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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/33003-8.txt b/33003-8.txt new file mode 100644 index 0000000..c8e2d49 --- /dev/null +++ b/33003-8.txt @@ -0,0 +1,5465 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wahnsinnige + Eine Erzählung aus Südamerika + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Release Date: June 27, 2010 [EBook #33003] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + +Der Wahnsinnige. + +Eine Erzählung aus Südamerika + + +Friedrich Gerstäcker. + + +Wittenberg. +Verlag von Franz Mohr. +1856. + + +Inhaltsverzeichniß. + + Seite. + + 1) Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres 1 + 2) Die Flucht 20 + 3) Die Reise und ihre Abenteuer 34 + 4) Ankunft in Valparaiso. -- Hülfe in der Noth 47 + 5) Die englische Familie 59 + 6) Don Gaspar 69 + 7) Der Verdacht 89 + 8) Die Entdeckung 109 + 9) Entschlüsse und Pläne 120 + 10) Don Manuel 134 + 11) Der Spanier und das Mädchen 146 + 12) Der Ausbruch des Vulkans 159 + 13) Das Rendez-vous 165 + 14) Die Verfolgung -- Schluß 173 + + + + +1. + +Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres. + + +Ganz am äußersten Ende der Straße Santa Rosa in Buenos-Ayres stand +ein breitschlächtiges niederes Gebäude, aus rothdunklen verwitterten +Backsteinen errichtet; die schmalen und sparsam genug eingebrochenen +Fenster mit dicken eisernen Stäben verwahrt, die schwere eichene Thür, +oder das Hauptthor eigentlich, mit massiven Balken verschlossen und von +der Straße selber aus mit keinem sichtbaren Eingang weiter. Dazu war es +eine Strecke in den Platz hineingebaut, auf dem es stand, und das ganze +Grundstück, das zu ihm gehören mochte, mit einer verwilderten, aber +deshalb um so dichteren Hecke von in einandergedrängten stachlichen +Kackteen eingeschlossen, die nur nothdürftig um den schmalen Eingang in +dieß Gehöft, soweit gekappt waren, daß man bei vorsichtigem Betreten des +äußeren Raums nicht in den Dornen derselben hängen blieb. + +So belebt die Straße Santa Rosa nun auch nach dem innern Theil der Stadt +zu sein mochte, so still und öde war sie hier, und glich in der That +eher einer von traurigen Kacktushecken eingefaßten Landstraße. An den +Seiten waren Gräben angebracht, das Wasser abzuleiten; zu den Thüren +der einzelnen Hofräume führten schmale, darübergelegte, oft schlüpfrige +und wurmzerfressene Bretter und der Fahrweg bestand in der jetzigen +Regenzeit, dem südamerikanischen Winter, aus einer schwer flüssigen +Schlammmasse, durch die sich die unbehülflichen Karren der Pampas mit +ihren zwei Riesenrädern, von schläfrigen Stieren gezogen, langsam +hindurch wälzten, und selbst der flüchtige Gaucho[1], der noch weiter +draußen, die Straße verschmähend oder eine neue bahnend, über die +Fläche dahin geflogen, zügelte hier seinen wilden Galopp und ließ +sein ungeduldig schnaubendes, schäumendes Thier langsamer durch die +schwimmende Masse hindurchschreiten. + + 1: Gaucho's, die Bewohner der weiten Steppen oder Pampas des + inneren Landes, aber nicht die Indianer. + +Wenn es überhaupt Fußgänger in der Argentinischen Republik gäbe, wo +Alles zu Pferde sitzt, wäre ihr Schuhwerk und ihre Geduld hier erprobt +worden, dieser obere Theil der Straße wurde aber fast schon, wie es +schien, zum Lande gerechnet, und wer selbst von hier aus irgend etwas +aus einem der weiten, dem Mittelpunkt der Stadt zu gelegenen Läden zu +holen oder Geschäfte hatte, die ihn dort hin riefen, verschmähte es +wahrlich nicht, sein Pferd deshalb zu satteln. + +Aber die Straße selber kümmert uns wenig, wir haben es mit dem alten +Hause zu thun, und ich wollte die erstere nur etwas genauer beschreiben, +dem Leser mehr die traurige, trostlose Öde des ganzen Platzes zu +versinnlichen, die sogar noch einen unheimlichen Charakter annahm, +wenn man die Bestimmung des alten wettergeschlagenen Gebäudes kannte. + +Es war ein Irrenhaus -- von Privatleuten angelegt und später, als sich +diese nicht mehr im Stande fühlten, es fortzuführen, von der Regierung +übernommen, aber in der Aufregung der Zeit nur spärlich verwaltet. +Nichts desto weniger befanden sich gegenwärtig elf unglückliche Gäste +in den Kammern oder Zellen des Gebäudes -- einige in Ketten und Banden, +andere frei in ihrem Zimmer, nur wenigen aber verstattet, den inneren, +ebenfalls streng abgesperrten Hofraum zu betreten, dann und wann die +frische Gottesluft einzuathmen. + +Angestellt waren dabei ein Hauptarzt, ein Argentiner oder eigentlich ein +geborener Spanier, denn wenn sich die Republik auch von der Regierung +des Mutterlandes losgerissen, konnte sie doch noch nicht aus eigenen +Kräften die Wissenschaft ersetzen, die ihr von dort herüber gekommen +-- und zwei Unterärzte, der obere von diesen ein geborener Argentiner +aus Cordoba, der andere ein junger Schwede, der von Rio-Grande aus +Brasilien, mit vielen Landsleuten und Deutschen herübergekommen war, dem +aufblühenden Argentinischen Staat seine Kräfte zu weihen und sich hier +rascher und leichter eine Existenz zu gründen. Er hieß Stierna und war +der spanischen Sprache vollkommen mächtig. + +Diesem, als jüngsten Arzt war auch die Behandlung der leichtesten +Kranken anvertraut, die in der That hie und da nur verlangten, daß +man nach ihnen sah, damit nicht rauhes Betragen der rauhen Wärter +oder schlechtere Kost vielleicht sie unnöthiger Weise errege und +ihre gehoffte Heilung erschwere. + +Don Alvarado, der Oberarzt, kam selten, und bei sehr schlechtem Wetter +nie heraus; Don Pancho hatte indessen die Oberaufsicht, und einzelne der +Kranken waren es, die er ausschließlich behandelte, und zu denen er dem +jungen Schweden fast nie, selbst nur den Zutritt gestattete, und geschah +das wirklich, nur in seinem Beisein. + +Zu diesen wenigen, die Don Pancho, und wie er behauptete, ebenfalls +Don Alvarado für unheilbar erklärt hatte, gehörte auch ein Spanier, +von blassen, aber edlen Zügen, reinlich und geschmackvoll, ja elegant +gekleidet, und seine Toilette, auf die er mit größter Sorgfalt hielt, +selbst in diesem Aufenthalt des Jammers auch nicht eine Minute +vernachlässigend. Das schwarze glänzende Haar fiel ihm in reichen vollen +Locken über die Stirn, den linken Zeigefinger schmückte ein kostbarer +Diamant und seine Wäsche war vom feinsten Linnen und größter Sauberkeit. +Auch in seinem ganzen Betragen war er ernst und ruhig, ein vollkommener +Gentleman; und Stierna gab sich, während der zwei Male, die er den +Kranken in Don Panchos Gegenwart besuchen durfte, die größte Mühe, +irgend ein Symptom seines Leidens in einem äußern Zeichen zu entdecken +-- vergebens, der Kranke war artig, wenn auch einsilbig, äußerte nur ein +paar kleine Wünsche wegen eines Zeichnenapparates und mehrerer Bücher, +und der Schwede würde nach den zwei Besuchen nie einen Wahnsinnigen in +ihm vermuthet haben -- hätte er ihn eben an einem anderen Orte +getroffen. + +Die Anstalt selbst schien aber ebenfalls größere Rücksicht auf ihn zu +nehmen, wie auf einen der anderen Kranken; sein Zimmer war mit einem +Teppich belegt, der den kalten Backsteinboden vollständig bedeckte, +er konnte schreiben und zeichnen, eine kleine Bibliothek selbst +stand zu seiner Verfügung und er wurde in der That weit mehr wie ein +Staatsgefangener, als ein Geisteskranker behandelt, so daß Stierna +jedesmal nach einem solchen Besuch mehr und mehr den Gedanken in sich +aufsteigen fühlte, es müsse dem Schicksal dieses Unglücklichen irgend +ein tiefes und vielleicht gar düsteres Geheimniß zu Grunde liegen. Ein +paar Mal versuchte er auch von seinem Collegen Aufschluß über dieß +Verhältniß zu bekommen, aber umsonst; so gesprächig Don Pancho in jedem +andern Fall auch sein mochte, hierüber gab er dem Frager immer nur +kurze und stets ausweichende Antworten, bis diesem die ganze Sache zum +peinlichen Räthsel wurde, dem er nun, koste es was es wolle, auch zur +Wurzel nachspüren müsse. + +Der Zufall war ihm hierbei günstiger als er erwartet hatte; Don +Pancho nämlich wurde plötzlich so krank, daß er seinem Amte, von einem +bösartigen Schleimfieber an sein Lager gefesselt, längere Zeit nicht +mehr vorstehen konnte, und wenn sich auch Don Alvarado in den ersten +Tagen der Geschäfte außergewöhnlich lebhaft annahm und die Anstalt den +Tag über fast gar nicht mehr verließ, hielt dieser vortreffliche Eifer +doch keineswegs so lange aus, wie das Schleimfieber seines Untergebenen, +und schon nach drei Wochen ließ er Stierna zu sich rufen. Dort übertrug +er ihm die tägliche Aufsicht der übrigen Kranken, zu seiner Hülfe ihm +noch einen jungen englischen Arzt erlaubend, der an den Gouverneur Rosas +von London selber empfohlen und von diesem augenblicklich eine, wenn +auch für jetzt noch untergeordnete Stellung in dem Hospital erhalten +hatte, nur freilich während der Krankheit des einen Unterarztes, dem +aktiven Arzte mit beigegeben werden sollte. + +Nach einer kurzen und allgemeinen Übersicht über die Kranken, kam +übrigens Don Alvarado jetzt auch auf den wunderbaren Patienten, den +Spanier zu sprechen, und warnte Stierna besonders, sich nicht in zu +weitläufige Gespräche mit ihm einzulassen, da der Fall vorgekommen sei, +daß er, nach einer sehr lebhaft geführten Unterhaltung einen förmlichen +Anfall von Raserei bekommen haben sollte, während er sonst harmlos und +still blieb, und selten nur den Dämon verrieth, der in ihm schlummerte. + +»Ich glaube gerade nicht,« setzte der alte Herr hinzu, »daß Sie Don +Morelos, wie der spanische Cavallero heißt, denn sein Familienname thut +hier Nichts zur Sache, mit seinen Phantasieen behelligen wird, wenn +Sie sich nur im Mindesten, wie Ihnen aufgetragen worden, von ihm +zurückhalten; er ist gerade in letzter Zeit ganz besonders schweigsam +gewesen. Um Sie aber auch auf die _Möglichkeit_ eines solchen Falles +vorzubereiten, wäre es doch wohl gut, ja vielleicht nöthig, daß ich +Ihnen, wenn auch nur mit ganz kurzen Worten die Entstehung seiner +Krankheit mittheilte.« + +»Mit einem sehr bedeutenden Vermögen kam er nach Buenos-Ayres und seine +weitere Geschichte, sein Aufenthalt in dieser Stadt berührt uns nicht, +bis wir zu dem Moment kommen, daß er als der anerkannte Bräutigam +der Tochter eines unserer ersten Föderalisten eine Rolle in unserer +Gesellschaft zu spielen begann. Hier hatte er jedoch mit einem +Nebenbuhler zu thun und sein wunderliches abstoßendes Wesen bewirkte +nach und nach, daß er sich seiner Braut mehr und mehr entfremdete. Bei +dem hitzigen Charakter unserer Landeskinder konnte das nicht lange +ohne unruhige Folgen abgehn -- die beiden Nebenbuhler bekamen -- suchten +vielleicht Streit miteinander. Eine Ausforderung wurde angenommen, +Don Morelos aber, vielleicht schon damals in einem Anfall von Raserei, +erstach den Secundanten seines Gegners und verwundete diesen selber +ebenfalls so schwer, daß er für todt auf dem Platz blieb und erst nach +langwierigem Krankenlager wieder hergestellt werden konnte.« + +»Die Polizei war damals auf seinen Fersen, und man sagt, daß er der +Strafe nur durch die merkwürdige Ähnlichkeit eines anderen Mannes +entging, der an seiner Stelle von den Mashorqueros unseres glorreichen +Gouverneurs ermordet wurde. Als er nach langem Siechthum wieder erstand, +war er so verändert, daß man ihn kaum wieder erkannte; aber obgleich man +ihn ruhig eine Zeit lang in der Stadt gewähren ließ, hatte man doch noch +immer keine Ahnung davon, daß er irrsinnig geworden sein könne, bis er +das alte Verhältniß mit seiner früheren Braut, die jetzt aber schon +lange seinen früheren Nebenbuhler geheirathet, mit Gewalt fortsetzen +wollte und dabei erklärte und behauptete, Donna Constancia sei vor Gott +sein Weib, und ihr Gemahl, den er mit den entsetzlichsten Schimpfworten +belegte, habe sich heimlich und lügnerisch in ihre Gunst gestohlen. +Immer wildere Mährchen setzte er sich dabei zusammen, und damals kam +man zuerst auf die Vermuthung, daß er wahnsinnig geworden wäre.« + +»Eine genaue Beobachtung seines ganzen wunderlichen Lebens, denn er +hatte sich in einem kleinen ärmlichen Häuschen der Vorstadt eingemiethet, +setzte übrigens die Thatsache seines Wahnsinnes bald außer allen Zweifel +er stieß sogar in einem öffentlichen Kaffeehaus einst einen, ihm +wildfremden Menschen, mit dem er in ein immer hitziger werdendes +Gespräch gerieth, plötzlich nieder, weil er behauptete, jener habe vor +dreiundzwanzig Jahren seine Schwester ermordet -- und er selber kann +kaum siebenundzwanzig zählen. Dadurch schien aber damals die wirkliche +Tollheit bei ihm ausgebrochen zu sein -- mit dem noch blutigen Messer +stürmte er damals in das Haus der Donna Constancia, ihren Gatten, Don +Luis de Gomez, dem er die entsetzlichsten Dinge nachsagte -- ebenfalls +zu ermorden. Glücklicher Weise warf ihm die Polizei noch dicht vor +dessen Thür einen Lasso über, und brachte ihn hierher.« + +»Die ersten Wochen mußten wir ihn übrigens in einer der unteren festen +Zellen halten; er wüthete und raste und verlangte frei gelassen zu +werden; nach und nach legte sich das aber wieder, ja, er wurde so +vernünftig, daß man wirklich einmal den Versuch mit ihm machte, ihn +wieder, natürlich unter ihm unbewußter Aufsicht, aus der Anstalt zu +entlassen. Das wäre aber beinahe schlimm abgelaufen, denn sein erster +Gang war in das Haus des Don Luis, und ehe man es verhindern konnte, +überfiel er den Señor und würde ihn erwürgt haben, hätte die Polizei +nicht noch gerade zur rechten Zeit einspringen können. Er behauptet seit +der Zeit, jene Dame sei seine eigene Frau, er aber habe einen Fremden +bei ihr ertappt und ermordet, und sei deshalb für einen gewissen +Zeitraum von den Gerichten eingekerkert worden. Er beträgt sich nun +ruhig und ordentlich, und ich glaube, wir haben erst einen neuen +Ausbruch zu erwarten, wenn er seine Zeit für abgelaufen halten wird +-- und müssen abwarten, wann das geschieht.« + +»Sie wissen nun genug,« setzte der alte Herr hinzu, »Ihren Patienten zu +behandeln; wie gesagt, vermeiden Sie am Besten jede Unterhaltung mit +ihm. Sollte er aber doch, _wider_ Erwarten, gesprächig werden und neue +Thorheiten aushecken, so wünsche ich, daß ich augenblicklich davon +unterrichtet werde.« + +Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach der Straße Santa +Rosa zurück, die Zellen zu revidiren, und vor allen Dingen den jungen +Mann zu besuchen, für den er, besonders nach der eben gehörten Erzählung, +ein unbeschreibliches Interesse zu fühlen begann. + +Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt, Don Morelos begrüßte +allerdings seine »neue Bekanntschaft,« wie er ihn nannte, auf das +Artigste, schien aber nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung +aufgelegt, und drei Besuche vergingen, ohne daß der junge Arzt, der +vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren Kranken +entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht hätte, als die +gewöhnlichsten und alltäglichsten Begrüßungs- und Höflichkeitsphrasen. + +Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als früher -- er war erregt +und sein Puls zeigte sogar ein leichtes Fieber. -- Stierna erkundigte +sich theilnehmend nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier +jedoch nur als in einer unbedeutenden Erkältung entspringend, angab. +Dadurch hatte sich aber zwischen beiden Männern eine Art Annäherung +gebildet -- es war fast, als ob zwischen ihnen eine Schranke gefallen +sei, und der junge Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verließ, fast +heiter, scherzte und lachte, und erzählte Anekdoten aus seinem frühern +Leben -- ohne jedoch die unmittelbar vor seiner Einkerkerung liegende +Periode auch nur mit einer Sylbe zu erwähnen. + +Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle trat, war es fast, +als ob er einen alten Freund begrüßte, und doch hatte Don Morelos auch +im Anfang wieder etwas Zurückhaltendes -- es war, als ob ihm etwas auf +dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten wünsche, und doch den Muth +dazu nicht fassen könne. Stierna sah dies weniger, als daß er es fühlte, +und mit der Berechtigung des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen +geradezu in das Herz des Leidens, an die Wurzel des Übels zu gehen, nahm +er seine Hand, und bat ihn frei und offen, mit ihm wie mit einem Bruder +zu sprechen, wenn er irgend etwas für ihn thun, ihn in irgend etwas +erleichtern könne. + +Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle Minute, ernst und +schweigend an, dann aber schüttelte er leise und wehmüthig lächelnd mit +dem Kopf und sagte tief aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich +selber als zu dem Arzte redend: + +»Es ist Alles vergebens -- Sie würden mir doch nicht glauben, und -- ich +bin früher nach solchen Erklärungen nur härter behandelt worden -- Rosas +ist zu mächtig.« + +Stierna sah ihn erstaunt an -- diese Worte, ruhig und ohne die geringste +Leidenschaft gesprochen, klangen gar nicht wie aus dem Munde eines +Wahnsinnigen, und doch, auf eine unendlich verschiedene Weise äußert +sich dieß entsetzlichste der menschlichen Leiden -- der Irrsinn -- wenn +er das arme Hirn zerrüttet und den verstümmelten Geist nur noch im +Körper gelassen zu haben scheint, die willenlose Maschine in toller +ungeregelter Bahn vorwärts zu treiben -- was Wunder, daß sie manchmal +auf kurze Zeit der geraden ebenen Straße folgt, wer aber weiß, wenn und +wie schnell sie wieder rechts oder links abstürmt in das Leere. + +Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb schmerzlichen Blick +auf das Antlitz des jungen Arztes, und als ob er gelesen, was in dessen +Inneren vorgegangen, setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend +und kaum hörbar hinzu: + +»Auch _er_!« + +Stierna fühlte sich in einer peinlichen Situation; das Gespräch war +plötzlich viel zu ernst geworden, ihn die Gefahr nicht einsehn zu +lassen, wenn er darauf einging, und wie konnte er jetzt am besten +wieder zurück? -- Das Einfachste schien, irgend ein anderes Gespräch zu +beginnen, ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos plötzlich +auf, nickte finster lächelnd mit dem Kopf, und ein paar Mal im Zimmer +auf und ab gehend, sagte er endlich: + +»Ich sehe, Sie haben Ihnen schon dasselbe Mährchen von mir erzählt, wie +meinem früheren -- Wärter, ich bin Ihnen als ein Tollhäusler geschildert, +der anderer Leute Frauen für seine eigenen hält und die Männer deshalb +anfällt -- nicht wahr, ich habe recht?« + +Er blieb, während er diese Worte sprach, lächelnd und mit verschränkten +Armen vor Stierna stehen, und es lag etwas Triumphirendes in seinen +Mienen, denn die Überraschung des jungen Arztes war deutlich in dessen +Zügen ausgeprägt. + +»Und Sie _fühlen_, daß dies nur eine Phantasie ist?« frug der Schwede, +aber erst nach einer Pause, in der er wirklich seine Sinne diesem neuen +Eindruck sammeln mußte. -- »Sie sind überzeugt, daß diese Ideen nicht +wieder kehren werden?« + +»Lieber Freund,« sagte der Spanier ernst, »nur Gott kann hier für +uns einstehen für das was wir _werden_ sollen; nehmen Sie aber den +gesundesten Gaucho von der Straße herauf, sperren ihn in einen dieser +Räume -- schreien ihm in's Ohr, daß er sich in einem Irrenhause befände +und selber toll sei, und seine Sinneswerkzeuge müßten von Stahl und +Eisen sein, wenn er es nicht wirklich auch am Ende würde -- der Geist +hält es nicht aus, gegen eine solche furchtbare Idee immer und immer +wieder vergebens anzukämpfen.« + +»Aber wenn Sie _fühlen_, daß Sie jene Idee abgeschüttelt haben, so +werden sich diese Thore auch bald Ihnen öffnen -- ich will gleich heute +mit Don Alvarado --« + +»Um Gottes Willen nicht!« unterbrach ihn der Spanier rasch und +ängstlich, indem er seinen Arm ergriff; »das einzige Resultat davon +wäre, daß man Sie nicht wieder zu mir ließe, und ich -- _fürchte_ jetzt +fast, Sie wieder zu verlieren.« + +»Aber Sie glauben doch nicht, daß man Sie hier zurückhalten würde, wenn +nicht --« + +»Wie lange sind Sie in der Argentinischen Republik?« unterbrach ihn Don +Morelos finster. + +»Zehn Monate etwa,« lautete die Antwort. + +»Ich dachte es,« sagte der Spanier leise, »da stehen Ihnen denn freilich +noch traurige Erfahrungen bevor. So wissen Sie denn, daß ich ein Opfer +von Rosas furchtbarer, aber schlauer Politik geworden bin. Er hätte mich +mit leichter Mühe tödten können -- er hat das Blut Tausender vergossen, +und das meinige würde nicht viel schwerer auf seiner Seele gelastet +haben -- aber er braucht in späterer Zeit die _Beweise_ meines Lebens +-- es sind dies Familienverhältnisse, zu denen es Stunden bedürfen +würde, sie Ihnen auseinander zu setzen -- und während er keine passende +Entschuldigung finden konnte, mich in einen Kerker zu werfen, wurde die +Straße Santa Rosa ein vortreffliches Asyl für den armen _Geisteskranken_.« + +»Aber Don Alvarado --« + +»Darf nicht anders -- lieber Freund, wir hüten uns zu tanzen, wenn wir +auf der dünnen Kruste eines Vulkans stehen. Don Alvarado weiß recht gut, +daß er dem Willen des Diktators nicht entgegenhandeln _darf_, und +daß es selbst zu einem Verbrechen werden könnte, auch nur seinem +_Wunsche_ nicht zu begegnen; die Mashorqueros[2] sind vortreffliche +Überzeugungsgründe, und es erfordert starke Nerven, oder -- ein +schnelles Roß -- ihnen zu widerstreben.« + + 2: Die Henkersknechte des Diktators Rosas. + +»Aber jene Dame?« -- sagte Stierna, noch immer zögernd und halb +ungläubig, obgleich ihn das ruhige resignirte Benehmen des wahnsinnig +gesagten als fast zu starke Beweise für dessen Behauptungen erwuchsen. + +»Die Dame?« lächelte Don Morelos wehmüthig, und barg für wenige Sekunden +seine Augen in der deckenden Hand, dann sich aber emporrichtend sagte +er langsam und leise mit dem Kopf dazu nickend: -- + +»Sie verstehen es -- sie verstehen es, die Teufel, Einem das Herz in der +Brust zu wenden nach eigenem Gutdünken, und wenn es blutet, schreien +sie _Mord_! er ist der Thäter -- das ist Gottes Gericht. Nein, Señor,« +wandte er sich dann lebendiger an den jungen Mann, »lassen Sie nicht +auch das eigene Herz Zeuge gegen den Verstand eines Unglücklichen sein +-- behandeln Sie mich wenigstens nicht wie einen Tollen, und wenn Sie +mir auch nicht helfen können, lassen Sie mir wenigstens das Glück, _ein_ +Wesen in meiner Nähe zu wissen, das nicht, mit den Übrigen im Bund, mich +nur dahin zu treiben sucht, wofür diese mich ausgeben.« + +Stierna fühlte sich, als er den Unglücklichen an diesem Tage verließ, +wie im Traum, und die widersprechensten Gefühle kämpften in seinem +Innern. Verhielt sich die Sache wirklich so, als sie ihm Don Morelos +erzählt, und was auch seine Vernunft dazu sagen wollte, sein Herz +drängte ihn, es zu glauben -- so war er hier der Mitschuldige eines +furchtbaren Verbrechens, einer That, weit schlimmer als kaltblütiger +Mord, denn dieser tödtet nur den Leib, während jene darauf hin arbeitete, +die Seele eines Menschen langsam und teuflisch zu vernichten. + +Am nächsten Morgen suchte er Don Alvarado auf, aber dessen mißtrauischer +Blick nur, als er die erste, noch ganz gleichgültige Frage über diesen +Kranken that, warnte ihn, weiter zu gehen, wenn er nicht allerdings +befürchten wollte, von jeder Verbindung mit ihm abgeschnitten zu werden. +Ebenso vergebens waren seine Nachforschungen in der Stadt, etwas +Näheres von _Unbetheiligten_ über den Zustand des jungen Spaniers zu +hören. Man erinnerte sich allerdings noch eines ähnlichen Vorfalls; die +letzten Jahre hatten aber so viel des Neuen und Entsetzlichen gebracht, +daß einzelne Daten in dem allgemeinen Strom des Blutes, das durch die +Straßen der Stadt, oft aus den treuesten Herzen geflossen, untergingen +und verschwanden. Niemand dachte mehr, wie es schien, an diesen +besonderen Fall, und nur ein einziger alter Spanier, der Don Morelos +auch wohl früher persönlich gekannt, äußerte gegen den jungen Arzt, mehr +dabei als wohlmeinende Warnung, wie irgend eine Auskunft gebend -- »es +sei vollkommen hinreichend, von dem Diktator für wahnsinnig erkannt zu +sein -- um es wirklich zu werden.« + +Alles das diente nur dazu, dem exaltirten jungen Schweden mehr +und mehr die eigene Erklärung des angeblichen Kranken glaubhaft +erscheinen zu lassen, und so peinlich wurde ihm zuletzt das Gefühl, +der _Gefängnißwärter_ eines unschuldig Eingekerkerten sein zu müssen, +daß er Pläne auf Pläne entwarf, dem zu entgehen, oder ein Mittel +aufzufinden, dem Gefangenen zu helfen. + +Don Pancho hatte sich indessen von seiner Krankheit erholt, und war +wenigstens so weit hergestellt worden, theilweise seinen früheren +Dienst wieder zu versehen; Stierna mußte ihn allerdings noch sehr dabei +unterstützen, aber einige wenige Kranke, und unter diesen Don Morelos, +nahm er wieder unter seine eigene Aufsicht, und nur das schien der +Schwede durch die bisher ihm überlassene Behandlung gewonnen zu haben, +daß er nicht mehr so streng von diesem entfernt gehalten wurde, und +wenigstens dann und wann Zutritt hatte. + +Gerade dieser gewisse Zwang beförderte aber, ja beschleunigte, was +vielleicht monatelanges freies Aus- und Eingehen des jungen Arztes, +wenigstens nicht in _der_ Stärke bewirkt haben würde -- diese beiden +jungen Leute, der Arzt und sein »Kranker«, wurden innige Freunde, und +Stierna's einziges Streben war jetzt darauf gerichtet, ein Mittel +ausfindig zu machen, den Freund zu retten. Noch aber hatte er mit ihm +selber nicht ein Wort darüber gesprochen, denn wenn er auch mit Freuden +seine ganze Stellung, wie die Gewißheit, hier einst eine sichere +Existenz für sich zu gründen, von sich geworfen hätte, fehlte es ihm +doch an den nöthigen Mitteln, eine Flucht glücklich durchzuführen, die, +wenn vor der Zeit entdeckt, jedenfalls _sein_ Leben gekostet, und die +Lage des unglücklichen Gefangenen gewiß um vieles verschlimmert haben +würde. + +Augenscheinlich war dabei, daß der Gefangene selber zu viel Zartgefühl +besaß, diesen Punkt zu berühren -- er mußte ja recht gut wissen, was +davon für seinen jungen Freund abhing, und überdieß war eine Flucht aus +diesem Gebäude, das mit einer Masse müßiger Wächter versehen, unter der +besonderen Aufsicht des Gouverneurs stand, auch gar nicht so leicht, und +der schwächliche Spanier durfte sich dabei nicht einmal auf seine eigene +Energie und Ausdauer verlassen. Stierna wurde sein Zustand aber trotzdem +zuletzt so peinlich, daß er es nicht länger ertragen konnte, und unter +jeder Bedingung beschloß, Don Morelos wenigsten von seiner eigenen +Absicht in Kenntniß zu setzen, und ihm seine Hülfe anzubieten, wenn er +nur irgend einen haltbaren Plan wüßte, die Flucht nicht allein aus dem +Kerker, sondern auch auf Nachbargebiet nach Brasilien oder wenigstens +nach Monte-Video zu bewerkstelligen. + +Hierzu fand sich bald eine günstige Stunde; Don Pancho war eines +Nachmittags mit Don Alvarado zu dem Diktator selber geladen, vielleicht +einen Bericht über ihre Kranken abzulegen, und Stierna säumte diesmal +nicht, den, vielleicht nicht sobald wiederkehrenden Augenblick zu +benutzen. + +Merkwürdig und eigenthümlich war der Eindruck, den die Erklärung des +jungen Mannes auf den Gefangenen machte. -- Er wurde leichenblaß, sah +den Freund wohl eine halbe Minute starr und regungslos an, und barg +dann das Antlitz in den Händen, während sein Körper wie in furchtbarer +Aufregung arbeitete, und das Blut in den Adern seiner Schläfe aus der +bleichen Haut herauszuspritzen drohte. Auch erst nach langer Zeit gab +sich diese durch die plötzliche Freudenbotschaft vielleicht so gewaltsam +heraufbeschworene Leidenschaft, und als er die Hände endlich wieder von +seinen Zügen entfernte, hatten diese ihre volle Ruhe zurückgenommen; nur +die Augen leuchteten noch in einem wilden, fast unheimlichen Feuer. Er +lauschte auch jetzt den Plänen und Vorschlägen des jungen Schweden mit +lautloser Ruhe, ja eigene Ideen schienen sich bei ihm in derselben +Zeit zu bilden, und als ihn »Don Federigo« (wie der junge Arzt, nach +der Sitte der Südamerikaner die Leute mit ihren Vornamen zu belegen, +gewöhnlich hier genannt wurde), endlich um seine Meinung frug, gab er +eine ganz verkehrte Antwort. Erst als Stierna als Haupt-, ja als einzige +Schwierigkeit des ganzen Gelingens den Mangel an baarem Geld erwähnte, +ohne das es fast eine Unmöglichkeit sein würde, zu entkommen, ergriff +er des Doktors Hand und sagte rasch und fast fröhlich: + +»Wenn weiter keine Fessel meinen Fuß hier bindet, so ist die bald +gehoben -- kennen Sie die Straße Piedras? -- die dritte von hier, die +nächste gleich nach Chacabuco? dort an der Ecke vom Commercio steht ein +kleines niederes Backsteinhaus -- hier ist die Adresse des Mannes an +der Plaza, der es zu vermiethen hat -- steht es leer, miethen Sie es um +jeden Preis, hat es einen Miethsmann, so bieten Sie dem Eigenthümer das +Doppelte, Dreifache -- Hundertfache --« Er besann sich plötzlich und +hielt sich seine Schläfe -- er war in furchtbarer Aufregung, aber die +Wichtigkeit des Moments entschuldigte das auch vollkommen in Stierna's +Augen, und nun seine Hand fassend, bat er ihn sich zu mäßigen, daß man +ihn nicht in den nächsten Zimmern höre, und einer der Wächter vielleicht +herbeigerufen würde. + +Don Morelos, der bei der ersten Berührung förmlich zusammenzuckte, +erholte sich doch schnell wieder und einige Mal jetzt mit raschen +Schritten im Zimmer auf und ab gehend, schien er endlich in der +gewaltigen, freudigen Aufregung des Augenblicks seine Sinne soweit +gesammelt zu haben, die Gedanken auf den einen, für sie jetzt +wichtigsten Punkt zu bringen. Er theilte nun dem aufmerksam lauschenden +Freunde mit, daß er in dem Eckzimmer jenes kleinen Gebäudes, in welchem +er mehrere Monate seines ersten Aufenthalts in Buenos-Ayres gewohnt, +unter ein paar genau bezeichneten Steinen einen Beutel mit Unzen +verborgen habe, die für die nächste Zeit alle ihre Bedürfnisse reichlich +decken und ihre Passage nach irgend einem Theil der Welt bezahlt haben +würde. Gelang es ihnen, sich, und sei es auch nur auf einen einzigen +Tag, in ungestörten Besitz des Zimmers zu setzen, so hatten sie was +sie brauchten, alle ihre Pläne in Ausführung zu bringen, und Stierna +selbst, bis zu krankhafter Erregung getrieben, verließ den Spanier, +den erhaltenen Auftrag so rasch als möglich auszuführen. + +Vorerst suchte er das bezeichnete Haus in der Calle Piedras auf, und +fand es zu seiner Freude unbewohnt; der Wirth, zugleich Eigenthümer +einer Pulperia oder Schenkwirthschaft, machte erst Schwierigkeiten, da +er schon in nächster Woche dort oben gleichfalls ein Schenkhaus für +#agua ardiente# und #caña# anlegen wollte, als ihm aber Stierna selbst +für die eine Woche einen guten Miethzins bot, indem er vorgab, die +gegenüberliegenden Häuser im Auftrag ihres Eigenthümers abzeichnen zu +wollen, verstand er sich dazu, und der junge Doktor schaffte noch an +demselben Abend eine Staffelei mit dem nöthigen Zeichnen- und Malapparat +in die glücklich gewonnene Stube. + + + + +2. + +Die Flucht. + + +Zwei Tage später waren alle nöthigen Vorbereitungen getroffen; Stierna +hatte das Gold gefunden und glücklicher Weise lag gerade ein deutsches +Fahrzeug im Hafen, das am nächsten Morgen, mit Tagesanbruch segeln +wollte. Es war nach Valparaiso bestimmt, wollte aber erst noch einmal +Monte-Video anlaufen, um dort einige Passagiere an's Land zu setzen, und +da Rosas Gewalt nicht bis zu diesem Orte reichte, ein Flüchtling der +Argentinischen Republik jedoch mit offenen Armen dort empfangen wurde, +akkordirte er zwei Plätze nach dieser Stadt, und schaffte durch die +Gefälligkeit des Capitains unterstützt, der ihm die eigenen Leute dazu +borgte, mit einbrechender Dunkelheit was er hatte aus seiner Wohnung +an die Landung, wo es von dem Kapitain selber in Empfang genommen, +für seine eigenen Effekten ausgegeben, und an Bord gebracht wurde. Zu +gleicher Zeit hatte er sich eine kleine Strickleiter zu verschaffen +gewußt, die der junge Spanier unter seine Matratze verbergen mußte, die +Stäbe waren ebenfalls bald durchgefeilt, und es galt jetzt nur noch, +nach zehn Uhr, wenn die Revision vorbei war, die beiden Schildwachen +vorn am Hause auf kurze Zeit zu beschäftigen, wozu Stierna ebenfalls die +beste Gelegenheit hatte und benutzte. + +Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen, lag ein Rasender an +Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen Kräfte versagten, und +schwach und lenksam wie ein Kind für die kurze Zeit der Rast, bis die +erschöpften Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm gährende +Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand. Die Erinnerung an irgend +etwas Bestimmtes schien er verloren zu haben -- er ras'te eben blos, nur +_Rosas_ Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden, wenn man +nicht fürchten wollte, daß er selbst diese furchtbaren Banden zerriß, +die ihn fast zu Boden drückten. -- Seine Zähne knirschten dann über +einander, als ob sie zersplittern müßten, der weiße Schaum trat ihm auf +die Lippen, und die Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. Es ging +ein dumpfes Gerücht im Haus, daß dem Mann, durch die Mashorqueros des +Diktators vor seinen Augen und in wenigen Minuten fünf erwachsene Söhne +abgeschlachtet wären, aber man murmelte das mehr als einen Vorwurf für +den Alten, daß er solch alltäglichen Falles wegen den Verstand verloren, +da ihm Rosas noch dazu den Kopf dafür gelassen, -- gegen die That selber +wagte Niemand ein Wort zu äußern. + +Dieser Unglückliche hatte sich an dem einen Handgelenk wundgescheuert, +und Stierna, dem schon an diesem Morgen der Auftrag geworden, die Kette +abzunehmen und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem +Plan vollkommen günstige Gelegenheit bis zum Abend. Vor Dunkelwerden +mußte er das allerdings vornehmen lassen, fand aber noch eine Ausrede in +dem ihm gefährlich dünkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten, +das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und rief nun, als +er die Zeit für passend hielt und dem Freund das verabredete Zeichen +gegeben, die beiden Schildwachen nach vorn zum Haus, dort zur Hülfe +bereit zu sein, wenn der Unglückliche, mit dem sie es hier zu thun +hatten, vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanfälle bekommen sollte. +Sämmtliche Wärter der Anstalt interessirten sich ebenfalls für den +Alten, der im ganzen Haus nur den Namen #el bruto# führte, und wer +nicht um ihn wirklich beschäftigt war, drängte sich doch in den Gang, +zu sehen, wie sich »das Thier« benehmen würde. + +Don Morelos ließ indeß die Zeit nicht unbenutzt vorbeigehen -- rasch +waren die, schon lange durchgefeilten Eisenstäbe ausgebrochen, und +mit der Gewandtheit einer Katze glitt er an der schwanken Leiter +nieder, schlich zu dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem großen +Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft hatte, +die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten später in der Dunkelheit +verschwunden. + +Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm des Unglücklichen +nehmen lassen, und die Wunde am Knöchel verbunden, -- der Tolle saß auch +ruhig dabei, und ließ Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur +starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war fast, als ob er +in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens nach ähnlichen Zügen suche. +Zwei Männer hatten ihn, trotz dem Eisen an den Füßen, halten sollen, da +er sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, daß er kaum +im Stande war, aufrecht zu sitzen, ließen sie die umklammerten Arme los +und lehnten seinen Oberkörper an ihre Knie. + +Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber wieder frisch zu bluten +an, und Stierna wickelte das mit einer kühlenden Salbe bestrichene +Leinen darum, die Blutung zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende +todte Lächeln schwebte dabei um die Lippen des Unglücklichen und zuckte +in seinen Wimpern, -- der Schmerz des Verbindens machte ihn zuerst +aufmerksam auf seinen Arm, und in dem nämlichen Moment fast quoll das +Blut durch die Leinwand und färbte diese. + +Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm Stehenden nur so +weit die verlorene Besinnung wieder gewannen, zuzugreifen, hatte sich +der, noch vor wenigen Minuten fast hülflose Greis emporgeschnellt, und +mit dem tollen Aufschrei »Blut! -- Blut! -- Das war der erste!« -- warf +er sich auf einen der Wärter, der die Lampe hielt und schlug ihm, wie +ein wildes Thier im Ansprung, die Zähne in die Brust. + +»Hülfe!« schrie der Arme, ließ die Lampe fallen und stürzte rückwärts zu +Boden nieder -- »Hülfe! Erbarmen!« aber der Rasende hatte ihn zu fest +und sicher gepackt, und vergebens warfen sich die Wärter jetzt auf ihn, +ihn fortzureißen, vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede andere +angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen Kette auf die Stirn, +daß er betäubt zusammenbrach. Die Zähne ließen nicht los, bis sie das +Fleisch, das sie gefaßt, vom Körper trennten, und jetzt, an allen +Gliedern wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewußtlose, mit schnell +umgelegten Verbande, in seine Zelle zurückgeschleift. + +Stierna mußte jetzt erst noch den schwer verwundeten Wärter verbinden, +und dann dem finsteren Schreckenshaus, das noch in seiner letzten Scene +so furchtbare Erinnerung für ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus +innerster Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf sein +draußen angebunden stehendes Pferd, und trabte rasch die Straße hinab, +dem inneren Stadttheile zu, wo er seinen jungen Freund an einem, ihm +genau bezeichneten Ort schon zu finden hoffte. + + * * * * * + +Während die Wärter in dem Irrenhaus mit dem Tollen rangen, sprang die +Straße hinunter, den Schlamm nicht achtend, der um sie her spritzte, +eine dunkle Gestalt mit bleichen, fast geisterhaften Zügen; der Straße +Santa Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein, und +vollkommen mit der Lokalität des Platzes bekannt, wie es schien, mäßigte +sie erst ihren Schritt, als sie sich einem großen dunklen Gebäude +näherte, das die Ecke dieser und der Calle Lima bildeten. In den langen +Pancho gehüllt, drückte sie sich, diesem gegenüber, in den dunklen +Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vorübergehenden oft und +neugierig angestarrt, aber ohne ihrer zu achten, ja vielleicht ohne sie +zu bemerken, und blickte, das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche +versteckt, daß die glühenden Augen nur eben darüber sichtbar waren, +regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten +Fenster des unteren Stocks hinüber, aus dem ein schwacher Lichtstrahl +vordämmerte. Aber die Thür öffnete sich nicht -- Niemand verließ das +Gebäude, Niemand betrat es, und eben das einzelne Licht ausgenommen, +hätte man die ganze düstere Steinmasse für öde und unbewohnt halten +können. + +Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fußgänger, die hier in dem +belebtesten Theil der Stadt, in dem selbst Trottoirs hergerichtet waren, +ihren eigenen Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille Öde der +Straße, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer dort lehnenden +Gestalt aus, und beschrieben, selbst den Schlamm des Fahrwegs nicht +achtend, lieber einen Bogen um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite +hinüber. Alle Läden, alle Thüren waren geschlossen, die meisten Lichter +sogar schon verlöscht, nur das eine, in dem dunklen Haus warf noch +seinen matten Schein auf den Vorhang, der das Innere des Gemaches +vollständig den Augen der Vorübergehenden verbarg. + +Niemand war jetzt mehr auf der Straße zu hören, eine kleine Patrouille +Argentinischer Miliz bog um die nächste Ecke und marschirte, zur Ablösung +irgend eines Postens, die Straße hinab, dem Castell zu -- ihre Schritte +verhallten in der Ferne und deutlich tönte der scharfe eigenthümliche +Flügelschlag zahlreicher Züge von Wildenten, die von dem Strom nach den +zahlreichen Binnenwässern hinüber oder zurückstrichen, durch die Nacht, +und unterbrach die sonst todtenähnliche Stille. + +Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch quer über die Straße +hinüber, horchte einen Augenblick an der Thür und ließ dann zweimal +den Klopfer aufschlagen, daß es durch das ganze Gebäude hallte. Wenige +Sekunden später ging drinnen eine Thür, ein schwerer Schritt klappte +durch das Haus, und eine Stimme von innen heraus frug wer da sei. -- + +»#Viva la confederation!#[3]« sagte der nächtliche Klopfer mit lauter, +ruhiger Stimme. + + 3: »Es lebe die Conföderation.« + +»#Mueran los salvajes Unitarios,#[4]« antwortete der im Haus Befindliche, +und zwei zurückgeschobene Riegel kündeten gleich darauf, wie er das +Feldgeschrei seiner Parthei für eine hinlängliche Bürgschaft des guten +Charakters seines nächtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser +späten Stunde Einlaß zu gönnen. Gleich darauf wurde ein Schlüssel im +Schloß umgedreht und die Thür öffnete sich nach Innen, während das +Licht der Lampe, die der Aufschließende in der Hand hielt, voll auf +das Antlitz seines späten und ungekannten Besuchers fiel. + + 4: »Es sterben die wilden Unitarier.« Beides das Motto der + Argentinischen Republik unter Rosas. + +»#Ave Maria!#« sagte der Alte aber fast unwillkürlich, als er das +todtenbleiche Gesicht und die dunkelglühenden Augen gewahrte, die auf +ihn geheftet waren -- »was wünscht Ihr, Señor, zu so später Zeit?« + +Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte rabenschwarze Haar aus +der Stirn und sagte dann mit ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck +seiner Züge freilich Lügen strafte. + +»Ich muß um Entschuldigung bitten, Sie so spät zu stören, aber ein +wichtiger Auftrag zwang mich dazu -- ist Don Luis de Gomez noch zu +sprechen?« + +»Don Luis ist nicht zu Hause,« erwiderte der Alte, und musterte jetzt +zum ersten Mal, und wie es schien, etwas erstaunt den verstörten und +schlammbespritzten Anzug des Fremden, »Ihr kommt wohl aus dem Inneren, +Señor?« setzte er dann fragend hinzu. -- + +»Nicht zu Hause?« wiederholte aber der Fremde rasch und wie es schien +ungläubig -- »sagt ihm, guter Freund, daß ich ihm wichtige Depeschen +bringe, deren Verschieben Unheil über viele Menschen bringen könnte.« + +»Aber Don Luis hat Buenos-Ayres schon vor drei Monaten verlassen,« +bekräftigte der Alte seine frühere Aussage, »und ist nach Valparaiso im +Auftrag Sr. Excellenz des Gouverneurs gegangen -- den Gott beschützen +möge.« + +»Nicht in Buenos-Ayres?« rief der Fremde, erschreckt einen Schritt +zurücktretend -- »nach Chile? -- und Donna Constancia? --« + +Ehe der Alte diese zweite Frage noch beantworten konnte, öffnete sich +die Seitenthür, und eine alte Dame, den Kopf sorgfältig in ihre Mantille +eingeschlagen, die sie unter dem Kinn durchgezogen und über die linke +Schulter zurückgeworfen hatte, schaute heraus, hatte aber kaum das +bleiche Antlitz des Fremden erkannt, auf das in diesem Augenblick das +volle flackernde Licht der Lampe fiel und ihm einen noch viel wilderen +unheimlicheren Ausdruck gab, als sie einen gellenden Schreckens- und +Hülfeschrei ausstieß und die Thüre wieder ins Schloß werfend, vor der +sie ihren Gatten oder was er sonst sein mochte, total und unbekümmert +seinem Schicksal überließ, riß sie das Fenster ihrer Stube auf und rief +mit einer Stimme, die Todte hätte erwecken können »Hülfe« und »Mord« in +die stille Nacht hinaus. + +Der Alte erschrak natürlich nicht wenig über den unerwarteten, und für +jetzt allerdings noch total unbegründeten Nothschrei, riß aber doch das +Messer, das er wie jeder Argentiner bei sich trug, aus der Scheide, und +sah den bleichen Fremden verdutzt und unentschlossen an. Dieser war +bei dem ersten Schrei der Frau wild emporgezuckt, und auch seine Hand +griff wohl unwillkürlich nach der, unter dem Pancho verborgenen Waffe, +wie er aber das Hülfegeschrei der Frau nach der Straße zu hörte, stutzte +und horchte er erst einige Secunden und stieß dann plötzlich ein so +wildes fürchterliches Gelächter aus, daß der Alte entsetzt zurücktaumelte. +In dem nämlichen Augenblick war aber dieser wilde unheimliche Besuch +durch die noch offene Hausthür wieder hinaus auf die Straße geschlüpft, +und während der Alte mit vor förmlicher Todesfurcht zitternden Händen, +die Riegel wieder vorschob und seiner Frau, lange vergeblich durch die +verschlossene und von Innen förmlich verbarrikadirte Thür zurief, daß +jede Gefahr -- wenn überhaupt irgend eine vorhanden gewesen, vorüber +sei, floh Morelos mit lautem, schallendem Gelächter die menschenleere +Straße hinab und das Hülfegeschrei der alten Dame tönte gellend hinter +ihm drein. + +Keine Thür, kein Fenster öffnete sich dabei. -- Anfälle auf offener +Straße gehörten in gegenwärtiger Zeit, und unter Rosas strenger Polizei, +allerdings zu den Seltenheiten, fielen aber doch dann und wann vor, und +Privatleute hüteten sich wohl, sich in derlei Streitigkeiten zu mischen; +ja wer sich gerade zufällig in der Nähe auf der Straße fand, floh, so +rasch er konnte, solcher Nachbarschaft zu entgehen, die oft in ihren +Folgen selbst für die Zeugen lange Verhöre und selbst für Einkerkerungen +mit sich brachten -- hatte sich endlich die Polizei wirklich einmal in's +Mittel geschlagen. + +Als der Lärm verhallt war, marschirte auch heute eine kleine +Militärpatrouille von sechs Negersoldaten und einem Mulatten als +Unterofficier, langsam durch die Straße -- an den Ecken hielt sie still, +die Straße auf und ab zu horchen, ob sich noch etwas vernehmen lasse, +und schickte hie und da einen Mann nach rechts oder links ab, zu sehen, +ob der dunkle Gegenstand an der anderen Seite der Straße vielleicht +die Leiche irgend eines Ermordeten wäre, als sie aber nichts weiter +Verdächtiges fand, zog sie sich, sehr zufrieden mit dem Resultat, in +ihre Quartiere zurück. + + * * * * * + +Am Ufer des La Plata und überhalb der sogenannten Bootlandung läuft +eine einzelne Reihe von Ombubäumen hinauf, die dort enden, wo die Stadt +eigentlich, trotz dem ausgelegten Plan noch nicht begonnen hat, und eine +hohe Plankenwand weiter keinen Zweck zu haben scheint, als das Ufer +gegen das Anstürmen der Wellen zu schützen, die hier, bei einem tüchtigen +Südosten oft in rasender Gewalt gegen die Küste auftoben können, während +der fast seegleiche Strom mit jedem anderen Winde diese Bucht in +Spiegelglätte hält. + +Auf dem Platz lag Bauholz zerstreut umher, und unter dem letzten +Ombubaum, der mit seinen breiten, dichten Ästen seinen Stamm in völlige +Dunkelheit hüllte, stand Stierna in peinlicher Ungeduld und harrte +Stunde nach Stunde vergebens des Freundes. Was war aus ihm geworden, +konnte ihm ein Unglück zugestoßen -- konnte er erkannt und wieder +eingefangen sein? Das Herz schlug dem jungen Schweden in quälender +Angst um den Unglücklichen, denn nicht retten hätte er ihn dann wieder +können, und er selber durfte sich, war ihm sein Leben lieb, wahrlich +nicht wieder in der Stadt zeigen, wo er, ein öffentlich Angestellter des +mächtigen Gouverneurs, diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt. + +Schon hatte er eine Zeit lang von den Thürmen zehn Uhr schlagen hören, +als sich plötzlich Schritte nahten -- es war das regelmäßige Auftreten +einer Wache, die den breiten Fahrweg niederkam und auch dicht an dem +Baum, an dessen Stamm geschmiegt der Doktor stand, vorbeimarschirte. + +»Bei dem Wetter soll man nun recognosciren,« sagte der eine der +Soldaten, die sich höchst unbefangen mit einander unterhielten, zu dem +anderen -- »und man weiß gar nicht, wo der Lärm gewesen ist.« -- + +»Bei Don Gomez -- meint die eine Wache,« erwiederte ein anderer, »aber +noch ist nichts Bestimmtes bekannt -- wie wir vorbeimarschirten war ja +auch Alles still und ruhig dort.« -- + +Die Worte verklangen in der Ferne, und Stierna zerbrach sich eben +den Kopf, was man mit dieser Patrouille hier eigentlich zu so +außergewöhnlicher Zeit wollte, wenn nicht die Flucht des Gefangenen +schon bekannt geworden wäre, als ihn plötzlich ein leiser Pfiff, dicht +von den Häusern kommend, aufstörte, und freudig emporfahrend, erkannte +er eine dunkle Gestalt, die rasch über die Straße glitt und in seine +ausgebreiteten Arme sank. Es war Don Morelos. + +»Aber wo um Gottes Willen sind Sie so lange geblieben?« rief Stierna +ängstlich, seinen Arm ergreifend und haltend -- »ich fürchtete schon +--« + +»Pst -- wir müssen fort,« unterbrach ihn aber der junge Spanier -- »die +Patrouillen scheinen schon mehr zu wissen, als uns gut sein möchte. +-- Wie aber kommen wir an Bord?« -- + +»Ein Canoe liegt hier zwischen den Felsen, das uns --« + +»Gut, gut, fort nur, das Wetter ist herrlich -- hurrah, nach Chile, und +wie sie schauen werden, hahahahaha!« -- + +»Um Gottes Willen nicht so laut,« bat ihn ängstlich der Schwede, »die +Patrouille kann dort oben wahrscheinlich nicht hinaus, und muß hier bei +uns wieder vorbei -- wir dürfen uns deshalb auch nicht auf's Wasser +wagen, bis sie passirt ist.« + +Das scharfe Ohr des Spaniers hatte indessen schon wieder die +rückkehrenden Schritte der Soldaten vernommen, und sich dicht an den +Stamm des Baumes schmiegend, dessen ungleiche und hohe Wurzeln ihnen +ungemein günstig waren, drückten sie sich lautlos zwischen diese hinein, +bis die Gefahr vorüber war. Die Patrouille zog indessen mürrisch und +schweigend vorbei; es regnete jetzt, was vom Himmel herunter wollte, +und die armen Teufel von Soldaten dachten in ihren dünnen nassen Jacken +an den feuchten, kalten Raum, der sie erwartete, wenn sie nach ihrer +Hauptwache jetzt zurückkehrten. Wer konnte in solcher Nacht hoffen, +irgend Jemanden einzufangen, dem nicht selber daran lag, arretirt zu +werden. + +Eine Viertelstunde später glitt das kleine Canoe, von Stiernas Hand +gerudert, und die Fahrzeuge der Binnenrhede vermeidend, auf die +Außenrhede hinaus. Vom Bug des kleinen Schuners »Oporto« hing eine +Laterne, deren Licht durch die geschliffenen Scheiben wie ein Stern +durch die Nacht funkelte. Zu Starboard vom Bord hing die Fallreepstreppe +nieder, und das Canoe treiben lassend, um morgen irgendwo am Ufer des +La Plata von einem Fischer aufgefangen zu werden, betraten sie das +Fahrzeug, das sie mit Tagesanbruch der gefährlichen Nähe des Diktators +und seiner Häscher entführen sollte. + +Der Capitain selber hatte nicht die mindeste Lust in irgend eine +Schwierigkeit mit dem Gesetz zu gerathen, und mit einer ziemlich +günstigen Brise lichtete er noch vor Tagesanbruch den Anker und ging +stromab. Selbst der Lootse erfuhr Nichts von der Anwesenheit der +beiden Passagiere, die bis Monte-Video im »Logis« vorn -- wie der +Aufenthaltsort der Matrosen an Bord eines Schiffes genannt wird +-- untergebracht wurden. + +Schon am nächsten Morgen erreichten sie Monte-Video. Stierna erstaunte +aber hier nicht wenig, als Don Morelos ihm plötzlich erklärte, er wolle +mit dem Schiff nach Valparaiso gehn. Monte-Video sei allerdings sicher +genug für ihn, aber das wenige Geld, was er jetzt noch sein eigen +nannte, konnte nicht ewig ausreichen, während er in Valparaiso, weit +eher Gelegenheit fand, auf seine Familie in Spanien zu ziehen. Stierna +konnte dagegen nicht gut etwas einwenden, auch er hatte in dem, überall +vom Feind bedrängten Monte-Video wenig Aussichten, sein Fortkommen +leicht zu gründen, während Valparaiso ihm einen weit freieren Spielraum +für seine Thätigkeit bot, und ihn freute deshalb eher der Entschluß des +Geretteten. + +Auffallend war ihm aber dennoch die schnelle Sinnesänderung Don Morelos, +der früher auch nicht eine Sylbe von Chile erwähnt hatte, ja in der That +ganz gleichgültig schien, wohin sie sich wenden würden, nach Osten oder +Westen, nach Norden oder Süden, wenn er nur den »Schauplatz seiner +Qualen« fliehen konnte. Nichts destoweniger sprach er augenblicklich mit +dem Capitain, der sich auch gern bereit zeigte, sie mitzunehmen; über +das Passagiergeld wurden sie bald einig, und da der Capitain selber die +noch immer günstige Brise nicht versäumen wollte, diesem, besonders in +Winterszeit gefährlichen Wasser zu entgehen, wo die tückischen Stürme +dieser Breite, die sogenannten Pamperos fast mit jedem Mondwechsel +mehr oder weniger stark einsetzen, beeilte er seine Geschäfte in der +Hauptstadt der »Unitarier« so rasch ihm das irgend möglich war, und als +der nächste Pampero, einige Tage später wirklich über die weiten Steppen +des Binnenlandes daherwehte, schwammen sie schon draußen im freien Wasser +und hatten Seeraum genug und nicht mehr die niederen gefährlichen Ufer +und Sandbänke des La Platastromes um sich her. + +Jeder weiteren Gefahr entdeckt zu werden übrigens auszuweichen, hatten +die beiden Freunde schon mit dem Betreten des Fahrzeugs und den +Seeleuten gegenüber andere Namen angenommen, und Stierna nannte sich +_Leifeldt_ und gab sich für einen _deutschen_ Arzt aus, da er diese +Sprache flüssig redete, während Don Morelos den Namen Don Gaspar de +Monte Silva, einer Familie, mit der er nahe verwandt sein wollte, +angenommen hatte. Auf dem Schiff schon kannte man sie unter keiner +anderen Benennung. + + + + +3. + +Die Reise und ihre Abenteuer. + + +Die Reise selber ging rasch und glücklich genug vorüber, Cap Horn +doublirten sie, von einer herrlichen Brise begünstigt, mit Leichtigkeit, +und flogen mit schwellenden Segeln wieder einem milderen, freundlicheren +Klima entgegen. + +Don Morelos war den ersten Theil der Reise sehr leidend; kaum aus der +Mündung des La Plata heraus und in offener See, bekamen sie einen +tüchtigen Pampero, der ihn todtseekrank in seine Coje bannte, und +die am Cap Horn fast stets ziemlich hoch gehende See mit der kalten +unfreundlichen Witterung konnte nicht dazu dienen, ihn rasch wieder +herzustellen. Zu diesem Zustand gesellte sich noch ein ziemlich +bösartiges Fieber, das mehrere Tage lang sogar sein Leben bedrohte, +und Stierna wich in dieser Zeit nicht von seinem Lager. + +Der Kranke lag indessen in den wildesten Phantasien, in denen die Namen +Constancia und Gomez einem festen Ideengang anzugehören schienen, +während sein oft dazwischen tönendes Lachen förmlich unheimlich klang. +Der Freund allein durfte in dieser Zeit an seiner Seite sein, und er +rief die Anderen, wenn sich Capitain oder Steuermann einmal nach ihm +erkundigen wollten, mit dem Namen seiner früheren Wärter oder Schließer, +und drohte gegen sie anzuspringen. + +Seine kräftige Natur überwand aber auch diese Krisis -- wenn auch +langsam, erholte er sich doch allmählig und noch ehe sie die warmen +Breiten der südlichen Zone wieder erreichten, war er vollkommen +hergestellt, wieder im Stande an Deck zu sein und seinen Körper durch +die frische, balsamische Seeluft zu kräftigen. Eigenthümlicher Weise +wußte er dabei Alles, was während seiner Krankheit vorgefallen, was er +phantasirt und wie er sich betragen, entschuldigte sich auch gegen die +Seeleute auf das herzlichste, daß er solch tolles ungereimtes Zeug gegen +sie ausgestoßen und versicherte sie, er habe in demselben Augenblick +gefühlt, was er thue, und sei doch nicht im Stande gewesen, seine Zunge +zurückzuhalten. Viel wurde dabei über die verschiedenen Namen gelacht, +die besonders der Steuermann abwechselnd erhalten hatte, und die kleine +Gesellschaft in der Cajüte des »Oporto« amüsirte sich vortrefflich. + +In der Höhe von Chiloe bekamen sie plötzlich eine längere Windstille, +die See lag still und regungslos, nur in ihren ewigen, nie unterbrochenen +Schwellungen, und die Segel flaggten schwerfällig gegen den Mast und das +stehende Takelwerk des Schiffes an. Die Seeleute sagen in solchem Fall +»Reepschläger und Segelmacher (Reepschläger: der Seiler oder Taumacher) +prügeln sich« und sind schrecklicher Laune, und so große Erholung ein +solcher Zustand gewöhnlich den früher von der Seekrankheit schwer +Heimgesuchten gewähren mag, so entsetzlich wird er auf die Länge der +Zeit für den Gesunden, der mit einer förmlich verzweifelten Sehnsucht +nach Ost und West, nach Nord und Süd ausschaut, nur von irgend einer +Seite her, gleichviel von welcher, das Wasser dunklen und die Brise +ankommen zu sehen. Selbst der schlechteste Wind wird in einer solchen +Zeit einer totalen Stille vorgezogen; man will nur _Bewegung_ im Wasser, +nur _Leben_ und gerade das Gefühl vielleicht, so ganz machtlos dem +schläfrigen Element zum Spiel zu dienen, sogar Nichts thun zu können, +einem derartigen Zustand zu entgehen, ist es, das den Körper zuletzt +förmlich aufreibt. + +Es läßt sich denken, daß in einem solchen Fall auch das geringste +Außergewöhnliche, was die traurige Monotonie der See unterbricht, +freudig bewillkommt wird -- der ferne Strahl eines Wallfisches wird ein +Moment, eine andere Art von Möve, Albatroß oder Schwalbe sind froh +begrüßte Gäste. -- Springer, jene große Art von Fischen, die der +deutsche Matrose etwas prosaisch nach dem Schweine nennt, weil sie +einen ähnlichen scharfen Rüssel haben -- zeigen sich in weiter Ferne, +und selbst der Streifen wird betrachtet, den sie im Wasser ziehen +-- kräuseln sie doch die Oberfläche des Meeres und das Auge täuschte +sich sogern mit einer kommenden Brise. + +Das wichtigste Ereigniß in einer solchen Zeit ist aber das Erscheinen +eines Haifisches, dieses gefräßigen Piraten der Tiefe, und der Mann am +Steuer, der schläfrig am Rade lehnt und das Ruder bald auf diese bald +auf jene Seite legt, das Schiff demselben gehorchen zu lassen und sich +dann zu ärgern, wenn es sich nur faul und langsam eben um den ganzen +Kompaß herum treibt, dreht fortwährend den Kopf nach allen Richtungen +hin, und beobachtet die blanke Spiegelfläche des Wassers, irgend einen +dunklen Punkt zu erkennen, der der Flosse eines anschwimmenden Haies +gleiche. Der Schatten irgend einer sich etwas höher hebenden Schwellung, +das Aufschlagen eines kleinen Fisches, ein müder Wasservogel, der seine +Schwingen auf der glatten Fläche gefaltet hat, und mit dieser steigt und +sinkt, faßt und hält dabei der rasche Blick -- höher richtet er sich +auf, und die Augen mit dem ausgestreckten Arm gegen das blendende Licht +des blitzenden Strahles schützend, den die Sonne auf die Silberhaut des +Meeres wirft, schaut er lange und forschend nach dem verdächtigen Punkt +hinüber. Wieder und wieder getäuscht, läßt er endlich sogar sein Ruder +eine Weile im Stich -- bei Windstille kommt's nicht so genau darauf +an, und der Mann steht wirklich manchmal Tage lang nur zum Staat dabei +-- geht an den Heck und schaut, soweit er möglicher Weise sich kann +hinüberbiegen, nach dem von crystallreinem Wasser umspielten Ruder, das +sich nach unten zum schönsten herrlichsten Dunkelblau schattirt, und +beobachtet kurze Zeit den deutlich sichtbaren Kiel des Schiffes, denn +der Hai treibt sich oft tief unter dem Schiff herum, auf Beute lauernd, +die vom Bord zu ihm herausfallen möchte. Das schwarzlackirte, von der +Sonne gedörrte Holz der Schanzkleidung, auf die er sich gelehnt, brennt +aber zu sehr -- er hält es nicht lange aus und tritt wieder an sein +Ruder zurück -- ein frisches Priemchen seine einzige Erholung. + +»#Shark-oh#!«[5] ruft da eine Stimme von der Bramraae herunter; Einer +der Leute hatte etwas an dem oberen Tauwerk auszubessern gehabt und +sein Arm deutet, während er spricht, den zu ihm rasch Aufschauenden die +Richtung an, in der sich das Unthier faul und wohlgefällig in der warmen +Fluth wälzt und schaukelt. + + 5: »Hai-oh!« + +Im Nu ist die Lethargie der ganzen Mannschaft abgeschüttelt, der Koch +bringt ein Stück gesalzenen Speck als Lockspeise für den Raubfisch, der +Steuermann kommt mit dem wohleingeölten und blankgehaltenen Haken, an +das der Erstere rasch den Speck befestigt -- der Wirbel am Haken muß +sich wohl drehen, denn wie ein Quirl schleudert sich das Unthier herum, +wenn es sich gefangen fühlt -- und das Eisen über Bord geworfen, drängt +Alles nach hinten, die Bewegungen des Fisches, wie er sich nähert oder +theilnahmlos an dem für ihn ausgehangenen Gericht vorbeitreibt, zu +beobachten. + +Der Matrose haßt nun überhaupt einen Hai; es ist dieß sein angeborener +erbarmungsloser Feind, der mit den kaltblitzenden grünen Katzenaugen +fortwährend nach Beute ausschauend, faßt, was er eben erreichen kann, +und mit dieser ewigen Raubgier Schnelle und furchtbare Stärke verbindet. +Er beißt auch weniger, als daß er das mit den Zähnen erfaßte förmlich +_ausdreht_, wenn der Gegenstand zu groß ist, ihn gleich ganz zu +verschlingen, und wenn selbst nicht gleich getödtet, ist der unglückliche +Seemann, dem der Hai erst einmal Arm oder Bein gefaßt hat, auch meist +rettungslos verloren. Was Wunder also, daß der Fang eines solchen +Ungethüms stets mit Jubel, begrüßt wird, und selbst sonst ganz gutmüthige +Seeleute die sich wenigstens nie dazu verstehn würden, einen Hund oder +ein anderes Thier muthwillig zu quälen, mißhandeln mit wahrer Wonne +einen gefangenen Hai oder schneiden ihm wohl auch gar den Schwanz ab, +und werfen ihn wieder über Bord, wo er dann bald im Wasser elend +umkommen muß. + +Die Seeleute haben Grund ihn zu hassen und thun es von ganzer Seele; +wunderbar aber war die Wuth, die der junge Spanier auf diese Fische +hatte; halbe Tage lang saß er im Mast, nach ihnen auszuspähen, und +war der Fang endlich geglückt, die das Deck peitschende Bestie an +Bord gezogen und hielten sich die Leute noch scheu zurück, von dem +schlagenden Schwanz nicht getroffen zu werden, sprang er, der Erste +hinzu, ihm sein Messer in die Kiemen zu stoßen, daß er dann, trotz dem +wüthenden Springen und Schnappen des gepeinigten Thieres, darin hin und +her wühlte, bis der Fisch, durch Blutverlust und Anstrengung erschöpft, +regungslos liegen blieb. Waren es junge Thiere, so wurden sie gewöhnlich +später gebraten, aber nie konnte Don Gaspar, wie wir ihn denn auch von +jetzt an nennen wollen, bewogen werden, das Fleisch auch nur zu kosten +-- und einen solchen Widerwillen fühlte er dagegen, daß er nicht einmal +in der Kajüte blieb, so lange es auf dem Tische stand. + +In dieser Zeit war es, daß ein ungewöhnlich großer Hai von der Bramraae +angerufen wurde und nicht lange, so kam das Ungeheuer der Tiefe, ein +Bursche von fast achtzehn Fuß Länge und von ganz außergewöhnlicher +Stärke heran, den Haken einzuschnappen, den der Steuermann jetzt rasch +anfing einzuziehen, da gar keine Hoffnung da war, ein solch riesiges +Ungethüm selbst mit drei solchen Haken nur zu halten, viel weniger +an Bord zu holen. Kaum aber sah der Fisch den weißen Speck vor sich +hinschießen, den er jetzt wohl in der Eile für einen flüchtigen +Fisch halten mochte, als er einen Schlag in das Wasser that, mit +Pfeilschnelle hinter der vermeintlichen Beute herschoß und sie +verschlang. + +Jetzt begann ein toller wilder Jubel am Bord, der aber auch wieder von +Lachen und Verwünschungen unterbrochen wurde, denn wenn der Hai nur im +mindesten seine Kraft gegen das, was ihn hielt, gewandt hätte, mußte +Haken oder Tau brechen und reißen; der gefangene Fisch begnügte sich +aber, sich herumzuwirbeln und dadurch dem Eisen zu entgehen, das ihm +anfing, unbequem zu werden und mehr und mehr zogen sie ihn indessen +dem Heck des Schiffes näher, wo der Capitain schon eine Harpune bereit +hielt, ihn zu werfen und dadurch vielleicht zu sichern. + +Don Gaspar war außer sich, er sprang und jubelte, kletterte an den +Besahnwanten[6] hinauf und wieder hinunter und flog nur manchmal mit an +das Tau, das die ganze Mannschaft fest gepackt hielt, um zu fühlen, ob +der Fisch noch sicher daran sei. Endlich brachten sie ihn glücklich +in Wurfsnähe der Harpune, der Capitain, ein alter Wallfischfänger, +schleuderte das Eisen mit Kraft und Sicherheit und die scharfen +Widerhaken drangen selbst durch die horngleiche Haut des Ungethüms +tief in das Fleisch des Halses ein. Die nächsten Minuten hiernach war +Nichts zu sehn als Schaum, so peitschte das Ungethüm die Wogen, und der +Schwanz stieg manchmal wie der Kopf einer riesigen Schlange empor, und +schmetterte dann mit furchtbarer Kraft in die kochende Wassermasse +zurück. Aber das Eisen hielt und nur durch die entsetzlichen Anstrengungen +des zur tollsten Wuth gereizten und vom Schmerz gepeinigten Thieres, +arbeitete sich die Wunde größer und größer, und als sich das Wasser +etwas beruhigte, rief der alte Steuermann, sie würden ihn doch noch +verlieren, denn so bald er noch einmal anfange und hätte keine Schlinge +um den Schwanz, müsse er sich frei machen. + + 6: Besahnwanten, das stehende Tauwerk des hinteren Mastes, das + diesen hält und zugleich zur Strickleiter dient. + +Der Koch schlug jetzt, um das Tau der Harpune selber herum, eine +Schlinge, diese auf den Kopf des Haies niederfallen zu lassen, und um +ihn herum zu bekommen. Der gefangene Fisch fing aber aufs Neue an zu +schlagen -- und wenn auch die Schlinge dabei schon über den Kiemen lag, +mußte sie doch wieder abrutschen, sobald aufgeholt wurde. + +Don Gaspar zitterte während der Zeit am ganzen Körper von innerer +Aufregung, er schrie und lachte, wenn der Fisch ruhig blieb und der +Koch mehr mit der Schlinge nach rückwärts kam, und tobte und wüthete +förmlich, wenn das Unthier sich wieder zu befreien drohte. -- Alle +möglichen Anordnungen gab er dabei und der Koch, so vielen Respekt er +sonst vor dem Quarterdeck hatte, wurde endlich so ärgerlich, daß er +ausrief -- + +»Das Schwatzen soll der Teufel holen, geht hinunter und schiebt das Tau +über, und die Satansbestie soll bald hier oben liegen -- da -- da geht's +wieder an -- na, jetzt ist die Geschichte vorbei, diesmal haut er sich +frei.« + +Don Gaspar war auf den Rand der Brüstung gesprungen und schaute lautlos +aber mit funkelnden, glühenden Augen in die Tiefe. + +»Nehmen Sie sich in Acht, Herr!« rief ihm der Steuermann zu -- »wenn Sie +hinabfallen, kommen Sie in einen heißen Platz!« + +Der Spanier hörte ihn nicht. -- + +»Lockert das Tau mit dem Haken, Leute!« -- schrie da der Kapitain +-- »verdamm es, Ihr zieht zu fest -- die Bestie bricht -- da -- da habt +Ihr's -- der Haken ist ausgerissen -- holla, was ist das -- Don Gaspar +-- was in des Teufels Namen!« + +Sein Ausruf erstarb in einem Schrei des Erstaunens der ganzen +Mannschaft, denn ehe Leifeldt, der auf der anderen Seite des Schiffes +stand, und ebenfalls mit gespannter Aufmerksamkeit die furchtbaren +Kraftanstrengungen des gefangenen und zur grimmigsten Wuth getriebenen +Fisches beobachtet hatte, es verhindern konnte, faßte der junge Spanier, +den Hut zurück an Deck werfend, das Tau, an dem die Harpune befestigt +saß, und glitt an diesem nieder in die jetzt wieder aufkochende, +spritzende See, in der sich das tödtlich getroffene Unthier, nur noch +von der Harpune allein gehalten, wälzte. -- + +»Halten Sie sich am Tau fest, -- um Gottes Willen nicht tiefer! -- er +schlägt Ihnen ein Bein entzwei -- biegen Sie sich das Tau unter den +Ellbogen!« Das waren die Rufe oder Schreie vielmehr, die von allen +Seiten gleichzeitig ausbrachen, und Leifeldt selber rief entsetzt den +Tollkühnen bei Namen und beschwor ihn bei allem, was ihm heilig sei, +zurückzukehren. Hörte es aber schon nicht mehr, in der furchtbaren +Erregung des Augenblicks, was um ihn her vorging, oder wollte er den +Warnungsruf nicht beachten, denn ohne auch nur abzuwarten, bis sich das +Ungeheuer der Tiefe, jetzt dicht unter ihm, in etwas wieder beruhigt +hätte, glitt er nieder, und verschwand im nächsten Augenblick fast unter +dem aufkochenden Schaum. -- + +»Nieder mit dem Boot!« übertönte des Kapitains ruhige Stimme in dem +Augenblick den Lärm -- »nach vorn, Ihr Leute, nach vorn und hinunter mit +dem Boot, so rasch Ihr könnt -- halt, Koch, Ihr bleibt hier -- da, macht +eine andere Schlinge aus dem Bramfall dort -- vielleicht können wir ihn +hier wieder zu halten bekommen -- wenn ihn der Hai nicht mitnimmt,« und +mit einem leise gemurmelten Fluch über die kecke Tollheit eines solchen +Wagnisses, bog er sich wieder hinten über, das Resultat desselben mit +anzusehen. + +Don Gaspar war indessen einer solchen Gefahr keineswegs unbefähigt +in die Arme gesprungen; so exaltirt er sich oben an Deck gezeigt, so +ruhig und umsichtig bewies er sich hier unten, und während er für einen +Augenblick festen Fuß auf dem Fisch selber zu fassen suchte, ließ er mit +der linken Hand das Harpunentau keineswegs los, das ihn auch, vorn am +Kopf des Haies hielt und vor den furchtbaren Schlägen des Schwanzes +sicherte. Trotzdem aber, daß ihm die Füße abglitten auf dem schlüpfrigen +Hals, schien er nur das eine Ziel im Auge zu haben, die Schlinge zu +festigen und unbekümmert um jede Folge, ließ er sich vollkommen auf den +Hai hinunter, faßte das Tau und unter dem Kopf der wüthenden Bestie mit +der Hand niederfahrend, hatte er die Schlinge schon erreicht, als die +Harpune ausriß und diese sich, von oben natürlich gehalten, plötzlich +anstraffte. + +Die Männer an Bord standen starr vor Schrecken, und wußten nicht, ob +sie anziehen oder loslassen sollten, denn jetzt hatten sie noch das +Unthier in ihrer Gewalt, glitt es aber aus dem Knoten heraus, so war +der tollkühne Passagier ihm rettungslos anheim gegeben. + +Der Hai selber machte diesem peinlichen Moment ein Ende -- vorwärts +schießend, fühlte er sich durch das Tau gehemmt, das ihn auch um die +Kiemen preßte, und während Don Gaspar, durch die rasche Bewegung das +Gleichgewicht verlierend, ihn mit beiden Armen umschlang, fuhr er +zurück, wirbelte sich ein paar Mal um sich selbst herum -- und war +_frei_. + +Der Spanier wäre jetzt verloren gewesen, denn das gereizte Thier schoß, +den Druck auf sich noch immer fühlend, nach vorn, so daß der kecke Jäger +natürlich der gegen ihn anpressenden Wassermassen nicht widerstehen +konnte, loslassen mußte. Im Anfang schien es auch, als ob es gegen +die Gewalt, die ihm geschehen, ankämpfen wollte, denn kaum von dem +Gewicht befreit, wandte es sich scharf gegen seinen vorherigen Reiter +um, ohne diesen aber auch nur im mindesten zu schrecken, oder seine +Geistesgegenwart zu berauben. -- Im Begriff, von dem Ungethüm +fortzuschwimmen, wandte Don Gaspar nämlich den Kopf nach ihm um, und sah +kaum die drohende Bewegung, als er ebenfalls Front gegen den Hai machte, +das einzige zu versuchen, was ihm übrig blieb -- drohend gegen den +Ankommenden anzuschlagen, und ihn so zurückzuschrecken. Zu seinem Glück +sollte er aber nicht zu einem solchen und in der That verzweifelten +Kampf gezwungen sein, denn den Hai selber verließen die Kräfte. Der Wurf +der Harpune war tödtlich gewesen, und plötzlich, als Alle an Bord auch +schon in peinlicher Angst und Spannung den ersten Anprall des Thieres +gegen sein Opfer zu sehn erwarteten, bog der Hai seitwärts ab, und fing +an, sich, ohne den Ort zu verlassen, auf dem er stand, wenige Minuten +förmlich im Kreis herumzudrehen. -- + +Zu derselben Zeit war das Boot auch endlich niedergelassen und schoß, +von vier Riemen (Ruder) getrieben, rasch herbei. Don Gaspar aber, +anstatt ihm entgegenzuschwimmen und der furchtbaren Gefahr zu entgehen, +der er bis dahin ausgesetzt gewesen, strich aus und zwar gerade der +Stelle zu, wo der Hai blutige Kreise in der klaren blitzenden Fluth zog. +Zwei Lootsenfische, die sich bis jetzt, trotz des tollen Kampfes, in der +Nähe ihres früheren Beschützers muthig gehalten, schossen vor und rasch +wieder zurück, einer Gefahr zu entgehen oder auch, wie man ja behaupten +will, dem Hai die Nähe leicht zu gewinnender Beute zu melden; aber +dieser fühlte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging -- tiefer +und tiefer senkte er sich in seinem Ringen, immer langsamer wurde der +Flossenschlag, und als Don Gaspar, von dem Boot jetzt fast erreicht, +über der Stelle hielt, und nieder schaute, sah er eben noch, wie sich +der weiße Bauch des _todten_ Fisches aufdrehte und langsam, langsam in +blauer Tiefe verschwand. + +Gleich darauf faßte der Steuermann den Kragen des Spaniers und zog ihn +mit einem herzlichen »Ich will verdammt sein, wenn mir so ein Mensch +schon vorgekommen ist,« in das Boot hinein, rasch dann zum Schiff +zurückrudernd, als ob er wirklich fürchtete, daß ihm das tollkühne +Menschenkind noch einmal über Bord springen könne. + +Don Gaspar war zum Tode erschöpft, als er das Schiff wieder erreichte, +und Leifeldt machte ihm wirklich ernstliche Vorwürfe, sein Leben in so +rasender, unüberlegter Weise, einem Fisch gegenüber, auf's Spiel gesetzt +zu haben, wo ihn wirklich nur ein Wunder erhalten haben mußte. Don +Gaspar versicherte ihm aber so hoch und theuer, daß er, in der Erregung +des Augenblicks wirklich gar nicht gewußt habe, was er thue, und +versprach ihm so heilig, solche tolle Streiche nicht wieder zu machen, +daß er sich endlich beruhigte und der Kapitain mit einer tüchtigen Bowle +Grog den Frost des Gebadeten wie den Schreck der Übrigen vergessen +machte. + +Den Abend schon erhob sich aber eine leichte Brise, die während der +Nacht schärfer und schärfer anwuchs und zuletzt in einen tüchtigen +Südosten ausartete, mit dem sie rasch ihrem Ziele entgegenhielten. + + + + +4. + +Ankunft in Valparaiso. -- Hülfe in der Noth. + + +Der »_Oporto_« erreichte am 42. Tag nach seiner Ausfahrt von +Buenos-Ayres den Hafen von Valparaiso und Leifeldt und Don Gaspar +mietheten sich im Hotel de Chile ein. Der Letztere hatte aber kaum seine +nöthigen Einkäufe an Kleidern und Wäsche besorgt, da er sich bis dahin +nur mit dem Nothwendigsten begnügen mußte, das Leifeldt noch in der +letzten Zeit in Buenos-Ayres für ihn eingekauft, als er auch ausging, +um, wie er sagte, ein paar Verwandte, ein paar Freunde aufzusuchen oder +ihnen wenigstens nachzuforschen, die sich vor Jahren nach Valparaiso +gewandt hatten und hier doch vielleicht noch aufzufinden waren. Der +junge Arzt blieb zurück, die eigene Wohnung ein wenig behaglich +einzurichten. + +An dem nämlichen Morgen, etwa um elf Uhr, ließ sich ein junger Mann +unter dem Namen de Monte Sylva bei dem Consul der Argentinischen +Republik anmelden, und wurde von diesem auf das Zuvorkommenste +empfangen. + +»Es ist ein Fest für uns hier,« sagte der Consul nach den einleitenden +Redensarten und Begrüßungen, mit einer freundlichen Verneigung gegen +seinen Besuch, »wenn wir Buenos-Ayres-Leute an der Westseite der +Cordilleren im Winter einmal Nachricht vom Mutterlande bekommen. Der +Correo[7] wagt sich nur selten über den Schnee, und muß diese Kühnheit +noch dazu manchmal theuer genug büßen, und Schiffe von dorther sind +auch in dieser letzten Zeit ziemlich selten gewesen; Buenos-Ayres bietet +wenig oder gar Nichts, was wir von dort hieher führen könnten, die +Passage nach dem Norden ist auch schwach, und all die Wallfischfänger +die wir vom Atlantischen Meer herüberkriegen, denken natürlich gar nicht +daran, Zeit und Schiff zu wagen, besonders in dieser Jahreszeit in den +von Sandbänken und Pamperos so sehr gefährdeten La Plata einzulaufen. +Bringen Sie uns Neuigkeiten von Buenos-Ayres?« + + 7: #Correo#, der Postcourier. + +»Gar Nichts von Bedeutung« erwiderte Don Gaspar de Monte Silva +achselzuckend. -- »Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg gegen +Monte-Video fort, nur, wie es scheint, die Einwohner jener Districkte in +Bewegung zu halten, -- Engländer und Franzosen protestiren fortwährend, +und die Sache bleibt eben beim Alten. Man sprach allerdings in +Buenos-Ayres von einem erhofften Friedensabschluß, so viel ich aber habe +erfahren können, scheint mir die Sache noch in weitem Felde. -- Haben +Sie viele Bewohner von Buenos-Ayres hier?« + +»Nein -- und doch ja, sie sind hie und da ziemlich durch die ganze Stadt +zerstreut, aber wenn nicht auf der Börse, bekommen wir einander wenig +genug zu sehen. -- Haben Sie Bekannte hier?« -- + +»Sehr wenige, -- lebt noch ein Kaufmann Don Rodriguez hier, der vor etwa +drei Jahren herüber zog?« -- + +»Nein,« erwiederte der Konsul, nach einigem Besinnen -- »wenn ich nicht +irre, ist derselbe, aber schon vor längerer Zeit, nach Lima gegangen +-- er soll dort in eine andere Geschäftsverbindung getreten sein.« + +»Vor kurzer Zeit ist ja wohl auch, im Auftrag der Föderation ein Señor +-- Señor -- wie war doch gleich sein Name?« -- + +»Don Luis de Gomez?« sagte der Konsul, »nicht wahr, Sie meinen Don Luis, +-- fehlt Ihnen etwas, Señor?« unterbrach er sich plötzlich selbst und +sprang auf, denn das Antlitz des jungen Mannes überflog Leichenblässe. + +»Ich darf Sie wohl um ein Glas Wasser bitten, Señor,« sagte Don +Gaspar, rasch aufstehend und zum Fenster tretend, »es ist das eine Art +Herzbeklemmung bei mir, der ich allerdings manchmal unterworfen bin, die +aber auch so rasch vorüber geht, wie sie gekommen.« + +»Ist Ihnen nicht lieber ein Glas Wein gefällig?« bat der Argentiner, +eine Caraffe und ein Glas von einem Ecktisch nehmend und rasch +einschenkend, »es wird Ihnen weit besser bekommen.« -- + +Don Gaspar leerte das ihm gebotene Glas mit einer dankenden Verbeugung +auf einen Zug, und sagte dann lächelnd: + +»Es ist schon vorüber -- der rasche Wechsel von See- und Landluft +bringt bei mir sehr häufig solche Wirkung hervor, die sich sogar schon +einige Mal bis zur Ohnmacht gesteigert hat, ohne jedoch auch nur die +geringsten Nachwehen zu hinterlassen -- aber von was sprachen wir +doch? --« + +»Ich weiß es jetzt wahrhaftig selber nicht mehr,« lachte der Konsul, +»doch ja -- von unseren Landsleuten -- von Don Luis de Gomez -- kennen +Sie ihn?« -- + +»Nur oberflächlich,« erwiederte Don Gaspar gleichgültig, aber die Hand, +mit der er seine Stuhllehne gefaßt hielt, wurde todtenweiß. »Er soll +hierher gegangen sein.« + +»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht für den Augenblick +--« + +»So ist er gegenwärtig nicht in Valparaiso?« -- frug Don Gaspar rascher +und lebendiger als vorher. + +»Nein -- wünschten Sie ihn zu sprechen?« + +»Das gerade nicht -- aber ich glaubte nur --« + +»Er ist nach Lima gegangen,« sagte der Konsul, »aber ich erwarte ihn +fast mit jedem Schiff zurück, das von dort her kommt. Es war gar nicht +seine Absicht, so lange dortzubleiben, aber wenn ich nicht irre, war ihm +seine Frau dort erkrankt, was seine Abreise verzögerte. Sein letzter +Brief meldet ihn übrigens bestimmt auf Mitte dieses Monats an.« + +Don Gaspar war ans Fenster gesprungen, nach einem rasch vorbei +galoppirenden Reiter zu sehen -- er faßte die Fensterbrüstung, sich +gewaltsam zu sammeln. -- + +»Nicht wahr, die Namen der ankommenden Passagiere werden in den +Zeitungen veröffentlicht?« frug er nach einer kleinen Weile, indem er +seinen Hut ergriff, sich wieder zu empfehlen. + +»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht gerade so ungemein +pünktlich, denn oft werden Namen ausgelassen, noch öfter falsch +gedruckt -- aber wenn es Sie interessiren sollte --« + +»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach ihn jedoch der junge Mann rasch; +»es ist eigentlich bei mir nur Neugierde, oder vielleicht doch ein etwas +edleres Gefühl, das nämlich, sich in einer fremden Stadt, fern von der +eigenen Heimath, nach solchen zu sehnen, die einst in einem, jetzt +leider fern gelegenen Land dieselbe Luft mit uns geathmet haben.« + +»So wiederholen Sie dann wenigstens bald Ihren Besuch,« sagte der +Konsul, ihm freundlich die Hand reichend, »Sie werden mir immer +willkommen sein, das schöne Wetter jetzt bringt uns auch vielleicht den +Correo über die Gebirge, und dann bekommen wir frische Nachrichten von +der »Hauptstadt«.« + +Don Gaspar dankte ihm herzlich, aber es war fast, als ob ihn eine +merkwürdige Unruhe erfaßt habe, er suchte augenscheinlich rasch ins +Freie zu kommen und hatte kaum die Thüre hinter sich ins Schloß +gedrückt, als er auch die Straße schnell hinunterschritt und um die +erste Ecke rechts dem Wasser zu niederbiegend, den Weg hinaus, der zu +dem Leuchtthurm führte, und von wo man die See weit überschauen konnte, +mehr lief als ging. Der Konsul blieb aber, als jener die Stube schon +verlassen, noch eine ganze Weile im Zimmer stehen, und sah nachdenklich +vor sich nieder, endlich aber, den Kopf schüttelnd und aus seiner Tasche +eine silberne Dose nehmend, setzte er sich lächelnd nieder an seinen +Schreibtisch, und murmelte nur leise vor sich hin: + +»Ein wunderlicher Kauz!« + +Don Gaspar nahm sich nicht einmal Zeit Athem zu schöpfen, bis er die +Höhe erreicht hatte, auf welcher der Leuchtthurm stand, und von wo aus +man die weite See nach Norden, Westen und Süden trefflich überschauen +konnte. Hie und da waren einzelne Segel -- glänzend weiße Punkte auf dem +dunkelblauen Grunde -- am Horizont sichtbar; eine Brigg arbeitete sich +aus dem Hafen heraus und suchte das Weite, und ein kleiner Schuner kam +mit geblähter Leinwand von Westen herüber, wahrscheinlich von den Inseln +Cocosnußöl und Perlmutterschalen gegen Kattune, Messer, Beile und +Glaskorallen umzutauschen. + +Der junge Spanier blieb wohl eine Stunde lang auf diesem, Nachmittags +von der schönen Welt Valparaisos so gern besuchten Ort, dann aber, als +ob dem ersten Drängen seines Herzens, das ihn hier hinauf trieb, nach +nahenden Segeln auszuspähen, Genüge geleistet wäre, stieg er langsam die +nächste Quebrada oder Schlucht nach der Stadt zu wieder nieder. Durch +die Calle San Francisco die Marktstraße erreichend, wollte er dieser +aufwärts folgen, als er angerufen wurde und Leifeldt erkannte, der, +ebenfalls in der Stadt ohne besonderen Zweck herumschlendernd, ihn bat, +mit ihm die Almendral[8] nieder zu gehen, an deren unterem Ende ein erst +kürzlich hier angekommener englischer Arzt wohnen solle, den er zu +sprechen wünschte. + + 8: #Almendral#, ein bedeutender Stadttheil Valparaisos. + +Die Hauptstraße der Stadt zieht sich hier dicht unter dem felsigen +Fuß eines Hügels hin, auf dessen Kuppe der katholische Gottesacker +Valparaisos, Stadt und Hafen weit überschauend, liegt, und so schmal +für die Passage dem Berge abgewonnen ist, daß dem Strand gegenüber nicht +einmal eine Reihe Häuser oder Hütten gebaut werden konnte, sondern der +nackte Fels den schmalen Fahrweg schroff und scharf begrenzte. + +Es war indessen schon weit im Tag vorgerückt und Mittag längst vorüber; +die Straße hier belebte sich auch mehr und mehr; viele Reiter, mit +ihrem wunderlichen chilenischen Reitzeug, den kolossalen hölzernen +Steigbügeln, riesigen Sporen und hochaufgepolsterten Sattel, von blauen +und grünen Panchos umflattert, trabten daher, denn der Galopp ist in +der Stadt verboten, zweispännige offene Droschken oder Fiakre, das eine +Pferd in der Gabel gehend, das andere am festgeschnürten Gurt befestigt, +rasselten vorüber, und eine Menge Fußgänger schlenderten langsam meist +alle dem Leuchtthurm-Plateau zu, dort einen Blick über die See zu haben, +auch wohl kleine Picknicks zu arrangiren und mit der Abendkühle ihren +Häusern wieder zuzuwandern. + +Die beiden Freunde schritten langsam das Trottoir nieder, die +verschiedenen Gruppen beobachtend, die ihnen begegneten, und so finster +und selbst niedergeschlagen Don Gaspar im Anfang gewesen war, als ihn +Leifeldt zuerst traf, so schien der düstere Sinn in dem lebendigen +Treiben, das sie hier umgab, bald wie eine Sommerwolke an der Sonne +vorüber von seiner Stirn zu fliehen. + +Leifeldt hatte diesen raschen Wechsel seines Temperaments übrigens schon +so häufig Gelegenheit gehabt zu beobachten, und selbst Don Gaspar, +darauf aufmerksam gemacht, gestand das ein, behauptete aber auch, der +Aufenthalt in seinem früheren Gefängnisse trage dabei viele, wenn +nicht die einzige Schuld; es überkomme ihn noch manchmal ein wildes, +beängstigendes Gefühl, das er nicht abzuschütteln vermöge, wie mit einem +Centnergewicht läge es dann auf ihm, und er könne kaum athmen unter der +Last. Wie ein kräftiger Windstoß aber die düsteren Schranken der Gebirge +mit _einem_ kräftigen Zuge aus den Schluchten drängt, und über die Ebene +weht, so sei ein Sonnenblick, ein freundliches Gesicht, das fröhliche +Lachen eines Menschen oft im Stande, all diese düstere Schwermuth zu +zerstreuen, und Tage lang fühle er sich dann so wohl, als ob er wieder +einmal von einer recht schweren Krankheit genesen wäre. + +»Und wie gefällt Ihnen die schöne Welt in Valparaiso, Gaspar?« frug +Leifeldt den jungen Mann, als gerade ein ganzer Zug von Damen lachend +und scherzend an ihnen vorüber schritt. + +»Gut!« sagte der junge Mann freundlich, »es sind liebe, gutmüthige +Gesichter darunter, und das rege Feuer, das all unseren südlichen +Stämmen eigen ist, verleiht ihnen noch einen weit besonderen Reiz. +-- Ich weiß nicht, ich habe mich nie viel mit den kalten Nordländerinnen +befreunden können; sie sind schön und tugendhaft, ich zweifle nicht +daran, aber mir scheint es fast, als ob ihnen ein Herz fehle, ihren +Augen Leben, ihren Lippen Farbe zu geben, und mir selber ist es, einer +der nordischen Schönheiten gegenüber, fast stets zu Muthe, als ob ich +vor einer wundervollen Statue stehe, die mein Auge fesselt, mein Herz +aber kalt läßt, wie der Marmor selber, aus der sie besteht.« + +»Das aber dürfen Sie nicht von _Allen_ sagen,« lachte Leifeldt, +»sehen Sie z. B. das reizende Wesen, das uns hier gerade mit dem +kleinen Knaben, vielleicht einem Bruder, entgegenkommt -- das müssen +Engländerinnen sein, aber ich habe wahrlich nie im Leben ein schöneres +Mädchen gesehen.« + +Don Gaspar folgte mit seinen Augen der ihm von Leifeldt angegebenen +Richtung und sah ein wirklich reizendes junges Mädchen die Straße herauf +und ihnen entgegenkommen. Sie hatte eine alte, wie es schien kränkliche +Dame, die sie sorgsam leitete, am Arme, und ein kleiner, vielleicht +dreijähriger Knabe lief vor ihnen her. + +»Sieh, Jenny, liebe Hündchen da drüben,« sagte der Kleine plötzlich in +seinem noch halbgebrochenen Dialekt zu der Jungfrau, und zeigte mit dem +einen dicken Patschchen nach der Straße hinüber, auf der ein schwarzes +Wachtelhündchen nach einem eben landenden Boot laut hinunterkläffte und +sprang, und mit dem Schwanze wedelte -- »das hol ich mir.« + +Die Freunde waren indessen bis dicht vor die beiden Damen gekommen, und +als sie, ihnen Raum machend, vorüber schritten, sagte Jenny, wie sie von +dem kleinen Burschen angeredet worden, ermahnend: + +»Laß das Hündchen, Bill, es könnte Dich beißen -- und Du darfst auch +nicht allein auf den Fahrweg gehen -- komm her zu mir.« + +Es ist unbestimmt, ob Bill die Warnung hörte, oder nicht, aber darauf +achten that er keineswegs, denn das Hündchen war gar zu lieb und herzig, +und Bill mochte das Langsamgehen hinter der alten, kranken Großmutter +her auch schon herzlich satt bekommen haben; so unter den Händen fort, +mit den kleinen unbehülflichen Beinchen lief er hinaus, den lebhaften +schwarzen Burschen da vorn zu sich heran zu holen. + +»#Guardar se -- guardar se!#«[9] schrie es in dem Augenblick die Straße +nieder und lautes Wagengerassel wurde hörbar. + + 9: Vorsehen. + +»Bill!« rief die Stimme des jungen Mädchens in Todesangst, als sich +dieses umschaute, und das Kind auf der Straße sah, ohne im Stande zu +sein die Mutter loszulassen, »Bill, #for God's sake#.«[10] + + 10: Um Gottes Willen. + +Leifeldt und Don Gaspar waren bei dem Schreckensruf rasch stehen +geblieben, und der letztere machte sich von Leifeldts Arme los, die +Straße freier überschauen zu können. Aber sie brauchten nicht lange +auf die Ursache des Tumultes zu warten, denn fast in dem nämlichen +Augenblick donnerte auch schon eine der gewöhnlichen Droschken, von +den rasend gewordenen Pferden in vollem Carrière mit fortgerissen, +die Straße hinauf und Leifeldt erkannte mit Entsetzen, wie der nächste +Moment hier an dem engsten Paß des ganzen Weges, das Kind unter den Hufen +der wild aushauenden Renner zerschmettern müsse. Ehe auch nur Jemand im +Stande gewesen wäre, hinauszuspringen, das Kind der Gefahr zu entreißen, +brausten die wüthenden Thiere heran, und ein allgemeiner Schrei des +Entsetzens rang sich schon aus der Brust der zitternden Zuschauer, +die wirklich ganz die eigene Gefahr in dem gewiß vorauszusehenden +Untergang des Kindes vergaßen, als sich Don Gaspar, ohne Laut, ohne +Ruf, die Gefahr nicht kennend, der er sich aussetzte, oder sie total +verachtend, von dem Trottoir hinüber und schräg an gegen den Kopf des +Sattelpferdes warf, daß dieses im Ansprung hoch auffuhr und nach ihm +niederhieb. Hatte aber das andere Pferd den ausgestreckten linken Arm +des Anspringenden gesehen, oder fühlte es den plötzlichen Druck des +gegengeworfenen Gewichts, aber es fuhr rechts hinüber, und während Don +Gaspar den Zügel des Thieres in der Aufregung des Moments viel zu fest +ergriffen hatte, so rasch wieder loslassen zu können, rissen ihn die +wüthenden Thiere mit über die niedere hölzerne Barrière hinüber, die +vor ihrem Anprall zusammenbrach, der Wagen schmetterte und bröckelte +hinterdrein, und während das wüthende Gespann über die rauhen, hier +aufgeworfenen Steinmassen setzte, und vergebens versuchte, das zwischen +den Steinen hängenbleibende Vordertheil des zerstückelten Wagens rasch +genug herumzubringen, dem jetzt so unverhofft vor ihnen ausdehnenden +Wasser zu entgehen, in das sie gleich darauf mehr hinein stürzten, als +sprangen, sank auch Don Gaspar, blutend und ohnmächtig auf dem Damme +nieder, -- aber das Kind war gerettet. + +So rasch war aber das Ganze, hier eben Beschriebene geschehen, so +plötzlich hatte das Einspringen des jungen Mannes die Tod drohenden +Thiere zur Seite geworfen, daß die Gefahr schon längst vorüber war, +als noch die Zuschauer starr und ängstlich nach dem jetzt selbst +erschreckten Kind hinüber schauten, und erst als Leifeldt zusprang, den +Knaben aufgriff und seiner jungen Schützerin brachte, erst als diese, +neben der Mutter auf die Knie fiel, und den geretteten Liebling mit +einem heißen Dankgebet an das Herz schloß, da erst war es, als ob sich +der Zauber löse, der wie ein entsetzlicher Bann auf der Menge gelegen, +und ein förmlicher Jubelschrei dankte der kühnen That. + +Während einzelne der Männer jetzt hinüber sprangen, den Verwundeten +aufzuheben, zu dem sich Leifeldt ebenfalls wenden wollte, wurde er durch +einen Ausruf der Angst, von der Jungfrau Lippen aufgehalten, und hatte +eben noch Zeit zuzuspringen, und mit dieser die alte Dame aufzufangen +und vor schwerem Fall zu bewahren, die, starr vor Schreck, als sie die +Gefahr des Enkels bemerkte, jetzt, als die furchtbare Erregung des +ersten Augenblicks vorüber war, bewußtlos zusammenbrach. + +Der junge Arzt hob die Ohnmächtige leicht auf seinen Arm, stand aber +einen Augenblick wirklich unschlüssig da, denn wie konnte er den Freund +hier, blutend und ohnmächtig zurücklassen, und was indessen mit der +alten Dame anfangen? -- + +»Dort hinauf!« flüsterte da die leise, bittende Stimme des Mädchens, +»nur wenige Häuser von hier entfernt wohnen wir, und Ihr Freund, unser +Schutzengel, kann dort Pflege und Beistand finden.« + +»Gott sei Dank,« sagte Leifeldt wirklich aus tiefstem Herzen, und den +Peons[11], die den Ohnmächtigen aufgehoben hatten und über die Straße +trugen, zurufend, ihm rasch damit zu folgen, eilte er, so schnell es +seine Last erlaubte, dem bezeichneten und gar nicht fernen Hause zu. + + 11: Die niedere Klasse der Chilenischen Bürger, die Arbeiter und + Diener. + + + + +5. + +Die Englische Familie. + + +Während der junge Arzt nun die alte Dame rasch die Treppe hinauftrug und +die nöthigsten Anordnungen traf, sie wieder ins Leben zurückzurufen, +wurde der Verwundete unten im Haus, in ein kleines, freundliches +Stübchen gelegt, und die Ohnmächtige jetzt der Sorgfalt der Tochter und +einiger Dienstleute überlassend, eilte er wieder hinunter zu dem Freund, +nach dessen Wunden zu sehen. + +Diese waren jedoch nicht im mindesten gefährlich; nur ein Schlag des +Pferdes wahrscheinlich, hatte ihn am Kopf getroffen und betäubt, und +einzelne andere, aber ebenfalls unbedeutende Quetschungen rührten +jedenfalls von dem letzten Sturz auf die rauhen scharfkantigen Sandsteine +des Strandes her. Schon nach den einfachsten Belebungsversuchen schlug +auch Don Gaspar die Augen wieder auf, und schien nur im Anfang erstaunt +und überrascht, ja fast bestürzt von seiner Umgebung. Erst schloß er die +Augen wieder, dann aber, sich rasch emporrichtend, warf er den Blick +scheu und forschend im Zimmer umher, und ließ ihn endlich mit einem +wilden, fast unheimlichen Ausdruck auf dem Fenster haften, das, nach +der gewöhnlichen Art der spanischen Wohnungen, mit starken Eisengittern +versehen war, den Bewohnern der Parterrelokale in der heißen Jahreszeit +besonders zu erlauben, auch die Nacht über ihre Fenster offen zu halten, +ohne einen Einbruch fürchten zu müssen. + +»Was ist dies für ein Haus? -- was für ein Zimmer?« rief er endlich, +und preßte seine Hände gegen die Schläfe, -- »bin ich denn nicht? +-- Stierna, Sie hier? -- wie ist mir denn, waren denn nicht die Pferde +mit uns durchgegangen, und jetzt -- hier wieder?« -- + +»Wo Sie sind?« lachte aber Leifeldt, der des holden Kindes gedachte, das +er eben an der Mutter Bett verlassen -- »in der Wohnung eines Engels und +aufgehoben wie in Abrahams Schooß -- aber das nehmen Sie mir nicht übel, +Gaspar,« setzte er dann etwas ernster und mit freundlichem Vorwurf hinzu, +»Sie gehen mit Ihrem Leben ungefähr gerade so um, als ob Sie jeden Monat +ein anderes bekommen könnten, und dieses schon drei Tage über die Zeit +getragen hätten. Wenn nicht Gottes Hand an diesem Nachmittag auf Ihnen +lag, so mußten die wüthenden Pferde heute ausführen, wozu sich der Hai +neulich nicht mehr hergeben wollte.« + +»Die Pferde -- ja, ja -- Sie haben recht -- Pferde waren es gewesen und +ein junges Mädchen glaub' ich -- oder ein Kind -- Pest noch einmal, mich +schmerzt die Stirn -- ich fange jetzt an, mich auf die ganze Geschichte +zu besinnen -- und ist das Kind gerettet? -- aber nehmen Sie mir doch +den Verband wieder ab -- ich kann doch nicht mit dem Tuch um den Kopf +über die Straße gehen.« + +»Das sollen Sie auch nicht,« erwiederte Leifeldt, »das Kind ist +allerdings gerettet, denn Ihr toller Sprung war wie der Arm eines +Engels, der den herzigen Knaben vom sicheren Abgrund fortriß, aber jetzt +müssen Sie sich ebenfalls ein wenig schonen, wenigstens eine Zeit lang +Ruhe gönnen, so bleiben Sie deshalb nur ruhig auf dem Bette liegen, +es läßt sich hier aushalten, und ich will indessen wieder einmal +hinaufgehen und nach der alten Dame sehen.« + +»Ist noch Jemand beschädigt worden?« frug Don Gaspar rasch. + +»Nein,« sagte Leifeldt, »nur ohnmächtig vom Schreck und der Aufregung +-- aber schlafen Sie selber ein wenig, es kann Ihnen nur gut thun, und in +einem kleinen Stündchen komme ich herein und wecke Sie. Fühlen Sie sich +dann stark genug, so können wir den Damen oben guten Abend sagen, und +gehen dann zusammen zu Hause -- sie werden es sicherlich nicht erwarten +können, dem Retter des Kindes selber zu danken. Ruhig -- keine Einrede,« +sagte er lächelnd, als er sah, daß Gaspar dagegen protestiren wollte, +»ich bin jetzt Ihr Arzt und Sie müssen mir gehorchen, also folgen Sie +brav, und ich hoffe, daß ich Sie morgen wieder in bester Ordnung auf +Ihren Füßen habe.« + +Er nickte Don Gaspar noch freundlich zu und eilte, ohne weiter eine +Antwort von ihm abzuwarten, rasch die Treppe hinauf, nach seinem andern +Patienten zu sehen -- und das süße Gift jener seelenvollen blauen Augen +einzusaugen, die ihn schon jetzt, nach kaum einer ersten, flüchtigen +Bekanntschaft ahnen ließen, welche Seligkeit, aber auch welch tiefes +bitteres Weh das arme Menschenherz fähig sei in sich aufzunehmen -- je +nachdem nun gerade die Würfel fielen, die das Loos uns armer Sterblichen +bestimmen. + +Don Gaspar warf sich indessen auf sein Lager zurück, aber es ließ ihm +dort nicht lange Ruhe, und wie von irgend einem peinlichen Gedanken +gequält, stand er auf, zog sich an, und ging mit raschen Schritten in +dem zwar etwas niedrigen, aber unendlich freundlichen Gemach auf und ab. +Mehrmals versuchte er es, sich wieder niederzusetzen, aber ein flüchtig +aufgeschlagener Blick trieb ihn wieder empor, und nach und nach ward es +fast, als ob ihm das Zimmer hier zu enge werde, und die Brust nicht mehr +athmen könne in dem eingepreßten Raum. + +Das Gitter beunruhigte ihn. + +Er sprang wieder auf und schritt, die Augen mit der Hand bedeckt, in dem +Gemach auf und ab, wie ein gefangener Panther den Käfig mißt, der ihn +hält; aber lange vermochte er nicht gegen dieß Gefühl anzukämpfen. Er +ging nach der Thür und drückte vorsichtig auf das Schloß, als ob er +fürchte, daß es verschlossen sein könne, und ein Ausdruck von wilder +Freude zuckte blitzschnell durch seine Züge, als das Schloß dem leisen +Drucke nachgab. Einen Augenblick horchte er hinaus auf den Gang -- es +ließ sich Niemand hören -- die Leute waren alle oben beschäftigt, +theils die nöthige Hülfe zu leisten, theils herauszubekommen aus der +»Herrschaft,« wie denn die ganze Sache eigentlich gelaufen, damit sie +auch den Zusammenhang der Geschichte fänden -- dann griff er seinen +Hut vom Tisch auf, schlich hinaus und verließ das Haus, als ob er ein +Verbrechen begangen und nicht durch eine kühne That eine ganze Familie +glücklich gemacht hätte, die gerade in diesem lieben Kind fast die +einzige Freude fand, und durch den Verlust desselben, besonders in +solch furchtbarer Art, entsetzlich elend geworden wäre. + +Als Leifeldt schon nach Dunkelwerden das Zimmer wieder betrat, den +Schlummernden, den er nicht hatte früher stören wollen, zu wecken und +seinen neugewonnenen Freunden vorzustellen, fand er zu seinem Erstaunen +den Vogel ausgeflogen und das Nest kalt. + +Wenn er nun auch dies wunderliche Betragen nicht begriff, entschuldigte +er doch oben den Freund, und versprach, ihn morgen früh, wenn er sich +von dem kleinen Unfall vollkommen erholt haben werde, mitzubringen. -- + +»Aber weshalb war er nicht wenigstens einen Augenblick zu ihnen herauf +gekommen?« -- selbst die alte Dame frug nach ihm und wünschte ihn kennen +zu lernen. Sie hatte sich vollkommen wieder erholt, hielt den Knaben auf +ihrem Knie, und weinte und lachte, wenn sie an die furchtbare Gefahr +dachte, der er, auf fast wunderbare Weise so glücklich entgangen. + +Jedenfalls mochte er sich genirt haben, in dem Aufzug, mit durch den +Sturz vielleicht zerrissenen Kleidern, mit verbundenem Kopf, sich ihnen +zu zeigen -- aber war das recht? -- hatten sie nicht gerade das erste +Anrecht ihn so zu sehen, und hieß das nicht die Bescheidenheit zu weit +getrieben? + +Leifeldt, der von den guten Menschen schon fast wie zum Hause selber +gehörend, behandelt wurde, versprach ihn gleich nächsten Morgen +einzuliefern, damit er Abbitte thun könne, verabschiedete sich dann aber +auch selber, nach dem Freund, der jedenfalls zu Hause gegangen war, zu +sehen, ob er vielleicht noch irgend etwas heute Abend bedürfe. + +Leifeldt wurde übrigens keineswegs angenehm überrascht, als er in sein +Hotel zurückkehrte, und den Freund, vollkommen wider Erwarten, _nicht_ +vorfand. Niemand hatte etwas von ihm gesehen -- Niemand wußte von ihm, +und vergebens durchlief er, bis spät in die Nacht, alle Straßen, die +jener möglicher Weise berührt haben könnte, von den Wächtern vielleicht +hie oder da etwas zu erfahren, das ihn wenigstens auf die Spur führen +konnte -- er blieb verschwunden -- und selbst der nächste Morgen, der +nächste Abend brachte den so räthselhaft Entwichenen nicht wieder +zurück. Was in aller Welt konnte ihn bewogen haben, sich gerade +heute, und in so wunderlicher Weise zu entfernen und war er nicht doch +vielleicht etwa, von der Aufregung der letzten Stunden betrübt, irgend +wo zusammengebrochen? -- + +Die Familie Newland, der Name der Frauen, denen die beiden Freunde am +vorigen Tag so wesentliche Dienste geleistet, fühlten sich besonders +geängstigt durch dies Verschwinden eines Mannes, dem sie so gern ihre +Dankbarkeit bezeugt hätten, und Mr. Newland, ein Greis von einigen +siebzig Jahren, ließ es sich nicht nehmen, selber auf die Polizei zu +gehen, und dort die genauesten Nachforschungen nach dem Fremden +anzustellen. Nichts destoweniger blieben alle derartige Versuche +erfolglos, und eine volle Woche war schon vergangen, ohne auch nur +eine Spur von Don Gaspar gebracht zu haben. + +Leifeldt war indessen ein täglicher Besucher der Newland'schen Familie +geworden und dachte, von diesen selbst dazu aufgemuntert, ernstlich +daran, seinen bleibenden Wohnsitz in Valparaiso zu nehmen. Leifeldt +war ein vorzüglicher Kinderarzt, und da ihn sein gutes Glück selbst in +diesen ersten Tagen zwei sehr schwierige und gefährliche Fälle unter +die Hände brachte, denen er sich natürlich mit Aufopferung all seiner +Zeit und Kräfte hingab und die Kleinen auch, trotzdem daß sie von dem +spanischen Arzte schon aufgegeben worden, dem Leben erhielt, schien der +auf so eigenthümliche Weise eingeführte »deutsche Doctor« einen +förmlichen Ruf zu bekommen. + +Gegen das Ende der Woche erkrankte aber auch der kleine Bill, ein sonst +kräftiger und derber Junge, und trotz jeder angewandten Vorsicht, artete +das erst leichte Unwohlsein bald in so ein bösartiges hitziges Fieber +aus, daß es selbst Grund zu den schlimmsten Befürchtungen gab. + +Leifeldt verließ jetzt fast das Haus nicht mehr; Morgens nur besuchte +er die wenigen Kranken, die sich ihm schon in der kurzen Zeit seines +Aufenthaltes anvertraut hatten und wachte dann selbst die Nächte an dem +Bett des armen kleinen Burschen, der in Fieberphantasien lag und die +Händchen oft, wie Hülfe flehend, nach ihm ausstreckte. Jenny leistete +ihm hier fast ununterbrochen Gesellschaft, selbst die halben Nächte +wachte sie, mit einer alten Dienerin gemeinsam, neben dem Bett des +Lieblings und ach, welch' glückliche Zeit war das für den jungen +Arzt, dem die Stunden da wie Minuten entflogen und dem hier, von der +gemeinsamen Sorge für das arme kleine Wesen begünstigt, mehr Gelegenheit +ward, das gute Herz und tiefe Gemüth der Jungfrau zu ergründen, als er +durch Jahre lange einfache Bekanntschaft gewonnen haben würde. + +Bill war der Sohn ihres Bruders, eines Offiziers der chilenischen +Marine, die Mutter des Knaben aber, eine junge Chilenerin, bald nach +der Geburt des Kindes gestorben, das so, allein der Sorge des jungen +Mädchens übergeben und von diesem aufgezogen, auch mit unendlicher +Zärtlichkeit von ihm geliebt wurde. Der Vater des Kleinen war weit in +See und zu der Liebe für das Kind selber steigerte sich jetzt die Angst, +dem theuren Bruder, bei dessen Rückkehr den Knaben nicht wieder, wie +früher, entgegenführen zu können, und in dem einen, seligen Moment +Belohnung, o so reichliche Belohnung für all diese Aufopferung und Liebe +zu finden. + +In den ersten Tagen schien sie in der That nur von dem einen entsetzlichen +Gefühl der Angst für das Leben des Kindes fast betäubt, als aber die +Krisis glücklich überstanden, und der Kleine ihr in dem kurzen Raum +weniger Wochen gewissermaßen zum zweiten Mal wiedergeschenkt war, da +kannte ihr Glück auch keine Grenzen, und Leifeldt las in den treublauen, +Freude und Seligkeit strahlenden Augen auch die süße Hoffnung seines +eigenen Lebens. + +Was für frohe, lustige Pläne das arme Menschenherz doch aufbaut in solch +schöner Zeit; wie sich die Schlösser da blitzesschnell aus dem Boden +heben und freundlich lachende Gefilde das Glück zurückstrahlen, das +unsere eigenen glücklichen Träume ihm erst verliehen. Wo sind all die +dunklen Schatten, die noch vor so wenigen Monden unser ganzes Leben +umnachten wollten, wo die giftigen Schwaden der Sorge und des Leids, die +sich auf die Blüthen unserer Jugend legten und ihre Keime zu ersticken +drohten? -- eine einzige Sonnenwolke hat sie -- nicht verscheucht, denn +der nächste Augenblick kann sie finsterer, vernichtender emporheben als +je vorher -- nur mit ihrem lichten, goldenen Schimmer überhaucht und +während unser schwaches Auge, das in eine Ewigkeit blicken will, und +nicht einmal im Stande ist, den dünnen Glanz dieses Schimmers zu +durchschauen, entzückt und selig an dem bunten Farbenschmelz hängt und +den glühenden Tinten mit seinen eigenen Bildern Leben giebt, zerstört +ein Windhauch oft den ganzen trügerischen Bau, und das Herz möchte mit +seinen Schlössern zusammenbrechen und sterben, so weh ist ihm nachher. + +Zehn Tage nach dem ersten Ausbruch der Krankheit des Kindes, war jede +Gefahr beseitigt, ja es bedurfte nur noch geringer Pflege, den kleinen, +aber sonst kräftigen Körper vollkommen wieder herzustellen. So waren +denn die Wachen am Bett des leidenden Knaben natürlich eingestellt, aber +nichts destoweniger fand sich Leifeldt noch fast an jedem Abend, wie +früher, ein, und im Gespräch mit den wackeren alten Leuten, die nur von +einer kleinen Pension schlicht und einfach, mehr ihren Kindern und dem +kleinen Enkel zu leben schienen, der Jungfrau gegenüber, die dann an +ihrer Arbeit saß und wie ein frohes Kind mit ihnen lachte und scherzte, +oder auch gar ernst und sittsam die Theemaschine überwachte, die auf dem +reinlich gedeckten Tisch brodelte, oder den Eltern das Brod röstete zu +dem frugalen Nachtmahl, vergingen ihm jene Abende wie im Flug, und er +mußte sich wahrlich oft fragen, ob er das Glück, welches ihm jetzt +das ganze Herz füllte, nicht etwa nur träume, und ob das in der That +Wirklichkeit sei, welches ihm die Erde schon in diesem Leben zum +Himmel mache. O wie lieb, wie heilig sie aussah in diesem geschäftigen +Stillleben züchtiger Häuslichkeit, und das Herz wollte ihm manchmal +ordentlich verzagen, wenn er nur der Möglichkeit dachte, ein solches +Wesen einst sein zu nennen. + +Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen Mann; sie war vom +ersten Augenblick an, als er sich der Mutter so annahm, so ungezwungen +freundlich gewesen, als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt, +und hier nicht fremd, im fremden Lande einander zufällig nur getroffen +hätten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich der junge Fremde ihr +als ein wirklich treuer Freund bewährt, hatte ihr Betragen gegen ihn +weit mehr Herzlichkeit gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Thür +entgegen, und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm, und +freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt, die ihnen ja auch +die Hoffnung ließen, daß er in Valparaiso bleiben und ihnen nicht wieder +so bald genommen würde. Er war ein wirklicher Freund der Familie +geworden. + + + + +6. + +Don Gaspar. + + +Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen geschehen +sein? -- Umsonst waren bis dahin Leifeldt's sämmtliche Anstrengungen +gewesen, auch nur seine Spur zu finden; -- wie von der Erde fort, blieb +ihnen schon fast nichts übrig, als zu glauben, die gierige Fluth, die +auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert, habe ihn +verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin viel auf sein überhaupt +etwas excentrisches Wesen gebaut und immer noch gehofft hatte, plötzlich +einmal aus irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen +und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb er ihn, den Freund, so +rasch und heimlich verlassen habe, fing an, diese Hoffnung aufzugeben +und an den Tod des unglücklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages +von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht erhielt, den er +hier in Valparaiso hatte kennen lernen. Dieser versicherte ihn, es +lebe dort ein junger Spanier, der seiner Beschreibung fast vollständig +entspräche, still und zurückgezogen in einem ganz abgelegenen Theile +der Stadt und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich +augenblicklich auf die Post, die zwischen Valparaiso und der Hauptstadt +Chile's läuft, suchte und fand die bezeichnete Gegend, das ihm genau +beschriebene Haus und lag, wenige Minuten später in den Armen des +Wiedergefundenen, der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung +machte, als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die Brust des +Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen wolle vor innerem +Schmerz und Weh. + +Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder mit ihm nach +Valparaiso zurückzukehren, jede Ausflucht suchte er vor, die ihn +dabei entschuldigen konnte, und war doch auch nicht zu bewegen, einen +wirklichen Grund anzugeben. Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu +großen Zartgefühl des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht +hier in seinen Erwartungen, Geld zu erheben, getäuscht sah, und nun ihm, +der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben, die kleine noch übrige +Summe unverkümmert lassen wollte. Froh in dem Gefühl, ihn hierüber +wenigstens beruhigen zu können, versicherte er dem Freund, wie er, ganz +wider Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes +sich schon ein förmliches kleines Capital verdient habe, und nicht +allein einer sorgenfreien, sondern auch frohen Zukunft entgegenzugehen +hoffe -- Gaspar werde dem _Freund_ nicht versagen, das mit ihm zu +theilen, bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe. + +Don Gaspar mußte zuletzt wohl oder übel nachgeben, aber so herzlich er +dem treuen Freunde dankte, so froh er sich selber zu zeigen suchte, war +es doch augenscheinlich, daß noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm +lasten mußte, den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem +eigenen inneren Herzen barg. + +Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen Sachen +zusammen zu packen und mit ihm, noch an dem nämlichen Abend nach +Valparaiso zurück, aufzubrechen; er that es endlich, und Leifeldt +vergaß dann bald in seinem eigenen Glück die gefurchte Stirn des +Freundes, dem er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage, +seit dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufhören konnte, die +Liebenswürdigkeit der kleinen Familie zu rühmen, in die ihn sein gutes +Glück geführt, oder in die er eigentlich besser durch Don Gaspars tollen +Sprung förmlich hineingeworfen worden. + +Don Gaspar hörte ihm dabei lächelnd zu und strich sich wohl manchmal, +wenn jener immer wieder auf seine frohen Hoffnungen und Aussichten +zurückkam, leicht aufseufzend, mit der flachen Hand über die Stirn. Erst +als sie am anderen Tag die letzten Hügel erreichten, die nach der Stadt +hinunterführten, und wieder in Sicht des Meeres kamen, war es auch fast, +als ob ein neuer Geist in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich +hoch in dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen +schneeigen Segeln deutend, die hie und da von dem dunklen Hintergrund +des Meeres herüberblitzten, rief er aus: + +»Das Meer! -- das weite fröhliche Meer -- sieh wie es da liegt und wogt +und brandet und sich einwühlt in seine eigenen Arme. -- Wie ein Becher +schäumenden Weines breitet sich's aus -- und oh, wer doch, eine Perle in +seinem Grunde läge.« + +»Unsinn,« lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor sich ausgebreitet, +die Alles in sich barg, was ihm lieb und theuer auf dieser Welt war, in +aufsprudelnder Lust -- »wie eine Perle? -- sag lieber wie eine todte +Fliege, wenn Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst -- eine +Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder ausgeschieden wird. +Nein, fort mit den traurigen Gedanken -- sieh, Dein Auge hat sich schon +ordentlich belebt, und Du fängst an, wieder wie ein vernünftiger Mensch +auszusehn. Jetzt weiß ich auch, was Dir bis dahin in den Knochen gelegen +-- die engen Hügel waren es, die Dich umschlossen, die schwere Luft, die +in das schmale Thal herniederpreßte -- hier ist der Himmel frei, hier +dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns aus, und das +Herz wird weit und athmet voll, und es ist ordentlich, als ob das Blut +in unseren Adern flüssiger, lebendiger geworden wäre. Ich möchte nicht +mehr im inneren Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, und +ich kann mir wahrlich nicht denken, daß man sich wieder da wohl fühlen +könne, wo man schon einmal den vollen Genuß eines solchen Anblicks, wie +wir ihn jetzt feiern, kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich +gefunden hat.« + +»Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zöge?« sagte Don Gaspar, +lächelnd zu ihm aufschauend, »wie wär es dann mit der See?« + +Leifeldt schoß das Blut wie mit einem plötzlichen Strahl in die Schläfe, +und er erwiederte, aber mit etwas gezwungener Gleichgültigkeit. »Unsinn, +Gaspar -- wenn mir das Mädchen wirklich nicht gleichgültig wäre, wie +dürfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, wo ich eben +erst angefangen habe, festen Fuß zu fassen. Valparaiso ist ein theurer +Ort, und wer hier eine Familie haben und sie anständig durchbringen +will, darf eben nicht nur ein junger Arzt und Anfänger sein -- und in +späteren Jahren -- lieber Gott, wir wissen nicht, was die nächste Stunde +bringt, wär' es nicht Thorheit, wollten wir uns Pläne auf lange Jahre +hinaus machen.« + +»Und vielleicht helf ich Dir doch,« sagte freundlich Don Gaspar, ihm die +Hand hinüber reichend -- »hier in Valparaiso bin ich allerdings nicht im +Stande gewesen, Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte, +aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, und kann +schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht mehr der arme Don Gaspar +sein werde, wegen dem der Freund Existenz und Brod verläßt, ja seine +Freiheit und sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.« + +»Unsinn, Unsinn,« lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte aber seine Hand +ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, nur gewaltsam eine innere +Aufregung bekämpfend, ins Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester +Stimme fort: + +»Es könnte sein, Federigo, daß ich -- wir sind Alle Menschen und wissen +nicht, wann uns Gott abruft -- daß ich plötzlich sterben könnte -- ich +habe deshalb den erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich möchte +Dich bitten« -- + +»Gaspar!« rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich beunruhigt, +»was zum Henker giebst Du Dich plötzlich so trüben Gedanken hin. -- Wir +sind allerdings sterblich, und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein +rasches, gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst aber +nicht fürchten, daß Dich das Schicksal einem schnellen Tode bestimmt +habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm Gelegenheit genug gegeben, in +solchem Fall zuzulangen. Aber allerdings möchte ich nicht für Dich +einstehn, wenn Du so fortfährst, Dein Leben wirklich zum Fenster +hinauszuwerfen -- einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch, +wenn ich nur an die beiden Fälle zurückdenke, wie Du auf den Hai +hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden Pferden entgegenwarfst, +so weiß ich wahrlich jetzt selber nicht, wie es überhaupt möglich war, +nicht einer Gefahr -- denn das kann man schon nicht einmal mehr Gefahr +nennen -- sondern dem wirklichen Tode so durch ein Wunder zwei mal zu +entgehen. Die Götter droben können Dich also jedenfalls noch nicht +gebrauchen, und Du magst völlig ruhig und unbekümmert in die Zukunft +blicken.« + +»Und es ist merkwürdig,« sagte Don Gaspar kopfschüttelnd, »ich kann mich +auf die Einzelheiten der beiden Fälle gar nicht mehr besinnen -- aber +sieh da,« unterbrach er sich plötzlich, als der Wagen, von den raschen +Pferden wie im Fluge dahin geführt, die äußerste Grenze der Vorstadt +berührte -- »wir sind an Ort und Stelle, wie es scheint, und die Pferde +wittern den Stall. -- Wetter noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort« +-- Leifeldt machte plötzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen +wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem Wagen selber +herüberzusehen, auf den Trottoirs der Straße hin, Don Gaspar ergriff +aber seinen Arm und sagte lachend: + +»Halt, Señor -- machst Du _mir_ Vorwürfe, daß ich mein Leben thörichter +Weise auf's Spiel setze und willst gleich hinterher Deine eigenen +Gliedmaßen in Gefahr bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen +Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon auf eine +weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, und jetzt vorwärts +Kutscher, vorwärts, was zügelst Du die Pferde ein, wir sind noch lange +nicht am Ziel!« + +»Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Señor,« erwiederte aber +dieser -- »Polizei will's nicht haben.« -- + +»Ja so, die Polizei will's nicht haben,« sagte Don Gaspar plötzlich ganz +ruhig, und während sich Leifeldt so weit er konnte aus dem Wagen bog, +den Damen nachzuschauen, lehnte sich der junge Spanier in die Ecke +zurück, und schaute still vor sich nieder. + +Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unnützen Fragen zu begegnen, +das anscheinende Verschwinden des Freundes einem von diesem abgesandten, +aber verloren gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche +vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der Familie die +fröhliche Nachricht von dem Wiederauffinden und Zurückkehren des +Freundes zu bringen, um diesen dann, wie ihn auch die alten Leute +dringend baten, heute Abend noch dort einführen zu können. + +Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie ihn Leifeldt noch nie +gesehen -- er schien sich selber auf den Besuch zu freuen, kleidete sich +mit besonderer Sorgfalt und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht +gethan, genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; ihrem Alter, +ihren Beschäftigungen, selbst ihrem Äußeren, und Leifeldt wurde nicht +müde, ihm zu erzählen. + +Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so herzlich, als ob er ein +eigener Sohn der alten Leute gewesen wäre; der Greis nur machte ihm +Vorwürfe, daß er sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand +ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rührung tief bewegter +Stimme: + +»Mir und uns Allen hier gewiß zum Heil, hat Sie Gott Beide an diese +entlegene Küste geführt, denn Ihnen Beiden danken wir das liebe Kind +hier, das -- ich darf den Gedanken gar nicht ausdenken -- auf wie +furchtbare Weise ohne Sie hätte umkommen oder an langwieriger Krankheit +vielleicht dahin siechen müssen. Betrachten Sie sich aber auch Beide +deshalb wie mit zur Familie gehörig und mehr noch wird Ihnen mein Sohn +für diesen, besonders ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn mit +Gottes Hülfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den nächsten Tagen wieder +hier einlaufen zu sehn. -- Aber Jenny, Kind, was stehst Du da in der +Ecke, hast unserem lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, und +Dich doch so darauf gefreut, ihn begrüßen zu können. Es ist wahr, Don +Gaspar, Sie haben uns das Vergnügen recht, recht lang entzogen, und Sie +werden _sehr_ oft kommen müssen, nur einen Theil davon wieder gut machen +zu können.« + +Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu begrüßen, und Jenny +trat in diesem Augenblick auf ihn zu, reichte ihm, wie einem alten +Freund, die Hand und sagte herzlich: + +»Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen im Mai, und es hat uns +nur Allen so leid gethan, Ihnen das nicht früher sagen zu können -- doch +es war Ihre eigene Schuld -- kommen Sie jetzt nur recht oft, und Sie +werden sich wohl bei uns fühlen. -- Aber hier, Bill« -- wandte sie sich +dann plötzlich zu dem kleinen Burschen, der schüchtern hinter ihr stand +und an ihrem Kleide zupfte »hier, Bill, das ist der Gentleman, der Bill +damals gerettet hat, als #little boy# so sehr unartig war und auf die +Straße hinaus lief, daß #grandmama# krank wurde und nicht mehr gehen +konnte -- weißt Du das noch -- und giebst Du ihm kein Händchen?« + +Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm Jenny drei- oder +viermal herunter bog, immer unverdrossen wieder in das rosige Mündchen +schiebend, kam langsam, das Köpfchen niedergedrückt und nur schüchtern +zu dem Fremden hinaufschielend, näher, und reichte ihm verschämt das +rechte Händchen hin. + +Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick auf den jungen Spanier +machte, und Leifeldt lächelte mit einer Art freudigen Stolz sogar, +als er sah, wie sich der Freund dem holden lieblichen Kinde gegenüber +förmlich befangen fühlte. + +Don Gaspar stand in der That im ersten Moment da, als ob er eine +Erscheinung gesehen, und nur wie bewußtlos ergriff er die dargebotene +Hand in seinen beiden Händen, und hielt sie sogar noch fest geschlossen, +als Jenny sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben +zuzuführen. Erst dann, als er fühlte, daß sich ihm die Jungfrau zu +entziehen suchte, ließ er sie erschrocken frei, und das Kind aufnehmend, +das ihn im Augenblick vertraut, mit den großen hellblauen Augen +freundlich anlachte, und in seinem kraußen Bart spielte, küßte er +den Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen braven kleinen +Burschen, der nicht wieder auf die Straße hinauslaufen und seiner guten +Großmutter und Schwester Schmerz bereiten würde. + +An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer Mensch geworden; es schien +ordentlich, als ob die sonst manchmal eisige Rinde seines Herzens +aufthaue in der Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es +Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und Gemüth fanden +dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen von dem lieblichen Feuer des +schönen Mädchens, vergaß er bald seine ganze Umgebung, und ließ sich +mehr und mehr hinreißen in bunter und glühender werdenden Schilderungen +und Bildern. Die Pyrenäen und Felsengebirge, der Amazonenstrom wie der +Ganges waren, so jung er noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten +gewesen -- auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen, +hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach Spanien +zurückgekehrt, fand der thätige Geist keine Nahrung für sein Streben, +seine Pläne, und der Krieg der Argentinischen Republik mit Monte-Video, +schon die Schilderung jener wilden Reiter der Pampas ließ ihm bald +daheim den Boden unter den Füßen brennen. Noch ein Jüngling fast, hatte +er schon die Thaten und Erfahrungen eines Menschenalters auf sein Haupt +gesammelt, und er konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen. + +»Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue wilde Treiben mit +eigenen Augen zu schauen« -- fuhr er endlich in der Schilderung seines +eigenen Lebens, in die er wie unbewußt hinein gerathen war, und der +Alle, besonders Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort +-- »zog mich die Sehnsucht herüber, einen Bruder hier zu finden -- einen +_Zwillings_bruder, den ich seit meinem zwölften Jahre nicht gesehen und +an dem mein Herz mit all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie +hing, die das Herz zweier solcher Wesen bis zum -- -- ja vielleicht +noch _nach_ dem Tode umschlingt. Leider wußte ich nur, daß er seinen +letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber gehabt, und konnte keine +nähere Adresse von ihm bekommen, dort angelangt, blieben auch eine +Zeit lang alle meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und während +Einzelne den Namen wollten in Monte-Video gehört haben, behaupteten +Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten nach Mendoza, +der fernen Grenzstadt der Republik gesandt worden. Nach allen diesen +Orten schickte ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, daß einer von +ihnen den Bruder doch erreichen und ihm meine Nähe melden möge -- und +-- hahaha -- es ist eigentlich zu komisch, wenn man bedenkt, wie das +Schicksal die Leute manchmal zusammenwürfelt, und welch entsetzliche +fürchterliche Folgen aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief +-- einem _Wort_ entstehen können.« + +Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach, aber die Todtenblässe, +die jetzt seine Züge bedeckte, der starre, kalte Blick, die zitternden +Lippen straften sein Lachen gar furchtbar Lügen. Er hatte auch, wie es +schien, ganz seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze +Weile in den Händen bergend, preßten sich einzelne klare perlende +Tropfen zwischen den fast mädchenhaft zarten Fingern durch. + +Die kleine Gesellschaft saß indeß in schmerzlicher, fast peinlicher +Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst ihm hatte der Freund bis +dahin hartnäckig die frühere Geschichte seines Lebens verschlossen +gehalten, empfand eine unnennbare, ihm selbst unerklärliche Angst, die +Schicksale des Unglücklichen zu hören, die wirklich furchtbarer Art +sein mußten, wenn nur die Erinnerung daran das sonst so eiserne, +unerschrockene Herz des Mannes in solcher Art zu erschüttern vermochte. +Keiner wagte ihn indeß zu stören, und selbst Bill schmiegte sich, +die großen, blauen Augen ängstlich und bestürzt auf den fremden Mann +geheftet, an das Knie der Tante, und sein kleines Herz schlug schneller +in dem Mitgefühl um die fallenden Thränen. + +Endlich, wohl nach fünf Minuten, in denen nur das monotone Ticken der +großen Wanduhr die fast feierliche Stille unterbrochen, fuhr der +Erzähler, die Hände langsam senkend und stier dabei vor sich nieder +sehend, mit leiserer Stimme, die aber in der Erzählung selber bald +wieder zu der frühern Lebendigkeit anwuchs, fort: + +»Drei Monate später erhielt ich endlich Antwort auf eines meiner +Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin der nach Mendoza von mir +gesandte Brief befördert worden war. -- Felipe hatte in einem Jubel +an mich geschrieben, daß wir uns endlich wieder sehen sollten. Er war +glücklich -- in Cordova war ihm Alles geworden, was das Herz nur an +diese Erde zu fesseln vermag: ein treues Weib, ein liebes Kind, und +nicht Worte konnte er finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er +lebe. Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was ihm lieb +und theuer war, den Bruder nach so langen Jahren der Trennung wieder an +sein Herz zu drücken, und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er +in Buenos-Ayres eintreffen würde.« + +»-- Auch ich hatte indessen,« fuhr Don Gaspar nach einer längeren Pause, +in der er seine innere Bewegung gewaltsam niederkämpfte, fort: »ein +Wesen gefunden, dessen Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum +Glücklichsten der Sterblichen machen mußte. -- Der Tag des Wiedersehns +mit meinem Bruder sollte auch am Altar _ihre_ Hand in die meine legen +-- der Tag kam -- aber wie sollte er enden.« + +»Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause meiner künftigen +Schwiegereltern einen Cavallero aus- und eingehen sehen, dessen Betragen +gegen meine Braut mir nicht gefiel -- mich selber behandelte er dabei +ganz mit dem Eigendünkel der südamerikanischen Raçe dem spanischen Blut +gegenüber, und nur die Gegenwart meiner Schwiegereltern hatte schon +zweimal verhindert, daß es zu harten Worten und vielleicht härteren +Thaten zwischen uns gekommen.« + +»So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an, und mancherlei +Geschäfte, die mich an dem Tag auf der Straße hielten, Einkäufe und +Besorgungen, veranlaßten mich, in eine Pulperia[12] zu treten, und ein +Glas Wein zu trinken -- ich wollte eine Erfrischung finden -- und fand +den Tod.« + + 12: Schenkwirthschaft. + +»In der Pulperia stand, ohne daß ich ihn anfangs bemerkte, ich hätte ihn +sonst an _diesem_ Tage vermieden, jener Argentiner im eifrigen Gespräch +mit einem anderen -- einem anerkannt schlechten Subjekt, das als +Werkzeug schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein. Was +der Inhalt ihres Gesprächs gewesen, weiß ich nicht, soviel ist gewiß, +ich hatte kaum Platz an einem der Tische genommen, als sich ihre +Aufmerksamkeit auf mich lenkte und sie mit meinen nächsten Nachbarn ein +lautgeführtes Gespräch begannen, das mich nicht gleichgültig lassen +_konnte_. Es galt mein _Vaterland_, und so fest ich auch gewillt war, +gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob angelegten Plan, mich zu +reizen, errieth, den Saal zu verlassen, fielen doch bald Äußerungen, +die es mir unmöglich machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden +Argentiner besonders, beides wenigstens äußerlich fanatische Anhänger +des Diktators, schmähten meine Nation auf eine so nichtswürdige und +perfide Weise, daß ich endlich gar nicht mehr umhin konnte, ihnen zu +antworten -- ich hätte Fischblut in den Adern haben müssen. Ein Wort +aber gab das andere, im vollsten Übermuth trieben es meine Gegner mit +Gewalt zum Äußersten, und der nächste Morgen -- mein Hochzeittag +-- wurde dazu bestimmt, unseren Streit auszugleichen. Noch an dem +nämlichen Nachmittag aber überfielen mich die beiden Schurken +meuchlerischer Weise, und nur meinem guten Glück hatte ich es zu danken, +daß der erste nach mir geführte und jedenfalls tödtlich gewesene Stoß an +meiner Uhr abglitt, während der Mörder von meiner Hand fiel. Der andere, +der mich rasch wieder gerüstet und seinen teuflischen Plan vereitelt +sah, wollte jetzt entfliehen -- aber ich war flüchtiger als er. Das Blut +zum Sieden getrieben -- die blanke Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn +durch mehrere Straßen, mehr und mehr ihm nahekommend. -- Vergebens war +sein Hülferuf, die Leute wagten nicht, dem bewaffneten Verfolger in den +Weg zu treten, und in demselben Augenblick, als er an der einen Ecke +erschöpft und matt zusammensank« -- Don Gaspar schwieg einen Augenblick, +und setzte dann tonlos hinzu -- »traf mein Stahl sein Herz!« + +»Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wußte ich, was ich gethan, +begriff aber auch zugleich die Gefahr, in die ich mich selber dadurch +gebracht; die Henkersknechte des Diktators waren schnell in der +Vollziehung rascher gegebener Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich +mich länger sicher wähnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl, wie +in der That selber erkannt und auch schon umstellt worden. Meine Waffe +brach mir aber auch hier Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus +flüchtend, brachte ich meine Verfolger auf die falsche Fährte.« + +Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht aus dem Bereich +jeder Gefahr bringen; oben in der Boca[13] lag ein kleiner Nachen -- ich +kannte die Stelle genau, und auf der Außenrhede ankerte ein spanisches +Kriegsschiff -- einmal dort an Bord, und Rosas sämmtliche Macht hätte +mir kein Haar meines Hauptes krümmen können. Vorher aber mußte ich +meinem Bruder Nachricht von mir geben; was kümmerte mich die Gefahr, +der ich mich dabei aussetzte, und meinen Versteck wieder verlassend, +wanderte ich, in meinen Pancho dicht eingehüllt, langsam, um keinen +Verdacht zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo man mich jetzt, +da ich vor mehreren Stunden gerade in einer entgegengesetzten Richtung +geflohen, auch schwerlich vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren +die Straßen heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend +etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine Ecke biegend, +hörte ich, wie ein Gaucho zum anderen lachend sagte: + + 13: Ein kleiner Fluß, der in den La Plata dicht unter Buenos-Ayres + mündet. + +»Sie haben ihn, #amigo# -- #caramba#, er wollte sich noch verantworten, +aber die gnädigen Mashorqueros lassen sich nicht auf Erklärungen ein -- +er sieht jetzt aus, als ob er sich beim Rasiren geschnitten hätte.« + +»Mir stockte das Blut in den Adern, ich wußte nicht weshalb, aber wie +ein elektrischer Schlag rührte mich das flüchtige Wort, und anstatt +jeder Beobachtung so rasch als möglich zu entgehn, und das nur kaum noch +fünfzig Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht +wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug ich, mein Gesicht +nur soviel als thunlich mit dem Pancho und breitrandigem Hut verdeckt, +den mir nächsten Burschen, _wen_ sie gefangen und ermordet hätten?« + +»Wen? -- #caracho#,« sagte der grimmige Gaucho lachend, »wen anders, als +den Hund von Spanier, der heute Morgen zwei wackere Männer der Föderation +meuchlings überfallen und ermordet oder doch bös getroffen hat.« -- »Und +sein Name?« -- mein eigener donnerte mir ins Ohr, und während sich +die Straße mit mir zu drehen begann, weiß ich nur, daß ich dem Orte +zustürmte, wo die Leiche lag. + +»Und dort?« -- frugen die Zuhörer in tödtlichster Spannung wie aus einem +Munde -- denn der Erzähler saß mit stieren Blicken, den rechten Arm +vorgestreckt, als ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen sähe, +regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden, fast unheimlichen +Glanz. Plötzlich aber, als ob er fühle, daß aller Augen angst- und +erwartungsvoll auf ihn gerichtet seien, fuhr er empor, und den Blick +rasch und forschend im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem +Thränenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen Wangen und +hochklopfendem Herzen gegenüber saß und jedes Wort von seinen Lippen +in peinlicher Spannung aufgesogen hatte. Erst seinem Blick begegnend, +senkte sie den ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang +wie träumend zu ihr hinüberschaute, strich sich plötzlich die schwarzen +krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend war es fast, als ob er +ein schweres, furchtbares Gewicht von seiner Brust gewälzt hätte. + +»Und dort? -- wen fanden Sie dort?« rief aber jetzt noch einmal die +alte Mrs. Newland und auch Leifeldt, der hinzutrat und die Hand auf des +Freundes Schulter legte, wiederholte leise die Frage. + +»Dort?« lachte aber Don Gaspar, dem in diesem Moment schon wieder der +alte kecke Übermuth aus den Augen blitzte, »dort? -- wie mir scheint +hätte ich Schauspieler werden sollen -- hahaha -- habe ich mir doch nie +im Leben solch ein Talent zum Erzählen zugetraut -- wahrhaftig, Señora, +Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die Señorita hat Thränen in den +Augen.« + +Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend, sagte er mit leiserem, +fast bittendem Ton: + +»Zürnen Sie mir nicht, Señorita, ich wollte weder Sie noch die lieben +Ihrigen betrüben -- nur zerstreuen, habe es aber, wie ich sehe, ganz +falsch angefangen. Nicht wahr, ich wäre alt genug, vernünftig zu +sein, und doch plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu größerer +Bequemlichkeit mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis aufs Blut +solch närrische Streiche zu spielen -- aber ich muß nachher dafür büßen, +wenn ich sehe, welch Unheil ich angerichtet habe« -- setzte er weicher +hinzu. + +Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des Ganzen überrascht, daß +sie im ersten Moment in der That gar nicht wußte, ob sie weinen oder +lachen solle, ein Blick in die Augen des Fremden aber machte sie auch +wieder stutzen -- dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn, +gräßliche Geschichten zu erzählen und das Blut seiner Hörer erstarren zu +machen -- ein furchtbares Geheimniß schlummerte hinter diesen dunklen +Sternen, und welchen gewaltigen Kampf mußte es ihm kosten, das jetzt mit +solcher Macht und Ruhe niederzuhalten. + +Das schöne Mädchen ließ ihre Hand in der des Bittenden länger, als sie +selbst wohl wußte, und als sie ihm dieselbe endlich, und nur langsam +entzog, begegnete Don Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend, +halb zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, lächelte aber, +als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte und fest drückte. + +»Nein, so 'was!« rief aber jetzt die alte Dame in größtem Erstaunen, +-- »segne meine Seele Herr -- und das war eine bloße _Geschichte_, und +so natürlich, daß Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufhörte und der +Athem still stand in der Brust -- aber Mr. Gaspar, das müssen Sie uns +künftig vorher sagen, daß Sie's nicht so ernsthaft meinen; man weiß ja +wahrhaftig sonst gar nicht mehr, woran man ist.« + +Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte Hand mit seiner +linken, und dessen Arm mit seiner rechten Hand gefaßt -- es war fast, +als ob er ihm noch etwas sagen wollte vor allen Andern -- als ob er +sich gerade bei ihm rechtfertigen müsse, aber er machte sich auch von +ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend, der ihm +entgegentrat, schüttelte er ihm herzlich die Hand und sagte, leicht mit +dem einen Auge dabei blinzend: -- »nicht wahr, Sir, Sie wußten, wo ich +hinaus wollte.« + +»#I'll be damned if I did,#«[14] rief aber der alte Herr treuherzig, die +ihm dargebotene Hand aus Leibeskräften schüttelnd -- »nicht die Probe +davon, so wahr mein Name Newland ist -- hielt die ganze Geschichte für +baare Münze und meine Seele dachte nicht daran, daß Sie Spaß machen +könnten -- haben aber ein famoses Talent, und wenn Sie das so auf dem +Theater von sich geben könnten wie hier, Sie müßten reich dabei werden.« + + 14: Will verdammt sein, wenn ich's gethan habe. + +»Ach, das ist ja gerade unser Unglück auf dieser Erde,« lachte Don +Gaspar dagegen, »daß wir eben in der Jugend noch nicht selbstständig +handeln können, oder _wenn_ wir es könnten, doch nicht im Stande +wären, der Bahn mit den Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und +weitdehnend vor uns ausgebreitet liegt -- hat aber die _Erfahrung_ erst +ihre Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gewöhnlich zu spät, +noch einen neuen Lebensweg zu wählen, und wir mühen uns verstimmt und +unmuthig auf der, freilich selbst betretenen, breiten und staubigen +Heerstraße hin, während links und rechts abzweigend, und doch alle +demselben Ziel entgegenführend, die schattigsten, blumenreichsten Gänge +und Pfade liegen -- wenn die Chausseegräben nur nicht so verwünscht +breit wären.« + +Mit rascher Wendung führte er seine ihn noch immer halberstaunt halb +mißtrauisch betrachtenden Zuhörer wieder auf das erste Feld der +Unterhaltung zurück; kleine interessante Züge aus seinem Leben, mit +einer ganz eigenthümlichen Mischung von Humor und Ernst vorgetragen, +weckten dabei bald wieder ähnliche Erinnerungen bei den Freunden, und +ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gespräch wieder allgemein und +lebendig geworden, und man lachte und erzählte sich noch bis spät in die +Nacht hinein. + +Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund wieder auf die +Geschichte seines Lebens zurückzubringen, aber der hielt ihm nicht +Stand, sprang rechts und links ab, und war gerade heute so voll von +tollen, lustigen Einfällen, daß es unmöglich schien, noch ein ernstes +Wort mit ihm zu reden. + + + + +7. + +Der Verdacht. + + +Die nächsten drei Tage war Don Gaspar übrigens nicht zu bewegen, seinen +Besuch bei Newlands zu wiederholen, trotzdem sogar, daß ihm Leifeldt +eine förmliche Einladung dorthin brachte -- er entschuldigte sich mit +einem peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag am +Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. Er war auch still +und schweigsam dabei, und es schien fast, als ob nach einer zu starken +Aufregung jenes Abends eine Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht +einmal die Mühe geben wollte, von sich abzuschütteln. Bei Newlands +dagegen, bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich die Unterhaltung +drehte, und mochte das Gespräch, nach welcher Richtung es wollte, sich +gewandt haben, der erste Schritt im Hause unten, das zufällige Öffnen +oder Schließen einer Thür, brachte fast stets die Worte: »Sollte das Don +Gaspar sein?« -- Leifeldt war auch schon mehrfach gefragt worden, wie +und wo er den Freund kennen gelernt habe, wußte aber die Frage immer +zu umgehen und suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu +bestärken, Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gräßlichen +Geschichte -- wo sie ja nicht anders denken konnten, als sein +Zwillingsbruder sei für ihn erschlagen worden -- einen freilich etwas +entsetzlichen Spaß gemacht, während Jenny dagegen eben so bestimmt +behauptete -- und Leifeldt pflichtete ihr im Herzen schon fast bei +-- der Schluß des _wahren_ Vorfalls sei ihm selber so furchtbar +vorgekommen, daß er sich gescheut habe, sie mehr zu ängstigen, und +lieber Alles das gewaltsam niederkämpfte, was ihm in dem Augenblicke +sicher drohte die Brust zu zersprengen. -- Der arme Mann, was mußte er +seit der Zeit heimlich gelitten und mit sich herum getragen haben. + +Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder das Haus der Newlandschen +Familie, und dießmal bat er sich Leifeldt selber zur Begleitung an. +Wenn die alten Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf +seine frühere Erzählung -- bei der sie ihn versicherten, wie sie ihn +vertheidigt hätten, zurückkamen, wußte er ihnen doch immer geschickt +auszuweichen, und es war so augenscheinlich, daß ihm selbst eine +Berührung jenes Abends wehe that, und Leifeldt wie Jenny suchten +daher das Gespräch in anderer Richtung zu leiten und zu halten. + +Von da an war Don Gaspar ein täglicher Gast in Newlands Haus, und +während Leifeldt jetzt mehr und mehr Beschäftigung bekam, wie das +Zutrauen in der Stadt zu ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln +und Bahn brechen konnten, saß er oft stundenlang mit Jenny am Schachbret, +las irgend ein Buch mit ihr, oder erzählte den alten Leuten Abentheuer +und Scenen aus seinem wunderbar bewegten Leben. + +Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. -- Ruhe und +Friede schien in sein Herz eingekehrt, und was er auch früher gelitten +und ertragen haben mochte, eine freundliche Gegenwart glättete +die schmerzgefurchte Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in +erkünsteltem, sondern in wirklichem Glück. Er zeichnete dabei kein +einziges Glied des kleinen Familienkreises aus -- fand er den alten +Herrn allein, so saß er stundenlang mit ihm da und plauderte von Jagd +und Ackerbau, von Viehzucht und Weinbau, für den sich der alte Gentleman +besonders interessirte, und von der See und der fernen Heimath, -- war +die alte Dame gut aufgelegt dazu, und das geschah oft, so ging er eben +so gern auf all die wunderlichen Kapitel ein, die sie, nach alter +Gewohnheit, vor ihm herauf zu beschwören wußte, -- dann erzog er mit ihr +Kinder und mästete Gänse, legte einen Garten an, oder diskutirte die +Vorzüglichkeit des javanischen vor dem brasilianischen Kaffee. -- Mit +Jenny war er derselbe, ihre Nähe schien aber einen besonders wohlthätigen +Einfluß auf ihn auszuüben, kein wildes, aufloderndes Wort kam über seine +Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr befand, was ihm sonst doch +sogar in Gegenwart der alten Dame manchmal passirte, die aber ihre +Freude daran hatte und dann immer meinte, es thäte ihrem alten Herzen +ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend zu sehn und ihren +Geist daran zu erwärmen. Aber auch selbst Jenny vergaß er manchmal, wenn +ihm gerade die Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun mit +Bill in ausgelassener Fröhlichkeit in Haus und Garten herumtollte, daß +selbst das Kind ihn manchmal ganz ehrbar bat, nicht einen solchen +Spektakel zu machen, sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder +ein Märchen zu erzählen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und +auszuspinnen wußte. + +Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich Don Gaspar +von _Allen_ aufgenommen wurde, so erkannte das scharfe, so leicht +mißtrauische Auge der Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau +selbst vor den Übrigen einräumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte +Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke an eine solche +Möglichkeit aufstieg. Er war allein mit Jenny gewesen, und neben ihr +sitzend hatte er angefangen von seinen Plänen und Hoffnungen zu +plaudern, wie ihn das Glück hier in Valparaiso so weit über Erwarten +begünstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen könne, in der +es ihm möglich sein würde, einen _eigenen Heerd_ zu gründen. Das Herz +lag ihm heute auf der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem +holden Mädchen seine Liebe zu gestehen, und sie -- nicht um ihre Hand +zu bitten -- der unbemittelte, junge Arzt durfte noch nicht wagen, das +Geschick eines so lieben zarten Wesens an das seine zu knüpfen, ehe +er ihm mehr als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte +-- aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite +glücklich fühlen zu können, und dann, mit solcher Gewißheit im Herzen, +neuen Anstrengungen und Arbeiten in dem süßen, beseeligenden Gefühl +entgegen zu gehen, das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm +gerade sein ganzes Glück und Heil zu finden. + +Ob Jenny fühlte, daß der bisherige _Freund_ einer anderen Gestaltung +ihres Verhältnisses entgegendränge, -- ob sie diese Erklärung fürchtete, +oder ihr nur ausweichen wollte in mädchenhafter Schüchternheit, aber +sie war unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen zu +besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespräch eine andere, +gleichgültigere Wendung zu geben, als plötzlich der Klopfer unten an +ihrer Thüre ertönte, und gleich darauf des Spaniers rasche Schritte auf +der Treppe gehört wurden. + +»Don Gaspar,« rief Jenny, freudig überrascht von ihrem Stuhle +aufspringend, zugleich aber dem Blick des jungen Schweden begegnend, war +sie Weib genug, zu fühlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan. +-- Das Blut schoß ihr in die Schläfe, und langsam den eben so rasch +verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie leiser hinzu: »Er wird +sich freuen, Sie hier zu finden.« -- + +Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und das Gespräch drehte sich +um gleichgültige Gegenstände; von dem Augenblicke an aber war der Same +des Mißtrauens, der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche Herz des +jungen Schweden gefallen, und schlug seine breiten Wurzeln da und wühlte +und nagte in all seiner wachsenden Stärke und Furchtbarkeit. + +Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen -- je +freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn wurde, desto mehr zog er +sich vorsichtig in die innersten Vesten seiner eigenen Brust zurück, +denn was bis dahin seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen, +erschloß sich plötzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick mit tödtlicher +Schärfe. -- Er sah, Jenny liebte den Freund, und das war der Todesstoß +all seiner süßen, so heimlich und treu gepflegten Hoffnungen und Träume +-- das der Sturz seiner liebsten, seligsten Pläne. + +Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen, der Jungfrau wie +dem Freund gegenüber, vollkommen gleich; oft sahen sie ihn zwei oder +drei Tage nicht, die er in der Nähe Valparaisos verbrachte -- sein +Lieblingsplatz war dann die Seeküste, von wo aus er halbe Tage lang +kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte er endlich zurück, so +betrug er sich gerade, als ob er nicht einen Augenblick abwesend gewesen +wäre und irgend vermißt sein könnte. + +Nicht so Jenny; -- wie unbewußt sie sich auch bis dahin ihrem Herzen +überlassen, so war sie seit jenem Abend, wo der erste mißtrauische +Blick des jungen Arztes ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst +gewissermaßen die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und +schüchtern geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr sonst +so heiteres, kräftiges Gemüth umhüllen -- ertödten zu wollen. Das +Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich auffallende Veränderung +selbst in ihrem Aussehen, Jenny leugnete aber, sich anders, als +vollkommen wohl zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte +Leifeldt erklärte ebenfalls die Blässe der Wangen, den fehlenden Glanz +der Augen für ein leichtes Unwohlsein, das die nächsten Tage wieder +heben könnten. Ach, ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief +ins Herz, und durfte er sagen, was sie verursacht hatte? -- mußte er +nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls die Worte geben? +-- Und Jenny reichte ihm diesmal, als er von ihr ging, die Hand, und +preßte sie leise -- sie sprach kein Wort, aber dieser einzige Händedruck +kündete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im Stand gewesen +-- sie _dankte_ ihm für sein rücksichtsvolles Schweigen -- und er hätte +vergehen mögen vor bitterem Weh. + +So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt rang in dieser Zeit +mit sich, ob er offen zu dem Freunde reden, oder dem Schicksal seinen +ungestörten Lauf lassen solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen +Wesen trieb es ihn, diesem ersten Gefühl zu folgen, immer aber warf +er sich selber wieder ein, daß der Spanier die Liebe des jungen, +engelschönen Mädchens noch gar nicht einmal zu ahnen scheine, und sollte +_er_ es sein, der da mit eigener Hand den Funken in die Pulverkammer +schleuderte? -- Er konnte sich, so oft er sich auch dazu überreden +wollte, es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun übrig +bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu entschließen, und zögerte +damit so lange, bis er sich am Ende selbst wieder einredete, er habe +sich doch vielleicht getäuscht, und noch liege die Möglichkeit vor ihm, +die Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu können. + +So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland hatte in seinem Hause, +diesen Tag zu feiern, eine kleine Festlichkeit angeordnet, zu der, +außer mehreren anderen Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der +Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen waren. + +Dieser begrüßte Don Gaspar wie einen alten Bekannten, -- er wußte ja, +der junge Mann war von Buenos-Ayres herübergekommen, und er selber, dort +geboren, hatte noch zu viel Anhänglichkeit an die Stadt, nicht für +jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben, wenn auch in der +entferntesten Berührung stand. Es war das eine Art Heimweh -- wenn +er sich des Gefühles selber auch kaum bewußt sein mag -- wie es den +Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der Wüsten an die öden +Sandflächen seines Vaterlandes bindet, und Don Guzman war noch dazu ein +gar eifriger Anhänger des Diktators, und freute sich der Erfolge, die +dieser errungen, mit sichtlichem Stolz. + +Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu sein, und so viel +Mal auch Don Guzman versuchte, seiner habhaft zu werden, ihm die +allerneuesten Nachrichten von »der anderen Seite der Cordilleren« +mittheilen zu können, wußte er ihm doch immer wieder zu entgehen, +und dem Gespräch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben. + +Leifeldt dagegen zeigte sich still und zurückgezogen, der Freund hatte +Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit sie das Zimmer betreten hatten, +und der junge Schwede versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden, +die ihm mit immer herberer Pein das Herz durchzogen. + +»Aber Señor Federigo ist heute Abend so mißgestimmt,« sagte endlich die +alte Mrs. Newland, die sich bis dahin fast nur mit Don Gaspar und ihrer +Tochter unterhalten hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt +in ihrem Gespräch vermißte -- »segne meine Seele, ich weiß mich noch +wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie heute den ganzen Abend +gesprochen hätten -- fehlt Ihnen etwas?« -- + +»Nicht das Mindeste,« lächelte Leifeldt, etwas verlegen aufstehend und +sich ihr nähernd -- »aber Sie waren Alle dort so gar lebhaft im Gespräch +begriffen.« -- + +»Und dazu gehören Sie eben so gut, Mr. Leifeldt,« sagte Jenny, +freundlich ihm die Hand reichend -- »wir sprachen eben davon, wie +glücklich wir uns schätzen dürfen, in einem fremden Lande so viele treue +und liebe Freunde gefunden zu haben, und wie dankbar wir dafür unserem +Schicksal sein müssen.« + +»Das Wort _Freundschaft_ ist ein wilder Begriff, Señorita,« erwiederte +aber Don Gaspar rasch -- »und unsere Sprache ist arm, daß wir nicht im +Stande sind, dieß wunderlichste aller Gefühle in seine verschiedenen +Klassen einzutheilen.« + +»Und haben _Sie_ verschiedene Klassen für Ihre Freundschaft, Don +Gaspar?« frug ihn das schöne Mädchen lächelnd. + +»Allerdings,« sagte der Spanier rasch -- »und so streng geschieden von +einander, wie sie das wunderlichste Gefäß im menschlichen Körper -- das +Herz -- zu scheiden vermag -- Freunde, die ihr Leben für mich lassen +würden« -- und er reichte, während er sprach, dem jungen Schweden die +Hand -- »und Freunde, die mich verfolgen mit -- mit ihrer Liebe und mich +gern unter die Erde drücken möchten vor lauter Herzlichkeit -- Freunde, +deren Lächeln schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt, und +Freunde, deren Kuß und Schwur es erstarren machen würde.« + +»Und zu welchen dürfen wir uns da zählen?« frug Jenny leicht erröthend. + +»Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudrücken,« sagte Don +Gaspar mit dem herzlichsten Tone seiner Stimme, und während er die +Hand des Mädchens ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz, +wie es die ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage +gleich durchzuckte; »Sie haben mich hier Alle mit so unendlicher +Freundlichkeit behandelt« -- fuhr der Spanier dabei fort -- »ich +müßte ein Herz von Stein in der Brust haben, könnte es anders für Sie +schlagen, als es thut -- aber unser Gespräch wird zu ernst,« brach er +dann rasch und plötzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die der +Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu -- »da, Mama hat schon +Thränen in den Augen, und der dürfen wir doch wahrlich den heutigen, +fröhlichen Abend nicht verderben.« + +In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und Jenny trat +fast unbewußt einen kleinen Schritt zurück, als ob sie sich der +Aufmerksamkeit der Übrigen entziehen wollte, bis -- Leifeldt wagte den +Gedanken nicht auszudenken und wollte eben an die alte Dame hinantreten, +dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die Hand der Mrs. +Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland mit Don Guzman im eifrigen +Gespräch langsam dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann +jetzt nicht umhin konnte, Miß Newland zu geleiten. Jenny wollte etwas +sagen, als er sich ihr zögernd näherte, aber, ob sie fürchtete, ihm wehe +zu thun, oder nicht das rechte Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und +ließ sich von ihm zur Tafel geleiten. + +»Aber Don Gaspar,« begann hier Don Guzman, der dem Spanier gerade +gegenüber seinen Platz hatte, wie sie kaum ihre Sitze eingenommen +-- »ich habe Ihnen noch gar nicht erzählen können, daß der chilenische +Correo glücklich über die Berge von Mendoza herübergekommen ist, und +die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat; elf Tage war er in der +dritten Casucha[15] drüben im Schnee »verschlossen«, und ihr Chargue[16] +mußte er mit seinen Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu +erhalten -- sie wären beinahe verhungert, und der Temporale[17] soll +furchtbar gewüthet haben.« + + 15: Die kleinen Steinhütten in den Cordilleren, zum Schutz der + Reisenden errichtet. + + 16: Getrocknetes Fleisch, ziemlich der einzige leicht tragbare + Proviant unterwegs. + + 17: Schneesturm. + +»Die armen Menschen,« sagte Jenny mitleidig -- »es ist doch ein +entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen Marsch tollkühn auf's +Spiel zu setzen. Wie Viele sind schon dabei umgekommen, und immer und +immer wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen die Glieder +dem Frost und Hungertode Preis geben.« + +»Und Monte-Video ist immer noch nicht über?« sagte Leifeldt, dem es +wohlthat, gerade in diesem Augenblicke mit dem Fremden ein Gespräch zu +beginnen. + +»Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr halten,« +erwiederte Don Guzman zuversichtlich -- »man spricht zwar von einem +Waffenstillstand, ich glaube jedoch, daß ihn die Unitarier nur +verlangen, zu kapituliren.« + +»Und giebt es sonst nichts Neues in Buenos-Ayres?« frug Mr. Newland +dazwischen, den Argentiner auf ein anderes Kapitel zu bringen, und nicht +etwa genöthigt zu sein, die fremde Intervention mit ihm zu erörtern +-- »keine neue Revolution, keinen Überfall von Indianern?« + +»Nichts derartiges,« lachte Don Guzman, »Se. Excellenz, der Gouverneur, +hält die Zügel der Regierung zu straff für dergleichen Versuche.« + +»Aber die Indianer haben sich doch schon einige Mal gegen ihn in das +Feld geworfen,« warf Leifeldt ein -- »die einzelnen Gaucho-Hütten +überfallen, ja selbst die Städte bedroht und sogar der Argentinischen +Cavallerie Stand gehalten.« + +»Ist allerdings vorgefallen,« meinte achselzuckend der Konsul, »jetzt +aber sind sie ruhig, und die Grenzbewohner werden wohl nicht wieder von +ihnen beunruhigt werden. Nein, aber etwas anderes hatte die Stadt in +jener Zeit aufgeregt, und es scheint wirklich seit lange Nichts die +Bewohner von Buenos-Ayres in solch Erstaunen versetzt zu haben, als die +Flucht eines Tollen aus einer Irrenanstalt -- die Blätter sprechen fast +von nichts Anderem.« + +»Die Flucht eines Tollen?« riefen fast Alle wie aus einem Munde, und +Leifeldt, dessen Blick wie unwillkürlich Don Gaspar suchte, sah, wie +dieser in völligstem Gleichmuth ruhig, aber kaum bemerkbar vor sich hin +lächelte, und mit der Gabel spielte. + +»Und hat man ihn nicht wieder bekommen?« frug ängstlich Jenny. + +Don Gaspar biß sich auf die Lippen. + +»Nein,« versicherte Don Guzman -- »merkwürdiger Weise ist er mit seinem +Arzte, einem Schweden, Namens Stierna, entwichen, und obgleich man +Anfangs alle Ursache hatte, zu vermuthen, Beide wären an Bord eines +Schiffes gegangen, tauchte doch auch zu gleicher Zeit ein Gerücht auf, +sie wären eine Strecke weit im Innern gesehen worden, und die Behörden, +dadurch irre geleitet, scheinen ihre Spur bis jetzt noch nicht wieder +aufgefunden zu haben.« + +»Heiliger Gott,« sagte Jenny schaudernd und deckte sich dabei ihre Augen +mit beiden Händen -- »ich glaube, ich würde selber wahnsinnig, wenn ich +einem solchen entflohenen Tollen einmal plötzlich begegnete und ihm +nicht mehr entfliehen könnte.« + +»Haben Sie noch nie einen Wahnsinnigen gesehen?« frug Don Guzman. + +»Nie -- und Gott bewahre mich auch dafür,« erwiederte das Mädchen, schon +in dem Gedanken an solchen Fall zusammenbebend. + +»Aber, liebes Kind,« sagte die Mutter -- »es giebt auch viele Leute mit +einem stillen Wahnsinn, denen man es gar nicht so sehr ansehen kann, +und die haben gar nichts Fürchterliches -- nur manchmal werden sie +gefährlich, wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte einmal +ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst Dich wohl nicht mehr +auf ihn besinnen -- er sprang später einmal aus dem Fenster und brach +den Hals.« + +»Es giebt überhaupt wohl keine Krankheit, die in so verschiedenen +Gestaltungen und Variationen auftritt, als gerade der Wahnsinn,« nahm +hier Mr. Newland das Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillkürlich +zu dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast gleichgültig zu +dem Sprechenden hinüberschaute -- »von dem Rasenden,« fuhr Mr. Newland +fort, »der in seine Ketten beißt und schäumt, können wir die Grade +hinunterführen bis zu dem Misanthropen, und während der Eine selbst dem +unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen Gefahr lachend und +muthig entgegen gehen würde, mit unnennbarem, unlöschbarem Entsetzen +erfüllt, treffen wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen +Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum hellen Ausbruch +geführt, schläft in ihm, nur ihm selber fühlbar, bis zu seinem Tode. +Ich bin überzeugt, wir kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne +den Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht nur eines +zufälligen Funkens bedurft hätte, zu lichter Lohe emporzubrennen.« + +»Um Gottes Willen, Väterchen,« bat da das schöne Mädchen -- »sage doch +nicht so Entsetzliches -- es wäre ja gräßlich, in jedem stillen Menschen +einen angehenden Wahnsinnigen fürchten zu müssen -- lachen Sie doch Don +Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir läuft es wahrhaftig schon jetzt +eiskalt über den Körper, wenn ich Sie Alle so _still_ und ernsthaft da +sitzen sehe.« + +»Señor Newland macht sich über uns lustig,« sagte aber der Spanier +lächelnd, indem er sich zu der Jungfrau hinüber bog, »er will mich von +neulich in meiner eigenen Münze bezahlen -- es hat überhaupt einen +eigenen Reiz, sich vor etwas zu fürchten, und von dem Kind an verläßt +uns das Gefühl nicht, bis zum Greisenalter; aber Don Guzman erzählt uns +vielleicht ein wenig ausführlicher, wie es mit der Flucht des Verrückten +zugegangen -- hahaha, ich fange wahrhaftig selber an, mich für den Mann +zu interessiren -- und hat den eigenen Arzt mitgenommen, he?« -- + +»Den Arzt der Anstalt selber,« bestätigte der Argentiner -- »man +begreift eigentlich gar nicht, wie es möglich war, aber der Tolle muß +ihm jedenfalls Versprechungen gemacht haben, und der Doktor ist noch +toller gewesen, sie ihm zu glauben.« + +Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute einen Moment etwas +verlegen vor sich nieder -- es war ihm nicht lieb, daß Don Gaspar so +gewissermaßen muthwillig die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte. +Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht haben, +daß sie selber die Flüchtigen wären, und sogar im schlimmsten Fall +ihrer Entdeckung reichte doch Rosas Arm nicht bis hier herüber, seinen +Gefangenen zurückzufordern; nichts desto weniger brachte es sie in ein +schlechtes Licht und -- die Hauptsache -- in das Gerede der Müßigen, +weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern. + +»Aber in was bestand seine Tollheit?« frug jetzt der Spanier wieder, +ohne den Blick des Freundes zu verstehen oder zu beachten, der ihn +warnen wollte, zu weit zu gehen -- »hat man nicht erfahren können, in +welcher Art sie sich zeigte, daß selbst der Arzt darauf einging oder +getäuscht werden konnte? und _war_ der Mann überhaupt wahnsinnig?« -- Er +bog sich plötzlich vor und schaute den Konsul mit seinen großen dunklen +Augen erwartungsvoll an -- »man hat Beispiele, daß gesunde Menschen, +ihrer etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher Art +eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen und verderben +mußten.« + +»Nein, nein,« rief Don Guzman rasch, »die Beweise lagen hier wohl zu +klar auf der Hand. Vorher scheint irgend eine lange Geschichte gegangen +zu sein, aus der man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so +viel ist gewiß, daß der Kranke irgend einer hochgestellten Person -- es +ist nicht gesagt weshalb -- nach dem Leben trachtete, auch schon in +seiner Raserei viel Blut vergossen haben soll, so daß man allerdings +nicht ohne Besorgnisse war, der Entflohene würde jenen wieder +aufzufinden wissen.« + +»Und diese hochgestellte Person?« frug Don Gaspar lauernd. + +»Wurde nicht genannt,« erwiederte Don Guzman, »Sie wissen, daß die +Zeitungen in Buenos-Ayres unter einer ziemlich strengen Censur stehen, +und die Redakteure befassen sich nicht gern unnöthiger Weise mit +wirklichen Namen, über die sie vielleicht einmal später könnten +aufgefordert werden, Rechenschaft zu geben. Der des Entsprungenen soll +_Morelos_ gewesen sein.« + +»Aber ich werde nun ernstlich böse, wenn Sie nicht die entsetzliche +Unterhaltung schließen,« rief da endlich Jenny -- »ist das ein Gespräch +für ein Familienfest und wollen Sie mir denn mit Gewalt den Abend +verderben?« + +»Aber mein Fräulein --« + +»Keine Einwendungen, Don Gaspar,« rief jedoch die junge Dame in +halb scherzhaftem, aber auch entschiedenem Tone -- »ich will gern +eingestehen, daß ich eine furchtbare, vielleicht kindliche Angst vor +einem Wesen habe, das ohne Geist -- eine wandernde Leiche -- umhergeht, +ich kann nun einmal diesen Gedanken nicht los werden, und wer mir jetzt +eine rechte Freude erweisen will, erzählt eine hübsche und _muntere_ +Geschichte, daß wir die trüben Schatten verscheuchen, die wirklich schon +anfangen sich um uns zu sammeln.« + +»Muntre Geschichten?« rief da Don Gaspar, rasch emporspringend, »da bin +ich Ihr Mann -- hol der Böse das Grillenfangen -- wenn nicht der Humor +manchmal dem Menschen zu Hülfe käme, es säh' schlecht in der Welt aus. +-- Aber der Ernst ist uns trotzdem dabei oft näher als wir denken, und +der Tod schaut ins Fenster, wenn wir glauben die Sonne sei es.« -- + +»Aber Don Gaspar --« + +»Ich kannte einen alten Musikus in Madrid -- hahaha, ich muß jetzt noch +lachen, wenn ich an den alten Burschen denke, und es sind lange, lange +Jahre verflossen, seit sie ihn in sein letztes Bett hinaustrugen -- der +hatte einen unverwüstlichen Humor und eine Gabe zu erzählen, und das +Erzählte mit Akkorden und kurzen Sätzen, Präludien und Nachspielen +seiner Geige zu begleiten, daß man manchmal wahrhaftig gar nicht mehr +wußte, ob er spielte oder erzählte, die Töne schienen mit zu sprechen, +die Worte zu tönen und eine eigene barocke Manier, die er sich angewöhnt +und mit der er das Producirte gewissermaßen von sich abstieß, riß seine +Zuhörer, in ihrem wunderlichen Effekt nicht selten zum stürmischen Jubel +hin. Als ich ihn das letzte Mal hörte, hatte er uns gerade eine Skizze +seines eigenen Lebens erzählt, und während uns die Thränen aus den +Augen liefen, denn er hatte genug erduldet für einen einzelnen +Menschen, schrieen wir auch wieder vor Lachen; und wie er zuletzt mit +dahineingreifenden tollen Akkorden schloß und dazwischen schrie und +spielte, übertäubte das folgende Gelächter endlich jeden seiner Laute +dermaßen, daß er wirklich stillschweigen mußte und eine Zeit lang ruhig +sitzen blieb. -- Als wir endlich wieder zu uns kamen und ihn bitten +wollten, fortzufahren -- war er todt. -- Nein, Señorita -- verlassen Sie +uns nicht!« -- rief er plötzlich, als Jenny eine Bewegung machte, als +ob sie vom Tisch aufstehen wollte -- »ich mache wieder gut, was ich +gefehlt« -- und aufspringend setzt er sich an das offene Clavier, auf +dem er mit einem weichen Andante begann, die Töne aber mehr und mehr +anschwellen ließ und endlich in einem wilden Allegro all die neckischen, +englischen und irischen Melodien einflocht, die sie früher so oft +mitsammen geübt und gesungen hatten. + +Von dem Augenblick an war es auch, als ob ein ganz anderer Geist über +die kleine Gesellschaft komme, Don Guzman, der noch einmal von dem +entsprungenen Tollhäusler anfangen wollte, wurde gleich unterbrochen und +in den Strudel eines anderen Gesprächs hineingerissen und vor Allen Don +Gaspar hatte sich noch nie so liebenswürdig, ja förmlich ausgelassen +gezeigt, als an diesem Abend. Er war unerschöpflich im Erfinden und +Erzählen, und Jenny lachte und jubelte bald mit den Übrigen. + +Es wurde spät und Don Gaspar selber mahnte mehrmals an den Aufbruch, +Jenny aber bat immer wieder, nur noch ein ganz klein wenig zu bleiben, +und des Spaniers Herz hätte müssen von Eisen sein, wenn er solcher Bitte +widerstehen gekonnt. + +Eigenthümlich war dabei das Benehmen Don Guzmans, der anfänglich, und +zwar schon den ganzen Abend hindurch, Don Gaspar stets, wenn er sich +besonders unbemerkt glaubte, aufmerksam fixirte und vorzüglich Leifeldt +dadurch beunruhigte, der nicht mit Unrecht fürchtete, der Argentiner +habe einen, wenn auch vielleicht noch vollkommen unbestimmten Verdacht +gefaßt, der wohl noch durch das anfänglich wunderliche Betragen Don +Gaspars verstärkt werden mochte. Wie aber die Laune desselben sich mehr +und mehr den Abend hindurch entwickelte, schwand auch augenscheinlich +dieses Gefühl, der sonst ziemlich ernste Argentiner wurde freundlich +und zutraulich, und als der Wein erst die Köpfe ein wenig erwärmt hatte, +war er mit dem Spanier so befreundet worden, daß er sich zu ihm setzte, +und die beiden Männer lachten zusammen, daß ihnen die Thränen aus den +Augen liefen. + +Leifeldt wurde allerdings von der lebendiger werdenden Unterhaltung +unwillkürlich mit fortgerissen, aber der einmal gefaßte Verdacht, daß +Jenny nicht ihn selber, sondern den Freund liebe, verbitterte ihm +nicht allein den Abend, sondern füllte sein Herz auch mit recht tiefem, +schmerzlichem Weh. Er wußte es wohl, er hatte es sich schon in den +letzten Wochen nicht mehr gut fortleugnen können, aber immer noch schien +eine schwache Hoffnung ihn über Wasser gehalten zu haben, heute aber +schwand auch diese, und Jennys ganzes Benehmen, jeder schüchterne Blick, +wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- ihr Erröthen, ihr Erblassen in den +Erzählungen seines eigenen Lebens, warfen ein furchtbares, aber nur zu +treues Licht in seine Seele. + +Mit diesem Bewußtsein faßte er nun aber auch den festen Entschluß, +zu dem Freund zu sprechen -- er wollte wissen, was der Spanier zu +thun beabsichtige -- er wollte seine Plane hören, denn nicht an ein +leichtsinnig Spiel dieses Mannes sollte das Herz, das einstige Glück +dieses Mädchens gebunden werden. Erst dieser Entschluß brachte aber +auch seiner Seele wieder die volle Ruhe und jede Schwäche von sich +abschüttelnd, fühlte er, wie er das schöne Mädchen wirklich aufrichtig +genug liebe, ihr freudig das eigene Glück zum Opfer zu bringen und über +ihr künftiges Leben mit treuer Freundes Sorgfalt zu wachen. So in sich +selbst erstarkt, nahm er mehr und mehr an dem Gespräche Theil, und +die alte Mrs. Newland, die ihn besonders in ihr Herz geschlossen, +versicherte ihm noch, bevor sie Abschied nahmen, »daß es ihrer Seele +wohl thäte, den guten Doktor auch einmal wieder so frisch und fröhlich +bei sich zu sehen; -- der Don Gaspar,« setzte sie dann in ihrer +Gutmüthigkeit hinzu -- »ist doch ein herrlicher Mensch, er bringt +Leben und Bewegung in eine ganze Gesellschaft, nur ein Bischen zu toll +treibt er's manchmal, und heute Abend besonders macht er doch die +ausgelassensten Streiche -- segne seine Augen, ich bin ihm ordentlich +gut.« + +Don Guzman mahnte endlich zum Aufbruch -- es war Mitternacht schon +vorüber, und da die drei Männer ziemlich einen Weg hatten, verließen +sie zusammen Mr. Newlands gastliches Dach und wanderten die stille, +menschenleere Straße noch lachend und erzählend hinauf, während hinter +ihnen die Wächter ihren scharfen Pfiff ertönen ließen[18] und die +einsamen, stillen Häuserreihen allein den Ausbruch ihrer lauten +Fröhlichkeit wiedertönten. + + 18: Die Nachtwächter Valparaisos geben einen gellenden Pfiff, + wenn Nachts irgend ein Mann an ihnen vorübergeht; dadurch wird + der nächste Nachtwächter darauf aufmerksam gemacht, daß noch + Jemand auf ist, der eigentlich ins Bett gehörte, erwartet den + Wandernden und giebt dasselbe Zeichen, wenn er an ihm vorüber + gegangen ist. + + + + +8. + +Die Entdeckung. + + +»Aber wissen Sie, liebster Don Gaspar,« sagte endlich der Argentiner, +als sie an einer der Querstraßen-Ecken, wo dieser von ihnen Abschied +nehmen mußte, stehn geblieben waren, das begonnene Gespräch erst zu +beenden -- »wissen Sie, für was ich Sie heute Abend einmal eine ganze +Weile gehalten habe?« -- + +»Nun, Señor?« lachte der Spanier -- »doch nicht etwa für den Bösen +selber, der sich in Menschengestalt einen kleinen Spaß mache und nach +Seelen angele, doch nicht für den Feind?« -- + +»Nein,« sagte Don Guzman lachend. -- + +»Oder für einen spanischen Spion, der vom Mutterlande herüber geschickt +wäre, sich der Colonien wieder zu versichern?« + +»Auch nicht,« lautete die Antwort, »noch schlimmer« -- + +»Noch schlimmer als Teufel oder Spion?« lachte Don Gaspar, »das ist +schmeichelhaft -- und für was sonst noch?« + +»Für den entsprungenen Tollen!« rief Don Guzman, und Alles, was er noch +weiter sagen wollte, erstarb in dem schallenden, dröhnenden Gelächter +des Spaniers, der sich gar nicht wieder zufrieden geben konnte. -- + +»Aber ich versichere Sie, bester Don Gaspar!« -- + +»Hahahahaha!« -- donnerte das dröhnende Lachen dazwischen. + +»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich« -- + +»Hahahahaha!« -- + +Der Argentiner mußte zuletzt selber mit in das Lachen einstimmen, und +anstatt dem Spanier den Grund solchen Verdachtes anzugeben, wie er es im +Anfang beabsichtigt, jetzt nur auf seine Vertheidigung sinnen und sich +entschuldigen, einen solchen Fehlgriff begangen zu haben. Eine kurze +Weile plauderten dann die Männer noch mit einander, und wünschten sich +dann eine gute Nacht, vorher aber lud Don Guzman die beiden Freunde noch +auf das Herzlichste ein, ihn recht bald einmal ebenfalls zu besuchen, +was sie ihm auch fest versprachen. + +Don Guzman betrat gleich darauf sein Haus und Don Gaspar und Leifeldt +wanderten dem ihrigen, beide jetzt still und schweigend, zu. + +Leifeldt hatte überhaupt während der ganzen letzten, so laut und munter +geführten Unterhaltung, nicht ein Wort gesprochen -- es fing ihm an +peinlich zu werden, ihre Flucht von Buenos-Ayres erwähnen zu hören, +und wenn er auch für sich selber nicht die geringsten bösen Folgen +zu fürchten brauchte, hätte er sich hier, in der Stadt zu jenem Fall +bekannt, war ihm doch die ganze Sache fatal, und er begriff Don Gaspars +Leichtsinn und Fröhlichkeit in dieser Hinsicht nicht. Auch sein falscher +Name fing ihm an drückend zu werden und er wußte nur nicht jetzt, wie +ihn abzuschütteln, ohne denen, an deren Meinung ihm etwas gelegen, in +einem falschen Lichte zu erscheinen. + +Zu diesem kam noch der Entschluß, der in seiner Seele kämpfte, Licht und +Erklärung selber von dem Freund, die Geliebte betreffend, zu erhalten, +ein Entschluß, gegen den er noch immer in seinem Innern ankämpfte, +der sich ihm aber mit jeder Minute auch als immer dringender werdende +Nothwendigkeit aufdrängte. + +So erreichten sie ihre Wohnung, Jeder in seinen Gedanken vertieft und +ohne auch nur eine Silbe weiter mit einander zu wechseln, und während +Leifeldt mit untergeschlagenen Armen rasch in dem kleinen Gemach auf- und +abging, hatte sich Don Gaspar in die eine Ecke des Sophas geworfen und +starrte mit zusammengezogenen Brauen vor sich nieder. + +Plötzlich blieb der junge Schwede vor dem Spanier stehen und sagte mit +leiser, aber fester und entschiedener Stimme: + +»Gaspar, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich nicht länger mehr allein +zu ertragen vermag, und es ist nöthig, daß wir uns darüber verständigen, +oder ich gehe in der steten Aufreibung meiner Kräfte und Gedanken völlig +zu Grunde.« + +Don Gaspar erwiederte kein Wort, sondern schlug nur die großen dunklen +Augen staunend und erwartungsvoll zu ihm auf und blieb ruhig und +regungslos in seiner Stellung. + +»Wie stehst Du zu Miß Newland?« fuhr da der Schwede noch leiser fast +fort, und man sah, es hatte ihm schwere Überwindung gekostet, den Namen +endlich auszusprechen. + +»Miß Newland?« sagte aber Don Gaspar erstaunt, und ein eigenthümliches +Lächeln zuckte und blitzte über seine, heute Abend ungewöhnlich bleichen +Züge -- »wie soll ich zu Miß Newland stehn? -- höchst freundschaftlich, +hoff' ich doch.« + +»Eine Umgehung meiner Frage hilft Dir nichts mehr,« rief aber Leifeldt, +durch die, wie er glaubte, angenommene und verstellte Gleichgültigkeit +des Freundes mehr gereizt und in seinem Entschluß bestärkt, »Du kannst +mich nicht glauben machen, daß Dir das schöne Mädchen gleichgültig sei +-- es ist nicht möglich, daß Du blind gegen die Neigung wärest, die +_sie_ für Dich empfindet.« + +»Neigung _für mich_?« rief aber jetzt der Spanier mit wirklichem +Erstaunen und richtete sich auf seinem Sitz empor, »wie kommst Du zu dem +tollen, abenteuerlichen Gedanken? -- Wie kann das Mädchen eine Neigung +für mich empfinden -- -- was kann sie _mir_ sein?« -- + +»Was sie _Dir_ sein kann, Mensch?« -- rief aber der Schwede jetzt durch +die fast wegwerfenden Worte auf das tiefste erschüttert und empört, »was +sie _Dir_ sein kann? -- Heiliger Gott im Himmel, mir hat es Herz und +Seele zerrissen, nur den Gedanken zu fassen, sie aufzugeben, und doch +würfe ich meiner Seele Heil selbst freudig in die Schaale, sie nur +glücklich zu wissen, und Du, Du könntest sie darum an Dich gezogen +haben, nur um sie gleichgültig wieder wie ein Spielwerk, das dem Kinde +genügt, wie eine welke Blume bei Seite zu werfen, ja ohne vielleicht +einmal Freude, ohne eine einzige Regung des Herzens bei der »Tändelei« +gefühlt zu haben?« -- + +»Aber Federigo, Du faselst,« sagte der Spanier, und ein eignes +eigenthümliches Lächeln zuckte plötzlich über seine Züge, -- »oder ich +verstehe Dich auch falsch -- Du meinst doch nicht, daß mich das Mädchen +liebt, und daß ich sie heirathen soll?« -- + +»Allerdings mein' ich das,« erwiederte der junge Schwede mit ernster, +fast tonloser Stimme. + +»Und soll ich mich hier hängen oder in's Zuchthaus sperren lassen?« frug +Don Gaspar laut auflachend. + +»Wie soll ich das verstehn? -- weshalb?« -- + +»Aus sehr einfachem Grunde -- wie viel Frauen kann ein Mann in diesen +Südamerikanischen Republiken nehmen?« frug Don Gaspar und stellte sich, +die Arme auf der Brust in einander geschlagen, den Kopf auf die linke +Seite geneigt, mit einem komischen Spotte in den Zügen vor dem Schweden +hin. + +»Wie viel Frauen? -- natürlich nur _eine_ -- _bist_ Du denn aber schon +verheirathet?« rief der Schwede in unverhehltem Erstaunen. + +Eine wunderbare Veränderung ging bei dieser Frage in den Zügen des +Spaniers vor -- zuerst schoß ihm das Blut in Wange und Stirn, als ob es +die Adern zu durchbrechen drohte, und im nächsten Augenblick ließ es ihm +das Antlitz so weiß und kalt, daß die schwarzen großen Augen unheimlich +und wild unter der todtenbleichen Stirn hervorglühten; dann strich er +sich ein paar Mal mit der flachen Hand über die Stirn, und es war fast, +als ob er gegen ein in ihm erwachendes, aufdrängendes Gefühl stark und +gewaltsam anzukämpfen suchte, -- er schien auch des Freundes Frage ganz +überhört zu haben, gab wenigstens keine Antwort, und erst, als dieser +dieselbe wiederholte, lachte er plötzlich still vor sich hin und sagte, +die Hand auf des Arztes Schulter legend, leise und zutraulich -- + +»Versteht sich, Freundchen, versteht sich -- aber -- man spricht nicht +gern davon. Eine Frau ist ein liebenswürdiger Gegenstand zu Hause, doch +höchst unbequem auf der Reise, und -- man läßt sie deshalb lieber, wo +sie am liebsten ist.« + +»Aber wie ist mir denn, in des Himmels Namen,« rief der junge Arzt +verstört, »hast Du mir denn nicht früher gesagt --?« + +»Pst, Freund,« flüsterte der Spanier und lauschte nach dem Nachbarzimmer +hinüber, als ob er fürchte, von dort behorcht zu werden, »ich will Dir +die ganze Geschichte mit wenigen Worten erzählen, -- es ist freilich +schon spät, aber wir sind Beide jetzt zu aufgeregt, schlafen zu können +und -- heute ist so gut eine Zeit dafür, wie jede andere.« -- Und seine +Hand ergreifend, führte er ihn zum Sopha und begann, sich an seiner +Seite niederlassend, auch rasch und ohne weitere Vorrede dem staunenden +Freund sein bisher so sorgfältig verschlossen gehaltenes Innere zu +öffnen. + +»Wenn ich nicht irre,« sagte er, und strich sich dabei sinnend mit der +linken Hand die Stirn, -- »habe ich schon früher einmal angefangen, Dir +einen Theil meiner Lebensgeschichte zu erzählen -- wir wurden damals +unterbrochen, ich habe vergessen durch was, -- Du weißt jedenfalls, +daß mein Bruder damals statt meiner von Rosas Henkern ermordet oder +gerichtet wurde.« -- + +»Dein Bruder? -- also doch?« -- rief der Arzt schaudernd. + +»Also doch?« wiederholte Don Gaspar, »allerdings; Du hättest dabei sein +sollen,« fuhr er plötzlich lebhafter fort, und die Hand deutete, dem +stieren Blick folgend, in die Ecke des Zimmers -- »Du hättest dabei sein +sollen, wie sie den Mantel zurückschlugen, unter dem die Leiche lag, und +ich in den starren, blutigen Zügen den _Bruder_ erkannte, den ich seit +meinem zwölften Jahre nicht gesehen, und jetzt _so_ -- _so_ -- für +_mich_ geschlachtet, wiederfinden sollte. -- Du hättest dabei sein +sollen, wie sie aufschrieen, als sie dasselbe Gesicht _lebend_ zwischen +sich sahen, das entstellt, entseelt vor ihnen im Schmutz der Straße lag +-- hahahaha, ich müßte jetzt noch lachen, wenn mir nicht eben das Blut +in den Adern erstarrte.« -- + +Er schwieg erschöpft still, stützte die Stirn viele Minuten lang in +beide Hände, und fuhr dann, während ihn Leifeldt mit ernstem, +mitleidigem Blick betrachtete, leiser noch und langsamer fort: + +»So lag ich -- ich weiß nicht wie lange, auf der Straße, unter dem +blutigen Tuch, und erst gegen Abend trugen sie mich hinaus und begruben +mich -- ich glaube aus besonderer Rücksicht -- unter einem alten +Ombubaum an der Boka.« -- + +»_Dich_?« rief Leifeldt überrascht -- »Deinen Bruder!« + +»Mein Bruder? -- ja ich weiß nicht, was mit dem gleich wurde -- ich hatte +damals zu viel für mich selbst zu denken,« murmelte der Unglückliche mit +halblauter Stimme und fast nur wie mit sich selber redend -- »aber +da ich die beiden Argentiner ermordet hatte (und wir Beiden uns so +entsetzlich ähnlich sahen), doch aber nun leider einmal todt war, so +begruben sie mich auch eben, und das Einzige, was ich mir bis jetzt noch +immer nicht so recht erklären kann,« fuhr er, den Finger wie überlegend +an die Nase bringend, fort -- »ist, daß ich nachher -- aber ich weiß +nicht mehr wie lange -- Trauer anlegte in der Stadt und zu meinen +Schwiegereltern ging, ihnen die schmerzliche Nachricht von dem Tod +meines Bruders, der sich thörichter Weise in ein Duell mit zwei +Argentinern eingeladen, mitzutheilen. Ich erinnere mich noch« -- setzte +er unheimlich lächelnd hinzu, -- »wie toll sich meine Frau damals +gebehrdete -- wie sie mich von sich stieß und ein alter Mann mir den +Eingang verwehren wollte -- ich warf den alten Mann damals aus dem +Fenster und ich glaube, er hat den Hals gebrochen, ich habe ihn +wenigstens niemals wiedergesehn, aber auch einen Fremden fand ich bei +ihr im Hause -- wahrhaftig, einen der Burschen, die ich auf der Straße +todtgestochen -- und die _Teufel_ schrien mir zu, das sei ihr Mann. -- +Ich wollte ihm um den Hals fallen -- hahahahaha -- aber sie litten es +nicht -- eine Menge Menschen kamen dazwischen, und ich glaube -- ich +glaube, ich ging wieder nachher hinaus unter den Ombubaum, aber das +Alles liegt mir jetzt nur noch, einem Chaos gleich, im Gedächtniß.« + +»Die Bilder davon schwimmen zusammen, steigen oft zu riesigen +Bergmassen auf, daß ich fürchten muß, sie würden mich unter ihrer Last +zusammenpressen, und schwinden dann wieder zusammen, daß das Auge den +winzigen, blitzschnell kreisenden, schwingenden Dingen kaum zu folgen +vermag.« + +Er schwieg einen Augenblick und die Stirn in den, auf den Tisch +gestützten Arm werfend, lehnte er wohl eine halbe Minute regungslos +da und schien die wild heraufbeschworenen Bilder seiner Phantasie +zurückdrängen zu wollen in ihr altes, ruhiges Bett. Leifeldt aber saß +mit sträubendem Haar und peinvoll schlagendem Herzen neben dem Freund +-- das Blut schien seine Adern, das Leben seine Glieder verlassen zu +haben, und nur den stieren Blick auf die zusammengebrochene Gestalt +des Unglücklichen gebannt, hellte sich zum ersten Mal seinem Auge +der wirkliche Zustand des Mannes, den er selber wieder in das Leben +eingeführt, und die furchtbare Gewißheit, einem _Wahnsinnigen_ gegenüber +zu stehen, trieb ihm das Blut in rasenden Schlägen zum schreckerfüllten +Herz zurück. + +Don Gaspar sah aber nicht den auf ihm haftenden Blick des Entsetzens, ja +er schien die Nähe einer anderen Person fast ganz vergessen zu haben und +fuhr nur, wie zu sich selber sprechend, leise fort: + +»Es war nicht hübsch von Constancia -- ein falscher -- falscher Name +-- es war nicht hübsch von ihr, mich so bald zu vergessen, aber wart +Bursche, wart -- Du hast ihr trügerische Geschichten in's Ohr geraunt, +meine Briefe unterschlagen, meine Existenz verleugnet -- hast sie +fortgeschleppt in die Fremde und mich selber in Ketten und Banden +geworfen und Dein alter Name, Don Luis de Gomez schützte Dich in der +Zeit in Deiner Verrätherei, aber jetzt -- hahahaha -- bin ich frei, +frei, frei« -- und er sprang empor bei den Worten und seine Augen +blitzten und funkelten in wildem wahnsinnigen Feuer -- »frei wie der +Tiger, der in dem dunklen Waldesschatten seiner Beute geduldig, aber mit +wilder Gier entgegenharrt -- frei wie der« -- er schwieg plötzlich, denn +sein Blick fiel in dem Moment auf das stiere, blaue Auge des jungen +Schweden, das ihn fest und entsetzt fixirte, und als ob der Blick eine +förmlich magische Gewalt über ihn ausgeübt habe, sank er still wieder in +sich selbst zusammen und schaute erst vor sich nieder und dann empor und +umher, wie ein Mann, der plötzlich aus einem schweren Traum erwacht, +und sich wachend müht, die eben geschauten Bilder zu halten und dem +lebendig gewordenen Auge zu bewahren. + +»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken,« sagte er plötzlich +aufstehend, und mit beiden Händen gegen seine Schläfe gepreßt, im Zimmer +auf- und abgehend -- »er bekommt mir nicht, und macht mir das Blut +schwer und unbändig -- nicht wahr, es ist spät, Federigo?« -- + +Er hatte diese Worte gesprochen, ohne dem Blick des Freundes auch nur +in einem Moment wieder zu begegnen, und das Auge des Arztes war ihm in +stummen Staunen durch den Raum auf und ab gefolgt; aber zu plötzlich, zu +unerwartet kam diese Änderung des eben noch so furchtbaren Zustandes +-- der Übergang fehlte zwischen den beiden Extremen und Leifeldt, sich +selber kaum bewußt, was er sagte, flüsterte nur halblaut: + +»Constancia!« + +Der Name wirkte mit Blitzesschnelle auf den Spanier -- er blieb stehn, +sah den Freund rasch und forschend an, und sagte dann lächelnd: + +»Constancia? -- wie kommst Du auf _den_ Namen?« + +»Und nanntest Du ihn nicht selber?« frug der Schwede. + +»Ich?« -- rief Don Gaspar, jedenfalls mehr erschreckt als erstaunt, +»_ich_ hätte den Namen genannt? -- und doch, ja -- es ist möglich; -- +das sind ja die alten wunderlichen Ideen, die sie mir in Buenos-Ayres +andichten wollten, und so lange haben sie mir den Unsinn vorerzählt, bis +ich beinah dazu getrieben gewesen wäre, jene Wahnsinn herausfordernden +Gedanken auch selber zu glauben. -- Aber es ist spät, Federigo, wir +wollen morgen wieder früh aufstehn, und da taugt das lange Schwärmen +nichts gute Nacht, Federigo, gute Nacht,« -- und das eine Licht, das +noch unangezündet auf dem Tische stand, an dem anderen entzündend, +reichte er dem Freunde, wie er das alle Abend that, die Hand, und +verließ dann langsam das Zimmer -- aber er vermied seinen Blick -- er +wandte den Kopf nicht wieder um, als er ging. + + + + +9. + +Entschlüsse und Pläne. + + +Der junge Arzt stand wie in den Boden gewurzelt, den stieren Blick noch +immer auf die Thür geheftet, als schon jener das Zimmer lange, lange +verlassen, und es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe er sich nur selbst +genug zu fassen wußte, alles das zu _begreifen_, was in der letzten +Stunde mit ihm vorgegangen; erst dann aber war es, daß er das ganze +Entsetzliche seiner Lage begriff, und sich, vernichtet, in einen Stuhl +werfend, barg er das Antlitz in den Händen und schluchzte laut. + +Was ihm, ein dunkler, furchtbarer Verdacht, nur manchmal wie das kalte +Wetterleuchten einer Schneenacht durch die Seele gezuckt -- was ihm +selbst dann, wo er den Gedanken von sich warf in wilder Hast, in den +wenigen Momenten das Herz mit Furcht und Entsetzen erfüllte -- es war +Wahrheit geworden, und mit flammenden Buchstaben stand es vor seinem +inneren Auge, was er mit leichtgläubigem, thörichtem Herzen gethan. + +Einem Wahnsinnigen hatte er zur Flucht aus dem Krankenhaus geholfen +-- einen Wahnsinnigen eingeführt in den stillen Familienkreis der +Freunde, und Jenny -- heiliger Gott und Erbarmer -- Jenny war elend +geworden durch ihn, durch ihn, der sein Leben mit Freuden hinausgeworfen +hätte, ihr eines Jahres Glück dafür zu kaufen. + + * * * * * + +Er verbrachte die ganze Nacht damit, im Zimmer auf und ab zu gehen und +Pläne zu ersinnen, all dem Unheil vorzubeugen, das er selber muthwillig +heraufbeschworen -- Pläne, die er wieder verwarf, wie sie kaum in +ihm aufgestiegen und er fürchtete selbst den anbrechenden Tag, der +vielleicht schon die Entwickelung des Entsetzlichen mit sich bringen +konnte. + + * * * * * + +Was sollte er thun, wie dem tödtlichen Pfeile wehren, der, einmal der +Sehne entflogen, in wilder Flucht seinem Ziele entgegenstrebte? -- Sich +selber den Gerichten entdecken? bekennen, was er mitleidigen und selbst +getäuschten Herzens gethan und den Wahnsinnigen wieder in die Gewalt +einer Anstalt liefern? es war das Einzige, was ihm, so viel er sinnen +mochte, vernünftiger Weise zu thun übrig blieb, und doch sträubte sich +immer und immer wieder sein Herz gegen solche Maaßregel der Gewalt, die +den Unglücklichen, mit dem er nun einmal Freud und Leid so lange Monate +getheilt, auf's Neue in die Mauern eines Kerkers, vielleicht in die +alten Räume zurückwerfen mußte, und hatte er da nicht die Gewißheit, das +endlich im furchtbarsten Maaße zu werden, was jetzt doch noch möglicher +Weise durch treue Freundeshand geheilt, oder wenigstens gemildert werden +konnte? -- + +Und Jenny -- mußte ihr nicht das Herz brechen, wenn sie den Geliebten +-- _Geliebten_? einen Wahnsinnigen -- arme, arme Jenny. + +Er wollte fliehen, aber war nicht gerade jetzt seine Gegenwart es +allein, die noch vielleicht Unglück und Verderben von bedrohten, +_lieben_ Häusern abwehren konnte? er wollte hin zu Newlands, und sie von +dem Schrecklichen in Kenntniß setzen, und fürchtete doch auch wieder den +Augenblick, wo er dem Mädchen gegenüber die Schreckensworte aussprechen +sollte. + +Ihm schwindelte zuletzt von all den Gedanken; die ihm Hirn und Seele +folterten, und zum Tode erschöpft, warf er sich endlich auf sein Lager +-- seine Angst, sein Weh fortzuträumen in tollen Bildern. + +Als er am nächsten Morgen erwachte, stand Don Gaspar an seinem Bett, +und noch ehe er sich die Vorgänge des letzten Abends ins Gedächtniß +zurückrufen konnte -- und nur die dunkle Erinnerung daran lag noch, +eine Last, auf seiner Seele -- bat ihn der Spanier mit vollkommen +unbefangener, ruhiger Stimme, aufzustehen und sich anzuziehen -- das +Wetter sei wundervoll und sie wollten einen Spatziergang mitsammen +machen. Fast mechanisch gehorchte er, so oft er aber auch versuchte +dem Blick des Unglücklichen zu begegnen, so oft mißlang ihm das, und +Don Gaspar trat zuletzt an das Fenster, und schaute, an den Scheiben +trommelnd, hinaus, bis jener seine Toilette beendet hatte und ihm auf +die Straße folgen konnte. + +Auch dort waren sie schon eine lange Strecke neben einander hingeschritten, +ehe Einer von ihnen auch nur ein Wort gesprochen hätte -- sie schienen +sich Beide vor einem Beginn zu fürchten, und so stutzig Leifeldt im +Anfang über das vollkommen gefaßte, stille Benehmen des Mannes gewesen +sein mochte, bei dem er die Raserei wieder voll ausgebrochen glaubte, +so blieb es doch auch keinem Zweifel unterworfen, daß der Spanier sich +dessen, was er gestern getrieben, wenigstens halb bewußt sein mußte. +Sein ganzes, scheues Benehmen sprach ihn schuldig und Leifeldt wußte nur +nicht, ob ihm der ganze vergangene Abend klar im Gedächtniß liege, mit +all den Einzelheiten dessen, was er gethan und gesprochen, oder ob nur +eine wilde, unbestimmte Ahnung begonnenen Unheils in ihm gähre und +arbeite, und er jetzt darauf hoffe, durch den Freund von selbst und ohne +weiter darauf einzugehen, die nöthige Aufklärung und Beruhigung; oder +-- Bestätigung des unbestimmt Gefürchteten -- zu bekommen. + +Leifeldt schwieg aber ebenfalls; er konnte sich nicht dazu zwingen, +jetzt, mit all dem Vergangenen noch frisch, als sei es vor wenigen +Minuten geschehen, im Gedächtniß, eine gleichgültige Unterhaltung zu +beginnen, und er _fürchtete_ den offenen Schaden zu berühren, der im +Bereiche seiner Hand lag. + +Don Gaspar konnte endlich dies peinlich werdende Schweigen nicht länger +ertragen und sagte, ohne jedoch zu seinem Begleiter aufzuschauen, mit +leiser, kaum hörbarer Stimme: + +»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken, Federigo -- er bekommt mir +jedesmal schlecht, und ich fühle mich aufgeregt und erhitzt nach dem +Genuß.« + +»Hast Du gestern so viel Wein getrunken?« frug Leifeldt rasch zu ihm +aufschauend -- eine neue Hoffnung öffnete ihm hier die Bahn -- hätte der +Wein allein die Schuld getragen, und war es möglich, daß wirklich das +starke, ungewohnte Getränk eine solche Aufregung hervorgerufen? + +»Viel gerade nicht,« entgegnete der Spanier unruhig, »aber der Wein, den +diese Engländer trinken, ist schwer und feurig, er wird in den Adern zu +glühender Lava, und treibt das Blut kochend in das Hirn hinauf -- ich +darf keinen Wein wieder trinken.« + +»Er hat Dich sehr angegriffen,« sagte Leifeldt. + +Don Gaspar warf ihm einen scheuen Seitenblick zu, und erwiederte mit +einem verlegenen Lächeln: + +»Es ist das mein alter Fehler, und diente einst zum Vorwand für meine +Argentinischen Feinde, mich in Banden zu legen; aber die ganze spanische +Nation ist mäßig -- Du wirst selten, oder nie einen Betrunkenen unter +ihnen sehen, und kleine Quantitäten bewirken dann auch oft bei dem sonst +Nüchternen, was zehnfache Massen nicht bei mehr abgehärteten Naturen zu +Stande brächten.« + +»Und _weißt_ Du, was Du gestern Abend gesprochen und getrieben?« sagte +Leifeldt, stehen bleibend und ihn aufmerksam betrachtend. + +»Unsinn, wahrscheinlich,« lächelte der Spanier, indem er langsam weiter +schritt -- »blanken Unsinn, wie ich es oft und oft in fieberhafter +Aufregung gethan; ein Wunder wär's nicht, wenn ich zuletzt die tollen +Märchen selber glaubte, die sie mir wieder und immer wieder vorerzählt, +und mich haben zwingen wollen, dem beizustimmen -- mit einiger Ausdauer +könnte man, glaub ich, dem besten Menschen zuletzt einreden, er habe +seine eigene Mutter erschlagen -- was habe ich denn gesprochen?« + +Die letzten Worte klangen wieder so leise und lauernd, daß Leifeldt +auf's Neue stutzig wurde, und den Freund mißtrauisch betrachtete, es lag +mehr wie eine unschuldig hingeworfene Erkundigung in der Frage, und er +konnte sich nicht helfen, der Verdacht hatte einmal Wurzel geschlagen, +er war nicht mehr im Stande ihn so rasch wieder aus dem Herzen zu +reißen. Den Kranken deshalb nicht noch mehr zu beunruhigen, oder gar +mißtrauisch zu machen, ehe er sich wirklich von dem Gegründetsein seines +Verdachtes überzeugt habe, sagte er gleichgültig -- und er mußte sich +gar gewaltsam zusammen nehmen, seine Fassung zu behaupten: -- + +»O, nichts Besonderes -- die alte Geschichte, nur mit so furchtbarer +Wahrheit erzählt, daß dem Hörer das Mark in den Röhren schauderte +-- Gaspar, Du wärest im Stande, Einen selbst zum Wahnsinn zu treiben.« + +Don Gaspar seufzte hoch auf und meinte lächelnd, während er des Freundes +Arm ergriff und mit ihm nach dem Inneren der Stadt zurückdrehte: -- + +»Tolle Geschichten -- tolle Geschichten, und Gott sei Dank, daß ich +wieder des Himmels freie Luft athme, hier hat das keine Gefahr, daß +solche Gedanken überhand nehmen und uns verderben, aber in dem engen +Gemäuer fallen sie wie Tropfen häßlichen Giftes ins Ohr und tödten +unsere Gedanken im Keime -- freie Luft -- freie Luft!« + +Mit einem inneren Schauder kämpfend, der ihn wohl in der Erinnerung an +das Ertragene beschleichen mochte, schritt er rasch neben dem Freunde +her, und erst in der Stadt selber schien sich die Wolke zu verziehen, +die vor seiner Seele gelagert. Er wurde gesprächiger, heiterer, und ehe +eine halbe Stunde vergangen, lachte und erzählte er wieder wie früher. + +Anders war es mit dem jungen Schweden. Im Anfang -- von den Gräuelthaten +umgeben, die Rosas wirklich verübte oder deren er wenigstens beschuldigt +wurde -- durch sein gutes Herz getäuscht, konnte er in dem angekündigten +Kranken, in dem er selber nie auffallende Zeichen wirklicher +Geisteszerrüttung beobachtet, wohl einen unschuldig Eingekerkerten +glauben, und einmal auf diese Spur gebracht, ist es erklärlich, daß er +trotz den oft wilden excentrischen Streichen des Freundes so wenig daran +dachte, in ihm einen Tollen zu sehen, als wir bei den Menschen, mit +denen wir täglich verkehren, sie mögen sich so wunderlich betragen wie +sie wollen, gleich so Entsetzliches vermuthen. Einmal aber solcher Art +der Verdacht geweckt, und jede Bewegung des jetzt sorgfältig, wenn auch +heimlich Beobachteten, gab Stoff zu neuen Bestätigungen. + +So sehr er sich aber nun auch fürchtete, Newlands die furchtbare +Nachricht zu bringen, so wußte er doch nur zu gut, daß sie von +der Gefahr benachrichtigt werden mußten; nur er selber wollte der +Überbringer solcher Botschaft nicht sein, und nach einigem Zögern +entschloß er sich, den Argentinischen Konsul aufzusuchen, und diesem die +ganze Thatsache, unbeschönigt, unverändert mitzutheilen. Er war sich +keiner unedlen Handlung dabei bewußt, und besser jetzt aufrichtig den +Fehler gestanden, und den Rath eines erfahrenen Mannes dabei zur Seite +gehabt, als dann die furchtbaren Folgen thörichten Schweigens _zu spät_ +zu bereuen. + +Unter dem Vorwand, einige Patienten besuchen zu müssen, machte er sich +von Don Gaspar los, und ging langsam die Almendral hinauf. Der Kopf war +ihm wüst, das Herz schwer -- er fühlte sich recht, recht unglücklich. +Manchmal zwar tauchte auch der Gedanke in ihm auf, jetzt ja den +Nebenbuhler zu verlieren, und der kleine Teufel, der in unser Aller +Seelen wohnt und wühlt und arbeitet, und dem Herzen des Menschen die +Ruhe nimmt, wollte ihm lockende Bilder vormalen, daß ihm nun bald kein +Hinderniß mehr im Wege stehen, ja daß Jenny ihm den Frieden ihres Lebens +danken würde, wenn er sie von der furchtbaren Gefahr befreie, der sie +fast als Opfer gefallen. Aber solche Träume dauerten nicht lange, der +Versucher wich, die kalte Vernunft errang sich nur zu bald wieder den +Sieg, und er fühlte dann, daß er Jenny wohl vor der Gefahr warnen und +bewahren, ihr Herz aber ihm nie und nimmer zuwenden könne -- diese +Entdeckung vermochte nie ihn glücklich, aber Jenny wohl recht bald +elend zu machen. + +Wenn Leifeldt übrigens glaubte, den Kranken durch seinen Vorwand, +Patienten besuchen zu müssen, getäuscht zu haben, so hatte er sich +weit geirrt. Mißtrauisch, wie alle derartige Kranke sind, und mit +einer gewissen Schlauheit, die überhaupt den Zustand des Spaniers +charakterisirte, hatte Don Gaspar schon an dem Morgen, durch das ganze +Betragen Leifeldts nur noch mehr und mehr darin bestärkt, Verdacht +geschöpft, der Arzt _ahne_ seinen wirklichen Zustand, und mit dem +Verdacht wuchs natürlich auch die Furcht, daß er ihn verrathen, und an +seine Feinde wieder ausliefern würde -- eine Furcht, die zur Gewißheit +wurde, als er den Schweden seine Richtung gerade zu nach der Wohnung +des Argentinischen Konsuls nehmen sah, wohin er ihm vorsichtig in der +Entfernung gefolgt war. + +Das Herz schlug ihm wild und stürmisch in der Brust, und unter seinem +Poncho das Heft des Messers ergreifend, das er heute zum ersten Mal +wieder zu sich gesteckt, schien der erste in ihm aufsteigende Gedanke, +dem er auch augenblicklich nachgab, _der_ zu sein, dem Verräther zu +folgen und beide Mitwissende seines furchtbaren Geheimnisses unschädlich +zu machen. -- + +Die Hausthür fand er noch angelehnt, und statt zu pochen, wie es in den +südlichen Ländern, selbst an den offenen Thüren Sitte ist, trat er rasch +hinein und wollte eben die Treppe hinauf springen, als er von oben nieder +fremde Stimmen hörte, und dem ersten Impuls folgend in ein offen stehendes +Seitenzimmer, dessen Thür er rasch hinter sich anzog, hineinglitt. + +Die Unterhaltung der Heruntersteigenden wurde laut geführt und Don +Gaspar schien ungeduldig ihre Entfernung zu erwarten, als plötzlich ein +Name draußen wie ein jäher Schlag durch seine Glieder zuckte, und er in +gespanntester Aufmerksamkeit, alles Andere um sich her vergessend, an +der Thüre lauschte, kein Wort von dem draußen gesprochenen zu verlieren. + +»Don Luis de Gomez,« sagte die eine Stimme, die einem älteren Manne +anzugehören schien, »hat sonst weiter keine Befehle hinterlassen, +Amigo?« + +»Keine daß ich wüßte,« entgegnete die andere -- »sorgt nur dafür, daß +seine Zimmer in Guillota bereit sind, denn ich glaube kaum, daß er sich +länger als zwei Tage in Valparaiso aufhalten wird.« + +Die beiden Männer standen jetzt unten vor der Thür, hinter welcher der +Spanier, sein Ohr gegen das dünne Holz gepreßt, lauerte, und der erstere +meinte wieder: -- + +»Die Señora wird wohl nicht so rasch wieder fort wollen -- Reisen greift +an und ein paar Rasttage sind manchmal nöthig.« + +»Das weiß ich nicht und geht mich nichts an,« brummte der Andere +-- »Weiberlaunen sind wunderliche Dinge und wenn's ihr in den Kopf +kommt, bleibt sie vielleicht den ganzen Sommer hier, mag Don Gomez +dagegen sagen was er will. -- Wer war denn der junge Mann, der eben +zu Don Guzman ging? -- Den habe ich doch noch nicht hier gesehen.« + +»Ein deutscher Doktor, glaub' ich, der sich hier aufhält,« lautete die +Antwort -- »aber ich wollte, wir könnten gehen, weßhalb mögen wir denn +hier noch warten sollen?« + +»Blitz noch einmal, wie der Señor erschrak, als er Don Luis Namen +hörte,« sagte der Jüngere wieder, »und hast Du nicht bemerkt, wie er +meinem Herrn etwas ins Ohr flüsterte? -- ich glaube wahrhaftig, es ist +deßhalb, daß wir warten müssen, denn da wird schon wieder geklingelt +oben -- bleibe einen Augenblick, Compañero, ich bin gleich wieder bei +Dir« -- und mit flüchtigen Sätzen sprang er die Treppe hinauf, dem Ruf +Folge zu leisten, während der Alte, die Hände auf dem Rücken unter +seinem kurzen blauen Poncho gekreuzt, auf- und abging und ungeduldig die +Rückkehr des Kameraden zu erwarten schien. + +Es dauerte etwa fünf Minuten, bis dessen Schritte wieder auf der Treppe +gehört wurden -- dem Lauschenden dünkte die Zeit indessen eine Ewigkeit +-- als er aber wieder herunter kam, flüsterte er rasch und heimlich dem +Andern zu: + +»Hallo, Compañero -- was Neues im Wind -- die Señora wird gar nicht in +der Stadt bleiben, sondern gleich durch, nach Guillota fahren -- der +deutsche Doktor hatte unendlich viel zu erzählen.« + +»#Caramba#, was ist da wieder passirt!« rief der Alte, »woher denn +wieder die Gegenordre?« + +»Soll mich ein Norder mit meinem Boot in der Bai erwischen, wenn ich +daraus klug werde,« brummte der Erste -- »der Doktor steckt übrigens +dahinter, so viel ist sicher, nur konnte ich nicht herausbekommen, _was_ +sie eigentlich mit einander hatten. -- Aber komm, wir haben wahrhaftig +keine Zeit zu verlieren, denn wenn die Herrschaften heute Morgen noch +wirklich eintreffen, möchten wir wenig Stunden zu Vorbereitungen übrig +behalten. -- So viel ist übrigens gewiß, Amigo --« und die Stimmen +wurden hier undeutlich, als die beiden Männer vor die Thür traten, und +diese hinter sich in das Schloß drückten. + +Wenige Minuten später stand Don Gaspar auf der Stelle, die jene eben +verlassen, und für Momente schien er unschlüssig, wohin er sich wenden +solle, die Treppe hinauf, seinem ersten Plan zu folgen, oder das Haus +verlassen, dem nach zu handeln, was er eben gehört. Das Letztere schien +zuletzt den Sieg davon zu tragen -- er horchte noch einen Augenblick +gegen die Treppe hin, ob er keine Stimmen unterscheiden konnte, als sich +aber dort gleich darauf eine Thür öffnete und irgend eine fremde Stimme +laut wurde, öffnete er rasch von innen die Hausthür und verschwand +gleich darauf ins Freie und in der belebten Straße. + +Leifeldt indessen, der keine Ahnung davon hatte, daß gerade Don Gaspar, +der »entsprungene Wahnsinnige,« ihm gefolgt war und auf ihn gelauert +habe, ja daß dieser nur vermuthen konnte, welchen Weg er eingeschlagen, +nannte kaum den wirklichen Namen des Spaniers, als Don Guzman auch +entsetzt von seinem Stuhle aufsprang und mit wahrhaft peinlicher +Spannung der kurz gefaßten Erzählung des jungen Schweden lauschte. +Rasch theilte er diesem nun auch die baldige Ankunft Don Luis de Gomez +mit, der, wie die Sache jetzt stand, in der That der größten Gefahr +ausgesetzt war, von dem Unglücklichen angefallen zu werden, und rieth +-- nachdem er den Diener wieder heraufgerufen und seine Befehle dahin +geändert hatte, die Señora selber wenigstens jeder Unannehmlichkeit aus +dem Wege zu führen -- dem jungen Arzt, augenblicklich mit ihm auf die +Polizei zu gehen, und dort Hülfe zu bekommen, sich des Wahnsinnigen +wieder zu bemächtigen, den man ja dann, um wo möglich jedes Aufsehen zu +vermeiden, einfach auf seinem Zimmer überraschen und gefangen nehmen +konnte. + +Dagegen sträubte sich Leifeldt aber auf das Entschiedenste, denn er +selber wollte nicht an dem Mann, den er einmal aus seinem Kerker +geholfen und dessen Freund er geworden, zum Verräther werden, nur Hülfe +verlangte er, bei wirklich wieder ausbrechender Raserei -- denn es war +ja doch möglich, daß die ganze Krankheit des Unglücklichen einfach und +allein in eine harmlose Schwermuth ausgeartet sei -- jedes Unglück zu +vermeiden, und die nahe Ankunft des einzigen Menschen, der auf den +Kranken einen wirklich gefährlichen Einfluß auszuüben schien, mußte +jedenfalls diese Katastrophe beschleunigen. Erwachte dann in dem Hirn +des Spaniers der alte wilde Grimm auf's Neue, brach sich die Krankheit +wieder Luft, dann erbot sich Leifeldt selber mit Hand anzulegen, sich +des Unglücklichen wieder zu bemächtigen -- nur bis dahin verlangte er +Nachsicht, und ersuchte zu dem Zweck Don Guzman, ihm einen passenden +Mann zu empfehlen, den er möglicher Weise Don Gaspar als seinen Freund +vorstellen und in seiner Nähe halten konnte, im entscheidenden +Augenblick kräftige Hülfe zu haben. + +Don Guzman war mit dem Plan gar nicht einverstanden, erklärte auch dem +jungen Arzte rund heraus, er könne sein Betragen, der Argentinischen +Regierung gegenüber, als deren Konsul, keineswegs billigen, und nur der +Name seines Freundes, Don Luis de Gomez, halte ihn zurück, die ganze +Sache ohne Weiteres den chilenischen Gerichten zu übergeben, er fürchte +aber dadurch mehr Aufsehen zu erregen, als Don Luis vielleicht lieb sein +würde, aber es verstehe sich von selbst, daß jener gefährliche Mensch, +dessen getheilte Flucht dem Arzt selber noch theuer zu stehen kommen +könne, wenn er jetzt nicht auch aus allen Kräften dazu beitrage, den +Fehler wieder gut zu machen, ohne weiteres wieder eingezogen und +unschädlich gemacht werden müßte. + +»Señor,« sagte Leifeldt da ruhig -- »ich habe Sie aufgesucht und +vertrauensvoll zum Mitwisser meines Geheimnisses gemacht, dem +Unglücklichen noch die _Möglichkeit_ zu geben, seine Freiheit zu +behalten, wenn es sich wirklich ausweist, daß er nicht gefährlich ist; +im anderen Fall hätt' ich mich gleich an die Polizei selber gewandt. +-- _Versagen_ Sie mir die Hülfe, dann bedauere ich aber auch, Sie +umsonst bemüht zu haben, denn seien Sie versichert, daß Sie in dem Fall, +in Zeit einer Stunde weder mich noch Don Gaspar mehr in Valparaiso +finden werden, und alle Folgen kommen über Ihr Haupt.« + +Don Guzman war in peinlicher Verlegenheit, und ging wohl zehn Minuten +mit untergeschlagenen Armen und raschen Schritten im Zimmer auf und +nieder; über die Scrupel einer vertraulichen Mittheilung hätte er sich +schon hinweggesetzt, mußte er nicht fürchten, daß der Schwede seine +Drohung wahr mache, und dem Spanier zum zweiten Mal zur Flucht +behülflich wäre. List allein konnte ihm hier helfen. + +»Gut, Señor,« sagte er nach einer ziemlich langen Pause, nach der er +mit verschränkten Armen vor dem jungen Arzte stehen blieb -- »ich gehe +auf Ihren Vorschlag ein, und habe auch einen passenden Mann, einen +wirklichen Caballero von Riesenstärke und mir eng befreundet, der mir +zu Liebe die allerdings schwierige, ja vielleicht gefährliche Stellung +übernehmen wird; ich hoffe aber, daß Sie _bald_ -- sehr bald zu einem +entscheidenden Resultat auf eine oder die andere Weise kommen, denn Sie +können sich denken, daß ich Don Luis nicht der Gefahr aussetzen mag, +meiner eigenen und hier allerdings sehr unzeitigen Gutmüthigkeit als +Opfer zu fallen.« + +Leifeldt versprach Alles, so lange er nur nicht unnöthiger Weise an +dem Freund zum Verräther zu werden brauchte; ja nahm sogar gern das +Anerbieten Don Guzmans, der ihn nicht aus den Augen lassen wollte, +an, ihn zu der Wohnung dieses neuen Agenten zu begleiten, von dem der +Argentiner so kräftigen Schutz und Beistand hoffte, und die beiden +Männer machten sich dorthin ungesäumt auf den Weg. + + + + +10. + +Don Manuel. + + +Don Manuel, den sie glücklicher Weise zu Haus und eben beschäftigt +trafen, in aller Gemüthsruhe seinen Maté[19] aus einer dünnen silbernen +Bombille oder Röhre zu ziehen, war eine kleine behäbige aber korpulente, +kräftige Gestalt, mit dem gutmüthigsten Gesicht von der Welt, das nur +ein paar schmale, schwarze, lebendige Augen, die gar vergnügt aus der +Fettmasse herausblitzten, Lügen straften. Er empfing die Männer auf das +Freundlichste, und wenn sich auch Leifeldt eine solche Hülfe allerdings +anders gedacht hatte, ließ ihn Don Guzman doch gar nicht zu Worte +kommen, sondern machte den neuen Theilnehmer ihres Plans ohne Weiteres +mit dem bekannt, was sie zu ihm geführt hatte, und worin sie seinen +Beistand in Anspruch zu nehmen wünschten. + + 19: Der Maté oder Mateh ist ein vegetabilischer Stoff, von der Rinde + und den Zweigen gewisser Bäume in Brasilien und Paraguay gewonnen, + der von den Südamerikanern, besonders von denen an der östlichen + Seite der Cordilleren, aus einem kleinen Flaschenkürbis oder + #gourd#, mit einer dünnen silbernen oder blechernen Röhre + getrunken, das heißt ausgeschlürft wird, wobei sich der nicht + Eingeweihte rettungslos zuerst die Finger, und dann, genau so wie + bei uns bei heißer Bouillon, die Lippen verbrennt. + +Don Manuel schnitt allerdings im Anfang ein etwas bedenkliches Gesicht, +und schien sich einer solchen Mission gerade nicht sehr zu freuen, ja +weigerte sich sogar, etwas derartiges allein zu unternehmen; Don Guzman +zog ihn aber in eine Fensterbrüstung, und nachdem er sich dort eine +ziemlich geraume Zeit gar eifrig mit ihm unterhalten, erklärte sich der +kleine Chilene bereitwillig, jedoch nur unter der Bedingung, daß der +also zu Beaufsichtigende nicht etwa gefährliche Waffen an sich herum +trage. + +Alles Weitere besprachen sie unterwegs, denn Leifeldt wünschte so rasch +als möglich zu dem Kranken zurückzukehren, ehe ihn die Nachricht von der +Ankunft Don Luis erreichen konnte. + +Sie fanden ihn langsam im Zimmer auf- und abgehend, und er grüßte den +Fremden, der ihm als ein hiesiger Kaufmann Don Manuel vorgestellt wurde, +auf das Freundlichste, ja es schien sogar, als ob er gerade heute seine +rosigste Laune habe, und wie er mit dem kleinen dicken Mann erst nur ein +wenig bekannt war, lachten und erzählten die beiden miteinander, als ob +sie seit Jahren die besten Freunde gewesen wären. + +Don Manuel nahm Leifeldts, schon vorher verabredete Einladung zu Tisch +an, und dort war es, wo der Chilene zuerst den Namen Don Luis de Gomez +-- anscheinend leicht hingeworfen -- erwähnte, die Wirkung zu beobachten, +die sie auf den Spanier haben würde; Don Gaspar war aber den Morgen +hindurch so auf diesen Namen vorbereitet, daß seine Bewegung, die er +dennoch nicht ganz unterdrücken konnte, keinesfalls von den beiden +Männern bemerkt worden wäre, hätten ihn diese nicht eben so scharf im +Auge behalten. Das Gefühl, sich bewacht zu wissen, half dazu, und das +Blut schoß ihm im förmlichen Strom in die Schläfe, Don Manuel hatte aber +das Gespräch schon wieder nach anderer Richtung gelenkt, und erzählte +jetzt dem jungen Arzt von einer Schlägerei, die an dem Morgen zwischen +englischen und chilenischen Matrosen statt gefunden, in so komischer +Weise, daß bald alle anderen Gedanken in einem schallenden Gelächter Don +Gaspars untergingen. + +Nach Tisch schlug Don Manuel den beiden Freunden einen Spatziergang vor, +und das Gespräch dabei auf die alten spanischen Kriege bringend, in +denen die Chilenen, von dem argentinischen General San Martin wacker +unterstützt, die Macht ihrer bisherigen Herren brachen und sie zum +Lande hinausjagten, schlug er ihnen vor, eine der alten nothdürftigen +Befestigungen zu besuchen, die sich, wenn auch nicht mehr benutzt, doch +bis zu dem heutigen Tag erhalten hätten, und jedenfalls von historischem +Interesse wären. + +Leifeldt wußte dabei nicht, wie er sich das Betragen seines neugewonnenen +Bundesgenossen erklären sollte, denn statt einem bestimmten Resultat, +zur wirklichen Ergründung der Krankheit Don Gaspars zuzustreben und +gerade mit Don Luis de Gomez Namen den Unglücklichen zu sondiren, wich +dieser jedem solchen weiteren Gespräch geflissentlich aus, und näherte +sich der junge Arzt nur im Entferntesten wieder diesem gefährlichen +Thema, das er nicht selber direkt beginnen durfte, so hatte gerade Don +Manuel sicher tausend Scherze bereit, auf die Don Gaspar, in heute +wirklich muthwilliger Laune, mit Freuden einging. + +So waren sie von der Plaza del Victoria aus zu einer kleinen Gasse +gekommen, deren Häuser an die stattliche Kirche des Platzes stießen, und +von denen das nächste auch wohl mit dieser noch in Verbindung stand, +denn es schien unbewohnt, und die Außenseite der Gebäude zeigte, außer +einem einzelnen starkvergitterten Fenster im unteren Stock, nur die +hohe, kahle Mauer. Schon unterwegs hatte ihnen Don Manuel die Geschichte +dieses kleinen, unscheinbaren, aber jedenfalls merkwürdigen Gebäudes +erzählt, und durch eine Sage besonders, nach der noch in heutigen Tagen +oder vielmehr Nächten, die Geister dreier erschlagener Spanier dort +umgingen, sogar ihre Neugierde rege gemacht. + +Don Gaspar selber bat im Anfang Don Manuel, sie zu dem Schauplatz all +dieser wunderlichen Dinge hinzuführen, als sie aber den Platz erreichten, +und er das düstere, niedere, unheimliche Gebäude, die stark vergitterten +Fenster sah, schien er zum ersten Mal Verdacht zu schöpfen und blieb, +einen raschen, mißtrauischen Blick umherwerfend, stehen, als ob er das +Terrain, dem er sich jetzt anvertrauen sollte, vorher erst untersuchen +wolle. + +Oben an einem der Fenster waren zwei paar Augen sichtbar geworden, die +neugierig den Kommenden entgegengeschaut, sich aber rasch und scheu +zurückzogen, als sie den Blick des Spaniers nach sich aufschweifen +sahen. + +»Nicht wahr, das alte Haus sieht düster genug für eine Gespenstergeschichte +aus,« sagte Don Manuel, dem vielleicht jene zwei paar Augen entgangen +waren, lachend, als er das Zögern seines Schutzbefohlenen bemerkte und +neben ihm stehen blieb: »wär' ich Präsident, ich ließe es einreißen, ich +möchte wenigstens nicht einmal in der Nähe wohnen.« + +Don Gaspar zögerte noch einen Augenblick, dann aber, wie zufrieden +gestellt von dem Äußeren und ohne etwas auf seines Begleiters Bemerkung +zu erwiedern, schritt er langsam gegen die offene Thür zu, die er jedoch +nicht eher betrat, bis Don Manuel vor ihm eingetreten war. Der kleine +Mann wollte ihm allerdings den Vorrang lassen, Don Gaspar nöthigte ihn +aber mit so zuvorkommender, aber auch zugleich kalter Höflichkeit, daß +er nicht umhin konnte, nachzugeben. Die Thür blieb hinter ihnen offen. + +Der innere Raum sah wüste und öde aus -- zuerst betraten sie einen +kleinen, schmalen Hof, in dem das Gras lustig emporwucherte. In der +Mitte desselben befand sich ein alter verfallener Brunnen, und an den +Seiten stand aufgeschichtetes, halb vermodertes Bauholz und lagen alte, +eiserne Klammern und Bolzen. Aber auch hier im Inneren waren die meisten +Fenster, einige wenige ausgenommen, deren Gewände schon eingebrochen, +den Zahn der Zeit oder die rauhe Hand des Menschen verriethen, mit +starken eisernen Gittern versehen; Don Manuel aber, wie schon bekannt in +diesen Räumen, wandte sich jetzt gleich links, einer schmalen Treppe zu, +die in das Innere hinaufführte. + +»Halt, Señor, halt!« rief da Don Gaspar, -- »nicht so schnell, erst +erklären Sie uns diesen Hof, Sie haben uns genug schon davon erzählt, +und der Schauplatz der meisten Gräuelthaten war ja gerade hier. Wo hat +der Galgen damals gestanden?« + +»Wir kommen nachher wieder hierher zurück,« erwiederte der Chilene, sich +halb dabei nach dem Frager umwendend, »zuerst wollen wir nur erst die +oberen Gemächer und besonders das Zimmer besuchen, wo die drei Spanier +ermordet wurden und jetzt allnächtlich ihre Zusammenkunft halten +sollen.« + +»Und wohnt jetzt weiter Niemand hier im Haus?« frug Don Gaspar, noch +immer ohne von der Stelle zu gehn, und auch Leifeldt schien unschlüssig +zu werden, ob er Don Gaspar zureden solle, zu folgen oder ihn zurückhalten, +denn er fing selber an, mißtrauisch gegen die Bewegungen ihres Führers +zu werden. + +»Keine Seele -- schon seit der Revolution,« rief der Chilene zurück, und +stieg langsam die Treppe hinauf, über des Spaniers Züge aber zuckte ein +höhnisches, fast triumphirendes Lächeln, und dem jungen Arzt auf die +Schulter klopfend, rief er laut und lustig: + +»#Bueno, vamos compañero#[20]« und mit einigen raschen Sätzen, während +Leifeldt nur halb zufrieden den Beiden folgte, hatte er den Chilenen +wieder eingeholt, der an dem oberen Treppenabsatz stehen blieb, sich +noch einmal nach unten umsah, und dann Don Gaspar bat, ihm zu folgen. +Der Blick jedoch, mit dem er dieß that, mußte bei dem wachsamen Kranken +Verdacht erregt haben -- er zögerte einen Moment, trat dann ein paar +Schritt von der Treppe fort, und als er wieder nach unten schaute, sah +er zwei Männer, die sich an die Treppe postirten und hörte Leifeldts +Stimme, der sie frug, was sie da wollten. + + 20: Wohlan, so komm, Kamerad. + +»Sehn Sie, Don Gaspar!« rief in diesem Augenblick Don Manuel, mit +vielleicht absichtlich etwas lauter Stimme, »hier ist das eine Zimmer, +von dem ich Ihnen sagte -- bitte, kommen Sie hierher -- dort drüben +können Sie noch das Blut erkennen.« + +Don Gaspar lachte laut auf und langsam auf den Chilenen zuschreitend, +sagte er, sich auf dessen Schulter mit seinem linken Ellbogen stützend: + +»Wir haben Besuch da unten bekommen -- noch ein paar Herren, die +wahrscheinlich auch die Merkwürdigkeiten dieser alten Revolutionsveste +anzuschauen wünschen, aber Don Federigo, hahaha, Don Federigo will sie +nicht herauf lassen.« + +Don Manuel machte ein etwas verdutztes Gesicht, und schien sich in dem +Augenblick so in der unmittelbaren und fast etwas zu vertraulichen Nähe +des jungen Mannes nicht besonders wohl zu fühlen, außerdem mußte ihm die +Unterhaltung unten ebensowenig angenehm sein, und er machte auch schon +eine Bewegung, als ob er nach der Treppe zurückgehen wollte, besann sich +aber wieder und sagte dann gleichgültig: + +»Besucher? -- wohl schwerlich, Don Gaspar, müßiges Gesindel, das sich +auf den Straßen herumtreibt und bettelt, Don Federigo wird sie schon +abfertigen, bitte, kommen Sie.« + +Don Gaspar hatte indessen seine Stellung nicht verändert und das +Lächeln, das um seine Mundwinkel zuckte, gefiel dem scheu zu ihm +aufschielenden Chilenen nicht; dieser machte sich auch von dem Arm des +ihn ruhig gewähren lassenden Spaniers los und trat auf die Schwelle der +nächsten Thür. + +»Aber wollen wir nicht warten, bis sich Don Federigo uns anschließt, +Señor?« sagte der Spanier, ohne den Platz zu verlassen, auf dem +er stand, und wo er aus dem schmalen Gang durch ein offenes und +gitterfreies halbverfallenes Fenster eine kleine Beistraße überschauen +konnte -- »Wetter noch einmal, dieß muß früher wirklich eine Art von +Gefängniß gewesen sein, sehn Sie nur, Don Manuel, was für schwere Thüren +und an einigen wirklich noch starke Riegel -- das Schloß, was dort +liegt, scheint man total vergessen zu haben -- puh, wie dumpfig die +Räume hier sind,« setzte er schaudernd und fast wie mit sich selbst +redend hinzu -- »wie dumpfig und schwül gegen die freie, herrliche Natur +da draußen.« + +Er schritt langsam in dem Gang hin und blieb neben Don Manuel stehn, +der wieder, ohne sich irre machen zu lassen, seine Erklärung des +entsetzlichen Mordes begann. + +»Und ich werde es unter keiner Bedingung zugeben,« tönte in diesem +Augenblick die Stimme des jungen Arztes klar und deutlich zu ihnen +herauf, »ich habe selber mit --« und die Worte wurden hier leiser und +undeutlich. + +»Es scheint doch ein Besuch zu sein,« meinte Don Gaspar lauernd; Don +Manuel aber, der zuerst seine Unterlippe zwischen die Zähne und die +Brauen zusammenzog, gewann bald seine Ruhe wieder und sagte lachend: + +»Unser junger Freund hätte die guten Leute auch können herauf kommen +lassen, sie würden uns nicht genirt haben; doch wie dem auch sei, sehn +Sie, Don Gaspar -- dort in jener Ecke können Sie noch die Spuren der +schon erwähnten That erkennen. Ich freue mich, wie irgend einer meiner +Landsleute der gewonnenen Freiheiten unseres schönen Vaterlandes, +aber ich bedauere jene furchtbaren und leider oft unnütz gewesenen +Grausamkeiten, durch die sie theilweis mit erkauft werden mußten.« + +In diesem Augenblick öffnete sich dicht neben ihnen leise und +geräuschlos eine Thür, und ein Kopf schaute heraus, fuhr aber schnell +wieder zurück, als er noch eine Gestalt auf der Schwelle der Thüre +bemerkte, Don Gaspar hatte jedenfalls nur den flüchtigen Schein +desselben bekommen, aber er blieb regungslos in seiner Stellung und +wieder nur spielte das Lächeln um seine Lippen. Es war kein Zweifel, er +kannte die Gefahr, in der er sich befand, zu ihrer vollsten Größe, aber +gerade _das_ schien ihn zu reizen, wie er sich dem Hai entgegen und +unter die Hufen der wüthenden Rosse geworfen hatte, so spielte er damit, +den Augenblick mit wahrer und wilder Schadenfreude, erwartend, wo sie in +ihrer Macht über ihn hereinbrechen würde -- was wußte er von _Furcht_? + +»Und doch wohnen hier noch Menschen oder hausen hier wenigstens zu +Zeiten,« bemerkte der Spanier, auf fünf oder sechs erst kürzlich +weggeworfene Stümpfe von Cigarillos[21] deutend, die nicht weit von der +Thür am Boden lagen. + + 21: Papiercigarren. + +»Besucher jedenfalls, die sich den alten Platz anschauen,« erwiederte +der Chilene, »die Regierung soll es aber, wie ich kürzlich gehört +habe, nicht gern sehn, wenn besonders Fremde hierher kommen; solche +Grausamkeiten machen immer böses Blut, und man vermeidet gern, jetzt, +wo überdieß die Zeit auch schon so lange vorüber ist, jede Erinnerung +daran.« + +»_Diesem_ Princip nach scheint Don Federigo ebenfalls zu handeln,« +lächelte Don Gaspar, nach dem niederen gegenüber liegenden vergitterten +Fenster deutend, das den inneren Hof überschaute. Dort wurden eben die +beiden Männer sichtbar, die über den Hof schritten und diesen, allem +Anschein nach, verlassen wollten, als Don Manuel auch, wie sie schon +fast die Thür erreicht hatten, an das kleine Fenster sprang, hinaus rief +und sie bat, zurück zu kommen. + +»Es sind Bekannte von mir, Señor,« sagte er dabei, sich wieder zu diesem +wendend, brach aber in der fast entschuldigend gehaltenen Rede kurz ab +und sprang nach der Thür, denn er sah nur eben noch, wie Don Gaspar +durch dieselbe verschwand und sie hinter sich zudrückte. Zu spät +warf er sich aber mit all seiner Kraft dagegen, der rasch von außen +vorgeschobene Riegel war bestimmt gewesen, einen _Wahnsinnigen_ zu +halten, und spottete all seiner Anstrengungen. + +Im Nu hatte aber auch der wachsame Spanier die zweite Thür, aus der er +vorher lauschend den Kopf gesehn und ohne weiter zu untersuchen, wer +oder was darinnen sei, ebenfalls verriegelt, und laut auf lachte er in +triumphirendem Spott, als auch hier von innen sich Jemand gegen die +Pforte warf und deren Verschließen freilich vergeblich, zu verhindern +suchte. + +»Zwei Vögel mit einem Schlag fest,« rief er dabei höhnisch Don Manuel +zu, als er an diese Thür auch noch rasch das Vorlegeschloß hing und +eindrückte und dann der Treppe zuschritt -- »aber ich sah _noch_ +mehr Augen. _So_, Compañero,« setzte er dann hinzu, »fest und +richtig verwahrt, o armer Don Manuel, allein und einsam jetzt in +der entsetzlichen Schauerkammer, und von einem _Tollen_ überlistet, +hahahaha!« + +»Machen Sie auf, Don Gaspar, machen Sie auf, das ist schlechter Spaß +-- Don Federigo -- Pedro -- Fernando!« schrie der Gefangene. + +»Hahahaha!« lachte Don Gaspar, aber seine Hand lag an dem Griff des +langen Messers, das er vorsichtig und versteckt unter der Weste an +seiner linken Seite trug, denn die Treppe herauf klangen rasche, +elastische Schritte. Es war Leifeldt, und der Spanier, die Hand +zurückziehend, begegnete dem _Freund_ an dem oberen Treppensims. + +»Was haben Sie gemacht, Don Gaspar, was geht hier vor?« rief dieser, mit +dem Arm den Gang hinabdeutend, von woher die lauten, fast ängstlichen +Laute der Chilenen tönten. + +»Komm, Federigo,« entgegnete ihm aber der Spanier, zugleich seine Hand +ergreifend und ihn mit sich die Treppe hinabführend, »komm, wir wollen +den Señor Don Manuel de San José oder wie er sonst heißen mag, ruhig der +Bewunderung seiner spanischen Erinnerungen überlassen -- er hat auch +noch Gesellschaft dort oben, aber in einer Viertelstunde« -- setzte er +dann rascher und bedeutungsvoller hinzu, »erwarte mich in unserem Hotel +auf meinem Zimmer, lieber früher als später, ich habe Dir _Wichtiges_ zu +entdecken -- wirst Du kommen?« + +»Gewiß, aber --« + +»Kein _aber_ jetzt, Amigo -- jener Bursche hatte Arges mit mir im Sinn +-- beruhige Dich, ich weiß Alles, und die kleine Lehre wird ihm gut +thun, laß mich nur nicht zu lange warten. Du wirst dort über Manches +Aufklärung bekommen, so säume nicht und überlaß den Señor da oben seinem +Schicksal, ein wenig Angst mag ihm die Probe dessen sein, was er mir für +eine Lebenszeit zugedacht.« + +Sie hatten indessen den Fuß der Treppe erreicht und begegneten hier den +beiden Peons, die allerdings etwas überrascht stehen blieben, als sie +den in so ruhigem Gespräch die Treppe herabkommen sahen, der, ihrer +Meinung nach, eben da oben eingesperrt, solchen Lärm vollführt hatte, +Don Gaspars fast wunderbare Ruhe sollte sie noch mehr verwirren, denn +dem ersten freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er lachend: + +»Wir haben ihn, Amigo, das war schlau angestellt und gut ausgeführt +-- da, verzehrt das in der nächsten Pulperia.« Dem ersten einen Dollar +in die Hand drückend, nickte er freundlich dem jungen Arzt zu und rasch +über den Hof der Thüre zuschreitend, blieb er nur einen Moment noch an +der Pforte stehn, zurückzuschauen, warf dem jetzt wüthend in den Hof +hinab tobenden Don Manuel einen lächelnden Kuß mit den Fingerspitzen +zu, und war wenige Sekunden später in dem schmalen dunklen Ausgang +verschwunden. + + + + +11. + +Der Spanier und das Mädchen. + + +Eine merkwürdige Ruhe, nur manchmal von einem eigenthümlichen kecken +Humor durchblitzt, hatte das Betragen des Spaniers die ganze Zeit, und +zwar von dem Augenblick an charakterisirt, wo er das ihm verdächtige +Gebäude in der Gesellschaft der beiden Männer betreten, bis zu da, wo +er dessen Schwelle -- allein -- wieder überschritt, wie verwandelt aber +schien er selbst in dem Moment, als er die dunkle, finstere Mauer, +als er die Gefahr damit, hinter sich ließ. Wie nach jeder übergroßen, +übernatürlichen Anspannung und Überreizung der Sehnen, stellte sich +eine um so gewaltigere Erschlaffung ein, da sie so plötzlich war -- der +Schweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirn und förmlich gewaltsam +mußte er sich aufraffen, noch Kraft genug zu behalten, in flüchtigen +Sätzen die Straße hinab zu fliehn. + +Dort passirte gerade in dem Moment einer der gewöhnlichen Wagen mit +zwei Pferden, das eine in der Gabel, das andere am Gurt befestigt, den +Kutscher halb schlafend auf dem Bock. + +»#Ahi, amigo!#« rief er dem mechanisch bei dem Ruf in die Zügel +greifenden zu und schwang sich, ohne die Thüre zu öffnen, in das Innere +-- »kennst Du die Wohnung des alten englischen Señors, Don Guillelmo +Nulando?« + +»#Si, Señor!#« + +»Brav, mein Bursche, rasch denn dort hin, ein gutes Trinkgeld ist Dein.« + +Der Kutscher berührte seine Thiere mit der schwanken Peitsche, und der +Wagen klapperte in scharfem Trab die Almendral hinauf, der Wohnung Mr. +Newlands zu, den Passagier kaum zehn Minuten später, vor dessen Thüre +abzusetzen. + +Don Gaspar klopfte und folgte der alten Magd, die ihm öffnete, die +Treppe hinauf. »Mr. Newland war auf der Börse, das Dampfschiff ankommen +zu sehn, was diesen Morgen signalisirt worden, und durfte wohl kaum vor +Abend zurück erwartet werden; Mistreß war ebenfalls ausgegangen und Miß +Jenny allein oben im Parlour -- der junge Mann hatte sie ja schon so oft +besucht, Miß Jenny würde sich gewiß freuen, ihn zu sehn, sie brauchte +ihn gar nicht mehr zu melden.« + +Don Gaspar war schon lange, ehe die geschwätzige Alte nur die Hälfte +ihrer Rede vollendet hatte, oben an der Treppe und im Vorsaal. Was er +hier wollte, schien er selber nicht recht zu wissen -- Abschied nehmen? +-- sich rechtfertigen? -- das Mädchen noch einmal sehen, von dem ihm der +Freund gesagt, daß ihre Seele an ihm hinge in heißer Liebe? -- Es waren +das dunkle Bilder, die ihm wohl vorschwebten und, einer Art von Ziel +entgegentrieben, ohne daß er sich jedoch feste Rechenschaft davon zu +geben gewußt hätte. Er fühlte mehr den Augenblick nahen, der sein +Schicksal überhaupt entscheiden sollte, und -- er mußte der Stelle noch +ein Lebewohl sagen, wo er seit langen, langen Jahren wieder die ersten +Stunden heiteren stillen Glücks verlebt. War es aber das Haus allein, +das ihn gefesselt, mit dem gastlichen Willkommen, der ihm geboten +worden, der derbe Händedruck des biederen alten Mannes, das geschwätzige, +aber so herzliche Wesen der Matrone, das frohe Lachen des Kindes, das +ihm sonst halbe Straßen lang entgegen lief und an seinem Hals hing -- er +hätte keins von alle diesem missen mögen -- oder _Jenny_? Seine Hand +hielt schon die Klinke erfaßt, und zögernd noch stand er und starrte vor +sich nieder -- und Jenny? hatte sich denn durch das Wort des Freundes +eine ganz neue fremde Welt so plötzlich ihm erschlossen? Er wußte gar +nicht, wie ihm eigentlich geschah, alte wirre Bilder tanzten vor seinem +Hirn, wilde entsetzliche Gestalten drängten aus ihrem blutigen Hintergrund +und wetterschwangere Wolken lagerten an dem Saum des noch vor Sekunden +so sonnigen Himmels. Dort, dort vor ihm lag eine Heimath, spielende +Kinder jagten sich auf dem grünenden Rasen, der alte Feigenbaum, der vor +der Thür stand, warf seinen freundlichen Schatten auf ein glückliches +Paar, dessen Züge er kannte. War das Blut, was dort auf dem grünen, +sonnigen Rasen so röthlich blitzte und funkelte, warmes verströmtes +Blut? -- Nein, die Sonne hatte den Thau noch nicht weggeküßt von den +Halmen, sie spiegelte sich jedoch selber so gern in der blitzenden, +strahlenden Herrlichkeit. Aber das Paar dort -- es waren Jennys Züge, +und der Mann? das war er _selber_ -- nein, das Haar schimmerte licht und +golden in den einzelnen Strahlen, die sich durch das dicht verschlungene, +zitternde Laub des Baumes stahlen -- das war _Stierna_. Was sollte auch +_ihm_ eine Heimath, ein Heerd, ein Weib, ein Kind, _ihm_, dem Verlassenen, +Verstoßenen. + +Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken Hand, und vor den +zusammengepreßten Pupillen tanzten die Bilder toller und wilder und +schmiegten sich rasch und gefügig in wunderliche Form und Gestalt +-- _Heimath_? dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes, +ödes Gebäude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben, die +schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen, düsteren, vergitterten +Fenstern unterbrochen, kein lebendes Wesen in der Nähe, kein Mensch +-- ja doch, da oben an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter, +die Stirn, die heiße pochende Stirn an das kalte Eisen gepreßt, stand +ein Mann -- es war wunderbar, wie genau er ihn erkennen konnte, mit +den bleichen Wangen und den schwarzen, tief liegenden Augen -- das +war er selber -- und die Welt lag vor ihm, _frei, frei_ im glühenden, +jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das Dach, die Sperlinge +zwitscherten vom First nieder oder suchten zwischen den stachlichen +Kacktusarmen _frei_ ihr Futter; drüben über den Häusern konnte er die +grasenden Heerden erkennen, die Möve kreiste über den blutgetränkten +Feldern der nächsten Saladeros[22], dort jene Reiter galoppirten _frei_, +_frei_ über die weite, grünende Steppe, und nur _er_ -- nur _er_ +-- -- Wer war der Mann, der da dicht an der Kacktushecke vor dem Haus +stehen blieb und so freundlich hinaufgrüßte? die Gestalt so bekannt, so +verhaßt, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar -- jetzt wandte +sie sich nach ihm her -- + + 22: Schlachtbänke. + +»Don Luis!« schrie er, und die Thürklinke, die er noch immer gefaßt +gehalten in dem wachenden Traum, brach fast vor der furchtbaren Kraft, +mit der sich die Hand auf ihr schloß in krampfhafter Wuth -- »Don Luis!« +-- ihm unbewußt öffnete sich dabei die Thür und der Aufschrei des zum +Tod erschreckten Mädchens rief ihn zum ersten Mal wieder, fast seit er +den Wagen verlassen, zu sich selbst zurück. + +»Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben,« sagte Jenny, die sich +zuerst wieder gesammelt, mit leisem Vorwurf im Ton, »doch was ist Ihnen, +Sie schauen todtenbleich aus,« setzte sie rasch und besorgt hinzu, »sind +Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen, was stieren Sie +mich so an? Don Gaspar?« + +»Entschuldigen Sie, Señorita -- entschuldigen Sie,« stammelte +der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte, seine Gedanken +zurückzuzwingen in die alte Bahn -- »die Aufregung heute, mit einem +leichten Fieber und Unwohlsein, das mich schon einige Tage geplagt +-- der Schmerz der Trennung.« + +»Trennung? Sie wollen fort?« -- rief das Mädchen rasch und augenscheinlich +erschreckt, denn ihre Wangen verließ jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden +mit so viel mächtigerer Fluth dorthin zurückzuströmen -- »und wohin? +weshalb?« -- + +»Wohin? -- weshalb?« -- wiederholte der Gefragte, kaum bewußt, daß +er die Worte noch sprach, die Blicke aber fest und forschend auf die +zitternde Gestalt geheftet, die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu +halten vermochte -- »und schmerzt es Sie, daß ich gehe, Jenny?« setzte +er plötzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff, die sie ihm +willenlos zu nehmen gestattete, »werden Sie den Fernen -- _Fremden_ +nicht vergessen haben, wenn der letzte Staub verflogen ist, den die +Hufe seiner Rosse aus den Nachbarhügeln Valparaisos geschlagen?« + +Er hörte nicht das leise, kaum gehauchte »Nein,« das von den Lippen +der Jungfrau floh, die Hand, welche die ihre hielt, mit dieser sinken +lassend, starrte er wehmüthig lächelnd vor sich nieder und fuhr mit +halblauter Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem schönen Mädchen +redend, das zitternd neben ihm stand und an seine Brust gesunken wäre, +hätte sein Arm sich nach ihr ausgestreckt. + +»O, es ist ein schmerzliches Gefühl, so weit, weit draußen in der Ferne +umherzuschweifen und Niemanden zu wissen in der weiten Gotteswelt. +Niemand in diesem All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir +kommen, dessen Auge sich näßt, wenn wir gehn; es ist ein trauriges Loos, +den kalten Willkommen des Fremden zu hören, und sich dabei noch bewußt +zu sein, in dem eigenen Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu +tragen, was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen könnte. Jeder +in der Abendluft kräuselnde Rauch, der die kleine Familie zu traulichem +Kreis um das knisternde Kamin sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in +das arme Herz. Jedes blühende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb +herzig in die Augen schaut, schnürt ihm die Brust mit einem tiefen, +schwer auszudrückenden, aber deshalb auch um so mächtigeren Weh zusammen, +und die beiden Worte »_allein_« -- allein und »_heimathlos_« wären +schon in sich selbst genug, ein unglückseliges Menschenkind, das ihnen +erlegen, zu Boden zu schmettern, käme nicht auch noch außerdem von den +Eltern auf das -- aber halt -- was ich gleich sagen wollte,« unterbrach +er sich da plötzlich mit ganz verändertem Ton und Ausdruck, während +seine Hand fester die der Jungfrau umschloß, so fest, daß sie der Druck +zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig forschend, den ihren +suchte, »wie ist mir denn, fürchteten Sie sich nicht vor einem -- vor +einem _Wahnsinnigen_?« + +»Wie kommen Sie _jetzt_ zu der Frage?« hauchte das Mädchen, das Haupt +erbleichend von ihm abwendend. + +»Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause, und ich sah heute« +-- + +»O, um Gotteswillen, reden Sie nicht von so Entsetzlichem,« fiel ihm +die Jungfrau rasch und bittend in's Wort, »mir gerinnt das Blut in den +Adern, nur bei dem eigenen Gedanken daran, und fremde Worte könnten +die Bilder heraufbeschwören, die es Monate brauchen würde, wieder zu +verwischen.« + +»Und doch ist der Wahnsinn gar nichts so Entsetzliches,« sagte der +Spanier, ihre Hand loslassend und sich das feuchte lange Haar aus der +Stirn streichend. + +»O, Don Gaspar,« bat das Mädchen. + +»Fürchten Sie Nichts. Señorita,« beruhigte sie aber dieser mit leisem +Kopfschütteln, »ich bin weit davon entfernt, Sie ängstigen oder quälen +zu wollen mit thörichten Schaudergeschichten, wie sie das tolle Volk im +Munde trägt; nein, ein Vorurtheil wünschte ich bei Ihnen zu besiegen, +das Ihnen über kurz oder lang doch vielleicht einmal vielen Schmerz +machen dürfte. -- Mein _Vater_ war wahnsinnig.« + +»Aber, Señor.« + +Der Spanier lachte und nahm schmeichelnd wieder ihre Hand. »Er _war_ es +ja nur, habe ich Ihnen gesagt, und zwar auf eine wunderliche Art -- er +glaubte, meine Mutter liebe ihn, und habe ihn deshalb geheirathet, und +Jemanden, der ihm den tollen Wahn benehmen wollte -- rannte er den Degen +durch den Leib -- wie es ein neckischer Zufall gerade wollte, traf es +sich, daß das sein -- eigener Bruder war.« -- + +»Don Gaspar, wenn Ihnen die Ruhe meiner Nächte, meines Lebens nur das +Geringste gilt, so hören Sie auf,« bat aber jetzt in wirklich tödtlicher +Angst das Mädchen und suchte sich von der Hand loszumachen, die sie +jetzt wieder wie mit eisernem Griff umschlossen hielt. -- »Ich begreife +Sie nicht; was um des Himmels Willen ist mit Ihnen vorgegangen? und +sehen Sie nur, wie entsetzlich Sie mich gedrückt haben,« setzte sie dann +hinzu und hielt ihm die eben befreite, ganz dunkelroth gepreßte kleine +Hand halb scheu noch, halb lachend entgegen. + +»Schelten Sie mich -- schelten Sie mich _recht_ aus, Señorita,« rief da +der Spanier, sich rasch von ihr abdrehend, »ich bin ein arger Thor, ja +ich bin boshaft genug, mich gerade daran zu freuen, wenn ich die -- die +mir die _liebsten_ sind, ärgern und quälen kann -- und zuletzt habe ich +doch nur mich selber geschlagen, wie ein thörichtes Kind. -- Aber ich muß +wahrlich fort,« setzte er dann rascher hinzu, »und in der Scheidestunde +ist das Herz ja doch stets trüb und traurig und beschwört die Bilder +herauf, die ihm die schmerzlichsten sind in der weiten Welt.« + +»Aber weshalb wollen Sie fort? -- was treibt Sie -- was treibt Sie so +plötzlich aus unserer Mitte, aus einem Kreis von Freunden, der Ihnen +-- zu Dank verpflichtet -- so gern noch beweisen möchte, wie -- wie +werth Sie ihm sind« -- sagte die Jungfrau schüchtern und zuletzt mit +leiser bewegter Stimme hinzu. + +»Weshalb?« wiederholte Don Gaspar tonlos, und schaute rasch und +forschend zu dem Mädchen auf -- »weshalb? -- ja, wie war mir denn, +weshalb kam ich doch -- ach -- Ihr Vater -- ja doch -- ist Mr. Newland +nicht zu Hause? -- _er_ wird mir die Auskunft geben können.« + +»Weshalb Sie fort von uns müssen,« sagte Jenny wehmüthig lächelnd und +den Kopf schüttelnd, »o Sie wunderlicher Mann, wie läge das in seinen +Kräften, und wird's ihn nicht selber schmerzen, wenn er Sie missen soll, +der Sie ihm zuletzt ein wirklich fast unentbehrlicher Freund geworden?« +-- + +Don Gaspar schüttelte traurig mit dem Kopf. + +»Glauben Sie das nicht, Señorita -- was hätte Don Guillelmo an dem +wilden, launischen Gesellen, der unstät wie ein Frühlingstag, bald seine +Nachsicht, bald sein Mitleiden in Anspruch nahm, oder ihn ärgerte und +reizte in heftiger, unerquicklicher Debatte. Nein, nein, er wird den +Fremdling bald vergessen, den einst die gütige Vorsehung wohl einmal +benutzte, einen ihrer kleinen Lieblinge noch länger auf dieser Erde zu +halten, den Seinen zum Trost, zur Lust, der aber jetzt schon weit, o, +recht weit von hier fort sein sollte -- und es auch wäre -- hielten ihn +nicht Banden -- heilige, feste Banden.« -- + +»Heilige Banden?« rief Jenny rasch und erschreckt emporfahrend, und +den Blick mit durchbohrender Schärfe auf ihn heftend -- »feste Banden? +-- Sie?« -- + +»_Banden?_« wiederholte der Spanier und sein Geist sprang augenscheinlich +auf dem Wort ab, nach anderer Richtung hin -- »mich? -- nein -- noch +nicht, hahaha -- sie waren nicht schlau genug dazu.« + +»Ich verstehe Sie nicht,« sagte das Mädchen, und das Blut schoß ihr in +Strömen in die Schläfe, und färbte ihr Wangen und Nacken. + +Don Gaspar schwieg erschreckt -- fast instinktartig fühlte er, daß er +wildes, tolles Zeug gesprochen, aber er fürchtete fast eben so, es zu +widerrufen. Schweigend stand er dem holden Mädchen einige Sekunden +gegenüber, jetzt zum ersten Mal, seit er das Gemach betreten, haftete +sein Blick voll und ruhig auf den lieben, bewegten Zügen, und er sah, +wie an den langen, seidenen, niedergeschlagenen Wimpern zwei große, +schwere Thränen zitterten und langsam niedertropften. + +»Jenny,« sagte er da weich und leise, und ihr näher tretend, ergriff er +wieder ihre Hand -- »ich habe Sie wohl recht gekränkt mit meinen harten, +ungestümen Worten -- und -- ich war doch hergekommen aus einem ganz, +ganz anderen Grunde -- weshalb? weiß ich mir eigentlich selber keine +Rechenschaft zu geben; ich verlasse heute die Stadt noch nicht, aber mir +war, als ob ich _vor_ der nächsten Zeit, die in grimmer, unerbittlicher +Entscheidung mein wartet, _Ihr_ holdes Antlitz noch einmal sehen, den +Blick dieser sanften Augen noch einmal in meine Seele prägen _müsse_, +sollte ich im Stande sein, zu ertragen, was -- was nun eben der +wunderliche Herr Gott da droben über mich auszuschütteln im Begriff ist, +und dann --« er hob langsam ihre Hand an seine Lippen und drückte einen +leisen, leisen Kuß darauf -- »mit leichtem Muth der nächsten Zeit zu +begegnen. Ich glaubte mich _durch_ diesen Augenblick gegen Alles +gewappnet, und -- finde nun, daß ich mich bös, o, bös geirrt.« -- + +»Halloh, Kinder!« rief in diesem Augenblick eine fröhliche Stimme, und +der alte Mr. Newland stand in der geöffneten Thür, die traurige Gruppe +der Beiden, die ihn gar nicht kommen gehört, halb erstaunt, halb lachend +betrachtend. + +Jenny schrak zusammen, als ob sie auf einer bösen That betroffen worden, +und wurde todtenbleich, Don Gaspar dagegen hob langsam den Kopf, und dem +alten Herrn ruhig die Hand entgegenstreckend, sagte er freundlich: + +»Sie kommen wie gerufen, lieber Señor, mir liegt etwas auf dem Herzen, +daß ich nicht länger allein tragen kann und will, und Sie gerade sind +der Mann --« + +»Segne meine Seele!« unterbrach ihn aber der Alte mit lautem Lachen, +»wenn der nicht mit Leesegeln an beiden Seiten vor dem Winde, zehn +Knoten die Stunde geht, offene See und keine Leeküste, o! -- aber darauf +kommen wir nachher zurück, jetzt erst, Kinder, eine fröhliche Botschaft, +daß ich die los werde, und nicht auseinanderspringe vor lauter Vergnügen +-- Bill kommt.« + +»Bill?« rief Jenny aus ihren nur halb getrockneten Thränen hervorlächelnd, +»aber wenn, Papa, wenn?« + +»Übermorgen, morgen vielleicht schon!« rief der alte Mann fröhlich, »der +Dampfer hat das Schiff an der Küste, gar nicht weit vom Hafen mehr +getroffen, und wenn der Wind nur noch ein wenig aufräumt, können sie +vielleicht morgen schon ihren Anker hier bei uns niederrasseln lassen. +-- Nun kommt auch der Vater des kleinen Burschen, Señor, den Sie +retteten, und einen warmen, dankbaren Freund werden Sie an dem finden.« + +Zwei Reiter galoppirten die Straße hinab -- es war Polizei, und Don +Gaspar schaute ihnen lächelnd nach -- er hörte gar nicht, was der alte +Herr in seiner Herzensfreude zu ihm gesagt hatte. + +»Und du warst am Bord des Dampfers, Väterchen?« frug die Jungfrau, froh, +einem Gespräch enthoben zu sein, das ihr das Herz zusammen zu schnüren +gedroht -- »hatten sie Bills Schiff signalisirt?« + +»Doch wohl, Kind, doch wohl,« sagte der Greis, sie an sich heranziehend +und ihre Stirn küssend -- »aber an Bord war ich nicht, sondern traf eben +bei dem Argentinischen Konsul einen alten Freund, der mir die fröhliche +Botschaft gab. -- Segne meine Seele, ich habe ihm nicht einmal Adieu +gesagt, in solcher Eile war ich, Dir die Nachricht zu bringen -- den +Konsul wollte ich mit hierherschleppen, der hatte aber den Kopf voll und +mußte auf die Polizei, und Don Luis de Gomez --« + +Ein wilder, fast nicht mehr irdisch klingender Schrei unterbrach ihn +hier, und als sich Beide rasch und erschreckt der Richtung zuwandten, +von der jener unheimliche Laut ertönte, sahen sie den Spanier mit +todtenbleichem, leidenschaftlich aufgeregtem, fast verzerrtem Antlitz, +die weit geöffneten Augen starr und aus ihren Höhlen drängend auf den +Erzähler geheftet, die Arme vorgestreckt, und das schwarze krause Haar +in ungeregelten, fast emporsträubenden Locken über die marmorblasse +Stirn geworfen, mitten im Zimmer stehen. Eben hatte er dessen letztes +Wort, den Namen, aufgefangen, und die wenigen Sylben schienen einer +Zauberformel gleich auf den Unglücklichen zu wirken. + +»Don Gaspar -- was um des Himmels Willen ist Ihnen geschehen,« riefen +Vater und Tochter fast zu gleicher Zeit. + +»Don Luis de Gomez!« war aber Alles, was der Spanier nur in bleicher +zitternder Wuth, jede Muskel seines Körpers bebend in der furchtbaren +Aufregung, auszustoßen vermochte -- »Don Luis de Gomez!« und Alles was +er an Haß, Wuth und Rache kannte, häufte sich in dem einen Namen des +Feindes. Die geballten Fäuste schlug er dabei zusammen, und der halb +geöffnete Mund zeigte die beiden Reihen perlenweißer, aber fest +zusammengebissener Zähne, hinter denen vor die Laute zischten. + + + + +12. + +Der Ausbruch des Vulkans. + + +Leifeldt stand noch wie in einem Traume, als ihn Don Gaspar schon +mehrere Minuten verlassen hatte, und nur erst der Lärm, den der in +seiner eigenen Falle gefangene Don Manuel oben machte, brachte ihn +wieder zu sich selber. + +Die beiden Peons unten ebenfalls wußten nicht, was sie von dem Allen +denken sollten. Ihrer Meinung nach hatte es ihnen kaum anders möglich +geschienen, als daß der, der sie da eben so ruhig und gleichgültig +verlassen, der Bezeichnete sein müsse, den festzunehmen sie heimlich +heute Nachmittag durch Don Guzman de Ribera hierher bestellt waren, und +gleichwohl saß der Andere jetzt oben fest, und dieser ging ruhig und +ungehindert von dannen. Und Don Manuel? -- dem zu gehorchen waren sie +doch herbeordert; konnte es möglich sein, daß er selber der Tolle +gewesen wäre? -- + +Der junge Arzt stand indeß noch unschlüssig an der Treppe. Er konnte +Don Manuel hier nicht gut hinter Schloß und Riegel sitzen lassen, und +gleichwohl hatte er eine kleine Strafe für sein doppelgängiges Wesen +verdient; Leifeldt freute sich ordentlich, daß Don Gaspar die Falle +gemerkt und auf die Häupter seiner eigenen Verfolger geleitet habe. +Langsam schritt er den Gang entlang und der Thüre zu, hinter der dieser +schrie und tobte und herausgelassen zu werden verlangte, und seine Wuth +wurde noch durch die beiden Peons vermehrt, die unten im Hof jetzt +mit offenem Munde standen, zu ihm hinaufschauten und eben durch sein +furchtbares Wüthen mehr und mehr darin bestärkt wurden, daß doch +wirklich Don Manuel und niemand anders der plötzlich toll gewordene sei, +und jetzt hier zu der Stadt Besten im Allgemeinen, und seinem eigenen +insbesondere, hinter Schloß und Riegel verwahrt werden sollte. All seine +Ausrufungen und Befehle, die er mit vor Zorn halb erstickter Stimme den +unten Gaffenden hinunterschrie, konnten dabei nicht dazu dienen, sie vom +Gegentheil zu überzeugen, und endlich, der Sache auch eine spaßhafte +Seite abfindend, stießen sie sich unter einander mit den Ellenbogen, +und sahen sich an und platzten dann gerade heraus in ein nicht enden +wollendes Gelächter. + +Wie lang diese Scene gedauert haben würde, ist unbestimmt, Don Manuel +war aber durch das, was er Spott glaubte, der beiden von ihm selbst +besoldeten Männer so in wirkliche Wuth gerathen, daß er schon die +Stäbe seines Kerkers gefaßt hatte und in blinder Wuth daran riß und +schüttelte, als der junge Arzt seine Thüre erreichte, die beiden von +außen vorgeschobenen Riegel zurücktrieb und das Schloß ebenfalls zu +öffnen versuchte; das aber widerstand allen seinen Bemühungen und +während der Gefangene, der jetzt Jemanden an seiner Thür hörte, dieser +zusprang und von innen dagegen schlug und donnerte, anstatt ruhig zu +warten bis sie geöffnet sein würde, benahm er Leifeldt vollkommen die +Möglichkeit, ihm verständlich zu machen, wie er gerade im Begriff sei +ihn wieder in Freiheit zu setzen. Dieser war zuletzt genöthigt, zurück +in den Hof zu gehen und einen der Peons zu rufen, ihm zu helfen. Eine +der alten eisernen, dort herumliegenden Klammern mit hinaufnehmend, +gelang es ihm endlich mit des Peons Beistand, das massive Schloß +aufzudrehen und den Gefangenen zu befreien. + +Der Peon mußte übrigens, wie sich Don Manuel nur erst einmal vor der +Thür und ihm gegenüber sah, machen, daß er die Treppe hinunterkam, denn +der gereizte Chilene warf sich in förmlichem Grimm auf den armen Teufel +und schien wirklich im ersten Augenblick kaum seiner Sinne mächtig. +-- Die nächsten heraussprudelnden Fragen war Leifeldt auch gar nicht +im Stande so rasch zu beantworten, wie sie sich Luft machten von des +zornigen Mannes Lippen, und als auch der Schwede endlich, gereizt von +den scharfen zornigen Worten, kurz und trotzig erwiederte, stürmte der +Erbitterte fort mit Flüchen und Verwünschungen zwischen den Zähnen, +Genugthuung zu holen auf der Polizei für den erlittenen Schimpf. + +Es thun das viele Menschen. + +Leifeldt sah ihm lächelnd nach, dann aber der Worte gedenkend, die ihm +Don Gaspar noch zugerufen, und der eigenthümlichen Aufregung, in der +er ihn heute gesehen, entließ er die Peons (der dritte, ebenfalls oben +Eingesperrte hatte schon einen anderen Ausgang durch eine Nachbarzelle +gefunden) und eilte mit schnellen Schritten zu seinem Hotel zurück, die +erwartete Aufklärung des Freundes dort zu finden. + +Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt er den kleinen +Raum von dessen Gemach hin und her, Viertelstunde nach Viertelstunde. +Bald trat er an das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Thür zu +horchen, ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten hören ließen. +-- Niemand kam, und wie ihm endlich die feste Überzeugung schwand, mit +der er bis jetzt den Freund erwartet hatte, tauchte Besorgniß in ihm +auf, wohin dieser in seinem überreizten Zustand geeilt sein, was er +angerichtet haben könnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein Herz +kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen, als Jennys Schicksal +-- zuckte ihm auch, wie ein wilder Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don +Gaspar könne dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn +der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf deren düsteres, +furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen entsetzten Blick +geworfen, zum Ausbruch käme. + +Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt er das +Gemach wohl noch zehn Minuten in immer steigender Unruhe, dann aber +hielt er es auch nicht mehr aus -- es litt ihn nicht länger in dem +leeren Raum, und hinaus stürmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich +zu überzeugen, ob seine Befürchtungen Wahrheit gewesen wären oder nicht. + +Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder, +wie er nur das Haus betrat. + +»Um Gottes Willen, was geht hier vor?« rief er der alten Magd entsetzt +entgegen, die ihm mit zitternden Händen die Thüre öffnete. + +»Don Gaspar,« war Alles, was diese erwiedern konnte, als er auch schon +mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinaufflog und die Thür aufriß. -- + +Ein einziger Blick hier bestätigte aber nicht allein seine schlimmste +bisher gefaßte Befürchtung, sondern zeigte ihm auch, in welche Gefahr +er die ihm liebsten Menschen durch sein unschlüssiges Zaudern gebracht. + +Mitten im Zimmer, dicht neben dem großen, runden Tisch, auf den er sich +mit der linken Hand stützte, stand der Greis, den rechten Arm um die +Tochter geschlungen, die sich halb bestürzt, halb erschreckt an ihn +schmiegte und Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach +dem Spanier hinüber, der lachend und stampfend, mit blitzenden Augen und +gesträubtem Haar ihnen gegenüber stand. + +Keiner von ihnen gewahrte das Öffnen der Thür, den eintretenden jungen +Mann, aber die so lang eingehemmte und zurückgehaltene Wuth des Tollen, +die jetzt Monde lang unter der äußeren Schaale seines festen eisernen +Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein mächtiger Vulkan seine +Gluthen wieder unter der Rinde sammelt, die er sich von seinem letzten +Ausbruch selbst geschmiedet, schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder +Lohe ins Freie. + +»Don Luis de Gomez!« schrie er mehr, als er es rief, »Don Luis, er ist +hier -- er ist hier! Teufel, wenn ich Dich fasse, wenn ich Dich halte +-- hier -- hier zwischen den zusammengeballten Fäusten -- hier zwischen +den Zähnen und Armen -- huih!« -- und das Zimmer dröhnte von dem +gellenden Aufkreisch des Rasenden. -- »Und _das_ Dein Weib? -- mit +dem marmorbleichen Angesicht? -- _das_ die blühende, liebeglühende +Constancia?« fuhr er plötzlich fort, den Arm gegen das zusammenzuckende +Mädchen ausstreckend -- »_das_ die Schlange, die mich nicht einmal im +Grabe ruhen ließ mit ihren zaubertollen Reizen -- _das die Braut_« +-- und zum Sprung, die Schultern zurückgedrängt, die Augen in wildem +unheimlichem Feuer glühend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als +Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen den Wüthenden +gehoben, ausrief: + +»_Morelos!_« + +»Wahnsinnig!« hauchte Jenny, ihr Antlitz in den Händen bergend, und +brach in sich selbst zusammen. Hoch empor aber zuckte der Kranke, und +seine Augen flogen wie irre Pfeile von Leifeldts ihm muthig begegnender +Gestalt zu dem bleichen, am Boden hingestreckten Mädchenbild, über das +der Vater getreten war, mit dem jungen Arzt jede Gefahr von der +Geliebten abzuwenden. + +Aber diese schien für den Augenblick vorüber, wenigstens von ihnen hier +abgelenkt. Des Freundes Anblick riß den Wüthenden in etwas zu der ihn +umgebenden Wirklichkeit zurück. + +»Leifeldt -- Stierna!« rief er, mit der linken Hand rasch und heftig das +wirre Haar aus seiner Stirn streichend, »und _hier_? -- _hier_? -- nein, +nicht hier -- er ist dort, bei _ihm_, bei _ihm_« -- und ehe Jemand +seine Bewegung hätte hindern, ja nur ahnen können, was er beabsichtigte, +legte er die Hand auf das Sims des offenen Fensters und war mit _einem_ +tollkühnen Satz auf der Straße unten. + + + + +13. + +Das Rendez-vous. + + +Die Höhe, von der der Wahnsinnige niedersprang, war über achtzehn Fuß, +aber wie ein Federball schnellte er wieder vom Boden empor, und floh mit +flüchtigen Sätzen die Straße hinab, dem Hause des Argentinischen Konsuls +zu. Wohl stutzten ein paar Vorübergehende, die den waghalsigen Sprung +gesehen, und auch wohl erst die lauten Stimmen oben im Hause gehört; +Streitigkeiten sind aber nichts seltenes bei dem heißen Blut des +Südländers, das Messer trägt er dabei nur gar locker im Gürtel, und +rasche Flucht wird oft nöthig, dem Gesetz und vielleicht fatalen Folgen +zu entgehen. Zufällig Gegenwärtige vermeiden aber in einem solchen Fall +nichts sorgfältiger, als Zeugen solcher That zu sein. -- Die Gerichte +waren in Chile so weitläufig, wie in der Argentinischen Republik und man +hält sich gern fern von ihrer kostspieligen Nähe. + +So bog Don Gaspar, oder wie wir ihn jetzt lieber wieder bei seinem +rechten Namen nennen wollen, _Morelos_, ungehindert, unbelästigt in die +nächste Straße ein, und stand wenige Minuten später an der Thüre des +Argentinischen Konsuls, die er verschlossen fand. + +Den rasch geführten Schlägen des Klopfers öffnete ein junger Bursche in +einem Peruanischen Poncho. + +»Don Guzman ist nicht zu Hause!« sagte der Knabe, die Frage nach dem +Konsul beantwortend, »wird auch vor Abend schwerlich zurückkommen.« + +»Und der Fremde?« + +»Don Luis de Gomez?« + +Morelos faßte krampfhaft in seine eigene Seite, die Spuren der Nägel +dort zurücklassend, und die Muskeln seines Gesichts zuckten wie unter +dem Schmerz des Scalpells. -- + +»Weshalb lachen Sie, Señor?« frug der Knabe erstaunt. + +»Wo ist Dein Herr?« frug der Kranke, sich gewaltsam zusammennehmend. +-- Wie der Schwimmer, mit sinkenden Kräften dem rettenden Ufer nah, +noch einmal die Nerven anspannt zum letzten entscheidenden Moment, noch +einmal hineingreift in die Fluth und ausstreicht, und die Zähne fest, +fest aufeinander beißt, so fühlte er, daß der Augenblick, nach dem sein +ganzes Leben gedrängt, ja dem der Geist, selbst krank und bewußtlos, +entgegenstrebt, nahe sei, und nur wenige Minuten Fassung _jetzt_, ihn +siegen lassen müssten. + +»Oben in seiner Stube im ersten Stock!« sagte der junge Bursche, durch +die ruhige Frage wieder getäuscht, von dem glühenden, aber ernsten Blick +doch auch zugleich eingeschüchtert. -- »Gleich rechts die zweite Thür,« +rief er dem schon treppauf Springenden noch nach; »das Vorzimmer ist +offen!« + +Der Spanier _fühlte_ mehr die letzten Worte, als daß er sie hörte; mit +wenigen Sätzen war er oben -- das Vorzimmer stand nur angelehnt, er +öffnete es, drückte es hinter sich ins Schloß und schob den Nachtriegel +vor, und wenige Sekunden später lag seine Hand auf dem Schloß der +anderen Thüre, die in das Zimmer seines Todfeindes führte. + +Das Herz schlug ihm hörbar in der Brust, aber kein Nerv seines Körpers +bebte, wie das Metall selber so kalt und ruhig, hielt die Hand den +Griff, nur das Auge blitzte in wildem, unheimlichem Feuer und ein +kaltes, fast teuflisches Lächeln zuckte jetzt um seine Lippen. + +Leise klopfte er an die Thür, und das laute #entra# von innen warf nur +tiefere Gluth in seine Augen, ohne an seiner Stellung auch nur die +Bewegung einer Muskel zu verändern. + +_Er spielte mit seinem Opfer._ + +Noch einmal berührte sein gebogener Finger die Thür, und lauter und +ungeduldiger tönte das scharfe »Herein« des Bedrohten. + +Dem Laut nach befand er sich in dem entferntesten Theile des Zimmers, +wie aber statt dem Öffnen der Thür zum dritten Mal das Klopfen, nur +etwas lauter als vorher ertönte, schallten rasche Schritte von innen, +doch ehe sie sich vollkommen der Thüre nähern konnten, riß sie Morelos +auf und stand im nächsten Moment dicht vor dem, mit einem jähen Ausruf +des Schrecks zurückspringenden Argentiner. + +Er wollte schreien, aber das lange, haarscharfe Messer des Feindes +blitzte in dessen Hand und die nächste Sekunde, schien es, sollte +sein Schicksal entscheiden. Doch über den wunderlich tollen Geist +des Wahnsinnigen war ein anderer Schatten gezogen, oder hatte die +_Gewißheit_ seiner Rache, das _Bewußtsein_, den Feind nun endlich im +Bereich seines Messers zu haben, der wild ausbrechenden Wuth, die ihn +sonst nur bei Nennung des bloßen Namens befiel, die volle Schärfe +genommen? Ja, er _letzte_ sich jetzt selber an diesem Gefühl und wenn +auch Mord und Blut nur sein erster Gedanke gewesen, als er die Schwelle +betrat, so schien es ihn jetzt zu reuen, gleich mit _einem_ Schlag den +Jahre und Jahre lang aufgebauten Plan seiner Rache zu zerstören. + +»Bst!« sagte er, mit dem warnend emporgehobenen Zeigefinger der linken +Hand -- »bst -- Kamerad -- kein Geschrei, die Nachbarn sind munter und +du könntest die Polizei im Schlafe stören -- siehst Du den Gruß hier?« +und er hielt ihm die blanke Klinge lachend entgegen, vor der der +Unglückliche scheu und entsetzt zurücktrat -- »fürchte Dich nicht, +Schatz, es thut nicht sehr weh -- den hat mir Felipe für Dich +aufgetragen.« + +»Was wollen Sie von mir, Unglückseliger?« rief jetzt Don Luis in wilder +Angst, denn in den Augen des Wahnsinnigen lag der Tod -- »nennen Sie +Ihre Wünsche, und bei der reinen Mutter Gottes, ich will sie erfüllen +und kostete es mein halbes Vermögen.« + +»Bst, bst, Kamerad, sprichst zu laut, viel zu laut,« flüsterte +kopfschüttelnd, einen Blick nach der Thüre werfend, der Spanier, »aber +eine Frage hätte ich doch an Dich -- wo ist Constancia?« -- und seine +Augen leuchteten und funkelten, als er den Namen aussprach und die Hand +umspannte krampfhaft den Griff des Messers. + +Don Luis rang augenscheinlich mit sich selbst, aber die Gefahr war zu +dringend mit seinem Leben zu spielen und er sagte rasch, die einzige +vielleicht mögliche Gelegenheit ergreifend, sich zu retten: -- + +»Wünschen Sie Donna Constancia zu sehen?« + +»Zu _sehen_?« rief der Spanier schnell und zornig, »nur zu _sehen_? +-- wo ist sie? -- rasch -- unsere Augenblicke sind kostbar.« + +»So will ich Sie zu ihr führen,« sagte Don Luis, zum Tisch tretend und +seinen Hut ergreifend, »wir brauchen das Haus nicht zu verlassen.« + +»Bst, bst, Kamerad,« lautete aber wieder die Antwort seines wachsamen +Hüters, »nicht hinaus, mein Bursche, den Weg _dort_ find' ich schon +nachher allein -- wir haben _hier_ noch Wichtigeres mitsammen zu +besprechen. Nicht wahr, das gefiele Dir, aus dem Thor hinaus hier durch +den Hof und in die menschengefüllte Straße mit dem Alarmschrei: »ein +toller Hund!« hinauszuspringen? Eine Frage mußt Du mir erst beantworten, +Señor -- eine Frage, die mir in blutigen Zügen die langen Jahre hindurch +im Hirn geschrieben stand und mich, wie die Leute in Buenos-Ayres +behaupteten -- wahnsinnig gemacht hat -- was wurde aus meinem _Bruder_ +-- aus meinem _Weib_?« -- + +»Don Morelos!« rief der Argentiner entsetzt, denn die Blicke des Feindes +sprühten Feuer und es war augenscheinlich, wie er sich nur mit größter +Mühe selber noch zurückhielt auf sein Opfer zu springen. -- »Doch halt!« +rief da der Unglückliche in seiner Todesnoth, denn ein einziger Gedanke +an Rettung durchblitzte noch seine Seele, »Sie wollen Nachricht von +Ihrem _Bruder_ -- _die_ kann ich Ihnen geben.« + +»_Du_?« rief der Spanier überrascht, und die Ruhe der Verzweiflung, die +in des Gegners Blicken lag, täuschte den sonst so Schlauen. + +»Wollen Sie einen Brief von ihm sehen?« frug Don Luis. + +»Einen Brief?« -- wiederholte Morelos und strich sich wie träumend mit +den Fingern über die Stirn -- »einen Brief? -- wie ist mir denn -- einen +Brief -- von -- dem -- _Bruder_?« + +»Sie können sich überzeugen,« sagte Don Luis ruhig, »er liegt in jenem +Pult, und wenn ich Sie täusche, mögen Sie thun mit mir, was Ihnen +beliebt.« + +Er nahm einen kleinen Schlüssel von dem Tisch, neben dem er stand, und +schritt langsam an Morelos dicht vorbei, dem Pulte zu, als draußen an +der Vorsaalthür zwei Mal stark geklopft wurde. Don Luis zuckte zusammen, +Morelos lachte. + +»Gehen Sie an die Thür, Don Luis,« sagte er zu diesem, »und rufen Sie +hinaus, daß Sie beschäftigt sind -- der geringste andere Laut, die erste +Bewegung zur Flucht aber -- doch ich brauche Sie nicht zu warnen.« + +Don Luis schritt in furchtbarer Aufregung zur Thür, gehorsam wie ein +Kind, und diese halb öffnend -- und der Wahnsinnige stand mit der +blanken Waffe dicht an seiner Seite -- rief er laut, wer da draußen sei. + +»Ich bin es, Señor,« rief eine, Morelos wohlbekannte Stimme, »ich, Don +Manuel -- ich habe Polizei bei mir und wünschte Sie nur auf wenige +Sekunden zu sprechen.« -- + +Über Morelos Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln, aber Don Luis +zögerte -- dort draußen, wenige Schritt von ihm entfernt stand Hülfe, +und er, er mußte hier mit einer Lüge dem Feind sich selber rettungslos +in die Hände geben. -- + +»Bitte, Señor,« sagte der Spanier, mit kalter Höflichkeit, aber +jubelndem Triumph im Blick. + +»Ich komme gleich -- warten Sie draußen auf mich,« rief der Gefolterte +und trat von der Thür zurück, die er offen ließ, Morelos drückte sie +wieder ins Schloß und schob den Riegel vor. + +»_Den Brief_,« sagte er eintönig. + +Don Luis wußte, es war ihm jeder andere Ausweg abgeschnitten, und +schritt zum Pult. Dieses öffnete er und zog mit beiden Händen Gefache +auf, in die er hineinschaute -- er nahm mehrere Briefe heraus und sah +ihre Adresse -- Morelos stand dicht neben ihm, und beobachtete jede +seiner Bewegungen. + +»Hier ist er,« sagte er plötzlich, dem Spanier einen derselben +hinüberreichend, wie dieser aber mit scheuem Blick die Adresse +überflog, griff des Argentiners Hand tiefer in das Gefach und ein +Pistol herausreißend, das er im Rückspringen spannte und dem Feind +entgegenhielt, schrie er mit der Kraft, die ihm Todesangst und +Verzweiflung gegeben, laut um Hülfe! + +»Lügner und Narr!« rief Morelos, als er den Brief mit wildem Lachen zu +Boden warf und mit dem Fuß stampfte -- »bete -- denn Deine Seele steht +in wenigen Sekunden vor Gott!« + +»Hülfe!« tönte des Unglücklichen Stimme und mit dem Ruf zugleich +schmetterte der Schuß dem Angreifer entgegen. Die Kugel traf ihn in die +Schulter, aber was achtete der Tolle einer solchen Waffe. Draußen brach +die Thür zusammen unter dem Andrang der Polizeisoldaten, die den Ruf +gehört, aber er hörte das Prasseln und antwortete ihnen mit einem +gellenden Triumphschrei, denn unter seiner Hand lag und wand sich das +Opfer und sein Messer wühlte in dessen Herzen. + +Wenige Sekunden später warfen sich die Diener des Gesetzes gegen die +innere Thür, die jedoch, stärker als die vorige, ihrem ersten Anprall +kräftigen Widerstand leistete. + +»Seid Ihr da?« lachte Morelos, sich emporrichtend dem geglaubten Angriff +zu begegnen, »aha, meine Burschen, läßt Euch das Eichenholz nicht herein?« + +»Öffnet, Don Luis -- öffnet, Señor -- im Namen des Gesetzes.« + +»Hahahaha!« lachte der Tolle, »öffnet Euch selber und holt Euch Don +Luis de Gomez!« und das Fenster öffnend, das auf die, rings den Hof +umziehende Veranda führte, sprang er auf diese hinaus und floh, das +blutige Messer wieder in seiner Scheide bergend, darauf hin, durch eins +der anderen Fenster vielleicht einen Ausgang zu entdecken. + + + + +14. + +Die Verfolgung. -- Schluß. + + +Seine Verfolger waren indessen aber auch nicht müßig gewesen. Der +Konsul selber, eben von der Polizei zurückgekehrt, wo er sich +schon einen Verhaftsbefehl und Hülfe verschafft hatte, hörte kaum die +Schreckensbotschaft, daß der Wahnsinnige zu seinem Opfer eingedrungen +sei und wahrscheinlich schon sein Schlimmstes gethan habe, sandte +augenblicklich einen Theil der Mannschaft in den Hof, ihn in Empfang zu +nehmen, wenn er dort hinunterspringen sollte, und ließ durch eine andere +kleine Abtheilung die Hinterthür besetzen, zu der eine schmale Treppe +von der Veranda niederführte. + +Don Manuel war beordert, dieselbe anzuführen, und ihm ebenfalls der +Schlüssel zu dieser Pforte, die gewöhnlich offen stand, anvertraut +worden. Seine Ordre war, diese Thür so rasch als möglich zu verschließen +und dann das weitere zu erwarten. Don Guzman ließ unterdessen Don Luis +Thür sprengen, von wo aus sie den Flüchtigen, blieb er nun auf der +Veranda oder zog er sich in eines der Zimmer zurück, leicht erreichen +konnten. + +Don Manuel säumte auch nicht, solchem Befehle nachzukommen; galt es ja +noch außerdem die Scharte auszuwetzen von heut Nachmittag, wo ihn der +Tolle überlistet, trotz all seiner Schlauheit; rasch deshalb über den +Hof eilend, und die Pforte, durch die er dorthin gelangt, ebenfalls +von außen verriegelnd, postirte er seine Leute vor die Hinterthür des +Hauses, ohne weitere Ordre, da er sich ihnen augenblicklich wieder +anschließen wollte, und er selber lief die Treppe hinauf, die Verandathür +zu schließen, als er sich in demselben Moment nicht allein in der Nähe, +sondern auch in der Gewalt des Flüchtigen fand, der, die Thür bemerkend, +sie gerade aufriß, als Don Manuel den Schlüssel gehoben hatte, ihn in +das Schlüsselloch zu schieben. + +Der Chilene stand da wie vom Schlag gerührt, und die Überraschung lähmte +ihm wirklich im ersten Augenblick alle Glieder. Nicht so Morelos, dessen +tollkühner Muth im Nu die sich ihm bietende Gelegenheit ergriff, den +würdigen Caballero selber, der zu seinem Verderben hierher beordert +worden, zu seiner Flucht zu benutzen. + +»Ha, Gott zu Gruß, Compañero,« rief er lachend, indem er mit der Rechten +sein Messer halb aus der Scheide ziehend, dem zum Tod Erschrockenen mit +der Linken auf die Schulter klopfte; »schon fertig mit der Besichtigung +jener alten Zimmer? hahaha, Kamerad, es freut mich, Dich gerade jetzt +hier zu finden, ich habe Lust zu einer Spazierfahrt, und _Du_ sollst +mich begleiten -- Ruhe, Bursche, Ruhe!« zischte er drohend zwischen den +Zähnen durch, als er sah, wie des Mannes Hand langsam nach dem Gürtel +zu schleichen suchte, »die erste verdächtige Bewegung, und Du bist ein +Kind des Todes -- _so_ und nun fort.« + +Und damit den Schlüssel aus der widerstandslosen Hand nehmend, ohne +diesen jedoch aus dem Bereich seines Armes zu lassen, schloß er rasch +die Thür hinter ihnen und schritt, seine Hand auf Don Manuels Schulter +haltend, die steile Treppe nieder, die sie bald zur Außenthür brachte. + +Die dort postirten Wachen staunten nicht wenig, ihren Führer in solcher +Begleitung zurückkomme zu sehen, Morelos war aber nicht der Mann, einem +gewonnenen Vortheil auch einen Moment nur zu entsagen. + +»Zurück, Caballeros!« rief er barsch, als die beiden Wächter nach innen, +jedoch wie im Zweifel, zuspringen wollten, und das Messer schaute +drohend wieder aus seinem Versteck, »zurück, oder dieser Herr da ist +eine Leiche -- freiwillig werde ich mich dem Gericht überliefern, und +Don Manuel wird mich begleiten -- Sie aber gehen zurück und sagen das +dem Herrn des Hauses -- wenn er mich zu sprechen wünscht, werde ich auf +dem Polizeigebäude zu finden sein. -- Kommen Sie, Don Manuel,« und +den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte, ob der +entsetzliche Mensch Ernst mache mit seiner Betheuerung, schritt er mit +ihm die Straße hinunter, während die Diener der Gerechtigkeit, vollkommen +verdutzt durch das ernste, zuversichtliche Benehmen des Mannes -- dem sie +überdieß nur zu gern aus dem Weg gingen, zurückblieben. + +Rasch schritten indeß die beiden Männer die kleine Straße nieder, die +nach der Hauptstraße der Stadt zu führte, als sie eine der dort überall +haltenden Droschken überholten. + +»Halt an, Kamerad!« rief Morelos, dem Kutscher winckend, »fünf Dollar, +wenn Du mich, so rasch Deine Pferde laufen, die Almendral hinunterfährst +-- hier, Dein Geld!« -- + +»Darf nicht galoppiren, Señor,« sagte der Mann. + +»Trabe dann.« + +»Die Almendral hinunter?« frug Don Manuel erschreckt, dorthin lag nicht +das Polizeigebäude, ein Blick seines Begleiters aber und ein leises +Drücken von dessen Arm überzeugte ihn bald, wie er willenlos nur zu +gehorchen habe. -- Sie stiegen ein, Don Manuel voran, aber ehe ihm +Morelos folgte, hielt er sich einen Augenblick an dem Schlag des Wagens +fest, er sah todtenbleich aus und es war augenscheinlich, wie er mit +einem furchtbaren Schmerz rang. + +»Caracho, Señor!« rief der Kutscher, der sich nach ihm umschaute, »Sie +sind verwundet.« -- + +»Ich will eben zum Doktor, Amigo,« lächelte der Kranke, und sich +gewaltsam zusammenraffend, hob er sich in den Wagen an Don Manuels +Seite. + +»Fort, mein Bursche, fort -- und was die Pferde laufen können.« + +Der Kutscher hieb auf die Thiere und im scharfen Trab rasselten +sie eben um die nächste Ecke, als von des Konsuls Haus die Verfolger +niedersprangen. + +»Schneller -- schneller, Amigo.« + +»Ich darf nicht galoppiren, Señor.« + +»Ich zahle die Strafe, Freund -- Du weißt, Ärzte und Polizei dürfen, +und Kranke werden dasselbe Recht haben.«[23] + + 23: Es ist in Valparaiso nur der Polizei und den Ärzten erlaubt, + in der Stadt zu galoppiren. + +Der Peon hieb in die Pferde und die Thiere, selber gereizt durch das +stete Strafen der Peitsche, griffen aus in vollem Carrière die Straße +hinunter. + +»Halt an, Compañero,« schrie ein an der nächsten Ecke ihnen begegnender +Polizist entgegen, und versuchte dem Wagen vorzuspringen, aber das +Handpferd biß nach ihm und er fuhr zurück, während der leichte Wagen +vorbeistob, als ob ihn die Winde führten. + +»Wo ist das Haus, Señor, die Almendral ist beinah zu Ende,« frug der +Kutscher, die Zügel fest in der Hand, den Kopf halb herumwendend. + +»Weiter!« war die einzige Antwort, die er erhielt, und donnernde +Hufschläge wurden schon hinter ihnen laut. + +Jetzt hatten sie das Ende der Stadt erreicht und über eine kleine Brücke +hin donnerte der Wagen den letzten Häusern entgegen. + +»Ist es hier?« frug der Kutscher noch einmal, und wandte sich seinem +wunderlichen Passagiere zu. + +»_Weiter!_« tönte die monotone Antwort -- aber die Worte klangen hohl +und unheimlich. + +»_Weiter?_ -- ich fahre nicht weiter!« rief der Kutscher erstaunt, »hier +ist meine Grenze.« + +»Du fährst,« sagte Morelos eintönig, und er hätte das Messer nicht +gebraucht, das er aus der Scheide zog; der Blick, mit dem er dem +entsetzten Rosselenker ins Auge schaute, trieb diesem das Blut als +Eis ins Herz zurück. + +Wilder hieb er in die Pferde, den schrägen Hügel hinauf keuchten die +Thiere, mit Schaum bedeckt, schnaubend und in die Zügel knirschend. +-- Don Manuel sah sich um -- zehn oder zwölf Reiter waren in kaum +hundert Schritt Entfernung hinter ihnen und ein rascher Satz aus dem +Wagen konnte ihn jetzt aus dem Bereich seines Feindes bringen. Aber +dessen Hand lag auf seinem Arm und ein eignes, unheimliches Lächeln +spielte um seine Lippen. + +Die Pferde keuchten und schnoben den Berg hinan -- jetzt hatten sie den +Gipfel erreicht, aber nur einen scheuen Blick warf der Peon zurück und +hieb mit neuer Kraft auf die armen, schon zum Tod erschöpften Thiere. + +»Halt -- Caracho, verdammter!« schrie die Stimme eines der vordersten +der Verfolger in wildem Grimm, »halt, oder ich reiße Dich mit dem Lasso +vom Wagen herunter.« + +Ein Schlag mit der Peitsche auf die eigenen Thiere war die Antwort +-- das blanke Messer lag neben dem armen Teufel von Peon und er +fürchtete weniger die Drohung des Reiters, als den kalten, drohenden +Stahl des entsetzlichen Fremden. + +Wieder zog sich der Weg eine kleine Erhöhung hinan, und der Kutscher +hieb aufs Neue in seine Thiere, aber deren Kräfte waren erschöpft. +Das Sattelpferd, mit dem kurzen Lasso am Gurt befestigt, wollte +dem geschwungenen Arm entgehen -- noch einmal warf es sich mit der +Anstrengung aller Sehnen vorwärts, aber die Glieder versagten ihm den +Dienst, und wie es stürzte, war es nicht mehr im Stand, sich wieder zu +erheben. + +In demselben Moment fast hielten die ersten Reiter neben dem Wagen, und +zwei davon, mit geschwungenem Lasso heranreitend, wandten sich gegen +den entflohenen Mörder. + +»Im Namen des Gesetzes!« rief der Erste, »Ihr seid mein Gefangener, +Señor Morelos!« + +Don Manuel blickte scheu zu ihm auf -- noch immer ruhte seine Hand auf +seinem Arm, und dasselbe kalte Lächeln spielte um die bleichen Lippen +und stieren Augen -- er war _todt_. + +Die eigenen Pferde vor den Wagen spannend, und es dem Kutscher +überlassend, seine abgehetzten und fast aufgeriebenen Thiere +nachzubringen, sprengten die Polizeidiener mit der Leiche in die +Stadt zurück. + + * * * * * + +Sechs Monate waren seit jenem Tag verflossen -- es war Frühling in +Valparaiso. -- Die Pfirsichen blühten und der Feigenbaum schoß seine +saftigen Blätter; die Natur, durch eine lange Regenzeit wieder frisch +gekräftigt, trieb und keimte in lustigen Knospen und Blumen, und die +Vögel bauten ihre Nester der herrlichen Jahreszeit zu Ehren, und das +große Fest einer neuen Auferstehung mit zu feiern in Liedern und Liebe. +Warm und sonnig lag der junge Morgen auf der thaubedeckten Flur, und ein +frischer Nachtregen hatte den Staub fortgewaschen von den Gräsern, die +jetzt blitzten und funkelten in dem goldenen Licht. + +In der von Schiffen überstreuten Bai regte es sich ebenfalls von gar +geschäftigem Leben. -- Boote und kleine Fahrzeuge schossen herüber und +hinüber und besonders um ein mächtiges Schiff drängte die kleine Flotte +bunt bemalter Nachen, Früchte und Provisionen an Bord zu schaffen für +eine lange Reise. + +Von der Gaffel des nach London bestimmten Fahrzeugs flatterte lustig die +englische Flagge; das Vormarssegel war schon gelöst, der zweite Anker +schon driftig geworden und die Raaen flogen herum, die Schothörner der +gelösten Segel wurden ausgezogen unter dem fröhlichen, jubelnden Singen +der Matrosen, die ja _heimwärts_ gingen. + +Auf dem Quarterdeck des Packetschiffs standen alte, liebe Bekannte von +uns, aber der Tod hatte eine tiefe Wunde in die Familienbande der armen +Leute gerissen, und sie zogen heim, um zu versuchen ob vaterländische +Luft den Schlag vernarben könne, der hier wieder und immer wieder +aufbrach in bitterem Weh. + +Es waren Newlands, und vor zwei Monaten hatten sie ihr Töchterlein +hinaufgetragen auf den stillen Gottesacker, zwischen die hohen +beengenden Mauern, die den Schlummer der Todten bewachten. + +Bills Vater war wieder in See gegangen und sie nahmen den Kleinen mit +nach England, ihn dort zu einem braven und wackeren Mann heranzuziehen +-- bis sie selber der Todesengel abrufen würde. + +Heute Morgen noch hatten sie von dem blumengeschmückten Grab ihrer Jenny +Abschied genommen und jetzt drückten sie dem letzten Freund die Hand, +der in den letzten schweren Monaten nicht von ihrer Seite gewichen und +Schmerz und Leid redlich mit ihnen, und oft, ach fast noch schwerer als +sie selbst getragen hatte. -- Es war Stierna, der junge Schwede. Bill +wollte den jungen Mann gar nicht von sich lassen, und die alte Dame +hatte seine Hand gefaßt und flüsterte leise. + +»Und _ihr_ Grab?« + +»Ich kann ihm nicht den heimathlichen Boden geben,« sagte der junge Arzt +mit halb abgewandtem Antlitz -- er wollte das Herz der alten Frau nicht +noch schwerer machen als es war -- »aber ich will ihr hier eine Heimath +von Blumen bauen, in der fremden Erde -- im _Tode_ wenigstens -- da es +die _Lebende_ dem Freund verweigerte.« + +Der alte Mr. Newland drückte dem jungen Mann schweigend und tief +ergriffen die Hand. + +»Señor, es ist Zeit,« sagte da der Bootsmann, den Stierna mit +herausgenommen hatte in den Hafen, ihn zurückzubringen ans Land, wenn +das Schiff unterwegs sein sollte -- die Segel waren gebläht und mit +einer leichten, aber günstigen Brise stand das wackere Fahrzeug dem +schmalen Eingang der Bai entgegen, den es in wenigen Minuten erreichen +mußte. + +Stierna griff noch einmal den Knaben auf und küßte seine Stirn, seine +kleinen, schwellenden Lippen, und das Herz wollte ihm fast brechen, wenn +er in _die_ Augen schaute -- noch einmal drückte er die Hände derer, die +ihm Vater und Mutter geworden waren in der fremden Welt, und wenige +Minuten später schoß der stolze Bau, von den schwellenden Segeln +geführt, hinaus in die freie, wogende, offene See -- im Heck des kleinen +Bootes aber, die Augen in den fest dagegen gepreßten Händen bergend, saß +der junge Arzt und weinte wie ein Kind. + +_Altenburg_, Druck der Hofbuchdruckerei. + + + + +TRANSCRIBER'S NOTE + +The table of contents has been moved to the beginning. The spelling +of names has been regularised and missing punctuation added. Obvious +misspellings have been corrected. A few words appear in two different +spellings; these have been retained. Some words now used with the +accusative case were combined with the dative case in Gerstäcker's time; +period usage has been retained where contemporary reference books show +this to have been the case. + +The following additional changes were made; the original appears in the +first line, the altered version in the second. + + +ANMERKUNGEN + +Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang gesetzt. Namen wurden +vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung ergänzt. Offenkundige +orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Manche Wörter +treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. In einigen +Fällen treten Wörter heute mit dem Akkusativ auf, wurden zu Gerstäckers +Zeiten aber mit dem Dativ verbunden. Wo sich das nachweisen ließ, wurde +der damalige Usus beibehalten. + +Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen; das Original ist +jeweils in der ersten, die geänderte Fassung in der zweiten Zeile zu +lesen: + + breitschlüchtiges + breitschlächtiges + + die schon lange durgefeilten Eisenstäbe + die schon lange durchgefeilten Eisenstäbe + + diesem selbst in seinen Plänen entgegenwirkt + diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt + + gegen die Gewalt, die gegen ihm geschehen, + gegen die Gewalt, die ihm geschehen + + Zwei Lootenfische + Zwei Lootsenfische + + tiefer und tiefer senkte er sich in seinen Ringen + tiefer und tiefer senkte er sich in seinem Ringen + + Sr. Excellenz führt den trostlosen Krieg + Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg + + auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (...) hinunterklaffte + auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (...) hinunterkläffte + + das monotone Picken der großen Wanduhr + das monotone Ticken der großen Wanduhr + + »Ill' be damned if I did« + »I'll be damned if I did« + + auf ihn auszuüber + auf ihn auszuüben + + Sr. Excellenz, der Gouverneur + Se. Excellenz, der Gouverneur + + das Erzählte mit Akkorden (...) seine Geige zu begleiten + das Erzählte mit Akkorden (...) seiner Geige zu begleiten + + er hätte keins von alle diesem wissen mögen + er hätte keins von alle diesem missen mögen + + ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schalten zu ihm nieder + ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder + + ihrem ersten Aprall kräftigen Widerstand leistete + ihrem ersten Anprall kräftigen Widerstand leistete + + und den Arm des also Überraschten, der gar nicht wußte (...) + und den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte (...) + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE *** + +***** This file should be named 33003-8.txt or 33003-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/3/0/0/33003/ + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/33003-8.zip b/33003-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fcc3849 --- /dev/null +++ b/33003-8.zip diff --git a/33003-h.zip b/33003-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..87cb033 --- /dev/null +++ b/33003-h.zip diff --git a/33003-h/33003-h.htm b/33003-h/33003-h.htm new file mode 100644 index 0000000..cda7ff3 --- /dev/null +++ b/33003-h/33003-h.htm @@ -0,0 +1,6599 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" /> +<title>The Project Gutenberg eBook of Der Wahnsinnige by Friedrich Gerstäcker</title> +<style type="text/css"> + body {background:#fdfdfd; + color:black; + font-size: large; + margin-top:100px; + margin-left:15%; + margin-right:15%; + text-align:justify; } + h1, h2, h3, h4, h5, h6 {text-align: center; } + hr.minimal { width: 25%; + text-align: center; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; } + hr { width: 100%; } + hr.full { width: 100%; + margin-top: 3em; + margin-bottom: 0em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + height: 3px; + border-width: 4px 0 0 0; /* remove all borders except the top one */ + border-style: solid; + border-color: #000000; + clear: both; } + table {font-size: large; } + table.sm {font-size: medium; } + td.w50 { width: 50%; } + p {text-indent: 3%; } + p.noindent { text-indent: 0%; } + .revind { margin-left: 0em; text-indent: -2em; padding-left: 2em; } + .center { text-align: center; } + .ind1 { margin-left: 1em; } + .ind2 { margin-left: 2em; } + ins { text-decoration: none; border-bottom: thin dotted gray;} + .nowrap { white-space: nowrap; } + .wide { letter-spacing: .15em; } + a:link {color:blue; + text-decoration:none} + link {color:blue; + text-decoration:none} + a:visited {color:blue; + text-decoration:none} + a:hover {color:red; + text-decoration: underline; } + pre {font-size: 70%; } +</style> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Wahnsinnige + Eine Erzählung aus Südamerika + +Author: Friedrich Gerstäcker + +Release Date: June 27, 2010 [EBook #33003] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE *** + + + + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<h1>Der Wahnsinnige.</h1> + +<div class="center"> + <p class="noindent"> + <span class="wide">Eine Erzählung aus Südamerika</span> + </p> +</div> +<p> </p> +<h4>von</h4> +<h2>Friedrich Gerstäcker.</h2> +<p> </p> +<p> </p> +<h4>Wittenberg.</h4> +<div class="center"> + <p class="noindent"> + <span class="wide"><small>Verlag von Franz Mohr.</small></span> + </p> +</div> +<h4>1856.</h4> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<div class="center"> +<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="3" cellspacing="0" summary="contents"> +<tr><th colspan="2">Inhaltsverzeichniß.</th></tr> +<tr><td> </td></tr> +<tr><td align="right"> 1)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch1">Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 2)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch2">Die Flucht</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 3)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch3">Die Reise und ihre Abenteuer</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 4)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch4">Ankunft in Valparaiso. — Hülfe in der Noth</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 5)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch5">Die englische Familie</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 6)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch6">Don Gaspar</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 7)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch7">Der Verdacht</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 8)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch8">Die Entdeckung</a></span></td></tr> +<tr><td align="right"> 9)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch9">Entschlüsse und Pläne</a></span></td></tr> +<tr><td align="right">10)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch10">Don Manuel</a></span></td></tr> +<tr><td align="right">11)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch11">Der Spanier und das Mädchen</a></span></td></tr> +<tr><td align="right">12)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch12">Der Ausbruch des Vulkans</a></span></td></tr> +<tr><td align="right">13)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch13">Das Rendez-vous</a></span></td></tr> +<tr><td align="right">14)</td><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch14">Die Verfolgung — Schluß</a></span></td></tr> +</table> +</div> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch1" id="ch1"></a>1.</h3> + +<h3>Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres.</h3> + +<p>Ganz am äußersten Ende der Straße Santa Rosa in +Buenos-Ayres stand ein <ins title="original has breitschlüchtiges">breitschlächtiges</ins> niederes Gebäude, +aus rothdunklen verwitterten Backsteinen errichtet; die schmalen +und sparsam genug eingebrochenen Fenster mit dicken +eisernen Stäben verwahrt, die schwere eichene Thür, oder +das Hauptthor eigentlich, mit massiven Balken verschlossen +und von der Straße selber aus mit keinem sichtbaren Eingang +weiter. Dazu war es eine Strecke in den Platz hineingebaut, +auf dem es stand, und das ganze Grundstück, +das zu ihm gehören mochte, mit einer verwilderten, aber +deshalb um so dichteren Hecke von in einandergedrängten +stachlichen Kackteen eingeschlossen, die nur nothdürftig um +den schmalen Eingang in dieß Gehöft, soweit gekappt +waren, daß man bei vorsichtigem Betreten des äußeren +Raums nicht in den Dornen derselben hängen blieb.</p> + +<p>So belebt die Straße Santa Rosa nun auch nach dem +innern Theil der Stadt zu sein mochte, so still und öde +war sie hier, und glich in der That eher einer von +traurigen Kacktushecken eingefaßten Landstraße. An den Seiten +waren Gräben angebracht, das Wasser abzuleiten; zu den +Thüren der einzelnen Hofräume führten schmale, darübergelegte, +oft schlüpfrige und wurmzerfressene Bretter und +der Fahrweg bestand in der jetzigen Regenzeit, dem südamerikanischen +Winter, aus einer schwer flüssigen Schlammmasse, +durch die sich die unbehülflichen Karren der Pampas +mit ihren zwei Riesenrädern, von schläfrigen Stieren gezogen, +langsam hindurch wälzten, und selbst der flüchtige +Gaucho<a href="#fn1"><small><sup>1</sup></small></a>, der noch weiter draußen, die Straße verschmähend +oder eine neue bahnend, über die Fläche dahin geflogen, +zügelte hier seinen wilden Galopp und ließ sein +ungeduldig schnaubendes, schäumendes Thier langsamer +durch die schwimmende Masse hindurchschreiten.</p> + +<p>Wenn es überhaupt Fußgänger in der Argentinischen +Republik gäbe, wo Alles zu Pferde sitzt, wäre ihr Schuhwerk +und ihre Geduld hier erprobt worden, dieser obere +Theil der Straße wurde aber fast schon, wie es schien, +zum Lande gerechnet, und wer selbst von hier aus irgend +etwas aus einem der weiten, dem Mittelpunkt der Stadt +zu gelegenen Läden zu holen oder Geschäfte hatte, die +ihn dort hin riefen, verschmähte es wahrlich nicht, sein +Pferd deshalb zu satteln.</p> + +<p>Aber die Straße selber kümmert uns wenig, wir +haben es mit dem alten Hause zu thun, und ich wollte +die erstere nur etwas genauer beschreiben, dem Leser mehr +die traurige, trostlose Öde des ganzen Platzes zu versinnlichen, +die sogar noch einen unheimlichen Charakter +annahm, wenn man die Bestimmung des alten wettergeschlagenen +Gebäudes kannte.</p> + +<p>Es war ein Irrenhaus — von Privatleuten angelegt +und später, als sich diese nicht mehr im Stande fühlten, +es fortzuführen, von der Regierung übernommen, aber in +der Aufregung der Zeit nur spärlich verwaltet. Nichts +desto weniger befanden sich gegenwärtig elf unglückliche +Gäste in den Kammern oder Zellen des Gebäudes — +einige in Ketten und Banden, andere frei in ihrem Zimmer, +nur wenigen aber verstattet, den inneren, ebenfalls +streng abgesperrten Hofraum zu betreten, dann und wann +die frische Gottesluft einzuathmen.</p> + +<p>Angestellt waren dabei ein Hauptarzt, ein Argentiner +oder eigentlich ein geborener Spanier, denn wenn sich die +Republik auch von der Regierung des Mutterlandes losgerissen, +konnte sie doch noch nicht aus eigenen Kräften +die Wissenschaft ersetzen, die ihr von dort herüber gekommen +— und zwei Unterärzte, der obere von diesen ein +geborener Argentiner aus Cordoba, der andere ein junger +Schwede, der von Rio-Grande aus Brasilien, mit vielen +Landsleuten und Deutschen herübergekommen war, dem +aufblühenden Argentinischen Staat seine Kräfte zu weihen +und sich hier rascher und leichter eine Existenz zu gründen. +Er hieß Stierna und war der spanischen Sprache vollkommen +mächtig.</p> + +<p>Diesem, als jüngsten Arzt war auch die Behandlung +der leichtesten Kranken anvertraut, die in der That hie +und da nur verlangten, daß man nach ihnen sah, damit +nicht rauhes Betragen der rauhen Wärter oder schlechtere +Kost vielleicht sie unnöthiger Weise errege und ihre gehoffte +Heilung erschwere.</p> + +<p>Don Alvarado, der Oberarzt, kam selten, und bei +sehr schlechtem Wetter nie heraus; Don Pancho hatte indessen +die Oberaufsicht, und einzelne der Kranken waren +es, die er ausschließlich behandelte, und zu denen er dem +jungen Schweden fast nie, selbst nur den Zutritt gestattete, +und geschah das wirklich, nur in seinem Beisein.</p> + +<p>Zu diesen wenigen, die Don Pancho, und wie er +behauptete, ebenfalls Don Alvarado für unheilbar erklärt +hatte, gehörte auch ein Spanier, von blassen, aber edlen +Zügen, reinlich und geschmackvoll, ja elegant gekleidet, +und seine Toilette, auf die er mit größter Sorgfalt hielt, +selbst in diesem Aufenthalt des Jammers auch nicht eine +Minute vernachlässigend. Das schwarze glänzende Haar +fiel ihm in reichen vollen Locken über die Stirn, den linken +Zeigefinger schmückte ein kostbarer Diamant und seine +Wäsche war vom feinsten Linnen und größter Sauberkeit. +Auch in seinem ganzen Betragen war er ernst und ruhig, +ein vollkommener Gentleman; und Stierna gab sich, während +der zwei Male, die er den Kranken in Don Panchos +Gegenwart besuchen durfte, die größte Mühe, irgend ein +Symptom seines Leidens in einem äußern Zeichen zu entdecken +— vergebens, der Kranke war artig, wenn auch +einsilbig, äußerte nur ein paar kleine Wünsche wegen +eines Zeichnenapparates und mehrerer Bücher, und der +Schwede würde nach den zwei Besuchen nie einen Wahnsinnigen +in ihm vermuthet haben — hätte er ihn eben an +einem anderen Orte getroffen.</p> + +<p>Die Anstalt selbst schien aber ebenfalls größere Rücksicht +auf ihn zu nehmen, wie auf einen der anderen Kranken; sein +Zimmer war mit einem Teppich belegt, der den kalten +Backsteinboden vollständig bedeckte, er konnte schreiben und +zeichnen, eine kleine Bibliothek selbst stand zu seiner Verfügung +und er wurde in der That weit mehr wie ein +Staatsgefangener, als ein Geisteskranker behandelt, so +daß Stierna jedesmal nach einem solchen Besuch mehr und +mehr den Gedanken in sich aufsteigen fühlte, es müsse dem +Schicksal dieses Unglücklichen irgend ein tiefes und vielleicht +gar düsteres Geheimniß zu Grunde liegen. Ein paar +Mal versuchte er auch von seinem Collegen Aufschluß über +dieß Verhältniß zu bekommen, aber umsonst; so gesprächig +Don Pancho in jedem andern Fall auch sein mochte, hierüber +gab er dem Frager immer nur kurze und stets ausweichende +Antworten, bis diesem die ganze Sache zum +peinlichen Räthsel wurde, dem er nun, koste es was es +wolle, auch zur Wurzel nachspüren müsse.</p> + +<p>Der Zufall war ihm hierbei günstiger als er erwartet +hatte; Don Pancho nämlich wurde plötzlich so krank, daß +er seinem Amte, von einem bösartigen Schleimfieber an +sein Lager gefesselt, längere Zeit nicht mehr vorstehen +konnte, und wenn sich auch Don Alvarado in den ersten +Tagen der Geschäfte außergewöhnlich lebhaft annahm und +die Anstalt den Tag über fast gar nicht mehr verließ, hielt +dieser vortreffliche Eifer doch keineswegs so lange aus, wie +das Schleimfieber seines Untergebenen, und schon nach +drei Wochen ließ er Stierna zu sich rufen. Dort übertrug +er ihm die tägliche Aufsicht der übrigen Kranken, zu +seiner Hülfe ihm noch einen jungen englischen Arzt erlaubend, +der an den Gouverneur Rosas von London selber +empfohlen und von diesem augenblicklich eine, wenn auch +für jetzt noch untergeordnete Stellung in dem Hospital +erhalten hatte, nur freilich während der Krankheit des +einen Unterarztes, dem aktiven Arzte mit beigegeben werden +sollte.</p> + +<p>Nach einer kurzen und allgemeinen Übersicht über +die Kranken, kam übrigens Don Alvarado jetzt auch auf +den wunderbaren Patienten, den Spanier zu sprechen, und +warnte Stierna besonders, sich nicht in zu weitläufige +Gespräche mit ihm einzulassen, da der Fall vorgekommen +sei, daß er, nach einer sehr lebhaft geführten Unterhaltung +einen förmlichen Anfall von Raserei bekommen haben sollte, +während er sonst harmlos und still blieb, und selten nur +den Dämon verrieth, der in ihm schlummerte.</p> + +<p>»Ich glaube gerade nicht,« setzte der alte Herr hinzu, +»daß Sie Don Morelos, wie der spanische Cavallero heißt, +denn sein Familienname thut hier Nichts zur Sache, mit +seinen Phantasieen behelligen wird, wenn Sie sich nur im +Mindesten, wie Ihnen aufgetragen worden, von ihm zurückhalten; +er ist gerade in letzter Zeit ganz besonders +schweigsam gewesen. Um Sie aber auch auf die <span class="wide">Möglichkeit</span> +eines solchen Falles vorzubereiten, wäre es doch +wohl gut, ja vielleicht nöthig, daß ich Ihnen, wenn auch +nur mit ganz kurzen Worten die Entstehung seiner Krankheit +mittheilte.«</p> + +<p>»Mit einem sehr bedeutenden Vermögen kam er nach +Buenos-Ayres und seine weitere Geschichte, sein Aufenthalt +in dieser Stadt berührt uns nicht, bis wir zu dem +Moment kommen, daß er als der anerkannte Bräutigam +der Tochter eines unserer ersten Föderalisten eine Rolle in +unserer Gesellschaft zu spielen begann. Hier hatte er jedoch +mit einem Nebenbuhler zu thun und sein wunderliches +abstoßendes Wesen bewirkte nach und nach, daß er +sich seiner Braut mehr und mehr entfremdete. Bei dem +hitzigen Charakter unserer Landeskinder konnte das nicht +lange ohne unruhige Folgen abgehn — die beiden Nebenbuhler +bekamen — suchten vielleicht Streit miteinander. +Eine Ausforderung wurde angenommen, Don Morelos +aber, vielleicht schon damals in einem Anfall von Raserei, +erstach den Secundanten seines Gegners und verwundete +diesen selber ebenfalls so schwer, daß er für todt auf dem +Platz blieb und erst nach langwierigem Krankenlager wieder +hergestellt werden konnte.«</p> + +<p>»Die Polizei war damals auf seinen Fersen, und man +sagt, daß er der Strafe nur durch die merkwürdige Ähnlichkeit +eines anderen Mannes entging, der an seiner +Stelle von den Mashorqueros unseres glorreichen Gouverneurs +ermordet wurde. Als er nach langem Siechthum +wieder erstand, war er so verändert, daß man ihn kaum +wieder erkannte; aber obgleich man ihn ruhig eine Zeit +lang in der Stadt gewähren ließ, hatte man doch noch +immer keine Ahnung davon, daß er irrsinnig geworden +sein könne, bis er das alte Verhältniß mit seiner früheren +Braut, die jetzt aber schon lange seinen früheren Nebenbuhler +geheirathet, mit Gewalt fortsetzen wollte und dabei +erklärte und behauptete, Donna Constancia sei vor Gott +sein Weib, und ihr Gemahl, den er mit den entsetzlichsten +Schimpfworten belegte, habe sich heimlich und lügnerisch +in ihre Gunst gestohlen. Immer wildere Mährchen setzte +er sich dabei zusammen, und damals kam man zuerst auf +die Vermuthung, daß er wahnsinnig geworden wäre.«</p> + +<p>»Eine genaue Beobachtung seines ganzen wunderlichen +Lebens, denn er hatte sich in einem kleinen ärmlichen +Häuschen der Vorstadt eingemiethet, setzte übrigens die +Thatsache seines Wahnsinnes bald außer allen Zweifel er +stieß sogar in einem öffentlichen Kaffeehaus einst einen, +ihm wildfremden Menschen, mit dem er in ein immer hitziger +werdendes Gespräch gerieth, plötzlich nieder, weil er +behauptete, jener habe vor dreiundzwanzig Jahren seine +Schwester ermordet — und er selber kann kaum siebenundzwanzig +zählen. Dadurch schien aber damals die wirkliche +Tollheit bei ihm ausgebrochen zu sein — mit dem +noch blutigen Messer stürmte er damals in das Haus der +Donna Constancia, ihren Gatten, Don Luis de Gomez, +dem er die entsetzlichsten Dinge nachsagte — ebenfalls zu +ermorden. Glücklicher Weise warf ihm die Polizei noch +dicht vor dessen Thür einen Lasso über, und brachte ihn +hierher.«</p> + +<p>»Die ersten Wochen mußten wir ihn übrigens in einer +der unteren festen Zellen halten; er wüthete und raste +und verlangte frei gelassen zu werden; nach und nach legte +sich das aber wieder, ja, er wurde so vernünftig, daß +man wirklich einmal den Versuch mit ihm machte, ihn wieder, +natürlich unter ihm unbewußter Aufsicht, aus der Anstalt +zu entlassen. Das wäre aber beinahe schlimm abgelaufen, +denn sein erster Gang war in das Haus des Don Luis, +und ehe man es verhindern konnte, überfiel er den Señor +und würde ihn erwürgt haben, hätte die Polizei nicht +noch gerade zur rechten Zeit einspringen können. Er behauptet +seit der Zeit, jene Dame sei seine eigene Frau, +er aber habe einen Fremden bei ihr ertappt und ermordet, +und sei deshalb für einen gewissen Zeitraum von den Gerichten +eingekerkert worden. Er beträgt sich nun ruhig +und ordentlich, und ich glaube, wir haben erst einen neuen +Ausbruch zu erwarten, wenn er seine Zeit für abgelaufen +halten wird — und müssen abwarten, wann das geschieht.«</p> + +<p>»Sie wissen nun genug,« setzte der alte Herr hinzu, +»Ihren Patienten zu behandeln; wie gesagt, vermeiden Sie +am Besten jede Unterhaltung mit ihm. Sollte er aber +doch, <span class="wide">wider</span> Erwarten, gesprächig werden und neue Thorheiten +aushecken, so wünsche ich, daß ich augenblicklich +davon unterrichtet werde.«</p> + +<p>Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach +der Straße Santa Rosa zurück, die Zellen zu revidiren, +und vor allen Dingen den jungen Mann zu besuchen, für +den er, besonders nach der eben gehörten Erzählung, ein +unbeschreibliches Interesse zu fühlen begann.</p> + +<p>Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt, +Don Morelos begrüßte allerdings seine »neue Bekanntschaft,« +wie er ihn nannte, auf das Artigste, schien aber +nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung aufgelegt, und +drei Besuche vergingen, ohne daß der junge Arzt, der +vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren +Kranken entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht +hätte, als die gewöhnlichsten und alltäglichsten +Begrüßungs- und Höflichkeitsphrasen.</p> + +<p>Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als +früher — er war erregt und sein Puls zeigte sogar ein +leichtes Fieber. — Stierna erkundigte sich theilnehmend +nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier jedoch +nur als in einer unbedeutenden Erkältung entspringend, +angab. Dadurch hatte sich aber zwischen beiden Männern +eine Art Annäherung gebildet — es war fast, als ob +zwischen ihnen eine Schranke gefallen sei, und der junge +Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verließ, fast +heiter, scherzte und lachte, und erzählte Anekdoten aus +seinem frühern Leben — ohne jedoch die unmittelbar vor +seiner Einkerkerung liegende Periode auch nur mit einer +Sylbe zu erwähnen.</p> + +<p>Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle +trat, war es fast, als ob er einen alten Freund begrüßte, +und doch hatte Don Morelos auch im Anfang wieder etwas +Zurückhaltendes — es war, als ob ihm etwas auf +dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten wünsche, und +doch den Muth dazu nicht fassen könne. Stierna sah dies +weniger, als daß er es fühlte, und mit der Berechtigung +des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen geradezu in +das Herz des Leidens, an die Wurzel des Übels zu +gehen, nahm er seine Hand, und bat ihn frei und offen, +mit ihm wie mit einem Bruder zu sprechen, wenn er +irgend etwas für ihn thun, ihn in irgend etwas erleichtern +könne.</p> + +<p>Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle +Minute, ernst und schweigend an, dann aber schüttelte er +leise und wehmüthig lächelnd mit dem Kopf und sagte tief +aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich selber als +zu dem Arzte redend:</p> + +<p>»Es ist Alles vergebens — Sie würden mir doch +nicht glauben, und — ich bin früher nach solchen Erklärungen +nur härter behandelt worden — Rosas ist zu +mächtig.«</p> + +<p>Stierna sah ihn erstaunt an — diese Worte, ruhig +und ohne die geringste Leidenschaft gesprochen, klangen +gar nicht wie aus dem Munde eines Wahnsinnigen, und +doch, auf eine unendlich verschiedene Weise äußert sich dieß +entsetzlichste der menschlichen Leiden — der Irrsinn — +wenn er das arme Hirn zerrüttet und den verstümmelten +Geist nur noch im Körper gelassen zu haben scheint, die +willenlose Maschine in toller ungeregelter Bahn vorwärts +zu treiben — was Wunder, daß sie manchmal auf kurze +Zeit der geraden ebenen Straße folgt, wer aber weiß, +wenn und wie schnell sie wieder rechts oder links abstürmt +in das Leere.</p> + +<p>Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb +schmerzlichen Blick auf das Antlitz des jungen Arztes, und +als ob er gelesen, was in dessen Inneren vorgegangen, +setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend und kaum +hörbar hinzu:</p> + +<p>»Auch <span class="wide">er!</span>«</p> + +<p>Stierna fühlte sich in einer peinlichen Situation; +das Gespräch war plötzlich viel zu ernst geworden, ihn die +Gefahr nicht einsehn zu lassen, wenn er darauf einging, +und wie konnte er jetzt am besten wieder zurück? — Das Einfachste +schien, irgend ein anderes Gespräch zu beginnen, +ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos +plötzlich auf, nickte finster lächelnd mit dem Kopf, und +ein paar Mal im Zimmer auf und ab gehend, sagte er +endlich:</p> + +<p>»Ich sehe, Sie haben Ihnen schon dasselbe Mährchen +von mir erzählt, wie meinem früheren — Wärter, ich bin +Ihnen als ein Tollhäusler geschildert, der anderer Leute +Frauen für seine eigenen hält und die Männer deshalb +anfällt — nicht wahr, ich habe recht?«</p> + +<p>Er blieb, während er diese Worte sprach, lächelnd +und mit verschränkten Armen vor Stierna stehen, und es +lag etwas Triumphirendes in seinen Mienen, denn die +Überraschung des jungen Arztes war deutlich in dessen +Zügen ausgeprägt.</p> + +<p>»Und Sie <span class="wide">fühlen,</span> daß dies nur eine Phantasie ist?« +frug der Schwede, aber erst nach einer Pause, in der er +wirklich seine Sinne diesem neuen Eindruck sammeln mußte. +— »Sie sind überzeugt, daß diese Ideen nicht wieder +kehren werden?«</p> + +<p>»Lieber Freund,« sagte der Spanier ernst, »nur +Gott kann hier für uns einstehen für das was wir <span class="wide">werden</span> +sollen; nehmen Sie aber den gesundesten Gaucho von +der Straße herauf, sperren ihn in einen dieser Räume +— schreien ihm in's Ohr, daß er sich in einem Irrenhause +befände und selber toll sei, und seine Sinneswerkzeuge +müßten von Stahl und Eisen sein, wenn er es nicht wirklich +auch am Ende würde — der Geist hält es nicht aus, +gegen eine solche furchtbare Idee immer und immer wieder +vergebens anzukämpfen.«</p> + +<p>»Aber wenn Sie <span class="wide">fühlen,</span> daß Sie jene Idee abgeschüttelt +haben, so werden sich diese Thore auch bald Ihnen +öffnen — ich will gleich heute mit Don Alvarado —«</p> + +<p>»Um Gottes Willen nicht!« unterbrach ihn der Spanier +rasch und ängstlich, indem er seinen Arm ergriff; +»das einzige Resultat davon wäre, daß man Sie nicht +wieder zu mir ließe, und ich — <span class="wide">fürchte</span> jetzt fast, Sie +wieder zu verlieren.«</p> + +<p>»Aber Sie glauben doch nicht, daß man Sie hier +zurückhalten würde, wenn nicht —«</p> + +<p>»Wie lange sind Sie in der Argentinischen Republik?« +unterbrach ihn Don Morelos finster.</p> + +<p>»Zehn Monate etwa,« lautete die Antwort.</p> + +<p>»Ich dachte es,« sagte der Spanier leise, »da +stehen Ihnen denn freilich noch traurige Erfahrungen +bevor. So wissen Sie denn, daß ich ein Opfer von Rosas +furchtbarer, aber schlauer Politik geworden bin. Er hätte +mich mit leichter Mühe tödten können — er hat das Blut +Tausender vergossen, und das meinige würde nicht viel +schwerer auf seiner Seele gelastet haben — aber er braucht +in späterer Zeit die <span class="wide">Beweise</span> meines Lebens — es sind +dies Familienverhältnisse, zu denen es Stunden bedürfen +würde, sie Ihnen auseinander zu setzen — und während +er keine passende Entschuldigung finden konnte, mich in +einen Kerker zu werfen, wurde die Straße Santa Rosa +ein vortreffliches Asyl für den armen <span class="wide">Geisteskranken.</span>«</p> + +<p>»Aber Don Alvarado —«</p> + +<p>»Darf nicht anders — lieber Freund, wir hüten uns +zu tanzen, wenn wir auf der dünnen Kruste eines Vulkans +stehen. Don Alvarado weiß recht gut, daß er dem +Willen des Diktators nicht entgegenhandeln <span class="wide">darf,</span> und +daß es selbst zu einem Verbrechen werden könnte, auch +nur seinem <span class="wide">Wunsche</span> nicht zu begegnen; die Mashorqueros<a href="#fn2"><small><sup>2</sup></small></a> +sind vortreffliche Überzeugungsgründe, und es erfordert +starke Nerven, oder — ein schnelles Roß — ihnen +zu widerstreben.«</p> + +<p>»Aber jene Dame?« — sagte Stierna, noch immer +zögernd und halb ungläubig, obgleich ihn das ruhige +resignirte Benehmen des wahnsinnig gesagten als fast zu +starke Beweise für dessen Behauptungen erwuchsen.</p> + +<p>»Die Dame?« lächelte Don Morelos wehmüthig, +und barg für wenige Sekunden seine Augen in der deckenden +Hand, dann sich aber emporrichtend sagte er langsam +und leise mit dem Kopf dazu nickend: —</p> + +<p>»Sie verstehen es — sie verstehen es, die Teufel, +Einem das Herz in der Brust zu wenden nach eigenem +Gutdünken, und wenn es blutet, schreien sie <span class="wide">Mord!</span> er +ist der Thäter — das ist Gottes Gericht. Nein, Señor,« +wandte er sich dann lebendiger an den jungen Mann, +»lassen Sie nicht auch das eigene Herz Zeuge gegen den +Verstand eines Unglücklichen sein — behandeln Sie mich +wenigstens nicht wie einen Tollen, und wenn Sie mir +auch nicht helfen können, lassen Sie mir wenigstens das +Glück, <span class="wide">ein</span> Wesen in meiner Nähe zu wissen, das nicht, +mit den Übrigen im Bund, mich nur dahin zu treiben +sucht, wofür diese mich ausgeben.«</p> + +<p>Stierna fühlte sich, als er den Unglücklichen an diesem +Tage verließ, wie im Traum, und die widersprechensten +Gefühle kämpften in seinem Innern. Verhielt sich +die Sache wirklich so, als sie ihm Don Morelos erzählt, +und was auch seine Vernunft dazu sagen wollte, sein +Herz drängte ihn, es zu glauben — so war er hier der +Mitschuldige eines furchtbaren Verbrechens, einer That, +weit schlimmer als kaltblütiger Mord, denn dieser tödtet +nur den Leib, während jene darauf hin arbeitete, die +Seele eines Menschen langsam und teuflisch zu vernichten.</p> + +<p>Am nächsten Morgen suchte er Don Alvarado auf, +aber dessen mißtrauischer Blick nur, als er die erste, noch +ganz gleichgültige Frage über diesen Kranken that, warnte +ihn, weiter zu gehen, wenn er nicht allerdings befürchten +wollte, von jeder Verbindung mit ihm abgeschnitten zu +werden. Ebenso vergebens waren seine Nachforschungen +in der Stadt, etwas Näheres von <span class="wide">Unbetheiligten</span> über +den Zustand des jungen Spaniers zu hören. Man erinnerte +sich allerdings noch eines ähnlichen Vorfalls; die +letzten Jahre hatten aber so viel des Neuen und Entsetzlichen +gebracht, daß einzelne Daten in dem allgemeinen +Strom des Blutes, das durch die Straßen der Stadt, +oft aus den treuesten Herzen geflossen, untergingen und +verschwanden. Niemand dachte mehr, wie es schien, an +diesen besonderen Fall, und nur ein einziger alter Spanier, +der Don Morelos auch wohl früher persönlich gekannt, +äußerte gegen den jungen Arzt, mehr dabei als wohlmeinende +Warnung, wie irgend eine Auskunft gebend — »es +sei vollkommen hinreichend, von dem Diktator für +wahnsinnig erkannt zu sein — um es wirklich zu werden.«</p> + +<p>Alles das diente nur dazu, dem exaltirten jungen +Schweden mehr und mehr die eigene Erklärung des angeblichen +Kranken glaubhaft erscheinen zu lassen, und so +peinlich wurde ihm zuletzt das Gefühl, der <span class="wide">Gefängnißwärter</span> +eines unschuldig Eingekerkerten sein zu müssen, +daß er Pläne auf Pläne entwarf, dem zu entgehen, oder +ein Mittel aufzufinden, dem Gefangenen zu helfen.</p> + +<p>Don Pancho hatte sich indessen von seiner Krankheit +erholt, und war wenigstens so weit hergestellt worden, +theilweise seinen früheren Dienst wieder zu versehen; Stierna +mußte ihn allerdings noch sehr dabei unterstützen, aber +einige wenige Kranke, und unter diesen Don Morelos, +nahm er wieder unter seine eigene Aufsicht, und nur das +schien der Schwede durch die bisher ihm überlassene Behandlung +gewonnen zu haben, daß er nicht mehr so streng +von diesem entfernt gehalten wurde, und wenigstens dann +und wann Zutritt hatte.</p> + +<p>Gerade dieser gewisse Zwang beförderte aber, ja beschleunigte, +was vielleicht monatelanges freies Aus- und +Eingehen des jungen Arztes, wenigstens nicht in <span class="wide">der</span> Stärke +bewirkt haben würde — diese beiden jungen Leute, der +Arzt und sein »Kranker«, wurden innige Freunde, und +Stierna's einziges Streben war jetzt darauf gerichtet, ein +Mittel ausfindig zu machen, den Freund zu retten. +Noch aber hatte er mit ihm selber nicht ein Wort darüber +gesprochen, denn wenn er auch mit Freuden seine ganze +Stellung, wie die Gewißheit, hier einst eine sichere Existenz +für sich zu gründen, von sich geworfen hätte, fehlte es ihm +doch an den nöthigen Mitteln, eine Flucht glücklich durchzuführen, +die, wenn vor der Zeit entdeckt, jedenfalls <span class="wide">sein</span> +Leben gekostet, und die Lage des unglücklichen Gefangenen +gewiß um vieles verschlimmert haben würde.</p> + +<p>Augenscheinlich war dabei, daß der Gefangene selber +zu viel Zartgefühl besaß, diesen Punkt zu berühren — er +mußte ja recht gut wissen, was davon für seinen jungen +Freund abhing, und überdieß war eine Flucht aus diesem +Gebäude, das mit einer Masse müßiger Wächter versehen, +unter der besonderen Aufsicht des Gouverneurs stand, +auch gar nicht so leicht, und der schwächliche Spanier durfte +sich dabei nicht einmal auf seine eigene Energie und Ausdauer +verlassen. Stierna wurde sein Zustand aber trotzdem +zuletzt so peinlich, daß er es nicht länger ertragen +konnte, und unter jeder Bedingung beschloß, Don Morelos +wenigsten von seiner eigenen Absicht in Kenntniß zu +setzen, und ihm seine Hülfe anzubieten, wenn er nur irgend +einen haltbaren Plan wüßte, die Flucht nicht allein +aus dem Kerker, sondern auch auf Nachbargebiet nach +Brasilien oder wenigstens nach Monte-Video zu bewerkstelligen.</p> + +<p>Hierzu fand sich bald eine günstige Stunde; Don +Pancho war eines Nachmittags mit Don Alvarado zu dem +Diktator selber geladen, vielleicht einen Bericht über ihre +Kranken abzulegen, und Stierna säumte diesmal nicht, +den, vielleicht nicht sobald wiederkehrenden Augenblick zu +benutzen.</p> + +<p>Merkwürdig und eigenthümlich war der Eindruck, +den die Erklärung des jungen Mannes auf den Gefangenen +machte. — Er wurde leichenblaß, sah den Freund +wohl eine halbe Minute starr und regungslos an, und +barg dann das Antlitz in den Händen, während sein Körper +wie in furchtbarer Aufregung arbeitete, und das Blut in den +Adern seiner Schläfe aus der bleichen Haut herauszuspritzen +drohte. Auch erst nach langer Zeit gab sich diese durch +die plötzliche Freudenbotschaft vielleicht so gewaltsam +heraufbeschworene Leidenschaft, und als er die Hände endlich +wieder von seinen Zügen entfernte, hatten diese ihre +volle Ruhe zurückgenommen; nur die Augen leuchteten +noch in einem wilden, fast unheimlichen Feuer. Er lauschte +auch jetzt den Plänen und Vorschlägen des jungen Schweden +mit lautloser Ruhe, ja eigene Ideen schienen sich bei ihm +in derselben Zeit zu bilden, und als ihn »Don Federigo« +(wie der junge Arzt, nach der Sitte der Südamerikaner +die Leute mit ihren Vornamen zu belegen, gewöhnlich +hier genannt wurde), endlich um seine Meinung frug, +gab er eine ganz verkehrte Antwort. Erst als Stierna +als Haupt-, ja als einzige Schwierigkeit des ganzen Gelingens +den Mangel an baarem Geld erwähnte, ohne +das es fast eine Unmöglichkeit sein würde, zu entkommen, +ergriff er des Doktors Hand und sagte rasch und fast +fröhlich:</p> + +<p>»Wenn weiter keine Fessel meinen Fuß hier bindet, +so ist die bald gehoben — kennen Sie die Straße Piedras? +— die dritte von hier, die nächste gleich nach Chacabuco? +dort an der Ecke vom Commercio steht ein kleines niederes +Backsteinhaus — hier ist die Adresse des Mannes an +der Plaza, der es zu vermiethen hat — steht es leer, +miethen Sie es um jeden Preis, hat es einen Miethsmann, +so bieten Sie dem Eigenthümer das Doppelte, +Dreifache — Hundertfache —« Er besann sich plötzlich +und hielt sich seine Schläfe — er war in furchtbarer Aufregung, +aber die Wichtigkeit des Moments entschuldigte +das auch vollkommen in Stierna's Augen, und nun seine +Hand fassend, bat er ihn sich zu mäßigen, daß man ihn +nicht in den nächsten Zimmern höre, und einer der Wächter +vielleicht herbeigerufen würde.</p> + +<p>Don Morelos, der bei der ersten Berührung förmlich +zusammenzuckte, erholte sich doch schnell wieder und einige +Mal jetzt mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab +gehend, schien er endlich in der gewaltigen, freudigen Aufregung +des Augenblicks seine Sinne soweit gesammelt zu +haben, die Gedanken auf den einen, für sie jetzt wichtigsten +Punkt zu bringen. Er theilte nun dem aufmerksam +lauschenden Freunde mit, daß er in dem Eckzimmer jenes +kleinen Gebäudes, in welchem er mehrere Monate seines +ersten Aufenthalts in Buenos-Ayres gewohnt, unter ein +paar genau bezeichneten Steinen einen Beutel mit Unzen +verborgen habe, die für die nächste Zeit alle ihre Bedürfnisse +reichlich decken und ihre Passage nach irgend einem +Theil der Welt bezahlt haben würde. Gelang es ihnen, +sich, und sei es auch nur auf einen einzigen Tag, in ungestörten +Besitz des Zimmers zu setzen, so hatten sie was +sie brauchten, alle ihre Pläne in Ausführung zu bringen, +und Stierna selbst, bis zu krankhafter Erregung getrieben, +verließ den Spanier, den erhaltenen Auftrag so rasch als +möglich auszuführen.</p> + +<p>Vorerst suchte er das bezeichnete Haus in der Calle +Piedras auf, und fand es zu seiner Freude unbewohnt; +der Wirth, zugleich Eigenthümer einer Pulperia oder +Schenkwirthschaft, machte erst Schwierigkeiten, da er schon +in nächster Woche dort oben gleichfalls ein Schenkhaus für +<i>agua ardiente</i> und <i>caña</i> anlegen wollte, als ihm aber +Stierna selbst für die eine Woche einen guten Miethzins +bot, indem er vorgab, die gegenüberliegenden Häuser im +Auftrag ihres Eigenthümers abzeichnen zu wollen, verstand +er sich dazu, und der junge Doktor schaffte noch an demselben +Abend eine Staffelei mit dem nöthigen Zeichnen- und +Malapparat in die glücklich gewonnene Stube.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<h3><a name="ch2" id="ch2"></a>2.</h3> + +<h3>Die Flucht.</h3> + +<p>Zwei Tage später waren alle nöthigen Vorbereitungen +getroffen; Stierna hatte das Gold gefunden und glücklicher +Weise lag gerade ein deutsches Fahrzeug im Hafen, das +am nächsten Morgen, mit Tagesanbruch segeln wollte. +Es war nach Valparaiso bestimmt, wollte aber erst noch +einmal Monte-Video anlaufen, um dort einige Passagiere an's +Land zu setzen, und da Rosas Gewalt nicht bis zu diesem +Orte reichte, ein Flüchtling der Argentinischen Republik +jedoch mit offenen Armen dort empfangen wurde, akkordirte +er zwei Plätze nach dieser Stadt, und schaffte durch +die Gefälligkeit des Capitains unterstützt, der ihm die +eigenen Leute dazu borgte, mit einbrechender Dunkelheit +was er hatte aus seiner Wohnung an die Landung, wo +es von dem Kapitain selber in Empfang genommen, für +seine eigenen Effekten ausgegeben, und an Bord gebracht +wurde. Zu gleicher Zeit hatte er sich eine kleine Strickleiter +zu verschaffen gewußt, die der junge Spanier unter +seine Matratze verbergen mußte, die Stäbe waren +ebenfalls bald durchgefeilt, und es galt jetzt nur noch, nach +zehn Uhr, wenn die Revision vorbei war, die beiden +Schildwachen vorn am Hause auf kurze Zeit zu beschäftigen, +wozu Stierna ebenfalls die beste Gelegenheit hatte und +benutzte.</p> + +<p>Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen, +lag ein Rasender an Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen +Kräfte versagten, und schwach und lenksam wie +ein Kind für die kurze Zeit der Rast, bis die erschöpften +Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm +gährende Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand. +Die Erinnerung an irgend etwas Bestimmtes schien er +verloren zu haben — er ras'te eben blos, nur <span class="wide">Rosas</span> +Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden, +wenn man nicht fürchten wollte, daß er selbst diese furchtbaren +Banden zerriß, die ihn fast zu Boden drückten. — Seine +Zähne knirschten dann über einander, als ob sie +zersplittern müßten, der weiße Schaum trat ihm auf die +Lippen, und die Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. +Es ging ein dumpfes Gerücht im Haus, daß dem Mann, +durch die Mashorqueros des Diktators vor seinen Augen +und in wenigen Minuten fünf erwachsene Söhne abgeschlachtet +wären, aber man murmelte das mehr als einen +Vorwurf für den Alten, daß er solch alltäglichen Falles +wegen den Verstand verloren, da ihm Rosas noch dazu +den Kopf dafür gelassen, — gegen die That selber wagte +Niemand ein Wort zu äußern.</p> + +<p>Dieser Unglückliche hatte sich an dem einen Handgelenk +wundgescheuert, und Stierna, dem schon an diesem +Morgen der Auftrag geworden, die Kette abzunehmen +und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem +Plan vollkommen günstige Gelegenheit bis zum Abend. +Vor Dunkelwerden mußte er das allerdings vornehmen +lassen, fand aber noch eine Ausrede in dem ihm gefährlich +dünkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten, +das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und +rief nun, als er die Zeit für passend hielt und dem Freund +das verabredete Zeichen gegeben, die beiden Schildwachen +nach vorn zum Haus, dort zur Hülfe bereit zu sein, wenn +der Unglückliche, mit dem sie es hier zu thun hatten, +vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanfälle bekommen +sollte. Sämmtliche Wärter der Anstalt interessirten sich +ebenfalls für den Alten, der im ganzen Haus nur den +Namen <i>el bruto</i> führte, und wer nicht um ihn wirklich +beschäftigt war, drängte sich doch in den Gang, zu sehen, +wie sich »das Thier« benehmen würde.</p> + +<p>Don Morelos ließ indeß die Zeit nicht unbenutzt +vorbeigehen — rasch waren die, schon lange <ins title="original has durgefeilten">durchgefeilten</ins> +Eisenstäbe ausgebrochen, und mit der Gewandtheit einer +Katze glitt er an der schwanken Leiter nieder, schlich zu +dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem großen +Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft +hatte, die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten +später in der Dunkelheit verschwunden.</p> + +<p>Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm +des Unglücklichen nehmen lassen, und die Wunde am +Knöchel verbunden, — der Tolle saß auch ruhig dabei, +und ließ Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur +starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war +fast, als ob er in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens +nach ähnlichen Zügen suche. Zwei Männer hatten +ihn, trotz dem Eisen an den Füßen, halten sollen, da er +sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, daß +er kaum im Stande war, aufrecht zu sitzen, ließen sie die +umklammerten Arme los und lehnten seinen Oberkörper +an ihre Knie.</p> + +<p>Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber +wieder frisch zu bluten an, und Stierna wickelte das mit +einer kühlenden Salbe bestrichene Leinen darum, die Blutung +zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende todte +Lächeln schwebte dabei um die Lippen des Unglücklichen +und zuckte in seinen Wimpern, — der Schmerz des Verbindens +machte ihn zuerst aufmerksam auf seinen Arm, und +in dem nämlichen Moment fast quoll das Blut durch +die Leinwand und färbte diese.</p> + +<p>Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm +Stehenden nur so weit die verlorene Besinnung wieder +gewannen, zuzugreifen, hatte sich der, noch vor wenigen +Minuten fast hülflose Greis emporgeschnellt, und mit dem +tollen Aufschrei »Blut! — Blut! — Das war der erste!« +— warf er sich auf einen der Wärter, der die Lampe +hielt und schlug ihm, wie ein wildes Thier im Ansprung, +die Zähne in die Brust.</p> + +<p>»Hülfe!« schrie der Arme, ließ die Lampe fallen und +stürzte rückwärts zu Boden nieder — »Hülfe! Erbarmen!« +aber der Rasende hatte ihn zu fest und sicher gepackt, und +vergebens warfen sich die Wärter jetzt auf ihn, ihn fortzureißen, +vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede +andere angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen +Kette auf die Stirn, daß er betäubt zusammenbrach. +Die Zähne ließen nicht los, bis sie das Fleisch, das sie +gefaßt, vom Körper trennten, und jetzt, an allen Gliedern +wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewußtlose, mit +schnell umgelegten Verbande, in seine Zelle zurückgeschleift.</p> + +<p>Stierna mußte jetzt erst noch den schwer verwundeten +Wärter verbinden, und dann dem finsteren Schreckenshaus, +das noch in seiner letzten Scene so furchtbare Erinnerung +für ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus innerster +Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf +sein draußen angebunden stehendes Pferd, und trabte +rasch die Straße hinab, dem inneren Stadttheile zu, wo +er seinen jungen Freund an einem, ihm genau bezeichneten +Ort schon zu finden hoffte.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<p>Während die Wärter in dem Irrenhaus mit dem +Tollen rangen, sprang die Straße hinunter, den Schlamm +nicht achtend, der um sie her spritzte, eine dunkle Gestalt +mit bleichen, fast geisterhaften Zügen; der Straße Santa +Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein, +und vollkommen mit der Lokalität des Platzes bekannt, +wie es schien, mäßigte sie erst ihren Schritt, als sie sich +einem großen dunklen Gebäude näherte, das die Ecke dieser +und der Calle Lima bildeten. In den langen Pancho +gehüllt, drückte sie sich, diesem gegenüber, in den dunklen +Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vorübergehenden +oft und neugierig angestarrt, aber ohne ihrer +zu achten, ja vielleicht ohne sie zu bemerken, und blickte, +das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche versteckt, daß +die glühenden Augen nur eben darüber sichtbar waren, +regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten +Fenster des unteren Stocks hinüber, aus dem ein +schwacher Lichtstrahl vordämmerte. Aber die Thür öffnete +sich nicht — Niemand verließ das Gebäude, Niemand betrat +es, und eben das einzelne Licht ausgenommen, hätte +man die ganze düstere Steinmasse für öde und unbewohnt +halten können.</p> + +<p>Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fußgänger, +die hier in dem belebtesten Theil der Stadt, in +dem selbst Trottoirs hergerichtet waren, ihren eigenen +Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille Öde +der Straße, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer +dort lehnenden Gestalt aus, und beschrieben, selbst den +Schlamm des Fahrwegs nicht achtend, lieber einen Bogen +um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite hinüber. +Alle Läden, alle Thüren waren geschlossen, die meisten +Lichter sogar schon verlöscht, nur das eine, in dem dunklen +Haus warf noch seinen matten Schein auf den Vorhang, +der das Innere des Gemaches vollständig den Augen +der Vorübergehenden verbarg.</p> + +<p>Niemand war jetzt mehr auf der Straße zu hören, +eine kleine Patrouille Argentinischer Miliz bog um die +nächste Ecke und marschirte, zur Ablösung irgend eines +Postens, die Straße hinab, dem Castell zu — ihre Schritte +verhallten in der Ferne und deutlich tönte der scharfe +eigenthümliche Flügelschlag zahlreicher Züge von Wildenten, +die von dem Strom nach den zahlreichen Binnenwässern +hinüber oder zurückstrichen, durch die Nacht, und unterbrach +die sonst todtenähnliche Stille.</p> + +<p>Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch +quer über die Straße hinüber, horchte einen Augenblick +an der Thür und ließ dann zweimal den Klopfer aufschlagen, +daß es durch das ganze Gebäude hallte. Wenige +Sekunden später ging drinnen eine Thür, ein schwerer +Schritt klappte durch das Haus, und eine Stimme von +innen heraus frug wer da sei. —</p> + +<p>»<i>Viva la confederation!</i><a href="#fn3"><small><sup>3</sup></small></a>« sagte der nächtliche +Klopfer mit lauter, ruhiger Stimme.</p> + +<p>»<i>Mueran los salvajes Unitarios,</i><a href="#fn4"><small><sup>4</sup></small></a>« antwortete der +im Haus Befindliche, und zwei zurückgeschobene Riegel +kündeten gleich darauf, wie er das Feldgeschrei seiner Parthei +für eine hinlängliche Bürgschaft des guten Charakters +seines nächtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser späten +Stunde Einlaß zu gönnen. Gleich darauf wurde ein +Schlüssel im Schloß umgedreht und die Thür öffnete sich +nach Innen, während das Licht der Lampe, die der Aufschließende +in der Hand hielt, voll auf das Antlitz seines +späten und ungekannten Besuchers fiel.</p> + +<p>»<i>Ave Maria!</i>« sagte der Alte aber fast unwillkürlich, +als er das todtenbleiche Gesicht und die dunkelglühenden +Augen gewahrte, die auf ihn geheftet waren — »was +wünscht Ihr, Señor, zu so später Zeit?«</p> + +<p>Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte +rabenschwarze Haar aus der Stirn und sagte dann mit +ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck seiner Züge +freilich Lügen strafte.</p> + +<p>»Ich muß um Entschuldigung bitten, Sie so spät zu +stören, aber ein wichtiger Auftrag zwang mich dazu — ist +Don Luis de Gomez noch zu sprechen?«</p> + +<p>»Don Luis ist nicht zu Hause,« erwiderte der Alte, +und musterte jetzt zum ersten Mal, und wie es schien, +etwas erstaunt den verstörten und schlammbespritzten +Anzug des Fremden, »Ihr kommt wohl aus dem Inneren, +Señor?« setzte er dann fragend hinzu. —</p> + +<p>»Nicht zu Hause?« wiederholte aber der Fremde rasch +und wie es schien ungläubig — »sagt ihm, guter Freund, +daß ich ihm wichtige Depeschen bringe, deren Verschieben +Unheil über viele Menschen bringen könnte.«</p> + +<p>»Aber Don Luis hat Buenos-Ayres schon vor drei +Monaten verlassen,« bekräftigte der Alte seine frühere Aussage, +»und ist nach Valparaiso im Auftrag Sr. Excellenz +des Gouverneurs gegangen — den Gott beschützen möge.«</p> + +<p>»Nicht in Buenos-Ayres?« rief der Fremde, erschreckt +einen Schritt zurücktretend — »nach Chile? — und Donna +Constancia? —«</p> + +<p>Ehe der Alte diese zweite Frage noch beantworten +konnte, öffnete sich die Seitenthür, und eine alte Dame, +den Kopf sorgfältig in ihre Mantille eingeschlagen, die +sie unter dem Kinn durchgezogen und über die linke +Schulter zurückgeworfen hatte, schaute heraus, hatte aber +kaum das bleiche Antlitz des Fremden erkannt, auf das in +diesem Augenblick das volle flackernde Licht der Lampe fiel und +ihm einen noch viel wilderen unheimlicheren Ausdruck gab, +als sie einen gellenden Schreckens- und Hülfeschrei ausstieß +und die Thüre wieder ins Schloß werfend, vor der +sie ihren Gatten oder was er sonst sein mochte, total und +unbekümmert seinem Schicksal überließ, riß sie das Fenster +ihrer Stube auf und rief mit einer Stimme, die Todte +hätte erwecken können »Hülfe« und »Mord« in die stille +Nacht hinaus.</p> + +<p>Der Alte erschrak natürlich nicht wenig über den unerwarteten, +und für jetzt allerdings noch total unbegründeten +Nothschrei, riß aber doch das Messer, das er wie jeder +Argentiner bei sich trug, aus der Scheide, und sah den +bleichen Fremden verdutzt und unentschlossen an. Dieser +war bei dem ersten Schrei der Frau wild emporgezuckt, +und auch seine Hand griff wohl unwillkürlich nach der, +unter dem Pancho verborgenen Waffe, wie er aber das +Hülfegeschrei der Frau nach der Straße zu hörte, stutzte +und horchte er erst einige Secunden und stieß dann plötzlich +ein so wildes fürchterliches Gelächter aus, daß der +Alte entsetzt zurücktaumelte. In dem nämlichen Augenblick +war aber dieser wilde unheimliche Besuch durch die +noch offene Hausthür wieder hinaus auf die Straße geschlüpft, +und während der Alte mit vor förmlicher Todesfurcht +zitternden Händen, die Riegel wieder vorschob und +seiner Frau, lange vergeblich durch die verschlossene und +von Innen förmlich verbarrikadirte Thür zurief, daß jede +Gefahr — wenn überhaupt irgend eine vorhanden gewesen, +vorüber sei, floh Morelos mit lautem, schallendem Gelächter +die menschenleere Straße hinab und das Hülfegeschrei der +alten Dame tönte gellend hinter ihm drein.</p> + +<p>Keine Thür, kein Fenster öffnete sich dabei. — Anfälle +auf offener Straße gehörten in gegenwärtiger Zeit, +und unter Rosas strenger Polizei, allerdings zu den Seltenheiten, +fielen aber doch dann und wann vor, und +Privatleute hüteten sich wohl, sich in derlei Streitigkeiten +zu mischen; ja wer sich gerade zufällig in der Nähe auf +der Straße fand, floh, so rasch er konnte, solcher Nachbarschaft +zu entgehen, die oft in ihren Folgen selbst für +die Zeugen lange Verhöre und selbst für Einkerkerungen +mit sich brachten — hatte sich endlich die Polizei wirklich +einmal in's Mittel geschlagen.</p> + +<p>Als der Lärm verhallt war, marschirte auch heute +eine kleine Militärpatrouille von sechs Negersoldaten und +einem Mulatten als Unterofficier, langsam durch die Straße +— an den Ecken hielt sie still, Straße auf und ab zu +horchen, ob sich noch etwas vernehmen lasse, und schickte +hie und da einen Mann nach rechts oder links ab, zu +sehen, ob der dunkle Gegenstand an der anderen Seite +der Straße vielleicht die Leiche irgend eines Ermordeten +wäre, als sie aber nichts weiter Verdächtiges fand, zog sie +sich, sehr zufrieden mit dem Resultat, in ihre Quartiere +zurück.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<p>Am Ufer des La Plata und überhalb der sogenannten +Bootlandung läuft eine einzelne Reihe von Ombubäumen +hinauf, die dort enden, wo die Stadt eigentlich, +trotz dem ausgelegten Plan noch nicht begonnen hat, und +eine hohe Plankenwand weiter keinen Zweck zu haben scheint, +als das Ufer gegen das Anstürmen der Wellen zu schützen, +die hier, bei einem tüchtigen Südosten oft in rasender Gewalt +gegen die Küste auftoben können, während der fast +seegleiche Strom mit jedem anderen Winde diese Bucht in +Spiegelglätte hält.</p> + +<p>Auf dem Platz lag Bauholz zerstreut umher, und unter +dem letzten Ombubaum, der mit seinen breiten, dichten +Ästen seinen Stamm in völlige Dunkelheit hüllte, stand +Stierna in peinlicher Ungeduld und harrte Stunde nach +Stunde vergebens des Freundes. Was war aus ihm geworden, +konnte ihm ein Unglück zugestoßen — konnte er +erkannt und wieder eingefangen sein? Das Herz schlug dem +jungen Schweden in quälender Angst um den Unglücklichen, +denn nicht retten hätte er ihn dann wieder können, und +er selber durfte sich, war ihm sein Leben lieb, wahrlich +nicht wieder in der Stadt zeigen, wo er, ein öffentlich +Angestellter des mächtigen Gouverneurs, diesem selbst in +seinen Plänen <ins title="original has entgegenwirkt">entgegengewirkt</ins>.</p> + +<p>Schon hatte er eine Zeit lang von den Thürmen +zehn Uhr schlagen hören, als sich plötzlich Schritte nahten +— es war das regelmäßige Auftreten einer Wache, +die den breiten Fahrweg niederkam und auch dicht an dem +Baum, an dessen Stamm geschmiegt der Doktor stand, +vorbeimarschirte.</p> + +<p>»Bei dem Wetter soll man nun recognosciren,« sagte +der eine der Soldaten, die sich höchst unbefangen mit einander +unterhielten, zu dem anderen — »und man weiß +gar nicht, wo der Lärm gewesen ist.« —</p> + +<p>»Bei Don Gomez — meint die eine Wache,« erwiederte +ein anderer, »aber noch ist nichts Bestimmtes bekannt — +wie wir vorbeimarschirten war ja auch Alles still und ruhig +dort.« —</p> + +<p>Die Worte verklangen in der Ferne, und Stierna +zerbrach sich eben den Kopf, was man mit dieser Patrouille +hier eigentlich zu so außergewöhnlicher Zeit wollte, wenn +nicht die Flucht des Gefangenen schon bekannt geworden +wäre, als ihn plötzlich ein leiser Pfiff, dicht von den +Häusern kommend, aufstörte, und freudig emporfahrend, +erkannte er eine dunkle Gestalt, die rasch über die Straße +glitt und in seine ausgebreiteten Arme sank. Es war +Don Morelos.</p> + +<p>»Aber wo um Gottes Willen sind Sie so lange geblieben?« +rief Stierna ängstlich, seinen Arm ergreifend +und haltend — »ich fürchtete schon —«</p> + +<p>»Pst — wir müssen fort,« unterbrach ihn aber der +junge Spanier — »die Patrouillen scheinen schon mehr zu +wissen, als uns gut sein möchte. — Wie aber kommen wir +an Bord?« —</p> + +<p>»Ein Canoe liegt hier zwischen den Felsen, das uns —«</p> + +<p>»Gut, gut, fort nur, das Wetter ist herrlich — hurrah, +nach Chile, und wie sie schauen werden, hahahahaha!« —</p> + +<p>»Um Gottes Willen nicht so laut,« bat ihn ängstlich +der Schwede, »die Patrouille kann dort oben wahrscheinlich +nicht hinaus, und muß hier bei uns wieder vorbei — wir +dürfen uns deshalb auch nicht auf's Wasser wagen, bis +sie passirt ist.«</p> + +<p>Das scharfe Ohr des Spaniers hatte indessen schon +wieder die rückkehrenden Schritte der Soldaten vernommen, +und sich dicht an den Stamm des Baumes schmiegend, +dessen ungleiche und hohe Wurzeln ihnen ungemein günstig +waren, drückten sie sich lautlos zwischen diese hinein, bis +die Gefahr vorüber war. Die Patrouille zog indessen +mürrisch und schweigend vorbei; es regnete jetzt, was vom +Himmel herunter wollte, und die armen Teufel von Soldaten +dachten in ihren dünnen nassen Jacken an den feuchten, +kalten Raum, der sie erwartete, wenn sie nach ihrer +Hauptwache jetzt zurückkehrten. Wer konnte in solcher Nacht +hoffen, irgend Jemanden einzufangen, dem nicht selber +daran lag, arretirt zu werden.</p> + +<p>Eine Viertelstunde später glitt das kleine Canoe, von +Stiernas Hand gerudert, und die Fahrzeuge der Binnenrhede +vermeidend, auf die Außenrhede hinaus. Vom Bug +des kleinen Schuners »Oporto« hing eine Laterne, deren +Licht durch die geschliffenen Scheiben wie ein Stern durch +die Nacht funkelte. Zu Starboard vom Bord hing die +Fallreepstreppe nieder, und das Canoe treiben lassend, +um morgen irgendwo am Ufer des La Plata von einem +Fischer aufgefangen zu werden, betraten sie das Fahrzeug, +das sie mit Tagesanbruch der gefährlichen Nähe des Diktators +und seiner Häscher entführen sollte.</p> + +<p>Der Capitain selber hatte nicht die mindeste Lust in +irgend eine Schwierigkeit mit dem Gesetz zu gerathen, und +mit einer ziemlich günstigen Brise lichtete er noch vor Tagesanbruch +den Anker und ging stromab. Selbst der Lootse +erfuhr Nichts von der Anwesenheit der beiden Passagiere, +die bis Monte-Video im »Logis« vorn — wie der Aufenthaltsort +der Matrosen an Bord eines Schiffes genannt +wird — untergebracht wurden.</p> + +<p>Schon am nächsten Morgen erreichten sie Monte-Video. +Stierna erstaunte aber hier nicht wenig, als Don Morelos +ihm plötzlich erklärte, er wolle mit dem Schiff nach +Valparaiso gehn. Monte-Video sei allerdings sicher genug +für ihn, aber das wenige Geld, was er jetzt noch sein +eigen nannte, konnte nicht ewig ausreichen, während er +in Valparaiso, weit eher Gelegenheit fand, auf seine Familie +in Spanien zu ziehen. Stierna konnte dagegen nicht +gut etwas einwenden, auch er hatte in dem, überall vom +Feind bedrängten Monte-Video wenig Aussichten, sein Fortkommen +leicht zu gründen, während Valparaiso ihm einen +weit freieren Spielraum für seine Thätigkeit bot, und ihn +freute deshalb eher der Entschluß des Geretteten.</p> + +<p>Auffallend war ihm aber dennoch die schnelle Sinnesänderung +Don Morelos, der früher auch nicht eine Sylbe +von Chile erwähnt hatte, ja in der That ganz gleichgültig +schien, wohin sie sich wenden würden, nach Osten oder +Westen, nach Norden oder Süden, wenn er nur den +»Schauplatz seiner Qualen« fliehen konnte. Nichts destoweniger +sprach er augenblicklich mit dem Capitain, der sich +auch gern bereit zeigte, sie mitzunehmen; über das Passagiergeld +wurden sie bald einig, und da der Capitain selber +die noch immer günstige Brise nicht versäumen wollte, diesem, +besonders in Winterszeit gefährlichen Wasser zu entgehen, +wo die tückischen Stürme dieser Breite, die sogenannten +Pamperos fast mit jedem Mondwechsel mehr oder +weniger stark einsetzen, beeilte er seine Geschäfte in der +Hauptstadt der »Unitarier« so rasch ihm das irgend möglich +war, und als der nächste Pampero, einige Tage später +wirklich über die weiten Steppen des Binnenlandes daherwehte, +schwammen sie schon draußen im freien Wasser und +hatten Seeraum genug und nicht mehr die niederen gefährlichen +Ufer und Sandbänke des La Platastromes um +sich her.</p> + +<p>Jeder weiteren Gefahr entdeckt zu werden übrigens +auszuweichen, hatten die beiden Freunde schon mit dem +Betreten des Fahrzeugs und den Seeleuten gegenüber andere +Namen angenommen, und Stierna nannte sich <span class="wide">Leifeldt</span> +und gab sich für einen <span class="wide">deutschen</span> Arzt aus, da er +diese Sprache flüssig redete, während Don Morelos den +Namen Don Gaspar de Monte Silva, einer Familie, mit +der er nahe verwandt sein wollte, angenommen hatte. Auf +dem Schiff schon kannte man sie unter keiner anderen +Benennung.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch3" id="ch3"></a>3.</h3> + +<h3>Die Reise und ihre Abenteuer.</h3> + +<p>Die Reise selber ging rasch und glücklich genug vorüber, +Cap Horn doublirten sie, von einer herrlichen Brise +begünstigt, mit Leichtigkeit, und flogen mit schwellenden +Segeln wieder einem milderen, freundlicheren Klima entgegen.</p> + +<p>Don Morelos war den ersten Theil der Reise sehr +leidend; kaum aus der Mündung des La Plata heraus +und in offener See, bekamen sie einen tüchtigen Pampero, +der ihn todtseekrank in seine Coje bannte, und die am +Cap Horn fast stets ziemlich hoch gehende See mit der +kalten unfreundlichen Witterung konnte nicht dazu dienen, +ihn rasch wieder herzustellen. Zu diesem Zustand gesellte +sich noch ein ziemlich bösartiges Fieber, das mehrere Tage +lang sogar sein Leben bedrohte, und Stierna wich in dieser +Zeit nicht von seinem Lager.</p> + +<p>Der Kranke lag indessen in den wildesten Phantasien, +in denen die Namen Constancia und Gomez einem festen +Ideengang anzugehören schienen, während sein oft +dazwischen tönendes Lachen förmlich unheimlich klang. Der +Freund allein durfte in dieser Zeit an seiner Seite sein, +und er rief die Anderen, wenn sich Capitain oder Steuermann +einmal nach ihm erkundigen wollten, mit dem Namen +seiner früheren Wärter oder Schließer, und drohte gegen +sie anzuspringen.</p> + +<p>Seine kräftige Natur überwand aber auch diese Krisis +— wenn auch langsam, erholte er sich doch allmählig und +noch ehe sie die warmen Breiten der südlichen Zone wieder +erreichten, war er vollkommen hergestellt, wieder im Stande +an Deck zu sein und seinen Körper durch die frische, balsamische +Seeluft zu kräftigen. Eigenthümlicher Weise wußte +er dabei Alles, was während seiner Krankheit vorgefallen, +was er phantasirt und wie er sich betragen, entschuldigte +sich auch gegen die Seeleute auf das herzlichste, daß er +solch tolles ungereimtes Zeug gegen sie ausgestoßen und +versicherte sie, er habe in demselben Augenblick gefühlt, +was er thue, und sei doch nicht im Stande gewesen, seine +Zunge zurückzuhalten. Viel wurde dabei über die verschiedenen +Namen gelacht, die besonders der Steuermann +abwechselnd erhalten hatte, und die kleine Gesellschaft in +der Cajüte des »Oporto« amüsirte sich vortrefflich.</p> + +<p>In der Höhe von Chiloe bekamen sie plötzlich eine +längere Windstille, die See lag still und regungslos, nur +in ihren ewigen, nie unterbrochenen Schwellungen, und die +Segel flaggten schwerfällig gegen den Mast und das stehende +Takelwerk des Schiffes an. Die Seeleute sagen in solchem +Fall »Reepschläger und Segelmacher (Reepschläger: der Seiler +oder Taumacher) prügeln sich« und sind schrecklicher Laune, +und so große Erholung ein solcher Zustand gewöhnlich den +früher von der Seekrankheit schwer Heimgesuchten gewähren +mag, so entsetzlich wird er auf die Länge der Zeit für den +Gesunden, der mit einer förmlich verzweifelten Sehnsucht +nach Ost und West, nach Nord und Süd ausschaut, nur +von irgend einer Seite her, gleichviel von welcher, das +Wasser dunklen und die Brise ankommen zu sehen. Selbst +der schlechteste Wind wird in einer solchen Zeit einer totalen +Stille vorgezogen; man will nur <span class="wide">Bewegung</span> im +Wasser, nur <span class="wide">Leben</span> und gerade das Gefühl vielleicht, so +ganz machtlos dem schläfrigen Element zum Spiel zu dienen, +sogar Nichts thun zu können, einem derartigen Zustand +zu entgehen, ist es, das den Körper zuletzt förmlich aufreibt.</p> + +<p>Es läßt sich denken, daß in einem solchen Fall auch +das geringste Außergewöhnliche, was die traurige Monotonie +der See unterbricht, freudig bewillkommt wird — +der ferne Strahl eines Wallfisches wird ein Moment, eine +andere Art von Möve, Albatroß oder Schwalbe sind froh +begrüßte Gäste. — Springer, jene große Art von Fischen, +die der deutsche Matrose etwas prosaisch nach dem Schweine +nennt, weil sie einen ähnlichen scharfen Rüssel haben — +zeigen sich in weiter Ferne, und selbst der Streifen wird +betrachtet, den sie im Wasser ziehen — kräuseln sie doch +die Oberfläche des Meeres und das Auge täuschte sich +sogern mit einer kommenden Brise.</p> + +<p>Das wichtigste Ereigniß in einer solchen Zeit ist aber +das Erscheinen eines Haifisches, dieses gefräßigen Piraten +der Tiefe, und der Mann am Steuer, der schläfrig am +Rade lehnt und das Ruder bald auf diese bald auf jene +Seite legt, das Schiff demselben gehorchen zu lassen und +sich dann zu ärgern, wenn es sich nur faul und langsam +eben um den ganzen Kompaß herum treibt, dreht fortwährend +den Kopf nach allen Richtungen hin, und beobachtet +die blanke Spiegelfläche des Wassers, irgend einen +dunklen Punkt zu erkennen, der der Flosse eines anschwimmenden +Haies gleiche. Der Schatten irgend einer sich etwas +höher hebenden Schwellung, das Aufschlagen eines +kleinen Fisches, ein müder Wasservogel, der seine Schwingen +auf der glatten Fläche gefaltet hat, und mit dieser +steigt und sinkt, faßt und hält dabei der rasche Blick — +höher richtet er sich auf, und die Augen mit dem ausgestreckten +Arm gegen das blendende Licht des blitzenden +Strahles schützend, den die Sonne auf die Silberhaut des +Meeres wirft, schaut er lange und forschend nach dem verdächtigen +Punkt hinüber. Wieder und wieder getäuscht, +läßt er endlich sogar sein Ruder eine Weile im Stich — +bei Windstille kommt's nicht so genau darauf an, und der +Mann steht wirklich manchmal Tage lang nur zum Staat +dabei — geht an den Heck und schaut, soweit er möglicher +Weise sich kann hinüberbiegen, nach dem von crystallreinem +Wasser umspielten Ruder, das sich nach unten zum +schönsten herrlichsten Dunkelblau schattirt, und beobachtet +kurze Zeit den deutlich sichtbaren Kiel des Schiffes, denn +der Hai treibt sich oft tief unter dem Schiff herum, auf +Beute lauernd, die vom Bord zu ihm herausfallen möchte. +Das schwarzlackirte, von der Sonne gedörrte Holz der +Schanzkleidung, auf die er sich gelehnt, brennt aber zu +sehr — er hält es nicht lange aus und tritt wieder an +sein Ruder zurück — ein frisches Priemchen seine einzige +Erholung.</p> + +<p>»<i>Shark-oh</i>!«<a href="#fn5"><small><sup>5</sup></small></a> ruft da eine Stimme von der Bramraae +herunter; Einer der Leute hatte etwas an dem oberen +Tauwerk auszubessern gehabt und sein Arm deutet, während +er spricht, den zu ihm rasch Aufschauenden die Richtung +an, in der sich das Unthier faul und wohlgefällig +in der warmen Fluth wälzt und schaukelt.</p> + +<p>Im Nu ist die Lethargie der ganzen Mannschaft abgeschüttelt, +der Koch bringt ein Stück gesalzenen Speck +als Lockspeise für den Raubfisch, der Steuermann kommt +mit dem wohleingeölten und blankgehaltenen Haken, an das +der Erstere rasch den Speck befestigt — der Wirbel am +Haken muß sich wohl drehen, denn wie ein Quirl schleudert +sich das Unthier herum, wenn es sich gefangen fühlt — +und das Eisen über Bord geworfen, drängt Alles nach +hinten, die Bewegungen des Fisches, wie er sich nähert +oder theilnahmlos an dem für ihn ausgehangenen Gericht +vorbeitreibt, zu beobachten.</p> + +<p>Der Matrose haßt nun überhaupt einen Hai; es ist +dieß sein angeborener erbarmungsloser Feind, der mit den +kaltblitzenden grünen Katzenaugen fortwährend nach Beute +ausschauend, faßt, was er eben erreichen kann, und mit +dieser ewigen Raubgier Schnelle und furchtbare Stärke +verbindet. Er beißt auch weniger, als daß er das mit +den Zähnen erfaßte förmlich <span class="wide">ausdreht,</span> wenn der Gegenstand +zu groß ist, ihn gleich ganz zu verschlingen, und +wenn selbst nicht gleich getödtet, ist der unglückliche Seemann, +dem der Hai erst einmal Arm oder Bein gefaßt +hat, auch meist rettungslos verloren. Was Wunder also, +daß der Fang eines solchen Ungethüms stets mit Jubel, +begrüßt wird, und selbst sonst ganz gutmüthige Seeleute +die sich wenigstens nie dazu verstehn würden, einen Hund +oder ein anderes Thier muthwillig zu quälen, mißhandeln +mit wahrer Wonne einen gefangenen Hai oder schneiden +ihm wohl auch gar den Schwanz ab, und werfen ihn +wieder über Bord, wo er dann bald im Wasser elend umkommen +muß.</p> + +<p>Die Seeleute haben Grund ihn zu hassen und thun +es von ganzer Seele; wunderbar aber war die Wuth, die +der junge Spanier auf diese Fische hatte; halbe Tage lang +saß er im Mast, nach ihnen auszuspähen, und war der +Fang endlich geglückt, die das Deck peitschende Bestie an +Bord gezogen und hielten sich die Leute noch scheu zurück, +von dem schlagenden Schwanz nicht getroffen zu werden, +sprang er, der Erste hinzu, ihm sein Messer in die Kiemen +zu stoßen, daß er dann, trotz dem wüthenden Springen +und Schnappen des gepeinigten Thieres, darin hin und +her wühlte, bis der Fisch, durch Blutverlust und Anstrengung +erschöpft, regungslos liegen blieb. Waren es junge +Thiere, so wurden sie gewöhnlich später gebraten, aber nie +konnte Don Gaspar, wie wir ihn denn auch von jetzt an +nennen wollen, bewogen werden, das Fleisch auch nur zu +kosten — und einen solchen Widerwillen fühlte er dagegen, +daß er nicht einmal in der Kajüte blieb, so lange es auf +dem Tische stand.</p> + +<p>In dieser Zeit war es, daß ein ungewöhnlich großer +Hai von der Bramraae angerufen wurde und nicht lange, +so kam das Ungeheuer der Tiefe, ein Bursche von fast +achtzehn Fuß Länge und von ganz außergewöhnlicher Stärke +heran, den Haken einzuschnappen, den der Steuermann jetzt +rasch anfing einzuziehen, da gar keine Hoffnung da war, +ein solch riesiges Ungethüm selbst mit drei solchen Haken +nur zu halten, viel weniger an Bord zu holen. Kaum aber +sah der Fisch den weißen Speck vor sich hinschießen, den +er jetzt wohl in der Eile für einen flüchtigen Fisch halten +mochte, als er einen Schlag in das Wasser that, mit +Pfeilschnelle hinter der vermeintlichen Beute herschoß und +sie verschlang.</p> + +<p>Jetzt begann ein toller wilder Jubel am Bord, der +aber auch wieder von Lachen und Verwünschungen unterbrochen +wurde, denn wenn der Hai nur im mindesten seine +Kraft gegen das, was ihn hielt, gewandt hätte, mußte +Haken oder Tau brechen und reißen; der gefangene Fisch +begnügte sich aber, sich herumzuwirbeln und dadurch dem +Eisen zu entgehen, das ihm anfing, unbequem zu werden +und mehr und mehr zogen sie ihn indessen dem Heck des +Schiffes näher, wo der Capitain schon eine Harpune bereit +hielt, ihn zu werfen und dadurch vielleicht zu sichern.</p> + +<p>Don Gaspar war außer sich, er sprang und jubelte, +kletterte an den Besahnwanten<a href="#fn6"><small><sup>6</sup></small></a> hinauf und wieder hinunter +und flog nur manchmal mit an das Tau, das die +ganze Mannschaft fest gepackt hielt, um zu fühlen, ob der +Fisch noch sicher daran sei. Endlich brachten sie ihn glücklich +in Wurfsnähe der Harpune, der Capitain, ein alter +Wallfischfänger, schleuderte das Eisen mit Kraft und Sicherheit +und die scharfen Widerhaken drangen selbst durch die +horngleiche Haut des Ungethüms tief in das Fleisch des +Halses ein. Die nächsten Minuten hiernach war Nichts +zu sehn als Schaum, so peitschte das Ungethüm die Wogen, +und der Schwanz stieg manchmal wie der Kopf einer +riesigen Schlange empor, und schmetterte dann mit furchtbarer +Kraft in die kochende Wassermasse zurück. Aber das +Eisen hielt und nur durch die entsetzlichen Anstrengungen +des zur tollsten Wuth gereizten und vom Schmerz gepeinigten +Thieres, arbeitete sich die Wunde größer und größer, +und als sich das Wasser etwas beruhigte, rief der alte +Steuermann, sie würden ihn doch noch verlieren, denn so +bald er noch einmal anfange und hätte keine Schlinge um +den Schwanz, müsse er sich frei machen.</p> + +<p>Der Koch schlug jetzt, um das Tau der Harpune selber +herum, eine Schlinge, diese auf den Kopf des Haies +niederfallen zu lassen, und um ihn herum zu bekommen. +Der gefangene Fisch fing aber aufs Neue an zu schlagen +— und wenn auch die Schlinge dabei schon über den Kiemen +lag, mußte sie doch wieder abrutschen, sobald aufgeholt +wurde.</p> + +<p>Don Gaspar zitterte während der Zeit am ganzen +Körper von innerer Aufregung, er schrie und lachte, wenn +der Fisch ruhig blieb und der Koch mehr mit der Schlinge +nach rückwärts kam, und tobte und wüthete förmlich, wenn +das Unthier sich wieder zu befreien drohte. — Alle möglichen +Anordnungen gab er dabei und der Koch, so vielen +Respekt er sonst vor dem Quarterdeck hatte, wurde endlich +so ärgerlich, daß er ausrief —</p> + +<p>»Das Schwatzen soll der Teufel holen, geht hinunter +und schiebt das Tau über, und die Satansbestie soll bald +hier oben liegen — da — da geht's wieder an — na, jetzt +ist die Geschichte vorbei, diesmal haut er sich frei.«</p> + +<p>Don Gaspar war auf den Rand der Brüstung gesprungen +und schaute lautlos aber mit funkelnden, glühenden +Augen in die Tiefe.</p> + +<p>»Nehmen Sie sich in Acht, Herr!« rief ihm der Steuermann +zu — »wenn Sie hinabfallen, kommen Sie in einen +heißen Platz!«</p> + +<p>Der Spanier hörte ihn nicht. —</p> + +<p>»Lockert das Tau mit dem Haken, Leute!« — schrie da +der Kapitain — »verdamm es, Ihr zieht zu fest — die +Bestie bricht — da — da habt Ihr's — der Haken ist +ausgerissen — holla, was ist das — Don Gaspar — +was in des Teufels Namen!«</p> + +<p>Sein Ausruf erstarb in einem Schrei des Erstaunens +der ganzen Mannschaft, denn ehe Leifeldt, der auf der anderen +Seite des Schiffes stand, und ebenfalls mit gespannter +Aufmerksamkeit die furchtbaren Kraftanstrengungen des +gefangenen und zur grimmigsten Wuth getriebenen Fisches +beobachtet hatte, es verhindern konnte, faßte der junge +Spanier, den Hut zurück an Deck werfend, das Tau, an +dem die Harpune befestigt saß, und glitt an diesem nieder +in die jetzt wieder aufkochende, spritzende See, in der sich +das tödtlich getroffene Unthier, nur noch von der Harpune +allein gehalten, wälzte. —</p> + +<p>»Halten Sie sich am Tau fest, — um Gottes Willen +nicht tiefer! — er schlägt Ihnen ein Bein entzwei — biegen +Sie sich das Tau unter den Ellbogen!« Das waren +die Rufe oder Schreie vielmehr, die von allen Seiten gleichzeitig +ausbrachen, und Leifeldt selber rief entsetzt den Tollkühnen +bei Namen und beschwor ihn bei allem, was ihm +heilig sei, zurückzukehren. Hörte es aber schon nicht mehr, +in der furchtbaren Erregung des Augenblicks, was um ihn +her vorging, oder wollte er den Warnungsruf nicht beachten, +denn ohne auch nur abzuwarten, bis sich das Ungeheuer +der Tiefe, jetzt dicht unter ihm, in etwas wieder beruhigt +hätte, glitt er nieder, und verschwand im nächsten Augenblick +fast unter dem aufkochenden Schaum. —</p> + +<p>»Nieder mit dem Boot!« übertönte des Kapitains ruhige +Stimme in dem Augenblick den Lärm — »nach vorn, +Ihr Leute, nach vorn und hinunter mit dem Boot, so +rasch Ihr könnt — halt, Koch, Ihr bleibt hier — da, macht +eine andere Schlinge aus dem Bramfall dort — vielleicht +können wir ihn hier wieder zu halten bekommen — wenn +ihn der Hai nicht mitnimmt,« und mit einem leise gemurmelten +Fluch über die kecke Tollheit eines solchen Wagnisses, +bog er sich wieder hinten über, das Resultat desselben mit +anzusehen.</p> + +<p>Don Gaspar war indessen einer solchen Gefahr keineswegs +unbefähigt in die Arme gesprungen; so exaltirt er +sich oben an Deck gezeigt, so ruhig und umsichtig bewies +er sich hier unten, und während er für einen Augenblick +festen Fuß auf dem Fisch selber zu fassen suchte, ließ er +mit der linken Hand das Harpunentau keineswegs los, das +ihn auch, vorn am Kopf des Haies hielt und vor den +furchtbaren Schlägen des Schwanzes sicherte. Trotzdem +aber, daß ihm die Füße abglitten auf dem schlüpfrigen +Hals, schien er nur das eine Ziel im Auge zu haben, die +Schlinge zu festigen und unbekümmert um jede Folge, ließ +er sich vollkommen auf den Hai hinunter, faßte das Tau +und unter dem Kopf der wüthenden Bestie mit der Hand +niederfahrend, hatte er die Schlinge schon erreicht, als die +Harpune ausriß und diese sich, von oben natürlich gehalten, +plötzlich anstraffte.</p> + +<p>Die Männer an Bord standen starr vor Schrecken, +und wußten nicht, ob sie anziehen oder loslassen sollten, +denn jetzt hatten sie noch das Unthier in ihrer Gewalt, +glitt es aber aus dem Knoten heraus, so war der tollkühne +Passagier ihm rettungslos anheim gegeben.</p> + +<p>Der Hai selber machte diesem peinlichen Moment ein +Ende — vorwärts schießend, fühlte er sich durch das Tau +gehemmt, das ihn auch um die Kiemen preßte, und während +Don Gaspar, durch die rasche Bewegung das Gleichgewicht +verlierend, ihn mit beiden Armen umschlang, fuhr er zurück, +wirbelte sich ein paar Mal um sich selbst herum — und +war <span class="wide">frei.</span></p> + +<p>Der Spanier wäre jetzt verloren gewesen, denn das +gereizte Thier schoß, den Druck auf sich noch immer fühlend, +nach vorn, so daß der kecke Jäger natürlich der gegen ihn +anpressenden Wassermassen nicht widerstehen konnte, loslassen +mußte. Im Anfang schien es auch, als ob es gegen die +Gewalt, die <ins title="original has gegen ihm">ihm</ins> geschehen, ankämpfen wollte, denn +kaum von dem Gewicht befreit, wandte es sich scharf gegen +seinen vorherigen Reiter um, ohne diesen aber auch nur im +mindesten zu schrecken, oder seine Geistesgegenwart zu berauben. +— Im Begriff, von dem Ungethüm fortzuschwimmen, +wandte Don Gaspar nämlich den Kopf nach ihm um, und +sah kaum die drohende Bewegung, als er ebenfalls Front +gegen den Hai machte, das einzige zu versuchen, was ihm +übrig blieb — drohend gegen den Ankommenden anzuschlagen, +und ihn so zurückzuschrecken. Zu seinem Glück sollte +er aber nicht zu einem solchen und in der That verzweifelten +Kampf gezwungen sein, denn den Hai selber verließen +die Kräfte. Der Wurf der Harpune war tödtlich gewesen, +und plötzlich, als Alle an Bord auch schon in peinlicher +Angst und Spannung den ersten Anprall des Thieres gegen +sein Opfer zu sehn erwarteten, bog der Hai seitwärts +ab, und fing an, sich, ohne den Ort zu verlassen, auf dem +er stand, wenige Minuten förmlich im Kreis herumzudrehen. —</p> + +<p>Zu derselben Zeit war das Boot auch endlich niedergelassen +und schoß, von vier Riemen (Ruder) getrieben, +rasch herbei. Don Gaspar aber, anstatt ihm entgegenzuschwimmen +und der furchtbaren Gefahr zu entgehen, der +er bis dahin ausgesetzt gewesen, strich aus und zwar gerade +der Stelle zu, wo der Hai blutige Kreise in der klaren +blitzenden Fluth zog. Zwei <ins title="original has Lootenfische">Lootsenfische</ins>, die sich bis jetzt, +trotz des tollen Kampfes, in der Nähe ihres früheren Beschützers +muthig gehalten, schossen vor und rasch wieder +zurück, einer Gefahr zu entgehen oder auch, wie man ja +behaupten will, dem Hai die Nähe leicht zu gewinnender +Beute zu melden; aber dieser fühlte und sah nicht mehr, +was um ihn her vorging — tiefer und tiefer senkte er sich +in <ins title="original has seinen">seinem</ins> Ringen, immer langsamer wurde der Flossenschlag, +und als Don Gaspar, von dem Boot jetzt fast erreicht, +über der Stelle hielt, und nieder schaute, sah er eben noch, +wie sich der weiße Bauch des <span class="wide">todten</span> Fisches aufdrehte +und langsam, langsam in blauer Tiefe verschwand.</p> + +<p>Gleich darauf faßte der Steuermann den Kragen des +Spaniers und zog ihn mit einem herzlichen »Ich will verdammt +sein, wenn mir so ein Mensch schon vorgekommen +ist,« in das Boot hinein, rasch dann zum Schiff zurückrudernd, +als ob er wirklich fürchtete, daß ihm das tollkühne +Menschenkind noch einmal über Bord springen könne.</p> + +<p>Don Gaspar war zum Tode erschöpft, als er das +Schiff wieder erreichte, und Leifeldt machte ihm wirklich +ernstliche Vorwürfe, sein Leben in so rasender, unüberlegter +Weise, einem Fisch gegenüber, auf's Spiel gesetzt zu haben, +wo ihn wirklich nur ein Wunder erhalten haben mußte. +Don Gaspar versicherte ihm aber so hoch und theuer, daß +er, in der Erregung des Augenblicks wirklich gar nicht +gewußt habe, was er thue, und versprach ihm so heilig, +solche tolle Streiche nicht wieder zu machen, daß er sich +endlich beruhigte und der Kapitain mit einer tüchtigen +Bowle Grog den Frost des Gebadeten wie den Schreck +der Übrigen vergessen machte.</p> + +<p>Den Abend schon erhob sich aber eine leichte Brise, +die während der Nacht schärfer und schärfer anwuchs und +zuletzt in einen tüchtigen Südosten ausartete, mit dem sie +rasch ihrem Ziele entgegenhielten.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch4" id="ch4"></a>4.</h3> + +<h3>Ankunft in Valparaiso. — Hülfe in der Noth.</h3> + +<p>Der »<span class="wide">Oporto</span>« erreichte am 42. Tag nach seiner +Ausfahrt von Buenos-Ayres den Hafen von Valparaiso +und Leifeldt und Don Gaspar mietheten sich im Hotel +de Chile ein. Der Letztere hatte aber kaum seine nöthigen +Einkäufe an Kleidern und Wäsche besorgt, da er sich bis +dahin nur mit dem Nothwendigsten begnügen mußte, das +Leifeldt noch in der letzten Zeit in Buenos-Ayres für ihn +eingekauft, als er auch ausging, um, wie er sagte, ein paar +Verwandte, ein paar Freunde aufzusuchen oder ihnen wenigstens +nachzuforschen, die sich vor Jahren nach Valparaiso +gewandt hatten und hier doch vielleicht noch aufzufinden +waren. Der junge Arzt blieb zurück, die eigene Wohnung +ein wenig behaglich einzurichten.</p> + +<p>An dem nämlichen Morgen, etwa um elf Uhr, ließ sich +ein junger Mann unter dem Namen de Monte Sylva bei +dem Consul der Argentinischen Republik anmelden, und +wurde von diesem auf das Zuvorkommenste empfangen.</p> + +<p>»Es ist ein Fest für uns hier,« sagte der Consul nach +den einleitenden Redensarten und Begrüßungen, mit einer +freundlichen Verneigung gegen seinen Besuch, »wenn wir +Buenos-Ayres-Leute an der Westseite der Cordilleren im +Winter einmal Nachricht vom Mutterlande bekommen. Der +Correo<a href="#fn7"><small><sup>7</sup></small></a> wagt sich nur selten über den Schnee, und muß +diese Kühnheit noch dazu manchmal theuer genug büßen, +und Schiffe von dorther sind auch in dieser letzten Zeit +ziemlich selten gewesen; Buenos-Ayres bietet wenig oder +gar Nichts, was wir von dort hieher führen könnten, die +Passage nach dem Norden ist auch schwach, und all die +Wallfischfänger die wir vom Atlantischen Meer herüberkriegen, +denken natürlich gar nicht daran, Zeit und Schiff +zu wagen, besonders in dieser Jahreszeit in den von Sandbänken +und Pamperos so sehr gefährdeten La Plata einzulaufen. +Bringen Sie uns Neuigkeiten von Buenos-Ayres?«</p> + +<p>»Gar Nichts von Bedeutung« erwiderte Don Gaspar +de Monte Silva achselzuckend. — »<ins title="original has Sr.">Se.</ins> Excellenz führt +den trostlosen Krieg gegen Monte-Video fort, nur, wie es +scheint, die Einwohner jener Districkte in Bewegung zu +halten, — Engländer und Franzosen protestiren fortwährend, +und die Sache bleibt eben beim Alten. Man sprach allerdings +in Buenos-Ayres von einem erhofften Friedensabschluß, +so viel ich aber habe erfahren können, scheint mir +die Sache noch in weitem Felde. — Haben Sie viele Bewohner +von Buenos-Ayres hier?«</p> + +<p>»Nein — und doch ja, sie sind hie und da ziemlich +durch die ganze Stadt zerstreut, aber wenn nicht auf der +Börse, bekommen wir einander wenig genug zu sehen. — +Haben Sie Bekannte hier?« —</p> + +<p>»Sehr wenige, — lebt noch ein Kaufmann Don +Rodriguez hier, der vor etwa drei Jahren herüber zog?« —</p> + +<p>»Nein,« erwiederte der Konsul, nach einigem Besinnen +— »wenn ich nicht irre, ist derselbe, aber schon vor längerer +Zeit, nach Lima gegangen — er soll dort in eine +andere Geschäftsverbindung getreten sein.«</p> + +<p>»Vor kurzer Zeit ist ja wohl auch, im Auftrag der +Föderation ein Señor — Señor — wie war doch gleich +sein Name?« —</p> + +<p>»Don Luis de Gomez?« sagte der Konsul, »nicht +wahr, Sie meinen Don Luis, — fehlt Ihnen etwas, Señor?« +unterbrach er sich plötzlich selbst und sprang auf, denn das +Antlitz des jungen Mannes überflog Leichenblässe.</p> + +<p>»Ich darf Sie wohl um ein Glas Wasser bitten, Señor,« +sagte Don Gaspar, rasch aufstehend und zum Fenster tretend, +»es ist das eine Art Herzbeklemmung bei mir, der +ich allerdings manchmal unterworfen bin, die aber auch so +rasch vorüber geht, wie sie gekommen.«</p> + +<p>»Ist Ihnen nicht lieber ein Glas Wein gefällig?« +bat der Argentiner, eine Caraffe und ein Glas von einem +Ecktisch nehmend und rasch einschenkend, »es wird Ihnen +weit besser bekommen.« —</p> + +<p>Don Gaspar leerte das ihm gebotene Glas mit einer +dankenden Verbeugung auf einen Zug, und sagte dann +lächelnd:</p> + +<p>»Es ist schon vorüber — der rasche Wechsel von +See- und Landluft bringt bei mir sehr häufig solche Wirkung +hervor, die sich sogar schon einige Mal bis zur Ohnmacht +gesteigert hat, ohne jedoch auch nur die geringsten +Nachwehen zu hinterlassen — aber von was sprachen wir +doch? —«</p> + +<p>»Ich weiß es jetzt wahrhaftig selber nicht mehr,« +lachte der Konsul, »doch ja — von unseren Landsleuten +— von Don Luis de Gomez — kennen Sie ihn?« —</p> + +<p>»Nur oberflächlich,« erwiederte Don Gaspar gleichgültig, +aber die Hand, mit der er seine Stuhllehne gefaßt +hielt, wurde todtenweiß. »Er soll hierher gegangen +sein.«</p> + +<p>»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht +für den Augenblick —«</p> + +<p>»So ist er gegenwärtig nicht in Valparaiso?« — +frug Don Gaspar rascher und lebendiger als vorher.</p> + +<p>»Nein — wünschten Sie ihn zu sprechen?«</p> + +<p>»Das gerade nicht — aber ich glaubte nur —«</p> + +<p>»Er ist nach Lima gegangen,« sagte der Konsul, »aber +ich erwarte ihn fast mit jedem Schiff zurück, das von dort +her kommt. Es war gar nicht seine Absicht, so lange +dortzubleiben, aber wenn ich nicht irre, war ihm seine +Frau dort erkrankt, was seine Abreise verzögerte. Sein +letzter Brief meldet ihn übrigens bestimmt auf Mitte dieses +Monats an.«</p> + +<p>Don Gaspar war ans Fenster gesprungen, nach einem +rasch vorbei galoppirenden Reiter zu sehen — er faßte die +Fensterbrüstung, sich gewaltsam zu sammeln. —</p> + +<p>»Nicht wahr, die Namen der ankommenden Passagiere +werden in den Zeitungen veröffentlicht?« frug er nach einer +kleinen Weile, indem er seinen Hut ergriff, sich wieder +zu empfehlen.</p> + +<p>»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht +gerade so ungemein pünktlich, denn oft werden Namen +ausgelassen, noch öfter falsch gedruckt — aber wenn es +Sie interessiren sollte —«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach ihn jedoch +der junge Mann rasch; »es ist eigentlich bei mir nur Neugierde, +oder vielleicht doch ein etwas edleres Gefühl, das +nämlich, sich in einer fremden Stadt, fern von der eigenen +Heimath, nach solchen zu sehnen, die einst in einem, jetzt +leider fern gelegenen Land dieselbe Luft mit uns geathmet +haben.«</p> + +<p>»So wiederholen Sie dann wenigstens bald Ihren +Besuch,« sagte der Konsul, ihm freundlich die Hand reichend, +»Sie werden mir immer willkommen sein, das schöne +Wetter jetzt bringt uns auch vielleicht den Correo über +die Gebirge, und dann bekommen wir frische Nachrichten +von der »Hauptstadt«.«</p> + +<p>Don Gaspar dankte ihm herzlich, aber es war fast, +als ob ihn eine merkwürdige Unruhe erfaßt habe, er suchte +augenscheinlich rasch ins Freie zu kommen und hatte kaum +die Thüre hinter sich ins Schloß gedrückt, als er auch die +Straße schnell hinunterschritt und um die erste Ecke rechts +dem Wasser zu niederbiegend, den Weg hinaus, der zu +dem Leuchtthurm führte, und von wo man die See weit +überschauen konnte, mehr lief als ging. Der Konsul blieb +aber, als jener die Stube schon verlassen, noch eine ganze +Weile im Zimmer stehen, und sah nachdenklich vor sich +nieder, endlich aber, den Kopf schüttelnd und aus seiner +Tasche eine silberne Dose nehmend, setzte er sich lächelnd +nieder an seinen Schreibtisch, und murmelte nur leise vor +sich hin:</p> + +<p>»Ein wunderlicher Kauz!«</p> + +<p>Don Gaspar nahm sich nicht einmal Zeit Athem zu +schöpfen, bis er die Höhe erreicht hatte, auf welcher der +Leuchtthurm stand, und von wo aus man die weite See +nach Norden, Westen und Süden trefflich überschauen +konnte. Hie und da waren einzelne Segel — glänzend +weiße Punkte auf dem dunkelblauen Grunde — am Horizont +sichtbar; eine Brigg arbeitete sich aus dem Hafen heraus +und suchte das Weite, und ein kleiner Schuner kam +mit geblähter Leinwand von Westen herüber, wahrscheinlich +von den Inseln Cocosnußöl und Perlmutterschalen +gegen Kattune, Messer, Beile und Glaskorallen umzutauschen.</p> + +<p>Der junge Spanier blieb wohl eine Stunde lang +auf diesem, Nachmittags von der schönen Welt Valparaisos +so gern besuchten Ort, dann aber, als ob dem ersten +Drängen seines Herzens, das ihn hier hinauf trieb, nach +nahenden Segeln auszuspähen, Genüge geleistet wäre, +stieg er langsam die nächste Quebrada oder Schlucht nach +der Stadt zu wieder nieder. Durch die Calle San Francisco +die Marktstraße erreichend, wollte er dieser aufwärts +folgen, als er angerufen wurde und Leifeldt erkannte, +der, ebenfalls in der Stadt ohne besonderen Zweck herumschlendernd, +ihn bat, mit ihm die Almendral<a href="#fn8"><small><sup>8</sup></small></a> nieder zu +gehen, an deren unterem Ende ein erst kürzlich hier angekommener +englischer Arzt wohnen solle, den er zu sprechen +wünschte.</p> + +<p>Die Hauptstraße der Stadt zieht sich hier dicht unter +dem felsigen Fuß eines Hügels hin, auf dessen Kuppe der +katholische Gottesacker Valparaisos, Stadt und Hafen +weit überschauend, liegt, und so schmal für die Passage +dem Berge abgewonnen ist, daß dem Strand gegenüber +nicht einmal eine Reihe Häuser oder Hütten gebaut werden +konnte, sondern der nackte Fels den schmalen Fahrweg +schroff und scharf begrenzte.</p> + +<p>Es war indessen schon weit im Tag vorgerückt und +Mittag längst vorüber; die Straße hier belebte sich auch +mehr und mehr; viele Reiter, mit ihrem wunderlichen chilenischen +Reitzeug, den kolossalen hölzernen Steigbügeln, riesigen +Sporen und hochaufgepolsterten Sattel, von blauen und +grünen Panchos umflattert, trabten daher, denn der Galopp +ist in der Stadt verboten, zweispännige offene Droschken +oder Fiakre, das eine Pferd in der Gabel gehend, +das andere am festgeschnürten Gurt befestigt, rasselten +vorüber, und eine Menge Fußgänger schlenderten langsam +meist alle dem Leuchtthurm-Plateau zu, dort einen Blick +über die See zu haben, auch wohl kleine Picknicks zu +arrangiren und mit der Abendkühle ihren Häusern wieder +zuzuwandern.</p> + +<p>Die beiden Freunde schritten langsam das Trottoir +nieder, die verschiedenen Gruppen beobachtend, die ihnen +begegneten, und so finster und selbst niedergeschlagen Don +Gaspar im Anfang gewesen war, als ihn Leifeldt zuerst +traf, so schien der düstere Sinn in dem lebendigen Treiben, +das sie hier umgab, bald wie eine Sommerwolke an der +Sonne vorüber von seiner Stirn zu fliehen.</p> + +<p>Leifeldt hatte diesen raschen Wechsel seines Temperaments +übrigens schon so häufig Gelegenheit gehabt zu +beobachten, und selbst Don Gaspar, darauf aufmerksam +gemacht, gestand das ein, behauptete aber auch, der Aufenthalt +in seinem früheren Gefängnisse trage dabei viele, +wenn nicht die einzige Schuld; es überkomme ihn noch +manchmal ein wildes, beängstigendes Gefühl, das er nicht +abzuschütteln vermöge, wie mit einem Centnergewicht läge +es dann auf ihm, und er könne kaum athmen unter der +Last. Wie ein kräftiger Windstoß aber die düsteren Schranken +der Gebirge mit <span class="wide">einem</span> kräftigen Zuge aus den +Schluchten drängt, und über die Ebene weht, so sei ein +Sonnenblick, ein freundliches Gesicht, das fröhliche Lachen +eines Menschen oft im Stande, all diese düstere Schwermuth +zu zerstreuen, und Tage lang fühle er sich dann so +wohl, als ob er wieder einmal von einer recht schweren +Krankheit genesen wäre.</p> + +<p>»Und wie gefällt Ihnen die schöne Welt in Valparaiso, +Gaspar?« frug Leifeldt den jungen Mann, als +gerade ein ganzer Zug von Damen lachend und scherzend +an ihnen vorüber schritt.</p> + +<p>»Gut!« sagte der junge Mann freundlich, »es sind +liebe, gutmüthige Gesichter darunter, und das rege Feuer, +das all unseren südlichen Stämmen eigen ist, verleiht ihnen +noch einen weit besonderen Reiz. — Ich weiß nicht, ich +habe mich nie viel mit den kalten Nordländerinnen befreunden +können; sie sind schön und tugendhaft, ich zweifle +nicht daran, aber mir scheint es fast, als ob ihnen ein +Herz fehle, ihren Augen Leben, ihren Lippen Farbe zu +geben, und mir selber ist es, einer der nordischen Schönheiten +gegenüber, fast stets zu Muthe, als ob ich vor +einer wundervollen Statue stehe, die mein Auge fesselt, +mein Herz aber kalt läßt, wie der Marmor selber, aus +der sie besteht.«</p> + +<p>»Das aber dürfen Sie nicht von <span class="wide">Allen</span> sagen,« lachte +Leifeldt, »sehen Sie z. B. das reizende Wesen, das uns +hier gerade mit dem kleinen Knaben, vielleicht einem +Bruder, entgegenkommt — das müssen Engländerinnen +sein, aber ich habe wahrlich nie im Leben ein schöneres +Mädchen gesehen.«</p> + +<p>Don Gaspar folgte mit seinen Augen der ihm von +Leifeldt angegebenen Richtung und sah ein wirklich reizendes +junges Mädchen die Straße herauf und ihnen entgegenkommen. +Sie hatte eine alte, wie es schien kränkliche +Dame, die sie sorgsam leitete, am Arme, und ein kleiner, +vielleicht dreijähriger Knabe lief vor ihnen her.</p> + +<p>»Sieh, Jenny, liebe Hündchen da drüben,« sagte der +Kleine plötzlich in seinem noch halbgebrochenen Dialekt zu +der Jungfrau, und zeigte mit dem einen dicken Patschchen +nach der Straße hinüber, auf der ein schwarzes Wachtelhündchen +nach einem eben landenden Boot laut <ins title="original has hinunterklaffte">hinunterkläffte</ins> +und sprang, und mit dem Schwanze wedelte — +»das hol ich mir.«</p> + +<p>Die Freunde waren indessen bis dicht vor die beiden +Damen gekommen, und als sie, ihnen Raum machend, +vorüber schritten, sagte Jenny, wie sie von dem kleinen +Burschen angeredet worden, ermahnend:</p> + +<p>»Laß das Hündchen, Bill, es könnte Dich beißen — +und Du darfst auch nicht allein auf den Fahrweg gehen +— komm her zu mir.«</p> + +<p>Es ist unbestimmt, ob Bill die Warnung hörte, oder +nicht, aber darauf achten that er keineswegs, denn das +Hündchen war gar zu lieb und herzig, und Bill mochte +das Langsamgehen hinter der alten, kranken Großmutter her +auch schon herzlich satt bekommen haben; so unter den +Händen fort, mit den kleinen unbehülflichen Beinchen lief +er hinaus, den lebhaften schwarzen Burschen da vorn zu +sich heran zu holen.</p> + +<p>»<i>Guardar se — guardar se!</i>«<a href="#fn9"><small><sup>9</sup></small></a> schrie es in dem +Augenblick die Straße nieder und lautes Wagengerassel +wurde hörbar.</p> + +<p>»Bill!« rief die Stimme des jungen Mädchens in +Todesangst, als sich dieses umschaute, und das Kind auf +der Straße sah, ohne im Stande zu sein die Mutter loszulassen, +»Bill, <i>for God's sake</i>.«<a href="#fn10"><small><sup>10</sup></small></a></p> + +<p>Leifeldt und Don Gaspar waren bei dem Schreckensruf +rasch stehen geblieben, und der letztere machte sich von +Leifeldts Arme los, die Straße freier überschauen zu können. +Aber sie brauchten nicht lange auf die Ursache des +Tumultes zu warten, denn fast in dem nämlichen Augenblick +donnerte auch schon eine der gewöhnlichen Droschken, +von den rasend gewordenen Pferden in vollem Carrière +mit fortgerissen, die Straße hinauf und Leifeldt erkannte +mit Entsetzen, wie der nächste Moment hier an dem engsten +Paß des ganzen Weges, das Kind unter den Hufen +der wild aushauenden Renner zerschmettern müsse. Ehe +auch nur Jemand im Stande gewesen wäre, hinauszuspringen, +das Kind der Gefahr zu entreißen, brausten die +wüthenden Thiere heran, und ein allgemeiner Schrei des +Entsetzens rang sich schon aus der Brust der zitternden +Zuschauer, die wirklich ganz die eigene Gefahr in dem +gewiß vorauszusehenden Untergang des Kindes vergaßen, +als sich Don Gaspar, ohne Laut, ohne Ruf, die Gefahr +nicht kennend, der er sich aussetzte, oder sie total +verachtend, von dem Trottoir hinüber und schräg an gegen +den Kopf des Sattelpferdes warf, daß dieses im Ansprung +hoch auffuhr und nach ihm niederhieb. Hatte aber das andere +Pferd den ausgestreckten linken Arm des Anspringenden +gesehen, oder fühlte es den plötzlichen Druck des gegengeworfenen +Gewichts, aber es fuhr rechts hinüber, und während +Don Gaspar den Zügel des Thieres in der Aufregung +des Moments viel zu fest ergriffen hatte, so rasch +wieder loslassen zu können, rissen ihn die wüthenden Thiere +mit über die niedere hölzerne Barrière hinüber, die vor ihrem +Anprall zusammenbrach, der Wagen schmetterte und bröckelte +hinterdrein, und während das wüthende Gespann über +die rauhen, hier aufgeworfenen Steinmassen setzte, und +vergebens versuchte, das zwischen den Steinen hängenbleibende +Vordertheil des zerstückelten Wagens rasch genug +herumzubringen, dem jetzt so unverhofft vor ihnen ausdehnenden +Wasser zu entgehen, in das sie gleich darauf +mehr hinein stürzten, als sprangen, sank auch Don Gaspar, +blutend und ohnmächtig auf dem Damme nieder, — +aber das Kind war gerettet.</p> + +<p>So rasch war aber das Ganze, hier eben Beschriebene +geschehen, so plötzlich hatte das Einspringen des jungen +Mannes die Tod drohenden Thiere zur Seite geworfen, +daß die Gefahr schon längst vorüber war, als noch die +Zuschauer starr und ängstlich nach dem jetzt selbst erschreckten +Kind hinüber schauten, und erst als Leifeldt zusprang, +den Knaben aufgriff und seiner jungen Schützerin brachte, +erst als diese, neben der Mutter auf die Knie fiel, und +den geretteten Liebling mit einem heißen Dankgebet an das +Herz schloß, da erst war es, als ob sich der Zauber löse, +der wie ein entsetzlicher Bann auf der Menge gelegen, +und ein förmlicher Jubelschrei dankte der kühnen That.</p> + +<p>Während einzelne der Männer jetzt hinüber sprangen, +den Verwundeten aufzuheben, zu dem sich Leifeldt ebenfalls +wenden wollte, wurde er durch einen Ausruf der +Angst, von der Jungfrau Lippen aufgehalten, und hatte +eben noch Zeit zuzuspringen, und mit dieser die alte Dame +aufzufangen und vor schwerem Fall zu bewahren, die, starr +vor Schreck, als sie die Gefahr des Enkels bemerkte, jetzt, +als die furchtbare Erregung des ersten Augenblicks vorüber +war, bewußtlos zusammenbrach.</p> + +<p>Der junge Arzt hob die Ohnmächtige leicht auf seinen +Arm, stand aber einen Augenblick wirklich unschlüssig da, +denn wie konnte er den Freund hier, blutend und ohnmächtig +zurücklassen, und was indessen mit der alten Dame +anfangen? —</p> + +<p>»Dort hinauf!« flüsterte da die leise, bittende Stimme +des Mädchens, »nur wenige Häuser von hier entfernt +wohnen wir, und Ihr Freund, unser Schutzengel, kann +dort Pflege und Beistand finden.«</p> + +<p>»Gott sei Dank,« sagte Leifeldt wirklich aus tiefstem +Herzen, und den Peons<a href="#fn11"><small><sup>11</sup></small></a>, die den Ohnmächtigen aufgehoben +hatten und über die Straße trugen, zurufend, ihm +rasch damit zu folgen, eilte er, so schnell es seine Last erlaubte, +dem bezeichneten und gar nicht fernen Hause zu.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch5" id="ch5"></a>5.</h3> + +<h3>Die Englische Familie.</h3> + +<p>Während der junge Arzt nun die alte Dame rasch +die Treppe hinauftrug und die nöthigsten Anordnungen traf, +sie wieder ins Leben zurückzurufen, wurde der Verwundete +unten im Haus, in ein kleines, freundliches Stübchen gelegt, +und die Ohnmächtige jetzt der Sorgfalt der Tochter +und einiger Dienstleute überlassend, eilte er wieder hinunter +zu dem Freund, nach dessen Wunden zu sehen.</p> + +<p>Diese waren jedoch nicht im mindesten gefährlich; nur +ein Schlag des Pferdes wahrscheinlich, hatte ihn am Kopf +getroffen und betäubt, und einzelne andere, aber ebenfalls +unbedeutende Quetschungen rührten jedenfalls von dem +letzten Sturz auf die rauhen scharfkantigen Sandsteine des +Strandes her. Schon nach den einfachsten Belebungsversuchen +schlug auch Don Gaspar die Augen wieder auf, +und schien nur im Anfang erstaunt und überrascht, ja fast +bestürzt von seiner Umgebung. Erst schloß er die Augen +wieder, dann aber, sich rasch emporrichtend, warf er den +Blick scheu und forschend im Zimmer umher, und ließ ihn +endlich mit einem wilden, fast unheimlichen Ausdruck auf +dem Fenster haften, das, nach der gewöhnlichen Art der +spanischen Wohnungen, mit starken Eisengittern versehen +war, den Bewohnern der Parterrelokale in der heißen Jahreszeit +besonders zu erlauben, auch die Nacht über ihre +Fenster offen zu halten, ohne einen Einbruch fürchten zu +müssen.</p> + +<p>»Was ist dies für ein Haus? — was für ein Zimmer?« +rief er endlich, und preßte seine Hände gegen die +Schläfe, — »bin ich denn nicht? — Stierna, Sie hier? — +wie ist mir denn, waren denn nicht die Pferde mit uns +durchgegangen, und jetzt — hier wieder?« —</p> + +<p>»Wo Sie sind?« lachte aber Leifeldt, der des holden +Kindes gedachte, das er eben an der Mutter Bett verlassen +— »in der Wohnung eines Engels und aufgehoben +wie in Abrahams Schooß — aber das nehmen Sie mir +nicht übel, Gaspar,« setzte er dann etwas ernster und mit +freundlichem Vorwurf hinzu, »Sie gehen mit Ihrem Leben +ungefähr gerade so um, als ob Sie jeden Monat ein anderes +bekommen könnten, und dieses schon drei Tage über +die Zeit getragen hätten. Wenn nicht Gottes Hand an +diesem Nachmittag auf Ihnen lag, so mußten die wüthenden +Pferde heute ausführen, wozu sich der Hai neulich +nicht mehr hergeben wollte.«</p> + +<p>»Die Pferde — ja, ja — Sie haben recht — Pferde +waren es gewesen und ein junges Mädchen glaub' ich — +oder ein Kind — Pest noch einmal, mich schmerzt die Stirn +— ich fange jetzt an, mich auf die ganze Geschichte zu +besinnen — und ist das Kind gerettet? — aber nehmen +Sie mir doch den Verband wieder ab — ich kann doch +nicht mit dem Tuch um den Kopf über die Straße gehen.«</p> + +<p>»Das sollen Sie auch nicht,« erwiederte Leifeldt, +»das Kind ist allerdings gerettet, denn Ihr toller Sprung +war wie der Arm eines Engels, der den herzigen Knaben +vom sicheren Abgrund fortriß, aber jetzt müssen Sie sich +ebenfalls ein wenig schonen, wenigstens eine Zeit lang Ruhe +gönnen, so bleiben Sie deshalb nur ruhig auf dem Bette +liegen, es läßt sich hier aushalten, und ich will indessen +wieder einmal hinaufgehen und nach der alten Dame sehen.«</p> + +<p>»Ist noch Jemand beschädigt worden?« frug Don +Gaspar rasch.</p> + +<p>»Nein,« sagte Leifeldt, »nur ohnmächtig vom Schreck +und der Aufregung — aber schlafen Sie selber ein wenig, +es kann Ihnen nur gut thun, und in einem kleinen +Stündchen komme ich herein und wecke Sie. Fühlen Sie +sich dann stark genug, so können wir den Damen oben +guten Abend sagen, und gehen dann zusammen zu Hause +— sie werden es sicherlich nicht erwarten können, dem +Retter des Kindes selber zu danken. Ruhig — keine Einrede,« +sagte er lächelnd, als er sah, daß Gaspar dagegen +protestiren wollte, »ich bin jetzt Ihr Arzt und Sie müssen +mir gehorchen, also folgen Sie brav, und ich hoffe, daß +ich Sie morgen wieder in bester Ordnung auf Ihren Füßen +habe.«</p> + +<p>Er nickte Don Gaspar noch freundlich zu und eilte, +ohne weiter eine Antwort von ihm abzuwarten, rasch die +Treppe hinauf, nach seinem andern Patienten zu sehen — +und das süße Gift jener seelenvollen blauen Augen einzusaugen, +die ihn schon jetzt, nach kaum einer ersten, flüchtigen +Bekanntschaft ahnen ließen, welche Seligkeit, aber +auch welch tiefes bitteres Weh das arme Menschenherz +fähig sei in sich aufzunehmen — je nachdem nun gerade +die Würfel fielen, die das Loos uns armer Sterblichen +bestimmen.</p> + +<p>Don Gaspar warf sich indessen auf sein Lager zurück, +aber es ließ ihm dort nicht lange Ruhe, und wie von +irgend einem peinlichen Gedanken gequält, stand er auf, +zog sich an, und ging mit raschen Schritten in dem zwar +etwas niedrigen, aber unendlich freundlichen Gemach auf +und ab. Mehrmals versuchte er es, sich wieder niederzusetzen, +aber ein flüchtig aufgeschlagener Blick trieb ihn wieder +empor, und nach und nach ward es fast, als ob ihm das +Zimmer hier zu enge werde, und die Brust nicht mehr +athmen könne in dem eingepreßten Raum.</p> + +<p>Das Gitter beunruhigte ihn.</p> + +<p>Er sprang wieder auf und schritt, die Augen mit der +Hand bedeckt, in dem Gemach auf und ab, wie ein gefangener +Panther den Käfig mißt, der ihn hält; aber lange +vermochte er nicht gegen dieß Gefühl anzukämpfen. Er +ging nach der Thür und drückte vorsichtig auf das Schloß, +als ob er fürchte, daß es verschlossen sein könne, und ein +Ausdruck von wilder Freude zuckte blitzschnell durch seine +Züge, als das Schloß dem leisen Drucke nachgab. Einen +Augenblick horchte er hinaus auf den Gang — es ließ sich +Niemand hören — die Leute waren alle oben beschäftigt, +theils die nöthige Hülfe zu leisten, theils herauszubekommen +aus der »Herrschaft,« wie denn die ganze Sache eigentlich +gelaufen, damit sie auch den Zusammenhang der +Geschichte fänden — dann griff er seinen Hut vom Tisch +auf, schlich hinaus und verließ das Haus, als ob er ein +Verbrechen begangen und nicht durch eine kühne That eine +ganze Familie glücklich gemacht hätte, die gerade in diesem +lieben Kind fast die einzige Freude fand, und durch den +Verlust desselben, besonders in solch furchtbarer Art, entsetzlich +elend geworden wäre.</p> + +<p>Als Leifeldt schon nach Dunkelwerden das Zimmer +wieder betrat, den Schlummernden, den er nicht hatte früher +stören wollen, zu wecken und seinen neugewonnenen Freunden +vorzustellen, fand er zu seinem Erstaunen den Vogel +ausgeflogen und das Nest kalt.</p> + +<p>Wenn er nun auch dies wunderliche Betragen nicht +begriff, entschuldigte er doch oben den Freund, und versprach, +ihn morgen früh, wenn er sich von dem kleinen Unfall vollkommen +erholt haben werde, mitzubringen. —</p> + +<p>»Aber weshalb war er nicht wenigstens einen Augenblick +zu ihnen herauf gekommen?« — selbst die alte Dame +frug nach ihm und wünschte ihn kennen zu lernen. Sie +hatte sich vollkommen wieder erholt, hielt den Knaben auf +ihrem Knie, und weinte und lachte, wenn sie an die furchtbare +Gefahr dachte, der er, auf fast wunderbare Weise so +glücklich entgangen.</p> + +<p>Jedenfalls mochte er sich genirt haben, in dem Aufzug, +mit durch den Sturz vielleicht zerrissenen Kleidern, mit +verbundenem Kopf, sich ihnen zu zeigen — aber war das +recht? — hatten sie nicht gerade das erste Anrecht ihn so +zu sehen, und hieß das nicht die Bescheidenheit zu weit +getrieben?</p> + +<p>Leifeldt, der von den guten Menschen schon fast wie +zum Hause selber gehörend, behandelt wurde, versprach ihn +gleich nächsten Morgen einzuliefern, damit er Abbitte thun +könne, verabschiedete sich dann aber auch selber, nach dem +Freund, der jedenfalls zu Hause gegangen war, zu sehen, +ob er vielleicht noch irgend etwas heute Abend bedürfe.</p> + +<p>Leifeldt wurde übrigens keineswegs angenehm überrascht, +als er in sein Hotel zurückkehrte, und den Freund, +vollkommen wider Erwarten, <span class="wide">nicht</span> vorfand. Niemand +hatte etwas von ihm gesehen — Niemand wußte von ihm, +und vergebens durchlief er, bis spät in die Nacht, alle +Straßen, die jener möglicher Weise berührt haben könnte, +von den Wächtern vielleicht hie oder da etwas zu erfahren, +das ihn wenigstens auf die Spur führen konnte — er +blieb verschwunden — und selbst der nächste Morgen, der +nächste Abend brachte den so räthselhaft Entwichenen nicht +wieder zurück. Was in aller Welt konnte ihn bewogen +haben, sich gerade heute, und in so wunderlicher Weise zu +entfernen und war er nicht doch vielleicht etwa, von der +Aufregung der letzten Stunden betrübt, irgend wo zusammengebrochen? —</p> + +<p>Die Familie Newland, der Name der Frauen, denen +die beiden Freunde am vorigen Tag so wesentliche Dienste +geleistet, fühlten sich besonders geängstigt durch dies Verschwinden +eines Mannes, dem sie so gern ihre Dankbarkeit +bezeugt hätten, und Mr. Newland, ein Greis von +einigen siebzig Jahren, ließ es sich nicht nehmen, selber +auf die Polizei zu gehen, und dort die genauesten Nachforschungen +nach dem Fremden anzustellen. Nichts destoweniger +blieben alle derartige Versuche erfolglos, und eine +volle Woche war schon vergangen, ohne auch nur eine +Spur von Don Gaspar gebracht zu haben.</p> + +<p>Leifeldt war indessen ein täglicher Besucher der Newland'schen +Familie geworden und dachte, von diesen selbst +dazu aufgemuntert, ernstlich daran, seinen bleibenden Wohnsitz +in Valparaiso zu nehmen. Leifeldt war ein vorzüglicher +Kinderarzt, und da ihn sein gutes Glück selbst in diesen +ersten Tagen zwei sehr schwierige und gefährliche Fälle +unter die Hände brachte, denen er sich natürlich mit Aufopferung +all seiner Zeit und Kräfte hingab und die Kleinen +auch, trotzdem daß sie von dem spanischen Arzte schon +aufgegeben worden, dem Leben erhielt, schien der auf so +eigenthümliche Weise eingeführte »deutsche Doctor« einen +förmlichen Ruf zu bekommen.</p> + +<p>Gegen das Ende der Woche erkrankte aber auch der +kleine Bill, ein sonst kräftiger und derber Junge, und trotz +jeder angewandten Vorsicht, artete das erst leichte Unwohlsein +bald in so ein bösartiges hitziges Fieber aus, daß es +selbst Grund zu den schlimmsten Befürchtungen gab.</p> + +<p>Leifeldt verließ jetzt fast das Haus nicht mehr; Morgens +nur besuchte er die wenigen Kranken, die sich ihm +schon in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes anvertraut +hatten und wachte dann selbst die Nächte an dem Bett +des armen kleinen Burschen, der in Fieberphantasien lag +und die Händchen oft, wie Hülfe flehend, nach ihm ausstreckte. +Jenny leistete ihm hier fast ununterbrochen Gesellschaft, +selbst die halben Nächte wachte sie, mit einer alten +Dienerin gemeinsam, neben dem Bett des Lieblings und +ach, welch' glückliche Zeit war das für den jungen Arzt, +dem die Stunden da wie Minuten entflogen und dem hier, +von der gemeinsamen Sorge für das arme kleine Wesen +begünstigt, mehr Gelegenheit ward, das gute Herz und +tiefe Gemüth der Jungfrau zu ergründen, als er durch +Jahre lange einfache Bekanntschaft gewonnen haben würde.</p> + +<p>Bill war der Sohn ihres Bruders, eines Offiziers +der chilenischen Marine, die Mutter des Knaben aber, eine +junge Chilenerin, bald nach der Geburt des Kindes gestorben, +das so, allein der Sorge des jungen Mädchens +übergeben und von diesem aufgezogen, auch mit unendlicher +Zärtlichkeit von ihm geliebt wurde. Der Vater des Kleinen +war weit in See und zu der Liebe für das Kind selber +steigerte sich jetzt die Angst, dem theuren Bruder, bei dessen +Rückkehr den Knaben nicht wieder, wie früher, entgegenführen +zu können, und in dem einen, seligen Moment Belohnung, +o so reichliche Belohnung für all diese Aufopferung +und Liebe zu finden.</p> + +<p>In den ersten Tagen schien sie in der That nur von +dem einen entsetzlichen Gefühl der Angst für das Leben +des Kindes fast betäubt, als aber die Krisis glücklich überstanden, +und der Kleine ihr in dem kurzen Raum weniger +Wochen gewissermaßen zum zweiten Mal wiedergeschenkt +war, da kannte ihr Glück auch keine Grenzen, und Leifeldt +las in den treublauen, Freude und Seligkeit strahlenden +Augen auch die süße Hoffnung seines eigenen Lebens.</p> + +<p>Was für frohe, lustige Pläne das arme Menschenherz +doch aufbaut in solch schöner Zeit; wie sich die Schlösser +da blitzesschnell aus dem Boden heben und freundlich lachende +Gefilde das Glück zurückstrahlen, das unsere eigenen +glücklichen Träume ihm erst verliehen. Wo sind all die +dunklen Schatten, die noch vor so wenigen Monden unser +ganzes Leben umnachten wollten, wo die giftigen Schwaden +der Sorge und des Leids, die sich auf die Blüthen unserer +Jugend legten und ihre Keime zu ersticken drohten? — +eine einzige Sonnenwolke hat sie — nicht verscheucht, denn +der nächste Augenblick kann sie finsterer, vernichtender emporheben +als je vorher — nur mit ihrem lichten, goldenen +Schimmer überhaucht und während unser schwaches Auge, +das in eine Ewigkeit blicken will, und nicht einmal im +Stande ist, den dünnen Glanz dieses Schimmers zu +durchschauen, entzückt und selig an dem bunten Farbenschmelz +hängt und den glühenden Tinten mit seinen eigenen Bildern +Leben giebt, zerstört ein Windhauch oft den ganzen +trügerischen Bau, und das Herz möchte mit seinen Schlössern +zusammenbrechen und sterben, so weh ist ihm nachher.</p> + +<p>Zehn Tage nach dem ersten Ausbruch der Krankheit +des Kindes, war jede Gefahr beseitigt, ja es bedurfte nur +noch geringer Pflege, den kleinen, aber sonst kräftigen Körper +vollkommen wieder herzustellen. So waren denn die Wachen +am Bett des leidenden Knaben natürlich eingestellt, +aber nichts destoweniger fand sich Leifeldt noch fast an jedem +Abend, wie früher, ein, und im Gespräch mit den +wackeren alten Leuten, die nur von einer kleinen Pension +schlicht und einfach, mehr ihren Kindern und dem kleinen +Enkel zu leben schienen, der Jungfrau gegenüber, die dann +an ihrer Arbeit saß und wie ein frohes Kind mit ihnen +lachte und scherzte, oder auch gar ernst und sittsam die +Theemaschine überwachte, die auf dem reinlich gedeckten +Tisch brodelte, oder den Eltern das Brod röstete zu dem +frugalen Nachtmahl, vergingen ihm jene Abende wie im +Flug, und er mußte sich wahrlich oft fragen, ob er das +Glück, welches ihm jetzt das ganze Herz füllte, nicht etwa +nur träume, und ob das in der That Wirklichkeit sei, +welches ihm die Erde schon in diesem Leben zum Himmel +mache. O wie lieb, wie heilig sie aussah in diesem geschäftigen +Stillleben züchtiger Häuslichkeit, und das Herz +wollte ihm manchmal ordentlich verzagen, wenn er nur der +Möglichkeit dachte, ein solches Wesen einst sein zu nennen.</p> + +<p>Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen +Mann; sie war vom ersten Augenblick an, als er sich +der Mutter so annahm, so ungezwungen freundlich gewesen, +als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt, und hier +nicht fremd, im fremden Lande einander zufällig nur getroffen +hätten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich +der junge Fremde ihr als ein wirklich treuer Freund bewährt, +hatte ihr Betragen gegen ihn weit mehr Herzlichkeit +gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Thür entgegen, +und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm, +und freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt, +die ihnen ja auch die Hoffnung ließen, daß er in Valparaiso +bleiben und ihnen nicht wieder so bald genommen +würde. Er war ein wirklicher Freund der Familie geworden.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch6" id="ch6"></a>6.</h3> + +<h3>Don Gaspar.</h3> + +<p>Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen +geschehen sein? — Umsonst waren bis dahin +Leifeldt's sämmtliche Anstrengungen gewesen, auch nur seine +Spur zu finden; — wie von der Erde fort, blieb ihnen +schon fast nichts übrig, als zu glauben, die gierige Fluth, +die auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert, +habe ihn verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin +viel auf sein überhaupt etwas excentrisches Wesen gebaut +und immer noch gehofft hatte, plötzlich einmal aus +irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen +und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb +er ihn, den Freund, so rasch und heimlich verlassen habe, +fing an, diese Hoffnung aufzugeben und an den Tod des +unglücklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages +von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht +erhielt, den er hier in Valparaiso hatte kennen lernen. +Dieser versicherte ihn, es lebe dort ein junger Spanier, +der seiner Beschreibung fast vollständig entspräche, still und +zurückgezogen in einem ganz abgelegenen Theile der Stadt +und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich augenblicklich +auf die Post, die zwischen Valparaiso und der +Hauptstadt Chile's läuft, suchte und fand die bezeichnete +Gegend, das ihm genau beschriebene Haus und lag, wenige +Minuten später in den Armen des Wiedergefundenen, +der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung machte, +als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die +Brust des Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen +wolle vor innerem Schmerz und Weh.</p> + +<p>Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder +mit ihm nach Valparaiso zurückzukehren, jede Ausflucht suchte +er vor, die ihn dabei entschuldigen konnte, und war doch +auch nicht zu bewegen, einen wirklichen Grund anzugeben. +Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu großen Zartgefühl +des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht hier in +seinen Erwartungen, Geld zu erheben, getäuscht sah, und +nun ihm, der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben, +die kleine noch übrige Summe unverkümmert lassen wollte. +Froh in dem Gefühl, ihn hierüber wenigstens beruhigen +zu können, versicherte er dem Freund, wie er, ganz wider +Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes +sich schon ein förmliches kleines Capital verdient +habe, und nicht allein einer sorgenfreien, sondern auch +frohen Zukunft entgegenzugehen hoffe — Gaspar werde +dem <span class="wide">Freund</span> nicht versagen, das mit ihm zu theilen, +bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe.</p> + +<p>Don Gaspar mußte zuletzt wohl oder übel nachgeben, +aber so herzlich er dem treuen Freunde dankte, so froh er +sich selber zu zeigen suchte, war es doch augenscheinlich, +daß noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm lasten mußte, +den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem eigenen +inneren Herzen barg.</p> + +<p>Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen +Sachen zusammen zu packen und mit ihm, noch an +dem nämlichen Abend nach Valparaiso zurück, aufzubrechen; +er that es endlich, und Leifeldt vergaß dann bald in seinem +eigenen Glück die gefurchte Stirn des Freundes, dem +er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage, seit +dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufhören konnte, +die Liebenswürdigkeit der kleinen Familie zu rühmen, in +die ihn sein gutes Glück geführt, oder in die er eigentlich +besser durch Don Gaspars tollen Sprung förmlich hineingeworfen +worden.</p> + +<p>Don Gaspar hörte ihm dabei lächelnd zu und strich +sich wohl manchmal, wenn jener immer wieder auf seine +frohen Hoffnungen und Aussichten zurückkam, leicht aufseufzend, +mit der flachen Hand über die Stirn. Erst als +sie am anderen Tag die letzten Hügel erreichten, die nach +der Stadt hinunterführten, und wieder in Sicht des +Meeres kamen, war es auch fast, als ob ein neuer Geist +in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich hoch in +dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen +schneeigen Segeln deutend, die hie und da von +dem dunklen Hintergrund des Meeres herüberblitzten, rief +er aus:</p> + +<p>»Das Meer! — das weite fröhliche Meer — sieh +wie es da liegt und wogt und brandet und sich einwühlt +in seine eigenen Arme. — Wie ein Becher schäumenden +Weines breitet sich's aus — und oh, wer doch, eine +Perle in seinem Grunde läge.«</p> + +<p>»Unsinn,« lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor +sich ausgebreitet, die Alles in sich barg, was ihm lieb +und theuer auf dieser Welt war, in aufsprudelnder Lust — +»wie eine Perle? — sag lieber wie eine todte Fliege, wenn +Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst — +eine Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder +ausgeschieden wird. Nein, fort mit den traurigen Gedanken +— sieh, Dein Auge hat sich schon ordentlich belebt, +und Du fängst an, wieder wie ein vernünftiger Mensch +auszusehn. Jetzt weiß ich auch, was Dir bis dahin in +den Knochen gelegen — die engen Hügel waren es, die +Dich umschlossen, die schwere Luft, die in das schmale +Thal herniederpreßte — hier ist der Himmel frei, hier +dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns +aus, und das Herz wird weit und athmet voll, und es +ist ordentlich, als ob das Blut in unseren Adern flüssiger, +lebendiger geworden wäre. Ich möchte nicht mehr im inneren +Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, +und ich kann mir wahrlich nicht denken, daß man sich wieder +da wohl fühlen könne, wo man schon einmal den vollen +Genuß eines solchen Anblicks, wie wir ihn jetzt feiern, +kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich gefunden hat.«</p> + +<p>»Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zöge?« +sagte Don Gaspar, lächelnd zu ihm aufschauend, »wie +wär es dann mit der See?«</p> + +<p>Leifeldt schoß das Blut wie mit einem plötzlichen +Strahl in die Schläfe, und er erwiederte, aber mit etwas +gezwungener Gleichgültigkeit. »Unsinn, Gaspar — wenn +mir das Mädchen wirklich nicht gleichgültig wäre, wie +dürfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, +wo ich eben erst angefangen habe, festen Fuß zu fassen. +Valparaiso ist ein theurer Ort, und wer hier eine Familie +haben und sie anständig durchbringen will, darf eben nicht +nur ein junger Arzt und Anfänger sein — und in späteren +Jahren — lieber Gott, wir wissen nicht, was die +nächste Stunde bringt, wär' es nicht Thorheit, wollten +wir uns Pläne auf lange Jahre hinaus machen.«</p> + +<p>»Und vielleicht helf ich Dir doch,« sagte freundlich +Don Gaspar, ihm die Hand hinüber reichend — »hier +in Valparaiso bin ich allerdings nicht im Stande gewesen, +Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte, +aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, +und kann schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht +mehr der arme Don Gaspar sein werde, wegen dem der +Freund Existenz und Brod verläßt, ja seine Freiheit und +sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.«</p> + +<p>»Unsinn, Unsinn,« lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte +aber seine Hand ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, +nur gewaltsam eine innere Aufregung bekämpfend, ins +Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester Stimme fort:</p> + +<p>»Es könnte sein, Federigo, daß ich — wir sind Alle +Menschen und wissen nicht, wann uns Gott abruft — +daß ich plötzlich sterben könnte — ich habe deshalb den +erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich möchte Dich +bitten« —</p> + +<p>»Gaspar!« rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich +beunruhigt, »was zum Henker giebst Du Dich plötzlich +so trüben Gedanken hin. — Wir sind allerdings sterblich, +und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein rasches, +gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst +aber nicht fürchten, daß Dich das Schicksal einem schnellen +Tode bestimmt habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm +Gelegenheit genug gegeben, in solchem Fall zuzulangen. Aber +allerdings möchte ich nicht für Dich einstehn, wenn Du +so fortfährst, Dein Leben wirklich zum Fenster hinauszuwerfen +— einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch, +wenn ich nur an die beiden Fälle zurückdenke, wie Du +auf den Hai hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden +Pferden entgegenwarfst, so weiß ich wahrlich jetzt +selber nicht, wie es überhaupt möglich war, nicht einer +Gefahr — denn das kann man schon nicht einmal mehr +Gefahr nennen — sondern dem wirklichen Tode so durch +ein Wunder zwei mal zu entgehen. Die Götter droben +können Dich also jedenfalls noch nicht gebrauchen, und +Du magst völlig ruhig und unbekümmert in die Zukunft +blicken.«</p> + +<p>»Und es ist merkwürdig,« sagte Don Gaspar kopfschüttelnd, +»ich kann mich auf die Einzelheiten der beiden +Fälle gar nicht mehr besinnen — aber sieh da,« unterbrach +er sich plötzlich, als der Wagen, von den raschen +Pferden wie im Fluge dahin geführt, die äußerste Grenze +der Vorstadt berührte — »wir sind an Ort und Stelle, wie +es scheint, und die Pferde wittern den Stall. — Wetter +noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort« — Leifeldt +machte plötzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen +wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem +Wagen selber herüberzusehen, auf den Trottoirs der Straße +hin, Don Gaspar ergriff aber seinen Arm und sagte +lachend:</p> + +<p>»Halt, Señor — machst Du <span class="wide">mir</span> Vorwürfe, daß ich +mein Leben thörichter Weise auf's Spiel setze und willst +gleich hinterher Deine eigenen Gliedmaßen in Gefahr +bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen +Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon +auf eine weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, +und jetzt vorwärts Kutscher, vorwärts, was zügelst Du +die Pferde ein, wir sind noch lange nicht am Ziel!«</p> + +<p>»Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Señor,« +erwiederte aber dieser — »Polizei will's nicht haben.« —</p> + +<p>»Ja so, die Polizei will's nicht haben,« sagte Don +Gaspar plötzlich ganz ruhig, und während sich Leifeldt +so weit er konnte aus dem Wagen bog, den Damen nachzuschauen, +lehnte sich der junge Spanier in die Ecke zurück, +und schaute still vor sich nieder.</p> + +<p>Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unnützen +Fragen zu begegnen, das anscheinende Verschwinden des +Freundes einem von diesem abgesandten, aber verloren +gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche +vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der +Familie die fröhliche Nachricht von dem Wiederauffinden +und Zurückkehren des Freundes zu bringen, um diesen +dann, wie ihn auch die alten Leute dringend baten, heute +Abend noch dort einführen zu können.</p> + +<p>Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie +ihn Leifeldt noch nie gesehen — er schien sich selber auf +den Besuch zu freuen, kleidete sich mit besonderer Sorgfalt +und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht gethan, +genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; +ihrem Alter, ihren Beschäftigungen, selbst ihrem Äußeren, +und Leifeldt wurde nicht müde, ihm zu erzählen.</p> + +<p>Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so +herzlich, als ob er ein eigener Sohn der alten Leute gewesen +wäre; der Greis nur machte ihm Vorwürfe, daß er +sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand +ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rührung +tief bewegter Stimme:</p> + +<p>»Mir und uns Allen hier gewiß zum Heil, hat Sie +Gott Beide an diese entlegene Küste geführt, denn Ihnen +Beiden danken wir das liebe Kind hier, das — ich darf +den Gedanken gar nicht ausdenken — auf wie furchtbare +Weise ohne Sie hätte umkommen oder an langwieriger +Krankheit vielleicht dahin siechen müssen. Betrachten Sie +sich aber auch Beide deshalb wie mit zur Familie gehörig +und mehr noch wird Ihnen mein Sohn für diesen, besonders +ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn +mit Gottes Hülfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den +nächsten Tagen wieder hier einlaufen zu sehn. — Aber +Jenny, Kind, was stehst Du da in der Ecke, hast unserem +lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, +und Dich doch so darauf gefreut, ihn begrüßen zu können. +Es ist wahr, Don Gaspar, Sie haben uns das Vergnügen +recht, recht lang entzogen, und Sie werden <span class="wide">sehr</span> oft +kommen müssen, nur einen Theil davon wieder gut machen +zu können.«</p> + +<p>Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu +begrüßen, und Jenny trat in diesem Augenblick auf ihn +zu, reichte ihm, wie einem alten Freund, die Hand und +sagte herzlich:</p> + +<p>»Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen +im Mai, und es hat uns nur Allen so leid gethan, Ihnen +das nicht früher sagen zu können — doch es war Ihre +eigene Schuld — kommen Sie jetzt nur recht oft, und +Sie werden sich wohl bei uns fühlen. — Aber hier, Bill« — +wandte sie sich dann plötzlich zu dem kleinen Burschen, +der schüchtern hinter ihr stand und an ihrem Kleide zupfte »hier, +Bill, das ist der Gentleman, der Bill damals gerettet +hat, als <i>little boy</i> so sehr unartig war und auf die +Straße hinaus lief, daß <i>grandmama</i> krank wurde und +nicht mehr gehen konnte — weißt Du das noch — und +giebst Du ihm kein Händchen?«</p> + +<p>Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm +Jenny drei- oder viermal herunter bog, immer unverdrossen +wieder in das rosige Mündchen schiebend, kam +langsam, das Köpfchen niedergedrückt und nur schüchtern +zu dem Fremden hinaufschielend, näher, und reichte ihm +verschämt das rechte Händchen hin.</p> + +<p>Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick +auf den jungen Spanier machte, und Leifeldt lächelte mit +einer Art freudigen Stolz sogar, als er sah, wie sich der +Freund dem holden lieblichen Kinde gegenüber förmlich +befangen fühlte.</p> + +<p>Don Gaspar stand in der That im ersten Moment +da, als ob er eine Erscheinung gesehen, und nur wie bewußtlos +ergriff er die dargebotene Hand in seinen beiden +Händen, und hielt sie sogar noch fest geschlossen, als Jenny +sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben +zuzuführen. Erst dann, als er fühlte, daß sich ihm die +Jungfrau zu entziehen suchte, ließ er sie erschrocken frei, +und das Kind aufnehmend, das ihn im Augenblick vertraut, +mit den großen hellblauen Augen freundlich anlachte, +und in seinem kraußen Bart spielte, küßte er den +Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen +braven kleinen Burschen, der nicht wieder auf die Straße +hinauslaufen und seiner guten Großmutter und Schwester +Schmerz bereiten würde.</p> + +<p>An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer +Mensch geworden; es schien ordentlich, als ob die sonst +manchmal eisige Rinde seines Herzens aufthaue in der +Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es +Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und +Gemüth fanden dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen +von dem lieblichen Feuer des schönen Mädchens, vergaß +er bald seine ganze Umgebung, und ließ sich mehr und +mehr hinreißen in bunter und glühender werdenden Schilderungen +und Bildern. Die Pyrenäen und Felsengebirge, +der Amazonenstrom wie der Ganges waren, so jung er +noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten gewesen — +auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen, +hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach +Spanien zurückgekehrt, fand der thätige Geist keine Nahrung +für sein Streben, seine Pläne, und der Krieg der +Argentinischen Republik mit Monte-Video, schon die Schilderung +jener wilden Reiter der Pampas ließ ihm bald +daheim den Boden unter den Füßen brennen. Noch ein +Jüngling fast, hatte er schon die Thaten und Erfahrungen +eines Menschenalters auf sein Haupt gesammelt, und er +konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen.</p> + +<p>»Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue +wilde Treiben mit eigenen Augen zu schauen« — fuhr er +endlich in der Schilderung seines eigenen Lebens, in die +er wie unbewußt hinein gerathen war, und der Alle, besonders +Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort +— »zog mich die Sehnsucht herüber, einen Bruder hier +zu finden — einen <span class="wide">Zwillings</span>bruder, den ich seit meinem +zwölften Jahre nicht gesehen und an dem mein Herz mit +all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie hing, die +das Herz zweier solcher Wesen bis zum — — ja vielleicht +noch <span class="wide">nach</span> dem Tode umschlingt. Leider wußte ich nur, +daß er seinen letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber +gehabt, und konnte keine nähere Adresse von ihm bekommen, +dort angelangt, blieben auch eine Zeit lang alle +meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und während +Einzelne den Namen wollten in Monte-Video gehört haben, +behaupteten Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten +nach Mendoza, der fernen Grenzstadt der +Republik gesandt worden. Nach allen diesen Orten schickte +ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, daß einer von ihnen +den Bruder doch erreichen und ihm meine Nähe melden +möge — und — hahaha — es ist eigentlich zu komisch, +wenn man bedenkt, wie das Schicksal die Leute manchmal +zusammenwürfelt, und welch entsetzliche fürchterliche Folgen +aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief — +einem <span class="wide">Wort</span> entstehen können.«</p> + +<p>Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach, +aber die Todtenblässe, die jetzt seine Züge bedeckte, der +starre, kalte Blick, die zitternden Lippen straften sein Lachen +gar furchtbar Lügen. Er hatte auch, wie es schien, ganz +seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze +Weile in den Händen bergend, preßten sich einzelne klare +perlende Tropfen zwischen den fast mädchenhaft zarten +Fingern durch.</p> + +<p>Die kleine Gesellschaft saß indeß in schmerzlicher, fast +peinlicher Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst +ihm hatte der Freund bis dahin hartnäckig die frühere +Geschichte seines Lebens verschlossen gehalten, empfand +eine unnennbare, ihm selbst unerklärliche Angst, die Schicksale +des Unglücklichen zu hören, die wirklich furchtbarer +Art sein mußten, wenn nur die Erinnerung daran das +sonst so eiserne, unerschrockene Herz des Mannes in solcher +Art zu erschüttern vermochte. Keiner wagte ihn indeß zu +stören, und selbst Bill schmiegte sich, die großen, blauen +Augen ängstlich und bestürzt auf den fremden Mann geheftet, +an das Knie der Tante, und sein kleines Herz +schlug schneller in dem Mitgefühl um die fallenden Thränen.</p> + +<p>Endlich, wohl nach fünf Minuten, in denen nur das +monotone <ins title="original has Picken">Ticken</ins> der großen Wanduhr die fast feierliche +Stille unterbrochen, fuhr der Erzähler, die Hände langsam +senkend und stier dabei vor sich nieder sehend, mit +leiserer Stimme, die aber in der Erzählung selber bald +wieder zu der frühern Lebendigkeit anwuchs, fort:</p> + +<p>»Drei Monate später erhielt ich endlich Antwort auf +eines meiner Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin +der nach Mendoza von mir gesandte Brief befördert +worden war. — Felipe hatte in einem Jubel an mich geschrieben, +daß wir uns endlich wieder sehen sollten. Er +war glücklich — in Cordova war ihm Alles geworden, +was das Herz nur an diese Erde zu fesseln vermag: ein +treues Weib, ein liebes Kind, und nicht Worte konnte er +finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er lebe. +Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was +ihm lieb und theuer war, den Bruder nach so langen +Jahren der Trennung wieder an sein Herz zu drücken, +und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er in +Buenos-Ayres eintreffen würde.«</p> + +<p>»— Auch ich hatte indessen,« fuhr Don Gaspar nach +einer längeren Pause, in der er seine innere Bewegung +gewaltsam niederkämpfte, fort: »ein Wesen gefunden, dessen +Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum Glücklichsten der +Sterblichen machen mußte. — Der Tag des Wiedersehns +mit meinem Bruder sollte auch am Altar <span class="wide">ihre</span> Hand in +die meine legen — der Tag kam — aber wie sollte er +enden.«</p> + +<p>»Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause +meiner künftigen Schwiegereltern einen Cavallero aus- und +eingehen sehen, dessen Betragen gegen meine Braut mir +nicht gefiel — mich selber behandelte er dabei ganz mit +dem Eigendünkel der südamerikanischen Raçe dem spanischen +Blut gegenüber, und nur die Gegenwart meiner +Schwiegereltern hatte schon zweimal verhindert, daß es +zu harten Worten und vielleicht härteren Thaten zwischen +uns gekommen.«</p> + +<p>»So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an, +und mancherlei Geschäfte, die mich an dem Tag auf der +Straße hielten, Einkäufe und Besorgungen, veranlaßten +mich, in eine Pulperia<a href="#fn12"><small><sup>12</sup></small></a> zu treten, und ein Glas Wein +zu trinken — ich wollte eine Erfrischung finden — und +fand den Tod.«</p> + +<p>»In der Pulperia stand, ohne daß ich ihn anfangs +bemerkte, ich hätte ihn sonst an <span class="wide">diesem</span> Tage vermieden, +jener Argentiner im eifrigen Gespräch mit einem anderen +— einem anerkannt schlechten Subjekt, das als Werkzeug +schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein. +Was der Inhalt ihres Gesprächs gewesen, weiß ich nicht, +soviel ist gewiß, ich hatte kaum Platz an einem der Tische +genommen, als sich ihre Aufmerksamkeit auf mich lenkte +und sie mit meinen nächsten Nachbarn ein lautgeführtes +Gespräch begannen, das mich nicht gleichgültig lassen +<span class="wide">konnte.</span> Es galt mein <span class="wide">Vaterland,</span> und so fest ich auch +gewillt war, gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob +angelegten Plan, mich zu reizen, errieth, den Saal zu +verlassen, fielen doch bald Äußerungen, die es mir unmöglich +machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden +Argentiner besonders, beides wenigstens äußerlich fanatische +Anhänger des Diktators, schmähten meine Nation auf eine +so nichtswürdige und perfide Weise, daß ich endlich gar +nicht mehr umhin konnte, ihnen zu antworten — ich hätte +Fischblut in den Adern haben müssen. Ein Wort aber +gab das andere, im vollsten Übermuth trieben es meine +Gegner mit Gewalt zum Äußersten, und der nächste +Morgen — mein Hochzeittag — wurde dazu bestimmt, +unseren Streit auszugleichen. Noch an dem nämlichen +Nachmittag aber überfielen mich die beiden Schurken meuchlerischer +Weise, und nur meinem guten Glück hatte ich es +zu danken, daß der erste nach mir geführte und jedenfalls +tödtlich gewesene Stoß an meiner Uhr abglitt, während +der Mörder von meiner Hand fiel. Der andere, der +mich rasch wieder gerüstet und seinen teuflischen Plan vereitelt +sah, wollte jetzt entfliehen — aber ich war flüchtiger +als er. Das Blut zum Sieden getrieben — die blanke +Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn durch mehrere +Straßen, mehr und mehr ihm nahekommend. — Vergebens +war sein Hülferuf, die Leute wagten nicht, dem +bewaffneten Verfolger in den Weg zu treten, und in demselben +Augenblick, als er an der einen Ecke erschöpft und +matt zusammensank« — Don Gaspar schwieg einen Augenblick, +und setzte dann tonlos hinzu — »traf mein Stahl +sein Herz!«</p> + +<p>»Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wußte +ich, was ich gethan, begriff aber auch zugleich die Gefahr, +in die ich mich selber dadurch gebracht; die Henkersknechte +des Diktators waren schnell in der Vollziehung rascher gegebener +Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich mich +länger sicher wähnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl, +wie in der That selber erkannt und auch schon umstellt +worden. Meine Waffe brach mir aber auch hier +Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus flüchtend, +brachte ich meine Verfolger auf die falsche Fährte.«</p> + +<p>Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht +aus dem Bereich jeder Gefahr bringen; oben in der Boca<a href="#fn13"><small><sup>13</sup></small></a> +lag ein kleiner Nachen — ich kannte die Stelle genau, +und auf der Außenrhede ankerte ein spanisches Kriegsschiff — +einmal dort an Bord, und Rosas sämmtliche Macht hätte +mir kein Haar meines Hauptes krümmen können. Vorher +aber mußte ich meinem Bruder Nachricht von mir geben; +was kümmerte mich die Gefahr, der ich mich dabei aussetzte, +und meinen Versteck wieder verlassend, wanderte ich, in +meinen Pancho dicht eingehüllt, langsam, um keinen Verdacht +zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo +man mich jetzt, da ich vor mehreren Stunden gerade in +einer entgegengesetzten Richtung geflohen, auch schwerlich +vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren die Straßen +heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend +etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine +Ecke biegend, hörte ich, wie ein Gaucho zum anderen +lachend sagte:</p> + +<p>»Sie haben ihn, <i>amigo</i> — <i>caramba</i>, er wollte sich +noch verantworten, aber die gnädigen Mashorqueros lassen +sich nicht auf Erklärungen ein — er sieht jetzt aus, als +ob er sich beim Rasiren geschnitten hätte.«</p> + +<p>»Mir stockte das Blut in den Adern, ich wußte nicht +weshalb, aber wie ein elektrischer Schlag rührte mich das +flüchtige Wort, und anstatt jeder Beobachtung so rasch +als möglich zu entgehn, und das nur kaum noch fünfzig +Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht +wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug +ich, mein Gesicht nur soviel als thunlich mit dem Pancho +und breitrandigem Hut verdeckt, den mir nächsten Burschen, +<span class="wide">wen</span> sie gefangen und ermordet hätten?«</p> + +<p>»Wen? — <i>caracho</i>,« sagte der grimmige Gaucho lachend, +»wen anders, als den Hund von Spanier, der heute Morgen +zwei wackere Männer der Föderation meuchlings überfallen +und ermordet oder doch bös getroffen hat.« — »Und +sein Name?« — mein eigener donnerte mir ins Ohr, und +während sich die Straße mit mir zu drehen begann, weiß +ich nur, daß ich dem Orte zustürmte, wo die Leiche lag.</p> + +<p>»Und dort?« — frugen die Zuhörer in tödtlichster +Spannung wie aus einem Munde — denn der Erzähler +saß mit stieren Blicken, den rechten Arm vorgestreckt, als +ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen sähe, +regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden, +fast unheimlichen Glanz. Plötzlich aber, als ob er fühle, +daß aller Augen angst- und erwartungsvoll auf ihn gerichtet +seien, fuhr er empor, und den Blick rasch und forschend +im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem +Thränenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen +Wangen und hochklopfendem Herzen gegenüber saß und +jedes Wort von seinen Lippen in peinlicher Spannung aufgesogen +hatte. Erst seinem Blick begegnend, senkte sie den +ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang +wie träumend zu ihr hinüberschaute, strich sich plötzlich die +schwarzen krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend +war es fast, als ob er ein schweres, furchtbares +Gewicht von seiner Brust gewälzt hätte.</p> + +<p>»Und dort? — wen fanden Sie dort?« rief aber +jetzt noch einmal die alte Mrs. Newland und auch Leifeldt, +der hinzutrat und die Hand auf des Freundes +Schulter legte, wiederholte leise die Frage.</p> + +<p>»Dort?« lachte aber Don Gaspar, dem in diesem +Moment schon wieder der alte kecke Übermuth aus den +Augen blitzte, »dort? — wie mir scheint hätte ich Schauspieler +werden sollen — hahaha — habe ich mir doch nie im +Leben solch ein Talent zum Erzählen zugetraut — wahrhaftig, +Señora, Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die +Señorita hat Thränen in den Augen.«</p> + +<p>Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend, +sagte er mit leiserem, fast bittendem Ton:</p> + +<p>»Zürnen Sie mir nicht, Señorita, ich wollte weder +Sie noch die lieben Ihrigen betrüben — nur zerstreuen, +habe es aber, wie ich sehe, ganz falsch angefangen. Nicht +wahr, ich wäre alt genug, vernünftig zu sein, und doch +plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu größerer Bequemlichkeit +mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis +aufs Blut solch närrische Streiche zu spielen — aber ich +muß nachher dafür büßen, wenn ich sehe, welch Unheil +ich angerichtet habe« — setzte er weicher hinzu.</p> + +<p>Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des +Ganzen überrascht, daß sie im ersten Moment in der That +gar nicht wußte, ob sie weinen oder lachen solle, ein Blick +in die Augen des Fremden aber machte sie auch wieder +stutzen — dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn, +gräßliche Geschichten zu erzählen und das Blut seiner +Hörer erstarren zu machen — ein furchtbares Geheimniß +schlummerte hinter diesen dunklen Sternen, und welchen +gewaltigen Kampf mußte es ihm kosten, das jetzt mit solcher +Macht und Ruhe niederzuhalten.</p> + +<p>Das schöne Mädchen ließ ihre Hand in der des Bittenden +länger, als sie selbst wohl wußte, und als sie ihm +dieselbe endlich, und nur langsam entzog, begegnete Don +Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend, halb +zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, lächelte +aber, als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte +und fest drückte.</p> + +<p>»Nein, so 'was!« rief aber jetzt die alte Dame in +größtem Erstaunen, — »segne meine Seele Herr — und +das war eine bloße <span class="wide">Geschichte,</span> und so natürlich, daß +Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufhörte und der +Athem still stand in der Brust — aber Mr. Gaspar, das +müssen Sie uns künftig vorher sagen, daß Sie's nicht so +ernsthaft meinen; man weiß ja wahrhaftig sonst gar nicht +mehr, woran man ist.«</p> + +<p>Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte +Hand mit seiner linken, und dessen Arm mit seiner rechten +Hand gefaßt — es war fast, als ob er ihm noch etwas +sagen wollte vor allen Andern — als ob er sich gerade +bei ihm rechtfertigen müsse, aber er machte sich auch von +ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend, +der ihm entgegentrat, schüttelte er ihm herzlich die +Hand und sagte, leicht mit dem einen Auge dabei +blinzend: — »nicht wahr, Sir, Sie wußten, wo ich hinaus +wollte.«</p> + +<p>»<i><ins title="original has Ill'">I'll</ins> be damned if I did,</i>«<a href="#fn14"><small><sup>14</sup></small></a> rief aber der alte Herr +treuherzig, die ihm dargebotene Hand aus Leibeskräften +schüttelnd — »nicht die Probe davon, so wahr mein Name +Newland ist — hielt die ganze Geschichte für baare Münze +und meine Seele dachte nicht daran, daß Sie Spaß machen +könnten — haben aber ein famoses Talent, und wenn +Sie das so auf dem Theater von sich geben könnten wie +hier, Sie müßten reich dabei werden.«</p> + +<p>»Ach, das ist ja gerade unser Unglück auf dieser Erde,« +lachte Don Gaspar dagegen, »daß wir eben in der Jugend +noch nicht selbstständig handeln können, oder <span class="wide">wenn</span> wir es +könnten, doch nicht im Stande wären, der Bahn mit den +Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und weitdehnend vor +uns ausgebreitet liegt — hat aber die <span class="wide">Erfahrung</span> erst ihre +Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gewöhnlich +zu spät, noch einen neuen Lebensweg zu wählen, und wir +mühen uns verstimmt und unmuthig auf der, freilich selbst +betretenen, breiten und staubigen Heerstraße hin, während +links und rechts abzweigend, und doch alle demselben +Ziel entgegenführend, die schattigsten, blumenreichsten Gänge +und Pfade liegen — wenn die Chausseegräben nur nicht +so verwünscht breit wären.«</p> + +<p>Mit rascher Wendung führte er seine ihn noch immer +halberstaunt halb mißtrauisch betrachtenden Zuhörer wieder +auf das erste Feld der Unterhaltung zurück; kleine interessante +Züge aus seinem Leben, mit einer ganz eigenthümlichen +Mischung von Humor und Ernst vorgetragen, weckten +dabei bald wieder ähnliche Erinnerungen bei den Freunden, +und ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gespräch +wieder allgemein und lebendig geworden, und man +lachte und erzählte sich noch bis spät in die Nacht hinein.</p> + +<p>Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund +wieder auf die Geschichte seines Lebens zurückzubringen, +aber der hielt ihm nicht Stand, sprang rechts und links ab, +und war gerade heute so voll von tollen, lustigen Einfällen, +daß es unmöglich schien, noch ein ernstes Wort +mit ihm zu reden.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch7" id="ch7"></a>7.</h3> + +<h3>Der Verdacht.</h3> + +<p>Die nächsten drei Tage war Don Gaspar übrigens +nicht zu bewegen, seinen Besuch bei Newlands zu wiederholen, +trotzdem sogar, daß ihm Leifeldt eine förmliche Einladung +dorthin brachte — er entschuldigte sich mit einem +peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag +am Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. +Er war auch still und schweigsam dabei, und es schien fast, +als ob nach einer zu starken Aufregung jenes Abends eine +Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht einmal die Mühe +geben wollte, von sich abzuschütteln. Bei Newlands dagegen, +bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich +die Unterhaltung drehte, und mochte das Gespräch, nach +welcher Richtung es wollte, sich gewandt haben, der erste +Schritt im Hause unten, das zufällige Öffnen oder Schließen +einer Thür, brachte fast stets die Worte: »Sollte das +Don Gaspar sein?« — Leifeldt war auch schon mehrfach +gefragt worden, wie und wo er den Freund kennen gelernt +habe, wußte aber die Frage immer zu umgehen und +suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu bestärken, +Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gräßlichen +Geschichte — wo sie ja nicht anders denken konnten, +als sein Zwillingsbruder sei für ihn erschlagen worden — +einen freilich etwas entsetzlichen Spaß gemacht, während +Jenny dagegen eben so bestimmt behauptete — und Leifeldt +pflichtete ihr im Herzen schon fast bei — der Schluß des +<span class="wide">wahren</span> Vorfalls sei ihm selber so furchtbar vorgekommen, +daß er sich gescheut habe, sie mehr zu ängstigen, und lieber +Alles das gewaltsam niederkämpfte, was ihm in dem +Augenblicke sicher drohte die Brust zu zersprengen. — +Der arme Mann, was mußte er seit der Zeit heimlich +gelitten und mit sich herum getragen haben.</p> + +<p>Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder +das Haus der Newlandschen Familie, und dießmal bat er +sich Leifeldt selber zur Begleitung an. Wenn die alten +Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf seine +frühere Erzählung — bei der sie ihn versicherten, wie sie +ihn vertheidigt hätten, zurückkamen, wußte er ihnen doch +immer geschickt auszuweichen, und es war so augenscheinlich, +daß ihm selbst eine Berührung jenes Abends wehe +that, und Leifeldt wie Jenny suchten daher das Gespräch +in anderer Richtung zu leiten und zu halten.</p> + +<p>Von da an war Don Gaspar ein täglicher Gast in +Newlands Haus, und während Leifeldt jetzt mehr und mehr +Beschäftigung bekam, wie das Zutrauen in der Stadt zu +ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln und Bahn +brechen konnten, saß er oft stundenlang mit Jenny am +Schachbret, las irgend ein Buch mit ihr, oder erzählte den +alten Leuten Abentheuer und Scenen aus seinem wunderbar +bewegten Leben.</p> + +<p>Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. +— Ruhe und Friede schien in sein Herz eingekehrt, +und was er auch früher gelitten und ertragen haben +mochte, eine freundliche Gegenwart glättete die schmerzgefurchte +Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in +erkünsteltem, sondern in wirklichem Glück. Er zeichnete +dabei kein einziges Glied des kleinen Familienkreises aus +— fand er den alten Herrn allein, so saß er stundenlang +mit ihm da und plauderte von Jagd und Ackerbau, von +Viehzucht und Weinbau, für den sich der alte Gentleman +besonders interessirte, und von der See und der fernen +Heimath, — war die alte Dame gut aufgelegt dazu, und +das geschah oft, so ging er eben so gern auf all die wunderlichen +Kapitel ein, die sie, nach alter Gewohnheit, +vor ihm herauf zu beschwören wußte, — dann erzog er +mit ihr Kinder und mästete Gänse, legte einen Garten +an, oder diskutirte die Vorzüglichkeit des javanischen vor +dem brasilianischen Kaffee. — Mit Jenny war er derselbe, +ihre Nähe schien aber einen besonders wohlthätigen Einfluß +auf ihn <ins title="original has auszuüber">auszuüben</ins>, kein wildes, aufloderndes Wort +kam über seine Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr +befand, was ihm sonst doch sogar in Gegenwart der alten +Dame manchmal passirte, die aber ihre Freude daran +hatte und dann immer meinte, es thäte ihrem alten Herzen +ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend +zu sehn und ihren Geist daran zu erwärmen. Aber auch +selbst Jenny vergaß er manchmal, wenn ihm gerade die +Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun +mit Bill in ausgelassener Fröhlichkeit in Haus und Garten +herumtollte, daß selbst das Kind ihn manchmal ganz +ehrbar bat, nicht einen solchen Spektakel zu machen, +sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder ein Märchen +zu erzählen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und +auszuspinnen wußte.</p> + +<p>Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich +Don Gaspar von <span class="wide">Allen</span> aufgenommen wurde, so +erkannte das scharfe, so leicht mißtrauische Auge der +Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau selbst +vor den Übrigen einräumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte +Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke +an eine solche Möglichkeit aufstieg. Er war allein +mit Jenny gewesen, und neben ihr sitzend hatte er angefangen +von seinen Plänen und Hoffnungen zu plaudern, +wie ihn das Glück hier in Valparaiso so weit über Erwarten +begünstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen +könne, in der es ihm möglich sein würde, einen <span class="wide">eigenen +Heerd</span> zu gründen. Das Herz lag ihm heute auf +der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem +holden Mädchen seine Liebe zu gestehen, und sie — nicht +um ihre Hand zu bitten — der unbemittelte, junge Arzt +durfte noch nicht wagen, das Geschick eines so lieben zarten +Wesens an das seine zu knüpfen, ehe er ihm mehr +als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte — +aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite +glücklich fühlen zu können, und dann, mit solcher Gewißheit +im Herzen, neuen Anstrengungen und Arbeiten in +dem süßen, beseeligenden Gefühl entgegen zu gehen, +das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm gerade +sein ganzes Glück und Heil zu finden.</p> + +<p>Ob Jenny fühlte, daß der bisherige <span class="wide">Freund</span> einer +anderen Gestaltung ihres Verhältnisses entgegendränge, — +ob sie diese Erklärung fürchtete, oder ihr nur ausweichen +wollte in mädchenhafter Schüchternheit, aber sie war +unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen +zu besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespräch +eine andere, gleichgültigere Wendung zu geben, als +plötzlich der Klopfer unten an ihrer Thüre ertönte, und gleich +darauf des Spaniers rasche Schritte auf der Treppe gehört +wurden.</p> + +<p>»Don Gaspar,« rief Jenny, freudig überrascht von +ihrem Stuhle aufspringend, zugleich aber dem Blick des +jungen Schweden begegnend, war sie Weib genug, zu +fühlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan. — +Das Blut schoß ihr in die Schläfe, und langsam den +eben so rasch verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie +leiser hinzu: »Er wird sich freuen, Sie hier zu finden.« —</p> + +<p>Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und +das Gespräch drehte sich um gleichgültige Gegenstände; +von dem Augenblicke an aber war der Same des Mißtrauens, +der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche +Herz des jungen Schweden gefallen, und schlug seine +breiten Wurzeln da und wühlte und nagte in all seiner +wachsenden Stärke und Furchtbarkeit.</p> + +<p>Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen +— je freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn +wurde, desto mehr zog er sich vorsichtig in die innersten +Vesten seiner eigenen Brust zurück, denn was bis dahin +seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen, erschloß +sich plötzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick +mit tödtlicher Schärfe. — Er sah, Jenny liebte den Freund, +und das war der Todesstoß all seiner süßen, so heimlich +und treu gepflegten Hoffnungen und Träume — das der +Sturz seiner liebsten, seligsten Pläne.</p> + +<p>Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen, +der Jungfrau wie dem Freund gegenüber, vollkommen +gleich; oft sahen sie ihn zwei oder drei Tage nicht, +die er in der Nähe Valparaisos verbrachte — sein Lieblingsplatz +war dann die Seeküste, von wo aus er halbe +Tage lang kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte +er endlich zurück, so betrug er sich gerade, als ob er nicht +einen Augenblick abwesend gewesen wäre und irgend vermißt +sein könnte.</p> + +<p>Nicht so Jenny; — wie unbewußt sie sich auch bis +dahin ihrem Herzen überlassen, so war sie seit jenem +Abend, wo der erste mißtrauische Blick des jungen Arztes +ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst gewissermaßen +die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und schüchtern +geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr +sonst so heiteres, kräftiges Gemüth umhüllen — ertödten +zu wollen. Das Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich +auffallende Veränderung selbst in ihrem Aussehen, +Jenny leugnete aber, sich anders, als vollkommen wohl +zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte +Leifeldt erklärte ebenfalls die Blässe der Wangen, +den fehlenden Glanz der Augen für ein leichtes Unwohlsein, +das die nächsten Tage wieder heben könnten. Ach, +ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief ins Herz, +und durfte er sagen, was sie verursacht hatte? — mußte +er nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls +die Worte geben? — Und Jenny reichte ihm diesmal, +als er von ihr ging, die Hand, und preßte sie leise +— sie sprach kein Wort, aber dieser einzige Händedruck +kündete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im +Stand gewesen — sie <span class="wide">dankte</span> ihm für sein rücksichtsvolles +Schweigen — und er hätte vergehen mögen vor bitterem +Weh.</p> + +<p>So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt +rang in dieser Zeit mit sich, ob er offen zu dem Freunde +reden, oder dem Schicksal seinen ungestörten Lauf lassen +solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen Wesen trieb +es ihn, diesem ersten Gefühl zu folgen, immer aber warf +er sich selber wieder ein, daß der Spanier die Liebe des +jungen, engelschönen Mädchens noch gar nicht einmal zu +ahnen scheine, und sollte <span class="wide">er</span> es sein, der da mit eigener +Hand den Funken in die Pulverkammer schleuderte? — +Er konnte sich, so oft er sich auch dazu überreden wollte, +es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun +übrig bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu +entschließen, und zögerte damit so lange, bis er sich am +Ende selbst wieder einredete, er habe sich doch vielleicht +getäuscht, und noch liege die Möglichkeit vor ihm, die +Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu +können.</p> + +<p>So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland +hatte in seinem Hause, diesen Tag zu feiern, eine +kleine Festlichkeit angeordnet, zu der, außer mehreren anderen +Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der +Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen +waren.</p> + +<p>Dieser begrüßte Don Gaspar wie einen alten Bekannten, +— er wußte ja, der junge Mann war von +Buenos-Ayres herübergekommen, und er selber, dort geboren, +hatte noch zu viel Anhänglichkeit an die Stadt, +nicht für jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben, +wenn auch in der entferntesten Berührung stand. +Es war das eine Art Heimweh — wenn er sich des Gefühles +selber auch kaum bewußt sein mag — wie es den +Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der Wüsten +an die öden Sandflächen seines Vaterlandes bindet, und +Don Guzman war noch dazu ein gar eifriger Anhänger +des Diktators, und freute sich der Erfolge, die dieser errungen, +mit sichtlichem Stolz.</p> + +<p>Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu +sein, und so viel Mal auch Don Guzman versuchte, seiner +habhaft zu werden, ihm die allerneuesten Nachrichten von +»der anderen Seite der Cordilleren« mittheilen zu können, +wußte er ihm doch immer wieder zu entgehen, und dem +Gespräch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben.</p> + +<p>Leifeldt dagegen zeigte sich still und zurückgezogen, +der Freund hatte Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit +sie das Zimmer betreten hatten, und der junge Schwede +versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden, die ihm +mit immer herberer Pein das Herz durchzogen.</p> + +<p>»Aber Señor Federigo ist heute Abend so mißgestimmt,« +sagte endlich die alte Mrs. Newland, die sich bis dahin +fast nur mit Don Gaspar und ihrer Tochter unterhalten +hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt in ihrem +Gespräch vermißte — »segne meine Seele, ich weiß mich +noch wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie +heute den ganzen Abend gesprochen hätten — fehlt Ihnen +etwas?« —</p> + +<p>»Nicht das Mindeste,« lächelte Leifeldt, etwas verlegen +aufstehend und sich ihr nähernd — »aber Sie waren Alle +dort so gar lebhaft im Gespräch begriffen.« —</p> + +<p>»Und dazu gehören Sie eben so gut, Mr. Leifeldt,« +sagte Jenny, freundlich ihm die Hand reichend — »wir +sprachen eben davon, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, +in einem fremden Lande so viele treue und liebe Freunde +gefunden zu haben, und wie dankbar wir dafür unserem +Schicksal sein müssen.«</p> + +<p>»Das Wort <span class="wide">Freundschaft</span> ist ein wilder Begriff, +Señorita,« erwiederte aber Don Gaspar rasch — »und +unsere Sprache ist arm, daß wir nicht im Stande sind, +dieß wunderlichste aller Gefühle in seine verschiedenen +Klassen einzutheilen.«</p> + +<p>»Und haben <span class="wide">Sie</span> verschiedene Klassen für Ihre Freundschaft, +Don Gaspar?« frug ihn das schöne Mädchen +lächelnd.</p> + +<p>»Allerdings,« sagte der Spanier rasch — »und so +streng geschieden von einander, wie sie das wunderlichste +Gefäß im menschlichen Körper — das Herz — zu scheiden +vermag — Freunde, die ihr Leben für mich lassen würden« +— und er reichte, während er sprach, dem jungen Schweden +die Hand — »und Freunde, die mich verfolgen mit +— mit ihrer Liebe und mich gern unter die Erde drücken +möchten vor lauter Herzlichkeit — Freunde, deren Lächeln +schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt, +und Freunde, deren Kuß und Schwur es erstarren machen +würde.«</p> + +<p>»Und zu welchen dürfen wir uns da zählen?« frug +Jenny leicht erröthend.</p> + +<p>»Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudrücken,« +sagte Don Gaspar mit dem herzlichsten Tone +seiner Stimme, und während er die Hand des Mädchens +ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz, wie es die +ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage +gleich durchzuckte; »Sie haben mich hier Alle mit so +unendlicher Freundlichkeit behandelt« — fuhr der Spanier +dabei fort — »ich müßte ein Herz von Stein in der Brust +haben, könnte es anders für Sie schlagen, als es thut — +aber unser Gespräch wird zu ernst,« brach er dann rasch +und plötzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die +der Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu — »da, +Mama hat schon Thränen in den Augen, und der dürfen +wir doch wahrlich den heutigen, fröhlichen Abend nicht +verderben.«</p> + +<p>In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und +Jenny trat fast unbewußt einen kleinen Schritt zurück, +als ob sie sich der Aufmerksamkeit der Übrigen entziehen +wollte, bis — Leifeldt wagte den Gedanken nicht auszudenken +und wollte eben an die alte Dame hinantreten, +dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die +Hand der Mrs. Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland +mit Don Guzman im eifrigen Gespräch langsam +dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann jetzt +nicht umhin konnte, Miß Newland zu geleiten. Jenny +wollte etwas sagen, als er sich ihr zögernd näherte, aber, +ob sie fürchtete, ihm wehe zu thun, oder nicht das rechte +Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und ließ sich von +ihm zur Tafel geleiten.</p> + +<p>»Aber Don Gaspar,« begann hier Don Guzman, +der dem Spanier gerade gegenüber seinen Platz hatte, +wie sie kaum ihre Sitze eingenommen — »ich habe Ihnen +noch gar nicht erzählen können, daß der chilenische Correo +glücklich über die Berge von Mendoza herübergekommen +ist, und die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat; +elf Tage war er in der dritten Casucha<a href="#fn15"><small><sup>15</sup></small></a> drüben im Schnee +»verschlossen«, und ihr Chargue<a href="#fn16"><small><sup>16</sup></small></a> mußte er mit seinen +Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu erhalten +— sie wären beinahe verhungert, und der Temporale<a href="#fn17"><small><sup>17</sup></small></a> +soll furchtbar gewüthet haben.«</p> + +<p>»Die armen Menschen,« sagte Jenny mitleidig — »es +ist doch ein entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen +Marsch tollkühn auf's Spiel zu setzen. Wie Viele +sind schon dabei umgekommen, und immer und immer +wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen +die Glieder dem Frost und Hungertode Preis geben.«</p> + +<p>»Und Monte-Video ist immer noch nicht über?« sagte +Leifeldt, dem es wohlthat, gerade in diesem Augenblicke +mit dem Fremden ein Gespräch zu beginnen.</p> + +<p>»Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr +halten,« erwiederte Don Guzman zuversichtlich — »man +spricht zwar von einem Waffenstillstand, ich glaube jedoch, +daß ihn die Unitarier nur verlangen, zu kapituliren.«</p> + +<p>»Und giebt es sonst nichts Neues in Buenos-Ayres?« +frug Mr. Newland dazwischen, den Argentiner auf ein +anderes Kapitel zu bringen, und nicht etwa genöthigt zu +sein, die fremde Intervention mit ihm zu erörtern — »keine +neue Revolution, keinen Überfall von Indianern?«</p> + +<p>»Nichts derartiges,« lachte Don Guzman, »<ins title="original has Sr.">Se.</ins> Excellenz, +der Gouverneur, hält die Zügel der Regierung zu +straff für dergleichen Versuche.«</p> + +<p>»Aber die Indianer haben sich doch schon einige Mal +gegen ihn in das Feld geworfen,« warf Leifeldt ein — +»die einzelnen Gaucho-Hütten überfallen, ja selbst die +Städte bedroht und sogar der Argentinischen Cavallerie +Stand gehalten.«</p> + +<p>»Ist allerdings vorgefallen,« meinte achselzuckend der +Konsul, »jetzt aber sind sie ruhig, und die Grenzbewohner +werden wohl nicht wieder von ihnen beunruhigt werden. +Nein, aber etwas anderes hatte die Stadt in jener Zeit +aufgeregt, und es scheint wirklich seit lange Nichts die +Bewohner von Buenos-Ayres in solch Erstaunen versetzt +zu haben, als die Flucht eines Tollen aus einer Irrenanstalt +— die Blätter sprechen fast von nichts Anderem.«</p> + +<p>»Die Flucht eines Tollen?« riefen fast Alle wie aus +einem Munde, und Leifeldt, dessen Blick wie unwillkürlich +Don Gaspar suchte, sah, wie dieser in völligstem Gleichmuth +ruhig, aber kaum bemerkbar vor sich hin lächelte, +und mit der Gabel spielte.</p> + +<p>»Und hat man ihn nicht wieder bekommen?« frug +ängstlich Jenny.</p> + +<p>Don Gaspar biß sich auf die Lippen.</p> + +<p>»Nein,« versicherte Don Guzman — »merkwürdiger +Weise ist er mit seinem Arzte, einem Schweden, Namens +Stierna, entwichen, und obgleich man Anfangs alle Ursache +hatte, zu vermuthen, Beide wären an Bord eines +Schiffes gegangen, tauchte doch auch zu gleicher Zeit ein +Gerücht auf, sie wären eine Strecke weit im Innern gesehen +worden, und die Behörden, dadurch irre geleitet, +scheinen ihre Spur bis jetzt noch nicht wieder aufgefunden +zu haben.«</p> + +<p>»Heiliger Gott,« sagte Jenny schaudernd und deckte +sich dabei ihre Augen mit beiden Händen — »ich glaube, +ich würde selber wahnsinnig, wenn ich einem solchen entflohenen +Tollen einmal plötzlich begegnete und ihm nicht +mehr entfliehen könnte.«</p> + +<p>»Haben Sie noch nie einen Wahnsinnigen gesehen?« +frug Don Guzman.</p> + +<p>»Nie — und Gott bewahre mich auch dafür,« erwiederte +das Mädchen, schon in dem Gedanken an solchen +Fall zusammenbebend.</p> + +<p>»Aber, liebes Kind,« sagte die Mutter — »es giebt +auch viele Leute mit einem stillen Wahnsinn, denen man +es gar nicht so sehr ansehen kann, und die haben gar +nichts Fürchterliches — nur manchmal werden sie gefährlich, +wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte +einmal ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst +Dich wohl nicht mehr auf ihn besinnen — er sprang später +einmal aus dem Fenster und brach den Hals.«</p> + +<p>»Es giebt überhaupt wohl keine Krankheit, die in so +verschiedenen Gestaltungen und Variationen auftritt, als +gerade der Wahnsinn,« nahm hier Mr. Newland das +Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillkürlich zu +dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast +gleichgültig zu dem Sprechenden hinüberschaute — »von +dem Rasenden,« fuhr Mr. Newland fort, »der in seine +Ketten beißt und schäumt, können wir die Grade hinunterführen +bis zu dem Misanthropen, und während der Eine +selbst dem unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen +Gefahr lachend und muthig entgegen gehen würde, +mit unnennbarem, unlöschbarem Entsetzen erfüllt, treffen +wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen +Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum +hellen Ausbruch geführt, schläft in ihm, nur ihm selber +fühlbar, bis zu seinem Tode. Ich bin überzeugt, wir +kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne den +Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht +nur eines zufälligen Funkens bedurft hätte, zu lichter +Lohe emporzubrennen.«</p> + +<p>»Um Gottes Willen, Väterchen,« bat da das schöne +Mädchen — »sage doch nicht so Entsetzliches — es wäre +ja gräßlich, in jedem stillen Menschen einen angehenden +Wahnsinnigen fürchten zu müssen — lachen Sie doch Don +Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir läuft es wahrhaftig +schon jetzt eiskalt über den Körper, wenn ich Sie Alle +so <span class="wide">still</span> und ernsthaft da sitzen sehe.«</p> + +<p>»Señor Newland macht sich über uns lustig,« sagte +aber der Spanier lächelnd, indem er sich zu der Jungfrau +hinüber bog, »er will mich von neulich in meiner eigenen +Münze bezahlen — es hat überhaupt einen eigenen Reiz, +sich vor etwas zu fürchten, und von dem Kind an verläßt +uns das Gefühl nicht, bis zum Greisenalter; aber +Don Guzman erzählt uns vielleicht ein wenig ausführlicher, +wie es mit der Flucht des Verrückten zugegangen — hahaha, +ich fange wahrhaftig selber an, mich für den Mann zu +interessiren — und hat den eigenen Arzt mitgenommen, +he?« —</p> + +<p>»Den Arzt der Anstalt selber,« bestätigte der Argentiner +— »man begreift eigentlich gar nicht, wie es möglich +war, aber der Tolle muß ihm jedenfalls Versprechungen +gemacht haben, und der Doktor ist noch toller gewesen, +sie ihm zu glauben.«</p> + +<p>Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute +einen Moment etwas verlegen vor sich nieder — es war +ihm nicht lieb, daß Don Gaspar so gewissermaßen muthwillig +die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte. +Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht +haben, daß sie selber die Flüchtigen wären, und sogar +im schlimmsten Fall ihrer Entdeckung reichte doch Rosas +Arm nicht bis hier herüber, seinen Gefangenen zurückzufordern; +nichts desto weniger brachte es sie in ein schlechtes +Licht und — die Hauptsache — in das Gerede der +Müßigen, weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern.</p> + +<p>»Aber in was bestand seine Tollheit?« frug jetzt der +Spanier wieder, ohne den Blick des Freundes zu verstehen +oder zu beachten, der ihn warnen wollte, zu weit zu gehen +— »hat man nicht erfahren können, in welcher Art sie +sich zeigte, daß selbst der Arzt darauf einging oder getäuscht +werden konnte? und <span class="wide">war</span> der Mann überhaupt +wahnsinnig?« — Er bog sich plötzlich vor und schaute den +Konsul mit seinen großen dunklen Augen erwartungsvoll +an — »man hat Beispiele, daß gesunde Menschen, ihrer +etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher +Art eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen +und verderben mußten.«</p> + +<p>»Nein, nein,« rief Don Guzman rasch, »die Beweise +lagen hier wohl zu klar auf der Hand. Vorher scheint +irgend eine lange Geschichte gegangen zu sein, aus der +man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so +viel ist gewiß, daß der Kranke irgend einer hochgestellten +Person — es ist nicht gesagt weshalb — nach dem Leben +trachtete, auch schon in seiner Raserei viel Blut vergossen +haben soll, so daß man allerdings nicht ohne Besorgnisse +war, der Entflohene würde jenen wieder aufzufinden +wissen.«</p> + +<p>»Und diese hochgestellte Person?« frug Don Gaspar +lauernd.</p> + +<p>»Wurde nicht genannt,« erwiederte Don Guzman, +»Sie wissen, daß die Zeitungen in Buenos-Ayres unter +einer ziemlich strengen Censur stehen, und die Redakteure +befassen sich nicht gern unnöthiger Weise mit wirklichen Namen, +über die sie vielleicht einmal später könnten aufgefordert +werden, Rechenschaft zu geben. Der des Entsprungenen +soll <span class="wide">Morelos</span> gewesen sein.«</p> + +<p>»Aber ich werde nun ernstlich böse, wenn Sie nicht +die entsetzliche Unterhaltung schließen,« rief da endlich +Jenny — »ist das ein Gespräch für ein Familienfest und +wollen Sie mir denn mit Gewalt den Abend verderben?«</p> + +<p>»Aber mein Fräulein —«</p> + +<p>»Keine Einwendungen, Don Gaspar,« rief jedoch +die junge Dame in halb scherzhaftem, aber auch entschiedenem +Tone — »ich will gern eingestehen, daß ich eine furchtbare, +vielleicht kindliche Angst vor einem Wesen habe, das +ohne Geist — eine wandernde Leiche — umhergeht, ich +kann nun einmal diesen Gedanken nicht los werden, und +wer mir jetzt eine rechte Freude erweisen will, erzählt eine +hübsche und <span class="wide">muntere</span> Geschichte, daß wir die trüben +Schatten verscheuchen, die wirklich schon anfangen sich um +uns zu sammeln.«</p> + +<p>»Muntre Geschichten?« rief da Don Gaspar, rasch +emporspringend, »da bin ich Ihr Mann — hol der Böse +das Grillenfangen — wenn nicht der Humor manchmal +dem Menschen zu Hülfe käme, es säh' schlecht in der Welt +aus. — Aber der Ernst ist uns trotzdem dabei oft näher +als wir denken, und der Tod schaut ins Fenster, wenn +wir glauben die Sonne sei es.« —</p> + +<p>»Aber Don Gaspar —«</p> + +<p>»Ich kannte einen alten Musikus in Madrid — hahaha, +ich muß jetzt noch lachen, wenn ich an den alten Burschen +denke, und es sind lange, lange Jahre verflossen, seit sie +ihn in sein letztes Bett hinaustrugen — der hatte einen +unverwüstlichen Humor und eine Gabe zu erzählen, und +das Erzählte mit Akkorden und kurzen Sätzen, Präludien +und Nachspielen <ins title="original has seine">seiner</ins> Geige zu begleiten, daß man manchmal +wahrhaftig gar nicht mehr wußte, ob er spielte oder +erzählte, die Töne schienen mit zu sprechen, die Worte zu +tönen und eine eigene barocke Manier, die er sich angewöhnt +und mit der er das Producirte gewissermaßen von +sich abstieß, riß seine Zuhörer, in ihrem wunderlichen Effekt +nicht selten zum stürmischen Jubel hin. Als ich ihn +das letzte Mal hörte, hatte er uns gerade eine Skizze +seines eigenen Lebens erzählt, und während uns die Thränen +aus den Augen liefen, denn er hatte genug erduldet +für einen einzelnen Menschen, schrieen wir auch wieder vor +Lachen; und wie er zuletzt mit dahineingreifenden tollen +Akkorden schloß und dazwischen schrie und spielte, übertäubte +das folgende Gelächter endlich jeden seiner Laute +dermaßen, daß er wirklich stillschweigen mußte und eine +Zeit lang ruhig sitzen blieb. — Als wir endlich wieder zu +uns kamen und ihn bitten wollten, fortzufahren — war +er todt. — Nein, Señorita — verlassen Sie uns nicht!« +— rief er plötzlich, als Jenny eine Bewegung +machte, als ob sie vom Tisch aufstehen wollte — »ich +mache wieder gut, was ich gefehlt« — und aufspringend +setzt er sich an das offene Clavier, auf dem er mit einem +weichen Andante begann, die Töne aber mehr und mehr +anschwellen ließ und endlich in einem wilden Allegro all +die neckischen, englischen und irischen Melodien einflocht, +die sie früher so oft mitsammen geübt und gesungen +hatten.</p> + +<p>Von dem Augenblick an war es auch, als ob ein ganz +anderer Geist über die kleine Gesellschaft komme, Don +Guzman, der noch einmal von dem entsprungenen Tollhäusler +anfangen wollte, wurde gleich unterbrochen und +in den Strudel eines anderen Gesprächs hineingerissen +und vor Allen Don Gaspar hatte sich noch nie so liebenswürdig, +ja förmlich ausgelassen gezeigt, als an diesem +Abend. Er war unerschöpflich im Erfinden und Erzählen, +und Jenny lachte und jubelte bald mit den Übrigen.</p> + +<p>Es wurde spät und Don Gaspar selber mahnte mehrmals +an den Aufbruch, Jenny aber bat immer wieder, +nur noch ein ganz klein wenig zu bleiben, und des Spaniers +Herz hätte müssen von Eisen sein, wenn er solcher +Bitte widerstehen gekonnt.</p> + +<p>Eigenthümlich war dabei das Benehmen Don Guzmans, +der anfänglich, und zwar schon den ganzen Abend +hindurch, Don Gaspar stets, wenn er sich besonders unbemerkt +glaubte, aufmerksam fixirte und vorzüglich Leifeldt +dadurch beunruhigte, der nicht mit Unrecht fürchtete, der +Argentiner habe einen, wenn auch vielleicht noch vollkommen +unbestimmten Verdacht gefaßt, der wohl noch durch +das anfänglich wunderliche Betragen Don Gaspars verstärkt +werden mochte. Wie aber die Laune desselben sich +mehr und mehr den Abend hindurch entwickelte, schwand +auch augenscheinlich dieses Gefühl, der sonst ziemlich ernste +Argentiner wurde freundlich und zutraulich, und als der +Wein erst die Köpfe ein wenig erwärmt hatte, war er +mit dem Spanier so befreundet worden, daß er sich zu +ihm setzte, und die beiden Männer lachten zusammen, daß +ihnen die Thränen aus den Augen liefen.</p> + +<p>Leifeldt wurde allerdings von der lebendiger werdenden +Unterhaltung unwillkürlich mit fortgerissen, aber der +einmal gefaßte Verdacht, daß Jenny nicht ihn selber, sondern +den Freund liebe, verbitterte ihm nicht allein den +Abend, sondern füllte sein Herz auch mit recht tiefem, +schmerzlichem Weh. Er wußte es wohl, er hatte es sich +schon in den letzten Wochen nicht mehr gut fortleugnen +können, aber immer noch schien eine schwache Hoffnung +ihn über Wasser gehalten zu haben, heute aber schwand +auch diese, und Jennys ganzes Benehmen, jeder schüchterne +Blick, wenn sie sich unbeobachtet glaubte — ihr Erröthen, +ihr Erblassen in den Erzählungen seines eigenen Lebens, +warfen ein furchtbares, aber nur zu treues Licht in seine +Seele.</p> + +<p>Mit diesem Bewußtsein faßte er nun aber auch den +festen Entschluß, zu dem Freund zu sprechen — er wollte +wissen, was der Spanier zu thun beabsichtige — er wollte +seine Plane hören, denn nicht an ein leichtsinnig Spiel +dieses Mannes sollte das Herz, das einstige Glück dieses +Mädchens gebunden werden. Erst dieser Entschluß brachte +aber auch seiner Seele wieder die volle Ruhe und jede +Schwäche von sich abschüttelnd, fühlte er, wie er das +schöne Mädchen wirklich aufrichtig genug liebe, ihr freudig +das eigene Glück zum Opfer zu bringen und über ihr +künftiges Leben mit treuer Freundes Sorgfalt zu wachen. +So in sich selbst erstarkt, nahm er mehr und mehr an +dem Gespräche Theil, und die alte Mrs. Newland, die +ihn besonders in ihr Herz geschlossen, versicherte ihm noch, +bevor sie Abschied nahmen, »daß es ihrer Seele wohl +thäte, den guten Doktor auch einmal wieder so frisch und +fröhlich bei sich zu sehen; — der Don Gaspar,« setzte +sie dann in ihrer Gutmüthigkeit hinzu — »ist doch ein +herrlicher Mensch, er bringt Leben und Bewegung in eine +ganze Gesellschaft, nur ein Bischen zu toll treibt er's +manchmal, und heute Abend besonders macht er doch die +ausgelassensten Streiche — segne seine Augen, ich bin +ihm ordentlich gut.«</p> + +<p>Don Guzman mahnte endlich zum Aufbruch — es +war Mitternacht schon vorüber, und da die drei Männer +ziemlich einen Weg hatten, verließen sie zusammen Mr. +Newlands gastliches Dach und wanderten die stille, menschenleere +Straße noch lachend und erzählend hinauf, während +hinter ihnen die Wächter ihren scharfen Pfiff ertönen +ließen<a href="#fn18"><small><sup>18</sup></small></a> und die einsamen, stillen Häuserreihen allein den +Ausbruch ihrer lauten Fröhlichkeit wiedertönten.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch8" id="ch8"></a>8.</h3> + +<h3>Die Entdeckung.</h3> + +<p>»Aber wissen Sie, liebster Don Gaspar,« sagte endlich +der Argentiner, als sie an einer der Querstraßen-Ecken, +wo dieser von ihnen Abschied nehmen mußte, stehn geblieben +waren, das begonnene Gespräch erst zu beenden — +»wissen Sie, für was ich Sie heute Abend einmal eine +ganze Weile gehalten habe?« —</p> + +<p>»Nun, Señor?« lachte der Spanier — »doch nicht +etwa für den Bösen selber, der sich in Menschengestalt einen +kleinen Spaß mache und nach Seelen angele, doch nicht +für den Feind?« —</p> + +<p>»Nein,« sagte Don Guzman lachend. —</p> + +<p>»Oder für einen spanischen Spion, der vom Mutterlande +herüber geschickt wäre, sich der Colonien wieder zu +versichern?«</p> + +<p>»Auch nicht,« lautete die Antwort, »noch schlimmer« —</p> + +<p>»Noch schlimmer als Teufel oder Spion?« lachte Don +Gaspar, »das ist schmeichelhaft — und für was sonst +noch?«</p> + +<p>»Für den entsprungenen Tollen!« rief Don Guzman, +und Alles, was er noch weiter sagen wollte, erstarb in +dem schallenden, dröhnenden Gelächter des Spaniers, der +sich gar nicht wieder zufrieden geben konnte. —</p> + +<p>»Aber ich versichere Sie, bester Don Gaspar!« —</p> + +<p>»Hahahahaha!« — donnerte das dröhnende Lachen +dazwischen.</p> + +<p>»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich« —</p> + +<p>»Hahahahaha!« —</p> + +<p>Der Argentiner mußte zuletzt selber mit in das Lachen +einstimmen, und anstatt dem Spanier den Grund solchen +Verdachtes anzugeben, wie er es im Anfang beabsichtigt, +jetzt nur auf seine Vertheidigung sinnen und sich entschuldigen, +einen solchen Fehlgriff begangen zu haben. Eine +kurze Weile plauderten dann die Männer noch mit einander, +und wünschten sich dann eine gute Nacht, vorher aber +lud Don Guzman die beiden Freunde noch auf das Herzlichste +ein, ihn recht bald einmal ebenfalls zu besuchen, was +sie ihm auch fest versprachen.</p> + +<p>Don Guzman betrat gleich darauf sein Haus und +Don Gaspar und Leifeldt wanderten dem ihrigen, beide +jetzt still und schweigend, zu.</p> + +<p>Leifeldt hatte überhaupt während der ganzen letzten, +so laut und munter geführten Unterhaltung, nicht ein Wort +gesprochen — es fing ihm an peinlich zu werden, ihre Flucht +von Buenos-Ayres erwähnen zu hören, und wenn er auch +für sich selber nicht die geringsten bösen Folgen zu fürchten +brauchte, hätte er sich hier, in der Stadt zu jenem Fall +bekannt, war ihm doch die ganze Sache fatal, und er begriff +Don Gaspars Leichtsinn und Fröhlichkeit in dieser +Hinsicht nicht. Auch sein falscher Name fing ihm an +drückend zu werden und er wußte nur nicht jetzt, wie ihn abzuschütteln, +ohne denen, an deren Meinung ihm etwas gelegen, +in einem falschen Lichte zu erscheinen.</p> + +<p>Zu diesem kam noch der Entschluß, der in seiner Seele +kämpfte, Licht und Erklärung selber von dem Freund, die +Geliebte betreffend, zu erhalten, ein Entschluß, gegen den +er noch immer in seinem Innern ankämpfte, der sich ihm +aber mit jeder Minute auch als immer dringender werdende +Nothwendigkeit aufdrängte.</p> + +<p>So erreichten sie ihre Wohnung, Jeder in seinen Gedanken +vertieft und ohne auch nur eine Silbe weiter mit +einander zu wechseln, und während Leifeldt mit untergeschlagenen +Armen rasch in dem kleinen Gemach auf- und +abging, hatte sich Don Gaspar in die eine Ecke des Sophas +geworfen und starrte mit zusammengezogenen Brauen vor +sich nieder.</p> + +<p>Plötzlich blieb der junge Schwede vor dem Spanier +stehen und sagte mit leiser, aber fester und entschiedener +Stimme:</p> + +<p>»Gaspar, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich +nicht länger mehr allein zu ertragen vermag, und es ist +nöthig, daß wir uns darüber verständigen, oder ich gehe +in der steten Aufreibung meiner Kräfte und Gedanken völlig +zu Grunde.«</p> + +<p>Don Gaspar erwiederte kein Wort, sondern schlug +nur die großen dunklen Augen staunend und erwartungsvoll +zu ihm auf und blieb ruhig und regungslos in seiner +Stellung.</p> + +<p>»Wie stehst Du zu Miß Newland?« fuhr da der +Schwede noch leiser fast fort, und man sah, es hatte ihm +schwere Überwindung gekostet, den Namen endlich auszusprechen.</p> + +<p>»Miß Newland?« sagte aber Don Gaspar erstaunt, +und ein eigenthümliches Lächeln zuckte und blitzte über seine, +heute Abend ungewöhnlich bleichen Züge — »wie soll ich +zu Miß Newland stehn? — höchst freundschaftlich, hoff' +ich doch.«</p> + +<p>»Eine Umgehung meiner Frage hilft Dir nichts mehr,« +rief aber Leifeldt, durch die, wie er glaubte, angenommene +und verstellte Gleichgültigkeit des Freundes mehr gereizt +und in seinem Entschluß bestärkt, »Du kannst mich nicht +glauben machen, daß Dir das schöne Mädchen gleichgültig +sei — es ist nicht möglich, daß Du blind gegen die Neigung +wärest, die <span class="wide">sie</span> für Dich empfindet.«</p> + +<p>»Neigung <span class="wide">für mich?</span>« rief aber jetzt der Spanier +mit wirklichem Erstaunen und richtete sich auf seinem Sitz +empor, »wie kommst Du zu dem tollen, abenteuerlichen +Gedanken? — Wie kann das Mädchen eine Neigung für +mich empfinden — — was kann sie <span class="wide">mir</span> sein?« —</p> + +<p>»Was sie <span class="wide">Dir</span> sein kann, Mensch?« — rief aber der +Schwede jetzt durch die fast wegwerfenden Worte auf das +tiefste erschüttert und empört, »was sie <span class="wide">Dir</span> sein kann? — +Heiliger Gott im Himmel, mir hat es Herz und Seele zerrissen, +nur den Gedanken zu fassen, sie aufzugeben, und +doch würfe ich meiner Seele Heil selbst freudig in die Schaale, +sie nur glücklich zu wissen, und Du, Du könntest sie darum +an Dich gezogen haben, nur um sie gleichgültig wieder wie +ein Spielwerk, das dem Kinde genügt, wie eine welke Blume +bei Seite zu werfen, ja ohne vielleicht einmal Freude, +ohne eine einzige Regung des Herzens bei der »Tändelei« +gefühlt zu haben?« —</p> + +<p>»Aber Federigo, Du faselst,« sagte der Spanier, und +ein eignes eigenthümliches Lächeln zuckte plötzlich über seine +Züge, — »oder ich verstehe Dich auch falsch — Du +meinst doch nicht, daß mich das Mädchen liebt, und daß +ich sie heirathen soll?« —</p> + +<p>»Allerdings mein' ich das,« erwiederte der junge +Schwede mit ernster, fast tonloser Stimme.</p> + +<p>»Und soll ich mich hier hängen oder in's Zuchthaus +sperren lassen?« frug Don Gaspar laut auflachend.</p> + +<p>»Wie soll ich das verstehn? — weshalb?« —</p> + +<p>»Aus sehr einfachem Grunde — wie viel Frauen kann +ein Mann in diesen Südamerikanischen Republiken nehmen?« +frug Don Gaspar und stellte sich, die Arme auf der Brust +in einander geschlagen, den Kopf auf die linke Seite geneigt, +mit einem komischen Spotte in den Zügen vor dem +Schweden hin.</p> + +<p>»Wie viel Frauen? — natürlich nur <span class="wide">eine</span> — <span class="wide">bist</span> +Du denn aber schon verheirathet?« rief der Schwede in +unverhehltem Erstaunen.</p> + +<p>Eine wunderbare Veränderung ging bei dieser Frage +in den Zügen des Spaniers vor — zuerst schoß ihm das +Blut in Wange und Stirn, als ob es die Adern zu durchbrechen +drohte, und im nächsten Augenblick ließ es ihm das +Antlitz so weiß und kalt, daß die schwarzen großen Augen +unheimlich und wild unter der todtenbleichen Stirn hervorglühten; +dann strich er sich ein paar Mal mit der flachen +Hand über die Stirn, und es war fast, als ob er gegen +ein in ihm erwachendes, aufdrängendes Gefühl stark und +gewaltsam anzukämpfen suchte, — er schien auch des Freundes +Frage ganz überhört zu haben, gab wenigstens keine +Antwort, und erst, als dieser dieselbe wiederholte, lachte +er plötzlich still vor sich hin und sagte, die Hand auf des +Arztes Schulter legend, leise und zutraulich —</p> + +<p>»Versteht sich, Freundchen, versteht sich — aber — man +spricht nicht gern davon. Eine Frau ist ein liebenswürdiger +Gegenstand zu Hause, doch höchst unbequem auf +der Reise, und — man läßt sie deshalb lieber, wo sie am +liebsten ist.«</p> + +<p>»Aber wie ist mir denn, in des Himmels Namen,« +rief der junge Arzt verstört, »hast Du mir denn nicht früher +gesagt —?«</p> + +<p>»Pst, Freund,« flüsterte der Spanier und lauschte +nach dem Nachbarzimmer hinüber, als ob er fürchte, von +dort behorcht zu werden, »ich will Dir die ganze Geschichte +mit wenigen Worten erzählen, — es ist freilich schon spät, +aber wir sind Beide jetzt zu aufgeregt, schlafen zu können +und — heute ist so gut eine Zeit dafür, wie jede andere.« +— Und seine Hand ergreifend, führte er ihn zum Sopha +und begann, sich an seiner Seite niederlassend, auch rasch +und ohne weitere Vorrede dem staunenden Freund sein +bisher so sorgfältig verschlossen gehaltenes Innere zu öffnen.</p> + +<p>»Wenn ich nicht irre,« sagte er, und strich sich dabei +sinnend mit der linken Hand die Stirn, — »habe ich schon +früher einmal angefangen, Dir einen Theil meiner Lebensgeschichte +zu erzählen — wir wurden damals unterbrochen, +ich habe vergessen durch was, — Du weißt jedenfalls, +daß mein Bruder damals statt meiner von Rosas Henkern +ermordet oder gerichtet wurde.« —</p> + +<p>»Dein Bruder? — also doch?« — rief der Arzt +schaudernd.</p> + +<p>»Also doch?« wiederholte Don Gaspar, »allerdings; +Du hättest dabei sein sollen,« fuhr er plötzlich lebhafter +fort, und die Hand deutete, dem stieren Blick folgend, in +die Ecke des Zimmers — »Du hättest dabei sein sollen, +wie sie den Mantel zurückschlugen, unter dem die Leiche +lag, und ich in den starren, blutigen Zügen den <span class="wide">Bruder</span> +erkannte, den ich seit meinem zwölften Jahre nicht gesehen, +und jetzt <span class="wide">so</span> — <span class="wide">so</span> — für <span class="wide">mich</span> geschlachtet, wiederfinden +sollte. — Du hättest dabei sein sollen, wie sie aufschrieen, +als sie dasselbe Gesicht <span class="wide">lebend</span> zwischen sich sahen, das +entstellt, entseelt vor ihnen im Schmutz der Straße lag — +hahahaha, ich müßte jetzt noch lachen, wenn mir nicht eben +das Blut in den Adern erstarrte.« —</p> + +<p>Er schwieg erschöpft still, stützte die Stirn viele Minuten +lang in beide Hände, und fuhr dann, während ihn +Leifeldt mit ernstem, mitleidigem Blick betrachtete, leiser +noch und langsamer fort:</p> + +<p>»So lag ich — ich weiß nicht wie lange, auf der +Straße, unter dem blutigen Tuch, und erst gegen Abend +trugen sie mich hinaus und begruben mich — ich glaube +aus besonderer Rücksicht — unter einem alten Ombubaum +an der Boka.« —</p> + +<p>»<span class="wide">Dich?</span>« rief Leifeldt überrascht — »Deinen Bruder!«</p> + +<p>»Mein Bruder? — ja ich weiß nicht, was mit dem +gleich wurde — ich hatte damals zu viel für mich selbst +zu denken,« murmelte der Unglückliche mit halblauter Stimme +und fast nur wie mit sich selber redend — »aber da ich +die beiden Argentiner ermordet hatte (und wir Beiden uns +so entsetzlich ähnlich sahen), doch aber nun leider einmal +todt war, so begruben sie mich auch eben, und das Einzige, +was ich mir bis jetzt noch immer nicht so recht erklären +kann,« fuhr er, den Finger wie überlegend an die +Nase bringend, fort — »ist, daß ich nachher — aber ich +weiß nicht mehr wie lange — Trauer anlegte in der Stadt +und zu meinen Schwiegereltern ging, ihnen die schmerzliche +Nachricht von dem Tod meines Bruders, der sich thörichter +Weise in ein Duell mit zwei Argentinern eingeladen, mitzutheilen. +Ich erinnere mich noch« — setzte er unheimlich +lächelnd hinzu, — »wie toll sich meine Frau damals gebehrdete +— wie sie mich von sich stieß und ein alter Mann +mir den Eingang verwehren wollte — ich warf den alten +Mann damals aus dem Fenster und ich glaube, er hat den +Hals gebrochen, ich habe ihn wenigstens niemals wiedergesehn, +aber auch einen Fremden fand ich bei ihr im Hause +— wahrhaftig, einen der Burschen, die ich auf der Straße +todtgestochen — und die <span class="wide">Teufel</span> schrien mir zu, das sei +ihr Mann. — Ich wollte ihm um den Hals fallen — +hahahahaha — aber sie litten es nicht — eine Menge Menschen +kamen dazwischen, und ich glaube — ich glaube, ich +ging wieder nachher hinaus unter den Ombubaum, aber +das Alles liegt mir jetzt nur noch, einem Chaos gleich, im +Gedächtniß.«</p> + +<p>»Die Bilder davon schwimmen zusammen, steigen oft +zu riesigen Bergmassen auf, daß ich fürchten muß, sie würden +mich unter ihrer Last zusammenpressen, und schwinden +dann wieder zusammen, daß das Auge den winzigen, blitzschnell +kreisenden, schwingenden Dingen kaum zu folgen +vermag.«</p> + +<p>Er schwieg einen Augenblick und die Stirn in den, +auf den Tisch gestützten Arm werfend, lehnte er wohl eine +halbe Minute regungslos da und schien die wild heraufbeschworenen +Bilder seiner Phantasie zurückdrängen zu +wollen in ihr altes, ruhiges Bett. Leifeldt aber saß mit +sträubendem Haar und peinvoll schlagendem Herzen neben +dem Freund — das Blut schien seine Adern, das Leben +seine Glieder verlassen zu haben, und nur den stieren Blick +auf die zusammengebrochene Gestalt des Unglücklichen gebannt, +hellte sich zum ersten Mal seinem Auge der wirkliche +Zustand des Mannes, den er selber wieder in das Leben +eingeführt, und die furchtbare Gewißheit, einem <span class="wide">Wahnsinnigen</span> +gegenüber zu stehen, trieb ihm das Blut in +rasenden Schlägen zum schreckerfüllten Herz zurück.</p> + +<p>Don Gaspar sah aber nicht den auf ihm haftenden +Blick des Entsetzens, ja er schien die Nähe einer anderen +Person fast ganz vergessen zu haben und fuhr nur, wie zu +sich selber sprechend, leise fort:</p> + +<p>»Es war nicht hübsch von Constancia — ein falscher +— falscher Name — es war nicht hübsch von ihr, mich +so bald zu vergessen, aber wart Bursche, wart — Du hast +ihr trügerische Geschichten in's Ohr geraunt, meine Briefe +unterschlagen, meine Existenz verleugnet — hast sie fortgeschleppt +in die Fremde und mich selber in Ketten und Banden +geworfen und Dein alter Name, Don Luis de Gomez +schützte Dich in der Zeit in Deiner Verrätherei, aber jetzt +— hahahaha — bin ich frei, frei, frei« — und er sprang +empor bei den Worten und seine Augen blitzten und funkelten +in wildem wahnsinnigen Feuer — »frei wie der +Tiger, der in dem dunklen Waldesschatten seiner Beute geduldig, +aber mit wilder Gier entgegenharrt — frei wie +der« — er schwieg plötzlich, denn sein Blick fiel in dem +Moment auf das stiere, blaue Auge des jungen Schweden, +das ihn fest und entsetzt fixirte, und als ob der Blick eine +förmlich magische Gewalt über ihn ausgeübt habe, sank er +still wieder in sich selbst zusammen und schaute erst vor sich +nieder und dann empor und umher, wie ein Mann, der +plötzlich aus einem schweren Traum erwacht, und sich wachend +müht, die eben geschauten Bilder zu halten und dem +lebendig gewordenen Auge zu bewahren.</p> + +<p>»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken,« sagte +er plötzlich aufstehend, und mit beiden Händen gegen seine +Schläfe gepreßt, im Zimmer auf- und abgehend — »er +bekommt mir nicht, und macht mir das Blut schwer und +unbändig — nicht wahr, es ist spät, Federigo?« —</p> + +<p>Er hatte diese Worte gesprochen, ohne dem Blick des +Freundes auch nur in einem Moment wieder zu begegnen, +und das Auge des Arztes war ihm in stummen Staunen +durch den Raum auf und ab gefolgt; aber zu plötzlich, zu +unerwartet kam diese Änderung des eben noch so furchtbaren +Zustandes — der Übergang fehlte zwischen den beiden +Extremen und Leifeldt, sich selber kaum bewußt, was +er sagte, flüsterte nur halblaut:</p> + +<p>»Constancia!«</p> + +<p>Der Name wirkte mit Blitzesschnelle auf den Spanier +— er blieb stehn, sah den Freund rasch und forschend an, +und sagte dann lächelnd:</p> + +<p>»Constancia? — wie kommst Du auf <span class="wide">den</span> Namen?«</p> + +<p>»Und nanntest Du ihn nicht selber?« frug der Schwede.</p> + +<p>»Ich?« — rief Don Gaspar, jedenfalls mehr erschreckt +als erstaunt, »<span class="wide">ich</span> hätte den Namen genannt? — und doch, +ja — es ist möglich; — das sind ja die alten wunderlichen +Ideen, die sie mir in Buenos-Ayres andichten wollten, +und so lange haben sie mir den Unsinn vorerzählt, bis +ich beinah dazu getrieben gewesen wäre, jene Wahnsinn +herausfordernden Gedanken auch selber zu glauben. — +Aber es ist spät, Federigo, wir wollen morgen wieder früh +aufstehn, und da taugt das lange Schwärmen nichts gute +Nacht, Federigo, gute Nacht,« — und das eine Licht, +das noch unangezündet auf dem Tische stand, an dem anderen +entzündend, reichte er dem Freunde, wie er das alle +Abend that, die Hand, und verließ dann langsam das +Zimmer — aber er vermied seinen Blick — er wandte den +Kopf nicht wieder um, als er ging.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch9" id="ch9"></a>9.</h3> + +<h3>Entschlüsse und Pläne.</h3> + +<p>Der junge Arzt stand wie in den Boden gewurzelt, +den stieren Blick noch immer auf die Thür geheftet, als +schon jener das Zimmer lange, lange verlassen, und es bedurfte +einer geraumen Zeit, ehe er sich nur selbst genug +zu fassen wußte, alles das zu <span class="wide">begreifen,</span> was in der +letzten Stunde mit ihm vorgegangen; erst dann aber war +es, daß er das ganze Entsetzliche seiner Lage begriff, und +sich, vernichtet, in einen Stuhl werfend, barg er das Antlitz +in den Händen und schluchzte laut.</p> + +<p>Was ihm, ein dunkler, furchtbarer Verdacht, nur +manchmal wie das kalte Wetterleuchten einer Schneenacht +durch die Seele gezuckt — was ihm selbst dann, wo er +den Gedanken von sich warf in wilder Hast, in den wenigen +Momenten das Herz mit Furcht und Entsetzen erfüllte +— es war Wahrheit geworden, und mit flammenden Buchstaben +stand es vor seinem inneren Auge, was er mit +leichtgläubigem, thörichtem Herzen gethan.</p> + +<p>Einem Wahnsinnigen hatte er zur Flucht aus dem +Krankenhaus geholfen — einen Wahnsinnigen eingeführt +in den stillen Familienkreis der Freunde, und Jenny — +heiliger Gott und Erbarmer — Jenny war elend geworden +durch ihn, durch ihn, der sein Leben mit Freuden +hinausgeworfen hätte, ihr eines Jahres Glück dafür zu +kaufen.</p> + +<p> </p> + +<p>Er verbrachte die ganze Nacht damit, im Zimmer auf +und ab zu gehen und Pläne zu ersinnen, all dem Unheil +vorzubeugen, das er selber muthwillig heraufbeschworen — +Pläne, die er wieder verwarf, wie sie kaum in ihm aufgestiegen +und er fürchtete selbst den anbrechenden Tag, der +vielleicht schon die Entwickelung des Entsetzlichen mit sich +bringen konnte.</p> + +<p> </p> + +<p>Was sollte er thun, wie dem tödtlichen Pfeile wehren, +der, einmal der Sehne entflogen, in wilder Flucht seinem +Ziele entgegenstrebte? — Sich selber den Gerichten entdecken? +bekennen, was er mitleidigen und selbst getäuschten +Herzens gethan und den Wahnsinnigen wieder in die Gewalt +einer Anstalt liefern? es war das Einzige, was ihm, +so viel er sinnen mochte, vernünftiger Weise zu thun übrig +blieb, und doch sträubte sich immer und immer wieder +sein Herz gegen solche Maaßregel der Gewalt, die den Unglücklichen, +mit dem er nun einmal Freud und Leid so +lange Monate getheilt, auf's Neue in die Mauern eines +Kerkers, vielleicht in die alten Räume zurückwerfen mußte, +und hatte er da nicht die Gewißheit, das endlich im furchtbarsten +Maaße zu werden, was jetzt doch noch möglicher +Weise durch treue Freundeshand geheilt, oder wenigstens +gemildert werden konnte? —</p> + +<p>Und Jenny — mußte ihr nicht das Herz brechen, +wenn sie den Geliebten — <span class="wide">Geliebten?</span> einen Wahnsinnigen +— arme, arme Jenny.</p> + +<p>Er wollte fliehen, aber war nicht gerade jetzt seine +Gegenwart es allein, die noch vielleicht Unglück und Verderben +von bedrohten, <span class="wide">lieben</span> Häusern abwehren konnte? +er wollte hin zu Newlands, und sie von dem Schrecklichen +in Kenntniß setzen, und fürchtete doch auch wieder den +Augenblick, wo er dem Mädchen gegenüber die Schreckensworte +aussprechen sollte.</p> + +<p>Ihm schwindelte zuletzt von all den Gedanken; die +ihm Hirn und Seele folterten, und zum Tode erschöpft, +warf er sich endlich auf sein Lager — seine Angst, sein +Weh fortzuträumen in tollen Bildern.</p> + +<p>Als er am nächsten Morgen erwachte, stand Don +Gaspar an seinem Bett, und noch ehe er sich die Vorgänge +des letzten Abends ins Gedächtniß zurückrufen konnte +— und nur die dunkle Erinnerung daran lag noch, +eine Last, auf seiner Seele — bat ihn der Spanier mit +vollkommen unbefangener, ruhiger Stimme, aufzustehen +und sich anzuziehen — das Wetter sei wundervoll und sie +wollten einen Spatziergang mitsammen machen. Fast mechanisch +gehorchte er, so oft er aber auch versuchte dem +Blick des Unglücklichen zu begegnen, so oft mißlang ihm +das, und Don Gaspar trat zuletzt an das Fenster, und +schaute, an den Scheiben trommelnd, hinaus, bis jener +seine Toilette beendet hatte und ihm auf die Straße folgen +konnte.</p> + +<p>Auch dort waren sie schon eine lange Strecke neben +einander hingeschritten, ehe Einer von ihnen auch nur ein +Wort gesprochen hätte — sie schienen sich Beide vor einem +Beginn zu fürchten, und so stutzig Leifeldt im Anfang über +das vollkommen gefaßte, stille Benehmen des Mannes gewesen +sein mochte, bei dem er die Raserei wieder voll ausgebrochen +glaubte, so blieb es doch auch keinem Zweifel +unterworfen, daß der Spanier sich dessen, was er gestern +getrieben, wenigstens halb bewußt sein mußte. Sein ganzes, +scheues Benehmen sprach ihn schuldig und Leifeldt +wußte nur nicht, ob ihm der ganze vergangene Abend klar +im Gedächtniß liege, mit all den Einzelheiten dessen, was +er gethan und gesprochen, oder ob nur eine wilde, unbestimmte +Ahnung begonnenen Unheils in ihm gähre und +arbeite, und er jetzt darauf hoffe, durch den Freund von +selbst und ohne weiter darauf einzugehen, die nöthige Aufklärung +und Beruhigung; oder — Bestätigung des unbestimmt +Gefürchteten — zu bekommen.</p> + +<p>Leifeldt schwieg aber ebenfalls; er konnte sich nicht +dazu zwingen, jetzt, mit all dem Vergangenen noch frisch, +als sei es vor wenigen Minuten geschehen, im Gedächtniß, +eine gleichgültige Unterhaltung zu beginnen, und er <span class="wide">fürchtete</span> +den offenen Schaden zu berühren, der im Bereiche +seiner Hand lag.</p> + +<p>Don Gaspar konnte endlich dies peinlich werdende +Schweigen nicht länger ertragen und sagte, ohne jedoch zu +seinem Begleiter aufzuschauen, mit leiser, kaum hörbarer +Stimme:</p> + +<p>»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken, Federigo +— er bekommt mir jedesmal schlecht, und ich fühle +mich aufgeregt und erhitzt nach dem Genuß.«</p> + +<p>»Hast Du gestern so viel Wein getrunken?« frug +Leifeldt rasch zu ihm aufschauend — eine neue Hoffnung +öffnete ihm hier die Bahn — hätte der Wein allein die +Schuld getragen, und war es möglich, daß wirklich das +starke, ungewohnte Getränk eine solche Aufregung hervorgerufen?</p> + +<p>»Viel gerade nicht,« entgegnete der Spanier unruhig, +»aber der Wein, den diese Engländer trinken, ist schwer +und feurig, er wird in den Adern zu glühender Lava, +und treibt das Blut kochend in das Hirn hinauf — ich +darf keinen Wein wieder trinken.«</p> + +<p>»Er hat Dich sehr angegriffen,« sagte Leifeldt.</p> + +<p>Don Gaspar warf ihm einen scheuen Seitenblick zu, +und erwiederte mit einem verlegenen Lächeln:</p> + +<p>»Es ist das mein alter Fehler, und diente einst zum +Vorwand für meine Argentinischen Feinde, mich in Banden +zu legen; aber die ganze spanische Nation ist mäßig — +Du wirst selten, oder nie einen Betrunkenen unter ihnen +sehen, und kleine Quantitäten bewirken dann auch oft bei +dem sonst Nüchternen, was zehnfache Massen nicht bei +mehr abgehärteten Naturen zu Stande brächten.«</p> + +<p>»Und <span class="wide">weißt</span> Du, was Du gestern Abend gesprochen +und getrieben?« sagte Leifeldt, stehen bleibend und ihn +aufmerksam betrachtend.</p> + +<p>»Unsinn, wahrscheinlich,« lächelte der Spanier, indem +er langsam weiter schritt — »blanken Unsinn, wie ich es +oft und oft in fieberhafter Aufregung gethan; ein Wunder +wär's nicht, wenn ich zuletzt die tollen Märchen selber +glaubte, die sie mir wieder und immer wieder vorerzählt, +und mich haben zwingen wollen, dem beizustimmen — +mit einiger Ausdauer könnte man, glaub ich, dem besten +Menschen zuletzt einreden, er habe seine eigene Mutter +erschlagen — was habe ich denn gesprochen?«</p> + +<p>Die letzten Worte klangen wieder so leise und lauernd, +daß Leifeldt auf's Neue stutzig wurde, und den Freund +mißtrauisch betrachtete, es lag mehr wie eine unschuldig +hingeworfene Erkundigung in der Frage, und er konnte +sich nicht helfen, der Verdacht hatte einmal Wurzel geschlagen, +er war nicht mehr im Stande ihn so rasch wieder +aus dem Herzen zu reißen. Den Kranken deshalb nicht +noch mehr zu beunruhigen, oder gar mißtrauisch zu machen, +ehe er sich wirklich von dem Gegründetsein seines Verdachtes +überzeugt habe, sagte er gleichgültig — und er mußte +sich gar gewaltsam zusammen nehmen, seine Fassung zu +behaupten: —</p> + +<p>»O, nichts Besonderes — die alte Geschichte, nur +mit so furchtbarer Wahrheit erzählt, daß dem Hörer das +Mark in den Röhren schauderte — Gaspar, Du wärest +im Stande, Einen selbst zum Wahnsinn zu treiben.«</p> + +<p>Don Gaspar seufzte hoch auf und meinte lächelnd, +während er des Freundes Arm ergriff und mit ihm nach +dem Inneren der Stadt zurückdrehte: —</p> + +<p>»Tolle Geschichten — tolle Geschichten, und Gott +sei Dank, daß ich wieder des Himmels freie Luft athme, +hier hat das keine Gefahr, daß solche Gedanken überhand +nehmen und uns verderben, aber in dem engen Gemäuer +fallen sie wie Tropfen häßlichen Giftes ins Ohr und tödten +unsere Gedanken im Keime — freie Luft — freie +Luft!«</p> + +<p>Mit einem inneren Schauder kämpfend, der ihn wohl +in der Erinnerung an das Ertragene beschleichen mochte, +schritt er rasch neben dem Freunde her, und erst in der +Stadt selber schien sich die Wolke zu verziehen, die vor +seiner Seele gelagert. Er wurde gesprächiger, heiterer, und +ehe eine halbe Stunde vergangen, lachte und erzählte er +wieder wie früher.</p> + +<p>Anders war es mit dem jungen Schweden. Im Anfang +— von den Gräuelthaten umgeben, die Rosas wirklich +verübte oder deren er wenigstens beschuldigt wurde — +durch sein gutes Herz getäuscht, konnte er in dem angekündigten +Kranken, in dem er selber nie auffallende Zeichen +wirklicher Geisteszerrüttung beobachtet, wohl einen +unschuldig Eingekerkerten glauben, und einmal auf diese +Spur gebracht, ist es erklärlich, daß er trotz den oft wilden +excentrischen Streichen des Freundes so wenig daran +dachte, in ihm einen Tollen zu sehen, als wir bei den +Menschen, mit denen wir täglich verkehren, sie mögen +sich so wunderlich betragen wie sie wollen, gleich so Entsetzliches +vermuthen. Einmal aber solcher Art der Verdacht +geweckt, und jede Bewegung des jetzt sorgfältig, wenn auch +heimlich Beobachteten, gab Stoff zu neuen Bestätigungen.</p> + +<p>So sehr er sich aber nun auch fürchtete, Newlands +die furchtbare Nachricht zu bringen, so wußte er doch nur +zu gut, daß sie von der Gefahr benachrichtigt werden +mußten; nur er selber wollte der Überbringer solcher Botschaft +nicht sein, und nach einigem Zögern entschloß er sich, +den Argentinischen Konsul aufzusuchen, und diesem die +ganze Thatsache, unbeschönigt, unverändert mitzutheilen. +Er war sich keiner unedlen Handlung dabei bewußt, und +besser jetzt aufrichtig den Fehler gestanden, und den Rath +eines erfahrenen Mannes dabei zur Seite gehabt, als +dann die furchtbaren Folgen thörichten Schweigens <span class="wide">zu +spät</span> zu bereuen.</p> + +<p>Unter dem Vorwand, einige Patienten besuchen zu +müssen, machte er sich von Don Gaspar los, und ging +langsam die Almendral hinauf. Der Kopf war ihm wüst, +das Herz schwer — er fühlte sich recht, recht unglücklich. +Manchmal zwar tauchte auch der Gedanke in ihm auf, jetzt +ja den Nebenbuhler zu verlieren, und der kleine Teufel, +der in unser Aller Seelen wohnt und wühlt und arbeitet, +und dem Herzen des Menschen die Ruhe nimmt, wollte +ihm lockende Bilder vormalen, daß ihm nun bald kein +Hinderniß mehr im Wege stehen, ja daß Jenny ihm den +Frieden ihres Lebens danken würde, wenn er sie von der +furchtbaren Gefahr befreie, der sie fast als Opfer gefallen. +Aber solche Träume dauerten nicht lange, der Versucher +wich, die kalte Vernunft errang sich nur zu bald wieder +den Sieg, und er fühlte dann, daß er Jenny wohl vor +der Gefahr warnen und bewahren, ihr Herz aber ihm nie +und nimmer zuwenden könne — diese Entdeckung vermochte +nie ihn glücklich, aber Jenny wohl recht bald elend zu +machen.</p> + +<p>Wenn Leifeldt übrigens glaubte, den Kranken durch +seinen Vorwand, Patienten besuchen zu müssen, getäuscht +zu haben, so hatte er sich weit geirrt. Mißtrauisch, wie +alle derartige Kranke sind, und mit einer gewissen Schlauheit, +die überhaupt den Zustand des Spaniers charakterisirte, +hatte Don Gaspar schon an dem Morgen, durch +das ganze Betragen Leifeldts nur noch mehr und mehr darin +bestärkt, Verdacht geschöpft, der Arzt <span class="wide">ahne</span> seinen wirklichen +Zustand, und mit dem Verdacht wuchs natürlich auch +die Furcht, daß er ihn verrathen, und an seine Feinde +wieder ausliefern würde — eine Furcht, die zur Gewißheit +wurde, als er den Schweden seine Richtung gerade +zu nach der Wohnung des Argentinischen Konsuls nehmen +sah, wohin er ihm vorsichtig in der Entfernung gefolgt war.</p> + +<p>Das Herz schlug ihm wild und stürmisch in der Brust, +und unter seinem Poncho das Heft des Messers ergreifend, +das er heute zum ersten Mal wieder zu sich gesteckt, schien +der erste in ihm aufsteigende Gedanke, dem er auch augenblicklich +nachgab, <span class="wide">der</span> zu sein, dem Verräther zu folgen +und beide Mitwissende seines furchtbaren Geheimnisses +unschädlich zu machen. —</p> + +<p>Die Hausthür fand er noch angelehnt, und statt zu +pochen, wie es in den südlichen Ländern, selbst an den +offenen Thüren Sitte ist, trat er rasch hinein und wollte +eben die Treppe hinauf springen, als er von oben nieder +fremde Stimmen hörte, und dem ersten Impuls folgend +in ein offen stehendes Seitenzimmer, dessen Thür er rasch +hinter sich anzog, hineinglitt.</p> + +<p>Die Unterhaltung der Heruntersteigenden wurde laut +geführt und Don Gaspar schien ungeduldig ihre Entfernung +zu erwarten, als plötzlich ein Name draußen wie ein +jäher Schlag durch seine Glieder zuckte, und er in gespanntester +Aufmerksamkeit, alles Andere um sich her vergessend, +an der Thüre lauschte, kein Wort von dem draußen +gesprochenen zu verlieren.</p> + +<p>»Don Luis de Gomez,« sagte die eine Stimme, die +einem älteren Manne anzugehören schien, »hat sonst weiter +keine Befehle hinterlassen, Amigo?«</p> + +<p>»Keine daß ich wüßte,« entgegnete die andere — +»sorgt nur dafür, daß seine Zimmer in Guillota bereit +sind, denn ich glaube kaum, daß er sich länger als zwei +Tage in Valparaiso aufhalten wird.«</p> + +<p>Die beiden Männer standen jetzt unten vor der Thür, +hinter welcher der Spanier, sein Ohr gegen das dünne +Holz gepreßt, lauerte, und der erstere meinte wieder: —</p> + +<p>»Die Señora wird wohl nicht so rasch wieder fort +wollen — Reisen greift an und ein paar Rasttage sind +manchmal nöthig.«</p> + +<p>»Das weiß ich nicht und geht mich nichts an,« +brummte der Andere — »Weiberlaunen sind wunderliche +Dinge und wenn's ihr in den Kopf kommt, bleibt sie +vielleicht den ganzen Sommer hier, mag Don Gomez dagegen +sagen was er will. — Wer war denn der junge +Mann, der eben zu Don Guzman ging? — Den habe ich +doch noch nicht hier gesehen.«</p> + +<p>»Ein deutscher Doktor, glaub' ich, der sich hier aufhält,« +lautete die Antwort — »aber ich wollte, wir könnten +gehen, weßhalb mögen wir denn hier noch warten +sollen?«</p> + +<p>»Blitz noch einmal, wie der Señor erschrak, als er +Don Luis Namen hörte,« sagte der Jüngere wieder, »und +hast Du nicht bemerkt, wie er meinem Herrn etwas ins +Ohr flüsterte? — ich glaube wahrhaftig, es ist deßhalb, +daß wir warten müssen, denn da wird schon wieder geklingelt +oben — bleibe einen Augenblick, Compañero, ich +bin gleich wieder bei Dir« — und mit flüchtigen Sätzen +sprang er die Treppe hinauf, dem Ruf Folge zu leisten, +während der Alte, die Hände auf dem Rücken unter seinem +kurzen blauen Poncho gekreuzt, auf- und abging und ungeduldig +die Rückkehr des Kameraden zu erwarten schien.</p> + +<p>Es dauerte etwa fünf Minuten, bis dessen Schritte +wieder auf der Treppe gehört wurden — dem Lauschenden +dünkte die Zeit indessen eine Ewigkeit — als er aber wieder +herunter kam, flüsterte er rasch und heimlich dem Andern +zu:</p> + +<p>»Hallo, Compañero — was Neues im Wind — die +Señora wird gar nicht in der Stadt bleiben, sondern +gleich durch, nach Guillota fahren — der deutsche Doktor +hatte unendlich viel zu erzählen.«</p> + +<p>»<i>Caramba</i>, was ist da wieder passirt!« rief der Alte, +»woher denn wieder die Gegenordre?«</p> + +<p>»Soll mich ein Norder mit meinem Boot in der Bai +erwischen, wenn ich daraus klug werde,« brummte der +Erste — »der Doktor steckt übrigens dahinter, so viel ist +sicher, nur konnte ich nicht herausbekommen, <span class="wide">was</span> sie eigentlich +mit einander hatten. — Aber komm, wir haben wahrhaftig +keine Zeit zu verlieren, denn wenn die Herrschaften +heute Morgen noch wirklich eintreffen, möchten wir wenig +Stunden zu Vorbereitungen übrig behalten. — So viel +ist übrigens gewiß, Amigo —« und die Stimmen wurden +hier undeutlich, als die beiden Männer vor die Thür traten, +und diese hinter sich in das Schloß drückten.</p> + +<p>Wenige Minuten später stand Don Gaspar auf der +Stelle, die jene eben verlassen, und für Momente schien +er unschlüssig, wohin er sich wenden solle, die Treppe +hinauf, seinem ersten Plan zu folgen, oder das Haus +verlassen, dem nach zu handeln, was er eben gehört. +Das Letztere schien zuletzt den Sieg davon zu tragen — +er horchte noch einen Augenblick gegen die Treppe hin, +ob er keine Stimmen unterscheiden konnte, als sich aber +dort gleich darauf eine Thür öffnete und irgend eine fremde +Stimme laut wurde, öffnete er rasch von innen die Hausthür +und verschwand gleich darauf ins Freie und in der +belebten Straße.</p> + +<p>Leifeldt indessen, der keine Ahnung davon hatte, daß +gerade Don Gaspar, der »entsprungene Wahnsinnige,« +ihm gefolgt war und auf ihn gelauert habe, ja daß dieser +nur vermuthen konnte, welchen Weg er eingeschlagen, +nannte kaum den wirklichen Namen des Spaniers, als +Don Guzman auch entsetzt von seinem Stuhle aufsprang +und mit wahrhaft peinlicher Spannung der kurz gefaßten +Erzählung des jungen Schweden lauschte. Rasch theilte +er diesem nun auch die baldige Ankunft Don Luis de Gomez +mit, der, wie die Sache jetzt stand, in der That der +größten Gefahr ausgesetzt war, von dem Unglücklichen angefallen +zu werden, und rieth — nachdem er den Diener +wieder heraufgerufen und seine Befehle dahin geändert +hatte, die Señora selber wenigstens jeder Unannehmlichkeit +aus dem Wege zu führen — dem jungen Arzt, augenblicklich +mit ihm auf die Polizei zu gehen, und dort Hülfe zu bekommen, +sich des Wahnsinnigen wieder zu bemächtigen, +den man ja dann, um wo möglich jedes Aufsehen zu vermeiden, +einfach auf seinem Zimmer überraschen und gefangen +nehmen konnte.</p> + +<p>Dagegen sträubte sich Leifeldt aber auf das Entschiedenste, +denn er selber wollte nicht an dem Mann, den +er einmal aus seinem Kerker geholfen und dessen Freund +er geworden, zum Verräther werden, nur Hülfe verlangte +er, bei wirklich wieder ausbrechender Raserei — denn es +war ja doch möglich, daß die ganze Krankheit des Unglücklichen +einfach und allein in eine harmlose Schwermuth +ausgeartet sei — jedes Unglück zu vermeiden, und die +nahe Ankunft des einzigen Menschen, der auf den Kranken +einen wirklich gefährlichen Einfluß auszuüben schien, mußte +jedenfalls diese Katastrophe beschleunigen. Erwachte dann +in dem Hirn des Spaniers der alte wilde Grimm auf's +Neue, brach sich die Krankheit wieder Luft, dann erbot +sich Leifeldt selber mit Hand anzulegen, sich des Unglücklichen +wieder zu bemächtigen — nur bis dahin verlangte +er Nachsicht, und ersuchte zu dem Zweck Don Guzman, +ihm einen passenden Mann zu empfehlen, den er möglicher +Weise Don Gaspar als seinen Freund vorstellen und in +seiner Nähe halten konnte, im entscheidenden Augenblick +kräftige Hülfe zu haben.</p> + +<p>Don Guzman war mit dem Plan gar nicht einverstanden, +erklärte auch dem jungen Arzte rund heraus, er könne +sein Betragen, der Argentinischen Regierung gegenüber, +als deren Konsul, keineswegs billigen, und nur der Name +seines Freundes, Don Luis de Gomez, halte ihn zurück, +die ganze Sache ohne Weiteres den chilenischen Gerichten +zu übergeben, er fürchte aber dadurch mehr Aufsehen zu +erregen, als Don Luis vielleicht lieb sein würde, aber es +verstehe sich von selbst, daß jener gefährliche Mensch, dessen +getheilte Flucht dem Arzt selber noch theuer zu stehen kommen +könne, wenn er jetzt nicht auch aus allen Kräften +dazu beitrage, den Fehler wieder gut zu machen, ohne +weiteres wieder eingezogen und unschädlich gemacht werden +müßte.</p> + +<p>»Señor,« sagte Leifeldt da ruhig — »ich habe Sie +aufgesucht und vertrauensvoll zum Mitwisser meines Geheimnisses +gemacht, dem Unglücklichen noch die <span class="wide">Möglichkeit</span> +zu geben, seine Freiheit zu behalten, wenn es sich +wirklich ausweist, daß er nicht gefährlich ist; im anderen +Fall hätt' ich mich gleich an die Polizei selber gewandt. — +<span class="wide">Versagen</span> Sie mir die Hülfe, dann bedauere ich aber +auch, Sie umsonst bemüht zu haben, denn seien Sie versichert, +daß Sie in dem Fall, in Zeit einer Stunde weder +mich noch Don Gaspar mehr in Valparaiso finden werden, +und alle Folgen kommen über Ihr Haupt.«</p> + +<p>Don Guzman war in peinlicher Verlegenheit, und +ging wohl zehn Minuten mit untergeschlagenen Armen und +raschen Schritten im Zimmer auf und nieder; über die +Scrupel einer vertraulichen Mittheilung hätte er sich schon +hinweggesetzt, mußte er nicht fürchten, daß der Schwede +seine Drohung wahr mache, und dem Spanier zum zweiten +Mal zur Flucht behülflich wäre. List allein konnte +ihm hier helfen.</p> + +<p>»Gut, Señor,« sagte er nach einer ziemlich langen +Pause, nach der er mit verschränkten Armen vor dem +jungen Arzte stehen blieb — »ich gehe auf Ihren Vorschlag +ein, und habe auch einen passenden Mann, einen +wirklichen Caballero von Riesenstärke und mir eng befreundet, +der mir zu Liebe die allerdings schwierige, ja +vielleicht gefährliche Stellung übernehmen wird; ich hoffe +aber, daß Sie <span class="wide">bald</span> — sehr bald zu einem entscheidenden +Resultat auf eine oder die andere Weise kommen, denn +Sie können sich denken, daß ich Don Luis nicht der Gefahr +aussetzen mag, meiner eigenen und hier allerdings +sehr unzeitigen Gutmüthigkeit als Opfer zu fallen.«</p> + +<p>Leifeldt versprach Alles, so lange er nur nicht unnöthiger +Weise an dem Freund zum Verräther zu werden +brauchte; ja nahm sogar gern das Anerbieten Don Guzmans, +der ihn nicht aus den Augen lassen wollte, an, +ihn zu der Wohnung dieses neuen Agenten zu begleiten, +von dem der Argentiner so kräftigen Schutz und Beistand +hoffte, und die beiden Männer machten sich dorthin ungesäumt +auf den Weg.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch10" id="ch10"></a>10.</h3> + +<h3>Don Manuel.</h3> + +<p>Don Manuel, den sie glücklicher Weise zu Haus und +eben beschäftigt trafen, in aller Gemüthsruhe seinen Maté<a href="#fn19"><small><sup>19</sup></small></a> +aus einer dünnen silbernen Bombille oder Röhre zu ziehen, +war eine kleine behäbige aber korpulente, kräftige Gestalt, +mit dem gutmüthigsten Gesicht von der Welt, das nur +ein paar schmale, schwarze, lebendige Augen, die gar vergnügt +aus der Fettmasse herausblitzten, Lügen straften. +Er empfing die Männer auf das Freundlichste, und wenn +sich auch Leifeldt eine solche Hülfe allerdings anders gedacht +hatte, ließ ihn Don Guzman doch gar nicht zu Worte +kommen, sondern machte den neuen Theilnehmer ihres +Plans ohne Weiteres mit dem bekannt, was sie zu ihm +geführt hatte, und worin sie seinen Beistand in Anspruch +zu nehmen wünschten.</p> + +<p>Don Manuel schnitt allerdings im Anfang ein etwas +bedenkliches Gesicht, und schien sich einer solchen Mission +gerade nicht sehr zu freuen, ja weigerte sich sogar, etwas +derartiges allein zu unternehmen; Don Guzman zog ihn +aber in eine Fensterbrüstung, und nachdem er sich dort +eine ziemlich geraume Zeit gar eifrig mit ihm unterhalten, +erklärte sich der kleine Chilene bereitwillig, jedoch nur unter +der Bedingung, daß der also zu Beaufsichtigende nicht +etwa gefährliche Waffen an sich herum trage.</p> + +<p>Alles Weitere besprachen sie unterwegs, denn Leifeldt +wünschte so rasch als möglich zu dem Kranken zurückzukehren, +ehe ihn die Nachricht von der Ankunft Don Luis +erreichen konnte.</p> + +<p>Sie fanden ihn langsam im Zimmer auf- und abgehend, +und er grüßte den Fremden, der ihm als ein +hiesiger Kaufmann Don Manuel vorgestellt wurde, auf +das Freundlichste, ja es schien sogar, als ob er gerade +heute seine rosigste Laune habe, und wie er mit dem kleinen +dicken Mann erst nur ein wenig bekannt war, lachten und +erzählten die beiden miteinander, als ob sie seit Jahren +die besten Freunde gewesen wären.</p> + +<p>Don Manuel nahm Leifeldts, schon vorher verabredete +Einladung zu Tisch an, und dort war es, wo der Chilene +zuerst den Namen Don Luis de Gomez — anscheinend +leicht hingeworfen — erwähnte, die Wirkung zu beobachten, +die sie auf den Spanier haben würde; Don Gaspar +war aber den Morgen hindurch so auf diesen Namen +vorbereitet, daß seine Bewegung, die er dennoch nicht ganz +unterdrücken konnte, keinesfalls von den beiden Männern +bemerkt worden wäre, hätten ihn diese nicht eben so scharf im +Auge behalten. Das Gefühl, sich bewacht zu wissen, half +dazu, und das Blut schoß ihm im förmlichen Strom in +die Schläfe, Don Manuel hatte aber das Gespräch schon +wieder nach anderer Richtung gelenkt, und erzählte jetzt +dem jungen Arzt von einer Schlägerei, die an dem Morgen +zwischen englischen und chilenischen Matrosen statt gefunden, +in so komischer Weise, daß bald alle anderen Gedanken +in einem schallenden Gelächter Don Gaspars untergingen.</p> + +<p>Nach Tisch schlug Don Manuel den beiden Freunden +einen Spatziergang vor, und das Gespräch dabei auf die +alten spanischen Kriege bringend, in denen die Chilenen, +von dem argentinischen General San Martin wacker unterstützt, +die Macht ihrer bisherigen Herren brachen und sie +zum Lande hinausjagten, schlug er ihnen vor, eine der +alten nothdürftigen Befestigungen zu besuchen, die sich, +wenn auch nicht mehr benutzt, doch bis zu dem heutigen +Tag erhalten hätten, und jedenfalls von historischem Interesse +wären.</p> + +<p>Leifeldt wußte dabei nicht, wie er sich das Betragen +seines neugewonnenen Bundesgenossen erklären sollte, denn +statt einem bestimmten Resultat, zur wirklichen Ergründung +der Krankheit Don Gaspars zuzustreben und gerade +mit Don Luis de Gomez Namen den Unglücklichen zu +sondiren, wich dieser jedem solchen weiteren Gespräch geflissentlich +aus, und näherte sich der junge Arzt nur im +Entferntesten wieder diesem gefährlichen Thema, das er +nicht selber direkt beginnen durfte, so hatte gerade Don +Manuel sicher tausend Scherze bereit, auf die Don Gaspar, +in heute wirklich muthwilliger Laune, mit Freuden +einging.</p> + +<p>So waren sie von der Plaza del Victoria aus zu +einer kleinen Gasse gekommen, deren Häuser an die stattliche +Kirche des Platzes stießen, und von denen das nächste +auch wohl mit dieser noch in Verbindung stand, denn es +schien unbewohnt, und die Außenseite der Gebäude zeigte, +außer einem einzelnen starkvergitterten Fenster im unteren +Stock, nur die hohe, kahle Mauer. Schon unterwegs hatte +ihnen Don Manuel die Geschichte dieses kleinen, unscheinbaren, +aber jedenfalls merkwürdigen Gebäudes erzählt, und +durch eine Sage besonders, nach der noch in heutigen +Tagen oder vielmehr Nächten, die Geister dreier erschlagener +Spanier dort umgingen, sogar ihre Neugierde rege +gemacht.</p> + +<p>Don Gaspar selber bat im Anfang Don Manuel, +sie zu dem Schauplatz all dieser wunderlichen Dinge hinzuführen, +als sie aber den Platz erreichten, und er das +düstere, niedere, unheimliche Gebäude, die stark vergitterten +Fenster sah, schien er zum ersten Mal Verdacht zu +schöpfen und blieb, einen raschen, mißtrauischen Blick umherwerfend, +stehen, als ob er das Terrain, dem er sich +jetzt anvertrauen sollte, vorher erst untersuchen wolle.</p> + +<p>Oben an einem der Fenster waren zwei paar Augen +sichtbar geworden, die neugierig den Kommenden entgegengeschaut, +sich aber rasch und scheu zurückzogen, als sie den +Blick des Spaniers nach sich aufschweifen sahen.</p> + +<p>»Nicht wahr, das alte Haus sieht düster genug für +eine Gespenstergeschichte aus,« sagte Don Manuel, dem +vielleicht jene zwei paar Augen entgangen waren, lachend, +als er das Zögern seines Schutzbefohlenen bemerkte und +neben ihm stehen blieb: »wär' ich Präsident, ich ließe es +einreißen, ich möchte wenigstens nicht einmal in der Nähe +wohnen.«</p> + +<p>Don Gaspar zögerte noch einen Augenblick, dann +aber, wie zufrieden gestellt von dem Äußeren und ohne +etwas auf seines Begleiters Bemerkung zu erwiedern, +schritt er langsam gegen die offene Thür zu, die er jedoch +nicht eher betrat, bis Don Manuel vor ihm eingetreten +war. Der kleine Mann wollte ihm allerdings den Vorrang +lassen, Don Gaspar nöthigte ihn aber mit so zuvorkommender, +aber auch zugleich kalter Höflichkeit, daß er +nicht umhin konnte, nachzugeben. Die Thür blieb hinter +ihnen offen.</p> + +<p>Der innere Raum sah wüste und öde aus — zuerst +betraten sie einen kleinen, schmalen Hof, in dem das Gras +lustig emporwucherte. In der Mitte desselben befand sich +ein alter verfallener Brunnen, und an den Seiten stand +aufgeschichtetes, halb vermodertes Bauholz und lagen alte, +eiserne Klammern und Bolzen. Aber auch hier im Inneren +waren die meisten Fenster, einige wenige ausgenommen, +deren Gewände schon eingebrochen, den Zahn der +Zeit oder die rauhe Hand des Menschen verriethen, mit +starken eisernen Gittern versehen; Don Manuel aber, wie +schon bekannt in diesen Räumen, wandte sich jetzt gleich +links, einer schmalen Treppe zu, die in das Innere hinaufführte.</p> + +<p>»Halt, Señor, halt!« rief da Don Gaspar, — »nicht +so schnell, erst erklären Sie uns diesen Hof, Sie haben +uns genug schon davon erzählt, und der Schauplatz der +meisten Gräuelthaten war ja gerade hier. Wo hat der +Galgen damals gestanden?«</p> + +<p>»Wir kommen nachher wieder hierher zurück,« erwiederte +der Chilene, sich halb dabei nach dem Frager umwendend, +»zuerst wollen wir nur erst die oberen Gemächer +und besonders das Zimmer besuchen, wo die drei Spanier +ermordet wurden und jetzt allnächtlich ihre Zusammenkunft +halten sollen.«</p> + +<p>»Und wohnt jetzt weiter Niemand hier im Haus?« +frug Don Gaspar, noch immer ohne von der Stelle zu +gehn, und auch Leifeldt schien unschlüssig zu werden, ob +er Don Gaspar zureden solle, zu folgen oder ihn zurückhalten, +denn er fing selber an, mißtrauisch gegen die Bewegungen +ihres Führers zu werden.</p> + +<p>»Keine Seele — schon seit der Revolution,« rief der +Chilene zurück, und stieg langsam die Treppe hinauf, über +des Spaniers Züge aber zuckte ein höhnisches, fast triumphirendes +Lächeln, und dem jungen Arzt auf die Schulter +klopfend, rief er laut und lustig:</p> + +<p>»<i>Bueno, vamos compañero</i><a href="#fn20"><small><sup>20</sup></small></a>« und mit einigen raschen +Sätzen, während Leifeldt nur halb zufrieden den Beiden +folgte, hatte er den Chilenen wieder eingeholt, der an +dem oberen Treppenabsatz stehen blieb, sich noch einmal +nach unten umsah, und dann Don Gaspar bat, ihm zu +folgen. Der Blick jedoch, mit dem er dieß that, mußte +bei dem wachsamen Kranken Verdacht erregt haben — er +zögerte einen Moment, trat dann ein paar Schritt von +der Treppe fort, und als er wieder nach unten schaute, +sah er zwei Männer, die sich an die Treppe postirten und +hörte Leifeldts Stimme, der sie frug, was sie da wollten.</p> + +<p>»Sehn Sie, Don Gaspar!« rief in diesem Augenblick +Don Manuel, mit vielleicht absichtlich etwas lauter +Stimme, »hier ist das eine Zimmer, von dem ich Ihnen +sagte — bitte, kommen Sie hierher — dort drüben können +Sie noch das Blut erkennen.«</p> + +<p>Don Gaspar lachte laut auf und langsam auf den +Chilenen zuschreitend, sagte er, sich auf dessen Schulter mit +seinem linken Ellbogen stützend:</p> + +<p>»Wir haben Besuch da unten bekommen — noch ein +paar Herren, die wahrscheinlich auch die Merkwürdigkeiten +dieser alten Revolutionsveste anzuschauen wünschen, aber +Don Federigo, hahaha, Don Federigo will sie nicht herauf +lassen.«</p> + +<p>Don Manuel machte ein etwas verdutztes Gesicht, +und schien sich in dem Augenblick so in der unmittelbaren +und fast etwas zu vertraulichen Nähe des jungen Mannes +nicht besonders wohl zu fühlen, außerdem mußte ihm die +Unterhaltung unten ebensowenig angenehm sein, und er +machte auch schon eine Bewegung, als ob er nach der +Treppe zurückgehen wollte, besann sich aber wieder und +sagte dann gleichgültig:</p> + +<p>»Besucher? — wohl schwerlich, Don Gaspar, müßiges +Gesindel, das sich auf den Straßen herumtreibt und bettelt, +Don Federigo wird sie schon abfertigen, bitte, kommen +Sie.«</p> + +<p>Don Gaspar hatte indessen seine Stellung nicht verändert +und das Lächeln, das um seine Mundwinkel zuckte, +gefiel dem scheu zu ihm aufschielenden Chilenen nicht; +dieser machte sich auch von dem Arm des ihn ruhig +gewähren lassenden Spaniers los und trat auf die Schwelle +der nächsten Thür.</p> + +<p>»Aber wollen wir nicht warten, bis sich Don Federigo +uns anschließt, Señor?« sagte der Spanier, ohne den +Platz zu verlassen, auf dem er stand, und wo er aus dem +schmalen Gang durch ein offenes und gitterfreies halbverfallenes +Fenster eine kleine Beistraße überschauen konnte — »Wetter +noch einmal, dieß muß früher wirklich eine Art von +Gefängniß gewesen sein, sehn Sie nur, Don Manuel, was +für schwere Thüren und an einigen wirklich noch starke +Riegel — das Schloß, was dort liegt, scheint man total +vergessen zu haben — puh, wie dumpfig die Räume hier +sind,« setzte er schaudernd und fast wie mit sich selbst redend +hinzu — »wie dumpfig und schwül gegen die freie, +herrliche Natur da draußen.«</p> + +<p>Er schritt langsam in dem Gang hin und blieb neben +Don Manuel stehn, der wieder, ohne sich irre machen zu +lassen, seine Erklärung des entsetzlichen Mordes begann.</p> + +<p>»Und ich werde es unter keiner Bedingung zugeben,« +tönte in diesem Augenblick die Stimme des jungen Arztes +klar und deutlich zu ihnen herauf, »ich habe selber mit —« +und die Worte wurden hier leiser und undeutlich.</p> + +<p>»Es scheint doch ein Besuch zu sein,« meinte Don +Gaspar lauernd; Don Manuel aber, der zuerst seine Unterlippe +zwischen die Zähne und die Brauen zusammenzog, +gewann bald seine Ruhe wieder und sagte lachend:</p> + +<p>»Unser junger Freund hätte die guten Leute auch +können herauf kommen lassen, sie würden uns nicht genirt +haben; doch wie dem auch sei, sehn Sie, Don Gaspar — +dort in jener Ecke können Sie noch die Spuren der schon +erwähnten That erkennen. Ich freue mich, wie irgend +einer meiner Landsleute der gewonnenen Freiheiten unseres +schönen Vaterlandes, aber ich bedauere jene furchtbaren +und leider oft unnütz gewesenen Grausamkeiten, durch die +sie theilweis mit erkauft werden mußten.«</p> + +<p>In diesem Augenblick öffnete sich dicht neben ihnen +leise und geräuschlos eine Thür, und ein Kopf schaute +heraus, fuhr aber schnell wieder zurück, als er noch eine +Gestalt auf der Schwelle der Thüre bemerkte, Don Gaspar +hatte jedenfalls nur den flüchtigen Schein desselben +bekommen, aber er blieb regungslos in seiner Stellung +und wieder nur spielte das Lächeln um seine Lippen. Es +war kein Zweifel, er kannte die Gefahr, in der er sich befand, +zu ihrer vollsten Größe, aber gerade <span class="wide">das</span> schien ihn +zu reizen, wie er sich dem Hai entgegen und unter die +Hufen der wüthenden Rosse geworfen hatte, so spielte er +damit, den Augenblick mit wahrer und wilder Schadenfreude, +erwartend, wo sie in ihrer Macht über ihn hereinbrechen +würde — was wußte er von <span class="wide">Furcht?</span></p> + +<p>»Und doch wohnen hier noch Menschen oder hausen +hier wenigstens zu Zeiten,« bemerkte der Spanier, auf +fünf oder sechs erst kürzlich weggeworfene Stümpfe von +Cigarillos<a href="#fn21"><small><sup>21</sup></small></a> deutend, die nicht weit von der Thür am +Boden lagen.</p> + +<p>»Besucher jedenfalls, die sich den alten Platz anschauen,« +erwiederte der Chilene, »die Regierung soll es aber, wie +ich kürzlich gehört habe, nicht gern sehn, wenn besonders +Fremde hierher kommen; solche Grausamkeiten machen immer +böses Blut, und man vermeidet gern, jetzt, wo +überdieß die Zeit auch schon so lange vorüber ist, jede Erinnerung +daran.«</p> + +<p>»<span class="wide">Diesem</span> Princip nach scheint Don Federigo ebenfalls +zu handeln,« lächelte Don Gaspar, nach dem niederen gegenüber +liegenden vergitterten Fenster deutend, das den +inneren Hof überschaute. Dort wurden eben die beiden +Männer sichtbar, die über den Hof schritten und diesen, +allem Anschein nach, verlassen wollten, als Don Manuel +auch, wie sie schon fast die Thür erreicht hatten, an das +kleine Fenster sprang, hinaus rief und sie bat, zurück zu +kommen.</p> + +<p>»Es sind Bekannte von mir, Señor,« sagte er dabei, +sich wieder zu diesem wendend, brach aber in der fast entschuldigend +gehaltenen Rede kurz ab und sprang nach der +Thür, denn er sah nur eben noch, wie Don Gaspar durch +dieselbe verschwand und sie hinter sich zudrückte. Zu spät +warf er sich aber mit all seiner Kraft dagegen, der rasch +von außen vorgeschobene Riegel war bestimmt gewesen, +einen <span class="wide">Wahnsinnigen</span> zu halten, und spottete all seiner +Anstrengungen.</p> + +<p>Im Nu hatte aber auch der wachsame Spanier die +zweite Thür, aus der er vorher lauschend den Kopf gesehn +und ohne weiter zu untersuchen, wer oder was darinnen +sei, ebenfalls verriegelt, und laut auf lachte er in +triumphirendem Spott, als auch hier von innen sich Jemand +gegen die Pforte warf und deren Verschließen freilich +vergeblich, zu verhindern suchte.</p> + +<p>»Zwei Vögel mit einem Schlag fest,« rief er dabei +höhnisch Don Manuel zu, als er an diese Thür auch noch +rasch das Vorlegeschloß hing und eindrückte und dann der +Treppe zuschritt — »aber ich sah <span class="wide">noch</span> mehr Augen. <span class="wide">So,</span> +Compañero,« setzte er dann hinzu, »fest und richtig +verwahrt, o armer Don Manuel, allein und einsam jetzt +in der entsetzlichen Schauerkammer, und von einem <span class="wide">Tollen</span> +überlistet, hahahaha!«</p> + +<p>»Machen Sie auf, Don Gaspar, machen Sie auf, +das ist schlechter Spaß — Don Federigo — Pedro — +Fernando!« schrie der Gefangene.</p> + +<p>»Hahahaha!« lachte Don Gaspar, aber seine Hand +lag an dem Griff des langen Messers, das er vorsichtig +und versteckt unter der Weste an seiner linken Seite trug, +denn die Treppe herauf klangen rasche, elastische Schritte. +Es war Leifeldt, und der Spanier, die Hand zurückziehend, +begegnete dem <span class="wide">Freund</span> an dem oberen Treppensims.</p> + +<p>»Was haben Sie gemacht, Don Gaspar, was geht +hier vor?« rief dieser, mit dem Arm den Gang hinabdeutend, +von woher die lauten, fast ängstlichen Laute der +Chilenen tönten.</p> + +<p>»Komm, Federigo,« entgegnete ihm aber der Spanier, +zugleich seine Hand ergreifend und ihn mit sich die Treppe +hinabführend, »komm, wir wollen den Señor Don Manuel +de San José oder wie er sonst heißen mag, ruhig +der Bewunderung seiner spanischen Erinnerungen überlassen +— er hat auch noch Gesellschaft dort oben, aber in +einer Viertelstunde« — setzte er dann rascher und bedeutungsvoller +hinzu, »erwarte mich in unserem Hotel auf +meinem Zimmer, lieber früher als später, ich habe Dir +<span class="wide">Wichtiges</span> zu entdecken — wirst Du kommen?«</p> + +<p>»Gewiß, aber —«</p> + +<p>»Kein <span class="wide">aber</span> jetzt, Amigo — jener Bursche hatte Arges +mit mir im Sinn — beruhige Dich, ich weiß Alles, +und die kleine Lehre wird ihm gut thun, laß mich nur +nicht zu lange warten. Du wirst dort über Manches Aufklärung +bekommen, so säume nicht und überlaß den Señor +da oben seinem Schicksal, ein wenig Angst mag ihm die +Probe dessen sein, was er mir für eine Lebenszeit zugedacht.«</p> + +<p>Sie hatten indessen den Fuß der Treppe erreicht und +begegneten hier den beiden Peons, die allerdings etwas +überrascht stehen blieben, als sie den in so ruhigem Gespräch +die Treppe herabkommen sahen, der, ihrer Meinung +nach, eben da oben eingesperrt, solchen Lärm vollführt +hatte, Don Gaspars fast wunderbare Ruhe sollte sie noch +mehr verwirren, denn dem ersten freundlich auf die Schulter +klopfend, sagte er lachend:</p> + +<p>»Wir haben ihn, Amigo, das war schlau angestellt +und gut ausgeführt — da, verzehrt das in der nächsten +Pulperia.« Dem ersten einen Dollar in die Hand drückend, +nickte er freundlich dem jungen Arzt zu und rasch über +den Hof der Thüre zuschreitend, blieb er nur einen Moment +noch an der Pforte stehn, zurückzuschauen, warf dem +jetzt wüthend in den Hof hinab tobenden Don Manuel +einen lächelnden Kuß mit den Fingerspitzen zu, und war +wenige Sekunden später in dem schmalen dunklen Ausgang +verschwunden.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch11" id="ch11"></a>11.</h3> + +<h3>Der Spanier und das Mädchen.</h3> + +<p>Eine merkwürdige Ruhe, nur manchmal von einem +eigenthümlichen kecken Humor durchblitzt, hatte das Betragen +des Spaniers die ganze Zeit, und zwar von dem Augenblick +an charakterisirt, wo er das ihm verdächtige Gebäude +in der Gesellschaft der beiden Männer betreten, bis +zu da, wo er dessen Schwelle — allein — wieder überschritt, +wie verwandelt aber schien er selbst in dem Moment, als +er die dunkle, finstere Mauer, als er die Gefahr damit, +hinter sich ließ. Wie nach jeder übergroßen, übernatürlichen +Anspannung und Überreizung der Sehnen, stellte sich eine +um so gewaltigere Erschlaffung ein, da sie so plötzlich war +— der Schweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirn +und förmlich gewaltsam mußte er sich aufraffen, noch Kraft +genug zu behalten, in flüchtigen Sätzen die Straße hinab +zu fliehn.</p> + +<p>Dort passirte gerade in dem Moment einer der gewöhnlichen +Wagen mit zwei Pferden, das eine in der Gabel, +das andere am Gurt befestigt, den Kutscher halb schlafend +auf dem Bock.</p> + +<p>»<i>Ahi, amigo!</i>« rief er dem mechanisch bei dem Ruf +in die Zügel greifenden zu und schwang sich, ohne die +Thüre zu öffnen, in das Innere — »kennst Du die Wohnung +des alten englischen Señors, Don Guillelmo Nulando?«</p> + +<p>»<i>Si, Señor!</i>«</p> + +<p>»Brav, mein Bursche, rasch denn dort hin, ein gutes +Trinkgeld ist Dein.«</p> + +<p>Der Kutscher berührte seine Thiere mit der schwanken +Peitsche, und der Wagen klapperte in scharfem Trab die +Almendral hinauf, der Wohnung Mr. Newlands zu, den +Passagier kaum zehn Minuten später, vor dessen Thüre abzusetzen.</p> + +<p>Don Gaspar klopfte und folgte der alten Magd, die +ihm öffnete, die Treppe hinauf. »Mr. Newland war auf +der Börse, das Dampfschiff ankommen zu sehn, was diesen +Morgen signalisirt worden, und durfte wohl kaum vor +Abend zurück erwartet werden; Mistreß war ebenfalls ausgegangen +und Miß Jenny allein oben im Parlour — der +junge Mann hatte sie ja schon so oft besucht, Miß Jenny +würde sich gewiß freuen, ihn zu sehn, sie brauchte ihn +gar nicht mehr zu melden.«</p> + +<p>Don Gaspar war schon lange, ehe die geschwätzige +Alte nur die Hälfte ihrer Rede vollendet hatte, oben an +der Treppe und im Vorsaal. Was er hier wollte, schien +er selber nicht recht zu wissen — Abschied nehmen? — +sich rechtfertigen? — das Mädchen noch einmal sehen, von +dem ihm der Freund gesagt, daß ihre Seele an ihm hinge +in heißer Liebe? — Es waren das dunkle Bilder, die ihm +wohl vorschwebten und, einer Art von Ziel entgegentrieben, +ohne daß er sich jedoch feste Rechenschaft davon zu geben +gewußt hätte. Er fühlte mehr den Augenblick nahen, der +sein Schicksal überhaupt entscheiden sollte, und — er +mußte der Stelle noch ein Lebewohl sagen, wo er seit +langen, langen Jahren wieder die ersten Stunden heiteren +stillen Glücks verlebt. War es aber das Haus allein, das +ihn gefesselt, mit dem gastlichen Willkommen, der ihm geboten +worden, der derbe Händedruck des biederen alten +Mannes, das geschwätzige, aber so herzliche Wesen der +Matrone, das frohe Lachen des Kindes, das ihm sonst halbe +Straßen lang entgegen lief und an seinem Hals hing — +er hätte keins von alle diesem <ins title="original has wissen">missen</ins> mögen — oder <span class="wide">Jenny?</span> +Seine Hand hielt schon die Klinke erfaßt, und zögernd +noch stand er und starrte vor sich nieder — und Jenny? +hatte sich denn durch das Wort des Freundes eine ganz +neue fremde Welt so plötzlich ihm erschlossen? Er wußte +gar nicht, wie ihm eigentlich geschah, alte wirre Bilder +tanzten vor seinem Hirn, wilde entsetzliche Gestalten drängten +aus ihrem blutigen Hintergrund und wetterschwangere +Wolken lagerten an dem Saum des noch vor Sekunden +so sonnigen Himmels. Dort, dort vor ihm lag eine Heimath, +spielende Kinder jagten sich auf dem grünenden +Rasen, der alte Feigenbaum, der vor der Thür stand, +warf seinen freundlichen Schatten auf ein glückliches Paar, +dessen Züge er kannte. War das Blut, was dort auf dem +grünen, sonnigen Rasen so röthlich blitzte und funkelte, +warmes verströmtes Blut? — Nein, die Sonne hatte den +Thau noch nicht weggeküßt von den Halmen, sie spiegelte +sich jedoch selber so gern in der blitzenden, strahlenden +Herrlichkeit. Aber das Paar dort — es waren Jennys +Züge, und der Mann? das war er <span class="wide">selber</span> — nein, das +Haar schimmerte licht und golden in den einzelnen Strahlen, +die sich durch das dicht verschlungene, zitternde Laub +des Baumes stahlen — das war <span class="wide">Stierna.</span> Was sollte +auch <span class="wide">ihm</span> eine Heimath, ein Heerd, ein Weib, ein Kind, +<span class="wide">ihm,</span> dem Verlassenen, Verstoßenen.</p> + +<p>Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken +Hand, und vor den zusammengepreßten Pupillen tanzten +die Bilder toller und wilder und schmiegten sich rasch und +gefügig in wunderliche Form und Gestalt — <span class="wide">Heimath?</span> +dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes, +ödes Gebäude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben, +die schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen, +düsteren, vergitterten Fenstern unterbrochen, kein lebendes +Wesen in der Nähe, kein Mensch — ja doch, da oben +an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter, die +Stirn, die heiße pochende Stirn an das kalte Eisen gepreßt, +stand ein Mann — es war wunderbar, wie genau +er ihn erkennen konnte, mit den bleichen Wangen und +den schwarzen, tief liegenden Augen — das war er selber +— und die Welt lag vor ihm, <span class="wide">frei, frei</span> im glühenden, +jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das +Dach, die Sperlinge zwitscherten vom First nieder oder +suchten zwischen den stachlichen Kacktusarmen <span class="wide">frei</span> ihr +Futter; drüben über den Häusern konnte er die grasenden +Heerden erkennen, die Möve kreiste über den blutgetränkten +Feldern der nächsten Saladeros<a href="#fn22"><small><sup>22</sup></small></a>, dort jene Reiter +galoppirten <span class="wide">frei, frei</span> über die weite, grünende Steppe, +und nur <span class="wide">er</span> — nur <span class="wide">er</span> — — Wer war der Mann, der da +dicht an der Kacktushecke vor dem Haus stehen blieb und +so freundlich hinaufgrüßte? die Gestalt so bekannt, so +verhaßt, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar — +jetzt wandte sie sich nach ihm her —</p> + +<p>»Don Luis!« schrie er, und die Thürklinke, die er +noch immer gefaßt gehalten in dem wachenden Traum, +brach fast vor der furchtbaren Kraft, mit der sich die Hand +auf ihr schloß in krampfhafter Wuth — »Don Luis!« — +ihm unbewußt öffnete sich dabei die Thür und der Aufschrei +des zum Tod erschreckten Mädchens rief ihn zum +ersten Mal wieder, fast seit er den Wagen verlassen, zu +sich selbst zurück.</p> + +<p>»Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben,« +sagte Jenny, die sich zuerst wieder gesammelt, mit leisem +Vorwurf im Ton, »doch was ist Ihnen, Sie schauen todtenbleich +aus,« setzte sie rasch und besorgt hinzu, »sind +Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen, +was stieren Sie mich so an? Don Gaspar?«</p> + +<p>»Entschuldigen Sie, Señorita — entschuldigen Sie,« +stammelte der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte, +seine Gedanken zurückzuzwingen in die alte Bahn — »die +Aufregung heute, mit einem leichten Fieber und Unwohlsein, +das mich schon einige Tage geplagt — der Schmerz +der Trennung.«</p> + +<p>»Trennung? Sie wollen fort?« — rief das Mädchen +rasch und augenscheinlich erschreckt, denn ihre Wangen verließ +jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden mit so viel +mächtigerer Fluth dorthin zurückzuströmen — »und wohin? +weshalb?« —</p> + +<p>»Wohin? — weshalb?« — wiederholte der Gefragte, +kaum bewußt, daß er die Worte noch sprach, die Blicke +aber fest und forschend auf die zitternde Gestalt geheftet, +die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu halten +vermochte — »und schmerzt es Sie, daß ich gehe, Jenny?« +setzte er plötzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff, +die sie ihm willenlos zu nehmen gestattete, »werden +Sie den Fernen — <span class="wide">Fremden</span> nicht vergessen haben, wenn +der letzte Staub verflogen ist, den die Hufe seiner Rosse +aus den Nachbarhügeln Valparaisos geschlagen?«</p> + +<p>Er hörte nicht das leise, kaum gehauchte »Nein,« +das von den Lippen der Jungfrau floh, die Hand, welche +die ihre hielt, mit dieser sinken lassend, starrte er wehmüthig +lächelnd vor sich nieder und fuhr mit halblauter +Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem schönen +Mädchen redend, das zitternd neben ihm stand und an +seine Brust gesunken wäre, hätte sein Arm sich nach ihr +ausgestreckt.</p> + +<p>»O, es ist ein schmerzliches Gefühl, so weit, weit +draußen in der Ferne umherzuschweifen und Niemanden +zu wissen in der weiten Gotteswelt. Niemand in diesem +All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir +kommen, dessen Auge sich näßt, wenn wir gehn; es ist +ein trauriges Loos, den kalten Willkommen des Fremden +zu hören, und sich dabei noch bewußt zu sein, in dem eigenen +Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu tragen, +was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen könnte. +Jeder in der Abendluft kräuselnde Rauch, der die kleine +Familie zu traulichem Kreis um das knisternde Kamin +sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in das arme Herz. +Jedes blühende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb herzig +in die Augen schaut, schnürt ihm die Brust mit einem +tiefen, schwer auszudrückenden, aber deshalb auch um so +mächtigeren Weh zusammen, und die beiden Worte »<span class="wide">allein</span>« +— allein und »<span class="wide">heimathlos</span>« wären schon in +sich selbst genug, ein unglückseliges Menschenkind, das ihnen +erlegen, zu Boden zu schmettern, käme nicht auch noch +außerdem von den Eltern auf das — aber halt — was +ich gleich sagen wollte,« unterbrach er sich da plötzlich mit +ganz verändertem Ton und Ausdruck, während seine Hand +fester die der Jungfrau umschloß, so fest, daß sie der +Druck zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig +forschend, den ihren suchte, »wie ist mir denn, fürchteten +Sie sich nicht vor einem — vor einem <span class="wide">Wahnsinnigen?</span>«</p> + +<p>»Wie kommen Sie <span class="wide">jetzt</span> zu der Frage?« hauchte das +Mädchen, das Haupt erbleichend von ihm abwendend.</p> + +<p>»Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause, +und ich sah heute« —</p> + +<p>»O, um Gotteswillen, reden Sie nicht von so Entsetzlichem,« +fiel ihm die Jungfrau rasch und bittend in's +Wort, »mir gerinnt das Blut in den Adern, nur bei dem +eigenen Gedanken daran, und fremde Worte könnten die +Bilder heraufbeschwören, die es Monate brauchen würde, +wieder zu verwischen.«</p> + +<p>»Und doch ist der Wahnsinn gar nichts so Entsetzliches,« +sagte der Spanier, ihre Hand loslassend und sich +das feuchte lange Haar aus der Stirn streichend.</p> + +<p>»O, Don Gaspar,« bat das Mädchen.</p> + +<p>»Fürchten Sie Nichts. Señorita,« beruhigte sie aber +dieser mit leisem Kopfschütteln, »ich bin weit davon entfernt, +Sie ängstigen oder quälen zu wollen mit thörichten +Schaudergeschichten, wie sie das tolle Volk im Munde +trägt; nein, ein Vorurtheil wünschte ich bei Ihnen zu besiegen, +das Ihnen über kurz oder lang doch vielleicht einmal +vielen Schmerz machen dürfte. — Mein <span class="wide">Vater</span> war +wahnsinnig.«</p> + +<p>»Aber, Señor.«</p> + +<p>Der Spanier lachte und nahm schmeichelnd wieder +ihre Hand. »Er <span class="wide">war</span> es ja nur, habe ich Ihnen gesagt, +und zwar auf eine wunderliche Art — er glaubte, meine +Mutter liebe ihn, und habe ihn deshalb geheirathet, und +Jemanden, der ihm den tollen Wahn benehmen wollte — +rannte er den Degen durch den Leib — wie es ein neckischer +Zufall gerade wollte, traf es sich, daß das sein — +eigener Bruder war.« —</p> + +<p>»Don Gaspar, wenn Ihnen die Ruhe meiner Nächte, +meines Lebens nur das Geringste gilt, so hören Sie auf,« +bat aber jetzt in wirklich tödtlicher Angst das Mädchen +und suchte sich von der Hand loszumachen, die sie jetzt +wieder wie mit eisernem Griff umschlossen hielt. — »Ich +begreife Sie nicht; was um des Himmels Willen ist mit +Ihnen vorgegangen? und sehen Sie nur, wie entsetzlich +Sie mich gedrückt haben,« setzte sie dann hinzu und hielt +ihm die eben befreite, ganz dunkelroth gepreßte kleine Hand +halb scheu noch, halb lachend entgegen.</p> + +<p>»Schelten Sie mich — schelten Sie mich <span class="wide">recht</span> aus, +Señorita,« rief da der Spanier, sich rasch von ihr abdrehend, +»ich bin ein arger Thor, ja ich bin boshaft genug, +mich gerade daran zu freuen, wenn ich die — die +mir die <span class="wide">liebsten</span> sind, ärgern und quälen kann — und +zuletzt habe ich doch nur mich selber geschlagen, wie ein +thörichtes Kind. — Aber ich muß wahrlich fort,« setzte +er dann rascher hinzu, »und in der Scheidestunde ist das +Herz ja doch stets trüb und traurig und beschwört die +Bilder herauf, die ihm die schmerzlichsten sind in der weiten +Welt.«</p> + +<p>»Aber weshalb wollen Sie fort? — was treibt Sie +— was treibt Sie so plötzlich aus unserer Mitte, aus +einem Kreis von Freunden, der Ihnen — zu Dank verpflichtet +— so gern noch beweisen möchte, wie — wie werth +Sie ihm sind« — sagte die Jungfrau schüchtern und zuletzt +mit leiser bewegter Stimme hinzu.</p> + +<p>»Weshalb?« wiederholte Don Gaspar tonlos, und +schaute rasch und forschend zu dem Mädchen auf — »weshalb? +— ja, wie war mir denn, weshalb kam ich doch — +ach — Ihr Vater — ja doch — ist Mr. Newland nicht +zu Hause? — <span class="wide">er</span> wird mir die Auskunft geben können.«</p> + +<p>»Weshalb Sie fort von uns müssen,« sagte Jenny +wehmüthig lächelnd und den Kopf schüttelnd, »o Sie +wunderlicher Mann, wie läge das in seinen Kräften, und +wird's ihn nicht selber schmerzen, wenn er Sie missen soll, +der Sie ihm zuletzt ein wirklich fast unentbehrlicher Freund +geworden?« —</p> + +<p>Don Gaspar schüttelte traurig mit dem Kopf.</p> + +<p>»Glauben Sie das nicht, Señorita — was hätte +Don Guillelmo an dem wilden, launischen Gesellen, der +unstät wie ein Frühlingstag, bald seine Nachsicht, bald sein +Mitleiden in Anspruch nahm, oder ihn ärgerte und reizte +in heftiger, unerquicklicher Debatte. Nein, nein, er wird +den Fremdling bald vergessen, den einst die gütige Vorsehung +wohl einmal benutzte, einen ihrer kleinen Lieblinge +noch länger auf dieser Erde zu halten, den Seinen zum +Trost, zur Lust, der aber jetzt schon weit, o, recht weit +von hier fort sein sollte — und es auch wäre — hielten +ihn nicht Banden — heilige, feste Banden.« —</p> + +<p>»Heilige Banden?« rief Jenny rasch und erschreckt +emporfahrend, und den Blick mit durchbohrender Schärfe +auf ihn heftend — »feste Banden? — Sie?« —</p> + +<p>»<span class="wide">Banden?</span>« wiederholte der Spanier und sein Geist +sprang augenscheinlich auf dem Wort ab, nach anderer +Richtung hin — »mich? — nein — noch nicht, hahaha — +sie waren nicht schlau genug dazu.«</p> + +<p>»Ich verstehe Sie nicht,« sagte das Mädchen, und +das Blut schoß ihr in Strömen in die Schläfe, und färbte +ihr Wangen und Nacken.</p> + +<p>Don Gaspar schwieg erschreckt — fast instinktartig +fühlte er, daß er wildes, tolles Zeug gesprochen, aber er +fürchtete fast eben so, es zu widerrufen. Schweigend stand +er dem holden Mädchen einige Sekunden gegenüber, jetzt +zum ersten Mal, seit er das Gemach betreten, haftete sein +Blick voll und ruhig auf den lieben, bewegten Zügen, und +er sah, wie an den langen, seidenen, niedergeschlagenen +Wimpern zwei große, schwere Thränen zitterten und langsam +niedertropften.</p> + +<p>»Jenny,« sagte er da weich und leise, und ihr näher +tretend, ergriff er wieder ihre Hand — »ich habe Sie +wohl recht gekränkt mit meinen harten, ungestümen Worten +— und — ich war doch hergekommen aus einem ganz, +ganz anderen Grunde — weshalb? weiß ich mir eigentlich +selber keine Rechenschaft zu geben; ich verlasse heute +die Stadt noch nicht, aber mir war, als ob ich <span class="wide">vor</span> der +nächsten Zeit, die in grimmer, unerbittlicher Entscheidung +mein wartet, <span class="wide">Ihr</span> holdes Antlitz noch einmal sehen, den +Blick dieser sanften Augen noch einmal in meine Seele +prägen <span class="wide">müsse,</span> sollte ich im Stande sein, zu ertragen, +was — was nun eben der wunderliche Herr Gott da droben +über mich auszuschütteln im Begriff ist, und dann —« +er hob langsam ihre Hand an seine Lippen und drückte +einen leisen, leisen Kuß darauf — »mit leichtem Muth +der nächsten Zeit zu begegnen. Ich glaubte mich <span class="wide">durch</span> +diesen Augenblick gegen Alles gewappnet, und — finde +nun, daß ich mich bös, o, bös geirrt.« —</p> + +<p>»Halloh, Kinder!« rief in diesem Augenblick eine fröhliche +Stimme, und der alte Mr. Newland stand in der +geöffneten Thür, die traurige Gruppe der Beiden, die ihn +gar nicht kommen gehört, halb erstaunt, halb lachend betrachtend.</p> + +<p>Jenny schrak zusammen, als ob sie auf einer bösen +That betroffen worden, und wurde todtenbleich, Don +Gaspar dagegen hob langsam den Kopf, und dem alten +Herrn ruhig die Hand entgegenstreckend, sagte er freundlich:</p> + +<p>»Sie kommen wie gerufen, lieber Señor, mir liegt +etwas auf dem Herzen, daß ich nicht länger allein tragen +kann und will, und Sie gerade sind der Mann —«</p> + +<p>»Segne meine Seele!« unterbrach ihn aber der Alte +mit lautem Lachen, »wenn der nicht mit Leesegeln an beiden +Seiten vor dem Winde, zehn Knoten die Stunde +geht, offene See und keine Leeküste, o! — aber darauf +kommen wir nachher zurück, jetzt erst, Kinder, eine fröhliche +Botschaft, daß ich die los werde, und nicht auseinanderspringe +vor lauter Vergnügen — Bill kommt.«</p> + +<p>»Bill?« rief Jenny aus ihren nur halb getrockneten +Thränen hervorlächelnd, »aber wenn, Papa, wenn?«</p> + +<p>»Übermorgen, morgen vielleicht schon!« rief der alte +Mann fröhlich, »der Dampfer hat das Schiff an der +Küste, gar nicht weit vom Hafen mehr getroffen, und wenn +der Wind nur noch ein wenig aufräumt, können sie vielleicht +morgen schon ihren Anker hier bei uns niederrasseln +lassen. — Nun kommt auch der Vater des kleinen Burschen, +Señor, den Sie retteten, und einen warmen, dankbaren +Freund werden Sie an dem finden.«</p> + +<p>Zwei Reiter galoppirten die Straße hinab — es +war Polizei, und Don Gaspar schaute ihnen lächelnd nach +— er hörte gar nicht, was der alte Herr in seiner Herzensfreude +zu ihm gesagt hatte.</p> + +<p>»Und du warst am Bord des Dampfers, Väterchen?« +frug die Jungfrau, froh, einem Gespräch enthoben zu +sein, das ihr das Herz zusammen zu schnüren gedroht +— »hatten sie Bills Schiff signalisirt?«</p> + +<p>»Doch wohl, Kind, doch wohl,« sagte der Greis, sie +an sich heranziehend und ihre Stirn küssend — »aber an +Bord war ich nicht, sondern traf eben bei dem Argentinischen +Konsul einen alten Freund, der mir die fröhliche +Botschaft gab. — Segne meine Seele, ich habe ihm nicht +einmal Adieu gesagt, in solcher Eile war ich, Dir die +Nachricht zu bringen — den Konsul wollte ich mit hierherschleppen, +der hatte aber den Kopf voll und mußte auf +die Polizei, und Don Luis de Gomez —«</p> + +<p>Ein wilder, fast nicht mehr irdisch klingender Schrei +unterbrach ihn hier, und als sich Beide rasch und erschreckt +der Richtung zuwandten, von der jener unheimliche +Laut ertönte, sahen sie den Spanier mit todtenbleichem, +leidenschaftlich aufgeregtem, fast verzerrtem Antlitz, die weit +geöffneten Augen starr und aus ihren Höhlen drängend +auf den Erzähler geheftet, die Arme vorgestreckt, und das +schwarze krause Haar in ungeregelten, fast emporsträubenden +Locken über die marmorblasse Stirn geworfen, mitten im +Zimmer stehen. Eben hatte er dessen letztes Wort, den +Namen, aufgefangen, und die wenigen Sylben schienen +einer Zauberformel gleich auf den Unglücklichen zu wirken.</p> + +<p>»Don Gaspar — was um des Himmels Willen ist +Ihnen geschehen,« riefen Vater und Tochter fast zu gleicher +Zeit.</p> + +<p>»Don Luis de Gomez!« war aber Alles, was der +Spanier nur in bleicher zitternder Wuth, jede Muskel +seines Körpers bebend in der furchtbaren Aufregung, auszustoßen +vermochte — »Don Luis de Gomez!« und Alles +was er an Haß, Wuth und Rache kannte, häufte sich in +dem einen Namen des Feindes. Die geballten Fäuste +schlug er dabei zusammen, und der halb geöffnete Mund +zeigte die beiden Reihen perlenweißer, aber fest zusammengebissener +Zähne, hinter denen vor die Laute zischten.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch12" id="ch12"></a>12.</h3> + +<h3>Der Ausbruch des Vulkans.</h3> + +<p>Leifeldt stand noch wie in einem Traume, als ihn +Don Gaspar schon mehrere Minuten verlassen hatte, und +nur erst der Lärm, den der in seiner eigenen Falle gefangene +Don Manuel oben machte, brachte ihn wieder zu +sich selber.</p> + +<p>Die beiden Peons unten ebenfalls wußten nicht, was +sie von dem Allen denken sollten. Ihrer Meinung nach +hatte es ihnen kaum anders möglich geschienen, als daß +der, der sie da eben so ruhig und gleichgültig verlassen, +der Bezeichnete sein müsse, den festzunehmen sie heimlich +heute Nachmittag durch Don Guzman de Ribera hierher +bestellt waren, und gleichwohl saß der Andere jetzt oben +fest, und dieser ging ruhig und ungehindert von dannen. +Und Don Manuel? — dem zu gehorchen waren sie doch +herbeordert; konnte es möglich sein, daß er selber der Tolle +gewesen wäre? —</p> + +<p>Der junge Arzt stand indeß noch unschlüssig an der +Treppe. Er konnte Don Manuel hier nicht gut hinter +Schloß und Riegel sitzen lassen, und gleichwohl hatte er +eine kleine Strafe für sein doppelgängiges Wesen verdient; +Leifeldt freute sich ordentlich, daß Don Gaspar die Falle +gemerkt und auf die Häupter seiner eigenen Verfolger geleitet +habe. Langsam schritt er den Gang entlang und +der Thüre zu, hinter der dieser schrie und tobte und herausgelassen +zu werden verlangte, und seine Wuth wurde +noch durch die beiden Peons vermehrt, die unten im Hof +jetzt mit offenem Munde standen, zu ihm hinaufschauten +und eben durch sein furchtbares Wüthen mehr und mehr +darin bestärkt wurden, daß doch wirklich Don Manuel und +niemand anders der plötzlich toll gewordene sei, und jetzt +hier zu der Stadt Besten im Allgemeinen, und seinem +eigenen insbesondere, hinter Schloß und Riegel verwahrt +werden sollte. All seine Ausrufungen und Befehle, die er +mit vor Zorn halb erstickter Stimme den unten Gaffenden +hinunterschrie, konnten dabei nicht dazu dienen, sie vom +Gegentheil zu überzeugen, und endlich, der Sache auch +eine spaßhafte Seite abfindend, stießen sie sich unter einander +mit den Ellenbogen, und sahen sich an und platzten +dann gerade heraus in ein nicht enden wollendes Gelächter.</p> + +<p>Wie lang diese Scene gedauert haben würde, ist unbestimmt, +Don Manuel war aber durch das, was er +Spott glaubte, der beiden von ihm selbst besoldeten Männer +so in wirkliche Wuth gerathen, daß er schon die Stäbe +seines Kerkers gefaßt hatte und in blinder Wuth daran +riß und schüttelte, als der junge Arzt seine Thüre erreichte, +die beiden von außen vorgeschobenen Riegel zurücktrieb +und das Schloß ebenfalls zu öffnen versuchte; das aber +widerstand allen seinen Bemühungen und während der +Gefangene, der jetzt Jemanden an seiner Thür hörte, dieser +zusprang und von innen dagegen schlug und donnerte, +anstatt ruhig zu warten bis sie geöffnet sein würde, benahm +er Leifeldt vollkommen die Möglichkeit, ihm verständlich +zu machen, wie er gerade im Begriff sei ihn +wieder in Freiheit zu setzen. Dieser war zuletzt genöthigt, +zurück in den Hof zu gehen und einen der Peons zu rufen, +ihm zu helfen. Eine der alten eisernen, dort herumliegenden +Klammern mit hinaufnehmend, gelang es ihm endlich +mit des Peons Beistand, das massive Schloß aufzudrehen +und den Gefangenen zu befreien.</p> + +<p>Der Peon mußte übrigens, wie sich Don Manuel +nur erst einmal vor der Thür und ihm gegenüber sah, +machen, daß er die Treppe hinunterkam, denn der gereizte +Chilene warf sich in förmlichem Grimm auf den armen +Teufel und schien wirklich im ersten Augenblick kaum seiner +Sinne mächtig. — Die nächsten heraussprudelnden Fragen +war Leifeldt auch gar nicht im Stande so rasch zu beantworten, +wie sie sich Luft machten von des zornigen Mannes +Lippen, und als auch der Schwede endlich, gereizt +von den scharfen zornigen Worten, kurz und trotzig erwiederte, +stürmte der Erbitterte fort mit Flüchen und +Verwünschungen zwischen den Zähnen, Genugthuung zu +holen auf der Polizei für den erlittenen Schimpf.</p> + +<p>Es thun das viele Menschen.</p> + +<p>Leifeldt sah ihm lächelnd nach, dann aber der Worte +gedenkend, die ihm Don Gaspar noch zugerufen, und der +eigenthümlichen Aufregung, in der er ihn heute gesehen, +entließ er die Peons (der dritte, ebenfalls oben Eingesperrte +hatte schon einen anderen Ausgang durch eine +Nachbarzelle gefunden) und eilte mit schnellen Schritten +zu seinem Hotel zurück, die erwartete Aufklärung des +Freundes dort zu finden.</p> + +<p>Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt +er den kleinen Raum von dessen Gemach hin und +her, Viertelstunde nach Viertelstunde. Bald trat er an +das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Thür zu horchen, +ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten hören +ließen. — Niemand kam, und wie ihm endlich die feste +Überzeugung schwand, mit der er bis jetzt den Freund +erwartet hatte, tauchte Besorgniß in ihm auf, wohin dieser +in seinem überreizten Zustand geeilt sein, was er angerichtet +haben könnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein +Herz kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen, +als Jennys Schicksal — zuckte ihm auch, wie ein wilder +Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don Gaspar könne +dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn +der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf +deren düsteres, furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen +entsetzten Blick geworfen, zum Ausbruch käme.</p> + +<p>Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt +er das Gemach wohl noch zehn Minuten in immer +steigender Unruhe, dann aber hielt er es auch nicht mehr +aus — es litt ihn nicht länger in dem leeren Raum, und +hinaus stürmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich +zu überzeugen, ob seine Befürchtungen Wahrheit gewesen +wären oder nicht.</p> + +<p>Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen +<ins title="original has schalten">schallten</ins> zu ihm nieder, wie er nur das Haus betrat.</p> + +<p>»Um Gottes Willen, was geht hier vor?« rief er +der alten Magd entsetzt entgegen, die ihm mit zitternden +Händen die Thüre öffnete.</p> + +<p>»Don Gaspar,« war Alles, was diese erwiedern +konnte, als er auch schon mit flüchtigen Sätzen die Treppe +hinaufflog und die Thür aufriß. —</p> + +<p>Ein einziger Blick hier bestätigte aber nicht allein +seine schlimmste bisher gefaßte Befürchtung, sondern zeigte +ihm auch, in welche Gefahr er die ihm liebsten Menschen +durch sein unschlüssiges Zaudern gebracht.</p> + +<p>Mitten im Zimmer, dicht neben dem großen, runden +Tisch, auf den er sich mit der linken Hand stützte, stand +der Greis, den rechten Arm um die Tochter geschlungen, +die sich halb bestürzt, halb erschreckt an ihn schmiegte und +Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach +dem Spanier hinüber, der lachend und stampfend, mit +blitzenden Augen und gesträubtem Haar ihnen gegenüber +stand.</p> + +<p>Keiner von ihnen gewahrte das Öffnen der Thür, +den eintretenden jungen Mann, aber die so lang eingehemmte +und zurückgehaltene Wuth des Tollen, die jetzt +Monde lang unter der äußeren Schaale seines festen eisernen +Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein mächtiger +Vulkan seine Gluthen wieder unter der Rinde sammelt, +die er sich von seinem letzten Ausbruch selbst geschmiedet, +schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder +Lohe ins Freie.</p> + +<p>»Don Luis de Gomez!« schrie er mehr, als er es rief, +»Don Luis, er ist hier — er ist hier! Teufel, wenn ich +Dich fasse, wenn ich Dich halte — hier — hier zwischen den +zusammengeballten Fäusten — hier zwischen den Zähnen +und Armen — huih!« — und das Zimmer dröhnte von +dem gellenden Aufkreisch des Rasenden. — »Und <span class="wide">das</span> Dein +Weib? — mit dem marmorbleichen Angesicht? — <span class="wide">das</span> +die blühende, liebeglühende Constancia?« fuhr er plötzlich +fort, den Arm gegen das zusammenzuckende Mädchen +ausstreckend — »<span class="wide">das</span> die Schlange, die mich nicht einmal +im Grabe ruhen ließ mit ihren zaubertollen Reizen — +<span class="wide">das die Braut</span>« — und zum Sprung, die Schultern +zurückgedrängt, die Augen in wildem unheimlichem Feuer +glühend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als +Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen +den Wüthenden gehoben, ausrief:</p> + +<p>»<span class="wide">Morelos!</span>«</p> + +<p>»Wahnsinnig!« hauchte Jenny, ihr Antlitz in den +Händen bergend, und brach in sich selbst zusammen. Hoch +empor aber zuckte der Kranke, und seine Augen flogen wie +irre Pfeile von Leifeldts ihm muthig begegnender Gestalt +zu dem bleichen, am Boden hingestreckten Mädchenbild, +über das der Vater getreten war, mit dem jungen Arzt +jede Gefahr von der Geliebten abzuwenden.</p> + +<p>Aber diese schien für den Augenblick vorüber, wenigstens +von ihnen hier abgelenkt. Des Freundes Anblick +riß den Wüthenden in etwas zu der ihn umgebenden +Wirklichkeit zurück.</p> + +<p>»Leifeldt — Stierna!« rief er, mit der linken Hand +rasch und heftig das wirre Haar aus seiner Stirn streichend, +»und <span class="wide">hier?</span> — <span class="wide">hier?</span> — nein, nicht hier — er ist dort, +bei <span class="wide">ihm,</span> bei <span class="wide">ihm</span>« — und ehe Jemand seine Bewegung +hätte hindern, ja nur ahnen können, was er beabsichtigte, +legte er die Hand auf das Sims des offenen Fensters +und war mit <span class="wide">einem</span> tollkühnen Satz auf der Straße unten.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch13" id="ch13"></a>13.</h3> + +<h3>Das Rendez-vous.</h3> + +<p>Die Höhe, von der der Wahnsinnige niedersprang, war +über achtzehn Fuß, aber wie ein Federball schnellte er +wieder vom Boden empor, und floh mit flüchtigen Sätzen +die Straße hinab, dem Hause des Argentinischen Konsuls +zu. Wohl stutzten ein paar Vorübergehende, die den waghalsigen +Sprung gesehen, und auch wohl erst die lauten +Stimmen oben im Hause gehört; Streitigkeiten sind aber +nichts seltenes bei dem heißen Blut des Südländers, das +Messer trägt er dabei nur gar locker im Gürtel, und rasche +Flucht wird oft nöthig, dem Gesetz und vielleicht fatalen +Folgen zu entgehen. Zufällig Gegenwärtige vermeiden +aber in einem solchen Fall nichts sorgfältiger, als Zeugen +solcher That zu sein. — Die Gerichte waren in Chile +so weitläufig, wie in der Argentinischen Republik und man +hält sich gern fern von ihrer kostspieligen Nähe.</p> + +<p>So bog Don Gaspar, oder wie wir ihn jetzt lieber +wieder bei seinem rechten Namen nennen wollen, <span class="wide">Morelos,</span> +ungehindert, unbelästigt in die nächste Straße ein, +und stand wenige Minuten später an der Thüre des Argentinischen +Konsuls, die er verschlossen fand.</p> + +<p>Den rasch geführten Schlägen des Klopfers öffnete +ein junger Bursche in einem Peruanischen Poncho.</p> + +<p>»Don Guzman ist nicht zu Hause!« sagte der Knabe, +die Frage nach dem Konsul beantwortend, »wird auch +vor Abend schwerlich zurückkommen.«</p> + +<p>»Und der Fremde?«</p> + +<p>»Don Luis de Gomez?«</p> + +<p>Morelos faßte krampfhaft in seine eigene Seite, die +Spuren der Nägel dort zurücklassend, und die Muskeln +seines Gesichts zuckten wie unter dem Schmerz des Scalpells. —</p> + +<p>»Weshalb lachen Sie, Señor?« frug der Knabe erstaunt.</p> + +<p>»Wo ist Dein Herr?« frug der Kranke, sich gewaltsam +zusammennehmend. — Wie der Schwimmer, mit sinkenden +Kräften dem rettenden Ufer nah, noch einmal die +Nerven anspannt zum letzten entscheidenden Moment, noch +einmal hineingreift in die Fluth und ausstreicht, und die +Zähne fest, fest aufeinander beißt, so fühlte er, daß der +Augenblick, nach dem sein ganzes Leben gedrängt, ja dem +der Geist, selbst krank und bewußtlos, entgegenstrebt, nahe +sei, und nur wenige Minuten Fassung <span class="wide">jetzt,</span> ihn siegen +lassen müssten.</p> + +<p>»Oben in seiner Stube im ersten Stock!« sagte der +junge Bursche, durch die ruhige Frage wieder getäuscht, +von dem glühenden, aber ernsten Blick doch auch zugleich +eingeschüchtert. — »Gleich rechts die zweite Thür,« rief +er dem schon treppauf Springenden noch nach; »das Vorzimmer +ist offen!«</p> + +<p>Der Spanier <span class="wide">fühlte</span> mehr die letzten Worte, als +daß er sie hörte; mit wenigen Sätzen war er oben — das +Vorzimmer stand nur angelehnt, er öffnete es, drückte es +hinter sich ins Schloß und schob den Nachtriegel vor, und +wenige Sekunden später lag seine Hand auf dem Schloß +der anderen Thüre, die in das Zimmer seines Todfeindes +führte.</p> + +<p>Das Herz schlug ihm hörbar in der Brust, aber kein +Nerv seines Körpers bebte, wie das Metall selber so kalt +und ruhig, hielt die Hand den Griff, nur das Auge blitzte +in wildem, unheimlichem Feuer und ein kaltes, fast teuflisches +Lächeln zuckte jetzt um seine Lippen.</p> + +<p>Leise klopfte er an die Thür, und das laute <i>entra</i> +von innen warf nur tiefere Gluth in seine Augen, ohne +an seiner Stellung auch nur die Bewegung einer Muskel +zu verändern.</p> + +<p><span class="wide">Er spielte mit seinem Opfer.</span></p> + +<p>Noch einmal berührte sein gebogener Finger die Thür, +und lauter und ungeduldiger tönte das scharfe »Herein« +des Bedrohten.</p> + +<p>Dem Laut nach befand er sich in dem entferntesten +Theile des Zimmers, wie aber statt dem Öffnen der Thür +zum dritten Mal das Klopfen, nur etwas lauter als vorher +ertönte, schallten rasche Schritte von innen, doch ehe +sie sich vollkommen der Thüre nähern konnten, riß sie +Morelos auf und stand im nächsten Moment dicht vor dem, +mit einem jähen Ausruf des Schrecks zurückspringenden +Argentiner.</p> + +<p>Er wollte schreien, aber das lange, haarscharfe Messer +des Feindes blitzte in dessen Hand und die nächste Sekunde, +schien es, sollte sein Schicksal entscheiden. Doch über den +wunderlich tollen Geist des Wahnsinnigen war ein anderer +Schatten gezogen, oder hatte die <span class="wide">Gewißheit</span> seiner +Rache, das <span class="wide">Bewußtsein,</span> den Feind nun endlich im Bereich +seines Messers zu haben, der wild ausbrechenden +Wuth, die ihn sonst nur bei Nennung des bloßen Namens +befiel, die volle Schärfe genommen? Ja, er <span class="wide">letzte</span> sich jetzt +selber an diesem Gefühl und wenn auch Mord und Blut +nur sein erster Gedanke gewesen, als er die Schwelle betrat, +so schien es ihn jetzt zu reuen, gleich mit <span class="wide">einem</span> +Schlag den Jahre und Jahre lang aufgebauten Plan +seiner Rache zu zerstören.</p> + +<p>»Bst!« sagte er, mit dem warnend emporgehobenen +Zeigefinger der linken Hand — »bst — Kamerad — kein +Geschrei, die Nachbarn sind munter und du könntest die +Polizei im Schlafe stören — siehst Du den Gruß hier?« +und er hielt ihm die blanke Klinge lachend entgegen, vor +der der Unglückliche scheu und entsetzt zurücktrat — »fürchte +Dich nicht, Schatz, es thut nicht sehr weh — den hat +mir Felipe für Dich aufgetragen.«</p> + +<p>»Was wollen Sie von mir, Unglückseliger?« rief jetzt +Don Luis in wilder Angst, denn in den Augen des +Wahnsinnigen lag der Tod — »nennen Sie Ihre Wünsche, +und bei der reinen Mutter Gottes, ich will sie erfüllen +und kostete es mein halbes Vermögen.«</p> + +<p>»Bst, bst, Kamerad, sprichst zu laut, viel zu laut,« +flüsterte kopfschüttelnd, einen Blick nach der Thüre werfend, +der Spanier, »aber eine Frage hätte ich doch an Dich — wo +ist Constancia?« — und seine Augen leuchteten und +funkelten, als er den Namen aussprach und die Hand +umspannte krampfhaft den Griff des Messers.</p> + +<p>Don Luis rang augenscheinlich mit sich selbst, aber +die Gefahr war zu dringend mit seinem Leben zu spielen +und er sagte rasch, die einzige vielleicht mögliche Gelegenheit +ergreifend, sich zu retten: —</p> + +<p>»Wünschen Sie Donna Constancia zu sehen?«</p> + +<p>»Zu <span class="wide">sehen?</span>« rief der Spanier schnell und zornig, +»nur zu <span class="wide">sehen?</span> — wo ist sie? — rasch — unsere Augenblicke +sind kostbar.«</p> + +<p>»So will ich Sie zu ihr führen,« sagte Don Luis, +zum Tisch tretend und seinen Hut ergreifend, »wir brauchen +das Haus nicht zu verlassen.«</p> + +<p>»Bst, bst, Kamerad,« lautete aber wieder die Antwort +seines wachsamen Hüters, »nicht hinaus, mein Bursche, +den Weg <span class="wide">dort</span> find' ich schon nachher allein — wir haben +<span class="wide">hier</span> noch Wichtigeres mitsammen zu besprechen. Nicht +wahr, das gefiele Dir, aus dem Thor hinaus hier durch +den Hof und in die menschengefüllte Straße mit dem +Alarmschrei: »ein toller Hund!« hinauszuspringen? Eine +Frage mußt Du mir erst beantworten, Señor — eine +Frage, die mir in blutigen Zügen die langen Jahre hindurch +im Hirn geschrieben stand und mich, wie die Leute +in Buenos-Ayres behaupteten — wahnsinnig gemacht hat +— was wurde aus meinem <span class="wide">Bruder</span> — aus meinem +<span class="wide">Weib?</span>« —</p> + +<p>»Don Morelos!« rief der Argentiner entsetzt, denn +die Blicke des Feindes sprühten Feuer und es war augenscheinlich, +wie er sich nur mit größter Mühe selber noch +zurückhielt auf sein Opfer zu springen. — »Doch halt!« +rief da der Unglückliche in seiner Todesnoth, denn ein einziger +Gedanke an Rettung durchblitzte noch seine Seele, +»Sie wollen Nachricht von Ihrem <span class="wide">Bruder</span> — <span class="wide">die</span> kann +ich Ihnen geben.«</p> + +<p>»<span class="wide">Du?</span>« rief der Spanier überrascht, und die Ruhe +der Verzweiflung, die in des Gegners Blicken lag, täuschte +den sonst so Schlauen.</p> + +<p>»Wollen Sie einen Brief von ihm sehen?« frug +Don Luis.</p> + +<p>»Einen Brief?« — wiederholte Morelos und strich +sich wie träumend mit den Fingern über die Stirn — +»einen Brief? — wie ist mir denn — einen Brief — von +— dem — <span class="wide">Bruder?</span>«</p> + +<p>»Sie können sich überzeugen,« sagte Don Luis ruhig, +»er liegt in jenem Pult, und wenn ich Sie täusche, mögen +Sie thun mit mir, was Ihnen beliebt.«</p> + +<p>Er nahm einen kleinen Schlüssel von dem Tisch, neben +dem er stand, und schritt langsam an Morelos dicht vorbei, +dem Pulte zu, als draußen an der Vorsaalthür zwei +Mal stark geklopft wurde. Don Luis zuckte zusammen, +Morelos lachte.</p> + +<p>»Gehen Sie an die Thür, Don Luis,« sagte er zu +diesem, »und rufen Sie hinaus, daß Sie beschäftigt sind +— der geringste andere Laut, die erste Bewegung zur +Flucht aber — doch ich brauche Sie nicht zu warnen.«</p> + +<p>Don Luis schritt in furchtbarer Aufregung zur Thür, +gehorsam wie ein Kind, und diese halb öffnend — und +der Wahnsinnige stand mit der blanken Waffe dicht an +seiner Seite — rief er laut, wer da draußen sei.</p> + +<p>»Ich bin es, Señor,« rief eine, Morelos wohlbekannte +Stimme, »ich, Don Manuel — ich habe Polizei +bei mir und wünschte Sie nur auf wenige Sekunden zu +sprechen.« —</p> + +<p>Über Morelos Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln, +aber Don Luis zögerte — dort draußen, wenige Schritt +von ihm entfernt stand Hülfe, und er, er mußte hier mit +einer Lüge dem Feind sich selber rettungslos in die Hände +geben. —</p> + +<p>»Bitte, Señor,« sagte der Spanier, mit kalter Höflichkeit, +aber jubelndem Triumph im Blick.</p> + +<p>»Ich komme gleich — warten Sie draußen auf mich,« +rief der Gefolterte und trat von der Thür zurück, die er +offen ließ, Morelos drückte sie wieder ins Schloß und +schob den Riegel vor.</p> + +<p>»<span class="wide">Den Brief,</span>« sagte er eintönig.</p> + +<p>Don Luis wußte, es war ihm jeder andere Ausweg +abgeschnitten, und schritt zum Pult. Dieses öffnete er +und zog mit beiden Händen Gefache auf, in die er hineinschaute +— er nahm mehrere Briefe heraus und sah +ihre Adresse — Morelos stand dicht neben ihm, und beobachtete +jede seiner Bewegungen.</p> + +<p>»Hier ist er,« sagte er plötzlich, dem Spanier einen +derselben hinüberreichend, wie dieser aber mit scheuem +Blick die Adresse überflog, griff des Argentiners Hand +tiefer in das Gefach und ein Pistol herausreißend, das er +im Rückspringen spannte und dem Feind entgegenhielt, schrie +er mit der Kraft, die ihm Todesangst und Verzweiflung +gegeben, laut um Hülfe!</p> + +<p>»Lügner und Narr!« rief Morelos, als er den Brief +mit wildem Lachen zu Boden warf und mit dem Fuß +stampfte — »bete — denn Deine Seele steht in wenigen +Sekunden vor Gott!«</p> + +<p>»Hülfe!« tönte des Unglücklichen Stimme und mit +dem Ruf zugleich schmetterte der Schuß dem Angreifer +entgegen. Die Kugel traf ihn in die Schulter, aber was +achtete der Tolle einer solchen Waffe. Draußen brach die +Thür zusammen unter dem Andrang der Polizeisoldaten, +die den Ruf gehört, aber er hörte das Prasseln und antwortete +ihnen mit einem gellenden Triumphschrei, denn +unter seiner Hand lag und wand sich das Opfer und sein +Messer wühlte in dessen Herzen.</p> + +<p>Wenige Sekunden später warfen sich die Diener des +Gesetzes gegen die innere Thür, die jedoch, stärker als die +vorige, ihrem ersten <ins title="original has Aprall">Anprall</ins> kräftigen Widerstand leistete.</p> + +<p>»Seid Ihr da?« lachte Morelos, sich emporrichtend +dem geglaubten Angriff zu begegnen, »aha, meine Burschen, +läßt Euch das Eichenholz nicht herein?«</p> + +<p>»Öffnet, Don Luis — öffnet, Señor — im Namen +des Gesetzes.«</p> + +<p>»Hahahaha!« lachte der Tolle, »öffnet Euch selber und +holt Euch Don Luis de Gomez!« und das Fenster öffnend, +das auf die, rings den Hof umziehende Veranda führte, +sprang er auf diese hinaus und floh, das blutige Messer +wieder in seiner Scheide bergend, darauf hin, durch eins +der anderen Fenster vielleicht einen Ausgang zu entdecken.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3><a name="ch14" id="ch14"></a>14.</h3> + +<h3>Die Verfolgung. — Schluß.</h3> + +<p>Seine Verfolger waren indessen aber auch nicht müßig +gewesen. Der Konsul selber, eben von der Polizei zurückgekehrt, +wo er sich schon einen Verhaftsbefehl und Hülfe +verschafft hatte, hörte kaum die Schreckensbotschaft, daß +der Wahnsinnige zu seinem Opfer eingedrungen sei und +wahrscheinlich schon sein Schlimmstes gethan habe, sandte +augenblicklich einen Theil der Mannschaft in den Hof, ihn +in Empfang zu nehmen, wenn er dort hinunterspringen +sollte, und ließ durch eine andere kleine Abtheilung die +Hinterthür besetzen, zu der eine schmale Treppe von der +Veranda niederführte.</p> + +<p>Don Manuel war beordert, dieselbe anzuführen, und +ihm ebenfalls der Schlüssel zu dieser Pforte, die gewöhnlich +offen stand, anvertraut worden. Seine Ordre war, +diese Thür so rasch als möglich zu verschließen und dann +das weitere zu erwarten. Don Guzman ließ unterdessen +Don Luis Thür sprengen, von wo aus sie den Flüchtigen, +blieb er nun auf der Veranda oder zog er sich in eines +der Zimmer zurück, leicht erreichen konnten.</p> + +<p>Don Manuel säumte auch nicht, solchem Befehle nachzukommen; +galt es ja noch außerdem die Scharte auszuwetzen +von heut Nachmittag, wo ihn der Tolle überlistet, +trotz all seiner Schlauheit; rasch deshalb über den Hof +eilend, und die Pforte, durch die er dorthin gelangt, ebenfalls +von außen verriegelnd, postirte er seine Leute vor +die Hinterthür des Hauses, ohne weitere Ordre, da er +sich ihnen augenblicklich wieder anschließen wollte, und er +selber lief die Treppe hinauf, die Verandathür zu schließen, +als er sich in demselben Moment nicht allein in der +Nähe, sondern auch in der Gewalt des Flüchtigen fand, +der, die Thür bemerkend, sie gerade aufriß, als Don Manuel +den Schlüssel gehoben hatte, ihn in das Schlüsselloch +zu schieben.</p> + +<p>Der Chilene stand da wie vom Schlag gerührt, und +die Überraschung lähmte ihm wirklich im ersten Augenblick +alle Glieder. Nicht so Morelos, dessen tollkühner Muth +im Nu die sich ihm bietende Gelegenheit ergriff, den würdigen +Caballero selber, der zu seinem Verderben hierher +beordert worden, zu seiner Flucht zu benutzen.</p> + +<p>»Ha, Gott zu Gruß, Compañero,« rief er lachend, +indem er mit der Rechten sein Messer halb aus der Scheide +ziehend, dem zum Tod Erschrockenen mit der Linken auf +die Schulter klopfte; »schon fertig mit der Besichtigung +jener alten Zimmer? hahaha, Kamerad, es freut mich, +Dich gerade jetzt hier zu finden, ich habe Lust zu einer +Spazierfahrt, und <span class="wide">Du</span> sollst mich begleiten — Ruhe, +Bursche, Ruhe!« zischte er drohend zwischen den Zähnen +durch, als er sah, wie des Mannes Hand langsam nach +dem Gürtel zu schleichen suchte, »die erste verdächtige Bewegung, +und Du bist ein Kind des Todes — <span class="wide">so</span> und nun +fort.«</p> + +<p>Und damit den Schlüssel aus der widerstandslosen +Hand nehmend, ohne diesen jedoch aus dem Bereich seines +Armes zu lassen, schloß er rasch die Thür hinter ihnen +und schritt, seine Hand auf Don Manuels Schulter haltend, +die steile Treppe nieder, die sie bald zur Außenthür +brachte.</p> + +<p>Die dort postirten Wachen staunten nicht wenig, ihren +Führer in solcher Begleitung zurückkomme zu sehen, Morelos +war aber nicht der Mann, <ins title="original has einen">einem</ins> gewonnenen Vortheil +auch einen Moment nur zu entsagen.</p> + +<p>»Zurück, Caballeros!« rief er barsch, als die beiden +Wächter nach innen, jedoch wie im Zweifel, zuspringen +wollten, und das Messer schaute drohend wieder aus seinem +Versteck, »zurück, oder dieser Herr da ist eine Leiche +— freiwillig werde ich mich dem Gericht überliefern, und +Don Manuel wird mich begleiten — Sie aber gehen zurück +und sagen das dem Herrn des Hauses — wenn er +mich zu sprechen wünscht, werde ich auf dem Polizeigebäude +zu finden sein. — Kommen Sie, Don Manuel,« und den +Arm des also Überraschten <ins title="original lacks ergreifend">ergreifend</ins>, der gar nicht wußte, ob der +entsetzliche Mensch Ernst mache mit seiner Betheuerung, +schritt er mit ihm die Straße hinunter, während die Diener +der Gerechtigkeit, vollkommen verdutzt durch das ernste, +zuversichtliche Benehmen des Mannes — dem sie überdieß +nur zu gern aus dem Weg gingen, zurückblieben.</p> + +<p>Rasch schritten indeß die beiden Männer die kleine +Straße nieder, die nach der Hauptstraße der Stadt zu +führte, als sie eine der dort überall haltenden Droschken +überholten.</p> + +<p>»Halt an, Kamerad!« rief Morelos, dem Kutscher +winckend, »fünf Dollar, wenn Du mich, so rasch Deine +Pferde laufen, die Almendral hinunterfährst — hier, Dein +Geld!« —</p> + +<p>»Darf nicht galoppiren, Señor,« sagte der Mann.</p> + +<p>»Trabe dann.«</p> + +<p>»Die Almendral hinunter?« frug Don Manuel erschreckt, +dorthin lag nicht das Polizeigebäude, ein Blick +seines Begleiters aber und ein leises Drücken von dessen +Arm überzeugte ihn bald, wie er willenlos nur zu gehorchen +habe. — Sie stiegen ein, Don Manuel voran, aber +ehe ihm Morelos folgte, hielt er sich einen Augenblick an +dem Schlag des Wagens fest, er sah todtenbleich aus und +es war augenscheinlich, wie er mit einem furchtbaren +Schmerz rang.</p> + +<p>»Caracho, Señor!« rief der Kutscher, der sich nach +ihm umschaute, »Sie sind verwundet.« —</p> + +<p>»Ich will eben zum Doktor, Amigo,« lächelte der +Kranke, und sich gewaltsam zusammenraffend, hob er sich +in den Wagen an Don Manuels Seite.</p> + +<p>»Fort, mein Bursche, fort — und was die Pferde +laufen können.«</p> + +<p>Der Kutscher hieb auf die Thiere und im scharfen +Trab rasselten sie eben um die nächste Ecke, als von des +Konsuls Haus die Verfolger niedersprangen.</p> + +<p>»Schneller — schneller, Amigo.«</p> + +<p>»Ich darf nicht galoppiren, Señor.«</p> + +<p>»Ich zahle die Strafe, Freund — Du weißt, Ärzte +und Polizei dürfen, und Kranke werden dasselbe Recht +haben.«<a href="#fn23"><small><sup>23</sup></small></a></p> + +<p>Der Peon hieb in die Pferde und die Thiere, selber +gereizt durch das stete Strafen der Peitsche, griffen aus +in vollem Carrière die Straße hinunter.</p> + +<p>»Halt an, Compañero,« schrie ein an der nächsten +Ecke ihnen begegnender Polizist entgegen, und versuchte +dem Wagen vorzuspringen, aber das Handpferd biß nach +ihm und er fuhr zurück, während der leichte Wagen vorbeistob, +als ob ihn die Winde führten.</p> + +<p>»Wo ist das Haus, Señor, die Almendral ist beinah +zu Ende,« frug der Kutscher, die Zügel fest in der Hand, +den Kopf halb herumwendend.</p> + +<p>»Weiter!« war die einzige Antwort, die er erhielt, +und donnernde Hufschläge wurden schon hinter ihnen laut.</p> + +<p>Jetzt hatten sie das Ende der Stadt erreicht und +über eine kleine Brücke hin donnerte der Wagen den letzten +Häusern entgegen.</p> + +<p>»Ist es hier?« frug der Kutscher noch einmal, und +wandte sich seinem wunderlichen Passagiere zu.</p> + +<p>»<span class="wide">Weiter!</span>« tönte die monotone Antwort — aber +die Worte klangen hohl und unheimlich.</p> + +<p>»<span class="wide">Weiter?</span> — ich fahre nicht weiter!« rief der Kutscher +erstaunt, »hier ist meine Grenze.«</p> + +<p>»Du fährst,« sagte Morelos eintönig, und er hätte +das Messer nicht gebraucht, das er aus der Scheide zog; +der Blick, mit dem er dem entsetzten Rosselenker ins Auge +schaute, trieb diesem das Blut als Eis ins Herz zurück.</p> + +<p>Wilder hieb er in die Pferde, den schrägen Hügel +hinauf keuchten die Thiere, mit Schaum bedeckt, schnaubend +und in die Zügel knirschend. — Don Manuel sah +sich um — zehn oder zwölf Reiter waren in kaum hundert +Schritt Entfernung hinter ihnen und ein rascher +Satz aus dem Wagen konnte ihn jetzt aus dem Bereich +seines Feindes bringen. Aber dessen Hand lag auf seinem +Arm und ein eignes, unheimliches Lächeln spielte um seine +Lippen.</p> + +<p>Die Pferde keuchten und schnoben den Berg hinan +— jetzt hatten sie den Gipfel erreicht, aber nur einen +scheuen Blick warf der Peon zurück und hieb mit neuer +Kraft auf die armen, schon zum Tod erschöpften Thiere.</p> + +<p>»Halt — Caracho, verdammter!« schrie die Stimme +eines der vordersten der Verfolger in wildem Grimm, »halt, +oder ich reiße Dich mit dem Lasso vom Wagen herunter.«</p> + +<p>Ein Schlag mit der Peitsche auf die eigenen Thiere +war die Antwort — das blanke Messer lag neben dem +armen Teufel von Peon und er fürchtete weniger die +Drohung des Reiters, als den kalten, drohenden Stahl +des entsetzlichen Fremden.</p> + +<p>Wieder zog sich der Weg eine kleine Erhöhung hinan, +und der Kutscher hieb aufs Neue in seine Thiere, aber +deren Kräfte waren erschöpft. Das Sattelpferd, mit dem +kurzen Lasso am Gurt befestigt, wollte dem geschwungenen +Arm entgehen — noch einmal warf es sich mit der Anstrengung +aller Sehnen vorwärts, aber die Glieder versagten +ihm den Dienst, und wie es stürzte, war es nicht +mehr im Stand, sich wieder zu erheben.</p> + +<p>In demselben Moment fast hielten die ersten Reiter +neben dem Wagen, und zwei davon, mit geschwungenem +Lasso heranreitend, wandten sich gegen den entflohenen +Mörder.</p> + +<p>»Im Namen des Gesetzes!« rief der Erste, »Ihr +seid mein Gefangener, Señor Morelos!«</p> + +<p>Don Manuel blickte scheu zu ihm auf — noch immer +ruhte seine Hand auf seinem Arm, und dasselbe kalte Lächeln +spielte um die bleichen Lippen und stieren Augen — er +war <span class="wide">todt.</span></p> + +<p>Die eigenen Pferde vor den Wagen spannend, und +es dem Kutscher überlassend, seine abgehetzten und fast +aufgeriebenen Thiere nachzubringen, sprengten die Polizeidiener +mit der Leiche in die Stadt zurück.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<p>Sechs Monate waren seit jenem Tag verflossen — es +war Frühling in Valparaiso. — Die Pfirsichen blühten +und der Feigenbaum schoß seine saftigen Blätter; die Natur, +durch eine lange Regenzeit wieder frisch gekräftigt, +trieb und keimte in lustigen Knospen und Blumen, und +die Vögel bauten ihre Nester der herrlichen Jahreszeit zu +Ehren, und das große Fest einer neuen Auferstehung mit +zu feiern in Liedern und Liebe. Warm und sonnig lag +der junge Morgen auf der thaubedeckten Flur, und ein +frischer Nachtregen hatte den Staub fortgewaschen von den +Gräsern, die jetzt blitzten und funkelten in dem goldenen +Licht.</p> + +<p>In der von Schiffen überstreuten Bai regte es sich +ebenfalls von gar geschäftigem Leben. — Boote und kleine +Fahrzeuge schossen herüber und hinüber und besonders um +ein mächtiges Schiff drängte die kleine Flotte bunt bemalter +Nachen, Früchte und Provisionen an Bord zu schaffen +für eine lange Reise.</p> + +<p>Von der Gaffel des nach London bestimmten Fahrzeugs +flatterte lustig die englische Flagge; das Vormarssegel +war schon gelöst, der zweite Anker schon driftig geworden +und die Raaen flogen herum, die Schothörner der +gelösten Segel wurden ausgezogen unter dem fröhlichen, jubelnden +Singen der Matrosen, die ja <span class="wide">heimwärts</span> gingen.</p> + +<p>Auf dem Quarterdeck des Packetschiffs standen alte, +liebe Bekannte von uns, aber der Tod hatte eine tiefe +Wunde in die Familienbande der armen Leute gerissen, +und sie zogen heim, um zu versuchen ob vaterländische +Luft den Schlag vernarben könne, der hier wieder und +immer wieder aufbrach in bitterem Weh.</p> + +<p>Es waren Newlands, und vor zwei Monaten hatten +sie ihr Töchterlein hinaufgetragen auf den stillen Gottesacker, +zwischen die hohen beengenden Mauern, die den +Schlummer der Todten bewachten.</p> + +<p>Bills Vater war wieder in See gegangen und sie +nahmen den Kleinen mit nach England, ihn dort zu einem +braven und wackeren Mann heranzuziehen — bis sie selber +der Todesengel abrufen würde.</p> + +<p>Heute Morgen noch hatten sie von dem blumengeschmückten +Grab ihrer Jenny Abschied genommen und jetzt +drückten sie dem letzten Freund die Hand, der in den letzten +schweren Monaten nicht von ihrer Seite gewichen und +Schmerz und Leid redlich mit ihnen, und oft, ach fast noch +schwerer als sie selbst getragen hatte. — Es war Stierna, +der junge Schwede. Bill wollte den jungen Mann gar +nicht von sich lassen, und die alte Dame hatte seine Hand +gefaßt und flüsterte leise.</p> + +<p>»Und <span class="wide">ihr</span> Grab?«</p> + +<p>»Ich kann ihm nicht den heimathlichen Boden geben,« +sagte der junge Arzt mit halb abgewandtem Antlitz — er +wollte das Herz der alten Frau nicht noch schwerer machen +als es war — »aber ich will ihr hier eine Heimath von +Blumen bauen, in der fremden Erde — im <span class="wide">Tode</span> wenigstens +— da es die <span class="wide">Lebende</span> dem Freund verweigerte.«</p> + +<p>Der alte Mr. Newland drückte dem jungen Mann +schweigend und tief ergriffen die Hand.</p> + +<p>»Señor, es ist Zeit,« sagte da der Bootsmann, den +Stierna mit herausgenommen hatte in den Hafen, ihn +zurückzubringen ans Land, wenn das Schiff unterwegs sein +sollte — die Segel waren gebläht und mit einer leichten, +aber günstigen Brise stand das wackere Fahrzeug dem schmalen +Eingang der Bai entgegen, den es in wenigen Minuten +erreichen mußte.</p> + +<p>Stierna griff noch einmal den Knaben auf und küßte +seine Stirn, seine kleinen, schwellenden Lippen, und das +Herz wollte ihm fast brechen, wenn er in <span class="wide">die</span> Augen +schaute — noch einmal drückte er die Hände derer, die ihm +Vater und Mutter geworden waren in der fremden Welt, +und wenige Minuten später schoß der stolze Bau, von den +schwellenden Segeln geführt, hinaus in die freie, wogende, +offene See — im Heck des kleinen Bootes aber, die +Augen in den fest dagegen gepreßten Händen bergend, +saß der junge Arzt und weinte wie ein Kind.</p> +<p> </p> +<h5><span class="wide">Altenburg,</span> Druck der Hofbuchdruckerei.</h5> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h3>FUSSNOTEN</h3> + +<p class="revind"><a name="fn1" id="fn1"> 1</a>: Gaucho's, die Bewohner der weiten Steppen oder Pampas +des inneren Landes, aber nicht die Indianer.</p> + +<p class="revind"><a name="fn2" id="fn2"> 2</a>: Die Henkersknechte des Diktators Rosas.</p> + +<p class="revind"><a name="fn3" id="fn3"> 3</a>: »Es lebe die Conföderation.«</p> + +<p class="revind"><a name="fn4" id="fn4"> 4</a>: »Es sterben die wilden Unitarier.« Beides das Motto der +Argentinischen Republik unter Rosas.</p> + +<p class="revind"><a name="fn5" id="fn5"> 5</a>: »Hai-oh!«</p> + +<p class="revind"><a name="fn6" id="fn6"> 6</a>: Besahnwanten, das stehende Tauwerk des hinteren Mastes, +das diesen hält und zugleich zur Strickleiter dient.</p> + +<p class="revind"><a name="fn7" id="fn7"> 7</a>: <i>Correo</i>, der Postcourier.</p> + +<p class="revind"><a name="fn8" id="fn8"> 8</a>: <i>Almendral</i>, ein bedeutender Stadttheil Valparaisos.</p> + +<p class="revind"><a name="fn9" id="fn9"> 9</a>: Vorsehen.</p> + +<p class="revind"><a name="fn10" id="fn10">10</a>: Um Gottes Willen.</p> + +<p class="revind"><a name="fn11" id="fn11">11</a>: Die niedere Klasse der Chilenischen Bürger, die Arbeiter +und Diener.</p> + +<p class="revind"><a name="fn12" id="fn12">12</a> Schenkwirthschaft.</p> + +<p class="revind"><a name="fn13" id="fn13">13</a> Ein kleiner Fluß, der in den La Plata dicht unter Buenos-Ayres +mündet.</p> + +<p class="revind"><a name="fn14" id="fn14">14</a>: Will verdammt sein, wenn ich's gethan habe.</p> + +<p class="revind"><a name="fn15" id="fn15">15</a>: Die kleinen Steinhütten in den Cordilleren, zum Schutz der +Reisenden errichtet.</p> + +<p class="revind"><a name="fn16" id="fn16">16</a>: Getrocknetes Fleisch, ziemlich der einzige leicht tragbare +Proviant unterwegs.</p> + +<p class="revind"><a name="fn17" id="fn17">17</a>: Schneesturm.</p> + +<p class="revind"><a name="fn18" id="fn18">18</a>: Die Nachtwächter Valparaisos geben einen gellenden Pfiff, +wenn Nachts irgend ein Mann an ihnen vorübergeht; dadurch wird +der nächste Nachtwächter darauf aufmerksam gemacht, daß noch Jemand +auf ist, der eigentlich ins Bett gehörte, erwartet den Wandernden +und giebt dasselbe Zeichen, wenn er an ihm vorüber gegangen ist.</p> + +<p class="revind"><a name="fn19" id="fn19">19</a>: Der Maté oder Mateh ist ein vegetabilischer Stoff, von der +Rinde und den Zweigen gewisser Bäume in Brasilien und Paraguay +gewonnen, der von den Südamerikanern, besonders von denen an +der östlichen Seite der Cordilleren, aus einem kleinen Flaschenkürbis +oder <i>gourd</i>, mit einer dünnen silbernen oder blechernen Röhre getrunken, +das heißt ausgeschlürft wird, wobei sich der nicht Eingeweihte +rettungslos zuerst die Finger, und dann, genau so wie bei +uns bei heißer Bouillon, die Lippen verbrennt.</p> + +<p class="revind"><a name="fn20" id="fn20">20</a>: Wohlan, so komm, Kamerad.</p> + +<p class="revind"><a name="fn21" id="fn21">21</a>: Papiercigarren.</p> + +<p class="revind"><a name="fn22" id="fn22">22</a>: Schlachtbänke.</p> + +<p class="revind"><a name="fn23" id="fn23">23</a>: Es ist in Valparaiso nur der Polizei und den Ärzten erlaubt, +in der Stadt zu galoppiren.</p> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<table class="sm" border="0" style="background-color: #E6F6FA; margin: 0 auto" cellspacing="2" cellpadding="4" summary="NOTES"> +<tr> +<td colspan="2"> + <div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE</div> + +<p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA"> +The table of contents has been moved to the beginning. The spelling +of names has been regularised and missing punctuation added. Obvious +misspellings have been corrected. A few words appear in two different +spellings; these have been retained. Some words now used with the +accusative case were combined with the dative case in Gerstäcker's time; +period usage has been retained where contemporary reference books show +this to have been the case.</p> +<p class="noindent">The following additional changes were made and can be identified +in the body of the text by a grey dotted underline.<br /> +<br /> +</p> +</td> +</tr> +<tr> +<td colspan="2"> + <div class="center">ANMERKUNGEN</div> + +<p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA"> +Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang gesetzt. Namen wurden +vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung ergänzt. Offenkundige +orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Manche Wörter +treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. In einigen +Fällen treten Wörter heute mit dem Akkusativ auf, wurden zu Gerstäckers +Zeiten aber mit dem Dativ verbunden. Wo sich das nachweisen ließ, wurde +der damalige Usus beibehalten.</p> +<p class="noindent">Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen und sind im +Text grau unterstrichelt:<br /> +<br /> +</p> +</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">breitschlüchtiges</td> +<td align="left" valign="top"><i>breitschlächtiges</i></td> +</tr> + +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">die schon lange durgefeilten Eisenstäbe</td> + <td align="left" valign="top">die schon lange <i>durchgefeilten</i> Eisenstäbe</td> +</tr> + +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">diesem selbst in seinen Plänen entgegenwirkt</td> +<td align="left" valign="top">diesem selbst in seinen Plänen <i>entgegengewirkt</i></td> +</tr> + +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">gegen die Gewalt, die gegen ihm geschehen</td> +<td align="left" valign="top">gegen die Gewalt, die <i>ihm</i> geschehen</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">Zwei Lootenfische</td> +<td align="left" valign="top">Zwei <i>Lootsenfische</i></td> +</tr> + +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">tiefer und tiefer senkte er sich in seinen Ringen </td> + <td align="left" valign="top">tiefer und tiefer senkte er sich in <i>seinem</i> Ringen</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">Sr. Excellenz führt den trostlosen Krieg</td> +<td align="left" valign="top"><i>Se.</i> Excellenz führt den trostlosen Krieg</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (…) hinunterklaffte</td> + <td align="left" valign="top"> auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (…) <i>hinunterkläffte</i></td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">das monotone Picken der großen Wanduhr</td> +<td align="left" valign="top">das monotone <i>Ticken</i> der großen Wanduhr</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">Ill' be damned if I did</td> +<td align="left" valign="top"><i>I'll</i> be damned if I did</td> +</tr> +<tr> +<td class="w50" align="left" valign="top">auf ihn auszuüber</td> +<td align="left" valign="top">auf ihn <i>auszuüben</i></td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">Sr. Excellenz, der Gouverneur</td> + <td align="left" valign="top"><i>Se</i>. Excellenz, der Gouverneur</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">das Erzählte mit Akkorden (…) seine Geige zu begleiten</td> +<td align="left" valign="top">das Erzählte mit Akkorden (…) <i>seiner</i> Geige zu begleiten</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">er hätte keins von alle diesem wissen mögen</td> +<td align="left" valign="top">er hätte keins von alle diesem <i>missen</i> mögen</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schalten zu ihm nieder</td> +<td align="left" valign="top">ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen <i>schallten</i> zu ihm nieder</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">ihrem ersten Aprall kräftigen Widerstand leistete</td> +<td align="left" valign="top">ihrem ersten <i>Anprall</i> kräftigen Widerstand leistete</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">Morelos war aber nicht der Mann, einen (…) Vortheil (…) zu entsagen</td> +<td align="left" valign="top">Morelos war aber nicht der Mann, <i>einem</i> (…) Vortheil (…) zu entsagen</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">und den Arm des also Überraschten, der gar nicht wußte (…)</td> +<td align="left" valign="top">und den Arm des also Überraschten <i>ergreifend</i>, der gar nicht wußte (…)</td> +</tr> +</table> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE *** + +***** This file should be named 33003-h.htm or 33003-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/3/0/0/33003/ + +Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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