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+<title>The Project Gutenberg eBook of Der Wahnsinnige by Friedrich Gerst&auml;cker</title>
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Der Wahnsinnige
+ Eine Erzählung aus Südamerika
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+Author: Friedrich Gerstäcker
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+Release Date: June 27, 2010 [EBook #33003]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE ***
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+Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
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+<h1>Der Wahnsinnige.</h1>
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+ </p>
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+<h4>von</h4>
+<h2>Friedrich Gerst&auml;cker.</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4>Wittenberg.</h4>
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+ <span class="wide"><small>Verlag von Franz Mohr.</small></span>
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+</div>
+<h4>1856.</h4>
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+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="3" cellspacing="0" summary="contents">
+<tr><th colspan="2">Inhaltsverzeichni&szlig;.</th></tr>
+<tr><td>&nbsp;</td></tr>
+<tr><td align="right"> 1)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch1">Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 2)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch2">Die Flucht</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 3)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch3">Die Reise und ihre Abenteuer</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 4)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch4">Ankunft in Valparaiso.&nbsp;&mdash;&nbsp;H&uuml;lfe in der Noth</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 5)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch5">Die englische Familie</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 6)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch6">Don Gaspar</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 7)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch7">Der Verdacht</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 8)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch8">Die Entdeckung</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right"> 9)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch9">Entschl&uuml;sse und Pl&auml;ne</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right">10)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch10">Don Manuel</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right">11)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch11">Der Spanier und das M&auml;dchen</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right">12)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch12">Der Ausbruch des Vulkans</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right">13)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch13">Das Rendez-vous</a></span></td></tr>
+<tr><td align="right">14)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch14">Die Verfolgung&nbsp;&mdash;&nbsp;Schlu&szlig;</a></span></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch1" id="ch1"></a>1.</h3>
+
+<h3>Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres.</h3>
+
+<p>Ganz am &auml;u&szlig;ersten Ende der Stra&szlig;e Santa Rosa in
+Buenos-Ayres stand ein <ins title="original has breitschl&uuml;chtiges">breitschl&auml;chtiges</ins> niederes Geb&auml;ude,
+aus rothdunklen verwitterten Backsteinen errichtet; die schmalen
+und sparsam genug eingebrochenen Fenster mit dicken
+eisernen St&auml;ben verwahrt, die schwere eichene Th&uuml;r, oder
+das Hauptthor eigentlich, mit massiven Balken verschlossen
+und von der Stra&szlig;e selber aus mit keinem sichtbaren Eingang
+weiter. Dazu war es eine Strecke in den Platz hineingebaut,
+auf dem es stand, und das ganze Grundst&uuml;ck,
+das zu ihm geh&ouml;ren mochte, mit einer verwilderten, aber
+deshalb um so dichteren Hecke von in einandergedr&auml;ngten
+stachlichen Kackteen eingeschlossen, die nur nothd&uuml;rftig um
+den schmalen Eingang in die&szlig; Geh&ouml;ft, soweit gekappt
+waren, da&szlig; man bei vorsichtigem Betreten des &auml;u&szlig;eren
+Raums nicht in den Dornen derselben h&auml;ngen blieb.</p>
+
+<p>So belebt die Stra&szlig;e Santa Rosa nun auch nach dem
+innern Theil der Stadt zu sein mochte, so still und &ouml;de
+war sie hier, und glich in der That eher einer von
+traurigen Kacktushecken eingefa&szlig;ten Landstra&szlig;e. An den Seiten
+waren Gr&auml;ben angebracht, das Wasser abzuleiten; zu den
+Th&uuml;ren der einzelnen Hofr&auml;ume f&uuml;hrten schmale, dar&uuml;bergelegte,
+oft schl&uuml;pfrige und wurmzerfressene Bretter und
+der Fahrweg bestand in der jetzigen Regenzeit, dem s&uuml;damerikanischen
+Winter, aus einer schwer fl&uuml;ssigen Schlammmasse,
+durch die sich die unbeh&uuml;lflichen Karren der Pampas
+mit ihren zwei Riesenr&auml;dern, von schl&auml;frigen Stieren gezogen,
+langsam hindurch w&auml;lzten, und selbst der fl&uuml;chtige
+Gaucho<a href="#fn1"><small><sup>1</sup></small></a>, der noch weiter drau&szlig;en, die Stra&szlig;e verschm&auml;hend
+oder eine neue bahnend, &uuml;ber die Fl&auml;che dahin geflogen,
+z&uuml;gelte hier seinen wilden Galopp und lie&szlig; sein
+ungeduldig schnaubendes, sch&auml;umendes Thier langsamer
+durch die schwimmende Masse hindurchschreiten.</p>
+
+<p>Wenn es &uuml;berhaupt Fu&szlig;g&auml;nger in der Argentinischen
+Republik g&auml;be, wo Alles zu Pferde sitzt, w&auml;re ihr Schuhwerk
+und ihre Geduld hier erprobt worden, dieser obere
+Theil der Stra&szlig;e wurde aber fast schon, wie es schien,
+zum Lande gerechnet, und wer selbst von hier aus irgend
+etwas aus einem der weiten, dem Mittelpunkt der Stadt
+zu gelegenen L&auml;den zu holen oder Gesch&auml;fte hatte, die
+ihn dort hin riefen, verschm&auml;hte es wahrlich nicht, sein
+Pferd deshalb zu satteln.</p>
+
+<p>Aber die Stra&szlig;e selber k&uuml;mmert uns wenig, wir
+haben es mit dem alten Hause zu thun, und ich wollte
+die erstere nur etwas genauer beschreiben, dem Leser mehr
+die traurige, trostlose &Ouml;de des ganzen Platzes zu versinnlichen,
+die sogar noch einen unheimlichen Charakter
+annahm, wenn man die Bestimmung des alten wettergeschlagenen
+Geb&auml;udes kannte.</p>
+
+<p>Es war ein Irrenhaus&nbsp;&mdash;&nbsp;von Privatleuten angelegt
+und sp&auml;ter, als sich diese nicht mehr im Stande f&uuml;hlten,
+es fortzuf&uuml;hren, von der Regierung &uuml;bernommen, aber in
+der Aufregung der Zeit nur sp&auml;rlich verwaltet. Nichts
+desto weniger befanden sich gegenw&auml;rtig elf ungl&uuml;ckliche
+G&auml;ste in den Kammern oder Zellen des Geb&auml;udes &mdash;
+einige in Ketten und Banden, andere frei in ihrem Zimmer,
+nur wenigen aber verstattet, den inneren, ebenfalls
+streng abgesperrten Hofraum zu betreten, dann und wann
+die frische Gottesluft einzuathmen.</p>
+
+<p>Angestellt waren dabei ein Hauptarzt, ein Argentiner
+oder eigentlich ein geborener Spanier, denn wenn sich die
+Republik auch von der Regierung des Mutterlandes losgerissen,
+konnte sie doch noch nicht aus eigenen Kr&auml;ften
+die Wissenschaft ersetzen, die ihr von dort her&uuml;ber gekommen
+&mdash; und zwei Unter&auml;rzte, der obere von diesen ein
+geborener Argentiner aus Cordoba, der andere ein junger
+Schwede, der von Rio-Grande aus Brasilien, mit vielen
+Landsleuten und Deutschen her&uuml;bergekommen war, dem
+aufbl&uuml;henden Argentinischen Staat seine Kr&auml;fte zu weihen
+und sich hier rascher und leichter eine Existenz zu gr&uuml;nden.
+Er hie&szlig; Stierna und war der spanischen Sprache vollkommen
+m&auml;chtig.</p>
+
+<p>Diesem, als j&uuml;ngsten Arzt war auch die Behandlung
+der leichtesten Kranken anvertraut, die in der That hie
+und da nur verlangten, da&szlig; man nach ihnen sah, damit
+nicht rauhes Betragen der rauhen W&auml;rter oder schlechtere
+Kost vielleicht sie unn&ouml;thiger Weise errege und ihre gehoffte
+Heilung erschwere.</p>
+
+<p>Don Alvarado, der Oberarzt, kam selten, und bei
+sehr schlechtem Wetter nie heraus; Don Pancho hatte indessen
+die Oberaufsicht, und einzelne der Kranken waren
+es, die er ausschlie&szlig;lich behandelte, und zu denen er dem
+jungen Schweden fast nie, selbst nur den Zutritt gestattete,
+und geschah das wirklich, nur in seinem Beisein.</p>
+
+<p>Zu diesen wenigen, die Don Pancho, und wie er
+behauptete, ebenfalls Don Alvarado f&uuml;r unheilbar erkl&auml;rt
+hatte, geh&ouml;rte auch ein Spanier, von blassen, aber edlen
+Z&uuml;gen, reinlich und geschmackvoll, ja elegant gekleidet,
+und seine Toilette, auf die er mit gr&ouml;&szlig;ter Sorgfalt hielt,
+selbst in diesem Aufenthalt des Jammers auch nicht eine
+Minute vernachl&auml;ssigend. Das schwarze gl&auml;nzende Haar
+fiel ihm in reichen vollen Locken &uuml;ber die Stirn, den linken
+Zeigefinger schm&uuml;ckte ein kostbarer Diamant und seine
+W&auml;sche war vom feinsten Linnen und gr&ouml;&szlig;ter Sauberkeit.
+Auch in seinem ganzen Betragen war er ernst und ruhig,
+ein vollkommener Gentleman; und Stierna gab sich, w&auml;hrend
+der zwei Male, die er den Kranken in Don Panchos
+Gegenwart besuchen durfte, die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he, irgend ein
+Symptom seines Leidens in einem &auml;u&szlig;ern Zeichen zu entdecken
+&mdash; vergebens, der Kranke war artig, wenn auch
+einsilbig, &auml;u&szlig;erte nur ein paar kleine W&uuml;nsche wegen
+eines Zeichnenapparates und mehrerer B&uuml;cher, und der
+Schwede w&uuml;rde nach den zwei Besuchen nie einen Wahnsinnigen
+in ihm vermuthet haben&nbsp;&mdash;&nbsp;h&auml;tte er ihn eben an
+einem anderen Orte getroffen.</p>
+
+<p>Die Anstalt selbst schien aber ebenfalls gr&ouml;&szlig;ere R&uuml;cksicht
+auf ihn zu nehmen, wie auf einen der anderen Kranken; sein
+Zimmer war mit einem Teppich belegt, der den kalten
+Backsteinboden vollst&auml;ndig bedeckte, er konnte schreiben und
+zeichnen, eine kleine Bibliothek selbst stand zu seiner Verf&uuml;gung
+und er wurde in der That weit mehr wie ein
+Staatsgefangener, als ein Geisteskranker behandelt, so
+da&szlig; Stierna jedesmal nach einem solchen Besuch mehr und
+mehr den Gedanken in sich aufsteigen f&uuml;hlte, es m&uuml;sse dem
+Schicksal dieses Ungl&uuml;cklichen irgend ein tiefes und vielleicht
+gar d&uuml;steres Geheimni&szlig; zu Grunde liegen. Ein paar
+Mal versuchte er auch von seinem Collegen Aufschlu&szlig; &uuml;ber
+die&szlig; Verh&auml;ltni&szlig; zu bekommen, aber umsonst; so gespr&auml;chig
+Don Pancho in jedem andern Fall auch sein mochte, hier&uuml;ber
+gab er dem Frager immer nur kurze und stets ausweichende
+Antworten, bis diesem die ganze Sache zum
+peinlichen R&auml;thsel wurde, dem er nun, koste es was es
+wolle, auch zur Wurzel nachsp&uuml;ren m&uuml;sse.</p>
+
+<p>Der Zufall war ihm hierbei g&uuml;nstiger als er erwartet
+hatte; Don Pancho n&auml;mlich wurde pl&ouml;tzlich so krank, da&szlig;
+er seinem Amte, von einem b&ouml;sartigen Schleimfieber an
+sein Lager gefesselt, l&auml;ngere Zeit nicht mehr vorstehen
+konnte, und wenn sich auch Don Alvarado in den ersten
+Tagen der Gesch&auml;fte au&szlig;ergew&ouml;hnlich lebhaft annahm und
+die Anstalt den Tag &uuml;ber fast gar nicht mehr verlie&szlig;, hielt
+dieser vortreffliche Eifer doch keineswegs so lange aus, wie
+das Schleimfieber seines Untergebenen, und schon nach
+drei Wochen lie&szlig; er Stierna zu sich rufen. Dort &uuml;bertrug
+er ihm die t&auml;gliche Aufsicht der &uuml;brigen Kranken, zu
+seiner H&uuml;lfe ihm noch einen jungen englischen Arzt erlaubend,
+der an den Gouverneur Rosas von London selber
+empfohlen und von diesem augenblicklich eine, wenn auch
+f&uuml;r jetzt noch untergeordnete Stellung in dem Hospital
+erhalten hatte, nur freilich w&auml;hrend der Krankheit des
+einen Unterarztes, dem aktiven Arzte mit beigegeben werden
+sollte.</p>
+
+<p>Nach einer kurzen und allgemeinen &Uuml;bersicht &uuml;ber
+die Kranken, kam &uuml;brigens Don Alvarado jetzt auch auf
+den wunderbaren Patienten, den Spanier zu sprechen, und
+warnte Stierna besonders, sich nicht in zu weitl&auml;ufige
+Gespr&auml;che mit ihm einzulassen, da der Fall vorgekommen
+sei, da&szlig; er, nach einer sehr lebhaft gef&uuml;hrten Unterhaltung
+einen f&ouml;rmlichen Anfall von Raserei bekommen haben sollte,
+w&auml;hrend er sonst harmlos und still blieb, und selten nur
+den D&auml;mon verrieth, der in ihm schlummerte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube gerade nicht,&laquo; setzte der alte Herr hinzu,
+&raquo;da&szlig; Sie Don Morelos, wie der spanische Cavallero hei&szlig;t,
+denn sein Familienname thut hier Nichts zur Sache, mit
+seinen Phantasieen behelligen wird, wenn Sie sich nur im
+Mindesten, wie Ihnen aufgetragen worden, von ihm zur&uuml;ckhalten;
+er ist gerade in letzter Zeit ganz besonders
+schweigsam gewesen. Um Sie aber auch auf die <span class="wide">M&ouml;glichkeit</span>
+eines solchen Falles vorzubereiten, w&auml;re es doch
+wohl gut, ja vielleicht n&ouml;thig, da&szlig; ich Ihnen, wenn auch
+nur mit ganz kurzen Worten die Entstehung seiner Krankheit
+mittheilte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit einem sehr bedeutenden Verm&ouml;gen kam er nach
+Buenos-Ayres und seine weitere Geschichte, sein Aufenthalt
+in dieser Stadt ber&uuml;hrt uns nicht, bis wir zu dem
+Moment kommen, da&szlig; er als der anerkannte Br&auml;utigam
+der Tochter eines unserer ersten F&ouml;deralisten eine Rolle in
+unserer Gesellschaft zu spielen begann. Hier hatte er jedoch
+mit einem Nebenbuhler zu thun und sein wunderliches
+absto&szlig;endes Wesen bewirkte nach und nach, da&szlig; er
+sich seiner Braut mehr und mehr entfremdete. Bei dem
+hitzigen Charakter unserer Landeskinder konnte das nicht
+lange ohne unruhige Folgen abgehn&nbsp;&mdash;&nbsp;die beiden Nebenbuhler
+bekamen&nbsp;&mdash;&nbsp;suchten vielleicht Streit miteinander.
+Eine Ausforderung wurde angenommen, Don Morelos
+aber, vielleicht schon damals in einem Anfall von Raserei,
+erstach den Secundanten seines Gegners und verwundete
+diesen selber ebenfalls so schwer, da&szlig; er f&uuml;r todt auf dem
+Platz blieb und erst nach langwierigem Krankenlager wieder
+hergestellt werden konnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Polizei war damals auf seinen Fersen, und man
+sagt, da&szlig; er der Strafe nur durch die merkw&uuml;rdige &Auml;hnlichkeit
+eines anderen Mannes entging, der an seiner
+Stelle von den Mashorqueros unseres glorreichen Gouverneurs
+ermordet wurde. Als er nach langem Siechthum
+wieder erstand, war er so ver&auml;ndert, da&szlig; man ihn kaum
+wieder erkannte; aber obgleich man ihn ruhig eine Zeit
+lang in der Stadt gew&auml;hren lie&szlig;, hatte man doch noch
+immer keine Ahnung davon, da&szlig; er irrsinnig geworden
+sein k&ouml;nne, bis er das alte Verh&auml;ltni&szlig; mit seiner fr&uuml;heren
+Braut, die jetzt aber schon lange seinen fr&uuml;heren Nebenbuhler
+geheirathet, mit Gewalt fortsetzen wollte und dabei
+erkl&auml;rte und behauptete, Donna Constancia sei vor Gott
+sein Weib, und ihr Gemahl, den er mit den entsetzlichsten
+Schimpfworten belegte, habe sich heimlich und l&uuml;gnerisch
+in ihre Gunst gestohlen. Immer wildere M&auml;hrchen setzte
+er sich dabei zusammen, und damals kam man zuerst auf
+die Vermuthung, da&szlig; er wahnsinnig geworden w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine genaue Beobachtung seines ganzen wunderlichen
+Lebens, denn er hatte sich in einem kleinen &auml;rmlichen
+H&auml;uschen der Vorstadt eingemiethet, setzte &uuml;brigens die
+Thatsache seines Wahnsinnes bald au&szlig;er allen Zweifel er
+stie&szlig; sogar in einem &ouml;ffentlichen Kaffeehaus einst einen,
+ihm wildfremden Menschen, mit dem er in ein immer hitziger
+werdendes Gespr&auml;ch gerieth, pl&ouml;tzlich nieder, weil er
+behauptete, jener habe vor dreiundzwanzig Jahren seine
+Schwester ermordet&nbsp;&mdash;&nbsp;und er selber kann kaum siebenundzwanzig
+z&auml;hlen. Dadurch schien aber damals die wirkliche
+Tollheit bei ihm ausgebrochen zu sein&nbsp;&mdash;&nbsp;mit dem
+noch blutigen Messer st&uuml;rmte er damals in das Haus der
+Donna Constancia, ihren Gatten, Don Luis de Gomez,
+dem er die entsetzlichsten Dinge nachsagte&nbsp;&mdash;&nbsp;ebenfalls zu
+ermorden. Gl&uuml;cklicher Weise warf ihm die Polizei noch
+dicht vor dessen Th&uuml;r einen Lasso &uuml;ber, und brachte ihn
+hierher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die ersten Wochen mu&szlig;ten wir ihn &uuml;brigens in einer
+der unteren festen Zellen halten; er w&uuml;thete und raste
+und verlangte frei gelassen zu werden; nach und nach legte
+sich das aber wieder, ja, er wurde so vern&uuml;nftig, da&szlig;
+man wirklich einmal den Versuch mit ihm machte, ihn wieder,
+nat&uuml;rlich unter ihm unbewu&szlig;ter Aufsicht, aus der Anstalt
+zu entlassen. Das w&auml;re aber beinahe schlimm abgelaufen,
+denn sein erster Gang war in das Haus des Don Luis,
+und ehe man es verhindern konnte, &uuml;berfiel er den Se&ntilde;or
+und w&uuml;rde ihn erw&uuml;rgt haben, h&auml;tte die Polizei nicht
+noch gerade zur rechten Zeit einspringen k&ouml;nnen. Er behauptet
+seit der Zeit, jene Dame sei seine eigene Frau,
+er aber habe einen Fremden bei ihr ertappt und ermordet,
+und sei deshalb f&uuml;r einen gewissen Zeitraum von den Gerichten
+eingekerkert worden. Er betr&auml;gt sich nun ruhig
+und ordentlich, und ich glaube, wir haben erst einen neuen
+Ausbruch zu erwarten, wenn er seine Zeit f&uuml;r abgelaufen
+halten wird&nbsp;&mdash;&nbsp;und m&uuml;ssen abwarten, wann das geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wissen nun genug,&laquo; setzte der alte Herr hinzu,
+&raquo;Ihren Patienten zu behandeln; wie gesagt, vermeiden Sie
+am Besten jede Unterhaltung mit ihm. Sollte er aber
+doch, <span class="wide">wider</span> Erwarten, gespr&auml;chig werden und neue Thorheiten
+aushecken, so w&uuml;nsche ich, da&szlig; ich augenblicklich
+davon unterrichtet werde.&laquo;</p>
+
+<p>Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach
+der Stra&szlig;e Santa Rosa zur&uuml;ck, die Zellen zu revidiren,
+und vor allen Dingen den jungen Mann zu besuchen, f&uuml;r
+den er, besonders nach der eben geh&ouml;rten Erz&auml;hlung, ein
+unbeschreibliches Interesse zu f&uuml;hlen begann.</p>
+
+<p>Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt,
+Don Morelos begr&uuml;&szlig;te allerdings seine &raquo;neue Bekanntschaft,&laquo;
+wie er ihn nannte, auf das Artigste, schien aber
+nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung aufgelegt, und
+drei Besuche vergingen, ohne da&szlig; der junge Arzt, der
+vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren
+Kranken entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht
+h&auml;tte, als die gew&ouml;hnlichsten und allt&auml;glichsten
+Begr&uuml;&szlig;ungs- und H&ouml;flichkeitsphrasen.</p>
+
+<p>Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als
+fr&uuml;her&nbsp;&mdash;&nbsp;er war erregt und sein Puls zeigte sogar ein
+leichtes Fieber.&nbsp;&mdash;&nbsp;Stierna erkundigte sich theilnehmend
+nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier jedoch
+nur als in einer unbedeutenden Erk&auml;ltung entspringend,
+angab. Dadurch hatte sich aber zwischen beiden M&auml;nnern
+eine Art Ann&auml;herung gebildet&nbsp;&mdash;&nbsp;es war fast, als ob
+zwischen ihnen eine Schranke gefallen sei, und der junge
+Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verlie&szlig;, fast
+heiter, scherzte und lachte, und erz&auml;hlte Anekdoten aus
+seinem fr&uuml;hern Leben&nbsp;&mdash;&nbsp;ohne jedoch die unmittelbar vor
+seiner Einkerkerung liegende Periode auch nur mit einer
+Sylbe zu erw&auml;hnen.</p>
+
+<p>Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle
+trat, war es fast, als ob er einen alten Freund begr&uuml;&szlig;te,
+und doch hatte Don Morelos auch im Anfang wieder etwas
+Zur&uuml;ckhaltendes&nbsp;&mdash;&nbsp;es war, als ob ihm etwas auf
+dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten w&uuml;nsche, und
+doch den Muth dazu nicht fassen k&ouml;nne. Stierna sah dies
+weniger, als da&szlig; er es f&uuml;hlte, und mit der Berechtigung
+des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen geradezu in
+das Herz des Leidens, an die Wurzel des &Uuml;bels zu
+gehen, nahm er seine Hand, und bat ihn frei und offen,
+mit ihm wie mit einem Bruder zu sprechen, wenn er
+irgend etwas f&uuml;r ihn thun, ihn in irgend etwas erleichtern
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle
+Minute, ernst und schweigend an, dann aber sch&uuml;ttelte er
+leise und wehm&uuml;thig l&auml;chelnd mit dem Kopf und sagte tief
+aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich selber als
+zu dem Arzte redend:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist Alles vergebens&nbsp;&mdash;&nbsp;Sie w&uuml;rden mir doch
+nicht glauben, und&nbsp;&mdash;&nbsp;ich bin fr&uuml;her nach solchen Erkl&auml;rungen
+nur h&auml;rter behandelt worden&nbsp;&mdash;&nbsp;Rosas ist zu
+m&auml;chtig.&laquo;</p>
+
+<p>Stierna sah ihn erstaunt an&nbsp;&mdash;&nbsp;diese Worte, ruhig
+und ohne die geringste Leidenschaft gesprochen, klangen
+gar nicht wie aus dem Munde eines Wahnsinnigen, und
+doch, auf eine unendlich verschiedene Weise &auml;u&szlig;ert sich die&szlig;
+entsetzlichste der menschlichen Leiden&nbsp;&mdash;&nbsp;der Irrsinn &mdash;
+wenn er das arme Hirn zerr&uuml;ttet und den verst&uuml;mmelten
+Geist nur noch im K&ouml;rper gelassen zu haben scheint, die
+willenlose Maschine in toller ungeregelter Bahn vorw&auml;rts
+zu treiben&nbsp;&mdash;&nbsp;was Wunder, da&szlig; sie manchmal auf kurze
+Zeit der geraden ebenen Stra&szlig;e folgt, wer aber wei&szlig;,
+wenn und wie schnell sie wieder rechts oder links abst&uuml;rmt
+in das Leere.</p>
+
+<p>Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb
+schmerzlichen Blick auf das Antlitz des jungen Arztes, und
+als ob er gelesen, was in dessen Inneren vorgegangen,
+setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend und kaum
+h&ouml;rbar hinzu:</p>
+
+<p>&raquo;Auch <span class="wide">er!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Stierna f&uuml;hlte sich in einer peinlichen Situation;
+das Gespr&auml;ch war pl&ouml;tzlich viel zu ernst geworden, ihn die
+Gefahr nicht einsehn zu lassen, wenn er darauf einging,
+und wie konnte er jetzt am besten wieder zur&uuml;ck?&nbsp;&mdash;&nbsp;Das Einfachste
+schien, irgend ein anderes Gespr&auml;ch zu beginnen,
+ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos
+pl&ouml;tzlich auf, nickte finster l&auml;chelnd mit dem Kopf, und
+ein paar Mal im Zimmer auf und ab gehend, sagte er
+endlich:</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe, Sie haben Ihnen schon dasselbe M&auml;hrchen
+von mir erz&auml;hlt, wie meinem fr&uuml;heren&nbsp;&mdash;&nbsp;W&auml;rter, ich bin
+Ihnen als ein Tollh&auml;usler geschildert, der anderer Leute
+Frauen f&uuml;r seine eigenen h&auml;lt und die M&auml;nner deshalb
+anf&auml;llt&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht wahr, ich habe recht?&laquo;</p>
+
+<p>Er blieb, w&auml;hrend er diese Worte sprach, l&auml;chelnd
+und mit verschr&auml;nkten Armen vor Stierna stehen, und es
+lag etwas Triumphirendes in seinen Mienen, denn die
+&Uuml;berraschung des jungen Arztes war deutlich in dessen
+Z&uuml;gen ausgepr&auml;gt.</p>
+
+<p>&raquo;Und Sie <span class="wide">f&uuml;hlen,</span> da&szlig; dies nur eine Phantasie ist?&laquo;
+frug der Schwede, aber erst nach einer Pause, in der er
+wirklich seine Sinne diesem neuen Eindruck sammeln mu&szlig;te.
+&mdash; &raquo;Sie sind &uuml;berzeugt, da&szlig; diese Ideen nicht wieder
+kehren werden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Freund,&laquo; sagte der Spanier ernst, &raquo;nur
+Gott kann hier f&uuml;r uns einstehen f&uuml;r das was wir <span class="wide">werden</span>
+sollen; nehmen Sie aber den gesundesten Gaucho von
+der Stra&szlig;e herauf, sperren ihn in einen dieser R&auml;ume
+&mdash; schreien ihm in's Ohr, da&szlig; er sich in einem Irrenhause
+bef&auml;nde und selber toll sei, und seine Sinneswerkzeuge
+m&uuml;&szlig;ten von Stahl und Eisen sein, wenn er es nicht wirklich
+auch am Ende w&uuml;rde&nbsp;&mdash;&nbsp;der Geist h&auml;lt es nicht aus,
+gegen eine solche furchtbare Idee immer und immer wieder
+vergebens anzuk&auml;mpfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wenn Sie <span class="wide">f&uuml;hlen,</span> da&szlig; Sie jene Idee abgesch&uuml;ttelt
+haben, so werden sich diese Thore auch bald Ihnen
+&ouml;ffnen&nbsp;&mdash;&nbsp;ich will gleich heute mit Don Alvarado&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes Willen nicht!&laquo; unterbrach ihn der Spanier
+rasch und &auml;ngstlich, indem er seinen Arm ergriff;
+&raquo;das einzige Resultat davon w&auml;re, da&szlig; man Sie nicht
+wieder zu mir lie&szlig;e, und ich&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">f&uuml;rchte</span> jetzt fast, Sie
+wieder zu verlieren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Sie glauben doch nicht, da&szlig; man Sie hier
+zur&uuml;ckhalten w&uuml;rde, wenn nicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie lange sind Sie in der Argentinischen Republik?&laquo;
+unterbrach ihn Don Morelos finster.</p>
+
+<p>&raquo;Zehn Monate etwa,&laquo; lautete die Antwort.</p>
+
+<p>&raquo;Ich dachte es,&laquo; sagte der Spanier leise, &raquo;da
+stehen Ihnen denn freilich noch traurige Erfahrungen
+bevor. So wissen Sie denn, da&szlig; ich ein Opfer von Rosas
+furchtbarer, aber schlauer Politik geworden bin. Er h&auml;tte
+mich mit leichter M&uuml;he t&ouml;dten k&ouml;nnen&nbsp;&mdash;&nbsp;er hat das Blut
+Tausender vergossen, und das meinige w&uuml;rde nicht viel
+schwerer auf seiner Seele gelastet haben&nbsp;&mdash;&nbsp;aber er braucht
+in sp&auml;terer Zeit die <span class="wide">Beweise</span> meines Lebens&nbsp;&mdash;&nbsp;es sind
+dies Familienverh&auml;ltnisse, zu denen es Stunden bed&uuml;rfen
+w&uuml;rde, sie Ihnen auseinander zu setzen&nbsp;&mdash;&nbsp;und w&auml;hrend
+er keine passende Entschuldigung finden konnte, mich in
+einen Kerker zu werfen, wurde die Stra&szlig;e Santa Rosa
+ein vortreffliches Asyl f&uuml;r den armen <span class="wide">Geisteskranken.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Don Alvarado&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf nicht anders&nbsp;&mdash;&nbsp;lieber Freund, wir h&uuml;ten uns
+zu tanzen, wenn wir auf der d&uuml;nnen Kruste eines Vulkans
+stehen. Don Alvarado wei&szlig; recht gut, da&szlig; er dem
+Willen des Diktators nicht entgegenhandeln <span class="wide">darf,</span> und
+da&szlig; es selbst zu einem Verbrechen werden k&ouml;nnte, auch
+nur seinem <span class="wide">Wunsche</span> nicht zu begegnen; die Mashorqueros<a href="#fn2"><small><sup>2</sup></small></a>
+sind vortreffliche &Uuml;berzeugungsgr&uuml;nde, und es erfordert
+starke Nerven, oder&nbsp;&mdash;&nbsp;ein schnelles Ro&szlig;&nbsp;&mdash;&nbsp;ihnen
+zu widerstreben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber jene Dame?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;sagte Stierna, noch immer
+z&ouml;gernd und halb ungl&auml;ubig, obgleich ihn das ruhige
+resignirte Benehmen des wahnsinnig gesagten als fast zu
+starke Beweise f&uuml;r dessen Behauptungen erwuchsen.</p>
+
+<p>&raquo;Die Dame?&laquo; l&auml;chelte Don Morelos wehm&uuml;thig,
+und barg f&uuml;r wenige Sekunden seine Augen in der deckenden
+Hand, dann sich aber emporrichtend sagte er langsam
+und leise mit dem Kopf dazu nickend:&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Sie verstehen es&nbsp;&mdash;&nbsp;sie verstehen es, die Teufel,
+Einem das Herz in der Brust zu wenden nach eigenem
+Gutd&uuml;nken, und wenn es blutet, schreien sie <span class="wide">Mord!</span> er
+ist der Th&auml;ter&nbsp;&mdash;&nbsp;das ist Gottes Gericht. Nein, Se&ntilde;or,&laquo;
+wandte er sich dann lebendiger an den jungen Mann,
+&raquo;lassen Sie nicht auch das eigene Herz Zeuge gegen den
+Verstand eines Ungl&uuml;cklichen sein&nbsp;&mdash;&nbsp;behandeln Sie mich
+wenigstens nicht wie einen Tollen, und wenn Sie mir
+auch nicht helfen k&ouml;nnen, lassen Sie mir wenigstens das
+Gl&uuml;ck, <span class="wide">ein</span> Wesen in meiner N&auml;he zu wissen, das nicht,
+mit den &Uuml;brigen im Bund, mich nur dahin zu treiben
+sucht, wof&uuml;r diese mich ausgeben.&laquo;</p>
+
+<p>Stierna f&uuml;hlte sich, als er den Ungl&uuml;cklichen an diesem
+Tage verlie&szlig;, wie im Traum, und die widersprechensten
+Gef&uuml;hle k&auml;mpften in seinem Innern. Verhielt sich
+die Sache wirklich so, als sie ihm Don Morelos erz&auml;hlt,
+und was auch seine Vernunft dazu sagen wollte, sein
+Herz dr&auml;ngte ihn, es zu glauben&nbsp;&mdash;&nbsp;so war er hier der
+Mitschuldige eines furchtbaren Verbrechens, einer That,
+weit schlimmer als kaltbl&uuml;tiger Mord, denn dieser t&ouml;dtet
+nur den Leib, w&auml;hrend jene darauf hin arbeitete, die
+Seele eines Menschen langsam und teuflisch zu vernichten.</p>
+
+<p>Am n&auml;chsten Morgen suchte er Don Alvarado auf,
+aber dessen mi&szlig;trauischer Blick nur, als er die erste, noch
+ganz gleichg&uuml;ltige Frage &uuml;ber diesen Kranken that, warnte
+ihn, weiter zu gehen, wenn er nicht allerdings bef&uuml;rchten
+wollte, von jeder Verbindung mit ihm abgeschnitten zu
+werden. Ebenso vergebens waren seine Nachforschungen
+in der Stadt, etwas N&auml;heres von <span class="wide">Unbetheiligten</span> &uuml;ber
+den Zustand des jungen Spaniers zu h&ouml;ren. Man erinnerte
+sich allerdings noch eines &auml;hnlichen Vorfalls; die
+letzten Jahre hatten aber so viel des Neuen und Entsetzlichen
+gebracht, da&szlig; einzelne Daten in dem allgemeinen
+Strom des Blutes, das durch die Stra&szlig;en der Stadt,
+oft aus den treuesten Herzen geflossen, untergingen und
+verschwanden. Niemand dachte mehr, wie es schien, an
+diesen besonderen Fall, und nur ein einziger alter Spanier,
+der Don Morelos auch wohl fr&uuml;her pers&ouml;nlich gekannt,
+&auml;u&szlig;erte gegen den jungen Arzt, mehr dabei als wohlmeinende
+Warnung, wie irgend eine Auskunft gebend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;es
+sei vollkommen hinreichend, von dem Diktator f&uuml;r
+wahnsinnig erkannt zu sein&nbsp;&mdash;&nbsp;um es wirklich zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>Alles das diente nur dazu, dem exaltirten jungen
+Schweden mehr und mehr die eigene Erkl&auml;rung des angeblichen
+Kranken glaubhaft erscheinen zu lassen, und so
+peinlich wurde ihm zuletzt das Gef&uuml;hl, der <span class="wide">Gef&auml;ngni&szlig;w&auml;rter</span>
+eines unschuldig Eingekerkerten sein zu m&uuml;ssen,
+da&szlig; er Pl&auml;ne auf Pl&auml;ne entwarf, dem zu entgehen, oder
+ein Mittel aufzufinden, dem Gefangenen zu helfen.</p>
+
+<p>Don Pancho hatte sich indessen von seiner Krankheit
+erholt, und war wenigstens so weit hergestellt worden,
+theilweise seinen fr&uuml;heren Dienst wieder zu versehen; Stierna
+mu&szlig;te ihn allerdings noch sehr dabei unterst&uuml;tzen, aber
+einige wenige Kranke, und unter diesen Don Morelos,
+nahm er wieder unter seine eigene Aufsicht, und nur das
+schien der Schwede durch die bisher ihm &uuml;berlassene Behandlung
+gewonnen zu haben, da&szlig; er nicht mehr so streng
+von diesem entfernt gehalten wurde, und wenigstens dann
+und wann Zutritt hatte.</p>
+
+<p>Gerade dieser gewisse Zwang bef&ouml;rderte aber, ja beschleunigte,
+was vielleicht monatelanges freies Aus- und
+Eingehen des jungen Arztes, wenigstens nicht in <span class="wide">der</span> St&auml;rke
+bewirkt haben w&uuml;rde&nbsp;&mdash;&nbsp;diese beiden jungen Leute, der
+Arzt und sein &raquo;Kranker&laquo;, wurden innige Freunde, und
+Stierna's einziges Streben war jetzt darauf gerichtet, ein
+Mittel ausfindig zu machen, den Freund zu retten.
+Noch aber hatte er mit ihm selber nicht ein Wort dar&uuml;ber
+gesprochen, denn wenn er auch mit Freuden seine ganze
+Stellung, wie die Gewi&szlig;heit, hier einst eine sichere Existenz
+f&uuml;r sich zu gr&uuml;nden, von sich geworfen h&auml;tte, fehlte es ihm
+doch an den n&ouml;thigen Mitteln, eine Flucht gl&uuml;cklich durchzuf&uuml;hren,
+die, wenn vor der Zeit entdeckt, jedenfalls <span class="wide">sein</span>
+Leben gekostet, und die Lage des ungl&uuml;cklichen Gefangenen
+gewi&szlig; um vieles verschlimmert haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Augenscheinlich war dabei, da&szlig; der Gefangene selber
+zu viel Zartgef&uuml;hl besa&szlig;, diesen Punkt zu ber&uuml;hren&nbsp;&mdash;&nbsp;er
+mu&szlig;te ja recht gut wissen, was davon f&uuml;r seinen jungen
+Freund abhing, und &uuml;berdie&szlig; war eine Flucht aus diesem
+Geb&auml;ude, das mit einer Masse m&uuml;&szlig;iger W&auml;chter versehen,
+unter der besonderen Aufsicht des Gouverneurs stand,
+auch gar nicht so leicht, und der schw&auml;chliche Spanier durfte
+sich dabei nicht einmal auf seine eigene Energie und Ausdauer
+verlassen. Stierna wurde sein Zustand aber trotzdem
+zuletzt so peinlich, da&szlig; er es nicht l&auml;nger ertragen
+konnte, und unter jeder Bedingung beschlo&szlig;, Don Morelos
+wenigsten von seiner eigenen Absicht in Kenntni&szlig; zu
+setzen, und ihm seine H&uuml;lfe anzubieten, wenn er nur irgend
+einen haltbaren Plan w&uuml;&szlig;te, die Flucht nicht allein
+aus dem Kerker, sondern auch auf Nachbargebiet nach
+Brasilien oder wenigstens nach Monte-Video zu bewerkstelligen.</p>
+
+<p>Hierzu fand sich bald eine g&uuml;nstige Stunde; Don
+Pancho war eines Nachmittags mit Don Alvarado zu dem
+Diktator selber geladen, vielleicht einen Bericht &uuml;ber ihre
+Kranken abzulegen, und Stierna s&auml;umte diesmal nicht,
+den, vielleicht nicht sobald wiederkehrenden Augenblick zu
+benutzen.</p>
+
+<p>Merkw&uuml;rdig und eigenth&uuml;mlich war der Eindruck,
+den die Erkl&auml;rung des jungen Mannes auf den Gefangenen
+machte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Er wurde leichenbla&szlig;, sah den Freund
+wohl eine halbe Minute starr und regungslos an, und
+barg dann das Antlitz in den H&auml;nden, w&auml;hrend sein K&ouml;rper
+wie in furchtbarer Aufregung arbeitete, und das Blut in den
+Adern seiner Schl&auml;fe aus der bleichen Haut herauszuspritzen
+drohte. Auch erst nach langer Zeit gab sich diese durch
+die pl&ouml;tzliche Freudenbotschaft vielleicht so gewaltsam
+heraufbeschworene Leidenschaft, und als er die H&auml;nde endlich
+wieder von seinen Z&uuml;gen entfernte, hatten diese ihre
+volle Ruhe zur&uuml;ckgenommen; nur die Augen leuchteten
+noch in einem wilden, fast unheimlichen Feuer. Er lauschte
+auch jetzt den Pl&auml;nen und Vorschl&auml;gen des jungen Schweden
+mit lautloser Ruhe, ja eigene Ideen schienen sich bei ihm
+in derselben Zeit zu bilden, und als ihn &raquo;Don Federigo&laquo;
+(wie der junge Arzt, nach der Sitte der S&uuml;damerikaner
+die Leute mit ihren Vornamen zu belegen, gew&ouml;hnlich
+hier genannt wurde), endlich um seine Meinung frug,
+gab er eine ganz verkehrte Antwort. Erst als Stierna
+als Haupt-, ja als einzige Schwierigkeit des ganzen Gelingens
+den Mangel an baarem Geld erw&auml;hnte, ohne
+das es fast eine Unm&ouml;glichkeit sein w&uuml;rde, zu entkommen,
+ergriff er des Doktors Hand und sagte rasch und fast
+fr&ouml;hlich:</p>
+
+<p>&raquo;Wenn weiter keine Fessel meinen Fu&szlig; hier bindet,
+so ist die bald gehoben&nbsp;&mdash;&nbsp;kennen Sie die Stra&szlig;e Piedras?
+&mdash; die dritte von hier, die n&auml;chste gleich nach Chacabuco?
+dort an der Ecke vom Commercio steht ein kleines niederes
+Backsteinhaus&nbsp;&mdash;&nbsp;hier ist die Adresse des Mannes an
+der Plaza, der es zu vermiethen hat&nbsp;&mdash;&nbsp;steht es leer,
+miethen Sie es um jeden Preis, hat es einen Miethsmann,
+so bieten Sie dem Eigenth&uuml;mer das Doppelte,
+Dreifache&nbsp;&mdash;&nbsp;Hundertfache &mdash;&laquo; Er besann sich pl&ouml;tzlich
+und hielt sich seine Schl&auml;fe&nbsp;&mdash;&nbsp;er war in furchtbarer Aufregung,
+aber die Wichtigkeit des Moments entschuldigte
+das auch vollkommen in Stierna's Augen, und nun seine
+Hand fassend, bat er ihn sich zu m&auml;&szlig;igen, da&szlig; man ihn
+nicht in den n&auml;chsten Zimmern h&ouml;re, und einer der W&auml;chter
+vielleicht herbeigerufen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Don Morelos, der bei der ersten Ber&uuml;hrung f&ouml;rmlich
+zusammenzuckte, erholte sich doch schnell wieder und einige
+Mal jetzt mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab
+gehend, schien er endlich in der gewaltigen, freudigen Aufregung
+des Augenblicks seine Sinne soweit gesammelt zu
+haben, die Gedanken auf den einen, f&uuml;r sie jetzt wichtigsten
+Punkt zu bringen. Er theilte nun dem aufmerksam
+lauschenden Freunde mit, da&szlig; er in dem Eckzimmer jenes
+kleinen Geb&auml;udes, in welchem er mehrere Monate seines
+ersten Aufenthalts in Buenos-Ayres gewohnt, unter ein
+paar genau bezeichneten Steinen einen Beutel mit Unzen
+verborgen habe, die f&uuml;r die n&auml;chste Zeit alle ihre Bed&uuml;rfnisse
+reichlich decken und ihre Passage nach irgend einem
+Theil der Welt bezahlt haben w&uuml;rde. Gelang es ihnen,
+sich, und sei es auch nur auf einen einzigen Tag, in ungest&ouml;rten
+Besitz des Zimmers zu setzen, so hatten sie was
+sie brauchten, alle ihre Pl&auml;ne in Ausf&uuml;hrung zu bringen,
+und Stierna selbst, bis zu krankhafter Erregung getrieben,
+verlie&szlig; den Spanier, den erhaltenen Auftrag so rasch als
+m&ouml;glich auszuf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Vorerst suchte er das bezeichnete Haus in der Calle
+Piedras auf, und fand es zu seiner Freude unbewohnt;
+der Wirth, zugleich Eigenth&uuml;mer einer Pulperia oder
+Schenkwirthschaft, machte erst Schwierigkeiten, da er schon
+in n&auml;chster Woche dort oben gleichfalls ein Schenkhaus f&uuml;r
+<i>agua ardiente</i> und <i>ca&ntilde;a</i> anlegen wollte, als ihm aber
+Stierna selbst f&uuml;r die eine Woche einen guten Miethzins
+bot, indem er vorgab, die gegen&uuml;berliegenden H&auml;user im
+Auftrag ihres Eigenth&uuml;mers abzeichnen zu wollen, verstand
+er sich dazu, und der junge Doktor schaffte noch an demselben
+Abend eine Staffelei mit dem n&ouml;thigen Zeichnen- und
+Malapparat in die gl&uuml;cklich gewonnene Stube.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3><a name="ch2" id="ch2"></a>2.</h3>
+
+<h3>Die Flucht.</h3>
+
+<p>Zwei Tage sp&auml;ter waren alle n&ouml;thigen Vorbereitungen
+getroffen; Stierna hatte das Gold gefunden und gl&uuml;cklicher
+Weise lag gerade ein deutsches Fahrzeug im Hafen, das
+am n&auml;chsten Morgen, mit Tagesanbruch segeln wollte.
+Es war nach Valparaiso bestimmt, wollte aber erst noch
+einmal Monte-Video anlaufen, um dort einige Passagiere an's
+Land zu setzen, und da Rosas Gewalt nicht bis zu diesem
+Orte reichte, ein Fl&uuml;chtling der Argentinischen Republik
+jedoch mit offenen Armen dort empfangen wurde, akkordirte
+er zwei Pl&auml;tze nach dieser Stadt, und schaffte durch
+die Gef&auml;lligkeit des Capitains unterst&uuml;tzt, der ihm die
+eigenen Leute dazu borgte, mit einbrechender Dunkelheit
+was er hatte aus seiner Wohnung an die Landung, wo
+es von dem Kapitain selber in Empfang genommen, f&uuml;r
+seine eigenen Effekten ausgegeben, und an Bord gebracht
+wurde. Zu gleicher Zeit hatte er sich eine kleine Strickleiter
+zu verschaffen gewu&szlig;t, die der junge Spanier unter
+seine Matratze verbergen mu&szlig;te, die St&auml;be waren
+ebenfalls bald durchgefeilt, und es galt jetzt nur noch, nach
+zehn Uhr, wenn die Revision vorbei war, die beiden
+Schildwachen vorn am Hause auf kurze Zeit zu besch&auml;ftigen,
+wozu Stierna ebenfalls die beste Gelegenheit hatte und
+benutzte.</p>
+
+<p>Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen,
+lag ein Rasender an Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen
+Kr&auml;fte versagten, und schwach und lenksam wie
+ein Kind f&uuml;r die kurze Zeit der Rast, bis die ersch&ouml;pften
+Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm
+g&auml;hrende Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand.
+Die Erinnerung an irgend etwas Bestimmtes schien er
+verloren zu haben&nbsp;&mdash;&nbsp;er ras'te eben blos, nur <span class="wide">Rosas</span>
+Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden,
+wenn man nicht f&uuml;rchten wollte, da&szlig; er selbst diese furchtbaren
+Banden zerri&szlig;, die ihn fast zu Boden dr&uuml;ckten.&nbsp;&mdash;&nbsp;Seine
+Z&auml;hne knirschten dann &uuml;ber einander, als ob sie
+zersplittern m&uuml;&szlig;ten, der wei&szlig;e Schaum trat ihm auf die
+Lippen, und die Augen quollen f&ouml;rmlich aus ihren H&ouml;hlen.
+Es ging ein dumpfes Ger&uuml;cht im Haus, da&szlig; dem Mann,
+durch die Mashorqueros des Diktators vor seinen Augen
+und in wenigen Minuten f&uuml;nf erwachsene S&ouml;hne abgeschlachtet
+w&auml;ren, aber man murmelte das mehr als einen
+Vorwurf f&uuml;r den Alten, da&szlig; er solch allt&auml;glichen Falles
+wegen den Verstand verloren, da ihm Rosas noch dazu
+den Kopf daf&uuml;r gelassen,&nbsp;&mdash;&nbsp;gegen die That selber wagte
+Niemand ein Wort zu &auml;u&szlig;ern.</p>
+
+<p>Dieser Ungl&uuml;ckliche hatte sich an dem einen Handgelenk
+wundgescheuert, und Stierna, dem schon an diesem
+Morgen der Auftrag geworden, die Kette abzunehmen
+und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem
+Plan vollkommen g&uuml;nstige Gelegenheit bis zum Abend.
+Vor Dunkelwerden mu&szlig;te er das allerdings vornehmen
+lassen, fand aber noch eine Ausrede in dem ihm gef&auml;hrlich
+d&uuml;nkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten,
+das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und
+rief nun, als er die Zeit f&uuml;r passend hielt und dem Freund
+das verabredete Zeichen gegeben, die beiden Schildwachen
+nach vorn zum Haus, dort zur H&uuml;lfe bereit zu sein, wenn
+der Ungl&uuml;ckliche, mit dem sie es hier zu thun hatten,
+vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanf&auml;lle bekommen
+sollte. S&auml;mmtliche W&auml;rter der Anstalt interessirten sich
+ebenfalls f&uuml;r den Alten, der im ganzen Haus nur den
+Namen <i>el bruto</i> f&uuml;hrte, und wer nicht um ihn wirklich
+besch&auml;ftigt war, dr&auml;ngte sich doch in den Gang, zu sehen,
+wie sich &raquo;das Thier&laquo; benehmen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Don Morelos lie&szlig; inde&szlig; die Zeit nicht unbenutzt
+vorbeigehen&nbsp;&mdash;&nbsp;rasch waren die, schon lange <ins title="original has durgefeilten">durchgefeilten</ins>
+Eisenst&auml;be ausgebrochen, und mit der Gewandtheit einer
+Katze glitt er an der schwanken Leiter nieder, schlich zu
+dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem gro&szlig;en
+Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft
+hatte, die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten
+sp&auml;ter in der Dunkelheit verschwunden.</p>
+
+<p>Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm
+des Ungl&uuml;cklichen nehmen lassen, und die Wunde am
+Kn&ouml;chel verbunden,&nbsp;&mdash;&nbsp;der Tolle sa&szlig; auch ruhig dabei,
+und lie&szlig; Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur
+starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war
+fast, als ob er in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens
+nach &auml;hnlichen Z&uuml;gen suche. Zwei M&auml;nner hatten
+ihn, trotz dem Eisen an den F&uuml;&szlig;en, halten sollen, da er
+sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, da&szlig;
+er kaum im Stande war, aufrecht zu sitzen, lie&szlig;en sie die
+umklammerten Arme los und lehnten seinen Oberk&ouml;rper
+an ihre Knie.</p>
+
+<p>Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber
+wieder frisch zu bluten an, und Stierna wickelte das mit
+einer k&uuml;hlenden Salbe bestrichene Leinen darum, die Blutung
+zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende todte
+L&auml;cheln schwebte dabei um die Lippen des Ungl&uuml;cklichen
+und zuckte in seinen Wimpern,&nbsp;&mdash;&nbsp;der Schmerz des Verbindens
+machte ihn zuerst aufmerksam auf seinen Arm, und
+in dem n&auml;mlichen Moment fast quoll das Blut durch
+die Leinwand und f&auml;rbte diese.</p>
+
+<p>Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm
+Stehenden nur so weit die verlorene Besinnung wieder
+gewannen, zuzugreifen, hatte sich der, noch vor wenigen
+Minuten fast h&uuml;lflose Greis emporgeschnellt, und mit dem
+tollen Aufschrei &raquo;Blut!&nbsp;&mdash;&nbsp;Blut!&nbsp;&mdash;&nbsp;Das war der erste!&laquo;
+&mdash; warf er sich auf einen der W&auml;rter, der die Lampe
+hielt und schlug ihm, wie ein wildes Thier im Ansprung,
+die Z&auml;hne in die Brust.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe!&laquo; schrie der Arme, lie&szlig; die Lampe fallen und
+st&uuml;rzte r&uuml;ckw&auml;rts zu Boden nieder&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;H&uuml;lfe! Erbarmen!&laquo;
+aber der Rasende hatte ihn zu fest und sicher gepackt, und
+vergebens warfen sich die W&auml;rter jetzt auf ihn, ihn fortzurei&szlig;en,
+vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede
+andere angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen
+Kette auf die Stirn, da&szlig; er bet&auml;ubt zusammenbrach.
+Die Z&auml;hne lie&szlig;en nicht los, bis sie das Fleisch, das sie
+gefa&szlig;t, vom K&ouml;rper trennten, und jetzt, an allen Gliedern
+wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewu&szlig;tlose, mit
+schnell umgelegten Verbande, in seine Zelle zur&uuml;ckgeschleift.</p>
+
+<p>Stierna mu&szlig;te jetzt erst noch den schwer verwundeten
+W&auml;rter verbinden, und dann dem finsteren Schreckenshaus,
+das noch in seiner letzten Scene so furchtbare Erinnerung
+f&uuml;r ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus innerster
+Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf
+sein drau&szlig;en angebunden stehendes Pferd, und trabte
+rasch die Stra&szlig;e hinab, dem inneren Stadttheile zu, wo
+er seinen jungen Freund an einem, ihm genau bezeichneten
+Ort schon zu finden hoffte.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>W&auml;hrend die W&auml;rter in dem Irrenhaus mit dem
+Tollen rangen, sprang die Stra&szlig;e hinunter, den Schlamm
+nicht achtend, der um sie her spritzte, eine dunkle Gestalt
+mit bleichen, fast geisterhaften Z&uuml;gen; der Stra&szlig;e Santa
+Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein,
+und vollkommen mit der Lokalit&auml;t des Platzes bekannt,
+wie es schien, m&auml;&szlig;igte sie erst ihren Schritt, als sie sich
+einem gro&szlig;en dunklen Geb&auml;ude n&auml;herte, das die Ecke dieser
+und der Calle Lima bildeten. In den langen Pancho
+geh&uuml;llt, dr&uuml;ckte sie sich, diesem gegen&uuml;ber, in den dunklen
+Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vor&uuml;bergehenden
+oft und neugierig angestarrt, aber ohne ihrer
+zu achten, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, und blickte,
+das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche versteckt, da&szlig;
+die gl&uuml;henden Augen nur eben dar&uuml;ber sichtbar waren,
+regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten
+Fenster des unteren Stocks hin&uuml;ber, aus dem ein
+schwacher Lichtstrahl vord&auml;mmerte. Aber die Th&uuml;r &ouml;ffnete
+sich nicht&nbsp;&mdash;&nbsp;Niemand verlie&szlig; das Geb&auml;ude, Niemand betrat
+es, und eben das einzelne Licht ausgenommen, h&auml;tte
+man die ganze d&uuml;stere Steinmasse f&uuml;r &ouml;de und unbewohnt
+halten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fu&szlig;g&auml;nger,
+die hier in dem belebtesten Theil der Stadt, in
+dem selbst Trottoirs hergerichtet waren, ihren eigenen
+Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille &Ouml;de
+der Stra&szlig;e, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer
+dort lehnenden Gestalt aus, und beschrieben, selbst den
+Schlamm des Fahrwegs nicht achtend, lieber einen Bogen
+um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite hin&uuml;ber.
+Alle L&auml;den, alle Th&uuml;ren waren geschlossen, die meisten
+Lichter sogar schon verl&ouml;scht, nur das eine, in dem dunklen
+Haus warf noch seinen matten Schein auf den Vorhang,
+der das Innere des Gemaches vollst&auml;ndig den Augen
+der Vor&uuml;bergehenden verbarg.</p>
+
+<p>Niemand war jetzt mehr auf der Stra&szlig;e zu h&ouml;ren,
+eine kleine Patrouille Argentinischer Miliz bog um die
+n&auml;chste Ecke und marschirte, zur Abl&ouml;sung irgend eines
+Postens, die Stra&szlig;e hinab, dem Castell zu&nbsp;&mdash;&nbsp;ihre Schritte
+verhallten in der Ferne und deutlich t&ouml;nte der scharfe
+eigenth&uuml;mliche Fl&uuml;gelschlag zahlreicher Z&uuml;ge von Wildenten,
+die von dem Strom nach den zahlreichen Binnenw&auml;ssern
+hin&uuml;ber oder zur&uuml;ckstrichen, durch die Nacht, und unterbrach
+die sonst todten&auml;hnliche Stille.</p>
+
+<p>Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch
+quer &uuml;ber die Stra&szlig;e hin&uuml;ber, horchte einen Augenblick
+an der Th&uuml;r und lie&szlig; dann zweimal den Klopfer aufschlagen,
+da&szlig; es durch das ganze Geb&auml;ude hallte. Wenige
+Sekunden sp&auml;ter ging drinnen eine Th&uuml;r, ein schwerer
+Schritt klappte durch das Haus, und eine Stimme von
+innen heraus frug wer da sei.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Viva la confederation!</i><a href="#fn3"><small><sup>3</sup></small></a>&laquo; sagte der n&auml;chtliche
+Klopfer mit lauter, ruhiger Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Mueran los salvajes Unitarios,</i><a href="#fn4"><small><sup>4</sup></small></a>&laquo; antwortete der
+im Haus Befindliche, und zwei zur&uuml;ckgeschobene Riegel
+k&uuml;ndeten gleich darauf, wie er das Feldgeschrei seiner Parthei
+f&uuml;r eine hinl&auml;ngliche B&uuml;rgschaft des guten Charakters
+seines n&auml;chtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser sp&auml;ten
+Stunde Einla&szlig; zu g&ouml;nnen. Gleich darauf wurde ein
+Schl&uuml;ssel im Schlo&szlig; umgedreht und die Th&uuml;r &ouml;ffnete sich
+nach Innen, w&auml;hrend das Licht der Lampe, die der Aufschlie&szlig;ende
+in der Hand hielt, voll auf das Antlitz seines
+sp&auml;ten und ungekannten Besuchers fiel.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Ave Maria!</i>&laquo; sagte der Alte aber fast unwillk&uuml;rlich,
+als er das todtenbleiche Gesicht und die dunkelgl&uuml;henden
+Augen gewahrte, die auf ihn geheftet waren&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;was
+w&uuml;nscht Ihr, Se&ntilde;or, zu so sp&auml;ter Zeit?&laquo;</p>
+
+<p>Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte
+rabenschwarze Haar aus der Stirn und sagte dann mit
+ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck seiner Z&uuml;ge
+freilich L&uuml;gen strafte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich mu&szlig; um Entschuldigung bitten, Sie so sp&auml;t zu
+st&ouml;ren, aber ein wichtiger Auftrag zwang mich dazu&nbsp;&mdash;&nbsp;ist
+Don Luis de Gomez noch zu sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Don Luis ist nicht zu Hause,&laquo; erwiderte der Alte,
+und musterte jetzt zum ersten Mal, und wie es schien,
+etwas erstaunt den verst&ouml;rten und schlammbespritzten
+Anzug des Fremden, &raquo;Ihr kommt wohl aus dem Inneren,
+Se&ntilde;or?&laquo; setzte er dann fragend hinzu. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht zu Hause?&laquo; wiederholte aber der Fremde rasch
+und wie es schien ungl&auml;ubig&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;sagt ihm, guter Freund,
+da&szlig; ich ihm wichtige Depeschen bringe, deren Verschieben
+Unheil &uuml;ber viele Menschen bringen k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Don Luis hat Buenos-Ayres schon vor drei
+Monaten verlassen,&laquo; bekr&auml;ftigte der Alte seine fr&uuml;here Aussage,
+&raquo;und ist nach Valparaiso im Auftrag Sr. Excellenz
+des Gouverneurs gegangen&nbsp;&mdash;&nbsp;den Gott besch&uuml;tzen m&ouml;ge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht in Buenos-Ayres?&laquo; rief der Fremde, erschreckt
+einen Schritt zur&uuml;cktretend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;nach Chile?&nbsp;&mdash;&nbsp;und Donna
+Constancia? &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ehe der Alte diese zweite Frage noch beantworten
+konnte, &ouml;ffnete sich die Seitenth&uuml;r, und eine alte Dame,
+den Kopf sorgf&auml;ltig in ihre Mantille eingeschlagen, die
+sie unter dem Kinn durchgezogen und &uuml;ber die linke
+Schulter zur&uuml;ckgeworfen hatte, schaute heraus, hatte aber
+kaum das bleiche Antlitz des Fremden erkannt, auf das in
+diesem Augenblick das volle flackernde Licht der Lampe fiel und
+ihm einen noch viel wilderen unheimlicheren Ausdruck gab,
+als sie einen gellenden Schreckens- und H&uuml;lfeschrei ausstie&szlig;
+und die Th&uuml;re wieder ins Schlo&szlig; werfend, vor der
+sie ihren Gatten oder was er sonst sein mochte, total und
+unbek&uuml;mmert seinem Schicksal &uuml;berlie&szlig;, ri&szlig; sie das Fenster
+ihrer Stube auf und rief mit einer Stimme, die Todte
+h&auml;tte erwecken k&ouml;nnen &raquo;H&uuml;lfe&laquo; und &raquo;Mord&laquo; in die stille
+Nacht hinaus.</p>
+
+<p>Der Alte erschrak nat&uuml;rlich nicht wenig &uuml;ber den unerwarteten,
+und f&uuml;r jetzt allerdings noch total unbegr&uuml;ndeten
+Nothschrei, ri&szlig; aber doch das Messer, das er wie jeder
+Argentiner bei sich trug, aus der Scheide, und sah den
+bleichen Fremden verdutzt und unentschlossen an. Dieser
+war bei dem ersten Schrei der Frau wild emporgezuckt,
+und auch seine Hand griff wohl unwillk&uuml;rlich nach der,
+unter dem Pancho verborgenen Waffe, wie er aber das
+H&uuml;lfegeschrei der Frau nach der Stra&szlig;e zu h&ouml;rte, stutzte
+und horchte er erst einige Secunden und stie&szlig; dann pl&ouml;tzlich
+ein so wildes f&uuml;rchterliches Gel&auml;chter aus, da&szlig; der
+Alte entsetzt zur&uuml;cktaumelte. In dem n&auml;mlichen Augenblick
+war aber dieser wilde unheimliche Besuch durch die
+noch offene Hausth&uuml;r wieder hinaus auf die Stra&szlig;e geschl&uuml;pft,
+und w&auml;hrend der Alte mit vor f&ouml;rmlicher Todesfurcht
+zitternden H&auml;nden, die Riegel wieder vorschob und
+seiner Frau, lange vergeblich durch die verschlossene und
+von Innen f&ouml;rmlich verbarrikadirte Th&uuml;r zurief, da&szlig; jede
+Gefahr&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn &uuml;berhaupt irgend eine vorhanden gewesen,
+vor&uuml;ber sei, floh Morelos mit lautem, schallendem Gel&auml;chter
+die menschenleere Stra&szlig;e hinab und das H&uuml;lfegeschrei der
+alten Dame t&ouml;nte gellend hinter ihm drein.</p>
+
+<p>Keine Th&uuml;r, kein Fenster &ouml;ffnete sich dabei.&nbsp;&mdash;&nbsp;Anf&auml;lle
+auf offener Stra&szlig;e geh&ouml;rten in gegenw&auml;rtiger Zeit,
+und unter Rosas strenger Polizei, allerdings zu den Seltenheiten,
+fielen aber doch dann und wann vor, und
+Privatleute h&uuml;teten sich wohl, sich in derlei Streitigkeiten
+zu mischen; ja wer sich gerade zuf&auml;llig in der N&auml;he auf
+der Stra&szlig;e fand, floh, so rasch er konnte, solcher Nachbarschaft
+zu entgehen, die oft in ihren Folgen selbst f&uuml;r
+die Zeugen lange Verh&ouml;re und selbst f&uuml;r Einkerkerungen
+mit sich brachten&nbsp;&mdash;&nbsp;hatte sich endlich die Polizei wirklich
+einmal in's Mittel geschlagen.</p>
+
+<p>Als der L&auml;rm verhallt war, marschirte auch heute
+eine kleine Milit&auml;rpatrouille von sechs Negersoldaten und
+einem Mulatten als Unterofficier, langsam durch die Stra&szlig;e
+&mdash; an den Ecken hielt sie still, Stra&szlig;e auf und ab zu
+horchen, ob sich noch etwas vernehmen lasse, und schickte
+hie und da einen Mann nach rechts oder links ab, zu
+sehen, ob der dunkle Gegenstand an der anderen Seite
+der Stra&szlig;e vielleicht die Leiche irgend eines Ermordeten
+w&auml;re, als sie aber nichts weiter Verd&auml;chtiges fand, zog sie
+sich, sehr zufrieden mit dem Resultat, in ihre Quartiere
+zur&uuml;ck.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Am Ufer des La Plata und &uuml;berhalb der sogenannten
+Bootlandung l&auml;uft eine einzelne Reihe von Ombub&auml;umen
+hinauf, die dort enden, wo die Stadt eigentlich,
+trotz dem ausgelegten Plan noch nicht begonnen hat, und
+eine hohe Plankenwand weiter keinen Zweck zu haben scheint,
+als das Ufer gegen das Anst&uuml;rmen der Wellen zu sch&uuml;tzen,
+die hier, bei einem t&uuml;chtigen S&uuml;dosten oft in rasender Gewalt
+gegen die K&uuml;ste auftoben k&ouml;nnen, w&auml;hrend der fast
+seegleiche Strom mit jedem anderen Winde diese Bucht in
+Spiegelgl&auml;tte h&auml;lt.</p>
+
+<p>Auf dem Platz lag Bauholz zerstreut umher, und unter
+dem letzten Ombubaum, der mit seinen breiten, dichten
+&Auml;sten seinen Stamm in v&ouml;llige Dunkelheit h&uuml;llte, stand
+Stierna in peinlicher Ungeduld und harrte Stunde nach
+Stunde vergebens des Freundes. Was war aus ihm geworden,
+konnte ihm ein Ungl&uuml;ck zugesto&szlig;en&nbsp;&mdash;&nbsp;konnte er
+erkannt und wieder eingefangen sein? Das Herz schlug dem
+jungen Schweden in qu&auml;lender Angst um den Ungl&uuml;cklichen,
+denn nicht retten h&auml;tte er ihn dann wieder k&ouml;nnen, und
+er selber durfte sich, war ihm sein Leben lieb, wahrlich
+nicht wieder in der Stadt zeigen, wo er, ein &ouml;ffentlich
+Angestellter des m&auml;chtigen Gouverneurs, diesem selbst in
+seinen Pl&auml;nen <ins title="original has entgegenwirkt">entgegengewirkt</ins>.</p>
+
+<p>Schon hatte er eine Zeit lang von den Th&uuml;rmen
+zehn Uhr schlagen h&ouml;ren, als sich pl&ouml;tzlich Schritte nahten
+&mdash; es war das regelm&auml;&szlig;ige Auftreten einer Wache,
+die den breiten Fahrweg niederkam und auch dicht an dem
+Baum, an dessen Stamm geschmiegt der Doktor stand,
+vorbeimarschirte.</p>
+
+<p>&raquo;Bei dem Wetter soll man nun recognosciren,&laquo; sagte
+der eine der Soldaten, die sich h&ouml;chst unbefangen mit einander
+unterhielten, zu dem anderen&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;und man wei&szlig;
+gar nicht, wo der L&auml;rm gewesen ist.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Bei Don Gomez&nbsp;&mdash;&nbsp;meint die eine Wache,&laquo; erwiederte
+ein anderer, &raquo;aber noch ist nichts Bestimmtes bekannt &mdash;
+wie wir vorbeimarschirten war ja auch Alles still und ruhig
+dort.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Die Worte verklangen in der Ferne, und Stierna
+zerbrach sich eben den Kopf, was man mit dieser Patrouille
+hier eigentlich zu so au&szlig;ergew&ouml;hnlicher Zeit wollte, wenn
+nicht die Flucht des Gefangenen schon bekannt geworden
+w&auml;re, als ihn pl&ouml;tzlich ein leiser Pfiff, dicht von den
+H&auml;usern kommend, aufst&ouml;rte, und freudig emporfahrend,
+erkannte er eine dunkle Gestalt, die rasch &uuml;ber die Stra&szlig;e
+glitt und in seine ausgebreiteten Arme sank. Es war
+Don Morelos.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo um Gottes Willen sind Sie so lange geblieben?&laquo;
+rief Stierna &auml;ngstlich, seinen Arm ergreifend
+und haltend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich f&uuml;rchtete schon &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pst&nbsp;&mdash;&nbsp;wir m&uuml;ssen fort,&laquo; unterbrach ihn aber der
+junge Spanier&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;die Patrouillen scheinen schon mehr zu
+wissen, als uns gut sein m&ouml;chte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wie aber kommen wir
+an Bord?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Canoe liegt hier zwischen den Felsen, das uns &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, gut, fort nur, das Wetter ist herrlich&nbsp;&mdash;&nbsp;hurrah,
+nach Chile, und wie sie schauen werden, hahahahaha!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes Willen nicht so laut,&laquo; bat ihn &auml;ngstlich
+der Schwede, &raquo;die Patrouille kann dort oben wahrscheinlich
+nicht hinaus, und mu&szlig; hier bei uns wieder vorbei&nbsp;&mdash;&nbsp;wir
+d&uuml;rfen uns deshalb auch nicht auf's Wasser wagen, bis
+sie passirt ist.&laquo;</p>
+
+<p>Das scharfe Ohr des Spaniers hatte indessen schon
+wieder die r&uuml;ckkehrenden Schritte der Soldaten vernommen,
+und sich dicht an den Stamm des Baumes schmiegend,
+dessen ungleiche und hohe Wurzeln ihnen ungemein g&uuml;nstig
+waren, dr&uuml;ckten sie sich lautlos zwischen diese hinein, bis
+die Gefahr vor&uuml;ber war. Die Patrouille zog indessen
+m&uuml;rrisch und schweigend vorbei; es regnete jetzt, was vom
+Himmel herunter wollte, und die armen Teufel von Soldaten
+dachten in ihren d&uuml;nnen nassen Jacken an den feuchten,
+kalten Raum, der sie erwartete, wenn sie nach ihrer
+Hauptwache jetzt zur&uuml;ckkehrten. Wer konnte in solcher Nacht
+hoffen, irgend Jemanden einzufangen, dem nicht selber
+daran lag, arretirt zu werden.</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde sp&auml;ter glitt das kleine Canoe, von
+Stiernas Hand gerudert, und die Fahrzeuge der Binnenrhede
+vermeidend, auf die Au&szlig;enrhede hinaus. Vom Bug
+des kleinen Schuners &raquo;Oporto&laquo; hing eine Laterne, deren
+Licht durch die geschliffenen Scheiben wie ein Stern durch
+die Nacht funkelte. Zu Starboard vom Bord hing die
+Fallreepstreppe nieder, und das Canoe treiben lassend,
+um morgen irgendwo am Ufer des La Plata von einem
+Fischer aufgefangen zu werden, betraten sie das Fahrzeug,
+das sie mit Tagesanbruch der gef&auml;hrlichen N&auml;he des Diktators
+und seiner H&auml;scher entf&uuml;hren sollte.</p>
+
+<p>Der Capitain selber hatte nicht die mindeste Lust in
+irgend eine Schwierigkeit mit dem Gesetz zu gerathen, und
+mit einer ziemlich g&uuml;nstigen Brise lichtete er noch vor Tagesanbruch
+den Anker und ging stromab. Selbst der Lootse
+erfuhr Nichts von der Anwesenheit der beiden Passagiere,
+die bis Monte-Video im &raquo;Logis&laquo; vorn&nbsp;&mdash;&nbsp;wie der Aufenthaltsort
+der Matrosen an Bord eines Schiffes genannt
+wird&nbsp;&mdash;&nbsp;untergebracht wurden.</p>
+
+<p>Schon am n&auml;chsten Morgen erreichten sie Monte-Video.
+Stierna erstaunte aber hier nicht wenig, als Don Morelos
+ihm pl&ouml;tzlich erkl&auml;rte, er wolle mit dem Schiff nach
+Valparaiso gehn. Monte-Video sei allerdings sicher genug
+f&uuml;r ihn, aber das wenige Geld, was er jetzt noch sein
+eigen nannte, konnte nicht ewig ausreichen, w&auml;hrend er
+in Valparaiso, weit eher Gelegenheit fand, auf seine Familie
+in Spanien zu ziehen. Stierna konnte dagegen nicht
+gut etwas einwenden, auch er hatte in dem, &uuml;berall vom
+Feind bedr&auml;ngten Monte-Video wenig Aussichten, sein Fortkommen
+leicht zu gr&uuml;nden, w&auml;hrend Valparaiso ihm einen
+weit freieren Spielraum f&uuml;r seine Th&auml;tigkeit bot, und ihn
+freute deshalb eher der Entschlu&szlig; des Geretteten.</p>
+
+<p>Auffallend war ihm aber dennoch die schnelle Sinnes&auml;nderung
+Don Morelos, der fr&uuml;her auch nicht eine Sylbe
+von Chile erw&auml;hnt hatte, ja in der That ganz gleichg&uuml;ltig
+schien, wohin sie sich wenden w&uuml;rden, nach Osten oder
+Westen, nach Norden oder S&uuml;den, wenn er nur den
+&raquo;Schauplatz seiner Qualen&laquo; fliehen konnte. Nichts destoweniger
+sprach er augenblicklich mit dem Capitain, der sich
+auch gern bereit zeigte, sie mitzunehmen; &uuml;ber das Passagiergeld
+wurden sie bald einig, und da der Capitain selber
+die noch immer g&uuml;nstige Brise nicht vers&auml;umen wollte, diesem,
+besonders in Winterszeit gef&auml;hrlichen Wasser zu entgehen,
+wo die t&uuml;ckischen St&uuml;rme dieser Breite, die sogenannten
+Pamperos fast mit jedem Mondwechsel mehr oder
+weniger stark einsetzen, beeilte er seine Gesch&auml;fte in der
+Hauptstadt der &raquo;Unitarier&laquo; so rasch ihm das irgend m&ouml;glich
+war, und als der n&auml;chste Pampero, einige Tage sp&auml;ter
+wirklich &uuml;ber die weiten Steppen des Binnenlandes daherwehte,
+schwammen sie schon drau&szlig;en im freien Wasser und
+hatten Seeraum genug und nicht mehr die niederen gef&auml;hrlichen
+Ufer und Sandb&auml;nke des La Platastromes um
+sich her.</p>
+
+<p>Jeder weiteren Gefahr entdeckt zu werden &uuml;brigens
+auszuweichen, hatten die beiden Freunde schon mit dem
+Betreten des Fahrzeugs und den Seeleuten gegen&uuml;ber andere
+Namen angenommen, und Stierna nannte sich <span class="wide">Leifeldt</span>
+und gab sich f&uuml;r einen <span class="wide">deutschen</span> Arzt aus, da er
+diese Sprache fl&uuml;ssig redete, w&auml;hrend Don Morelos den
+Namen Don Gaspar de Monte Silva, einer Familie, mit
+der er nahe verwandt sein wollte, angenommen hatte. Auf
+dem Schiff schon kannte man sie unter keiner anderen
+Benennung.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch3" id="ch3"></a>3.</h3>
+
+<h3>Die Reise und ihre Abenteuer.</h3>
+
+<p>Die Reise selber ging rasch und gl&uuml;cklich genug vor&uuml;ber,
+Cap Horn doublirten sie, von einer herrlichen Brise
+beg&uuml;nstigt, mit Leichtigkeit, und flogen mit schwellenden
+Segeln wieder einem milderen, freundlicheren Klima entgegen.</p>
+
+<p>Don Morelos war den ersten Theil der Reise sehr
+leidend; kaum aus der M&uuml;ndung des La Plata heraus
+und in offener See, bekamen sie einen t&uuml;chtigen Pampero,
+der ihn todtseekrank in seine Coje bannte, und die am
+Cap Horn fast stets ziemlich hoch gehende See mit der
+kalten unfreundlichen Witterung konnte nicht dazu dienen,
+ihn rasch wieder herzustellen. Zu diesem Zustand gesellte
+sich noch ein ziemlich b&ouml;sartiges Fieber, das mehrere Tage
+lang sogar sein Leben bedrohte, und Stierna wich in dieser
+Zeit nicht von seinem Lager.</p>
+
+<p>Der Kranke lag indessen in den wildesten Phantasien,
+in denen die Namen Constancia und Gomez einem festen
+Ideengang anzugeh&ouml;ren schienen, w&auml;hrend sein oft
+dazwischen t&ouml;nendes Lachen f&ouml;rmlich unheimlich klang. Der
+Freund allein durfte in dieser Zeit an seiner Seite sein,
+und er rief die Anderen, wenn sich Capitain oder Steuermann
+einmal nach ihm erkundigen wollten, mit dem Namen
+seiner fr&uuml;heren W&auml;rter oder Schlie&szlig;er, und drohte gegen
+sie anzuspringen.</p>
+
+<p>Seine kr&auml;ftige Natur &uuml;berwand aber auch diese Krisis
+&mdash; wenn auch langsam, erholte er sich doch allm&auml;hlig und
+noch ehe sie die warmen Breiten der s&uuml;dlichen Zone wieder
+erreichten, war er vollkommen hergestellt, wieder im Stande
+an Deck zu sein und seinen K&ouml;rper durch die frische, balsamische
+Seeluft zu kr&auml;ftigen. Eigenth&uuml;mlicher Weise wu&szlig;te
+er dabei Alles, was w&auml;hrend seiner Krankheit vorgefallen,
+was er phantasirt und wie er sich betragen, entschuldigte
+sich auch gegen die Seeleute auf das herzlichste, da&szlig; er
+solch tolles ungereimtes Zeug gegen sie ausgesto&szlig;en und
+versicherte sie, er habe in demselben Augenblick gef&uuml;hlt,
+was er thue, und sei doch nicht im Stande gewesen, seine
+Zunge zur&uuml;ckzuhalten. Viel wurde dabei &uuml;ber die verschiedenen
+Namen gelacht, die besonders der Steuermann
+abwechselnd erhalten hatte, und die kleine Gesellschaft in
+der Caj&uuml;te des &raquo;Oporto&laquo; am&uuml;sirte sich vortrefflich.</p>
+
+<p>In der H&ouml;he von Chiloe bekamen sie pl&ouml;tzlich eine
+l&auml;ngere Windstille, die See lag still und regungslos, nur
+in ihren ewigen, nie unterbrochenen Schwellungen, und die
+Segel flaggten schwerf&auml;llig gegen den Mast und das stehende
+Takelwerk des Schiffes an. Die Seeleute sagen in solchem
+Fall &raquo;Reepschl&auml;ger und Segelmacher (Reepschl&auml;ger: der Seiler
+oder Taumacher) pr&uuml;geln sich&laquo; und sind schrecklicher Laune,
+und so gro&szlig;e Erholung ein solcher Zustand gew&ouml;hnlich den
+fr&uuml;her von der Seekrankheit schwer Heimgesuchten gew&auml;hren
+mag, so entsetzlich wird er auf die L&auml;nge der Zeit f&uuml;r den
+Gesunden, der mit einer f&ouml;rmlich verzweifelten Sehnsucht
+nach Ost und West, nach Nord und S&uuml;d ausschaut, nur
+von irgend einer Seite her, gleichviel von welcher, das
+Wasser dunklen und die Brise ankommen zu sehen. Selbst
+der schlechteste Wind wird in einer solchen Zeit einer totalen
+Stille vorgezogen; man will nur <span class="wide">Bewegung</span> im
+Wasser, nur <span class="wide">Leben</span> und gerade das Gef&uuml;hl vielleicht, so
+ganz machtlos dem schl&auml;frigen Element zum Spiel zu dienen,
+sogar Nichts thun zu k&ouml;nnen, einem derartigen Zustand
+zu entgehen, ist es, das den K&ouml;rper zuletzt f&ouml;rmlich aufreibt.</p>
+
+<p>Es l&auml;&szlig;t sich denken, da&szlig; in einem solchen Fall auch
+das geringste Au&szlig;ergew&ouml;hnliche, was die traurige Monotonie
+der See unterbricht, freudig bewillkommt wird &mdash;
+der ferne Strahl eines Wallfisches wird ein Moment, eine
+andere Art von M&ouml;ve, Albatro&szlig; oder Schwalbe sind froh
+begr&uuml;&szlig;te G&auml;ste.&nbsp;&mdash;&nbsp;Springer, jene gro&szlig;e Art von Fischen,
+die der deutsche Matrose etwas prosaisch nach dem Schweine
+nennt, weil sie einen &auml;hnlichen scharfen R&uuml;ssel haben &mdash;
+zeigen sich in weiter Ferne, und selbst der Streifen wird
+betrachtet, den sie im Wasser ziehen&nbsp;&mdash;&nbsp;kr&auml;useln sie doch
+die Oberfl&auml;che des Meeres und das Auge t&auml;uschte sich
+sogern mit einer kommenden Brise.</p>
+
+<p>Das wichtigste Ereigni&szlig; in einer solchen Zeit ist aber
+das Erscheinen eines Haifisches, dieses gefr&auml;&szlig;igen Piraten
+der Tiefe, und der Mann am Steuer, der schl&auml;frig am
+Rade lehnt und das Ruder bald auf diese bald auf jene
+Seite legt, das Schiff demselben gehorchen zu lassen und
+sich dann zu &auml;rgern, wenn es sich nur faul und langsam
+eben um den ganzen Kompa&szlig; herum treibt, dreht fortw&auml;hrend
+den Kopf nach allen Richtungen hin, und beobachtet
+die blanke Spiegelfl&auml;che des Wassers, irgend einen
+dunklen Punkt zu erkennen, der der Flosse eines anschwimmenden
+Haies gleiche. Der Schatten irgend einer sich etwas
+h&ouml;her hebenden Schwellung, das Aufschlagen eines
+kleinen Fisches, ein m&uuml;der Wasservogel, der seine Schwingen
+auf der glatten Fl&auml;che gefaltet hat, und mit dieser
+steigt und sinkt, fa&szlig;t und h&auml;lt dabei der rasche Blick &mdash;
+h&ouml;her richtet er sich auf, und die Augen mit dem ausgestreckten
+Arm gegen das blendende Licht des blitzenden
+Strahles sch&uuml;tzend, den die Sonne auf die Silberhaut des
+Meeres wirft, schaut er lange und forschend nach dem verd&auml;chtigen
+Punkt hin&uuml;ber. Wieder und wieder get&auml;uscht,
+l&auml;&szlig;t er endlich sogar sein Ruder eine Weile im Stich &mdash;
+bei Windstille kommt's nicht so genau darauf an, und der
+Mann steht wirklich manchmal Tage lang nur zum Staat
+dabei&nbsp;&mdash;&nbsp;geht an den Heck und schaut, soweit er m&ouml;glicher
+Weise sich kann hin&uuml;berbiegen, nach dem von crystallreinem
+Wasser umspielten Ruder, das sich nach unten zum
+sch&ouml;nsten herrlichsten Dunkelblau schattirt, und beobachtet
+kurze Zeit den deutlich sichtbaren Kiel des Schiffes, denn
+der Hai treibt sich oft tief unter dem Schiff herum, auf
+Beute lauernd, die vom Bord zu ihm herausfallen m&ouml;chte.
+Das schwarzlackirte, von der Sonne ged&ouml;rrte Holz der
+Schanzkleidung, auf die er sich gelehnt, brennt aber zu
+sehr&nbsp;&mdash;&nbsp;er h&auml;lt es nicht lange aus und tritt wieder an
+sein Ruder zur&uuml;ck&nbsp;&mdash;&nbsp;ein frisches Priemchen seine einzige
+Erholung.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Shark-oh</i>!&laquo;<a href="#fn5"><small><sup>5</sup></small></a> ruft da eine Stimme von der Bramraae
+herunter; Einer der Leute hatte etwas an dem oberen
+Tauwerk auszubessern gehabt und sein Arm deutet, w&auml;hrend
+er spricht, den zu ihm rasch Aufschauenden die Richtung
+an, in der sich das Unthier faul und wohlgef&auml;llig
+in der warmen Fluth w&auml;lzt und schaukelt.</p>
+
+<p>Im Nu ist die Lethargie der ganzen Mannschaft abgesch&uuml;ttelt,
+der Koch bringt ein St&uuml;ck gesalzenen Speck
+als Lockspeise f&uuml;r den Raubfisch, der Steuermann kommt
+mit dem wohleinge&ouml;lten und blankgehaltenen Haken, an das
+der Erstere rasch den Speck befestigt&nbsp;&mdash;&nbsp;der Wirbel am
+Haken mu&szlig; sich wohl drehen, denn wie ein Quirl schleudert
+sich das Unthier herum, wenn es sich gefangen f&uuml;hlt &mdash;
+und das Eisen &uuml;ber Bord geworfen, dr&auml;ngt Alles nach
+hinten, die Bewegungen des Fisches, wie er sich n&auml;hert
+oder theilnahmlos an dem f&uuml;r ihn ausgehangenen Gericht
+vorbeitreibt, zu beobachten.</p>
+
+<p>Der Matrose ha&szlig;t nun &uuml;berhaupt einen Hai; es ist
+die&szlig; sein angeborener erbarmungsloser Feind, der mit den
+kaltblitzenden gr&uuml;nen Katzenaugen fortw&auml;hrend nach Beute
+ausschauend, fa&szlig;t, was er eben erreichen kann, und mit
+dieser ewigen Raubgier Schnelle und furchtbare St&auml;rke
+verbindet. Er bei&szlig;t auch weniger, als da&szlig; er das mit
+den Z&auml;hnen erfa&szlig;te f&ouml;rmlich <span class="wide">ausdreht,</span> wenn der Gegenstand
+zu gro&szlig; ist, ihn gleich ganz zu verschlingen, und
+wenn selbst nicht gleich get&ouml;dtet, ist der ungl&uuml;ckliche Seemann,
+dem der Hai erst einmal Arm oder Bein gefa&szlig;t
+hat, auch meist rettungslos verloren. Was Wunder also,
+da&szlig; der Fang eines solchen Ungeth&uuml;ms stets mit Jubel,
+begr&uuml;&szlig;t wird, und selbst sonst ganz gutm&uuml;thige Seeleute
+die sich wenigstens nie dazu verstehn w&uuml;rden, einen Hund
+oder ein anderes Thier muthwillig zu qu&auml;len, mi&szlig;handeln
+mit wahrer Wonne einen gefangenen Hai oder schneiden
+ihm wohl auch gar den Schwanz ab, und werfen ihn
+wieder &uuml;ber Bord, wo er dann bald im Wasser elend umkommen
+mu&szlig;.</p>
+
+<p>Die Seeleute haben Grund ihn zu hassen und thun
+es von ganzer Seele; wunderbar aber war die Wuth, die
+der junge Spanier auf diese Fische hatte; halbe Tage lang
+sa&szlig; er im Mast, nach ihnen auszusp&auml;hen, und war der
+Fang endlich gegl&uuml;ckt, die das Deck peitschende Bestie an
+Bord gezogen und hielten sich die Leute noch scheu zur&uuml;ck,
+von dem schlagenden Schwanz nicht getroffen zu werden,
+sprang er, der Erste hinzu, ihm sein Messer in die Kiemen
+zu sto&szlig;en, da&szlig; er dann, trotz dem w&uuml;thenden Springen
+und Schnappen des gepeinigten Thieres, darin hin und
+her w&uuml;hlte, bis der Fisch, durch Blutverlust und Anstrengung
+ersch&ouml;pft, regungslos liegen blieb. Waren es junge
+Thiere, so wurden sie gew&ouml;hnlich sp&auml;ter gebraten, aber nie
+konnte Don Gaspar, wie wir ihn denn auch von jetzt an
+nennen wollen, bewogen werden, das Fleisch auch nur zu
+kosten&nbsp;&mdash;&nbsp;und einen solchen Widerwillen f&uuml;hlte er dagegen,
+da&szlig; er nicht einmal in der Kaj&uuml;te blieb, so lange es auf
+dem Tische stand.</p>
+
+<p>In dieser Zeit war es, da&szlig; ein ungew&ouml;hnlich gro&szlig;er
+Hai von der Bramraae angerufen wurde und nicht lange,
+so kam das Ungeheuer der Tiefe, ein Bursche von fast
+achtzehn Fu&szlig; L&auml;nge und von ganz au&szlig;ergew&ouml;hnlicher St&auml;rke
+heran, den Haken einzuschnappen, den der Steuermann jetzt
+rasch anfing einzuziehen, da gar keine Hoffnung da war,
+ein solch riesiges Ungeth&uuml;m selbst mit drei solchen Haken
+nur zu halten, viel weniger an Bord zu holen. Kaum aber
+sah der Fisch den wei&szlig;en Speck vor sich hinschie&szlig;en, den
+er jetzt wohl in der Eile f&uuml;r einen fl&uuml;chtigen Fisch halten
+mochte, als er einen Schlag in das Wasser that, mit
+Pfeilschnelle hinter der vermeintlichen Beute herscho&szlig; und
+sie verschlang.</p>
+
+<p>Jetzt begann ein toller wilder Jubel am Bord, der
+aber auch wieder von Lachen und Verw&uuml;nschungen unterbrochen
+wurde, denn wenn der Hai nur im mindesten seine
+Kraft gegen das, was ihn hielt, gewandt h&auml;tte, mu&szlig;te
+Haken oder Tau brechen und rei&szlig;en; der gefangene Fisch
+begn&uuml;gte sich aber, sich herumzuwirbeln und dadurch dem
+Eisen zu entgehen, das ihm anfing, unbequem zu werden
+und mehr und mehr zogen sie ihn indessen dem Heck des
+Schiffes n&auml;her, wo der Capitain schon eine Harpune bereit
+hielt, ihn zu werfen und dadurch vielleicht zu sichern.</p>
+
+<p>Don Gaspar war au&szlig;er sich, er sprang und jubelte,
+kletterte an den Besahnwanten<a href="#fn6"><small><sup>6</sup></small></a> hinauf und wieder hinunter
+und flog nur manchmal mit an das Tau, das die
+ganze Mannschaft fest gepackt hielt, um zu f&uuml;hlen, ob der
+Fisch noch sicher daran sei. Endlich brachten sie ihn gl&uuml;cklich
+in Wurfsn&auml;he der Harpune, der Capitain, ein alter
+Wallfischf&auml;nger, schleuderte das Eisen mit Kraft und Sicherheit
+und die scharfen Widerhaken drangen selbst durch die
+horngleiche Haut des Ungeth&uuml;ms tief in das Fleisch des
+Halses ein. Die n&auml;chsten Minuten hiernach war Nichts
+zu sehn als Schaum, so peitschte das Ungeth&uuml;m die Wogen,
+und der Schwanz stieg manchmal wie der Kopf einer
+riesigen Schlange empor, und schmetterte dann mit furchtbarer
+Kraft in die kochende Wassermasse zur&uuml;ck. Aber das
+Eisen hielt und nur durch die entsetzlichen Anstrengungen
+des zur tollsten Wuth gereizten und vom Schmerz gepeinigten
+Thieres, arbeitete sich die Wunde gr&ouml;&szlig;er und gr&ouml;&szlig;er,
+und als sich das Wasser etwas beruhigte, rief der alte
+Steuermann, sie w&uuml;rden ihn doch noch verlieren, denn so
+bald er noch einmal anfange und h&auml;tte keine Schlinge um
+den Schwanz, m&uuml;sse er sich frei machen.</p>
+
+<p>Der Koch schlug jetzt, um das Tau der Harpune selber
+herum, eine Schlinge, diese auf den Kopf des Haies
+niederfallen zu lassen, und um ihn herum zu bekommen.
+Der gefangene Fisch fing aber aufs Neue an zu schlagen
+&mdash; und wenn auch die Schlinge dabei schon &uuml;ber den Kiemen
+lag, mu&szlig;te sie doch wieder abrutschen, sobald aufgeholt
+wurde.</p>
+
+<p>Don Gaspar zitterte w&auml;hrend der Zeit am ganzen
+K&ouml;rper von innerer Aufregung, er schrie und lachte, wenn
+der Fisch ruhig blieb und der Koch mehr mit der Schlinge
+nach r&uuml;ckw&auml;rts kam, und tobte und w&uuml;thete f&ouml;rmlich, wenn
+das Unthier sich wieder zu befreien drohte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Alle m&ouml;glichen
+Anordnungen gab er dabei und der Koch, so vielen
+Respekt er sonst vor dem Quarterdeck hatte, wurde endlich
+so &auml;rgerlich, da&szlig; er ausrief &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Das Schwatzen soll der Teufel holen, geht hinunter
+und schiebt das Tau &uuml;ber, und die Satansbestie soll bald
+hier oben liegen&nbsp;&mdash;&nbsp;da&nbsp;&mdash;&nbsp;da geht's wieder an&nbsp;&mdash;&nbsp;na, jetzt
+ist die Geschichte vorbei, diesmal haut er sich frei.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar war auf den Rand der Br&uuml;stung gesprungen
+und schaute lautlos aber mit funkelnden, gl&uuml;henden
+Augen in die Tiefe.</p>
+
+<p>&raquo;Nehmen Sie sich in Acht, Herr!&laquo; rief ihm der Steuermann
+zu&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;wenn Sie hinabfallen, kommen Sie in einen
+hei&szlig;en Platz!&laquo;</p>
+
+<p>Der Spanier h&ouml;rte ihn nicht. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Lockert das Tau mit dem Haken, Leute!&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;schrie da
+der Kapitain&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;verdamm es, Ihr zieht zu fest&nbsp;&mdash;&nbsp;die
+Bestie bricht&nbsp;&mdash;&nbsp;da&nbsp;&mdash;&nbsp;da habt Ihr's&nbsp;&mdash;&nbsp;der Haken ist
+ausgerissen&nbsp;&mdash;&nbsp;holla, was ist das&nbsp;&mdash;&nbsp;Don Gaspar &mdash;
+was in des Teufels Namen!&laquo;</p>
+
+<p>Sein Ausruf erstarb in einem Schrei des Erstaunens
+der ganzen Mannschaft, denn ehe Leifeldt, der auf der anderen
+Seite des Schiffes stand, und ebenfalls mit gespannter
+Aufmerksamkeit die furchtbaren Kraftanstrengungen des
+gefangenen und zur grimmigsten Wuth getriebenen Fisches
+beobachtet hatte, es verhindern konnte, fa&szlig;te der junge
+Spanier, den Hut zur&uuml;ck an Deck werfend, das Tau, an
+dem die Harpune befestigt sa&szlig;, und glitt an diesem nieder
+in die jetzt wieder aufkochende, spritzende See, in der sich
+das t&ouml;dtlich getroffene Unthier, nur noch von der Harpune
+allein gehalten, w&auml;lzte. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Halten Sie sich am Tau fest,&nbsp;&mdash;&nbsp;um Gottes Willen
+nicht tiefer!&nbsp;&mdash;&nbsp;er schl&auml;gt Ihnen ein Bein entzwei&nbsp;&mdash;&nbsp;biegen
+Sie sich das Tau unter den Ellbogen!&laquo; Das waren
+die Rufe oder Schreie vielmehr, die von allen Seiten gleichzeitig
+ausbrachen, und Leifeldt selber rief entsetzt den Tollk&uuml;hnen
+bei Namen und beschwor ihn bei allem, was ihm
+heilig sei, zur&uuml;ckzukehren. H&ouml;rte es aber schon nicht mehr,
+in der furchtbaren Erregung des Augenblicks, was um ihn
+her vorging, oder wollte er den Warnungsruf nicht beachten,
+denn ohne auch nur abzuwarten, bis sich das Ungeheuer
+der Tiefe, jetzt dicht unter ihm, in etwas wieder beruhigt
+h&auml;tte, glitt er nieder, und verschwand im n&auml;chsten Augenblick
+fast unter dem aufkochenden Schaum. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nieder mit dem Boot!&laquo; &uuml;bert&ouml;nte des Kapitains ruhige
+Stimme in dem Augenblick den L&auml;rm&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;nach vorn,
+Ihr Leute, nach vorn und hinunter mit dem Boot, so
+rasch Ihr k&ouml;nnt&nbsp;&mdash;&nbsp;halt, Koch, Ihr bleibt hier&nbsp;&mdash;&nbsp;da, macht
+eine andere Schlinge aus dem Bramfall dort&nbsp;&mdash;&nbsp;vielleicht
+k&ouml;nnen wir ihn hier wieder zu halten bekommen&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn
+ihn der Hai nicht mitnimmt,&laquo; und mit einem leise gemurmelten
+Fluch &uuml;ber die kecke Tollheit eines solchen Wagnisses,
+bog er sich wieder hinten &uuml;ber, das Resultat desselben mit
+anzusehen.</p>
+
+<p>Don Gaspar war indessen einer solchen Gefahr keineswegs
+unbef&auml;higt in die Arme gesprungen; so exaltirt er
+sich oben an Deck gezeigt, so ruhig und umsichtig bewies
+er sich hier unten, und w&auml;hrend er f&uuml;r einen Augenblick
+festen Fu&szlig; auf dem Fisch selber zu fassen suchte, lie&szlig; er
+mit der linken Hand das Harpunentau keineswegs los, das
+ihn auch, vorn am Kopf des Haies hielt und vor den
+furchtbaren Schl&auml;gen des Schwanzes sicherte. Trotzdem
+aber, da&szlig; ihm die F&uuml;&szlig;e abglitten auf dem schl&uuml;pfrigen
+Hals, schien er nur das eine Ziel im Auge zu haben, die
+Schlinge zu festigen und unbek&uuml;mmert um jede Folge, lie&szlig;
+er sich vollkommen auf den Hai hinunter, fa&szlig;te das Tau
+und unter dem Kopf der w&uuml;thenden Bestie mit der Hand
+niederfahrend, hatte er die Schlinge schon erreicht, als die
+Harpune ausri&szlig; und diese sich, von oben nat&uuml;rlich gehalten,
+pl&ouml;tzlich anstraffte.</p>
+
+<p>Die M&auml;nner an Bord standen starr vor Schrecken,
+und wu&szlig;ten nicht, ob sie anziehen oder loslassen sollten,
+denn jetzt hatten sie noch das Unthier in ihrer Gewalt,
+glitt es aber aus dem Knoten heraus, so war der tollk&uuml;hne
+Passagier ihm rettungslos anheim gegeben.</p>
+
+<p>Der Hai selber machte diesem peinlichen Moment ein
+Ende&nbsp;&mdash;&nbsp;vorw&auml;rts schie&szlig;end, f&uuml;hlte er sich durch das Tau
+gehemmt, das ihn auch um die Kiemen pre&szlig;te, und w&auml;hrend
+Don Gaspar, durch die rasche Bewegung das Gleichgewicht
+verlierend, ihn mit beiden Armen umschlang, fuhr er zur&uuml;ck,
+wirbelte sich ein paar Mal um sich selbst herum&nbsp;&mdash;&nbsp;und
+war <span class="wide">frei.</span></p>
+
+<p>Der Spanier w&auml;re jetzt verloren gewesen, denn das
+gereizte Thier scho&szlig;, den Druck auf sich noch immer f&uuml;hlend,
+nach vorn, so da&szlig; der kecke J&auml;ger nat&uuml;rlich der gegen ihn
+anpressenden Wassermassen nicht widerstehen konnte, loslassen
+mu&szlig;te. Im Anfang schien es auch, als ob es gegen die
+Gewalt, die <ins title="original has gegen ihm">ihm</ins> geschehen, ank&auml;mpfen wollte, denn
+kaum von dem Gewicht befreit, wandte es sich scharf gegen
+seinen vorherigen Reiter um, ohne diesen aber auch nur im
+mindesten zu schrecken, oder seine Geistesgegenwart zu berauben.
+&mdash; Im Begriff, von dem Ungeth&uuml;m fortzuschwimmen,
+wandte Don Gaspar n&auml;mlich den Kopf nach ihm um, und
+sah kaum die drohende Bewegung, als er ebenfalls Front
+gegen den Hai machte, das einzige zu versuchen, was ihm
+&uuml;brig blieb&nbsp;&mdash;&nbsp;drohend gegen den Ankommenden anzuschlagen,
+und ihn so zur&uuml;ckzuschrecken. Zu seinem Gl&uuml;ck sollte
+er aber nicht zu einem solchen und in der That verzweifelten
+Kampf gezwungen sein, denn den Hai selber verlie&szlig;en
+die Kr&auml;fte. Der Wurf der Harpune war t&ouml;dtlich gewesen,
+und pl&ouml;tzlich, als Alle an Bord auch schon in peinlicher
+Angst und Spannung den ersten Anprall des Thieres gegen
+sein Opfer zu sehn erwarteten, bog der Hai seitw&auml;rts
+ab, und fing an, sich, ohne den Ort zu verlassen, auf dem
+er stand, wenige Minuten f&ouml;rmlich im Kreis herumzudrehen. &mdash;</p>
+
+<p>Zu derselben Zeit war das Boot auch endlich niedergelassen
+und scho&szlig;, von vier Riemen (Ruder) getrieben,
+rasch herbei. Don Gaspar aber, anstatt ihm entgegenzuschwimmen
+und der furchtbaren Gefahr zu entgehen, der
+er bis dahin ausgesetzt gewesen, strich aus und zwar gerade
+der Stelle zu, wo der Hai blutige Kreise in der klaren
+blitzenden Fluth zog. Zwei <ins title="original has Lootenfische">Lootsenfische</ins>, die sich bis jetzt,
+trotz des tollen Kampfes, in der N&auml;he ihres fr&uuml;heren Besch&uuml;tzers
+muthig gehalten, schossen vor und rasch wieder
+zur&uuml;ck, einer Gefahr zu entgehen oder auch, wie man ja
+behaupten will, dem Hai die N&auml;he leicht zu gewinnender
+Beute zu melden; aber dieser f&uuml;hlte und sah nicht mehr,
+was um ihn her vorging&nbsp;&mdash;&nbsp;tiefer und tiefer senkte er sich
+in <ins title="original has seinen">seinem</ins> Ringen, immer langsamer wurde der Flossenschlag,
+und als Don Gaspar, von dem Boot jetzt fast erreicht,
+&uuml;ber der Stelle hielt, und nieder schaute, sah er eben noch,
+wie sich der wei&szlig;e Bauch des <span class="wide">todten</span> Fisches aufdrehte
+und langsam, langsam in blauer Tiefe verschwand.</p>
+
+<p>Gleich darauf fa&szlig;te der Steuermann den Kragen des
+Spaniers und zog ihn mit einem herzlichen &raquo;Ich will verdammt
+sein, wenn mir so ein Mensch schon vorgekommen
+ist,&laquo; in das Boot hinein, rasch dann zum Schiff zur&uuml;ckrudernd,
+als ob er wirklich f&uuml;rchtete, da&szlig; ihm das tollk&uuml;hne
+Menschenkind noch einmal &uuml;ber Bord springen k&ouml;nne.</p>
+
+<p>Don Gaspar war zum Tode ersch&ouml;pft, als er das
+Schiff wieder erreichte, und Leifeldt machte ihm wirklich
+ernstliche Vorw&uuml;rfe, sein Leben in so rasender, un&uuml;berlegter
+Weise, einem Fisch gegen&uuml;ber, auf's Spiel gesetzt zu haben,
+wo ihn wirklich nur ein Wunder erhalten haben mu&szlig;te.
+Don Gaspar versicherte ihm aber so hoch und theuer, da&szlig;
+er, in der Erregung des Augenblicks wirklich gar nicht
+gewu&szlig;t habe, was er thue, und versprach ihm so heilig,
+solche tolle Streiche nicht wieder zu machen, da&szlig; er sich
+endlich beruhigte und der Kapitain mit einer t&uuml;chtigen
+Bowle Grog den Frost des Gebadeten wie den Schreck
+der &Uuml;brigen vergessen machte.</p>
+
+<p>Den Abend schon erhob sich aber eine leichte Brise,
+die w&auml;hrend der Nacht sch&auml;rfer und sch&auml;rfer anwuchs und
+zuletzt in einen t&uuml;chtigen S&uuml;dosten ausartete, mit dem sie
+rasch ihrem Ziele entgegenhielten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch4" id="ch4"></a>4.</h3>
+
+<h3>Ankunft in Valparaiso.&nbsp;&mdash;&nbsp;H&uuml;lfe in der Noth.</h3>
+
+<p>Der &raquo;<span class="wide">Oporto</span>&laquo; erreichte am 42. Tag nach seiner
+Ausfahrt von Buenos-Ayres den Hafen von Valparaiso
+und Leifeldt und Don Gaspar mietheten sich im Hotel
+de Chile ein. Der Letztere hatte aber kaum seine n&ouml;thigen
+Eink&auml;ufe an Kleidern und W&auml;sche besorgt, da er sich bis
+dahin nur mit dem Nothwendigsten begn&uuml;gen mu&szlig;te, das
+Leifeldt noch in der letzten Zeit in Buenos-Ayres f&uuml;r ihn
+eingekauft, als er auch ausging, um, wie er sagte, ein paar
+Verwandte, ein paar Freunde aufzusuchen oder ihnen wenigstens
+nachzuforschen, die sich vor Jahren nach Valparaiso
+gewandt hatten und hier doch vielleicht noch aufzufinden
+waren. Der junge Arzt blieb zur&uuml;ck, die eigene Wohnung
+ein wenig behaglich einzurichten.</p>
+
+<p>An dem n&auml;mlichen Morgen, etwa um elf Uhr, lie&szlig; sich
+ein junger Mann unter dem Namen de Monte Sylva bei
+dem Consul der Argentinischen Republik anmelden, und
+wurde von diesem auf das Zuvorkommenste empfangen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ein Fest f&uuml;r uns hier,&laquo; sagte der Consul nach
+den einleitenden Redensarten und Begr&uuml;&szlig;ungen, mit einer
+freundlichen Verneigung gegen seinen Besuch, &raquo;wenn wir
+Buenos-Ayres-Leute an der Westseite der Cordilleren im
+Winter einmal Nachricht vom Mutterlande bekommen. Der
+Correo<a href="#fn7"><small><sup>7</sup></small></a> wagt sich nur selten &uuml;ber den Schnee, und mu&szlig;
+diese K&uuml;hnheit noch dazu manchmal theuer genug b&uuml;&szlig;en,
+und Schiffe von dorther sind auch in dieser letzten Zeit
+ziemlich selten gewesen; Buenos-Ayres bietet wenig oder
+gar Nichts, was wir von dort hieher f&uuml;hren k&ouml;nnten, die
+Passage nach dem Norden ist auch schwach, und all die
+Wallfischf&auml;nger die wir vom Atlantischen Meer her&uuml;berkriegen,
+denken nat&uuml;rlich gar nicht daran, Zeit und Schiff
+zu wagen, besonders in dieser Jahreszeit in den von Sandb&auml;nken
+und Pamperos so sehr gef&auml;hrdeten La Plata einzulaufen.
+Bringen Sie uns Neuigkeiten von Buenos-Ayres?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gar Nichts von Bedeutung&laquo; erwiderte Don Gaspar
+de Monte Silva achselzuckend.&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;<ins title="original has Sr.">Se.</ins> Excellenz f&uuml;hrt
+den trostlosen Krieg gegen Monte-Video fort, nur, wie es
+scheint, die Einwohner jener Districkte in Bewegung zu
+halten,&nbsp;&mdash;&nbsp;Engl&auml;nder und Franzosen protestiren fortw&auml;hrend,
+und die Sache bleibt eben beim Alten. Man sprach allerdings
+in Buenos-Ayres von einem erhofften Friedensabschlu&szlig;,
+so viel ich aber habe erfahren k&ouml;nnen, scheint mir
+die Sache noch in weitem Felde.&nbsp;&mdash;&nbsp;Haben Sie viele Bewohner
+von Buenos-Ayres hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein&nbsp;&mdash;&nbsp;und doch ja, sie sind hie und da ziemlich
+durch die ganze Stadt zerstreut, aber wenn nicht auf der
+B&ouml;rse, bekommen wir einander wenig genug zu sehen. &mdash;
+Haben Sie Bekannte hier?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr wenige,&nbsp;&mdash;&nbsp;lebt noch ein Kaufmann Don
+Rodriguez hier, der vor etwa drei Jahren her&uuml;ber zog?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; erwiederte der Konsul, nach einigem Besinnen
+&mdash; &raquo;wenn ich nicht irre, ist derselbe, aber schon vor l&auml;ngerer
+Zeit, nach Lima gegangen&nbsp;&mdash;&nbsp;er soll dort in eine
+andere Gesch&auml;ftsverbindung getreten sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor kurzer Zeit ist ja wohl auch, im Auftrag der
+F&ouml;deration ein Se&ntilde;or&nbsp;&mdash;&nbsp;Se&ntilde;or&nbsp;&mdash;&nbsp;wie war doch gleich
+sein Name?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Don Luis de Gomez?&laquo; sagte der Konsul, &raquo;nicht
+wahr, Sie meinen Don Luis,&nbsp;&mdash;&nbsp;fehlt Ihnen etwas, Se&ntilde;or?&laquo;
+unterbrach er sich pl&ouml;tzlich selbst und sprang auf, denn das
+Antlitz des jungen Mannes &uuml;berflog Leichenbl&auml;sse.</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf Sie wohl um ein Glas Wasser bitten, Se&ntilde;or,&laquo;
+sagte Don Gaspar, rasch aufstehend und zum Fenster tretend,
+&raquo;es ist das eine Art Herzbeklemmung bei mir, der
+ich allerdings manchmal unterworfen bin, die aber auch so
+rasch vor&uuml;ber geht, wie sie gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Ihnen nicht lieber ein Glas Wein gef&auml;llig?&laquo;
+bat der Argentiner, eine Caraffe und ein Glas von einem
+Ecktisch nehmend und rasch einschenkend, &raquo;es wird Ihnen
+weit besser bekommen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Don Gaspar leerte das ihm gebotene Glas mit einer
+dankenden Verbeugung auf einen Zug, und sagte dann
+l&auml;chelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist schon vor&uuml;ber&nbsp;&mdash;&nbsp;der rasche Wechsel von
+See- und Landluft bringt bei mir sehr h&auml;ufig solche Wirkung
+hervor, die sich sogar schon einige Mal bis zur Ohnmacht
+gesteigert hat, ohne jedoch auch nur die geringsten
+Nachwehen zu hinterlassen&nbsp;&mdash;&nbsp;aber von was sprachen wir
+doch? &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es jetzt wahrhaftig selber nicht mehr,&laquo;
+lachte der Konsul, &raquo;doch ja&nbsp;&mdash;&nbsp;von unseren Landsleuten
+&mdash; von Don Luis de Gomez&nbsp;&mdash;&nbsp;kennen Sie ihn?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nur oberfl&auml;chlich,&laquo; erwiederte Don Gaspar gleichg&uuml;ltig,
+aber die Hand, mit der er seine Stuhllehne gefa&szlig;t
+hielt, wurde todtenwei&szlig;. &raquo;Er soll hierher gegangen
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; erwiederte der Konsul, &raquo;wenn auch nicht
+f&uuml;r den Augenblick &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So ist er gegenw&auml;rtig nicht in Valparaiso?&laquo; &mdash;
+frug Don Gaspar rascher und lebendiger als vorher.</p>
+
+<p>&raquo;Nein&nbsp;&mdash;&nbsp;w&uuml;nschten Sie ihn zu sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das gerade nicht&nbsp;&mdash;&nbsp;aber ich glaubte nur &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist nach Lima gegangen,&laquo; sagte der Konsul, &raquo;aber
+ich erwarte ihn fast mit jedem Schiff zur&uuml;ck, das von dort
+her kommt. Es war gar nicht seine Absicht, so lange
+dortzubleiben, aber wenn ich nicht irre, war ihm seine
+Frau dort erkrankt, was seine Abreise verz&ouml;gerte. Sein
+letzter Brief meldet ihn &uuml;brigens bestimmt auf Mitte dieses
+Monats an.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar war ans Fenster gesprungen, nach einem
+rasch vorbei galoppirenden Reiter zu sehen&nbsp;&mdash;&nbsp;er fa&szlig;te die
+Fensterbr&uuml;stung, sich gewaltsam zu sammeln. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr, die Namen der ankommenden Passagiere
+werden in den Zeitungen ver&ouml;ffentlicht?&laquo; frug er nach einer
+kleinen Weile, indem er seinen Hut ergriff, sich wieder
+zu empfehlen.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; erwiederte der Konsul, &raquo;wenn auch nicht
+gerade so ungemein p&uuml;nktlich, denn oft werden Namen
+ausgelassen, noch &ouml;fter falsch gedruckt&nbsp;&mdash;&nbsp;aber wenn es
+Sie interessiren sollte &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen herzlich,&laquo; unterbrach ihn jedoch
+der junge Mann rasch; &raquo;es ist eigentlich bei mir nur Neugierde,
+oder vielleicht doch ein etwas edleres Gef&uuml;hl, das
+n&auml;mlich, sich in einer fremden Stadt, fern von der eigenen
+Heimath, nach solchen zu sehnen, die einst in einem, jetzt
+leider fern gelegenen Land dieselbe Luft mit uns geathmet
+haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So wiederholen Sie dann wenigstens bald Ihren
+Besuch,&laquo; sagte der Konsul, ihm freundlich die Hand reichend,
+&raquo;Sie werden mir immer willkommen sein, das sch&ouml;ne
+Wetter jetzt bringt uns auch vielleicht den Correo &uuml;ber
+die Gebirge, und dann bekommen wir frische Nachrichten
+von der &raquo;Hauptstadt&laquo;.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar dankte ihm herzlich, aber es war fast,
+als ob ihn eine merkw&uuml;rdige Unruhe erfa&szlig;t habe, er suchte
+augenscheinlich rasch ins Freie zu kommen und hatte kaum
+die Th&uuml;re hinter sich ins Schlo&szlig; gedr&uuml;ckt, als er auch die
+Stra&szlig;e schnell hinunterschritt und um die erste Ecke rechts
+dem Wasser zu niederbiegend, den Weg hinaus, der zu
+dem Leuchtthurm f&uuml;hrte, und von wo man die See weit
+&uuml;berschauen konnte, mehr lief als ging. Der Konsul blieb
+aber, als jener die Stube schon verlassen, noch eine ganze
+Weile im Zimmer stehen, und sah nachdenklich vor sich
+nieder, endlich aber, den Kopf sch&uuml;ttelnd und aus seiner
+Tasche eine silberne Dose nehmend, setzte er sich l&auml;chelnd
+nieder an seinen Schreibtisch, und murmelte nur leise vor
+sich hin:</p>
+
+<p>&raquo;Ein wunderlicher Kauz!&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar nahm sich nicht einmal Zeit Athem zu
+sch&ouml;pfen, bis er die H&ouml;he erreicht hatte, auf welcher der
+Leuchtthurm stand, und von wo aus man die weite See
+nach Norden, Westen und S&uuml;den trefflich &uuml;berschauen
+konnte. Hie und da waren einzelne Segel&nbsp;&mdash;&nbsp;gl&auml;nzend
+wei&szlig;e Punkte auf dem dunkelblauen Grunde&nbsp;&mdash;&nbsp;am Horizont
+sichtbar; eine Brigg arbeitete sich aus dem Hafen heraus
+und suchte das Weite, und ein kleiner Schuner kam
+mit gebl&auml;hter Leinwand von Westen her&uuml;ber, wahrscheinlich
+von den Inseln Cocosnu&szlig;&ouml;l und Perlmutterschalen
+gegen Kattune, Messer, Beile und Glaskorallen umzutauschen.</p>
+
+<p>Der junge Spanier blieb wohl eine Stunde lang
+auf diesem, Nachmittags von der sch&ouml;nen Welt Valparaisos
+so gern besuchten Ort, dann aber, als ob dem ersten
+Dr&auml;ngen seines Herzens, das ihn hier hinauf trieb, nach
+nahenden Segeln auszusp&auml;hen, Gen&uuml;ge geleistet w&auml;re,
+stieg er langsam die n&auml;chste Quebrada oder Schlucht nach
+der Stadt zu wieder nieder. Durch die Calle San Francisco
+die Marktstra&szlig;e erreichend, wollte er dieser aufw&auml;rts
+folgen, als er angerufen wurde und Leifeldt erkannte,
+der, ebenfalls in der Stadt ohne besonderen Zweck herumschlendernd,
+ihn bat, mit ihm die Almendral<a href="#fn8"><small><sup>8</sup></small></a> nieder zu
+gehen, an deren unterem Ende ein erst k&uuml;rzlich hier angekommener
+englischer Arzt wohnen solle, den er zu sprechen
+w&uuml;nschte.</p>
+
+<p>Die Hauptstra&szlig;e der Stadt zieht sich hier dicht unter
+dem felsigen Fu&szlig; eines H&uuml;gels hin, auf dessen Kuppe der
+katholische Gottesacker Valparaisos, Stadt und Hafen
+weit &uuml;berschauend, liegt, und so schmal f&uuml;r die Passage
+dem Berge abgewonnen ist, da&szlig; dem Strand gegen&uuml;ber
+nicht einmal eine Reihe H&auml;user oder H&uuml;tten gebaut werden
+konnte, sondern der nackte Fels den schmalen Fahrweg
+schroff und scharf begrenzte.</p>
+
+<p>Es war indessen schon weit im Tag vorger&uuml;ckt und
+Mittag l&auml;ngst vor&uuml;ber; die Stra&szlig;e hier belebte sich auch
+mehr und mehr; viele Reiter, mit ihrem wunderlichen chilenischen
+Reitzeug, den kolossalen h&ouml;lzernen Steigb&uuml;geln, riesigen
+Sporen und hochaufgepolsterten Sattel, von blauen und
+gr&uuml;nen Panchos umflattert, trabten daher, denn der Galopp
+ist in der Stadt verboten, zweisp&auml;nnige offene Droschken
+oder Fiakre, das eine Pferd in der Gabel gehend,
+das andere am festgeschn&uuml;rten Gurt befestigt, rasselten
+vor&uuml;ber, und eine Menge Fu&szlig;g&auml;nger schlenderten langsam
+meist alle dem Leuchtthurm-Plateau zu, dort einen Blick
+&uuml;ber die See zu haben, auch wohl kleine Picknicks zu
+arrangiren und mit der Abendk&uuml;hle ihren H&auml;usern wieder
+zuzuwandern.</p>
+
+<p>Die beiden Freunde schritten langsam das Trottoir
+nieder, die verschiedenen Gruppen beobachtend, die ihnen
+begegneten, und so finster und selbst niedergeschlagen Don
+Gaspar im Anfang gewesen war, als ihn Leifeldt zuerst
+traf, so schien der d&uuml;stere Sinn in dem lebendigen Treiben,
+das sie hier umgab, bald wie eine Sommerwolke an der
+Sonne vor&uuml;ber von seiner Stirn zu fliehen.</p>
+
+<p>Leifeldt hatte diesen raschen Wechsel seines Temperaments
+&uuml;brigens schon so h&auml;ufig Gelegenheit gehabt zu
+beobachten, und selbst Don Gaspar, darauf aufmerksam
+gemacht, gestand das ein, behauptete aber auch, der Aufenthalt
+in seinem fr&uuml;heren Gef&auml;ngnisse trage dabei viele,
+wenn nicht die einzige Schuld; es &uuml;berkomme ihn noch
+manchmal ein wildes, be&auml;ngstigendes Gef&uuml;hl, das er nicht
+abzusch&uuml;tteln verm&ouml;ge, wie mit einem Centnergewicht l&auml;ge
+es dann auf ihm, und er k&ouml;nne kaum athmen unter der
+Last. Wie ein kr&auml;ftiger Windsto&szlig; aber die d&uuml;steren Schranken
+der Gebirge mit <span class="wide">einem</span> kr&auml;ftigen Zuge aus den
+Schluchten dr&auml;ngt, und &uuml;ber die Ebene weht, so sei ein
+Sonnenblick, ein freundliches Gesicht, das fr&ouml;hliche Lachen
+eines Menschen oft im Stande, all diese d&uuml;stere Schwermuth
+zu zerstreuen, und Tage lang f&uuml;hle er sich dann so
+wohl, als ob er wieder einmal von einer recht schweren
+Krankheit genesen w&auml;re.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie gef&auml;llt Ihnen die sch&ouml;ne Welt in Valparaiso,
+Gaspar?&laquo; frug Leifeldt den jungen Mann, als
+gerade ein ganzer Zug von Damen lachend und scherzend
+an ihnen vor&uuml;ber schritt.</p>
+
+<p>&raquo;Gut!&laquo; sagte der junge Mann freundlich, &raquo;es sind
+liebe, gutm&uuml;thige Gesichter darunter, und das rege Feuer,
+das all unseren s&uuml;dlichen St&auml;mmen eigen ist, verleiht ihnen
+noch einen weit besonderen Reiz.&nbsp;&mdash;&nbsp;Ich wei&szlig; nicht, ich
+habe mich nie viel mit den kalten Nordl&auml;nderinnen befreunden
+k&ouml;nnen; sie sind sch&ouml;n und tugendhaft, ich zweifle
+nicht daran, aber mir scheint es fast, als ob ihnen ein
+Herz fehle, ihren Augen Leben, ihren Lippen Farbe zu
+geben, und mir selber ist es, einer der nordischen Sch&ouml;nheiten
+gegen&uuml;ber, fast stets zu Muthe, als ob ich vor
+einer wundervollen Statue stehe, die mein Auge fesselt,
+mein Herz aber kalt l&auml;&szlig;t, wie der Marmor selber, aus
+der sie besteht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das aber d&uuml;rfen Sie nicht von <span class="wide">Allen</span> sagen,&laquo; lachte
+Leifeldt, &raquo;sehen Sie z. B. das reizende Wesen, das uns
+hier gerade mit dem kleinen Knaben, vielleicht einem
+Bruder, entgegenkommt&nbsp;&mdash;&nbsp;das m&uuml;ssen Engl&auml;nderinnen
+sein, aber ich habe wahrlich nie im Leben ein sch&ouml;neres
+M&auml;dchen gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar folgte mit seinen Augen der ihm von
+Leifeldt angegebenen Richtung und sah ein wirklich reizendes
+junges M&auml;dchen die Stra&szlig;e herauf und ihnen entgegenkommen.
+Sie hatte eine alte, wie es schien kr&auml;nkliche
+Dame, die sie sorgsam leitete, am Arme, und ein kleiner,
+vielleicht dreij&auml;hriger Knabe lief vor ihnen her.</p>
+
+<p>&raquo;Sieh, Jenny, liebe H&uuml;ndchen da dr&uuml;ben,&laquo; sagte der
+Kleine pl&ouml;tzlich in seinem noch halbgebrochenen Dialekt zu
+der Jungfrau, und zeigte mit dem einen dicken Patschchen
+nach der Stra&szlig;e hin&uuml;ber, auf der ein schwarzes Wachtelh&uuml;ndchen
+nach einem eben landenden Boot laut <ins title="original has hinunterklaffte">hinunterkl&auml;ffte</ins>
+und sprang, und mit dem Schwanze wedelte &mdash;
+&raquo;das hol ich mir.&laquo;</p>
+
+<p>Die Freunde waren indessen bis dicht vor die beiden
+Damen gekommen, und als sie, ihnen Raum machend,
+vor&uuml;ber schritten, sagte Jenny, wie sie von dem kleinen
+Burschen angeredet worden, ermahnend:</p>
+
+<p>&raquo;La&szlig; das H&uuml;ndchen, Bill, es k&ouml;nnte Dich bei&szlig;en &mdash;
+und Du darfst auch nicht allein auf den Fahrweg gehen
+&mdash; komm her zu mir.&laquo;</p>
+
+<p>Es ist unbestimmt, ob Bill die Warnung h&ouml;rte, oder
+nicht, aber darauf achten that er keineswegs, denn das
+H&uuml;ndchen war gar zu lieb und herzig, und Bill mochte
+das Langsamgehen hinter der alten, kranken Gro&szlig;mutter her
+auch schon herzlich satt bekommen haben; so unter den
+H&auml;nden fort, mit den kleinen unbeh&uuml;lflichen Beinchen lief
+er hinaus, den lebhaften schwarzen Burschen da vorn zu
+sich heran zu holen.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Guardar se&nbsp;&mdash;&nbsp;guardar se!</i>&laquo;<a href="#fn9"><small><sup>9</sup></small></a> schrie es in dem
+Augenblick die Stra&szlig;e nieder und lautes Wagengerassel
+wurde h&ouml;rbar.</p>
+
+<p>&raquo;Bill!&laquo; rief die Stimme des jungen M&auml;dchens in
+Todesangst, als sich dieses umschaute, und das Kind auf
+der Stra&szlig;e sah, ohne im Stande zu sein die Mutter loszulassen,
+&raquo;Bill, <i>for God's sake</i>.&laquo;<a href="#fn10"><small><sup>10</sup></small></a></p>
+
+<p>Leifeldt und Don Gaspar waren bei dem Schreckensruf
+rasch stehen geblieben, und der letztere machte sich von
+Leifeldts Arme los, die Stra&szlig;e freier &uuml;berschauen zu k&ouml;nnen.
+Aber sie brauchten nicht lange auf die Ursache des
+Tumultes zu warten, denn fast in dem n&auml;mlichen Augenblick
+donnerte auch schon eine der gew&ouml;hnlichen Droschken,
+von den rasend gewordenen Pferden in vollem Carrière
+mit fortgerissen, die Stra&szlig;e hinauf und Leifeldt erkannte
+mit Entsetzen, wie der n&auml;chste Moment hier an dem engsten
+Pa&szlig; des ganzen Weges, das Kind unter den Hufen
+der wild aushauenden Renner zerschmettern m&uuml;sse. Ehe
+auch nur Jemand im Stande gewesen w&auml;re, hinauszuspringen,
+das Kind der Gefahr zu entrei&szlig;en, brausten die
+w&uuml;thenden Thiere heran, und ein allgemeiner Schrei des
+Entsetzens rang sich schon aus der Brust der zitternden
+Zuschauer, die wirklich ganz die eigene Gefahr in dem
+gewi&szlig; vorauszusehenden Untergang des Kindes verga&szlig;en,
+als sich Don Gaspar, ohne Laut, ohne Ruf, die Gefahr
+nicht kennend, der er sich aussetzte, oder sie total
+verachtend, von dem Trottoir hin&uuml;ber und schr&auml;g an gegen
+den Kopf des Sattelpferdes warf, da&szlig; dieses im Ansprung
+hoch auffuhr und nach ihm niederhieb. Hatte aber das andere
+Pferd den ausgestreckten linken Arm des Anspringenden
+gesehen, oder f&uuml;hlte es den pl&ouml;tzlichen Druck des gegengeworfenen
+Gewichts, aber es fuhr rechts hin&uuml;ber, und w&auml;hrend
+Don Gaspar den Z&uuml;gel des Thieres in der Aufregung
+des Moments viel zu fest ergriffen hatte, so rasch
+wieder loslassen zu k&ouml;nnen, rissen ihn die w&uuml;thenden Thiere
+mit &uuml;ber die niedere h&ouml;lzerne Barrière hin&uuml;ber, die vor ihrem
+Anprall zusammenbrach, der Wagen schmetterte und br&ouml;ckelte
+hinterdrein, und w&auml;hrend das w&uuml;thende Gespann &uuml;ber
+die rauhen, hier aufgeworfenen Steinmassen setzte, und
+vergebens versuchte, das zwischen den Steinen h&auml;ngenbleibende
+Vordertheil des zerst&uuml;ckelten Wagens rasch genug
+herumzubringen, dem jetzt so unverhofft vor ihnen ausdehnenden
+Wasser zu entgehen, in das sie gleich darauf
+mehr hinein st&uuml;rzten, als sprangen, sank auch Don Gaspar,
+blutend und ohnm&auml;chtig auf dem Damme nieder, &mdash;
+aber das Kind war gerettet.</p>
+
+<p>So rasch war aber das Ganze, hier eben Beschriebene
+geschehen, so pl&ouml;tzlich hatte das Einspringen des jungen
+Mannes die Tod drohenden Thiere zur Seite geworfen,
+da&szlig; die Gefahr schon l&auml;ngst vor&uuml;ber war, als noch die
+Zuschauer starr und &auml;ngstlich nach dem jetzt selbst erschreckten
+Kind hin&uuml;ber schauten, und erst als Leifeldt zusprang,
+den Knaben aufgriff und seiner jungen Sch&uuml;tzerin brachte,
+erst als diese, neben der Mutter auf die Knie fiel, und
+den geretteten Liebling mit einem hei&szlig;en Dankgebet an das
+Herz schlo&szlig;, da erst war es, als ob sich der Zauber l&ouml;se,
+der wie ein entsetzlicher Bann auf der Menge gelegen,
+und ein f&ouml;rmlicher Jubelschrei dankte der k&uuml;hnen That.</p>
+
+<p>W&auml;hrend einzelne der M&auml;nner jetzt hin&uuml;ber sprangen,
+den Verwundeten aufzuheben, zu dem sich Leifeldt ebenfalls
+wenden wollte, wurde er durch einen Ausruf der
+Angst, von der Jungfrau Lippen aufgehalten, und hatte
+eben noch Zeit zuzuspringen, und mit dieser die alte Dame
+aufzufangen und vor schwerem Fall zu bewahren, die, starr
+vor Schreck, als sie die Gefahr des Enkels bemerkte, jetzt,
+als die furchtbare Erregung des ersten Augenblicks vor&uuml;ber
+war, bewu&szlig;tlos zusammenbrach.</p>
+
+<p>Der junge Arzt hob die Ohnm&auml;chtige leicht auf seinen
+Arm, stand aber einen Augenblick wirklich unschl&uuml;ssig da,
+denn wie konnte er den Freund hier, blutend und ohnm&auml;chtig
+zur&uuml;cklassen, und was indessen mit der alten Dame
+anfangen? &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Dort hinauf!&laquo; fl&uuml;sterte da die leise, bittende Stimme
+des M&auml;dchens, &raquo;nur wenige H&auml;user von hier entfernt
+wohnen wir, und Ihr Freund, unser Schutzengel, kann
+dort Pflege und Beistand finden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank,&laquo; sagte Leifeldt wirklich aus tiefstem
+Herzen, und den Peons<a href="#fn11"><small><sup>11</sup></small></a>, die den Ohnm&auml;chtigen aufgehoben
+hatten und &uuml;ber die Stra&szlig;e trugen, zurufend, ihm
+rasch damit zu folgen, eilte er, so schnell es seine Last erlaubte,
+dem bezeichneten und gar nicht fernen Hause zu.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch5" id="ch5"></a>5.</h3>
+
+<h3>Die Englische Familie.</h3>
+
+<p>W&auml;hrend der junge Arzt nun die alte Dame rasch
+die Treppe hinauftrug und die n&ouml;thigsten Anordnungen traf,
+sie wieder ins Leben zur&uuml;ckzurufen, wurde der Verwundete
+unten im Haus, in ein kleines, freundliches St&uuml;bchen gelegt,
+und die Ohnm&auml;chtige jetzt der Sorgfalt der Tochter
+und einiger Dienstleute &uuml;berlassend, eilte er wieder hinunter
+zu dem Freund, nach dessen Wunden zu sehen.</p>
+
+<p>Diese waren jedoch nicht im mindesten gef&auml;hrlich; nur
+ein Schlag des Pferdes wahrscheinlich, hatte ihn am Kopf
+getroffen und bet&auml;ubt, und einzelne andere, aber ebenfalls
+unbedeutende Quetschungen r&uuml;hrten jedenfalls von dem
+letzten Sturz auf die rauhen scharfkantigen Sandsteine des
+Strandes her. Schon nach den einfachsten Belebungsversuchen
+schlug auch Don Gaspar die Augen wieder auf,
+und schien nur im Anfang erstaunt und &uuml;berrascht, ja fast
+best&uuml;rzt von seiner Umgebung. Erst schlo&szlig; er die Augen
+wieder, dann aber, sich rasch emporrichtend, warf er den
+Blick scheu und forschend im Zimmer umher, und lie&szlig; ihn
+endlich mit einem wilden, fast unheimlichen Ausdruck auf
+dem Fenster haften, das, nach der gew&ouml;hnlichen Art der
+spanischen Wohnungen, mit starken Eisengittern versehen
+war, den Bewohnern der Parterrelokale in der hei&szlig;en Jahreszeit
+besonders zu erlauben, auch die Nacht &uuml;ber ihre
+Fenster offen zu halten, ohne einen Einbruch f&uuml;rchten zu
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist dies f&uuml;r ein Haus?&nbsp;&mdash;&nbsp;was f&uuml;r ein Zimmer?&laquo;
+rief er endlich, und pre&szlig;te seine H&auml;nde gegen die
+Schl&auml;fe,&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;bin ich denn nicht?&nbsp;&mdash;&nbsp;Stierna, Sie hier? &mdash;
+wie ist mir denn, waren denn nicht die Pferde mit uns
+durchgegangen, und jetzt&nbsp;&mdash;&nbsp;hier wieder?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Wo Sie sind?&laquo; lachte aber Leifeldt, der des holden
+Kindes gedachte, das er eben an der Mutter Bett verlassen
+&mdash; &raquo;in der Wohnung eines Engels und aufgehoben
+wie in Abrahams Schoo&szlig;&nbsp;&mdash;&nbsp;aber das nehmen Sie mir
+nicht &uuml;bel, Gaspar,&laquo; setzte er dann etwas ernster und mit
+freundlichem Vorwurf hinzu, &raquo;Sie gehen mit Ihrem Leben
+ungef&auml;hr gerade so um, als ob Sie jeden Monat ein anderes
+bekommen k&ouml;nnten, und dieses schon drei Tage &uuml;ber
+die Zeit getragen h&auml;tten. Wenn nicht Gottes Hand an
+diesem Nachmittag auf Ihnen lag, so mu&szlig;ten die w&uuml;thenden
+Pferde heute ausf&uuml;hren, wozu sich der Hai neulich
+nicht mehr hergeben wollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Pferde&nbsp;&mdash;&nbsp;ja, ja&nbsp;&mdash;&nbsp;Sie haben recht&nbsp;&mdash;&nbsp;Pferde
+waren es gewesen und ein junges M&auml;dchen glaub' ich &mdash;
+oder ein Kind&nbsp;&mdash;&nbsp;Pest noch einmal, mich schmerzt die Stirn
+&mdash; ich fange jetzt an, mich auf die ganze Geschichte zu
+besinnen&nbsp;&mdash;&nbsp;und ist das Kind gerettet?&nbsp;&mdash;&nbsp;aber nehmen
+Sie mir doch den Verband wieder ab&nbsp;&mdash;&nbsp;ich kann doch
+nicht mit dem Tuch um den Kopf &uuml;ber die Stra&szlig;e gehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das sollen Sie auch nicht,&laquo; erwiederte Leifeldt,
+&raquo;das Kind ist allerdings gerettet, denn Ihr toller Sprung
+war wie der Arm eines Engels, der den herzigen Knaben
+vom sicheren Abgrund fortri&szlig;, aber jetzt m&uuml;ssen Sie sich
+ebenfalls ein wenig schonen, wenigstens eine Zeit lang Ruhe
+g&ouml;nnen, so bleiben Sie deshalb nur ruhig auf dem Bette
+liegen, es l&auml;&szlig;t sich hier aushalten, und ich will indessen
+wieder einmal hinaufgehen und nach der alten Dame sehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist noch Jemand besch&auml;digt worden?&laquo; frug Don
+Gaspar rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte Leifeldt, &raquo;nur ohnm&auml;chtig vom Schreck
+und der Aufregung&nbsp;&mdash;&nbsp;aber schlafen Sie selber ein wenig,
+es kann Ihnen nur gut thun, und in einem kleinen
+St&uuml;ndchen komme ich herein und wecke Sie. F&uuml;hlen Sie
+sich dann stark genug, so k&ouml;nnen wir den Damen oben
+guten Abend sagen, und gehen dann zusammen zu Hause
+&mdash; sie werden es sicherlich nicht erwarten k&ouml;nnen, dem
+Retter des Kindes selber zu danken. Ruhig&nbsp;&mdash;&nbsp;keine Einrede,&laquo;
+sagte er l&auml;chelnd, als er sah, da&szlig; Gaspar dagegen
+protestiren wollte, &raquo;ich bin jetzt Ihr Arzt und Sie m&uuml;ssen
+mir gehorchen, also folgen Sie brav, und ich hoffe, da&szlig;
+ich Sie morgen wieder in bester Ordnung auf Ihren F&uuml;&szlig;en
+habe.&laquo;</p>
+
+<p>Er nickte Don Gaspar noch freundlich zu und eilte,
+ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, rasch die
+Treppe hinauf, nach seinem andern Patienten zu sehen &mdash;
+und das s&uuml;&szlig;e Gift jener seelenvollen blauen Augen einzusaugen,
+die ihn schon jetzt, nach kaum einer ersten, fl&uuml;chtigen
+Bekanntschaft ahnen lie&szlig;en, welche Seligkeit, aber
+auch welch tiefes bitteres Weh das arme Menschenherz
+f&auml;hig sei in sich aufzunehmen&nbsp;&mdash;&nbsp;je nachdem nun gerade
+die W&uuml;rfel fielen, die das Loos uns armer Sterblichen
+bestimmen.</p>
+
+<p>Don Gaspar warf sich indessen auf sein Lager zur&uuml;ck,
+aber es lie&szlig; ihm dort nicht lange Ruhe, und wie von
+irgend einem peinlichen Gedanken gequ&auml;lt, stand er auf,
+zog sich an, und ging mit raschen Schritten in dem zwar
+etwas niedrigen, aber unendlich freundlichen Gemach auf
+und ab. Mehrmals versuchte er es, sich wieder niederzusetzen,
+aber ein fl&uuml;chtig aufgeschlagener Blick trieb ihn wieder
+empor, und nach und nach ward es fast, als ob ihm das
+Zimmer hier zu enge werde, und die Brust nicht mehr
+athmen k&ouml;nne in dem eingepre&szlig;ten Raum.</p>
+
+<p>Das Gitter beunruhigte ihn.</p>
+
+<p>Er sprang wieder auf und schritt, die Augen mit der
+Hand bedeckt, in dem Gemach auf und ab, wie ein gefangener
+Panther den K&auml;fig mi&szlig;t, der ihn h&auml;lt; aber lange
+vermochte er nicht gegen die&szlig; Gef&uuml;hl anzuk&auml;mpfen. Er
+ging nach der Th&uuml;r und dr&uuml;ckte vorsichtig auf das Schlo&szlig;,
+als ob er f&uuml;rchte, da&szlig; es verschlossen sein k&ouml;nne, und ein
+Ausdruck von wilder Freude zuckte blitzschnell durch seine
+Z&uuml;ge, als das Schlo&szlig; dem leisen Drucke nachgab. Einen
+Augenblick horchte er hinaus auf den Gang&nbsp;&mdash;&nbsp;es lie&szlig; sich
+Niemand h&ouml;ren&nbsp;&mdash;&nbsp;die Leute waren alle oben besch&auml;ftigt,
+theils die n&ouml;thige H&uuml;lfe zu leisten, theils herauszubekommen
+aus der &raquo;Herrschaft,&laquo; wie denn die ganze Sache eigentlich
+gelaufen, damit sie auch den Zusammenhang der
+Geschichte f&auml;nden&nbsp;&mdash;&nbsp;dann griff er seinen Hut vom Tisch
+auf, schlich hinaus und verlie&szlig; das Haus, als ob er ein
+Verbrechen begangen und nicht durch eine k&uuml;hne That eine
+ganze Familie gl&uuml;cklich gemacht h&auml;tte, die gerade in diesem
+lieben Kind fast die einzige Freude fand, und durch den
+Verlust desselben, besonders in solch furchtbarer Art, entsetzlich
+elend geworden w&auml;re.</p>
+
+<p>Als Leifeldt schon nach Dunkelwerden das Zimmer
+wieder betrat, den Schlummernden, den er nicht hatte fr&uuml;her
+st&ouml;ren wollen, zu wecken und seinen neugewonnenen Freunden
+vorzustellen, fand er zu seinem Erstaunen den Vogel
+ausgeflogen und das Nest kalt.</p>
+
+<p>Wenn er nun auch dies wunderliche Betragen nicht
+begriff, entschuldigte er doch oben den Freund, und versprach,
+ihn morgen fr&uuml;h, wenn er sich von dem kleinen Unfall vollkommen
+erholt haben werde, mitzubringen. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Aber weshalb war er nicht wenigstens einen Augenblick
+zu ihnen herauf gekommen?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;selbst die alte Dame
+frug nach ihm und w&uuml;nschte ihn kennen zu lernen. Sie
+hatte sich vollkommen wieder erholt, hielt den Knaben auf
+ihrem Knie, und weinte und lachte, wenn sie an die furchtbare
+Gefahr dachte, der er, auf fast wunderbare Weise so
+gl&uuml;cklich entgangen.</p>
+
+<p>Jedenfalls mochte er sich genirt haben, in dem Aufzug,
+mit durch den Sturz vielleicht zerrissenen Kleidern, mit
+verbundenem Kopf, sich ihnen zu zeigen&nbsp;&mdash;&nbsp;aber war das
+recht?&nbsp;&mdash;&nbsp;hatten sie nicht gerade das erste Anrecht ihn so
+zu sehen, und hie&szlig; das nicht die Bescheidenheit zu weit
+getrieben?</p>
+
+<p>Leifeldt, der von den guten Menschen schon fast wie
+zum Hause selber geh&ouml;rend, behandelt wurde, versprach ihn
+gleich n&auml;chsten Morgen einzuliefern, damit er Abbitte thun
+k&ouml;nne, verabschiedete sich dann aber auch selber, nach dem
+Freund, der jedenfalls zu Hause gegangen war, zu sehen,
+ob er vielleicht noch irgend etwas heute Abend bed&uuml;rfe.</p>
+
+<p>Leifeldt wurde &uuml;brigens keineswegs angenehm &uuml;berrascht,
+als er in sein Hotel zur&uuml;ckkehrte, und den Freund,
+vollkommen wider Erwarten, <span class="wide">nicht</span> vorfand. Niemand
+hatte etwas von ihm gesehen&nbsp;&mdash;&nbsp;Niemand wu&szlig;te von ihm,
+und vergebens durchlief er, bis sp&auml;t in die Nacht, alle
+Stra&szlig;en, die jener m&ouml;glicher Weise ber&uuml;hrt haben k&ouml;nnte,
+von den W&auml;chtern vielleicht hie oder da etwas zu erfahren,
+das ihn wenigstens auf die Spur f&uuml;hren konnte&nbsp;&mdash;&nbsp;er
+blieb verschwunden&nbsp;&mdash;&nbsp;und selbst der n&auml;chste Morgen, der
+n&auml;chste Abend brachte den so r&auml;thselhaft Entwichenen nicht
+wieder zur&uuml;ck. Was in aller Welt konnte ihn bewogen
+haben, sich gerade heute, und in so wunderlicher Weise zu
+entfernen und war er nicht doch vielleicht etwa, von der
+Aufregung der letzten Stunden betr&uuml;bt, irgend wo zusammengebrochen? &mdash;</p>
+
+<p>Die Familie Newland, der Name der Frauen, denen
+die beiden Freunde am vorigen Tag so wesentliche Dienste
+geleistet, f&uuml;hlten sich besonders ge&auml;ngstigt durch dies Verschwinden
+eines Mannes, dem sie so gern ihre Dankbarkeit
+bezeugt h&auml;tten, und Mr. Newland, ein Greis von
+einigen siebzig Jahren, lie&szlig; es sich nicht nehmen, selber
+auf die Polizei zu gehen, und dort die genauesten Nachforschungen
+nach dem Fremden anzustellen. Nichts destoweniger
+blieben alle derartige Versuche erfolglos, und eine
+volle Woche war schon vergangen, ohne auch nur eine
+Spur von Don Gaspar gebracht zu haben.</p>
+
+<p>Leifeldt war indessen ein t&auml;glicher Besucher der Newland'schen
+Familie geworden und dachte, von diesen selbst
+dazu aufgemuntert, ernstlich daran, seinen bleibenden Wohnsitz
+in Valparaiso zu nehmen. Leifeldt war ein vorz&uuml;glicher
+Kinderarzt, und da ihn sein gutes Gl&uuml;ck selbst in diesen
+ersten Tagen zwei sehr schwierige und gef&auml;hrliche F&auml;lle
+unter die H&auml;nde brachte, denen er sich nat&uuml;rlich mit Aufopferung
+all seiner Zeit und Kr&auml;fte hingab und die Kleinen
+auch, trotzdem da&szlig; sie von dem spanischen Arzte schon
+aufgegeben worden, dem Leben erhielt, schien der auf so
+eigenth&uuml;mliche Weise eingef&uuml;hrte &raquo;deutsche Doctor&laquo; einen
+f&ouml;rmlichen Ruf zu bekommen.</p>
+
+<p>Gegen das Ende der Woche erkrankte aber auch der
+kleine Bill, ein sonst kr&auml;ftiger und derber Junge, und trotz
+jeder angewandten Vorsicht, artete das erst leichte Unwohlsein
+bald in so ein b&ouml;sartiges hitziges Fieber aus, da&szlig; es
+selbst Grund zu den schlimmsten Bef&uuml;rchtungen gab.</p>
+
+<p>Leifeldt verlie&szlig; jetzt fast das Haus nicht mehr; Morgens
+nur besuchte er die wenigen Kranken, die sich ihm
+schon in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes anvertraut
+hatten und wachte dann selbst die N&auml;chte an dem Bett
+des armen kleinen Burschen, der in Fieberphantasien lag
+und die H&auml;ndchen oft, wie H&uuml;lfe flehend, nach ihm ausstreckte.
+Jenny leistete ihm hier fast ununterbrochen Gesellschaft,
+selbst die halben N&auml;chte wachte sie, mit einer alten
+Dienerin gemeinsam, neben dem Bett des Lieblings und
+ach, welch' gl&uuml;ckliche Zeit war das f&uuml;r den jungen Arzt,
+dem die Stunden da wie Minuten entflogen und dem hier,
+von der gemeinsamen Sorge f&uuml;r das arme kleine Wesen
+beg&uuml;nstigt, mehr Gelegenheit ward, das gute Herz und
+tiefe Gem&uuml;th der Jungfrau zu ergr&uuml;nden, als er durch
+Jahre lange einfache Bekanntschaft gewonnen haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Bill war der Sohn ihres Bruders, eines Offiziers
+der chilenischen Marine, die Mutter des Knaben aber, eine
+junge Chilenerin, bald nach der Geburt des Kindes gestorben,
+das so, allein der Sorge des jungen M&auml;dchens
+&uuml;bergeben und von diesem aufgezogen, auch mit unendlicher
+Z&auml;rtlichkeit von ihm geliebt wurde. Der Vater des Kleinen
+war weit in See und zu der Liebe f&uuml;r das Kind selber
+steigerte sich jetzt die Angst, dem theuren Bruder, bei dessen
+R&uuml;ckkehr den Knaben nicht wieder, wie fr&uuml;her, entgegenf&uuml;hren
+zu k&ouml;nnen, und in dem einen, seligen Moment Belohnung,
+o so reichliche Belohnung f&uuml;r all diese Aufopferung
+und Liebe zu finden.</p>
+
+<p>In den ersten Tagen schien sie in der That nur von
+dem einen entsetzlichen Gef&uuml;hl der Angst f&uuml;r das Leben
+des Kindes fast bet&auml;ubt, als aber die Krisis gl&uuml;cklich &uuml;berstanden,
+und der Kleine ihr in dem kurzen Raum weniger
+Wochen gewisserma&szlig;en zum zweiten Mal wiedergeschenkt
+war, da kannte ihr Gl&uuml;ck auch keine Grenzen, und Leifeldt
+las in den treublauen, Freude und Seligkeit strahlenden
+Augen auch die s&uuml;&szlig;e Hoffnung seines eigenen Lebens.</p>
+
+<p>Was f&uuml;r frohe, lustige Pl&auml;ne das arme Menschenherz
+doch aufbaut in solch sch&ouml;ner Zeit; wie sich die Schl&ouml;sser
+da blitzesschnell aus dem Boden heben und freundlich lachende
+Gefilde das Gl&uuml;ck zur&uuml;ckstrahlen, das unsere eigenen
+gl&uuml;cklichen Tr&auml;ume ihm erst verliehen. Wo sind all die
+dunklen Schatten, die noch vor so wenigen Monden unser
+ganzes Leben umnachten wollten, wo die giftigen Schwaden
+der Sorge und des Leids, die sich auf die Bl&uuml;then unserer
+Jugend legten und ihre Keime zu ersticken drohten? &mdash;
+eine einzige Sonnenwolke hat sie&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht verscheucht, denn
+der n&auml;chste Augenblick kann sie finsterer, vernichtender emporheben
+als je vorher&nbsp;&mdash;&nbsp;nur mit ihrem lichten, goldenen
+Schimmer &uuml;berhaucht und w&auml;hrend unser schwaches Auge,
+das in eine Ewigkeit blicken will, und nicht einmal im
+Stande ist, den d&uuml;nnen Glanz dieses Schimmers zu
+durchschauen, entz&uuml;ckt und selig an dem bunten Farbenschmelz
+h&auml;ngt und den gl&uuml;henden Tinten mit seinen eigenen Bildern
+Leben giebt, zerst&ouml;rt ein Windhauch oft den ganzen
+tr&uuml;gerischen Bau, und das Herz m&ouml;chte mit seinen Schl&ouml;ssern
+zusammenbrechen und sterben, so weh ist ihm nachher.</p>
+
+<p>Zehn Tage nach dem ersten Ausbruch der Krankheit
+des Kindes, war jede Gefahr beseitigt, ja es bedurfte nur
+noch geringer Pflege, den kleinen, aber sonst kr&auml;ftigen K&ouml;rper
+vollkommen wieder herzustellen. So waren denn die Wachen
+am Bett des leidenden Knaben nat&uuml;rlich eingestellt,
+aber nichts destoweniger fand sich Leifeldt noch fast an jedem
+Abend, wie fr&uuml;her, ein, und im Gespr&auml;ch mit den
+wackeren alten Leuten, die nur von einer kleinen Pension
+schlicht und einfach, mehr ihren Kindern und dem kleinen
+Enkel zu leben schienen, der Jungfrau gegen&uuml;ber, die dann
+an ihrer Arbeit sa&szlig; und wie ein frohes Kind mit ihnen
+lachte und scherzte, oder auch gar ernst und sittsam die
+Theemaschine &uuml;berwachte, die auf dem reinlich gedeckten
+Tisch brodelte, oder den Eltern das Brod r&ouml;stete zu dem
+frugalen Nachtmahl, vergingen ihm jene Abende wie im
+Flug, und er mu&szlig;te sich wahrlich oft fragen, ob er das
+Gl&uuml;ck, welches ihm jetzt das ganze Herz f&uuml;llte, nicht etwa
+nur tr&auml;ume, und ob das in der That Wirklichkeit sei,
+welches ihm die Erde schon in diesem Leben zum Himmel
+mache. O wie lieb, wie heilig sie aussah in diesem gesch&auml;ftigen
+Stillleben z&uuml;chtiger H&auml;uslichkeit, und das Herz
+wollte ihm manchmal ordentlich verzagen, wenn er nur der
+M&ouml;glichkeit dachte, ein solches Wesen einst sein zu nennen.</p>
+
+<p>Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen
+Mann; sie war vom ersten Augenblick an, als er sich
+der Mutter so annahm, so ungezwungen freundlich gewesen,
+als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt, und hier
+nicht fremd, im fremden Lande einander zuf&auml;llig nur getroffen
+h&auml;tten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich
+der junge Fremde ihr als ein wirklich treuer Freund bew&auml;hrt,
+hatte ihr Betragen gegen ihn weit mehr Herzlichkeit
+gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Th&uuml;r entgegen,
+und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm,
+und freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt,
+die ihnen ja auch die Hoffnung lie&szlig;en, da&szlig; er in Valparaiso
+bleiben und ihnen nicht wieder so bald genommen
+w&uuml;rde. Er war ein wirklicher Freund der Familie geworden.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch6" id="ch6"></a>6.</h3>
+
+<h3>Don Gaspar.</h3>
+
+<p>Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen
+geschehen sein?&nbsp;&mdash;&nbsp;Umsonst waren bis dahin
+Leifeldt's s&auml;mmtliche Anstrengungen gewesen, auch nur seine
+Spur zu finden;&nbsp;&mdash;&nbsp;wie von der Erde fort, blieb ihnen
+schon fast nichts &uuml;brig, als zu glauben, die gierige Fluth,
+die auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert,
+habe ihn verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin
+viel auf sein &uuml;berhaupt etwas excentrisches Wesen gebaut
+und immer noch gehofft hatte, pl&ouml;tzlich einmal aus
+irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen
+und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb
+er ihn, den Freund, so rasch und heimlich verlassen habe,
+fing an, diese Hoffnung aufzugeben und an den Tod des
+ungl&uuml;cklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages
+von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht
+erhielt, den er hier in Valparaiso hatte kennen lernen.
+Dieser versicherte ihn, es lebe dort ein junger Spanier,
+der seiner Beschreibung fast vollst&auml;ndig entspr&auml;che, still und
+zur&uuml;ckgezogen in einem ganz abgelegenen Theile der Stadt
+und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich augenblicklich
+auf die Post, die zwischen Valparaiso und der
+Hauptstadt Chile's l&auml;uft, suchte und fand die bezeichnete
+Gegend, das ihm genau beschriebene Haus und lag, wenige
+Minuten sp&auml;ter in den Armen des Wiedergefundenen,
+der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung machte,
+als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die
+Brust des Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen
+wolle vor innerem Schmerz und Weh.</p>
+
+<p>Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder
+mit ihm nach Valparaiso zur&uuml;ckzukehren, jede Ausflucht suchte
+er vor, die ihn dabei entschuldigen konnte, und war doch
+auch nicht zu bewegen, einen wirklichen Grund anzugeben.
+Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu gro&szlig;en Zartgef&uuml;hl
+des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht hier in
+seinen Erwartungen, Geld zu erheben, get&auml;uscht sah, und
+nun ihm, der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben,
+die kleine noch &uuml;brige Summe unverk&uuml;mmert lassen wollte.
+Froh in dem Gef&uuml;hl, ihn hier&uuml;ber wenigstens beruhigen
+zu k&ouml;nnen, versicherte er dem Freund, wie er, ganz wider
+Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes
+sich schon ein f&ouml;rmliches kleines Capital verdient
+habe, und nicht allein einer sorgenfreien, sondern auch
+frohen Zukunft entgegenzugehen hoffe&nbsp;&mdash;&nbsp;Gaspar werde
+dem <span class="wide">Freund</span> nicht versagen, das mit ihm zu theilen,
+bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe.</p>
+
+<p>Don Gaspar mu&szlig;te zuletzt wohl oder &uuml;bel nachgeben,
+aber so herzlich er dem treuen Freunde dankte, so froh er
+sich selber zu zeigen suchte, war es doch augenscheinlich,
+da&szlig; noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm lasten mu&szlig;te,
+den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem eigenen
+inneren Herzen barg.</p>
+
+<p>Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen
+Sachen zusammen zu packen und mit ihm, noch an
+dem n&auml;mlichen Abend nach Valparaiso zur&uuml;ck, aufzubrechen;
+er that es endlich, und Leifeldt verga&szlig; dann bald in seinem
+eigenen Gl&uuml;ck die gefurchte Stirn des Freundes, dem
+er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage, seit
+dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufh&ouml;ren konnte,
+die Liebensw&uuml;rdigkeit der kleinen Familie zu r&uuml;hmen, in
+die ihn sein gutes Gl&uuml;ck gef&uuml;hrt, oder in die er eigentlich
+besser durch Don Gaspars tollen Sprung f&ouml;rmlich hineingeworfen
+worden.</p>
+
+<p>Don Gaspar h&ouml;rte ihm dabei l&auml;chelnd zu und strich
+sich wohl manchmal, wenn jener immer wieder auf seine
+frohen Hoffnungen und Aussichten zur&uuml;ckkam, leicht aufseufzend,
+mit der flachen Hand &uuml;ber die Stirn. Erst als
+sie am anderen Tag die letzten H&uuml;gel erreichten, die nach
+der Stadt hinunterf&uuml;hrten, und wieder in Sicht des
+Meeres kamen, war es auch fast, als ob ein neuer Geist
+in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich hoch in
+dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen
+schneeigen Segeln deutend, die hie und da von
+dem dunklen Hintergrund des Meeres her&uuml;berblitzten, rief
+er aus:</p>
+
+<p>&raquo;Das Meer!&nbsp;&mdash;&nbsp;das weite fr&ouml;hliche Meer&nbsp;&mdash;&nbsp;sieh
+wie es da liegt und wogt und brandet und sich einw&uuml;hlt
+in seine eigenen Arme.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wie ein Becher sch&auml;umenden
+Weines breitet sich's aus&nbsp;&mdash;&nbsp;und oh, wer doch, eine
+Perle in seinem Grunde l&auml;ge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn,&laquo; lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor
+sich ausgebreitet, die Alles in sich barg, was ihm lieb
+und theuer auf dieser Welt war, in aufsprudelnder Lust &mdash;
+&raquo;wie eine Perle?&nbsp;&mdash;&nbsp;sag lieber wie eine todte Fliege, wenn
+Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst &mdash;
+eine Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder
+ausgeschieden wird. Nein, fort mit den traurigen Gedanken
+&mdash; sieh, Dein Auge hat sich schon ordentlich belebt,
+und Du f&auml;ngst an, wieder wie ein vern&uuml;nftiger Mensch
+auszusehn. Jetzt wei&szlig; ich auch, was Dir bis dahin in
+den Knochen gelegen&nbsp;&mdash;&nbsp;die engen H&uuml;gel waren es, die
+Dich umschlossen, die schwere Luft, die in das schmale
+Thal herniederpre&szlig;te&nbsp;&mdash;&nbsp;hier ist der Himmel frei, hier
+dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns
+aus, und das Herz wird weit und athmet voll, und es
+ist ordentlich, als ob das Blut in unseren Adern fl&uuml;ssiger,
+lebendiger geworden w&auml;re. Ich m&ouml;chte nicht mehr im inneren
+Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet,
+und ich kann mir wahrlich nicht denken, da&szlig; man sich wieder
+da wohl f&uuml;hlen k&ouml;nne, wo man schon einmal den vollen
+Genu&szlig; eines solchen Anblicks, wie wir ihn jetzt feiern,
+kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich gefunden hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago z&ouml;ge?&laquo;
+sagte Don Gaspar, l&auml;chelnd zu ihm aufschauend, &raquo;wie
+w&auml;r es dann mit der See?&laquo;</p>
+
+<p>Leifeldt scho&szlig; das Blut wie mit einem pl&ouml;tzlichen
+Strahl in die Schl&auml;fe, und er erwiederte, aber mit etwas
+gezwungener Gleichg&uuml;ltigkeit. &raquo;Unsinn, Gaspar&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn
+mir das M&auml;dchen wirklich nicht gleichg&uuml;ltig w&auml;re, wie
+d&uuml;rfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben,
+wo ich eben erst angefangen habe, festen Fu&szlig; zu fassen.
+Valparaiso ist ein theurer Ort, und wer hier eine Familie
+haben und sie anst&auml;ndig durchbringen will, darf eben nicht
+nur ein junger Arzt und Anf&auml;nger sein&nbsp;&mdash;&nbsp;und in sp&auml;teren
+Jahren&nbsp;&mdash;&nbsp;lieber Gott, wir wissen nicht, was die
+n&auml;chste Stunde bringt, w&auml;r' es nicht Thorheit, wollten
+wir uns Pl&auml;ne auf lange Jahre hinaus machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und vielleicht helf ich Dir doch,&laquo; sagte freundlich
+Don Gaspar, ihm die Hand hin&uuml;ber reichend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;hier
+in Valparaiso bin ich allerdings nicht im Stande gewesen,
+Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte,
+aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben,
+und kann schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht
+mehr der arme Don Gaspar sein werde, wegen dem der
+Freund Existenz und Brod verl&auml;&szlig;t, ja seine Freiheit und
+sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, Unsinn,&laquo; lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte
+aber seine Hand ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden,
+nur gewaltsam eine innere Aufregung bek&auml;mpfend, ins
+Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester Stimme fort:</p>
+
+<p>&raquo;Es k&ouml;nnte sein, Federigo, da&szlig; ich&nbsp;&mdash;&nbsp;wir sind Alle
+Menschen und wissen nicht, wann uns Gott abruft &mdash;
+da&szlig; ich pl&ouml;tzlich sterben k&ouml;nnte&nbsp;&mdash;&nbsp;ich habe deshalb den
+erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich m&ouml;chte Dich
+bitten&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Gaspar!&laquo; rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich
+beunruhigt, &raquo;was zum Henker giebst Du Dich pl&ouml;tzlich
+so tr&uuml;ben Gedanken hin.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wir sind allerdings sterblich,
+und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein rasches,
+gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst
+aber nicht f&uuml;rchten, da&szlig; Dich das Schicksal einem schnellen
+Tode bestimmt habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm
+Gelegenheit genug gegeben, in solchem Fall zuzulangen. Aber
+allerdings m&ouml;chte ich nicht f&uuml;r Dich einstehn, wenn Du
+so fortf&auml;hrst, Dein Leben wirklich zum Fenster hinauszuwerfen
+&mdash; einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch,
+wenn ich nur an die beiden F&auml;lle zur&uuml;ckdenke, wie Du
+auf den Hai hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden
+Pferden entgegenwarfst, so wei&szlig; ich wahrlich jetzt
+selber nicht, wie es &uuml;berhaupt m&ouml;glich war, nicht einer
+Gefahr&nbsp;&mdash;&nbsp;denn das kann man schon nicht einmal mehr
+Gefahr nennen&nbsp;&mdash;&nbsp;sondern dem wirklichen Tode so durch
+ein Wunder zwei mal zu entgehen. Die G&ouml;tter droben
+k&ouml;nnen Dich also jedenfalls noch nicht gebrauchen, und
+Du magst v&ouml;llig ruhig und unbek&uuml;mmert in die Zukunft
+blicken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es ist merkw&uuml;rdig,&laquo; sagte Don Gaspar kopfsch&uuml;ttelnd,
+&raquo;ich kann mich auf die Einzelheiten der beiden
+F&auml;lle gar nicht mehr besinnen&nbsp;&mdash;&nbsp;aber sieh da,&laquo; unterbrach
+er sich pl&ouml;tzlich, als der Wagen, von den raschen
+Pferden wie im Fluge dahin gef&uuml;hrt, die &auml;u&szlig;erste Grenze
+der Vorstadt ber&uuml;hrte&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;wir sind an Ort und Stelle, wie
+es scheint, und die Pferde wittern den Stall.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wetter
+noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;Leifeldt
+machte pl&ouml;tzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen
+wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem
+Wagen selber her&uuml;berzusehen, auf den Trottoirs der Stra&szlig;e
+hin, Don Gaspar ergriff aber seinen Arm und sagte
+lachend:</p>
+
+<p>&raquo;Halt, Se&ntilde;or&nbsp;&mdash;&nbsp;machst Du <span class="wide">mir</span> Vorw&uuml;rfe, da&szlig; ich
+mein Leben th&ouml;richter Weise auf's Spiel setze und willst
+gleich hinterher Deine eigenen Gliedma&szlig;en in Gefahr
+bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen
+Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon
+auf eine weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen,
+und jetzt vorw&auml;rts Kutscher, vorw&auml;rts, was z&uuml;gelst Du
+die Pferde ein, wir sind noch lange nicht am Ziel!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Se&ntilde;or,&laquo;
+erwiederte aber dieser&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Polizei will's nicht haben.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ja so, die Polizei will's nicht haben,&laquo; sagte Don
+Gaspar pl&ouml;tzlich ganz ruhig, und w&auml;hrend sich Leifeldt
+so weit er konnte aus dem Wagen bog, den Damen nachzuschauen,
+lehnte sich der junge Spanier in die Ecke zur&uuml;ck,
+und schaute still vor sich nieder.</p>
+
+<p>Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unn&uuml;tzen
+Fragen zu begegnen, das anscheinende Verschwinden des
+Freundes einem von diesem abgesandten, aber verloren
+gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche
+vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der
+Familie die fr&ouml;hliche Nachricht von dem Wiederauffinden
+und Zur&uuml;ckkehren des Freundes zu bringen, um diesen
+dann, wie ihn auch die alten Leute dringend baten, heute
+Abend noch dort einf&uuml;hren zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie
+ihn Leifeldt noch nie gesehen&nbsp;&mdash;&nbsp;er schien sich selber auf
+den Besuch zu freuen, kleidete sich mit besonderer Sorgfalt
+und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht gethan,
+genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie;
+ihrem Alter, ihren Besch&auml;ftigungen, selbst ihrem &Auml;u&szlig;eren,
+und Leifeldt wurde nicht m&uuml;de, ihm zu erz&auml;hlen.</p>
+
+<p>Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so
+herzlich, als ob er ein eigener Sohn der alten Leute gewesen
+w&auml;re; der Greis nur machte ihm Vorw&uuml;rfe, da&szlig; er
+sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand
+ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer R&uuml;hrung
+tief bewegter Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Mir und uns Allen hier gewi&szlig; zum Heil, hat Sie
+Gott Beide an diese entlegene K&uuml;ste gef&uuml;hrt, denn Ihnen
+Beiden danken wir das liebe Kind hier, das&nbsp;&mdash;&nbsp;ich darf
+den Gedanken gar nicht ausdenken&nbsp;&mdash;&nbsp;auf wie furchtbare
+Weise ohne Sie h&auml;tte umkommen oder an langwieriger
+Krankheit vielleicht dahin siechen m&uuml;ssen. Betrachten Sie
+sich aber auch Beide deshalb wie mit zur Familie geh&ouml;rig
+und mehr noch wird Ihnen mein Sohn f&uuml;r diesen, besonders
+ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn
+mit Gottes H&uuml;lfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den
+n&auml;chsten Tagen wieder hier einlaufen zu sehn.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber
+Jenny, Kind, was stehst Du da in der Ecke, hast unserem
+lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt,
+und Dich doch so darauf gefreut, ihn begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen.
+Es ist wahr, Don Gaspar, Sie haben uns das Vergn&uuml;gen
+recht, recht lang entzogen, und Sie werden <span class="wide">sehr</span> oft
+kommen m&uuml;ssen, nur einen Theil davon wieder gut machen
+zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu
+begr&uuml;&szlig;en, und Jenny trat in diesem Augenblick auf ihn
+zu, reichte ihm, wie einem alten Freund, die Hand und
+sagte herzlich:</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen
+im Mai, und es hat uns nur Allen so leid gethan, Ihnen
+das nicht fr&uuml;her sagen zu k&ouml;nnen&nbsp;&mdash;&nbsp;doch es war Ihre
+eigene Schuld&nbsp;&mdash;&nbsp;kommen Sie jetzt nur recht oft, und
+Sie werden sich wohl bei uns f&uuml;hlen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber hier, Bill&laquo; &mdash;
+wandte sie sich dann pl&ouml;tzlich zu dem kleinen Burschen,
+der sch&uuml;chtern hinter ihr stand und an ihrem Kleide zupfte &raquo;hier,
+Bill, das ist der Gentleman, der Bill damals gerettet
+hat, als <i>little boy</i> so sehr unartig war und auf die
+Stra&szlig;e hinaus lief, da&szlig; <i>grandmama</i> krank wurde und
+nicht mehr gehen konnte&nbsp;&mdash;&nbsp;wei&szlig;t Du das noch&nbsp;&mdash;&nbsp;und
+giebst Du ihm kein H&auml;ndchen?&laquo;</p>
+
+<p>Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm
+Jenny drei- oder viermal herunter bog, immer unverdrossen
+wieder in das rosige M&uuml;ndchen schiebend, kam
+langsam, das K&ouml;pfchen niedergedr&uuml;ckt und nur sch&uuml;chtern
+zu dem Fremden hinaufschielend, n&auml;her, und reichte ihm
+versch&auml;mt das rechte H&auml;ndchen hin.</p>
+
+<p>Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick
+auf den jungen Spanier machte, und Leifeldt l&auml;chelte mit
+einer Art freudigen Stolz sogar, als er sah, wie sich der
+Freund dem holden lieblichen Kinde gegen&uuml;ber f&ouml;rmlich
+befangen f&uuml;hlte.</p>
+
+<p>Don Gaspar stand in der That im ersten Moment
+da, als ob er eine Erscheinung gesehen, und nur wie bewu&szlig;tlos
+ergriff er die dargebotene Hand in seinen beiden
+H&auml;nden, und hielt sie sogar noch fest geschlossen, als Jenny
+sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben
+zuzuf&uuml;hren. Erst dann, als er f&uuml;hlte, da&szlig; sich ihm die
+Jungfrau zu entziehen suchte, lie&szlig; er sie erschrocken frei,
+und das Kind aufnehmend, das ihn im Augenblick vertraut,
+mit den gro&szlig;en hellblauen Augen freundlich anlachte,
+und in seinem krau&szlig;en Bart spielte, k&uuml;&szlig;te er den
+Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen
+braven kleinen Burschen, der nicht wieder auf die Stra&szlig;e
+hinauslaufen und seiner guten Gro&szlig;mutter und Schwester
+Schmerz bereiten w&uuml;rde.</p>
+
+<p>An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer
+Mensch geworden; es schien ordentlich, als ob die sonst
+manchmal eisige Rinde seines Herzens aufthaue in der
+Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es
+Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und
+Gem&uuml;th fanden dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen
+von dem lieblichen Feuer des sch&ouml;nen M&auml;dchens, verga&szlig;
+er bald seine ganze Umgebung, und lie&szlig; sich mehr und
+mehr hinrei&szlig;en in bunter und gl&uuml;hender werdenden Schilderungen
+und Bildern. Die Pyren&auml;en und Felsengebirge,
+der Amazonenstrom wie der Ganges waren, so jung er
+noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten gewesen &mdash;
+auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen,
+hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach
+Spanien zur&uuml;ckgekehrt, fand der th&auml;tige Geist keine Nahrung
+f&uuml;r sein Streben, seine Pl&auml;ne, und der Krieg der
+Argentinischen Republik mit Monte-Video, schon die Schilderung
+jener wilden Reiter der Pampas lie&szlig; ihm bald
+daheim den Boden unter den F&uuml;&szlig;en brennen. Noch ein
+J&uuml;ngling fast, hatte er schon die Thaten und Erfahrungen
+eines Menschenalters auf sein Haupt gesammelt, und er
+konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen.</p>
+
+<p>&raquo;Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue
+wilde Treiben mit eigenen Augen zu schauen&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;fuhr er
+endlich in der Schilderung seines eigenen Lebens, in die
+er wie unbewu&szlig;t hinein gerathen war, und der Alle, besonders
+Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort
+&mdash; &raquo;zog mich die Sehnsucht her&uuml;ber, einen Bruder hier
+zu finden&nbsp;&mdash;&nbsp;einen <span class="wide">Zwillings</span>bruder, den ich seit meinem
+zw&ouml;lften Jahre nicht gesehen und an dem mein Herz mit
+all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie hing, die
+das Herz zweier solcher Wesen bis zum&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; ja vielleicht
+noch <span class="wide">nach</span> dem Tode umschlingt. Leider wu&szlig;te ich nur,
+da&szlig; er seinen letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber
+gehabt, und konnte keine n&auml;here Adresse von ihm bekommen,
+dort angelangt, blieben auch eine Zeit lang alle
+meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und w&auml;hrend
+Einzelne den Namen wollten in Monte-Video geh&ouml;rt haben,
+behaupteten Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten
+nach Mendoza, der fernen Grenzstadt der
+Republik gesandt worden. Nach allen diesen Orten schickte
+ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, da&szlig; einer von ihnen
+den Bruder doch erreichen und ihm meine N&auml;he melden
+m&ouml;ge&nbsp;&mdash;&nbsp;und&nbsp;&mdash;&nbsp;hahaha&nbsp;&mdash;&nbsp;es ist eigentlich zu komisch,
+wenn man bedenkt, wie das Schicksal die Leute manchmal
+zusammenw&uuml;rfelt, und welch entsetzliche f&uuml;rchterliche Folgen
+aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief &mdash;
+einem <span class="wide">Wort</span> entstehen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach,
+aber die Todtenbl&auml;sse, die jetzt seine Z&uuml;ge bedeckte, der
+starre, kalte Blick, die zitternden Lippen straften sein Lachen
+gar furchtbar L&uuml;gen. Er hatte auch, wie es schien, ganz
+seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze
+Weile in den H&auml;nden bergend, pre&szlig;ten sich einzelne klare
+perlende Tropfen zwischen den fast m&auml;dchenhaft zarten
+Fingern durch.</p>
+
+<p>Die kleine Gesellschaft sa&szlig; inde&szlig; in schmerzlicher, fast
+peinlicher Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst
+ihm hatte der Freund bis dahin hartn&auml;ckig die fr&uuml;here
+Geschichte seines Lebens verschlossen gehalten, empfand
+eine unnennbare, ihm selbst unerkl&auml;rliche Angst, die Schicksale
+des Ungl&uuml;cklichen zu h&ouml;ren, die wirklich furchtbarer
+Art sein mu&szlig;ten, wenn nur die Erinnerung daran das
+sonst so eiserne, unerschrockene Herz des Mannes in solcher
+Art zu ersch&uuml;ttern vermochte. Keiner wagte ihn inde&szlig; zu
+st&ouml;ren, und selbst Bill schmiegte sich, die gro&szlig;en, blauen
+Augen &auml;ngstlich und best&uuml;rzt auf den fremden Mann geheftet,
+an das Knie der Tante, und sein kleines Herz
+schlug schneller in dem Mitgef&uuml;hl um die fallenden Thr&auml;nen.</p>
+
+<p>Endlich, wohl nach f&uuml;nf Minuten, in denen nur das
+monotone <ins title="original has Picken">Ticken</ins> der gro&szlig;en Wanduhr die fast feierliche
+Stille unterbrochen, fuhr der Erz&auml;hler, die H&auml;nde langsam
+senkend und stier dabei vor sich nieder sehend, mit
+leiserer Stimme, die aber in der Erz&auml;hlung selber bald
+wieder zu der fr&uuml;hern Lebendigkeit anwuchs, fort:</p>
+
+<p>&raquo;Drei Monate sp&auml;ter erhielt ich endlich Antwort auf
+eines meiner Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin
+der nach Mendoza von mir gesandte Brief bef&ouml;rdert
+worden war.&nbsp;&mdash;&nbsp;Felipe hatte in einem Jubel an mich geschrieben,
+da&szlig; wir uns endlich wieder sehen sollten. Er
+war gl&uuml;cklich&nbsp;&mdash;&nbsp;in Cordova war ihm Alles geworden,
+was das Herz nur an diese Erde zu fesseln vermag: ein
+treues Weib, ein liebes Kind, und nicht Worte konnte er
+finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er lebe.
+Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was
+ihm lieb und theuer war, den Bruder nach so langen
+Jahren der Trennung wieder an sein Herz zu dr&uuml;cken,
+und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er in
+Buenos-Ayres eintreffen w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&mdash; Auch ich hatte indessen,&laquo; fuhr Don Gaspar nach
+einer l&auml;ngeren Pause, in der er seine innere Bewegung
+gewaltsam niederk&auml;mpfte, fort: &raquo;ein Wesen gefunden, dessen
+Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum Gl&uuml;cklichsten der
+Sterblichen machen mu&szlig;te.&nbsp;&mdash;&nbsp;Der Tag des Wiedersehns
+mit meinem Bruder sollte auch am Altar <span class="wide">ihre</span> Hand in
+die meine legen&nbsp;&mdash;&nbsp;der Tag kam&nbsp;&mdash;&nbsp;aber wie sollte er
+enden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause
+meiner k&uuml;nftigen Schwiegereltern einen Cavallero aus- und
+eingehen sehen, dessen Betragen gegen meine Braut mir
+nicht gefiel&nbsp;&mdash;&nbsp;mich selber behandelte er dabei ganz mit
+dem Eigend&uuml;nkel der s&uuml;damerikanischen Raçe dem spanischen
+Blut gegen&uuml;ber, und nur die Gegenwart meiner
+Schwiegereltern hatte schon zweimal verhindert, da&szlig; es
+zu harten Worten und vielleicht h&auml;rteren Thaten zwischen
+uns gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an,
+und mancherlei Gesch&auml;fte, die mich an dem Tag auf der
+Stra&szlig;e hielten, Eink&auml;ufe und Besorgungen, veranla&szlig;ten
+mich, in eine Pulperia<a href="#fn12"><small><sup>12</sup></small></a> zu treten, und ein Glas Wein
+zu trinken&nbsp;&mdash;&nbsp;ich wollte eine Erfrischung finden&nbsp;&mdash;&nbsp;und
+fand den Tod.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der Pulperia stand, ohne da&szlig; ich ihn anfangs
+bemerkte, ich h&auml;tte ihn sonst an <span class="wide">diesem</span> Tage vermieden,
+jener Argentiner im eifrigen Gespr&auml;ch mit einem anderen
+&mdash; einem anerkannt schlechten Subjekt, das als Werkzeug
+schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein.
+Was der Inhalt ihres Gespr&auml;chs gewesen, wei&szlig; ich nicht,
+soviel ist gewi&szlig;, ich hatte kaum Platz an einem der Tische
+genommen, als sich ihre Aufmerksamkeit auf mich lenkte
+und sie mit meinen n&auml;chsten Nachbarn ein lautgef&uuml;hrtes
+Gespr&auml;ch begannen, das mich nicht gleichg&uuml;ltig lassen
+<span class="wide">konnte.</span> Es galt mein <span class="wide">Vaterland,</span> und so fest ich auch
+gewillt war, gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob
+angelegten Plan, mich zu reizen, errieth, den Saal zu
+verlassen, fielen doch bald &Auml;u&szlig;erungen, die es mir unm&ouml;glich
+machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden
+Argentiner besonders, beides wenigstens &auml;u&szlig;erlich fanatische
+Anh&auml;nger des Diktators, schm&auml;hten meine Nation auf eine
+so nichtsw&uuml;rdige und perfide Weise, da&szlig; ich endlich gar
+nicht mehr umhin konnte, ihnen zu antworten&nbsp;&mdash;&nbsp;ich h&auml;tte
+Fischblut in den Adern haben m&uuml;ssen. Ein Wort aber
+gab das andere, im vollsten &Uuml;bermuth trieben es meine
+Gegner mit Gewalt zum &Auml;u&szlig;ersten, und der n&auml;chste
+Morgen&nbsp;&mdash;&nbsp;mein Hochzeittag&nbsp;&mdash;&nbsp;wurde dazu bestimmt,
+unseren Streit auszugleichen. Noch an dem n&auml;mlichen
+Nachmittag aber &uuml;berfielen mich die beiden Schurken meuchlerischer
+Weise, und nur meinem guten Gl&uuml;ck hatte ich es
+zu danken, da&szlig; der erste nach mir gef&uuml;hrte und jedenfalls
+t&ouml;dtlich gewesene Sto&szlig; an meiner Uhr abglitt, w&auml;hrend
+der M&ouml;rder von meiner Hand fiel. Der andere, der
+mich rasch wieder ger&uuml;stet und seinen teuflischen Plan vereitelt
+sah, wollte jetzt entfliehen&nbsp;&mdash;&nbsp;aber ich war fl&uuml;chtiger
+als er. Das Blut zum Sieden getrieben&nbsp;&mdash;&nbsp;die blanke
+Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn durch mehrere
+Stra&szlig;en, mehr und mehr ihm nahekommend.&nbsp;&mdash;&nbsp;Vergebens
+war sein H&uuml;lferuf, die Leute wagten nicht, dem
+bewaffneten Verfolger in den Weg zu treten, und in demselben
+Augenblick, als er an der einen Ecke ersch&ouml;pft und
+matt zusammensank&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;Don Gaspar schwieg einen Augenblick,
+und setzte dann tonlos hinzu&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;traf mein Stahl
+sein Herz!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wu&szlig;te
+ich, was ich gethan, begriff aber auch zugleich die Gefahr,
+in die ich mich selber dadurch gebracht; die Henkersknechte
+des Diktators waren schnell in der Vollziehung rascher gegebener
+Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich mich
+l&auml;nger sicher w&auml;hnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl,
+wie in der That selber erkannt und auch schon umstellt
+worden. Meine Waffe brach mir aber auch hier
+Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus fl&uuml;chtend,
+brachte ich meine Verfolger auf die falsche F&auml;hrte.&laquo;</p>
+
+<p>Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht
+aus dem Bereich jeder Gefahr bringen; oben in der Boca<a href="#fn13"><small><sup>13</sup></small></a>
+lag ein kleiner Nachen&nbsp;&mdash;&nbsp;ich kannte die Stelle genau,
+und auf der Au&szlig;enrhede ankerte ein spanisches Kriegsschiff &mdash;
+einmal dort an Bord, und Rosas s&auml;mmtliche Macht h&auml;tte
+mir kein Haar meines Hauptes kr&uuml;mmen k&ouml;nnen. Vorher
+aber mu&szlig;te ich meinem Bruder Nachricht von mir geben;
+was k&uuml;mmerte mich die Gefahr, der ich mich dabei aussetzte,
+und meinen Versteck wieder verlassend, wanderte ich, in
+meinen Pancho dicht eingeh&uuml;llt, langsam, um keinen Verdacht
+zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo
+man mich jetzt, da ich vor mehreren Stunden gerade in
+einer entgegengesetzten Richtung geflohen, auch schwerlich
+vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren die Stra&szlig;en
+heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend
+etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine
+Ecke biegend, h&ouml;rte ich, wie ein Gaucho zum anderen
+lachend sagte:</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben ihn, <i>amigo</i>&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>caramba</i>, er wollte sich
+noch verantworten, aber die gn&auml;digen Mashorqueros lassen
+sich nicht auf Erkl&auml;rungen ein&nbsp;&mdash;&nbsp;er sieht jetzt aus, als
+ob er sich beim Rasiren geschnitten h&auml;tte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mir stockte das Blut in den Adern, ich wu&szlig;te nicht
+weshalb, aber wie ein elektrischer Schlag r&uuml;hrte mich das
+fl&uuml;chtige Wort, und anstatt jeder Beobachtung so rasch
+als m&ouml;glich zu entgehn, und das nur kaum noch f&uuml;nfzig
+Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht
+wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug
+ich, mein Gesicht nur soviel als thunlich mit dem Pancho
+und breitrandigem Hut verdeckt, den mir n&auml;chsten Burschen,
+<span class="wide">wen</span> sie gefangen und ermordet h&auml;tten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wen?&nbsp;&mdash;&nbsp;<i>caracho</i>,&laquo; sagte der grimmige Gaucho lachend,
+&raquo;wen anders, als den Hund von Spanier, der heute Morgen
+zwei wackere M&auml;nner der F&ouml;deration meuchlings &uuml;berfallen
+und ermordet oder doch b&ouml;s getroffen hat.&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Und
+sein Name?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;mein eigener donnerte mir ins Ohr, und
+w&auml;hrend sich die Stra&szlig;e mit mir zu drehen begann, wei&szlig;
+ich nur, da&szlig; ich dem Orte zust&uuml;rmte, wo die Leiche lag.</p>
+
+<p>&raquo;Und dort?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;frugen die Zuh&ouml;rer in t&ouml;dtlichster
+Spannung wie aus einem Munde&nbsp;&mdash;&nbsp;denn der Erz&auml;hler
+sa&szlig; mit stieren Blicken, den rechten Arm vorgestreckt, als
+ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen s&auml;he,
+regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden,
+fast unheimlichen Glanz. Pl&ouml;tzlich aber, als ob er f&uuml;hle,
+da&szlig; aller Augen angst- und erwartungsvoll auf ihn gerichtet
+seien, fuhr er empor, und den Blick rasch und forschend
+im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem
+Thr&auml;nenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen
+Wangen und hochklopfendem Herzen gegen&uuml;ber sa&szlig; und
+jedes Wort von seinen Lippen in peinlicher Spannung aufgesogen
+hatte. Erst seinem Blick begegnend, senkte sie den
+ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang
+wie tr&auml;umend zu ihr hin&uuml;berschaute, strich sich pl&ouml;tzlich die
+schwarzen krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend
+war es fast, als ob er ein schweres, furchtbares
+Gewicht von seiner Brust gew&auml;lzt h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Und dort?&nbsp;&mdash;&nbsp;wen fanden Sie dort?&laquo; rief aber
+jetzt noch einmal die alte Mrs. Newland und auch Leifeldt,
+der hinzutrat und die Hand auf des Freundes
+Schulter legte, wiederholte leise die Frage.</p>
+
+<p>&raquo;Dort?&laquo; lachte aber Don Gaspar, dem in diesem
+Moment schon wieder der alte kecke &Uuml;bermuth aus den
+Augen blitzte, &raquo;dort?&nbsp;&mdash;&nbsp;wie mir scheint h&auml;tte ich Schauspieler
+werden sollen&nbsp;&mdash;&nbsp;hahaha&nbsp;&mdash;&nbsp;habe ich mir doch nie im
+Leben solch ein Talent zum Erz&auml;hlen zugetraut&nbsp;&mdash;&nbsp;wahrhaftig,
+Se&ntilde;ora, Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die
+Se&ntilde;orita hat Thr&auml;nen in den Augen.&laquo;</p>
+
+<p>Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend,
+sagte er mit leiserem, fast bittendem Ton:</p>
+
+<p>&raquo;Z&uuml;rnen Sie mir nicht, Se&ntilde;orita, ich wollte weder
+Sie noch die lieben Ihrigen betr&uuml;ben&nbsp;&mdash;&nbsp;nur zerstreuen,
+habe es aber, wie ich sehe, ganz falsch angefangen. Nicht
+wahr, ich w&auml;re alt genug, vern&uuml;nftig zu sein, und doch
+plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu gr&ouml;&szlig;erer Bequemlichkeit
+mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis
+aufs Blut solch n&auml;rrische Streiche zu spielen&nbsp;&mdash;&nbsp;aber ich
+mu&szlig; nachher daf&uuml;r b&uuml;&szlig;en, wenn ich sehe, welch Unheil
+ich angerichtet habe&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;setzte er weicher hinzu.</p>
+
+<p>Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des
+Ganzen &uuml;berrascht, da&szlig; sie im ersten Moment in der That
+gar nicht wu&szlig;te, ob sie weinen oder lachen solle, ein Blick
+in die Augen des Fremden aber machte sie auch wieder
+stutzen&nbsp;&mdash;&nbsp;dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn,
+gr&auml;&szlig;liche Geschichten zu erz&auml;hlen und das Blut seiner
+H&ouml;rer erstarren zu machen&nbsp;&mdash;&nbsp;ein furchtbares Geheimni&szlig;
+schlummerte hinter diesen dunklen Sternen, und welchen
+gewaltigen Kampf mu&szlig;te es ihm kosten, das jetzt mit solcher
+Macht und Ruhe niederzuhalten.</p>
+
+<p>Das sch&ouml;ne M&auml;dchen lie&szlig; ihre Hand in der des Bittenden
+l&auml;nger, als sie selbst wohl wu&szlig;te, und als sie ihm
+dieselbe endlich, und nur langsam entzog, begegnete Don
+Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend, halb
+zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, l&auml;chelte
+aber, als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte
+und fest dr&uuml;ckte.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, so 'was!&laquo; rief aber jetzt die alte Dame in
+gr&ouml;&szlig;tem Erstaunen,&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;segne meine Seele Herr&nbsp;&mdash;&nbsp;und
+das war eine blo&szlig;e <span class="wide">Geschichte,</span> und so nat&uuml;rlich, da&szlig;
+Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufh&ouml;rte und der
+Athem still stand in der Brust&nbsp;&mdash;&nbsp;aber Mr. Gaspar, das
+m&uuml;ssen Sie uns k&uuml;nftig vorher sagen, da&szlig; Sie's nicht so
+ernsthaft meinen; man wei&szlig; ja wahrhaftig sonst gar nicht
+mehr, woran man ist.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte
+Hand mit seiner linken, und dessen Arm mit seiner rechten
+Hand gefa&szlig;t&nbsp;&mdash;&nbsp;es war fast, als ob er ihm noch etwas
+sagen wollte vor allen Andern&nbsp;&mdash;&nbsp;als ob er sich gerade
+bei ihm rechtfertigen m&uuml;sse, aber er machte sich auch von
+ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend,
+der ihm entgegentrat, sch&uuml;ttelte er ihm herzlich die
+Hand und sagte, leicht mit dem einen Auge dabei
+blinzend:&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;nicht wahr, Sir, Sie wu&szlig;ten, wo ich hinaus
+wollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i><ins title="original has Ill'">I'll</ins> be damned if I did,</i>&laquo;<a href="#fn14"><small><sup>14</sup></small></a> rief aber der alte Herr
+treuherzig, die ihm dargebotene Hand aus Leibeskr&auml;ften
+sch&uuml;ttelnd&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;nicht die Probe davon, so wahr mein Name
+Newland ist&nbsp;&mdash;&nbsp;hielt die ganze Geschichte f&uuml;r baare M&uuml;nze
+und meine Seele dachte nicht daran, da&szlig; Sie Spa&szlig; machen
+k&ouml;nnten&nbsp;&mdash;&nbsp;haben aber ein famoses Talent, und wenn
+Sie das so auf dem Theater von sich geben k&ouml;nnten wie
+hier, Sie m&uuml;&szlig;ten reich dabei werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach, das ist ja gerade unser Ungl&uuml;ck auf dieser Erde,&laquo;
+lachte Don Gaspar dagegen, &raquo;da&szlig; wir eben in der Jugend
+noch nicht selbstst&auml;ndig handeln k&ouml;nnen, oder <span class="wide">wenn</span> wir es
+k&ouml;nnten, doch nicht im Stande w&auml;ren, der Bahn mit den
+Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und weitdehnend vor
+uns ausgebreitet liegt&nbsp;&mdash;&nbsp;hat aber die <span class="wide">Erfahrung</span> erst ihre
+Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gew&ouml;hnlich
+zu sp&auml;t, noch einen neuen Lebensweg zu w&auml;hlen, und wir
+m&uuml;hen uns verstimmt und unmuthig auf der, freilich selbst
+betretenen, breiten und staubigen Heerstra&szlig;e hin, w&auml;hrend
+links und rechts abzweigend, und doch alle demselben
+Ziel entgegenf&uuml;hrend, die schattigsten, blumenreichsten G&auml;nge
+und Pfade liegen&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn die Chausseegr&auml;ben nur nicht
+so verw&uuml;nscht breit w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Mit rascher Wendung f&uuml;hrte er seine ihn noch immer
+halberstaunt halb mi&szlig;trauisch betrachtenden Zuh&ouml;rer wieder
+auf das erste Feld der Unterhaltung zur&uuml;ck; kleine interessante
+Z&uuml;ge aus seinem Leben, mit einer ganz eigenth&uuml;mlichen
+Mischung von Humor und Ernst vorgetragen, weckten
+dabei bald wieder &auml;hnliche Erinnerungen bei den Freunden,
+und ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gespr&auml;ch
+wieder allgemein und lebendig geworden, und man
+lachte und erz&auml;hlte sich noch bis sp&auml;t in die Nacht hinein.</p>
+
+<p>Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund
+wieder auf die Geschichte seines Lebens zur&uuml;ckzubringen,
+aber der hielt ihm nicht Stand, sprang rechts und links ab,
+und war gerade heute so voll von tollen, lustigen Einf&auml;llen,
+da&szlig; es unm&ouml;glich schien, noch ein ernstes Wort
+mit ihm zu reden.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch7" id="ch7"></a>7.</h3>
+
+<h3>Der Verdacht.</h3>
+
+<p>Die n&auml;chsten drei Tage war Don Gaspar &uuml;brigens
+nicht zu bewegen, seinen Besuch bei Newlands zu wiederholen,
+trotzdem sogar, da&szlig; ihm Leifeldt eine f&ouml;rmliche Einladung
+dorthin brachte&nbsp;&mdash;&nbsp;er entschuldigte sich mit einem
+peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag
+am Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten.
+Er war auch still und schweigsam dabei, und es schien fast,
+als ob nach einer zu starken Aufregung jenes Abends eine
+Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht einmal die M&uuml;he
+geben wollte, von sich abzusch&uuml;tteln. Bei Newlands dagegen,
+bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich
+die Unterhaltung drehte, und mochte das Gespr&auml;ch, nach
+welcher Richtung es wollte, sich gewandt haben, der erste
+Schritt im Hause unten, das zuf&auml;llige &Ouml;ffnen oder Schlie&szlig;en
+einer Th&uuml;r, brachte fast stets die Worte: &raquo;Sollte das
+Don Gaspar sein?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;Leifeldt war auch schon mehrfach
+gefragt worden, wie und wo er den Freund kennen gelernt
+habe, wu&szlig;te aber die Frage immer zu umgehen und
+suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu best&auml;rken,
+Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gr&auml;&szlig;lichen
+Geschichte&nbsp;&mdash;&nbsp;wo sie ja nicht anders denken konnten,
+als sein Zwillingsbruder sei f&uuml;r ihn erschlagen worden &mdash;
+einen freilich etwas entsetzlichen Spa&szlig; gemacht, w&auml;hrend
+Jenny dagegen eben so bestimmt behauptete&nbsp;&mdash;&nbsp;und Leifeldt
+pflichtete ihr im Herzen schon fast bei&nbsp;&mdash;&nbsp;der Schlu&szlig; des
+<span class="wide">wahren</span> Vorfalls sei ihm selber so furchtbar vorgekommen,
+da&szlig; er sich gescheut habe, sie mehr zu &auml;ngstigen, und lieber
+Alles das gewaltsam niederk&auml;mpfte, was ihm in dem
+Augenblicke sicher drohte die Brust zu zersprengen. &mdash;
+Der arme Mann, was mu&szlig;te er seit der Zeit heimlich
+gelitten und mit sich herum getragen haben.</p>
+
+<p>Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder
+das Haus der Newlandschen Familie, und die&szlig;mal bat er
+sich Leifeldt selber zur Begleitung an. Wenn die alten
+Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf seine
+fr&uuml;here Erz&auml;hlung&nbsp;&mdash;&nbsp;bei der sie ihn versicherten, wie sie
+ihn vertheidigt h&auml;tten, zur&uuml;ckkamen, wu&szlig;te er ihnen doch
+immer geschickt auszuweichen, und es war so augenscheinlich,
+da&szlig; ihm selbst eine Ber&uuml;hrung jenes Abends wehe
+that, und Leifeldt wie Jenny suchten daher das Gespr&auml;ch
+in anderer Richtung zu leiten und zu halten.</p>
+
+<p>Von da an war Don Gaspar ein t&auml;glicher Gast in
+Newlands Haus, und w&auml;hrend Leifeldt jetzt mehr und mehr
+Besch&auml;ftigung bekam, wie das Zutrauen in der Stadt zu
+ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln und Bahn
+brechen konnten, sa&szlig; er oft stundenlang mit Jenny am
+Schachbret, las irgend ein Buch mit ihr, oder erz&auml;hlte den
+alten Leuten Abentheuer und Scenen aus seinem wunderbar
+bewegten Leben.</p>
+
+<p>Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden.
+&mdash; Ruhe und Friede schien in sein Herz eingekehrt,
+und was er auch fr&uuml;her gelitten und ertragen haben
+mochte, eine freundliche Gegenwart gl&auml;ttete die schmerzgefurchte
+Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in
+erk&uuml;nsteltem, sondern in wirklichem Gl&uuml;ck. Er zeichnete
+dabei kein einziges Glied des kleinen Familienkreises aus
+&mdash; fand er den alten Herrn allein, so sa&szlig; er stundenlang
+mit ihm da und plauderte von Jagd und Ackerbau, von
+Viehzucht und Weinbau, f&uuml;r den sich der alte Gentleman
+besonders interessirte, und von der See und der fernen
+Heimath,&nbsp;&mdash;&nbsp;war die alte Dame gut aufgelegt dazu, und
+das geschah oft, so ging er eben so gern auf all die wunderlichen
+Kapitel ein, die sie, nach alter Gewohnheit,
+vor ihm herauf zu beschw&ouml;ren wu&szlig;te,&nbsp;&mdash;&nbsp;dann erzog er
+mit ihr Kinder und m&auml;stete G&auml;nse, legte einen Garten
+an, oder diskutirte die Vorz&uuml;glichkeit des javanischen vor
+dem brasilianischen Kaffee.&nbsp;&mdash;&nbsp;Mit Jenny war er derselbe,
+ihre N&auml;he schien aber einen besonders wohlth&auml;tigen Einflu&szlig;
+auf ihn <ins title="original has auszu&uuml;ber">auszu&uuml;ben</ins>, kein wildes, aufloderndes Wort
+kam &uuml;ber seine Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr
+befand, was ihm sonst doch sogar in Gegenwart der alten
+Dame manchmal passirte, die aber ihre Freude daran
+hatte und dann immer meinte, es th&auml;te ihrem alten Herzen
+ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend
+zu sehn und ihren Geist daran zu erw&auml;rmen. Aber auch
+selbst Jenny verga&szlig; er manchmal, wenn ihm gerade die
+Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun
+mit Bill in ausgelassener Fr&ouml;hlichkeit in Haus und Garten
+herumtollte, da&szlig; selbst das Kind ihn manchmal ganz
+ehrbar bat, nicht einen solchen Spektakel zu machen,
+sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder ein M&auml;rchen
+zu erz&auml;hlen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und
+auszuspinnen wu&szlig;te.</p>
+
+<p>Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich
+Don Gaspar von <span class="wide">Allen</span> aufgenommen wurde, so
+erkannte das scharfe, so leicht mi&szlig;trauische Auge der
+Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau selbst
+vor den &Uuml;brigen einr&auml;umte. Ein wilder Schmerz durchzuckte
+Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke
+an eine solche M&ouml;glichkeit aufstieg. Er war allein
+mit Jenny gewesen, und neben ihr sitzend hatte er angefangen
+von seinen Pl&auml;nen und Hoffnungen zu plaudern,
+wie ihn das Gl&uuml;ck hier in Valparaiso so weit &uuml;ber Erwarten
+beg&uuml;nstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen
+k&ouml;nne, in der es ihm m&ouml;glich sein w&uuml;rde, einen <span class="wide">eigenen
+Heerd</span> zu gr&uuml;nden. Das Herz lag ihm heute auf
+der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem
+holden M&auml;dchen seine Liebe zu gestehen, und sie&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht
+um ihre Hand zu bitten&nbsp;&mdash;&nbsp;der unbemittelte, junge Arzt
+durfte noch nicht wagen, das Geschick eines so lieben zarten
+Wesens an das seine zu kn&uuml;pfen, ehe er ihm mehr
+als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte &mdash;
+aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite
+gl&uuml;cklich f&uuml;hlen zu k&ouml;nnen, und dann, mit solcher Gewi&szlig;heit
+im Herzen, neuen Anstrengungen und Arbeiten in
+dem s&uuml;&szlig;en, beseeligenden Gef&uuml;hl entgegen zu gehen,
+das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm gerade
+sein ganzes Gl&uuml;ck und Heil zu finden.</p>
+
+<p>Ob Jenny f&uuml;hlte, da&szlig; der bisherige <span class="wide">Freund</span> einer
+anderen Gestaltung ihres Verh&auml;ltnisses entgegendr&auml;nge, &mdash;
+ob sie diese Erkl&auml;rung f&uuml;rchtete, oder ihr nur ausweichen
+wollte in m&auml;dchenhafter Sch&uuml;chternheit, aber sie war
+unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen
+zu besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespr&auml;ch
+eine andere, gleichg&uuml;ltigere Wendung zu geben, als
+pl&ouml;tzlich der Klopfer unten an ihrer Th&uuml;re ert&ouml;nte, und gleich
+darauf des Spaniers rasche Schritte auf der Treppe geh&ouml;rt
+wurden.</p>
+
+<p>&raquo;Don Gaspar,&laquo; rief Jenny, freudig &uuml;berrascht von
+ihrem Stuhle aufspringend, zugleich aber dem Blick des
+jungen Schweden begegnend, war sie Weib genug, zu
+f&uuml;hlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan. &mdash;
+Das Blut scho&szlig; ihr in die Schl&auml;fe, und langsam den
+eben so rasch verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie
+leiser hinzu: &raquo;Er wird sich freuen, Sie hier zu finden.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und
+das Gespr&auml;ch drehte sich um gleichg&uuml;ltige Gegenst&auml;nde;
+von dem Augenblicke an aber war der Same des Mi&szlig;trauens,
+der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche
+Herz des jungen Schweden gefallen, und schlug seine
+breiten Wurzeln da und w&uuml;hlte und nagte in all seiner
+wachsenden St&auml;rke und Furchtbarkeit.</p>
+
+<p>Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen
+&mdash; je freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn
+wurde, desto mehr zog er sich vorsichtig in die innersten
+Vesten seiner eigenen Brust zur&uuml;ck, denn was bis dahin
+seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen, erschlo&szlig;
+sich pl&ouml;tzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick
+mit t&ouml;dtlicher Sch&auml;rfe.&nbsp;&mdash;&nbsp;Er sah, Jenny liebte den Freund,
+und das war der Todessto&szlig; all seiner s&uuml;&szlig;en, so heimlich
+und treu gepflegten Hoffnungen und Tr&auml;ume&nbsp;&mdash;&nbsp;das der
+Sturz seiner liebsten, seligsten Pl&auml;ne.</p>
+
+<p>Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen,
+der Jungfrau wie dem Freund gegen&uuml;ber, vollkommen
+gleich; oft sahen sie ihn zwei oder drei Tage nicht,
+die er in der N&auml;he Valparaisos verbrachte&nbsp;&mdash;&nbsp;sein Lieblingsplatz
+war dann die Seek&uuml;ste, von wo aus er halbe
+Tage lang kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte
+er endlich zur&uuml;ck, so betrug er sich gerade, als ob er nicht
+einen Augenblick abwesend gewesen w&auml;re und irgend vermi&szlig;t
+sein k&ouml;nnte.</p>
+
+<p>Nicht so Jenny;&nbsp;&mdash;&nbsp;wie unbewu&szlig;t sie sich auch bis
+dahin ihrem Herzen &uuml;berlassen, so war sie seit jenem
+Abend, wo der erste mi&szlig;trauische Blick des jungen Arztes
+ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst gewisserma&szlig;en
+die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und sch&uuml;chtern
+geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr
+sonst so heiteres, kr&auml;ftiges Gem&uuml;th umh&uuml;llen&nbsp;&mdash;&nbsp;ert&ouml;dten
+zu wollen. Das Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich
+auffallende Ver&auml;nderung selbst in ihrem Aussehen,
+Jenny leugnete aber, sich anders, als vollkommen wohl
+zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte
+Leifeldt erkl&auml;rte ebenfalls die Bl&auml;sse der Wangen,
+den fehlenden Glanz der Augen f&uuml;r ein leichtes Unwohlsein,
+das die n&auml;chsten Tage wieder heben k&ouml;nnten. Ach,
+ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief ins Herz,
+und durfte er sagen, was sie verursacht hatte?&nbsp;&mdash;&nbsp;mu&szlig;te
+er nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls
+die Worte geben?&nbsp;&mdash;&nbsp;Und Jenny reichte ihm diesmal,
+als er von ihr ging, die Hand, und pre&szlig;te sie leise
+&mdash; sie sprach kein Wort, aber dieser einzige H&auml;ndedruck
+k&uuml;ndete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im
+Stand gewesen&nbsp;&mdash;&nbsp;sie <span class="wide">dankte</span> ihm f&uuml;r sein r&uuml;cksichtsvolles
+Schweigen&nbsp;&mdash;&nbsp;und er h&auml;tte vergehen m&ouml;gen vor bitterem
+Weh.</p>
+
+<p>So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt
+rang in dieser Zeit mit sich, ob er offen zu dem Freunde
+reden, oder dem Schicksal seinen ungest&ouml;rten Lauf lassen
+solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen Wesen trieb
+es ihn, diesem ersten Gef&uuml;hl zu folgen, immer aber warf
+er sich selber wieder ein, da&szlig; der Spanier die Liebe des
+jungen, engelsch&ouml;nen M&auml;dchens noch gar nicht einmal zu
+ahnen scheine, und sollte <span class="wide">er</span> es sein, der da mit eigener
+Hand den Funken in die Pulverkammer schleuderte? &mdash;
+Er konnte sich, so oft er sich auch dazu &uuml;berreden wollte,
+es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun
+&uuml;brig bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu
+entschlie&szlig;en, und z&ouml;gerte damit so lange, bis er sich am
+Ende selbst wieder einredete, er habe sich doch vielleicht
+get&auml;uscht, und noch liege die M&ouml;glichkeit vor ihm, die
+Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland
+hatte in seinem Hause, diesen Tag zu feiern, eine
+kleine Festlichkeit angeordnet, zu der, au&szlig;er mehreren anderen
+Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der
+Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen
+waren.</p>
+
+<p>Dieser begr&uuml;&szlig;te Don Gaspar wie einen alten Bekannten,
+&mdash; er wu&szlig;te ja, der junge Mann war von
+Buenos-Ayres her&uuml;bergekommen, und er selber, dort geboren,
+hatte noch zu viel Anh&auml;nglichkeit an die Stadt,
+nicht f&uuml;r jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben,
+wenn auch in der entferntesten Ber&uuml;hrung stand.
+Es war das eine Art Heimweh&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn er sich des Gef&uuml;hles
+selber auch kaum bewu&szlig;t sein mag&nbsp;&mdash;&nbsp;wie es den
+Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der W&uuml;sten
+an die &ouml;den Sandfl&auml;chen seines Vaterlandes bindet, und
+Don Guzman war noch dazu ein gar eifriger Anh&auml;nger
+des Diktators, und freute sich der Erfolge, die dieser errungen,
+mit sichtlichem Stolz.</p>
+
+<p>Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu
+sein, und so viel Mal auch Don Guzman versuchte, seiner
+habhaft zu werden, ihm die allerneuesten Nachrichten von
+&raquo;der anderen Seite der Cordilleren&laquo; mittheilen zu k&ouml;nnen,
+wu&szlig;te er ihm doch immer wieder zu entgehen, und dem
+Gespr&auml;ch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben.</p>
+
+<p>Leifeldt dagegen zeigte sich still und zur&uuml;ckgezogen,
+der Freund hatte Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit
+sie das Zimmer betreten hatten, und der junge Schwede
+versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden, die ihm
+mit immer herberer Pein das Herz durchzogen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Se&ntilde;or Federigo ist heute Abend so mi&szlig;gestimmt,&laquo;
+sagte endlich die alte Mrs. Newland, die sich bis dahin
+fast nur mit Don Gaspar und ihrer Tochter unterhalten
+hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt in ihrem
+Gespr&auml;ch vermi&szlig;te&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;segne meine Seele, ich wei&szlig; mich
+noch wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie
+heute den ganzen Abend gesprochen h&auml;tten&nbsp;&mdash;&nbsp;fehlt Ihnen
+etwas?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht das Mindeste,&laquo; l&auml;chelte Leifeldt, etwas verlegen
+aufstehend und sich ihr n&auml;hernd&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;aber Sie waren Alle
+dort so gar lebhaft im Gespr&auml;ch begriffen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Und dazu geh&ouml;ren Sie eben so gut, Mr. Leifeldt,&laquo;
+sagte Jenny, freundlich ihm die Hand reichend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;wir
+sprachen eben davon, wie gl&uuml;cklich wir uns sch&auml;tzen d&uuml;rfen,
+in einem fremden Lande so viele treue und liebe Freunde
+gefunden zu haben, und wie dankbar wir daf&uuml;r unserem
+Schicksal sein m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Wort <span class="wide">Freundschaft</span> ist ein wilder Begriff,
+Se&ntilde;orita,&laquo; erwiederte aber Don Gaspar rasch&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;und
+unsere Sprache ist arm, da&szlig; wir nicht im Stande sind,
+die&szlig; wunderlichste aller Gef&uuml;hle in seine verschiedenen
+Klassen einzutheilen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und haben <span class="wide">Sie</span> verschiedene Klassen f&uuml;r Ihre Freundschaft,
+Don Gaspar?&laquo; frug ihn das sch&ouml;ne M&auml;dchen
+l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; sagte der Spanier rasch&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;und so
+streng geschieden von einander, wie sie das wunderlichste
+Gef&auml;&szlig; im menschlichen K&ouml;rper&nbsp;&mdash;&nbsp;das Herz&nbsp;&mdash;&nbsp;zu scheiden
+vermag&nbsp;&mdash;&nbsp;Freunde, die ihr Leben f&uuml;r mich lassen w&uuml;rden&laquo;
+&mdash; und er reichte, w&auml;hrend er sprach, dem jungen Schweden
+die Hand&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;und Freunde, die mich verfolgen mit
+&mdash; mit ihrer Liebe und mich gern unter die Erde dr&uuml;cken
+m&ouml;chten vor lauter Herzlichkeit&nbsp;&mdash;&nbsp;Freunde, deren L&auml;cheln
+schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt,
+und Freunde, deren Ku&szlig; und Schwur es erstarren machen
+w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und zu welchen d&uuml;rfen wir uns da z&auml;hlen?&laquo; frug
+Jenny leicht err&ouml;thend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudr&uuml;cken,&laquo;
+sagte Don Gaspar mit dem herzlichsten Tone
+seiner Stimme, und w&auml;hrend er die Hand des M&auml;dchens
+ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz, wie es die
+ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage
+gleich durchzuckte; &raquo;Sie haben mich hier Alle mit so
+unendlicher Freundlichkeit behandelt&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;fuhr der Spanier
+dabei fort&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich m&uuml;&szlig;te ein Herz von Stein in der Brust
+haben, k&ouml;nnte es anders f&uuml;r Sie schlagen, als es thut &mdash;
+aber unser Gespr&auml;ch wird zu ernst,&laquo; brach er dann rasch
+und pl&ouml;tzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die
+der Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;da,
+Mama hat schon Thr&auml;nen in den Augen, und der d&uuml;rfen
+wir doch wahrlich den heutigen, fr&ouml;hlichen Abend nicht
+verderben.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und
+Jenny trat fast unbewu&szlig;t einen kleinen Schritt zur&uuml;ck,
+als ob sie sich der Aufmerksamkeit der &Uuml;brigen entziehen
+wollte, bis&nbsp;&mdash;&nbsp;Leifeldt wagte den Gedanken nicht auszudenken
+und wollte eben an die alte Dame hinantreten,
+dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die
+Hand der Mrs. Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland
+mit Don Guzman im eifrigen Gespr&auml;ch langsam
+dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann jetzt
+nicht umhin konnte, Mi&szlig; Newland zu geleiten. Jenny
+wollte etwas sagen, als er sich ihr z&ouml;gernd n&auml;herte, aber,
+ob sie f&uuml;rchtete, ihm wehe zu thun, oder nicht das rechte
+Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und lie&szlig; sich von
+ihm zur Tafel geleiten.</p>
+
+<p>&raquo;Aber Don Gaspar,&laquo; begann hier Don Guzman,
+der dem Spanier gerade gegen&uuml;ber seinen Platz hatte,
+wie sie kaum ihre Sitze eingenommen&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich habe Ihnen
+noch gar nicht erz&auml;hlen k&ouml;nnen, da&szlig; der chilenische Correo
+gl&uuml;cklich &uuml;ber die Berge von Mendoza her&uuml;bergekommen
+ist, und die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat;
+elf Tage war er in der dritten Casucha<a href="#fn15"><small><sup>15</sup></small></a> dr&uuml;ben im Schnee
+&raquo;verschlossen&laquo;, und ihr Chargue<a href="#fn16"><small><sup>16</sup></small></a> mu&szlig;te er mit seinen
+Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu erhalten
+&mdash; sie w&auml;ren beinahe verhungert, und der Temporale<a href="#fn17"><small><sup>17</sup></small></a>
+soll furchtbar gew&uuml;thet haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die armen Menschen,&laquo; sagte Jenny mitleidig&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;es
+ist doch ein entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen
+Marsch tollk&uuml;hn auf's Spiel zu setzen. Wie Viele
+sind schon dabei umgekommen, und immer und immer
+wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen
+die Glieder dem Frost und Hungertode Preis geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Monte-Video ist immer noch nicht &uuml;ber?&laquo; sagte
+Leifeldt, dem es wohlthat, gerade in diesem Augenblicke
+mit dem Fremden ein Gespr&auml;ch zu beginnen.</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr
+halten,&laquo; erwiederte Don Guzman zuversichtlich&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;man
+spricht zwar von einem Waffenstillstand, ich glaube jedoch,
+da&szlig; ihn die Unitarier nur verlangen, zu kapituliren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und giebt es sonst nichts Neues in Buenos-Ayres?&laquo;
+frug Mr. Newland dazwischen, den Argentiner auf ein
+anderes Kapitel zu bringen, und nicht etwa gen&ouml;thigt zu
+sein, die fremde Intervention mit ihm zu er&ouml;rtern&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;keine
+neue Revolution, keinen &Uuml;berfall von Indianern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nichts derartiges,&laquo; lachte Don Guzman, &raquo;<ins title="original has Sr.">Se.</ins> Excellenz,
+der Gouverneur, h&auml;lt die Z&uuml;gel der Regierung zu
+straff f&uuml;r dergleichen Versuche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber die Indianer haben sich doch schon einige Mal
+gegen ihn in das Feld geworfen,&laquo; warf Leifeldt ein &mdash;
+&raquo;die einzelnen Gaucho-H&uuml;tten &uuml;berfallen, ja selbst die
+St&auml;dte bedroht und sogar der Argentinischen Cavallerie
+Stand gehalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist allerdings vorgefallen,&laquo; meinte achselzuckend der
+Konsul, &raquo;jetzt aber sind sie ruhig, und die Grenzbewohner
+werden wohl nicht wieder von ihnen beunruhigt werden.
+Nein, aber etwas anderes hatte die Stadt in jener Zeit
+aufgeregt, und es scheint wirklich seit lange Nichts die
+Bewohner von Buenos-Ayres in solch Erstaunen versetzt
+zu haben, als die Flucht eines Tollen aus einer Irrenanstalt
+&mdash; die Bl&auml;tter sprechen fast von nichts Anderem.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Flucht eines Tollen?&laquo; riefen fast Alle wie aus
+einem Munde, und Leifeldt, dessen Blick wie unwillk&uuml;rlich
+Don Gaspar suchte, sah, wie dieser in v&ouml;lligstem Gleichmuth
+ruhig, aber kaum bemerkbar vor sich hin l&auml;chelte,
+und mit der Gabel spielte.</p>
+
+<p>&raquo;Und hat man ihn nicht wieder bekommen?&laquo; frug
+&auml;ngstlich Jenny.</p>
+
+<p>Don Gaspar bi&szlig; sich auf die Lippen.</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; versicherte Don Guzman&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;merkw&uuml;rdiger
+Weise ist er mit seinem Arzte, einem Schweden, Namens
+Stierna, entwichen, und obgleich man Anfangs alle Ursache
+hatte, zu vermuthen, Beide w&auml;ren an Bord eines
+Schiffes gegangen, tauchte doch auch zu gleicher Zeit ein
+Ger&uuml;cht auf, sie w&auml;ren eine Strecke weit im Innern gesehen
+worden, und die Beh&ouml;rden, dadurch irre geleitet,
+scheinen ihre Spur bis jetzt noch nicht wieder aufgefunden
+zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heiliger Gott,&laquo; sagte Jenny schaudernd und deckte
+sich dabei ihre Augen mit beiden H&auml;nden&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich glaube,
+ich w&uuml;rde selber wahnsinnig, wenn ich einem solchen entflohenen
+Tollen einmal pl&ouml;tzlich begegnete und ihm nicht
+mehr entfliehen k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie noch nie einen Wahnsinnigen gesehen?&laquo;
+frug Don Guzman.</p>
+
+<p>&raquo;Nie&nbsp;&mdash;&nbsp;und Gott bewahre mich auch daf&uuml;r,&laquo; erwiederte
+das M&auml;dchen, schon in dem Gedanken an solchen
+Fall zusammenbebend.</p>
+
+<p>&raquo;Aber, liebes Kind,&laquo; sagte die Mutter&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;es giebt
+auch viele Leute mit einem stillen Wahnsinn, denen man
+es gar nicht so sehr ansehen kann, und die haben gar
+nichts F&uuml;rchterliches&nbsp;&mdash;&nbsp;nur manchmal werden sie gef&auml;hrlich,
+wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte
+einmal ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst
+Dich wohl nicht mehr auf ihn besinnen&nbsp;&mdash;&nbsp;er sprang sp&auml;ter
+einmal aus dem Fenster und brach den Hals.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es giebt &uuml;berhaupt wohl keine Krankheit, die in so
+verschiedenen Gestaltungen und Variationen auftritt, als
+gerade der Wahnsinn,&laquo; nahm hier Mr. Newland das
+Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillk&uuml;rlich zu
+dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast
+gleichg&uuml;ltig zu dem Sprechenden hin&uuml;berschaute&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;von
+dem Rasenden,&laquo; fuhr Mr. Newland fort, &raquo;der in seine
+Ketten bei&szlig;t und sch&auml;umt, k&ouml;nnen wir die Grade hinunterf&uuml;hren
+bis zu dem Misanthropen, und w&auml;hrend der Eine
+selbst dem unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen
+Gefahr lachend und muthig entgegen gehen w&uuml;rde,
+mit unnennbarem, unl&ouml;schbarem Entsetzen erf&uuml;llt, treffen
+wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen
+Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum
+hellen Ausbruch gef&uuml;hrt, schl&auml;ft in ihm, nur ihm selber
+f&uuml;hlbar, bis zu seinem Tode. Ich bin &uuml;berzeugt, wir
+kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne den
+Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht
+nur eines zuf&auml;lligen Funkens bedurft h&auml;tte, zu lichter
+Lohe emporzubrennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes Willen, V&auml;terchen,&laquo; bat da das sch&ouml;ne
+M&auml;dchen&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;sage doch nicht so Entsetzliches&nbsp;&mdash;&nbsp;es w&auml;re
+ja gr&auml;&szlig;lich, in jedem stillen Menschen einen angehenden
+Wahnsinnigen f&uuml;rchten zu m&uuml;ssen&nbsp;&mdash;&nbsp;lachen Sie doch Don
+Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir l&auml;uft es wahrhaftig
+schon jetzt eiskalt &uuml;ber den K&ouml;rper, wenn ich Sie Alle
+so <span class="wide">still</span> und ernsthaft da sitzen sehe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Se&ntilde;or Newland macht sich &uuml;ber uns lustig,&laquo; sagte
+aber der Spanier l&auml;chelnd, indem er sich zu der Jungfrau
+hin&uuml;ber bog, &raquo;er will mich von neulich in meiner eigenen
+M&uuml;nze bezahlen&nbsp;&mdash;&nbsp;es hat &uuml;berhaupt einen eigenen Reiz,
+sich vor etwas zu f&uuml;rchten, und von dem Kind an verl&auml;&szlig;t
+uns das Gef&uuml;hl nicht, bis zum Greisenalter; aber
+Don Guzman erz&auml;hlt uns vielleicht ein wenig ausf&uuml;hrlicher,
+wie es mit der Flucht des Verr&uuml;ckten zugegangen&nbsp;&mdash;&nbsp;hahaha,
+ich fange wahrhaftig selber an, mich f&uuml;r den Mann zu
+interessiren&nbsp;&mdash;&nbsp;und hat den eigenen Arzt mitgenommen,
+he?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Den Arzt der Anstalt selber,&laquo; best&auml;tigte der Argentiner
+&mdash; &raquo;man begreift eigentlich gar nicht, wie es m&ouml;glich
+war, aber der Tolle mu&szlig; ihm jedenfalls Versprechungen
+gemacht haben, und der Doktor ist noch toller gewesen,
+sie ihm zu glauben.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute
+einen Moment etwas verlegen vor sich nieder&nbsp;&mdash;&nbsp;es war
+ihm nicht lieb, da&szlig; Don Gaspar so gewisserma&szlig;en muthwillig
+die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte.
+Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht
+haben, da&szlig; sie selber die Fl&uuml;chtigen w&auml;ren, und sogar
+im schlimmsten Fall ihrer Entdeckung reichte doch Rosas
+Arm nicht bis hier her&uuml;ber, seinen Gefangenen zur&uuml;ckzufordern;
+nichts desto weniger brachte es sie in ein schlechtes
+Licht und&nbsp;&mdash;&nbsp;die Hauptsache&nbsp;&mdash;&nbsp;in das Gerede der
+M&uuml;&szlig;igen, weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern.</p>
+
+<p>&raquo;Aber in was bestand seine Tollheit?&laquo; frug jetzt der
+Spanier wieder, ohne den Blick des Freundes zu verstehen
+oder zu beachten, der ihn warnen wollte, zu weit zu gehen
+&mdash; &raquo;hat man nicht erfahren k&ouml;nnen, in welcher Art sie
+sich zeigte, da&szlig; selbst der Arzt darauf einging oder get&auml;uscht
+werden konnte? und <span class="wide">war</span> der Mann &uuml;berhaupt
+wahnsinnig?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;Er bog sich pl&ouml;tzlich vor und schaute den
+Konsul mit seinen gro&szlig;en dunklen Augen erwartungsvoll
+an&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;man hat Beispiele, da&szlig; gesunde Menschen, ihrer
+etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher
+Art eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen
+und verderben mu&szlig;ten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein,&laquo; rief Don Guzman rasch, &raquo;die Beweise
+lagen hier wohl zu klar auf der Hand. Vorher scheint
+irgend eine lange Geschichte gegangen zu sein, aus der
+man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so
+viel ist gewi&szlig;, da&szlig; der Kranke irgend einer hochgestellten
+Person&nbsp;&mdash;&nbsp;es ist nicht gesagt weshalb&nbsp;&mdash;&nbsp;nach dem Leben
+trachtete, auch schon in seiner Raserei viel Blut vergossen
+haben soll, so da&szlig; man allerdings nicht ohne Besorgnisse
+war, der Entflohene w&uuml;rde jenen wieder aufzufinden
+wissen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und diese hochgestellte Person?&laquo; frug Don Gaspar
+lauernd.</p>
+
+<p>&raquo;Wurde nicht genannt,&laquo; erwiederte Don Guzman,
+&raquo;Sie wissen, da&szlig; die Zeitungen in Buenos-Ayres unter
+einer ziemlich strengen Censur stehen, und die Redakteure
+befassen sich nicht gern unn&ouml;thiger Weise mit wirklichen Namen,
+&uuml;ber die sie vielleicht einmal sp&auml;ter k&ouml;nnten aufgefordert
+werden, Rechenschaft zu geben. Der des Entsprungenen
+soll <span class="wide">Morelos</span> gewesen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich werde nun ernstlich b&ouml;se, wenn Sie nicht
+die entsetzliche Unterhaltung schlie&szlig;en,&laquo; rief da endlich
+Jenny&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ist das ein Gespr&auml;ch f&uuml;r ein Familienfest und
+wollen Sie mir denn mit Gewalt den Abend verderben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mein Fr&auml;ulein &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Einwendungen, Don Gaspar,&laquo; rief jedoch
+die junge Dame in halb scherzhaftem, aber auch entschiedenem
+Tone&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich will gern eingestehen, da&szlig; ich eine furchtbare,
+vielleicht kindliche Angst vor einem Wesen habe, das
+ohne Geist&nbsp;&mdash;&nbsp;eine wandernde Leiche&nbsp;&mdash;&nbsp;umhergeht, ich
+kann nun einmal diesen Gedanken nicht los werden, und
+wer mir jetzt eine rechte Freude erweisen will, erz&auml;hlt eine
+h&uuml;bsche und <span class="wide">muntere</span> Geschichte, da&szlig; wir die tr&uuml;ben
+Schatten verscheuchen, die wirklich schon anfangen sich um
+uns zu sammeln.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Muntre Geschichten?&laquo; rief da Don Gaspar, rasch
+emporspringend, &raquo;da bin ich Ihr Mann&nbsp;&mdash;&nbsp;hol der B&ouml;se
+das Grillenfangen&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn nicht der Humor manchmal
+dem Menschen zu H&uuml;lfe k&auml;me, es s&auml;h' schlecht in der Welt
+aus.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber der Ernst ist uns trotzdem dabei oft n&auml;her
+als wir denken, und der Tod schaut ins Fenster, wenn
+wir glauben die Sonne sei es.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Don Gaspar &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kannte einen alten Musikus in Madrid&nbsp;&mdash;&nbsp;hahaha,
+ich mu&szlig; jetzt noch lachen, wenn ich an den alten Burschen
+denke, und es sind lange, lange Jahre verflossen, seit sie
+ihn in sein letztes Bett hinaustrugen&nbsp;&mdash;&nbsp;der hatte einen
+unverw&uuml;stlichen Humor und eine Gabe zu erz&auml;hlen, und
+das Erz&auml;hlte mit Akkorden und kurzen S&auml;tzen, Pr&auml;ludien
+und Nachspielen <ins title="original has seine">seiner</ins> Geige zu begleiten, da&szlig; man manchmal
+wahrhaftig gar nicht mehr wu&szlig;te, ob er spielte oder
+erz&auml;hlte, die T&ouml;ne schienen mit zu sprechen, die Worte zu
+t&ouml;nen und eine eigene barocke Manier, die er sich angew&ouml;hnt
+und mit der er das Producirte gewisserma&szlig;en von
+sich abstie&szlig;, ri&szlig; seine Zuh&ouml;rer, in ihrem wunderlichen Effekt
+nicht selten zum st&uuml;rmischen Jubel hin. Als ich ihn
+das letzte Mal h&ouml;rte, hatte er uns gerade eine Skizze
+seines eigenen Lebens erz&auml;hlt, und w&auml;hrend uns die Thr&auml;nen
+aus den Augen liefen, denn er hatte genug erduldet
+f&uuml;r einen einzelnen Menschen, schrieen wir auch wieder vor
+Lachen; und wie er zuletzt mit dahineingreifenden tollen
+Akkorden schlo&szlig; und dazwischen schrie und spielte, &uuml;bert&auml;ubte
+das folgende Gel&auml;chter endlich jeden seiner Laute
+derma&szlig;en, da&szlig; er wirklich stillschweigen mu&szlig;te und eine
+Zeit lang ruhig sitzen blieb.&nbsp;&mdash;&nbsp;Als wir endlich wieder zu
+uns kamen und ihn bitten wollten, fortzufahren&nbsp;&mdash;&nbsp;war
+er todt.&nbsp;&mdash;&nbsp;Nein, Se&ntilde;orita&nbsp;&mdash;&nbsp;verlassen Sie uns nicht!&laquo;
+&mdash; rief er pl&ouml;tzlich, als Jenny eine Bewegung
+machte, als ob sie vom Tisch aufstehen wollte&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich
+mache wieder gut, was ich gefehlt&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und aufspringend
+setzt er sich an das offene Clavier, auf dem er mit einem
+weichen Andante begann, die T&ouml;ne aber mehr und mehr
+anschwellen lie&szlig; und endlich in einem wilden Allegro all
+die neckischen, englischen und irischen Melodien einflocht,
+die sie fr&uuml;her so oft mitsammen ge&uuml;bt und gesungen
+hatten.</p>
+
+<p>Von dem Augenblick an war es auch, als ob ein ganz
+anderer Geist &uuml;ber die kleine Gesellschaft komme, Don
+Guzman, der noch einmal von dem entsprungenen Tollh&auml;usler
+anfangen wollte, wurde gleich unterbrochen und
+in den Strudel eines anderen Gespr&auml;chs hineingerissen
+und vor Allen Don Gaspar hatte sich noch nie so liebensw&uuml;rdig,
+ja f&ouml;rmlich ausgelassen gezeigt, als an diesem
+Abend. Er war unersch&ouml;pflich im Erfinden und Erz&auml;hlen,
+und Jenny lachte und jubelte bald mit den &Uuml;brigen.</p>
+
+<p>Es wurde sp&auml;t und Don Gaspar selber mahnte mehrmals
+an den Aufbruch, Jenny aber bat immer wieder,
+nur noch ein ganz klein wenig zu bleiben, und des Spaniers
+Herz h&auml;tte m&uuml;ssen von Eisen sein, wenn er solcher
+Bitte widerstehen gekonnt.</p>
+
+<p>Eigenth&uuml;mlich war dabei das Benehmen Don Guzmans,
+der anf&auml;nglich, und zwar schon den ganzen Abend
+hindurch, Don Gaspar stets, wenn er sich besonders unbemerkt
+glaubte, aufmerksam fixirte und vorz&uuml;glich Leifeldt
+dadurch beunruhigte, der nicht mit Unrecht f&uuml;rchtete, der
+Argentiner habe einen, wenn auch vielleicht noch vollkommen
+unbestimmten Verdacht gefa&szlig;t, der wohl noch durch
+das anf&auml;nglich wunderliche Betragen Don Gaspars verst&auml;rkt
+werden mochte. Wie aber die Laune desselben sich
+mehr und mehr den Abend hindurch entwickelte, schwand
+auch augenscheinlich dieses Gef&uuml;hl, der sonst ziemlich ernste
+Argentiner wurde freundlich und zutraulich, und als der
+Wein erst die K&ouml;pfe ein wenig erw&auml;rmt hatte, war er
+mit dem Spanier so befreundet worden, da&szlig; er sich zu
+ihm setzte, und die beiden M&auml;nner lachten zusammen, da&szlig;
+ihnen die Thr&auml;nen aus den Augen liefen.</p>
+
+<p>Leifeldt wurde allerdings von der lebendiger werdenden
+Unterhaltung unwillk&uuml;rlich mit fortgerissen, aber der
+einmal gefa&szlig;te Verdacht, da&szlig; Jenny nicht ihn selber, sondern
+den Freund liebe, verbitterte ihm nicht allein den
+Abend, sondern f&uuml;llte sein Herz auch mit recht tiefem,
+schmerzlichem Weh. Er wu&szlig;te es wohl, er hatte es sich
+schon in den letzten Wochen nicht mehr gut fortleugnen
+k&ouml;nnen, aber immer noch schien eine schwache Hoffnung
+ihn &uuml;ber Wasser gehalten zu haben, heute aber schwand
+auch diese, und Jennys ganzes Benehmen, jeder sch&uuml;chterne
+Blick, wenn sie sich unbeobachtet glaubte&nbsp;&mdash;&nbsp;ihr Err&ouml;then,
+ihr Erblassen in den Erz&auml;hlungen seines eigenen Lebens,
+warfen ein furchtbares, aber nur zu treues Licht in seine
+Seele.</p>
+
+<p>Mit diesem Bewu&szlig;tsein fa&szlig;te er nun aber auch den
+festen Entschlu&szlig;, zu dem Freund zu sprechen&nbsp;&mdash;&nbsp;er wollte
+wissen, was der Spanier zu thun beabsichtige&nbsp;&mdash;&nbsp;er wollte
+seine Plane h&ouml;ren, denn nicht an ein leichtsinnig Spiel
+dieses Mannes sollte das Herz, das einstige Gl&uuml;ck dieses
+M&auml;dchens gebunden werden. Erst dieser Entschlu&szlig; brachte
+aber auch seiner Seele wieder die volle Ruhe und jede
+Schw&auml;che von sich absch&uuml;ttelnd, f&uuml;hlte er, wie er das
+sch&ouml;ne M&auml;dchen wirklich aufrichtig genug liebe, ihr freudig
+das eigene Gl&uuml;ck zum Opfer zu bringen und &uuml;ber ihr
+k&uuml;nftiges Leben mit treuer Freundes Sorgfalt zu wachen.
+So in sich selbst erstarkt, nahm er mehr und mehr an
+dem Gespr&auml;che Theil, und die alte Mrs. Newland, die
+ihn besonders in ihr Herz geschlossen, versicherte ihm noch,
+bevor sie Abschied nahmen, &raquo;da&szlig; es ihrer Seele wohl
+th&auml;te, den guten Doktor auch einmal wieder so frisch und
+fr&ouml;hlich bei sich zu sehen;&nbsp;&mdash;&nbsp;der Don Gaspar,&laquo; setzte
+sie dann in ihrer Gutm&uuml;thigkeit hinzu&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ist doch ein
+herrlicher Mensch, er bringt Leben und Bewegung in eine
+ganze Gesellschaft, nur ein Bischen zu toll treibt er's
+manchmal, und heute Abend besonders macht er doch die
+ausgelassensten Streiche&nbsp;&mdash;&nbsp;segne seine Augen, ich bin
+ihm ordentlich gut.&laquo;</p>
+
+<p>Don Guzman mahnte endlich zum Aufbruch&nbsp;&mdash;&nbsp;es
+war Mitternacht schon vor&uuml;ber, und da die drei M&auml;nner
+ziemlich einen Weg hatten, verlie&szlig;en sie zusammen Mr.
+Newlands gastliches Dach und wanderten die stille, menschenleere
+Stra&szlig;e noch lachend und erz&auml;hlend hinauf, w&auml;hrend
+hinter ihnen die W&auml;chter ihren scharfen Pfiff ert&ouml;nen
+lie&szlig;en<a href="#fn18"><small><sup>18</sup></small></a> und die einsamen, stillen H&auml;userreihen allein den
+Ausbruch ihrer lauten Fr&ouml;hlichkeit wiedert&ouml;nten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch8" id="ch8"></a>8.</h3>
+
+<h3>Die Entdeckung.</h3>
+
+<p>&raquo;Aber wissen Sie, liebster Don Gaspar,&laquo; sagte endlich
+der Argentiner, als sie an einer der Querstra&szlig;en-Ecken,
+wo dieser von ihnen Abschied nehmen mu&szlig;te, stehn geblieben
+waren, das begonnene Gespr&auml;ch erst zu beenden &mdash;
+&raquo;wissen Sie, f&uuml;r was ich Sie heute Abend einmal eine
+ganze Weile gehalten habe?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Se&ntilde;or?&laquo; lachte der Spanier&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;doch nicht
+etwa f&uuml;r den B&ouml;sen selber, der sich in Menschengestalt einen
+kleinen Spa&szlig; mache und nach Seelen angele, doch nicht
+f&uuml;r den Feind?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nein,&laquo; sagte Don Guzman lachend. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Oder f&uuml;r einen spanischen Spion, der vom Mutterlande
+her&uuml;ber geschickt w&auml;re, sich der Colonien wieder zu
+versichern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch nicht,&laquo; lautete die Antwort, &raquo;noch schlimmer&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Noch schlimmer als Teufel oder Spion?&laquo; lachte Don
+Gaspar, &raquo;das ist schmeichelhaft&nbsp;&mdash;&nbsp;und f&uuml;r was sonst
+noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r den entsprungenen Tollen!&laquo; rief Don Guzman,
+und Alles, was er noch weiter sagen wollte, erstarb in
+dem schallenden, dr&ouml;hnenden Gel&auml;chter des Spaniers, der
+sich gar nicht wieder zufrieden geben konnte. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich versichere Sie, bester Don Gaspar!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahahaha!&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;donnerte das dr&ouml;hnende Lachen
+dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, da&szlig; ich&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahahaha!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Der Argentiner mu&szlig;te zuletzt selber mit in das Lachen
+einstimmen, und anstatt dem Spanier den Grund solchen
+Verdachtes anzugeben, wie er es im Anfang beabsichtigt,
+jetzt nur auf seine Vertheidigung sinnen und sich entschuldigen,
+einen solchen Fehlgriff begangen zu haben. Eine
+kurze Weile plauderten dann die M&auml;nner noch mit einander,
+und w&uuml;nschten sich dann eine gute Nacht, vorher aber
+lud Don Guzman die beiden Freunde noch auf das Herzlichste
+ein, ihn recht bald einmal ebenfalls zu besuchen, was
+sie ihm auch fest versprachen.</p>
+
+<p>Don Guzman betrat gleich darauf sein Haus und
+Don Gaspar und Leifeldt wanderten dem ihrigen, beide
+jetzt still und schweigend, zu.</p>
+
+<p>Leifeldt hatte &uuml;berhaupt w&auml;hrend der ganzen letzten,
+so laut und munter gef&uuml;hrten Unterhaltung, nicht ein Wort
+gesprochen&nbsp;&mdash;&nbsp;es fing ihm an peinlich zu werden, ihre Flucht
+von Buenos-Ayres erw&auml;hnen zu h&ouml;ren, und wenn er auch
+f&uuml;r sich selber nicht die geringsten b&ouml;sen Folgen zu f&uuml;rchten
+brauchte, h&auml;tte er sich hier, in der Stadt zu jenem Fall
+bekannt, war ihm doch die ganze Sache fatal, und er begriff
+Don Gaspars Leichtsinn und Fr&ouml;hlichkeit in dieser
+Hinsicht nicht. Auch sein falscher Name fing ihm an
+dr&uuml;ckend zu werden und er wu&szlig;te nur nicht jetzt, wie ihn abzusch&uuml;tteln,
+ohne denen, an deren Meinung ihm etwas gelegen,
+in einem falschen Lichte zu erscheinen.</p>
+
+<p>Zu diesem kam noch der Entschlu&szlig;, der in seiner Seele
+k&auml;mpfte, Licht und Erkl&auml;rung selber von dem Freund, die
+Geliebte betreffend, zu erhalten, ein Entschlu&szlig;, gegen den
+er noch immer in seinem Innern ank&auml;mpfte, der sich ihm
+aber mit jeder Minute auch als immer dringender werdende
+Nothwendigkeit aufdr&auml;ngte.</p>
+
+<p>So erreichten sie ihre Wohnung, Jeder in seinen Gedanken
+vertieft und ohne auch nur eine Silbe weiter mit
+einander zu wechseln, und w&auml;hrend Leifeldt mit untergeschlagenen
+Armen rasch in dem kleinen Gemach auf- und
+abging, hatte sich Don Gaspar in die eine Ecke des Sophas
+geworfen und starrte mit zusammengezogenen Brauen vor
+sich nieder.</p>
+
+<p>Pl&ouml;tzlich blieb der junge Schwede vor dem Spanier
+stehen und sagte mit leiser, aber fester und entschiedener
+Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Gaspar, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich
+nicht l&auml;nger mehr allein zu ertragen vermag, und es ist
+n&ouml;thig, da&szlig; wir uns dar&uuml;ber verst&auml;ndigen, oder ich gehe
+in der steten Aufreibung meiner Kr&auml;fte und Gedanken v&ouml;llig
+zu Grunde.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar erwiederte kein Wort, sondern schlug
+nur die gro&szlig;en dunklen Augen staunend und erwartungsvoll
+zu ihm auf und blieb ruhig und regungslos in seiner
+Stellung.</p>
+
+<p>&raquo;Wie stehst Du zu Mi&szlig; Newland?&laquo; fuhr da der
+Schwede noch leiser fast fort, und man sah, es hatte ihm
+schwere &Uuml;berwindung gekostet, den Namen endlich auszusprechen.</p>
+
+<p>&raquo;Mi&szlig; Newland?&laquo; sagte aber Don Gaspar erstaunt,
+und ein eigenth&uuml;mliches L&auml;cheln zuckte und blitzte &uuml;ber seine,
+heute Abend ungew&ouml;hnlich bleichen Z&uuml;ge&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;wie soll ich
+zu Mi&szlig; Newland stehn?&nbsp;&mdash;&nbsp;h&ouml;chst freundschaftlich, hoff'
+ich doch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eine Umgehung meiner Frage hilft Dir nichts mehr,&laquo;
+rief aber Leifeldt, durch die, wie er glaubte, angenommene
+und verstellte Gleichg&uuml;ltigkeit des Freundes mehr gereizt
+und in seinem Entschlu&szlig; best&auml;rkt, &raquo;Du kannst mich nicht
+glauben machen, da&szlig; Dir das sch&ouml;ne M&auml;dchen gleichg&uuml;ltig
+sei&nbsp;&mdash;&nbsp;es ist nicht m&ouml;glich, da&szlig; Du blind gegen die Neigung
+w&auml;rest, die <span class="wide">sie</span> f&uuml;r Dich empfindet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neigung <span class="wide">f&uuml;r mich?</span>&laquo; rief aber jetzt der Spanier
+mit wirklichem Erstaunen und richtete sich auf seinem Sitz
+empor, &raquo;wie kommst Du zu dem tollen, abenteuerlichen
+Gedanken?&nbsp;&mdash;&nbsp;Wie kann das M&auml;dchen eine Neigung f&uuml;r
+mich empfinden&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; was kann sie <span class="wide">mir</span> sein?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Was sie <span class="wide">Dir</span> sein kann, Mensch?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;rief aber der
+Schwede jetzt durch die fast wegwerfenden Worte auf das
+tiefste ersch&uuml;ttert und emp&ouml;rt, &raquo;was sie <span class="wide">Dir</span> sein kann? &mdash;
+Heiliger Gott im Himmel, mir hat es Herz und Seele zerrissen,
+nur den Gedanken zu fassen, sie aufzugeben, und
+doch w&uuml;rfe ich meiner Seele Heil selbst freudig in die Schaale,
+sie nur gl&uuml;cklich zu wissen, und Du, Du k&ouml;nntest sie darum
+an Dich gezogen haben, nur um sie gleichg&uuml;ltig wieder wie
+ein Spielwerk, das dem Kinde gen&uuml;gt, wie eine welke Blume
+bei Seite zu werfen, ja ohne vielleicht einmal Freude,
+ohne eine einzige Regung des Herzens bei der &raquo;T&auml;ndelei&laquo;
+gef&uuml;hlt zu haben?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Federigo, Du faselst,&laquo; sagte der Spanier, und
+ein eignes eigenth&uuml;mliches L&auml;cheln zuckte pl&ouml;tzlich &uuml;ber seine
+Z&uuml;ge,&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;oder ich verstehe Dich auch falsch&nbsp;&mdash;&nbsp;Du
+meinst doch nicht, da&szlig; mich das M&auml;dchen liebt, und da&szlig;
+ich sie heirathen soll?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings mein' ich das,&laquo; erwiederte der junge
+Schwede mit ernster, fast tonloser Stimme.</p>
+
+<p>&raquo;Und soll ich mich hier h&auml;ngen oder in's Zuchthaus
+sperren lassen?&laquo; frug Don Gaspar laut auflachend.</p>
+
+<p>&raquo;Wie soll ich das verstehn?&nbsp;&mdash;&nbsp;weshalb?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Aus sehr einfachem Grunde&nbsp;&mdash;&nbsp;wie viel Frauen kann
+ein Mann in diesen S&uuml;damerikanischen Republiken nehmen?&laquo;
+frug Don Gaspar und stellte sich, die Arme auf der Brust
+in einander geschlagen, den Kopf auf die linke Seite geneigt,
+mit einem komischen Spotte in den Z&uuml;gen vor dem
+Schweden hin.</p>
+
+<p>&raquo;Wie viel Frauen?&nbsp;&mdash;&nbsp;nat&uuml;rlich nur <span class="wide">eine</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">bist</span>
+Du denn aber schon verheirathet?&laquo; rief der Schwede in
+unverhehltem Erstaunen.</p>
+
+<p>Eine wunderbare Ver&auml;nderung ging bei dieser Frage
+in den Z&uuml;gen des Spaniers vor&nbsp;&mdash;&nbsp;zuerst scho&szlig; ihm das
+Blut in Wange und Stirn, als ob es die Adern zu durchbrechen
+drohte, und im n&auml;chsten Augenblick lie&szlig; es ihm das
+Antlitz so wei&szlig; und kalt, da&szlig; die schwarzen gro&szlig;en Augen
+unheimlich und wild unter der todtenbleichen Stirn hervorgl&uuml;hten;
+dann strich er sich ein paar Mal mit der flachen
+Hand &uuml;ber die Stirn, und es war fast, als ob er gegen
+ein in ihm erwachendes, aufdr&auml;ngendes Gef&uuml;hl stark und
+gewaltsam anzuk&auml;mpfen suchte,&nbsp;&mdash;&nbsp;er schien auch des Freundes
+Frage ganz &uuml;berh&ouml;rt zu haben, gab wenigstens keine
+Antwort, und erst, als dieser dieselbe wiederholte, lachte
+er pl&ouml;tzlich still vor sich hin und sagte, die Hand auf des
+Arztes Schulter legend, leise und zutraulich &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Versteht sich, Freundchen, versteht sich&nbsp;&mdash;&nbsp;aber&nbsp;&mdash;&nbsp;man
+spricht nicht gern davon. Eine Frau ist ein liebensw&uuml;rdiger
+Gegenstand zu Hause, doch h&ouml;chst unbequem auf
+der Reise, und&nbsp;&mdash;&nbsp;man l&auml;&szlig;t sie deshalb lieber, wo sie am
+liebsten ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie ist mir denn, in des Himmels Namen,&laquo;
+rief der junge Arzt verst&ouml;rt, &raquo;hast Du mir denn nicht fr&uuml;her
+gesagt &mdash;?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pst, Freund,&laquo; fl&uuml;sterte der Spanier und lauschte
+nach dem Nachbarzimmer hin&uuml;ber, als ob er f&uuml;rchte, von
+dort behorcht zu werden, &raquo;ich will Dir die ganze Geschichte
+mit wenigen Worten erz&auml;hlen,&nbsp;&mdash;&nbsp;es ist freilich schon sp&auml;t,
+aber wir sind Beide jetzt zu aufgeregt, schlafen zu k&ouml;nnen
+und&nbsp;&mdash;&nbsp;heute ist so gut eine Zeit daf&uuml;r, wie jede andere.&laquo;
+&mdash; Und seine Hand ergreifend, f&uuml;hrte er ihn zum Sopha
+und begann, sich an seiner Seite niederlassend, auch rasch
+und ohne weitere Vorrede dem staunenden Freund sein
+bisher so sorgf&auml;ltig verschlossen gehaltenes Innere zu &ouml;ffnen.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich nicht irre,&laquo; sagte er, und strich sich dabei
+sinnend mit der linken Hand die Stirn,&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;habe ich schon
+fr&uuml;her einmal angefangen, Dir einen Theil meiner Lebensgeschichte
+zu erz&auml;hlen&nbsp;&mdash;&nbsp;wir wurden damals unterbrochen,
+ich habe vergessen durch was,&nbsp;&mdash;&nbsp;Du wei&szlig;t jedenfalls,
+da&szlig; mein Bruder damals statt meiner von Rosas Henkern
+ermordet oder gerichtet wurde.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Dein Bruder?&nbsp;&mdash;&nbsp;also doch?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;rief der Arzt
+schaudernd.</p>
+
+<p>&raquo;Also doch?&laquo; wiederholte Don Gaspar, &raquo;allerdings;
+Du h&auml;ttest dabei sein sollen,&laquo; fuhr er pl&ouml;tzlich lebhafter
+fort, und die Hand deutete, dem stieren Blick folgend, in
+die Ecke des Zimmers&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Du h&auml;ttest dabei sein sollen,
+wie sie den Mantel zur&uuml;ckschlugen, unter dem die Leiche
+lag, und ich in den starren, blutigen Z&uuml;gen den <span class="wide">Bruder</span>
+erkannte, den ich seit meinem zw&ouml;lften Jahre nicht gesehen,
+und jetzt <span class="wide">so</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">so</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;f&uuml;r <span class="wide">mich</span> geschlachtet, wiederfinden
+sollte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Du h&auml;ttest dabei sein sollen, wie sie aufschrieen,
+als sie dasselbe Gesicht <span class="wide">lebend</span> zwischen sich sahen, das
+entstellt, entseelt vor ihnen im Schmutz der Stra&szlig;e lag &mdash;
+hahahaha, ich m&uuml;&szlig;te jetzt noch lachen, wenn mir nicht eben
+das Blut in den Adern erstarrte.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er schwieg ersch&ouml;pft still, st&uuml;tzte die Stirn viele Minuten
+lang in beide H&auml;nde, und fuhr dann, w&auml;hrend ihn
+Leifeldt mit ernstem, mitleidigem Blick betrachtete, leiser
+noch und langsamer fort:</p>
+
+<p>&raquo;So lag ich&nbsp;&mdash;&nbsp;ich wei&szlig; nicht wie lange, auf der
+Stra&szlig;e, unter dem blutigen Tuch, und erst gegen Abend
+trugen sie mich hinaus und begruben mich&nbsp;&mdash;&nbsp;ich glaube
+aus besonderer R&uuml;cksicht&nbsp;&mdash;&nbsp;unter einem alten Ombubaum
+an der Boka.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Dich?</span>&laquo; rief Leifeldt &uuml;berrascht&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Deinen Bruder!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Bruder?&nbsp;&mdash;&nbsp;ja ich wei&szlig; nicht, was mit dem
+gleich wurde&nbsp;&mdash;&nbsp;ich hatte damals zu viel f&uuml;r mich selbst
+zu denken,&laquo; murmelte der Ungl&uuml;ckliche mit halblauter Stimme
+und fast nur wie mit sich selber redend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;aber da ich
+die beiden Argentiner ermordet hatte (und wir Beiden uns
+so entsetzlich &auml;hnlich sahen), doch aber nun leider einmal
+todt war, so begruben sie mich auch eben, und das Einzige,
+was ich mir bis jetzt noch immer nicht so recht erkl&auml;ren
+kann,&laquo; fuhr er, den Finger wie &uuml;berlegend an die
+Nase bringend, fort&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ist, da&szlig; ich nachher&nbsp;&mdash;&nbsp;aber ich
+wei&szlig; nicht mehr wie lange&nbsp;&mdash;&nbsp;Trauer anlegte in der Stadt
+und zu meinen Schwiegereltern ging, ihnen die schmerzliche
+Nachricht von dem Tod meines Bruders, der sich th&ouml;richter
+Weise in ein Duell mit zwei Argentinern eingeladen, mitzutheilen.
+Ich erinnere mich noch&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;setzte er unheimlich
+l&auml;chelnd hinzu,&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;wie toll sich meine Frau damals gebehrdete
+&mdash; wie sie mich von sich stie&szlig; und ein alter Mann
+mir den Eingang verwehren wollte&nbsp;&mdash;&nbsp;ich warf den alten
+Mann damals aus dem Fenster und ich glaube, er hat den
+Hals gebrochen, ich habe ihn wenigstens niemals wiedergesehn,
+aber auch einen Fremden fand ich bei ihr im Hause
+&mdash; wahrhaftig, einen der Burschen, die ich auf der Stra&szlig;e
+todtgestochen&nbsp;&mdash;&nbsp;und die <span class="wide">Teufel</span> schrien mir zu, das sei
+ihr Mann.&nbsp;&mdash;&nbsp;Ich wollte ihm um den Hals fallen &mdash;
+hahahahaha&nbsp;&mdash;&nbsp;aber sie litten es nicht&nbsp;&mdash;&nbsp;eine Menge Menschen
+kamen dazwischen, und ich glaube&nbsp;&mdash;&nbsp;ich glaube, ich
+ging wieder nachher hinaus unter den Ombubaum, aber
+das Alles liegt mir jetzt nur noch, einem Chaos gleich, im
+Ged&auml;chtni&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Bilder davon schwimmen zusammen, steigen oft
+zu riesigen Bergmassen auf, da&szlig; ich f&uuml;rchten mu&szlig;, sie w&uuml;rden
+mich unter ihrer Last zusammenpressen, und schwinden
+dann wieder zusammen, da&szlig; das Auge den winzigen, blitzschnell
+kreisenden, schwingenden Dingen kaum zu folgen
+vermag.&laquo;</p>
+
+<p>Er schwieg einen Augenblick und die Stirn in den,
+auf den Tisch gest&uuml;tzten Arm werfend, lehnte er wohl eine
+halbe Minute regungslos da und schien die wild heraufbeschworenen
+Bilder seiner Phantasie zur&uuml;ckdr&auml;ngen zu
+wollen in ihr altes, ruhiges Bett. Leifeldt aber sa&szlig; mit
+str&auml;ubendem Haar und peinvoll schlagendem Herzen neben
+dem Freund&nbsp;&mdash;&nbsp;das Blut schien seine Adern, das Leben
+seine Glieder verlassen zu haben, und nur den stieren Blick
+auf die zusammengebrochene Gestalt des Ungl&uuml;cklichen gebannt,
+hellte sich zum ersten Mal seinem Auge der wirkliche
+Zustand des Mannes, den er selber wieder in das Leben
+eingef&uuml;hrt, und die furchtbare Gewi&szlig;heit, einem <span class="wide">Wahnsinnigen</span>
+gegen&uuml;ber zu stehen, trieb ihm das Blut in
+rasenden Schl&auml;gen zum schreckerf&uuml;llten Herz zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Don Gaspar sah aber nicht den auf ihm haftenden
+Blick des Entsetzens, ja er schien die N&auml;he einer anderen
+Person fast ganz vergessen zu haben und fuhr nur, wie zu
+sich selber sprechend, leise fort:</p>
+
+<p>&raquo;Es war nicht h&uuml;bsch von Constancia&nbsp;&mdash;&nbsp;ein falscher
+&mdash; falscher Name&nbsp;&mdash;&nbsp;es war nicht h&uuml;bsch von ihr, mich
+so bald zu vergessen, aber wart Bursche, wart&nbsp;&mdash;&nbsp;Du hast
+ihr tr&uuml;gerische Geschichten in's Ohr geraunt, meine Briefe
+unterschlagen, meine Existenz verleugnet&nbsp;&mdash;&nbsp;hast sie fortgeschleppt
+in die Fremde und mich selber in Ketten und Banden
+geworfen und Dein alter Name, Don Luis de Gomez
+sch&uuml;tzte Dich in der Zeit in Deiner Verr&auml;therei, aber jetzt
+&mdash; hahahaha&nbsp;&mdash;&nbsp;bin ich frei, frei, frei&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und er sprang
+empor bei den Worten und seine Augen blitzten und funkelten
+in wildem wahnsinnigen Feuer&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;frei wie der
+Tiger, der in dem dunklen Waldesschatten seiner Beute geduldig,
+aber mit wilder Gier entgegenharrt&nbsp;&mdash;&nbsp;frei wie
+der&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;er schwieg pl&ouml;tzlich, denn sein Blick fiel in dem
+Moment auf das stiere, blaue Auge des jungen Schweden,
+das ihn fest und entsetzt fixirte, und als ob der Blick eine
+f&ouml;rmlich magische Gewalt &uuml;ber ihn ausge&uuml;bt habe, sank er
+still wieder in sich selbst zusammen und schaute erst vor sich
+nieder und dann empor und umher, wie ein Mann, der
+pl&ouml;tzlich aus einem schweren Traum erwacht, und sich wachend
+m&uuml;ht, die eben geschauten Bilder zu halten und dem
+lebendig gewordenen Auge zu bewahren.</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken,&laquo; sagte
+er pl&ouml;tzlich aufstehend, und mit beiden H&auml;nden gegen seine
+Schl&auml;fe gepre&szlig;t, im Zimmer auf- und abgehend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;er
+bekommt mir nicht, und macht mir das Blut schwer und
+unb&auml;ndig&nbsp;&mdash;&nbsp;nicht wahr, es ist sp&auml;t, Federigo?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Er hatte diese Worte gesprochen, ohne dem Blick des
+Freundes auch nur in einem Moment wieder zu begegnen,
+und das Auge des Arztes war ihm in stummen Staunen
+durch den Raum auf und ab gefolgt; aber zu pl&ouml;tzlich, zu
+unerwartet kam diese &Auml;nderung des eben noch so furchtbaren
+Zustandes&nbsp;&mdash;&nbsp;der &Uuml;bergang fehlte zwischen den beiden
+Extremen und Leifeldt, sich selber kaum bewu&szlig;t, was
+er sagte, fl&uuml;sterte nur halblaut:</p>
+
+<p>&raquo;Constancia!&laquo;</p>
+
+<p>Der Name wirkte mit Blitzesschnelle auf den Spanier
+&mdash; er blieb stehn, sah den Freund rasch und forschend an,
+und sagte dann l&auml;chelnd:</p>
+
+<p>&raquo;Constancia?&nbsp;&mdash;&nbsp;wie kommst Du auf <span class="wide">den</span> Namen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nanntest Du ihn nicht selber?&laquo; frug der Schwede.</p>
+
+<p>&raquo;Ich?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;rief Don Gaspar, jedenfalls mehr erschreckt
+als erstaunt, &raquo;<span class="wide">ich</span> h&auml;tte den Namen genannt?&nbsp;&mdash;&nbsp;und doch,
+ja&nbsp;&mdash;&nbsp;es ist m&ouml;glich;&nbsp;&mdash;&nbsp;das sind ja die alten wunderlichen
+Ideen, die sie mir in Buenos-Ayres andichten wollten,
+und so lange haben sie mir den Unsinn vorerz&auml;hlt, bis
+ich beinah dazu getrieben gewesen w&auml;re, jene Wahnsinn
+herausfordernden Gedanken auch selber zu glauben. &mdash;
+Aber es ist sp&auml;t, Federigo, wir wollen morgen wieder fr&uuml;h
+aufstehn, und da taugt das lange Schw&auml;rmen nichts gute
+Nacht, Federigo, gute Nacht,&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und das eine Licht,
+das noch unangez&uuml;ndet auf dem Tische stand, an dem anderen
+entz&uuml;ndend, reichte er dem Freunde, wie er das alle
+Abend that, die Hand, und verlie&szlig; dann langsam das
+Zimmer&nbsp;&mdash;&nbsp;aber er vermied seinen Blick&nbsp;&mdash;&nbsp;er wandte den
+Kopf nicht wieder um, als er ging.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch9" id="ch9"></a>9.</h3>
+
+<h3>Entschl&uuml;sse und Pl&auml;ne.</h3>
+
+<p>Der junge Arzt stand wie in den Boden gewurzelt,
+den stieren Blick noch immer auf die Th&uuml;r geheftet, als
+schon jener das Zimmer lange, lange verlassen, und es bedurfte
+einer geraumen Zeit, ehe er sich nur selbst genug
+zu fassen wu&szlig;te, alles das zu <span class="wide">begreifen,</span> was in der
+letzten Stunde mit ihm vorgegangen; erst dann aber war
+es, da&szlig; er das ganze Entsetzliche seiner Lage begriff, und
+sich, vernichtet, in einen Stuhl werfend, barg er das Antlitz
+in den H&auml;nden und schluchzte laut.</p>
+
+<p>Was ihm, ein dunkler, furchtbarer Verdacht, nur
+manchmal wie das kalte Wetterleuchten einer Schneenacht
+durch die Seele gezuckt&nbsp;&mdash;&nbsp;was ihm selbst dann, wo er
+den Gedanken von sich warf in wilder Hast, in den wenigen
+Momenten das Herz mit Furcht und Entsetzen erf&uuml;llte
+&mdash; es war Wahrheit geworden, und mit flammenden Buchstaben
+stand es vor seinem inneren Auge, was er mit
+leichtgl&auml;ubigem, th&ouml;richtem Herzen gethan.</p>
+
+<p>Einem Wahnsinnigen hatte er zur Flucht aus dem
+Krankenhaus geholfen&nbsp;&mdash;&nbsp;einen Wahnsinnigen eingef&uuml;hrt
+in den stillen Familienkreis der Freunde, und Jenny &mdash;
+heiliger Gott und Erbarmer&nbsp;&mdash;&nbsp;Jenny war elend geworden
+durch ihn, durch ihn, der sein Leben mit Freuden
+hinausgeworfen h&auml;tte, ihr eines Jahres Gl&uuml;ck daf&uuml;r zu
+kaufen.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Er verbrachte die ganze Nacht damit, im Zimmer auf
+und ab zu gehen und Pl&auml;ne zu ersinnen, all dem Unheil
+vorzubeugen, das er selber muthwillig heraufbeschworen &mdash;
+Pl&auml;ne, die er wieder verwarf, wie sie kaum in ihm aufgestiegen
+und er f&uuml;rchtete selbst den anbrechenden Tag, der
+vielleicht schon die Entwickelung des Entsetzlichen mit sich
+bringen konnte.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>Was sollte er thun, wie dem t&ouml;dtlichen Pfeile wehren,
+der, einmal der Sehne entflogen, in wilder Flucht seinem
+Ziele entgegenstrebte?&nbsp;&mdash;&nbsp;Sich selber den Gerichten entdecken?
+bekennen, was er mitleidigen und selbst get&auml;uschten
+Herzens gethan und den Wahnsinnigen wieder in die Gewalt
+einer Anstalt liefern? es war das Einzige, was ihm,
+so viel er sinnen mochte, vern&uuml;nftiger Weise zu thun &uuml;brig
+blieb, und doch str&auml;ubte sich immer und immer wieder
+sein Herz gegen solche Maa&szlig;regel der Gewalt, die den Ungl&uuml;cklichen,
+mit dem er nun einmal Freud und Leid so
+lange Monate getheilt, auf's Neue in die Mauern eines
+Kerkers, vielleicht in die alten R&auml;ume zur&uuml;ckwerfen mu&szlig;te,
+und hatte er da nicht die Gewi&szlig;heit, das endlich im furchtbarsten
+Maa&szlig;e zu werden, was jetzt doch noch m&ouml;glicher
+Weise durch treue Freundeshand geheilt, oder wenigstens
+gemildert werden konnte? &mdash;</p>
+
+<p>Und Jenny&nbsp;&mdash;&nbsp;mu&szlig;te ihr nicht das Herz brechen,
+wenn sie den Geliebten&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">Geliebten?</span> einen Wahnsinnigen
+&mdash; arme, arme Jenny.</p>
+
+<p>Er wollte fliehen, aber war nicht gerade jetzt seine
+Gegenwart es allein, die noch vielleicht Ungl&uuml;ck und Verderben
+von bedrohten, <span class="wide">lieben</span> H&auml;usern abwehren konnte?
+er wollte hin zu Newlands, und sie von dem Schrecklichen
+in Kenntni&szlig; setzen, und f&uuml;rchtete doch auch wieder den
+Augenblick, wo er dem M&auml;dchen gegen&uuml;ber die Schreckensworte
+aussprechen sollte.</p>
+
+<p>Ihm schwindelte zuletzt von all den Gedanken; die
+ihm Hirn und Seele folterten, und zum Tode ersch&ouml;pft,
+warf er sich endlich auf sein Lager&nbsp;&mdash;&nbsp;seine Angst, sein
+Weh fortzutr&auml;umen in tollen Bildern.</p>
+
+<p>Als er am n&auml;chsten Morgen erwachte, stand Don
+Gaspar an seinem Bett, und noch ehe er sich die Vorg&auml;nge
+des letzten Abends ins Ged&auml;chtni&szlig; zur&uuml;ckrufen konnte
+&mdash; und nur die dunkle Erinnerung daran lag noch,
+eine Last, auf seiner Seele&nbsp;&mdash;&nbsp;bat ihn der Spanier mit
+vollkommen unbefangener, ruhiger Stimme, aufzustehen
+und sich anzuziehen&nbsp;&mdash;&nbsp;das Wetter sei wundervoll und sie
+wollten einen Spatziergang mitsammen machen. Fast mechanisch
+gehorchte er, so oft er aber auch versuchte dem
+Blick des Ungl&uuml;cklichen zu begegnen, so oft mi&szlig;lang ihm
+das, und Don Gaspar trat zuletzt an das Fenster, und
+schaute, an den Scheiben trommelnd, hinaus, bis jener
+seine Toilette beendet hatte und ihm auf die Stra&szlig;e folgen
+konnte.</p>
+
+<p>Auch dort waren sie schon eine lange Strecke neben
+einander hingeschritten, ehe Einer von ihnen auch nur ein
+Wort gesprochen h&auml;tte&nbsp;&mdash;&nbsp;sie schienen sich Beide vor einem
+Beginn zu f&uuml;rchten, und so stutzig Leifeldt im Anfang &uuml;ber
+das vollkommen gefa&szlig;te, stille Benehmen des Mannes gewesen
+sein mochte, bei dem er die Raserei wieder voll ausgebrochen
+glaubte, so blieb es doch auch keinem Zweifel
+unterworfen, da&szlig; der Spanier sich dessen, was er gestern
+getrieben, wenigstens halb bewu&szlig;t sein mu&szlig;te. Sein ganzes,
+scheues Benehmen sprach ihn schuldig und Leifeldt
+wu&szlig;te nur nicht, ob ihm der ganze vergangene Abend klar
+im Ged&auml;chtni&szlig; liege, mit all den Einzelheiten dessen, was
+er gethan und gesprochen, oder ob nur eine wilde, unbestimmte
+Ahnung begonnenen Unheils in ihm g&auml;hre und
+arbeite, und er jetzt darauf hoffe, durch den Freund von
+selbst und ohne weiter darauf einzugehen, die n&ouml;thige Aufkl&auml;rung
+und Beruhigung; oder&nbsp;&mdash;&nbsp;Best&auml;tigung des unbestimmt
+Gef&uuml;rchteten&nbsp;&mdash;&nbsp;zu bekommen.</p>
+
+<p>Leifeldt schwieg aber ebenfalls; er konnte sich nicht
+dazu zwingen, jetzt, mit all dem Vergangenen noch frisch,
+als sei es vor wenigen Minuten geschehen, im Ged&auml;chtni&szlig;,
+eine gleichg&uuml;ltige Unterhaltung zu beginnen, und er <span class="wide">f&uuml;rchtete</span>
+den offenen Schaden zu ber&uuml;hren, der im Bereiche
+seiner Hand lag.</p>
+
+<p>Don Gaspar konnte endlich dies peinlich werdende
+Schweigen nicht l&auml;nger ertragen und sagte, ohne jedoch zu
+seinem Begleiter aufzuschauen, mit leiser, kaum h&ouml;rbarer
+Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken, Federigo
+&mdash; er bekommt mir jedesmal schlecht, und ich f&uuml;hle
+mich aufgeregt und erhitzt nach dem Genu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast Du gestern so viel Wein getrunken?&laquo; frug
+Leifeldt rasch zu ihm aufschauend&nbsp;&mdash;&nbsp;eine neue Hoffnung
+&ouml;ffnete ihm hier die Bahn&nbsp;&mdash;&nbsp;h&auml;tte der Wein allein die
+Schuld getragen, und war es m&ouml;glich, da&szlig; wirklich das
+starke, ungewohnte Getr&auml;nk eine solche Aufregung hervorgerufen?</p>
+
+<p>&raquo;Viel gerade nicht,&laquo; entgegnete der Spanier unruhig,
+&raquo;aber der Wein, den diese Engl&auml;nder trinken, ist schwer
+und feurig, er wird in den Adern zu gl&uuml;hender Lava,
+und treibt das Blut kochend in das Hirn hinauf&nbsp;&mdash;&nbsp;ich
+darf keinen Wein wieder trinken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat Dich sehr angegriffen,&laquo; sagte Leifeldt.</p>
+
+<p>Don Gaspar warf ihm einen scheuen Seitenblick zu,
+und erwiederte mit einem verlegenen L&auml;cheln:</p>
+
+<p>&raquo;Es ist das mein alter Fehler, und diente einst zum
+Vorwand f&uuml;r meine Argentinischen Feinde, mich in Banden
+zu legen; aber die ganze spanische Nation ist m&auml;&szlig;ig &mdash;
+Du wirst selten, oder nie einen Betrunkenen unter ihnen
+sehen, und kleine Quantit&auml;ten bewirken dann auch oft bei
+dem sonst N&uuml;chternen, was zehnfache Massen nicht bei
+mehr abgeh&auml;rteten Naturen zu Stande br&auml;chten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="wide">wei&szlig;t</span> Du, was Du gestern Abend gesprochen
+und getrieben?&laquo; sagte Leifeldt, stehen bleibend und ihn
+aufmerksam betrachtend.</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, wahrscheinlich,&laquo; l&auml;chelte der Spanier, indem
+er langsam weiter schritt&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;blanken Unsinn, wie ich es
+oft und oft in fieberhafter Aufregung gethan; ein Wunder
+w&auml;r's nicht, wenn ich zuletzt die tollen M&auml;rchen selber
+glaubte, die sie mir wieder und immer wieder vorerz&auml;hlt,
+und mich haben zwingen wollen, dem beizustimmen &mdash;
+mit einiger Ausdauer k&ouml;nnte man, glaub ich, dem besten
+Menschen zuletzt einreden, er habe seine eigene Mutter
+erschlagen&nbsp;&mdash;&nbsp;was habe ich denn gesprochen?&laquo;</p>
+
+<p>Die letzten Worte klangen wieder so leise und lauernd,
+da&szlig; Leifeldt auf's Neue stutzig wurde, und den Freund
+mi&szlig;trauisch betrachtete, es lag mehr wie eine unschuldig
+hingeworfene Erkundigung in der Frage, und er konnte
+sich nicht helfen, der Verdacht hatte einmal Wurzel geschlagen,
+er war nicht mehr im Stande ihn so rasch wieder
+aus dem Herzen zu rei&szlig;en. Den Kranken deshalb nicht
+noch mehr zu beunruhigen, oder gar mi&szlig;trauisch zu machen,
+ehe er sich wirklich von dem Gegr&uuml;ndetsein seines Verdachtes
+&uuml;berzeugt habe, sagte er gleichg&uuml;ltig&nbsp;&mdash;&nbsp;und er mu&szlig;te
+sich gar gewaltsam zusammen nehmen, seine Fassung zu
+behaupten: &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;O, nichts Besonderes&nbsp;&mdash;&nbsp;die alte Geschichte, nur
+mit so furchtbarer Wahrheit erz&auml;hlt, da&szlig; dem H&ouml;rer das
+Mark in den R&ouml;hren schauderte&nbsp;&mdash;&nbsp;Gaspar, Du w&auml;rest
+im Stande, Einen selbst zum Wahnsinn zu treiben.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar seufzte hoch auf und meinte l&auml;chelnd,
+w&auml;hrend er des Freundes Arm ergriff und mit ihm nach
+dem Inneren der Stadt zur&uuml;ckdrehte: &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Tolle Geschichten&nbsp;&mdash;&nbsp;tolle Geschichten, und Gott
+sei Dank, da&szlig; ich wieder des Himmels freie Luft athme,
+hier hat das keine Gefahr, da&szlig; solche Gedanken &uuml;berhand
+nehmen und uns verderben, aber in dem engen Gem&auml;uer
+fallen sie wie Tropfen h&auml;&szlig;lichen Giftes ins Ohr und t&ouml;dten
+unsere Gedanken im Keime&nbsp;&mdash;&nbsp;freie Luft&nbsp;&mdash;&nbsp;freie
+Luft!&laquo;</p>
+
+<p>Mit einem inneren Schauder k&auml;mpfend, der ihn wohl
+in der Erinnerung an das Ertragene beschleichen mochte,
+schritt er rasch neben dem Freunde her, und erst in der
+Stadt selber schien sich die Wolke zu verziehen, die vor
+seiner Seele gelagert. Er wurde gespr&auml;chiger, heiterer, und
+ehe eine halbe Stunde vergangen, lachte und erz&auml;hlte er
+wieder wie fr&uuml;her.</p>
+
+<p>Anders war es mit dem jungen Schweden. Im Anfang
+&mdash; von den Gr&auml;uelthaten umgeben, die Rosas wirklich
+ver&uuml;bte oder deren er wenigstens beschuldigt wurde &mdash;
+durch sein gutes Herz get&auml;uscht, konnte er in dem angek&uuml;ndigten
+Kranken, in dem er selber nie auffallende Zeichen
+wirklicher Geisteszerr&uuml;ttung beobachtet, wohl einen
+unschuldig Eingekerkerten glauben, und einmal auf diese
+Spur gebracht, ist es erkl&auml;rlich, da&szlig; er trotz den oft wilden
+excentrischen Streichen des Freundes so wenig daran
+dachte, in ihm einen Tollen zu sehen, als wir bei den
+Menschen, mit denen wir t&auml;glich verkehren, sie m&ouml;gen
+sich so wunderlich betragen wie sie wollen, gleich so Entsetzliches
+vermuthen. Einmal aber solcher Art der Verdacht
+geweckt, und jede Bewegung des jetzt sorgf&auml;ltig, wenn auch
+heimlich Beobachteten, gab Stoff zu neuen Best&auml;tigungen.</p>
+
+<p>So sehr er sich aber nun auch f&uuml;rchtete, Newlands
+die furchtbare Nachricht zu bringen, so wu&szlig;te er doch nur
+zu gut, da&szlig; sie von der Gefahr benachrichtigt werden
+mu&szlig;ten; nur er selber wollte der &Uuml;berbringer solcher Botschaft
+nicht sein, und nach einigem Z&ouml;gern entschlo&szlig; er sich,
+den Argentinischen Konsul aufzusuchen, und diesem die
+ganze Thatsache, unbesch&ouml;nigt, unver&auml;ndert mitzutheilen.
+Er war sich keiner unedlen Handlung dabei bewu&szlig;t, und
+besser jetzt aufrichtig den Fehler gestanden, und den Rath
+eines erfahrenen Mannes dabei zur Seite gehabt, als
+dann die furchtbaren Folgen th&ouml;richten Schweigens <span class="wide">zu
+sp&auml;t</span> zu bereuen.</p>
+
+<p>Unter dem Vorwand, einige Patienten besuchen zu
+m&uuml;ssen, machte er sich von Don Gaspar los, und ging
+langsam die Almendral hinauf. Der Kopf war ihm w&uuml;st,
+das Herz schwer&nbsp;&mdash;&nbsp;er f&uuml;hlte sich recht, recht ungl&uuml;cklich.
+Manchmal zwar tauchte auch der Gedanke in ihm auf, jetzt
+ja den Nebenbuhler zu verlieren, und der kleine Teufel,
+der in unser Aller Seelen wohnt und w&uuml;hlt und arbeitet,
+und dem Herzen des Menschen die Ruhe nimmt, wollte
+ihm lockende Bilder vormalen, da&szlig; ihm nun bald kein
+Hinderni&szlig; mehr im Wege stehen, ja da&szlig; Jenny ihm den
+Frieden ihres Lebens danken w&uuml;rde, wenn er sie von der
+furchtbaren Gefahr befreie, der sie fast als Opfer gefallen.
+Aber solche Tr&auml;ume dauerten nicht lange, der Versucher
+wich, die kalte Vernunft errang sich nur zu bald wieder
+den Sieg, und er f&uuml;hlte dann, da&szlig; er Jenny wohl vor
+der Gefahr warnen und bewahren, ihr Herz aber ihm nie
+und nimmer zuwenden k&ouml;nne&nbsp;&mdash;&nbsp;diese Entdeckung vermochte
+nie ihn gl&uuml;cklich, aber Jenny wohl recht bald elend zu
+machen.</p>
+
+<p>Wenn Leifeldt &uuml;brigens glaubte, den Kranken durch
+seinen Vorwand, Patienten besuchen zu m&uuml;ssen, get&auml;uscht
+zu haben, so hatte er sich weit geirrt. Mi&szlig;trauisch, wie
+alle derartige Kranke sind, und mit einer gewissen Schlauheit,
+die &uuml;berhaupt den Zustand des Spaniers charakterisirte,
+hatte Don Gaspar schon an dem Morgen, durch
+das ganze Betragen Leifeldts nur noch mehr und mehr darin
+best&auml;rkt, Verdacht gesch&ouml;pft, der Arzt <span class="wide">ahne</span> seinen wirklichen
+Zustand, und mit dem Verdacht wuchs nat&uuml;rlich auch
+die Furcht, da&szlig; er ihn verrathen, und an seine Feinde
+wieder ausliefern w&uuml;rde&nbsp;&mdash;&nbsp;eine Furcht, die zur Gewi&szlig;heit
+wurde, als er den Schweden seine Richtung gerade
+zu nach der Wohnung des Argentinischen Konsuls nehmen
+sah, wohin er ihm vorsichtig in der Entfernung gefolgt war.</p>
+
+<p>Das Herz schlug ihm wild und st&uuml;rmisch in der Brust,
+und unter seinem Poncho das Heft des Messers ergreifend,
+das er heute zum ersten Mal wieder zu sich gesteckt, schien
+der erste in ihm aufsteigende Gedanke, dem er auch augenblicklich
+nachgab, <span class="wide">der</span> zu sein, dem Verr&auml;ther zu folgen
+und beide Mitwissende seines furchtbaren Geheimnisses
+unsch&auml;dlich zu machen. &mdash;</p>
+
+<p>Die Hausth&uuml;r fand er noch angelehnt, und statt zu
+pochen, wie es in den s&uuml;dlichen L&auml;ndern, selbst an den
+offenen Th&uuml;ren Sitte ist, trat er rasch hinein und wollte
+eben die Treppe hinauf springen, als er von oben nieder
+fremde Stimmen h&ouml;rte, und dem ersten Impuls folgend
+in ein offen stehendes Seitenzimmer, dessen Th&uuml;r er rasch
+hinter sich anzog, hineinglitt.</p>
+
+<p>Die Unterhaltung der Heruntersteigenden wurde laut
+gef&uuml;hrt und Don Gaspar schien ungeduldig ihre Entfernung
+zu erwarten, als pl&ouml;tzlich ein Name drau&szlig;en wie ein
+j&auml;her Schlag durch seine Glieder zuckte, und er in gespanntester
+Aufmerksamkeit, alles Andere um sich her vergessend,
+an der Th&uuml;re lauschte, kein Wort von dem drau&szlig;en
+gesprochenen zu verlieren.</p>
+
+<p>&raquo;Don Luis de Gomez,&laquo; sagte die eine Stimme, die
+einem &auml;lteren Manne anzugeh&ouml;ren schien, &raquo;hat sonst weiter
+keine Befehle hinterlassen, Amigo?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine da&szlig; ich w&uuml;&szlig;te,&laquo; entgegnete die andere &mdash;
+&raquo;sorgt nur daf&uuml;r, da&szlig; seine Zimmer in Guillota bereit
+sind, denn ich glaube kaum, da&szlig; er sich l&auml;nger als zwei
+Tage in Valparaiso aufhalten wird.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner standen jetzt unten vor der Th&uuml;r,
+hinter welcher der Spanier, sein Ohr gegen das d&uuml;nne
+Holz gepre&szlig;t, lauerte, und der erstere meinte wieder: &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Die Se&ntilde;ora wird wohl nicht so rasch wieder fort
+wollen&nbsp;&mdash;&nbsp;Reisen greift an und ein paar Rasttage sind
+manchmal n&ouml;thig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wei&szlig; ich nicht und geht mich nichts an,&laquo;
+brummte der Andere&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Weiberlaunen sind wunderliche
+Dinge und wenn's ihr in den Kopf kommt, bleibt sie
+vielleicht den ganzen Sommer hier, mag Don Gomez dagegen
+sagen was er will.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wer war denn der junge
+Mann, der eben zu Don Guzman ging?&nbsp;&mdash;&nbsp;Den habe ich
+doch noch nicht hier gesehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein deutscher Doktor, glaub' ich, der sich hier aufh&auml;lt,&laquo;
+lautete die Antwort&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;aber ich wollte, wir k&ouml;nnten
+gehen, we&szlig;halb m&ouml;gen wir denn hier noch warten
+sollen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Blitz noch einmal, wie der Se&ntilde;or erschrak, als er
+Don Luis Namen h&ouml;rte,&laquo; sagte der J&uuml;ngere wieder, &raquo;und
+hast Du nicht bemerkt, wie er meinem Herrn etwas ins
+Ohr fl&uuml;sterte?&nbsp;&mdash;&nbsp;ich glaube wahrhaftig, es ist de&szlig;halb,
+da&szlig; wir warten m&uuml;ssen, denn da wird schon wieder geklingelt
+oben&nbsp;&mdash;&nbsp;bleibe einen Augenblick, Compa&ntilde;ero, ich
+bin gleich wieder bei Dir&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und mit fl&uuml;chtigen S&auml;tzen
+sprang er die Treppe hinauf, dem Ruf Folge zu leisten,
+w&auml;hrend der Alte, die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken unter seinem
+kurzen blauen Poncho gekreuzt, auf- und abging und ungeduldig
+die R&uuml;ckkehr des Kameraden zu erwarten schien.</p>
+
+<p>Es dauerte etwa f&uuml;nf Minuten, bis dessen Schritte
+wieder auf der Treppe geh&ouml;rt wurden&nbsp;&mdash;&nbsp;dem Lauschenden
+d&uuml;nkte die Zeit indessen eine Ewigkeit&nbsp;&mdash;&nbsp;als er aber wieder
+herunter kam, fl&uuml;sterte er rasch und heimlich dem Andern
+zu:</p>
+
+<p>&raquo;Hallo, Compa&ntilde;ero&nbsp;&mdash;&nbsp;was Neues im Wind&nbsp;&mdash;&nbsp;die
+Se&ntilde;ora wird gar nicht in der Stadt bleiben, sondern
+gleich durch, nach Guillota fahren&nbsp;&mdash;&nbsp;der deutsche Doktor
+hatte unendlich viel zu erz&auml;hlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Caramba</i>, was ist da wieder passirt!&laquo; rief der Alte,
+&raquo;woher denn wieder die Gegenordre?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soll mich ein Norder mit meinem Boot in der Bai
+erwischen, wenn ich daraus klug werde,&laquo; brummte der
+Erste&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;der Doktor steckt &uuml;brigens dahinter, so viel ist
+sicher, nur konnte ich nicht herausbekommen, <span class="wide">was</span> sie eigentlich
+mit einander hatten.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber komm, wir haben wahrhaftig
+keine Zeit zu verlieren, denn wenn die Herrschaften
+heute Morgen noch wirklich eintreffen, m&ouml;chten wir wenig
+Stunden zu Vorbereitungen &uuml;brig behalten.&nbsp;&mdash;&nbsp;So viel
+ist &uuml;brigens gewi&szlig;, Amigo &mdash;&laquo; und die Stimmen wurden
+hier undeutlich, als die beiden M&auml;nner vor die Th&uuml;r traten,
+und diese hinter sich in das Schlo&szlig; dr&uuml;ckten.</p>
+
+<p>Wenige Minuten sp&auml;ter stand Don Gaspar auf der
+Stelle, die jene eben verlassen, und f&uuml;r Momente schien
+er unschl&uuml;ssig, wohin er sich wenden solle, die Treppe
+hinauf, seinem ersten Plan zu folgen, oder das Haus
+verlassen, dem nach zu handeln, was er eben geh&ouml;rt.
+Das Letztere schien zuletzt den Sieg davon zu tragen &mdash;
+er horchte noch einen Augenblick gegen die Treppe hin,
+ob er keine Stimmen unterscheiden konnte, als sich aber
+dort gleich darauf eine Th&uuml;r &ouml;ffnete und irgend eine fremde
+Stimme laut wurde, &ouml;ffnete er rasch von innen die Hausth&uuml;r
+und verschwand gleich darauf ins Freie und in der
+belebten Stra&szlig;e.</p>
+
+<p>Leifeldt indessen, der keine Ahnung davon hatte, da&szlig;
+gerade Don Gaspar, der &raquo;entsprungene Wahnsinnige,&laquo;
+ihm gefolgt war und auf ihn gelauert habe, ja da&szlig; dieser
+nur vermuthen konnte, welchen Weg er eingeschlagen,
+nannte kaum den wirklichen Namen des Spaniers, als
+Don Guzman auch entsetzt von seinem Stuhle aufsprang
+und mit wahrhaft peinlicher Spannung der kurz gefa&szlig;ten
+Erz&auml;hlung des jungen Schweden lauschte. Rasch theilte
+er diesem nun auch die baldige Ankunft Don Luis de Gomez
+mit, der, wie die Sache jetzt stand, in der That der
+gr&ouml;&szlig;ten Gefahr ausgesetzt war, von dem Ungl&uuml;cklichen angefallen
+zu werden, und rieth&nbsp;&mdash;&nbsp;nachdem er den Diener
+wieder heraufgerufen und seine Befehle dahin ge&auml;ndert
+hatte, die Se&ntilde;ora selber wenigstens jeder Unannehmlichkeit
+aus dem Wege zu f&uuml;hren&nbsp;&mdash;&nbsp;dem jungen Arzt, augenblicklich
+mit ihm auf die Polizei zu gehen, und dort H&uuml;lfe zu bekommen,
+sich des Wahnsinnigen wieder zu bem&auml;chtigen,
+den man ja dann, um wo m&ouml;glich jedes Aufsehen zu vermeiden,
+einfach auf seinem Zimmer &uuml;berraschen und gefangen
+nehmen konnte.</p>
+
+<p>Dagegen str&auml;ubte sich Leifeldt aber auf das Entschiedenste,
+denn er selber wollte nicht an dem Mann, den
+er einmal aus seinem Kerker geholfen und dessen Freund
+er geworden, zum Verr&auml;ther werden, nur H&uuml;lfe verlangte
+er, bei wirklich wieder ausbrechender Raserei&nbsp;&mdash;&nbsp;denn es
+war ja doch m&ouml;glich, da&szlig; die ganze Krankheit des Ungl&uuml;cklichen
+einfach und allein in eine harmlose Schwermuth
+ausgeartet sei&nbsp;&mdash;&nbsp;jedes Ungl&uuml;ck zu vermeiden, und die
+nahe Ankunft des einzigen Menschen, der auf den Kranken
+einen wirklich gef&auml;hrlichen Einflu&szlig; auszu&uuml;ben schien, mu&szlig;te
+jedenfalls diese Katastrophe beschleunigen. Erwachte dann
+in dem Hirn des Spaniers der alte wilde Grimm auf's
+Neue, brach sich die Krankheit wieder Luft, dann erbot
+sich Leifeldt selber mit Hand anzulegen, sich des Ungl&uuml;cklichen
+wieder zu bem&auml;chtigen&nbsp;&mdash;&nbsp;nur bis dahin verlangte
+er Nachsicht, und ersuchte zu dem Zweck Don Guzman,
+ihm einen passenden Mann zu empfehlen, den er m&ouml;glicher
+Weise Don Gaspar als seinen Freund vorstellen und in
+seiner N&auml;he halten konnte, im entscheidenden Augenblick
+kr&auml;ftige H&uuml;lfe zu haben.</p>
+
+<p>Don Guzman war mit dem Plan gar nicht einverstanden,
+erkl&auml;rte auch dem jungen Arzte rund heraus, er k&ouml;nne
+sein Betragen, der Argentinischen Regierung gegen&uuml;ber,
+als deren Konsul, keineswegs billigen, und nur der Name
+seines Freundes, Don Luis de Gomez, halte ihn zur&uuml;ck,
+die ganze Sache ohne Weiteres den chilenischen Gerichten
+zu &uuml;bergeben, er f&uuml;rchte aber dadurch mehr Aufsehen zu
+erregen, als Don Luis vielleicht lieb sein w&uuml;rde, aber es
+verstehe sich von selbst, da&szlig; jener gef&auml;hrliche Mensch, dessen
+getheilte Flucht dem Arzt selber noch theuer zu stehen kommen
+k&ouml;nne, wenn er jetzt nicht auch aus allen Kr&auml;ften
+dazu beitrage, den Fehler wieder gut zu machen, ohne
+weiteres wieder eingezogen und unsch&auml;dlich gemacht werden
+m&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Se&ntilde;or,&laquo; sagte Leifeldt da ruhig&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich habe Sie
+aufgesucht und vertrauensvoll zum Mitwisser meines Geheimnisses
+gemacht, dem Ungl&uuml;cklichen noch die <span class="wide">M&ouml;glichkeit</span>
+zu geben, seine Freiheit zu behalten, wenn es sich
+wirklich ausweist, da&szlig; er nicht gef&auml;hrlich ist; im anderen
+Fall h&auml;tt' ich mich gleich an die Polizei selber gewandt. &mdash;
+<span class="wide">Versagen</span> Sie mir die H&uuml;lfe, dann bedauere ich aber
+auch, Sie umsonst bem&uuml;ht zu haben, denn seien Sie versichert,
+da&szlig; Sie in dem Fall, in Zeit einer Stunde weder
+mich noch Don Gaspar mehr in Valparaiso finden werden,
+und alle Folgen kommen &uuml;ber Ihr Haupt.&laquo;</p>
+
+<p>Don Guzman war in peinlicher Verlegenheit, und
+ging wohl zehn Minuten mit untergeschlagenen Armen und
+raschen Schritten im Zimmer auf und nieder; &uuml;ber die
+Scrupel einer vertraulichen Mittheilung h&auml;tte er sich schon
+hinweggesetzt, mu&szlig;te er nicht f&uuml;rchten, da&szlig; der Schwede
+seine Drohung wahr mache, und dem Spanier zum zweiten
+Mal zur Flucht beh&uuml;lflich w&auml;re. List allein konnte
+ihm hier helfen.</p>
+
+<p>&raquo;Gut, Se&ntilde;or,&laquo; sagte er nach einer ziemlich langen
+Pause, nach der er mit verschr&auml;nkten Armen vor dem
+jungen Arzte stehen blieb&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich gehe auf Ihren Vorschlag
+ein, und habe auch einen passenden Mann, einen
+wirklichen Caballero von Riesenst&auml;rke und mir eng befreundet,
+der mir zu Liebe die allerdings schwierige, ja
+vielleicht gef&auml;hrliche Stellung &uuml;bernehmen wird; ich hoffe
+aber, da&szlig; Sie <span class="wide">bald</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;sehr bald zu einem entscheidenden
+Resultat auf eine oder die andere Weise kommen, denn
+Sie k&ouml;nnen sich denken, da&szlig; ich Don Luis nicht der Gefahr
+aussetzen mag, meiner eigenen und hier allerdings
+sehr unzeitigen Gutm&uuml;thigkeit als Opfer zu fallen.&laquo;</p>
+
+<p>Leifeldt versprach Alles, so lange er nur nicht unn&ouml;thiger
+Weise an dem Freund zum Verr&auml;ther zu werden
+brauchte; ja nahm sogar gern das Anerbieten Don Guzmans,
+der ihn nicht aus den Augen lassen wollte, an,
+ihn zu der Wohnung dieses neuen Agenten zu begleiten,
+von dem der Argentiner so kr&auml;ftigen Schutz und Beistand
+hoffte, und die beiden M&auml;nner machten sich dorthin unges&auml;umt
+auf den Weg.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch10" id="ch10"></a>10.</h3>
+
+<h3>Don Manuel.</h3>
+
+<p>Don Manuel, den sie gl&uuml;cklicher Weise zu Haus und
+eben besch&auml;ftigt trafen, in aller Gem&uuml;thsruhe seinen Mat&eacute;<a href="#fn19"><small><sup>19</sup></small></a>
+aus einer d&uuml;nnen silbernen Bombille oder R&ouml;hre zu ziehen,
+war eine kleine beh&auml;bige aber korpulente, kr&auml;ftige Gestalt,
+mit dem gutm&uuml;thigsten Gesicht von der Welt, das nur
+ein paar schmale, schwarze, lebendige Augen, die gar vergn&uuml;gt
+aus der Fettmasse herausblitzten, L&uuml;gen straften.
+Er empfing die M&auml;nner auf das Freundlichste, und wenn
+sich auch Leifeldt eine solche H&uuml;lfe allerdings anders gedacht
+hatte, lie&szlig; ihn Don Guzman doch gar nicht zu Worte
+kommen, sondern machte den neuen Theilnehmer ihres
+Plans ohne Weiteres mit dem bekannt, was sie zu ihm
+gef&uuml;hrt hatte, und worin sie seinen Beistand in Anspruch
+zu nehmen w&uuml;nschten.</p>
+
+<p>Don Manuel schnitt allerdings im Anfang ein etwas
+bedenkliches Gesicht, und schien sich einer solchen Mission
+gerade nicht sehr zu freuen, ja weigerte sich sogar, etwas
+derartiges allein zu unternehmen; Don Guzman zog ihn
+aber in eine Fensterbr&uuml;stung, und nachdem er sich dort
+eine ziemlich geraume Zeit gar eifrig mit ihm unterhalten,
+erkl&auml;rte sich der kleine Chilene bereitwillig, jedoch nur unter
+der Bedingung, da&szlig; der also zu Beaufsichtigende nicht
+etwa gef&auml;hrliche Waffen an sich herum trage.</p>
+
+<p>Alles Weitere besprachen sie unterwegs, denn Leifeldt
+w&uuml;nschte so rasch als m&ouml;glich zu dem Kranken zur&uuml;ckzukehren,
+ehe ihn die Nachricht von der Ankunft Don Luis
+erreichen konnte.</p>
+
+<p>Sie fanden ihn langsam im Zimmer auf- und abgehend,
+und er gr&uuml;&szlig;te den Fremden, der ihm als ein
+hiesiger Kaufmann Don Manuel vorgestellt wurde, auf
+das Freundlichste, ja es schien sogar, als ob er gerade
+heute seine rosigste Laune habe, und wie er mit dem kleinen
+dicken Mann erst nur ein wenig bekannt war, lachten und
+erz&auml;hlten die beiden miteinander, als ob sie seit Jahren
+die besten Freunde gewesen w&auml;ren.</p>
+
+<p>Don Manuel nahm Leifeldts, schon vorher verabredete
+Einladung zu Tisch an, und dort war es, wo der Chilene
+zuerst den Namen Don Luis de Gomez&nbsp;&mdash;&nbsp;anscheinend
+leicht hingeworfen&nbsp;&mdash;&nbsp;erw&auml;hnte, die Wirkung zu beobachten,
+die sie auf den Spanier haben w&uuml;rde; Don Gaspar
+war aber den Morgen hindurch so auf diesen Namen
+vorbereitet, da&szlig; seine Bewegung, die er dennoch nicht ganz
+unterdr&uuml;cken konnte, keinesfalls von den beiden M&auml;nnern
+bemerkt worden w&auml;re, h&auml;tten ihn diese nicht eben so scharf im
+Auge behalten. Das Gef&uuml;hl, sich bewacht zu wissen, half
+dazu, und das Blut scho&szlig; ihm im f&ouml;rmlichen Strom in
+die Schl&auml;fe, Don Manuel hatte aber das Gespr&auml;ch schon
+wieder nach anderer Richtung gelenkt, und erz&auml;hlte jetzt
+dem jungen Arzt von einer Schl&auml;gerei, die an dem Morgen
+zwischen englischen und chilenischen Matrosen statt gefunden,
+in so komischer Weise, da&szlig; bald alle anderen Gedanken
+in einem schallenden Gel&auml;chter Don Gaspars untergingen.</p>
+
+<p>Nach Tisch schlug Don Manuel den beiden Freunden
+einen Spatziergang vor, und das Gespr&auml;ch dabei auf die
+alten spanischen Kriege bringend, in denen die Chilenen,
+von dem argentinischen General San Martin wacker unterst&uuml;tzt,
+die Macht ihrer bisherigen Herren brachen und sie
+zum Lande hinausjagten, schlug er ihnen vor, eine der
+alten nothd&uuml;rftigen Befestigungen zu besuchen, die sich,
+wenn auch nicht mehr benutzt, doch bis zu dem heutigen
+Tag erhalten h&auml;tten, und jedenfalls von historischem Interesse
+w&auml;ren.</p>
+
+<p>Leifeldt wu&szlig;te dabei nicht, wie er sich das Betragen
+seines neugewonnenen Bundesgenossen erkl&auml;ren sollte, denn
+statt einem bestimmten Resultat, zur wirklichen Ergr&uuml;ndung
+der Krankheit Don Gaspars zuzustreben und gerade
+mit Don Luis de Gomez Namen den Ungl&uuml;cklichen zu
+sondiren, wich dieser jedem solchen weiteren Gespr&auml;ch geflissentlich
+aus, und n&auml;herte sich der junge Arzt nur im
+Entferntesten wieder diesem gef&auml;hrlichen Thema, das er
+nicht selber direkt beginnen durfte, so hatte gerade Don
+Manuel sicher tausend Scherze bereit, auf die Don Gaspar,
+in heute wirklich muthwilliger Laune, mit Freuden
+einging.</p>
+
+<p>So waren sie von der Plaza del Victoria aus zu
+einer kleinen Gasse gekommen, deren H&auml;user an die stattliche
+Kirche des Platzes stie&szlig;en, und von denen das n&auml;chste
+auch wohl mit dieser noch in Verbindung stand, denn es
+schien unbewohnt, und die Au&szlig;enseite der Geb&auml;ude zeigte,
+au&szlig;er einem einzelnen starkvergitterten Fenster im unteren
+Stock, nur die hohe, kahle Mauer. Schon unterwegs hatte
+ihnen Don Manuel die Geschichte dieses kleinen, unscheinbaren,
+aber jedenfalls merkw&uuml;rdigen Geb&auml;udes erz&auml;hlt, und
+durch eine Sage besonders, nach der noch in heutigen
+Tagen oder vielmehr N&auml;chten, die Geister dreier erschlagener
+Spanier dort umgingen, sogar ihre Neugierde rege
+gemacht.</p>
+
+<p>Don Gaspar selber bat im Anfang Don Manuel,
+sie zu dem Schauplatz all dieser wunderlichen Dinge hinzuf&uuml;hren,
+als sie aber den Platz erreichten, und er das
+d&uuml;stere, niedere, unheimliche Geb&auml;ude, die stark vergitterten
+Fenster sah, schien er zum ersten Mal Verdacht zu
+sch&ouml;pfen und blieb, einen raschen, mi&szlig;trauischen Blick umherwerfend,
+stehen, als ob er das Terrain, dem er sich
+jetzt anvertrauen sollte, vorher erst untersuchen wolle.</p>
+
+<p>Oben an einem der Fenster waren zwei paar Augen
+sichtbar geworden, die neugierig den Kommenden entgegengeschaut,
+sich aber rasch und scheu zur&uuml;ckzogen, als sie den
+Blick des Spaniers nach sich aufschweifen sahen.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht wahr, das alte Haus sieht d&uuml;ster genug f&uuml;r
+eine Gespenstergeschichte aus,&laquo; sagte Don Manuel, dem
+vielleicht jene zwei paar Augen entgangen waren, lachend,
+als er das Z&ouml;gern seines Schutzbefohlenen bemerkte und
+neben ihm stehen blieb: &raquo;w&auml;r' ich Pr&auml;sident, ich lie&szlig;e es
+einrei&szlig;en, ich m&ouml;chte wenigstens nicht einmal in der N&auml;he
+wohnen.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar z&ouml;gerte noch einen Augenblick, dann
+aber, wie zufrieden gestellt von dem &Auml;u&szlig;eren und ohne
+etwas auf seines Begleiters Bemerkung zu erwiedern,
+schritt er langsam gegen die offene Th&uuml;r zu, die er jedoch
+nicht eher betrat, bis Don Manuel vor ihm eingetreten
+war. Der kleine Mann wollte ihm allerdings den Vorrang
+lassen, Don Gaspar n&ouml;thigte ihn aber mit so zuvorkommender,
+aber auch zugleich kalter H&ouml;flichkeit, da&szlig; er
+nicht umhin konnte, nachzugeben. Die Th&uuml;r blieb hinter
+ihnen offen.</p>
+
+<p>Der innere Raum sah w&uuml;ste und &ouml;de aus&nbsp;&mdash;&nbsp;zuerst
+betraten sie einen kleinen, schmalen Hof, in dem das Gras
+lustig emporwucherte. In der Mitte desselben befand sich
+ein alter verfallener Brunnen, und an den Seiten stand
+aufgeschichtetes, halb vermodertes Bauholz und lagen alte,
+eiserne Klammern und Bolzen. Aber auch hier im Inneren
+waren die meisten Fenster, einige wenige ausgenommen,
+deren Gew&auml;nde schon eingebrochen, den Zahn der
+Zeit oder die rauhe Hand des Menschen verriethen, mit
+starken eisernen Gittern versehen; Don Manuel aber, wie
+schon bekannt in diesen R&auml;umen, wandte sich jetzt gleich
+links, einer schmalen Treppe zu, die in das Innere hinauff&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Halt, Se&ntilde;or, halt!&laquo; rief da Don Gaspar,&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;nicht
+so schnell, erst erkl&auml;ren Sie uns diesen Hof, Sie haben
+uns genug schon davon erz&auml;hlt, und der Schauplatz der
+meisten Gr&auml;uelthaten war ja gerade hier. Wo hat der
+Galgen damals gestanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir kommen nachher wieder hierher zur&uuml;ck,&laquo; erwiederte
+der Chilene, sich halb dabei nach dem Frager umwendend,
+&raquo;zuerst wollen wir nur erst die oberen Gem&auml;cher
+und besonders das Zimmer besuchen, wo die drei Spanier
+ermordet wurden und jetzt alln&auml;chtlich ihre Zusammenkunft
+halten sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wohnt jetzt weiter Niemand hier im Haus?&laquo;
+frug Don Gaspar, noch immer ohne von der Stelle zu
+gehn, und auch Leifeldt schien unschl&uuml;ssig zu werden, ob
+er Don Gaspar zureden solle, zu folgen oder ihn zur&uuml;ckhalten,
+denn er fing selber an, mi&szlig;trauisch gegen die Bewegungen
+ihres F&uuml;hrers zu werden.</p>
+
+<p>&raquo;Keine Seele&nbsp;&mdash;&nbsp;schon seit der Revolution,&laquo; rief der
+Chilene zur&uuml;ck, und stieg langsam die Treppe hinauf, &uuml;ber
+des Spaniers Z&uuml;ge aber zuckte ein h&ouml;hnisches, fast triumphirendes
+L&auml;cheln, und dem jungen Arzt auf die Schulter
+klopfend, rief er laut und lustig:</p>
+
+<p>&raquo;<i>Bueno, vamos compa&ntilde;ero</i><a href="#fn20"><small><sup>20</sup></small></a>&laquo; und mit einigen raschen
+S&auml;tzen, w&auml;hrend Leifeldt nur halb zufrieden den Beiden
+folgte, hatte er den Chilenen wieder eingeholt, der an
+dem oberen Treppenabsatz stehen blieb, sich noch einmal
+nach unten umsah, und dann Don Gaspar bat, ihm zu
+folgen. Der Blick jedoch, mit dem er die&szlig; that, mu&szlig;te
+bei dem wachsamen Kranken Verdacht erregt haben&nbsp;&mdash;&nbsp;er
+z&ouml;gerte einen Moment, trat dann ein paar Schritt von
+der Treppe fort, und als er wieder nach unten schaute,
+sah er zwei M&auml;nner, die sich an die Treppe postirten und
+h&ouml;rte Leifeldts Stimme, der sie frug, was sie da wollten.</p>
+
+<p>&raquo;Sehn Sie, Don Gaspar!&laquo; rief in diesem Augenblick
+Don Manuel, mit vielleicht absichtlich etwas lauter
+Stimme, &raquo;hier ist das eine Zimmer, von dem ich Ihnen
+sagte&nbsp;&mdash;&nbsp;bitte, kommen Sie hierher&nbsp;&mdash;&nbsp;dort dr&uuml;ben k&ouml;nnen
+Sie noch das Blut erkennen.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar lachte laut auf und langsam auf den
+Chilenen zuschreitend, sagte er, sich auf dessen Schulter mit
+seinem linken Ellbogen st&uuml;tzend:</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben Besuch da unten bekommen&nbsp;&mdash;&nbsp;noch ein
+paar Herren, die wahrscheinlich auch die Merkw&uuml;rdigkeiten
+dieser alten Revolutionsveste anzuschauen w&uuml;nschen, aber
+Don Federigo, hahaha, Don Federigo will sie nicht herauf
+lassen.&laquo;</p>
+
+<p>Don Manuel machte ein etwas verdutztes Gesicht,
+und schien sich in dem Augenblick so in der unmittelbaren
+und fast etwas zu vertraulichen N&auml;he des jungen Mannes
+nicht besonders wohl zu f&uuml;hlen, au&szlig;erdem mu&szlig;te ihm die
+Unterhaltung unten ebensowenig angenehm sein, und er
+machte auch schon eine Bewegung, als ob er nach der
+Treppe zur&uuml;ckgehen wollte, besann sich aber wieder und
+sagte dann gleichg&uuml;ltig:</p>
+
+<p>&raquo;Besucher?&nbsp;&mdash;&nbsp;wohl schwerlich, Don Gaspar, m&uuml;&szlig;iges
+Gesindel, das sich auf den Stra&szlig;en herumtreibt und bettelt,
+Don Federigo wird sie schon abfertigen, bitte, kommen
+Sie.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar hatte indessen seine Stellung nicht ver&auml;ndert
+und das L&auml;cheln, das um seine Mundwinkel zuckte,
+gefiel dem scheu zu ihm aufschielenden Chilenen nicht;
+dieser machte sich auch von dem Arm des ihn ruhig
+gew&auml;hren lassenden Spaniers los und trat auf die Schwelle
+der n&auml;chsten Th&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wollen wir nicht warten, bis sich Don Federigo
+uns anschlie&szlig;t, Se&ntilde;or?&laquo; sagte der Spanier, ohne den
+Platz zu verlassen, auf dem er stand, und wo er aus dem
+schmalen Gang durch ein offenes und gitterfreies halbverfallenes
+Fenster eine kleine Beistra&szlig;e &uuml;berschauen konnte&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Wetter
+noch einmal, die&szlig; mu&szlig; fr&uuml;her wirklich eine Art von
+Gef&auml;ngni&szlig; gewesen sein, sehn Sie nur, Don Manuel, was
+f&uuml;r schwere Th&uuml;ren und an einigen wirklich noch starke
+Riegel&nbsp;&mdash;&nbsp;das Schlo&szlig;, was dort liegt, scheint man total
+vergessen zu haben&nbsp;&mdash;&nbsp;puh, wie dumpfig die R&auml;ume hier
+sind,&laquo; setzte er schaudernd und fast wie mit sich selbst redend
+hinzu&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;wie dumpfig und schw&uuml;l gegen die freie,
+herrliche Natur da drau&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Er schritt langsam in dem Gang hin und blieb neben
+Don Manuel stehn, der wieder, ohne sich irre machen zu
+lassen, seine Erkl&auml;rung des entsetzlichen Mordes begann.</p>
+
+<p>&raquo;Und ich werde es unter keiner Bedingung zugeben,&laquo;
+t&ouml;nte in diesem Augenblick die Stimme des jungen Arztes
+klar und deutlich zu ihnen herauf, &raquo;ich habe selber mit &mdash;&laquo;
+und die Worte wurden hier leiser und undeutlich.</p>
+
+<p>&raquo;Es scheint doch ein Besuch zu sein,&laquo; meinte Don
+Gaspar lauernd; Don Manuel aber, der zuerst seine Unterlippe
+zwischen die Z&auml;hne und die Brauen zusammenzog,
+gewann bald seine Ruhe wieder und sagte lachend:</p>
+
+<p>&raquo;Unser junger Freund h&auml;tte die guten Leute auch
+k&ouml;nnen herauf kommen lassen, sie w&uuml;rden uns nicht genirt
+haben; doch wie dem auch sei, sehn Sie, Don Gaspar &mdash;
+dort in jener Ecke k&ouml;nnen Sie noch die Spuren der schon
+erw&auml;hnten That erkennen. Ich freue mich, wie irgend
+einer meiner Landsleute der gewonnenen Freiheiten unseres
+sch&ouml;nen Vaterlandes, aber ich bedauere jene furchtbaren
+und leider oft unn&uuml;tz gewesenen Grausamkeiten, durch die
+sie theilweis mit erkauft werden mu&szlig;ten.&laquo;</p>
+
+<p>In diesem Augenblick &ouml;ffnete sich dicht neben ihnen
+leise und ger&auml;uschlos eine Th&uuml;r, und ein Kopf schaute
+heraus, fuhr aber schnell wieder zur&uuml;ck, als er noch eine
+Gestalt auf der Schwelle der Th&uuml;re bemerkte, Don Gaspar
+hatte jedenfalls nur den fl&uuml;chtigen Schein desselben
+bekommen, aber er blieb regungslos in seiner Stellung
+und wieder nur spielte das L&auml;cheln um seine Lippen. Es
+war kein Zweifel, er kannte die Gefahr, in der er sich befand,
+zu ihrer vollsten Gr&ouml;&szlig;e, aber gerade <span class="wide">das</span> schien ihn
+zu reizen, wie er sich dem Hai entgegen und unter die
+Hufen der w&uuml;thenden Rosse geworfen hatte, so spielte er
+damit, den Augenblick mit wahrer und wilder Schadenfreude,
+erwartend, wo sie in ihrer Macht &uuml;ber ihn hereinbrechen
+w&uuml;rde&nbsp;&mdash;&nbsp;was wu&szlig;te er von <span class="wide">Furcht?</span></p>
+
+<p>&raquo;Und doch wohnen hier noch Menschen oder hausen
+hier wenigstens zu Zeiten,&laquo; bemerkte der Spanier, auf
+f&uuml;nf oder sechs erst k&uuml;rzlich weggeworfene St&uuml;mpfe von
+Cigarillos<a href="#fn21"><small><sup>21</sup></small></a> deutend, die nicht weit von der Th&uuml;r am
+Boden lagen.</p>
+
+<p>&raquo;Besucher jedenfalls, die sich den alten Platz anschauen,&laquo;
+erwiederte der Chilene, &raquo;die Regierung soll es aber, wie
+ich k&uuml;rzlich geh&ouml;rt habe, nicht gern sehn, wenn besonders
+Fremde hierher kommen; solche Grausamkeiten machen immer
+b&ouml;ses Blut, und man vermeidet gern, jetzt, wo
+&uuml;berdie&szlig; die Zeit auch schon so lange vor&uuml;ber ist, jede Erinnerung
+daran.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Diesem</span> Princip nach scheint Don Federigo ebenfalls
+zu handeln,&laquo; l&auml;chelte Don Gaspar, nach dem niederen gegen&uuml;ber
+liegenden vergitterten Fenster deutend, das den
+inneren Hof &uuml;berschaute. Dort wurden eben die beiden
+M&auml;nner sichtbar, die &uuml;ber den Hof schritten und diesen,
+allem Anschein nach, verlassen wollten, als Don Manuel
+auch, wie sie schon fast die Th&uuml;r erreicht hatten, an das
+kleine Fenster sprang, hinaus rief und sie bat, zur&uuml;ck zu
+kommen.</p>
+
+<p>&raquo;Es sind Bekannte von mir, Se&ntilde;or,&laquo; sagte er dabei,
+sich wieder zu diesem wendend, brach aber in der fast entschuldigend
+gehaltenen Rede kurz ab und sprang nach der
+Th&uuml;r, denn er sah nur eben noch, wie Don Gaspar durch
+dieselbe verschwand und sie hinter sich zudr&uuml;ckte. Zu sp&auml;t
+warf er sich aber mit all seiner Kraft dagegen, der rasch
+von au&szlig;en vorgeschobene Riegel war bestimmt gewesen,
+einen <span class="wide">Wahnsinnigen</span> zu halten, und spottete all seiner
+Anstrengungen.</p>
+
+<p>Im Nu hatte aber auch der wachsame Spanier die
+zweite Th&uuml;r, aus der er vorher lauschend den Kopf gesehn
+und ohne weiter zu untersuchen, wer oder was darinnen
+sei, ebenfalls verriegelt, und laut auf lachte er in
+triumphirendem Spott, als auch hier von innen sich Jemand
+gegen die Pforte warf und deren Verschlie&szlig;en freilich
+vergeblich, zu verhindern suchte.</p>
+
+<p>&raquo;Zwei V&ouml;gel mit einem Schlag fest,&laquo; rief er dabei
+h&ouml;hnisch Don Manuel zu, als er an diese Th&uuml;r auch noch
+rasch das Vorlegeschlo&szlig; hing und eindr&uuml;ckte und dann der
+Treppe zuschritt&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;aber ich sah <span class="wide">noch</span> mehr Augen. <span class="wide">So,</span>
+Compa&ntilde;ero,&laquo; setzte er dann hinzu, &raquo;fest und richtig
+verwahrt, o armer Don Manuel, allein und einsam jetzt
+in der entsetzlichen Schauerkammer, und von einem <span class="wide">Tollen</span>
+&uuml;berlistet, hahahaha!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Machen Sie auf, Don Gaspar, machen Sie auf,
+das ist schlechter Spa&szlig;&nbsp;&mdash;&nbsp;Don Federigo&nbsp;&mdash;&nbsp;Pedro &mdash;
+Fernando!&laquo; schrie der Gefangene.</p>
+
+<p>&raquo;Hahahaha!&laquo; lachte Don Gaspar, aber seine Hand
+lag an dem Griff des langen Messers, das er vorsichtig
+und versteckt unter der Weste an seiner linken Seite trug,
+denn die Treppe herauf klangen rasche, elastische Schritte.
+Es war Leifeldt, und der Spanier, die Hand zur&uuml;ckziehend,
+begegnete dem <span class="wide">Freund</span> an dem oberen Treppensims.</p>
+
+<p>&raquo;Was haben Sie gemacht, Don Gaspar, was geht
+hier vor?&laquo; rief dieser, mit dem Arm den Gang hinabdeutend,
+von woher die lauten, fast &auml;ngstlichen Laute der
+Chilenen t&ouml;nten.</p>
+
+<p>&raquo;Komm, Federigo,&laquo; entgegnete ihm aber der Spanier,
+zugleich seine Hand ergreifend und ihn mit sich die Treppe
+hinabf&uuml;hrend, &raquo;komm, wir wollen den Se&ntilde;or Don Manuel
+de San Jos&eacute; oder wie er sonst hei&szlig;en mag, ruhig
+der Bewunderung seiner spanischen Erinnerungen &uuml;berlassen
+&mdash; er hat auch noch Gesellschaft dort oben, aber in
+einer Viertelstunde&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;setzte er dann rascher und bedeutungsvoller
+hinzu, &raquo;erwarte mich in unserem Hotel auf
+meinem Zimmer, lieber fr&uuml;her als sp&auml;ter, ich habe Dir
+<span class="wide">Wichtiges</span> zu entdecken&nbsp;&mdash;&nbsp;wirst Du kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, aber &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein <span class="wide">aber</span> jetzt, Amigo&nbsp;&mdash;&nbsp;jener Bursche hatte Arges
+mit mir im Sinn&nbsp;&mdash;&nbsp;beruhige Dich, ich wei&szlig; Alles,
+und die kleine Lehre wird ihm gut thun, la&szlig; mich nur
+nicht zu lange warten. Du wirst dort &uuml;ber Manches Aufkl&auml;rung
+bekommen, so s&auml;ume nicht und &uuml;berla&szlig; den Se&ntilde;or
+da oben seinem Schicksal, ein wenig Angst mag ihm die
+Probe dessen sein, was er mir f&uuml;r eine Lebenszeit zugedacht.&laquo;</p>
+
+<p>Sie hatten indessen den Fu&szlig; der Treppe erreicht und
+begegneten hier den beiden Peons, die allerdings etwas
+&uuml;berrascht stehen blieben, als sie den in so ruhigem Gespr&auml;ch
+die Treppe herabkommen sahen, der, ihrer Meinung
+nach, eben da oben eingesperrt, solchen L&auml;rm vollf&uuml;hrt
+hatte, Don Gaspars fast wunderbare Ruhe sollte sie noch
+mehr verwirren, denn dem ersten freundlich auf die Schulter
+klopfend, sagte er lachend:</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben ihn, Amigo, das war schlau angestellt
+und gut ausgef&uuml;hrt&nbsp;&mdash;&nbsp;da, verzehrt das in der n&auml;chsten
+Pulperia.&laquo; Dem ersten einen Dollar in die Hand dr&uuml;ckend,
+nickte er freundlich dem jungen Arzt zu und rasch &uuml;ber
+den Hof der Th&uuml;re zuschreitend, blieb er nur einen Moment
+noch an der Pforte stehn, zur&uuml;ckzuschauen, warf dem
+jetzt w&uuml;thend in den Hof hinab tobenden Don Manuel
+einen l&auml;chelnden Ku&szlig; mit den Fingerspitzen zu, und war
+wenige Sekunden sp&auml;ter in dem schmalen dunklen Ausgang
+verschwunden.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch11" id="ch11"></a>11.</h3>
+
+<h3>Der Spanier und das M&auml;dchen.</h3>
+
+<p>Eine merkw&uuml;rdige Ruhe, nur manchmal von einem
+eigenth&uuml;mlichen kecken Humor durchblitzt, hatte das Betragen
+des Spaniers die ganze Zeit, und zwar von dem Augenblick
+an charakterisirt, wo er das ihm verd&auml;chtige Geb&auml;ude
+in der Gesellschaft der beiden M&auml;nner betreten, bis
+zu da, wo er dessen Schwelle&nbsp;&mdash;&nbsp;allein&nbsp;&mdash;&nbsp;wieder &uuml;berschritt,
+wie verwandelt aber schien er selbst in dem Moment, als
+er die dunkle, finstere Mauer, als er die Gefahr damit,
+hinter sich lie&szlig;. Wie nach jeder &uuml;bergro&szlig;en, &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Anspannung und &Uuml;berreizung der Sehnen, stellte sich eine
+um so gewaltigere Erschlaffung ein, da sie so pl&ouml;tzlich war
+&mdash; der Schwei&szlig; trat ihm in gro&szlig;en Tropfen auf die Stirn
+und f&ouml;rmlich gewaltsam mu&szlig;te er sich aufraffen, noch Kraft
+genug zu behalten, in fl&uuml;chtigen S&auml;tzen die Stra&szlig;e hinab
+zu fliehn.</p>
+
+<p>Dort passirte gerade in dem Moment einer der gew&ouml;hnlichen
+Wagen mit zwei Pferden, das eine in der Gabel,
+das andere am Gurt befestigt, den Kutscher halb schlafend
+auf dem Bock.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Ahi, amigo!</i>&laquo; rief er dem mechanisch bei dem Ruf
+in die Z&uuml;gel greifenden zu und schwang sich, ohne die
+Th&uuml;re zu &ouml;ffnen, in das Innere&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;kennst Du die Wohnung
+des alten englischen Se&ntilde;ors, Don Guillelmo Nulando?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Si, Se&ntilde;or!</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Brav, mein Bursche, rasch denn dort hin, ein gutes
+Trinkgeld ist Dein.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kutscher ber&uuml;hrte seine Thiere mit der schwanken
+Peitsche, und der Wagen klapperte in scharfem Trab die
+Almendral hinauf, der Wohnung Mr. Newlands zu, den
+Passagier kaum zehn Minuten sp&auml;ter, vor dessen Th&uuml;re abzusetzen.</p>
+
+<p>Don Gaspar klopfte und folgte der alten Magd, die
+ihm &ouml;ffnete, die Treppe hinauf. &raquo;Mr. Newland war auf
+der B&ouml;rse, das Dampfschiff ankommen zu sehn, was diesen
+Morgen signalisirt worden, und durfte wohl kaum vor
+Abend zur&uuml;ck erwartet werden; Mistre&szlig; war ebenfalls ausgegangen
+und Mi&szlig; Jenny allein oben im Parlour&nbsp;&mdash;&nbsp;der
+junge Mann hatte sie ja schon so oft besucht, Mi&szlig; Jenny
+w&uuml;rde sich gewi&szlig; freuen, ihn zu sehn, sie brauchte ihn
+gar nicht mehr zu melden.&laquo;</p>
+
+<p>Don Gaspar war schon lange, ehe die geschw&auml;tzige
+Alte nur die H&auml;lfte ihrer Rede vollendet hatte, oben an
+der Treppe und im Vorsaal. Was er hier wollte, schien
+er selber nicht recht zu wissen&nbsp;&mdash;&nbsp;Abschied nehmen? &mdash;
+sich rechtfertigen?&nbsp;&mdash;&nbsp;das M&auml;dchen noch einmal sehen, von
+dem ihm der Freund gesagt, da&szlig; ihre Seele an ihm hinge
+in hei&szlig;er Liebe?&nbsp;&mdash;&nbsp;Es waren das dunkle Bilder, die ihm
+wohl vorschwebten und, einer Art von Ziel entgegentrieben,
+ohne da&szlig; er sich jedoch feste Rechenschaft davon zu geben
+gewu&szlig;t h&auml;tte. Er f&uuml;hlte mehr den Augenblick nahen, der
+sein Schicksal &uuml;berhaupt entscheiden sollte, und&nbsp;&mdash;&nbsp;er
+mu&szlig;te der Stelle noch ein Lebewohl sagen, wo er seit
+langen, langen Jahren wieder die ersten Stunden heiteren
+stillen Gl&uuml;cks verlebt. War es aber das Haus allein, das
+ihn gefesselt, mit dem gastlichen Willkommen, der ihm geboten
+worden, der derbe H&auml;ndedruck des biederen alten
+Mannes, das geschw&auml;tzige, aber so herzliche Wesen der
+Matrone, das frohe Lachen des Kindes, das ihm sonst halbe
+Stra&szlig;en lang entgegen lief und an seinem Hals hing &mdash;
+er h&auml;tte keins von alle diesem <ins title="original has wissen">missen</ins> m&ouml;gen&nbsp;&mdash;&nbsp;oder <span class="wide">Jenny?</span>
+Seine Hand hielt schon die Klinke erfa&szlig;t, und z&ouml;gernd
+noch stand er und starrte vor sich nieder&nbsp;&mdash;&nbsp;und Jenny?
+hatte sich denn durch das Wort des Freundes eine ganz
+neue fremde Welt so pl&ouml;tzlich ihm erschlossen? Er wu&szlig;te
+gar nicht, wie ihm eigentlich geschah, alte wirre Bilder
+tanzten vor seinem Hirn, wilde entsetzliche Gestalten dr&auml;ngten
+aus ihrem blutigen Hintergrund und wetterschwangere
+Wolken lagerten an dem Saum des noch vor Sekunden
+so sonnigen Himmels. Dort, dort vor ihm lag eine Heimath,
+spielende Kinder jagten sich auf dem gr&uuml;nenden
+Rasen, der alte Feigenbaum, der vor der Th&uuml;r stand,
+warf seinen freundlichen Schatten auf ein gl&uuml;ckliches Paar,
+dessen Z&uuml;ge er kannte. War das Blut, was dort auf dem
+gr&uuml;nen, sonnigen Rasen so r&ouml;thlich blitzte und funkelte,
+warmes verstr&ouml;mtes Blut?&nbsp;&mdash;&nbsp;Nein, die Sonne hatte den
+Thau noch nicht weggek&uuml;&szlig;t von den Halmen, sie spiegelte
+sich jedoch selber so gern in der blitzenden, strahlenden
+Herrlichkeit. Aber das Paar dort&nbsp;&mdash;&nbsp;es waren Jennys
+Z&uuml;ge, und der Mann? das war er <span class="wide">selber</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;nein, das
+Haar schimmerte licht und golden in den einzelnen Strahlen,
+die sich durch das dicht verschlungene, zitternde Laub
+des Baumes stahlen&nbsp;&mdash;&nbsp;das war <span class="wide">Stierna.</span> Was sollte
+auch <span class="wide">ihm</span> eine Heimath, ein Heerd, ein Weib, ein Kind,
+<span class="wide">ihm,</span> dem Verlassenen, Versto&szlig;enen.</p>
+
+<p>Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken
+Hand, und vor den zusammengepre&szlig;ten Pupillen tanzten
+die Bilder toller und wilder und schmiegten sich rasch und
+gef&uuml;gig in wunderliche Form und Gestalt&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">Heimath?</span>
+dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes,
+&ouml;des Geb&auml;ude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben,
+die schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen,
+d&uuml;steren, vergitterten Fenstern unterbrochen, kein lebendes
+Wesen in der N&auml;he, kein Mensch&nbsp;&mdash;&nbsp;ja doch, da oben
+an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter, die
+Stirn, die hei&szlig;e pochende Stirn an das kalte Eisen gepre&szlig;t,
+stand ein Mann&nbsp;&mdash;&nbsp;es war wunderbar, wie genau
+er ihn erkennen konnte, mit den bleichen Wangen und
+den schwarzen, tief liegenden Augen&nbsp;&mdash;&nbsp;das war er selber
+&mdash; und die Welt lag vor ihm, <span class="wide">frei, frei</span> im gl&uuml;henden,
+jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das
+Dach, die Sperlinge zwitscherten vom First nieder oder
+suchten zwischen den stachlichen Kacktusarmen <span class="wide">frei</span> ihr
+Futter; dr&uuml;ben &uuml;ber den H&auml;usern konnte er die grasenden
+Heerden erkennen, die M&ouml;ve kreiste &uuml;ber den blutgetr&auml;nkten
+Feldern der n&auml;chsten Saladeros<a href="#fn22"><small><sup>22</sup></small></a>, dort jene Reiter
+galoppirten <span class="wide">frei, frei</span> &uuml;ber die weite, gr&uuml;nende Steppe,
+und nur <span class="wide">er</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;nur <span class="wide">er</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash; Wer war der Mann, der da
+dicht an der Kacktushecke vor dem Haus stehen blieb und
+so freundlich hinaufgr&uuml;&szlig;te? die Gestalt so bekannt, so
+verha&szlig;t, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar &mdash;
+jetzt wandte sie sich nach ihm her &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Don Luis!&laquo; schrie er, und die Th&uuml;rklinke, die er
+noch immer gefa&szlig;t gehalten in dem wachenden Traum,
+brach fast vor der furchtbaren Kraft, mit der sich die Hand
+auf ihr schlo&szlig; in krampfhafter Wuth&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Don Luis!&laquo; &mdash;
+ihm unbewu&szlig;t &ouml;ffnete sich dabei die Th&uuml;r und der Aufschrei
+des zum Tod erschreckten M&auml;dchens rief ihn zum
+ersten Mal wieder, fast seit er den Wagen verlassen, zu
+sich selbst zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben,&laquo;
+sagte Jenny, die sich zuerst wieder gesammelt, mit leisem
+Vorwurf im Ton, &raquo;doch was ist Ihnen, Sie schauen todtenbleich
+aus,&laquo; setzte sie rasch und besorgt hinzu, &raquo;sind
+Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen,
+was stieren Sie mich so an? Don Gaspar?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entschuldigen Sie, Se&ntilde;orita&nbsp;&mdash;&nbsp;entschuldigen Sie,&laquo;
+stammelte der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte,
+seine Gedanken zur&uuml;ckzuzwingen in die alte Bahn&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;die
+Aufregung heute, mit einem leichten Fieber und Unwohlsein,
+das mich schon einige Tage geplagt&nbsp;&mdash;&nbsp;der Schmerz
+der Trennung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Trennung? Sie wollen fort?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;rief das M&auml;dchen
+rasch und augenscheinlich erschreckt, denn ihre Wangen verlie&szlig;
+jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden mit so viel
+m&auml;chtigerer Fluth dorthin zur&uuml;ckzustr&ouml;men&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;und wohin?
+weshalb?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Wohin?&nbsp;&mdash;&nbsp;weshalb?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;wiederholte der Gefragte,
+kaum bewu&szlig;t, da&szlig; er die Worte noch sprach, die Blicke
+aber fest und forschend auf die zitternde Gestalt geheftet,
+die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu halten
+vermochte&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;und schmerzt es Sie, da&szlig; ich gehe, Jenny?&laquo;
+setzte er pl&ouml;tzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff,
+die sie ihm willenlos zu nehmen gestattete, &raquo;werden
+Sie den Fernen&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">Fremden</span> nicht vergessen haben, wenn
+der letzte Staub verflogen ist, den die Hufe seiner Rosse
+aus den Nachbarh&uuml;geln Valparaisos geschlagen?&laquo;</p>
+
+<p>Er h&ouml;rte nicht das leise, kaum gehauchte &raquo;Nein,&laquo;
+das von den Lippen der Jungfrau floh, die Hand, welche
+die ihre hielt, mit dieser sinken lassend, starrte er wehm&uuml;thig
+l&auml;chelnd vor sich nieder und fuhr mit halblauter
+Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem sch&ouml;nen
+M&auml;dchen redend, das zitternd neben ihm stand und an
+seine Brust gesunken w&auml;re, h&auml;tte sein Arm sich nach ihr
+ausgestreckt.</p>
+
+<p>&raquo;O, es ist ein schmerzliches Gef&uuml;hl, so weit, weit
+drau&szlig;en in der Ferne umherzuschweifen und Niemanden
+zu wissen in der weiten Gotteswelt. Niemand in diesem
+All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir
+kommen, dessen Auge sich n&auml;&szlig;t, wenn wir gehn; es ist
+ein trauriges Loos, den kalten Willkommen des Fremden
+zu h&ouml;ren, und sich dabei noch bewu&szlig;t zu sein, in dem eigenen
+Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu tragen,
+was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen k&ouml;nnte.
+Jeder in der Abendluft kr&auml;uselnde Rauch, der die kleine
+Familie zu traulichem Kreis um das knisternde Kamin
+sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in das arme Herz.
+Jedes bl&uuml;hende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb herzig
+in die Augen schaut, schn&uuml;rt ihm die Brust mit einem
+tiefen, schwer auszudr&uuml;ckenden, aber deshalb auch um so
+m&auml;chtigeren Weh zusammen, und die beiden Worte &raquo;<span class="wide">allein</span>&laquo;
+&mdash; allein und &raquo;<span class="wide">heimathlos</span>&laquo; w&auml;ren schon in
+sich selbst genug, ein ungl&uuml;ckseliges Menschenkind, das ihnen
+erlegen, zu Boden zu schmettern, k&auml;me nicht auch noch
+au&szlig;erdem von den Eltern auf das&nbsp;&mdash;&nbsp;aber halt&nbsp;&mdash;&nbsp;was
+ich gleich sagen wollte,&laquo; unterbrach er sich da pl&ouml;tzlich mit
+ganz ver&auml;ndertem Ton und Ausdruck, w&auml;hrend seine Hand
+fester die der Jungfrau umschlo&szlig;, so fest, da&szlig; sie der
+Druck zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig
+forschend, den ihren suchte, &raquo;wie ist mir denn, f&uuml;rchteten
+Sie sich nicht vor einem&nbsp;&mdash;&nbsp;vor einem <span class="wide">Wahnsinnigen?</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommen Sie <span class="wide">jetzt</span> zu der Frage?&laquo; hauchte das
+M&auml;dchen, das Haupt erbleichend von ihm abwendend.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause,
+und ich sah heute&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;O, um Gotteswillen, reden Sie nicht von so Entsetzlichem,&laquo;
+fiel ihm die Jungfrau rasch und bittend in's
+Wort, &raquo;mir gerinnt das Blut in den Adern, nur bei dem
+eigenen Gedanken daran, und fremde Worte k&ouml;nnten die
+Bilder heraufbeschw&ouml;ren, die es Monate brauchen w&uuml;rde,
+wieder zu verwischen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch ist der Wahnsinn gar nichts so Entsetzliches,&laquo;
+sagte der Spanier, ihre Hand loslassend und sich
+das feuchte lange Haar aus der Stirn streichend.</p>
+
+<p>&raquo;O, Don Gaspar,&laquo; bat das M&auml;dchen.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;rchten Sie Nichts. Se&ntilde;orita,&laquo; beruhigte sie aber
+dieser mit leisem Kopfsch&uuml;tteln, &raquo;ich bin weit davon entfernt,
+Sie &auml;ngstigen oder qu&auml;len zu wollen mit th&ouml;richten
+Schaudergeschichten, wie sie das tolle Volk im Munde
+tr&auml;gt; nein, ein Vorurtheil w&uuml;nschte ich bei Ihnen zu besiegen,
+das Ihnen &uuml;ber kurz oder lang doch vielleicht einmal
+vielen Schmerz machen d&uuml;rfte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Mein <span class="wide">Vater</span> war
+wahnsinnig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber, Se&ntilde;or.&laquo;</p>
+
+<p>Der Spanier lachte und nahm schmeichelnd wieder
+ihre Hand. &raquo;Er <span class="wide">war</span> es ja nur, habe ich Ihnen gesagt,
+und zwar auf eine wunderliche Art&nbsp;&mdash;&nbsp;er glaubte, meine
+Mutter liebe ihn, und habe ihn deshalb geheirathet, und
+Jemanden, der ihm den tollen Wahn benehmen wollte &mdash;
+rannte er den Degen durch den Leib&nbsp;&mdash;&nbsp;wie es ein neckischer
+Zufall gerade wollte, traf es sich, da&szlig; das sein &mdash;
+eigener Bruder war.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Don Gaspar, wenn Ihnen die Ruhe meiner N&auml;chte,
+meines Lebens nur das Geringste gilt, so h&ouml;ren Sie auf,&laquo;
+bat aber jetzt in wirklich t&ouml;dtlicher Angst das M&auml;dchen
+und suchte sich von der Hand loszumachen, die sie jetzt
+wieder wie mit eisernem Griff umschlossen hielt.&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Ich
+begreife Sie nicht; was um des Himmels Willen ist mit
+Ihnen vorgegangen? und sehen Sie nur, wie entsetzlich
+Sie mich gedr&uuml;ckt haben,&laquo; setzte sie dann hinzu und hielt
+ihm die eben befreite, ganz dunkelroth gepre&szlig;te kleine Hand
+halb scheu noch, halb lachend entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Schelten Sie mich&nbsp;&mdash;&nbsp;schelten Sie mich <span class="wide">recht</span> aus,
+Se&ntilde;orita,&laquo; rief da der Spanier, sich rasch von ihr abdrehend,
+&raquo;ich bin ein arger Thor, ja ich bin boshaft genug,
+mich gerade daran zu freuen, wenn ich die&nbsp;&mdash;&nbsp;die
+mir die <span class="wide">liebsten</span> sind, &auml;rgern und qu&auml;len kann&nbsp;&mdash;&nbsp;und
+zuletzt habe ich doch nur mich selber geschlagen, wie ein
+th&ouml;richtes Kind.&nbsp;&mdash;&nbsp;Aber ich mu&szlig; wahrlich fort,&laquo; setzte
+er dann rascher hinzu, &raquo;und in der Scheidestunde ist das
+Herz ja doch stets tr&uuml;b und traurig und beschw&ouml;rt die
+Bilder herauf, die ihm die schmerzlichsten sind in der weiten
+Welt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber weshalb wollen Sie fort?&nbsp;&mdash;&nbsp;was treibt Sie
+&mdash; was treibt Sie so pl&ouml;tzlich aus unserer Mitte, aus
+einem Kreis von Freunden, der Ihnen&nbsp;&mdash;&nbsp;zu Dank verpflichtet
+&mdash; so gern noch beweisen m&ouml;chte, wie&nbsp;&mdash;&nbsp;wie werth
+Sie ihm sind&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;sagte die Jungfrau sch&uuml;chtern und zuletzt
+mit leiser bewegter Stimme hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb?&laquo; wiederholte Don Gaspar tonlos, und
+schaute rasch und forschend zu dem M&auml;dchen auf&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;weshalb?
+&mdash; ja, wie war mir denn, weshalb kam ich doch &mdash;
+ach&nbsp;&mdash;&nbsp;Ihr Vater&nbsp;&mdash;&nbsp;ja doch&nbsp;&mdash;&nbsp;ist Mr. Newland nicht
+zu Hause?&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">er</span> wird mir die Auskunft geben k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb Sie fort von uns m&uuml;ssen,&laquo; sagte Jenny
+wehm&uuml;thig l&auml;chelnd und den Kopf sch&uuml;ttelnd, &raquo;o Sie
+wunderlicher Mann, wie l&auml;ge das in seinen Kr&auml;ften, und
+wird's ihn nicht selber schmerzen, wenn er Sie missen soll,
+der Sie ihm zuletzt ein wirklich fast unentbehrlicher Freund
+geworden?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>Don Gaspar sch&uuml;ttelte traurig mit dem Kopf.</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie das nicht, Se&ntilde;orita&nbsp;&mdash;&nbsp;was h&auml;tte
+Don Guillelmo an dem wilden, launischen Gesellen, der
+unst&auml;t wie ein Fr&uuml;hlingstag, bald seine Nachsicht, bald sein
+Mitleiden in Anspruch nahm, oder ihn &auml;rgerte und reizte
+in heftiger, unerquicklicher Debatte. Nein, nein, er wird
+den Fremdling bald vergessen, den einst die g&uuml;tige Vorsehung
+wohl einmal benutzte, einen ihrer kleinen Lieblinge
+noch l&auml;nger auf dieser Erde zu halten, den Seinen zum
+Trost, zur Lust, der aber jetzt schon weit, o, recht weit
+von hier fort sein sollte&nbsp;&mdash;&nbsp;und es auch w&auml;re&nbsp;&mdash;&nbsp;hielten
+ihn nicht Banden&nbsp;&mdash;&nbsp;heilige, feste Banden.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Heilige Banden?&laquo; rief Jenny rasch und erschreckt
+emporfahrend, und den Blick mit durchbohrender Sch&auml;rfe
+auf ihn heftend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;feste Banden?&nbsp;&mdash;&nbsp;Sie?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Banden?</span>&laquo; wiederholte der Spanier und sein Geist
+sprang augenscheinlich auf dem Wort ab, nach anderer
+Richtung hin&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;mich?&nbsp;&mdash;&nbsp;nein&nbsp;&mdash;&nbsp;noch nicht, hahaha &mdash;
+sie waren nicht schlau genug dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verstehe Sie nicht,&laquo; sagte das M&auml;dchen, und
+das Blut scho&szlig; ihr in Str&ouml;men in die Schl&auml;fe, und f&auml;rbte
+ihr Wangen und Nacken.</p>
+
+<p>Don Gaspar schwieg erschreckt&nbsp;&mdash;&nbsp;fast instinktartig
+f&uuml;hlte er, da&szlig; er wildes, tolles Zeug gesprochen, aber er
+f&uuml;rchtete fast eben so, es zu widerrufen. Schweigend stand
+er dem holden M&auml;dchen einige Sekunden gegen&uuml;ber, jetzt
+zum ersten Mal, seit er das Gemach betreten, haftete sein
+Blick voll und ruhig auf den lieben, bewegten Z&uuml;gen, und
+er sah, wie an den langen, seidenen, niedergeschlagenen
+Wimpern zwei gro&szlig;e, schwere Thr&auml;nen zitterten und langsam
+niedertropften.</p>
+
+<p>&raquo;Jenny,&laquo; sagte er da weich und leise, und ihr n&auml;her
+tretend, ergriff er wieder ihre Hand&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;ich habe Sie
+wohl recht gekr&auml;nkt mit meinen harten, ungest&uuml;men Worten
+&mdash; und&nbsp;&mdash;&nbsp;ich war doch hergekommen aus einem ganz,
+ganz anderen Grunde&nbsp;&mdash;&nbsp;weshalb? wei&szlig; ich mir eigentlich
+selber keine Rechenschaft zu geben; ich verlasse heute
+die Stadt noch nicht, aber mir war, als ob ich <span class="wide">vor</span> der
+n&auml;chsten Zeit, die in grimmer, unerbittlicher Entscheidung
+mein wartet, <span class="wide">Ihr</span> holdes Antlitz noch einmal sehen, den
+Blick dieser sanften Augen noch einmal in meine Seele
+pr&auml;gen <span class="wide">m&uuml;sse,</span> sollte ich im Stande sein, zu ertragen,
+was&nbsp;&mdash;&nbsp;was nun eben der wunderliche Herr Gott da droben
+&uuml;ber mich auszusch&uuml;tteln im Begriff ist, und dann &mdash;&laquo;
+er hob langsam ihre Hand an seine Lippen und dr&uuml;ckte
+einen leisen, leisen Ku&szlig; darauf&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;mit leichtem Muth
+der n&auml;chsten Zeit zu begegnen. Ich glaubte mich <span class="wide">durch</span>
+diesen Augenblick gegen Alles gewappnet, und&nbsp;&mdash;&nbsp;finde
+nun, da&szlig; ich mich b&ouml;s, o, b&ouml;s geirrt.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Halloh, Kinder!&laquo; rief in diesem Augenblick eine fr&ouml;hliche
+Stimme, und der alte Mr. Newland stand in der
+ge&ouml;ffneten Th&uuml;r, die traurige Gruppe der Beiden, die ihn
+gar nicht kommen geh&ouml;rt, halb erstaunt, halb lachend betrachtend.</p>
+
+<p>Jenny schrak zusammen, als ob sie auf einer b&ouml;sen
+That betroffen worden, und wurde todtenbleich, Don
+Gaspar dagegen hob langsam den Kopf, und dem alten
+Herrn ruhig die Hand entgegenstreckend, sagte er freundlich:</p>
+
+<p>&raquo;Sie kommen wie gerufen, lieber Se&ntilde;or, mir liegt
+etwas auf dem Herzen, da&szlig; ich nicht l&auml;nger allein tragen
+kann und will, und Sie gerade sind der Mann &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Segne meine Seele!&laquo; unterbrach ihn aber der Alte
+mit lautem Lachen, &raquo;wenn der nicht mit Leesegeln an beiden
+Seiten vor dem Winde, zehn Knoten die Stunde
+geht, offene See und keine Leek&uuml;ste, o!&nbsp;&mdash;&nbsp;aber darauf
+kommen wir nachher zur&uuml;ck, jetzt erst, Kinder, eine fr&ouml;hliche
+Botschaft, da&szlig; ich die los werde, und nicht auseinanderspringe
+vor lauter Vergn&uuml;gen&nbsp;&mdash;&nbsp;Bill kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bill?&laquo; rief Jenny aus ihren nur halb getrockneten
+Thr&auml;nen hervorl&auml;chelnd, &raquo;aber wenn, Papa, wenn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Uuml;bermorgen, morgen vielleicht schon!&laquo; rief der alte
+Mann fr&ouml;hlich, &raquo;der Dampfer hat das Schiff an der
+K&uuml;ste, gar nicht weit vom Hafen mehr getroffen, und wenn
+der Wind nur noch ein wenig aufr&auml;umt, k&ouml;nnen sie vielleicht
+morgen schon ihren Anker hier bei uns niederrasseln
+lassen.&nbsp;&mdash;&nbsp;Nun kommt auch der Vater des kleinen Burschen,
+Se&ntilde;or, den Sie retteten, und einen warmen, dankbaren
+Freund werden Sie an dem finden.&laquo;</p>
+
+<p>Zwei Reiter galoppirten die Stra&szlig;e hinab&nbsp;&mdash;&nbsp;es
+war Polizei, und Don Gaspar schaute ihnen l&auml;chelnd nach
+&mdash; er h&ouml;rte gar nicht, was der alte Herr in seiner Herzensfreude
+zu ihm gesagt hatte.</p>
+
+<p>&raquo;Und du warst am Bord des Dampfers, V&auml;terchen?&laquo;
+frug die Jungfrau, froh, einem Gespr&auml;ch enthoben zu
+sein, das ihr das Herz zusammen zu schn&uuml;ren gedroht
+&mdash; &raquo;hatten sie Bills Schiff signalisirt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch wohl, Kind, doch wohl,&laquo; sagte der Greis, sie
+an sich heranziehend und ihre Stirn k&uuml;ssend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;aber an
+Bord war ich nicht, sondern traf eben bei dem Argentinischen
+Konsul einen alten Freund, der mir die fr&ouml;hliche
+Botschaft gab.&nbsp;&mdash;&nbsp;Segne meine Seele, ich habe ihm nicht
+einmal Adieu gesagt, in solcher Eile war ich, Dir die
+Nachricht zu bringen&nbsp;&mdash;&nbsp;den Konsul wollte ich mit hierherschleppen,
+der hatte aber den Kopf voll und mu&szlig;te auf
+die Polizei, und Don Luis de Gomez &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Ein wilder, fast nicht mehr irdisch klingender Schrei
+unterbrach ihn hier, und als sich Beide rasch und erschreckt
+der Richtung zuwandten, von der jener unheimliche
+Laut ert&ouml;nte, sahen sie den Spanier mit todtenbleichem,
+leidenschaftlich aufgeregtem, fast verzerrtem Antlitz, die weit
+ge&ouml;ffneten Augen starr und aus ihren H&ouml;hlen dr&auml;ngend
+auf den Erz&auml;hler geheftet, die Arme vorgestreckt, und das
+schwarze krause Haar in ungeregelten, fast emporstr&auml;ubenden
+Locken &uuml;ber die marmorblasse Stirn geworfen, mitten im
+Zimmer stehen. Eben hatte er dessen letztes Wort, den
+Namen, aufgefangen, und die wenigen Sylben schienen
+einer Zauberformel gleich auf den Ungl&uuml;cklichen zu wirken.</p>
+
+<p>&raquo;Don Gaspar&nbsp;&mdash;&nbsp;was um des Himmels Willen ist
+Ihnen geschehen,&laquo; riefen Vater und Tochter fast zu gleicher
+Zeit.</p>
+
+<p>&raquo;Don Luis de Gomez!&laquo; war aber Alles, was der
+Spanier nur in bleicher zitternder Wuth, jede Muskel
+seines K&ouml;rpers bebend in der furchtbaren Aufregung, auszusto&szlig;en
+vermochte&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Don Luis de Gomez!&laquo; und Alles
+was er an Ha&szlig;, Wuth und Rache kannte, h&auml;ufte sich in
+dem einen Namen des Feindes. Die geballten F&auml;uste
+schlug er dabei zusammen, und der halb ge&ouml;ffnete Mund
+zeigte die beiden Reihen perlenwei&szlig;er, aber fest zusammengebissener
+Z&auml;hne, hinter denen vor die Laute zischten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch12" id="ch12"></a>12.</h3>
+
+<h3>Der Ausbruch des Vulkans.</h3>
+
+<p>Leifeldt stand noch wie in einem Traume, als ihn
+Don Gaspar schon mehrere Minuten verlassen hatte, und
+nur erst der L&auml;rm, den der in seiner eigenen Falle gefangene
+Don Manuel oben machte, brachte ihn wieder zu
+sich selber.</p>
+
+<p>Die beiden Peons unten ebenfalls wu&szlig;ten nicht, was
+sie von dem Allen denken sollten. Ihrer Meinung nach
+hatte es ihnen kaum anders m&ouml;glich geschienen, als da&szlig;
+der, der sie da eben so ruhig und gleichg&uuml;ltig verlassen,
+der Bezeichnete sein m&uuml;sse, den festzunehmen sie heimlich
+heute Nachmittag durch Don Guzman de Ribera hierher
+bestellt waren, und gleichwohl sa&szlig; der Andere jetzt oben
+fest, und dieser ging ruhig und ungehindert von dannen.
+Und Don Manuel?&nbsp;&mdash;&nbsp;dem zu gehorchen waren sie doch
+herbeordert; konnte es m&ouml;glich sein, da&szlig; er selber der Tolle
+gewesen w&auml;re? &mdash;</p>
+
+<p>Der junge Arzt stand inde&szlig; noch unschl&uuml;ssig an der
+Treppe. Er konnte Don Manuel hier nicht gut hinter
+Schlo&szlig; und Riegel sitzen lassen, und gleichwohl hatte er
+eine kleine Strafe f&uuml;r sein doppelg&auml;ngiges Wesen verdient;
+Leifeldt freute sich ordentlich, da&szlig; Don Gaspar die Falle
+gemerkt und auf die H&auml;upter seiner eigenen Verfolger geleitet
+habe. Langsam schritt er den Gang entlang und
+der Th&uuml;re zu, hinter der dieser schrie und tobte und herausgelassen
+zu werden verlangte, und seine Wuth wurde
+noch durch die beiden Peons vermehrt, die unten im Hof
+jetzt mit offenem Munde standen, zu ihm hinaufschauten
+und eben durch sein furchtbares W&uuml;then mehr und mehr
+darin best&auml;rkt wurden, da&szlig; doch wirklich Don Manuel und
+niemand anders der pl&ouml;tzlich toll gewordene sei, und jetzt
+hier zu der Stadt Besten im Allgemeinen, und seinem
+eigenen insbesondere, hinter Schlo&szlig; und Riegel verwahrt
+werden sollte. All seine Ausrufungen und Befehle, die er
+mit vor Zorn halb erstickter Stimme den unten Gaffenden
+hinunterschrie, konnten dabei nicht dazu dienen, sie vom
+Gegentheil zu &uuml;berzeugen, und endlich, der Sache auch
+eine spa&szlig;hafte Seite abfindend, stie&szlig;en sie sich unter einander
+mit den Ellenbogen, und sahen sich an und platzten
+dann gerade heraus in ein nicht enden wollendes Gel&auml;chter.</p>
+
+<p>Wie lang diese Scene gedauert haben w&uuml;rde, ist unbestimmt,
+Don Manuel war aber durch das, was er
+Spott glaubte, der beiden von ihm selbst besoldeten M&auml;nner
+so in wirkliche Wuth gerathen, da&szlig; er schon die St&auml;be
+seines Kerkers gefa&szlig;t hatte und in blinder Wuth daran
+ri&szlig; und sch&uuml;ttelte, als der junge Arzt seine Th&uuml;re erreichte,
+die beiden von au&szlig;en vorgeschobenen Riegel zur&uuml;cktrieb
+und das Schlo&szlig; ebenfalls zu &ouml;ffnen versuchte; das aber
+widerstand allen seinen Bem&uuml;hungen und w&auml;hrend der
+Gefangene, der jetzt Jemanden an seiner Th&uuml;r h&ouml;rte, dieser
+zusprang und von innen dagegen schlug und donnerte,
+anstatt ruhig zu warten bis sie ge&ouml;ffnet sein w&uuml;rde, benahm
+er Leifeldt vollkommen die M&ouml;glichkeit, ihm verst&auml;ndlich
+zu machen, wie er gerade im Begriff sei ihn
+wieder in Freiheit zu setzen. Dieser war zuletzt gen&ouml;thigt,
+zur&uuml;ck in den Hof zu gehen und einen der Peons zu rufen,
+ihm zu helfen. Eine der alten eisernen, dort herumliegenden
+Klammern mit hinaufnehmend, gelang es ihm endlich
+mit des Peons Beistand, das massive Schlo&szlig; aufzudrehen
+und den Gefangenen zu befreien.</p>
+
+<p>Der Peon mu&szlig;te &uuml;brigens, wie sich Don Manuel
+nur erst einmal vor der Th&uuml;r und ihm gegen&uuml;ber sah,
+machen, da&szlig; er die Treppe hinunterkam, denn der gereizte
+Chilene warf sich in f&ouml;rmlichem Grimm auf den armen
+Teufel und schien wirklich im ersten Augenblick kaum seiner
+Sinne m&auml;chtig.&nbsp;&mdash;&nbsp;Die n&auml;chsten heraussprudelnden Fragen
+war Leifeldt auch gar nicht im Stande so rasch zu beantworten,
+wie sie sich Luft machten von des zornigen Mannes
+Lippen, und als auch der Schwede endlich, gereizt
+von den scharfen zornigen Worten, kurz und trotzig erwiederte,
+st&uuml;rmte der Erbitterte fort mit Fl&uuml;chen und
+Verw&uuml;nschungen zwischen den Z&auml;hnen, Genugthuung zu
+holen auf der Polizei f&uuml;r den erlittenen Schimpf.</p>
+
+<p>Es thun das viele Menschen.</p>
+
+<p>Leifeldt sah ihm l&auml;chelnd nach, dann aber der Worte
+gedenkend, die ihm Don Gaspar noch zugerufen, und der
+eigenth&uuml;mlichen Aufregung, in der er ihn heute gesehen,
+entlie&szlig; er die Peons (der dritte, ebenfalls oben Eingesperrte
+hatte schon einen anderen Ausgang durch eine
+Nachbarzelle gefunden) und eilte mit schnellen Schritten
+zu seinem Hotel zur&uuml;ck, die erwartete Aufkl&auml;rung des
+Freundes dort zu finden.</p>
+
+<p>Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt
+er den kleinen Raum von dessen Gemach hin und
+her, Viertelstunde nach Viertelstunde. Bald trat er an
+das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Th&uuml;r zu horchen,
+ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten h&ouml;ren
+lie&szlig;en.&nbsp;&mdash;&nbsp;Niemand kam, und wie ihm endlich die feste
+&Uuml;berzeugung schwand, mit der er bis jetzt den Freund
+erwartet hatte, tauchte Besorgni&szlig; in ihm auf, wohin dieser
+in seinem &uuml;berreizten Zustand geeilt sein, was er angerichtet
+haben k&ouml;nnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein
+Herz kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen,
+als Jennys Schicksal&nbsp;&mdash;&nbsp;zuckte ihm auch, wie ein wilder
+Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don Gaspar k&ouml;nne
+dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn
+der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf
+deren d&uuml;steres, furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen
+entsetzten Blick geworfen, zum Ausbruch k&auml;me.</p>
+
+<p>Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt
+er das Gemach wohl noch zehn Minuten in immer
+steigender Unruhe, dann aber hielt er es auch nicht mehr
+aus&nbsp;&mdash;&nbsp;es litt ihn nicht l&auml;nger in dem leeren Raum, und
+hinaus st&uuml;rmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich
+zu &uuml;berzeugen, ob seine Bef&uuml;rchtungen Wahrheit gewesen
+w&auml;ren oder nicht.</p>
+
+<p>Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen
+<ins title="original has schalten">schallten</ins> zu ihm nieder, wie er nur das Haus betrat.</p>
+
+<p>&raquo;Um Gottes Willen, was geht hier vor?&laquo; rief er
+der alten Magd entsetzt entgegen, die ihm mit zitternden
+H&auml;nden die Th&uuml;re &ouml;ffnete.</p>
+
+<p>&raquo;Don Gaspar,&laquo; war Alles, was diese erwiedern
+konnte, als er auch schon mit fl&uuml;chtigen S&auml;tzen die Treppe
+hinaufflog und die Th&uuml;r aufri&szlig;. &mdash;</p>
+
+<p>Ein einziger Blick hier best&auml;tigte aber nicht allein
+seine schlimmste bisher gefa&szlig;te Bef&uuml;rchtung, sondern zeigte
+ihm auch, in welche Gefahr er die ihm liebsten Menschen
+durch sein unschl&uuml;ssiges Zaudern gebracht.</p>
+
+<p>Mitten im Zimmer, dicht neben dem gro&szlig;en, runden
+Tisch, auf den er sich mit der linken Hand st&uuml;tzte, stand
+der Greis, den rechten Arm um die Tochter geschlungen,
+die sich halb best&uuml;rzt, halb erschreckt an ihn schmiegte und
+Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach
+dem Spanier hin&uuml;ber, der lachend und stampfend, mit
+blitzenden Augen und gestr&auml;ubtem Haar ihnen gegen&uuml;ber
+stand.</p>
+
+<p>Keiner von ihnen gewahrte das &Ouml;ffnen der Th&uuml;r,
+den eintretenden jungen Mann, aber die so lang eingehemmte
+und zur&uuml;ckgehaltene Wuth des Tollen, die jetzt
+Monde lang unter der &auml;u&szlig;eren Schaale seines festen eisernen
+Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein m&auml;chtiger
+Vulkan seine Gluthen wieder unter der Rinde sammelt,
+die er sich von seinem letzten Ausbruch selbst geschmiedet,
+schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder
+Lohe ins Freie.</p>
+
+<p>&raquo;Don Luis de Gomez!&laquo; schrie er mehr, als er es rief,
+&raquo;Don Luis, er ist hier&nbsp;&mdash;&nbsp;er ist hier! Teufel, wenn ich
+Dich fasse, wenn ich Dich halte&nbsp;&mdash;&nbsp;hier&nbsp;&mdash;&nbsp;hier zwischen den
+zusammengeballten F&auml;usten&nbsp;&mdash;&nbsp;hier zwischen den Z&auml;hnen
+und Armen&nbsp;&mdash;&nbsp;huih!&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und das Zimmer dr&ouml;hnte von
+dem gellenden Aufkreisch des Rasenden.&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Und <span class="wide">das</span> Dein
+Weib?&nbsp;&mdash;&nbsp;mit dem marmorbleichen Angesicht?&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">das</span>
+die bl&uuml;hende, liebegl&uuml;hende Constancia?&laquo; fuhr er pl&ouml;tzlich
+fort, den Arm gegen das zusammenzuckende M&auml;dchen
+ausstreckend&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;<span class="wide">das</span> die Schlange, die mich nicht einmal
+im Grabe ruhen lie&szlig; mit ihren zaubertollen Reizen &mdash;
+<span class="wide">das die Braut</span>&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und zum Sprung, die Schultern
+zur&uuml;ckgedr&auml;ngt, die Augen in wildem unheimlichem Feuer
+gl&uuml;hend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als
+Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen
+den W&uuml;thenden gehoben, ausrief:</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Morelos!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahnsinnig!&laquo; hauchte Jenny, ihr Antlitz in den
+H&auml;nden bergend, und brach in sich selbst zusammen. Hoch
+empor aber zuckte der Kranke, und seine Augen flogen wie
+irre Pfeile von Leifeldts ihm muthig begegnender Gestalt
+zu dem bleichen, am Boden hingestreckten M&auml;dchenbild,
+&uuml;ber das der Vater getreten war, mit dem jungen Arzt
+jede Gefahr von der Geliebten abzuwenden.</p>
+
+<p>Aber diese schien f&uuml;r den Augenblick vor&uuml;ber, wenigstens
+von ihnen hier abgelenkt. Des Freundes Anblick
+ri&szlig; den W&uuml;thenden in etwas zu der ihn umgebenden
+Wirklichkeit zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>&raquo;Leifeldt&nbsp;&mdash;&nbsp;Stierna!&laquo; rief er, mit der linken Hand
+rasch und heftig das wirre Haar aus seiner Stirn streichend,
+&raquo;und <span class="wide">hier?</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">hier?</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;nein, nicht hier&nbsp;&mdash;&nbsp;er ist dort,
+bei <span class="wide">ihm,</span> bei <span class="wide">ihm</span>&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und ehe Jemand seine Bewegung
+h&auml;tte hindern, ja nur ahnen k&ouml;nnen, was er beabsichtigte,
+legte er die Hand auf das Sims des offenen Fensters
+und war mit <span class="wide">einem</span> tollk&uuml;hnen Satz auf der Stra&szlig;e unten.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch13" id="ch13"></a>13.</h3>
+
+<h3>Das Rendez-vous.</h3>
+
+<p>Die H&ouml;he, von der der Wahnsinnige niedersprang, war
+&uuml;ber achtzehn Fu&szlig;, aber wie ein Federball schnellte er
+wieder vom Boden empor, und floh mit fl&uuml;chtigen S&auml;tzen
+die Stra&szlig;e hinab, dem Hause des Argentinischen Konsuls
+zu. Wohl stutzten ein paar Vor&uuml;bergehende, die den waghalsigen
+Sprung gesehen, und auch wohl erst die lauten
+Stimmen oben im Hause geh&ouml;rt; Streitigkeiten sind aber
+nichts seltenes bei dem hei&szlig;en Blut des S&uuml;dl&auml;nders, das
+Messer tr&auml;gt er dabei nur gar locker im G&uuml;rtel, und rasche
+Flucht wird oft n&ouml;thig, dem Gesetz und vielleicht fatalen
+Folgen zu entgehen. Zuf&auml;llig Gegenw&auml;rtige vermeiden
+aber in einem solchen Fall nichts sorgf&auml;ltiger, als Zeugen
+solcher That zu sein.&nbsp;&mdash;&nbsp;Die Gerichte waren in Chile
+so weitl&auml;ufig, wie in der Argentinischen Republik und man
+h&auml;lt sich gern fern von ihrer kostspieligen N&auml;he.</p>
+
+<p>So bog Don Gaspar, oder wie wir ihn jetzt lieber
+wieder bei seinem rechten Namen nennen wollen, <span class="wide">Morelos,</span>
+ungehindert, unbel&auml;stigt in die n&auml;chste Stra&szlig;e ein,
+und stand wenige Minuten sp&auml;ter an der Th&uuml;re des Argentinischen
+Konsuls, die er verschlossen fand.</p>
+
+<p>Den rasch gef&uuml;hrten Schl&auml;gen des Klopfers &ouml;ffnete
+ein junger Bursche in einem Peruanischen Poncho.</p>
+
+<p>&raquo;Don Guzman ist nicht zu Hause!&laquo; sagte der Knabe,
+die Frage nach dem Konsul beantwortend, &raquo;wird auch
+vor Abend schwerlich zur&uuml;ckkommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Fremde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Don Luis de Gomez?&laquo;</p>
+
+<p>Morelos fa&szlig;te krampfhaft in seine eigene Seite, die
+Spuren der N&auml;gel dort zur&uuml;cklassend, und die Muskeln
+seines Gesichts zuckten wie unter dem Schmerz des Scalpells. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb lachen Sie, Se&ntilde;or?&laquo; frug der Knabe erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist Dein Herr?&laquo; frug der Kranke, sich gewaltsam
+zusammennehmend.&nbsp;&mdash;&nbsp;Wie der Schwimmer, mit sinkenden
+Kr&auml;ften dem rettenden Ufer nah, noch einmal die
+Nerven anspannt zum letzten entscheidenden Moment, noch
+einmal hineingreift in die Fluth und ausstreicht, und die
+Z&auml;hne fest, fest aufeinander bei&szlig;t, so f&uuml;hlte er, da&szlig; der
+Augenblick, nach dem sein ganzes Leben gedr&auml;ngt, ja dem
+der Geist, selbst krank und bewu&szlig;tlos, entgegenstrebt, nahe
+sei, und nur wenige Minuten Fassung <span class="wide">jetzt,</span> ihn siegen
+lassen m&uuml;ssten.</p>
+
+<p>&raquo;Oben in seiner Stube im ersten Stock!&laquo; sagte der
+junge Bursche, durch die ruhige Frage wieder get&auml;uscht,
+von dem gl&uuml;henden, aber ernsten Blick doch auch zugleich
+eingesch&uuml;chtert.&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Gleich rechts die zweite Th&uuml;r,&laquo; rief
+er dem schon treppauf Springenden noch nach; &raquo;das Vorzimmer
+ist offen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Spanier <span class="wide">f&uuml;hlte</span> mehr die letzten Worte, als
+da&szlig; er sie h&ouml;rte; mit wenigen S&auml;tzen war er oben&nbsp;&mdash;&nbsp;das
+Vorzimmer stand nur angelehnt, er &ouml;ffnete es, dr&uuml;ckte es
+hinter sich ins Schlo&szlig; und schob den Nachtriegel vor, und
+wenige Sekunden sp&auml;ter lag seine Hand auf dem Schlo&szlig;
+der anderen Th&uuml;re, die in das Zimmer seines Todfeindes
+f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Das Herz schlug ihm h&ouml;rbar in der Brust, aber kein
+Nerv seines K&ouml;rpers bebte, wie das Metall selber so kalt
+und ruhig, hielt die Hand den Griff, nur das Auge blitzte
+in wildem, unheimlichem Feuer und ein kaltes, fast teuflisches
+L&auml;cheln zuckte jetzt um seine Lippen.</p>
+
+<p>Leise klopfte er an die Th&uuml;r, und das laute <i>entra</i>
+von innen warf nur tiefere Gluth in seine Augen, ohne
+an seiner Stellung auch nur die Bewegung einer Muskel
+zu ver&auml;ndern.</p>
+
+<p><span class="wide">Er spielte mit seinem Opfer.</span></p>
+
+<p>Noch einmal ber&uuml;hrte sein gebogener Finger die Th&uuml;r,
+und lauter und ungeduldiger t&ouml;nte das scharfe &raquo;Herein&laquo;
+des Bedrohten.</p>
+
+<p>Dem Laut nach befand er sich in dem entferntesten
+Theile des Zimmers, wie aber statt dem &Ouml;ffnen der Th&uuml;r
+zum dritten Mal das Klopfen, nur etwas lauter als vorher
+ert&ouml;nte, schallten rasche Schritte von innen, doch ehe
+sie sich vollkommen der Th&uuml;re n&auml;hern konnten, ri&szlig; sie
+Morelos auf und stand im n&auml;chsten Moment dicht vor dem,
+mit einem j&auml;hen Ausruf des Schrecks zur&uuml;ckspringenden
+Argentiner.</p>
+
+<p>Er wollte schreien, aber das lange, haarscharfe Messer
+des Feindes blitzte in dessen Hand und die n&auml;chste Sekunde,
+schien es, sollte sein Schicksal entscheiden. Doch &uuml;ber den
+wunderlich tollen Geist des Wahnsinnigen war ein anderer
+Schatten gezogen, oder hatte die <span class="wide">Gewi&szlig;heit</span> seiner
+Rache, das <span class="wide">Bewu&szlig;tsein,</span> den Feind nun endlich im Bereich
+seines Messers zu haben, der wild ausbrechenden
+Wuth, die ihn sonst nur bei Nennung des blo&szlig;en Namens
+befiel, die volle Sch&auml;rfe genommen? Ja, er <span class="wide">letzte</span> sich jetzt
+selber an diesem Gef&uuml;hl und wenn auch Mord und Blut
+nur sein erster Gedanke gewesen, als er die Schwelle betrat,
+so schien es ihn jetzt zu reuen, gleich mit <span class="wide">einem</span>
+Schlag den Jahre und Jahre lang aufgebauten Plan
+seiner Rache zu zerst&ouml;ren.</p>
+
+<p>&raquo;Bst!&laquo; sagte er, mit dem warnend emporgehobenen
+Zeigefinger der linken Hand&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;bst&nbsp;&mdash;&nbsp;Kamerad&nbsp;&mdash;&nbsp;kein
+Geschrei, die Nachbarn sind munter und du k&ouml;nntest die
+Polizei im Schlafe st&ouml;ren&nbsp;&mdash;&nbsp;siehst Du den Gru&szlig; hier?&laquo;
+und er hielt ihm die blanke Klinge lachend entgegen, vor
+der der Ungl&uuml;ckliche scheu und entsetzt zur&uuml;cktrat&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;f&uuml;rchte
+Dich nicht, Schatz, es thut nicht sehr weh&nbsp;&mdash;&nbsp;den hat
+mir Felipe f&uuml;r Dich aufgetragen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was wollen Sie von mir, Ungl&uuml;ckseliger?&laquo; rief jetzt
+Don Luis in wilder Angst, denn in den Augen des
+Wahnsinnigen lag der Tod&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;nennen Sie Ihre W&uuml;nsche,
+und bei der reinen Mutter Gottes, ich will sie erf&uuml;llen
+und kostete es mein halbes Verm&ouml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bst, bst, Kamerad, sprichst zu laut, viel zu laut,&laquo;
+fl&uuml;sterte kopfsch&uuml;ttelnd, einen Blick nach der Th&uuml;re werfend,
+der Spanier, &raquo;aber eine Frage h&auml;tte ich doch an Dich&nbsp;&mdash;&nbsp;wo
+ist Constancia?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;und seine Augen leuchteten und
+funkelten, als er den Namen aussprach und die Hand
+umspannte krampfhaft den Griff des Messers.</p>
+
+<p>Don Luis rang augenscheinlich mit sich selbst, aber
+die Gefahr war zu dringend mit seinem Leben zu spielen
+und er sagte rasch, die einzige vielleicht m&ouml;gliche Gelegenheit
+ergreifend, sich zu retten: &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;W&uuml;nschen Sie Donna Constancia zu sehen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu <span class="wide">sehen?</span>&laquo; rief der Spanier schnell und zornig,
+&raquo;nur zu <span class="wide">sehen?</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;wo ist sie?&nbsp;&mdash;&nbsp;rasch&nbsp;&mdash;&nbsp;unsere Augenblicke
+sind kostbar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So will ich Sie zu ihr f&uuml;hren,&laquo; sagte Don Luis,
+zum Tisch tretend und seinen Hut ergreifend, &raquo;wir brauchen
+das Haus nicht zu verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bst, bst, Kamerad,&laquo; lautete aber wieder die Antwort
+seines wachsamen H&uuml;ters, &raquo;nicht hinaus, mein Bursche,
+den Weg <span class="wide">dort</span> find' ich schon nachher allein&nbsp;&mdash;&nbsp;wir haben
+<span class="wide">hier</span> noch Wichtigeres mitsammen zu besprechen. Nicht
+wahr, das gefiele Dir, aus dem Thor hinaus hier durch
+den Hof und in die menschengef&uuml;llte Stra&szlig;e mit dem
+Alarmschrei: &raquo;ein toller Hund!&laquo; hinauszuspringen? Eine
+Frage mu&szlig;t Du mir erst beantworten, Se&ntilde;or&nbsp;&mdash;&nbsp;eine
+Frage, die mir in blutigen Z&uuml;gen die langen Jahre hindurch
+im Hirn geschrieben stand und mich, wie die Leute
+in Buenos-Ayres behaupteten&nbsp;&mdash;&nbsp;wahnsinnig gemacht hat
+&mdash; was wurde aus meinem <span class="wide">Bruder</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;aus meinem
+<span class="wide">Weib?</span>&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Don Morelos!&laquo; rief der Argentiner entsetzt, denn
+die Blicke des Feindes spr&uuml;hten Feuer und es war augenscheinlich,
+wie er sich nur mit gr&ouml;&szlig;ter M&uuml;he selber noch
+zur&uuml;ckhielt auf sein Opfer zu springen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;Doch halt!&laquo;
+rief da der Ungl&uuml;ckliche in seiner Todesnoth, denn ein einziger
+Gedanke an Rettung durchblitzte noch seine Seele,
+&raquo;Sie wollen Nachricht von Ihrem <span class="wide">Bruder</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">die</span> kann
+ich Ihnen geben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Du?</span>&laquo; rief der Spanier &uuml;berrascht, und die Ruhe
+der Verzweiflung, die in des Gegners Blicken lag, t&auml;uschte
+den sonst so Schlauen.</p>
+
+<p>&raquo;Wollen Sie einen Brief von ihm sehen?&laquo; frug
+Don Luis.</p>
+
+<p>&raquo;Einen Brief?&laquo;&nbsp;&mdash;&nbsp;wiederholte Morelos und strich
+sich wie tr&auml;umend mit den Fingern &uuml;ber die Stirn &mdash;
+&raquo;einen Brief?&nbsp;&mdash;&nbsp;wie ist mir denn&nbsp;&mdash;&nbsp;einen Brief&nbsp;&mdash;&nbsp;von
+&mdash; dem&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">Bruder?</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie k&ouml;nnen sich &uuml;berzeugen,&laquo; sagte Don Luis ruhig,
+&raquo;er liegt in jenem Pult, und wenn ich Sie t&auml;usche, m&ouml;gen
+Sie thun mit mir, was Ihnen beliebt.&laquo;</p>
+
+<p>Er nahm einen kleinen Schl&uuml;ssel von dem Tisch, neben
+dem er stand, und schritt langsam an Morelos dicht vorbei,
+dem Pulte zu, als drau&szlig;en an der Vorsaalth&uuml;r zwei
+Mal stark geklopft wurde. Don Luis zuckte zusammen,
+Morelos lachte.</p>
+
+<p>&raquo;Gehen Sie an die Th&uuml;r, Don Luis,&laquo; sagte er zu
+diesem, &raquo;und rufen Sie hinaus, da&szlig; Sie besch&auml;ftigt sind
+&mdash; der geringste andere Laut, die erste Bewegung zur
+Flucht aber&nbsp;&mdash;&nbsp;doch ich brauche Sie nicht zu warnen.&laquo;</p>
+
+<p>Don Luis schritt in furchtbarer Aufregung zur Th&uuml;r,
+gehorsam wie ein Kind, und diese halb &ouml;ffnend&nbsp;&mdash;&nbsp;und
+der Wahnsinnige stand mit der blanken Waffe dicht an
+seiner Seite&nbsp;&mdash;&nbsp;rief er laut, wer da drau&szlig;en sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin es, Se&ntilde;or,&laquo; rief eine, Morelos wohlbekannte
+Stimme, &raquo;ich, Don Manuel&nbsp;&mdash;&nbsp;ich habe Polizei
+bei mir und w&uuml;nschte Sie nur auf wenige Sekunden zu
+sprechen.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&Uuml;ber Morelos Gesicht zuckte ein sp&ouml;ttisches L&auml;cheln,
+aber Don Luis z&ouml;gerte&nbsp;&mdash;&nbsp;dort drau&szlig;en, wenige Schritt
+von ihm entfernt stand H&uuml;lfe, und er, er mu&szlig;te hier mit
+einer L&uuml;ge dem Feind sich selber rettungslos in die H&auml;nde
+geben. &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, Se&ntilde;or,&laquo; sagte der Spanier, mit kalter H&ouml;flichkeit,
+aber jubelndem Triumph im Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme gleich&nbsp;&mdash;&nbsp;warten Sie drau&szlig;en auf mich,&laquo;
+rief der Gefolterte und trat von der Th&uuml;r zur&uuml;ck, die er
+offen lie&szlig;, Morelos dr&uuml;ckte sie wieder ins Schlo&szlig; und
+schob den Riegel vor.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Den Brief,</span>&laquo; sagte er eint&ouml;nig.</p>
+
+<p>Don Luis wu&szlig;te, es war ihm jeder andere Ausweg
+abgeschnitten, und schritt zum Pult. Dieses &ouml;ffnete er
+und zog mit beiden H&auml;nden Gefache auf, in die er hineinschaute
+&mdash; er nahm mehrere Briefe heraus und sah
+ihre Adresse&nbsp;&mdash;&nbsp;Morelos stand dicht neben ihm, und beobachtete
+jede seiner Bewegungen.</p>
+
+<p>&raquo;Hier ist er,&laquo; sagte er pl&ouml;tzlich, dem Spanier einen
+derselben hin&uuml;berreichend, wie dieser aber mit scheuem
+Blick die Adresse &uuml;berflog, griff des Argentiners Hand
+tiefer in das Gefach und ein Pistol herausrei&szlig;end, das er
+im R&uuml;ckspringen spannte und dem Feind entgegenhielt, schrie
+er mit der Kraft, die ihm Todesangst und Verzweiflung
+gegeben, laut um H&uuml;lfe!</p>
+
+<p>&raquo;L&uuml;gner und Narr!&laquo; rief Morelos, als er den Brief
+mit wildem Lachen zu Boden warf und mit dem Fu&szlig;
+stampfte&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;bete&nbsp;&mdash;&nbsp;denn Deine Seele steht in wenigen
+Sekunden vor Gott!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe!&laquo; t&ouml;nte des Ungl&uuml;cklichen Stimme und mit
+dem Ruf zugleich schmetterte der Schu&szlig; dem Angreifer
+entgegen. Die Kugel traf ihn in die Schulter, aber was
+achtete der Tolle einer solchen Waffe. Drau&szlig;en brach die
+Th&uuml;r zusammen unter dem Andrang der Polizeisoldaten,
+die den Ruf geh&ouml;rt, aber er h&ouml;rte das Prasseln und antwortete
+ihnen mit einem gellenden Triumphschrei, denn
+unter seiner Hand lag und wand sich das Opfer und sein
+Messer w&uuml;hlte in dessen Herzen.</p>
+
+<p>Wenige Sekunden sp&auml;ter warfen sich die Diener des
+Gesetzes gegen die innere Th&uuml;r, die jedoch, st&auml;rker als die
+vorige, ihrem ersten <ins title="original has Aprall">Anprall</ins> kr&auml;ftigen Widerstand leistete.</p>
+
+<p>&raquo;Seid Ihr da?&laquo; lachte Morelos, sich emporrichtend
+dem geglaubten Angriff zu begegnen, &raquo;aha, meine Burschen,
+l&auml;&szlig;t Euch das Eichenholz nicht herein?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;&Ouml;ffnet, Don Luis&nbsp;&mdash;&nbsp;&ouml;ffnet, Se&ntilde;or&nbsp;&mdash;&nbsp;im Namen
+des Gesetzes.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahaha!&laquo; lachte der Tolle, &raquo;&ouml;ffnet Euch selber und
+holt Euch Don Luis de Gomez!&laquo; und das Fenster &ouml;ffnend,
+das auf die, rings den Hof umziehende Veranda f&uuml;hrte,
+sprang er auf diese hinaus und floh, das blutige Messer
+wieder in seiner Scheide bergend, darauf hin, durch eins
+der anderen Fenster vielleicht einen Ausgang zu entdecken.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3><a name="ch14" id="ch14"></a>14.</h3>
+
+<h3>Die Verfolgung.&nbsp;&mdash;&nbsp;Schlu&szlig;.</h3>
+
+<p>Seine Verfolger waren indessen aber auch nicht m&uuml;&szlig;ig
+gewesen. Der Konsul selber, eben von der Polizei zur&uuml;ckgekehrt,
+wo er sich schon einen Verhaftsbefehl und H&uuml;lfe
+verschafft hatte, h&ouml;rte kaum die Schreckensbotschaft, da&szlig;
+der Wahnsinnige zu seinem Opfer eingedrungen sei und
+wahrscheinlich schon sein Schlimmstes gethan habe, sandte
+augenblicklich einen Theil der Mannschaft in den Hof, ihn
+in Empfang zu nehmen, wenn er dort hinunterspringen
+sollte, und lie&szlig; durch eine andere kleine Abtheilung die
+Hinterth&uuml;r besetzen, zu der eine schmale Treppe von der
+Veranda niederf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Don Manuel war beordert, dieselbe anzuf&uuml;hren, und
+ihm ebenfalls der Schl&uuml;ssel zu dieser Pforte, die gew&ouml;hnlich
+offen stand, anvertraut worden. Seine Ordre war,
+diese Th&uuml;r so rasch als m&ouml;glich zu verschlie&szlig;en und dann
+das weitere zu erwarten. Don Guzman lie&szlig; unterdessen
+Don Luis Th&uuml;r sprengen, von wo aus sie den Fl&uuml;chtigen,
+blieb er nun auf der Veranda oder zog er sich in eines
+der Zimmer zur&uuml;ck, leicht erreichen konnten.</p>
+
+<p>Don Manuel s&auml;umte auch nicht, solchem Befehle nachzukommen;
+galt es ja noch au&szlig;erdem die Scharte auszuwetzen
+von heut Nachmittag, wo ihn der Tolle &uuml;berlistet,
+trotz all seiner Schlauheit; rasch deshalb &uuml;ber den Hof
+eilend, und die Pforte, durch die er dorthin gelangt, ebenfalls
+von au&szlig;en verriegelnd, postirte er seine Leute vor
+die Hinterth&uuml;r des Hauses, ohne weitere Ordre, da er
+sich ihnen augenblicklich wieder anschlie&szlig;en wollte, und er
+selber lief die Treppe hinauf, die Verandath&uuml;r zu schlie&szlig;en,
+als er sich in demselben Moment nicht allein in der
+N&auml;he, sondern auch in der Gewalt des Fl&uuml;chtigen fand,
+der, die Th&uuml;r bemerkend, sie gerade aufri&szlig;, als Don Manuel
+den Schl&uuml;ssel gehoben hatte, ihn in das Schl&uuml;sselloch
+zu schieben.</p>
+
+<p>Der Chilene stand da wie vom Schlag ger&uuml;hrt, und
+die &Uuml;berraschung l&auml;hmte ihm wirklich im ersten Augenblick
+alle Glieder. Nicht so Morelos, dessen tollk&uuml;hner Muth
+im Nu die sich ihm bietende Gelegenheit ergriff, den w&uuml;rdigen
+Caballero selber, der zu seinem Verderben hierher
+beordert worden, zu seiner Flucht zu benutzen.</p>
+
+<p>&raquo;Ha, Gott zu Gru&szlig;, Compa&ntilde;ero,&laquo; rief er lachend,
+indem er mit der Rechten sein Messer halb aus der Scheide
+ziehend, dem zum Tod Erschrockenen mit der Linken auf
+die Schulter klopfte; &raquo;schon fertig mit der Besichtigung
+jener alten Zimmer? hahaha, Kamerad, es freut mich,
+Dich gerade jetzt hier zu finden, ich habe Lust zu einer
+Spazierfahrt, und <span class="wide">Du</span> sollst mich begleiten&nbsp;&mdash;&nbsp;Ruhe,
+Bursche, Ruhe!&laquo; zischte er drohend zwischen den Z&auml;hnen
+durch, als er sah, wie des Mannes Hand langsam nach
+dem G&uuml;rtel zu schleichen suchte, &raquo;die erste verd&auml;chtige Bewegung,
+und Du bist ein Kind des Todes&nbsp;&mdash;&nbsp;<span class="wide">so</span> und nun
+fort.&laquo;</p>
+
+<p>Und damit den Schl&uuml;ssel aus der widerstandslosen
+Hand nehmend, ohne diesen jedoch aus dem Bereich seines
+Armes zu lassen, schlo&szlig; er rasch die Th&uuml;r hinter ihnen
+und schritt, seine Hand auf Don Manuels Schulter haltend,
+die steile Treppe nieder, die sie bald zur Au&szlig;enth&uuml;r
+brachte.</p>
+
+<p>Die dort postirten Wachen staunten nicht wenig, ihren
+F&uuml;hrer in solcher Begleitung zur&uuml;ckkomme zu sehen, Morelos
+war aber nicht der Mann, <ins title="original has einen">einem</ins> gewonnenen Vortheil
+auch einen Moment nur zu entsagen.</p>
+
+<p>&raquo;Zur&uuml;ck, Caballeros!&laquo; rief er barsch, als die beiden
+W&auml;chter nach innen, jedoch wie im Zweifel, zuspringen
+wollten, und das Messer schaute drohend wieder aus seinem
+Versteck, &raquo;zur&uuml;ck, oder dieser Herr da ist eine Leiche
+&mdash; freiwillig werde ich mich dem Gericht &uuml;berliefern, und
+Don Manuel wird mich begleiten&nbsp;&mdash;&nbsp;Sie aber gehen zur&uuml;ck
+und sagen das dem Herrn des Hauses&nbsp;&mdash;&nbsp;wenn er
+mich zu sprechen w&uuml;nscht, werde ich auf dem Polizeigeb&auml;ude
+zu finden sein.&nbsp;&mdash;&nbsp;Kommen Sie, Don Manuel,&laquo; und den
+Arm des also &Uuml;berraschten <ins title="original lacks ergreifend">ergreifend</ins>, der gar nicht wu&szlig;te, ob der
+entsetzliche Mensch Ernst mache mit seiner Betheuerung,
+schritt er mit ihm die Stra&szlig;e hinunter, w&auml;hrend die Diener
+der Gerechtigkeit, vollkommen verdutzt durch das ernste,
+zuversichtliche Benehmen des Mannes&nbsp;&mdash;&nbsp;dem sie &uuml;berdie&szlig;
+nur zu gern aus dem Weg gingen, zur&uuml;ckblieben.</p>
+
+<p>Rasch schritten inde&szlig; die beiden M&auml;nner die kleine
+Stra&szlig;e nieder, die nach der Hauptstra&szlig;e der Stadt zu
+f&uuml;hrte, als sie eine der dort &uuml;berall haltenden Droschken
+&uuml;berholten.</p>
+
+<p>&raquo;Halt an, Kamerad!&laquo; rief Morelos, dem Kutscher
+winckend, &raquo;f&uuml;nf Dollar, wenn Du mich, so rasch Deine
+Pferde laufen, die Almendral hinunterf&auml;hrst&nbsp;&mdash;&nbsp;hier, Dein
+Geld!&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Darf nicht galoppiren, Se&ntilde;or,&laquo; sagte der Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Trabe dann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Almendral hinunter?&laquo; frug Don Manuel erschreckt,
+dorthin lag nicht das Polizeigeb&auml;ude, ein Blick
+seines Begleiters aber und ein leises Dr&uuml;cken von dessen
+Arm &uuml;berzeugte ihn bald, wie er willenlos nur zu gehorchen
+habe.&nbsp;&mdash;&nbsp;Sie stiegen ein, Don Manuel voran, aber
+ehe ihm Morelos folgte, hielt er sich einen Augenblick an
+dem Schlag des Wagens fest, er sah todtenbleich aus und
+es war augenscheinlich, wie er mit einem furchtbaren
+Schmerz rang.</p>
+
+<p>&raquo;Caracho, Se&ntilde;or!&laquo; rief der Kutscher, der sich nach
+ihm umschaute, &raquo;Sie sind verwundet.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will eben zum Doktor, Amigo,&laquo; l&auml;chelte der
+Kranke, und sich gewaltsam zusammenraffend, hob er sich
+in den Wagen an Don Manuels Seite.</p>
+
+<p>&raquo;Fort, mein Bursche, fort&nbsp;&mdash;&nbsp;und was die Pferde
+laufen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Kutscher hieb auf die Thiere und im scharfen
+Trab rasselten sie eben um die n&auml;chste Ecke, als von des
+Konsuls Haus die Verfolger niedersprangen.</p>
+
+<p>&raquo;Schneller&nbsp;&mdash;&nbsp;schneller, Amigo.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich darf nicht galoppiren, Se&ntilde;or.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich zahle die Strafe, Freund&nbsp;&mdash;&nbsp;Du wei&szlig;t, &Auml;rzte
+und Polizei d&uuml;rfen, und Kranke werden dasselbe Recht
+haben.&laquo;<a href="#fn23"><small><sup>23</sup></small></a></p>
+
+<p>Der Peon hieb in die Pferde und die Thiere, selber
+gereizt durch das stete Strafen der Peitsche, griffen aus
+in vollem Carrière die Stra&szlig;e hinunter.</p>
+
+<p>&raquo;Halt an, Compa&ntilde;ero,&laquo; schrie ein an der n&auml;chsten
+Ecke ihnen begegnender Polizist entgegen, und versuchte
+dem Wagen vorzuspringen, aber das Handpferd bi&szlig; nach
+ihm und er fuhr zur&uuml;ck, w&auml;hrend der leichte Wagen vorbeistob,
+als ob ihn die Winde f&uuml;hrten.</p>
+
+<p>&raquo;Wo ist das Haus, Se&ntilde;or, die Almendral ist beinah
+zu Ende,&laquo; frug der Kutscher, die Z&uuml;gel fest in der Hand,
+den Kopf halb herumwendend.</p>
+
+<p>&raquo;Weiter!&laquo; war die einzige Antwort, die er erhielt,
+und donnernde Hufschl&auml;ge wurden schon hinter ihnen laut.</p>
+
+<p>Jetzt hatten sie das Ende der Stadt erreicht und
+&uuml;ber eine kleine Br&uuml;cke hin donnerte der Wagen den letzten
+H&auml;usern entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Ist es hier?&laquo; frug der Kutscher noch einmal, und
+wandte sich seinem wunderlichen Passagiere zu.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Weiter!</span>&laquo; t&ouml;nte die monotone Antwort&nbsp;&mdash;&nbsp;aber
+die Worte klangen hohl und unheimlich.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Weiter?</span>&nbsp;&mdash;&nbsp;ich fahre nicht weiter!&laquo; rief der Kutscher
+erstaunt, &raquo;hier ist meine Grenze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du f&auml;hrst,&laquo; sagte Morelos eint&ouml;nig, und er h&auml;tte
+das Messer nicht gebraucht, das er aus der Scheide zog;
+der Blick, mit dem er dem entsetzten Rosselenker ins Auge
+schaute, trieb diesem das Blut als Eis ins Herz zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Wilder hieb er in die Pferde, den schr&auml;gen H&uuml;gel
+hinauf keuchten die Thiere, mit Schaum bedeckt, schnaubend
+und in die Z&uuml;gel knirschend.&nbsp;&mdash;&nbsp;Don Manuel sah
+sich um&nbsp;&mdash;&nbsp;zehn oder zw&ouml;lf Reiter waren in kaum hundert
+Schritt Entfernung hinter ihnen und ein rascher
+Satz aus dem Wagen konnte ihn jetzt aus dem Bereich
+seines Feindes bringen. Aber dessen Hand lag auf seinem
+Arm und ein eignes, unheimliches L&auml;cheln spielte um seine
+Lippen.</p>
+
+<p>Die Pferde keuchten und schnoben den Berg hinan
+&mdash; jetzt hatten sie den Gipfel erreicht, aber nur einen
+scheuen Blick warf der Peon zur&uuml;ck und hieb mit neuer
+Kraft auf die armen, schon zum Tod ersch&ouml;pften Thiere.</p>
+
+<p>&raquo;Halt&nbsp;&mdash;&nbsp;Caracho, verdammter!&laquo; schrie die Stimme
+eines der vordersten der Verfolger in wildem Grimm, &raquo;halt,
+oder ich rei&szlig;e Dich mit dem Lasso vom Wagen herunter.&laquo;</p>
+
+<p>Ein Schlag mit der Peitsche auf die eigenen Thiere
+war die Antwort&nbsp;&mdash;&nbsp;das blanke Messer lag neben dem
+armen Teufel von Peon und er f&uuml;rchtete weniger die
+Drohung des Reiters, als den kalten, drohenden Stahl
+des entsetzlichen Fremden.</p>
+
+<p>Wieder zog sich der Weg eine kleine Erh&ouml;hung hinan,
+und der Kutscher hieb aufs Neue in seine Thiere, aber
+deren Kr&auml;fte waren ersch&ouml;pft. Das Sattelpferd, mit dem
+kurzen Lasso am Gurt befestigt, wollte dem geschwungenen
+Arm entgehen&nbsp;&mdash;&nbsp;noch einmal warf es sich mit der Anstrengung
+aller Sehnen vorw&auml;rts, aber die Glieder versagten
+ihm den Dienst, und wie es st&uuml;rzte, war es nicht
+mehr im Stand, sich wieder zu erheben.</p>
+
+<p>In demselben Moment fast hielten die ersten Reiter
+neben dem Wagen, und zwei davon, mit geschwungenem
+Lasso heranreitend, wandten sich gegen den entflohenen
+M&ouml;rder.</p>
+
+<p>&raquo;Im Namen des Gesetzes!&laquo; rief der Erste, &raquo;Ihr
+seid mein Gefangener, Se&ntilde;or Morelos!&laquo;</p>
+
+<p>Don Manuel blickte scheu zu ihm auf&nbsp;&mdash;&nbsp;noch immer
+ruhte seine Hand auf seinem Arm, und dasselbe kalte L&auml;cheln
+spielte um die bleichen Lippen und stieren Augen&nbsp;&mdash;&nbsp;er
+war <span class="wide">todt.</span></p>
+
+<p>Die eigenen Pferde vor den Wagen spannend, und
+es dem Kutscher &uuml;berlassend, seine abgehetzten und fast
+aufgeriebenen Thiere nachzubringen, sprengten die Polizeidiener
+mit der Leiche in die Stadt zur&uuml;ck.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Sechs Monate waren seit jenem Tag verflossen&nbsp;&mdash;&nbsp;es
+war Fr&uuml;hling in Valparaiso.&nbsp;&mdash;&nbsp;Die Pfirsichen bl&uuml;hten
+und der Feigenbaum scho&szlig; seine saftigen Bl&auml;tter; die Natur,
+durch eine lange Regenzeit wieder frisch gekr&auml;ftigt,
+trieb und keimte in lustigen Knospen und Blumen, und
+die V&ouml;gel bauten ihre Nester der herrlichen Jahreszeit zu
+Ehren, und das gro&szlig;e Fest einer neuen Auferstehung mit
+zu feiern in Liedern und Liebe. Warm und sonnig lag
+der junge Morgen auf der thaubedeckten Flur, und ein
+frischer Nachtregen hatte den Staub fortgewaschen von den
+Gr&auml;sern, die jetzt blitzten und funkelten in dem goldenen
+Licht.</p>
+
+<p>In der von Schiffen &uuml;berstreuten Bai regte es sich
+ebenfalls von gar gesch&auml;ftigem Leben.&nbsp;&mdash;&nbsp;Boote und kleine
+Fahrzeuge schossen her&uuml;ber und hin&uuml;ber und besonders um
+ein m&auml;chtiges Schiff dr&auml;ngte die kleine Flotte bunt bemalter
+Nachen, Fr&uuml;chte und Provisionen an Bord zu schaffen
+f&uuml;r eine lange Reise.</p>
+
+<p>Von der Gaffel des nach London bestimmten Fahrzeugs
+flatterte lustig die englische Flagge; das Vormarssegel
+war schon gel&ouml;st, der zweite Anker schon driftig geworden
+und die Raaen flogen herum, die Schoth&ouml;rner der
+gel&ouml;sten Segel wurden ausgezogen unter dem fr&ouml;hlichen, jubelnden
+Singen der Matrosen, die ja <span class="wide">heimw&auml;rts</span> gingen.</p>
+
+<p>Auf dem Quarterdeck des Packetschiffs standen alte,
+liebe Bekannte von uns, aber der Tod hatte eine tiefe
+Wunde in die Familienbande der armen Leute gerissen,
+und sie zogen heim, um zu versuchen ob vaterl&auml;ndische
+Luft den Schlag vernarben k&ouml;nne, der hier wieder und
+immer wieder aufbrach in bitterem Weh.</p>
+
+<p>Es waren Newlands, und vor zwei Monaten hatten
+sie ihr T&ouml;chterlein hinaufgetragen auf den stillen Gottesacker,
+zwischen die hohen beengenden Mauern, die den
+Schlummer der Todten bewachten.</p>
+
+<p>Bills Vater war wieder in See gegangen und sie
+nahmen den Kleinen mit nach England, ihn dort zu einem
+braven und wackeren Mann heranzuziehen&nbsp;&mdash;&nbsp;bis sie selber
+der Todesengel abrufen w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Heute Morgen noch hatten sie von dem blumengeschm&uuml;ckten
+Grab ihrer Jenny Abschied genommen und jetzt
+dr&uuml;ckten sie dem letzten Freund die Hand, der in den letzten
+schweren Monaten nicht von ihrer Seite gewichen und
+Schmerz und Leid redlich mit ihnen, und oft, ach fast noch
+schwerer als sie selbst getragen hatte.&nbsp;&mdash;&nbsp;Es war Stierna,
+der junge Schwede. Bill wollte den jungen Mann gar
+nicht von sich lassen, und die alte Dame hatte seine Hand
+gefa&szlig;t und fl&uuml;sterte leise.</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="wide">ihr</span> Grab?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich kann ihm nicht den heimathlichen Boden geben,&laquo;
+sagte der junge Arzt mit halb abgewandtem Antlitz&nbsp;&mdash;&nbsp;er
+wollte das Herz der alten Frau nicht noch schwerer machen
+als es war&nbsp;&mdash;&nbsp;&raquo;aber ich will ihr hier eine Heimath von
+Blumen bauen, in der fremden Erde&nbsp;&mdash;&nbsp;im <span class="wide">Tode</span> wenigstens
+&mdash; da es die <span class="wide">Lebende</span> dem Freund verweigerte.&laquo;</p>
+
+<p>Der alte Mr. Newland dr&uuml;ckte dem jungen Mann
+schweigend und tief ergriffen die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Se&ntilde;or, es ist Zeit,&laquo; sagte da der Bootsmann, den
+Stierna mit herausgenommen hatte in den Hafen, ihn
+zur&uuml;ckzubringen ans Land, wenn das Schiff unterwegs sein
+sollte&nbsp;&mdash;&nbsp;die Segel waren gebl&auml;ht und mit einer leichten,
+aber g&uuml;nstigen Brise stand das wackere Fahrzeug dem schmalen
+Eingang der Bai entgegen, den es in wenigen Minuten
+erreichen mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Stierna griff noch einmal den Knaben auf und k&uuml;&szlig;te
+seine Stirn, seine kleinen, schwellenden Lippen, und das
+Herz wollte ihm fast brechen, wenn er in <span class="wide">die</span> Augen
+schaute&nbsp;&mdash;&nbsp;noch einmal dr&uuml;ckte er die H&auml;nde derer, die ihm
+Vater und Mutter geworden waren in der fremden Welt,
+und wenige Minuten sp&auml;ter scho&szlig; der stolze Bau, von den
+schwellenden Segeln gef&uuml;hrt, hinaus in die freie, wogende,
+offene See&nbsp;&mdash;&nbsp;im Heck des kleinen Bootes aber, die
+Augen in den fest dagegen gepre&szlig;ten H&auml;nden bergend,
+sa&szlig; der junge Arzt und weinte wie ein Kind.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h5><span class="wide">Altenburg,</span> Druck der Hofbuchdruckerei.</h5>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>FUSSNOTEN</h3>
+
+<p class="revind"><a name="fn1" id="fn1">&nbsp;1</a>: Gaucho's, die Bewohner der weiten Steppen oder Pampas
+des inneren Landes, aber nicht die Indianer.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn2" id="fn2">&nbsp;2</a>: Die Henkersknechte des Diktators Rosas.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn3" id="fn3">&nbsp;3</a>: &raquo;Es lebe die Conf&ouml;deration.&laquo;</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn4" id="fn4">&nbsp;4</a>: &raquo;Es sterben die wilden Unitarier.&laquo; Beides das Motto der
+Argentinischen Republik unter Rosas.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn5" id="fn5">&nbsp;5</a>: &raquo;Hai-oh!&laquo;</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn6" id="fn6">&nbsp;6</a>: Besahnwanten, das stehende Tauwerk des hinteren Mastes,
+das diesen h&auml;lt und zugleich zur Strickleiter dient.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn7" id="fn7">&nbsp;7</a>: <i>Correo</i>, der Postcourier.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn8" id="fn8">&nbsp;8</a>: <i>Almendral</i>, ein bedeutender Stadttheil Valparaisos.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn9" id="fn9">&nbsp;9</a>: Vorsehen.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn10" id="fn10">10</a>: Um Gottes Willen.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn11" id="fn11">11</a>: Die niedere Klasse der Chilenischen B&uuml;rger, die Arbeiter
+und Diener.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn12" id="fn12">12</a> Schenkwirthschaft.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn13" id="fn13">13</a> Ein kleiner Flu&szlig;, der in den La Plata dicht unter Buenos-Ayres
+m&uuml;ndet.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn14" id="fn14">14</a>: Will verdammt sein, wenn ich's gethan habe.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn15" id="fn15">15</a>: Die kleinen Steinh&uuml;tten in den Cordilleren, zum Schutz der
+Reisenden errichtet.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn16" id="fn16">16</a>: Getrocknetes Fleisch, ziemlich der einzige leicht tragbare
+Proviant unterwegs.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn17" id="fn17">17</a>: Schneesturm.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn18" id="fn18">18</a>: Die Nachtw&auml;chter Valparaisos geben einen gellenden Pfiff,
+wenn Nachts irgend ein Mann an ihnen vor&uuml;bergeht; dadurch wird
+der n&auml;chste Nachtw&auml;chter darauf aufmerksam gemacht, da&szlig; noch Jemand
+auf ist, der eigentlich ins Bett geh&ouml;rte, erwartet den Wandernden
+und giebt dasselbe Zeichen, wenn er an ihm vor&uuml;ber gegangen ist.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn19" id="fn19">19</a>: Der Mat&eacute; oder Mateh ist ein vegetabilischer Stoff, von der
+Rinde und den Zweigen gewisser B&auml;ume in Brasilien und Paraguay
+gewonnen, der von den S&uuml;damerikanern, besonders von denen an
+der &ouml;stlichen Seite der Cordilleren, aus einem kleinen Flaschenk&uuml;rbis
+oder <i>gourd</i>, mit einer d&uuml;nnen silbernen oder blechernen R&ouml;hre getrunken,
+das hei&szlig;t ausgeschl&uuml;rft wird, wobei sich der nicht Eingeweihte
+rettungslos zuerst die Finger, und dann, genau so wie bei
+uns bei hei&szlig;er Bouillon, die Lippen verbrennt.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn20" id="fn20">20</a>: Wohlan, so komm, Kamerad.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn21" id="fn21">21</a>: Papiercigarren.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn22" id="fn22">22</a>: Schlachtb&auml;nke.</p>
+
+<p class="revind"><a name="fn23" id="fn23">23</a>: Es ist in Valparaiso nur der Polizei und den &Auml;rzten erlaubt,
+in der Stadt zu galoppiren.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="minimal" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<table class="sm" border="0" style="background-color: #E6F6FA; margin: 0 auto" cellspacing="2" cellpadding="4" summary="NOTES">
+<tr>
+<td colspan="2">
+ <div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE</div>
+
+<p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA">
+The table of contents has been moved to the beginning. The spelling
+of names has been regularised and missing punctuation added. Obvious
+misspellings have been corrected. A few words appear in two different
+spellings; these have been retained. Some words now used with the
+accusative case were combined with the dative case in Gerstäcker's time;
+period usage has been retained where contemporary reference books show
+this to have been the case.</p>
+<p class="noindent">The following additional changes were made and can be identified
+in the body of the text by a grey dotted underline.<br />
+<br />
+</p>
+</td>
+</tr>
+<tr>
+<td colspan="2">
+ <div class="center">ANMERKUNGEN</div>
+
+<p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA">
+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang gesetzt. Namen wurden
+vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung erg&auml;nzt. Offenkundige
+orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Manche W&ouml;rter
+treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. In einigen
+F&auml;llen treten W&ouml;rter heute mit dem Akkusativ auf, wurden zu Gerst&auml;ckers
+Zeiten aber mit dem Dativ verbunden. Wo sich das nachweisen lie&szlig;, wurde
+der damalige Usus beibehalten.</p>
+<p class="noindent">Folgende zus&auml;tzliche &Auml;nderungen wurden vorgenommen und sind im
+Text grau unterstrichelt:<br />
+<br />
+</p>
+</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">breitschl&uuml;chtiges</td>
+<td align="left" valign="top"><i>breitschl&auml;chtiges</i></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">die schon lange durgefeilten Eisenst&auml;be</td>
+ <td align="left" valign="top">die schon lange <i>durchgefeilten</i> Eisenst&auml;be</td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">diesem selbst in seinen Pl&auml;nen entgegenwirkt</td>
+<td align="left" valign="top">diesem selbst in seinen Pl&auml;nen <i>entgegengewirkt</i></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">gegen die Gewalt, die gegen ihm geschehen</td>
+<td align="left" valign="top">gegen die Gewalt, die <i>ihm</i> geschehen</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">Zwei Lootenfische</td>
+<td align="left" valign="top">Zwei <i>Lootsenfische</i></td>
+</tr>
+
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">tiefer und tiefer senkte er sich in seinen Ringen </td>
+ <td align="left" valign="top">tiefer und tiefer senkte er sich in <i>seinem</i> Ringen</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">Sr. Excellenz f&uuml;hrt den trostlosen Krieg</td>
+<td align="left" valign="top"><i>Se.</i> Excellenz f&uuml;hrt den trostlosen Krieg</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">auf der ein schwarzes Wachtelh&uuml;ndchen (&hellip;) hinunterklaffte</td>
+ <td align="left" valign="top"> auf der ein schwarzes Wachtelh&uuml;ndchen (&hellip;) <i>hinunterkl&auml;ffte</i></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">das monotone Picken der gro&szlig;en Wanduhr</td>
+<td align="left" valign="top">das monotone <i>Ticken</i> der gro&szlig;en Wanduhr</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">Ill' be damned if I did</td>
+<td align="left" valign="top"><i>I'll</i> be damned if I did</td>
+</tr>
+<tr>
+<td class="w50" align="left" valign="top">auf ihn auszu&uuml;ber</td>
+<td align="left" valign="top">auf ihn <i>auszu&uuml;ben</i></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">Sr. Excellenz, der Gouverneur</td>
+ <td align="left" valign="top"><i>Se</i>. Excellenz, der Gouverneur</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">das Erz&auml;hlte mit Akkorden (&hellip;) seine Geige zu begleiten</td>
+<td align="left" valign="top">das Erz&auml;hlte mit Akkorden (&hellip;) <i>seiner</i> Geige zu begleiten</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">er h&auml;tte keins von alle diesem wissen m&ouml;gen</td>
+<td align="left" valign="top">er h&auml;tte keins von alle diesem <i>missen</i> m&ouml;gen</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schalten zu ihm nieder</td>
+<td align="left" valign="top">ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen <i>schallten</i> zu ihm nieder</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">ihrem ersten Aprall kr&auml;ftigen Widerstand leistete</td>
+<td align="left" valign="top">ihrem ersten <i>Anprall</i> kr&auml;ftigen Widerstand leistete</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">Morelos war aber nicht der Mann, einen (&hellip;) Vortheil (&hellip;) zu entsagen</td>
+<td align="left" valign="top">Morelos war aber nicht der Mann, <i>einem</i> (&hellip;) Vortheil (&hellip;) zu entsagen</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td class="w50" align="left" valign="top">und den Arm des also &Uuml;berraschten, der gar nicht wu&szlig;te (&hellip;)</td>
+<td align="left" valign="top">und den Arm des also &Uuml;berraschten <i>ergreifend</i>, der gar nicht wu&szlig;te (&hellip;)</td>
+</tr>
+</table>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE ***
+
+***** This file should be named 33003-h.htm or 33003-h.zip *****
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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