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+The Project Gutenberg EBook of Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Aus tiefem Schacht
+
+Author: Fedor von Zobeltitz
+
+Release Date: May 15, 2010 [EBook #32391]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT ***
+
+
+
+
+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+ Aus tiefem Schacht
+
+ Roman von
+ Fedor von Zobeltitz
+
+
+ Stuttgart 1915
+ Verlag von J. Engelhorns Nachf.
+
+
+
+Alle Rechte, namentlich das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+
+Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart
+
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+Erstes Kapitel
+
+
+Hedda stand mitten unter dem Hühnervolk und sah mit andächtiger Miene
+zu, wie die Magd das Futter auswarf. Der Hühnerhof war ihre besondere
+Vorliebe, und für ihn verschwendete sie reuelos, was von den
+Erträgnissen der kleinen Wirtschaft übrig blieb. Es gab da allerhand
+sonderbares Getier, das mit unserm braven deutschen Haushuhn nur eine
+sehr entfernte Ähnlichkeit hatte und das Hedda aus weither bezogenen
+Eiern hatte ausbrüten lassen: ganz kleine, zierliche Geschöpfe mit
+bronzefarbenem Gefieder und wieder riesengroße, mit breiten Federlappen
+an den Füßen und buschigem Kamme, Perlhühner und solche aus Cochinchina,
+Liliputaner aus Java und ähnliche Arten, die sich nicht leicht züchten
+ließen und zärtlich behandelt sein wollten.
+
+Dörthe streute die Körner mit der rechten Hand unter das gackernde Volk,
+während sie mit der Linken die Futterschwinge hielt. Die Verehrung für
+das Hühnervolk hatte sie von ihrer Herrin geerbt; das frische,
+sonnenbraune, bildhübsche Gesicht der Dirne strahlte vor Vergnügen.
+
+»Der große Gottlieb frißt uns noch tot,« sagte sie, lachend ihre blanken
+Zahnreihen zeigend. »Nee gnä’ges Fräulein – was _der_ fressen kann!!
+Und den Zwerghühnern nimmt er immer ihr bißchen Futter weg; man merkt,
+daß er ausländ’sch ist.«
+
+Hedda nickte. »Er ist nur gegen die eigne Art galant,« erwiderte sie;
+»die Menschen machen’s nicht anders.«
+
+Dann fragte sie nach dem Vater Dörthes. Der war Stellmacher unten im
+Dorfe und hatte sich kürzlich eine leichte Lungenentzündung geholt. Aber
+es ging ihm schon besser; der Doktor war dreimal dagewesen – nun
+brauchte er nicht mehr zu kommen. Morgen oder übermorgen konnte der
+alte Klempt wieder an die Arbeit gehen.
+
+»Hat er denn viel zu tun?« fragte Hedda.
+
+»O ja, gnä’ges Fräulein,« entgegnete Dörthe lebhaft und klappte die
+Futterschwinge aus, damit auch nicht das letzte Körnlein verloren gehe.
+»Seit Kommerzienrats drüben wohnen, könnte er sechs Arme haben. Da
+gibt’s immerwährend was!«
+
+Sie trieb die Hühner davon, die sie noch immer umringten und an ihr
+emporzuflattern versuchten.
+
+Hedda schritt quer über den Wirtschaftshof und trat in den kleinen
+Vorderpark, in dem das Rosenrundell in voller Blüte stand. Es war in der
+fünften Nachmittagsstunde und noch ziemlich heiß. Aber das junge Mädchen
+spürte von der Hitze nicht viel. Hedda behauptete, ihr kühles Herz
+temperiere sie so völlig, daß sie gegen jede sommerliche Bosheit
+geschützt sei. Sie gehörte zu jenen blonden Schönheiten, die in der Tat
+eine beständige Frische auszuströmen scheinen. Obwohl sie erst Anfangs
+der Zwanzig war, machte sie doch einen reiferen Eindruck. Mit ihrer
+großen, stattlichen Gestalt und der vollen Büste hätte man sie für eine
+junge Frau halten können.
+
+Auf der glasüberdachten Veranda des Herrenhauses blieb sie stehen und
+schaute hinab auf das Dorf. Der Baronshof lag auf einer Anhöhe. Man
+erzählte sich, der Großvater des jetzigen Besitzers, des Freiherrn von
+Hellstern, habe ihn auf derselben Stelle erbaut, auf der ehemals das
+alte Schloß gestanden habe. Das kannte man freilich nur noch der Sage
+nach. Den Hellsterns war es ergangen wie manch anderm alten Geschlechte.
+Die Ahnen hatten nichts übrig gelassen für die Nachkömmlinge. Freilich
+– der Letzte im Mannesstamme hatte sich lange und bitter genug gewehrt
+gegen den Untergang, mit Kraft und mit Zähigkeit, mit hartem Schädel und
+beiden Fäusten. Aber schließlich hatte er doch den aussichtslosen Kampf
+aufgeben und die Waffen strecken müssen. Das war mit vollen Ehren
+geschehen, und die Leute sagten, er könne noch froh sein, daß
+Kommerzienrat Schellheim ihm seinen Landbesitz abgekauft habe, und daß
+der Baron nun in Frieden seine alten Tage auf der Scholle seiner Väter
+verleben könne. Denn Herrenhaus und Hof hatte er behalten; der
+Kommerzienrat legte keinen Wert auf die halbverfallenen Baulichkeiten –
+er wohnte drüben in seinem neuen Schloß, das mit glänzenden
+Fensterreihen vom Auberge hinab zum Tale grüßte.
+
+Hedda hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt. Im Sonnendunst des
+Tages verschwamm der kaum eine Wegstunde entfernte Auberg mit seiner
+modernen Ritterburg in bläulich-grauen Nebelschleiern. Die ganze
+Umgebung war reich an Wald und Höhen. Die Landschaft erinnerte mehr an
+Thüringen als an die vielgeschmähte Streusandbüchse des heiligen
+römischen Reichs. Dunkle Linien begrenzten in unregelmäßigen Kurven den
+Horizont: weit ausgedehnte Kiefernforsten, die mit wunderschön
+gepflegten, unter fiskalischer Verwaltung stehenden Buchen- und
+Eichenwaldungen wechselten. Durch die breite Talmulde, in deren Mitte
+das Dorf Oberlemmingen lag, rann ein Nebenfluß der Oder, die kleine
+Barbe, die aber zur Zeit der Schneeschmelze gar stattlich anwachsen
+konnte. Sie trennte das Tal in zwei ziemlich gleiche Hälften, und hüben
+und drüben wuchsen aus flacher Sohle zwei Anhöhen empor, der Auberg und
+der Lemminger Zacken, auf dem der Baronshof lag.
+
+Hedda trat in das Haus. Es war ein alter, viereckiger Kasten mit hohem,
+schrägem Ziegeldach, so wie man zu friderizianischer Zeit auf dem Lande
+zu bauen pflegte. Und es war schon richtig: man spürte überall, daß das
+Gebäude arg vernachlässigt worden war. Ställe und Scheunen hatte der
+Freiherr stets in sauberster Ordnung gehalten, aber für das Herrenhaus
+tat er nicht viel. Er war nicht verwöhnt, war mehr eine soldatische
+Natur. Es war ihm herzlich gleichgültig, daß die alten Ledertapeten im
+Speisezimmer immer schwärzer wurden, und daß in den Korridoren der Putz
+von der Decke fiel – auch jetzt noch, wo er durch den Verkauf seines
+Landbesitzes wenigstens ein sorgenloses Auskommen hatte. Es gab immer
+einen kleinen Kampf zwischen ihm und Hedda, wenn die letztere Handwerker
+ins Haus bestellte, um die notwendigsten Ausbesserungen vornehmen zu
+lassen.
+
+Das Zimmer, das Hedda bewohnte, war das freundlichste auf dem ganzen
+Baronshofe. Es lag im ersten Stockwerk, nach hinten hinaus, mit dem
+Ausblick auf den schönsten Teil des Parks, war groß, luftig und sonnig
+und mit dem bunten Komfort eines Backfischchens eingerichtet, das sich
+sein Heiligtum nach Möglichkeit hübsch zu machen sucht.
+
+Die ganze Seite einer Wand nahm ein breites, tannenes Büchergestell ein.
+Auf diese ihre Bücher war Hedda stolz. Es waren die Reste einer
+stattlichen Sammlung, die einst ihr Urgroßvater, einer der Generale des
+großen Friedrich, zusammengebracht hatte, meist französische Geschichts-
+und Memoirenwerke, in die sich Hedda in ihren freien Abendstunden zu
+vertiefen pflegte, ohne Kritik und mit kindlicher Naivität über die
+tollsten und albernsten Klatschgeschichten fortlesend. Zuweilen schaffte
+sie sich auch von ihren Ersparnissen einiges Neue an, aber sie hatte
+wenig Sinn für das Moderne; die Ritterromane Florians interessierten sie
+mehr als die Belletristik der Zeitgenossen.
+
+Hedda war müde. Den halben Tag über hatte sie im Hofe gewirtschaftet.
+Der Haushalt war nur klein, aber auch die wenigen Kühe, der Hühnerhof
+und der Gemüsegarten verlangten Pflege, und sie hatte nur zwei Mägde und
+einen alten Diener, der zugleich Knecht und Gärtner war, zur Hand. Sie
+hatte viel zu tun, um alles in Ordnung zu halten. Heute früh war sie
+schon vor fünf Uhr auf dem Posten gewesen; die »schwarze Marie«, ihre
+Lieblingskuh, hatte ein Kälbchen zur Welt gebracht, früher, als man
+erwartet, und darum hatte die Dörthe ihre Herrin so zeitig geweckt.
+
+Ja, sie war müde. Sie wollte ein wenig ausruhen. Das große Fenster auf
+der Südseite reichte mit seinen Glasscheiben nach italienischer Art bis
+auf den Fußboden und war draußen halb mannshoch mit Eisen umgittert. Es
+stand weit offen; schräg davor der Schreibtisch, sehr ordentlich
+gehalten, mit den Photographieen der verstorbenen Mutter und einiger
+Pensionsfreundinnen und einer Glasvase, die einen großen Buschen gelber
+Rosen enthielt. Hedda tauchte ihr Gesicht in die Rosen, atmete tief
+deren Duft ein und ließ sich dann in den mit licht geblümtem Cretonne
+überzogenen Lehnstuhl fallen.
+
+Herrgott, war sie müde! Das kam nicht oft vor. Mit blinzelnden, halb
+geschlossenen Augen schaute sie auf den Park hinaus. Die Glut der
+Nachmittagssonne brütete über den Wipfeln der Bäume. Kein Windhauch
+ging. Auf dem fahlgrünen Rasenfleck dicht unter dem Fenster stand ein
+geborstener Sandsteinpfeiler mit einer Marmorplatte, auf der eine
+Sonnenuhr eingraviert war. Jetzt gluckte ein dickes, weißes Huhn darauf
+und schlief. Weiter hinten schimmerten helle Silbereschen durch das
+dunkle Grün der Buchen; dort senkte sich mählich das Blättermeer. Der
+Park fiel zum Tale ab; ein Zaun aus Eichenholz umgab ihn hier. Vom
+Fenster aus konnte man über Wiesen und Felder sehen. Alles war in bester
+Kultur; der Kommerzienrat besaß eine tätige Hand. Die Ernte stand vor
+der Tür; das gelbe Getreide zitterte in der Sonne.
+
+Ein breiter, staubgrauer Landweg durchschnitt das Gelände. Dort rollte
+ein offener Wagen daher, der Hedda aufmerksam werden ließ. Sie stand
+auf, trat dicht an das Fenstergitter und spähte scharf in die Ferne.
+
+Wahrhaftig, sie täuschte sich nicht: es war der Wagen Schellheims, –
+der Kommerzienrat, der erst vor wenigen Tagen aus Karlsbad zurückgekehrt
+war, wollte auf dem Baronshof seinen Besuch machen.
+
+Das war zu erwarten gewesen. Trotzdem fürchtete sich Hedda ein wenig
+davor. Ihr Vater konnte den Mann nicht leiden; man durfte kaum dessen
+Namen in seiner Gegenwart nennen. Es war lächerlich – Hedda nahm in
+dieser Beziehung dem alten Herrn gegenüber kein Blatt vor den Mund –,
+aber mit der Tatsache mußte gerechnet werden. Es galt, den Vater
+vorzubereiten.
+
+Sie warf einen Blick in den Spiegel, ordnete hastig ihr Haar und eilte
+dann flinken Fußes in das Erdgeschoß hinab.
+
+Der Baron saß bei der Arbeit – in einem großen, kahlen, gewölbten
+Gemach, vor einem riesenhaften Tische aus weißem Tannenholz, in dessen
+Platte ein Halbkreis eingeschnitten war, in den der Lehnsessel
+Hellsterns weit hineingeschoben wurde, wenn der Alte Platz nehmen
+wollte. Hellstern litt seit einigen Jahren an periodisch wiederkehrender
+Ischias, die ihm die Bewegung erschwerte. Er hatte sich deshalb den
+merkwürdigen Tisch bauen lassen, in dessen Ausschnitt er saß, ringsum
+von Bergen uralter Akten, Folianten und Pergamentrollen umgeben, vor
+sich ein Buch Papier, dessen einzelne Blätter er mit großen, groben
+Schriftzügen bedeckte.
+
+Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, gesundem Gesicht, kurz
+geschorenem weißem Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich trug
+er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen blickten durch ihre
+Gläser. Trotz mäßigen Lebens und vieler, erst in letzter Zeit durch sein
+Leiden beeinträchtigter Bewegung hatte er schon frühzeitig das leibliche
+Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen müssen: eine lästige
+Korpulenz. Der Baron war, wenn er aufrecht stand, eine kolossale
+Erscheinung – sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns und
+falstaffischem Leibesumfang. In früherer Zeit hatte man Wunderdinge von
+seiner Körperkraft erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen
+Eiche.
+
+Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, hatte er sich mit
+Leidenschaft auf ein andres Steckenpferd geworfen. Er schrieb im
+Auftrage eines Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten von
+der schwedischen Linie der Familie, an einer Chronik seines Geschlechts.
+
+Schon als junger Offizier, als sein Vater noch lebte und den Baronshof
+bewirtschaftete, hatte er sich lebhaft für die Familiengeschichte
+interessiert und an Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand.
+Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die Langweile zu packen;
+anfänglich nur, um seine Mußestunden auszufüllen, ging er an das Sichten
+und Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Materials. Die
+lateinischen Codices übersetzte ihm der Pastor, bei den französischen
+und schwedischen Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder
+Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings
+schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen Kurfürsten seßhaft in der
+Mark. Mit den Wrangels und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal
+nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der Dauer dreier
+Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache vergessen. Nun lernten die
+beiden letzten Abkömmlinge jenes ersten Hellstjern, der unter dem
+brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus Liebe zu ihrem
+Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd klingende, melodiöse
+Sprache der Ahnen. Sie lernten tapfer – Hedda sowohl wie der alte
+Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit gleich
+bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Die Akten
+vergangener Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem antiquierten
+Schwedisch, machten ihnen unendlich viel Mühe; aber sie rangen sich
+durch und freuten sich wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg
+staubiger Faszikel bewältigt hatten.
+
+Eines Tages war der Baron auf einen guten Gedanken gekommen. Das
+vorhandene Material genügte ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im
+Freiherrnkalender neben seinem Namen noch ein andrer stand, der
+folgendermaßen lautete: Axel Freiherr von Hellstjern, geboren 18. Juni
+1865 (Sohn des Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v. H., Gesandten
+zu Kopenhagen, dann in Paris, und der Leontine, Gräfin von Hetfried),
+Königl. schwed. Kammerjunker, Erbherr auf Jarlsberg, Valö und
+Brennwolde.... Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern von der
+schwedischen Linie, wie der Besitzer des Baronshofs der letzte der
+märkischen Linie war. Jarlsberg – das wußte der Baron – hieß das
+uralte Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben an der Felsküste
+Schwedens, von weißem Meeresgischt umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit,
+da man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt noch ungestraft
+seeräubern konnte. In den Archiven der Burg schlummerte vielleicht auch
+noch mancher litterarische Schatz, der für die Geschichte des
+aussterbenden Hauses von Wichtigkeit war.... Der Freiherr schrieb an den
+jungen Vetter. Lange blieb die Antwort aus. Dann trafen große Kisten
+ein, mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin vollgestopft, und
+dazu ein liebenswürdiger Brief des Herrn Axel: er habe alles
+zusammengesucht, was er im Interesse der Chronik habe auftreiben können,
+und stelle es dem werten Herrn Vetter mit Freuden zur Verfügung. Ja,
+noch mehr: er nehme selbst einen so großen Anteil an der
+Familiengeschichte, daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete
+Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu Ehren des Hauses
+Hellstjern verfassen könne. Gern willige er in ein Honorar von
+zehntausend deutschen Reichsmark.
+
+Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er war ungeheuer reich. Und nun
+gedachte der Baron, sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich
+unter andern Verhältnissen sicher gegen die »Soldschreiberei« gesträubt,
+aber der Gedanke an Hedda und ihre Zukunft unterdrückte seinen
+törichten Stolz. Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. Er saß von
+früh bis zum späten Abend an seinem wunderlichen Schreibtisch, beständig
+rauchend und halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend,
+prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand immer offen, und wenn ihn
+draußen ein piepsendes Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so
+warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann scholl seine Klingel
+durch das Haus, und August, der Diener, mußte den Sprachschatz wieder
+ins Zimmer holen.
+
+ * * * * *
+
+»Puh,« sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, »Vater, dein Tabak
+ist furchtbar! Die Pfeife qualmt ordentlich und – ich weiß nicht,
+riecht denn jeder Tabak so stark?«
+
+»Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,« antwortete der Baron, ruhig
+weiterschreibend; »aber der hat’s auch dazu, sich Havannazigarren
+leisten zu können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich werde aus
+der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute heißen alle Axel, und bei den
+meisten folgt nicht mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein
+bißchen!«
+
+»Nachher gern – jetzt geht’s nicht! Zupf dich ein wenig zurecht,
+Väterchen – Schellheims sind auf der Visitentour. Ich habe ihren Wagen
+vom Fenster aus erkannt ...«
+
+Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er sich bediente, warf ihn
+hin und lehnte sich im Sessel zurück.
+
+»Sind nicht zu Hause, mein Kind,« sagte er ruhig, nachdem er einen
+neuen, tiefen Zug aus seiner Pfeife genommen hatte; »August soll’s den
+Herrschaften melden – damit sela.«
+
+»Nein – nicht sela,« widersprach Hedda, setzte sich auf den
+Schreibtischrand und strich ihrem Vater über die Stirn. »Du wirst
+vernünftig sein, lieber Alter. Es liegt gar kein Grund vor, die
+kommerzienrätliche Gesellschaft vor den Kopf zu stoßen.«
+
+»Ich kann sie nicht leiden,« grunzte der Freiherr und zog die Nase
+kraus.
+
+»Warum nicht? Weil Schellheim dir dein Gut abgekauft hat?«
+
+»Er hat geschachert wie ein Mühlendammer!«
+
+»Das gehört zu seinem Beruf. Er ist nun mal Kaufmann.«
+
+»Hemdenfritze!«
+
+»Ob einer Hemden verkauft oder Rohtabake oder goldene Manschettenknöpfe,
+ist gleichgültig; jeder ehrliche Erwerb verdient Achtung.«
+
+»Ach, fang mir nur nicht wieder mit Moralpredigten an, Hederle!« rief
+der Alte halb ärgerlich, halb lachend. »Was du immer für grüne Weisheit
+im Schnabel führst! ...« Er rückte an seinem Stuhl. »Also meinetwegen!
+Um deinetwillen! Kommt er mit Gattin?«
+
+»Weiß nicht. Aber jedenfalls! Die Dörthe erzählte, es sei Besuch auf dem
+Auberg. Vielleicht sind die Söhne da.«
+
+Ein neues Grunzen des alten Herrn.
+
+»Wappnen wir uns mit Geduld! Schick mir den August! Muß ich mich erst
+umkleiden?«
+
+»Ich würde es schicklich finden, wenn der Baron Hellstern seine Gäste
+in –«
+
+»Im Bratenrock empfangen wollte!« fiel der Baron ein. »Ich lass’ schon
+alles über mich ergehen. Gott, diese Umstände!«
+
+Er stöhnte, ächzte und grunzte noch lange. Aber es half ihm nicht viel.
+Hedda verstand, mit dem Alten umzugehen, und August auch. Der letztere
+war dreißig Jahre im Hause und dem Baron unentbehrlich geworden. Er
+stöhnte, ächzte und grunzte genau soviel wie sein Herr und konnte auch
+ebenso grob werden. Aber er war dabei die beste, treueste und ehrlichste
+Seele, eines der aussterbenden Exemplare des dienenden Geschlechts.
+
+Auf seinen beiden Krückstöcken humpelte der Baron, von Hedda gestützt,
+in sein Schlafzimmer. Das war ein merkwürdiger Raum, ein wahrer
+Tanzsaal, aber fast ohne Möbel. In der Mitte stand ein schmales,
+eisernes Bettgestell mit einigen Decken. An den Fenstern hingen keine
+Gardinen; in der Nacht schloß man die Läden von draußen, die herzförmige
+Öffnungen hatten und die Spuren von Schrotladungen zeigten.
+
+August zog seinem Herrn die Flauschjoppe aus.
+
+»Nicht so reißen, du Esel!« brummte Hellstern.
+
+»Das Ding ist zu eng,« gab August unwirsch zurück. »Ich kann nicht
+davor, daß der Herr Baron immer dicker werden! Das Marienbader hat auch
+nichts genützt.«
+
+»Weiß ich allein. Halt keine Reden!«
+
+»Wenn der Herr Baron fragen, muß ich antworten.«
+
+»Ich frage gar nichts! Her mit dem Rock! Es ist wahr – ich werd’ immer
+dicker. Hedda muß die Knöpfe noch ein Stück weiter vorsetzen. Ich kriege
+das Ding nicht mal mehr zu.«
+
+»Lassen ihn der Herr Baron doch man offen stehen,« meinte August. »Es
+sieht ja besser aus. Aber die gestrickte Weste würd’ ich nicht
+anbehalten –«
+
+»Ich tu’, was ich will. Die Weste bleibt drunter. Ich bin kein Popanz
+und kein Modegigerl. Drück mal von hinten ein bißchen nach, dann geht
+der Rock schon zu ... Hupla – na, siehst du wohl!«
+
+Der Alte trat vor den kleinen Spiegel, der über dem Waschtisch hing. Er
+gefiel sich ganz gut. Aber in Wahrheit sah er weniger hübsch als grotesk
+aus. Der lange, schwarzblaue Rock hatte eine eigentümliche
+Biedermaierfasson, umspannte den Oberkörper und den mächtigen Leib in
+ängstlicher Faltenlosigkeit und strebte von den Hüften an wie das Kleid
+einer Bäuerin nach auswärts. Dazu trug der Baron dunkle, gestreifte
+Beinkleider von außerordentlicher Weite und bequeme Filzstiefel.
+
+Hellstern lächelte, als er sein Ebenbild im Spiegel erschaute.
+
+»Wie ein Elefant,« meinte er schmunzelnd; »man kann auch Dickhäuter
+sagen. Aber dennoch ganz stattlich. Das Halstuch, August!«
+
+»Erst setzen!« antwortete dieser und schob dem Baron einen massiven
+eisernen Stuhl zu, auf dem sich Hellstern wuchtig niederließ. Dann
+schlang August seinem Herrn das sauber gefaltete schwarze Tuch um den
+Hals und steckte vorn eine goldene Busennadel hinein; Hedda hatte sie
+aus einem Ohrring der seligen Mutter anfertigen lassen.
+
+Indessen rollte unten die Viktoria des Kommerzienrats vor die Veranda.
+August beeilte sich, den Schlag öffnen zu helfen. Er trug einen
+verschossenen blauen Rock mit versilberten Knöpfen. Der reich
+galonnierte Diener des Kommerzienrats, der neben dem Kutscher gesessen
+hatte, war ihm bereits zuvorgekommen und schaute ihn ein klein wenig von
+der Seite an. Das ärgerte August. Er gab dem Livreekollegen einen
+kräftigen Schubbs und stellte sich neben den Schlag.
+
+Auf der Veranda erschien Hedda. Zwei junge Herren sprangen zuerst aus
+dem Wagen, Hagen und Gunther, die Söhne des Kommerzienrats, beide in
+Gehröcken und blanken Zylinderhüten. Dann kam die Mutter, eine
+zierliche, kleine Dame von sympathischem Äußern – dann der Rat selbst,
+untersetzt, mit gefälligem Embonpoint, das kluge Gesicht nach englischer
+Sitte bis auf einen kurzen, auf der halben Backe wie über einem Lineal
+abgeschnittenen grauen Bart glatt rasiert.
+
+Die Begrüßung seitens Schellheims war lebhaft und herzlich, seitens
+seiner Frau liebenswürdig reserviert. Die Söhne hielten sich zurück, die
+Zylinder im Arm, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Hedda gab
+jedem die Hand und führte den Besuch sodann in das Wohnzimmer.
+
+Hellstern war noch nicht anwesend, aber man hörte im Korridor bereits
+das gleichförmige Geräusch, das das Aufstoßen seiner Stöcke auf dem
+Fußboden hervorrief.
+
+Als er eintrat, ging ihm der Kommerzienrat mit strahlendem Gesicht und
+rascher, pendelnder Armbewegung entgegen.
+
+»Mein sehr verehrter Herr Baron – ich freue mich herzlich – ich freu’
+mich von ganzem Herzen ...«
+
+»Lieber Herr Kommerzienrat!« Hellstern drückte Schellheim so kräftig die
+Rechte, daß dieser am liebsten mit einem energischen Donnerwetter
+geantwortet hätte, küßte sodann der tief herniederrauschenden Rätin die
+Hand und sagte den jungen Herren »Guten Tag«.
+
+Man setzte sich, und rasch war die Unterhaltung im Fluß. Schellheim war
+ein weltgewandter Mann, bei dem nur zuweilen, in seltenen
+Ausnahmefällen, die Protzigkeit des Parvenus, der sich aus kleinen
+Anfängen emporgearbeitet, hervorbrach. Aber die große Lebhaftigkeit, mit
+der er, von ausdrucksvollem Gebärdenspiel unterstützt, sprach und
+agierte, ließ dies nicht sonderlich auffallen.
+
+Seine Frau war ziemlich still. Nur auf direkte Anrede hin pflegte sie
+etwas zu sagen, mit einer Stimme, die wunderbar einschmeichelnd, weich
+und melodiös klang. Auf Hedda machte die Rätin einen sehr angenehmen
+Eindruck. Sie war nicht hübsch, aber chic und vornehm. Sie mußte auch
+bedeutend jünger als ihr Gatte sein. Er hatte sie geheiratet, als er
+bereits ein gemachter Mann war und seine Verhältnisse es ihm
+gestatteten, in eine »gute Familie zu kommen«. Er war immer
+liebenswürdig zu ihr, aber nie gütig. Ihre Bescheidenheit mißfiel ihm
+zuweilen; er hätte sich eine glänzendere Repräsentantin für sein
+Hauswesen gewünscht. Ihrer feinen musikalischen Bildung und ihrer
+Verehrung für Wagner zuliebe war er auf den schnurrigen Einfall
+gekommen, seinen Söhnen die Namen Hagen und Gunther geben zu lassen.
+
+»Aber der grimme Hagen macht durchaus keinen blutdürstigen Eindruck,«
+bemerkte Herr von Hellstern lächelnd, als das Gespräch sich dem
+Wagnerianismus zuwandte; »im Gegenteil ...«
+
+Gunther, der jüngere der Brüder, errötete leicht, obschon nicht von ihm
+die Rede war. Er war schlank und schmächtig und ähnelte der Mutter. Ein
+Paar sehr schöne und kluge, sammetbraune Augen belebten das etwas blasse
+Gesicht.
+
+Der »grimme Hagen« schlug mehr dem Vater nach. Er war ebenso lebhaft wie
+dieser in Sprache und Bewegungen und zog den Mund ein wenig schief, wenn
+er lächelte. Er war auch der ganze Stolz seines Erzeugers, der Leiter
+der Fabrik und Träger der Firma, ein tüchtiger Kaufmann trotz seiner
+Lebemannsallüren. Gunther war aus der Rasse gefallen. Er hatte keinerlei
+merkantile Neigungen und galt für einen Gelehrten. Er war
+Literarhistoriker.
+
+Das interessierte Hedda. Sie fragte, wo er studiere, und befand sich
+bald in angeregter Unterhaltung mit ihm. Gunther erzählte, daß er es
+bereits bis zum Dozenten an der Berliner Universität gebracht habe, und
+daß seine Spezialität die höfische Dichtung des Mittelalters sei.
+Insofern mache er auch seinem »ihm wider Willen« gegebenen Vornamen
+Ehre, als er sich mit besonderem Eifer auf die Erforschung des
+Nibelungenliedes geworfen habe. Er führte noch einige Lyriker und
+Didaktiker aus der Blütezeit des Minnesangs an, Namen, die Hedda
+ziemlich fremd an das Ohr klangen; nur von Walter von der Vogelweide,
+von Tannhäuser und Ulrich von Lichtenstein hatte sie schon gehört.
+
+Aber es gefiel ihr alles, was der junge Gelehrte sagte. Er hatte so eine
+nette Art, sich auszudrücken, und das weiche, sympathische Organ seiner
+Mutter. Er sprach bescheiden und ruhig und schien sichtlich erfreut zu
+sein über das Interesse, das Hedda ihm und seinem Studium
+entgegenbrachte. Unwillkürlich hatten die beiden während ihrer
+Unterhaltung sich ein wenig von den übrigen zurückgezogen. Sie standen
+in einer Fensternische, während die andern sich um den Sofatisch
+gruppierten.
+
+Der Kommerzienrat führte im Augenblick das Wort.
+
+»Ja, denken Sie sich, mein verehrter Herr Baron,« sagte er, den
+ausgestreckten Zeigefinger seiner Rechten hoch in der Luft, »die Quelle
+soll in der Tat Mineralgehalt haben. Hören Sie mal, das könnte ’ne große
+Sache werden! Was meinen Sie, wenn wir aus Oberlemmingen ein Bad
+machten?!«
+
+»Bleiben Sie mir vom Leibe!« rief der Baron zurück. »Ein Bad – na, das
+fehlte noch! Bin froh, daß wir hier so in der Stille und Ruhe sitzen!
+Übrigens glaub’ ich das noch nicht recht – das mit der Quelle. Wo soll
+sie sein – an der Grauen Lehne?«
+
+Schellheim nickte eifrig.
+
+»Ja – an der Grauen Lehne, im Möllerschen Gehölz,« antwortete er. »Man
+hat sie gar nicht beachtet – was versteht der Bauer vom Gurkensalat!
+Aber da hat sich ein Lehrer aus Frankfurt während der großen Ferien bei
+Möller im Gasthof eingemietet, und dem ist die Gaseentwicklung
+aufgefallen, mit der die Quelle aus dem Boden sprudelt, – wissen Sie,
+ich habe mir das Dings angesehen, es moussiert förmlich – wie eine
+Pommery ... Und da hat er denn einen befreundeten Chemiker darauf
+aufmerksam gemacht, der hat das Wasser genauer untersucht. Was soll ich
+Ihnen sagen, mein bester Herr Baron, – der Mann hat Kohlensäure und
+Eisen konstatiert und Möller angeraten, die Quelle schleunigst fassen zu
+lassen.«
+
+Der Baron schüttelte den Kopf und strich sich dann über den Leib.
+
+»Das Marienbader hat mich nicht schlanker gemacht,« meinte er;
+»vielleicht ist unser heimisches Wässerchen wirkungsvoller.«
+
+Schellheim lachte.
+
+»Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen
+brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches
+Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das wäre doch wirklich famos!
+Ich hätte große Lust, dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen.
+Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.«
+
+»Eh – na – warten Sie’s ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern
+kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und
+namentlich der alte Möller, – der hat’s faustdick hinter den Ohren ...
+Offen gestanden, ich wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem
+Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist’s aus, wenn wir erst Badegäste
+hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer
+unwirsch von der Seite an.«
+
+»Das ist egoistisch, lieber Baron –«
+
+»Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich bin glücklich in meiner
+Einsamkeit. Hab’ neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen,
+der nennt die Einsamkeit ein ›vornehm’ Land‹. Und, weiß Gott, der Poet
+hat recht! Ich möchte mir nicht gern mein letztes Eckchen ›vornehm’
+Land‹ rauben lassen.«
+
+Der Kommerzienrat verzog den Mund.
+
+»Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron – aber die Einsamkeit
+widerspricht dem Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten im
+Menschentreiben stehn.«
+
+»Oho – haha – Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jüngsten Ihrer
+Nibelungen, ob er im Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! Und
+lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner Zeit.«
+
+Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen
+Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend:
+»Ach nein, Herr Baron – den Gunther muß man als Sonderling beurteilen.
+Der ist am glücklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekümmert, und
+selbst seine Forschungen hält er ängstlich geheim.«
+
+»’s ist so,« fiel Schellheim ein, während die beiden in der
+Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen, sondern
+nur zuweilen mit leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; »ich
+bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft und Kunst –
+ah, nun ja – ganz gewiß! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die
+Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mühen
+herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen möglicherweise ein paar
+Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? – Ich bitte Sie, die
+ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen,
+sind doch eigentlich nur Füllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der
+Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger
+der Lebenden,« wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck
+besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine
+Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: »Ich
+hätte ja am liebsten gehabt, Gunther hätte gleichfalls die kaufmännische
+Karriere ergriffen. Er wollte nicht – schön – ich bin kein Rabenvater.
+Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht
+Mediziner? Meinethalben bloß Theoretiker – Anthropologe, Bazillenmensch
+– die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre
+Untersuchungen nützen der Gesamtheit.... Nein – er wollte partout ein
+Bücherwurm werden –«
+
+»Und fühlt sich recht wohl dabei,« warf Gunther ein. Er war aus der
+Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er
+lächelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel.
+»Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr
+von Hellstern,« wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; »ich
+begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver
+Tätigkeit wohl fühlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich
+Geschmack abgewinnen. Ich höre übrigens, daß Sie mit einer Geschichte
+Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr Baron, und sich in
+umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen
+irgendwie dienlich sein kann –«
+
+»Merci, Herr Doktor – sehr liebenswürdig,« entgegnete Hellstern; »das
+Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas
+besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern
+an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?«
+
+»Leider nein,« erwiderte die Rätin seufzend, und ihr Gatte fiel ein:
+»Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurück, die Jungen ...«
+Er klopfte Gunther auf die Schulter. »Ich hab’s nicht böse gemeint –
+#de gustibus# und so weiter. _Mir_ würde das Herumwühlen in alten
+Scharteken den Appetit verderben. Da lob’ ich mir noch die Musik.
+Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?«
+
+Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen
+ihr und der Rätin über den vergötterten Meister und seine Musik. Da
+wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, daß
+Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins
+seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau
+Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.
+
+Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen plauderte. Sein
+Urteil über die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter
+Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen Großstädten hundertfach
+findet; die Frau unterdrückt, nicht uneben; aber von sklavischer
+Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach
+Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann und Kulissenjäger spielt – und
+Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron
+noch am besten, obschon auch er für grüblerische Gelehrtentüftelei wenig
+übrig hatte.
+
+Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser
+Gelegenheit erfuhr Hellstern, daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich
+gänzlich auf der »Auburg« – so hatte er sein Schloß getauft –
+festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterführen.
+
+»Ich möchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft
+befassen,« sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerüstet. »Es macht mir
+Spaß – möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute
+Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, – stehen Sie mit
+dem Möller auf gutem Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?«
+
+»Auf gar keinem,« erwiderte Hellstern ziemlich kurz. »Aber, falls Sie
+mit ihm in Verbindung treten sollten – #attention!# Es ist ein brutaler
+Schlaukopf.«
+
+Schellheim lachte.
+
+»Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron,« sagte
+er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch
+einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das
+alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser
+viel mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er sei überhaupt nicht
+für den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ...
+
+August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schäbig aus neben den
+frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der
+Viktoria. Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute vom Auberg
+imponierten ihm durchaus nicht.
+
+Der Wagen rollte davon. Der Kommerzienrat winkte noch wiederholt mit
+seinem abgezogenen Handschuh aus dem Fenster.
+
+Hellstern sah dem unter seinem silbergeschmückten Geschirr sich sehr
+stattlich ausnehmenden Fuchsgespann lange nach.
+
+»Solche Karrossiers hab’ ich mir mein Lebtag nicht gegönnt,« sagte er zu
+Hedda. »Hübsche Gäule und gut eingefahren ... Es ist merkwürdig, wie es
+im Leben auf und nieder geht. Jetzt sind die Krämer die Sieger und wir
+vom Adel die Besiegten. Das war ehemals anders.«
+
+»Freilich,« entgegnete Hedda mit leichtem Seufzer, »’s ist leider immer
+so in der Weltgeschichte. Hammer und Amboß wechseln. Aber allzu schlimm
+sind die Schellheims noch nicht.«
+
+»Na, es geht,« erwiderte der Baron etwas mürrisch.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Am Westausgange des Dorfes wohnte der Vater Dörthes, der Stellmacher
+Klempt. Man mußte einen kleinen Garten durchschreiten, ehe man zu dem
+mit Schindeln gedeckten Häuschen des Alten kam. Das heißt, es war
+eigentlich kein richtiger Garten, denn es blühten nur wenige Blumen
+darin – ein paar Georginen und Pechnelken, die dicht am Staketzaun
+standen –, alles übrige war Wiese und Kartoffelland. Dicht am Hause
+hatte Klempt sich eine kleine Baumschule angelegt. Das war seine
+besondere Freude. Er zog allerdings keine Seltenheiten, sondern nur
+einige Reihen echter Kastanien, Edelakazien und Pfirsiche und ein paar
+hochstämmige Rosen, seine Sorgenkinder, die er im Winter durch
+Moosumhüllung und eine Panzerung von stachligem Wacholderbuschwerk vor
+den Angriffen hungriger Hasen schützte.
+
+Klempt war ein stiller und ruhiger Mensch, der sich durch mancherlei
+Ungemach des Lebens zu einer gewissen philosophischen Resignation
+durchgerungen hatte. In der Tat, er war ein Bauernphilosoph von
+eigentümlicher Prägung; dadurch, daß er sich von den andern zurückhielt
+und auch den abendlichen Zusammenkünften in der Krugwirtschaft
+fernblieb, daß er ein ziemlich einsames Leben führte und fast beständig
+auf sich selbst angewiesen war, hatte er sich in eine sonderliche
+Gedankenwelt eingesponnen, die er mit Emsigkeit pflegte, und in der er
+mit ganzem Sein aufging. Er hatte seine Frau und vier blühende Kinder
+hinsterben sehen. Die Dörthe war seine Letzte, aber er hatte es nicht
+gelitten, daß sie ihm die Wirtschaft führte. Sie sollte »die Welt kennen
+lernen«, wie er sich ausdrückte, und das fing damit an, daß sie auf dem
+Baronshofe in Dienst trat. Da Klempt indessen in seinem Haushalt der
+weiblichen Hand nicht völlig entbehren konnte, so nahm er seine einzige,
+unverheiratete Schwester Pauline zu sich. Das war ein langes, hageres
+Weibsbild, fast an die Sechzig, aber noch schwarzhaarig und mit
+glänzenden Augen in dem die Spuren einstiger großer Schönheit tragenden
+Gesicht. Die Pauline paßte zu ihrem Bruder; sie führte ein ähnliches
+Traumleben wie er, denn sie war völlig taub und pflegte sich nur durch
+ein eigenartiges Gebärdenspiel mit ihm zu verständigen. Sie war eine
+brave Person, etwas mystisch veranlagt, ewig in Punktierbüchern und
+Traumdeutungen kramend, männerscheu und von nervöser Empfindlichkeit,
+aber auch fleißig und sorgsam im Haushalt.
+
+Das war die Rechte für den Stellmacher. Auch er liebte es nicht, viel
+Worte zu machen. Dafür las er gern, besonders an den Winterabenden, und
+zwar am liebsten Geschichtswerke oder Geographiebücher, doch nie Romane,
+für die er nichts übrig hatte. Baron Hellstern, der Pastor und der
+Kantor liehen ihm, was sie auf ihren Repositorien hatten; bei der
+Arbeit verdaute der alte Klempt sodann seine Lektüre. Das war ein Genuß
+für ihn. Saß er draußen im Hofe auf seiner Hobelbank oder schlug die
+Speichen eines Rades ein, daß es weithin dröhnte durch das stille Dorf,
+so arbeitete nicht nur seine fleißige Hand, sondern auch seine
+Phantasie. Da war er mit Stanley in Afrika, unter den schwarzen Heiden
+und Menschenfressern, oder mit irgend einem Missionar an den Ufern des
+Ganges, oder oben am Nordpol, oder er schüttelte den grauen Kopf über
+die Greuel des Dreißigjährigen Krieges und berauschte sich an dem
+Freiheitsdurst der Griechen. In seinem groben Bauernhirn blieben
+naturgemäß nur die außerordentlichen Ereignisse haften, aber die Lust am
+Reflektieren, auf die ihn sein einsames Leben hinwies, hatte doch
+allgemach seine Anschauungsweise geläutert; er verglich gern,
+kritisierte auch und zog naive Schlüsse aus der Vergangenheit auf die
+Gegenwart.
+
+Jetzt saß er auf der hölzernen Bank rechts von der Tür seines Häuschens,
+hatte die Hände gefaltet im Schoß und schaute stumm auf das Spatzenheer,
+das sich vor ihm im heißen Sande des Hofes zankte. Man sah ihm die kaum
+überstandene Krankheit an. Er war recht hager geworden, und noch stärker
+und zottiger als vorher erschien der weiße Zimmermannsbart, der seine
+Wangen umrahmte. Aus dem braunen Gesicht blickten zwei hellblaue,
+treuherzige Augen; die von zahlreichen kleinen Falten durchzogenen
+Lippen waren fest aufeinandergepreßt; der linke Mundwinkel, in dem
+gewöhnlich die Pfeife hing, senkte sich ein wenig. Das Rauchen hatte ihm
+der Arzt strengstens verboten, und unter diesem Verbot litt der Alte am
+meisten. Er konnte ohne Pfeife nicht sein.
+
+Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. Die weißen Lämmerwölkchen
+am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des
+alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette
+Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein leises, melodisches Läuten; der
+Schäfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim.
+
+Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick stehen und schaute
+nach dem Himmel, um zu sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu
+gewärtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden
+Stimme, die allen Tauben eigen ist:
+
+»Komm ’rein, August; es fängt an, kühle zu werden.«
+
+Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern
+wies hinüber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mädchenstimme das
+Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. Sie hatte Urlaub
+erhalten, den Vater und den Bräutigam zu besuchen, trug ihr
+Feiertagskleid aus geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den Hals.
+
+»Holla, Vater,« rief sie schon von weitem, »bist du noch draußen? Und
+hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der
+Stube sein?«
+
+»’s ist ja so schöne,« antwortete Klempt lächelnd, und als er den
+Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte er fragend hinzu: »Ist denn heute
+Kirmes, daß du dich so fein gemacht hast?«
+
+Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.
+
+»Ich will mal zu Fritzen gehn,« entgegnete sie. »Heut ist ’was los im
+Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat
+ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie
+alle zusammen.«
+
+»Hab’s auch schon gehört,« meinte Klempt; »ein Wunderwasser, das Kranke
+gesund machen soll. ’s käm’ mir zunutze.« Er schüttelte den Kopf. »’s
+wird bloß wieder so ein Gerede sein,« fuhr er fort; »die Leute reden
+viel ...«
+
+Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tür.
+
+»Ja, ich komme,« sagte er nickend. »Hast du’s so eilig, Dörthe? Wirst
+schon noch frühe genug im Kruge sein; bleib noch ein Huschchen!«
+
+»Aber nicht lange,« antwortete Dörthe. Doch sie trat mit den beiden in
+das Stübchen, das vom Glanze des Sonnenrots völlig durchstrahlt zu sein
+schien.
+
+Pauline bereitete das Abendbrot, während sich Dörthe, die Hände auf die
+Hüften gestemmt, vor ihren Vater stellte.
+
+»Wie fühlst du dich denn?« fragte sie.
+
+Er winkte mit der Hand.
+
+»So gesund wie früher, Dörthe, verlaß dich drauf! ’s ist ’ne Narretei
+vom Doktor, daß er mir noch immer das Rauchen verbieten tut. Das ist das
+einzigste, was mir noch fehlt.«
+
+»Solange du noch hustest, darfst du’s nicht,« erklärte Dörthe. »Vater,
+ich riech’s, ich rieche gleich, wenn du geraucht hast. Du mußt doch
+parieren. Der Doktor kostet Geld, und wenn du nicht tust, was er
+befiehlt, ist das schöne Geld reinweg zum Fenster hinausgeworfen.«
+
+Sie sagte das sehr ernst. Klempt nickte grämlich.
+
+»Na, ja doch,« sagte er. »Es dauert alles so lange. Und dabei hab’ ich
+mehr zu tun, als mir lieb ist!«
+
+»So nimm dir doch noch ’nen Gesellen, Vater! Ich hab’ dir’s schon ein
+paarmal gesagt!«
+
+»Ach was, daß er bloß ’rumlungert! Was tut denn so ’n Junge! Bis jetzt
+bin ich alleine fertig geworden und werd’s auch noch länger werden!
+Kotzschock, ich bin doch erst sechzig! ... Es war wohl Besuch auf dem
+Baronshof?«
+
+»Ja, die von drüben. Die Söhne auch ...« Dörthe schnitt eine Grimasse
+und lachte schelmisch. »Paß einmal auf, unser Fräulein heiratet den
+ältesten! Da soll’s hinaus!«
+
+»Da käm’ wieder mal Geld ins Haus! Die drüben messen’s nach Scheffeln.
+Aber ob der Baron will?«
+
+»Warum denn nicht?«
+
+»Na, er ist doch so stolz!«
+
+»Ist er nicht,« erklärte Dörthe kopfschüttelnd. »Und dann macht das
+Fräulein doch, was sie will. Aber ich will nichts gesagt haben. Die
+Hanne meint auch, das würde was werden.«
+
+»Was sagt denn August?«
+
+»Den hab’ ich gefragt. Da ist er mir aber grob gekommen. Der ist grob
+wie Bohnenstroh, Vater. Zum Baron geradeso wie zu uns, und dem scheint’s
+noch zu gefallen.«
+
+»Hast du ihm meine Rechnung gegeben?«
+
+»Nee, Vater, das eilt ja nicht so. Sie ist ziemlich hoch, da wart’ ich
+lieber bis zum Ersten und geb’ sie dem Fräulein. Am Ersten kriegt der
+Alte seine Pension und Zinsen und so was. Da wart’ ich lieber.«
+
+»Wart ruhig,« stimmte der Stellmacher zu. »Die gehn mir nicht durch.
+Sind sie denn immer noch gut zu dir?«
+
+»Ja, sehr! Das Fräulein besonders – na, die ist ja immer gut! Den Alten
+kriegt man kaum zu Gesicht. Er hat’s wieder so schlimm in den Füßen,
+sagt August. Aber nu geh’ ich, Vater! Ich muß doch hören, was es im
+Kruge gibt.«
+
+»Verzähl’s mir morgen! Adjö, Dörthe! ... Du, Dörthe, und bedenk’s dir
+mit Möllers Fritze ...«
+
+Sie gab ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, so daß er den Satz nicht
+beenden konnte, und sprang aus dem Zimmer, der Tante beinahe in die
+Arme, die ihr im Hausflur mit einer Schüssel voll weißen Käses und der
+Leinölflasche entgegenkam.
+
+»Herrjeses,« sagte Pauline, »so sieh dich doch vor! Hast du letzte Nacht
+was geträumt?«
+
+Dörthe nickte.
+
+Die Tante wurde wißbegierig.
+
+»Von was denn?«
+
+Dörthe tippte auf die Flasche.
+
+»Von Leinöl?« fragte die Tante verwundert.
+
+Dörthe nickte wieder und tippte auf die Käseschüssel.
+
+Die Augen Paulinens wurden immer größer.
+
+»I – auch von Quark?«
+
+Dörthe machte mit der Hand eine wirbelnde Bewegung in der Luft.
+
+»Ach so,« sagte die Tante, »zusammengerührt – Leinöl und Quark ...«
+
+Nun wies Dörthe auf die Lampe, die auf der Futterkiste in der Ecke
+stand.
+
+»Bei Licht?« fragte die Tante.
+
+Dörthe tippte an das Bassin.
+
+»Was?« rief Pauline. »Mit Petroleum? Leinöl und Quark und Petroleum? Wo
+soll ich denn das im Traumbuche finden! I – du willst mich wohl bloß
+zum Narren haben?! Dörthe, hör mal, Dörthe, du machst dich immer lustig
+über mich, aber ich will dir was sagen: ich habe vor ein paar Tagen von
+einem Gewitter geträumt, und es hätte eingeschlagen. Das gibt Unfrieden
+im Hause. Sieh dich vor mit dem Fritze. Ich rede sonst nicht davon ...«
+
+Das hatte die Dörthe nun so oft gehört, daß sie ärgerlich wurde.
+
+»Laß mich in Frieden, Tante!« rief sie zurück, gar nicht daran denkend,
+daß Pauline sie nicht verstehen könne, und eilte hinaus, den Gartenweg
+hinauf, auf den Dorfplatz.
+
+Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und
+auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt
+zurückgestrichen war, lag eine schwere Falte.
+
+Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war
+doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte
+von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und von der Tante erzählte
+man sich, daß sie einstmals der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der
+aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß gegen alles, was
+im Kruge wohnte ...
+
+Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine
+Schar Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt, drehten sich im
+Kreise und sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:
+
+ »Ich steh’ auf einem hohen Söller,
+ Ich steh’ in einem tiefen Keller,
+ Heisa dusematee!
+ Fängst du mich,
+ Lieb’ ich dich,
+ Aber nee, du kriegst mich nich –
+ Heisa dusematee!«
+
+Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein
+Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon
+mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend,
+denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge
+sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen
+Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.
+
+Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren
+Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.
+
+»Willst du auch in den Krug, Kleine?« fragte er.
+
+»Versteht sich,« entgegnete sie, »so gut wie du. Bist du mal wieder in
+Oberlemmingen?«
+
+»Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei
+sein ...« Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter
+das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.
+
+Den Albert konnte sie nicht leiden. Es ärgerte sie schon, daß er sie
+immer »Kleine« nannte. Er bildete sich viel darauf ein, daß er ganz
+städtisch geworden war, und schaute die Bauern über die Achseln an. Seit
+drei Jahren lebte er gänzlich in Frankfurt und kam nur dann und wann zu
+Besuch nach der Heimat. Er war Maurerpolier, nannte sich aber
+Bauunternehmer, und man erzählte von ihm, daß er schon einmal unter der
+Anklage der Begünstigung betrügerischen Bankerotts in Untersuchungshaft
+genommen und nur aus Mangel an Beweis freigesprochen worden sei. Er war
+übrigens ein sehr hübscher Mann: groß, schlank und blondbärtig, und wenn
+er einen mit seinen hellen blauen Augen anschaute, hätte man darauf
+schwören können, daß er der beste und treuherzigste Bursche unter der
+Sonne sei.
+
+Dörthe ging nicht durch den Haupteingang in den Krug, sondern hinten
+herum, durch die Küche. Hier brannte schon Licht, und die alte Möllern
+hantierte geschäftig am Herd, denn der Förster Damke aus dem nahen
+Vorwerk hatte sich seiner Gewohnheit gemäß Grog bestellt. Die Möllern
+war eine große und starke Frau mit vollem grauen Haar und trotz ihrer
+Siebzig noch ungemein rüstig. Das Herdfeuer überstrahlte mit roter Glut
+ihre harten, ausgearbeiteten Züge.
+
+»’n Abend, Mutter Möllern,« sagte die Dörthe beim Eintritt in die Küche.
+»Ist der Fritz nicht hier?«
+
+Die Alte zog eine Schulter hoch.
+
+»Im Keller,« antwortete sie, »er zappt ab; ’s is ja heute wie eine
+Volksversammlung da drinne’!«
+
+Sie war immer mürrisch und unfreundlich, insonderheit Dörthe gegenüber,
+der sie es nicht vergeben konnte, daß sich ihr Fritz in sie verliebt
+hatte. Denn die alten Möllers waren stolz, und obwohl Fritz die
+Krugwirtschaft bereits übernommen hatte, meinten sie, es sei nicht
+nötig, daß er sich nach einer Frau umschaue, solange sie selbst noch mit
+Hand anlegen könnten. Die Dörthe paßte ihnen vollends nicht; ein Mädel
+ohne Geld war nicht nach ihrem Geschmack. Fritz konnte Besseres haben.
+
+Dörthe schwankte, ob sie in das Gastzimmer gehen sollte, als sie den
+dicken, blonden Wirrkopf Fritzens aus der Kellerluke auftauchen sah.
+Eine Falltür führte von der Küche aus direkt in den Keller, und wenn sie
+offen stand, wie jetzt, roch es immer nach Hefe und schalem Bier.
+
+Fritz trug unter jedem Arm einen mächtigen Henkelkorb mit Bierflaschen.
+Er war ein riesiger Kerl und hatte auch riesige Kräfte. Die Bauern
+fürchteten seine Fäuste. Den kleinen Lemmert hatte er einfach einmal aus
+dem Fenster geworfen; wer in der Betrunkenheit Krakeel bei ihm anfangen
+wollte, mit dem fackelte er nicht lange. Aber auch auf seinem dicken und
+gesunden Gesicht lag der den Möllers eigne Zug von Treuherzigkeit und
+gutmütiger Gesinnung.
+
+»Ach, Dörthe, du bist’s,« sagte er, stellte einen Korb hin, wischte mit
+der Handfläche seiner Rechten rasch über seine blaue Schürze und
+begrüßte sodann seine Braut. »Möchtst wohl auch wissen, wie’s wird?«
+
+»I nu ja,« erwiderte das Mädchen lächelnd. »Es wird ja so viel davon
+gesprochen. Der Albert ist auch schon hier.«
+
+»Weil er der einzige is, der was davon versteht,« bemerkte die Alte. »Er
+hat auch schon ’ne Bank hinter sich, sagt er ...«
+
+Dörthe dachte darüber nach, warum der Albert »’ne Bank hinter sich«
+habe, aber Fritz ließ ihr zum Grübeln nicht lange Zeit.
+
+»Trag immer ’rein,« sagte er und schob ihr einen der Körbe unter den
+Arm; »heut könnte man zwanzig Hände haben!«
+
+Und er folgte ihr mit dem zweiten Korbe.
+
+So voll war das Krugzimmer allerdings selten. Aus der Mitte der
+weißgekalkten Decke hing eine alte Petroleumlampe herab, die den großen
+Raum nur notdürftig erleuchtete, so daß in allen Ecken und Winkeln
+schwarze und dämmergraue Schatten lagen. Nur auf dem Schenktische stand
+noch eine zweite Lampe. Hier machte sich der alte Möller zu schaffen,
+ein Siebziger, der aussah, als könne er das Hundertste noch erleben.
+Rastlos liefen die scharfblickenden Augen unter den buschigen weißen
+Brauen umher, und immer war er zur Hand, wenn er verlangt wurde. Er
+fühlte gewissermaßen, wo ein Glas leer war, und er hatte genau im Kopfe,
+wieviel ein jeder getrunken hatte. Er brauchte nichts anzuschreiben,
+seine Rechnung stimmte doch.
+
+Alle Tische waren besetzt. Die paar Großbauern, die reichsten im Dorfe,
+hielten zusammen. Da war zuerst der dicke Braumüller, dessen Gehöft der
+Krugwirtschaft gegenüber an der Chaussee lag, dann der einäugige
+Langheinrich, der einzige in Oberlemmingen, der weder schreiben noch
+lesen konnte; ferner der kleine Raupach, ein ungemein bewegliches,
+leicht aufbrausendes Männchen, und der Bauer Tengler, der seiner käsigen
+Gesichtsfarbe wegen gewöhnlich »Schlippermilch« genannt wurde. Noch
+einer saß am Tische der Großbauern: der dritte Sohn des alten Möller,
+der Bertold. Der war Kaufmann geworden und betrieb ein Kurzwarengeschäft
+in der benachbarten Kreisstadt Zielenberg. Er war nicht von der
+Möllerschen Art, kein Riese wie die übrigen, sondern ein wenig
+verwachsen und trug auch eine Brille, hinter der ein Paar dunkle Augen
+listig und lebhaft funkelten.
+
+An den sonstigen Tischen hatten die kleineren Leute Platz genommen: der
+Krämer Thielemann, die Kossäten Bachert, Maracke und Klauert und eine
+Anzahl Taglöhner, Häusler und Knechte. Nebenan im Extrazimmerchen saß
+der Förster Damke allein in seiner Sofaecke, trank Grog und las dazu die
+Inserate im »Zielenberger Kreisblatt«.
+
+Es ging, trotzdem viel getrunken wurde, nicht allzu lebhaft zu. Die
+meisten unterhielten sich mit nur halblauter Stimme. Erst als die Tür
+aufging und Wittke, der Lehnschulze, mit Albert Möller ins Zimmer trat,
+wurde es lauter. Bertold rief seinen Bruder sofort an den Tisch heran,
+wo Albert jedem der Bauern die Hand reichte.
+
+»Warst du beim Kantor?« fragte Bertold, an seiner Brille rückend, eine
+ihm eigentümliche Bewegung.
+
+»Ja,« entgegnete der andre nickend. »Der Professor hat geantwortet. Es
+hat seine Richtigkeit. Die Quelle ist großartig, sage ich dir,
+Bertold ...«
+
+Er brach mit einem Seitenblick auf die Bauern mitten im Satze ab. Es
+schien, als wolle er seine Zukunftshoffnungen nicht so vor allen Leuten
+preisgeben.
+
+»Wie ist’s denn eigentlich ans Licht gekommen mit der Quelle?« fragte
+Langheinrich.
+
+»Ganz einfach,« und Albert erzählte zum zwanzigstenmal die Geschichte
+der Entdeckung. Der Lehrer aus Frankfurt, der sich vorjährig mit Frau
+und Kindern während der großen Ferien im Kruge eingemietet hatte, um
+hier eine billige Sommerfrische zu genießen, war häufig in dem
+Buchenwäldchen auf der Grauen Lehne spazieren gegangen. Und da hatte er
+denn eines Tages mitten im Geröll und ganz verborgen unter
+Brombeerranken und Wacholdergestrüpp ein Wässerchen entdeckt, das mit
+auffallend starkem Geräusch zutage trat und zugleich Tausende von
+kleinen zierlichen Perlen und Bläschen bildete, – »so wie beim
+Selterswasser, Langheinrich, verstehst du?« erläuterte Albert das
+Phänomen. Jedenfalls erschien dem Lehrer die kleine Quelle interessant
+genug, um den ihm befreundeten Professor Statius darauf aufmerksam zu
+machen. Der Professor analysierte das Wasser denn auch und sandte seinen
+Bericht dem Lehrer ein, der ihn wiederum an Herrn Feilner, den Kantor
+von Oberlemmingen, schickte.
+
+»Da is er schunst!« rief Tengler, der gewöhnlich platt sprach, und
+deutete nach der Tür. Feilner trat ein, ein langer Mensch mit einem um
+die Wangen gebundenen Taschentuch. Man kannte ihn gar nicht ohne
+Zahnschmerzen.
+
+Die vier Möllers gingen ihm entgegen und begrüßten ihn höflicher, als es
+sonst ihre Art war; der Alte brachte sogar ein Glas Bier herbei und
+fragte, ob der Herr Kantor vielleicht etwas zu essen wünsche. Aber
+Feilner dankte; er habe nicht viel Zeit und wolle sich nur rasch seines
+Auftrags entledigen.
+
+Dann nahm er am Mitteltische unter der Hängelampe Platz und zog den
+Brief des Professors hervor. Im Zimmer hatte sich alles erhoben und
+bildete einen Kreis um den Kantor. Eine aufmerksame Spannung lag auf den
+Gesichtern. Der alte Maracke hatte die Augen weit aufgerissen und hielt
+das linke Ohr umgeklappt, um besser hören zu können. Auch Dörthe hatte
+sich herangeschlichen und reckte sich auf den Zehen empor.
+
+»Also paßt auf,« sagte Herr Feilner. »Nämlich zuerst kommt, was die
+Quelle alles enthält. Hauptbestandteile: kieselsaurer Kalk,
+schwefelsaurer Kalk, Chlornatrium, Chlorkalium, Ferrokarbonat,
+schwefelsaure Magnesia.«
+
+Er schaute auf und begegnete auf allen Seiten mordsdummen Gesichtern.
+Der alte Maracke schüttelte vor sprachlosem Erstaunen den Kopf und
+Braumüller fragte:
+
+»Wat denn? Das ist alles drin?«
+
+»Es kommt noch mehr,« sagte Feilner, und Albert Möller rief »Ruhe«,
+obschon niemand sprach, und drängte den dicken Braumüller unsanft vom
+Tische zurück.
+
+Der Kantor nahm wieder den Brief zur Hand und las weiter:
+
+»Temperatur 8,07 Grad #R. R.# heißt nämlich Réaumur, womit das Wasser
+gemessen worden ist, und weil’s auch noch andre Thermometer gibt, zum
+Beispiel Celsius, der mißt höher, und Fahrenheit, den braucht man aber
+nur manchmal. Nun geht’s weiter. Geschmack leicht bitter, kristallhell,
+dem Rakoczy ähnlich, aber an Bestandteilen quantitativ geringer. Habt
+ihr verstanden?«
+
+Den Mienen der Anwesenden sah man dies nicht an. Maracke schüttelte noch
+immer den Kopf und kratzte sich dabei hinter den Ohren. Braumüller
+wollte etwas fragen, aber der wißbegierige kleine Raupach kam ihm zuvor
+und schrie aufgeregt:
+
+»Kinder, nu denkt mal, und das haben wir alles gar nicht gewußt? Dem
+Ra—, dem Ra—, wie war’s denn gleich? Wem soll das Wasser ähnlich
+sein?«
+
+»Dem Rakoczy,« erwiderte Bertold Möller, »das ist ’ne Quelle in
+Kissingen – auch eine Heilquelle ...«
+
+»Und was ist denn nun so gesund da dran?« fiel Langheinrich ein.
+
+»Wartet mal,« sagte der Kantor, »davon hat Professor Statius auch etwas
+geschrieben.« Und er suchte in seinem Briefe. »Aha – da – hier
+steht’s: ›Beschleunigung des Stoffwechsels, Ausscheidung anormaler
+Stoffe, gesteigerte Oxydation.‹«
+
+Er schwieg wieder und steckte den Brief in die Tasche zurück.
+
+»Was hat er gesagt?« fragte Maracke, der noch immer sein Ohr umgeklappt
+hielt. Sein Nachbar zuckte mit den Achseln, doch der kleine Raupach
+schrie lebhaft:
+
+»Stoffwechsel hat er gesagt! Das ist doch ganz einfach!« – und Maracke
+nickte dankend und war so klug wie zuvor.
+
+Der Kantor nippte an seinem Bier und erhob sich; er wollte wieder gehen.
+Aber zuvor faßte er den alten Möller noch einmal an einem Rockknopf.
+
+»Hören Sie mal, Herr Möller,« sagte er, »was da der Herr Professor noch
+geschrieben hat: er läßt Ihnen raten, Sie möchten doch die Quelle fassen
+lassen.«
+
+»Schön, schön, Herr Kantor,« erwiderte Albert anstatt des Alten rasch,
+»wird alles gemacht werden,« – und leise flüsterte er seinem Vater zu:
+»Ich weiß schon Bescheid – nachher! ...«
+
+Als der Kantor gegangen war, kehrte alles auf die verlassenen Plätze
+zurück. Man bestellte sich neues Bier und neuen Schnaps. Der Heilquell
+an der Grauen Lehne bildete das einzige Thema der Unterhaltung.
+Allerhand Meinungen wurden ausgetauscht. Man war sich noch nicht recht
+klar über das neue Wunder. Raupach geriet mit Braumüller in Streit, weil
+ersterer behauptete, die heilende Wirkung des Wassers liege im Trinken,
+und letzterer, nein, im Baden. Schließlich schlichtete »Schlippermilch«
+den Zank durch die salomonische Erklärung, es sei beides richtig; erst
+baden, dann trinken, worauf Maracke meinte, das sei eine Schweinerei.
+
+Der alte Möller hatte seine Frau gerufen, damit sie die Gäste bediene.
+Dörthe sollte ihr dabei helfen, denn die vier Möllers zogen sich zu
+einer »Familienrücksprache«, wie Albert sagte, in das Extrazimmer
+zurück. Der Förster Damke war nach Hause gegangen, aber das ganze
+Stübchen roch noch nach dem schlechten Grog, den er getrunken hatte.
+Albert öffnete einen Fensterflügel. Draußen rauschte mit leisem,
+einförmigem Murmeln die Barbe vorüber. Der Himmel war ausgesternt: es
+gab gutes Erntewetter.
+
+Die drei Brüder hatten sich an den mit Wachstuch überzogenen Tisch
+gesetzt, der mit klebrigen Flecken übersät war, und auf dem ein flacher
+Teller mit gezuckertem Spiritus und Fliegengiftpapier stand.
+
+»Wollt ihr Bier, Jungens?« fragte der Alte.
+
+»Danke,« erwiderte Bertold, und Albert schüttelte naserümpfend den Kopf.
+Er war verwöhnt. Das Lemminger Bier war nicht zu trinken. Aber es würde
+ja alles anders kommen.
+
+»Nun hört einmal zu,« sagte er. »Setz dich, Vater, ich kann das
+zwecklose Herumstehen nicht leiden. Die Tatsache, daß wir in dem Wasser
+an der Grauen Lehne einen Heilquell besitzen, ist erwiesen. Ich will
+euch gestehen, daß ich extra deswegen zu einem berühmten Arzte in Berlin
+gefahren bin. Ich wollte mir Gewißheit schaffen. Der hat das Wasser
+ebenfalls genau analysiert und stimmt in allem mit Professor Statius
+überein. Er sagte mir, das sei etwas sehr Wichtiges, daß wir in der Mark
+so ’ne Art Kissinger hätten; das fehlte uns, und Oberlemmingen würde
+eine große Zukunft haben.«
+
+»Also wahr und wahrhaftig?« fragte der Alte, seine Pfeife aus dem Munde
+nehmend. Er brachte der Sache noch immer ein gewisses Mißtrauen
+entgegen. Bertold stieß ihn leicht von der Seite an; Albert sollte erst
+aussprechen. Nachher konnte man fragen.
+
+Aber Albert sprach nicht gleich weiter. Er zündete sich zunächst eine
+Zigarre an, während die andern ihn aufmerksam betrachteten. Er war der
+Klügste in der Familie und hatte als Großstädter seine Verbindungen.
+Endlich hub er etwas zögernd und mit schwerer Stimme wieder an:
+
+»Erst wollen wir uns mal über das Eigentumsrecht einigen, Kinder,« sagte
+er, und sofort fiel Bertold ein:
+
+»So ist’s! Man muß doch wissen, woran man ist. Eher rühr’ ich auch nicht
+’nen Finger in der Sache!«
+
+Fritz wühlte mit beiden Händen in seinem Flachshaar. Er hatte genau
+gewußt, daß das so kommen würde. Aber er mußte sich fügen; ohne Albert
+war nichts anzufangen.
+
+»Vater hat ja doch schon geteilt,« entgegnete er. »Und alles gerichtlich
+und schwarz auf weiß. Ihr habt bar Geld gekriegt und ich die
+Krugwirtschaft. Das ist doch längst in Ordnung.«
+
+»Es handelt sich um die Quelle,« bemerkte Albert ernst, »das ist ein
+neues Objekt ...«
+
+»Aber die Quelle liegt auf meinem Grund und Boden, dagegen ist nichts zu
+sagen,« antwortete Fritz. Er wollte wenigstens versuchen, die Position
+zu verteidigen.
+
+»Schön,« erwiderte Albert und erhob sich. »Bist du der Meinung, so geh’
+ich. Dann kümmre ich mich nicht weiter darum. Nehmt euch ’ne andre
+Beihilfe.«
+
+Der Alte hielt ihn am Rockschoß fest.
+
+»Hier bleiben!« befahl er. Er sprach in grollendem Tone. Wenn er gereizt
+war, schob er die Oberlippe ein wenig empor und zeigte die breiten,
+gelben Zähne. Dann wurde sein von kurzen, grauen Stoppeln umrahmtes
+Gesicht böse, und das Auge begann zu funkeln.
+
+Er nahm, während Albert achselzuckend am Tische stehen blieb, noch ein
+paar Züge aus seiner Pfeife und fuhr sodann in kurzen, knurrend
+hervorgestoßenen Sätzen fort:
+
+»Es ist klar, daß die Quelle uns allen gehört. Nicht bloß einem.
+Freilich, die Graue Lehne gehört zur Krugwirtschaft. Aber der Quell hat
+sich jetzt erst gefunden. Und ich habe bei der Verteilung besonders
+ausmachen lassen, daß bei neuen Funden im Boden der Wirtschaft, sei’s
+Mergel, seien’s Kohlen oder sei’s Alaun, gedrittelt werden soll. So
+ist’s auch gerecht!«
+
+Albert und Bertold nickten, und Fritz verzog den Mund. Richtig war’s;
+man hatte diese Bestimmung getroffen, vor allem in Rücksicht auf den
+Alaun, den man in letzter Zeit vielfach in der Gegend entdeckt,
+allerdings ziemlich unrein, so daß sich eine Förderung bisher nicht
+gelohnt hatte.
+
+»Ich will nicht streiten,« entgegnete Fritz schließlich; er wie die
+andern hatten einen gewaltigen Respekt vor dem Vater, der die
+erwachsenen Männer zuweilen noch wie Schulbuben behandelte. »Setzt’s auf
+und dann wollen wir’s vor dem Notar schriftlich machen: alles, was die
+Quelle bringt, geht in drei Teile.«
+
+»In vier,« sagte der Alte bestimmt.
+
+Die drei Söhne schauten erstaunt auf. Was hieß denn das nun wieder?
+Wollte der Alte, der seit fünf Jahren bequem und ruhig in seinem
+Ausgedinge lebte, auch noch an den Einnahmen partizipieren?
+
+»Warum denn in vier?« fragte Albert endlich zaghaft.
+
+»Weil ich auch meinen Teil haben will,« erwiderte der Alte fest. »Ich
+bin sechsundsiebzig, aber will’s Gott, so leb’ ich noch zwanzig Jahr’.
+Und bringt uns die Quelle Glück, so bau’ ich mir ein Extrahäuschen und
+zieh’ mit Muttern hinein. Denn wenn der Fritze wirklich heiraten
+tut ...«
+
+»Es ist noch nicht so weit,« fiel Albert ein, und Bertold setzte, an
+seiner Brille rückend, hinzu: »Das mit der Dörthe wird er sich auch noch
+überlegen.«
+
+Fritz erwiderte nichts; doch der Alte sagte, die Pfeife zwischen den
+Zähnen behaltend, in trotzigem Tone: »Ganz gleich. Es bleibt dabei. In
+vier Teile.«
+
+Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder kannten den Alten. Machten sie
+Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und
+verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr.
+
+Albert setzte sich wieder.
+
+»Also abgemacht: in vier Teile,« wiederholte er. »Ich werde morgen mit
+Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame
+gemacht werden. Professor Statius will in der ›Medizinischen
+Wochenschrift‹ über seine Analyse berichten. Den Artikel lass’ ich an
+alle großen Zeitungen schicken. Klappern gehört zum Handwerk. Dann das
+nötige Geld, um alles instand zu setzen ...«
+
+»Ja, das Geld,« warf Bertold nickend ein.
+
+»Wir brauchen etwa 300000 Mark ...«
+
+»Ihr seid wohl verrückt!« fuhr der Alte auf.
+
+»Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,« entgegnete Albert lächelnd.
+»Laß man, Vater, darin hab’ ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft
+werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal
+zu Schellheim gehen. Es muß ein Konsortium gebildet werden – mit guten
+Namen –, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und ein Adliger an der
+Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu
+kriegen sein. Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...«
+
+»Ein –?« fragte der Alte.
+
+Albert winkte mit der Hand. »Du wirst schon verstehen lernen, Vater.
+Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der ›Krug‹ muß ausgebaut
+werden – zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhäuser, neue Wege,
+Pflasterung, eine Brauerei, vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß
+der Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus bauen wir
+späterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit
+Säulen, das muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar
+errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, Bäcker, Konditor
+und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln ...«
+
+Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick
+sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach.
+Er war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie und seine
+wagmutige Frechheit ergänzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein
+schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er
+besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glück. Seine
+Häuser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die
+Wohnungen mit oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken,
+Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen,
+sich am Bau der neuen Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu
+dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei verdient. Aber all das
+waren nur vorbereitende Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher
+hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken – im Traume selbst
+– Riesenpaläste und halbe Städte. Oberlemmingen stand in der Zukunft
+schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein
+moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und Lehmbaracken mit ihren
+gelbgrauen Strohperücken waren verschwunden – eine ganze Reihe von
+Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil,
+dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, ein norwegisches
+Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah
+das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten
+blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, und das Möllersche Hotel an der
+Chaussee, die in einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo
+sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. In fünf Jahren,
+taxierte Albert, mußten die Möllers sich Oberlemmingen erobert haben.
+
+Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie Albert, längst der
+Bauernsphäre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen
+war seine Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des
+Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal
+hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber
+noch gewachsen. Man mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch
+Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine Wuchergeschäfte mit den
+Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und
+glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch:
+die, daß Albert ihn betrügen könne.
+
+Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, daß der
+Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei
+aller natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, um sich
+mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu können. Vor
+Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und
+hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, daß die
+ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und
+erdrücken würden.
+
+Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Möllern
+und das laute Weinen Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, um
+nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikör vom
+Schenktisch gestoßen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß
+träge über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die
+Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige
+gegeben und schimpfte in unflätiger Weise auf sie los.
+
+Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das
+Gesicht. Sie schluchzte so, daß ihre ganze Gestalt zitterte – nicht
+aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden zu
+sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, Raupach und Tengler, die
+»Schafskopf« spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke
+schritt gutmütig auf sie zu und sagte:
+
+»Nanu, flenn man nich, Dörthe – es is doch nich so schlimm! Bis du
+heiratst, is die Backe wedder gutt! ...«
+
+Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Dörthe sei noch
+nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle
+einmal eine tüchtige Hausfrau werden! Nee – da werde er es sich doch
+noch lieber bedenken ...
+
+Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer,
+während sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür
+führten, und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte ganz leise
+vor sich hin. Daß die Möllern grob und roh war, wußte sie ja – das war
+ihr nichts Neues. Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen.
+Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie
+liebte den großen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen
+Augen doch so sehr.
+
+Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die
+Milchstraße leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der
+frische Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs der Barbe
+hinzogen.
+
+Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht
+schimmerte, blieb Dörthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante
+Pauline von ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter war
+heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden
+und Ärger. Und so war’s auch gekommen.
+
+Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der
+große Köter Marackes mit seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom
+Dorfende her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes
+dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe
+begannen zu bellen.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Auf dem Auberg hatte früher ein Pächterhaus gestanden, ein merkwürdiger
+Bau. Das untere Stockwerk stark massiv, mit mächtigen Mauern, eine Halle
+mit hohen und schönen Wölbungen, von Strebepfeilern gestützt. Das war
+der Kuhstall gewesen. Und auf ihm hatte sich ein schwächliches Fachwerk
+erhoben, ziemlich dünnwandig und einfach weiß abgeworfen: die Wohnung
+des Pächters. Er war ein närrischer Kauz gewesen; man erzählte sich im
+Dorfe noch allerhand wunderliche Geschichten von ihm. Seine Leidenschaft
+war die Rindviehzucht, und deshalb hatte er dem geliebten Viehzeug die
+schönsten Räume im Hause angewiesen, und deshalb wollte er seine Tiere
+auch immer in unmittelbarer Nähe haben. Er war lange in England gewesen
+und hatte dort alle möglichen Kreuzungen kennen gelernt, auch eine neue
+Art der Fütterung, von der er viel hielt. Aber er hatte kein Glück; sein
+Kreuzungssystem schlug nicht an, und bei seiner neuen Fütterungsmethode
+verhungerten die Rinder. Eines Nachts hing er sich im Kuhstall auf.
+
+Als Kommerzienrat Schellheim die Auherrschaft gekauft hatte, brachte er
+einen Baumeister aus Berlin mit, der ihm auf dem Auberge ein Schloß
+bauen sollte. Der Mann war ganz begeistert von der Anlage des Kuhstalls
+und schlug Schellheim vor, die kolossalen Fundamente beizubehalten und
+aus dem Stalle eine Halle, eine englische Halle, zu machen. Die Mauern
+wären so riesig, daß sich leicht noch zwei Stockwerke auf ihnen
+aufführen ließen. Schellheim war einverstanden, und der Baumeister
+baute los. Ein stattliches Herrenhaus entstand, aber der Kommerzienrat
+wollte ein Schloß haben, und zu einem Schlosse gehörte unbedingt ein
+Turm. So wurde denn rechtsseitig ein runder Turm angeklebt, mit einem
+grünen Kupferhute als Dach. Das gefiel Schellheim immer noch nicht
+recht: die Erker fehlten noch, von denen aus man zu Tal schauen konnte,
+und auf der Südseite eine weite Glasveranda, die zur kalten Zeit als
+Wintergarten benutzt werden konnte. Auch das wurde geschaffen und noch
+mehr, und schließlich machte das neue Schloß einen schauderhaft
+stillosen Eindruck. »Es sieht wie zerkaut aus,« meinte der alte
+Hellstern. Der hübscheste Raum blieb nach wie vor der ehemalige
+Kuhstall, die jetzige Halle.
+
+Von seiner früheren Bestimmung merkte man dem weiten Saal natürlich
+nichts mehr an. An den Pfeilern hing allerhand Waffenschmuck,
+Hellebarden, Schilde, Morgensterne, nägelgespickte Streitkolben und
+dergleichen mehr, und an den Wänden eine Reihe tiefdunkel gewordener
+alter Ölporträts von stark dekolletierten Damen in Reifröcken und
+gepanzerten Herren mit strichähnlichen dunkeln Schnurrbärten auf der
+Oberlippe. Schellheim hatte die ganze Galerie einmal im Ramsch bei einem
+Trödler in Venedig gekauft und nannte sie deshalb seine »italienischen
+Ahnen«. Er spottete nicht ungern über sich selbst; er war vernünftig
+genug, stolz auf sein Emporkömmlingstum zu sein.
+
+Sein Vater hatte das Geschäft begründet, aber erst unter ihm war es zur
+Blüte gekommen. Jetzt gab er zwölfhundert Arbeitern und Arbeiterinnen
+Verdienst und Brot, und seine Fabriken in Berlin, Breslau und Manchester
+hätten, zusammengestellt, allein einen kleinen Stadtteil bilden können.
+In allen diesen Fabriken wurde nichts hergestellt als Hemden – Hemden
+in vieltausendfacher Auswahl, Abstufung und Variation, für die elegante
+Welt, für die einfachen Leute und für das Proletariat, und zwar nur
+Männerhemden. Diese Hemden gingen über die ganze Welt. Man fertigte sie
+in den Schellheimschen Fabriken unter jeder gewünschten Marke und jedem
+beliebigen Firmenstempel an und versandte sie dann an die Kunden in
+allen Teilen der zivilisierten Erde. So trug sie der Herzog von Sagan in
+Paris, der sie aus den Ateliers von Dudevant Frères entnommen, gerade so
+gut wie Ohm Krüger in Johannesburg, der Nabob in Bombay und der
+Dockarbeiter in Wilhelmshaven – selbst bis Siam und China und bis in
+die Eisfelder Kanadas wanderte das Schellheimsche Hemd.
+
+Und diese Hemden ließen Gold zurück. Schellheim war Millionär. Freilich
+hatten drei Generationen an den Millionen gearbeitet. Der Großvater war
+noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch das Land gezogen, und der Vater
+hatte manche schwere Krisis zu überwinden gehabt. Aber nun stand der Bau
+felsenfest; keine Krisis konnte ihn mehr erschüttern. Es war Schellheim
+nicht leicht geworden, sich vom Geschäft zurückzuziehen; die Arbeit war
+das Lebenselixir, das ihn jung erhielt. Aber er mußte an seine Kinder
+denken. Der unpraktische Jüngste war für die Fabrik nicht zu gebrauchen;
+ihm waren die Bücher alles. Doch Hagen, der Älteste, trat mit sicheren
+Schritten in die Fußstapfen des Vaters. Er hatte zwei Jahre in
+Manchester gelernt, dann einige Zeit die Breslauer Filiale geleitet, und
+nun konnte er getrost an die Spitze des Ganzen treten.
+
+Schellheim sorgte sich nicht um das Weiterblühen des Geschäfts. Es lag
+bei Hagen in guten Händen. Allerdings hatte der Junge auch seine
+Nebenpassionen: für Theaterpremieren und dergleichen mehr, aber das lag
+nun einmal in der »Mode der Zeit« – so meinte der Rat –, und deshalb
+blieb er doch ein tüchtiger Kaufmann. An Schellheim trat jedoch nun die
+Frage einer anderweitigen Beschäftigung heran. Untätig konnte und
+wollte er nicht sein. Und da kam ihm der Gedanke, sich anzukaufen. Zwar
+die Landwirtschaft lag darnieder, aber er gab sich auch schon mit einer
+dreiprozentigen Verzinsung seines Anlagekapitals zufrieden. Dann dachte
+er auch an seinen Jüngsten. Der sollte das Gut einmal übernehmen, wenn
+er des Studierens müde geworden. Denn es schien dem Kommerzienrat
+undenkbar, daß ein Mensch, der es nicht nötig hatte, zeit seines Lebens
+tagein, tagaus und von früh bis spät immer nur zwischen Büchern sitzen,
+grübeln, vergleichen, schreiben könne. Zudem mußte der Wert des
+Landbesitzes wieder steigen; der tote Punkt mußte erreicht sein. Es
+handelte sich ja nicht um eine verfehlte Spekulation.
+
+Man nahm das zweite Frühstück gewöhnlich in der großen Halle. Die
+Glastüren standen weit offen. Auf der Terrasse wärmten sich die Palmen
+in der Sonnenglut. Durch das Grün der Orangenbäume, deren blank
+lackierte große Kübel die Sonnenstrahlen reflektierten, schimmerte das
+helle Weiß zweier Statuen, die den Treppenabstieg zur zweiten Terrasse
+flankierten. Es waren zwei Göttinnen, Pomona und Flora; Hagen, der die
+Spottsucht seines Vaters geerbt hatte, bevorzugte sie wegen ihrer
+Hemdenlosigkeit. Die ganze Westseite des Aubergs fiel in Terrassen zum
+Tal ab, die teils durch Balustraden, teils durch Spaliere mit Wein und
+selteneren Obstsorten begrenzt wurden. Im Süden erstreckte sich der Park
+zirka zwölf Morgen weit in das sich hier mählich senkende Land hinein.
+Er war ursprünglich Buchenforst gewesen und stieß bis dicht an die Graue
+Lehne, die der Kommerzienrat gleichfalls hatte ankaufen wollen. Aber die
+Möllers sagten nein. Das ärgerte Schellheim nunmehr, nach Entdeckung des
+Heilquells, doppelt.
+
+Man war beim Dessert. Ein junger Diener in ziemlich einfacher Livree
+wartete auf. Die Rätin hatte eine Melone zerlegt und reichte sie ihrem
+Gatten.
+
+»Ich will dir was sagen, Gunther,« fuhr Schellheim in der Unterhaltung
+fort, eine der goldgelben Scheiben auf seinen Teller legend, »du hast
+ja recht: die Hellsterns sind liebenswürdige Leute. Aber die Art bleibt
+dieselbe. Der alte Hochmut ist unausrottbar. Er bricht aus jeder
+Äußerung, aus jedem Worte hervor. Die Tradition sitzt zu fest in ihnen.
+Sie erfassen den Zeitgeist nicht. Zum Beispiel: das mit der Quelle.
+Hellstern ist gegen ihre Ausnützung, weil der Fortschritt in der Kultur
+ihm unbequem ist. Das stört ihn in seinem Behagen. Nun frag’ ich den
+Menschen: ist das nicht verrückt?«
+
+»Natürlich,« entgegnete Hagen; »du wirst mit den Hellsterns nicht warm
+werden.«
+
+Gunther widersprach. Man müsse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht
+gegen Ansicht.
+
+»Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des Barons noch andre
+Befürchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der
+Kultur Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine persönlichen
+Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht,
+von einem Schwarm fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die
+Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen,
+und er fürchtet, daß die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem
+Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.«
+
+Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der
+grimme Hagen lachte fröhlich auf.
+
+»Nimm mir’s nicht übel, Gunther,« rief er, »das ist eine absonderliche
+Idee! Was heißt denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe
+warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den Eintritt erlaubt?
+Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wütete der damalige
+Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde
+die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schließlich, wenn
+wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der
+ganzen Menschheit gedient wird?«
+
+»Gewiß,« fügte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen.
+»Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um
+neu aufzubauen.«
+
+Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich in der Verteidigung der
+Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht
+stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.
+
+»Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,« erwiderte er. »Nur der stetige
+Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der
+Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück
+im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.«
+
+»Das ist das, was ich sagte,« bemerkte Schellheim. »Die Kultur reißt
+Löcher, schließt sie aber auch wieder.«
+
+»Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern,« entgegnete
+Gunther etwas kleinlaut. »Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle
+nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen kann ich aus
+persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich würde es
+auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht
+auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stieße.«
+
+»Mahlzeit,« sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl
+seines Herrn zurück. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten
+Frühstück auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter
+einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei
+Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte,
+aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages.
+
+Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, nahm er das Thema von
+vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben
+eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.
+
+»Ich will dir was sagen, mein Junge,« begann er – das war eine
+stehende Redewendung von ihm –, »wenn sich die Quellengeschichte
+wirklich günstig entwickelt und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz
+herausstellt – ich fürchte es beinah’, ich trau’ der Sache nicht so
+recht –, na, das wäre auch für uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk
+mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute
+zusammenströmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die
+Produktenpreise werden in die Höhe gehen – ich meine, liebe Jenny« –
+er wandte sich an seine Frau –, »wir könnten ganz gut noch die sechs
+Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemüsegarten schlagen.«
+
+Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und
+dann weiter die Tassen füllte, fuhr er lebhaft fort:
+
+»Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit der Möllers.
+Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld für die paar Buchenkuscheln. Ich
+glaube, die Möllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle –
+kann mir’s sonst nicht erklären, warum sie so stätisch blieben! Na, ich
+bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir’s überlegt: ich
+misch’ mich nicht ’rein. Sie können _mir_ kommen, wenn sie wollen ...
+Wie ist’s, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurück?«
+
+Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. Hagen erzählte von großen
+Aufträgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So
+kam »das Geschäft« auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten
+wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche.
+
+Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran.
+Der Ausblick von der Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach
+der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die
+ganze Landschaft in ein weißliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer
+lag über den Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite,
+zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte man auch auf dem
+Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe
+Licht zu einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der waldbesetzten
+Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein.
+
+Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der Baronshof lag. Man sah
+aus dem Dunkel der alten Bäume nur einen kleinen Dachteil des
+Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte
+Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers öffnete sich der Vorhang aus grünem
+Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen
+und oben auf der Veranda eine große Mädchengestalt in hellem Gewande,
+die ihm mit freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr
+gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches
+Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefähr
+müsse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher
+Gebärde den Rest seiner Zigarette über die Balustrade. Wirklich, er
+ärgerte sich über seine dummen Gedanken!
+
+Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn
+Bauunternehmer Möller angemeldet.
+
+Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den
+Möllers – aha, man »kam« ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein
+Gesicht.
+
+»Führen Sie den Herrn hierher,« befahl er.
+
+»Entschuldigen der Herr Kommerzienrat,« erwiderte der Diener, »es sind
+drei Leute –«
+
+»Drei?« Und Schellheim lachte fröhlich auf. Also gleich drei – man
+wollte ihm durch eine Phalanx imponieren. »So lassen Sie alle drei
+herkommen, Friedrich,« entschied er.
+
+Die Rätin fragte bescheiden, ob es nicht besser sei, wenn sie sich mit
+den Kindern entferne. Aber ihr Mann verneinte; man wisse ja noch nicht
+einmal, was die Herren überhaupt wollten.
+
+Das Trio trat an. Voran Albert, dann Bertold und zuletzt Fritz Möller,
+hintereinander und mit dem Ausdruck des Respekts im Gesicht, von dem ihr
+Herz in dieser Atmosphäre des Reichtums erfüllt war. Der dicke Fritz
+hatte sich gleich den andern beiden sonntäglich angekleidet, doch der
+schwarze Rock paßte nicht recht und schlug an ungehörigen Stellen
+Falten, und über dem topfförmigen Zylinderhut lag ein rosiger Bronzeton.
+Der Zylinder gehörte ihm auch nicht, sondern dem Alten, der ihn nur zu
+Hochzeiten und Kindtaufen trug. Dann bügelte Mutter Möller ihn auf, das
+heißt sie plättete ihn mit einem heißen Bolzen. Davon hatte er seine
+anmutige Färbung erhalten.
+
+Albert und Bertold blieben stehen und verbeugten sich. Aber Fritz hatte
+nicht aufgepaßt und ging weiter, rannte erst gegen Bertold an und machte
+dann auch sein Kompliment. Bertold war wütend, rückte an seiner Brille
+und flüsterte, während Albert bereits zu sprechen begann, dem jüngeren
+Bruder zu:
+
+»Nimm doch den Hut ab, Tolpatsch!«
+
+Nun entblößte auch Fritz den Flachskopf. Er war rot geworden vor
+Verlegenheit.
+
+»Nehmen Sie es nicht übel, Herr Kommerzienrat,« sagte Albert inzwischen,
+»daß wir Sie inkommodieren. Wir möchten Sie um eine Rücksprache bitten.
+Es handelt sich nämlich um die Quelle ...«
+
+Schellheim hatte sich erhoben und reichte jedem der drei die Hand. Es
+war sein Bestreben, sich kordial zu zeigen. Die Leute da unten sollten
+ihn lieben lernen.
+
+»Ich dacht’ es mir beinah’, meine Herren,« erwiderte er. »Dürfen die
+Meinen dabei sein, oder ist es Ihnen angenehmer, unter vier Augen –«
+
+Albert wehrte ab. Ihre Sache sei durchaus kein Geheimnis.
+
+Der Rat bot ihnen Stühle und Zigarren an. Fritz betrachtete die seine
+mit Ehrfurcht. Sie hatte ein Bändchen um den schlanken Leib und sah nach
+viel Geld aus.
+
+Dann entwickelte Albert seine Ideen und Absichten. Er sprach recht
+gewandt, erzählte zunächst von der Analyse des Professors Statius und
+von der Auskunft, die er persönlich über die Heilkraft des Wassers
+erhalten hatte, und ging hierauf auf die Finanzierungsfrage über. Man
+wollte ein Konsortium bilden, das die vorbereitenden Arbeiten ausführen
+solle, und dann das ganze Unternehmen in eine Aktiengesellschaft
+verwandeln.
+
+Schellheim erkannte sofort, daß dieser lange Maurerpolier eine nicht
+gewöhnliche kommerzielle Begabung besaß. In der Darlegung der
+Einzelheiten verriet sich sogar eine so schlaue, zuweilen überraschend
+raffinierte Berechnung, wie der Kommerzienrat sie dem einfachen Manne
+kaum zugetraut hätte.
+
+Die Rätin hatte sich mit ihren Söhnen absichtlich zurückgezogen. Die
+drei promenierten im Laubengang der zweiten Terrasse auf und ab, während
+oben Albert Möller mit lauter Stimme weitersprach. Die beiden andern
+Brüder saßen stumm neben ihm und nickten nur zuweilen mit dem Kopfe, um
+ihre Zustimmung zu allem zu bekunden, was der Wortführer sagte.
+
+Plötzlich hörten die Promenierenden, daß Schellheim den Sprecher
+unterbrach. Der Rat wußte nun, wohinaus die Möllers wollten, aber es war
+unnötig, noch weiter über die Sache zu reden, ehe er sie selbst nicht
+klar überschauen konnte.
+
+»Sie wünschen, daß ich mich Ihres Unternehmens annehme,« sagte er, »daß
+ich mich theoretisch und praktisch daran beteilige – nicht wahr, das
+wollen Sie doch? Ich soll Ihnen sozusagen helfen, die Geschichte in Gang
+zu bringen, die Kapitalien zu schaffen, die geeigneten Repräsentations-
+und Arbeitskräfte zusammenzutrommeln.... Nun schön, ich bin dazu
+bereit –, die Sache interessiert mich, denn eure Quelle fließt mir
+sozusagen an der Nase vorbei. Aber erst muß ich mich selber orientieren.
+Eure Analysen genügen noch nicht. Man muß offizielle Persönlichkeiten
+heranziehen, Berühmtheiten ersten Ranges.... Und dann: eine kurze Frage.
+Sie wissen, lieber Herr Bau –« er zögerte einen Moment, weil ihm der
+Titel Bauunternehmer zu lang erschien, und fuhr dann rascher fort: »Sie
+wissen, lieber Baumeister, daß ich Ihrem Vater schon vor Jahresfrist
+anbieten ließ, die Graue Lehne mit der Buchwaldparzelle zu kaufen. Ich
+bin noch immer dazu geneigt. Nun haben sich durch die Auffindung der
+Quelle die Preisverhältnisse natürlich wesentlich geändert. Allein
+vielleicht würden wir doch noch einig werden. Überlegen Sie einmal
+daheim, ob wir nicht von neuem über das Terrain in Verhandlung treten
+können ...« Er schaute aufmerksam auf seine Fingernägel.... »Ich will
+Ihnen was sagen, meine Herren: die Heilquelle ist ja ganz schön, aber
+erstens ist es doch noch sehr die Frage, ob aus ihr wirklich etwas zu
+machen ist. Solche Säuerlinge gibt es zu Tausenden im Lande – die
+meisten sind nicht viel wert. Und zweitens wird Ihnen die Geschichte
+unendlich viel Scherereien und Schwierigkeiten machen, – ach du lieber
+Gott, Sie haben ja gar keine Ahnung, was es heißt, solch ein
+weitausschauendes Unternehmen ins Leben zu rufen! Ob es sich überhaupt
+lohnen wird?« Der Kommerzienrat zog die Schultern hoch. »Ich glaub’s
+eigentlich nicht. Nein, ich glaub’s nicht! Wir haben kleine Badeorte,
+die nicht leben und sterben können. Geschäfte werden da kaum zu machen
+sein – an eine Dividende ist vorläufig gar nicht zu denken.... Na –
+man muß abwarten! Jedenfalls überlegen Sie sich den Verkaufsgedanken
+noch einmal. Wenn ich die Graue Lehne im Besitz hätte – ich glaube –
+ich glaube, ich würde die Quelle ruhig weiter fließen lassen. Das
+Risiko ist zu groß – zu groß ...«
+
+Die drei Brüder hatten Schellheim mit keinem Wort unterbrochen. Aber von
+einem zum andern flog ein rascher Blick des Einverständnisses herüber,
+der zu sagen schien: nicht angst machen lassen, immer ruhig bleiben! Und
+nun antwortete Albert in respektvollem Tone:
+
+»Verzeihen Sie, Herr Kommerzienrat, aber wir verkaufen die Graue Lehne
+bestimmt nicht. Und wenn Sie uns hunderttausend Mark auf den Tisch legen
+wollten, wir tun es nicht. Der Vater denkt gerade so. Und wenn Ihnen
+eine Beteiligung an der Ausbeutung der Quelle zu unsicher dünkt, dann
+müssen wir eben weiter gehen, so leid uns das tun würde. Die Frankfurter
+Produktenbank hat sich schon bereit erklärt –«
+
+Schellheim fuhr auf. Solcher Unsinn! Man solle sich nur ja die
+Bankinstitute fern halten. Es gebe genug kapitalkräftige Leute.
+
+»Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen, meine Herren,«
+schloß er. »Senden Sie mir die Analyse und das sonstige Material über
+die Quelle zu. Wenn Sie noch zu Herrn von Hellstern gehen wollen – es
+soll mir recht sein. Solche Leute braucht man.... Also auf Wiedersehen!«
+
+Das war das Zeichen zum Aufbruch. Der Kommerzienrat reichte wieder jedem
+der drei die Hand und führte sie selbst nach dem Parkausgang. Dabei
+plauderte er ununterbrochen, berührte aber die Quellenfrage mit keinem
+Wort mehr. Er sprach über die Ernte, das Wetter, die Getreidepreise,
+über alles mögliche. Und während die drei Brüder die breite Fahrstraße
+einschlugen, die vom Auberge nach der Chaussee führte, blieb er noch
+eine geraume Weile am eisernen Parkportal stehen und schaute den Möllers
+nach. Der rötliche Bronzeton von Fritzens altväterischem Zylinderhut
+leuchtete fröhlich im Sonnenschein.
+
+»Geriebene Gesellschaft,« murmelte der Kommerzienrat halblaut vor sich
+hin. Dann kehrte er auf die Terrasse zurück.
+
+»Nun, Papa?« rief ihm Hagen entgegen. »Abgemacht?«
+
+»I bewahre,« entgegnete Schellheim, und der Sohn spürte am Tone, daß
+etwas wie eine leichte Gereiztheit herausklang. »Hellstern hat recht:
+mit den Leuten ist schwer verhandeln. Ich mache auch nicht mit – ich
+werde mich hüten. Es ist nichts mit der Quelle – nichts! ...« Er griff
+nach einer neuen Zigarre. »Wann geht euer Zug, Hagen? Um neun, nicht
+wahr?«
+
+»Ja, um neun, Papa.«
+
+»Schön, da könnt ihr mich noch gegen sechs auf die Felder begleiten. Ich
+will eine Umfahrt halten. Das ist so Sitte am ersten Erntetage – ich
+habe mich erkundigt. Und bei dieser Gelegenheit wollen wir einmal an der
+Grauen Lehne aussteigen. Man kann sich das – das Dings wenigstens mal
+ansehen.«
+
+Der kluge Hagen lächelte. Er wußte ganz genau, daß sich der Vater die
+Beteiligung an dem Quellenunternehmen nicht entgehen lassen würde.
+
+ * * * * *
+
+Die drei Möllers wendeten sich kurz vor der Chaussee rechts ab; sie
+schlugen den schmalen Fußweg nach dem Baronshof ein. Anfänglich sprachen
+sie wenig; stumm schritten sie nebeneinander her. Fritz rauchte noch
+immer die Zigarre, die ihm der Kommerzienrat angeboten hatte, obwohl ihm
+der kurze, glühende Stummel fast die Finger verbrannte. Bertold rückte
+nervös an seiner Brille und nahm als erster das Wort.
+
+»Das ist ein Schlauer, der Kommerzienrat,« meinte er.
+
+Nun wurde Albert plötzlich sehr lebhaft. Er begann ohne Ursache auf
+Schellheim zu schimpfen. Das seien alles Betrüger, die reichen Berliner
+Herren. Man müßte gewaltig auf der Hut sein, sonst zögen sie einem das
+Fell über die Ohren. Alles schwarz auf weiß und notariell, was man mit
+denen abmache – nicht anders. Schellheim ärgere sich nur, daß man ihm
+die Graue Lehne nicht verkauft habe; Millionen würde der aus der Quelle
+herausschlagen. Aber man wolle die Millionen allein verdienen. »Wenn man
+das Pack nur nicht brauchte!« schloß er.
+
+»Wir brauchen es aber,« erwiderte Bertold. »Da hilft alles Schimpfen
+nicht. Wir haben doch lange genug darüber gesprochen. Was uns ungeheure
+Mühen machen würde, erreicht so einer im Umsehen. Aber über die Ohren
+hauen lassen wir uns deshalb schon lange nicht.«
+
+»Wir sind auch helle,« sagte Albert.
+
+Fritz warf seinen Stummel fort. »Die Zigarre war gut,« bemerkte er.
+
+Auf dem Baronshofe mußten die drei erst August suchen, um sich anmelden
+zu lassen. In der Mittagshitze lag das Gehöft wie ausgestorben da.
+Selbst das Hühnervolk hatte den Schatten aufgesucht und sich unter den
+Akazien im warmen Sande eingekuschelt. Lord, der Hofhund, kläffte die
+drei Männer ununterbrochen an und raste an seiner klirrenden Kette bald
+in die Hütte hinein, bald wieder heraus.
+
+Endlich fand man August, der in einem Winkel der Häckselkammer Siesta zu
+halten pflegte. Mit verschlafenen Augen begrüßte er die drei als gute
+Bekannte und machte zunächst seine Witzchen mit ihnen. Er glaube
+übrigens nicht, daß der Herr Baron schon zu sprechen sei; um diese Zeit
+halte er noch seinen Mittagsschlummer. Aber er wolle jedenfalls
+nachsehen.
+
+Indessen gingen die Möllers in der Prallsonne auf und ab. Unter dem
+schweren Zylinder Fritzens rannen große Tropfen und perlten dem Burschen
+über die dicken Backen. Das verteufelte Ding schien immer schwerer
+werden zu wollen. Fritz nahm den Hut auf ein paar Minuten ab, aber da
+brannte ihm die Sonne stechend auf den Flachskopf, und mit einem Fluch
+setzte er das Ungetüm wieder auf.
+
+Albert war mit überlegender Miene vor der Veranda stehen geblieben. Er
+hatte die Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und die Augen halb
+geschlossen, wie immer, wenn er in Gedanken war.
+
+»Was grübelst du denn, Albert?« fragte Bertold.
+
+»Ach,« entgegnete dieser lächelnd, »ich dachte so ’n bißchen nach. Das
+alte Herrenhaus ist gut gebaut. Mauern wie Festungswälle und Balken von
+Eisen. Das wäre leicht auszubauen. Die Lage ist wie geschaffen für das
+Sanatorium.«
+
+»Der Baron wird dir was pusten,« meinte Fritz, und Albert erwiderte
+trocken: »Bar Geld lacht!«
+
+August kehrte zurück. Der Herr Baron säße schon wieder am Schreibtisch,
+aber er hätte nicht viel Zeit; es wäre ihm lieb, wenn es rasch ginge.
+Und dann führte er das Dreiblatt in das große, kahle, gewölbte Gemach,
+in dem der Baron zu arbeiten pflegte.
+
+Er saß in dem ausgeschnittenen Halbkreis seines Tisches, mitten unter
+Haufen von alten Folianten und Papieren, die ihn wie eine Palisadierung
+umgaben. Und rechts von ihm saß Hedda, aber auf keinem gewöhnlichen
+Stuhl, sondern auf einem halben Dutzend übereinandergestapelter
+Foliobände von Merians Topographie, und vor sich auf dem Schoße hatte
+sie ein aufgeschlagenes lateinisches Lexikon und suchte für den Alten
+Vokabeln auf. Es war wundervoll kühl im Zimmer, und ein angenehmes
+Dämmerlicht herrschte, da die Läden vor den Fenstern geschlossen waren.
+Hellstern rauchte wieder seine Pfeife, doch es war nicht so schlimm wie
+sonst, und in die Tabaksatmosphäre mischte sich ein zarter Rosenduft,
+der dem großen Buschen entströmte, den Hedda auf eine Ecke des
+Schreibtisches gestellt hatte: ein hübsches Symbol blühender Gegenwart
+mitten unter dem Moderhauch der Vergangenheit, der aus den alten
+Chroniken, Pergamenten und Briefschaften aufzusteigen schien.
+
+Hedda nickte den Männern freundlich zu, und Hellstern rief ihnen gleich
+entgegen:
+
+»Tag, Möllers! Ich weiß schon! Wegen der Quelle – nicht wahr? Kinder,
+laßt _mich_ mit der Geschichte in Ruhe! Ich will nichts davon wissen!«
+
+Albert war sehr betroffen; Bertold rückte an seiner Brille, und Fritz
+machte ein dummes Gesicht und glättete mit dem Ärmel seinen Zylinderhut.
+
+»Herr Baron,« begann Albert endlich, »Sie werden uns doch wohl
+wenigstens anhören wollen –«
+
+»Anhören – meinetwegen,« grunzte der Freiherr. »Aber bitte, kurz,
+Kinder – ich habe den Kopf voll. Ihr hättet’s auch, wenn ihr euch mit
+dem schindludermäßigen alten Latein ’rumärgern müßtet –«
+
+»Papa,« fiel Hedda mit leisem Vorwurf ein.
+
+»Ach so – entschuld’ge – du bist ja auch da! – Nanu vorwärts, ihr
+Herren!«
+
+Er paffte aus Mund und Nase. Und Albert begann abermals seinen Vortrag
+– dasselbe, was er Schellheim erzählt hatte, und Bertold und Fritz
+nickten wieder an denselben Stellen, genau so wie oben auf der Terrasse
+des Auschlößchens.
+
+Hellstern hörte geduldig zu und grunzte nur zuweilen leise auf, wenn ihm
+irgend etwas nicht gefiel. Schließlich fragte er, seine Pfeife aus dem
+Munde nehmend:
+
+»Was erzählt ihr _mir_ das denn eigentlich alles?! Soll ich vielleicht
+auch ein paar Aktien nehmen, wenn ihr erst so weit seid? Und wovon, wenn
+ich fragen darf? Ihr seid reiche Leute gegen mich, meine lieben Herren;
+ich habe kein Geld – gar keins – und für eure Quellenspekulation erst
+recht keins!«
+
+»Wir wollen ja auch kein Geld von Ihnen, Herr Baron,« antwortete Albert.
+»Wir wollen bloß Ihren Namen – nichts weiter.«
+
+»Namen?! Wozu – was heißt das – Namen?!«
+
+»Ich versteh’ schon,« fiel Hedda ein, und nun wandte sich Albert mit
+Lebhaftigkeit an die Baronesse.
+
+»Das ist doch ganz einfach, gnädiges Fräulein,« sagte er, sich zu ihr
+hinabneigend. »Es ist eine große Sache, die der ganzen Menschheit nützen
+soll – nichts Schlechtes dabei, nichts Unreelles, nichts
+Schwindelhaftes. Aber der Welt muß man das _klar_ machen, sonst glaubt
+sie’s nicht. Und wenn der Name des Herrn Barons an der Spitze des ersten
+Konsortiums prangt –«
+
+Er kam aber nicht weiter. Hellstern stieß ihn mit der Spitze des
+Pfeifenkopfs in die Seite.
+
+»Sie, lieber Möller,« fiel er ein, »bemühen Sie sich nicht weiter! Ich
+mache so ’ne Geschichte nicht. Mein Name ist kein Aushängeschild –
+_meiner_ nicht! Aber wenn’s schon ein Adeliger sein soll – ’s gibt ja
+leider genug adeliges Proletariat im Lande –, vielleicht finden Sie
+sogar ’nen Grafen –«
+
+»Aber, Herr Baron,« schnitt ihm Albert das Wort ab und hob die Hände,
+was der dicke Fritz ihm nachmachte, um sich wenigstens pantomimisch an
+der Debatte zu beteiligen, »es handelt sich ja doch um _Ihren_ Namen,
+nicht um einen beliebigen – und auch um Ihre _Person_! Ihr Geschlecht
+sitzt hier ja hundert Jahre oder länger, was weiß ich – und Sie sind
+überall beliebt, bei Bauern und Gutsbesitzern, sind mit dem Herrn
+Landrat befreundet und mit beiden Abgeordneten, haben noch immer Sitz
+und Stimme im Herrenhause, im Provinziallandtag, bei den Synoden, den
+Kreisverhandlungen – du lieber Gott, das ist alles sehr wichtig für
+uns! Und wir wollen das ja auch nicht umsonst haben – Sie sollen _mit_
+bei der Sache verdienen –, wir kaufen Ihnen Ihr Haus ab und machen ein
+Sanatorium daraus ...«
+
+Der Freiherr schlug mit der Hand auf den Tisch, daß es dröhnte.
+
+»Sie sind wohl des Teufels, Möller?!« schrie er. »Ich bin froh, daß ich
+meine vier Wände behalten konnte, – hier will ich auch sterben! Bauen
+Sie sich Ihr Sanatorium, wo Sie wollen, aber auf den Baronshof kommt mir
+kein fremdes Volk! Ich lasse eine Tafel am Parkeingang anbringen mit der
+Inschrift: ›Kurgästen ist der Eintritt verboten.‹ Oberlemmingen war
+immer ein gesunder Ort, – aber mit eurer verdammten Quelle zieht ihr
+die Krankheiten mit Gewalt her. Es ist kein Vergnügen, lauter leidende
+Menschen um sich zu sehen. Die ganze Luft wird verpestet werden, und die
+Bazillen werden nur so umherschwirren. Hübsche Aussichten – ich danke
+ergebenst! Und zu dem allem soll ich euch auch noch helfen, meinen Namen
+hergeben als Köder, als Lockvogel – prost Mahlzeit, da seid ihr an den
+Falschen gekommen!«
+
+Die drei Möllers schauten verdutzt vor sich nieder. Eine so
+rücksichtslose Abweisung hatte keiner von ihnen erwartet. Ihre
+unglücklichen Gesichter erweckten ein gewisses Mitleid in Hedda. Sie
+klappte ihr Lexikon zu und sagte:
+
+»Ich denke mir, die Sache eilt noch nicht so. Es muß doch überlegt
+werden. Vielleicht kommen die Herren noch einmal wieder –«
+
+»Nein!« schrie der Alte erbost. »Ich will nichts mehr hören! Ging’ es
+nach mir, so würde die Quelle wieder zugestopft. Ich glaub’ nicht an
+ihren Segen!«
+
+»Das ist jedermanns Sache, Herr Baron,« erwiderte Albert, »zu glauben,
+was er selbst will. Wir _hoffen_ etwas von der Quelle –«
+
+»Ein gutes Geschäft hofft ihr – das lockt euch!«
+
+»Das auch, freilich! Jeder Mensch will verdienen. Aber wir gewinnen
+nicht allein. Ganz Oberlemmingen wird aufblühen –«
+
+»Oder zugrunde gehen!« rief der Baron dazwischen. Sein braunes Gesicht
+war noch dunkler geworden. »Ich kenn’ euch doch, Kinder, – mir macht
+ihr nichts weis! Ihr kümmert euch den Geier um die andern, wenn _ihr_
+nur eure Taschen füllen könnt! Und ich sehe kommen, wie’s werden wird –
+ganz genau! Will’s Glück euch wohl und die Quelle wirft wirklich Geld ab
+– ’s fließt doch nur zu euch! Ihr werdet einen Ring bilden, den keiner
+durchbrechen kann, und die kleinen Leute bleiben draußen stehen und
+lassen die Zunge aus dem Halse hängen und hungern weiter!«
+
+Hedda machte eine unmutige Bewegung mit dem Kopfe. Sie fand, daß der
+Vater unnötig hart sei, und dies Wort sprach Albert auch aus.
+
+»Das klingt sehr hart, Herr Baron,« sagte er, »und ich glaube auch, daß
+dazu kein Grund vorliegt. Wir haben _Sie_ ja doch aufgefordert und den
+Herrn Kommerzienrat drüben auch –«
+
+»Und soundsoviel andre dito – nämlich die, die ihr zuvörderst braucht,
+ohne die ihr die Sache nicht in Szene setzen könnt. Denn ihr allein seid
+hilflos. Aber wozu noch das lange Parlamentieren! Ihr seid mit einer
+Anfrage zu mir gekommen, und ich lehne dankend ab. #Dixi#. Im übrigen –
+ich habe keinen von euch kränken wollen – aber ihr kennt ja meine Art.
+Und nun adje, Kinder!«
+
+Er streckte den Möllers die Rechte entgegen. Hedda nickte ihnen zu und
+rief Fritz noch nach:
+
+»Wann soll denn Hochzeit sein, Krugwirt? Noch nichts bestimmt?«
+
+Fritz hatte seinen Zylinder schon wieder aufgesetzt, riß ihn aber
+schleunigst vom Kopf. Er wurde rot und lächelte breit. »Nein, gnäd’ges
+Fräulein,« antwortete er, »noch nichts. Es hat ja noch Zeit.«
+
+Und dann wendete sich auch Albert noch einmal herum und fügte hinzu:
+»Wir woll’n mal erst abwarten, gnäd’ges Fräulein.«
+
+Sie gingen.
+
+»Grobian,« sagte Bertold draußen.
+
+»Der Kommerzienrat ist anders,« bemerkte Fritz. »Mir schmeckt noch seine
+Zigarre.«
+
+Albert war wieder vor der Veranda stehen geblieben. Er packte die
+Brüder mit beiden Händen an den Rockklappen.
+
+»Das merk’ ich mir,« sagte er halblaut, in verbissener Wut. »Und wenn’s
+mir ein Vermögen kosten sollte, – das Herrenhaus bring’ ich an mich.
+Hier soll der Alte nicht sterben – oder der Teufel müßt’ ihn gerade
+schon in den nächsten drei Jahren holen!« –
+
+Hedda hatte wieder ihr Lexikon zur Hand genommen.
+
+»Immer gleich bullern, Vater,« meinte sie. »Man kann doch auch in Ruhe
+mit den Leuten sprechen.«
+
+Hellstern schleuderte ein zusammengerolltes Pergament quer über den
+Tisch.
+
+»Kann man nicht!« schrie er zurück; »sonst tät’ ich’s!«
+
+»Gut. Aber überlegen kann man.«
+
+»Wieso? Was überlegen?«
+
+»Ob die Ausbeutung der Quelle nicht doch Gemeinnütziges schaffen kann.«
+
+Der Alte gab darauf keine Antwort. Er beugte sich nieder über den
+Folianten rechter Hand. »Steck die Nase ins Buch,« befahl er grob. »Was
+heißt #myrobalanum#?«
+
+Hedda schlug nach, antwortete aber nicht.
+
+Der Alte schrieb eine Zeile weiter und schaute auf. »Nun – hast du’s?«
+
+»Ja,« erwiderte Hedda, »aber ich sag’ es nicht.«
+
+»So behalt’s für dich!«
+
+Und wieder schrieb er weiter und wieder stockte seine Feder. »Hedda, ich
+will wissen, was #myrobalanum# heißt! Das muß ein blödsinniges Wort sein
+– ich finde keine Bedeutung heraus.«
+
+»So laß es doch, Vater,« erwiderte Hedda gleichmütig.
+
+»Gib mir das Lexikon ’rüber, zum Schwerenot!«
+
+»Nein, Vater, – erst mußt du mich ganz sanft um einen Kuß bitten.«
+
+Da flog ein seliges Leuchten über das gerbbraune Gesicht des Brummbärs;
+er warf die Feder hin und breitete beide Arme aus.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Die Ernte war eingebracht worden, und zugleich mit dem Sedantage wurde
+das Erntefest gefeiert. Es sollte diesmal ganz besonders großartig
+zugehen, da es das erste unter dem Regiment des Kommerzienrats war, von
+dessen freigebiger Hand man sich viel versprach. Auf dem Baronshof hatte
+man nie viel Wesens von derartigen Feiern gemacht. War die Ernte gut
+ausgefallen, so gab es ein paar Achtel Bier und Schnaps, waren die
+Zeiten schlecht, so gab es gar nichts. Und seit Jahren hatte es in der
+Tat gar nichts gegeben.
+
+Die halbe Nacht über hatten Frauen und Mädchen an ihrem Putz und am
+Erntekranz gearbeitet. Das war eigentlich kein Kranz, sondern eine
+Krone: Ähren, Blumen und bunte Bänder über ein Holzgestell geflochten,
+das der alte Klempt mit vieler Kunst zurechtgebaut hatte.
+
+Daneben hatten die Musikanten viel mit den Proben zu tun. Sie probten
+unter der Leitung des Kantors in der Schulstube, daß man es durch das
+ganze Dorf hören konnte. Es waren freilich nur fünf Mann: Fritz Möller,
+der das Bombardon blies, dann Anton Tengler, der Sohn von
+»Schlippermilch«, der junge Raupach und zwei Knechte vom Augut. Noten
+kannte keiner; sie spielten alle zusammen nach dem Gehör, und zwar so
+lange, bis es einigermaßen klang. Und da der Kantor das feinste Ohr im
+Dorfe besaß, so mußte er immer die Entscheidung fällen. Die beiden
+Knechte waren unter seiner Fuchtel aufgewachsen und ließen sich
+demzufolge auch leicht belehren. Sie waren zudem die musikalischsten der
+Banda. Sie bliesen des Sonntags die Posaunen in der Kirche, die der
+hochselige Baron, der Vater Hellsterns, bei seiner Verheiratung der
+Gemeinde geschenkt hatte. Das hörte sich ganz hübsch an, mitten unter
+dem Orgelspiel, und wenn sie einmal falsch bliesen, so störte es auch
+nicht, weil es keiner merkte.
+
+Diese beiden Posaunenengel waren, wie gesagt, am leichtesten zu
+regieren, aber die drei andern wollten sich durchaus nichts sagen
+lassen. Der Kantor schwur jedesmal Stein und Bein, daß er sich um diese
+Mordsmusik nie wieder kümmern werde, doch bei der nächsten Gelegenheit
+war er gutmütig genug, abermals »die Direktion« zu übernehmen. Am
+störrigsten war der dicke Fritz. Er stampfte den Takt gewöhnlich mit dem
+rechten Fuße mit und zählte dabei in Gedanken so lange, bis die Reihe an
+ihn kam. Und rechnete er einmal falsch und blies den andern in die Musik
+hinein, so behauptete er, Tengler habe nicht aufgepaßt, oder Raupach sei
+zu spät eingefallen, oder ihm sei eine Motte in das Bombardon geflogen.
+Ausreden hatte er immer. Man hatte übrigens nur drei Stücke auf dem
+Repertoire: »Heil dir im Siegerkranz«, »Nun danket alle Gott« und einen
+Marsch. Das genügte auch. Zum Tanze am Abend kam doch der alte Vietz aus
+Wallwitz mit noch einem Geiger.
+
+Fritz hatte sich diesmal bitten lassen, ehe er zugesagt hatte. Die
+freien Bauern beteiligten sich an der Cour vor dem Herrn nicht, sondern
+wohnten nur dem Tanze bei, währenddessen auch sie zuweilen einen Taler
+für ein neues Achtel springen ließen. Aber als Bläser hatte Fritz schon
+seit Jahren mitgewirkt. Man meinte, ohne ihn ginge es gar nicht, und es
+war auch wahr: es hatte niemand die Kraft, das ungeheure alte Bombardon
+so zu meistern wie der starke Fritz. Das Bombardon war gleich den
+Posaunen Gemeindeeigentum; man wußte nicht recht, wo es herkam.
+Jedenfalls mußte es bereits hoch an Jahren sein und war wahrscheinlich
+französischen Ursprungs, denn es hatte nur zwei Ventile. Ein Mensch mit
+gewöhnlichen Lungen entlockte dem gelben Ungetüm keinen Ton, höchstens
+einen leisen, kreischenden Wimmerlaut. Aber wenn Fritz mit geblähten
+Backen hineinblies, dann klang es gewaltig und mauernerschütternd. Und
+deshalb sollte er auch dieses Mal wieder dabei sein. Doch er sperrte
+sich; er war plötzlich stolz geworden und meinte, das schicke sich nicht
+mehr für ihn. Aber der Alte redete ihm zu: man mußte gewisse Rücksichten
+auf den Kommerzienrat nehmen.
+
+Gewiß, die Möllers hatten allen Grund dazu. Schellheim hatte Albert
+eines Tages die ihm übergebenen Schriftstücke in bezug auf die Quelle
+zurückgeschickt und ihm kurzerhand geschrieben, die Sache interessiere
+ihn doch nicht so, wie er anfänglich gemeint hätte, auch erfordere sie
+zu große Opfer, und was der ablehnenden Redewendungen mehr waren. Das
+war schlimm. Albert war ganz verzweifelt. Er nahm zwar immer noch den
+Mund voll und wiederholte jedem, der es hören wollte, daß er eine »Bank
+hinter sich« habe. In Wahrheit aber hatte die Frankfurter Produktenbank,
+ein kleines Institut unter ängstlicher Oberleitung, ihn bereits
+abgewiesen, nachdem sie sich nach seinem Ruf und seinem Vorleben
+erkundigt hatte. Und in Berlin war es Albert ähnlich ergangen; es war
+ersichtlich, man traute dem einfachen Manne nicht. Das grimmte Albert
+furchtbar; er war wütend. Er sah ein, daß er die Sache unmöglich allein
+durchführen konnte, daß er eines kreditschaffenden Namens bedurfte. Und
+so wandte er sich von neuem an den Kommerzienrat, hatte aber bisher noch
+keine Entscheidung erhalten.
+
+Dieser zweite September war ein wundervoller Tag. Es lag schon etwas wie
+ein leiser Herbsthauch in der Luft; in dämmernder Frühe sah man über dem
+Grün des Dorfangers und an den Brombeerbüschen schneeweißen
+Altweibersommer hängen, und der Tau war über Nacht so stark gefallen,
+daß die Leute meinten, es habe geregnet. Doch der frischherbstliche Odem
+hatte etwas Erquickliches. Die Atmosphäre war wonnig rein; man sah die
+Oderberge in vollster Klarheit am Horizonte liegen und sogar das
+Johanniterkreuz auf dem Kirchturm von Alt-Reuthen.
+
+Um acht Uhr sollte sich der Zug auf dem Anger sammeln. Die Musikanten
+waren die ersten, nur Fritz Möller fehlte noch. Dann kamen die Knechte
+und Mägde und Kleinbauern, die zugleich Handwerker waren und in Lohn und
+Arbeit bei Schellheim standen. Auch einige Bauerntöchter beteiligten
+sich, die nicht auf dem Augute bedienstet waren; allerseits waltete das
+Bestreben vor, dem diesjährigen Erntefest einen großartigen Anstrich zu
+geben.
+
+Die Mädel hatten sich schön gemacht; es flatterte und leuchtete von
+bunten Bändern. Und dies Bandwerk, das beliebteste Putzmittel, das man
+für wenige Groschen beim Krämer kaufte, verlieh selbst den ältesten und
+verwaschensten Kleidern das Aussehen heiterer Neuheit. Hinter der Musik
+schritt der Älteste von Langheinrich mit der Erntekrone, die er auf
+langer Stange trug, und ihn umgaben die Erntejungfern. Braumüllers Liese
+sollte den Vers sprechen; sie war ein dickes Mädchen mit hübschem,
+dummem Gesicht und hatte schreckliche Angst, daß sie beim Aufsagen der
+Reime stecken bleiben würde. Hundertmal hatte die Mutter sie überhören
+müssen, aber über die Stelle: »Wünschen wir einen heiligen Lohn«
+stolperte sie immer. Deshalb hatte sie ihre Freundin Dörthe Klempt
+gebeten, ihr zu soufflieren, und Dörthe hatte auch von Hedda Erlaubnis
+erhalten, sich am Zuge beteiligen zu dürfen.
+
+Nun waren alle da, nur Fritz Möller fehlte noch mit seinem Bombardon. Im
+Glanze der Morgensonne rangierte sich der Zug. Auch die Burschen trugen
+Bänder an Hüten und Mützen und ein jeder einen Strauß Ähren im
+Knopfloch. Überall ruhte heute die Arbeit. Am Zaune des Kantorgartens
+stand Feilner mit umwundenem Kopfe, die lange Pfeife im Munde, neben ihm
+seine Frau, an jeder Hand ein kleines Mädchen. Selbst der Pastor war
+neugierig geworden. Sein schneeweißer Kopf mit den dunkeln,
+eigentümlich leuchtenden Augen wurde am Fenster sichtbar. Mitten auf dem
+Platze hatte eine Gruppe Frauen Aufstellung genommen; man sah die
+Thielemann, das Weib des Krämers, die alte Maracken, deren zahnloser
+Mund noch böse klatschen konnte, die ungeheuer dicke Braumüllern, die
+Bacherten und die Frau von Langheinrich, eine reiche Witwe aus
+Kerbitschau, die sehr dünkelhaft war und gern klagte, wie unglücklich
+sie sich fühle, weil sie einen so ungebildeten Mann geheiratet habe.
+Auch die Schwester von Klempt, Tante Pauline, stand dabei, mit ihrem
+geisterhaften Gesicht und den schwarzen Traumaugen.
+
+Plötzlich schrie Luise Braumüller über den Platz:
+
+»Sieh doch mal nach, Mutter, wo Möllers Fritze bleibt! Es wird doch nu
+Zeit!«
+
+Auf der Stelle erhob sich in der Weibergruppe ein eifriges Klatschen.
+
+»Dem sitzt die Quelle im Kopf,« meinte die Thielemann, und die Maracken
+nickte und fügte hinzu: »Paßt emoal uff, die schnappen oalsamt noch
+über, die ganzen Möllersch ...« Und dann ließ man kein gutes Haar an den
+Möllers. Aber die Braumüllern hatte sich schon auf den Weg gemacht; ihre
+Tochter pantoffelte sie – jedes Wort von der Liese war Befehl für sie.
+Sie lief, was sie konnte, und ihre fettstrotzende Körperlichkeit
+schwankte förmlich.
+
+Doch die Liese hatte sich schon wieder anders besonnen. Sie schlug vor,
+man sollte ruhig anrücken und vor dem Kruge auf Fritz warten. Damit war
+alles einverstanden; Dörthe konnte Fritzen holen.
+
+So setzte sich der Zug denn in Bewegung. Die Musik schwieg, weil das
+Bombardon noch fehlte, aber die Burschen jubelten und schwenkten ihre
+Hüte und machten derbe Witze mit den Mädeln.
+
+Es ging die Dorfstraße hinab, vorüber an Kirche und Friedhof, an den
+Gehöften von Langheinrich, Tengler und Raupach, die alle vor der Tür
+standen, vom Lehnschulzen und von Thielemann. Und dazu läuteten die
+Kirchenglocken weithin; ihr Klang füllte die Luft mit schwingenden
+Akkorden.
+
+Am Kruge, dicht vor der hölzernen Barbebrücke, stockte der Zug. Dörthe
+hob ihre Kleider auf und sprang die Steintreppe hinauf. Die Braumüllern
+war ihr schon zuvorgekommen. Sie schimpfte auf Fritz, der eben erst
+dabei war, sich ein reines Hemd anzuziehen. Er stand mitten in der
+Schankstube, und die Mutter half ihm beim Ankleiden. Jedesmal kam er zu
+spät.
+
+Als die Möllern Dörthe erblickte, begann sie zu räsonnieren. »Was stehst
+du denn da und hältst Maulaffen feil?« eiferte sie. »Immer faß zu! Hole
+das Halstuch – ’s liegt obenauf in der Kommode – im zweiten
+Schubfach!«
+
+Auch Fritz räsonnierte, während er eiligst in die Weste fuhr, zuerst
+natürlich verkehrt, was ihn noch wütender machte.
+
+»Vater, mein Bombardon!« schrie er. »Draußen in der Küche – ich hab’ es
+geputzt! Und bring meinen Hut mit! – Heiliges Donnerwetter, ich habe ja
+nicht gedacht, daß es schon so spät ist! – Nun hab’ ich die Weste
+schief zugeknöpft! Gib das Halstuch her, Dörthe!«
+
+Während er das Tuch vor dem Spiegel knüpfte, trat Albert ein. Er lebte
+jetzt halb in Oberlemmingen, halb in Frankfurt. Seinem blassen,
+brummigen Gesicht sah man die Fehlschläge seiner Hoffnungen an.
+
+»Du, Fritz,« sagte er, »wenn der Kommerzienrat von der Quelle anfangen
+sollte – sei vernünftig! Red keinen Unsinn! Überlege jedes Wort!«
+
+»Werd’ schon,« erwiderte Fritz, sein Haar bürstend. Liese Braumüller und
+Anton Tengler kamen auch, um zu sehen, wo Fritz bleibe. Ein paar der
+alten Weiber folgten. Die halbe Stube war gefüllt. Die Maracken schaute
+neugierig durch den Türspalt.
+
+Fritz brüllte, das Weibsvolk möge sich hinausscheren. Dann schimpfte er
+wieder, weil ihm der Scheitel nicht gelingen wollte. Schließlich stürmte
+er, unter beständigem Fluchen, in die Küche, tauchte den Kopf in eine
+Schüssel voll Wasser, rieb ihn mit dem ersten besten Tuche ab, das ihm
+in die Hände fiel, und scheitelte sich nun das Haar. Das ging.
+
+Dörthe stand schon hinter ihm, mit beiden Armen das riesenhafte
+Bombardon haltend, über das sie den Zylinderhut mit dem Bronzeton
+gestülpt hatte.
+
+Fritz war glücklich, daß er endlich fertig war. Er nahm das Bombardon
+und blies mächtig hinein, um den draußen Wartenden zu verstehen zu
+geben, nun sei es so weit. Ein paar Hunde in der Nähe begannen
+anzuschlagen; die große Katze, die neben dem Kochherd lag, sprang ob des
+entsetzlichen Tons mit einigen gewaltigen Sätzen davon, und der ganze
+Zug schrie »Hurra!«
+
+»Ein langweiliger Peter!« sagte Albert unter der Haustür zu seiner neben
+ihm stehenden Mutter. »Aus dem wird nie was!«
+
+»Glaub’s auch nicht,« antwortete die Alte.
+
+Die Musikanten bliesen nunmehr ihren Reitermarsch, und das große
+Bombardon klang wie eine Stimme des jüngsten Gerichts dazwischen.
+Langsam bewegte sich der Zug den Auberg hinan, und alle Kinder aus
+Oberlemmingen folgten ihm, schreiend, johlend und singend.
+
+Im Schlosse war man auf das Kommende vorbereitet. Schellheim und die
+Rätin hatten bereits auf der letzten Terrasse Aufstellung genommen, mit
+ihnen der Oberinspektor Bandemer und zwei Eleven. Über die Balustrade
+der ersten Terrasse lugten die neugierigen Gesichter der Dienerschaft.
+
+Über das stille Antlitz der Rätin glitt etwas wie ein leichtes
+Schmerzempfinden, als die Musik näher und näher kam; ihrem
+feingebildeten Ohr dünkte der kriegerische Marsch wie ein ungeheurer
+Korybantenlärm. Dann aber zog ein Lächeln über ihr Gesicht. Der Zug
+nahte. Die Bläser transpirierten außergewöhnlich; man sah, wie über die
+den Luftstrom aufnehmenden und wieder fortstoßenden dicken Backen das
+Wasser strömte. Namentlich Fritz gewährte einen unfreiwillig-komischen
+Eindruck. Der schöne Zylinder, über dessen sanften Bronzeton die Sonne
+glitt, saß ihm tief im Nacken. Das ganze Gesicht glühte purpurn vor
+Hitze und Anstrengung und erschien wie gebadet. Er war so im Eifer, daß
+er das Schlußzeichen übersah, das Tengler gab, und so stieß er noch ein
+paar schmetternde Töne aus, während die andern schon schwiegen, und
+setzte das Instrument erst ab, als der junge Raupach ihn ärgerlich in
+den Rücken puffte. Und dann machte er ein ganz erstauntes Gesicht; er
+hatte nicht gedacht, daß es schon zu Ende wäre.
+
+Liese Braumüller deklamierte ihren Spruch, die Augen zu Boden gesenkt,
+voll brennender Verlegenheit, monoton sprechend, wie sie es beim
+»Aufsagen« in der Schule gelernt hatte, und mit gefalteten Händen.
+Zweimal stockte sie, aber Dörthe half ihr immer wieder aus. An der
+Stelle: »Wir wünschen der Herrschaft einen heiligen Lohn« versprach sie
+sich mehrfach, sagte erst »leiligen Hohn« und raspelte dann noch längere
+Zeit an den Worten herum, ehe sie das rechte fand. Dabei schossen ihr
+die Tränen in die Augen.
+
+Als sie geendet hatte, trat der Gutsvogt vor, der mit im Zuge war, ein
+stämmiger Mann, der Markuse hieß und deshalb immer »Jüd« genannt wurde,
+obschon er aus altsässiger Bauernfamilie stammte. Der brachte ein Hoch
+auf die gnädige Herrschaft aus, worauf die Musikanten einen Tusch
+bliesen und dann merkwürdigerweise »Heil dir im Siegerkranz« anstimmten.
+
+Das brachte den Kommerzienrat, der etwas verlegen war, wie er nach
+Landesbrauch die Ovation beantworten sollte, auf einen guten Gedanken.
+Er gab den Nächststehenden die Hand, dankte allerseits und ließ sodann,
+an den Sedantag und seine glorreichen Erinnerungen anknüpfend, in einer
+geschickten Schlußwendung Seine Majestät den Kaiser leben. Wieder fielen
+die Musikanten ein und bliesen hierauf, ihrem Repertoire getreu, »Nun
+danket alle Gott«.
+
+Der Kommerzienrat sah ein wenig verwundert aus. Eine Predigt konnte er
+doch nicht halten. Er nahm sein Portefeuille aus der Tasche und reichte
+dem Gutsvogt einen Fünfzigmarkschein: die Leute möchten sich einen
+vergnügten Abend machen. Und dann zog er diesen und jenen ins Gespräch,
+während die Rätin mit liebenswürdiger Miene ein paar freundliche Worte
+an Liese Braumüller richtete.
+
+Fritz Möller stand in vorderster Reihe. Als Schellheim ihn sah, stutzte
+er und fragte:
+
+»Herr Möller – nicht wahr?«
+
+»Jawohl, Herr Kommerzienrat,« antwortete dieser.
+
+Schellheim zupfte an seiner Weste.
+
+»Hören Sie mal, mein lieber Herr,« fuhr er fort, »Ihr Bruder – der
+ältere ist es, glaub’ ich – hat mir da mehrfach wieder geschrieben –
+wegen der Quellengeschichte. Er drangsaliert mich ein bißchen. Na – um
+ihm einen Gefallen zu erweisen, will ich mich der Sache annehmen, aber
+– aber ich muß freie Hand haben. Verstehen Sie, freie Hand!?«
+
+»Jawohl, Herr Kommerzienrat,« erwiderte Fritz, vollständig überzeugt,
+»freie Hand –«
+
+»Sonst kann ich nämlich nichts machen, so gut wie gar nichts. Sagen Sie
+Ihrem Bruder, er möchte mal zu mir kommen. Wenn er gerade Zeit hat – es
+eilt ja nicht.«
+
+»O, der hat schon Zeit,« sagte Fritz unklug, mit strahlendem Gesicht,
+überglücklich darüber, daß die Angelegenheit nun ins Rollen kommen
+werde. »Der lauert nur drauf, Herr Kommerzienrat!«
+
+»So!« entgegnete dieser kurz und ging weiter.
+
+Fritz war in so großer Aufregung, daß er den Heimweg kaum erwarten
+konnte. Er galt als der »dumme Junge« in der Familie, wurde von allen
+von oben herab behandelt und trotz seiner physischen Kräfte bei jeder
+Gelegenheit unterdrückt. Und nun war _er_ es, der die frohe Botschaft
+ins Haus bringen konnte, daß der Kommerzienrat eingewilligt habe, sich
+der Quellenangelegenheit anzunehmen. Er beschloß, den Angehörigen
+vorzulügen, daß _er_ den Kommerzienrat überredet und »breitgeschlagen«
+habe. Oho, so dumm, wie die andern glaubten, war er denn doch nicht; er
+wollte sich schon Respekt verschaffen.
+
+Der Rückmarsch in das Dorf währte ewig lange für den Ungeduldigen. Er
+blies in sein Bombardon, daß man es noch in Kerbitschau hören konnte,
+eine Viertelmeile von Oberlemmingen. Seinen ganzen Jubel blies er in die
+alte Tuba, die sich geschmeichelt zu fühlen schien und das jauchzende
+Herz ihres Trägers in eine donnernde Tonfülle übersetzte. Die drei
+Repertoirestücke kamen hintereinander an die Reihe. Auf dem Dorfanger
+schwenkte der Zug in Frontstellung ein, und dann ging man auseinander.
+
+Dörthe suchte ihren Vater auf.
+
+»Das gnäd’ge Fräulein hat mir deine Rechnung bezahlt, Vater,« sagte sie.
+»Mach die Hand auf! Einundzwanzig Mark achtzig – aber die Deichsel am
+gelben Wagen mußt du noch mal nachsehen, die klappert noch immer.«
+
+»Ein altes Stück Holz kann ich nicht mehr neu machen,« entgegnete Klempt
+und steckte das Geld ein. »Gehst du am Abend zu Tanze?«
+
+»Ja – ich darf, aber ich soll um Mitternacht wieder zu Hause sein.«
+
+»Recht so. Du brauchst dir nicht die ganze Nacht um die Ohren zu
+schlagen. Sei vernünftig, Dörthe – daß du mir keine Dummheiten machst!
+Ich weiß, wie’s beim Erntefest zugeht.«
+
+Dörthe lachte. »Habe doch keine Bange, Vater! Nee – ach du lieber Gott!
+So bin ich nicht wie die Liese! ... Vater, du siehst immer noch blaß
+aus. Du hätt’st nicht bei der Hitze mitlaufen soll’n!«
+
+»Ich weiß, was richtig ist. Der Kommerzienrat ist mein Brotherr. Nun
+geh – vielleicht springst du noch mal zu uns ’ran, eh’ du in den Krug
+machst!«
+
+»Werd’ sehen!« rief Dörthe und eilte davon, daß ihre Röcke flogen. Es
+war Mittagszeit, und sie mußte auf dem Baronshof in der Küche helfen. –
+
+Sein Bombardon im Arm, war Fritz mit großen Schritten nach dem Kruge
+zurückgekehrt. Hier stand der alte Möller auf einer Leiter und nagelte
+zur Feier des Tages eine Girlande an, die mit Bändchen aus rotem und
+blauem Seidenpapier durchflochten war.
+
+»Nu sind wir so weit, Vater!« rief Fritz dem Alten entgegen.
+
+»Was hast du gesagt?« fragte dieser von der Leiter herunter, drei große
+Nägel zwischen den Zähnen haltend.
+
+»Nu sind wir so weit,« wiederholte Fritz. »Mit der Quelle. Der
+Kommerzienrat ist dabei. Ich habe ihn breitgeschlagen. Albert soll zu
+ihm kommen.«
+
+Der Alte wäre vor freudigem Schreck beinahe von der Leiter gefallen. Er
+nahm die Nägel aus dem Munde und sagte dreimal hintereinander:
+»Donnerwetter!« Dann kletterte er rasch herab und stürzte Fritz in das
+Haus nach.
+
+Albert wollte die Siegesnachricht noch gar nicht glauben. Es schien ihm
+unfaßlich, daß der dumme Junge, der Fritz, Schellheim »breitgeschlagen«
+habe. Er wollte Genaueres wissen. Und nun log Fritz los. Er erzählte
+unsinniges Zeug, aber das Endresultat blieb dasselbe: Albert sollte auf
+das Auschloß kommen – bei Gelegenheit – »es eile nicht«....
+
+Albert überlegte. _Ihm_ eilte es. Er wollte sogleich hinauf. Nein, nicht
+sogleich, riet der Alte, das sehe zu pressiert aus. So gegen Abend
+vielleicht – und Albert sollte so tun, als ob ihm an der Beteiligung
+Schellheims eigentlich gar nichts mehr liege.
+
+Der Erstgeborene nickte lächelnd. Solche gute Ratschläge brauchte er
+nicht. Er nahm sich vor, am Spätnachmittag auf das Auschloß zu gehen.
+Fritz brüstete sich. »Ich habe ihn breitgeschlagen,« war sein drittes
+Wort.
+
+Gegen Abend fand sich auch Bertold mit seiner Frau ein, einer kleinen,
+mageren, schwarzen Person von scheuem und geducktem Wesen. Bertold war
+in nicht minder großer Aufregung als Albert. Er war zu sehr
+Geschäftsmann, um es nicht schmerzlich zu empfinden, daß das geplante
+Unternehmen sich nicht entwickeln wollte. Er versprach sich viel von der
+Sache und träumte Tag und Nacht davon. Besonders das eine Traumbild: ein
+großer Basar in dem neuen Badeort, in dem alles zu bekommen sein würde,
+und der schon durch seine ganze Anlage jede Konkurrenz ausschließen
+sollte – ein Basar mit blitzenden Spiegelscheiben und großstädtischen
+Auslagen und der weithin leuchtenden Firma: #»Maison Mœller«#. Jawohl –
+#»Maison Mœller«# wollte Bertold künftighin firmieren; das gab der Sache
+einen internationalen Schliff und lockte auch die Ausländer an, die das
+Bad besuchen würden.
+
+Um sechs Uhr begann das Fest im Kruge. Die Schankstube war frisch mit
+Sand bestreut worden. Rings um die Wände zog sich eine große Girlande
+aus Eichengrün, gleichfalls mit Rosabändchen aus Seidenpapier verziert.
+Ebenso hatten die Bilder des Königspaares Kränze erhalten. Freilich
+stellten diese Bilder – ein paar gelb gewordene, mit Rostflecken
+übersäte Lithographieen – noch Friedrich Wilhelm IV. und die Königin
+Elisabeth dar; aber der alte Möller meinte, das schade nichts. König
+bleibt König. Wenn Fritz einmal heiratet, kann er sich ein Kaiserbild
+kaufen; vorläufig genügt Friedrich Wilhelm IV. Wenn das Gespräch darauf
+kam, vergaß Möller nie zu erzählen, daß er Friedrich Wilhelm IV. einmal
+persönlich gesprochen hatte. Damals war gerade die Chaussee nach Posen
+eröffnet worden, und der König fuhr mit dem Minister von Selchow einige
+Dörfer ab, die der neue Verkehrsweg berührte. Und so kam er auch nach
+Oberlemmingen. Möller, derzeit ein stattlicher junger Mann, war Schulze
+und empfing ihn an der Barbebrücke, den berühmten Zylinderhut, den nun
+der Fritz geerbt hatte, auf dem Kopfe und in der Rechten den langen, mit
+schwarz-weißem Band umflochtenen Schulzenstab. Der König ließ halten und
+sprach einige Worte mit Möller, und schließlich fragte er auch, ob Acker
+und Feld ihre Schuldigkeit täten, und ob man zufrieden sei. Möller
+erwiderte furchtlos: »O ja, Majestät, das schon, aber wenn man bloß die
+Steuern nicht wären!« Und da hatte der König gelacht und war
+weitergefahren.
+
+Wenn der Alte davon erzählte, wurde er stolz. »Das hab’ ich dem König
+gesagt,« erklärte er, »und wenn er auch gelacht hat, gemerkt hat er
+sich’s doch. So ’n König weiß ja gar nicht, was wir für Steuern zahlen
+müssen, wenn man’s ihm nicht mal sagt ...« Die Steuern waren das
+Klagelied Jeremiä der Bauern. Sie hatten noch von 1806 her Beiträge für
+die Kriegskosten von damals zu zahlen. Und dann die Gemeindelasten:
+Kirche und Schule und vor allem der Wegebau. Wenn es nach ihnen gegangen
+wäre, hätten die Wege grundlos werden und Kirche und Schule verfallen
+können. Die Steuern fraßen einen langsam auf ...
+
+Zuerst kamen die Burschen, Knechte, Taglöhner und Bauernjungen, die sich
+an dem arbeitslosen Tage langweilten und nicht wußten, wie sie die Zeit
+totschlagen sollten. Die Tische waren in der Schankstube beiseite
+gerückt worden, dicht an die Stühle und Bänke längs der Wände heran, so
+daß der Mittelraum für den Tanz frei blieb. Man forderte Bier. Dörthe
+war auch schon da; Fritz hatte sie gebeten, etwas früher zu kommen,
+damit sie mithelfen könne. Und das tat sie gern. Sie fühlte sich dann
+schon halb und halb als Hausfrau auf dem Platze, den sie einmal
+einnehmen würde. Heute sollte es übrigens zur Entscheidung kommen. Die
+Verlobung war noch nicht veröffentlicht worden, das kirchliche Aufgebot
+noch nicht erfolgt. Die alten Möllers sprachen noch immer dagegen und,
+wie es Dörthe schien, auch Albert und Bertold. Nun wollte sie aber aus
+dem Ungewissen heraus. Alle Mädel im Dorfe neckten und foppten sie
+bereits, Liese Braumüller vorweg, die es auch auf Fritz abgesehen hatte
+und sich nun Hoffnungen auf Albert machte. Das ging nicht so weiter. Und
+deshalb war Dörthe, ehe sie nach dem Kruge gegangen, noch einmal zu
+ihrem Vater herangesprungen und hatte ihn gebeten, noch an diesem Abend
+die Entscheidung herbeizuführen. Klempt wollte anfänglich nicht; er war
+nicht gern im Kruge; bei seiner Menschenscheu ängstigte er sich auch,
+der Gesamtfamilie Möller entgegenzutreten. Und sicher waren sie heute
+alle zusammen. Aber Tante Pauline unterstützte Dörthe. Es müsse zum
+Klappen kommen, erklärte sie; es liege sowieso genug Unheil in der Luft.
+Drei Nächte hintereinander hatte sie von einer schwarzen Henne geträumt,
+die wild mit den Flügeln schlug; das bedeute sicher nichts Gutes. Und so
+sagte der alte Klempt denn zu; er wollte gegen sieben im Kruge sein.
+
+Dörthes Herz hämmerte stark, während sie in geschäftiger Eile dem alten
+Möller die Gläser abnahm, in die dieser das Bier zapfte. Fritz hatte den
+Schnapsschank, und Mutter Möller machte sich in der Küche zu schaffen,
+während Bertold mit dem Förster und einem Eleven Schellheims im
+Extrazimmer politisierte. Dörthe merkte, daß der Alte guter Laune war.
+Er hatte sie einmal um die Taille gefaßt und ihr gesagt, das Kleid mit
+den roten Punkten kleide sie gut, – er werde ihr, wenn er das nächste
+Mal nach Zielenberg komme, ein dazu passendes Halstuch mitbringen. Das
+machte das Mädchen ganz glücklich. Ihre Liebe zu dem dicken Fritz war
+der Inhalt ihrer Tage. Um seinetwillen hielt sie sich von den andern
+fern und vermied es, sich zur Erntezeit, an den lauen Sommerabenden,
+wenn die Arbeit vorüber, zwischen den Heuhaufen auf den geschorenen
+Wiesen und den Buchen an der Grauen Lehne herumzutreiben, wo man bei
+Mondschein gewöhnlich das Kichern der Dirnen und das helle Lachen der
+Liese Braumüller hören konnte, die überall dabei sein mußte. Ihr, der
+Dörthe, konnte kein Mensch etwas nachsagen, und bei aller sonstigen
+Naivität ihrer sittlichen Anschauung war sie doch stolz darauf.
+
+Das Zimmer war schon voll, aber der alte Vietz mit seinem Geiger hatte
+sich verspätet. Man schimpfte auf ihn; sicher lag er wieder irgendwo
+betrunken im Graben. Es war dumm, daß die heimische Banda nur ihre drei
+Stücke konnte und nicht einmal einen Tanz darunter; sonst hätte man es
+mit Blechmusik versucht. Man rief Fritz zu, er solle sein Bombardon
+holen; ein paar junge Leute stellten sich in eine Ecke und begannen eine
+Polka zu pfeifen. Liese Braumüller und Anton Tengler tanzten danach;
+einige andre folgten, schreiend und lachend; aber es ging nicht recht –
+man kam immer wieder aus dem Takt. Da erhob sich draußen Kindergebrüll.
+Vietz kam endlich. Der alte Kerl mit seinem blassen Gesicht, in dem nur
+die große Kartoffelnase rötlich schimmerte, war in der Tat so betrunken,
+daß er sich kaum aufrecht halten konnte. Sein Partner, der Geiger, hatte
+ihn unter dem Arm gepackt und schleppte ihn vorwärts. Das war keine
+Kleinigkeit, denn der Geiger, ein schmächtiges Kerlchen, schleppte auch
+noch den Baß seines Patrons. Alle Kinder waren hinter den beiden her und
+johlten und jubelten. Vietz schien das zu amüsieren; sein ganzes Gesicht
+lachte. Aber plötzlich wurde er ernst, blieb stehen und hielt eine
+drohende Anrede an den schreienden Schwarm, fuchtelte mit beiden Fäusten
+und griff schließlich in den Sand, um den Kindern eine Handvoll Erde auf
+die Köpfe zu werfen. Und alles stob unter erneutem Geheul auseinander.
+
+Fritz erschien unter der Haustür. Er machte kurzen Prozeß, denn er
+wußte, wie Vietz zu behandeln war. Er packte ihn einfach an Kragen und
+Rockschoß, trug ihn in das Schankzimmer und setzte ihn hier in eine
+Ecke. Dann wurde ihm der Baß zwischen die Beine geschoben, und der
+Geiger nahm neben ihm Platz.
+
+»Nu feste gespielt, Vietz,« sagte Fritz ernst; »immer nach drei Tänzen
+kriegt Ihr ein Glas Bier. Aber wenn Ihr’s schlecht macht, gibt’s gar
+nichts!«
+
+Vietz nickte; er kannte das. Und dann ging es los. Der Geiger fiedelte,
+und Vietz kratzte auf seinem Baß herum: es war eine höllische Musik. Der
+Alte hatte offenbar das Bestreben, stets möglichst schnell zu Ende zu
+kommen, während sein Partner eine behagliche Natur war und sich Zeit
+ließ. So kamen die beiden niemals zusammen. Doch auf das Vergnügtsein
+der Tanzenden hatte das verschiedene Tempo keinen Einfluß. Die Paare
+wirbelten im Zimmer umher; man stieß sich, man stolperte, man drängte
+sich und chassierte aneinander vorüber, lachte, lärmte und tollte und
+unterhielt sich königlich dabei. Der Staub schwirrte auf, die Luft wurde
+schwül, ein trüber Dunst stieg zu der niedrigen Decke auf. Die Möllern
+öffnete ein Fenster.
+
+Draußen im Garten spielten Braumüller, der Schulze, Raupach,
+Langheinrich und noch ein paar eine Partie Kegel. Man hörte durch das
+offene Fenster trotz des Lärmens der Tanzenden das dumpfe Rollen der
+Kugeln und das polternde Geräusch der stürzenden Kegel.
+
+Die Möllern schaute zum Himmel auf, schnüffelte in der Luft herum und
+zog die Nase kraus.
+
+»Braumüller,« rief sie zum Fenster hinaus, »das gibt wohl noch was –
+he?!«
+
+»Alle neune!« schrie in diesem Augenblick der Angerufene. »Dundersaxen,
+Langheinrich, du bist ein verflixter Kerl!« ... Und dann schaute er
+gleichfalls zum Himmel und nickte der Möllern zu. »Ja, das gibt noch
+was, Mutter Möllern! Das wird ’n bißchen brummlich da hinten!« ...
+
+Albert war schon vor zwei Stunden nach dem Auschloß gegangen. Es war
+merkwürdig, daß er noch nicht zurück war. Dörthe überlegte, ob es nicht
+zweckmäßig sei, daß der Vater seine Abwesenheit benutzte, um mit dem
+alten Möller und Fritze zu reden. Sie hatte so viel zu tun, daß sie nur
+dann und wann einmal zum Tanze kam. Und mitten im Herumschwenken hörte
+sie zuweilen den Ruf der Möllern aus der Küche oder das kurze,
+befehlende »Dörth’!« des Alten, der, in jeder Hand ein paar
+frischgefüllte Biergläser, hinter dem Schanktische stand. Mit heißem
+Gesicht und wogender Brust stürzte sie dann von ihrem Tänzer fort, um
+wieder die Gäste bedienen zu helfen.
+
+Jetzt war eine Pause eingetreten. Man öffnete noch ein zweites Fenster,
+denn die Luft war zum Ersticken schwül geworden, und in den dicken Dunst
+warfen die drei in der Stube aufgehängten Laternen nur ein
+verschleiertes Licht. Eine Gruppe von Mädeln und Burschen hatte sich um
+Vietz geschart, der ihnen mit heiserer Stimme das Lied vorsang:
+
+ »Hans mit de Krusekragen
+ Stieg up de Kachelawen –
+ Bautz, fiel hinunger,
+ War des kee’ Wunger –
+ Wär’ he nich hinuppestegen,
+ Hätt’ he nich hinunnelegen!«
+
+Zwischen jedem Verse strich er den Baß, verdrehte dabei die Augen und
+ließ zuweilen die Stimme überschnappen – und das Volk um ihn wollte
+sich ausschütten vor Lachen.
+
+»Vater, nu mach doch man!« flüsterte Dörthe Klempt zu, der ruhig in
+einem Winkel saß und seine Pfeife schmauchte. »Jetzt paßt’s gerade!«
+
+Klempt schaute nach Möller aus. Der hatte sich ermüdet hinter dem
+Schanktische niedergelassen. Neben ihm hatten Fritz und die Alte auf
+zwei Schemeln Platz genommen; man sprach davon, daß Albert noch immer
+nicht da sei.
+
+Klempt erhob sich, öffnete die Klappe seines Pfeifenkopfes und drückte
+mit dem Daumen den Tabak fester. Dann schritt er langsam nach dem
+Schanktisch.
+
+»Es wird noch ’n Wetter geben, Möller,« begann er die Unterhaltung.
+
+»’s soll mir recht sein,« entgegnete der Angeredete; »ich hab’ alles
+’reingebracht.«
+
+Klempt spuckte auf die Erde und zündete aus Verlegenheit ein Streichholz
+an, obwohl seine Pfeife noch brannte. »Viel Arbeit heute,« meinte er;
+»’s ist gut, daß sich die Dörthe freimachen konnte ...« Und einen
+plötzlichen Entschluß fassend fügte er hinzu: »Habt ihr denn schon
+überlegt, wann das Aufgebot sein soll?«
+
+Die Alte schaute Klempt mit ihren dunkeln Augen böse an, und Möller tat
+sehr erstaunt.
+
+»Was denn für ein Aufgebot?«
+
+»Na, zur Hochzeit,« erwiderte Klempt, schon wieder etwas kleinlaut.
+
+Nun lachte Möller. »Ach so,« sagte er; »na, ich dächte, bis jetzt wären
+die beiden noch gar nicht mal so recht versprochen!«
+
+»Dächt’s auch,« fügte die Mutter hinzu. »Das ist so ’ne Liebelei, wie
+sie schon vorkommen kann –«
+
+Doch nun fiel Fritz den Eltern in das Wort. Er hatte zuweilen das Herz
+auf der Zunge.
+
+»Nein, Mutter,« sagte er; »du weißt recht gut, daß es mir Ernst ist. Ich
+habe die Dörthe immer haben woll’n. Wir könnten wenigstens regelrechte
+Verlobung feiern, damit sich das Mädel nicht unnötig necken zu lassen
+braucht.«
+
+»So ist’s,« setzte Klempt hinzu. »Von heute zu morgen kann niemand die
+Hochzeit verlangen, aber eine ordentliche Verlobung muß sein.«
+
+»Wir woll’n mal mit Albert darüber sprechen,« sagte Möller; »ich weiß
+nicht, wo der Junge bleibt!«
+
+Klempt hatte sich gleichfalls einen Stuhl an den Schanktisch
+herangezogen. Er hatte sich nie so recht gut mit den Möllers gestanden,
+und nach seinem Herzen war eine Heirat zwischen Dörthe und Fritz auch
+nicht. Aber ihr Lebensglück hing doch nun einmal davon ab, und das
+machte den sonst so schweigsamen Alten beredt.
+
+»Ihr müßt nicht immer so tun, als paßte die Dörthe nicht in eure
+Familie,« hub er von neuem an. »Die Klempts sind gerade so ein guter
+Bauernschlag. Jawohl, Möller, und du brauchst auch nicht zu glauben, daß
+ich die Dörthe arm wie ’ne Kirchenmaus in die Ehe gehen lasse. Sie hat
+ihre gute Ausstattung, und ein paar Taler habe ich mir ja auch sparen
+können, die sie nach meinem Tode kriegen soll. Die Ersparnisse von Tante
+Pauline kommen dazu, und schließlich das Gehöft – ist denn das nichts
+wert? So ’n ordentliches Haus find’st du lange nicht, und wie fest das
+noch alles steht! Und der Garten und die fünfzehn Morgen Acker und dann
+vor allem der schöne Wiesengrund, der bis an die Graue Lehne
+heranreicht, der beste im ganzen Dorfe?! Wir sind doch keine
+Bettelpackasche, Möller! Ich dränge mich euch nicht auf, aber das Mädel
+ist doch nun mal so verrückt nach dem Fritz, und –«
+
+Der Tanz hatte wieder begonnen. Fritz erhob sich und legte seine Hand
+auf die Schulter Klempts.
+
+»Laßt’s gut sein, Vater Klempt,« meinte er, »die Alten sind schon
+vernünftig. Wenn Albert zurückkommt, woll’n wir noch mal in der Familie
+darüber sprechen ...«
+
+Mutter Möller war längst in ihre Küche zurückgekehrt und warf dort mit
+den Eisenringen des Herds umher, daß man es im Schankzimmer hören
+konnte. Das paßte ihr alles nicht; die Dörthe war keine Partie. Aber sie
+schwieg und wurmte sich heimlich. Die Eisenringe des Herds sprachen für
+sie.
+
+Dörthe hatte aus der Entfernung die kleine Szene beobachtet. Nun stand
+Fritz vor ihr. »Rasch einmal ’rum,« sagte er und faßte sie um die
+Taille. »Die Verlobungspolka, Dörthe! Morgen soll’s das ganze Dorf
+wissen!«
+
+Er tanzte mit ihr. Sie war selig und hing mit glückstrahlendem Gesicht
+in seinen Armen.
+
+Geige und Baß kreischten wieder. Das ganze Haus schien unter den
+Schwingungen der tanzenden Paare zu dröhnen. Da klirrten auf einmal die
+Fenster. Ein furchtbarer Donnerschlag erscholl, dann prasselte ein
+Regenschauer, mit Schloßen gemischt, zur Erde. Schreiend stoben die
+Tanzenden auseinander. Die draußen kegelnden Bauern, die von der
+Plötzlichkeit des Gewitters überrascht worden waren, stürmten in das
+Zimmer, triefend vor Nässe, mit dampfenden Kleidern.
+
+Alles drängte sich an den Fenstern zusammen. Von Zeit zu Zeit
+erleuchtete ein greller Blitz die Nacht, und dann sah man den dicht
+fallenden Regen. Hatte es irgendwo eingeschlagen, so mußte das vom
+Himmel strömende Wasser den Brand auf der Stelle löschen. Man war sehr
+vergnügt bei dem Unwetter. Die meisten hatten ihre Ernte geborgen, nur
+ein kleiner, verhungert aussehender Kossät, Priestegall mit Namen,
+ächzte und jammerte: er hätte seinen Hafer noch nicht einfahren können.
+
+Die Bauern von der Kegelbahn wollten tanzen, um sich warm zu machen.
+Aber Vietz war eingeschlafen. Man wollte ihn wecken, doch es war nicht
+möglich, den Trunkenbold zur Besinnung zu bringen. Da nahm Langheinrich
+den Baß zwischen seine mageren Beine und begann ihn zu bearbeiten,
+während auch der Geiger sein Spiel aufnahm. Das gab neuen Spaß, und bald
+wirbelten wieder die Paare durch das Gemach, unbekümmert um die
+diabolische Musik.
+
+Auf einmal hieß es, der Kommerzienrat sei vorgefahren. In der Tat, eine
+geschlossene Equipage vom Augut hielt vor der Tür. Aber nicht der Rat
+stieg aus, sondern Albert Möller. Allgemeines Erstaunen; Schellheim
+hatte Albert in eignem Wagen nach Hause fahren lassen, – das hatte ganz
+gewiß etwas zu bedeuten!
+
+Der alte Möller, Bertold und Fritz eilten Albert bis auf den Hausflur
+entgegen. Er zog sie in die Küche. »Es ist alles abgemacht,« sagte er
+hastig, mit vergnügtem Schmunzeln um den Mund; »der Kommerzienrat
+schießt uns das Nötige aus eigner Tasche vor. Morgen fahre ich mit ihm
+nach Berlin zu seinem Anwalt ...«
+
+Fritz sprang wie ein Besessener in der Küche umher. »Seht ihr wohl –
+hurra!« schrie er; »ich hab’ ihn breitgetreten!«
+
+Die alten Möllers und Bertold wollten Näheres wissen. Sie rückten Albert
+dicht auf den Leib und bestürmten ihn mit Fragen. Aber er war erschöpft
+und wollte zuerst etwas zu essen und zu trinken haben, erklärte auch,
+vom Geschäftlichen verständen sie ja doch nichts. Die Hauptsache sei,
+daß der Stein nun ins Rollen käme.
+
+»Natürlich ist das die Hauptsache,« bemerkte Fritz, »alles übrige wird
+sich schon finden. Und wie ist’s nun mit der Verlobung? Grade jetzt, wo
+wir alle so vergnügt sind, könnten wir auch gleich meine Verlobung
+feiern!«
+
+»Sei doch man still,« fuhr die Alte auf, und Albert fragte: »Deine
+Verlobung? – Ach, mit der Dörthe?!«
+
+»Na, mit wem denn sonst! Vielleicht mit der alten Maracken?!«
+
+Albert zog die Brauen zusammen, doch schon im nächsten Augenblick nickte
+er lebhaft mit dem Kopfe. »Schön,« meinte er, »ich hab’ nichts
+dagegen ...« Und dann nahm er Fritz an der Rockklappe und führte ihn
+etwas abseits. »Sag mal, du,« fuhr er im Flüstertone fort, »Klempts
+Wiesenbucht grenzt doch an die Graue Lehne?«
+
+»Dichte ’ran, Albert – dichte ’ran!«
+
+»Na, und wenn der Alte mal stirbt, dann erbt doch die Dörthe das Ganze
+als einziges Kind?«
+
+»Alles – i nu selbstverständlich, – Vater Klempt hat’s uns vorhin
+erst wieder auseinandergesetzt, daß die Dörthe noch gar nicht die
+schlechteste Partie ist.«
+
+Albert nickte wieder. »Ich glaube, der Klempt wird’s nicht mehr allzu
+lange machen, Fritz. Er sieht schwindsüchtig aus. Das heißt, meinetwegen
+kann er hundert Jahre alt werden! Aber mit der Wiesenbucht – na, verlob
+dich nur erst! Meinen Segen hast du!«
+
+Und wirklich wurde noch an diesem Abend die Verlobung Fritz Möllers mit
+Dörthe Klempt öffentlich verkündet. Fritz kletterte während der nächsten
+Tanzpause auf einen Stuhl und schrie seine Verlobung mit Stentorstimme
+in das Zimmer, und wer sich jetzt noch einmal unterstehe, so fügte er
+hinzu, seine Braut zu necken und zu ärgern, der werde ein paar hinter
+die Ohren kriegen, es sei ihm gleich, ob Bursche oder Mädel. Und nachdem
+er dies versprochen hatte, brachte er ein Hoch auf das Brautpaar, das
+heißt auf sich selbst und Dörthe, aus, und die Musik mußte einfallen,
+und alles brüllte mit, umringte ihn und die Dörthe, gratulierte, lachte
+und witzelte. Es war ein geräuschvolles, unaufhörliches Schnattern,
+während draußen noch immer mit leisem Plätschern der Regen fiel und das
+abziehende Wetter den Horizont erhellte.
+
+Dörthe war so froh, daß ihr hübsches Gesicht wie von Sonnenschein
+überflutet war. Selbst die Möllern schien sich fügen zu wollen. Dörthe
+mußte ihr helfen, zu backen und zu schmoren, denn es sollte »in Familie«
+gegessen werden. Der alte Möller stieg selbst in den Keller, ein paar
+Flaschen Rheinwein heraufholend, von denen er behauptete, die könne
+»jeder Vater mit seinem Sohne trinken«. Klempt wurde genötigt, im
+Extrazimmer auf dem grünen Sofa Platz zu nehmen. Er wußte gar nicht, wie
+ihm geschah; er hatte sich auf einen harten Kampf mit den Möllers gefaßt
+gemacht, und nun wickelte sich die Sache so glatt und rasch ab.
+
+In der Schankstube wurden inzwischen die fünfzig Mark vertrunken, die
+der Kommerzienrat gespendet hatte. In eine der Fensternischen hatte sich
+Liese Braumüller mit ihrer Freundin Guste Thielemann zurückgezogen.
+Beide wisperten eifrig miteinander.
+
+»Das hat lange gedauert, eh die Dörthe Fritzen ’rumgekriegt hat,«
+flüsterte Liese. »Aber ’s wird wohl auch Zeit gewesen sein. Ich könnt’
+was erzählen, wenn ich wollte. Und weißt du, Guste, in der Kirche seh’
+ich die beiden noch nicht. Ich möchte wetten, daß da noch was darmang
+kommt –«
+
+»Dörthe!« erscholl in diesem Augenblick die Stimme der Möllern aus der
+Küche.
+
+Das Verlobungsessen war fertig: ein kolossaler Schweinebraten in braun
+glänzender, knusperiger Schale, die quadratisch durchkerbt war. Und auch
+die Beilagen konnten aufgetragen werden: rote Rüben, Preiselbeeren und
+Milchreis mit Zimmet.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Es war am Neujahrstage, als Hedda, in der Pelzjacke, die Pelzkappe auf
+dem Kopfe und den Muff in der Hand, zu ihrem Vater ins Arbeitszimmer
+trat. »Ich will zum Pastor, Papa,« sagte sie, »ihm meinen Glückwunsch
+bringen. Hast du etwas zu bestellen?«
+
+»Schöne Grüße, nichts weiter,« antwortete der Baron. »Und warum er sich
+denn gar nicht mehr sehen ließe. Seine Beine sind noch flotter als
+meine.«
+
+»Werd’s ausrichten. Hat die Post nichts Neues gebracht?«
+
+Jetzt schlug sich der alte Herr mit der Hand vor den Kopf. »Sapperment,«
+schalt er, »ich fang’ wirklich an, tranig zu werden! Die Hauptsache
+vergess’ ich!«
+
+Er nahm einen Brief vom Tisch. »Weißt du, wer geschrieben hat?«
+
+»Dein Verleger?«
+
+»Gott bewahre! Rat mal!«
+
+Sie riet, aber das Richtige traf sie nicht.
+
+»Dummerle,« rief der Alte endlich, »Axel hat geschrieben!«
+
+Das kam Hedda allerdings so überraschend, daß sie sich setzen mußte.
+
+»Axel?« wiederholte sie. »Der Jarlsberger?«
+
+»Ja, ja – unser vielgetreuer Herr Vetter, der Nordlandsrecke, der
+Wikinger! Er ist nach Berlin zur Botschaft kommandiert worden und will
+uns im Frühjahr auf dem Baronshof besuchen!«
+
+Hedda sah noch immer maßlos erstaunt aus.
+
+»Ich ahnte ja gar nicht, daß Axel in diplomatischen Diensten steht,«
+sagte sie. »Ich glaubte, er täte gar nichts – lebte von seinen
+Reichtümern – reiste in der Welt umher – als Globetrotter –«
+
+»Glaubte ich auch alles, aber du hörst doch, daß dem nicht so ist. Über
+den angekündigten Besuch kann ich nicht gerade Rad schlagen vor Freude.
+Das gibt allerhand Unbequemlichkeiten – und der junge Herr wird
+verwöhnt sein.«
+
+Jetzt erwachten auch die Sorgen in Hedda.
+
+»In der Fremdenstube regnet’s durch,« klagte sie. »Auch muß da neu
+tapeziert werden, und, ach, du lieber Gott, das Waschservice sieht erst
+recht nicht nach dem Fortschritt der Zeit aus! Wer besucht uns denn
+einmal?! Ich habe mich um die Fremdenstube seit Ewigkeiten nicht
+bekümmert.«
+
+»Der Axel ist noch nicht einmal in Berlin,« versetzte der Freiherr
+begütigend; »wir haben also noch Zeit genug, unsern Schlachtplan zu
+entwerfen. Außerdem weiß er, daß wir nicht auf Rosen gebettet sind –
+und überdies soll mir’s sehr gleichgültig sein, ob es ihm in Jarlsberg
+besser gefällt als auf dem Baronshof.«
+
+»Puh!« machte Hedda, »hier ist’s aber fürchterlich heiß, Papa. Hältst du
+das denn aus?«
+
+»Ich schmore am liebsten – da spüre ich meine Ischias am wenigsten.«
+
+»Im nächsten Sommer gehst du mir unbedingt nach Gastein, Papa –«
+
+»Wohin denn noch?! Nach Paris und dann ein bißchen an die Riviera, nicht
+wahr? Wir haben ja das Geld dazu!«
+
+»Für die Badereise werd’ ich’s schon schaffen. Vielleicht versuchst du
+es auch einmal mit _unsrer_ Quelle –«
+
+»Nicht um die Welt, Hedda! Das hab’ ich mir vorgenommen: diese ekelhafte
+Quelle existiert für mich nicht! Am liebsten hörte ich gar nichts von
+ihr.«
+
+Hedda stand achselzuckend auf.
+
+»Ich streite nicht mehr, Vater. Ich richte ja doch nichts aus. Tu mir
+die Liebe und laß dich um die Mittagszeit anziehen. Ich habe August
+schon Auftrag gegeben. Die Herrschaften vom Auschloß kommen sicher zur
+Gratulation.«
+
+Der Alte streckte beide Hände zur Decke empor.
+
+»Ob sie mich nicht ruhig arbeiten lassen können!« stöhnte er.
+
+»Nein,« erwiderte Hedda, »denn sie wissen, was sich schickt.«
+
+»Papperlapapp – die Unsitte der Neujahrsgratulation ist längst aus der
+Mode gekommen!«
+
+»In Oberlemmingen noch nicht.«
+
+»Opponiere nicht ewig!«
+
+»Ich bin _dein_ Fleisch und Blut.«
+
+»Dann gib mir ’nen Kuß!«
+
+Hedda tat es lachend und eilte hierauf hinaus ins Freie.
+
+Das war ein herrlicher Neujahrstag. Stahlschimmernd wölbte sich der
+Himmel über der Landschaft. Der Schnee lag dicht, aber nicht allzu hoch,
+und die Sonne gleißte über die weiße Pracht. Es flimmerte und glitzerte,
+wohin sich das Auge wandte.
+
+Hedda schritt durch den Garten und über den Dorfplatz, wo ein Dutzend
+Kinder sich mit Schlittern belustigte. Jedes einzelne trug ein
+Pelzkäppchen und einen roten Schal um den Hals. Als Hedda dies sah,
+lächelte sie. Es waren ihre Weihnachtsgeschenke, die sie sich von den
+Erträgnissen des Hühnerhofs abgespart hatte. Die Jungen zogen ihre
+Kappen ab und grüßten höflich, als Hedda vorüberschritt, und der
+kleinste und frechste rief ihr »Prost Neujahr!« nach, und dann jubelten
+allesamt wild durcheinander ihr »Prost Neujahr!«
+
+Der Verkehr zwischen Baronshof und Pastorat war von jeher ein herzlicher
+und intimer gewesen. Namentlich den derzeitigen Pfarrer hatte der
+Freiherr in sein Herz geschlossen. Es war dies eine eigentümliche
+Erscheinung, der Seelenhirt von Oberlemmingen, der Doktor von Eycken. Er
+stammte aus einem alten und angesehenen westfälischen Adelsgeschlecht.
+Sein Vater war General der Kavallerie und eine Zeitlang Gouverneur von
+Berlin gewesen, und auch der Sohn sollte, nachdem er sein
+Abiturientenexamen bestanden, die militärische Laufbahn einschlagen. So
+trat der junge Eycken denn in ein am Rhein garnisonierendes
+Husarenregiment ein, in dem fast das ganze Offizierkorps gleich ihm
+selbst katholisch war. Bald nachdem er Offizier geworden, erkrankte er
+am Typhus und wurde zu seiner Genesung für längere Zeit nach dem Süden
+beurlaubt. Während dieses Urlaubs verlebte er einige Monate in dem
+damals noch päpstlichen Rom, und gerade hier, in der Siebenhügelstadt,
+dem Sitze klerikaler Macht, vollzog sich ein merkwürdiger Umschwung
+seines seelischen Empfindens. Eycken sprach sich niemals über die Gründe
+aus, die ihn zu einer Zeit, da er noch ein halber Jüngling war, zur
+Konversion veranlaßt hatten. Sein Vater erfuhr nur, daß er in Rom in
+vertrautem Verkehr mit einem preußischen Edelmann gestanden hatte, der
+Monsignore und Kämmerer des Papstes war, und über dessen Lebensführung
+man sich in der Klatschgesellschaft der Ewigen Stadt allerhand erzählte.
+Tatsache war jedenfalls, daß Eycken nach seiner Rückkehr gegen den
+Willen seiner Familie, mit der er in der Folge auch vollständig zerfiel,
+zum Protestantismus übertrat, seinen Abschied erbat und noch
+nachträglich Theologie studierte.
+
+Seit etwa fünfzehn Jahren war er Pfarrer von Oberlemmingen. Er liebte
+die Stille des Landlebens und hatte sich deshalb nie um eine städtische
+Stellung bemüht. Es schien auch, als besitze er keinen Ehrgeiz, denn
+sonst hätte es ihm leicht werden müssen, bei der Vornehmheit seines
+Namens, bei seinem tiefen Wissen und seiner hervorragenden rednerischen
+Begabung Karriere innerhalb seines Berufs zu machen. Nun stand er am
+Ausgange seines Lebens. Er war ein hoher Sechziger, freilich noch immer
+eine überaus stattliche Erscheinung: groß und von breiten Schultern, mit
+frischfarbigem Antlitz und leuchtenden Augen. In dichten weißen Locken
+umwallte das Haar sein Haupt; Schnurrbart und Vollbart waren ebenfalls
+schneeweiß und lang; so sah er wie einer jener alten Patriarchen aus,
+von deren das gewöhnliche Menschenalter überragendem Leben voll Wohltun
+und Köstlichkeit die Bibel erzählt.
+
+Eycken war nie verheiratet gewesen. Eine alte Haushälterin führte ihm
+die Wirtschaft. Man erzählte sich, daß er sehr reich sei. Seinem
+bescheidenen und anspruchslosen Wesen und der Einfachheit seiner
+Lebensführung merkte man das nicht an. Dagegen half er immer und mit
+vollen Händen aus, wenn die Bedürftigkeit sich hilfesuchend an ihn
+wandte. Zuwider war ihm nur der Formalismus des Beamtenwesens; die
+Führung der Kirchenlisten, die Instandhaltung seiner Bücher und
+Rechnungen, und was dergleichen noch mehr war, besorgte ihm der Kantor
+gegen eine Entschädigung; mit dem Konsistorium hatte er am liebsten gar
+nichts zu tun. Er war denn auch »oben« nicht sonderlich gut
+angeschrieben.
+
+Die Wirtschafterin öffnete Hedda und gratulierte mit tiefem Knicks zum
+neuen Jahre.
+
+»Danke, Frau Stege,« antwortete das junge Mädchen; »so Gott will, gehen
+Ihre guten Wünsche in Erfüllung. Ist der Herr Pastor da?«
+
+»Jawohl, gnädiges Fräulein, aber es ist Besuch bei ihm, – einer von den
+jungen Herren aus dem Auschlosse.«
+
+Also die Nibelungenrecken waren auch wieder da. Hedda bat, sie trotzdem
+anzumelden.
+
+Eycken hatte ihre Stimme schon gehört und erkannt. Er öffnete die Tür
+rechtsseitig des Flurgangs und rief: »Immer herein, Fräulein Hedda! Sie
+stören nicht! Doktor Schellheim ist bei mir und stöbert meine Bücher
+durch.«
+
+Hedda trat ein und brachte ihre Glückwünsche vor. Dann begrüßte sie
+Gunther mit freundlichem Handschlag. »Seit wann wieder hier, Herr
+Doktor?« fragte sie.
+
+»Erst seit vorgestern, Baronesse,« erwiderte Gunther unter leichtem
+Erröten; »aber ich will den Winter über aushalten, vielleicht sogar bis
+in den Mai hinein –«
+
+»Ah – Sie bleiben längere Zeit?«
+
+»Ja, gnädiges Fräulein. Ich habe eine Arbeit zu vollenden, die mich sehr
+in Anspruch nimmt, und zu der ich Ruhe und Stille brauche.«
+
+»Nibelungenforschung?« fragte Hedda lächelnd.
+
+»Nein, diesmal nicht. Ich habe durch Zufall eine ganz interessante
+Entdeckung gemacht, die ich ausbeuten möchte ...«
+
+Der Pastor nötigte zum Platznehmen. Hedda knüpfte ihr Pelzjackett auf.
+Es war warm im Zimmer. Das Gemach war geräumig, und alle vier Wände
+waren bis zur Decke hinauf mit Büchern gefüllt, auf einfache tannene
+Regale gereiht. Vor einem dieser Repositorien stand eine Leiter, und
+unten am Boden, am Fuße der Regale, lagen in unregelmäßigen Abständen
+weitere Bücher verschiedenen Formats aufgeschichtet. Die durfte die
+Wirtschafterin beim Reinigen des Zimmers nicht anrühren; der Pastor
+pflegte vor Beginn einer Arbeit die dazu nötigen Nachschlagewerke
+auszuwählen und ließ sie am Boden liegen, bis er sie brauchte. Übrigens
+beherbergte das Gemach noch nicht die Gesamtbibliothek Eyckens; das
+eigentliche Studierzimmer lag nebenan und war gleichfalls mit Büchern
+gefüllt. Der Pastor besaß an zehntausend Bände.
+
+Hedda schlug erstaunt in die Hände.
+
+»Was studieren und schreiben Sie nur alles zusammen, Herr Pastor!« sagte
+sie naiv. »Ihre Predigten können Sie doch unmöglich so stark in Anspruch
+nehmen!«
+
+»Nein, mein Kind,« erwiderte Eycken, »das tun sie in der Tat nicht. Ich
+studiere zu meinem Vergnügen, wie andre Leute ins Theater gehen,
+Konzerte, Bälle und Soireen besuchen. Es ist eine Angewohnheit.«
+
+»Eine verständliche,« fügte Gunther hinzu, und sein Auge flog über die
+Bücherreihen.
+
+Hedda interessierte das. »Weshalb lassen Sie aber Ihre Studien nicht
+veröffentlichen, Herr Pastor?« forschte sie weiter.
+
+Eycken zuckte mit den Schultern.
+
+»Ich bin ein merkwürdiger Mensch, liebe Hedda,« entgegnete er. »Für mich
+hat eine Arbeit, wenn sie fertig und abgeschlossen vor mir liegt, den
+Reiz des Interesses verloren. Oben auf dem Boden stehen ganze Kisten
+voll Manuskripte, die ich seit Jahren nicht mehr angeschaut habe. Sterbe
+ich einmal, so werden sie wahrscheinlich als Makulatur verkauft,
+eingestampft und zu neuem Papier verarbeitet werden, auf dem vielleicht
+ein Besserer unsterbliche Werke schreibt. Und das ist auch ein Trost.«
+
+Hedda schüttelte den Kopf. »Das verstehe ich nicht,« sagte sie. »Wenn
+ich etwas schaffe, von dem ich annehme, daß es nicht nur mich selbst,
+sondern auch einen Teil der Mitwelt interessiert, dann ist es doch in
+gewisser Weise egoistisch – Pardon, Herr Pastor –, es den andern
+vorzuenthalten.«
+
+»Richtig, Hedda,« erwiderte Eycken. »Es wäre egoistisch, wenn ich mir
+von meinen Studien für Mit- und Nachwelt etwas verspräche. Aber das tue
+ich nicht. Ich arbeite nur für mich; ich will auch in die Polemiken, mit
+denen die zünftigen Gelehrten sich gegenseitig überschütten, nicht
+hineingezogen werden.... Ich habe da vor langen – ach, vor langen
+Jahren« – und ein wehmütiger Zug flog über sein schönes Greisenantlitz
+– »in Neapel einmal einen Komponisten kennen gelernt. Der Mann war
+reich, und wenn er eine Oper oder ein Orchesterstück vollendet hatte, so
+mietete er sich ein Theater oder einen Konzertsaal und ließ sich sein
+Werk allein aufführen. Nur er selbst, kein Zuhörer sonst durfte dabei
+sein. Und niemals befriedigte ihn eins seiner Werke völlig. Und dann
+packte er seine Partituren zusammen, beschwerte sie mit Steinen, ließ
+sich in schöner Mondnacht in den Golf hinausrudern und versenkte sie in
+das Meer.... Sehen Sie, das begreife ich. Ich bin auch nie zufrieden mit
+dem, was ich geschaffen habe, und wenn ich dann an einen Punkt komme,
+von dem aus ich nicht weiter kann, wo die Forschung aufhört und die
+Hypothese beginnt – da breche ich ab und lege das Manuskript zu den
+übrigen ...«
+
+Man sprach noch hin und her über das Thema. Auch Gunther verfocht die
+Ansicht Heddas, daß die ernsthafte Forschung gewissermaßen die Pflicht
+habe, vor die Öffentlichkeit zu treten. Und dann sprach er von seiner
+interessanten Entdeckung, die ihn gegenwärtig ganz in Anspruch nahm. Er
+hatte auf der Königlichen Bibliothek in Berlin in einem
+handschriftlichen Faszikel von Abhandlungen Melanchthons aus dem Jahre
+1560 eine Sammlung alter Anekdoten gefunden, die auch fünfzehn zum Teil
+noch unbekannte Faustgeschichten enthielten. Der Schreiber des
+Manuskripts war ein früherer Mönch gewesen, nannte seinen Namen und gab
+auch einzelne Daten aus seinem Leben, führte vor allen Dingen als Datum
+der Niederschrift seines Handbuchs das Jahr 1565 an. Damit war ein
+neuer Beweis dafür erbracht, daß man schon lange vor der Drucklegung des
+ersten Faustbuchs von 1587 Faustanekdoten zu sammeln pflegte. Aber auch
+auf die Entstehungsgeschichte der Faustsagen und auf das Historische der
+Persönlichkeit Fausts warfen diese Aufzeichnungen ein neues Licht, die
+geeignet schienen, eine kleine Revolution in der gelehrten Welt
+hervorzurufen.
+
+Gunther war bei seiner Erzählung in Eifer gekommen. Die Freude an dem
+Funde teilte sich seiner ganzen äußeren Wesenheit mit. Hedda sagte sich,
+daß er eigentlich ein hübscher Mensch sei. Er besaß ungemein lebhafte,
+braune Augen unter einer hohen und klugen Stirn und einen schön
+geformten Mund. Haar und Schnurrbart waren dunkelblond; auch die Figur
+war hübsch, schlank und elegant. Typisch Gelehrtenhaftes hatte er nichts
+an sich. Als er merkte, daß er fast allein mit Eycken sprach und Hedda
+nur Zuhörerin war, errötete er wieder – das passierte ihm häufig – und
+wandte sich mit einem Entschuldigungswort an das Fräulein zurück.
+
+»Ich langweile Sie, Baronesse,« sagte er. »Mehr oder weniger sind wir
+Leute von der Feder allesamt Egoisten. Und da ich weiß, daß der Herr
+Pastor ein guter Melanchthonkenner und es erwiesen ist, daß Melanchthon
+den historischen Faust –«
+
+Er unterbrach sich und lachte.
+
+»Sehen Sie, nun komme ich wieder in das Vortragende hinein, und ich
+wollte doch von etwas anderm reden! Was sagen Sie dazu, daß Papa sich an
+der Quellengeschichte beteiligt hat? Im Mai soll die feierliche Weihe
+stattfinden.«
+
+Eycken war Feuer und Flamme für die Sache. Er war ein begeisterter
+Anhänger der Ferienkolonieen, für die er große Summen spendete, und trug
+sich mit der Absicht, aus eignen Mitteln ein Krankenhaus für bedürftige
+Kinder in Oberlemmingen zu errichten. Es war merkwürdig, daß gerade
+dieser Mann, der unverheiratet durch das Leben gegangen, der Kinderwelt
+eine so heiße Liebe und eine so große Barmherzigkeit entgegentrug. Es
+war, als erschöpfe sich den Kleinen gegenüber die Güte seines einsamen
+Herzens.
+
+Er kannte die Bedenken des Freiherrn gegen eine praktische Ausbeutung
+der Quelle und versuchte Hedda zu beweisen, daß ihr Vater im Unrecht
+sei. Zumal dadurch, daß der Kommerzienrat das Geschäftliche der
+Angelegenheit in der Hand halte, sei Gewähr für eine solide Entwicklung
+des Unternehmens gegeben. Für die Möllers hatte er auch nicht viel
+übrig.
+
+Hedda und Gunther verabschiedeten sich gemeinsam. Als sie sich vor der
+Gartentür die Hand reichten, fragte der junge Mann:
+
+»Laufen Sie Schlittschuh, gnädiges Fräulein?«
+
+»Leidenschaftlich gern,« antwortete Hedda, »und der Döbbernitzer See
+bietet auch eine prachtvolle Bahn. Aber allein ist es langweilig.«
+
+Gunther verneigte sich. »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, Sie
+begleiten zu dürfen,« sagte er. »Darf ich Sie gegen drei Uhr abholen? Es
+ist heute so wunderbares Wetter.«
+
+Sie zögerte einen Augenblick und bejahte dann dankend. Zu Fuß ging er
+nach dem Auschlosse zurück, während Hedda noch nebenan den Kantor
+aufsuchte, dessen Frau seit einigen Tagen bettlägerig war.
+
+Beim Mittagessen sprach sie dem Vater gegenüber beiläufig von ihrer
+Verabredung mit Gunther. Der Alte schwieg anfänglich und begann dann zu
+räsonieren. Das sei unschicklich; man gebe sich nicht Rendezvous mit
+jungen Herren. Er verstehe Hedda nicht – sie wisse doch sonst, was Takt
+sei.
+
+Sie verteidigte sich lebhaft.
+
+»Ich weiß nicht, was du hast, Papa,« antwortete sie. »Ich bin kein
+Backfisch mehr und fühle mich durch die Anwesenheit des Doktor
+Schellheim eher geschützt als gefährdet. Allein Schlittschuh zu laufen,
+verbietest du mir auch. Ich kann doch nicht das Leben einer Nonne
+führen!«
+
+Der Freiherr brummte etwas halb Unverständliches vor sich hin. Es klang
+so, als sage er, er könne nun einmal die Schellheims nicht leiden. Hedda
+schwieg, aber sie war verstimmt und verärgert. Sie hatte zum ersten Male
+das Gefühl, als laste die Einsamkeit des Baronshofs wie ein Alp auf ihr.
+
+Gunther war pünktlich. Er kam im Schlitten, mit einem Schimmelgespann,
+das der Kommerzienrat erst vor kurzem gekauft hatte und dessen
+silberbeschlagenes Geschirr hell blitzte. Hellstern ließ sich nicht
+sehen, aber er hatte von seinem Arbeitszimmer aus die Auffahrt
+beobachten können. Und er hieb wütend mit der geballten Faust auf den
+Tisch.
+
+Hedda war beim Nahen des Schlittens auf die Veranda getreten. Gunther
+half ihr beim Einsteigen und hüllte sie mit diskreter Sorglichkeit in
+das weiße Bärenfell, das als Decke diente.
+
+Mit neidischer Miene schaute August dem eleganten Gefährt nach. Dann
+glitt ein zustimmendes Schmunzeln über sein Gesicht. Er hatte gehört,
+daß die Klingel im Zimmer des Freiherrn stark läutete, aber er beeilte
+sich nicht. Vorsichtig klopfte er den Schnee von seinen Stiefeln ab, ehe
+er in das Haus zurücktrat.
+
+»Hast du keine Ohren?!« schrie der Freiherr ihn an.
+
+»Ich kann doch nicht hexen, Herr Baron! Erst mußte ich dem gnädigen
+Fräulein helfen!«
+
+»Feuer in den Ofen!« kommandierte der Alte. »Soll ich vielleicht hier
+erfrieren?«
+
+August schaute auf das Thermometer, das am Pfeiler zwischen den Fenstern
+hing.
+
+»Sechzehn Grad,« sagte er. »Der Herr Baron werden sich noch so
+verpimpeln, bis Sie nachher kein Lüftchen mehr vertragen können.«
+
+»Halt ’s Maul und feure!« schrie Hellstern grob.
+
+August wurde immer freundlicher; die Schnauzerei des Alten tat ihm
+sichtlich wohl. Er kniete vor dem Ofen nieder und begann langsam die
+eiserne Tür aufzudrehen. Sie quietschte und kreischte, daß Hellstern
+aufstöhnte.
+
+»Schmier doch die verdammte Tür einmal ein!« rief er.
+
+August nickte nur, steckte erst ein paar Kiensplitter in Brand und schob
+dann einige Scheite Holz hinterher. Schließlich blies er mit dicken
+Backen in das Ofenloch, um die Flamme wach zu halten.
+
+»Herr Baron,« sagte er plötzlich in fragendem Tone.
+
+»Was ist los?!«
+
+»Haben Herr Baron den Schlitten gesehen?«
+
+»Ja – was sonst noch?!«
+
+»Ach – ich meinte man bloß – die gnädige Baronesse sahen so stattlich
+drin aus – und der Herr Doktor auch – ein hübsches Paar –«
+
+Jetzt fuhr Hellstern im Ausschnitt seines Tisches herum, zornrot und
+prustend vor Grimm. Seine Hand suchte nach irgend einem Gegenstande, um
+ihn August an den Kopf werfen zu können. Aber er fand keinen.
+
+»Raus!« schrie er. »Mach, daß du rauskommst! Wie kannst du dich
+unterstehen, vom gnädigen Fräulein und dem – und dem da per ›hübsches
+Paar‹ zu sprechen?! Ich verbitte mir deine Vertraulichkeiten! Ich habe
+sie lange satt! Du kannst dich zum Teufel scheren! Am liebsten gleich!
+Pack deine Sachen zusammen – pascholl!«
+
+August blies noch ein paarmal in das Ofenloch und erhob sich dann
+ächzend. Sein Gesicht sah überaus freundlich aus.
+
+»Ich fang’ nu auch an, alt zu werden, Herr Baron,« erzählte er, ohne die
+letzten Äußerungen seines Herrn irgendwie zu beachten. »Nämlich – wenn
+ich mir bücke, dann knackt’s mir in allen Knochen. Und das Rheuma kommt
+auch wieder. Na – nu kriegen wir ja die Quelle –«
+
+Hellstern hob die geballten Hände hoch empor und schnaufte förmlich.
+
+»Hat jemand je ein solches Untier gesehen!« rief er. »Die Quelle! Jetzt
+fängt der auch noch davon an! Ersäuf dich in ihr! Mir soll’s recht sein!
+Mach, was du willst! Aber geh nur ’raus! Ich kann dich nicht mehr sehen!
+Du bist mir greulich –«
+
+»Ich geh’ schon,« sagte August und nickte freundlich. Wenn der Herr ihm
+nicht monatlich wenigstens dreimal kündigte, fehlte ihm etwas. Es mußte
+alles seine Ordnung haben. Und dann ging er wirklich, zufrieden und
+glücklich, und Hellstern machte sich wieder, noch immer schimpfend,
+schnaufend und stöhnend, an seine Arbeit.
+
+Der Schlitten sauste über die Schneebahn. Mancher im Dorfe, der zufällig
+am Fenster stand, schaute ihm mit ähnlichem Lächeln wie August nach. Die
+Bauern waren leicht geneigt, Paare zusammenzubringen; man munkelte schon
+lange davon, daß das Fräulein vom Baronshof einen der beiden jungen
+Herren vom Auschlosse heiraten würde.
+
+Eine Viertelstunde hinter der Chaussee begann der Wald. Das war etwas
+Köstliches. Ein Märchenwald – ein verzauberter Hain, der aus
+leuchtendem Silber geschaffen zu sein schien. Auf jedem Ast und jedem
+Zweige und jeder Tannennadel lag der Kristallreif des Winters. Es
+flimmerte und glitzerte überall. Dicht am Wege standen, die Einfassung
+bildend, in langer Reihe hochstämmige Birken. Ihre Kronen waren wie mit
+Eis inkrustiert; ein glänzender Panzer hüllte sie ein. Dahinter dehnte
+sich Tannenforst aus, und auf dem dicken Gezweige mit seinem schweren,
+schwarzgrünen Nadelwerk lag noch der Schnee. Und wenn ein leiser Wind
+kam, dann perlte der Schnee gleich tausendfachem Edelgestein zur Erde.
+Hie und da hingen noch Eistropfen am Geäst, feine, dünne und zierliche,
+die sich langsam auflösten zu fallenden Tropfen, und schwere, armdicke,
+die wie aus Glas geformt erschienen. Selbst über die Moosschicht unter
+den Tannen spann sich ein gleißendes Spitzenwerk von Reif und Eis. Dazu
+heller Sonnenschein und blauender Himmel und eine köstliche
+Friedensstimmung: ein tiefes, heiliges Schweigen ringsum.
+
+Das Wiehern der Pferde und das Geläute der kleinen silbernen Glöckchen
+am Geschirr schienen einzig und allein diese Stille zu stören. Aber auch
+in dem lustig tönenden Klingklang lag etwas Harmonisches; es war die
+Musik zu dem Waldmärchen. Die Schneedecken auf den Rücken der Pferde
+blähten beim eiligen Laufe sich auf wie Segel im Winde. Eine helle
+Dunstwolke umgab die Gäule, und der heiße Brodem, der ihren Nüstern
+entströmte, jagte vor ihnen her.
+
+Die beiden im Schlitten sprachen wenig. Das gleiche Gefühl der
+Naturbewunderung hieß sie schweigen, bei beiden kam auch noch das
+instinktive Empfinden dazu, durch den Kutscher gestört zu sein. Der
+brave Mann ahnte das freilich nicht. Er saß in der ganzen gemächlichen
+Fülle seiner Persönlichkeit hinten auf der Pritsche, bis obenhin in
+seinen langen, hellgrauen Paletot geknöpft, einen mächtigen Pelzkragen
+um den Hals. Das Gesicht war völlig regungslos; er war gut gezogen.
+
+Und seltsam genug – während dieser Fahrt durch den Wald stieg in Hedda
+mehrfach die Frage auf: war es vielleicht doch nicht in der Ordnung
+gewesen, daß sie der Aufforderung ihres gefälligen Nachbars nachgekommen
+war? An übertriebener Prüderie litt sie ebensowenig wie an zopfigem
+Konventionalismus. Sie hätte nichts dabei gefunden, mit Gunther allein
+meilenweit spazieren zu gehen. Und nun saß, eine merkwürdige #dame
+d’honneur#, zur Schutzwehr auch noch der Kutscher hinter ihnen. Und
+gerade das genierte sie so, daß sie gar nicht recht wußte, was sie
+sprechen und welchen Ton sie anschlagen sollte. Sie fand selbst, daß das
+lächerlich war, und fügte in Gedanken hinzu: aber es ist dennoch so.
+
+»Der See,« sagte Gunther und wies nach rechts hinüber. Durch eine
+Lichtung, durch die in breitem Strome der Sonnenschein wie eine Goldflut
+floß, sah man eine Ecke des Sees, ein großes Stück blendendes Weiß.
+
+»O weh,« gab Hedda zurück, »wir haben an den Schnee nicht gedacht!
+Werden wir da überhaupt laufen können?«
+
+Er nickte und lächelte dabei. »Die Bucht an der Försterei ist gefegt
+worden,« entgegnete er. »Ich habe über Mittag zwölf Mann hingeschickt.
+Es war nicht leicht, heute am Neujahrstage die Leute aufzutreiben.«
+
+Hedda rümpfte unwillkürlich ein klein wenig die Nase. Das gefiel ihr nun
+wieder nicht. Es klang so, als hätte er sagen wollen: mit Geld kann man
+alles machen. Und dann ärgerte sie sich wieder über sich selbst; es war
+klar, daß sich Doktor Schellheim bei dieser Bemerkung gar nichts gedacht
+hatte.
+
+Nun senkte sich der Weg und beschrieb einen kurzen Bogen nach links. In
+der Schlucht lag der Schnee noch zu dichten Haufen. Der Sturm hatte mit
+mächtigem Odem hineingeblasen, ihn hier fußhoch geschichtet und dort
+wieder die braune Erde reingefegt.
+
+Dann lichtete sich der Forst. Drüben lag, inmitten überschwemmter
+Wiesen, die Försterei, und in lang geschwungener Kurve dehnte der See
+sich aus. In der Ferne sah man die niedrigen Häuserreihen von
+Döbbernitz, und auf der Höhe dahinter das Schloß, ein burgartiges altes
+Gebäude, das noch aus der Zeit der Templer stammte und in dem jetzt der
+Baron Zernin mutterseelenallein hauste, immer auf der Hut vor seinen
+Gläubigern und den Gerichtsvollziehern, die ihm bös zusetzten.
+
+Der Schlitten hielt. Gunther gab dem Kutscher den Befehl, langsam im
+Walde umherzufahren und sich nach einer Stunde wieder einzufinden. Dann
+wandte er sich an Hedda. »Darf ich Ihnen helfen?« fragte er und deutete
+auf die Schlittschuhe, die sie am Arm trug.
+
+Sie dankte und begann sich selbst die Schlittschuhe anzuschnallen.
+Gunther hatte die Pelzdecke aus dem Wagen genommen und sie über einen
+Baumstumpf am Seeufer gebreitet. Hedda setzte sich, aber sie war
+ungeschickt.
+
+»Ich werde doch helfen müssen!« rief Gunther lachend. Und schon kniete
+er vor ihr; die Arbeit war schnell gemacht.
+
+Ein eigentümliches Empfinden überschlich Hedda. Sie sah zum ersten Male
+einen Mann zu ihren Füßen. Es war ein gewisser pikanter Reiz, der sie
+durchströmte, aber dabei schalt sie sich töricht, wie vorhin, als die
+Gegenwart des Kutschers sie genierte.
+
+Beide flogen über das Eis. Sie waren gewandte Läufer. Unter dem Stahl
+ihrer Sohlen klang die glitzernde Fläche leise metallisch; es war wie
+ein fernes Singen. Das Eis war in weitem Umkreise blitzblank gefegt; es
+lief sich prächtig.
+
+Gunther hatte Hedda den Arm geboten, doch sie schlug vor, sich zunächst
+einmal allein »auszutoben«. Es war ein entzückendes Bild, wie sie über
+den hellen Spiegel sauste, in dem die Sonnenstrahlen sich leuchtend
+brachen. Gunther, der sie in weit ausholenden Kurven umkreiste, wurde
+nicht müde, sie anzuschauen. Sie hatte die Arme über der Brust
+verschränkt und den Kopf ein wenig zurückgeworfen. Auf dem dunkelblonden
+Haar saß die Pelzkappe; das Antlitz war lebhaft gerötet von der kalten
+Luft, und die Augen blitzten im Wonnegefühl der eignen Kraft.
+
+Ringsum lagen die Waldhänge unter weißer Schneedecke. Ein Schwarm Krähen
+strich durch die Luft. Vom stählernen Blau des Himmels hob sich ihr
+Gefieder haarscharf ab. Der See buchtete sich nach Döbbernitz zu in
+schlankem Bogen ein. Man konnte nicht sehen, wo er endete; er verlor
+sich zwischen den Bergen, die im Westen höher wurden. Eine weiße
+Wolkenschicht hatte sich hier gebildet, dicht über dem Horizont, und so
+sah es aus, als steige der kleine märkische Höhenrücken in weiter Ferne
+zu ragenden Gletschern empor.
+
+»Aufgepaßt!« rief Hedda plötzlich. Aber es war zu spät. Die Bogen der
+beiden Läufer kreuzten sich; Hedda und Gunther sausten sich in die Arme.
+Beide stürzten. Gunther war außer sich; er bat »tausendmal« um
+Entschuldigung und wollte Hedda aufhelfen. Dabei fiel er zum zweiten
+Male hin. Nun lachte Hedda fröhlich auf. Sie stand schon wieder auf
+ihren Füßen und reichte Gunther die Hände.
+
+»Halten Sie fest!« rief sie, – »so!« – und nun stand auch er.
+
+»Wie war das gekommen?« fragte er verlegen, und sie lachte abermals.
+
+»Mein Gott, wie soll es gekommen sein?« gab sie harmlos zurück. »Ich
+taxiere, wir waren beide schuld. Aber was schadet es? – Haben Sie sich
+verletzt?«
+
+Er fühlte einen leichten Schmerz am Knöchel; eine Sehne mochte sich
+gezerrt haben.
+
+»Nur unbedeutend,« antwortete er; »es wird sich geben, wenn ich erst
+wieder in Bewegung bin.«
+
+Nun bat sie ihn, ihren Arm zu nehmen. So flogen sie von neuem über das
+Eis.
+
+»Geht es besser?« fragte Hedda.
+
+»Ja – danke; ich fühle mich sogar außerordentlich wohl.«
+
+Das Rot ihrer Wangen verdunkelte sich.
+
+»Treiben Sie viel Sport?« fuhr sie fragend fort, mit Absicht das Thema
+wechselnd. »Man findet das sonst nicht häufig bei Gelehrten – die
+Herren pflegen nur ungern ihren Arbeitstisch zu verlassen.«
+
+»Das ist bei mir allerdings auch der Fall,« entgegnete er; »aber ich
+begann vor zwei Jahren, wie ich glaube, infolge von Überarbeitung, zu
+kränkeln, und da raffte ich mich denn mit einem energischen Entschlusse
+zu einer zweckmäßigeren Tageseinteilung auf. Das wurde mir anfänglich
+schwer; sportliche Neigungen sind im Grunde genommen eine
+aristokratische Domäne; sie liegen im Blut. Aber heute möchte ich sie
+nicht mehr entbehren; ich behaupte, daß sie auch den Geist reger und
+frischer erhalten.«
+
+»Reiten Sie auch?«
+
+»Ja – aber speziell zum Reiten komme ich weniger. Sie sind natürlich
+eine begeisterte Amazone, Baronesse?«
+
+»Ich kann es nicht leugnen. Es ist mir schwer geworden, mein Reitpferd
+aufgeben zu müssen. Aber ich habe mich über so viel getröstet, daß mir
+auch das keinen Kummer mehr macht.«
+
+Sie kreisten in schwingenden Kurven nach dem Ufer zurück.
+
+»Ich denke mir,« begann Gunther von neuem, »daß es Ihnen zuweilen recht
+einsam auf dem Baronshof werden muß. Die Umgegend bietet meines Wissens
+nicht allzuviel Verkehr.«
+
+»Nein, sehr wenig. Papa ist das recht, – er ist ein Fanatiker der
+Einsamkeit. Und ich muß sagen, daß ich das Wohlempfinden des Alleinseins
+verstehe. Ich habe auch genug im Hause zu tun und kann über Langeweile
+nicht klagen. Aber zuweilen sehne ich mich doch stark in die Welt
+hinaus, vor allem nach neuen Anregungen; mir ist dann und wann, als
+verengere sich mein Gesichtskreis mehr und mehr. Möglicherweise reise
+ich im Februar oder März auf ein paar Wochen nach Berlin; ich freu’ mich
+darauf.«
+
+»Haben Sie Verwandte in Berlin?«
+
+»Eine Tante, die mich alljährlich einladet, und der ich bisher
+alljährlich abgeschrieben habe. Ich habe immer Sorge, den Papa allein zu
+lassen. Aber nun kommt auch noch ein Vetter von mir nach der
+Hauptstadt.«
+
+Das interessierte Gunther besonders. Er horchte auf, als Hedda von
+Herrn Axel auf Jarlsberg zu erzählen begann; sie sei neugierig, ihn
+kennen zu lernen – er habe schon früher einmal dem Papa sein Bild
+geschickt: ein schmales, vornehmes Gesicht mit einer kleinen Hiebnarbe
+auf der rechten Wange.
+
+Gunther biß die Zähne zusammen. Da sie von dem Vetter sprach, tat ihm
+das Herz weh. Warum, warum? fragte er sich – sie kennt den Herrn Axel
+ja noch gar nicht! Wie lieb mußte er das Mädchen gewonnen haben, daß ihn
+schon die Erwähnung eines gleichgültigen andern mit Eifersucht erfüllte!
+
+Aber nein, sagte er sich, dieser Vetter ist kein »gleichgültiger
+andrer«. Ganz gewiß nicht! Er ist reich und gehört mit zur Sippe – das
+fällt beides in die Wagschale.... Es war wie ein Angstgefühl, das dem
+jungen Manne plötzlich die Kehle zuschnürte. Man hatte auch ihn schon
+mit Heiratsplänen bestürmt. Wie es hie und da in Kaufmannskreisen Sitte
+zu sein pflegt, war er auf dies und jenes Mädchen aufmerksam gemacht
+worden, »gute Partieen« und meist hübsche und wohlerzogene Fräulein,
+bereit, ohne nachzudenken dem die Hand zu reichen, den die Eltern
+erwählt hatten. Aber er dankte für eine »gute Partie« in kaufmännischem
+Sinne; er hatte das nicht nötig. Es war sein Traum, einmal in eine
+wirklich vornehme Familie hineinzuheiraten. Das war seltsam genug bei
+einer so ruhigen, verhältnismäßig abgeklärten Verstandesnatur wie
+Gunther, bei einem Manne, der sich gut bürgerlich fühlte und im Adel
+durchaus keine Menschenklasse sah, die höher stand als jene, der er
+zugehörte. Und doch kam er nicht über diesen Gedanken hinaus; es war
+eine Idee, an der er mit gleicher Zähigkeit festhielt wie seinerzeit an
+dem Plane, studieren zu wollen. Denn auch der hatte schwere Kämpfe
+gekostet; der Vater wollte, daß er die Fabrik in Manchester übernehme,
+deren Betrieb dringend einer Vergrößerung bedurfte, und war unglücklich
+darüber gewesen, daß Gunther sich einen so völlig aus der Sphäre
+fallenden Beruf erwählte. Und vielleicht war es gerade das Bedürfnis,
+aus dieser Sphäre herauszukommen, das ihn an dem Gedanken einer
+»vornehmen« Partie festhalten ließ. Er war viel zu klug und zu
+rechtschaffen vor sich selbst, um nicht die Tüchtigkeit und alle die
+andern guten Eigenschaften der Kreise seiner Eltern billig anzuerkennen.
+Aber es war immer dasselbe; die Interessengemeinschaft verdichtete sich
+gewissermaßen zu bleierner Langeweile; sie wurde zu Fesseln, unter denen
+man sich nicht zu regen vermochte.
+
+So wenigstens erschienen Gunther die Verhältnisse. Er hielt sich deshalb
+auch gesellschaftlich ziemlich zurück – schon um den immer
+wiederkehrenden Fragen, wann er sich zu verheiraten gedenke, zu
+entgehen. Und dann lernte er Hedda kennen. Er sträubte sich zunächst
+gegen das Gefühl seines Herzens, obwohl er sich beim ersten Begegnen
+zugestanden hatte: das wäre eine Frau, wie du sie dir wünschest. Aber
+die Liebe erwachte stärker und wurde größer in der Zeit, da er Hedda
+nicht sah. Er überlegte, ob er eine Werbung wagen dürfe. Und weshalb
+nicht? sagte er sich. Über kleinlichen Adelsstolz ist man in unsern
+Tagen hinaus; ich habe eine gute Karriere vor mir, bin wohlhabend und
+jedenfalls kein Monstrum von Häßlichkeit.... Doch da er Hedda abermals
+gegenübertrat, verlor er den Mut. Vielleicht lag es nur an ihrer äußeren
+Erscheinung, daß sie einen so unnahbar stolzen Eindruck machte ...
+
+Während er weiter an ihrer Seite über die Eisfläche glitt und zerstreut
+mit ihr über hunderterlei plauderte, überlegte er nochmals und
+ernsthaft. Der nahende Vetter hatte ihn erschreckt. Es war das beste,
+ihm zuvorzukommen. Aber – nun kam die Verlegenheit. Was war richtiger:
+ein Fußfall, ein rasches Geständnis, so eine Art Überrumpelung – oder
+eine ruhige Aussprache der Väter. Das letztere war in Kaufmannskreisen
+üblich; da hatten gemeinhin die Väter das entscheidende Wort zu
+sprechen. Und auch hier, in seinem Falle, erschien es Gunther als das
+würdigste. Er konnte unmöglich in Schnee und Eis vor ihr niederknieen
+und ihr in der Kälte des Tages von der Glut seines Herzens sprechen. Das
+dünkte ihm lächerlich. Die Situation eignete sich nicht zu intimen
+Geständnissen – nein, ganz gewiß nicht. Ja, wenn es Sommer gewesen wäre
+und er allein mit ihr im Walde, bei Sonnenuntergang und Vogelsang – da
+hätte sich leichter der rechte Augenblick gefunden. Aber nicht jetzt;
+auch abseits von sentimentaler Romantik gibt es Momente, in denen die
+Poesie ihr unbedingtes Recht fordert ...
+
+An all dies dachte Gunther mit der Peinlichkeit eines gewissenhaften
+Gelehrten. Er war sogar stolz darauf, daß er sein Herz zu zügeln und
+abzuwarten verstand. Er zwang sich, korrekt zu sein. Noch eins hielt ihn
+davon ab, sich auf der Stelle auszusprechen. Er begann plötzlich heftig
+zu niesen. Er mußte sich erkältet haben; er nieste ein dutzendmal
+hintereinander, und nach einem kleinen Weilchen begann er von neuem; ein
+Riesenschnupfen war da. Wäre es nicht schrecklich gewesen, wenn dieser
+dämonische Niesreiz ihn mitten in seinem Geständnis überfallen hätte? –
+Gunther legte sich diese Frage allen Ernstes vor; der Gedanke, komisch
+zu wirken, war entsetzlich für ihn.
+
+»Prosit!« sagte Hedda nach dem letzten Dutzend Nieser; »ich habe noch
+immer die bäuerliche Angewohnheit, Gesundheit zu wünschen, und Papa
+freut sich jedesmal darüber. Er niest oft und gern; er behauptet, das
+befreie ihm den Kopf. Prosit, Herr Doktor! Sie haben sich einen hübschen
+Schnupfen geholt.«
+
+Gunther antwortete zunächst durch eine kleine Salve von Niesern. Dann
+atmete er tief auf.
+
+»Es ist gräßlich,« antwortete er. Und wirklich, es war ihm gräßlich,
+dieses plebejische und prosaische Niesen, wo es in seinem Herzen
+frühlingswarm war.
+
+Hedda riet, nach Hause zu fahren. Doch noch war der Schlitten nicht
+wieder zurück. Der Himmel verdunkelte sich langsam. Die stählerne Bläue
+ging allgemach in ein sanftes Schwarz über. Nur im Westen war es noch
+hell. Da hatte die Sonne einen Purpurmantel über den Horizont gehängt,
+der mit goldenen Flocken verbrämt war. Er reichte bis an die weißgraue
+Wolkenschicht, deren unterer Teil völlig durchleuchtet war und den
+Flammenkragen dieses königlichen Mantels zu bilden schien.
+
+Es war ein herrlicher Anblick. Gunther machte Hedda darauf aufmerksam,
+und beide blieben, noch immer Arm in Arm, auf dem Eise stehen und
+schauten in den Sonnenuntergang hinein. Ganz allgemach veränderte sich
+das Bild. Der Wolkenrand zerfloß, als löse die glühende Lohe ihn auf.
+Nun schoß das Goldlicht in langen Feuergarben in das Wolkengrau hinein
+und spaltete es. Es strömte in hundert verschiedenen Farbentönen über
+den ganzen westlichen Himmel und verlor sich nach dem Zenit zu in einem
+zarten, langsam erlöschenden Violett ...
+
+Gunther wurde es weich um das Herz. Der Dualismus in seiner Seele
+drängte sich wieder vor: über den nüchternen Forscher gewann zuweilen
+der leicht schwärmende Poet die Überhand. Jetzt hätte er sprechen
+können.
+
+»Wie schön,« sagte er halblaut. »Ist es nicht wahr, daß die Natur
+zuweilen ganz neue, uns selbst unbekannte Harmonieen in uns erklingen
+läßt? Daß sie uns neues Empfinden lehrt und ein eigentümliches
+rhythmisches Denken?«
+
+Hedda nickte. Sie wollte bejahend antworten, denn es dünkte sie richtig,
+was Gunther sagte: auch ihr schien es bisweilen in der Versunkenheit
+eines schönen Naturspiels, als formten sich ihre Gedanken unbewußt zu
+gebundenem Ausdruck, und als spüre sie etwas Ungeahntes in den Tiefen
+der Seele. Aber da wollte die Bosheit des Schicksals, daß der arme,
+verschnupfte Gunther abermals niesen mußte, und zwar gewaltig, den
+ganzen Menschen erschütternd, vier-, fünfmal und tränenden Auges. Und
+diese Explosion verlegte die Gedankenreihen Heddas; sie entgegnete an
+Stelle des Gewollten mit energischer Stimme:
+
+»Lieber Doktor Schellheim, – ich denke augenblicklich gar nichts
+weiter, als daß Sie schleunigst nach Hause fahren und einen heißen Tee
+trinken müssen. Da kommt der Schlitten! Machen wir kehrt!«
+
+Entgeistert und mit betrübtem Gesicht gehorchte Gunther. Heimlich
+verfluchte er seinen Schnupfen; er war ein Unglücksmensch.
+
+Unter fröhlichem Läuten ging es durch den Wald zurück. Der schaute jetzt
+anders aus als bei der Herfahrt im Sonnenschein. Die tiefer fallende
+Dämmerung ließ den Schnee einförmig und grau erscheinen. In der
+Wiesentrift rechter Hand brodelten die Nebel auf und zogen wie
+zerrissene Schleier zwischen den Stämmen hindurch. Und obwohl am Himmel
+sich nur ein kleiner Schwarm heller Wölkchen gesammelt hatte, perlte
+doch ein zarter Schnee durch die Luft und näßte die Gesichter der
+beiden.
+
+Gunther ließ erst auf den Baronshof fahren und setzte Hedda ab. Sie rief
+ihm ein freundliches: »Schön’ Dank und gute Besserung!« zu und stieg die
+Treppe zur Veranda hinauf. Dann klingelte das Gespann weiter. Gunther
+nieste und ärgerte sich; er war aus der Stimmung gekommen.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Der zweite Tag im neuen Jahre war ein Sonntag. Seit der Frühe hatte es
+stark geschneit. Auf dem Anger lag das weiße, flockige Naß fußtief.
+Trotz des Feiertags war die halbe Gemeinde am Platze, Schnee zu
+schippen, damit wenigstens der Weg zur Kirche frei war. Es ging lebhaft
+und heiter zu bei der Arbeit. Die Schnapsflasche des alten Maracke
+kreiste in der Runde, und dann mußte Anton Tengler nach dem Kruge
+springen, sie neu füllen zu lassen.
+
+Mitten in der Arbeit hielt man plötzlich inne und blickte auf. Albert
+Möller schritt über den Dorfplatz, in hohen Wasserstiefeln und Pelz, und
+neben ihm ein Fremder, ein großer Herr mit einem Zwicker auf der Nase
+und in langem Kaisermantel. »Schlippermilch« wollte wissen, daß das ein
+Baumeister aus Frankfurt sei, der Kompagnon Alberts. Man zerbrach sich
+den Kopf, was der Fremde wolle. Seine scharfen grauen Augen spähten
+unter den goldumränderten Gläsern rastlos umher. Von Zeit zu Zeit
+blieben die beiden stehen und sprachen halblaut miteinander, lebendig
+gestikulierend, hierhin und dahin weisend. Und dann schritten sie an den
+arbeitenden Büdnern vorüber; der Baumeister grüßte tief und höflich,
+Albert nickte nur.
+
+Sicher handle es sich wieder um die Quelle, meinte der junge Raupach,
+und alle stimmten zu. Noch im Herbst war die Quelle »gefaßt« worden,
+ohne sonderliche Feierlichkeit; Albert hatte dies mit einigen Leuten
+allein besorgt. Aber man sprach davon, daß zu der Einweihung im Mai auch
+der Regierungspräsident kommen wolle, für die meisten Bauern eine
+mystische Persönlichkeit, vor der sie großen Respekt hatten. Und dann
+hatte das Dorf den ganzen Winter hindurch eine Unzahl fremder Leute
+gesehen. Eines Tages waren drei Ärzte erschienen, die ihre Nase überall
+hinstecken mußten, und später wieder ein jüdisch aussehender Herr, der
+mit dem Kommerzienrat durch Oberlemmingen fuhr, und schließlich eine
+ganze Kommission, die unter Anführung von Albert im Buchenhain auf der
+Grauen Lehne allerhand Abmessungen vornahm, Pfähle einschlagen und
+Wegstreifen durch Pflöcke bezeichnen ließ.
+
+An den Sonntagabenden, wenn das Schankzimmer im Kruge sich zu füllen
+begann, wurde fast nur von der Quelle gesprochen. Eine brennende Neugier
+erfüllte alle, zu wissen, was denn nun eigentlich werden würde. Aber die
+Möllers waren zurückhaltend; sie sprachen nur in Andeutungen, und
+höchstens sagte Fritz dann und wann, man solle nur abwarten,
+Oberlemmingen würde reich werden, oder, das mit der Quelle sei eine
+große Sache, und was der schmunzelnd hingeworfenen Bemerkungen mehr
+waren. Mit dem Reichwerden waren die Bauern sehr einverstanden;
+geldgierig waren sie alle. Doch _wie_ ihnen die Quelle zu diesem
+Reichtum verhelfen sollte, darüber zerbrachen sie sich die Köpfe.
+
+Eines Tages versammelten sie sich vergeblich vor dem Kruge; sie wurden
+nicht eingelassen. Fritz trat lachend vor die Tür und erklärte ihnen,
+die Wirtschaft sei für ein paar Tage geschlossen, er wolle das Haus
+renovieren lassen. Das erregte einen förmlichen Aufstand im Dorfe. Aus
+den »paar Tagen« wurden ein paar Wochen. Die Bauern hatten keine Kneipe
+mehr. Da die Möllers sie aber nicht gänzlich als Kunden verlieren
+wollten, so wurde ein leerstehender alter Stall als Schankstube
+eingerichtet. Und wenn die Bauern fragten: »Sind die Handwerker denn
+immer noch im Hause?« so nickte Fritz und erwiderte, es sei gar zu viel
+zu tun. Tatsächlich war aber bald nach Weihnachten schon wieder alles in
+Ordnung; Fritz wollte nur nicht, daß die Bauern ihm die neutapezierte,
+gedielte und gebohnerte Schankstube wieder verschmutzten – der Stall
+war für sie ebenso gut. Da konnten sie spucken, wohin sie wollten, und
+wenn einer einmal ein Glas Bier umwarf, so kam es auch nicht darauf an.
+–
+
+Auf dem Auschlosse kam es an diesem Sonntag schon beim Morgenfrühstück
+zu einer erregten Szene.
+
+Gunther erschien etwas blaß und übernächtig in der Halle, setzte sich
+mit kurzem Gruße zu den Eltern an den Tisch und schickte den Diener
+hinaus.
+
+»Entschuldigt,« sagte er, »aber ich möchte ein paar Worte allein mit
+euch sprechen!«
+
+Der Kommerzienrat zog die nach dem Gebäck ausgestreckte Hand wieder
+zurück, und auch die Rätin schaute erstaunt auf.
+
+»Ja,« meinte Schellheim, »was gibt’s denn? Hoffentlich nichts Fatales!«
+
+»Nein, Papa,« erwiderte Gunther, »ich will nur euern Rat hören. Es
+handelt sich um eine Lebensfrage für mich, um meine Zukunft ...«
+
+Das Mutterauge sieht immer scharf. Die Rätin reckte den schmächtigen
+Oberkörper, und mit forschendem und sorgendem Ausdruck ruhte ihr Blick
+auf dem Sprechenden.
+
+»Eine Ehrensache?« fragte Schellheim ängstlich.
+
+»Ich glaube eher – eine Herzenssache,« fügte seine Frau hinzu.
+
+Gunther nickte. »Ja, Mutter, so ist’s. Ich – ich habe noch nie an das
+Heiraten gedacht, ihr wißt’s ja selbst, und gelacht, wenn mir der und
+jener mit Plänen und Anerbietungen kam. Ich hasse den Eheschacher. Ich
+möchte frei wählen können –«
+
+»Mach’s kurz,« fiel der Vater ein; »wer ist’s?«
+
+»Fräulein von Hellstern, Papa.«
+
+Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen am Tische, dann sprang der
+Rat erregt empor und warf seine Serviette auf den Stuhl.
+
+»Daß du einmal irgend eine Verrücktheit begehen würdest, wußte ich ja,«
+sagte er hart. »Praktischen Erwägungen bist du niemals zugänglich
+gewesen. Aber sich nun gerade –«
+
+Er brach ab. »Bist du mit der Dame schon einig?« fragte er, vor Gunther
+stehen bleibend.
+
+»Nein, das nicht, Papa, aber ich habe die Hoffnung, daß Fräulein Hedda
+meine Werbung annehmen wird – sonst würde ich es nicht wagen. Indessen
+– ich wollte zunächst einmal mit euch sprechen.«
+
+»Da hast du sehr recht getan. Und wenn du meinen Rat hören willst,
+Gunther, so schlag dir die Sache aus dem Kopf. Das ist nichts für dich
+– und erst recht nichts für uns. Das –«
+
+Er wühlte mit den Händen in seinem Haar und lief erregt in der Halle auf
+und ab.
+
+Nun nahm auch die Rätin das Wort.
+
+»Ich habe nur wenig zu sagen,« bemerkte sie mit ihrer weichen, zart
+klingenden Stimme. »Wenn Gunther das Mädchen liebt, soll er’s versuchen.
+Ich müßte lügen, wollte ich nicht offen gestehen, daß mir Fräulein von
+Hellstern sehr sympathisch ist.«
+
+»Sympathisch!« schrie der Rat. »Was das nun wieder heißen soll?! Bei
+einer solchen Frage ist doch wahrhaftig _mehr_ zu überlegen! Ich bitte
+dich, liebe Frau, sieh ein, daß es sich in gewissem Sinne auch um _uns_
+handelt. Jawohl, um _uns_! Würde es dir lieb sein, wenn dich deine Frau
+Schwiegertochter über die Achsel ansieht? Wenn sie eine meilenweite
+Kluft zwischen Mutter und Sohn legt?« Und Schellheim breitete beide Arme
+aus, als wolle er das Unermeßliche dieser Kluft andeuten.
+
+Gunther widersprach ernsthaft. Davon könne gar keine Rede sein. Wenn
+Hedda Mitglied der Familie geworden wäre, so würden ihr gütiges Herz und
+ihr feiner Takt schon den rechten Ton des Verkehrs mit den Eltern
+finden.
+
+»Ich bitte dich, Papa, laß solche Bemerkungen,« schloß er und erhob sich
+gleichfalls. Eine schwere Falte zeigte sich auf seiner Stirn.
+
+»Ah was,« entgegnete der Rat unwirsch, »du wirst mir schon erlauben
+müssen, das auszusprechen, was ich denke! Sei vernünftig, Gunther! Ich
+glaube gleich dir, daß die Hellsterns deine Werbung nicht zurückweisen
+würden. Sie sind arm, und der Baronesse fehlt jede Gelegenheit zu einer
+passenden Partie. Ich habe ja auch wirklich nichts gegen die Leute! Es
+ist nichts weiter gegen sie zu sagen, als daß sie adelsstolz und
+unbemittelt sind. Beides sind keine Vorwürfe. Ihr Name ist gut,
+glänzend, geachtet; sie haben ein Recht, darauf stolz zu sein. Für ihre
+Armut aber können sie nichts. Und dennoch muß dies beides bei der
+geplanten Verbindung mit in Betracht gezogen werden. Bitte – ich rede
+noch – ich will aussprechen! In Betracht gezogen werden, sagte ich.
+Zunächst die Geldfrage. Du wirst einmal reich – dem Anschein nach ist
+diese Frage also minderwertiger Natur. Aber doch nur dem Anschein nach.
+Denke an die Zukunft! Ihr könnt eine ganze Herde Kinder kriegen, und wie
+zersplittert sich da das Vermögen! Fräulein Hedda bringt ja nichts mit!
+Den Baronshof – na, was ist denn der wert?!«
+
+»Papa, ich bitte dich –« und Gunther hielt es für gut, den
+Zukunftsperspektiven des Rats gegenüber ein heiteres Gesicht zu machen.
+Aber Schellheim war noch nicht zu Ende; er winkte abwehrend mit der
+Hand.
+
+»Weiter,« sagte er, »die zweite Frage. Zugestanden, daß Fräulein Hedda
+das Herz auf dem rechten Fleck hat. Da ist aber noch der Alte. Vor dem
+graul’ ich mich geradezu. Er wird _auch_ nicht nein sagen, wenn ich für
+dich anhalte – i, wo wird er denn –, aber ich fürchte, wir werden
+nicht gut zueinander passen. Ich habe das jetzt schon gemerkt. Er hat
+etwas gegen uns Kaufleute – weniger gegen das Bürgertum im allgemeinen,
+wie gerade gegen uns Kaufleute. Ah bah – ich sage dir, Gunther, es
+_ist_ so! Der alte Groll der Landwirtschaft gegen die Industrie! Er kann
+auch nicht verwinden, daß ich ihm seine Klitsche abgekauft habe. Und –
+und – kurzum, ich will dich nicht beeinflussen, aber ich rate dir: sei
+vernünftig und überlege!«
+
+Die Rätin hatte sich nicht wieder in die Unterhaltung gemischt. Sie saß
+schweigend am Teetisch und rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse. Aber
+plötzlich legte sie den Löffel hin und wandte sich auf dem Stuhle um.
+
+»Da ich die Mutter bin, so ist mir vielleicht auch noch ein Wort
+gestattet,« sagte sie. »Ich kann deine Gegengründe nicht anerkennen,
+Alfred; ich will dich nicht beleidigen, ich muß dir aber sagen, daß ich
+sie lächerlich finde. Wenn es sich um das Glück eines unsrer Kinder
+handelt, kommen _wir_ immer erst in zweiter Reihe. Nimm wirklich an,
+Fräulein Hedda und ihr Vater seien hochmütig und adelsstolz: wenn ich
+weiß, daß Gunther glücklich ist, lass’ ich mich schon über die Achsel
+anschauen, und ich werde die Hand auf das Herz pressen, wenn es dabei
+gar zu sehr zuckt. Im übrigen stimme ich aber der Ansicht Gunthers zu:
+das Fräulein hat viel zu viel Takt, um zwischen uns und den Ihren
+gesellschaftliche Unterschiede zur Betonung zu bringen. Und schließlich
+das Geld. Gunthers Kinder werden auch einmal erwerben lernen! Willst du
+bis in das dritte und vierte Glied hinein sorgen?«
+
+Als sie ausgesprochen hatte, erschrak sie fast über ihre Kühnheit. Sie
+war an das Sich-beugen und -ducken gewohnt. Ein flammendes Rot huschte
+über ihre Wangen; sie wandte sich wieder dem Tische zu und griff
+abermals nach dem Teelöffel.
+
+Gunther war hinter sie getreten und drückte einen Kuß auf ihren
+Scheitel. »Ich danke dir, Mutter,« sagte er; »du hast recht.«
+
+Der Rat zuckte mit den Schultern.
+
+»Es fällt mir nicht ein, den Tyrannen spielen zu wollen,« bemerkte er,
+mit Absicht ein wenig leichthin. »Auch mir steht das Glück meiner Kinder
+über der eignen Person – jawohl, teure Gattin, und ich bitte, daß du
+davon Notiz nimmst! ... Bleibst du nach reiflicher Überlegung bei deinem
+Vorhaben, Gunther, so teile es mir am Nachmittag mit. Langes Fackeln
+liebe ich nicht. Hellsterns sind heute abend hier – da wird sich
+Gelegenheit finden, mit dem Alten ein Wörtlein unter vier Augen zu
+sprechen.«
+
+Er ging, aber man merkte an dem heftigen Zuschlagen der Tür, daß sein
+leichter Ton Komödie war.
+
+Die Rätin war still sitzen geblieben. Sie rührte noch immer mit dem
+Löffel in ihrem erkalteten Tee herum, als wolle sie durch diese Bewegung
+das leise Zittern ihrer Hände verdecken. Doch Gunther sah, wie es um
+ihre Mundwinkel zuckte, und sah auch die schwere Träne, die über ihre
+Wange rann.
+
+»Mutterchen,« fragte er leise, »warum weinst du denn?«
+
+Sie blickte zu ihm auf, und es lag ein so schmerzlich weher Ausdruck in
+ihrem Auge, daß Gunther ein eisiges Schauern in seinem Rücken zu spüren
+meinte. Es war ihm, als habe er zum erstenmal in die Seele dieser armen
+Frau geschaut, die das Herzensglück, das sie für ihre Kinder erwünschte,
+nie selbst kennen gelernt hatte.
+
+Er ließ sich vor ihr nieder, küßte ihre Hände und gab ihr alte, liebe,
+fast vergessene Schmeichelnamen aus seiner Kinderzeit. Fest drückte sie
+ihren Liebling an sich, aber die Tapferkeit, die sie auf dem langen,
+öden und traurigen, staubgrauen Wege ihrer Ehe aufrecht erhalten hatte,
+brach: sie konnte den Tränen nicht mehr wehren, die unaufhaltsam
+flossen.
+
+ * * * * *
+
+Die Kirchglocken läuteten noch immer. Der Schneefall hatte nachgelassen,
+und in der reinen, sonnendurchströmten Winterluft tönte der Klang der
+Glocken fast durch das ganze Tal.
+
+Auch der Freiherr hatte sich entschlossen, einmal wieder das Gotteshaus
+zu besuchen. Er war, obwohl ihm eine gewisse naive, von Skrupeln und
+Grübeln freie Frömmigkeit eigen, niemals ein eifriger Kirchgänger
+gewesen, und in letzter Zeit hatte er sich seiner Ischias wegen so wie
+so kaum vom Platze rühren können.
+
+Heute aber fühlte er sich wohler. Der alte Klempt hatte ihm vor einigen
+Tagen eine Einreibung gebracht, die Tante Pauline nach einem Rezept
+ihrer Großmutter zurechtgebraut, das sie zufällig zwischen allerhand
+alten Sachen beim Aufräumen ihrer Truhe gefunden hatte. Es waren
+Ingredienzien dabei, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, wie
+zum Beispiel »Bleygötte, ein halb Pfund fein gepulvert«, und »ein
+Viertelpfund geschälte Alantwurzel«, aber Tante Pauline wußte schon
+Bescheid, und sie entsann sich auch, daß ihr Großvater, der schon völlig
+gelähmt gewesen war, kraft dieses Mittels wieder hatte gehen lernen. Und
+da hatte sie gemeint, es könne nicht schaden, wenn der Herr Baron es
+auch einmal probiere, und hatte sich an die Arbeit gemacht. Schwer war
+nur eins zu beschaffen gewesen, nämlich das Weiße eines Eis von einer
+schwarzen Henne. Die Langheinrichen besaß allerdings ein schwarzes Huhn,
+aber das legte derzeitig nicht. Glücklicherweise hieß es in dem Rezept:
+»oder wenn du dies nicht hast, nimm statt dessen Bofist und menge ihn
+mit ein klein wenig halb verbrannter Brotrinde in einem viertel Quart
+starkem Branntwein; doch muß der Branntwein vierundzwanzig Stunden
+vorher an einem warmen Ort gestanden haben, in einer Flasche, die du mit
+einer Blase zubinden mußt, in welche du eine Stecknadel steckst.« Das
+hatte Tante Pauline denn auch getan.
+
+Der Freiherr hatte Klempt sehr schön gedankt, und als August des Abends
+mit der Einreibung kam, hatte er den braven Diener hinauswerfen wollen.
+Er verbäte sich, ihm mit dem »Geschmurgel« an den Leib zu kommen.
+Indessen ein paar Tage später, als die Schmerzen gerade sehr heftig
+waren, hatte Hellstern von selbst von der Klemptschen Einreibung
+angefangen. »Hol mal den Jux her,« sagte er zu August; »hilft’s nichts,
+ist’s noch so!« Und freudestrahlend lief August davon, um die kostbare
+Mixtur zu holen. Er rieb den Alten so kräftig ein, daß Hellstern
+gewaltig schimpfte, fluchte und wetterte, was für August aber eine wahre
+Wohltat zu sein schien, denn sein Gesicht wurde währenddessen immer
+freundlicher. Und dann packte er den Baron in das Bett, wickelte ihn
+gehörig ein und legte zwei Wärmflaschen in die Kissen, denn Klempt hatte
+betont, daß der gnädige Herr nach der Einreibung gehörig schwitzen
+müsse.
+
+Und merkwürdig genug – als Hellstern am andern Morgen aufstand, fühlte
+er sich erheblich wohler. Vielleicht hatte nur die kräftige Massage
+Augusts gewirkt, vielleicht auch die Schwitzkur – Tatsache war, daß der
+Baron sich freier und ohne starke Schmerzen bewegen konnte. Das machte
+ihn ganz glücklich. Dörthe mußte zu ihm kommen; die Einreibung von
+Vatern sei zwar nicht viel wert, aber für den guten Willen wolle er der
+Dörthe einen Taler schenken, und zwar einen mit der Inschrift: »Segen
+des Mansfelder Bergbaus«. Dörthe war so gerührt, daß sie erst dem Alten
+die Hand küßte und dann zu Hedda lief, ihr die Geschichte zu erzählen
+und ihr gleichfalls die Hand zu küssen. Schließlich erfuhr auch August
+von der Sache, und sie betrübte ihn; wenn der Alte einen Taler
+verschenke, meinte er, so werde er sicher nicht mehr lange leben. –
+
+Hellstern schritt am Arme Heddas zur Kirche. Es hatte bereits zum
+dritten Mal geläutet, und von allen Seiten strömten die Leute herbei,
+grüßten den Baron mit einer gewissen freundlichen Unterwürfigkeit,
+blieben wohl auch, Front machend, vor ihm stehen und verbeugten sich
+ungeschickt. Vor der Kirchhofstür hielt der Schlitten des
+Kommerzienrats. Die Herrschaften waren bereits ausgestiegen und sprachen
+mit einem hochgewachsenen Herrn in schwarzbraunem Ulster und
+Zylinderhut.
+
+Hellsterns Fuß stockte plötzlich. »Was Teufel,« sagte er halblaut, »ist
+das nicht Klaus?!«
+
+Er schaute zu Hedda auf, schien aber nicht zu bemerken, daß sie erblaßt
+war.
+
+»Ja,« erwiderte sie nickend, »es ist Klaus.«
+
+Der Alte unterdrückte einen Fluch.
+
+»Skandalös, daß der sich überhaupt noch sehen läßt!« murrte er. »Wir
+grüßen, Hedda, doch ohne ihn anzusprechen!«
+
+Und sie gingen vorüber. Aber der Vorsatz des Alten war unausführbar.
+Kaum hatte Schellheim ihn gesehen, so schoß er auf ihn zu.
+
+»Mein Kompliment, lieber Baron! Freu’ mich von Herzen, Sie so rüstig zu
+sehen.... Denken Sie, ich wußte ja gar nicht, daß Sie mit Herrn von
+Zernin verwandt sind –«
+
+»Doch – ja, mein verehrter Herr Rat –«
+
+Ȇber einen Scheffel Erbsen, pflegt man bei uns zu sagen, wenn man eine
+weitläufige Verwandtschaft bezeichnen will,« warf der Herr im
+Zylinderhut lachend ein. Dann bot er Hellstern die Hand. »Tag, Onkel!
+Was macht die Chronika derer von Hellstern?« Und schon stand er vor
+Hedda. »Tag, gnädigste Cousine – seit Ewigkeiten nicht gesehen!
+Freilich, ich sitze wie ein Maulwurf in meinem Bau und schleiche mich
+höchstens einmal nachtsüber auf den Anstand, wenn du längst in seligem
+Schlummer liegst. Wie geht’s?«
+
+»Ich danke dir, gut,« antwortete sie und wandte sich an Gunther, der mit
+abgezogenem Hute an sie herangetreten war.
+
+Aus der Kirche ertönte bereits Orgelklang. Man schritt über den
+Friedhof, und bis zur Kirchentür sprach der Kommerzienrat in seiner
+lebhaften Art in Hellstern hinein. Hedda war ängstlich geworden. Sie
+hörte nur vereinzelte Brocken, vernahm aber wiederholt das Wort
+»Quelle«, und sie sah, daß das Gesicht ihres schweigsam zuhörenden
+Vaters immer röter wurde. ›Diese Quelle wird uns allen noch Unglück
+bringen,‹ dachte sie.
+
+Die Hellsterns besaßen in der Kirche ein Chor, hatten es aber der
+Familie des Kommerzienrats überlassen und dafür die Sitze unten neben
+der Sakristei genommen, die für die Besitzer des Auguts reserviert
+waren. Der Baron vermied es seines Leidens wegen gern, Treppen zu
+steigen.
+
+Die Kirche war groß, doch kahl und dürftig im Innern. In dieser mehr
+als einfachen Ausstattung fiel der neue rote Behang über Altar, Kanzel
+und Taufbecken, den Schellheim gestiftet hatte, um so mehr auf. Er
+leuchtete weithin, wie das Wort der Verheißung, das von dieser heiligen
+Stelle ausging.
+
+Von den Sitzen der Hellsterns aus konnte man das Augutchor übersehen.
+Die Rätin saß zwischen ihrem Gatten und Gunther, dann blieben drei
+Stühle frei, und in der Ecke hatte sich Herr von Zernin niedergelassen.
+
+Sein Erscheinen in der Kirche erregte Aufsehen. Aller Blicke richteten
+sich auf ihn. Besonders die jungen Mädel schienen sehr interessiert zu
+sein; Liese Braumüller schielte über ihr Gesangbuch fort alle Augenblick
+nach dem Chor hinauf.
+
+Hedda sang mit ihrem schönen Alt das Einleitungslied mit. Ihr Blick
+wagte sich nicht von dem Buche fort. Eine leichte Röte lag auf ihren
+Wangen; sie fühlte, daß Zernin sie beobachtete. Innerlich grimmte sie
+das; seine unverfrorene Keckheit schien die alte geblieben zu sein –
+trotz allem. Dieses »trotz allem« fand Widerhall in ihrer Seele. Während
+ihre Lippen das Lied sangen, war es ihr, als wiederhole sie immer und
+immer wieder das »trotz allem«. Sie war nervös, und um sich abzulenken,
+schaute sie auf den Altar, vor den soeben der Pastor trat.
+
+Eycken neigte das graue Patriarchenhaupt und betete, das Gesicht dem
+Kruzifix zugeneigt, dessen weißer Marmor sich lichthell von dem roten
+Untergrunde abhob, mit dem Rücken gegen die Gemeinde. Dann wandte er
+sich um und blieb aufrecht stehen, wartend, bis das Eingangslied zu Ende
+sein werde. Und jetzt schweifte seiner Gewohnheit gemäß sein Auge mit
+raschem Prüfen durch das Kirchenschiff. Die Gemeinde schien vollzählig
+versammelt zu sein – Eycken nickte befriedigt. Plötzlich glitt über
+sein Gesicht ein Ausdruck von Erstaunen; Hedda senkte wieder den Blick
+auf das Gesangbuch, denn nun wußte sie, daß das Auge des greisen
+Pfarrers im nächsten Moment sie selbst treffen würde. Und so war es in
+der Tat, doch Eycken schaute nur flüchtig, einen leichten Wolkenschatten
+auf der Stirn, zu Hedda hinüber und öffnete dann sein Buch zum Beginn
+der Liturgie ...
+
+Es war kalt in der Kirche. Die Sonne wärmte nicht, sie leuchtete nur.
+Sie füllte den kahlen Raum mit einem weißgelben Schimmer, der in den
+Winkeln der Sakristei zu verwischtem Graugrün wurde. Auf einer der hell
+getünchten Wände lagen die Schatten der Bleiumfassung in den Fenstern,
+ein leise zitterndes Gitterwerk von unbestimmten Konturen.
+
+Während der Liturgie versuchte Hedda, sich andächtig zu sammeln. Aber es
+war vergebene Mühe. Das unerwartete Wiedersehen mit dem, der kaum eine
+Wegstunde vom Baronshof entfernt wohnte und für sie dennoch so gut wie
+verschollen war, hatte sie stark erregt. Gegen ihren Willen rechnete sie
+nach: wann hatte sie Klaus Zernin zum letztenmal gesehen? Es war lange
+her – über ein Jahr. Und als reiße plötzlich ein Vorhang vor ihren
+Augen, so deutlich trat die Abschiedsstunde in ihr Gedächtnis zurück.
+Mit allen Einzelheiten, auch den rein äußerlichen der Szenerie: der
+Eichenschonung am Forsthause, die im ersten Grün des jungen Lenzes
+prangte, dem Blättermoder am Boden, in dem der Fuß bis an die Knöchel
+versank, und dem Nebelmeer, das über die Wiesen brodelte. Und sie
+glaubte auch seine Stimme zu hören.... Sie hatten »vernünftig«
+miteinander gesprochen und ruhig und leidenschaftslos. So schien es. Sie
+waren sich klar darüber geworden, daß sie sich nicht angehören konnten
+– aus hundert stichhaltigen Gründen. Und deshalb wollten sie sich nicht
+mehr sehen. Das war um so weniger schwer durchzuführen, als Hellstern
+dem leichtsinnigen Neffen längst seine Schwelle verboten hatte; er
+wollte mit dem, der »seinen Namen schändete«, keine Gemeinschaft haben
+und ahnte dabei nicht einmal, wie tief sich das Bild des wilden Junkers
+in das Herz seiner Tochter gegraben hatte.... Mit einem Händedruck waren
+sie voneinander geschieden, und Klaus wie Hedda hatten vermeint, das
+würde der letzte gewesen sein. Denn damals schon trug sich Zernin mit
+dem Gedanken, auszuwandern. Er konnte sich auf dem verwüsteten Erbe
+nicht länger halten; um ihn und über ihm brach alles, alles zusammen ...
+
+Hedda hatte seit jener Abschiedsstunde in der Tat nichts mehr von ihm
+gehört. Selbst der Klatsch fand in die Einsamkeit des Baronshofs keinen
+Eingang. Aber daß Klaus sich so unerwartet wieder unter den Menschen
+zeigte, schien zu beweisen, daß es ihm besser gehen mußte. Auch sein
+Äußeres sprach dafür: das Selbstbewußtsein, mit dem er auftrat, der alte
+Ausdruck übermütiger Keckheit auf seinem Gesicht. Wie alt war er jetzt?
+Und wieder rechnete Hedda nach, während die dünnen Stimmen der Kinder
+auf dem Orgelchor das Kyrie eleison sangen. Sechsunddreißig; sein
+Geburtstag fiel in den gleichen Monat wie der ihre, in den Mai. Aber er
+sah jünger aus mit seiner eleganten, geschmeidigen und elastischen Figur
+und dem bildhübschen Gesicht, auf dem weder das tolle Leben noch die
+Sorgen um die Existenz Spuren des Verfalls zurückgelassen hatten. Es war
+glatt, rosig und heiter wie immer, dieses vornehme Junkergesicht mit der
+intelligenten Stirn und der wunderschön gezeichneten Nase, dem sorgsam
+gepflegten blonden Schnurrbart und dem etwas zurücktretenden Kinn. Und
+auch die hellen blauen Augen sprühten noch immer in unverminderter
+Lebenslust – trotz allem. Das war sein Lieblingsausdruck, dieses »trotz
+allem« ...
+
+Hedda schreckte aus ihren Erinnerungen empor. Sie hörte die Stimme des
+Pastors, der die Kanzel bestiegen hatte und mit seinem schönen, sonoren
+Organ die Epistel verlas. Der alte Mann dort oben hatte ihr in jenen
+Zeiten schwerer Herzensbedrängnis mit lindem Wort und warmem Gemüt die
+verzweifelnde Seele gerettet. Ihm allein hatte sie sich anvertraut, da
+sie des Vaters rauhe Art fürchtete, die schon damals Klaus von Zernin
+vom Baronshof verjagt hatte. Und Eycken konnte um so besser die
+Vermittlungs- und Verständigungsrolle übernehmen, da er der intimste
+Freund des alten Baron Zernin, des verstorbenen Vaters von Klaus,
+gewesen war, durch dessen Beihilfe der Pastor auch seinerzeit die Stelle
+in Oberlemmingen erhalten hatte. Mit milder Freundlichkeit, aber
+entschiedener Energie hatte Eycken seinen ganzen Einfluß auf Hedda
+aufgeboten, um sie von ihrer unseligen Liebe für den verbummelten Junker
+zu bekehren. Denn besser als sie glaubte _er_ Klaus von Zernin zu
+kennen. Oft genug war er zu nächtlicher Stunde und zu Fuß, um nicht
+gesehen zu werden, durch den Wald nach Döbbernitz geeilt, um mit Klaus
+Rücksprache zu nehmen, wenn wieder einmal einer seiner unsinnigen
+Streiche zu seinen Ohren gekommen war – irgend eine tolle
+Weibergeschichte, die die ganze Umgegend in Aufruhr brachte, ein wildes
+Gelage in Zielenberg oder in Kölpin, wo die Königindragoner standen,
+oder eine gesetzwidrige Vergewaltigung der Gläubiger.... Und bei solchen
+Rücksprachen schwand die christliche Milde bei Eycken, da wurde er zum
+zornigen Eiferer, und die Stimme schwoll an, und seine Augen blitzten.
+Aber was half das alles?! Es kam eine Zeit, da auch er sich sagen mußte,
+Klaus sei nicht mehr zu helfen, eine Zeit, da der ehrliche Zorn des
+alten Mannes zu flammendem Ingrimm wurde. Hedda erfuhr niemals
+Einzelheiten aus dem Leben von Klaus; sie wußte nur, daß er ein
+leichtsinniger Wirtschafter war – alle Welt wußte das. Aber an jenem
+Tage, da Eycken sich mit ihr einschloß, um sie beim Andenken an ihre
+Mutter zu beschwören, dem wilden Burschen für immer zu entsagen, da kam
+doch etwas wie ein Ahnen über sie, daß Klaus nicht nur leichtsinnig,
+sondern auch schlecht sein mußte ...
+
+Die Predigt hatte begonnen. Nur das wohllautende Organ Eyckens war
+hörbar und hin und wieder ein leise raschelndes Geräusch, wenn der Wind
+die schneebepackten Zweige des alten Maulbeerbaumes, der draußen vor
+einem der Fenster stand, gegen die Scheiben warf. Hedda schaute mit
+andachtsvollem Blick zur Kanzel empor, und der Alte neben ihr schnaufte
+leise. Es saß sich unbequem in dem engen Kirchenstuhl. Oben auf dem Chor
+hatte der Kommerzienrat die Hände über dem Bauche gefaltet und kämpfte
+sichtlich mit einer ihn überkommenden Müdigkeit; die Rätin saß, vor
+Frost zeitweilig erschauernd, mit groß offenen Augen neben ihm. Herr von
+Zernin ließ den Blick im Kirchenschiff umherschweifen; er hatte Liese
+Braumüller entdeckt, und ein rasches Lächeln flog um seinen Mund.
+
+Nun Hedda die gesuchte Andacht gefunden hatte, blieb sie auch in
+Sammlung bis zum Schlusse des Gottesdienstes. Beim Endchoral bliesen die
+beiden Posaunen mit. Die Rätin hatte das noch nie gehört und schaute
+verwundert nach dem Orgelchor hinüber, von dem die gewaltigen Töne
+drangen. Es war eine vollendete Disharmonie, doch sie störte keinen –
+höchstens den kleinen Raupach, der um diese Zeit aus seinem
+Kirchenschlummer erweckt zu werden pflegte.
+
+Dann läuteten wieder die Glocken, und die Gemeinde strömte hinaus, durch
+die beiden Türen, vor denen hölzerne Schemel mit Tellern für die
+Missionskollekte standen. Aber die wenigsten gaben; ein paar Pfennige
+lagen auf den Tellern, dazwischen ein Fünfzigpfennigstück von Hedda und
+ein blanker Taler als Spende des Kommerzienrats.
+
+Hellstern wollte am Arme seiner Tochter rasch an der kleinen Gruppe
+vorüberhumpeln, die sich vor dem Schlitten Schellheims gebildet hatte,
+doch der Kommerzienrat rief ihm nach:
+
+»Auf Wiedersehen heute abend, lieber Baron!«
+
+»Auf Wiedersehen!« gab Hellstern etwas brummig zurück und tappste
+weiter. Aber vor der Parktür entlud sich sein Zorn.
+
+»Schellheim scheint den Klaus an sich ziehen zu wollen,« grollte er.
+»Ein Baron mehr – das angelt nach uns! Er muß doch gehört haben, wes
+Geistes Kind unser sauberer Herr Vetter ist! Er muß doch wissen, daß wir
+das Tischtuch zwischen ihm und uns zerschnitten haben! Himmeldonnerwetter,
+Hedda, wenn der Kommerzienrat vielleicht auf die wahnsinnige Idee
+verfallen ist, den Klaus gleichfalls zu heute abend zu laden – ich mache
+auf der Stelle kehrt! Ich mache kehrt, sage ich dir!«
+
+»Das würde nur unhöflich sein, Papa,« erwiderte Hedda ruhig. »Vorderhand
+glaube ich noch nicht, daß Klaus im Auschlosse sein wird. Und wenn
+dennoch – dann muß es _auch_ ertragen werden. Wir leben nun einmal in
+der Welt.«
+
+Der Alte stampfte wütend mit seinen Krückstöcken auf den gefrorenen
+Schnee.
+
+»Das Blut steigt mir zu Kopf, wenn ich den Burschen nur sehe!« rief er.
+»Mit welcher Frechheit er uns begrüßte! Lächelnd und gleichmütig, als ob
+gar nichts geschehen sei.... Vielleicht will ihm Schellheim wieder auf
+die Beine helfen – haha! Da ist Hopfen und Malz verloren – nicht
+einmal die Winterung hat er mehr bestellen können – die Tagelöhner sind
+ihm davongelaufen – im November war wieder einmal Subhastationstermin
+angekündigt! Ich verstehe nicht, daß Klaus nicht längst zum Teufel ist!
+Hätte er Ehrgefühl im Leibe, so hätte er sich schon vor drei Jahren nach
+Amerika scheren müssen! Pah – Ehrgefühl – _der_?! ...«
+
+Hedda schwieg. Ihre Wangen brannten, aber der Vater konnte nicht ahnen,
+wie tief ins Herz sie jedes seiner Worte traf. Dennoch machte es ihn
+stutzig, daß sie keine Antwort gab. Sie opponierte sonst gern. Er blieb
+stehen und schaute sie an. »Was sagst du?!« fragte er.
+
+»Nichts, Papa.«
+
+»Warum nicht?! Ich glaube, du nimmst immer noch die Partei dieses
+ehrlosen Patrons?!«
+
+Eine Flamme schlug über das Gesicht Heddas.
+
+»Ich bitte dich, Papa – bitte dich herzlich: wäg deine Worte ab! Noch
+immer zählt Klaus zu unsrer Verwandtschaft –«
+
+»Längst nicht mehr!«
+
+»Und wenn du ihn hundertmal von deiner Schwelle jagst – er _bleibt_
+unser Vetter! Vergiß das nicht! Und vergiß auch nicht, daß Leichtsinn
+noch keine Ehrlosigkeit ist –«
+
+»Halt mal, Hedda –« und Hellstern erhob seine Krücken. »Ich war auch
+jung und ein Brausewind wie der da. Aber ich hielt mein Wappenschild
+rein. Er hat das seine besudelt. Du weißt nicht, _was_ er alles gemacht
+hat, um – aber nein, dein Ohr, mein Kind, ist zu keusch, um diese Dinge
+zu hören. Nur eins laß dir sagen: ich hätte ihm nicht wie einem Banditen
+mein Haus verschlossen, wenn er _nur_ leichtsinnig gewesen wäre. Und
+auch nicht der Pastor, der mit dem alten Zernin so treu befreundet war
+wie ich. Wir hatten unsre guten Gründe, ihn abzuschütteln.... Nun gib
+mir einen Kuß!«
+
+Er neigte den Kopf, und die Lippen Heddas berührten seine borstige
+Wange. Doch es war kein Kuß wie sonst. Ein heimliches Angstgefühl begann
+Hedda zu quälen. Fragen und Zweifel stiegen in ihr auf und noch ein
+andres quälendes Etwas – das Gefühl, den doch nicht vergessen zu haben,
+den sie hatte vergessen _wollen_.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Es war die erste größere Gesellschaft, die man auf dem Auschlosse gab.
+Der Kommerzienrat hatte Herbst und Winterbeginn dazu benutzt, auf den
+meisten Gütern im Kreise Besuch zu machen, und man hatte den reichen
+Mann fast überall mit offenen Armen empfangen. Der Grundbesitz in
+unmittelbarer Umgebung von Oberlemmingen befand sich fast gänzlich in
+bürgerlichen Händen. Nur Döbbernitz und Kleeberg, letzteres das Gut des
+Landrats von Wessels, waren Adelssitze. Aber auch aus weiterer
+Entfernung war eine Anzahl von Gästen eingetroffen: die Familie von
+Klitzingk auf Wernochow, der Kammerherr von Ponteck auf Klein-Güster,
+die Nehringens auf Schönwaide und schließlich auch – der Stolz
+Schellheims – Exzellenz von Usen-Karst auf Karstedt.
+
+Es war zum Diner – zu sechs Uhr – eingeladen worden, eine für
+ländliche Verhältnisse ziemlich ungewöhnliche Zeit. In langer Reihe
+fuhren Wagen und Schlitten den Auberg hinauf. Das halbe Dorf war auf den
+Beinen, um die Auffahrt anschauen zu können. Man stand dicht gedrängt
+längs des Weges und machte zu jedem Gefährt seine Bemerkungen. Die aus
+der Umgegend kannte man an den Pferden, den Wagen, dem Kutscher. Da kam
+zuerst der riesige Verdeckschlitten des Oberförsters, dessen Kasten, die
+Arche Noah genannt, eine zahlreiche Familie beherbergte: Vater Tornow,
+die Mutter und drei Töchter, niedliche Dinger, die Auguste, Berta und
+Constance hießen, von dem die Kürze liebenden Oberförster aber nur A, B
+und C genannt wurden. Dann die Viktoriachaise des Hauptmanns Biese von
+Grochau, eines riesigen Menschen mit Bulldogggesicht, der eine ganz
+kleine, unendlich verschüchterte Frau besaß, – der Schlitten der Frau
+Necker, einer reichen Rittergutsbesitzerswitwe, unförmlich dick und
+stets wie ein Puthahn gebläht, – und der Klapperkasten des Doktor
+Stramin, des Kreisphysikus aus Zielenberg, den man eigentlich nie anders
+als auf der Landstraße sah: wenn die Praxis ihn nicht unterwegs hielt,
+reiste er als fanatischer Politiker im Auftrage des konservativen
+Wahlkomitees umher und hielt seine donnernden Reden, wo es nur angängig
+war.
+
+Plötzlich ging eine Bewegung durch die Reihen der Zuschauer. Ein
+merkwürdiges Gefährt raste den Weg hinauf – ein Schlitten in
+Schwanenform, in dem eine einzelne Dame saß. Sie mußte noch jung sein;
+ein dunkles Augenpaar leuchtete durch den weißen Schleier, der über die
+pelzbesetzte Konföderatka gebunden war. Ein kostbarer Pelz hüllte auch
+die ganze Gestalt ein; die Adjustierung der Pferde zeugte von Reichtum
+– was aber am meisten auffiel, war die scharlachrote Livree des
+Kutschers. Einer aus der Menge, Anton Tengler, wußte Bescheid: die Dame
+war Frau Rittmeister Woydczinska aus Seelen. Nun rasselte ein großer
+Landauer heran: die Klitzingks aus Wernochow – das breite, rote Gesicht
+des alten Freiherrn mit dem weißen, auseinandergewirbelten
+Katerschnurrbart glänzte durch die Fensterscheiben. Hinter ihm zügelte
+Herr von Wessels, der Landrat, ein noch junger Herr, eigenhändig sein
+feuriges Rappengespann; dann kam der Schönwaider Schlitten – den Major
+von Nehringen konnte man schon von weitem an seiner großen Hakennase
+erkennen, die in glänzender Röte aus dem hochgeschlagenen Pelzkragen
+hervorlugte. Und abermals rasselte es auf dem hartgefrorenen Fahrdamm,
+– Donnerwetter, wer war denn das?! Nichts Vornehmes, ganz gewiß nicht,
+denn der Schlitten bestand nur aus einem einfachen Korbgeflecht, das auf
+ein Kufenpaar gesetzt worden war, und der Kutscher trug nicht einmal
+Livree, sondern einen alten Schafpelz. Und der Kutscher saß auch nicht
+auf der Pritsche, weil keine vorhanden war, sondern neben seinem Herrn,
+der dicht in einen ehemaligen Militärmantel gewickelt war und die
+verschossene Jagdmütze so tief in die Stirn gerückt hatte, daß man von
+dem ganzen Gesicht fast nur den buschigen, graugrünen Schnauzbart sehen
+konnte. Sicher nichts Vornehmes – nein, diesmal war’s Täuschung: etwas
+außerordentlich Vornehmes sogar, nämlich Exzellenz von Usen-Karst,
+ehemals bevollmächtigter Minister und außerordentlicher Gesandter des
+Reichs bei der Hohen Pforte, Besitzer der Herrschaft Karstedt und, wie
+man wissen wollte, ein vielfacher Millionär....
+
+Vom Auberge aus grüßte das Schlößchen mit achtzig leuchtenden Augen zu
+Tal. Es war wie eine Illumination. Die Leute blieben auch nach beendeter
+Auffahrt noch lange am Wege stehen und schauten hinauf. Trotz der
+Winterkälte waren die hohen Flügeltüren, die durch eine kleine Entree in
+die Halle führten, weit geöffnet, und von hier aus strömte eine ganze
+Flut gelben Lichts ins Freie und mischte sich in die rote Glut, die die
+beiden mit brennendem Pech gefüllten, auf schlankem eisernen Unterbau
+ruhenden Pfannen zu seiten des Portals ausströmten.
+
+Der Kommerzienrat hatte alles aufgeboten, seine Gäste würdig zu
+empfangen. Auch die Zahl der Dienerschaft war vermehrt worden. Drei
+Galonnierte halfen den Herrschaften aus Schlitten und Wagen, und in der
+Entree warteten zwei Kammerzofen, um die Damen in die Garderobe zu
+geleiten. Es ließ sich nicht leugnen: alles hatte Chic. Der
+Kommerzienrat war zu weltklug, bei dieser Gelegenheit der leichten
+Neigung zur Protzigkeit, die dem intelligenten Parvenü zuweilen noch
+anhaftete, nachzugeben.
+
+Flankiert von Gattin und Sohn – Hagen hielten die Geschäfte in Berlin
+zurück –, empfing er die Gäste in der Halle, die eine angenehme Wärme
+durchströmte, und in deren großem Kamin ein helles Feuer flackerte. Man
+schüttelte sich die Hände, und immer wieder kehrten dieselben
+Begrüßungsphrasen zurück.
+
+»Herr Oberförster – freue mich sehr, sehr.... Gnädigste Frau! ... Meine
+verehrten jungen Damen! ... Ah – Herr von Nehringen – freue mich sehr,
+sehr – meine gnädige Frau! ... Exzellenz – freue mich sehr, sehr ...«
+
+Und diesmal verbeugte sich Schellheim ganz besonders tief. Der alte
+Usen, der mit seinem weißen Schnauzbart in dem weinroten Gesicht und
+den schweren Tränensäcken unter den kleinen, listig funkelnden Augen und
+mit dem burgunderfarbenen Fes, den er auf dem haarlosen Scheitel trug,
+wie ein Pascha aussah, grunzte etwas Unverständliches vor sich hin und
+schielte dabei lüstern zu der schönen Frau Woydczinska hinüber, die Herr
+von Wessels, ihr Gutsnachbar, soeben in die Salons führte. Diese drei
+Salons hatte der Kommerzienrat durchweg neu einrichten lassen, und da
+gerade der Empirestil in der Mode war, so prangten in allen drei
+Gemächern die geradlinigen steifen Sofas und Sessel der napoleonischen
+Zeit; auch eine Bronzebüste Bonapartes und ein Ölbild des Königs von Rom
+fehlten nicht. In den Kronleuchtern brannten Wachskerzen und die Tapeten
+zeigten ein modernisiertes Grecquemuster. Es war alles stilgerecht.
+
+Die Gäste fluteten in den Empirezimmern hin und her. Noch immer begrüßte
+man sich oder ließ sich vorstellen. Ein Summen und Rauschen ging durch
+die Gemächer. Baron Hellstern hatte ein paar gute alte Bekannte
+wiedergefunden und plauderte mit ihnen in einer Fensternische, fest auf
+seine Krückstöcke gestützt, denn er fühlte sich unsicher auf dem blanken
+Parkett und getraute sich nicht, sich auf einem der zierlichen Stühle
+mit ihren vergoldeten Füßen niederzulassen. Hedda stand mitten unter den
+jungen Mädchen, die einen Kreis um sie bildeten; fröhliches Lachen klang
+aus dieser Gruppe, besonders das A, B, C des Oberförsters kicherte
+beständig und gewöhnlich unisono, in drei Tonlagen. Exzellenz Usen hielt
+die tief dekolletierte Frau Woydczinska fest und schmunzelte dabei über
+das ganze Paschagesicht. Sie war die Witwe eines Polen und selbst Polin,
+eine schöne, kokette Frau, der man allerhand nachredete, die sich aber
+um keinen Klatsch der Welt kümmerte und ihre emanzipierten Allüren frei
+zur Schau trug. Auch Pastor von Eycken war gekommen; er war den meisten
+fremd – Gunther besorgte die Vorstellung.
+
+Ziemlich zuletzt erschien Klaus von Zernin, mit heiterem Gesicht und
+einem etwas spöttischen Zug um den Mund. Er war boshaft genug, sich über
+die Überraschung zu freuen, die sein Auftauchen hervorrufen würde; er
+verkehrte seit Jahren nicht mehr in den Familien der Umgegend. Die
+Mütter schilderten ihn als verworfenen Wüstling, und sämtliche
+Backfische zitterten in süßem Schaudern vor ihm. Als er eintrat, stockte
+plötzlich die Unterhaltung; es wurde ängstlich still. Die Oberförsterin
+glitt in instinktiver Aufwallung ihres mütterlichen Herzens wie
+schützend an ihr rosenwangiges A, B, C heran. Hellstern, der neben dem
+Landrat stand, wollte aufbrausen, begegnete aber dem warnenden Blicke
+Heddas und schluckte seinen Groll mit verbissenem Gesicht in sich
+hinein. Im übrigen wich die allgemeine Bestürzung rasch wieder einer um
+so lebhafteren Unterhaltung, mit der man glättend über das auffallende
+Geschehnis hinweggehen wollte. Herr von Zernin war allen bekannt; mit
+der Eleganz eines vollendeten Weltmannes verneigte er sich nach allen
+Seiten, immer mit gleich liebenswürdigem Lächeln, ohne die eisigen
+Gesichter der Herren, die frostigen Mienen der Damen und die Purpurglut
+auf den Wangen der Backfische zu beachten. Zu allgemeinem Entsetzen
+streckte ihm Frau Rittmeister Woydczinska unbefangen die Hand entgegen.
+
+»Grüß Gott, lieber Baron,« sagte sie freundlich; »wir haben uns ja seit
+Ewigkeiten nicht gesehen!«
+
+Und dann geschah noch etwas Überraschendes. Auch Exzellenz Usen reichte
+Zernin die Hand, vielleicht nur aus Gefälligkeit für seine schöne
+Nachbarin, vielleicht auch, um deren Unbegreiflichkeit ein wenig zu
+verdecken, – aber jedenfalls stand die Tatsache fest: er begrüßte den
+Verfemten in sehr herzlicher und entgegenkommender Weise. Und das wirkte
+wie ein Zauberschlag auf die ganze Gesellschaft. Unwillkürlich wurden
+die Mienen freundlicher, und der Landrat flüsterte Hellstern erstaunt
+und fragend ins Ohr: »Der Zernin rappelt sich wohl allmählich wieder in
+die Höhe?«
+
+Hellstern antwortete nicht, sondern begnügte sich mit einem
+Achselzucken. Die Diener hatten die Türen zum Eßzimmer geöffnet; der
+Alte war neugierig, wen man dem Klaus als Tischnachbarin gegeben haben
+würde. Er vermutete, die Woydczinska, denn die beiden paßten in
+mancherlei Beziehungen zu einander – aber sein Gesicht färbte sich
+dunkel, als er sah, daß während des allgemeinen Aufbruchs Zernin auf
+Hedda zuschritt und ihr den Arm reichte.
+
+Der Kommerzienrat hatte sich dies beim Entwurf zur Tafelordnung wohl
+überlegt. Er hatte gehört, daß Herr von Zernin seines Leichtsinns und
+seiner brouillierten Verhältnisse wegen in schlechtem Rufe stand, – da
+er indessen seine Pläne mit ihm hatte, so lag ihm daran, ihn langsam
+wieder in die Gesellschaft einzuführen. Es war schwer, für ihn eine
+passende Tischdame auszuwählen, aber da fiel Schellheim zum guten Glück
+ein, daß die Baronesse Hellstern ja eine entfernte Cousine Zernins war.
+›Die beiden Verwandten werden sich schon vertragen,‹ sagte er sich und
+schrieb die Namen nebeneinander.
+
+Das Diner war vortrefflich. Exzellenz Usen konnte nicht umhin, seiner
+Nachbarin zur Rechten, der langen und mageren Frau von Ponteck,
+zuzuraunen, daß alles einen recht vornehmen Eindruck mache. Und so war
+es in der Tat. Der Kommerzienrat hatte Geschmack. Das Menü war nicht
+übertrieben, das Service tadellos. Lautlos huschten die Diener hinter
+den Stühlen der Gäste entlang; es ging alles wie am Schnürchen. Dabei
+war der Anblick der Tafel ein glänzender. In den kostbaren Aufsätzen aus
+Silber und Vieux Saxe blühte ein ganzer Frühlingsflor. Die Mitte des
+Tisches nahm eine Art Pyramidenbau aus Silberfiligran ein, der zahllose
+schräg gestellte Kristallbecher trug, aus denen eine Fülle köstlicher
+Rosen in allen Farbennuancen hervorquoll. Und der Duft dieser Rosen
+flutete in den Geruch der Speisen hinein, der großen Fleischstücke, die
+von den Dienern auf Riesenschüsseln präsentiert wurden, geschmackvoll
+angerichtet, die Fasane in rotem Federschmuck, gleichsam lebendig, und
+die breiten Rehrücken so ausgezeichnet tranchiert, daß man kaum die
+Schnittlinien sah. Das gefiel Exzellenz Usen-Karst besonders; er tat
+sich auf seine Tranchierkunst etwas zu gute und hatte schon lange die
+Absicht, ein Handbuch darüber zu schreiben, obwohl er genau wußte, daß
+er es nie tun würde.
+
+Solch ein Diner war auf den märkischen Landsitzen nicht üblich; da gab
+man’s einfacher, wenn man Gäste bei sich sah. Aber es schmeckte allen
+ganz ausgezeichnet. Der dicke Hauptmann Biese aus Grochau ließ keinen
+Gang vorüber und nahm jedesmal zweimal; er hatte sich die Serviette um
+den Hals gebunden, sprach wenig, aß den Fisch mit dem Messer und tupfte
+die Soße mit kleinen Brotstückchen auf. Die jungen Mädchen wurden bei
+den Gemüsen interessierter; Artischocken und Trüffeln in der Serviette
+hatten bisher die wenigsten gegessen. Auch Fräulein Gerlinde noch nicht,
+die Tochter des Kammerherrn von Ponteck, die demnächst bei Hofe
+vorgestellt werden sollte, aber sie tat wenigstens so, und da sie gegen
+diese Genüsse vollendet gleichgültig erscheinen wollte, zerstach sie
+sich den Finger an einer Artischockenspitze. Exzellenz Usen hielt sich
+hauptsächlich an die Präsentierweine; sein martialisches Gesicht glühte
+förmlich, und der buschige Schnauzer leuchtete schneeweiß.
+
+Gunther hatte das kleine C des Oberförsters zu Tische geführt, eine
+niedliche Brünette, die aus dem Entzücken nicht herauskam und sich
+jedesmal auf dem Stuhle geraderückte, wenn ein Blick der Mutter sie
+traf, denn das Geradesitzen war ihr besonders vorgeschrieben worden.
+Gunther gab sich alle Mühe, seine kleine Nachbarin gut zu unterhalten,
+doch er fühlte selbst, daß es ihm nicht so recht gelingen wollte. Er war
+zerstreut. Sein Auge flog zuweilen mit ängstlichem Aufblick zwischen
+das flimmernde Gläsermeer auf dem Tische hindurch und suchte Hedda. Auch
+sie war zerstreut – vielleicht langweilte sie sich auch. Sie sprach
+wenig, und Gunther schien es, als sei sie heute blasser als sonst.
+
+Das war sie. Der Schrecken, von Klaus zur Tafel geführt zu werden, hatte
+jeden Blutstropfen aus ihren Wangen vertrieben. Aber sie verstand es,
+sich zu beherrschen. »Man lebt doch einmal in der Welt,« hatte sie ihrem
+Vater gesagt. Und dieser Philosophie schien sich selbst der Alte gefügt
+zu haben. Er sah noch immer sehr brummig aus, aber er machte wenigstens
+keine Dummheiten.
+
+Auch Zernin schickte sich mit Anstand in die Situation. Das war zu
+erwarten gewesen. Er tat, als sei niemals etwas zwischen ihm und der
+Cousine geschehen; es gab keine himmelhohe Mauer und keine abgrundtiefe
+Kluft – heiter und freundschaftlich begann er mit ihr zu plaudern.
+
+»Wir haben uns lange nicht gesehen, gnädigste Cousine –«
+
+»Lange nicht – wie ist es dir inzwischen ergangen?«
+
+»Nicht besser als einem, der auf einem Pulverfasse sitzt und jeden
+Augenblick auf die Explosion wartet. Aber das ist eine Situation, die
+auch ihre Reize hat – bis einem schließlich das Nervenprickeln zu viel
+wird und man allmählich abstumpft. Du hast deine Tage auf dem Baronshofe
+vermutlich friedlicher verbracht.«
+
+»So friedlich, daß ich mich nicht beklagen kann.«
+
+Er dämpfte seine Stimme ein wenig; im lauten Geräusch der auf und nieder
+wogenden Unterhaltung vermochten sich übrigens nur die nebeneinander
+Sitzenden zu verstehen.
+
+»Du mußt mir verzeihen,« sagte er, »daß ich mein Versprechen nicht
+halten konnte. Anderthalb Jahre hindurch habe ich die Grenzlinie
+zwischen Oberlemmingen und Döbbernitz respektiert. Ob es mir leicht
+wurde, tut nichts zur Sache – jedenfalls hab’ ich mein Wort eingelöst.
+Aber nun ging es nicht anders; ich stehe wieder einmal an der Wende.
+Döbbernitz wird im Frühjahr endgültig subhastiert werden.«
+
+Das war neu für Hedda und schmerzlich. »Also mußte es doch dahin
+kommen,« sagte sie leise.
+
+Er nickte. »Ich habe seit drei Jahren darauf gewartet. Ein Dutzend
+Termine wurden angesetzt, und immer schaffte ich noch im letzten
+Augenblick Hilfe. Jetzt sind alle Quellen versiegt – bis auf eine, die
+erst zu sprudeln beginnt, die auf der Grauen Lehne –«
+
+»Was hat die mit _dir_ zu tun?«
+
+»Viel. Schellheim spekuliert auf Döbbernitz. Ein unternehmender Geist,
+sozusagen der Typus der neuen Zeit, die im Zeichen der Industrie steht,
+und vor der wir Landjunker die Segel streichen müssen. Das ist nun mal
+nicht anders. #Enfin# – unser liebenswerter Gastgeber hat mir
+vorgeschlagen, Kurdirektor von Oberlemmingen zu werden. Was sagst du zu
+dieser Idee?«
+
+Hedda antwortete nicht sofort. Das, was Klaus erzählte, kam so
+überraschend für sie, daß sie sich Mühe geben mußte, ihr Erstaunen zu
+verbergen. Sie schüttelte den Kopf. War das nicht einfach verrückt?
+Wollte der Kommerzienrat denn die ganze Umgegend gegen sich erbittern?
+Nein, dazu war er zu klug; er mußte seine besonderen Absichten mit Klaus
+haben. Aber es war doch verrückt. Klaus paßte im Leben nicht in eine
+solche Stellung, die großes administratives Geschick erforderte. Und
+schließlich mußte es für ihn selbst demütigend sein, sich einen neuen
+Wirkungskreis in unmittelbarster Nähe des durch eigne Schuld verlorenen
+zu schaffen. Und endlich – dieser letzte Gedanke trieb Hedda das Blut
+in die Wangen –, war es denn nicht qualvoll, sich nach alledem, was
+geschehen war, täglich sehen, begrüßen und sprechen zu müssen?
+
+Zernin neigte sich etwas tiefer über den Teller.
+
+»Du scheinst nicht der Ansicht zu sein, daß das #changement de la
+position# sonderlich beglückend für mich ist,« fuhr er fort. »Nein,
+Hedda, das ist es wahrhaftig nicht. Aber was soll der Mensch machen?
+Mein letzter Ausweg war die Fremde – Amerika, der Sammelplatz der
+verkrachten Existenzen. Hans Zesingen ist auch schon drüben – ich
+glaube, er ist Barkeeper in New York und mischt für andre Porter und
+Sekt, seinen alten Lieblingstrunk. Da bleib’ ich schon lieber daheim.
+Man muß sich in die Verhältnisse zu schicken suchen. Der Junkerschädel
+hält nicht mehr stand. Die Handelsverträge und das römische Recht sind
+unser Unglück –«
+
+Er sprach weiter und weiter, immer halbleise, vom Ruin der
+Landwirtschaft und Niedergang des alten Adels. Aber Hedda hörte nur den
+Schall der Worte – sie achtete kaum auf den Sinn. Seltsam, wie sehr
+sich Klaus verändert hatte. Er war doch nicht der alte geblieben, er
+hatte sich »in die Verhältnisse geschickt«. Es war wohl das beste für
+ihn, und trotzdem war sich Hedda klar darüber: der wilde, trotzige
+Bursche von ehemals, der auf die Welt »pfiff« und mit grimmigem Lachen
+aller Zucht und Sitte spottete, hatte mehr Charakter gezeigt als der
+sich glatt fügende Diplomat von heute.
+
+Das Diner näherte sich seinem Ende. Da rasch serviert worden war, so
+hatte es kaum über eine Stunde gedauert. Die Diener reichten Dessert und
+Früchte herum, und die Backfische des Oberförsters machten glückliche
+Gesichter: sie knabberten gar zu gern Süßigkeiten. Der dicke Hauptmann
+Biese hatte seine Serviette abgebunden und sah sehr zufrieden aus; so
+ausgezeichnet hatte es ihm lange nicht geschmeckt. In der Tat, das Diner
+war sehr gelungen, und der Kommerzienrat nickte in einer Aufwallung
+ehelicher Liebenswürdigkeit seiner Gattin über den Tisch herüber
+freundlich lächelnd zu.
+
+Plötzlich klinkte Exzellenz Usen-Karst an sein Glas. Man hatte schon
+längst darauf gewartet. Tiefe Stille trat ein, die nur einmal durch das
+Aufkichern des oberförsterlichen B unterbrochen wurde. Die dicke
+Exzellenz wuchtete vom Stuhle empor, stemmte die Hände mit den Knöcheln
+fest auf den Tisch, atmete tief auf, dabei einen pfeifenden Luftstrom
+durch die Nase stoßend, und begann dann zu sprechen. Der alte Diplomat,
+dem die böse Welt nacherzählte, daß er seine Millionen in Konstantinopel
+mit Hilfe eines griechischen Bankiers durch ganz raffinierte
+Spekulationen verdient hätte, und daß er auch auf seiner Herrschaft
+Karstedt ein tolles Serailleben führe, war ein geistreicher Mann und ein
+vorzüglicher Sprecher. Man wußte, daß er die Extravaganzen liebte, und
+erwartete auch bei dieser Gelegenheit etwas Ähnliches, zumal die Rede
+mit einer humoristischen Lobhymne auf die Industrie anfing. Sie beginne
+langsam auch hier, in diesem verlorenen märkischen Winkel, an Boden zu
+gewinnen, wo bisher der Menschengeist sich höchstens bis in die Regionen
+von Kartoffelspiritus und Schlempe verstiegen habe. Und dann ging es
+weiter, in buntem und lustigem Durcheinander – ein ganzes Feuerwerk
+guter Einfälle sprühte auf.
+
+Usen sprach von allem möglichen: von der Notwendigkeit einer Aussöhnung
+zwischen Industrie und Landwirtschaft, vom Wetter, von seinen Weinbergen
+und von schönen Frauen, von Lukullus und von seiner Freude darüber, daß
+ein so tüchtiger Vertreter des kaufmännischen Standes, wie der
+Kommerzienrat Schellheim, sich im Kreise angekauft habe. Und dann
+berührte er auch die neue Quelle, von der bereits die ganze Gegend
+spreche, und deren Ausbeutung in die Hände des scharmanten Gastgebers
+gelegt worden sei. Ein Heilquell sei es, und dem Heil der Menschheit
+solle sein Wasser dienen, ein Getränk, das er im allgemeinen
+verabscheue, dem er als Mittel zum Zweck aber seine Anerkennung nicht
+versagen könne. Daran schloß sich ein Passus, der auf aller Mienen die
+mannigfachsten Variationen von Erstaunen hervorrief. Usen sagte nämlich:
+
+»... Daß Oberlemmingen einer neuen, zukunftsfrohen Ära entgegengeht –
+ja, ja, mein alter, verehrter Freund Hellstern –, daran zweifle ich
+nicht. Ich höre, daß _mit_ unserm liebenswürdigen Wirt noch ein andrer
+Eingesessener des Kreises an die Spitze des Unternehmens treten will, –
+und ich hoffe, daß das frisch sprudelnde Wasser in der Buchenhalde auch
+für _ihn_ ein _Heil_quell werden wird. Nach Heilung dürsten wir
+schließlich alle, und wenn es uns noch so gut ergeht. Denn jede Heilung
+ist ein Besserwerden, und wen gibt’s, der selbstlos genug wäre, es sich
+nicht besser zu wünschen, als er es hat! Ach nein, gestehen wir es uns:
+wir sind Egoisten, und auch ein Stück Pharisäertum schlummert in unsrer
+Brust. Neben der Hoffnung auf das Besserwerden wohnt Tür an Tür das
+Besserdünken. Und so kommt es leicht, daß der Pharisäer in uns sich
+gewaltig reckt, wenn einmal der Mitmensch gefehlt und geirrt hat. Ich
+hatte einen Freund unten im Orient, der war weise und gut, aber er trank
+Wein und nicht wenig, und das durfte er nicht, denn er war Mohammedaner.
+Und wenn man ihm sagte, daß er sündige, so antwortete er: ›Geh hin nach
+Chanimbaïri und sieh, ob _du_ nicht sündig bist.‹ Dort liegt nämlich ein
+Brunnen, von dem die Sage erzählt, daß im Wasserspiegel sich Flecken
+zeigen, wenn ein sündhafter Mensch hineinschaut. Und so mein’ ich auch
+– ehe wir verdammen und verurteilen, gehen wir nach Chanimbaïri ...«
+
+Der Schluß war kurz; er galt den Gastgebern. Man nahm fröhlich das Hoch
+auf, dann aber zog, während auch die dicke Exzellenz wieder Platz
+genommen hatte, ein ganz leiser Hauch von Verstimmung oder wenigstens
+von Befremdung durch die Gesellschaft. Man hatte verstanden. Herr von
+Usens Blick hatte bei seinen Worten deutlich den Döbbernitzer Zernin
+gestreift. Der war gemeint. Der sollte im Verein mit dem Kommerzienrat
+die Quellengeschichte »entrieren« – gerade der, der dem Bettelstab nahe
+war –, gerade der. Und unzweifelhaft war die Rede Usens ein
+Rehabilitationsversuch für Klaus von Zernin gewesen. Wie kam Usen dazu?
+Er hatte schon vorher dem verlotterten Döbbernitzer so merkwürdig
+herzlich die Hand geschüttelt – was sollte das alles heißen?! Herr von
+Wessels, der Landrat, lächelte sein feinstes diplomatisches Lächeln, und
+der Kammerherr von Ponteck flüsterte seiner Nachbarin zu: »Prost, meine
+Gnädigste – also gehen wir nach Kaminbirrira, oder wie das Ding
+heißt ...«
+
+Zernins Gesicht hatte sich gar nicht verändert. Er spielte zuerst mit
+der Nelke, die neben seinem Teller lag, und hierauf mit einem kleinen
+goldenen Crayon, den er aus der Westentasche genommen hatte. Und auf
+einmal zog er seine Tischkarte näher und kritzelte ein paar Worte auf
+deren Rückseite. Dann schob er die Karte unbemerkt seiner rechten
+Nachbarin zu.
+
+Hedda, die durch die Rede Usens eigentümlich berührt wurde, und auf
+deren Wangen Röte und Blässe wechselten, warf einen raschen Blick auf
+die Schrift und preßte die Zähne zusammen. Sie las: »Kann ich dich
+morgen nachmittag fünf Uhr auf wenige Minuten allein sprechen? – Am
+alten Platz.«
+
+Wie in mechanischer Spielerei nahm sie die Karte und zerriß sie.
+
+»Nein!« sagte sie kurz.
+
+Nur einer am Tische schien die kleine Episode bemerkt zu haben: der
+Pastor. Er sah sehr ernst aus; etwas wie eine folternde Sorge lag auf
+seinem schönen, alten Gesicht.
+
+Der Kommerzienrat winkte seiner Gattin; man erhob sich. Die ganze
+Gesellschaft flutete in die Salons zurück, und wieder schwirrte, während
+man sich »Gesegnete Mahlzeit!« wünschte, die Unterhaltung lebhaft auf.
+Jetzt drückte nicht mehr von allen Gästen Usen allein Herrn von Zernin
+die Hand; drei, vier, fünf andre folgten. Auch die Oberförsterin
+lächelte, als Klaus sich stumm vor ihr verneigte. Die Woydczinska strich
+dicht an ihm vorüber.
+
+»Kommen Sie übermorgen abend,« flüsterte sie ihm zu; »eine Cousine aus
+dem Polnischen ist bei mir zu Besuch. Wir wollen eine neue Sektmarke
+proben ...«
+
+Als Herr von Usen dem Kommerzienrat die Hand drückte, fragte er
+halblaut:
+
+»So war es gut, dächt’ ich –«
+
+»Ganz ausgezeichnet, Exzellenz – tausend Dank, tausend Dank –«
+
+»Aber nun eine Zigarre als Belohnung –«
+
+Schellheim nahm Usen unter den Arm und führte ihn in das Rauchzimmer.
+Die meisten Herren hatten sich bereits hierher zurückgezogen; Hauptmann
+Biese rauchte schon eine kolossale Upmann, die das Werk des Abends
+krönen sollte. Die Diener brachten Kaffee und Liköre; man fühlte sich
+sehr behaglich.
+
+Es war selbstverständlich, daß das Thema von der Quelle nicht abriß.
+Aber der Kommerzienrat wich geschickt aus; es machte den Eindruck, als
+wolle er nicht vor der Zeit von der Sache sprechen. An seiner Stelle gab
+der Landrat einige Einzelheiten. Gewiß, die Graue Lehne war
+Bauernterrain – die Quelle gehörte den Möllers, aber der Kommerzienrat
+war der Geldmann. Er war sozusagen der treibende Faktor. Die
+Formalitäten waren bereits abgeschlossen: Kommanditgesellschaft – eine
+Bank beteiligte sich nicht. Und im Mai sollte die Einweihung sein, das
+stand fest.
+
+Hauptmann Biese, der mit seiner Upmann im Munde in einem Fauteuil neben
+dem Kamin lag, sah sich im Kreise um. Nur der Landrat, der Kammerherr
+von Ponteck, der Wernochower Klitzingk, Oberförster Tornow und der
+Schönwaider waren im Augenblick im Zimmer – da konnte man schon ein
+bißchen klatschen.
+
+»Aber hören Sie mal, meine Herren,« sagte Biese mit seiner fetten
+Stimme, »das mit dem Döbbernitzer – unter uns – ist doch ein Wagnis.
+Das ist doch eine verfluchte Geschichte – nicht?«
+
+Der Landrat zuckte die Achseln.
+
+»Warum denn, lieber Herr Nachbar? Es wär’ ja recht gut, wenn der arme
+Kerl wieder ein bissel in die Höhe käme!«
+
+Aber der alte Baron Klitzingk strich seinen weißen Katerbart und
+schüttelte den Kopf.
+
+»Nein, Herr von Wessels,« erwiderte er, »ich kann Ihnen in diesem Falle
+nicht recht geben. Exzellenz Usen meint zwar, wir sollten nach –
+Dingsda gehen und sehen, ob wir nicht auch sündig wären – na, ich habe
+aus meinem Herzen nie eine Mörderhöhle gemacht, aber ich bin doch der
+Ansicht, daß Zernin besser getan hätte, sich nach Amerika zu drücken. Er
+hat’s _zu_ toll getrieben –«
+
+»Ach was – der alte Bismarck hat’s auch toll getrieben, als er noch auf
+Kniephof saß, und ist doch ein ganzer Mann geworden!«
+
+»Wird sich der Zernin denn auf Döbbernitz halten können?« warf der
+Oberförster ein.
+
+Die Meinungen waren geteilt. Herr von Nehringen wollte wissen, daß
+Schellheim Döbbernitz im Interesse Zernins administrieren lassen werde.
+Herr von Ponteck vermutete, er wolle es kaufen – daher seine
+Bemühungen, Zernin eine neue Position zu schaffen.
+
+Biese meinte, der Kommerzienrat sei eine »ganz schlaue Unke«. Er sprach
+von seinem Gastgeber nicht im freundlichsten Tone. Das ärgerte
+schließlich den Landrat.
+
+»Erlauben Sie, Herr Nachbar,« sagte er, »wir befinden uns noch immer
+unter dem Dache des Kommerzienrats ...«
+
+In der Halle hatte man Whisttische aufgestellt. Die Damen saßen im
+ersten Empiresalon und sprachen von häuslichen Dingen. Im Augenblick
+wurde die Frage erwogen, ob sich Eingemachtes besser in verlöteten
+Blechbüchsen oder in hermetisch verschlossenen Gläsern halte. Frau
+Necker aus Klotschow führte das Wort. Nebenan kicherten die Backfische.
+Sie unterhielten sich über Toilettefragen; im Februar sollte in
+Zielenberg der Landschaftsball stattfinden, und das war immer ein
+Ereignis.
+
+Zernin hatte rasch ein paar Züge Zigarette geraucht und war dann in die
+Salons zurückgekehrt. Sein Herz klopfte ungestüm. Er fand selbst, daß er
+nicht mehr der alte war. Er war in grimmigster Laune und durfte sie
+nicht austoben lassen. Er wußte ganz genau, daß die Rede Usens eine
+abgekartete Sache war – so eine Art »Restitutionsedikt« für ihn. Aber
+nichtsdestoweniger war sie brutal und taktlos gewesen. Er kam sich
+unglaublich lächerlich vor in der Rolle des reuigen Sünders. Im Grunde
+seines Herzens war ihm die ganze Gesellschaft der Umgegend heute genau
+so gleichgültig wie früher; heimlich »pfiff« er noch immer auf die Welt.
+Aber es half alles nichts; er mußte katzbuckeln und ein frommes Gesicht
+machen, wenn die Wellen nicht über ihm zusammenschlagen sollten.
+
+Er suchte Hedda. Er mußte noch ein Wort mit ihr sprechen. Sie hatte sich
+mit der Woydczinska unterhalten und fragte nun nach ihrem Vater.
+
+»Der sitzt schon beim Whist,« antwortete Klaus.
+
+»Gut so. Da ist er untergebracht. Mit wem spielt er?«
+
+»Mit dem Pastor und dem Kreisphysikus, – ungefährliche Leute, die sich
+widerspruchslos anschnauzen lassen ...«
+
+Die beiden standen am Ofen, halb verdeckt von einem großen, kunstvoll
+gestickten Schirm mit goldenen Bienen, der aus St. Cloud stammen sollte.
+Kein Mensch war in ihrer Nähe. Von nebenan hörte man die scharfe Stimme
+der Frau Necker-Klotschow, die von ungezuckerten Pfirsichen sprach.
+
+Zernins Blick bohrte sich in die Augen Heddas. Er fand, daß sie noch
+schöner geworden war, reifer; sie stand im Sommer ihrer
+Jungfrauenschaft.
+
+»Also nicht, Hedda?« fragte er.
+
+Sie verstand sofort. »Nein,« antwortete sie, »ich will nicht.«
+
+»Ich begreife dich nicht. Hast du Angst vor mir?«
+
+»Die hatte ich nie; höchstens sorgte ich mich um dich.«
+
+»Aber heute nicht mehr?«
+
+»Was sollen diese Fragen, Klaus? Ich habe zu meiner großen Freude
+gehört, daß es mit dir wieder bergauf geht. Daß mich der Gedanke
+anfänglich erschreckt hat, dich künftighin häufig sehen zu müssen, war
+nur natürlich. Aber ich bin schon beruhigt. Mein Schreck war Torheit.
+Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir sind uns ja auch klar darüber
+geworden, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben, was nicht die ganze
+Welt hören könnte. Seit anderthalb Jahren sind wir uns darüber klar. Und
+es ist heute nicht anders als damals.«
+
+Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. Die Ruhe, mit der sie
+sprach, brachte sein Blut in Wallung.
+
+»Ich danke dir. Du findest immer den rechten Ton. Ist es dir denn _so_
+leicht geworden, dich von mir zu trennen? Soll ich dir erzählen, was
+_ich_ gelitten habe? Soll es _ganz_ aus sein zwischen uns? Hedda, hast
+du gar nichts mehr für mich übrig?!«
+
+Sie fühlte, daß sie eine krankhafte Empfindung von Schwäche beschlich.
+
+»Laß mich, Klaus,« bat sie; »quäle mich nicht ...«
+
+Er richtete sich straff auf.
+
+»Also gut,« sagte er. »Legen wir wieder die Maske vor. Es geht weiter
+bergauf. Es geht im Galopp bergauf, Hedda. Du hast gesehen, wie man mir
+mit gütigen Händen die Bahn ebnet. Der dicke Usen und Schellheim sind
+mir als rettende Englein zur Seite gestellt worden – das Weltkind in
+der Mitte. Ich werde noch ein reicher Mann werden und ein sehr solider
+Philister. Der Kommerzienrat hat auch schon eine Frau für mich #in
+petto# – irgend ein Judenmädel mit märchenhafter Mitgift. Es geht in
+der Karriere bergauf, Hedda ...«
+
+Sie starrte ihn an, als begreife sie nicht, was er sprach. Ein Ausdruck
+zynischen Hohns lag auf seinem Gesicht. Es war wie eine Erlösung für
+sie, daß in diesem Augenblick Gerlinde Ponteck in das Zimmer trat, um
+sie in einer wichtigen Angelegenheit zu Rate zu ziehen: Auguste, Berta
+und Constance Tornow wollten auf den Landschaftsball in Weiß, Blau und
+Rosa gehen, doch war Gerlinde der Meinung, daß die drei Schwestern
+gleichmäßig Weiß tragen sollten – ob Hedda das nicht auch hübscher
+finde?
+
+»Natürlich,« sagte Zernin, »alle drei weiß, wie die Tauben, oder nein,
+wie ein Schwanentrio. Denn Weiß ist die Farbe der Unschuld und schon aus
+diesem Grunde jungen Mädchen bestens zu empfehlen. Aber Halsbänder aus
+schwarzem Samt dazu, wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf. Das
+gibt eine angenehme Abwechslung und erzielt einen pikanten Kontrast,
+dieweil die weiße Unschuld doch manchmal langweilig wirkt ...«
+
+Fräulein von Ponteck lächelte krampfhaft, weil sie nicht wußte, wie sie
+sich diesem schrecklichen Menschen gegenüber benehmen sollte, und war
+froh, daß Hedda sie in das Nebenzimmer zog, um dort das A, B, C über die
+strittige Frage zu belehren.
+
+Gunther hatte im Verlaufe des Abends wenig Gelegenheit gefunden, sich
+Hedda zu nähern. Er litt an beständigem Herzklopfen. Er hatte seinen
+Vater gebeten, den alten Freiherrn mit größter Delikatesse auszuhorchen,
+aber es schien, als sei es unmöglich, Hellsterns auf ein paar Minuten
+allein habhaft zu werden. In seiner fieberhaften Nervosität irrte
+Gunther von Zimmer zu Zimmer, langweilte sich bei den älteren Damen,
+scherzte mit den Backfischen, plauderte mit Zernin und setzte sich dann
+ein Viertelstündchen neben Frau Rittmeister Woydczinska, deren dunkle
+Schönheit auch auf ihn eine gewisse Anziehungskraft ausübte.
+
+Mitten in der Unterhaltung aber versagte ihm das Wort. Er sah seinen
+Vater an der Seite Hellsterns durch die Zimmer schreiten. Der
+Kommerzienrat schien dem Alten die Räume zeigen zu wollen; er
+gestikulierte lebhaft, wies hierhin und dorthin, blieb zuweilen vor
+einem Bilde oder einer Statuette stehen und verschwand schließlich mit
+Hellstern im Speisesaal.
+
+Jetzt wußte Gunther Bescheid. Jenseits des Speisezimmers lag das
+Arbeitskabinett seines Vaters. Dort waren die beiden ungestört – und
+stärker hämmerte das verliebte Herz.
+
+Es war so. Der Baron hatte keine Lust mehr, weiterzuspielen. Der
+Kreisphysikus hatte gewöhnlich die Cinq Honneurs und er lauter Ladons in
+der Hand; der Pastor aber spielte wie im Traume – so etwas
+Schlafmütziges war noch gar nicht dagewesen. Da dankte man lieber.
+
+Und diesen Moment hatte der Kommerzienrat abgepaßt. Hellstern sagte ihm
+ein liebenswürdiges Wort über die geschmackvolle Einrichtung des
+Schlosses, worauf Schellheim sich erbot, den Baron ein wenig
+herumzuführen. Im Arbeitszimmer hatte er ihn sicher.
+
+Es war dies ein Turmgemach, ein runder Raum mit einem einzigen hohen
+Glasfenster in einer auf einen kleinen Balkon führenden Tür. Ein Hauch
+von Behaglichkeit wehte durch das Zimmer. Hellsterns Blick fiel zunächst
+auf einen großen eisernen Geldschrank und dann auf zwei Stahlstiche an
+der Wand: der Überfall reisender Kaufleute durch die Quitzows und die
+Verbrennung der Schuldscheine Kaiser Karls V. durch Fugger.
+
+Schellheim sah, daß der Freiherr die beiden Bilder mit einem gewissen
+Interesse betrachtete, und er lächelte.
+
+»Es sind zwei Mahnungen, Herr Baron,« sagte er. »Ein Appell an die
+Vorsicht und einer an die Generosität – #»cave«# und #»noblesse
+oblige«#. Knöpfe die Taschen zu, sagt mir das eine Bild, und knöpfe sie
+auf, das andre. Jedes zu seiner Zeit. Ich liebe derartige kleine
+Denkzettel.«
+
+»Allerdings,« entgegnete der Freiherr, »sind sie zweckmäßiger als ein
+Knoten im Taschentuch. Aber bedürfen Sie denn eines solchen Mementos?
+Ein Charakter wie Sie?«
+
+»O, lieber Baron, Sie schmeicheln mir! Wäre ich in der Tat ein ganzer
+Charakter, dann wäre ich auch ein besserer Kaufmann. Man hält mich
+allerdings für einen hervorragenden Industriellen, aber in Wahrheit bin
+ich es nicht. Wenigstens nicht ganz. Auf der einen Seite steckt noch zu
+viel vom Krämer in mir, auf der andern zu viel kaufmännischer
+Aristokratismus. Und das verträgt sich schlecht. Irgend ein bekannter
+Volkswirtschafter – war es nicht Friedrich List? – hat einmal gesagt,
+die Kraft, Reichtümer zu erwerben, sei mehr wert, als der Reichtum
+selbst. Das ist ein großes Wort, denn wirklich: klingendes Kapital kann
+zerrinnen, aber die Gabe des Erwerbens stiehlt uns niemand. Ich will
+nicht sagen, daß ich sie nicht auch besitze, denn sonst hätte ich es –
+immerhin – nicht so weit gebracht. Doch hundertmal stelle ich mein
+Licht unter den Scheffel – ach ja, es ist so. Wozu erwerbe ich
+Landgüter und lege meinen Besitz fest und zersplittere damit mein
+bürgerliches Erbe: die Kraft des Schaffens, die Möglichkeit des
+Gewinnens? Aus aristokratischer Neigung, die sich mit dem Geiste des
+kaufmännischen Bürgertums im Grunde genommen herzlich wenig verträgt.
+Und diese Neigung treibt mich noch weiter. Döbbernitz soll verkauft
+werden; ich hätte nicht übel Lust, es an mich zu bringen und meinem
+Zweiten fideikommissarisch zu sichern ...«
+
+Er schob den schweren Arbeitssessel, der vor dem Schreibtische stand,
+neben Hellstern.
+
+»Nehmen Sie einen Augenblick Platz, bester Baron,« sagte er, »Sie werden
+ermüdet sein.«
+
+Hellstern ließ sich nieder und lehnte seine Krücken gegen den Stuhl.
+
+»Ja,« entgegnete er kopfnickend, »ich bin ein bißchen müde. Die
+verdammte Ischias dörrt einem das Mark aus den Knochen. Also Sie
+spekulieren auf Döbbernitz? Ich dacht’ mir’s beinahe, als ich Zernin bei
+Ihnen sah. Es mußte einen Zweck haben –«
+
+»Ah ja« – und Schellheim lachte kurz auf –, »so viel Kaufmann bin ich
+denn doch! Aber andrerseits reizt es mich auch, Herrn von Zernin wieder
+auf die Beine zu helfen. Es steckt ja doch eine ganze Portion
+Tüchtigkeit in ihm. Und es berührt immer tragisch, einen großen und
+berühmten Namen verschmutzen und versumpfen zu sehen –«
+
+»Seine eigne Schuld,« bemerkte Hellstern knurrig.
+
+»Seine eigne Schuld – freilich, freilich! Aber darum nicht minder
+tragisch. Sein Vater hat am Ruhme Preußens und Deutschlands erheblich
+mitarbeiten helfen, und der Sohn steht vor dem Untergange. Durch eigne
+Schuld, ganz gewiß – Sie haben schon recht, Herr Baron. Aber ich
+erinnere Sie an die Worte Exzellenz Usens: seien wir nicht allzu
+pharisäisch! Aus Herrn von Zernin kann noch einmal etwas ganz
+Brauchbares werden, wenn er mit den alten Schulden aufgeräumt hat und
+man ihm ein klein wenig Beistand leistet.«
+
+»Wird er Ihnen nicht zu viel für Döbbernitz fordern – fordern _müssen_,
+um seine Gläubiger befriedigen zu können?«
+
+»Ah nein – ich kaufe nicht direkt, ich warte die Subhastation ab. Sie
+steht vor der Tür. Mit den ausfallenden Gläubigern werde ich Herrn von
+Zernin zu arrangieren versuchen. Es wird sich schon machen lassen.«
+
+»Wenn der gute Wille da ist und eine geschickte Hand – warum nicht.
+Übrigens, leicht wird es Ihnen nicht werden, auf Döbbernitz Ordnung zu
+schaffen. Der Junge hat alles verlottert. Seit Jahresfrist ist nichts
+mehr bestellt worden, wie mir Tornow erzählt. Auf den Wiesen wächst
+Schilf, und die Felder sehen wie eine Prärie aus.«
+
+»Aber der Boden ist gut, und das Ausruhen wird ihm nicht viel geschadet
+haben.«
+
+»Ist richtig. Und schließlich – mit Geld ist alles zu machen.«
+
+Jetzt zog der Kommerzienrat die Brauen sehr hoch.
+
+»In gewissem Sinne, ja,« antwortete er. »Aber das Kapital, das ich in
+Döbbernitz hineinstecken muß, arbeitet nicht – wenigstens vorläufig
+nicht –, und wenn es zu arbeiten beginnt, wird es auch nur eine geringe
+Verzinsung abwerfen. Ich sagte Ihnen ja: ein vollendeter Kaufmann bin
+ich noch lange nicht. Trotz alledem – ich möchte dem Gunther ein
+behagliches Nest schaffen –«
+
+»Sehr verständlich,« warf der Freiherr ein; »er wird ja auch einmal an
+das Heiraten denken.«
+
+Schellheim fing diese Bemerkung auf. Gott sei Dank, nun war die
+Anknüpfung gefunden! Er hatte schon Sorge gehabt, den rechten Faden
+nicht erwischen zu können. Ein wenig in Unruhe war er doch. Er zog sich
+gleichfalls einen Stuhl heran und setzte sich Hellstern gegenüber. Seine
+Hände zitterten leicht.
+
+»Ja natürlich,« entgegnete er, »an das Heiraten – nötig wär’s ja noch
+nicht – er könnte immer noch ein paar Jahre warten. Aber – na, er hat
+mich neulich ins Vertrauen gezogen, und da wir gerade unter uns sind,
+lieber Baron, möcht’ ich mir auch ein paar vertrauliche Worte gestatten.
+Der – der Junge ist nämlich in – ist nämlich bis über beide Ohren
+verliebt, lieber Baron – und in wen? Wissen Sie, in wen?«
+
+»Ahnungslos,« sagte Hellstern, und dann schoß ihm ein Gedanke durch den
+Kopf. »Sapperlot – etwa in die Woydczinska? Das ist ein deubelsmäßiges
+Frauenzimmer mit ihren Kohlenaugen!«
+
+»I Gott bewahre! Das sollte mir fehlen! Nein – in – in – in – na, es
+muß einmal heraus – in Baronesse Hedda!«
+
+Hellstern war wie erstarrt.
+
+»In Hedda?« fragte er, maßlos erstaunt. »In _meine_ Hedda?«
+
+Der Kommerzienrat nickte.
+
+»Ich verhehle Ihnen nicht, lieber Baron, daß ich eine ernsthafte
+Aussprache mit ihm gehabt habe. Eine sehr ernsthafte. Ich habe ihm die
+Sache ausreden wollen. Trotz neunzehntem Jahrhundert und allen
+gegenteiligen Versicherungen sind wir noch nicht über die Klippen und
+Untiefen gewisser gesellschaftlicher Vorurteile hinweggekommen. Der
+uralte Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum scheidet auch uns zwei. Sie
+haben den Ruhm des historischen Namens, ich nichts als das stolze
+Bewußtsein, ein Emporkömmling zu sein. Nun ja, auch darauf bin ich
+stolz, denn was ich erreicht habe, erreichte ich durch mich selbst.
+Plebejerstolz meinethalben, doch auch ihn soll man respektieren. Und das
+war’s, was mir Sorge machte, war der Grund, der mich dazu trieb, Gunther
+die Sache aus dem Kopfe zu reden: ich fürchtete, in meinem Stolze
+verletzt zu werden ...«
+
+Der Freiherr hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er war sehr ernst
+geworden. Er hatte in diesem Augenblick nur das eine Empfinden: sich so
+zu beherrschen, daß er den Kommerzienrat nicht kränkte, nicht
+beleidigte. Denn in der Tat – das wollte er nicht; es war doch etwas
+Respekteinflößendes in dem Wesen dieses Mannes, so meilenfern dessen
+Anschauungswelt auch der seinen lag.
+
+Er ließ die Hand sinken.
+
+»Zunächst die Hauptsache,« fragte er; »haben die beiden sich schon
+verständigt?«
+
+Schellheim schöpfte tief Atem. Es flog sonnig über sein Gesicht. Eine
+strikte Absage hatte er nicht erwartet, aber ein langes Poltern. Und nun
+war Hellstern so ruhig, wie man ihn selten sah.
+
+»Nein,« antwortete der Kommerzienrat, »sie haben sich noch nicht
+ausgesprochen. Aber – Sie wissen, wie die Liebe forscht. Aus hundert
+kleinen Zügen hat Gunther die Berechtigung zur Werbung herleiten zu
+dürfen geglaubt.«
+
+Hellstern schüttelte den Kopf.
+
+»Hedda hat mir keinerlei Andeutungen gemacht, nicht die kleinste. Sie
+hat Gunther – hat Ihren Herrn Sohn –«
+
+»Sagen Sie ruhig Gunther, lieber Baron –«
+
+»Hat Ihren Herrn Sohn ja doch auch erst zwei- oder dreimal gesehen!
+Freilich, das will nichts bedeuten. Ich lernte meine gute Selige des
+Abends kennen, und am nächsten Abend waren wir Brautleute. Aber es
+frappiert mich doch, daß Hedda – nun, und _Sie_, Kommerzienrat?
+Abgesehen von Ihren prinzipiellen Bedenken: würde Ihnen die Heirat
+passen?«
+
+Jetzt glaubte Schellheim seiner Sache sicher zu sein. Aber als kluger
+Mann triumphierte er nicht.
+
+»Gott, Herr Baron,« erwiderte er, »ich bin kein Komödienvater. Ich habe
+das Für und Wider reiflich erwogen und mit meinem persönlichen Empfinden
+nicht hinter dem Berge gehalten. Und ich würde die Sache noch erheblich
+ernster aufgefaßt haben, wäre Baronesse Hedda eine andre. Aber _so_! Ich
+muß Ihnen sagen, lieber Baron, daß ich vor Baronesse Hedda die
+allergrößte Hochachtung habe –«
+
+»Der Teufel soll dich holen, wenn du es nicht hättest,« dachte
+Hellstern.
+
+»– und daß ich sie wahrhaft schätzen gelernt habe. Gerade die
+Anspruchslosigkeit ihres Wesens – das ist’s, was mir so gut an ihr
+gefällt. Und ich meine, die hat sie von Ihnen gelernt, Baron, Sie sind
+auch so.«
+
+»Wir sind alle so,« erwiderte Hellstern. »Der märkische Adel hat sich
+immer nach der Decke strecken müssen. Er hat immer um Leben und Existenz
+gekämpft, und brach einmal einer zusammen, so geschah’s in Ehren, wie
+draußen auf dem Schlachtfelde. Mit Ausnahmen natürlich – die gibt’s
+überall. Und wenn die liberalen Zeitungen der Welt erzählen, daß unser
+Adel sein Geld verjuxt habe, so schwindeln sie einfach –«
+
+Er hielt einen Augenblick inne. Sein Großvater fiel ihm ein, ein wilder
+Mann, von dessen unsinniger Verschwendungssucht ihm die Mutter oft genug
+erzählt hatte. Ein Schatten flog über seine Stirn, und er winkte mit der
+Hand.
+
+»Und Ihre Gattin, Herr Kommerzienrat?« fragte er. »Wie denkt _sie_ über
+die Heirat?«
+
+Schellheim lächelte. »Sie war von vornherein der Meinung, daß man dem
+Glücke unsres Sohnes keine Schwierigkeiten bereiten dürfe.« Er seufzte.
+»Das ist es ja – im Grunde genommen ist ihr Standpunkt der einzig
+richtige. Ich möchte Gunther auch glücklich sehen. Er ist eine stille,
+bescheidene Natur, ein Ideologe, ein echter Gelehrter. Nun gut – ich
+habe nichts dawider, da er sich seinen Beruf doch einmal selbst gewählt
+hat und seine irdische Seligkeit von allerhand alten Scharteken
+abzuhängen scheint. Aber ich will ihm wenigstens den Weg ebnen helfen.
+Er kann seine Dozentenstellung aufgeben; als Privatgelehrter kann er
+sich seinen Studien noch besser widmen. Ich möchte wissen, wem es so
+bequem gemacht wird. Dann mag er ein paar Wintermonate in Berlin oder
+sonstwo verleben, meinetwegen auch auf Reisen, und im Sommer hat er
+Döbbernitz. Das ist auch für Sie von Wert, lieber Baron. Sie haben Ihre
+Tochter immer in der Nähe, können täglich ein Stündchen mit ihr zusammen
+sein, wenn Sie Lust haben –«
+
+»Und wenn aus der Heirat etwas wird,« fiel Hellstern ein. Er erhob sich
+schwerfällig. »Nun hören Sie auch einmal _meine_ Ansicht, lieber
+Kommerzienrat. Ich will ehrlich sein: ich bin _nicht_ für die Heirat.
+Auch ich habe meine prinzipiellen Bedenken – genau so wie Sie. Kein
+Mensch kann aus seiner Haut. Hätt’ ich einen Jungen und Sie hätten ein
+Mädel – ich würde mit Freuden ja und Amen sagen, wenn die beiden sich
+liebten und haben wollten, denn dann würde Ihre Tochter und die
+Nachkommenschaft unsrer Kinder meinen Namen tragen. Nichts für ungut,
+Herr Schellheim. Auch _Ihr_ Name ist gut, nicht schön, aber ehrlich und
+fleckenlos. Achtung vor ihm! Doch ich stecke wirklich noch etwas in
+Vorurteilen; ich würde es lieber sehen, wenn Hedda einen Edelmann
+heiratet. Keinen vom Schlage Zernins natürlich – Sie verstehen mich
+schon! Nennen Sie mich töricht, verbohrt, bettelstolz – ich lass’ mir’s
+gefallen. Ich kann nicht anders – ich muß Ihnen die Wahrheit sagen ...«
+
+Schellheim war etwas blaß geworden, und Hellstern sah das. Er legte
+seine Hand auf die Schulter des Kommerzienrats.
+
+»Denken Sie mal nach, lieber Freund,« fuhr er fort; »wir haben uns nie
+verstanden – ich meine nicht wir zwei, sondern Adel und Bürgertum im
+allgemeinen. Die Feindschaft hat nie geruht, zur Zeit des Städtewesens
+so wenig wie heute. Sie lesen doch auch die Zeitungen. Die ganze
+liberale Presse paukt auf dem Junker herum –«
+
+»Doch nicht auf dem Adel, Herr Baron. Sie unterscheidet zwischen dem
+Junkertum, das nur Prärogative und keine Pflichten kennt, und dem wahren
+Adel, der mit der Vornehmheit des Namens auch die der Gesinnung
+verbindet.«
+
+»Ich will mit Ihnen nicht über die Verlogenheit unsrer Presse streiten,
+Herr Kommerzienrat. Die Adelshetze wird systematisch betrieben – das
+ist Tatsache. Offizierkorps, Diplomatie, Landräte, die adeligen Beamten
+– alles Schufte, Schufte in den Augen des Liberalismus! Nur die paar,
+die zur gleichen politischen Fahne schwören, der Stauffenberg und
+Saucken-Tarputschen und Forckenbeck und wie sie sonst noch heißen mögen,
+– das sind leuchtende Ehrenmänner! Nee, lieber Freund, an dem Faktum,
+daß die Kluft zwischen Bürger und Edelmann immer mehr vertieft wird, ist
+nicht zu rütteln. Und auch ein paar Heiraten herüber und hinüber
+überbrücken sie nicht. Na – und nun wieder zur Sache! Meinen Standpunkt
+kennen Sie. Aber auch in andrer Beziehung geht’s mir wie Ihnen. Ich will
+gleichfalls das Glück meiner Tochter. Ich werde mit ihr sprechen, werde
+sie einfach fragen, ohne zu- oder abzureden, werde ihr sagen: ›Hör mal,
+der Gunther Schellheim ist in dich verschossen, hast du auch etwas für
+ihn übrig, und wie denkst du über eine Ehe mit ihm?‹ Und nach ihrem Ja
+oder Nein werde ich handeln. Ich meine, das ist das Vernünftigste.
+Einverstanden, Schellheim?«
+
+Er hielt ihm die Rechte hin, und der Kommerzienrat schlug ein. »Wie
+sollte ich nicht!« antwortete er. Und sie schüttelten sich die Hände.
+
+»Nun aber zurück zur Gesellschaft,« sagte Hellstern. »Man glaubt sonst,
+ich wollte Aktionär Ihrer Quelle werden ...« Er schob seinen Arm unter
+den des Rats. »Also ich denke, ich werde Ihnen schon morgen Antwort
+erteilen können.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Als die Herren in die Salons zurückkehrten, rüsteten die Pontecks, Biese
+mit seiner Frau und die oberförsterliche Familie bereits zum Aufbruch.
+Gunther suchte nach seinem Vater, der sich von Hellstern getrennt hatte
+und den allgemeinen Aufbruch verhindern wollte.
+
+»Wo steckst du denn, Papa?« fragte Gunther.
+
+Schellheim klopfte ihm auf die blasse Wange.
+
+»Ich habe für _dich_ gewirkt, mein Junge,« entgegnete er schmunzelnd.
+»Der Alte ist entgegenkommender als ich dachte, aber der Tick sitzt ihm
+doch im Kopfe. Es hängt alles von Hedda ab. Sagt sie ja, so könnt ihr
+schon morgen verlobt sein. Und ich fühl’ es: sie _wird_ ja sagen ...
+Später mehr davon. Warum bricht denn schon alles auf? Es ist ja kaum
+zehn. Haben die Diener Bier präsentiert? Die Mama bekümmert sich nie um
+dergleichen – wenn _ich_ nicht überall hinterher bin –«
+
+»Es ist alles besorgt, Papa. Aber ich glaube, es ist im Rauchzimmer zu
+einer kleinen Streitigkeit gekommen –«
+
+»Streitigkeit? Zwischen wem?«
+
+»Zwischen Hauptmann Biese und Herrn von Zernin. Ich weiß nicht, um was
+es sich handelt. Ich hörte nur, daß der alte Usen zum Kammerherrn von
+Ponteck sagte: ›Diesmal hat Zernin recht gehabt‹ – und der Kammerherr
+antwortete: ›Es schadet gar nichts, wenn er dem dicken Schwadroneur
+einen kleinen Denkzettel gibt.‹«
+
+Schellheim war außer sich.
+
+»Also gar ein Duell! Donnerwetter, und das in meinem Hause –
+Donnerwetter – –«
+
+Er stürmte fort. Sein Protektor, Exzellenz Usen, sollte ihm Rede stehen.
+Er erwischte ihn, als der alte Herr sich gerade einen Kognak von einem
+Diener reichen ließ.
+
+»Was soll denn los sein, Bester!« antwortete er, den Kopf in den
+gedrungenen Nacken werfend den Kognak hinuntergießend, »gar nichts ist
+los! Biese und Zernin haben sich ein bißchen gekabbelt, und Zernin hat
+sich dabei ganz anständig benommen. Vielleicht schießen sie morgen ein
+paar Kugeln in die Luft – vielleicht auch nicht. Das hat nichts auf
+sich. Tun Sie nur so, als hätten Sie gar keine Ahnung von dem
+Zwischenfall!«
+
+Das war maßgebend für Schellheim. Exzellenz Usen war wie das Evangelium
+für ihn.
+
+Er mischte sich wieder unter die Gäste. Der Aufbruch der einen Partie
+versetzte die ganze Gesellschaft in Unruhe. Man rief nach den Dienern.
+»Der Schönwaider soll anspannen!« – »Der Klein-Güstener auch!« – »Der
+Wagen von Wernochow!« Schellheim versuchte vergeblich, diesen und jenen
+noch ein halbes Stündchen zurückzuhalten. Alles empfahl sich mit größter
+Herzlichkeit. Es sei reizend gewesen, ganz reizend – auf baldiges
+Wiedersehen! – Auch Hauptmann Biese merkte man nichts von dem Streit im
+Rauchzimmer an, hinter dessen Geheimnis Schellheim noch immer nicht
+gekommen war. Er drückte dem Kommerzienrat warm die Hand und nannte ihn
+»lieber Nachbar«. Im allgemeinen Aufbruch empfahl sich auch Klaus,
+höflich, liebenswürdig, etwas zurückhaltend. Vor Hedda verbeugte er sich
+nur. Dicht hinter ihm sauste der phantastische Schwanenschlitten der
+Woydczinska den Abhang hinab.
+
+Vor dem Portale hielt die lange Reihe der Wagen und Schlitten. Ihre
+Lichter glänzten durch die Schneenacht. In der kleinen Entree drängten
+sich die Gäste, bereits in Plaids gehüllt, in Pelze, Decken und Mäntel.
+Die Hakennase des Majors von Nehringen lugte wie ein Fanal aus dem
+hochgeschlagenen Kragen. Das kleine C des Oberförsters mußte sich noch
+den dicken Shawl des Papas um Hals und Mund wickeln lassen. »Aber,
+Mama,« ächzte der Backfisch, »ich kriege ja gar keine Luft!« – »Kriege
+keine,« erwiderte die energische Mutter; »wenn du morgen hustest, mußt
+du im Bett bleiben und schwitzen«.... Exzellenz Usen sah in seinem
+verschossenen Militärmantel und der flauschigen Jagdmütze wie ein
+Riesenpilz aus vorsündflutlichen Zeiten aus. Doktor Stramin hatte rasch
+noch den Landrat in eine Ecke gezogen und erzählte ihm von zwei
+Sozialdemokraten, die sich in Zielenberg eingenistet hätten. »Ein
+Schuster und ein Klempner, Herr von Wessels, und das wühlt von unten
+auf, das frißt sich in die Höhe, das vergiftet alles, wenn man nicht
+rechtzeitig einen Riegel vorschiebt ...« Er schwatzte immer noch weiter,
+während draußen sein Wagen wartete.
+
+In der Halle verabschiedete sich Eycken von den Gastgebern.
+
+»Nein, ich habe keinen Wagen,« sagte der Pastor auf eine Frage
+Schellheims und reckte seine hohe Patriarchengestalt, »ich geh’ die paar
+Schritte gern zu Fuß. Ich liebe die Winterlüftung. Wegen der
+Kinderheilanstalt sprechen wir noch, Herr Kommerzienrat. Wir sprechen
+noch über manches. Es ist vielerlei hin und her zu überlegen. Auch das
+mit dem Zernin.«
+
+»Seien wir doch froh, wenn er noch einmal ein tüchtiger Mensch wird,
+lieber Herr Pastor!« entgegnete Schellheim.
+
+»Froh?! Du lieber Gott, _wie_ würde ich dem Himmel danken! Aber – –
+#nous verrons#, lieber Herr Rat, ich tu’ vielleicht unrecht, daran zu
+zweifeln. Meine Empfehlungen, gnädige Frau!«
+
+Er küßte ihr die Hand. Dann schritt er grüßend durch die Reihen der
+Gäste und trat ins Freie. Der Schnee knirschte nicht; es war lauer
+geworden. Zarte Flocken stäubten durch die Luft. Am Himmel glänzte die
+Sternenwelt; nur im Osten baute sich eine weiße Wolkenmauer auf, aus der
+phantastische Arabesken emporragten, wie geflügelte Untiere und
+greifende Riesenhände. Der Pastor schritt, in seinen leichten Havelock
+gewickelt, den Parkweg hinab. Auf seinem großen Rundhut bildeten die
+Schneeatome einen feinen, glänzenden Kranz. Wie der Greis so aufrecht
+einherging, kräftig ausschreitend und den schönen Kopf stolz erhoben,
+konnte man ihn für einen Mann in den besten Jahren halten, für einen
+Vierziger. Nur der lange Bart von der Farbe des Schnees, den der Wind
+auseinanderwehte, vereitelte die Täuschung.
+
+An Eycken vorüber rollten die Wagen und klingelten die Schlitten. Er war
+schon außerhalb des Parks, als er hastig zur Seite springen mußte. Der
+Schwan der Woydczinska fuhr dicht neben einem zweiten Schlitten, und
+beide Gespanne füllten die Breite des Fahrwegs aus.
+
+Der Pastor hörte ganz deutlich die Stimme der Woydczinska:
+
+»Also bestimmt übermorgen, nicht wahr? Nicht zu spät – so zwischen
+sechs und sieben ...«
+
+Und eine Männerstimme aus dem zweiten Schlitten antwortete:
+
+»Wenn ich es einrichten kann – aber ich hoffe ...«
+
+Das war das klingende Organ Zernins. Der Pastor strich glättend über
+seinen zerflatternden Bart. Ein neues Mißtrauen regte sich in seiner
+Brust, doch ärgerte er sich darüber. Wahrlich, es war nicht christlich
+und nicht menschlich, immer das Schlechteste zu denken! –
+
+Oben vor dem Schloßportal schrie Exzellenz Usen nach seinem Kutscher.
+Der Mann hatte zu viel getrunken; eine Wolke von Schnapsdunst umwogte
+ihn. Usen schimpfte fürchterlich.
+
+»Köpfen müßte man dich lassen, Hundesohn, vierteilen, rädern!« ... Und
+dann schob er dem schweigenden Kutscher seine eigne brennende Zigarre in
+den Mund, kletterte neben ihn und nahm selbst die Zügel in die Hand.
+
+»Halt dich fest, Saufsack!« schrie er. »Wenn du in den Graben fällst,
+laß ich dich liegen!«
+
+Seine Peitsche knallte; die Gäule bäumten sich auf und rasten davon.
+
+»Gott sei dem Kutscher gnädig,« meinte Hellstern, vor die Tür tretend.
+»Wenn der Pascha selber fährt, geht’s wie der Deibel. Adjö, lieber Herr
+Schellheim!«
+
+Auch Hedda reichte Gunther, der vor dem Portal die letzten Honneurs
+machte, die Hand. »Wenn Sie noch einige Tage bleiben,« sagte sie
+freundlich, »so holen Sie mich doch wieder einmal zum Schlittschuhlaufen
+ab. Apropos, was macht der Schnupfen?«
+
+»Danke, gnädiges Fräulein,« erwiderte Gunther heiter und drückte
+beseligt die ihm dargereichte Hand, »ich niese mich vorläufig noch
+weiter durch die Welt.«
+
+Und er blieb draußen stehen, bis die schwerfällige alte Kalesche
+davongerasselt war.
+
+Im Schlosse erloschen die Lichter. Die Diener huschten aufräumend hin
+und her. Aus dem Speisesaal tönten das Klappern der Teller, die wieder
+in das Büffet gepackt wurden, und das helle Klirren des Silbers.
+
+»Es war sehr gelungen,« sagte der Kommerzienrat, der nach jeder
+Festlichkeit in seinem Hause Kritik zu üben pflegte. »Im allgemeinen
+wenigstens. Die Sauce zu den Artischocken hätte etwas sämiger sein
+können. Wenn man schon Sauce zu den Artischocken gibt, muß sie auch
+tadellos sein. Aber die meisten merkten es gar nicht; man ist hier doch
+noch etwas zurück. Und dann kam das Bier zu spät. Was zwischen Herrn von
+Zernin und dem dicken Biese vorgefallen ist, weiß ich nicht. Ich will es
+auch nicht wissen, und ihr« – er meinte damit seine Frau und Gunther –
+»wißt es ebenfalls nicht, wenn ihr’s auch wirklich wüßtet. Denn über so
+etwas sieht man hinweg. Gunther, ich hoffe, der morgige Tag wird ein
+Freudentag für uns werden. Hellstern ist ein Ehrenmann; unter den
+Schlacken der Vorurteile sitzt doch ein wahrhaft adliges Herz. Und Hedda
+erst! Gunther, ich gestehe dir offen, ich bin besiegt.«
+
+Er umarmte seinen Sohn und küßte auch die Rätin, der über so viel
+ungewohnte Liebe die Augen zu tränen begannen, auf die Stirn. Die Diener
+schlichen auf den Zehenspitzen an der Gruppe vorüber und wunderten sich.
+
+ * * * * *
+
+Derweilen entschied sich das Schicksal des armen Gunther.
+
+Hellstern hatte die Absicht gehabt, erst am nächsten Morgen beim
+Frühstück mit Hedda Rücksprache zu nehmen. Das war nämlich jene Stunde
+des Tages, in der alle beide am zugänglichsten waren. Sie saßen sich
+dann gegenüber am Teetisch, der vor den einzigen Kamin des Hauses – im
+sogenannten Saal – geschoben war, und es war auch die einzige Zeit am
+Tage, da in diesem Kamin ein lustiges Feuer loderte. Er brauchte viel
+Holz und man mußte sparen. Am selben Platze hatte man auch schon zur
+Zeit, da die Baronin noch am Leben war, das Frühstück eingenommen, und
+es war immer, als sei der Geist der Verstorbenen um diese Stunde den
+beiden besonders nahe.
+
+Aber der Entschluß Hellsterns änderte sich, als er neben Hedda im Wagen
+saß und den Auberg hinabfuhr. ›Es ist besser, du machst die Geschichte
+kurzerhand ab,‹ sagte er sich. In Wahrheit brannte es ihm auf der Seele,
+zu erfahren, wie Hedda über die Werbung dachte. Er bildete sich ein,
+sein Töchterchen auf das genaueste zu kennen; wenn man verliebt ist,
+benimmt man sich nicht so wie alle Tage. Er räusperte sich in seiner
+lauten und derben Weise.
+
+»Ja, Vater!« fragte Hedda und zuckte in ihrem Winkel wie erschreckt
+zusammen. »Sagtest du etwas?«
+
+»Herrjeses, Hedda, ich glaube wirklich, du fängst mir an, nervös zu
+werden! Wenn ich mal ›hm‹ mache, erschrickst du, als ob es eingeschlagen
+hätte. Nein, ich sagte nichts, aber ich _wollte_ etwas sagen. Nämlich –
+denke dir, da hat der Kommerzienrat mit mir gesprochen –«
+
+»Wegen der Quelle?«
+
+»Nein – deinethalben.«
+
+Jetzt richtete Hedda sich verwundert auf. Sie schob die weiße gestrickte
+Kapuze, die sie bei winterlichen Fahrten über Land zu tragen pflegte,
+etwas weiter aus der Stirn und schaute den Alten mit ernsten Augen an.
+
+»Meinetwegen?« fragte sie. »Was heißt das, Papa?«
+
+Hellstern haschte nach der rechten Hand Heddas.
+
+»Kuschle dich mal ein bißchen enger an mich heran, Kind,« entgegnete er.
+»So – und nun lege den Dickkopf an meine Schulter – so – und gib mir
+auch noch das andre Pfötchen.... Sage mal, warum klopft denn dein Herz
+so stark?«
+
+»O, es klopft nicht stärker wie sonst!«
+
+»Doch – ich spüre es. August soll dir meine Baldriantropfen bringen.«
+
+»Schön. Also, was wollte der Kommerzienrat?«
+
+Hellstern drückte die Hände Heddas fest.
+
+»Er wollte dich für seinen Jungen, den Gunther, haben.«
+
+Es fuhr wie ein elektrischer Strom durch die Glieder Heddas.
+
+»Das ist eine Unverschämtheit!« rief sie empört. Aber sofort tat ihr
+dieser Ausruf leid. »Das ist naiv,« fuhr sie, sich selbst beschönigend,
+fort. »Wie kommt der Rat auf eine so absonderliche Idee?«
+
+»Gunther hat ihm sein Herz ausgeschüttet. Er meint, er liebe dich. Und
+es muß doch wohl die Hoffnung in ihm leben, du würdest seine Liebe nicht
+so ohne weiteres fortweisen.«
+
+»Berechtigung zu dieser Hoffnung habe ich ihm nicht gegeben, Vater.«
+
+»Wenn du es sagst, glaube ich dir’s aufs Wort. Aber man täuscht sich oft
+in so subtilen Empfindungen. Gunther mag in seiner Schwärmerei eine
+Liebenswürdigkeit deinerseits für Entgegenkommen gehalten haben. Ganz
+sicher war er seiner Sache zweifellos nicht; immerhin war es taktvoll
+von ihm, daß er durch seinen Vater sozusagen erst die Fühler ausstrecken
+ließ.«
+
+Hedda schüttelte den Kopf.
+
+»Mir ist es unklar, Papa ...«
+
+»War es mir auch, Herzenskind. Ich kenne dich doch. Ich hätte schon
+gemerkt, wenn dein Herz lebendiger geworden wäre. Und ich gesteh’ dir
+offen, ich wurde ein klein bißchen eifersüchtig, als der Kommerzienrat
+mit mir sprach. Es kam auch ein Gefühl von Kränkung und Zurücksetzung
+dazu. Ich fragte mich: ›Bist du denn nicht der Erste, dem sich dein Kind
+anzuvertrauen hat, wenn es sich um so wichtige Dinge, um Herzens- und
+Lebensfragen handelt?‹«
+
+Hedda antwortete nicht. Sie dachte an jene Zeit, da die Liebe zum
+erstenmal wie Frühlingsbrausen und Wettersturm durch ihr Herz gezogen
+war. Gleich einer Träumenden war sie damals umhergewandelt, war blasser
+geworden und abgemagert – und der Vater hatte nichts gemerkt. Und nach
+einer endlos langen und bangen Nacht war sie in ihrer Seelenqual
+schließlich zu dem alten Pastor hinübergelaufen, statt sich an der Brust
+des Vaters auszuweinen.
+
+Hellstern räusperte sich wieder.
+
+»Ich muß noch einiges sagen, Hedda,« begann er von neuem. »Auch der
+Kommerzienrat hat die heikle Sache mit taktvollen Händen angefaßt – wie
+ein Mann von Welt, ich kann es nicht leugnen. Aber er setzte doch gleich
+mit Zukunftsmusik ein; es herrscht eine ausgesprochene Wagnersche
+Atmosphäre in dem Hause. Er will Döbbernitz kaufen und ein Fideikommiß
+für Gunther daraus machen; da solltet ihr denn im Sommer leben –«
+
+»Auch das noch!« murmelte Hedda.
+
+»Und im Winter ein paar Monate in Berlin oder auf Reisen – ganz, wie es
+euch passen würde. Er sagte das alles eigentlich ohne Protzigkeit; er
+hat mir heute abend viel besser gefallen als sonst.... Sieh einmal,
+Hedda, wir sind arm, und ein andres, viel glänzenderes Leben würde ja
+zweifellos für dich beginnen, wenn du den Gunther heiratetest. Es ist
+auch kein unübler Mensch. Ich würde schließlich selbst nichts gegen das
+Bürgerliche sagen; um der Kinder willen ließe sich der Adel schon
+beschaffen, obwohl derlei frische Backware auch nicht nach meinem
+Geschmack ist. Aber die Hemdenindustrie gefällt mir nicht. Ich bin
+kleinlich in solchen Dingen – ich weiß es –«
+
+Hedda entzog ihre Hände dem Vater und setzte sich wieder aufrecht in
+ihre Ecke.
+
+»Das ist in der Tat kleinlich, Papa,« erwiderte sie. »Wir haben schon
+einmal über den Punkt gesprochen. Ob Hemden oder Geschütze, was ist da
+der Unterschied? Die Welt braucht beides, und Hemden vielleicht noch
+nötiger als Kanonen. Wenn irgend ein junger Krupp um mich anhielte,
+würdest du keine Bedenken haben. Aber wir wollen nicht von neuem
+streiten. Es handelt sich weder um Kanonen noch um Hemden, sondern um
+mein Herz.«
+
+»Richtig, Hedda! Das ist der Punkt, um den sich alles dreht.«
+
+»Was hast du Herrn Schellheim geantwortet?«
+
+»Daß ich mit dir sprechen und ihm morgen Antwort geben würde.«
+
+»So schreibe ihm, aber, bitte, in höflichster Form, daß sein Sohn sich
+in eine Täuschung hineingelebt habe, und daß ich es noch nicht – für an
+der Zeit hielte, über mein Herz zu entscheiden.«
+
+Hellstern nickte.
+
+»Gut; das werd’ ich ihm schreiben. In höflichster Form – ich will den
+Leuten ja nicht wehe tun.«
+
+Er blieb noch einen Augenblick still sitzen. In einer raschen, heiß
+aufsteigenden Aufwallung nahm er dann Heddas Kopf zwischen die Hände. Er
+küßte sie stürmisch.
+
+»Mein Liebling,« stammelte er; es klang wie verhaltenes Schluchzen. Er
+tastete über ihre Wangen und streichelte sie. Er war so selig, daß er
+sein Kind noch behalten durfte.
+
+Der Wagen hielt. August, mit einer Stalllaterne in der Hand, öffnete den
+Schlag. Auch Dörthe war noch auf. Sie fragte, ob die gnädigen
+Herrschaften vielleicht noch Teewasser wünschten.
+
+»Nein, Dörthe,« erwiderte Hedda; »wir gehen gleich zu Bett. Wir sind
+müde. Gute Nacht, Papa – schlaf wohl!«
+
+Er küßte sie nochmals, und da er fühlte, daß ihre Hände kalt wie Eis
+waren, wandte er sich an Dörthe.
+
+»Hast du dem gnädigen Fräulein eine Wärmflasche in das Bett gelegt?«
+
+»Jawohl, Herr Baron.«
+
+Er war zufrieden. Hedda stieg die Treppe hinauf in ihr Zimmer, stellte
+das Licht auf den Nachttisch und begann sich langsam zu entkleiden. Es
+war merkwürdig – sie fühlte sich wirklich grenzenlos müde und dabei so
+zerschlagen in allen Gliedern, als ob sie einen weiten Marsch hinter
+sich habe. In Korsett und Unterrock setzte sie sich auf den Bettrand und
+faltete die Hände. Ein holdes Lächeln flog über ihr Gesicht. Der
+Gedanke, geliebt zu sein, ist immer süß für das Herz des Weibes. Aber
+das Lächeln erstarb rasch. Sie dachte an den zurück, den sie nicht
+vergessen konnte, und seufzte.
+
+An der Tür klopfte es leise.
+
+»Was gibt’s noch?« rief Hedda.
+
+Die Tür öffnete sich ein wenig; eine Hand, die ein Fläschchen hielt, und
+ein Arm wurden sichtbar. »Der Baldrian, gnädiges Fräulein,« sprach
+Augusts Stimme, »und drei Stückchen Zucker. Zwanzig Tropfen, lassen der
+Herr Baron sagen, und wenn gnäd’ges Fräulein in der Nacht aufwachen
+sollten, dann nochmal zwanzig.«
+
+Hedda nahm dankend die kleine Flasche und ging zu Bett. Sie löschte das
+Licht, betete und zog das Federkissen hoch. Aber was nützte der
+Baldrian! Unerträglich war die Hitze, die die Wärmflasche ausströmte,
+und Hedda schob die Bettdecke wieder weit zurück. Dörthe hatte auch das
+Zimmer geheizt – gegen ihren ausdrücklichen Befehl. Es war nicht
+auszuhalten. Eine krause Gedankenflut durchwirbelte des Mädchens Kopf.
+Sie wollte sich beruhigen und zündete abermals das Licht an. Dabei fiel
+ihr Blick auf das Pastellbild über ihrem Bette; es stellte die
+verstorbene Mutter dar.
+
+Ihre Augen wurden naß. ›O du liebes Mütterchen, wenn du doch noch
+lebtest!‹ dachte sie. ›Dir wollte ich sagen, wie mir’s ums Herz ist! Und
+du würdest auch Rat und Trost finden und würdest mir helfen und mich
+aufrichten in all meinem Gram. Ich weiß ja, wie unrecht ich tue, daß ich
+mich dem Papa gegenüber verschließe. Er liebt mich doch auch, aber er
+ist zu rauh, und er haßt – ihn. Und jedes Schmähwort gegen ihn ist mir
+wie ein Messerstich. Ich kann doch nicht anders ...‹
+
+Sie hatte sich im Bette aufgerichtet und sprach so geraume Zeit in sich
+hinein. Dann fühlte sie einen leisen Frostschauer über ihre Schultern
+rinnen und kroch wieder unter die Decke. Mitten in der Nacht wachte sie
+auf. An den Fensterläden rüttelte und schüttelte es. Ein Sturm schien
+die schlafende Winternatur in Aufruhr bringen zu wollen. Der Wind pfiff;
+hin und wieder hörte Hedda auch das Geräusch eines losgerissenen und
+über das schräge Dach polternden Ziegelstückes. Aber sie hörte in ihrer
+erregten Phantasie noch mehr. Sie hörte sich rufen – klagend,
+schmerzend und schreiend. Und bald war es Gunthers Stimme, die nach ihr
+rief, bald die Stimme von Klaus. Mit zitternden Händen entzündete sie
+zum drittenmal das Licht. Der Baldrian stand noch immer auf dem
+Nachttisch. Aber was nützte der.
+
+ * * * * *
+
+Der Sturm hatte gewaltig gehaust. Die Strohdächer der Kossätenhäuser
+unten im Dorfe sahen verstrobelt aus, als hätten Riesenfäuste sie
+zerzaust. Eine Anzahl Bäume war geknickt und entwurzelt worden. Den
+Schnee aber hatte die Windsbraut zu großen Haufen zusammengeweht,
+pyramidenförmig, hie und da auch in Schlangenlinien auseinandergequirlt
+und an den Stämmen und Wänden in die Höhe gebürstet, wo er dann in der
+Kälte der Morgenfrühe angefroren war und wunderliche Gebilde und Muster
+zeigte: schwere Spitzensäume und Lilien mit großen offenen Kelchen und
+tausendfach verschiedene Arabesken.
+
+Auf dem Auschlosse war die Fahnenstange, die man vergessen hatte über
+Nacht zu kappen, gebrochen und auf die erste Terrasse geschleudert
+worden. Und dort hatte sie der Pomona den Kopf abgeschlagen, zum
+höchsten Ärger des Kommerzienrats, der in der hemdenlosen Göttin ein
+Symbol für die Notwendigkeit seines Geschäftsbetriebs sah.
+
+Es war dies überhaupt ein Tag des Ärgers und der Niedergeschlagenheit.
+Um zwölf Uhr kam August vom Baronshofe und brachte einen Brief. Die
+Familie saß gerade beim zweiten Frühstück. August erhielt eine Mark, und
+der aufwartende Diener wurde hinausgeschickt. Dann erst erbrach der
+Kommerzienrat mit einer gewissen Feierlichkeit das Schreiben; voll
+ängstlicher Spannung hingen die Blicke von Frau und Sohn an seinen
+Zügen. Sie sahen, wie über die Stirn Schellheims während der raschen
+Lektüre eine Wolke flog. Dann zuckte er mit den Achseln und reichte
+Gunther den Brief.
+
+»Kopf hoch behalten, mein Junge,« sagte er dabei. »Noch ist nicht aller
+Tage Abend. Ich habe eine andre Antwort erhofft – nein, erwartet –
+trotzdem: es ist nichts gegen sie einzuwenden ...«
+
+Gunther las:
+
+
+ »Baronshof, 3. Januar.
+ »Mein verehrter Herr Kommerzienrat!
+
+Ich habe mit meiner Tochter gesprochen. Es tut mir leid und wird mir
+schwer, Ihnen sagen zu müssen, daß sie der Ansicht ist, Ihr Herr Sohn
+sei von einer Täuschung befangen. Sie hält es noch nicht für an der
+Zeit, über ihr Herz zu entscheiden ...« Das war genau so, wie Hedda es
+vorgeschrieben hatte. Nun kam eine philosophische Wendung:
+»Mädchenherzen sind unberechenbar, lieber Herr Kommerzienrat ...« Dann
+ein Trostwort: »Die Zeit wird schon alles ausheilen ...« Und schließlich
+die formelle Höflichkeit: »Ich hoffe, der kleine Zwischenfall wird
+Auberg und Baronshof nicht auseinanderbringen. Mit besten Empfehlungen
+allerseits
+
+ Ihr ganz ergebener
+ Freiherr von Hellstern.«
+
+
+Gunther gab den Brief an die Mutter weiter. Er war weiß wie Kalk
+geworden. Rasch trank er sein Glas Sherry aus, doch seine Hand zitterte
+heftig dabei. Die Mutter griff, die Augen feucht, nach der Rechten ihres
+Jungen und tätschelte sie wortlos.
+
+Eine bange Stille war eingetreten.
+
+Plötzlich sprang der Kommerzienrat wütend auf und stieß seinen Stuhl
+gegen den Boden.
+
+»Mach nicht solche Leidensmiene, Gunther!« rief er zornig. »Du hast dir
+einen Korb geholt – Schwerenot, was ist weiter dabei! Du kriegst noch
+andre als das hochnäsige Mädel von drüben!«
+
+Nun erhob sich auch Gunther.
+
+»Bitte, Papa,« entgegnete er abwehrend und mit fester Stimme, »kein Wort
+weiter darüber! Vor allem keine Schmähung! Wer verdient eine solche? Die
+Sache ist tot und begraben. Wenn ihr mir eine Liebe erweisen wollt,
+erwähnt sie nicht mehr. Irrungen soll man abtun ...«
+
+Seine Stimme brach. Er sah sich wie hilflos um, als suche er irgend
+etwas.
+
+»Ich – ich will fort,« fuhr er fort. »Es wäre auch nicht in der
+Ordnung, wenn ich unter den obwaltenden Verhältnissen hier bleiben
+wollte – gerade jetzt. Später – wird sich ja alles legen.... Wenn ihr
+nichts dagegen habt, reise ich auf ein paar Wochen nach Oberitalien oder
+dem Genfersee. Da kann ich in Ruhe meine Arbeit vollenden. Und dann
+kommt der Sommer und dann meine Offiziersübung in Lissa – das gibt
+Abwechslung genug. Das wird mir auch gut tun. Aber – ich möchte dann
+schon mit dem Abendzug fahren ...«
+
+Die Eltern redeten in ruhigen und verständigen Worten von unnötiger
+Überhastung ab. Das Herz tat beiden weh. Sie fühlten, daß Gunther sehr
+litt. Aber sie konnten ihm wahrlich nicht helfen. Er blieb auch fest. Er
+wollte durchaus fort. Einen Augenblick schwankte er, ob er dem Pastor
+lebewohl sagen sollte. Doch er konnte sich nicht dazu entschließen,
+noch einmal in das Dorf zu gehen. Er fürchtete sich davor, Hedda zu
+begegnen.
+
+Der Kommerzienrat, sonst ziemlich bequem, ließ es sich nicht nehmen,
+Gunther nach der Station zu begleiten. Er war auch vernünftig genug,
+während der Schlittenfahrt durch den Wald mit keinem Wort auf die
+Herzensgeschichte zurückzukommen. Gunther dankte ihm im stillen dafür.
+Er sprach fast gar nicht. Wieder störte ihn der Kutscher hinten auf der
+Pritsche – wie damals. Ach, damals! Da glitzerte der Sonnenschein durch
+das Eisgezweige, und seine Brust war voller Hoffen. Und jetzt nächtete
+es.
+
+Die Herren trafen in letzter Minute auf dem Bahnhof ein. Es war gerade
+noch Zeit ein Billett zu lösen.
+
+»Grüße die Mama!« rief Gunther aus dem offenen Coupéfenster.
+
+»Danke, mein Junge! Und sei recht vernünftig! Und laß dir nichts
+abgehen! Wenn du noch Geld brauchst, so telegraphiere – hörst du,
+telegraphiere!«
+
+Der Zug brauste davon. Als Schellheim an seinen Schlitten zurückkehrte,
+klingelte von der Chaussee aus ein zweiter Schlitten heran und hielt vor
+dem Stationsgebäude. Der Kommerzienrat sah Herrn von Wessels aussteigen
+und begrüßte ihn.
+
+»Im Dienst, Herr Landrat?« fragte er, auf die schwarze Ledermappe
+deutend, die der Angeredete unter dem Arm trug.
+
+»Ja – sozusagen, – das ist eine verteufelte Geschichte, mein bester
+Herr Kommerzienrat. Der tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut
+früh duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen worden. Er kann
+froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt. Zernin ist unglücklich, er
+hat es nicht so gewollt – aber sechs Monate kostet ihm die Kugel doch.
+Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie werden ihn an Ihrem
+Quellenunternehmen nun auch nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges
+Pech! Es ist eigentlich schade um den Menschen ...«
+
+Schellheim starrte den Landrat an.
+
+»I Gott bewahre – ein Duell – also wirklich ein Duell!« stammelte er.
+»Ja, aber um Himmels willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich
+getan?«
+
+Herr von Wessels lächelte verlegen.
+
+»Das läßt sich schwer sagen,« erwiderte er. »Sie sind gestern abend bei
+Ihnen zusammengeraten, aber Zernin hat sich in diesem Falle richtig und
+taktvoll benommen – jawohl. Biese – na, also kurzum, erfahren werden
+Sie es ja doch einmal: Biese hat die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie
+als Gastgeber eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist Zernin
+scharf geworden. Das war der Anfang ... Aber ich muß weiter! #Addio#,
+mein verehrter Herr Kommerzienrat!«
+
+Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat in das
+Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich noch einmal um und rief
+kopfnickend: »Es war gestern abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!«
+
+Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück. An seinen Sohn, an den
+Baronshof und an den Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm im
+Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf ausgefochten hatte. Der
+dicke Biese, ein Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann – und
+das sprach mit –, hatte eine beleidigende Äußerung über ihn fallen
+lassen. Irgend eine mokante Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer
+sie liebte – und da hatte Herr von Zernin Partei für ihn, den
+Kommerzienrat, genommen, und schließlich war es auf Tod und Leben
+gegangen – um seinetwillen. Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache
+doch nur _ihn_ an als den Beleidigten; was schossen sich denn die beiden
+um _seine_ Ehre?! – Und in halbem Selbstgespräch fügte er hinzu: »Es
+ist im Grunde genommen lächerlich und unverzeihlich. _Mich_ kann ein
+Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer
+Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus
+Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen
+herübergekommen und hatte die »Säuberung« des Buchenwäldchens auf der
+Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche
+Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen,
+Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden
+vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres
+treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform
+aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten
+Buchengrün große Schokoladentorten.
+
+Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen
+regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in
+Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert
+Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen
+abgekauft. Diese lagen dem »Kurpark« ungefähr gegenüber, und die beiden
+kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen
+und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten
+Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte
+Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein
+Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert
+Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich
+natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte
+jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre
+fünf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Güster,
+Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.
+
+Das geschah an einem der ersten Märztage. Es wehte warm und lenzlich.
+Der Schnee war überall geschmolzen; nur in den Gräben hielt sich noch
+längere Zeit eine grauweiße, schmutzige, halb flüssige Masse. Auf der
+Dorfau und auf Weg und Steg schillerten Wassertümpel; es tropfte von den
+Dächern, und wie ein Plätschern und Gluckern ging es durch die Luft. Die
+Erde schien zu dampfen; über die noch bräunlich getönten Wiesen
+sickerten Wasserlinien, und Baum und Strauch hingen voll Feuchtigkeit.
+Die Spiräen setzten bereits Knospen an, aber noch fehlte der grüne
+Frühlingsschimmer, der vierzehn Tage später die Natur mit seinem zarten
+Schleier umhüllen sollte.
+
+Die Familien Maracke und Klauert zogen zur gleichen Zeit. Jede hatte
+sich einen Einspänner geliehen, auf welchen ihre Habseligkeiten
+hinaufgepackt worden waren, bunt durcheinander, gestreifte Betten,
+zerbrochene Stühle, ein Tisch, dessen Beine zum Himmel ragten, und
+andres Gerümpel mehr, alles mit dicken, vielfach durchknoteten Stricken
+verschnürt. Die alte Maracken lief, als der Wagen schon vor der Tür
+stand, jammernd und weinend nochmals durch Haus und Stall, ob auch
+nichts vergessen worden sei. Richtig – in einem Winkel der Kammer neben
+der Stube lag noch ein Häufchen Stroh, auf dem die weiße Henne ihr
+letztes Ei gelegt hatte, bevor sie geschlachtet worden war. Die Maracken
+raffte mit beiden Händen den armseligen Strohrest zusammen, trug ihn
+hinaus und stopfte ihn auf den Wagen. Dann ging sie in den Stall, und
+als Maracke ihr ein ungeduldiges »Mutter, nu’ mach aber!« zurief,
+schleppte sie einen kleinen Schweinekoben ins Freie; der sollte auch
+noch mit. Sie hätte am liebsten Haus, Stall und Komposthaufen, wie alles
+stand und lag, auf den Einspänner gepackt.
+
+In diesem Augenblick zog Klauert vorüber. Er war ganz vergnügt, hatte
+sein Geld in der Tasche und freute sich auf das Ausgedinge, das sein
+Sohn in Zielenberg ihm angeboten hatte. Auch sein Wagen war schwer
+bepackt, und ganz oben, auf dem Berge von rot und weiß überzogenen
+Betten, war ein weidengeflochtener Korb angeschnürt, in dem vergnüglich
+ein paar Hennen gackerten. Das erregte den Neid und die Eifersucht der
+Maracken in hohem Grade. Sie überschüttete ihren Mann mit Schimpfreden
+und Vorwürfen; warum hatte man die dicke Weiße geschlachtet, die so
+fleißig Eier legte, und den prächtigen Hahn an Langheinrich verkauft?
+Hätte man das Viehzeug nicht ganz gut mit nach Klein-Güster nehmen
+können? – Die beiden jüngsten Kinder weinten und jammerten mit, während
+er, Maracke, sich in seiner philosophischen Ruhe nicht stören ließ und,
+die Pfeife im Munde, schweigend zuhörte. Als der Wagen schon anzog, lief
+die Frau noch einmal in die Hofecke hinter dem kleinen Düngerhaufen. Sie
+hatte da noch einen eisernen Reifen entdeckt, der schon ganz verrostet
+war, und da er nicht mehr auf dem Wagen unterzubringen war, so hing sie
+ihn sich über die Schultern. Dann ging es los, der Einspänner voran, den
+Maracke, daneben herschreitend, führte, und hinterher, gleichfalls zu
+Fuß, Mutter Maracken mit ihren fünf Kindern. Ein paar Bauernweiber
+standen am Wege und nickten und riefen den Abziehenden einige Grußworte
+zu; mitten in dem verlassenen Hofe, wo von dem Komposthaufen eine kleine
+Dunstwolke aufstieg, aber hatte sich Albert Möller breitbeinig
+aufgepflanzt, eine Zigarre rauchend und behaglich lächelnd. Mit dem
+Abbruch der alten Baracken sollte sofort begonnen werden; dann kam der
+Neubau an die Reihe. Das ging rasch.
+
+An diesem Tage hatte Hellstern seine erste Frühlingsausfahrt
+unternommen. Der Übergang vom Winter zum Lenz war immer die schlimmste
+Zeit für ihn. Er hatte sich wochenlang nicht aus dem Zimmer rühren
+können; selbst die Einreibung der Tante Pauline versagte ihre Wirkung.
+Nun aber ging es besser. Hedda saß neben ihm im Wagen und sah durch das
+Fenster den Abzug der beiden Kossäten. Sie machte den Vater darauf
+aufmerksam, der die Gelegenheit wahrnahm, wieder einmal nach Herzenslust
+auf die Quelle zu räsonieren.
+
+»Siehst du, Hedda,« sagte er, »das sind die ersten – die ersten Opfer
+der neuen Kultur. Und andre werden folgen. Du bist jung – vielleicht
+erlebst du noch den Tag, da dieses Dorf, zu dessen Insassen wir seit
+zweihundert Jahren gehören, völlig vom Erdboden verschwunden sein wird.
+Dann wird es auch keine Bauern mehr hier geben, die bei allen Sorgen und
+Mühen um das tägliche Brot doch frei auf ihrer kleinen Hufe leben und
+wirtschaften konnten, sondern nur ein Volk von Krämern und Spekulanten,
+immer auf der Lauer liegend, wie den Besuchern dieses neuen Badeorts das
+Geld am besten und schlauesten aus der Tasche zu ziehen sei....« Er
+zeigte, während er weitersprach, aus dem Fenster hinaus über das Dorf.
+»Sicher – es wird prachtvoll werden. Exzellenz Usen hat es damals bei
+Schellheims prophezeit. Der Erzengel der Industrie hält seinen Einzug in
+unser Tal – oder wie sagte er gleich? ... Die alten Hütten mit ihren
+Strohkappen werden niedergerissen, neue, schöne Häuser entstehen, mit
+Balkon und Stuckklecksereien und allem Komfort der Neuzeit und dem dazu
+gehörigen Schwindel. Ein Sanatorium wird errichtet, in dem man nach
+physikalisch-diätetischen Grundsätzen die Menschen zu Tode kuriert, und
+auf allen Straßen und Wegen sieht man Blutarme und Magenleidende und
+Neurastheniker, Zucker-, Darm- und Hautkranke, daß man seine Freude
+daran hat. Der Pastor baut uns seine Kleinkinderbewahranstalt dicht auf
+die Nase, damit wir das Gequarre der Göhren den ganzen Tag über hören
+können; wahrscheinlich wird auch noch elektrisches Licht eingeführt,
+denn der Spektakel der Motoren ist nicht gering anzuschlagen –
+überhaupt werden mancherlei Fabrikanlagen nötig sein als Wahrzeichen des
+Fortschritts, und ihr Rauch und Qualm wird uns die Luft verstänkern. Es
+wird ganz großartig werden ...«
+
+Hedda lächelte und antwortete nicht, und der Freiherr fuhr fort:
+
+»Im Ernst, liebes Kind, der Abzug der beiden Kossäten dünkt mich
+symptomatisch und ist, möchte ich sagen, so eine Art Symbol. Das Alte
+muß dem Neuen weichen. Ich scherzte vorhin, wenn auch bitter. Die
+kleinen Unbequemlichkeiten, die der Triumphzug der Kultur den Einzelnen
+auferlegt, müssen ertragen werden. Aber wie die Kultur hier das Dorf
+ruinieren und die Gemeinde auflösen wird, das kann einem doch nahe
+gehen. Ich weiß, daß du mir antworten wirst: das ist nicht anders, die
+Kultur fordert immer Opfer zum Besten der Allgemeinheit – aber sind
+nicht auch diese Opfer bedauernswert? Es ist ein ganz guter
+Menschenschlag in unsrer Gegend, doch paß auf, wie man ihn verpfuschen
+wird! Die Möllers, die nur noch halbe Bauern sind, haben den Anstoß
+gegeben; _sie_ werden auch gewinnen, aber die andern nicht, denen es auf
+der einen Seite an Kapital und an Intelligenz mangelt, während sie auf
+der andern von der gleichen Erwerbsgier erfaßt werden, wenn erst das
+Spekulationsfieber in ihnen erweckt ist. Lehr mich doch die Bauern
+kennen! Und dann: jeder an seinem Platz! Der Bauer ist nun einmal kein
+Kaufmann, und wenn ihn der Kommerzienrat und die Möllers dazu machen
+wollen, so nehmen sie ihm das Beste seines Charakters, die Solidität.
+Jawohl, liebe Hedda, denn da die vernunftgemäßen Grenzen kaufmännischer
+Spekulation böhmische Dörfer für ihn sind, so wird er sich, neidisch
+zusehend, wie die andern ihre Taschen füllen, einem gewagten Glücksspiel
+ergeben und schließlich untergehen. #Ceterum censeo# – ich sehe
+durchaus kein Heil für unser Dorf in der ganzen Quellengeschichte.«
+
+Der alte Freiherr stand mit seinem #»Ceterum censeo«# allein. Auch Hedda
+teilte seine Ansichten nicht. Sie war in den letzten Monaten häufig mit
+dem Pastor zusammengekommen, für dessen humanitäre Pläne sie sich
+lebhaft zu interessieren begann. Eycken schwelgte in seiner Idee. In
+seiner warmherzigen Kinderliebe sah er eine neue Ära für die arme und
+leidende kleine Welt anbrechen, der er Hilfe bringen wollte – mit weit
+offenen Armen, wie sein großes Vorbild Christus, als er sprach: »Lasset
+die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht....« Die Bücher
+blieben liegen; Luther, Melanchthon, Hutten und Eobanus Hessus hatten
+Ruhe. Eycken hatte Wichtigeres zu tun; nicht der tote Buchstabe lockte
+ihn diesmal, sondern die lebendige Liebe. Wie oben auf der Auburg so
+fanden auch im Pfarrhause im Januar und Februar verschiedene Konferenzen
+statt, Ärzte und Architekten trafen ein; es wurde beratschlagt, erwogen
+und gerechnet. Eycken wollte das Unternehmen allein ins Leben rufen; er
+hatte zwar auch mit dem Kommerzienrat über die neue Kinderheilstätte
+gesprochen, aber Schellheim hatte seinem Empfinden nach den
+Geschäftsstandpunkt zu stark in den Vordergrund gerückt. Und verdienen
+wollte Eycken nichts – Gott bewahre; er war schon zufrieden, wenn sich
+die Anstalt im Laufe der Zeit durch sich selbst erhielt, denn daß sie
+anfänglich starke Zuschüsse beanspruchen würde, war klar. Doch das
+ängstigte Eycken nicht; er war so reich, daß er tatsächlich nicht wußte,
+was er mit seinem Gelde beginnen sollte. Er brauchte wenig; seit einem
+Menschenalter hatte sich sein Vermögen Zins auf Zins gehäuft. Übrigens
+war ihm auch der Fiskus entgegengekommen und hatte ihm für den Bau der
+Anstalt die zum Kirchenland gehörige Wiesenparzelle zur freien Verfügung
+gestellt. Schließlich hatte sich Eycken auch noch an den
+Johanniterorden gewandt, der die Protektion übernahm, sich
+verpflichtete, ein paar Pflegerinnen zu stellen, und Herrn von Wessels,
+den Landrat, zum leitenden Ritter ernannte.
+
+Anfangs April standen bereits die Fundamente der beiden Logierhäuser
+Albert Möllers. Das Parterregeschoß des einen Hauses war für einen
+großen Kaufladen bestimmt, den Bertold mieten wollte. Vorläufig nur,
+denn sein heimliches Sehnen stand nach dem Gehöft Braumüllers, das dicht
+an der großen Landstraße und in unmittelbarster Nähe des Kurparks lag.
+Braumüllers Wohnhaus war sehr solide gebaut, stark unterkellert und
+hatte gewölbte Zimmer. Mit wenigen tausend Mark konnte man es
+wunderschön ausbauen, und wie prächtig eigneten sich die gewölbten
+Stuben, deren Wände man einfach ausbrach, zu einem eleganten Basar!
+Natürlich sollte man da alles haben können – ein riesiges Warenhaus
+schwebte Bertold vor, der jede Nacht davon träumte, wie er die
+Schaufenster schmücken würde, ein jedes anders, aber immer gleich
+»schenial«, wie sein Lieblingsausdruck lautete.
+
+Klempt hatte sich lange gewehrt, ehe er sich dazu entschließen konnte,
+seine, die Buchenhalde begrenzende Wiesentrift zu verkaufen; der Erlös
+des Heus brachte ihm eine jährliche Rente, mit der er rechnen mußte –
+außerdem hing er auch an diesem Stückchen grüner Wiese, auf der er sich
+schon als Kind getummelt hatte, und an deren Rain entlang er noch heute
+seine Sonntagsspaziergänge zu machen pflegte. Vergeblich hielten ihm die
+Möllers vor, daß ihm die Zinsen des Kapitals, das sie ihm für die paar
+Morgen zahlen wollten, mehr bringen würden als der Heuertrag;
+schließlich legte sich auch noch der Kommerzienrat ins Mittel, denn die
+Wiese war ihrer Lage wegen wichtig – aber was auch er nicht vermochte,
+das setzte Dörthe durch. Fritz hatte sich hinter sie gesteckt. Es war ja
+lächerlich. Starb der Vater, so gehörte die Wiese ja doch der Dörthe,
+und was der Dörthe war, war auch sein, da sie sich heiraten wollten. Und
+nun drang Dörthe auf baldige Hochzeit. Gewiß, antwortete Fritz, sobald
+einigermaßen Ordnung geschafft und die Sache in Gang gebracht worden
+sei; denn jetzt habe man den Kopf zu voll, um an Heiraten denken zu
+können, das müsse sie doch einsehen. Das sah sie auch ein, aber sie
+wollte wenigstens einen bestimmten Termin wissen. Um Weihnachten, meinte
+Fritz, da würde man wohl so weit sein. Und dann gab es noch Liebesworte
+in Hülle und Fülle, und am nächsten Tag erklärte sich der alte Klempt
+einverstanden, die Wiese abzugeben. Das Geld wurde auf die Sparkasse
+gebracht und für Dörthe festgelegt.
+
+Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda
+abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben,
+zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner
+Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer
+denselben Worten darauf geantwortet: »Es tut mir schrecklich leid,
+liebste Hedda, daß –« und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings
+gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch
+einmal eine »Ausspannung« gönnen; im Grunde genommen aber war er
+herzensfroh, daß sie dennoch blieb – sie war ihm unentbehrlich
+geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn
+sie neben ihm saß.
+
+Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an
+sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein
+Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn
+Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner
+Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das
+ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte
+jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten
+abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte.
+
+»Eine Depesche für den Herrn Baron,« sagte die Botenfrau.
+
+»Allmächt’ger Gott,« rief August, »eine Depesche! – Dörthe, eine
+Depesche!«
+
+Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das
+zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite.
+
+»Eine Depesche!« stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände.
+
+»Dörthe, das bedeutet ein Unglück,« fuhr August mit Überzeugung fort.
+»Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag’ ich dich bloß!« Und er
+schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen
+wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem
+Kopfschütteln in das Herrenhaus.
+
+»Eine Depesche, gnädiges Fräulein,« sagte er zu Hedda, die in der
+Speisekammer zu tun hatte.
+
+Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: »Eine Depesche?!« rief sie. »Nanu?!«
+
+August nickte. »Das habe ich auch gesagt, gnädiges Fräulein. Wenn das
+man bloß kein Unglück gibt!«
+
+Nun berieten sie, ob man das Telegramm öffnen solle, um dem Freiherrn
+die Aufregung zu ersparen. August war dafür. »Man kann nicht wissen, was
+drin steht, gnädiges Fräulein,« meinte er. »Einer Depesche ist nicht zu
+trauen. Das kann alles mögliche sein.« Aber Hedda schüttelte schließlich
+energisch den Kopf. Das Telegramm war an den Vater gerichtet, und da
+ging es nicht an, daß man es erbrach.
+
+»Vater,« sagte sie, von August gefolgt in das Arbeitszimmer des Alten
+tretend, »erschrick nicht: es ist eine Depesche angekommen.«
+
+»Nanu?!« erwiderte der Baron, genau so wie vorhin Hedda, und August
+nickte dazu: dieses »Nanu« entsprach ganz seiner Auffassung.
+
+Hellstern erbrach das Papier und las erst die Unterschrift.
+
+»Von Axel, Hedda. Und fünf Zeilen lang. Das soll was heißen ...« Er las
+vor: »Bitte um die Erlaubnis, Euch auf ein Retourbillet besuchen zu
+dürfen. Wenn keine Antwort erfolgt, bin ich Sonnabend mittag in
+Zielenberg. Wagen unnötig, nehme dort Extrapost. Freue mich herzlich
+darauf, Euch kennen zu lernen, und grüße Dich und die Cousine.
+
+ Euer Vetter
+ Axel Hellstjern.«
+
+
+Er ließ das Papier sinken. »Was sagst du dazu? – Sonnabend – das ist
+morgen.«
+
+Hedda hatte einen roten Kopf bekommen.
+
+»Aber, Papa, das ist ja ganz unmöglich,« antwortete sie. »Morgen schon
+– und es ist nichts in Ordnung! Telegraphiere zurück, er möchte erst in
+acht Tagen kommen.«
+
+»Ja, aber wohin denn?! Axel hat vergessen, seine Adresse anzugeben.«
+
+»An die schwedische Gesandtschaft in Berlin.«
+
+»Ach nein, Hedda, das geht nicht. Ich meine, das wäre unliebenswürdig.
+Ich bin Axel in gewisser Weise Dank schuldig. Lassen wir es nur bei
+morgen. Er muß sich sagen, daß er bei uns keinen weltstädtischen Komfort
+findet. Das Dach ist ja repariert – es regnet im Fremdenzimmer nicht
+mehr durch. Bringe die Stube in Ordnung und sorge für etwas opulentere
+Mahlzeiten in den nächsten Tagen. Wein ist noch genug da. Komm her, mein
+Kind, und gib mir einen Kuß! So – und nun sei verständig!«
+
+Das war leicht gesagt: verständig sein. Herrgott, was war nicht noch
+alles zu tun bis morgen mittag! Aber Hedda behielt den Kopf oben; sie
+entwarf einen Feldzugsplan. Zunächst mußte Dörthe die Tante Pauline zum
+Helfen holen. Dann wurde im Fremdenzimmer »groß rein gemacht« – das
+heißt in dem einzigen der sogenannten Fremdenzimmer, das leidlich
+möbliert war. Es lag im ersten Stock, nach Süden hinaus, und war ein
+großer, freundlicher Raum. Ströme von Wasser flossen über die Dielen;
+Dörthe und Tante Pauline schrubberten und scheuerten, daß ihnen der
+Schweiß von der Stirn floß. Währenddessen beschäftigte sich Hedda damit,
+frische Gardinen anzustecken. Sie opferte auch ihr eignes Waschservice,
+das sehr hübsch war: weiß mit rosa Streublümchen und rotem Rande.
+Gottlob, daß das Bett gut war – ein altes, ungeheuer großes Bett, noch
+aus dem Anfang des Jahrhunderts stammend, mit geschweiften Beinen und
+naiver Schnitzerei. Zuletzt ging es an das Wohnlichmachen des Zimmers.
+Die Tische erhielten saubere Decken, das Sofa wurde mit einer
+Schlummerrolle geschmückt. Nur mit der Bilderzier war es eine schlimme
+Sache. Die eine Wand war noch ganz leer. Da entsann sich Hedda, daß in
+der früheren Räucherkammer, in der man allerhand altes Gerümpel
+aufzubewahren pflegte, noch ein Ölbild stand. Es schien dorthin zu
+gehören, denn es sah wirklich ganz verräuchert aus und stellte, soweit
+es erkennbar war, einen Herrn in ritterlicher Tracht dar. Der Papa
+glaubte, es sei irgend ein Vorfahre; das hatte gewiß Interesse für Axel.
+Das Bild wurde hervorgesucht, abgestaubt, gewaschen und geseift und an
+die leere Wand gehängt. Trotz aller Reinigungskünste sah es so dunkel
+wie vordem aus, aber es machte sich dennoch ganz hübsch. Nur Tante
+Pauline meinte, es sei ein »greuliches Gesicht«; sie würde in diesem
+Zimmer nicht schlafen können. Hedda war jedenfalls zufrieden; morgen
+früh kamen noch Veilchen, ein paar blühende Pirus- und Pfirsichzweige
+und etwas Grün in die Vasen und Gläser – dann war das Zimmer behaglich
+und traulich.
+
+Nachdem dies getan war, kam die Rücksprache mit der Köchin an die Reihe.
+Das war schon verwickelter. August mußte am Nachmittag noch nach
+Zielenberg zum Schlächter fahren; außerdem mußten zwei Hennen und eine
+Ente ihr Leben lassen – die letztere wurde in Aspik gelegt. Die
+Konserven und das Eingemachte wurden revidiert und auch der Weinkeller
+einer Prüfung unterzogen. Er war noch am besten assortiert. In einer
+Ecke lagen aus früheren Tagen her sogar noch ein paar Dutzend Flaschen
+vortrefflichen Johannisbergers, auch eine Flasche Champagner war noch
+da, aber der fehlte das Etikett. Der Baron konnte Hedda keinen Aufschluß
+darüber geben, welche Marke sie enthalte, doch neigte er der Ansicht zu,
+es werde wohl Grüneberger Landkarte sein, und es sei auch fraglich, ob
+der Wein noch moussiere, denn seiner Erinnerung nach rühre die
+vergessene Flasche noch von Heddas Taufe her.
+
+So war denn alles in Ordnung, und man konnte der Ankunft des Vetters aus
+Schweden mit einer gewissen Ruhe entgegensehen. Axel brachte schönes
+Wetter mit. Es war ein wonniger Frühlingstag, sonnig und linde, mit
+einem zarten, weißen Wolkenschleier am Himmel, der die Sonne wie ein
+Spitzenschal umgab. Im Parke war schon alles grün; der Rasen glänzte
+smaragden, und die Junirosen hatten ihre großen Blätter bereits voll
+entfaltet.
+
+Hedda sah unaufhörlich nach der Uhr. Sie war etwas in Unruhe und
+zweifelhaft geworden, ob es dem fremden Vetter auch auf dem Baronshofe
+gefallen werde. Seit einer halben Stunde ging sie vor der Veranda auf
+und ab, den Wagen erwartend, denn da der Zug wenige Minuten nach zwölf
+in Zielenberg eintraf, so konnte die Post jeden Augenblick durch den
+geöffneten Torweg einfahren.
+
+August teilte die Unruhe seiner Herrin. Hedda hatte auf seinen blauen
+Livreerock einen neuen roten Kragen gesetzt und ihm anbefohlen, beim
+Servieren weiße Handschuhe anzuziehen. Und davor ängstigte sich August.
+An das Servieren mit Handschuhen war er nicht gewöhnt. Er hatte es ein
+paarmal probiert, aber auf der glatten Wolle rutschten die Teller immer
+aus. Das Herz zitterte ihm, wenn er an das Diner dachte.
+
+In der Ferne ließ sich – ein seltener Klang – das fröhliche Schmettern
+eines Posthorns vernehmen. Das war er! Hedda stürmte in das Haus zurück,
+den Alten zu rufen.
+
+»Schnell, schnell, Vater – er kommt!«
+
+Der Baron, in seinem langschößigen Rock und in der schwarzen Halsbinde
+wie ein Veteran von 1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf
+die Veranda – in dem Augenblick, da der Postwagen vorfuhr.
+
+Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes Coupé, und hinter
+dem hochgezogenen Fenster des Wagens sah Hedda ein schmales, blasses,
+freundliches Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem Wildleder.
+
+August riß den Schlag auf, und Baron Axel stieg vorsichtig aus, mit dem
+Fuße nach dem Trittbrett angelnd.
+
+»Tag, Cousine!« rief er ihr dabei entgegen, mit leicht fremdartiger
+Betonung des Deutschen, »Tag, Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch
+bei euch! Kinder, wie freu’ ich mich!«
+
+Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda hatte sie steifer und
+formeller erwartet, sich überhaupt, trotzdem sie eine Photographie des
+Vetters kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. Er war sehr
+groß, größer als der Vater, aber schmalschulterig und ging leicht
+vornüber geneigt. Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch
+ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der rechten Wange zeichnete sich
+eine feine Hiebnarbe blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart
+sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond und dünn, aber
+geschickt gescheitelt und über den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen
+Augen blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocle ohne Band, ein
+großes, rundes Glas, ständig in die linke Augenhöhle geklemmt. Seine
+Kleidung war ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz der
+Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf.
+
+August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer, und dann ging man
+sofort zu Tische. Axel fand alles »reezend« (er sprach das ei gern als e
+aus), besonders das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.
+
+»Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts in Jarlsberg kann ich
+beim besten Willen nicht herausfinden,« sagte er. »Freelich, da sind
+eenige fünfzig – in eener unendlich langen Galerie, in der man getrost
+eene Steeplechase veranstalten könnte – ach, Cousine, es ist schade,
+daß du Jarlsberg nicht kennen lernst – das würde dir gefallen ...« Und
+er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in Schweden auf einem
+Felsenvorsprung, der Lofotengruppe gegenüber, lag, umschäumt und
+umrauscht von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern noch
+aus dem vierzehnten Jahrhundert stammten, und an der acht Generationen
+gebaut hatten. »Ich mit,« fügte Axel hinzu, »und es hat mich Mühe genug
+gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten eine gewisse Wohnlichkeet zu
+bringen, denn Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und mehr
+noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. Aber seht ihr, für
+mich hat es einen besonderen Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen,
+und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt das rauhe Klima
+verboten hat. Ich muß nämlich een bißchen – een bißchen vorsichtig
+seen,« schloß er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung befiel
+ihn zum Schrecken Heddas ein langer und trockener Husten, den er
+vergeblich niederzukämpfen sich mühte.
+
+Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch vor den Mund. Der
+Husten erschütterte seinen ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen
+mußte, als der Anfall glücklich vorüber war.
+
+»Schauderhaft,« sagte er endlich. »Ich habe mich vor zwee Jahren auf
+der Bärenjagd erkältet und kann mich seetdem nicht wieder so recht
+erholen. Ich will deshalb auch den Abschied nehmen und een paar Jahre im
+Süden verleben. Vielleecht wird’s da unten besser ... Und nun, Onkel
+Frederic – wie steht’s mit der Chronik? Hast du dich durch die alten
+Urkunden durchfinden können?« –
+
+Hedda war sich noch nicht ganz klar über den Vetter; sie schwankte noch
+in ihrem Urteil. Jedenfalls war er ein vollendeter Gentleman und
+jedenfalls ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid haben mußte. Er
+hatte ein liebes, sympathisches Gesicht, und die ganze Art seines
+Sichgebens war frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß
+Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte; er war viel in der
+Welt herumgekommen, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war
+erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit ihm zu öfterem ein
+gewisses Schamgefühl über ihren eignen Mangel an Wissen überschlich.
+
+Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem Freiherrn in dessen
+Arbeitszimmer, um den vollendeten Teil der Chronik durchzugehen. Erst
+beim Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. Sie ärgerte sich im
+stillen über die Appetitlosigkeit ihres Gastes; was hatte man für
+Umstände gemacht, und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken war es
+ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne jeden Beisatz von Zucker –
+brrrr, dachte sich Hedda, und das will ein verwöhnter Weltmann sein!
+Aber seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die gleiche. Er
+sprach viel und ungemein anregend, oft sprunghaft das Thema wechselnd,
+doch stets interessant; dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere
+Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung seiner Züge auf, wenn
+er einmal eine Pause in der Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich
+fragte ihn Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner rechten
+Wange; er vermutete, sie rühre von einem Schmiß aus der Studentenzeit
+Axels her. Doch Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem
+Duell empfangen – vor sieben oder acht Jahren, in Brüssel, wo er für
+die Gattin eines Grafen Soundso mehr Interesse gezeigt habe, als dem
+Ehemann lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei Dummheiten hinaus.
+
+Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August mußte mit auf sein
+Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden zu helfen, und er schilderte späterhin
+in der Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die Garderobe des
+Herrn Vetters barg. Da waren eine Unmasse Flaschen und Kapseln mit
+silbernen Köpfen, alle gefüllt – »weiß der Deubel, mit was« –, die
+mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und die Hosen wurden in einen
+Bügel gezwängt, der sie auseinanderspannte, damit sie auch die richtige
+Form behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen Grunde
+hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein, und die Nachthemden waren
+aus purer Seide. »So was hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen,« schloß
+August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden auch wirklich aus
+Seide gewesen wären, sagte er: »Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab’ sie
+befühlt.«
+
+Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht hatte, noch ein halbes
+Stündchen bei ihrem Vater sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über
+den Gast mit ihm auszutauschen.
+
+»Wie findest du den Axel?« fragte sie. »Er ist schwer leidend, nicht
+wahr?«
+
+Der alte Herr nickte.
+
+»Ich glaube auch; er verbirgt’s zwar gern, aber ich halte den armen Kerl
+für schwindsüchtig. Und da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich
+vorher noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt denn das ganze Geld und
+die Güter in Schweden und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der
+Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönne ihm, weiß Gott,
+noch ein langes Leben, aber schließlich, des Herrn Wille ist
+unerforschlich – und Axel sieht nicht so aus, als ob er das
+Hellsternsche Alter erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage
+vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er noch irgend welche Verwandte
+hat, von denen der Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich
+so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein ganzer Besitz einem
+Vetter zu, der in der englischen Marine dient, und den er wie die Pest
+haßt. Er hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; nach seinen
+Schilderungen muß es ein gräßlicher Kerl sein. Nun frage ich dich, ist
+das nicht schandbar?«
+
+»Weshalb?« entgegnete Hedda harmlos.
+
+»Schlaukopf – weshalb? Wären _wir_ nicht ebenso geeignete Erben wie
+dieser unausstehliche Vetter in der englischen Marine?«
+
+Hedda lachte.
+
+»Ich zweifle nicht daran,« entgegnete sie, »daß _wir_ uns als Erben in
+der Tat ebensogut und vielleicht besser ausnehmen würden. Aber deinen
+Ärger versteh’ ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja selbst, daß
+du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je einmal von Schweden aus
+berücksichtigt zu werden –«
+
+»Vorher nicht,« fiel der Alte ein; »aber jetzt liegt die Sache doch
+anders.«
+
+»Ich wüßte nicht inwiefern, gestrenger Herr Vater.«
+
+Der Freiherr überhörte die letzte Äußerung. Er hatte den Kopf in die
+Hand gestützt und schaute sinnend und melancholisch, mit leisem Seufzer,
+zu Hedda hinüber.
+
+»Schade, daß der Axel so ’n armer, kranker Teufel ist,« sagte er.
+
+»Ich bemitleide ihn auch, und von ganzem Herzen –«
+
+»Denk mal, was das für eine Partie für dich gewesen wäre!«
+
+Hedda fuhr betroffen auf; dann lachte sie wieder: »Willst du mich denn
+so absolut los sein, Papa?«
+
+»Unsinn! Du weißt recht gut, daß ich dich am liebsten immer bei mir und
+um mich behalten möchte – weißt’s recht gut! Aber ’mal muß ich mich
+doch mit dem Gedanken vertraut machen, dich abzugeben – lieber Gott,
+das ist doch nun einmal das Schicksal der Töchter! Glaube nicht, daß ich
+gar so selbstsüchtig bin; ich habe mir über deine Zukunft schon manchmal
+meine Gedanken gemacht. Jahr um Jahr vergeht, und du sitzest hier auf
+dem Baronshofe und lernst keinen vernünftigen Menschen kennen –«
+
+»Erlaube, Papa –«
+
+»Na ja, ich meine, keinen, der sich für dich eignen würde. Mit dem
+Gunther von da drüben war es doch nichts! Es ist eine niederträchtige
+Geschichte. Ich ärgere mich, daß ich dich nicht doch noch zu Tante Jutta
+nach Berlin geschickt habe. Es sollen sehr nette Leute bei ihr
+verkehren.«
+
+»Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen gefallen hätte.«
+
+»Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer werden?!«
+
+Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß.
+
+»Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,« sagte sie heiter. »Das
+Heiraten gehört freilich sozusagen zum weiblichen Beruf, aber es gehören
+auch immer zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann muß man sich
+zu trösten suchen. Und das werde ich tun – wenn es nicht anders ist.
+Nun schlaf wohl und verträume die ernsten Gedanken!«
+
+Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach August. –
+
+Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im
+Parke vor. Er kam ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.
+
+»Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,« sagte er, ihr die Hand
+reichend. »Das ist aber nichts weeter als eine Folge des
+Frühschlafengehens, Hedda. Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer
+gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich
+der Morgen ist!«
+
+Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch durch den Park, der
+Odem der Verjüngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern und
+Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte schon der erste wilde
+Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an;
+die Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem
+Christusdorn brachen bereits zartgrüne Knöspchen auf, und die
+Fliederbosketts standen in frischem Blätterschmuck.
+
+Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemäßen drei
+Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verräucherten
+Ahnherrn habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns an, wo seine
+Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die
+Sperlinge hätten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest
+dicht unter dem Fenstersims. Hierauf hätten sich die Krähen in den
+Birken zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte Gesellschaft,
+die dem Aufgang der Sonne mit großem Geschrei entgegensehe; auch ein
+Storch müsse sich in der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel
+deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das Geflügel auf dem
+Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war
+noch in seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch schon die
+verschiedenartigen Organe unterscheiden können: das dumpfe Krähen der
+Hähne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten.
+Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton einer Kuh, ein
+Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen
+des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hörte die Pumpe
+arbeiten – sie müsse einmal geölt werden, sagte Axel – und dann das
+Öffnen verschiedener Türen, und nun hätten sich die sämtlichen Stimmen
+zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle
+Schmettern der Hähne das Leitmotiv angegeben ...
+
+Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. Sie fand, daß der
+Vetter heut ungleich frischer, wohler und jünger aussah als gestern. Sie
+fand auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht habe, mit
+hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fältchen
+darunter, das aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was
+ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner
+Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein
+Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant
+aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten
+Haltung.
+
+Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo der Freiherr bereits am
+Teetisch saß und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des
+Frühlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem großen
+Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die
+Flammen zuckten hin und her.
+
+Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei
+neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was für den Baronshof von
+Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich der
+Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschütten. Er
+schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle
+geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu halten gewesen.
+Übrigens sprach Hellstern vernünftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf
+die »Handelsverträge und das römische Recht« und vermied die
+landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß man heutzutage bei der
+Landwirtschaft nur dann etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle
+Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen der Preise
+Trotz bieten, müsse auch Courage und die nötigen Mittel haben, um einmal
+eine Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstädt
+– was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der
+die niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber für
+das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres
+Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht
+fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben – und er, Hellstern, hatte
+sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herübergekommen,
+waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben?
+Verpulvert, verschleudert, vergeudet – »adjö!« ... Daß die
+Landwirtschaft gute Erträgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt
+habe, um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle
+reichen Juden kauften sich Güter ...
+
+Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern zu Ende war, bat er
+sich von Hedda noch ein Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren
+gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte
+sodann:
+
+»Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein Besitztum verkauft hast,
+Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, daß du dich damals nicht an
+mich gewandt hast – ich hätte dir doch so gern geholfen.«
+
+Der Freiherr schüttelte den Kopf.
+
+»Du standst mir zu fern, Axel,« erwiderte er. »Und dann lagen auch schon
+überreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch
+weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich den Baronshof behalten
+konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat
+Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer hätte
+vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin ich ganz zufrieden.«
+
+Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war
+einverstanden.
+
+Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda
+mußte ihm von der Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des
+Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. Die Dorfstraße wurde
+gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und
+gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flügel
+angebaut. Die alte Inschrift: »Gastwirtschaft von C. Möller« war längst
+übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: »Hotel
+Möller«, sollten sie ersetzen. Die Logierhäuser Alberts stiegen in die
+Höhe; überall regten sich fleißige Hände.
+
+Axel wollte auch den »Kurpark« sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die
+Natur kam hier den Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald
+war wunderschön, und die humusreiche Erde ermöglichte leicht die
+Anbringung hübscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch
+vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein,
+Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu
+ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten während der
+kälteren Jahreszeit.
+
+Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke tätig. Plötzlich neigte Hedda
+grüßend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der
+verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen
+des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht
+mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lächeln
+entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel
+vor.
+
+»Freue mich sehr,« sagte der Kommerzienrat. »Sie lernen die
+Entstehungsgeschichte eines neuen Bades bei uns kennen, Herr Baron. Herr
+Baron sprechen doch Deutsch?«
+
+»Gewiß,« erwiderte Axel; »nur mit dem Akzent geht es zeetweelig noch
+nicht so recht. Das interessiert mich alles sehr, Herr Kommerzienrat.
+Das ist sozusagen ein Stückchen Kulturgeschichte. Wird das da drüben ein
+Pavillon, wenn ich fragen darf?«
+
+»Nein,« entgegnete Schellheim, »das wird der Quellenbau. Wenn die
+Herrschaften gestatten, führe ich Sie ein wenig umher. Wie geht es dem
+Herrn Papa, gnädigstes Fräulein?«
+
+Hedda dankte; sie fragte nach dem Befinden der Rätin, auch unbefangen
+nach Gunther. Das schien Schellheim zu freuen; er wurde ausführlich.
+Gunther war noch immer in Montreux; seine große Arbeit ging dem Abschluß
+entgegen.
+
+»Ein neues Kapitel zur Faustforschung, gnädiges Fräulein –«
+
+»Ja – ich weiß, Herr Kommerzienrat –«
+
+»So – Sie kennen das Thema? Der Pastor ist ganz begeistert; Gunther hat
+ihm die ersten Bogen geschickt. Es muß etwas Eigenes sein, dies Grübeln
+und Forschen und Suchen – ein Glücksgefühl, das unsereiner gar nicht
+kennt, nicht einmal begreift ... Also dies wird der Quellentempel –«
+
+Und Schellheim begann zu erklären. Den Anfängen nach zu urteilen, mußte
+man mit großen Mitteln wirtschaften. Der Quellenbau bestand aus Marmor
+und Schmiedeeisen; ein bekannter Berliner Architekt hatte den Entwurf
+geliefert. Auch die Wandelhalle war eine elegante und luftige
+Eisenkonstruktion. Hier und da wurden zwischen den Bosketts Statuen und
+an den Endpunkten der Laubengänge Ruhesitze errichtet. Künstliche
+Felspartien wurden geschaffen und ein ganzes Parterre hochstämmiger
+Rosen. Vom Brunnen aus zog sich eine Art Boulevard quer durch den Park.
+Hier waren zwei Reihen Buchen stehen geblieben, eine prächtige Allee
+bildend. Die ehemalige Klemptsche Wiese sollte die Spielplätze hergeben,
+für Lawn Tennis, Croquet und Golf, auch an eine Radfahrbahn dachte man.
+Die Chaussee war belebt. Wagen auf Wagen rollte heran, mit Bauholz,
+Eisen und Steinquadern bepackt, dazwischen ganze Fuhren von gelbem
+Kies. Für die Arbeiter waren in den sogenannten »Sandkuhlen« der Grauen
+Lehne Baracken errichtet worden; Fritz und die alten Möllers hatten die
+Verpflegung der Leute übernommen. Neben dem Kommerzienrat sah man
+überall die schlanke Gestalt Alberts. Er war der erste auf dem Platze
+und verließ ihn als letzter. Seine Tätigkeit war erstaunlich; es zeigte
+sich, daß er ein ganzer Geschäftsmann war und trotz seiner Halbbildung
+ein Organisationstalent erster Ordnung. Gegen Schellheim war er von
+kriechender Unterwürfigkeit, und wenn er mit den Seinen allein war,
+schimpfte er auf ihn. Anfänglich hatte er viel schlaflose Nächte gehabt;
+der Gedanke, daß der Kommerzienrat ihn übervorteilen könne, beunruhigte
+ihn maßlos. Und dann hatte er wieder darüber gegrübelt, wie man sich
+Schellheims am bequemsten entledigen könne, wenn alles »fertig sei«.
+Schließlich aber hatte er sich gefügt. Es ging nicht anders. Schellheim
+war nicht mehr los zu werden, war auch nicht zu entbehren. Die
+Gesellschaft war gegründet; an ein gegenseitiges Betrügen war nicht zu
+denken. Dennoch betrachteten sich beide mit einem gewissen Mißtrauen.
+
+Hedda erschien das rastlose Leben und Treiben in und um Oberlemmingen
+wie ein Traumbild. Sie dachte an die Prophezeiungen ihres Vaters. Es sah
+wirklich so aus, als werde das Dorf vom Erdboden verschwinden. Die
+Einrichtungen, die man traf, berücksichtigten Tausende von Badegästen.
+Wo sollten diese Menschen wohnen? – Die Wohnungsfrage war in der Tat
+erst in der Lösung. Man wollte sich damit nicht übereilen. Auf dem
+Möllerschen Terrain ließ sich eine ganze Reihe von Logierhäusern
+errichten. Spekulanten aus Frankfurt hatten bereits Bauplätze gekauft,
+auch der Getreidehändler Ring aus Zielenberg, der Schwiegervater
+Bertolds, begann zu bauen. Und dann unterhandelte man noch mit Raupach
+und Thielemann, deren Gehöfte in der Nähe der großen Landstraße lagen.
+Am wichtigsten war freilich Braumüller, doch der hatte bisher jedweder
+Lockung widerstanden. Er war ein schlauer Patron; die Preise mußten noch
+ganz anders in die Höhe gehen. An seinem Zaun stand ein alter
+Akazienbaum, der den Kommerzienrat ärgerte, weil er die Aussicht auf den
+Boulevard störte. Schellheim beauftragte Albert, den Baum zu kaufen und
+fällen zu lassen. Braumüller forderte fünfzig Taler. Albert erklärte das
+für eine Gemeinheit; das Holz sei nicht fünf Taler wert. Dann solle der
+Baum stehen bleiben, gab Braumüller zurück. Die beiden handelten auf Tod
+und Leben, vier Wochen hindurch. Jeden Abend erstattete Albert dem
+Kommerzienrat Bericht. Braumüller blieb lachend bei seiner Forderung,
+und schließlich sagte Schellheim wütend zu Albert: »Zahlen Sie dem Kerl
+die fünfzig Taler – der Teufel soll ihn holen, den Gauner!« Braumüller
+strich die fünfzig Taler ein, ohne daß ihn der Teufel holte, und betrank
+sich am Abend, so daß ihn zwei Knechte nach Hause tragen mußten.
+
+Das zukünftige Hotel Möller war nicht mehr für die Bauern da. Fritz
+hatte den Stall, in dem die Schankstube provisorisch untergebracht
+worden war, ausbauen lassen; das war jetzt der Krug. Die Bilder von
+Friedrich Wilhelm IV. und der Königin Elisabeth waren mit
+herübergekommen. Es war wie eine Revolution. Die alte Möllern weinte
+zuweilen; sie sah nichts Gutes darin, daß alles so fein und so vornehm
+wurde. –
+
+Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und
+Tritt machte sich der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben auf
+dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die
+ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart.
+Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer Platz freigelegt; dorthin
+sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das
+Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein
+achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von
+Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue
+Kinderheilstätte stehen würde.
+
+Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie
+hatte ihn wieder zu öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle
+sich sehr wohl und auch sehr glücklich.
+
+»Ja – sehr glücklich, Cousine,« wiederholte er. »Ist es der Reez des
+Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben
+Verwandten zusammen sein zu können – ich kann dir nur sagen: ich fühle
+förmlich, wie mir das Herz auftaut – ich spüre selbst so etwas wie
+Frühling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert – und ich
+danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr mir gestattet
+habt, euch besuchen zu dürfen.«
+
+»Aber ich bitte dich, Vetter,« wehrte Hedda den Dank unter hellem
+Erröten ab, »wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und
+hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem Baronshofe
+bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, daß es dir bei uns gefällt –
+denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar
+verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für dich finden! Mein Gott,
+es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!«
+
+»O Hedda, du mißverkennst mich völlig,« entgegnete Axel. »Ich bin
+verwöhnt – allerdings – das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es
+möglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht
+sagen, daß ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe
+einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir
+uns im Schneegestöber verirrten und dree Tage lang auf trockenen
+Schiffszwieback angewiesen waren – es hat mir nicht wehe getan. Ich
+liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so
+weniger, wenn ich mich sonst wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur
+wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden durch
+die Seele – ich weiß nicht, woher es kommt – so etwas wie
+Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig
+genug: im tollsten Trubel hab’ ich mich immer am eensamsten gefühlt. Nun
+hat man mir auch Jarlsberg verboten – wegen der rauhen Luft und des
+verdamm – o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat
+genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen
+– und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...«
+
+Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, des armen »Heimatlosen«,
+der, mit Glücksgütern überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen
+schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte
+Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus – einer, der immer einer
+linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, daß er
+sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der
+Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den
+er hart empfinden mußte.
+
+»Weißt du, Vetter,« begann sie wieder, »daß ich deinen Entschluß, den
+Dienst zu quittieren, für sehr vernünftig halte?«
+
+»Wirklich?« fragte er.
+
+»Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles
+Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.«
+
+»Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise eine peinlich
+ordentliche Natur, Hedda.«
+
+Sie lachte.
+
+»Du bist sozusagen in keine Kategorie einzureihen –«
+
+»Ach nein – in keine des #genus homo#!«
+
+»Es ist noch ein Glück, daß du nicht aufs Carrieremachen angewiesen
+bist,« fuhr Hedda, wieder ernster werdend, fort. »Und bei deinem
+lebhaften Geiste fürchte ich auch nicht, daß du untätig bleiben und dich
+langweilen wirst.«
+
+»O du lieber Gott, Hedda – ich kenne das Wort Langeweile überhaupt
+nicht! Ich habe so hunderterlei Interessen – und wenn ich mich dazu
+entschloß, zur Diplomatie zu gehen, so geschah es nur – gewissermaßen
+aus traditionellen Rücksichten; irgend einen Beruf mußte ich doch
+ergreifen, und der diplomatische gilt bei uns als der vornehmste. Alle
+Hellstjerns sind Diplomaten gewesen, aber ich glaube, es war nie ein
+besonders hervorragender darunter. Doch einer, Christiern Hellstjern –
+der trank um 1500 Sten Sture unter den Tisch und soll dadurch den großen
+Adelsaufstand beigelegt haben – doch ist es immerhin fraglich, ob man
+diese Leistung als diplomatische Heldentat betrachten darf ...«
+
+Sie waren nun bereits mitten im Walde und schlugen den Weg nach dem See
+ein. Er lag in voller Bläue vor ihnen, mit anmutig geschwungenen Ufern,
+die auf allen Seiten zu Bergrücken aufstiegen. Unten erstreckte sich
+Laubwald und weiter oben dunklerer Tannenforst. Die Form des Sees
+erinnerte Axel an den Lago di Como und die eigentümliche Gestaltung
+einzelner hoher Kiefern an die Pinien Italiens. Aus der Ferne schimmerte
+wieder, in leichten Dunst gehüllt, der eckige Turm des Döbbernitzer
+Schlosses in verschwimmenden Umrissen herüber.
+
+Axel fragte nach dem Besitzer des Schlosses. Aber Hedda beschränkte sich
+auf kurze Mitteilungen. Baron Zernin sei ein entfernter Verwandter; er
+habe abgewirtschaftet, ein Duell gehabt und sei noch auf der Festung;
+dieser Tage solle das Gut subhastiert werden – man erzähle sich,
+Schellheim werde es kaufen.
+
+Der Vetter wurde aufmerksam.
+
+»Ist der Zernin ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten?« fragte er.
+
+»Ja, Vetter, der einzige.«
+
+»Und ist das Gut im Stande?«
+
+»Nein, arg vernachlässigt. Aber der Boden soll nicht schlecht sein, und
+Schloß und Park sind herrlich.«
+
+Axel nahm seinen Hut ab und strich sich mit dem Foulard über die Stirn.
+Dann suchte er sich einen Stein am Ufer aus, legte sein Taschentuch
+darüber und ließ sich nieder.
+
+»Bist du nicht auch müde, Hedda?«
+
+»Nicht die Spur; ich bin eine sehr forsche Fußgängerin.«
+
+Er schaute sie ernst und lange an.
+
+»Ach,« sagte er, »wie beneide ich dich um deine quellige Frische! Du
+bist ein echtes Germanenweib, Hedda –« und plötzlich brach er ab und
+winkte ihr. »Komm, setz dich zu mir, wenn du auch nicht müde bist – es
+plaudert sich besser.«
+
+Er rückte ein wenig zur Seite. Der Stein bot Platz für zwei. Hedda
+setzte sich zu ihm. Sie hätte gern die Röte zurückgedrängt, die sie
+plötzlich auf ihren Wangen fühlte. Eine leichte Unruhe überschlich sie.
+Ihr war genau so zu Mute, als müsse im nächsten Augenblick ein Antrag
+kommen.
+
+Doch sie irrte sich. Axel starrte über den See, die schilfumbuschten
+Ränder und das Sonnenflirren im Wasser und sagte dann plötzlich:
+
+»Vielleicht ist das etwas für _mich_ – dies Döbbernitz da drüben.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»Nun – irgendwo muß ich mir doch wieder so eine Art Heimat schaffen,
+Hedda – und hier in eurer Nähe gefällt mir’s schon am besten. Immer
+unter fremden Menschen zu sein, ist auch schrecklich. Ich werd’ mich
+nach den Verhältnissen in Döbbernitz erkundigen ...«
+
+Hedda nickte nur zustimmend; sie antwortete nicht. Die Idee des
+Vetters, sich um das Nachbargut zu bewerben, kam ihr so plötzlich, daß
+sie nicht recht wußte, ob sie sich darüber freuen sollte. Axel schien
+ihr Schweigen unrichtig zu deuten; er schaute sie von der Seite an und
+sagte:
+
+»Das heißt, Cousine, wenn es dir recht ist –«
+
+Jetzt lachte Hedda.
+
+»Aber, Vetter,« antwortete sie heiter, »warum soll es mir nicht recht
+sein? Es ist doch naturgemäß, daß ich Döbbernitz lieber in den Händen
+eines Verwandten als in denen eines Fremden weiß, zumal es früher einmal
+Hellsternscher Besitz gewesen ist –«
+
+»Wirklich?« fiel Axel ein.
+
+»Jawohl, der Große Kurfürst schenkte es dem Hellstern – ich glaube, er
+hieß auch Axel –, der mit Sparre zusammen aus schwedischen Diensten in
+brandenburgische übertrat; dann kauften es die Rothenburgs und später
+die Zernins.«
+
+»Es ist gut, daß ich dies weiß,« erwiderte Axel ernsthaft;
+»Familienerinnerungen muß man wert halten ...«
+
+Und nun wurde er schweigsam, während man langsam den Heimweg antrat.
+Offenbar ging ihm seine Idee durch den Kopf. Er sprach übrigens tagsüber
+nicht mehr davon. Hedda wunderte sich, daß er nicht wenigstens ihren
+Vater zu Rate zog, aber es schien, als vermeide er mit Absicht, das
+Thema von neuem anzuregen.
+
+Am nächsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof,
+die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber.
+Sein Wagen tät’ es auch noch, meinte er, und seine dicken Füchse liefen
+ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstände verursachen. Er versprach,
+in Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang
+so warm, daß man fühlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den
+Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände fest. »Ein merkwürdiger
+Mensch,« dachte sie, als sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.
+
+August war voll hohen Lobes über den Herrn Vetter aus Schweden.
+
+»Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld gegeben, gnädiges
+Fräulein,« erzählte er Hedda. »Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten
+je zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr Baron kaum drei Tage bei
+uns war, so ist das eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann
+das doch nicht zurückweisen – wie würde das denn aussehen!«
+
+Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurück.
+
+»Ich werde nicht klug aus ihm,« sagte Hellstern. »Er ist mir zu weich,
+zu lasch, nicht männlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner
+Krankheit, vielleicht auch tatsächlich an dem Empfinden von
+Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich dir erzählen
+wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden – man hat ihm den Rest
+seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel
+und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.«
+
+»Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,«
+entgegnete Hedda.
+
+»Es wäre im Grunde genommen ganz gut,« erwiderte der Alte; »so mal für
+ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr –
+ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht
+auch?«
+
+Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick
+an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle
+ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war später geworden, als man
+anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heißem Prangen in
+das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu
+färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie
+sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch
+offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten
+Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und
+auch einige Berliner, die sich für den ganzen Sommer in Oberlemmingen
+festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer
+Ferne, selbst aus Süddeutschland. Die Broschüre, die Professor Statius
+über die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu
+Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter
+Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine
+Beschreibung des neuen Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine
+romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, der das freundliche
+Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine
+ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere
+Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der
+Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen
+noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und
+Kissingen und den sonstigen großen Bädern; die Kurtaxe war gering, die
+Lebensmittel bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung waren die
+denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt worden. Bei der Lektüre der
+Broschüre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse
+bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen märkischen
+Paradies. Als der alte Möller sich eines Tages nach mancherlei Mühe
+durch die Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr
+zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht.
+»Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen?« fragte er Albert.
+Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in die Hosentaschen und
+klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug.
+»Das ist einfach der Köder, Vater,« antwortete er; »erst müssen die
+Leute _kommen_ – nachher wird sich’s schon finden, wie wir sie
+drankriegen.«
+
+Braumüller hatte wirklich verkauft. Das war ein harter Kampf gewesen.
+Wochenlang schacherte er mit Bertold. Er wollte nicht recht, hatte aber
+Frau und Tochter gegen sich, die der Gedanke an das viele Geld und an
+die Wahrscheinlichkeit, nach der Stadt überzusiedeln, verlockte.
+Namentlich Lise drängte es nach der Stadt. Seit sie wußte, daß Albert
+sie doch nicht nehmen würde, träumte sie von einer Partie mit einem fest
+angestellten Beamten. Sie wollte hoch hinaus; sie hatte Geld und dankte
+für die Bauernwirtschaft, für das Frühaufstehen, das Melken im
+schmutzigen Stall und das Abrackern auf dem Felde in glühender
+Sonnenhitze. Aber der Vater verbat sich das Gerede. Nun ja, er hatte
+verkauft und ein gutes Geschäft gemacht. Doch er wollte in Oberlemmingen
+bleiben, vorläufig wenigstens. Er war auch neugierig, was denn nun
+eigentlich aus Oberlemmingen werden würde. Und so hatte er sich beim
+Verkauf freies Wohnrecht in drei Zimmern seines alten Hauses für die
+nächsten beiden Jahre ausbedungen. Da er aber keine Arbeit mehr hatte,
+so lag er von früh bis spät in der Wirtsstube und kam Abend für Abend
+betrunken nach Hause.
+
+Am Weihetage der Quelle ruhte selbstverständlich die Arbeit in ganz
+Oberlemmingen. Das kam selten genug vor, denn seit Monaten hatte im
+Dörfchen eine geradezu fieberhafte Tätigkeit geherrscht. Aber so
+vornehme Gäste wie heute hatte Oberlemmingen auch noch nicht gesehen.
+Aus allen Ortschaften der Umgegend, wo ein Gutssitz war, rollten die
+Equipagen heran. Man kannte sie alle: die große Glaskutsche des
+Döbbernitzer Oberförsters, in der auch das ABC in rosa Mullkleidchen
+dicht aneinandergedrängt Platz gefunden hatte, den Landauer des Landrats
+von Wessels, den Klapperkasten des Kreisphysikus Doktor Stramin, das
+elegante Gefährt der Woydczinska, die Wagen der Klitzingks, Nehringens
+und Schmiedows und der reichen Frau Necker und schließlich auch den
+gelben Korb Exzellenz Usens, dessen Kutscher inmitten der übrigen
+Galonnierten wie ein Fuhrknecht aussah. Nur die alte Viktoriachaise aus
+Grochau fehlte; Hauptmann Biese weilte noch in der Schweiz; die Kugel
+Zernins hatte ihn für lange auf das Krankenlager geworfen, und die
+Genesung war noch nicht vollständig.
+
+Nach Zielenberg hatte Kommerzienrat Schellheim seine eigne Equipage
+geschickt, um die Vertreter der Regierung abzuholen, die aus Frankfurt
+gekommen waren. Er erwartete sie an der Spitze der Deputation, zu der
+außer einigen Häuptern des Kreises auch Albert Möller, Pfarrer von
+Eycken und der Lehnschulze gehörten. Baron Hellstern war vergeblich
+gebeten worden, sich anzuschließen. Er hatte mit Bestimmtheit abgelehnt
+und knurrte und brummte auf dem Baronshofe umher; auch Hedda und selbst
+August brummten, denn der Alte hatte ihnen zu verstehen gegeben, er
+wünsche nicht, daß sich irgend einer vom Baronshofe an dem Firlefanz da
+unten beteilige.
+
+Es war heiß um diese Mittagstunde, und die ganze Empfangsdeputation
+schwitzte. Der Kommerzienrat trug etwas winziges Rotes im Knopfloch
+seines Fracks; er war Besitzer des Ordens von der Büste Bolivias, den
+man auch um den Hals tragen konnte, aber das Bändchen sah hübscher aus
+als die groteske »Büste«. Der Landrat war in der Reserveuniform des
+Kürassierregiments erschienen, bei dem er gedient; man wußte nicht
+recht, warum er sich so kriegerisch in Szene gesetzt hatte. Eycken trug
+Talar; obschon man auch den Superintendenten erwartete, sollte _er_ die
+Weiherede halten.
+
+Endlich wirbelten Staubwolken auf der Chaussee empor. Gott sei Dank –
+das war »die Regierung«! Sie kam zu Hauf! Voran der Präsident im Frack
+mit klingendem Ordensschmuck und dann eine ganze Masse seiner Beamten,
+die meisten in Uniform, weil sich selten einmal eine Gelegenheit bot, wo
+sie ihr schimmerndes Kostüm anlegen konnten. Nach kurzer Vorstellung und
+Begrüßung ging es sofort in den Kurpark, den Gendarmen abgesperrt
+hielten, da auch aus den Dörfern ringsum sich die Neugierigen zu vielen
+Hunderten eingefunden hatten. Es war ein ganz großstädtisches Leben und
+Treiben wie bei Gelegenheit einer Parade oder eines Kaiserbesuchs, ein
+buntes Gewühl und Gewimmel festlich gekleideter Menschen, die die
+Einweihung der Quelle als interessantes Schauspiel und willkommene
+Abwechslung betrachteten.
+
+Im Kurpark vollzog sich inzwischen der feierliche Akt genau nach den
+vorher getroffenen Bestimmungen. Es war hier im Gegensatz zu der
+brennenden Mittagsglut auf der Chaussee wundervoll kühl und schattig.
+Ein grünlicher Dämmer spann seine Schleier zwischen den Stämmen der
+Buchen aus, und Sonnenflecken kreisten und zitterten überall auf dem
+gelben Kies der Wege. Der Superintendent eröffnete die Feier mit einem
+Gebet, dann hielt Eycken die Weiherede. Er stand vor dem Altar, den man
+vor dem Quellentempel errichtet hatte, und sein weißer Bart fiel lang
+und glänzend auf den schwarzen Talar herab. Für ihn war diese Quelle
+kein Objekt säckelfüllender Spekulation; sie sprang aus Sand und
+Felsgestein hervor an das Licht des Tages, um der Menschheit zu dienen,
+um die Tränen des Elends hinwegzuwaschen, um die Gebrechen der Welt zu
+heilen. Die heiße Liebe, die Eycken für die Kleinen und Armen erfüllte,
+schwoll in seinen Worten allumfassend an. Die Quelle sollte den Erdkreis
+überströmen, um mit ihrem wundertätigen Wasser alles Leid
+hinwegzuspülen. Sie war eine Gabe des Höchsten und deshalb auch sollte
+ihr Wohltun der ganzen Welt zugute kommen.
+
+Nun fiel die Hülle von dem Tempelbau; Arbeiter zerbrachen die
+Verzimmerung, die den Quell bisher festgehalten hatte, und in vollem
+Strahl, springbrunnenähnlich, sprudelte das Wasser silberklar in die
+Höhe. Eycken tauchte seine Hände in das perlenwerfende Naß und schlug
+dann mit der Rechten, an der noch die Tropfen schimmerten, ein Kreuz
+über die Quellenöffnung.
+
+»So weihe ich dich denn, im Namen Gottes, zum Besten der Menschen, zum
+Heile der Kranken und Siechen! Und in dankbarer Erinnerung an den, der
+unser deutsches Vaterland aus Not und Elend zu Kraft, Stärke und
+Gesundung zurückgeführt hat, taufe ich dich Bismarckquelle!«
+
+So war es verabredet worden. Der Kommerzienrat hatte die Anregung zu
+diesem Namen gegeben; man bedauerte nur, daß die Weihe nicht am ersten
+April, am Geburtstage Bismarcks, erfolgen konnte – das wäre noch
+hübscher gewesen. Doch trotzdem – der Moment war sehr feierlich. Es
+ging ein Rauschen und Flüstern durch die Wipfel der Buchen, wie ein
+Akkord der Zustimmung, den die Natur diesem Segenswerke zollen wollte.
+Aber die meisten achteten nicht auf dies geheimnisvolle Wehen. Albert
+Möller, der sich ziemlich bescheiden im Hintergrunde hielt, sah andre
+Zeichen. Über die Gestalt des Pfarrers, sein weißes Haar und seinen
+schwarzen Talar und auch über das springende Wasser und die
+Marmoreinfassung rieselte ein ganzer Regen von Sonnenfunken. Es sah
+wirklich so aus, als ströme das blanke Gold in Fülle vom Himmel herab –
+und das war ein Anblick, der Albert wohltat. Er hörte nicht mehr auf
+den Segen, den Eycken sprach, und auch nicht auf die kurze Rede des
+Regierungspräsidenten, der mit einem Hoch auf den Kaiser schloß; der
+Goldregen lenkte seine Gedanken ab, zerstreute, verwirrte und blendete
+ihn. Erst als der Kommerzienrat das Wort ergriff, um den zu feiern, der
+der Quelle den Namen gegeben hatte, schreckte er aus seinen Träumereien
+empor, und ein haßerfüllter Blick streifte den Sprechenden. O, wie
+grimmte es ihn, daß er mit dem da teilen mußte!
+
+Nach beendeter Feierlichkeit wurde der Kurpark dem Publikum freigegeben,
+und nun flutete die Menge durch die Gänge und Anlagen, während
+Schellheim im Auschlosse die Herren von der Regierung bewirtete. Auch
+die Mitglieder des Aufsichtsrats und Kurvorstands waren dazu geladen
+worden. In der großen Halle hatte man ein riesiges Büfett errichtet,
+aber auch auf der ersten Terrasse waren kleine Tische gedeckt worden. Es
+war ein heiteres und buntfarbiges Bild. Die neugebildete Kurkapelle
+konzertierte bei dieser Gelegenheit zum ersten Male, denn es war
+selbstverständlich, daß die Dorfmusik mit dem ererbten Bombardon, das
+Fritz Möller so trefflich zu meistern verstand, nunmehr für immer in der
+Versenkung verschwinden mußte. Albert ärgerte sich, daß man nicht auch
+seinen Vater geladen hatte. Er war blaßgrün im Gesicht. Wäre es nicht
+passender gewesen, diese ganz offizielle Abfütterung unten im Hotel
+Möller zu veranstalten? – Als der Regierungspräsident, das
+Champagnerglas in der Hand, mit seiner zarten, wispernden Stimme der
+großen Verdienste des Kommerzienrats gedachte und ein Hoch auf den
+intelligenten Zauberer ausbrachte, dessen Wunderstab auch »das
+Unmögliche möglich mache«, da glaubte Albert, an dem Bissen
+Gänseleberpastete, den er gerade genießen wollte, ersticken zu müssen.
+Das klang ja wirklich, als hätte Schellheim die Quelle entdeckt, als
+hätte ihm das Terrain gehört, als wäre er derjenige gewesen, der den
+ersten Anstoß zu der industriellen Ausbeutung des Heilwassers gegeben
+hätte! Wahrhaftig, es war zum Lachen; den Kommerzienrat feierte man, und
+ihn, den Albert Möller, den eigentlichen Urheber, den Gründer, beachtete
+man gar nicht!
+
+Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der
+höfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu
+danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. Das
+brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer
+Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims
+Gesicht glänzte vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher
+eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein
+Sohn Hagen, der Älteste der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu
+verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, einer
+gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben
+Geschöpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen
+einzuwenden haben. Schellheim war außer sich. Er entsann sich dieser
+niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der
+Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und
+ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber
+heiraten – nein, das war eine Unmöglichkeit! Hagen war der Leiter des
+Weltgeschäfts, der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich
+eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. Und auf der
+Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm
+gründlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich
+energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu
+nennen. Auch die Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie
+ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging auf ihr Zimmer und schloß
+sich ein, um ungestört weinen zu können.
+
+Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel zurück. Er hatte seinen
+Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den
+Umbau des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. Es war wieder
+einmal eine Familienkonferenz nötig. Fritz, der – eine große weiße
+Schürze um den Leib – soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren,
+fragte verwundert, was es denn gebe.
+
+»Wirst es schon hören,« antwortete der Bruder, »diesmal geht’s dich an!«
+
+In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Möller
+mürrisch wie immer, das Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte,
+Fritz, Albert und Bertold.
+
+Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. »Ich möchte mit
+euch einmal wegen der Dörthe reden,« sagte er. »Der Sache muß ein Ende
+gemacht werden.«
+
+»Wieso?« fragte der dicke Fritz aufgeregt, während die Mutter zustimmend
+nickte.
+
+»Wieso?« wiederholte Albert mit strenger Stimme. »Kannst dir’s wohl
+denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.«
+
+»Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten Hochzeit sein
+soll,« entgegnete Fritz; »da wird’s ja anders werden!«
+
+»Und ich bin doch auch noch da,« fügte die Mutter hinzu.
+
+Albert schüttelte den Kopf.
+
+»Du bist nicht mehr die Jüngste, Mutter,« sagte er. »So einem großen
+Hotelwesen muß eine rüstige Kraft vorstehen.«
+
+»Gottlob, das ist die Dörthe,« warf Fritz ein.
+
+»Und wenn sie’s auch zehnmal wäre,« fuhr Albert heftig auf; »wenn du dir
+hier in Oberlemmingen eine Stellung schaffen willst, kannst und darfst
+du kein Bauernmädel heiraten!« ... Er lenkte ein, als er das bestürzte
+und unglückliche Gesicht seines Bruders sah. »Du mußt Vernunft annehmen,
+Fritz,« fuhr er fort. »Ich konnte auch nicht vorher wissen, wie sich
+alles gestalten würde. Es scheint, als habe der Kommerzienrat Lust, die
+ganze Macht an sich zu reißen und uns auf dem Trockenen sitzen zu
+lassen. Dem müssen wir vorbeugen. Das können wir aber nur, wenn wir
+Brüder uns solidarisch erklären, das heißt also, wenn wir einer für alle
+stehen und uns gegenseitig aushelfen. Ich sage dir, auch ich werde
+heiraten, aber ich muß noch warten; die Rechte ist noch nicht da, und
+ich brauche viel Geld. Geld ist die Hauptsache.«
+
+»Die Hauptsache,« bestätigte auch der Alte, und Bertold nickte dazu:
+»Man muß rechnen.«
+
+»Also schlag dir die Dörthe aus dem Kopf, Fritz,« begann Albert von
+neuem. »Das gibt ein paar Tränen, und in einem Vierteljahr ist die Sache
+vergessen. Ich habe vorhin mit dem Landrat gesprochen. Er fragte, ob wir
+den Wittke wieder zum Schulzen wählen würden. Der scheint ihm nicht
+recht zu passen, und er hat auch recht. Wittke ist einer von den Alten,
+bäurisch durch und durch, immer in Schmierstiefeln und mit der Pfeife im
+Maule. So einen können wir nicht brauchen. Oberlemmingen wird wachsen
+und einen städtischen Anstrich bekommen. Der Schulze wird nicht mehr
+Schulze, sondern Bürgermeister sein. Er muß auch was vorstellen können
+– wir wollen ja doch die vornehme Welt heranziehen! Und das sah auch
+der Landrat ein. Er hat mich gefragt, ob du dich nicht zum Schulzen
+eignen würdest!«
+
+Fritz schlug die Augen zu Boden. Er wußte nicht, was er sagen sollte.
+Man wollte ihm die Dörthe nehmen; das stand fest. Und so gewaltig war
+das Ansehen Alberts in der Familie gewachsen, daß er gar nicht mehr zu
+widerstreben wagte. Im stillen hatte er längst gefürchtet, daß die
+Verlobung wieder auseinandergehen würde.
+
+Vater Möller hatte sich neben Albert gesetzt und die Ellbogen auf den
+Tisch gestützt. Sein schlaues Bauerngesicht sah hart aus, als sei es aus
+Stein gehauen.
+
+»Hast du nun gehört, Fritz?« sagte er. »Der Landrat hat gefragt, ob du
+dich nicht zum Schulzen eignen würdest?«
+
+»Na, gewiß,« entgegnete Fritz etwas zaghaft, »warum denn nicht? Dazu
+gehört doch nicht so viel!«
+
+»Mein’ ich auch,« fügte Albert ein, »und daß du gewählt wirst, dafür laß
+mich nur sorgen. Das ist eine große Stütze für uns alle, wenn du der
+Ortsvorstand bist. Ich für meinen Teil werde mich darum bemühen,
+Amtsvorsteher zu werden; Hauptmann Biese will niederlegen – es geht
+auch nicht, daß der Vertreter eines so wichtigen Postens in Grochau
+wohnt. Und nun zum Schluß: ich habe eine andre Partie für dich, Fritz.«
+
+Fritz fuhr erschreckt in die Höhe.
+
+»Aber, Albert – ich bin ja noch nicht einmal auseinander mit der
+Dörthe,« wagte er einzuwerfen.
+
+Jetzt nahm auch die Mutter das Wort. Sie begann sofort zu keifen und zu
+schimpfen. Wenn es nach ihr gegangen, wäre die Dörthe überhaupt nicht
+ins Haus gekommen. Es hätte ihr von vornherein nicht gepaßt. Und
+schließlich erging sie sich in allerhand Anspielungen, das Mädchen zu
+verdächtigen. Sie treibe sich herum; neulich habe man sie noch nach
+Mitternacht an der Seite von Anton Tengler durch das Dorf schleichen
+sehen ...
+
+Der Alte schnitt ihr endlich mit drohender Handbewegung das Wort ab.
+»Was für ’ne Partie?« fragte er Albert; »rede!«
+
+Albert legte seinen Plan dar. Ring, der Schwiegervater Bertolds, wolle
+die Sache machen. Es handle sich um die einzige Tochter Franz Grödeckes,
+Schlächtermeisters in Frankfurt. Der alte Möller nickte. Er kannte den
+Grödecke in der Richtstraße; ein schlauer Halunke, aber er hatte Geld
+gemacht. Also dessen Tochter?! – Und Albert erzählte weiter. Das
+Mädchen sei nicht mehr ganz jung, etwa dreißigjährig, aber groß und ganz
+hübsch und nehme sich recht stattlich aus. Grödecke habe sich bereits
+einverstanden erklärt, wolle zwanzigtausend Taler Mitgift geben, stelle
+aber die Bedingung, daß ihm kontraktlich die gesamten Fleischlieferungen
+für Oberlemmingen verbürgt würden. Statt dessen wolle man ihm
+vorschlagen, in Verbindung mit dem Hotel eine Engrosschlächterei hier an
+Ort und Stelle zu errichten. In ausführlicher Weise legte Albert die
+Vorteile dieser Verbindung klar. Fritz wäre ein Narr, wenn er nicht mit
+beiden Händen zugriffe.
+
+»Da gibt’s nichts weiter zu reden,« sagte der Alte ruhig; »Fritz
+heiratet das Mädel.«
+
+Noch einmal versuchte der arme Junge zu widersprechen. Er stand auf,
+reckte seine riesige Gestalt, zog die Schultern, gleichsam
+entschuldigend, hoch in die Höhe und stotterte: »Vater – Vater, sei mir
+nicht böse; ich kann’s nicht!«
+
+Mit einem Sprung stand der Alte dicht vor ihm. Purpurrot färbte der jähe
+Zorn sein hartes Greisengesicht. Die Augen unter der vorspringenden,
+viereckigen Stirn loderten, die Fäuste hoben sich.
+
+»So,« stieß er hervor, »du gehorchst nicht – gehorchst nicht?!«
+
+Fritz duckte sich wie ein Schuljunge, der das Lineal fürchtet. Aber er
+erwiderte kein Wort. Er zitterte am ganzen Leibe.
+
+Albert und Bertold fielen dem wutkeuchenden Alten in den Arm. Die Mutter
+stand am Fenster und schaute wortlos zu.
+
+So war es am besten; es mußte einmal zur Entscheidung kommen.
+
+»Laß, Vater,« sagte Albert in beruhigendem Tone, »Fritz wird gehorchen.
+Er ist der Jüngste. Aber er soll seine Zeit haben. Es braucht nicht
+alles kopfunter, kopfüber zu gehen. Er kann die Dörthe langsam fallen
+lassen. Unterdes kommt die Frida Grödecke mal her sich vorzustellen –
+es wird sich schon alles finden. Ich fahr’ morgen sowieso nach
+Frankfurt, da sprech’ ich mit Grödecke.«
+
+Fritz ging hinaus. Aber in der Tür wendete er sich nochmals um. Er sah
+kreideweiß aus.
+
+»Und der alte Klempt?« fragte er; »soll der auch betrogen werden?«
+
+Albert schüttelte den Kopf. »Betrogen?« gab er zurück. »Und weshalb?«
+
+»Na – mit seiner Wiese.«
+
+»Ah – was hat das mit deiner Heirat zu tun? Wir haben ihm die Wiese
+bezahlt.«
+
+»Aber er hätte sie nicht verkauft, wenn Dörthe nicht so zugeredet hätte,
+und wenn –«
+
+»Still jetzt!« brüllte der Alte und wies auf die Tür. Krachend warf
+Fritz sie ins Schloß.
+
+Er ging wieder an seine Arbeit. Aber während er die Etiketten mit der
+wechselnden Aufschrift »Trabener«, »Graacher« und »Moselblümchen« auf
+die schon gefüllten – übrigens aus ein und demselben Fasse gefüllten –
+Flaschen klebte, wanderten seine Gedanken ruhelos umher. Er sah
+immerwährend die Dörthe neben sich stehen und zermarterte sich das Hirn,
+wie er ihr wohl am besten beibringen könne, daß alles aus sei. Denn daß
+es nun kein Zurück mehr gab, war klar. Der Vater würde ihn zu Boden
+schlagen, wenn er noch einmal nein sagen wollte. Und vor dem Vater
+zitterte er. Der Riesenmensch, der es gelegentlich fertig bekommen
+hatte, mit jeder Hand einen Bauern hinten am Hosengurt zu packen und
+hoch emporzuheben, schlug vor dem Drohblick des Alten die Augen wie ein
+gestrafter Schuljunge zu Boden.
+
+Er atmete, immer weiterarbeitend, mit schwer sich hebender und senkender
+Brust. Und plötzlich hielt er inne. Er mußte irgend etwas zerstören,
+zerbrechen, vernichten. Er holte aus, um die Flasche, die er in der Hand
+hielt, gegen die Wand zu schleudern. Aber er besann sich. Nein, das war
+Unsinn! Der »Trabener« stand mit einer Mark fünfzig Pfennig auf der
+neuen Weinkarte.
+
+ * * * * *
+
+Für den folgenden Tag war in Zielenberg Termin zur Subhastation von
+Döbbernitz festgesetzt worden. Der Kommerzienrat hatte sich genau
+informiert. Zernin hatte seine Sache aufgegeben; er wollte dem Termin
+gar nicht beiwohnen. Auch sonst erwartete man wenig Reflektanten. Man
+glaubte überall, Herr von Zernin werde, wie schon dreimal, auch diesmal
+wieder im letzten Augenblick eine Hilfsquelle gefunden haben. Übrigens
+gab es in der Umgegend auch keine ernsthaften Käufer. Jeder hatte mit
+dem eignen Besitz zu tun. Es war keine günstige Zeit für die
+Landwirtschaft.
+
+Trotzdem war das verräucherte Terminzimmer mit seinen kahlen, weiß
+getünchten Wänden und den grün schillernden Fensterscheiben ziemlich
+voll. Eine ganze Anzahl Neugieriger hatte sich eingefunden, unter ihnen
+auch der alte Usen, in dem der Kommerzienrat einen Nebenbuhler witterte.
+Man wußte nie so recht, was der Sonderling vorhatte; er platzte häufig
+einmal mit etwas ganz Unerwartetem heraus. Ferner sah man die meisten
+Fouragehändler aus der Gegend, einige Berliner Agenten und
+Hypothekengläubiger und ein paar Fremde, die von den Kreiseingesessenen
+mit einem gewissen Mißtrauen gemustert wurden.
+
+Die einleitenden Formalitäten waren rasch erledigt. Man kannte das
+alles: den Grundsteuerreinertrag, die Hypothekenlast, die Rentenbeiträge
+und Servitute – das war eine langweilige Sache.... Der Kommerzienrat
+stand am Fenster und sah einer Spinne zu, die sich von der Decke aus an
+einem langen Faden niedergelassen hatte und gerade über dem kahlen Kopfe
+des amtierenden Richters schwebte.
+
+Schellheim begann damit, dreihunderttausend Mark zu bieten. Es erfolgte
+sofort ein Aufschlag von vierzigtausend Mark von seiten eines Berliner
+Agenten, der damit die Hypothek seines Auftraggebers retten wollte. Der
+Kommerzienrat setzte zehntausend Mark zu; er hatte die Absicht, bis auf
+vierhunderttausend Mark zu gehen. Schlug man ihm dann den Besitz zu, so
+hatte er ein gutes Geschäft gemacht, denn das war allein der Waldbestand
+trotz allen Raubbaues noch wert. Der anwesende Vertreter der
+Ritterschaftsbank saß im Hintergrunde und feilte an seinen Nägeln. Er
+war gedeckt; die Geschichte interessierte ihn nicht mehr.
+
+Ein Fremder, ein alter Herr, der sich als Graf Isingen vorgestellt hatte
+und ein Verwandter Zernins war, ging bis auf dreihundertachtzigtausend
+Mark. Auch in diesem Falle galt es, eine Hypothek zu sichern. Schellheim
+bot jetzt von fünf- zu fünftausend Mark mehr. Plötzlich rief eine Stimme
+aus der Mitte der Anwesenden:
+
+»Vierhunderttausend Mark!«
+
+Alles schaute sich um. Schellheim reckte den Hals und wurde unruhig.
+Exzellenz Usen erhob sich und trat an die Wand.
+
+»Den Namen bitte,« sagte der amtierende Richter.
+
+»Rechtsanwalt Stroschein in Vollmacht des Herrn Baron von Hellstjern.«
+
+Der Richter wiederholte dem Protokollführer den Namen. Ein Gemurmel
+wurde hörbar. »Schockschwerenot – Hellstjern?!« rief Usen halblaut.
+Auch der Kommerzienrat war bestürzt. Er dachte gleichfalls an den
+knurrigen Alten auf dem Baronshof. Aber das war doch nicht denkbar. Und
+auf einmal tauchte das Bild Axels vor ihm auf. Ja – der mußte es sein!
+Er wurde wütend. Die beiden Hellstjerns, der reiche und der arme,
+steckten zweifellos unter einer Decke. Man wollte ihm Döbbernitz nicht
+gönnen. Er hatte sich alles schon auf das genaueste zurechtgelegt.
+Zweihunderttausend Mark waren nötig, die Landwirtschaft auf Döbbernitz
+wieder in Gang zu bringen. Aber das genügte auch; und dann ... Die
+laute Stimme des Richters unterbrach seinen Gedankengang.
+»Vierhundertzehntausend!« rief der Kommerzienrat.
+
+»Zwanzig,« ertönte die Stimme des Rechtsanwalts Stroschein.
+
+»Fünfundzwanzig!«
+
+»Dreißig!«
+
+Jetzt drängte sich Schellheim zu dem Konkurrenten hindurch.
+
+»Kommerzienrat Schellheim,« sagte er, sich vorstellend; »Sie bieten für
+den Baron Axel Hellstjern, den Schweden, wenn ich fragen darf?«
+
+»Ganz richtig, Herr Kommerzienrat.«
+
+»Und wollen Sie noch höher gehen?«
+
+»So hoch es nötig sein wird.«
+
+»Vierhundertdreißigtausend Mark – zum ersten!« rief der Vorsitzende.
+
+»Vierhundertvierzigtausend!« erscholl die Stimme des alten Usen.
+
+Da verlor Schellheim völlig die Fassung. Er sah Usen hilflos an, der mit
+grinsendem Gesicht, die Augen mit den schweren, immer geröteten
+Tränensäcken ein wenig zusammengekniffen, an der Wand lehnte. Die Sonne
+beleuchtete ihn hell. Die Aufschläge seines schäbigen grauen Jagdrocks
+strotzten vor Fettflecken; an der Weste fehlte ein Knopf.
+
+Es war ganz verrückt. Das war wieder einmal einer jener tollen Streiche
+des alten Paschas, mit denen er urplötzlich zutage zu treten pflegte,
+und immer dann, wenn man es am wenigsten erwartete. Was wollte er denn
+mit Döbbernitz?!
+
+»Fünfundvierzig!« schrie Schellheim und biß die Zähne zusammen.
+
+»Fünfzigtausend!« rief Rechtsanwalt Stroschein.
+
+In seiner Aufregung packte der Kommerzienrat den Rechtsanwalt an der
+Schulter.
+
+»Geh’n Sie noch weiter?« stieß er hervor.
+
+»O ja,« versetzte dieser gemächlich.
+
+»Wie hoch?«
+
+»Sechzig – siebzig – ich werde abwarten.«
+
+»Vierhundertfünfzigtausend Mark – zum ersten!« erscholl wieder des
+Vorsitzenden Stimme.
+
+Schellheim trat achselzuckend neben Usen.
+
+»Ich höre auf,« flüsterte er diesem zu. »Das ist eine Verrücktheit.«
+
+»Schad’t ja nichts,« gab Usen zurück, »ein bißchen Verrücktheit versüßt
+das Leben – fünfundfünfzig!«
+
+»Sechzigtausend!«
+
+»Hol’ euch alle der Teufel,« brummte Schellheim, nahm seinen Hut und
+verließ das Zimmer. Er war sehr ärgerlich. Sein Wagen wartete vor dem
+Gerichtsgebäude, aber er stieg noch nicht ein. Er wollte wenigstens
+wissen, wie die Sache endgültig verlaufen würde.
+
+Sie verlief einfach genug. In dem Augenblick, da der Kommerzienrat nicht
+mehr mitbot, hörte auch Usen auf. Er lehnte noch immer an der Wand, mit
+grinsendem Gesicht und zusammengekniffenen Äuglein, und der weiße Kalk
+des Mauerputzes blieb an seinem verschossenen grünen Jagdrock hängen.
+
+Döbbernitz fiel Axel Hellstjern für vierhundertsechzigtausend Mark zu.
+Es verblieben somit für Zernin immer noch einige tausend Mark
+Reingewinn. Das hatte niemand erwartet.
+
+Zernin selbst am allerwenigsten. Er war kurze Zeit vorher von Magdeburg
+eingetroffen, wo er eine langweilige Festungszeit verlebt hatte. Was aus
+ihm werden sollte, wußte er noch nicht. Vor Amerika graute ihm. Pfui
+Teufel, zum Kellner oder Hausknecht hatte er keine Anlagen!
+
+Die Nacht vor dem Subhastationstermin schlief er schlecht. Er wachte
+zwanzigmal auf und wälzte sich von einer Seite zur andern. Alte
+Erinnerungen stürmten mächtig auf ihn ein – an Vergangenes, an seine
+Kindheit, an die Eltern. Es dämmerte grau durch die Ritzen der
+Fensterläden, als er wütend aufsprang. Es hielt ihn nicht mehr im Bette.
+
+Er zündete ein Licht an und suchte nach einer Flasche Wein. Aber er
+fand keine. »Lotterwirtschaft,« brummte er vor sich hin und stieg im
+Schlafrock und Morgenschuhen in das Souterrain hinab, um den Weinkeller
+zu durchstöbern.
+
+Im Schlosse war es totenstill. Das ganze riesige Gebäude lag in tiefem
+Schlafe. Die Zimmer standen gähnend leer. Klaus hatte in seiner ewigen
+Geldnot verkauft, was loszuschlagen war; den Rest hatten die
+Gerichtsvollzieher geholt, während er in Magdeburg saß. Durch die öden
+Fenster glomm der trübe Morgen. Graue Schatten überall und noch
+nächtiges Dunkel in den Winkeln und Ecken. In dem großen Saale des
+Mittelbaues, in dem zur Johanniterzeit die Konvente abgehalten worden
+waren, stand kein Tisch und kein Stuhl mehr. Riesenhaft reckte sich an
+der einen Querwand der deckenhohe Sandsteinmantel des Kamins mit seinen
+schwarz gewordenen Wappenschildern. Selbst die alten Butzenscheiben
+waren ausgehoben und durch moderne Fensterflügel ersetzt worden ...
+
+Klaus schloß den Weinkeller auf, einen riesigen, hochgewölbten Keller
+mit zahllosen Flaschenregalen an den Wänden, denn der alte
+Ministerpräsident hatte einen guten Tropfen geliebt. Aber auch hier sah
+es leer aus; Staub und Schmutz lagen zu Haufen umher, und Spinneweben
+bedeckten die Regale, in denen der Holzwurm tickte. Nur in einer Ecke
+waren dicht am Boden noch einige Reihen Flaschen aufgeschichtet, und aus
+diesen suchte Klaus sich eine aus. Er traf die richtige, einen
+vierundachtziger Pommery, von jenem wunderbaren Jahrgange, der sich
+bereits erschöpft hatte und selten zu werden begann. Und dann stieg er,
+die Flasche unter dem Arm, wieder die Treppen hinauf.
+
+Sein in den Pantoffeln schlurrend wiederhallender Schritt war der
+einzige Laut, der sich hören ließ. An den Wänden des Treppenhauses
+zeigten sich große helle Flecken, von den alten Ölbildern herrührend,
+die hier einst gehangen hatten und von unbarmherzigen Gläubigern
+abgeholt worden waren. Nichts war geblieben. Die ganze Meute hatte die
+Festungszeit Zernins benutzt und sich in toller Hetzjagd auf Döbbernitz
+gestürzt. Selbst die letzten Andenken an den verstorbenen
+Ministerpräsidenten hatte man nicht verschont: Geschenke des alten
+Königs, des Kaisers Alexander von Rußland und andrer Potentaten. Die
+Bibliothek war entleert worden; man hatte Auktionen veranstaltet, und
+kostbare Widmungsexemplare, wie Lamartines Geschichte der Girondisten,
+die der Verfasser Friedrich von Zernin persönlich geschenkt, als dieser
+Gesandter in Paris gewesen, waren für wenige Groschen verschleudert
+worden. Das alte Schloß war wie ausgeraubt.
+
+Klaus kehrte in sein Schlafzimmer zurück, entkorkte die Flasche, warf
+sich wieder auf das Bett und trank den Champagner aus dem Wasserglase,
+das auf seinem Nachttische stand. Auch eine Zigarre steckte er sich an,
+aber sie schmeckte ihm nicht. Er warf sie mitten in die teppichlose
+Stube.
+
+Morgen kam Döbbernitz unter den Hammer. Übermorgen schon konnte ihn der
+neue Besitzer von Haus und Hof jagen. Wohin dann?! –
+
+Ein ernster Zug glitt über das Gesicht Zernins. Er war wirklich am Ende;
+diesmal gab es keine Hilfe mehr – es war aus. Und zum ersten Male legte
+er sich die Frage vor: hätte es nicht anders kommen können?
+
+Gewiß – aber dann hätte er arbeiten müssen. Sein Vater hatte ihm kein
+Barvermögen hinterlassen. Seine Dotation hatte der alte Minister in
+Döbbernitz gesteckt, seine hohen Gehälter verbraucht. Freilich,
+Döbbernitz konnte immerhin seinen Mann nähren, nur mußte man zu
+wirtschaften verstehen. Und davon war keine Rede bei Klaus. Er war noch
+aktiver Offizier, als sein Vater starb, und nun nahm er schleunigst den
+Abschied und setzte sich auf Döbbernitz fest. Schon der Minister war
+kein Landwirt gewesen und hatte mit einem ungeheuern Apparat
+gearbeitet, statt langsam und mit Beharrlichkeit den Boden zu gewinnen.
+Klaus ging noch stürmischer vor. Es hatte in der Tat den Anschein, als
+habe er keine Ahnung vom Werte des Geldes. Er kaufte eine Lokomobile,
+die er gar nicht brauchen konnte, und ungeheure Viehherden, für die
+nicht genügend Futter zu beschaffen war. Ein System verdrängte das
+andre; immer neue Inspektoren wurden herangezogen, und jeder kam auch
+mit neuen Ideen. Endlich gab ihm seine Neigung zum Sport den Rest. Er
+füllte seine Ställe mit edeln Pferden, die große Summen verschlangen; er
+versuchte es mit Züchtung, doch seine Mittel reichten nicht aus. Denn
+auch für seine Person verschwendete er mit vollen Händen, und in der
+angeborenen Gutherzigkeit, die sich gewöhnlich mit Leichtsinn zu paaren
+pflegt, ließ er sich auf allen Seiten bestehlen und betrügen. Und dabei
+konnte man ihm nicht gram sein. Seine persönliche Liebenswürdigkeit
+entzückte alle Welt, bis man es bei dem zunehmenden Verfall von
+Döbbernitz für nötig hielt, sich langsam zurückzuziehen.
+
+Denn allmählich artete der Leichtsinn Zernins aus. Häßliche Geschichten
+kamen in Umlauf; es ging in rasendem Galopp bergab. Hin und wieder
+verlangsamte die Erinnerung an den großen Vater das Tempo des
+Niedergangs ein wenig. Ein Prinz des Königshauses half einmal aus, als
+der Subhastationstermin für Döbbernitz schon angesetzt war; reiche
+Verwandte, hohe Freunde des Verstorbenen, selbst der König wurden
+angebettelt. Und fast alle gaben, mehr oder weniger, aber es verrann
+rasch im großen Strome; nichts konnte den rollenden Stein aufhalten.
+
+Und nun stand endlich der Untergang vor der Tür. Noch vor einigen
+Monaten hatte sich Klaus eine helfende Hand geboten – damals, als
+Kommerzienrat Schellheim ihn für seine Unternehmungen gewinnen wollte.
+Das törichte Duell mit dem dicken Biese war dazwischen gekommen. Jetzt
+konnte man Schellheim höchstens daraufhin anpumpen, daß man sich für
+seine Ehre ins Zeug gelegt und auf die Festung hatte schicken lassen.
+Aber eine Hilfe für die Dauer war’s nicht. Und auch die Heiratspläne –
+das reiche Judenmädel, das irgendwo für ihn aufgetrieben werden sollte
+– der Schwiegervater, der sich in aller Eile mittaufen lassen wollte –
+all das war vorüber. Klaus wußte, weshalb; eine riesige schwarze
+Fledermaus strich von nun ab durch sein Leben, mit weiten, weiten
+Schwingen, die immer gigantischer wuchsen und immer mächtigeren Schatten
+warfen, bis sie ihn ganz mit Nacht umhüllten. Das war die Schande.
+
+Klaus schauerte zusammen. Wie eine kalte Totenhand strich es über seine
+Stirn. Eisiger Schweiß perlte aus seinen Poren. Er stürzte das letzte
+Glas Sekt in die Kehle und sprang aus dem Bette, eilte zum Fenster und
+stieß die Läden auf. Nun war es Tag geworden. Der Himmel glühte, und die
+Lohe des Frührots schlug bis über die Zinnen des Schlosses empor.
+
+Die Fenster des Schlafzimmers führten nach dem Wirtschaftshof hinaus, wo
+sonst um diese Zeit bereits reges Leben herrschte, das Leben
+morgenfröhlicher Arbeit. Aber hier war es stumm und öde wie im Schlosse
+selbst. Ein barfüßiges Mädel mit schwarzem Krauskopf stand am Brunnen
+und pumpte einen Eimer voll Wasser – seine einzige Bedienung. Alles war
+geflüchtet und, mit gierigen Händen das Letzte zusammenraffend, was da
+und dort noch zu stehlen war, auf und davon gelaufen. Nur die Jule war
+geblieben. Ihre jugendliche Frische hatte ihn gereizt, und sie war ihm
+für seine flüchtige Gunst dankbar geblieben. Sie besorgte auch den
+letzten Gaul, der im Stalle stand, den alten Christian, einen Rappen,
+der mit den Jahren eine völlig graue Mähne bekommen hatte, so grau wie
+das Haar eines Greises. Es war merkwürdig genug, daß sich die Wut der
+Gläubiger nicht auch an diesem alten Tier vergriffen, da sie sonst alles
+genommen hatten, was stand und lag.
+
+Als Jule das Fenster klirren hörte, fuhr sie erschreckt in die Höhe.
+
+»Herrje, Herr Baron!« rief sie hinauf. »So früh schon?! – Ich komme
+gleich ’rauf, den Kaffee machen!«
+
+»Laß nur!« gab er zur Antwort. »Ich will nichts! Aber lege den Sattel
+auf – vielleicht reit’ ich aus!«
+
+Sie war sehr erstaunt. Wenn nur der Christian die Last noch tragen
+konnte! Seit sechs Monaten stand er unbenutzt im Stall und wurde immer
+dürrer, obwohl sie überall für ihn Futter stahl.
+
+Klaus kleidete sich in Eile an und stürmte hinaus in den Park. Er
+fühlte, daß er nervös war – es war ihm immer, als sei jemand hinter
+ihm. Er wollte auch Luft haben, und er lief mit geöffnetem Munde, wie
+ein Asthmatischer, in raschen Schritten durch die Gänge des Parks.
+Jahrelange Verwilderung hatte diesem herrlichen Fleckchen Erde nicht
+seine zauberischen Reize rauben können. Nur war es kein Garten mehr mit
+Alleen und Rundells und Rosenbeeten und zierlichen Bosketts, sondern ein
+Wald, ein Meer von Laub, das sich über wuchernden Grasflächen
+ausbreitete, über zerfallene Statuen seinen grünen Mantel hing und seine
+Schleppen bis tief hinein in das rostig schimmernde Wasser des Weihers
+tauchte. Die Wege waren kaum noch erkennbar, verwachsen und vom
+Buschwerk eingeengt, und das große Rosenparterre glich einer blühenden
+Wildnis, durch deren farbenglühendes Dickicht man nicht mehr
+durchzukommen vermochte. Auf den Grasplätzen unterschied man noch die
+Blumenrabatten, mächtig treibende Hyacinthen, Violen und Pelargonien,
+bunte Flecken im Grün, doch auch von dichtem Unkraut durchwuchert, das
+seine Kreise immer weiter zog.
+
+Zernin stürmte an den Treibhäusern vorüber, deren Fenster zertrümmert
+waren, und in deren Innerem die Vögel nisteten. Was wollte er
+eigentlich? Ja so – ausreiten! Das war ein guter Gedanke! Noch einmal
+seine verwüstete Besitzung durchqueren – lebewohl sagen – und dann
+zurück! Oben lagen seine Pistolen.
+
+Wieder durchschauerte es ihn kalt – und es war so heiß dabei, so heiß.
+Er riß seine Weste auf und schob sich den Flauschhut weit aus der Stirn.
+Im Hofe stand schon die Jule und hielt den Christian mit hocherhobenen
+Händen an der Kinnkette fest.
+
+Klaus schwang sich in den Sattel, und als er in die schwarzen Augen der
+Jule sah, griff er in die Tasche, warf ihr einen Taler zu und rief:
+
+»Mach dir mal heute einen vergnügten Tag, Jule – ich bin auch lustig!«
+
+Und dann sprengte er kopfnickend davon. Nicht durch das Dorf, denn er
+scheute den Anblick der Leute, sondern hinten herum, an der Schleuse
+vorüber, wo er den alten Fischer traf, der ehrerbietig die Mütze zog.
+Dem Christian kam die ungewohnt lebhafte Bewegung anfänglich sauer an;
+die müden Knochen wollten nicht mehr recht vorwärts, aber Klaus nahm
+keine Rücksichten. Im Trabe und im Galopp ging es dem Walde zu, daß der
+Rappe bald schaumübergossen war. Erst als Tannen und Birken ihn umfingen
+und Schatten über den Weg fielen, zügelte Zernin den Gaul.
+
+Es war ein Wunder, daß der Wald noch stand. Das Majoratsgesetz hatte ihn
+geschützt und die Ritterschaftsbank ihn unter besondere Verwaltung
+genommen, sonst wäre sicher auch er gefallen. Geplündert war er genügend
+worden; überall sah man durch klaffende Lichtungen und auf weite Halden,
+wo zwischen grünen Farnkräutern, Ginster und Blaubeerbüschen die
+Baumstümpfe hervorlugten.
+
+Dann ging es am Saume der Wiesenniederung entlang. Die hatte Klaus, als
+sein Viehbestand immer mehr zusammenschmolz, an kleine Leute
+verpachtet, und man war derzeit eifrig mit der Heuernte beschäftigt.
+Zernin legte wieder die Schenkel an und ließ den Christian in Galopp
+fallen; die Leute auf den Wiesen blieben stehen und schauten dem
+vorüberrasenden Reiter nach.
+
+Weiter und weiter! Quer über die Felder, auf denen die Bestellung längst
+aufgehört hatte, Unkraut schoß überall empor, die Quecken hatten
+ausgeschlagen und überzogen die braune Erde mit ihrem grünen Gespinst.
+Eine mächtige Fläche von vielleicht zweihundert Morgen sah wie eine
+Prärie aus; hier wimmelte es von Hasen, und Trappen flogen in ganzen
+Schwärmen zum Himmel auf. Der Rest einer Pflugschar hatte sich im Sande
+eingewühlt, und auf dem verrosteten Eisen saß ein dicker Spatz.
+
+Ein Ekelempfinden überkam Klaus angesichts dieser Wüsteneien. Seit fast
+zwei Jahren war er nicht auf den Feldern gewesen. Wozu auch? Löhne
+bezahlte er nicht mehr; Tagelöhner und Arbeiter liefen ihm davon; an
+eine geregelte Bestellung war nicht zu denken. Da ließ man schon alles
+liegen, wie es war. Nun aber, beim Anblick des grenzenlosen Elends, dem
+er sein Stück Erde ausgesetzt hatte, schlich sich doch das Grauen in
+sein Herz. Er dachte an die Zeiten zurück, da er Döbbernitz übernommen
+hatte, an den blühenden Stand seiner Felder, die blonde Flut der Saaten,
+die ersten Ernten – zweifellos, er hätte seinen Besitz schon festhalten
+und auch gegen die Mißgunst schlechter Jahre verteidigen können,
+wenn ...
+
+Ja – wenn! Wozu sich noch Vorwürfe machen, wozu grübeln – es war ja
+doch alles vorbei! Und mit gesenktem Haupte ritt er weiter und merkte es
+kaum, daß abermals der Wald über ihm zu rauschen begann.
+
+Er war im königlichen Forst, nahe dem Seeufer und jener Stelle an der
+Försterei, wo er damals Abschied von Hedda genommen, wo sie beide
+»vernünftig« miteinander gesprochen hatten. Sicher – an der Seite
+eines so tapferen Kameraden hätte aus ihm immer noch etwas werden
+können; sie würde ihn gestützt und gehalten haben, denn sie war ein
+starkes Weib, und ihre maikühle Verständigkeit hätte wohl seinen
+Leichtsinn und seinen tollen Übermut zu wahren vermocht. Ach, auch das
+war vorbei! Die riesige schwarze Fledermaus, die durch sein Leben
+strich, fing mit ihren stetig wachsenden Flügeln die Sonne auf. Sie
+leuchtete ihm nicht mehr.
+
+Klaus ließ die Zügel hängen. Der Rappe schritt langsam über den
+Moosgrund, durch Farne und Erdbeerkraut und schnupperte umher und riß
+hie und da ein Zweiglein von einem tief herabhängenden Buchenast, mit
+seinen alten Zähnen die frischen grünen Blätter zermalmend. Da lag der
+See in siegendem Sonnenglanze, golddurchstrahlt, mit schneeweißer
+Schaumeinfassung, inmitten bewaldeter Hänge, über die, wie ein
+Wahrzeichen überwundener Feudalität, der quadratische Turm des
+Döbbernitzer Schlosses hinausragte. Drüben das rote Ziegeldach des
+Forsthauses und die Eichenschonung, die Wiesentrift, auf der ein ganzer
+Flor wilder Blumen blühte, und der große Felsstein, auf dem sie damals
+gesessen hatte!
+
+Klaus zuckte zusammen. Saß sie nicht wieder da? War sie das nicht, die
+Dame im lila geblümten hellen Kleide und mit dem großen Strohhut, die
+ihm den Rücken wandte, mit gesenktem Kopfe, als suche ihr Blick irgend
+etwas zwischen dem Ufergeröll zu ihren Füßen?
+
+Der Rappe wieherte plötzlich auf. Die Dame schaute sich um und erhob
+sich. Klaus sah, wie sie mit beiden Händen zum Herzen griff. Er sprang
+ab, schlang die Zügel um den nächsten Baum und näherte sich ihr mit
+abgezogenem Hute.
+
+»Grüß Gott, Cousine,« sagte er ruhig. »Das ist ein unerwartetes
+Zusammentreffen, aber ich freue mich von Herzen darüber. So kann ich
+dir wenigstens noch Lebewohl sagen.«
+
+Sie war blaß geworden, faßte sich aber sofort und erwiderte seinen
+Händedruck. »Ich hörte, daß heut über Döbbernitz entschieden werden
+soll,« entgegnete sie. »Hast du noch keine Nachricht?«
+
+Er verneinte. Das sei unmöglich; vor zwei, drei Uhr könne der Termin
+nicht beendet sein.
+
+»Und warum bist du nicht selber da?«
+
+Sie hatte sich wieder gesetzt, und er warf sich neben sie auf die Erde.
+
+»Was sollte ich da, Hedda?! Eingreifen konnte ich nicht mehr, und –
+nun, ich schämte mich auch!«
+
+Die Bitterkeit stieg in ihr auf.
+
+»Warum ist dies Gefühl der Scham nicht früher über dich gekommen,
+Klaus?« sagte sie in mehr klagendem als anklagendem Tone. »Herrgott, was
+hättest du dir und uns ersparen können! Ich habe mich oft genug gefragt:
+wie ist all das möglich gewesen? Ich habe mir nicht zu antworten
+vermocht. Nein – denn du übernahmst Döbbernitz doch in geordnetem
+Zustande, und du gingst mit guten Vorsätzen in den neuen Beruf! Du magst
+leichtsinnig gewesen sein – aber wie konnte nur so rasch alles über dir
+zusammenprasseln, im Laufe weniger Jahre? Ich begreife das nicht, habe
+es nie begriffen!«
+
+Er nagte an einem abgerissenen Grashalm und zuckte dabei mit den
+Schultern.
+
+»Ich auch nicht,« erwiderte er. »Ganz gewiß, Hedda, es geht mir wie dir
+– ich habe von diesen letzten Jahren nur noch so eine Art
+Traumempfinden. Es rollte wie eine Lawine über mich herab und begrub
+mich. Natürlich bin ich selber schuld – ich verteidige mich auch nicht
+– ich klage nicht einmal. Aber gehabt habe ich von meinem Leichtsinn
+nicht so viel!«
+
+Er schnippte mit den Fingern.
+
+»Nein – nicht so viel! Es war im Grunde genommen ein klägliches
+Amüsement. Wenn ich mein Geld in Monte Carlo verloren oder in Paris
+verjubelt hätte – es wäre hundertmal vernünftiger gewesen. Aber ich
+habe nur blödsinnige Geschichten getrieben – die Pferdezucht, die
+Viehankäufe, die Trinkgelage und Spielabende – die Rennen und die
+ewigen Reisen nach Berlin – mir steigt ein schales Gefühl auf, wenn ich
+an all den Unsinn zurückdenke. Aber ich muß die Suppe ausessen, die ich
+mir eingebrockt habe.« – Und wieder zuckte er mit den Schultern.
+
+Hedda hatte die Ellbogen auf die Kniee und das Kinn in die Hände
+gestützt. So schaute sie zu ihm hinab, zu dem halt- und charakterlosen
+Menschen, den sie so toll geliebt hatte, daß sie nahe daran gewesen war,
+um seinetwillen eine große, große Dummheit zu begehen. Die Vernunft
+hatte gesiegt und siegte noch, denn sie fühlte wohl, daß es für diese
+erste flammende Liebe, für dieses Frühlingsgewitter, unter dessen
+Schauern sie zum Weibe gereift war, kein Vergessen gab. Aber sie hielt
+sich in Schach. Er sollte nicht spüren, wie rasch ihr Herz in seiner
+Nähe klopfte.
+
+»Und was wird nun?« fragte sie.
+
+»Was soll werden?« lachte Klaus häßlich auf. »Weißt du, was man mit
+einem Gaule macht, der auf der Rennbahn zusammengebrochen ist und nicht
+mehr weiter kann? – Man schießt das arme Biest tot.«
+
+Sie starrte ihn an. Sprach er von Selbstmord? – Nein – daran glaubte
+sie nicht. Er hätte längst seine Kugel finden müssen.
+
+»Hedda, was soll ich denn noch auf der Welt?« fuhr er fort. »Wozu
+törichte Illusionen? Ich kann nichts anfangen. Hier gar nichts – und
+mich drüben in Amerika mühselig durchs Dasein schleppen, Steine tragen
+und Biergläser füllen – lieber quittier’ ich schon mit dem Leben!«
+
+Nun sprang sie erregt empor.
+
+»Du sprachst von Scham, Klaus,« rief sie, »aber bei Gott, du kennst sie
+nicht! Du würdest sonst anders sprechen! Begreifst du nicht, wie niedrig
+dein Standpunkt ist? Wie unsittlich dein ganzes Gehaben? Du siehst
+selber ein, daß du dich durch eigne Schuld ruiniert hast, und du bist zu
+feige, dir ein neues Leben zu schaffen!«
+
+»Zu feige – ganz recht,« sagte er und erhob sich gleichfalls. »Aber ich
+glaube, ich habe nie Mut besessen. Ich fürchte mich vor der Arbeit –
+wenigstens vor der, die mir drüben winkt – vor der schmutzigen Arbeit
+im Kot der Gassen, den Handlangerdiensten. Wäre ich weniger Herrenmensch
+und mehr Bedientennatur – vielleicht würd’ ich mich fügen. So kann ich
+es nicht – ich kann es nicht!«
+
+Ihr Herz flog förmlich. Alles in ihr war in Aufruhr. Ihre Wangen
+flammten und auch über ihre Stirn, bis zu den Haarwurzeln, ergoß sich
+die Röte des Zorns und der Scham. Ja auch der Scham, denn für ihn
+schämte sie sich. Er rühmte sich seiner Herrennatur, und doch war alles
+Edelmännische längst in ihm erstorben. Er suchte den Tod, weil das Leben
+ihm nichts mehr zu bieten hatte als – Arbeit.
+
+Es war wahnsinnig, so mutlos zu flüchten. Zittern und Angst ergriff sie,
+und die zärtliche Sorge um ihn wich der Scham und Entrüstung. Sie sah
+schon die Wunde an seiner Schläfe, das runde Kugelloch, aus dem langsam
+das Blut sickerte, und hörte die Welt verachtungsvoll ihr letztes Urteil
+über den Verkommenen fällen: das hatte man gewußt und erwartet –
+Selbstmord – das Ende jedes Elenden!
+
+Sie trat vor ihn hin und nahm seine Hände.
+
+»Klaus,« begann sie mit bebender Stimme, »denkst du nicht an dich
+selbst, so denke zurück – an deinen großen Vater und deine liebe,
+gütige Mutter. An alle deine Vorfahren, deren Andenken du beschimpfst,
+an die Ehre deines Namens, die du durch feigen Selbstmord
+unauslöschlich befleckst. Man kann irren und fehlen, soll aber wieder
+gut zu machen versuchen – das ist die Tapferkeit, die das Leben von uns
+allen fordert. Du bist leichtsinnig gewesen, hast doch aber kein
+Verbrechen begangen, das dich zum Tode verurteilt! Und du bist auch noch
+jung, bist kraftvoll und rüstig, voller reicher Gaben – du wirst dich
+wieder aufraffen können – – ich bitte dich, Klaus – lieber Klaus!«
+
+Ihre Stimme erstickte. Es quoll glühend heiß in ihr empor; ihre Hände
+zuckten zwischen seinen Fingern.
+
+Klaus war fahl geworden, als sie von der Ehre seines Namens sprach.
+›Wenn du wüßtest!‹ schrie es in ihm auf. Und dann sah er hinter dem
+Tränenflor ihrer Augen die alte Liebe leuchten, die er durch die Schmach
+seines Wandels beschimpft und niedergetreten hatte, und die nicht
+ersterben wollte – die erste heiße Liebe ihres jungen Herzens, die ihr
+ganzes Innenleben durchtobt und aufgewühlt hatte und auch im Entsagen
+noch haften blieb. Das ließ ihn alles andre vergessen und durchströmte
+ihn mit einem Rausch wilden Entzückens. Mit starker Hand riß er sie an
+seine Brust und bedeckte ihr Antlitz mit stürmischen Küssen.
+
+»Du liebst mich noch – du liebst mich noch!« schluchzte und jubelte er.
+Und sie ließ ihn gewähren. Eine rein physische Schwäche hatte sich ihrer
+bemächtigt, das Gefühl einer Ohnmachtsanwandlung. Sie hing hilflos in
+seinen Armen. Das Rauschen des Waldes klang wie Harfenschlag an ihr Ohr
+und wie feierlicher, volltöniger Gesang. Seine Küsse aber brannten auf
+ihren Lippen und Wangen und loderten in ihre Seele hinein.
+
+Mit schwerem Aufatmen riß sie sich los.
+
+»Laß mich!«
+
+Sie strich sich über Stirn und Haare und befestigte den Hut von neuem,
+der ihr vom Scheitel geglitten war. Noch schimmerte helle Röte auf
+ihren Wangen, aber sie war doch wieder Herrin über sich selbst geworden,
+wenn auch große Tränen in ihren Augen standen.
+
+»Ich liebe dich noch,« sagte sie mit fester Stimme, »nun ja – was will
+das bedeuten? Angehören können wir uns nie, und wenn du mir sagen
+wolltest: komm mit mir nach Amerika – ich würde mit Nein antworten.
+Nicht weil mir’s an Mut gebricht, ein ungewisses Los mit dir zu teilen,
+sondern weil ich meine Liebe zu dir bekämpfen will!«
+
+Da sank er, empfindend wie klein er war und wie schwach dieser kernigen
+Mädchennatur gegenüber, zu ihren Füßen nieder und preßte ihre Kleider an
+sein Gesicht. Er weinte, und in diesem Augenblick waren es ehrliche
+Tränen, die er über sein verpfuschtes und verlorenes Leben vergoß.
+
+»O Hedda!« rief er, »warum konnten wir uns nicht schon vor fünf Jahren
+finden? Du hättest mich retten können, und alles wäre anders geworden!«
+
+Ja – vor fünf Jahren! Er konnte recht haben. Wenn sie über ihn gewacht
+hätte, vielleicht wären dann alle die guten Keime, die in ihm
+schlummerten, zu Blumen erblüht und das Unkraut verdorrt. Vielleicht! –
+
+Sie hob ihn auf.
+
+»Es hat nicht sollen sein,« sagte sie. »Was hilft uns die Reue? Wir
+hätten stark sein müssen – heut ist es zu spät. Und doch, ich segne
+auch diese Stunde. Daß wir uns immer noch lieb haben, weist uns die
+Wege. Nicht sterben wollen wir, sondern am Leben bleiben und uns
+einander wert halten. Gib mir deine Hand, Klaus, und versprich mir, daß
+du die Pistole liegen lassen willst. Versprich mir, daß du ein neues
+Dasein beginnen willst! Du kannst es, wenn du aus Liebe zu mir dein
+Herrenbewußtsein unterdrückst, wenn du dich ›erniedrigst‹. Tu es;
+greife zur Arbeit, wo du sie findest; es schändet dich nicht, wenn deine
+Hände blutrünstig werden in harter Fron. Wandre aus und schaff dir
+anderwärts Stellung! Ich will unablässig an dich denken und beten für
+dich. Werde ein Mann!«
+
+Gerade dies: »Werde ein Mann!« klang tief in das Herz des Schwächlings
+– nicht wie eine harte Mahnung, sondern wie ein willkommener,
+erlösender Ostergruß. Er nickte zuversichtlich und mit fast frohem
+Lächeln.
+
+»Ich danke dir, Hedda,« erwiderte er. »Du verjüngst mich. Ja – ich
+fühle es: es sprießt Neues und Gutes in mir! Mein Wort darauf: der
+törichte Selbstmordgedanke ist vergessen. Ich wandre aus, um Arbeit zu
+lernen. Ich hab’ es eilig, denn du sollst bald von mir hören. Ich rufe
+dich oder hole dich selbst!«
+
+»Ich warte auf dich,« sagte sie mit leuchtenden Augen.
+
+»So lebe wohl!«
+
+Er preßte noch einmal ihre Hände an seine Lippen.
+
+»Lebe wohl und behüte dich Gott!«
+
+Er saß schon zu Pferde und sprengte davon, ohne sich umzuschauen. Sie
+aber blieb aufrecht stehen, bis sie im Gründunkel des Waldes seine
+Gestalt verschwinden sah. Und dann sank sie in die Kniee und sprach laut
+mit ihrem Gott, denn nur er konnte sie hier hören und seine Schöpfung –
+der schluchzende See und die Bäume am Ufer.
+
+ * * * * *
+
+Es war in der dritten Nachmittagstunde, als ein kleines Gefährt, ein
+offener Korbwagen, in den Schloßhof von Döbbernitz rasselte. Bertold
+Möller hatte selbst das Pferd gelenkt, sprang jetzt zur Erde und rief
+der erstaunt aus der Häckselkammer tretenden Jule zu: »Ist der Herr
+Baron zu sprechen?«
+
+»Ja, er ist oben,« entgegnete Jule und wies hinauf nach den Fenstern.
+
+Bertold kannte hier Weg und Steg. Er gehörte seit Jahren zu den
+Geldvermittlern Zernins, aber er wie sein Schwiegervater, der
+Getreidehändler Ring, hatte sein Schäfchen längst ins Trockene gebracht.
+
+Er fand Klaus vor einem großen Koffer knieend.
+
+»Teufel – wo kommen Sie denn her, Möller?« rief Zernin und stand auf.
+
+»Von der Subhastation,« erzählte Bertold, »direkt vom Termin. Wissen
+Sie, wer Döbbernitz gekauft hat, Herr Baron? Und wissen Sie für wieviel?
+Und wissen Sie, daß so etwas noch gar nicht dagewesen ist! Und wissen
+Sie –«
+
+»Donnerwetter, so reden Sie doch vernünftig!« fiel Klaus grob ein.
+
+Bertold erstattete Bericht. Herr Legationssekretär von Hellstjern war
+Besitzer von Döbbernitz geworden, Neffe des Alten vom Baronshof, ein
+schwer reicher Herr, ein Millionär. Bertold wußte das ganz genau. Und
+460000 Mark kostete ihn das Vergnügen. 422000 Mark betrug der
+Hypothekenstand von Döbbernitz; verblieb für Herrn von Zernin noch ein
+Reingewinn von 38000 Mark. Auch darüber wußte der brave Bertold genau
+Bescheid.
+
+»Ich wollte der erste sein, der Ihnen dies meldete, Herr Baron,« fuhr er
+fort. »Aus reiner Freundschaft. Ich wollte Sie vorbereiten. Ich weiß ja,
+es sind noch immer eine Masse Gläubiger da, die bloß darauf lauern, daß
+Sie wieder einmal zu Gelde kommen –«
+
+Er schwieg, denn ihn erschreckte der Ausdruck im Gesicht des vor ihm
+Stehenden.
+
+Klaus war blaß geworden und sein Auge starr. Es schwirrte durch sein
+Hirn, es bohrte sich nadelspitz in seine Schläfen ein, es klopfte und
+hämmerte in seinen Ohren. Er antwortete nicht, sondern trat an das
+Fenster und starrte hinaus. 38000 Mark! Die Summe flimmerte, mit großen
+Ziffern geschrieben, vor ihm in der sonnenhellen Luft.... Wenn er
+sie erhob und mit ihr nach Monte Carlo reiste, dort sein Glück zu
+versuchen ...
+
+Mit rascher Bewegung fuhr er herum.
+
+»Haben Sie Geld im Hause, Möller?« fragte er.
+
+Bertold begriff ohne weiteres, um was es sich handelte. Er war ja nur
+hergekommen, um noch letzter Stunde ein paar hundert Taler an Zernin zu
+verdienen.
+
+»Im Hause nicht – aber in Frankfurt – auf der Bank,« erwiderte er.
+
+»Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Möller,« fuhr Klaus fort, dessen
+Augen voll Erwartung und Hoffnung einen fiebrigen Glanz anzunehmen
+begannen. »Wir fahren zusammen nach Frankfurt. Dort zediere ich Ihnen
+notariell meine Forderung an Herrn von Hellstjern – der Mann ist Ihnen
+doch sicher?«
+
+»Bombensicher,« sagte Bertold.
+
+»Sie zahlen mir 36000 Mark bar aus und behalten den Rest.«
+
+»Einverstanden, Herr Baron, aber –« Bertold holte sein dickleibiges
+Notizbuch hervor, feuchtete seine Fingerspitzen an und begann zu
+blättern. »Ich habe da nämlich noch einen kleinen Wechsel in die Hände
+bekommen – Silbermann in Kölpin hatte ihn einmal meinem Schwiegervater
+in Zahlung gegeben – es handelt sich nur um acht- oder neunhundert
+Mark –«
+
+»So ziehen Sie die auch ab, zum Donnerwetter!« rief Klaus ungeduldig.
+Herrgott, was hatte der Mensch ihn schon betrogen!
+
+Bertold steckte ruhig sein unförmiges Taschenbuch wieder ein.
+
+»Da steh’ ich also zur Verfügung, Herr Baron,« sagte er. »Um fünf Uhr
+geht der Zug – ein Bummelzug freilich, aber wir haben ja nichts zu
+versäumen; Rechtsanwalt Sarnow empfängt uns auch außerhalb seiner
+Sprechstunden. Dann können Sie noch um elf Uhr nach Berlin weiter – das
+heißt, wenn Sie überhaupt nach Berlin wollen. Paßt Ihnen mein Wagen? Der
+Koffer da geht bequem hinauf – wir binden ihn hinten fest – er hat
+Platz. Das Pferd stell’ ich auf die paar Stunden bei Petersen ein – Sie
+wissen ja, dem Restaurateur in –«
+
+»Ja, ja!« rief Klaus. Das Geschwätz Bertolds machte ihn nervös. Er
+pfropfte noch rasch einen Anzug in den Koffer hinein, wechselte in
+fliegender Hast seine Toilette und rief aus dem Fenster nach Jule.
+
+»Allons,« sagte er, »den Koffer auf den Wagen des Herrn Möller! Ich
+verreise für einige Zeit. Du wirst ja hören, wann ich zurückkomme –«
+
+Die Kleine starrte ihn mit großen Augen erschreckt an. Aber sie
+entgegnete kein Wort. Sie war an willenloses Gehorchen gewöhnt.
+
+Der Wagen ratterte über das Hofpflaster und fuhr staubaufwirbelnd den
+Berghang hinab.
+
+Jule war in der Prallsonne stehen geblieben. Aus dem Stalle wurde ein
+leises Wiehern vernehmbar. Der Rappe wollte sein Futter haben. Er und
+die Jule, die Zurückbleibenden, waren die letzten lebendigen Wesen im
+Döbbernitzer Schlosse.
+
+Hinten im Parke, ganz umbuscht vom Grün stark wuchernder Schneeballen,
+stand ein einfacher Tempelbau, eine Art Mausoleum. Unter den
+Sandsteinplatten im Innern ruhten die Särge der Eltern Zernins. Auch
+hier tiefer und schweigender Friede, kein Laut des Lebens.
+
+Nur ein gelber Schmetterling flatterte, hin und her huschend, über das
+körnige Grau des Sandsteins.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+
+Der Sommer ging zur Rüste. Die Nächte wurden kalt, es herbstelte stark.
+
+Oberlemmingen konnte mit seiner ersten Saison zufrieden sein. Die
+Reklame hatte gewirkt. Allerdings waren in ärztlichen Kreisen auch
+einige Stimmen laut geworden, die dem Gutachten des Professors Statius
+und seiner Leute widersprachen, die die Analyse für inkorrekt und die
+unter Posaunenschall der Welt verkündete Heilkraft der Bismarckquelle
+für ziemlich unbedeutend erklärten. Man habe in unglaublichster Weise
+übertrieben, so äußerten sich jene Stimmen; man habe aus einer Mücke
+einen Elefanten gemacht. Das Wässerchen habe seine Vorzüge – gewiß,
+aber es sei mit den Kissinger Quellen gar nicht zu vergleichen; und in
+einer medizinischen Monatsschrift fiel sogar der unparlamentarische
+Ausdruck »Mumpitz«.
+
+Darauf schien Kommerzienrat Schellheim nur gewartet zu haben. Sofort
+wurde der Schlachtplan für den Reklamefeldzug während des Winters
+entworfen. Wieder flatterten viele Tausende von Broschüren über die
+Lande. Flugblätter verkündeten auch der Laienwelt die Entgegnung des
+Professors Statius. Die großen Zeitungen wurden mit Inseraten
+überschüttet und lobten dafür im redaktionellen Teil das märkische Bad;
+Postkarten mit Ansichten von Oberlemmingen kamen in den Handel;
+Schellheim ließ eine »Bismarckquellen-Polka« komponieren und auf den
+Musikmarkt bringen, und eine Novelle: »Die Großbäuerin von
+Oberlemmingen«, wurde sämtlichen Kreisblättern zum freien Abdruck zur
+Verfügung gestellt. Das war eine rührsame Dorfgeschichte, die den
+Verfasser der ersten Broschüre zum Autor hatte, und in der natürlich
+auch die Quelle eine Rolle spielte. So sollte den ganzen Winter
+hindurch das Tamtam gerührt werden.
+
+Der Kommerzienrat entfaltete eine angestrengte Tätigkeit. Anfänglich
+hatte er die Sache mit dem neuen Bade gewissermaßen nur als
+Unterhaltung, als Abwechslung in die Hand genommen. Aber sein Interesse
+wuchs, je mehr Kapitalien er dem Unternehmen opferte. Albert Möller und
+er betrachteten sich immer noch mit heimlichem Mißtrauen. Jeder von
+ihnen hatte das Empfinden, als warte der andre nur auf den geeigneten
+Augenblick, ihn übers Ohr zu hauen. Sie gingen Hand in Hand und waren
+doch Todfeinde. Und dabei wußten beide, daß sie ohne einander gar nicht
+auskommen konnten. Sie waren wie Sklaven zusammengekettet oder wie die
+zänkischen Weiber, die man im Mittelalter mit Hals und Händen in die
+»Geige« spannte.
+
+Übrigens sehnte sich Schellheim gerade in dieser Zeit mehr als je nach
+zerstreuender Arbeit. Hagen machte ihm schwere Sorgen. Dieser tolle
+Junge hatte rund heraus erklärt, er sei bereit, von der Leitung der
+Firma zurückzutreten und sich auf sein Pflichtteil setzen zu lassen,
+aber von seiner Liebe zu der kleinen, blonden Stepperin könne man ihn
+nicht abbringen. Er werde sie unbedingt heiraten. Der Rat fuhr nach
+Berlin, Hagen selbst ins Gebet zu nehmen. Doch der blieb fest; alle
+Gründe, die sein Vater gegen diese unsinnige Heirat ins Gefecht führte,
+fruchteten nichts. Zähneknirschend entschloß sich Schellheim zu
+brutaleren Mitteln. Er suchte die Eltern der Anna Zell auf. Der Alte war
+Straßenbahnschaffner, seine Frau übernahm Aufwartungen, Anna war das
+fünfte von sieben Kindern. Der Rat seufzte auf, als er die zahlreiche
+Familie sah, die er mit in den Kauf nehmen sollte. War es denn denkbar!?
+Dieser Hagen, sein ganzer Stolz, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann,
+sondern auch durchaus Gentleman mit seiner Vorliebe für
+Theaterpremieren, elegante Krawatten und kleine Soupers – gerade der
+wollte ihm die Schande bereiten, tief unter seinem Stande zu heiraten!
+Schellheim fand übrigens, daß die alten Zells ganz vernünftige Leute
+seien. Sie wußten auf der Stelle, wohinaus er wollte, aber sie hatten
+ihrer Anna nichts mehr zu befehlen, denn diese war mündig und
+selbständig. Hagen hatte sie bereits aus dem Elternhause wie aus der
+Fabrik genommen und in einer Pension in der Potsdamerstraße
+untergebracht. Auch an sie wandte sich der Rat. Das schüchterne kleine
+Persönchen war gut instruiert worden. Sie stürzte Schellheim sofort zu
+Füßen, küßte seine Hände, weinte, bat und flehte und fiel schließlich in
+Ohnmacht. Voller Erregung reiste Schellheim wieder ab.
+
+Gunther war als Gast auf dem Auberge. Er hatte soeben seine Manöverübung
+beendet und kehrte sonnengebräunt, frisch und gesund aussehend, zu den
+Eltern zurück. Seine große Arbeit war bereits im Druck; im Oktober
+sollte sie erscheinen.
+
+Da er seit drei Vierteljahren nicht in Oberlemmingen gewesen war, so
+interessierten ihn die Veränderungen im Ort naturgemäß sehr. Sehr
+entrüstet war der Kommerzienrat über die anscheinende Gleichgültigkeit,
+mit der Gunther die Heiratspläne seines Bruders aufnahm.
+
+»Ich muß dir gestehen, Vater,« sagte er zu Schellheim, als die Rede auf
+Hagen und seine blonde Liebe kam, »daß ich das Hagen eigentlich gar
+nicht zugetraut hätte. Im Grunde genommen freut es mich, daß er sein
+Herz sprechen läßt – ah, rege dich nicht auf, Papa, ich sage ja nur im
+Grunde genommen. Du kennst mich. Ich würde auch nur aus Neigung
+heiraten; allerdings muß ich hinzufügen, daß sich _meine_
+Heiratsneigungen sicher nach andern gesellschaftlichen Richtungen hin
+bewegen als diejenigen Hagens. Doch das ist lediglich eine Folge
+angeborenen Geschmacks, um mich gelehrt auszudrücken, das Produkt einer
+gewissen soziologischen Ästhetik. Ich würde wohl nie dazu kommen, mich
+in eine Anna Zell zu verlieben, und daher auch nie auf den Gedanken
+verfallen, besagte Anna heiraten zu wollen, die ich hier natürlich nicht
+als Person, sondern nur als Typus aufstelle.«
+
+»Schön,« meinte der Rat, »das bist _du_ – aber was mache ich nun mit
+dem Hagen? Muß er denn zum Donnerwetter vom Fleck weg heiraten? Kann es
+nicht bei der Liebelei bleiben, bis sie so sachte versandet und
+verblutet ist? Man braucht nicht gleich an chinesischen Kastengeist und
+an die Mandarinenknöpfe zu denken und kann doch der Ansicht sein, daß
+man im Leben über bestimmte gesellschaftliche Unterschiede nicht recht
+fortkommt!«
+
+Gunther nickte. »Richtig, Papa,« antwortete er, »so hat leider auch der
+Baron von Hellstern gedacht –«
+
+Aber der Rat fiel ihm ärgerlich ins Wort:
+
+»Ach was – das waren ganz andere Verhältnisse! Ich bitte dich, wie
+kannst du das nur vergleichen?«
+
+»Die Ähnlichkeit liegt auf der Hand. Aber streiten wir nicht darüber.
+Wenn Hagen fest bleibt, wirst du dich fügen müssen. Denn ich nehme nicht
+an, daß du wegen der Mesalliance – man hört dies Wort übrigens gar
+nicht mehr, was ich als Beweis dafür auffassen möchte, daß wir doch
+langsam einer freieren und edleren Beurteilung des Wesens der Liebe
+entgegenschreiten –, also, ich nehme nicht an, daß du Hagen wegen
+seiner Herzensaffäre verstoßen und enterben wirst. Abgesehen davon, daß
+er dies wahrhaftig nicht verdienen würde – wer soll das Geschäft
+weiterführen?«
+
+»Das ist es ja eben, Gunther! Hagen ist mir unentbehrlich. Er ist eine
+kaufmännische Kraft ersten Ranges, eine wahre Rechenmaschine – und dann
+seine glückliche Hand! Aber trotzdem – Straßenbahnschaffner – es ist
+gräßlich!«
+
+Ein leichtes, etwas bitteres Lächeln flog um Gunthers Lippen: »Denke
+mal: wenn Hellstern sich damals ähnlich ausgedrückt hätte! –
+›Hemdenfritze – es ist gräßlich!‹ Pardon, Papa, – wer viel über
+Büchern sitzt, der kommt zuweilen auf merkwürdige Gedanken. Aber bleiben
+wir beim Thema! Geschäftlich könnte Hagens Heirat euch doch nicht
+schädigen?«
+
+»Gott bewahre – das Geschäft hat gar nichts damit zu tun.«
+
+»Nun, dann würde ich dir raten: laß dir die Geschichte nicht allzu
+sorgenvoll durch den Kopf gehen! Warte ab; vielleicht besinnt sich Hagen
+doch noch eines andern. Jedenfalls opponiere nicht allzu heftig; du
+stärkst nur den Widerstand.«
+
+Schellheim stand auf. »Ich verstehe nur nicht, daß dich die ganze Sache
+so gleichgültig läßt,« sagte er. »Es handelt sich doch um deinen
+Bruder!«
+
+Auch Gunther erhob sich. »Gleichgültig ist zu viel gesagt, Papa. Meinem
+innersten Empfinden nach hätte ich mir _auch_ eine andre Partie für
+Hagen gewünscht. Aber ich würde niemals versuchen, seinem Glück in den
+Weg zu treten – selbst wenn ich fürchten müßte, es handle sich nur um
+ein eingebildetes Glück.... Jetzt will ich den Pastor besuchen ...«
+
+Er traf Eycken nicht zu Hause, doch sagte man ihm, daß der Pastor »auf
+dem Bauplatze« sei. Das war die Lichtung in der Tannenschonung, wo das
+Kinderasyl im Entstehen war.
+
+Der Herbsttag war nicht allzu freundlich. Ein kräftiger Wind wehte von
+den Bergen herab, so daß die Bäume sich neigten und ihr buntes Laub
+abschüttelten. Der Wind griff es auf und drehte es zu Wirbeln zusammen,
+quirlte es in langen Schraubenwindungen hoch in die Luft und ließ es
+hier zerflattern, so daß es abermals wie ein farbiger Regen herabfiel,
+um dann wiederum zum Spiel des Sturmes zu werden. Aber dieser lustige
+Wind hatte auch sein Gutes; er hatte die Regenpfützen vom Tag vorher
+aufgesogen und die Nässe des Bodens getrocknet. Es marschierte sich gut
+trotz des rauhen Atmens der Natur.
+
+Gunther schritt rasch durch das Dorf, mit lebhaften Augen umherspähend.
+Die letzten Sommergäste waren noch nicht abgezogen. Ein paar Damen
+begegneten ihm, ein älterer Herr im Rollstuhl, den ein Diener vor sich
+her schob, ein junges Mädchen, zwei Kinder an der Hand, und auch der
+»Badekommissar«. Er war von Schellheim provisorisch angestellt worden,
+ein Major a. D. mit schönem, graublondem Schnurrbart und verbindlichem
+Wesen. Der Kommissar grüßte Gunther, obwohl er ihn nicht kannte, er
+hielt sich für verpflichtet, jeden Fremden zu grüßen, den er traf. Im
+Hause Braumüllers hatte Bertold Möller schon Einzug gehalten; aber vor
+den glänzenden Spiegelscheiben der Schaufenster lagen noch die Rouleaux.
+Vom Kurpark herüber trieb der Wind das Laub in ungeheuren Massen und
+häufte es in den Chausseegräben auf. Ein paar Arbeiter waren dabei, den
+Lawn-Tennis-Platz zu säubern, andre errichteten auf der Südseite des
+Platzes hinter den Ahornbäumen ein langgestrecktes, niederes Gebäude,
+das zu Verkaufsbuden verpachtet werden sollte.
+
+Die flatternde Fahne mit dem Johanniterkreuz wies Gunther den Weg. Das
+Kinderhospital war bis zum zweiten Stockwerk gediehen; man hoffte, mit
+Dachung und Ausbau noch vor Beginn der Frosttage fertig zu werden.
+Eycken besuchte täglich den Bauplatz. Er ging auf in diesem Liebeswerk,
+und Herz und Seele schienen in ihm wieder jung werden zu wollen.
+Selbstverständlich überschritten die Kosten schon jetzt den Anschlag,
+aber Eycken machte das wenig Kummer. Er wollte nicht sparen – für wen
+auch? So stieg dieser Palast der armen Kleinen schön und stattlich in
+die Höhe, mit breiten Fensterfluchten und luftigen Sälen und Zimmern,
+gewissermaßen ein Stein gewordener Protest gegen die spekulativen
+Zukunftsideen, die weiter unten im Tale den neuen Kurort Oberlemmingen
+ins Leben gerufen hatten.
+
+Gunther sah neben Eycken Hedda stehen. Einen Augenblick stockte sein
+Fuß; er war im Begriff, umzukehren. Aber schon im nächsten Moment schalt
+er sich einen Toren. Weshalb flüchten? Mußte er nicht im Gegenteil dem
+Zufall dankbar sein, der ihn hier mit ihr zusammenführte?
+
+Der Pastor hatte ihn schon gesehen.
+
+»I, ist das nicht –« und dann zog er seinen breitkrempigen
+Demokratenhut und winkte mit beiden Händen grüßend zu Gunther hinüber.
+
+Auch Hedda nickte ihm zu, ohne Verlegenheit und Verschüchterung, mit
+freundlichem Lächeln, und bot ihm die Hand, als er näher trat; er selbst
+aber errötete und kam sich sehr linkisch vor. Selbst die Verbeugung, die
+er machte, erschien ihm lächerlich.
+
+Die Unterhaltung wechselte rasch. Von den neu entdeckten
+Faustgeschichten Gunthers ging man zu dem Kinderasyl über, für das Hedda
+ein ebenso warmes Interesse bekundete wie der Pastor. Sie war wieder
+täglicher Gast im Pfarrhause und begleitete ihn auf den Bauplatz, sobald
+sie sich einmal von ihrem Vater frei machen konnte, der immer grämlicher
+und mürrischer wurde. Er schimpfte nun auch auf Eycken; der Pastor
+wollte für seine Gründung elektrisches Licht haben, und die
+Badedirektion schloß sich an. Die Sache war nicht so gefährlich, da man
+in unmittelbarer Nähe bei den Grunower Mühlen starke Wasserkräfte zur
+Verfügung hatte. Aber Hellstern brachte gerade diesem hellen und grellen
+Lichte einen förmlichen Haß entgegen. Er klagte darüber, daß er sein
+liebes Dorf nie wieder im sanften Lullen der sinkenden Dämmerung sehen
+würde; selbst bis in seinen Park hinein würden die weißen Lichtstrahlen
+fallen. Man »vergraulte« und »verekelte« ihm geflissentlich den
+Baronshof. Er schwor Hedda zu, daß er sein Zimmer überhaupt nicht mehr
+verlassen würde, murrte und räsonierte stundenlang, um das arme Mädchen
+dann plötzlich wieder an seine Brust zu reißen und durch einen
+stürmischen Kuß zu versöhnen.
+
+Eycken führte Gunther durch seinen neuen Bau. Es war wirklich nicht
+gespart worden. Die ganze Anlage zeugte von Zweckmäßigkeit und
+Gediegenheit; Luft und Licht war die Parole gewesen. Dem Hauptbau
+sollten sich die notwendigen Nebengebäude anschließen, dann die
+Ausgestaltung des Gartens mitten in der würzigen und kräftigenden Luft
+des Tannenwaldes in Angriff genommen werden. Der Pfarrer erläuterte
+Gunther alles das mit seiner lebhaften, von der Begeisterung für das
+Gute getragenen Beredsamkeit. Die klaren Augen in dem schönen
+Greisenantlitz leuchteten dabei wie in heiligem apostolischem Feuer, und
+Eycken war auch ein Apostel – der Nächstenliebe und der Barmherzigkeit.
+
+Als man gemeinsam nach dem Dorfe zurückkehrte, lenkte Gunther das
+Gespräch auf Döbbernitz. Mit Absicht; die erstaunliche Tatsache, daß der
+schwedische Hellstjern den Zerninschen Besitz gekauft, hatte ihn mit
+neuer Unruhe erfüllt. Denn noch hatte er nicht alle seine Hoffnungen
+begraben. Seine Liebe zu Hedda und die bewundernde Anbetung, die er ihr
+entgegenbrachte, war die alte geblieben; er fand sie schöner als je und
+sah auf ihrem stolzen Mädchengesicht einen Ausdruck von Vergeistigung
+und träumerischem Sinnen, der ihm früher nicht aufgefallen war und sie
+zu verklären schien.
+
+Hedda erzählte in ruhigem Ton das Neueste über Döbbernitz. Klaus von
+Zernin war verschwunden; irgend jemand wollte ihn in Monte Carlo gesehen
+haben. Auf Döbbernitz aber regten sich seit Wochen viele hundert
+fleißige Hände. Baron Hellstjern hatte sich selbst merkwürdigerweise
+noch gar nicht gezeigt; an seiner Statt schaltete mit unbeschränkter
+Vollmacht ein Administrator, den Heddas Vater Axel empfohlen hatte. Es
+war der ehemalige Oberinspektor des alten Zernin, ein Mann, der die
+Verhältnisse auf Döbbernitz auf das genaueste kannte, voll
+Zuverlässigkeit und rüstigem Fleiß, eine erstklassige Kraft. Und eine
+solche brauchte man. Es war keine Kleinigkeit, dies verwüstete Land
+wieder ertragsfähig zu gestalten. Man mußte sozusagen von vorn anfangen,
+denn auch vom Inventar war nichts zurückgeblieben; lebendes und totes,
+bis auf die letzte Kuh und den letzten, schon verrosteten Pflug war
+verkauft oder gepfändet und verauktioniert worden.
+
+Und während das Land von neuem beackert wurde und aus den tiefen
+Furchen, die den Boden zerrissen, ein frischer Odem von Lebensfähigkeit
+aufstieg, wie ein Ahnen kommenden Keimens, trafen im Schloßhofe große
+Möbelwagen ein, um zunächst dem Mittelbau wieder eine behagliche
+Wohnlichkeit zu geben. Auch diese Einrichtung überließ Hellstjern
+fremden Händen; er hatte an den Ohm auf dem Baronshof geschrieben, er
+habe zurzeit zu viel zu tun, um sich um all diese Dinge kümmern zu
+können. Die Wahrheit war, daß er sich zu einer ernstlichen Kur
+entschlossen hatte; der abscheuliche Husten, der seine ganze
+Konstitution zu erschüttern drohte, mußte einmal fortgeschafft werden.
+
+Gunther hörte mit reger Aufmerksamkeit der Erzählenden zu. Er meinte, er
+sei recht froh, daß Baron Hellstjern seinem Vater zuvorgekommen sei.
+Seit der Vater die Leitung der Fabriken abgegeben habe, sei er von
+fieberhafter Unruhe gepackt, überall wolle er sich beteiligen. Und dann
+sprach Gunther ganz harmlos von den Heiratsplänen Hagens, die dem Vater
+so viel Ärger bereiteten. Er tat dies mit Absicht, trotz der
+anscheinenden Harmlosigkeit; er wollte Hedda auf diesen neuen
+plebejischen Einbruch in seine Familie vorbereiten, war auch begierig,
+was sie dazu sagen würde.
+
+Aber sie enthielt sich des Urteils und bemerkte nur, daß sie die
+Aufregung und die Abwehr des Kommerzienrats begreifen könne, denn
+zweifellos sei die beabsichtigte Heirat Hagens ein »Tiefersteigen«.
+Eycken war nicht dieser Ansicht, suchte wenigstens den gesellschaftlichen
+Abfall des grimmen Hagen zu beschönigen und zu entschuldigen; in der
+Liebe zum andern Geschlecht gäbe es keine Dummheiten, oder aber diese
+ganze Liebe sei Dummheit. Im übrigen steige Hagen seiner Meinung nach
+keineswegs »hinab«, sondern zöge höchstens sein Mädchen »herauf«.
+
+Vor dem Parktore des Baronshofes trennte man sich. Hedda bat um den
+Besuch Gunthers und dieser sagte mit tiefer Verneigung zu.
+
+Der Baron saß wie gewöhnlich bei seiner Familiengeschichte. Er steckte
+mitten im achtzehnten Jahrhundert; das Lateinische und Schwedische war
+dem Französischen gewichen. Aber auch bei diesem verschnörkelten alten
+Französisch fehlten ihm häufig Vokabeln und sinnverwandte Ausdrücke, und
+dann mußte er die Lexika durchstöbern. War Hedda zugegen, so ging das
+alles viel schneller.
+
+Hellstern war im letzten Jahre noch dicker geworden. Die Ischias hatte
+etwas nachgelassen, aber ein Asthma kündigte sich an. Der Baron
+verzichtete jetzt auf jede Bewegung; nur mit Mühe schleppten Hedda und
+August ihn dann und wann auf ein Viertelstündchen in den Park. Er hatte
+sich vollständig in seinen Ärger über die modernen Veränderungen in
+Oberlemmingen verbissen. Eine Art fixer Idee spielte dabei mit. Er war
+überzeugt davon, daß man ihn von Haus und Hof vertreiben wolle. Die
+Möllers bauten rechts seitwärts vom Parkausgange eine Brauerei und
+hatten eine Parzelle des Dorfangers vom Fiskus erstanden. Das wurmte
+Hellstern furchtbar. Nun hatte er wirklich Qualm, Dampf und Rauch,
+Geräusch und Gestank direkt vor der Nase.
+
+»Gunther Schellheim ist wieder hier, Papa,« sagte Hedda beim Eintreten;
+»er läßt dich grüßen.«
+
+»Ist mir ’ne hohe Ehre,« erwiderte der Alte giftig. »Hat er vielleicht
+seinen Antrag wiederholt?«
+
+»Nein,« sagte Hedda und band ihren Hut ab; »warum bist du so schlechter
+Laune?«
+
+»Das würdest du auch sein, wenn du dich so ärgern müßtest wie ich. In
+diesen Akten kommen Ausdrücke vor, für die es in keinem Lexikon der Welt
+Erklärungen gibt.«
+
+»Ich werde dir helfen,« entgegnete Hedda geduldig und nahm auf dem aus
+den vierzehn Folianten der Merianschen Topographie gebildeten Sitze
+Platz.
+
+Aber der Alte wollte noch plaudern. »Wie sieht der Herr Gunther aus?«
+fragte er.
+
+»Gut – männlicher als sonst. Er kommt eben aus dem Manöver. Es ist
+merkwürdig, was wir für einseitige Menschen sind! Ich bin überzeugt, in
+seiner hübschen Husarenuniform würde er mir sehr gefallen. Schwarz und
+silberne Verschnürung, mit dem großen Totenkopf auf der Bärenmütze.«
+
+»Ich weiß,« erwiderte Hellstern nickend; »ein gutes Regiment. Nun,
+dieser Gunther ist ja doch auch immerhin ein anständiger Mann ... Da ist
+ein Brief von Axel gekommen, der dich interessieren wird.«
+
+Er reichte Hedda das Schriftstück, und sie begann zu lesen:
+
+
+ »Liebster Onkel – liebste Cousine!
+
+»Zunächst Verzeihung, daß ich französisch schreibe – es geht mir immer
+noch rascher von der Hand wie Eure Muttersprache, und ich habe Euch eine
+ganze Menge zu erzählen. Wie Ihr aus dem Poststempel erseht, bin ich
+nicht in Berlin, sondern in Gehringen. Das liegt in der Schweiz, ein
+Stündchen von Basel, und ist eine Heilanstalt, die mir ein befreundeter
+Arzt empfohlen hat. Ich wollte nämlich einmal meinem Husten zu Leibe
+gehen. Nun kuriert man hier unten freilich nicht auf gewöhnliche Weise,
+mittels allerhand Mixturen aus Flaschen und Schachteln und Töpfen,
+sondern durch Sonnenbäder, Elektrizität, Massage, kaltes und heißes
+Wasser, Fichtennadeln und Gott weiß was noch – aber die Tatsache steht
+fest: es geht mir bedeutend besser, so daß ich mich mit der Hoffnung
+trage, Euch in üppiger Gesundheit wieder begrüßen zu können.
+
+»Und das soll bald geschehen. Mein Abschied ist mir in Gnaden bewilligt
+– sogar mit einem Orden, der sehr schön aussieht und an einem Bande mit
+drei Farben hängt. Da will ich mich denn nun im Spätherbst in Eurer
+Nähe, nämlich in Döbbernitz, festsetzen. Rieske, der Verwalter, den Du,
+lieber Ohm, mir empfohlen hast, scheint sich ausgezeichnet zu machen. Er
+schickt mir wöchentlich zwei ausführliche Berichte, die mich über alles
+informieren und trotzdem knapp gehalten sind. Das gefällt mir. Ich finde
+auch, daß er sparsam wirtschaftet. Die Anschaffung des Inventars und die
+Instandsetzung der ganzen Geschichte verlangen natürlich Opfer, aber ich
+bringe sie gern. Schon weil ich nun wieder ein Heimatplätzchen bekomme.
+Ich kann Euch nur sagen, daß ich mir immer wieder von neuem Glück zu
+meiner Idee wünsche. Es war der vernünftigste Streich meines Lebens, der
+Ankauf von Döbbernitz.
+
+»Sehr, sehr gern würde ich es sehen, wenn Hedda sich einmal die
+Schloßeinrichtung ansehen wollte. Eine Masse hübscher Möbel habe ich
+unterwegs kaufen können, auch hier in der Umgegend, auf alten
+Bauerngehöften und in den Kleinstädten noch mancherlei Nettes und
+Interessantes gefunden. Aber die weibliche Beihilfe fehlt mir doch. Und
+dann weiß ich nicht, wie die Berliner Dekorateure die Sache arrangiert
+haben. Ich werde wohl alles wieder ›umkrempeln‹ – sagt Ihr nicht immer
+›umkrempeln‹? –, wenn ich erst in Döbbernitz bin. Hedda, dabei mußt Du
+mir aber zur Hand gehen! Das kann ich als Vetter verlangen. Ein paar
+Zimmer werden so wie so für Euch beide eingerichtet, denn ich hoffe, Ihr
+werdet öfters, nein recht oft, sehr oft, bei mir zu Gast sein. Die
+moosgrün bezogenen Möbel sind speziell für Dein Zimmer bestimmt, Hedda.
+Ich fand die Formen so hübsch, edel und schön in den Proportionen, nicht
+so spielerisch und gesucht originell, wie der moderne englische
+Geschmack sie liebt. Der Renaissanceschrank und das große Himmelbett
+stammen aus dem Palazzo Formosa in Bologna.
+
+»Siehst du, Hedda, und da freue ich mich jetzt schon darauf, mit Dir
+zusammen im Schlosse von Döbbernitz Ordnung und Behaglichkeit schaffen
+zu können. Wir gehn zimmerweise vor, und für jedes Zimmer lasse ich dich
+extra vom Baronshofe holen, damit das Vergnügen länger dauert. Und dann
+freue ich mich auch auf unsre Spaziergänge im Walde, unten am See, wo
+die Eichen stehen und der große Felsblock liegt. Ich sagte es Dir ja:
+bei Euch werde ich wieder ganz gesund und auch noch einmal jung werden,
+denn es weht Heimatluft bei Euch, und die war’s, die mir fehlte. Ich bin
+ganz krank vor Sehnsucht. Das ist mir noch nie passiert.
+
+»Ende Oktober denke ich zurück zu sein. Fröhlichen und herzlichen Gruß
+Dir, Onkel, und Dir, liebe Base, von
+
+ Euerm getreuen
+ Neffen und Vetter Axel.«
+
+
+Bedächtig steckte Hedda den Brief wieder in das Couvert.
+
+»Er klingt wirklich sehnsüchtig, der Brief,« sagte Hellstern mit
+Betonung. »Weißt du, Hedda, ich mache mir so meine Gedanken.«
+
+Sie hatte sich tief über das Lexikon gebeugt, das auf ihren Knieen lag,
+und in dem sie mechanisch blätterte. Als sie den Kopf hob, sah der Alte,
+daß sie auffällig blaß war.
+
+ * * * * *
+
+An diesem Tage gedachte Fritz Möller, sich mit der Dörthe endgültig
+auszusprechen. Es mußte einmal geschehen. Die Eltern drängten, Albert
+und Bertold nicht minder. Grödecke aus Frankfurt hatte eines Tages
+seinen Freund Albert Möller in Oberlemmingen besucht. Er brachte seine
+Tochter Frida mit, ein großes, starkes, sehr brünettes Mädchen mit
+energischen Zügen. Fritz sollte sich mit ihr »anvettern«, und das
+geschah denn auch. Er fand sie nicht so übel, obwohl ihr stechender
+Blick und ihr rasch zugreifendes Wesen, auch ihre Erscheinung ihm einen
+ausgewachsenen Pantoffel prophezeiten. Noch wurde nicht vom Heiraten
+gesprochen, doch Frida wußte bereits Bescheid. Sie ließ sich das ganze
+Haus zeigen, vom Dach bis hinab zum Weinkeller; sie nahm es schon in
+Besitz. Auch die Angelegenheit mit der Engrosschlächterei, die den
+Badeort, das Kinderhospiz und die Güter in der Umgegend versorgen
+sollte, war zur Reife gediehen. Wieder hatte einer der Bauern sein
+Gehöft verkauft – Thielemann, dessen Besitz den Möllers am bequemsten
+lag. Dorthin sollte das Schlachthaus kommen.
+
+Gegen Abend hatte der Wind sich gelegt. Fritz hatte Dörthe gebeten, sich
+mit ihm an der Quelle zu treffen; er habe Wichtiges mit ihr zu
+besprechen. Sie hatte sich auf dem Baronshof auch freimachen können und
+war pünktlich zur Stelle, in ihrem Arbeitskleide, aber ein neues
+dreieckiges Tuch um die Schultern geschlagen, mit bloßem Kopfe.
+
+Fritz war noch nicht da. Dörthe wanderte in den schweigenden Anlagen auf
+und ab. Das falbe Laub rauschte unter ihren Füßen. Ein letztes
+Sonnenflackern glitt durch die Baumkronen, fahlgelb, ein erlöschendes
+Licht.
+
+Das Mädchen war nicht in Sorgen. Im Gegenteil – ein Zug heiterer
+Zufriedenheit lag auf dem hübschen, braunen Gesichtchen. Sicher handelte
+es sich um eine Besprechung wegen der Hochzeit. Vielleicht sollte sie
+schon vor Weihnachten sein. Wie schlug der Dörthe das Herz!
+
+Sie hatte sich auf eine der Sandsteinstufen an der Quelle gesetzt. Das
+Wasser sprudelte nicht, aber man hörte sein Rauschen unterhalb der
+Einfassung, ein leises Gemurmel wie von fernen Stimmen. Die Rosen in den
+Bosketts waren abgeblüht, der wilde Wein, der sich um die Eisenträger
+der Wandelhalle schlang, schimmerte feuerrot. Überallhin hatte der
+Herbst seine Farbenflecke gestreut.
+
+Als Dörthe ihren Bräutigam kommen sah, sprang sie auf, lief ihm entgegen
+und fiel ihm in die Arme. Er umschlang sie, ohne sie zu küssen, und
+schritt mit ihr den Weg hinab. »Komm unter die Buchen,« sagte er, »die
+Liese spürt mir wieder mal nach.«
+
+Jetzt durchzitterte sie eine Ahnung aufkeimenden Leids. »Gott, Fritz,
+was gibt’s denn?« fragte sie.
+
+Er wartete mit der Antwort, bis sie tiefer im Buchenhain waren, den die
+Badedirektion mit dem Kurpark verbunden hatte. Aber auch hier blieb er
+nicht stehen, sondern schritt weiter mit ihr, während er rasch, als
+wolle er es von der Seele haben, und mit kurzen Unterbrechungen sprach.
+
+»Also, Dörthe, es geht nicht mit unsrer Heirat. Die ganze Familie ist
+dagegen – ich habe mich mit allen herumgezankt, weil ich es durchsetzen
+wollte; aber überwerfen kann ich mich mit den Eltern nicht und auch
+nicht mit den Brüdern. Es steht zu viel auf dem Spiel – gerade jetzt ...
+Du mußt mir nicht böse sein, Dörthe – ich habe es immer gut gemeint und
+dich lieb gehabt – und wir hätten ja auch so gut zusammengepaßt – aber
+– du hättest bloß einmal Vatern sehen sollen, als ich ihm sagte: nein,
+ich wollte fest bleiben, denn ich hätte dir die Hochzeit versprochen.
+Mit beiden Fäusten ist er da auf mich losgefahren und mit Augen wie
+Teller so groß – Dörthe, an mir liegt es ja nicht – es liegt nicht an
+mir ...«
+
+Seine Stimme wurde leiser; es ging ihm doch zu Herzen, dieses
+Abschiednehmen. Aber er war noch nicht zu Ende; er hatte das Bestreben,
+sich gänzlich zu entlasten, und fing immer wieder von vorn an, von der
+Gegnerschaft der Eltern und den wütenden Augen des Vaters und dem ewigen
+Schimpfen; er wisse sich nicht mehr zu helfen; er sei abhängig von dem
+Alten sowohl wie auch von Albert, der jetzt das große Wort in der
+Familie führe, und alles Bitten und Jammern habe ihm nichts genützt. Und
+dann kamen wieder die wütenden Augen des Vaters an die Reihe – »wie
+Teller so groß«.
+
+Dörthe hatte kein Wort entgegnet. Sie war wie vom Schlage getroffen. Aus
+ihrem Gesicht war alle Farbe geschwunden; schwer schleppte Fritz sie an
+seiner Seite weiter. Sie hatte keine Ahnung von den gegen sie und ihr
+Glück gerichteten heimlichen Treibereien, und in der Engigkeit ihres
+dummen, kleinen Bauernhirns hatte sie auch gar nicht einmal gemerkt, wie
+man sie mit kluger Politik in letzter Zeit vom Gasthause fernzuhalten
+suchte. Anfänglich fand sie nicht einmal Tränen unter der Wucht des auf
+sie herabsausenden Unglücks. Sie war so starr, daß ihre Augen trocken
+blieben und ihre Lippen schwiegen. Aber als Fritz, um das Herzweh und
+die Verlegenheit des Augenblicks zu überwinden, weiter und weiter
+sprach, immer mit den gleichen Phrasen, sich zwanzigmal wiederholend, da
+schäumte ganz plötzlich die Wut über den ihr zugefügten Betrug und über
+die Treulosigkeit und Schwäche des Geliebten in ihr auf; sie riß sich
+von ihm los und schrie:
+
+»Nu sei doch man still! Ich hör’ ja schon! Ich weiß ja schon alles!
+Pfui, bist du gemein! Du hast’s gar nicht ernst gemeint! Du hast bloß
+drauf gewartet, daß –«
+
+Und dann brachen die Tränen hervor, in Strömen und unaufhaltsam. Sie
+warf sich auf die Erde, in das taufeuchte Laub, und schluchzte und
+wimmerte ununterbrochen. Als er sich zu ihr hinabbeugte, um sie mit
+einigen schlecht angebrachten Trostworten aufzuheben, schlug sie nach
+ihm und schrie von neuem los: er solle sie nicht mehr anrühren, er sei
+ein elender Lump, er möge heiraten, wen er wolle, oder wen seine Eltern
+für ihn aussuchten – er ließe sich ja doch nur am Gängelbande führen
+wie ein kleines Kind.... Sie gebärdete sich wie unsinnig und blieb auf
+der feuchten Erde liegen, während ihr Körper konvulsivisch zuckte.
+
+Fritz wußte nicht, was er machen sollte. Am liebsten wäre er
+davongelaufen – nach Hause, zu Vater und Mutter und Albert; die hätten
+vielleicht Rat schaffen können. Er hatte seine Mütze auf das rechte Ohr
+geschoben, kraute sich den blonden Wirrkopf und blickte hilflos umher.
+Es war allgemach dunkel geworden. Am Himmel flammten schon die Sterne
+auf. Ein Käuzchen schrie in der Nähe.
+
+»Dörthe,« sagte Fritz endlich in beklommenem Tone, »Dörthchen – hör
+doch man zu – ich bin ja nicht so ... ich würde ja gern, wenn’s bloß
+auf mich ankäme –«
+
+Jetzt sprang sie mit einem Satze empor. Ihr ganzes Gesicht hatte sich
+verändert. Der Schmerz verzerrte es und grub seine Linien in das
+niedliche Oval; die Augen blitzten.
+
+»Ist’s wahr, Fritz – bist du mir immer noch gut?«
+
+»O Gott!« erwiderte er und versuchte, sie zu umfassen.
+
+Aber sie entglitt ihm.
+
+»So wirst du noch einmal mit den Alten und mit Albert sprechen,« fuhr
+sie energisch fort, und doch klapperten dabei ihre Zähne in fröstelnder
+Angst. »Verstehst du? Sagst ihnen, daß du nicht mehr zurückkönntest, daß
+du kein Lump sein wolltest, daß du darauf beständest, dein Wort zu
+halten, und wenn’s auch zu wer weiß was käme! Wirst du das tun? Fritz,
+bist du denn nicht ein Mann?!«
+
+Die Verzweiflung beflügelte ihre Worte. Sie stieß mit ihren beiden
+Händen nach seinen Schultern, als wollte sie auf seine Kraft und Stärke
+pochen, drängte sich dicht an ihn heran und krallte dann wie eine
+Wahnsinnige ihre Finger in seine Arme ein.
+
+»Bist du nicht ein Mann?!« schrie sie abermals. »Und fürchtest dich vor
+Vatern und vor seinen großen Augen! Und vor Albert, den du mit einer
+Hand aufheben kannst! – Was ist denn, wenn du ihnen nicht gehorchst?
+Bist du nicht ausgewachsen und mündig? Aber du zitterst ja schon, wenn
+Vater nur spricht – du Feigling, du Bangebüchse!«
+
+Sie begann wieder zu schimpfen und dann von neuem zu weinen. Ihre
+Energie war verraucht. Aber die Verächtlichkeit, mit der sie ihn
+behandelte, entzündete doch seinen Stolz. O – eine »Bangebüchse« war er
+nicht! Um des lieben Friedens willen hatte er nachgegeben, aber noch war
+nicht aller Tage Abend. Schön also – er würde nochmals mit dem Alten
+sprechen, »ganz verflucht« würde er mit dem Alten sprechen. Was konnten
+sie ihm denn tun? War er nicht ausgewachsen und mündig?
+
+Und als er sah und spürte, wie Dörthe an allen Gliedern zitterte, nahm
+er sie mit raschem Entschlusse auf seine Arme und trug sie so durch den
+Wald zurück, damit sie sich an seiner Brust erwärme, wie ein kleines
+Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist, und das ein barmherziger Junge
+unter die Weste geknöpft hat, um es mit nach Hause zu nehmen. Und
+wirklich – ihr wurde auch warm. Ihr Ohr lag an seinem Leinenkittel, und
+sie hörte sein Herz hämmern. Ein Wonneschauer durchrieselte sie, und
+frisches Hoffen ließ sie selig lächeln. Das war die letzte Stunde Glücks
+der Dörthe, da er sie heimtrug durch den Wald, über den die Finsternis
+immer tiefer hinabsank.
+
+Am nächsten Vormittag gab es eine entsetzliche Szene bei den Möllers.
+Vater und Sohn waren handgemein geworden. Und da hatte die alte Möllern
+die Flinte aus der Ecke gerissen und sie, den Kolben gegen den Leib
+gedrückt, auf Fritz angelegt. Albert war dazwischengesprungen.
+
+Das Ende war, daß Fritz sich kraftlos ergab. Er saß mit blassem Gesicht,
+das Haar in die Stirn hängend, am Tisch und schrieb den Brief, den
+Albert ihm diktierte:
+
+
+ »Liebe Dörthe!
+
+Es geht nicht mit uns. Das erkläre ich Dir hiermit zum letztenmal, und
+damit Du auch weißt, warum nicht, will ich es Dir sagen: nämlich wegen
+der Quelle. Die Quelle stellt höhere Anforderungen an mich, liebe
+Dörthe, denen ich nachkommen muß. Willst Du noch mehr darüber wissen, so
+wende Dich an Albert, der Dir in Ruhe und Freundschaft alles
+auseinandersetzen wird, liebe Dörthe. Jetzt wollen wir uns beide
+geduldig unserm Schicksal fügen und uns möglichst wenig zu sehen
+kriegen. Das ist das beste, und mit der Zeit wirst Du mir auch nicht
+mehr böse sein, liebe Dörthe, denn Du wirst sicher einen andern guten
+und lieben Mann bekommen, den Dir von Herzen wünscht
+
+ Dein Fritz.«
+
+
+Die verschiedenfachen »liebe Dörthe« hatte der Schreiber aus eigner
+Machtvollkommenheit eingefügt. Gern hätte er am Schlusse gesagt: »Dein
+Dich immer noch lieb habender Fritz« –; aber Albert schaute ihm auf die
+Finger, auf denen die ungewohnte Federarbeit schwarze Tintenstreifen
+hinterließ.
+
+Ein Junge brachte den Brief zu Klempt. Man wußte, daß Dörthe
+allabendlich ihren Vater besuchte, und wollte auf dem Baronshof keinen
+Skandal erregen.
+
+Das Mädchen war noch nicht da, als der Brief abgegeben wurde. Tante
+Pauline nahm ihn in Empfang und betrachtete ihn mißtrauisch. Dann holte
+sie ihr Punktierbuch aus der Truhe und setzte sich damit an das Fenster,
+durch das der letzte Schein des Abendrots fiel. Sie war doch neugierig,
+was das zu bedeuten hatte: ein Brief gerade am Neumond.
+
+Klempt legte soeben in der Werkstatt sein Arbeitszeug beiseite, reinigte
+den Hobel, mit dem er hantiert hatte, und fegte dann die Späne zusammen.
+Er war im Begriff, seine Schürze abzubinden, als es an die
+Fensterscheiben klopfte und die fröhliche Stimme Dörthes ihm zurief:
+
+»Feierabend machen, Vater!«
+
+Im nächsten Augenblick hörte er den Widerhall ihrer Pantoffeln auf den
+Steinen des Hausflurs und dann eine Tür schlagen. Dörthe ging in die
+Wohnstube.
+
+Doch was war das? Der Alte lauschte. Schrie da nicht jemand?
+
+Er stürzte hinüber. Nur der schmale Flurgang trennte die Werkstatt von
+der Wohnstube, in der Tante Pauline bereits die Lampe angezündet hatte.
+
+Dörthe saß am Tisch und hielt den Kopf mit den Armen umschlungen.
+Schweigend deutete Tante Pauline auf den erbrochenen Brief; ein bitteres
+Lächeln zuckte um ihre scharfen Lippen.
+
+»Lies mal,« sagte sie; »vor fünfundvierzig Jahren – da hat mich der
+alte Möller grad’ so sitzen lassen.«
+
+Das ganze Herz voll schluchzenden Grams, gebrochen und zerschmettert,
+trat Klempt unter die Haustür. Er konnte den Schmerz der Tochter nicht
+sehen, tausend Wunden bluteten in ihm.
+
+Lind und fast sommerlich verrann dieser Herbsttag. Golddurchflimmerte
+Dämmergewebe umspannen das Dorf, und noch leuchtete der Himmel im Westen
+in duftigem Rosa. Von den Wiesen stiegen ganz feine Nebel auf,
+streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste
+und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag schon völlig im Nebel, in
+einem wogenden, milchigen Meer.
+
+»Wegen der Quelle!«
+
+Und in seinem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen
+Mann wütend machte, ballte Klempt die Hände und erhob sie drohend und
+schüttelte sie nach der Richtung des weißen Nebelsees, in dem der
+Kurpark versank: »Verfluchte Quelle!«
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+
+Ende Oktober ereignete sich ein tragisches Vorkommnis, das viel
+besprochen wurde und Aufsehen erregte. Braumüller, der sich das Trinken
+angewöhnt, seit er nichts mehr zu tun hatte, war eines Nachts wieder
+einmal in vollem Rausche nach Hause getorkelt, hatte den Weg verfehlt
+und war in eine Kalkgrube gestürzt, die zu Bauzwecken benutzt wurde, und
+die man am Abend vorher unglücklicherweise vergessen hatte mit Brettern
+zu bedecken, wie es sonst geschah. Erstickt und verbrannt wurde der
+Unglückliche am nächsten Morgen aus der Grube gezogen; vielleicht hatte
+ihn auch schon beim Sturze ein Schlagfluß getroffen.
+
+Für Hellstern war der arme Braumüller ein »neues Opfer der Kulturmission
+von Oberlemmingen«. Braumüllers Untergang war seiner Ansicht nach die
+logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den
+Möllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich
+herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen;
+aber dann erfaßte ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte
+sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit der Trunksucht
+anheimzufallen.
+
+Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit
+einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die
+bei ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, daß das
+unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger
+Rückwirkung auf die Bauern war. Man ernährte sich recht und schlecht auf
+seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurück
+und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter
+Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei fröhlichen Muts.
+Und nun sah man plötzlich, daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als
+das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Großvater
+übernommen hatte. Die Möllers machten es den andern vor. Die hatten den
+Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute geworden, und sie wurden
+reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein
+kümmerliches Leben, das man bis dahin geführt hatte? – Thielemann, der
+Krämer, hatte für sein Gehöft ein hübsches Stück Geld eingesackt; nun war
+er nach Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung.
+Das war _auch_ ein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht
+dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit
+Sonnenaufgang aus den Federn mußte und des Abends todmüde ins Bett sank?
+
+Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Töchter, die sich der
+revolutionären Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen.
+Sie steckten sich hinter die Männer und redeten in sie hinein: warum
+verkaufte man nicht? Die Möllers zahlten gute Preise – mit dem
+gewonnenen Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften
+die Möllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als
+einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze
+Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen.
+Auch sie wollten Logierhäuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und
+wurden »Unternehmer«. Das füllte besser die Kassen. Aber die Möllers
+ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach
+das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats
+zu schwächen. Wenn den Möllers das Terrain rings um die Quelle gehörte,
+wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, von
+allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann mußten
+sie trotz der Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger bleiben.
+Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu
+übertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine
+des Unternehmens in die Hände der Familie zu bringen. Das war ein
+schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein
+Kredit war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; selbst die
+größeren Banken verhielten sich Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend
+wie früher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte,
+was zu kaufen möglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner
+geschäftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine
+prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab,
+sondern nur noch »Gäste«, die das Tal überströmten und Gold in Massen
+zurückließen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den
+Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er
+spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof
+sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der
+Anfang; man wollte Hellstern das Leben schwer machen, man kannte seine
+Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen
+sollten ihn forttreiben.
+
+Um all diese Ideen und Machenschaften der Möllers kümmerte sich der
+Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine
+Logierhäuser bauen und sie an die Badegäste vermieten. Aber die Brauerei
+hätte er gern in die Hand genommen; er ärgerte sich, daß Albert ihm
+zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdruß in dieser letzten Zeit. Eines
+Tages traf Hagen auf dem Auberge ein – unerbeten und unerwartet – und
+brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen.
+
+Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natürlichen Takt, und
+das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie war
+auch lernbegierig und anpassungsfähig; man hatte ihr im Pensionat schon
+beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten
+Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, daß
+sie sich mit einer beständigen inneren Angst abmühte, korrekt zu sein
+und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu
+den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte nach bester Etikette
+mit Messer und Gabel und ließ die Serviette zusammengefaltet neben sich
+liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und
+wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rückte auf ihrem Stuhle
+hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor
+Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte nie, wo sie ihre
+Hände lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war
+der Eindruck, den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien
+weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache
+Unterredungen mit ihrem Gatten, der während der Konferenzen stets
+aufgeregt im Zimmer umhermarschierte.
+
+»Es ist nichts zu machen,« sagte die Rätin sanft; »Hagen bleibt fest.
+Und vielleicht ist es wirklich sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?«
+
+»Trotzdem ist es schrecklich,« antwortete Schellheim grollend.
+»Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner wäre! Ausgesucht
+Straßenbahnschaffner!« ...
+
+Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein eigner Großahn noch mit dem
+Packen auf dem Rücken die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der
+Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich einen
+Straßenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mußte aus Berlin
+fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man möglichst wenig mit
+ihm in Berührung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester
+übersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der
+Fabrik eine auskömmliche Stellung geben; er hatte da auch einen
+bequemeren Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...
+
+Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle
+aufgegeben, um sich in größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu
+können. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glänzenden
+Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr
+bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres
+Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes;
+der Ruhm zog vor ihm her. Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof
+die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?
+
+Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof war wieder aufgenommen
+worden, aber er blieb in höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim
+verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen
+wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten
+gewußt, daß er öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte er ihr
+auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber und beglückwünschte ihn.
+Das klang herzlich, aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht
+hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht,
+dies stolze Mädchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch
+ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen
+er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte.
+
+An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Döbbernitz eingetroffen.
+Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte
+auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. Ein eleganter
+Parkwagen, prächtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda.
+Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer
+Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und
+Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den
+Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich über das
+Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei
+der leisesten Erkältung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder
+ein – aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach
+Döbbernitz nehmen könne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse
+gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen
+Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen;
+Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und »in bester
+Emballage abliefern, wie ein kostbares Püppchen aus #vieux Saxe#«.
+
+Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre lächerlich gewesen, wenn er
+sich um Hedda hätte sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja –
+wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz gewesen wäre! Nicht um alle
+Schätze der Welt würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine Stunde
+anvertraut haben!
+
+So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie
+kannte er Heddas Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie
+sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren
+Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen.
+Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes
+Flüstern und lindes Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm
+anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die
+Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden
+Frühlingspracht, bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem lichtgrünen
+Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der
+Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im
+glühenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den
+Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein köstliches
+Dämmerlicht herrschte – im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und
+der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich
+zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald
+melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn
+durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre
+Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...
+
+Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück – da sah man Döbbernitz
+liegen! Vom Schloßturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische
+und die schwedische – »dir zu Ehren, Hedda,« sagte Axel und nahm den
+Hut ab.
+
+Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es
+beschwerte etwas ihr Herz – sie wußte selbst nicht so recht, was es
+war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß sie an
+ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten,
+er säße noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren für
+sie ...
+
+Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof. Diener sprangen
+herzu; unter dem Portal erschien ein älterer Mann in einfachem
+Livreerock: der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier wieder
+Ordnung und Reichtum herrschten.
+
+Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie dankte. Nun begann der
+Rundgang durch das Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber
+Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über dreißig Zimmer und
+Säle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen
+Mitteln ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein
+gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Führung übernommen.
+Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda
+unfaßlich, daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, lediglich
+auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und
+entstehen lassen können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz leicht
+war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretär, einen
+kundigen und tüchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm
+hatte er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und
+Musterbücher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen
+seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die
+gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Döbbernitz
+geschafft war, außerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da
+zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden
+war.... »Ich habe sonst keinerlei Passionen,« sagte Axel, »wirklich gar
+keine, aber meine Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel,
+Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. Meine Freunde
+behaupten immer, ich hätte den ›kunstgewerblichen Pips‹ – das sei eine
+ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, daß diese Vorliebe auf
+mein einsames Leben in den letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir
+eine ernsthaftere Beschäftigung nahelegte, und da warf ich mich denn so
+ein bißchen auf die Kunst. Übrigens siehst du, daß noch überall Lücken
+sind. Und das paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und
+Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert nämlich dann und
+wann sogar eine gewisse Überlegung ... Sage mal, Hedda« – und Axel
+blieb stehen –, »fällt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an
+meiner Sprache?«
+
+Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter
+herzlichem Lachen.
+
+»Ach ja – das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat
+dich das gelehrt?!«
+
+»Auch mein Sekretär – das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden
+Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr
+unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer merktest! ... Siehst du,
+das ist der große Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der
+Eindruck ist immerhin schon ein ganz hübscher – nicht wahr?«
+
+Und wieder begann Axel zu erklären. Die hochlehnigen Chorstühle waren
+florentinische Arbeit; er hatte sie schon vor Jahren einem Hotelier in
+Venedig abgekauft, weil er sie so schön fand, und zweifellos paßten sie
+mit ihren massiven und doch auch schlank und edel wirkenden Formen
+ausgezeichnet in den großen Raum dieses alten Rittersaals. Die Fenster
+hatten wieder buntes Glas erhalten; die Gardinen bestanden aus
+geschorenem rotem Burgundersamt mit Bordüren aus gelbem Seidendamast. An
+einer Wand sah Hedda einen riesigen, zweitürigen Aufsatzschrank, auf dem
+ein paar köstlich gearbeitete Zunfthumpen aus Zinn standen. Überall auf
+Stühlen und Tischen lagen noch Stoffe, die zur Dekoration verwandt
+werden sollten, Brokate und Samtdecken, alte Kaseln, Stücke von
+Meßgewändern mit geometrisch geordneten Goldstickereien; vor dem Kamin
+war ein Dutzend orientalischer Gebetteppiche mit herrlichen Musterungen
+übereinandergeschichtet worden, daneben häufte sich ein Wirrwarr alter
+Seidenfransen, Silberspitzen und schwerer Quasten auf. So sah es in den
+meisten Zimmern aus; die ganzen Sammlungen Axels waren hierher geschafft
+worden und sollten Verwendung finden.
+
+Axel sprach rasch und begeisterungsfreudig. Es machte ihm sichtlich
+Spaß, Hedda seine Schätze zu zeigen; er wußte auch gut Bescheid,
+erinnerte sich genau, wo er dies und jenes Stück erworben hatte,
+erzählte viel, schob Anekdotisches ein und war sehr aufgeräumt.
+
+Schließlich ermüdete Hedda ein wenig vom Sehen und Umherwandern.
+
+»Du sollst dich ausruhen,« sagte Axel, »aber in deinen Zimmern. Ich
+schrieb es dir ja; ich habe für dich und den Onkel ein paar Räume
+einrichten lassen. Lieber Gott, Platz ist genug im Schlosse, und ich bin
+froh, daß ich meinen alten Plunder unterbringen konnte.«
+
+Er führte sie in den nach dem Parke hinausführenden Flügel. Dort lagen
+die vier Gemächer seiner »Ehrengäste«, wie er sich ausdrückte: ein
+Empiresalon mit anstoßendem Schlafkabinett für Hedda, und ein Wohn- und
+Schlafzimmer für den Onkel.
+
+Hedda war überrascht, als sie den Salon betrat. Die wunderschöne alte
+Empiregarnitur, die hier aufgestellt worden war – die Sessel aus
+Palisander mit reichen Intarsien und ihrem grünlichen Damastbezug, der
+Schreibschrank mit den Wedgewoodvasen und seinem zwischen
+Alabastersäulen hineingebauten Gewirr zahlloser kleiner Schubladen, die
+Vitrinen und schön gestickten Paravents – all dies entzückte sie nicht
+so sehr wie der wundervolle Duft, der ihr entgegenschlug, und der
+Blumenflor, der sich vor ihr auftat. Überall standen in Vasen und
+Gläsern frische Rosen. Man begriff kaum, wie Axel zur Herbstzeit diese
+Blütenfülle herbeigeschafft hatte. Aus einem hohen Kelchglas mit
+gedrehtem Schaft quollen voll aufgeblühte Gloires de Dijon: in einer
+großen Kristallschale badeten sich blaßrosa Röschen; aus einer Vase von
+Meißener Porzellan blühte es flammend rot empor, aus einer andern
+burgunderfarbig und wie Atlas schimmernd, und wieder aus einer ganz
+weiß, gleich frisch gefallenem Schnee. Es war zauberhaft.
+
+Hedda war mitten im Zimmer stehen geblieben und hatte die Hände über der
+Brust gefaltet. Ihr Auge strahlte.
+
+»O wie schön – wie schön!« sagte sie flüsternd.
+
+Er lächelte glücklich.
+
+»Es macht mich stolz, daß ich dir eine Freude bereiten konnte,«
+antwortete er. »Das Zimmer kam mir noch so kahl vor – so unbewohnt –,
+und ich weiß, du liebst die Rosen ...«
+
+Rührung überkam sie. Diese zarte und sinnige Aufmerksamkeit stimmte sie
+weich. Sie streckte ihm beide Hände entgegen.
+
+»Lieber Axel« – und nochmals wiederholte sie: »Lieber Axel!«
+
+Vielleicht war es der zärtliche Ton ihrer Stimme, vielleicht der weiche
+Ausdruck ihres Auges, der ihm Mut gab. Er lag plötzlich zu ihren Füßen
+und bedeckte ihre Hände mit Küssen.
+
+»Hedda,« stammelte er, »sei meine Herrin! In der Hoffnung auf dich
+erwarb ich diesen Besitz. Schau dich um – alles sei dein! Es sind nur
+irdische Güter, aber du wirst ihnen Geist und Seele geben. Es sollte
+meine Heimat werden, doch ich fühle es, ich habe keine ohne dich. Woran
+lag es, daß ich so einsam war? Nun weiß ich es: weil mein Herz liebeleer
+war! Ich habe mein halbes Leben hinter mir und – o Gott, wie war es öde
+und frostig! Ja, Hedda – jetzt bin ich erst meines Lebens froh geworden
+und erst meine Liebe zu dir hat die Einsamkeit verjagt, und erst deine
+Liebe wird mir die Heimat schaffen!«
+
+Sie war sehr blaß geworden und zitterte. Er sah es, sprang auf,
+umschlang sie und führte sie an den nächsten Sessel.
+
+»Ich war stürmisch,« fuhr er fort, »vergib mir! Ich wollte noch warten
+und langsam um dich werben, mir Schritt für Schritt deine Liebe zu
+gewinnen suchen, aber – es kam so plötzlich über mich, als du mich
+›lieber Axel‹ nanntest! Und es ist auch ganz gut – ich hatte Furcht vor
+dieser Stunde –, ja, ich gestehe es – nun hab’ ich es hinter mir.« ...
+Er setzte sich zu ihren Füßen.... »Du sollst Zeit haben, Hedda, sollst
+prüfen und überlegen –, ich will keine Antwort von heute zu morgen....
+Ich kann ja auch nicht verlangen, daß du mich so liebst wie ich dich –
+aber vielleicht lernst du mich lieben. Ich bin schon zufrieden, wenn du
+mir nur Hoffnung gibst.... Und passen wir denn nicht auch zu einander,
+Hedda? Aus gleichem Stamme, mit gleichen Neigungen? Lockt dich nicht
+auch das Ziel, diesen alten Hellsternschen Besitz wieder zu Frucht und
+Blüte zu bringen?«
+
+Er sprach noch weiter. Es mußte alles von seinem Herzen, was er an
+Hoffnungen und frohen Erwartungen aufgespeichert hatte. Hedda sah,
+wie dieser Glücksrausch, den die Zukunftsbilder in ihm entfachten,
+seine guten und treuen Augen erstrahlen ließ, wie es gleich
+Frühlingssonnenschein über sein hübsches und vornehmes, schmales Gesicht
+flutete. Der Duft der Rosen betäubte sie. Sie atmete schwer.
+
+»Ich danke dir, Axel, daß du mir Bedenkzeit gibst,« antwortete sie. »Ich
+bedarf ihrer; es kam mir alles zu unerwartet.... Und – und – die Rosen
+duften so stark ...«
+
+Sie erhob sich schwankend. Er stützte sie und riß dann ein Fenster auf.
+Unten dehnte der weite Park sich aus, im Schmucke des Spätherbstes –
+eine tausendfach gefleckte Palette: bunte Baumwipfel, noch grüne
+Rasenflächen, schillernde Teppichbeete, rotes Weinlaub. Darüber hinweg
+sah man auf breite Streifen Acker und Feld; die Herbstbestellung war in
+vollem Gange. Vom Wirtschaftshofe herüber erscholl der Lärm der Arbeit.
+
+O ja – das alles lockte!
+
+ * * * * *
+
+Hedda fuhr allein nach Oberlemmingen zurück. Sie hatte Axel gebeten, sie
+nicht zu begleiten; es wäre nicht nötig. In Wahrheit fürchtete sie sich
+vor dieser Fahrt durch den Wald – zu zweien. Sie mußte Ruhe haben, um
+zu sich selbst zu kommen, um überlegen und nachdenken zu können.
+
+Sie fragte sich, ob sie die Werbung Axels nicht erwartet hätte. Schon
+bei seinem ersten Besuche im Frühjahr hatte sie den Eindruck empfangen,
+als hätte sie ihn nicht gleichgültig gelassen. Er war der dritte! Erst
+Klaus, dann Gunther, nun er. Aber wenn sie ihr Herz durchforschte –
+ach, einer nur hatte es zu entflammen gewußt, ein Verlorener! Konnte sie
+Axel ihr Jawort geben, da doch das Bild des andern noch immer lebendig
+in ihr war? Und war sie nicht auch immer noch an Klaus gebunden? Er
+hatte sie rufen und holen wollen, wenn er sich in der Fremde eine
+Stellung geschaffen haben würde; mit diesem Versprechen war er von ihr
+geschieden. Darüber waren Monde vergangen. Die Leute sagten, er
+verspiele seinen Erlös aus dem Verkaufe von Döbbernitz am grünen Tische
+Monacos. Aber wer wußte, ob das wahr sei? Konnten die Leute nicht irren?
+Hatte nicht vielleicht wirklich schon drüben in Amerika der »Fron« für
+ihn begonnen, der ihn läutern und entsündigen sollte?
+
+Axel war eine Partie nach dem Herzen ihres Vaters. Hedda hörte schon den
+Jubel des alten Herrn.... Und warum sollte sie nicht glücklich werden an
+der Seite dieses Mannes? Er war eine durch und durch noble Natur, von
+seltener Herzensgüte und feinem Empfinden, ein Edelmann im besten Sinne
+des Worts. Und ganz zweifellos – auch sein Reichtum sprach mit ...
+
+Hedda drückte sich tief in die Wagenecke. Würde sie in Döbbernitz nicht
+täglich und stündlich an Klaus erinnert werden? Würde es nicht eine
+ewige Qual sein!? Warum ließ sich diese unselige Liebe nicht ausreißen
+– warum mußte sie fortleben und immer neue Schmerzen erzeugen!?
+
+Als Hedda auf dem Baronshofe eintraf, gab August ihr mit geheimnisvoller
+Miene einen Brief. Ein Kind hätte ihn gebracht, und da auf dem Umschlage
+stand: »An Baronesse Hedda Hellstern. Persönlich zu erbrechen«, so
+glaubte August sehr klug gehandelt zu haben, daß er ihn nicht erst in
+die Hände des Herrn Barons gelangen ließ.
+
+Hedda drohte das Herz still zu stehen, als sie die Aufschrift sah. Sie
+erkannte Zernins Hand, seine elegante und zierliche, charakterlose
+Schrift. Hastig stürmte sie auf ihr Zimmer und riß das Kuvert
+auseinander.
+
+»Ich muß dich sprechen,« schrieb Klaus, »es handelt sich um meine
+Zukunft, vielleicht um mein Leben. Sei, bitte, um fünf Uhr an der alten
+Stelle am See. K.«
+
+Um fünf Uhr – da war keine Zeit zu verlieren. Sie schwankte keinen
+Augenblick. Sie überlegte auch nicht, warum Klaus wieder zurückgekehrt
+sei; sein Leben stand auf dem Spiel – was gab es da noch zu überlegen!
+
+In aller Eile begrüßte sie ihren Vater. Es sei wunderschön geworden auf
+Döbbernitz, erzählte sie in Hast; beim Abendtisch wolle sie ausführlich
+sein, aber jetzt habe sie unleidliche Migräne und wolle daher noch auf
+ein halbes Stündchen in den Wald. Und ehe der Alte noch so recht zu Wort
+kommen konnte, war sie schon fort.
+
+Als sie den Waldrand erreicht hatte, nahm sie ihre Uhr in die Hand. Es
+fehlten nur noch zehn Minuten zu fünf. Sie stürmte vorwärts –
+gedankenlos, in fieberischer Aufregung. Wieder war der Wind erwacht und
+rauschte im Gezweige. Große Massen falber Blätter rieselten auf sie
+herab. Vier Rehe jagten in langen Sprüngen quer über den Weg.
+
+Gottlob – da war der See! Blaugrau, mit Gischt übergossen und stark
+bewegt, tauchte er zwischen den Stämmen auf. Und da war auch Klaus!
+
+Er schritt im Ufergrase auf und ab. Schon aus der Entfernung fiel es
+Hedda auf, daß sich sein Reiseanzug in arg vernachlässigtem Zustande
+befand. Sein Gesicht war schmal geworden, bleich, verwüstet; tiefe
+Schattenringe umgaben die Augen.
+
+Er stürzte ihr entgegen.
+
+»O Hedda – Gott sei gelobt!«
+
+Er haschte nach ihren Händen und wollte sie küssen, doch sie entzog sie
+ihm. Es stürmte gewaltig in ihr, aber sie wollte wenigstens Ruhe
+heucheln.
+
+»Guten Tag, Klaus! Wo kommst du her?«
+
+»Aus dem Süden, Hedda, von der Riviera. Es war eine Verrücktheit. Ich
+hätte unten bleiben oder gleich weiter reisen sollen. Aber ich wollte
+dich noch einmal sehen –, noch einmal – das letzte Mal – ich verging
+fast vor Sehnsucht!«
+
+»Klaus – warum lügst du?«
+
+Sie sagte das in so herbem Tone, daß er zusammenzuckte. Alle Nerven in
+ihm schienen bis zum Übermaß angespannt zu sein. Die Muskeln blitzten in
+seinem Gesicht, seine Hände flogen.
+
+»Lügen – nein, ich lüge nicht,« stieß er hervor. »Ich – ich muß auch
+wahr sein! Also ich kehrte zurück –, die Torheit ist einmal geschehen.
+Ich hätte es nicht getan, wenn ich gewußt hätte, daß – daß ich verfolgt
+werde – daß man mich sucht –«
+
+Hedda starrte ihn mit großen Augen an.
+
+»Verfolgt – aber von wem?«
+
+»Von den Behörden ...« Nun hatte er doch ihre Hände ergriffen und hielt
+sie mit seinen heißen Fingern fest, während seine Augen sich mit
+unheimlichem Ausdruck in die ihren bohrten ... »Hedda, ich habe mich zu
+einer schmachvollen Tat verleiten lassen. Verurteile mich, beschimpfe
+mich – aber rette mich – hilf mir!« ... Und stöhnend brachte er die
+furchtbare Selbstanklage heraus: »Ich habe die hinterlassenen Papiere
+meines Vaters nach dem Auslande verkauft.«
+
+Anfänglich begriff sie ihn nicht. Aber dann brach blitzschnell das
+Verständnis für die Schändlichkeit in ihr durch ... Beim Tode des alten
+Ministerpräsidenten hatten die Zeitungen die Nachricht gebracht, daß
+sich in der Hinterlassenschaft des Freiherrn von Zernin so gut wie
+nichts von politischer Bedeutung vorgefunden hätte. Klaus hatte die
+wichtigsten Papiere beiseite geschafft und sie bei Gelegenheit an eine
+ausländische Regierung verkauft ... Und plötzlich glaubte Hedda auch den
+Grund des wütenden Hasses ihres Vaters und Eyckens gegen Klaus gefunden
+zu haben. Die beiden wußten um die verschwundenen Papiere und mochten
+ahnen, wohin sie gebracht worden waren ...
+
+O Schmach – Schmach!
+
+Hedda stand bewegungslos, wie eine Bildsäule, vor dem verkommenen Mann.
+Es war ihr, als hätte der Tod in ihr Herz gegriffen, mit seiner
+Knochenfaust jede Erinnerung an diese erste Liebe zu zerdrücken und zu
+vernichten. Eisig durchströmte es sie. Ihre Finger krampften sich
+zusammen, und in den äußersten Spitzen hatte sie das nervöse Gefühl
+heftiger Stiche, wie von Nadeln. Es siedete und dröhnte in ihrem Kopf,
+und dabei hatte sie doch das Bewußtsein, daß sie gefaßt und kaltblütig
+bleiben müsse. Um ihre Hände zu beschäftigen und sich bei mechanischer
+Spielerei allmählich zu beruhigen, riß sie ein paar Gräser aus und
+zerpflückte sie.
+
+Und dann brachte sie mühselig hervor: »Ich will nicht rechten mit dir.
+Wie kann ich dir helfen?«
+
+Klaus hatte mit Angst in ihrem Gesicht gelesen. Nun hob ein tiefer
+Atemzug seine Brust.
+
+»Ich muß morgen über die Grenze sein,« sagte er schnell und halblaut,
+als fürchte er, auch hier belauscht zu werden. »Aber ich habe kein Geld.
+Ich habe verdammtes Pech gehabt – da unten. Geh zu Schellheim und laß
+dir ein paar tausend Mark für mich geben – fünf, sechs genügen –, er
+wird es dir nicht abschlagen.... Und dann schicke mir das Geld nach dem
+alten Jagdhause in der Döbbernitzer Schlucht; dort bin ich bis
+Mitternacht.«
+
+Sie nickte nur. Ihr Blick hatte etwas Erloschenes, wie auch in ihrem
+Herzen alles erloschen war: der ganze Sonnenschein ihrer Jugend.
+
+»Gut,« sagte sie tonlos, »du erhältst das Geld.« Und ohne Lebewohl
+wandte sie sich um und ging.
+
+Er sprang ihr nach. »Hedda,« keuchte er, »kein Abschiedswort, kein –«
+
+Unter ihrem Flammenblick brach er ab. Ja – jetzt kam wieder Leben in
+das tote Auge; es sprühte und loderte vor Verachtung und Empörung. Hoch
+und groß stand sie vor ihm.
+
+»Nein,« antwortete sie hart. »Kein Abschiedswort! Daß du den großen
+Namen deines Vaters entehrtest, daß du dein Wappen beflecktest, daß du
+deine Liebe niedertratst – alles hätte ich dir verzeihen können. Denn
+meine Liebe ist stärker als deine. Aber für den Schuft, der um feiles
+Geld sein Vaterland verrät –«
+
+Sie sah, wie er sich duckte, wie ein Hund den die Peitsche trifft. Und
+da sprach sie nicht weiter. Sie ging.
+
+Hoch und groß ging sie, solange sie fürchtete, daß sein Blick ihr noch
+folgte. Aber dann, als Eichen und Buchen sie dichter umscharten und der
+See längst hinten liegen mußte, brach sie zusammen. Geknickt, keuchend
+und nur mit Mühe schleppte sie sich vorwärts. Und der Herbststurm
+brauste stärker durch den Wald und rüttelte und schüttelte die Wipfel.
+
+ * * * * *
+
+Pastor von Eycken freute sich, als er Hedda bei sich eintreten sah.
+Aber ihm entging nicht ihr erregtes Wesen, ihr umdüsterter Blick und der
+bittere Zug in ihrem Gesicht.
+
+»Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Pastor,« begann Hedda, dankend
+den Stuhl ablehnend, den er ihr zugeschoben hatte.
+
+»Sie ist schon gewährt, liebes Kind – wenn nämlich ihre Erfüllung in
+meiner Macht steht.«
+
+»Ich hoffe es. Ich weiß, Sie haben größere Kapitalien liegen, Sie
+bedürfen ihrer für Ihren Bau. Wollen Sie mir sechstausend Mark leihen?
+Aber es muß auf der Stelle sein; wenn ich die Summe bei Ihnen nicht
+erhalte, würde ich auf das Auschloß gehen.«
+
+Eycken war erstaunt zurückgefahren. Das war das einzige, was er nicht
+erwartet hatte.
+
+»Allerdings,« erwiderte er, »ich habe das Geld liegen. Und ich gebe es
+Ihnen auch, aber ich muß Ihnen gestehen –«
+
+Mit flehend erhobenen Händen stürzte sie ihm entgegen und erfaßte seine
+Arme. Sie lag fast an seiner Brust.
+
+»Kein Aber, lieber, lieber Herr Pastor!« rief sie, während ihr ganzer
+Körper bebte und ihr Auge voll Angst und Verzweiflung an seinem Antlitz
+hing. »Fragen Sie auch nicht, wozu ich die Summe brauche! Ich gebe Ihnen
+mein Wort – ich schwöre Ihnen, daß ich sie Ihnen in drei, vier Monaten
+zurückerstatte – vielleicht schon früher –«
+
+Er schloß sie in seine Arme und küßte sie mit väterlicher Zärtlichkeit
+auf die Stirn.
+
+»Mein liebes Herz – was gilt mir das Geld, und was sind mir diese paar
+tausend Mark!« sagte er und strich mit der Rechten liebkosend über ihren
+Scheitel. »Was mich beunruhigt, ist lediglich die Tatsache, daß Sie es
+erbitten – und sicher doch nicht für sich selbst –«
+
+Er stockte. Eine Ahnung überkam ihn. Sein Gesicht wurde sehr ernst; er
+schaute Hedda forschend in die Augen.
+
+»Hedda – ist Klaus wieder zurück?«
+
+Und da sie den Kopf neigte, ließ er sie los und trat zurück.
+
+»Dann keinen Pfennig,« sagte er rauh. »Ihm nichts mehr – nichts!« Und
+plötzlich strömte wieder seine Liebe zu dem Mädchen, dessen Seele er in
+allen ihren Schwingungen zu kennen glaubte, in warmen Wellen durch sein
+Herz. »Hedda,« rief er, »wie konnten Sie vergessen, was Sie mir
+versprochen hatten – schon vor zwei Jahren –, dieser Ihrer unwürdigen
+Liebe ein Ende zu machen!? Ja, unwürdig, denn Klaus ist schlimmer
+gewesen als leichtsinnig! Fragen Sie ihn einmal, wo die Papiere seines
+verstorbenen Vaters geblieben sind! Ich war der beste Freund des Alten
+und habe gewußt, welch reiches Material an Briefschaften und Tagebüchern
+und geheimen Mappen er hinterlassen hat. Aber als nach seinem Tode die
+Regierung kam, um diese Papiere einzufordern, da fand sich nur
+Unwichtiges und Gleichgültiges vor. Ihr Vater, Hedda, war gerade so
+erstaunt darüber als ich, – und als dann Klaus auf einmal, mitten im
+Zusammenkrachen, auf Wochen verschwand, um mit den Taschen voller Geld
+wieder heimzukehren, da dämmerte ein furchtbarer Verdacht in uns beiden
+auf ... Hedda, wenn Sie noch einmal mit Klaus Auge in Auge stehen
+sollten, dann fragen Sie ihn einmal, ob er nicht mit den Papieren seines
+Vaters einen ehrlosen Schacher getrieben habe!«
+
+Sie wagte den Sprechenden nicht anzuschauen; sie nickte mit abgewandtem
+Kopfe.
+
+»Er hat es,« erwiderte sie dumpf. »Er hat es mir selbst anvertraut –
+und ich soll ihm über die Grenze helfen.«
+
+Sie nestelte das Billet Zernins aus ihrer Tasche und reichte es Eycken.
+
+Der Pastor überflog es. »Er fürchtet, daß man seine Schande entdeckt
+habe?«
+
+»Er sagt, man verfolge ihn bereits.«
+
+Eycken pfiff durch die Zähne. »Und wer soll ihm das Geld bringen und
+wohin?«
+
+»Er wartet bis Mitternacht in dem verfallenen Jägerhaus – unten, in der
+Döbbernitzer Schlucht. Ich wollte Kopfschmerzen vorschützen und dem
+Vater früher gute Nacht sagen als sonst, und dann wollte ich mich selbst
+hinausschleichen zum Jägerhaus – wen sollte ich denn schicken, ohne daß
+es aufgefallen wäre?!«
+
+Eycken hatte seinen Entschluß gefaßt. »Gehen Sie nach Hause, Hedda,«
+sagte er. »Sie sollen ihn nicht mehr zu sehen bekommen – nie wieder!
+Kämpfen Sie tapfer nieder, was noch für ihn in Ihnen lebt –, er ist
+fürderhin tot für Sie!«
+
+Hedda sank an des Greises Brust. »Für ewig,« schluchzte sie, »ich weiß
+es –, aber beweinen kann man doch seine Toten!«
+
+»Ja, Hedda – weinen Sie sich aus. Daheim, in stillen Stunden – Sie
+werden schon solche finden. Und zagt Ihr Herz, dann sprechen Sie mit
+Ihrem Gott. Er wird Sie stärken, unser Gott der Liebe, und Ihnen
+überwinden helfen!«
+
+Er drängte sie sanft zur Tür.
+
+»Ich will mich beeilen. Ich geh’ selbst zum Jägerhause und werde Klaus
+das Geld bringen. Es ist nicht das erste. Und dann soll er ein letztes
+Wort von mir hören« – er hob dräuend die Rechte und reckte sich – »als
+Prediger des Wortes Gottes, als sein Seelsorger, und als Edelmann will
+ich ihm sagen, wie ich über ihn denke!«
+
+Das war eine schlummerlose Nacht für Hedda. Draußen umbrauste der Sturm
+das Haus, wie damals im Winter, als der Vater ihr am Abend vorher von
+der Werbung Gunthers erzählt hatte, und als sie im Auschlosse nach
+länger als Jahresfrist wieder einmal mit Klaus zusammengetroffen war.
+Und wie damals wälzte sie sich auch heute wieder ruhelos im Bette, und
+eine wilde Flut von Gedanken stürmte auf sie ein. Jetzt mußte Klaus
+bereits auf der Flucht sein, und sein verbrecherischer Leichtsinn
+verschloß ihm für immer die Rückkehr in die Heimat. Eycken hatte recht,
+wenn er sagte: Klaus ist tot. Und unwillkürlich drängte sich Hedda die
+Frage auf: Wär’ es nicht besser gewesen, sie hätte ihn bei seinem
+Entschlusse belassen, als er im Sommer schon im Begriffe stand, zu den
+Pistolen zu greifen, um seinem elenden Dasein ein Ende zu bereiten?
+Freilich – vielleicht war auch das nur Pose und Rederei gewesen, nur
+eine Lüge. Durch sein ganzes Leben ging der Fluch der Lüge – selbst
+seine Liebe zu ihr trug den Stempel der Lüge. Denn sonst hätte er sich
+aufraffen und zu besserem Leben durchringen müssen, hätte nicht so
+erbärmlich tief sinken können. Wo spürte man an ihm etwas von der
+reinigenden Kraft einer großen Neigung? Hatte er je den Vorsatz gehabt,
+sich um ihretwillen aus dem Sumpfe herauszuarbeiten, dessen morastige
+Wellen ihn höher und höher umschlugen?
+
+Hedda schauerte zusammen. Sie konnte sich von dem Empfinden nicht frei
+machen, als seien auch an ihr Spuren dieses Schmutzes haften geblieben,
+als müsse sie nach einem Läuterungsbade suchen, nach Sühne und
+Entsündigung. Bot Axel ihr die Befreiung von dem Gefühl der
+Erniedrigung, das in ihr aufquoll? – Die stille Vornehmheit seines
+Wesens stand in schroffem Gegensatze zu der Zügellosigkeit Zernins.
+Vielleicht war es wirklich ein Reinwaschen und ein Sühnen der
+Vergangenheit, wenn sie mit ganzer Kraft versuchte, diesen Mann
+glücklich zu machen.
+
+Draußen stürmte und wetterte es weiter. Mit Ungestüm brauste der Wind
+durch den Park und fauchte und heulte – fauchte und heulte auch um das
+verfallene, kleine Jagdhaus in der Döbbernitzer Schlucht, in dem sich
+zu dieser Stunde zwei Männer mit blitzenden Augen und zorngeröteten
+Gesichtern gegenüberstanden.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+
+Am andern Morgen hatte der Sturm zwar etwas nachgelassen, aber dafür
+hatte sich der Himmel mit schwarzgrauen Wolken bedeckt, und jeden
+Augenblick drohte der Regen zu fließen. Eine mürrische Stimmung lag über
+der Natur.
+
+Im Kamin neben dem Frühstückstische brannte schon das Feuer. Der Baron
+saß in seinem großen, dicht an den Tisch herangeschobenen Lehnstuhl und
+rührte in seiner Teetasse. Das blasse Gesicht seiner Tochter gefiel ihm
+nicht.
+
+»Hast schlecht geschlafen, Hedda – he?« fragte er.
+
+»Ja, Papa – der Sturm war arg –«
+
+»War arg, hast recht – ich konnte auch keine Ruhe finden. Und heute
+früh um sechs Uhr ging schon wieder das Hämmern und Pumpen und Schnauben
+in der Brauerei los. Auf das Wetter scheint der Halunke, der Möller,
+keine Rücksichten zu nehmen.«
+
+»Der Bau soll noch vor Frostbeginn unter Dach sein. Die Arbeiter haben
+einen schweren Stand. Die eine Wand hat sich gesenkt; ich glaube, das
+Fundament ist auf dieser Seite vom Wasser unterspült worden.«
+
+Der Baron lachte höhnisch auf.
+
+»Gute Vorbedeutung – haha! Aber ich habe mir vorgenommen, ich will mich
+nicht mehr ärgern. Mögen sie bauen, was sie wollen! – Erzähle von
+gestern, Hedda!«
+
+Hedda schaute starr vor sich hin. Und dann wandte sie sich, wie unter
+der Eingebung eines raschen Entschlusses, an ihren Vater.
+
+»Ich habe gestern absichtlich nicht mit dir sprechen wollen, Papa,«
+sagte sie, mit ihren Fingern in nervösem Spiel ein Stück Brot
+zerkrümelnd, »weil ich mir noch einige Stunden ruhiger Überlegung gönnen
+wollte. Aber es muß doch einmal gesagt sein. Axel hat mir bei
+Gelegenheit meines Besuches in Döbbernitz einen Antrag gemacht.«
+
+Dem Alten fiel der Teelöffel aus der Hand. Aber er ärgerte sich über
+sein Erstaunen und tat kaltblütig.
+
+»Also doch,« antwortete er. »Ich sah es eigentlich kommen.« Dann schaute
+er Hedda abwartend an, und als sie schwieg, hämmerte er ungeduldig mit
+der Faust auf den Tisch, daß Tassen und Teller klirrten. »Na und?! Herr
+des Himmels, so sprich doch! Spann mich nicht auf die Folter! Hast du –
+hast du ja gesagt?«
+
+»Ich habe um Bedenkzeit gebeten, aber ich bin über Nacht zu dem
+Entschluß gekommen, ihm keinen Korb zu geben.«
+
+Ein unterdrückter Jubellaut antwortete ihr. Hellstern hatte sich erheben
+wollen, doch fiel er wieder schwer in seinen Sessel zurück.
+
+»Komm her,« rief er, »ich alter Elefant kann mich kaum noch rühren! Aber
+ich muß dich umarmen! Meine Hedda – mein Liebling!«
+
+Sie kniete ihm zur Seite und er küßte sie auf Stirn und Haar und
+streichelte ihre Wangen. Die Tränen rannen ihm in den struppigen Bart.
+Auch sie war bewegt, doch sie weinte nicht; sie nahm seine Hand und
+führte sie an ihre Lippen.
+
+»O, wenn das die selige Mutter doch noch erlebt hätte!« stammelte er.
+Und dann wurde er ruhiger. Seine Neugier siegte. Er wollte wissen, wie
+sich die Liebeserklärung abgespielt habe. Er fragte Hedda nach allen
+Einzelheiten. Sie erzählte in gelassener Weise, ziemlich trocken, als ob
+sie einen Bericht erstatte. Aber das fiel ihm nicht auf, er war an ihre
+»ruhige Vernunft« gewöhnt. Er war glückselig. Über sein altes Gesicht
+blitzte und leuchtete es vor Freude. Gott sei gelobt, nun kam noch
+einmal Sonnenschein in den Abend seiner Tage! Konnte er sich für seine
+Einzige ein besseres Los wünschen? Axel war reich, unabhängig, ein
+Ehrenmann und ein Prachtmensch – im übrigen schien er ja auch wieder
+gesund geworden zu sein. Und dazu Döbbernitz, der alte Hellsternsche
+Sitz, die unmittelbare Nähe! Er schob seine Tasse mitten auf den Tisch.
+
+»Wir müssen Axel Nachricht geben,« sagte er. »Ich selbst werde ihm
+schreiben – das scheint mir das richtigste zu sein. Ich schreibe in
+deinem Namen und gebe als Vater meine Zustimmung. Ich lade ihn zum
+Mittagessen ein; was steht auf der Speisekarte?«
+
+»Karbonade und Rotkraut,« antwortete Hedda. Unwillkürlich mußte sie
+lächeln. »Das wird Axel ziemlich gleichgültig sein.«
+
+»Glaub’ ich auch, wie ich ihn kenne. Trotzdem – zur Feier des Tages
+müssen wir das Menü ändern. Sieh zu, daß du etwas Besseres auf den Tisch
+bringst. August soll anspannen und meinen Brief nach Döbbernitz
+bringen.« Er rührte gewaltig die Klingel.
+
+August trat ein. Er kam soeben vom Reinigen der Lampen und wischte sich
+die öligen Finger an der Schürze ab.
+
+Der Baron schmunzelte.
+
+»August,« sagte er, »ich wünsche, daß du heute nicht dein gewöhnliches
+dummes Gesicht machst. Und weißt du, warum ich dies wünsche?«
+
+»Nein, Herr Baron,« antwortete August und schüttelte heftig den Kopf.
+
+»Dann hör zu, ich will es dir sagen. Weil heute ein Fest- und Ehrentag
+für den Baronshof ist. Wisch dir das Maul ab und küsse dem gnädigen
+Fräulein die Hand, denn das gnädige Fräulein hat sich mit dem Herrn
+Baron Axel von Hellstjern auf Döbbernitz verlobt.«
+
+»Mit unserm Vetter aus Schweden!?« jubelte August auf. Und dann
+rubbelte er sich wirklich mit dem Handrücken den Mund ab und näherte
+sich Hedda mit feierlichen Schritten, räusperte sich und wollte ihr in
+wohlgefügten Worten gratulieren, denn es schien ihm passend, sich bei
+dieser Gelegenheit als Mann von Bildung zu zeigen. Doch Hedda kam ihm
+zuvor, erhob sich und schüttelte ihm die Hand.
+
+»Schon gut, mein alter August,« sagte sie, »ich weiß, wie du es meinst,
+und danke dir von Herzen. Und nun hilf dem Herrn Baron und führe ihn in
+das Arbeitszimmer, und dann halte dich fertig, einen Brief nach
+Döbbernitz zu bringen.«
+
+Aber August war das Herz viel zu voll, um sich schweigend verhalten zu
+können. Während er Hellstern unter dem Arm packte und nach der
+Arbeitsstube geleitete, begann er zu plaudern.
+
+»Das hab’ ich gewußt, Herr Baron,« sagte er, »so gewiß vier mal vier
+sechzehn ist – das hab’ ich gewußt. Ich habe doch meinen Blick! Gleich
+damals, wie der Herr Vetter das erste Mal hier war, da hat er das
+gnäd’ge Fräulein immer so angesehen, und da hab’ ich schon mit Gusten
+drüber gesprochen. Sie können Gusten fragen, Herr Baron.«
+
+»Auch noch,« brummte Hellstern; »ich werd’ in die Küche gehen.... Knuff
+mich nicht so in den Arm! Daß du dir nachher ein reines Vorhemdchen
+umbindest, wenn du nach Döbbernitz fährst!«
+
+»Fährst? Soll ich denn fahren?«
+
+»Ja natürlich. Und du nimmst das gute Geschirr. Und in Döbbernitz
+wartest du auf Antwort. Es braucht aber noch nicht überall herumerzählt
+zu werden, das mit der Verlobung.«
+
+»Gott bewahre! Ich weiß schon – erst wenn das Offiziellum da ist.«
+
+Aber noch vor dem »Offiziellum« wußte man im Souterrain bereits von der
+Verlobung. Zuerst gratulierte die Guste und dann Dörthe, die dabei in
+einen Tränenstrom ausbrach. Das blasse Gesicht Dörthes und ihr
+verändertes Wesen waren Hedda bereits aufgefallen.
+
+»Aber Kind,« rief sie, »was hast du denn eigentlich?! Ich kenne dich gar
+nicht wieder. Wo sind deine roten Backen geblieben und deine lustigen
+Augen?!«
+
+Dörthe hielt die Schürze vor das Gesicht und weinte noch immer; sie war
+in eine Ecke der Küche getreten und machte sich am Wasserzuber zu
+schaffen. An ihrer Stelle antwortete Guste halbleise:
+
+»Ach Gott, gnäd’ges Fräulein, das arme Ding! Ihr Fritze hat sie sitzen
+lassen. Die Verlobung ist zurückgegangen. Da sind aber bloß die alten
+Möllers dran schuld – und der Albert, das ist ein Kerl!«
+
+Über Heddas Gesicht glitt ein Ausdruck aufrichtiger Anteilnahme. Das
+arme Mädchen tat ihr von Herzen leid. Sie rief Dörthe heran und sagte
+ihr ein paar tröstende Worte, aber die Kleine war nicht zu beruhigen.
+
+»Ich überleb’s nicht, gnädiges Fräulein,« jammerte sie; »er will eine
+andre heiraten – eine Reiche aus Frankfurt –, und das überleb’ ich
+nicht.«
+
+Mißgestimmt und mit schwerem Herzen wartete Hedda auf ihren Verlobten.
+
+Am Vormittage fand sich der Pastor ein. Er war auf seinem Bau gewesen
+und hatte August vorüberfahren sehen. Und trotz des Verbots hatte August
+den Mund nicht halten können. Dem Pastor konnte man es doch immerhin
+sagen – so einem alten Freunde des Hauses.
+
+Eycken glaubte die Plötzlichkeit des Entschlusses Heddas zu verstehen.
+Seelische Gründe sprachen dabei mit. Sie wollte gewaltsam mit jeder
+Erinnerung an die Vergangenheit brechen.
+
+Es war Eycken lieb, daß er Hedda zunächst allein traf. In ruhigem und
+liebevollem Tone sagte er ihr seine Glückwünsche, und als er nach ihrem
+Dankwort ihren unruhig fragenden Blick bemerkte, zog er sie neben sich
+auf das Sofa.
+
+»Ich habe Ihre Mission von gestern abend erfüllt, Hedda,« begann er von
+neuem, »und da mir daran liegt, Ihnen Beruhigung zu geben, will ich noch
+einmal den Namen dessen nennen, der auch für mich tot sein sollte. Es
+kam zu einer schlimmen Aussprache zwischen Klaus und mir; ich habe nicht
+mit starken Worten gespart, und – nun, er gab sie mir zurück. Aber er
+nahm das Geld; heut ist er in Sicherheit. Die Woydczinska in Seelen hat
+ihm Pferde gestellt und ihm über die russische Grenze geholfen. Er will
+nach Amerika.«
+
+Hedda atmete auf.
+
+»Gottlob, er ist in Sicherheit,« sagte sie leise und lehnte ihr Haupt an
+die Brust des alten Freundes.
+
+Wieder glitt des Pfarrers Hand lind und zärtlich über ihr Haar.
+
+»Nun aber mutvoll in das neue Leben, Hedda,« antwortete er. »Sie haben
+sich frei gemacht und alles abgeschüttelt, was Sie noch an die alte
+Liebe band. Aber – Sie haben eine neue Verantwortung übernommen. Werden
+Sie ihr gerecht!«
+
+»Herr Pastor,« entgegnete Hedda fest, »was ich tat, geschah nach
+reiflicher Überlegung. Ich habe lange genug mit mir gekämpft. Ich wollte
+nicht an der Erinnerung zu Grunde gehen – und ich wollte auch etwas
+Gutes tun. Ich lechzte nach einer Guttat, denn ich fühlte mich
+erniedrigt und von Scham erdrückt. Fragen Sie mich nicht, wie das
+möglich gewesen – es war so! Ich empfand jenes Schande wie eine eigne.
+Und so kam ich zu meiner Entschließung. Sie macht zwei Menschen
+glücklich: meinen Vater und Axel. Sie kennen Axel noch nicht. Er ist
+vornehm und edel. Sie selbst mögen ihm in jüngeren Tagen geglichen
+haben. Alles, was an Gutem in mir ist, will ich ihm geben.«
+
+Segnend legte Eycken seine Rechte auf Heddas Haupt.
+
+»Gott sei mit Ihnen, liebes Kind,« sagte er.
+
+ * * * * *
+
+Axel kam mit seinem neuen Viererzug von Döbbernitz, Kutscher und Diener
+in großer Livree, er selbst in Frack und weißer Halsbinde, als gehe es
+auf einen Ball. Es entsprach ganz seinem Wesen, der Feierlichkeit des
+Tages auch nach außen hin Ausdruck zu geben. Aber als Hedda ihm an der
+Seite ihres Vaters entgegentrat, verlor er sofort seine schöne
+Korrektheit, und er wurde bewegt und gerührt. Das Wasser schoß ihm in
+die Augen, als er seine blasse Braut umarmte; er vermochte kaum zu
+sprechen, drückte sie an sein Herz und fühlte wohl, wie sie zitterte.
+Und dann fiel der Alte Axel um den Hals, auch sehr gerührt, mit der
+ganzen Wucht seiner kolossalen Persönlichkeit, so daß es dem
+schmächtigen Axel Mühe kostete, unter diesen bärenhaften Liebkosungen
+nicht zusammenzubrechen.
+
+Die leichte Verlegenheit der ersten Begrüßung war bald überwunden. Man
+ging zu Tisch, und ein fröhliches Plaudern begann. Die Hochzeit wurde
+auf den vierten Januar festgesetzt; das war zugleich der Geburtstag
+Axels. Hedda meinte, da müsse sie sich mit der Herstellung der
+Ausstattung beeilen; es war dies noch ein schwieriger Punkt, da
+Hellstern erklärte, er sei nicht imstande, Hedda nach Berlin zu
+begleiten. Schließlich wurde verabredet, Tante Jutta zu benachrichtigen.
+Dort sollte sich Hedda für ein paar Tage einquartieren und die
+Ausstattung mit ihr und Axel gemeinsam besorgen. Wenigstens das
+Nötigste; das übrige sollte während der Hochzeitsreise in Paris besorgt
+werden, denn Axel behauptete, es gäbe gewisse Dinge in der weiblichen
+Ausstattung, die man nur in Paris kaufen könne. Er war sehr aufgeräumt
+und trank sogar gegen seine Gewohnheit einige Gläser von dem
+vortrefflichen Johannisberger Hellsterns. Er wurde nicht müde, Pläne zu
+schmieden. Die Hochzeitsreise sollte ausgedehnt werden, um dem deutschen
+Winter zu entgehen; man wollte über Paris nach der Riviera und
+Süditalien, vielleicht bis Sizilien. Hedda kannte das alles noch nicht,
+und Axel behauptete, er freue sich jetzt schon darauf, ihr die tausend
+Schönheiten Italiens zeigen zu können. Und dann, im nächsten Sommer,
+mache man vielleicht einmal einen Ausflug nach dem Norden – nach
+Jarlsberg, dem alten Stammschloß der Familie, das auch seine Reize habe
+– die Schärenwelt, das gischtsprühende Meer, die ganze wildromantische
+Umgebung. Aber vor allen Dingen: wie behaglich wollte man es sich auf
+Döbbernitz einzurichten suchen und mit welcher Lust an die Arbeit gehen,
+diesen hübschen Besitz wieder in die Höhe zu bringen! Bei diesem
+Gedanken wurde auch Hedda lebhaft. Ach ja – nach Arbeit, die ihres
+Zieles wert sei, sehnte sie sich! Und gerade eine große Wirtschaft
+lockte sie doppelt ...
+
+Während des Kaffees hörte man einen Wagen vor die Rampe rollen. Landrat
+von Wessels ließ sich anmelden; er bat darum, den Baron Hellstern auf
+ein paar Minuten sprechen zu dürfen.
+
+Hellstern war sehr erstaunt. Teufel, was wollte denn der Landrat bei
+ihm, der längst alle Beziehungen zu der Umgebung abgebrochen hatte?
+Wessels wurde in den sogenannten Salon geführt, indes Hedda und Axel
+noch im Eßzimmer verblieben.
+
+Axel benutzte das Alleinsein mit seiner Braut, seinen Stuhl dicht neben
+den ihren zu rücken, liebkosend ihre Hand zu nehmen und an seine Lippen
+zu führen.
+
+»Meine Hedda,« sagte er weich, »wie glücklich machst du mich. Ich habe
+einen bösen Tag und eine böse Nacht verlebt. Ich hatte Sorge, zu rasch
+und zu stürmisch gewesen zu sein. Ich habe auch keine so schnelle
+Antwort erwartet. Und als nun heute vormittag euer August mit dem Briefe
+des Onkels kam – Hedda, da ist für fünf Minuten meine ganze
+Wohlerzogenheit in die Brüche gegangen, denn da bin ich meinem
+Kammerdiener – auch so ein Faktotum wie euer August, ein alter Mensch,
+der mich von Kindesbeinen an kennt –, denke dir, dem bin ich vor
+unbändiger Freude um den Hals gefallen. Das war ihm noch nicht
+vorgekommen und deshalb wußte er auch gleich Bescheid. Wer sich so
+närrisch gebärdet, der muß unglaublich verliebt sein. Na – und – das
+bin ich allerdings – und paß auf, Hedda, du wirst mich auch noch
+liebgewinnen! O, das weiß ich gewiß!« Und abermals küßte er ihre Hand.
+
+Seine Worte waren ein Trost für sie. Daß er keine stürmische
+Leidenschaft von ihr forderte, sondern in heiterem Ton und trotz aller
+Verliebtheit mit dem Ausdruck eines gewissen Geklärtseins der
+Empfindungen von einem allmählichen Liebenlernen zu ihr sprach,
+beruhigte sie sichtlich.
+
+Sie behielt mit warmem Druck seine Rechte in ihrer Hand.
+
+»Lieber Axel,« entgegnete sie, »wüßte ich nicht, daß ich dir von Herzen
+gut bin, dann würde sich jede Fiber in mir dagegen gesträubt haben, die
+Deine zu werden. Die meisten von uns Mädchen treten ahnungslos in die
+Ehe, sie kennen den, dem sie für Lebenszeit angehören sollen, gewöhnlich
+nur aus der kurzen Zeit ihrer Brautschaft. Alles in ihnen beruht auf
+Vertrauen und seliger Hoffnung, und wie oft werden sie getäuscht! Sie
+glauben zu lieben, und es fehlt ihrer Liebe am festesten Fundament: an
+treuer und inniger Freundschaft. Und sieh – gerade weil ich so viel
+Freundschaft für dich empfinde, deshalb werde ich dir auch eine gute
+Frau sein, alles mit dir teilend, deine Freuden und Sorgen – ein Stück
+deiner selbst.«
+
+Mit glänzenden Augen hatte er ihr zugehört.
+
+»Was will ich mehr!« sagte er in leisem Jubel. »Ich danke dir, Hedda,
+ich danke dir! Was bot mir das Leben bisher, und für wen lebte ich? Nur
+für mich selbst, und wahrlich, ich bin kein Egoist. Das ist kein Lob für
+mich, weil ich im Egoismus nichts als die schalste Langweiligkeit
+gefunden habe. Ist es nicht ertötend, immer nur an sich selbst denken
+und für sich selbst sorgen zu müssen? Geht man nicht tausendmal
+freudiger an sein Tagewerk, wenn man weiß, für wen man schafft und tätig
+ist, wenn man Zwecke und Ziele vor Augen hat?! Tagewerk – das klingt
+mir wie übertrieben. Mein Dienst war Spiel, war kaum eine Arbeit. Man
+hat mich immer auf recht bequeme Posten gestellt, – ein bißchen
+Repräsentieren war alles. Das ist vorbei; jetzt kommt wirklich die
+Arbeit. Denn fürderhin ist es nicht mehr gleichgültig, ob ich jährlich
+ein paar tausend Taler mehr oder weniger ausgebe, ich habe ja auch für
+dich zu sorgen und deine Zukunft. Und das alles erfüllt mich mit
+unaussprechlichem Glück, Hedda, es gibt mir recht eigentlich erst
+Lebenskraft – ich möchte sagen, es macht mich erst zum Manne.«
+
+Der Eintritt Hellsterns unterbrach sein fröhliches Sprechen. Der Alte
+sah erregt aus und hatte einen roten Kopf.
+
+»Ärger gehabt, Papa?« fragte Hedda.
+
+»Ja – allerdings,« und der Baron nickte und winkte zugleich August, an
+dessen Arm er eingetreten war, das Zimmer zu verlassen. Schwer ließ er
+sich in seinen großen Stuhl fallen. »Es wird euch auch interessieren –
+es ist sozusagen eine Familienangelegenheit. Ich hoffte, Klaus Zernin
+würde nicht mehr zurückkehren. Aber es ist doch geschehen. Und nun das
+Schlimmste dazu: die Staatsanwaltschaft fahndet auf ihn. Wessels hat
+Ordre bekommen, ihn in aller Stille verhaften und nach Berlin schaffen
+zu lassen.«
+
+»Aber mein Gott – weshalb?« warf Axel ein.
+
+Der Alte schnaufte gewaltig. Das Wort wollte ihm nicht von der Zunge.
+
+»Eines – eines infamen Bubenstreichs wegen,« sagte er endlich. »O –
+auch in unsern Reihen gibt es räudige Schafe, gibt es –«
+
+Sein Blick fiel auf Hedda. Sie war ganz blaß geworden, und ihr
+brennendes Auge hing an den Lippen des Vaters.
+
+»Du hast ihn immer noch verteidigen wollen, Hedda!« schrie Hellstern,
+die Verfärbung des Mädchens falsch deutend. »Immer noch leiteten dich
+verwandtschaftliche Gefühle – aber man zerreißt die Bande des Bluts,
+wenn man es mit einem Lumpen zu tun hat. Gebe der Himmel, daß er uns nun
+für immer fern bleiben möge.«
+
+Eine kurze Pause entstand, und dann fragte Hedda tonlos: »Also er ist –
+wieder – fort?«
+
+»Ja – mit einem letzten Schandstreich entlaufen. Er trieb sich schon
+immer in Seelen herum, und man munkelte längst allerlei. Nun ist er mit
+der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte es mir. Vergangene Nacht
+haben sich die beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska hat nichts
+mitgenommen als ihre Juwelen; aber zu guter Letzt noch eine hübsche
+Hypothek auf Seelen –«
+
+Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem leisen Wehlaut vom Stuhl
+geglitten. Erschreckt sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich
+bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre Schwäche ankämpfend.
+Aber noch immer zitterte sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne
+aufeinander, um nicht aufschreien zu müssen.
+
+An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit schwerer Anstrengung auch
+Hellstern aufgerichtet. Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf
+Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.
+
+»Hedda,« rief er, »du hast diesen Menschen – diesen Menschen
+geliebt?!« Er achtete nicht auf die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm
+durchtobte seine Brust und schüttelte ihn. Eine Flut von Anklagen traf
+Hedda. »Ich sehe jetzt klar – ganz klar,« fuhr er mit heiserem
+Auflachen fort; »ich weiß jetzt auch, warum du Klaus immer so warm
+verteidigtest, – war ich denn blind, daß ich nicht in der Seele meines
+eignen Kindes lesen konnte?! Axel – tritt neben mich – laß sie los! Es
+geht nicht an, daß du dich noch weiter ihr Verlobter nennst, ehe sie uns
+Erklärungen gegeben hat.«
+
+Hedda selbst machte sich frei aus den Armen Axels. Sie hatte ihre Ruhe
+und die Klarheit des Denkens wiedergefunden. In der heißen Not dieser
+Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck ihres Gesichts auch war
+– es lag zugleich etwas wie das frohe Glück endlicher Erlösung auf
+ihren Zügen.
+
+»Ich leugne nicht, Vater,« sagte sie. »Ja, ich habe Klaus geliebt, und
+aus Furcht vor deiner Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den
+Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich gelitten habe unter dieser
+Liebe, und wie ich zu kämpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung
+durchzuringen vermochte – das erlaß mir, zu schildern – du würdest
+mich doch nicht verstehen. Daß ich mich nie an einen Ehrlosen hängen
+würde, wußtest auch du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als ich
+ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du sowohl wie der Pastor, ihr
+ahntet schon längst, was ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in
+dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit zu sagen. Und
+vielleicht hätte ich euch auch dann noch nicht geglaubt; erst sein
+eigner Mund mußte mir beichten.«
+
+Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und gleichmäßiger sprechend, an
+Axel.
+
+»Das ist gestern geschehen,« fuhr sie fort. »Als ich von Döbbernitz
+heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei
+schon in weiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu dieser
+letzten Besprechung, die ein Abschied für ewig war. Ich weiß auch jetzt
+noch nicht, ob es unrecht war, daß ich dir nicht vor unsrer Verlobung
+von dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe, Axel. Aber das
+weiß ich, daß es mich mit unwiderstehlicher Kraft dazu trieb, dir mein
+Jawort zu geben. Es drängte mich, mir in deinem Glücke ein eignes zu
+schaffen und vergessen zu lernen. Ich sehnte mich nach einem treuen und
+guten Herzen und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen und
+voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen und fühle mich wie –
+beschmutzt. Habe ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir – und
+laß mich frei.«
+
+Kopfschüttelnd und mit mildem Lächeln trat er wieder an ihre Seite und
+nahm ihre Hände.
+
+»Nein, Hedda,« sagte er, »du bist mein, und ich gebe dich nicht mehr
+frei. Weniger jetzt denn je, da ich dein armes Herz zu heilen habe und
+du eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht nur dein Bräutigam,
+Hedda – ich gebe dir auch deine Freundschaft vieltausendfach zurück.
+Glaube an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!«
+
+Er nahm sie in seine Arme und schloß sie an sich. Da ertönte ein dumpfer
+Fall, und entsetzt schrie Hedda auf.
+
+Ein plötzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater zu Boden geschmettert. Er
+stürzte um wie ein Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und blieb
+regungslos liegen.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+
+In dem kleinen Häuschen Klempts war es sehr still geworden, seitdem in
+den Abendstunden nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen der
+Dörthe zu hören war. Sie kam nur noch selten zum Vater, denn sie wollte
+nicht ausgefragt sein, und sie hatte auch für den mystischen Trost und
+die Ratschläge der Tante Pauline weder Sinn noch Verständnis. Es war
+gut, daß es auf dem Baronshofe so viel Arbeit gab. Das ließ sie
+wenigstens tagsüber nicht allzuviel zum Grübeln und Nachdenken kommen.
+Aber wenn sie zu Bett gegangen war, dann kamen Erinnerung und Schmerz
+mit arger Gewalt über sie, und in ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Mangel
+an Beherrschung weinte sie sich allabendlich in den Schlaf. Sie härmte
+sich so, daß sie mager wurde; mit ihren eingefallenen Wangen und den
+tiefliegenden Augen war die frische Dirne von früher gar nicht
+wiederzuerkennen.
+
+Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu spenden. Es führte zu
+nichts; Dörthe brach dann immer von neuem in Tränen aus und wiederholte
+unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch noch das Leben
+nehmen. In dieser Zeit hatte Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten
+überreichlich zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater getroffen hatte,
+bewies, daß er kränker war, als man bisher geglaubt hatte.
+Glücklicherweise hatte der Schlag nur die linke Körperseite gelähmt, Arm
+und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten. Aber der Koloß war
+nunmehr völlig bewegungslos geworden. Ein Krankenwärter wurde beschafft,
+der August unterstützen sollte; aus dem Bette wurde der Alte in den
+Fahrstuhl gepackt; er war nur noch eine Maschine, die von fremder Hand
+geleitet werden mußte. Seine Laune war schrecklich geworden; Hedda hatte
+viel unter seinen Wutausbrüchen zu leiden. Das Knurren, Wettern und
+Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch; August war der einzige, der ihm
+mit seinem unversiegbaren Phlegma und seinem derben Humor standzuhalten
+vermochte. Seit man mit der Anlage der elektrischen Leitungen in
+Oberlemmingen begonnen hatte, trug sich Hellstern mit dem festen
+Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war eine neue fixe Idee.
+Die Möllers wollten ihn langsam morden – das ließ er sich nicht
+gefallen. Aber die Möllers sollten auch den Baronshof nicht in ihre
+Hände bekommen; eher mochte das Haus einstürzen, und Eulen und
+Fledermäuse mochten in den Zimmern ihre Nester bauen. Die Möllers nie –
+und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch eine Million auf den Tisch legen
+wollten, er würde sie mitsamt der Million aus der Tür werfen.
+
+Hedda hatte mit Axel darüber gesprochen, was mit dem Vater zu machen
+sei. Der Arzt war der Ansicht, der Baron könne noch eine ganze Reihe von
+Jahren leben, wenn man durch geeignete Mittel der Wiederholung des
+Anfalls vorbeuge. Neben strenger Befolgung der ärztlichen Anordnungen
+gehöre dazu vor allen Dingen absolute Ruhe, Fernhaltung jedweder
+Aufregung, jedes Ärgers, jeder Gemütsbewegung. Das war nicht leicht bei
+dem alten Brummbär. Axel schlug vor, ihn mit dem Wärter und August und
+dem gesamten Material zu der geliebten Familiengeschichte nach
+Döbbernitz zu nehmen. Da hatte er die nötige Ruhe, hatte nicht beständig
+Oberlemmingen vor Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhülle fallen
+ließ und sich aus einer Raupe in einen schillernden Schmetterling
+verwandelte. Während der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin
+dann auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Döbbernitz kommen, und wie
+sich im übrigen der geplante Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das
+werde man ja sehen, das könne man abwarten.
+
+Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen Vorschlägen sehr
+einverstanden. Besonders auf die Tante Jutta freute er sich und war
+neugierig, ob sie sich immer noch wie früher die Ohrlöckchen braun und
+das übrige Haar schwarz färbe und die kleine, rote Stupsnase weiß
+pudere. So siedelte er denn nach Döbbernitz über. Axel hatte einen
+großen geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt durch das Dorf
+zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen zu, damit er gar nichts von
+Oberlemmingen zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen. Dieses
+Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem Vater, Großvater und Urahn
+sich glücklich gefühlt hatten, existierte nicht mehr für ihn. Es war ja
+das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz moderner Badeort.
+
+Hedda blieb vorläufig auf dem Baronshof, aber täglich holte ein
+Döbbernitzer Wagen sie ab. Das gemeinsame Mittagsmahl nahm man
+gewöhnlich bei Axel ein, und das waren glückliche Stunden für Hedda. Sie
+gewann ihren Bräutigam täglich lieber, und auch auf den grimmigen Alten
+übte die stille, vornehme und liebenswürdige Art Axels einen sichtlich
+beruhigenden Einfluß aus.
+
+Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden der Verlobung Heddas ihren
+Besuch auf dem Baronshofe gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch dem
+erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete sich Gunther. Er
+hatte plötzlich einen neuen Plan gefaßt. Er wollte den Winter in Spanien
+verbringen, um dort Studien über die ältesten deutschen Drucker auf der
+iberischen Halbinsel zu machen; schon lange beschäftigte er sich mit
+Forschungen zur Druckergeschichte, für die er sich lebhaft
+interessierte.
+
+Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits wieder in den Wagen
+gestiegen war, stand Gunther mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte
+ihm die Hand gereicht.
+
+»Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hören, verehrtester Herr
+Doktor,« sagte Hedda mit freundlichem Lächeln; »es braucht ja nicht
+gerade eine Ansichtspostkarte zu sein. Und wie würde ich mich freuen,
+wenn eines Tages die frohe Nachricht bei uns eintreffen wollte, daß
+Doktor Gunther Schellheim – ich brauche nicht auszusprechen – in
+Spanien sollen die Frauen leicht die Männerherzen entzünden. Lieber
+Doktor, wirklich, von Herzen würd’ ich mich freuen!«
+
+Er preßte warm und fest ihre Hand.
+
+»Ach, gnädiges Fräulein –« antwortete er, aber er kam nicht weiter. Er
+würgte an den Worten; sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann
+sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den Wagen.
+
+Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen, zunächst nach Berlin. Es
+herrschte eine ziemlich trübe Stimmung bei der letzten Mittagstafel. Die
+Rätin hatte tränengerötete Augen, Gunther war still und in sich gekehrt,
+und auch der Kommerzienrat vermochte eine leichte sentimentale Regung
+nicht zu unterdrücken.
+
+»Hol’s der Geier,« sagte er plötzlich, als der servierende Diener das
+Zimmer verlassen hatte, und warf Messer und Gabel neben den Teller, »ich
+habe mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte Frieden und Ruhe für
+das letzte Dutzend Jahre meines Lebens haben, – deshalb zog ich mich
+vom Geschäft zurück. Wollte ganz philosophisch meinen Kohl bauen und
+mich an der Natur erfreuen, keinen Ärger mehr haben und nur das Nötigste
+vom Geschäfte hören – ja wahrhaftig, das war eigentlich meine Absicht!
+Und nun? Prostmahlzeit – nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf
+wärmer, als es die bösesten Manchesterjahre zuwege bringen konnten!«
+
+»Verzeihung, Papa, aber schließlich bist du doch selbst daran schuld,«
+warf Gunther mit leichtem Lächeln ein. »Warum hast du nicht schlankweg
+jede Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?«
+
+»Das habe ich ja anfänglich getan, aber – siehst du, mein Junge, das
+verstehst du nicht! Das verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist.
+Als ich sah, daß die ganze Geschichte in den Händen der Möllers hätte
+verhunzt werden können, da kribbelte es mir in den Fingerspitzen, da
+schäumten die kaufmännischen Blutpartikelchen in meinen Adern – da
+konnt’ ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein glänzendes Geschäft –
+das ist es noch heute –, trotzdem reut’s mich, daß ich mich auf die
+Sache eingelassen habe! Nun ja – kurz heraus: es reut mich.«
+
+»Und weshalb, wenn ich fragen darf?«
+
+»Weil – ja, das ist ganz eigentümlich! Anfänglich hielt ich die Möllers
+für dickköpfige, beschränkte Bauersleute. Dann merkte ich, daß der
+Albert Möller es faustdick hinter den Ohren hat, daß er ein gerissener
+Patron ist. Und heute _weiß_ ich, daß die ganze Sippe nichts taugt, von
+A bis Z nichts taugt, daß sie allesamt Gauner sind! Sehr interessant,
+wie sich so ein schlichter Bauersmann im Laufe der Zeiten verändern
+kann, wenn ihn der Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles bei
+den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben sie keine Ahnung, von
+irgendwelchen idealeren Motiven ist keine Spur bei ihnen – keine Spur!«
+
+Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte und schüttelte dabei den
+Kopf. Er schien sehr mißgestimmt zu sein. Albert Möller hatte mit
+offenen Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu kleinen
+Reibereien. Er sperrte Wege ab, die über sein Land führten, und erlaubte
+sich im Hinblick auf verschiedene Lücken in seinem Vertrag mit
+Schellheim alle möglichen Eigenmächtigkeiten. Das erbitterte den Rat um
+so mehr, als er empfand, daß er sich in Albert getäuscht hatte. Dieser
+brave Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte geglaubt,
+leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu haben, und war in seinen
+Verträgen daher minder vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu
+sein pflegte; das rächte sich nun. Er ärgerte sich auch über die
+erstaunliche Tatkraft Alberts. Überall mußte der Mann mit dabei sein. Wo
+nahm er nur alle die nötigen Gelder her?!
+
+»Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden,« schloß Schellheim,
+seine Serviette zusammenfaltend. »Ich sehe, daß sich das Unternehmen
+nicht auf der von mir gewünschten soliden und gediegenen Basis weiter
+entwickeln kann, wenn diese Pöbelgesellschaft immer dazwischenzureden
+hat. Paßt mir’s nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und gucke mir
+von hier oben aus den Rummel in aller Beschaulichkeit an. Mag’s gehen,
+wie es will! Unerhört – ich – _ich_ soll mich mit Bauernpack
+herumschlagen! Soll mich von solchem Gesindel betrügen lassen!«
+
+Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat, der
+Großindustrielle, stand im Begriffe, die Waffen vor einem raffinierten
+Bauernjungen zu strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er es am
+allerwenigsten geahnt hätte.
+
+Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden und beschönigenden Worten,
+aber er regte den Vater nur noch mehr auf.
+
+»Lassen wir die Sache ruhn,« sagte Schellheim. »Der Teufel soll nicht
+schlechter Laune sein, bei all dem Mißgeschick, das einem widerfährt!
+Was hab’ ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet ein Fabrikmädel,
+– riesengroß wird die Kluft zwischen ihm und uns, und wenn man sich
+auch hundertmal Mühe gibt, Brücken und Übergänge zu schaffen, die
+Entfremdung ist doch nicht wieder gut zu machen! Du gehst nach Spanien,
+Gunther, reißest uns von neuem aus – und auf Döbbernitz, das ich
+bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir ein hübsches und trauliches
+Nest schaffen wollte, hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn’s
+wenigstens ein _Wild_fremder gewesen wäre – aber nein, ausgesucht
+gerade _der_ Mann, der dir die Braut vor der Nase fortgeschnappt hat!«
+
+Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh, daß die Rätin die Tafel
+aufhob. Es war kein allzu herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte
+still in sich hinein, der Vater sah mürrisch aus. Wirklich – was hatte
+man von seinen Kindern!
+
+Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die Reise. Er hatte seine letzten
+Hoffnungen über Bord werfen müssen; ihm war recht traurig zumute. Und er
+nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf seine Studien zu werfen.
+Die Arbeit war das einzige Heilmittel.
+
+ * * * * *
+
+Ende November fand die Hochzeit Fritz Möllers mit Frida Grödecke statt.
+Vorher hatte auf Bitten Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu
+erheben versucht. Er beschied den alten Möller zu sich; er wußte ganz
+genau, daß der Alte allein das Machtwort sprechen konnte; er kannte
+seine Leute.
+
+Möller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt vor dem Pastor, war auch ein
+eifriger Kirchengänger.
+
+Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch empörend, daß der Fritz ein so
+braves und liebes Mädchen wie die Dörthe Klempt unglücklich machen
+wolle. Es könne ja vorkommen, daß man in Ausnahmefällen einmal ein
+Verlöbnis rückgängig mache; wenn man beiderseitig fühle, daß man sich
+getäuscht habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als eine
+Heirat, der die höchste Weihe, die Liebe, fehle. »Aber in unserm Falle
+liegt die Sache doch wesentlich anders, lieber Herr Möller. Ich habe mit
+Dörthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern an _Ihnen_ liege
+die Schuld. Ich habe neulich auch einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als
+ich ihn zufällig traf, und er antwortete mir einfach: ›Ich kann nichts
+dafür – der Alte will’s so.‹ Also die Tatsache steht fest: die beiden
+Menschen wollen sich angehören, und _Sie_ treiben sie auseinander! Ist
+das nicht unrecht, Möller?«
+
+Und ruhig erwiderte der alte Mann:
+
+»Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein – es ist _nicht_ unrecht.
+Ich gehöre noch zu der alten Schule, und da haben die Kinder den Eltern
+zu gehorchen, wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind, denn sie
+bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen Eltern auch parieren müssen,
+als es zur Hochzeit ging, und hätte doch lieber eine andre geheiratet.
+Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann Ihnen davon erzählen. Aber
+ich würde trotzdem nichts wider die Dörthe gehabt haben, wenn’s nicht
+von wegen der Quelle gewesen wäre. Es ist jetzt nicht mehr so wie
+früher. Aus dem Kruge ist ein Hotel geworden; schon letzten Sommer hat
+ein Postdirektor und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns gewohnt. Es wird
+noch anders kommen. Da muß die Wirtin von besserem Herkommen sein als
+die Dörthe, muß was von der Wirtschaft verstehen und auftreten können.
+Und sie muß auch ihr Eingebrachtes haben. Denn Sie mögen mir sagen, was
+Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe, wenn kein Geld
+dahinter steckt! Was heißt denn das mit der Liebe? Es find’t sich
+alles.«
+
+Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge, wie er über die
+eigenartige Auseinandersetzung Möllers dachte, aber es half ihm nichts.
+Die Entgegnungen des Alten bewegten sich immer in demselben
+Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht wäre, da hätte man vielleicht
+ein Auge zugedrückt und nicht so aufs Portemonnaie und aufs Äußere
+gesehen. Aber nun _mußte_ man es. Man brauchte viel Geld; es ging nicht
+anders.
+
+Da wurde Eycken zornig und fragte Möller, ob er es auf seine Seele
+nehmen wolle, wenn Dörthe sich ein Leids antun würde – ob er es
+verantworten könne, wenn das Mädchen tiefer und tiefer ins Unglück käme.
+
+Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein Gesicht blieb hart wie
+Stein, brutal und grausam von Ausdruck, wie immer.
+
+»Es gibt noch mehr Männer auf der Welt wie unsern Fritze, Herr Pastor,«
+antwortete er. »Und will sie keinen andern, so läßt sie’s bleiben. Ihre
+Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen. Wenn sich alle
+Mädel hier bei uns hätten ersäufen wollen, die den nicht gleich gekriegt
+haben, den sie gerne hätten haben wollen – Herr Pastor, dann hätten wir
+überhaupt keine Weiber mehr im Dorfe!«
+
+Eycken entließ Möller. Er wollte nichts mehr hören von ihm; er sah auch
+ein, daß jede Bemühung, den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen
+wäre. Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar Tage nach jener
+Unterredung die Verlobung Fritzens mit der Schlächterstochter aus
+Frankfurt bekannt wurde und bald darauf auch der standesamtliche
+Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach pflegte jeder Hochzeit
+ein dreimaliges sogenanntes Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen,
+und Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche Ankündigung
+gebeten wurde; er liebte es, wenn man den hübschen alten Sitten, die
+noch aus der Zeit vor Einführung der Zivilehe stammten, Achtung
+entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich kein Aufgebot
+bestellt, und sein Vater war damit einverstanden gewesen. Albert riet
+sogar von einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin auf
+einige herbe Worte des Pastors gefaßt machen konnte. Doch davon wollte
+der Alte nichts wissen. Er steckte viel zu tief im Überlieferten, um
+nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, daß sein Sohn ohne kirchlichen
+Segen in die Ehe treten sollte.
+
+Es war ein unangenehmer Auftrag für Eycken, diese Hochzeitspredigt. Daß
+er die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen durfte, ohne seinem
+Empfinden über die Frivolität des plötzlichen Brautwechsels Ausdruck zu
+geben, war klar. Es hätte seinem ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit
+linden Worten darüber hinweggegangen wäre. Auf der andern Seite scheute
+er sich aber vor Zank und Ärger. Es konnte neue Konflikte mit dem
+Konsistorium geben; die hätte er gern vermieden. Er dachte sowieso
+zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben, um sich gänzlich seinem
+Kinderhospiz widmen zu können, dessen Einweihung im Frühjahr erfolgen
+sollte. Als letztes Aushilfsmittel wäre ihm schließlich immer noch das
+Vorschützen einer Erkrankung geblieben; dann hätte der Geistliche der
+Nachbarparochie die Trauung vollziehen müssen, aber solch eine Komödie
+dünkte Eycken unwürdig.
+
+Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage statt. Es war früh Winter
+geworden, unerwartet schnell, ohne langsamen Übergang. Als man eines
+Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und an den Bäumen, an denen zum
+Teil noch das bunte Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten
+Eiskristalle. Aber der Himmel strahlte in lichtem und glänzendem Blau,
+und das ganze Kirchenschiff war mit heller Sonne erfüllt.
+
+Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier bei. Auch Dörthe hatte sich
+heimlich in die Kirche schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu
+verhindern gewußt. Sie hatte das schreiende und weinende Mädchen mit
+raschem Entschlusse in ihre Kammer eingeschlossen.
+
+Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick über die Gemeinde
+schweifen ließ, fiel es ihm auf, wie stark sie sich im letzten Jahr
+gelichtet hatte. Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumüller,
+Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler, der gleichfalls nicht
+hatte der Versuchung widerstehen können und der goldenen Lockung Alberts
+zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits in Döbbernitz; wie
+Eycken gehört hatte, unterhandelte ein Berliner Arzt mit ihm wegen
+Ankaufs des Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Möller die Hände
+im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit, denn Hellstern wollte nichts
+mit ihm zu tun haben. Er wurde unbeschreiblich wütend, wenn man in
+seiner Gegenwart nur die Namen der Möllers aussprach.
+
+Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger um die Vorgänge in seiner
+Gemeinde bekümmert; sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens
+verschönen helfen sollte, der große Tempel, den er draußen auf der Heide
+der Barmherzigkeit errichtete, nahm ihn völlig in Anspruch. Jetzt aber,
+als er die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er zum ersten Male
+die klaffenden Lücken, die das Fieber der Spekulation und die Sucht nach
+raschem Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam färbte sein
+schönes Patriarchenantlitz sich dunkler. Sein Blick flog nach rechts, wo
+die Möllers saßen: das war die Bank der Sünder, das waren die
+Zertrümmerer seiner Gemeinde. In ihrer Hand war die goldene Axt der
+Industrie zu einem Mordwerkzeug geworden, zum Henkerbeil. Er entsann
+sich ähnlicher Vorgänge. An der Grenze der Lausitz hatte jüngst die
+Aufdeckung großer Kohlenlager eine ganze Gemeinde gewissermaßen
+verschlungen; man hatte die Felder verkauft und die Häuser
+niedergerissen, um der Erde ihre Schätze zu rauben, und da kam plötzlich
+der Rückschlag, und der Absatz begann zu stocken; Großindustrielle
+erwarben das ganze Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann
+sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums, der viel besprochen
+worden war, eines großen und köstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der
+Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen ließ, um sich
+die Säckel füllen zu können. Aber dieser gemordete Wald rächte sich;
+Trunksucht und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien
+verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann. Überall, wo man den
+Bauern mit Gewalt seiner ursprünglichen Tätigkeit entfremdete, wo auf
+den Dörfern eine plötzliche Änderung der Erwerbsverhältnisse eintrat,
+zeigte sich das gleiche Resultat ...
+
+Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen Frack machen lassen, in
+dem er wie eine große und dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen
+Zylinderhut besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich zu
+fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf, während seine Braut, ganz in
+Weiß, was die schwarze Person nicht übel kleidete, die Augen frank und
+frei im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie den, der etwas
+wider sie und ihren Fritz zu sagen wage. Hinter dem Brautpaar hatte die
+Familie Platz genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner Frau und
+Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, wie gewöhnlich, und in der Tat
+wanderten seine Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und bauten
+Haus an Haus, das Sanatorium auf der Anhöhe des Baronshofs und
+ringsherum einen Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen
+aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. Er sorgte sich nicht
+mehr; er wußte nun, daß die Zukunft von Oberlemmingen den Möllers
+gehörte.
+
+Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus der Genesis gewählt, das er
+öfters seinen Traureden zugrunde zu legen pflegte: »Es ist nicht gut,
+daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn
+sei ...« Er sprach länger als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein.
+Aber Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald rot, bald bleich
+und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, während Frida
+kerzengerade dasaß und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt
+anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß in der Gemeinde
+zu erwähnen, ließ Eycken sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare
+vor, daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung der
+Heilquelle ein großes äußeres Glück beschieden worden sei, doch sollten
+sie sich nicht von diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch
+andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: »Gleichwie aus der Erde
+tiefem Schacht neben der heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden
+aufsteigen können, die das Land verseuchen; wie das Wasser selbst, wenn
+man seine Kraft nicht zügelt, mit brausender Gewalt den Boden zu
+unterhöhlen vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in die
+brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte – so sprudelt auch
+oft aus dem tiefen Schacht der Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen
+auf, das stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und
+niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen und seiner Herr
+zu werden. Anfangs lenkt vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb
+der Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt Mißgunst und
+Habgier dazu, und der schaffende Verstand artet in listige Ausbeutung
+aus, die geschickte Hand rafft allenthalben zusammen, was sie zu eignem
+Vorteil erreichen kann, und schont auch andrer Eigentum nicht. Im Herzen
+eines jeden von uns entspringt der Quell des Wünschens rein und
+kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe, wenn sich Böses und
+Übles in ihn mischt, und wie braust er auf und übertönt das Gewissen,
+wenn man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt, bis er, gleich
+einem wilden Strome, alles Gute in uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr
+euer Wünschen zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den Quell eurer
+Hoffnungen – wie jenen, den Gottes Hand draußen im Felsgestein zum
+Heile der leidenden Menschheit hervorsprudeln ließ!«
+
+Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart und zog den Mund schief.
+Stumm und gleichgültig blickten die andern drein. Die Braut stierte noch
+immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich in das Gesicht des
+Pfarrers. Fritz hatte den Kopf gesenkt.
+
+Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite des Altars, saß die Familie
+Grödecke, Vater und Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten
+mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater Grödecke hatte seine
+rechte, unbehandschuhte Tatze auf die Chorbank gelegt, so daß man den
+dicken goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern konnte.
+Dieser Ring glänzte hell im freundlichen Sonnenschein, wie einst das
+goldene Kalb geleuchtet haben mochte, das sich Israel als Götzen
+errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte Herr Grödecke
+beständig mit seinem Siegelring, der ihm bei den aggressiven Worten des
+Pastors eine gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er wie die
+Möllers verstanden schon den Geistlichen; sie wußten, was er meinte.
+Aber es war kein einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu
+Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen Seele lebte nur der
+eine Gedanke: ›Wenn es doch erst aus wäre!‹
+
+Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel und der
+Fragestellung entstand ganz hinten in der Kirche, unter dem Orgelchor,
+ein Geräusch, das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete. Es
+schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer der großen Säulen, die
+den Chor trugen, den alten Klempt, den seine Schwester Pauline
+zurückzudrängen versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und die
+Posaunen bliesen ...
+
+Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel Möller statt. Man
+hatte sich genötigt gesehen, auch Eycken einzuladen, der indessen
+abgesagt hatte. Das war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von
+den Bauern war keiner gebeten worden.
+
+Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine Ansichten über die
+Traupredigt aus. Die Männer standen alle zusammen in einer Ecke des
+großen Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der Familie Grödecke
+mit vorgeschobenen Leibern, von weißen Westen umspannt, auf denen
+goldene Uhrketten flimmerten; daneben der alte Möller, schon wieder die
+Pfeife im Munde, mit seinem harten und eisernen Gesicht – der kleine
+Bertold, krumm, mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und
+Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales Kraftgefühl zur
+Schau tragend. Sie schimpften weidlich auf Eycken und in allen
+Tonarten; Albert allein meinte skeptisch:
+
+»Was schert’s _uns_?! Laßt ihn doch reden!«
+
+Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig gegessen und getrunken. Man
+hatte nicht gespart. In den Ecken des Saals häuften sich die leeren
+Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke glühte wie von Flammen
+bestrahlt: ihr Mann hatte seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben
+und sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während ringsumher
+der Lärm der Tafelnden immer lauter anschwoll.
+
+Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte sich über das Dorf
+gesenkt, aber es war hell, denn der Himmel war ausgesternt und der Mond
+aufgegangen. Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, dies kleine
+Oberlemmingen entstehen sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier,
+auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch See war, seine
+Pfahlbauten errichtet. Und dann war das Wasser gefallen, und sässige
+Leute hatten sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem
+Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen Mauern und
+Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme überfluteten das Land und brannten die
+Häuser nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus Schutt und
+Trümmern erhob sich ein neues Dorf und ein neues Haus an Stelle des
+alten Schlosses. Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde es wieder
+lebendig. Dort faßte zuerst die siegende Industrie festen Fuß, ehe sie
+zu Tal stieg. Vor ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner
+und die Bauernhütten; abermals brach eine neue Epoche an. Eine so rapide
+Veränderung, wie sie im Laufe der letzten beiden Jahre über
+Oberlemmingen gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. Und doch war
+es erst der Anfang. Wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von
+Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres schauen. Dann
+sind auch die letzten Bauernhäuser verschwunden, die heute noch stehen,
+und eine Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt von sauberen
+Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, glatt und weich wie Samt, und von
+blühenden Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das Dunkel des
+Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, denn die elektrischen
+Kugeln spotten der Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt
+der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum Lemminger Zacken zieht sich
+durch das Grün der Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten,
+hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten und Institute, die
+neuen Bäder, die Basarreihen, Hotels und Restaurants. Hie und da ragen
+hohe Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An den Ufern der
+kleinen Barbe, die mit so silbernem Lachen das Tal durchströmt, sind
+elegante Kaie entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons und
+Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus allen Weltgegenden
+herbeigeströmt, belebt dieses Bild; im Kurpark stauen sich die Massen
+und überfluten ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde und zwischen den
+Feldern. Wagen rollen hin und her. Überall Fremde ...
+
+Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine
+Reihe von Jahren verflossen ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen
+wird er vergebens Umschau halten. Denn das Triumphgespann der Kultur
+gleicht dem Götzenwagen von Djaggernaut, dessen demantene Räder so
+strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum merkt, die sie auf ihrem
+Wege zermalmen.
+
+ * * * * *
+
+Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen Bräutigams wurde Dörthe im
+väterlichen Hause vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher
+Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte Gesicht des alten Vaters
+blicken und die Weissagungen der Tante Pauline anhören zu müssen, die
+der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen und Traum- und
+Punktierbüchern heraus den fürchterlichsten Untergang prophezeite.
+
+Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer Kammer ununterbrochen
+geweint. Dann war Hedda zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt
+und tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich war Dörthe
+ruhiger geworden, hatte Heddas Hand geküßt, ihr für ihren gütigen
+Zuspruch gedankt und war schließlich wieder still und emsig an ihre
+Arbeit gegangen.
+
+Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf gebunden, die Dorfstraße
+hinab. Sie trug sich schon seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das
+Leben zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst in ihrem wirren
+Kopfe aufgetaucht war, hatte sie sich davor erschreckt. Aber mit der
+Zeit hatte sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt,
+ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor Augen, Fritz durch ihren Tod zu
+beweisen, wie lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht gegen
+sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen war zu beschränkt und die
+Empfindungswelt, in der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den
+starren Trotz hätte klar werden können, der das leitende Motiv zu ihrem
+Entschlusse war. Sie wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der
+Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten; nun wollte sie
+ihnen zeigen, daß es anders sei. Sie bedauerte nur, daß sie den
+Schrecken der Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen könne,
+wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde.
+
+Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie hatte am Spätnachmittag
+noch eine Stunde im Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie
+als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr wieder in die Augen
+gefallen, und sie sprach es auch jetzt leise vor sich hin:
+
+ »O Vater der Barmherzigkeit,
+ Ich falle dir zu Fuße,
+ Verstoß mich nicht, der zu dir schreit
+ Und tut noch endlich Buße.
+ Was ich begangen wider dich,
+ Verzeih nur alles gnädiglich
+ Durch deine große Güte ...«
+
+Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst war es totenstill im Dorfe.
+Aber je näher Dörthe dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher
+hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den Parterrefenstern des
+Hotels glänzte helles Licht. Man feierte noch immer da drinnen.
+
+Dörthe trat in den Schatten des Hauses und drückte sich dicht an die
+Wand, neben der breiten Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte
+sie angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme ihres Fritz
+gehört. Aber es war unmöglich, denn jetzt hub im Saale auch eine lustige
+Musik an: Vietz mit zwei Geigern war da.
+
+Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest zurückdenken, auf dem man
+ihre Verlobung gefeiert hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an
+ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er sie um die Taille faßte
+– sah sich mit Fritz tanzen, sah die Liese Braumüller und die ganzen
+jungen Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich losbrechenden
+Gewitters und die heisere Stimme des trunkenen Vietz das Lied »Hans mit
+de Krusekragen« singen.... Und dann die Abschiedsstunde im Buchenhain.
+Es strömte brennend heiß durch Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen
+Armen getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch alles gut
+werden würde ...
+
+Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre Wangen. Plötzlich fiel ihr
+noch etwas ein. Sie hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz
+adressiert, nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund in den
+See springen würde, weil sie nicht länger leben wolle – den sollten die
+Hochzeitsgäste vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals kehrt,
+schlich sich wieder am Hause entlang, huschte rasch die Treppe hinauf
+und legte den Brief auf die innere Schwelle der offenstehenden Haustür.
+
+Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee hinab und schritt erst
+wieder langsamer aus, als sie in den Döbbernitzer Weg einbog.
+
+Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen tanzten vor ihr im Sande,
+und von allen Seiten erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und
+Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der Ferne scheu über den
+Weg.
+
+Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie sie laut auf; ihr eigner
+Schatten hatte sie erschreckt. Sie stürzte von neuem weiter,
+rechtsseitig hinein in den Wald – da mußte der See liegen! Ihr Herz
+klopfte zum Springen; sie war in Schweiß gebadet. Ganz plötzlich
+umflutete sie heller Mondschein – sie stand auf einer schneeüberwehten
+Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.
+
+Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie hatte ihr Kopftuch
+verloren; ihr Haar war aufgegangen und flatterte um ihre Schultern. Sie
+stierte mit großen, glühenden Augen auf das schwarze Wasser hinab. Es
+tobte und brodelte in ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten
+schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte sie – eine
+furchtbare Angst vor dem Tode und vor dem kalten Wasser. Sie wollte
+wieder zurück ...
+
+Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte und knackte von neuem –
+ein Schwarzwild brach durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf.
+Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig zu werden ... Mit
+gellem Schrei stürzte Dörthe den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann
+sie stammelnd ihr Lied zu beten: »O Vater der Barmherzigkeit ...« Dann
+ein letzter Schrei – ein schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern
+und Wogenrollen ...
+
+Im See bildeten sich längliche Kurven, die den glatten Spiegel trübten,
+sich weiter und weiter wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus
+dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete wieder das Abbild des
+Himmels hervor, der sternendurchglänzten Ewigkeit.
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+
+Wieder war es Frühling geworden – der erste warme Tag im Jahre, ein
+Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen ließ.
+
+Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht
+mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen
+letzten Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein
+Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmückenden und regelnden Hand
+des Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten Rasenflächen legten
+bereits ihr grünes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein
+Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lärchen blühten schon, und an den
+Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Blätter der
+Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre
+Kelche. Das Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die
+Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk
+schon in kräftigerer Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und
+Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer Tönung und die jungen
+Triebe der Edelweide hatten sich mit einem bläulichen Schleier
+umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, daß der
+Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang überall in den
+Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.
+
+Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren waren weit geöffnet;
+ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren
+beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube
+gesäubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen Rosen,
+deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt
+worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle
+gebunden. Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer zu empfangen.
+
+»Uff,« meinte der alte Hellstern, als er in den Schloßgarten trat;
+»August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du
+seiest ein noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du bist ein
+minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so
+warme Luft hätte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine
+Mittagspfeife im Freien rauchen kann?«
+
+»Das konnt’ ich mir denken,« erwiderte August, die schwachen Gehversuche
+des Alten mit kräftigem Arm unterstützend; »kaum fühlen sich der Herr
+Baron mal wieder so ’n bißchen, und gleich müssen Sie leichtsinnig sein.
+Aber ich glaube, ich werd’s diesmal verantworten können. ’s ist wirklich
+wie im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. Der Herr Baron können
+sich ein Stündchen unter die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die
+Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, daß er die
+Pelzdecke runterbringen soll.«
+
+Hellstern nickte. »Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er
+soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem
+Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein,
+wie du es für gut hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort –«
+
+»Na na, Herr Baron!«
+
+»Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du
+jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter
+losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was
+willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch
+bewegen – soll ich mal im Parademarsch an dir vorüberdefilieren – he?«
+
+»Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst ruhig hin. Ich habe
+der Frau Baronin Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, und
+wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rückfall kommt,
+dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so ’n schönes
+Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen
+Kaiser im Rücken und vorne den grünen Rasen und können mal links in die
+Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch
+steht. Und nun will ich den Franz rufen.«
+
+Aber der Alte hielt August noch am Ärmel fest.
+
+»Du,« sagte er, »weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe
+heute nacht von ihr geträumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit
+gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so blaß und elend aus,
+daß ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.«
+
+»Na ja – das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die
+Sprünge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung
+strengstens verboten. Am besten wär’s, der Herr Baron träumten überhaupt
+nicht.«
+
+»Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das
+Träumen einnehmen? ... Vergiß mir die Briefe nicht!«
+
+Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte den Kopf zurück und ließ
+sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen.
+
+Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen dicht neben der kleinen
+Schloßtür, die zu den Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von
+Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm,
+ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die
+Gläubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. Über
+die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park
+schauen, bis zu den großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber
+zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in deren Geäst noch die
+abgestimmten Äolsglocken hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und
+Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.
+
+Franz brachte die Decken und die gewünschten Zeitungen, auch noch ein
+paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August
+begann seinen Herrn einzupacken.
+
+»So,« sagte er schließlich, »nun bleiben der Herr Baron hübsch stille
+sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die
+Brille. Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch
+nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen bloß die Gedanken auf.«
+
+»Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn
+ich dich brauche, schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. Adjö!«
+
+August nickte zufrieden und ging in das Schloß zurück. Geraume Zeit
+hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen – damals, als
+die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große Reise angetreten
+hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen
+Wochen, ohne daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein
+zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf
+geflogen wäre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron
+nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm – davon war
+August überzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er
+sich unumwunden mit seinem Gestrengen über seinen Kummer aus.
+
+»Herr Baron,« sagte er, »ich ertrage das nicht länger. Sie müssen wieder
+an die Familienchronik gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor
+gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es für noch
+schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer bloß vor sich hindrusseln. Da
+kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit
+wieder vor. So ’n kleiner Ärger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen
+nichts; das frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder besser
+behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, daß Sie zum letzten Male
+Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.«
+
+Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf,
+ließ August nähertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit
+ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben würde. Aber August
+nicht; sein Gesicht glänzte und seine Augen wurden feucht; nun wußte er
+doch, daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.
+
+Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte
+Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt – das hatte ihn still werden
+lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn
+Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er
+konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch
+der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden,
+und August sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften
+einhielt. Außer den Marschübungen durch eine lange, geheizte
+Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an
+verschiedenen Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen zur
+Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere
+schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche
+Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darüber seiner Hedda
+berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse
+Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spaß und unterhielt ihn. Der
+Administrator erschien täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn
+der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar öfters zu Wagen auf
+die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit
+lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen des sehr tüchtigen
+Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm
+zu plaudern.
+
+Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe
+Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar
+die Reisedispositionen ändern müssen. Axel war wieder kränklicher
+geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung
+starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht vor Juni nach Hause
+zurückkehre – und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns.
+
+An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren
+Schloßhof führte, wurden Stimmen laut.
+
+Hellstern erhob den Kopf.
+
+»Ist es denn möglich!« rief er. »Eycken – Pastor – sind Sie es
+wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch
+nicht gänzlich vergessen?!«
+
+»Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern – ich habe sie redlich
+verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen – und nun mal
+zuvörderst die Hand – beide Hände, damit ich sie recht kräftig drücken
+kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht übertrieben:
+Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!«
+
+Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er
+war unverändert, noch immer der schöne, weißbärtige Patriarch mit den
+klaren Augen voll Güte und Barmherzigkeit.
+
+Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer Zeit nicht gesehen und
+einander viel zu erzählen.
+
+»Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, daß ich kaum
+noch Mensch bin,« sagte Eycken. »Meine Anstalt ist fertig und vorgestern
+eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschöpfe sind meine
+ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin überglücklich! Ich habe meine
+Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu können. Das ist mir
+lieber und füllt mein Leben besser und wohltuender aus – was mir vom
+Leben übrig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble Erfahrungen
+gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es
+erhofft habe.«
+
+»Kann ich mir denken,« warf Hellstern ein.
+
+»Nein – es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe,« fuhr
+Eycken fort, »und der Selbstmord der kleinen Klempt – eurer Dörthe –
+der hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. Ich hielt’s nicht
+mehr aus in der Gemeinde. Was sag’ ich, Gemeinde – die alte Gemeinde
+existiert überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine
+Besten sind fort; die Möllers regieren da unten.... Sie wissen, daß ich
+mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber Freund – auch
+heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen
+industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, daß die
+Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat,
+ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt
+mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe des Höchsten in schmählicher
+Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und
+deshalb zog ich mich zurück.«
+
+Der Baron nickte. »Ich verstehe es,« entgegnete er; »ich sah das alles
+vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so
+kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. Ich hab’s seinerzeit
+auch den Möllers gesagt, als sie mich gerne als Köder und Aushängeschild
+einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wußte, daß sie einen Ring
+bilden und die Erträgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten
+würden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich
+ja auch nicht, Pastor – wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich –,
+aber ein Feind selbstsüchtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem
+Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde Schellheim gelingen, das
+Ganze in geordnete Wege zu leiten – aber als er im Winter einmal hier
+war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach
+zurückziehen.«
+
+»So ist es,« bestätigte Eycken, »er ist der ewigen Zänkereien mit den
+Möllers müde geworden. Es herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse.
+Der älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der
+Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen
+nicht höher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik
+angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich das Menschenglück nicht um
+Rang und Stand und gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt
+frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, daß sein Gunther
+mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda
+und Axel denn dahin?«
+
+Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels
+Rückfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen,
+den Februar und März auf Madeira zu verleben und dann in langsamen
+Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung
+mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswürdige,
+etwas schüchterne junge Mensch von früher ...
+
+Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend
+darauf aufmerksam machte, daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen
+die Herren herzlichen Abschied voneinander.
+
+»Kommen Sie bald wieder, Pastor,« sagte Hellstern. »Ich höre gern etwas
+Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich
+der August wirklich einmal heraus – nach Oberlemmingen zu setze ich
+keinen Fuß! Ich möchte das Dorf nicht wiedersehen – nie wieder, – ich
+glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven
+Bauern hundert fremde Gesichter sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof
+wird wohl auch bald abgetragen werden – nein, Eycken, ich hänge doch
+noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr
+um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!«
+
+Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und ließ sich von August die
+Decken abnehmen.
+
+»Pack an, mein Alter – unter den rechten Arm – so – hupp! ... Hör
+mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte –«
+
+»Reden der Herr Baron doch nicht _so_ etwas!«
+
+»Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! Also wenn ich mal sterben
+sollte, da möcht’ ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es
+mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk’ ich, gleicht aus und
+versöhnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern
+Hellsternschen Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört mir, den
+hab’ ich gekauft. Da können auch die Möllers nicht ’ran. Also verstehst
+du: unter der Linde will ich begraben sein!«
+
+»Ich versteh’ schon,« entgegnete August; »aber der Herr Baron werden’s
+am Ende nicht übelnehmen, wenn wir damit noch ’n bißchen warten tun. Es
+eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der
+Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben,
+dann dauert’s mit mir auch nicht mehr lange. Das weiß ich gewiß. So ’n
+altes Tier wie ich muß seine regelrechte Fütterung haben und seine
+gleiche Behandlung. Ins Neue leb’ ich mich auch nicht mehr ’rein – da
+geht’s mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der
+liebe Gott wird ja wissen, wenn’s Zeit ist.«
+
+»Das wird er,« erwiderte Hellstern ernsthaft. »Vielleicht läßt er uns am
+gleichen Tage von hinnen gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August,
+denn ohne deine Dummheit würde ich, fürcht’ ich, nur noch ein schweres
+Auskommen haben. Kein Mensch weiß mich so zu ärgern wie du, und auf
+keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich.
+Ich glaube, du würdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer,
+alter Esel bist.«
+
+Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August
+klinkte die Tür auf.
+
+»Gott sei Dank!« sagte er, »ich hör’s am Ton: es wird schon noch ein
+ganzes Weilchen Jahre gehn.«
+
+ * * * * *
+
+An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte der alte Klempt eine
+heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline.
+
+Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine
+Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten
+nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit ihren Deutbüchern in der
+Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das
+sie führte.
+
+Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg für sein Kind war seine
+letzte Arbeit gewesen; er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn
+auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh gewesen, wenn sie den
+alten, blassen Mann hätten aus dem Dorfe treiben können. Auch sein
+kleines Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der Villenstadt im
+Wege. Gerade dorthin sollte ein großes und elegantes Restaurant im
+Pavillonstil kommen ...
+
+Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete,
+er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß
+Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis abgenommen. Er
+verlor den Prozeß und mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah
+etwas, was man niemals für möglich gehalten hätte: der nüchterne und
+fleißige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging
+freilich nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch die
+Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schloß er sich ein und trank und
+trank, bis er sinnlos war.... »Er macht’s nicht mehr lange,« sagte
+Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; »gestern früh hat ihn der
+Nachtwächter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden.« Ach ja, so war
+es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im
+brechenden Herzen schwoll höher und höher die Sehnsucht nach seinem
+gemordeten Kinde an.
+
+Den Möllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Prozeß um die
+Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die
+Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie dann. Der
+geschäftsunkundige Alte wußte nicht, was er tun sollte, und bat seine
+Schwester, ihm ihr kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus
+halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte plötzlich
+den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr
+im Traume geraten.
+
+Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren Bruder. Er kochte sich
+selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch
+seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen.
+
+Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß er sich in der
+ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe
+Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er
+richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spänen
+gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts
+erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stieß
+die Läden auf, die er gewöhnlich auch tagsüber zu schließen pflegte. Die
+kühle Frühlingsluft drang vollflutend in das öde Gemach. Ein leiser Wind
+ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Draußen war es nicht dunkel;
+der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über den
+Wiesen.
+
+In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten.
+Die Erinnerung rührte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und
+vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die
+Dörthe geblieben – und die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst
+die Gerechtigkeit der Welt – aber seines Kindes Mörder stiegen an
+Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt
+entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens
+eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das
+schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe sehen zu brauchen. Im Herbst war
+es gewesen, doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen
+feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um
+die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im
+Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren
+Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, hatte
+Klempt die Hände geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des
+weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... »Verfluchte
+Quelle! ...«
+
+Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit
+Trost und Heilung bringen sollte – _ihn_ hatte sie zum unglücklichen
+Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing
+– sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ...
+
+Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und
+setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der
+ihn seltsam belebte und erregte. Er zündete einige Schwefelhölzer an und
+wählte bei ihrem flüchtigen Schein einige Stücke seines alten
+Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die
+nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen
+Augenblick. Schlief Tante Pauline? – Mit raschem Entschlusse trat er in
+ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, daß er abermals ein
+Schwefelholz entzünden mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen,
+den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. Er legte seine Hand
+auf ihre Stirn und erschrak über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich
+durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte
+mit schnellen Schritten hinaus – das Gesicht weiß, doch mit unheimlich
+flimmerndem Blick.
+
+Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glänzenden
+Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die
+Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dämmerschein glitt schon
+durch die Nacht. Am Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen,
+nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt dann weiter.
+
+Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. Der Wind strich durch das
+Geäst; große Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen
+wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.
+
+Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf
+dem Grunde des weißen Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren und
+Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende warme Wasser, füllte die
+Schale und floß durch ein zweites Röhrensystem wieder ab.
+
+Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute
+sich um. Kein Mensch in der Nähe, aber heller und heller begann sich der
+Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon laut ...
+
+Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen und ließ ihn wuchtig auf den
+Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich
+auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an
+und hämmerte nach. Es bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten
+plätschernd in das Wasser, das sich über die Bruchstellen auf die
+Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt arbeitete mit furchtbarer
+Anstrengung weiter; der Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste
+und zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, dessen Splitter
+bereits den Rumpf des Beckens füllten. Das Wasser war abgeflossen. Die
+Quelle sickerte nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung
+verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog über sein Gesicht.
+Er häufte kleine Marmortrümmer in der Mitte der Schale auf und hämmerte
+von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu
+vernehmen. Die Quelle war still geworden.
+
+Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Körper
+flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz
+hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um
+ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der
+Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...
+
+Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein
+purpurner Dämmer füllte die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der
+große Pan reckte und streckte sich – die Natur erwachte.
+
+Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken wurde es ganz leise
+wieder lebendig. Es wisperte und flüsterte und sang und feilte und
+sägte. Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den Steinsplittern
+zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie
+vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte
+töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen – sie wurde wieder
+lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den
+Trümmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem
+der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert darum, ob gierige Hände sie
+wiederum fangen und ihren Segen entehren würden.
+
+Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu
+füllen, das rieselnd über den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf
+dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde Flecken
+bildend.... Über dem jungen Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot
+seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vögel dem neuen Tage
+entgegen ...
+
+Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung war infolge des starken
+Wasserdrucks die Quellenröhre geplatzt, und nun zischte und rauschte,
+Staub und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein gewaltiger Strahl
+empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war
+wieder lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, wie in
+freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers.
+
+
+_Ende._
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde erstellt
+auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9
+und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine
+Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
+wurden folgendermaßen ersetzt:
+
+Sperrung: _gesperrter Text_
+Antiquaschrift: #Antiquatext#
+
+
+Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the printed
+edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of
+publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below
+lists all corrections applied to the original text.
+
+The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
+replaced by:
+
+Spaced-out: _spaced out text_
+Antiqua: #text in Antiqua font#
+
+
+S. 15: [extra quotes] frage gar nichts!« Her mit dem Rock!
+S. 17: ein gemachter Mann war uud -> und
+S. 46: tiefdunkel gewordener alter Oelporträts -> Ölporträts
+S. 52: [added period] hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.
+S. 54: verrriet sich sogar -> verriet
+S. 79: Vietz mit se nem Geiger -> seinem
+S. 79: stob unter erneutem Geheul auseiander -> auseinander
+S. 89: Das war ein herrlicher Neujahrtstag -> Neujahrstag
+S. 109: hat es stark geschneit -> hatte
+S. 128ff: [normalized] Woydczynska -> Woydczinska
+S. 137: Notwendigkeit einer Aussöhnnng -> Aussöhnung
+S. 148: noch ein par Jahre warten -> paar
+S. 177: Auguste nickte -> August
+S. 259: den Sonnenstahlen wehrte -> Sonnenstrahlen
+S. 274: [added comma] eines raschen Entschlusses, an ihren Vater
+S. 304: [normalized] und dann die Abschiedstunde -> Abschiedsstunde
+S. 309: Uber die Wiesenlichtung -> Über
+S. 246ff: [normalized] Grödicke -> Grödecke
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Aus tiefem Schacht, by Fedor von Zobeltitz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS TIEFEM SCHACHT ***
+
+***** This file should be named 32391-0.txt or 32391-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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