diff options
Diffstat (limited to '32391-0.txt')
| -rw-r--r-- | 32391-0.txt | 11194 |
1 files changed, 11194 insertions, 0 deletions
diff --git a/32391-0.txt b/32391-0.txt new file mode 100644 index 0000000..86bf719 --- /dev/null +++ b/32391-0.txt @@ -0,0 +1,11194 @@ +The Project Gutenberg EBook of Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus tiefem Schacht + +Author: Fedor von Zobeltitz + +Release Date: May 15, 2010 [EBook #32391] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT *** + + + + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + Aus tiefem Schacht + + Roman von + Fedor von Zobeltitz + + + Stuttgart 1915 + Verlag von J. Engelhorns Nachf. + + + +Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten + +Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart + + + + +Erstes Kapitel + + +Hedda stand mitten unter dem Hühnervolk und sah mit andächtiger Miene +zu, wie die Magd das Futter auswarf. Der Hühnerhof war ihre besondere +Vorliebe, und für ihn verschwendete sie reuelos, was von den +Erträgnissen der kleinen Wirtschaft übrig blieb. Es gab da allerhand +sonderbares Getier, das mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine +sehr entfernte Ähnlichkeit hatte und das Hedda aus weither bezogenen +Eiern hatte ausbrüten lassen: ganz kleine, zierliche Geschöpfe mit +bronzefarbenem Gefieder und wieder riesengroße, mit breiten Federlappen +an den Füßen und buschigem Kamme, Perlhühner und solche aus Cochinchina, +Liliputaner aus Java und ähnliche Arten, die sich nicht leicht züchten +ließen und zärtlich behandelt sein wollten. + +Dörthe streute die Körner mit der rechten Hand unter das gackernde Volk, +während sie mit der Linken die Futterschwinge hielt. Die Verehrung für +das Hühnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das frische, +sonnenbraune, bildhübsche Gesicht der Dirne strahlte vor Vergnügen. + +»Der große Gottlieb frißt uns noch tot,« sagte sie, lachend ihre blanken +Zahnreihen zeigend. »Nee gnä’ges Fräulein – was _der_ fressen kann!! +Und den Zwerghühnern nimmt er immer ihr bißchen Futter weg; man merkt, +daß er ausländ’sch ist.« + +Hedda nickte. »Er ist nur gegen die eigne Art galant,« erwiderte sie; +»die Menschen machen’s nicht anders.« + +Dann fragte sie nach dem Vater Dörthes. Der war Stellmacher unten im +Dorfe und hatte sich kürzlich eine leichte Lungenentzündung geholt. Aber +es ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen – nun +brauchte er nicht mehr zu kommen. Morgen oder übermorgen konnte der +alte Klempt wieder an die Arbeit gehen. + +»Hat er denn viel zu tun?« fragte Hedda. + +»O ja, gnä’ges Fräulein,« entgegnete Dörthe lebhaft und klappte die +Futterschwinge aus, damit auch nicht das letzte Körnlein verloren gehe. +»Seit Kommerzienrats drüben wohnen, könnte er sechs Arme haben. Da +gibt’s immerwährend was!« + +Sie trieb die Hühner davon, die sie noch immer umringten und an ihr +emporzuflattern versuchten. + +Hedda schritt quer über den Wirtschaftshof und trat in den kleinen +Vorderpark, in dem das Rosenrundell in voller Blüte stand. Es war in der +fünften Nachmittagsstunde und noch ziemlich heiß. Aber das junge Mädchen +spürte von der Hitze nicht viel. Hedda behauptete, ihr kühles Herz +temperiere sie so völlig, daß sie gegen jede sommerliche Bosheit +geschützt sei. Sie gehörte zu jenen blonden Schönheiten, die in der Tat +eine beständige Frische auszuströmen scheinen. Obwohl sie erst Anfangs +der Zwanzig war, machte sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer +großen, stattlichen Gestalt und der vollen Büste hätte man sie für eine +junge Frau halten können. + +Auf der glasüberdachten Veranda des Herrenhauses blieb sie stehen und +schaute hinab auf das Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhöhe. Man +erzählte sich, der Großvater des jetzigen Besitzers, des Freiherrn von +Hellstern, habe ihn auf derselben Stelle erbaut, auf der ehemals das +alte Schloß gestanden habe. Das kannte man freilich nur noch der Sage +nach. Den Hellsterns war es ergangen wie manch anderm alten Geschlechte. +Die Ahnen hatten nichts übrig gelassen für die Nachkömmlinge. Freilich +– der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und bitter genug gewehrt +gegen den Untergang, mit Kraft und mit Zähigkeit, mit hartem Schädel und +beiden Fäusten. Aber schließlich hatte er doch den aussichtslosen Kampf +aufgeben und die Waffen strecken müssen. Das war mit vollen Ehren +geschehen, und die Leute sagten, er könne noch froh sein, daß +Kommerzienrat Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und daß +der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf der Scholle seiner Väter +verleben könne. Denn Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der +Kommerzienrat legte keinen Wert auf die halbverfallenen Baulichkeiten – +er wohnte drüben in seinem neuen Schloß, das mit glänzenden +Fensterreihen vom Auberge hinab zum Tale grüßte. + +Hedda hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Im Sonnendunst des +Tages verschwamm der kaum eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner +modernen Ritterburg in bläulich-grauen Nebelschleiern. Die ganze +Umgebung war reich an Wald und Höhen. Die Landschaft erinnerte mehr an +Thüringen als an die vielgeschmähte Streusandbüchse des heiligen +römischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmäßigen Kurven den +Horizont: weit ausgedehnte Kiefernforsten, die mit wunderschön +gepflegten, unter fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und +Eichenwaldungen wechselten. Durch die breite Talmulde, in deren Mitte +das Dorf Oberlemmingen lag, rann ein Nebenfluß der Oder, die kleine +Barbe, die aber zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen +konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich gleiche Hälften, und hüben +und drüben wuchsen aus flacher Sohle zwei Anhöhen empor, der Auberg und +der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof lag. + +Hedda trat in das Haus. Es war ein alter, viereckiger Kasten mit hohem, +schrägem Ziegeldach, so wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande +zu bauen pflegte. Und es war schon richtig: man spürte überall, daß das +Gebäude arg vernachlässigt worden war. Ställe und Scheunen hatte der +Freiherr stets in sauberster Ordnung gehalten, aber für das Herrenhaus +tat er nicht viel. Er war nicht verwöhnt, war mehr eine soldatische +Natur. Es war ihm herzlich gleichgültig, daß die alten Ledertapeten im +Speisezimmer immer schwärzer wurden, und daß in den Korridoren der Putz +von der Decke fiel – auch jetzt noch, wo er durch den Verkauf seines +Landbesitzes wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es gab immer +einen kleinen Kampf zwischen ihm und Hedda, wenn die letztere Handwerker +ins Haus bestellte, um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen zu +lassen. + +Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das freundlichste auf dem ganzen +Baronshofe. Es lag im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem +Ausblick auf den schönsten Teil des Parks, war groß, luftig und sonnig +und mit dem bunten Komfort eines Backfischchens eingerichtet, das sich +sein Heiligtum nach Möglichkeit hübsch zu machen sucht. + +Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites, tannenes Büchergestell ein. +Auf diese ihre Bücher war Hedda stolz. Es waren die Reste einer +stattlichen Sammlung, die einst ihr Urgroßvater, einer der Generale des +großen Friedrich, zusammengebracht hatte, meist französische Geschichts- +und Memoirenwerke, in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden zu +vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher Naivität über die +tollsten und albernsten Klatschgeschichten fortlesend. Zuweilen schaffte +sie sich auch von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie hatte +wenig Sinn für das Moderne; die Ritterromane Florians interessierten sie +mehr als die Belletristik der Zeitgenossen. + +Hedda war müde. Den halben Tag über hatte sie im Hofe gewirtschaftet. +Der Haushalt war nur klein, aber auch die wenigen Kühe, der Hühnerhof +und der Gemüsegarten verlangten Pflege, und sie hatte nur zwei Mägde und +einen alten Diener, der zugleich Knecht und Gärtner war, zur Hand. Sie +hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten. Heute früh war sie +schon vor fünf Uhr auf dem Posten gewesen; die »schwarze Marie«, ihre +Lieblingskuh, hatte ein Kälbchen zur Welt gebracht, früher, als man +erwartet, und darum hatte die Dörthe ihre Herrin so zeitig geweckt. + +Ja, sie war müde. Sie wollte ein wenig ausruhen. Das große Fenster auf +der Südseite reichte mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis +auf den Fußboden und war draußen halb mannshoch mit Eisen umgittert. Es +stand weit offen; schräg davor der Schreibtisch, sehr ordentlich +gehalten, mit den Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger +Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen großen Buschen gelber +Rosen enthielt. Hedda tauchte ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief +deren Duft ein und ließ sich dann in den mit licht geblümtem Cretonne +überzogenen Lehnstuhl fallen. + +Herrgott, war sie müde! Das kam nicht oft vor. Mit blinzelnden, halb +geschlossenen Augen schaute sie auf den Park hinaus. Die Glut der +Nachmittagssonne brütete über den Wipfeln der Bäume. Kein Windhauch +ging. Auf dem fahlgrünen Rasenfleck dicht unter dem Fenster stand ein +geborstener Sandsteinpfeiler mit einer Marmorplatte, auf der eine +Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes, weißes Huhn darauf +und schlief. Weiter hinten schimmerten helle Silbereschen durch das +dunkle Grün der Buchen; dort senkte sich mählich das Blättermeer. Der +Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz umgab ihn hier. Vom +Fenster aus konnte man über Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester +Kultur; der Kommerzienrat besaß eine tätige Hand. Die Ernte stand vor +der Tür; das gelbe Getreide zitterte in der Sonne. + +Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das Gelände. Dort rollte +ein offener Wagen daher, der Hedda aufmerksam werden ließ. Sie stand +auf, trat dicht an das Fenstergitter und spähte scharf in die Ferne. + +Wahrhaftig, sie täuschte sich nicht: es war der Wagen Schellheims, – +der Kommerzienrat, der erst vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurückgekehrt +war, wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen. + +Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem fürchtete sich Hedda ein wenig +davor. Ihr Vater konnte den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen +Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lächerlich – Hedda nahm in +dieser Beziehung dem alten Herrn gegenüber kein Blatt vor den Mund –, +aber mit der Tatsache mußte gerechnet werden. Es galt, den Vater +vorzubereiten. + +Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete hastig ihr Haar und eilte +dann flinken Fußes in das Erdgeschoß hinab. + +Der Baron saß bei der Arbeit – in einem großen, kahlen, gewölbten +Gemach, vor einem riesenhaften Tische aus weißem Tannenholz, in dessen +Platte ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel +Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der Alte Platz nehmen +wollte. Hellstern litt seit einigen Jahren an periodisch wiederkehrender +Ischias, die ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb den +merkwürdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt er saß, ringsum +von Bergen uralter Akten, Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor +sich ein Buch Papier, dessen einzelne Blätter er mit großen, groben +Schriftzügen bedeckte. + +Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, gesundem Gesicht, kurz +geschorenem weißem Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich trug +er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen blickten durch ihre +Gläser. Trotz mäßigen Lebens und vieler, erst in letzter Zeit durch sein +Leiden beeinträchtigter Bewegung hatte er schon frühzeitig das leibliche +Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen müssen: eine lästige +Korpulenz. Der Baron war, wenn er aufrecht stand, eine kolossale +Erscheinung – sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns und +falstaffischem Leibesumfang. In früherer Zeit hatte man Wunderdinge von +seiner Körperkraft erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen +Eiche. + +Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, hatte er sich mit +Leidenschaft auf ein andres Steckenpferd geworfen. Er schrieb im +Auftrage eines Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten von +der schwedischen Linie der Familie, an einer Chronik seines Geschlechts. + +Schon als junger Offizier, als sein Vater noch lebte und den Baronshof +bewirtschaftete, hatte er sich lebhaft für die Familiengeschichte +interessiert und an Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand. +Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die Langweile zu packen; +anfänglich nur, um seine Mußestunden auszufüllen, ging er an das Sichten +und Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Materials. Die +lateinischen Codices übersetzte ihm der Pastor, bei den französischen +und schwedischen Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder +Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings +schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen Kurfürsten seßhaft in der +Mark. Mit den Wrangels und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal +nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der Dauer dreier +Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache vergessen. Nun lernten die +beiden letzten Abkömmlinge jenes ersten Hellstjern, der unter dem +brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus Liebe zu ihrem +Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd klingende, melodiöse +Sprache der Ahnen. Sie lernten tapfer – Hedda sowohl wie der alte +Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit gleich +bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Die Akten +vergangener Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem antiquierten +Schwedisch, machten ihnen unendlich viel Mühe; aber sie rangen sich +durch und freuten sich wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg +staubiger Faszikel bewältigt hatten. + +Eines Tages war der Baron auf einen guten Gedanken gekommen. Das +vorhandene Material genügte ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im +Freiherrnkalender neben seinem Namen noch ein andrer stand, der +folgendermaßen lautete: Axel Freiherr von Hellstjern, geboren 18. Juni +1865 (Sohn des Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v. H., Gesandten +zu Kopenhagen, dann in Paris, und der Leontine, Gräfin von Hetfried), +Königl. schwed. Kammerjunker, Erbherr auf Jarlsberg, Valö und +Brennwolde.... Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern von der +schwedischen Linie, wie der Besitzer des Baronshofs der letzte der +märkischen Linie war. Jarlsberg – das wußte der Baron – hieß das +uralte Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben an der Felsküste +Schwedens, von weißem Meeresgischt umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit, +da man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt noch ungestraft +seeräubern konnte. In den Archiven der Burg schlummerte vielleicht auch +noch mancher litterarische Schatz, der für die Geschichte des +aussterbenden Hauses von Wichtigkeit war.... Der Freiherr schrieb an den +jungen Vetter. Lange blieb die Antwort aus. Dann trafen große Kisten +ein, mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin vollgestopft, und +dazu ein liebenswürdiger Brief des Herrn Axel: er habe alles +zusammengesucht, was er im Interesse der Chronik habe auftreiben können, +und stelle es dem werten Herrn Vetter mit Freuden zur Verfügung. Ja, +noch mehr: er nehme selbst einen so großen Anteil an der +Familiengeschichte, daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete +Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu Ehren des Hauses +Hellstjern verfassen könne. Gern willige er in ein Honorar von +zehntausend deutschen Reichsmark. + +Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er war ungeheuer reich. Und nun +gedachte der Baron, sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich +unter andern Verhältnissen sicher gegen die »Soldschreiberei« gesträubt, +aber der Gedanke an Hedda und ihre Zukunft unterdrückte seinen +törichten Stolz. Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. Er saß von +früh bis zum späten Abend an seinem wunderlichen Schreibtisch, beständig +rauchend und halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend, +prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand immer offen, und wenn ihn +draußen ein piepsendes Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so +warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann scholl seine Klingel +durch das Haus, und August, der Diener, mußte den Sprachschatz wieder +ins Zimmer holen. + + * * * * * + +»Puh,« sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, »Vater, dein Tabak +ist furchtbar! Die Pfeife qualmt ordentlich und – ich weiß nicht, +riecht denn jeder Tabak so stark?« + +»Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,« antwortete der Baron, ruhig +weiterschreibend; »aber der hat’s auch dazu, sich Havannazigarren +leisten zu können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich werde aus +der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute heißen alle Axel, und bei den +meisten folgt nicht mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein +bißchen!« + +»Nachher gern – jetzt geht’s nicht! Zupf dich ein wenig zurecht, +Väterchen – Schellheims sind auf der Visitentour. Ich habe ihren Wagen +vom Fenster aus erkannt ...« + +Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er sich bediente, warf ihn +hin und lehnte sich im Sessel zurück. + +»Sind nicht zu Hause, mein Kind,« sagte er ruhig, nachdem er einen +neuen, tiefen Zug aus seiner Pfeife genommen hatte; »August soll’s den +Herrschaften melden – damit sela.« + +»Nein – nicht sela,« widersprach Hedda, setzte sich auf den +Schreibtischrand und strich ihrem Vater über die Stirn. »Du wirst +vernünftig sein, lieber Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die +kommerzienrätliche Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen.« + +»Ich kann sie nicht leiden,« grunzte der Freiherr und zog die Nase +kraus. + +»Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut abgekauft hat?« + +»Er hat geschachert wie ein Mühlendammer!« + +»Das gehört zu seinem Beruf. Er ist nun mal Kaufmann.« + +»Hemdenfritze!« + +»Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder goldene Manschettenknöpfe, +ist gleichgültig; jeder ehrliche Erwerb verdient Achtung.« + +»Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten an, Hederle!« rief +der Alte halb ärgerlich, halb lachend. »Was du immer für grüne Weisheit +im Schnabel führst! ...« Er rückte an seinem Stuhl. »Also meinetwegen! +Um deinetwillen! Kommt er mit Gattin?« + +»Weiß nicht. Aber jedenfalls! Die Dörthe erzählte, es sei Besuch auf dem +Auberg. Vielleicht sind die Söhne da.« + +Ein neues Grunzen des alten Herrn. + +»Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den August! Muß ich mich erst +umkleiden?« + +»Ich würde es schicklich finden, wenn der Baron Hellstern seine Gäste +in –« + +»Im Bratenrock empfangen wollte!« fiel der Baron ein. »Ich lass’ schon +alles über mich ergehen. Gott, diese Umstände!« + +Er stöhnte, ächzte und grunzte noch lange. Aber es half ihm nicht viel. +Hedda verstand, mit dem Alten umzugehen, und August auch. Der letztere +war dreißig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich geworden. Er +stöhnte, ächzte und grunzte genau soviel wie sein Herr und konnte auch +ebenso grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste und ehrlichste +Seele, eines der aussterbenden Exemplare des dienenden Geschlechts. + +Auf seinen beiden Krückstöcken humpelte der Baron, von Hedda gestützt, +in sein Schlafzimmer. Das war ein merkwürdiger Raum, ein wahrer +Tanzsaal, aber fast ohne Möbel. In der Mitte stand ein schmales, +eisernes Bettgestell mit einigen Decken. An den Fenstern hingen keine +Gardinen; in der Nacht schloß man die Läden von draußen, die herzförmige +Öffnungen hatten und die Spuren von Schrotladungen zeigten. + +August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus. + +»Nicht so reißen, du Esel!« brummte Hellstern. + +»Das Ding ist zu eng,« gab August unwirsch zurück. »Ich kann nicht +davor, daß der Herr Baron immer dicker werden! Das Marienbader hat auch +nichts genützt.« + +»Weiß ich allein. Halt keine Reden!« + +»Wenn der Herr Baron fragen, muß ich antworten.« + +»Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es ist wahr – ich werd’ immer +dicker. Hedda muß die Knöpfe noch ein Stück weiter vorsetzen. Ich kriege +das Ding nicht mal mehr zu.« + +»Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen,« meinte August. »Es +sieht ja besser aus. Aber die gestrickte Weste würd’ ich nicht +anbehalten –« + +»Ich tu’, was ich will. Die Weste bleibt drunter. Ich bin kein Popanz +und kein Modegigerl. Drück mal von hinten ein bißchen nach, dann geht +der Rock schon zu ... Hupla – na, siehst du wohl!« + +Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der über dem Waschtisch hing. Er +gefiel sich ganz gut. Aber in Wahrheit sah er weniger hübsch als grotesk +aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine eigentümliche +Biedermaierfasson, umspannte den Oberkörper und den mächtigen Leib in +ängstlicher Faltenlosigkeit und strebte von den Hüften an wie das Kleid +einer Bäuerin nach auswärts. Dazu trug der Baron dunkle, gestreifte +Beinkleider von außerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel. + +Hellstern lächelte, als er sein Ebenbild im Spiegel erschaute. + +»Wie ein Elefant,« meinte er schmunzelnd; »man kann auch Dickhäuter +sagen. Aber dennoch ganz stattlich. Das Halstuch, August!« + +»Erst setzen!« antwortete dieser und schob dem Baron einen massiven +eisernen Stuhl zu, auf dem sich Hellstern wuchtig niederließ. Dann +schlang August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze Tuch um den +Hals und steckte vorn eine goldene Busennadel hinein; Hedda hatte sie +aus einem Ohrring der seligen Mutter anfertigen lassen. + +Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats vor die Veranda. +August beeilte sich, den Schlag öffnen zu helfen. Er trug einen +verschossenen blauen Rock mit versilberten Knöpfen. Der reich +galonnierte Diener des Kommerzienrats, der neben dem Kutscher gesessen +hatte, war ihm bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein wenig von +der Seite an. Das ärgerte August. Er gab dem Livreekollegen einen +kräftigen Schubbs und stellte sich neben den Schlag. + +Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge Herren sprangen zuerst aus +dem Wagen, Hagen und Gunther, die Söhne des Kommerzienrats, beide in +Gehröcken und blanken Zylinderhüten. Dann kam die Mutter, eine +zierliche, kleine Dame von sympathischem Äußern – dann der Rat selbst, +untersetzt, mit gefälligem Embonpoint, das kluge Gesicht nach englischer +Sitte bis auf einen kurzen, auf der halben Backe wie über einem Lineal +abgeschnittenen grauen Bart glatt rasiert. + +Die Begrüßung seitens Schellheims war lebhaft und herzlich, seitens +seiner Frau liebenswürdig reserviert. Die Söhne hielten sich zurück, die +Zylinder im Arm, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Hedda gab +jedem die Hand und führte den Besuch sodann in das Wohnzimmer. + +Hellstern war noch nicht anwesend, aber man hörte im Korridor bereits +das gleichförmige Geräusch, das das Aufstoßen seiner Stöcke auf dem +Fußboden hervorrief. + +Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit strahlendem Gesicht und +rascher, pendelnder Armbewegung entgegen. + +»Mein sehr verehrter Herr Baron – ich freue mich herzlich – ich freu’ +mich von ganzem Herzen ...« + +»Lieber Herr Kommerzienrat!« Hellstern drückte Schellheim so kräftig die +Rechte, daß dieser am liebsten mit einem energischen Donnerwetter +geantwortet hätte, küßte sodann der tief herniederrauschenden Rätin die +Hand und sagte den jungen Herren »Guten Tag«. + +Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung im Fluß. Schellheim war +ein weltgewandter Mann, bei dem nur zuweilen, in seltenen +Ausnahmefällen, die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen +Anfängen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die große Lebhaftigkeit, mit +der er, von ausdrucksvollem Gebärdenspiel unterstützt, sprach und +agierte, ließ dies nicht sonderlich auffallen. + +Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte Anrede hin pflegte sie +etwas zu sagen, mit einer Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich +und melodiös klang. Auf Hedda machte die Rätin einen sehr angenehmen +Eindruck. Sie war nicht hübsch, aber chic und vornehm. Sie mußte auch +bedeutend jünger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet, als er +bereits ein gemachter Mann war und seine Verhältnisse es ihm +gestatteten, in eine »gute Familie zu kommen«. Er war immer +liebenswürdig zu ihr, aber nie gütig. Ihre Bescheidenheit mißfiel ihm +zuweilen; er hätte sich eine glänzendere Repräsentantin für sein +Hauswesen gewünscht. Ihrer feinen musikalischen Bildung und ihrer +Verehrung für Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen Einfall +gekommen, seinen Söhnen die Namen Hagen und Gunther geben zu lassen. + +»Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen blutdürstigen Eindruck,« +bemerkte Herr von Hellstern lächelnd, als das Gespräch sich dem +Wagnerianismus zuwandte; »im Gegenteil ...« + +Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht, obschon nicht von ihm +die Rede war. Er war schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein +Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen belebten das etwas blasse +Gesicht. + +Der »grimme Hagen« schlug mehr dem Vater nach. Er war ebenso lebhaft wie +dieser in Sprache und Bewegungen und zog den Mund ein wenig schief, wenn +er lächelte. Er war auch der ganze Stolz seines Erzeugers, der Leiter +der Fabrik und Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz seiner +Lebemannsallüren. Gunther war aus der Rasse gefallen. Er hatte keinerlei +merkantile Neigungen und galt für einen Gelehrten. Er war +Literarhistoriker. + +Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er studiere, und befand sich +bald in angeregter Unterhaltung mit ihm. Gunther erzählte, daß er es +bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität gebracht habe, und +daß seine Spezialität die höfische Dichtung des Mittelalters sei. +Insofern mache er auch seinem »ihm wider Willen« gegebenen Vornamen +Ehre, als er sich mit besonderem Eifer auf die Erforschung des +Nibelungenliedes geworfen habe. Er führte noch einige Lyriker und +Didaktiker aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die Hedda +ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur von Walter von der Vogelweide, +von Tannhäuser und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört. + +Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte sagte. Er hatte so eine +nette Art, sich auszudrücken, und das weiche, sympathische Organ seiner +Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien sichtlich erfreut zu +sein über das Interesse, das Hedda ihm und seinem Studium +entgegenbrachte. Unwillkürlich hatten die beiden während ihrer +Unterhaltung sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen. Sie standen +in einer Fensternische, während die andern sich um den Sofatisch +gruppierten. + +Der Kommerzienrat führte im Augenblick das Wort. + +»Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr Baron,« sagte er, den +ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten hoch in der Luft, »die Quelle +soll in der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das könnte ’ne große +Sache werden! Was meinen Sie, wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad +machten?!« + +»Bleiben Sie mir vom Leibe!« rief der Baron zurück. »Ein Bad – na, das +fehlte noch! Bin froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen! +Übrigens glaub’ ich das noch nicht recht – das mit der Quelle. Wo soll +sie sein – an der Grauen Lehne?« + +Schellheim nickte eifrig. + +»Ja – an der Grauen Lehne, im Möllerschen Gehölz,« antwortete er. »Man +hat sie gar nicht beachtet – was versteht der Bauer vom Gurkensalat! +Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt während der großen Ferien bei +Möller im Gasthof eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung +aufgefallen, mit der die Quelle aus dem Boden sprudelt, – wissen Sie, +ich habe mir das Dings angesehen, es moussiert förmlich – wie eine +Pommery ... Und da hat er denn einen befreundeten Chemiker darauf +aufmerksam gemacht, der hat das Wasser genauer untersucht. Was soll ich +Ihnen sagen, mein bester Herr Baron, – der Mann hat Kohlensäure und +Eisen konstatiert und Möller angeraten, die Quelle schleunigst fassen zu +lassen.« + +Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich dann über den Leib. + +»Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,« meinte er; +»vielleicht ist unser heimisches Wässerchen wirkungsvoller.« + +Schellheim lachte. + +»Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen +brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches +Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das wäre doch wirklich famos! +Ich hätte große Lust, dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen. +Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.« + +»Eh – na – warten Sie’s ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern +kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und +namentlich der alte Möller, – der hat’s faustdick hinter den Ohren ... +Offen gestanden, ich wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem +Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist’s aus, wenn wir erst Badegäste +hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer +unwirsch von der Seite an.« + +»Das ist egoistisch, lieber Baron –« + +»Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich bin glücklich in meiner +Einsamkeit. Hab’ neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen, +der nennt die Einsamkeit ein ›vornehm’ Land‹. Und, weiß Gott, der Poet +hat recht! Ich möchte mir nicht gern mein letztes Eckchen ›vornehm’ +Land‹ rauben lassen.« + +Der Kommerzienrat verzog den Mund. + +»Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron – aber die Einsamkeit +widerspricht dem Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten im +Menschentreiben stehn.« + +»Oho – haha – Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jüngsten Ihrer +Nibelungen, ob er im Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! Und +lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner Zeit.« + +Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen +Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend: +»Ach nein, Herr Baron – den Gunther muß man als Sonderling beurteilen. +Der ist am glücklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekümmert, und +selbst seine Forschungen hält er ängstlich geheim.« + +»’s ist so,« fiel Schellheim ein, während die beiden in der +Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen, sondern +nur zuweilen mit leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; »ich +bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft und Kunst – +ah, nun ja – ganz gewiß! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die +Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mühen +herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen möglicherweise ein paar +Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? – Ich bitte Sie, die +ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen, +sind doch eigentlich nur Füllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der +Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger +der Lebenden,« wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck +besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine +Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: »Ich +hätte ja am liebsten gehabt, Gunther hätte gleichfalls die kaufmännische +Karriere ergriffen. Er wollte nicht – schön – ich bin kein Rabenvater. +Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht +Mediziner? Meinethalben bloß Theoretiker – Anthropologe, Bazillenmensch +– die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre +Untersuchungen nützen der Gesamtheit.... Nein – er wollte partout ein +Bücherwurm werden –« + +»Und fühlt sich recht wohl dabei,« warf Gunther ein. Er war aus der +Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er +lächelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel. +»Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr +von Hellstern,« wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; »ich +begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver +Tätigkeit wohl fühlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich +Geschmack abgewinnen. Ich höre übrigens, daß Sie mit einer Geschichte +Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr Baron, und sich in +umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen +irgendwie dienlich sein kann –« + +»Merci, Herr Doktor – sehr liebenswürdig,« entgegnete Hellstern; »das +Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas +besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern +an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?« + +»Leider nein,« erwiderte die Rätin seufzend, und ihr Gatte fiel ein: +»Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurück, die Jungen ...« +Er klopfte Gunther auf die Schulter. »Ich hab’s nicht böse gemeint – +#de gustibus# und so weiter. _Mir_ würde das Herumwühlen in alten +Scharteken den Appetit verderben. Da lob’ ich mir noch die Musik. +Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?« + +Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen +ihr und der Rätin über den vergötterten Meister und seine Musik. Da +wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, daß +Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins +seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau +Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum. + +Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen plauderte. Sein +Urteil über die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter +Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen Großstädten hundertfach +findet; die Frau unterdrückt, nicht uneben; aber von sklavischer +Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach +Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann und Kulissenjäger spielt – und +Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron +noch am besten, obschon auch er für grüblerische Gelehrtentüftelei wenig +übrig hatte. + +Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser +Gelegenheit erfuhr Hellstern, daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich +gänzlich auf der »Auburg« – so hatte er sein Schloß getauft – +festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterführen. + +»Ich möchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft +befassen,« sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerüstet. »Es macht mir +Spaß – möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute +Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, – stehen Sie mit +dem Möller auf gutem Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?« + +»Auf gar keinem,« erwiderte Hellstern ziemlich kurz. »Aber, falls Sie +mit ihm in Verbindung treten sollten – #attention!# Es ist ein brutaler +Schlaukopf.« + +Schellheim lachte. + +»Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron,« sagte +er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch +einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das +alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser +viel mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er sei überhaupt nicht +für den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ... + +August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schäbig aus neben den +frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der +Viktoria. Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute vom Auberg +imponierten ihm durchaus nicht. + +Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat winkte noch wiederholt mit +seinem abgezogenen Handschuh aus dem Fenster. + +Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten Geschirr sich sehr +stattlich ausnehmenden Fuchsgespann lange nach. + +»Solche Karrossiers hab’ ich mir mein Lebtag nicht gegönnt,« sagte er zu +Hedda. »Hübsche Gäule und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es +im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die Krämer die Sieger und wir +vom Adel die Besiegten. Das war ehemals anders.« + +»Freilich,« entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, »’s ist leider immer +so in der Weltgeschichte. Hammer und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm +sind die Schellheims noch nicht.« + +»Na, es geht,« erwiderte der Baron etwas mürrisch. + + + + +Zweites Kapitel + + +Am Westausgange des Dorfes wohnte der Vater Dörthes, der Stellmacher +Klempt. Man mußte einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem +mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das heißt, es war +eigentlich kein richtiger Garten, denn es blühten nur wenige Blumen +darin – ein paar Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun +standen –, alles übrige war Wiese und Kartoffelland. Dicht am Hause +hatte Klempt sich eine kleine Baumschule angelegt. Das war seine +besondere Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern nur +einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien und Pfirsiche und ein paar +hochstämmige Rosen, seine Sorgenkinder, die er im Winter durch +Moosumhüllung und eine Panzerung von stachligem Wacholderbuschwerk vor +den Angriffen hungriger Hasen schützte. + +Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der sich durch mancherlei +Ungemach des Lebens zu einer gewissen philosophischen Resignation +durchgerungen hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph von +eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich von den andern zurückhielt +und auch den abendlichen Zusammenkünften in der Krugwirtschaft +fernblieb, daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast beständig +auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich in eine sonderliche +Gedankenwelt eingesponnen, die er mit Emsigkeit pflegte, und in der er +mit ganzem Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende Kinder +hinsterben sehen. Die Dörthe war seine Letzte, aber er hatte es nicht +gelitten, daß sie ihm die Wirtschaft führte. Sie sollte »die Welt kennen +lernen«, wie er sich ausdrückte, und das fing damit an, daß sie auf dem +Baronshofe in Dienst trat. Da Klempt indessen in seinem Haushalt der +weiblichen Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm er seine einzige, +unverheiratete Schwester Pauline zu sich. Das war ein langes, hageres +Weibsbild, fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und mit +glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger großer Schönheit tragenden +Gesicht. Die Pauline paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches +Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und pflegte sich nur durch +ein eigenartiges Gebärdenspiel mit ihm zu verständigen. Sie war eine +brave Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern und +Traumdeutungen kramend, männerscheu und von nervöser Empfindlichkeit, +aber auch fleißig und sorgsam im Haushalt. + +Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch er liebte es nicht, viel +Worte zu machen. Dafür las er gern, besonders an den Winterabenden, und +zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher, doch nie Romane, +für die er nichts übrig hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der +Kantor liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; bei der +Arbeit verdaute der alte Klempt sodann seine Lektüre. Das war ein Genuß +für ihn. Saß er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug die +Speichen eines Rades ein, daß es weithin dröhnte durch das stille Dorf, +so arbeitete nicht nur seine fleißige Hand, sondern auch seine +Phantasie. Da war er mit Stanley in Afrika, unter den schwarzen Heiden +und Menschenfressern, oder mit irgend einem Missionar an den Ufern des +Ganges, oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen Kopf über +die Greuel des Dreißigjährigen Krieges und berauschte sich an dem +Freiheitsdurst der Griechen. In seinem groben Bauernhirn blieben +naturgemäß nur die außerordentlichen Ereignisse haften, aber die Lust am +Reflektieren, auf die ihn sein einsames Leben hinwies, hatte doch +allgemach seine Anschauungsweise geläutert; er verglich gern, +kritisierte auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit auf die +Gegenwart. + +Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von der Tür seines Häuschens, +hatte die Hände gefaltet im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer, +das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte. Man sah ihm die kaum +überstandene Krankheit an. Er war recht hager geworden, und noch stärker +und zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart, der seine +Wangen umrahmte. Aus dem braunen Gesicht blickten zwei hellblaue, +treuherzige Augen; die von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen +Lippen waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel, in dem +gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein wenig. Das Rauchen hatte ihm +der Arzt strengstens verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am +meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein. + +Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. Die weißen Lämmerwölkchen +am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des +alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette +Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein leises, melodisches Läuten; der +Schäfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim. + +Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick stehen und schaute +nach dem Himmel, um zu sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu +gewärtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden +Stimme, die allen Tauben eigen ist: + +»Komm ’rein, August; es fängt an, kühle zu werden.« + +Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern +wies hinüber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mädchenstimme das +Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. Sie hatte Urlaub +erhalten, den Vater und den Bräutigam zu besuchen, trug ihr +Feiertagskleid aus geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den Hals. + +»Holla, Vater,« rief sie schon von weitem, »bist du noch draußen? Und +hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der +Stube sein?« + +»’s ist ja so schöne,« antwortete Klempt lächelnd, und als er den +Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte er fragend hinzu: »Ist denn heute +Kirmes, daß du dich so fein gemacht hast?« + +Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand. + +»Ich will mal zu Fritzen gehn,« entgegnete sie. »Heut ist ’was los im +Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat +ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie +alle zusammen.« + +»Hab’s auch schon gehört,« meinte Klempt; »ein Wunderwasser, das Kranke +gesund machen soll. ’s käm’ mir zunutze.« Er schüttelte den Kopf. »’s +wird bloß wieder so ein Gerede sein,« fuhr er fort; »die Leute reden +viel ...« + +Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tür. + +»Ja, ich komme,« sagte er nickend. »Hast du’s so eilig, Dörthe? Wirst +schon noch frühe genug im Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!« + +»Aber nicht lange,« antwortete Dörthe. Doch sie trat mit den beiden in +das Stübchen, das vom Glanze des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein +schien. + +Pauline bereitete das Abendbrot, während sich Dörthe, die Hände auf die +Hüften gestemmt, vor ihren Vater stellte. + +»Wie fühlst du dich denn?« fragte sie. + +Er winkte mit der Hand. + +»So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich drauf! ’s ist ’ne Narretei +vom Doktor, daß er mir noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das +einzigste, was mir noch fehlt.« + +»Solange du noch hustest, darfst du’s nicht,« erklärte Dörthe. »Vater, +ich riech’s, ich rieche gleich, wenn du geraucht hast. Du mußt doch +parieren. Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, was er +befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum Fenster hinausgeworfen.« + +Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich. + +»Na, ja doch,« sagte er. »Es dauert alles so lange. Und dabei hab’ ich +mehr zu tun, als mir lieb ist!« + +»So nimm dir doch noch ’nen Gesellen, Vater! Ich hab’ dir’s schon ein +paarmal gesagt!« + +»Ach was, daß er bloß ’rumlungert! Was tut denn so ’n Junge! Bis jetzt +bin ich alleine fertig geworden und werd’s auch noch länger werden! +Kotzschock, ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl Besuch auf dem +Baronshof?« + +»Ja, die von drüben. Die Söhne auch ...« Dörthe schnitt eine Grimasse +und lachte schelmisch. »Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den +ältesten! Da soll’s hinaus!« + +»Da käm’ wieder mal Geld ins Haus! Die drüben messen’s nach Scheffeln. +Aber ob der Baron will?« + +»Warum denn nicht?« + +»Na, er ist doch so stolz!« + +»Ist er nicht,« erklärte Dörthe kopfschüttelnd. »Und dann macht das +Fräulein doch, was sie will. Aber ich will nichts gesagt haben. Die +Hanne meint auch, das würde was werden.« + +»Was sagt denn August?« + +»Den hab’ ich gefragt. Da ist er mir aber grob gekommen. Der ist grob +wie Bohnenstroh, Vater. Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint’s +noch zu gefallen.« + +»Hast du ihm meine Rechnung gegeben?« + +»Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich hoch, da wart’ ich +lieber bis zum Ersten und geb’ sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der +Alte seine Pension und Zinsen und so was. Da wart’ ich lieber.« + +»Wart ruhig,« stimmte der Stellmacher zu. »Die gehn mir nicht durch. +Sind sie denn immer noch gut zu dir?« + +»Ja, sehr! Das Fräulein besonders – na, die ist ja immer gut! Den Alten +kriegt man kaum zu Gesicht. Er hat’s wieder so schlimm in den Füßen, +sagt August. Aber nu geh’ ich, Vater! Ich muß doch hören, was es im +Kruge gibt.« + +»Verzähl’s mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du, Dörthe, und bedenk’s dir +mit Möllers Fritze ...« + +Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, so daß er den Satz nicht +beenden konnte, und sprang aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die +Arme, die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen Käses und der +Leinölflasche entgegenkam. + +»Herrjeses,« sagte Pauline, »so sieh dich doch vor! Hast du letzte Nacht +was geträumt?« + +Dörthe nickte. + +Die Tante wurde wißbegierig. + +»Von was denn?« + +Dörthe tippte auf die Flasche. + +»Von Leinöl?« fragte die Tante verwundert. + +Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel. + +Die Augen Paulinens wurden immer größer. + +»I – auch von Quark?« + +Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung in der Luft. + +»Ach so,« sagte die Tante, »zusammengerührt – Leinöl und Quark ...« + +Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der Futterkiste in der Ecke +stand. + +»Bei Licht?« fragte die Tante. + +Dörthe tippte an das Bassin. + +»Was?« rief Pauline. »Mit Petroleum? Leinöl und Quark und Petroleum? Wo +soll ich denn das im Traumbuche finden! I – du willst mich wohl bloß +zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe, du machst dich immer lustig +über mich, aber ich will dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von +einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen. Das gibt Unfrieden +im Hause. Sieh dich vor mit dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon ...« + +Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie ärgerlich wurde. + +»Laß mich in Frieden, Tante!« rief sie zurück, gar nicht daran denkend, +daß Pauline sie nicht verstehen könne, und eilte hinaus, den Gartenweg +hinauf, auf den Dorfplatz. + +Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und +auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt +zurückgestrichen war, lag eine schwere Falte. + +Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war +doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte +von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und von der Tante erzählte +man sich, daß sie einstmals der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der +aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß gegen alles, was +im Kruge wohnte ... + +Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine +Schar Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt, drehten sich im +Kreise und sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen: + + »Ich steh’ auf einem hohen Söller, + Ich steh’ in einem tiefen Keller, + Heisa dusematee! + Fängst du mich, + Lieb’ ich dich, + Aber nee, du kriegst mich nich – + Heisa dusematee!« + +Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein +Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon +mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend, +denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge +sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen +Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden. + +Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren +Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause. + +»Willst du auch in den Krug, Kleine?« fragte er. + +»Versteht sich,« entgegnete sie, »so gut wie du. Bist du mal wieder in +Oberlemmingen?« + +»Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei +sein ...« Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter +das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon. + +Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte sie schon, daß er sie +immer »Kleine« nannte. Er bildete sich viel darauf ein, daß er ganz +städtisch geworden war, und schaute die Bauern über die Achseln an. Seit +drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt und kam nur dann und wann zu +Besuch nach der Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber +Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß er schon einmal unter der +Anklage der Begünstigung betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft +genommen und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen worden sei. Er war +übrigens ein sehr hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und wenn +er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, hätte man darauf +schwören können, daß er der beste und treuherzigste Bursche unter der +Sonne sei. + +Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den Krug, sondern hinten +herum, durch die Küche. Hier brannte schon Licht, und die alte Möllern +hantierte geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem nahen +Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß Grog bestellt. Die Möllern +war eine große und starke Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer +Siebzig noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte mit roter Glut +ihre harten, ausgearbeiteten Züge. + +»’n Abend, Mutter Möllern,« sagte die Dörthe beim Eintritt in die Küche. +»Ist der Fritz nicht hier?« + +Die Alte zog eine Schulter hoch. + +»Im Keller,« antwortete sie, »er zappt ab; ’s is ja heute wie eine +Volksversammlung da drinne’!« + +Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit Dörthe gegenüber, +der sie es nicht vergeben konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt +hatte. Denn die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die +Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten sie, es sei nicht +nötig, daß er sich nach einer Frau umschaue, solange sie selbst noch mit +Hand anlegen könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein Mädel +ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. Fritz konnte Besseres haben. + +Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen sollte, als sie den +dicken, blonden Wirrkopf Fritzens aus der Kellerluke auftauchen sah. +Eine Falltür führte von der Küche aus direkt in den Keller, und wenn sie +offen stand, wie jetzt, roch es immer nach Hefe und schalem Bier. + +Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigen Henkelkorb mit Bierflaschen. +Er war ein riesiger Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern +fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte er einfach einmal aus +dem Fenster geworfen; wer in der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen +wollte, mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem dicken und +gesunden Gesicht lag der den Möllers eigne Zug von Treuherzigkeit und +gutmütiger Gesinnung. + +»Ach, Dörthe, du bist’s,« sagte er, stellte einen Korb hin, wischte mit +der Handfläche seiner Rechten rasch über seine blaue Schürze und +begrüßte sodann seine Braut. »Möchtst wohl auch wissen, wie’s wird?« + +»I nu ja,« erwiderte das Mädchen lächelnd. »Es wird ja so viel davon +gesprochen. Der Albert ist auch schon hier.« + +»Weil er der einzige is, der was davon versteht,« bemerkte die Alte. »Er +hat auch schon ’ne Bank hinter sich, sagt er ...« + +Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert »’ne Bank hinter sich« +habe, aber Fritz ließ ihr zum Grübeln nicht lange Zeit. + +»Trag immer ’rein,« sagte er und schob ihr einen der Körbe unter den +Arm; »heut könnte man zwanzig Hände haben!« + +Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe. + +So voll war das Krugzimmer allerdings selten. Aus der Mitte der +weißgekalkten Decke hing eine alte Petroleumlampe herab, die den großen +Raum nur notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und Winkeln +schwarze und dämmergraue Schatten lagen. Nur auf dem Schenktische stand +noch eine zweite Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen, +ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste noch erleben. +Rastlos liefen die scharfblickenden Augen unter den buschigen weißen +Brauen umher, und immer war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er +fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er hatte genau im Kopfe, +wieviel ein jeder getrunken hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben, +seine Rechnung stimmte doch. + +Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern, die reichsten im Dorfe, +hielten zusammen. Da war zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der +Krugwirtschaft gegenüber an der Chaussee lag, dann der einäugige +Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, der weder schreiben noch +lesen konnte; ferner der kleine Raupach, ein ungemein bewegliches, +leicht aufbrausendes Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner käsigen +Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich »Schlippermilch« genannt wurde. Noch +einer saß am Tische der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller, +der Bertold. Der war Kaufmann geworden und betrieb ein Kurzwarengeschäft +in der benachbarten Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der +Möllerschen Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein wenig +verwachsen und trug auch eine Brille, hinter der ein Paar dunkle Augen +listig und lebhaft funkelten. + +An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute Platz genommen: der +Krämer Thielemann, die Kossäten Bachert, Maracke und Klauert und eine +Anzahl Taglöhner, Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen saß +der Förster Damke allein in seiner Sofaecke, trank Grog und las dazu die +Inserate im »Zielenberger Kreisblatt«. + +Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht allzu lebhaft zu. Die +meisten unterhielten sich mit nur halblauter Stimme. Erst als die Tür +aufging und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins Zimmer trat, +wurde es lauter. Bertold rief seinen Bruder sofort an den Tisch heran, +wo Albert jedem der Bauern die Hand reichte. + +»Warst du beim Kantor?« fragte Bertold, an seiner Brille rückend, eine +ihm eigentümliche Bewegung. + +»Ja,« entgegnete der andre nickend. »Der Professor hat geantwortet. Es +hat seine Richtigkeit. Die Quelle ist großartig, sage ich dir, +Bertold ...« + +Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern mitten im Satze ab. Es +schien, als wolle er seine Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten +preisgeben. + +»Wie ist’s denn eigentlich ans Licht gekommen mit der Quelle?« fragte +Langheinrich. + +»Ganz einfach,« und Albert erzählte zum zwanzigstenmal die Geschichte +der Entdeckung. Der Lehrer aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau +und Kindern während der großen Ferien im Kruge eingemietet hatte, um +hier eine billige Sommerfrische zu genießen, war häufig in dem +Buchenwäldchen auf der Grauen Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er +denn eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen unter +Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein Wässerchen entdeckt, das mit +auffallend starkem Geräusch zutage trat und zugleich Tausende von +kleinen zierlichen Perlen und Bläschen bildete, – »so wie beim +Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?« erläuterte Albert das +Phänomen. Jedenfalls erschien dem Lehrer die kleine Quelle interessant +genug, um den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam zu +machen. Der Professor analysierte das Wasser denn auch und sandte seinen +Bericht dem Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, den Kantor +von Oberlemmingen, schickte. + +»Da is er schunst!« rief Tengler, der gewöhnlich platt sprach, und +deutete nach der Tür. Feilner trat ein, ein langer Mensch mit einem um +die Wangen gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht ohne +Zahnschmerzen. + +Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten ihn höflicher, als es +sonst ihre Art war; der Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und +fragte, ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche. Aber +Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und wolle sich nur rasch seines +Auftrags entledigen. + +Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe Platz und zog den +Brief des Professors hervor. Im Zimmer hatte sich alles erhoben und +bildete einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame Spannung lag auf den +Gesichtern. Der alte Maracke hatte die Augen weit aufgerissen und hielt +das linke Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch Dörthe hatte +sich herangeschlichen und reckte sich auf den Zehen empor. + +»Also paßt auf,« sagte Herr Feilner. »Nämlich zuerst kommt, was die +Quelle alles enthält. Hauptbestandteile: kieselsaurer Kalk, +schwefelsaurer Kalk, Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat, +schwefelsaure Magnesia.« + +Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten mordsdummen Gesichtern. +Der alte Maracke schüttelte vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und +Braumüller fragte: + +»Wat denn? Das ist alles drin?« + +»Es kommt noch mehr,« sagte Feilner, und Albert Möller rief »Ruhe«, +obschon niemand sprach, und drängte den dicken Braumüller unsanft vom +Tische zurück. + +Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand und las weiter: + +»Temperatur 8,07 Grad #R. R.# heißt nämlich Réaumur, womit das Wasser +gemessen worden ist, und weil’s auch noch andre Thermometer gibt, zum +Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit, den braucht man aber +nur manchmal. Nun geht’s weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell, +dem Rakoczy ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. Habt +ihr verstanden?« + +Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht an. Maracke schüttelte noch +immer den Kopf und kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller +wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine Raupach kam ihm zuvor +und schrie aufgeregt: + +»Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles gar nicht gewußt? Dem +Ra—, dem Ra—, wie war’s denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich +sein?« + +»Dem Rakoczy,« erwiderte Bertold Möller, »das ist ’ne Quelle in +Kissingen – auch eine Heilquelle ...« + +»Und was ist denn nun so gesund da dran?« fiel Langheinrich ein. + +»Wartet mal,« sagte der Kantor, »davon hat Professor Statius auch etwas +geschrieben.« Und er suchte in seinem Briefe. »Aha – da – hier +steht’s: ›Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler +Stoffe, gesteigerte Oxydation.‹« + +Er schwieg wieder und steckte den Brief in die Tasche zurück. + +»Was hat er gesagt?« fragte Maracke, der noch immer sein Ohr umgeklappt +hielt. Sein Nachbar zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach +schrie lebhaft: + +»Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz einfach!« – und Maracke +nickte dankend und war so klug wie zuvor. + +Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob sich; er wollte wieder gehen. +Aber zuvor faßte er den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf. + +»Hören Sie mal, Herr Möller,« sagte er, »was da der Herr Professor noch +geschrieben hat: er läßt Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen +lassen.« + +»Schön, schön, Herr Kantor,« erwiderte Albert anstatt des Alten rasch, +»wird alles gemacht werden,« – und leise flüsterte er seinem Vater zu: +»Ich weiß schon Bescheid – nachher! ...« + +Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf die verlassenen Plätze +zurück. Man bestellte sich neues Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell +an der Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung. +Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. Man war sich noch nicht recht +klar über das neue Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit, weil +ersterer behauptete, die heilende Wirkung des Wassers liege im Trinken, +und letzterer, nein, im Baden. Schließlich schlichtete »Schlippermilch« +den Zank durch die salomonische Erklärung, es sei beides richtig; erst +baden, dann trinken, worauf Maracke meinte, das sei eine Schweinerei. + +Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit sie die Gäste bediene. +Dörthe sollte ihr dabei helfen, denn die vier Möllers zogen sich zu +einer »Familienrücksprache«, wie Albert sagte, in das Extrazimmer +zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen, aber das ganze +Stübchen roch noch nach dem schlechten Grog, den er getrunken hatte. +Albert öffnete einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem, +einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der Himmel war ausgesternt: es +gab gutes Erntewetter. + +Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch überzogenen Tisch +gesetzt, der mit klebrigen Flecken übersät war, und auf dem ein flacher +Teller mit gezuckertem Spiritus und Fliegengiftpapier stand. + +»Wollt ihr Bier, Jungens?« fragte der Alte. + +»Danke,« erwiderte Bertold, und Albert schüttelte naserümpfend den Kopf. +Er war verwöhnt. Das Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde +ja alles anders kommen. + +»Nun hört einmal zu,« sagte er. »Setz dich, Vater, ich kann das +zwecklose Herumstehen nicht leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser +an der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. Ich will +euch gestehen, daß ich extra deswegen zu einem berühmten Arzte in Berlin +gefahren bin. Ich wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser +ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit Professor Statius +überein. Er sagte mir, das sei etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark +so ’ne Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen würde +eine große Zukunft haben.« + +»Also wahr und wahrhaftig?« fragte der Alte, seine Pfeife aus dem Munde +nehmend. Er brachte der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen +entgegen. Bertold stieß ihn leicht von der Seite an; Albert sollte erst +aussprechen. Nachher konnte man fragen. + +Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete sich zunächst eine +Zigarre an, während die andern ihn aufmerksam betrachteten. Er war der +Klügste in der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen. +Endlich hub er etwas zögernd und mit schwerer Stimme wieder an: + +»Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht einigen, Kinder,« sagte +er, und sofort fiel Bertold ein: + +»So ist’s! Man muß doch wissen, woran man ist. Eher rühr’ ich auch nicht +’nen Finger in der Sache!« + +Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar. Er hatte genau +gewußt, daß das so kommen würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert +war nichts anzufangen. + +»Vater hat ja doch schon geteilt,« entgegnete er. »Und alles gerichtlich +und schwarz auf weiß. Ihr habt bar Geld gekriegt und ich die +Krugwirtschaft. Das ist doch längst in Ordnung.« + +»Es handelt sich um die Quelle,« bemerkte Albert ernst, »das ist ein +neues Objekt ...« + +»Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und Boden, dagegen ist nichts zu +sagen,« antwortete Fritz. Er wollte wenigstens versuchen, die Position +zu verteidigen. + +»Schön,« erwiderte Albert und erhob sich. »Bist du der Meinung, so geh’ +ich. Dann kümmre ich mich nicht weiter darum. Nehmt euch ’ne andre +Beihilfe.« + +Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest. + +»Hier bleiben!« befahl er. Er sprach in grollendem Tone. Wenn er gereizt +war, schob er die Oberlippe ein wenig empor und zeigte die breiten, +gelben Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln umrahmtes +Gesicht böse, und das Auge begann zu funkeln. + +Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische stehen blieb, noch ein +paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr sodann in kurzen, knurrend +hervorgestoßenen Sätzen fort: + +»Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört. Nicht bloß einem. +Freilich, die Graue Lehne gehört zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat +sich jetzt erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders +ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im Boden der Wirtschaft, sei’s +Mergel, seien’s Kohlen oder sei’s Alaun, gedrittelt werden soll. So +ist’s auch gerecht!« + +Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den Mund. Richtig war’s; +man hatte diese Bestimmung getroffen, vor allem in Rücksicht auf den +Alaun, den man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt, +allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung bisher nicht +gelohnt hatte. + +»Ich will nicht streiten,« entgegnete Fritz schließlich; er wie die +andern hatten einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, der die +erwachsenen Männer zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. »Setzt’s auf +und dann wollen wir’s vor dem Notar schriftlich machen: alles, was die +Quelle bringt, geht in drei Teile.« + +»In vier,« sagte der Alte bestimmt. + +Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was hieß denn das nun wieder? +Wollte der Alte, der seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem +Ausgedinge lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren? + +»Warum denn in vier?« fragte Albert endlich zaghaft. + +»Weil ich auch meinen Teil haben will,« erwiderte der Alte fest. »Ich +bin sechsundsiebzig, aber will’s Gott, so leb’ ich noch zwanzig Jahr’. +Und bringt uns die Quelle Glück, so bau’ ich mir ein Extrahäuschen und +zieh’ mit Muttern hinein. Denn wenn der Fritze wirklich heiraten +tut ...« + +»Es ist noch nicht so weit,« fiel Albert ein, und Bertold setzte, an +seiner Brille rückend, hinzu: »Das mit der Dörthe wird er sich auch noch +überlegen.« + +Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die Pfeife zwischen den +Zähnen behaltend, in trotzigem Tone: »Ganz gleich. Es bleibt dabei. In +vier Teile.« + +Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder kannten den Alten. Machten sie +Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und +verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr. + +Albert setzte sich wieder. + +»Also abgemacht: in vier Teile,« wiederholte er. »Ich werde morgen mit +Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame +gemacht werden. Professor Statius will in der ›Medizinischen +Wochenschrift‹ über seine Analyse berichten. Den Artikel lass’ ich an +alle großen Zeitungen schicken. Klappern gehört zum Handwerk. Dann das +nötige Geld, um alles instand zu setzen ...« + +»Ja, das Geld,« warf Bertold nickend ein. + +»Wir brauchen etwa 300000 Mark ...« + +»Ihr seid wohl verrückt!« fuhr der Alte auf. + +»Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,« entgegnete Albert lächelnd. +»Laß man, Vater, darin hab’ ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft +werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal +zu Schellheim gehen. Es muß ein Konsortium gebildet werden – mit guten +Namen –, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und ein Adliger an der +Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu +kriegen sein. Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...« + +»Ein –?« fragte der Alte. + +Albert winkte mit der Hand. »Du wirst schon verstehen lernen, Vater. +Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der ›Krug‹ muß ausgebaut +werden – zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhäuser, neue Wege, +Pflasterung, eine Brauerei, vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß +der Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus bauen wir +späterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit +Säulen, das muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar +errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, Bäcker, Konditor +und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln ...« + +Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick +sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach. +Er war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie und seine +wagmutige Frechheit ergänzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein +schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er +besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glück. Seine +Häuser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die +Wohnungen mit oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken, +Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen, +sich am Bau der neuen Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu +dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei verdient. Aber all das +waren nur vorbereitende Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher +hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken – im Traume selbst +– Riesenpaläste und halbe Städte. Oberlemmingen stand in der Zukunft +schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein +moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und Lehmbaracken mit ihren +gelbgrauen Strohperücken waren verschwunden – eine ganze Reihe von +Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil, +dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, ein norwegisches +Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah +das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten +blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, und das Möllersche Hotel an der +Chaussee, die in einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo +sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. In fünf Jahren, +taxierte Albert, mußten die Möllers sich Oberlemmingen erobert haben. + +Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie Albert, längst der +Bauernsphäre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen +war seine Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des +Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal +hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber +noch gewachsen. Man mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch +Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine Wuchergeschäfte mit den +Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und +glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch: +die, daß Albert ihn betrügen könne. + +Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, daß der +Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei +aller natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, um sich +mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu können. Vor +Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und +hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, daß die +ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und +erdrücken würden. + +Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Möllern +und das laute Weinen Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, um +nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikör vom +Schenktisch gestoßen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß +träge über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die +Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige +gegeben und schimpfte in unflätiger Weise auf sie los. + +Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das +Gesicht. Sie schluchzte so, daß ihre ganze Gestalt zitterte – nicht +aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden zu +sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, Raupach und Tengler, die +»Schafskopf« spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke +schritt gutmütig auf sie zu und sagte: + +»Nanu, flenn man nich, Dörthe – es is doch nich so schlimm! Bis du +heiratst, is die Backe wedder gutt! ...« + +Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Dörthe sei noch +nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle +einmal eine tüchtige Hausfrau werden! Nee – da werde er es sich doch +noch lieber bedenken ... + +Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer, +während sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür +führten, und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte ganz leise +vor sich hin. Daß die Möllern grob und roh war, wußte sie ja – das war +ihr nichts Neues. Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen. +Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie +liebte den großen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen +Augen doch so sehr. + +Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die +Milchstraße leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der +frische Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs der Barbe +hinzogen. + +Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht +schimmerte, blieb Dörthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante +Pauline von ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter war +heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden +und Ärger. Und so war’s auch gekommen. + +Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der +große Köter Marackes mit seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom +Dorfende her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes +dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe +begannen zu bellen. + + + + +Drittes Kapitel + + +Auf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus gestanden, ein merkwürdiger +Bau. Das untere Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine Halle +mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern gestützt. Das war +der Kuhstall gewesen. Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk +erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen: die Wohnung +des Pächters. Er war ein närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im +Dorfe noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. Seine Leidenschaft +war die Rindviehzucht, und deshalb hatte er dem geliebten Viehzeug die +schönsten Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte er seine Tiere +auch immer in unmittelbarer Nähe haben. Er war lange in England gewesen +und hatte dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch eine neue +Art der Fütterung, von der er viel hielt. Aber er hatte kein Glück; sein +Kreuzungssystem schlug nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode +verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er sich im Kuhstall auf. + +Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft gekauft hatte, brachte er +einen Baumeister aus Berlin mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß +bauen sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage des Kuhstalls +und schlug Schellheim vor, die kolossalen Fundamente beizubehalten und +aus dem Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. Die Mauern +wären so riesig, daß sich leicht noch zwei Stockwerke auf ihnen +aufführen ließen. Schellheim war einverstanden, und der Baumeister +baute los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der Kommerzienrat +wollte ein Schloß haben, und zu einem Schlosse gehörte unbedingt ein +Turm. So wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, mit einem +grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel Schellheim immer noch nicht +recht: die Erker fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen konnte, +und auf der Südseite eine weite Glasveranda, die zur kalten Zeit als +Wintergarten benutzt werden konnte. Auch das wurde geschaffen und noch +mehr, und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft +stillosen Eindruck. »Es sieht wie zerkaut aus,« meinte der alte +Hellstern. Der hübscheste Raum blieb nach wie vor der ehemalige +Kuhstall, die jetzige Halle. + +Von seiner früheren Bestimmung merkte man dem weiten Saal natürlich +nichts mehr an. An den Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck, +Hellebarden, Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben und +dergleichen mehr, und an den Wänden eine Reihe tiefdunkel gewordener +alter Ölporträts von stark dekolletierten Damen in Reifröcken und +gepanzerten Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten auf der +Oberlippe. Schellheim hatte die ganze Galerie einmal im Ramsch bei einem +Trödler in Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine »italienischen +Ahnen«. Er spottete nicht ungern über sich selbst; er war vernünftig +genug, stolz auf sein Emporkömmlingstum zu sein. + +Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber erst unter ihm war es zur +Blüte gekommen. Jetzt gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen +Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, Breslau und Manchester +hätten, zusammengestellt, allein einen kleinen Stadtteil bilden können. +In allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als Hemden – Hemden +in vieltausendfacher Auswahl, Abstufung und Variation, für die elegante +Welt, für die einfachen Leute und für das Proletariat, und zwar nur +Männerhemden. Diese Hemden gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie +in den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten Marke und jedem +beliebigen Firmenstempel an und versandte sie dann an die Kunden in +allen Teilen der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von Sagan in +Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant Frères entnommen, gerade so +gut wie Ohm Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay und der +Dockarbeiter in Wilhelmshaven – selbst bis Siam und China und bis in +die Eisfelder Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd. + +Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim war Millionär. Freilich +hatten drei Generationen an den Millionen gearbeitet. Der Großvater war +noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch das Land gezogen, und der Vater +hatte manche schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun stand der Bau +felsenfest; keine Krisis konnte ihn mehr erschüttern. Es war Schellheim +nicht leicht geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit war +das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber er mußte an seine Kinder +denken. Der unpraktische Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen; +ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der Älteste, trat mit sicheren +Schritten in die Fußstapfen des Vaters. Er hatte zwei Jahre in +Manchester gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, und +nun konnte er getrost an die Spitze des Ganzen treten. + +Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen des Geschäfts. Es lag +bei Hagen in guten Händen. Allerdings hatte der Junge auch seine +Nebenpassionen: für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das lag +nun einmal in der »Mode der Zeit« – so meinte der Rat –, und deshalb +blieb er doch ein tüchtiger Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die +Frage einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätig konnte und +wollte er nicht sein. Und da kam ihm der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar +die Landwirtschaft lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit einer +dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals zufrieden. Dann dachte +er auch an seinen Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen, wenn +er des Studierens müde geworden. Denn es schien dem Kommerzienrat +undenkbar, daß ein Mensch, der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens +tagein, tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen Büchern sitzen, +grübeln, vergleichen, schreiben könne. Zudem mußte der Wert des +Landbesitzes wieder steigen; der tote Punkt mußte erreicht sein. Es +handelte sich ja nicht um eine verfehlte Spekulation. + +Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in der großen Halle. Die +Glastüren standen weit offen. Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen +in der Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume, deren blank +lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen reflektierten, schimmerte das +helle Weiß zweier Statuen, die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse +flankierten. Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora; Hagen, der die +Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, bevorzugte sie wegen ihrer +Hemdenlosigkeit. Die ganze Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum +Tal ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere mit Wein und +selteneren Obstsorten begrenzt wurden. Im Süden erstreckte sich der Park +zirka zwölf Morgen weit in das sich hier mählich senkende Land hinein. +Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß bis dicht an die Graue +Lehne, die der Kommerzienrat gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die +Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr, nach Entdeckung des +Heilquells, doppelt. + +Man war beim Dessert. Ein junger Diener in ziemlich einfacher Livree +wartete auf. Die Rätin hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem +Gatten. + +»Ich will dir was sagen, Gunther,« fuhr Schellheim in der Unterhaltung +fort, eine der goldgelben Scheiben auf seinen Teller legend, »du hast +ja recht: die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die Art bleibt +dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. Er bricht aus jeder +Äußerung, aus jedem Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen. +Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das mit der Quelle. +Hellstern ist gegen ihre Ausnützung, weil der Fortschritt in der Kultur +ihm unbequem ist. Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag’ ich den +Menschen: ist das nicht verrückt?« + +»Natürlich,« entgegnete Hagen; »du wirst mit den Hellsterns nicht warm +werden.« + +Gunther widersprach. Man müsse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht +gegen Ansicht. + +»Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des Barons noch andre +Befürchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der +Kultur Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine persönlichen +Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht, +von einem Schwarm fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die +Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen, +und er fürchtet, daß die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem +Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.« + +Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der +grimme Hagen lachte fröhlich auf. + +»Nimm mir’s nicht übel, Gunther,« rief er, »das ist eine absonderliche +Idee! Was heißt denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe +warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den Eintritt erlaubt? +Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wütete der damalige +Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde +die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schließlich, wenn +wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der +ganzen Menschheit gedient wird?« + +»Gewiß,« fügte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen. +»Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um +neu aufzubauen.« + +Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich in der Verteidigung der +Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht +stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen. + +»Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,« erwiderte er. »Nur der stetige +Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der +Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück +im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.« + +»Das ist das, was ich sagte,« bemerkte Schellheim. »Die Kultur reißt +Löcher, schließt sie aber auch wieder.« + +»Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern,« entgegnete +Gunther etwas kleinlaut. »Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle +nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen kann ich aus +persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich würde es +auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht +auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stieße.« + +»Mahlzeit,« sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl +seines Herrn zurück. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten +Frühstück auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter +einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei +Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte, +aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages. + +Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, nahm er das Thema von +vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben +eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot. + +»Ich will dir was sagen, mein Junge,« begann er – das war eine +stehende Redewendung von ihm –, »wenn sich die Quellengeschichte +wirklich günstig entwickelt und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz +herausstellt – ich fürchte es beinah’, ich trau’ der Sache nicht so +recht –, na, das wäre auch für uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk +mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute +zusammenströmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die +Produktenpreise werden in die Höhe gehen – ich meine, liebe Jenny« – +er wandte sich an seine Frau –, »wir könnten ganz gut noch die sechs +Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemüsegarten schlagen.« + +Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und +dann weiter die Tassen füllte, fuhr er lebhaft fort: + +»Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit der Möllers. +Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld für die paar Buchenkuscheln. Ich +glaube, die Möllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle – +kann mir’s sonst nicht erklären, warum sie so stätisch blieben! Na, ich +bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir’s überlegt: ich +misch’ mich nicht ’rein. Sie können _mir_ kommen, wenn sie wollen ... +Wie ist’s, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurück?« + +Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. Hagen erzählte von großen +Aufträgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So +kam »das Geschäft« auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten +wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche. + +Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran. +Der Ausblick von der Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach +der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die +ganze Landschaft in ein weißliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer +lag über den Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite, +zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte man auch auf dem +Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe +Licht zu einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der waldbesetzten +Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein. + +Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der Baronshof lag. Man sah +aus dem Dunkel der alten Bäume nur einen kleinen Dachteil des +Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte +Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers öffnete sich der Vorhang aus grünem +Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen +und oben auf der Veranda eine große Mädchengestalt in hellem Gewande, +die ihm mit freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr +gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches +Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefähr +müsse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher +Gebärde den Rest seiner Zigarette über die Balustrade. Wirklich, er +ärgerte sich über seine dummen Gedanken! + +Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn +Bauunternehmer Möller angemeldet. + +Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den +Möllers – aha, man »kam« ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein +Gesicht. + +»Führen Sie den Herrn hierher,« befahl er. + +»Entschuldigen der Herr Kommerzienrat,« erwiderte der Diener, »es sind +drei Leute –« + +»Drei?« Und Schellheim lachte fröhlich auf. Also gleich drei – man +wollte ihm durch eine Phalanx imponieren. »So lassen Sie alle drei +herkommen, Friedrich,« entschied er. + +Die Rätin fragte bescheiden, ob es nicht besser sei, wenn sie sich mit +den Kindern entferne. Aber ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht +einmal, was die Herren überhaupt wollten. + +Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold und zuletzt Fritz Möller, +hintereinander und mit dem Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr +Herz in dieser Atmosphäre des Reichtums erfüllt war. Der dicke Fritz +hatte sich gleich den andern beiden sonntäglich angekleidet, doch der +schwarze Rock paßte nicht recht und schlug an ungehörigen Stellen +Falten, und über dem topfförmigen Zylinderhut lag ein rosiger Bronzeton. +Der Zylinder gehörte ihm auch nicht, sondern dem Alten, der ihn nur zu +Hochzeiten und Kindtaufen trug. Dann bügelte Mutter Möller ihn auf, das +heißt sie plättete ihn mit einem heißen Bolzen. Davon hatte er seine +anmutige Färbung erhalten. + +Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten sich. Aber Fritz hatte +nicht aufgepaßt und ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und machte +dann auch sein Kompliment. Bertold war wütend, rückte an seiner Brille +und flüsterte, während Albert bereits zu sprechen begann, dem jüngeren +Bruder zu: + +»Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!« + +Nun entblößte auch Fritz den Flachskopf. Er war rot geworden vor +Verlegenheit. + +»Nehmen Sie es nicht übel, Herr Kommerzienrat,« sagte Albert inzwischen, +»daß wir Sie inkommodieren. Wir möchten Sie um eine Rücksprache bitten. +Es handelt sich nämlich um die Quelle ...« + +Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem der drei die Hand. Es +war sein Bestreben, sich kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten +ihn lieben lernen. + +»Ich dacht’ es mir beinah’, meine Herren,« erwiderte er. »Dürfen die +Meinen dabei sein, oder ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen –« + +Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein Geheimnis. + +Der Rat bot ihnen Stühle und Zigarren an. Fritz betrachtete die seine +mit Ehrfurcht. Sie hatte ein Bändchen um den schlanken Leib und sah nach +viel Geld aus. + +Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten. Er sprach recht +gewandt, erzählte zunächst von der Analyse des Professors Statius und +von der Auskunft, die er persönlich über die Heilkraft des Wassers +erhalten hatte, und ging hierauf auf die Finanzierungsfrage über. Man +wollte ein Konsortium bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausführen +solle, und dann das ganze Unternehmen in eine Aktiengesellschaft +verwandeln. + +Schellheim erkannte sofort, daß dieser lange Maurerpolier eine nicht +gewöhnliche kommerzielle Begabung besaß. In der Darlegung der +Einzelheiten verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen überraschend +raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat sie dem einfachen Manne +kaum zugetraut hätte. + +Die Rätin hatte sich mit ihren Söhnen absichtlich zurückgezogen. Die +drei promenierten im Laubengang der zweiten Terrasse auf und ab, während +oben Albert Möller mit lauter Stimme weitersprach. Die beiden andern +Brüder saßen stumm neben ihm und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um +ihre Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortführer sagte. + +Plötzlich hörten die Promenierenden, daß Schellheim den Sprecher +unterbrach. Der Rat wußte nun, wohinaus die Möllers wollten, aber es war +unnötig, noch weiter über die Sache zu reden, ehe er sie selbst nicht +klar überschauen konnte. + +»Sie wünschen, daß ich mich Ihres Unternehmens annehme,« sagte er, »daß +ich mich theoretisch und praktisch daran beteilige – nicht wahr, das +wollen Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die Geschichte in Gang +zu bringen, die Kapitalien zu schaffen, die geeigneten Repräsentations- +und Arbeitskräfte zusammenzutrommeln.... Nun schön, ich bin dazu +bereit –, die Sache interessiert mich, denn eure Quelle fließt mir +sozusagen an der Nase vorbei. Aber erst muß ich mich selber orientieren. +Eure Analysen genügen noch nicht. Man muß offizielle Persönlichkeiten +heranziehen, Berühmtheiten ersten Ranges.... Und dann: eine kurze Frage. +Sie wissen, lieber Herr Bau –« er zögerte einen Moment, weil ihm der +Titel Bauunternehmer zu lang erschien, und fuhr dann rascher fort: »Sie +wissen, lieber Baumeister, daß ich Ihrem Vater schon vor Jahresfrist +anbieten ließ, die Graue Lehne mit der Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich +bin noch immer dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung der +Quelle die Preisverhältnisse natürlich wesentlich geändert. Allein +vielleicht würden wir doch noch einig werden. Überlegen Sie einmal +daheim, ob wir nicht von neuem über das Terrain in Verhandlung treten +können ...« Er schaute aufmerksam auf seine Fingernägel.... »Ich will +Ihnen was sagen, meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schön, aber +erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr wirklich etwas zu +machen ist. Solche Säuerlinge gibt es zu Tausenden im Lande – die +meisten sind nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte +unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten machen, – ach du lieber +Gott, Sie haben ja gar keine Ahnung, was es heißt, solch ein +weitausschauendes Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob es sich überhaupt +lohnen wird?« Der Kommerzienrat zog die Schultern hoch. »Ich glaub’s +eigentlich nicht. Nein, ich glaub’s nicht! Wir haben kleine Badeorte, +die nicht leben und sterben können. Geschäfte werden da kaum zu machen +sein – an eine Dividende ist vorläufig gar nicht zu denken.... Na – +man muß abwarten! Jedenfalls überlegen Sie sich den Verkaufsgedanken +noch einmal. Wenn ich die Graue Lehne im Besitz hätte – ich glaube – +ich glaube, ich würde die Quelle ruhig weiter fließen lassen. Das +Risiko ist zu groß – zu groß ...« + +Die drei Brüder hatten Schellheim mit keinem Wort unterbrochen. Aber von +einem zum andern flog ein rascher Blick des Einverständnisses herüber, +der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer ruhig bleiben! Und +nun antwortete Albert in respektvollem Tone: + +»Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir verkaufen die Graue Lehne +bestimmt nicht. Und wenn Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen +wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade so. Und wenn Ihnen +eine Beteiligung an der Ausbeutung der Quelle zu unsicher dünkt, dann +müssen wir eben weiter gehen, so leid uns das tun würde. Die Frankfurter +Produktenbank hat sich schon bereit erklärt –« + +Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle sich nur ja die +Bankinstitute fern halten. Es gebe genug kapitalkräftige Leute. + +»Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, meine Herren,« +schloß er. »Senden Sie mir die Analyse und das sonstige Material über +die Quelle zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen wollen – es +soll mir recht sein. Solche Leute braucht man.... Also auf Wiedersehen!« + +Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat reichte wieder jedem +der drei die Hand und führte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei +plauderte er ununterbrochen, berührte aber die Quellenfrage mit keinem +Wort mehr. Er sprach über die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise, +über alles mögliche. Und während die drei Brüder die breite Fahrstraße +einschlugen, die vom Auberge nach der Chaussee führte, blieb er noch +eine geraume Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den Möllers +nach. Der rötliche Bronzeton von Fritzens altväterischem Zylinderhut +leuchtete fröhlich im Sonnenschein. + +»Geriebene Gesellschaft,« murmelte der Kommerzienrat halblaut vor sich +hin. Dann kehrte er auf die Terrasse zurück. + +»Nun, Papa?« rief ihm Hagen entgegen. »Abgemacht?« + +»I bewahre,« entgegnete Schellheim, und der Sohn spürte am Tone, daß +etwas wie eine leichte Gereiztheit herausklang. »Hellstern hat recht: +mit den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch nicht mit – ich +werde mich hüten. Es ist nichts mit der Quelle – nichts! ...« Er griff +nach einer neuen Zigarre. »Wann geht euer Zug, Hagen? Um neun, nicht +wahr?« + +»Ja, um neun, Papa.« + +»Schön, da könnt ihr mich noch gegen sechs auf die Felder begleiten. Ich +will eine Umfahrt halten. Das ist so Sitte am ersten Erntetage – ich +habe mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir einmal an der +Grauen Lehne aussteigen. Man kann sich das – das Dings wenigstens mal +ansehen.« + +Der kluge Hagen lächelte. Er wußte ganz genau, daß sich der Vater die +Beteiligung an dem Quellenunternehmen nicht entgehen lassen würde. + + * * * * * + +Die drei Möllers wendeten sich kurz vor der Chaussee rechts ab; sie +schlugen den schmalen Fußweg nach dem Baronshof ein. Anfänglich sprachen +sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her. Fritz rauchte noch +immer die Zigarre, die ihm der Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm +der kurze, glühende Stummel fast die Finger verbrannte. Bertold rückte +nervös an seiner Brille und nahm als erster das Wort. + +»Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat,« meinte er. + +Nun wurde Albert plötzlich sehr lebhaft. Er begann ohne Ursache auf +Schellheim zu schimpfen. Das seien alles Betrüger, die reichen Berliner +Herren. Man müßte gewaltig auf der Hut sein, sonst zögen sie einem das +Fell über die Ohren. Alles schwarz auf weiß und notariell, was man mit +denen abmache – nicht anders. Schellheim ärgere sich nur, daß man ihm +die Graue Lehne nicht verkauft habe; Millionen würde der aus der Quelle +herausschlagen. Aber man wolle die Millionen allein verdienen. »Wenn man +das Pack nur nicht brauchte!« schloß er. + +»Wir brauchen es aber,« erwiderte Bertold. »Da hilft alles Schimpfen +nicht. Wir haben doch lange genug darüber gesprochen. Was uns ungeheure +Mühen machen würde, erreicht so einer im Umsehen. Aber über die Ohren +hauen lassen wir uns deshalb schon lange nicht.« + +»Wir sind auch helle,« sagte Albert. + +Fritz warf seinen Stummel fort. »Die Zigarre war gut,« bemerkte er. + +Auf dem Baronshofe mußten die drei erst August suchen, um sich anmelden +zu lassen. In der Mittagshitze lag das Gehöft wie ausgestorben da. +Selbst das Hühnervolk hatte den Schatten aufgesucht und sich unter den +Akazien im warmen Sande eingekuschelt. Lord, der Hofhund, kläffte die +drei Männer ununterbrochen an und raste an seiner klirrenden Kette bald +in die Hütte hinein, bald wieder heraus. + +Endlich fand man August, der in einem Winkel der Häckselkammer Siesta zu +halten pflegte. Mit verschlafenen Augen begrüßte er die drei als gute +Bekannte und machte zunächst seine Witzchen mit ihnen. Er glaube +übrigens nicht, daß der Herr Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit +halte er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle jedenfalls +nachsehen. + +Indessen gingen die Möllers in der Prallsonne auf und ab. Unter dem +schweren Zylinder Fritzens rannen große Tropfen und perlten dem Burschen +über die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien immer schwerer +werden zu wollen. Fritz nahm den Hut auf ein paar Minuten ab, aber da +brannte ihm die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit einem Fluch +setzte er das Ungetüm wieder auf. + +Albert war mit überlegender Miene vor der Veranda stehen geblieben. Er +hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und die Augen halb +geschlossen, wie immer, wenn er in Gedanken war. + +»Was grübelst du denn, Albert?« fragte Bertold. + +»Ach,« entgegnete dieser lächelnd, »ich dachte so ’n bißchen nach. Das +alte Herrenhaus ist gut gebaut. Mauern wie Festungswälle und Balken von +Eisen. Das wäre leicht auszubauen. Die Lage ist wie geschaffen für das +Sanatorium.« + +»Der Baron wird dir was pusten,« meinte Fritz, und Albert erwiderte +trocken: »Bar Geld lacht!« + +August kehrte zurück. Der Herr Baron säße schon wieder am Schreibtisch, +aber er hätte nicht viel Zeit; es wäre ihm lieb, wenn es rasch ginge. +Und dann führte er das Dreiblatt in das große, kahle, gewölbte Gemach, +in dem der Baron zu arbeiten pflegte. + +Er saß in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines Tisches, mitten unter +Haufen von alten Folianten und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung +umgaben. Und rechts von ihm saß Hedda, aber auf keinem gewöhnlichen +Stuhl, sondern auf einem halben Dutzend übereinandergestapelter +Foliobände von Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoße hatte +sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und suchte für den Alten +Vokabeln auf. Es war wundervoll kühl im Zimmer, und ein angenehmes +Dämmerlicht herrschte, da die Läden vor den Fenstern geschlossen waren. +Hellstern rauchte wieder seine Pfeife, doch es war nicht so schlimm wie +sonst, und in die Tabaksatmosphäre mischte sich ein zarter Rosenduft, +der dem großen Buschen entströmte, den Hedda auf eine Ecke des +Schreibtisches gestellt hatte: ein hübsches Symbol blühender Gegenwart +mitten unter dem Moderhauch der Vergangenheit, der aus den alten +Chroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen schien. + +Hedda nickte den Männern freundlich zu, und Hellstern rief ihnen gleich +entgegen: + +»Tag, Möllers! Ich weiß schon! Wegen der Quelle – nicht wahr? Kinder, +laßt _mich_ mit der Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!« + +Albert war sehr betroffen; Bertold rückte an seiner Brille, und Fritz +machte ein dummes Gesicht und glättete mit dem Ärmel seinen Zylinderhut. + +»Herr Baron,« begann Albert endlich, »Sie werden uns doch wohl +wenigstens anhören wollen –« + +»Anhören – meinetwegen,« grunzte der Freiherr. »Aber bitte, kurz, +Kinder – ich habe den Kopf voll. Ihr hättet’s auch, wenn ihr euch mit +dem schindludermäßigen alten Latein ’rumärgern müßtet –« + +»Papa,« fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein. + +»Ach so – entschuld’ge – du bist ja auch da! – Nanu vorwärts, ihr +Herren!« + +Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert begann abermals seinen Vortrag +– dasselbe, was er Schellheim erzählt hatte, und Bertold und Fritz +nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie oben auf der Terrasse +des Auschlößchens. + +Hellstern hörte geduldig zu und grunzte nur zuweilen leise auf, wenn ihm +irgend etwas nicht gefiel. Schließlich fragte er, seine Pfeife aus dem +Munde nehmend: + +»Was erzählt ihr _mir_ das denn eigentlich alles?! Soll ich vielleicht +auch ein paar Aktien nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon, wenn +ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen mich, meine lieben Herren; +ich habe kein Geld – gar keins – und für eure Quellenspekulation erst +recht keins!« + +»Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr Baron,« antwortete Albert. +»Wir wollen bloß Ihren Namen – nichts weiter.« + +»Namen?! Wozu – was heißt das – Namen?!« + +»Ich versteh’ schon,« fiel Hedda ein, und nun wandte sich Albert mit +Lebhaftigkeit an die Baronesse. + +»Das ist doch ganz einfach, gnädiges Fräulein,« sagte er, sich zu ihr +hinabneigend. »Es ist eine große Sache, die der ganzen Menschheit nützen +soll – nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts +Schwindelhaftes. Aber der Welt muß man das _klar_ machen, sonst glaubt +sie’s nicht. Und wenn der Name des Herrn Barons an der Spitze des ersten +Konsortiums prangt –« + +Er kam aber nicht weiter. Hellstern stieß ihn mit der Spitze des +Pfeifenkopfs in die Seite. + +»Sie, lieber Möller,« fiel er ein, »bemühen Sie sich nicht weiter! Ich +mache so ’ne Geschichte nicht. Mein Name ist kein Aushängeschild – +_meiner_ nicht! Aber wenn’s schon ein Adeliger sein soll – ’s gibt ja +leider genug adeliges Proletariat im Lande –, vielleicht finden Sie +sogar ’nen Grafen –« + +»Aber, Herr Baron,« schnitt ihm Albert das Wort ab und hob die Hände, +was der dicke Fritz ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an +der Debatte zu beteiligen, »es handelt sich ja doch um _Ihren_ Namen, +nicht um einen beliebigen – und auch um Ihre _Person_! Ihr Geschlecht +sitzt hier ja hundert Jahre oder länger, was weiß ich – und Sie sind +überall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern, sind mit dem Herrn +Landrat befreundet und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz +und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag, bei den Synoden, den +Kreisverhandlungen – du lieber Gott, das ist alles sehr wichtig für +uns! Und wir wollen das ja auch nicht umsonst haben – Sie sollen _mit_ +bei der Sache verdienen –, wir kaufen Ihnen Ihr Haus ab und machen ein +Sanatorium daraus ...« + +Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch, daß es dröhnte. + +»Sie sind wohl des Teufels, Möller?!« schrie er. »Ich bin froh, daß ich +meine vier Wände behalten konnte, – hier will ich auch sterben! Bauen +Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf den Baronshof kommt mir +kein fremdes Volk! Ich lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der +Inschrift: ›Kurgästen ist der Eintritt verboten.‹ Oberlemmingen war +immer ein gesunder Ort, – aber mit eurer verdammten Quelle zieht ihr +die Krankheiten mit Gewalt her. Es ist kein Vergnügen, lauter leidende +Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft wird verpestet werden, und die +Bazillen werden nur so umherschwirren. Hübsche Aussichten – ich danke +ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch helfen, meinen Namen +hergeben als Köder, als Lockvogel – prost Mahlzeit, da seid ihr an den +Falschen gekommen!« + +Die drei Möllers schauten verdutzt vor sich nieder. Eine so +rücksichtslose Abweisung hatte keiner von ihnen erwartet. Ihre +unglücklichen Gesichter erweckten ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie +klappte ihr Lexikon zu und sagte: + +»Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so. Es muß doch überlegt +werden. Vielleicht kommen die Herren noch einmal wieder –« + +»Nein!« schrie der Alte erbost. »Ich will nichts mehr hören! Ging’ es +nach mir, so würde die Quelle wieder zugestopft. Ich glaub’ nicht an +ihren Segen!« + +»Das ist jedermanns Sache, Herr Baron,« erwiderte Albert, »zu glauben, +was er selbst will. Wir _hoffen_ etwas von der Quelle –« + +»Ein gutes Geschäft hofft ihr – das lockt euch!« + +»Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen. Aber wir gewinnen +nicht allein. Ganz Oberlemmingen wird aufblühen –« + +»Oder zugrunde gehen!« rief der Baron dazwischen. Sein braunes Gesicht +war noch dunkler geworden. »Ich kenn’ euch doch, Kinder, – mir macht +ihr nichts weis! Ihr kümmert euch den Geier um die andern, wenn _ihr_ +nur eure Taschen füllen könnt! Und ich sehe kommen, wie’s werden wird – +ganz genau! Will’s Glück euch wohl und die Quelle wirft wirklich Geld ab +– ’s fließt doch nur zu euch! Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner +durchbrechen kann, und die kleinen Leute bleiben draußen stehen und +lassen die Zunge aus dem Halse hängen und hungern weiter!« + +Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem Kopfe. Sie fand, daß der +Vater unnötig hart sei, und dies Wort sprach Albert auch aus. + +»Das klingt sehr hart, Herr Baron,« sagte er, »und ich glaube auch, daß +dazu kein Grund vorliegt. Wir haben _Sie_ ja doch aufgefordert und den +Herrn Kommerzienrat drüben auch –« + +»Und soundsoviel andre dito – nämlich die, die ihr zuvörderst braucht, +ohne die ihr die Sache nicht in Szene setzen könnt. Denn ihr allein seid +hilflos. Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid mit einer +Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne dankend ab. #Dixi#. Im übrigen – +ich habe keinen von euch kränken wollen – aber ihr kennt ja meine Art. +Und nun adje, Kinder!« + +Er streckte den Möllers die Rechte entgegen. Hedda nickte ihnen zu und +rief Fritz noch nach: + +»Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch nichts bestimmt?« + +Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt, riß ihn aber +schleunigst vom Kopf. Er wurde rot und lächelte breit. »Nein, gnäd’ges +Fräulein,« antwortete er, »noch nichts. Es hat ja noch Zeit.« + +Und dann wendete sich auch Albert noch einmal herum und fügte hinzu: +»Wir woll’n mal erst abwarten, gnäd’ges Fräulein.« + +Sie gingen. + +»Grobian,« sagte Bertold draußen. + +»Der Kommerzienrat ist anders,« bemerkte Fritz. »Mir schmeckt noch seine +Zigarre.« + +Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben. Er packte die +Brüder mit beiden Händen an den Rockklappen. + +»Das merk’ ich mir,« sagte er halblaut, in verbissener Wut. »Und wenn’s +mir ein Vermögen kosten sollte, – das Herrenhaus bring’ ich an mich. +Hier soll der Alte nicht sterben – oder der Teufel müßt’ ihn gerade +schon in den nächsten drei Jahren holen!« – + +Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen. + +»Immer gleich bullern, Vater,« meinte sie. »Man kann doch auch in Ruhe +mit den Leuten sprechen.« + +Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament quer über den +Tisch. + +»Kann man nicht!« schrie er zurück; »sonst tät’ ich’s!« + +»Gut. Aber überlegen kann man.« + +»Wieso? Was überlegen?« + +»Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinnütziges schaffen kann.« + +Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich nieder über den +Folianten rechter Hand. »Steck die Nase ins Buch,« befahl er grob. »Was +heißt #myrobalanum#?« + +Hedda schlug nach, antwortete aber nicht. + +Der Alte schrieb eine Zeile weiter und schaute auf. »Nun – hast du’s?« + +»Ja,« erwiderte Hedda, »aber ich sag’ es nicht.« + +»So behalt’s für dich!« + +Und wieder schrieb er weiter und wieder stockte seine Feder. »Hedda, ich +will wissen, was #myrobalanum# heißt! Das muß ein blödsinniges Wort sein +– ich finde keine Bedeutung heraus.« + +»So laß es doch, Vater,« erwiderte Hedda gleichmütig. + +»Gib mir das Lexikon ’rüber, zum Schwerenot!« + +»Nein, Vater, – erst mußt du mich ganz sanft um einen Kuß bitten.« + +Da flog ein seliges Leuchten über das gerbbraune Gesicht des Brummbärs; +er warf die Feder hin und breitete beide Arme aus. + + + + +Viertes Kapitel + + +Die Ernte war eingebracht worden, und zugleich mit dem Sedantage wurde +das Erntefest gefeiert. Es sollte diesmal ganz besonders großartig +zugehen, da es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats war, von +dessen freigebiger Hand man sich viel versprach. Auf dem Baronshof hatte +man nie viel Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die Ernte gut +ausgefallen, so gab es ein paar Achtel Bier und Schnaps, waren die +Zeiten schlecht, so gab es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der +Tat gar nichts gegeben. + +Die halbe Nacht über hatten Frauen und Mädchen an ihrem Putz und am +Erntekranz gearbeitet. Das war eigentlich kein Kranz, sondern eine +Krone: Ähren, Blumen und bunte Bänder über ein Holzgestell geflochten, +das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut hatte. + +Daneben hatten die Musikanten viel mit den Proben zu tun. Sie probten +unter der Leitung des Kantors in der Schulstube, daß man es durch das +ganze Dorf hören konnte. Es waren freilich nur fünf Mann: Fritz Möller, +der das Bombardon blies, dann Anton Tengler, der Sohn von +»Schlippermilch«, der junge Raupach und zwei Knechte vom Augut. Noten +kannte keiner; sie spielten alle zusammen nach dem Gehör, und zwar so +lange, bis es einigermaßen klang. Und da der Kantor das feinste Ohr im +Dorfe besaß, so mußte er immer die Entscheidung fällen. Die beiden +Knechte waren unter seiner Fuchtel aufgewachsen und ließen sich +demzufolge auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten der +Banda. Sie bliesen des Sonntags die Posaunen in der Kirche, die der +hochselige Baron, der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der +Gemeinde geschenkt hatte. Das hörte sich ganz hübsch an, mitten unter +dem Orgelspiel, und wenn sie einmal falsch bliesen, so störte es auch +nicht, weil es keiner merkte. + +Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt, am leichtesten zu +regieren, aber die drei andern wollten sich durchaus nichts sagen +lassen. Der Kantor schwur jedesmal Stein und Bein, daß er sich um diese +Mordsmusik nie wieder kümmern werde, doch bei der nächsten Gelegenheit +war er gutmütig genug, abermals »die Direktion« zu übernehmen. Am +störrigsten war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewöhnlich mit dem +rechten Fuße mit und zählte dabei in Gedanken so lange, bis die Reihe an +ihn kam. Und rechnete er einmal falsch und blies den andern in die Musik +hinein, so behauptete er, Tengler habe nicht aufgepaßt, oder Raupach sei +zu spät eingefallen, oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen. +Ausreden hatte er immer. Man hatte übrigens nur drei Stücke auf dem +Repertoire: »Heil dir im Siegerkranz«, »Nun danket alle Gott« und einen +Marsch. Das genügte auch. Zum Tanze am Abend kam doch der alte Vietz aus +Wallwitz mit noch einem Geiger. + +Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt hatte. Die +freien Bauern beteiligten sich an der Cour vor dem Herrn nicht, sondern +wohnten nur dem Tanze bei, währenddessen auch sie zuweilen einen Taler +für ein neues Achtel springen ließen. Aber als Bläser hatte Fritz schon +seit Jahren mitgewirkt. Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es +war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das ungeheure alte Bombardon +so zu meistern wie der starke Fritz. Das Bombardon war gleich den +Posaunen Gemeindeeigentum; man wußte nicht recht, wo es herkam. +Jedenfalls mußte es bereits hoch an Jahren sein und war wahrscheinlich +französischen Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein Mensch mit +gewöhnlichen Lungen entlockte dem gelben Ungetüm keinen Ton, höchstens +einen leisen, kreischenden Wimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblähten +Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und mauernerschütternd. Und +deshalb sollte er auch dieses Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte +sich; er war plötzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich nicht +mehr für ihn. Aber der Alte redete ihm zu: man mußte gewisse Rücksichten +auf den Kommerzienrat nehmen. + +Gewiß, die Möllers hatten allen Grund dazu. Schellheim hatte Albert +eines Tages die ihm übergebenen Schriftstücke in bezug auf die Quelle +zurückgeschickt und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache interessiere +ihn doch nicht so, wie er anfänglich gemeint hätte, auch erfordere sie +zu große Opfer, und was der ablehnenden Redewendungen mehr waren. Das +war schlimm. Albert war ganz verzweifelt. Er nahm zwar immer noch den +Mund voll und wiederholte jedem, der es hören wollte, daß er eine »Bank +hinter sich« habe. In Wahrheit aber hatte die Frankfurter Produktenbank, +ein kleines Institut unter ängstlicher Oberleitung, ihn bereits +abgewiesen, nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben +erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert ähnlich ergangen; es war +ersichtlich, man traute dem einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert +furchtbar; er war wütend. Er sah ein, daß er die Sache unmöglich allein +durchführen konnte, daß er eines kreditschaffenden Namens bedurfte. Und +so wandte er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber bisher noch +keine Entscheidung erhalten. + +Dieser zweite September war ein wundervoller Tag. Es lag schon etwas wie +ein leiser Herbsthauch in der Luft; in dämmernder Frühe sah man über dem +Grün des Dorfangers und an den Brombeerbüschen schneeweißen +Altweibersommer hängen, und der Tau war über Nacht so stark gefallen, +daß die Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche Odem +hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphäre war wonnig rein; man sah die +Oderberge in vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar das +Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen. + +Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger sammeln. Die Musikanten +waren die ersten, nur Fritz Möller fehlte noch. Dann kamen die Knechte +und Mägde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker waren und in Lohn und +Arbeit bei Schellheim standen. Auch einige Bauerntöchter beteiligten +sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren; allerseits waltete das +Bestreben vor, dem diesjährigen Erntefest einen großartigen Anstrich zu +geben. + +Die Mädel hatten sich schön gemacht; es flatterte und leuchtete von +bunten Bändern. Und dies Bandwerk, das beliebteste Putzmittel, das man +für wenige Groschen beim Krämer kaufte, verlieh selbst den ältesten und +verwaschensten Kleidern das Aussehen heiterer Neuheit. Hinter der Musik +schritt der Älteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er auf +langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern. Braumüllers Liese +sollte den Vers sprechen; sie war ein dickes Mädchen mit hübschem, +dummem Gesicht und hatte schreckliche Angst, daß sie beim Aufsagen der +Reime stecken bleiben würde. Hundertmal hatte die Mutter sie überhören +müssen, aber über die Stelle: »Wünschen wir einen heiligen Lohn« +stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin Dörthe Klempt +gebeten, ihr zu soufflieren, und Dörthe hatte auch von Hedda Erlaubnis +erhalten, sich am Zuge beteiligen zu dürfen. + +Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch mit seinem Bombardon. Im +Glanze der Morgensonne rangierte sich der Zug. Auch die Burschen trugen +Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder einen Strauß Ähren im +Knopfloch. Überall ruhte heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens +stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange Pfeife im Munde, neben ihm +seine Frau, an jeder Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor war +neugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit den dunkeln, +eigentümlich leuchtenden Augen wurde am Fenster sichtbar. Mitten auf dem +Platze hatte eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man sah die +Thielemann, das Weib des Krämers, die alte Maracken, deren zahnloser +Mund noch böse klatschen konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die +Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche Witwe aus +Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und gern klagte, wie unglücklich +sie sich fühle, weil sie einen so ungebildeten Mann geheiratet habe. +Auch die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, mit ihrem +geisterhaften Gesicht und den schwarzen Traumaugen. + +Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz: + +»Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze bleibt! Es wird doch nu +Zeit!« + +Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe ein eifriges Klatschen. + +»Dem sitzt die Quelle im Kopf,« meinte die Thielemann, und die Maracken +nickte und fügte hinzu: »Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch +über, die ganzen Möllersch ...« Und dann ließ man kein gutes Haar an den +Möllers. Aber die Braumüllern hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre +Tochter pantoffelte sie – jedes Wort von der Liese war Befehl für sie. +Sie lief, was sie konnte, und ihre fettstrotzende Körperlichkeit +schwankte förmlich. + +Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. Sie schlug vor, +man sollte ruhig anrücken und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war +alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen. + +So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die Musik schwieg, weil das +Bombardon noch fehlte, aber die Burschen jubelten und schwenkten ihre +Hüte und machten derbe Witze mit den Mädeln. + +Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche und Friedhof, an den +Gehöften von Langheinrich, Tengler und Raupach, die alle vor der Tür +standen, vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu läuteten die +Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte die Luft mit schwingenden +Akkorden. + +Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke, stockte der Zug. Dörthe +hob ihre Kleider auf und sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern +war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf Fritz, der eben erst +dabei war, sich ein reines Hemd anzuziehen. Er stand mitten in der +Schankstube, und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal kam er zu +spät. + +Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu räsonnieren. »Was stehst +du denn da und hältst Maulaffen feil?« eiferte sie. »Immer faß zu! Hole +das Halstuch – ’s liegt obenauf in der Kommode – im zweiten +Schubfach!« + +Auch Fritz räsonnierte, während er eiligst in die Weste fuhr, zuerst +natürlich verkehrt, was ihn noch wütender machte. + +»Vater, mein Bombardon!« schrie er. »Draußen in der Küche – ich hab’ es +geputzt! Und bring meinen Hut mit! – Heiliges Donnerwetter, ich habe ja +nicht gedacht, daß es schon so spät ist! – Nun hab’ ich die Weste +schief zugeknöpft! Gib das Halstuch her, Dörthe!« + +Während er das Tuch vor dem Spiegel knüpfte, trat Albert ein. Er lebte +jetzt halb in Oberlemmingen, halb in Frankfurt. Seinem blassen, +brummigen Gesicht sah man die Fehlschläge seiner Hoffnungen an. + +»Du, Fritz,« sagte er, »wenn der Kommerzienrat von der Quelle anfangen +sollte – sei vernünftig! Red keinen Unsinn! Überlege jedes Wort!« + +»Werd’ schon,« erwiderte Fritz, sein Haar bürstend. Liese Braumüller und +Anton Tengler kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein paar der +alten Weiber folgten. Die halbe Stube war gefüllt. Die Maracken schaute +neugierig durch den Türspalt. + +Fritz brüllte, das Weibsvolk möge sich hinausscheren. Dann schimpfte er +wieder, weil ihm der Scheitel nicht gelingen wollte. Schließlich stürmte +er, unter beständigem Fluchen, in die Küche, tauchte den Kopf in eine +Schüssel voll Wasser, rieb ihn mit dem ersten besten Tuche ab, das ihm +in die Hände fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging. + +Dörthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen das riesenhafte +Bombardon haltend, über das sie den Zylinderhut mit dem Bronzeton +gestülpt hatte. + +Fritz war glücklich, daß er endlich fertig war. Er nahm das Bombardon +und blies mächtig hinein, um den draußen Wartenden zu verstehen zu +geben, nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nähe begannen +anzuschlagen; die große Katze, die neben dem Kochherd lag, sprang ob des +entsetzlichen Tons mit einigen gewaltigen Sätzen davon, und der ganze +Zug schrie »Hurra!« + +»Ein langweiliger Peter!« sagte Albert unter der Haustür zu seiner neben +ihm stehenden Mutter. »Aus dem wird nie was!« + +»Glaub’s auch nicht,« antwortete die Alte. + +Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, und das große +Bombardon klang wie eine Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen. +Langsam bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle Kinder aus +Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, johlend und singend. + +Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. Schellheim und die +Rätin hatten bereits auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit +ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. Über die Balustrade +der ersten Terrasse lugten die neugierigen Gesichter der Dienerschaft. + +Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie ein leichtes +Schmerzempfinden, als die Musik näher und näher kam; ihrem +feingebildeten Ohr dünkte der kriegerische Marsch wie ein ungeheurer +Korybantenlärm. Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht. Der Zug +nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich; man sah, wie über die +den Luftstrom aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen das +Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen unfreiwillig-komischen +Eindruck. Der schöne Zylinder, über dessen sanften Bronzeton die Sonne +glitt, saß ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn vor +Hitze und Anstrengung und erschien wie gebadet. Er war so im Eifer, daß +er das Schlußzeichen übersah, das Tengler gab, und so stieß er noch ein +paar schmetternde Töne aus, während die andern schon schwiegen, und +setzte das Instrument erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in +den Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes Gesicht; er +hatte nicht gedacht, daß es schon zu Ende wäre. + +Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die Augen zu Boden gesenkt, +voll brennender Verlegenheit, monoton sprechend, wie sie es beim +»Aufsagen« in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten Händen. +Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr immer wieder aus. An der +Stelle: »Wir wünschen der Herrschaft einen heiligen Lohn« versprach sie +sich mehrfach, sagte erst »leiligen Hohn« und raspelte dann noch längere +Zeit an den Worten herum, ehe sie das rechte fand. Dabei schossen ihr +die Tränen in die Augen. + +Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der mit im Zuge war, ein +stämmiger Mann, der Markuse hieß und deshalb immer »Jüd« genannt wurde, +obschon er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der brachte ein Hoch +auf die gnädige Herrschaft aus, worauf die Musikanten einen Tusch +bliesen und dann merkwürdigerweise »Heil dir im Siegerkranz« anstimmten. + +Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen war, wie er nach +Landesbrauch die Ovation beantworten sollte, auf einen guten Gedanken. +Er gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseits und ließ sodann, +an den Sedantag und seine glorreichen Erinnerungen anknüpfend, in einer +geschickten Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben. Wieder fielen +die Musikanten ein und bliesen hierauf, ihrem Repertoire getreu, »Nun +danket alle Gott«. + +Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert aus. Eine Predigt konnte er +doch nicht halten. Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte +dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute möchten sich einen +vergnügten Abend machen. Und dann zog er diesen und jenen ins Gespräch, +während die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar freundliche Worte +an Liese Braumüller richtete. + +Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als Schellheim ihn sah, stutzte +er und fragte: + +»Herr Möller – nicht wahr?« + +»Jawohl, Herr Kommerzienrat,« antwortete dieser. + +Schellheim zupfte an seiner Weste. + +»Hören Sie mal, mein lieber Herr,« fuhr er fort, »Ihr Bruder – der +ältere ist es, glaub’ ich – hat mir da mehrfach wieder geschrieben – +wegen der Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bißchen. Na – um +ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich mich der Sache annehmen, aber +– aber ich muß freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?« + +»Jawohl, Herr Kommerzienrat,« erwiderte Fritz, vollständig überzeugt, +»freie Hand –« + +»Sonst kann ich nämlich nichts machen, so gut wie gar nichts. Sagen Sie +Ihrem Bruder, er möchte mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat – es +eilt ja nicht.« + +»O, der hat schon Zeit,« sagte Fritz unklug, mit strahlendem Gesicht, +überglücklich darüber, daß die Angelegenheit nun ins Rollen kommen +werde. »Der lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!« + +»So!« entgegnete dieser kurz und ging weiter. + +Fritz war in so großer Aufregung, daß er den Heimweg kaum erwarten +konnte. Er galt als der »dumme Junge« in der Familie, wurde von allen +von oben herab behandelt und trotz seiner physischen Kräfte bei jeder +Gelegenheit unterdrückt. Und nun war _er_ es, der die frohe Botschaft +ins Haus bringen konnte, daß der Kommerzienrat eingewilligt habe, sich +der Quellenangelegenheit anzunehmen. Er beschloß, den Angehörigen +vorzulügen, daß _er_ den Kommerzienrat überredet und »breitgeschlagen« +habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten, war er denn doch nicht; er +wollte sich schon Respekt verschaffen. + +Der Rückmarsch in das Dorf währte ewig lange für den Ungeduldigen. Er +blies in sein Bombardon, daß man es noch in Kerbitschau hören konnte, +eine Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen Jubel blies er in die +alte Tuba, die sich geschmeichelt zu fühlen schien und das jauchzende +Herz ihres Trägers in eine donnernde Tonfülle übersetzte. Die drei +Repertoirestücke kamen hintereinander an die Reihe. Auf dem Dorfanger +schwenkte der Zug in Frontstellung ein, und dann ging man auseinander. + +Dörthe suchte ihren Vater auf. + +»Das gnäd’ge Fräulein hat mir deine Rechnung bezahlt, Vater,« sagte sie. +»Mach die Hand auf! Einundzwanzig Mark achtzig – aber die Deichsel am +gelben Wagen mußt du noch mal nachsehen, die klappert noch immer.« + +»Ein altes Stück Holz kann ich nicht mehr neu machen,« entgegnete Klempt +und steckte das Geld ein. »Gehst du am Abend zu Tanze?« + +»Ja – ich darf, aber ich soll um Mitternacht wieder zu Hause sein.« + +»Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht um die Ohren zu +schlagen. Sei vernünftig, Dörthe – daß du mir keine Dummheiten machst! +Ich weiß, wie’s beim Erntefest zugeht.« + +Dörthe lachte. »Habe doch keine Bange, Vater! Nee – ach du lieber Gott! +So bin ich nicht wie die Liese! ... Vater, du siehst immer noch blaß +aus. Du hätt’st nicht bei der Hitze mitlaufen soll’n!« + +»Ich weiß, was richtig ist. Der Kommerzienrat ist mein Brotherr. Nun +geh – vielleicht springst du noch mal zu uns ’ran, eh’ du in den Krug +machst!« + +»Werd’ sehen!« rief Dörthe und eilte davon, daß ihre Röcke flogen. Es +war Mittagszeit, und sie mußte auf dem Baronshof in der Küche helfen. – + +Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit großen Schritten nach dem Kruge +zurückgekehrt. Hier stand der alte Möller auf einer Leiter und nagelte +zur Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bändchen aus rotem und +blauem Seidenpapier durchflochten war. + +»Nu sind wir so weit, Vater!« rief Fritz dem Alten entgegen. + +»Was hast du gesagt?« fragte dieser von der Leiter herunter, drei große +Nägel zwischen den Zähnen haltend. + +»Nu sind wir so weit,« wiederholte Fritz. »Mit der Quelle. Der +Kommerzienrat ist dabei. Ich habe ihn breitgeschlagen. Albert soll zu +ihm kommen.« + +Der Alte wäre vor freudigem Schreck beinahe von der Leiter gefallen. Er +nahm die Nägel aus dem Munde und sagte dreimal hintereinander: +»Donnerwetter!« Dann kletterte er rasch herab und stürzte Fritz in das +Haus nach. + +Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht glauben. Es schien ihm +unfaßlich, daß der dumme Junge, der Fritz, Schellheim »breitgeschlagen« +habe. Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz los. Er erzählte +unsinniges Zeug, aber das Endresultat blieb dasselbe: Albert sollte auf +das Auschloß kommen – bei Gelegenheit – »es eile nicht«.... + +Albert überlegte. _Ihm_ eilte es. Er wollte sogleich hinauf. Nein, nicht +sogleich, riet der Alte, das sehe zu pressiert aus. So gegen Abend +vielleicht – und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung +Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege. + +Der Erstgeborene nickte lächelnd. Solche gute Ratschläge brauchte er +nicht. Er nahm sich vor, am Spätnachmittag auf das Auschloß zu gehen. +Fritz brüstete sich. »Ich habe ihn breitgeschlagen,« war sein drittes +Wort. + +Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner Frau ein, einer kleinen, +mageren, schwarzen Person von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war +in nicht minder großer Aufregung als Albert. Er war zu sehr +Geschäftsmann, um es nicht schmerzlich zu empfinden, daß das geplante +Unternehmen sich nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von der +Sache und träumte Tag und Nacht davon. Besonders das eine Traumbild: ein +großer Basar in dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein würde, +und der schon durch seine ganze Anlage jede Konkurrenz ausschließen +sollte – ein Basar mit blitzenden Spiegelscheiben und großstädtischen +Auslagen und der weithin leuchtenden Firma: #»Maison Mœller«#. Jawohl – +#»Maison Mœller«# wollte Bertold künftighin firmieren; das gab der Sache +einen internationalen Schliff und lockte auch die Ausländer an, die das +Bad besuchen würden. + +Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die Schankstube war frisch mit +Sand bestreut worden. Rings um die Wände zog sich eine große Girlande +aus Eichengrün, gleichfalls mit Rosabändchen aus Seidenpapier verziert. +Ebenso hatten die Bilder des Königspaares Kränze erhalten. Freilich +stellten diese Bilder – ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken +übersäte Lithographieen – noch Friedrich Wilhelm IV. und die Königin +Elisabeth dar; aber der alte Möller meinte, das schade nichts. König +bleibt König. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich ein Kaiserbild +kaufen; vorläufig genügt Friedrich Wilhelm IV. Wenn das Gespräch darauf +kam, vergaß Möller nie zu erzählen, daß er Friedrich Wilhelm IV. einmal +persönlich gesprochen hatte. Damals war gerade die Chaussee nach Posen +eröffnet worden, und der König fuhr mit dem Minister von Selchow einige +Dörfer ab, die der neue Verkehrsweg berührte. Und so kam er auch nach +Oberlemmingen. Möller, derzeit ein stattlicher junger Mann, war Schulze +und empfing ihn an der Barbebrücke, den berühmten Zylinderhut, den nun +der Fritz geerbt hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den langen, mit +schwarz-weißem Band umflochtenen Schulzenstab. Der König ließ halten und +sprach einige Worte mit Möller, und schließlich fragte er auch, ob Acker +und Feld ihre Schuldigkeit täten, und ob man zufrieden sei. Möller +erwiderte furchtlos: »O ja, Majestät, das schon, aber wenn man bloß die +Steuern nicht wären!« Und da hatte der König gelacht und war +weitergefahren. + +Wenn der Alte davon erzählte, wurde er stolz. »Das hab’ ich dem König +gesagt,« erklärte er, »und wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er +sich’s doch. So ’n König weiß ja gar nicht, was wir für Steuern zahlen +müssen, wenn man’s ihm nicht mal sagt ...« Die Steuern waren das +Klagelied Jeremiä der Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beiträge für +die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und dann die Gemeindelasten: +Kirche und Schule und vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen +wäre, hätten die Wege grundlos werden und Kirche und Schule verfallen +können. Die Steuern fraßen einen langsam auf ... + +Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglöhner und Bauernjungen, die sich +an dem arbeitslosen Tage langweilten und nicht wußten, wie sie die Zeit +totschlagen sollten. Die Tische waren in der Schankstube beiseite +gerückt worden, dicht an die Stühle und Bänke längs der Wände heran, so +daß der Mittelraum für den Tanz frei blieb. Man forderte Bier. Dörthe +war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten, etwas früher zu kommen, +damit sie mithelfen könne. Und das tat sie gern. Sie fühlte sich dann +schon halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den sie einmal +einnehmen würde. Heute sollte es übrigens zur Entscheidung kommen. Die +Verlobung war noch nicht veröffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot +noch nicht erfolgt. Die alten Möllers sprachen noch immer dagegen und, +wie es Dörthe schien, auch Albert und Bertold. Nun wollte sie aber aus +dem Ungewissen heraus. Alle Mädel im Dorfe neckten und foppten sie +bereits, Liese Braumüller vorweg, die es auch auf Fritz abgesehen hatte +und sich nun Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so weiter. Und +deshalb war Dörthe, ehe sie nach dem Kruge gegangen, noch einmal zu +ihrem Vater herangesprungen und hatte ihn gebeten, noch an diesem Abend +die Entscheidung herbeizuführen. Klempt wollte anfänglich nicht; er war +nicht gern im Kruge; bei seiner Menschenscheu ängstigte er sich auch, +der Gesamtfamilie Möller entgegenzutreten. Und sicher waren sie heute +alle zusammen. Aber Tante Pauline unterstützte Dörthe. Es müsse zum +Klappen kommen, erklärte sie; es liege sowieso genug Unheil in der Luft. +Drei Nächte hintereinander hatte sie von einer schwarzen Henne geträumt, +die wild mit den Flügeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und so +sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen sieben im Kruge sein. + +Dörthes Herz hämmerte stark, während sie in geschäftiger Eile dem alten +Möller die Gläser abnahm, in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den +Schnapsschank, und Mutter Möller machte sich in der Küche zu schaffen, +während Bertold mit dem Förster und einem Eleven Schellheims im +Extrazimmer politisierte. Dörthe merkte, daß der Alte guter Laune war. +Er hatte sie einmal um die Taille gefaßt und ihr gesagt, das Kleid mit +den roten Punkten kleide sie gut, – er werde ihr, wenn er das nächste +Mal nach Zielenberg komme, ein dazu passendes Halstuch mitbringen. Das +machte das Mädchen ganz glücklich. Ihre Liebe zu dem dicken Fritz war +der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen hielt sie sich von den andern +fern und vermied es, sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden, +wenn die Arbeit vorüber, zwischen den Heuhaufen auf den geschorenen +Wiesen und den Buchen an der Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei +Mondschein gewöhnlich das Kichern der Dirnen und das helle Lachen der +Liese Braumüller hören konnte, die überall dabei sein mußte. Ihr, der +Dörthe, konnte kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen +Naivität ihrer sittlichen Anschauung war sie doch stolz darauf. + +Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz mit seinem Geiger hatte +sich verspätet. Man schimpfte auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo +betrunken im Graben. Es war dumm, daß die heimische Banda nur ihre drei +Stücke konnte und nicht einmal einen Tanz darunter; sonst hätte man es +mit Blechmusik versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon +holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke und begannen eine +Polka zu pfeifen. Liese Braumüller und Anton Tengler tanzten danach; +einige andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging nicht recht – +man kam immer wieder aus dem Takt. Da erhob sich draußen Kindergebrüll. +Vietz kam endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht, in dem nur +die große Kartoffelnase rötlich schimmerte, war in der Tat so betrunken, +daß er sich kaum aufrecht halten konnte. Sein Partner, der Geiger, hatte +ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn vorwärts. Das war keine +Kleinigkeit, denn der Geiger, ein schmächtiges Kerlchen, schleppte auch +noch den Baß seines Patrons. Alle Kinder waren hinter den beiden her und +johlten und jubelten. Vietz schien das zu amüsieren; sein ganzes Gesicht +lachte. Aber plötzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine +drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte mit beiden Fäusten +und griff schließlich in den Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf +die Köpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem Geheul auseinander. + +Fritz erschien unter der Haustür. Er machte kurzen Prozeß, denn er +wußte, wie Vietz zu behandeln war. Er packte ihn einfach an Kragen und +Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte ihn hier in eine +Ecke. Dann wurde ihm der Baß zwischen die Beine geschoben, und der +Geiger nahm neben ihm Platz. + +»Nu feste gespielt, Vietz,« sagte Fritz ernst; »immer nach drei Tänzen +kriegt Ihr ein Glas Bier. Aber wenn Ihr’s schlecht macht, gibt’s gar +nichts!« + +Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es los. Der Geiger fiedelte, +und Vietz kratzte auf seinem Baß herum: es war eine höllische Musik. Der +Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst schnell zu Ende zu +kommen, während sein Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit +ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch auf das Vergnügtsein +der Tanzenden hatte das verschiedene Tempo keinen Einfluß. Die Paare +wirbelten im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte, man drängte +sich und chassierte aneinander vorüber, lachte, lärmte und tollte und +unterhielt sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die Luft wurde +schwül, ein trüber Dunst stieg zu der niedrigen Decke auf. Die Möllern +öffnete ein Fenster. + +Draußen im Garten spielten Braumüller, der Schulze, Raupach, +Langheinrich und noch ein paar eine Partie Kegel. Man hörte durch das +offene Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe Rollen der +Kugeln und das polternde Geräusch der stürzenden Kegel. + +Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte in der Luft herum und +zog die Nase kraus. + +»Braumüller,« rief sie zum Fenster hinaus, »das gibt wohl noch was – +he?!« + +»Alle neune!« schrie in diesem Augenblick der Angerufene. »Dundersaxen, +Langheinrich, du bist ein verflixter Kerl!« ... Und dann schaute er +gleichfalls zum Himmel und nickte der Möllern zu. »Ja, das gibt noch +was, Mutter Möllern! Das wird ’n bißchen brummlich da hinten!« ... + +Albert war schon vor zwei Stunden nach dem Auschloß gegangen. Es war +merkwürdig, daß er noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht +zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte, um mit dem +alten Möller und Fritze zu reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur +dann und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im Herumschwenken hörte +sie zuweilen den Ruf der Möllern aus der Küche oder das kurze, +befehlende »Dörth’!« des Alten, der, in jeder Hand ein paar +frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand. Mit heißem +Gesicht und wogender Brust stürzte sie dann von ihrem Tänzer fort, um +wieder die Gäste bedienen zu helfen. + +Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete noch ein zweites Fenster, +denn die Luft war zum Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst +warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen nur ein +verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln und Burschen hatte sich um +Vietz geschart, der ihnen mit heiserer Stimme das Lied vorsang: + + »Hans mit de Krusekragen + Stieg up de Kachelawen – + Bautz, fiel hinunger, + War des kee’ Wunger – + Wär’ he nich hinuppestegen, + Hätt’ he nich hinunnelegen!« + +Zwischen jedem Verse strich er den Baß, verdrehte dabei die Augen und +ließ zuweilen die Stimme überschnappen – und das Volk um ihn wollte +sich ausschütten vor Lachen. + +»Vater, nu mach doch man!« flüsterte Dörthe Klempt zu, der ruhig in +einem Winkel saß und seine Pfeife schmauchte. »Jetzt paßt’s gerade!« + +Klempt schaute nach Möller aus. Der hatte sich ermüdet hinter dem +Schanktische niedergelassen. Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf +zwei Schemeln Platz genommen; man sprach davon, daß Albert noch immer +nicht da sei. + +Klempt erhob sich, öffnete die Klappe seines Pfeifenkopfes und drückte +mit dem Daumen den Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem +Schanktisch. + +»Es wird noch ’n Wetter geben, Möller,« begann er die Unterhaltung. + +»’s soll mir recht sein,« entgegnete der Angeredete; »ich hab’ alles +’reingebracht.« + +Klempt spuckte auf die Erde und zündete aus Verlegenheit ein Streichholz +an, obwohl seine Pfeife noch brannte. »Viel Arbeit heute,« meinte er; +»’s ist gut, daß sich die Dörthe freimachen konnte ...« Und einen +plötzlichen Entschluß fassend fügte er hinzu: »Habt ihr denn schon +überlegt, wann das Aufgebot sein soll?« + +Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen böse an, und Möller tat +sehr erstaunt. + +»Was denn für ein Aufgebot?« + +»Na, zur Hochzeit,« erwiderte Klempt, schon wieder etwas kleinlaut. + +Nun lachte Möller. »Ach so,« sagte er; »na, ich dächte, bis jetzt wären +die beiden noch gar nicht mal so recht versprochen!« + +»Dächt’s auch,« fügte die Mutter hinzu. »Das ist so ’ne Liebelei, wie +sie schon vorkommen kann –« + +Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort. Er hatte zuweilen das Herz +auf der Zunge. + +»Nein, Mutter,« sagte er; »du weißt recht gut, daß es mir Ernst ist. Ich +habe die Dörthe immer haben woll’n. Wir könnten wenigstens regelrechte +Verlobung feiern, damit sich das Mädel nicht unnötig necken zu lassen +braucht.« + +»So ist’s,« setzte Klempt hinzu. »Von heute zu morgen kann niemand die +Hochzeit verlangen, aber eine ordentliche Verlobung muß sein.« + +»Wir woll’n mal mit Albert darüber sprechen,« sagte Möller; »ich weiß +nicht, wo der Junge bleibt!« + +Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den Schanktisch +herangezogen. Er hatte sich nie so recht gut mit den Möllers gestanden, +und nach seinem Herzen war eine Heirat zwischen Dörthe und Fritz auch +nicht. Aber ihr Lebensglück hing doch nun einmal davon ab, und das +machte den sonst so schweigsamen Alten beredt. + +»Ihr müßt nicht immer so tun, als paßte die Dörthe nicht in eure +Familie,« hub er von neuem an. »Die Klempts sind gerade so ein guter +Bauernschlag. Jawohl, Möller, und du brauchst auch nicht zu glauben, daß +ich die Dörthe arm wie ’ne Kirchenmaus in die Ehe gehen lasse. Sie hat +ihre gute Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja auch sparen +können, die sie nach meinem Tode kriegen soll. Die Ersparnisse von Tante +Pauline kommen dazu, und schließlich das Gehöft – ist denn das nichts +wert? So ’n ordentliches Haus find’st du lange nicht, und wie fest das +noch alles steht! Und der Garten und die fünfzehn Morgen Acker und dann +vor allem der schöne Wiesengrund, der bis an die Graue Lehne +heranreicht, der beste im ganzen Dorfe?! Wir sind doch keine +Bettelpackasche, Möller! Ich dränge mich euch nicht auf, aber das Mädel +ist doch nun mal so verrückt nach dem Fritz, und –« + +Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob sich und legte seine Hand +auf die Schulter Klempts. + +»Laßt’s gut sein, Vater Klempt,« meinte er, »die Alten sind schon +vernünftig. Wenn Albert zurückkommt, woll’n wir noch mal in der Familie +darüber sprechen ...« + +Mutter Möller war längst in ihre Küche zurückgekehrt und warf dort mit +den Eisenringen des Herds umher, daß man es im Schankzimmer hören +konnte. Das paßte ihr alles nicht; die Dörthe war keine Partie. Aber sie +schwieg und wurmte sich heimlich. Die Eisenringe des Herds sprachen für +sie. + +Dörthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene beobachtet. Nun stand +Fritz vor ihr. »Rasch einmal ’rum,« sagte er und faßte sie um die +Taille. »Die Verlobungspolka, Dörthe! Morgen soll’s das ganze Dorf +wissen!« + +Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit glückstrahlendem Gesicht +in seinen Armen. + +Geige und Baß kreischten wieder. Das ganze Haus schien unter den +Schwingungen der tanzenden Paare zu dröhnen. Da klirrten auf einmal die +Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann prasselte ein +Regenschauer, mit Schloßen gemischt, zur Erde. Schreiend stoben die +Tanzenden auseinander. Die draußen kegelnden Bauern, die von der +Plötzlichkeit des Gewitters überrascht worden waren, stürmten in das +Zimmer, triefend vor Nässe, mit dampfenden Kleidern. + +Alles drängte sich an den Fenstern zusammen. Von Zeit zu Zeit +erleuchtete ein greller Blitz die Nacht, und dann sah man den dicht +fallenden Regen. Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mußte das vom +Himmel strömende Wasser den Brand auf der Stelle löschen. Man war sehr +vergnügt bei dem Unwetter. Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur +ein kleiner, verhungert aussehender Kossät, Priestegall mit Namen, +ächzte und jammerte: er hätte seinen Hafer noch nicht einfahren können. + +Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen, um sich warm zu machen. +Aber Vietz war eingeschlafen. Man wollte ihn wecken, doch es war nicht +möglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu bringen. Da nahm Langheinrich +den Baß zwischen seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten, +während auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das gab neuen Spaß, und bald +wirbelten wieder die Paare durch das Gemach, unbekümmert um die +diabolische Musik. + +Auf einmal hieß es, der Kommerzienrat sei vorgefahren. In der Tat, eine +geschlossene Equipage vom Augut hielt vor der Tür. Aber nicht der Rat +stieg aus, sondern Albert Möller. Allgemeines Erstaunen; Schellheim +hatte Albert in eignem Wagen nach Hause fahren lassen, – das hatte ganz +gewiß etwas zu bedeuten! + +Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert bis auf den Hausflur +entgegen. Er zog sie in die Küche. »Es ist alles abgemacht,« sagte er +hastig, mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; »der Kommerzienrat +schießt uns das Nötige aus eigner Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm +nach Berlin zu seinem Anwalt ...« + +Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche umher. »Seht ihr wohl – +hurra!« schrie er; »ich hab’ ihn breitgetreten!« + +Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres wissen. Sie rückten Albert +dicht auf den Leib und bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft +und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken haben, erklärte auch, +vom Geschäftlichen verständen sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei, +daß der Stein nun ins Rollen käme. + +»Natürlich ist das die Hauptsache,« bemerkte Fritz, »alles übrige wird +sich schon finden. Und wie ist’s nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo +wir alle so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine Verlobung +feiern!« + +»Sei doch man still,« fuhr die Alte auf, und Albert fragte: »Deine +Verlobung? – Ach, mit der Dörthe?!« + +»Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der alten Maracken?!« + +Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im nächsten Augenblick nickte +er lebhaft mit dem Kopfe. »Schön,« meinte er, »ich hab’ nichts +dagegen ...« Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und führte ihn +etwas abseits. »Sag mal, du,« fuhr er im Flüstertone fort, »Klempts +Wiesenbucht grenzt doch an die Graue Lehne?« + +»Dichte ’ran, Albert – dichte ’ran!« + +»Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt doch die Dörthe das Ganze +als einziges Kind?« + +»Alles – i nu selbstverständlich, – Vater Klempt hat’s uns vorhin +erst wieder auseinandergesetzt, daß die Dörthe noch gar nicht die +schlechteste Partie ist.« + +Albert nickte wieder. »Ich glaube, der Klempt wird’s nicht mehr allzu +lange machen, Fritz. Er sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen +kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der Wiesenbucht – na, verlob +dich nur erst! Meinen Segen hast du!« + +Und wirklich wurde noch an diesem Abend die Verlobung Fritz Möllers mit +Dörthe Klempt öffentlich verkündet. Fritz kletterte während der nächsten +Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung mit Stentorstimme +in das Zimmer, und wer sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er +hinzu, seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein paar hinter +die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob Bursche oder Mädel. Und nachdem +er dies versprochen hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, das +heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und die Musik mußte einfallen, +und alles brüllte mit, umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte +und witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches Schnattern, +während draußen noch immer mit leisem Plätschern der Regen fiel und das +abziehende Wetter den Horizont erhellte. + +Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht wie von Sonnenschein +überflutet war. Selbst die Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe +mußte ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte »in Familie« +gegessen werden. Der alte Möller stieg selbst in den Keller, ein paar +Flaschen Rheinwein heraufholend, von denen er behauptete, die könne +»jeder Vater mit seinem Sohne trinken«. Klempt wurde genötigt, im +Extrazimmer auf dem grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht, wie +ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf mit den Möllers gefaßt +gemacht, und nun wickelte sich die Sache so glatt und rasch ab. + +In der Schankstube wurden inzwischen die fünfzig Mark vertrunken, die +der Kommerzienrat gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte sich +Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste Thielemann zurückgezogen. +Beide wisperten eifrig miteinander. + +»Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen ’rumgekriegt hat,« +flüsterte Liese. »Aber ’s wird wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt’ +was erzählen, wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in der Kirche seh’ +ich die beiden noch nicht. Ich möchte wetten, daß da noch was darmang +kommt –« + +»Dörthe!« erscholl in diesem Augenblick die Stimme der Möllern aus der +Küche. + +Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler Schweinebraten in braun +glänzender, knusperiger Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch +die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben, Preiselbeeren und +Milchreis mit Zimmet. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Es war am Neujahrstage, als Hedda, in der Pelzjacke, die Pelzkappe auf +dem Kopfe und den Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer +trat. »Ich will zum Pastor, Papa,« sagte sie, »ihm meinen Glückwunsch +bringen. Hast du etwas zu bestellen?« + +»Schöne Grüße, nichts weiter,« antwortete der Baron. »Und warum er sich +denn gar nicht mehr sehen ließe. Seine Beine sind noch flotter als +meine.« + +»Werd’s ausrichten. Hat die Post nichts Neues gebracht?« + +Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor den Kopf. »Sapperment,« +schalt er, »ich fang’ wirklich an, tranig zu werden! Die Hauptsache +vergess’ ich!« + +Er nahm einen Brief vom Tisch. »Weißt du, wer geschrieben hat?« + +»Dein Verleger?« + +»Gott bewahre! Rat mal!« + +Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht. + +»Dummerle,« rief der Alte endlich, »Axel hat geschrieben!« + +Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß sie sich setzen mußte. + +»Axel?« wiederholte sie. »Der Jarlsberger?« + +»Ja, ja – unser vielgetreuer Herr Vetter, der Nordlandsrecke, der +Wikinger! Er ist nach Berlin zur Botschaft kommandiert worden und will +uns im Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!« + +Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus. + +»Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen Diensten steht,« +sagte sie. »Ich glaubte, er täte gar nichts – lebte von seinen +Reichtümern – reiste in der Welt umher – als Globetrotter –« + +»Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß dem nicht so ist. Über +den angekündigten Besuch kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude. +Das gibt allerhand Unbequemlichkeiten – und der junge Herr wird +verwöhnt sein.« + +Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda. + +»In der Fremdenstube regnet’s durch,« klagte sie. »Auch muß da neu +tapeziert werden, und, ach, du lieber Gott, das Waschservice sieht erst +recht nicht nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns denn +einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube seit Ewigkeiten nicht +bekümmert.« + +»Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,« versetzte der Freiherr +begütigend; »wir haben also noch Zeit genug, unsern Schlachtplan zu +entwerfen. Außerdem weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind – +und überdies soll mir’s sehr gleichgültig sein, ob es ihm in Jarlsberg +besser gefällt als auf dem Baronshof.« + +»Puh!« machte Hedda, »hier ist’s aber fürchterlich heiß, Papa. Hältst du +das denn aus?« + +»Ich schmore am liebsten – da spüre ich meine Ischias am wenigsten.« + +»Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt nach Gastein, Papa –« + +»Wohin denn noch?! Nach Paris und dann ein bißchen an die Riviera, nicht +wahr? Wir haben ja das Geld dazu!« + +»Für die Badereise werd’ ich’s schon schaffen. Vielleicht versuchst du +es auch einmal mit _unsrer_ Quelle –« + +»Nicht um die Welt, Hedda! Das hab’ ich mir vorgenommen: diese ekelhafte +Quelle existiert für mich nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von +ihr.« + +Hedda stand achselzuckend auf. + +»Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja doch nichts aus. Tu mir +die Liebe und laß dich um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August +schon Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß kommen sicher zur +Gratulation.« + +Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor. + +»Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!« stöhnte er. + +»Nein,« erwiderte Hedda, »denn sie wissen, was sich schickt.« + +»Papperlapapp – die Unsitte der Neujahrsgratulation ist längst aus der +Mode gekommen!« + +»In Oberlemmingen noch nicht.« + +»Opponiere nicht ewig!« + +»Ich bin _dein_ Fleisch und Blut.« + +»Dann gib mir ’nen Kuß!« + +Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus ins Freie. + +Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wölbte sich der +Himmel über der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch, +und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es flimmerte und glitzerte, +wohin sich das Auge wandte. + +Hedda schritt durch den Garten und über den Dorfplatz, wo ein Dutzend +Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein +Pelzkäppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah, +lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den +Erträgnissen des Hühnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre +Kappen ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und der +kleinste und frechste rief ihr »Prost Neujahr!« nach, und dann jubelten +allesamt wild durcheinander ihr »Prost Neujahr!« + +Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher +und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der +Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentümliche +Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er +stammte aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht. +Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von +Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein +Abiturientenexamen bestanden, die militärische Laufbahn einschlagen. So +trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes +Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm +selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er +am Typhus und wurde zu seiner Genesung für längere Zeit nach dem Süden +beurlaubt. Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem +damals noch päpstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhügelstadt, +dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung +seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals über die Gründe +aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jüngling war, zur +Konversion veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er in Rom in +vertrautem Verkehr mit einem preußischen Edelmann gestanden hatte, der +Monsignore und Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung +man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzählte. +Tatsache war jedenfalls, daß Eycken nach seiner Rückkehr gegen den +Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollständig zerfiel, +zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied erbat und noch +nachträglich Theologie studierte. + +Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte +die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine städtische +Stellung bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn +sonst hätte es ihm leicht werden müssen, bei der Vornehmheit seines +Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen +Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am +Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer +eine überaus stattliche Erscheinung: groß und von breiten Schultern, mit +frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weißen Locken +umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls +schneeweiß und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus, +von deren das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben voll Wohltun +und Köstlichkeit die Bibel erzählt. + +Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushälterin führte ihm +die Wirtschaft. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei. Seinem +bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner +Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit +vollen Händen aus, wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn +wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die +Führung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bücher und +Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor +gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar +nichts zu tun. Er war denn auch »oben« nicht sonderlich gut +angeschrieben. + +Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum +neuen Jahre. + +»Danke, Frau Stege,« antwortete das junge Mädchen; »so Gott will, gehen +Ihre guten Wünsche in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?« + +»Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch bei ihm, – einer von den +jungen Herren aus dem Auschlosse.« + +Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem +anzumelden. + +Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. Er öffnete die Tür +rechtsseitig des Flurgangs und rief: »Immer herein, Fräulein Hedda! Sie +stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stöbert meine Bücher +durch.« + +Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche vor. Dann begrüßte sie +Gunther mit freundlichem Handschlag. »Seit wann wieder hier, Herr +Doktor?« fragte sie. + +»Erst seit vorgestern, Baronesse,« erwiderte Gunther unter leichtem +Erröten; »aber ich will den Winter über aushalten, vielleicht sogar bis +in den Mai hinein –« + +»Ah – Sie bleiben längere Zeit?« + +»Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit zu vollenden, die mich sehr +in Anspruch nimmt, und zu der ich Ruhe und Stille brauche.« + +»Nibelungenforschung?« fragte Hedda lächelnd. + +»Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall eine ganz interessante +Entdeckung gemacht, die ich ausbeuten möchte ...« + +Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda knüpfte ihr Pelzjackett auf. +Es war warm im Zimmer. Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände +waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt, auf einfache tannene +Regale gereiht. Vor einem dieser Repositorien stand eine Leiter, und +unten am Boden, am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen +weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet. Die durfte die +Wirtschafterin beim Reinigen des Zimmers nicht anrühren; der Pastor +pflegte vor Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke +auszuwählen und ließ sie am Boden liegen, bis er sie brauchte. Übrigens +beherbergte das Gemach noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das +eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war gleichfalls mit Büchern +gefüllt. Der Pastor besaß an zehntausend Bände. + +Hedda schlug erstaunt in die Hände. + +»Was studieren und schreiben Sie nur alles zusammen, Herr Pastor!« sagte +sie naiv. »Ihre Predigten können Sie doch unmöglich so stark in Anspruch +nehmen!« + +»Nein, mein Kind,« erwiderte Eycken, »das tun sie in der Tat nicht. Ich +studiere zu meinem Vergnügen, wie andre Leute ins Theater gehen, +Konzerte, Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.« + +»Eine verständliche,« fügte Gunther hinzu, und sein Auge flog über die +Bücherreihen. + +Hedda interessierte das. »Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht +veröffentlichen, Herr Pastor?« forschte sie weiter. + +Eycken zuckte mit den Schultern. + +»Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,« entgegnete er. »Für mich +hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den +Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten +voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe +ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft, +eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht +ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.« + +Hedda schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht,« sagte sie. »Wenn +ich etwas schaffe, von dem ich annehme, daß es nicht nur mich selbst, +sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in +gewisser Weise egoistisch – Pardon, Herr Pastor –, es den andern +vorzuenthalten.« + +»Richtig, Hedda,« erwiderte Eycken. »Es wäre egoistisch, wenn ich mir +von meinen Studien für Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das tue +ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will auch in die Polemiken, mit +denen die zünftigen Gelehrten sich gegenseitig überschütten, nicht +hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen – ach, vor langen +Jahren« – und ein wehmütiger Zug flog über sein schönes Greisenantlitz +– »in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war +reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück vollendet hatte, so +mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und ließ sich sein +Werk allein aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte dabei +sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke völlig. Und dann +packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ +sich in schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in +das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit +dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme, +von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhört und die +Hypothese beginnt – da breche ich ab und lege das Manuskript zu den +übrigen ...« + +Man sprach noch hin und her über das Thema. Auch Gunther verfocht die +Ansicht Heddas, daß die ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht +habe, vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner +interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig ganz in Anspruch nahm. Er +hatte auf der Königlichen Bibliothek in Berlin in einem +handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre +1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil +noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des +Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, nannte seinen Namen und gab +auch einzelne Daten aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum +der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein +neuer Beweis dafür erbracht, daß man schon lange vor der Drucklegung des +ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch +auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der +Persönlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die +geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt +hervorzurufen. + +Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. Die Freude an dem +Funde teilte sich seiner ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich, +daß er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein lebhafte, +braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schön +geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur +war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts +an sich. Als er merkte, daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda +nur Zuhörerin war, errötete er wieder – das passierte ihm häufig – und +wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Fräulein zurück. + +»Ich langweile Sie, Baronesse,« sagte er. »Mehr oder weniger sind wir +Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr +Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß Melanchthon +den historischen Faust –« + +Er unterbrach sich und lachte. + +»Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende hinein, und ich +wollte doch von etwas anderm reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an +der Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die feierliche Weihe +stattfinden.« + +Eycken war Feuer und Flamme für die Sache. Er war ein begeisterter +Anhänger der Ferienkolonieen, für die er große Summen spendete, und trug +sich mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus für bedürftige +Kinder in Oberlemmingen zu errichten. Es war merkwürdig, daß gerade +dieser Mann, der unverheiratet durch das Leben gegangen, der Kinderwelt +eine so heiße Liebe und eine so große Barmherzigkeit entgegentrug. Es +war, als erschöpfe sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen +Herzens. + +Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen eine praktische Ausbeutung +der Quelle und versuchte Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht +sei. Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche der +Angelegenheit in der Hand halte, sei Gewähr für eine solide Entwicklung +des Unternehmens gegeben. Für die Möllers hatte er auch nicht viel +übrig. + +Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. Als sie sich vor der +Gartentür die Hand reichten, fragte der junge Mann: + +»Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?« + +»Leidenschaftlich gern,« antwortete Hedda, »und der Döbbernitzer See +bietet auch eine prachtvolle Bahn. Aber allein ist es langweilig.« + +Gunther verneigte sich. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, Sie +begleiten zu dürfen,« sagte er. »Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? Es +ist heute so wunderbares Wetter.« + +Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann dankend. Zu Fuß ging er +nach dem Auschlosse zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor +aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig war. + +Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber beiläufig von ihrer +Verabredung mit Gunther. Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu +räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich nicht Rendezvous mit +jungen Herren. Er verstehe Hedda nicht – sie wisse doch sonst, was Takt +sei. + +Sie verteidigte sich lebhaft. + +»Ich weiß nicht, was du hast, Papa,« antwortete sie. »Ich bin kein +Backfisch mehr und fühle mich durch die Anwesenheit des Doktor +Schellheim eher geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen, +verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das Leben einer Nonne +führen!« + +Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches vor sich hin. Es klang +so, als sage er, er könne nun einmal die Schellheims nicht leiden. Hedda +schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert. Sie hatte zum ersten Male +das Gefühl, als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein Alp auf ihr. + +Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten, mit einem Schimmelgespann, +das der Kommerzienrat erst vor kurzem gekauft hatte und dessen +silberbeschlagenes Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich nicht +sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer aus die Auffahrt +beobachten können. Und er hieb wütend mit der geballten Faust auf den +Tisch. + +Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die Veranda getreten. Gunther +half ihr beim Einsteigen und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in +das weiße Bärenfell, das als Decke diente. + +Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten Gefährt nach. Dann +glitt ein zustimmendes Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört, +daß die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete, aber er beeilte +sich nicht. Vorsichtig klopfte er den Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe +er in das Haus zurücktrat. + +»Hast du keine Ohren?!« schrie der Freiherr ihn an. + +»Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst mußte ich dem gnädigen +Fräulein helfen!« + +»Feuer in den Ofen!« kommandierte der Alte. »Soll ich vielleicht hier +erfrieren?« + +August schaute auf das Thermometer, das am Pfeiler zwischen den Fenstern +hing. + +»Sechzehn Grad,« sagte er. »Der Herr Baron werden sich noch so +verpimpeln, bis Sie nachher kein Lüftchen mehr vertragen können.« + +»Halt ’s Maul und feure!« schrie Hellstern grob. + +August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei des Alten tat ihm +sichtlich wohl. Er kniete vor dem Ofen nieder und begann langsam die +eiserne Tür aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern +aufstöhnte. + +»Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!« rief er. + +August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter in Brand und schob +dann einige Scheite Holz hinterher. Schließlich blies er mit dicken +Backen in das Ofenloch, um die Flamme wach zu halten. + +»Herr Baron,« sagte er plötzlich in fragendem Tone. + +»Was ist los?!« + +»Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?« + +»Ja – was sonst noch?!« + +»Ach – ich meinte man bloß – die gnädige Baronesse sahen so stattlich +drin aus – und der Herr Doktor auch – ein hübsches Paar –« + +Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches herum, zornrot und +prustend vor Grimm. Seine Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um +ihn August an den Kopf werfen zu können. Aber er fand keinen. + +»Raus!« schrie er. »Mach, daß du rauskommst! Wie kannst du dich +unterstehen, vom gnädigen Fräulein und dem – und dem da per ›hübsches +Paar‹ zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe +sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich! +Pack deine Sachen zusammen – pascholl!« + +August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann +ächzend. Sein Gesicht sah überaus freundlich aus. + +»Ich fang’ nu auch an, alt zu werden, Herr Baron,« erzählte er, ohne die +letzten Äußerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. »Nämlich – wenn +ich mir bücke, dann knackt’s mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt +auch wieder. Na – nu kriegen wir ja die Quelle –« + +Hellstern hob die geballten Hände hoch empor und schnaufte förmlich. + +»Hat jemand je ein solches Untier gesehen!« rief er. »Die Quelle! Jetzt +fängt der auch noch davon an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll’s recht sein! +Mach, was du willst! Aber geh nur ’raus! Ich kann dich nicht mehr sehen! +Du bist mir greulich –« + +»Ich geh’ schon,« sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm +nicht monatlich wenigstens dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte +alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und +glücklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend, +schnaufend und stöhnend, an seine Arbeit. + +Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufällig +am Fenster stand, schaute ihm mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die +Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon +lange davon, daß das Fräulein vom Baronshof einen der beiden jungen +Herren vom Auschlosse heiraten würde. + +Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas +Köstliches. Ein Märchenwald – ein verzauberter Hain, der aus +leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem +Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es +flimmerte und glitzerte überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung +bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit +Eis inkrustiert; ein glänzender Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte +sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren, +schwarzgrünen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind +kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde. +Hie und da hingen noch Eistropfen am Geäst, feine, dünne und zierliche, +die sich langsam auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke, +die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst über die Moosschicht unter +den Tannen spann sich ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu +heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine köstliche +Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum. + +Das Wiehern der Pferde und das Geläute der kleinen silbernen Glöckchen +am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stören. Aber auch +in dem lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die +Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken auf den Rücken der Pferde +blähten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle +Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, der ihren Nüstern +entströmte, jagte vor ihnen her. + +Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefühl der +Naturbewunderung hieß sie schweigen, bei beiden kam auch noch das +instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der +brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in der ganzen gemächlichen +Fülle seiner Persönlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in +seinen langen, hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen +um den Hals. Das Gesicht war völlig regungslos; er war gut gezogen. + +Und seltsam genug – während dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda +mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung +gewesen, daß sie der Aufforderung ihres gefälligen Nachbars nachgekommen +war? An übertriebener Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem +Konventionalismus. Sie hätte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein +meilenweit spazieren zu gehen. Und nun saß, eine merkwürdige #dame +d’honneur#, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und +gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht recht wußte, was sie +sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das +lächerlich war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so. + +»Der See,« sagte Gunther und wies nach rechts hinüber. Durch eine +Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut +floß, sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück blendendes Weiß. + +»O weh,« gab Hedda zurück, »wir haben an den Schnee nicht gedacht! +Werden wir da überhaupt laufen können?« + +Er nickte und lächelte dabei. »Die Bucht an der Försterei ist gefegt +worden,« entgegnete er. »Ich habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt. +Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.« + +Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun +wieder nicht. Es klang so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man +alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder über sich selbst; es war +klar, daß sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht +hatte. + +Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In +der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit +mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch geschichtet und dort +wieder die braune Erde reingefegt. + +Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten überschwemmter +Wiesen, die Försterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See +sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen von +Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter das Schloß, ein burgartiges altes +Gebäude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der +Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen +Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bös zusetzten. + +Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im +Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann +wandte er sich an Hedda. »Darf ich Ihnen helfen?« fragte er und deutete +auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug. + +Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen. +Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie über einen +Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war +ungeschickt. + +»Ich werde doch helfen müssen!« rief Gunther lachend. Und schon kniete +er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht. + +Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male +einen Mann zu ihren Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie +durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie vorhin, als die +Gegenwart des Kutschers sie genierte. + +Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte Läufer. Unter dem Stahl +ihrer Sohlen klang die glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie +ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es +lief sich prächtig. + +Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunächst +einmal allein »auszutoben«. Es war ein entzückendes Bild, wie sie über +den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend +brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde +nicht müde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust +verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Auf dem dunkelblonden +Haar saß die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten +Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen Kraft. + +Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer Schneedecke. Ein Schwarm Krähen +strich durch die Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich ihr +Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Döbbernitz zu in +schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor +sich zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. Eine weiße +Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht über dem Horizont, und so +sah es aus, als steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter Ferne +zu ragenden Gletschern empor. + +»Aufgepaßt!« rief Hedda plötzlich. Aber es war zu spät. Die Bogen der +beiden Läufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme. +Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat »tausendmal« um +Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten +Male hin. Nun lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder auf +ihren Füßen und reichte Gunther die Hände. + +»Halten Sie fest!« rief sie, – »so!« – und nun stand auch er. + +»Wie war das gekommen?« fragte er verlegen, und sie lachte abermals. + +»Mein Gott, wie soll es gekommen sein?« gab sie harmlos zurück. »Ich +taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? – Haben Sie sich +verletzt?« + +Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; eine Sehne mochte sich +gezerrt haben. + +»Nur unbedeutend,« antwortete er; »es wird sich geben, wenn ich erst +wieder in Bewegung bin.« + +Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So flogen sie von neuem über das +Eis. + +»Geht es besser?« fragte Hedda. + +»Ja – danke; ich fühle mich sogar außerordentlich wohl.« + +Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich. + +»Treiben Sie viel Sport?« fuhr sie fragend fort, mit Absicht das Thema +wechselnd. »Man findet das sonst nicht häufig bei Gelehrten – die +Herren pflegen nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.« + +»Das ist bei mir allerdings auch der Fall,« entgegnete er; »aber ich +begann vor zwei Jahren, wie ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu +kränkeln, und da raffte ich mich denn mit einem energischen Entschlusse +zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung auf. Das wurde mir anfänglich +schwer; sportliche Neigungen sind im Grunde genommen eine +aristokratische Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte ich sie +nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie auch den Geist reger und +frischer erhalten.« + +»Reiten Sie auch?« + +»Ja – aber speziell zum Reiten komme ich weniger. Sie sind natürlich +eine begeisterte Amazone, Baronesse?« + +»Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer geworden, mein Reitpferd +aufgeben zu müssen. Aber ich habe mich über so viel getröstet, daß mir +auch das keinen Kummer mehr macht.« + +Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem Ufer zurück. + +»Ich denke mir,« begann Gunther von neuem, »daß es Ihnen zuweilen recht +einsam auf dem Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet meines Wissens +nicht allzuviel Verkehr.« + +»Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, – er ist ein Fanatiker der +Einsamkeit. Und ich muß sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins +verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann über Langeweile +nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt +hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als +verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Möglicherweise reise +ich im Februar oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu’ mich +darauf.« + +»Haben Sie Verwandte in Berlin?« + +»Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und der ich bisher +alljährlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu +lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der +Hauptstadt.« + +Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von +Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzählen begann; sie sei neugierig, ihn +kennen zu lernen – er habe schon früher einmal dem Papa sein Bild +geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe +auf der rechten Wange. + +Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm +das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich – sie kennt den Herrn Axel +ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen gewonnen haben, daß ihn +schon die Erwähnung eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte! + +Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein »gleichgültiger +andrer«. Ganz gewiß nicht! Er ist reich und gehört mit zur Sippe – das +fällt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, das dem +jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. Man hatte auch ihn schon +mit Heiratsplänen bestürmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte +zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen aufmerksam gemacht +worden, »gute Partieen« und meist hübsche und wohlerzogene Fräulein, +bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern +erwählt hatten. Aber er dankte für eine »gute Partie« in kaufmännischem +Sinne; er hatte das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in eine +wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei +einer so ruhigen, verhältnismäßig abgeklärten Verstandesnatur wie +Gunther, bei einem Manne, der sich gut bürgerlich fühlte und im Adel +durchaus keine Menschenklasse sah, die höher stand als jene, der er +zugehörte. Und doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es war +eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit festhielt wie seinerzeit an +dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe +gekostet; der Vater wollte, daß er die Fabrik in Manchester übernehme, +deren Betrieb dringend einer Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich +darüber gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der Sphäre +fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht war es gerade das Bedürfnis, +aus dieser Sphäre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer +»vornehmen« Partie festhalten ließ. Er war viel zu klug und zu +rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tüchtigkeit und alle die +andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen. +Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich +gewissermaßen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen +man sich nicht zu regen vermochte. + +So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. Er hielt sich deshalb +auch gesellschaftlich ziemlich zurück – schon um den immer +wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu +entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er sträubte sich zunächst +gegen das Gefühl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen +zugestanden hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. Aber +die Liebe erwachte stärker und wurde größer in der Zeit, da er Hedda +nicht sah. Er überlegte, ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb +nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern +Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und +jedenfalls kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er Hedda abermals +gegenübertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren +Erscheinung, daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ... + +Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche glitt und zerstreut +mit ihr über hunderterlei plauderte, überlegte er nochmals und +ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste, +ihm zuvorzukommen. Aber – nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger: +ein Fußfall, ein rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung – oder +eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere war in Kaufmannskreisen +üblich; da hatten gemeinhin die Väter das entscheidende Wort zu +sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das +würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen +und ihr in der Kälte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das +dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen +Geständnissen – nein, ganz gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre +und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang – da +hätte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt; +auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die +Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ... + +An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften +Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, daß er sein Herz zu zügeln und +abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn +davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann plötzlich heftig +zu niesen. Er mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal +hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein +Riesenschnupfen war da. Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser +dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis überfallen hätte? – +Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch +zu wirken, war entsetzlich für ihn. + +»Prosit!« sagte Hedda nach dem letzten Dutzend Nieser; »ich habe noch +immer die bäuerliche Angewohnheit, Gesundheit zu wünschen, und Papa +freut sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er behauptet, das +befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr Doktor! Sie haben sich einen hübschen +Schnupfen geholt.« + +Gunther antwortete zunächst durch eine kleine Salve von Niesern. Dann +atmete er tief auf. + +»Es ist gräßlich,« antwortete er. Und wirklich, es war ihm gräßlich, +dieses plebejische und prosaische Niesen, wo es in seinem Herzen +frühlingswarm war. + +Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch war der Schlitten nicht +wieder zurück. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue +ging allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im Westen war es noch +hell. Da hatte die Sonne einen Purpurmantel über den Horizont gehängt, +der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte bis an die weißgraue +Wolkenschicht, deren unterer Teil völlig durchleuchtet war und den +Flammenkragen dieses königlichen Mantels zu bilden schien. + +Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte Hedda darauf aufmerksam, +und beide blieben, noch immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und +schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz allgemach veränderte sich +das Bild. Der Wolkenrand zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf. +Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in das Wolkengrau hinein +und spaltete es. Es strömte in hundert verschiedenen Farbentönen über +den ganzen westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit zu in einem +zarten, langsam erlöschenden Violett ... + +Gunther wurde es weich um das Herz. Der Dualismus in seiner Seele +drängte sich wieder vor: über den nüchternen Forscher gewann zuweilen +der leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte er sprechen +können. + +»Wie schön,« sagte er halblaut. »Ist es nicht wahr, daß die Natur +zuweilen ganz neue, uns selbst unbekannte Harmonieen in uns erklingen +läßt? Daß sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches +rhythmisches Denken?« + +Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, denn es dünkte sie richtig, +was Gunther sagte: auch ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit +eines schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken unbewußt zu +gebundenem Ausdruck, und als spüre sie etwas Ungeahntes in den Tiefen +der Seele. Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der arme, +verschnupfte Gunther abermals niesen mußte, und zwar gewaltig, den +ganzen Menschen erschütternd, vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und +diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; sie entgegnete an +Stelle des Gewollten mit energischer Stimme: + +»Lieber Doktor Schellheim, – ich denke augenblicklich gar nichts +weiter, als daß Sie schleunigst nach Hause fahren und einen heißen Tee +trinken müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir kehrt!« + +Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte Gunther. Heimlich +verfluchte er seinen Schnupfen; er war ein Unglücksmensch. + +Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald zurück. Der schaute jetzt +anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende +Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau erscheinen. In der +Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie +zerrissene Schleier zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am Himmel +sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen gesammelt hatte, perlte +doch ein zarter Schnee durch die Luft und näßte die Gesichter der +beiden. + +Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief +ihm ein freundliches: »Schön’ Dank und gute Besserung!« zu und stieg die +Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther +nieste und ärgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frühe hatte es +stark geschneit. Auf dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief. +Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu +schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft +und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke +kreiste in der Runde, und dann mußte Anton Tengler nach dem Kruge +springen, sie neu füllen zu lassen. + +Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne und blickte auf. Albert +Möller schritt über den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und +neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem Zwicker auf der Nase +und in langem Kaisermantel. »Schlippermilch« wollte wissen, daß das ein +Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich +den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen spähten +unter den goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit +blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig +gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den +arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte tief und höflich, +Albert nickte nur. + +Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach, +und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle »gefaßt« worden, +ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten +allein besorgt. Aber man sprach davon, daß zu der Einweihung im Mai auch +der Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten Bauern eine +mystische Persönlichkeit, vor der sie großen Respekt hatten. Und dann +hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute +gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, die ihre Nase überall +hinstecken mußten, und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der +mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schließlich eine +ganze Kommission, die unter Anführung von Albert im Buchenhain auf der +Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfähle einschlagen und +Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen ließ. + +An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu füllen +begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier +erfüllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden würde. Aber die +Möllers waren zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und +höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten, +Oberlemmingen würde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine +große Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr +waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden; +geldgierig waren sie alle. Doch _wie_ ihnen die Quelle zu diesem +Reichtum verhelfen sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe. + +Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden +nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen, +die Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus +renovieren lassen. Das erregte einen förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus +den »paar Tagen« wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe +mehr. Da die Möllers sie aber nicht gänzlich als Kunden verlieren +wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube +eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: »Sind die Handwerker denn +immer noch im Hause?« so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel +zu tun. Tatsächlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in +Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß die Bauern ihm die neutapezierte, +gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten – der Stall +war für sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und +wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an. +– + +Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrühstück +zu einer erregten Szene. + +Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in der Halle, setzte sich +mit kurzem Gruße zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener +hinaus. + +»Entschuldigt,« sagte er, »aber ich möchte ein paar Worte allein mit +euch sprechen!« + +Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck ausgestreckte Hand wieder +zurück, und auch die Rätin schaute erstaunt auf. + +»Ja,« meinte Schellheim, »was gibt’s denn? Hoffentlich nichts Fatales!« + +»Nein, Papa,« erwiderte Gunther, »ich will nur euern Rat hören. Es +handelt sich um eine Lebensfrage für mich, um meine Zukunft ...« + +Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rätin reckte den schmächtigen +Oberkörper, und mit forschendem und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick +auf dem Sprechenden. + +»Eine Ehrensache?« fragte Schellheim ängstlich. + +»Ich glaube eher – eine Herzenssache,« fügte seine Frau hinzu. + +Gunther nickte. »Ja, Mutter, so ist’s. Ich – ich habe noch nie an das +Heiraten gedacht, ihr wißt’s ja selbst, und gelacht, wenn mir der und +jener mit Plänen und Anerbietungen kam. Ich hasse den Eheschacher. Ich +möchte frei wählen können –« + +»Mach’s kurz,« fiel der Vater ein; »wer ist’s?« + +»Fräulein von Hellstern, Papa.« + +Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am Tische, dann sprang der +Rat erregt empor und warf seine Serviette auf den Stuhl. + +»Daß du einmal irgend eine Verrücktheit begehen würdest, wußte ich ja,« +sagte er hart. »Praktischen Erwägungen bist du niemals zugänglich +gewesen. Aber sich nun gerade –« + +Er brach ab. »Bist du mit der Dame schon einig?« fragte er, vor Gunther +stehen bleibend. + +»Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung, daß Fräulein Hedda +meine Werbung annehmen wird – sonst würde ich es nicht wagen. Indessen +– ich wollte zunächst einmal mit euch sprechen.« + +»Da hast du sehr recht getan. Und wenn du meinen Rat hören willst, +Gunther, so schlag dir die Sache aus dem Kopf. Das ist nichts für dich +– und erst recht nichts für uns. Das –« + +Er wühlte mit den Händen in seinem Haar und lief erregt in der Halle auf +und ab. + +Nun nahm auch die Rätin das Wort. + +»Ich habe nur wenig zu sagen,« bemerkte sie mit ihrer weichen, zart +klingenden Stimme. »Wenn Gunther das Mädchen liebt, soll er’s versuchen. +Ich müßte lügen, wollte ich nicht offen gestehen, daß mir Fräulein von +Hellstern sehr sympathisch ist.« + +»Sympathisch!« schrie der Rat. »Was das nun wieder heißen soll?! Bei +einer solchen Frage ist doch wahrhaftig _mehr_ zu überlegen! Ich bitte +dich, liebe Frau, sieh ein, daß es sich in gewissem Sinne auch um _uns_ +handelt. Jawohl, um _uns_! Würde es dir lieb sein, wenn dich deine Frau +Schwiegertochter über die Achsel ansieht? Wenn sie eine meilenweite +Kluft zwischen Mutter und Sohn legt?« Und Schellheim breitete beide Arme +aus, als wolle er das Unermeßliche dieser Kluft andeuten. + +Gunther widersprach ernsthaft. Davon könne gar keine Rede sein. Wenn +Hedda Mitglied der Familie geworden wäre, so würden ihr gütiges Herz und +ihr feiner Takt schon den rechten Ton des Verkehrs mit den Eltern +finden. + +»Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,« schloß er und erhob sich +gleichfalls. Eine schwere Falte zeigte sich auf seiner Stirn. + +»Ah was,« entgegnete der Rat unwirsch, »du wirst mir schon erlauben +müssen, das auszusprechen, was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich +glaube gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht zurückweisen +würden. Sie sind arm, und der Baronesse fehlt jede Gelegenheit zu einer +passenden Partie. Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! Es +ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie adelsstolz und +unbemittelt sind. Beides sind keine Vorwürfe. Ihr Name ist gut, +glänzend, geachtet; sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre +Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß dies beides bei der +geplanten Verbindung mit in Betracht gezogen werden. Bitte – ich rede +noch – ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, sagte ich. +Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal reich – dem Anschein nach ist +diese Frage also minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein nach. +Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze Herde Kinder kriegen, und wie +zersplittert sich da das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit! +Den Baronshof – na, was ist denn der wert?!« + +»Papa, ich bitte dich –« und Gunther hielt es für gut, den +Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber ein heiteres Gesicht zu machen. +Aber Schellheim war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend mit der +Hand. + +»Weiter,« sagte er, »die zweite Frage. Zugestanden, daß Fräulein Hedda +das Herz auf dem rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor dem +graul’ ich mich geradezu. Er wird _auch_ nicht nein sagen, wenn ich für +dich anhalte – i, wo wird er denn –, aber ich fürchte, wir werden +nicht gut zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. Er hat +etwas gegen uns Kaufleute – weniger gegen das Bürgertum im allgemeinen, +wie gerade gegen uns Kaufleute. Ah bah – ich sage dir, Gunther, es +_ist_ so! Der alte Groll der Landwirtschaft gegen die Industrie! Er kann +auch nicht verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. Und – +und – kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, aber ich rate dir: sei +vernünftig und überlege!« + +Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung gemischt. Sie saß +schweigend am Teetisch und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber +plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf dem Stuhle um. + +»Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch noch ein Wort +gestattet,« sagte sie. »Ich kann deine Gegengründe nicht anerkennen, +Alfred; ich will dich nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich +sie lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines unsrer Kinder +handelt, kommen _wir_ immer erst in zweiter Reihe. Nimm wirklich an, +Fräulein Hedda und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn ich +weiß, daß Gunther glücklich ist, lass’ ich mich schon über die Achsel +anschauen, und ich werde die Hand auf das Herz pressen, wenn es dabei +gar zu sehr zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht Gunthers zu: +das Fräulein hat viel zu viel Takt, um zwischen uns und den Ihren +gesellschaftliche Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich +das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal erwerben lernen! Willst du +bis in das dritte und vierte Glied hinein sorgen?« + +Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über ihre Kühnheit. Sie +war an das Sich-beugen und -ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte +über ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu und griff +abermals nach dem Teelöffel. + +Gunther war hinter sie getreten und drückte einen Kuß auf ihren +Scheitel. »Ich danke dir, Mutter,« sagte er; »du hast recht.« + +Der Rat zuckte mit den Schultern. + +»Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen zu wollen,« bemerkte er, +mit Absicht ein wenig leichthin. »Auch mir steht das Glück meiner Kinder +über der eignen Person – jawohl, teure Gattin, und ich bitte, daß du +davon Notiz nimmst! ... Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem +Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag mit. Langes Fackeln +liebe ich nicht. Hellsterns sind heute abend hier – da wird sich +Gelegenheit finden, mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen zu +sprechen.« + +Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen der Tür, daß sein +leichter Ton Komödie war. + +Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte noch immer mit dem +Löffel in ihrem erkalteten Tee herum, als wolle sie durch diese Bewegung +das leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther sah, wie es um +ihre Mundwinkel zuckte, und sah auch die schwere Träne, die über ihre +Wange rann. + +»Mutterchen,« fragte er leise, »warum weinst du denn?« + +Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich weher Ausdruck in +ihrem Auge, daß Gunther ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren +meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal in die Seele dieser armen +Frau geschaut, die das Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte, +nie selbst kennen gelernt hatte. + +Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände und gab ihr alte, liebe, +fast vergessene Schmeichelnamen aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie +ihren Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem langen, +öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer Ehe aufrecht erhalten hatte, +brach: sie konnte den Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam +flossen. + + * * * * * + +Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der Schneefall hatte nachgelassen, +und in der reinen, sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der +Glocken fast durch das ganze Tal. + +Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal wieder das Gotteshaus +zu besuchen. Er war, obwohl ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und +Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger Kirchgänger +gewesen, und in letzter Zeit hatte er sich seiner Ischias wegen so wie +so kaum vom Platze rühren können. + +Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte Klempt hatte ihm vor einigen +Tagen eine Einreibung gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept +ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig zwischen allerhand +alten Sachen beim Aufräumen ihrer Truhe gefunden hatte. Es waren +Ingredienzien dabei, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, wie +zum Beispiel »Bleygötte, ein halb Pfund fein gepulvert«, und »ein +Viertelpfund geschälte Alantwurzel«, aber Tante Pauline wußte schon +Bescheid, und sie entsann sich auch, daß ihr Großvater, der schon völlig +gelähmt gewesen war, kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und +da hatte sie gemeint, es könne nicht schaden, wenn der Herr Baron es +auch einmal probiere, und hatte sich an die Arbeit gemacht. Schwer war +nur eins zu beschaffen gewesen, nämlich das Weiße eines Eis von einer +schwarzen Henne. Die Langheinrichen besaß allerdings ein schwarzes Huhn, +aber das legte derzeitig nicht. Glücklicherweise hieß es in dem Rezept: +»oder wenn du dies nicht hast, nimm statt dessen Bofist und menge ihn +mit ein klein wenig halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart +starkem Branntwein; doch muß der Branntwein vierundzwanzig Stunden +vorher an einem warmen Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit +einer Blase zubinden mußt, in welche du eine Stecknadel steckst.« Das +hatte Tante Pauline denn auch getan. + +Der Freiherr hatte Klempt sehr schön gedankt, und als August des Abends +mit der Einreibung kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen wollen. +Er verbäte sich, ihm mit dem »Geschmurgel« an den Leib zu kommen. +Indessen ein paar Tage später, als die Schmerzen gerade sehr heftig +waren, hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung +angefangen. »Hol mal den Jux her,« sagte er zu August; »hilft’s nichts, +ist’s noch so!« Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare +Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so kräftig ein, daß Hellstern +gewaltig schimpfte, fluchte und wetterte, was für August aber eine wahre +Wohltat zu sein schien, denn sein Gesicht wurde währenddessen immer +freundlicher. Und dann packte er den Baron in das Bett, wickelte ihn +gehörig ein und legte zwei Wärmflaschen in die Kissen, denn Klempt hatte +betont, daß der gnädige Herr nach der Einreibung gehörig schwitzen +müsse. + +Und merkwürdig genug – als Hellstern am andern Morgen aufstand, fühlte +er sich erheblich wohler. Vielleicht hatte nur die kräftige Massage +Augusts gewirkt, vielleicht auch die Schwitzkur – Tatsache war, daß der +Baron sich freier und ohne starke Schmerzen bewegen konnte. Das machte +ihn ganz glücklich. Dörthe mußte zu ihm kommen; die Einreibung von +Vatern sei zwar nicht viel wert, aber für den guten Willen wolle er der +Dörthe einen Taler schenken, und zwar einen mit der Inschrift: »Segen +des Mansfelder Bergbaus«. Dörthe war so gerührt, daß sie erst dem Alten +die Hand küßte und dann zu Hedda lief, ihr die Geschichte zu erzählen +und ihr gleichfalls die Hand zu küssen. Schließlich erfuhr auch August +von der Sache, und sie betrübte ihn; wenn der Alte einen Taler +verschenke, meinte er, so werde er sicher nicht mehr lange leben. – + +Hellstern schritt am Arme Heddas zur Kirche. Es hatte bereits zum +dritten Mal geläutet, und von allen Seiten strömten die Leute herbei, +grüßten den Baron mit einer gewissen freundlichen Unterwürfigkeit, +blieben wohl auch, Front machend, vor ihm stehen und verbeugten sich +ungeschickt. Vor der Kirchhofstür hielt der Schlitten des +Kommerzienrats. Die Herrschaften waren bereits ausgestiegen und sprachen +mit einem hochgewachsenen Herrn in schwarzbraunem Ulster und +Zylinderhut. + +Hellsterns Fuß stockte plötzlich. »Was Teufel,« sagte er halblaut, »ist +das nicht Klaus?!« + +Er schaute zu Hedda auf, schien aber nicht zu bemerken, daß sie erblaßt +war. + +»Ja,« erwiderte sie nickend, »es ist Klaus.« + +Der Alte unterdrückte einen Fluch. + +»Skandalös, daß der sich überhaupt noch sehen läßt!« murrte er. »Wir +grüßen, Hedda, doch ohne ihn anzusprechen!« + +Und sie gingen vorüber. Aber der Vorsatz des Alten war unausführbar. +Kaum hatte Schellheim ihn gesehen, so schoß er auf ihn zu. + +»Mein Kompliment, lieber Baron! Freu’ mich von Herzen, Sie so rüstig zu +sehen.... Denken Sie, ich wußte ja gar nicht, daß Sie mit Herrn von +Zernin verwandt sind –« + +»Doch – ja, mein verehrter Herr Rat –« + +»Über einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns zu sagen, wenn man eine +weitläufige Verwandtschaft bezeichnen will,« warf der Herr im +Zylinderhut lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. »Tag, Onkel! +Was macht die Chronika derer von Hellstern?« Und schon stand er vor +Hedda. »Tag, gnädigste Cousine – seit Ewigkeiten nicht gesehen! +Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau und schleiche mich +höchstens einmal nachtsüber auf den Anstand, wenn du längst in seligem +Schlummer liegst. Wie geht’s?« + +»Ich danke dir, gut,« antwortete sie und wandte sich an Gunther, der mit +abgezogenem Hute an sie herangetreten war. + +Aus der Kirche ertönte bereits Orgelklang. Man schritt über den +Friedhof, und bis zur Kirchentür sprach der Kommerzienrat in seiner +lebhaften Art in Hellstern hinein. Hedda war ängstlich geworden. Sie +hörte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt das Wort +»Quelle«, und sie sah, daß das Gesicht ihres schweigsam zuhörenden +Vaters immer röter wurde. ›Diese Quelle wird uns allen noch Unglück +bringen,‹ dachte sie. + +Die Hellsterns besaßen in der Kirche ein Chor, hatten es aber der +Familie des Kommerzienrats überlassen und dafür die Sitze unten neben +der Sakristei genommen, die für die Besitzer des Auguts reserviert +waren. Der Baron vermied es seines Leidens wegen gern, Treppen zu +steigen. + +Die Kirche war groß, doch kahl und dürftig im Innern. In dieser mehr +als einfachen Ausstattung fiel der neue rote Behang über Altar, Kanzel +und Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so mehr auf. Er +leuchtete weithin, wie das Wort der Verheißung, das von dieser heiligen +Stelle ausging. + +Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man das Augutchor übersehen. +Die Rätin saß zwischen ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei +Stühle frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin niedergelassen. + +Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen. Aller Blicke richteten +sich auf ihn. Besonders die jungen Mädel schienen sehr interessiert zu +sein; Liese Braumüller schielte über ihr Gesangbuch fort alle Augenblick +nach dem Chor hinauf. + +Hedda sang mit ihrem schönen Alt das Einleitungslied mit. Ihr Blick +wagte sich nicht von dem Buche fort. Eine leichte Röte lag auf ihren +Wangen; sie fühlte, daß Zernin sie beobachtete. Innerlich grimmte sie +das; seine unverfrorene Keckheit schien die alte geblieben zu sein – +trotz allem. Dieses »trotz allem« fand Widerhall in ihrer Seele. Während +ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als wiederhole sie immer und +immer wieder das »trotz allem«. Sie war nervös, und um sich abzulenken, +schaute sie auf den Altar, vor den soeben der Pastor trat. + +Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und betete, das Gesicht dem +Kruzifix zugeneigt, dessen weißer Marmor sich lichthell von dem roten +Untergrunde abhob, mit dem Rücken gegen die Gemeinde. Dann wandte er +sich um und blieb aufrecht stehen, wartend, bis das Eingangslied zu Ende +sein werde. Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gemäß sein Auge mit +raschem Prüfen durch das Kirchenschiff. Die Gemeinde schien vollzählig +versammelt zu sein – Eycken nickte befriedigt. Plötzlich glitt über +sein Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senkte wieder den Blick +auf das Gesangbuch, denn nun wußte sie, daß das Auge des greisen +Pfarrers im nächsten Moment sie selbst treffen würde. Und so war es in +der Tat, doch Eycken schaute nur flüchtig, einen leichten Wolkenschatten +auf der Stirn, zu Hedda hinüber und öffnete dann sein Buch zum Beginn +der Liturgie ... + +Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wärmte nicht, sie leuchtete nur. +Sie füllte den kahlen Raum mit einem weißgelben Schimmer, der in den +Winkeln der Sakristei zu verwischtem Graugrün wurde. Auf einer der hell +getünchten Wände lagen die Schatten der Bleiumfassung in den Fenstern, +ein leise zitterndes Gitterwerk von unbestimmten Konturen. + +Während der Liturgie versuchte Hedda, sich andächtig zu sammeln. Aber es +war vergebene Mühe. Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum eine +Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und für sie dennoch so gut wie +verschollen war, hatte sie stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie +nach: wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen? Es war lange +her – über ein Jahr. Und als reiße plötzlich ein Vorhang vor ihren +Augen, so deutlich trat die Abschiedsstunde in ihr Gedächtnis zurück. +Mit allen Einzelheiten, auch den rein äußerlichen der Szenerie: der +Eichenschonung am Forsthause, die im ersten Grün des jungen Lenzes +prangte, dem Blättermoder am Boden, in dem der Fuß bis an die Knöchel +versank, und dem Nebelmeer, das über die Wiesen brodelte. Und sie +glaubte auch seine Stimme zu hören.... Sie hatten »vernünftig« +miteinander gesprochen und ruhig und leidenschaftslos. So schien es. Sie +waren sich klar darüber geworden, daß sie sich nicht angehören konnten +– aus hundert stichhaltigen Gründen. Und deshalb wollten sie sich nicht +mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzuführen, als Hellstern +dem leichtsinnigen Neffen längst seine Schwelle verboten hatte; er +wollte mit dem, der »seinen Namen schändete«, keine Gemeinschaft haben +und ahnte dabei nicht einmal, wie tief sich das Bild des wilden Junkers +in das Herz seiner Tochter gegraben hatte.... Mit einem Händedruck waren +sie voneinander geschieden, und Klaus wie Hedda hatten vermeint, das +würde der letzte gewesen sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit +dem Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem verwüsteten Erbe +nicht länger halten; um ihn und über ihm brach alles, alles zusammen ... + +Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat nichts mehr von ihm +gehört. Selbst der Klatsch fand in die Einsamkeit des Baronshofs keinen +Eingang. Aber daß Klaus sich so unerwartet wieder unter den Menschen +zeigte, schien zu beweisen, daß es ihm besser gehen mußte. Auch sein +Äußeres sprach dafür: das Selbstbewußtsein, mit dem er auftrat, der alte +Ausdruck übermütiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie alt war er jetzt? +Und wieder rechnete Hedda nach, während die dünnen Stimmen der Kinder +auf dem Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreißig; sein +Geburtstag fiel in den gleichen Monat wie der ihre, in den Mai. Aber er +sah jünger aus mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen Figur +und dem bildhübschen Gesicht, auf dem weder das tolle Leben noch die +Sorgen um die Existenz Spuren des Verfalls zurückgelassen hatten. Es war +glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme Junkergesicht mit der +intelligenten Stirn und der wunderschön gezeichneten Nase, dem sorgsam +gepflegten blonden Schnurrbart und dem etwas zurücktretenden Kinn. Und +auch die hellen blauen Augen sprühten noch immer in unverminderter +Lebenslust – trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses »trotz +allem« ... + +Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor. Sie hörte die Stimme des +Pastors, der die Kanzel bestiegen hatte und mit seinem schönen, sonoren +Organ die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben hatte ihr in jenen +Zeiten schwerer Herzensbedrängnis mit lindem Wort und warmem Gemüt die +verzweifelnde Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich anvertraut, da +sie des Vaters rauhe Art fürchtete, die schon damals Klaus von Zernin +vom Baronshof verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser die +Vermittlungs- und Verständigungsrolle übernehmen, da er der intimste +Freund des alten Baron Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus, +gewesen war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit die Stelle +in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit milder Freundlichkeit, aber +entschiedener Energie hatte Eycken seinen ganzen Einfluß auf Hedda +aufgeboten, um sie von ihrer unseligen Liebe für den verbummelten Junker +zu bekehren. Denn besser als sie glaubte _er_ Klaus von Zernin zu +kennen. Oft genug war er zu nächtlicher Stunde und zu Fuß, um nicht +gesehen zu werden, durch den Wald nach Döbbernitz geeilt, um mit Klaus +Rücksprache zu nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen +Streiche zu seinen Ohren gekommen war – irgend eine tolle +Weibergeschichte, die die ganze Umgegend in Aufruhr brachte, ein wildes +Gelage in Zielenberg oder in Kölpin, wo die Königindragoner standen, +oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Gläubiger.... Und bei solchen +Rücksprachen schwand die christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum +zornigen Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine Augen blitzten. +Aber was half das alles?! Es kam eine Zeit, da auch er sich sagen mußte, +Klaus sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche Zorn des +alten Mannes zu flammendem Ingrimm wurde. Hedda erfuhr niemals +Einzelheiten aus dem Leben von Klaus; sie wußte nur, daß er ein +leichtsinniger Wirtschafter war – alle Welt wußte das. Aber an jenem +Tage, da Eycken sich mit ihr einschloß, um sie beim Andenken an ihre +Mutter zu beschwören, dem wilden Burschen für immer zu entsagen, da kam +doch etwas wie ein Ahnen über sie, daß Klaus nicht nur leichtsinnig, +sondern auch schlecht sein mußte ... + +Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende Organ Eyckens war +hörbar und hin und wieder ein leise raschelndes Geräusch, wenn der Wind +die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes, der draußen vor +einem der Fenster stand, gegen die Scheiben warf. Hedda schaute mit +andachtsvollem Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr schnaufte +leise. Es saß sich unbequem in dem engen Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor +hatte der Kommerzienrat die Hände über dem Bauche gefaltet und kämpfte +sichtlich mit einer ihn überkommenden Müdigkeit; die Rätin saß, vor +Frost zeitweilig erschauernd, mit groß offenen Augen neben ihm. Herr von +Zernin ließ den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er hatte Liese +Braumüller entdeckt, und ein rasches Lächeln flog um seinen Mund. + +Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte, blieb sie auch in +Sammlung bis zum Schlusse des Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die +beiden Posaunen mit. Die Rätin hatte das noch nie gehört und schaute +verwundert nach dem Orgelchor hinüber, von dem die gewaltigen Töne +drangen. Es war eine vollendete Disharmonie, doch sie störte keinen – +höchstens den kleinen Raupach, der um diese Zeit aus seinem +Kirchenschlummer erweckt zu werden pflegte. + +Dann läuteten wieder die Glocken, und die Gemeinde strömte hinaus, durch +die beiden Türen, vor denen hölzerne Schemel mit Tellern für die +Missionskollekte standen. Aber die wenigsten gaben; ein paar Pfennige +lagen auf den Tellern, dazwischen ein Fünfzigpfennigstück von Hedda und +ein blanker Taler als Spende des Kommerzienrats. + +Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch an der kleinen Gruppe +vorüberhumpeln, die sich vor dem Schlitten Schellheims gebildet hatte, +doch der Kommerzienrat rief ihm nach: + +»Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!« + +»Auf Wiedersehen!« gab Hellstern etwas brummig zurück und tappste +weiter. Aber vor der Parktür entlud sich sein Zorn. + +»Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu wollen,« grollte er. +»Ein Baron mehr – das angelt nach uns! Er muß doch gehört haben, wes +Geistes Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er muß doch wissen, daß wir +das Tischtuch zwischen ihm und uns zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter, +Hedda, wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige Idee +verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu heute abend zu laden – ich mache +auf der Stelle kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!« + +»Das würde nur unhöflich sein, Papa,« erwiderte Hedda ruhig. »Vorderhand +glaube ich noch nicht, daß Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn +dennoch – dann muß es _auch_ ertragen werden. Wir leben nun einmal in +der Welt.« + +Der Alte stampfte wütend mit seinen Krückstöcken auf den gefrorenen +Schnee. + +»Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den Burschen nur sehe!« rief er. +»Mit welcher Frechheit er uns begrüßte! Lächelnd und gleichmütig, als ob +gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm Schellheim wieder auf +die Beine helfen – haha! Da ist Hopfen und Malz verloren – nicht +einmal die Winterung hat er mehr bestellen können – die Tagelöhner sind +ihm davongelaufen – im November war wieder einmal Subhastationstermin +angekündigt! Ich verstehe nicht, daß Klaus nicht längst zum Teufel ist! +Hätte er Ehrgefühl im Leibe, so hätte er sich schon vor drei Jahren nach +Amerika scheren müssen! Pah – Ehrgefühl – _der_?! ...« + +Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber der Vater konnte nicht ahnen, +wie tief ins Herz sie jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn +stutzig, daß sie keine Antwort gab. Sie opponierte sonst gern. Er blieb +stehen und schaute sie an. »Was sagst du?!« fragte er. + +»Nichts, Papa.« + +»Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer noch die Partei dieses +ehrlosen Patrons?!« + +Eine Flamme schlug über das Gesicht Heddas. + +»Ich bitte dich, Papa – bitte dich herzlich: wäg deine Worte ab! Noch +immer zählt Klaus zu unsrer Verwandtschaft –« + +»Längst nicht mehr!« + +»Und wenn du ihn hundertmal von deiner Schwelle jagst – er _bleibt_ +unser Vetter! Vergiß das nicht! Und vergiß auch nicht, daß Leichtsinn +noch keine Ehrlosigkeit ist –« + +»Halt mal, Hedda –« und Hellstern erhob seine Krücken. »Ich war auch +jung und ein Brausewind wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild +rein. Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht, _was_ er alles gemacht +hat, um – aber nein, dein Ohr, mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge +zu hören. Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie einem Banditen +mein Haus verschlossen, wenn er _nur_ leichtsinnig gewesen wäre. Und +auch nicht der Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet war +wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn abzuschütteln.... Nun gib +mir einen Kuß!« + +Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten seine borstige +Wange. Doch es war kein Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann +Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in ihr auf und noch ein +andres quälendes Etwas – das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben, +den sie hatte vergessen _wollen_. + + + + +Siebentes Kapitel + + +Es war die erste größere Gesellschaft, die man auf dem Auschlosse gab. +Der Kommerzienrat hatte Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den +meisten Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte den reichen +Mann fast überall mit offenen Armen empfangen. Der Grundbesitz in +unmittelbarer Umgebung von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich in +bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg, letzteres das Gut des +Landrats von Wessels, waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer +Entfernung war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die Familie von +Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr von Ponteck auf Klein-Güster, +die Nehringens auf Schönwaide und schließlich auch – der Stolz +Schellheims – Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt. + +Es war zum Diner – zu sechs Uhr – eingeladen worden, eine für +ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche Zeit. In langer Reihe +fuhren Wagen und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf war auf den +Beinen, um die Auffahrt anschauen zu können. Man stand dicht gedrängt +längs des Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen. Die aus +der Umgegend kannte man an den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam +zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters, dessen Kasten, die +Arche Noah genannt, eine zahlreiche Familie beherbergte: Vater Tornow, +die Mutter und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste, Berta und +Constance hießen, von dem die Kürze liebenden Oberförster aber nur A, B +und C genannt wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns Biese von +Grochau, eines riesigen Menschen mit Bulldogggesicht, der eine ganz +kleine, unendlich verschüchterte Frau besaß, – der Schlitten der Frau +Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich dick und +stets wie ein Puthahn gebläht, – und der Klapperkasten des Doktor +Stramin, des Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie anders +als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis ihn nicht unterwegs hielt, +reiste er als fanatischer Politiker im Auftrage des konservativen +Wahlkomitees umher und hielt seine donnernden Reden, wo es nur angängig +war. + +Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen der Zuschauer. Ein +merkwürdiges Gefährt raste den Weg hinauf – ein Schlitten in +Schwanenform, in dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung sein; +ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den weißen Schleier, der über die +pelzbesetzte Konföderatka gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch +die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde zeugte von Reichtum +– was aber am meisten auffiel, war die scharlachrote Livree des +Kutschers. Einer aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid: die Dame +war Frau Rittmeister Woydczinska aus Seelen. Nun rasselte ein großer +Landauer heran: die Klitzingks aus Wernochow – das breite, rote Gesicht +des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten +Katerschnurrbart glänzte durch die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte +Herr von Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig sein +feuriges Rappengespann; dann kam der Schönwaider Schlitten – den Major +von Nehringen konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase +erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen Pelzkragen +hervorlugte. Und abermals rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm, +– Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, ganz gewiß nicht, +denn der Schlitten bestand nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf +ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher trug nicht einmal +Livree, sondern einen alten Schafpelz. Und der Kutscher saß auch nicht +auf der Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben seinem Herrn, +der dicht in einen ehemaligen Militärmantel gewickelt war und die +verschossene Jagdmütze so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von +dem ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen Schnauzbart sehen +konnte. Sicher nichts Vornehmes – nein, diesmal war’s Täuschung: etwas +außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz von Usen-Karst, +ehemals bevollmächtigter Minister und außerordentlicher Gesandter des +Reichs bei der Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, wie +man wissen wollte, ein vielfacher Millionär.... + +Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit achtzig leuchtenden Augen zu +Tal. Es war wie eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter +Auffahrt noch lange am Wege stehen und schauten hinauf. Trotz der +Winterkälte waren die hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in +die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus strömte eine ganze +Flut gelben Lichts ins Freie und mischte sich in die rote Glut, die die +beiden mit brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen Unterbau +ruhenden Pfannen zu seiten des Portals ausströmten. + +Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine Gäste würdig zu +empfangen. Auch die Zahl der Dienerschaft war vermehrt worden. Drei +Galonnierte halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, und in der +Entree warteten zwei Kammerzofen, um die Damen in die Garderobe zu +geleiten. Es ließ sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der +Kommerzienrat war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der leichten +Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten Parvenü zuweilen noch +anhaftete, nachzugeben. + +Flankiert von Gattin und Sohn – Hagen hielten die Geschäfte in Berlin +zurück –, empfing er die Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme +durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles Feuer flackerte. Man +schüttelte sich die Hände, und immer wieder kehrten dieselben +Begrüßungsphrasen zurück. + +»Herr Oberförster – freue mich sehr, sehr.... Gnädigste Frau! ... Meine +verehrten jungen Damen! ... Ah – Herr von Nehringen – freue mich sehr, +sehr – meine gnädige Frau! ... Exzellenz – freue mich sehr, sehr ...« + +Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders tief. Der alte +Usen, der mit seinem weißen Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und +den schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden Augen und +mit dem burgunderfarbenen Fes, den er auf dem haarlosen Scheitel trug, +wie ein Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor sich hin und +schielte dabei lüstern zu der schönen Frau Woydczinska hinüber, die Herr +von Wessels, ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese drei +Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu einrichten lassen, und da +gerade der Empirestil in der Mode war, so prangten in allen drei +Gemächern die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen +Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes und ein Ölbild des Königs von Rom +fehlten nicht. In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die Tapeten +zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. Es war alles stilgerecht. + +Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin und her. Noch immer begrüßte +man sich oder ließ sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging durch +die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar gute alte Bekannte +wiedergefunden und plauderte mit ihnen in einer Fensternische, fest auf +seine Krückstöcke gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem blanken +Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem der zierlichen Stühle +mit ihren vergoldeten Füßen niederzulassen. Hedda stand mitten unter den +jungen Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches Lachen klang +aus dieser Gruppe, besonders das A, B, C des Oberförsters kicherte +beständig und gewöhnlich unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen hielt +die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und schmunzelte dabei über +das ganze Paschagesicht. Sie war die Witwe eines Polen und selbst Polin, +eine schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, die sich aber +um keinen Klatsch der Welt kümmerte und ihre emanzipierten Allüren frei +zur Schau trug. Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den meisten +fremd – Gunther besorgte die Vorstellung. + +Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit heiterem Gesicht und +einem etwas spöttischen Zug um den Mund. Er war boshaft genug, sich über +die Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen würde; er +verkehrte seit Jahren nicht mehr in den Familien der Umgegend. Die +Mütter schilderten ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche +Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm. Als er eintrat, stockte +plötzlich die Unterhaltung; es wurde ängstlich still. Die Oberförsterin +glitt in instinktiver Aufwallung ihres mütterlichen Herzens wie +schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. Hellstern, der neben dem +Landrat stand, wollte aufbrausen, begegnete aber dem warnenden Blicke +Heddas und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht in sich +hinein. Im übrigen wich die allgemeine Bestürzung rasch wieder einer um +so lebhafteren Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende +Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von Zernin war allen bekannt; mit +der Eleganz eines vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen +Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln, ohne die eisigen +Gesichter der Herren, die frostigen Mienen der Damen und die Purpurglut +auf den Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem Entsetzen +streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska unbefangen die Hand entgegen. + +»Grüß Gott, lieber Baron,« sagte sie freundlich; »wir haben uns ja seit +Ewigkeiten nicht gesehen!« + +Und dann geschah noch etwas Überraschendes. Auch Exzellenz Usen reichte +Zernin die Hand, vielleicht nur aus Gefälligkeit für seine schöne +Nachbarin, vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig zu +verdecken, – aber jedenfalls stand die Tatsache fest: er begrüßte den +Verfemten in sehr herzlicher und entgegenkommender Weise. Und das wirkte +wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich wurden +die Mienen freundlicher, und der Landrat flüsterte Hellstern erstaunt +und fragend ins Ohr: »Der Zernin rappelt sich wohl allmählich wieder in +die Höhe?« + +Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich mit einem +Achselzucken. Die Diener hatten die Türen zum Eßzimmer geöffnet; der +Alte war neugierig, wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben haben +würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn die beiden paßten in +mancherlei Beziehungen zu einander – aber sein Gesicht färbte sich +dunkel, als er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs Zernin auf +Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte. + +Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf zur Tafelordnung wohl +überlegt. Er hatte gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und +seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem Rufe stand, – da +er indessen seine Pläne mit ihm hatte, so lag ihm daran, ihn langsam +wieder in die Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn eine +passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel Schellheim zum guten Glück +ein, daß die Baronesse Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war. +›Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,‹ sagte er sich und +schrieb die Namen nebeneinander. + +Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen konnte nicht umhin, seiner +Nachbarin zur Rechten, der langen und mageren Frau von Ponteck, +zuzuraunen, daß alles einen recht vornehmen Eindruck mache. Und so war +es in der Tat. Der Kommerzienrat hatte Geschmack. Das Menü war nicht +übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten die Diener hinter +den Stühlen der Gäste entlang; es ging alles wie am Schnürchen. Dabei +war der Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren Aufsätzen aus +Silber und Vieux Saxe blühte ein ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des +Tisches nahm eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der zahllose +schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen eine Fülle köstlicher +Rosen in allen Farbennuancen hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen +flutete in den Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke, die +von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert wurden, geschmackvoll +angerichtet, die Fasane in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und +die breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß man kaum die +Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz Usen-Karst besonders; er tat +sich auf seine Tranchierkunst etwas zu gute und hatte schon lange die +Absicht, ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er genau wußte, daß +er es nie tun würde. + +Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen nicht üblich; da gab +man’s einfacher, wenn man Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen +ganz ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus Grochau ließ keinen +Gang vorüber und nahm jedesmal zweimal; er hatte sich die Serviette um +den Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem Messer und tupfte +die Soße mit kleinen Brotstückchen auf. Die jungen Mädchen wurden bei +den Gemüsen interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette +hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch Fräulein Gerlinde noch nicht, +die Tochter des Kammerherrn von Ponteck, die demnächst bei Hofe +vorgestellt werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da sie gegen +diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen wollte, zerstach sie +sich den Finger an einer Artischockenspitze. Exzellenz Usen hielt sich +hauptsächlich an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht glühte +förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete schneeweiß. + +Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu Tische geführt, eine +niedliche Brünette, die aus dem Entzücken nicht herauskam und sich +jedesmal auf dem Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie +traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben worden. +Gunther gab sich alle Mühe, seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten, +doch er fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen wollte. Er war +zerstreut. Sein Auge flog zuweilen mit ängstlichem Aufblick zwischen +das flimmernde Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte Hedda. Auch +sie war zerstreut – vielleicht langweilte sie sich auch. Sie sprach +wenig, und Gunther schien es, als sei sie heute blasser als sonst. + +Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur Tafel geführt zu werden, hatte +jeden Blutstropfen aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es, +sich zu beherrschen. »Man lebt doch einmal in der Welt,« hatte sie ihrem +Vater gesagt. Und dieser Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt +zu haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, aber er machte wenigstens +keine Dummheiten. + +Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die Situation. Das war zu +erwarten gewesen. Er tat, als sei niemals etwas zwischen ihm und der +Cousine geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine abgrundtiefe +Kluft – heiter und freundschaftlich begann er mit ihr zu plaudern. + +»Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste Cousine –« + +»Lange nicht – wie ist es dir inzwischen ergangen?« + +»Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse sitzt und jeden +Augenblick auf die Explosion wartet. Aber das ist eine Situation, die +auch ihre Reize hat – bis einem schließlich das Nervenprickeln zu viel +wird und man allmählich abstumpft. Du hast deine Tage auf dem Baronshofe +vermutlich friedlicher verbracht.« + +»So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.« + +Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten Geräusch der auf und nieder +wogenden Unterhaltung vermochten sich übrigens nur die nebeneinander +Sitzenden zu verstehen. + +»Du mußt mir verzeihen,« sagte er, »daß ich mein Versprechen nicht +halten konnte. Anderthalb Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie +zwischen Oberlemmingen und Döbbernitz respektiert. Ob es mir leicht +wurde, tut nichts zur Sache – jedenfalls hab’ ich mein Wort eingelöst. +Aber nun ging es nicht anders; ich stehe wieder einmal an der Wende. +Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert werden.« + +Das war neu für Hedda und schmerzlich. »Also mußte es doch dahin +kommen,« sagte sie leise. + +Er nickte. »Ich habe seit drei Jahren darauf gewartet. Ein Dutzend +Termine wurden angesetzt, und immer schaffte ich noch im letzten +Augenblick Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt – bis auf eine, die +erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen Lehne –« + +»Was hat die mit _dir_ zu tun?« + +»Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz. Ein unternehmender Geist, +sozusagen der Typus der neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht, +und vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen. Das ist nun mal +nicht anders. #Enfin# – unser liebenswerter Gastgeber hat mir +vorgeschlagen, Kurdirektor von Oberlemmingen zu werden. Was sagst du zu +dieser Idee?« + +Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus erzählte, kam so +überraschend für sie, daß sie sich Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu +verbergen. Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt? +Wollte der Kommerzienrat denn die ganze Umgegend gegen sich erbittern? +Nein, dazu war er zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit Klaus +haben. Aber es war doch verrückt. Klaus paßte im Leben nicht in eine +solche Stellung, die großes administratives Geschick erforderte. Und +schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein, sich einen neuen +Wirkungskreis in unmittelbarster Nähe des durch eigne Schuld verlorenen +zu schaffen. Und endlich – dieser letzte Gedanke trieb Hedda das Blut +in die Wangen –, war es denn nicht qualvoll, sich nach alledem, was +geschehen war, täglich sehen, begrüßen und sprechen zu müssen? + +Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller. + +»Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß das #changement de la +position# sonderlich beglückend für mich ist,« fuhr er fort. »Nein, +Hedda, das ist es wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen? +Mein letzter Ausweg war die Fremde – Amerika, der Sammelplatz der +verkrachten Existenzen. Hans Zesingen ist auch schon drüben – ich +glaube, er ist Barkeeper in New York und mischt für andre Porter und +Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib’ ich schon lieber daheim. +Man muß sich in die Verhältnisse zu schicken suchen. Der Junkerschädel +hält nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das römische Recht sind +unser Unglück –« + +Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, vom Ruin der +Landwirtschaft und Niedergang des alten Adels. Aber Hedda hörte nur den +Schall der Worte – sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, wie sehr +sich Klaus verändert hatte. Er war doch nicht der alte geblieben, er +hatte sich »in die Verhältnisse geschickt«. Es war wohl das beste für +ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der wilde, trotzige +Bursche von ehemals, der auf die Welt »pfiff« und mit grimmigem Lachen +aller Zucht und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als der +sich glatt fügende Diplomat von heute. + +Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch serviert worden war, so +hatte es kaum über eine Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und +Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters machten glückliche +Gesichter: sie knabberten gar zu gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann +Biese hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden aus; so +ausgezeichnet hatte es ihm lange nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner +war sehr gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer Aufwallung +ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin über den Tisch herüber +freundlich lächelnd zu. + +Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein Glas. Man hatte schon +längst darauf gewartet. Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das +Aufkichern des oberförsterlichen B unterbrochen wurde. Die dicke +Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, stemmte die Hände mit den Knöcheln +fest auf den Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom +durch die Nase stoßend, und begann dann zu sprechen. Der alte Diplomat, +dem die böse Welt nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel +mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz raffinierte +Spekulationen verdient hätte, und daß er auch auf seiner Herrschaft +Karstedt ein tolles Serailleben führe, war ein geistreicher Mann und ein +vorzüglicher Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen liebte, und +erwartete auch bei dieser Gelegenheit etwas Ähnliches, zumal die Rede +mit einer humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. Sie beginne +langsam auch hier, in diesem verlorenen märkischen Winkel, an Boden zu +gewinnen, wo bisher der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen +von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen habe. Und dann ging es +weiter, in buntem und lustigem Durcheinander – ein ganzes Feuerwerk +guter Einfälle sprühte auf. + +Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit einer Aussöhnung +zwischen Industrie und Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen +und von schönen Frauen, von Lukullus und von seiner Freude darüber, daß +ein so tüchtiger Vertreter des kaufmännischen Standes, wie der +Kommerzienrat Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und dann +berührte er auch die neue Quelle, von der bereits die ganze Gegend +spreche, und deren Ausbeutung in die Hände des scharmanten Gastgebers +gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem Heil der Menschheit +solle sein Wasser dienen, ein Getränk, das er im allgemeinen +verabscheue, dem er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung nicht +versagen könne. Daran schloß sich ein Passus, der auf aller Mienen die +mannigfachsten Variationen von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich: + +»... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen Ära entgegengeht – +ja, ja, mein alter, verehrter Freund Hellstern –, daran zweifle ich +nicht. Ich höre, daß _mit_ unserm liebenswürdigen Wirt noch ein andrer +Eingesessener des Kreises an die Spitze des Unternehmens treten will, – +und ich hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde auch +für _ihn_ ein _Heil_quell werden wird. Nach Heilung dürsten wir +schließlich alle, und wenn es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung +ist ein Besserwerden, und wen gibt’s, der selbstlos genug wäre, es sich +nicht besser zu wünschen, als er es hat! Ach nein, gestehen wir es uns: +wir sind Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert in unsrer +Brust. Neben der Hoffnung auf das Besserwerden wohnt Tür an Tür das +Besserdünken. Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer in uns sich +gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch gefehlt und geirrt hat. Ich +hatte einen Freund unten im Orient, der war weise und gut, aber er trank +Wein und nicht wenig, und das durfte er nicht, denn er war Mohammedaner. +Und wenn man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er: ›Geh hin nach +Chanimbaïri und sieh, ob _du_ nicht sündig bist.‹ Dort liegt nämlich ein +Brunnen, von dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich Flecken +zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut. Und so mein’ ich auch +– ehe wir verdammen und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri ...« + +Der Schluß war kurz; er galt den Gastgebern. Man nahm fröhlich das Hoch +auf, dann aber zog, während auch die dicke Exzellenz wieder Platz +genommen hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung oder wenigstens +von Befremdung durch die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von +Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich den Döbbernitzer Zernin +gestreift. Der war gemeint. Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat +die Quellengeschichte »entrieren« – gerade der, der dem Bettelstab nahe +war –, gerade der. Und unzweifelhaft war die Rede Usens ein +Rehabilitationsversuch für Klaus von Zernin gewesen. Wie kam Usen dazu? +Er hatte schon vorher dem verlotterten Döbbernitzer so merkwürdig +herzlich die Hand geschüttelt – was sollte das alles heißen?! Herr von +Wessels, der Landrat, lächelte sein feinstes diplomatisches Lächeln, und +der Kammerherr von Ponteck flüsterte seiner Nachbarin zu: »Prost, meine +Gnädigste – also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das Ding +heißt ...« + +Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verändert. Er spielte zuerst mit +der Nelke, die neben seinem Teller lag, und hierauf mit einem kleinen +goldenen Crayon, den er aus der Westentasche genommen hatte. Und auf +einmal zog er seine Tischkarte näher und kritzelte ein paar Worte auf +deren Rückseite. Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten +Nachbarin zu. + +Hedda, die durch die Rede Usens eigentümlich berührt wurde, und auf +deren Wangen Röte und Blässe wechselten, warf einen raschen Blick auf +die Schrift und preßte die Zähne zusammen. Sie las: »Kann ich dich +morgen nachmittag fünf Uhr auf wenige Minuten allein sprechen? – Am +alten Platz.« + +Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte und zerriß sie. + +»Nein!« sagte sie kurz. + +Nur einer am Tische schien die kleine Episode bemerkt zu haben: der +Pastor. Er sah sehr ernst aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf +seinem schönen, alten Gesicht. + +Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man erhob sich. Die ganze +Gesellschaft flutete in die Salons zurück, und wieder schwirrte, während +man sich »Gesegnete Mahlzeit!« wünschte, die Unterhaltung lebhaft auf. +Jetzt drückte nicht mehr von allen Gästen Usen allein Herrn von Zernin +die Hand; drei, vier, fünf andre folgten. Auch die Oberförsterin +lächelte, als Klaus sich stumm vor ihr verneigte. Die Woydczinska strich +dicht an ihm vorüber. + +»Kommen Sie übermorgen abend,« flüsterte sie ihm zu; »eine Cousine aus +dem Polnischen ist bei mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke +proben ...« + +Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand drückte, fragte er +halblaut: + +»So war es gut, dächt’ ich –« + +»Ganz ausgezeichnet, Exzellenz – tausend Dank, tausend Dank –« + +»Aber nun eine Zigarre als Belohnung –« + +Schellheim nahm Usen unter den Arm und führte ihn in das Rauchzimmer. +Die meisten Herren hatten sich bereits hierher zurückgezogen; Hauptmann +Biese rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk des Abends +krönen sollte. Die Diener brachten Kaffee und Liköre; man fühlte sich +sehr behaglich. + +Es war selbstverständlich, daß das Thema von der Quelle nicht abriß. +Aber der Kommerzienrat wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als +wolle er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An seiner Stelle gab +der Landrat einige Einzelheiten. Gewiß, die Graue Lehne war +Bauernterrain – die Quelle gehörte den Möllers, aber der Kommerzienrat +war der Geldmann. Er war sozusagen der treibende Faktor. Die +Formalitäten waren bereits abgeschlossen: Kommanditgesellschaft – eine +Bank beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung sein, das +stand fest. + +Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im Munde in einem Fauteuil neben +dem Kamin lag, sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der Kammerherr +von Ponteck, der Wernochower Klitzingk, Oberförster Tornow und der +Schönwaider waren im Augenblick im Zimmer – da konnte man schon ein +bißchen klatschen. + +»Aber hören Sie mal, meine Herren,« sagte Biese mit seiner fetten +Stimme, »das mit dem Döbbernitzer – unter uns – ist doch ein Wagnis. +Das ist doch eine verfluchte Geschichte – nicht?« + +Der Landrat zuckte die Achseln. + +»Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wär’ ja recht gut, wenn der arme +Kerl wieder ein bissel in die Höhe käme!« + +Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen weißen Katerbart und +schüttelte den Kopf. + +»Nein, Herr von Wessels,« erwiderte er, »ich kann Ihnen in diesem Falle +nicht recht geben. Exzellenz Usen meint zwar, wir sollten nach – +Dingsda gehen und sehen, ob wir nicht auch sündig wären – na, ich habe +aus meinem Herzen nie eine Mörderhöhle gemacht, aber ich bin doch der +Ansicht, daß Zernin besser getan hätte, sich nach Amerika zu drücken. Er +hat’s _zu_ toll getrieben –« + +»Ach was – der alte Bismarck hat’s auch toll getrieben, als er noch auf +Kniephof saß, und ist doch ein ganzer Mann geworden!« + +»Wird sich der Zernin denn auf Döbbernitz halten können?« warf der +Oberförster ein. + +Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen wollte wissen, daß +Schellheim Döbbernitz im Interesse Zernins administrieren lassen werde. +Herr von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen – daher seine +Bemühungen, Zernin eine neue Position zu schaffen. + +Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine »ganz schlaue Unke«. Er sprach +von seinem Gastgeber nicht im freundlichsten Tone. Das ärgerte +schließlich den Landrat. + +»Erlauben Sie, Herr Nachbar,« sagte er, »wir befinden uns noch immer +unter dem Dache des Kommerzienrats ...« + +In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt. Die Damen saßen im +ersten Empiresalon und sprachen von häuslichen Dingen. Im Augenblick +wurde die Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlöteten +Blechbüchsen oder in hermetisch verschlossenen Gläsern halte. Frau +Necker aus Klotschow führte das Wort. Nebenan kicherten die Backfische. +Sie unterhielten sich über Toilettefragen; im Februar sollte in +Zielenberg der Landschaftsball stattfinden, und das war immer ein +Ereignis. + +Zernin hatte rasch ein paar Züge Zigarette geraucht und war dann in die +Salons zurückgekehrt. Sein Herz klopfte ungestüm. Er fand selbst, daß er +nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster Laune und durfte sie +nicht austoben lassen. Er wußte ganz genau, daß die Rede Usens eine +abgekartete Sache war – so eine Art »Restitutionsedikt« für ihn. Aber +nichtsdestoweniger war sie brutal und taktlos gewesen. Er kam sich +unglaublich lächerlich vor in der Rolle des reuigen Sünders. Im Grunde +seines Herzens war ihm die ganze Gesellschaft der Umgegend heute genau +so gleichgültig wie früher; heimlich »pfiff« er noch immer auf die Welt. +Aber es half alles nichts; er mußte katzbuckeln und ein frommes Gesicht +machen, wenn die Wellen nicht über ihm zusammenschlagen sollten. + +Er suchte Hedda. Er mußte noch ein Wort mit ihr sprechen. Sie hatte sich +mit der Woydczinska unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater. + +»Der sitzt schon beim Whist,« antwortete Klaus. + +»Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem spielt er?« + +»Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, – ungefährliche Leute, die sich +widerspruchslos anschnauzen lassen ...« + +Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von einem großen, kunstvoll +gestickten Schirm mit goldenen Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte. +Kein Mensch war in ihrer Nähe. Von nebenan hörte man die scharfe Stimme +der Frau Necker-Klotschow, die von ungezuckerten Pfirsichen sprach. + +Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas. Er fand, daß sie noch +schöner geworden war, reifer; sie stand im Sommer ihrer +Jungfrauenschaft. + +»Also nicht, Hedda?« fragte er. + +Sie verstand sofort. »Nein,« antwortete sie, »ich will nicht.« + +»Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor mir?« + +»Die hatte ich nie; höchstens sorgte ich mich um dich.« + +»Aber heute nicht mehr?« + +»Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe zu meiner großen Freude +gehört, daß es mit dir wieder bergauf geht. Daß mich der Gedanke +anfänglich erschreckt hat, dich künftighin häufig sehen zu müssen, war +nur natürlich. Aber ich bin schon beruhigt. Mein Schreck war Torheit. +Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch klar darüber +geworden, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben, was nicht die ganze +Welt hören könnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns darüber klar. Und +es ist heute nicht anders als damals.« + +Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Ruhe, mit der sie +sprach, brachte sein Blut in Wallung. + +»Ich danke dir. Du findest immer den rechten Ton. Ist es dir denn _so_ +leicht geworden, dich von mir zu trennen? Soll ich dir erzählen, was +_ich_ gelitten habe? Soll es _ganz_ aus sein zwischen uns? Hedda, hast +du gar nichts mehr für mich übrig?!« + +Sie fühlte, daß sie eine krankhafte Empfindung von Schwäche beschlich. + +»Laß mich, Klaus,« bat sie; »quäle mich nicht ...« + +Er richtete sich straff auf. + +»Also gut,« sagte er. »Legen wir wieder die Maske vor. Es geht weiter +bergauf. Es geht im Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man mir +mit gütigen Händen die Bahn ebnet. Der dicke Usen und Schellheim sind +mir als rettende Englein zur Seite gestellt worden – das Weltkind in +der Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden und ein sehr solider +Philister. Der Kommerzienrat hat auch schon eine Frau für mich #in +petto# – irgend ein Judenmädel mit märchenhafter Mitgift. Es geht in +der Karriere bergauf, Hedda ...« + +Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er sprach. Ein Ausdruck +zynischen Hohns lag auf seinem Gesicht. Es war wie eine Erlösung für +sie, daß in diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer trat, um +sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zu ziehen: Auguste, Berta +und Constance Tornow wollten auf den Landschaftsball in Weiß, Blau und +Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, daß die drei Schwestern +gleichmäßig Weiß tragen sollten – ob Hedda das nicht auch hübscher +finde? + +»Natürlich,« sagte Zernin, »alle drei weiß, wie die Tauben, oder nein, +wie ein Schwanentrio. Denn Weiß ist die Farbe der Unschuld und schon aus +diesem Grunde jungen Mädchen bestens zu empfehlen. Aber Halsbänder aus +schwarzem Samt dazu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das +gibt eine angenehme Abwechslung und erzielt einen pikanten Kontrast, +dieweil die weiße Unschuld doch manchmal langweilig wirkt ...« + +Fräulein von Ponteck lächelte krampfhaft, weil sie nicht wußte, wie sie +sich diesem schrecklichen Menschen gegenüber benehmen sollte, und war +froh, daß Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das A, B, C über die +strittige Frage zu belehren. + +Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig Gelegenheit gefunden, sich +Hedda zu nähern. Er litt an beständigem Herzklopfen. Er hatte seinen +Vater gebeten, den alten Freiherrn mit größter Delikatesse auszuhorchen, +aber es schien, als sei es unmöglich, Hellsterns auf ein paar Minuten +allein habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervosität irrte +Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte sich bei den älteren Damen, +scherzte mit den Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann +ein Viertelstündchen neben Frau Rittmeister Woydczinska, deren dunkle +Schönheit auch auf ihn eine gewisse Anziehungskraft ausübte. + +Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm das Wort. Er sah seinen +Vater an der Seite Hellsterns durch die Zimmer schreiten. Der +Kommerzienrat schien dem Alten die Räume zeigen zu wollen; er +gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin, blieb zuweilen vor +einem Bilde oder einer Statuette stehen und verschwand schließlich mit +Hellstern im Speisesaal. + +Jetzt wußte Gunther Bescheid. Jenseits des Speisezimmers lag das +Arbeitskabinett seines Vaters. Dort waren die beiden ungestört – und +stärker hämmerte das verliebte Herz. + +Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr, weiterzuspielen. Der +Kreisphysikus hatte gewöhnlich die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in +der Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume – so etwas +Schlafmütziges war noch gar nicht dagewesen. Da dankte man lieber. + +Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat abgepaßt. Hellstern sagte ihm +ein liebenswürdiges Wort über die geschmackvolle Einrichtung des +Schlosses, worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig +herumzuführen. Im Arbeitszimmer hatte er ihn sicher. + +Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum mit einem einzigen hohen +Glasfenster in einer auf einen kleinen Balkon führenden Tür. Ein Hauch +von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns Blick fiel zunächst +auf einen großen eisernen Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an +der Wand: der Überfall reisender Kaufleute durch die Quitzows und die +Verbrennung der Schuldscheine Kaiser Karls V. durch Fugger. + +Schellheim sah, daß der Freiherr die beiden Bilder mit einem gewissen +Interesse betrachtete, und er lächelte. + +»Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron,« sagte er. »Ein Appell an die +Vorsicht und einer an die Generosität – #»cave«# und #»noblesse +oblige«#. Knöpfe die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knöpfe sie +auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe derartige kleine +Denkzettel.« + +»Allerdings,« entgegnete der Freiherr, »sind sie zweckmäßiger als ein +Knoten im Taschentuch. Aber bedürfen Sie denn eines solchen Mementos? +Ein Charakter wie Sie?« + +»O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wäre ich in der Tat ein ganzer +Charakter, dann wäre ich auch ein besserer Kaufmann. Man hält mich +allerdings für einen hervorragenden Industriellen, aber in Wahrheit bin +ich es nicht. Wenigstens nicht ganz. Auf der einen Seite steckt noch zu +viel vom Krämer in mir, auf der andern zu viel kaufmännischer +Aristokratismus. Und das verträgt sich schlecht. Irgend ein bekannter +Volkswirtschafter – war es nicht Friedrich List? – hat einmal gesagt, +die Kraft, Reichtümer zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum +selbst. Das ist ein großes Wort, denn wirklich: klingendes Kapital kann +zerrinnen, aber die Gabe des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will +nicht sagen, daß ich sie nicht auch besitze, denn sonst hätte ich es – +immerhin – nicht so weit gebracht. Doch hundertmal stelle ich mein +Licht unter den Scheffel – ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich +Landgüter und lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein +bürgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Möglichkeit des +Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung, die sich mit dem Geiste des +kaufmännischen Bürgertums im Grunde genommen herzlich wenig verträgt. +Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Döbbernitz soll verkauft +werden; ich hätte nicht übel Lust, es an mich zu bringen und meinem +Zweiten fideikommissarisch zu sichern ...« + +Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem Schreibtische stand, +neben Hellstern. + +»Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester Baron,« sagte er, »Sie werden +ermüdet sein.« + +Hellstern ließ sich nieder und lehnte seine Krücken gegen den Stuhl. + +»Ja,« entgegnete er kopfnickend, »ich bin ein bißchen müde. Die +verdammte Ischias dörrt einem das Mark aus den Knochen. Also Sie +spekulieren auf Döbbernitz? Ich dacht’ mir’s beinahe, als ich Zernin bei +Ihnen sah. Es mußte einen Zweck haben –« + +»Ah ja« – und Schellheim lachte kurz auf –, »so viel Kaufmann bin ich +denn doch! Aber andrerseits reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder +auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze Portion +Tüchtigkeit in ihm. Und es berührt immer tragisch, einen großen und +berühmten Namen verschmutzen und versumpfen zu sehen –« + +»Seine eigne Schuld,« bemerkte Hellstern knurrig. + +»Seine eigne Schuld – freilich, freilich! Aber darum nicht minder +tragisch. Sein Vater hat am Ruhme Preußens und Deutschlands erheblich +mitarbeiten helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange. Durch eigne +Schuld, ganz gewiß – Sie haben schon recht, Herr Baron. Aber ich +erinnere Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht allzu +pharisäisch! Aus Herrn von Zernin kann noch einmal etwas ganz +Brauchbares werden, wenn er mit den alten Schulden aufgeräumt hat und +man ihm ein klein wenig Beistand leistet.« + +»Wird er Ihnen nicht zu viel für Döbbernitz fordern – fordern _müssen_, +um seine Gläubiger befriedigen zu können?« + +»Ah nein – ich kaufe nicht direkt, ich warte die Subhastation ab. Sie +steht vor der Tür. Mit den ausfallenden Gläubigern werde ich Herrn von +Zernin zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen lassen.« + +»Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte Hand – warum nicht. +Übrigens, leicht wird es Ihnen nicht werden, auf Döbbernitz Ordnung zu +schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit Jahresfrist ist nichts +mehr bestellt worden, wie mir Tornow erzählt. Auf den Wiesen wächst +Schilf, und die Felder sehen wie eine Prärie aus.« + +»Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen wird ihm nicht viel geschadet +haben.« + +»Ist richtig. Und schließlich – mit Geld ist alles zu machen.« + +Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch. + +»In gewissem Sinne, ja,« antwortete er. »Aber das Kapital, das ich in +Döbbernitz hineinstecken muß, arbeitet nicht – wenigstens vorläufig +nicht –, und wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine geringe +Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja: ein vollendeter Kaufmann bin +ich noch lange nicht. Trotz alledem – ich möchte dem Gunther ein +behagliches Nest schaffen –« + +»Sehr verständlich,« warf der Freiherr ein; »er wird ja auch einmal an +das Heiraten denken.« + +Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei Dank, nun war die +Anknüpfung gefunden! Er hatte schon Sorge gehabt, den rechten Faden +nicht erwischen zu können. Ein wenig in Unruhe war er doch. Er zog sich +gleichfalls einen Stuhl heran und setzte sich Hellstern gegenüber. Seine +Hände zitterten leicht. + +»Ja natürlich,« entgegnete er, »an das Heiraten – nötig wär’s ja noch +nicht – er könnte immer noch ein paar Jahre warten. Aber – na, er hat +mich neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade unter uns sind, +lieber Baron, möcht’ ich mir auch ein paar vertrauliche Worte gestatten. +Der – der Junge ist nämlich in – ist nämlich bis über beide Ohren +verliebt, lieber Baron – und in wen? Wissen Sie, in wen?« + +»Ahnungslos,« sagte Hellstern, und dann schoß ihm ein Gedanke durch den +Kopf. »Sapperlot – etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmäßiges +Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!« + +»I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein – in – in – in – na, es +muß einmal heraus – in Baronesse Hedda!« + +Hellstern war wie erstarrt. + +»In Hedda?« fragte er, maßlos erstaunt. »In _meine_ Hedda?« + +Der Kommerzienrat nickte. + +»Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich eine ernsthafte +Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine sehr ernsthafte. Ich habe ihm die +Sache ausreden wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen +gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über die Klippen und +Untiefen gewisser gesellschaftlicher Vorurteile hinweggekommen. Der +uralte Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei. Sie +haben den Ruhm des historischen Namens, ich nichts als das stolze +Bewußtsein, ein Emporkömmling zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich +stolz, denn was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst. +Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man respektieren. Und das +war’s, was mir Sorge machte, war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther +die Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in meinem Stolze +verletzt zu werden ...« + +Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er war sehr ernst +geworden. Er hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so +zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte, nicht +beleidigte. Denn in der Tat – das wollte er nicht; es war doch etwas +Respekteinflößendes in dem Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen +Anschauungswelt auch der seinen lag. + +Er ließ die Hand sinken. + +»Zunächst die Hauptsache,« fragte er; »haben die beiden sich schon +verständigt?« + +Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig über sein Gesicht. Eine +strikte Absage hatte er nicht erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun +war Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah. + +»Nein,« antwortete der Kommerzienrat, »sie haben sich noch nicht +ausgesprochen. Aber – Sie wissen, wie die Liebe forscht. Aus hundert +kleinen Zügen hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten zu +dürfen geglaubt.« + +Hellstern schüttelte den Kopf. + +»Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, nicht die kleinste. Sie +hat Gunther – hat Ihren Herrn Sohn –« + +»Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron –« + +»Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- oder dreimal gesehen! +Freilich, das will nichts bedeuten. Ich lernte meine gute Selige des +Abends kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute. Aber es +frappiert mich doch, daß Hedda – nun, und _Sie_, Kommerzienrat? +Abgesehen von Ihren prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat +passen?« + +Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu sein. Aber als kluger +Mann triumphierte er nicht. + +»Gott, Herr Baron,« erwiderte er, »ich bin kein Komödienvater. Ich habe +das Für und Wider reiflich erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden +nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die Sache noch erheblich +ernster aufgefaßt haben, wäre Baronesse Hedda eine andre. Aber _so_! Ich +muß Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse Hedda die +allergrößte Hochachtung habe –« + +»Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht hättest,« dachte +Hellstern. + +»– und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt habe. Gerade die +Anspruchslosigkeit ihres Wesens – das ist’s, was mir so gut an ihr +gefällt. Und ich meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie sind +auch so.« + +»Wir sind alle so,« erwiderte Hellstern. »Der märkische Adel hat sich +immer nach der Decke strecken müssen. Er hat immer um Leben und Existenz +gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah’s in Ehren, wie +draußen auf dem Schlachtfelde. Mit Ausnahmen natürlich – die gibt’s +überall. Und wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß unser +Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie einfach –« + +Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater fiel ihm ein, ein wilder +Mann, von dessen unsinniger Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug +erzählt hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn, und er winkte mit der +Hand. + +»Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?« fragte er. »Wie denkt _sie_ über +die Heirat?« + +Schellheim lächelte. »Sie war von vornherein der Meinung, daß man dem +Glücke unsres Sohnes keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.« Er seufzte. +»Das ist es ja – im Grunde genommen ist ihr Standpunkt der einzig +richtige. Ich möchte Gunther auch glücklich sehen. Er ist eine stille, +bescheidene Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut – ich +habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch einmal selbst gewählt +hat und seine irdische Seligkeit von allerhand alten Scharteken +abzuhängen scheint. Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen. +Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter kann er +sich seinen Studien noch besser widmen. Ich möchte wissen, wem es so +bequem gemacht wird. Dann mag er ein paar Wintermonate in Berlin oder +sonstwo verleben, meinetwegen auch auf Reisen, und im Sommer hat er +Döbbernitz. Das ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben Ihre +Tochter immer in der Nähe, können täglich ein Stündchen mit ihr zusammen +sein, wenn Sie Lust haben –« + +»Und wenn aus der Heirat etwas wird,« fiel Hellstern ein. Er erhob sich +schwerfällig. »Nun hören Sie auch einmal _meine_ Ansicht, lieber +Kommerzienrat. Ich will ehrlich sein: ich bin _nicht_ für die Heirat. +Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken – genau so wie Sie. Kein +Mensch kann aus seiner Haut. Hätt’ ich einen Jungen und Sie hätten ein +Mädel – ich würde mit Freuden ja und Amen sagen, wenn die beiden sich +liebten und haben wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die +Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen tragen. Nichts für ungut, +Herr Schellheim. Auch _Ihr_ Name ist gut, nicht schön, aber ehrlich und +fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich noch etwas in +Vorurteilen; ich würde es lieber sehen, wenn Hedda einen Edelmann +heiratet. Keinen vom Schlage Zernins natürlich – Sie verstehen mich +schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt, bettelstolz – ich lass’ mir’s +gefallen. Ich kann nicht anders – ich muß Ihnen die Wahrheit sagen ...« + +Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern sah das. Er legte +seine Hand auf die Schulter des Kommerzienrats. + +»Denken Sie mal nach, lieber Freund,« fuhr er fort; »wir haben uns nie +verstanden – ich meine nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im +allgemeinen. Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit des Städtewesens +so wenig wie heute. Sie lesen doch auch die Zeitungen. Die ganze +liberale Presse paukt auf dem Junker herum –« + +»Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie unterscheidet zwischen dem +Junkertum, das nur Prärogative und keine Pflichten kennt, und dem wahren +Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch die der Gesinnung +verbindet.« + +»Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit unsrer Presse streiten, +Herr Kommerzienrat. Die Adelshetze wird systematisch betrieben – das +ist Tatsache. Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligen Beamten +– alles Schufte, Schufte in den Augen des Liberalismus! Nur die paar, +die zur gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg und +Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und wie sie sonst noch heißen mögen, +– das sind leuchtende Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem Faktum, +daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann immer mehr vertieft wird, ist +nicht zu rütteln. Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber +überbrücken sie nicht. Na – und nun wieder zur Sache! Meinen Standpunkt +kennen Sie. Aber auch in andrer Beziehung geht’s mir wie Ihnen. Ich will +gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde mit ihr sprechen, werde +sie einfach fragen, ohne zu- oder abzureden, werde ihr sagen: ›Hör mal, +der Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du auch etwas für +ihn übrig, und wie denkst du über eine Ehe mit ihm?‹ Und nach ihrem Ja +oder Nein werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste. +Einverstanden, Schellheim?« + +Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat schlug ein. »Wie +sollte ich nicht!« antwortete er. Und sie schüttelten sich die Hände. + +»Nun aber zurück zur Gesellschaft,« sagte Hellstern. »Man glaubt sonst, +ich wollte Aktionär Ihrer Quelle werden ...« Er schob seinen Arm unter +den des Rats. »Also ich denke, ich werde Ihnen schon morgen Antwort +erteilen können.« + + + + +Achtes Kapitel + + +Als die Herren in die Salons zurückkehrten, rüsteten die Pontecks, Biese +mit seiner Frau und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch. +Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern getrennt hatte +und den allgemeinen Aufbruch verhindern wollte. + +»Wo steckst du denn, Papa?« fragte Gunther. + +Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange. + +»Ich habe für _dich_ gewirkt, mein Junge,« entgegnete er schmunzelnd. +»Der Alte ist entgegenkommender als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm +doch im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt sie ja, so könnt ihr +schon morgen verlobt sein. Und ich fühl’ es: sie _wird_ ja sagen ... +Später mehr davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es ist ja kaum +zehn. Haben die Diener Bier präsentiert? Die Mama bekümmert sich nie um +dergleichen – wenn _ich_ nicht überall hinterher bin –« + +»Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube, es ist im Rauchzimmer zu +einer kleinen Streitigkeit gekommen –« + +»Streitigkeit? Zwischen wem?« + +»Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin. Ich weiß nicht, um was +es sich handelt. Ich hörte nur, daß der alte Usen zum Kammerherrn von +Ponteck sagte: ›Diesmal hat Zernin recht gehabt‹ – und der Kammerherr +antwortete: ›Es schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur +einen kleinen Denkzettel gibt.‹« + +Schellheim war außer sich. + +»Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das in meinem Hause – +Donnerwetter – –« + +Er stürmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen, sollte ihm Rede stehen. +Er erwischte ihn, als der alte Herr sich gerade einen Kognak von einem +Diener reichen ließ. + +»Was soll denn los sein, Bester!« antwortete er, den Kopf in den +gedrungenen Nacken werfend den Kognak hinuntergießend, »gar nichts ist +los! Biese und Zernin haben sich ein bißchen gekabbelt, und Zernin hat +sich dabei ganz anständig benommen. Vielleicht schießen sie morgen ein +paar Kugeln in die Luft – vielleicht auch nicht. Das hat nichts auf +sich. Tun Sie nur so, als hätten Sie gar keine Ahnung von dem +Zwischenfall!« + +Das war maßgebend für Schellheim. Exzellenz Usen war wie das Evangelium +für ihn. + +Er mischte sich wieder unter die Gäste. Der Aufbruch der einen Partie +versetzte die ganze Gesellschaft in Unruhe. Man rief nach den Dienern. +»Der Schönwaider soll anspannen!« – »Der Klein-Güstener auch!« – »Der +Wagen von Wernochow!« Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen +noch ein halbes Stündchen zurückzuhalten. Alles empfahl sich mit größter +Herzlichkeit. Es sei reizend gewesen, ganz reizend – auf baldiges +Wiedersehen! – Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von dem Streit im +Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis Schellheim noch immer nicht +gekommen war. Er drückte dem Kommerzienrat warm die Hand und nannte ihn +»lieber Nachbar«. Im allgemeinen Aufbruch empfahl sich auch Klaus, +höflich, liebenswürdig, etwas zurückhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich +nur. Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten der +Woydczinska den Abhang hinab. + +Vor dem Portale hielt die lange Reihe der Wagen und Schlitten. Ihre +Lichter glänzten durch die Schneenacht. In der kleinen Entree drängten +sich die Gäste, bereits in Plaids gehüllt, in Pelze, Decken und Mäntel. +Die Hakennase des Majors von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem +hochgeschlagenen Kragen. Das kleine C des Oberförsters mußte sich noch +den dicken Shawl des Papas um Hals und Mund wickeln lassen. »Aber, +Mama,« ächzte der Backfisch, »ich kriege ja gar keine Luft!« – »Kriege +keine,« erwiderte die energische Mutter; »wenn du morgen hustest, mußt +du im Bett bleiben und schwitzen«.... Exzellenz Usen sah in seinem +verschossenen Militärmantel und der flauschigen Jagdmütze wie ein +Riesenpilz aus vorsündflutlichen Zeiten aus. Doktor Stramin hatte rasch +noch den Landrat in eine Ecke gezogen und erzählte ihm von zwei +Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet hätten. »Ein +Schuster und ein Klempner, Herr von Wessels, und das wühlt von unten +auf, das frißt sich in die Höhe, das vergiftet alles, wenn man nicht +rechtzeitig einen Riegel vorschiebt ...« Er schwatzte immer noch weiter, +während draußen sein Wagen wartete. + +In der Halle verabschiedete sich Eycken von den Gastgebern. + +»Nein, ich habe keinen Wagen,« sagte der Pastor auf eine Frage +Schellheims und reckte seine hohe Patriarchengestalt, »ich geh’ die paar +Schritte gern zu Fuß. Ich liebe die Winterlüftung. Wegen der +Kinderheilanstalt sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat. Wir sprechen +noch über manches. Es ist vielerlei hin und her zu überlegen. Auch das +mit dem Zernin.« + +»Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein tüchtiger Mensch wird, +lieber Herr Pastor!« entgegnete Schellheim. + +»Froh?! Du lieber Gott, _wie_ würde ich dem Himmel danken! Aber – – +#nous verrons#, lieber Herr Rat, ich tu’ vielleicht unrecht, daran zu +zweifeln. Meine Empfehlungen, gnädige Frau!« + +Er küßte ihr die Hand. Dann schritt er grüßend durch die Reihen der +Gäste und trat ins Freie. Der Schnee knirschte nicht; es war lauer +geworden. Zarte Flocken stäubten durch die Luft. Am Himmel glänzte die +Sternenwelt; nur im Osten baute sich eine weiße Wolkenmauer auf, aus der +phantastische Arabesken emporragten, wie geflügelte Untiere und +greifende Riesenhände. Der Pastor schritt, in seinen leichten Havelock +gewickelt, den Parkweg hinab. Auf seinem großen Rundhut bildeten die +Schneeatome einen feinen, glänzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht +einherging, kräftig ausschreitend und den schönen Kopf stolz erhoben, +konnte man ihn für einen Mann in den besten Jahren halten, für einen +Vierziger. Nur der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der Wind +auseinanderwehte, vereitelte die Täuschung. + +An Eycken vorüber rollten die Wagen und klingelten die Schlitten. Er war +schon außerhalb des Parks, als er hastig zur Seite springen mußte. Der +Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem zweiten Schlitten, und +beide Gespanne füllten die Breite des Fahrwegs aus. + +Der Pastor hörte ganz deutlich die Stimme der Woydczinska: + +»Also bestimmt übermorgen, nicht wahr? Nicht zu spät – so zwischen +sechs und sieben ...« + +Und eine Männerstimme aus dem zweiten Schlitten antwortete: + +»Wenn ich es einrichten kann – aber ich hoffe ...« + +Das war das klingende Organ Zernins. Der Pastor strich glättend über +seinen zerflatternden Bart. Ein neues Mißtrauen regte sich in seiner +Brust, doch ärgerte er sich darüber. Wahrlich, es war nicht christlich +und nicht menschlich, immer das Schlechteste zu denken! – + +Oben vor dem Schloßportal schrie Exzellenz Usen nach seinem Kutscher. +Der Mann hatte zu viel getrunken; eine Wolke von Schnapsdunst umwogte +ihn. Usen schimpfte fürchterlich. + +»Köpfen müßte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen, rädern!« ... Und +dann schob er dem schweigenden Kutscher seine eigne brennende Zigarre in +den Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zügel in die Hand. + +»Halt dich fest, Saufsack!« schrie er. »Wenn du in den Graben fällst, +laß ich dich liegen!« + +Seine Peitsche knallte; die Gäule bäumten sich auf und rasten davon. + +»Gott sei dem Kutscher gnädig,« meinte Hellstern, vor die Tür tretend. +»Wenn der Pascha selber fährt, geht’s wie der Deibel. Adjö, lieber Herr +Schellheim!« + +Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal die letzten Honneurs +machte, die Hand. »Wenn Sie noch einige Tage bleiben,« sagte sie +freundlich, »so holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen +ab. Apropos, was macht der Schnupfen?« + +»Danke, gnädiges Fräulein,« erwiderte Gunther heiter und drückte +beseligt die ihm dargereichte Hand, »ich niese mich vorläufig noch +weiter durch die Welt.« + +Und er blieb draußen stehen, bis die schwerfällige alte Kalesche +davongerasselt war. + +Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener huschten aufräumend hin +und her. Aus dem Speisesaal tönten das Klappern der Teller, die wieder +in das Büffet gepackt wurden, und das helle Klirren des Silbers. + +»Es war sehr gelungen,« sagte der Kommerzienrat, der nach jeder +Festlichkeit in seinem Hause Kritik zu üben pflegte. »Im allgemeinen +wenigstens. Die Sauce zu den Artischocken hätte etwas sämiger sein +können. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken gibt, muß sie auch +tadellos sein. Aber die meisten merkten es gar nicht; man ist hier doch +noch etwas zurück. Und dann kam das Bier zu spät. Was zwischen Herrn von +Zernin und dem dicken Biese vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich will es +auch nicht wissen, und ihr« – er meinte damit seine Frau und Gunther – +»wißt es ebenfalls nicht, wenn ihr’s auch wirklich wüßtet. Denn über so +etwas sieht man hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird ein +Freudentag für uns werden. Hellstern ist ein Ehrenmann; unter den +Schlacken der Vorurteile sitzt doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda +erst! Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.« + +Er umarmte seinen Sohn und küßte auch die Rätin, der über so viel +ungewohnte Liebe die Augen zu tränen begannen, auf die Stirn. Die Diener +schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorüber und wunderten sich. + + * * * * * + +Derweilen entschied sich das Schicksal des armen Gunther. + +Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nächsten Morgen beim +Frühstück mit Hedda Rücksprache zu nehmen. Das war nämlich jene Stunde +des Tages, in der alle beide am zugänglichsten waren. Sie saßen sich +dann gegenüber am Teetisch, der vor den einzigen Kamin des Hauses – im +sogenannten Saal – geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am +Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte. Er brauchte viel +Holz und man mußte sparen. Am selben Platze hatte man auch schon zur +Zeit, da die Baronin noch am Leben war, das Frühstück eingenommen, und +es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen um diese Stunde den +beiden besonders nahe. + +Aber der Entschluß Hellsterns änderte sich, als er neben Hedda im Wagen +saß und den Auberg hinabfuhr. ›Es ist besser, du machst die Geschichte +kurzerhand ab,‹ sagte er sich. In Wahrheit brannte es ihm auf der Seele, +zu erfahren, wie Hedda über die Werbung dachte. Er bildete sich ein, +sein Töchterchen auf das genaueste zu kennen; wenn man verliebt ist, +benimmt man sich nicht so wie alle Tage. Er räusperte sich in seiner +lauten und derben Weise. + +»Ja, Vater!« fragte Hedda und zuckte in ihrem Winkel wie erschreckt +zusammen. »Sagtest du etwas?« + +»Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fängst mir an, nervös zu +werden! Wenn ich mal ›hm‹ mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen +hätte. Nein, ich sagte nichts, aber ich _wollte_ etwas sagen. Nämlich – +denke dir, da hat der Kommerzienrat mit mir gesprochen –« + +»Wegen der Quelle?« + +»Nein – deinethalben.« + +Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie schob die weiße gestrickte +Kapuze, die sie bei winterlichen Fahrten über Land zu tragen pflegte, +etwas weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit ernsten Augen an. + +»Meinetwegen?« fragte sie. »Was heißt das, Papa?« + +Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas. + +»Kuschle dich mal ein bißchen enger an mich heran, Kind,« entgegnete er. +»So – und nun lege den Dickkopf an meine Schulter – so – und gib mir +auch noch das andre Pfötchen.... Sage mal, warum klopft denn dein Herz +so stark?« + +»O, es klopft nicht stärker wie sonst!« + +»Doch – ich spüre es. August soll dir meine Baldriantropfen bringen.« + +»Schön. Also, was wollte der Kommerzienrat?« + +Hellstern drückte die Hände Heddas fest. + +»Er wollte dich für seinen Jungen, den Gunther, haben.« + +Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die Glieder Heddas. + +»Das ist eine Unverschämtheit!« rief sie empört. Aber sofort tat ihr +dieser Ausruf leid. »Das ist naiv,« fuhr sie, sich selbst beschönigend, +fort. »Wie kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?« + +»Gunther hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Er meint, er liebe dich. Und +es muß doch wohl die Hoffnung in ihm leben, du würdest seine Liebe nicht +so ohne weiteres fortweisen.« + +»Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm nicht gegeben, Vater.« + +»Wenn du es sagst, glaube ich dir’s aufs Wort. Aber man täuscht sich oft +in so subtilen Empfindungen. Gunther mag in seiner Schwärmerei eine +Liebenswürdigkeit deinerseits für Entgegenkommen gehalten haben. Ganz +sicher war er seiner Sache zweifellos nicht; immerhin war es taktvoll +von ihm, daß er durch seinen Vater sozusagen erst die Fühler ausstrecken +ließ.« + +Hedda schüttelte den Kopf. + +»Mir ist es unklar, Papa ...« + +»War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich doch. Ich hätte schon +gemerkt, wenn dein Herz lebendiger geworden wäre. Und ich gesteh’ dir +offen, ich wurde ein klein bißchen eifersüchtig, als der Kommerzienrat +mit mir sprach. Es kam auch ein Gefühl von Kränkung und Zurücksetzung +dazu. Ich fragte mich: ›Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind +anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige Dinge, um Herzens- und +Lebensfragen handelt?‹« + +Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit, da die Liebe zum +erstenmal wie Frühlingsbrausen und Wettersturm durch ihr Herz gezogen +war. Gleich einer Träumenden war sie damals umhergewandelt, war blasser +geworden und abgemagert – und der Vater hatte nichts gemerkt. Und nach +einer endlos langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual +schließlich zu dem alten Pastor hinübergelaufen, statt sich an der Brust +des Vaters auszuweinen. + +Hellstern räusperte sich wieder. + +»Ich muß noch einiges sagen, Hedda,« begann er von neuem. »Auch der +Kommerzienrat hat die heikle Sache mit taktvollen Händen angefaßt – wie +ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen. Aber er setzte doch gleich +mit Zukunftsmusik ein; es herrscht eine ausgesprochene Wagnersche +Atmosphäre in dem Hause. Er will Döbbernitz kaufen und ein Fideikommiß +für Gunther daraus machen; da solltet ihr denn im Sommer leben –« + +»Auch das noch!« murmelte Hedda. + +»Und im Winter ein paar Monate in Berlin oder auf Reisen – ganz, wie es +euch passen würde. Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er +hat mir heute abend viel besser gefallen als sonst.... Sieh einmal, +Hedda, wir sind arm, und ein andres, viel glänzenderes Leben würde ja +zweifellos für dich beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist +auch kein unübler Mensch. Ich würde schließlich selbst nichts gegen das +Bürgerliche sagen; um der Kinder willen ließe sich der Adel schon +beschaffen, obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem +Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefällt mir nicht. Ich bin +kleinlich in solchen Dingen – ich weiß es –« + +Hedda entzog ihre Hände dem Vater und setzte sich wieder aufrecht in +ihre Ecke. + +»Das ist in der Tat kleinlich, Papa,« erwiderte sie. »Wir haben schon +einmal über den Punkt gesprochen. Ob Hemden oder Geschütze, was ist da +der Unterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden vielleicht noch +nötiger als Kanonen. Wenn irgend ein junger Krupp um mich anhielte, +würdest du keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von neuem +streiten. Es handelt sich weder um Kanonen noch um Hemden, sondern um +mein Herz.« + +»Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den sich alles dreht.« + +»Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?« + +»Daß ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort geben würde.« + +»So schreibe ihm, aber, bitte, in höflichster Form, daß sein Sohn sich +in eine Täuschung hineingelebt habe, und daß ich es noch nicht – für an +der Zeit hielte, über mein Herz zu entscheiden.« + +Hellstern nickte. + +»Gut; das werd’ ich ihm schreiben. In höflichster Form – ich will den +Leuten ja nicht wehe tun.« + +Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In einer raschen, heiß +aufsteigenden Aufwallung nahm er dann Heddas Kopf zwischen die Hände. Er +küßte sie stürmisch. + +»Mein Liebling,« stammelte er; es klang wie verhaltenes Schluchzen. Er +tastete über ihre Wangen und streichelte sie. Er war so selig, daß er +sein Kind noch behalten durfte. + +Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne in der Hand, öffnete den +Schlag. Auch Dörthe war noch auf. Sie fragte, ob die gnädigen +Herrschaften vielleicht noch Teewasser wünschten. + +»Nein, Dörthe,« erwiderte Hedda; »wir gehen gleich zu Bett. Wir sind +müde. Gute Nacht, Papa – schlaf wohl!« + +Er küßte sie nochmals, und da er fühlte, daß ihre Hände kalt wie Eis +waren, wandte er sich an Dörthe. + +»Hast du dem gnädigen Fräulein eine Wärmflasche in das Bett gelegt?« + +»Jawohl, Herr Baron.« + +Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf in ihr Zimmer, stellte +das Licht auf den Nachttisch und begann sich langsam zu entkleiden. Es +war merkwürdig – sie fühlte sich wirklich grenzenlos müde und dabei so +zerschlagen in allen Gliedern, als ob sie einen weiten Marsch hinter +sich habe. In Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand und +faltete die Hände. Ein holdes Lächeln flog über ihr Gesicht. Der +Gedanke, geliebt zu sein, ist immer süß für das Herz des Weibes. Aber +das Lächeln erstarb rasch. Sie dachte an den zurück, den sie nicht +vergessen konnte, und seufzte. + +An der Tür klopfte es leise. + +»Was gibt’s noch?« rief Hedda. + +Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die ein Fläschchen hielt, und +ein Arm wurden sichtbar. »Der Baldrian, gnädiges Fräulein,« sprach +Augusts Stimme, »und drei Stückchen Zucker. Zwanzig Tropfen, lassen der +Herr Baron sagen, und wenn gnäd’ges Fräulein in der Nacht aufwachen +sollten, dann nochmal zwanzig.« + +Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging zu Bett. Sie löschte das +Licht, betete und zog das Federkissen hoch. Aber was nützte der +Baldrian! Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte, +und Hedda schob die Bettdecke wieder weit zurück. Dörthe hatte auch das +Zimmer geheizt – gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht +auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte des Mädchens Kopf. +Sie wollte sich beruhigen und zündete abermals das Licht an. Dabei fiel +ihr Blick auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die +verstorbene Mutter dar. + +Ihre Augen wurden naß. ›O du liebes Mütterchen, wenn du doch noch +lebtest!‹ dachte sie. ›Dir wollte ich sagen, wie mir’s ums Herz ist! Und +du würdest auch Rat und Trost finden und würdest mir helfen und mich +aufrichten in all meinem Gram. Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich +mich dem Papa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch, aber er +ist zu rauh, und er haßt – ihn. Und jedes Schmähwort gegen ihn ist mir +wie ein Messerstich. Ich kann doch nicht anders ...‹ + +Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach so geraume Zeit in sich +hinein. Dann fühlte sie einen leisen Frostschauer über ihre Schultern +rinnen und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der Nacht wachte sie +auf. An den Fensterläden rüttelte und schüttelte es. Ein Sturm schien +die schlafende Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der Wind pfiff; +hin und wieder hörte Hedda auch das Geräusch eines losgerissenen und +über das schräge Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in ihrer +erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte sich rufen – klagend, +schmerzend und schreiend. Und bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr +rief, bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen entzündete sie +zum drittenmal das Licht. Der Baldrian stand noch immer auf dem +Nachttisch. Aber was nützte der. + + * * * * * + +Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer der Kossätenhäuser +unten im Dorfe sahen verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie +zerzaust. Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt worden. Den +Schnee aber hatte die Windsbraut zu großen Haufen zusammengeweht, +pyramidenförmig, hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt +und an den Stämmen und Wänden in die Höhe gebürstet, wo er dann in der +Kälte der Morgenfrühe angefroren war und wunderliche Gebilde und Muster +zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit großen offenen Kelchen und +tausendfach verschiedene Arabesken. + +Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die man vergessen hatte über +Nacht zu kappen, gebrochen und auf die erste Terrasse geschleudert +worden. Und dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen, zum +höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der hemdenlosen Göttin ein +Symbol für die Notwendigkeit seines Geschäftsbetriebs sah. + +Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und der Niedergeschlagenheit. +Um zwölf Uhr kam August vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die +Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August erhielt eine Mark, und +der aufwartende Diener wurde hinausgeschickt. Dann erst erbrach der +Kommerzienrat mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; voll +ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau und Sohn an seinen +Zügen. Sie sahen, wie über die Stirn Schellheims während der raschen +Lektüre eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln und reichte +Gunther den Brief. + +»Kopf hoch behalten, mein Junge,« sagte er dabei. »Noch ist nicht aller +Tage Abend. Ich habe eine andre Antwort erhofft – nein, erwartet – +trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden ...« + +Gunther las: + + + »Baronshof, 3. Januar. + »Mein verehrter Herr Kommerzienrat! + +Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut mir leid und wird mir +schwer, Ihnen sagen zu müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn +sei von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch nicht für an der +Zeit, über ihr Herz zu entscheiden ...« Das war genau so, wie Hedda es +vorgeschrieben hatte. Nun kam eine philosophische Wendung: +»Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr Kommerzienrat ...« Dann +ein Trostwort: »Die Zeit wird schon alles ausheilen ...« Und schließlich +die formelle Höflichkeit: »Ich hoffe, der kleine Zwischenfall wird +Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. Mit besten Empfehlungen +allerseits + + Ihr ganz ergebener + Freiherr von Hellstern.« + + +Gunther gab den Brief an die Mutter weiter. Er war weiß wie Kalk +geworden. Rasch trank er sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte +heftig dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der Rechten ihres +Jungen und tätschelte sie wortlos. + +Eine bange Stille war eingetreten. + +Plötzlich sprang der Kommerzienrat wütend auf und stieß seinen Stuhl +gegen den Boden. + +»Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther!« rief er zornig. »Du hast dir +einen Korb geholt – Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch +andre als das hochnäsige Mädel von drüben!« + +Nun erhob sich auch Gunther. + +»Bitte, Papa,« entgegnete er abwehrend und mit fester Stimme, »kein Wort +weiter darüber! Vor allem keine Schmähung! Wer verdient eine solche? Die +Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir eine Liebe erweisen wollt, +erwähnt sie nicht mehr. Irrungen soll man abtun ...« + +Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos um, als suche er irgend +etwas. + +»Ich – ich will fort,« fuhr er fort. »Es wäre auch nicht in der +Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden Verhältnissen hier bleiben +wollte – gerade jetzt. Später – wird sich ja alles legen.... Wenn ihr +nichts dagegen habt, reise ich auf ein paar Wochen nach Oberitalien oder +dem Genfersee. Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und dann +kommt der Sommer und dann meine Offiziersübung in Lissa – das gibt +Abwechslung genug. Das wird mir auch gut tun. Aber – ich möchte dann +schon mit dem Abendzug fahren ...« + +Die Eltern redeten in ruhigen und verständigen Worten von unnötiger +Überhastung ab. Das Herz tat beiden weh. Sie fühlten, daß Gunther sehr +litt. Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb auch fest. Er +wollte durchaus fort. Einen Augenblick schwankte er, ob er dem Pastor +lebewohl sagen sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschließen, +noch einmal in das Dorf zu gehen. Er fürchtete sich davor, Hedda zu +begegnen. + +Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, ließ es sich nicht nehmen, +Gunther nach der Station zu begleiten. Er war auch vernünftig genug, +während der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort auf die +Herzensgeschichte zurückzukommen. Gunther dankte ihm im stillen dafür. +Er sprach fast gar nicht. Wieder störte ihn der Kutscher hinten auf der +Pritsche – wie damals. Ach, damals! Da glitzerte der Sonnenschein durch +das Eisgezweige, und seine Brust war voller Hoffen. Und jetzt nächtete +es. + +Die Herren trafen in letzter Minute auf dem Bahnhof ein. Es war gerade +noch Zeit ein Billett zu lösen. + +»Grüße die Mama!« rief Gunther aus dem offenen Coupéfenster. + +»Danke, mein Junge! Und sei recht vernünftig! Und laß dir nichts +abgehen! Wenn du noch Geld brauchst, so telegraphiere – hörst du, +telegraphiere!« + +Der Zug brauste davon. Als Schellheim an seinen Schlitten zurückkehrte, +klingelte von der Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt vor +dem Stationsgebäude. Der Kommerzienrat sah Herrn von Wessels aussteigen +und begrüßte ihn. + +»Im Dienst, Herr Landrat?« fragte er, auf die schwarze Ledermappe +deutend, die der Angeredete unter dem Arm trug. + +»Ja – sozusagen, – das ist eine verteufelte Geschichte, mein bester +Herr Kommerzienrat. Der tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut +früh duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen worden. Er kann +froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt. Zernin ist unglücklich, er +hat es nicht so gewollt – aber sechs Monate kostet ihm die Kugel doch. +Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie werden ihn an Ihrem +Quellenunternehmen nun auch nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges +Pech! Es ist eigentlich schade um den Menschen ...« + +Schellheim starrte den Landrat an. + +»I Gott bewahre – ein Duell – also wirklich ein Duell!« stammelte er. +»Ja, aber um Himmels willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich +getan?« + +Herr von Wessels lächelte verlegen. + +»Das läßt sich schwer sagen,« erwiderte er. »Sie sind gestern abend bei +Ihnen zusammengeraten, aber Zernin hat sich in diesem Falle richtig und +taktvoll benommen – jawohl. Biese – na, also kurzum, erfahren werden +Sie es ja doch einmal: Biese hat die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie +als Gastgeber eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist Zernin +scharf geworden. Das war der Anfang ... Aber ich muß weiter! #Addio#, +mein verehrter Herr Kommerzienrat!« + +Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat in das +Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich noch einmal um und rief +kopfnickend: »Es war gestern abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!« + +Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück. An seinen Sohn, an den +Baronshof und an den Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm im +Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf ausgefochten hatte. Der +dicke Biese, ein Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann – und +das sprach mit –, hatte eine beleidigende Äußerung über ihn fallen +lassen. Irgend eine mokante Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer +sie liebte – und da hatte Herr von Zernin Partei für ihn, den +Kommerzienrat, genommen, und schließlich war es auf Tod und Leben +gegangen – um seinetwillen. Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache +doch nur _ihn_ an als den Beleidigten; was schossen sich denn die beiden +um _seine_ Ehre?! – Und in halbem Selbstgespräch fügte er hinzu: »Es +ist im Grunde genommen lächerlich und unverzeihlich. _Mich_ kann ein +Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!« + + + + +Neuntes Kapitel + + +Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer +Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus +Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen +herübergekommen und hatte die »Säuberung« des Buchenwäldchens auf der +Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche +Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen, +Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden +vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres +treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform +aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten +Buchengrün große Schokoladentorten. + +Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen +regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in +Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert +Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen +abgekauft. Diese lagen dem »Kurpark« ungefähr gegenüber, und die beiden +kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen +und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten +Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte +Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein +Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert +Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich +natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte +jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre +fünf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Güster, +Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß. + +Das geschah an einem der ersten Märztage. Es wehte warm und lenzlich. +Der Schnee war überall geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch +längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige Masse. Auf der +Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertümpel; es tropfte von den +Dächern, und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die +Erde schien zu dampfen; über die noch bräunlich getönten Wiesen +sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit. +Die Spiräen setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grüne +Frühlingsschimmer, der vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten +Schleier umhüllen sollte. + +Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte +sich einen Einspänner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten +hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten, +zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und +andres Gerümpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken +verschnürt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tür +stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch +nichts vergessen worden sei. Richtig – in einem Winkel der Kammer neben +der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf dem die weiße Henne ihr +letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken +raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn +hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und +als Maracke ihr ein ungeduldiges »Mutter, nu’ mach aber!« zurief, +schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch +noch mit. Sie hätte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles +stand und lag, auf den Einspänner gepackt. + +In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er war ganz vergnügt, hatte +sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein +Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer +bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und weiß überzogenen +Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich +ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der +Maracken in hohem Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden +und Vorwürfen; warum hatte man die dicke Weiße geschlachtet, die so +fleißig Eier legte, und den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft? +Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Güster nehmen +können? – Die beiden jüngsten Kinder weinten und jammerten mit, während +er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stören ließ und, +die Pfeife im Munde, schweigend zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief +die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. Sie +hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet +war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie +ihn sich über die Schultern. Dann ging es los, der Einspänner voran, den +Maracke, daneben herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls zu +Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. Ein paar Bauernweiber +standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte +zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine +Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Möller breitbeinig +aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. Mit dem +Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der +Neubau an die Reihe. Das ging rasch. + +An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt +unternommen. Der Übergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste +Zeit für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem Zimmer rühren +können; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung. +Nun aber ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen und sah durch das +Fenster den Abzug der beiden Kossäten. Sie machte den Vater darauf +aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust +auf die Quelle zu räsonieren. + +»Siehst du, Hedda,« sagte er, »das sind die ersten – die ersten Opfer +der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung – vielleicht +erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit +zweihundert Jahren gehören, völlig vom Erdboden verschwunden sein wird. +Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und +Mühen um das tägliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und +wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und Spekulanten, +immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das +Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei....« Er +zeigte, während er weitersprach, aus dem Fenster hinaus über das Dorf. +»Sicher – es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei +Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hält seinen Einzug in +unser Tal – oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit ihren +Strohkappen werden niedergerissen, neue, schöne Häuser entstehen, mit +Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu +gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach +physikalisch-diätetischen Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und +auf allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und +Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, daß man seine Freude +daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf +die Nase, damit wir das Gequarre der Göhren den ganzen Tag über hören +können; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingeführt, +denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen – +überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen nötig sein als Wahrzeichen des +Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstänkern. Es +wird ganz großartig werden ...« + +Hedda lächelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort: + +»Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossäten dünkt mich +symptomatisch und ist, möchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte +muß dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die +kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen +auferlegt, müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf +ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, das kann einem doch nahe +gehen. Ich weiß, daß du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die +Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit – aber sind +nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter +Menschenschlag in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen +wird! Die Möllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Anstoß +gegeben; _sie_ werden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf +der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, während sie auf +der andern von der gleichen Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das +Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern +kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein +Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers dazu machen +wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Solidität. +Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer +Spekulation böhmische Dörfer für ihn sind, so wird er sich, neidisch +zusehend, wie die andern ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel +ergeben und schließlich untergehen. #Ceterum censeo# – ich sehe +durchaus kein Heil für unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.« + +Der alte Freiherr stand mit seinem #»Ceterum censeo«# allein. Auch Hedda +teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit +dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre Pläne sie sich +lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In +seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue Ära für die arme und +leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte – mit weit +offenen Armen, wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: »Lasset +die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht....« Die Bücher +blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten +Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte +ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so +fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen +statt, Ärzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen +und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er +hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte +gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den +Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerückt. Und verdienen +wollte Eycken nichts – Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich +die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn daß sie +anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen würde, war klar. Doch das +ängstigte Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht wußte, +was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem +Menschenalter hatte sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens +war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm für den Bau der +Anstalt die zum Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung +gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch noch an den +Johanniterorden gewandt, der die Protektion übernahm, sich +verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels, +den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte. + +Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhäuser +Albert Möllers. Das Parterregeschoß des einen Hauses war für einen +großen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorläufig nur, +denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht +an der großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des Kurparks lag. +Braumüllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und +hatte gewölbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es +wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten sich die gewölbten +Stuben, deren Wände man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar! +Natürlich sollte man da alles haben können – ein riesiges Warenhaus +schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon träumte, wie er die +Schaufenster schmücken würde, ein jedes anders, aber immer gleich +»schenial«, wie sein Lieblingsausdruck lautete. + +Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschließen konnte, +seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös +des Heus brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen mußte – +außerdem hing er auch an diesem Stückchen grüner Wiese, auf der er sich +schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute +seine Sonntagsspaziergänge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die +Möllers vor, daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für die paar +Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden als der Heuertrag; +schließlich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die +Wiese war ihrer Lage wegen wichtig – aber was auch er nicht vermochte, +das setzte Dörthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja +lächerlich. Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der Dörthe, +und was der Dörthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und +nun drang Dörthe auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald +einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden +sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu +können, das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie +wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte +Fritz, da würde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte +in Hülle und Fülle, und am nächsten Tag erklärte sich der alte Klempt +einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse +gebracht und für Dörthe festgelegt. + +Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda +abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben, +zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner +Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer +denselben Worten darauf geantwortet: »Es tut mir schrecklich leid, +liebste Hedda, daß –« und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings +gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch +einmal eine »Ausspannung« gönnen; im Grunde genommen aber war er +herzensfroh, daß sie dennoch blieb – sie war ihm unentbehrlich +geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn +sie neben ihm saß. + +Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an +sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein +Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn +Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner +Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das +ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte +jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten +abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte. + +»Eine Depesche für den Herrn Baron,« sagte die Botenfrau. + +»Allmächt’ger Gott,« rief August, »eine Depesche! – Dörthe, eine +Depesche!« + +Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das +zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite. + +»Eine Depesche!« stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände. + +»Dörthe, das bedeutet ein Unglück,« fuhr August mit Überzeugung fort. +»Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag’ ich dich bloß!« Und er +schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen +wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem +Kopfschütteln in das Herrenhaus. + +»Eine Depesche, gnädiges Fräulein,« sagte er zu Hedda, die in der +Speisekammer zu tun hatte. + +Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: »Eine Depesche?!« rief sie. »Nanu?!« + +August nickte. »Das habe ich auch gesagt, gnädiges Fräulein. Wenn das +man bloß kein Unglück gibt!« + +Nun berieten sie, ob man das Telegramm öffnen solle, um dem Freiherrn +die Aufregung zu ersparen. August war dafür. »Man kann nicht wissen, was +drin steht, gnädiges Fräulein,« meinte er. »Einer Depesche ist nicht zu +trauen. Das kann alles mögliche sein.« Aber Hedda schüttelte schließlich +energisch den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet, und da +ging es nicht an, daß man es erbrach. + +»Vater,« sagte sie, von August gefolgt in das Arbeitszimmer des Alten +tretend, »erschrick nicht: es ist eine Depesche angekommen.« + +»Nanu?!« erwiderte der Baron, genau so wie vorhin Hedda, und August +nickte dazu: dieses »Nanu« entsprach ganz seiner Auffassung. + +Hellstern erbrach das Papier und las erst die Unterschrift. + +»Von Axel, Hedda. Und fünf Zeilen lang. Das soll was heißen ...« Er las +vor: »Bitte um die Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu +dürfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend mittag in +Zielenberg. Wagen unnötig, nehme dort Extrapost. Freue mich herzlich +darauf, Euch kennen zu lernen, und grüße Dich und die Cousine. + + Euer Vetter + Axel Hellstjern.« + + +Er ließ das Papier sinken. »Was sagst du dazu? – Sonnabend – das ist +morgen.« + +Hedda hatte einen roten Kopf bekommen. + +»Aber, Papa, das ist ja ganz unmöglich,« antwortete sie. »Morgen schon +– und es ist nichts in Ordnung! Telegraphiere zurück, er möchte erst in +acht Tagen kommen.« + +»Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen, seine Adresse anzugeben.« + +»An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.« + +»Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine, das wäre unliebenswürdig. +Ich bin Axel in gewisser Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei +morgen. Er muß sich sagen, daß er bei uns keinen weltstädtischen Komfort +findet. Das Dach ist ja repariert – es regnet im Fremdenzimmer nicht +mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und sorge für etwas opulentere +Mahlzeiten in den nächsten Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein +Kind, und gib mir einen Kuß! So – und nun sei verständig!« + +Das war leicht gesagt: verständig sein. Herrgott, was war nicht noch +alles zu tun bis morgen mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie +entwarf einen Feldzugsplan. Zunächst mußte Dörthe die Tante Pauline zum +Helfen holen. Dann wurde im Fremdenzimmer »groß rein gemacht« – das +heißt in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer, das leidlich +möbliert war. Es lag im ersten Stock, nach Süden hinaus, und war ein +großer, freundlicher Raum. Ströme von Wasser flossen über die Dielen; +Dörthe und Tante Pauline schrubberten und scheuerten, daß ihnen der +Schweiß von der Stirn floß. Währenddessen beschäftigte sich Hedda damit, +frische Gardinen anzustecken. Sie opferte auch ihr eignes Waschservice, +das sehr hübsch war: weiß mit rosa Streublümchen und rotem Rande. +Gottlob, daß das Bett gut war – ein altes, ungeheuer großes Bett, noch +aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften Beinen und +naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an das Wohnlichmachen des Zimmers. +Die Tische erhielten saubere Decken, das Sofa wurde mit einer +Schlummerrolle geschmückt. Nur mit der Bilderzier war es eine schlimme +Sache. Die eine Wand war noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, daß in +der früheren Räucherkammer, in der man allerhand altes Gerümpel +aufzubewahren pflegte, noch ein Ölbild stand. Es schien dorthin zu +gehören, denn es sah wirklich ganz verräuchert aus und stellte, soweit +es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht dar. Der Papa +glaubte, es sei irgend ein Vorfahre; das hatte gewiß Interesse für Axel. +Das Bild wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift und an +die leere Wand gehängt. Trotz aller Reinigungskünste sah es so dunkel +wie vordem aus, aber es machte sich dennoch ganz hübsch. Nur Tante +Pauline meinte, es sei ein »greuliches Gesicht«; sie würde in diesem +Zimmer nicht schlafen können. Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen +früh kamen noch Veilchen, ein paar blühende Pirus- und Pfirsichzweige +und etwas Grün in die Vasen und Gläser – dann war das Zimmer behaglich +und traulich. + +Nachdem dies getan war, kam die Rücksprache mit der Köchin an die Reihe. +Das war schon verwickelter. August mußte am Nachmittag noch nach +Zielenberg zum Schlächter fahren; außerdem mußten zwei Hennen und eine +Ente ihr Leben lassen – die letztere wurde in Aspik gelegt. Die +Konserven und das Eingemachte wurden revidiert und auch der Weinkeller +einer Prüfung unterzogen. Er war noch am besten assortiert. In einer +Ecke lagen aus früheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend Flaschen +vortrefflichen Johannisbergers, auch eine Flasche Champagner war noch +da, aber der fehlte das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschluß +darüber geben, welche Marke sie enthalte, doch neigte er der Ansicht zu, +es werde wohl Grüneberger Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob +der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung nach rühre die +vergessene Flasche noch von Heddas Taufe her. + +So war denn alles in Ordnung, und man konnte der Ankunft des Vetters aus +Schweden mit einer gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schönes +Wetter mit. Es war ein wonniger Frühlingstag, sonnig und linde, mit +einem zarten, weißen Wolkenschleier am Himmel, der die Sonne wie ein +Spitzenschal umgab. Im Parke war schon alles grün; der Rasen glänzte +smaragden, und die Junirosen hatten ihre großen Blätter bereits voll +entfaltet. + +Hedda sah unaufhörlich nach der Uhr. Sie war etwas in Unruhe und +zweifelhaft geworden, ob es dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe +gefallen werde. Seit einer halben Stunde ging sie vor der Veranda auf +und ab, den Wagen erwartend, denn da der Zug wenige Minuten nach zwölf +in Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick durch den +geöffneten Torweg einfahren. + +August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda hatte auf seinen blauen +Livreerock einen neuen roten Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim +Servieren weiße Handschuhe anzuziehen. Und davor ängstigte sich August. +An das Servieren mit Handschuhen war er nicht gewöhnt. Er hatte es ein +paarmal probiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die Teller immer +aus. Das Herz zitterte ihm, wenn er an das Diner dachte. + +In der Ferne ließ sich – ein seltener Klang – das fröhliche Schmettern +eines Posthorns vernehmen. Das war er! Hedda stürmte in das Haus zurück, +den Alten zu rufen. + +»Schnell, schnell, Vater – er kommt!« + +Der Baron, in seinem langschößigen Rock und in der schwarzen Halsbinde +wie ein Veteran von 1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf +die Veranda – in dem Augenblick, da der Postwagen vorfuhr. + +Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes Coupé, und hinter +dem hochgezogenen Fenster des Wagens sah Hedda ein schmales, blasses, +freundliches Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem Wildleder. + +August riß den Schlag auf, und Baron Axel stieg vorsichtig aus, mit dem +Fuße nach dem Trittbrett angelnd. + +»Tag, Cousine!« rief er ihr dabei entgegen, mit leicht fremdartiger +Betonung des Deutschen, »Tag, Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch +bei euch! Kinder, wie freu’ ich mich!« + +Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda hatte sie steifer und +formeller erwartet, sich überhaupt, trotzdem sie eine Photographie des +Vetters kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. Er war sehr +groß, größer als der Vater, aber schmalschulterig und ging leicht +vornüber geneigt. Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch +ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der rechten Wange zeichnete sich +eine feine Hiebnarbe blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart +sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond und dünn, aber +geschickt gescheitelt und über den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen +Augen blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocle ohne Band, ein +großes, rundes Glas, ständig in die linke Augenhöhle geklemmt. Seine +Kleidung war ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz der +Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf. + +August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer, und dann ging man +sofort zu Tische. Axel fand alles »reezend« (er sprach das ei gern als e +aus), besonders das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr. + +»Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts in Jarlsberg kann ich +beim besten Willen nicht herausfinden,« sagte er. »Freelich, da sind +eenige fünfzig – in eener unendlich langen Galerie, in der man getrost +eene Steeplechase veranstalten könnte – ach, Cousine, es ist schade, +daß du Jarlsberg nicht kennen lernst – das würde dir gefallen ...« Und +er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in Schweden auf einem +Felsenvorsprung, der Lofotengruppe gegenüber, lag, umschäumt und +umrauscht von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern noch +aus dem vierzehnten Jahrhundert stammten, und an der acht Generationen +gebaut hatten. »Ich mit,« fügte Axel hinzu, »und es hat mich Mühe genug +gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten eine gewisse Wohnlichkeet zu +bringen, denn Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und mehr +noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. Aber seht ihr, für +mich hat es einen besonderen Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen, +und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt das rauhe Klima +verboten hat. Ich muß nämlich een bißchen – een bißchen vorsichtig +seen,« schloß er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung befiel +ihn zum Schrecken Heddas ein langer und trockener Husten, den er +vergeblich niederzukämpfen sich mühte. + +Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch vor den Mund. Der +Husten erschütterte seinen ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen +mußte, als der Anfall glücklich vorüber war. + +»Schauderhaft,« sagte er endlich. »Ich habe mich vor zwee Jahren auf +der Bärenjagd erkältet und kann mich seetdem nicht wieder so recht +erholen. Ich will deshalb auch den Abschied nehmen und een paar Jahre im +Süden verleben. Vielleecht wird’s da unten besser ... Und nun, Onkel +Frederic – wie steht’s mit der Chronik? Hast du dich durch die alten +Urkunden durchfinden können?« – + +Hedda war sich noch nicht ganz klar über den Vetter; sie schwankte noch +in ihrem Urteil. Jedenfalls war er ein vollendeter Gentleman und +jedenfalls ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid haben mußte. Er +hatte ein liebes, sympathisches Gesicht, und die ganze Art seines +Sichgebens war frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß +Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte; er war viel in der +Welt herumgekommen, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war +erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit ihm zu öfterem ein +gewisses Schamgefühl über ihren eignen Mangel an Wissen überschlich. + +Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem Freiherrn in dessen +Arbeitszimmer, um den vollendeten Teil der Chronik durchzugehen. Erst +beim Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. Sie ärgerte sich im +stillen über die Appetitlosigkeit ihres Gastes; was hatte man für +Umstände gemacht, und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken war es +ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne jeden Beisatz von Zucker – +brrrr, dachte sich Hedda, und das will ein verwöhnter Weltmann sein! +Aber seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die gleiche. Er +sprach viel und ungemein anregend, oft sprunghaft das Thema wechselnd, +doch stets interessant; dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere +Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung seiner Züge auf, wenn +er einmal eine Pause in der Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich +fragte ihn Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner rechten +Wange; er vermutete, sie rühre von einem Schmiß aus der Studentenzeit +Axels her. Doch Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem +Duell empfangen – vor sieben oder acht Jahren, in Brüssel, wo er für +die Gattin eines Grafen Soundso mehr Interesse gezeigt habe, als dem +Ehemann lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei Dummheiten hinaus. + +Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August mußte mit auf sein +Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden zu helfen, und er schilderte späterhin +in der Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die Garderobe des +Herrn Vetters barg. Da waren eine Unmasse Flaschen und Kapseln mit +silbernen Köpfen, alle gefüllt – »weiß der Deubel, mit was« –, die +mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und die Hosen wurden in einen +Bügel gezwängt, der sie auseinanderspannte, damit sie auch die richtige +Form behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen Grunde +hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein, und die Nachthemden waren +aus purer Seide. »So was hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen,« schloß +August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden auch wirklich aus +Seide gewesen wären, sagte er: »Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab’ sie +befühlt.« + +Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht hatte, noch ein halbes +Stündchen bei ihrem Vater sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über +den Gast mit ihm auszutauschen. + +»Wie findest du den Axel?« fragte sie. »Er ist schwer leidend, nicht +wahr?« + +Der alte Herr nickte. + +»Ich glaube auch; er verbirgt’s zwar gern, aber ich halte den armen Kerl +für schwindsüchtig. Und da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich +vorher noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt denn das ganze Geld und +die Güter in Schweden und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der +Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönne ihm, weiß Gott, +noch ein langes Leben, aber schließlich, des Herrn Wille ist +unerforschlich – und Axel sieht nicht so aus, als ob er das +Hellsternsche Alter erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage +vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er noch irgend welche Verwandte +hat, von denen der Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich +so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein ganzer Besitz einem +Vetter zu, der in der englischen Marine dient, und den er wie die Pest +haßt. Er hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; nach seinen +Schilderungen muß es ein gräßlicher Kerl sein. Nun frage ich dich, ist +das nicht schandbar?« + +»Weshalb?« entgegnete Hedda harmlos. + +»Schlaukopf – weshalb? Wären _wir_ nicht ebenso geeignete Erben wie +dieser unausstehliche Vetter in der englischen Marine?« + +Hedda lachte. + +»Ich zweifle nicht daran,« entgegnete sie, »daß _wir_ uns als Erben in +der Tat ebensogut und vielleicht besser ausnehmen würden. Aber deinen +Ärger versteh’ ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja selbst, daß +du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je einmal von Schweden aus +berücksichtigt zu werden –« + +»Vorher nicht,« fiel der Alte ein; »aber jetzt liegt die Sache doch +anders.« + +»Ich wüßte nicht inwiefern, gestrenger Herr Vater.« + +Der Freiherr überhörte die letzte Äußerung. Er hatte den Kopf in die +Hand gestützt und schaute sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer, +zu Hedda hinüber. + +»Schade, daß der Axel so ’n armer, kranker Teufel ist,« sagte er. + +»Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem Herzen –« + +»Denk mal, was das für eine Partie für dich gewesen wäre!« + +Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder: »Willst du mich denn +so absolut los sein, Papa?« + +»Unsinn! Du weißt recht gut, daß ich dich am liebsten immer bei mir und +um mich behalten möchte – weißt’s recht gut! Aber ’mal muß ich mich +doch mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben – lieber Gott, +das ist doch nun einmal das Schicksal der Töchter! Glaube nicht, daß ich +gar so selbstsüchtig bin; ich habe mir über deine Zukunft schon manchmal +meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr vergeht, und du sitzest hier auf +dem Baronshofe und lernst keinen vernünftigen Menschen kennen –« + +»Erlaube, Papa –« + +»Na ja, ich meine, keinen, der sich für dich eignen würde. Mit dem +Gunther von da drüben war es doch nichts! Es ist eine niederträchtige +Geschichte. Ich ärgere mich, daß ich dich nicht doch noch zu Tante Jutta +nach Berlin geschickt habe. Es sollen sehr nette Leute bei ihr +verkehren.« + +»Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen gefallen hätte.« + +»Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer werden?!« + +Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß. + +»Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,« sagte sie heiter. »Das +Heiraten gehört freilich sozusagen zum weiblichen Beruf, aber es gehören +auch immer zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann muß man sich +zu trösten suchen. Und das werde ich tun – wenn es nicht anders ist. +Nun schlaf wohl und verträume die ernsten Gedanken!« + +Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach August. – + +Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im +Parke vor. Er kam ihr mit fröhlichem Lachen entgegen. + +»Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,« sagte er, ihr die Hand +reichend. »Das ist aber nichts weeter als eine Folge des +Frühschlafengehens, Hedda. Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer +gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich +der Morgen ist!« + +Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch durch den Park, der +Odem der Verjüngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern und +Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte schon der erste wilde +Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an; +die Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem +Christusdorn brachen bereits zartgrüne Knöspchen auf, und die +Fliederbosketts standen in frischem Blätterschmuck. + +Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemäßen drei +Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verräucherten +Ahnherrn habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns an, wo seine +Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die +Sperlinge hätten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest +dicht unter dem Fenstersims. Hierauf hätten sich die Krähen in den +Birken zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte Gesellschaft, +die dem Aufgang der Sonne mit großem Geschrei entgegensehe; auch ein +Storch müsse sich in der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel +deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das Geflügel auf dem +Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war +noch in seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch schon die +verschiedenartigen Organe unterscheiden können: das dumpfe Krähen der +Hähne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten. +Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton einer Kuh, ein +Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen +des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hörte die Pumpe +arbeiten – sie müsse einmal geölt werden, sagte Axel – und dann das +Öffnen verschiedener Türen, und nun hätten sich die sämtlichen Stimmen +zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle +Schmettern der Hähne das Leitmotiv angegeben ... + +Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. Sie fand, daß der +Vetter heut ungleich frischer, wohler und jünger aussah als gestern. Sie +fand auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht habe, mit +hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fältchen +darunter, das aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was +ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner +Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein +Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant +aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten +Haltung. + +Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo der Freiherr bereits am +Teetisch saß und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des +Frühlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem großen +Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die +Flammen zuckten hin und her. + +Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei +neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was für den Baronshof von +Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich der +Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschütten. Er +schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle +geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu halten gewesen. +Übrigens sprach Hellstern vernünftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf +die »Handelsverträge und das römische Recht« und vermied die +landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß man heutzutage bei der +Landwirtschaft nur dann etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle +Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen der Preise +Trotz bieten, müsse auch Courage und die nötigen Mittel haben, um einmal +eine Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstädt +– was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der +die niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber für +das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres +Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht +fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben – und er, Hellstern, hatte +sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herübergekommen, +waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben? +Verpulvert, verschleudert, vergeudet – »adjö!« ... Daß die +Landwirtschaft gute Erträgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt +habe, um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle +reichen Juden kauften sich Güter ... + +Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern zu Ende war, bat er +sich von Hedda noch ein Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren +gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte +sodann: + +»Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein Besitztum verkauft hast, +Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, daß du dich damals nicht an +mich gewandt hast – ich hätte dir doch so gern geholfen.« + +Der Freiherr schüttelte den Kopf. + +»Du standst mir zu fern, Axel,« erwiderte er. »Und dann lagen auch schon +überreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch +weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich den Baronshof behalten +konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat +Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer hätte +vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin ich ganz zufrieden.« + +Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war +einverstanden. + +Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda +mußte ihm von der Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des +Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. Die Dorfstraße wurde +gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und +gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flügel +angebaut. Die alte Inschrift: »Gastwirtschaft von C. Möller« war längst +übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: »Hotel +Möller«, sollten sie ersetzen. Die Logierhäuser Alberts stiegen in die +Höhe; überall regten sich fleißige Hände. + +Axel wollte auch den »Kurpark« sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die +Natur kam hier den Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald +war wunderschön, und die humusreiche Erde ermöglichte leicht die +Anbringung hübscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch +vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein, +Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu +ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten während der +kälteren Jahreszeit. + +Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke tätig. Plötzlich neigte Hedda +grüßend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der +verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen +des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht +mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lächeln +entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel +vor. + +»Freue mich sehr,« sagte der Kommerzienrat. »Sie lernen die +Entstehungsgeschichte eines neuen Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr +Baron sprechen doch Deutsch?« + +»Gewiß,« erwiderte Axel; »nur mit dem Akzent geht es zeetweelig noch +nicht so recht. Das interessiert mich alles sehr, Herr Kommerzienrat. +Das ist sozusagen ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das da drüben ein +Pavillon, wenn ich fragen darf?« + +»Nein,« entgegnete Schellheim, »das wird der Quellenbau. Wenn die +Herrschaften gestatten, führe ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem +Herrn Papa, gnädigstes Fräulein?« + +Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der Rätin, auch unbefangen +nach Gunther. Das schien Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich. +Gunther war noch immer in Montreux; seine große Arbeit ging dem Abschluß +entgegen. + +»Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges Fräulein –« + +»Ja – ich weiß, Herr Kommerzienrat –« + +»So – Sie kennen das Thema? Der Pastor ist ganz begeistert; Gunther hat +ihm die ersten Bogen geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln +und Forschen und Suchen – ein Glücksgefühl, das unsereiner gar nicht +kennt, nicht einmal begreift ... Also dies wird der Quellentempel –« + +Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen nach zu urteilen, mußte +man mit großen Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus Marmor +und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner Architekt hatte den Entwurf +geliefert. Auch die Wandelhalle war eine elegante und luftige +Eisenkonstruktion. Hier und da wurden zwischen den Bosketts Statuen und +an den Endpunkten der Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche +Felspartien wurden geschaffen und ein ganzes Parterre hochstämmiger +Rosen. Vom Brunnen aus zog sich eine Art Boulevard quer durch den Park. +Hier waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine prächtige Allee +bildend. Die ehemalige Klemptsche Wiese sollte die Spielplätze hergeben, +für Lawn Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn dachte man. +Die Chaussee war belebt. Wagen auf Wagen rollte heran, mit Bauholz, +Eisen und Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von gelbem +Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten »Sandkuhlen« der Grauen +Lehne Baracken errichtet worden; Fritz und die alten Möllers hatten die +Verpflegung der Leute übernommen. Neben dem Kommerzienrat sah man +überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der erste auf dem Platze +und verließ ihn als letzter. Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte +sich, daß er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner Halbbildung +ein Organisationstalent erster Ordnung. Gegen Schellheim war er von +kriechender Unterwürfigkeit, und wenn er mit den Seinen allein war, +schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel schlaflose Nächte gehabt; +der Gedanke, daß der Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte +ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber gegrübelt, wie man sich +Schellheims am bequemsten entledigen könne, wenn alles »fertig sei«. +Schließlich aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders. Schellheim +war nicht mehr los zu werden, war auch nicht zu entbehren. Die +Gesellschaft war gegründet; an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu +denken. Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen Mißtrauen. + +Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben in und um Oberlemmingen +wie ein Traumbild. Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. Es sah +wirklich so aus, als werde das Dorf vom Erdboden verschwinden. Die +Einrichtungen, die man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen. +Wo sollten diese Menschen wohnen? – Die Wohnungsfrage war in der Tat +erst in der Lösung. Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem +Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von Logierhäusern +errichten. Spekulanten aus Frankfurt hatten bereits Bauplätze gekauft, +auch der Getreidehändler Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater +Bertolds, begann zu bauen. Und dann unterhandelte man noch mit Raupach +und Thielemann, deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße lagen. +Am wichtigsten war freilich Braumüller, doch der hatte bisher jedweder +Lockung widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die Preise mußten noch +ganz anders in die Höhe gehen. An seinem Zaun stand ein alter +Akazienbaum, der den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht auf den +Boulevard störte. Schellheim beauftragte Albert, den Baum zu kaufen und +fällen zu lassen. Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte das +für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf Taler wert. Dann solle der +Baum stehen bleiben, gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf Tod +und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden Abend erstattete Albert dem +Kommerzienrat Bericht. Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung, +und schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: »Zahlen Sie dem Kerl +die fünfzig Taler – der Teufel soll ihn holen, den Gauner!« Braumüller +strich die fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte, und betrank +sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte nach Hause tragen mußten. + +Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr für die Bauern da. Fritz +hatte den Stall, in dem die Schankstube provisorisch untergebracht +worden war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die Bilder von +Friedrich Wilhelm IV. und der Königin Elisabeth waren mit +herübergekommen. Es war wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte +zuweilen; sie sah nichts Gutes darin, daß alles so fein und so vornehm +wurde. – + +Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und +Tritt machte sich der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben auf +dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die +ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart. +Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer Platz freigelegt; dorthin +sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das +Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein +achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von +Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue +Kinderheilstätte stehen würde. + +Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie +hatte ihn wieder zu öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle +sich sehr wohl und auch sehr glücklich. + +»Ja – sehr glücklich, Cousine,« wiederholte er. »Ist es der Reez des +Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben +Verwandten zusammen sein zu können – ich kann dir nur sagen: ich fühle +förmlich, wie mir das Herz auftaut – ich spüre selbst so etwas wie +Frühling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert – und ich +danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr mir gestattet +habt, euch besuchen zu dürfen.« + +»Aber ich bitte dich, Vetter,« wehrte Hedda den Dank unter hellem +Erröten ab, »wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und +hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem Baronshofe +bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, daß es dir bei uns gefällt – +denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar +verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für dich finden! Mein Gott, +es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!« + +»O Hedda, du mißverkennst mich völlig,« entgegnete Axel. »Ich bin +verwöhnt – allerdings – das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es +möglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht +sagen, daß ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe +einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir +uns im Schneegestöber verirrten und dree Tage lang auf trockenen +Schiffszwieback angewiesen waren – es hat mir nicht wehe getan. Ich +liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so +weniger, wenn ich mich sonst wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur +wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden durch +die Seele – ich weiß nicht, woher es kommt – so etwas wie +Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig +genug: im tollsten Trubel hab’ ich mich immer am eensamsten gefühlt. Nun +hat man mir auch Jarlsberg verboten – wegen der rauhen Luft und des +verdamm – o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat +genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen +– und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...« + +Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, des armen »Heimatlosen«, +der, mit Glücksgütern überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen +schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte +Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus – einer, der immer einer +linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, daß er +sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der +Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den +er hart empfinden mußte. + +»Weißt du, Vetter,« begann sie wieder, »daß ich deinen Entschluß, den +Dienst zu quittieren, für sehr vernünftig halte?« + +»Wirklich?« fragte er. + +»Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles +Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.« + +»Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise eine peinlich +ordentliche Natur, Hedda.« + +Sie lachte. + +»Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen –« + +»Ach nein – in keine des #genus homo#!« + +»Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs Carrieremachen angewiesen +bist,« fuhr Hedda, wieder ernster werdend, fort. »Und bei deinem +lebhaften Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig bleiben und dich +langweilen wirst.« + +»O du lieber Gott, Hedda – ich kenne das Wort Langeweile überhaupt +nicht! Ich habe so hunderterlei Interessen – und wenn ich mich dazu +entschloß, zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur – gewissermaßen +aus traditionellen Rücksichten; irgend einen Beruf mußte ich doch +ergreifen, und der diplomatische gilt bei uns als der vornehmste. Alle +Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, es war nie ein +besonders hervorragender darunter. Doch einer, Christiern Hellstjern – +der trank um 1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch den großen +Adelsaufstand beigelegt haben – doch ist es immerhin fraglich, ob man +diese Leistung als diplomatische Heldentat betrachten darf ...« + +Sie waren nun bereits mitten im Walde und schlugen den Weg nach dem See +ein. Er lag in voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen Ufern, +die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen. Unten erstreckte sich +Laubwald und weiter oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees +erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche Gestaltung +einzelner hoher Kiefern an die Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte +wieder, in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des Döbbernitzer +Schlosses in verschwimmenden Umrissen herüber. + +Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. Aber Hedda beschränkte sich +auf kurze Mitteilungen. Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er +habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch auf der Festung; +dieser Tage solle das Gut subhastiert werden – man erzähle sich, +Schellheim werde es kaufen. + +Der Vetter wurde aufmerksam. + +»Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten?« fragte er. + +»Ja, Vetter, der einzige.« + +»Und ist das Gut im Stande?« + +»Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden soll nicht schlecht sein, und +Schloß und Park sind herrlich.« + +Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem Foulard über die Stirn. +Dann suchte er sich einen Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch +darüber und ließ sich nieder. + +»Bist du nicht auch müde, Hedda?« + +»Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.« + +Er schaute sie ernst und lange an. + +»Ach,« sagte er, »wie beneide ich dich um deine quellige Frische! Du +bist ein echtes Germanenweib, Hedda –« und plötzlich brach er ab und +winkte ihr. »Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde bist – es +plaudert sich besser.« + +Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot Platz für zwei. Hedda +setzte sich zu ihm. Sie hätte gern die Röte zurückgedrängt, die sie +plötzlich auf ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich sie. +Ihr war genau so zu Mute, als müsse im nächsten Augenblick ein Antrag +kommen. + +Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See, die schilfumbuschten +Ränder und das Sonnenflirren im Wasser und sagte dann plötzlich: + +»Vielleicht ist das etwas für _mich_ – dies Döbbernitz da drüben.« + +»Wie meinst du das?« + +»Nun – irgendwo muß ich mir doch wieder so eine Art Heimat schaffen, +Hedda – und hier in eurer Nähe gefällt mir’s schon am besten. Immer +unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. Ich werd’ mich +nach den Verhältnissen in Döbbernitz erkundigen ...« + +Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. Die Idee des +Vetters, sich um das Nachbargut zu bewerben, kam ihr so plötzlich, daß +sie nicht recht wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien +ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von der Seite an und +sagte: + +»Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist –« + +Jetzt lachte Hedda. + +»Aber, Vetter,« antwortete sie heiter, »warum soll es mir nicht recht +sein? Es ist doch naturgemäß, daß ich Döbbernitz lieber in den Händen +eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß, zumal es früher einmal +Hellsternscher Besitz gewesen ist –« + +»Wirklich?« fiel Axel ein. + +»Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem Hellstern – ich glaube, er +hieß auch Axel –, der mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in +brandenburgische übertrat; dann kauften es die Rothenburgs und später +die Zernins.« + +»Es ist gut, daß ich dies weiß,« erwiderte Axel ernsthaft; +»Familienerinnerungen muß man wert halten ...« + +Und nun wurde er schweigsam, während man langsam den Heimweg antrat. +Offenbar ging ihm seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens tagsüber +nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, daß er nicht wenigstens ihren +Vater zu Rate zog, aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das +Thema von neuem anzuregen. + +Am nächsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof, +die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber. +Sein Wagen tät’ es auch noch, meinte er, und seine dicken Füchse liefen +ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstände verursachen. Er versprach, +in Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang +so warm, daß man fühlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den +Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände fest. »Ein merkwürdiger +Mensch,« dachte sie, als sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren. + +August war voll hohen Lobes über den Herrn Vetter aus Schweden. + +»Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld gegeben, gnädiges +Fräulein,« erzählte er Hedda. »Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten +je zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr Baron kaum drei Tage bei +uns war, so ist das eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann +das doch nicht zurückweisen – wie würde das denn aussehen!« + +Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurück. + +»Ich werde nicht klug aus ihm,« sagte Hellstern. »Er ist mir zu weich, +zu lasch, nicht männlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner +Krankheit, vielleicht auch tatsächlich an dem Empfinden von +Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich dir erzählen +wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden – man hat ihm den Rest +seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel +und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.« + +»Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,« +entgegnete Hedda. + +»Es wäre im Grunde genommen ganz gut,« erwiderte der Alte; »so mal für +ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr – +ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht +auch?« + +Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick +an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter. + + + + +Zehntes Kapitel + + +Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle +ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war später geworden, als man +anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heißem Prangen in +das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu +färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie +sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch +offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten +Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und +auch einige Berliner, die sich für den ganzen Sommer in Oberlemmingen +festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer +Ferne, selbst aus Süddeutschland. Die Broschüre, die Professor Statius +über die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu +Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter +Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine +Beschreibung des neuen Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine +romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, der das freundliche +Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine +ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere +Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der +Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen +noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und +Kissingen und den sonstigen großen Bädern; die Kurtaxe war gering, die +Lebensmittel bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung waren die +denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt worden. Bei der Lektüre der +Broschüre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse +bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen märkischen +Paradies. Als der alte Möller sich eines Tages nach mancherlei Mühe +durch die Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr +zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht. +»Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen?« fragte er Albert. +Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in die Hosentaschen und +klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug. +»Das ist einfach der Köder, Vater,« antwortete er; »erst müssen die +Leute _kommen_ – nachher wird sich’s schon finden, wie wir sie +drankriegen.« + +Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war ein harter Kampf gewesen. +Wochenlang schacherte er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber +Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an das viele Geld und an +die Wahrscheinlichkeit, nach der Stadt überzusiedeln, verlockte. +Namentlich Lise drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß Albert +sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von einer Partie mit einem fest +angestellten Beamten. Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte +für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen, das Melken im +schmutzigen Stall und das Abrackern auf dem Felde in glühender +Sonnenhitze. Aber der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte +verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er wollte in Oberlemmingen +bleiben, vorläufig wenigstens. Er war auch neugierig, was denn nun +eigentlich aus Oberlemmingen werden würde. Und so hatte er sich beim +Verkauf freies Wohnrecht in drei Zimmern seines alten Hauses für die +nächsten beiden Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr hatte, +so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube und kam Abend für Abend +betrunken nach Hause. + +Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich die Arbeit in ganz +Oberlemmingen. Das kam selten genug vor, denn seit Monaten hatte im +Dörfchen eine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber so +vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen auch noch nicht gesehen. +Aus allen Ortschaften der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die +Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große Glaskutsche des +Döbbernitzer Oberförsters, in der auch das ABC in rosa Mullkleidchen +dicht aneinandergedrängt Platz gefunden hatte, den Landauer des Landrats +von Wessels, den Klapperkasten des Kreisphysikus Doktor Stramin, das +elegante Gefährt der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, Nehringens +und Schmiedows und der reichen Frau Necker und schließlich auch den +gelben Korb Exzellenz Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen +Galonnierten wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte Viktoriachaise aus +Grochau fehlte; Hauptmann Biese weilte noch in der Schweiz; die Kugel +Zernins hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen, und die +Genesung war noch nicht vollständig. + +Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim seine eigne Equipage +geschickt, um die Vertreter der Regierung abzuholen, die aus Frankfurt +gekommen waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, zu der +außer einigen Häuptern des Kreises auch Albert Möller, Pfarrer von +Eycken und der Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich +gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte mit Bestimmtheit abgelehnt +und knurrte und brummte auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst +August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu verstehen gegeben, er +wünsche nicht, daß sich irgend einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da +unten beteilige. + +Es war heiß um diese Mittagstunde, und die ganze Empfangsdeputation +schwitzte. Der Kommerzienrat trug etwas winziges Rotes im Knopfloch +seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von der Büste Bolivias, den +man auch um den Hals tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher aus +als die groteske »Büste«. Der Landrat war in der Reserveuniform des +Kürassierregiments erschienen, bei dem er gedient; man wußte nicht +recht, warum er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken trug +Talar; obschon man auch den Superintendenten erwartete, sollte _er_ die +Weiherede halten. + +Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee empor. Gott sei Dank – +das war »die Regierung«! Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack +mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze Masse seiner Beamten, +die meisten in Uniform, weil sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo +sie ihr schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer Vorstellung und +Begrüßung ging es sofort in den Kurpark, den Gendarmen abgesperrt +hielten, da auch aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu vielen +Hunderten eingefunden hatten. Es war ein ganz großstädtisches Leben und +Treiben wie bei Gelegenheit einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein +buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter Menschen, die die +Einweihung der Quelle als interessantes Schauspiel und willkommene +Abwechslung betrachteten. + +Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche Akt genau nach den +vorher getroffenen Bestimmungen. Es war hier im Gegensatz zu der +brennenden Mittagsglut auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig. +Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen den Stämmen der +Buchen aus, und Sonnenflecken kreisten und zitterten überall auf dem +gelben Kies der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier mit einem +Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. Er stand vor dem Altar, den man +vor dem Quellentempel errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang +und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für ihn war diese Quelle +kein Objekt säckelfüllender Spekulation; sie sprang aus Sand und +Felsgestein hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit zu dienen, +um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen, um die Gebrechen der Welt zu +heilen. Die heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen erfüllte, +schwoll in seinen Worten allumfassend an. Die Quelle sollte den Erdkreis +überströmen, um mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid +hinwegzuspülen. Sie war eine Gabe des Höchsten und deshalb auch sollte +ihr Wohltun der ganzen Welt zugute kommen. + +Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter zerbrachen die +Verzimmerung, die den Quell bisher festgehalten hatte, und in vollem +Strahl, springbrunnenähnlich, sprudelte das Wasser silberklar in die +Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende Naß und schlug +dann mit der Rechten, an der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz +über die Quellenöffnung. + +»So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum Besten der Menschen, zum +Heile der Kranken und Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, der +unser deutsches Vaterland aus Not und Elend zu Kraft, Stärke und +Gesundung zurückgeführt hat, taufe ich dich Bismarckquelle!« + +So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat hatte die Anregung zu +diesem Namen gegeben; man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten +April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte – das wäre noch +hübscher gewesen. Doch trotzdem – der Moment war sehr feierlich. Es +ging ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der Buchen, wie ein +Akkord der Zustimmung, den die Natur diesem Segenswerke zollen wollte. +Aber die meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. Albert +Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde hielt, sah andre +Zeichen. Über die Gestalt des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen +schwarzen Talar und auch über das springende Wasser und die +Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von Sonnenfunken. Es sah +wirklich so aus, als ströme das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab – +und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er hörte nicht mehr auf +den Segen, den Eycken sprach, und auch nicht auf die kurze Rede des +Regierungspräsidenten, der mit einem Hoch auf den Kaiser schloß; der +Goldregen lenkte seine Gedanken ab, zerstreute, verwirrte und blendete +ihn. Erst als der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu feiern, der +der Quelle den Namen gegeben hatte, schreckte er aus seinen Träumereien +empor, und ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden. O, wie +grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen mußte! + +Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark dem Publikum freigegeben, +und nun flutete die Menge durch die Gänge und Anlagen, während +Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung bewirtete. Auch +die Mitglieder des Aufsichtsrats und Kurvorstands waren dazu geladen +worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges Büfett errichtet, +aber auch auf der ersten Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es +war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete Kurkapelle +konzertierte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, denn es war +selbstverständlich, daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, das +Fritz Möller so trefflich zu meistern verstand, nunmehr für immer in der +Versenkung verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man nicht auch +seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün im Gesicht. Wäre es nicht +passender gewesen, diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel +Möller zu veranstalten? – Als der Regierungspräsident, das +Champagnerglas in der Hand, mit seiner zarten, wispernden Stimme der +großen Verdienste des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch auf den +intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen Wunderstab auch »das +Unmögliche möglich mache«, da glaubte Albert, an dem Bissen +Gänseleberpastete, den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen. +Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die Quelle entdeckt, als +hätte ihm das Terrain gehört, als wäre er derjenige gewesen, der den +ersten Anstoß zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers gegeben +hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; den Kommerzienrat feierte man, und +ihn, den Albert Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete +man gar nicht! + +Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der +höfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu +danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. Das +brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer +Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims +Gesicht glänzte vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher +eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein +Sohn Hagen, der Älteste der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu +verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, einer +gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben +Geschöpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen +einzuwenden haben. Schellheim war außer sich. Er entsann sich dieser +niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der +Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und +ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber +heiraten – nein, das war eine Unmöglichkeit! Hagen war der Leiter des +Weltgeschäfts, der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich +eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. Und auf der +Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm +gründlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich +energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu +nennen. Auch die Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie +ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging auf ihr Zimmer und schloß +sich ein, um ungestört weinen zu können. + +Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel zurück. Er hatte seinen +Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den +Umbau des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. Es war wieder +einmal eine Familienkonferenz nötig. Fritz, der – eine große weiße +Schürze um den Leib – soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren, +fragte verwundert, was es denn gebe. + +»Wirst es schon hören,« antwortete der Bruder, »diesmal geht’s dich an!« + +In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Möller +mürrisch wie immer, das Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte, +Fritz, Albert und Bertold. + +Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. »Ich möchte mit +euch einmal wegen der Dörthe reden,« sagte er. »Der Sache muß ein Ende +gemacht werden.« + +»Wieso?« fragte der dicke Fritz aufgeregt, während die Mutter zustimmend +nickte. + +»Wieso?« wiederholte Albert mit strenger Stimme. »Kannst dir’s wohl +denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.« + +»Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten Hochzeit sein +soll,« entgegnete Fritz; »da wird’s ja anders werden!« + +»Und ich bin doch auch noch da,« fügte die Mutter hinzu. + +Albert schüttelte den Kopf. + +»Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,« sagte er. »So einem großen +Hotelwesen muß eine rüstige Kraft vorstehen.« + +»Gottlob, das ist die Dörthe,« warf Fritz ein. + +»Und wenn sie’s auch zehnmal wäre,« fuhr Albert heftig auf; »wenn du dir +hier in Oberlemmingen eine Stellung schaffen willst, kannst und darfst +du kein Bauernmädel heiraten!« ... Er lenkte ein, als er das bestürzte +und unglückliche Gesicht seines Bruders sah. »Du mußt Vernunft annehmen, +Fritz,« fuhr er fort. »Ich konnte auch nicht vorher wissen, wie sich +alles gestalten würde. Es scheint, als habe der Kommerzienrat Lust, die +ganze Macht an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen zu +lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können wir aber nur, wenn wir +Brüder uns solidarisch erklären, das heißt also, wenn wir einer für alle +stehen und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch ich werde +heiraten, aber ich muß noch warten; die Rechte ist noch nicht da, und +ich brauche viel Geld. Geld ist die Hauptsache.« + +»Die Hauptsache,« bestätigte auch der Alte, und Bertold nickte dazu: +»Man muß rechnen.« + +»Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf, Fritz,« begann Albert von +neuem. »Das gibt ein paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache +vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. Er fragte, ob wir +den Wittke wieder zum Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht +recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist einer von den Alten, +bäurisch durch und durch, immer in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im +Maule. So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen wird wachsen +und einen städtischen Anstrich bekommen. Der Schulze wird nicht mehr +Schulze, sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen können +– wir wollen ja doch die vornehme Welt heranziehen! Und das sah auch +der Landrat ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen +eignen würdest!« + +Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte nicht, was er sagen sollte. +Man wollte ihm die Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig war +das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, daß er gar nicht mehr zu +widerstreben wagte. Im stillen hatte er längst gefürchtet, daß die +Verlobung wieder auseinandergehen würde. + +Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und die Ellbogen auf den +Tisch gestützt. Sein schlaues Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus +Stein gehauen. + +»Hast du nun gehört, Fritz?« sagte er. »Der Landrat hat gefragt, ob du +dich nicht zum Schulzen eignen würdest?« + +»Na, gewiß,« entgegnete Fritz etwas zaghaft, »warum denn nicht? Dazu +gehört doch nicht so viel!« + +»Mein’ ich auch,« fügte Albert ein, »und daß du gewählt wirst, dafür laß +mich nur sorgen. Das ist eine große Stütze für uns alle, wenn du der +Ortsvorstand bist. Ich für meinen Teil werde mich darum bemühen, +Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann Biese will niederlegen – es geht +auch nicht, daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in Grochau +wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe eine andre Partie für dich, Fritz.« + +Fritz fuhr erschreckt in die Höhe. + +»Aber, Albert – ich bin ja noch nicht einmal auseinander mit der +Dörthe,« wagte er einzuwerfen. + +Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie begann sofort zu keifen und zu +schimpfen. Wenn es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt nicht +ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein nicht gepaßt. Und +schließlich erging sie sich in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu +verdächtigen. Sie treibe sich herum; neulich habe man sie noch nach +Mitternacht an der Seite von Anton Tengler durch das Dorf schleichen +sehen ... + +Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung das Wort ab. +»Was für ’ne Partie?« fragte er Albert; »rede!« + +Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater Bertolds, wolle +die Sache machen. Es handle sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes, +Schlächtermeisters in Frankfurt. Der alte Möller nickte. Er kannte den +Grödecke in der Richtstraße; ein schlauer Halunke, aber er hatte Geld +gemacht. Also dessen Tochter?! – Und Albert erzählte weiter. Das +Mädchen sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig, aber groß und ganz +hübsch und nehme sich recht stattlich aus. Grödecke habe sich bereits +einverstanden erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, stelle +aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die gesamten Fleischlieferungen +für Oberlemmingen verbürgt würden. Statt dessen wolle man ihm +vorschlagen, in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei hier an +Ort und Stelle zu errichten. In ausführlicher Weise legte Albert die +Vorteile dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn er nicht mit +beiden Händen zugriffe. + +»Da gibt’s nichts weiter zu reden,« sagte der Alte ruhig; »Fritz +heiratet das Mädel.« + +Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. Er stand auf, +reckte seine riesige Gestalt, zog die Schultern, gleichsam +entschuldigend, hoch in die Höhe und stotterte: »Vater – Vater, sei mir +nicht böse; ich kann’s nicht!« + +Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. Purpurrot färbte der jähe +Zorn sein hartes Greisengesicht. Die Augen unter der vorspringenden, +viereckigen Stirn loderten, die Fäuste hoben sich. + +»So,« stieß er hervor, »du gehorchst nicht – gehorchst nicht?!« + +Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das Lineal fürchtet. Aber er +erwiderte kein Wort. Er zitterte am ganzen Leibe. + +Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden Alten in den Arm. Die Mutter +stand am Fenster und schaute wortlos zu. + +So war es am besten; es mußte einmal zur Entscheidung kommen. + +»Laß, Vater,« sagte Albert in beruhigendem Tone, »Fritz wird gehorchen. +Er ist der Jüngste. Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht +alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann die Dörthe langsam fallen +lassen. Unterdes kommt die Frida Grödecke mal her sich vorzustellen – +es wird sich schon alles finden. Ich fahr’ morgen sowieso nach +Frankfurt, da sprech’ ich mit Grödecke.« + +Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete er sich nochmals um. Er sah +kreideweiß aus. + +»Und der alte Klempt?« fragte er; »soll der auch betrogen werden?« + +Albert schüttelte den Kopf. »Betrogen?« gab er zurück. »Und weshalb?« + +»Na – mit seiner Wiese.« + +»Ah – was hat das mit deiner Heirat zu tun? Wir haben ihm die Wiese +bezahlt.« + +»Aber er hätte sie nicht verkauft, wenn Dörthe nicht so zugeredet hätte, +und wenn –« + +»Still jetzt!« brüllte der Alte und wies auf die Tür. Krachend warf +Fritz sie ins Schloß. + +Er ging wieder an seine Arbeit. Aber während er die Etiketten mit der +wechselnden Aufschrift »Trabener«, »Graacher« und »Moselblümchen« auf +die schon gefüllten – übrigens aus ein und demselben Fasse gefüllten – +Flaschen klebte, wanderten seine Gedanken ruhelos umher. Er sah +immerwährend die Dörthe neben sich stehen und zermarterte sich das Hirn, +wie er ihr wohl am besten beibringen könne, daß alles aus sei. Denn daß +es nun kein Zurück mehr gab, war klar. Der Vater würde ihn zu Boden +schlagen, wenn er noch einmal nein sagen wollte. Und vor dem Vater +zitterte er. Der Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen +hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am Hosengurt zu packen und +hoch emporzuheben, schlug vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein +gestrafter Schuljunge zu Boden. + +Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer sich hebender und senkender +Brust. Und plötzlich hielt er inne. Er mußte irgend etwas zerstören, +zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche, die er in der Hand +hielt, gegen die Wand zu schleudern. Aber er besann sich. Nein, das war +Unsinn! Der »Trabener« stand mit einer Mark fünfzig Pfennig auf der +neuen Weinkarte. + + * * * * * + +Für den folgenden Tag war in Zielenberg Termin zur Subhastation von +Döbbernitz festgesetzt worden. Der Kommerzienrat hatte sich genau +informiert. Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem Termin +gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete man wenig Reflektanten. Man +glaubte überall, Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch diesmal +wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle gefunden haben. Übrigens +gab es in der Umgegend auch keine ernsthaften Käufer. Jeder hatte mit +dem eignen Besitz zu tun. Es war keine günstige Zeit für die +Landwirtschaft. + +Trotzdem war das verräucherte Terminzimmer mit seinen kahlen, weiß +getünchten Wänden und den grün schillernden Fensterscheiben ziemlich +voll. Eine ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden, unter ihnen +auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat einen Nebenbuhler witterte. +Man wußte nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte häufig +einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus. Ferner sah man die meisten +Fouragehändler aus der Gegend, einige Berliner Agenten und +Hypothekengläubiger und ein paar Fremde, die von den Kreiseingesessenen +mit einem gewissen Mißtrauen gemustert wurden. + +Die einleitenden Formalitäten waren rasch erledigt. Man kannte das +alles: den Grundsteuerreinertrag, die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge +und Servitute – das war eine langweilige Sache.... Der Kommerzienrat +stand am Fenster und sah einer Spinne zu, die sich von der Decke aus an +einem langen Faden niedergelassen hatte und gerade über dem kahlen Kopfe +des amtierenden Richters schwebte. + +Schellheim begann damit, dreihunderttausend Mark zu bieten. Es erfolgte +sofort ein Aufschlag von vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner +Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers retten wollte. Der +Kommerzienrat setzte zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf +vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man ihm dann den Besitz zu, so +hatte er ein gutes Geschäft gemacht, denn das war allein der Waldbestand +trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende Vertreter der +Ritterschaftsbank saß im Hintergrunde und feilte an seinen Nägeln. Er +war gedeckt; die Geschichte interessierte ihn nicht mehr. + +Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf Isingen vorgestellt hatte +und ein Verwandter Zernins war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend +Mark. Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern. Schellheim +bot jetzt von fünf- zu fünftausend Mark mehr. Plötzlich rief eine Stimme +aus der Mitte der Anwesenden: + +»Vierhunderttausend Mark!« + +Alles schaute sich um. Schellheim reckte den Hals und wurde unruhig. +Exzellenz Usen erhob sich und trat an die Wand. + +»Den Namen bitte,« sagte der amtierende Richter. + +»Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des Herrn Baron von Hellstjern.« + +Der Richter wiederholte dem Protokollführer den Namen. Ein Gemurmel +wurde hörbar. »Schockschwerenot – Hellstjern?!« rief Usen halblaut. +Auch der Kommerzienrat war bestürzt. Er dachte gleichfalls an den +knurrigen Alten auf dem Baronshof. Aber das war doch nicht denkbar. Und +auf einmal tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja – der mußte es sein! +Er wurde wütend. Die beiden Hellstjerns, der reiche und der arme, +steckten zweifellos unter einer Decke. Man wollte ihm Döbbernitz nicht +gönnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste zurechtgelegt. +Zweihunderttausend Mark waren nötig, die Landwirtschaft auf Döbbernitz +wieder in Gang zu bringen. Aber das genügte auch; und dann ... Die +laute Stimme des Richters unterbrach seinen Gedankengang. +»Vierhundertzehntausend!« rief der Kommerzienrat. + +»Zwanzig,« ertönte die Stimme des Rechtsanwalts Stroschein. + +»Fünfundzwanzig!« + +»Dreißig!« + +Jetzt drängte sich Schellheim zu dem Konkurrenten hindurch. + +»Kommerzienrat Schellheim,« sagte er, sich vorstellend; »Sie bieten für +den Baron Axel Hellstjern, den Schweden, wenn ich fragen darf?« + +»Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.« + +»Und wollen Sie noch höher gehen?« + +»So hoch es nötig sein wird.« + +»Vierhundertdreißigtausend Mark – zum ersten!« rief der Vorsitzende. + +»Vierhundertvierzigtausend!« erscholl die Stimme des alten Usen. + +Da verlor Schellheim völlig die Fassung. Er sah Usen hilflos an, der mit +grinsendem Gesicht, die Augen mit den schweren, immer geröteten +Tränensäcken ein wenig zusammengekniffen, an der Wand lehnte. Die Sonne +beleuchtete ihn hell. Die Aufschläge seines schäbigen grauen Jagdrocks +strotzten vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf. + +Es war ganz verrückt. Das war wieder einmal einer jener tollen Streiche +des alten Paschas, mit denen er urplötzlich zutage zu treten pflegte, +und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Was wollte er denn +mit Döbbernitz?! + +»Fünfundvierzig!« schrie Schellheim und biß die Zähne zusammen. + +»Fünfzigtausend!« rief Rechtsanwalt Stroschein. + +In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat den Rechtsanwalt an der +Schulter. + +»Geh’n Sie noch weiter?« stieß er hervor. + +»O ja,« versetzte dieser gemächlich. + +»Wie hoch?« + +»Sechzig – siebzig – ich werde abwarten.« + +»Vierhundertfünfzigtausend Mark – zum ersten!« erscholl wieder des +Vorsitzenden Stimme. + +Schellheim trat achselzuckend neben Usen. + +»Ich höre auf,« flüsterte er diesem zu. »Das ist eine Verrücktheit.« + +»Schad’t ja nichts,« gab Usen zurück, »ein bißchen Verrücktheit versüßt +das Leben – fünfundfünfzig!« + +»Sechzigtausend!« + +»Hol’ euch alle der Teufel,« brummte Schellheim, nahm seinen Hut und +verließ das Zimmer. Er war sehr ärgerlich. Sein Wagen wartete vor dem +Gerichtsgebäude, aber er stieg noch nicht ein. Er wollte wenigstens +wissen, wie die Sache endgültig verlaufen würde. + +Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick, da der Kommerzienrat nicht +mehr mitbot, hörte auch Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand, mit +grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen Äuglein, und der weiße Kalk +des Mauerputzes blieb an seinem verschossenen grünen Jagdrock hängen. + +Döbbernitz fiel Axel Hellstjern für vierhundertsechzigtausend Mark zu. +Es verblieben somit für Zernin immer noch einige tausend Mark +Reingewinn. Das hatte niemand erwartet. + +Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze Zeit vorher von Magdeburg +eingetroffen, wo er eine langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus +ihm werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika graute ihm. Pfui +Teufel, zum Kellner oder Hausknecht hatte er keine Anlagen! + +Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief er schlecht. Er wachte +zwanzigmal auf und wälzte sich von einer Seite zur andern. Alte +Erinnerungen stürmten mächtig auf ihn ein – an Vergangenes, an seine +Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte grau durch die Ritzen der +Fensterläden, als er wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette. + +Er zündete ein Licht an und suchte nach einer Flasche Wein. Aber er +fand keine. »Lotterwirtschaft,« brummte er vor sich hin und stieg im +Schlafrock und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, um den Weinkeller +zu durchstöbern. + +Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige Gebäude lag in tiefem +Schlafe. Die Zimmer standen gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen +Geldnot verkauft, was loszuschlagen war; den Rest hatten die +Gerichtsvollzieher geholt, während er in Magdeburg saß. Durch die öden +Fenster glomm der trübe Morgen. Graue Schatten überall und noch +nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. In dem großen Saale des +Mittelbaues, in dem zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden +waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft reckte sich an +der einen Querwand der deckenhohe Sandsteinmantel des Kamins mit seinen +schwarz gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben +waren ausgehoben und durch moderne Fensterflügel ersetzt worden ... + +Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen, hochgewölbten Keller +mit zahllosen Flaschenregalen an den Wänden, denn der alte +Ministerpräsident hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier sah +es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu Haufen umher, und Spinneweben +bedeckten die Regale, in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer Ecke +waren dicht am Boden noch einige Reihen Flaschen aufgeschichtet, und aus +diesen suchte Klaus sich eine aus. Er traf die richtige, einen +vierundachtziger Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, der sich +bereits erschöpft hatte und selten zu werden begann. Und dann stieg er, +die Flasche unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf. + +Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender Schritt war der +einzige Laut, der sich hören ließ. An den Wänden des Treppenhauses +zeigten sich große helle Flecken, von den alten Ölbildern herrührend, +die hier einst gehangen hatten und von unbarmherzigen Gläubigern +abgeholt worden waren. Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die +Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd auf Döbbernitz +gestürzt. Selbst die letzten Andenken an den verstorbenen +Ministerpräsidenten hatte man nicht verschont: Geschenke des alten +Königs, des Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten. Die +Bibliothek war entleert worden; man hatte Auktionen veranstaltet, und +kostbare Widmungsexemplare, wie Lamartines Geschichte der Girondisten, +die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich geschenkt, als dieser +Gesandter in Paris gewesen, waren für wenige Groschen verschleudert +worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt. + +Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte die Flasche, warf +sich wieder auf das Bett und trank den Champagner aus dem Wasserglase, +das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre steckte er sich an, +aber sie schmeckte ihm nicht. Er warf sie mitten in die teppichlose +Stube. + +Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer. Übermorgen schon konnte ihn der +neue Besitzer von Haus und Hof jagen. Wohin dann?! – + +Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins. Er war wirklich am Ende; +diesmal gab es keine Hilfe mehr – es war aus. Und zum ersten Male legte +er sich die Frage vor: hätte es nicht anders kommen können? + +Gewiß – aber dann hätte er arbeiten müssen. Sein Vater hatte ihm kein +Barvermögen hinterlassen. Seine Dotation hatte der alte Minister in +Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht. Freilich, +Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann nähren, nur mußte man zu +wirtschaften verstehen. Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war noch +aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun nahm er schleunigst den +Abschied und setzte sich auf Döbbernitz fest. Schon der Minister war +kein Landwirt gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat +gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit den Boden zu gewinnen. +Klaus ging noch stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, als +habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. Er kaufte eine Lokomobile, +die er gar nicht brauchen konnte, und ungeheure Viehherden, für die +nicht genügend Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte das +andre; immer neue Inspektoren wurden herangezogen, und jeder kam auch +mit neuen Ideen. Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den Rest. Er +füllte seine Ställe mit edeln Pferden, die große Summen verschlangen; er +versuchte es mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. Denn +auch für seine Person verschwendete er mit vollen Händen, und in der +angeborenen Gutherzigkeit, die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren +pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und betrügen. Und dabei +konnte man ihm nicht gram sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit +entzückte alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall von +Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam zurückzuziehen. + +Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins aus. Häßliche Geschichten +kamen in Umlauf; es ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder +verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater das Tempo des +Niedergangs ein wenig. Ein Prinz des Königshauses half einmal aus, als +der Subhastationstermin für Döbbernitz schon angesetzt war; reiche +Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, selbst der König wurden +angebettelt. Und fast alle gaben, mehr oder weniger, aber es verrann +rasch im großen Strome; nichts konnte den rollenden Stein aufhalten. + +Und nun stand endlich der Untergang vor der Tür. Noch vor einigen +Monaten hatte sich Klaus eine helfende Hand geboten – damals, als +Kommerzienrat Schellheim ihn für seine Unternehmungen gewinnen wollte. +Das törichte Duell mit dem dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt +konnte man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß man sich für +seine Ehre ins Zeug gelegt und auf die Festung hatte schicken lassen. +Aber eine Hilfe für die Dauer war’s nicht. Und auch die Heiratspläne – +das reiche Judenmädel, das irgendwo für ihn aufgetrieben werden sollte +– der Schwiegervater, der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte – +all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb; eine riesige schwarze +Fledermaus strich von nun ab durch sein Leben, mit weiten, weiten +Schwingen, die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren Schatten +warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht umhüllten. Das war die Schande. + +Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand strich es über seine +Stirn. Eisiger Schweiß perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte +Glas Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte zum Fenster und +stieß die Läden auf. Nun war es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die +Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des Schlosses empor. + +Die Fenster des Schlafzimmers führten nach dem Wirtschaftshof hinaus, wo +sonst um diese Zeit bereits reges Leben herrschte, das Leben +morgenfröhlicher Arbeit. Aber hier war es stumm und öde wie im Schlosse +selbst. Ein barfüßiges Mädel mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen +und pumpte einen Eimer voll Wasser – seine einzige Bedienung. Alles war +geflüchtet und, mit gierigen Händen das Letzte zusammenraffend, was da +und dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. Nur die Jule war +geblieben. Ihre jugendliche Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm +für seine flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte auch den +letzten Gaul, der im Stalle stand, den alten Christian, einen Rappen, +der mit den Jahren eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grau wie +das Haar eines Greises. Es war merkwürdig genug, daß sich die Wut der +Gläubiger nicht auch an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles +genommen hatten, was stand und lag. + +Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt in die Höhe. + +»Herrje, Herr Baron!« rief sie hinauf. »So früh schon?! – Ich komme +gleich ’rauf, den Kaffee machen!« + +»Laß nur!« gab er zur Antwort. »Ich will nichts! Aber lege den Sattel +auf – vielleicht reit’ ich aus!« + +Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian die Last noch tragen +konnte! Seit sechs Monaten stand er unbenutzt im Stall und wurde immer +dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl. + +Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus in den Park. Er +fühlte, daß er nervös war – es war ihm immer, als sei jemand hinter +ihm. Er wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem Munde, wie +ein Asthmatischer, in raschen Schritten durch die Gänge des Parks. +Jahrelange Verwilderung hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht +seine zauberischen Reize rauben können. Nur war es kein Garten mehr mit +Alleen und Rundells und Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein +Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden Grasflächen +ausbreitete, über zerfallene Statuen seinen grünen Mantel hing und seine +Schleppen bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser des Weihers +tauchte. Die Wege waren kaum noch erkennbar, verwachsen und vom +Buschwerk eingeengt, und das große Rosenparterre glich einer blühenden +Wildnis, durch deren farbenglühendes Dickicht man nicht mehr +durchzukommen vermochte. Auf den Grasplätzen unterschied man noch die +Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen, Violen und Pelargonien, +bunte Flecken im Grün, doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das +seine Kreise immer weiter zog. + +Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber, deren Fenster zertrümmert +waren, und in deren Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er +eigentlich? Ja so – ausreiten! Das war ein guter Gedanke! Noch einmal +seine verwüstete Besitzung durchqueren – lebewohl sagen – und dann +zurück! Oben lagen seine Pistolen. + +Wieder durchschauerte es ihn kalt – und es war so heiß dabei, so heiß. +Er riß seine Weste auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn. +Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian mit hocherhobenen +Händen an der Kinnkette fest. + +Klaus schwang sich in den Sattel, und als er in die schwarzen Augen der +Jule sah, griff er in die Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief: + +»Mach dir mal heute einen vergnügten Tag, Jule – ich bin auch lustig!« + +Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht durch das Dorf, denn er +scheute den Anblick der Leute, sondern hinten herum, an der Schleuse +vorüber, wo er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze zog. +Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte Bewegung anfänglich sauer an; +die müden Knochen wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm +keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging es dem Walde zu, daß der +Rappe bald schaumübergossen war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen +und Schatten über den Weg fielen, zügelte Zernin den Gaul. + +Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand. Das Majoratsgesetz hatte ihn +geschützt und die Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung +genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert war er genügend +worden; überall sah man durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden, +wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen die +Baumstümpfe hervorlugten. + +Dann ging es am Saume der Wiesenniederung entlang. Die hatte Klaus, als +sein Viehbestand immer mehr zusammenschmolz, an kleine Leute +verpachtet, und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt. +Zernin legte wieder die Schenkel an und ließ den Christian in Galopp +fallen; die Leute auf den Wiesen blieben stehen und schauten dem +vorüberrasenden Reiter nach. + +Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf denen die Bestellung längst +aufgehört hatte, Unkraut schoß überall empor, die Quecken hatten +ausgeschlagen und überzogen die braune Erde mit ihrem grünen Gespinst. +Eine mächtige Fläche von vielleicht zweihundert Morgen sah wie eine +Prärie aus; hier wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in ganzen +Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest einer Pflugschar hatte sich im Sande +eingewühlt, und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz. + +Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts dieser Wüsteneien. Seit fast +zwei Jahren war er nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne +bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter liefen ihm davon; an +eine geregelte Bestellung war nicht zu denken. Da ließ man schon alles +liegen, wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen Elends, dem +er sein Stück Erde ausgesetzt hatte, schlich sich doch das Grauen in +sein Herz. Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz übernommen +hatte, an den blühenden Stand seiner Felder, die blonde Flut der Saaten, +die ersten Ernten – zweifellos, er hätte seinen Besitz schon festhalten +und auch gegen die Mißgunst schlechter Jahre verteidigen können, +wenn ... + +Ja – wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen, wozu grübeln – es war ja +doch alles vorbei! Und mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es +kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen begann. + +Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer und jener Stelle an der +Försterei, wo er damals Abschied von Hedda genommen, wo sie beide +»vernünftig« miteinander gesprochen hatten. Sicher – an der Seite +eines so tapferen Kameraden hätte aus ihm immer noch etwas werden +können; sie würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie war ein +starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit hätte wohl seinen +Leichtsinn und seinen tollen Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das +war vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch sein Leben +strich, fing mit ihren stetig wachsenden Flügeln die Sonne auf. Sie +leuchtete ihm nicht mehr. + +Klaus ließ die Zügel hängen. Der Rappe schritt langsam über den +Moosgrund, durch Farne und Erdbeerkraut und schnupperte umher und riß +hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhängenden Buchenast, mit +seinen alten Zähnen die frischen grünen Blätter zermalmend. Da lag der +See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt, mit schneeweißer +Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter Hänge, über die, wie ein +Wahrzeichen überwundener Feudalität, der quadratische Turm des +Döbbernitzer Schlosses hinausragte. Drüben das rote Ziegeldach des +Forsthauses und die Eichenschonung, die Wiesentrift, auf der ein ganzer +Flor wilder Blumen blühte, und der große Felsstein, auf dem sie damals +gesessen hatte! + +Klaus zuckte zusammen. Saß sie nicht wieder da? War sie das nicht, die +Dame im lila geblümten hellen Kleide und mit dem großen Strohhut, die +ihm den Rücken wandte, mit gesenktem Kopfe, als suche ihr Blick irgend +etwas zwischen dem Ufergeröll zu ihren Füßen? + +Der Rappe wieherte plötzlich auf. Die Dame schaute sich um und erhob +sich. Klaus sah, wie sie mit beiden Händen zum Herzen griff. Er sprang +ab, schlang die Zügel um den nächsten Baum und näherte sich ihr mit +abgezogenem Hute. + +»Grüß Gott, Cousine,« sagte er ruhig. »Das ist ein unerwartetes +Zusammentreffen, aber ich freue mich von Herzen darüber. So kann ich +dir wenigstens noch Lebewohl sagen.« + +Sie war blaß geworden, faßte sich aber sofort und erwiderte seinen +Händedruck. »Ich hörte, daß heut über Döbbernitz entschieden werden +soll,« entgegnete sie. »Hast du noch keine Nachricht?« + +Er verneinte. Das sei unmöglich; vor zwei, drei Uhr könne der Termin +nicht beendet sein. + +»Und warum bist du nicht selber da?« + +Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich neben sie auf die Erde. + +»Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte ich nicht mehr, und – +nun, ich schämte mich auch!« + +Die Bitterkeit stieg in ihr auf. + +»Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher über dich gekommen, +Klaus?« sagte sie in mehr klagendem als anklagendem Tone. »Herrgott, was +hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe mich oft genug gefragt: +wie ist all das möglich gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten +vermocht. Nein – denn du übernahmst Döbbernitz doch in geordnetem +Zustande, und du gingst mit guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst +leichtsinnig gewesen sein – aber wie konnte nur so rasch alles über dir +zusammenprasseln, im Laufe weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe +es nie begriffen!« + +Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und zuckte dabei mit den +Schultern. + +»Ich auch nicht,« erwiderte er. »Ganz gewiß, Hedda, es geht mir wie dir +– ich habe von diesen letzten Jahren nur noch so eine Art +Traumempfinden. Es rollte wie eine Lawine über mich herab und begrub +mich. Natürlich bin ich selber schuld – ich verteidige mich auch nicht +– ich klage nicht einmal. Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn +nicht so viel!« + +Er schnippte mit den Fingern. + +»Nein – nicht so viel! Es war im Grunde genommen ein klägliches +Amüsement. Wenn ich mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris +verjubelt hätte – es wäre hundertmal vernünftiger gewesen. Aber ich +habe nur blödsinnige Geschichten getrieben – die Pferdezucht, die +Viehankäufe, die Trinkgelage und Spielabende – die Rennen und die +ewigen Reisen nach Berlin – mir steigt ein schales Gefühl auf, wenn ich +an all den Unsinn zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen, die ich +mir eingebrockt habe.« – Und wieder zuckte er mit den Schultern. + +Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das Kinn in die Hände +gestützt. So schaute sie zu ihm hinab, zu dem halt- und charakterlosen +Menschen, den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran gewesen war, +um seinetwillen eine große, große Dummheit zu begehen. Die Vernunft +hatte gesiegt und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es für diese +erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter, unter dessen +Schauern sie zum Weibe gereift war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt +sich in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr Herz in seiner +Nähe klopfte. + +»Und was wird nun?« fragte sie. + +»Was soll werden?« lachte Klaus häßlich auf. »Weißt du, was man mit +einem Gaule macht, der auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht +mehr weiter kann? – Man schießt das arme Biest tot.« + +Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? – Nein – daran glaubte +sie nicht. Er hätte längst seine Kugel finden müssen. + +»Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?« fuhr er fort. »Wozu +törichte Illusionen? Ich kann nichts anfangen. Hier gar nichts – und +mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein schleppen, Steine tragen +und Biergläser füllen – lieber quittier’ ich schon mit dem Leben!« + +Nun sprang sie erregt empor. + +»Du sprachst von Scham, Klaus,« rief sie, »aber bei Gott, du kennst sie +nicht! Du würdest sonst anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig +dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes Gehaben? Du siehst +selber ein, daß du dich durch eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu +feige, dir ein neues Leben zu schaffen!« + +»Zu feige – ganz recht,« sagte er und erhob sich gleichfalls. »Aber ich +glaube, ich habe nie Mut besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit – +wenigstens vor der, die mir drüben winkt – vor der schmutzigen Arbeit +im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. Wäre ich weniger Herrenmensch +und mehr Bedientennatur – vielleicht würd’ ich mich fügen. So kann ich +es nicht – ich kann es nicht!« + +Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in Aufruhr. Ihre Wangen +flammten und auch über ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich +die Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der Scham, denn für ihn +schämte sie sich. Er rühmte sich seiner Herrennatur, und doch war alles +Edelmännische längst in ihm erstorben. Er suchte den Tod, weil das Leben +ihm nichts mehr zu bieten hatte als – Arbeit. + +Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten. Zittern und Angst ergriff sie, +und die zärtliche Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung. Sie sah +schon die Wunde an seiner Schläfe, das runde Kugelloch, aus dem langsam +das Blut sickerte, und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil +über den Verkommenen fällen: das hatte man gewußt und erwartet – +Selbstmord – das Ende jedes Elenden! + +Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände. + +»Klaus,« begann sie mit bebender Stimme, »denkst du nicht an dich +selbst, so denke zurück – an deinen großen Vater und deine liebe, +gütige Mutter. An alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst, +an die Ehre deines Namens, die du durch feigen Selbstmord +unauslöschlich befleckst. Man kann irren und fehlen, soll aber wieder +gut zu machen versuchen – das ist die Tapferkeit, die das Leben von uns +allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, hast doch aber kein +Verbrechen begangen, das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch noch +jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher Gaben – du wirst dich +wieder aufraffen können – – ich bitte dich, Klaus – lieber Klaus!« + +Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß in ihr empor; ihre Hände +zuckten zwischen seinen Fingern. + +Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre seines Namens sprach. +›Wenn du wüßtest!‹ schrie es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem +Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die er durch die Schmach +seines Wandels beschimpft und niedergetreten hatte, und die nicht +ersterben wollte – die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens, die ihr +ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt hatte und auch im Entsagen +noch haften blieb. Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte +ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit starker Hand riß er sie an +seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit stürmischen Küssen. + +»Du liebst mich noch – du liebst mich noch!« schluchzte und jubelte er. +Und sie ließ ihn gewähren. Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer +bemächtigt, das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung. Sie hing hilflos in +seinen Armen. Das Rauschen des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr +und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine Küsse aber brannten auf +ihren Lippen und Wangen und loderten in ihre Seele hinein. + +Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los. + +»Laß mich!« + +Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte den Hut von neuem, +der ihr vom Scheitel geglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf +ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin über sich selbst geworden, +wenn auch große Tränen in ihren Augen standen. + +»Ich liebe dich noch,« sagte sie mit fester Stimme, »nun ja – was will +das bedeuten? Angehören können wir uns nie, und wenn du mir sagen +wolltest: komm mit mir nach Amerika – ich würde mit Nein antworten. +Nicht weil mir’s an Mut gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen, +sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen will!« + +Da sank er, empfindend wie klein er war und wie schwach dieser kernigen +Mädchennatur gegenüber, zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider an +sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick waren es ehrliche +Tränen, die er über sein verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß. + +»O Hedda!« rief er, »warum konnten wir uns nicht schon vor fünf Jahren +finden? Du hättest mich retten können, und alles wäre anders geworden!« + +Ja – vor fünf Jahren! Er konnte recht haben. Wenn sie über ihn gewacht +hätte, vielleicht wären dann alle die guten Keime, die in ihm +schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut verdorrt. Vielleicht! – + +Sie hob ihn auf. + +»Es hat nicht sollen sein,« sagte sie. »Was hilft uns die Reue? Wir +hätten stark sein müssen – heut ist es zu spät. Und doch, ich segne +auch diese Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben, weist uns die +Wege. Nicht sterben wollen wir, sondern am Leben bleiben und uns +einander wert halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich mir, daß +du die Pistole liegen lassen willst. Versprich mir, daß du ein neues +Dasein beginnen willst! Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein +Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich ›erniedrigst‹. Tu es; +greife zur Arbeit, wo du sie findest; es schändet dich nicht, wenn deine +Hände blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus und schaff dir +anderwärts Stellung! Ich will unablässig an dich denken und beten für +dich. Werde ein Mann!« + +Gerade dies: »Werde ein Mann!« klang tief in das Herz des Schwächlings +– nicht wie eine harte Mahnung, sondern wie ein willkommener, +erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und mit fast frohem +Lächeln. + +»Ich danke dir, Hedda,« erwiderte er. »Du verjüngst mich. Ja – ich +fühle es: es sprießt Neues und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der +törichte Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus, um Arbeit zu +lernen. Ich hab’ es eilig, denn du sollst bald von mir hören. Ich rufe +dich oder hole dich selbst!« + +»Ich warte auf dich,« sagte sie mit leuchtenden Augen. + +»So lebe wohl!« + +Er preßte noch einmal ihre Hände an seine Lippen. + +»Lebe wohl und behüte dich Gott!« + +Er saß schon zu Pferde und sprengte davon, ohne sich umzuschauen. Sie +aber blieb aufrecht stehen, bis sie im Gründunkel des Waldes seine +Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in die Kniee und sprach laut +mit ihrem Gott, denn nur er konnte sie hier hören und seine Schöpfung – +der schluchzende See und die Bäume am Ufer. + + * * * * * + +Es war in der dritten Nachmittagstunde, als ein kleines Gefährt, ein +offener Korbwagen, in den Schloßhof von Döbbernitz rasselte. Bertold +Möller hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur Erde und rief +der erstaunt aus der Häckselkammer tretenden Jule zu: »Ist der Herr +Baron zu sprechen?« + +»Ja, er ist oben,« entgegnete Jule und wies hinauf nach den Fenstern. + +Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehörte seit Jahren zu den +Geldvermittlern Zernins, aber er wie sein Schwiegervater, der +Getreidehändler Ring, hatte sein Schäfchen längst ins Trockene gebracht. + +Er fand Klaus vor einem großen Koffer knieend. + +»Teufel – wo kommen Sie denn her, Möller?« rief Zernin und stand auf. + +»Von der Subhastation,« erzählte Bertold, »direkt vom Termin. Wissen +Sie, wer Döbbernitz gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie für wieviel? +Und wissen Sie, daß so etwas noch gar nicht dagewesen ist! Und wissen +Sie –« + +»Donnerwetter, so reden Sie doch vernünftig!« fiel Klaus grob ein. + +Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretär von Hellstjern war +Besitzer von Döbbernitz geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein +schwer reicher Herr, ein Millionär. Bertold wußte das ganz genau. Und +460000 Mark kostete ihn das Vergnügen. 422000 Mark betrug der +Hypothekenstand von Döbbernitz; verblieb für Herrn von Zernin noch ein +Reingewinn von 38000 Mark. Auch darüber wußte der brave Bertold genau +Bescheid. + +»Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies meldete, Herr Baron,« fuhr er +fort. »Aus reiner Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich weiß ja, +es sind noch immer eine Masse Gläubiger da, die bloß darauf lauern, daß +Sie wieder einmal zu Gelde kommen –« + +Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck im Gesicht des vor ihm +Stehenden. + +Klaus war blaß geworden und sein Auge starr. Es schwirrte durch sein +Hirn, es bohrte sich nadelspitz in seine Schläfen ein, es klopfte und +hämmerte in seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern trat an das +Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark! Die Summe flimmerte, mit großen +Ziffern geschrieben, vor ihm in der sonnenhellen Luft.... Wenn er +sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo reiste, dort sein Glück zu +versuchen ... + +Mit rascher Bewegung fuhr er herum. + +»Haben Sie Geld im Hause, Möller?« fragte er. + +Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich handelte. Er war ja nur +hergekommen, um noch letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin zu +verdienen. + +»Im Hause nicht – aber in Frankfurt – auf der Bank,« erwiderte er. + +»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Möller,« fuhr Klaus fort, dessen +Augen voll Erwartung und Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen +begannen. »Wir fahren zusammen nach Frankfurt. Dort zediere ich Ihnen +notariell meine Forderung an Herrn von Hellstjern – der Mann ist Ihnen +doch sicher?« + +»Bombensicher,« sagte Bertold. + +»Sie zahlen mir 36000 Mark bar aus und behalten den Rest.« + +»Einverstanden, Herr Baron, aber –« Bertold holte sein dickleibiges +Notizbuch hervor, feuchtete seine Fingerspitzen an und begann zu +blättern. »Ich habe da nämlich noch einen kleinen Wechsel in die Hände +bekommen – Silbermann in Kölpin hatte ihn einmal meinem Schwiegervater +in Zahlung gegeben – es handelt sich nur um acht- oder neunhundert +Mark –« + +»So ziehen Sie die auch ab, zum Donnerwetter!« rief Klaus ungeduldig. +Herrgott, was hatte der Mensch ihn schon betrogen! + +Bertold steckte ruhig sein unförmiges Taschenbuch wieder ein. + +»Da steh’ ich also zur Verfügung, Herr Baron,« sagte er. »Um fünf Uhr +geht der Zug – ein Bummelzug freilich, aber wir haben ja nichts zu +versäumen; Rechtsanwalt Sarnow empfängt uns auch außerhalb seiner +Sprechstunden. Dann können Sie noch um elf Uhr nach Berlin weiter – das +heißt, wenn Sie überhaupt nach Berlin wollen. Paßt Ihnen mein Wagen? Der +Koffer da geht bequem hinauf – wir binden ihn hinten fest – er hat +Platz. Das Pferd stell’ ich auf die paar Stunden bei Petersen ein – Sie +wissen ja, dem Restaurateur in –« + +»Ja, ja!« rief Klaus. Das Geschwätz Bertolds machte ihn nervös. Er +pfropfte noch rasch einen Anzug in den Koffer hinein, wechselte in +fliegender Hast seine Toilette und rief aus dem Fenster nach Jule. + +»Allons,« sagte er, »den Koffer auf den Wagen des Herrn Möller! Ich +verreise für einige Zeit. Du wirst ja hören, wann ich zurückkomme –« + +Die Kleine starrte ihn mit großen Augen erschreckt an. Aber sie +entgegnete kein Wort. Sie war an willenloses Gehorchen gewöhnt. + +Der Wagen ratterte über das Hofpflaster und fuhr staubaufwirbelnd den +Berghang hinab. + +Jule war in der Prallsonne stehen geblieben. Aus dem Stalle wurde ein +leises Wiehern vernehmbar. Der Rappe wollte sein Futter haben. Er und +die Jule, die Zurückbleibenden, waren die letzten lebendigen Wesen im +Döbbernitzer Schlosse. + +Hinten im Parke, ganz umbuscht vom Grün stark wuchernder Schneeballen, +stand ein einfacher Tempelbau, eine Art Mausoleum. Unter den +Sandsteinplatten im Innern ruhten die Särge der Eltern Zernins. Auch +hier tiefer und schweigender Friede, kein Laut des Lebens. + +Nur ein gelber Schmetterling flatterte, hin und her huschend, über das +körnige Grau des Sandsteins. + + + + +Elftes Kapitel + + +Der Sommer ging zur Rüste. Die Nächte wurden kalt, es herbstelte stark. + +Oberlemmingen konnte mit seiner ersten Saison zufrieden sein. Die +Reklame hatte gewirkt. Allerdings waren in ärztlichen Kreisen auch +einige Stimmen laut geworden, die dem Gutachten des Professors Statius +und seiner Leute widersprachen, die die Analyse für inkorrekt und die +unter Posaunenschall der Welt verkündete Heilkraft der Bismarckquelle +für ziemlich unbedeutend erklärten. Man habe in unglaublichster Weise +übertrieben, so äußerten sich jene Stimmen; man habe aus einer Mücke +einen Elefanten gemacht. Das Wässerchen habe seine Vorzüge – gewiß, +aber es sei mit den Kissinger Quellen gar nicht zu vergleichen; und in +einer medizinischen Monatsschrift fiel sogar der unparlamentarische +Ausdruck »Mumpitz«. + +Darauf schien Kommerzienrat Schellheim nur gewartet zu haben. Sofort +wurde der Schlachtplan für den Reklamefeldzug während des Winters +entworfen. Wieder flatterten viele Tausende von Broschüren über die +Lande. Flugblätter verkündeten auch der Laienwelt die Entgegnung des +Professors Statius. Die großen Zeitungen wurden mit Inseraten +überschüttet und lobten dafür im redaktionellen Teil das märkische Bad; +Postkarten mit Ansichten von Oberlemmingen kamen in den Handel; +Schellheim ließ eine »Bismarckquellen-Polka« komponieren und auf den +Musikmarkt bringen, und eine Novelle: »Die Großbäuerin von +Oberlemmingen«, wurde sämtlichen Kreisblättern zum freien Abdruck zur +Verfügung gestellt. Das war eine rührsame Dorfgeschichte, die den +Verfasser der ersten Broschüre zum Autor hatte, und in der natürlich +auch die Quelle eine Rolle spielte. So sollte den ganzen Winter +hindurch das Tamtam gerührt werden. + +Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte Tätigkeit. Anfänglich +hatte er die Sache mit dem neuen Bade gewissermaßen nur als +Unterhaltung, als Abwechslung in die Hand genommen. Aber sein Interesse +wuchs, je mehr Kapitalien er dem Unternehmen opferte. Albert Möller und +er betrachteten sich immer noch mit heimlichem Mißtrauen. Jeder von +ihnen hatte das Empfinden, als warte der andre nur auf den geeigneten +Augenblick, ihn übers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand in Hand und waren +doch Todfeinde. Und dabei wußten beide, daß sie ohne einander gar nicht +auskommen konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet oder wie die +zänkischen Weiber, die man im Mittelalter mit Hals und Händen in die +»Geige« spannte. + +Übrigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser Zeit mehr als je nach +zerstreuender Arbeit. Hagen machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle +Junge hatte rund heraus erklärt, er sei bereit, von der Leitung der +Firma zurückzutreten und sich auf sein Pflichtteil setzen zu lassen, +aber von seiner Liebe zu der kleinen, blonden Stepperin könne man ihn +nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten. Der Rat fuhr nach +Berlin, Hagen selbst ins Gebet zu nehmen. Doch der blieb fest; alle +Gründe, die sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht führte, +fruchteten nichts. Zähneknirschend entschloß sich Schellheim zu +brutaleren Mitteln. Er suchte die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war +Straßenbahnschaffner, seine Frau übernahm Aufwartungen, Anna war das +fünfte von sieben Kindern. Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche +Familie sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War es denn denkbar!? +Dieser Hagen, sein ganzer Stolz, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann, +sondern auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe für +Theaterpremieren, elegante Krawatten und kleine Soupers – gerade der +wollte ihm die Schande bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten! +Schellheim fand übrigens, daß die alten Zells ganz vernünftige Leute +seien. Sie wußten auf der Stelle, wohinaus er wollte, aber sie hatten +ihrer Anna nichts mehr zu befehlen, denn diese war mündig und +selbständig. Hagen hatte sie bereits aus dem Elternhause wie aus der +Fabrik genommen und in einer Pension in der Potsdamerstraße +untergebracht. Auch an sie wandte sich der Rat. Das schüchterne kleine +Persönchen war gut instruiert worden. Sie stürzte Schellheim sofort zu +Füßen, küßte seine Hände, weinte, bat und flehte und fiel schließlich in +Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim wieder ab. + +Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er hatte soeben seine Manöverübung +beendet und kehrte sonnengebräunt, frisch und gesund aussehend, zu den +Eltern zurück. Seine große Arbeit war bereits im Druck; im Oktober +sollte sie erscheinen. + +Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen gewesen war, so +interessierten ihn die Veränderungen im Ort naturgemäß sehr. Sehr +entrüstet war der Kommerzienrat über die anscheinende Gleichgültigkeit, +mit der Gunther die Heiratspläne seines Bruders aufnahm. + +»Ich muß dir gestehen, Vater,« sagte er zu Schellheim, als die Rede auf +Hagen und seine blonde Liebe kam, »daß ich das Hagen eigentlich gar +nicht zugetraut hätte. Im Grunde genommen freut es mich, daß er sein +Herz sprechen läßt – ah, rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im +Grunde genommen. Du kennst mich. Ich würde auch nur aus Neigung +heiraten; allerdings muß ich hinzufügen, daß sich _meine_ +Heiratsneigungen sicher nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin +bewegen als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich eine Folge +angeborenen Geschmacks, um mich gelehrt auszudrücken, das Produkt einer +gewissen soziologischen Ästhetik. Ich würde wohl nie dazu kommen, mich +in eine Anna Zell zu verlieben, und daher auch nie auf den Gedanken +verfallen, besagte Anna heiraten zu wollen, die ich hier natürlich nicht +als Person, sondern nur als Typus aufstelle.« + +»Schön,« meinte der Rat, »das bist _du_ – aber was mache ich nun mit +dem Hagen? Muß er denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten? Kann es +nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so sachte versandet und +verblutet ist? Man braucht nicht gleich an chinesischen Kastengeist und +an die Mandarinenknöpfe zu denken und kann doch der Ansicht sein, daß +man im Leben über bestimmte gesellschaftliche Unterschiede nicht recht +fortkommt!« + +Gunther nickte. »Richtig, Papa,« antwortete er, »so hat leider auch der +Baron von Hellstern gedacht –« + +Aber der Rat fiel ihm ärgerlich ins Wort: + +»Ach was – das waren ganz andere Verhältnisse! Ich bitte dich, wie +kannst du das nur vergleichen?« + +»Die Ähnlichkeit liegt auf der Hand. Aber streiten wir nicht darüber. +Wenn Hagen fest bleibt, wirst du dich fügen müssen. Denn ich nehme nicht +an, daß du wegen der Mesalliance – man hört dies Wort übrigens gar +nicht mehr, was ich als Beweis dafür auffassen möchte, daß wir doch +langsam einer freieren und edleren Beurteilung des Wesens der Liebe +entgegenschreiten –, also, ich nehme nicht an, daß du Hagen wegen +seiner Herzensaffäre verstoßen und enterben wirst. Abgesehen davon, daß +er dies wahrhaftig nicht verdienen würde – wer soll das Geschäft +weiterführen?« + +»Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir unentbehrlich. Er ist eine +kaufmännische Kraft ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine – und dann +seine glückliche Hand! Aber trotzdem – Straßenbahnschaffner – es ist +gräßlich!« + +Ein leichtes, etwas bitteres Lächeln flog um Gunthers Lippen: »Denke +mal: wenn Hellstern sich damals ähnlich ausgedrückt hätte! – +›Hemdenfritze – es ist gräßlich!‹ Pardon, Papa, – wer viel über +Büchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwürdige Gedanken. Aber bleiben +wir beim Thema! Geschäftlich könnte Hagens Heirat euch doch nicht +schädigen?« + +»Gott bewahre – das Geschäft hat gar nichts damit zu tun.« + +»Nun, dann würde ich dir raten: laß dir die Geschichte nicht allzu +sorgenvoll durch den Kopf gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen +doch noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu heftig; du +stärkst nur den Widerstand.« + +Schellheim stand auf. »Ich verstehe nur nicht, daß dich die ganze Sache +so gleichgültig läßt,« sagte er. »Es handelt sich doch um deinen +Bruder!« + +Auch Gunther erhob sich. »Gleichgültig ist zu viel gesagt, Papa. Meinem +innersten Empfinden nach hätte ich mir _auch_ eine andre Partie für +Hagen gewünscht. Aber ich würde niemals versuchen, seinem Glück in den +Weg zu treten – selbst wenn ich fürchten müßte, es handle sich nur um +ein eingebildetes Glück.... Jetzt will ich den Pastor besuchen ...« + +Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man ihm, daß der Pastor »auf +dem Bauplatze« sei. Das war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das +Kinderasyl im Entstehen war. + +Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein kräftiger Wind wehte von +den Bergen herab, so daß die Bäume sich neigten und ihr buntes Laub +abschüttelten. Der Wind griff es auf und drehte es zu Wirbeln zusammen, +quirlte es in langen Schraubenwindungen hoch in die Luft und ließ es +hier zerflattern, so daß es abermals wie ein farbiger Regen herabfiel, +um dann wiederum zum Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustige +Wind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpfützen vom Tag vorher +aufgesogen und die Nässe des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut +trotz des rauhen Atmens der Natur. + +Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften Augen umherspähend. +Die letzten Sommergäste waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen +begegneten ihm, ein älterer Herr im Rollstuhl, den ein Diener vor sich +her schob, ein junges Mädchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der +»Badekommissar«. Er war von Schellheim provisorisch angestellt worden, +ein Major a. D. mit schönem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem +Wesen. Der Kommissar grüßte Gunther, obwohl er ihn nicht kannte, er +hielt sich für verpflichtet, jeden Fremden zu grüßen, den er traf. Im +Hause Braumüllers hatte Bertold Möller schon Einzug gehalten; aber vor +den glänzenden Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die Rouleaux. +Vom Kurpark herüber trieb der Wind das Laub in ungeheuren Massen und +häufte es in den Chausseegräben auf. Ein paar Arbeiter waren dabei, den +Lawn-Tennis-Platz zu säubern, andre errichteten auf der Südseite des +Platzes hinter den Ahornbäumen ein langgestrecktes, niederes Gebäude, +das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte. + +Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz wies Gunther den Weg. Das +Kinderhospital war bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte, mit +Dachung und Ausbau noch vor Beginn der Frosttage fertig zu werden. +Eycken besuchte täglich den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk, +und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung werden zu wollen. +Selbstverständlich überschritten die Kosten schon jetzt den Anschlag, +aber Eycken machte das wenig Kummer. Er wollte nicht sparen – für wen +auch? So stieg dieser Palast der armen Kleinen schön und stattlich in +die Höhe, mit breiten Fensterfluchten und luftigen Sälen und Zimmern, +gewissermaßen ein Stein gewordener Protest gegen die spekulativen +Zukunftsideen, die weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen +ins Leben gerufen hatten. + +Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen Augenblick stockte sein +Fuß; er war im Begriff, umzukehren. Aber schon im nächsten Moment schalt +er sich einen Toren. Weshalb flüchten? Mußte er nicht im Gegenteil dem +Zufall dankbar sein, der ihn hier mit ihr zusammenführte? + +Der Pastor hatte ihn schon gesehen. + +»I, ist das nicht –« und dann zog er seinen breitkrempigen +Demokratenhut und winkte mit beiden Händen grüßend zu Gunther hinüber. + +Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit und Verschüchterung, mit +freundlichem Lächeln, und bot ihm die Hand, als er näher trat; er selbst +aber errötete und kam sich sehr linkisch vor. Selbst die Verbeugung, die +er machte, erschien ihm lächerlich. + +Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu entdeckten +Faustgeschichten Gunthers ging man zu dem Kinderasyl über, für das Hedda +ein ebenso warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie war wieder +täglicher Gast im Pfarrhause und begleitete ihn auf den Bauplatz, sobald +sie sich einmal von ihrem Vater frei machen konnte, der immer grämlicher +und mürrischer wurde. Er schimpfte nun auch auf Eycken; der Pastor +wollte für seine Gründung elektrisches Licht haben, und die +Badedirektion schloß sich an. Die Sache war nicht so gefährlich, da man +in unmittelbarer Nähe bei den Grunower Mühlen starke Wasserkräfte zur +Verfügung hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem hellen und grellen +Lichte einen förmlichen Haß entgegen. Er klagte darüber, daß er sein +liebes Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden Dämmerung sehen +würde; selbst bis in seinen Park hinein würden die weißen Lichtstrahlen +fallen. Man »vergraulte« und »verekelte« ihm geflissentlich den +Baronshof. Er schwor Hedda zu, daß er sein Zimmer überhaupt nicht mehr +verlassen würde, murrte und räsonierte stundenlang, um das arme Mädchen +dann plötzlich wieder an seine Brust zu reißen und durch einen +stürmischen Kuß zu versöhnen. + +Eycken führte Gunther durch seinen neuen Bau. Es war wirklich nicht +gespart worden. Die ganze Anlage zeugte von Zweckmäßigkeit und +Gediegenheit; Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem Hauptbau +sollten sich die notwendigen Nebengebäude anschließen, dann die +Ausgestaltung des Gartens mitten in der würzigen und kräftigenden Luft +des Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der Pfarrer erläuterte +Gunther alles das mit seiner lebhaften, von der Begeisterung für das +Gute getragenen Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem schönen +Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem apostolischem Feuer, und +Eycken war auch ein Apostel – der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit. + +Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurückkehrte, lenkte Gunther das +Gespräch auf Döbbernitz. Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, daß der +schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft, hatte ihn mit +neuer Unruhe erfüllt. Denn noch hatte er nicht alle seine Hoffnungen +begraben. Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung, die er ihr +entgegenbrachte, war die alte geblieben; er fand sie schöner als je und +sah auf ihrem stolzen Mädchengesicht einen Ausdruck von Vergeistigung +und träumerischem Sinnen, der ihm früher nicht aufgefallen war und sie +zu verklären schien. + +Hedda erzählte in ruhigem Ton das Neueste über Döbbernitz. Klaus von +Zernin war verschwunden; irgend jemand wollte ihn in Monte Carlo gesehen +haben. Auf Döbbernitz aber regten sich seit Wochen viele hundert +fleißige Hände. Baron Hellstjern hatte sich selbst merkwürdigerweise +noch gar nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschränkter +Vollmacht ein Administrator, den Heddas Vater Axel empfohlen hatte. Es +war der ehemalige Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann, der die +Verhältnisse auf Döbbernitz auf das genaueste kannte, voll +Zuverlässigkeit und rüstigem Fleiß, eine erstklassige Kraft. Und eine +solche brauchte man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwüstete Land +wieder ertragsfähig zu gestalten. Man mußte sozusagen von vorn anfangen, +denn auch vom Inventar war nichts zurückgeblieben; lebendes und totes, +bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon verrosteten Pflug war +verkauft oder gepfändet und verauktioniert worden. + +Und während das Land von neuem beackert wurde und aus den tiefen +Furchen, die den Boden zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfähigkeit +aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens, trafen im Schloßhofe große +Möbelwagen ein, um zunächst dem Mittelbau wieder eine behagliche +Wohnlichkeit zu geben. Auch diese Einrichtung überließ Hellstjern +fremden Händen; er hatte an den Ohm auf dem Baronshof geschrieben, er +habe zurzeit zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kümmern zu +können. Die Wahrheit war, daß er sich zu einer ernstlichen Kur +entschlossen hatte; der abscheuliche Husten, der seine ganze +Konstitution zu erschüttern drohte, mußte einmal fortgeschafft werden. + +Gunther hörte mit reger Aufmerksamkeit der Erzählenden zu. Er meinte, er +sei recht froh, daß Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei. +Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben habe, sei er von +fieberhafter Unruhe gepackt, überall wolle er sich beteiligen. Und dann +sprach Gunther ganz harmlos von den Heiratsplänen Hagens, die dem Vater +so viel Ärger bereiteten. Er tat dies mit Absicht, trotz der +anscheinenden Harmlosigkeit; er wollte Hedda auf diesen neuen +plebejischen Einbruch in seine Familie vorbereiten, war auch begierig, +was sie dazu sagen würde. + +Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte nur, daß sie die +Aufregung und die Abwehr des Kommerzienrats begreifen könne, denn +zweifellos sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein »Tiefersteigen«. +Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte wenigstens den gesellschaftlichen +Abfall des grimmen Hagen zu beschönigen und zu entschuldigen; in der +Liebe zum andern Geschlecht gäbe es keine Dummheiten, oder aber diese +ganze Liebe sei Dummheit. Im übrigen steige Hagen seiner Meinung nach +keineswegs »hinab«, sondern zöge höchstens sein Mädchen »herauf«. + +Vor dem Parktore des Baronshofes trennte man sich. Hedda bat um den +Besuch Gunthers und dieser sagte mit tiefer Verneigung zu. + +Der Baron saß wie gewöhnlich bei seiner Familiengeschichte. Er steckte +mitten im achtzehnten Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war +dem Französischen gewichen. Aber auch bei diesem verschnörkelten alten +Französisch fehlten ihm häufig Vokabeln und sinnverwandte Ausdrücke, und +dann mußte er die Lexika durchstöbern. War Hedda zugegen, so ging das +alles viel schneller. + +Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden. Die Ischias hatte +etwas nachgelassen, aber ein Asthma kündigte sich an. Der Baron +verzichtete jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mühe schleppten Hedda und +August ihn dann und wann auf ein Viertelstündchen in den Park. Er hatte +sich vollständig in seinen Ärger über die modernen Veränderungen in +Oberlemmingen verbissen. Eine Art fixer Idee spielte dabei mit. Er war +überzeugt davon, daß man ihn von Haus und Hof vertreiben wolle. Die +Möllers bauten rechts seitwärts vom Parkausgange eine Brauerei und +hatten eine Parzelle des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Das wurmte +Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich Qualm, Dampf und Rauch, +Geräusch und Gestank direkt vor der Nase. + +»Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa,« sagte Hedda beim Eintreten; +»er läßt dich grüßen.« + +»Ist mir ’ne hohe Ehre,« erwiderte der Alte giftig. »Hat er vielleicht +seinen Antrag wiederholt?« + +»Nein,« sagte Hedda und band ihren Hut ab; »warum bist du so schlechter +Laune?« + +»Das würdest du auch sein, wenn du dich so ärgern müßtest wie ich. In +diesen Akten kommen Ausdrücke vor, für die es in keinem Lexikon der Welt +Erklärungen gibt.« + +»Ich werde dir helfen,« entgegnete Hedda geduldig und nahm auf dem aus +den vierzehn Folianten der Merianschen Topographie gebildeten Sitze +Platz. + +Aber der Alte wollte noch plaudern. »Wie sieht der Herr Gunther aus?« +fragte er. + +»Gut – männlicher als sonst. Er kommt eben aus dem Manöver. Es ist +merkwürdig, was wir für einseitige Menschen sind! Ich bin überzeugt, in +seiner hübschen Husarenuniform würde er mir sehr gefallen. Schwarz und +silberne Verschnürung, mit dem großen Totenkopf auf der Bärenmütze.« + +»Ich weiß,« erwiderte Hellstern nickend; »ein gutes Regiment. Nun, +dieser Gunther ist ja doch auch immerhin ein anständiger Mann ... Da ist +ein Brief von Axel gekommen, der dich interessieren wird.« + +Er reichte Hedda das Schriftstück, und sie begann zu lesen: + + + »Liebster Onkel – liebste Cousine! + +»Zunächst Verzeihung, daß ich französisch schreibe – es geht mir immer +noch rascher von der Hand wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine +ganze Menge zu erzählen. Wie Ihr aus dem Poststempel erseht, bin ich +nicht in Berlin, sondern in Gehringen. Das liegt in der Schweiz, ein +Stündchen von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir ein befreundeter +Arzt empfohlen hat. Ich wollte nämlich einmal meinem Husten zu Leibe +gehen. Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewöhnliche Weise, +mittels allerhand Mixturen aus Flaschen und Schachteln und Töpfen, +sondern durch Sonnenbäder, Elektrizität, Massage, kaltes und heißes +Wasser, Fichtennadeln und Gott weiß was noch – aber die Tatsache steht +fest: es geht mir bedeutend besser, so daß ich mich mit der Hoffnung +trage, Euch in üppiger Gesundheit wieder begrüßen zu können. + +»Und das soll bald geschehen. Mein Abschied ist mir in Gnaden bewilligt +– sogar mit einem Orden, der sehr schön aussieht und an einem Bande mit +drei Farben hängt. Da will ich mich denn nun im Spätherbst in Eurer +Nähe, nämlich in Döbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den Du, +lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich ausgezeichnet zu machen. Er +schickt mir wöchentlich zwei ausführliche Berichte, die mich über alles +informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das gefällt mir. Ich finde +auch, daß er sparsam wirtschaftet. Die Anschaffung des Inventars und die +Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen natürlich Opfer, aber ich +bringe sie gern. Schon weil ich nun wieder ein Heimatplätzchen bekomme. +Ich kann Euch nur sagen, daß ich mir immer wieder von neuem Glück zu +meiner Idee wünsche. Es war der vernünftigste Streich meines Lebens, der +Ankauf von Döbbernitz. + +»Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn Hedda sich einmal die +Schloßeinrichtung ansehen wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich +unterwegs kaufen können, auch hier in der Umgegend, auf alten +Bauerngehöften und in den Kleinstädten noch mancherlei Nettes und +Interessantes gefunden. Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Und +dann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure die Sache arrangiert +haben. Ich werde wohl alles wieder ›umkrempeln‹ – sagt Ihr nicht immer +›umkrempeln‹? –, wenn ich erst in Döbbernitz bin. Hedda, dabei mußt Du +mir aber zur Hand gehen! Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar +Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet, denn ich hoffe, Ihr +werdet öfters, nein recht oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die +moosgrün bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer bestimmt, Hedda. +Ich fand die Formen so hübsch, edel und schön in den Proportionen, nicht +so spielerisch und gesucht originell, wie der moderne englische +Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank und das große Himmelbett +stammen aus dem Palazzo Formosa in Bologna. + +»Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt schon darauf, mit Dir +zusammen im Schlosse von Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen +zu können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes Zimmer lasse ich dich +extra vom Baronshofe holen, damit das Vergnügen länger dauert. Und dann +freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im Walde, unten am See, wo +die Eichen stehen und der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja: +bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch noch einmal jung werden, +denn es weht Heimatluft bei Euch, und die war’s, die mir fehlte. Ich bin +ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch nie passiert. + +»Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen und herzlichen Gruß +Dir, Onkel, und Dir, liebe Base, von + + Euerm getreuen + Neffen und Vetter Axel.« + + +Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in das Couvert. + +»Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,« sagte Hellstern mit +Betonung. »Weißt du, Hedda, ich mache mir so meine Gedanken.« + +Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt, das auf ihren Knieen lag, +und in dem sie mechanisch blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte, +daß sie auffällig blaß war. + + * * * * * + +An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit der Dörthe endgültig +auszusprechen. Es mußte einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert +und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt hatte eines Tages +seinen Freund Albert Möller in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine +Tochter Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes Mädchen mit +energischen Zügen. Fritz sollte sich mit ihr »anvettern«, und das +geschah denn auch. Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender +Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre Erscheinung ihm einen +ausgewachsenen Pantoffel prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten +gesprochen, doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie ließ sich das ganze +Haus zeigen, vom Dach bis hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in +Besitz. Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei, die den +Badeort, das Kinderhospiz und die Güter in der Umgegend versorgen +sollte, war zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern sein +Gehöft verkauft – Thielemann, dessen Besitz den Möllers am bequemsten +lag. Dorthin sollte das Schlachthaus kommen. + +Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz hatte Dörthe gebeten, sich +mit ihm an der Quelle zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu +besprechen. Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen können und +war pünktlich zur Stelle, in ihrem Arbeitskleide, aber ein neues +dreieckiges Tuch um die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe. + +Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in den schweigenden Anlagen auf +und ab. Das falbe Laub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes +Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, ein erlöschendes +Licht. + +Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil – ein Zug heiterer +Zufriedenheit lag auf dem hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte +es sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht sollte sie +schon vor Weihnachten sein. Wie schlug der Dörthe das Herz! + +Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an der Quelle gesetzt. Das +Wasser sprudelte nicht, aber man hörte sein Rauschen unterhalb der +Einfassung, ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. Die Rosen in den +Bosketts waren abgeblüht, der wilde Wein, der sich um die Eisenträger +der Wandelhalle schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte der +Herbst seine Farbenflecke gestreut. + +Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah, sprang sie auf, lief ihm entgegen +und fiel ihm in die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen, und +schritt mit ihr den Weg hinab. »Komm unter die Buchen,« sagte er, »die +Liese spürt mir wieder mal nach.« + +Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden Leids. »Gott, Fritz, +was gibt’s denn?« fragte sie. + +Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im Buchenhain waren, den die +Badedirektion mit dem Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er +nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während er rasch, als +wolle er es von der Seele haben, und mit kurzen Unterbrechungen sprach. + +»Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. Die ganze Familie ist +dagegen – ich habe mich mit allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen +wollte; aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht und auch +nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel auf dem Spiel – gerade jetzt ... +Du mußt mir nicht böse sein, Dörthe – ich habe es immer gut gemeint und +dich lieb gehabt – und wir hätten ja auch so gut zusammengepaßt – aber +– du hättest bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: nein, +ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die Hochzeit versprochen. +Mit beiden Fäusten ist er da auf mich losgefahren und mit Augen wie +Teller so groß – Dörthe, an mir liegt es ja nicht – es liegt nicht an +mir ...« + +Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch zu Herzen, dieses +Abschiednehmen. Aber er war noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben, +sich gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von vorn an, von der +Gegnerschaft der Eltern und den wütenden Augen des Vaters und dem ewigen +Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er sei abhängig von dem +Alten sowohl wie auch von Albert, der jetzt das große Wort in der +Familie führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm nichts genützt. Und +dann kamen wieder die wütenden Augen des Vaters an die Reihe – »wie +Teller so groß«. + +Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war wie vom Schlage getroffen. Aus +ihrem Gesicht war alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie an +seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung von den gegen sie und ihr +Glück gerichteten heimlichen Treibereien, und in der Engigkeit ihres +dummen, kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal gemerkt, wie +man sie mit kluger Politik in letzter Zeit vom Gasthause fernzuhalten +suchte. Anfänglich fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des auf +sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr, daß ihre Augen trocken +blieben und ihre Lippen schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und +die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden, weiter und weiter +sprach, immer mit den gleichen Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da +schäumte ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug und über +die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten in ihr auf; sie riß sich +von ihm los und schrie: + +»Nu sei doch man still! Ich hör’ ja schon! Ich weiß ja schon alles! +Pfui, bist du gemein! Du hast’s gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß +drauf gewartet, daß –« + +Und dann brachen die Tränen hervor, in Strömen und unaufhaltsam. Sie +warf sich auf die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte und +wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr hinabbeugte, um sie mit +einigen schlecht angebrachten Trostworten aufzuheben, schlug sie nach +ihm und schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren, er sei +ein elender Lump, er möge heiraten, wen er wolle, oder wen seine Eltern +für ihn aussuchten – er ließe sich ja doch nur am Gängelbande führen +wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete sich wie unsinnig und blieb auf +der feuchten Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch zuckte. + +Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am liebsten wäre er +davongelaufen – nach Hause, zu Vater und Mutter und Albert; die hätten +vielleicht Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf das rechte Ohr +geschoben, kraute sich den blonden Wirrkopf und blickte hilflos umher. +Es war allgemach dunkel geworden. Am Himmel flammten schon die Sterne +auf. Ein Käuzchen schrie in der Nähe. + +»Dörthe,« sagte Fritz endlich in beklommenem Tone, »Dörthchen – hör +doch man zu – ich bin ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn’s bloß +auf mich ankäme –« + +Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr ganzes Gesicht hatte sich +verändert. Der Schmerz verzerrte es und grub seine Linien in das +niedliche Oval; die Augen blitzten. + +»Ist’s wahr, Fritz – bist du mir immer noch gut?« + +»O Gott!« erwiderte er und versuchte, sie zu umfassen. + +Aber sie entglitt ihm. + +»So wirst du noch einmal mit den Alten und mit Albert sprechen,« fuhr +sie energisch fort, und doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder +Angst. »Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht mehr zurückkönntest, daß +du kein Lump sein wolltest, daß du darauf beständest, dein Wort zu +halten, und wenn’s auch zu wer weiß was käme! Wirst du das tun? Fritz, +bist du denn nicht ein Mann?!« + +Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie stieß mit ihren beiden +Händen nach seinen Schultern, als wollte sie auf seine Kraft und Stärke +pochen, drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie eine +Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein. + +»Bist du nicht ein Mann?!« schrie sie abermals. »Und fürchtest dich vor +Vatern und vor seinen großen Augen! Und vor Albert, den du mit einer +Hand aufheben kannst! – Was ist denn, wenn du ihnen nicht gehorchst? +Bist du nicht ausgewachsen und mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn +Vater nur spricht – du Feigling, du Bangebüchse!« + +Sie begann wieder zu schimpfen und dann von neuem zu weinen. Ihre +Energie war verraucht. Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn +behandelte, entzündete doch seinen Stolz. O – eine »Bangebüchse« war er +nicht! Um des lieben Friedens willen hatte er nachgegeben, aber noch war +nicht aller Tage Abend. Schön also – er würde nochmals mit dem Alten +sprechen, »ganz verflucht« würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten +sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und mündig? + +Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen Gliedern zitterte, nahm +er sie mit raschem Entschlusse auf seine Arme und trug sie so durch den +Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme, wie ein kleines +Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist, und das ein barmherziger Junge +unter die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zu nehmen. Und +wirklich – ihr wurde auch warm. Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und +sie hörte sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte sie, und +frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das war die letzte Stunde Glücks +der Dörthe, da er sie heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis +immer tiefer hinabsank. + +Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche Szene bei den Möllers. +Vater und Sohn waren handgemein geworden. Und da hatte die alte Möllern +die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, den Kolben gegen den Leib +gedrückt, auf Fritz angelegt. Albert war dazwischengesprungen. + +Das Ende war, daß Fritz sich kraftlos ergab. Er saß mit blassem Gesicht, +das Haar in die Stirn hängend, am Tisch und schrieb den Brief, den +Albert ihm diktierte: + + + »Liebe Dörthe! + +Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir hiermit zum letztenmal, und +damit Du auch weißt, warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen +der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen an mich, liebe +Dörthe, denen ich nachkommen muß. Willst Du noch mehr darüber wissen, so +wende Dich an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles +auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen wir uns beide +geduldig unserm Schicksal fügen und uns möglichst wenig zu sehen +kriegen. Das ist das beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht +mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher einen andern guten +und lieben Mann bekommen, den Dir von Herzen wünscht + + Dein Fritz.« + + +Die verschiedenfachen »liebe Dörthe« hatte der Schreiber aus eigner +Machtvollkommenheit eingefügt. Gern hätte er am Schlusse gesagt: »Dein +Dich immer noch lieb habender Fritz« –; aber Albert schaute ihm auf die +Finger, auf denen die ungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen +hinterließ. + +Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man wußte, daß Dörthe +allabendlich ihren Vater besuchte, und wollte auf dem Baronshof keinen +Skandal erregen. + +Das Mädchen war noch nicht da, als der Brief abgegeben wurde. Tante +Pauline nahm ihn in Empfang und betrachtete ihn mißtrauisch. Dann holte +sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte sich damit an das Fenster, +durch das der letzte Schein des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig, +was das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond. + +Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug beiseite, reinigte +den Hobel, mit dem er hantiert hatte, und fegte dann die Späne zusammen. +Er war im Begriff, seine Schürze abzubinden, als es an die +Fensterscheiben klopfte und die fröhliche Stimme Dörthes ihm zurief: + +»Feierabend machen, Vater!« + +Im nächsten Augenblick hörte er den Widerhall ihrer Pantoffeln auf den +Steinen des Hausflurs und dann eine Tür schlagen. Dörthe ging in die +Wohnstube. + +Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie da nicht jemand? + +Er stürzte hinüber. Nur der schmale Flurgang trennte die Werkstatt von +der Wohnstube, in der Tante Pauline bereits die Lampe angezündet hatte. + +Dörthe saß am Tisch und hielt den Kopf mit den Armen umschlungen. +Schweigend deutete Tante Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres +Lächeln zuckte um ihre scharfen Lippen. + +»Lies mal,« sagte sie; »vor fünfundvierzig Jahren – da hat mich der +alte Möller grad’ so sitzen lassen.« + +Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen und zerschmettert, +trat Klempt unter die Haustür. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht +sehen, tausend Wunden bluteten in ihm. + +Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag. Golddurchflimmerte +Dämmergewebe umspannen das Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen +in duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine Nebel auf, +streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste +und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag schon völlig im Nebel, in +einem wogenden, milchigen Meer. + +»Wegen der Quelle!« + +Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen +Mann wütend machte, ballte Klempt die Hände und erhob sie drohend und +schüttelte sie nach der Richtung des weißen Nebelsees, in dem der +Kurpark versank: »Verfluchte Quelle!« + + + + +Zwölftes Kapitel + + +Ende Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, das viel +besprochen wurde und Aufsehen erregte. Braumüller, der sich das Trinken +angewöhnt, seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines Nachts wieder +einmal in vollem Rausche nach Hause getorkelt, hatte den Weg verfehlt +und war in eine Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, und +die man am Abend vorher unglücklicherweise vergessen hatte mit Brettern +zu bedecken, wie es sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der +Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen; vielleicht hatte +ihn auch schon beim Sturze ein Schlagfluß getroffen. + +Für Hellstern war der arme Braumüller ein »neues Opfer der Kulturmission +von Oberlemmingen«. Braumüllers Untergang war seiner Ansicht nach die +logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den +Möllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich +herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen; +aber dann erfaßte ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte +sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit der Trunksucht +anheimzufallen. + +Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit +einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die +bei ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, daß das +unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger +Rückwirkung auf die Bauern war. Man ernährte sich recht und schlecht auf +seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurück +und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter +Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei fröhlichen Muts. +Und nun sah man plötzlich, daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als +das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Großvater +übernommen hatte. Die Möllers machten es den andern vor. Die hatten den +Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute geworden, und sie wurden +reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein +kümmerliches Leben, das man bis dahin geführt hatte? – Thielemann, der +Krämer, hatte für sein Gehöft ein hübsches Stück Geld eingesackt; nun war +er nach Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung. +Das war _auch_ ein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht +dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit +Sonnenaufgang aus den Federn mußte und des Abends todmüde ins Bett sank? + +Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Töchter, die sich der +revolutionären Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen. +Sie steckten sich hinter die Männer und redeten in sie hinein: warum +verkaufte man nicht? Die Möllers zahlten gute Preise – mit dem +gewonnenen Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften +die Möllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als +einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze +Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen. +Auch sie wollten Logierhäuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und +wurden »Unternehmer«. Das füllte besser die Kassen. Aber die Möllers +ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach +das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats +zu schwächen. Wenn den Möllers das Terrain rings um die Quelle gehörte, +wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, von +allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann mußten +sie trotz der Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger bleiben. +Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu +übertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine +des Unternehmens in die Hände der Familie zu bringen. Das war ein +schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein +Kredit war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; selbst die +größeren Banken verhielten sich Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend +wie früher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte, +was zu kaufen möglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner +geschäftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine +prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab, +sondern nur noch »Gäste«, die das Tal überströmten und Gold in Massen +zurückließen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den +Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er +spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof +sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der +Anfang; man wollte Hellstern das Leben schwer machen, man kannte seine +Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen +sollten ihn forttreiben. + +Um all diese Ideen und Machenschaften der Möllers kümmerte sich der +Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine +Logierhäuser bauen und sie an die Badegäste vermieten. Aber die Brauerei +hätte er gern in die Hand genommen; er ärgerte sich, daß Albert ihm +zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdruß in dieser letzten Zeit. Eines +Tages traf Hagen auf dem Auberge ein – unerbeten und unerwartet – und +brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen. + +Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natürlichen Takt, und +das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie war +auch lernbegierig und anpassungsfähig; man hatte ihr im Pensionat schon +beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten +Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, daß +sie sich mit einer beständigen inneren Angst abmühte, korrekt zu sein +und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu +den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte nach bester Etikette +mit Messer und Gabel und ließ die Serviette zusammengefaltet neben sich +liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und +wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rückte auf ihrem Stuhle +hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor +Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte nie, wo sie ihre +Hände lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war +der Eindruck, den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien +weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache +Unterredungen mit ihrem Gatten, der während der Konferenzen stets +aufgeregt im Zimmer umhermarschierte. + +»Es ist nichts zu machen,« sagte die Rätin sanft; »Hagen bleibt fest. +Und vielleicht ist es wirklich sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?« + +»Trotzdem ist es schrecklich,« antwortete Schellheim grollend. +»Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner wäre! Ausgesucht +Straßenbahnschaffner!« ... + +Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein eigner Großahn noch mit dem +Packen auf dem Rücken die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der +Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich einen +Straßenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mußte aus Berlin +fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man möglichst wenig mit +ihm in Berührung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester +übersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der +Fabrik eine auskömmliche Stellung geben; er hatte da auch einen +bequemeren Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ... + +Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle +aufgegeben, um sich in größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu +können. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glänzenden +Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr +bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres +Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes; +der Ruhm zog vor ihm her. Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof +die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen? + +Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof war wieder aufgenommen +worden, aber er blieb in höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim +verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen +wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten +gewußt, daß er öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte er ihr +auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber und beglückwünschte ihn. +Das klang herzlich, aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht +hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht, +dies stolze Mädchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch +ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen +er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte. + +An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Döbbernitz eingetroffen. +Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte +auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. Ein eleganter +Parkwagen, prächtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda. +Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer +Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und +Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den +Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich über das +Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei +der leisesten Erkältung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder +ein – aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach +Döbbernitz nehmen könne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse +gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen +Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen; +Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und »in bester +Emballage abliefern, wie ein kostbares Püppchen aus #vieux Saxe#«. + +Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre lächerlich gewesen, wenn er +sich um Hedda hätte sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja – +wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz gewesen wäre! Nicht um alle +Schätze der Welt würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine Stunde +anvertraut haben! + +So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie +kannte er Heddas Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie +sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren +Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen. +Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes +Flüstern und lindes Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm +anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die +Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden +Frühlingspracht, bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem lichtgrünen +Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der +Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im +glühenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den +Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein köstliches +Dämmerlicht herrschte – im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und +der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich +zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald +melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn +durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre +Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ... + +Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück – da sah man Döbbernitz +liegen! Vom Schloßturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische +und die schwedische – »dir zu Ehren, Hedda,« sagte Axel und nahm den +Hut ab. + +Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es +beschwerte etwas ihr Herz – sie wußte selbst nicht so recht, was es +war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß sie an +ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten, +er säße noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren für +sie ... + +Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof. Diener sprangen +herzu; unter dem Portal erschien ein älterer Mann in einfachem +Livreerock: der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier wieder +Ordnung und Reichtum herrschten. + +Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie dankte. Nun begann der +Rundgang durch das Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber +Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über dreißig Zimmer und +Säle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen +Mitteln ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein +gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Führung übernommen. +Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda +unfaßlich, daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, lediglich +auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und +entstehen lassen können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz leicht +war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretär, einen +kundigen und tüchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm +hatte er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und +Musterbücher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen +seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die +gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Döbbernitz +geschafft war, außerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da +zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden +war.... »Ich habe sonst keinerlei Passionen,« sagte Axel, »wirklich gar +keine, aber meine Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel, +Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. Meine Freunde +behaupten immer, ich hätte den ›kunstgewerblichen Pips‹ – das sei eine +ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, daß diese Vorliebe auf +mein einsames Leben in den letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir +eine ernsthaftere Beschäftigung nahelegte, und da warf ich mich denn so +ein bißchen auf die Kunst. Übrigens siehst du, daß noch überall Lücken +sind. Und das paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und +Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert nämlich dann und +wann sogar eine gewisse Überlegung ... Sage mal, Hedda« – und Axel +blieb stehen –, »fällt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an +meiner Sprache?« + +Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter +herzlichem Lachen. + +»Ach ja – das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat +dich das gelehrt?!« + +»Auch mein Sekretär – das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden +Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr +unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer merktest! ... Siehst du, +das ist der große Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der +Eindruck ist immerhin schon ein ganz hübscher – nicht wahr?« + +Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen Chorstühle waren +florentinische Arbeit; er hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in +Venedig abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos paßten sie +mit ihren massiven und doch auch schlank und edel wirkenden Formen +ausgezeichnet in den großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster +hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen bestanden aus +geschorenem rotem Burgundersamt mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An +einer Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank, auf dem +ein paar köstlich gearbeitete Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf +Stühlen und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration verwandt +werden sollten, Brokate und Samtdecken, alte Kaseln, Stücke von +Meßgewändern mit geometrisch geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin +war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit herrlichen Musterungen +übereinandergeschichtet worden, daneben häufte sich ein Wirrwarr alter +Seidenfransen, Silberspitzen und schwerer Quasten auf. So sah es in den +meisten Zimmern aus; die ganzen Sammlungen Axels waren hierher geschafft +worden und sollten Verwendung finden. + +Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es machte ihm sichtlich +Spaß, Hedda seine Schätze zu zeigen; er wußte auch gut Bescheid, +erinnerte sich genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte, +erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr aufgeräumt. + +Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen und Umherwandern. + +»Du sollst dich ausruhen,« sagte Axel, »aber in deinen Zimmern. Ich +schrieb es dir ja; ich habe für dich und den Onkel ein paar Räume +einrichten lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, und ich bin +froh, daß ich meinen alten Plunder unterbringen konnte.« + +Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden Flügel. Dort lagen +die vier Gemächer seiner »Ehrengäste«, wie er sich ausdrückte: ein +Empiresalon mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda, und ein Wohn- und +Schlafzimmer für den Onkel. + +Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat. Die wunderschöne alte +Empiregarnitur, die hier aufgestellt worden war – die Sessel aus +Palisander mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug, der +Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen und seinem zwischen +Alabastersäulen hineingebauten Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die +Vitrinen und schön gestickten Paravents – all dies entzückte sie nicht +so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr entgegenschlug, und der +Blumenflor, der sich vor ihr auftat. Überall standen in Vasen und +Gläsern frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur Herbstzeit diese +Blütenfülle herbeigeschafft hatte. Aus einem hohen Kelchglas mit +gedrehtem Schaft quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer +großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen; aus einer Vase von +Meißener Porzellan blühte es flammend rot empor, aus einer andern +burgunderfarbig und wie Atlas schimmernd, und wieder aus einer ganz +weiß, gleich frisch gefallenem Schnee. Es war zauberhaft. + +Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben und hatte die Hände über der +Brust gefaltet. Ihr Auge strahlte. + +»O wie schön – wie schön!« sagte sie flüsternd. + +Er lächelte glücklich. + +»Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude bereiten konnte,« +antwortete er. »Das Zimmer kam mir noch so kahl vor – so unbewohnt –, +und ich weiß, du liebst die Rosen ...« + +Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige Aufmerksamkeit stimmte sie +weich. Sie streckte ihm beide Hände entgegen. + +»Lieber Axel« – und nochmals wiederholte sie: »Lieber Axel!« + +Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme, vielleicht der weiche +Ausdruck ihres Auges, der ihm Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen +und bedeckte ihre Hände mit Küssen. + +»Hedda,« stammelte er, »sei meine Herrin! In der Hoffnung auf dich +erwarb ich diesen Besitz. Schau dich um – alles sei dein! Es sind nur +irdische Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. Es sollte +meine Heimat werden, doch ich fühle es, ich habe keine ohne dich. Woran +lag es, daß ich so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz liebeleer +war! Ich habe mein halbes Leben hinter mir und – o Gott, wie war es öde +und frostig! Ja, Hedda – jetzt bin ich erst meines Lebens froh geworden +und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit verjagt, und erst deine +Liebe wird mir die Heimat schaffen!« + +Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er sah es, sprang auf, +umschlang sie und führte sie an den nächsten Sessel. + +»Ich war stürmisch,« fuhr er fort, »vergib mir! Ich wollte noch warten +und langsam um dich werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu +gewinnen suchen, aber – es kam so plötzlich über mich, als du mich +›lieber Axel‹ nanntest! Und es ist auch ganz gut – ich hatte Furcht vor +dieser Stunde –, ja, ich gestehe es – nun hab’ ich es hinter mir.« ... +Er setzte sich zu ihren Füßen.... »Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst +prüfen und überlegen –, ich will keine Antwort von heute zu morgen.... +Ich kann ja auch nicht verlangen, daß du mich so liebst wie ich dich – +aber vielleicht lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, wenn du +mir nur Hoffnung gibst.... Und passen wir denn nicht auch zu einander, +Hedda? Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? Lockt dich nicht +auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen Besitz wieder zu Frucht und +Blüte zu bringen?« + +Er sprach noch weiter. Es mußte alles von seinem Herzen, was er an +Hoffnungen und frohen Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah, +wie dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm entfachten, +seine guten und treuen Augen erstrahlen ließ, wie es gleich +Frühlingssonnenschein über sein hübsches und vornehmes, schmales Gesicht +flutete. Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete schwer. + +»Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit gibst,« antwortete sie. »Ich +bedarf ihrer; es kam mir alles zu unerwartet.... Und – und – die Rosen +duften so stark ...« + +Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und riß dann ein Fenster auf. +Unten dehnte der weite Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes – +eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, noch grüne +Rasenflächen, schillernde Teppichbeete, rotes Weinlaub. Darüber hinweg +sah man auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung war in +vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe herüber erscholl der Lärm der Arbeit. + +O ja – das alles lockte! + + * * * * * + +Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. Sie hatte Axel gebeten, sie +nicht zu begleiten; es wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich +vor dieser Fahrt durch den Wald – zu zweien. Sie mußte Ruhe haben, um +zu sich selbst zu kommen, um überlegen und nachdenken zu können. + +Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet hätte. Schon +bei seinem ersten Besuche im Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen, +als hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war der dritte! Erst +Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte – +ach, einer nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! Konnte sie +Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig +in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er +hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine +Stellung geschaffen haben würde; mit diesem Versprechen war er von ihr +geschieden. Darüber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er +verspiele seinen Erlös aus dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische +Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren? +Hatte nicht vielleicht wirklich schon drüben in Amerika der »Fron« für +ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen sollte? + +Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hörte schon den +Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich werden an +der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von +seltener Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne +des Worts. Und ganz zweifellos – auch sein Reichtum sprach mit ... + +Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde sie in Döbbernitz nicht +täglich und stündlich an Klaus erinnert werden? Würde es nicht eine +ewige Qual sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht ausreißen +– warum mußte sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!? + +Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller +Miene einen Brief. Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage +stand: »An Baronesse Hedda Hellstern. Persönlich zu erbrechen«, so +glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in +die Hände des Herrn Barons gelangen ließ. + +Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie +erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose +Schrift. Hastig stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert +auseinander. + +»Ich muß dich sprechen,« schrieb Klaus, »es handelt sich um meine +Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten +Stelle am See. K.« + +Um fünf Uhr – da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen +Augenblick. Sie überlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt +sei; sein Leben stand auf dem Spiel – was gab es da noch zu überlegen! + +In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei wunderschön geworden auf +Döbbernitz, erzählte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich +sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle daher noch auf +ein halbes Stündchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort +kommen konnte, war sie schon fort. + +Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie ihre Uhr in die Hand. Es +fehlten nur noch zehn Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts – +gedankenlos, in fieberischer Aufregung. Wieder war der Wind erwacht und +rauschte im Gezweige. Große Massen falber Blätter rieselten auf sie +herab. Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über den Weg. + +Gottlob – da war der See! Blaugrau, mit Gischt übergossen und stark +bewegt, tauchte er zwischen den Stämmen auf. Und da war auch Klaus! + +Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon aus der Entfernung fiel es +Hedda auf, daß sich sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande +befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, verwüstet; tiefe +Schattenringe umgaben die Augen. + +Er stürzte ihr entgegen. + +»O Hedda – Gott sei gelobt!« + +Er haschte nach ihren Händen und wollte sie küssen, doch sie entzog sie +ihm. Es stürmte gewaltig in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe +heucheln. + +»Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?« + +»Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es war eine Verrücktheit. Ich +hätte unten bleiben oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte +dich noch einmal sehen –, noch einmal – das letzte Mal – ich verging +fast vor Sehnsucht!« + +»Klaus – warum lügst du?« + +Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte. Alle Nerven in +ihm schienen bis zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln blitzten in +seinem Gesicht, seine Hände flogen. + +»Lügen – nein, ich lüge nicht,« stieß er hervor. »Ich – ich muß auch +wahr sein! Also ich kehrte zurück –, die Torheit ist einmal geschehen. +Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß – daß ich verfolgt +werde – daß man mich sucht –« + +Hedda starrte ihn mit großen Augen an. + +»Verfolgt – aber von wem?« + +»Von den Behörden ...« Nun hatte er doch ihre Hände ergriffen und hielt +sie mit seinen heißen Fingern fest, während seine Augen sich mit +unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ... »Hedda, ich habe mich zu +einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe +mich – aber rette mich – hilf mir!« ... Und stöhnend brachte er die +furchtbare Selbstanklage heraus: »Ich habe die hinterlassenen Papiere +meines Vaters nach dem Auslande verkauft.« + +Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das +Verständnis für die Schändlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten +Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, daß +sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie +nichts von politischer Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte die +wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine +ausländische Regierung verkauft ... Und plötzlich glaubte Hedda auch den +Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden +zu haben. Die beiden wußten um die verschwundenen Papiere und mochten +ahnen, wohin sie gebracht worden waren ... + +O Schmach – Schmach! + +Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, vor dem verkommenen Mann. +Es war ihr, als hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner +Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrücken und zu +vernichten. Eisig durchströmte es sie. Ihre Finger krampften sich +zusammen, und in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl +heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und dröhnte in ihrem Kopf, +und dabei hatte sie doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig +bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und sich bei mechanischer +Spielerei allmählich zu beruhigen, riß sie ein paar Gräser aus und +zerpflückte sie. + +Und dann brachte sie mühselig hervor: »Ich will nicht rechten mit dir. +Wie kann ich dir helfen?« + +Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer +Atemzug seine Brust. + +»Ich muß morgen über die Grenze sein,« sagte er schnell und halblaut, +als fürchte er, auch hier belauscht zu werden. »Aber ich habe kein Geld. +Ich habe verdammtes Pech gehabt – da unten. Geh zu Schellheim und laß +dir ein paar tausend Mark für mich geben – fünf, sechs genügen –, er +wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem +alten Jagdhause in der Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis +Mitternacht.« + +Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, wie auch in ihrem +Herzen alles erloschen war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend. + +»Gut,« sagte sie tonlos, »du erhältst das Geld.« Und ohne Lebewohl +wandte sie sich um und ging. + +Er sprang ihr nach. »Hedda,« keuchte er, »kein Abschiedswort, kein –« + +Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja – jetzt kam wieder Leben in +das tote Auge; es sprühte und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch +und groß stand sie vor ihm. + +»Nein,« antwortete sie hart. »Kein Abschiedswort! Daß du den großen +Namen deines Vaters entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du +deine Liebe niedertratst – alles hätte ich dir verzeihen können. Denn +meine Liebe ist stärker als deine. Aber für den Schuft, der um feiles +Geld sein Vaterland verrät –« + +Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den die Peitsche trifft. Und +da sprach sie nicht weiter. Sie ging. + +Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete, daß sein Blick ihr noch +folgte. Aber dann, als Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der +See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen. Geknickt, keuchend +und nur mit Mühe schleppte sie sich vorwärts. Und der Herbststurm +brauste stärker durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel. + + * * * * * + +Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda bei sich eintreten sah. +Aber ihm entging nicht ihr erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der +bittere Zug in ihrem Gesicht. + +»Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Pastor,« begann Hedda, dankend +den Stuhl ablehnend, den er ihr zugeschoben hatte. + +»Sie ist schon gewährt, liebes Kind – wenn nämlich ihre Erfüllung in +meiner Macht steht.« + +»Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere Kapitalien liegen, Sie +bedürfen ihrer für Ihren Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen? +Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die Summe bei Ihnen nicht +erhalte, würde ich auf das Auschloß gehen.« + +Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war das einzige, was er nicht +erwartet hatte. + +»Allerdings,« erwiderte er, »ich habe das Geld liegen. Und ich gebe es +Ihnen auch, aber ich muß Ihnen gestehen –« + +Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm entgegen und erfaßte seine +Arme. Sie lag fast an seiner Brust. + +»Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!« rief sie, während ihr ganzer +Körper bebte und ihr Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem Antlitz +hing. »Fragen Sie auch nicht, wozu ich die Summe brauche! Ich gebe Ihnen +mein Wort – ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in drei, vier Monaten +zurückerstatte – vielleicht schon früher –« + +Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit +auf die Stirn. + +»Mein liebes Herz – was gilt mir das Geld, und was sind mir diese paar +tausend Mark!« sagte er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren +Scheitel. »Was mich beunruhigt, ist lediglich die Tatsache, daß Sie es +erbitten – und sicher doch nicht für sich selbst –« + +Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein Gesicht wurde sehr ernst; er +schaute Hedda forschend in die Augen. + +»Hedda – ist Klaus wieder zurück?« + +Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und trat zurück. + +»Dann keinen Pfennig,« sagte er rauh. »Ihm nichts mehr – nichts!« Und +plötzlich strömte wieder seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in +allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in warmen Wellen durch sein +Herz. »Hedda,« rief er, »wie konnten Sie vergessen, was Sie mir +versprochen hatten – schon vor zwei Jahren –, dieser Ihrer unwürdigen +Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig, denn Klaus ist schlimmer +gewesen als leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere seines +verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war der beste Freund des Alten +und habe gewußt, welch reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern +und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber als nach seinem Tode die +Regierung kam, um diese Papiere einzufordern, da fand sich nur +Unwichtiges und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war gerade so +erstaunt darüber als ich, – und als dann Klaus auf einmal, mitten im +Zusammenkrachen, auf Wochen verschwand, um mit den Taschen voller Geld +wieder heimzukehren, da dämmerte ein furchtbarer Verdacht in uns beiden +auf ... Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in Auge stehen +sollten, dann fragen Sie ihn einmal, ob er nicht mit den Papieren seines +Vaters einen ehrlosen Schacher getrieben habe!« + +Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; sie nickte mit abgewandtem +Kopfe. + +»Er hat es,« erwiderte sie dumpf. »Er hat es mir selbst anvertraut – +und ich soll ihm über die Grenze helfen.« + +Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche und reichte es Eycken. + +Der Pastor überflog es. »Er fürchtet, daß man seine Schande entdeckt +habe?« + +»Er sagt, man verfolge ihn bereits.« + +Eycken pfiff durch die Zähne. »Und wer soll ihm das Geld bringen und +wohin?« + +»Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen Jägerhaus – unten, in der +Döbbernitzer Schlucht. Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem +Vater früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte ich mich selbst +hinausschleichen zum Jägerhaus – wen sollte ich denn schicken, ohne daß +es aufgefallen wäre?!« + +Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. »Gehen Sie nach Hause, Hedda,« +sagte er. »Sie sollen ihn nicht mehr zu sehen bekommen – nie wieder! +Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in Ihnen lebt –, er ist +fürderhin tot für Sie!« + +Hedda sank an des Greises Brust. »Für ewig,« schluchzte sie, »ich weiß +es –, aber beweinen kann man doch seine Toten!« + +»Ja, Hedda – weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden – Sie +werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit +Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser Gott der Liebe, und Ihnen +überwinden helfen!« + +Er drängte sie sanft zur Tür. + +»Ich will mich beeilen. Ich geh’ selbst zum Jägerhause und werde Klaus +das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes +Wort von mir hören« – er hob dräuend die Rechte und reckte sich – »als +Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will +ich ihm sagen, wie ich über ihn denke!« + +Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. Draußen umbrauste der Sturm +das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von +der Werbung Gunthers erzählt hatte, und als sie im Auschlosse nach +länger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen war. +Und wie damals wälzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und +eine wilde Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus +bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn +verschloß ihm für immer die Rückkehr in die Heimat. Eycken hatte recht, +wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda die +Frage auf: Wär’ es nicht besser gewesen, sie hätte ihn bei seinem +Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den +Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten? +Freilich – vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur +eine Lüge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge – selbst +seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. Denn sonst hätte er sich +aufraffen und zu besserem Leben durchringen müssen, hätte nicht so +erbärmlich tief sinken können. Wo spürte man an ihm etwas von der +reinigenden Kraft einer großen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt, +sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige +Wellen ihn höher und höher umschlugen? + +Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei +machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben, +als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, nach Sühne und +Entsündigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefühl der +Erniedrigung, das in ihr aufquoll? – Die stille Vornehmheit seines +Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit Zernins. +Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Sühnen der +Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann +glücklich zu machen. + +Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit Ungestüm brauste der Wind +durch den Park und fauchte und heulte – fauchte und heulte auch um das +verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer Schlucht, in dem sich +zu dieser Stunde zwei Männer mit blitzenden Augen und zorngeröteten +Gesichtern gegenüberstanden. + + + + +Dreizehntes Kapitel + + +Am andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber dafür +hatte sich der Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden +Augenblick drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische Stimmung lag über +der Natur. + +Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte schon das Feuer. Der Baron +saß in seinem großen, dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und +rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht seiner Tochter gefiel ihm +nicht. + +»Hast schlecht geschlafen, Hedda – he?« fragte er. + +»Ja, Papa – der Sturm war arg –« + +»War arg, hast recht – ich konnte auch keine Ruhe finden. Und heute +früh um sechs Uhr ging schon wieder das Hämmern und Pumpen und Schnauben +in der Brauerei los. Auf das Wetter scheint der Halunke, der Möller, +keine Rücksichten zu nehmen.« + +»Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach sein. Die Arbeiter haben +einen schweren Stand. Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das +Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser unterspült worden.« + +Der Baron lachte höhnisch auf. + +»Gute Vorbedeutung – haha! Aber ich habe mir vorgenommen, ich will mich +nicht mehr ärgern. Mögen sie bauen, was sie wollen! – Erzähle von +gestern, Hedda!« + +Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann wandte sie sich, wie unter +der Eingebung eines raschen Entschlusses, an ihren Vater. + +»Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen wollen, Papa,« +sagte sie, mit ihren Fingern in nervösem Spiel ein Stück Brot +zerkrümelnd, »weil ich mir noch einige Stunden ruhiger Überlegung gönnen +wollte. Aber es muß doch einmal gesagt sein. Axel hat mir bei +Gelegenheit meines Besuches in Döbbernitz einen Antrag gemacht.« + +Dem Alten fiel der Teelöffel aus der Hand. Aber er ärgerte sich über +sein Erstaunen und tat kaltblütig. + +»Also doch,« antwortete er. »Ich sah es eigentlich kommen.« Dann schaute +er Hedda abwartend an, und als sie schwieg, hämmerte er ungeduldig mit +der Faust auf den Tisch, daß Tassen und Teller klirrten. »Na und?! Herr +des Himmels, so sprich doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du – +hast du ja gesagt?« + +»Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin über Nacht zu dem +Entschluß gekommen, ihm keinen Korb zu geben.« + +Ein unterdrückter Jubellaut antwortete ihr. Hellstern hatte sich erheben +wollen, doch fiel er wieder schwer in seinen Sessel zurück. + +»Komm her,« rief er, »ich alter Elefant kann mich kaum noch rühren! Aber +ich muß dich umarmen! Meine Hedda – mein Liebling!« + +Sie kniete ihm zur Seite und er küßte sie auf Stirn und Haar und +streichelte ihre Wangen. Die Tränen rannen ihm in den struppigen Bart. +Auch sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm seine Hand und +führte sie an ihre Lippen. + +»O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt hätte!« stammelte er. +Und dann wurde er ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen, wie +sich die Liebeserklärung abgespielt habe. Er fragte Hedda nach allen +Einzelheiten. Sie erzählte in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob +sie einen Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er war an ihre +»ruhige Vernunft« gewöhnt. Er war glückselig. Über sein altes Gesicht +blitzte und leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam noch +einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage! Konnte er sich für seine +Einzige ein besseres Los wünschen? Axel war reich, unabhängig, ein +Ehrenmann und ein Prachtmensch – im übrigen schien er ja auch wieder +gesund geworden zu sein. Und dazu Döbbernitz, der alte Hellsternsche +Sitz, die unmittelbare Nähe! Er schob seine Tasse mitten auf den Tisch. + +»Wir müssen Axel Nachricht geben,« sagte er. »Ich selbst werde ihm +schreiben – das scheint mir das richtigste zu sein. Ich schreibe in +deinem Namen und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn zum +Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?« + +»Karbonade und Rotkraut,« antwortete Hedda. Unwillkürlich mußte sie +lächeln. »Das wird Axel ziemlich gleichgültig sein.« + +»Glaub’ ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem – zur Feier des Tages +müssen wir das Menü ändern. Sieh zu, daß du etwas Besseres auf den Tisch +bringst. August soll anspannen und meinen Brief nach Döbbernitz +bringen.« Er rührte gewaltig die Klingel. + +August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen der Lampen und wischte sich +die öligen Finger an der Schürze ab. + +Der Baron schmunzelte. + +»August,« sagte er, »ich wünsche, daß du heute nicht dein gewöhnliches +dummes Gesicht machst. Und weißt du, warum ich dies wünsche?« + +»Nein, Herr Baron,« antwortete August und schüttelte heftig den Kopf. + +»Dann hör zu, ich will es dir sagen. Weil heute ein Fest- und Ehrentag +für den Baronshof ist. Wisch dir das Maul ab und küsse dem gnädigen +Fräulein die Hand, denn das gnädige Fräulein hat sich mit dem Herrn +Baron Axel von Hellstjern auf Döbbernitz verlobt.« + +»Mit unserm Vetter aus Schweden!?« jubelte August auf. Und dann +rubbelte er sich wirklich mit dem Handrücken den Mund ab und näherte +sich Hedda mit feierlichen Schritten, räusperte sich und wollte ihr in +wohlgefügten Worten gratulieren, denn es schien ihm passend, sich bei +dieser Gelegenheit als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda kam ihm +zuvor, erhob sich und schüttelte ihm die Hand. + +»Schon gut, mein alter August,« sagte sie, »ich weiß, wie du es meinst, +und danke dir von Herzen. Und nun hilf dem Herrn Baron und führe ihn in +das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig, einen Brief nach +Döbbernitz zu bringen.« + +Aber August war das Herz viel zu voll, um sich schweigend verhalten zu +können. Während er Hellstern unter dem Arm packte und nach der +Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern. + +»Das hab’ ich gewußt, Herr Baron,« sagte er, »so gewiß vier mal vier +sechzehn ist – das hab’ ich gewußt. Ich habe doch meinen Blick! Gleich +damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier war, da hat er das +gnäd’ge Fräulein immer so angesehen, und da hab’ ich schon mit Gusten +drüber gesprochen. Sie können Gusten fragen, Herr Baron.« + +»Auch noch,« brummte Hellstern; »ich werd’ in die Küche gehen.... Knuff +mich nicht so in den Arm! Daß du dir nachher ein reines Vorhemdchen +umbindest, wenn du nach Döbbernitz fährst!« + +»Fährst? Soll ich denn fahren?« + +»Ja natürlich. Und du nimmst das gute Geschirr. Und in Döbbernitz +wartest du auf Antwort. Es braucht aber noch nicht überall herumerzählt +zu werden, das mit der Verlobung.« + +»Gott bewahre! Ich weiß schon – erst wenn das Offiziellum da ist.« + +Aber noch vor dem »Offiziellum« wußte man im Souterrain bereits von der +Verlobung. Zuerst gratulierte die Guste und dann Dörthe, die dabei in +einen Tränenstrom ausbrach. Das blasse Gesicht Dörthes und ihr +verändertes Wesen waren Hedda bereits aufgefallen. + +»Aber Kind,« rief sie, »was hast du denn eigentlich?! Ich kenne dich gar +nicht wieder. Wo sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen +Augen?!« + +Dörthe hielt die Schürze vor das Gesicht und weinte noch immer; sie war +in eine Ecke der Küche getreten und machte sich am Wasserzuber zu +schaffen. An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise: + +»Ach Gott, gnäd’ges Fräulein, das arme Ding! Ihr Fritze hat sie sitzen +lassen. Die Verlobung ist zurückgegangen. Da sind aber bloß die alten +Möllers dran schuld – und der Albert, das ist ein Kerl!« + +Über Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme. Das +arme Mädchen tat ihr von Herzen leid. Sie rief Dörthe heran und sagte +ihr ein paar tröstende Worte, aber die Kleine war nicht zu beruhigen. + +»Ich überleb’s nicht, gnädiges Fräulein,« jammerte sie; »er will eine +andre heiraten – eine Reiche aus Frankfurt –, und das überleb’ ich +nicht.« + +Mißgestimmt und mit schwerem Herzen wartete Hedda auf ihren Verlobten. + +Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er war auf seinem Bau gewesen +und hatte August vorüberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte August +den Mund nicht halten können. Dem Pastor konnte man es doch immerhin +sagen – so einem alten Freunde des Hauses. + +Eycken glaubte die Plötzlichkeit des Entschlusses Heddas zu verstehen. +Seelische Gründe sprachen dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder +Erinnerung an die Vergangenheit brechen. + +Es war Eycken lieb, daß er Hedda zunächst allein traf. In ruhigem und +liebevollem Tone sagte er ihr seine Glückwünsche, und als er nach ihrem +Dankwort ihren unruhig fragenden Blick bemerkte, zog er sie neben sich +auf das Sofa. + +»Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfüllt, Hedda,« begann er von +neuem, »und da mir daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich noch +einmal den Namen dessen nennen, der auch für mich tot sein sollte. Es +kam zu einer schlimmen Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht +mit starken Worten gespart, und – nun, er gab sie mir zurück. Aber er +nahm das Geld; heut ist er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat +ihm Pferde gestellt und ihm über die russische Grenze geholfen. Er will +nach Amerika.« + +Hedda atmete auf. + +»Gottlob, er ist in Sicherheit,« sagte sie leise und lehnte ihr Haupt an +die Brust des alten Freundes. + +Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zärtlich über ihr Haar. + +»Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda,« antwortete er. »Sie haben +sich frei gemacht und alles abgeschüttelt, was Sie noch an die alte +Liebe band. Aber – Sie haben eine neue Verantwortung übernommen. Werden +Sie ihr gerecht!« + +»Herr Pastor,« entgegnete Hedda fest, »was ich tat, geschah nach +reiflicher Überlegung. Ich habe lange genug mit mir gekämpft. Ich wollte +nicht an der Erinnerung zu Grunde gehen – und ich wollte auch etwas +Gutes tun. Ich lechzte nach einer Guttat, denn ich fühlte mich +erniedrigt und von Scham erdrückt. Fragen Sie mich nicht, wie das +möglich gewesen – es war so! Ich empfand jenes Schande wie eine eigne. +Und so kam ich zu meiner Entschließung. Sie macht zwei Menschen +glücklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen Axel noch nicht. Er ist +vornehm und edel. Sie selbst mögen ihm in jüngeren Tagen geglichen +haben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich ihm geben.« + +Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas Haupt. + +»Gott sei mit Ihnen, liebes Kind,« sagte er. + + * * * * * + +Axel kam mit seinem neuen Viererzug von Döbbernitz, Kutscher und Diener +in großer Livree, er selbst in Frack und weißer Halsbinde, als gehe es +auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem Wesen, der Feierlichkeit des +Tages auch nach außen hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an der +Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort seine schöne +Korrektheit, und er wurde bewegt und gerührt. Das Wasser schoß ihm in +die Augen, als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte kaum zu +sprechen, drückte sie an sein Herz und fühlte wohl, wie sie zitterte. +Und dann fiel der Alte Axel um den Hals, auch sehr gerührt, mit der +ganzen Wucht seiner kolossalen Persönlichkeit, so daß es dem +schmächtigen Axel Mühe kostete, unter diesen bärenhaften Liebkosungen +nicht zusammenzubrechen. + +Die leichte Verlegenheit der ersten Begrüßung war bald überwunden. Man +ging zu Tisch, und ein fröhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde +auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich der Geburtstag +Axels. Hedda meinte, da müsse sie sich mit der Herstellung der +Ausstattung beeilen; es war dies noch ein schwieriger Punkt, da +Hellstern erklärte, er sei nicht imstande, Hedda nach Berlin zu +begleiten. Schließlich wurde verabredet, Tante Jutta zu benachrichtigen. +Dort sollte sich Hedda für ein paar Tage einquartieren und die +Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen. Wenigstens das +Nötigste; das übrige sollte während der Hochzeitsreise in Paris besorgt +werden, denn Axel behauptete, es gäbe gewisse Dinge in der weiblichen +Ausstattung, die man nur in Paris kaufen könne. Er war sehr aufgeräumt +und trank sogar gegen seine Gewohnheit einige Gläser von dem +vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er wurde nicht müde, Pläne zu +schmieden. Die Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem deutschen +Winter zu entgehen; man wollte über Paris nach der Riviera und +Süditalien, vielleicht bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht, +und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf, ihr die tausend +Schönheiten Italiens zeigen zu können. Und dann, im nächsten Sommer, +mache man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem Norden – nach +Jarlsberg, dem alten Stammschloß der Familie, das auch seine Reize habe +– die Schärenwelt, das gischtsprühende Meer, die ganze wildromantische +Umgebung. Aber vor allen Dingen: wie behaglich wollte man es sich auf +Döbbernitz einzurichten suchen und mit welcher Lust an die Arbeit gehen, +diesen hübschen Besitz wieder in die Höhe zu bringen! Bei diesem +Gedanken wurde auch Hedda lebhaft. Ach ja – nach Arbeit, die ihres +Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade eine große Wirtschaft +lockte sie doppelt ... + +Während des Kaffees hörte man einen Wagen vor die Rampe rollen. Landrat +von Wessels ließ sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern auf +ein paar Minuten sprechen zu dürfen. + +Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte denn der Landrat bei +ihm, der längst alle Beziehungen zu der Umgebung abgebrochen hatte? +Wessels wurde in den sogenannten Salon geführt, indes Hedda und Axel +noch im Eßzimmer verblieben. + +Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut, seinen Stuhl dicht neben +den ihren zu rücken, liebkosend ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen +zu führen. + +»Meine Hedda,« sagte er weich, »wie glücklich machst du mich. Ich habe +einen bösen Tag und eine böse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu rasch +und zu stürmisch gewesen zu sein. Ich habe auch keine so schnelle +Antwort erwartet. Und als nun heute vormittag euer August mit dem Briefe +des Onkels kam – Hedda, da ist für fünf Minuten meine ganze +Wohlerzogenheit in die Brüche gegangen, denn da bin ich meinem +Kammerdiener – auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter Mensch, +der mich von Kindesbeinen an kennt –, denke dir, dem bin ich vor +unbändiger Freude um den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht +vorgekommen und deshalb wußte er auch gleich Bescheid. Wer sich so +närrisch gebärdet, der muß unglaublich verliebt sein. Na – und – das +bin ich allerdings – und paß auf, Hedda, du wirst mich auch noch +liebgewinnen! O, das weiß ich gewiß!« Und abermals küßte er ihre Hand. + +Seine Worte waren ein Trost für sie. Daß er keine stürmische +Leidenschaft von ihr forderte, sondern in heiterem Ton und trotz aller +Verliebtheit mit dem Ausdruck eines gewissen Geklärtseins der +Empfindungen von einem allmählichen Liebenlernen zu ihr sprach, +beruhigte sie sichtlich. + +Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in ihrer Hand. + +»Lieber Axel,« entgegnete sie, »wüßte ich nicht, daß ich dir von Herzen +gut bin, dann würde sich jede Fiber in mir dagegen gesträubt haben, die +Deine zu werden. Die meisten von uns Mädchen treten ahnungslos in die +Ehe, sie kennen den, dem sie für Lebenszeit angehören sollen, gewöhnlich +nur aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in ihnen beruht auf +Vertrauen und seliger Hoffnung, und wie oft werden sie getäuscht! Sie +glauben zu lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament: an +treuer und inniger Freundschaft. Und sieh – gerade weil ich so viel +Freundschaft für dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine gute +Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden und Sorgen – ein Stück +deiner selbst.« + +Mit glänzenden Augen hatte er ihr zugehört. + +»Was will ich mehr!« sagte er in leisem Jubel. »Ich danke dir, Hedda, +ich danke dir! Was bot mir das Leben bisher, und für wen lebte ich? Nur +für mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist. Das ist kein Lob für +mich, weil ich im Egoismus nichts als die schalste Langweiligkeit +gefunden habe. Ist es nicht ertötend, immer nur an sich selbst denken +und für sich selbst sorgen zu müssen? Geht man nicht tausendmal +freudiger an sein Tagewerk, wenn man weiß, für wen man schafft und tätig +ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?! Tagewerk – das klingt +mir wie übertrieben. Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit. Man +hat mich immer auf recht bequeme Posten gestellt, – ein bißchen +Repräsentieren war alles. Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die +Arbeit. Denn fürderhin ist es nicht mehr gleichgültig, ob ich jährlich +ein paar tausend Taler mehr oder weniger ausgebe, ich habe ja auch für +dich zu sorgen und deine Zukunft. Und das alles erfüllt mich mit +unaussprechlichem Glück, Hedda, es gibt mir recht eigentlich erst +Lebenskraft – ich möchte sagen, es macht mich erst zum Manne.« + +Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein fröhliches Sprechen. Der Alte +sah erregt aus und hatte einen roten Kopf. + +»Ärger gehabt, Papa?« fragte Hedda. + +»Ja – allerdings,« und der Baron nickte und winkte zugleich August, an +dessen Arm er eingetreten war, das Zimmer zu verlassen. Schwer ließ er +sich in seinen großen Stuhl fallen. »Es wird euch auch interessieren – +es ist sozusagen eine Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin +würde nicht mehr zurückkehren. Aber es ist doch geschehen. Und nun das +Schlimmste dazu: die Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat +Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und nach Berlin schaffen +zu lassen.« + +»Aber mein Gott – weshalb?« warf Axel ein. + +Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte ihm nicht von der Zunge. + +»Eines – eines infamen Bubenstreichs wegen,« sagte er endlich. »O – +auch in unsern Reihen gibt es räudige Schafe, gibt es –« + +Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz blaß geworden, und ihr +brennendes Auge hing an den Lippen des Vaters. + +»Du hast ihn immer noch verteidigen wollen, Hedda!« schrie Hellstern, +die Verfärbung des Mädchens falsch deutend. »Immer noch leiteten dich +verwandtschaftliche Gefühle – aber man zerreißt die Bande des Bluts, +wenn man es mit einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, daß er uns nun +für immer fern bleiben möge.« + +Eine kurze Pause entstand, und dann fragte Hedda tonlos: »Also er ist – +wieder – fort?« + +»Ja – mit einem letzten Schandstreich entlaufen. Er trieb sich schon +immer in Seelen herum, und man munkelte längst allerlei. Nun ist er mit +der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte es mir. Vergangene Nacht +haben sich die beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska hat nichts +mitgenommen als ihre Juwelen; aber zu guter Letzt noch eine hübsche +Hypothek auf Seelen –« + +Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem leisen Wehlaut vom Stuhl +geglitten. Erschreckt sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich +bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre Schwäche ankämpfend. +Aber noch immer zitterte sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne +aufeinander, um nicht aufschreien zu müssen. + +An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit schwerer Anstrengung auch +Hellstern aufgerichtet. Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf +Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend. + +»Hedda,« rief er, »du hast diesen Menschen – diesen Menschen +geliebt?!« Er achtete nicht auf die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm +durchtobte seine Brust und schüttelte ihn. Eine Flut von Anklagen traf +Hedda. »Ich sehe jetzt klar – ganz klar,« fuhr er mit heiserem +Auflachen fort; »ich weiß jetzt auch, warum du Klaus immer so warm +verteidigtest, – war ich denn blind, daß ich nicht in der Seele meines +eignen Kindes lesen konnte?! Axel – tritt neben mich – laß sie los! Es +geht nicht an, daß du dich noch weiter ihr Verlobter nennst, ehe sie uns +Erklärungen gegeben hat.« + +Hedda selbst machte sich frei aus den Armen Axels. Sie hatte ihre Ruhe +und die Klarheit des Denkens wiedergefunden. In der heißen Not dieser +Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck ihres Gesichts auch war +– es lag zugleich etwas wie das frohe Glück endlicher Erlösung auf +ihren Zügen. + +»Ich leugne nicht, Vater,« sagte sie. »Ja, ich habe Klaus geliebt, und +aus Furcht vor deiner Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den +Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich gelitten habe unter dieser +Liebe, und wie ich zu kämpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung +durchzuringen vermochte – das erlaß mir, zu schildern – du würdest +mich doch nicht verstehen. Daß ich mich nie an einen Ehrlosen hängen +würde, wußtest auch du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als ich +ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du sowohl wie der Pastor, ihr +ahntet schon längst, was ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in +dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit zu sagen. Und +vielleicht hätte ich euch auch dann noch nicht geglaubt; erst sein +eigner Mund mußte mir beichten.« + +Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und gleichmäßiger sprechend, an +Axel. + +»Das ist gestern geschehen,« fuhr sie fort. »Als ich von Döbbernitz +heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei +schon in weiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu dieser +letzten Besprechung, die ein Abschied für ewig war. Ich weiß auch jetzt +noch nicht, ob es unrecht war, daß ich dir nicht vor unsrer Verlobung +von dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe, Axel. Aber das +weiß ich, daß es mich mit unwiderstehlicher Kraft dazu trieb, dir mein +Jawort zu geben. Es drängte mich, mir in deinem Glücke ein eignes zu +schaffen und vergessen zu lernen. Ich sehnte mich nach einem treuen und +guten Herzen und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen und +voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen und fühle mich wie – +beschmutzt. Habe ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir – und +laß mich frei.« + +Kopfschüttelnd und mit mildem Lächeln trat er wieder an ihre Seite und +nahm ihre Hände. + +»Nein, Hedda,« sagte er, »du bist mein, und ich gebe dich nicht mehr +frei. Weniger jetzt denn je, da ich dein armes Herz zu heilen habe und +du eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht nur dein Bräutigam, +Hedda – ich gebe dir auch deine Freundschaft vieltausendfach zurück. +Glaube an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!« + +Er nahm sie in seine Arme und schloß sie an sich. Da ertönte ein dumpfer +Fall, und entsetzt schrie Hedda auf. + +Ein plötzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater zu Boden geschmettert. Er +stürzte um wie ein Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und blieb +regungslos liegen. + + + + +Vierzehntes Kapitel + + +In dem kleinen Häuschen Klempts war es sehr still geworden, seitdem in +den Abendstunden nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen der +Dörthe zu hören war. Sie kam nur noch selten zum Vater, denn sie wollte +nicht ausgefragt sein, und sie hatte auch für den mystischen Trost und +die Ratschläge der Tante Pauline weder Sinn noch Verständnis. Es war +gut, daß es auf dem Baronshofe so viel Arbeit gab. Das ließ sie +wenigstens tagsüber nicht allzuviel zum Grübeln und Nachdenken kommen. +Aber wenn sie zu Bett gegangen war, dann kamen Erinnerung und Schmerz +mit arger Gewalt über sie, und in ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Mangel +an Beherrschung weinte sie sich allabendlich in den Schlaf. Sie härmte +sich so, daß sie mager wurde; mit ihren eingefallenen Wangen und den +tiefliegenden Augen war die frische Dirne von früher gar nicht +wiederzuerkennen. + +Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu spenden. Es führte zu +nichts; Dörthe brach dann immer von neuem in Tränen aus und wiederholte +unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch noch das Leben +nehmen. In dieser Zeit hatte Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten +überreichlich zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater getroffen hatte, +bewies, daß er kränker war, als man bisher geglaubt hatte. +Glücklicherweise hatte der Schlag nur die linke Körperseite gelähmt, Arm +und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten. Aber der Koloß war +nunmehr völlig bewegungslos geworden. Ein Krankenwärter wurde beschafft, +der August unterstützen sollte; aus dem Bette wurde der Alte in den +Fahrstuhl gepackt; er war nur noch eine Maschine, die von fremder Hand +geleitet werden mußte. Seine Laune war schrecklich geworden; Hedda hatte +viel unter seinen Wutausbrüchen zu leiden. Das Knurren, Wettern und +Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch; August war der einzige, der ihm +mit seinem unversiegbaren Phlegma und seinem derben Humor standzuhalten +vermochte. Seit man mit der Anlage der elektrischen Leitungen in +Oberlemmingen begonnen hatte, trug sich Hellstern mit dem festen +Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war eine neue fixe Idee. +Die Möllers wollten ihn langsam morden – das ließ er sich nicht +gefallen. Aber die Möllers sollten auch den Baronshof nicht in ihre +Hände bekommen; eher mochte das Haus einstürzen, und Eulen und +Fledermäuse mochten in den Zimmern ihre Nester bauen. Die Möllers nie – +und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch eine Million auf den Tisch legen +wollten, er würde sie mitsamt der Million aus der Tür werfen. + +Hedda hatte mit Axel darüber gesprochen, was mit dem Vater zu machen +sei. Der Arzt war der Ansicht, der Baron könne noch eine ganze Reihe von +Jahren leben, wenn man durch geeignete Mittel der Wiederholung des +Anfalls vorbeuge. Neben strenger Befolgung der ärztlichen Anordnungen +gehöre dazu vor allen Dingen absolute Ruhe, Fernhaltung jedweder +Aufregung, jedes Ärgers, jeder Gemütsbewegung. Das war nicht leicht bei +dem alten Brummbär. Axel schlug vor, ihn mit dem Wärter und August und +dem gesamten Material zu der geliebten Familiengeschichte nach +Döbbernitz zu nehmen. Da hatte er die nötige Ruhe, hatte nicht beständig +Oberlemmingen vor Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhülle fallen +ließ und sich aus einer Raupe in einen schillernden Schmetterling +verwandelte. Während der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin +dann auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Döbbernitz kommen, und wie +sich im übrigen der geplante Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das +werde man ja sehen, das könne man abwarten. + +Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen Vorschlägen sehr +einverstanden. Besonders auf die Tante Jutta freute er sich und war +neugierig, ob sie sich immer noch wie früher die Ohrlöckchen braun und +das übrige Haar schwarz färbe und die kleine, rote Stupsnase weiß +pudere. So siedelte er denn nach Döbbernitz über. Axel hatte einen +großen geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt durch das Dorf +zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen zu, damit er gar nichts von +Oberlemmingen zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen. Dieses +Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem Vater, Großvater und Urahn +sich glücklich gefühlt hatten, existierte nicht mehr für ihn. Es war ja +das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz moderner Badeort. + +Hedda blieb vorläufig auf dem Baronshof, aber täglich holte ein +Döbbernitzer Wagen sie ab. Das gemeinsame Mittagsmahl nahm man +gewöhnlich bei Axel ein, und das waren glückliche Stunden für Hedda. Sie +gewann ihren Bräutigam täglich lieber, und auch auf den grimmigen Alten +übte die stille, vornehme und liebenswürdige Art Axels einen sichtlich +beruhigenden Einfluß aus. + +Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden der Verlobung Heddas ihren +Besuch auf dem Baronshofe gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch dem +erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete sich Gunther. Er +hatte plötzlich einen neuen Plan gefaßt. Er wollte den Winter in Spanien +verbringen, um dort Studien über die ältesten deutschen Drucker auf der +iberischen Halbinsel zu machen; schon lange beschäftigte er sich mit +Forschungen zur Druckergeschichte, für die er sich lebhaft +interessierte. + +Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits wieder in den Wagen +gestiegen war, stand Gunther mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte +ihm die Hand gereicht. + +»Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hören, verehrtester Herr +Doktor,« sagte Hedda mit freundlichem Lächeln; »es braucht ja nicht +gerade eine Ansichtspostkarte zu sein. Und wie würde ich mich freuen, +wenn eines Tages die frohe Nachricht bei uns eintreffen wollte, daß +Doktor Gunther Schellheim – ich brauche nicht auszusprechen – in +Spanien sollen die Frauen leicht die Männerherzen entzünden. Lieber +Doktor, wirklich, von Herzen würd’ ich mich freuen!« + +Er preßte warm und fest ihre Hand. + +»Ach, gnädiges Fräulein –« antwortete er, aber er kam nicht weiter. Er +würgte an den Worten; sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann +sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den Wagen. + +Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen, zunächst nach Berlin. Es +herrschte eine ziemlich trübe Stimmung bei der letzten Mittagstafel. Die +Rätin hatte tränengerötete Augen, Gunther war still und in sich gekehrt, +und auch der Kommerzienrat vermochte eine leichte sentimentale Regung +nicht zu unterdrücken. + +»Hol’s der Geier,« sagte er plötzlich, als der servierende Diener das +Zimmer verlassen hatte, und warf Messer und Gabel neben den Teller, »ich +habe mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte Frieden und Ruhe für +das letzte Dutzend Jahre meines Lebens haben, – deshalb zog ich mich +vom Geschäft zurück. Wollte ganz philosophisch meinen Kohl bauen und +mich an der Natur erfreuen, keinen Ärger mehr haben und nur das Nötigste +vom Geschäfte hören – ja wahrhaftig, das war eigentlich meine Absicht! +Und nun? Prostmahlzeit – nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf +wärmer, als es die bösesten Manchesterjahre zuwege bringen konnten!« + +»Verzeihung, Papa, aber schließlich bist du doch selbst daran schuld,« +warf Gunther mit leichtem Lächeln ein. »Warum hast du nicht schlankweg +jede Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?« + +»Das habe ich ja anfänglich getan, aber – siehst du, mein Junge, das +verstehst du nicht! Das verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist. +Als ich sah, daß die ganze Geschichte in den Händen der Möllers hätte +verhunzt werden können, da kribbelte es mir in den Fingerspitzen, da +schäumten die kaufmännischen Blutpartikelchen in meinen Adern – da +konnt’ ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein glänzendes Geschäft – +das ist es noch heute –, trotzdem reut’s mich, daß ich mich auf die +Sache eingelassen habe! Nun ja – kurz heraus: es reut mich.« + +»Und weshalb, wenn ich fragen darf?« + +»Weil – ja, das ist ganz eigentümlich! Anfänglich hielt ich die Möllers +für dickköpfige, beschränkte Bauersleute. Dann merkte ich, daß der +Albert Möller es faustdick hinter den Ohren hat, daß er ein gerissener +Patron ist. Und heute _weiß_ ich, daß die ganze Sippe nichts taugt, von +A bis Z nichts taugt, daß sie allesamt Gauner sind! Sehr interessant, +wie sich so ein schlichter Bauersmann im Laufe der Zeiten verändern +kann, wenn ihn der Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles bei +den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben sie keine Ahnung, von +irgendwelchen idealeren Motiven ist keine Spur bei ihnen – keine Spur!« + +Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte und schüttelte dabei den +Kopf. Er schien sehr mißgestimmt zu sein. Albert Möller hatte mit +offenen Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu kleinen +Reibereien. Er sperrte Wege ab, die über sein Land führten, und erlaubte +sich im Hinblick auf verschiedene Lücken in seinem Vertrag mit +Schellheim alle möglichen Eigenmächtigkeiten. Das erbitterte den Rat um +so mehr, als er empfand, daß er sich in Albert getäuscht hatte. Dieser +brave Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte geglaubt, +leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu haben, und war in seinen +Verträgen daher minder vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu +sein pflegte; das rächte sich nun. Er ärgerte sich auch über die +erstaunliche Tatkraft Alberts. Überall mußte der Mann mit dabei sein. Wo +nahm er nur alle die nötigen Gelder her?! + +»Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden,« schloß Schellheim, +seine Serviette zusammenfaltend. »Ich sehe, daß sich das Unternehmen +nicht auf der von mir gewünschten soliden und gediegenen Basis weiter +entwickeln kann, wenn diese Pöbelgesellschaft immer dazwischenzureden +hat. Paßt mir’s nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und gucke mir +von hier oben aus den Rummel in aller Beschaulichkeit an. Mag’s gehen, +wie es will! Unerhört – ich – _ich_ soll mich mit Bauernpack +herumschlagen! Soll mich von solchem Gesindel betrügen lassen!« + +Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat, der +Großindustrielle, stand im Begriffe, die Waffen vor einem raffinierten +Bauernjungen zu strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er es am +allerwenigsten geahnt hätte. + +Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden und beschönigenden Worten, +aber er regte den Vater nur noch mehr auf. + +»Lassen wir die Sache ruhn,« sagte Schellheim. »Der Teufel soll nicht +schlechter Laune sein, bei all dem Mißgeschick, das einem widerfährt! +Was hab’ ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet ein Fabrikmädel, +– riesengroß wird die Kluft zwischen ihm und uns, und wenn man sich +auch hundertmal Mühe gibt, Brücken und Übergänge zu schaffen, die +Entfremdung ist doch nicht wieder gut zu machen! Du gehst nach Spanien, +Gunther, reißest uns von neuem aus – und auf Döbbernitz, das ich +bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir ein hübsches und trauliches +Nest schaffen wollte, hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn’s +wenigstens ein _Wild_fremder gewesen wäre – aber nein, ausgesucht +gerade _der_ Mann, der dir die Braut vor der Nase fortgeschnappt hat!« + +Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh, daß die Rätin die Tafel +aufhob. Es war kein allzu herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte +still in sich hinein, der Vater sah mürrisch aus. Wirklich – was hatte +man von seinen Kindern! + +Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die Reise. Er hatte seine letzten +Hoffnungen über Bord werfen müssen; ihm war recht traurig zumute. Und er +nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf seine Studien zu werfen. +Die Arbeit war das einzige Heilmittel. + + * * * * * + +Ende November fand die Hochzeit Fritz Möllers mit Frida Grödecke statt. +Vorher hatte auf Bitten Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu +erheben versucht. Er beschied den alten Möller zu sich; er wußte ganz +genau, daß der Alte allein das Machtwort sprechen konnte; er kannte +seine Leute. + +Möller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt vor dem Pastor, war auch ein +eifriger Kirchengänger. + +Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch empörend, daß der Fritz ein so +braves und liebes Mädchen wie die Dörthe Klempt unglücklich machen +wolle. Es könne ja vorkommen, daß man in Ausnahmefällen einmal ein +Verlöbnis rückgängig mache; wenn man beiderseitig fühle, daß man sich +getäuscht habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als eine +Heirat, der die höchste Weihe, die Liebe, fehle. »Aber in unserm Falle +liegt die Sache doch wesentlich anders, lieber Herr Möller. Ich habe mit +Dörthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern an _Ihnen_ liege +die Schuld. Ich habe neulich auch einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als +ich ihn zufällig traf, und er antwortete mir einfach: ›Ich kann nichts +dafür – der Alte will’s so.‹ Also die Tatsache steht fest: die beiden +Menschen wollen sich angehören, und _Sie_ treiben sie auseinander! Ist +das nicht unrecht, Möller?« + +Und ruhig erwiderte der alte Mann: + +»Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein – es ist _nicht_ unrecht. +Ich gehöre noch zu der alten Schule, und da haben die Kinder den Eltern +zu gehorchen, wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind, denn sie +bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen Eltern auch parieren müssen, +als es zur Hochzeit ging, und hätte doch lieber eine andre geheiratet. +Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann Ihnen davon erzählen. Aber +ich würde trotzdem nichts wider die Dörthe gehabt haben, wenn’s nicht +von wegen der Quelle gewesen wäre. Es ist jetzt nicht mehr so wie +früher. Aus dem Kruge ist ein Hotel geworden; schon letzten Sommer hat +ein Postdirektor und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns gewohnt. Es wird +noch anders kommen. Da muß die Wirtin von besserem Herkommen sein als +die Dörthe, muß was von der Wirtschaft verstehen und auftreten können. +Und sie muß auch ihr Eingebrachtes haben. Denn Sie mögen mir sagen, was +Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe, wenn kein Geld +dahinter steckt! Was heißt denn das mit der Liebe? Es find’t sich +alles.« + +Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge, wie er über die +eigenartige Auseinandersetzung Möllers dachte, aber es half ihm nichts. +Die Entgegnungen des Alten bewegten sich immer in demselben +Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht wäre, da hätte man vielleicht +ein Auge zugedrückt und nicht so aufs Portemonnaie und aufs Äußere +gesehen. Aber nun _mußte_ man es. Man brauchte viel Geld; es ging nicht +anders. + +Da wurde Eycken zornig und fragte Möller, ob er es auf seine Seele +nehmen wolle, wenn Dörthe sich ein Leids antun würde – ob er es +verantworten könne, wenn das Mädchen tiefer und tiefer ins Unglück käme. + +Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein Gesicht blieb hart wie +Stein, brutal und grausam von Ausdruck, wie immer. + +»Es gibt noch mehr Männer auf der Welt wie unsern Fritze, Herr Pastor,« +antwortete er. »Und will sie keinen andern, so läßt sie’s bleiben. Ihre +Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen. Wenn sich alle +Mädel hier bei uns hätten ersäufen wollen, die den nicht gleich gekriegt +haben, den sie gerne hätten haben wollen – Herr Pastor, dann hätten wir +überhaupt keine Weiber mehr im Dorfe!« + +Eycken entließ Möller. Er wollte nichts mehr hören von ihm; er sah auch +ein, daß jede Bemühung, den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen +wäre. Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar Tage nach jener +Unterredung die Verlobung Fritzens mit der Schlächterstochter aus +Frankfurt bekannt wurde und bald darauf auch der standesamtliche +Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach pflegte jeder Hochzeit +ein dreimaliges sogenanntes Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen, +und Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche Ankündigung +gebeten wurde; er liebte es, wenn man den hübschen alten Sitten, die +noch aus der Zeit vor Einführung der Zivilehe stammten, Achtung +entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich kein Aufgebot +bestellt, und sein Vater war damit einverstanden gewesen. Albert riet +sogar von einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin auf +einige herbe Worte des Pastors gefaßt machen konnte. Doch davon wollte +der Alte nichts wissen. Er steckte viel zu tief im Überlieferten, um +nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, daß sein Sohn ohne kirchlichen +Segen in die Ehe treten sollte. + +Es war ein unangenehmer Auftrag für Eycken, diese Hochzeitspredigt. Daß +er die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen durfte, ohne seinem +Empfinden über die Frivolität des plötzlichen Brautwechsels Ausdruck zu +geben, war klar. Es hätte seinem ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit +linden Worten darüber hinweggegangen wäre. Auf der andern Seite scheute +er sich aber vor Zank und Ärger. Es konnte neue Konflikte mit dem +Konsistorium geben; die hätte er gern vermieden. Er dachte sowieso +zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben, um sich gänzlich seinem +Kinderhospiz widmen zu können, dessen Einweihung im Frühjahr erfolgen +sollte. Als letztes Aushilfsmittel wäre ihm schließlich immer noch das +Vorschützen einer Erkrankung geblieben; dann hätte der Geistliche der +Nachbarparochie die Trauung vollziehen müssen, aber solch eine Komödie +dünkte Eycken unwürdig. + +Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage statt. Es war früh Winter +geworden, unerwartet schnell, ohne langsamen Übergang. Als man eines +Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und an den Bäumen, an denen zum +Teil noch das bunte Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten +Eiskristalle. Aber der Himmel strahlte in lichtem und glänzendem Blau, +und das ganze Kirchenschiff war mit heller Sonne erfüllt. + +Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier bei. Auch Dörthe hatte sich +heimlich in die Kirche schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu +verhindern gewußt. Sie hatte das schreiende und weinende Mädchen mit +raschem Entschlusse in ihre Kammer eingeschlossen. + +Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick über die Gemeinde +schweifen ließ, fiel es ihm auf, wie stark sie sich im letzten Jahr +gelichtet hatte. Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumüller, +Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler, der gleichfalls nicht +hatte der Versuchung widerstehen können und der goldenen Lockung Alberts +zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits in Döbbernitz; wie +Eycken gehört hatte, unterhandelte ein Berliner Arzt mit ihm wegen +Ankaufs des Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Möller die Hände +im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit, denn Hellstern wollte nichts +mit ihm zu tun haben. Er wurde unbeschreiblich wütend, wenn man in +seiner Gegenwart nur die Namen der Möllers aussprach. + +Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger um die Vorgänge in seiner +Gemeinde bekümmert; sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens +verschönen helfen sollte, der große Tempel, den er draußen auf der Heide +der Barmherzigkeit errichtete, nahm ihn völlig in Anspruch. Jetzt aber, +als er die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er zum ersten Male +die klaffenden Lücken, die das Fieber der Spekulation und die Sucht nach +raschem Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam färbte sein +schönes Patriarchenantlitz sich dunkler. Sein Blick flog nach rechts, wo +die Möllers saßen: das war die Bank der Sünder, das waren die +Zertrümmerer seiner Gemeinde. In ihrer Hand war die goldene Axt der +Industrie zu einem Mordwerkzeug geworden, zum Henkerbeil. Er entsann +sich ähnlicher Vorgänge. An der Grenze der Lausitz hatte jüngst die +Aufdeckung großer Kohlenlager eine ganze Gemeinde gewissermaßen +verschlungen; man hatte die Felder verkauft und die Häuser +niedergerissen, um der Erde ihre Schätze zu rauben, und da kam plötzlich +der Rückschlag, und der Absatz begann zu stocken; Großindustrielle +erwarben das ganze Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann +sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums, der viel besprochen +worden war, eines großen und köstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der +Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen ließ, um sich +die Säckel füllen zu können. Aber dieser gemordete Wald rächte sich; +Trunksucht und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien +verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann. Überall, wo man den +Bauern mit Gewalt seiner ursprünglichen Tätigkeit entfremdete, wo auf +den Dörfern eine plötzliche Änderung der Erwerbsverhältnisse eintrat, +zeigte sich das gleiche Resultat ... + +Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen Frack machen lassen, in +dem er wie eine große und dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen +Zylinderhut besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich zu +fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf, während seine Braut, ganz in +Weiß, was die schwarze Person nicht übel kleidete, die Augen frank und +frei im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie den, der etwas +wider sie und ihren Fritz zu sagen wage. Hinter dem Brautpaar hatte die +Familie Platz genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner Frau und +Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, wie gewöhnlich, und in der Tat +wanderten seine Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und bauten +Haus an Haus, das Sanatorium auf der Anhöhe des Baronshofs und +ringsherum einen Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen +aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. Er sorgte sich nicht +mehr; er wußte nun, daß die Zukunft von Oberlemmingen den Möllers +gehörte. + +Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus der Genesis gewählt, das er +öfters seinen Traureden zugrunde zu legen pflegte: »Es ist nicht gut, +daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn +sei ...« Er sprach länger als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein. +Aber Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald rot, bald bleich +und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, während Frida +kerzengerade dasaß und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt +anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß in der Gemeinde +zu erwähnen, ließ Eycken sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare +vor, daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung der +Heilquelle ein großes äußeres Glück beschieden worden sei, doch sollten +sie sich nicht von diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch +andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: »Gleichwie aus der Erde +tiefem Schacht neben der heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden +aufsteigen können, die das Land verseuchen; wie das Wasser selbst, wenn +man seine Kraft nicht zügelt, mit brausender Gewalt den Boden zu +unterhöhlen vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in die +brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte – so sprudelt auch +oft aus dem tiefen Schacht der Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen +auf, das stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und +niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen und seiner Herr +zu werden. Anfangs lenkt vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb +der Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt Mißgunst und +Habgier dazu, und der schaffende Verstand artet in listige Ausbeutung +aus, die geschickte Hand rafft allenthalben zusammen, was sie zu eignem +Vorteil erreichen kann, und schont auch andrer Eigentum nicht. Im Herzen +eines jeden von uns entspringt der Quell des Wünschens rein und +kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe, wenn sich Böses und +Übles in ihn mischt, und wie braust er auf und übertönt das Gewissen, +wenn man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt, bis er, gleich +einem wilden Strome, alles Gute in uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr +euer Wünschen zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den Quell eurer +Hoffnungen – wie jenen, den Gottes Hand draußen im Felsgestein zum +Heile der leidenden Menschheit hervorsprudeln ließ!« + +Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart und zog den Mund schief. +Stumm und gleichgültig blickten die andern drein. Die Braut stierte noch +immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich in das Gesicht des +Pfarrers. Fritz hatte den Kopf gesenkt. + +Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite des Altars, saß die Familie +Grödecke, Vater und Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten +mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater Grödecke hatte seine +rechte, unbehandschuhte Tatze auf die Chorbank gelegt, so daß man den +dicken goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern konnte. +Dieser Ring glänzte hell im freundlichen Sonnenschein, wie einst das +goldene Kalb geleuchtet haben mochte, das sich Israel als Götzen +errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte Herr Grödecke +beständig mit seinem Siegelring, der ihm bei den aggressiven Worten des +Pastors eine gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er wie die +Möllers verstanden schon den Geistlichen; sie wußten, was er meinte. +Aber es war kein einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu +Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen Seele lebte nur der +eine Gedanke: ›Wenn es doch erst aus wäre!‹ + +Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel und der +Fragestellung entstand ganz hinten in der Kirche, unter dem Orgelchor, +ein Geräusch, das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete. Es +schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer der großen Säulen, die +den Chor trugen, den alten Klempt, den seine Schwester Pauline +zurückzudrängen versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und die +Posaunen bliesen ... + +Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel Möller statt. Man +hatte sich genötigt gesehen, auch Eycken einzuladen, der indessen +abgesagt hatte. Das war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von +den Bauern war keiner gebeten worden. + +Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine Ansichten über die +Traupredigt aus. Die Männer standen alle zusammen in einer Ecke des +großen Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der Familie Grödecke +mit vorgeschobenen Leibern, von weißen Westen umspannt, auf denen +goldene Uhrketten flimmerten; daneben der alte Möller, schon wieder die +Pfeife im Munde, mit seinem harten und eisernen Gesicht – der kleine +Bertold, krumm, mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und +Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales Kraftgefühl zur +Schau tragend. Sie schimpften weidlich auf Eycken und in allen +Tonarten; Albert allein meinte skeptisch: + +»Was schert’s _uns_?! Laßt ihn doch reden!« + +Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig gegessen und getrunken. Man +hatte nicht gespart. In den Ecken des Saals häuften sich die leeren +Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke glühte wie von Flammen +bestrahlt: ihr Mann hatte seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben +und sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während ringsumher +der Lärm der Tafelnden immer lauter anschwoll. + +Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte sich über das Dorf +gesenkt, aber es war hell, denn der Himmel war ausgesternt und der Mond +aufgegangen. Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, dies kleine +Oberlemmingen entstehen sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier, +auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch See war, seine +Pfahlbauten errichtet. Und dann war das Wasser gefallen, und sässige +Leute hatten sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem +Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen Mauern und +Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme überfluteten das Land und brannten die +Häuser nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus Schutt und +Trümmern erhob sich ein neues Dorf und ein neues Haus an Stelle des +alten Schlosses. Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde es wieder +lebendig. Dort faßte zuerst die siegende Industrie festen Fuß, ehe sie +zu Tal stieg. Vor ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner +und die Bauernhütten; abermals brach eine neue Epoche an. Eine so rapide +Veränderung, wie sie im Laufe der letzten beiden Jahre über +Oberlemmingen gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. Und doch war +es erst der Anfang. Wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von +Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres schauen. Dann +sind auch die letzten Bauernhäuser verschwunden, die heute noch stehen, +und eine Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt von sauberen +Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, glatt und weich wie Samt, und von +blühenden Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das Dunkel des +Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, denn die elektrischen +Kugeln spotten der Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt +der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum Lemminger Zacken zieht sich +durch das Grün der Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten, +hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten und Institute, die +neuen Bäder, die Basarreihen, Hotels und Restaurants. Hie und da ragen +hohe Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An den Ufern der +kleinen Barbe, die mit so silbernem Lachen das Tal durchströmt, sind +elegante Kaie entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons und +Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus allen Weltgegenden +herbeigeströmt, belebt dieses Bild; im Kurpark stauen sich die Massen +und überfluten ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde und zwischen den +Feldern. Wagen rollen hin und her. Überall Fremde ... + +Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine +Reihe von Jahren verflossen ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen +wird er vergebens Umschau halten. Denn das Triumphgespann der Kultur +gleicht dem Götzenwagen von Djaggernaut, dessen demantene Räder so +strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum merkt, die sie auf ihrem +Wege zermalmen. + + * * * * * + +Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen Bräutigams wurde Dörthe im +väterlichen Hause vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher +Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte Gesicht des alten Vaters +blicken und die Weissagungen der Tante Pauline anhören zu müssen, die +der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen und Traum- und +Punktierbüchern heraus den fürchterlichsten Untergang prophezeite. + +Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer Kammer ununterbrochen +geweint. Dann war Hedda zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt +und tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich war Dörthe +ruhiger geworden, hatte Heddas Hand geküßt, ihr für ihren gütigen +Zuspruch gedankt und war schließlich wieder still und emsig an ihre +Arbeit gegangen. + +Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf gebunden, die Dorfstraße +hinab. Sie trug sich schon seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das +Leben zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst in ihrem wirren +Kopfe aufgetaucht war, hatte sie sich davor erschreckt. Aber mit der +Zeit hatte sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt, +ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor Augen, Fritz durch ihren Tod zu +beweisen, wie lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht gegen +sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen war zu beschränkt und die +Empfindungswelt, in der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den +starren Trotz hätte klar werden können, der das leitende Motiv zu ihrem +Entschlusse war. Sie wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der +Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten; nun wollte sie +ihnen zeigen, daß es anders sei. Sie bedauerte nur, daß sie den +Schrecken der Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen könne, +wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde. + +Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie hatte am Spätnachmittag +noch eine Stunde im Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie +als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr wieder in die Augen +gefallen, und sie sprach es auch jetzt leise vor sich hin: + + »O Vater der Barmherzigkeit, + Ich falle dir zu Fuße, + Verstoß mich nicht, der zu dir schreit + Und tut noch endlich Buße. + Was ich begangen wider dich, + Verzeih nur alles gnädiglich + Durch deine große Güte ...« + +Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst war es totenstill im Dorfe. +Aber je näher Dörthe dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher +hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den Parterrefenstern des +Hotels glänzte helles Licht. Man feierte noch immer da drinnen. + +Dörthe trat in den Schatten des Hauses und drückte sich dicht an die +Wand, neben der breiten Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte +sie angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme ihres Fritz +gehört. Aber es war unmöglich, denn jetzt hub im Saale auch eine lustige +Musik an: Vietz mit zwei Geigern war da. + +Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest zurückdenken, auf dem man +ihre Verlobung gefeiert hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an +ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er sie um die Taille faßte +– sah sich mit Fritz tanzen, sah die Liese Braumüller und die ganzen +jungen Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich losbrechenden +Gewitters und die heisere Stimme des trunkenen Vietz das Lied »Hans mit +de Krusekragen« singen.... Und dann die Abschiedsstunde im Buchenhain. +Es strömte brennend heiß durch Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen +Armen getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch alles gut +werden würde ... + +Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre Wangen. Plötzlich fiel ihr +noch etwas ein. Sie hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz +adressiert, nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund in den +See springen würde, weil sie nicht länger leben wolle – den sollten die +Hochzeitsgäste vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals kehrt, +schlich sich wieder am Hause entlang, huschte rasch die Treppe hinauf +und legte den Brief auf die innere Schwelle der offenstehenden Haustür. + +Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee hinab und schritt erst +wieder langsamer aus, als sie in den Döbbernitzer Weg einbog. + +Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen tanzten vor ihr im Sande, +und von allen Seiten erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und +Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der Ferne scheu über den +Weg. + +Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie sie laut auf; ihr eigner +Schatten hatte sie erschreckt. Sie stürzte von neuem weiter, +rechtsseitig hinein in den Wald – da mußte der See liegen! Ihr Herz +klopfte zum Springen; sie war in Schweiß gebadet. Ganz plötzlich +umflutete sie heller Mondschein – sie stand auf einer schneeüberwehten +Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See. + +Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie hatte ihr Kopftuch +verloren; ihr Haar war aufgegangen und flatterte um ihre Schultern. Sie +stierte mit großen, glühenden Augen auf das schwarze Wasser hinab. Es +tobte und brodelte in ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten +schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte sie – eine +furchtbare Angst vor dem Tode und vor dem kalten Wasser. Sie wollte +wieder zurück ... + +Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte und knackte von neuem – +ein Schwarzwild brach durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf. +Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig zu werden ... Mit +gellem Schrei stürzte Dörthe den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann +sie stammelnd ihr Lied zu beten: »O Vater der Barmherzigkeit ...« Dann +ein letzter Schrei – ein schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern +und Wogenrollen ... + +Im See bildeten sich längliche Kurven, die den glatten Spiegel trübten, +sich weiter und weiter wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus +dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete wieder das Abbild des +Himmels hervor, der sternendurchglänzten Ewigkeit. + + + + +Fünfzehntes Kapitel + + +Wieder war es Frühling geworden – der erste warme Tag im Jahre, ein +Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen ließ. + +Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht +mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen +letzten Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein +Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmückenden und regelnden Hand +des Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten Rasenflächen legten +bereits ihr grünes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein +Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lärchen blühten schon, und an den +Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Blätter der +Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre +Kelche. Das Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die +Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk +schon in kräftigerer Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und +Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer Tönung und die jungen +Triebe der Edelweide hatten sich mit einem bläulichen Schleier +umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, daß der +Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang überall in den +Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben. + +Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren waren weit geöffnet; +ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren +beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube +gesäubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen Rosen, +deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt +worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle +gebunden. Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer zu empfangen. + +»Uff,« meinte der alte Hellstern, als er in den Schloßgarten trat; +»August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du +seiest ein noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du bist ein +minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so +warme Luft hätte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine +Mittagspfeife im Freien rauchen kann?« + +»Das konnt’ ich mir denken,« erwiderte August, die schwachen Gehversuche +des Alten mit kräftigem Arm unterstützend; »kaum fühlen sich der Herr +Baron mal wieder so ’n bißchen, und gleich müssen Sie leichtsinnig sein. +Aber ich glaube, ich werd’s diesmal verantworten können. ’s ist wirklich +wie im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. Der Herr Baron können +sich ein Stündchen unter die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die +Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, daß er die +Pelzdecke runterbringen soll.« + +Hellstern nickte. »Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er +soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem +Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein, +wie du es für gut hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort –« + +»Na na, Herr Baron!« + +»Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du +jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter +losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was +willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch +bewegen – soll ich mal im Parademarsch an dir vorüberdefilieren – he?« + +»Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst ruhig hin. Ich habe +der Frau Baronin Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, und +wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rückfall kommt, +dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so ’n schönes +Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen +Kaiser im Rücken und vorne den grünen Rasen und können mal links in die +Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch +steht. Und nun will ich den Franz rufen.« + +Aber der Alte hielt August noch am Ärmel fest. + +»Du,« sagte er, »weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe +heute nacht von ihr geträumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit +gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so blaß und elend aus, +daß ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.« + +»Na ja – das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die +Sprünge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung +strengstens verboten. Am besten wär’s, der Herr Baron träumten überhaupt +nicht.« + +»Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das +Träumen einnehmen? ... Vergiß mir die Briefe nicht!« + +Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte den Kopf zurück und ließ +sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen. + +Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen dicht neben der kleinen +Schloßtür, die zu den Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von +Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm, +ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die +Gläubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. Über +die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park +schauen, bis zu den großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber +zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in deren Geäst noch die +abgestimmten Äolsglocken hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und +Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte. + +Franz brachte die Decken und die gewünschten Zeitungen, auch noch ein +paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August +begann seinen Herrn einzupacken. + +»So,« sagte er schließlich, »nun bleiben der Herr Baron hübsch stille +sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die +Brille. Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch +nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen bloß die Gedanken auf.« + +»Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn +ich dich brauche, schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. Adjö!« + +August nickte zufrieden und ging in das Schloß zurück. Geraume Zeit +hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen – damals, als +die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große Reise angetreten +hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen +Wochen, ohne daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein +zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf +geflogen wäre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron +nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm – davon war +August überzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er +sich unumwunden mit seinem Gestrengen über seinen Kummer aus. + +»Herr Baron,« sagte er, »ich ertrage das nicht länger. Sie müssen wieder +an die Familienchronik gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor +gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es für noch +schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer bloß vor sich hindrusseln. Da +kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit +wieder vor. So ’n kleiner Ärger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen +nichts; das frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder besser +behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, daß Sie zum letzten Male +Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.« + +Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf, +ließ August nähertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit +ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben würde. Aber August +nicht; sein Gesicht glänzte und seine Augen wurden feucht; nun wußte er +doch, daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte. + +Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte +Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt – das hatte ihn still werden +lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn +Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er +konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch +der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden, +und August sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften +einhielt. Außer den Marschübungen durch eine lange, geheizte +Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an +verschiedenen Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen zur +Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere +schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche +Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darüber seiner Hedda +berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse +Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spaß und unterhielt ihn. Der +Administrator erschien täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn +der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar öfters zu Wagen auf +die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit +lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen des sehr tüchtigen +Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm +zu plaudern. + +Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe +Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar +die Reisedispositionen ändern müssen. Axel war wieder kränklicher +geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung +starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht vor Juni nach Hause +zurückkehre – und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns. + +An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren +Schloßhof führte, wurden Stimmen laut. + +Hellstern erhob den Kopf. + +»Ist es denn möglich!« rief er. »Eycken – Pastor – sind Sie es +wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch +nicht gänzlich vergessen?!« + +»Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern – ich habe sie redlich +verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen – und nun mal +zuvörderst die Hand – beide Hände, damit ich sie recht kräftig drücken +kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht übertrieben: +Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!« + +Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er +war unverändert, noch immer der schöne, weißbärtige Patriarch mit den +klaren Augen voll Güte und Barmherzigkeit. + +Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer Zeit nicht gesehen und +einander viel zu erzählen. + +»Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, daß ich kaum +noch Mensch bin,« sagte Eycken. »Meine Anstalt ist fertig und vorgestern +eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschöpfe sind meine +ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin überglücklich! Ich habe meine +Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu können. Das ist mir +lieber und füllt mein Leben besser und wohltuender aus – was mir vom +Leben übrig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble Erfahrungen +gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es +erhofft habe.« + +»Kann ich mir denken,« warf Hellstern ein. + +»Nein – es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe,« fuhr +Eycken fort, »und der Selbstmord der kleinen Klempt – eurer Dörthe – +der hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. Ich hielt’s nicht +mehr aus in der Gemeinde. Was sag’ ich, Gemeinde – die alte Gemeinde +existiert überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine +Besten sind fort; die Möllers regieren da unten.... Sie wissen, daß ich +mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber Freund – auch +heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen +industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, daß die +Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat, +ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt +mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe des Höchsten in schmählicher +Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und +deshalb zog ich mich zurück.« + +Der Baron nickte. »Ich verstehe es,« entgegnete er; »ich sah das alles +vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so +kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. Ich hab’s seinerzeit +auch den Möllers gesagt, als sie mich gerne als Köder und Aushängeschild +einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wußte, daß sie einen Ring +bilden und die Erträgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten +würden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich +ja auch nicht, Pastor – wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich –, +aber ein Feind selbstsüchtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem +Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde Schellheim gelingen, das +Ganze in geordnete Wege zu leiten – aber als er im Winter einmal hier +war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach +zurückziehen.« + +»So ist es,« bestätigte Eycken, »er ist der ewigen Zänkereien mit den +Möllers müde geworden. Es herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse. +Der älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der +Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen +nicht höher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik +angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich das Menschenglück nicht um +Rang und Stand und gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt +frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, daß sein Gunther +mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda +und Axel denn dahin?« + +Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels +Rückfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen, +den Februar und März auf Madeira zu verleben und dann in langsamen +Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung +mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswürdige, +etwas schüchterne junge Mensch von früher ... + +Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend +darauf aufmerksam machte, daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen +die Herren herzlichen Abschied voneinander. + +»Kommen Sie bald wieder, Pastor,« sagte Hellstern. »Ich höre gern etwas +Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich +der August wirklich einmal heraus – nach Oberlemmingen zu setze ich +keinen Fuß! Ich möchte das Dorf nicht wiedersehen – nie wieder, – ich +glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven +Bauern hundert fremde Gesichter sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof +wird wohl auch bald abgetragen werden – nein, Eycken, ich hänge doch +noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr +um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!« + +Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und ließ sich von August die +Decken abnehmen. + +»Pack an, mein Alter – unter den rechten Arm – so – hupp! ... Hör +mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte –« + +»Reden der Herr Baron doch nicht _so_ etwas!« + +»Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! Also wenn ich mal sterben +sollte, da möcht’ ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es +mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk’ ich, gleicht aus und +versöhnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern +Hellsternschen Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört mir, den +hab’ ich gekauft. Da können auch die Möllers nicht ’ran. Also verstehst +du: unter der Linde will ich begraben sein!« + +»Ich versteh’ schon,« entgegnete August; »aber der Herr Baron werden’s +am Ende nicht übelnehmen, wenn wir damit noch ’n bißchen warten tun. Es +eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der +Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben, +dann dauert’s mit mir auch nicht mehr lange. Das weiß ich gewiß. So ’n +altes Tier wie ich muß seine regelrechte Fütterung haben und seine +gleiche Behandlung. Ins Neue leb’ ich mich auch nicht mehr ’rein – da +geht’s mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der +liebe Gott wird ja wissen, wenn’s Zeit ist.« + +»Das wird er,« erwiderte Hellstern ernsthaft. »Vielleicht läßt er uns am +gleichen Tage von hinnen gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August, +denn ohne deine Dummheit würde ich, fürcht’ ich, nur noch ein schweres +Auskommen haben. Kein Mensch weiß mich so zu ärgern wie du, und auf +keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich. +Ich glaube, du würdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer, +alter Esel bist.« + +Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August +klinkte die Tür auf. + +»Gott sei Dank!« sagte er, »ich hör’s am Ton: es wird schon noch ein +ganzes Weilchen Jahre gehn.« + + * * * * * + +An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte der alte Klempt eine +heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline. + +Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine +Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten +nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit ihren Deutbüchern in der +Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das +sie führte. + +Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg für sein Kind war seine +letzte Arbeit gewesen; er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn +auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh gewesen, wenn sie den +alten, blassen Mann hätten aus dem Dorfe treiben können. Auch sein +kleines Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der Villenstadt im +Wege. Gerade dorthin sollte ein großes und elegantes Restaurant im +Pavillonstil kommen ... + +Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete, +er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß +Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis abgenommen. Er +verlor den Prozeß und mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah +etwas, was man niemals für möglich gehalten hätte: der nüchterne und +fleißige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging +freilich nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch die +Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schloß er sich ein und trank und +trank, bis er sinnlos war.... »Er macht’s nicht mehr lange,« sagte +Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; »gestern früh hat ihn der +Nachtwächter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden.« Ach ja, so war +es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im +brechenden Herzen schwoll höher und höher die Sehnsucht nach seinem +gemordeten Kinde an. + +Den Möllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Prozeß um die +Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die +Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie dann. Der +geschäftsunkundige Alte wußte nicht, was er tun sollte, und bat seine +Schwester, ihm ihr kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus +halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte plötzlich +den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr +im Traume geraten. + +Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren Bruder. Er kochte sich +selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch +seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen. + +Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß er sich in der +ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe +Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er +richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spänen +gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts +erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stieß +die Läden auf, die er gewöhnlich auch tagsüber zu schließen pflegte. Die +kühle Frühlingsluft drang vollflutend in das öde Gemach. Ein leiser Wind +ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Draußen war es nicht dunkel; +der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über den +Wiesen. + +In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten. +Die Erinnerung rührte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und +vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die +Dörthe geblieben – und die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst +die Gerechtigkeit der Welt – aber seines Kindes Mörder stiegen an +Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt +entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens +eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das +schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe sehen zu brauchen. Im Herbst war +es gewesen, doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen +feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um +die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im +Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren +Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, hatte +Klempt die Hände geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des +weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... »Verfluchte +Quelle! ...« + +Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit +Trost und Heilung bringen sollte – _ihn_ hatte sie zum unglücklichen +Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing +– sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ... + +Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und +setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der +ihn seltsam belebte und erregte. Er zündete einige Schwefelhölzer an und +wählte bei ihrem flüchtigen Schein einige Stücke seines alten +Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die +nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen +Augenblick. Schlief Tante Pauline? – Mit raschem Entschlusse trat er in +ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, daß er abermals ein +Schwefelholz entzünden mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen, +den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. Er legte seine Hand +auf ihre Stirn und erschrak über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich +durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte +mit schnellen Schritten hinaus – das Gesicht weiß, doch mit unheimlich +flimmerndem Blick. + +Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glänzenden +Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die +Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dämmerschein glitt schon +durch die Nacht. Am Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen, +nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt dann weiter. + +Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. Der Wind strich durch das +Geäst; große Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen +wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen. + +Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf +dem Grunde des weißen Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren und +Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende warme Wasser, füllte die +Schale und floß durch ein zweites Röhrensystem wieder ab. + +Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute +sich um. Kein Mensch in der Nähe, aber heller und heller begann sich der +Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon laut ... + +Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen und ließ ihn wuchtig auf den +Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich +auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an +und hämmerte nach. Es bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten +plätschernd in das Wasser, das sich über die Bruchstellen auf die +Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt arbeitete mit furchtbarer +Anstrengung weiter; der Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste +und zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, dessen Splitter +bereits den Rumpf des Beckens füllten. Das Wasser war abgeflossen. Die +Quelle sickerte nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung +verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog über sein Gesicht. +Er häufte kleine Marmortrümmer in der Mitte der Schale auf und hämmerte +von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu +vernehmen. Die Quelle war still geworden. + +Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Körper +flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz +hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um +ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der +Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ... + +Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein +purpurner Dämmer füllte die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der +große Pan reckte und streckte sich – die Natur erwachte. + +Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken wurde es ganz leise +wieder lebendig. Es wisperte und flüsterte und sang und feilte und +sägte. Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den Steinsplittern +zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie +vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte +töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen – sie wurde wieder +lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den +Trümmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem +der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert darum, ob gierige Hände sie +wiederum fangen und ihren Segen entehren würden. + +Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu +füllen, das rieselnd über den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf +dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde Flecken +bildend.... Über dem jungen Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot +seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vögel dem neuen Tage +entgegen ... + +Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung war infolge des starken +Wasserdrucks die Quellenröhre geplatzt, und nun zischte und rauschte, +Staub und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein gewaltiger Strahl +empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war +wieder lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, wie in +freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers. + + +_Ende._ + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde erstellt +auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9 +und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine +Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller +gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen +wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# + + +Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the printed +edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of +publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below +lists all corrections applied to the original text. + +The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been +replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# + + +S. 15: [extra quotes] frage gar nichts!« Her mit dem Rock! +S. 17: ein gemachter Mann war uud -> und +S. 46: tiefdunkel gewordener alter Oelporträts -> Ölporträts +S. 52: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet. +S. 54: verrriet sich sogar -> verriet +S. 79: Vietz mit se nem Geiger -> seinem +S. 79: stob unter erneutem Geheul auseiander -> auseinander +S. 89: Das war ein herrlicher Neujahrtstag -> Neujahrstag +S. 109: hat es stark geschneit -> hatte +S. 128ff: [normalized] Woydczynska -> Woydczinska +S. 137: Notwendigkeit einer Aussöhnnng -> Aussöhnung +S. 148: noch ein par Jahre warten -> paar +S. 177: Auguste nickte -> August +S. 259: den Sonnenstahlen wehrte -> Sonnenstrahlen +S. 274: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater +S. 304: [normalized] und dann die Abschiedstunde -> Abschiedsstunde +S. 309: Uber die Wiesenlichtung -> Über +S. 246ff: [normalized] Grödicke -> Grödecke + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT *** + +***** This file should be named 32391-0.txt or 32391-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/2/3/9/32391/ + +Produced by Markus Brenner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
