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+The Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Wahnsinnige
+ Eine Erzählung aus Südamerika
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+Release Date: June 27, 2010 [EBook #33003]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE ***
+
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+
+
+Produced by richyfourtytwo, Delphine Lettau and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+Der Wahnsinnige.
+
+Eine Erzählung aus Südamerika
+
+
+Friedrich Gerstäcker.
+
+
+Wittenberg.
+Verlag von Franz Mohr.
+1856.
+
+
+Inhaltsverzeichniß.
+
+ Seite.
+
+ 1) Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres 1
+ 2) Die Flucht 20
+ 3) Die Reise und ihre Abenteuer 34
+ 4) Ankunft in Valparaiso. -- Hülfe in der Noth 47
+ 5) Die englische Familie 59
+ 6) Don Gaspar 69
+ 7) Der Verdacht 89
+ 8) Die Entdeckung 109
+ 9) Entschlüsse und Pläne 120
+ 10) Don Manuel 134
+ 11) Der Spanier und das Mädchen 146
+ 12) Der Ausbruch des Vulkans 159
+ 13) Das Rendez-vous 165
+ 14) Die Verfolgung -- Schluß 173
+
+
+
+
+1.
+
+Das Irrenhaus zu Buenos-Ayres.
+
+
+Ganz am äußersten Ende der Straße Santa Rosa in Buenos-Ayres stand
+ein breitschlächtiges niederes Gebäude, aus rothdunklen verwitterten
+Backsteinen errichtet; die schmalen und sparsam genug eingebrochenen
+Fenster mit dicken eisernen Stäben verwahrt, die schwere eichene Thür,
+oder das Hauptthor eigentlich, mit massiven Balken verschlossen und von
+der Straße selber aus mit keinem sichtbaren Eingang weiter. Dazu war es
+eine Strecke in den Platz hineingebaut, auf dem es stand, und das ganze
+Grundstück, das zu ihm gehören mochte, mit einer verwilderten, aber
+deshalb um so dichteren Hecke von in einandergedrängten stachlichen
+Kackteen eingeschlossen, die nur nothdürftig um den schmalen Eingang in
+dieß Gehöft, soweit gekappt waren, daß man bei vorsichtigem Betreten des
+äußeren Raums nicht in den Dornen derselben hängen blieb.
+
+So belebt die Straße Santa Rosa nun auch nach dem innern Theil der Stadt
+zu sein mochte, so still und öde war sie hier, und glich in der That
+eher einer von traurigen Kacktushecken eingefaßten Landstraße. An den
+Seiten waren Gräben angebracht, das Wasser abzuleiten; zu den Thüren
+der einzelnen Hofräume führten schmale, darübergelegte, oft schlüpfrige
+und wurmzerfressene Bretter und der Fahrweg bestand in der jetzigen
+Regenzeit, dem südamerikanischen Winter, aus einer schwer flüssigen
+Schlammmasse, durch die sich die unbehülflichen Karren der Pampas mit
+ihren zwei Riesenrädern, von schläfrigen Stieren gezogen, langsam
+hindurch wälzten, und selbst der flüchtige Gaucho[1], der noch weiter
+draußen, die Straße verschmähend oder eine neue bahnend, über die
+Fläche dahin geflogen, zügelte hier seinen wilden Galopp und ließ
+sein ungeduldig schnaubendes, schäumendes Thier langsamer durch die
+schwimmende Masse hindurchschreiten.
+
+ 1: Gaucho's, die Bewohner der weiten Steppen oder Pampas des
+ inneren Landes, aber nicht die Indianer.
+
+Wenn es überhaupt Fußgänger in der Argentinischen Republik gäbe, wo
+Alles zu Pferde sitzt, wäre ihr Schuhwerk und ihre Geduld hier erprobt
+worden, dieser obere Theil der Straße wurde aber fast schon, wie es
+schien, zum Lande gerechnet, und wer selbst von hier aus irgend etwas
+aus einem der weiten, dem Mittelpunkt der Stadt zu gelegenen Läden zu
+holen oder Geschäfte hatte, die ihn dort hin riefen, verschmähte es
+wahrlich nicht, sein Pferd deshalb zu satteln.
+
+Aber die Straße selber kümmert uns wenig, wir haben es mit dem alten
+Hause zu thun, und ich wollte die erstere nur etwas genauer beschreiben,
+dem Leser mehr die traurige, trostlose Öde des ganzen Platzes zu
+versinnlichen, die sogar noch einen unheimlichen Charakter annahm,
+wenn man die Bestimmung des alten wettergeschlagenen Gebäudes kannte.
+
+Es war ein Irrenhaus -- von Privatleuten angelegt und später, als sich
+diese nicht mehr im Stande fühlten, es fortzuführen, von der Regierung
+übernommen, aber in der Aufregung der Zeit nur spärlich verwaltet.
+Nichts desto weniger befanden sich gegenwärtig elf unglückliche Gäste
+in den Kammern oder Zellen des Gebäudes -- einige in Ketten und Banden,
+andere frei in ihrem Zimmer, nur wenigen aber verstattet, den inneren,
+ebenfalls streng abgesperrten Hofraum zu betreten, dann und wann die
+frische Gottesluft einzuathmen.
+
+Angestellt waren dabei ein Hauptarzt, ein Argentiner oder eigentlich ein
+geborener Spanier, denn wenn sich die Republik auch von der Regierung
+des Mutterlandes losgerissen, konnte sie doch noch nicht aus eigenen
+Kräften die Wissenschaft ersetzen, die ihr von dort herüber gekommen
+-- und zwei Unterärzte, der obere von diesen ein geborener Argentiner
+aus Cordoba, der andere ein junger Schwede, der von Rio-Grande aus
+Brasilien, mit vielen Landsleuten und Deutschen herübergekommen war, dem
+aufblühenden Argentinischen Staat seine Kräfte zu weihen und sich hier
+rascher und leichter eine Existenz zu gründen. Er hieß Stierna und war
+der spanischen Sprache vollkommen mächtig.
+
+Diesem, als jüngsten Arzt war auch die Behandlung der leichtesten
+Kranken anvertraut, die in der That hie und da nur verlangten, daß
+man nach ihnen sah, damit nicht rauhes Betragen der rauhen Wärter
+oder schlechtere Kost vielleicht sie unnöthiger Weise errege und
+ihre gehoffte Heilung erschwere.
+
+Don Alvarado, der Oberarzt, kam selten, und bei sehr schlechtem Wetter
+nie heraus; Don Pancho hatte indessen die Oberaufsicht, und einzelne der
+Kranken waren es, die er ausschließlich behandelte, und zu denen er dem
+jungen Schweden fast nie, selbst nur den Zutritt gestattete, und geschah
+das wirklich, nur in seinem Beisein.
+
+Zu diesen wenigen, die Don Pancho, und wie er behauptete, ebenfalls
+Don Alvarado für unheilbar erklärt hatte, gehörte auch ein Spanier,
+von blassen, aber edlen Zügen, reinlich und geschmackvoll, ja elegant
+gekleidet, und seine Toilette, auf die er mit größter Sorgfalt hielt,
+selbst in diesem Aufenthalt des Jammers auch nicht eine Minute
+vernachlässigend. Das schwarze glänzende Haar fiel ihm in reichen vollen
+Locken über die Stirn, den linken Zeigefinger schmückte ein kostbarer
+Diamant und seine Wäsche war vom feinsten Linnen und größter Sauberkeit.
+Auch in seinem ganzen Betragen war er ernst und ruhig, ein vollkommener
+Gentleman; und Stierna gab sich, während der zwei Male, die er den
+Kranken in Don Panchos Gegenwart besuchen durfte, die größte Mühe,
+irgend ein Symptom seines Leidens in einem äußern Zeichen zu entdecken
+-- vergebens, der Kranke war artig, wenn auch einsilbig, äußerte nur ein
+paar kleine Wünsche wegen eines Zeichnenapparates und mehrerer Bücher,
+und der Schwede würde nach den zwei Besuchen nie einen Wahnsinnigen in
+ihm vermuthet haben -- hätte er ihn eben an einem anderen Orte
+getroffen.
+
+Die Anstalt selbst schien aber ebenfalls größere Rücksicht auf ihn zu
+nehmen, wie auf einen der anderen Kranken; sein Zimmer war mit einem
+Teppich belegt, der den kalten Backsteinboden vollständig bedeckte,
+er konnte schreiben und zeichnen, eine kleine Bibliothek selbst
+stand zu seiner Verfügung und er wurde in der That weit mehr wie ein
+Staatsgefangener, als ein Geisteskranker behandelt, so daß Stierna
+jedesmal nach einem solchen Besuch mehr und mehr den Gedanken in sich
+aufsteigen fühlte, es müsse dem Schicksal dieses Unglücklichen irgend
+ein tiefes und vielleicht gar düsteres Geheimniß zu Grunde liegen. Ein
+paar Mal versuchte er auch von seinem Collegen Aufschluß über dieß
+Verhältniß zu bekommen, aber umsonst; so gesprächig Don Pancho in jedem
+andern Fall auch sein mochte, hierüber gab er dem Frager immer nur
+kurze und stets ausweichende Antworten, bis diesem die ganze Sache zum
+peinlichen Räthsel wurde, dem er nun, koste es was es wolle, auch zur
+Wurzel nachspüren müsse.
+
+Der Zufall war ihm hierbei günstiger als er erwartet hatte; Don
+Pancho nämlich wurde plötzlich so krank, daß er seinem Amte, von einem
+bösartigen Schleimfieber an sein Lager gefesselt, längere Zeit nicht
+mehr vorstehen konnte, und wenn sich auch Don Alvarado in den ersten
+Tagen der Geschäfte außergewöhnlich lebhaft annahm und die Anstalt den
+Tag über fast gar nicht mehr verließ, hielt dieser vortreffliche Eifer
+doch keineswegs so lange aus, wie das Schleimfieber seines Untergebenen,
+und schon nach drei Wochen ließ er Stierna zu sich rufen. Dort übertrug
+er ihm die tägliche Aufsicht der übrigen Kranken, zu seiner Hülfe ihm
+noch einen jungen englischen Arzt erlaubend, der an den Gouverneur Rosas
+von London selber empfohlen und von diesem augenblicklich eine, wenn
+auch für jetzt noch untergeordnete Stellung in dem Hospital erhalten
+hatte, nur freilich während der Krankheit des einen Unterarztes, dem
+aktiven Arzte mit beigegeben werden sollte.
+
+Nach einer kurzen und allgemeinen Übersicht über die Kranken, kam
+übrigens Don Alvarado jetzt auch auf den wunderbaren Patienten, den
+Spanier zu sprechen, und warnte Stierna besonders, sich nicht in zu
+weitläufige Gespräche mit ihm einzulassen, da der Fall vorgekommen sei,
+daß er, nach einer sehr lebhaft geführten Unterhaltung einen förmlichen
+Anfall von Raserei bekommen haben sollte, während er sonst harmlos und
+still blieb, und selten nur den Dämon verrieth, der in ihm schlummerte.
+
+»Ich glaube gerade nicht,« setzte der alte Herr hinzu, »daß Sie Don
+Morelos, wie der spanische Cavallero heißt, denn sein Familienname thut
+hier Nichts zur Sache, mit seinen Phantasieen behelligen wird, wenn
+Sie sich nur im Mindesten, wie Ihnen aufgetragen worden, von ihm
+zurückhalten; er ist gerade in letzter Zeit ganz besonders schweigsam
+gewesen. Um Sie aber auch auf die _Möglichkeit_ eines solchen Falles
+vorzubereiten, wäre es doch wohl gut, ja vielleicht nöthig, daß ich
+Ihnen, wenn auch nur mit ganz kurzen Worten die Entstehung seiner
+Krankheit mittheilte.«
+
+»Mit einem sehr bedeutenden Vermögen kam er nach Buenos-Ayres und seine
+weitere Geschichte, sein Aufenthalt in dieser Stadt berührt uns nicht,
+bis wir zu dem Moment kommen, daß er als der anerkannte Bräutigam
+der Tochter eines unserer ersten Föderalisten eine Rolle in unserer
+Gesellschaft zu spielen begann. Hier hatte er jedoch mit einem
+Nebenbuhler zu thun und sein wunderliches abstoßendes Wesen bewirkte
+nach und nach, daß er sich seiner Braut mehr und mehr entfremdete. Bei
+dem hitzigen Charakter unserer Landeskinder konnte das nicht lange
+ohne unruhige Folgen abgehn -- die beiden Nebenbuhler bekamen -- suchten
+vielleicht Streit miteinander. Eine Ausforderung wurde angenommen,
+Don Morelos aber, vielleicht schon damals in einem Anfall von Raserei,
+erstach den Secundanten seines Gegners und verwundete diesen selber
+ebenfalls so schwer, daß er für todt auf dem Platz blieb und erst nach
+langwierigem Krankenlager wieder hergestellt werden konnte.«
+
+»Die Polizei war damals auf seinen Fersen, und man sagt, daß er der
+Strafe nur durch die merkwürdige Ähnlichkeit eines anderen Mannes
+entging, der an seiner Stelle von den Mashorqueros unseres glorreichen
+Gouverneurs ermordet wurde. Als er nach langem Siechthum wieder erstand,
+war er so verändert, daß man ihn kaum wieder erkannte; aber obgleich man
+ihn ruhig eine Zeit lang in der Stadt gewähren ließ, hatte man doch noch
+immer keine Ahnung davon, daß er irrsinnig geworden sein könne, bis er
+das alte Verhältniß mit seiner früheren Braut, die jetzt aber schon
+lange seinen früheren Nebenbuhler geheirathet, mit Gewalt fortsetzen
+wollte und dabei erklärte und behauptete, Donna Constancia sei vor Gott
+sein Weib, und ihr Gemahl, den er mit den entsetzlichsten Schimpfworten
+belegte, habe sich heimlich und lügnerisch in ihre Gunst gestohlen.
+Immer wildere Mährchen setzte er sich dabei zusammen, und damals kam
+man zuerst auf die Vermuthung, daß er wahnsinnig geworden wäre.«
+
+»Eine genaue Beobachtung seines ganzen wunderlichen Lebens, denn er
+hatte sich in einem kleinen ärmlichen Häuschen der Vorstadt eingemiethet,
+setzte übrigens die Thatsache seines Wahnsinnes bald außer allen Zweifel
+er stieß sogar in einem öffentlichen Kaffeehaus einst einen, ihm
+wildfremden Menschen, mit dem er in ein immer hitziger werdendes
+Gespräch gerieth, plötzlich nieder, weil er behauptete, jener habe vor
+dreiundzwanzig Jahren seine Schwester ermordet -- und er selber kann
+kaum siebenundzwanzig zählen. Dadurch schien aber damals die wirkliche
+Tollheit bei ihm ausgebrochen zu sein -- mit dem noch blutigen Messer
+stürmte er damals in das Haus der Donna Constancia, ihren Gatten, Don
+Luis de Gomez, dem er die entsetzlichsten Dinge nachsagte -- ebenfalls
+zu ermorden. Glücklicher Weise warf ihm die Polizei noch dicht vor
+dessen Thür einen Lasso über, und brachte ihn hierher.«
+
+»Die ersten Wochen mußten wir ihn übrigens in einer der unteren festen
+Zellen halten; er wüthete und raste und verlangte frei gelassen zu
+werden; nach und nach legte sich das aber wieder, ja, er wurde so
+vernünftig, daß man wirklich einmal den Versuch mit ihm machte, ihn
+wieder, natürlich unter ihm unbewußter Aufsicht, aus der Anstalt zu
+entlassen. Das wäre aber beinahe schlimm abgelaufen, denn sein erster
+Gang war in das Haus des Don Luis, und ehe man es verhindern konnte,
+überfiel er den Señor und würde ihn erwürgt haben, hätte die Polizei
+nicht noch gerade zur rechten Zeit einspringen können. Er behauptet seit
+der Zeit, jene Dame sei seine eigene Frau, er aber habe einen Fremden
+bei ihr ertappt und ermordet, und sei deshalb für einen gewissen
+Zeitraum von den Gerichten eingekerkert worden. Er beträgt sich nun
+ruhig und ordentlich, und ich glaube, wir haben erst einen neuen
+Ausbruch zu erwarten, wenn er seine Zeit für abgelaufen halten wird
+-- und müssen abwarten, wann das geschieht.«
+
+»Sie wissen nun genug,« setzte der alte Herr hinzu, »Ihren Patienten zu
+behandeln; wie gesagt, vermeiden Sie am Besten jede Unterhaltung mit
+ihm. Sollte er aber doch, _wider_ Erwarten, gesprächig werden und neue
+Thorheiten aushecken, so wünsche ich, daß ich augenblicklich davon
+unterrichtet werde.«
+
+Stierna empfahl sich, und sein erster Gang war nach der Straße Santa
+Rosa zurück, die Zellen zu revidiren, und vor allen Dingen den jungen
+Mann zu besuchen, für den er, besonders nach der eben gehörten Erzählung,
+ein unbeschreibliches Interesse zu fühlen begann.
+
+Der alte Don Alvarado hatte aber recht gehabt, Don Morelos begrüßte
+allerdings seine »neue Bekanntschaft,« wie er ihn nannte, auf das
+Artigste, schien aber nicht im Mindesten zu einer Unterhaltung
+aufgelegt, und drei Besuche vergingen, ohne daß der junge Arzt, der
+vor Ungeduld brannte, sich den Charakter dieses wunderbaren Kranken
+entwickeln zu sehen, mehr aus ihm herausgebracht hätte, als die
+gewöhnlichsten und alltäglichsten Begrüßungs- und Höflichkeitsphrasen.
+
+Am vierten Tag schien der Kranke unruhiger als früher -- er war erregt
+und sein Puls zeigte sogar ein leichtes Fieber. -- Stierna erkundigte
+sich theilnehmend nach den einzelnen Symptomen, die ihm der Spanier
+jedoch nur als in einer unbedeutenden Erkältung entspringend, angab.
+Dadurch hatte sich aber zwischen beiden Männern eine Art Annäherung
+gebildet -- es war fast, als ob zwischen ihnen eine Schranke gefallen
+sei, und der junge Spanier wurde, ehe ihn der Arzt wieder verließ, fast
+heiter, scherzte und lachte, und erzählte Anekdoten aus seinem frühern
+Leben -- ohne jedoch die unmittelbar vor seiner Einkerkerung liegende
+Periode auch nur mit einer Sylbe zu erwähnen.
+
+Als Stierna am andern Morgen wieder in seine Zelle trat, war es fast,
+als ob er einen alten Freund begrüßte, und doch hatte Don Morelos auch
+im Anfang wieder etwas Zurückhaltendes -- es war, als ob ihm etwas auf
+dem Herzen liege, dessen er sich zu entlasten wünsche, und doch den Muth
+dazu nicht fassen könne. Stierna sah dies weniger, als daß er es fühlte,
+und mit der Berechtigung des Arztes, dem Kranken mit seinen Fragen
+geradezu in das Herz des Leidens, an die Wurzel des Übels zu gehen, nahm
+er seine Hand, und bat ihn frei und offen, mit ihm wie mit einem Bruder
+zu sprechen, wenn er irgend etwas für ihn thun, ihn in irgend etwas
+erleichtern könne.
+
+Der junge Spanier sah ihn erst, wohl eine volle Minute, ernst und
+schweigend an, dann aber schüttelte er leise und wehmüthig lächelnd mit
+dem Kopf und sagte tief aufseufzend, und wie es schien mehr mit sich
+selber als zu dem Arzte redend:
+
+»Es ist Alles vergebens -- Sie würden mir doch nicht glauben, und -- ich
+bin früher nach solchen Erklärungen nur härter behandelt worden -- Rosas
+ist zu mächtig.«
+
+Stierna sah ihn erstaunt an -- diese Worte, ruhig und ohne die geringste
+Leidenschaft gesprochen, klangen gar nicht wie aus dem Munde eines
+Wahnsinnigen, und doch, auf eine unendlich verschiedene Weise äußert
+sich dieß entsetzlichste der menschlichen Leiden -- der Irrsinn -- wenn
+er das arme Hirn zerrüttet und den verstümmelten Geist nur noch im
+Körper gelassen zu haben scheint, die willenlose Maschine in toller
+ungeregelter Bahn vorwärts zu treiben -- was Wunder, daß sie manchmal
+auf kurze Zeit der geraden ebenen Straße folgt, wer aber weiß, wenn und
+wie schnell sie wieder rechts oder links abstürmt in das Leere.
+
+Der junge Spanier warf einen halb forschenden, halb schmerzlichen Blick
+auf das Antlitz des jungen Arztes, und als ob er gelesen, was in dessen
+Inneren vorgegangen, setzte er, mit dem Kopfe still vor sich hinnickend
+und kaum hörbar hinzu:
+
+»Auch _er_!«
+
+Stierna fühlte sich in einer peinlichen Situation; das Gespräch war
+plötzlich viel zu ernst geworden, ihn die Gefahr nicht einsehn zu
+lassen, wenn er darauf einging, und wie konnte er jetzt am besten
+wieder zurück? -- Das Einfachste schien, irgend ein anderes Gespräch zu
+beginnen, ehe er aber dazu kommen konnte, stand Don Morelos plötzlich
+auf, nickte finster lächelnd mit dem Kopf, und ein paar Mal im Zimmer
+auf und ab gehend, sagte er endlich:
+
+»Ich sehe, Sie haben Ihnen schon dasselbe Mährchen von mir erzählt, wie
+meinem früheren -- Wärter, ich bin Ihnen als ein Tollhäusler geschildert,
+der anderer Leute Frauen für seine eigenen hält und die Männer deshalb
+anfällt -- nicht wahr, ich habe recht?«
+
+Er blieb, während er diese Worte sprach, lächelnd und mit verschränkten
+Armen vor Stierna stehen, und es lag etwas Triumphirendes in seinen
+Mienen, denn die Überraschung des jungen Arztes war deutlich in dessen
+Zügen ausgeprägt.
+
+»Und Sie _fühlen_, daß dies nur eine Phantasie ist?« frug der Schwede,
+aber erst nach einer Pause, in der er wirklich seine Sinne diesem neuen
+Eindruck sammeln mußte. -- »Sie sind überzeugt, daß diese Ideen nicht
+wieder kehren werden?«
+
+»Lieber Freund,« sagte der Spanier ernst, »nur Gott kann hier für
+uns einstehen für das was wir _werden_ sollen; nehmen Sie aber den
+gesundesten Gaucho von der Straße herauf, sperren ihn in einen dieser
+Räume -- schreien ihm in's Ohr, daß er sich in einem Irrenhause befände
+und selber toll sei, und seine Sinneswerkzeuge müßten von Stahl und
+Eisen sein, wenn er es nicht wirklich auch am Ende würde -- der Geist
+hält es nicht aus, gegen eine solche furchtbare Idee immer und immer
+wieder vergebens anzukämpfen.«
+
+»Aber wenn Sie _fühlen_, daß Sie jene Idee abgeschüttelt haben, so
+werden sich diese Thore auch bald Ihnen öffnen -- ich will gleich heute
+mit Don Alvarado --«
+
+»Um Gottes Willen nicht!« unterbrach ihn der Spanier rasch und
+ängstlich, indem er seinen Arm ergriff; »das einzige Resultat davon
+wäre, daß man Sie nicht wieder zu mir ließe, und ich -- _fürchte_ jetzt
+fast, Sie wieder zu verlieren.«
+
+»Aber Sie glauben doch nicht, daß man Sie hier zurückhalten würde, wenn
+nicht --«
+
+»Wie lange sind Sie in der Argentinischen Republik?« unterbrach ihn Don
+Morelos finster.
+
+»Zehn Monate etwa,« lautete die Antwort.
+
+»Ich dachte es,« sagte der Spanier leise, »da stehen Ihnen denn freilich
+noch traurige Erfahrungen bevor. So wissen Sie denn, daß ich ein Opfer
+von Rosas furchtbarer, aber schlauer Politik geworden bin. Er hätte mich
+mit leichter Mühe tödten können -- er hat das Blut Tausender vergossen,
+und das meinige würde nicht viel schwerer auf seiner Seele gelastet
+haben -- aber er braucht in späterer Zeit die _Beweise_ meines Lebens
+-- es sind dies Familienverhältnisse, zu denen es Stunden bedürfen
+würde, sie Ihnen auseinander zu setzen -- und während er keine passende
+Entschuldigung finden konnte, mich in einen Kerker zu werfen, wurde die
+Straße Santa Rosa ein vortreffliches Asyl für den armen _Geisteskranken_.«
+
+»Aber Don Alvarado --«
+
+»Darf nicht anders -- lieber Freund, wir hüten uns zu tanzen, wenn wir
+auf der dünnen Kruste eines Vulkans stehen. Don Alvarado weiß recht gut,
+daß er dem Willen des Diktators nicht entgegenhandeln _darf_, und
+daß es selbst zu einem Verbrechen werden könnte, auch nur seinem
+_Wunsche_ nicht zu begegnen; die Mashorqueros[2] sind vortreffliche
+Überzeugungsgründe, und es erfordert starke Nerven, oder -- ein
+schnelles Roß -- ihnen zu widerstreben.«
+
+ 2: Die Henkersknechte des Diktators Rosas.
+
+»Aber jene Dame?« -- sagte Stierna, noch immer zögernd und halb
+ungläubig, obgleich ihn das ruhige resignirte Benehmen des wahnsinnig
+gesagten als fast zu starke Beweise für dessen Behauptungen erwuchsen.
+
+»Die Dame?« lächelte Don Morelos wehmüthig, und barg für wenige Sekunden
+seine Augen in der deckenden Hand, dann sich aber emporrichtend sagte
+er langsam und leise mit dem Kopf dazu nickend: --
+
+»Sie verstehen es -- sie verstehen es, die Teufel, Einem das Herz in der
+Brust zu wenden nach eigenem Gutdünken, und wenn es blutet, schreien
+sie _Mord_! er ist der Thäter -- das ist Gottes Gericht. Nein, Señor,«
+wandte er sich dann lebendiger an den jungen Mann, »lassen Sie nicht
+auch das eigene Herz Zeuge gegen den Verstand eines Unglücklichen sein
+-- behandeln Sie mich wenigstens nicht wie einen Tollen, und wenn Sie
+mir auch nicht helfen können, lassen Sie mir wenigstens das Glück, _ein_
+Wesen in meiner Nähe zu wissen, das nicht, mit den Übrigen im Bund, mich
+nur dahin zu treiben sucht, wofür diese mich ausgeben.«
+
+Stierna fühlte sich, als er den Unglücklichen an diesem Tage verließ,
+wie im Traum, und die widersprechensten Gefühle kämpften in seinem
+Innern. Verhielt sich die Sache wirklich so, als sie ihm Don Morelos
+erzählt, und was auch seine Vernunft dazu sagen wollte, sein Herz
+drängte ihn, es zu glauben -- so war er hier der Mitschuldige eines
+furchtbaren Verbrechens, einer That, weit schlimmer als kaltblütiger
+Mord, denn dieser tödtet nur den Leib, während jene darauf hin arbeitete,
+die Seele eines Menschen langsam und teuflisch zu vernichten.
+
+Am nächsten Morgen suchte er Don Alvarado auf, aber dessen mißtrauischer
+Blick nur, als er die erste, noch ganz gleichgültige Frage über diesen
+Kranken that, warnte ihn, weiter zu gehen, wenn er nicht allerdings
+befürchten wollte, von jeder Verbindung mit ihm abgeschnitten zu werden.
+Ebenso vergebens waren seine Nachforschungen in der Stadt, etwas
+Näheres von _Unbetheiligten_ über den Zustand des jungen Spaniers zu
+hören. Man erinnerte sich allerdings noch eines ähnlichen Vorfalls; die
+letzten Jahre hatten aber so viel des Neuen und Entsetzlichen gebracht,
+daß einzelne Daten in dem allgemeinen Strom des Blutes, das durch die
+Straßen der Stadt, oft aus den treuesten Herzen geflossen, untergingen
+und verschwanden. Niemand dachte mehr, wie es schien, an diesen
+besonderen Fall, und nur ein einziger alter Spanier, der Don Morelos
+auch wohl früher persönlich gekannt, äußerte gegen den jungen Arzt, mehr
+dabei als wohlmeinende Warnung, wie irgend eine Auskunft gebend -- »es
+sei vollkommen hinreichend, von dem Diktator für wahnsinnig erkannt zu
+sein -- um es wirklich zu werden.«
+
+Alles das diente nur dazu, dem exaltirten jungen Schweden mehr
+und mehr die eigene Erklärung des angeblichen Kranken glaubhaft
+erscheinen zu lassen, und so peinlich wurde ihm zuletzt das Gefühl,
+der _Gefängnißwärter_ eines unschuldig Eingekerkerten sein zu müssen,
+daß er Pläne auf Pläne entwarf, dem zu entgehen, oder ein Mittel
+aufzufinden, dem Gefangenen zu helfen.
+
+Don Pancho hatte sich indessen von seiner Krankheit erholt, und war
+wenigstens so weit hergestellt worden, theilweise seinen früheren
+Dienst wieder zu versehen; Stierna mußte ihn allerdings noch sehr dabei
+unterstützen, aber einige wenige Kranke, und unter diesen Don Morelos,
+nahm er wieder unter seine eigene Aufsicht, und nur das schien der
+Schwede durch die bisher ihm überlassene Behandlung gewonnen zu haben,
+daß er nicht mehr so streng von diesem entfernt gehalten wurde, und
+wenigstens dann und wann Zutritt hatte.
+
+Gerade dieser gewisse Zwang beförderte aber, ja beschleunigte, was
+vielleicht monatelanges freies Aus- und Eingehen des jungen Arztes,
+wenigstens nicht in _der_ Stärke bewirkt haben würde -- diese beiden
+jungen Leute, der Arzt und sein »Kranker«, wurden innige Freunde, und
+Stierna's einziges Streben war jetzt darauf gerichtet, ein Mittel
+ausfindig zu machen, den Freund zu retten. Noch aber hatte er mit ihm
+selber nicht ein Wort darüber gesprochen, denn wenn er auch mit Freuden
+seine ganze Stellung, wie die Gewißheit, hier einst eine sichere
+Existenz für sich zu gründen, von sich geworfen hätte, fehlte es ihm
+doch an den nöthigen Mitteln, eine Flucht glücklich durchzuführen, die,
+wenn vor der Zeit entdeckt, jedenfalls _sein_ Leben gekostet, und die
+Lage des unglücklichen Gefangenen gewiß um vieles verschlimmert haben
+würde.
+
+Augenscheinlich war dabei, daß der Gefangene selber zu viel Zartgefühl
+besaß, diesen Punkt zu berühren -- er mußte ja recht gut wissen, was
+davon für seinen jungen Freund abhing, und überdieß war eine Flucht aus
+diesem Gebäude, das mit einer Masse müßiger Wächter versehen, unter der
+besonderen Aufsicht des Gouverneurs stand, auch gar nicht so leicht, und
+der schwächliche Spanier durfte sich dabei nicht einmal auf seine eigene
+Energie und Ausdauer verlassen. Stierna wurde sein Zustand aber trotzdem
+zuletzt so peinlich, daß er es nicht länger ertragen konnte, und unter
+jeder Bedingung beschloß, Don Morelos wenigsten von seiner eigenen
+Absicht in Kenntniß zu setzen, und ihm seine Hülfe anzubieten, wenn er
+nur irgend einen haltbaren Plan wüßte, die Flucht nicht allein aus dem
+Kerker, sondern auch auf Nachbargebiet nach Brasilien oder wenigstens
+nach Monte-Video zu bewerkstelligen.
+
+Hierzu fand sich bald eine günstige Stunde; Don Pancho war eines
+Nachmittags mit Don Alvarado zu dem Diktator selber geladen, vielleicht
+einen Bericht über ihre Kranken abzulegen, und Stierna säumte diesmal
+nicht, den, vielleicht nicht sobald wiederkehrenden Augenblick zu
+benutzen.
+
+Merkwürdig und eigenthümlich war der Eindruck, den die Erklärung des
+jungen Mannes auf den Gefangenen machte. -- Er wurde leichenblaß, sah
+den Freund wohl eine halbe Minute starr und regungslos an, und barg
+dann das Antlitz in den Händen, während sein Körper wie in furchtbarer
+Aufregung arbeitete, und das Blut in den Adern seiner Schläfe aus der
+bleichen Haut herauszuspritzen drohte. Auch erst nach langer Zeit gab
+sich diese durch die plötzliche Freudenbotschaft vielleicht so gewaltsam
+heraufbeschworene Leidenschaft, und als er die Hände endlich wieder von
+seinen Zügen entfernte, hatten diese ihre volle Ruhe zurückgenommen; nur
+die Augen leuchteten noch in einem wilden, fast unheimlichen Feuer. Er
+lauschte auch jetzt den Plänen und Vorschlägen des jungen Schweden mit
+lautloser Ruhe, ja eigene Ideen schienen sich bei ihm in derselben
+Zeit zu bilden, und als ihn »Don Federigo« (wie der junge Arzt, nach
+der Sitte der Südamerikaner die Leute mit ihren Vornamen zu belegen,
+gewöhnlich hier genannt wurde), endlich um seine Meinung frug, gab er
+eine ganz verkehrte Antwort. Erst als Stierna als Haupt-, ja als einzige
+Schwierigkeit des ganzen Gelingens den Mangel an baarem Geld erwähnte,
+ohne das es fast eine Unmöglichkeit sein würde, zu entkommen, ergriff
+er des Doktors Hand und sagte rasch und fast fröhlich:
+
+»Wenn weiter keine Fessel meinen Fuß hier bindet, so ist die bald
+gehoben -- kennen Sie die Straße Piedras? -- die dritte von hier, die
+nächste gleich nach Chacabuco? dort an der Ecke vom Commercio steht ein
+kleines niederes Backsteinhaus -- hier ist die Adresse des Mannes an
+der Plaza, der es zu vermiethen hat -- steht es leer, miethen Sie es um
+jeden Preis, hat es einen Miethsmann, so bieten Sie dem Eigenthümer das
+Doppelte, Dreifache -- Hundertfache --« Er besann sich plötzlich und
+hielt sich seine Schläfe -- er war in furchtbarer Aufregung, aber die
+Wichtigkeit des Moments entschuldigte das auch vollkommen in Stierna's
+Augen, und nun seine Hand fassend, bat er ihn sich zu mäßigen, daß man
+ihn nicht in den nächsten Zimmern höre, und einer der Wächter vielleicht
+herbeigerufen würde.
+
+Don Morelos, der bei der ersten Berührung förmlich zusammenzuckte,
+erholte sich doch schnell wieder und einige Mal jetzt mit raschen
+Schritten im Zimmer auf und ab gehend, schien er endlich in der
+gewaltigen, freudigen Aufregung des Augenblicks seine Sinne soweit
+gesammelt zu haben, die Gedanken auf den einen, für sie jetzt
+wichtigsten Punkt zu bringen. Er theilte nun dem aufmerksam lauschenden
+Freunde mit, daß er in dem Eckzimmer jenes kleinen Gebäudes, in welchem
+er mehrere Monate seines ersten Aufenthalts in Buenos-Ayres gewohnt,
+unter ein paar genau bezeichneten Steinen einen Beutel mit Unzen
+verborgen habe, die für die nächste Zeit alle ihre Bedürfnisse reichlich
+decken und ihre Passage nach irgend einem Theil der Welt bezahlt haben
+würde. Gelang es ihnen, sich, und sei es auch nur auf einen einzigen
+Tag, in ungestörten Besitz des Zimmers zu setzen, so hatten sie was
+sie brauchten, alle ihre Pläne in Ausführung zu bringen, und Stierna
+selbst, bis zu krankhafter Erregung getrieben, verließ den Spanier,
+den erhaltenen Auftrag so rasch als möglich auszuführen.
+
+Vorerst suchte er das bezeichnete Haus in der Calle Piedras auf, und
+fand es zu seiner Freude unbewohnt; der Wirth, zugleich Eigenthümer
+einer Pulperia oder Schenkwirthschaft, machte erst Schwierigkeiten, da
+er schon in nächster Woche dort oben gleichfalls ein Schenkhaus für
+#agua ardiente# und #caña# anlegen wollte, als ihm aber Stierna selbst
+für die eine Woche einen guten Miethzins bot, indem er vorgab, die
+gegenüberliegenden Häuser im Auftrag ihres Eigenthümers abzeichnen zu
+wollen, verstand er sich dazu, und der junge Doktor schaffte noch an
+demselben Abend eine Staffelei mit dem nöthigen Zeichnen- und Malapparat
+in die glücklich gewonnene Stube.
+
+
+
+
+2.
+
+Die Flucht.
+
+
+Zwei Tage später waren alle nöthigen Vorbereitungen getroffen; Stierna
+hatte das Gold gefunden und glücklicher Weise lag gerade ein deutsches
+Fahrzeug im Hafen, das am nächsten Morgen, mit Tagesanbruch segeln
+wollte. Es war nach Valparaiso bestimmt, wollte aber erst noch einmal
+Monte-Video anlaufen, um dort einige Passagiere an's Land zu setzen, und
+da Rosas Gewalt nicht bis zu diesem Orte reichte, ein Flüchtling der
+Argentinischen Republik jedoch mit offenen Armen dort empfangen wurde,
+akkordirte er zwei Plätze nach dieser Stadt, und schaffte durch die
+Gefälligkeit des Capitains unterstützt, der ihm die eigenen Leute dazu
+borgte, mit einbrechender Dunkelheit was er hatte aus seiner Wohnung
+an die Landung, wo es von dem Kapitain selber in Empfang genommen,
+für seine eigenen Effekten ausgegeben, und an Bord gebracht wurde. Zu
+gleicher Zeit hatte er sich eine kleine Strickleiter zu verschaffen
+gewußt, die der junge Spanier unter seine Matratze verbergen mußte, die
+Stäbe waren ebenfalls bald durchgefeilt, und es galt jetzt nur noch,
+nach zehn Uhr, wenn die Revision vorbei war, die beiden Schildwachen
+vorn am Hause auf kurze Zeit zu beschäftigen, wozu Stierna ebenfalls die
+beste Gelegenheit hatte und benutzte.
+
+Unten in der Wohnung, in einer der festen Zellen, lag ein Rasender an
+Ketten, tobend, bis ihm die fast herkulischen Kräfte versagten, und
+schwach und lenksam wie ein Kind für die kurze Zeit der Rast, bis die
+erschöpften Sehnen wieder neues Leben, und dadurch die in ihm gährende
+Wuth auch, wie es schien, neue Nahrung fand. Die Erinnerung an irgend
+etwas Bestimmtes schien er verloren zu haben -- er ras'te eben blos, nur
+_Rosas_ Name durfte nicht in seiner Gegenwart genannt werden, wenn man
+nicht fürchten wollte, daß er selbst diese furchtbaren Banden zerriß,
+die ihn fast zu Boden drückten. -- Seine Zähne knirschten dann über
+einander, als ob sie zersplittern müßten, der weiße Schaum trat ihm auf
+die Lippen, und die Augen quollen förmlich aus ihren Höhlen. Es ging
+ein dumpfes Gerücht im Haus, daß dem Mann, durch die Mashorqueros des
+Diktators vor seinen Augen und in wenigen Minuten fünf erwachsene Söhne
+abgeschlachtet wären, aber man murmelte das mehr als einen Vorwurf für
+den Alten, daß er solch alltäglichen Falles wegen den Verstand verloren,
+da ihm Rosas noch dazu den Kopf dafür gelassen, -- gegen die That selber
+wagte Niemand ein Wort zu äußern.
+
+Dieser Unglückliche hatte sich an dem einen Handgelenk wundgescheuert,
+und Stierna, dem schon an diesem Morgen der Auftrag geworden, die Kette
+abzunehmen und anders zu befestigen, verschob dies als eine, seinem
+Plan vollkommen günstige Gelegenheit bis zum Abend. Vor Dunkelwerden
+mußte er das allerdings vornehmen lassen, fand aber noch eine Ausrede in
+dem ihm gefährlich dünkenden Zustand des Alten, das Abnehmen der Ketten,
+das ihn wieder aufregen konnte, hinauszuschieben, und rief nun, als
+er die Zeit für passend hielt und dem Freund das verabredete Zeichen
+gegeben, die beiden Schildwachen nach vorn zum Haus, dort zur Hülfe
+bereit zu sein, wenn der Unglückliche, mit dem sie es hier zu thun
+hatten, vielleicht gerade dann einen seiner Wuthanfälle bekommen sollte.
+Sämmtliche Wärter der Anstalt interessirten sich ebenfalls für den
+Alten, der im ganzen Haus nur den Namen #el bruto# führte, und wer
+nicht um ihn wirklich beschäftigt war, drängte sich doch in den Gang,
+zu sehen, wie sich »das Thier« benehmen würde.
+
+Don Morelos ließ indeß die Zeit nicht unbenutzt vorbeigehen -- rasch
+waren die, schon lange durchgefeilten Eisenstäbe ausgebrochen, und
+mit der Gewandtheit einer Katze glitt er an der schwanken Leiter
+nieder, schlich zu dem Kaktuszaun, schnitt sich hier mit einem großen
+Argentinischen Messer, das ihm Stierna ebenfalls verschafft hatte,
+die Bahn ins Freie, und war wenige Minuten später in der Dunkelheit
+verschwunden.
+
+Der Schwede hatte indessen die Kette von dem Arm des Unglücklichen
+nehmen lassen, und die Wunde am Knöchel verbunden, -- der Tolle saß auch
+ruhig dabei, und ließ Alles geduldig mit sich geschehen, neugierig nur
+starrte er auf die Gesichter der Umstehenden, und es war fast, als ob er
+in dem Chaos seiner Erinnerungen vergebens nach ähnlichen Zügen suche.
+Zwei Männer hatten ihn, trotz dem Eisen an den Füßen, halten sollen, da
+er sich aber so ganz ruhig verhielt, ja so schwach schien, daß er kaum
+im Stande war, aufrecht zu sitzen, ließen sie die umklammerten Arme los
+und lehnten seinen Oberkörper an ihre Knie.
+
+Die Wunde war indessen ausgewaschen, fing aber wieder frisch zu bluten
+an, und Stierna wickelte das mit einer kühlenden Salbe bestrichene
+Leinen darum, die Blutung zu stillen. Jenes furchtbare, nichtssagende
+todte Lächeln schwebte dabei um die Lippen des Unglücklichen und zuckte
+in seinen Wimpern, -- der Schmerz des Verbindens machte ihn zuerst
+aufmerksam auf seinen Arm, und in dem nämlichen Moment fast quoll das
+Blut durch die Leinwand und färbte diese.
+
+Die Wirkung war entsetzlich, und ehe die hinter ihm Stehenden nur so
+weit die verlorene Besinnung wieder gewannen, zuzugreifen, hatte sich
+der, noch vor wenigen Minuten fast hülflose Greis emporgeschnellt, und
+mit dem tollen Aufschrei »Blut! -- Blut! -- Das war der erste!« -- warf
+er sich auf einen der Wärter, der die Lampe hielt und schlug ihm, wie
+ein wildes Thier im Ansprung, die Zähne in die Brust.
+
+»Hülfe!« schrie der Arme, ließ die Lampe fallen und stürzte rückwärts zu
+Boden nieder -- »Hülfe! Erbarmen!« aber der Rasende hatte ihn zu fest
+und sicher gepackt, und vergebens warfen sich die Wärter jetzt auf ihn,
+ihn fortzureißen, vergebens schlug ihn Einer derselben, als jede andere
+angewandte Gewalt nutzlos blieb, mit seiner eigenen Kette auf die Stirn,
+daß er betäubt zusammenbrach. Die Zähne ließen nicht los, bis sie das
+Fleisch, das sie gefaßt, vom Körper trennten, und jetzt, an allen
+Gliedern wieder gefesselt, wurde der noch immer Bewußtlose, mit schnell
+umgelegten Verbande, in seine Zelle zurückgeschleift.
+
+Stierna mußte jetzt erst noch den schwer verwundeten Wärter verbinden,
+und dann dem finsteren Schreckenshaus, das noch in seiner letzten Scene
+so furchtbare Erinnerung für ihn bewahren sollte, ein leises, aber aus
+innerster Brust kommendes Lebewohl zurufend, warf er sich auf sein
+draußen angebunden stehendes Pferd, und trabte rasch die Straße hinab,
+dem inneren Stadttheile zu, wo er seinen jungen Freund an einem, ihm
+genau bezeichneten Ort schon zu finden hoffte.
+
+ * * * * *
+
+Während die Wärter in dem Irrenhaus mit dem Tollen rangen, sprang die
+Straße hinunter, den Schlamm nicht achtend, der um sie her spritzte,
+eine dunkle Gestalt mit bleichen, fast geisterhaften Zügen; der Straße
+Santa Rosa folgend, bog sie erst in die von Santa Clara ein, und
+vollkommen mit der Lokalität des Platzes bekannt, wie es schien, mäßigte
+sie erst ihren Schritt, als sie sich einem großen dunklen Gebäude
+näherte, das die Ecke dieser und der Calle Lima bildeten. In den langen
+Pancho gehüllt, drückte sie sich, diesem gegenüber, in den dunklen
+Schatten eines anderen hohen Hauses, von den Vorübergehenden oft und
+neugierig angestarrt, aber ohne ihrer zu achten, ja vielleicht ohne sie
+zu bemerken, und blickte, das Antlitz jetzt total in dem weiten Tuche
+versteckt, daß die glühenden Augen nur eben darüber sichtbar waren,
+regungslos nach einem dicht verhangenen, und stark vergitterten
+Fenster des unteren Stocks hinüber, aus dem ein schwacher Lichtstrahl
+vordämmerte. Aber die Thür öffnete sich nicht -- Niemand verließ das
+Gebäude, Niemand betrat es, und eben das einzelne Licht ausgenommen,
+hätte man die ganze düstere Steinmasse für öde und unbewohnt halten
+können.
+
+Es war nahe an zehn Uhr, nur noch einzelne Fußgänger, die hier in dem
+belebtesten Theil der Stadt, in dem selbst Trottoirs hergerichtet waren,
+ihren eigenen Wohnungen zueilten, brachen manchmal die stille Öde der
+Straße, diese aber wichen jetzt scheu der noch immer dort lehnenden
+Gestalt aus, und beschrieben, selbst den Schlamm des Fahrwegs nicht
+achtend, lieber einen Bogen um sie, oder kreuzten nach der anderen Seite
+hinüber. Alle Läden, alle Thüren waren geschlossen, die meisten Lichter
+sogar schon verlöscht, nur das eine, in dem dunklen Haus warf noch
+seinen matten Schein auf den Vorhang, der das Innere des Gemaches
+vollständig den Augen der Vorübergehenden verbarg.
+
+Niemand war jetzt mehr auf der Straße zu hören, eine kleine Patrouille
+Argentinischer Miliz bog um die nächste Ecke und marschirte, zur Ablösung
+irgend eines Postens, die Straße hinab, dem Castell zu -- ihre Schritte
+verhallten in der Ferne und deutlich tönte der scharfe eigenthümliche
+Flügelschlag zahlreicher Züge von Wildenten, die von dem Strom nach den
+zahlreichen Binnenwässern hinüber oder zurückstrichen, durch die Nacht,
+und unterbrach die sonst todtenähnliche Stille.
+
+Der Mann in dem dunklen Pancho schritt jetzt rasch quer über die Straße
+hinüber, horchte einen Augenblick an der Thür und ließ dann zweimal
+den Klopfer aufschlagen, daß es durch das ganze Gebäude hallte. Wenige
+Sekunden später ging drinnen eine Thür, ein schwerer Schritt klappte
+durch das Haus, und eine Stimme von innen heraus frug wer da sei. --
+
+»#Viva la confederation!#[3]« sagte der nächtliche Klopfer mit lauter,
+ruhiger Stimme.
+
+ 3: »Es lebe die Conföderation.«
+
+»#Mueran los salvajes Unitarios,#[4]« antwortete der im Haus Befindliche,
+und zwei zurückgeschobene Riegel kündeten gleich darauf, wie er das
+Feldgeschrei seiner Parthei für eine hinlängliche Bürgschaft des guten
+Charakters seines nächtlichen Besuches halte, ihm selbst in dieser
+späten Stunde Einlaß zu gönnen. Gleich darauf wurde ein Schlüssel im
+Schloß umgedreht und die Thür öffnete sich nach Innen, während das
+Licht der Lampe, die der Aufschließende in der Hand hielt, voll auf
+das Antlitz seines späten und ungekannten Besuchers fiel.
+
+ 4: »Es sterben die wilden Unitarier.« Beides das Motto der
+ Argentinischen Republik unter Rosas.
+
+»#Ave Maria!#« sagte der Alte aber fast unwillkürlich, als er das
+todtenbleiche Gesicht und die dunkelglühenden Augen gewahrte, die auf
+ihn geheftet waren -- »was wünscht Ihr, Señor, zu so später Zeit?«
+
+Der Fremde strich sich mit der Linken das feuchte rabenschwarze Haar aus
+der Stirn und sagte dann mit ruhiger Stimme, die der unruhige Ausdruck
+seiner Züge freilich Lügen strafte.
+
+»Ich muß um Entschuldigung bitten, Sie so spät zu stören, aber ein
+wichtiger Auftrag zwang mich dazu -- ist Don Luis de Gomez noch zu
+sprechen?«
+
+»Don Luis ist nicht zu Hause,« erwiderte der Alte, und musterte jetzt
+zum ersten Mal, und wie es schien, etwas erstaunt den verstörten und
+schlammbespritzten Anzug des Fremden, »Ihr kommt wohl aus dem Inneren,
+Señor?« setzte er dann fragend hinzu. --
+
+»Nicht zu Hause?« wiederholte aber der Fremde rasch und wie es schien
+ungläubig -- »sagt ihm, guter Freund, daß ich ihm wichtige Depeschen
+bringe, deren Verschieben Unheil über viele Menschen bringen könnte.«
+
+»Aber Don Luis hat Buenos-Ayres schon vor drei Monaten verlassen,«
+bekräftigte der Alte seine frühere Aussage, »und ist nach Valparaiso im
+Auftrag Sr. Excellenz des Gouverneurs gegangen -- den Gott beschützen
+möge.«
+
+»Nicht in Buenos-Ayres?« rief der Fremde, erschreckt einen Schritt
+zurücktretend -- »nach Chile? -- und Donna Constancia? --«
+
+Ehe der Alte diese zweite Frage noch beantworten konnte, öffnete sich
+die Seitenthür, und eine alte Dame, den Kopf sorgfältig in ihre Mantille
+eingeschlagen, die sie unter dem Kinn durchgezogen und über die linke
+Schulter zurückgeworfen hatte, schaute heraus, hatte aber kaum das
+bleiche Antlitz des Fremden erkannt, auf das in diesem Augenblick das
+volle flackernde Licht der Lampe fiel und ihm einen noch viel wilderen
+unheimlicheren Ausdruck gab, als sie einen gellenden Schreckens- und
+Hülfeschrei ausstieß und die Thüre wieder ins Schloß werfend, vor der
+sie ihren Gatten oder was er sonst sein mochte, total und unbekümmert
+seinem Schicksal überließ, riß sie das Fenster ihrer Stube auf und rief
+mit einer Stimme, die Todte hätte erwecken können »Hülfe« und »Mord« in
+die stille Nacht hinaus.
+
+Der Alte erschrak natürlich nicht wenig über den unerwarteten, und für
+jetzt allerdings noch total unbegründeten Nothschrei, riß aber doch das
+Messer, das er wie jeder Argentiner bei sich trug, aus der Scheide, und
+sah den bleichen Fremden verdutzt und unentschlossen an. Dieser war
+bei dem ersten Schrei der Frau wild emporgezuckt, und auch seine Hand
+griff wohl unwillkürlich nach der, unter dem Pancho verborgenen Waffe,
+wie er aber das Hülfegeschrei der Frau nach der Straße zu hörte, stutzte
+und horchte er erst einige Secunden und stieß dann plötzlich ein so
+wildes fürchterliches Gelächter aus, daß der Alte entsetzt zurücktaumelte.
+In dem nämlichen Augenblick war aber dieser wilde unheimliche Besuch
+durch die noch offene Hausthür wieder hinaus auf die Straße geschlüpft,
+und während der Alte mit vor förmlicher Todesfurcht zitternden Händen,
+die Riegel wieder vorschob und seiner Frau, lange vergeblich durch die
+verschlossene und von Innen förmlich verbarrikadirte Thür zurief, daß
+jede Gefahr -- wenn überhaupt irgend eine vorhanden gewesen, vorüber
+sei, floh Morelos mit lautem, schallendem Gelächter die menschenleere
+Straße hinab und das Hülfegeschrei der alten Dame tönte gellend hinter
+ihm drein.
+
+Keine Thür, kein Fenster öffnete sich dabei. -- Anfälle auf offener
+Straße gehörten in gegenwärtiger Zeit, und unter Rosas strenger Polizei,
+allerdings zu den Seltenheiten, fielen aber doch dann und wann vor, und
+Privatleute hüteten sich wohl, sich in derlei Streitigkeiten zu mischen;
+ja wer sich gerade zufällig in der Nähe auf der Straße fand, floh, so
+rasch er konnte, solcher Nachbarschaft zu entgehen, die oft in ihren
+Folgen selbst für die Zeugen lange Verhöre und selbst für Einkerkerungen
+mit sich brachten -- hatte sich endlich die Polizei wirklich einmal in's
+Mittel geschlagen.
+
+Als der Lärm verhallt war, marschirte auch heute eine kleine
+Militärpatrouille von sechs Negersoldaten und einem Mulatten als
+Unterofficier, langsam durch die Straße -- an den Ecken hielt sie still,
+die Straße auf und ab zu horchen, ob sich noch etwas vernehmen lasse,
+und schickte hie und da einen Mann nach rechts oder links ab, zu sehen,
+ob der dunkle Gegenstand an der anderen Seite der Straße vielleicht
+die Leiche irgend eines Ermordeten wäre, als sie aber nichts weiter
+Verdächtiges fand, zog sie sich, sehr zufrieden mit dem Resultat, in
+ihre Quartiere zurück.
+
+ * * * * *
+
+Am Ufer des La Plata und überhalb der sogenannten Bootlandung läuft
+eine einzelne Reihe von Ombubäumen hinauf, die dort enden, wo die Stadt
+eigentlich, trotz dem ausgelegten Plan noch nicht begonnen hat, und eine
+hohe Plankenwand weiter keinen Zweck zu haben scheint, als das Ufer
+gegen das Anstürmen der Wellen zu schützen, die hier, bei einem tüchtigen
+Südosten oft in rasender Gewalt gegen die Küste auftoben können, während
+der fast seegleiche Strom mit jedem anderen Winde diese Bucht in
+Spiegelglätte hält.
+
+Auf dem Platz lag Bauholz zerstreut umher, und unter dem letzten
+Ombubaum, der mit seinen breiten, dichten Ästen seinen Stamm in völlige
+Dunkelheit hüllte, stand Stierna in peinlicher Ungeduld und harrte
+Stunde nach Stunde vergebens des Freundes. Was war aus ihm geworden,
+konnte ihm ein Unglück zugestoßen -- konnte er erkannt und wieder
+eingefangen sein? Das Herz schlug dem jungen Schweden in quälender
+Angst um den Unglücklichen, denn nicht retten hätte er ihn dann wieder
+können, und er selber durfte sich, war ihm sein Leben lieb, wahrlich
+nicht wieder in der Stadt zeigen, wo er, ein öffentlich Angestellter des
+mächtigen Gouverneurs, diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt.
+
+Schon hatte er eine Zeit lang von den Thürmen zehn Uhr schlagen hören,
+als sich plötzlich Schritte nahten -- es war das regelmäßige Auftreten
+einer Wache, die den breiten Fahrweg niederkam und auch dicht an dem
+Baum, an dessen Stamm geschmiegt der Doktor stand, vorbeimarschirte.
+
+»Bei dem Wetter soll man nun recognosciren,« sagte der eine der
+Soldaten, die sich höchst unbefangen mit einander unterhielten, zu dem
+anderen -- »und man weiß gar nicht, wo der Lärm gewesen ist.« --
+
+»Bei Don Gomez -- meint die eine Wache,« erwiederte ein anderer, »aber
+noch ist nichts Bestimmtes bekannt -- wie wir vorbeimarschirten war ja
+auch Alles still und ruhig dort.« --
+
+Die Worte verklangen in der Ferne, und Stierna zerbrach sich eben
+den Kopf, was man mit dieser Patrouille hier eigentlich zu so
+außergewöhnlicher Zeit wollte, wenn nicht die Flucht des Gefangenen
+schon bekannt geworden wäre, als ihn plötzlich ein leiser Pfiff, dicht
+von den Häusern kommend, aufstörte, und freudig emporfahrend, erkannte
+er eine dunkle Gestalt, die rasch über die Straße glitt und in seine
+ausgebreiteten Arme sank. Es war Don Morelos.
+
+»Aber wo um Gottes Willen sind Sie so lange geblieben?« rief Stierna
+ängstlich, seinen Arm ergreifend und haltend -- »ich fürchtete schon
+--«
+
+»Pst -- wir müssen fort,« unterbrach ihn aber der junge Spanier -- »die
+Patrouillen scheinen schon mehr zu wissen, als uns gut sein möchte.
+-- Wie aber kommen wir an Bord?« --
+
+»Ein Canoe liegt hier zwischen den Felsen, das uns --«
+
+»Gut, gut, fort nur, das Wetter ist herrlich -- hurrah, nach Chile, und
+wie sie schauen werden, hahahahaha!« --
+
+»Um Gottes Willen nicht so laut,« bat ihn ängstlich der Schwede, »die
+Patrouille kann dort oben wahrscheinlich nicht hinaus, und muß hier bei
+uns wieder vorbei -- wir dürfen uns deshalb auch nicht auf's Wasser
+wagen, bis sie passirt ist.«
+
+Das scharfe Ohr des Spaniers hatte indessen schon wieder die
+rückkehrenden Schritte der Soldaten vernommen, und sich dicht an den
+Stamm des Baumes schmiegend, dessen ungleiche und hohe Wurzeln ihnen
+ungemein günstig waren, drückten sie sich lautlos zwischen diese hinein,
+bis die Gefahr vorüber war. Die Patrouille zog indessen mürrisch und
+schweigend vorbei; es regnete jetzt, was vom Himmel herunter wollte,
+und die armen Teufel von Soldaten dachten in ihren dünnen nassen Jacken
+an den feuchten, kalten Raum, der sie erwartete, wenn sie nach ihrer
+Hauptwache jetzt zurückkehrten. Wer konnte in solcher Nacht hoffen,
+irgend Jemanden einzufangen, dem nicht selber daran lag, arretirt zu
+werden.
+
+Eine Viertelstunde später glitt das kleine Canoe, von Stiernas Hand
+gerudert, und die Fahrzeuge der Binnenrhede vermeidend, auf die
+Außenrhede hinaus. Vom Bug des kleinen Schuners »Oporto« hing eine
+Laterne, deren Licht durch die geschliffenen Scheiben wie ein Stern
+durch die Nacht funkelte. Zu Starboard vom Bord hing die Fallreepstreppe
+nieder, und das Canoe treiben lassend, um morgen irgendwo am Ufer des
+La Plata von einem Fischer aufgefangen zu werden, betraten sie das
+Fahrzeug, das sie mit Tagesanbruch der gefährlichen Nähe des Diktators
+und seiner Häscher entführen sollte.
+
+Der Capitain selber hatte nicht die mindeste Lust in irgend eine
+Schwierigkeit mit dem Gesetz zu gerathen, und mit einer ziemlich
+günstigen Brise lichtete er noch vor Tagesanbruch den Anker und ging
+stromab. Selbst der Lootse erfuhr Nichts von der Anwesenheit der
+beiden Passagiere, die bis Monte-Video im »Logis« vorn -- wie der
+Aufenthaltsort der Matrosen an Bord eines Schiffes genannt wird
+-- untergebracht wurden.
+
+Schon am nächsten Morgen erreichten sie Monte-Video. Stierna erstaunte
+aber hier nicht wenig, als Don Morelos ihm plötzlich erklärte, er wolle
+mit dem Schiff nach Valparaiso gehn. Monte-Video sei allerdings sicher
+genug für ihn, aber das wenige Geld, was er jetzt noch sein eigen
+nannte, konnte nicht ewig ausreichen, während er in Valparaiso, weit
+eher Gelegenheit fand, auf seine Familie in Spanien zu ziehen. Stierna
+konnte dagegen nicht gut etwas einwenden, auch er hatte in dem, überall
+vom Feind bedrängten Monte-Video wenig Aussichten, sein Fortkommen
+leicht zu gründen, während Valparaiso ihm einen weit freieren Spielraum
+für seine Thätigkeit bot, und ihn freute deshalb eher der Entschluß des
+Geretteten.
+
+Auffallend war ihm aber dennoch die schnelle Sinnesänderung Don Morelos,
+der früher auch nicht eine Sylbe von Chile erwähnt hatte, ja in der That
+ganz gleichgültig schien, wohin sie sich wenden würden, nach Osten oder
+Westen, nach Norden oder Süden, wenn er nur den »Schauplatz seiner
+Qualen« fliehen konnte. Nichts destoweniger sprach er augenblicklich mit
+dem Capitain, der sich auch gern bereit zeigte, sie mitzunehmen; über
+das Passagiergeld wurden sie bald einig, und da der Capitain selber die
+noch immer günstige Brise nicht versäumen wollte, diesem, besonders in
+Winterszeit gefährlichen Wasser zu entgehen, wo die tückischen Stürme
+dieser Breite, die sogenannten Pamperos fast mit jedem Mondwechsel
+mehr oder weniger stark einsetzen, beeilte er seine Geschäfte in der
+Hauptstadt der »Unitarier« so rasch ihm das irgend möglich war, und als
+der nächste Pampero, einige Tage später wirklich über die weiten Steppen
+des Binnenlandes daherwehte, schwammen sie schon draußen im freien Wasser
+und hatten Seeraum genug und nicht mehr die niederen gefährlichen Ufer
+und Sandbänke des La Platastromes um sich her.
+
+Jeder weiteren Gefahr entdeckt zu werden übrigens auszuweichen, hatten
+die beiden Freunde schon mit dem Betreten des Fahrzeugs und den
+Seeleuten gegenüber andere Namen angenommen, und Stierna nannte sich
+_Leifeldt_ und gab sich für einen _deutschen_ Arzt aus, da er diese
+Sprache flüssig redete, während Don Morelos den Namen Don Gaspar de
+Monte Silva, einer Familie, mit der er nahe verwandt sein wollte,
+angenommen hatte. Auf dem Schiff schon kannte man sie unter keiner
+anderen Benennung.
+
+
+
+
+3.
+
+Die Reise und ihre Abenteuer.
+
+
+Die Reise selber ging rasch und glücklich genug vorüber, Cap Horn
+doublirten sie, von einer herrlichen Brise begünstigt, mit Leichtigkeit,
+und flogen mit schwellenden Segeln wieder einem milderen, freundlicheren
+Klima entgegen.
+
+Don Morelos war den ersten Theil der Reise sehr leidend; kaum aus der
+Mündung des La Plata heraus und in offener See, bekamen sie einen
+tüchtigen Pampero, der ihn todtseekrank in seine Coje bannte, und
+die am Cap Horn fast stets ziemlich hoch gehende See mit der kalten
+unfreundlichen Witterung konnte nicht dazu dienen, ihn rasch wieder
+herzustellen. Zu diesem Zustand gesellte sich noch ein ziemlich
+bösartiges Fieber, das mehrere Tage lang sogar sein Leben bedrohte,
+und Stierna wich in dieser Zeit nicht von seinem Lager.
+
+Der Kranke lag indessen in den wildesten Phantasien, in denen die Namen
+Constancia und Gomez einem festen Ideengang anzugehören schienen,
+während sein oft dazwischen tönendes Lachen förmlich unheimlich klang.
+Der Freund allein durfte in dieser Zeit an seiner Seite sein, und er
+rief die Anderen, wenn sich Capitain oder Steuermann einmal nach ihm
+erkundigen wollten, mit dem Namen seiner früheren Wärter oder Schließer,
+und drohte gegen sie anzuspringen.
+
+Seine kräftige Natur überwand aber auch diese Krisis -- wenn auch
+langsam, erholte er sich doch allmählig und noch ehe sie die warmen
+Breiten der südlichen Zone wieder erreichten, war er vollkommen
+hergestellt, wieder im Stande an Deck zu sein und seinen Körper durch
+die frische, balsamische Seeluft zu kräftigen. Eigenthümlicher Weise
+wußte er dabei Alles, was während seiner Krankheit vorgefallen, was er
+phantasirt und wie er sich betragen, entschuldigte sich auch gegen die
+Seeleute auf das herzlichste, daß er solch tolles ungereimtes Zeug gegen
+sie ausgestoßen und versicherte sie, er habe in demselben Augenblick
+gefühlt, was er thue, und sei doch nicht im Stande gewesen, seine Zunge
+zurückzuhalten. Viel wurde dabei über die verschiedenen Namen gelacht,
+die besonders der Steuermann abwechselnd erhalten hatte, und die kleine
+Gesellschaft in der Cajüte des »Oporto« amüsirte sich vortrefflich.
+
+In der Höhe von Chiloe bekamen sie plötzlich eine längere Windstille,
+die See lag still und regungslos, nur in ihren ewigen, nie unterbrochenen
+Schwellungen, und die Segel flaggten schwerfällig gegen den Mast und das
+stehende Takelwerk des Schiffes an. Die Seeleute sagen in solchem Fall
+»Reepschläger und Segelmacher (Reepschläger: der Seiler oder Taumacher)
+prügeln sich« und sind schrecklicher Laune, und so große Erholung ein
+solcher Zustand gewöhnlich den früher von der Seekrankheit schwer
+Heimgesuchten gewähren mag, so entsetzlich wird er auf die Länge der
+Zeit für den Gesunden, der mit einer förmlich verzweifelten Sehnsucht
+nach Ost und West, nach Nord und Süd ausschaut, nur von irgend einer
+Seite her, gleichviel von welcher, das Wasser dunklen und die Brise
+ankommen zu sehen. Selbst der schlechteste Wind wird in einer solchen
+Zeit einer totalen Stille vorgezogen; man will nur _Bewegung_ im Wasser,
+nur _Leben_ und gerade das Gefühl vielleicht, so ganz machtlos dem
+schläfrigen Element zum Spiel zu dienen, sogar Nichts thun zu können,
+einem derartigen Zustand zu entgehen, ist es, das den Körper zuletzt
+förmlich aufreibt.
+
+Es läßt sich denken, daß in einem solchen Fall auch das geringste
+Außergewöhnliche, was die traurige Monotonie der See unterbricht,
+freudig bewillkommt wird -- der ferne Strahl eines Wallfisches wird ein
+Moment, eine andere Art von Möve, Albatroß oder Schwalbe sind froh
+begrüßte Gäste. -- Springer, jene große Art von Fischen, die der
+deutsche Matrose etwas prosaisch nach dem Schweine nennt, weil sie
+einen ähnlichen scharfen Rüssel haben -- zeigen sich in weiter Ferne,
+und selbst der Streifen wird betrachtet, den sie im Wasser ziehen
+-- kräuseln sie doch die Oberfläche des Meeres und das Auge täuschte
+sich sogern mit einer kommenden Brise.
+
+Das wichtigste Ereigniß in einer solchen Zeit ist aber das Erscheinen
+eines Haifisches, dieses gefräßigen Piraten der Tiefe, und der Mann am
+Steuer, der schläfrig am Rade lehnt und das Ruder bald auf diese bald
+auf jene Seite legt, das Schiff demselben gehorchen zu lassen und sich
+dann zu ärgern, wenn es sich nur faul und langsam eben um den ganzen
+Kompaß herum treibt, dreht fortwährend den Kopf nach allen Richtungen
+hin, und beobachtet die blanke Spiegelfläche des Wassers, irgend einen
+dunklen Punkt zu erkennen, der der Flosse eines anschwimmenden Haies
+gleiche. Der Schatten irgend einer sich etwas höher hebenden Schwellung,
+das Aufschlagen eines kleinen Fisches, ein müder Wasservogel, der seine
+Schwingen auf der glatten Fläche gefaltet hat, und mit dieser steigt und
+sinkt, faßt und hält dabei der rasche Blick -- höher richtet er sich
+auf, und die Augen mit dem ausgestreckten Arm gegen das blendende Licht
+des blitzenden Strahles schützend, den die Sonne auf die Silberhaut des
+Meeres wirft, schaut er lange und forschend nach dem verdächtigen Punkt
+hinüber. Wieder und wieder getäuscht, läßt er endlich sogar sein Ruder
+eine Weile im Stich -- bei Windstille kommt's nicht so genau darauf
+an, und der Mann steht wirklich manchmal Tage lang nur zum Staat dabei
+-- geht an den Heck und schaut, soweit er möglicher Weise sich kann
+hinüberbiegen, nach dem von crystallreinem Wasser umspielten Ruder, das
+sich nach unten zum schönsten herrlichsten Dunkelblau schattirt, und
+beobachtet kurze Zeit den deutlich sichtbaren Kiel des Schiffes, denn
+der Hai treibt sich oft tief unter dem Schiff herum, auf Beute lauernd,
+die vom Bord zu ihm herausfallen möchte. Das schwarzlackirte, von der
+Sonne gedörrte Holz der Schanzkleidung, auf die er sich gelehnt, brennt
+aber zu sehr -- er hält es nicht lange aus und tritt wieder an sein
+Ruder zurück -- ein frisches Priemchen seine einzige Erholung.
+
+»#Shark-oh#!«[5] ruft da eine Stimme von der Bramraae herunter; Einer
+der Leute hatte etwas an dem oberen Tauwerk auszubessern gehabt und
+sein Arm deutet, während er spricht, den zu ihm rasch Aufschauenden die
+Richtung an, in der sich das Unthier faul und wohlgefällig in der warmen
+Fluth wälzt und schaukelt.
+
+ 5: »Hai-oh!«
+
+Im Nu ist die Lethargie der ganzen Mannschaft abgeschüttelt, der Koch
+bringt ein Stück gesalzenen Speck als Lockspeise für den Raubfisch, der
+Steuermann kommt mit dem wohleingeölten und blankgehaltenen Haken, an
+das der Erstere rasch den Speck befestigt -- der Wirbel am Haken muß
+sich wohl drehen, denn wie ein Quirl schleudert sich das Unthier herum,
+wenn es sich gefangen fühlt -- und das Eisen über Bord geworfen, drängt
+Alles nach hinten, die Bewegungen des Fisches, wie er sich nähert oder
+theilnahmlos an dem für ihn ausgehangenen Gericht vorbeitreibt, zu
+beobachten.
+
+Der Matrose haßt nun überhaupt einen Hai; es ist dieß sein angeborener
+erbarmungsloser Feind, der mit den kaltblitzenden grünen Katzenaugen
+fortwährend nach Beute ausschauend, faßt, was er eben erreichen kann,
+und mit dieser ewigen Raubgier Schnelle und furchtbare Stärke verbindet.
+Er beißt auch weniger, als daß er das mit den Zähnen erfaßte förmlich
+_ausdreht_, wenn der Gegenstand zu groß ist, ihn gleich ganz zu
+verschlingen, und wenn selbst nicht gleich getödtet, ist der unglückliche
+Seemann, dem der Hai erst einmal Arm oder Bein gefaßt hat, auch meist
+rettungslos verloren. Was Wunder also, daß der Fang eines solchen
+Ungethüms stets mit Jubel, begrüßt wird, und selbst sonst ganz gutmüthige
+Seeleute die sich wenigstens nie dazu verstehn würden, einen Hund oder
+ein anderes Thier muthwillig zu quälen, mißhandeln mit wahrer Wonne
+einen gefangenen Hai oder schneiden ihm wohl auch gar den Schwanz ab,
+und werfen ihn wieder über Bord, wo er dann bald im Wasser elend
+umkommen muß.
+
+Die Seeleute haben Grund ihn zu hassen und thun es von ganzer Seele;
+wunderbar aber war die Wuth, die der junge Spanier auf diese Fische
+hatte; halbe Tage lang saß er im Mast, nach ihnen auszuspähen, und
+war der Fang endlich geglückt, die das Deck peitschende Bestie an
+Bord gezogen und hielten sich die Leute noch scheu zurück, von dem
+schlagenden Schwanz nicht getroffen zu werden, sprang er, der Erste
+hinzu, ihm sein Messer in die Kiemen zu stoßen, daß er dann, trotz dem
+wüthenden Springen und Schnappen des gepeinigten Thieres, darin hin und
+her wühlte, bis der Fisch, durch Blutverlust und Anstrengung erschöpft,
+regungslos liegen blieb. Waren es junge Thiere, so wurden sie gewöhnlich
+später gebraten, aber nie konnte Don Gaspar, wie wir ihn denn auch von
+jetzt an nennen wollen, bewogen werden, das Fleisch auch nur zu kosten
+-- und einen solchen Widerwillen fühlte er dagegen, daß er nicht einmal
+in der Kajüte blieb, so lange es auf dem Tische stand.
+
+In dieser Zeit war es, daß ein ungewöhnlich großer Hai von der Bramraae
+angerufen wurde und nicht lange, so kam das Ungeheuer der Tiefe, ein
+Bursche von fast achtzehn Fuß Länge und von ganz außergewöhnlicher
+Stärke heran, den Haken einzuschnappen, den der Steuermann jetzt rasch
+anfing einzuziehen, da gar keine Hoffnung da war, ein solch riesiges
+Ungethüm selbst mit drei solchen Haken nur zu halten, viel weniger
+an Bord zu holen. Kaum aber sah der Fisch den weißen Speck vor sich
+hinschießen, den er jetzt wohl in der Eile für einen flüchtigen
+Fisch halten mochte, als er einen Schlag in das Wasser that, mit
+Pfeilschnelle hinter der vermeintlichen Beute herschoß und sie
+verschlang.
+
+Jetzt begann ein toller wilder Jubel am Bord, der aber auch wieder von
+Lachen und Verwünschungen unterbrochen wurde, denn wenn der Hai nur im
+mindesten seine Kraft gegen das, was ihn hielt, gewandt hätte, mußte
+Haken oder Tau brechen und reißen; der gefangene Fisch begnügte sich
+aber, sich herumzuwirbeln und dadurch dem Eisen zu entgehen, das ihm
+anfing, unbequem zu werden und mehr und mehr zogen sie ihn indessen
+dem Heck des Schiffes näher, wo der Capitain schon eine Harpune bereit
+hielt, ihn zu werfen und dadurch vielleicht zu sichern.
+
+Don Gaspar war außer sich, er sprang und jubelte, kletterte an den
+Besahnwanten[6] hinauf und wieder hinunter und flog nur manchmal mit an
+das Tau, das die ganze Mannschaft fest gepackt hielt, um zu fühlen, ob
+der Fisch noch sicher daran sei. Endlich brachten sie ihn glücklich
+in Wurfsnähe der Harpune, der Capitain, ein alter Wallfischfänger,
+schleuderte das Eisen mit Kraft und Sicherheit und die scharfen
+Widerhaken drangen selbst durch die horngleiche Haut des Ungethüms
+tief in das Fleisch des Halses ein. Die nächsten Minuten hiernach war
+Nichts zu sehn als Schaum, so peitschte das Ungethüm die Wogen, und der
+Schwanz stieg manchmal wie der Kopf einer riesigen Schlange empor, und
+schmetterte dann mit furchtbarer Kraft in die kochende Wassermasse
+zurück. Aber das Eisen hielt und nur durch die entsetzlichen Anstrengungen
+des zur tollsten Wuth gereizten und vom Schmerz gepeinigten Thieres,
+arbeitete sich die Wunde größer und größer, und als sich das Wasser
+etwas beruhigte, rief der alte Steuermann, sie würden ihn doch noch
+verlieren, denn so bald er noch einmal anfange und hätte keine Schlinge
+um den Schwanz, müsse er sich frei machen.
+
+ 6: Besahnwanten, das stehende Tauwerk des hinteren Mastes, das
+ diesen hält und zugleich zur Strickleiter dient.
+
+Der Koch schlug jetzt, um das Tau der Harpune selber herum, eine
+Schlinge, diese auf den Kopf des Haies niederfallen zu lassen, und um
+ihn herum zu bekommen. Der gefangene Fisch fing aber aufs Neue an zu
+schlagen -- und wenn auch die Schlinge dabei schon über den Kiemen lag,
+mußte sie doch wieder abrutschen, sobald aufgeholt wurde.
+
+Don Gaspar zitterte während der Zeit am ganzen Körper von innerer
+Aufregung, er schrie und lachte, wenn der Fisch ruhig blieb und der
+Koch mehr mit der Schlinge nach rückwärts kam, und tobte und wüthete
+förmlich, wenn das Unthier sich wieder zu befreien drohte. -- Alle
+möglichen Anordnungen gab er dabei und der Koch, so vielen Respekt er
+sonst vor dem Quarterdeck hatte, wurde endlich so ärgerlich, daß er
+ausrief --
+
+»Das Schwatzen soll der Teufel holen, geht hinunter und schiebt das Tau
+über, und die Satansbestie soll bald hier oben liegen -- da -- da geht's
+wieder an -- na, jetzt ist die Geschichte vorbei, diesmal haut er sich
+frei.«
+
+Don Gaspar war auf den Rand der Brüstung gesprungen und schaute lautlos
+aber mit funkelnden, glühenden Augen in die Tiefe.
+
+»Nehmen Sie sich in Acht, Herr!« rief ihm der Steuermann zu -- »wenn Sie
+hinabfallen, kommen Sie in einen heißen Platz!«
+
+Der Spanier hörte ihn nicht. --
+
+»Lockert das Tau mit dem Haken, Leute!« -- schrie da der Kapitain
+-- »verdamm es, Ihr zieht zu fest -- die Bestie bricht -- da -- da habt
+Ihr's -- der Haken ist ausgerissen -- holla, was ist das -- Don Gaspar
+-- was in des Teufels Namen!«
+
+Sein Ausruf erstarb in einem Schrei des Erstaunens der ganzen
+Mannschaft, denn ehe Leifeldt, der auf der anderen Seite des Schiffes
+stand, und ebenfalls mit gespannter Aufmerksamkeit die furchtbaren
+Kraftanstrengungen des gefangenen und zur grimmigsten Wuth getriebenen
+Fisches beobachtet hatte, es verhindern konnte, faßte der junge Spanier,
+den Hut zurück an Deck werfend, das Tau, an dem die Harpune befestigt
+saß, und glitt an diesem nieder in die jetzt wieder aufkochende,
+spritzende See, in der sich das tödtlich getroffene Unthier, nur noch
+von der Harpune allein gehalten, wälzte. --
+
+»Halten Sie sich am Tau fest, -- um Gottes Willen nicht tiefer! -- er
+schlägt Ihnen ein Bein entzwei -- biegen Sie sich das Tau unter den
+Ellbogen!« Das waren die Rufe oder Schreie vielmehr, die von allen
+Seiten gleichzeitig ausbrachen, und Leifeldt selber rief entsetzt den
+Tollkühnen bei Namen und beschwor ihn bei allem, was ihm heilig sei,
+zurückzukehren. Hörte es aber schon nicht mehr, in der furchtbaren
+Erregung des Augenblicks, was um ihn her vorging, oder wollte er den
+Warnungsruf nicht beachten, denn ohne auch nur abzuwarten, bis sich das
+Ungeheuer der Tiefe, jetzt dicht unter ihm, in etwas wieder beruhigt
+hätte, glitt er nieder, und verschwand im nächsten Augenblick fast unter
+dem aufkochenden Schaum. --
+
+»Nieder mit dem Boot!« übertönte des Kapitains ruhige Stimme in dem
+Augenblick den Lärm -- »nach vorn, Ihr Leute, nach vorn und hinunter mit
+dem Boot, so rasch Ihr könnt -- halt, Koch, Ihr bleibt hier -- da, macht
+eine andere Schlinge aus dem Bramfall dort -- vielleicht können wir ihn
+hier wieder zu halten bekommen -- wenn ihn der Hai nicht mitnimmt,« und
+mit einem leise gemurmelten Fluch über die kecke Tollheit eines solchen
+Wagnisses, bog er sich wieder hinten über, das Resultat desselben mit
+anzusehen.
+
+Don Gaspar war indessen einer solchen Gefahr keineswegs unbefähigt
+in die Arme gesprungen; so exaltirt er sich oben an Deck gezeigt, so
+ruhig und umsichtig bewies er sich hier unten, und während er für einen
+Augenblick festen Fuß auf dem Fisch selber zu fassen suchte, ließ er mit
+der linken Hand das Harpunentau keineswegs los, das ihn auch, vorn am
+Kopf des Haies hielt und vor den furchtbaren Schlägen des Schwanzes
+sicherte. Trotzdem aber, daß ihm die Füße abglitten auf dem schlüpfrigen
+Hals, schien er nur das eine Ziel im Auge zu haben, die Schlinge zu
+festigen und unbekümmert um jede Folge, ließ er sich vollkommen auf den
+Hai hinunter, faßte das Tau und unter dem Kopf der wüthenden Bestie mit
+der Hand niederfahrend, hatte er die Schlinge schon erreicht, als die
+Harpune ausriß und diese sich, von oben natürlich gehalten, plötzlich
+anstraffte.
+
+Die Männer an Bord standen starr vor Schrecken, und wußten nicht, ob
+sie anziehen oder loslassen sollten, denn jetzt hatten sie noch das
+Unthier in ihrer Gewalt, glitt es aber aus dem Knoten heraus, so war
+der tollkühne Passagier ihm rettungslos anheim gegeben.
+
+Der Hai selber machte diesem peinlichen Moment ein Ende -- vorwärts
+schießend, fühlte er sich durch das Tau gehemmt, das ihn auch um die
+Kiemen preßte, und während Don Gaspar, durch die rasche Bewegung das
+Gleichgewicht verlierend, ihn mit beiden Armen umschlang, fuhr er
+zurück, wirbelte sich ein paar Mal um sich selbst herum -- und war
+_frei_.
+
+Der Spanier wäre jetzt verloren gewesen, denn das gereizte Thier schoß,
+den Druck auf sich noch immer fühlend, nach vorn, so daß der kecke Jäger
+natürlich der gegen ihn anpressenden Wassermassen nicht widerstehen
+konnte, loslassen mußte. Im Anfang schien es auch, als ob es gegen
+die Gewalt, die ihm geschehen, ankämpfen wollte, denn kaum von dem
+Gewicht befreit, wandte es sich scharf gegen seinen vorherigen Reiter
+um, ohne diesen aber auch nur im mindesten zu schrecken, oder seine
+Geistesgegenwart zu berauben. -- Im Begriff, von dem Ungethüm
+fortzuschwimmen, wandte Don Gaspar nämlich den Kopf nach ihm um, und sah
+kaum die drohende Bewegung, als er ebenfalls Front gegen den Hai machte,
+das einzige zu versuchen, was ihm übrig blieb -- drohend gegen den
+Ankommenden anzuschlagen, und ihn so zurückzuschrecken. Zu seinem Glück
+sollte er aber nicht zu einem solchen und in der That verzweifelten
+Kampf gezwungen sein, denn den Hai selber verließen die Kräfte. Der Wurf
+der Harpune war tödtlich gewesen, und plötzlich, als Alle an Bord auch
+schon in peinlicher Angst und Spannung den ersten Anprall des Thieres
+gegen sein Opfer zu sehn erwarteten, bog der Hai seitwärts ab, und fing
+an, sich, ohne den Ort zu verlassen, auf dem er stand, wenige Minuten
+förmlich im Kreis herumzudrehen. --
+
+Zu derselben Zeit war das Boot auch endlich niedergelassen und schoß,
+von vier Riemen (Ruder) getrieben, rasch herbei. Don Gaspar aber,
+anstatt ihm entgegenzuschwimmen und der furchtbaren Gefahr zu entgehen,
+der er bis dahin ausgesetzt gewesen, strich aus und zwar gerade der
+Stelle zu, wo der Hai blutige Kreise in der klaren blitzenden Fluth zog.
+Zwei Lootsenfische, die sich bis jetzt, trotz des tollen Kampfes, in der
+Nähe ihres früheren Beschützers muthig gehalten, schossen vor und rasch
+wieder zurück, einer Gefahr zu entgehen oder auch, wie man ja behaupten
+will, dem Hai die Nähe leicht zu gewinnender Beute zu melden; aber
+dieser fühlte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging -- tiefer
+und tiefer senkte er sich in seinem Ringen, immer langsamer wurde der
+Flossenschlag, und als Don Gaspar, von dem Boot jetzt fast erreicht,
+über der Stelle hielt, und nieder schaute, sah er eben noch, wie sich
+der weiße Bauch des _todten_ Fisches aufdrehte und langsam, langsam in
+blauer Tiefe verschwand.
+
+Gleich darauf faßte der Steuermann den Kragen des Spaniers und zog ihn
+mit einem herzlichen »Ich will verdammt sein, wenn mir so ein Mensch
+schon vorgekommen ist,« in das Boot hinein, rasch dann zum Schiff
+zurückrudernd, als ob er wirklich fürchtete, daß ihm das tollkühne
+Menschenkind noch einmal über Bord springen könne.
+
+Don Gaspar war zum Tode erschöpft, als er das Schiff wieder erreichte,
+und Leifeldt machte ihm wirklich ernstliche Vorwürfe, sein Leben in so
+rasender, unüberlegter Weise, einem Fisch gegenüber, auf's Spiel gesetzt
+zu haben, wo ihn wirklich nur ein Wunder erhalten haben mußte. Don
+Gaspar versicherte ihm aber so hoch und theuer, daß er, in der Erregung
+des Augenblicks wirklich gar nicht gewußt habe, was er thue, und
+versprach ihm so heilig, solche tolle Streiche nicht wieder zu machen,
+daß er sich endlich beruhigte und der Kapitain mit einer tüchtigen Bowle
+Grog den Frost des Gebadeten wie den Schreck der Übrigen vergessen
+machte.
+
+Den Abend schon erhob sich aber eine leichte Brise, die während der
+Nacht schärfer und schärfer anwuchs und zuletzt in einen tüchtigen
+Südosten ausartete, mit dem sie rasch ihrem Ziele entgegenhielten.
+
+
+
+
+4.
+
+Ankunft in Valparaiso. -- Hülfe in der Noth.
+
+
+Der »_Oporto_« erreichte am 42. Tag nach seiner Ausfahrt von
+Buenos-Ayres den Hafen von Valparaiso und Leifeldt und Don Gaspar
+mietheten sich im Hotel de Chile ein. Der Letztere hatte aber kaum seine
+nöthigen Einkäufe an Kleidern und Wäsche besorgt, da er sich bis dahin
+nur mit dem Nothwendigsten begnügen mußte, das Leifeldt noch in der
+letzten Zeit in Buenos-Ayres für ihn eingekauft, als er auch ausging,
+um, wie er sagte, ein paar Verwandte, ein paar Freunde aufzusuchen oder
+ihnen wenigstens nachzuforschen, die sich vor Jahren nach Valparaiso
+gewandt hatten und hier doch vielleicht noch aufzufinden waren. Der
+junge Arzt blieb zurück, die eigene Wohnung ein wenig behaglich
+einzurichten.
+
+An dem nämlichen Morgen, etwa um elf Uhr, ließ sich ein junger Mann
+unter dem Namen de Monte Sylva bei dem Consul der Argentinischen
+Republik anmelden, und wurde von diesem auf das Zuvorkommenste
+empfangen.
+
+»Es ist ein Fest für uns hier,« sagte der Consul nach den einleitenden
+Redensarten und Begrüßungen, mit einer freundlichen Verneigung gegen
+seinen Besuch, »wenn wir Buenos-Ayres-Leute an der Westseite der
+Cordilleren im Winter einmal Nachricht vom Mutterlande bekommen. Der
+Correo[7] wagt sich nur selten über den Schnee, und muß diese Kühnheit
+noch dazu manchmal theuer genug büßen, und Schiffe von dorther sind
+auch in dieser letzten Zeit ziemlich selten gewesen; Buenos-Ayres bietet
+wenig oder gar Nichts, was wir von dort hieher führen könnten, die
+Passage nach dem Norden ist auch schwach, und all die Wallfischfänger
+die wir vom Atlantischen Meer herüberkriegen, denken natürlich gar nicht
+daran, Zeit und Schiff zu wagen, besonders in dieser Jahreszeit in den
+von Sandbänken und Pamperos so sehr gefährdeten La Plata einzulaufen.
+Bringen Sie uns Neuigkeiten von Buenos-Ayres?«
+
+ 7: #Correo#, der Postcourier.
+
+»Gar Nichts von Bedeutung« erwiderte Don Gaspar de Monte Silva
+achselzuckend. -- »Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg gegen
+Monte-Video fort, nur, wie es scheint, die Einwohner jener Districkte in
+Bewegung zu halten, -- Engländer und Franzosen protestiren fortwährend,
+und die Sache bleibt eben beim Alten. Man sprach allerdings in
+Buenos-Ayres von einem erhofften Friedensabschluß, so viel ich aber habe
+erfahren können, scheint mir die Sache noch in weitem Felde. -- Haben
+Sie viele Bewohner von Buenos-Ayres hier?«
+
+»Nein -- und doch ja, sie sind hie und da ziemlich durch die ganze Stadt
+zerstreut, aber wenn nicht auf der Börse, bekommen wir einander wenig
+genug zu sehen. -- Haben Sie Bekannte hier?« --
+
+»Sehr wenige, -- lebt noch ein Kaufmann Don Rodriguez hier, der vor etwa
+drei Jahren herüber zog?« --
+
+»Nein,« erwiederte der Konsul, nach einigem Besinnen -- »wenn ich nicht
+irre, ist derselbe, aber schon vor längerer Zeit, nach Lima gegangen
+-- er soll dort in eine andere Geschäftsverbindung getreten sein.«
+
+»Vor kurzer Zeit ist ja wohl auch, im Auftrag der Föderation ein Señor
+-- Señor -- wie war doch gleich sein Name?« --
+
+»Don Luis de Gomez?« sagte der Konsul, »nicht wahr, Sie meinen Don Luis,
+-- fehlt Ihnen etwas, Señor?« unterbrach er sich plötzlich selbst und
+sprang auf, denn das Antlitz des jungen Mannes überflog Leichenblässe.
+
+»Ich darf Sie wohl um ein Glas Wasser bitten, Señor,« sagte Don
+Gaspar, rasch aufstehend und zum Fenster tretend, »es ist das eine Art
+Herzbeklemmung bei mir, der ich allerdings manchmal unterworfen bin, die
+aber auch so rasch vorüber geht, wie sie gekommen.«
+
+»Ist Ihnen nicht lieber ein Glas Wein gefällig?« bat der Argentiner,
+eine Caraffe und ein Glas von einem Ecktisch nehmend und rasch
+einschenkend, »es wird Ihnen weit besser bekommen.« --
+
+Don Gaspar leerte das ihm gebotene Glas mit einer dankenden Verbeugung
+auf einen Zug, und sagte dann lächelnd:
+
+»Es ist schon vorüber -- der rasche Wechsel von See- und Landluft
+bringt bei mir sehr häufig solche Wirkung hervor, die sich sogar schon
+einige Mal bis zur Ohnmacht gesteigert hat, ohne jedoch auch nur die
+geringsten Nachwehen zu hinterlassen -- aber von was sprachen wir
+doch? --«
+
+»Ich weiß es jetzt wahrhaftig selber nicht mehr,« lachte der Konsul,
+»doch ja -- von unseren Landsleuten -- von Don Luis de Gomez -- kennen
+Sie ihn?« --
+
+»Nur oberflächlich,« erwiederte Don Gaspar gleichgültig, aber die Hand,
+mit der er seine Stuhllehne gefaßt hielt, wurde todtenweiß. »Er soll
+hierher gegangen sein.«
+
+»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht für den Augenblick
+--«
+
+»So ist er gegenwärtig nicht in Valparaiso?« -- frug Don Gaspar rascher
+und lebendiger als vorher.
+
+»Nein -- wünschten Sie ihn zu sprechen?«
+
+»Das gerade nicht -- aber ich glaubte nur --«
+
+»Er ist nach Lima gegangen,« sagte der Konsul, »aber ich erwarte ihn
+fast mit jedem Schiff zurück, das von dort her kommt. Es war gar nicht
+seine Absicht, so lange dortzubleiben, aber wenn ich nicht irre, war ihm
+seine Frau dort erkrankt, was seine Abreise verzögerte. Sein letzter
+Brief meldet ihn übrigens bestimmt auf Mitte dieses Monats an.«
+
+Don Gaspar war ans Fenster gesprungen, nach einem rasch vorbei
+galoppirenden Reiter zu sehen -- er faßte die Fensterbrüstung, sich
+gewaltsam zu sammeln. --
+
+»Nicht wahr, die Namen der ankommenden Passagiere werden in den
+Zeitungen veröffentlicht?« frug er nach einer kleinen Weile, indem er
+seinen Hut ergriff, sich wieder zu empfehlen.
+
+»Allerdings,« erwiederte der Konsul, »wenn auch nicht gerade so ungemein
+pünktlich, denn oft werden Namen ausgelassen, noch öfter falsch
+gedruckt -- aber wenn es Sie interessiren sollte --«
+
+»Ich danke Ihnen herzlich,« unterbrach ihn jedoch der junge Mann rasch;
+»es ist eigentlich bei mir nur Neugierde, oder vielleicht doch ein etwas
+edleres Gefühl, das nämlich, sich in einer fremden Stadt, fern von der
+eigenen Heimath, nach solchen zu sehnen, die einst in einem, jetzt
+leider fern gelegenen Land dieselbe Luft mit uns geathmet haben.«
+
+»So wiederholen Sie dann wenigstens bald Ihren Besuch,« sagte der
+Konsul, ihm freundlich die Hand reichend, »Sie werden mir immer
+willkommen sein, das schöne Wetter jetzt bringt uns auch vielleicht den
+Correo über die Gebirge, und dann bekommen wir frische Nachrichten von
+der »Hauptstadt«.«
+
+Don Gaspar dankte ihm herzlich, aber es war fast, als ob ihn eine
+merkwürdige Unruhe erfaßt habe, er suchte augenscheinlich rasch ins
+Freie zu kommen und hatte kaum die Thüre hinter sich ins Schloß
+gedrückt, als er auch die Straße schnell hinunterschritt und um die
+erste Ecke rechts dem Wasser zu niederbiegend, den Weg hinaus, der zu
+dem Leuchtthurm führte, und von wo man die See weit überschauen konnte,
+mehr lief als ging. Der Konsul blieb aber, als jener die Stube schon
+verlassen, noch eine ganze Weile im Zimmer stehen, und sah nachdenklich
+vor sich nieder, endlich aber, den Kopf schüttelnd und aus seiner Tasche
+eine silberne Dose nehmend, setzte er sich lächelnd nieder an seinen
+Schreibtisch, und murmelte nur leise vor sich hin:
+
+»Ein wunderlicher Kauz!«
+
+Don Gaspar nahm sich nicht einmal Zeit Athem zu schöpfen, bis er die
+Höhe erreicht hatte, auf welcher der Leuchtthurm stand, und von wo aus
+man die weite See nach Norden, Westen und Süden trefflich überschauen
+konnte. Hie und da waren einzelne Segel -- glänzend weiße Punkte auf dem
+dunkelblauen Grunde -- am Horizont sichtbar; eine Brigg arbeitete sich
+aus dem Hafen heraus und suchte das Weite, und ein kleiner Schuner kam
+mit geblähter Leinwand von Westen herüber, wahrscheinlich von den Inseln
+Cocosnußöl und Perlmutterschalen gegen Kattune, Messer, Beile und
+Glaskorallen umzutauschen.
+
+Der junge Spanier blieb wohl eine Stunde lang auf diesem, Nachmittags
+von der schönen Welt Valparaisos so gern besuchten Ort, dann aber, als
+ob dem ersten Drängen seines Herzens, das ihn hier hinauf trieb, nach
+nahenden Segeln auszuspähen, Genüge geleistet wäre, stieg er langsam die
+nächste Quebrada oder Schlucht nach der Stadt zu wieder nieder. Durch
+die Calle San Francisco die Marktstraße erreichend, wollte er dieser
+aufwärts folgen, als er angerufen wurde und Leifeldt erkannte, der,
+ebenfalls in der Stadt ohne besonderen Zweck herumschlendernd, ihn bat,
+mit ihm die Almendral[8] nieder zu gehen, an deren unterem Ende ein erst
+kürzlich hier angekommener englischer Arzt wohnen solle, den er zu
+sprechen wünschte.
+
+ 8: #Almendral#, ein bedeutender Stadttheil Valparaisos.
+
+Die Hauptstraße der Stadt zieht sich hier dicht unter dem felsigen
+Fuß eines Hügels hin, auf dessen Kuppe der katholische Gottesacker
+Valparaisos, Stadt und Hafen weit überschauend, liegt, und so schmal
+für die Passage dem Berge abgewonnen ist, daß dem Strand gegenüber nicht
+einmal eine Reihe Häuser oder Hütten gebaut werden konnte, sondern der
+nackte Fels den schmalen Fahrweg schroff und scharf begrenzte.
+
+Es war indessen schon weit im Tag vorgerückt und Mittag längst vorüber;
+die Straße hier belebte sich auch mehr und mehr; viele Reiter, mit
+ihrem wunderlichen chilenischen Reitzeug, den kolossalen hölzernen
+Steigbügeln, riesigen Sporen und hochaufgepolsterten Sattel, von blauen
+und grünen Panchos umflattert, trabten daher, denn der Galopp ist in
+der Stadt verboten, zweispännige offene Droschken oder Fiakre, das eine
+Pferd in der Gabel gehend, das andere am festgeschnürten Gurt befestigt,
+rasselten vorüber, und eine Menge Fußgänger schlenderten langsam meist
+alle dem Leuchtthurm-Plateau zu, dort einen Blick über die See zu haben,
+auch wohl kleine Picknicks zu arrangiren und mit der Abendkühle ihren
+Häusern wieder zuzuwandern.
+
+Die beiden Freunde schritten langsam das Trottoir nieder, die
+verschiedenen Gruppen beobachtend, die ihnen begegneten, und so finster
+und selbst niedergeschlagen Don Gaspar im Anfang gewesen war, als ihn
+Leifeldt zuerst traf, so schien der düstere Sinn in dem lebendigen
+Treiben, das sie hier umgab, bald wie eine Sommerwolke an der Sonne
+vorüber von seiner Stirn zu fliehen.
+
+Leifeldt hatte diesen raschen Wechsel seines Temperaments übrigens schon
+so häufig Gelegenheit gehabt zu beobachten, und selbst Don Gaspar,
+darauf aufmerksam gemacht, gestand das ein, behauptete aber auch, der
+Aufenthalt in seinem früheren Gefängnisse trage dabei viele, wenn
+nicht die einzige Schuld; es überkomme ihn noch manchmal ein wildes,
+beängstigendes Gefühl, das er nicht abzuschütteln vermöge, wie mit einem
+Centnergewicht läge es dann auf ihm, und er könne kaum athmen unter der
+Last. Wie ein kräftiger Windstoß aber die düsteren Schranken der Gebirge
+mit _einem_ kräftigen Zuge aus den Schluchten drängt, und über die Ebene
+weht, so sei ein Sonnenblick, ein freundliches Gesicht, das fröhliche
+Lachen eines Menschen oft im Stande, all diese düstere Schwermuth zu
+zerstreuen, und Tage lang fühle er sich dann so wohl, als ob er wieder
+einmal von einer recht schweren Krankheit genesen wäre.
+
+»Und wie gefällt Ihnen die schöne Welt in Valparaiso, Gaspar?« frug
+Leifeldt den jungen Mann, als gerade ein ganzer Zug von Damen lachend
+und scherzend an ihnen vorüber schritt.
+
+»Gut!« sagte der junge Mann freundlich, »es sind liebe, gutmüthige
+Gesichter darunter, und das rege Feuer, das all unseren südlichen
+Stämmen eigen ist, verleiht ihnen noch einen weit besonderen Reiz.
+-- Ich weiß nicht, ich habe mich nie viel mit den kalten Nordländerinnen
+befreunden können; sie sind schön und tugendhaft, ich zweifle nicht
+daran, aber mir scheint es fast, als ob ihnen ein Herz fehle, ihren
+Augen Leben, ihren Lippen Farbe zu geben, und mir selber ist es, einer
+der nordischen Schönheiten gegenüber, fast stets zu Muthe, als ob ich
+vor einer wundervollen Statue stehe, die mein Auge fesselt, mein Herz
+aber kalt läßt, wie der Marmor selber, aus der sie besteht.«
+
+»Das aber dürfen Sie nicht von _Allen_ sagen,« lachte Leifeldt,
+»sehen Sie z. B. das reizende Wesen, das uns hier gerade mit dem
+kleinen Knaben, vielleicht einem Bruder, entgegenkommt -- das müssen
+Engländerinnen sein, aber ich habe wahrlich nie im Leben ein schöneres
+Mädchen gesehen.«
+
+Don Gaspar folgte mit seinen Augen der ihm von Leifeldt angegebenen
+Richtung und sah ein wirklich reizendes junges Mädchen die Straße herauf
+und ihnen entgegenkommen. Sie hatte eine alte, wie es schien kränkliche
+Dame, die sie sorgsam leitete, am Arme, und ein kleiner, vielleicht
+dreijähriger Knabe lief vor ihnen her.
+
+»Sieh, Jenny, liebe Hündchen da drüben,« sagte der Kleine plötzlich in
+seinem noch halbgebrochenen Dialekt zu der Jungfrau, und zeigte mit dem
+einen dicken Patschchen nach der Straße hinüber, auf der ein schwarzes
+Wachtelhündchen nach einem eben landenden Boot laut hinunterkläffte und
+sprang, und mit dem Schwanze wedelte -- »das hol ich mir.«
+
+Die Freunde waren indessen bis dicht vor die beiden Damen gekommen, und
+als sie, ihnen Raum machend, vorüber schritten, sagte Jenny, wie sie von
+dem kleinen Burschen angeredet worden, ermahnend:
+
+»Laß das Hündchen, Bill, es könnte Dich beißen -- und Du darfst auch
+nicht allein auf den Fahrweg gehen -- komm her zu mir.«
+
+Es ist unbestimmt, ob Bill die Warnung hörte, oder nicht, aber darauf
+achten that er keineswegs, denn das Hündchen war gar zu lieb und herzig,
+und Bill mochte das Langsamgehen hinter der alten, kranken Großmutter
+her auch schon herzlich satt bekommen haben; so unter den Händen fort,
+mit den kleinen unbehülflichen Beinchen lief er hinaus, den lebhaften
+schwarzen Burschen da vorn zu sich heran zu holen.
+
+»#Guardar se -- guardar se!#«[9] schrie es in dem Augenblick die Straße
+nieder und lautes Wagengerassel wurde hörbar.
+
+ 9: Vorsehen.
+
+»Bill!« rief die Stimme des jungen Mädchens in Todesangst, als sich
+dieses umschaute, und das Kind auf der Straße sah, ohne im Stande zu
+sein die Mutter loszulassen, »Bill, #for God's sake#.«[10]
+
+ 10: Um Gottes Willen.
+
+Leifeldt und Don Gaspar waren bei dem Schreckensruf rasch stehen
+geblieben, und der letztere machte sich von Leifeldts Arme los, die
+Straße freier überschauen zu können. Aber sie brauchten nicht lange
+auf die Ursache des Tumultes zu warten, denn fast in dem nämlichen
+Augenblick donnerte auch schon eine der gewöhnlichen Droschken, von
+den rasend gewordenen Pferden in vollem Carrière mit fortgerissen,
+die Straße hinauf und Leifeldt erkannte mit Entsetzen, wie der nächste
+Moment hier an dem engsten Paß des ganzen Weges, das Kind unter den Hufen
+der wild aushauenden Renner zerschmettern müsse. Ehe auch nur Jemand im
+Stande gewesen wäre, hinauszuspringen, das Kind der Gefahr zu entreißen,
+brausten die wüthenden Thiere heran, und ein allgemeiner Schrei des
+Entsetzens rang sich schon aus der Brust der zitternden Zuschauer,
+die wirklich ganz die eigene Gefahr in dem gewiß vorauszusehenden
+Untergang des Kindes vergaßen, als sich Don Gaspar, ohne Laut, ohne
+Ruf, die Gefahr nicht kennend, der er sich aussetzte, oder sie total
+verachtend, von dem Trottoir hinüber und schräg an gegen den Kopf des
+Sattelpferdes warf, daß dieses im Ansprung hoch auffuhr und nach ihm
+niederhieb. Hatte aber das andere Pferd den ausgestreckten linken Arm
+des Anspringenden gesehen, oder fühlte es den plötzlichen Druck des
+gegengeworfenen Gewichts, aber es fuhr rechts hinüber, und während Don
+Gaspar den Zügel des Thieres in der Aufregung des Moments viel zu fest
+ergriffen hatte, so rasch wieder loslassen zu können, rissen ihn die
+wüthenden Thiere mit über die niedere hölzerne Barrière hinüber, die
+vor ihrem Anprall zusammenbrach, der Wagen schmetterte und bröckelte
+hinterdrein, und während das wüthende Gespann über die rauhen, hier
+aufgeworfenen Steinmassen setzte, und vergebens versuchte, das zwischen
+den Steinen hängenbleibende Vordertheil des zerstückelten Wagens rasch
+genug herumzubringen, dem jetzt so unverhofft vor ihnen ausdehnenden
+Wasser zu entgehen, in das sie gleich darauf mehr hinein stürzten, als
+sprangen, sank auch Don Gaspar, blutend und ohnmächtig auf dem Damme
+nieder, -- aber das Kind war gerettet.
+
+So rasch war aber das Ganze, hier eben Beschriebene geschehen, so
+plötzlich hatte das Einspringen des jungen Mannes die Tod drohenden
+Thiere zur Seite geworfen, daß die Gefahr schon längst vorüber war,
+als noch die Zuschauer starr und ängstlich nach dem jetzt selbst
+erschreckten Kind hinüber schauten, und erst als Leifeldt zusprang, den
+Knaben aufgriff und seiner jungen Schützerin brachte, erst als diese,
+neben der Mutter auf die Knie fiel, und den geretteten Liebling mit
+einem heißen Dankgebet an das Herz schloß, da erst war es, als ob sich
+der Zauber löse, der wie ein entsetzlicher Bann auf der Menge gelegen,
+und ein förmlicher Jubelschrei dankte der kühnen That.
+
+Während einzelne der Männer jetzt hinüber sprangen, den Verwundeten
+aufzuheben, zu dem sich Leifeldt ebenfalls wenden wollte, wurde er durch
+einen Ausruf der Angst, von der Jungfrau Lippen aufgehalten, und hatte
+eben noch Zeit zuzuspringen, und mit dieser die alte Dame aufzufangen
+und vor schwerem Fall zu bewahren, die, starr vor Schreck, als sie die
+Gefahr des Enkels bemerkte, jetzt, als die furchtbare Erregung des
+ersten Augenblicks vorüber war, bewußtlos zusammenbrach.
+
+Der junge Arzt hob die Ohnmächtige leicht auf seinen Arm, stand aber
+einen Augenblick wirklich unschlüssig da, denn wie konnte er den Freund
+hier, blutend und ohnmächtig zurücklassen, und was indessen mit der
+alten Dame anfangen? --
+
+»Dort hinauf!« flüsterte da die leise, bittende Stimme des Mädchens,
+»nur wenige Häuser von hier entfernt wohnen wir, und Ihr Freund, unser
+Schutzengel, kann dort Pflege und Beistand finden.«
+
+»Gott sei Dank,« sagte Leifeldt wirklich aus tiefstem Herzen, und den
+Peons[11], die den Ohnmächtigen aufgehoben hatten und über die Straße
+trugen, zurufend, ihm rasch damit zu folgen, eilte er, so schnell es
+seine Last erlaubte, dem bezeichneten und gar nicht fernen Hause zu.
+
+ 11: Die niedere Klasse der Chilenischen Bürger, die Arbeiter und
+ Diener.
+
+
+
+
+5.
+
+Die Englische Familie.
+
+
+Während der junge Arzt nun die alte Dame rasch die Treppe hinauftrug und
+die nöthigsten Anordnungen traf, sie wieder ins Leben zurückzurufen,
+wurde der Verwundete unten im Haus, in ein kleines, freundliches
+Stübchen gelegt, und die Ohnmächtige jetzt der Sorgfalt der Tochter und
+einiger Dienstleute überlassend, eilte er wieder hinunter zu dem Freund,
+nach dessen Wunden zu sehen.
+
+Diese waren jedoch nicht im mindesten gefährlich; nur ein Schlag des
+Pferdes wahrscheinlich, hatte ihn am Kopf getroffen und betäubt, und
+einzelne andere, aber ebenfalls unbedeutende Quetschungen rührten
+jedenfalls von dem letzten Sturz auf die rauhen scharfkantigen Sandsteine
+des Strandes her. Schon nach den einfachsten Belebungsversuchen schlug
+auch Don Gaspar die Augen wieder auf, und schien nur im Anfang erstaunt
+und überrascht, ja fast bestürzt von seiner Umgebung. Erst schloß er die
+Augen wieder, dann aber, sich rasch emporrichtend, warf er den Blick
+scheu und forschend im Zimmer umher, und ließ ihn endlich mit einem
+wilden, fast unheimlichen Ausdruck auf dem Fenster haften, das, nach
+der gewöhnlichen Art der spanischen Wohnungen, mit starken Eisengittern
+versehen war, den Bewohnern der Parterrelokale in der heißen Jahreszeit
+besonders zu erlauben, auch die Nacht über ihre Fenster offen zu halten,
+ohne einen Einbruch fürchten zu müssen.
+
+»Was ist dies für ein Haus? -- was für ein Zimmer?« rief er endlich,
+und preßte seine Hände gegen die Schläfe, -- »bin ich denn nicht?
+-- Stierna, Sie hier? -- wie ist mir denn, waren denn nicht die Pferde
+mit uns durchgegangen, und jetzt -- hier wieder?« --
+
+»Wo Sie sind?« lachte aber Leifeldt, der des holden Kindes gedachte, das
+er eben an der Mutter Bett verlassen -- »in der Wohnung eines Engels und
+aufgehoben wie in Abrahams Schooß -- aber das nehmen Sie mir nicht übel,
+Gaspar,« setzte er dann etwas ernster und mit freundlichem Vorwurf hinzu,
+»Sie gehen mit Ihrem Leben ungefähr gerade so um, als ob Sie jeden Monat
+ein anderes bekommen könnten, und dieses schon drei Tage über die Zeit
+getragen hätten. Wenn nicht Gottes Hand an diesem Nachmittag auf Ihnen
+lag, so mußten die wüthenden Pferde heute ausführen, wozu sich der Hai
+neulich nicht mehr hergeben wollte.«
+
+»Die Pferde -- ja, ja -- Sie haben recht -- Pferde waren es gewesen und
+ein junges Mädchen glaub' ich -- oder ein Kind -- Pest noch einmal, mich
+schmerzt die Stirn -- ich fange jetzt an, mich auf die ganze Geschichte
+zu besinnen -- und ist das Kind gerettet? -- aber nehmen Sie mir doch
+den Verband wieder ab -- ich kann doch nicht mit dem Tuch um den Kopf
+über die Straße gehen.«
+
+»Das sollen Sie auch nicht,« erwiederte Leifeldt, »das Kind ist
+allerdings gerettet, denn Ihr toller Sprung war wie der Arm eines
+Engels, der den herzigen Knaben vom sicheren Abgrund fortriß, aber jetzt
+müssen Sie sich ebenfalls ein wenig schonen, wenigstens eine Zeit lang
+Ruhe gönnen, so bleiben Sie deshalb nur ruhig auf dem Bette liegen,
+es läßt sich hier aushalten, und ich will indessen wieder einmal
+hinaufgehen und nach der alten Dame sehen.«
+
+»Ist noch Jemand beschädigt worden?« frug Don Gaspar rasch.
+
+»Nein,« sagte Leifeldt, »nur ohnmächtig vom Schreck und der Aufregung
+-- aber schlafen Sie selber ein wenig, es kann Ihnen nur gut thun, und in
+einem kleinen Stündchen komme ich herein und wecke Sie. Fühlen Sie sich
+dann stark genug, so können wir den Damen oben guten Abend sagen, und
+gehen dann zusammen zu Hause -- sie werden es sicherlich nicht erwarten
+können, dem Retter des Kindes selber zu danken. Ruhig -- keine Einrede,«
+sagte er lächelnd, als er sah, daß Gaspar dagegen protestiren wollte,
+»ich bin jetzt Ihr Arzt und Sie müssen mir gehorchen, also folgen Sie
+brav, und ich hoffe, daß ich Sie morgen wieder in bester Ordnung auf
+Ihren Füßen habe.«
+
+Er nickte Don Gaspar noch freundlich zu und eilte, ohne weiter eine
+Antwort von ihm abzuwarten, rasch die Treppe hinauf, nach seinem andern
+Patienten zu sehen -- und das süße Gift jener seelenvollen blauen Augen
+einzusaugen, die ihn schon jetzt, nach kaum einer ersten, flüchtigen
+Bekanntschaft ahnen ließen, welche Seligkeit, aber auch welch tiefes
+bitteres Weh das arme Menschenherz fähig sei in sich aufzunehmen -- je
+nachdem nun gerade die Würfel fielen, die das Loos uns armer Sterblichen
+bestimmen.
+
+Don Gaspar warf sich indessen auf sein Lager zurück, aber es ließ ihm
+dort nicht lange Ruhe, und wie von irgend einem peinlichen Gedanken
+gequält, stand er auf, zog sich an, und ging mit raschen Schritten in
+dem zwar etwas niedrigen, aber unendlich freundlichen Gemach auf und ab.
+Mehrmals versuchte er es, sich wieder niederzusetzen, aber ein flüchtig
+aufgeschlagener Blick trieb ihn wieder empor, und nach und nach ward es
+fast, als ob ihm das Zimmer hier zu enge werde, und die Brust nicht mehr
+athmen könne in dem eingepreßten Raum.
+
+Das Gitter beunruhigte ihn.
+
+Er sprang wieder auf und schritt, die Augen mit der Hand bedeckt, in dem
+Gemach auf und ab, wie ein gefangener Panther den Käfig mißt, der ihn
+hält; aber lange vermochte er nicht gegen dieß Gefühl anzukämpfen. Er
+ging nach der Thür und drückte vorsichtig auf das Schloß, als ob er
+fürchte, daß es verschlossen sein könne, und ein Ausdruck von wilder
+Freude zuckte blitzschnell durch seine Züge, als das Schloß dem leisen
+Drucke nachgab. Einen Augenblick horchte er hinaus auf den Gang -- es
+ließ sich Niemand hören -- die Leute waren alle oben beschäftigt,
+theils die nöthige Hülfe zu leisten, theils herauszubekommen aus der
+»Herrschaft,« wie denn die ganze Sache eigentlich gelaufen, damit sie
+auch den Zusammenhang der Geschichte fänden -- dann griff er seinen
+Hut vom Tisch auf, schlich hinaus und verließ das Haus, als ob er ein
+Verbrechen begangen und nicht durch eine kühne That eine ganze Familie
+glücklich gemacht hätte, die gerade in diesem lieben Kind fast die
+einzige Freude fand, und durch den Verlust desselben, besonders in
+solch furchtbarer Art, entsetzlich elend geworden wäre.
+
+Als Leifeldt schon nach Dunkelwerden das Zimmer wieder betrat, den
+Schlummernden, den er nicht hatte früher stören wollen, zu wecken und
+seinen neugewonnenen Freunden vorzustellen, fand er zu seinem Erstaunen
+den Vogel ausgeflogen und das Nest kalt.
+
+Wenn er nun auch dies wunderliche Betragen nicht begriff, entschuldigte
+er doch oben den Freund, und versprach, ihn morgen früh, wenn er sich
+von dem kleinen Unfall vollkommen erholt haben werde, mitzubringen. --
+
+»Aber weshalb war er nicht wenigstens einen Augenblick zu ihnen herauf
+gekommen?« -- selbst die alte Dame frug nach ihm und wünschte ihn kennen
+zu lernen. Sie hatte sich vollkommen wieder erholt, hielt den Knaben auf
+ihrem Knie, und weinte und lachte, wenn sie an die furchtbare Gefahr
+dachte, der er, auf fast wunderbare Weise so glücklich entgangen.
+
+Jedenfalls mochte er sich genirt haben, in dem Aufzug, mit durch den
+Sturz vielleicht zerrissenen Kleidern, mit verbundenem Kopf, sich ihnen
+zu zeigen -- aber war das recht? -- hatten sie nicht gerade das erste
+Anrecht ihn so zu sehen, und hieß das nicht die Bescheidenheit zu weit
+getrieben?
+
+Leifeldt, der von den guten Menschen schon fast wie zum Hause selber
+gehörend, behandelt wurde, versprach ihn gleich nächsten Morgen
+einzuliefern, damit er Abbitte thun könne, verabschiedete sich dann aber
+auch selber, nach dem Freund, der jedenfalls zu Hause gegangen war, zu
+sehen, ob er vielleicht noch irgend etwas heute Abend bedürfe.
+
+Leifeldt wurde übrigens keineswegs angenehm überrascht, als er in sein
+Hotel zurückkehrte, und den Freund, vollkommen wider Erwarten, _nicht_
+vorfand. Niemand hatte etwas von ihm gesehen -- Niemand wußte von ihm,
+und vergebens durchlief er, bis spät in die Nacht, alle Straßen, die
+jener möglicher Weise berührt haben könnte, von den Wächtern vielleicht
+hie oder da etwas zu erfahren, das ihn wenigstens auf die Spur führen
+konnte -- er blieb verschwunden -- und selbst der nächste Morgen, der
+nächste Abend brachte den so räthselhaft Entwichenen nicht wieder
+zurück. Was in aller Welt konnte ihn bewogen haben, sich gerade
+heute, und in so wunderlicher Weise zu entfernen und war er nicht doch
+vielleicht etwa, von der Aufregung der letzten Stunden betrübt, irgend
+wo zusammengebrochen? --
+
+Die Familie Newland, der Name der Frauen, denen die beiden Freunde am
+vorigen Tag so wesentliche Dienste geleistet, fühlten sich besonders
+geängstigt durch dies Verschwinden eines Mannes, dem sie so gern ihre
+Dankbarkeit bezeugt hätten, und Mr. Newland, ein Greis von einigen
+siebzig Jahren, ließ es sich nicht nehmen, selber auf die Polizei zu
+gehen, und dort die genauesten Nachforschungen nach dem Fremden
+anzustellen. Nichts destoweniger blieben alle derartige Versuche
+erfolglos, und eine volle Woche war schon vergangen, ohne auch nur
+eine Spur von Don Gaspar gebracht zu haben.
+
+Leifeldt war indessen ein täglicher Besucher der Newland'schen Familie
+geworden und dachte, von diesen selbst dazu aufgemuntert, ernstlich
+daran, seinen bleibenden Wohnsitz in Valparaiso zu nehmen. Leifeldt
+war ein vorzüglicher Kinderarzt, und da ihn sein gutes Glück selbst in
+diesen ersten Tagen zwei sehr schwierige und gefährliche Fälle unter
+die Hände brachte, denen er sich natürlich mit Aufopferung all seiner
+Zeit und Kräfte hingab und die Kleinen auch, trotzdem daß sie von dem
+spanischen Arzte schon aufgegeben worden, dem Leben erhielt, schien der
+auf so eigenthümliche Weise eingeführte »deutsche Doctor« einen
+förmlichen Ruf zu bekommen.
+
+Gegen das Ende der Woche erkrankte aber auch der kleine Bill, ein sonst
+kräftiger und derber Junge, und trotz jeder angewandten Vorsicht, artete
+das erst leichte Unwohlsein bald in so ein bösartiges hitziges Fieber
+aus, daß es selbst Grund zu den schlimmsten Befürchtungen gab.
+
+Leifeldt verließ jetzt fast das Haus nicht mehr; Morgens nur besuchte
+er die wenigen Kranken, die sich ihm schon in der kurzen Zeit seines
+Aufenthaltes anvertraut hatten und wachte dann selbst die Nächte an dem
+Bett des armen kleinen Burschen, der in Fieberphantasien lag und die
+Händchen oft, wie Hülfe flehend, nach ihm ausstreckte. Jenny leistete
+ihm hier fast ununterbrochen Gesellschaft, selbst die halben Nächte
+wachte sie, mit einer alten Dienerin gemeinsam, neben dem Bett des
+Lieblings und ach, welch' glückliche Zeit war das für den jungen
+Arzt, dem die Stunden da wie Minuten entflogen und dem hier, von der
+gemeinsamen Sorge für das arme kleine Wesen begünstigt, mehr Gelegenheit
+ward, das gute Herz und tiefe Gemüth der Jungfrau zu ergründen, als er
+durch Jahre lange einfache Bekanntschaft gewonnen haben würde.
+
+Bill war der Sohn ihres Bruders, eines Offiziers der chilenischen
+Marine, die Mutter des Knaben aber, eine junge Chilenerin, bald nach
+der Geburt des Kindes gestorben, das so, allein der Sorge des jungen
+Mädchens übergeben und von diesem aufgezogen, auch mit unendlicher
+Zärtlichkeit von ihm geliebt wurde. Der Vater des Kleinen war weit in
+See und zu der Liebe für das Kind selber steigerte sich jetzt die Angst,
+dem theuren Bruder, bei dessen Rückkehr den Knaben nicht wieder, wie
+früher, entgegenführen zu können, und in dem einen, seligen Moment
+Belohnung, o so reichliche Belohnung für all diese Aufopferung und Liebe
+zu finden.
+
+In den ersten Tagen schien sie in der That nur von dem einen entsetzlichen
+Gefühl der Angst für das Leben des Kindes fast betäubt, als aber die
+Krisis glücklich überstanden, und der Kleine ihr in dem kurzen Raum
+weniger Wochen gewissermaßen zum zweiten Mal wiedergeschenkt war, da
+kannte ihr Glück auch keine Grenzen, und Leifeldt las in den treublauen,
+Freude und Seligkeit strahlenden Augen auch die süße Hoffnung seines
+eigenen Lebens.
+
+Was für frohe, lustige Pläne das arme Menschenherz doch aufbaut in solch
+schöner Zeit; wie sich die Schlösser da blitzesschnell aus dem Boden
+heben und freundlich lachende Gefilde das Glück zurückstrahlen, das
+unsere eigenen glücklichen Träume ihm erst verliehen. Wo sind all die
+dunklen Schatten, die noch vor so wenigen Monden unser ganzes Leben
+umnachten wollten, wo die giftigen Schwaden der Sorge und des Leids, die
+sich auf die Blüthen unserer Jugend legten und ihre Keime zu ersticken
+drohten? -- eine einzige Sonnenwolke hat sie -- nicht verscheucht, denn
+der nächste Augenblick kann sie finsterer, vernichtender emporheben als
+je vorher -- nur mit ihrem lichten, goldenen Schimmer überhaucht und
+während unser schwaches Auge, das in eine Ewigkeit blicken will, und
+nicht einmal im Stande ist, den dünnen Glanz dieses Schimmers zu
+durchschauen, entzückt und selig an dem bunten Farbenschmelz hängt und
+den glühenden Tinten mit seinen eigenen Bildern Leben giebt, zerstört
+ein Windhauch oft den ganzen trügerischen Bau, und das Herz möchte mit
+seinen Schlössern zusammenbrechen und sterben, so weh ist ihm nachher.
+
+Zehn Tage nach dem ersten Ausbruch der Krankheit des Kindes, war jede
+Gefahr beseitigt, ja es bedurfte nur noch geringer Pflege, den kleinen,
+aber sonst kräftigen Körper vollkommen wieder herzustellen. So waren
+denn die Wachen am Bett des leidenden Knaben natürlich eingestellt, aber
+nichts destoweniger fand sich Leifeldt noch fast an jedem Abend, wie
+früher, ein, und im Gespräch mit den wackeren alten Leuten, die nur von
+einer kleinen Pension schlicht und einfach, mehr ihren Kindern und dem
+kleinen Enkel zu leben schienen, der Jungfrau gegenüber, die dann an
+ihrer Arbeit saß und wie ein frohes Kind mit ihnen lachte und scherzte,
+oder auch gar ernst und sittsam die Theemaschine überwachte, die auf dem
+reinlich gedeckten Tisch brodelte, oder den Eltern das Brod röstete zu
+dem frugalen Nachtmahl, vergingen ihm jene Abende wie im Flug, und er
+mußte sich wahrlich oft fragen, ob er das Glück, welches ihm jetzt
+das ganze Herz füllte, nicht etwa nur träume, und ob das in der That
+Wirklichkeit sei, welches ihm die Erde schon in diesem Leben zum
+Himmel mache. O wie lieb, wie heilig sie aussah in diesem geschäftigen
+Stillleben züchtiger Häuslichkeit, und das Herz wollte ihm manchmal
+ordentlich verzagen, wenn er nur der Möglichkeit dachte, ein solches
+Wesen einst sein zu nennen.
+
+Jenny dagegen blieb sich immer gleich gegen den jungen Mann; sie war vom
+ersten Augenblick an, als er sich der Mutter so annahm, so ungezwungen
+freundlich gewesen, als ob sie sich von Kindheit auf schon gekannt,
+und hier nicht fremd, im fremden Lande einander zufällig nur getroffen
+hätten; nach des Kindes Krankheit aber, in der sich der junge Fremde ihr
+als ein wirklich treuer Freund bewährt, hatte ihr Betragen gegen ihn
+weit mehr Herzlichkeit gewonnen; wenn er kam, ging sie ihm bis zur Thür
+entgegen, und reichte ihm die Hand, plauderte und lachte mit ihm, und
+freute sich seiner wachsenden Aussichten in der Stadt, die ihnen ja auch
+die Hoffnung ließen, daß er in Valparaiso bleiben und ihnen nicht wieder
+so bald genommen würde. Er war ein wirklicher Freund der Familie
+geworden.
+
+
+
+
+6.
+
+Don Gaspar.
+
+
+Und was konnte indessen mit Don Gaspar, dem Verschwundenen geschehen
+sein? -- Umsonst waren bis dahin Leifeldt's sämmtliche Anstrengungen
+gewesen, auch nur seine Spur zu finden; -- wie von der Erde fort, blieb
+ihnen schon fast nichts übrig, als zu glauben, die gierige Fluth, die
+auf dieser stillen Bai schon so manches Opfer gefordert, habe ihn
+verschlungen. Leifeldt selbst, der bis dahin viel auf sein überhaupt
+etwas excentrisches Wesen gebaut und immer noch gehofft hatte, plötzlich
+einmal aus irgend einer anderen Provinz einen Brief von ihm zu bekommen
+und dann auch die Ursache zu erfahren, weshalb er ihn, den Freund, so
+rasch und heimlich verlassen habe, fing an, diese Hoffnung aufzugeben
+und an den Tod des unglücklichen Freundes zu glauben, als er eines Tages
+von San Jago und zwar von einem jungen Manne Nachricht erhielt, den er
+hier in Valparaiso hatte kennen lernen. Dieser versicherte ihn, es
+lebe dort ein junger Spanier, der seiner Beschreibung fast vollständig
+entspräche, still und zurückgezogen in einem ganz abgelegenen Theile
+der Stadt und verkehre fast mit Niemandem. Leifeldt setzte sich
+augenblicklich auf die Post, die zwischen Valparaiso und der Hauptstadt
+Chile's läuft, suchte und fand die bezeichnete Gegend, das ihm genau
+beschriebene Haus und lag, wenige Minuten später in den Armen des
+Wiedergefundenen, der bei seinem Anblick zuerst fast eine Bewegung
+machte, als ob er wieder fliehen wolle, dann aber sich an die Brust des
+Freundes warf und dort weinte, als ob er vergehen wolle vor innerem
+Schmerz und Weh.
+
+Trotzdem weigerte er sich im Anfang entschieden, wieder mit ihm nach
+Valparaiso zurückzukehren, jede Ausflucht suchte er vor, die ihn
+dabei entschuldigen konnte, und war doch auch nicht zu bewegen, einen
+wirklichen Grund anzugeben. Leifeldt glaubte diesen endlich in einem zu
+großen Zartgefühl des jungen Spaniers zu finden, der sich vielleicht
+hier in seinen Erwartungen, Geld zu erheben, getäuscht sah, und nun ihm,
+der seinetwegen die sichere Stellung aufgegeben, die kleine noch übrige
+Summe unverkümmert lassen wollte. Froh in dem Gefühl, ihn hierüber
+wenigstens beruhigen zu können, versicherte er dem Freund, wie er, ganz
+wider Erwarten, in Valparaiso, in der kurzen Zeit seines Aufenthaltes
+sich schon ein förmliches kleines Capital verdient habe, und nicht
+allein einer sorgenfreien, sondern auch frohen Zukunft entgegenzugehen
+hoffe -- Gaspar werde dem _Freund_ nicht versagen, das mit ihm zu
+theilen, bis er selber seine eigenen Hoffnungen realisirt habe.
+
+Don Gaspar mußte zuletzt wohl oder übel nachgeben, aber so herzlich er
+dem treuen Freunde dankte, so froh er sich selber zu zeigen suchte, war
+es doch augenscheinlich, daß noch irgend ein schwerer Schmerz auf ihm
+lasten mußte, den er, trotz allen Bitten Leifeldts, nur in seinem
+eigenen inneren Herzen barg.
+
+Fast mit Gewalt bewog ihn Leifeldt endlich, seine wenigen Sachen
+zusammen zu packen und mit ihm, noch an dem nämlichen Abend nach
+Valparaiso zurück, aufzubrechen; er that es endlich, und Leifeldt
+vergaß dann bald in seinem eigenen Glück die gefurchte Stirn des
+Freundes, dem er jetzt einen getreuen Bericht der vergangenen Tage,
+seit dieser Flucht, zu geben anfing, und nicht aufhören konnte, die
+Liebenswürdigkeit der kleinen Familie zu rühmen, in die ihn sein gutes
+Glück geführt, oder in die er eigentlich besser durch Don Gaspars tollen
+Sprung förmlich hineingeworfen worden.
+
+Don Gaspar hörte ihm dabei lächelnd zu und strich sich wohl manchmal,
+wenn jener immer wieder auf seine frohen Hoffnungen und Aussichten
+zurückkam, leicht aufseufzend, mit der flachen Hand über die Stirn. Erst
+als sie am anderen Tag die letzten Hügel erreichten, die nach der Stadt
+hinunterführten, und wieder in Sicht des Meeres kamen, war es auch fast,
+als ob ein neuer Geist in dem jungen Spanier erwache. Er richtete sich
+hoch in dem Wagen auf und mit leuchtenden Blicken nach den einzelnen
+schneeigen Segeln deutend, die hie und da von dem dunklen Hintergrund
+des Meeres herüberblitzten, rief er aus:
+
+»Das Meer! -- das weite fröhliche Meer -- sieh wie es da liegt und wogt
+und brandet und sich einwühlt in seine eigenen Arme. -- Wie ein Becher
+schäumenden Weines breitet sich's aus -- und oh, wer doch, eine Perle in
+seinem Grunde läge.«
+
+»Unsinn,« lachte aber Leifeldt, jetzt mit der Stadt vor sich ausgebreitet,
+die Alles in sich barg, was ihm lieb und theuer auf dieser Welt war, in
+aufsprudelnder Lust -- »wie eine Perle? -- sag lieber wie eine todte
+Fliege, wenn Du das Meer denn doch mit einem Glase vergleichst -- eine
+Fliege, Freund, die an's Ufer treibt und wieder ausgeschieden wird.
+Nein, fort mit den traurigen Gedanken -- sieh, Dein Auge hat sich schon
+ordentlich belebt, und Du fängst an, wieder wie ein vernünftiger Mensch
+auszusehn. Jetzt weiß ich auch, was Dir bis dahin in den Knochen gelegen
+-- die engen Hügel waren es, die Dich umschlossen, die schwere Luft, die
+in das schmale Thal herniederpreßte -- hier ist der Himmel frei, hier
+dehnt sich die See wieder in unbegrenzter Breite vor uns aus, und das
+Herz wird weit und athmet voll, und es ist ordentlich, als ob das Blut
+in unseren Adern flüssiger, lebendiger geworden wäre. Ich möchte nicht
+mehr im inneren Lande leben, seit ich erst einmal Seeluft gekostet, und
+ich kann mir wahrlich nicht denken, daß man sich wieder da wohl fühlen
+könne, wo man schon einmal den vollen Genuß eines solchen Anblicks, wie
+wir ihn jetzt feiern, kennen gelernt und mit der Zeit unentbehrlich
+gefunden hat.«
+
+»Und wenn Deine Jenny nun nach San Jago zöge?« sagte Don Gaspar,
+lächelnd zu ihm aufschauend, »wie wär es dann mit der See?«
+
+Leifeldt schoß das Blut wie mit einem plötzlichen Strahl in die Schläfe,
+und er erwiederte, aber mit etwas gezwungener Gleichgültigkeit. »Unsinn,
+Gaspar -- wenn mir das Mädchen wirklich nicht gleichgültig wäre, wie
+dürfte ich jetzt auch nur daran denken, um sie zu werben, wo ich eben
+erst angefangen habe, festen Fuß zu fassen. Valparaiso ist ein theurer
+Ort, und wer hier eine Familie haben und sie anständig durchbringen
+will, darf eben nicht nur ein junger Arzt und Anfänger sein -- und in
+späteren Jahren -- lieber Gott, wir wissen nicht, was die nächste Stunde
+bringt, wär' es nicht Thorheit, wollten wir uns Pläne auf lange Jahre
+hinaus machen.«
+
+»Und vielleicht helf ich Dir doch,« sagte freundlich Don Gaspar, ihm die
+Hand hinüber reichend -- »hier in Valparaiso bin ich allerdings nicht im
+Stande gewesen, Geld zu erheben, auf das ich bestimmt gerechnet hatte,
+aber ich habe mit der letzten Post nach Madrid geschrieben, und kann
+schon etwa die Tage berechnen, wo ich nicht mehr der arme Don Gaspar
+sein werde, wegen dem der Freund Existenz und Brod verläßt, ja seine
+Freiheit und sein Leben auf's Spiel setzt, ihn zu retten.«
+
+»Unsinn, Unsinn,« lachte Leifeldt, Don Gaspar hatte aber seine Hand
+ergriffen, schaute ihm ein paar Sekunden, nur gewaltsam eine innere
+Aufregung bekämpfend, ins Auge und fuhr dann mit leiserer aber fester
+Stimme fort:
+
+»Es könnte sein, Federigo, daß ich -- wir sind Alle Menschen und wissen
+nicht, wann uns Gott abruft -- daß ich plötzlich sterben könnte -- ich
+habe deshalb den erwarteten Wechsel an Dich adressirt, und ich möchte
+Dich bitten« --
+
+»Gaspar!« rief aber Leifeldt bittend, und jetzt wirklich beunruhigt,
+»was zum Henker giebst Du Dich plötzlich so trüben Gedanken hin. -- Wir
+sind allerdings sterblich, und jeder Moment kann unserer Laufbahn ein
+rasches, gewaltsames Ziel stecken, Du vor allen Anderen darfst aber
+nicht fürchten, daß Dich das Schicksal einem schnellen Tode bestimmt
+habe, denn wahrhaftig, Du hast ihm Gelegenheit genug gegeben, in
+solchem Fall zuzulangen. Aber allerdings möchte ich nicht für Dich
+einstehn, wenn Du so fortfährst, Dein Leben wirklich zum Fenster
+hinauszuwerfen -- einmal findest Du es doch nicht wieder. Mensch,
+wenn ich nur an die beiden Fälle zurückdenke, wie Du auf den Hai
+hinuntersprangst, oder Dich den herandonnernden Pferden entgegenwarfst,
+so weiß ich wahrlich jetzt selber nicht, wie es überhaupt möglich war,
+nicht einer Gefahr -- denn das kann man schon nicht einmal mehr Gefahr
+nennen -- sondern dem wirklichen Tode so durch ein Wunder zwei mal zu
+entgehen. Die Götter droben können Dich also jedenfalls noch nicht
+gebrauchen, und Du magst völlig ruhig und unbekümmert in die Zukunft
+blicken.«
+
+»Und es ist merkwürdig,« sagte Don Gaspar kopfschüttelnd, »ich kann mich
+auf die Einzelheiten der beiden Fälle gar nicht mehr besinnen -- aber
+sieh da,« unterbrach er sich plötzlich, als der Wagen, von den raschen
+Pferden wie im Fluge dahin geführt, die äußerste Grenze der Vorstadt
+berührte -- »wir sind an Ort und Stelle, wie es scheint, und die Pferde
+wittern den Stall. -- Wetter noch einmal, wie sie ausgreifen, und dort«
+-- Leifeldt machte plötzlich eine Bewegung, als ob er hinausspringen
+wollte, und mehrere Damen gingen, ohne jedoch nach dem Wagen selber
+herüberzusehen, auf den Trottoirs der Straße hin, Don Gaspar ergriff
+aber seinen Arm und sagte lachend:
+
+»Halt, Señor -- machst Du _mir_ Vorwürfe, daß ich mein Leben thörichter
+Weise auf's Spiel setze und willst gleich hinterher Deine eigenen
+Gliedmaßen in Gefahr bringen? War das Deine Dulcinea, wie ich keinen
+Augenblick mehr zweifle, so werden wir sie heute Abend schon auf eine
+weniger halsbrecherische Weise zu sehn bekommen, und jetzt vorwärts
+Kutscher, vorwärts, was zügelst Du die Pferde ein, wir sind noch lange
+nicht am Ziel!«
+
+»Darf hier nicht galoppiren mit den Thieren, Señor,« erwiederte aber
+dieser -- »Polizei will's nicht haben.« --
+
+»Ja so, die Polizei will's nicht haben,« sagte Don Gaspar plötzlich ganz
+ruhig, und während sich Leifeldt so weit er konnte aus dem Wagen bog,
+den Damen nachzuschauen, lehnte sich der junge Spanier in die Ecke
+zurück, und schaute still vor sich nieder.
+
+Im Hotel wieder angekommen, wo Leifeldt, unnützen Fragen zu begegnen,
+das anscheinende Verschwinden des Freundes einem von diesem abgesandten,
+aber verloren gegangenen Brief zuschrieb, machte sich der junge Deutsche
+vor allen Dingen auf, Mr. Newland zu besuchen und der Familie die
+fröhliche Nachricht von dem Wiederauffinden und Zurückkehren des
+Freundes zu bringen, um diesen dann, wie ihn auch die alten Leute
+dringend baten, heute Abend noch dort einführen zu können.
+
+Don Gaspar war an diesem Abend so heiter, wie ihn Leifeldt noch nie
+gesehen -- er schien sich selber auf den Besuch zu freuen, kleidete sich
+mit besonderer Sorgfalt und erkundigte sich, was er bis dahin noch nicht
+gethan, genau nach den verschiedenen Gliedern der Familie; ihrem Alter,
+ihren Beschäftigungen, selbst ihrem Äußeren, und Leifeldt wurde nicht
+müde, ihm zu erzählen.
+
+Der Empfang, der ihm dort wurde, war auch so herzlich, als ob er ein
+eigener Sohn der alten Leute gewesen wäre; der Greis nur machte ihm
+Vorwürfe, daß er sich ihrem Dank so lange entzogen und Leifeldts Hand
+ebenfalls ergreifend, sagte er mit vor innerer Rührung tief bewegter
+Stimme:
+
+»Mir und uns Allen hier gewiß zum Heil, hat Sie Gott Beide an diese
+entlegene Küste geführt, denn Ihnen Beiden danken wir das liebe Kind
+hier, das -- ich darf den Gedanken gar nicht ausdenken -- auf wie
+furchtbare Weise ohne Sie hätte umkommen oder an langwieriger Krankheit
+vielleicht dahin siechen müssen. Betrachten Sie sich aber auch Beide
+deshalb wie mit zur Familie gehörig und mehr noch wird Ihnen mein Sohn
+für diesen, besonders ihm erwiesenen Liebesdienst dankbar sein, denn mit
+Gottes Hülfe hoffe ich sein Fahrzeug doch in den nächsten Tagen wieder
+hier einlaufen zu sehn. -- Aber Jenny, Kind, was stehst Du da in der
+Ecke, hast unserem lieben Gast noch nicht einmal guten Abend gesagt, und
+Dich doch so darauf gefreut, ihn begrüßen zu können. Es ist wahr, Don
+Gaspar, Sie haben uns das Vergnügen recht, recht lang entzogen, und Sie
+werden _sehr_ oft kommen müssen, nur einen Theil davon wieder gut machen
+zu können.«
+
+Don Gaspar wandte sich, die Jungfrau ebenfalls zu begrüßen, und Jenny
+trat in diesem Augenblick auf ihn zu, reichte ihm, wie einem alten
+Freund, die Hand und sagte herzlich:
+
+»Sie sind willkommen, Don Gaspar, wie die Blumen im Mai, und es hat uns
+nur Allen so leid gethan, Ihnen das nicht früher sagen zu können -- doch
+es war Ihre eigene Schuld -- kommen Sie jetzt nur recht oft, und Sie
+werden sich wohl bei uns fühlen. -- Aber hier, Bill« -- wandte sie sich
+dann plötzlich zu dem kleinen Burschen, der schüchtern hinter ihr stand
+und an ihrem Kleide zupfte »hier, Bill, das ist der Gentleman, der Bill
+damals gerettet hat, als #little boy# so sehr unartig war und auf die
+Straße hinaus lief, daß #grandmama# krank wurde und nicht mehr gehen
+konnte -- weißt Du das noch -- und giebst Du ihm kein Händchen?«
+
+Bill, die kleinen Finger seiner linken Hand, die ihm Jenny drei- oder
+viermal herunter bog, immer unverdrossen wieder in das rosige Mündchen
+schiebend, kam langsam, das Köpfchen niedergedrückt und nur schüchtern
+zu dem Fremden hinaufschielend, näher, und reichte ihm verschämt das
+rechte Händchen hin.
+
+Wunderbar war der Eindruck, den Jennys Anblick auf den jungen Spanier
+machte, und Leifeldt lächelte mit einer Art freudigen Stolz sogar,
+als er sah, wie sich der Freund dem holden lieblichen Kinde gegenüber
+förmlich befangen fühlte.
+
+Don Gaspar stand in der That im ersten Moment da, als ob er eine
+Erscheinung gesehen, und nur wie bewußtlos ergriff er die dargebotene
+Hand in seinen beiden Händen, und hielt sie sogar noch fest geschlossen,
+als Jenny sich schon leise von ihm losmachen wollte, ihm den Knaben
+zuzuführen. Erst dann, als er fühlte, daß sich ihm die Jungfrau zu
+entziehen suchte, ließ er sie erschrocken frei, und das Kind aufnehmend,
+das ihn im Augenblick vertraut, mit den großen hellblauen Augen
+freundlich anlachte, und in seinem kraußen Bart spielte, küßte er
+den Kleinen auf Wangen und Mund und nannte ihn einen braven kleinen
+Burschen, der nicht wieder auf die Straße hinauslaufen und seiner guten
+Großmutter und Schwester Schmerz bereiten würde.
+
+An dem Abend war Don Gaspar ein ganz anderer Mensch geworden; es schien
+ordentlich, als ob die sonst manchmal eisige Rinde seines Herzens
+aufthaue in der Gesellschaft der lieben Menschen. Besonders wurde es
+Jennys lebendige Unterhaltung, die ihn anzog, Geist und Gemüth fanden
+dabei gleiche Nahrung, und fortgerissen von dem lieblichen Feuer des
+schönen Mädchens, vergaß er bald seine ganze Umgebung, und ließ sich
+mehr und mehr hinreißen in bunter und glühender werdenden Schilderungen
+und Bildern. Die Pyrenäen und Felsengebirge, der Amazonenstrom wie der
+Ganges waren, so jung er noch schien, schon der Schauplatz seiner Thaten
+gewesen -- auf der Jagd bald, bald im Kampf mit den Eingeborenen,
+hatte es den Knaben fast von Land zu Land getrieben. Nach Spanien
+zurückgekehrt, fand der thätige Geist keine Nahrung für sein Streben,
+seine Pläne, und der Krieg der Argentinischen Republik mit Monte-Video,
+schon die Schilderung jener wilden Reiter der Pampas ließ ihm bald
+daheim den Boden unter den Füßen brennen. Noch ein Jüngling fast, hatte
+er schon die Thaten und Erfahrungen eines Menschenalters auf sein Haupt
+gesammelt, und er konnte nicht still stehn an der Grenze des Begonnenen.
+
+»Mehr aber fast noch als der Drang, dieses neue wilde Treiben mit
+eigenen Augen zu schauen« -- fuhr er endlich in der Schilderung seines
+eigenen Lebens, in die er wie unbewußt hinein gerathen war, und der
+Alle, besonders Leifeldt, mit gespannter Aufmerksamkeit folgten, fort
+-- »zog mich die Sehnsucht herüber, einen Bruder hier zu finden -- einen
+_Zwillings_bruder, den ich seit meinem zwölften Jahre nicht gesehen und
+an dem mein Herz mit all jener fast wunderbaren, geheimen Sympathie
+hing, die das Herz zweier solcher Wesen bis zum -- -- ja vielleicht
+noch _nach_ dem Tode umschlingt. Leider wußte ich nur, daß er seinen
+letzten Aufenthalt in Buenos-Ayres selber gehabt, und konnte keine
+nähere Adresse von ihm bekommen, dort angelangt, blieben auch eine
+Zeit lang alle meine Nachforschungen nach ihm vergeblich, und während
+Einzelne den Namen wollten in Monte-Video gehört haben, behaupteten
+Andere, er sei in eigenen oder Regierungsangelegenheiten nach Mendoza,
+der fernen Grenzstadt der Republik gesandt worden. Nach allen diesen
+Orten schickte ich jetzt Briefe aus, in der Hoffnung, daß einer von
+ihnen den Bruder doch erreichen und ihm meine Nähe melden möge -- und
+-- hahaha -- es ist eigentlich zu komisch, wenn man bedenkt, wie das
+Schicksal die Leute manchmal zusammenwürfelt, und welch entsetzliche
+fürchterliche Folgen aus einer einzigen Idee, einem Wunsch, einem Brief
+-- einem _Wort_ entstehen können.«
+
+Don Gaspar lachte halb, als er die Worte sprach, aber die Todtenblässe,
+die jetzt seine Züge bedeckte, der starre, kalte Blick, die zitternden
+Lippen straften sein Lachen gar furchtbar Lügen. Er hatte auch, wie es
+schien, ganz seine Umgebung vergessen, und die Stirn jetzt eine ganze
+Weile in den Händen bergend, preßten sich einzelne klare perlende
+Tropfen zwischen den fast mädchenhaft zarten Fingern durch.
+
+Die kleine Gesellschaft saß indeß in schmerzlicher, fast peinlicher
+Spannung, und Leifeldt besonders, denn selbst ihm hatte der Freund bis
+dahin hartnäckig die frühere Geschichte seines Lebens verschlossen
+gehalten, empfand eine unnennbare, ihm selbst unerklärliche Angst, die
+Schicksale des Unglücklichen zu hören, die wirklich furchtbarer Art
+sein mußten, wenn nur die Erinnerung daran das sonst so eiserne,
+unerschrockene Herz des Mannes in solcher Art zu erschüttern vermochte.
+Keiner wagte ihn indeß zu stören, und selbst Bill schmiegte sich,
+die großen, blauen Augen ängstlich und bestürzt auf den fremden Mann
+geheftet, an das Knie der Tante, und sein kleines Herz schlug schneller
+in dem Mitgefühl um die fallenden Thränen.
+
+Endlich, wohl nach fünf Minuten, in denen nur das monotone Ticken der
+großen Wanduhr die fast feierliche Stille unterbrochen, fuhr der
+Erzähler, die Hände langsam senkend und stier dabei vor sich nieder
+sehend, mit leiserer Stimme, die aber in der Erzählung selber bald
+wieder zu der frühern Lebendigkeit anwuchs, fort:
+
+»Drei Monate später erhielt ich endlich Antwort auf eines meiner
+Schreiben, und zwar von Cordova aus, wohin der nach Mendoza von mir
+gesandte Brief befördert worden war. -- Felipe hatte in einem Jubel
+an mich geschrieben, daß wir uns endlich wieder sehen sollten. Er war
+glücklich -- in Cordova war ihm Alles geworden, was das Herz nur an
+diese Erde zu fesseln vermag: ein treues Weib, ein liebes Kind, und
+nicht Worte konnte er finden, mir die Seligkeit zu schildern, in der er
+lebe. Nichts destoweniger wollte er Alles dort verlassen, was ihm lieb
+und theuer war, den Bruder nach so langen Jahren der Trennung wieder an
+sein Herz zu drücken, und den Tag hatte er mir schon bestimmt, an dem er
+in Buenos-Ayres eintreffen würde.«
+
+»-- Auch ich hatte indessen,« fuhr Don Gaspar nach einer längeren Pause,
+in der er seine innere Bewegung gewaltsam niederkämpfte, fort: »ein
+Wesen gefunden, dessen Besitz mich, wie ich damals glaubte, zum
+Glücklichsten der Sterblichen machen mußte. -- Der Tag des Wiedersehns
+mit meinem Bruder sollte auch am Altar _ihre_ Hand in die meine legen
+-- der Tag kam -- aber wie sollte er enden.«
+
+»Schon in der letzten Zeit hatte ich in dem Hause meiner künftigen
+Schwiegereltern einen Cavallero aus- und eingehen sehen, dessen Betragen
+gegen meine Braut mir nicht gefiel -- mich selber behandelte er dabei
+ganz mit dem Eigendünkel der südamerikanischen Raçe dem spanischen Blut
+gegenüber, und nur die Gegenwart meiner Schwiegereltern hatte schon
+zweimal verhindert, daß es zu harten Worten und vielleicht härteren
+Thaten zwischen uns gekommen.«
+
+»So brach der Morgen vor meinem Hochzeittag an, und mancherlei
+Geschäfte, die mich an dem Tag auf der Straße hielten, Einkäufe und
+Besorgungen, veranlaßten mich, in eine Pulperia[12] zu treten, und ein
+Glas Wein zu trinken -- ich wollte eine Erfrischung finden -- und fand
+den Tod.«
+
+ 12: Schenkwirthschaft.
+
+»In der Pulperia stand, ohne daß ich ihn anfangs bemerkte, ich hätte ihn
+sonst an _diesem_ Tage vermieden, jener Argentiner im eifrigen Gespräch
+mit einem anderen -- einem anerkannt schlechten Subjekt, das als
+Werkzeug schon zu manchem schlechten Streich sollte benutzt sein. Was
+der Inhalt ihres Gesprächs gewesen, weiß ich nicht, soviel ist gewiß,
+ich hatte kaum Platz an einem der Tische genommen, als sich ihre
+Aufmerksamkeit auf mich lenkte und sie mit meinen nächsten Nachbarn ein
+lautgeführtes Gespräch begannen, das mich nicht gleichgültig lassen
+_konnte_. Es galt mein _Vaterland_, und so fest ich auch gewillt war,
+gleich im Anfang, als ich den ziemlich grob angelegten Plan, mich zu
+reizen, errieth, den Saal zu verlassen, fielen doch bald Äußerungen,
+die es mir unmöglich machten, sie unerwiedert zu lassen. Die beiden
+Argentiner besonders, beides wenigstens äußerlich fanatische Anhänger
+des Diktators, schmähten meine Nation auf eine so nichtswürdige und
+perfide Weise, daß ich endlich gar nicht mehr umhin konnte, ihnen zu
+antworten -- ich hätte Fischblut in den Adern haben müssen. Ein Wort
+aber gab das andere, im vollsten Übermuth trieben es meine Gegner mit
+Gewalt zum Äußersten, und der nächste Morgen -- mein Hochzeittag
+-- wurde dazu bestimmt, unseren Streit auszugleichen. Noch an dem
+nämlichen Nachmittag aber überfielen mich die beiden Schurken
+meuchlerischer Weise, und nur meinem guten Glück hatte ich es zu danken,
+daß der erste nach mir geführte und jedenfalls tödtlich gewesene Stoß an
+meiner Uhr abglitt, während der Mörder von meiner Hand fiel. Der andere,
+der mich rasch wieder gerüstet und seinen teuflischen Plan vereitelt
+sah, wollte jetzt entfliehen -- aber ich war flüchtiger als er. Das Blut
+zum Sieden getrieben -- die blanke Waffe in der Faust, verfolgte ich ihn
+durch mehrere Straßen, mehr und mehr ihm nahekommend. -- Vergebens war
+sein Hülferuf, die Leute wagten nicht, dem bewaffneten Verfolger in den
+Weg zu treten, und in demselben Augenblick, als er an der einen Ecke
+erschöpft und matt zusammensank« -- Don Gaspar schwieg einen Augenblick,
+und setzte dann tonlos hinzu -- »traf mein Stahl sein Herz!«
+
+»Erst als ich ihn blutend vor mir liegen sah, wußte ich, was ich gethan,
+begriff aber auch zugleich die Gefahr, in die ich mich selber dadurch
+gebracht; die Henkersknechte des Diktators waren schnell in der
+Vollziehung rascher gegebener Urtheile, und nicht eine Stunde durfte ich
+mich länger sicher wähnen, denn ich war in der Verfolgung sowohl, wie
+in der That selber erkannt und auch schon umstellt worden. Meine Waffe
+brach mir aber auch hier Bahn, und in und durch ein mir bekanntes Haus
+flüchtend, brachte ich meine Verfolger auf die falsche Fährte.«
+
+Die bald einbrechende Nacht konnte mich dabei leicht aus dem Bereich
+jeder Gefahr bringen; oben in der Boca[13] lag ein kleiner Nachen -- ich
+kannte die Stelle genau, und auf der Außenrhede ankerte ein spanisches
+Kriegsschiff -- einmal dort an Bord, und Rosas sämmtliche Macht hätte
+mir kein Haar meines Hauptes krümmen können. Vorher aber mußte ich
+meinem Bruder Nachricht von mir geben; was kümmerte mich die Gefahr,
+der ich mich dabei aussetzte, und meinen Versteck wieder verlassend,
+wanderte ich, in meinen Pancho dicht eingehüllt, langsam, um keinen
+Verdacht zu erregen, dem Mittelpunkte der Stadt zu, wo man mich jetzt,
+da ich vor mehreren Stunden gerade in einer entgegengesetzten Richtung
+geflohen, auch schwerlich vermuthen durfte. Nichts destoweniger waren
+die Straßen heut Abend belebter, als ich sie noch je gesehen, irgend
+etwas Besonderes schien hier vorgefallen, und um die eine Ecke biegend,
+hörte ich, wie ein Gaucho zum anderen lachend sagte:
+
+ 13: Ein kleiner Fluß, der in den La Plata dicht unter Buenos-Ayres
+ mündet.
+
+»Sie haben ihn, #amigo# -- #caramba#, er wollte sich noch verantworten,
+aber die gnädigen Mashorqueros lassen sich nicht auf Erklärungen ein --
+er sieht jetzt aus, als ob er sich beim Rasiren geschnitten hätte.«
+
+»Mir stockte das Blut in den Adern, ich wußte nicht weshalb, aber wie
+ein elektrischer Schlag rührte mich das flüchtige Wort, und anstatt
+jeder Beobachtung so rasch als möglich zu entgehn, und das nur kaum noch
+fünfzig Schritt entfernte Haus, durch dessen Hinterpforte ich leicht
+wieder einen Ausgang finden konnte, zu erreichen, frug ich, mein Gesicht
+nur soviel als thunlich mit dem Pancho und breitrandigem Hut verdeckt,
+den mir nächsten Burschen, _wen_ sie gefangen und ermordet hätten?«
+
+»Wen? -- #caracho#,« sagte der grimmige Gaucho lachend, »wen anders, als
+den Hund von Spanier, der heute Morgen zwei wackere Männer der Föderation
+meuchlings überfallen und ermordet oder doch bös getroffen hat.« -- »Und
+sein Name?« -- mein eigener donnerte mir ins Ohr, und während sich
+die Straße mit mir zu drehen begann, weiß ich nur, daß ich dem Orte
+zustürmte, wo die Leiche lag.
+
+»Und dort?« -- frugen die Zuhörer in tödtlichster Spannung wie aus einem
+Munde -- denn der Erzähler saß mit stieren Blicken, den rechten Arm
+vorgestreckt, als ob er das Schreckensbild aus dem Boden steigen sähe,
+regungslos da, und die Augen gewannen einen wilden, fast unheimlichen
+Glanz. Plötzlich aber, als ob er fühle, daß aller Augen angst- und
+erwartungsvoll auf ihn gerichtet seien, fuhr er empor, und den Blick
+rasch und forschend im Kreis umherwerfend, haftete dieser auf dem
+Thränenglanz in der Jungfrau Auge, die ihm mit bleichen Wangen und
+hochklopfendem Herzen gegenüber saß und jedes Wort von seinen Lippen
+in peinlicher Spannung aufgesogen hatte. Erst seinem Blick begegnend,
+senkte sie den ihren, und Don Gaspar, der jetzt eine ganze Zeit lang
+wie träumend zu ihr hinüberschaute, strich sich plötzlich die schwarzen
+krausen Locken von der Stirn, und hochaufathmend war es fast, als ob er
+ein schweres, furchtbares Gewicht von seiner Brust gewälzt hätte.
+
+»Und dort? -- wen fanden Sie dort?« rief aber jetzt noch einmal die
+alte Mrs. Newland und auch Leifeldt, der hinzutrat und die Hand auf des
+Freundes Schulter legte, wiederholte leise die Frage.
+
+»Dort?« lachte aber Don Gaspar, dem in diesem Moment schon wieder der
+alte kecke Übermuth aus den Augen blitzte, »dort? -- wie mir scheint
+hätte ich Schauspieler werden sollen -- hahaha -- habe ich mir doch nie
+im Leben solch ein Talent zum Erzählen zugetraut -- wahrhaftig, Señora,
+Sie sind ja ganz davon ergriffen, und die Señorita hat Thränen in den
+Augen.«
+
+Er sprang auf und Mrs. Jennys Hand ergreifend, sagte er mit leiserem,
+fast bittendem Ton:
+
+»Zürnen Sie mir nicht, Señorita, ich wollte weder Sie noch die lieben
+Ihrigen betrüben -- nur zerstreuen, habe es aber, wie ich sehe, ganz
+falsch angefangen. Nicht wahr, ich wäre alt genug, vernünftig zu
+sein, und doch plagt mich ein kleiner Teufel, den ich, zu größerer
+Bequemlichkeit mit mir herumtrage, manchmal wahrhaftig bis aufs Blut
+solch närrische Streiche zu spielen -- aber ich muß nachher dafür büßen,
+wenn ich sehe, welch Unheil ich angerichtet habe« -- setzte er weicher
+hinzu.
+
+Jenny war so vollkommen durch diese Wendung des Ganzen überrascht, daß
+sie im ersten Moment in der That gar nicht wußte, ob sie weinen oder
+lachen solle, ein Blick in die Augen des Fremden aber machte sie auch
+wieder stutzen -- dort lag mehr als ein einfach kecker Leichtsinn,
+gräßliche Geschichten zu erzählen und das Blut seiner Hörer erstarren zu
+machen -- ein furchtbares Geheimniß schlummerte hinter diesen dunklen
+Sternen, und welchen gewaltigen Kampf mußte es ihm kosten, das jetzt mit
+solcher Macht und Ruhe niederzuhalten.
+
+Das schöne Mädchen ließ ihre Hand in der des Bittenden länger, als sie
+selbst wohl wußte, und als sie ihm dieselbe endlich, und nur langsam
+entzog, begegnete Don Gaspar dem Blick des Freundes, der halb forschend,
+halb zweifelnd auf ihm haftete. Er wich dem Blick aus, lächelte aber,
+als er ihm, mit abgewandtem Antlitz die Hand reichte und fest drückte.
+
+»Nein, so 'was!« rief aber jetzt die alte Dame in größtem Erstaunen,
+-- »segne meine Seele Herr -- und das war eine bloße _Geschichte_, und
+so natürlich, daß Einem das Herz ordentlich zu klopfen aufhörte und der
+Athem still stand in der Brust -- aber Mr. Gaspar, das müssen Sie uns
+künftig vorher sagen, daß Sie's nicht so ernsthaft meinen; man weiß ja
+wahrhaftig sonst gar nicht mehr, woran man ist.«
+
+Don Gaspar hielt indessen noch immer Leifeldts rechte Hand mit seiner
+linken, und dessen Arm mit seiner rechten Hand gefaßt -- es war fast,
+als ob er ihm noch etwas sagen wollte vor allen Andern -- als ob er
+sich gerade bei ihm rechtfertigen müsse, aber er machte sich auch von
+ihm endlich los, und sich rasch zu dem alten Herrn wendend, der ihm
+entgegentrat, schüttelte er ihm herzlich die Hand und sagte, leicht mit
+dem einen Auge dabei blinzend: -- »nicht wahr, Sir, Sie wußten, wo ich
+hinaus wollte.«
+
+»#I'll be damned if I did,#«[14] rief aber der alte Herr treuherzig, die
+ihm dargebotene Hand aus Leibeskräften schüttelnd -- »nicht die Probe
+davon, so wahr mein Name Newland ist -- hielt die ganze Geschichte für
+baare Münze und meine Seele dachte nicht daran, daß Sie Spaß machen
+könnten -- haben aber ein famoses Talent, und wenn Sie das so auf dem
+Theater von sich geben könnten wie hier, Sie müßten reich dabei werden.«
+
+ 14: Will verdammt sein, wenn ich's gethan habe.
+
+»Ach, das ist ja gerade unser Unglück auf dieser Erde,« lachte Don
+Gaspar dagegen, »daß wir eben in der Jugend noch nicht selbstständig
+handeln können, oder _wenn_ wir es könnten, doch nicht im Stande
+wären, der Bahn mit den Blicken zu folgen, die anscheinend glatt und
+weitdehnend vor uns ausgebreitet liegt -- hat aber die _Erfahrung_ erst
+ihre Furchen in unsere Stirn gegraben, dann ist es gewöhnlich zu spät,
+noch einen neuen Lebensweg zu wählen, und wir mühen uns verstimmt und
+unmuthig auf der, freilich selbst betretenen, breiten und staubigen
+Heerstraße hin, während links und rechts abzweigend, und doch alle
+demselben Ziel entgegenführend, die schattigsten, blumenreichsten Gänge
+und Pfade liegen -- wenn die Chausseegräben nur nicht so verwünscht
+breit wären.«
+
+Mit rascher Wendung führte er seine ihn noch immer halberstaunt halb
+mißtrauisch betrachtenden Zuhörer wieder auf das erste Feld der
+Unterhaltung zurück; kleine interessante Züge aus seinem Leben, mit
+einer ganz eigenthümlichen Mischung von Humor und Ernst vorgetragen,
+weckten dabei bald wieder ähnliche Erinnerungen bei den Freunden, und
+ehe eine halbe Stunde verflossen, war das Gespräch wieder allgemein und
+lebendig geworden, und man lachte und erzählte sich noch bis spät in die
+Nacht hinein.
+
+Auf dem Heimweg suchte nun zwar Leifeldt den Freund wieder auf die
+Geschichte seines Lebens zurückzubringen, aber der hielt ihm nicht
+Stand, sprang rechts und links ab, und war gerade heute so voll von
+tollen, lustigen Einfällen, daß es unmöglich schien, noch ein ernstes
+Wort mit ihm zu reden.
+
+
+
+
+7.
+
+Der Verdacht.
+
+
+Die nächsten drei Tage war Don Gaspar übrigens nicht zu bewegen, seinen
+Besuch bei Newlands zu wiederholen, trotzdem sogar, daß ihm Leifeldt
+eine förmliche Einladung dorthin brachte -- er entschuldigte sich mit
+einem peinlichen Kopfschmerz und trieb sich fast den ganzen Tag am
+Seestrand herum, einkommende Schiffe zu beobachten. Er war auch still
+und schweigsam dabei, und es schien fast, als ob nach einer zu starken
+Aufregung jenes Abends eine Abspannung gefolgt sei, die er sich nicht
+einmal die Mühe geben wollte, von sich abzuschütteln. Bei Newlands
+dagegen, bildete er fast den einzigen Punkt, um den sich die Unterhaltung
+drehte, und mochte das Gespräch, nach welcher Richtung es wollte, sich
+gewandt haben, der erste Schritt im Hause unten, das zufällige Öffnen
+oder Schließen einer Thür, brachte fast stets die Worte: »Sollte das Don
+Gaspar sein?« -- Leifeldt war auch schon mehrfach gefragt worden, wie
+und wo er den Freund kennen gelernt habe, wußte aber die Frage immer
+zu umgehen und suchte nun auch seinerseits die alten Leute darin zu
+bestärken, Don Gaspar habe sich an jenem Abend mit der gräßlichen
+Geschichte -- wo sie ja nicht anders denken konnten, als sein
+Zwillingsbruder sei für ihn erschlagen worden -- einen freilich etwas
+entsetzlichen Spaß gemacht, während Jenny dagegen eben so bestimmt
+behauptete -- und Leifeldt pflichtete ihr im Herzen schon fast bei
+-- der Schluß des _wahren_ Vorfalls sei ihm selber so furchtbar
+vorgekommen, daß er sich gescheut habe, sie mehr zu ängstigen, und
+lieber Alles das gewaltsam niederkämpfte, was ihm in dem Augenblicke
+sicher drohte die Brust zu zersprengen. -- Der arme Mann, was mußte er
+seit der Zeit heimlich gelitten und mit sich herum getragen haben.
+
+Erst am dritten Abend betrat Don Gaspar wieder das Haus der Newlandschen
+Familie, und dießmal bat er sich Leifeldt selber zur Begleitung an.
+Wenn die alten Leute aber auch oft und oft versuchten, wieder auf
+seine frühere Erzählung -- bei der sie ihn versicherten, wie sie ihn
+vertheidigt hätten, zurückkamen, wußte er ihnen doch immer geschickt
+auszuweichen, und es war so augenscheinlich, daß ihm selbst eine
+Berührung jenes Abends wehe that, und Leifeldt wie Jenny suchten
+daher das Gespräch in anderer Richtung zu leiten und zu halten.
+
+Von da an war Don Gaspar ein täglicher Gast in Newlands Haus, und
+während Leifeldt jetzt mehr und mehr Beschäftigung bekam, wie das
+Zutrauen in der Stadt zu ihm wuchs und seine Kenntnisse sich entwickeln
+und Bahn brechen konnten, saß er oft stundenlang mit Jenny am Schachbret,
+las irgend ein Buch mit ihr, oder erzählte den alten Leuten Abentheuer
+und Scenen aus seinem wunderbar bewegten Leben.
+
+Er war von der Zeit an fast ein anderer Mensch geworden. -- Ruhe und
+Friede schien in sein Herz eingekehrt, und was er auch früher gelitten
+und ertragen haben mochte, eine freundliche Gegenwart glättete
+die schmerzgefurchte Stirn, und das Auge lachte wieder, nicht in
+erkünsteltem, sondern in wirklichem Glück. Er zeichnete dabei kein
+einziges Glied des kleinen Familienkreises aus -- fand er den alten
+Herrn allein, so saß er stundenlang mit ihm da und plauderte von Jagd
+und Ackerbau, von Viehzucht und Weinbau, für den sich der alte Gentleman
+besonders interessirte, und von der See und der fernen Heimath, -- war
+die alte Dame gut aufgelegt dazu, und das geschah oft, so ging er eben
+so gern auf all die wunderlichen Kapitel ein, die sie, nach alter
+Gewohnheit, vor ihm herauf zu beschwören wußte, -- dann erzog er mit ihr
+Kinder und mästete Gänse, legte einen Garten an, oder diskutirte die
+Vorzüglichkeit des javanischen vor dem brasilianischen Kaffee. -- Mit
+Jenny war er derselbe, ihre Nähe schien aber einen besonders wohlthätigen
+Einfluß auf ihn auszuüben, kein wildes, aufloderndes Wort kam über seine
+Lippen, wenn er sich gerade allein mit ihr befand, was ihm sonst doch
+sogar in Gegenwart der alten Dame manchmal passirte, die aber ihre
+Freude daran hatte und dann immer meinte, es thäte ihrem alten Herzen
+ordentlich wohl, noch Feuer und Leben in der Jugend zu sehn und ihren
+Geist daran zu erwärmen. Aber auch selbst Jenny vergaß er manchmal, wenn
+ihm gerade die Lust anwandelte, mit dem Kinde zu spielen und er nun mit
+Bill in ausgelassener Fröhlichkeit in Haus und Garten herumtollte, daß
+selbst das Kind ihn manchmal ganz ehrbar bat, nicht einen solchen
+Spektakel zu machen, sondern ihm lieber eine kleine Geschichte, oder
+ein Märchen zu erzählen, wie er sie zu hunderten zu ersinnen und
+auszuspinnen wußte.
+
+Anders war es aber mit der Familie selber, so herzlich Don Gaspar
+von _Allen_ aufgenommen wurde, so erkannte das scharfe, so leicht
+mißtrauische Auge der Eifersucht bald einen Vorzug, den ihm die Jungfrau
+selbst vor den Übrigen einräumte. Ein wilder Schmerz durchzuckte
+Leifeldts Herz, als dort zum ersten Male der Gedanke an eine solche
+Möglichkeit aufstieg. Er war allein mit Jenny gewesen, und neben ihr
+sitzend hatte er angefangen von seinen Plänen und Hoffnungen zu
+plaudern, wie ihn das Glück hier in Valparaiso so weit über Erwarten
+begünstige, und wie er nun fast schon die Zeit berechnen könne, in der
+es ihm möglich sein würde, einen _eigenen Heerd_ zu gründen. Das Herz
+lag ihm heute auf der Zunge, und der Muth fehlte ihm nur noch, dem
+holden Mädchen seine Liebe zu gestehen, und sie -- nicht um ihre Hand
+zu bitten -- der unbemittelte, junge Arzt durfte noch nicht wagen, das
+Geschick eines so lieben zarten Wesens an das seine zu knüpfen, ehe
+er ihm mehr als die Aussicht eines sorgenfreien Lebens bieten konnte
+-- aber sie zu fragen, ob sie glaube, sich einst an seiner Seite
+glücklich fühlen zu können, und dann, mit solcher Gewißheit im Herzen,
+neuen Anstrengungen und Arbeiten in dem süßen, beseeligenden Gefühl
+entgegen zu gehen, das Ziel zu kennen, dem er zustrebe, und in ihm
+gerade sein ganzes Glück und Heil zu finden.
+
+Ob Jenny fühlte, daß der bisherige _Freund_ einer anderen Gestaltung
+ihres Verhältnisses entgegendränge, -- ob sie diese Erklärung fürchtete,
+oder ihr nur ausweichen wollte in mädchenhafter Schüchternheit, aber
+sie war unruhig und befangen, stand oft auf, unbedeutende Sachen zu
+besorgen, und suchte wieder und immer wieder dem Gespräch eine andere,
+gleichgültigere Wendung zu geben, als plötzlich der Klopfer unten an
+ihrer Thüre ertönte, und gleich darauf des Spaniers rasche Schritte auf
+der Treppe gehört wurden.
+
+»Don Gaspar,« rief Jenny, freudig überrascht von ihrem Stuhle
+aufspringend, zugleich aber dem Blick des jungen Schweden begegnend, war
+sie Weib genug, zu fühlen, wie wehe sie dem in diesem Augenblick gethan.
+-- Das Blut schoß ihr in die Schläfe, und langsam den eben so rasch
+verlassenen Sitz wieder einnehmend, setzte sie leiser hinzu: »Er wird
+sich freuen, Sie hier zu finden.« --
+
+Don Gaspar betrat gleich darauf das Zimmer, und das Gespräch drehte sich
+um gleichgültige Gegenstände; von dem Augenblicke an aber war der Same
+des Mißtrauens, der Eifersucht in das sonst so treue, ehrliche Herz des
+jungen Schweden gefallen, und schlug seine breiten Wurzeln da und wühlte
+und nagte in all seiner wachsenden Stärke und Furchtbarkeit.
+
+Von dem Tage an war es um Leifeldts Frieden geschehen -- je
+freundlicher, je herzlicher Jenny gegen ihn wurde, desto mehr zog er
+sich vorsichtig in die innersten Vesten seiner eigenen Brust zurück,
+denn was bis dahin seinem wachenden, sehenden Auge total entgangen,
+erschloß sich plötzlich dem von Argwohn bewaffneten Blick mit tödtlicher
+Schärfe. -- Er sah, Jenny liebte den Freund, und das war der Todesstoß
+all seiner süßen, so heimlich und treu gepflegten Hoffnungen und Träume
+-- das der Sturz seiner liebsten, seligsten Pläne.
+
+Sonderbarer Weise blieb sich Don Gaspars Benehmen, der Jungfrau wie
+dem Freund gegenüber, vollkommen gleich; oft sahen sie ihn zwei oder
+drei Tage nicht, die er in der Nähe Valparaisos verbrachte -- sein
+Lieblingsplatz war dann die Seeküste, von wo aus er halbe Tage lang
+kommenden Segeln entgegenschaute, und kehrte er endlich zurück, so
+betrug er sich gerade, als ob er nicht einen Augenblick abwesend gewesen
+wäre und irgend vermißt sein könnte.
+
+Nicht so Jenny; -- wie unbewußt sie sich auch bis dahin ihrem Herzen
+überlassen, so war sie seit jenem Abend, wo der erste mißtrauische
+Blick des jungen Arztes ihrer eigenen Seele Licht gegeben, ihr selbst
+gewissermaßen die eigene Brust erschlossen hatte, ganz still und
+schüchtern geworden, und eine fast krankhafte Erregung schien ihr sonst
+so heiteres, kräftiges Gemüth umhüllen -- ertödten zu wollen. Das
+Mutterauge entdeckte auch bald die, wirklich auffallende Veränderung
+selbst in ihrem Aussehen, Jenny leugnete aber, sich anders, als
+vollkommen wohl zu befinden, und der deshalb von der alten Dame befragte
+Leifeldt erklärte ebenfalls die Blässe der Wangen, den fehlenden Glanz
+der Augen für ein leichtes Unwohlsein, das die nächsten Tage wieder
+heben könnten. Ach, ihm schnitten diese eingesunkenen Augen tief, tief
+ins Herz, und durfte er sagen, was sie verursacht hatte? -- mußte er
+nicht dem eigenen, hoffnungslosen Schmerz da ebenfalls die Worte geben?
+-- Und Jenny reichte ihm diesmal, als er von ihr ging, die Hand, und
+preßte sie leise -- sie sprach kein Wort, aber dieser einzige Händedruck
+kündete ihm sein Loos deutlicher, als es Worte je im Stand gewesen
+-- sie _dankte_ ihm für sein rücksichtsvolles Schweigen -- und er hätte
+vergehen mögen vor bitterem Weh.
+
+So waren noch zwei Tage verflossen, und Leifeldt rang in dieser Zeit
+mit sich, ob er offen zu dem Freunde reden, oder dem Schicksal seinen
+ungestörten Lauf lassen solle. Mit seinem ganzen ehrlichen, offenen
+Wesen trieb es ihn, diesem ersten Gefühl zu folgen, immer aber warf
+er sich selber wieder ein, daß der Spanier die Liebe des jungen,
+engelschönen Mädchens noch gar nicht einmal zu ahnen scheine, und sollte
+_er_ es sein, der da mit eigener Hand den Funken in die Pulverkammer
+schleuderte? -- Er konnte sich, so oft er sich auch dazu überreden
+wollte, es sei das Beste, ja das Einzige, was ihm zuletzt zu thun übrig
+bliebe, doch immer und immer wieder nicht dazu entschließen, und zögerte
+damit so lange, bis er sich am Ende selbst wieder einredete, er habe
+sich doch vielleicht getäuscht, und noch liege die Möglichkeit vor ihm,
+die Geliebte seines Herzens einst auch die Seine nennen zu können.
+
+So kam Jenny's Geburtstag heran, und Mr. Newland hatte in seinem Hause,
+diesen Tag zu feiern, eine kleine Festlichkeit angeordnet, zu der,
+außer mehreren anderen Bekannten, auch unsere beiden Freunde, wie der
+Buenos-Ayres Konsul, Don Guzman de Ribera, geladen waren.
+
+Dieser begrüßte Don Gaspar wie einen alten Bekannten, -- er wußte ja,
+der junge Mann war von Buenos-Ayres herübergekommen, und er selber, dort
+geboren, hatte noch zu viel Anhänglichkeit an die Stadt, nicht für
+jedes ein Interesse zu empfinden, das mit derselben, wenn auch in der
+entferntesten Berührung stand. Es war das eine Art Heimweh -- wenn
+er sich des Gefühles selber auch kaum bewußt sein mag -- wie es den
+Kamtschadalen an seine Eisfelder, den Sohn der Wüsten an die öden
+Sandflächen seines Vaterlandes bindet, und Don Guzman war noch dazu ein
+gar eifriger Anhänger des Diktators, und freute sich der Erfolge, die
+dieser errungen, mit sichtlichem Stolz.
+
+Don Gaspar schien heute besonders guter Laune zu sein, und so viel
+Mal auch Don Guzman versuchte, seiner habhaft zu werden, ihm die
+allerneuesten Nachrichten von »der anderen Seite der Cordilleren«
+mittheilen zu können, wußte er ihm doch immer wieder zu entgehen,
+und dem Gespräch eine andere, allgemeinere Richtung zu geben.
+
+Leifeldt dagegen zeigte sich still und zurückgezogen, der Freund hatte
+Jenny's Seite noch kaum verlassen, seit sie das Zimmer betreten hatten,
+und der junge Schwede versuchte umsonst der Gedanken ledig zu werden,
+die ihm mit immer herberer Pein das Herz durchzogen.
+
+»Aber Señor Federigo ist heute Abend so mißgestimmt,« sagte endlich die
+alte Mrs. Newland, die sich bis dahin fast nur mit Don Gaspar und ihrer
+Tochter unterhalten hatte, und den jungen Arzt eigentlich erst jetzt
+in ihrem Gespräch vermißte -- »segne meine Seele, ich weiß mich noch
+wahrlich nicht eines Wortes zu erinnern, das Sie heute den ganzen Abend
+gesprochen hätten -- fehlt Ihnen etwas?« --
+
+»Nicht das Mindeste,« lächelte Leifeldt, etwas verlegen aufstehend und
+sich ihr nähernd -- »aber Sie waren Alle dort so gar lebhaft im Gespräch
+begriffen.« --
+
+»Und dazu gehören Sie eben so gut, Mr. Leifeldt,« sagte Jenny,
+freundlich ihm die Hand reichend -- »wir sprachen eben davon, wie
+glücklich wir uns schätzen dürfen, in einem fremden Lande so viele treue
+und liebe Freunde gefunden zu haben, und wie dankbar wir dafür unserem
+Schicksal sein müssen.«
+
+»Das Wort _Freundschaft_ ist ein wilder Begriff, Señorita,« erwiederte
+aber Don Gaspar rasch -- »und unsere Sprache ist arm, daß wir nicht im
+Stande sind, dieß wunderlichste aller Gefühle in seine verschiedenen
+Klassen einzutheilen.«
+
+»Und haben _Sie_ verschiedene Klassen für Ihre Freundschaft, Don
+Gaspar?« frug ihn das schöne Mädchen lächelnd.
+
+»Allerdings,« sagte der Spanier rasch -- »und so streng geschieden von
+einander, wie sie das wunderlichste Gefäß im menschlichen Körper -- das
+Herz -- zu scheiden vermag -- Freunde, die ihr Leben für mich lassen
+würden« -- und er reichte, während er sprach, dem jungen Schweden die
+Hand -- »und Freunde, die mich verfolgen mit -- mit ihrer Liebe und mich
+gern unter die Erde drücken möchten vor lauter Herzlichkeit -- Freunde,
+deren Lächeln schon das Blut in froher Brust durch meine Adern jagt, und
+Freunde, deren Kuß und Schwur es erstarren machen würde.«
+
+»Und zu welchen dürfen wir uns da zählen?« frug Jenny leicht erröthend.
+
+»Ich brauche Ihnen das nicht mehr mit Worten auszudrücken,« sagte Don
+Gaspar mit dem herzlichsten Tone seiner Stimme, und während er die
+Hand des Mädchens ergriff, bemerkte Leifeldt mit tiefem Schmerz,
+wie es die ganze Gestalt der Jungfrau, einem elektrischen Schlage
+gleich durchzuckte; »Sie haben mich hier Alle mit so unendlicher
+Freundlichkeit behandelt« -- fuhr der Spanier dabei fort -- »ich
+müßte ein Herz von Stein in der Brust haben, könnte es anders für Sie
+schlagen, als es thut -- aber unser Gespräch wird zu ernst,« brach er
+dann rasch und plötzlich ab, und Jenny's Hand loslassend und die der
+Matrone ergreifend, setzte er lachend hinzu -- »da, Mama hat schon
+Thränen in den Augen, und der dürfen wir doch wahrlich den heutigen,
+fröhlichen Abend nicht verderben.«
+
+In diesem Augenblick wurde zu Tische gerufen, und Jenny trat
+fast unbewußt einen kleinen Schritt zurück, als ob sie sich der
+Aufmerksamkeit der Übrigen entziehen wollte, bis -- Leifeldt wagte den
+Gedanken nicht auszudenken und wollte eben an die alte Dame hinantreten,
+dieser seinen Arm anzubieten, als Don Gaspar schon die Hand der Mrs.
+Newland in seinen Arm zog, Mr. Newland mit Don Guzman im eifrigen
+Gespräch langsam dem Speisezimmer zuschlenderte, und der junge Mann
+jetzt nicht umhin konnte, Miß Newland zu geleiten. Jenny wollte etwas
+sagen, als er sich ihr zögernd näherte, aber, ob sie fürchtete, ihm wehe
+zu thun, oder nicht das rechte Wort fand zu beginnen, sie schwieg, und
+ließ sich von ihm zur Tafel geleiten.
+
+»Aber Don Gaspar,« begann hier Don Guzman, der dem Spanier gerade
+gegenüber seinen Platz hatte, wie sie kaum ihre Sitze eingenommen
+-- »ich habe Ihnen noch gar nicht erzählen können, daß der chilenische
+Correo glücklich über die Berge von Mendoza herübergekommen ist, und
+die Post von ein paar Monaten mitgebracht hat; elf Tage war er in der
+dritten Casucha[15] drüben im Schnee »verschlossen«, und ihr Chargue[16]
+mußte er mit seinen Leuten zuletzt trocken kauen, sich nur am Leben zu
+erhalten -- sie wären beinahe verhungert, und der Temporale[17] soll
+furchtbar gewüthet haben.«
+
+ 15: Die kleinen Steinhütten in den Cordilleren, zum Schutz der
+ Reisenden errichtet.
+
+ 16: Getrocknetes Fleisch, ziemlich der einzige leicht tragbare
+ Proviant unterwegs.
+
+ 17: Schneesturm.
+
+»Die armen Menschen,« sagte Jenny mitleidig -- »es ist doch ein
+entsetzliches Brod, sein Leben auf jedem solchen Marsch tollkühn auf's
+Spiel zu setzen. Wie Viele sind schon dabei umgekommen, und immer und
+immer wieder giebt es Andere, die der wenigen Unzen wegen die Glieder
+dem Frost und Hungertode Preis geben.«
+
+»Und Monte-Video ist immer noch nicht über?« sagte Leifeldt, dem es
+wohlthat, gerade in diesem Augenblicke mit dem Fremden ein Gespräch zu
+beginnen.
+
+»Noch nicht, aber es kann sich keinesfalls lange mehr halten,«
+erwiederte Don Guzman zuversichtlich -- »man spricht zwar von einem
+Waffenstillstand, ich glaube jedoch, daß ihn die Unitarier nur
+verlangen, zu kapituliren.«
+
+»Und giebt es sonst nichts Neues in Buenos-Ayres?« frug Mr. Newland
+dazwischen, den Argentiner auf ein anderes Kapitel zu bringen, und nicht
+etwa genöthigt zu sein, die fremde Intervention mit ihm zu erörtern
+-- »keine neue Revolution, keinen Überfall von Indianern?«
+
+»Nichts derartiges,« lachte Don Guzman, »Se. Excellenz, der Gouverneur,
+hält die Zügel der Regierung zu straff für dergleichen Versuche.«
+
+»Aber die Indianer haben sich doch schon einige Mal gegen ihn in das
+Feld geworfen,« warf Leifeldt ein -- »die einzelnen Gaucho-Hütten
+überfallen, ja selbst die Städte bedroht und sogar der Argentinischen
+Cavallerie Stand gehalten.«
+
+»Ist allerdings vorgefallen,« meinte achselzuckend der Konsul, »jetzt
+aber sind sie ruhig, und die Grenzbewohner werden wohl nicht wieder von
+ihnen beunruhigt werden. Nein, aber etwas anderes hatte die Stadt in
+jener Zeit aufgeregt, und es scheint wirklich seit lange Nichts die
+Bewohner von Buenos-Ayres in solch Erstaunen versetzt zu haben, als die
+Flucht eines Tollen aus einer Irrenanstalt -- die Blätter sprechen fast
+von nichts Anderem.«
+
+»Die Flucht eines Tollen?« riefen fast Alle wie aus einem Munde, und
+Leifeldt, dessen Blick wie unwillkürlich Don Gaspar suchte, sah, wie
+dieser in völligstem Gleichmuth ruhig, aber kaum bemerkbar vor sich hin
+lächelte, und mit der Gabel spielte.
+
+»Und hat man ihn nicht wieder bekommen?« frug ängstlich Jenny.
+
+Don Gaspar biß sich auf die Lippen.
+
+»Nein,« versicherte Don Guzman -- »merkwürdiger Weise ist er mit seinem
+Arzte, einem Schweden, Namens Stierna, entwichen, und obgleich man
+Anfangs alle Ursache hatte, zu vermuthen, Beide wären an Bord eines
+Schiffes gegangen, tauchte doch auch zu gleicher Zeit ein Gerücht auf,
+sie wären eine Strecke weit im Innern gesehen worden, und die Behörden,
+dadurch irre geleitet, scheinen ihre Spur bis jetzt noch nicht wieder
+aufgefunden zu haben.«
+
+»Heiliger Gott,« sagte Jenny schaudernd und deckte sich dabei ihre Augen
+mit beiden Händen -- »ich glaube, ich würde selber wahnsinnig, wenn ich
+einem solchen entflohenen Tollen einmal plötzlich begegnete und ihm
+nicht mehr entfliehen könnte.«
+
+»Haben Sie noch nie einen Wahnsinnigen gesehen?« frug Don Guzman.
+
+»Nie -- und Gott bewahre mich auch dafür,« erwiederte das Mädchen, schon
+in dem Gedanken an solchen Fall zusammenbebend.
+
+»Aber, liebes Kind,« sagte die Mutter -- »es giebt auch viele Leute mit
+einem stillen Wahnsinn, denen man es gar nicht so sehr ansehen kann,
+und die haben gar nichts Fürchterliches -- nur manchmal werden sie
+gefährlich, wenn ihnen der Rappel kommt. Bei uns im Haus wohnte einmal
+ein solcher, aber Du warst noch klein und kannst Dich wohl nicht mehr
+auf ihn besinnen -- er sprang später einmal aus dem Fenster und brach
+den Hals.«
+
+»Es giebt überhaupt wohl keine Krankheit, die in so verschiedenen
+Gestaltungen und Variationen auftritt, als gerade der Wahnsinn,« nahm
+hier Mr. Newland das Wort, und Leifeldt hob den Blick fast unwillkürlich
+zu dem Freund auf, der jedoch vollkommen ruhig, ja fast gleichgültig zu
+dem Sprechenden hinüberschaute -- »von dem Rasenden,« fuhr Mr. Newland
+fort, »der in seine Ketten beißt und schäumt, können wir die Grade
+hinunterführen bis zu dem Misanthropen, und während der Eine selbst dem
+unerschrockensten Menschen, dem, der jeder anderen Gefahr lachend und
+muthig entgegen gehen würde, mit unnennbarem, unlöschbarem Entsetzen
+erfüllt, treffen wir den Andern gar nicht so selten in unserer eigenen
+Mitte und die Krankheit, die ein Zufall vielleicht zum hellen Ausbruch
+geführt, schläft in ihm, nur ihm selber fühlbar, bis zu seinem Tode.
+Ich bin überzeugt, wir kommen mit hunderten dieser Art zusammen, ohne
+den Wurm zu ahnen, der in ihnen schlummert und vielleicht nur eines
+zufälligen Funkens bedurft hätte, zu lichter Lohe emporzubrennen.«
+
+»Um Gottes Willen, Väterchen,« bat da das schöne Mädchen -- »sage doch
+nicht so Entsetzliches -- es wäre ja gräßlich, in jedem stillen Menschen
+einen angehenden Wahnsinnigen fürchten zu müssen -- lachen Sie doch Don
+Gaspar, lachen Sie doch Doktor, mir läuft es wahrhaftig schon jetzt
+eiskalt über den Körper, wenn ich Sie Alle so _still_ und ernsthaft da
+sitzen sehe.«
+
+»Señor Newland macht sich über uns lustig,« sagte aber der Spanier
+lächelnd, indem er sich zu der Jungfrau hinüber bog, »er will mich von
+neulich in meiner eigenen Münze bezahlen -- es hat überhaupt einen
+eigenen Reiz, sich vor etwas zu fürchten, und von dem Kind an verläßt
+uns das Gefühl nicht, bis zum Greisenalter; aber Don Guzman erzählt uns
+vielleicht ein wenig ausführlicher, wie es mit der Flucht des Verrückten
+zugegangen -- hahaha, ich fange wahrhaftig selber an, mich für den Mann
+zu interessiren -- und hat den eigenen Arzt mitgenommen, he?« --
+
+»Den Arzt der Anstalt selber,« bestätigte der Argentiner -- »man
+begreift eigentlich gar nicht, wie es möglich war, aber der Tolle muß
+ihm jedenfalls Versprechungen gemacht haben, und der Doktor ist noch
+toller gewesen, sie ihm zu glauben.«
+
+Don Gaspar lachte laut auf, und Leifeldt schaute einen Moment etwas
+verlegen vor sich nieder -- es war ihm nicht lieb, daß Don Gaspar so
+gewissermaßen muthwillig die Gefahr, verrathen zu werden, herausforderte.
+Niemand konnte allerdings in diesem Augenblick einen Verdacht haben,
+daß sie selber die Flüchtigen wären, und sogar im schlimmsten Fall
+ihrer Entdeckung reichte doch Rosas Arm nicht bis hier herüber, seinen
+Gefangenen zurückzufordern; nichts desto weniger brachte es sie in ein
+schlechtes Licht und -- die Hauptsache -- in das Gerede der Müßigen,
+weshalb also einen solchen Fall noch herausfordern.
+
+»Aber in was bestand seine Tollheit?« frug jetzt der Spanier wieder,
+ohne den Blick des Freundes zu verstehen oder zu beachten, der ihn
+warnen wollte, zu weit zu gehen -- »hat man nicht erfahren können, in
+welcher Art sie sich zeigte, daß selbst der Arzt darauf einging oder
+getäuscht werden konnte? und _war_ der Mann überhaupt wahnsinnig?« -- Er
+bog sich plötzlich vor und schaute den Konsul mit seinen großen dunklen
+Augen erwartungsvoll an -- »man hat Beispiele, daß gesunde Menschen,
+ihrer etwas unbequemen Gegenwart enthoben zu sein, in solcher Art
+eingekerkert wurden und langsam und elend vergehen und verderben
+mußten.«
+
+»Nein, nein,« rief Don Guzman rasch, »die Beweise lagen hier wohl zu
+klar auf der Hand. Vorher scheint irgend eine lange Geschichte gegangen
+zu sein, aus der man aber, den Zeitungen nach, nicht klug wird, nur so
+viel ist gewiß, daß der Kranke irgend einer hochgestellten Person -- es
+ist nicht gesagt weshalb -- nach dem Leben trachtete, auch schon in
+seiner Raserei viel Blut vergossen haben soll, so daß man allerdings
+nicht ohne Besorgnisse war, der Entflohene würde jenen wieder
+aufzufinden wissen.«
+
+»Und diese hochgestellte Person?« frug Don Gaspar lauernd.
+
+»Wurde nicht genannt,« erwiederte Don Guzman, »Sie wissen, daß die
+Zeitungen in Buenos-Ayres unter einer ziemlich strengen Censur stehen,
+und die Redakteure befassen sich nicht gern unnöthiger Weise mit
+wirklichen Namen, über die sie vielleicht einmal später könnten
+aufgefordert werden, Rechenschaft zu geben. Der des Entsprungenen soll
+_Morelos_ gewesen sein.«
+
+»Aber ich werde nun ernstlich böse, wenn Sie nicht die entsetzliche
+Unterhaltung schließen,« rief da endlich Jenny -- »ist das ein Gespräch
+für ein Familienfest und wollen Sie mir denn mit Gewalt den Abend
+verderben?«
+
+»Aber mein Fräulein --«
+
+»Keine Einwendungen, Don Gaspar,« rief jedoch die junge Dame in
+halb scherzhaftem, aber auch entschiedenem Tone -- »ich will gern
+eingestehen, daß ich eine furchtbare, vielleicht kindliche Angst vor
+einem Wesen habe, das ohne Geist -- eine wandernde Leiche -- umhergeht,
+ich kann nun einmal diesen Gedanken nicht los werden, und wer mir jetzt
+eine rechte Freude erweisen will, erzählt eine hübsche und _muntere_
+Geschichte, daß wir die trüben Schatten verscheuchen, die wirklich schon
+anfangen sich um uns zu sammeln.«
+
+»Muntre Geschichten?« rief da Don Gaspar, rasch emporspringend, »da bin
+ich Ihr Mann -- hol der Böse das Grillenfangen -- wenn nicht der Humor
+manchmal dem Menschen zu Hülfe käme, es säh' schlecht in der Welt aus.
+-- Aber der Ernst ist uns trotzdem dabei oft näher als wir denken, und
+der Tod schaut ins Fenster, wenn wir glauben die Sonne sei es.« --
+
+»Aber Don Gaspar --«
+
+»Ich kannte einen alten Musikus in Madrid -- hahaha, ich muß jetzt noch
+lachen, wenn ich an den alten Burschen denke, und es sind lange, lange
+Jahre verflossen, seit sie ihn in sein letztes Bett hinaustrugen -- der
+hatte einen unverwüstlichen Humor und eine Gabe zu erzählen, und das
+Erzählte mit Akkorden und kurzen Sätzen, Präludien und Nachspielen
+seiner Geige zu begleiten, daß man manchmal wahrhaftig gar nicht mehr
+wußte, ob er spielte oder erzählte, die Töne schienen mit zu sprechen,
+die Worte zu tönen und eine eigene barocke Manier, die er sich angewöhnt
+und mit der er das Producirte gewissermaßen von sich abstieß, riß seine
+Zuhörer, in ihrem wunderlichen Effekt nicht selten zum stürmischen Jubel
+hin. Als ich ihn das letzte Mal hörte, hatte er uns gerade eine Skizze
+seines eigenen Lebens erzählt, und während uns die Thränen aus den
+Augen liefen, denn er hatte genug erduldet für einen einzelnen
+Menschen, schrieen wir auch wieder vor Lachen; und wie er zuletzt mit
+dahineingreifenden tollen Akkorden schloß und dazwischen schrie und
+spielte, übertäubte das folgende Gelächter endlich jeden seiner Laute
+dermaßen, daß er wirklich stillschweigen mußte und eine Zeit lang ruhig
+sitzen blieb. -- Als wir endlich wieder zu uns kamen und ihn bitten
+wollten, fortzufahren -- war er todt. -- Nein, Señorita -- verlassen Sie
+uns nicht!« -- rief er plötzlich, als Jenny eine Bewegung machte, als
+ob sie vom Tisch aufstehen wollte -- »ich mache wieder gut, was ich
+gefehlt« -- und aufspringend setzt er sich an das offene Clavier, auf
+dem er mit einem weichen Andante begann, die Töne aber mehr und mehr
+anschwellen ließ und endlich in einem wilden Allegro all die neckischen,
+englischen und irischen Melodien einflocht, die sie früher so oft
+mitsammen geübt und gesungen hatten.
+
+Von dem Augenblick an war es auch, als ob ein ganz anderer Geist über
+die kleine Gesellschaft komme, Don Guzman, der noch einmal von dem
+entsprungenen Tollhäusler anfangen wollte, wurde gleich unterbrochen und
+in den Strudel eines anderen Gesprächs hineingerissen und vor Allen Don
+Gaspar hatte sich noch nie so liebenswürdig, ja förmlich ausgelassen
+gezeigt, als an diesem Abend. Er war unerschöpflich im Erfinden und
+Erzählen, und Jenny lachte und jubelte bald mit den Übrigen.
+
+Es wurde spät und Don Gaspar selber mahnte mehrmals an den Aufbruch,
+Jenny aber bat immer wieder, nur noch ein ganz klein wenig zu bleiben,
+und des Spaniers Herz hätte müssen von Eisen sein, wenn er solcher Bitte
+widerstehen gekonnt.
+
+Eigenthümlich war dabei das Benehmen Don Guzmans, der anfänglich, und
+zwar schon den ganzen Abend hindurch, Don Gaspar stets, wenn er sich
+besonders unbemerkt glaubte, aufmerksam fixirte und vorzüglich Leifeldt
+dadurch beunruhigte, der nicht mit Unrecht fürchtete, der Argentiner
+habe einen, wenn auch vielleicht noch vollkommen unbestimmten Verdacht
+gefaßt, der wohl noch durch das anfänglich wunderliche Betragen Don
+Gaspars verstärkt werden mochte. Wie aber die Laune desselben sich mehr
+und mehr den Abend hindurch entwickelte, schwand auch augenscheinlich
+dieses Gefühl, der sonst ziemlich ernste Argentiner wurde freundlich
+und zutraulich, und als der Wein erst die Köpfe ein wenig erwärmt hatte,
+war er mit dem Spanier so befreundet worden, daß er sich zu ihm setzte,
+und die beiden Männer lachten zusammen, daß ihnen die Thränen aus den
+Augen liefen.
+
+Leifeldt wurde allerdings von der lebendiger werdenden Unterhaltung
+unwillkürlich mit fortgerissen, aber der einmal gefaßte Verdacht, daß
+Jenny nicht ihn selber, sondern den Freund liebe, verbitterte ihm
+nicht allein den Abend, sondern füllte sein Herz auch mit recht tiefem,
+schmerzlichem Weh. Er wußte es wohl, er hatte es sich schon in den
+letzten Wochen nicht mehr gut fortleugnen können, aber immer noch schien
+eine schwache Hoffnung ihn über Wasser gehalten zu haben, heute aber
+schwand auch diese, und Jennys ganzes Benehmen, jeder schüchterne Blick,
+wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- ihr Erröthen, ihr Erblassen in den
+Erzählungen seines eigenen Lebens, warfen ein furchtbares, aber nur zu
+treues Licht in seine Seele.
+
+Mit diesem Bewußtsein faßte er nun aber auch den festen Entschluß,
+zu dem Freund zu sprechen -- er wollte wissen, was der Spanier zu
+thun beabsichtige -- er wollte seine Plane hören, denn nicht an ein
+leichtsinnig Spiel dieses Mannes sollte das Herz, das einstige Glück
+dieses Mädchens gebunden werden. Erst dieser Entschluß brachte aber
+auch seiner Seele wieder die volle Ruhe und jede Schwäche von sich
+abschüttelnd, fühlte er, wie er das schöne Mädchen wirklich aufrichtig
+genug liebe, ihr freudig das eigene Glück zum Opfer zu bringen und über
+ihr künftiges Leben mit treuer Freundes Sorgfalt zu wachen. So in sich
+selbst erstarkt, nahm er mehr und mehr an dem Gespräche Theil, und
+die alte Mrs. Newland, die ihn besonders in ihr Herz geschlossen,
+versicherte ihm noch, bevor sie Abschied nahmen, »daß es ihrer Seele
+wohl thäte, den guten Doktor auch einmal wieder so frisch und fröhlich
+bei sich zu sehen; -- der Don Gaspar,« setzte sie dann in ihrer
+Gutmüthigkeit hinzu -- »ist doch ein herrlicher Mensch, er bringt
+Leben und Bewegung in eine ganze Gesellschaft, nur ein Bischen zu toll
+treibt er's manchmal, und heute Abend besonders macht er doch die
+ausgelassensten Streiche -- segne seine Augen, ich bin ihm ordentlich
+gut.«
+
+Don Guzman mahnte endlich zum Aufbruch -- es war Mitternacht schon
+vorüber, und da die drei Männer ziemlich einen Weg hatten, verließen
+sie zusammen Mr. Newlands gastliches Dach und wanderten die stille,
+menschenleere Straße noch lachend und erzählend hinauf, während hinter
+ihnen die Wächter ihren scharfen Pfiff ertönen ließen[18] und die
+einsamen, stillen Häuserreihen allein den Ausbruch ihrer lauten
+Fröhlichkeit wiedertönten.
+
+ 18: Die Nachtwächter Valparaisos geben einen gellenden Pfiff,
+ wenn Nachts irgend ein Mann an ihnen vorübergeht; dadurch wird
+ der nächste Nachtwächter darauf aufmerksam gemacht, daß noch
+ Jemand auf ist, der eigentlich ins Bett gehörte, erwartet den
+ Wandernden und giebt dasselbe Zeichen, wenn er an ihm vorüber
+ gegangen ist.
+
+
+
+
+8.
+
+Die Entdeckung.
+
+
+»Aber wissen Sie, liebster Don Gaspar,« sagte endlich der Argentiner,
+als sie an einer der Querstraßen-Ecken, wo dieser von ihnen Abschied
+nehmen mußte, stehn geblieben waren, das begonnene Gespräch erst zu
+beenden -- »wissen Sie, für was ich Sie heute Abend einmal eine ganze
+Weile gehalten habe?« --
+
+»Nun, Señor?« lachte der Spanier -- »doch nicht etwa für den Bösen
+selber, der sich in Menschengestalt einen kleinen Spaß mache und nach
+Seelen angele, doch nicht für den Feind?« --
+
+»Nein,« sagte Don Guzman lachend. --
+
+»Oder für einen spanischen Spion, der vom Mutterlande herüber geschickt
+wäre, sich der Colonien wieder zu versichern?«
+
+»Auch nicht,« lautete die Antwort, »noch schlimmer« --
+
+»Noch schlimmer als Teufel oder Spion?« lachte Don Gaspar, »das ist
+schmeichelhaft -- und für was sonst noch?«
+
+»Für den entsprungenen Tollen!« rief Don Guzman, und Alles, was er noch
+weiter sagen wollte, erstarb in dem schallenden, dröhnenden Gelächter
+des Spaniers, der sich gar nicht wieder zufrieden geben konnte. --
+
+»Aber ich versichere Sie, bester Don Gaspar!« --
+
+»Hahahahaha!« -- donnerte das dröhnende Lachen dazwischen.
+
+»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich« --
+
+»Hahahahaha!« --
+
+Der Argentiner mußte zuletzt selber mit in das Lachen einstimmen, und
+anstatt dem Spanier den Grund solchen Verdachtes anzugeben, wie er es im
+Anfang beabsichtigt, jetzt nur auf seine Vertheidigung sinnen und sich
+entschuldigen, einen solchen Fehlgriff begangen zu haben. Eine kurze
+Weile plauderten dann die Männer noch mit einander, und wünschten sich
+dann eine gute Nacht, vorher aber lud Don Guzman die beiden Freunde noch
+auf das Herzlichste ein, ihn recht bald einmal ebenfalls zu besuchen,
+was sie ihm auch fest versprachen.
+
+Don Guzman betrat gleich darauf sein Haus und Don Gaspar und Leifeldt
+wanderten dem ihrigen, beide jetzt still und schweigend, zu.
+
+Leifeldt hatte überhaupt während der ganzen letzten, so laut und munter
+geführten Unterhaltung, nicht ein Wort gesprochen -- es fing ihm an
+peinlich zu werden, ihre Flucht von Buenos-Ayres erwähnen zu hören,
+und wenn er auch für sich selber nicht die geringsten bösen Folgen
+zu fürchten brauchte, hätte er sich hier, in der Stadt zu jenem Fall
+bekannt, war ihm doch die ganze Sache fatal, und er begriff Don Gaspars
+Leichtsinn und Fröhlichkeit in dieser Hinsicht nicht. Auch sein falscher
+Name fing ihm an drückend zu werden und er wußte nur nicht jetzt, wie
+ihn abzuschütteln, ohne denen, an deren Meinung ihm etwas gelegen, in
+einem falschen Lichte zu erscheinen.
+
+Zu diesem kam noch der Entschluß, der in seiner Seele kämpfte, Licht und
+Erklärung selber von dem Freund, die Geliebte betreffend, zu erhalten,
+ein Entschluß, gegen den er noch immer in seinem Innern ankämpfte,
+der sich ihm aber mit jeder Minute auch als immer dringender werdende
+Nothwendigkeit aufdrängte.
+
+So erreichten sie ihre Wohnung, Jeder in seinen Gedanken vertieft und
+ohne auch nur eine Silbe weiter mit einander zu wechseln, und während
+Leifeldt mit untergeschlagenen Armen rasch in dem kleinen Gemach auf- und
+abging, hatte sich Don Gaspar in die eine Ecke des Sophas geworfen und
+starrte mit zusammengezogenen Brauen vor sich nieder.
+
+Plötzlich blieb der junge Schwede vor dem Spanier stehen und sagte mit
+leiser, aber fester und entschiedener Stimme:
+
+»Gaspar, ich habe etwas auf dem Herzen, das ich nicht länger mehr allein
+zu ertragen vermag, und es ist nöthig, daß wir uns darüber verständigen,
+oder ich gehe in der steten Aufreibung meiner Kräfte und Gedanken völlig
+zu Grunde.«
+
+Don Gaspar erwiederte kein Wort, sondern schlug nur die großen dunklen
+Augen staunend und erwartungsvoll zu ihm auf und blieb ruhig und
+regungslos in seiner Stellung.
+
+»Wie stehst Du zu Miß Newland?« fuhr da der Schwede noch leiser fast
+fort, und man sah, es hatte ihm schwere Überwindung gekostet, den Namen
+endlich auszusprechen.
+
+»Miß Newland?« sagte aber Don Gaspar erstaunt, und ein eigenthümliches
+Lächeln zuckte und blitzte über seine, heute Abend ungewöhnlich bleichen
+Züge -- »wie soll ich zu Miß Newland stehn? -- höchst freundschaftlich,
+hoff' ich doch.«
+
+»Eine Umgehung meiner Frage hilft Dir nichts mehr,« rief aber Leifeldt,
+durch die, wie er glaubte, angenommene und verstellte Gleichgültigkeit
+des Freundes mehr gereizt und in seinem Entschluß bestärkt, »Du kannst
+mich nicht glauben machen, daß Dir das schöne Mädchen gleichgültig sei
+-- es ist nicht möglich, daß Du blind gegen die Neigung wärest, die
+_sie_ für Dich empfindet.«
+
+»Neigung _für mich_?« rief aber jetzt der Spanier mit wirklichem
+Erstaunen und richtete sich auf seinem Sitz empor, »wie kommst Du zu dem
+tollen, abenteuerlichen Gedanken? -- Wie kann das Mädchen eine Neigung
+für mich empfinden -- -- was kann sie _mir_ sein?« --
+
+»Was sie _Dir_ sein kann, Mensch?« -- rief aber der Schwede jetzt durch
+die fast wegwerfenden Worte auf das tiefste erschüttert und empört, »was
+sie _Dir_ sein kann? -- Heiliger Gott im Himmel, mir hat es Herz und
+Seele zerrissen, nur den Gedanken zu fassen, sie aufzugeben, und doch
+würfe ich meiner Seele Heil selbst freudig in die Schaale, sie nur
+glücklich zu wissen, und Du, Du könntest sie darum an Dich gezogen
+haben, nur um sie gleichgültig wieder wie ein Spielwerk, das dem Kinde
+genügt, wie eine welke Blume bei Seite zu werfen, ja ohne vielleicht
+einmal Freude, ohne eine einzige Regung des Herzens bei der »Tändelei«
+gefühlt zu haben?« --
+
+»Aber Federigo, Du faselst,« sagte der Spanier, und ein eignes
+eigenthümliches Lächeln zuckte plötzlich über seine Züge, -- »oder ich
+verstehe Dich auch falsch -- Du meinst doch nicht, daß mich das Mädchen
+liebt, und daß ich sie heirathen soll?« --
+
+»Allerdings mein' ich das,« erwiederte der junge Schwede mit ernster,
+fast tonloser Stimme.
+
+»Und soll ich mich hier hängen oder in's Zuchthaus sperren lassen?« frug
+Don Gaspar laut auflachend.
+
+»Wie soll ich das verstehn? -- weshalb?« --
+
+»Aus sehr einfachem Grunde -- wie viel Frauen kann ein Mann in diesen
+Südamerikanischen Republiken nehmen?« frug Don Gaspar und stellte sich,
+die Arme auf der Brust in einander geschlagen, den Kopf auf die linke
+Seite geneigt, mit einem komischen Spotte in den Zügen vor dem Schweden
+hin.
+
+»Wie viel Frauen? -- natürlich nur _eine_ -- _bist_ Du denn aber schon
+verheirathet?« rief der Schwede in unverhehltem Erstaunen.
+
+Eine wunderbare Veränderung ging bei dieser Frage in den Zügen des
+Spaniers vor -- zuerst schoß ihm das Blut in Wange und Stirn, als ob es
+die Adern zu durchbrechen drohte, und im nächsten Augenblick ließ es ihm
+das Antlitz so weiß und kalt, daß die schwarzen großen Augen unheimlich
+und wild unter der todtenbleichen Stirn hervorglühten; dann strich er
+sich ein paar Mal mit der flachen Hand über die Stirn, und es war fast,
+als ob er gegen ein in ihm erwachendes, aufdrängendes Gefühl stark und
+gewaltsam anzukämpfen suchte, -- er schien auch des Freundes Frage ganz
+überhört zu haben, gab wenigstens keine Antwort, und erst, als dieser
+dieselbe wiederholte, lachte er plötzlich still vor sich hin und sagte,
+die Hand auf des Arztes Schulter legend, leise und zutraulich --
+
+»Versteht sich, Freundchen, versteht sich -- aber -- man spricht nicht
+gern davon. Eine Frau ist ein liebenswürdiger Gegenstand zu Hause, doch
+höchst unbequem auf der Reise, und -- man läßt sie deshalb lieber, wo
+sie am liebsten ist.«
+
+»Aber wie ist mir denn, in des Himmels Namen,« rief der junge Arzt
+verstört, »hast Du mir denn nicht früher gesagt --?«
+
+»Pst, Freund,« flüsterte der Spanier und lauschte nach dem Nachbarzimmer
+hinüber, als ob er fürchte, von dort behorcht zu werden, »ich will Dir
+die ganze Geschichte mit wenigen Worten erzählen, -- es ist freilich
+schon spät, aber wir sind Beide jetzt zu aufgeregt, schlafen zu können
+und -- heute ist so gut eine Zeit dafür, wie jede andere.« -- Und seine
+Hand ergreifend, führte er ihn zum Sopha und begann, sich an seiner
+Seite niederlassend, auch rasch und ohne weitere Vorrede dem staunenden
+Freund sein bisher so sorgfältig verschlossen gehaltenes Innere zu
+öffnen.
+
+»Wenn ich nicht irre,« sagte er, und strich sich dabei sinnend mit der
+linken Hand die Stirn, -- »habe ich schon früher einmal angefangen, Dir
+einen Theil meiner Lebensgeschichte zu erzählen -- wir wurden damals
+unterbrochen, ich habe vergessen durch was, -- Du weißt jedenfalls,
+daß mein Bruder damals statt meiner von Rosas Henkern ermordet oder
+gerichtet wurde.« --
+
+»Dein Bruder? -- also doch?« -- rief der Arzt schaudernd.
+
+»Also doch?« wiederholte Don Gaspar, »allerdings; Du hättest dabei sein
+sollen,« fuhr er plötzlich lebhafter fort, und die Hand deutete, dem
+stieren Blick folgend, in die Ecke des Zimmers -- »Du hättest dabei sein
+sollen, wie sie den Mantel zurückschlugen, unter dem die Leiche lag, und
+ich in den starren, blutigen Zügen den _Bruder_ erkannte, den ich seit
+meinem zwölften Jahre nicht gesehen, und jetzt _so_ -- _so_ -- für
+_mich_ geschlachtet, wiederfinden sollte. -- Du hättest dabei sein
+sollen, wie sie aufschrieen, als sie dasselbe Gesicht _lebend_ zwischen
+sich sahen, das entstellt, entseelt vor ihnen im Schmutz der Straße lag
+-- hahahaha, ich müßte jetzt noch lachen, wenn mir nicht eben das Blut
+in den Adern erstarrte.« --
+
+Er schwieg erschöpft still, stützte die Stirn viele Minuten lang in
+beide Hände, und fuhr dann, während ihn Leifeldt mit ernstem,
+mitleidigem Blick betrachtete, leiser noch und langsamer fort:
+
+»So lag ich -- ich weiß nicht wie lange, auf der Straße, unter dem
+blutigen Tuch, und erst gegen Abend trugen sie mich hinaus und begruben
+mich -- ich glaube aus besonderer Rücksicht -- unter einem alten
+Ombubaum an der Boka.« --
+
+»_Dich_?« rief Leifeldt überrascht -- »Deinen Bruder!«
+
+»Mein Bruder? -- ja ich weiß nicht, was mit dem gleich wurde -- ich hatte
+damals zu viel für mich selbst zu denken,« murmelte der Unglückliche mit
+halblauter Stimme und fast nur wie mit sich selber redend -- »aber
+da ich die beiden Argentiner ermordet hatte (und wir Beiden uns so
+entsetzlich ähnlich sahen), doch aber nun leider einmal todt war, so
+begruben sie mich auch eben, und das Einzige, was ich mir bis jetzt noch
+immer nicht so recht erklären kann,« fuhr er, den Finger wie überlegend
+an die Nase bringend, fort -- »ist, daß ich nachher -- aber ich weiß
+nicht mehr wie lange -- Trauer anlegte in der Stadt und zu meinen
+Schwiegereltern ging, ihnen die schmerzliche Nachricht von dem Tod
+meines Bruders, der sich thörichter Weise in ein Duell mit zwei
+Argentinern eingeladen, mitzutheilen. Ich erinnere mich noch« -- setzte
+er unheimlich lächelnd hinzu, -- »wie toll sich meine Frau damals
+gebehrdete -- wie sie mich von sich stieß und ein alter Mann mir den
+Eingang verwehren wollte -- ich warf den alten Mann damals aus dem
+Fenster und ich glaube, er hat den Hals gebrochen, ich habe ihn
+wenigstens niemals wiedergesehn, aber auch einen Fremden fand ich bei
+ihr im Hause -- wahrhaftig, einen der Burschen, die ich auf der Straße
+todtgestochen -- und die _Teufel_ schrien mir zu, das sei ihr Mann. --
+Ich wollte ihm um den Hals fallen -- hahahahaha -- aber sie litten es
+nicht -- eine Menge Menschen kamen dazwischen, und ich glaube -- ich
+glaube, ich ging wieder nachher hinaus unter den Ombubaum, aber das
+Alles liegt mir jetzt nur noch, einem Chaos gleich, im Gedächtniß.«
+
+»Die Bilder davon schwimmen zusammen, steigen oft zu riesigen
+Bergmassen auf, daß ich fürchten muß, sie würden mich unter ihrer Last
+zusammenpressen, und schwinden dann wieder zusammen, daß das Auge den
+winzigen, blitzschnell kreisenden, schwingenden Dingen kaum zu folgen
+vermag.«
+
+Er schwieg einen Augenblick und die Stirn in den, auf den Tisch
+gestützten Arm werfend, lehnte er wohl eine halbe Minute regungslos
+da und schien die wild heraufbeschworenen Bilder seiner Phantasie
+zurückdrängen zu wollen in ihr altes, ruhiges Bett. Leifeldt aber saß
+mit sträubendem Haar und peinvoll schlagendem Herzen neben dem Freund
+-- das Blut schien seine Adern, das Leben seine Glieder verlassen zu
+haben, und nur den stieren Blick auf die zusammengebrochene Gestalt
+des Unglücklichen gebannt, hellte sich zum ersten Mal seinem Auge
+der wirkliche Zustand des Mannes, den er selber wieder in das Leben
+eingeführt, und die furchtbare Gewißheit, einem _Wahnsinnigen_ gegenüber
+zu stehen, trieb ihm das Blut in rasenden Schlägen zum schreckerfüllten
+Herz zurück.
+
+Don Gaspar sah aber nicht den auf ihm haftenden Blick des Entsetzens, ja
+er schien die Nähe einer anderen Person fast ganz vergessen zu haben und
+fuhr nur, wie zu sich selber sprechend, leise fort:
+
+»Es war nicht hübsch von Constancia -- ein falscher -- falscher Name
+-- es war nicht hübsch von ihr, mich so bald zu vergessen, aber wart
+Bursche, wart -- Du hast ihr trügerische Geschichten in's Ohr geraunt,
+meine Briefe unterschlagen, meine Existenz verleugnet -- hast sie
+fortgeschleppt in die Fremde und mich selber in Ketten und Banden
+geworfen und Dein alter Name, Don Luis de Gomez schützte Dich in der
+Zeit in Deiner Verrätherei, aber jetzt -- hahahaha -- bin ich frei,
+frei, frei« -- und er sprang empor bei den Worten und seine Augen
+blitzten und funkelten in wildem wahnsinnigen Feuer -- »frei wie der
+Tiger, der in dem dunklen Waldesschatten seiner Beute geduldig, aber mit
+wilder Gier entgegenharrt -- frei wie der« -- er schwieg plötzlich, denn
+sein Blick fiel in dem Moment auf das stiere, blaue Auge des jungen
+Schweden, das ihn fest und entsetzt fixirte, und als ob der Blick eine
+förmlich magische Gewalt über ihn ausgeübt habe, sank er still wieder in
+sich selbst zusammen und schaute erst vor sich nieder und dann empor und
+umher, wie ein Mann, der plötzlich aus einem schweren Traum erwacht,
+und sich wachend müht, die eben geschauten Bilder zu halten und dem
+lebendig gewordenen Auge zu bewahren.
+
+»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken,« sagte er plötzlich
+aufstehend, und mit beiden Händen gegen seine Schläfe gepreßt, im Zimmer
+auf- und abgehend -- »er bekommt mir nicht, und macht mir das Blut
+schwer und unbändig -- nicht wahr, es ist spät, Federigo?« --
+
+Er hatte diese Worte gesprochen, ohne dem Blick des Freundes auch nur
+in einem Moment wieder zu begegnen, und das Auge des Arztes war ihm in
+stummen Staunen durch den Raum auf und ab gefolgt; aber zu plötzlich, zu
+unerwartet kam diese Änderung des eben noch so furchtbaren Zustandes
+-- der Übergang fehlte zwischen den beiden Extremen und Leifeldt, sich
+selber kaum bewußt, was er sagte, flüsterte nur halblaut:
+
+»Constancia!«
+
+Der Name wirkte mit Blitzesschnelle auf den Spanier -- er blieb stehn,
+sah den Freund rasch und forschend an, und sagte dann lächelnd:
+
+»Constancia? -- wie kommst Du auf _den_ Namen?«
+
+»Und nanntest Du ihn nicht selber?« frug der Schwede.
+
+»Ich?« -- rief Don Gaspar, jedenfalls mehr erschreckt als erstaunt,
+»_ich_ hätte den Namen genannt? -- und doch, ja -- es ist möglich; --
+das sind ja die alten wunderlichen Ideen, die sie mir in Buenos-Ayres
+andichten wollten, und so lange haben sie mir den Unsinn vorerzählt, bis
+ich beinah dazu getrieben gewesen wäre, jene Wahnsinn herausfordernden
+Gedanken auch selber zu glauben. -- Aber es ist spät, Federigo, wir
+wollen morgen wieder früh aufstehn, und da taugt das lange Schwärmen
+nichts gute Nacht, Federigo, gute Nacht,« -- und das eine Licht, das
+noch unangezündet auf dem Tische stand, an dem anderen entzündend,
+reichte er dem Freunde, wie er das alle Abend that, die Hand, und
+verließ dann langsam das Zimmer -- aber er vermied seinen Blick -- er
+wandte den Kopf nicht wieder um, als er ging.
+
+
+
+
+9.
+
+Entschlüsse und Pläne.
+
+
+Der junge Arzt stand wie in den Boden gewurzelt, den stieren Blick noch
+immer auf die Thür geheftet, als schon jener das Zimmer lange, lange
+verlassen, und es bedurfte einer geraumen Zeit, ehe er sich nur selbst
+genug zu fassen wußte, alles das zu _begreifen_, was in der letzten
+Stunde mit ihm vorgegangen; erst dann aber war es, daß er das ganze
+Entsetzliche seiner Lage begriff, und sich, vernichtet, in einen Stuhl
+werfend, barg er das Antlitz in den Händen und schluchzte laut.
+
+Was ihm, ein dunkler, furchtbarer Verdacht, nur manchmal wie das kalte
+Wetterleuchten einer Schneenacht durch die Seele gezuckt -- was ihm
+selbst dann, wo er den Gedanken von sich warf in wilder Hast, in den
+wenigen Momenten das Herz mit Furcht und Entsetzen erfüllte -- es war
+Wahrheit geworden, und mit flammenden Buchstaben stand es vor seinem
+inneren Auge, was er mit leichtgläubigem, thörichtem Herzen gethan.
+
+Einem Wahnsinnigen hatte er zur Flucht aus dem Krankenhaus geholfen
+-- einen Wahnsinnigen eingeführt in den stillen Familienkreis der
+Freunde, und Jenny -- heiliger Gott und Erbarmer -- Jenny war elend
+geworden durch ihn, durch ihn, der sein Leben mit Freuden hinausgeworfen
+hätte, ihr eines Jahres Glück dafür zu kaufen.
+
+ * * * * *
+
+Er verbrachte die ganze Nacht damit, im Zimmer auf und ab zu gehen und
+Pläne zu ersinnen, all dem Unheil vorzubeugen, das er selber muthwillig
+heraufbeschworen -- Pläne, die er wieder verwarf, wie sie kaum in
+ihm aufgestiegen und er fürchtete selbst den anbrechenden Tag, der
+vielleicht schon die Entwickelung des Entsetzlichen mit sich bringen
+konnte.
+
+ * * * * *
+
+Was sollte er thun, wie dem tödtlichen Pfeile wehren, der, einmal der
+Sehne entflogen, in wilder Flucht seinem Ziele entgegenstrebte? -- Sich
+selber den Gerichten entdecken? bekennen, was er mitleidigen und selbst
+getäuschten Herzens gethan und den Wahnsinnigen wieder in die Gewalt
+einer Anstalt liefern? es war das Einzige, was ihm, so viel er sinnen
+mochte, vernünftiger Weise zu thun übrig blieb, und doch sträubte sich
+immer und immer wieder sein Herz gegen solche Maaßregel der Gewalt, die
+den Unglücklichen, mit dem er nun einmal Freud und Leid so lange Monate
+getheilt, auf's Neue in die Mauern eines Kerkers, vielleicht in die
+alten Räume zurückwerfen mußte, und hatte er da nicht die Gewißheit, das
+endlich im furchtbarsten Maaße zu werden, was jetzt doch noch möglicher
+Weise durch treue Freundeshand geheilt, oder wenigstens gemildert werden
+konnte? --
+
+Und Jenny -- mußte ihr nicht das Herz brechen, wenn sie den Geliebten
+-- _Geliebten_? einen Wahnsinnigen -- arme, arme Jenny.
+
+Er wollte fliehen, aber war nicht gerade jetzt seine Gegenwart es
+allein, die noch vielleicht Unglück und Verderben von bedrohten,
+_lieben_ Häusern abwehren konnte? er wollte hin zu Newlands, und sie von
+dem Schrecklichen in Kenntniß setzen, und fürchtete doch auch wieder den
+Augenblick, wo er dem Mädchen gegenüber die Schreckensworte aussprechen
+sollte.
+
+Ihm schwindelte zuletzt von all den Gedanken; die ihm Hirn und Seele
+folterten, und zum Tode erschöpft, warf er sich endlich auf sein Lager
+-- seine Angst, sein Weh fortzuträumen in tollen Bildern.
+
+Als er am nächsten Morgen erwachte, stand Don Gaspar an seinem Bett,
+und noch ehe er sich die Vorgänge des letzten Abends ins Gedächtniß
+zurückrufen konnte -- und nur die dunkle Erinnerung daran lag noch,
+eine Last, auf seiner Seele -- bat ihn der Spanier mit vollkommen
+unbefangener, ruhiger Stimme, aufzustehen und sich anzuziehen -- das
+Wetter sei wundervoll und sie wollten einen Spatziergang mitsammen
+machen. Fast mechanisch gehorchte er, so oft er aber auch versuchte
+dem Blick des Unglücklichen zu begegnen, so oft mißlang ihm das, und
+Don Gaspar trat zuletzt an das Fenster, und schaute, an den Scheiben
+trommelnd, hinaus, bis jener seine Toilette beendet hatte und ihm auf
+die Straße folgen konnte.
+
+Auch dort waren sie schon eine lange Strecke neben einander hingeschritten,
+ehe Einer von ihnen auch nur ein Wort gesprochen hätte -- sie schienen
+sich Beide vor einem Beginn zu fürchten, und so stutzig Leifeldt im
+Anfang über das vollkommen gefaßte, stille Benehmen des Mannes gewesen
+sein mochte, bei dem er die Raserei wieder voll ausgebrochen glaubte,
+so blieb es doch auch keinem Zweifel unterworfen, daß der Spanier sich
+dessen, was er gestern getrieben, wenigstens halb bewußt sein mußte.
+Sein ganzes, scheues Benehmen sprach ihn schuldig und Leifeldt wußte nur
+nicht, ob ihm der ganze vergangene Abend klar im Gedächtniß liege, mit
+all den Einzelheiten dessen, was er gethan und gesprochen, oder ob nur
+eine wilde, unbestimmte Ahnung begonnenen Unheils in ihm gähre und
+arbeite, und er jetzt darauf hoffe, durch den Freund von selbst und ohne
+weiter darauf einzugehen, die nöthige Aufklärung und Beruhigung; oder
+-- Bestätigung des unbestimmt Gefürchteten -- zu bekommen.
+
+Leifeldt schwieg aber ebenfalls; er konnte sich nicht dazu zwingen,
+jetzt, mit all dem Vergangenen noch frisch, als sei es vor wenigen
+Minuten geschehen, im Gedächtniß, eine gleichgültige Unterhaltung zu
+beginnen, und er _fürchtete_ den offenen Schaden zu berühren, der im
+Bereiche seiner Hand lag.
+
+Don Gaspar konnte endlich dies peinlich werdende Schweigen nicht länger
+ertragen und sagte, ohne jedoch zu seinem Begleiter aufzuschauen, mit
+leiser, kaum hörbarer Stimme:
+
+»Ich darf keinen Wein mehr Abends trinken, Federigo -- er bekommt mir
+jedesmal schlecht, und ich fühle mich aufgeregt und erhitzt nach dem
+Genuß.«
+
+»Hast Du gestern so viel Wein getrunken?« frug Leifeldt rasch zu ihm
+aufschauend -- eine neue Hoffnung öffnete ihm hier die Bahn -- hätte der
+Wein allein die Schuld getragen, und war es möglich, daß wirklich das
+starke, ungewohnte Getränk eine solche Aufregung hervorgerufen?
+
+»Viel gerade nicht,« entgegnete der Spanier unruhig, »aber der Wein, den
+diese Engländer trinken, ist schwer und feurig, er wird in den Adern zu
+glühender Lava, und treibt das Blut kochend in das Hirn hinauf -- ich
+darf keinen Wein wieder trinken.«
+
+»Er hat Dich sehr angegriffen,« sagte Leifeldt.
+
+Don Gaspar warf ihm einen scheuen Seitenblick zu, und erwiederte mit
+einem verlegenen Lächeln:
+
+»Es ist das mein alter Fehler, und diente einst zum Vorwand für meine
+Argentinischen Feinde, mich in Banden zu legen; aber die ganze spanische
+Nation ist mäßig -- Du wirst selten, oder nie einen Betrunkenen unter
+ihnen sehen, und kleine Quantitäten bewirken dann auch oft bei dem sonst
+Nüchternen, was zehnfache Massen nicht bei mehr abgehärteten Naturen zu
+Stande brächten.«
+
+»Und _weißt_ Du, was Du gestern Abend gesprochen und getrieben?« sagte
+Leifeldt, stehen bleibend und ihn aufmerksam betrachtend.
+
+»Unsinn, wahrscheinlich,« lächelte der Spanier, indem er langsam weiter
+schritt -- »blanken Unsinn, wie ich es oft und oft in fieberhafter
+Aufregung gethan; ein Wunder wär's nicht, wenn ich zuletzt die tollen
+Märchen selber glaubte, die sie mir wieder und immer wieder vorerzählt,
+und mich haben zwingen wollen, dem beizustimmen -- mit einiger Ausdauer
+könnte man, glaub ich, dem besten Menschen zuletzt einreden, er habe
+seine eigene Mutter erschlagen -- was habe ich denn gesprochen?«
+
+Die letzten Worte klangen wieder so leise und lauernd, daß Leifeldt
+auf's Neue stutzig wurde, und den Freund mißtrauisch betrachtete, es lag
+mehr wie eine unschuldig hingeworfene Erkundigung in der Frage, und er
+konnte sich nicht helfen, der Verdacht hatte einmal Wurzel geschlagen,
+er war nicht mehr im Stande ihn so rasch wieder aus dem Herzen zu
+reißen. Den Kranken deshalb nicht noch mehr zu beunruhigen, oder gar
+mißtrauisch zu machen, ehe er sich wirklich von dem Gegründetsein seines
+Verdachtes überzeugt habe, sagte er gleichgültig -- und er mußte sich
+gar gewaltsam zusammen nehmen, seine Fassung zu behaupten: --
+
+»O, nichts Besonderes -- die alte Geschichte, nur mit so furchtbarer
+Wahrheit erzählt, daß dem Hörer das Mark in den Röhren schauderte
+-- Gaspar, Du wärest im Stande, Einen selbst zum Wahnsinn zu treiben.«
+
+Don Gaspar seufzte hoch auf und meinte lächelnd, während er des Freundes
+Arm ergriff und mit ihm nach dem Inneren der Stadt zurückdrehte: --
+
+»Tolle Geschichten -- tolle Geschichten, und Gott sei Dank, daß ich
+wieder des Himmels freie Luft athme, hier hat das keine Gefahr, daß
+solche Gedanken überhand nehmen und uns verderben, aber in dem engen
+Gemäuer fallen sie wie Tropfen häßlichen Giftes ins Ohr und tödten
+unsere Gedanken im Keime -- freie Luft -- freie Luft!«
+
+Mit einem inneren Schauder kämpfend, der ihn wohl in der Erinnerung an
+das Ertragene beschleichen mochte, schritt er rasch neben dem Freunde
+her, und erst in der Stadt selber schien sich die Wolke zu verziehen,
+die vor seiner Seele gelagert. Er wurde gesprächiger, heiterer, und ehe
+eine halbe Stunde vergangen, lachte und erzählte er wieder wie früher.
+
+Anders war es mit dem jungen Schweden. Im Anfang -- von den Gräuelthaten
+umgeben, die Rosas wirklich verübte oder deren er wenigstens beschuldigt
+wurde -- durch sein gutes Herz getäuscht, konnte er in dem angekündigten
+Kranken, in dem er selber nie auffallende Zeichen wirklicher
+Geisteszerrüttung beobachtet, wohl einen unschuldig Eingekerkerten
+glauben, und einmal auf diese Spur gebracht, ist es erklärlich, daß er
+trotz den oft wilden excentrischen Streichen des Freundes so wenig daran
+dachte, in ihm einen Tollen zu sehen, als wir bei den Menschen, mit
+denen wir täglich verkehren, sie mögen sich so wunderlich betragen wie
+sie wollen, gleich so Entsetzliches vermuthen. Einmal aber solcher Art
+der Verdacht geweckt, und jede Bewegung des jetzt sorgfältig, wenn auch
+heimlich Beobachteten, gab Stoff zu neuen Bestätigungen.
+
+So sehr er sich aber nun auch fürchtete, Newlands die furchtbare
+Nachricht zu bringen, so wußte er doch nur zu gut, daß sie von
+der Gefahr benachrichtigt werden mußten; nur er selber wollte der
+Überbringer solcher Botschaft nicht sein, und nach einigem Zögern
+entschloß er sich, den Argentinischen Konsul aufzusuchen, und diesem die
+ganze Thatsache, unbeschönigt, unverändert mitzutheilen. Er war sich
+keiner unedlen Handlung dabei bewußt, und besser jetzt aufrichtig den
+Fehler gestanden, und den Rath eines erfahrenen Mannes dabei zur Seite
+gehabt, als dann die furchtbaren Folgen thörichten Schweigens _zu spät_
+zu bereuen.
+
+Unter dem Vorwand, einige Patienten besuchen zu müssen, machte er sich
+von Don Gaspar los, und ging langsam die Almendral hinauf. Der Kopf war
+ihm wüst, das Herz schwer -- er fühlte sich recht, recht unglücklich.
+Manchmal zwar tauchte auch der Gedanke in ihm auf, jetzt ja den
+Nebenbuhler zu verlieren, und der kleine Teufel, der in unser Aller
+Seelen wohnt und wühlt und arbeitet, und dem Herzen des Menschen die
+Ruhe nimmt, wollte ihm lockende Bilder vormalen, daß ihm nun bald kein
+Hinderniß mehr im Wege stehen, ja daß Jenny ihm den Frieden ihres Lebens
+danken würde, wenn er sie von der furchtbaren Gefahr befreie, der sie
+fast als Opfer gefallen. Aber solche Träume dauerten nicht lange, der
+Versucher wich, die kalte Vernunft errang sich nur zu bald wieder den
+Sieg, und er fühlte dann, daß er Jenny wohl vor der Gefahr warnen und
+bewahren, ihr Herz aber ihm nie und nimmer zuwenden könne -- diese
+Entdeckung vermochte nie ihn glücklich, aber Jenny wohl recht bald
+elend zu machen.
+
+Wenn Leifeldt übrigens glaubte, den Kranken durch seinen Vorwand,
+Patienten besuchen zu müssen, getäuscht zu haben, so hatte er sich
+weit geirrt. Mißtrauisch, wie alle derartige Kranke sind, und mit
+einer gewissen Schlauheit, die überhaupt den Zustand des Spaniers
+charakterisirte, hatte Don Gaspar schon an dem Morgen, durch das ganze
+Betragen Leifeldts nur noch mehr und mehr darin bestärkt, Verdacht
+geschöpft, der Arzt _ahne_ seinen wirklichen Zustand, und mit dem
+Verdacht wuchs natürlich auch die Furcht, daß er ihn verrathen, und an
+seine Feinde wieder ausliefern würde -- eine Furcht, die zur Gewißheit
+wurde, als er den Schweden seine Richtung gerade zu nach der Wohnung
+des Argentinischen Konsuls nehmen sah, wohin er ihm vorsichtig in der
+Entfernung gefolgt war.
+
+Das Herz schlug ihm wild und stürmisch in der Brust, und unter seinem
+Poncho das Heft des Messers ergreifend, das er heute zum ersten Mal
+wieder zu sich gesteckt, schien der erste in ihm aufsteigende Gedanke,
+dem er auch augenblicklich nachgab, _der_ zu sein, dem Verräther zu
+folgen und beide Mitwissende seines furchtbaren Geheimnisses unschädlich
+zu machen. --
+
+Die Hausthür fand er noch angelehnt, und statt zu pochen, wie es in den
+südlichen Ländern, selbst an den offenen Thüren Sitte ist, trat er rasch
+hinein und wollte eben die Treppe hinauf springen, als er von oben nieder
+fremde Stimmen hörte, und dem ersten Impuls folgend in ein offen stehendes
+Seitenzimmer, dessen Thür er rasch hinter sich anzog, hineinglitt.
+
+Die Unterhaltung der Heruntersteigenden wurde laut geführt und Don
+Gaspar schien ungeduldig ihre Entfernung zu erwarten, als plötzlich ein
+Name draußen wie ein jäher Schlag durch seine Glieder zuckte, und er in
+gespanntester Aufmerksamkeit, alles Andere um sich her vergessend, an
+der Thüre lauschte, kein Wort von dem draußen gesprochenen zu verlieren.
+
+»Don Luis de Gomez,« sagte die eine Stimme, die einem älteren Manne
+anzugehören schien, »hat sonst weiter keine Befehle hinterlassen,
+Amigo?«
+
+»Keine daß ich wüßte,« entgegnete die andere -- »sorgt nur dafür, daß
+seine Zimmer in Guillota bereit sind, denn ich glaube kaum, daß er sich
+länger als zwei Tage in Valparaiso aufhalten wird.«
+
+Die beiden Männer standen jetzt unten vor der Thür, hinter welcher der
+Spanier, sein Ohr gegen das dünne Holz gepreßt, lauerte, und der erstere
+meinte wieder: --
+
+»Die Señora wird wohl nicht so rasch wieder fort wollen -- Reisen greift
+an und ein paar Rasttage sind manchmal nöthig.«
+
+»Das weiß ich nicht und geht mich nichts an,« brummte der Andere
+-- »Weiberlaunen sind wunderliche Dinge und wenn's ihr in den Kopf
+kommt, bleibt sie vielleicht den ganzen Sommer hier, mag Don Gomez
+dagegen sagen was er will. -- Wer war denn der junge Mann, der eben
+zu Don Guzman ging? -- Den habe ich doch noch nicht hier gesehen.«
+
+»Ein deutscher Doktor, glaub' ich, der sich hier aufhält,« lautete die
+Antwort -- »aber ich wollte, wir könnten gehen, weßhalb mögen wir denn
+hier noch warten sollen?«
+
+»Blitz noch einmal, wie der Señor erschrak, als er Don Luis Namen
+hörte,« sagte der Jüngere wieder, »und hast Du nicht bemerkt, wie er
+meinem Herrn etwas ins Ohr flüsterte? -- ich glaube wahrhaftig, es ist
+deßhalb, daß wir warten müssen, denn da wird schon wieder geklingelt
+oben -- bleibe einen Augenblick, Compañero, ich bin gleich wieder bei
+Dir« -- und mit flüchtigen Sätzen sprang er die Treppe hinauf, dem Ruf
+Folge zu leisten, während der Alte, die Hände auf dem Rücken unter
+seinem kurzen blauen Poncho gekreuzt, auf- und abging und ungeduldig die
+Rückkehr des Kameraden zu erwarten schien.
+
+Es dauerte etwa fünf Minuten, bis dessen Schritte wieder auf der Treppe
+gehört wurden -- dem Lauschenden dünkte die Zeit indessen eine Ewigkeit
+-- als er aber wieder herunter kam, flüsterte er rasch und heimlich dem
+Andern zu:
+
+»Hallo, Compañero -- was Neues im Wind -- die Señora wird gar nicht in
+der Stadt bleiben, sondern gleich durch, nach Guillota fahren -- der
+deutsche Doktor hatte unendlich viel zu erzählen.«
+
+»#Caramba#, was ist da wieder passirt!« rief der Alte, »woher denn
+wieder die Gegenordre?«
+
+»Soll mich ein Norder mit meinem Boot in der Bai erwischen, wenn ich
+daraus klug werde,« brummte der Erste -- »der Doktor steckt übrigens
+dahinter, so viel ist sicher, nur konnte ich nicht herausbekommen, _was_
+sie eigentlich mit einander hatten. -- Aber komm, wir haben wahrhaftig
+keine Zeit zu verlieren, denn wenn die Herrschaften heute Morgen noch
+wirklich eintreffen, möchten wir wenig Stunden zu Vorbereitungen übrig
+behalten. -- So viel ist übrigens gewiß, Amigo --« und die Stimmen
+wurden hier undeutlich, als die beiden Männer vor die Thür traten, und
+diese hinter sich in das Schloß drückten.
+
+Wenige Minuten später stand Don Gaspar auf der Stelle, die jene eben
+verlassen, und für Momente schien er unschlüssig, wohin er sich wenden
+solle, die Treppe hinauf, seinem ersten Plan zu folgen, oder das Haus
+verlassen, dem nach zu handeln, was er eben gehört. Das Letztere schien
+zuletzt den Sieg davon zu tragen -- er horchte noch einen Augenblick
+gegen die Treppe hin, ob er keine Stimmen unterscheiden konnte, als sich
+aber dort gleich darauf eine Thür öffnete und irgend eine fremde Stimme
+laut wurde, öffnete er rasch von innen die Hausthür und verschwand
+gleich darauf ins Freie und in der belebten Straße.
+
+Leifeldt indessen, der keine Ahnung davon hatte, daß gerade Don Gaspar,
+der »entsprungene Wahnsinnige,« ihm gefolgt war und auf ihn gelauert
+habe, ja daß dieser nur vermuthen konnte, welchen Weg er eingeschlagen,
+nannte kaum den wirklichen Namen des Spaniers, als Don Guzman auch
+entsetzt von seinem Stuhle aufsprang und mit wahrhaft peinlicher
+Spannung der kurz gefaßten Erzählung des jungen Schweden lauschte.
+Rasch theilte er diesem nun auch die baldige Ankunft Don Luis de Gomez
+mit, der, wie die Sache jetzt stand, in der That der größten Gefahr
+ausgesetzt war, von dem Unglücklichen angefallen zu werden, und rieth
+-- nachdem er den Diener wieder heraufgerufen und seine Befehle dahin
+geändert hatte, die Señora selber wenigstens jeder Unannehmlichkeit aus
+dem Wege zu führen -- dem jungen Arzt, augenblicklich mit ihm auf die
+Polizei zu gehen, und dort Hülfe zu bekommen, sich des Wahnsinnigen
+wieder zu bemächtigen, den man ja dann, um wo möglich jedes Aufsehen zu
+vermeiden, einfach auf seinem Zimmer überraschen und gefangen nehmen
+konnte.
+
+Dagegen sträubte sich Leifeldt aber auf das Entschiedenste, denn er
+selber wollte nicht an dem Mann, den er einmal aus seinem Kerker
+geholfen und dessen Freund er geworden, zum Verräther werden, nur Hülfe
+verlangte er, bei wirklich wieder ausbrechender Raserei -- denn es war
+ja doch möglich, daß die ganze Krankheit des Unglücklichen einfach und
+allein in eine harmlose Schwermuth ausgeartet sei -- jedes Unglück zu
+vermeiden, und die nahe Ankunft des einzigen Menschen, der auf den
+Kranken einen wirklich gefährlichen Einfluß auszuüben schien, mußte
+jedenfalls diese Katastrophe beschleunigen. Erwachte dann in dem Hirn
+des Spaniers der alte wilde Grimm auf's Neue, brach sich die Krankheit
+wieder Luft, dann erbot sich Leifeldt selber mit Hand anzulegen, sich
+des Unglücklichen wieder zu bemächtigen -- nur bis dahin verlangte er
+Nachsicht, und ersuchte zu dem Zweck Don Guzman, ihm einen passenden
+Mann zu empfehlen, den er möglicher Weise Don Gaspar als seinen Freund
+vorstellen und in seiner Nähe halten konnte, im entscheidenden
+Augenblick kräftige Hülfe zu haben.
+
+Don Guzman war mit dem Plan gar nicht einverstanden, erklärte auch dem
+jungen Arzte rund heraus, er könne sein Betragen, der Argentinischen
+Regierung gegenüber, als deren Konsul, keineswegs billigen, und nur der
+Name seines Freundes, Don Luis de Gomez, halte ihn zurück, die ganze
+Sache ohne Weiteres den chilenischen Gerichten zu übergeben, er fürchte
+aber dadurch mehr Aufsehen zu erregen, als Don Luis vielleicht lieb sein
+würde, aber es verstehe sich von selbst, daß jener gefährliche Mensch,
+dessen getheilte Flucht dem Arzt selber noch theuer zu stehen kommen
+könne, wenn er jetzt nicht auch aus allen Kräften dazu beitrage, den
+Fehler wieder gut zu machen, ohne weiteres wieder eingezogen und
+unschädlich gemacht werden müßte.
+
+»Señor,« sagte Leifeldt da ruhig -- »ich habe Sie aufgesucht und
+vertrauensvoll zum Mitwisser meines Geheimnisses gemacht, dem
+Unglücklichen noch die _Möglichkeit_ zu geben, seine Freiheit zu
+behalten, wenn es sich wirklich ausweist, daß er nicht gefährlich ist;
+im anderen Fall hätt' ich mich gleich an die Polizei selber gewandt.
+-- _Versagen_ Sie mir die Hülfe, dann bedauere ich aber auch, Sie
+umsonst bemüht zu haben, denn seien Sie versichert, daß Sie in dem Fall,
+in Zeit einer Stunde weder mich noch Don Gaspar mehr in Valparaiso
+finden werden, und alle Folgen kommen über Ihr Haupt.«
+
+Don Guzman war in peinlicher Verlegenheit, und ging wohl zehn Minuten
+mit untergeschlagenen Armen und raschen Schritten im Zimmer auf und
+nieder; über die Scrupel einer vertraulichen Mittheilung hätte er sich
+schon hinweggesetzt, mußte er nicht fürchten, daß der Schwede seine
+Drohung wahr mache, und dem Spanier zum zweiten Mal zur Flucht
+behülflich wäre. List allein konnte ihm hier helfen.
+
+»Gut, Señor,« sagte er nach einer ziemlich langen Pause, nach der er
+mit verschränkten Armen vor dem jungen Arzte stehen blieb -- »ich gehe
+auf Ihren Vorschlag ein, und habe auch einen passenden Mann, einen
+wirklichen Caballero von Riesenstärke und mir eng befreundet, der mir
+zu Liebe die allerdings schwierige, ja vielleicht gefährliche Stellung
+übernehmen wird; ich hoffe aber, daß Sie _bald_ -- sehr bald zu einem
+entscheidenden Resultat auf eine oder die andere Weise kommen, denn Sie
+können sich denken, daß ich Don Luis nicht der Gefahr aussetzen mag,
+meiner eigenen und hier allerdings sehr unzeitigen Gutmüthigkeit als
+Opfer zu fallen.«
+
+Leifeldt versprach Alles, so lange er nur nicht unnöthiger Weise an
+dem Freund zum Verräther zu werden brauchte; ja nahm sogar gern das
+Anerbieten Don Guzmans, der ihn nicht aus den Augen lassen wollte,
+an, ihn zu der Wohnung dieses neuen Agenten zu begleiten, von dem der
+Argentiner so kräftigen Schutz und Beistand hoffte, und die beiden
+Männer machten sich dorthin ungesäumt auf den Weg.
+
+
+
+
+10.
+
+Don Manuel.
+
+
+Don Manuel, den sie glücklicher Weise zu Haus und eben beschäftigt
+trafen, in aller Gemüthsruhe seinen Maté[19] aus einer dünnen silbernen
+Bombille oder Röhre zu ziehen, war eine kleine behäbige aber korpulente,
+kräftige Gestalt, mit dem gutmüthigsten Gesicht von der Welt, das nur
+ein paar schmale, schwarze, lebendige Augen, die gar vergnügt aus der
+Fettmasse herausblitzten, Lügen straften. Er empfing die Männer auf das
+Freundlichste, und wenn sich auch Leifeldt eine solche Hülfe allerdings
+anders gedacht hatte, ließ ihn Don Guzman doch gar nicht zu Worte
+kommen, sondern machte den neuen Theilnehmer ihres Plans ohne Weiteres
+mit dem bekannt, was sie zu ihm geführt hatte, und worin sie seinen
+Beistand in Anspruch zu nehmen wünschten.
+
+ 19: Der Maté oder Mateh ist ein vegetabilischer Stoff, von der Rinde
+ und den Zweigen gewisser Bäume in Brasilien und Paraguay gewonnen,
+ der von den Südamerikanern, besonders von denen an der östlichen
+ Seite der Cordilleren, aus einem kleinen Flaschenkürbis oder
+ #gourd#, mit einer dünnen silbernen oder blechernen Röhre
+ getrunken, das heißt ausgeschlürft wird, wobei sich der nicht
+ Eingeweihte rettungslos zuerst die Finger, und dann, genau so wie
+ bei uns bei heißer Bouillon, die Lippen verbrennt.
+
+Don Manuel schnitt allerdings im Anfang ein etwas bedenkliches Gesicht,
+und schien sich einer solchen Mission gerade nicht sehr zu freuen, ja
+weigerte sich sogar, etwas derartiges allein zu unternehmen; Don Guzman
+zog ihn aber in eine Fensterbrüstung, und nachdem er sich dort eine
+ziemlich geraume Zeit gar eifrig mit ihm unterhalten, erklärte sich der
+kleine Chilene bereitwillig, jedoch nur unter der Bedingung, daß der
+also zu Beaufsichtigende nicht etwa gefährliche Waffen an sich herum
+trage.
+
+Alles Weitere besprachen sie unterwegs, denn Leifeldt wünschte so rasch
+als möglich zu dem Kranken zurückzukehren, ehe ihn die Nachricht von der
+Ankunft Don Luis erreichen konnte.
+
+Sie fanden ihn langsam im Zimmer auf- und abgehend, und er grüßte den
+Fremden, der ihm als ein hiesiger Kaufmann Don Manuel vorgestellt wurde,
+auf das Freundlichste, ja es schien sogar, als ob er gerade heute seine
+rosigste Laune habe, und wie er mit dem kleinen dicken Mann erst nur ein
+wenig bekannt war, lachten und erzählten die beiden miteinander, als ob
+sie seit Jahren die besten Freunde gewesen wären.
+
+Don Manuel nahm Leifeldts, schon vorher verabredete Einladung zu Tisch
+an, und dort war es, wo der Chilene zuerst den Namen Don Luis de Gomez
+-- anscheinend leicht hingeworfen -- erwähnte, die Wirkung zu beobachten,
+die sie auf den Spanier haben würde; Don Gaspar war aber den Morgen
+hindurch so auf diesen Namen vorbereitet, daß seine Bewegung, die er
+dennoch nicht ganz unterdrücken konnte, keinesfalls von den beiden
+Männern bemerkt worden wäre, hätten ihn diese nicht eben so scharf im
+Auge behalten. Das Gefühl, sich bewacht zu wissen, half dazu, und das
+Blut schoß ihm im förmlichen Strom in die Schläfe, Don Manuel hatte aber
+das Gespräch schon wieder nach anderer Richtung gelenkt, und erzählte
+jetzt dem jungen Arzt von einer Schlägerei, die an dem Morgen zwischen
+englischen und chilenischen Matrosen statt gefunden, in so komischer
+Weise, daß bald alle anderen Gedanken in einem schallenden Gelächter Don
+Gaspars untergingen.
+
+Nach Tisch schlug Don Manuel den beiden Freunden einen Spatziergang vor,
+und das Gespräch dabei auf die alten spanischen Kriege bringend, in
+denen die Chilenen, von dem argentinischen General San Martin wacker
+unterstützt, die Macht ihrer bisherigen Herren brachen und sie zum
+Lande hinausjagten, schlug er ihnen vor, eine der alten nothdürftigen
+Befestigungen zu besuchen, die sich, wenn auch nicht mehr benutzt, doch
+bis zu dem heutigen Tag erhalten hätten, und jedenfalls von historischem
+Interesse wären.
+
+Leifeldt wußte dabei nicht, wie er sich das Betragen seines neugewonnenen
+Bundesgenossen erklären sollte, denn statt einem bestimmten Resultat,
+zur wirklichen Ergründung der Krankheit Don Gaspars zuzustreben und
+gerade mit Don Luis de Gomez Namen den Unglücklichen zu sondiren, wich
+dieser jedem solchen weiteren Gespräch geflissentlich aus, und näherte
+sich der junge Arzt nur im Entferntesten wieder diesem gefährlichen
+Thema, das er nicht selber direkt beginnen durfte, so hatte gerade Don
+Manuel sicher tausend Scherze bereit, auf die Don Gaspar, in heute
+wirklich muthwilliger Laune, mit Freuden einging.
+
+So waren sie von der Plaza del Victoria aus zu einer kleinen Gasse
+gekommen, deren Häuser an die stattliche Kirche des Platzes stießen, und
+von denen das nächste auch wohl mit dieser noch in Verbindung stand,
+denn es schien unbewohnt, und die Außenseite der Gebäude zeigte, außer
+einem einzelnen starkvergitterten Fenster im unteren Stock, nur die
+hohe, kahle Mauer. Schon unterwegs hatte ihnen Don Manuel die Geschichte
+dieses kleinen, unscheinbaren, aber jedenfalls merkwürdigen Gebäudes
+erzählt, und durch eine Sage besonders, nach der noch in heutigen Tagen
+oder vielmehr Nächten, die Geister dreier erschlagener Spanier dort
+umgingen, sogar ihre Neugierde rege gemacht.
+
+Don Gaspar selber bat im Anfang Don Manuel, sie zu dem Schauplatz all
+dieser wunderlichen Dinge hinzuführen, als sie aber den Platz erreichten,
+und er das düstere, niedere, unheimliche Gebäude, die stark vergitterten
+Fenster sah, schien er zum ersten Mal Verdacht zu schöpfen und blieb,
+einen raschen, mißtrauischen Blick umherwerfend, stehen, als ob er das
+Terrain, dem er sich jetzt anvertrauen sollte, vorher erst untersuchen
+wolle.
+
+Oben an einem der Fenster waren zwei paar Augen sichtbar geworden, die
+neugierig den Kommenden entgegengeschaut, sich aber rasch und scheu
+zurückzogen, als sie den Blick des Spaniers nach sich aufschweifen
+sahen.
+
+»Nicht wahr, das alte Haus sieht düster genug für eine Gespenstergeschichte
+aus,« sagte Don Manuel, dem vielleicht jene zwei paar Augen entgangen
+waren, lachend, als er das Zögern seines Schutzbefohlenen bemerkte und
+neben ihm stehen blieb: »wär' ich Präsident, ich ließe es einreißen, ich
+möchte wenigstens nicht einmal in der Nähe wohnen.«
+
+Don Gaspar zögerte noch einen Augenblick, dann aber, wie zufrieden
+gestellt von dem Äußeren und ohne etwas auf seines Begleiters Bemerkung
+zu erwiedern, schritt er langsam gegen die offene Thür zu, die er jedoch
+nicht eher betrat, bis Don Manuel vor ihm eingetreten war. Der kleine
+Mann wollte ihm allerdings den Vorrang lassen, Don Gaspar nöthigte ihn
+aber mit so zuvorkommender, aber auch zugleich kalter Höflichkeit, daß
+er nicht umhin konnte, nachzugeben. Die Thür blieb hinter ihnen offen.
+
+Der innere Raum sah wüste und öde aus -- zuerst betraten sie einen
+kleinen, schmalen Hof, in dem das Gras lustig emporwucherte. In der
+Mitte desselben befand sich ein alter verfallener Brunnen, und an den
+Seiten stand aufgeschichtetes, halb vermodertes Bauholz und lagen alte,
+eiserne Klammern und Bolzen. Aber auch hier im Inneren waren die meisten
+Fenster, einige wenige ausgenommen, deren Gewände schon eingebrochen,
+den Zahn der Zeit oder die rauhe Hand des Menschen verriethen, mit
+starken eisernen Gittern versehen; Don Manuel aber, wie schon bekannt in
+diesen Räumen, wandte sich jetzt gleich links, einer schmalen Treppe zu,
+die in das Innere hinaufführte.
+
+»Halt, Señor, halt!« rief da Don Gaspar, -- »nicht so schnell, erst
+erklären Sie uns diesen Hof, Sie haben uns genug schon davon erzählt,
+und der Schauplatz der meisten Gräuelthaten war ja gerade hier. Wo hat
+der Galgen damals gestanden?«
+
+»Wir kommen nachher wieder hierher zurück,« erwiederte der Chilene, sich
+halb dabei nach dem Frager umwendend, »zuerst wollen wir nur erst die
+oberen Gemächer und besonders das Zimmer besuchen, wo die drei Spanier
+ermordet wurden und jetzt allnächtlich ihre Zusammenkunft halten
+sollen.«
+
+»Und wohnt jetzt weiter Niemand hier im Haus?« frug Don Gaspar, noch
+immer ohne von der Stelle zu gehn, und auch Leifeldt schien unschlüssig
+zu werden, ob er Don Gaspar zureden solle, zu folgen oder ihn zurückhalten,
+denn er fing selber an, mißtrauisch gegen die Bewegungen ihres Führers
+zu werden.
+
+»Keine Seele -- schon seit der Revolution,« rief der Chilene zurück, und
+stieg langsam die Treppe hinauf, über des Spaniers Züge aber zuckte ein
+höhnisches, fast triumphirendes Lächeln, und dem jungen Arzt auf die
+Schulter klopfend, rief er laut und lustig:
+
+»#Bueno, vamos compañero#[20]« und mit einigen raschen Sätzen, während
+Leifeldt nur halb zufrieden den Beiden folgte, hatte er den Chilenen
+wieder eingeholt, der an dem oberen Treppenabsatz stehen blieb, sich
+noch einmal nach unten umsah, und dann Don Gaspar bat, ihm zu folgen.
+Der Blick jedoch, mit dem er dieß that, mußte bei dem wachsamen Kranken
+Verdacht erregt haben -- er zögerte einen Moment, trat dann ein paar
+Schritt von der Treppe fort, und als er wieder nach unten schaute, sah
+er zwei Männer, die sich an die Treppe postirten und hörte Leifeldts
+Stimme, der sie frug, was sie da wollten.
+
+ 20: Wohlan, so komm, Kamerad.
+
+»Sehn Sie, Don Gaspar!« rief in diesem Augenblick Don Manuel, mit
+vielleicht absichtlich etwas lauter Stimme, »hier ist das eine Zimmer,
+von dem ich Ihnen sagte -- bitte, kommen Sie hierher -- dort drüben
+können Sie noch das Blut erkennen.«
+
+Don Gaspar lachte laut auf und langsam auf den Chilenen zuschreitend,
+sagte er, sich auf dessen Schulter mit seinem linken Ellbogen stützend:
+
+»Wir haben Besuch da unten bekommen -- noch ein paar Herren, die
+wahrscheinlich auch die Merkwürdigkeiten dieser alten Revolutionsveste
+anzuschauen wünschen, aber Don Federigo, hahaha, Don Federigo will sie
+nicht herauf lassen.«
+
+Don Manuel machte ein etwas verdutztes Gesicht, und schien sich in dem
+Augenblick so in der unmittelbaren und fast etwas zu vertraulichen Nähe
+des jungen Mannes nicht besonders wohl zu fühlen, außerdem mußte ihm die
+Unterhaltung unten ebensowenig angenehm sein, und er machte auch schon
+eine Bewegung, als ob er nach der Treppe zurückgehen wollte, besann sich
+aber wieder und sagte dann gleichgültig:
+
+»Besucher? -- wohl schwerlich, Don Gaspar, müßiges Gesindel, das sich
+auf den Straßen herumtreibt und bettelt, Don Federigo wird sie schon
+abfertigen, bitte, kommen Sie.«
+
+Don Gaspar hatte indessen seine Stellung nicht verändert und das
+Lächeln, das um seine Mundwinkel zuckte, gefiel dem scheu zu ihm
+aufschielenden Chilenen nicht; dieser machte sich auch von dem Arm des
+ihn ruhig gewähren lassenden Spaniers los und trat auf die Schwelle der
+nächsten Thür.
+
+»Aber wollen wir nicht warten, bis sich Don Federigo uns anschließt,
+Señor?« sagte der Spanier, ohne den Platz zu verlassen, auf dem
+er stand, und wo er aus dem schmalen Gang durch ein offenes und
+gitterfreies halbverfallenes Fenster eine kleine Beistraße überschauen
+konnte -- »Wetter noch einmal, dieß muß früher wirklich eine Art von
+Gefängniß gewesen sein, sehn Sie nur, Don Manuel, was für schwere Thüren
+und an einigen wirklich noch starke Riegel -- das Schloß, was dort
+liegt, scheint man total vergessen zu haben -- puh, wie dumpfig die
+Räume hier sind,« setzte er schaudernd und fast wie mit sich selbst
+redend hinzu -- »wie dumpfig und schwül gegen die freie, herrliche Natur
+da draußen.«
+
+Er schritt langsam in dem Gang hin und blieb neben Don Manuel stehn,
+der wieder, ohne sich irre machen zu lassen, seine Erklärung des
+entsetzlichen Mordes begann.
+
+»Und ich werde es unter keiner Bedingung zugeben,« tönte in diesem
+Augenblick die Stimme des jungen Arztes klar und deutlich zu ihnen
+herauf, »ich habe selber mit --« und die Worte wurden hier leiser und
+undeutlich.
+
+»Es scheint doch ein Besuch zu sein,« meinte Don Gaspar lauernd; Don
+Manuel aber, der zuerst seine Unterlippe zwischen die Zähne und die
+Brauen zusammenzog, gewann bald seine Ruhe wieder und sagte lachend:
+
+»Unser junger Freund hätte die guten Leute auch können herauf kommen
+lassen, sie würden uns nicht genirt haben; doch wie dem auch sei, sehn
+Sie, Don Gaspar -- dort in jener Ecke können Sie noch die Spuren der
+schon erwähnten That erkennen. Ich freue mich, wie irgend einer meiner
+Landsleute der gewonnenen Freiheiten unseres schönen Vaterlandes,
+aber ich bedauere jene furchtbaren und leider oft unnütz gewesenen
+Grausamkeiten, durch die sie theilweis mit erkauft werden mußten.«
+
+In diesem Augenblick öffnete sich dicht neben ihnen leise und
+geräuschlos eine Thür, und ein Kopf schaute heraus, fuhr aber schnell
+wieder zurück, als er noch eine Gestalt auf der Schwelle der Thüre
+bemerkte, Don Gaspar hatte jedenfalls nur den flüchtigen Schein
+desselben bekommen, aber er blieb regungslos in seiner Stellung und
+wieder nur spielte das Lächeln um seine Lippen. Es war kein Zweifel, er
+kannte die Gefahr, in der er sich befand, zu ihrer vollsten Größe, aber
+gerade _das_ schien ihn zu reizen, wie er sich dem Hai entgegen und
+unter die Hufen der wüthenden Rosse geworfen hatte, so spielte er damit,
+den Augenblick mit wahrer und wilder Schadenfreude, erwartend, wo sie in
+ihrer Macht über ihn hereinbrechen würde -- was wußte er von _Furcht_?
+
+»Und doch wohnen hier noch Menschen oder hausen hier wenigstens zu
+Zeiten,« bemerkte der Spanier, auf fünf oder sechs erst kürzlich
+weggeworfene Stümpfe von Cigarillos[21] deutend, die nicht weit von der
+Thür am Boden lagen.
+
+ 21: Papiercigarren.
+
+»Besucher jedenfalls, die sich den alten Platz anschauen,« erwiederte
+der Chilene, »die Regierung soll es aber, wie ich kürzlich gehört
+habe, nicht gern sehn, wenn besonders Fremde hierher kommen; solche
+Grausamkeiten machen immer böses Blut, und man vermeidet gern, jetzt,
+wo überdieß die Zeit auch schon so lange vorüber ist, jede Erinnerung
+daran.«
+
+»_Diesem_ Princip nach scheint Don Federigo ebenfalls zu handeln,«
+lächelte Don Gaspar, nach dem niederen gegenüber liegenden vergitterten
+Fenster deutend, das den inneren Hof überschaute. Dort wurden eben die
+beiden Männer sichtbar, die über den Hof schritten und diesen, allem
+Anschein nach, verlassen wollten, als Don Manuel auch, wie sie schon
+fast die Thür erreicht hatten, an das kleine Fenster sprang, hinaus rief
+und sie bat, zurück zu kommen.
+
+»Es sind Bekannte von mir, Señor,« sagte er dabei, sich wieder zu diesem
+wendend, brach aber in der fast entschuldigend gehaltenen Rede kurz ab
+und sprang nach der Thür, denn er sah nur eben noch, wie Don Gaspar
+durch dieselbe verschwand und sie hinter sich zudrückte. Zu spät
+warf er sich aber mit all seiner Kraft dagegen, der rasch von außen
+vorgeschobene Riegel war bestimmt gewesen, einen _Wahnsinnigen_ zu
+halten, und spottete all seiner Anstrengungen.
+
+Im Nu hatte aber auch der wachsame Spanier die zweite Thür, aus der er
+vorher lauschend den Kopf gesehn und ohne weiter zu untersuchen, wer
+oder was darinnen sei, ebenfalls verriegelt, und laut auf lachte er in
+triumphirendem Spott, als auch hier von innen sich Jemand gegen die
+Pforte warf und deren Verschließen freilich vergeblich, zu verhindern
+suchte.
+
+»Zwei Vögel mit einem Schlag fest,« rief er dabei höhnisch Don Manuel
+zu, als er an diese Thür auch noch rasch das Vorlegeschloß hing und
+eindrückte und dann der Treppe zuschritt -- »aber ich sah _noch_
+mehr Augen. _So_, Compañero,« setzte er dann hinzu, »fest und
+richtig verwahrt, o armer Don Manuel, allein und einsam jetzt in
+der entsetzlichen Schauerkammer, und von einem _Tollen_ überlistet,
+hahahaha!«
+
+»Machen Sie auf, Don Gaspar, machen Sie auf, das ist schlechter Spaß
+-- Don Federigo -- Pedro -- Fernando!« schrie der Gefangene.
+
+»Hahahaha!« lachte Don Gaspar, aber seine Hand lag an dem Griff des
+langen Messers, das er vorsichtig und versteckt unter der Weste an
+seiner linken Seite trug, denn die Treppe herauf klangen rasche,
+elastische Schritte. Es war Leifeldt, und der Spanier, die Hand
+zurückziehend, begegnete dem _Freund_ an dem oberen Treppensims.
+
+»Was haben Sie gemacht, Don Gaspar, was geht hier vor?« rief dieser, mit
+dem Arm den Gang hinabdeutend, von woher die lauten, fast ängstlichen
+Laute der Chilenen tönten.
+
+»Komm, Federigo,« entgegnete ihm aber der Spanier, zugleich seine Hand
+ergreifend und ihn mit sich die Treppe hinabführend, »komm, wir wollen
+den Señor Don Manuel de San José oder wie er sonst heißen mag, ruhig der
+Bewunderung seiner spanischen Erinnerungen überlassen -- er hat auch
+noch Gesellschaft dort oben, aber in einer Viertelstunde« -- setzte er
+dann rascher und bedeutungsvoller hinzu, »erwarte mich in unserem Hotel
+auf meinem Zimmer, lieber früher als später, ich habe Dir _Wichtiges_ zu
+entdecken -- wirst Du kommen?«
+
+»Gewiß, aber --«
+
+»Kein _aber_ jetzt, Amigo -- jener Bursche hatte Arges mit mir im Sinn
+-- beruhige Dich, ich weiß Alles, und die kleine Lehre wird ihm gut
+thun, laß mich nur nicht zu lange warten. Du wirst dort über Manches
+Aufklärung bekommen, so säume nicht und überlaß den Señor da oben seinem
+Schicksal, ein wenig Angst mag ihm die Probe dessen sein, was er mir für
+eine Lebenszeit zugedacht.«
+
+Sie hatten indessen den Fuß der Treppe erreicht und begegneten hier den
+beiden Peons, die allerdings etwas überrascht stehen blieben, als sie
+den in so ruhigem Gespräch die Treppe herabkommen sahen, der, ihrer
+Meinung nach, eben da oben eingesperrt, solchen Lärm vollführt hatte,
+Don Gaspars fast wunderbare Ruhe sollte sie noch mehr verwirren, denn
+dem ersten freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er lachend:
+
+»Wir haben ihn, Amigo, das war schlau angestellt und gut ausgeführt
+-- da, verzehrt das in der nächsten Pulperia.« Dem ersten einen Dollar
+in die Hand drückend, nickte er freundlich dem jungen Arzt zu und rasch
+über den Hof der Thüre zuschreitend, blieb er nur einen Moment noch an
+der Pforte stehn, zurückzuschauen, warf dem jetzt wüthend in den Hof
+hinab tobenden Don Manuel einen lächelnden Kuß mit den Fingerspitzen
+zu, und war wenige Sekunden später in dem schmalen dunklen Ausgang
+verschwunden.
+
+
+
+
+11.
+
+Der Spanier und das Mädchen.
+
+
+Eine merkwürdige Ruhe, nur manchmal von einem eigenthümlichen kecken
+Humor durchblitzt, hatte das Betragen des Spaniers die ganze Zeit, und
+zwar von dem Augenblick an charakterisirt, wo er das ihm verdächtige
+Gebäude in der Gesellschaft der beiden Männer betreten, bis zu da, wo
+er dessen Schwelle -- allein -- wieder überschritt, wie verwandelt aber
+schien er selbst in dem Moment, als er die dunkle, finstere Mauer,
+als er die Gefahr damit, hinter sich ließ. Wie nach jeder übergroßen,
+übernatürlichen Anspannung und Überreizung der Sehnen, stellte sich
+eine um so gewaltigere Erschlaffung ein, da sie so plötzlich war -- der
+Schweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirn und förmlich gewaltsam
+mußte er sich aufraffen, noch Kraft genug zu behalten, in flüchtigen
+Sätzen die Straße hinab zu fliehn.
+
+Dort passirte gerade in dem Moment einer der gewöhnlichen Wagen mit
+zwei Pferden, das eine in der Gabel, das andere am Gurt befestigt, den
+Kutscher halb schlafend auf dem Bock.
+
+»#Ahi, amigo!#« rief er dem mechanisch bei dem Ruf in die Zügel
+greifenden zu und schwang sich, ohne die Thüre zu öffnen, in das Innere
+-- »kennst Du die Wohnung des alten englischen Señors, Don Guillelmo
+Nulando?«
+
+»#Si, Señor!#«
+
+»Brav, mein Bursche, rasch denn dort hin, ein gutes Trinkgeld ist Dein.«
+
+Der Kutscher berührte seine Thiere mit der schwanken Peitsche, und der
+Wagen klapperte in scharfem Trab die Almendral hinauf, der Wohnung Mr.
+Newlands zu, den Passagier kaum zehn Minuten später, vor dessen Thüre
+abzusetzen.
+
+Don Gaspar klopfte und folgte der alten Magd, die ihm öffnete, die
+Treppe hinauf. »Mr. Newland war auf der Börse, das Dampfschiff ankommen
+zu sehn, was diesen Morgen signalisirt worden, und durfte wohl kaum vor
+Abend zurück erwartet werden; Mistreß war ebenfalls ausgegangen und Miß
+Jenny allein oben im Parlour -- der junge Mann hatte sie ja schon so oft
+besucht, Miß Jenny würde sich gewiß freuen, ihn zu sehn, sie brauchte
+ihn gar nicht mehr zu melden.«
+
+Don Gaspar war schon lange, ehe die geschwätzige Alte nur die Hälfte
+ihrer Rede vollendet hatte, oben an der Treppe und im Vorsaal. Was er
+hier wollte, schien er selber nicht recht zu wissen -- Abschied nehmen?
+-- sich rechtfertigen? -- das Mädchen noch einmal sehen, von dem ihm der
+Freund gesagt, daß ihre Seele an ihm hinge in heißer Liebe? -- Es waren
+das dunkle Bilder, die ihm wohl vorschwebten und, einer Art von Ziel
+entgegentrieben, ohne daß er sich jedoch feste Rechenschaft davon zu
+geben gewußt hätte. Er fühlte mehr den Augenblick nahen, der sein
+Schicksal überhaupt entscheiden sollte, und -- er mußte der Stelle noch
+ein Lebewohl sagen, wo er seit langen, langen Jahren wieder die ersten
+Stunden heiteren stillen Glücks verlebt. War es aber das Haus allein,
+das ihn gefesselt, mit dem gastlichen Willkommen, der ihm geboten
+worden, der derbe Händedruck des biederen alten Mannes, das geschwätzige,
+aber so herzliche Wesen der Matrone, das frohe Lachen des Kindes, das
+ihm sonst halbe Straßen lang entgegen lief und an seinem Hals hing -- er
+hätte keins von alle diesem missen mögen -- oder _Jenny_? Seine Hand
+hielt schon die Klinke erfaßt, und zögernd noch stand er und starrte vor
+sich nieder -- und Jenny? hatte sich denn durch das Wort des Freundes
+eine ganz neue fremde Welt so plötzlich ihm erschlossen? Er wußte gar
+nicht, wie ihm eigentlich geschah, alte wirre Bilder tanzten vor seinem
+Hirn, wilde entsetzliche Gestalten drängten aus ihrem blutigen Hintergrund
+und wetterschwangere Wolken lagerten an dem Saum des noch vor Sekunden
+so sonnigen Himmels. Dort, dort vor ihm lag eine Heimath, spielende
+Kinder jagten sich auf dem grünenden Rasen, der alte Feigenbaum, der vor
+der Thür stand, warf seinen freundlichen Schatten auf ein glückliches
+Paar, dessen Züge er kannte. War das Blut, was dort auf dem grünen,
+sonnigen Rasen so röthlich blitzte und funkelte, warmes verströmtes
+Blut? -- Nein, die Sonne hatte den Thau noch nicht weggeküßt von den
+Halmen, sie spiegelte sich jedoch selber so gern in der blitzenden,
+strahlenden Herrlichkeit. Aber das Paar dort -- es waren Jennys Züge,
+und der Mann? das war er _selber_ -- nein, das Haar schimmerte licht und
+golden in den einzelnen Strahlen, die sich durch das dicht verschlungene,
+zitternde Laub des Baumes stahlen -- das war _Stierna_. Was sollte auch
+_ihm_ eine Heimath, ein Heerd, ein Weib, ein Kind, _ihm_, dem Verlassenen,
+Verstoßenen.
+
+Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken Hand, und vor den
+zusammengepreßten Pupillen tanzten die Bilder toller und wilder und
+schmiegten sich rasch und gefügig in wunderliche Form und Gestalt
+-- _Heimath_? dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes,
+ödes Gebäude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben, die
+schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen, düsteren, vergitterten
+Fenstern unterbrochen, kein lebendes Wesen in der Nähe, kein Mensch
+-- ja doch, da oben an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter,
+die Stirn, die heiße pochende Stirn an das kalte Eisen gepreßt, stand
+ein Mann -- es war wunderbar, wie genau er ihn erkennen konnte, mit
+den bleichen Wangen und den schwarzen, tief liegenden Augen -- das
+war er selber -- und die Welt lag vor ihm, _frei, frei_ im glühenden,
+jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das Dach, die Sperlinge
+zwitscherten vom First nieder oder suchten zwischen den stachlichen
+Kacktusarmen _frei_ ihr Futter; drüben über den Häusern konnte er die
+grasenden Heerden erkennen, die Möve kreiste über den blutgetränkten
+Feldern der nächsten Saladeros[22], dort jene Reiter galoppirten _frei_,
+_frei_ über die weite, grünende Steppe, und nur _er_ -- nur _er_
+-- -- Wer war der Mann, der da dicht an der Kacktushecke vor dem Haus
+stehen blieb und so freundlich hinaufgrüßte? die Gestalt so bekannt, so
+verhaßt, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar -- jetzt wandte
+sie sich nach ihm her --
+
+ 22: Schlachtbänke.
+
+»Don Luis!« schrie er, und die Thürklinke, die er noch immer gefaßt
+gehalten in dem wachenden Traum, brach fast vor der furchtbaren Kraft,
+mit der sich die Hand auf ihr schloß in krampfhafter Wuth -- »Don Luis!«
+-- ihm unbewußt öffnete sich dabei die Thür und der Aufschrei des zum
+Tod erschreckten Mädchens rief ihn zum ersten Mal wieder, fast seit er
+den Wagen verlassen, zu sich selbst zurück.
+
+»Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben,« sagte Jenny, die sich
+zuerst wieder gesammelt, mit leisem Vorwurf im Ton, »doch was ist Ihnen,
+Sie schauen todtenbleich aus,« setzte sie rasch und besorgt hinzu, »sind
+Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen, was stieren Sie
+mich so an? Don Gaspar?«
+
+»Entschuldigen Sie, Señorita -- entschuldigen Sie,« stammelte
+der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte, seine Gedanken
+zurückzuzwingen in die alte Bahn -- »die Aufregung heute, mit einem
+leichten Fieber und Unwohlsein, das mich schon einige Tage geplagt
+-- der Schmerz der Trennung.«
+
+»Trennung? Sie wollen fort?« -- rief das Mädchen rasch und augenscheinlich
+erschreckt, denn ihre Wangen verließ jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden
+mit so viel mächtigerer Fluth dorthin zurückzuströmen -- »und wohin?
+weshalb?« --
+
+»Wohin? -- weshalb?« -- wiederholte der Gefragte, kaum bewußt, daß
+er die Worte noch sprach, die Blicke aber fest und forschend auf die
+zitternde Gestalt geheftet, die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu
+halten vermochte -- »und schmerzt es Sie, daß ich gehe, Jenny?« setzte
+er plötzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff, die sie ihm
+willenlos zu nehmen gestattete, »werden Sie den Fernen -- _Fremden_
+nicht vergessen haben, wenn der letzte Staub verflogen ist, den die
+Hufe seiner Rosse aus den Nachbarhügeln Valparaisos geschlagen?«
+
+Er hörte nicht das leise, kaum gehauchte »Nein,« das von den Lippen
+der Jungfrau floh, die Hand, welche die ihre hielt, mit dieser sinken
+lassend, starrte er wehmüthig lächelnd vor sich nieder und fuhr mit
+halblauter Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem schönen Mädchen
+redend, das zitternd neben ihm stand und an seine Brust gesunken wäre,
+hätte sein Arm sich nach ihr ausgestreckt.
+
+»O, es ist ein schmerzliches Gefühl, so weit, weit draußen in der Ferne
+umherzuschweifen und Niemanden zu wissen in der weiten Gotteswelt.
+Niemand in diesem All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir
+kommen, dessen Auge sich näßt, wenn wir gehn; es ist ein trauriges Loos,
+den kalten Willkommen des Fremden zu hören, und sich dabei noch bewußt
+zu sein, in dem eigenen Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu
+tragen, was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen könnte. Jeder
+in der Abendluft kräuselnde Rauch, der die kleine Familie zu traulichem
+Kreis um das knisternde Kamin sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in
+das arme Herz. Jedes blühende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb
+herzig in die Augen schaut, schnürt ihm die Brust mit einem tiefen,
+schwer auszudrückenden, aber deshalb auch um so mächtigeren Weh zusammen,
+und die beiden Worte »_allein_« -- allein und »_heimathlos_« wären
+schon in sich selbst genug, ein unglückseliges Menschenkind, das ihnen
+erlegen, zu Boden zu schmettern, käme nicht auch noch außerdem von den
+Eltern auf das -- aber halt -- was ich gleich sagen wollte,« unterbrach
+er sich da plötzlich mit ganz verändertem Ton und Ausdruck, während
+seine Hand fester die der Jungfrau umschloß, so fest, daß sie der Druck
+zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig forschend, den ihren
+suchte, »wie ist mir denn, fürchteten Sie sich nicht vor einem -- vor
+einem _Wahnsinnigen_?«
+
+»Wie kommen Sie _jetzt_ zu der Frage?« hauchte das Mädchen, das Haupt
+erbleichend von ihm abwendend.
+
+»Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause, und ich sah heute«
+--
+
+»O, um Gotteswillen, reden Sie nicht von so Entsetzlichem,« fiel ihm
+die Jungfrau rasch und bittend in's Wort, »mir gerinnt das Blut in den
+Adern, nur bei dem eigenen Gedanken daran, und fremde Worte könnten
+die Bilder heraufbeschwören, die es Monate brauchen würde, wieder zu
+verwischen.«
+
+»Und doch ist der Wahnsinn gar nichts so Entsetzliches,« sagte der
+Spanier, ihre Hand loslassend und sich das feuchte lange Haar aus der
+Stirn streichend.
+
+»O, Don Gaspar,« bat das Mädchen.
+
+»Fürchten Sie Nichts. Señorita,« beruhigte sie aber dieser mit leisem
+Kopfschütteln, »ich bin weit davon entfernt, Sie ängstigen oder quälen
+zu wollen mit thörichten Schaudergeschichten, wie sie das tolle Volk im
+Munde trägt; nein, ein Vorurtheil wünschte ich bei Ihnen zu besiegen,
+das Ihnen über kurz oder lang doch vielleicht einmal vielen Schmerz
+machen dürfte. -- Mein _Vater_ war wahnsinnig.«
+
+»Aber, Señor.«
+
+Der Spanier lachte und nahm schmeichelnd wieder ihre Hand. »Er _war_ es
+ja nur, habe ich Ihnen gesagt, und zwar auf eine wunderliche Art -- er
+glaubte, meine Mutter liebe ihn, und habe ihn deshalb geheirathet, und
+Jemanden, der ihm den tollen Wahn benehmen wollte -- rannte er den Degen
+durch den Leib -- wie es ein neckischer Zufall gerade wollte, traf es
+sich, daß das sein -- eigener Bruder war.« --
+
+»Don Gaspar, wenn Ihnen die Ruhe meiner Nächte, meines Lebens nur das
+Geringste gilt, so hören Sie auf,« bat aber jetzt in wirklich tödtlicher
+Angst das Mädchen und suchte sich von der Hand loszumachen, die sie
+jetzt wieder wie mit eisernem Griff umschlossen hielt. -- »Ich begreife
+Sie nicht; was um des Himmels Willen ist mit Ihnen vorgegangen? und
+sehen Sie nur, wie entsetzlich Sie mich gedrückt haben,« setzte sie dann
+hinzu und hielt ihm die eben befreite, ganz dunkelroth gepreßte kleine
+Hand halb scheu noch, halb lachend entgegen.
+
+»Schelten Sie mich -- schelten Sie mich _recht_ aus, Señorita,« rief da
+der Spanier, sich rasch von ihr abdrehend, »ich bin ein arger Thor, ja
+ich bin boshaft genug, mich gerade daran zu freuen, wenn ich die -- die
+mir die _liebsten_ sind, ärgern und quälen kann -- und zuletzt habe ich
+doch nur mich selber geschlagen, wie ein thörichtes Kind. -- Aber ich muß
+wahrlich fort,« setzte er dann rascher hinzu, »und in der Scheidestunde
+ist das Herz ja doch stets trüb und traurig und beschwört die Bilder
+herauf, die ihm die schmerzlichsten sind in der weiten Welt.«
+
+»Aber weshalb wollen Sie fort? -- was treibt Sie -- was treibt Sie so
+plötzlich aus unserer Mitte, aus einem Kreis von Freunden, der Ihnen
+-- zu Dank verpflichtet -- so gern noch beweisen möchte, wie -- wie
+werth Sie ihm sind« -- sagte die Jungfrau schüchtern und zuletzt mit
+leiser bewegter Stimme hinzu.
+
+»Weshalb?« wiederholte Don Gaspar tonlos, und schaute rasch und
+forschend zu dem Mädchen auf -- »weshalb? -- ja, wie war mir denn,
+weshalb kam ich doch -- ach -- Ihr Vater -- ja doch -- ist Mr. Newland
+nicht zu Hause? -- _er_ wird mir die Auskunft geben können.«
+
+»Weshalb Sie fort von uns müssen,« sagte Jenny wehmüthig lächelnd und
+den Kopf schüttelnd, »o Sie wunderlicher Mann, wie läge das in seinen
+Kräften, und wird's ihn nicht selber schmerzen, wenn er Sie missen soll,
+der Sie ihm zuletzt ein wirklich fast unentbehrlicher Freund geworden?«
+--
+
+Don Gaspar schüttelte traurig mit dem Kopf.
+
+»Glauben Sie das nicht, Señorita -- was hätte Don Guillelmo an dem
+wilden, launischen Gesellen, der unstät wie ein Frühlingstag, bald seine
+Nachsicht, bald sein Mitleiden in Anspruch nahm, oder ihn ärgerte und
+reizte in heftiger, unerquicklicher Debatte. Nein, nein, er wird den
+Fremdling bald vergessen, den einst die gütige Vorsehung wohl einmal
+benutzte, einen ihrer kleinen Lieblinge noch länger auf dieser Erde zu
+halten, den Seinen zum Trost, zur Lust, der aber jetzt schon weit, o,
+recht weit von hier fort sein sollte -- und es auch wäre -- hielten ihn
+nicht Banden -- heilige, feste Banden.« --
+
+»Heilige Banden?« rief Jenny rasch und erschreckt emporfahrend, und
+den Blick mit durchbohrender Schärfe auf ihn heftend -- »feste Banden?
+-- Sie?« --
+
+»_Banden?_« wiederholte der Spanier und sein Geist sprang augenscheinlich
+auf dem Wort ab, nach anderer Richtung hin -- »mich? -- nein -- noch
+nicht, hahaha -- sie waren nicht schlau genug dazu.«
+
+»Ich verstehe Sie nicht,« sagte das Mädchen, und das Blut schoß ihr in
+Strömen in die Schläfe, und färbte ihr Wangen und Nacken.
+
+Don Gaspar schwieg erschreckt -- fast instinktartig fühlte er, daß er
+wildes, tolles Zeug gesprochen, aber er fürchtete fast eben so, es zu
+widerrufen. Schweigend stand er dem holden Mädchen einige Sekunden
+gegenüber, jetzt zum ersten Mal, seit er das Gemach betreten, haftete
+sein Blick voll und ruhig auf den lieben, bewegten Zügen, und er sah,
+wie an den langen, seidenen, niedergeschlagenen Wimpern zwei große,
+schwere Thränen zitterten und langsam niedertropften.
+
+»Jenny,« sagte er da weich und leise, und ihr näher tretend, ergriff er
+wieder ihre Hand -- »ich habe Sie wohl recht gekränkt mit meinen harten,
+ungestümen Worten -- und -- ich war doch hergekommen aus einem ganz,
+ganz anderen Grunde -- weshalb? weiß ich mir eigentlich selber keine
+Rechenschaft zu geben; ich verlasse heute die Stadt noch nicht, aber mir
+war, als ob ich _vor_ der nächsten Zeit, die in grimmer, unerbittlicher
+Entscheidung mein wartet, _Ihr_ holdes Antlitz noch einmal sehen, den
+Blick dieser sanften Augen noch einmal in meine Seele prägen _müsse_,
+sollte ich im Stande sein, zu ertragen, was -- was nun eben der
+wunderliche Herr Gott da droben über mich auszuschütteln im Begriff ist,
+und dann --« er hob langsam ihre Hand an seine Lippen und drückte einen
+leisen, leisen Kuß darauf -- »mit leichtem Muth der nächsten Zeit zu
+begegnen. Ich glaubte mich _durch_ diesen Augenblick gegen Alles
+gewappnet, und -- finde nun, daß ich mich bös, o, bös geirrt.« --
+
+»Halloh, Kinder!« rief in diesem Augenblick eine fröhliche Stimme, und
+der alte Mr. Newland stand in der geöffneten Thür, die traurige Gruppe
+der Beiden, die ihn gar nicht kommen gehört, halb erstaunt, halb lachend
+betrachtend.
+
+Jenny schrak zusammen, als ob sie auf einer bösen That betroffen worden,
+und wurde todtenbleich, Don Gaspar dagegen hob langsam den Kopf, und dem
+alten Herrn ruhig die Hand entgegenstreckend, sagte er freundlich:
+
+»Sie kommen wie gerufen, lieber Señor, mir liegt etwas auf dem Herzen,
+daß ich nicht länger allein tragen kann und will, und Sie gerade sind
+der Mann --«
+
+»Segne meine Seele!« unterbrach ihn aber der Alte mit lautem Lachen,
+»wenn der nicht mit Leesegeln an beiden Seiten vor dem Winde, zehn
+Knoten die Stunde geht, offene See und keine Leeküste, o! -- aber darauf
+kommen wir nachher zurück, jetzt erst, Kinder, eine fröhliche Botschaft,
+daß ich die los werde, und nicht auseinanderspringe vor lauter Vergnügen
+-- Bill kommt.«
+
+»Bill?« rief Jenny aus ihren nur halb getrockneten Thränen hervorlächelnd,
+»aber wenn, Papa, wenn?«
+
+»Übermorgen, morgen vielleicht schon!« rief der alte Mann fröhlich, »der
+Dampfer hat das Schiff an der Küste, gar nicht weit vom Hafen mehr
+getroffen, und wenn der Wind nur noch ein wenig aufräumt, können sie
+vielleicht morgen schon ihren Anker hier bei uns niederrasseln lassen.
+-- Nun kommt auch der Vater des kleinen Burschen, Señor, den Sie
+retteten, und einen warmen, dankbaren Freund werden Sie an dem finden.«
+
+Zwei Reiter galoppirten die Straße hinab -- es war Polizei, und Don
+Gaspar schaute ihnen lächelnd nach -- er hörte gar nicht, was der alte
+Herr in seiner Herzensfreude zu ihm gesagt hatte.
+
+»Und du warst am Bord des Dampfers, Väterchen?« frug die Jungfrau, froh,
+einem Gespräch enthoben zu sein, das ihr das Herz zusammen zu schnüren
+gedroht -- »hatten sie Bills Schiff signalisirt?«
+
+»Doch wohl, Kind, doch wohl,« sagte der Greis, sie an sich heranziehend
+und ihre Stirn küssend -- »aber an Bord war ich nicht, sondern traf eben
+bei dem Argentinischen Konsul einen alten Freund, der mir die fröhliche
+Botschaft gab. -- Segne meine Seele, ich habe ihm nicht einmal Adieu
+gesagt, in solcher Eile war ich, Dir die Nachricht zu bringen -- den
+Konsul wollte ich mit hierherschleppen, der hatte aber den Kopf voll und
+mußte auf die Polizei, und Don Luis de Gomez --«
+
+Ein wilder, fast nicht mehr irdisch klingender Schrei unterbrach ihn
+hier, und als sich Beide rasch und erschreckt der Richtung zuwandten,
+von der jener unheimliche Laut ertönte, sahen sie den Spanier mit
+todtenbleichem, leidenschaftlich aufgeregtem, fast verzerrtem Antlitz,
+die weit geöffneten Augen starr und aus ihren Höhlen drängend auf den
+Erzähler geheftet, die Arme vorgestreckt, und das schwarze krause Haar
+in ungeregelten, fast emporsträubenden Locken über die marmorblasse
+Stirn geworfen, mitten im Zimmer stehen. Eben hatte er dessen letztes
+Wort, den Namen, aufgefangen, und die wenigen Sylben schienen einer
+Zauberformel gleich auf den Unglücklichen zu wirken.
+
+»Don Gaspar -- was um des Himmels Willen ist Ihnen geschehen,« riefen
+Vater und Tochter fast zu gleicher Zeit.
+
+»Don Luis de Gomez!« war aber Alles, was der Spanier nur in bleicher
+zitternder Wuth, jede Muskel seines Körpers bebend in der furchtbaren
+Aufregung, auszustoßen vermochte -- »Don Luis de Gomez!« und Alles was
+er an Haß, Wuth und Rache kannte, häufte sich in dem einen Namen des
+Feindes. Die geballten Fäuste schlug er dabei zusammen, und der halb
+geöffnete Mund zeigte die beiden Reihen perlenweißer, aber fest
+zusammengebissener Zähne, hinter denen vor die Laute zischten.
+
+
+
+
+12.
+
+Der Ausbruch des Vulkans.
+
+
+Leifeldt stand noch wie in einem Traume, als ihn Don Gaspar schon
+mehrere Minuten verlassen hatte, und nur erst der Lärm, den der in
+seiner eigenen Falle gefangene Don Manuel oben machte, brachte ihn
+wieder zu sich selber.
+
+Die beiden Peons unten ebenfalls wußten nicht, was sie von dem Allen
+denken sollten. Ihrer Meinung nach hatte es ihnen kaum anders möglich
+geschienen, als daß der, der sie da eben so ruhig und gleichgültig
+verlassen, der Bezeichnete sein müsse, den festzunehmen sie heimlich
+heute Nachmittag durch Don Guzman de Ribera hierher bestellt waren, und
+gleichwohl saß der Andere jetzt oben fest, und dieser ging ruhig und
+ungehindert von dannen. Und Don Manuel? -- dem zu gehorchen waren sie
+doch herbeordert; konnte es möglich sein, daß er selber der Tolle
+gewesen wäre? --
+
+Der junge Arzt stand indeß noch unschlüssig an der Treppe. Er konnte
+Don Manuel hier nicht gut hinter Schloß und Riegel sitzen lassen, und
+gleichwohl hatte er eine kleine Strafe für sein doppelgängiges Wesen
+verdient; Leifeldt freute sich ordentlich, daß Don Gaspar die Falle
+gemerkt und auf die Häupter seiner eigenen Verfolger geleitet habe.
+Langsam schritt er den Gang entlang und der Thüre zu, hinter der dieser
+schrie und tobte und herausgelassen zu werden verlangte, und seine Wuth
+wurde noch durch die beiden Peons vermehrt, die unten im Hof jetzt
+mit offenem Munde standen, zu ihm hinaufschauten und eben durch sein
+furchtbares Wüthen mehr und mehr darin bestärkt wurden, daß doch
+wirklich Don Manuel und niemand anders der plötzlich toll gewordene sei,
+und jetzt hier zu der Stadt Besten im Allgemeinen, und seinem eigenen
+insbesondere, hinter Schloß und Riegel verwahrt werden sollte. All seine
+Ausrufungen und Befehle, die er mit vor Zorn halb erstickter Stimme den
+unten Gaffenden hinunterschrie, konnten dabei nicht dazu dienen, sie vom
+Gegentheil zu überzeugen, und endlich, der Sache auch eine spaßhafte
+Seite abfindend, stießen sie sich unter einander mit den Ellenbogen,
+und sahen sich an und platzten dann gerade heraus in ein nicht enden
+wollendes Gelächter.
+
+Wie lang diese Scene gedauert haben würde, ist unbestimmt, Don Manuel
+war aber durch das, was er Spott glaubte, der beiden von ihm selbst
+besoldeten Männer so in wirkliche Wuth gerathen, daß er schon die
+Stäbe seines Kerkers gefaßt hatte und in blinder Wuth daran riß und
+schüttelte, als der junge Arzt seine Thüre erreichte, die beiden von
+außen vorgeschobenen Riegel zurücktrieb und das Schloß ebenfalls zu
+öffnen versuchte; das aber widerstand allen seinen Bemühungen und
+während der Gefangene, der jetzt Jemanden an seiner Thür hörte, dieser
+zusprang und von innen dagegen schlug und donnerte, anstatt ruhig zu
+warten bis sie geöffnet sein würde, benahm er Leifeldt vollkommen die
+Möglichkeit, ihm verständlich zu machen, wie er gerade im Begriff sei
+ihn wieder in Freiheit zu setzen. Dieser war zuletzt genöthigt, zurück
+in den Hof zu gehen und einen der Peons zu rufen, ihm zu helfen. Eine
+der alten eisernen, dort herumliegenden Klammern mit hinaufnehmend,
+gelang es ihm endlich mit des Peons Beistand, das massive Schloß
+aufzudrehen und den Gefangenen zu befreien.
+
+Der Peon mußte übrigens, wie sich Don Manuel nur erst einmal vor der
+Thür und ihm gegenüber sah, machen, daß er die Treppe hinunterkam, denn
+der gereizte Chilene warf sich in förmlichem Grimm auf den armen Teufel
+und schien wirklich im ersten Augenblick kaum seiner Sinne mächtig.
+-- Die nächsten heraussprudelnden Fragen war Leifeldt auch gar nicht
+im Stande so rasch zu beantworten, wie sie sich Luft machten von des
+zornigen Mannes Lippen, und als auch der Schwede endlich, gereizt von
+den scharfen zornigen Worten, kurz und trotzig erwiederte, stürmte der
+Erbitterte fort mit Flüchen und Verwünschungen zwischen den Zähnen,
+Genugthuung zu holen auf der Polizei für den erlittenen Schimpf.
+
+Es thun das viele Menschen.
+
+Leifeldt sah ihm lächelnd nach, dann aber der Worte gedenkend, die ihm
+Don Gaspar noch zugerufen, und der eigenthümlichen Aufregung, in der
+er ihn heute gesehen, entließ er die Peons (der dritte, ebenfalls oben
+Eingesperrte hatte schon einen anderen Ausgang durch eine Nachbarzelle
+gefunden) und eilte mit schnellen Schritten zu seinem Hotel zurück, die
+erwartete Aufklärung des Freundes dort zu finden.
+
+Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt er den kleinen
+Raum von dessen Gemach hin und her, Viertelstunde nach Viertelstunde.
+Bald trat er an das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Thür zu
+horchen, ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten hören ließen.
+-- Niemand kam, und wie ihm endlich die feste Überzeugung schwand, mit
+der er bis jetzt den Freund erwartet hatte, tauchte Besorgniß in ihm
+auf, wohin dieser in seinem überreizten Zustand geeilt sein, was er
+angerichtet haben könnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein Herz
+kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen, als Jennys Schicksal
+-- zuckte ihm auch, wie ein wilder Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don
+Gaspar könne dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn
+der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf deren düsteres,
+furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen entsetzten Blick
+geworfen, zum Ausbruch käme.
+
+Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt er das
+Gemach wohl noch zehn Minuten in immer steigender Unruhe, dann aber
+hielt er es auch nicht mehr aus -- es litt ihn nicht länger in dem
+leeren Raum, und hinaus stürmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich
+zu überzeugen, ob seine Befürchtungen Wahrheit gewesen wären oder nicht.
+
+Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder,
+wie er nur das Haus betrat.
+
+»Um Gottes Willen, was geht hier vor?« rief er der alten Magd entsetzt
+entgegen, die ihm mit zitternden Händen die Thüre öffnete.
+
+»Don Gaspar,« war Alles, was diese erwiedern konnte, als er auch schon
+mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinaufflog und die Thür aufriß. --
+
+Ein einziger Blick hier bestätigte aber nicht allein seine schlimmste
+bisher gefaßte Befürchtung, sondern zeigte ihm auch, in welche Gefahr
+er die ihm liebsten Menschen durch sein unschlüssiges Zaudern gebracht.
+
+Mitten im Zimmer, dicht neben dem großen, runden Tisch, auf den er sich
+mit der linken Hand stützte, stand der Greis, den rechten Arm um die
+Tochter geschlungen, die sich halb bestürzt, halb erschreckt an ihn
+schmiegte und Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach
+dem Spanier hinüber, der lachend und stampfend, mit blitzenden Augen und
+gesträubtem Haar ihnen gegenüber stand.
+
+Keiner von ihnen gewahrte das Öffnen der Thür, den eintretenden jungen
+Mann, aber die so lang eingehemmte und zurückgehaltene Wuth des Tollen,
+die jetzt Monde lang unter der äußeren Schaale seines festen eisernen
+Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein mächtiger Vulkan seine
+Gluthen wieder unter der Rinde sammelt, die er sich von seinem letzten
+Ausbruch selbst geschmiedet, schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder
+Lohe ins Freie.
+
+»Don Luis de Gomez!« schrie er mehr, als er es rief, »Don Luis, er ist
+hier -- er ist hier! Teufel, wenn ich Dich fasse, wenn ich Dich halte
+-- hier -- hier zwischen den zusammengeballten Fäusten -- hier zwischen
+den Zähnen und Armen -- huih!« -- und das Zimmer dröhnte von dem
+gellenden Aufkreisch des Rasenden. -- »Und _das_ Dein Weib? -- mit
+dem marmorbleichen Angesicht? -- _das_ die blühende, liebeglühende
+Constancia?« fuhr er plötzlich fort, den Arm gegen das zusammenzuckende
+Mädchen ausstreckend -- »_das_ die Schlange, die mich nicht einmal im
+Grabe ruhen ließ mit ihren zaubertollen Reizen -- _das die Braut_«
+-- und zum Sprung, die Schultern zurückgedrängt, die Augen in wildem
+unheimlichem Feuer glühend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als
+Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen den Wüthenden
+gehoben, ausrief:
+
+»_Morelos!_«
+
+»Wahnsinnig!« hauchte Jenny, ihr Antlitz in den Händen bergend, und
+brach in sich selbst zusammen. Hoch empor aber zuckte der Kranke, und
+seine Augen flogen wie irre Pfeile von Leifeldts ihm muthig begegnender
+Gestalt zu dem bleichen, am Boden hingestreckten Mädchenbild, über das
+der Vater getreten war, mit dem jungen Arzt jede Gefahr von der
+Geliebten abzuwenden.
+
+Aber diese schien für den Augenblick vorüber, wenigstens von ihnen hier
+abgelenkt. Des Freundes Anblick riß den Wüthenden in etwas zu der ihn
+umgebenden Wirklichkeit zurück.
+
+»Leifeldt -- Stierna!« rief er, mit der linken Hand rasch und heftig das
+wirre Haar aus seiner Stirn streichend, »und _hier_? -- _hier_? -- nein,
+nicht hier -- er ist dort, bei _ihm_, bei _ihm_« -- und ehe Jemand
+seine Bewegung hätte hindern, ja nur ahnen können, was er beabsichtigte,
+legte er die Hand auf das Sims des offenen Fensters und war mit _einem_
+tollkühnen Satz auf der Straße unten.
+
+
+
+
+13.
+
+Das Rendez-vous.
+
+
+Die Höhe, von der der Wahnsinnige niedersprang, war über achtzehn Fuß,
+aber wie ein Federball schnellte er wieder vom Boden empor, und floh mit
+flüchtigen Sätzen die Straße hinab, dem Hause des Argentinischen Konsuls
+zu. Wohl stutzten ein paar Vorübergehende, die den waghalsigen Sprung
+gesehen, und auch wohl erst die lauten Stimmen oben im Hause gehört;
+Streitigkeiten sind aber nichts seltenes bei dem heißen Blut des
+Südländers, das Messer trägt er dabei nur gar locker im Gürtel, und
+rasche Flucht wird oft nöthig, dem Gesetz und vielleicht fatalen Folgen
+zu entgehen. Zufällig Gegenwärtige vermeiden aber in einem solchen Fall
+nichts sorgfältiger, als Zeugen solcher That zu sein. -- Die Gerichte
+waren in Chile so weitläufig, wie in der Argentinischen Republik und man
+hält sich gern fern von ihrer kostspieligen Nähe.
+
+So bog Don Gaspar, oder wie wir ihn jetzt lieber wieder bei seinem
+rechten Namen nennen wollen, _Morelos_, ungehindert, unbelästigt in die
+nächste Straße ein, und stand wenige Minuten später an der Thüre des
+Argentinischen Konsuls, die er verschlossen fand.
+
+Den rasch geführten Schlägen des Klopfers öffnete ein junger Bursche in
+einem Peruanischen Poncho.
+
+»Don Guzman ist nicht zu Hause!« sagte der Knabe, die Frage nach dem
+Konsul beantwortend, »wird auch vor Abend schwerlich zurückkommen.«
+
+»Und der Fremde?«
+
+»Don Luis de Gomez?«
+
+Morelos faßte krampfhaft in seine eigene Seite, die Spuren der Nägel
+dort zurücklassend, und die Muskeln seines Gesichts zuckten wie unter
+dem Schmerz des Scalpells. --
+
+»Weshalb lachen Sie, Señor?« frug der Knabe erstaunt.
+
+»Wo ist Dein Herr?« frug der Kranke, sich gewaltsam zusammennehmend.
+-- Wie der Schwimmer, mit sinkenden Kräften dem rettenden Ufer nah,
+noch einmal die Nerven anspannt zum letzten entscheidenden Moment, noch
+einmal hineingreift in die Fluth und ausstreicht, und die Zähne fest,
+fest aufeinander beißt, so fühlte er, daß der Augenblick, nach dem sein
+ganzes Leben gedrängt, ja dem der Geist, selbst krank und bewußtlos,
+entgegenstrebt, nahe sei, und nur wenige Minuten Fassung _jetzt_, ihn
+siegen lassen müssten.
+
+»Oben in seiner Stube im ersten Stock!« sagte der junge Bursche, durch
+die ruhige Frage wieder getäuscht, von dem glühenden, aber ernsten Blick
+doch auch zugleich eingeschüchtert. -- »Gleich rechts die zweite Thür,«
+rief er dem schon treppauf Springenden noch nach; »das Vorzimmer ist
+offen!«
+
+Der Spanier _fühlte_ mehr die letzten Worte, als daß er sie hörte; mit
+wenigen Sätzen war er oben -- das Vorzimmer stand nur angelehnt, er
+öffnete es, drückte es hinter sich ins Schloß und schob den Nachtriegel
+vor, und wenige Sekunden später lag seine Hand auf dem Schloß der
+anderen Thüre, die in das Zimmer seines Todfeindes führte.
+
+Das Herz schlug ihm hörbar in der Brust, aber kein Nerv seines Körpers
+bebte, wie das Metall selber so kalt und ruhig, hielt die Hand den
+Griff, nur das Auge blitzte in wildem, unheimlichem Feuer und ein
+kaltes, fast teuflisches Lächeln zuckte jetzt um seine Lippen.
+
+Leise klopfte er an die Thür, und das laute #entra# von innen warf nur
+tiefere Gluth in seine Augen, ohne an seiner Stellung auch nur die
+Bewegung einer Muskel zu verändern.
+
+_Er spielte mit seinem Opfer._
+
+Noch einmal berührte sein gebogener Finger die Thür, und lauter und
+ungeduldiger tönte das scharfe »Herein« des Bedrohten.
+
+Dem Laut nach befand er sich in dem entferntesten Theile des Zimmers,
+wie aber statt dem Öffnen der Thür zum dritten Mal das Klopfen, nur
+etwas lauter als vorher ertönte, schallten rasche Schritte von innen,
+doch ehe sie sich vollkommen der Thüre nähern konnten, riß sie Morelos
+auf und stand im nächsten Moment dicht vor dem, mit einem jähen Ausruf
+des Schrecks zurückspringenden Argentiner.
+
+Er wollte schreien, aber das lange, haarscharfe Messer des Feindes
+blitzte in dessen Hand und die nächste Sekunde, schien es, sollte
+sein Schicksal entscheiden. Doch über den wunderlich tollen Geist
+des Wahnsinnigen war ein anderer Schatten gezogen, oder hatte die
+_Gewißheit_ seiner Rache, das _Bewußtsein_, den Feind nun endlich im
+Bereich seines Messers zu haben, der wild ausbrechenden Wuth, die ihn
+sonst nur bei Nennung des bloßen Namens befiel, die volle Schärfe
+genommen? Ja, er _letzte_ sich jetzt selber an diesem Gefühl und wenn
+auch Mord und Blut nur sein erster Gedanke gewesen, als er die Schwelle
+betrat, so schien es ihn jetzt zu reuen, gleich mit _einem_ Schlag den
+Jahre und Jahre lang aufgebauten Plan seiner Rache zu zerstören.
+
+»Bst!« sagte er, mit dem warnend emporgehobenen Zeigefinger der linken
+Hand -- »bst -- Kamerad -- kein Geschrei, die Nachbarn sind munter und
+du könntest die Polizei im Schlafe stören -- siehst Du den Gruß hier?«
+und er hielt ihm die blanke Klinge lachend entgegen, vor der der
+Unglückliche scheu und entsetzt zurücktrat -- »fürchte Dich nicht,
+Schatz, es thut nicht sehr weh -- den hat mir Felipe für Dich
+aufgetragen.«
+
+»Was wollen Sie von mir, Unglückseliger?« rief jetzt Don Luis in wilder
+Angst, denn in den Augen des Wahnsinnigen lag der Tod -- »nennen Sie
+Ihre Wünsche, und bei der reinen Mutter Gottes, ich will sie erfüllen
+und kostete es mein halbes Vermögen.«
+
+»Bst, bst, Kamerad, sprichst zu laut, viel zu laut,« flüsterte
+kopfschüttelnd, einen Blick nach der Thüre werfend, der Spanier, »aber
+eine Frage hätte ich doch an Dich -- wo ist Constancia?« -- und seine
+Augen leuchteten und funkelten, als er den Namen aussprach und die Hand
+umspannte krampfhaft den Griff des Messers.
+
+Don Luis rang augenscheinlich mit sich selbst, aber die Gefahr war zu
+dringend mit seinem Leben zu spielen und er sagte rasch, die einzige
+vielleicht mögliche Gelegenheit ergreifend, sich zu retten: --
+
+»Wünschen Sie Donna Constancia zu sehen?«
+
+»Zu _sehen_?« rief der Spanier schnell und zornig, »nur zu _sehen_?
+-- wo ist sie? -- rasch -- unsere Augenblicke sind kostbar.«
+
+»So will ich Sie zu ihr führen,« sagte Don Luis, zum Tisch tretend und
+seinen Hut ergreifend, »wir brauchen das Haus nicht zu verlassen.«
+
+»Bst, bst, Kamerad,« lautete aber wieder die Antwort seines wachsamen
+Hüters, »nicht hinaus, mein Bursche, den Weg _dort_ find' ich schon
+nachher allein -- wir haben _hier_ noch Wichtigeres mitsammen zu
+besprechen. Nicht wahr, das gefiele Dir, aus dem Thor hinaus hier durch
+den Hof und in die menschengefüllte Straße mit dem Alarmschrei: »ein
+toller Hund!« hinauszuspringen? Eine Frage mußt Du mir erst beantworten,
+Señor -- eine Frage, die mir in blutigen Zügen die langen Jahre hindurch
+im Hirn geschrieben stand und mich, wie die Leute in Buenos-Ayres
+behaupteten -- wahnsinnig gemacht hat -- was wurde aus meinem _Bruder_
+-- aus meinem _Weib_?« --
+
+»Don Morelos!« rief der Argentiner entsetzt, denn die Blicke des Feindes
+sprühten Feuer und es war augenscheinlich, wie er sich nur mit größter
+Mühe selber noch zurückhielt auf sein Opfer zu springen. -- »Doch halt!«
+rief da der Unglückliche in seiner Todesnoth, denn ein einziger Gedanke
+an Rettung durchblitzte noch seine Seele, »Sie wollen Nachricht von
+Ihrem _Bruder_ -- _die_ kann ich Ihnen geben.«
+
+»_Du_?« rief der Spanier überrascht, und die Ruhe der Verzweiflung, die
+in des Gegners Blicken lag, täuschte den sonst so Schlauen.
+
+»Wollen Sie einen Brief von ihm sehen?« frug Don Luis.
+
+»Einen Brief?« -- wiederholte Morelos und strich sich wie träumend mit
+den Fingern über die Stirn -- »einen Brief? -- wie ist mir denn -- einen
+Brief -- von -- dem -- _Bruder_?«
+
+»Sie können sich überzeugen,« sagte Don Luis ruhig, »er liegt in jenem
+Pult, und wenn ich Sie täusche, mögen Sie thun mit mir, was Ihnen
+beliebt.«
+
+Er nahm einen kleinen Schlüssel von dem Tisch, neben dem er stand, und
+schritt langsam an Morelos dicht vorbei, dem Pulte zu, als draußen an
+der Vorsaalthür zwei Mal stark geklopft wurde. Don Luis zuckte zusammen,
+Morelos lachte.
+
+»Gehen Sie an die Thür, Don Luis,« sagte er zu diesem, »und rufen Sie
+hinaus, daß Sie beschäftigt sind -- der geringste andere Laut, die erste
+Bewegung zur Flucht aber -- doch ich brauche Sie nicht zu warnen.«
+
+Don Luis schritt in furchtbarer Aufregung zur Thür, gehorsam wie ein
+Kind, und diese halb öffnend -- und der Wahnsinnige stand mit der
+blanken Waffe dicht an seiner Seite -- rief er laut, wer da draußen sei.
+
+»Ich bin es, Señor,« rief eine, Morelos wohlbekannte Stimme, »ich, Don
+Manuel -- ich habe Polizei bei mir und wünschte Sie nur auf wenige
+Sekunden zu sprechen.« --
+
+Über Morelos Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln, aber Don Luis
+zögerte -- dort draußen, wenige Schritt von ihm entfernt stand Hülfe,
+und er, er mußte hier mit einer Lüge dem Feind sich selber rettungslos
+in die Hände geben. --
+
+»Bitte, Señor,« sagte der Spanier, mit kalter Höflichkeit, aber
+jubelndem Triumph im Blick.
+
+»Ich komme gleich -- warten Sie draußen auf mich,« rief der Gefolterte
+und trat von der Thür zurück, die er offen ließ, Morelos drückte sie
+wieder ins Schloß und schob den Riegel vor.
+
+»_Den Brief_,« sagte er eintönig.
+
+Don Luis wußte, es war ihm jeder andere Ausweg abgeschnitten, und
+schritt zum Pult. Dieses öffnete er und zog mit beiden Händen Gefache
+auf, in die er hineinschaute -- er nahm mehrere Briefe heraus und sah
+ihre Adresse -- Morelos stand dicht neben ihm, und beobachtete jede
+seiner Bewegungen.
+
+»Hier ist er,« sagte er plötzlich, dem Spanier einen derselben
+hinüberreichend, wie dieser aber mit scheuem Blick die Adresse
+überflog, griff des Argentiners Hand tiefer in das Gefach und ein
+Pistol herausreißend, das er im Rückspringen spannte und dem Feind
+entgegenhielt, schrie er mit der Kraft, die ihm Todesangst und
+Verzweiflung gegeben, laut um Hülfe!
+
+»Lügner und Narr!« rief Morelos, als er den Brief mit wildem Lachen zu
+Boden warf und mit dem Fuß stampfte -- »bete -- denn Deine Seele steht
+in wenigen Sekunden vor Gott!«
+
+»Hülfe!« tönte des Unglücklichen Stimme und mit dem Ruf zugleich
+schmetterte der Schuß dem Angreifer entgegen. Die Kugel traf ihn in die
+Schulter, aber was achtete der Tolle einer solchen Waffe. Draußen brach
+die Thür zusammen unter dem Andrang der Polizeisoldaten, die den Ruf
+gehört, aber er hörte das Prasseln und antwortete ihnen mit einem
+gellenden Triumphschrei, denn unter seiner Hand lag und wand sich das
+Opfer und sein Messer wühlte in dessen Herzen.
+
+Wenige Sekunden später warfen sich die Diener des Gesetzes gegen die
+innere Thür, die jedoch, stärker als die vorige, ihrem ersten Anprall
+kräftigen Widerstand leistete.
+
+»Seid Ihr da?« lachte Morelos, sich emporrichtend dem geglaubten Angriff
+zu begegnen, »aha, meine Burschen, läßt Euch das Eichenholz nicht herein?«
+
+»Öffnet, Don Luis -- öffnet, Señor -- im Namen des Gesetzes.«
+
+»Hahahaha!« lachte der Tolle, »öffnet Euch selber und holt Euch Don
+Luis de Gomez!« und das Fenster öffnend, das auf die, rings den Hof
+umziehende Veranda führte, sprang er auf diese hinaus und floh, das
+blutige Messer wieder in seiner Scheide bergend, darauf hin, durch eins
+der anderen Fenster vielleicht einen Ausgang zu entdecken.
+
+
+
+
+14.
+
+Die Verfolgung. -- Schluß.
+
+
+Seine Verfolger waren indessen aber auch nicht müßig gewesen. Der
+Konsul selber, eben von der Polizei zurückgekehrt, wo er sich
+schon einen Verhaftsbefehl und Hülfe verschafft hatte, hörte kaum die
+Schreckensbotschaft, daß der Wahnsinnige zu seinem Opfer eingedrungen
+sei und wahrscheinlich schon sein Schlimmstes gethan habe, sandte
+augenblicklich einen Theil der Mannschaft in den Hof, ihn in Empfang zu
+nehmen, wenn er dort hinunterspringen sollte, und ließ durch eine andere
+kleine Abtheilung die Hinterthür besetzen, zu der eine schmale Treppe
+von der Veranda niederführte.
+
+Don Manuel war beordert, dieselbe anzuführen, und ihm ebenfalls der
+Schlüssel zu dieser Pforte, die gewöhnlich offen stand, anvertraut
+worden. Seine Ordre war, diese Thür so rasch als möglich zu verschließen
+und dann das weitere zu erwarten. Don Guzman ließ unterdessen Don Luis
+Thür sprengen, von wo aus sie den Flüchtigen, blieb er nun auf der
+Veranda oder zog er sich in eines der Zimmer zurück, leicht erreichen
+konnten.
+
+Don Manuel säumte auch nicht, solchem Befehle nachzukommen; galt es ja
+noch außerdem die Scharte auszuwetzen von heut Nachmittag, wo ihn der
+Tolle überlistet, trotz all seiner Schlauheit; rasch deshalb über den
+Hof eilend, und die Pforte, durch die er dorthin gelangt, ebenfalls
+von außen verriegelnd, postirte er seine Leute vor die Hinterthür des
+Hauses, ohne weitere Ordre, da er sich ihnen augenblicklich wieder
+anschließen wollte, und er selber lief die Treppe hinauf, die Verandathür
+zu schließen, als er sich in demselben Moment nicht allein in der Nähe,
+sondern auch in der Gewalt des Flüchtigen fand, der, die Thür bemerkend,
+sie gerade aufriß, als Don Manuel den Schlüssel gehoben hatte, ihn in
+das Schlüsselloch zu schieben.
+
+Der Chilene stand da wie vom Schlag gerührt, und die Überraschung lähmte
+ihm wirklich im ersten Augenblick alle Glieder. Nicht so Morelos, dessen
+tollkühner Muth im Nu die sich ihm bietende Gelegenheit ergriff, den
+würdigen Caballero selber, der zu seinem Verderben hierher beordert
+worden, zu seiner Flucht zu benutzen.
+
+»Ha, Gott zu Gruß, Compañero,« rief er lachend, indem er mit der Rechten
+sein Messer halb aus der Scheide ziehend, dem zum Tod Erschrockenen mit
+der Linken auf die Schulter klopfte; »schon fertig mit der Besichtigung
+jener alten Zimmer? hahaha, Kamerad, es freut mich, Dich gerade jetzt
+hier zu finden, ich habe Lust zu einer Spazierfahrt, und _Du_ sollst
+mich begleiten -- Ruhe, Bursche, Ruhe!« zischte er drohend zwischen den
+Zähnen durch, als er sah, wie des Mannes Hand langsam nach dem Gürtel
+zu schleichen suchte, »die erste verdächtige Bewegung, und Du bist ein
+Kind des Todes -- _so_ und nun fort.«
+
+Und damit den Schlüssel aus der widerstandslosen Hand nehmend, ohne
+diesen jedoch aus dem Bereich seines Armes zu lassen, schloß er rasch
+die Thür hinter ihnen und schritt, seine Hand auf Don Manuels Schulter
+haltend, die steile Treppe nieder, die sie bald zur Außenthür brachte.
+
+Die dort postirten Wachen staunten nicht wenig, ihren Führer in solcher
+Begleitung zurückkomme zu sehen, Morelos war aber nicht der Mann, einem
+gewonnenen Vortheil auch einen Moment nur zu entsagen.
+
+»Zurück, Caballeros!« rief er barsch, als die beiden Wächter nach innen,
+jedoch wie im Zweifel, zuspringen wollten, und das Messer schaute
+drohend wieder aus seinem Versteck, »zurück, oder dieser Herr da ist
+eine Leiche -- freiwillig werde ich mich dem Gericht überliefern, und
+Don Manuel wird mich begleiten -- Sie aber gehen zurück und sagen das
+dem Herrn des Hauses -- wenn er mich zu sprechen wünscht, werde ich auf
+dem Polizeigebäude zu finden sein. -- Kommen Sie, Don Manuel,« und
+den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte, ob der
+entsetzliche Mensch Ernst mache mit seiner Betheuerung, schritt er mit
+ihm die Straße hinunter, während die Diener der Gerechtigkeit, vollkommen
+verdutzt durch das ernste, zuversichtliche Benehmen des Mannes -- dem sie
+überdieß nur zu gern aus dem Weg gingen, zurückblieben.
+
+Rasch schritten indeß die beiden Männer die kleine Straße nieder, die
+nach der Hauptstraße der Stadt zu führte, als sie eine der dort überall
+haltenden Droschken überholten.
+
+»Halt an, Kamerad!« rief Morelos, dem Kutscher winckend, »fünf Dollar,
+wenn Du mich, so rasch Deine Pferde laufen, die Almendral hinunterfährst
+-- hier, Dein Geld!« --
+
+»Darf nicht galoppiren, Señor,« sagte der Mann.
+
+»Trabe dann.«
+
+»Die Almendral hinunter?« frug Don Manuel erschreckt, dorthin lag nicht
+das Polizeigebäude, ein Blick seines Begleiters aber und ein leises
+Drücken von dessen Arm überzeugte ihn bald, wie er willenlos nur zu
+gehorchen habe. -- Sie stiegen ein, Don Manuel voran, aber ehe ihm
+Morelos folgte, hielt er sich einen Augenblick an dem Schlag des Wagens
+fest, er sah todtenbleich aus und es war augenscheinlich, wie er mit
+einem furchtbaren Schmerz rang.
+
+»Caracho, Señor!« rief der Kutscher, der sich nach ihm umschaute, »Sie
+sind verwundet.« --
+
+»Ich will eben zum Doktor, Amigo,« lächelte der Kranke, und sich
+gewaltsam zusammenraffend, hob er sich in den Wagen an Don Manuels
+Seite.
+
+»Fort, mein Bursche, fort -- und was die Pferde laufen können.«
+
+Der Kutscher hieb auf die Thiere und im scharfen Trab rasselten
+sie eben um die nächste Ecke, als von des Konsuls Haus die Verfolger
+niedersprangen.
+
+»Schneller -- schneller, Amigo.«
+
+»Ich darf nicht galoppiren, Señor.«
+
+»Ich zahle die Strafe, Freund -- Du weißt, Ärzte und Polizei dürfen,
+und Kranke werden dasselbe Recht haben.«[23]
+
+ 23: Es ist in Valparaiso nur der Polizei und den Ärzten erlaubt,
+ in der Stadt zu galoppiren.
+
+Der Peon hieb in die Pferde und die Thiere, selber gereizt durch das
+stete Strafen der Peitsche, griffen aus in vollem Carrière die Straße
+hinunter.
+
+»Halt an, Compañero,« schrie ein an der nächsten Ecke ihnen begegnender
+Polizist entgegen, und versuchte dem Wagen vorzuspringen, aber das
+Handpferd biß nach ihm und er fuhr zurück, während der leichte Wagen
+vorbeistob, als ob ihn die Winde führten.
+
+»Wo ist das Haus, Señor, die Almendral ist beinah zu Ende,« frug der
+Kutscher, die Zügel fest in der Hand, den Kopf halb herumwendend.
+
+»Weiter!« war die einzige Antwort, die er erhielt, und donnernde
+Hufschläge wurden schon hinter ihnen laut.
+
+Jetzt hatten sie das Ende der Stadt erreicht und über eine kleine Brücke
+hin donnerte der Wagen den letzten Häusern entgegen.
+
+»Ist es hier?« frug der Kutscher noch einmal, und wandte sich seinem
+wunderlichen Passagiere zu.
+
+»_Weiter!_« tönte die monotone Antwort -- aber die Worte klangen hohl
+und unheimlich.
+
+»_Weiter?_ -- ich fahre nicht weiter!« rief der Kutscher erstaunt, »hier
+ist meine Grenze.«
+
+»Du fährst,« sagte Morelos eintönig, und er hätte das Messer nicht
+gebraucht, das er aus der Scheide zog; der Blick, mit dem er dem
+entsetzten Rosselenker ins Auge schaute, trieb diesem das Blut als
+Eis ins Herz zurück.
+
+Wilder hieb er in die Pferde, den schrägen Hügel hinauf keuchten die
+Thiere, mit Schaum bedeckt, schnaubend und in die Zügel knirschend.
+-- Don Manuel sah sich um -- zehn oder zwölf Reiter waren in kaum
+hundert Schritt Entfernung hinter ihnen und ein rascher Satz aus dem
+Wagen konnte ihn jetzt aus dem Bereich seines Feindes bringen. Aber
+dessen Hand lag auf seinem Arm und ein eignes, unheimliches Lächeln
+spielte um seine Lippen.
+
+Die Pferde keuchten und schnoben den Berg hinan -- jetzt hatten sie den
+Gipfel erreicht, aber nur einen scheuen Blick warf der Peon zurück und
+hieb mit neuer Kraft auf die armen, schon zum Tod erschöpften Thiere.
+
+»Halt -- Caracho, verdammter!« schrie die Stimme eines der vordersten
+der Verfolger in wildem Grimm, »halt, oder ich reiße Dich mit dem Lasso
+vom Wagen herunter.«
+
+Ein Schlag mit der Peitsche auf die eigenen Thiere war die Antwort
+-- das blanke Messer lag neben dem armen Teufel von Peon und er
+fürchtete weniger die Drohung des Reiters, als den kalten, drohenden
+Stahl des entsetzlichen Fremden.
+
+Wieder zog sich der Weg eine kleine Erhöhung hinan, und der Kutscher
+hieb aufs Neue in seine Thiere, aber deren Kräfte waren erschöpft.
+Das Sattelpferd, mit dem kurzen Lasso am Gurt befestigt, wollte
+dem geschwungenen Arm entgehen -- noch einmal warf es sich mit der
+Anstrengung aller Sehnen vorwärts, aber die Glieder versagten ihm den
+Dienst, und wie es stürzte, war es nicht mehr im Stand, sich wieder zu
+erheben.
+
+In demselben Moment fast hielten die ersten Reiter neben dem Wagen, und
+zwei davon, mit geschwungenem Lasso heranreitend, wandten sich gegen
+den entflohenen Mörder.
+
+»Im Namen des Gesetzes!« rief der Erste, »Ihr seid mein Gefangener,
+Señor Morelos!«
+
+Don Manuel blickte scheu zu ihm auf -- noch immer ruhte seine Hand auf
+seinem Arm, und dasselbe kalte Lächeln spielte um die bleichen Lippen
+und stieren Augen -- er war _todt_.
+
+Die eigenen Pferde vor den Wagen spannend, und es dem Kutscher
+überlassend, seine abgehetzten und fast aufgeriebenen Thiere
+nachzubringen, sprengten die Polizeidiener mit der Leiche in die
+Stadt zurück.
+
+ * * * * *
+
+Sechs Monate waren seit jenem Tag verflossen -- es war Frühling in
+Valparaiso. -- Die Pfirsichen blühten und der Feigenbaum schoß seine
+saftigen Blätter; die Natur, durch eine lange Regenzeit wieder frisch
+gekräftigt, trieb und keimte in lustigen Knospen und Blumen, und die
+Vögel bauten ihre Nester der herrlichen Jahreszeit zu Ehren, und das
+große Fest einer neuen Auferstehung mit zu feiern in Liedern und Liebe.
+Warm und sonnig lag der junge Morgen auf der thaubedeckten Flur, und ein
+frischer Nachtregen hatte den Staub fortgewaschen von den Gräsern, die
+jetzt blitzten und funkelten in dem goldenen Licht.
+
+In der von Schiffen überstreuten Bai regte es sich ebenfalls von gar
+geschäftigem Leben. -- Boote und kleine Fahrzeuge schossen herüber und
+hinüber und besonders um ein mächtiges Schiff drängte die kleine Flotte
+bunt bemalter Nachen, Früchte und Provisionen an Bord zu schaffen für
+eine lange Reise.
+
+Von der Gaffel des nach London bestimmten Fahrzeugs flatterte lustig die
+englische Flagge; das Vormarssegel war schon gelöst, der zweite Anker
+schon driftig geworden und die Raaen flogen herum, die Schothörner der
+gelösten Segel wurden ausgezogen unter dem fröhlichen, jubelnden Singen
+der Matrosen, die ja _heimwärts_ gingen.
+
+Auf dem Quarterdeck des Packetschiffs standen alte, liebe Bekannte von
+uns, aber der Tod hatte eine tiefe Wunde in die Familienbande der armen
+Leute gerissen, und sie zogen heim, um zu versuchen ob vaterländische
+Luft den Schlag vernarben könne, der hier wieder und immer wieder
+aufbrach in bitterem Weh.
+
+Es waren Newlands, und vor zwei Monaten hatten sie ihr Töchterlein
+hinaufgetragen auf den stillen Gottesacker, zwischen die hohen
+beengenden Mauern, die den Schlummer der Todten bewachten.
+
+Bills Vater war wieder in See gegangen und sie nahmen den Kleinen mit
+nach England, ihn dort zu einem braven und wackeren Mann heranzuziehen
+-- bis sie selber der Todesengel abrufen würde.
+
+Heute Morgen noch hatten sie von dem blumengeschmückten Grab ihrer Jenny
+Abschied genommen und jetzt drückten sie dem letzten Freund die Hand,
+der in den letzten schweren Monaten nicht von ihrer Seite gewichen und
+Schmerz und Leid redlich mit ihnen, und oft, ach fast noch schwerer als
+sie selbst getragen hatte. -- Es war Stierna, der junge Schwede. Bill
+wollte den jungen Mann gar nicht von sich lassen, und die alte Dame
+hatte seine Hand gefaßt und flüsterte leise.
+
+»Und _ihr_ Grab?«
+
+»Ich kann ihm nicht den heimathlichen Boden geben,« sagte der junge Arzt
+mit halb abgewandtem Antlitz -- er wollte das Herz der alten Frau nicht
+noch schwerer machen als es war -- »aber ich will ihr hier eine Heimath
+von Blumen bauen, in der fremden Erde -- im _Tode_ wenigstens -- da es
+die _Lebende_ dem Freund verweigerte.«
+
+Der alte Mr. Newland drückte dem jungen Mann schweigend und tief
+ergriffen die Hand.
+
+»Señor, es ist Zeit,« sagte da der Bootsmann, den Stierna mit
+herausgenommen hatte in den Hafen, ihn zurückzubringen ans Land, wenn
+das Schiff unterwegs sein sollte -- die Segel waren gebläht und mit
+einer leichten, aber günstigen Brise stand das wackere Fahrzeug dem
+schmalen Eingang der Bai entgegen, den es in wenigen Minuten erreichen
+mußte.
+
+Stierna griff noch einmal den Knaben auf und küßte seine Stirn, seine
+kleinen, schwellenden Lippen, und das Herz wollte ihm fast brechen, wenn
+er in _die_ Augen schaute -- noch einmal drückte er die Hände derer, die
+ihm Vater und Mutter geworden waren in der fremden Welt, und wenige
+Minuten später schoß der stolze Bau, von den schwellenden Segeln
+geführt, hinaus in die freie, wogende, offene See -- im Heck des kleinen
+Bootes aber, die Augen in den fest dagegen gepreßten Händen bergend, saß
+der junge Arzt und weinte wie ein Kind.
+
+_Altenburg_, Druck der Hofbuchdruckerei.
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE
+
+The table of contents has been moved to the beginning. The spelling
+of names has been regularised and missing punctuation added. Obvious
+misspellings have been corrected. A few words appear in two different
+spellings; these have been retained. Some words now used with the
+accusative case were combined with the dative case in Gerstäcker's time;
+period usage has been retained where contemporary reference books show
+this to have been the case.
+
+The following additional changes were made; the original appears in the
+first line, the altered version in the second.
+
+
+ANMERKUNGEN
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang gesetzt. Namen wurden
+vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung ergänzt. Offenkundige
+orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Manche Wörter
+treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. In einigen
+Fällen treten Wörter heute mit dem Akkusativ auf, wurden zu Gerstäckers
+Zeiten aber mit dem Dativ verbunden. Wo sich das nachweisen ließ, wurde
+der damalige Usus beibehalten.
+
+Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen; das Original ist
+jeweils in der ersten, die geänderte Fassung in der zweiten Zeile zu
+lesen:
+
+ breitschlüchtiges
+ breitschlächtiges
+
+ die schon lange durgefeilten Eisenstäbe
+ die schon lange durchgefeilten Eisenstäbe
+
+ diesem selbst in seinen Plänen entgegenwirkt
+ diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt
+
+ gegen die Gewalt, die gegen ihm geschehen,
+ gegen die Gewalt, die ihm geschehen
+
+ Zwei Lootenfische
+ Zwei Lootsenfische
+
+ tiefer und tiefer senkte er sich in seinen Ringen
+ tiefer und tiefer senkte er sich in seinem Ringen
+
+ Sr. Excellenz führt den trostlosen Krieg
+ Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg
+
+ auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (...) hinunterklaffte
+ auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (...) hinunterkläffte
+
+ das monotone Picken der großen Wanduhr
+ das monotone Ticken der großen Wanduhr
+
+ »Ill' be damned if I did«
+ »I'll be damned if I did«
+
+ auf ihn auszuüber
+ auf ihn auszuüben
+
+ Sr. Excellenz, der Gouverneur
+ Se. Excellenz, der Gouverneur
+
+ das Erzählte mit Akkorden (...) seine Geige zu begleiten
+ das Erzählte mit Akkorden (...) seiner Geige zu begleiten
+
+ er hätte keins von alle diesem wissen mögen
+ er hätte keins von alle diesem missen mögen
+
+ ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schalten zu ihm nieder
+ ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder
+
+ ihrem ersten Aprall kräftigen Widerstand leistete
+ ihrem ersten Anprall kräftigen Widerstand leistete
+
+ und den Arm des also Überraschten, der gar nicht wußte (...)
+ und den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte (...)
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Wahnsinnige, by Friedrich Gerstäcker
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER WAHNSINNIGE ***
+
+***** This file should be named 33003-8.txt or 33003-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+electronic works
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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