicht erschrocken, aber +nachts hatte er furchtbare Träume geträumt. Er sah ein Meer, in dem jede +Welle einen toten Mann zu seinen Füßen rollte. Er sah auch alle Inseln der +Schären mit Ertrunknen bedeckt, die tot waren und dem Meere gehörten, aber +dennoch sprechen und sich bewegen konnten und ihm drohen mit ihren welken, +weißen Händen. + +So ging es ihm auch jetzt. Das Mädchen, das er im Schilfe gesehen hatte, +kam in seinen Träumen wieder. Er traf sie auf dem Grunde des Sumpfsees, wo +das Sonnenlicht noch grüner war als im Schilf, und er hatte Zeit, zu sehen, +daß sie schön war. Er träumte, daß er auf der großen Tannenwurzel mitten in +dem dunklen See kauerte, aber die Tanne schwankte und wiegte sich so, daß +er zuweilen ganz unter Wasser kam. Da erschien sie auf den kleinen +Inselchen. Sie stand unter den roten Ebereschen und lachte ihn aus. Im +letzten Traumbild brachte er es so weit, daß sie ihn küßte. Es ward früher +Morgen, und er hörte, daß Berg aufgestanden war, aber er schloß hartnäckig +die Augen, um weiter zu träumen. Als er erwachte, war er ganz wirr und +betäubt von dem, was ihm in der Nacht widerfahren war. Er dachte jetzt viel +mehr an das Mädchen, als am Tage vorher. + +Gegen Abend fiel es ihm ein, Berg, den Riesen, zu fragen, ob er ihren +Namen wisse. + +Berg sah ihn prüfend an. »Vielleicht ist es am besten, wenn du es gleich +erfährst,« sagte er. »Es war Unn. Wir sind Verwandte.« + +Da wußte Tord, daß um dieser bleichen Maid willen Berg, der Riese, friedlos +durch Wald und Gebirge zog. Tord versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was +er von ihr wußte. + +Unn war eines reichen Bauern Tochter. Ihre Mutter war tot, so daß sie das +Regiment auf ihres Vaters Hof führte. Dies gefiel ihr, denn sie war +herrschsüchtig, und sie hatte keine Lust, einen Mann zu nehmen. + +Unn und Berg, der Riese, waren Geschwisterkinder, und es hieß schon lange, +daß Berg lieber bei Unn und ihren Mägden saß und mit ihnen scherzte, als +daheim auf seinem Hof nach dem Rechten zu sehen. Als nun das große +Weihnachtsgelage bei Berg gefeiert wurde, hatte seine Frau einen Mönch aus +Draksmark eingeladen, denn sie wollte, daß dieser Berg Vorwürfe mache, weil +er sie um einer andern Frau willen vernachlässigte. Dieser Mönch war Berg +und auch vielen andern wegen seines Aussehens verhaßt. Er war sehr feist +und ganz weiß. Das kurze Haar um seinen kahlen Scheitel, die Augenbrauen +über seinen wässerigen Augen, die Gesichtsfarbe, die Hände und die Kutte, +alles war weiß. Viele konnten seinen Anblick kaum ertragen. + +Bei der Tafel nun, so daß alle Gäste es hören konnten, sagte dieser Mönch +-- denn er war unerschrocken und meinte, daß seine Worte besser wirken +würden, wenn viele sie vernahmen --: »Man pflegt zu sagen, daß der Kuckuck +der schlechteste der Vögel ist, weil er seine Jungen nicht im eignen Neste +aufzieht, aber hier sitzt ein Mann, der nicht für Heim und Kinder sorgt, +sondern seine Lust bei einem fremden Weibe sucht. Ihn will ich den +schlechtesten der Männer nennen.« -- Da stand Unn auf. »Dies, Berg, geht +auf dich und mich,« sagte sie. »Nie bin ich so beschimpft worden, aber +freilich, mein Vater ist ja auch nicht mit beim Gelage.« Sie wendete sich, +um zu gehen, aber Berg eilte ihr nach. »Rühre mich nicht an,« rief sie. +»Nie mehr will ich dich sehen.« Er erreichte sie in der Vorhalle und fragte +sie, was er tun solle, damit sie bliebe. Da hatte sie mit flammenden Augen +geantwortet, das müsse er selbst am besten wissen. Da ging Berg hin und +erschlug den Mönch. + +Jetzt waren Berg und Tord in dieselben Gedanken versunken, denn nach einem +Weilchen sagte Berg: »Du hättest sie, Unn, sehen sollen, als der weiße +Mönch gefallen war. Meine Frau versammelte die kleinen Kinder um sich und +fluchte ihr. Sie wendeten ihre Gesichter Unn zu, damit sie sich auf ewige +Zeiten die einprägten, die ihren Vater zum Mörder gemacht hatte. Aber Unn +stand gelassen da und so schön, daß die Männer erbebten. Sie dankte mir für +die Tat und hieß mich allsogleich in den Wald ziehen. Sie ermahnte mich, +kein Räuber zu werden und nicht eher zum Messer zu greifen, als bis ich es +für eine ebenso gerechte Sache brauchen könnte.« + +»Deine Tat hatte sie erhöht,« sagte Tord. + +Hier stand nun Berg vor demselben Rätsel, worüber er sich schon früher bei +dem Knaben gewundert hatte. Er war wie ein Heide, schlimmer als ein Heide, +er verurteilte niemals das, was unrecht war. Er kannte keine +Verantwortlichkeit. Was geschehen mußte, das geschah. Gott, Christus und +die Heiligen kannte er, aber nur dem Namen nach, so wie man die Götter +fremder Länder kennt. Die Gespenster der Schären waren seine Götter. An die +Geister der Toten hatte seine zauberkundige Mutter ihn glauben gelehrt. + +Da machte sich Berg, der Riese, an ein Werk, das ebenso töricht war, als +wenn er einen Strick für seinen eignen Hals gedreht hätte. Er stellte dem +Unwissenden den großen Gott vor Augen, den Herrn der Gerechtigkeit, den +Rächer der Missetaten, der die Schuldigen in ewige Pein hinabstürzt. Und er +lehrte ihn Christus und seine Mutter lieben, und die heiligen Männer und +Frauen, die mit gefalteten Händen vor Gottes Thron liegen, um den Zorn des +großen Rächers von den sündigen Scharen abzuwenden. Er lehrte ihn alles, +was die Menschen tun, um Gottes Zorn zu versöhnen. Er zeigte ihm die +Pilgerscharen, die zu heiligen Stätten ziehen, die selbstquälerischen Büßer +und die Flucht der Mönche vom Weltleben. + +Und während er sprach, wurde der Knabe eifriger und blasser, seine Augen +öffneten sich weit wie vor furchtbaren Gesichten. Berg, der Riese, wollte +aufhören, aber der Strom der Gedanken riß ihn fort, und er sprach weiter. +Die Nacht senkte sich auf sie herab, die schwarze Waldesnacht, in der die +Käuzchen schreien. Gott kam ihnen so nahe, daß sie sahen, wie sein Thron +die Sterne verdeckte, und wie die strafenden Engel sich auf die Waldwipfel +herabsenkten. Aber unter ihnen loderten die Flammen der Unterwelt zu der +platten Scheibe der Erde empor und beleckten gierig diesen schwanken +Zufluchtsort qualbedrückter Menschengeschlechter. + + * * * * * + +Der Herbst war gekommen, und ein scharfer Sturm wehte. Tord ging allein +durch den Wald, um Schlingen und Fallen zu untersuchen. Berg, der Riese, +saß daheim und besserte seine Kleider aus. Tords Weg führte hinauf zu einer +bewaldeten Höhe. Der Pfad war breit. + +Jeder Windstoß, der durch die dichten Bäume dringen konnte, fegte das +trockne Laub in raschelnden Wirbeln den Pfad hinan. Tord kam es einmal ums +andre vor, als ob jemand hinter ihm ginge. Er sah sich oft um. Zuweilen +blieb er stehen, um zu lauschen, aber dann merkte er, daß es die Blätter +und der Wind waren, und er ging weiter. Sobald er wieder zu gehen begann, +hörte er jemanden auf leisen Sohlen den Hügel hinauftanzen. Kleine +Kinderfüße kamen getrippelt. Elfen und Waldgeister spielten hinter ihm. +Wenn er sich umwendete, war niemand da, gar niemand. Er ballte die Faust +gegen die raschelnden Blätter und ging weiter. Sie verstummten nicht, aber +sie nahmen einen andern Ton an. Sie begannen hinter ihm zu zischen und zu +schnauben. Eine große Natter glitt heran, die gifttriefende Zunge hing ihr +aus dem Munde, und der blanke Leib hob sich leuchtend von den +verschrumpften Blättern ab. Neben der Schlange schlich ein Wolf, ein +großer, magrer Geselle, der sich bereit hielt, ihm an den Nacken zu fahren, +wenn die Natter sich zwischen seine Füße schlängelte und ihn in die Ferse +stach. Manchmal waren sie beide ganz still, wie um ihm unbemerkt zu nahen, +aber gleich darauf verriet sie das Zischen und Schnauben, und zuweilen +schlugen die Wolfsklauen klirrend an einen Stein. Tord ging unwillkürlich +immer rascher, aber die Tiere eilten ihm nach. Als er glaubte, daß sie nur +zwei Schritte entfernt waren und zum Sprunge ansetzten, drehte er sich um. +Es war niemand da, und das hatte er die ganze Zeit gewußt. + +Er setzte sich auf einen Stein, um sich auszuruhen. Da gaukelten die +trocknen Blätter zu seinen Füßen, wie um ihn zu ergötzen. Da waren sie, +alle Blätter des Waldes: lichtgelbes, zartes Birkenlaub, rotgesprenkelte +Ebereschenblätter, die trocknen schwärzlichbraunen Blätter der Ulme, die +zähen lichtroten der Espe, und die goldgrünen der Palmweide. Verwandelt und +verschrumpft, narbig und abgestoßen waren sie, sehr verschieden von den +daunenweichen, lichtgrünen feingeformten Blättchen, die sich vor ein paar +Monaten aus den Knospen entrollt hatten. + +»Sünder,« sagte der Knabe, »Sünder, nichts ist rein vor Gott. Die Flammen +seines Zornes haben euch schon erreicht.« + +Als er seine Wanderung fortsetzte, sah er den Wald unter sich wogen wie ein +sturmgepeitschtes Meer, doch unten auf dem Pfade war es still und ruhig. Er +hörte nun, was er nie vernommen hatte. Der Wald war voll Stimmen. + +Es klang wie Flüstern, wie Klagelieder, wie barsche Drohungen, wie +dröhnende Flüche. Es lachte, und es klagte, es war wie das Lärmen von +vielen Menschen. Dieses, was hetzte und aufreizte, was raschelte und +zischte, was etwas zu sein schien und doch nichts war, machte seine +Gedanken wild. Er fühlte wieder Todesangst wie damals, als er auf dem Boden +seiner Höhle lag und die Menschenjagd durch den Wald zog. Wieder hörte er +das Knacken von Zweigen, die schweren Schritte der Volksmenge, das Klirren +der Waffen, die dröhnenden Rufe, das wilde, blutdürstige Gemurmel, das aus +der Menge aufstieg. + +Doch nicht nur dies allein lag im Waldsturm. Etwas andres, noch +Schrecklicheres, Stimmen, die er nicht deuten konnte, ein Gewirr von +Stimmen, die eine fremde Sprache zu sprechen schienen. Er hatte gewaltigere +Stürme als diesen durch das Takelwerk brausen gehört. Aber nie zuvor hatte +er den Wind auf einer so vielstimmigen Harfe spielen hören. Jeder Baum +hatte seine Stimme, die Tanne rauschte nicht wie die Espe, die Pappel nicht +wie die Eberesche. Jede Kluft hatte ihren Ton, das Echo jeder Felswand +seinen eignen Klang. Und das Rieseln der Bäche und der Schrei des Fuchses +mischte sich in den wunderlichen Waldsturm. Doch alles das konnte er +deuten, es ertönten andre, wunderbarere Laute. Und diese bewirkten es, daß +es anfing, in ihm um die Wette mit dem Sturme zu schreien, hohnzulachen +und zu jammern. + +Er hatte sich immer gefürchtet, wenn er allein im Waldesdunkel war. Er +liebte das offne Meer und die nackten Klippen. Zwischen den Bäumen +schlichen Geister und Schatten einher. + +Mit einem Male hörte er, wer es war, der im Sturme sprach. Gott war es, der +große Rächer, der Gott der Gerechtigkeit. Er verfolgte ihn des Freundes +wegen. Er verlangte, daß er den Mörder des Mönches seiner Rache ausliefere. + +Da begann Tord mitten im Sturme zu sprechen. Er sagte Gott, was er hatte +tun wollen, aber nicht vermocht hatte. Er hatte Berg, den Riesen, bitten +wollen, sich mit Gott zu versöhnen, aber er war zu schüchtern gewesen. Die +Scheu hatte ihn stumm gemacht. »Als ich erfuhr, daß die Erde von einem +gerechten Gott gelenkt wird,« rief er, »da erkannte ich, daß er ein +verlorener Mann sei. Nächtelang habe ich dagelegen und über meinen Freund +geweint. Ich wußte, daß Gott ihn finden muß, wo er sich auch verbergen mag. +Aber ich vermochte nicht zu sprechen. Ich fand keine Worte, weil ich ihn zu +sehr liebe. Verlange nicht, daß ich mit ihm spreche, verlange nicht, daß +das Meer sich so hoch wie die Berge erhebe.« + +Er verstummte, und im Sturme verstummte die tiefe Stimme, die für ihn +Gottes Stimme gewesen war. Mit einem Male kam Windstille und greller +Sonnenschein und ein Plätschern wie von Rudern und ein leises Rascheln wie +von steifen Schilfblättern. Diese sanften Laute zauberten ihm Unns Bild vor +die Seele. -- Der Friedlose kann nichts gewinnen, nicht Hab und Gut, nicht +Frauen, nicht Ansehen unter den Männern. -- Wenn er Berg verriet, kam er +wieder unter die Hut der Gesetze. -- Aber Unn mußte Berg lieben, nach dem, +was er für sie getan hatte. Aus alledem gab es keinen Ausweg. + +Als der Sturm zunahm, hörte er wieder Schritte hinter sich und ab und zu +ein atemloses Keuchen. Jetzt wagte er nicht, sich umzusehen, denn er wußte, +daß der weiße Mönch hinter ihm war. Er kam von dem Feste in Bergs Hause, +blutbespritzt mit einer klaffenden Wunde in der Stirn. Und er flüsterte: +»Gib ihn an, verrate ihn, rette seine Seele. Überliefre seinen Leib dem +Scheiterhaufen, auf daß seine Seele verschont werde. Überantworte ihn der +langen Qual der Folterbank, auf daß seine Seele Zeit habe, zu bereuen.« + +Tord eilte weiter. All das Erschreckende, das an und für sich nichts war, +wuchs, da es so unaufhörlich seine Seele verfolgte, zu etwas Großem, +Entsetzlichem an. Er wollte ihm entfliehen, doch wie er zu laufen begann, +ertönte wieder die tiefe, furchtbare Stimme, die die Stimme Gottes war. +Gott selbst jagte ihn mit Schreckschüssen, damit er den Mörder ausliefre. +Verabscheuungswürdiger denn je stand Bergs Verbrechen vor ihm. Ein +waffenloser Mann war ermordet, ein Gottesmann mit blankem Stahl durchbohrt +worden. Das hieß dem Herrn der Welten trotzen. Und der Mörder wagte, zu +leben. Er freute sich des Sonnenlichtes und der Früchte der Erde, als ob +der Arm des Allmächtigen zu kurz wäre, um ihn zu erreichen. + +Er blieb stehen, ballte die Fäuste und schrie drohende Worte. Dann eilte er +wie ein Wahnsinniger aus dem Walde, aus dem Schreckensreiche in das Tal +hinab. + + * * * * * + +Tord brauchte sein Anliegen nur auszusprechen, so waren sogleich zehn +Männer bereit, ihm zu folgen. Es wurde beschlossen, daß Tord allein in die +Höhle gehen sollte, damit Berg nicht mißtrauisch werde. Aber unterwegs +sollte er Erbsen ausstreuen, damit die Männer den Weg finden konnten. + +Als Tord in die Höhle trat, saß der Vogelfreie auf der Steinbank und +nähte. Der Feuerschein war matt, und die Arbeit schien schlecht vonstatten +zu gehen. Das Herz des Knaben schwoll von Mitleid. Der herrliche Berg +deuchte ihm arm und unglücklich. Und das einzige, was er sein Eigen nannte, +das Leben, sollte ihm nun genommen werden. Tord begann zu weinen. + +»Was hast du?« fragte Berg. »Bist du krank? Bist du erschrocken?« + +Zum ersten Male erzählte da Tord von seiner Angst. »Es war unheimlich im +Walde. Ich hörte Geister und sah Gespenster. Ich sah weiße Mönche.« + +»Gottes Tod, Junge!« + +»Sie lasen mir die ganze Zeit die Messe, den ganzen Weg zum Bredfelsen +hinauf. Ich lief, so rasch ich konnte, aber sie kamen mit und sangen. Kann +ich das Unwesen nicht loswerden? Was habe ich mit ihnen zu schaffen? Ich +meine, sie könnten einem die Messe lesen, der es nötiger hat.« + +»Bist du heute abend ganz toll, Tord?« + +Tord sprach und wußte kaum, welcher Worte er sich bediente. Alle Scheu war +von ihm gewichen. Unbehindert strömte die Rede von seinen Lippen. + +»Es sind lauter weiße Mönche, weiß, leichenblaß. Alle haben sie Blut auf +der Kutte. Sie ziehen die Kapuze tief in die Stirn, aber die Wunde leuchtet +doch hervor. Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb.« + +»Die große, rote, klaffende Wunde nach dem Axthieb?« + +»Habe ich sie vielleicht geschlagen? Warum muß ich sie sehen?« + +»Das mögen die Heiligen wissen, Tord,« sagte Berg, der Riese, bleich und +mit düsterm Ernst, »was es bedeutet, daß du eine Wunde von einem Axthieb +siehst. Ich habe den Mönch mit ein paar Messerstichen getötet.« + +Tord stand nun zitternd vor Berg und rang die Hände. »Sie verlangen dich +von mir. Sie wollen mich zwingen, dich zu verraten.« + +»Wer? Die Mönche?« + +»Ja, gewiß, die Mönche. Sie zeigen mir Gesichte. Sie zeigen mir sie, Unn. +Sie zeigen mir das glitzernde, sonnenblanke Meer. Sie zeigen mir die +Lagerplätze der Fischer, wo Tanz und Fröhlichkeit herrscht. Ich schließe +die Augen, aber ich sehe dennoch. Laßt mich in Frieden, sage ich. Mein +Freund hat gemordet, aber er ist nicht böse. Laßt mich gehen, und ich will +mit ihm sprechen, damit er bereut und Buße tut. Er wird seine Sünde +gestehen und zu Christi Grab pilgern. Wir beide werden zu den Stätten +wallfahrten, die so heilig sind, daß alle Sünde von dem genommen wird, der +ihnen naht.« + +»Was antworteten da die Mönche?« fragte Berg. »Sie wollen meine Rettung +nicht. Sie wollen mich auf den Scheiterhaufen und auf die Folterbank +bringen.« + +»Soll ich den treuesten Freund verraten, frage ich sie,« fuhr Tord fort. +»Er ist mein alles auf Erden. Er hat mich vom Bär errettet, dessen Pranken +auf meiner Kehle lagen. Wir haben zusammen gefroren und alles Ungemach +erduldet. Er hat sein eignes Bärenfell über mich gebreitet, als ich krank +lag. Ich habe Holz und Wasser für ihn getragen, ich habe seinen Schlummer +bewacht, ich habe seine Feinde hinters Licht geführt. Warum glauben sie, +daß ich solch einer bin, der einen Freund verrät? Mein Freund wird bald aus +freien Stücken zum Priester gehen und beichten, dann ziehen wir zusammen in +das Land der Versöhnung.« + +Berg lauschte ernst. Seine Augen durchforschten scharf Tords Gesicht. »Du +sollst selbst zum Priester gehen und ihm die Wahrheit sagen,« sagte er. +»Du mußt wieder hinab zu den Menschen.« + +»Was hilft es mir, wenn ich allein gehe?! Um deiner Sünde willen verfolgt +mich der Tote und alle Schatten. Siehst du nicht, wie mir vor dir graut? Du +hast deine Hand gegen Gott selbst erhoben. Kein Verbrechen ist so wie +deines. Es ist mir, als müßte ich mich freuen, wenn ich dich an Rad und +Galgen sähe. Wohl dem, der in dieser Welt seine Strafe empfängt und dem +künftigen Zorn entgeht. Warum sprachst du zu mir von dem gerechten Gott? Du +zwingst mich, dich zu verraten. Hilf mir von dieser Sünde. Gehe zum +Priester.« Und er fiel vor Berg auf die Knie. + +Der Mörder legte die Hand auf seinen Kopf und sah ihn an. Er mußte seine +Sünde an der Angst des Gefährten messen. Und sie stand groß und grauenvoll +vor seiner Seele. Er sah sich im Kampfe gegen den Willen, der die Welt +lenkt. Die Reue hielt Einzug in sein Herz. + +»Weh mir, daß ich tat, was ich getan,« sagte er. »Was meiner harrt, das ist +zu schwer, um es freiwillig auf sich zu nehmen. Liefre ich mich den +Priestern aus, so werden sie mich in stundenlangen Qualen martern. Sie +werden mich auf langsamem Feuer braten. Und ist nicht dieses Leben des +Elends, das wir in Angst und Not führen, Buße genug? Habe ich nicht Hof und +Heim verloren? Lebe ich nicht fern von Freunden, fern von allem, was eines +Mannes Freude ist? Wessen bedarf es noch?« + +Als er so redete, sprang Tord in wildem Entsetzen auf. »Kannst du bereuen?« +rief er. »Können meine Worte dein Herz rühren? O, dann komm gleich! Wie +konnte ich dies glauben! Komm mit und fliehe! Noch ist es Zeit!« + +Berg, der Riese, sprang auch auf. »Du hast es also getan --« + +»Ja, ja, ja. Ich habe dich verraten. Aber komm jetzt rasch, da du bereuen +kannst! Sie werden uns ziehen lassen! Wir müssen ihnen entkommen!« + +Da beugte sich der Mörder zum Boden herab, wo seine von den Vätern ererbte +Streitaxt zu seinen Füßen lag. »Du Sohn eines Diebes,« sagte er, die Worte +hervorzischend. »Dir habe ich getraut. Dir bin ich gut gewesen.« + +Aber als Tord sah, wie er sich nach der Axt bückte, da wußte er, daß es nun +sein Leben galt. Er riß seine eigne Axt aus dem Gürtel und schlug nach +Berg, ehe dieser sich noch aufrichten konnte. Die Schneide fuhr zischend +durch die Luft und drang in den herabgebeugten Kopf. Berg, der Riese, fiel +mit dem Kopfe nach vorn zu Boden, der ganze Körper taumelte nach. Blut und +Hirn spritzte heraus, die Axt fiel aus der Wunde. In dem struppigen Haar +sah Tord ein großes, rotes, klaffendes Loch nach einem Axthieb. + +Jetzt stürzten die Bauern herein. Sie freuten sich und priesen die Tat. + +»Jetzt steht deine Sache gut,« sagten sie zu Tord. + +Tord sah auf seine Hände herab, als sähe er da die Fesseln, mit denen er +herangeschleift worden war, um den zu töten, den er liebte. Sie waren wie +die des Fenriswolfes, aus nichts geschmiedet. Aus den grünen Lichtern des +Schilfes, aus dem Spiel der Waldschatten, aus dem Gesang des Sturmes, aus +dem Rascheln des Laubes, aus dem Zauber der Träume waren sie gewoben. Und +er sagte laut: »Gott ist groß!« + +Aber wieder verfiel er in seine frühern Gedanken. Er sank neben der Leiche +auf die Knie und legte seinen Arm unter den Kopf des Freundes. + +»Tut ihm nichts zuleide,« sagte er. »Er bereut, er will zum Heiligen Grabe +pilgern. Er ist nicht tot, aber fesselt ihn nicht. Wir waren gerade bereit, +zu gehen, da fiel er. Der weiße Mönch wollte wohl nicht, daß er bereue, +aber Gott, der Gott der Gerechtigkeit, liebt die Reue.« + +Er blieb neben der Leiche liegen, sprach mit ihr, weinte und flehte den +Toten an, aufzuwachen. Die Bauern bereiteten aus einigen Speeren eine +Bahre. Sie wollten die Leiche des Bauern herab auf seinen Hof tragen. Sie +hatten Ehrfurcht vor dem Toten und sprachen leise in seiner Nähe. Als sie +ihn auf die Bahre hoben, stand Tord auf, schüttelte die Haare aus dem +Gesicht und sprach mit einer Stimme, die vor Schluchzen zitterte: + +»So saget denn Unn, die Berg, den Riesen, zum Mörder machte, daß er von +Tord, dem Fischer, dessen Vater ein Wrackplünderer und dessen Mutter eine +Hexe ist, erschlagen ward, weil er ihn lehrte, daß die Grundfeste dieser +Erde Gerechtigkeit heißt.« + + + + +Reors Geschichte + + +War da ein Mann, der hieß Reor. Er war aus Fuglekärr im Kirchspiel +Svarteborg und galt für den besten Schützen der Gegend. Er wurde getauft, +als König Olof die alte Lehre in Viken ausrottete, und war fortab ein +eifriger Christ. Er war von freier Geburt, aber arm, schön, aber nicht +hochgewachsen, stark, aber sanft. Er zähmte junge Fohlen mit Blick und Wort +allein, und er konnte mit einem einzigen Zuruf die kleinen Vöglein an sich +locken. Er hielt sich fast immer im Walde auf, und die Natur hatte große +Macht über ihn. Das Wachstum der Pflanzen und das Knospen der Bäume, das +Spiel der Hasen in den Waldlichtungen und der Sprung des Barsches in dem +abendstillen See, der Kampf der Jahreszeiten und der Wechsel der Witterung, +dies waren die Hauptgeschehnisse in seinem Leben. Schmerz und Freude +bereitete ihm derlei, und nicht das, was sich unter den Menschen zutrug. + +Eines Tages tat der geschickte Jäger einen guten Fang. Er traf im tiefen +Waldesdickicht einen alten Bären und erlegte ihn mit einem einzigen Schuß. +Die scharfe Spitze des großen Pfeiles drang in das Herz des Gewaltigen, und +er sank dem Jäger tot zu Füßen. Es war Sommer, und der Pelz des Bären war +weder dicht noch glatt, dennoch zog der Schütze ihn ab, rollte ihn zu einem +harten Bündel zusammen und ging mit dem Bärenfell auf dem Rücken weiter. + +Er war noch nicht lange gewandert, als er einen überaus starken Honigduft +verspürte. Der kam von den kleinen, blühenden Pflanzen, die den Boden +bedeckten. Sie wuchsen auf dünnen Stielen, hatten lichtgrüne, glatte +Blätter, die sehr schön geädert waren, und auf der Spitze des Stengels ein +kleines Büschelchen, das dicht mit weißen Blüten besetzt war. Die kleinen +Kronen waren nach winzigem Maßstabe geraten, doch aus ihnen ragte eine +kleine Bürste von Stempeln auf, deren blütenstaubgefüllte Knöpfchen auf +weißen Saiten zitterten. Reor dachte, während er so unter ihnen einherging, +daß diese Blumen, die einsam und unbemerkt im Waldesdunkel standen, +Botschaft um Botschaft, Ruf um Ruf aussandten. Der starke honigsüße Duft +war ihr Ruf, der verbreitete die Kunde ihres Daseins weit unter die Bäume +und hoch hinauf in die Wolken. Aber es lag etwas Beängstigendes in dem +schweren Duft. Die Blumen hatten ihre Becher gefüllt und ihre Tischlein +gedeckt, der geflügelten Gäste harrend, aber niemand kam. Sie sehnten sich +zu Tode in ihrer trüben Einsamkeit in dem dunkeln, windstillen +Waldesdickicht. Sie schienen schreien und jammern zu wollen, weil die +schönen Schmetterlinge nicht kamen, um bei ihnen zu Gaste zu sein. Da, wo +die Blumen am dichtesten beisammen standen, deuchte es ihn, als sängen sie +zusammen ein eintöniges Lied: »Kommt, ihr schönen Gäste, kommt heute, denn +morgen sind wir tot. Morgen liegen wir auf dem trocknen Laub.« + +Doch es sollte Reor vergönnt sein, das frohe Ende des Blumenmärchens zu +sehen. Er vernahm hinter sich ein Flattern wie das allerleiseste Lüftchen +und sah einen weißen Schmetterling im Dunkel zwischen den dicken Stämmen +umherirren. Unruhig suchend flog er hin und wieder, als wüßte er den Weg +nicht. Er war nicht allein, ein Schmetterling nach dem andern tauchte im +Dunkel auf, bis endlich ein ganzes Heer der weißbeschwingten Honigsucher +versammelt war. Aber der erste war der Anführer, und er fand, vom Dufte +geleitet, die Blumen. Nach ihm kam das ganze Schmetterlingsheer +herangestürmt. Es stürzte sich auf die sehnsüchtigen Blumen, wie der Sieger +sich auf die Beute stürzt. Wie ein Schneefall von weißen Flügeln senkten +sie sich auf sie herab. Und nun gab es ein Fest- und Trinkgelage um jede +Blume. Der Wald war voll von stillem Jubel. + +Reor ging weiter. Doch nun war es, als folgte ihm der honigsüße Duft auf +dem Fuße, wohin er auch ging. Und er empfand, daß sich drinnen im Walde +eine Sehnsucht verbarg, stärker als die der Blumen. Daß da etwas war, was +ihn zu sich zog, so wie die Blumen die Schmetterlinge angelockt hatten. Er +ging mit einer stillen Freude im Herzen einher, so, als harrte er eines +großen unbekannten Glückes. Das einzige, was ihn ängstigte, war, ob er auch +den Weg zu diesem finden konnte, was sich nach ihm sehnte. + +Vor ihm auf dem schmalen Pfade kroch eine weiße Schlange. Er bückte sich, +um das glückbringende Tier aufzuheben, aber die Schlange glitt ihm aus den +Händen und eilte rasch den Pfad hinauf. Da rollte sie sich zusammen und lag +still, doch als der Schütze wieder nach ihr griff, glitt sie so glatt wie +Eis zwischen seinen Fingern durch. Nun war Reor ganz und gar darauf +erpicht, das klügste der Tiere zu besitzen. Er lief der Schlange nach, +konnte sie aber nicht erreichen, und sie lockte ihn von dem Pfade fort auf +den ungebahnten Waldboden. + +Dieser war mit Föhren bestanden, und in einem Föhrenwalde findet man selten +Rasen. Aber jetzt verschwand plötzlich das trockne Moos und die braunen +Nadeln, Farrenkräuter und Preißelbeerbüsche zogen sich zurück, und Reor +fühlte seidenweiches Gras unter seinen Füßen. Über der grünen Matte +zitterten federleichte Blumenrispen auf sanftgeneigten Stengeln, und +zwischen den langen schmalen Blättern zeigten sich die kleinen, +halberblühten Blumen der Steinnelke. Es war nur eine ganz kleine Stelle, +und darüber breiteten die hochstämmigen Föhren ihre knorrigen, braunen Äste +mit dichten Nadelbüscheln. Doch zwischen diesen konnten die Sonnenstrahlen +viele Wege zur Erde finden, und es war erstickend heiß. + +Aber gerade vor dieser kleinen Wiese erhob sich eine Felswand lotrecht aus +dem Boden. Sie lag im hellen Sonnenschein, und man sah deutlich die +moosigen Steinflächen, die frischen Brüche, da wo der Winterfrost zuletzt +gewaltige Blöcke gelöst hatte, die großen Stauden Steinwurz, die die +braunen Wurzeln in erdgefüllte Spalten drängten, und die zollbreiten +Absätze, wo die Säulenflechte ihre rotgestreiften Pokale aufrichtete und +eine grasgrüne Moosart auf nadelfeinen Stiftchen die kleinen grauen Mützen +erhob, die ihre Befruchtungsorgane enthielten. + +Diese Felswand schien in allen Stücken jeder andern Felswand zu gleichen, +aber Reor bemerkte sogleich, daß er gerade vor die Giebelwand einer +Riesenbehausung gekommen war, und er entdeckte unter Moos und Flechten die +großen Angeln, auf denen das Steintor des Berges sich drehte. + +Er glaubte jetzt, daß die Schlange sich in das Gras verkrochen habe, um +sich da zu verbergen, bis sie unbemerkt in den Felsen schlüpfen konnte, +und er gab die Hoffnung auf, sie zu fangen. Er spürte jetzt wieder den +honigsüßen Duft der sehnsüchtigen Blumen und merkte, daß hier oben unter +der Bergwand eine erstickende Hitze herrschte. Es war auch seltsam still: +kein Vogel rührte sich, keine Nadel spielte im Winde, es war, als hielte +alles den Atem an, um in unbeschreiblicher Spannung zu warten und zu +lauschen. Reor war gleichsam in ein Gemach gekommen, wo er nicht allein +war, obgleich er niemanden sah. Er hatte das Gefühl, als ob jemand ihn +beobachtete, es war ihm, als würde er erwartet. Er empfand keine Angst, nur +ein wohliger Schauer durchrieselte ihn, so, als sollte er bald etwas +überaus Schönes zu sehen bekommen. + +In diesem Augenblick gewahrte er wieder die Schlange. Sie hatte sich nicht +versteckt, sie war vielmehr auf einen der Blöcke gekrochen, die der Frost +von der Felswand abgesprengt hatte. Und dicht unter der weißen Schlange sah +er den lichten Leib eines Mädchens, das im weichen Grase lag und schlief. +Sie lag ohne andre Decke, als ein paar spinnwebdünne Schleier, gerade als +hätte sie sich dort hingeworfen, nachdem sie die Nacht hindurch im +Elfenreigen getanzt, aber die langen Grashalme und die zitternden, +federleichten Blumenrispen erhoben sich hoch über der Schlafenden, so daß +Reor nur undeutlich die weichen Linien ihres Körpers gewahren konnte. Er +trat auch nicht näher, um besser zu sehen, aber sein gutes Messer zog er +aus der Scheide und warf es zwischen das Mädchen und die Felswand, damit +die den Stahl fürchtende Tochter des Riesen nicht in den Berg fliehen +konnte, wenn sie erwachte. + +Dann blieb er in tiefe Gedanken versunken stehen. Eines wußte er sogleich, +das Mägdlein, das hier schlief, wollte er besitzen; aber noch war er nicht +recht einig mit sich selbst, wie er gegen sie handeln sollte. + +Doch da lauschte er, der die Sprache der Natur besser kannte als die der +Menschen, dem großen ernsten Walde und dem strengen Berge. »Sieh,« sagten +sie, »dir, der du die Wildnis liebst, geben wir unsre schöne Tochter. +Besser ziemt sie dir als die Töchter der Ebene. Reor, bist du der edelsten +Gabe würdig?« + +Da dankte er in seinem Herzen der großen wohltätigen Natur und beschloß, +das Mädchen zu seiner Frau zu machen und nicht nur zu seiner Magd. Und da +er dachte, daß sie, wenn sie das Christentum und Menschensitte angenommen +hatte, sich bei dem Gedanken, daß sie so unverhüllt dagelegen habe, schämen +würde, löste er die Bärenhaut von seinem Rücken, entrollte das steife Fell +und warf den grauen zottigen Pelz des alten Bären über sie. + +Doch als er dies tat, erdröhnte hinter der Felswand ein Lachen, von dem die +Erde erzitterte. Es klang nicht wie Hohn, nur so, als hätte jemand in +großer Angst gewartet, der lachen mußte, als er ganz plötzlich davon +befreit wurde. Die furchtbare Stille und die drückende Hitze hatten nun +auch ein Ende. Über das Gras schwebte ein erquickender Wind, und die Nadeln +begannen ihren rauschenden Gesang. Der glückliche Jäger fühlte, daß der +ganze Wald den Atem angehalten hatte, in Unruhe, wie die Tochter der +Wildnis von dem Menschensohn behandelt werden würde. + +Die Schlange schlüpfte jetzt in das hohe Gras; aber die Schlummernde lag in +Zauberschlaf versunken und regte sich nicht. Da rollte Reor sie in die +grobe Bärenhaut, so daß nur ihr Kopf aus dem zottigen Fell hervorguckte. +Obgleich sie sicherlich eine Tochter des alten Riesen im Berge war, war sie +doch zart und fein gebaut, und der starke Schütze hob sie in seine Arme und +trug sie fort durch den Wald. + +Nach einem Weilchen fühlte er, wie jemand seinen breitrandigen Hut abhob. +Da sah er auf und merkte, daß des Riesen Tochter erwacht war. Sie saß ganz +ruhig in seinem Arm, aber nun wollte sie sehen, wie der Mann aussah, der +sie trug. Er ließ sie gewähren, er machte größre Schritte, aber sagte +nichts. + +Da mußte sie wohl gemerkt haben, wie heiß ihm die Sonne auf den Kopf +brannte, nachdem sie ihm den Hut abgenommen hatte. Sie hielt ihn darum über +seinen Kopf wie einen Sonnenschirm, aber sie setzte ihn ihm nicht auf, +sondern hielt ihn so, daß sie immerzu in sein Gesicht sehen konnte. Da +deuchte es ihn, daß er nichts zu fragen, nichts zu sagen brauchte. Stumm +trug er sie hinab zu seiner Mutter Hütte. Doch sein ganzes Wesen durchbebte +Glückseligkeit, und als er auf der Schwelle seines Heims stand, da sah er, +wie die weiße Schlange, die Glück ins Haus bringt, unter die Grundmauer +schlüpfte. + + + + +Waldemar Attertag brandschatzt Visby + + +In dem Frühling, in dem Hellquists großes Bild »Waldemar Attertag +brandschatzt Visby« im Kunstverein ausgestellt war, kam ich an einem +stillen Vormittag hinauf, ohne zu ahnen, daß dieses Kunstwerk sich da +befand. Die große, farbenreiche Leinwand mit den vielen Gestalten machte +schon beim ersten Anblick einen außerordentlichen Eindruck. Ich konnte kein +andres Bild ansehen, sondern ging geradeswegs auf dieses zu, setzte mich +nieder und versank in stille Betrachtung. Eine halbe Stunde lang lebte ich +das Leben des Mittelalters. + +Bald war ich mitten in der Szene, die sich auf dem Marktplatz von Visby +abspielte. Ich sah die Bierbottiche, die sich mit dem goldnen Trank zu +füllen begannen, den König Waldemar begehrt, und die Gruppen, die sich +rings um sie ansammelten. Ich sah den reichen Kaufherrn mit dem Pagen, der +unter seinen Gold- und Silberschüsseln fast zusammenbricht, den jungen +Bürger, der die Faust gegen den König ballt, den Mönch mit dem scharfen +Antlitz, das forschend die Majestät betrachtet, den zerlumpten Bettler, der +sein Scherflein opfert, die Frau, die neben der einen Kufe hingesunken ist, +den König auf seinem Thron, das Kriegsheer, das sich aus dem schmalen +Gäßchen heranwälzt, die hohen Hausgiebel und die zerstreuten Gruppen +trotziger Soldaten und halsstarriger Bürger. + +Aber plötzlich merkte ich, daß die Hauptgestalt des Bildes nicht der König +ist, nicht einer der Bürger, sondern der eine der eisengepanzerten +Schildträger des Königs, der mit dem gesenkten Visier. + +In diese Gestalt hat der Künstler eine seltsame Kraft gelegt. Man sieht +nicht das geringste von ihm selbst, der ganze Mann ist Eisen und Stahl, und +doch macht er den Eindruck, der wahre Herr der Lage zu sein. + +»Ich bin die Gewalt, ich bin die Raublust,« sagt er. »Ich bin es, der Visby +brandschatzt. Ich bin kein Mensch, ich bin nur Eisen und Stahl. Ich habe +meine Lust an Qualen und Grausamkeit. Mögen sie einander nur peinigen. +Heute bin ich der Herr auf dem Marktplatz zu Visby.« + +»Sieh,« spricht er zu dem Betrachter, »kannst du nicht sehen, daß ich hier +Herr bin? Soweit dein Auge reicht, gibt es nichts andres als Menschen, die +einander quälen. Seufzend kommen die Besiegten und liefern ihr Gold aus. +Sie hassen und drohen, aber sie gehorchen. Und die Begierde der +Siegesherren wird immer wilder, je mehr Gold sie hervorpressen können. Was +sind Dänemarks König und seine Soldaten andres als meine Diener, wenigstens +für diesen Tag? Morgen werden sie zur Kirche gehen oder in friedlicher +Zwiesprach in den Schenken sitzen oder vielleicht auch gute Väter sein im +eignen Heim, doch heute dienen sie mir, heute sind sie Bösewichte und +Gewalttäter.« + +Und je länger man ihm zuhört, desto besser versteht man, was das Bild ist: +nichts andres als eine Illustration der alten Mär, wie Menschen einander +quälen können. Kein versöhnender Zug ist da, nur grausame Gewalt. Und +trotziger Haß und hoffnungsloses Leiden. + +Es ist doch so, daß diese drei Bräukufen gefüllt werden müssen, auf daß +Visby nicht geplündert und eingeäschert werde. Warum kommen sie nicht, +diese Hanseaten, in flammender Begeisterung? Warum kommen die Frauen nicht +herangeeilt, mit ihren Geschmeiden, der Trinker mit seinem Becher, der +Priester mit dem Reliquienschrein, eifrig, glühend von Opfermut? »Für dich, +für dich, unsre geliebte Stadt! Wozu uns Krieger schicken, wenn es sich um +dich handelt! O, Visby, unsre Mutter, unser Ruhm! Nimm zurück, was du uns +gegeben hast!« + +Aber so wollte der Maler es nicht sehen, und so war es auch nicht. Keine +Begeisterung, nur Zwang, nur gebändigter Trotz, nur Jammer. Das Gold ist +ihnen alles, Frauen und Männer seufzen über dies Gold, von dem sie sich +trennen müssen. + +»Sieh sie an!« spricht die Gewalt, die auf den Stufen des Thrones steht. +»Es geht ihnen tief zu Herzen, es zu opfern. Mag, wer da will, mit ihnen +Mitleid haben! Geizig, gewinnsüchtig, übermütig sind sie! Sie sind um +nichts besser als der gierige Räuber, den ich gegen sie ausgesandt habe.« + +Eine Frau ist vor der Tonne zusammengebrochen. Kostet es ihr so großes +Leid, ihr Gold herzugeben! Oder ist sie vielleicht die Schuldige? Ist sie +des Jammers Urheberin? Ist sie die, welche die Stadt verraten hat? Ja, sie +ist es, die König Waldemars Liebste gewesen. Es ist Jung-Hansens Tochter. + +Sie weiß wohl, daß sie ihr Gold nicht auszuliefern braucht. Ihres Vaters +Haus wird dennoch nicht geplündert, aber sie hat zusammengerafft, was sie +besitzt und bringt es herbei. Auf dem Marktplatz angelangt, ist sie von +all dem Elend, das sie gesehen, überwältigt worden und in grenzenloser +Verzweiflung zu Boden gesunken. + +Frisch und fröhlich war er gewesen, der junge Goldschmiedegeselle, der +voriges Jahr in ihres Vaters Haus diente. Herrlich war es, an seiner Seite +über diesen selben Marktplatz zu wandern, wenn der Mond hinter den Giebeln +hinanstieg und den Glanz von Visby beleuchtete. Stolz war sie auf ihn +gewesen, stolz auf ihren Vater, stolz auf ihre Stadt. Und nun liegt sie da, +von Jammer gebrochen. Unschuldig und doch schuldig! Er, der kalt und +grausam auf dem Throne sitzt und alle diese Verheerung über die Stadt +gebracht hat, ist er derselbe, der ihr zärtliche Worte zugeflüstert hat? +Schlich sie sich zum Stelldichein mit ihm, als sie in der vorigen Nacht +ihres Vaters Schlüssel stahl und das Stadttor öffnete? Und als sie ihren +Goldschmiedegesellen als einen gewappneten Ritter traf mit einem +stahlgepanzerten Heere hinter sich, was dachte sie da? Wurde sie nicht +wahnsinnig, da sie die stählerne Flut sich durch das Tor wälzen sah, das +sie geöffnet hatte? Zu spät deine Klagen, o Jungfrau! Warum liebtest du den +Feind deiner Stadt? Gefallen ist Visby, vergehen wird sein Glanz. Warum +stürztest du dich nicht mitten im Tore nieder und ließest dich von den +eisernen Hufen zu Tode treten? Wolltest du leben, um den Verbrecher von des +Himmels Blitzen getroffen zu sehen? + +O Jungfrau, an seiner Seite steht die Gewalt und schützt ihn. An heiligern +Dingen als einer leichtgläubigen Jungfrau vergreift er sich. Nicht einmal +Gottes heiligen Tempel schont er. Die leuchtenden Karfunkelsteine bricht er +aus der Kirchenwand, um die letzte Kufe zu füllen. + +Da ändern alle Gestalten des Bildes ihre Haltung. Blindes Entsetzen packt +alles Lebende. Der wildeste Kriegsknecht erbleicht, die Bürger wenden ihren +Blick zum Himmel, alle erwarten Gottes Strafgericht, alle erbeben, außer +der Gewalt auf den Stufen des Thrones und dem König, der ihr Diener ist. + +Ich wünschte, der Künstler lebte noch, so daß er mich hinab zum Hafen von +Visby führen und mir diese selben Bürger zeigen könnte, als sie mit den +Blicken der fortsegelnden Flotte folgten. Sie rufen Verwünschungen über die +Wogen hin. »Vernichtet sie,« rufen sie, »vernichtet sie! O Meer, du unser +Freund, nimm unsre Schätze wieder! Tue deine erstickende Tiefe auf unter +den Gottlosen, unter den Treulosen!« + +Und das Meer donnert dumpf Beifall, und die Gewalt, die auf dem königlichen +Schiffe steht, nickt zustimmend. »So ist es gut,« sagt sie, »verfolgen und +verfolgt werden, so lautet mein Gesetz. Möge der Sturm und das Meer die +räuberische Flotte zerstören und die Schätze meines königlichen Dieners an +sich raffen! Desto früher ist es uns beschieden, auf neue Verheerungszüge +auszuziehen!« + +Aber die Bürger auf dem Strande wenden sich um und sehen zu ihrer Stadt +empor. Feuerflammen sind dort aufgelodert, Plünderung ist über sie +hingezogen, hinter zersprungenen Scheiben gähnen verwüstete Wohnstätten. +Geschwärzte Giebel sehen sie, geschändete Kirchen, blutige Leichen liegen +in den engen Gäßchen, und vor Schreck wahnsinnige Frauen durcheilen die +Stadt. Sollen sie alledem ohnmächtig gegenüberstehen? Gibt es niemanden, +den ihre Rache erreichen kann, niemanden, den sie ihrerseits quälen und +vernichten können? + +Gott im Himmel, seht doch! Des Goldschmieds Haus ist nicht geplündert, +nicht verbrannt. Was ist das? War er im Bunde mit dem Feinde? Hat er nicht +den Schlüssel zu einem der Tore der Stadt in seinem Gewahrsam? O du, +Jung-Hansens Tochter, antworte, was soll das bedeuten? + +Dort auf dem Königsschiffe steht die Gewalt und betrachtet ihren +königlichen Diener, unter dem Visier lächelnd. Höre den Sturm, Herr, höre +den Sturm! Das Gold, das du geraubt, bald wird es dir unerreichbar auf dem +Meeresgrunde ruhen. Und sieh zurück auf Visby, mein hoher Herr! Das Weib, +das du betrogst, wird zwischen Priestern und Kriegsknechten zur Stadtmauer +geführt. Hörst du den Volkshaufen, der ihr folgt, fluchend und wehklagend? +Sieh, sieh, die Maurer kommen mit Kalk und Maurerkellen! Sieh, die Frauen +kommen mit Steinen! Alle tragen sie Steine, alle, alle! + +O König, wenn du nicht sehen kannst, was in Visby vorgeht, mußt du doch +hören und wissen, was dort geschieht. Du bist ja nicht von Stahl und Eisen +wie die Gewalt an deiner Seite. Wenn des Alters düstre Tage kommen und du +unter dem Schatten des Todes lebst, dann wird das Bild von Jung-Hansens +Tochter vor deine Erinnerung treten. + +Bleich wirst du sie unter ihres Volkes Hohn und Verachtung zusammensinken +sehen. Du wirst sie dahinziehen sehen zwischen Priestern und Kriegsknechten +unter Glockengeläute und Hymnengesang. Sie ist schon tot in den Augen des +Volkes. Tot fühlt sie sich in ihrem Innersten, getötet von allem, was sie +geliebt. Du wirst sie in den Turm steigen sehen, sehen, wie man die Steine +einfügt, vernehmen, wie die Maurerkellen scharren, und das Volk hören, wie +es mit seinen Steinen herbeieilt. »O Maurer, nimm meinen, nimm meinen! +Bediene dich meines Steines zum Rachewerk! Laß meinen Stein mit dabei sein, +Jung-Hansens Tochter von Licht und Luft abzuschließen! Gefallen ist Visby, +das herrliche Visby! Gott segne eure Hände, Maurer! Laß mich mit dabei sein +und die Rache vollziehen!« + +Und Hymnengesang erklingt, und die Glocken läuten wie über einer Toten. + +O Waldemar, König von Dänemark, auch dein Los wird es sein, dem Tode zu +begegnen, dann wirst du auf deinem Bette liegen und vieles hören und sehen +und dich in Qualen dabei winden. Und auch dieses Scharren mit der +Maurerkelle, diese Rufe der Rache wirst du hören. Wo sind sie dann, die +heiligen Glocken, die die Marter der Seele übertönen? Wo sind sie, die +weiten Metallrachen, deren Zungen zu Gott um Gnade für dich flehen? Wo ist +die von Wohllaut erzitternde Luft, die die Seele hin zu Gottes Gefilden +führt? + +O hilf, Esrom, hilf, Sorö, und du, große Glocke in Lund! + + * * * * * + +Welch düstre Geschichte erzählt nicht dieses Bild! Es war ein wunderliches, +fremdes Gefühl, wieder in den Königsgarten zu treten, in den strahlenden +Sonnenschein unter lebende Menschen. + + + + +Mamsell Friederike + + +Es war Weihnachtsnacht, eine richtige Weihnachtsnacht. + +Die Kobolde hoben die Felsblöcke auf hohe Goldsäulen und feierten +Mittwinterfest. Die Heinzelmännchen tanzten in neuen roten Mützen um die +Weihnachtsgrütze. Alte Götter zogen in grauen Unwettermänteln über das +Himmelsgewölbe. Und auf dem Österhaninger Kirchhof stand das Höllenpferd. +Es scharrte mit den Hufen in dem gefrornen Boden, es bezeichnete den Platz +für ein neues Grab. + +Nicht weit davon auf dem alten Schloß Årsta lag Mamsell Friederike und +schlief. Årsta ist, wie man weiß, ein altes Gespensterschloß, aber Mamsell +Friederike schlief einen guten, ruhigen Schlummer. Sie war jetzt alt +geworden, und recht müde nach vielen schweren Arbeitstagen und vielen +langen Reisen -- sie war ja beinahe rings um die Erde gefahren -- darum war +sie in ihr Kindheitsheim zurückgekehrt, um Ruhe zu finden. + +Vor dem Schloß tönte eine kecke Fanfare in die Nacht hinaus. Der Tod hatte +sich auf sein Rößlein Grau gesetzt und war zum Schloßtor geritten. Sein +weiter Purpurmantel und der stolze Federbusch des Hutes wehten im +Nachtwind. Der strenge Ritter wollte ein schwärmerisches Herz bezwingen, +darum trat er in so seltnem Staat auf. Vergebliche Mühe, Herr Ritter, +vergebliche Mühe! Das Tor ist verschlossen, und deine Herzensdame schläft. +Eine bessere Gelegenheit mußt du suchen und geeignetere Stunde. Laure ihr +auf, wenn sie zur Frühmette fährt, strenger Herr Ritter, laure ihr auf auf +dem Kirchweg! + + * * * * * + +Die alte Mamsell Friederike schlief ruhig in ihrem geliebten Heim. Niemand +konnte die süße Ruhe besser als sie verdienen. Wie ein Weihnachtsengel war +sie eben in einem Kreise von Kindern gesessen und hatte ihnen von Jesus und +den Hirten erzählt, erzählt, bis ihre Augen strahlten und ihr ganzes +verwelktes Gesicht wie verklärt war. Jetzt auf ihre alten Tage gab es auch +niemanden, der etwas gegen Mamsell Friederikens Aussehen einzuwenden hatte. +Wer die kleine, zarte Gestalt sah, die kleinen, feinen Händchen und das +kluge freundliche Gesicht, wollte im Gegenteil dieses Bild seinem +Gedächtnis einprägen als die wunderschönste Erinnerung. + +In Mamsell Friederikens Zimmer befand sich unter andern Reliquien und +Erinnerungen ein kleiner trockner Strauch. Das war die Jerichorose, die +Mamsell Friederike aus dem fernen Morgenland mitgebracht hatte. Jetzt in +der Weihnachtsnacht begann sie ganz von selbst zu blühen. Die trocknen +Zweige bedeckten sich mit roten Knospen, die wie Feuerfunken schimmerten +und das ganze Zimmer erleuchteten. + +Bei dem Schein dieser Funken sah man, daß eine kleine und zarte, aber recht +alte Dame in einem großen, gelben Fauteuil saß und Salon hielt. Es konnte +nicht Mamsell Friederike selbst sein, denn die lag und schlief in guter +Ruh, und dennoch war sie es. Sie saß da und hielt Empfang für Erinnerungen, +das Zimmer war voll von ihnen. Menschen und Heime und Gegenstände und +Gedanken und Diskussionen kamen geflogen. Kindheitserinnerungen und +Jugenderinnerungen, Liebe und Tränen, Ehrenbezeugungen und bittrer Hohn, +alles kam auf die bleiche Gestalt zugesaust, die dasaß und alle mit einem +gütigen Lächeln ansah. Sie hatte ein scherzendes oder wehmütiges Wort für +sie alle. + +Nachts bekommen alle Dinge ihre rechte Gestalt und Form. Und so wie man +erst da des Himmels Sterne sehen kann, sieht man auch auf Erden vieles, was +man tagsüber niemals sieht. So konnte man auch jetzt im Schein der roten +Knospen der Jerichorose eine Menge wunderlicher Gestalten in Mamsell +Friederikens Salon sehen. Da war die steife »+ma chère mère+«, die +gutmütige Beate, Menschen aus dem Morgen- und aus dem Abendland, die +schwärmerische Nina, die energische kämpfende Herta in ihrem weißen Kleid. + +»Kann mir jemand sagen, warum dieses Geschöpf immer weiß gekleidet sein +muß?« scherzte die kleine Gestalt im Fauteuil, als sie sie erblickte. + +Aber alle Erinnerungen sprachen zu der Alten und sagten: »Sieh, wie viel du +geschaut und erfahren, wie viel du gewirkt und genützt hast! Bist du nicht +müde, willst du nicht zur Ruhe gehen?« + +»Noch nicht,« antwortete der Schatten in dem gelben Fauteuil, »ich habe +noch ein Buch zu schreiben. Ich kann nicht zur Ruhe gehen, ehe es fertig +ist.« + +Damit verschwanden die Schatten. Die Jerichorose erlosch, und der gelbe +Fauteuil stand leer. + + * * * * * + +In der Österhaninger Kirche feierten die Toten Mitternachtsmesse. Einer +von ihnen stieg zu den Glocken hinauf und läutete das Christfest ein, ein +anderer ging umher und entzündete die Weihnachtskerzen, und ein dritter +begann mit knochigen Fingern auf der Orgel zu spielen. Durch die geöffnete +Tür kamen die übrigen aus Nacht und Gräbern in das helle, strahlende Haus +des Herrn gewallt. Gerade so, wie sie hier im Leben gewesen waren, kamen +sie, nur ein bißchen bleicher. Sie öffneten die Banktüren mit rasselnden +Schlüsseln und wisperten und flüsterten, während sie den Gang hinaufgingen. + +»Das sind alle die Lichter, die _sie_ den Armen geschenkt hat, die leuchten +jetzt in Gottes Haus.« + +»Wir liegen warm in unsern Gräbern, solange _sie_ den Armen Kleider und +Holz gibt.« + +»Seht, sie hat so viele kräftige Worte gesprochen, die die Menschenherzen +aufgeschlossen haben, diese Worte sind unsre Bankschlüssel.« + +»Sie hat schöne Gedanken über Gottes Liebe gedacht. Diese Gedanken heben +uns aus unsern Gräbern empor.« + +So wisperten und flüsterten sie, bevor sie sich in die Bänke setzten und +ihre bleichen Stirnen zum Gebet in verwelkte Hände neigten. + + * * * * * + +Aber in Årsta kam jemand in Mamsell Friederikens Zimmer und legte +freundlich die Hand auf den Arm der Schlafenden. + +»Auf, meine Friederike, es ist Zeit, zur Frühmette zu fahren.« + +Die alte Mamsell Friederike schlug die Augen auf und sah Agathe, ihre +geliebte tote Schwester, mit einer Kerze in der Hand am Bette stehen. Sie +erkannte sie wohl, denn sie war ganz unverändert, so wie sie hier auf Erden +gewesen war. Mamsell Friederike erschrak nicht, sie freute sich nur, die +Geliebte zu sehen, an deren Seite sie gerne den langen Schlummer schlafen +wollte. + +Sie stand auf und kleidete sich in aller Eile an. Es war keine Zeit zu +Gesprächen; der Wagen stand vor dem Tor. Die andern mußten schon fort sein; +denn niemand außer Mamsell Friederike und ihrer toten Schwester regte sich +im Hause. + +»Weißt du noch, Friederike,« sagte die Schwester, als sie im Wagen saßen +und rasch zur Kirche fuhren, »weißt du noch, wie du früher immer dasaßest +und wartetest, daß irgendein Ritter dich auf dem Weg zur Kirche entführen +sollte?« + +»Darauf warte ich noch immer,« sagte die alte Mamsell Friederike und +lachte. »Ich fahre diesen Weg nie, ohne nach meinem Ritter auszulugen.« + +Wie sehr sie sich auch beeilt hatten, so kamen sie doch zu spät. Der +Priester stieg von der Kanzel herab, als sie in die Kirche eintraten, und +der Schlußpsalm begann. Nie hatte Mamsell Friederike einen so herrlichen +Gesang gehört. Es war, als ob Himmel und Erde eingestimmt hätten, als hätte +jede Bank und jeder Stein und jede Planke mitgesungen. + +Nie hatte sie die Kirche so überfüllt gesehen: auf dem Altartisch und auf +den Kanzelstufen saßen Menschen, sie standen in den Gängen, sie drängten +sich in den Bänken, und draußen war der Weg voll Leute, die nicht +hereinkommen konnten. Die Schwestern fanden doch Platz, vor ihnen wich die +Menge zurück. + +»Friederike,« sagte ihre Schwester, »sieh die Menschen an.« + +Und Mamsell Friederike sah und sah. + +Da merkte sie, daß sie wie die Frau im Märchen zu der Messe der Toten +gekommen war. Sie fühlte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, +aber es erging ihr jetzt wie oft zuvor, sie fühlte mehr Neugierde als +Angst. + +Und nun sah sie, wer in der Kirche war. Lauter Frauen waren da: graue, +gebeugte Gestalten, mit rundgeschnittnen Kragen und verblaßten Mantillen, +mit Hüten von vergangnem Glanz und gewendeten oder abgestoßnen Röcken. Sie +sah eine ungeheure Menge verrunzelter Gesichter, eingesunkner Lippen, +trüber Brillen und verschrumpfter Hände, doch keine einzige Hand, die zwei +glatte Ringe trug. + +Ja, nun verstand Mamsell Friederike. Das waren alle die entschlafnen alten +Jungfern im Lande Schweden, die in der Österhaninger Kirche +Mitternachtsmesse feierten. + +Da beugte sich ihre tote Schwester zu ihr vor. + +»Schwester, bereust du, was du für diese deine Schwestern getan hast?« + +»Nein,« sagte Mamsell Friederike. »Woran sollte ich mich wohl freuen, wenn +nicht, daß es mir beschert war, für sie zu arbeiten: ich opferte einmal +mein Ansehen als Schriftstellerin für sie. Ich bin froh, daß ich wußte, was +ich opferte, und es dennoch tat.« + +»Dann kannst du bleiben und weiter zuhören,« sagte die Schwester. + +In demselben Augenblick hörte man jemand drüben im Chor sprechen, eine +sanfte, aber deutliche Stimme. + +»Schwestern,« sagte die Stimme, »unser beklagenswertes Geschlecht, unser +unwissendes und verhöhntes Geschlecht, bald wird es nicht mehr sein. Gott +hat gewollt, daß wir von der Erde aussterben. + +Ihr Lieben, wir werden bald nur mehr eine Sage sein. Das Maß der alten +Jungfern ist erfüllt. Der Tod reitet auf dem Kirchweg umher, um die letzte +von uns zu treffen. Vor der nächsten Mitternachtsmesse ist sie tot, die +letzte alte Mamsell. + +Schwestern, Schwestern! Wir waren die Einsamen auf Erden. Die +Zurückgesetzten beim Gastmahl, die danklos Dienenden im Heim. Hohn und +Lieblosigkeit umgab uns. Unsre Wanderung war schwer und unser Name fiel +dem Gespött anheim. + +Aber Gott hat sich erbarmt. + +Einer von uns gab er Kraft und Genie. Einer von uns gab er niemals +versagende Güte. Einer gab er des Wortes herrliche Gabe. Sie wurde alles, +was wir hätten sein sollen. Sie warf Licht über unser dunkles Schicksal. +Sie ward die Dienerin des Heims, wie wir es gewesen, aber tausend Heimen +gab sie ihre Gabe. Sie war die Pflegerin der Kranken, wie wir es gewesen, +aber sie kämpfte gegen die gewaltige Seuche des Vorurteils. Sie erzählte +ihre Märchen tausend Kindern. Sie hatte ihre armen Freunde in allen +Ländern. Sie gab aus vollern Händen als wir und mit wärmerm Gemüt. In ihrem +Herzen war kein Raum für unsre Bitterkeit, denn sie hat fortgeliebt. Ihr +Ruhm war wie der einer Königin. Sie hat den Zoll der Dankbarkeit von +Millionen Herzen eingehoben. Ihre Worte sind in den großen Fragen der +Menschheit schwer ins Gewicht gefallen. Ihr Name ist durch neue und alte +Welten erklungen. Und doch ist sie nur eine alte Mamsell. + +Sie hat unser dunkles Schicksal erklärt. Gesegnet sei ihr Name!« + +Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: »Gesegnet sei ihr Name!« + +»Schwester,« flüsterte Mamsell Friederike, »kannst du ihnen nicht +verbieten, mich armen sündigen Menschen hochmütig zu machen?« + +»Aber Schwestern, Schwestern,« fuhr die Stimme fort, »sie hat sich gegen +unser Geschlecht gewendet mit aller ihrer großen Macht. Auf ihren Ruf nach +Freiheit und Arbeit sind die alten, verhöhnten Gnadenbrotempfängerinnen +ausgestorben. Sie hat die Schranken der Tyrannei um die Kinder +niedergebrochen. Sie hat die jungen Mädchen in die volle Tätigkeit des +Lebens versetzt. Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der +Freudlosigkeit ein Ende gemacht. Keine unglücklichen, verachteten alten +Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt wird es mehr geben, keine solchen, +wie wir gewesen sind.« + +Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie ein Jagdlied im Walde, +wie der Ruf einer frohen Kinderschar: »Gesegnet sei ihr Angedenken!« + +Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell Friederike trocknete +sich eine Träne aus dem Augenwinkel. + +»Ich gehe nicht mit heim,« sagte ihre tote Schwester. »Willst du nicht auch +gleich hierbleiben?« + +»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein Buch, das ich zuerst +fertig haben muß.« + +»Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem Ritter auf dem Kirchweg in +acht,« sagte ihre tote Schwester und lächelte schelmisch nach alter +Gewohnheit. + +Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz Årsta schlief noch, und sie ging +still in ihr Zimmer, legte sich nieder und schlummerte noch einmal ein. + + * * * * * + +Einige Stunden später fuhr sie zur wirklichen Frühmette. Sie fuhr im +gedeckten Wagen, aber sie ließ das Fenster herab, um die Sterne sehen zu +können. Möglich ist es wohl auch, daß sie wie einst nach ihrem Ritter +aussah. + +Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster heran. Prächtig saß er auf +seinem sich bäumenden Roß. Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein +bleiches Antlitz war streng, aber schön. + +»Willst du mein werden,« flüsterte er. + +Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der hohen Gestalt mit der +wehenden Feder. Sie vergaß, daß sie noch ein Jahr leben mußte. + +»Ich bin bereit,« flüsterte sie. + +»Dann komme ich in einer Woche und hole dich von deines Vaters Hof.« + +Er beugte sich herab und küßte sie, und damit verschwand er; aber sie +begann zu frieren und zu zittern unter dem Kuß des Todes. + +Ein kleines Weilchen später saß Mamsell Friederike in der Kirche, auf +demselben Platze, auf dem sie als Kind gesessen. Hier vergaß sie Ritter und +Gespenster und saß lächelnd in stiller Verzücktheit in dem Gedanken an die +Offenbarung von Gottes Herrlichkeit. + +Aber, ob sie nun müde war, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte, +oder ob die Wärme und der Kerzenrauch eine einschläfernde Wirkung auf sie +ausübten, wie auf so viele andre -- genug, sie schlummerte ein, nur einen +Augenblick, sie konnte es nicht hindern. + +Vielleicht war es auch so, daß Gott ihr die Pforte in das Land der Träume +öffnen wollte. + +In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, sah sie nun ihren +strengen Vater, ihre schöne elegante Mutter und die häßliche kleine Petrea +in der Kirche sitzen. Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst +zusammengepreßt, größer als ein Erwachsener sie je erfahren. Auf der Kanzel +stand der Priester und sprach von dem strengen, strafenden Gott, und das +Kind saß bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe wären und +durch sein Herz gingen. + +»O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!« + +In der nächsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte und schauerte so +wie unter dem Kuß des Todes auf dem Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von +der wilden Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen. + +Sie hatte es mit einemmal so eilig, daß sie sogleich aus der Kirche hasten +wollte. Sie mußte heim und ihr Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem +Gott des Friedens und der Liebe. + + * * * * * + +Nichts weiter, was jetzt erwähnenswert scheinen kann, widerfuhr Mamsell +Friederike vor der Neujahrsnacht. Leben und Tod, so wie Tag und Nacht, +herrschten in der letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht über die +Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod das Zepter und +verkündete, daß die alte Mamsell Friederike nun ihm angehören solle. + +Hätte man dies nur gewußt, so hätte wohl alles Volk von Schweden ein +gemeinsames Gebet an Gott gerichtet, seinen reinsten Geist, sein wärmstes +Herz behalten zu dürfen. Da hätte man in Angst und Sorgen in so manchem +Heim in fernen Ländern gewacht, wo sie liebende Herzen zurückließ. Dann +hätten die Armen, die Kranken und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um +der ihrigen zu gedenken, und dann hätten alle Kinder, die unter den +Segnungen ihres Wirkens herangewachsen waren, die Hände gefaltet und um +noch ein Jahr für ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem +Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlußstein kröne. + +Denn der Tod kam zu früh für Mamsell Friederike. + +Sturm war draußen in der Neujahrsnacht, Sturm in ihrem Innern. Sie fühlte +alle Qualen des Lebens und des Todes in ihrem Innern ringen. + +»Angst!« seufzte sie, »Angst!« + +Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie flüsterte leise: »Christi +Liebe -- beste Liebe -- Gottesfriede -- das ewige Licht!« + +Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche hätte schreiben wollen, und +vielleicht vieles andre ebenso Schöne und Herrliche. Wer weiß? Nur eines +wissen wir, daß Bücher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das +ihre vergißt man nie. + +Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie versank in Visionen. + +Ihr Körper kämpfte mit dem Tode, aber sie wußte es nicht. Ihre Nächsten +saßen weinend um das Totenbett, aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte +seinen Flug angetreten. + +Nun wurde der Traum für sie Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. Nun +stand sie, wie sie sich schon in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend +am Himmelstor mit unzähligen Scharen von Toten rings um sich. Und der +Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der Seligkeitbringende, stand in dem +geöffneten Tor. Und seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern +und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und ihre Sehnsucht trug +alle diese und sie, und sie schwebten wie auf Flügeln empor, empor. + +Am nächsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden, Trauer in weiten +Teilen der Erde. + +_Friederike Bremer war tot._ + + + + +Der Roman einer Fischersfrau + + +Am äußersten Ende des kleinen Fischerdorfes stand ein kleines Hüttchen auf +einem niedrigen Hügel aus weißem Meersand. Es war nicht so gebaut, daß es +in einer Reihe mit den gleichmäßigen, schmucken, regelrechten Häusern +stehen konnte, die den breiten grünen Platz umgaben, wo die braunen +Fischernetze trockneten, sondern es schien gleichsam aus der Reihe +geschoben und auf den Sandhügel hingestellt zu sein. Die arme Witwe, die es +gebaut hatte, war ihr eigner Baumeister gewesen, und sie hatte die Wände +ihres Hüttchens niedriger gemacht als die aller andern Hütten und sein +steiles Strohdach höher als irgendein andres Dach im Fischerdorf. Der +Fußboden senkte sich tief in die Erde, das Fenster war weder hoch noch +groß, aber reichte dennoch vom Dachsims bis zum Erdboden. Für den Herd und +den Gänsestall war schließlich in dem einzigen engen Raume kein Platz +geblieben, sondern dafür hatte man kleine viereckige Vorsprünge anmauern +müssen. Diese Hütte hatte nicht wie andre Häuschen ihr Gärtchen mit +Stachelbeerbüschen, von Winden umschlungen, ihre halb von Kletten +erstickten Holundersträucher. Von der ganzen Pflanzenwelt des Fischerdorfes +waren nur die Kletten mit auf den Sandhaufen gekommen. Im Sommer, wenn sie +frische, dunkelgrüne Blätter hatten und die stacheligen Körbchen sich mit +hochroten Blumen füllten, waren sie schmuck genug. Aber gegen Herbst, wenn +die Stacheln hart geworden und die Samen gereift waren, dann +vernachlässigten sie ihr Aussehen und standen furchtbar häßlich und trocken +da, die zerfetzten Blätter in ein Trauerkleid von staubigen Spinngeweben +gehüllt. + +Die Hütte hatte nur zwei Besitzer, denn länger als zwei Generationen +vermochte sie es nicht, mit ihren Wänden aus Rohr und Lehm das schwere Dach +zu tragen. Doch solange sie stand, war sie im Besitze von armen Witwen. Die +zweite Witwe, die da wohnte, hatte ihre Freude daran, die Kletten zu +betrachten, namentlich im Herbst, wenn sie trocken wurden und sich überall +anhängten. Sie erinnerten sie dann an sie, die die Hütte erbaut hatte. Sie +war auch runzelig und trocken gewesen und hatte die Gabe gehabt, sich +anzuklammern und hängen zu bleiben, und alle ihre Kraft hatte sie für das +Kind verwendet, das es in der Welt weit bringen sollte. Sie, die nun allein +dasaß, mußte bei diesem Gedanken bald lachen, bald weinen. Wenn die Alte +nicht diese Klettennatur gehabt hätte, wie anders wäre dann nicht alles +gekommen. Aber wer weiß, ob es besser gekommen wäre. + +Die einsame Frau saß oft da und grübelte über das Schicksal nach, das sie +an die flache Küste Schoonens geführt hatte, zu diesem schmalen Sund und +diesen stillen Menschen. Denn sie war in einer norwegischen Seestadt +geboren, die auf einem schmalen Uferstreifen zwischen steilen Felsen und +dem offnen Meere lag, und wenn sie auch, seit ihr Vater, der Kaufmann, +gestorben und sie in Armut zurückgelassen, in bescheidnen Verhältnissen +gelebt hatte, so war sie doch an Leben und Fortschritt gewöhnt. Sie pflegte +sich selbst ihre Geschichte wieder und wieder vorzuerzählen, so wie man ein +schwer verständliches Buch oft liest, um seinen Sinn zu ergründen. + +Das Merkwürdige, was sie erlebt hatte, hatte damit begonnen, daß sie eines +Abends auf dem Heimwege von der Schneiderin, bei der sie arbeitete, von +zwei Seeleuten überfallen und von einem dritten gerettet worden war. Dieser +kämpfte mit wirklicher Lebensgefahr für sie und brachte sie dann nach +Hause. Sie führte ihn zu der Mutter und den Geschwistern und erzählte ihnen +begeistert, was er getan habe. Es war, als hätte das Leben neuen Wert für +sie, weil ein andrer so viel gewagt hatte, um es zu verteidigen. Er war von +ihren Angehörigen sogleich freundlich aufgenommen und gebeten worden, so +bald und so oft er konnte, wiederzukommen. + +Sein Name war Börje Nilsson, und er war Matrose auf der schoonischen Jacht +Albertina. Solange das Schiff im Hafen lag, kam er beinahe jeden Tag zu +ihnen, und sie konnten es bald nicht mehr glauben, daß er nur ein simpler +Matrose sein sollte. Er glänzte immer in reinem Umlegekragen und trug einen +blauen Marineanzug aus feinem Tuch. Frisch und freimütig war er gegen sie, +als wäre er es gewohnt, sich in derselben Gesellschaftsklasse wie sie zu +bewegen. Ohne daß er es gerade heraussagte, erhielten sie den Eindruck, daß +er aus einem angesehenen Hause war, der einzige Sohn einer reichen Witwe, +den seine unbezwingliche Lust zum Seemannsberufe dazu gebracht hatte, sich +als einfachen Matrosen zu verdingen, um seine Mutter zu überzeugen, daß er +es ernst meinte. Wenn er seine Prüfungen gemacht hatte, würde sie ihm wohl +ein eignes Schiff kaufen. + +Die einsame Familie, die sich von allen frühern Freunden zurückgezogen +hatte, empfing ihn ohne das leiseste Mißtrauen. Und er beschrieb leichten +Herzens und mit fließender Beredsamkeit sein Heim mit dem hohen, spitzen +Dach, dem offnen Kamin im Eßsaal und den kleinen Fensterscheiben. Er +schilderte auch die stillen Straßen seiner Vaterstadt und die langen Reihen +gleichmäßiger hoher Häuser, in denen sein Heim mit den unregelmäßigen +Vorsprüngen und Erkern eine angenehme Unterbrechung bildete. Und seine +Zuhörer glaubten, daß er aus einem jener alten Bürgerhäuser komme, die mit +ihrem bildergeschmückten Giebel und dem vorragenden Obergeschoß einen so +mächtigen Eindruck von Reichtum und ehrwürdigem Alter machen. + +Sehr bald hatte sie es heraus, daß er ihr gut war. Und dies machte der +Mutter und den Geschwistern große Freude. Der junge, reiche Schwede kam +gleichsam, um sie alle aus der Armut emporzuheben. Selbst wenn er ihr nicht +so gut gefallen hätte, als er es tat, hätte es gar nicht in Frage kommen +können, seine Werbung abzuweisen. Hätte sie einen Vater oder einen +erwachsenen Bruder gehabt, so würden diese sich wohl genauer nach Herkunft +und Lebensstellung des Fremdlings erkundigt haben, doch weder sie noch die +Mutter dachten daran, ernstliche Nachforschungen anzustellen. Später +erkannte sie, daß sie ihn förmlich zum Lügen gezwungen hatten. Anfangs +hatte er sie selbst dazu gebracht, sich so große Vorstellungen von seinem +Reichtum zu machen, ohne alle böse Absicht, aber als er später merkte, wie +froh sie darüber waren, da hatte er es nicht mehr gewagt, die Wahrheit zu +sprechen, aus Furcht, sie zu verlieren. + +Bevor er abreiste, waren sie verlobt, und als die Jacht zurückkam, hielten +sie Hochzeit. Es war eine Enttäuschung für sie, daß er auch bei seiner +Rückkehr als Matrose auftrat, aber er war durch seinen Kontrakt gebunden. +Er brachte auch keine Grüße von seiner Mutter mit. Diese hätte erwartet, +daß er eine andre Wahl treffe, aber sie würde schon zufrieden sein, sagte +er, wenn sie nur Astrid erst sähe. -- Trotz aller seiner Lügen wäre es doch +ein leichtes gewesen, zu sehen, daß er ein armer Mann war, wenn sie nur die +Augen hätten aufmachen wollen. + +Der Schiffer erbot sich, ihr seine Kajüte zu überlassen, wenn sie die +Überfahrt auf seiner Jacht machen wollte, und sie nahm das Anerbieten mit +Freuden an. Börje wurde da fast ganz von seinem Dienst befreit und saß +meistens mit seiner Frau plaudernd auf dem Achterdeck. Und jetzt schenkte +er ihr das Glück der Einbildung, von dem er selbst sein ganzes Leben lang +gezehrt hatte. Je mehr er an das kleine Hüttchen dachte, das zur Hälfte im +Sandhügel begraben lag, desto höher erbaute er den Palast, den er ihr gerne +geboten hätte. Er ließ sie im Geiste in einen Hafen gleiten, der zu Ehren +der Braut Börje Nilssons mit Flaggen und Blumen geschmückt war. Er ließ sie +die Begrüßungsrede des Bürgermeisters hören. Er ließ sie durch eine +Triumphpforte fahren, während die Augen der Männer ihr folgten und die +Frauen vor Neid erblaßten. Und er führte sie in das stattliche Haus, wo +silberlockige, sich verneigende Diener an dem breiten Treppengeländer +aufgereiht standen, und der zur festlichen Mahlzeit gedeckte Tisch sich +unter dem alten Familiensilber bog. + +Als sie die Wahrheit entdeckte, glaubte sie zuerst, daß der Schiffer im +Bunde mit Börje gewesen war, um sie zu betrügen, aber dann erkannte sie, +daß es sich nicht so verhalten habe. Sie hatten sich dort auf der Jacht +daran gewöhnt, von Börje wie von einem großen Herrn zu reden. Das war an +Bord der Hauptspaß, so recht im vollsten Ernst von seinen Reichtümern und +seiner vornehmen Familie zu sprechen. Sie dachten, Börje hätte ihr die +Wahrheit gesagt, und sie scherzte mit ihm wie sie alle, wenn sie von seinem +großen Hause sprach. So war es möglich, daß sie, noch als die Jacht in dem +Hafen Anker warf, der neben Börjes Heimatsdorf lag, es nicht anders wußte, +als daß sie eines reichen Mannes Gattin war. + +Börje bekam für einen Tag Urlaub, um seine Frau in ihr künftiges Heim +einzuführen und sie mit dem neuen Leben bekannt zu machen. Als sie nun an +dem Kai landeten, wo Flaggen wehen und Menschenscharen den Neuvermählten +entgegenjubeln sollten, herrschte da nur Leere und Alltagsruhe, und Börje +merkte, daß seine Frau sich mit einer gewissen Enttäuschung umsah. + +»Wir sind zu früh gekommen,« hatte er da gesagt. »Die Fahrt ist bei diesem +schönen Wetter merkwürdig rasch gegangen. Jetzt haben wir auch keinen Wagen +da, und wir haben einen weiten Weg, denn das Haus liegt außerhalb der +Stadt.« + +»Das tut nichts, Börje,« hatte sie geantwortet, »das Gehen wird uns gut +tun, nachdem wir so lange an Bord still gesessen sind.« + +Und so traten sie ihre Wanderung an, diese schreckensvolle Wanderung, an +die sie noch in ihren alten Tagen nicht denken konnte, ohne vor Angst zu +stöhnen und schmerzlich die Hände zu ringen. Sie gingen über weite, +menschenleere Straßen, die sie sogleich nach seiner Beschreibung erkannte. +Sie glaubte in der dunklen Kirche und in den gleichmäßigen Holzhäusern alte +Freunde zu begrüßen, doch wo blinkten die bildergeschmückten Giebel und die +Marmortreppe mit dem breiten Geländer? + +Da hatte Börje ihr zugenickt, so, als erriete er ihre Gedanken. »Es ist +noch weit hin,« hatte er gesagt. + +Wäre er doch barmherzig gewesen. Hätte er doch ihrer Hoffnung auf einmal +den Todesstoß gegeben. Sie hatte ihn damals so lieb. Wenn er ganz aus +freien Stücken alles gesagt hätte, so wäre in ihrer Seele kein Groll gegen +ihn aufgekeimt. Aber daß er ihre Angst, betrogen zu werden, sah, und +dennoch fortfuhr, sie zu täuschen, das hatte ihr allzu bittern Schmerz +bereitet. Das hatte sie ihm nie ganz verzeihen können. + +Sie konnte sich freilich sagen, daß er sie so weit als möglich führen +wollte, damit sie ihm nicht entfliehen konnte, aber sein Betrug rief eine +solche Todeskälte in ihr hervor, daß keine Liebe sie ganz aufzutauen +vermochte. + +Sie gingen durch die Stadt und kamen auf die angrenzende Ebene. Da zeigten +sich mehrere Reihen dunkler Wallgräben und hoher, grüner Erdwälle, +Überreste aus jener Zeit, wo die Stadt befestigt gewesen war, und auf dem +Punkt, wo alles das sich zu einer Festung zusammenschloß, sah sie ein paar +altertümliche Bauten und große, runde Türme. Sie warf einen scheuen Blick +hin, doch Börje bog zu den Wällen ein, die am Meeresufer entlang führten. + +»Das ist ein Abkürzungsweg,« sagte er, denn sie schien sich zu wundern, daß +hier nur ein schmaler Pfad war. + +Er war sehr einsilbig geworden. Sie begriff dann, daß er es nicht so +ergötzlich fand, als er es sich gedacht hatte, mit seiner Frau zu der +armseligen, kleinen Hütte im Fischerdorf zu kommen. Es schien ihm jetzt +nicht so herrlich, eines bessern Mannes Kind heimzuführen. Er hatte große +Angst vor dem, was sie tun würde, wenn sie die Wahrheit erfuhr. + +»Börje,« sagte sie endlich, als sie lange den scharfen Winkeln der +Strandwälle gefolgt waren, »wohin gehen wir?« + +Da erhob er die Hand und deutete auf das Fischerdorf, wo seine Mutter in +dem Hüttchen auf dem Sandhügel wohnte. Sie aber glaubte, er wiese auf eines +der schönen Landgüter, die am Rande der Ebene auftauchten, und wurde wieder +heiterer. + +Sie stiegen zu den öden Gemeindeweiden hinab, und da überfiel sie wieder +die alte Angst. Da, wo jedes Erdhügelchen, wenn man es nur sehen kann, +Schönheit und Abwechselung bietet, sah sie nur ein häßliches, sumpfiges +Feld. Und der Wind, der draußen in steter Bewegung war, fuhr ihnen pfeifend +entgegen und flüsterte von Unglück und Verrat. + +Börje beschleunigte seine Schritte immer mehr und schließlich erreichten +sie das Ende der Weiden, und waren bei dem Fischerdörfchen angelangt. Sie, +die es zuletzt gar nicht mehr gewagt hatte, sich irgend welche Fragen zu +stellen, faßte wieder neuen Mut. Hier war abermals eine einförmige +Häuserreihe, und diese erkannte sie noch besser als die in der Stadt. +Vielleicht, vielleicht hatte er doch nicht gelogen. + +Aber so herabgestimmt waren ihre Erwartungen, daß sie seelenvergnügt +gewesen wäre, wenn sie bei einer der schmucken Wohnstätten hätte haltmachen +können, wo Blumen und weiße Gardinen hinter blanken Fensterscheiben +blinkten. Es war ihr schmerzlich, an ihnen vorbeigehen zu müssen. + +Da erblickte sie mit einem Male am äußersten Ende des Fischerdorfes eine +elende Hütte, und es war ihr, als hätte sie sie schon längst mit den Augen +der Seele gesehen, ehe sie sie in Wirklichkeit bemerkte. + +»Ist es hier?« sagte sie und blieb gerade am Fuße des kleinen Sandhügels +stehen. + +Er nickte fast unmerklich mit dem Kopf und fuhr fort, auf die kleine Hütte +zuzugehen. + +»Warte,« rief sie ihm nach. »Wir müssen zuerst miteinander sprechen, bevor +ich dein Heim betrete. Du hast mich belogen,« fuhr sie drohend fort, als er +sich ihr zuwendete. »Du hast mich ärger betrogen, als wenn du mein größter +Feind wärest. Warum hast du das getan?« + +»Ich wollte dich zur Frau,« antwortete er mit leiser, unsichrer Stimme. + +»Wenn du mich doch nur mit Maß zum besten gehalten hättest! Warum mußtest +du alles so reich und so prächtig schildern? Was wolltest du mit Bedienten +und Triumphpforten und all der andern Herrlichkeit? Glaubtest du, ich sei +so erpicht auf Geld? Sahst du nicht, daß ich ohnehin verliebt genug in dich +war, um überallhin mit dir zu gehen? Daß du glaubtest, mich hinters Licht +führen zu müssen! Daß du das Herz haben konntest, bis zuletzt bei deinen +Lügen zu beharren!« + +»Willst du nicht hereinkommen und Mutter begrüßen,« fragte er ganz hilflos. + +»Nein, ich gehe nicht hinein.« + +»Willst du also nach Hause fahren?« + +»Wie könnte ich nach Hause kommen? Wie sollte ich ihnen den Schmerz +bereiten, zurückzukehren, wenn sie mich für glücklich und reich halten? +Aber bei dir bleibe ich auch nicht. Für den, der arbeiten kann, findet sich +immer ein Auskommen.« + +»Bleib,« bat er, »ich tat es nur, um dich zu gewinnen.« + +»Wenn du mir die Wahrheit gesagt hättest, so wäre ich geblieben.« + +»Wäre ich ein reicher Mann gewesen und hätte mich für arm ausgegeben, so +bliebest du schon.« + +Sie zuckte die Achseln und wendete sich zum Gehen, als die Tür der Hütte +aufgerissen wurde und Börjes Mutter herauskam. Sie war ein kleines +vertrocknetes altes Weiblein mit wenig Zähnen und viel Runzeln, aber nicht +so alt an Jahren und Gemüt wie dem Aussehen nach. + +Sie hatte wohl einiges gehört und das übrige erraten, denn sie wußte, +worüber sie zankten. »So,« sagte sie, »dies ist die feine Schwiegertochter, +die du mir gebracht hast, Börje. Und du hast es wieder nicht mit der +Wahrheit gehalten, wie ich höre.« Aber auf Astrid ging sie freundlich zu +und streichelte ihr die Wangen. »Komm du mit mir herein, du armes Kind. Ich +kann mir denken, daß du müde und erschöpft bist. Siehst du, dies ist meine +Hütte. Er darf nicht herein. Aber komm du nur. Jetzt bist du meine +Tochter, und ich kann dich doch nicht zu fremden Leuten gehen lassen.« + +Sie streichelte die Schwiegertochter und gab ihr Koseworte und schob und +zog sie ganz unmerklich zur Tür hin. Schritt für Schritt lockte sie sie +weiter und bekam sie schließlich in die Hütte, aber Börje schloß sie +wirklich aus. Und drinnen begann nun die Alte zu fragen, wer sie sei und +wie alles zugegangen wäre. Und sie weinte über sie, und brachte sie dazu, +auch über sich selbst zu weinen. Furchtbar streng war die Alte gegen ihren +Sohn. Sie, Astrid, täte ganz recht, nein, bei einem solchen Manne könnte +sie nicht bleiben. Es wäre richtig, daß er zu lügen pflegte, ja, ganz gewiß +wäre es richtig. + +Sie erzählte ihr, wie es ihr mit dem Sohne ergangen war. Er war schon als +kleines Kind so schön von Gesicht und Gestalt gewesen, daß sie sich immer +darüber wundern mußte, daß er armer Leute Kind war. Er war wie ein kleiner +verirrter Prinz gewesen. Und später hatte es immer so ausgesehen, als wenn +er nicht auf seinem richtigen Platze wäre. Er sah alles so groß. Er konnte +nicht den richtigen Maßstab finden, wenn es sich um ihn selbst handelte. +Seine Mutter hatte deswegen schon viele Tränen vergossen. Aber nie zuvor +hatte er mit seinen Lügen etwas Böses angestellt. Hier, wo er bekannt war, +lachten ihn die Leute nur aus. -- Aber jetzt war er wohl so sehr in +Versuchung geführt worden ... Schien es ihr, Astrid, nicht selbst +wunderlich, wie sie dieser Fischerjunge hatte hinters Licht führen können? +Er hatte immer soviel von feinen Dingen gewußt, als wenn es ihm angeboren +wäre. Er war wohl ganz verkehrt in die Welt gekommen. Das sah man ja auch +daran, daß er nie daran gedacht hatte, sich eine Frau aus seinem eignen +Stande zu wählen. + +Die Alte redete und redete. Astrid schwieg und dachte. »Sieh,« sagte die +Alte unter anderm, »mir kann es nie gelingen, ihm den Hochmut und die +Prahlsucht abzugewöhnen, aber eine, die klüger wäre als ich, könnte es +vielleicht. Und er ist tüchtig und gut, mein Junge. Es lohnte wohl der +Mühe. Aber du kannst morgen gehen. Ja, du sollst gehen.« + +»Wo schläft er heute nacht?« fragte Astrid plötzlich. + +»Ich denke, er liegt hier draußen im Sande. Er hat wohl nicht die Ruhe, von +hier fortzugehen.« + +»Es wäre wohl am besten, wenn er hereinkäme,« sagte Astrid. + +»Liebstes Kind, du kannst ihn doch nicht sehen wollen. Er wird sich draußen +schon behelfen, wenn ich ihm eine Decke gebe.« + +Sie ließ ihn wirklich diese Nacht draußen im Sande schlafen und schickte +ihn am nächsten Tage in aller Frühe in die Stadt, da sie es für das beste +hielt, wenn Astrid ihn nicht sah. Und mit ihr redete und redete sie und +hielt sie fest, nicht mit Zwang, sondern mit Klugheit, nicht mit +Schmeichelei, sondern mit wirklicher Güte. + +Doch als sie es endlich erreicht hatte, daß die Schwiegertochter blieb und +dem Sohne erhalten war, und als sie die jungen Leute versöhnt und Astrid +gelehrt hatte, daß es gerade ihre Aufgabe im Leben war, Börje Nilssons Frau +zu sein und ihm soviel Gutes zu tun als sie konnte -- und dies war nicht +die Arbeit einer Abendstunde, sondern die Mühe vieler Tage gewesen -- da +hatte sich die Alte zum Sterben hingelegt. + +Und in diesem Leben mit seiner treuen Fürsorge lag ein Sinn, dachte Börje +Nilssons Frau. + +Aber in ihrem eignen Leben sah sie keinen Zweck. Der Mann ertrank nach +einigen Jahren der Ehe, und ihr einziges Kind starb ganz jung. Sie hatte +bei ihrem Mann keine Veränderung herbeiführen können. Ernst und +Wahrhaftigkeit hatte sie ihn nicht zu lehren vermocht. Eher hatte sie sich +verändert, denn sie war immer mehr wie die Fischersleute geworden. Sie +wollte keinen der Ihren sehen, denn sie schämte sich, daß sie jetzt in +allen Stücken einer Fischersfrau glich. Wenn nur alles dies irgend etwas +genützt hätte! Wenn sie, die ihren Lebensunterhalt durch das Ausbessern der +Fischernetze bestritt, nur wüßte, warum sie überhaupt lebte! Wenn sie doch +jemanden glücklich oder besser gemacht hätte! + +Nie kam es ihr in den Sinn, zu denken, daß, wer sein Leben für verfehlt +hält, weil er andern nichts Gutes getan habe, vielleicht durch diesen +Gedanken der Demut seine Seele gerettet hat. + + + + +Mutters Bild + + +In einem der hundert Häuschen des Fischerdorfes, die einander alle in Größe +und Form gleichen, die alle gleich viele Fenster und gleich hohe +Schornsteine haben, wohnte der alte Mattßon, der Lotse. + +In allen Stuben des Fischerdorfes findet man denselben Hausrat, auf allen +Fensterbrettern stehen dieselben Blumen, in allen Eckschränken prangen +dieselben Arten Muscheln und Korallen, an allen Wänden hängen die gleichen +Bilder. Und so wie die alte Sitte es festgestellt hat, leben alle Menschen +des Fischerdorfes dasselbe Leben. Seit Mattßon, der Lotse, alt geworden +war, richtete er sich ganz genau nach Brauch und Sitte: sein Haus, seine +Stuben und sein Wandel glichen denen aller andern. + +An der Wand über seinem Bette hatte der alte Mattßon ein Bild seiner +Mutter. Eines Nachts träumte er, daß dieses Bild aus seinem Rahmen +herabstieg, sich vor ihn hinstellte und ihm mit lauter Stimme sagte: »Du +mußt heiraten, Mattßon.« + +Der alte Mattßon begann sogleich Mutters Bild auseinanderzusetzen, daß dies +unmöglich sei. Er war ja siebzig Jahre. -- Aber Mutters Bild wiederholte +nur mit noch größerm Nachdruck: »Du mußt heiraten, Mattßon.« + +Der alte Mattßon hatte großen Respekt vor Mutters Bild. Es war in so +manchen strittigen Fällen sein Ratgeber gewesen, und es hatte ihm immer +Glück gebracht, wenn er ihm gefolgt war. Aber dieses Mal verstand er sein +Vorgehen nicht recht. Es schien ihm, als befinde sich das Bild ganz im +Widerspruch mit früher geäußerten Ansichten. Obgleich er dalag und träumte, +erinnerte er sich klar und deutlich, wie es das erstemal gewesen war, als +er heiraten wollte. Gerade als er sich zur Hochzeit ankleidete, lockerte +sich der Nagel, an dem das Bild hing und fiel zu Boden. Da sah er, daß das +Bild ihn vor der Heirat warnen wollte, doch er gehorchte nicht. Es zeigte +sich aber später, daß das Bild recht gehabt hatte. Seine kurze Ehe war sehr +unglücklich geworden. + +Als er sich das zweitemal zur Hochzeit ankleidete, ging es ebenso zu. Das +Bild stürzte wieder zu Boden, und diesmal wagte er nicht, ihm ungehorsam zu +sein. Er ließ Braut und Hochzeit im Stiche, verdingte sich als Matrose und +fuhr mehrmals um die Erde, ehe er sich wieder nach Hause wagte. -- Und +jetzt stieg das Bild von der Wand herab und befahl ihm zu heiraten. Wie gut +und gehorsam er auch war, konnte er doch nicht umhin, zu denken, daß es nur +seinen Scherz mit ihm treibe. + +Aber Mutters Bild, das das barscheste Gesicht wiedergab, wie es nur scharfe +Winde und salziger Meeresschaum ausmeißeln konnten, blieb ernst wie zuvor. +Und mit einer Stimme, die das langjährige Ausbieten der Fische auf dem +Markte der Stadt geübt und gestärkt hatte, wiederholte sie: »Du mußt +heiraten.« + +Da bat der alte Mattßon Mutters Bild, doch ein Einsehen zu haben und zu +bedenken, in welcher Gemeinde sie lebten. + +Alle hundert Häuser des Fischerdorfes hatten spitzige Dächer und +weißgetünchte Wände, alle Boote des Fischerdorfes hatten denselben Bau und +das gleiche Takelwerk. Niemand pflegte hier irgend etwas Ungewöhnliches zu +tun. Mutter selbst wäre die erste gewesen, die sich einer solchen Heirat +widersetzt hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Mutter hatte streng +auf Ordnung und Sitte gehalten. Und es war doch nicht Ordnung und Sitte in +dem Fischerdorf, daß siebzigjährige Greise Hochzeit hielten. + +Da streckte Mutters Bild die ringgeschmückte Hand aus und befahl ihm +geradezu zu gehorchen. Mutter hatte immer etwas unbegreiflich +Ehrfurchtgebietendes an sich gehabt, wenn sie so im schwarzen Taffetkleide +mit den vielen Volants gekommen war. Die große glänzende Goldbrosche, die +schwere rasselnde Goldkette hatten ihn immer eingeschüchtert. Wäre sie in +ihren Marktkleidern gekommen, mit dem buntkarierten Kopftuch und mit der +Wachstuchschürze voll Fischschuppen und Fischaugen, dann hätte er nicht +ganz so großen Respekt vor ihr gehabt. Aber jetzt war das Ende vom Liede, +daß er versprach, zu heiraten. Und dann schlüpfte Mutters Bild wieder in +seinen Rahmen. + +Am nächsten Morgen erwachte der alte Mattßon in großer Angst. Es fiel ihm +gar nicht ein, gegen Mutters Bild ungehorsam zu sein, es wußte natürlich, +was für ihn am besten war. Aber es graute ihm doch vor der Zeit, die jetzt +kommen mußte. + +An demselben Tage hielt er um die häßlichste Tochter des ärmsten Fischers +an, ein kleines Ding mit dem Kopf zwischen den Schultern und mit +vorstehendem Unterkiefer. Die Eltern sagten ja, und der Tag, an dem man zur +Stadt fahren sollte, um sich aufbieten zu lassen, wurde festgesetzt. + +Über windige Strandwiesen und morastige Gemeindeweiden führt der Weg vom +Fischerdorf in die Stadt. Eine Viertelmeile ist er lang, und man behauptet, +daß die Einwohner des Fischerdorfes so reich sind, daß sie ihn mit blankem +Silbergelde pflastern könnten. Das würde dem Weg einen eigentümlichen Reiz +verleihen. Glitzernd wie ein Fischbauch würde er sich mit seinen weißen +Schuppen zwischen Riedgrashügeln und Strandpfützen dahinschlängeln. +Tausendschönchen und Mandelblumen, die diesen von den Menschen verlassenen +Boden schmücken, würden sich in den blanken Silbermünzen spiegeln, die +Disteln würden schützend ihre Stacheln darüber ausstrecken, und der Wind +würde einen klingenden Resonanzboden finden, wenn er durch das Schilf der +Strandweiden spielte und in den Telephondrähten sang. + +Dem alten Mattßon wäre es vielleicht ein gewisser Trost gewesen, wenn er +seine schweren Seestiefel auf klingendes Silber hätte setzen können, denn +eines ist gewiß, jetzt kam eine Zeit, in der er diesen Weg öfter machen +mußte, als er wünschte. + +Seine Papiere waren nicht in Ordnung gewesen. Aus dem Aufgebot hatte nichts +werden können. Dies kam daher, daß er das vorige Mal seiner Braut +durchgegangen war. Es dauerte lange, bis der Pfarrer an das Konsistorium +über seine Sache schrieb und ihm die Erlaubnis erwirken konnte, eine neue +Ehe zu schließen. + +Solange die Wartezeit dauerte, kam der alte Mattßon an jedem +Expeditionstage in die Stadt. Im Pfarrhause setzte er sich unten zur Tür +hin und wartete dort stumm, bis alle ausgesprochen hatten. Dann stand er +auf und fragte, ob der Pfarrer etwas für ihn habe. Nein, er hatte nichts. + +Der Pfarrer wunderte sich, welche Macht die alles bezwingende Liebe über +diesen alten Mann erlangt hatte. Da saß er in seiner dicken gestrickten +Wolljacke, den hohen Seestiefeln und dem windverwehten Südwester, mit einem +scharfen, klugen Gesicht und langen grauen Haaren, und wartete auf die +Erlaubnis, zu heiraten. Dem Pfarrer schien es eigentümlich, daß dieser alte +Fischer von einer so heißen Sehnsucht erfüllt war. + +»Sie haben es recht eilig mit dieser Heirat, Mattßon,« sagte der Pfarrer. + +»Ach ja, es ist am besten, wenn es bald geschieht.« + +»Könnten Sie nicht eigentlich ebensogut von der ganzen Sache abstehen, +Mattßon? Sie gehören ja nicht mehr zu den Jüngsten.« + +Der Pfarrer sollte sich nicht allzusehr wundern. Mattßon wußte ja selbst, +daß er zu alt war, aber er war gezwungen, zu heiraten. Da gab es keine +Hilfe. + +Und so kam er ein halbes Jahr lang Woche für Woche wieder, bis endlich die +Erlaubnis eintraf. + +Während dieser ganzen Zeit war der alte Mattßon ein gehetzter Mann. Rings +um den grünen Trockenplatz, wo die braunen Fischnetze hingen, längs der +zementierten Mauer um den Hafen, an den Fischerbuden auf dem Markte, wo +Dorsche und Krabben verkauft wurden, und weit draußen auf dem Sunde, wo man +den Heringszug verfolgte, brauste ein Sturm des Staunens und Spottes. + +Wie, er wollte heiraten, Mattßon, der vor seiner eignen Hochzeit +davongelaufen war! + +Und man verschonte weder Bräutigam noch Braut. + +Doch am schlimmsten für ihn war, daß niemand mehr über die ganze Sache +lachen konnte als er selbst. Niemand konnte sie lächerlicher finden. +Mutters Bild war drauf und dran, ihn zur Verzweiflung zu bringen. + + * * * * * + +Es war am Nachmittag des ersten Aufgebotes. Der alte Mattßon, der noch +immer ein von Gerede und Spott verfolgter Mann war, ging die Mole entlang, +bis zu dem weißgetünchten Leuchtturm, um dort allein zu sein. Dort draußen +traf er seine Braut. Sie saß da und weinte. + +Da fragte er sie, ob sie lieber einen andern hätte haben wollen. Sie saß da +und lockerte kleine Kalkstückchen von der Mauer des Leuchtturmes und warf +sie in das Wasser. Zuerst gab sie gar keine Antwort. + +Gab es vielleicht jemanden, dem sie gut war? + +Ach nein, gewiß nicht. + +Draußen am Leuchtturm ist es sehr schön. Das klare Wasser des Sunds +umrauscht ihn. Der flache Strand, die kleinen, regelrechten Häuschen des +Fischerdorfes, die ferne Stadt, alles ist von der ewigen Schönheit des +Meeres beglänzt. Aus den weichen Nebeln, die zumeist den westlichen +Horizont verhüllen, taucht hier und da ein Fischerboot auf. Mit kühnem +Kreuzen steuert es dem Hafen zu. Es rauscht fröhlich um den Kiel, wenn es +in den engen Hafen gleitet. In demselben Augenblick werden ganz still die +Segel eingezogen. Die Fischer schwenken den Hut zum fröhlichen Gruße, und +unten im Boot liegt glitzernd die gefangne Beute. + +Es kam gerade ein Boot in den Hafen, während der alte Mattßon draußen am +Leuchtturm stand. Ein junger Bursche, der am Steuer saß, lüftete den Hut +und nickte dem Mädchen zu. Da sah der Alte, wie es in ihren Augen +aufleuchtete. + +»Ach so,« dachte er, »hast du dich in den schönsten Burschen im ganzen +Dorfe verliebt? Ja, den kriegst du nie. Ebensogut kannst du da mich +heiraten, wie auf den warten.« + +Er merkte, daß er Mutters Bild nicht entkommen konnte. Wenn das Mädchen +jemanden lieb gehabt hätte, den sie die geringste Aussicht hatte zu +bekommen, dann wäre dies eine schöne Ausrede gewesen, um die ganze Sache +loszuwerden. Aber jetzt nützte es nichts, sie freizugeben. + + * * * * * + +Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit gefeiert, und ein paar Tage drauf +kam der große Novembersturm. + +Da wurde eines der Boote des Fischerdorfes den Sund hinabgetrieben. Steuer +und Mast waren fort, so daß es unmöglich zu lenken war. Der alte Mattßon +und fünf andre waren an Bord. Und sie trieben zwei Tage lang ohne Nahrung +herum. Als sie geborgen wurden, waren sie vor Mattigkeit und Kälte ganz +erschöpft. Alles im Boote war mit einer Eiskruste überzogen, und ihre +feuchten Kleider waren in der Kälte ganz steif geworden. Der alte Mattßon +erkältete sich dabei so schwer, daß er nie mehr seine Gesundheit +wiedererlangte. Er lag zwei Jahre lang krank, dann kam der Tod. + +Manchen schien es eigentümlich, daß er unmittelbar vor dem Unglücksfalle +den Einfall gehabt hatte, zu heiraten, denn die kleine Frau war ihm eine +gute Pflegerin geworden. Wie wäre es ihm wohl ergangen, wenn er einsam und +hilflos dagelegen wäre? Das ganze Fischerdorf erkannte schließlich, daß er +nie etwas Klügres getan hätte, als da er sich verheiratete, und die kleine +Frau stand in großem Ansehen wegen der Zärtlichkeit, mit der sie den Mann +pflegte. + +»Der wird es nicht schwer fallen, sich wieder zu verheiraten,« sagte man. + +Der alte Mattßon erzählte jeden Tag, solange er krank lag, seiner Frau die +Geschichte von dem Bilde. + +»Du sollst es haben, wenn ich tot bin, so wie du alles haben sollst, was +mein ist,« sagte er. + +»Sprich doch nicht von so etwas.« + +»Und du sollst auf Mutters Porträt acht geben, wenn die jungen Burschen um +dich werben. Wahrlich, ich glaube, es gibt niemanden im ganzen Fischerdorf, +der sich besser auf Heiratsgeschichten versteht, als dieses Bild.« + + + + +Ein gefallener König + + »Mein war das Reich der Phantasie, + Nun bin ich ein gefallener König.« + Snoilsky. + + +Es klapperte über die Pflastersteine, die Holzpantoffeln klatschten in +unruhigem Takt. Die Gassenjungen eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen. +Es ging im Laufmarsch. Die Häuser zitterten, und aus den Seitengäßchen +stürzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus seiner Hütte. + +Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte sich etwas +zugetragen? War etwas los? Der Lärm verzog sich nach der Vorstadt. Die +Dienstmädchen eilten hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die +Hände zusammen und schrien: »Gott bewahre uns, Gott bewahre uns! Gibt es +Mord, gibt es Brand?« Niemand antwortete. Das Klappern ertönte aus der +Ferne. + +Nach den Mädchen kamen die weisen Matronen der Stadt geeilt. Sie fragten: +»Was geht vor? Was stört die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es +ein Begräbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der Turmwächter? Soll die +Stadt niederbrennen, ehe er zu läuten anfängt?« + +Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Häuschen des Schuhmachers in der +Vorstadt halt, dem kleinen Häuschen, das Weinranken um Türen und Fenster +hatte und darunter zwischen der Straße und dem Hause einen ellenbreiten +Garten. Ein Lusthäuschen aus Stroh, Bosketts für ein Mäuslein, Wege für ein +Kätzchen. Alles aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und Lavendel, +eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbüsche und einen Apfelbaum. + +Die Gassenjungen standen am nächsten, sie spähten und berieten. Die blanken +schwarzen Fensterscheiben ließen die Blicke nicht weiter vordringen als +bis zu den weißen Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich an die +Weinranken fest und drückte das Gesicht an die Scheibe. »Was sieht er?« +flüsterten die andern. »Was sieht er?« Die Schusterwerkstatt und die +Schusterbank, Schmierbüchsen und Lederflecke, Leisten und Pflöcke, Ringe +und Riemen. »Sieht er keinen Menschen?« Er sieht den Gesellen, der den +Absatz an einem Schuh macht. Sonst niemand, sonst niemand? Große, schwarze +Fliegen springen über die Scheibe und trüben seinen Blick. »Sieht er +niemand anders als den Gesellen?« Niemand anders. Des Meisters Stuhl steht +leer. Er sah einmal, zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer. + +Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte sich. Es war also +wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. Niemand wollte es glauben. +Man stand da und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das steile Dach +heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt die Dachrinne hinab. Ja, der +Hausherr war fort, die Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und +kreischten ganz hilflos. + +Ein weißes Küchlein guckte um die Hausecke. Es war schon beinahe ein +richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete rot wie Weinlaub. Es spähte und guckte, +krähte und rief. Die Hühner kamen, eine Reihe weißer Hühner in vollem Lauf, +die Körper wiegten sich, die Flügel schlugen, die gelben Beinchen regten +sich wie Trommelschlägel. Die Hühner hüpften in die Erbsen. Schlägereien +entspannen sich. Mißgunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer vollen +Erbsenschote Zwei Hähne hackten sie in den Nacken. Die Katze verließ das +Spatzennest, um zuzusehen. Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die +Hühner entflohen in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe +dachte: »Freilich ist es wahr, daß der Schuster sich aus dem Staube gemacht +hat. Man sieht es an der Katze und an den Hühnern, daß der Hausherr fort +ist.« + +Die holprige, vom Herbstregen schlüpfrige Vorstadtgasse hallte von allen +den Reden wider. Die Türen standen offen, die Fenster schwangen hin und +her. Ein Kopf steckte sich neben den andern in verwundertem Geflüster. »Er +ist durchgegangen.« Menschen flüsterten, Sperlinge kreischten, +Holzpantoffeln klapperten: »Er ist durchgegangen. Der alte Schuhmacher ist +durchgegangen. Der Besitzer des kleinen Häuschens, der Mann der jungen +Frau, der Vater des schönen Kindes ist durchgegangen. Wer kann es +verstehen? Wer kann es verstehen?« + +So geht ein altes Liedchen: »Alter Mann im Hause, junger Knab' im Walde; +Frau entflieht; Kind weint; Heim ohne Herrin.« + +Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es. + +Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem Tisch der Werkstatt lag +seine Erklärung, daß er niemals wiederzukommen gedachte; daneben war auch +ein Brief gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand. + +Die junge Frau war in der Küche. Sie tat nichts. Die Nachbarin ging hin und +her; hantierte geschäftig herum, setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu, +weinte ein bißchen und trocknete sich die Tränen mit dem Wischfetzen. + +Die weisen Frauen des Viertels saßen steif rings an den Wänden. Sie wußten, +was sich in einem Trauerhause schickte. Sie sahen darauf, daß Schweigen +herrschte, daß Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die +verlassene Frau in ihrer Trauer zu stützen. Grobe Hände lagen still im +Schoße, wettergebräunte Wangen legten sich in tiefe Runzeln, dünne Lippen +kniffen sich über zahnlosen Kinnladen zusammen. + +Die Frau saß unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, mit süßem +Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. Sie war so ängstlich, +daß sie fast vor Furcht starb. Sie biß die Zähne zusammen, damit niemand +hörte, wie sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertönten, wenn es +klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr sie zusammen. + +Sie saß mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. Sie erinnerte sich bald +an eine Zeile daraus, bald an eine andre. Da stand: »Ich halte es nicht +länger aus, Euch beide zu sehen.« Und an einer andern Stelle: »Ich habe +jetzt die Gewißheit, daß Du mit Erikson durchgehen willst.« Und dann +wieder: »Du sollst es nicht tun, denn die böse Nachrede der Leute würde +Dich unglücklich machen. Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen +und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver Arbeiter und kann +Dich gut versorgen.« Dann tiefer unten: »Laß die Leute von mir sagen, was +sie wollen, ich bin schon froh, wenn sie nichts Böses von Dir glauben; denn +Du würdest es nicht ertragen.« + +Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrügen wollen. Wenn sie auch +gerne mit dem jungen Gesellen plauderte, was ging das den Mann an? Die +Liebe ist eine Krankheit, aber sie ist nicht tödlich. Sie hatte sie das +ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. Wie hatte der Mann ihre +heimlichsten Gedanken erraten können? + +Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mußte sich geängstigt und +gesorgt haben. Er hatte über seine Jahre geweint. Er hatte über die Kräfte +und den Mut des Jungen gerast. Er war bei jedem Flüstern, jedem Lächeln, +jedem Händedruck erzittert. In lichterlohem Wahnsinn, in knirschender +Eifersucht hatte er eine ganze Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch +nichts war. + +Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein mußte, als er ging. +Sein Rücken war gebeugt, seine Hände zitterten. Langer Nächte Qual hatte +ihn so gemacht. Er war gegangen, um dieses Dasein quälender Zweifel los zu +sein. + +Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: »Es ist nicht meine +Absicht, Dich zu beschämen, ich bin immer zu alt für Dich gewesen.« Und +dann an eine andre: »Du sollst immer geachtet und geehrt sein. Schweige nur +selbst, dann fällt alle Schande auf mich.« + +Die Frau fühlte immer größre Angst. War es möglich, daß man Menschen so +betrügen konnte? Ging es auch an, so vor Gott zu lügen? Warum saß sie hier +in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt wie eine Braut am +Hochzeitstage? Warum war nicht sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie +kann so etwas geschehen? Wie kann Gott sich so betrügen lassen? + +Über der großen Chiffoniere hing ein kleines Bücherbrett. Zu oberst auf dem +Brett stand ein großes Buch mit Messingspangen. Und diese Spangen bargen +die Erzählung von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott und den +Menschen logen. »Wer hat es dir eingegeben, o Weib, daß du solches tun +sollst? Sieh, junge Männer stehen hier vor deiner Tür, um dich +fortzuführen.« + +Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den Schritten der jungen Männer. +Sie erzitterte bei jedem Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war +bereit, aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und zu sterben. + +Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam zum Tisch hin. Sie +schenkten die Tassen voll, nahmen Zucker in den Mund und begannen den +siedendheißen Kaffee einzuschlürfen, still und anständig, die +Handwerkerfrauen zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die Frau des +Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst raubte ihr ganz die Besinnung. +Sie hatte eine Erscheinung. Mitten in der Nacht saß sie auf einem frisch +gepflügten Acker. Rings um sie saßen große Vögel mit starken Flügeln und +spitzigen Schnäbeln. Sie waren grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden, +aber sie wachten über sie. Sie hielten Gericht über sie. Mit einemmal +flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf herab. Sie sah ihre scharfen +Klauen, ihre spitzigen Schnäbel; ihre peitschenden Flügel kamen immer +näher. Es war wie ein tödlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf hinab +und fühlte, daß sie sterben mußte. Aber als sie näher kamen, ganz dicht an +sie heran, mußte sie aufsehen. Da sah sie, daß die grauen Vögel alle diese +alten Frauen waren. + +Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wußte, was anständig war, was sich +in einem Trauerhause schickte. Man hatte jetzt lange genug geschwiegen. +Aber die Schustersfrau fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen. +Was wollte die Frau sagen? »Du Matts Wiks Frau, Anna Wik, gestehe! Lange +genug hast du vor Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir +wollen dich richten und dich zerreißen.« + +Nein, die Frau begann von den Männern zu sprechen. Und die andern stimmten +ein, so wie der Anlaß es erforderte. Es wurde nicht zum Lob der Männer +gesprochen. Alles Böse, was Männer je getan hatten, wurde ans Licht +gezogen. Das war Trost für eine verlassene Frau. + +Verleumdung ward auf Verleumdung gewälzt. Wunderliche Wesen, diese Männer! +Sie schlagen uns, sie vertrinken unser Geld. Sie verpfänden unsre Habe. +Warum in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen? + +Die Zungen wurden wie Drachenzähne, sie spien Gift, sie sprühten Feuer. +Jede fügte ihr Wort ein. Erzählung häufte sich auf Erzählung. Die Frau floh +vor dem berauschten Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich für versoffne +Männer. Ehefrauen wurden um andrer Frauen willen verlassen. Die Zungen +sausten wie Peitschenhiebe. Das häusliche Elend wurde entblößt. Lange +Litaneien wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei bewahre uns, o gütiger +Gott! + +Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Kälte des Winters, die Plage +mit den Alten, alles kommt vom Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre +Herren. Sie wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Füßen sie krochen. + +Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese Worte schrill in den +Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen zu verteidigen. »Mein Mann,« sagte +sie, »ist gut.« Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. »Er ist +durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. Er, der schon alt +ist, hätte es besser verstehen müssen, als von Frau und Kind fortzulaufen. +Kannst du glauben, daß er besser ist als irgendein andrer?« + +Die Frau bebte, es war ihr, als würde sie durch stechendes Dornengestrüpp +geschleift. Ihr Mann zu den Sündern gezählt! Sie erglühte in Scham, sie +wollte sprechen, aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es nicht. +Aber warum schwieg Gott? Warum ließ Gott so etwas geschehen? + +Wenn sie den Brief herausnähme und ihn laut läse. Dann würde sich der +Giftstrom wenden. Der Eiter würde sie bespritzen. Todesangst kam über sie. +Sie wagte es nicht. Sie wünschte beinahe, daß eine freche Hand in ihre +Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen hätte. Sie vermochte nicht, +sich selbst preiszugeben. Drinnen aus der Werkstätte hörte man einen +Schusterhammer. Hörte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen Tag +hatte sie dieses Klopfen gehört und sich darüber erzürnt. Aber keine der +Frauen verstand es. Allwissender Gott, hattest du keinen Diener, der die +Herzen durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, wenn sie nur +nicht gestehen mußte. Sie wollte jemanden sagen hören: »Wer hat es dir +eingegeben, daß du vor Gott lügen solltest?« Sie horchte nach dem Laut der +Schritte der jungen Männer, um niederzufallen und zu sterben. + + * * * * * + +Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene Frau einen +Schuhmacher, der Gesell bei ihrem Manne gewesen war. Sie hatte es nicht +gewollt, aber sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum +Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur hängen geblieben ist. +Der Fischer läßt sie spielen, er läßt sie hin und her schnellen und läßt +sie glauben, daß sie frei ist. Aber wenn sie müde geworden ist, wenn sie +nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck an das Boot, dann +holt er sie herauf und wirft sie auf den Bootsgrund, ehe sie noch weiß, um +was es sich handelt. + +Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte ihren Gesellen verabschiedet +und hatte allein leben wollen. Sie wollte ihrem Manne zeigen, daß sie +unschuldig war. Aber wo war der Mann? Kümmerte er sich nicht um ihre Treue? +Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. Wie lange glaubte denn der Mann, daß +sie warten konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, an den sie +sich lehnen konnte. + +Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen in der Stadt. Seine +Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben hinter breiten Auslagefenstern. +Seine Werkstätte dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte +Sammetmöbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur auf sie. Als sie der Armut +gar zu müde war, kam sie. + +Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein Unglück. Sie wurde +mit jedem Tage sichrer und immer glücklicher. Sie stand bei den Menschen in +Ansehen und wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr +Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde. + +Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt. +Er ließ sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er +bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren. +Er wurde verachtet, während seine Frau große Ehre genoß. Und doch hatte er +recht getan und sie unrecht gehandelt. + +Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er +fühlte, wie er sank, weil alle ihn für einen schlechten Menschen hielten. +Niemand verließ sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er +schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewöhnte es sich +an, zu trinken. + +Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie +mietete einen großen Saal und begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend +an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu +treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um +an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und +im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe +Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mägde und Scheuerfrauen; friedliche +Polizisten und lärmender Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die Bälle +verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel, +alles ging zur Heilsarmee. + +Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere +Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene Stühle. Zerschlissener Boden, +Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen +mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. Im Augenblick waren +alle Plätze besetzt. Zunächst der Estrade saßen Frauen, anständig wie in +der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe +und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern +auf dem Schoß. Und in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht +hereinkommen konnten. + +Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung +noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der +»Kampfruf« flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das +Publikum unterhielt sich auf eigne Faust. + +Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das Zimmer. Das +Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit. +Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von +breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten auf die Knie, sobald +sie die Stufen der Estrade erklommen hatten. + +Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schloß aber die Augen. +Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Während des Gebetes war es still. +Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie +warteten auf die Geständnisse und die anregenden Melodien. + +Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und +predigten. Sie lächelten und sprachen von ihrem Glück. Vor sich hatten sie +ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf +die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der +Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die +Männer hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie spien jeden +Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen +sie kämpfen wollten, sprachen von ihrem Glück. + +Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schön, tapfer zu sein, +ist es nicht ein Hochgefühl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, über +die mit den großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, daß sie +die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, die lästernden Lippen +besiegen würden. + +»Singet mit,« riefen die Heilsarmeesoldatinnen. »Singet mit. Es ist gut, zu +singen.« Sie stimmten eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren +Gitarren und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. Sie brachten +den einen oder andern der Zunächstsitzenden dazu, mitzusingen. Doch jetzt +erdröhnte unten von der Türe ein leichtsinniger Gassenhauer. Töne kämpften +gegen Töne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die Zischpfeife. Die +starken, geübten Stimmen der Frauen stritten gegen die heisern, mutierenden +Stimmen der Knaben, gegen die Brummbässe der Männer. Als der Gassenhauer +nahe daran war, unterzutauchen, begann man unten an der Tür zu stampfen und +zu pfeifen. Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. Der Lärm +war entsetzlich, die Frauen stürzten auf die Knie. + +Sie lagen wie ohnmächtig da. Die Augen waren geschlossen. Die Körper +wiegten sich in stummem Schmerz. Der Lärm erstarb. Die Heilsarmeekapitänin +begann augenblicklich: »Herr, alle diese wirst du zu den Deinen machen. +Dank, o Herr, daß du sie alle in dein Kriegsheer aufnehmen willst! Dank, o +Herr, daß wir sie dir zuführen dürfen!« + +Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als ob alle diese Kehlen +von einem scharfen Messer gekitzelt würden. Es war, als fürchteten die +Menschen, überwunden zu werden, als hätten sie vergessen, daß sie +freiwillig gekommen waren. + +Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende Stimme trug den Sieg +davon. Sie mußten hören. + +»Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch windet sich und rast. Aber +das ist gerade das Zeichen. Gesegnet sei das Brüllen der alten Schlange! Es +zeigt, daß sie sich quält, daß sie sich fürchtet. Lacht uns aus! Schlagt +uns die Fenster ein! Verjagt uns von der Estrade! Morgen werdet ihr uns +angehören! Wir werden die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? Wie +wollt ihr Gott widerstehen?« + +Gleich darauf befahl die Kapitänin einer ihrer Gefährtinnen, vorzutreten +und ihr Bekenntnis abzulegen. Sie kam lächelnd. Sie stand kühn und +unerschrocken da und schleuderte die Geschichte ihrer Sünde und ihrer +Bekehrung den Höhnenden entgegen. Wo hätte es das Küchenmädchen gelernt, +lächelnd unter allem diesem Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen +waren, um ihren Spott zu treiben, erblaßten. Woher nahmen diese Frauen +ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand hinter ihnen. + +Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschönes Kind, reicher +Eltern Tochter, mit einer sanften, klaren Singstimme. Sie erzählte nicht +von sich selbst. Ihr Zeugnis war eines der gewöhnlichen Lieder. + +Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung vergaß sich und +lauschte. Dieses Kind war schön zu sehen, lieblich zu hören. Aber als sie +verstummt war, brach das Getöse noch furchtbarer los. Unten an der Tür +bauten sie eine Estrade aus Bänken, sprangen hinauf und legten Geständnisse +ab. + +Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne Ofen wurde glutrot, er +schluckte Luft und strömte Wärme aus. Die ehrbaren Frauen auf den +vordersten Bänken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, aber es gab +keine Möglichkeit, den Saal zu verlassen. Die Heilssoldatinnen auf der +Estrade wankten, und auf ihren Stirnen perlte der Schweiß. Sie riefen und +beteten um Stärke. Plötzlich fuhr ein Hauch durch die Luft, ein Flüstern +schlug an ihr Ohr. Sie wußten nicht, woher es kam, aber sie fühlten einen +Umschlag. Gott war mit ihnen. Er kämpfte für sie. + +Aufs neue in den Kampf! Die Kapitänin trat vor und erhob die Bibel über +ihren Kopf. »Haltet inne, haltet inne! Wir fühlen, daß Gott unter uns +wirkt. Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will uns eine Seele +schenken.« + +Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige im Saal nahmen an dem +Gebet teil. Allen teilte sich eine spannende Erwartung mit. War es wahr? +Trug sich etwas Großes in der Seele eines Mitmenschen zu, hier, mitten +unter ihnen? Würden sie es sehen? Konnten diese Frauen etwas bewirken? + +Für einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt war sie ebenso erpicht +auf Wunder wie eben erst auf Lästerung. Niemand wagte sich zu rühren. Alle +keuchten vor Erwartung, aber nichts geschah. »O Gott, du verlässest uns! Du +verläßt uns, o Gott!« + +Die schöne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie wählte die mildeste der +Melodien, das zarteste Kind der Sehnsucht: »Fern er weilet von grünenden +Tälern.« + +Die Worte waren nur wenig verändert. Das Lied des finnischen Hirtenmädchens +war unschwer zu Jesu Sehnsucht nach der Seele geworden. »O, du meine +Geliebte, kommst du nicht bald?« + +So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang in die Gemüter, wie +eine Liebkosung, wie ein Segen. + +Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese Töne. -- »Berge und +Wälder verschmachten, Himmel und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in +der Welt dürstet danach, daß du deine Seele dem Lichte erschließest. Dann +verbreitet sich Herrlichkeit über alle Welt, dann stehen die Tiere auf aus +ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen der Kreatur hat ein Ende. O, du meine +Geliebte, kommst du nicht bald?« + +»Es ist nicht wahr, daß du in hohen Königssälen weilest. In dunklen +Wäldern, in elenden Hütten hausest du, und du willst nicht kommen. Mein +lichter Himmel lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht +bald?« + +Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim ein. Stimme um Stimme +kam mit. Sie wußten nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die +Melodie war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tönen freisingen. +Auch unten an der Tür wurde es gesungen. Es sprengte Herzen. Es +unterjochte Willen. Es klang nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern +stark, fordernd, befehlend. + +»O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?« + +Unten an der Tür im dichtesten Knäuel stand Matts Wik. Er sah ganz +vertrunken aus, aber an diesem Abend war er nicht berauscht. Er stand da +und dachte: »Wenn ich sprechen dürfte, wenn ich sprechen dürfte.« + +Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen hatte, die wunderbarste +Gelegenheit. Eine Stimme sprach zu ihm: »Dies ist das Schilf, in das du +flüstern kannst, die Wellen, die deine Stimme tragen werden.« + +Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als hätten sie einen Löwen brüllen +hören. Eine starke, furchtbare Stimme sprach furchtbare Worte. + +Sie höhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? Er verließ alle, die ihm +dienten. Er hatte seinen Sohn verlassen. Gott half niemandem. + +Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder Minute brausender. Solche +Kraft hatte niemand Menschenlungen zugetraut. Solche Raserei hatte niemand +je aus einem zertretnen Herzen losbrechen hören. Sie neigten ihr Haupt wie +die Wandrer in der Wüste, wenn der Sturm über sie kommt. + +Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde Hammerschläge gegen +Gottes Thron. Gegen ihn, der Hiob quälte, der die Märtyrer leiden, der +seine Bekenner auf Scheiterhaufen verbrennen ließ. Der Ohnmächtige, wann +begründet er sein Reich? Wann läßt er ab, die Arglist zum Siege zu führen? + +Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige hatten geglaubt, daß dies +ein Scherz sei. Jetzt hörten sie bebend, daß es Ernst war. Schon erhoben +sich einige, um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den Schutz der +Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf sie herabbeschwor. + +Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen Lohn sie für ihre +Mühe erwarteten, Gott zu dienen. Sie sollten sich nicht den Himmel +erwarten. Gott geizte mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr +Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu erringen. Er hatte +größre Opfer gebracht, als Gott verlangte. Aber dann wurde er zur Sünde +verlockt. Das Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon in +dieser Welt. Er muß den Weg der Verdammten gehen. + +Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die Schiffe in den Hafen treibt. +Bei den Worten des Höhnenden stürzten die Frauen die Estrade hinan. Die +Hände der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfaßt und geküßt. Bekehrung folgte +auf Bekehrung. Sie konnten kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen +Gott. + +Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. Er sagte zu sich +selbst: »Ich spreche, ich spreche, endlich spreche ich. Ich sage ihnen mein +Geheimnis, und ich sage es doch nicht.« Zum ersten Male, seit er das große +Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer. + + * * * * * + +Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die Stadt sah wie eine +Steinwüste aus, wie eine Mondlandschaft. Man sah keine Katze, keinen +Sperling, kaum eine Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein +rauchte. In den schwülen Straßen war keine Luft. Das Ganze war nur ein +steinbesäter Acker, aus dem Steinwände wuchsen. + +Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die jungen Damen in schmalen Röcken +und weiten Ärmeln, langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo waren +Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und Gassenjungen? + +Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten Lustfahrerscharen, +alle die Körbe und Ziehharmonikas und Flaschen, die das Dampfboot ans Land +lud. Oder wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen wehten, die +Trommeln dröhnten, Gassenjungen schwärmten, stampften, schrien hurra. Oder +wo blieben sie, die blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen, +während Vater und Mutter sie andächtig über die Gasse schoben. + +Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. Sie klagten über die langen +Straßen. Es war, als wenn die Steinhäuser ihnen nachjagten. Endlich, +endlich schimmerte Grün. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich durch +platte, feuchte Felder schlängelte, wo der Lerchengesang am vollsten +ertönte, wo der Klee honigsüß duftete, da lagen die ersten +Zurückgebliebenen. Die Mütze im Nacken, die Nase im Grase. Den Körper in +Sonnenschein und Blumenduft gebadet, die Seele von Muße und Ruhe erquickt. + +Aber über den Weg zum Walde eilten Proviantträger und Radfahrer. Jungen +kamen mit Spaten und blanken Tornistern. Mädchen tanzten in Staubwolken. +Himmel und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien und +Arbeiterscharen. Die sich bäumenden Klepper der Charabans erhoben die +Vorderbeine über die Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das +Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert und blieb zappelnd auf +dem Rücken im Staube der Landstraße liegen. + +Drinnen im Walde spielte und sang, flötete und schluchzte eine Nachtigall. +Die Birken kamen nicht gut fort, sie hatten schwarze Stämme. Die Buchen +bauten hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem Grün. Der +Frosch saß da und zielte mit der Zunge. Und jedesmal fing er eine Fliege. +Der Igel patschte in dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen +huschten über das Moor mit glitzernden Flügeln. Die Menschen ließen sich +um die Eßkörbe nieder. Goldkäfer krochen rings um sie durch das Gras. Die +piepsenden funkelnden Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen. + +Plötzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken in seine +Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grün unter, ganz verstummt. Die +Nachtigall sang aus Leibeskräften. Es waren Gitarren, Gitarren. Die +Heilsarmee zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der stumpfen +Ruhe unter den Bäumen. Tanzboden und Krocketplatz wurden verödet. Schaukel +und Karussell hatten eine Stunde Rast. Alles strömte dem Lager der +Heilsarmee zu. Die Bänke füllten sich, und auf jeder Erdhöhe saßen Zuhörer. + +Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mächtig geworden. Um manche +liebliche Wange schloß sich der Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das +rote Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der Menge. Schimpfworte +wagten sich nicht über die Lippen. Die Flüche verrollten unschädlich hinter +den Zähnen. Und Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslästerer, +stand jetzt als Fahnenwächter unter der Estrade. Er war auch einer der +Gläubigen. Die Enden der roten Fahne liebkosten freundlich seinen grauen +Kopf. + +Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. Sie hatten ihm +ihren ersten Sieg zu danken. Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm +gekommen. Sie wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. Sie +weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei ihren Zusammenkünften +durfte er sprechen. Seit er sein Schweigen gebrochen hatte, war er +glücklich. Er stand nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende +Kraft erfüllte ihn. Er war glücklich, wenn er ihr Luft machen durfte. Wenn +die Säle vor seiner Löwenstimme erzitterten, war er glücklich. + +Er sprach immer von sich selbst. Er erzählte immer seine eigne Geschichte. +Das Schicksal des Verkannten schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs +Blut, die gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne Anerkennung zu +finden. Er kleidete das ein, was er erzählte. Er erzählte sein Geheimnis +und erzählte es doch nicht. + +Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die Herzen zu gewinnen. Um +seinetwillen sammelte sich die Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog +sie hin mit den berückend phantastischen Bildern, die sein krankes Hirn +erfüllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender Klage, die seines +Herzens Qual ihn gelehrt hatte. + +Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt des Todes und des +Wechsels geweilt. Vielleicht war er damals ein mächtiger Dichter gewesen, +erfahren in der Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um +schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, sein Erdenleben +abermals zu beginnen, von seiner Hände Arbeit zu leben, unbekannt mit der +Macht des Geistes. Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes +gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. Lichtscheu und +verwirrt, aber dennoch jubelnd über ihre Freiheit zog sie über die +einstigen Schlachtfelder. + +Der wilde, ungelehrte Sänger, die schwarze Drossel, die unter Staren +aufgewachsen war, lauschte mißtrauisch den Worten, die ihm auf die Lippen +kamen. Woher hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen seiner +Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, stolze Menschen auf die Knie zu +zwingen, sie die Hände ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden +begann. Dann kam ruhige Zuversicht über ihn. Aus der niemals ermessenen +Tiefe seines Leidens stiegen unablässig Wolken von qualschweren Worten +empor. + +Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, schmetternde +Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, anfeuernd. Nicht zu fangen, +nicht wiederzugeben. Sie waren Blitze und rollende Donnerschläge. Die +Herzen erschütterten sie in düstrer Angst. Aber vergänglich waren sie, +niemals ließen sie sich fangen. Der Wasserfall kann bis auf den letzten +Tropfen gemessen werden, das irrende Spiel des Schaumes läßt sich malen, +nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, gewaltige Strom +dieser Reden. + +An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, ob sie wüßten, wie sie +Gott dienen müßten. -- Wie Uria seinem König diente. + +Nun wurde der Mann auf der Rednertribüne zu Uria. Nun ritt er durch die +Wüste mit seines Königs Brief. Er war allein, die Einsamkeit ängstigte ihn. +Seine Gedanken waren düster. Aber er lächelte, wenn er an sein Weib dachte. +Die Wüste wurde ein Blumengefilde, wenn er ihrer gedachte. Quellen +entsprangen aus der Erde bei dem Gedanken an sie. + +Sein Kamel stürzte. Seine Seele ward von bösen Ahnungen erfüllt. Das +Unglück, dachte er, ist ein Geier, der die Wüste liebt. Er machte nicht +kehrt, sondern ging vorwärts mit des Königs Brief. Er trat auf Dornen. Er +ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn dürstete und hungerte. Er sah +Karawanen ihre dunklen Streifen durch den Wüstensand ziehen. Er suchte sie +nicht auf. Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des Königs +Brief trägt, muß allein gehen. Er sah des Abends die weißen Zelte der +Hirten. Sie lockten ihn, wie die lächelnde Wohnstatt seines Weibes. Er +glaubte, weiße Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten aus und +ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie seines Königs Brief gestohlen +hätten! + +Wankend geht er, als er die spähenden Räuber hinter sich herjagen sieht. Er +denkt an des Königs Brief. Er liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er +liest ihn und faßt neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstört den +Brief nicht. Er ergibt sich den Räubern nicht. Er kämpft und siegt. Und +dann weiter, weiter. Er führt sein Todesurteil mit sich durch tausend +Gefahren. -- -- + +So ist es, Gottes Wille muß befolgt werden bis aufs Blut, bis in den +Tod. -- -- + +Während Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da und hörte ihm zu. Sie +war am Morgen in den Wald gezogen, vergnügt und strahlend, am Arm des +Mannes höchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. Die +Tochter und der Geselle trugen den Eßkorb. Die Magd folgte mit dem jüngsten +Kinde nach. Alles war Friede, Glück, Ruhe gewesen. + +Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und +getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das +Gewissen schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste Mann +betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in +der Seele gefühlt. + +Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie +fühlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und +sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von sich selbst. Er +wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem +eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter, +diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie +ein offnes Grab. -- + +Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grün und +Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die +Hügel zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der Wald wurde +häßlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwüste, nach der +Mondlandschaft. Dort ist es für Menschen gut sein. Vielleicht können +leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen. + + * * * * * + +Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die +Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum +Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr +gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitänin +der Heilsarmee. + +Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie +hatte ihren Mann gehört. Er erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete +seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er +war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die +Kinder auf dem Wege verhöhnten. + +Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen, +er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß +der Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern leuchtete und lachte +vor Freude über die Dichtermacht. + +Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht +gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in +ihrem Blut. Sie war alt geboren. + +Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war sie herangewachsen. Sie +ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: »Seht, eines verachteten +Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf +meinem Wandel?« Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie +bisweilen: »Ach, daß meiner Tochter Hände weniger weiß wären, vielleicht +wären dann ihre Liebkosungen wärmer!« + +Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. Sie verachtete die +Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie +gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange. +Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über sie hinzubrausen. Aber +was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer +Mutter. + +Diese Hand krümmte sich, krampfhafte Zuckungen durcheilten sie. Sie lag +schlaff, gleichsam tot in der ihren, sie griff wild um sich, fieberheiß. +Das Gesicht ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und kämpfte. + +Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. Jesu Freund lag +krank. Seine Schwestern sandten ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht +gekommen. Für Gottes Reich mußte Lazarus sterben. + +Er ließ nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf Christus niedersausen. Er +beschrieb sein Leiden. Sein eignes Mitleid quälte ihn. Er machte alle +Todespein durch, er wie Lazarus. Und doch mußte er schweigen. + +Nur ein Wort hätte es ihn gekostet, die Achtung der Freunde +wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mußte die Klage der Schwestern hören. Er +sagte ihnen die Wahrheit in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde +höhnten ihn. + +Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender. + +Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese Hand beichtete und +bekannte: »Der Mann dort drüben trägt selbst das Martyrium des Schweigens. +Er wird zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte könnte er sich frei machen.« + +Das Mädchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen stumm. Das Gesicht des +jungen Mädchens war wie Stein. Sie grübelte, suchte alles auf, was die +Erinnerung ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu ihr auf. Was +wußte sie? + +An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. Man sprach +gar lustig vom Markt des Tages, von dem Preise der Holzschuhe, von +diebischen Mägden. Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen Kaffee in +die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. Frau Anna Erikson konnte +nicht verstehen, woher es gekommen war, daß sie sie früher gefürchtet, daß +sie immer geglaubt hatte, daß diese sie richten würden. + +Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als sie wohlbehaglich +dasaßen und der Kaffee auf dem Rand der Tassen zitterte und die Teller mit +Weizenbrot beladen waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig +feierlich, aber ihre Stimme war ruhig. + +»In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mädchen, das sich verheiratet hat, +ohne recht zu bedenken, was sie auf sich nimmt, kann in große Not kommen. +Wer hat es schlimmer getroffen als ich?« + +Das wußten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und hatten mit ihr +getrauert. + +»In der Jugend ist man unvernünftig. Man verschweigt das, was man sagen +sollte, weil man sich schämt. Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor +dem, was die Leute sagen könnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen +hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.« + +Sie glaubten alle, daß dies wahr sei. + +Sie hatte Wik gestern gehört, wie so viele Male zuvor. Jetzt mußte sie +ihnen allen etwas über ihn sagen. Es kam eine brennende Unruhe über sie, +wenn sie bedachte, was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte +sie, daß er, der alt gewesen war, es besser hätte verstehen sollen, als +sie, das junge Ding zum Eheweib zu nehmen. + +»Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber er ist aus +Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, daß ich Erikson haben wollte. +Ich habe seinen Brief dafür.« + +Sie las ihnen den Brief vor. Eine Träne kam wohlanständig ihre Wangen +hinabgeglitten. + +»Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen Erikson und mir war +damals nichts. Es war vier Jahre, ehe wir heirateten. Aber ich will dies +jetzt sagen, denn Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist +nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern in guter Absicht. +Ich möchte, daß dies überall bekannt wird. Kapitänin Anderson kann +vielleicht den Brief in der Armee vorlesen. Ich will, daß Wik Genugtuung +widerfährt. Ich weiß auch, daß ich allzulange geschwiegen habe, aber man +gibt sich nicht gern selbst eines Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es +eine andre Sache.« + +Die Frauen saßen förmlich versteinert da. Anna Erikson bebte die Stimme ein +wenig, und sie sagte mit einem matten Lächeln: + +»Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu mir kommen?« + +»Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch so jung! Und Frau Erikson +konnte doch nichts dafür. -- Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche +Dinge einbildete.« + +Sie lächelte. Dies waren die harten Schnäbel, die sie zerreißen sollten. +Die Wahrheit war nicht gefährlich, und die Lüge auch nicht. Die Füße der +jungen Männer warteten nicht vor ihrer Tür. + +Wußte sie oder wußte sie nicht, daß ihre älteste Tochter an demselben +Morgen ihr Haus verlassen hatte und zu ihrem Vater gegangen war? + + * * * * * + +Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die Ehre seiner Frau zu retten, +wurde bekannt. Er wurde bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in +der Armee vorgelesen. Einige weinten aus Rührung. Auf der Straße kamen +Leute auf ihn zu und drückten ihm die Hand. Seine Tochter zog zu ihm. + +An den nächsten Abenden nach diesem schwieg er bei den Zusammenkünften. Er +fühlte keinen innern Ruf. Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf +die Estrade, faltete die Hände und begann. + +Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt inne. Er erkannte die +Stimme nicht wieder. Wo war das Löwengebrüll? Wo der brausende Nordwind? +Und wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht. + +Er wankte zurück. »Ich kann nicht,« murmelte er. »Gott gibt mir noch nicht +Kraft zu sprechen.« Er setzte sich auf die Bank nieder und stützte den Kopf +in die Hände. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst einmal +herauszufinden, worüber er sprechen sollte. Pflegte er in frühern Tagen zu +grübeln? Konnte er jetzt grübeln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im +Kreise. + +Vielleicht würde es gehen, wenn er sich wieder erhob, sich dorthin stellte, +wo er zu stehen pflegte und mit seinem gewohnten Gebet anfing. Er +versuchte. Er wurde aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der +kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort kam über seine Lippen. + +Er saß auf seinem Platz und weinte, schwer stöhnend. Die Gabe war ihm +genommen. Er versuchte zu sprechen, versuchte es stumm für sich selbst. +Worüber sollte er sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte den +Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht sagen durfte. Er hatte +kein Geheimnis einzukleiden. Er brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung +wich von ihm. + +Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums Leben. Er wollte das +festhalten, was schon gegangen war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben, +um wieder sprechen zu können. Sein Schmerz war dahin. Er konnte ihn nicht +wiederfinden. + +Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder und immer wieder. Er +stammelte einige sinnlose Worte. Er leierte wie eine auswendig gelernte +Lektion das herunter, was er andre sagen gehört hatte. Er versuchte, sich +selbst nachzuahmen. Er spähte nach Andacht in den Blicken, nach bebendem +Schweigen, nach hastigem Atmen. Er vernahm nichts. Was seine Freude +gewesen, war von ihm genommen. + +Er sank in das Dunkel zurück. Er verfluchte es, daß er mit seinen Reden +Frau und Tochter bekehrt hatte. Er hatte das Köstlichste besessen und es +verloren. Seine Verzweiflung war furchtbar. -- Aber nicht von solchem +Schmerz lebt der Genius. + +Er war ein Maler ohne Hände, ein Sänger, der seine Stimme verloren hat. Er +hatte nur von seinem Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden? + +Er betete: »O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die Verkanntheit spricht! +gib mir die Verkanntheit wieder! Da das Glück stumm ist, aber der Schmerz +spricht, gib mir den Schmerz wieder!« + +Aber die Krone war ihm genommen. Er saß da, elender als der Elendeste, denn +er war von den Höhen des Lebens herabgestürzt. Er war ein gefallener König. + + + + +Ein Weihnachtsgast + + +Einer von denen, die das Kavaliersleben auf Ekeby mitgelebt hatten, war der +kleine Ruster, der Noten transponieren und Flöte spielen konnte. Er war von +niedriger Herkunft und arm, ohne Heim und ohne Familie. Es brachen schwere +Zeiten für ihn an, als die Schar der Kavaliere sich zerstreute. + +Nun hatte er kein Pferd und keinen Wagen mehr, keinen Pelz und keine +rotgestrichene Proviantkiste. Er mußte zu Fuß von Gehöft zu Gehöft ziehen +und trug seine Habseligkeiten in ein blaukariertes Taschentuch eingebunden. +Den Rock knöpfte er bis zum Kinn hinauf zu, so daß niemand zu erfahren +brauchte, wie es um das Hemd und die Weste bestellt war, und in dessen +weiten Taschen verwahrte er seine kostbarsten Besitztümer: die +auseinandergeschraubte Flöte, die flache Schnapsflasche und die Notenfeder. + +Sein Beruf war, Noten abzuschreiben, und wenn alles gewesen wäre wie in +alten Zeiten, so hätte es ihm nicht an Arbeit gefehlt. Aber mit jedem +Jahre, das ging, wurde die Musik oben in Wermland weniger gepflegt. Die +Gitarre mit ihrem morschen Seidenband und ihren gelockerten Schrauben und +das bucklige Waldhorn mit den verblichnen Quasten und Schnüren wurden auf +die Rumpelkammer geschafft, und der Staub legte sich fingerdick auf den +langen, eisenbeschlagnen Geigenkasten. Doch, je weniger der kleine Ruster +mit Flöte und Notenfeder zu tun bekam, desto mehr hantierte er mit der +Schnapsflasche, und schließlich wurde er ganz versoffen. Es war schade um +den kleinen Ruster. + +Einstweilen wurde er noch als alter Freund auf den Herrenhöfen aufgenommen, +aber es herrschte Jammer, wenn er kam, und Freude, wenn er ging. Er roch +nach Branntwein und Unsauberkeit, und wie er nur ein paar Schnäpse oder +einen Toddy bekommen hatte, wurde er wirr und erzählte unerquickliche +Geschichten. Er war die Geißel der gastfreien Gutshöfe. + +Einmal um die Weihnachtszeit kam er nach Löfdala, wo Liljekrona, der große +Violinspieler, daheim war. Liljekrona war auch einer der Ekebykavaliere +gewesen, aber nach dem Tode der Majorin zog er auf sein prächtiges Gut +Löfdala und verblieb dort. Nun kam Ruster in den Tagen vor dem +Weihnachtsabend zu ihm, mitten in die Festvorbereitungen, und verlangte +Arbeit. Liljekrona gab ihm einige Noten abzuschreiben, um ihn zu +beschäftigen. + +»Du hättest ihn lieber gleich fortschicken sollen,« sagte seine Frau, +»jetzt wird er das so in die Länge ziehen, daß wir ihn über den heiligen +Abend hierbehalten müssen.« + +»Irgendwo muß er doch sein,« sagte Liljekrona. Und er bewirtete Ruster mit +Toddy und Branntwein, leistete ihm Gesellschaft und lebte die ganze Ekebyer +Zeit noch einmal mit ihm durch. Aber er war verstimmt und seiner +überdrüssig, er, wie alle die andern, obgleich er es nicht merken lassen +wollte, denn alte Freundschaft und Gastfreiheit waren ihm heilig. + +Aber in Liljekronas Haus hatten sie sich nun drei Wochen lang für das +Weihnachtsfest gerüstet. Sie hatten in Unbehagen und Hast gelebt, sich die +Augen bei Talglichtern und Kienspänen rotgewacht, im Schuppen beim +Fleischeinsalzen und im Bräuhaus beim Bierbrauen gefroren. Doch die +Hausfrau sowohl wie die Dienstleute hatten sich all dem ohne Murren +unterzogen. + +Wenn alle Verrichtungen beendet waren und der heilige Abend anbrach, dann +würde ein süßer Zauber sie gefangennehmen. Das Weihnachtsfest würde +bewirken, daß Scherz und Spaß, Reim und Fröhlichkeit ihnen ohne alle Mühe +auf die Lippen kam. Aller Füße würden Lust bekommen, sich im Tanze zu +drehen, und aus den dunklen Winkeln der Erinnerung würden die Worte und +Melodien der Tanzspiele auftauchen, obgleich man gar nicht glauben konnte, +daß sie noch immer da waren. Und dann würden sie alle so gut sein, so gut! + +Aber als nun Ruster kam, fand der ganze Haushalt von Löfdala, daß +Weihnachten verdorben war. Die Hausfrau und die ältern Kinder und treuen +Diener waren alle derselben Meinung. Ruster rief bei ihnen eine erstickende +Angst hervor. Sie fürchteten überdies, daß, wenn er und Liljekrona +anfingen, sich in den alten Erinnerungen zu tummeln, das Künstlerblut in +dem großen Violinspieler aufflammen würde und sein Heim ihn verlieren +mußte. Einst hatte es ihn nie lange daheim gelitten. + +Es läßt sich nicht beschreiben, wie sie jetzt auf dem Hofe den Hausherrn +liebten, seit sie ihn ein paar Jahre hatten bei sich behalten dürfen. Und +was hatte er zu geben! Wie war er doch viel für sein Heim, besonders zu +Weihnachten! Er hatte seinen Platz nicht auf irgendeinem Sofa oder +Schaukelstuhl, sondern auf einer hohen, schmalen, glattgescheuerten +Holzbank in der Kaminecke. Wenn er dort hinaufgekommen war, dann ritt er +auf Abenteuer aus. Er fuhr rings um die Erde, er stieg zu den Sternen und +noch höher empor. Er spielte und sprach abwechselnd, und alle Hausleute +versammelten sich um ihn und hörten zu. Das ganze Leben wurde stolz und +schön, wenn der Reichtum dieser einzigen Seele es überstrahlte. + +Darum liebten sie ihn, so wie sie das Weihnachtsfest, die Freude, die +Frühlingssonne liebten. Und als nun der kleine Ruster kam, war ihr +Weihnachtsfriede zerstört. Sie hatten vergeblich gearbeitet, wenn nun +dieser kam und den Herrn des Hauses fortlockte. Es war ungerecht, daß +dieser Säufer am Weihnachtstische eines frommen Hauses sitzen und alle +Weihnachtsfreude stören sollte. + +Am Vormittag des Weihnachtsabends hatte der kleine Ruster seine Noten +fertiggeschrieben, und da ließ er ein paar Worte von Fortgehen fallen, +obgleich es natürlich seine Absicht war, zu bleiben. + +Liljekrona war von der allgemeinen Verstimmung angesteckt und sagte darum +ganz lahm und matt, daß es wohl das beste wäre, wenn Ruster über +Weihnachten da bliebe, wo er war. + +Der kleine Ruster war stolz und leicht entflammt. Er drehte seinen +Schnurrbart auf und schüttelte die schwarze Künstlermähne, die gleich einer +dunklen Wolke um seinen Kopf stand. Was meinte Liljekrona eigentlich? Er +sollte bleiben, weil er nirgends andershin fahren konnte? Ah, man denke +nur, wie sie in den großen Eisenwerken im Broer Kirchspiel standen und auf +ihn warteten! Die Gaststube war bereit, der Willkommensbecher gefüllt. Er +hatte solche Eile. Er wußte nur nicht, zu wem er zuerst fahren sollte. + +»Gott bewahre,« sagte Liljekrona, »so fahre doch.« + +Nach dem Mittagessen lieh sich der kleine Ruster Pferd und Schlitten, Pelz +und Decken. Der Knecht von Löfdala sollte ihn zu irgendeinem Gutshof in Bro +kutschieren und dann rasch heimfahren, denn es sah nach einem Schneesturm +aus. + +Niemand glaubte, daß er erwartet wurde, oder daß es ein einziges Haus in +der Umgegend gab, wo er willkommen gewesen wäre. Aber sie wollten ihn so +gerne los werden, daß sie sich dies verhehlten und ihn ziehen ließen. »Er +hat es selbst gewollt,« sagten sie. Und nun, dachten sie, wollten sie +fröhlich sein. + +Aber als sie sich gegen fünf Uhr im Eßsaal versammelten, um Tee zu trinken +und um den Christbaum zu tanzen, war Liljekrona stumm und verstimmt. Er +setzte sich nicht auf die Märchenbank, er berührte weder Tee noch Punsch, +er erinnerte sich an keine Polka, die Violine war verstimmt. Wer spielen +und tanzen konnte, mochte es ohne ihn tun. + +Da wurde die Gattin unruhig, da wurden die Kinder mißvergnügt, alles im +ganzen Hause ging verkehrt. Es wurde der allertrübseligste Weihnachtsabend. + +Die Grütze brannte an, die Lichter flackerten, das Holz rauchte, der Wind +blies bittere Kälte in die Stuben. Der Knecht, der Ruster kutschiert hatte, +kam nicht heim. Die Haushälterin weinte, die Mägde zankten. + +Plötzlich erinnerte sich Liljekrona, daß man den Spatzen keine Garbe +hinausgehängt hatte, und er beklagte sich laut über alle Frauen rings um +ihn, die alte Sitte außer acht ließen und neumodisch und herzlos waren. +Aber sie begriffen wohl, daß das, was ihn quälte, die Gewissensbisse waren, +daß er den kleinen Ruster am heiligen Weihnachtsabend aus seinem Hause +hatte fortgehen lassen. + +Und ehe man sich's versah, ging er in sein Zimmer, versperrte die Tür und +begann zu spielen, wie er nicht gespielt, seit er zu wandern aufgehört +hatte. Es war Haß und Hohn, es war Sehnsucht und Sturm. Ihr dachtet mich +zu binden, aber ihr müßt eure Fesseln umschmieden. Ihr dachtet, mich +kleinsinnig zu machen, wie ihr selbst seid. Aber ich ziehe hinaus ins +Große, ins Freie. Alltagsmenschen, Haussklaven, fanget mich, wenn es in +eurer Macht steht! + +Als die Gattin diese Töne hörte, sagte sie: »Morgen ist er fort, wenn Gott +nicht in dieser Nacht ein Wunder tut. Jetzt hat unsre Ungastfreundlichkeit +gerade das hervorgerufen, was wir vermeiden zu können glaubten.« + +Indessen fuhr der kleine Ruster in dem Schneetreiben herum. Er fuhr von +einem Hause zum andern und fragte, ob es Arbeit für ihn gäbe, aber nirgends +wurde er aufgenommen. Sie forderten ihn nicht einmal auf, aus dem Schlitten +zu steigen. Einige hatten das Haus voll Besuch, andre wollten am +Weihnachtstage über Land fahren. »Versuche es beim nächsten Nachbar,« +sagten sie alle. + +Er mochte immerhin kommen und das Behagen von ein paar Werktagen stören, +nicht aber das des Weihnachtsabends. Das Jahr hatte nur einen +Weihnachtsabend, und auf den hatten sich die Kinder den ganzen Herbst +gefreut. Man konnte doch diesen Menschen nicht an einen Weihnachtstisch +setzen, wo es Kinder gab. Früher hatten sie ihn gern aufgenommen, aber +nicht jetzt, wo er dem Trunk ergeben war. Was sollte man auch mit dem +Menschen anfangen? Die Gesindestube war zu schlecht und das Gastzimmer zu +fein. + +So mußte der kleine Ruster von Hof zu Hof ziehen, in dem peitschenden +Schneesturm. Der nasse Schnurrbart hing schlaff über den Mund, die Augen +waren blutgesprengt und verschleiert, aber der Branntwein verflüchtete sich +aus seinem Hirn. Ruster begann zu grübeln und zu staunen. War es möglich, +war es möglich, daß niemand ihn aufnehmen wollte? + +Da sah er mit einem Male sich selbst. Er sah, wie jämmerlich und verkommen +er war, und er begriff, daß er den Menschen verhaßt sein mußte. Mit mir ist +es aus, dachte er. Es ist aus mit dem Notenschreiben, es ist aus mit der +Flöte. Niemand auf Erden braucht mich, niemand hat Barmherzigkeit mit mir. + +Der Schneesturm schnurrte und spielte, er riß die Schneehaufen auf und +türmte sie wieder zusammen, er nahm eine Schneesäule in die Arme und tanzte +damit übers Feld, er hob eine Flocke himmelhoch und stürzte eine andre in +eine Grube. »So ist es, so ist es,« sagte der kleine Ruster, »solange man +fährt und tanzt, ist es ein fröhlich Spiel, doch wenn man hinab in die Erde +soll, dort eingebettet und verwahrt werden, dann ist es Kummer und +Herzeleid.« Doch hinab mußten alle, und jetzt war er an der Reihe. Man +denke, daß er nun zum Ende gekommen war. + +Er fragte nicht mehr danach, wohin der Knecht ihn führte. Es deuchte ihn, +daß er in das Reich des Todes fuhr. + +Der kleine Ruster verbrannte keine Götter auf dieser Fahrt. Er verfluchte +weder das Flötenspiel noch das Kavaliersleben, er dachte nicht, daß es +besser für ihn gewesen wäre, wenn er die Erde gepflügt oder Schuhe genäht +hätte. Aber darüber klagte er, daß er nun ein ausgespieltes Instrument war, +das die Freude nicht mehr gebrauchen konnte. Niemanden klagte er an, denn +er wußte, wenn das Waldhorn gesprungen ist und die Gitarre die Stimmung +nicht hält, dann müssen sie fort. Er wurde plötzlich ein sehr demütiger +Mann. Er begriff, daß es mit ihm zu Ende ging, jetzt am Weihnachtsabend. +Der Hunger oder die Kälte würde ihn umbringen, denn er verstand nichts, er +taugte zu nichts und hatte keine Freunde. + +Da bleibt der Schlitten stehen, und auf einmal ist es hell um ihn, und er +hört freundliche Stimmen, und da ist jemand, der ihn in ein warmes Zimmer +führt, und jemand, der heißen Tee in ihn gießt. Der Pelz wird ihm +abgenommen, und mehrere Menschen rufen, daß er willkommen ist, und warme +Hände reiben Leben in seine erstarrten Finger. + +Von alledem wurde ihm so wirr im Kopfe, daß er wohl eine Viertelstunde +nicht zur Besinnung kam. Er konnte unmöglich begreifen, daß er wieder nach +Löfdala gekommen war. Er war sich gar nicht bewußt gewesen, daß der Knecht +es satt bekommen hatte, im Schneesturm herumzufahren und nach Hause +umgekehrt war. + +Ebensowenig verstand er, warum er jetzt in Liljekronas Haus so freundlich +empfangen wurde. Er konnte nicht wissen, daß Liljekronas Gattin begriff, +welche schwere Fahrt er an diesem Weihnachtsabend getan hatte, wo man ihn +an jeder Tür, an die er klopfte, abgewiesen hatte. Sie hatte so großes +Mitleid mit ihm bekommen, daß sie ihre eigenen Sorgen vergaß. + +Liljekrona fuhr drinnen in seinem Zimmer mit dem wilden Spielen fort. Er +wußte nichts davon, daß Ruster gekommen war. Dieser saß indessen im +Speisesaal mit der Frau und den Kindern. Die Dienstleute, die am +Weihnachtsabend auch da zu sein pflegten, waren vor der Langweile bei der +Herrschaft in die Küche geflüchtet. + +Die Hausfrau säumte nicht, Ruster ans Werk zu setzen. »Sie hören ja, +Ruster,« sagte sie, »daß Liljekrona den ganzen Abend nichts andres tut als +spielen, und ich muß nach dem Tischdecken und dem Essen sehen. Die Kinder +sind rein verlassen. Sie müssen sich der zwei Kleinsten annehmen, Ruster.« + +Kinder, das war ein Menschenschlag, mit dem Ruster am wenigsten in +Berührung gekommen war. Er hatte sie weder im Kavaliersflügel noch im +Soldatenzelt getroffen, weder in Gasthöfen noch auf Landstraßen. Er scheute +sich beinahe vor ihnen und wußte nicht, was er sagen sollte, das fein genug +für sie war. + +Er nahm die Flöte hervor und lehrte sie, auf Klappen und Löchern zu +fingern. Es war ein vierjähriges und ein sechsjähriges Bübchen. Sie bekamen +eine Lektion auf der Flöte, und das interessierte sie sehr. »Das ist A,« +sagte er, »und das ist C,« und dann griff er die Töne. Da wollten die +Kleinen wissen, was für ein A und was für ein C das war, das gespielt +werden sollte. + +Da nahm Ruster Notenpapier heraus und zeichnete ein paar Noten. + +»Nein,« sagten sie, »das ist nicht richtig.« Und sie eilten fort und holten +ein Abcbuch. + +Da fing der kleine Ruster an, sie das Alphabet zu überhören. Sie konnten +und konnten nicht. Es sah windig aus mit ihren Kenntnissen. Ruster wurde +eifrig, hob die Knirpschen jeden auf ein Knie und begann sie zu +unterrichten. Liljekronas Frau ging aus und ein und hörte ganz erstaunt zu. +Es klang wie ein Spiel, und die Kinder lachten die ganze Zeit, aber sie +lernten dabei, ja, das taten sie. + +Ruster fuhr ein Weilchen fort, aber er war nicht recht bei dem, was er tat. +Er wälzte die alten Gedanken vom Schneesturm in seinem Kopfe. Dies war gut +und behaglich, aber mit ihm war es doch auf jeden Fall aus. Er war +verbraucht. Er würde fortgeworfen werden. Und urplötzlich schlug er die +Hände vors Gesicht und begann zu weinen. + +Da kam Liljekronas Frau hastig auf ihn zu. + +»Ruster,« sagte sie, »ich kann verstehen, daß Sie glauben, für Sie sei +alles aus. Es geht Ihnen nicht mit der Musik, und Sie richten sich durch +den Branntwein zugrunde. Aber es ist noch nicht aus, Ruster.« + +»Doch,« schluchzte der kleine Flötenspieler. + +»Sehen Sie, so wie heute abend mit den Kleinen dazusitzen, das wäre etwas +für Sie. Wenn Sie die Kinder lesen und schreiben lehren wollten, dann +würden Sie wieder überall willkommen sein. Das ist kein geringres +Instrument, um darauf zu spielen, Ruster, als Flöte und Violine. Sehen Sie +sie an, Ruster!« + +Sie stellte die zwei Kleinen vor ihn hin, und er sah auf, blinzelnd, so, +als hätte er in die Sonne gesehen. Es war, als fiele es seinen kleinen +trüben Augen schwer, denen der Kinder zu begegnen, die groß und klar und +unschuldig waren. + +»Sehen Sie sie an, Ruster!« ermahnte Liljekronas Frau. + +»Ich getraue mich nicht,« sagte Ruster, denn es war ihm wie ein Fegefeuer, +durch die schönen Kinderaugen in die Schönheit der unbefleckten Seelen zu +schauen. + +Da lachte Liljekronas Frau hell und froh auf. »Dann sollen Sie sich an sie +gewöhnen, Ruster. Sie sollen dieses Jahr als Schulmeister in meinem Hause +bleiben.« + +Liljekrona hörte seine Frau lachen und kam aus seinem Zimmer. + +»Was gibt es?« sagte er. »Was gibt es?« + +»Nichts andres,« antwortete sie, »als daß Ruster wiedergekommen ist, und +daß ich ihn zum Schulmeister für unsre kleinen Jungen bestellt habe.« + +Liljekrona war ganz verblüfft. »Wagst du das,« sagte er, »wagst du es? Er +hat wohl versprochen, nie mehr ...« + +»Nein,« sagte die Frau, »Ruster hat nichts versprochen. Aber er wird sich +vor mancherlei in acht nehmen müssen, wenn er jeden Tag kleinen Kindern in +die Augen sehen soll. Wäre es nicht Weihnachten, hätte ich dies vielleicht +nicht gewagt, aber wenn unser Herrgott es wagte, ein kleines Kindlein, das +sein eigner Sohn war, unter uns Sünder zu setzen, dann kann ich es wohl +auch wagen, meine kleinen Kinder versuchen zu lassen, einen Menschen zu +retten.« + +Liljekrona konnte gar nicht sprechen, aber es zitterte und zuckte in jeder +Falte seines Gesichts, wie immer, wenn er etwas Großes hörte. + +Dann küßte er seiner Frau die Hand, so fromm wie ein Kind, das um +Verzeihung bittet, und rief laut: »Alle Kinder sollen kommen und Mutter die +Hand küssen.« + +Das taten sie, und dann hatten sie ein fröhliches Weihnachtsfest in +Liljekronas Heim. + + + + +Onkel Ruben + + +Es war einmal vor nun bald achtzig Jahren ein kleiner Junge, der auf dem +Marktplatz mit seinem Kreisel spielte. Der kleine Junge hieß Ruben. Er war +nicht mehr als drei Jahre, aber er schwenkte seine kleine Peitsche so +tapfer als nur irgendeiner und ließ das Kreisel schnurren, daß es eine +wahre Freude war. + +An diesem Tage vor achtzig Jahren war wunderschönes Frühlingswetter. Der +Monat März war gekommen, und die Stadt war in zwei Welten geteilt, eine +weiße und warme, wo Sonnenschein herrschte, und eine kalte und dunkle, wo +Schatten war. Der ganze Marktplatz gehörte dem Sonnenschein, bis auf einen +schmalen Rand der einen Häuserreihe entlang. + +Nun geschah es, daß der kleine Junge, so tapfer er auch war, müde davon +wurde, seinen Kreisel schnurren zu lassen, und sich nach einem Ruheplatz +umsah. Ein solcher war nicht schwer zu finden. Es gab zwar keine Sessel +oder Bänke, aber jedes Haus war mit einer Steintreppe versehen. Der kleine +Ruben konnte sich nichts Besseres denken. + +Er war ein gewissenhaftes kleines Bürschchen. Er hatte eine dunkle Ahnung, +daß Mutter es nicht wollte, daß er auf fremder Leute Treppenstufen sitze. +Mutter war arm, aber gerade darum durfte es nie so aussehen, als ob man +andern etwas nehmen wollte. So ging er und setzte sich auf ihre eigne +Steintreppe, denn sie wohnten auch am Marktplatz. + +Diese Stufen lagen im Schatten, und da war es richtig kalt. Der Kleine +lehnte den Kopf an das Geländer, zog die Beine hinauf und fühlte sich so +wohl wie nie zuvor. Ein kleines Weilchen sah er noch, wie der Sonnenschein +draußen über den Markt tanzte, wie Jungen umhersprangen und Kreisel +schnurrten -- dann schloß er die Augen und schlummerte ein. + +Er schlief wohl eine ganze Stunde. Als er erwachte, war ihm nicht so wohl +zumute, wie als er einschlummerte, sondern alles schien so furchtbar +unbehaglich. Er lief zu Mutter hinein und weinte, und Mutter sah, daß er +krank war und legte ihn ins Bett. Und nach ein paar Tagen war der Knabe +tot. + +Aber damit ist seine Geschichte nicht zu Ende. Es kam nämlich so, daß seine +Mutter ihn so recht aus tiefstem Herzensgrund betrauerte, mit solch einem +Schmerz, der den Jahren und dem Tode trotzt. Mutter hatte noch mehrere +andre Kinder, viele Sorgen nahmen ihre Zeit und ihre Gedanken in Anspruch, +aber es gab immer noch einen Raum in ihrem Herzen, wo ihr Sohn Ruben ganz +ungestört hausen konnte. Für sie blieb er stets lebendig. Sah sie eine +Kinderschar auf dem Marktplatz spielen, so sprang er da mit herum, und wenn +sie dann im Hause arbeitete und aufräumte, so glaubte sie steif und fest, +daß der Kleine noch draußen auf der gefährlichen Steinstufe saß und +schlief. Sicherlich war keines von Mutters lebenden Kindern ihren Gedanken +so gegenwärtig wie das tote. + +Einige Jahre nach seinem Tode bekam der kleine Ruben ein Schwesterchen, und +als diese so alt wurde, daß sie draußen auf dem Marktplatz herumlaufen und +Kreisel spielen konnte, geschah es, daß auch sie sich auf die Steinstufe +setzte, um auszuruhen. Aber in demselben Augenblick hatte Mutter das +Gefühl, als ob jemand sie am Rocke zupfte. Sie lief sogleich hinaus und +packte das kleine Schwesterchen so hart an, als sie sie aufhob, daß diese +sich daran erinnerte, solange sie lebte. + +Und noch weniger vergaß sie, wie merkwürdig Mutters Gesicht ausgesehen und +wie ihre Stimme gezittert hatte, als sie sagte: »Weißt du, daß du einmal +einen kleinen Bruder hattest, der Ruben hieß und der starb, weil er hier +auf dieser Steinstufe saß und sich erkältete? Du willst doch nicht von +Mutter wegsterben, Berta?« + +Bruder Ruben wurde für seine Brüder und Schwestern bald ebenso lebendig wie +für seine Mutter. Sie hatte eine Art, daß sie alle mit ihren Augen sahen, +und bald hatten sie dieselbe Gabe wie sie, ihn draußen auf der Steinstufe +sitzen zu sehen. Und natürlich fiel es keinem von ihnen ein, sich dort +hinzusetzen. Ja, sobald sie irgend jemanden auf einer Steinstufe oder einem +Steingeländer oder einem Stein am Wegesrand sitzen sahen, gab es ihnen +einen Stich ins Herz, und sie mußten an Bruder Ruben denken. + +Ferner geschah es Bruder Ruben, daß er von allen Geschwistern am höchsten +gestellt wurde, wenn sie voneinander sprachen. Denn alle Kinder wußten ja, +daß sie ein beschwerliches und lästiges Geschlecht waren, das Mutter nur +Mühe und Sorge bereitete. Sie konnten nicht glauben, daß Mutter so sehr +darüber trauern würde, einen von ihnen zu verlieren. Aber da Mutter Bruder +Ruben wirklich betrauerte, so war es doch sicher, daß er viel, viel artiger +gewesen sein mußte, als sie waren. + +Es kam auch nicht so selten vor, daß eines von ihnen dachte: »Ach, wer doch +Mutter soviel Freude machen könnte wie Bruder Ruben!« Und dennoch wußte +keines mehr von ihm, als daß er Kreisel gespielt und sich auf einer +Steinstufe erkältet hatte. Aber er mußte ja merkwürdig gewesen sein, da +Mutter eine solche Liebe zu ihm hatte. + +Merkwürdig war es auch, er machte Mutter von allen Kindern am meisten +Freude. Sie war Witwe geworden und arbeitete in Sorge und Not. Aber die +Kinder hatten einen so festen Glauben an Mutters Trauer um den kleinen +Dreijährigen, daß sie überzeugt waren, daß, wenn er nur am Leben geblieben +wäre, Mutter sich ihr Unglück nicht so zu Herzen genommen hätte. Und +jedesmal, wenn sie Mutter weinen sahen, glaubten sie, es sei, weil Bruder +Ruben tot war, oder auch, weil sie selbst nicht so wie Bruder Ruben waren. +Bald erwachte in ihnen allen eine immer stärkre Lust, mit dem kleinen Toten +um Mutters Zuneigung zu wetteifern. Es gab nichts, was sie nicht für Mutter +getan hätten, wenn sie ihnen nur ebenso gut sein wollte wie ihm. Und um +dieser Sehnsucht willen meine ich, daß Bruder Ruben das nützlichste von +allen Kindern Mutters war. + +Denkt nur, als der älteste Bruder einen Fremden über den Fluß ruderte und +damit seine ersten Groschen verdiente, da kam er und gab sie seiner Mutter, +ohne sich auch nur einen einzigen Batzen zu behalten! Da sah Mutter so +fröhlich aus, daß ihm das Herz vor Stolz schwoll, und er konnte nicht +umhin, zu verraten, wie ungeheuer ehrgeizig er gewesen war. + +»Mutter, bin ich jetzt nicht ebenso gut wie Bruder Ruben?« + +Mutter sah ihn prüfend an. Es war, als vergliche sie sein frisches, +strahlendes Gesicht mit dem kleinen blassen draußen auf den Steinstufen. +Und Mutter hätte sicherlich gerne ja geantwortet, wenn sie gekonnt hätte, +aber sie konnte nicht. + +»Mutter hat dich sehr lieb, Ivan, aber so wie Bruder Ruben wirst du nie.« + +Es war unerreichbar, das sahen alle Kinder ein, und dennoch konnten sie es +nicht lassen, das Unerreichbare zu erstreben. + +Sie wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, arbeiteten sich zu Vermögen und +Ansehen herauf, während Bruder Ruben nur still auf seiner Steinstufe saß. +Aber er hatte dennoch einen Vorsprung. Er war nicht einzuholen. + +Und bei jedem Fortschritt, bei jeder Verbesserung, als es ihnen so +allmählich gelang, Mutter ein gutes Heim und Wohlstand zu bieten, mußte es +Lohn genug für sie sein, wenn Mutter sagte: »Ach, daß mein kleiner Ruben +das noch gesehen hätte!« + +Bruder Ruben begleitete Mutter durch das ganze Leben bis zu ihrem +Totenbett. Er war es, der den Todesqualen den Stachel nahm, wußte sie doch, +daß sie sie zu ihm führten. Mitten im größten Jammer konnte Mutter bei dem +Gedanken lächeln, daß sie ging, um dem kleinen Ruben zu begegnen. + +Und so starb sie, deren treue Liebe einen kleinen Dreijährigen erhöht und +vergöttert hatte. + +Aber selbst da war die Geschichte des kleinen Ruben noch nicht zu Ende. Für +alle seine Geschwister war er ein Symbol des arbeitsamen Lebens im Heim +geworden, der Liebe zu Mutter, aller der rührenden Erinnerungen aus den +Jahren der Mühe und des Mißerfolges. Es lag immer etwas Warmes und Schönes +in ihrer Stimme, wenn sie von ihm sprachen. Es war Weihe und Feierstimmung +um den kleinen Dreijährigen. + +So glitt er auch in das Leben seiner Geschwisterkinder. Mutters Liebe hatte +ihn zu einer Größe gemacht, und die Großen, die wirken und üben Einfluß +Geschlecht für Geschlecht. + +Schwester Berta hatte einen Sohn, der in recht nahe Berührung mit Onkel +Ruben kam. + +Er war vier Jahre an dem Tage, an dem er auf dem Bordsteinrande saß und in +den Rinnstein hinabguckte. Der strömte von Regenwasser. Hölzchen und Halme +schwammen mit abenteuerlichen Schwingungen das seichte Gewässer hinab. Der +Kleine saß da und sah mit der Ruhe zu, die man empfindet, wenn man das +abenteuerliche Dasein andrer verfolgt und selbst in Sicherheit ist. + +Aber sein friedliches Philosophieren wurde von seiner Mutter unterbrochen, +die in demselben Augenblick, in dem sie ihn sah, an die Steinstufe daheim +und an den Bruder denken mußte. + +»Ach, mein lieber kleiner Junge,« sagte sie, »sitze nicht so da! Weißt du +nicht, daß deine Mama einen kleinen Bruder hatte, der Ruben hieß und vier +Jahre war, gerade so wie du jetzt? Er starb, weil er sich auf einen solchen +Stein gesetzt und sich erkältet hatte.« + +Dem Kleinen war es nicht willkommen, in seinen angenehmen Gedanken gestört +zu werden. Er saß da und philosophierte, während sein blondes, lockiges +Haar ihm bis in die Augen fiel. + +Schwester Berta hätte es für keinen andern getan, aber um ihres lieben +Bruders willen schüttelte sie den Kleinen recht unsanft. Und so lernte er +Respekt vor Onkel Ruben. + +Ein andres Mal war dieses blondlockige junge Herrchen auf dem Eise +umgefallen. Er war aus purer Bosheit von einem großen, bösen Jungen +umgeworfen worden, und da blieb er nun sitzen und weinte, um so recht zu +zeigen, welches Unrecht ihm geschehen war, besonders da seine Mama nicht +weit weg sein konnte. + +Aber er hatte vergessen, daß seine Mutter doch zu allererst Onkel Rubens +Schwester war. Als sie Axel auf dem Eise sitzen sah, da kam sie gar nicht +begütigend und tröstend, sondern nur mit diesem ewigen: + +»Sitze nicht so, mein kleiner Junge! Denke an Onkel Ruben, welcher starb, +gerade als er fünf Jahre alt war, so wie du jetzt, weil er sich in einen +Schneehaufen gesetzt hatte.« + +Der Junge stand gleich auf, als er von Onkel Ruben sprechen hörte, aber er +fühlte die Kälte bis ins Herz. Wie konnte Mama von Onkel Ruben erzählen, +wenn ihr kleiner Junge so traurig war. Seinethalben konnte er sich schon +hinsetzen und sterben, wo es ihm beliebte, aber jetzt war es, als wenn ihm +dieser Tote seine eigne Mama nehmen wollte, und das konnte Axel nicht +zulassen. So lernte er Onkel Ruben hassen. + +Hoch oben im Stiegenaufgang daheim bei Axel war eine Steinbalustrade, auf +der es schwindelnd herrlich zu sitzen war. Tief unten lag der Steinboden +des Flurs, und wer oben rittlings saß, konnte träumen, daß er über Abgründe +dahinzog. Axel nannte die Balustrade sein gutes Roß Grane. Auf seinem +Rücken sprengte er über brennende Wallgräben in verzauberte Schlösser. Da +saß er stolz und trotzig, während die großen Haarlocken von dem heftigen +Anlauf wehten, und kämpfte Sankt Georgs Kampf mit dem Drachen. Und noch war +es Onkel Ruben nicht eingefallen, dort reiten zu wollen. + +Aber natürlich kam er. Gerade als der Drache sich in Todesängsten wand und +Axel in stolzer Siegesgewißheit dasaß, hörte er das Kindermädchen rufen: +»Axel, nicht da sitzen! Denke an Onkel Ruben, der starb, als er acht Jahre +alt war, gerade wie du jetzt, weil er auf einem Steingeländer geritten ist. +Hier darfst du nie mehr sitzen, Axel!« + +Solch ein neidischer alter Dummerian, dieser Onkel Ruben! Er konnte es +gewiß nicht ertragen, daß Axel Drachen tötete und Prinzessinnen rettete. +Wenn er sich nicht hütete, wollte Axel zeigen, daß auch er Ruhm gewinnen +konnte. Wenn er jetzt auf den Steinboden dort unten sprang und sich +totschlug, dann würde er schon in den Schatten gestellt sein, dies große +Lügenmaul! + +Armer Onkel Ruben! Armer kleiner guter Junge, der draußen auf dem +sonnenbeschienenen Marktplatz mit seinem Kreisel gespielt hatte! Nun mußte +er erfahren, was es heißt, ein großer Mann zu sein. Eine Vogelscheuche war +er geworden, die die Zeit, die war, der kommenden aufstellte. + +Es war draußen auf dem Lande bei Onkel Ivan. Eine ganze Menge Basen und +Vettern waren auf dem herrlichen Landgut versammelt. Axel ging da herum, +von seinem Haß gegen Onkel Ruben erfüllt. Er wollte nur wissen, ob dieser +auch noch andre außer ihm quälte. Aber etwas schüchterte ihn ein, so daß er +sich nicht zu fragen getraute. Es war, als hätte er damit eine Lästerung +begangen. + +Endlich waren die Kinder allein. Kein Großer war dabei. Da fragte Axel, ob +sie von Onkel Ruben gehört hätten. + +Er sah, wie es in den Augen aufblitzte, und wie viele kleine Fäustchen sich +ballten, aber es schien, daß die kleinen Mündchen Ehrfurcht vor Onkel Ruben +gelernt hatten. »Still doch,« sagte die ganze Schar. + +»Nein,« sagte Axel, »jetzt möchte ich wissen, ob er noch irgend jemand +anders peinigt, denn ich finde, daß er der lästigste von allen Onkeln ist.« + +Dieses einzige mutige Wort brach den Damm, der den Harm gequälter +Kinderherzen umgab. Es gab ein großes Murren und Rufen. So muß ein Haufen +Nihilisten aussehen, wenn sie den Selbstherrscher schmähen. + +Jetzt wurde das Sündenregister des armen großen Mannes aufgezählt. Onkel +Ruben verfolgte alle seine Geschwisterkinder. Onkel Ruben starb überall, wo +es ihm gerade beliebte. Onkel Ruben war immer im gleichen Alter mit dem, +dessen Ruhe er stören wollte. + +Und Respekt mußte man vor ihm haben, obwohl er ganz offenkundig ein Lügner +war. Ihn in der verschwiegensten Tiefe seines Herzens hassen, das konnte +man, aber ihn nicht beachten, oder ihm Unehrerbietigkeit zeigen, Gott +behüte. + +Welche Miene die Alten annahmen, wenn sie von ihm sprachen! Hatte er denn +je etwas so Merkwürdiges geleistet? Sich hinzusetzen und zu sterben, war +doch nichts so Wunderbares. Und was er auch für Großtaten vollbracht haben +mochte, gewiß war es, daß er jetzt seine Macht mißbrauchte. Er stellte sich +den Kindern in allem entgegen, wozu sie Lust hatten, die alte +Vogelscheuche. Er weckte sie von ihrem Mittagsschlummer auf der Wiese auf. +Er hatte das beste Versteck im Park entdeckt und seine Benützung verboten. +Jetzt erst kürzlich hatte er es sich einfallen lassen, auf ungesattelten +Pferden zu reiten. + +Sie waren alle ganz sicher, daß der arme Tropf nie mehr als drei Jahre alt +geworden war, und jetzt überfiel er große Vierzehnjährige und behauptete, +daß er in einem Alter mit ihnen sei. Das war das Alleraufreizendste. + +Ganz unglaubliche Dinge kamen über ihn an den Tag. Er hatte von der Brücke +Weißfische gefischt, er hatte in dem kleinen Eichenstamm gerudert, er war +auf die Weide geklettert, die über das Wasser vorhing, und in der es sich +so behaglich sitzen ließ, ja, er hatte sogar auf Pulvertonnen gelegen und +geschlafen. + +Aber sie waren alle ganz gewiß, daß es keinen Ausweg vor seiner Tyrannei +gab. Es war eine Erleichterung, sich ausgesprochen zu haben, aber kein +Heilmittel. Man konnte sich gegen Onkel Ruben nicht auflehnen. + +Man sollte es nicht glauben, aber als diese Kinder groß wurden und eigne +Kinder bekamen, begannen sie sich sogleich Onkel Ruben zunutze zu machen, +so wie ihre Väter es vor ihnen getan hatten. + +Und ihre Kinder wieder, nämlich die Jugend, die heute heranwächst, haben +die Lektion so gut gelernt, daß es eines Sommers draußen auf dem Lande +geschah, daß ein fünfjähriges Knirpschen zur alten Großmutter Berta kam, +die sich auf einen Absatz der Treppe gesetzt hatte, während sie auf den +Wagen wartete, und sagte: + +»Großmutter, du hattest doch einmal einen Bruder, der Ruben hieß.« + +»Darin hast du recht, mein kleiner Junge,« sagte Großmutter und stand +sogleich auf. + +Dies war für die gesamte Jugend ein Anblick, als hätten sie einen alten +Krieger König Karls XII. sich vor König Karls Porträt verneigen sehen. Sie +hatten nun eine Ahnung, daß Onkel Ruben, wie sehr er auch mißbraucht wurde, +immer groß bleiben mußte, nur weil er einmal so sehr geliebt worden war. + +In unsern Tagen, wo man alle Größe so genau prüft, muß er mit mehr Maß +verwendet werden als früher. Die Grenze seines Alters ist niedriger; Bäume, +Boote und Pulvertonnen sind vor ihm sicher, aber nichts aus Stein, was zum +Sitzen taugt, kann ihm entgehen. + +Und die Kinder, die Kinder von heute, betragen sich anders gegen ihn als +die Eltern. Sie kritisieren ihn offen und unverhüllt. Ihre Eltern verstehen +die Kunst nicht mehr, stummen, ehrfürchtigen Gehorsam einzuflößen. Kleine +Pensionsmädchen handeln das Thema Onkel Ruben ab und bezweifeln, ob er +etwas andres als eine Mythe ist. Ein sechsjähriger Jüngling schlägt vor, +daß man auf experimentalem Wege beweisen solle, daß es unmöglich ist, sich +auf einer Steinstufe tödlich zu erkälten. + +Aber das ist nur Eintagsmut. Diese Generation ist im Allerinnersten ebenso +von Onkel Rubens Größe überzeugt, wie die vorhergehende, und gehorcht ihm +ebenso wie diese. + +Und der Tag wird kommen, wo diese Spötter zu dem uralten Hause ziehen, die +alte Steinstufe aufsuchen und sie auf einen Sockel mit goldner Inschrift +erheben werden. + +Sie scherzen jetzt ein paar Jahre lang mit Onkel Ruben, aber sobald sie +herangewachsen sind und eigne Kinder zu erziehen haben, werden sie von dem +Nutzen und der Notwendigkeit des großen Mannes überzeugt sein. + +»Ach, mein Kindchen, sitze nicht auf dieser Steinstufe, deiner Mutter +Mutter hatte einen Onkel, der Ruben hieß. Er starb, als er in deinem Alter +war, weil er sich auf eine solche Steinstufe gesetzt, um sich auszuruhen.« + +So wird es heißen, so lange die Welt steht. + + + + +Das Flaumvögelchen + +I + + +Ich glaube, ich sehe sie vor mir, wie sie von dannen fuhren. Ganz deutlich +sehe ich seinen steifen Zylinder mit der großen geschwungnen Krempe, so wie +man sie in den vierziger Jahren trug, seine lichte Weste und seine +Halsbinde. Ich sehe auch sein schönes, glattrasiertes Gesicht mit kleinen, +kleinen Polissons, seinen hohen steifen Kragen und die anmutige Würde in +jeder seiner Bewegungen. Er sitzt rechts in der Chaise und faßt gerade die +Zügel zusammen, und neben ihm sitzt das kleine Frauenzimmerchen. Gott segne +sie! Sie sehe ich noch deutlicher. Wie auf einem Bilde habe ich das schmale +kleine Gesichtchen vor mir und den Hut, der es umschließt und unter dem +Kinn geknüpft ist, das dunkelbraune glattgekämmte Haar und den großen Schal +mit den gestickten Seidenblumen. Aber die Chaise, in der sie fahren, hat +natürlich einen Stuhl mit grünen gedrechselten Stäbchen, und natürlich ist +es das Pferd des Gastwirts, das sie die erste Meile ziehen soll, eins von +den kleinen, fetten Braunen. + +In sie bin ich vom ersten Augenblicke an verliebt gewesen. Es ist keine +Vernunft darin, denn sie ist das unbedeutendste kleine, flatternde +Dingelchen, aber alle die Blicke zu sehen, die ihr folgen, als sie +fortfährt, das hat mich gefangen. Fürs erste sehe ich, wie Vater und Mutter +ihr nachschauen, wie sie da in der Tür des Bäckerladens stehen, Vater hat +sogar Tränen in den Augen, aber Mutter hat jetzt keine Zeit zum Weinen. +Mutter muß ihre Augen benützen, um ihrem Töchterchen nachzusehen, solange +sie ihr noch winken kann. Und dann gibt es natürlich fröhliche Grüße von +den Kindern des Hintergäßchens und schelmische Blicke von allen den +niedlichen Handwerkertöchtern hinter Fenstern und Türspalten, und +träumerische Blicke von ein paar jungen Gesellen und Lehrlingen. Aber alle +nicken ihr Glückauf und Auf Wiedersehen zu. Und dann kommen unruhige Blicke +von armen alten Mütterchen, die herauskommen und knixen und die Brillen +abnehmen, um sie zu sehen, wie sie in ihrem Staat vorbeifährt. Aber ich +kann nicht sehen, daß ihr ein einziger unfreundlicher Blick folgt, nein, +nicht, so lang die Straße ist. + +Als sie nicht mehr zu sehen ist, wischt sich Vater rasch mit dem Ärmel die +Tränen aus den Augen: + +»Sei nur nicht traurig, Mutter!« sagt er. »Du wirst sehen, daß sie sich zu +helfen weiß. Das Flaumvögelchen, Mutter, weiß sich zu helfen, so klein es +ist.« + +»Vater,« sagt Mutter mit starker Betonung, »du sprichst so seltsam. Warum +sollte Anne-Marie sich nicht zu helfen wissen? Sie ist so gut wie +irgendeine.« + +»Das ist sie freilich, Mutter, aber dennoch, Mutter, dennoch. Nein, +wahrhaftig, ich wollte nicht an ihrer Stelle sein und dorthin fahren, wohin +sie jetzt fährt! Nein, wahrhaftig nicht!« + +»Ei was, wohin solltest du wohl fahren, du häßlicher alter Bäckermeister,« +sagt Mutter, die sieht, daß Vater so besorgt um sein Mädchen ist, daß man +ihn mit einem kleinen Scherz aufmuntern muß. Und Vater lacht, denn das +Lachen kommt ihm ebenso leicht an wie das Weinen. Und dann gehen die Alten +wieder in den Laden. + +Indessen ist das Flaumvögelchen, das kleine Flöckchen, das Seidenblütchen, +recht guten Muts, wie es da über den Weg fährt. Ein bißchen bange vor dem +Bräutigam ist sie freilich noch; aber eigentlich ist dem Flaumvögelchen vor +allen Menschen ein bißchen bange, und das kommt ihr zugute, denn darum sind +alle Menschen nur bestrebt, ihr zu zeigen, daß sie nicht so gefährlich +sind. + +Nie hat sie solchen Respekt vor Moritz gehabt wie heute. Als sie das +Hintergäßchen und alle ihre Freunde hinter sich gelassen haben, findet +sie, daß Moritz förmlich zu etwas Großem anschwillt. Der Hut, der Kragen +und die Polissons werden ganz steif, und die Krawatte bläht sich. Die +Stimme wird ihm gleichsam dick im Halse und kommt nur schwer hervor. Sie +fühlt sich dabei ein klein wenig beklommen, aber es ist doch eine Pracht, +Moritz so großartig zu sehen. + +Moritz ist so klug, er hat soviel zu ermahnen -- man würde es kaum glauben +können -- aber Moritz spricht ihr den ganzen Weg nur Vernunft zu. Aber seht +ihr, so ist Moritz. Er fragt das Flaumvögelchen, ob sie auch recht +versteht, was diese Reise für ihn bedeutet. Glaubt sie, daß es sich nur um +eine Lustfahrt über die Landstraße handelt? Eine sechs Meilen lange Reise +in der guten Chaise, mit dem Bräutigam daneben, das konnte freilich wie +eine richtige Lustpartie aussehen. Und man fuhr ja auf einen prächtigen +Landsitz, sollte bei einem reichen Onkel zu Gaste sein. Sie hatte wohl +geglaubt, daß das alles nur ein Spaß war, wie? + +Ach, wenn er wüßte, daß sie sich gestern auf diese Fahrt unter langen +Gesprächen mit Mutter vorbereitet hatte, bevor sie sich niederlegten, und +mit einer langen Reihe ängstlicher Träume bei Nacht und mit Gebeten und +Tränen. Aber sie stellt sich ganz dumm, nur um es desto mehr zu genießen, +wie weise Moritz ist. Er liebt es, es zu zeigen, und sie gönnt es ihm gern, +ach wie gern. + +»Es ist eigentlich ganz schrecklich, daß du so reizend bist,« sagt Moritz. +Denn darum hatte er sie ja lieb gewonnen, und das war doch, bei Licht +besehen, sehr dumm von ihm. Sein Vater war durchaus nicht damit +einverstanden. Und seine Mutter, er durfte gar nicht daran denken, was für +Lärm sie geschlagen hatte, als Moritz ihr mitteilte, daß er sich mit einem +armen Mädchen aus dem Hintergäßchen verlobt habe, einem Mädchen, das keine +Erziehung und keine Talente hatte und das nicht einmal schön war, nur +reizend. + +In Moritzens Augen war natürlich die Tochter eines Bäckermeisters +ebensogut wie der Sohn des Bürgermeisters, aber nicht alle hatten so freie +Anschauungen wie er. Und wenn Moritz nicht seinen reichen Onkel gehabt +hätte, dann hätte wohl gar nichts aus der ganzen Sache werden können, denn +er, der nur Student war, hatte ja nichts, woraufhin er heiraten konnte. +Aber wenn sie nun Onkel für sich zu gewinnen vermochten, dann war alles +gut. + +Ich sehe sie so deutlich, wie sie über die Landstraße fahren. Sie macht +eine unglückliche Miene, während sie seiner Weisheit lauscht. Aber wie +vergnügt sie ist in ihren Gedanken! Wie verständig Moritz ist! Und wenn er +davon spricht, welche Opfer er für sie bringt, dann ist das nur seine Art, +zu sagen, wie lieb er sie hat. + +Und wenn sie erwartet hatte, daß er an einem solchen Tage zu zweien +vielleicht ein bißchen anders sein würde, als wenn sie daheim bei Mutter +saßen -- aber das wäre nicht recht von Moritz gewesen -- sie ist nur stolz +auf ihn. + +Er erzählte ihr gerade, was Onkel für ein Mensch ist. Ein so mächtiger Mann +ist er, daß, wenn er sie nur beschützen will, sie allsogleich im Hafen des +Glücks gelandet sind. Onkel Theodor ist so unglaublich reich. Elf Hochöfen +hat er und außerdem Güter und Höfe und Grubenanteile. Und von allem dem ist +Moritz der direkte Erbe. Aber ein bißchen schwer ist Onkel zu behandeln, +wenn es jemand ist, der ihm nicht gefällt. Wenn er mit Moritzens Frau nicht +einverstanden ist, kann er alles jemandem anders hinterlassen. + +Das kleine Gesichtchen wird immer farbloser und schmäler, Moritz aber wird +immer steifer und schwillt förmlich an. Es ist ja nicht viel Aussicht, daß +Anne-Marie Onkel den Kopf verdrehen kann, so wie Moritz. Onkel ist ein ganz +andrer Mann. Sein Geschmack, ja Moritz hat keine besondre Meinung von +seinem Geschmack, aber er glaubt, so irgend etwas recht Lautes, etwas +blitzend Rotes, das müßte Onkel gefallen. Außerdem ist er solch ein +eingefleischter Junggeselle -- findet, daß Frauenzimmer nur lästig sind. +Aber das einzige, was nötig ist, ist ja nur, daß sie Onkel nicht zu sehr +mißfällt. Für das übrige will Moritz schon sorgen. Aber sie darf kein +Gänschen sein. Weint sie --! Ach, wenn sie nicht mutiger aussieht, wenn sie +ankommen, dann wird Onkel ihnen beiden schnurstracks den Laufpaß geben. Sie +ist in ihrem eignen Interesse froh, daß Onkel nicht so klug ist wie Moritz. +Es kann doch wohl kein Unrecht gegen Moritz sein, zu denken, daß es gut +ist, daß Onkel ein ganz andrer Mensch ist wie er. Denn man denke, wenn +Moritz Onkel wäre, und zwei arme junge Leutchen kämen zu ihm gefahren, um +ihren Lebensunterhalt zu erbitten, dann würde ihnen Moritz, der so +verständig ist, sicherlich raten, jeder zu sich nach Hause zu fahren und +mit dem Heiraten so lange zu warten, bis sie etwas hätten, wovon sie leben +könnten. Aber Onkel war gewiß in seiner Weise schrecklich. Er trank so viel +und gab so große Feste, bei denen es ganz wild herging. Und er verstand es +gar nicht, hauszuhalten. Er konnte glauben, daß alle Menschen ihn betrogen, +und ließ sich darüber kein graues Haar wachsen. Und leichtsinnig --! Der +Bürgermeister hatte ihm durch Moritz ein paar Aktien einer Unternehmung +geschickt, die nicht recht gehen wollten, aber Onkel kaufte sie ihm +sicherlich ab, hatte Moritz gesagt. Onkel fragte nicht danach, wofür er +sein Geld verschleuderte. Er hatte schon auf dem Markte in der Stadt +gestanden und den Gassenjungen Silbermünzen hingestreut. Und in einer Nacht +ein paar tausend Reichstaler zu verspielen und seine Pfeife mit +Zehnreichstalerbanknoten anzuzünden, das gehörte zu dem Alltäglichsten, was +Onkel tat. + +So fuhren sie, und so plauderten sie, während sie fuhren. + +Gegen Abend kamen sie an. Onkels »Residenz«, wie er zu sagen pflegte, war +keine Fabrik. Sie lag fern von allem Kohlenrauch und allen Hammerschlägen +auf dem Abhang einer gewaltigen Anhöhe, mit einer weiten Aussicht über Seen +und langgestreckte Berge. Sie war stattlich angelegt, mit Waldwiesen und +Birkenhainen ringsherum, aber so gut wie gar keinen Feldern, denn die +Besitzung war kein Landgut, sondern ein Lustschloß. + +Das junge Paar fuhr eine Allee aus Birken und Ulmen hinauf. Sie fuhren +zuletzt durch ein paar niedrige dichte Tannenhecken, und dann sollten sie +in den Hof einschwenken. + +Aber gerade da, wo der Weg eine Biegung machte, war eine Triumphpforte +errichtet, und da stand Onkel mit seinen Untergebenen und grüßte. Seht, das +hätte das Flaumvögelchen niemals von Moritz glauben können, daß er ihr +einen solchen Empfang bereiten würde. Es wurde ihr gleich ganz leicht ums +Herz. Und sie faßte seine Hand und drückte sie zum Dank. Mehr konnte sie im +Augenblick nicht tun, denn sie waren mitten unter der Triumphpforte. + +Und da stand er, der allbekannte Mann, der Gutsherr Theodor Fristedt, groß +und schwarzbärtig und strahlend von Wohlwollen. Er schwenkte den Hut und +rief hurra, und die ganze Volksschar rief hurra, und Anne-Marie traten die +Tränen in die Augen, und zugleich lächelte sie. Und natürlich mußten ihr +alle vom ersten Augenblick an gut sein, nur schon der Art wegen, wie sie +Moritz ansah. Denn sie dachte ja, daß sie alle seinetwegen da seien, und +sie mußte ihre Blicke von dem ganzen Staat abwenden, nur um ihn anzusehen, +wie er mit einer großen Geste den Hut abnahm und so schön und königlich +grüßte. Ach, was für einen Blick sie ihm da zuwarf! Onkel Theodor blieb +fast im Hurra stecken und geriet in einen Fluch, als er ihn sah. + +Nein, das Flaumvögelchen wünschte gewiß keinem Menschen auf Erden etwas +Böses, aber wenn es wirklich so gewesen wäre, daß das Ganze Moritz gehört +hätte, so würde es wirklich gut gepaßt haben. Es war weihevoll, zu sehen, +wie er da auf der Schwelle stand und sich zu den Leuten wendete, um zu +danken. Onkel Theodor war ja auch stattlich, aber was hatte er für ein +Auftreten gegen Moritz. Er half ihr nur aus dem Wagen und nahm ihren Schal +und ihren Hut wie ein Bedienter, während Moritz den Hut von seiner weißen +Stirn lüftete und sagte: »Habt Dank, meine Kinder!« Nein, Onkel Theodor +hatte wirklich gar kein Benehmen, denn als er jetzt von seinen Onkelrechten +Gebrauch machte und sie in die Arme nahm und küßte und merkte, daß sie +mitten im Kusse Moritz ansah, da fluchte er wirklich, fluchte sehr häßlich. +Das Flaumvögelchen war es nicht gewohnt, jemanden abstoßend zu finden, aber +es würde sicherlich kein leichtes Stück Arbeit sein, Onkel Theodor zu +gefallen. + +»Morgen,« sagt Onkel, »gibt es hier große Mittagsgesellschaft und Ball, +aber heute sollen sich die jungen Herrschaften von der Reise ausruhen. +Jetzt essen wir nur zu Abend, und dann gehen wir zu Bett.« + +Sie werden in einen Salon geführt, und da werden sie allein gelassen. Onkel +Theodor schießt hinaus wie ein Pfeil. Fünf Minuten später fährt er in +seinem großen Wagen die Allee hinab, und der Kutscher fährt so zu, daß die +Pferde wie gespannte Riemen dem Boden entlang liegen. Es vergehen noch fünf +Minuten, aber dann ist Onkel wieder da, und jetzt sitzt eine alte Frau +neben ihm im Wagen. + +Und herein kommt er, am Arme eine freundliche, gesprächige Dame führend, +die er »Frau Bergrätin« nennt. Und diese schließt Anne-Marie gleich in die +Arme, aber Moritzen begrüßt sie etwas steifer. Und das muß sie ja. Niemand +kann sich mit Moritz Freiheiten erlauben. + +Auf jeden Fall ist Anne-Marie sehr froh, daß diese gesprächige alte Dame +gekommen ist. Sie und Onkel haben eine so lustige Art, miteinander zu +scherzen. Es wird ganz heimlich in dem fremden Hause. + +Aber dann, als sie sich gegenseitig Gute Nacht gesagt haben, und Anne-Marie +in ihr kleines Stübchen gekommen ist, geschieht etwas so Peinliches und +Ärgerliches. + +Onkel und Moritz gehen unten im Garten auf und ab, und das Flaumvögelchen +merkt, daß Moritz seine Zukunftspläne auseinandersetzt. Onkel scheint gar +nichts zu sagen, er geht nur und köpft mit seinem Stock Grashalme. Aber +Moritz wird ihn schon bald zu überzeugen wissen, daß er nichts Besseres tun +kann, als Moritz eine Verwalterstelle auf einem seiner Hammerwerke zu +geben, wenn er ihm nicht gleich ein ganzes Hammerwerk geben will. Moritz +hat so viel Sinn fürs Praktische, seit er sich verliebt hat. Er pflegt oft +zu sagen: »Ist es nicht am besten, wenn ich, da ich doch einmal ein großer +Gutsbesitzer werden soll, gleich damit anfange, mich in die Dinge +einzuarbeiten? Welchen Zweck hat es für mich, das Hofgerichtsexamen zu +machen?« + +Sie gehen gerade unter ihrem Fenster, und nichts hindert sie, zu sehen, daß +sie dort sitzt, aber da sie sich nicht darum bekümmern, kann niemand +verlangen, daß sie nicht hören soll, was sie sagen. Es ist wirklich +ebensosehr ihre Angelegenheit wie die von Moritz. + +Da bleibt Onkel Theodor plötzlich stehen, und er sieht böse aus. Er sieht +ganz wütend aus, findet sie, und sie ist nahe daran, Moritz zuzurufen, er +möge sich in acht nehmen. Aber es ist zu spät, denn schon hat Onkel Theodor +Moritz an der Brust gepackt, sein Jabot zerknittert und schüttelt ihn so, +daß er sich windet wie ein Aal. Dann schleudert er ihn mit solcher Kraft +von sich, daß Moritz nach rückwärts stolpert und gefallen wäre, wenn er +sich nicht an einen Baum gestützt hätte. Und da bleibt nun Moritz stehen +und sagt: »Wie?« Ja, was sollte er wohl sonst sagen? + +Ah, nie hat sie Moritzens Selbstbeherrschung so bewundert. Er stürzt sich +nicht auf Onkel Theodor, um mit ihm zu kämpfen. Er sieht nur ruhig +überlegen aus, nur unschuldig erstaunt. Sie versteht, daß er sich +beherrscht, damit die ganze Reise nicht fruchtlos ist. Er denkt an sie und +beherrscht sich. + +Armer Moritz, es stellt sich heraus, daß Onkel um ihretwillen auf ihn böse +ist. Er fragt, ob Moritz nicht weiß, daß sein Onkel Junggeselle ist und +sein Haus ein Junggesellenhaus, daß er seine Braut hergebracht hat, ohne +ihre Mutter mitzunehmen, ihre Mutter! Das Flaumvögelchen ist für Moritz +beleidigt. Mutter hat es sich doch selbst verbeten und gesagt, daß sie die +Bäckerei nicht verlassen könne. Das antwortet auch Moritz, aber sein Onkel +läßt keine Entschuldigungen gelten. -- Na, und die Bürgermeisterin, die +hätte ihrem Sohn wohl den Gefallen tun können. Ja, wenn sie zu hochmütig +war, dann hätten sie lieber da bleiben können, wo sie waren. Was würden sie +denn jetzt angefangen haben, wenn die Bergrätin nicht hätte kommen können? +Und wie konnten denn überhaupt Bräutigam und Braut so zu zweien durchs Land +ziehen! -- So, so, Moritz sei nicht gefährlich. Nein, das hatte er auch nie +geglaubt, aber die Zungen der Leute sind gefährlich. -- Na, und dann +schließlich noch die Chaise, dieser alte Rumpelkasten. Hatte Moritz nicht +das lächerlichste Vehikel in der ganzen Stadt aufgestöbert? Das Kind sechs +Meilen in einer Chaise zu rütteln, und ihn, Onkel Theodor, eine +Triumphpforte für solch einen Leiterwagen errichten zu lassen! -- +Wahrhaftig, er hatte nicht übel Lust, ihn ordentlich bei den Ohren zu +nehmen! Onkel Theodor für solch einen alten Karren hurra rufen zu lassen! +Er dort unten treibt es gar zu bunt. Sie bewundert Moritz, der allem dem so +ruhig standhält. Sie hätte eigentlich nicht übel Lust, sich hineinzumischen +und Moritz zu verteidigen, aber sie glaubt nicht, daß es ihm recht wäre. + +Und bevor sie einschläft, liegt sie da und rechnet sich vor, was sie alles +hätte sagen wollen, um Moritz zu verteidigen. Dann schläft sie ein und +fährt wieder auf, und im Ohr klingt ihr ein altes Rätsel: + + Es steht ein Hund auf einem Stein + Und bellt wohl in das Land hinein. + Er hieß wie du, wie er, wie sie. + Wie hieß er doch, so sag doch wie! + Wie hieß der Hund? + Der Hund hieß Wie. + +Das Rätsel hatte sie als Kind oft geärgert, solch dummer Hund. Aber jetzt +im Halbschlummer vermengt sie den Hund »Wie« mit Moritz, und es kommt ihr +vor, daß der Hund seine weiße Stirn hat. Dann lacht sie. Das Lachen kommt +ihr ebenso leicht an wie das Weinen. Das hat sie von Vater geerbt. + + +II + +Wie ist »das« gekommen? Das, was sie nicht beim Namen zu nennen wagt. + +»Das« ist wohl gekommen wie der Tau ins Gras, wie die Farbe in die Rose, +wie die Süßigkeit in die Beere, unmerklich und hold, ohne sich vorher +anzukündigen. + +Es ist ja auch gleichgültig, wie »das« gekommen ist und was »das« ist. Gut +oder böse, schön oder häßlich, »das« ist das Verbotene, was es gar nicht +geben sollte. »Das« macht sie ängstlich, sündhaft, unglücklich. + +An »das« will sie nie mehr denken. »Das« muß ausgerissen und +fortgeschleudert werden, und doch ist es nichts, was sich greifen und +fangen läßt. Sie verschließt sich davor, und »das« kommt doch herein. »Das« +treibt das Blut aus ihren Adern und fließt selbst darin, es treibt die +Gedanken aus dem Hirn und regiert dort, es tanzt durch die Nerven und +zittert bis in die Fingerspitzen. Es ist überall in ihr, so daß, wenn sie +alles fortnehmen könnte, woraus der Körper sonst besteht und nur »das« +übrig ließe, es einen vollen Abdruck von ihr geben würde. Und dennoch war +»das« nichts. + +Nie will sie an »das« denken, und stets muß sie an »das« denken. Wie ist +sie so schlecht geworden. Und dann forscht sie und grübelt nach, wie »das« +gekommen ist. + +Ach, Flaumvögelchen! Wie weich ist nicht unser Sinn und wie leicht geweckt +unser Herz! + +Sie war sicher, daß »das« nicht beim Frühstück gekommen war, nein, ganz +gewiß nicht beim Frühstück. + +Da war sie nur ängstlich und scheu gewesen. Es hatte sie so sehr +erschüttert, als sie zum Frühstück hinabkam und Moritz nicht vorfand, nur +Onkel Theodor und die Bergrätin. + +Es war ja nur klug von Moritz gewesen, daß er auf die Jagd gegangen war, +obgleich es unmöglich schien, herauszufinden, was er jetzt zur +Mittsommerzeit jagte, wie auch die Bergrätin bemerkte. Aber er wußte +natürlich, daß er am besten tat, wenn er sich ein paar Stunden von Onkel +fern hielt, bis er wieder gut wurde. Er konnte sich ja gewiß gar nicht +denken, daß sie so schüchtern war, daß sie beinahe ohnmächtig wurde, als +sie ihn fort fand und sich selbst mit Onkel und der Bergrätin allein sah. +Moritz war nie schüchtern gewesen. Er wußte nicht, was für eine Qual das +war. + +Dieses Frühstück, dieses Frühstück! Onkel hatte gleich damit angefangen, +die Bergrätin zu fragen, ob sie die Geschichte von Sigrid der Schönen +gehört habe. Er fragte nicht das Flaumvögelchen, und sie wäre auch nicht +imstande gewesen, zu antworten. Die Bergrätin kannte die Geschichte gut, +aber er erzählte sie dennoch. Da erinnerte sich Anne-Marie, daß Moritz +Onkel ausgelacht hatte, weil er in seinem ganzen Hause nur zwei Bücher +habe, und das waren die Sagen von Afzelius und Nösselts »Allgemeine +Weltgeschichte für Frauenzimmer«. »Aber die kann er auch,« hatte Moritz +gesagt. + +Anne-Marie hatte die Geschichte schön gefunden. Es gefiel ihr, daß Bengt +Magnusson Perlen auf den Friesrock nähen ließ. Sie sah Moritz vor sich, wie +königlich stolz er ausgesehen haben würde, wenn er die Perlen befohlen +hätte. Das war gerade etwas, was Moritz gut angestanden hätte. + +Aber als Onkel in der Geschichte dahin kam, wo erzählt wird, wie Bengt +Magnusson in den Wald ritt, um der Begegnung mit seinem erzürnten Bruder +auszuweichen und anstatt dessen seine junge Frau dem Sturm begegnen ließ, +da wurde es ganz deutlich, daß Onkel verstand, daß Moritz nur auf die Jagd +gegangen war, um seinem Zorn auszuweichen, und daß er wußte, wie sie dasaß +und daran dachte, ihn zu gewinnen. -- -- Ja, gestern, da hatten sie +freilich Pläne schmieden können, Moritz und sie, wie sie mit Onkel +kokettieren würde, aber heute war kein Gedanke daran, sie auszuführen. Ah, +nie hatte sie sich so dumm betragen! Das ganze Blut schoß ihr ins Gesicht, +und Messer und Gabel fiel mit gewaltigem Geklapper aus ihren Händen auf den +Teller. + +Doch Onkel Theodor hatte kein Erbarmen gezeigt, sondern die Geschichte +fortgesetzt, bis er zu dem guten Jarlworte kam: »Hätte mein Bruder dies +nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Das hatte er mit so lustigem +Tonfall gesagt, daß sie aufsehen und dem Blick seiner lachenden braunen +Augen begegnen mußte. + +Und als er da die Angst aus ihren Augen starren sah, da hatte er zu lachen +angefangen wie ein richtiger Junge. »Was glauben Sie, Frau Bergrätin,« +hatte er gerufen, »daß Bengt Magnusson sich dachte, als er heimkam und das +hörte: >Hätte mein Bruder< ... ich denke, ein nächstes Mal ist er daheim +geblieben.« + +Dem Flaumvögelchen traten die Tränen in die Augen, und als Onkel dies sah, +begann er immer heftiger zu lachen. »Ja, das ist eine schöne Mittlerin, die +mein Brudersohn sich da ausgesucht hat,« schien er sagen zu wollen. »Du +bist ganz aus der Rolle gefallen, mein kleines Mädchen.« Und jedesmal, +wenn sie ihn ansah, hatten die braunen Augen wiederholt: »Hätte mein Bruder +dies nicht getan, wahrlich, ich tät es selber.« Eigentlich war das +Flaumvögelchen nicht ganz sicher, ob die Augen nicht Brudersohn sagten. Und +nun denke man, wie sie sich betragen hatte. Sie hatte laut zu weinen +angefangen und war aus dem Zimmer gestürzt. + +Aber nicht damals war »das« gekommen, auch nicht auf dem +Vormittagsspaziergang. + +Da handelte es sich um etwas ganz andres. Da war sie ganz hingerissen vor +Freude über die schöne Besitzung und darüber, der Natur so vertraut nahe zu +sein. Es war, als hätte sie etwas wiedergefunden, was sie vor langer, +langer Zeit verloren hatte. + +Bäckermamsell, Stadtmädchen, ja dafür hielt man sie. Aber sie war nun auf +einmal ein Landkind geworden, wie sie nur den Fuß auf den Kiesweg setzte. +Sie erkannte sogleich, daß sie aufs Land gehörte. + +Als sie sich nur ein wenig beruhigt hatte, hatte sie sich auf eigne Faust +herausgewagt, um das Gut zu besichtigen. Sie hatte sich unten auf dem +Kiesplatz vor dem Eingang umgesehen. Und ganz von selbst war der Hut auf +den Arm gewandert, den Schal warf sie ab und begann sich hin und her zu +wiegen. Dann stemmte sie den Arm in die Hüfte und zog Luft in die Lungen +ein, daß sich die Nasenflügel zusammenzogen und es nur so pfiff. + +Ach, wie beherzt hatte sie sich doch gefühlt! + +Sie hatte ein paar Versuche gemacht, ruhig und sittig unten im Garten +herumzugehen, aber das hatte sie nicht gelockt. Mit einer raschen Wendung +hatte sie sich zu den großen angebauten Wirtschaftsgebäuden begeben. Sie +war einer Stallmagd begegnet und hatte ein paar Worte mit ihr gesprochen. +Sie war erstaunt zu hören, wie frisch ihre eigne Stimme klang. Sie war wie +die eines Leutnants vor der Front. Und sie fühlte, wie flott es sich +ausnahm, wie sie, den Kopf stolz erhoben und zur Seite gewandt, mit +raschen, nachlässigen Bewegungen, eine kleine sausende Gerte in der Hand, +in den Stall trat. + +Der war jedoch nicht so, wie sie ihn sich gedacht hatte. Keine langen +Reihen gehörnter Wesen gab es da, denen sie imponieren konnte, denn sie +waren alle draußen auf der Weide. Ein einsames Kälbchen stand da und schien +zu erwarten, daß sie etwas für es tun sollte. Sie ging auf das Tierchen zu, +stellte sich auf die Zehenspitzen, hielt das Kleid mit der einen Hand +gerafft und berührte mit der äußersten Spitze der andern die Stirn des +Kalbes. + +Da das Kalb aber nicht der Ansicht zu sein schien, daß sie genug getan +habe, sondern seine lange Zunge herausstreckte, überließ sie ihm gnädigst +ihren kleinen Finger zum Ablecken. Aber dabei hatte sie nicht umhin können, +sich umzusehen und gleichsam einen Bewunderer dieser Heldentat zu suchen. +Und da hatte sie gefunden, daß Onkel Theodor in der Stalltüre stand und +lachte. + +Dann hatte er sie auf ihrem Spaziergange begleitet. Aber da kam »das« gewiß +nicht. Da war nur das höchst Merkwürdige und Seltsame eingetroffen, daß sie +vor Onkel Theodor keine Angst mehr hatte. Es war mit ihm wie mit Mutter, er +schien alle ihre Fehler und Schwächen zu kennen, und das war ein so ruhiges +Gefühl. Da brauchte man sich nicht besser zu zeigen, als man war. + +Onkel Theodor hatte sie in den Garten führen wollen und zu den Terrassen am +Teich, aber das war nicht nach ihrem Geschmack. Sie wollte wissen, was in +allen diesen großen Gebäuden war. + +Da ging er geduldig mit ihr in die Milchkammer und in den Eiskeller, in den +Weinkeller und in den Kartoffelkeller. Er nahm alles der Reihe nach durch +und zeigte ihr die Speisekammer und die Holzkammer und den Wagenschuppen +und die Rollkammer. Dann führte er sie durch den Stall der Arbeitspferde +und durch den der Wagenpferde, er ließ sie die Sattelkammer und das +Bedientenzimmer sehen und die Knechtestube und die Werkstatt. Sie war ein +wenig verwirrt von allen diesen Räumen, die Onkel Theodor nötig gefunden +hatte, in seinem Hause einzurichten, aber ihr Herz glühte vor Entzücken bei +dem Gedanken, wie herrlich es sein mußte, über alles das zu walten und zu +schalten, so daß sie gar nicht müde wurde, obgleich sie auch die +Schafställe und die Schweineställe durchwanderten und zu den Hühnern und +den Kaninchen hineinguckten. Sie untersuchte gewissenhaft die Webekammer +und die Molkerei, die Räucherkammer und die Schmiede, alles in wachsender +Begeisterung. Dann gingen sie über große Dachböden, Trockenböden für Wäsche +und Trockenböden für Holz, Heuböden und Böden für trocknes Laub, das die +Schafe zu fressen bekommen. + +Die schlummernde Hausmutter in ihr erwachte beim Anblick aller dieser +Vollkommenheit zu Leben und Bewußtsein. Aber den tiefsten Eindruck machte +ihr das große Bräuhaus und die zwei niedlichen Backstuben mit dem weiten +Ofen und den großen Tischen. + +»Das sollte Mutter sehen,« sagte sie. + +Dort in der Backstube hatten sie gesessen und sich ausgeruht, und sie hatte +von daheim erzählt. Das konnte sie Onkel gegenüber so leicht. Er war schon +wie ein Freund, obgleich seine braunen Augen über alles lachten, was sie +sagte. + +Daheim war es so still, kein Leben, keine Abwechslung. Sie war als Kind +kränklich gewesen, und darum behüteten die Eltern sie so, daß sie sie gar +nichts tun ließen. Nur zum Spaß durfte sie mit in der Backstube oder im +Laden sein ... Und wie sie so erzählte, war es ihr auch herausgerutscht, +daß Vater sie sein Flaumvögelchen nannte. In diesem Zusammenhange hatte sie +auch gesagt: »Zu Hause verwöhnen sie mich alle, außer Moritz, darum habe +ich ihn so lieb. Er ist so klug mit mir, er nennt mich auch nie +Flaumvögelchen, nur Anne-Marie. Moritz ist so vortrefflich.« + +Ach, wie es in Onkels Augen tanzt und lacht. Sie hätte ihn mit der Gerte +schlagen können. Und sie wiederholte noch einmal mit Tränen im Halse: +»Moritz ist so vortrefflich.« + +»Ja, ich weiß, ich weiß,« hatte Onkel da geantwortet. »Er soll ja mein Erbe +sein.« Worauf sie ausgerufen hatte: »Ach, Onkel Theodor, warum heiraten Sie +nicht? Denken Sie doch, wie glücklich das Mädchen sein müßte, die Frau in +einem solchen Schlosse wird?« + +»Wie stände es dann mit Moritzens Erbe?« hatte Onkel ganz gleichmütig +gefragt. + +Da war sie für lange Zeit ganz verstummt, denn sie konnte Onkel nicht +sagen, daß sie und Moritz nicht nach dem Erbe fragten, denn das taten sie +doch gerade. Sie grübelte, ob es sehr häßlich war, daß sie es taten. Sie +hatte plötzlich das Gefühl, als müßte sie Onkel um Verzeihung bitten für +irgendein großes Unrecht, das sie ihm angetan habe. Aber das konnte sie +auch nicht. + +Als sie wieder ins Haus kamen, lief ihnen Onkels Hund entgegen. Das war ein +kleines, kleines Dingelchen auf den allerschmalsten Beinen, mit wedelnden +Ohrläppchen und Gazellenaugen, ein Nichts mit einem kleinen gellenden +Stimmchen. + +»Du wunderst dich wohl, daß ich einen so kleinen Hund habe,« hatte Onkel +Theodor gesagt. + +»Ja, wirklich,« hatte sie da geantwortet. + +»Aber siehst du, nicht ich habe mir Jenny zum Hund gewählt, sondern Jenny +hat mich zum Herrn genommen. Willst du die Geschichte hören, +Flaumvögelchen?« Von dem Wort hatte er gleich Besitz ergriffen. + +Ja, das hatte sie gewollt, obgleich sie sich denken konnte, daß wieder +irgendeine Neckerei dahinter steckte. + +»Ja, siehst du, als Jenny zum ersten Male herkam, lag sie einer feinen Frau +aus der Stadt auf dem Schoße und hatte ein Deckchen auf dem Rücken und ein +Tüchlein um den Kopf. Pst, Jenny, es ist wahr, das hattest du! Und ich +dachte mir, das ist doch ein wahres Jammertierchen. Aber siehst du, als das +Hundeviehchen hier auf den Boden kam, da müssen irgendwelche +Kindheitserinnerungen in ihm erwacht sein, oder was es nun war. Es kratzte +und schlug um sich und wollte durchaus die Decke herunterzerren. Und dann +betrug sich Jenny ganz wie die großen Hunde hier, so daß wir sagten, sie +müsse ganz gewiß auf dem Lande aufgewachsen sein. + +Sie legte sich draußen auf die Schwelle und warf nicht einmal einen Blick +auf das Salonsofa, und sie jagte die Hühner und stahl die Milch der Katze +und kläffte die Bettler an und fuhr den Pferden an die Beine, als Besuch +kam. Wir hatten unsre Lust und Freude daran, zu sehen, wie sie sich benahm. +Denke dir doch, solch ein kleines Ding, das nur in einem Korb gelegen hat +und auf dem Arm getragen wurde. Es war ja wunderlich. -- Und dann, weißt +du, als sie fortfahren sollten, wollte Jenny nicht mit. Sie stand auf der +Treppe und winselte so jämmerlich, und sprang an mir hinauf und bettelte +förmlich, denke dir nur, bleiben zu dürfen. So wußten wir uns keinen andern +Rat, als sie da zu lassen. Wir waren ganz gerührt über dies Hündchen, das +so klein war und doch ein richtiger Landhund sein wollte. Aber das hätte +ich doch nie geglaubt, daß ich mir noch einmal einen Schoßhund halten +würde, vielleicht bekomme ich auch noch bald eine Frau.« + +O, wie schrecklich ist es doch, wenn man so schüchtern, so unerzogen ist. +Sie hätte wohl gerne wissen mögen, ob Onkel sehr erstaunt gewesen war, als +sie so ungestüm fortstürzte. Aber es war ganz, als hätte er sie gemeint, +als er von Jenny sprach. Und das hatte er vielleicht gar nicht. Aber +immerhin -- -- ja, ja, sie war so verlegen gewesen. Sie hatte nicht bleiben +können. + +Aber nicht damals war »das« gekommen, nicht damals. + +So war es wohl am Abend, bei dem Ball. Nie hatte sie sich noch so gut auf +einem Ball unterhalten! Aber wenn jemand gefragt hätte, ob sie viel getanzt +habe, dann hätte sie sich wohl besinnen und sagen müssen, das habe sie +nicht. Aber das war eben das beste Zeichen, wie gut sie sich unterhalten +hatte, daß sie es gar nicht merkte, daß sie ein wenig vernachlässigt worden +war. + +Es war für sie schon eine solche Unterhaltung gewesen, Moritz anzusehen. +Gerade weil sie beim Frühstück ein kleines, kleines bißchen streng gegen +ihn gewesen war und gestern abend über ihn gelacht hatte, war es ihr eine +solche Freude gewesen, ihn auf dem Ball zu sehen. Nie war er ihr so schön +und so überlegen vorgekommen. + +Er hatte gewiß das Gefühl gehabt, daß sie sich zurückgesetzt fühlte, weil +er nicht nur mit ihr gesprochen und getanzt hatte. Aber es hatte ihr genug +Vergnügen gemacht, zu sehen, wie beliebt Moritz bei allen war. Als ob sie +ihre Liebe zur allgemeinen Betrachtung hätte ausstellen wollen! Ah, so dumm +war das Flaumvögelchen nicht! + +Moritz tanzte viele Tänze mit der schönen Elisabeth Westling. Aber das +hatte sie gar nicht beunruhigt, denn Moritz war immer wieder auf sie +zugekommen und hatte geflüstert: »Du siehst, ich kann da nicht entwischen, +wir sind Kindheitsfreunde. Und sie sind es hier auf dem Lande so gar nicht +gewöhnt, einen Kavalier zu haben, der in der großen Welt gewesen ist und +tanzen und konversieren kann. Du mußt mich heute abend schon den +Gutsbesitzerstöchtern leihen, Anne-Marie.« + +Aber Onkel ging Moritz gewissermaßen aus dem Wege. »Sei du heut abend +Hausherr,« sagte er zu ihm, und das war Moritz. Er kam zu allem, er führte +den Tanz an, führte das Trinken an und hielt Reden auf die schöne Gegend +und auf die Damen. Er war großartig. Onkel sowohl wie sie hatten die Blicke +auf Moritz geheftet, und so hatten sich ihre Blicke getroffen. Da hatte +Onkel gelächelt und ihr zugenickt. Onkel war sicherlich stolz auf Moritz. +Es hatte sie vorher ein wenig bedrückt, daß Onkel seinen Neffen nicht recht +zu schätzen wußte. Gegen Morgen war Onkel recht laut und lärmend geworden. +Da hatte er sich am Tanze beteiligen wollen, aber die Mädchen wichen ihm +aus, wenn er zu ihnen kam, und taten, als wären sie schon engagiert. + +»Tanze mit Anne-Marie,« hatte Moritz zu Onkel Theodor gesagt, und das hatte +natürlich ein wenig protegierend geklungen. Sie erschrak so sehr, daß sie +förmlich zusammenfuhr. + +Onkel war auch verletzt, drehte sich um und ging ins Rauchzimmer. + +Aber da war Moritz auf sie zugetreten und hatte mit harter, harter Stimme +gesagt: + +»Du verdirbst mir aber auch alles, Anne-Marie. Mußt du so ein Gesicht +machen, wenn Onkel mit dir tanzen will? Wenn du nur wüßtest, was er mir +gestern über dich sagte. Du mußt auch etwas tun, Anne-Marie. Glaubst du, +daß es recht ist, alles mir zu überlassen?« + +»Was willst du denn, daß ich tun soll, Moritz?« + +»Ach, jetzt nichts, jetzt ist der Karren schon verfahren. Denke, was ich +heute abend alles gewonnen habe! Aber jetzt ist es verloren.« + +»Ich bitte Onkel gern um Entschuldigung, wenn du es willst, Moritz.« Und +sie meinte es auch. Es tat ihr wirklich leid, Onkel verstimmt zu haben. + +»Es wäre natürlich das einzig Richtige, aber von jemandem, der so +lächerlich schüchtern ist wie du, kann man ja nichts verlangen.« + +Da hatte sie nichts geantwortet, sondern war geradeswegs in das Rauchzimmer +gegangen, das jetzt beinahe leer war. Onkel hatte sich in einen Lehnstuhl +geworfen. + +»Warum wollen Sie nicht mit mir tanzen, Onkel?« hatte sie gefragt. + +Onkel Theodors Augen waren zugefallen. Er schlug sie auf und sah sie lange +an. Es war der schmerzvollste Blick, dem sie je begegnet war. Sie ahnte +nun, wie einem Gefangnen zumute sein mag, wenn er an seine Fesseln denkt. +Es sah aus, als sei Onkel sehr, sehr traurig. Als brauchte er sie viel +nötiger als Moritz, denn Moritz brauchte niemanden. Er war so prächtig, wie +er war. Da legte sie ihre Hand ganz leicht und liebkosend auf Onkel +Theodors Arm. + +Mit einem Male hatte er frisches Leben in den Augen. Er begann mit seiner +großen Hand ihr Haar zu streicheln. »Mütterchen,« sagte er. + +Da kam »das« über sie, während er ihr Haar streichelte. Es kam geschlichen, +es kam gekrochen, es kam gehuscht und geraschelt, so wie wenn die +Heinzelmännchen durch den dunklen Wald ziehen. + + +III + +Eines Abends liegen feine, weiche Wölkchen am Himmel, eines Abends ist es +still und lau, eines Abends schweben kleine weiße Fläumchen von Espen und +Pappeln durch die Luft. + +Es ist schon spät, und niemand ist mehr auf, nur Onkel Theodor, der draußen +im Garten umhergeht und überlegt, wie er den jungen Mann und das junge +Mädchen voneinander trennen könnte. + +Denn nie, nie, in alle Ewigkeit soll es geschehen, daß Moritz an ihrer +Seite vom Hofe wegfährt, während Onkel Theodor auf der Schwelle steht und +ihnen glückliche Reise wünscht. + +Ist es denn überhaupt möglich, sie ziehen zu lassen, nachdem sie drei Tage +hindurch das Haus mit zwitschernder Fröhlichkeit erfüllt, nachdem sie sie +in ihrer stillen Weise daran gewöhnt hat, daß sie für sie alle denkt und +sorgt, nachdem er sich gewöhnt hat, dies weiche geschmeidige kleine Wesen +überall umherstreifen zu sehen. Onkel Theodor sagt zu sich selbst, daß das +nicht möglich ist. Er kann sie nicht mehr entbehren. + +In demselben Augenblick stößt er an einen abgeblühten Löwenzahn, und wie +die Entschlüsse der Menschen und die Versprechungen der Menschen zerstreut +sich das weiße Flaumbällchen, und die weißen Federchen fliegen eilig davon +und verschwinden. + +Die Nacht ist nicht kalt, wie die Nächte in dieser Gegend zu sein pflegen. +Die Wärme wird unter der grauen Wolkendecke zurückgehalten. Die Winde +zeigen ein seltnes Mal Erbarmen und verhalten sich still. + +Onkel Theodor sieht sie, das Flaumvögelchen. Sie weint, weil Moritz sie +verlassen hat. Aber er zieht sie an sich und küßt die Tränen fort. + +Weich und fein fliegen die weißen Fläumchen von den großen reifen Kätzchen +der Bäume. So leicht, daß die Luft sie kaum fallen lassen will, so klein +und zart, daß sie kaum auf dem Boden sichtbar werden. + +Onkel Theodor lacht sich ins Fäustchen, als er an Moritz denkt. In Gedanken +tritt er am nächsten Morgen in sein Zimmer, als dieser noch im Bette liegt. +»Höre, Moritz,« will er ihm sagen. »Ich möchte dir keine falschen +Hoffnungen machen. Wenn du dieses Mädchen heiratest, so hast du keinen +Pfennig von mir zu erwarten. Ich will nicht mit dazu helfen, deine Zukunft +zu vernichten.« + +»Mißfällt sie Ihnen so sehr, Onkel?« wird Moritz dann fragen. + +»Nein, du, im Gegenteil, es ist ein nettes Mädchen, aber doch nichts für +dich. Du mußt ein Prachtweib haben wie Elisabeth Westling. Sei nun +verständig, Moritz, was wird aus dir, wenn du um dieses Kindes willen deine +Studien abbrichst und auf ein Gut gehst. Dazu taugst du nicht, mein Junge. +Dazu ist etwas andres nötig, als den Hut schön zu schwingen und zu sagen: +>Habt Dank, meine Kinder!< Du bist ja zum Beamten wie geschaffen. Du +kannst Minister werden.« + +»Wenn Sie eine so gute Meinung von mir haben, Onkel,« antwortet dann +Moritz, »so helfen Sie mir doch, mein Examen zu machen, und lassen Sie uns +dann heiraten!« + +»Nein, das nicht, du, das ganz gewiß nicht. Was, glaubst du, würde aus +deiner Karriere werden, wenn du einen solchen Ballast mitschleppen müßtest, +wie es eine Frau ist. Das Pferd, das den Brotwagen ziehen muß, galoppiert +nicht. Denke dir nun die Bäckermamsell als Ministerfrau! Nein, du darfst +dich nicht vor zehn Jahren verloben, nicht bevor du avanciert bist. Was +wäre die Folge, wenn ich es euch ermögliche, zu heiraten. Jedes Jahr würdet +ihr zu mir kommen und um Geld betteln. Und das würdet ihr und ich bald satt +kriegen.« + +»Aber Onkel, ich bin doch ein Ehrenmann. Ich habe mich doch verlobt.« + +»Höre mich nun an, Moritz! Was ist besser? Daß sie zehn Jahre herumgeht und +auf dich wartet und du sie dann nicht heiraten willst oder daß du gleich +ein Ende machst? Nein, sei nun entschlossen, stehe auf, steige in deinen +Chaisekasten und fahre heim, bevor sie aufwacht. Es schickt sich ja ohnehin +nicht, daß Bräutigam und Braut so zu zweien über Land ziehen. Ich werde +schon für das Mädchen sorgen, wenn du nur von diesem Wahnwitz abstehst. Die +Bergrätin wird sie nach Hause bringen, ich werde den schönsten Wagen +anspannen lassen. Du sollst von mir einen Jahresgehalt bekommen, so daß du +dir wegen der Zukunft keine Sorgen zu machen brauchst. Sieh mal, sei +verständig, du machst deinen Eltern Freude, wenn du mir gehorchst. Reise +jetzt ab, ohne sie zu sehen! Ich werde ihr schon Vernunft zusprechen. Sie +will gewiß deinem Glück nicht im Wege stehen. Versuche nur nicht, sie zu +treffen, ehe du fährst, sonst könntest du wieder schwankend werden, denn +sie ist reizend.« + +Und nach diesen Worten faßt Moritz einen heldenmutigen Entschluß und reist +ab. + +Und wenn er fort ist, was wird dann geschehen? + +»Schlechter Kerl,« ruft es im Garten laut und drohend, wie nach einem Dieb. +Onkel Theodor sieht sich um. Ist kein andrer da? Ist er es nur, der sich +das selber zuruft? + +Was dann geschehen wird? Ah, er wird sie darauf vorbereiten, daß Moritz +fort ist, ihr zeigen, daß Moritz ihrer nicht würdig war, sie dahin bringen, +ihn zu verachten. Und wenn sie sich dann an seiner Brust ausgeweint hat, +wird er sie ganz behutsam, ganz vorsichtig verstehen lassen, was er fühlt, +sie locken, sie gewinnen. + +Die Fläumchen fahren fort zu fallen. Onkel Theodor streckt seine große Hand +aus und fängt ein Flöckchen auf. + +Wie fein, wie leicht, wie zart! Er bleibt stehen und sieht es an. + +Sie fahren fort, rings um ihn zu fallen, Flocke um Flocke. Was wird dann +mit ihnen geschehen? Sie werden vom Winde gejagt, von der Erde beschmutzt, +von schweren Füßen zertreten werden. + +Onkel Theodor ist es, als ob diese leichten Fläumchen mit der größten +Schwere auf ihn niederfielen. Wer will der Wind, wer will die Erde, wer +will die Schuhsohle sein, wenn es diesen Kleinen, diesen Wehrlosen gilt? + +Und infolge seiner staunenerregenden Kenntnisse in Nösselts Weltgeschichte +steht eine Episode daraus vor ihm, die sich mit dem vergleichen läßt, woran +er eben gedacht hat. + +Es war anbrechender Morgen, nicht sinkende Nacht wie jetzt. Es war ein +Felsenstrand, und unten am Meere saß ein schöner Jüngling mit einem +Pantherfell über der Schulter, mit Weinlaub in den Locken, den Thyrsos in +der Hand. Wer er war? Ah, Gott Bacchus selbst. + +Und der Felsenstrand war Naxos. Was der Gott sah, war Griechenlands Meer. +Das Schiff mit den schwarzen Segeln, das rasch zum Horizont entfloh, ward +von Theseus gelenkt, und in der Grotte, deren Eingang sich hoch in einem +Absatz der steilen Strandberge öffnete, schlummerte Ariadne. + +Und in der Nacht hatte der junge Gott gedacht: »Ist wohl der sterbliche +Jüngling würdig der himmlischen Maid?« Und um Theseus zu prüfen, hatte er +ihn in einem Traume mit dem Verluste des Lebens bedroht, wenn er nicht +sogleich Ariadne verließ. Da hatte sich dieser ungesäumt erhoben, war zum +Schiffe geeilt und über die Wellen geflohen, ohne auch nur die Jungfrau zu +wecken, um ihr Lebewohl zu sagen. + +Nun saß Gott Bacchus lächelnd da, von den süßesten Hoffnungen gewiegt und +harrte Ariadnes. Die Sonne ging auf, der Morgenwind erhob sich. Er überließ +sich lächelnden Träumen. Er würde die Verlassene schon zu trösten wissen, +er, Gott Bacchus selbst. + +Da kam sie. Mit strahlendem Lächeln trat sie aus der Grotte. Ihre Augen +suchten Theseus, sie irrten immer weiter fort, zum Ankerplatz des Schiffes, +über die Wellen -- -- zu den schwarzen Segeln -- -- + +Und dann mit einem schneidenden Schrei, ohne Besinnung, ohne Zaudern, hinab +ins Meer, hinab in Tod und Vergessenheit. + +Und da saß nun Gott Bacchus, der Tröster. + +So ging es zu. So war es geschehen. Onkel Theodor erinnert sich freilich, +daß Nösselt ein paar Worte hinzufügt, daß mitleidige Dichter behaupten, +Ariadne hätte sich von Bacchus trösten lassen. Aber die Mitleidigen hatten +sicherlich unrecht. Ariadne ließ sich nicht trösten. + +Lieber Gott, weil sie so gut und süß ist, daß er sie lieben muß, darum soll +sie unglücklich gemacht werden! + +Zum Lohn für das schöne, sanfte Lächeln, das sie ihm geschenkt hat, weil +ihre kleine weiche Hand sich vertrauensvoll in die seine gelegt, weil sie +nicht gezürnt hat, wenn er sie neckte, darum soll sie ihren Bräutigam +verlieren und unglücklich gemacht werden. + +Für welches von allen ihren Verbrechen soll sie verurteilt werden? Weil sie +ihn dazu gebracht hat, im Allerinnersten seiner Seele einen Raum zu +entdecken, der bis dahin ganz fein und rein und unbesetzt gewesen ist und +nur auf solch ein kleines, zartes und mütterliches Frauenwesen gewartet zu +haben scheint, oder weil sie schon jetzt über ihn Macht hat, so daß er kaum +wagt, einmal zu fluchen, wenn sie es hört, oder warum soll sie gestraft +werden? + +Ach, armer Bacchus, armer Onkel Theodor! Es ist nicht gut, es mit diesen +Feinen, Lichten, Daunenweichen zu tun zu haben. -- Sie springen ins Meer, +wenn sie die schwarzen Segel sehen. + +Onkel Theodor flucht in aller Stille darüber, daß das Flaumvögelchen nicht +schwarzhaarig, rotwangig, grobgliedrig ist. + +Da fällt wieder ein Flöckchen, und es fängt an zu sprechen: »Ich hätte dir +all dein Lebtag folgen sollen. Ich hätte dir am Spieltisch eine Warnung ins +Ohr geflüstert. Ich hätte das Weinglas fortgerückt. Von mir würdest du es +geduldet haben.« -- »Das hätte ich,« flüstert er, »das hätte ich.« + +Ein andres kommt und spricht ebenfalls: »Ich hätte dein großes Haus +regieren und es traulich und warm machen sollen. Ich hätte dich durch die +öden Gefilde des Alters geleitet. Ich hätte dein Herdfeuer entzündet, wäre +dir Auge und Stab gewesen. Würde ich nicht dazu getaugt haben?« -- »Liebes, +kleines Fläumchen,« antwortet er, »freilich hättest du das.« + +Noch ein Flöckchen kommt geflogen, und es spricht: »Wie bin ich doch zu +beklagen. Morgen fährt mein Bräutigam von mir fort, ohne mir auch nur +Lebewohl zu sagen. Morgen werde ich weinen, den ganzen Tag weinen, denn +ich werde es als solch eine Schmach empfinden, daß ich für Moritz nicht gut +genug bin. Und wenn ich heimkomme, wie werde ich da über meines Vaters +Schwelle treten können. Das ganze Hintergäßchen entlang wird man flüstern +und zischeln, wenn ich mich zeige. Alle werden sich fragen, was ich wohl +Böses verbrochen habe, um so schlecht behandelt zu werden. Kann ich dafür, +daß du mich liebst?« Er antwortet mit Tränen in der Kehle: »Sprich nicht +so, kleines Fläumchen! Es ist noch zu früh, um so zu sprechen.« + +Die ganze Nacht geht er draußen umher, und endlich gegen Mitternacht kommt +ein wenig Dunkelheit. Da gerät er in große Angst, diese dumpfe schwüle Luft +scheint stille zu stehen, aus Angst vor irgendeiner Missetat, die am Morgen +begangen werden soll. Da sucht er die Nacht zu beschwichtigen, indem er +ganz laut sagt: »Ich werde es nicht tun.« + +Aber da begibt sich das Seltsamste. Die Nacht gerät in solch eine zitternde +Angst. Jetzt sind es nicht mehr die kleinen Fläumchen, die fallen, nein, +rings um ihn rauschen große und kleine Flügel. Er hört, daß etwas +entflieht, aber er weiß nicht, wohin. + +Das Fliehende streicht an ihm vorbei, es berührt seine Wange, es streift +seine Kleider und seine Hände, und er begreift, was es ist. Es sind die +Blätter, die die Bäume verlassen, die Blumen, die von ihren Stengeln +entfliehen, die Flügel, die von den Schmetterlingen fortfliegen, der +Gesang, der die Vögel verläßt. + +Und er weiß, daß, wenn die Sonne aufgeht, sein Lustgarten ganz verwüstet +sein wird. Leerer, kahler, stummer Winter wird da herrschen, kein +Schmetterlingsspiel, kein Vogelgezwitscher. + +Er bleibt im Freien, bis das Licht wiederkehrt, und er ist beinahe +erstaunt, als er die dunklen Laubmassen der Ahornbäume sieht. »Ja so,« sagt +er, »was war es dann, was verwüstet wurde, wenn nicht der Garten? Hier +fehlt ja nicht einmal ein Grashälmchen. Der Tausend auch, ich selber bin +es, der fortab durch Kälte und Winter wandern muß, nicht der Garten. Es +ist, als wäre der ganze Lebensmut entflohen. Ah, du alter Narr, das geht +wohl auch vorüber, wie alles andre. Das ist doch wahrlich zu viel Aufhebens +um so ein kleines Frauenzimmerchen.« + + +IV + +Wie schrecklich unbescheiden »das« sich an dem Morgen beträgt, wo sie +fortfahren sollen. An den zwei Tagen, die sie nach dem Balle hier gewesen +sind, ist »das« eher etwas Anfeuerndes, etwas Belebendes gewesen, aber +jetzt, wo das Flaumvögelchen fort soll, wo »das« einsieht, daß es im Ernst +aus ist, daß es keine Rolle in ihrem Leben spielen darf, da verwandelt es +sich in eine Todesschwere, in eine Todeskälte. + +Es ist, als müßte sie einen versteinerten Körper über die Treppen hinab ins +Frühstückszimmer schleppen. Sie streckt eine schwere kalte Hand aus Stein +aus, als sie grüßt, sie spricht mit einer trägen Steinzunge, sie lächelt +mit harten Steinlippen. Das ist eine Arbeit, eine Arbeit. + +Aber wer wird sich nicht freuen, wenn er daran denkt, daß alles an diesem +Morgen so abgemacht wird, wie es die gute alte Treue und Ehre erfordert. + +Onkel Theodor wendet sich beim Frühstück an das Flaumvögelchen und erklärt +mit wunderlich ungefüger Stimme, daß er sich entschlossen hat, Moritz die +Verwalterstelle in der Laxåhütte zu geben; aber da der genannte junge Mann, +fährt Onkel mit einem angestrengten Versuch, seinen gewöhnlichen +Gesprächston beizubehalten, fort, in praktischen Beschäftigungen nicht +allzu bewandert ist, so kann er den Platz nicht früher antreten, ehe er +nicht eine Gattin an seiner Seite hat. Hat sie, Mamsell Flaumvögelchen, +ihre Myrte so gut gepflegt, daß sie im September Kranz und Krone tragen +kann? + +Sie fühlt, wie er dasitzt und ihr ins Gesicht sieht. Sie weiß, daß er einen +Blick zum Dank haben will, aber sie sieht nicht auf. + +Moritz hingegen springt in die Höhe. Er umarmt Onkel und treibt es ganz +schrecklich. »Aber, Anne-Marie, warum dankst du Onkel nicht? Du mußt Onkel +Theodor streicheln, Anne-Marie. Die Laxåhütte ist das Herrlichste auf der +Welt. Nun, Anne-Marie!« + +Jetzt schlägt sie die Augen auf. Es stehen Tränen darin, und durch diese +fällt auf Moritz ein Blick, voll Angst und Vorwurf. Daß er nicht versteht, +daß er durchaus mit bloßem Licht in den Pulverkeller gehen muß. + +Dann wendet sie sich an Onkel Theodor, aber nicht in der schüchternen, +kindlichen Art wie zuvor, sondern mit einer gewissen Grandezza im Benehmen, +mit etwas von einer Märtyrerin, einer gefangnen Königin. + +»Sie tun zu viel für uns, Onkel,« sagt sie nur. + +Damit ist alles nach den Forderungen der Ehre und des Anstandes abgemacht. +Es ist kein Wort mehr über die Sache zu verlieren. Er hat ihr nicht den +Glauben an den Mann, den sie liebt, geraubt. Sie hat sich nicht verraten. +Sie ist dem Manne treu, der sie zu seiner Braut gemacht hat, obgleich sie +nur ein armes Mädchen aus einem kleinen Bäckerladen im Hintergäßchen ist. + +Und jetzt kann der Wagen vorfahren, der Mantelsack geschnürt, der Eßkorb +gefüllt werden. + +Onkel Theodor erhebt sich vom Tische. Er stellt sich an das Fenster. Von +dem Moment an, wo sie sich mit jenem tränenvollen Blick ihm zugewendet hat, +ist er ganz von Sinnen. Er ist ganz toll, imstande, sich auf sie zu +stürzen, sie an seine Brust zu ziehen und Moritz zuzurufen, er möge nur +kommen und sie von dort losreißen, wenn er es kann. + +Er hält die Hände in den Taschen. Durch die geballten Fäuste gehen +krampfhafte Zuckungen. + +Kann er es zulassen, daß sie den Hut aufsetzt, daß sie der Bergrätin +Lebewohl sagt? + +Da steht er wieder auf dem Felsen von Naxos und will die Geliebte stehlen. +Nein, nicht stehlen! Warum nicht ehrlich und männlich vortreten und sagen: +»Ich bin dein Nebenbuhler, Moritz. Deine Braut mag zwischen uns wählen. Ihr +seid noch nicht verheiratet, es ist keine Sünde, wenn ich versuche, sie dir +abwendig zu machen. Hüte sie wohl, ich will alle Mittel anwenden.« + +Dann wäre er ja gewarnt, und sie wüßte, wonach sie sich zu richten hätte. + +Es knackt in den Knöcheln, als er wieder die Fäuste ballt. Wie würde Moritz +über den alten Onkel lachen, wenn er vorträte und dies erklärte! Und wozu +sollte es dienen? Sollte er sie erschrecken, damit es ihm dann nicht einmal +mehr gestattet war, ihnen in Zukunft zu helfen? + +Aber wie wird es jetzt gehen, wenn sie herankommt, um ihm Lebewohl zu +sagen? Er ist nahe daran, ihr zuzuschreien, sich zu hüten, sich auf drei +Schritt Entfernung von ihm zu halten. + +Er bleibt am Fenster stehen und wendet ihnen den Rücken, während sie mit +dem Ankleiden und dem Füllen des Eßkorbes beschäftigt sind. Werden sie denn +nie fertig? Jetzt hat er es schon tausendmal durchlebt. Er hat ihr die Hand +gegeben, sie geküßt, ihr in den Wagen geholfen. Er hat es so oft getan, daß +er sie schon fort glaubt. + +Er hat ihr auch Glück gewünscht. Glück ... Kann sie mit Moritz glücklich +werden? Sie hat diesen Morgen nicht glücklich ausgesehen. O, doch gewiß. +Sie weinte ja vor Freude. + +Während er so dasteht, sagt Moritz plötzlich zu Anne-Marie: »Was für ein +Dummkopf ich bin. Ich habe ja ganz vergessen, mit Onkel von Papas Aktien +zu sprechen.« + +»Ich denke, es wäre am besten, du ließest es,« antwortet das +Flaumvögelchen. »Es ist vielleicht nicht recht.« + +»Ach Unsinn, Anne-Marie. Die Aktien tragen gerade augenblicklich nichts. +Aber wer weiß, ob sie nicht eines Tages besser werden? Und übrigens, was +macht das Onkel? Solch eine Kleinigkeit ...« + +Sie unterbricht mit ungewöhnlicher Heftigkeit, beinahe mit Angst. »Ich +bitte dich, Moritz, tue es nicht! Laß mich dieses einzige Mal recht +behalten.« + +Er sieht sie an, ein bißchen verletzt. »Dieses einzige Mal. Als wenn ich +dir gegenüber ein Tyrann wäre. Nein, weißt du, das kann ich nicht, schon +dieses Wortes wegen finde ich, daß ich nicht nachgeben darf.« + +»Hänge dich nicht an ein Wort, Moritz. Hier handelt es sich um mehr als um +Höflichkeit und Phrasen. Ich finde es nicht schön von dir, Onkel +übervorteilen zu wollen, wo er so gut gegen uns war.« + +»Aber still doch, Anne-Marie, still doch! Was verstehst du von Geschäften?« +-- Sein ganzes Wesen ist noch aufreizend ruhig und überlegen. Er sieht sie +an, wie ein Schulmeister einen guten Schüler, der sich gerade am +Prüfungstage dumm anstellt. + +»Daß du gar nicht verstehst, um was es sich handelt,« ruft sie aus. Und sie +ringt verzweifelt die Hände. + +»Ich muß wirklich jetzt mit Onkel sprechen,« sagt Moritz, »wennschon aus +keinem andern Grunde, so um ihm zu zeigen, daß es sich hier um keinen +Betrug handelt. So wie du dich benimmst, könnte Onkel wirklich glauben, daß +wir, mein Vater und ich, ein paar Schurken sind.« + +Und er kommt auf Onkel Theodor zu und erklärt ihm, welche Bewandtnis es mit +diesen Aktien hat, die sein Vater ihm verkaufen will. Onkel Theodor hört so +gut zu, als er kann. Er versteht sogleich, daß sein Bruder, der +Bürgermeister, eine schlechte Spekulation gemacht hat und sich vor +Verlusten schützen will. Aber was weiter, was weiter? Solche Gefälligkeiten +pflegt er ja der ganzen Familie zu erweisen. Aber eigentlich denkt er nicht +daran, sondern an das Flaumvögelchen. Er wüßte zu gern, was in dem empörten +Blick liegt, den sie Moritz zuwirft. Liebe war es gerade nicht. + +Und nun mitten in seiner Verzweiflung über das Opfer, das er bringen mußte, +beginnt ein schwacher Hoffnungsstrahl vor ihm aufzudämmern. Er steht da und +starrt ihn an wie ein Mann, der in einem Zimmer, wo ein Geist umgeht, liegt +und sieht, wie ein heller Nebel aus dem Boden emporsteigt, sich verdichtet +und wächst und zu greifbarer Wirklichkeit wird. + +»Komm mit mir in mein Zimmer, Moritz,« sagt er, »dann kannst du das Geld +gleich haben.« + +Aber während er spricht, ruht sein Blick auf dem Flaumvögelchen, um zu +sehen, ob »das Geistchen« zum Sprechen bewogen werden kann. Aber noch sieht +er nur stumme Verzweiflung bei ihr. + +Doch kaum sitzt er am Pult in seinem Zimmer, als die Türe sich öffnet und +Anne-Marie hereinkommt. + +»Onkel Theodor,« sagt sie sehr fest und entschlossen, »kaufen Sie doch +diese Papiere nicht.« + +Ach, welcher Mut, Flaumvögelchen! Wer, der dich vor drei Tagen an Moritzens +Seite im Wagen sah, wo du bei jedem Wort, das er sagte, +zusammenzuschrumpfen und immer kleiner zu werden schienst, hätte dir so +etwas zugetraut? + +Jetzt braucht sie auch ihren ganzen Mut, denn jetzt wird Moritz ernstlich +böse. + +»Schweig,« zischt er sie an und brüllt darauf, um von Onkel Theodor, der am +Pult sitzt und Banknoten zählt, richtig gehört zu werden. »Was fällt dir +denn ein? Die Aktien tragen jetzt keine Zinsen, das habe ich Onkel gesagt, +aber Onkel weiß ebensogut wie ich, daß sie welche tragen werden. Glaubst +du, daß Onkel sich so von einem, wie ich, übers Ohr hauen läßt? Onkel wird +von diesen Dingen wohl mehr verstehen als irgend jemand von uns. Ist es je +meine Absicht gewesen, diese Aktien für gut auszugeben? Habe ich je etwas +andres gesagt, als für jemanden, der in der Lage ist, zu warten, könne dies +ein gutes Geschäft werden?« + +Onkel Theodor sagt nichts, er reicht Moritz nur ein paar Banknoten. Er +möchte wissen, ob dies den Geist zum Sprechen bringen wird. + +»Onkel,« sagt die kleine, unerbittliche Wahrheitsverkünderin -- denn es ist +ja eine bekannte Sache, daß niemand unerbittlicher sein kann, als diese +Daunenweichen, diese Zartbesaiteten, wenn sie einmal so weit sind -- »diese +Aktien sind keinen Pfifferling wert und werden nie etwas wert sein. Das +wissen wir zu Hause alle.« + +»Anne-Marie, du stempelst mich zu einem Schurken --« + +Sie fährt mit den Augen über ihn hin, so, als wären ihre Blicke die +Schneiden einer Schere, und sie schneidet ihm Lappen um Lappen alles ab, +womit sie ihn herausstaffiert hat, und als sie ihn zuletzt in der ganzen +Nacktheit seiner Eigenliebe und seines Eigennutzes sieht, fällt ihr +schreckliches kleines Zünglein das Urteil über ihn: + +»Was bist du denn anders?« + +»Anne-Marie!« + +»Ja, was sind wir alle beide anders,« fährt das unbarmherzige Zünglein +fort, das, nun es in Gang ist, es am besten findet, die Dinge klarzulegen, +die ihr Gewissen zermartern, seit sie angefangen hat, daran zu denken, daß +auch der reiche Mann, dem dieses große Schloß gehört, ein Herz hat, das +leiden und sich sehnen kann. Und nun, wo die Zunge so vortrefflich in Gang +ist und alle Scheu von ihr gewichen zu sein scheint, sagt sie: + +»Als wir uns daheim in die Chaise setzten, was dachten wir da? Wovon +sprachen wir auf dem Wege? Wie wir ihn dort für uns gewinnen wollten. >Du +mußt flott sein, Anne-Marie,< sagtest du. >Und du mußt schlau sein, +Moritz,< sagte ich. Wir dachten nur daran, uns einzuschmeicheln. Viel +wollten wir haben, und nichts wollten wir geben, nichts andres als +Verstellung. Wir wollten nicht sagen: Hilf uns, weil wir arm sind und uns +lieb haben, sondern wir wollten schmeicheln und heucheln, bis Onkel in dich +oder in mich vernarrt war, das war unsre Absicht. Aber wir wollten nichts +zurückgeben, weder Liebe noch Achtung, nicht einmal Dankbarkeit. Und warum +bist du nicht allein gefahren, warum mußte ich mit? Du wolltest mich ihm +zeigen, du wolltest, daß ich, daß ich ...« + +Onkel Theodor springt auf, als er sieht, wie Moritz die Hand gegen sie +erhebt. Denn jetzt hat er fertig gerechnet und verfolgt das, was geschieht, +mit einem Herzen, das in Hoffnung schwillt. Und es ist, als flöge sein Herz +nun weit auf, um sie zu empfangen, als sie jetzt aufschreit und in seine +Arme flieht, in seine Arme flieht ohne Zaudern und Bedenken, ganz als gäbe +es keinen andern Platz auf Erden, zu dem sie fliehen könnte. + +»Onkel, er will mich schlagen!« + +Und sie schmiegt sich fest, fest an ihn. + +Aber Moritz ist jetzt wieder ganz ruhig. »Verzeih meine Heftigkeit, +Anne-Marie,« sagt er. »Es regte mich auf, dich in Onkels Gegenwart so +kindisch sprechen zu hören. Aber Onkel wird auch verstehen, daß du eben nur +ein Kind bist. Dennoch gebe ich zu, daß keine, wenn auch noch so gerechte +Empörung einem Manne das Recht gibt, eine Frau zu schlagen. Komm jetzt her +und küsse mich. Du brauchst bei niemandem Schutz gegen mich zu suchen.« + +Sie rührt sich nicht, sie wendet sich nicht um, sie klammert sich nur fest. + +»Flaumvögelchen, soll ich ihn dich nehmen lassen?« flüstert Onkel Theodor. + +Und sie antwortet nur mit einem Zittern, das auch seinen ganzen Körper +durcheilt. + +Aber Onkel Theodor fühlt sich so frisch, so gehoben. Er ist jetzt ganz +außerstande, den vollkommenen Neffen wie früher im richtigen Licht seiner +Vollkommenheit zu sehen. Er wagt es, mit ihm zu scherzen. + +»Moritz,« sagt er, »du überraschst mich. Die Liebe macht dich schwach. +Kannst du so mir nichts dir nichts verzeihen, daß sie dich einen Schurken +nennt? Du mußt sogleich mit ihr brechen. Deine Ehre, Moritz, denke an deine +Ehre! Nichts in der Welt kann einer Frau gestatten, einen Mann zu +beleidigen. Setze dich in deine Chaise, mein Junge, und fahre ohne dieses +verlorne Wesen von hier fort. Das ist nur Recht und Gerechtigkeit nach +einer solchen Beschimpfung.« + +Und während er seine Rede beschließt, legt er seine großen Hände um ihr +Köpfchen und richtet es empor, so daß er ihre Stirn küssen kann. + +»Verlasse dieses verlorne Wesen,« wiederholt er. + +Aber jetzt fängt auch Moritz zu verstehen an. Er sieht, wie es in Onkel +Theodors Augen funkelt, und wie ein Lächeln nach dem andern um seine Lippen +spielt. + +»Komm, Anne-Marie.« + +Sie zuckt zusammen. Jetzt ruft er sie als der, dem sie sich angelobt hat. +Es ist, als müßte sie gehen. Und sie läßt Onkel Theodor so hastig los, daß +er es nicht verhindern kann, aber sie kann auch nicht zu Moritz gehen, +darum gleitet sie zu Boden, und da bleibt sie sitzen und schluchzt. + +»Fahre allein in deinem Leiterwagen nach Hause, Moritz,« sagt Onkel Theodor +scharf. »Diese junge Dame ist bis auf weiteres in meinem Hause zu Gast, und +ich gedenke sie vor deinen Übergriffen in Schutz zu nehmen.« + +Und er denkt nicht mehr an Moritz, sondern ist nur darauf bedacht, sie +emporzuziehen, ihre Tränen zu trocknen und ihr zuzuflüstern, daß er sie +liebt. + +Und Moritz, der sie so sieht, die eine weinend, der andre tröstend, ruft +aus: »Ach, das ist alles abgekartet. Ich bin betrogen. Das ist eine +Komödie. Man stiehlt mir meine Braut, und man verhöhnt mich obendrein. Man +läßt mich nach einer rufen, die gar nicht kommen will. Ich beglückwünsche +dich zu diesem Handel, Anne-Marie.« + +Und während er hinausstürzt und die Türe zuwirft, ruft er aus: +»Glückssucherin!« + +Onkel Theodor macht eine Bewegung, wie um ihm nachzueilen und ihn zu +züchtigen, aber das Flaumvögelchen hält ihn zurück. + +»Ach, Onkel Theodor, laß doch immerhin Moritz das letzte Wort behalten. +Moritz hat immer recht. Eine Glückssucherin, das bin ich ja gerade, Onkel +Theodor.« + +Und sie schmiegt sich wieder an ihn, ohne zu zögern, ohne zu fragen. Und +Onkel Theodor ist ganz verwirrt, eben weinte sie noch und jetzt lacht sie, +eben sollte sie den einen heiraten und jetzt küßte sie einen andern. Da +hebt sie das Köpfchen und lächelt: »Jetzt bin ich dein kleines Hündchen. Du +kannst mich nicht loswerden.« + +»Flaumvögelchen,« sagt der Gutsherr mit seiner barschesten Stimme. »Das +hast du schon die ganze Zeit gewußt.« + +Sie begann zu flüstern: »Hätte mein Bruder ...« + +»Und du wolltest doch, Flaumvögelchen ... Moritz kann froh sein, daß er +dich los wird. Solch ein dummes, lügnerisches, heuchelndes Flaumvögelchen, +solch ein ungerechtes, kleines, wetterwendisches Fläumchen, solch ein, +solch ein ...« + + * * * * * + +Ach Flaumvögelchen, ach Seidenblümchen! Du warst wohl nicht nur eine +Glückssucherin, du warst wohl auch eine Glücksbringerin, sonst würde wohl +nicht so viel von deinem lieblichen Frieden den Platz umschweben, wo du +gewohnt hast. Noch heute wird das Haus von großen Ahornen beschattet, und +die Birkenstämme stehen weiß und fleckenlos von der Wurzel bis zum Wipfel +da. Noch heute sonnt sich die Natter friedlich auf ihrem Hügel, und im +Parkteich schwimmt ein Kühling, der so alt ist, daß kein Junge es über das +Herz bringt, ihn zu angeln. Und wenn ich hinkomme, da fühle ich, daß +Feierfriede in der Luft liegt, und es ist, als sängen Vögel und Blumen noch +ihre schönen Lieder dir zum Preise. + + + + +Unter den Kletterrosen + + +Ich wollte, daß die Blicke der Menschen, unter denen ich meinen Sommer +verlebt habe, auf diese Zeilen fielen. Jetzt, wo Kälte und dunkle Nächte +gekommen sind, möchte ich ihre Gedanken zu der hellen warmen Jahreszeit +zurückführen. + +Vor allem möchte ich sie an die Kletterrosen erinnern, die die Veranda +umschlangen, an das feine, ein wenig dünne Laubwerk der +Rosa bengalensis+, +das sich beim Sonnenschein wie beim Mondlicht in dunkelgrauen Schatten auf +dem lichtgrauen Steinboden abzeichnete und einen leichten Spitzenschleier +über alles dort draußen warf, und an ihre großen lichten Riesenblumen mit +den ausgefransten Rändern. + +Andre Sommer erinnern mich an Kleewiesen oder an Birkenwälder oder an +Birnbäume und Beerensträucher, aber dieser Sommer hat seinen Charakter von +den Kletterrosen bekommen. Die lichten, zarten Knospen, die weder Wind noch +Regen vertrugen, die leicht wehenden hellgrünen Schößlinge, die sanft +geneigten Stämmchen, der überschwengliche Reichtum an Blumen, die fröhlich +summende Insektenschar, alles das wird mich begleiten und in seiner ganzen +Pracht vor mir auferstehen, wenn ich an den Sommer zurückdenke, den +zarten, feinen Schmelz des Sommers. + +Jetzt, wo die Arbeitszeit angebrochen ist, fragt man mich oft, womit ich +meinen Sommer verbracht habe. Dann gleitet alles andre aus meiner +Erinnerung fort, und es will mir scheinen, als hätte ich tagaus tagein auf +der Veranda unter den Kletterrosen gesessen und Duft und Sonnenschein +eingeschlürft. Was tat ich da? Ach, ich sah zu, wie andre arbeiteten. + +Da war eine kleine Tapezierbiene, die vom Morgen bis zum Abend, vom Abend +bis zum Morgen arbeitete. Aus den weichen grünen Blättern sägte sie mit +ihren scharfen Kiefern ein zierliches kleines Oval, rollte es so zusammen, +wie man eine richtige Tapete rollt, und die kostbare Bürde an sich +drückend, flatterte sie fort zum Parke und ließ sich auf einem alten +Baumstumpf nieder. Da vertiefte sie sich in dunkle Gänge und geheimnisvolle +Galerien, bis sie endlich den Grund eines lotrechten Schachtes erreichte. +In dessen unbekannten Tiefen, in die sich weder Ameise noch Tausendfüßler +je gewagt hatten, breitete sie die grüne Blattrolle aus und bedeckte den +holprigen Boden mit dem schönsten Teppich. Und als der Boden bedeckt war, +holte die Biene wieder neue Blätter, um die Wände des Schachtes zu +bekleiden, und arbeitete so rasch und eifrig, daß es bald in der ganzen +Rosenhecke kein Blatt gab, das nicht seinen ovalen Ausschnitt hatte, der +bezeugte, daß es zur Ausschmückung des alten Baumstumpfes das Seinige hatte +beitragen müssen. + +Eines schönen Tages änderte das Bienchen seine Beschäftigung. Es bohrte +sich tief in die Blätterwirrnis der Riesenrosen und schlürfte und trank aus +ihren schönen Vorratskammern nach Herzenslust, und jedesmal, wenn es einen +Mund voll hatte, schwirrte es gleich hinüber zu dem alten Baumstumpf, um +die frischtapezierte Kammer mit dem klarsten Honig zu füllen. + +Aber die kleine Tapezierbiene war nicht die einzige, die draußen in der +Rosenhecke arbeitete. Da gab es auch eine Spinne, eine ganz +unvergleichliche Spinne. Sie war größer als alles, was ich bisher vom +Spinnengeschlechte gesehen habe, sie war klar gelbrot mit einem deutlich +punktierten Kreuz auf dem Rücken, und sie hatte acht lange, weiß und rot +gestreifte Beine, alle gleich schön gezeichnet. Ihr hättet diese Spinne +sehen sollen! Jeder Faden wurde mit der äußersten Genauigkeit gezogen. Von +den ersten an, die nur zur Stütze und zum Halt dienten, bis zu den +innersten feinen Webfäden. Und ihr hättet sehen sollen, wie sie den +schmalen Fäden entlang balancierte, um eine Fliege zu haschen oder ihren +Thron in der Mitte des Netzes einzunehmen, regungslos, geduldig, +stundenlang wartend. + +Diese große rotgelbe Spinne gewann mein Herz: sie war so geduldig und so +weise. Jeden Tag hatte sie ihr kleines Scharmützel mit der Tapezierbiene, +und immer zog sie sich mit dem gleichen untrüglichen Takt aus der Affäre. +Die Biene, deren Weg dicht an ihr vorbeiführte, blieb einmal ums andre in +ihrem Netz hängen. Sogleich begann sie zu surren und zu reißen, sie zerrte +an dem feinen Netz und benahm sich ganz toll, was natürlich zur Folge +hatte, daß sie sich immer ärger und ärger verwickelte und Flügel und +Beinchen in das klebrige Gewebe verstrickte. + +Sobald die Biene ermattet und erlahmt war, kroch die Spinne zu ihr heran. +Sie hielt sich immer in gebührlicher Entfernung, aber mit der äußersten +Spitze eines ihrer eleganten rotgestreiften Beine gab sie der Biene einen +kleinen Stoß, so daß sie sich im Netz herumdrehte. Und wenn die Biene +wieder herumgeschnurrt und sich müde gerast hatte, bekam sie abermals einen +ganz sachten Puff, und dann noch einen und noch einen, bis sie sich wie ein +Kreisel drehte und in ihrer Raserei nicht ein noch aus wußte und so +verwirrt war, daß sie sich nicht zur Wehr setzen konnte. Aber bei diesem +Herumschwingen drehten sich die Fäden, die sie hielten, immer mehr +zusammen, und die Spannung wurde so groß, daß sie rissen und die Biene zu +Boden fiel. Ja, das war es natürlich, was die Spinne gewollt hatte. + +Und dieses Kunststück konnten die beiden Tag für Tag wiederholen, solange +die Biene in der Rosenhecke Arbeit hatte. Nie konnte der kleine Tapezierer +es lernen, sich vor dem Spinnennetz in acht zu nehmen, und nie zeigte die +Spinne Zorn oder Ungeduld. Ich mochte sie wirklich alle beide gerne leiden, +die kleine eifrige zottige Arbeiterin geradeso wie die große schlaue alte +Jägerin. + +Es begaben sich nicht oft große Ereignisse in dem Hause mit den +Kletterrosen. Zwischen den Spalieren konnte man den kleinen See in der +Sonne liegen und blinken sehen. Und das war ein See, der zu klein und zu +umfriedet war, um sich in wirklichen Wellen erheben zu können, aber bei +jedem kleinen Gekräusel des grauen Spiegels flogen tausende kleine Fünkchen +auf, die auf den Wellen glitzerten und tanzten. Es sah aus, als wäre die +ganze Tiefe von Feuer erfüllt, das nicht heraus könnte. Und so war auch das +Sommerleben dort draußen; es war gewöhnlich ganz still, aber kam nur das +allergeringste kleine Gekräusel -- ach, wie konnte es da schimmern und +glitzern. + +Und es bedurfte keiner großen Dinge, um uns froh zu machen. Eine Blume oder +ein Vogel konnte uns Heiterkeit für mehrere Stunden bringen, von der +Tapezierbiene gar nicht zu sprechen. Ich werde nie vergessen, wie +seelenvergnügt ich einmal durch sie wurde. + +Die Biene war wie gewöhnlich im Spinnennetz gewesen und die Spinne hatte +ihr wie gewöhnlich herausgeholfen, aber sie hatte tüchtig festgesessen, so +daß sie sich ungeheuer lange herumdrehen mußte und ganz zahm und gebändigt +war, als sie davonflog. Ich beugte mich vor, um zu sehen, ob das Netz +großen Schaden genommen habe. Das hatte es glücklicherweise nicht, dagegen +saß eine kleine Raupe im Netze fest, ein kleines fadenschmales Untier, das +nur aus Kiefern und Krallen bestand, und ich war erregt, wirklich erregt, +als ich es erblickte. + +Kannte ich sie nicht, diese Larven der Maikäfer, die zu Tausenden die +Blumen hinaufkriechen und sich unter ihren Kronenblättern verstecken? +Kannte ich sie nicht und bewunderte ich sie nicht auch, diese beharrlichen +schlauen Parasiten, die verborgen dasitzen und warten, nur warten, und wenn +es wochenlang dauern sollte, bis eine Biene kommt, in deren schwarzgelbem +Pelz sie sich verbergen können? Und wußte ich nicht von ihrer +hassenswürdigen Geschicklichkeit, gerade wenn die kleine Zellenbauerin +einen Raum mit Honig gefüllt und auf dessen Oberfläche das Ei gelegt hat, +aus dem der richtige Eigentümer der Zelle und des Honigs hervorkommen soll, +gerade da auf das Ei hinabzukriechen und unter eifrigem Balancieren darauf +sitzen zu bleiben wie auf einem Boote, denn fielen sie in den Honig hinab, +so müßten sie ertrinken. Und während die Biene das fingerhutähnliche +Nestchen mit einem grünen Dach bedeckt und behutsam ihr Junges einschließt, +schlitzt die gelbe Raupe mit scharfen Kiefern das Ei auf und verzehrt +dessen Inhalt, während die Eischale noch immer als Nachen auf dem +gefährlichen Honigsee dienen muß. + +Aber so nach und nach wird das schmale gelbe Ding platt und groß und kann +selbst auf dem Honig schwimmen und davon trinken, und wenn die Zeit sich +erfüllt hat, kommt ein fetter schwarzer Maikäfer aus der Bienenzelle. Aber +das ist es sicherlich nicht, was das kleine Bienchen mit seiner Arbeit +erreichen wollte, und wie schlau und behend der Maikäfer sich auch betragen +hat, so ist er doch nichts andres als ein fauler Schmarotzer, der keine +Barmherzigkeit verdient. + +Und meine Biene, meine kleine, fleißige Herzensbiene, war mit solch einem +gelben Parasiten im Pelze herumgeflogen. Aber während die Spinne sie im +Kreise gedreht hatte, hatte er sich losgelöst und war in das Netz +gefallen, und jetzt kam die große Gelbrote und gab ihm einen Biß mit ihrem +Giftzahn und verwandelte ihn in einem Augenblick in ein Skelett ohne Leben +und Inhalt. + +Und als die kleine Biene zurückkam, war ihr Surren wie eine Lobhymne an das +Leben. + +»O du schönes Leben!« sagte sie. »Ich danke dir, daß auf mein Los die +fröhliche Arbeit unter Rosen im Sonnenschein gefallen ist. Ich danke dir, +daß ich dich ohne Angst und Furcht genießen kann. Wohl weiß ich, daß +Spinnen lauern und Maikäfer stehlen, aber mein ist die fröhliche Arbeit und +die mutige Sorglosigkeit. O du schönes Leben, du herrliches Dasein!« + + + + +Die Grabschrift + + +Heute beachtet gewiß keine Menschenseele das kleine Kreuzlein, das in einer +Ecke des Svartsjöer Friedhofs steht. Heute gehen alle Kirchenbesucher daran +vorbei, ohne einen Blick darauf zu werfen. Und es ist ja nicht wunderlich, +daß keiner es bemerkt. Es ist so niedrig, daß Klee und Glockenblumen ihm +bis über die Arme reichen und Timotheusgras darüber wächst. Auch nimmt sich +keiner die Mühe, die Inschrift zu lesen, die da steht. Die weißen +Buchstaben sind heute fast gänzlich vom Regen verwischt, und es scheint nie +jemand einzufallen, sie zu Worten zusammenzufügen. + +Aber es ist nicht immer so gewesen. Das kleine Kreuz hat seinerzeit viel +Staunen und Verwunderung erweckt. Eine Zeitlang konnte niemand den Fuß auf +den Svartsjöer Friedhof setzen, ohne zu dem Kreuze hinzugehen. Und bekommt +ein Mensch aus jener Zeit es heute zu Gesicht, so sieht er sogleich eine +ganze Geschichte vor sich ... + +Er sieht das ganze Kirchspiel Svartsjö in Winterschlummer versenkt und mit +glattem, weißem Schnee bedeckt, der anderthalb Ellen hoch liegt. Es sieht +dort so aus, daß es kaum menschenmöglich ist, sich zurechtzufinden. Man muß +nach dem Kompaß gehen, wie auf dem Meere. Es ist keinerlei Unterschied +zwischen Strand und See, das Brachfeld liegt ebenso glatt da wie die Erde, +die hundert Ernten Hafer getragen hat. Die Köhlerleute, die auf großen +Moorflächen und nackten Bergfirsten hausen, können sich einbilden, daß sie +über ebensoviel gepflügten und bebauten Boden geböten wie der reichste +Großbauer. + +Die Wege haben ihre sichern Bahnen zwischen den grauen Zäunen verlassen und +abenteuern nun über die Wiesen und den Fluß entlang. Selbst drinnen +zwischen den Gehöften kann man leicht verwirrt werden. Man kann plötzlich +entdecken, daß der Weg zum Brunnen quer über die Spireahecke des kleinen +Rosenbeets gelegt ist. Aber nirgends ist es so unmöglich, sich +zurechtzufinden, wie auf dem Kirchhof. Erstens ist die graue Steinmauer, +die ihn vom Pfarrhof trennt, ganz überschneit, so daß er jetzt völlig mit +diesem zusammenfließt. Zweitens ist der Kirchhof jetzt nur noch ein großes, +weißes Feld: nicht die kleinste Unebenheit in der Schneedecke verrät die +vielen Anhöhen und Hügelchen des Totenackers. + +Auf den meisten Gräbern stehen Eisenkreuze, an denen dünne, kleine Herzen +hängen, die im Sommer der Wind bewegt. Jetzt sind sie alle überschneit. +Diese kleinen Eisenherzen können nicht mehr ihre wehmütigen Weisen von +Schmerz und Sehnen erklingen lassen. + +Leute, die drinnen in den Städten auf Arbeit waren, haben für ihre Toten +daheim Trauerkränze mit Blumen aus Perlen und Blättern aus Eisenblech +mitgebracht, und diese Kränze stehen so in Achtung, daß sie auf den Gräbern +in kleinen Glaskasten liegen. Aber nun sind auch sie unter dem Schnee +verborgen und begraben. Nun ist das Grab, das solchen Schmuck trägt, um +nichts vornehmer als irgendein andres. + +Ein paar Schneebeerenbüsche und Fliederhecken ragen aus der Schneedecke +empor, allein die meisten sind verborgen. Die nackten Zweige, die aus dem +Schnee hervorkommen, sind einander wunderlich gleich. Sie können dem nicht +zur Richtschnur dienen, der sich auf dem Kirchhofe zurechtzufinden sucht. +Alte Mütterchen, deren Brauch es ist, allsonntäglich einzutreten, um einen +Blick auf die Gräber ihrer Lieben zu werfen, kommen jetzt des Schnees wegen +nicht weiter als ein Stück über den Hauptweg hinaus. Dort bleiben sie +stehen und versuchen zu erraten, wo »das Grab« liegen mag. Ist es bei +diesem Busch oder bei jenem? Und sie fangen an, sich nach dem Schmelzen des +Schnees zu sehnen. Es ist, als sei der Entrissene so unsagbar weit von +ihnen entfernt, seit sie die Stelle nicht mehr sehen können, wo er in die +Erde versenkt worden ist. + +Da sind auch ein paar große Steine, die sich über den Schnee erheben. Aber +es sind ihrer so wenige. Und der Schnee hängt über ihnen, so daß man den +einen nicht vom andern unterscheiden kann. + +Ein einziger Weg auf dem Kirchhof ist gebahnt. Er führt den Hauptgang +entlang zu einem kleinen Leichenhause. Soll jemand begraben werden, so wird +der Sarg in das Leichenhaus getragen, und dort hält der Pfarrer die +Grabrede und nimmt die Zeremonie der Beerdigung vor. Es ist nicht daran zu +denken, daß der Sarg in die Erde kommen könnte, solange dieser Winter +währt. Er muß im Leichenhause stehen bleiben, bis Gott Tauwetter sendet und +der Boden wieder zugänglich wird für Hacke und Spaten. + +Gerade wie der Winter in seiner strengsten Laune und der Kirchhof ganz +unzugänglich ist, stirbt ein Kind beim Hüttenherrn Sander auf dem Werke +Lerum. + +Das ist ein großes Werk, Lerum, und Hüttenherr Sander ist ein mächtiger +Mann. Er hat sich erst jüngst ein Familiengrab auf dem Kirchhof herstellen +lassen. Man erinnert sich gut daran, wenn es jetzt auch unter dem Schnee +verborgen ist. Es ist von einem behauenen Steinrand und einer dicken +Eisenkette umgeben; mitten auf dem Grabe steht ein Granitblock, der den +Namen trägt. Dort steht das eine Wort Sander mit großen Lettern +eingegraben, die über den ganzen Kirchhof leuchten. + +Aber jetzt, da das Kind tot ist und das Begräbnis zur Sprache kommt, sagt +der Hüttenherr zu seiner Frau: + +»Ich will nicht, daß dieses Kind in meinem Grabe liege!« + +Mit einem Male sieht man sie vor sich. Da ist der Speisesaal auf Lerum, und +da sitzt der Hüttenherr am Frühstückstisch und ißt allein, wie er zu tun +pflegt. Seine Gattin Ebba Sander lehnt im Schaukelstuhl am Fenster, von wo +sie die Aussicht über den See und die birkenbestandnen Inselchen hat. + +Sie hat dagesessen und geweint, aber als der Mann dieses sagt, werden ihre +Augen auf einmal trocken. Die ganze kleine Gestalt zieht sich vor Schrecken +zusammen, sie beginnt zu zittern, als fühle sie starke Kälte. + +»Was sagst du, was sagst du?« fragt sie. Und sie spricht wie einer, der vor +Kälte klappert. + +»Es widerstrebt mir,« sagt der Hüttenherr. »Vater und Mutter liegen da, und +auf dem Steine steht Sander. Ich will nicht, daß dieses Kind dort liege.« + +»Ah so, _das_ hast du dir ausgeheckt?« sagt sie und schauert dabei +fortwährend zusammen. »Ich wußte wohl, daß du dich einmal rächen würdest.« + +Er wirft die Serviette fort, erhebt sich vom Tische und steht breit und +groß vor ihr. Es ist gar nicht seine Absicht, seinen Willen mit vielen +Worten zu ertrotzen. Aber sie kann es ihm ja ansehen, wie er so da steht, +daß er seinen Sinn nicht ändern kann. Der ganze Mann ist schwere, +unerschütterliche Halsstarrigkeit. + +»Ich will mich nicht rächen,« sagt er, ohne die Stimme zu erheben. »Ich +kann es nur nicht ertragen.« + +»Du sprichst, als handelte es sich nur darum, ihn aus einem Bett in das +andre zu legen,« sagt sie. »Und er ist ja tot, ihm kann es wohl gleich +sein, wo er liegt. Aber _ich_ bin dann eine Verlorne.« + +»Ich habe auch daran gedacht,« sagt er, »aber ich kann nicht.« + +Zwei Leute, die mehrere Jahre miteinander verheiratet sind, brauchen nicht +viel Worte, um sich zu verstehen. Sie weiß schon, daß es ganz zwecklos +wäre, wollte sie versuchen, ihn umzustimmen. + +»Warum mußtest du mir damals verzeihen?« sagt sie und ringt die Hände. +»Warum ließest du mich auf Lerum bleiben als dein Weib und versprachst mir, +du wollest mir vergeben?« + +Er weiß bei sich, daß er ihr nicht schaden will. Er kann nichts dafür, daß +er jetzt an der Grenze seiner Nachsicht angelangt ist. »Sag den Nachbarn, +was du willst,« sagt er. »Ich schweige schon. Gib vor, es sei Wasser im +Grabe, oder sage, es sei nicht Raum für mehr Särge als die von Vater und +Mutter und meinen und deinen.« + +»Und das sollen sie glauben?« + +»Du mußt dir helfen, so gut du kannst,« sagt er. + +Er ist nicht böse, sie sieht, daß er es nicht ist. Es ist, wie er selbst +sagt. Er kann sich darin nicht überwinden. + +Sie rückt sich höher in den Stuhl hinauf, verschränkt die Arme hinter dem +Kopf und sitzt und starrt zum Fenster hinaus, ohne etwas zu sagen. Das +Entsetzliche ist, daß es so viel im Leben gibt, was einen überwältigt. Vor +allem ist es furchtbar, daß in einem selbst Mächte emporsteigen, die man +nicht lenken kann. Vor einigen Jahren, als sie schon eine besonnene, +verheiratete Frau war, kam die Liebe über sie. So eine Liebe! Es war nicht +daran zu denken, daß sie sie hätte regieren können. Und was nun Gewalt über +ihren Mann bekam, -- war es Rachbegier? Er ist ihr nie böse gewesen. Er hat +ihr sogleich verziehen, als sie kam und alles gestand. »Du bist von Sinnen +gewesen,« hat er gesagt und hat sie weiter als seine Gattin leben lassen. + +Aber obgleich es ein leichtes sein kann, zu sagen, daß man vergebe, es mag +doch schwer genug fallen, es zu tun. Vor allem ist es schwer für einen +Mann, der tiefsinnig und schwerblütig ist, der niemals vergißt und niemals +aufbraust. Was er auch sagen mag, in seinem Herzen sitzt etwas, das hungert +und danach schreit, sich sättigen zu dürfen an eines andern Leid. Ein +wunderliches Gefühl hat sie immer gehabt, als ob es besser gewesen wäre, +wenn er damals so gezürnt hätte, daß er sie geschlagen hätte. Dann hätte er +nachher wieder gut werden können. Nun geht er umher und ist mürrisch und +verdrossen, und sie ist schreckhaft geworden. Sie geht wie ein Pferd an der +Deichsel. Sie weiß, daß hinter ihr einer sitzt, der die Peitsche in der +Hand hält, -- wenn er sie auch nicht gebraucht. Und nun hat er sie +gebraucht. Nun ist sie eine Verlorne. + + * * * * * + +Die Menschen sagen, daß sie nie einen Schmerz gesehen hätten, wie den +ihren. Sie sieht aus wie ein Steinbild. In diesen Tagen vor dem Begräbnis +weiß man nicht, ob sie wirklich lebt. Es ist unmöglich, zu wissen, ob sie +höre, was man sagt, ob sie wisse, wer zu ihr spricht. Sie scheint keinen +Hunger zu fühlen, sie scheint draußen in der bittern Kälte gehen zu können, +ohne zu frieren. Aber die Menschen irren sich, es ist nicht Schmerz, was +sie versteinert, es ist Angst. + +Sie denkt nicht daran, am Begräbnistag daheim zu bleiben. Sie _muß_ mit zum +Friedhofe, sie _muß_ mit im Trauergefolge gehen, mitgehen und wissen, daß +alle, die dem Sarge folgen, glauben, daß die Leiche zu dem großen +Sanderschen Grabe geführt werde. Sie denkt, daß sie unter der Verwunderung +und dem Staunen, das sich gegen sie wenden werde, zusammenbrechen müsse, +wenn er, der an der Spitze des Zuges schreite, ihn zu einem unbemerkten +Grabplatz hinführen würde. Es werde ein Murmeln der Verwunderung von Reihe +zu Reihe gehen, obgleich dies ein Leichenzug ist. Warum darf das Kind nicht +in dem Sanderschen Grabe liegen? Man werde sich der ungewissen, +unbestimmten Gerüchte erinnern, die einmal über sie im Schwange waren. Es +müsse wohl irgend etwas hinter diesen Geschichten gewesen sein, wird man +sagen. Bevor der Leichenzug vom Kirchhofe wiederkehre, werde sie gerichtet +und verloren sein. + +Das einzige, was ihr helfen kann, ist: selbst mit dabei zu sein. Sie wird +da gehen, mit ruhigem Antlitz, wird aussehen, als ob alles in Ordnung wäre. +Vielleicht werden sie dann glauben, was sie sagt, um die Sache zu erklären. + +Der Mann fährt auch mit zur Kirche. Er hat alles geordnet: die +Begräbnisgäste geladen, den Sarg bestellt und bestimmt, wer ihn tragen +soll. Er ist zufrieden und gut, seit er seinen Willen durchgesetzt hat. + +Es ist Sonntag, der Gottesdienst ist vorüber, und der Leichenzug stellt +sich vor dem Gemeindehause auf. Die Träger legen die weißen Tragtücher über +ihre Schultern, alle Standespersonen von Lerum gehen in der Prozession mit +und ein großer Teil der Kirchenbesucher. + +Während die Prozession sich ordnet, denkt sie, daß sie sich jetzt +aufstellten, um einen Verbrecher zum Richtplatz zu geleiten. + +Wie sie sie ansehen werden, wenn sie zurückkehren. Sie ist gekommen, um sie +vorbereiten zu können, aber sie hat kein Wort über ihre Lippen gebracht. +Sie kann nicht ruhig und besonnen sprechen. Was sie tun könnte, wäre: so +heftig und laut zu jammern, daß man es über den ganzen Kirchenplatz hörte. +Sie wagt die Lippen nicht zu regen, damit dieser Schrei nicht über sie +hereinbreche. + +Die Glocken beginnen sich droben im Turme zu rühren, und die Menschen +setzen sich in Bewegung. Und jetzt kommt es, ohne alle Vorbereitung! Warum +hat sie nicht sprechen können? Sie tut sich Gewalt an, um ihnen nicht +zuzurufen, sie möchten nicht auf den Kirchhof gehen mit dem Toten. Ein +Toter sei ja nichts. Warum sie vernichtet werden solle für einen Toten? Sie +könnten ja den Toten hinlegen, wohin sie wollten, nur nicht auf den +Kirchhof. Sie will sie vom Friedhof verscheuchen. Er sei gefährlich. Er sei +voll Pestkeimen. Man habe Wolfsspuren auf ihm gesehen. Sie will sie +schrecken, wie man Kinder schreckt. + +Sie weiß nicht, wo dem Kinde das Grab gegraben ist. Sie erfahre es zeitig +genug, denkt sie. Wie jetzt der Zug in den Friedhof hineinschreitet, blickt +sie über das Schneefeld, um ein frisch aufgeworfnes Grab zu entdecken ... + +Aber sie sieht weder Weg noch Grab. Dort draußen ist nichts als ein +ungefurchtes Schneefeld. Und der Zug geht zum Leichenhause hinauf. So viele +nur können, drängen sich hinein, und dort wird die Beerdigungszeremonie +vorgenommen. Es ist nicht die Rede davon, zum Sanderschen Grabe zu gehen. +Keiner kann wissen, daß der Kleine, der nun zur letzten Ruhe eingesegnet +wird, niemals in das Familiengrab gebettet werden soll! + +Hätte sie das nicht vergessen in ihrem Entsetzen, keinen Augenblick hätte +sie sich zu fürchten brauchen. »Im Frühling,« denkt sie, »wenn der Sarg +versenkt wird, ist wohl kaum einer außer dem Totengräber zugegen. Jeder +wird glauben, daß das Kind im Sanderschen Grabe liege.« Und sie begreift, +daß sie gerettet ist. + +Sie bricht in heftigem Weinen zusammen. Die Leute sehen sie mitleidig an. + +»Es ist furchtbar, wie sie es sich zu Herzen nimmt,« sagen sie. Aber sie +selbst weiß am besten, daß sie Tränen weint, wie eine, die aus Not und +Lebensgefahr entronnen ist ... + +Ein paar Tage nach dem Begräbnis sitzt sie in der Dämmerung auf ihrem +gewohnten Platz im Speisesaal. Während das Dunkel einfällt, ertappt sie +sich darauf, daß sie dasitzt und wartet und sich sehnt. Sie sitzt und +horcht nach dem Kinde. Jetzt ist ja die Zeit, wo es hereinzukommen pflegt, +um zu spielen. Wird es heute nicht kommen? Da fährt sie empor und denkt: +»Es ist ja tot, es ist ja tot.« + +Am nächsten Tage sitzt sie wieder in der Dämmerung und sehnt sich, und +Abend für Abend kommt diese Sehnsucht wieder und wird immer mächtiger. Sie +breitet sich aus, wie das Licht im Frühling, bis sie schließlich alle +Stunden des Tages und der Nacht beherrscht. + +Es ist ja beinahe selbstverständlich, daß ein Kind, wie das ihre, mehr +Liebe im Tode empfängt als im Leben. Die Mutter hat, solange es lebte, an +nichts andres gedacht, als daran, ihren Mann wiederzugewinnen. Und für ihn +konnte das Kind ja nicht erfreulich sein. Es mußte ferngehalten werden. Es +mußte oft fühlen, daß es ihm zur Last war. Die Gattin, die ihren Pflichten +untreu geworden war, hatte ihrem Manne zeigen wollen, daß sie doch etwas +wert war. Sie hatte unablässig in Küche und Webkammer gearbeitet. Wo hätte +sich Platz für den kleinen Jungen finden sollen, mitten in dem allem! Und +jetzt nachträglich erinnert sie sich, wie seine Augen zu bitten und zu +betteln pflegten. Abends wollte er, daß sie an seinem Bette sitze. Er +sagte, er fürchte sich im Dunkeln, aber nun denkt sie, daß das vielleicht +nicht wahr gewesen sei. Er hat es gesagt, damit sie bei ihm bliebe. Sie +erinnert sich, wie er dalag und gegen den Schlaf kämpfte. Jetzt begreift +sie, daß er sich wach gehalten hat, um lange liegen und ihre Hand in der +seinen halten zu dürfen. + +Er ist ein pfiffiges Kerlchen gewesen, so klein er auch war. Er hat seinen +ganzen Verstand aufgewendet, um auch ein bißchen von ihrer Liebe +abzubekommen. + +Es ist erstaunlich, daß Kinder so lieben können. Sie hatte es nie +begriffen, solange er noch lebte. + +Eigentlich fängt sie erst jetzt an, das Kind zu lieben. Jetzt erst fühlt +sie sich berückt von seiner Schönheit. Sie kann sitzen und von seinen +großen, geheimnisvollen Augen träumen. Es ist nie ein rosiges, rundwangiges +Kind gewesen, es war zart und blaß. Aber es war wunderbar schön. + +Es steht vor ihr als etwas wunderbar Herrliches, herrlicher mit jedem Tag, +der geht. Kinder müssen ja das Köstlichste sein, was die Erde trägt. Man +bedenke doch nur, daß es kleine Wesen gibt, die jedermann die Hand +entgegenstrecken und von allen Menschen Gutes glauben, die nicht danach +fragen, ob ein Antlitz schön oder häßlich ist, sondern das häßliche ebenso +gern küssen wie das hübsche, die alt und jung lieben können, reich und arm. +Und zu alledem sind sie wirkliche kleine Menschen. + +Sie kommt dem Kinde mit jedem Tage näher und näher. Sie wünscht wohl, daß +es lebte, aber sie weiß nicht, ob sie ihm dann jemals so nahe gekommen wäre +wie jetzt. + +Zuweilen gerät sie in Verzweiflung darüber, daß sie den Knaben nicht +glücklicher gemacht hat, so lange er am Leben war. Darum ist er mir wohl +genommen worden, denkt sie. Aber nur selten trauert sie in dieser Weise. + +Sie hat sich früher vor Trauer gefürchtet, aber sie findet jetzt, daß +Trauer nicht das ist, was sie sich gedacht hat. Trauern heißt ja: ein +Vergangnes wieder und wieder erleben. Trauern heißt: sich in das ganze +Wesen des Knaben hineinleben, ihn nun endlich zu verstehen. Diese Trauer +macht sie sehr reich. + +Am meisten fürchtet sie sich jetzt davor, daß die Zeit ihn ihr entführen +könnte. Sie hat kein Bild von ihm, vielleicht könnten seine Züge in ihrer +Erinnerung auslöschen. Jeden Tag sitzt sie da und prüft sich: »Sehe ich +ihn, sehe ich ihn recht?« + +Wie der Winter vergeht, Woche um Woche, ertappt sie sich auf der Sehnsucht, +ihn nicht mehr im Leichenhause, sondern in die Erde gebettet zu wissen, +damit sie zu dem Grabe kommen und mit ihm sprechen könne. Er soll gegen +Westen liegen, da ist es am schönsten. Und sie wird seinen Hügel mit Rosen +schmücken. Sie will auch eine Hecke haben und eine Bank. Sie will dort +sitzen können, lange, lange. + +Aber die Menschen werden sich ja wundern. Die Menschen sollen es ja nicht +anders wissen, als wenn ihr Kind im Familiengrabe liege. Wie werden sie +staunen, wenn sie sie ein fremdes Grab schmücken und dort stundenlang +sitzen sehen! Was soll sie sich ausdenken, um es ihnen zu sagen? + +Manchmal denkt sie, daß sie es auf diese Weise machen müsse: Zuerst zu dem +großen Grabe gehen und dort einen großen Strauß niederlegen und eine Weile +dort sitzen. Dann würde sie sich wohl zu dem kleinen Grabe hinschleichen +können. Er würde wohl zufrieden sein mit dem einzigen kleinen Blümlein, das +sie ihm heimlich zustecken könnte. + +Ja, er könnte sich wohl damit begnügen, aber kann sie es? Es ist, als würde +sie auf diese Weise in keine Gemeinschaft mit ihm kommen. Und er würde es +dann erfahren, daß sie sich seiner schämte. Er würde begreifen, welche +brennende Schmach es für sie gewesen war, daß er geboren wurde. Sie muß ihn +schützen, damit er das nicht erfahre. Er soll glauben, daß das Glück, ihn +zu besitzen, alles überwogen hätte. + + * * * * * + +Endlich weicht der Winter. Man sieht, daß es Frühling wird. Die Schneedecke +schmilzt, die Erde beginnt sich zu zeigen. Noch währt es vielleicht ein +paar Wochen, bis der Frost aus dem Boden zieht, aber man hat doch die +Hoffnung, daß die Toten nun bald aus der Leichenkammer kommen. Und sie +sehnt sich, sie sehnt sich. + +Kann sie ihn noch sehen? Sie prüft sich jeden Tag, aber es ist im Winter +besser gegangen: im Frühling will er sich ihr nicht zeigen. Da gerät sie in +Verzweiflung, sie muß auf dem Grabe sitzen können, um ihm nahe zu kommen, +um ihn sehen, ihn lieben zu können. Kommt er denn niemals in die Erde +hinunter? + +Sie hat nichts andres zu lieben, sie muß ihn sehen können, ihn sehen +können, ihr ganzes Leben lang. + +Mit einem Male verschwindet alles Zögern und aller Kleinmut vor ihrer +großen Sehnsucht. Sie liebt, sie liebt, sie kann nicht leben ohne den +Toten. Sie fühlt, daß sie auf niemand Rücksicht nehmen kann als auf ihn. +Und als die Frühlingsfluten wirklich kommen, als auf dem Kirchhofe wieder +Anhöhen und Hügel hervortreten, als die Herzen an den eisernen Kreuzen +wieder zu klingen anfangen und die Perlenblumen in ihren Glaskasten +leuchten, und als die Erde sich endlich dem kleinen Sarge öffnen kann, hat +sie schon ein schwarzes Kreuz machen lassen, um es auf den Hügel zu +pflanzen. + +Quer über das Kreuz von Arm zu Arm steht mit deutlichen weißen Buchstaben +geschrieben: + + _Hier ruht mein Kind._ + +Und dann, darunter auf dem Kreuzesstamm, steht ihr Name. + +Sie fragt nicht danach, daß die ganze Welt erfährt, was sie getan hat. +Alles andre ist eitel; nur das eine liegt ihr am Herzen, ohne Trug beten zu +können an ihres Kindes Grab. + + + + +Römerblut + + +Wenn ihr in Rom gewesen seid, so sind euch gewiß die kleinen Landgüter vor +der Stadtmauer aufgefallen. Man hat ein paar Hufen Land, auf denen man +Artischocken, Erbsen und Blumenkohl zieht, je nach der Jahreszeit. Man hat +ein paar niedrige, strohbedeckte Wohnhäuser, einen niedrigen Eselstall, +einen großen gemauerten Brunnen und ein paar Hühnersteigen. Man hat +natürlich eine Menge Federvieh, und nicht nur Hühner, Truthähne und Enten, +sondern auch Pfauen und Fasane. + +Und dann schafft man sich, um ein bißchen besser leben zu können -- denn +Grünzeug und Hühner werfen keinen glänzenden Gewinn ab -- ein paar große +Fässer römischen Schloßwein an und legt sie in eine der niedrigen Hütten, +deren jede nicht mehr als ein Gelaß hat. Dahin stellt man auch einen +Ladentisch und ein Wandbrett mit Gläsern und Literflaschen, draußen aber +auf dem Hofe, zwischen dem Brunnen und den Hühnersteigen, stellt man lange +Bänke und feste Tische auf. Hier hinter der Stadtmauer wehen die +Campagnawinde stark und ungehemmt. Darum bringt man kleine Schutzdächer +über den Bänken an und umgibt sie mit Rohrwänden, durch die die Sonne +hereinrieselt, gelb wie Gold. Zuletzt läßt man auch ein Schild malen und +hängt es über das kleine Mauerpförtchen, das nach der Straße und der Stadt +führt. Und die Osteria ist fertig. + +Nino Beppone war nun zehn Jahre Kellner in solch einer kleinen Osteria +gewesen, man darf aber nicht glauben, daß er des Lohnes und der Trinkgelder +wegen so lange geblieben wäre, oder weil er zu nichts anders getaugt hätte. +Nino war ein prächtiger, ja ein gebildeter junger Mann; wenn er sich damit +begnügte, Kellner in einer Osteria vor dem Stadttor zu bleiben, geschah es, +weil er in Teresa, die älteste Tochter des Hauses, verliebt war. + +Ah, wie Nino sie liebte! Sie war so schön. Sie war gerade in der Art schön, +wie Nino es haben wollte, mit großen, starken Zügen und warmen, klaren +Farben. Sie ging so stolz und so leicht wie eine Königin. Sie sprach mit +einer hellen, klingenden Stimme, und so deutlich, daß keine Silbe ihrer +Worte verloren gehen konnte. Sie lachte so rein, wie ein Silberglöckchen +läutet. Ihre Hände waren schön, weiß und fest, und ihr Händedruck stärkend +wie ein Segen. + +Alle, die in die Osteria kamen, wollten bei ihr bestellen und verlangten, +daß sie immer hinter dem Schanktisch zur Hand sei. »Wo ist Teresa?« fragten +sie sicherlich, wenn sie sie nicht sahen. Und das begriff Nino sehr wohl. +Wußte er nicht selbst, um wie viel besser die Suppe schmeckte, wenn sie sie +aus dem Kochtopf schöpfte, als wenn ihre Schwestern es taten? Es war nicht +zu verwundern, daß jedermann mit ihr zu tun haben wollte. War es nicht +schon eine Freude, in demselben Raume zu weilen wie sie? + +Er war fest davon überzeugt, daß die Leute nicht so sehr um Wein zu trinken +hereinkämen, als vielmehr um Teresa alle ihre Sorgen anvertrauen zu können. +Wenn einem der Esel gestorben war, wenn man ihn im Ballspiel besiegt hatte, +oder wenn der tolle Pietro wieder einem das Messer in den Leib gestoßen +hatte, so war es eine Erleichterung, es ihr zu erzählen. Nino wußte, daß +junge, frische Burschen, die gar keine Sorgen hatten, zuweilen dasaßen und +sich lange, traurige Geschichten ausdachten, nur damit sie ein Weilchen bei +ihrem Tische stille stehe, ihnen zuhöre und sich ihrer ein wenig annehme. +Ach nein, sie waren nicht in sie verliebt, aber sie wollten doch, daß sie +den Wein in ihr Glas gieße oder ihnen eine Mandarine zustecke, wenn sie +gingen, und ihnen verspreche, sich in ihren Gebeten ihrer zu erinnern. + +Die andern Schwestern verheirateten sich, sobald sie ihr sechzehntes Jahr +erreicht hatten; eine zog fort, und eine blieb mit Mann und Kindern daheim. +Aber Teresa wollte nicht heiraten, und Nino wußte schon, warum. Er wußte +wohl, daß sie weder ihn noch irgendeinen andern aus dem Landvolk wollte, +einen Signor wollte sie. + +Ja, ja, Teresa war sehr stolz. Das sah man schon an der Art, wie sie ihr +Haar hoch aufsteckte, ganz wie eine Signorina, und an ihren +Sonntagskleidern. Zu Hause trug sie eine grüne Schürze und ein rotes Tuch +um den Hals, wenn sie aber nach Rom ging, war sie immer schwarz gekleidet. +Und sie hatte einen großen Hut mit vielfach gebogner Krempe und einen +Federkragen um den Hals, so lang, daß er bis zum Kleidsaum reichte. + +Natürlich gefiel ihr der Gedanke, eine Signora zu werden. Das einzige +Unnatürliche war bloß, daß sie nicht einsah, daß sie schon eine war. + +Eigentlich war es Nino nicht unerwünscht, daß Teresa keinen Campagnabo +nehmen wollte. Er, Nino, hatte keine Hoffnung, sie je zu bekommen. Er war +dick und rund wie ein Mehlsack, und er hatte auch so eine graue +Müllerfarbe. Und nur ein paar kleine Striche statt richtiger Augen. Er war +zu häßlich für sie. Aber da es nun seine guten Wege hatte, bis ihr Signor +kam, und da kein andrer den Versuch wagte, sie fortzuholen, konnte Nino +wenigstens jahraus jahrein als ihr Kamerad umhergehen. Und das war kein +geringes Glück. + +Die Tage draußen auf dem Meierhof erschienen Nino voll Seligkeit. Des +Morgens, wenn Teresa ihre Vögel betreute, trug Nino ihr die Schale mit dem +Mais. Vormittags half er ihr, das Unkraut ausjäten oder das Gemüse in +Ordnung bringen, das auf den Markt geschickt werden sollte. Und abends, +wenn die Arbeitsleute auf ihrem Heimweg eintraten, ein Glas goldgelben +Castello romano zu trinken, da stand sie am Fasse und füllte in die Maße +ein, und er nahm sie aus ihrer Hand. Wenn es ein großer Tag war, Festtag +oder Markttag, und das Volk war zusammengeströmt, so daß alle Bänke +übervoll waren und der ganze Hof von Drehorgelspielern und Verkäufern von +gebratenen Äpfeln und Kastanien wimmelte, und er und sie mußten atemlos und +heiß mit ihren Flaschen und Gläsern zwischen den Tischen hin und her eilen, +dann nickten sie einander zu, wenn sie zusammentrafen. Da fühlten sie sich +so kameradschaftlich wie Soldaten, die in den Kampf ziehen. + +An Abenden aber, wo keine Gäste kamen, saß Nino da und erzählte Teresa aus +Büchern, die er gelesen hatte. Da ließ sie ihn von dem alten Rom erzählen, +und am liebsten hörte sie von dem Aufstande der Plebejer gegen die +Patrizier und von den mächtigen römischen Matronen. Nino wußte wohl, warum. +Es war dasselbe Blut, sie fühlte in sich das gleiche Blut. Am nächsten Tage +trug sie den Kopf noch viel stolzer, als früher. Nino wußte, daß er wie ein +Tollhäusler handelte. Jedesmal, wenn er von Cornelia, der Mutter der +Gracchen, erzählte, entfernte er sie weiter von sich. Warum konnte er diese +Erzählungen nicht sein lassen? Warum liebte er sie am allermeisten, wenn +sie den Nacken so hoch hob, und wenn ihre Augen blitzten? + +Als sie vierundzwanzig Jahre alt war, hörte Nino die Leute sagen, daß es +bald zu spät für sie sein würde, noch einen Mann zu bekommen. Sie sei nicht +mehr schön. Nino konnte nicht begreifen, was sie meinten. War sie denn +nicht schön? + +Eines Tages jedoch merkte er, daß sie recht gehabt hatten. Sie war wirklich +im Begriffe gewesen, alt zu werden. Sie mußte ganz verblaßt gewesen sein, +obgleich er es nicht gemerkt hatte. Nun merkte er es daran, daß sie wieder +aufzublühen begann. Die frische Jugendschönheit erhellte aufs neue ihr +Gesicht. Was war das für ein Wunder? Nino erschrak beinahe, als er es sah. + +Jeden Abend erschien jetzt ein kleiner Leutnant in der Osteria. Ach, ach, +Nino konnte nicht leugnen, daß er das Netteste war, was man sehen konnte. +Er hatte eine Uniform in Schwarz und Silber und ein weiches, kindliches +Gesicht. Und er hatte sich in Teresa verliebt schon am ersten Abend, da er +sie sah. Und sie? War ihre Schönheit um seinetwillen wiedergekommen? Gefiel +ihr der kleine Leutnant? War der Signor nun endlich erschienen? + +Der arme Nino begann auf einmal den Krieg und die Krieger zu hassen. +Italien führte gerade Krieg mit Abessinien, und es war Elend genug, daß +Italiens Krieger übers Meer zogen, um ein fremdes Volk anzugreifen, das +nichts Böses getan hatte. Es war Elend genug, was die Kriegsleute dort +draußen anrichteten. Hier zu Hause hätten sie es doch lassen können, die +Leute ins Unglück zu bringen. + +Nino suchte Gleichgesinnte auf und kam in Friedensvereine. Hier trat er als +Redner auf und forderte die Abschaffung des Kriegsheeres. Italien solle +nicht als Land des Streites groß sein, sondern als ein Land des Friedens. +Er wurde bald einer der Führenden. Er wurde einer der beliebtesten Redner. +Armer, armer Nino. »Laßt uns diesem afrikanischen Unfug ein Ende machen, +wir wollen unsre Soldaten wiederhaben, um sie in die landwirtschaftlichen +Schulen zu schicken!« Das waren Ninos Worte. + +Wenn Nino aber von solch einer Friedensversammlung nach Hause kam, bei der +er den Krieg und das Kriegsheer abgeschafft hatte, ging Teresa ihm +entgegen. Sie blieben bei dem Brunnen stehen, wo sie immer zu sitzen und zu +plaudern pflegten, und Teresa wollte vom Kriege sprechen. Um den jetzigen +Krieg kümmerte sie sich nicht, aber sie wollte wissen, was die Römer in +früheren Tagen vollbracht hatten. Sie wollte etwas von Scipio hören. Ob es +nicht Scipio wäre, der nach Afrika gezogen wäre und die Schwarzen besiegt +hätte? Und Nino mußte von ihm berichten. Nino mußte die halbe Nacht +aufsitzen und von Krieg, Krieg, Krieg sprechen. + +Während er davon sprach, wurde Teresa strahlend schön. Die Laterne, die auf +dem Brunnenstaket hing, zeigte sie Nino wunderbar schön und mit einem +geheimnisvollen Lächeln um die Lippen. Nino begriff, daß sie nur einen +Helden lieben konnte. Und was war er? Er, der es ihr nicht einmal +abschlagen konnte, von diesen verabscheuungswürdigen Gemetzeln zu erzählen. +Er war feig. Wenn sie einen Nero geliebt hätte, so wäre Nino gezwungen +gewesen, die Tyrannen zu preisen. Nino war ein feiger Kerl, er war +sicherlich kein Held. + +Als sie sich dann mit Leutnant Ugo verlobte, dachte Nino ernstlich daran, +sich frei zu machen und einen andern Dienst zu suchen, aber er vermochte es +nicht. Sie war gerade in der Zeit so gut gegen ihn. Er müßte wohl bis nach +der Hochzeit warten. + +Teresa vergaß Nino keinen Augenblick. Sein Geburtstag war am Tage nach der +Verlobung, und Nino war am Morgen düster und glaubte, dies würde der +traurigste Tag seines Lebens werden. Aber er war noch nie vorher so +gefeiert worden. Teresa hatte ihm Taschentücher gestickt, mit Monogrammen, +die über das halbe Tuch reichten. Sie hatte ihm auch eine Torte gebacken, +und sie ging in die Kirche des heiligen Antonius von Padua und betete für +Nino bei ihrem Schutzpatron. Sie scherzte mit ihm. Nino mußte sich froh +zeigen. Er mußte den ganzen Tag lachen, weil sie es wollte. Jetzt sollten +alle glücklich sein. + +Aber bei Nacht konnte Nino doch nicht anders: er mußte weinen. Er hatte +gemerkt, daß sie in diesen Tagen den Vögeln doppelte Rationen gab, der Esel +hatte frisches Stroh bekommen, und die Katze durfte auf ihrer Schulter +sitzen, solange sie wollte. Nie hatte sich Nino so sehr der Katze, dem Esel +und den Hühnern gleichgestellt gefühlt. + +Wie sie sich darüber freute, daß ihr Bräutigam Offizier war! Nächst dem +Umstande, daß er ein Signor war, gefiel ihr sein militärischer Beruf am +meisten. Als man sie einmal fragte, ob sie nicht Angst hätte, daß er nach +Afrika geschickt werden könnte, hörte Nino, wie sie antwortete: + +»Wollte Gott, er dürfte hinüber. Dann würdet ihr sehen, wie alles anders +würde.« Denn dies war im Winter 1896, und da sah es aus, als sollte aus +diesem Kriege mit Menelik und seinen Schoanern nichts Rechtes werden. Man +schickte nur Schiff auf Schiff mit Truppen fort. Die Truppen lagerten dort +in der Aduagegend, aber man hörte nie, daß es zu etwas kam. Es war so, wie +wenn Bienen aus dem Korbe fliegen und außerhalb des Fluglochs in einem +großen Beutel hängen bleiben, und man geht jeden Tag hin und sieht sie an +und ärgert sich, daß sie nicht schwärmen wollen. + +Sie benahm sich auch großartig, als sie gegen Ende Februar erfuhr, daß er +nach Afrika gehen mußte. Nino sah keine Träne in ihren Augen. Sie dachte +nur daran, daß es nun endlich zu Schlachten und Siegen kommen würde. Jetzt +sollte ihrem armen Italien geholfen werden. + +Sie gab ein Abschiedsfest für ihn und seine Kameraden. Es war ein +herrliches Fest. Der Castello-Romanowein floß in Strömen. Sie hatte ihre +fettesten Truthühner geschlachtet und die ersten Artischocken gepflückt. +Und sie hatte Torten und Zuckerwerk ohne Ende gebacken. + +Am Brunnenstaket hatte sie eine Fahnenstange errichtet und die italienische +Flagge gehißt, und der arme Nino mußte ihr behilflich sein, Transparente zu +verfertigen, auf denen zu lesen war: »Es lebe die Armee! Sieg unsern +tapfern Soldaten! Für Italien!« und andre hochgestimmte Worte. Er hatte ihr +helfen müssen, farbige Lampions unter den Strohdächern zu befestigen, +Sänger zu mieten, die die neuen Kriegslieder singen konnten; aber er hatte +geschworen, daß sie ihn nicht dazu bringen würde, eine Rede zu halten. +Armer Nino, sie forderte ihn gar nicht dazu auf, sie wagte es nicht, ihm +etwas so Hochwichtiges anzuvertrauen. + +Aber am Abend, als die kleinen Feuerwerkskörper zu den Füßen der Gäste +knallten, und als nicht nur die Strohdächer über den Bänken, sondern auch +die Hühnersteigen, das Wohnhaus und der Brunnen von grün-rot-weißen +Lampions strahlten, und als Nino drüben zwischen den Artischocken +bengalische Feuer entzündete, da sah er, wenn sonst niemand es sah, was sie +eigentlich meinte. Es war, als wollte sie mit jedem Glas Wein, das sie den +Soldaten kredenzte, sagen: »Gehet hin und macht Ernst aus diesem Kriege. +Roms Frauen wollen neue Triumphzüge gen Campidoglio hinaufschreiten sehen!« + +Niemand wußte besser als Nino, wie sehr Teresa diesen zierlichen kleinen +Mann liebte, der gegen die Barbaren ausziehen sollte. Und als er sah, wie +sie ihn gehen ließ, ohne zu klagen, ohne einen Augenblick schwach zu +werden, mußte er sie fast gegen seinen Willen bewundern. Sie hätte eine der +Matronen des alten Rom sein können, dachte Nino. Es rollt echtes Römerblut +in ihren Adern. + +Als Leutnant Ugo mit seinem Regiment nach Neapel abreiste, wo es sich nach +Afrika einschiffen sollte, begleitete Nino Teresa zur Eisenbahnstation. + +Es war Nacht. Die Soldaten kamen in raschem Takt heranmarschiert, rings um +sie schwärmten Gassenjungen, Verwandte und Kriegsenthusiasten. Unten an der +Station waren der Sindaco von Rom und mehrere Generale. Es wurden Reden +gehalten, man rief: »Es lebe Italien!« man küßte sich und warf Blumen. +Teresa stand bleich vor Begeisterung da und klagte nicht mit einem Worte. +Es waren feine Damen da, die Blumen an die Soldaten verteilten. Das tat sie +nicht. + +Sie dachte nur an einen, und dem gab sie keine Blumen, aber er mußte ihr +versprechen, Meneliks Hauptstadt zu erobern. Leutnant Ugo versprach, mit +der Krone der abessinischen Kaiserin zu ihr zurückzukommen. Und so +schieden sie. + +Aber Leutnant Ugo war noch keine zwei Tage fort, er war noch gar nicht nach +Afrika abgereist, als die Nachricht eintraf, daß der große Schwarm, der in +Adua gelagert war, sich zu rühren anfange; er zog gegen die Abessinier und +wurde geschlagen und zerstreut. + +Das war gerade um die Zeit, als niemand an etwas andres dachte als an den +Sieg, der dort drüben erkämpft werden müßte, nachdem man so unerhört viele +Menschen hingeschickt hatte. Der König selbst hatte sich nach Neapel +begeben, um die Abfahrt der letzten Truppen anzusehen. An einem Tage sprach +er ihnen von dem Ruhme, den sie für das geliebte Italien erringen würden, +am zweiten Tage kam ein Telegramm, das von verlorner Schlacht, zerstreutem +Heere, Flucht und Panik erzählte. + +Ganz wunderlich, wie die Telegramme in diesen Tagen trafen. Meneliks Kugeln +hatten nur etwa siebentausend Mann fällen können, aber die Depeschen nahmen +das Werk der Kugeln auf, sie kamen von der Hochebene Aduas, passierten das +Mittelmeer und erreichten ihr Ziel. Ach, kein italienisches Herz blieb +unversehrt davon! + +Teresa kam ganz vernichtet zu Nino. »Was ist dort geschehen, Nino?« fragte +sie. »Wie konnte es so schlecht gehen?« + +Nino erzählte ihr, daß die Italiener nicht so sehr von ihren menschlichen +Feinden geschlagen worden wären, als vielmehr von der übermächtigen Natur. +Dort müßte man Berge erklimmen, von denen die niedrigsten höher wären als +das Sabiner- und Albanergebirge aufeinandergetürmt. Da gebe es keinen Weg, +sondern man ziehe über Halden, die mit so steifen und stachligen Disteln +bewachsen wären, daß nicht einmal ein Esel sie fressen könnte. Mit der +Nahrung wäre es so schlimm bestellt, daß die Soldaten sich über die +Maultiere geworfen hätten, die auf dem Wege zusammengebrochen wären, und +die Fleischstücke an sich gerissen hätten. + +Aber das wäre doch nichts, um Menschen hinzuschicken! Ein Land, wo man +Maulesel essen müßte! + +Nein, das meinte Nino eben auch. + +Nun konnte er frei von der Leber reden, endlich durfte er ihr sagen, wie +gräßlich der Krieg wäre. Sie lasen zusammen die Zeitungen. Sie lasen, daß +man fürchtete, daß die Truppen, die jetzt auszögen, Menelik und die +Schoaner im Hafen von Massaua treffen würden; die jetzt abführen, zögen dem +sichern Tod entgegen. + +Sie las auch, daß die Barbaren vor allem auf die Offiziere schössen. Sie +lägen da und zielten auf ihr blaues Rangzeichen und holten sie von den +Hügelabhängen herab, wenn sie mit ihren Soldaten vorrückten. + +Und es gäbe so viel Grausamkeiten und Entsetzlichkeiten, die diese +Schwarzen begingen; ihre Weiber plünderten die Toten und zerstückelten sie. + +Da war es um sie geschehen. Sie bebte vor Entsetzen und wagte nicht, +weiterzulesen. + +Nino schob seine Mütze zurück und fragte, was sie eigentlich geglaubt +hätte, was die Leute im Kriege täten? Ob sie sich nicht gedacht hätte, daß +sie sich dort töteten? Nein, sie wüßte nicht, was sie geglaubt hatte. Das +hätte sie nicht gedacht. + +Da kam ein Brief vom Leutnant Ugo, in dem er Abschied von ihr nahm. Das +Dampfschiff, das ihn nach Afrika führen sollte, ging am nächsten Abend ab. + +Am Abend waren sie und Nino auf dem Wege nach Neapel. Was sie dort wollte? +Nino glaubte, sie wolle ihren Bräutigam noch einmal sehen, bevor er +abreiste. Selbst hatte sie sich es nicht so klargemacht, warum sie fuhr, +aber sie konnte es nicht lassen. Und keinen andern als Nino hatte sie zur +Begleitung haben wollen. + +Als sie am Morgen in Neapel angelangt waren, suchte sie ihren Leutnant in +der Kaserne auf. + +Er kam ihr entgegen, verwirrt und hastig, aber sichtlich geschmeichelt und +gerührt, daß sie gekommen war, um ihm Lebewohl zu sagen. Aber Teresa wurde +totenbleich, als sie ihn erblickte. Er trug jetzt eine helle Uniform aus +gelblich-grauem Leinen mit einem blauen Bande über der Brust. Das war das +blaue Band, das die Schwarzen sich zur Zielscheibe nahmen. + +Er mußte gleich wieder zu seinen Soldaten zurück. Ob sie denn den ganzen +Tag über nicht mit ihm zusammentreffen könnte? Ja, sie wollten gegen ein +Uhr miteinander frühstücken. Er könnte zwei Stunden abkommen. Sie +besprachen den Ort, und er eilte weg. + +Das war ein Tag! Nino und sie gingen in die »Villa« hinunter und setzten +sich auf eine Bank, um zu warten. Sie tat nichts andres, als daß sie Nino +unaufhörlich fragte, wieviel es auf seiner Uhr wäre. Und als sie nun mit +Nino allein blieb, da war ihr Gesicht starr und bleich, wie die Gesichter +der Statuen, die rings um sie standen, und ihre Augen schienen nicht mehr +zu sehen, als die steinernen. Nino fragte sie, warum sie so wunderlich vor +sich hinstarre. Sie sagte, sie säße da und sähe _seine_ Leiche an. Die +ganze Nacht hatte sie ihn tot in einer Bergkluft liegen sehen, und auch die +alten Weiber der Schwarzen waren ihr erschienen, wie sie herbeieilten, +_ihn_ zu plündern und zu zerstückeln. Nino hatte ja gesagt, daß sie dort +die Leichen zerstückelten. + +Nino versuchte, ihr etwas Tröstliches zu sagen. Alle würden ja nicht +fallen, meinte er, und Leutnant Ugo, der so tapfer wäre, könnte sich der +Barbaren schon erwehren. + +Was helfe es, tapfer zu sein, sagte sie, wenn der Feind in Schlupfwinkeln +verborgen läge und auf das blaue Band zielte. Ob Nino das blaue Band +bemerkt hätte? Warum es blau wäre, das Todesband, warum es nicht rot wie +Blut wäre? + +Sie nahm Nino das Versprechen ab, daß er sie nicht verlassen würde, sie +den ganzen Tag nicht verlassen würde. + +»Nein, nein, Teresa.« + +Er war auch beim Frühstück dabei. Leutnant Ugo bestellte ein Zimmer, und +die drei aßen zusammen. + +Im Anfang war Teresa munter, sie zeigte sich ebenso sorglos, als säße sie +daheim in der Osteria. Nino dachte, sie wolle für diese zwei Stunden allen +Kummer von sich werfen und einzig und allein glücklich sein. Sie war sogar +viel muntrer als gewöhnlich, sie kokettierte mit Leutnant Ugo, bis er ganz +toll war. Und sie ließ es zu, daß er sie küßte. + +Nino sah in seinen Teller, aber er bemerkte es doch. Von Zeit zu Zeit sah +er sie an, und seine kleinen grauen Äuglein bettelten um die Erlaubnis, +gehen zu dürfen. Aber da kam ihre Hand, die ganz eiskalt war und zitterte, +unter dem Tisch herangeschlichen und legte sich auf die seine und hielt ihn +zurück. Der Leutnant fand Nino wohl höchst überflüssig, sie aber wollte ihn +offenbar da haben. + +Es gab +Asti spumante+ und +Lacrimae Christi+, und Nino trank, wie er nie +zuvor getrunken hatte. Aber es gelang ihm nicht, sich taub oder blind zu +machen. + +Plötzlich, als Nino sich dachte, daß Leutnant Ugo ganz berauscht von ihren +Blicken und ihren Küssen sein müßte, neigte sie sich zu ihm und fragte +schelmisch, ob er es nicht lassen könnte, zu reisen. Ob es sich nicht so +einrichten ließe, daß er daheim bleiben könnte? + +Er lachte. Nein, er könnte nicht entrinnen. + +Ob er nicht krank werden könnte? Sich krank stellen? Nein, nein, das könnte +er nicht. + +Aber ob er denn daran gedacht hätte, wie lange es dauern würde, bis sie +ihre Hochzeit feiern könnten? + +Der Leutnant glaubte kaum, daß sie im Ernste sprach. Gewiß hatte er daran +gedacht, aber das ließ sich ja nicht ändern. + +Teresa lächelte nicht mehr, sondern sie sprach mit einer Stimme, die vor +Rührung bebte. + +Sie bekannte, daß sie sich furchtbar gesehnt hätte, seit er abgereist war. +Sie könnte keinen Tag ohne ihn sein. Ob er sich nicht irgendeinen Vorwand +ausdenken könnte, um bleiben zu können? + +»Teresa,« sagte er, »ich wäre ja ein Mann ohne Ehre. Bitte mich nicht!« + +»Ehrlos?« sagte sie mit schmeichelnder Stimme. »Wie kannst du so etwas +sagen? Du würdest ja nicht hier bleiben, weil du feig wärest, sondern weil +ich dich so liebe, daß ich dich nicht ziehen lassen kann.« + +Und sie lächelte und sie bat, Leutnant Ugo aber war unerschütterlich. + +Da fing sie von etwas anderm an. Wenn es nun zur Schlacht käme und die +Schwarzen zu schießen begännen? Ob er ihr versprechen wolle, dann das blaue +Band fortzunehmen? + +Nein, das wolle er nicht. Er dürfe es nicht. + +Überhaupt glaubte der Leutnant, daß sie im Grunde nur scherze. + +Nino sah, daß sie wie ermattet den Kopf sinken ließ. + +Als sie aufblickte, war jede Spur von Heiterkeit aus ihrem Gesicht +verschwunden. Sie war so, wie sie am Vormittag gewesen war. + +Nun begann sie, ihm mit Heftigkeit alles zu erzählen, was sie von dem +fremden Lande und der Kriegsführung der Schwarzen gehört hatte. Sie sprach +von den Bergen und den Distelgewächsen und der Hungersnot. Als sie von den +Mauleseln erzählte, lachte er und sagte, das sei nicht wahr. + +Sie sprach von dem Leutnant Petrini, der von den Weibern der Schoaner +verbrannt worden war. Ob er das wüßte, ja, ob er das wüßte? Und was für +eine Ehre wäre es, im Kampf gegen die Barbaren zu siegen? Und sie schössen +alle Offiziere nieder, ob er das wüßte? Sie zielten auf die blauen Bänder +und schössen auf die Offiziere. + +»Ah, Teresa,« sagte er, »willst du mich erschrecken? Sind das Worte für +eine Römerin?« + +»Ja, ja, gerade für eine Römerin. Roms Frauen haben nie zugelassen, daß man +ihnen raube, was sie liebten.« Und sie sei nur gekommen, um ihm zu sagen, +sie wüßte bestimmt, daß er fallen würde, wenn er jetzt reiste. Sie sehe ihn +tot vor sich. Sie sehe seinen Körper zerstückelt und blutig. Und nachdem +sie dies gesagt hatte, war es mit aller Beherrschung vorbei, und sie zeigte +ihm ihre ganze Verzweiflung. Sie warf sich vor ihm auf die Knie und +bettelte, weinte, flehte. + +Er war sehr gerührt, aber auch befangen. Einen Augenblick sah er zu Nino +hin, gleichsam unschlüssig, was er beginnen solle. Nino zog seine Uhr +hervor. Ja, gewiß, das war das einzige, was er tun konnte: sagen, daß die +Zeit abgelaufen sei, und dann gehen. + +»Was willst du?« sagte er. »Was willst du, daß ich tun soll? Ich kann mich +nicht losmachen.« + +»Stelle dich krank. Es reisen ohnehin so viele. Es ist unrecht, zu reisen. +Die dort drüben verteidigen nur ihr Haus und Heim. Sage, daß du nicht gegen +sie kämpfen willst.« + +»Dann ist es um mich geschehen.« + +»Du wirst dort sterben. Das ist nichts, um dafür zu sterben. Die Schwarzen +haben uns nichts getan. Laß sie in Frieden. Sie wollen uns ja unser Land +nicht nehmen, warum sollen wir ihres rauben?« + +»Teresa,« sagte Leutnant Ugo, »sage mir jetzt mutig Lebewohl, wie eine +Römerin. Ich muß gehen.« + +»Du mußt?« + +»Ja.« + +»Nun, so geh!« + +»Teresa!« + +»Geh doch. Ich werde versuchen, nicht an dich zu denken. Du bist tot für +mich.« + +Sie stand nicht auf, sondern blieb auf dem Boden liegen. Sie sah ihn nicht +einmal an. Er strich über ihr blauschwarzes Haar. Sie rührte sich nicht. Er +seufzte tief, er wußte nicht, was er sagen oder tun solle, und ging +wirklich. + +Mit einem angstvollen Griff drückte er Ninos Hand. Es war, als vertraute er +ihm Teresa an. Abends gegen zehn Uhr standen Nino und Teresa am Hafen. Ein +paar große Dampfer lagen da, bereit, abzugehen, und eine Menge Boote +warteten darauf, die Soldaten hinzubringen. Einige tausend Menschen standen +auf dem Kai, um die Abfahrt anzusehen. + +Aber war das ein andres Bild, jetzt nach der Niederlage! Früher im Winter +hatte man nicht genug jubeln können, als die Truppen an Bord geführt +wurden. Jetzt lag nichts als Düsterkeit über den Wartenden. Man hätte am +liebsten die Boote und die Dampfer versenkt, damit sie keinen Sohn Italiens +nach dem verfluchten Barbarenland führen könnten. Die Soldaten kamen so +still, als wollten sie sich fortschleichen. Keine Musik, keine Schüsse, +keine Hochrufe. Aber aus der wartenden Menge stieg ein dumpfes Murren der +Empörung auf, und man beschleunigte die Einschiffung so viel wie möglich. +Man war nicht ganz sicher, daß das Volk nicht auf den Gedanken verfiele, +die Abfahrt zu verhindern. + +Teresa schien etwas Ähnliches zu hoffen. »Sie werden es nicht zulassen, +Nino,« sagte sie. »Alle diese Männer werden es nicht zulassen, daß man ihre +Söhne fortführt, damit sie von den Barbaren geschlachtet werden.« + +Aber ein vollbesetztes Boot nach dem andern wurde weggebracht, und die +Menge ließ es geschehen. Einige Menschen durchbrachen die Reihen der +Soldaten, aber nur um zu küssen und Abschied zu nehmen. Nino sah Leutnant +Ugo am Kai stehen und die Einschiffung überwachen. + +Ah, wo war Teresa? Eben noch hatte sie an Ninos Arm gehangen, jetzt aber +sah er sie unten am Landungsplatz. Sie schlang die Arme um Leutnant Ugo. Er +küßte sie, dann wollte er sich aus ihrer Umarmung lösen. Es war die Reihe +an ihn gekommen, einzusteigen. + +Sie schien sich zurückzuziehen, aber da sah Nino etwas Blankes in ihrer +Hand leuchten. Sie schien den Leutnant noch einmal umarmen zu wollen. In +demselben Moment wankte dieser und schrie auf. + +Nino eilte hinunter. Er riß Teresa an sich. Er zog sie in den Volkshaufen, +in das heißeste Gedränge. + +»Stehe hier still.« + +Sie lachte beinahe irrsinnig. »Jetzt wird er nicht reisen, Nino,« sagte +sie. + +Nino packte sie am Handgelenk. »Schweig,« sagte er und drückte es so, daß +es schmerzte. + +»Meinethalben können die Gendarmen ...« + +Nino drückte mit eiserner Faust zu, und sie schwieg. + +Das war ein Drängen, ein Hin- und Herstoßen. Nino blieb gelassen in dem +dichtesten Getümmel. Er versuchte nicht zu fliehen. + +»Recht so,« flüsterte ein Neapolitaner Nino zu. »Nur stillstehen, daß die +Gendarmen keinen Verdacht schöpfen. Kein Neapolitaner wird euch verraten.« + +Teresa begann plötzlich zu schluchzen. + +»Laß das sein,« sagte er, »du darfst nicht.« + +Und ihre Tränen versiegten. Sie stand stumm und still da, so lange Nino es +wollte. Er hatte sie ganz in seiner Gewalt. + +Leutnant Ugo wurde fortgetragen, die Polizei begann nach der zu forschen, +die ihn verwundet hatte. Nino und Teresa hörten, wie man Fragen an die +Menge stellte. »Wohin ist sie geflohen? Wer hat sie gesehen?« + +Es war eine große Signorina -- nein, eine kleine. -- Hier hatte man sie +gesehen -- nein, hier. Sie hatte den Weg zur Station genommen -- nein, nach +Santa Lucia. Und die Polizisten zerstreuten sich nach rechts und nach +links. + +Nino führte Teresa zur Eisenbahnstation, und sie reisten kühn nach Hause. +Er verließ sich darauf, daß Leutnant Ugo sie nicht angeben würde. + +In der Zeitung las er am nächsten Tag auch, daß der Leutnant erklärt habe, +er kenne die Frau nicht, die ihn verwundet hatte. + +Er war verwundet, aber nicht gefährlich. In der nächsten Woche kam ein +Brief von ihm an Teresa. + +Seit der Reise nach Neapel ließ sie sich in allem von Nino lenken und +leiten. Nun kam sie auch mit dem Briefe zu ihm. + +»Lies ihn, Nino,« bat sie. + +Er erbrach das Kuvert, sie stand zitternd daneben. + +»Ist es aus, Nino?« fragte sie. + +Nino antwortete ja, so angstvoll, als verkünde er ihr ein Todesurteil. + +»Laß mich hören,« sagte sie und richtete sich auf. Nino las ihr vor, daß +Leutnant Ugo sie nicht mehr liebte. »All meine Liebe ist tot,« schrieb er, +»meine arme Liebe ist tot.« + +Sie zuckte verächtlich die Achseln. + +»Die Liebe eines Signor verträgt es wohl nicht, Blut zu sehen,« sagte sie. + +»Du, Teresa,« schrieb Leutnant Ugo, »du warst für mich des Vaterlandes +Stolz, du warst das wiedergeborene Rom, du warst das starke Weib der +Vorzeit. Du warst die, die die Römer einst zu Helden machen sollte, du +solltest Seelenstärke genug haben, uns hinauszuschicken, um die Welt zu +erobern. Vergib mir, daß ich mich täuschte. Nun weiß ich, daß die alten +Römerinnen tot sind, die Töchter des neuen Rom senden keinen Mann hinaus, +um Ehre zu erringen, sie haben nur den Mut, ihn zu hindern, seine Pflicht +zu tun.« + +Teresa legte ihre Hand auf die Ninos. »Ich will nicht mehr hören,« sagte +sie. + +Nino schwieg. + +»Wenn ich es nicht getan hätte, Nino,« sagte sie, »wäre er jetzt tot. Ich +verstehe nicht, was er meint. Ich sah ihn tot in einer Bergschlucht liegen. +Da läge er jetzt, wenn ich nicht gewesen wäre. Wie hätte ich ihn da ziehen +lassen können?« + +»Findest du auch, Nino, daß ich feige bin?« fragte sie. »Bin ich entartet? +Habe ich keinen Tropfen Römerblut in meinen Adern?« + +Nino sah zu ihr auf, wie sie da schön und stolz und trotzig vor ihm stand. +Er liebte sie so, wie er sie immer geliebt hatte, und er sah seine ganze +Zukunft vor sich. Sie würde nie heiraten, er würde sie nie verlassen +können, und sie würden das Leben zusammen leben, sie als Herrscherin, er +als Knecht. Die Zeit, die nun vorbei war, in der er beinahe Herrscher +gewesen war, die kehrte nicht zurück. Sie würde bald wieder die Zügel der +Gewalt an sich nehmen. + +»Sag mir, Nino,« fragte sie, »waren die Frauen des alten Rom wilde Tiere? +Gaben sie zu, daß man ihnen das raubte, was sie liebten?« + +Nie hatte Nino so wie jetzt begriffen, was das neue Italien von dem alten +unterschied, aber er schloß die Augen vor allen Zeugnissen der Geschichte, +er war aufs neue Teresas Sklave und Knecht geworden und antwortete, wie sie +es wünschte, in ihren Adern fließe Römerblut, das edelste Römerblut. + + + + +Die Rache bleibt nicht aus + + +Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner einen Seite erhob sich +eine Reihe zackiger Küstenberge, an der andern ein gleichmäßig hoher Kamm, +den dichter Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und rings um sie +her war eine weite, offne Gegend, in der aller Wald ausgerodet war. + +Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang lag brennend hinter +den Küstenbergen. Leute, die den ganzen Tag drinnen in den Hütten +geschlafen hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und +spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer der vier Ecken der +Welt her Tanzmusik erschalle. Wem es glückte, einen einzigen Geigenton +aufzufangen, der machte sich davon über die schmalen, schneeigen Dorfwege +und kam dann wie von ungefähr dahergegangen, langsam und bedächtig, aber +die »Tanzhütte« als sichres Ziel im Sinn. + +So kam Gruppe auf Gruppe zur Tür Arilds, des Köhlers am Waldessaum, +hereingeglitten. Da fragte niemand danach, wer kam; der neue Gast stand ein +Weilchen unten an der Tür und gewöhnte die Augen an den Rauch, der sich +unter dem Rauchfange hervorwälzte und in das Zimmer qualmte, bis er den Weg +zu dem Loch im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ankömmling auch +ins Spiel. Der Reigentanz ging über den bloßen Erdboden, das Stroh war +weggetreten, die Ferkel hatte man von der Grube unter das Dachloch +geschafft, wo sie sich am liebsten aufhielten; großer Schwingraum war nicht +vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige, und der Tanz verlief +drinnen im Winterquartier ebensogut, wie er an einem Sommerabend über den +Waldeshang gegangen wäre. + +Arild hatte eine Frau, die Tora hieß; die pflegte sich immer in eine +dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum Tanze lud. Sie war menschenscheu +und schreckhaft, war fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand +in dem Rufe, mehr sehen zu können, als andre. + +An diesem Abend war sie ungewöhnlich vergnügt, sie versteckte sich nicht, +sondern saß vorn am Kamin, die Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig +Farbe in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie Wasser +waren, blickten lebendig, und sie bewegte die großen Hände, während sie +sprach. Wenn die Leute sie bemerkten, traten sie aus den Reihen der +Tanzenden und kamen heran, um sie zu begrüßen. + +Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie fest, bis sie das +erzählt hatte, was ihr heute morgen geschehen war. Es bereitete ihr +Verlegenheit, es herauszubringen, aber gleichzeitig war sie doch so stolz +darauf, daß sie es nicht verschweigen konnte. + +Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbeißen, wenn sie +erzählte, was sie gesehen und geträumt hatte. Nun sollte man sich aber +überzeugen, daß ihre prophetische Gabe etwas wert sei. + +Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr geträumt, daß ihre drei Ziegen +droben im dichten Wald in die Irre gingen. Sie hatte sie so jämmerlich +meckern hören, daß sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle +Ziegen in ihrer Hürde unten an der Tür, und sie hatte ja zuerst gedacht, +dies sei nur ein gewöhnlicher Traum. Aber dann war eine Unruhe über sie +gekommen: »Nein, nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,« hatte sie zu +sich selbst gesagt. + +Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider gehüllt, hatte das +Nebelhorn über die Schulter geworfen und war in den Wald hinaufgewandert. +Sie war vom Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes gegangen +und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu verirren. Sie lachte leise, +als sie das erzählte. Ob sie wüßten, was das wäre, im dichten Walde vom +Wege abzukommen? Grundloser Boden, der bei keiner Kälte zufröre, Gestrüpp, +das jeden leeren Raum zwischen den Stämmen ausfülle, Schneehaufen und +Wurzeln und stechende Dornen und umgestürzte Bäume, so sei es oben im Wald. + +»Aber dort oben fand ich drei wilde Böcke,« sagte sie. »Kommt und seht, was +ich dort fand.« Sie führte ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu +dem Bette hin, das mauerfest und durch Türen geschützt war. Sie öffnete die +Türe, leuchtete mit einem Kienspan hinein, und da sah man drinnen drei +Männer liegen. Sie waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren +sie, daß die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre Wangen warfen, aber +ihre Züge waren kühn und schön. Sie schliefen so fest, daß weder der Tanz, +noch Toras Vorzeigen sie wecken konnte. + +»Das sind meine drei wilden Böcke, die ich im Dickicht gefunden habe,« +sagte sie. »Es sind drei arme Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt +haben und dort acht Tage umhergewandert sind. Wäre ich nicht gekommen, so +wären sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe ich Essen für sie gekocht, und +jetzt schlafen sie. Seht, wie sie schlafen.« + +»Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten ließ, Tora,« sagten ihre Gäste. + +»Gott wollte, daß ich nicht allezeit zum Gespött sein sollte,« sagte das +Weib. + +So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit herankam, da wurde die +Freude unterbrochen. Die Tür wurde mit Macht aufgestoßen, und ein langer, +großer Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden, stellte sich +mitten in den Raum und erhob die Hand. + +Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den Tanz in der Sonntagsnacht +zu verbieten. Er hatte an diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren +Wänden gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest müßten alle Menschen +dahingerafft haben, aber nein, hier waren sie, hier in der Spielhütte waren +sie zu finden. Und der Pfarrer verkündigte Buße und Kirchenstrafe über sie +alle. + +Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt hören. Und er +sprach und zertrümmerte ihre Freude und schreckte sie mit dem furchtbaren +künftigen Leben, so daß sie vermeinten, niemals mehr den Fuß zum Tanze +heben zu können. + +»Tanzet nun, wenn es euch gelüstet,« sagte der Pfarrer, »tanzet nun, ihr +wißt jetzt, wohin ihr tanzet.« + +Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen verlegen da und +suchten sich tapfer zu halten, sie begannen aber bald leise zu schluchzen. +Ein Dirnlein, das eben noch am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie +und küßte die Hand des Pfarrers. + +Keiner wagte ihm zu widersprechen, außer Tora. Sie, der sonst immer bange +war, kam breit und ihrer Sache sicher heran. »Pfarrer,« sagte sie, »hier +haben wir jeden Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies +ein Haus Gottes. Du sollst hören, wie Gott heute seinen Segen über mich +ergossen hat.« + +»Du Hexe,« sagte der Pfarrer, »willst du schweigen! Was an Segen zu dir +kommt, das ist des Teufels Segen. Heute abend rede ich zu Menschen, die +sich bekehren und bessern können. Mit dir rechne ich ein andermal ab.« + +Damit ging der Pfarrer, und in der Hütte herrschte große Betrübnis. Arild +versuchte ein paar Striche auf der Geige, aber er legte sie gleich wieder +fort. Die meisten von denen, die getanzt hatten, gingen heim. + +Tora saß wieder am Herde, sie warf neue Scheite in die Glut und schien +ebenso froh wie zuvor. Einige, die sahen, daß sie den Mut nicht verloren +hatte, gingen auf sie zu und begannen, übel vom Pfarrer zu sprechen. + +»Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,« sagte ein Bauer. +»Früher, als er noch dem Papste zugehörte, durfte man sogar im Pfarrhof +tanzen.« + +»Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, weißt du, Tora,« sagte ein +andrer. + +»Tut er mir etwas, dann werde ich schon erzählen, wie er zu seinem Gelde +gekommen ist,« sagte Tora. + +Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erzählte sie: »Der Pfarrer, +Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er hatte einen Bruder, der ein +Großbauer und sehr reich war. + +Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof, der näher zur Kirche lag, +als sein eigner. Und sobald er in den Hof gekommen war, fing er an, nach +dem Gelde des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden. Er grub in +der Erde und riß die Kellermauer und die Küchenwand ein, um das Geld zu +finden, aber es wollte sich ihm nicht zeigen. + +Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in langen Gebeten zu Gott +darum flehte. Und Herr Ane wurde krank und verzweifelt vom Suchen und +Nichtfinden. + +In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus, weil er seinen Kummer +nicht verhehlte. >Hast du meines Bruders Geld gesehen?< konnte er den +ärmsten Bettler fragen. + +Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein armes Bettelweib, das von +Hof zu Hof zog, eines Abends in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr +Unterkunft für die Nacht zu gewähren. + +>Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen kannst, wo mein +Bruder sein Geld verwahrt hat,< sagte Herr Ane zu ihr. + +>Wenn ich das wüßte, Herr Ane,< sagte Mutter, >dann brauchte ich wohl nicht +auf der Landstraße umherzuziehen und mein Brot zu erbetteln.< + +Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er möge ihr Obdach +gewähren, denn es war nicht gut für sie, in ihrem hohen Alter draußen +unter freiem Himmel zu liegen. + +Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt hätte, müsse es sein +Bewenden haben, und sie könne kein Obdach bekommen, wenn sie ihm das Geld +nicht verschaffe. + +>Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach im Pfarrhof haben bis zu +meiner Todesstunde?< sagte Mutter. -- >Das sollst du,< sagte Herr Ane. + +Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was sie auf sich genommen +hatte, Herr Ane möge ihr große Linnenlaken geben, und in die hüllte sie +sich, als wäre sie eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm +Graberde und streute sie über sich, und dann ließ sie sich von Herrn Ane +die Kirchentür öffnen, und er folgte ihr in die Kirche und half ihr auf +einen Dachbalken. + +Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem Dache. Aber sie erduldete +alles mit fröhlichem Mute, in der Hoffnung, sich dadurch ein geschütztes +Alter zu erringen. + +Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es hell in der Kirche, und +ein paar Steine im Boden hoben sich, und einer der Toten kam herauf in die +Kirche. Es war ein großer, derber Mann, er ging mehrere Male um die Kirche +herum, da erblickte er meine Mutter. >Bist du tot?< sagte er zu ihr. Und +sie wagte nicht zu antworten. Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr +hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme: >Ja, ich bin tot.< +Und da ließ er sie sein. + +Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er ging nun wieder zu seinem +Grabe. Er holte daraus eine Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und +Mutter sagte, sie hätte gesehen, wie er die Gold- und Silbermünzen nahm und +mit ihnen spielte; er warf sie über sich, als sitze er im Bade und +bespritze sich mit Wasser. + +Aber als er sich satt gespielt hatte, schüttete er das Geld ins Grab +hinunter und stieg in seinen Sarg, und die Steine legten sich von selbst +wieder auf ihren Platz zurecht. + +Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken hängen, und dann kam der +Pfarrer, Herr Ane, und fragte, ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war +frisch und gesund. >Dann komm und iß einen Bissen,< sagte der Pfarrer. +>Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen für meine alten Tage,< +sagte Mutter. + +Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann ließ sie den Boden +über seines Bruders Grab aufbrechen und den Sarg herausheben. Und als sie +dies taten, war nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte: >Seht +nun nach, was noch in dem Grabe liegt,< da begann der Tote sich in seinem +Sarge hin und her zu wälzen. Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich +mit der Arbeit zu sputen. + +Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie hörte, wie der Tote +drinnen arbeitete. Und sie holten aus dem Grabe eine große Tonne voll Gold- +und Silbergeld. Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder unten im +Grabe hatten und der Kirchenboden über ihm geschlossen war. + +>Gib mir zu essen,< sagte meine Mutter dann zum Pfarrer, >ich habe jetzt +ein tüchtiges Stück Arbeit für dich getan.< + +Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben Tage bei sich, dann +hieß er sie wieder gehen. + +Als Mutter so von neuem auf die Straße geworfen war, verfluchte sie ihn und +sagte: >Das Geld, das ich dir verschafft habe, soll dein Unglück werden.< + +Und Mutter erzählte, der Pfarrer hätte ihr gesagt, er fürchte sich vor +nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben könne. + +>Die Rache bleibt nicht aus,< sagte Mutter. Das war Mutters Sprichwort, daß +die Rache nicht ausbleibe. + +Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,« fuhr Tora fort, »und nun heißt +er ihre Tochter eine Hexe. Er hätte die große Kiste neben seinem Bett nicht +so vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre,« fuhr Tora +fort und richtete sich auf. »Er könnte nicht dasitzen und Geld über sich +werfen und wälzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der Tote, wenn +meine Mutter ihm nicht geholfen hätte.« + +Als Tora dies sagte, hörte man ein leises Scharren. Es war nicht ganz nahe, +aber auch nicht weit weg. Niemand wußte, was es sein könnte. Es war, als +versuche jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen. + +»Wer schleift Messer in meinem Hause?« rief Tora plötzlich. + +Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespräch wieder in Fluß gekommen war, +begann es aufs neue zu knirschen und zu scharren. + +Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und sah hinein. Da lagen die +drei Wanderer ausgestreckt und schliefen, wie sie den ganzen Abend +geschlafen hatten. + +Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das Unwesen abermals. Jeder +hörte deutlich, wie Messer gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen +wurden. »Gott helfe uns, das ist ein Omen,« sagte Tora. »Möge uns nichts +Böses widerfahren, weil wir Übles vom Pfarrer gesprochen haben!« + +Aber am nächsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane, ermordet in seinem Bett, +und sein großer Geldschrein war verschwunden. Und es wurde allsogleich +bekannt, daß die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem Köhler gelegen +und ihre Müdigkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber des Mordes waren. + +Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erzählen hören, während sie dalagen +und taten, als schliefen sie. Und sie hatten sofort den Mord geplant und +sich daran gemacht, ihre Messer zu schleifen. + +Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes wie ein +Wahrspruch durch die Umgegend. »Die Rache bleibt nicht aus,« sagt man. +»Gott kann mit einer Sage fällen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die +Rache bleibt nicht aus.« + + + + +Die Geisterhand + + +Gerade als es ein Uhr schlug, kam jemand und klingelte an der Glocke des +Doktors. Das erste Läuten hatte keinen Erfolg, aber als das zweite und +dritte Läuten verrieten, daß es unerschütterlicher Ernst war, kam Doktors +Karin durch die Küchentür, um zu sehen, was es gebe. Und als Karin eine +Weile unterhandelt hatte, mußte sie sich darein finden, den Doktor zu +wecken. Sie klopfte an die Schlafzimmertür. + +»Es ist jemand da von der Braut des Herrn Doktor. Der Herr Doktor muß hin.« + +»Ist sie krank?« ertönte es von drinnen. + +»Sie wissen nicht, was ihr fehlt. Sie glauben, daß sie etwas >gesehen< +hat.« + +»Ja, ich lasse grüßen und komme.« + +Der Doktor fragte nicht weiter. Er liebte es nicht, das Mägdegeschwätz über +seine Braut zu hören. + +Eine wunderliche Sache ist's mit diesem Aberglauben, dachte er, während er +sich ankleidete. Nun liegt doch das Haus mitten in der Stadt, nicht das +geringste Romantische daran. Ein ganz gewöhnliches, häßliches, altes Haus, +eingerichtet wie alle andern in dem Viertel. Aber der Geisterspuk nistet +sich dort fest. + +Wenn es noch in einem finstern Gäßchen läge oder ein wenig außerhalb der +Stadt in irgendeinem verwilderten Garten, wo unheimliche alte Bäume die +Fensterscheiben peitschten in solch einer stürmischen Winternacht! Aber es +hat die Kirche und die Sparkasse und die Kaserne und die Zuckerfabrik ganz +in der Nähe! Sollte man nicht glauben, daß die Zuckerfabrik mit allem +ihrem Rasseln und Kochen und den großen glühenden Dampfkesseln es dem +Gespenst unbehaglich machen müßte? Aber nein -- durchaus nicht. + +Auf seine Weise konnte das Gespenst Bewunderung verdienen. Es hatte +Energie, unglaubliche Energie und die Fähigkeit, sich im Bewußtsein der +Leute zu erhalten. Man gab wohl zu, daß es sich jetzt etwa zwanzig Jahre +nicht hatte sehen lassen, seit die Fräulein Burmann in die Geisterzimmer +gezogen waren. Aber hatte jemand es vergessen? Das zeigte sich ja jetzt: +bloß weil Ellen ganz plötzlich krank geworden war, mußte es gleich heißen, +sie hätte etwas gesehen. + +Daß sie sich vor etwas erschreckt hätte, ja, das war wohl nicht unmöglich. +Sie war wie prädestiniert, Gespenster zu sehen, weil sie ihr ganzes Leben +mit den zwei nervösen, alten Tanten verbracht hatte. Und daß es ein +Gespenst im Hause gab, hatte sie wohl immer gehört und geglaubt. Von +Kindheit auf war ihre Phantasie durch das alles aufgereizt. + +Als er das erstemal auf Krankenbesuch bei den Tanten gewesen war, hatte sie +ihm gleichsam triumphierend gesagt: »Hier ist das Geisterzimmer,« in einem +Ton, als zeige sie eine Familienkostbarkeit. + +»Sehen Sie, Herr Doktor, es geht nicht an, in diesem Zimmer Karten zu +spielen.« + +»Ach, warum nicht?« + +»Ja, wenn einer der Spielenden den geringsten Fehler macht, den +allerunbedeutendsten Kniff, da kommt eine Hand und legt sich neben ihm auf +den Spieltisch.« + +»Was für eine Hand?« + +»Eine alte, häßliche Hand mit schweren Diamantringen auf den krummen +Fingern und mit echten Spitzen ums Handgelenk.« + +»Nun und dann?« + +»Ja, man sieht nichts als die Hand.« + +»Aber woher kommt das?« + +»Das weiß niemand, sie hat sich immer hier gezeigt.« + +Sie hatte das sehr keck erzählt; aber wer konnte wissen, wer konnte wissen? +Sie glaubte wohl an den Spuk. + +»So kommt sie, sehen Sie, Herr Doktor, kommt die Tischkante +heraufgeschlichen, dicht neben dem, der spielt. Hu, und dann weist sie mit +einem großen, gekrümmten Finger auf eine der Karten! Sie hat Nägel wie +Klauen, gekrümmt und spitzig.« + +Nein wirklich, daran glauben konnte sie doch wohl nicht. Sie hatte ja +gerade das Gespensterzimmer zu ihrem Zimmer erwählt ... + +Der Doktor jagte an der großen Zuckerfabrik vorüber, wo die Arbeit die +ganze Nacht fortging, und gelangte über die hohe Steintreppe in das Haus. + +Gott erbarme sich, auch er war nahe daran, zu erschrecken. Im Stiegenhaus +stand eine lange Gestalt, ganz in einen schwarzen Schal eingerollt. Tante +Malin war selbst heruntergekommen, um ihm die Stiege hinaufzuleuchten. + +»Wie geht es Ellen?« fragte der Doktor. + +»Wie gut von dir, daß du so rasch gekommen bist,« sagte Tante Malin. »Ich +weiß nicht, was sie hat. Du mußt kommen und selbst sehen.« + +Sie sprang beinahe die Stiegen hinauf, so alt sie war. Der Doktor bekam +erst jetzt den lebendigen Eindruck, daß wirklich Gefahr im Verzuge wäre. + +Ärgerlich, wenn nun jetzt etwas dazwischen kommen sollte, mit dem kleinen +Mädchen dort oben, das er sich zur Frau gewählt hatte! Er hatte in seinem +ganzen Leben keine gesehen, die ihm besser gepaßt hätte. Recht schön, und +keine andern Verwandten als die zwei alten Tanten, und natürlich streng +erzogen, ans Heim gewöhnt, tüchtig im Häuslichen, friedfertig. + +Als sie ins Vorzimmer kamen, wendete sich Tante Malin wieder an ihn. + +»Wir erwachten mitten in der Nacht davon, daß sie so furchtbar schrie, und +wir haben sie seitdem nicht beruhigen können. Wir wußten uns keinen andern +Rat, als dich holen zu lassen.« + +Sie öffnete die Tür zu Ellens Zimmer, steckte den Kopf hinein und sagte, +daß er gekommen sei. Gleich darauf wurde er eingelassen. + +Drinnen war es so hell, daß er im ersten Augenblick kaum etwas sehen +konnte. Sie hatten wohl alles hereingebracht, was es in der Wohnung an +Lampen und Leuchtern gab. In dieser Beleuchtung wurde es einem klar, daß +dies einst, in den Glanzzeiten des Hauses, der Festsaal gewesen war. + +Also hier hatten sie an den Spieltischen gesessen, und gerade da hatte die +Gespensterhand sich gezeigt. Das mußte einen Schrecken und einen Aufstand +gegeben haben! Man brauchte nur seine Braut anzuschauen, um zu wissen, wie +sie ausgesehen haben mochten. + +Sie saß mitten im Zimmer in einem großen Lehnstuhl, sie hielt sich ganz +aufrecht, sah sich mit wunderlich wandernden Blicken um, war bleich, von +einer richtigen Totenfarbe, ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie bebte. + +Der Lehnstuhl war mitten ins Zimmer gerückt. Es war einer mit freien Füßen. +Kein Möbel stand in der Nähe, nichts konnte darunter verborgen liegen und +plötzlich hervorkriechen. + +Sie achtete nicht auf die, die hereinkamen. Sie hielt jetzt die Augen fest, +ganz fest auf den Schatten des Schrankes geheftet, der sich gegen die Ecke +des Kachelofens streckte. Sie hatte den Schatten wohl im Verdacht, daß er +ihr irgendeinen häßlichen Streich spielen wolle. Sie zog die Röcke an sich, +wie um bereit zu sein, zu fliehen, wenn der Schatten sich verdichtete und +sich als etwas entpuppte, vielleicht als eine große Hand mit Fingern und +Klauen. Der Doktor rückte also in aller Eile eine Lampe hinüber, so daß ihr +Licht in die Ecke fiel. Sie sank wieder in den Stuhl. + +Nun kam Tante Berta und stattete denselben Rapport ab wie Tante Malin. + +»Wir erwachten davon, daß sie schrie, als wäre sie wahnsinnig geworden, und +so ist sie dann die ganze Zeit gewesen. Sie will nur Licht haben, immer +mehr Licht. Was, glaubst du, kann das sein?« + +»Ein Schrecken, nichts als ein Schrecken,« flüsterte der Doktor. + +So, nun waren ihre Blicke bemüht, sich hinter eine Gardine einzubohren. Er +ging einmal ums Zimmer. Es konnte ja möglich sein, daß er entdeckte, was +sie erschreckt hatte. Auf dem Schreibtisch lag ein tintenbekleckstes +Briefpapier. Sie hatte etwas zu schreiben begonnen, aber die Feder war ihr +aus der Hand gefallen und übers Papier gerollt. Ein Billett, das er ihr +spät abends geschickt hatte, um zu fragen, ob sie und die Tanten am +nächsten Tag einen Ausflug mit ihm machen wollten, lag dicht daneben. + +Es war offenbar, daß sie sich an den Schreibtisch gesetzt hatte, um ihm zu +antworten. Sie hatte eben »Mein gel ...« geschrieben. Dann war sie +erschrocken und hatte die Feder fallen lassen. + +Der Doktor fühlte, wie die Blicke der Tanten ihm folgten. Sie wunderten +sich wohl, daß er kein Wort zu Ellen sagte. Das erste, was er tun mußte, +war, alle aus dem Zimmer zu bringen, sowohl Tante Malin als auch Tante +Berta und das Hausmädchen, damit sie den Schrecken nicht in ihr wach +erhielten. + +»Ich glaube, sie wird mir schon alles erzählen, wenn ich allein mit ihr +sprechen kann,« sagte er und hatte rasch das Zimmer ausgeräumt. + +Er zog einen Sessel heran und setzte sich neben sie. + +Wunderbar, wie viele Gesichter ein Mensch haben kann! Er hätte Ellen kaum +wiedererkannt. Ruhe, friedvolle Ruhe war das Hauptmerkmal ihres Aussehens. +Er war davon bezaubert worden, daß er sie immer gleich ruhig fand: eine +förmliche Meisterin in der Kunst, die Tanten zu behandeln. Sie sah kaum von +der Stickerei auf, wie sehr sie auch zankten. Und dann hatte er einmal +gleichsam eine Offenbarung gehabt. Einmal, als er heimkam, vermeinte er +eines Abends eine zarte, geneigte Gestalt im Lampenscheine am Arbeitstisch +sitzen zu sehen. Er hatte ein deutliches Bild des feinen Nackens und der +kleinen Hände empfangen. Das ganze Zimmer war durch sie geschmückt. Darauf +hatte er um sie angehalten. + +Und jetzt! Nur bleiches Entsetzen und aufgescheuchte Wildheit. Gerade, was +er nicht wollte. Eine hysterische Frau! Ah, Gott behüte, Gott behüte! + +»Sag, Ellen, was hast du?« + +Sie antwortete nicht. + +»Mir mußt du es sagen, verstehst du?« sagte er ein bißchen streng. + +Sie heftete die Augen auf ihn, es war, als blitze ein Schimmer von Hoffnung +in ihnen auf. + +»Du wirst ruhig werden, wenn du es sagst.« + +Es war schade um ihre schönen, hellen Augen. Sie hatten auf dem, mit dem +sie gesprochen hatte, immer mit einem Schimmer geruht, so still wie der der +Sonne. Sie waren vielleicht glänzender jetzt. Aber das war ein Glanz, nach +dem er eigentlich gar nicht fragte. + +Sie kämpfte heftig mit sich selbst. Sie konnte den Unterkiefer nicht still +halten. Sie stopfte ein Taschentuch zwischen die Zähne, damit man nicht +hörte, wie sie aufeinanderschlugen. + +Endlich hörte er sie ein paar Worte sagen. Sie saß da und schlug mit der +einen Hand auf die andre und dachte laut. »Ich muß es ihm sagen. Ich muß, +ich muß. Sie kommt sonst wieder. Ja, sie kommt wieder.« + +Dann begann sie zu sprechen, und er wurde wunderlich herabgestimmt dabei. +Es glich am ehesten der Stimmung, die über einen kommt, wenn man im Frack +in einem feierlichen Aufzug geht, und es kommt ein Platzregen. Man fühlt, +wie man seine ganze Größe und Würde einbüßt. + +Sie gestand mit einem Male, daß sie ihn nicht lieb hätte. Sie hätte ihn +gern heiraten wollen, aber bloß um von daheim wegzukommen. + +Hätte es sich nicht um ihn selbst gehandelt, er hätte darüber lachen +können, wie dieses Kind sich nach einem Mann gesehnt hatte. Nach dem ersten +besten. Sie war so fest entschlossen, fortzukommen. Es war der Tanten +wegen. Zwar waren die ja sehr gut gegen sie gewesen und wußten selbst +nicht, wie sie sie quälten. + +Sie sah ihn mit verzweifelten Augen an und bettelte gleichsam, er möchte +sie doch verstehen und für sie fühlen. Er wußte ja, wie die Tanten waren, +er hatte sie ja viele Jahre hindurch behandelt. Sie waren so eigen, so +eigen, so voll fixer Ideen und Beängstigungen. Tante Malin erwartete immer +eine Feuersbrunst, Tante Berta glaubte immer, daß sie auf der Straße +überfahren werden würde. Er wußte, wie sie waren. Und, wenn sie, Ellen, +weiter bei ihnen bliebe, würde sie ebenso wunderlich werden. + +Aber sie wollte ein ordentlicher Mensch werden. Und sie hatte die Tanten +gebeten, fortgehen und arbeiten zu dürfen. Das hatten die natürlich nicht +erlauben wollen. Da könnte er doch begreifen, daß ihr nichts andres übrig +geblieben wäre, als zu heiraten. + +Der Doktor konnte es nicht lassen, sie zu fragen, ob sie bei einer +Verheiratung mit jemand, aus dem sie sich nichts machte, nicht gefürchtet +hätte, ein noch ärgeres Leben führen zu müssen, als hier bei den Tanten. + +Ach nein, ärger könnte es wohl nie sein. Ein Mann wäre wenigstens manchmal +fort. Die Tanten wären den ganzen Tag zu Hause. + +Nun, da sie schon so offenherzig wäre -- ob es ihr nie in den Sinn gekommen +wäre, ihn lieb zu haben? Sie schüttelte den Kopf; das war etwas, was ganz +außerhalb des Denkbaren lag. Und warum? Ob er zu häßlich wäre? Nein; sie +schlug beteuernd die Augen auf. Ob er langweilig wäre? Sie machte eine +abwehrende Handbewegung. Was für ein Fehler also an ihm wäre? Er sei zu +kalt. Ja so, er war zu kalt. + +Der Doktor machte ein paar Schritte durchs Zimmer. Das war doch +unglaublich, daß ein solches Kind da herumgegangen war und etwas Derartiges +zusammengebraut hatte. Hatte sich von ihm küssen lassen, ohne eine Spur von +Neigung für ihn zu empfinden. Und sie hatte ihre Rolle gar nicht schlecht +gespielt. Er war der Betrogne gewesen. Und daß er so unsympathisch sein +sollte, daß ein junges Mädchen gar nicht daran denken könnte, ihm gut zu +sein ...! + +Aber natürlich hatte sie bei den beiden Alten ein elendes Leben geführt. Er +konnte schon begreifen, daß ihr viel daran gelegen hatte, sich zu +verheiraten. Das war ihr wohl wie eine Erlösung fürs ganze Leben gewesen. +Sie legte ihr Bekenntnis ab, ohne irgendein Erbarmen zu zeigen. Es fiel ihr +gar nicht ein, daß sie ihn verletzte. Sie mußte wohl glauben, daß er +gepanzert sei, ganz eisenhart. + +Ihre Stimme erhob sich plötzlich zu einem Schrei. »Du weißt ja,« sagte sie, +»daß alle, die falsch spielen, in diesem Zimmer hier die Hand sehen. Ich +habe sie gesehen. Ich saß dort, dort.« Und sie wendete sich heftig zum +Schreibtisch. »Dort hab' ich sie gesehen.« + +»Glaubst du nicht, daß ich sie gesehen habe?« fuhr sie fort und bohrte ihre +Augen in ihn, als wolle sie die Wahrheit hervorzwingen. + +»Laß mich hören, wie es war,« sagte er beruhigend. + +»Ja, du weißt doch, daß du mir am Abend geschrieben hattest, und ich wollte +die Antwort schreiben, bevor ich mich niederlegte. Aber als ich mich an den +Schreibtisch setzte, wurde ich unruhig und saß lange da und dachte, denn +ich wußte nicht, wie ich die Überschrift schreiben sollte. Ich mußte ja +>geliebter< schreiben, aber das kam mir nicht recht vor. Es war das +erstemal, daß ich an dich schrieb. Ich fand, daß es schrecklich war, etwas +zu schreiben, was nicht wahr war -- aber schließlich schien es mir, daß ich +nicht weniger schreiben könnte.« + +»Ist ein so großer Unterschied zwischen dem, was man schreibt, und dem, was +man sagt?« + +»Du hattest mich nicht gefragt, ob ich dich liebte, nur ob ich deine Frau +werden wollte --« + +»Ah so!« + +»Aber da, in demselben Augenblick, in demselben Augenblick, als ich +begonnen hatte, das Wort zu schreiben, war die Hand da. Sie kam über die +Tischkante heraufgeglitten, und ich glaube, ich saß da und starrte sie ein +paar Sekunden an, bevor ich begriff, was es war. Ich schrie nicht gleich. +Ich konnte gleichsam nicht verstehen, daß es etwas Übernatürliches war. +Aber da legte sie sich über das Papier und zeigte mit den gekrümmten +Fingern auf das Wort da. + +Ich glaube, sie war froh, sie zitterte förmlich vor Freude. Es war, als +wolle sie die Buchstaben an sich scharren -- es war falsches Spiel. Da +wollte sie mit dabei sein. + +Sie kam gekrochen, auf den gelben Fingern, wie eine große Spinne. Gerade +als hätte sie Eile. Es war so lange her, seit sie Anlaß gehabt hatte, +hervorzukommen. Nun mußte sie sich sputen. Sie griff förmlich nach der +Feder mit den feuchten, knochigen Fingern. Es war ja falsches Spiel. Da +wollte sie mit dabei sein. + +Ich schrie auf, als wäre es eine Schlange, und da verschwand sie, aber ich +weiß nicht, ob sie nicht noch hier ist. Ich glaube, ich fühle, daß sie sich +noch im Zimmer befindet. Und wenn sie wiederkommt, sterbe ich. Ich war nahe +daran, zu sterben.« + +»Nein, sie darf nicht wiederkommen,« sagte er tröstend. + +»Ich weiß, daß ich eins tun muß,« sagte sie, »ich muß es tun, damit sie +nicht wiederkommt. Aber es ist so furchtbar hart.« + +Sie nahm den Verlobungsring vom Finger, steckte ihre kalte, zitternde Hand +in die des Doktors und ließ den Ring zurück. Dann weinte sie in der +Bitterkeit der Entsagung. + +Der Doktor sagte nichts, er legte die Fingerspitzen aufeinander und ließ +den Ring dazwischen hin und her gleiten. + +Es wäre nicht so schwer, mit der Geisterhand fertig zu werden wie mit dem +andern, meinte er. Die Hand hatte gleichsam seine Partei ergriffen, ihm ein +wenig Rache verschafft. Er fühlte Sympathie für sie. + +Es ist wohl mit manchen Leuten so, dachte er, daß das Gewissen in der einen +oder andern Weise über sie kommt, wie sehr sie auch versuchen, es zu +betrügen. Es hat seine eignen verschwiegnen Wege. Da hatte nun seine kleine +Braut alles aufs beste ausgeklügelt, um ein gutes Heim zu bekommen. Bloß +ein bißchen Heuchelei brauchte sie sich aufzuerlegen, und alles Glück der +Welt war ihr eigen. Und da kommt das Gewissen ganz still heran und gräbt +seine Mine tief unten in der Seele und sprengt endlich alle Klugheit, alle +Berechnung in einem Augenblick in die Luft. + +Ja ja, ja ja. Sie hatte wohl geglaubt, daß sie so ein ganzes Leben würde +weiterlügen können. Hatte wohl gesehen, wie es andern geglückt war. Aber da +stellt es sich heraus, daß sie aus feinerm Stoff gemacht ist. Es liegt ein +Nachteil darin, einer verfeinerten Rasse von Gewissensmenschen anzugehören. +Wenn man es am wenigsten erwartet, ist die Gewissenshalluzination da. + +Natürlich nimmt sie dann die Form an, die am nächsten zur Hand liegt. Es +war ja sonnenklar, daß das Gewissen in diesem Zimmer zu einer Geisterhand +werden mußte. + +Er saß noch immer da und spielte mit dem Ring und ließ ihn von einem Finger +zum andern gleiten. Er fühlte etwas andres als Zorn darüber, daß er sie +nicht hatte gewinnen können. Er war beinahe betrübt. Sie fing jetzt wohl +an, sich seiner zu erinnern, zu denken, daß ihm ein Unrecht widerfahren +sei, denn sie beugte sich hinab und küßte seine Hand. »Verzeih mir,« sagte +sie. + +Es war merkwürdig, wie weich sie war. Wenn sie sich darüber klar geworden +war, daß sie ein Unrecht getan hatte, wußte sie gar nicht, was sie alles +anfangen sollte, um es zu sühnen. Es hatte wirklich keinen Zweck, sie +länger zu quälen. Er brauchte ja nur gerade heraus zu sprechen, zu sagen, +daß er nicht viel besser gewesen war als sie. Räsonnement auf beiden +Seiten. Die eine hatte ein Heim, der andre eine Haushälterin gesucht. Es +würde sie beruhigen, das zu hören. + +Er wollte ihr sagen, daß es keine so bittre Enttäuschung für ihn hatte +werden können. Er war nicht so furchtbar verliebt gewesen, auch er nicht. + +Ja gewiß, er hatte ja keinen Anlaß, die Qual länger hinauszuziehen. Das +beste war, ein Ende zu machen. Alle zur Ruhe kommen zu lassen und morgen +unverlobt zu erwachen. + +Als er sich erhob, um zu gehen, traten ihm die Tränen in die Augen. Es tat +ihm doch weh, sie zu verlieren. Und nun war es das, was er ihr sagte. + +Er begann damit, ihr unzusammenhängende Dinge zu sagen, daß sie ein +Gewissensmensch sei, daß sie der feineren Rasse von Nervenmenschen +angehöre, die gerade jetzt angefangen hätten, hier und dort aufzutauchen. +Sie sei ihm gerade darum teuer. Gerade um dessentwillen, was ihr in dieser +Nacht widerfahren sei, fiele es ihm schwer, auf sie zu verzichten. + +Sie sei frei, ja, natürlich, aber wenn sie einmal könne und wolle -- -- + +Er sah sie erstaunt an. Quälte sie das nicht? Nein, jetzt erst verschwand +die Starrheit aus ihren Zügen, und die Augen wurden ruhig. Sie saß mit +halbgeöffnetem Munde und lauschte -- + +Er sprach davon, wie er das Leben für sie hätte ordnen wollen, sprach +davon, wie er sich nach ihr gesehnt hätte. Er sprach ganz anders davon, als +er vor einer halben Stunde gesprochen hätte. Aber er sah es auch ganz +anders, jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel schöner, als er +es sich zugetraut hätte. Das Zusammenleben mit einem weichen, liebenswerten +Wesen, ja, gerade das Zusammenleben mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold +für seine Phantasie aus, und er sagte es ihr. + +Als er näher trat und ihr die Hand zum Abschied reichte, kamen ihm noch +einmal die Tränen in die Augen. Sie war so schön, gerade jetzt, die Farbe +entzündete sich wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerblühte +Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer Todesgefahr entronnen +ist. + +Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und zog seine Schlüsse so +rasch wie nie zuvor. + +Sie verstand sich natürlich selbst nicht, nicht im geringsten. Ah! Er +schöpfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit war fort. Ein jubelndes +Siegesgefühl durchblitzte ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er +sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht, daß er zeigte, daß +er sie lieb hatte. + +Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig wieder auf den +Ringfinger. »Keine Torheiten,« sagte er, als sie die Hand wegziehen wollte. + +»Aber,« sagte sie. »Ich weiß nicht, ich wage nicht --« + +»Ich wage es, ich,« sagte der Doktor, »ich war nie so, daß ich vor dem +Glück davongelaufen bin.« + +Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen Überrock und kam wieder herein, +um seine Zigarre anzuzünden. + +»Arme Kleine,« sagte er, während er ein paar Züge machte. »Bist jetzt wie +gebunden und gefesselt, mich zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch +die Hand dort und preßt dir das Leben aus.« + + * * * * * + +Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 2,525. + + + + + Anmerkungen zur Transkription: + + Seite 9: »bei Halvorson einzukaufen« wurde geändert in + »bei Halfvorson einzukaufen« + Seite 18: »»Laß ihn heulen!« sagte Halvorson« wurde geändert in + »»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson« + Seite 18: »Halvorson holt die Polizei« wurde geändert in + »Halfvorson holt die Polizei« + Seite 19: »durch das Halvorson« wurde geändert in »durch das Halfvorson« + Seite 21: nach »so ist es gemeint..« wurde ein Punkt ergänzt + Seite 31: »Aber als am Nachmittag alle Mäner« wurde geändert in + »Aber als am Nachmittag alle Männer« + Seite 32: »Die vier Mäner« wurde geändert in »Die vier Männer« + Seite 33: »in Frieden und Ordnun« wurde geändert in + »in Frieden und Ordnung« + Seite 61: »von dem lichten Abendhimmel« wurde geändert in + »vor dem lichten Abendhimmel« + Seite 103: »Gegend Abend« wurde geändert in »Gegen Abend« + Seite 147: »glichen den aller andern« wurde geändert in + »glichen denen aller andern« + Seite 214: vor »ob es sehr häßlich war« wurde ein Komma ergänzt + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Unsichtbare Bande, by Selma Lagerlöf + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UNSICHTBARE BANDE *** + +***** This file should be named 33041-8.txt or 33041-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/3/0/4/33041/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Wolfgang Menges and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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