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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:56:31 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück + Eine Erzählung + +Author: Ricarda Huch + +Release Date: March 31, 2010 [EBook #31834] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WONNEBALD PUCK *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + + + +<div class="text-block"> +<p class='tnote break-after' style='margin-top: 5em;'><b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br /> + +Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen. +<br /> +<br /> +Das Original ist in Fraktur gesetzt.<br /> +Im Original in <i>Antiqua</i> gesetzter Text wurde <i>kursiv</i> markiert. +</p> + +<h1>Lebenslauf<br /> +des heiligen Wonnebald Pück</h1> + +<hr style="width: 6em;" /> + +<p class="center noindent"><span class="gesperrt" style="font-size: 150%;">Eine Erzählung</span><br /> +von<br /> +<span class="gesperrt" style="font-size: 150%;">Ricarda Huch</span></p> + +<div class="figcenter" style="width: 123px; margin-top: 6em;"> +<img src="images/logo.png" width="123" height="120" alt="Verlagslogo" /> +</div> + +<hr style="width: 25em; margin-top: 4em; margin-bottom: 0em;" /> + +<p class="center noindent gesperrt break-after" style="font-size: 150%; margin-bottom: 4em;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p> + + +<p class="chapter"><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_3" id="Page_3">3</a><span>] </span></span></p> +<p class="chapter" style="margin-top: 0em;">Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen +war, ging Lux Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, +mit ihren zwei Kindern, dem zehnjährigen Brun und der +kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen Orte Klus, der +ihre Heimat werden sollte. Es lebte dort der Vater ihres verstorbenen +Mannes, Christoph Bernkule, in hohem Alter als +Schermäuser oder Maulwurfsfänger, welches Amt ihm ein +nettes Einkommen verschaffte, und bei dessen Ausübung ihn +die Schwiegertochter mit ihren Kindern unterstützen sollte. +Sein Sohn Henne, ihr Mann, hatte mit seinem Vater von +jeher in Unfrieden gelebt, so daß er ihm Frau und Kinder +niemals vorgestellt, die Ursache davon aber niemals hatte +laut werden lassen; da nun der Lux die enge Rechtlichkeit und +Hartköpfigkeit ihres Mannes wohl bekannt waren, bildete sie +sich ein, daß auch er schuld an dem Zwiespalt getragen haben +könnte, und war wohl geneigt, der Einladung des Greises +Folge zu leisten, teils aus Neugier, teils aus Mitleid mit +seinem einsamen Alter, und schließlich weil sie durch einen +mächtigen Gönner, der ihr alles Erdenkliche an Schutz und +Begünstigung zusicherte, dazu angeregt wurde. Dies war der +Abt des Klosters, in dessen Nachbarschaft ihr Mann Forstgehilfe +gewesen war, Wonnebald Pück, der kürzlich zum Bischof +von Klus ernannt worden war und, heftig verliebt in die anmutreiche +Frau, sie eindringlichst ermunterte, gleichfalls dorthin +überzusiedeln, wo sie einzig auf der Welt noch Familienanhang +hätte. Einem Ratschlag des alten Bernkule folgend, +hatte sie Männerkleidung angelegt und stieg so behende, aber +ohne sich zu eilen, den alten Saumpfad hinan, der den Fußgängern +diente, mit Hilfe des kleinen Brun einen Karren bald +schiebend, bald ziehend, der mit allerlei Kleidern und Hausrat +beladen war, und auf dem auch Lisutt, wenn sie müde war, +gefahren wurde. An einem hochgelegenen Punkte kreuzte sich +der alte, beschwerliche Weg mit der neuen Straße, die für die +Eisenbahn gebaut worden war, und es fügte sich, daß die +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_4" id="Page_4">4</a><span>] </span></span>Wanderer dort mit dem Zuge zusammentrafen, der den neuen +Bischof seinem Ziele entgegenführte.</p> + +<p>Er saß im Speisewagen an einem gedeckten Tischchen und +erblickte, wie er gerade ein Glas rotgelben Weines an die +Lippen setzte, die fahrenden Leute, die vor dem niedrigen +Stationsgebäude standen, dicht aneinandergedrängt in dem +beißenden Höhenwinde, die Kinder ein Stück Brot in den rotgefrorenen +Händen. Seine Augen weilten mit Appetit wie +auf einer leckeren Schüssel auf Lux, deren ragende Schlankheit +in der losen Jacke und kurzen Pumphose sich schöner als sonst +sehen ließ; ihre feinen braunen Haare waren abgeschnitten +und hingen in weicher Bewegung um ihr helles Gesicht, das +in reizvollem Wechsel bald tiefgreifendes, wägendes Denken, +bald betörende Süßigkeit ausdrückte. In ihrem Lächeln, mit +dem sie seinen leutseligen Gruß erwiderte, lag mehr Überlegenheit, +als Ehrerbietung oder Liebe zugelassen hätten, allein +er ärgerte sich weder darüber noch über den trotzigen Blick, +den Brun ihm zuwarf, da er nicht zweifelte, daß die Zeit, die +ihm lieblichste Vergütung im Überfluß zuteil werden lassen +würde, vor der Tür stände. Mit freundlicher Würde winkte +er einen Angestellten des Zuges herbei, händigte ihm zugleich +mit einem reichlichen Trinkgeld eine Flasche Wein ein und +bedeutete ihm, sie den armen Leuten draußen zu überreichen, +und als gleich darauf der Zug sich langsam in Bewegung +setzte, bewegte er die Hand majestätisch grüßend gegen die +kleine Gruppe.</p> + +<p>Während der Bischof, träumerisch speisend, in dem gemütlichen +Wagen, der weich wie ein Schlitten dahinsauste, weiterfuhr, +malte er sich die mit seiner Beförderung verknüpften +Annehmlichkeiten in genußreichen Bildern aus, wobei seine +Zufriedenheit nur durch die Sorge beeinträchtigt wurde, ob +und wie er sich die Mittel, die seine Lebensführung kostete, +würde beschaffen können.</p> + +<p>Der Vater von Wonnebald Pück war ein schwerreicher Kaufmann +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_5" id="Page_5">5</a><span>] </span></span>und sowohl dadurch wie durch seinen Verstand und +schließlich durch eine vornehme Heirat eine in weiten Kreisen +maßgebende Persönlichkeit gewesen. Seine Frau, hübsch und +von altem Adel, hatte ihm mehrere Kinder geboren, von denen +das jüngste etwa zwölfjährig war, als sie ihm unerwarteterweise +noch einmal das Glück, Vater zu werden, in Aussicht +stellte. Der bereits ergrauende Mann freute sich doppelt, da +das Kind ein Knabe wurde, und erteilte ihm zu beständigem +Andenken an die Seligkeit, die seine Ankunft mit sich gebracht +hatte, den Namen Wonnebald; doch verwandelte sich seine +übertriebene Zärtlichkeit bald in Kummer und Ärger, da der +Jüngste die Anlagen eines Taugenichts, Faulenzers, Dummkopfs +verriet, während seine älteren Geschwister nicht hervorragend, +aber doch leidlich begabt und durchaus rechtschaffen +waren. Weder in der Schule noch unter häuslicher Aufsicht +lernte er etwas, galt es aber mutwillige Streiche auszuführen +oder etwas Verbotenes zu erschleichen, mangelte es ihm nicht +an Erfindungsgabe und Pfiffigkeit, so daß, wie übel er auch +in allen ernsten und ehrlichen Angelegenheiten bestand, er doch +immer frech und guter Dinge und der Zukunft gewiß war. +Die Ermahnungen und Drohungen seines Vaters schlugen ihm +nicht an, einzig bei seiner Furchtsamkeit konnte man ihn fassen, +und zwar wirkte die Angst vor dem Fegfeuer oder Gespenstern +weit kräftiger als Angst vor Prügelstrafe oder andern natürlichen +schmerzhaften Folgen seines argen Lebens, denen er durch +Glück und schlaue Anschläge zu entrinnen dachte. Wäre aber auch +die Strenge seines Vaters von Einfluß auf Wonnebald gewesen, +so hätte diesen die Torheit der einsichtslosen Mutter sogleich +wieder aufheben müssen, die, so anspruchsvoll und unnachgiebig +sie übrigens sein konnte, eine Wollust darin fand, sich von +ihrem Sohne umgarnen und ausbeuten zu lassen, was er geschickt +und freundlich zu tun verstand. Ihr war dabei etwa so +zumute, als ob sie im angenehmen Halbschlummer, so daß sie +die Töne und Gegenstände nur verschwommen wahrnähme, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_6" id="Page_6">6</a><span>] </span></span>auf einer Ottomane läge, während das Fell einer schnurrenden +Katze sich schmeichelnd an ihr riebe. So traute sie zum Teil +seinen Vorspiegelungen, zum Teil seine arglistige Absicht +durchschauend, und verharrte beglückt in dem gaukelnden +Zwielicht, ja widersetzte sich eigensinnig, wenn ihr Mann oder +ihre andern Kinder sie zwingen wollten, die Wahrheit zu +erkennen oder zuzugestehen. Als sich die Schwierigkeit und +eigentlich Unmöglichkeit, Wonnebald in irgendeinem Berufe +vorwärts zu bringen, zeigte, verfiel sie, mit Vorwürfen wegen +ihrer unbesonnenen Erziehung überhäuft, auf den Gedanken, +ihn geistlich werden zu lassen, da ihm auf dieser Laufbahn, so +hoffte sie, die bedeutenden Verbindungen ihrer adligen Familie +zugute kommen würden. Hiergegen sträubte sich der Vater, +der die Religion für gut und nützlich, die Kirche aber für faul +und verdammlich hielt, allein da er keinen andern Ausweg +wußte und ohnehin einen rechten Zusammenhang des Herzens +mit Wonnebald nicht mehr spürte, gab er nach und mußte bald +gestehen, daß, äußerliches Fortkommen und Ansehen anbelangend, +seine Gattin einen guten Griff getan hatte.</p> + +<p>Wonnebalds Geist, der sowohl den einfachen wie den höheren +Wissenschaften gegenüber unzugänglich geblieben war, nahm +glatt und geschwind die religiösen Lehren auf, die ihm auf dem +Seminar, das er nun besuchte, beigebracht wurden, so daß +seine Mutter mit Fug behaupten durfte, es wäre derselbe +einer geweihten Erde vergleichbar, in der kein andrer als +der gottgefällige Samen der Theologie gedeihen könnte. Zwar +klagten die Leiter der Anstalt nicht selten über unerlaubte +Leichtfertigkeiten des jungen Pück, doch pflegten sie, in Anbetracht +des strengen Wandels, der späterhin unweigerlich zu +führen war, den Jünglingen die Schwächen und Unzuträglichkeiten +ihrer Jahre im allgemeinen hingehen zu lassen, besonders +wenn diese sich mit so viel Talent und Fleiß in kirchlichen +Dingen vertrugen wie bei Wonnebald. Besonders glänzte +seine Kunst der heiligen Darstellung, insofern er nämlich beim +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_7" id="Page_7">7</a><span>] </span></span>kirchlichen Amtieren ebensoviel Pomp und Weihe wie kindliche +Demut in seine Gebärden zu legen wußte, so daß, noch ehe +er jemals öffentlich aufgetreten war, der Ruf aufkam, er +werde sich dereinst zu außerordentlichen Würden erheben.</p> + +<p>Wonnebalds Mutter warf sich unter dem Eindruck dieser +Ereignisse mehr und mehr auf die religiöse Seite, besuchte +eifrig die Kirche, verkehrte mit Geistlichen, machte Stiftungen +und Schenkungen und war durch nichts mehr zu erbittern, als +wenn ihr Mann und ihre Kinder Verwunderung darüber +äußerten, wie sie bisher ganz ohne religiöse Bedürfnisse und +Veranstaltungen gelebt habe, was sie bestritt. Bei den Besuchen +ihres Sohnes befliß sie sich eines bescheidenen und hingebenden +Benehmens, dessen Früchte er in liebenswürdiger +Harmlosigkeit pflückte, wie er denn überhaupt alles Gute genoß, +ohne sich und andre durch Zweifel oder Bedenklichkeiten +irgendeiner Art zu stören.</p> + +<p>Obwohl er sich durch sein umgängliches Betragen und vergnügtes +Gesicht bei seinen Lehrern und Vorgesetzten beliebt +gemacht hatte, waren diese doch nicht ohne Sorge, wie seine eher +zu- als abnehmenden fleischlichen Wesenseigentümlichkeiten +sich mit dem geistlichen Berufe vertragen sollten, und führten +ihn deshalb mit äußerster Beschleunigung durch alle Bildungsgrade +bis zur Weihe, in der Meinung, daß durch die mystische +Handlung das niedrig Stoffliche, was ihm leider noch anklebte, +mehr oder weniger entzündet und verklärt werden würde.</p> + +<p>Indessen wurde eine augenblickliche Wirkung nicht bemerkbar, +vielmehr entfaltete er seine fröhlichen Triebe, nachdem +er Benefiziat in einem kleinen entlegenen Dorfe geworden +war, erst recht, als wäre nach mannigfacher Entbehrung nun +die schöne Zeit der Ernte herbeigekommen. Was er durchaus +nicht lassen konnte und mochte, war, mit hübschen Weibern, +wenn es irgend anging, Liebschaften anzuknüpfen, wodurch er +die Bauern nicht wenig ärgerte, und da er ihnen dazu noch +dadurch anstößig wurde, daß er sich so viel wie möglich Hühner, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_8" id="Page_8">8</a><span>] </span></span>Eier und Butter schenken ließ, hielten sie mit lautem Tadel +seiner Predigten nicht zurück, die kurz, hohl und unnütz wie +Seifenblasen über ihren Köpfen zerplatzten. Der Bischof, zu +dessen Regiment er gehörte, sah sich genötigt, Wonnebald +einen Vorhalt zu machen über den Leichtsinn, mit dem er seinen +Beruf auffaßte, worauf dieser sich damit entschuldigte, daß +das kleine Dorf ihm keine seinem Geiste angenehme Nahrung +gewährte, und daß er deshalb den gröberen Zerstreuungen +nachginge, die es ihm darböte, ferner, was die Predigt beträfe, +daß die Bauern sich zu seiner Höhe nicht aufschwingen könnten, +er zu ihrer Dummheit sich nicht herablassen möchte. Hierauf +bildete sich die Ansicht, es würde das beste sein, den jungen +Mann an eine bessere Stelle zu setzen, wo seine Vorzüge mehr +zur Geltung kämen, seine lasterhaften Gewohnheiten aber teils +weniger auffielen, teils wegen der beständigen Überwachung +durch Gleichstehende und Vorgesetzte sich mehr in ein schützendes +Dunkel verkriechen würden. Solche Erwartungen enttäuschte +jedoch Pück, der nunmehr Pfarrer in einer größeren +Stadt wurde, vollständig, indem er der vermehrten Gelegenheit +zu Lust und Wonne nicht widerstehen konnte und es weit +ausgelassener trieb als zuvor, so daß an Abhilfe ernstlich gedacht +werden mußte.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">In derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der, +gelehrt und sittenstreng, an dem ungebührlichen Betragen +Wonnebalds einen großen Anstoß nahm und sich häufig über +ihn so ereiferte, daß er ihn gern mit Schimpf und Schande +aus der Kirche ausgestoßen hätte. Doch überlegte er sich, +daß der leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen +Familienanhang habe, der ein so scharfes Vorgehen übel aufnehmen +würde, und ferner, daß es der Kirche einen schlechten +Leumund bereiten könnte, wenn man erführe, daß ein unwissender, +untüchtiger und gewissenloser Mensch wie Pück es +bis zum Pfarrer hatte bringen können. Unter seinen Augen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_9" id="Page_9">9</a><span>] </span></span>aber wollte er solche Leichtfertigkeit sich nicht breitmachen +sehen und betrieb deshalb seinen Übergang in ein Kloster, so +die Verantwortung für seine schamlose Aufführung von sich +abladend, aber nicht ohne ihn mit nachdrücklichen Empfehlungen +auszurüsten. In dieser und ähnlicher Art rückte Wonnebald +mühelos empor und wurde etwa fünfundvierzigjährig Abt +eines Klosters, das in schöner, waldreicher Gegend abseits +vom Verkehr der großen Welt gelegen war. Immerhin gab +es in der Nachbarschaft des Klosters mehrere große Güter, +deren Besitzer mit dem geselligen Abte in freundliche Beziehungen +traten und im Verein mit welchen er sich bald das Leben so +genußreich einzurichten wußte, wie es nach seinem Sinn war. +Umsonst freilich gelangte er weder zu den üppigen Speisen +noch zu den Zärtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er dafür +so viel Geld aus, daß er sich auf das Spielen verlegte, wobei +er im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage noch +verschlimmerte. Was er von seinen inzwischen verstorbenen +Eltern geerbt hatte, war bereits aufgebraucht, und die Geschwister, +die ihm öfters Geld vorgestreckt, aber stets vergeblich +auf Wiedererstattung gedrungen hatten, weigerten sich durchaus, +ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den Gutsbesitzern +abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte, +und ihnen ebenfalls nichts davon zurückzuzahlen. Dies verdroß +die Herren, die alle nacheinander an die Reihe kamen, +mehr und mehr und vergällte ihnen das Zechen und Bechern +mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel es jetzt auf, daß +er kein Gottesmann wäre, wie er sein sollte, und sie setzten +ihn daheim und öffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter. +Im Kloster selbst hatte er alle diejenigen auf seiner +Seite, denen ein gemächliches Leben über alles gefiel, einige +aber, die aus Frömmigkeit oder galliger Gemütsart den +Freudentaumel nicht mitmachen wollten, mißbilligten ihn durch +schweigende Zurückhaltung oder verklagten ihn böswillig, +wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_10" id="Page_10">10</a><span>] </span></span>Diese Zustände bewirkten mit der Zeit, daß Wonnebald +zuweilen von seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwürfen und +Drohungen erhielt, über deren Beantwortung er seufzte und +schwitzte, ohne doch etwas Rechtes zustande zu bringen, wodurch +er auf den Gedanken kam, die Arbeit einem geschickten Kopf +zu übertragen, der ihm ergeben wäre. Dies auszuführen, war +aber nicht leicht, denn er wollte sich weder den Klosterbrüdern +noch den Gutsnachbarn anvertrauen, sondern am liebsten +einem einfachen, armen Manne, der ihn womöglich für einen +übel verleumdeten, ehrwürdigen Kirchenvater ansähe und +außerdem durch kleine Belohnungen in Abhängigkeit zu halten +wäre. Unter den Bauern und Tagelöhnern, die in der Gegend +wohnten, war ihm indessen keiner bekannt, der gescheiter als +er selbst gewesen wäre, doch fiel ihm ein, einmal von einer +Frau gehört zu haben, die mit zierlicher Handschrift wundervoll +zu schreiben verstände und für die ganze Bauernschaft +ringsum ausfertigte, was an Schreibereien vorkäme, sei es in +Liebessachen oder beim Handel oder vor Gericht. Wonnebald, +der unter den Frauen und Mädchen übrigens gut Bescheid +wußte, hatte sich die Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um +diese handelte es sich, aus mehreren Gründen bisher entgehen +lassen: einmal weil er die gelehrten Weiber verabscheute und +sodann weil er wußte, daß sie eines Jägers Frau war, eines +strengen, aufbrausenden Mannes, der überdies auf die Geistlichkeit +nicht gut zu sprechen war.</p> + +<p>Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten, +in allerlei Künsten geübten Dame, die einen schon +vor ihrer Einkleidung ihr vertrauten Liebhaber auch im Kloster +noch öfters gesehen und eine Tochter geboren hatte, und der +eine nachsichtige Äbtissin gestattete, daß das Kind unter den +Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar durfte sie +mit ihrer Mutter nur flüchtig verkehren und ihr auch nie, obwohl +ihr das gegenseitige Verhältnis nicht verborgen blieb, +den Mutternamen geben, doch hatte sie Gelegenheit, mancherlei +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_11" id="Page_11">11</a><span>] </span></span>zu lernen und sich zu bilden, und benutzte sie willig, wie +denn überhaupt ihrem gesunden Geiste von allen Seiten +Nährendes und Heilsames zugeflogen kam. Manches Mädchen +wäre unter so heiklen Umständen vergrämt und vergrillt geworden, +Lux indessen war mild und heiter geartet, durchschaute +die Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu ärgern, +und verlangte nicht viel, außer daß man sie anständig und +freundlich behandelte, denn sie war empfindlich gegen harte +oder unschöne Berührungen, wie ihr denn überhaupt ein gewisser +Hang für anmutige Lebensformen angeboren war. +Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjährig war, in den +Jäger Henne Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten +war, was freilich in der Zeit der Werbung, wo die Leidenschaft +seine kräftige Schönheit veredelte und immerwährender +Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen herrschte, leicht +übersehen werden konnte. Später sah sie allerlei Gebärden +und Gewohnheiten an ihm, die mit ihrem Schönheitssinn nicht +in Einklang waren, doch hatte sie ihn deswegen nicht weniger +lieb, sondern lachte zuweilen darüber oder denn es rührte sie. +Peinlich war es ihr, wenn ihr Mann, was er gern tat, über +die schlechten Menschen schimpfte, insbesondere über die Geistlichkeit, +wobei er immer dieselbe Beweisführung und dieselben +Ausdrücke anwendete, und zwar erging er sich am bittersten +über das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht zum +wenigsten eben deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas +von ihm wußte, zufrieden gefühlt hatte.</p> + +<p>Nun wollte es das Glück des Abtes, daß der Forstmann im +Kampfe mit einem Wilderer verwundet wurde und starb, gerade +zu der Zeit, als er der Hilfe seiner Frau bedürftig wurde, +die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden konnte, um ihr sein +Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der großen, mit +stiller Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft lächelnden +Augen machte ihn fast ein wenig verlegen, da er sie +sich anders vorgestellt hatte; aber sein Anliegen betreffend, flößte +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_12" id="Page_12">12</a><span>] </span></span>ihm die Art ihrer Erscheinung sogleich die Überzeugung ein, +daß sie alles Erforderliche verstehen und auch tun würde. Sie +hörte auf eine solche Weise zu, daß die Worte des Sprechenden +ihr von selbst entgegenkamen und er fließender und einleuchtender, +als er selbst geglaubt hatte, die Angelegenheit +erklären konnte: wie er mit Geschäften überladen und dazu +an einem bösen Gliederfuß leidend sei, so daß er die Feder +nicht stramm führen könne, wie er von Unruhstiftern verleumdet, +und wie verdrießlich ihm, einem friedfertigen Priester, +solches Gezänk sei, so daß er herzlich dankbar sein würde, wenn +ein einsichtiger und verschwiegener Freund den häßlichen Briefwechsel, +wie es ihn gut dünkte, erledigte. Lux sagte vergnügt +und bescheiden, sie habe alles verstanden und werde das Ding +zur Zufriedenheit des Abtes ausführen, brachte auch wirklich +in Bälde ein Schriftstück zustande, das Wonnebald mit behaglichem +Stolz als seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die +Witwe nicht geeignet, da sie nichts weder von der drallen und +schnippischen noch von der süßlich weinerlichen Frauenart hatte, +die er bevorzugte; sie kam ihm unscheinbar vor, und er sah es +für eine schöne Leutseligkeit seinerseits an, daß er ihr trotzdem +eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer Ähre glich sie +wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine +prangenden Blüten trägt, aber durch die bald silbern aufglänzende, +bald blau und lila schattende Farbe und den würzereichsten, +belebendsten Geruch jeden Wanderer anzieht und +unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner eignen Verwunderung +mußte sich der Abt bald gestehen, daß er in außergewöhnlich +hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen +durfte, daß sie eine so ganz unverdiente Zuneigung ohne Zögern +reichlich erwidern würde, fand er doch nicht sogleich eine +Wendung, um aus der geschäftlichen Region in die menschlich +gefühlvolle überzugehen. Nach kurzer Zeit indessen hatte er +sich so weit ermannt, daß er sich ihr mit zutraulicher Zärtlichkeit +näherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab, indem sie erklärte, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_13" id="Page_13">13</a><span>] </span></span>sie sei Mutter zweier Kinder und erst kürzlich Witwe +geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze +zu dulden oder gar auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende +Äußerung seiner Dankbarkeit dürfe sie sich immerhin +gefallen lassen, hielt sich aber doch seitdem zurück, da seine +Kenntnis des weiblichen Geschlechts ihm riet, sich in diesem +Falle nicht aufzudrängen, sondern klüglich die Annäherung +der Stolzen abzuwarten. Inzwischen besuchte er sie zuweilen +in ihrer Wohnung, um sich mit ihren Kindern zu befreunden, +womit er aber nicht viel Glück hatte; denn Brun zeigte sich um +so trotziger, je schmeichelnder die Liebenswürdigkeit des Abtes +ihn zu gewinnen suchte, und die kleine Lisutt machte sich wohl +seine Beflissenheit zunutze, indem sie ihn Greifen und Verstecken +spielen ließ, daß er schwitzte, schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz, +weil er nicht hurtig genug auf die Spiele einging, und +drehte ihm den Rücken, sowie sich ein besserer Kamerad einfand.</p> + +<p>Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das +auf beiden Seiten der rundgewölbten Stirn auf den festen +Hals fiel, einen winzigen Mund, der stets etwas offen stand, +und eine winzige Nase, die dem runden Gesicht den Ausdruck +von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit dem es +unbekümmert in die Welt blickte. Der Abt hatte für die Süßigkeit +dieser vollkommenen Lebensknospe keinen Sinn, und wenn +er Kindern auch nichts zuleide tat, wünschte er doch im Herzensgrunde, +daß sie alle der Kuckuck holte, als etwas, was schwirrend +und blutsaugend um einen herum wäre wie Mücken im +Hochsommer. Zuweilen ärgerte er sich auch über Lux, daß sie +diese Kinder hatte und sich so kostbar machte, anstatt die liebe +lange Zeit mit ihm zu genießen, aber der Groll erhitzte nur +seinen Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe für ihre +Widerborstigkeit recht kurz am Zügel zu halten. Obwohl er +im allgemeinen mit vollen Händen spendete, um vergnügte +und ergebene Gesichter um sich zu sehen, belohnte er Lux für +die Schreiberdienste, die sie ihm leistete, nur kärglich; denn er +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_14" id="Page_14">14</a><span>] </span></span>meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und müsse womöglich +durch Geldmangel in Demut und Abhängigkeit erhalten werden.</p> + +<p>Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwährend +derselbe, und da einer von seinen Gläubigern, der sich selbst +in mißlicher Lage befand, eigensinnig auf sein Recht pochte +und ihn mit bösartigen Drohungen verfolgte, beschloß er, die +zudringliche Habgier desselben müsse, es koste, was es wolle, +gesättigt und sein eigner Beutel wiederum gefüllt werden. +Die Verzweiflung befruchtete seine Erfindungsgabe: beim +Anblick eines starken, blank abgesogenen Gänsebeines kam er +auf den Gedanken, dasselbe könne füglich auch einem andern +Lebewesen, beispielsweise einem Menschen angehört haben, +und wenn es einerseits bedauerlich sei, daß es einen Teil eines +unwürdigen Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes bilde, +als welches es angebetet werden, Wunder verrichten und viel +Geld einbringen könnte, so sei anderseits nichts dagegen einzuwenden, +wenn ein denkender Kopf es als verschollenen Knochen +eines hervorragenden Märtyrers ausgäbe, und müßte +sowohl die Kirche wie die Laienwelt demselben für eine so +glückliche Eingebung dankbar sein.</p> + +<p>Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde +Erregung, so daß er, um die Stimmung gehörig auszukosten, +sogleich seinen vertrautesten Genossen, den Pater Eulogius, +rief und eine Karaffe voll des erlesensten Weines in den kleinen +erkerartigen Ausbau bringen ließ, den der sinnige Erbauer +des Klosters hatte anbringen lassen, um von dort aus das +Untergehen der Sonne hinter den dunkeln Wäldern zu betrachten. +Hierauf setzten sich die Männer in die beiden breiten +geschnitzten Stühle, die die Nische ausfüllten, und besprachen +lächelnd und flüsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit +dem Eulogius augenblicklich einleuchtete, möglichst +glaubwürdig und ersprießlich könne ausgerichtet werden. Wie +sie zuweilen zwischen dem Plaudern die Gläser hoben, einen +bedächtigen Schluck nahmen und, die Augen halb schließend, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_15" id="Page_15">15</a><span>] </span></span>sich zurücklehnten, fielen ihre Blicke auf ein altes Gemäuer, +das den nächsten Hügel bekrönte und von dem die Legende berichtete, +es sei ein Überbleibsel des ersten Klosters, das der +Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber später von +wilden Völkern, Hunnen oder Türken, zerstört sei, worauf das +neue im Tale, größer und prächtiger als jenes, auferbaut +worden sei. Zwischen diesen Trümmern, meinten Wonnebald +und Eulogius, könnte der auserkorene Knochen schicklicherweise +aufgefunden werden, ja es sei eigentlich hochwahrscheinlich, +daß das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hieß der sagenhafte +Stifter, dort oben begraben liege und schon längst würde +aufgefunden sein, wenn man nur fleißiger nachgespürt hätte. +Bereits stand es dem Abte fest, daß das jüngste Kind der Lux +beim Spielen das Gebein zufällig finden sollte, indem die Zutageförderung +der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das +hohe Ereignis desto lieblicher einkleiden würde.</p> + +<p>In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes +und des Paters auseinander, besonders hielt es der letztere +für notwendig, einen echt menschlichen Knochen zu benutzen, +da ein tierischer von aufgeklärten Nörglern möglicherweise +als solcher erkannt und beanstandet werden könnte, wogegen +der Abt, der über alle Maßen abergläubisch und furchtsam +war, einwandte, daß man ein menschliches Gerippe nicht angreifen +und verkleinern dürfe, da der Geist desselben einen +sonst bei Nacht verfolgen würde, welcher Plage er sich durchaus +nicht aussetzen wolle. Außer dieser gab es noch andre +Schwierigkeiten: so mußte der zweifelsüchtigen Welt bewiesen +werden, daß der wunderbar entdeckte Knochen vom heiligen +Krauti herstamme, und es wollte sogleich überlegt sein, ob +ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen oder +eine Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente. +Es mußten noch mehrere Zusammenkünfte in der von der +Abendsonne rötlich vergoldeten Nische stattfinden, bis alle +Punkte erledigt waren, was endlich in zufriedenstellender +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_16" id="Page_16">16</a><span>] </span></span>Weise so geschah, daß man sich auf den Knochen eines ausgewachsenen +Schweines einigte, der durch gewisse Wunder +und Zeichen als der des frommen Stifters sollte beglaubigt +werden.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Demnach begab es sich eines Nachmittags, daß Frau Lux +dem Abte einen Knochen überbrachte, den ihre Kinder +zwischen dem Gemäuer, auf dem Hügel spielend, gefunden +hatten und der das Aussehen eines menschlichen Kinnbackens +zu haben schien. Der Abt hörte den Bericht gnädig an und +begab sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren +Glocken, sowie er die Schwelle betrat, merklich zu läuten anfingen, +was Wonnebald, nachdem eine natürliche Ursache des +Geläuts nicht entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen Kinnbacken +zuschreiben mußte. Die herbeigerufenen Väter und +Brüder waren geneigt, dieser Ansicht beizustimmen, und die +lose und unklar in der Luft schwebende Vermutung bestätigte +sich, als der Knochen, den der Abt, um die Hände zum Gebete +frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt +hatte, da er ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen +erwies und allen Bemühungen, ihn von der Stelle +abzulösen, mit augenscheinlich magischen Kräften trotzte.</p> + +<p>Weitere emsige Nachgrabungen förderten noch mehrere Knochen +ans Licht, die dem Gutachten der würdigsten Männer +zufolge einem einzigen Gerippe angehörten, so daß, da auch +die im Kloster aufbewahrten Urkunden und Chroniken übereinstimmend +auf Krauti hinwiesen, der Beweis in anatomischer, +historischer und göttlicher Hinsicht geleistet worden war.</p> + +<p>Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als +sich die Kunde von der Erhebung eines so ehrwürdigen Knochens +verbreitete, der seine Kraft innerhalb des Klosters bereits +durch verschiedene wundervolle Kuren betätigt hatte.</p> + +<p>Der nächstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen +Krauti gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_17" id="Page_17">17</a><span>] </span></span>nach dem Hügel, der die seligen Reste des verehrten Mannes +von sich gegeben hatte, eingeweiht, worauf das Volk gegen +Opferung freiwilliger Pfennige zur Berührung derselben zugelassen +wurde. Seitdem floß den Anfeindungen glaubensloser +Spötter zum Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen +auf das Kloster, und der Abt hatte Ursache, sich seiner Erfindung +herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein allgemeiner +Zufriedenheit und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne +verdunkelt wurde, indem eine schottische Kirche, deren unberühmter +Name noch niemals über die Grenzen der Heimat +hinaus erschollen war, Einspruch gegen die Verehrung der +neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, daß sie selbst seit über +tausend Jahren das vollzählige Gerippe des heiligen Krauti +unangefochten und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein +Ire, im Alter nach den britischen Inseln zurückgekehrt sei und +dort durch Zerschmetterung des Schädels von Heiden, die er +bekehren wollte, die Märtyrerkrone erworben habe, wovon die +Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen +seien.</p> + +<p>Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Diözese, +Herrn Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflächliche +Teilnahme zugewendet hatte. Dieser war ein Mann +von den vornehmsten Sitten und Lebensgewohnheiten, mit +einem feinen Herzen und katzenschnellen Verstande begabt, der +hüpfend und schlüpfend jeder Schwierigkeit begegnete, und +wie er mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene +ins gleiche zu bringen wußte, liebte er es, wenn ihm verzweifelte +Fälle zum Ordnen übertragen wurden. Er antwortete +der schottischen Kirche in würdiger, ein wenig herablassender +Fassung, daß die legendarischen Berichte über das Ende des +heiligen Krauti voneinander abwichen, und daß seines Wissens +die Wahrheit von seiten der Kirche noch nicht endgültig festgestellt +sei, daß er aber ihren Anspruch, das echte Gerippe zu +besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_18" id="Page_18">18</a><span>] </span></span>einem seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, daß +der fragliche Knochen, dessen Wundertätigkeit fortwährend +im Gange sei, dem heiligen Zeterbogk zugehöre, der, ein Begleiter +des Krauti, der zweite Abt des Klosters gewesen und +in demselben verstorben sei, und dessen Überreste schon seit +Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber früher +nicht hätten gefunden werden können.</p> + +<p>Der Erzbischof urteilte, daß, da die mannigfaltige Wirksamkeit +der Reliquie nun einmal mit Glück in Betrieb gesetzt +sei, die Kirche mit dem Zuwachs an heilkräftigem Gebein zufrieden +sein könne, ob dasselbe nun einen Bestandteil des heiligen +Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk gebildet hätte. +Allerdings tadelte der Erzbischof den Abt, der die schwierige +Sache zu leichthin und roh behandelt habe, insgeheim scharf, +bildete sich aber bei näherem persönlichen Verkehr eine überwiegend +günstige Meinung über ihn, was zum Teil eine Folge +seiner vornehmen Gesinnung und Herzenswärme war, zum Teil +aber daher rührte, daß er den Blick immer auf Bedeutendes +und Merkwürdiges richtete und darum gerade in der Beurteilung +des Einfachen und Einfältigen häufig irrte. Daß +Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging +ihm nicht, und auch seine dreiste, unbezähmbare Sinnlichkeit +erkannte er, doch glaubte er in ihm jene geniale Zeugungskraft +weittragender Einfälle, jenen Spürsinn, jene +Sehergabe wahrzunehmen, vermöge welcher Kinder und Toren +oft den Gebildeten beschämen, und war deshalb der Meinung, +es könne großer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man +ihn unter Aufsicht hielte und ein denkender Geist sich gewissermaßen +seiner unbewußten Fähigkeiten bediente. Da nun +außerdem das Kloster durch den Knochen des Krauti oder +Zeterbogk einen sichtbaren Aufschwung genommen hatte und +der Abt, unter dessen Regiment die Entdeckung stattgefunden +hatte, ein Zeichen der Anerkennung durchaus verdiente, und +da es, angesichts der Anfeindungen und Anklagen, die Wonnebald +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_19" id="Page_19">19</a><span>] </span></span>in dieser Gegend sich zugezogen hatte, ratsam schien, ihn +von dort zu entfernen, wo sein übler Ruf schließlich auch auf +den von ihm eingeführten Knochen hätte fallen können, hielt +es Giselbert für das angemessenste, wenn er zum Bischof von +Klus ernannt würde, einem einst bedeutenden, jetzt heruntergekommenen, +unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner +eignen Residenz, so daß er sein Tun und Lassen einigermaßen +bewachen könnte.</p> + +<p>Pück war mit diesem Wechsel, der auf die Befürwortung +des Erzbischofs wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen +des guten Fortschritts auf seiner Laufbahn, wie weil der Aufenthalt +im Kloster ihm allzu eintönig geworden war und er +nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und nicht betriebsam, +aber ein behagliches Städtchen war, wo infolge seiner schönen +Lage reiche Leute ihre Einkünfte verzehrten, werde eine Fülle +von Anregungen für seine Gemütsart in sich bergen. Einzig +der Gedanke war ihm unleidlich, daß er sich von Lux trennen +sollte, bevor er seinen Liebesmut gekühlt hätte, und nicht zum +wenigsten deshalb, weil ihm ihre Hilfe in Schreibereien und +andern Dingen unentbehrlich geworden war. Er hatte die +Überzeugung gewonnen, daß Frauen, vernünftiger und bescheidener +als Männer, sich geleisteter Dienste wegen weit +weniger als jene überhöben und sich oft schon dadurch als +belohnt betrachteten, daß sie einem Manne und insbesondere +einem Geistlichen überhaupt von Nutzen sein durften. Deswegen +unterstützte er eifrig die Bitte des alten Bernkule, der +eben um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden +Gebrechlichkeit wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig +und zuwider sei und den er gern durch einen Verwandten ersetzen +möchte; wenn Lux willens wäre, Männerkleidung anzulegen +und sich je nach Alter und Aussehen, das ihm unbekannt +sei, für seinen Sohn oder Enkel auszugeben, könne sie +einerseits ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich +sein und zugleich, da sie zweifelsohne sein Nachfolger werden +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_20" id="Page_20">20</a><span>] </span></span>würde, sich und ihren Kindern eine schöne, gesicherte Zukunft +begründen. Auch damit war Wonnebald vollkommen einverstanden, +denn er meinte, wenn Lux als Mann aufträte, könne +er sich desto häufiger in ihrer Nähe sehen lassen, ohne sich böswilligen +Deutungen auszusetzen, und er versprach ihr, wenn +sie nur mitkäme, das Seinige zu tun, damit der unschuldige +Betrug zur Ausführung gebracht werden könnte. Der kleine +Brun mißbilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur +aus Rechtlichkeit, sondern aus einem trotzigen Männergefühl, +das sich dagegen sträubte, die Mutter in einen älteren Bruder +verwandelt zu sehen, aber ihre neckischen Späße und holdseligen +Liebkosungen überwanden seinen Groll, und so ging +die Übersiedlung glücklich vonstatten; im sanftesten Frühlingswetter +stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hügeligen +Fluren auf der einen Seite eines weißen, stürmisch hinschießenden +Flusses und dem gemach ansteigenden Gebirge auf der +andern überaus zufriedenstellend dar. Der Bischof bewohnte +eine wunderlich aufgetürmte Burg, an der Jahrhunderte gebaut +haben mochten und die von einer Anhöhe über den Fluß, +der an dieser Stelle einen tosenden Strudel bildete, auf das +Tal und hinüber auf die Berge blickte.</p> + +<p>In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von außen unscheinbar, +aber innen mit goldenen Altären, pompösen Grabmälern +und engelumflatterten Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet. +Wonnebald fühlte sich inmitten dieser Pracht und +in seinem neuen Galagewande endlich ebenbürtig eingefaßt +und umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so majestätisch +und geläufig, daß die anwesenden Geistlichen und Laien betäubt +und verlegen dasaßen und sich ihres minderen Wertes +bewußt wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche hineinzudrängen +gewußt und betrachtete gemächlich von oben die stumm +wogende Menge und den köstlichen Zierat in Gold und Porphyr +um sich her, bis sich im Hintergrunde eine Pforte auftat +und der Bischof mit geschwindem Schritt und geblähtem +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_21" id="Page_21">21</a><span>] </span></span>Mantel das Kreuzschiff durchmaß, vor einigen Heiligtümern +sich rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des +Altarraumes zu verschwinden. Die schmalen grauen Augen +der Lux lächelten vor Vergnügen, wie sie an die Briefe dachte, +die sie für den Abt geschrieben hatte, an die Liebeswerbungen, +mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im Allerheiligsten +so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick des +Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah, +wandelte sie eine solche Lustigkeit an, daß sie zuweilen +das Gesicht mit den Händen bedecken mußte, um nichts davon +merken zu lassen.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Besonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene +Auftreten des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den +unbeteiligten Augen, der frommen, regelmäßigen Nase und +dem molligen Kinn auf mehrere Damen gewirkt, von denen +Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes für +adelige Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im +allgemeinen von herber Sinnesart, war sie der Liebe doch in +hohem Maße zugänglich und hätte sich leicht in einen leidenschaftlichen +Lebenswandel verwickeln können, wenn nicht die +Herrschsucht, die sich schon in ihrer stattlichen Erscheinung +ausprägte, manche Liebhaber abgeschreckt und vor manchen +andern ihr Hochmut sie beschützt hätte. Nichts hingegen sprach +gegen den Bischof, dessen hochehrwürdiges Amt, Ansehen und +männliche Schönheit wohl das Opfer des Herzens und der +Ehre wert war, und es bereitete sich in ihrem Innern eine +grenzenlose Hingebung gegen ihn vor, zugleich mit dem Trieb, +sich seiner, es koste, was es wolle, ganz und ausschließlich zu +bemächtigen.</p> + +<p>Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die +er eingeflößt hatte, zu entziehen, und verschloß sich den Vorzügen +der Hermenegilde, die zwar nicht jung und hold, aber +desto saftiger und üppiger war, nicht; doch verdrängten die +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_22" id="Page_22">22</a><span>] </span></span>Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus seinem Herzen, +nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte, je +mehr ihm täglich fühlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu +verleihen imstande ist.</p> + +<p>Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins +von den einstöckigen kleinen Häusern, die an den Fuß der +Burg angebaut und einstmals für die Lehensleute des Burgherrn +mochten errichtet worden sein und die ängstlich geduckten +Schafen glichen, die vor Gewitter oder Sturm einen Unterschlupf +suchen. Bei seinem ersten Anblick fühlte Lux, daß sie +dem alten Manne nicht gram sein könnte, so gut gefielen ihr +seine kleinen beschatteten, munteren und schlauen Augen, die +oft nach innen versanken und sich dort auszuruhen schienen, +dann plötzlich aufglommen und hierhin und dorthin sprühten, +die letzte Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften +Körper die Zeit vertrieben hatte. Aus seinem +gelbfaltigen Gesicht sprang eine scharfe, spitzhöckerige Nase, +die ihn auffallend und kenntlich machte, und er konnte bedrohlich +böse aussehen, doch war es ihm selten ernst damit, +und das Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln, wenn +er mit funkelnden Blicken und grimmigen Worten Kindern +oder ungelegenen Leuten Furcht einflößte. Seine Schwiegertochter +sagte ihm zu, am liebsten aber hielt er sich in Gesellschaft +der kleinen Lisutt auf, deren törichtes Geplauder ihn +anmutete, wie wenn ein Bächlein neben ihm herrieselte und +mit kristallenen Zungen von den großen Geheimnissen der +Natur schwatzte.</p> + +<p>Eine beliebte Unterhaltung war es für Lisutt, bei den +Marienbildern und Kruzifixen, die hier und da zwischen den +Feldern errichtet waren, stehen zu bleiben, eine winzige Verbeugung +zu machen und sich zu bekreuzigen, indem sie mit den +kleinen Händen eifrig über Gesicht und Brust wischte. Gab +es ein Gebetbänkchen, so kniete sie darauf nieder und veranlaßte +den Großvater durch einen gebieterischen Wink, die +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_23" id="Page_23">23</a><span>] </span></span>morschen Knie zu krümmen und sich neben sie zu kauern, worauf +er denn mit vergnügtem Augenzwinkern das ernste Gesicht +neben sich mit dem in leiser, flüsternder Bewegung das +Beten nachahmenden Munde betrachtete: die Oberlippe wölbte +sich wie ein rosenblätteriger Triumphbogen über seidener +Schwelle und ließ den unschuldvollen Duft der gedankenlosen +Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche oder +Kapelle am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich +hinein und schnurstracks zum Weihwasserbecken, um +ihn und sich andächtig zu beplantschen. Häufig mußte der +alte Bernkule von den jenseitigen Verhältnissen erzählen, was +anfangs nicht leicht war; denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung +vom Himmel als einer Art geräumiger und vollzähliger +Menagerie oder Arche Noah, wo es nicht nur Löwen +und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen, Grashüpfer +und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die +guten Bären und Wölfe, die man hienieden nur von ferne +durch ein Gitter betrachten durfte, nach Herzenslust streicheln +könnten, und sie litt durchaus keine Schilderung, die von dieser +Anschauungsweise abwich. Übrigens war dem Alten in seinem +dämmernden Sinn oft nicht anders zumute, als befände er sich +in der Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf den Himmel +vorbereitete und aus dessen sonnigem Fleisch, das so aromatisch +und süßsaftig war wie eine Südfrucht, eine neue, reinere +Lebensjugend auf ihn überströmte.</p> + +<p>Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten +Anfang; das Geschäft stellte sich angenehm dar, solange Lux +mit den Kindern umherging, den Boden untersuchte und Fallen +aufrichtete, wobei namentlich Brun sich anstellig zeigte; eines +Tages aber hatte sich ein Maulwurf gefangen und hing mit +schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner Kralle +durchstochen, wehmütig baumelnd an dem grausamen Galgen. +In Lisutts Gesicht malte sich bei diesem Anblick zuerst Erstaunen, +dann, wie sie allmählich begriff, was geschehen war, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_24" id="Page_24">24</a><span>] </span></span>Schrecken und Jammer, worauf ihre taufeuchten Mundwinkel +sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den sich verbreiternden +Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes Weinen +ihre völlige Verzweiflung ankündigte. Lux litt nicht viel +weniger, denn das Mitgefühl, das sie selber mit dem listig +erwürgten Gesellen hatte, wurde verdoppelt und gleichsam +geweiht durch die unschuldigen Tränen ihres Kindes, die zu +sehen ihr ohnehin unerträglich war. Sie versuchte Lisutt +durch Schilderung eines netten, mit Blutnelken und Katzenpfötchen +bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf legen +würde, zu trösten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig +erholt, so fielen ihre Augen wieder auf das hübsche Samtfell, +und der Jammer brach von neuem hervor. Brun, obwohl +nicht gefühllos, nahm sich dem ausgelassenen Schmerz seiner +Mutter und Schwester gegenüber zusammen, sagte mit gerunzelten +Brauen, das gehöre zum Geschäft, und schickte sich +an, dem Toten das winzige Schwänzchen abzuschneiden, das, +wie der Großvater ihm gesagt hatte, nach erfolgtem Fang der +zuständigen Behörde überreicht werden mußte. Lisutt drang, +um dies zu verhindern, mit geballten Fäusten furchtlos auf +ihn ein, und Lux hatte Mühe, die Kämpfenden zu trennen +und die Kleine nach Hause zu bringen, die nunmehr den Großvater +tüchtig ausschimpfte und ihm dieses und jenes androhte, +wenn er fortfahren würde, die guten Maulwürfe umzubringen. +Der alte Bernkule lachte, daß ihm die Augen naß wurden, +nahm darauf seine Schwiegertochter beiseite und machte ihr +heimlich die folgende Erklärung: sie brauche sich wegen der +Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht wichtig +damit, seine Einkünfte gründeten sich vornehmlich auf eine +andre Arbeit, die ohne Widerwärtigkeit im stillen Kämmerchen +könne ausgeführt werden. Es sei nämlich Herkommen, +daß der Magistrat dem Maulwurfsfänger außer dem für das +Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf +einzeln bezahle, über deren Zahl er sich nach altem Gebrauche +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_25" id="Page_25">25</a><span>] </span></span>durch Ablieferung der betreffenden Schwänze auszuweisen +habe, die zu zwölfen an eine Schnur gebunden, in Form +kleiner Kränze überreicht zu werden pflegten. Da nun das +Gehalt zu gering sei, als daß ein einzelner, geschweige denn +eine Familie davon leben könne, und anderseits der Maulwurf +in dieser Gegend nicht so zahlreich wäre, daß das Fehlende +durch große Ausbeute könnte ausgeglichen werden, habe er +sich von jeher bestrebt, künstliche Maulwurfschwänze herzustellen, +was ihm auch nach mannigfachen Versuchen und Erfindungen +über Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe +er die Jagd hintangesetzt und anstatt dessen Schwänze angefertigt, +da das letztere sich als bei weitem einträglicher erwiesen +habe und auch dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe den +Maulwurf eigens mit unersättlicher Gefräßigkeit begabt, um +für die Vertilgung schädlicher Insekten zu sorgen, und es +empfehle sich deswegen, eine gewisse Anzahl am Leben zu +lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel von echten +und künstlichen Schwänzen zu treffen, und was die Menge +der abzuliefernden betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten, +über die hinausgehend man das Mißtrauen des Magistrates +zu erregen Gefahr laufe, unter der man aber nicht bleiben +könne, ohne den Vorteil des Geschäfts zu vernachlässigen.</p> + +<p>Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr +sogleich ein, daß dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem +verstorbenen Manne und seinem Vater gewesen sein könne, +was derselbe auf ihre Frage ohne weiteres bejahte. Freilich, +freilich, erwiderte er kichernd und blinzelnd, darüber sei es +hergekommen; Henne sei ein guter Junge gewesen, aber voll +Eigensinn und Schrullen habe er gesteckt, und seine Ehrbarkeit +sei wie ein Stück Eisen gewesen, womit man den Leuten die +Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es für Betrug erklärt, +für Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen +wie für ehrlich abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen +wollen, daß er sich gut und die Obrigkeit nicht übel bei +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_26" id="Page_26">26</a><span>] </span></span>der Sache befände; zwar habe er den Vater nicht verraten oder +verklagen wollen, aber teilen habe er den Frevel nicht können, +sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux sagte lächelnd, +ja, so sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf seinen +Sohn Brun übergegangen, weswegen es ratsam sei, die empfindliche +Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen.</p> + +<p>Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der +Mondschein ins Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend +der Arbeit oblagen, erwachte Brun, sah mit großen Augen +eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus, als er begriff, +zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt und +gewalzt wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend +zu, allein er stieß sie von sich, verlangte herrisch, sie +dürfe das nicht wieder tun, und schlief erst nach mehreren +Stunden, von der Müdigkeit überwältigt, wieder ein. »Ganz +wie sein Vater,« murmelte der alte Bernkule; »ein guter, ein +ausgezeichneter Junge, aber ein Starrkopf und Grillenfänger, +wie jener war.« Brun betrachtete seitdem seinen Großvater +mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter, +die ihm vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont +und geachtet werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit +zurückgehalten werden. Lux bewachte er, so gut er konnte, +indem er sich außer der Schulzeit fast immer in ihrer Nähe +aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines eifersüchtigen +Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Inzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen +Residenz zwar einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen +für ihn gab, daß ihn dieselben aber ein teures Geld kosteten, +so daß sich die alten Verlegenheiten in Bälde erneuern mußten.</p> + +<p>Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem +Bischof der Justizrat <i>Dr.</i> Gregorius Schimmelmann und der +Medizinalrat und Vorsteher des allgemeinen Krankenhauses +<i>Dr.</i> Joseph Maria von Boll ein, die beide auch, das Alter betreffend, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_27" id="Page_27">27</a><span>] </span></span>ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht wenig +voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend +und leichtblütig, Boll dagegen einseitig, beschränkt und schwerfällig +war, doch hatten sie sich aneinander gewöhnt und hielten +zusammen, ohne sich sonderlich zu achten. <i>Dr.</i> Gregorius war +ein gewiegter Jurist, wußte die verwickeltsten Fragen zu klären +und irrte sowohl in menschlicher wie in rechtlicher Hinsicht +selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen längst feststand und +sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war, nahm +er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen gehen, +wie sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht +nach gleich viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, +hielt er es für belanglos, ob ihr Los sich so oder so +fügte. Weit wichtiger als die menschlichen Schicksale erschienen +ihm gewisse Fragen der Altertumskunde, Münzwissenschaft +und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn sein +Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes +war und von den Reisenden staunend besichtigt wurde. +Wonnebald wußte von der Kunst nichts, da er aber sah, wie +ernst es Schimmelmann damit nahm und wie sehr er von den +Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm darin +nicht nachstehen zu dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte +Gemälde, Schnitzereien und Altertümer, und da er weder +einen guten noch einen schlechten Geschmack und noch viel +weniger ein sicheres Urteil hatte, wählte er von den Gegenständen, +die ihm vorlagen, was am meisten kostete, wodurch +sich diese Liebhaberei über alle Maßen kostspielig gestaltete.</p> + +<p>Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand +oder Kunstsinn oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, +vielmehr war er, wenn auch nicht so einfältig und ungebildet +wie jener, ungewöhnlich beschränkt; allein er wußte in allen +kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß Wonnebald in seiner +Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn bloßstellen +und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_28" id="Page_28">28</a><span>] </span></span>die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria +hatte es nie anders gewußt, als daß er seine Laufbahn im +Schatten und zum Schutze der Kirche zu nehmen habe. Seine +medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten waren mittelmäßig, +aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das Wohl +der kirchlichen Partei galt, zu deren tätigsten und angesehensten +Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das er leitete, +wurden zwar neben den Katholiken auch Heiden aller Art +aufgenommen, damit die Partei sich religiöser Duldsamkeit +rühmen könnte, aber dafür wurde die Heilkunde an den Ketzern +mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß sie einem höllischen +Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als +Abgeschiedene hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die +große Sterblichkeit der Protestanten, Juden und Heiden in +seinem Krankenhause vorgehalten, so leugnete er dieselbe nicht, +sondern rühmte sich, wie Gott dem Rechtgläubigen die Arznei +besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll, wenn auch nicht +gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur blindlings, +was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher +zu lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. <i>Dr.</i> Schimmelmann +lachte bei sich über sein bigottes Treiben und hätte nichts +mit ihm anzufangen gewußt, wenn Boll nicht eine ausnehmende +Meisterschaft im Flötenspiel besessen hätte, die der musikliebende +Justizrat trefflich zu verwerten wußte. So musikalisch +gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war Joseph +Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik hatte er überflüssig +und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, +wenn sie miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer +Zärtlichkeit warnen mußte.</p> + +<p>Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die +Wertschätzung guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch +wiederum mit dem Bischof vereinigte. Was für die wählerischen +Gelage, in denen sie miteinander wetteiferten, verausgabt +wurde, schlug Wonnebald gering an, unerschwinglich +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_29" id="Page_29">29</a><span>] </span></span>dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh von +ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald für +Propaganda und Mission, bald für die Partei schlechthin.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds +Besitz seine Freundin Hermenegilde und sein Sekretär +und Schützling Lando, der Neffe des Erzbischofs, den dieser +unter dem Vorwande, er müsse wegen einer unpassenden Leidenschaft +von Hause entfernt werden und die väterliche Obhut +eines Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte, +um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz +seiner Jugend, denn er war etwa 26 Jahre alt, durch überlegenen +Verstand und eine merkwürdige Kühle und Sicherheit +des Urteils wohlgeeignet, auch konnte er sich geschickt verstellen, +ja fand Vergnügen daran, eine beliebige Rolle zu spielen, so +daß nicht zu befürchten war, der Bischof könnte der List auf +die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen persönlichen +Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile, +der er in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat +geneigt zu machen, durch die der träge und träumerische, wenig +ehrgeizige Jüngling, der nicht sonderlich bemittelt war, in +eine dem Familienstolz entsprechende Stellung befördert werden +sollte.</p> + +<p>Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt +sich einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem +Bischof gegenüber als ein der Liederlichkeit ergebener junger +Mann aus, den seine Familie durch Religion bessern wollte, +und stellte sich hocherfreut und bewundernd darüber, daß er +in dem Bischof einen freien Geist gefunden habe, mit dem sich +leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzuführen, aber doch +pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schädliches zu wittern, +so daß er Lando, ohne zu wissen warum, nicht völlig traute; +da er es aber in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch +üppiges Freudenleben zu betäuben, und er an die Möglichkeit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_30" id="Page_30">30</a><span>] </span></span>nicht glaubte, daß das Fischlein dem Angelbissen der Frau +Welt sich sollte entziehen können, tat er, soviel er konnte, um +Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern hatte er +ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle +abwarf, vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm +nicht so zu, daß er dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof +mit klaren und vergnügten Augen zu beobachten. Ihn recht +in Weibersachen zu verwickeln, wollte Wonnebald überhaupt +nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife und stürmische +Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und bekränzten +Laube des Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen +Damen noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu können und +waren auch ihrerseits durch das barsche Regiment der Vorsteherin +zu eingeschüchtert, um ihren Gefühlen freie Entfaltung +zu vergönnen.</p> + +<p>Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, +wenn sie bei guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu +verlocken, was sie hernach benutzte, um sie aufs gröblichste zu +verleumden und sie durch Androhung öffentlicher Anklage in +Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm war, wenn sie +vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden, das +Ärgernis, zu dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen. +An Wonnebald, der geistlicher Oberhirt und Beichtvater des +Stiftes war, gelangten zwar nicht selten Klagen über das +gesetz- und gewissenlose Regiment der Vorsteherin, doch blieben +sie wirkungslos in seiner Brust verschlossen, von niemand geteilt +als von Hermenegilde selbst, die sich bei nächster Gelegenheit +an ihren Feindinnen rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde +durch ihre gewaltsame Natur allzuweit fortreißen: so +ereignete es sich einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend +einen Besuch gemacht hatte, bei ihrer Rückkehr den +Einlaß nicht erhielt, weil die Stunde, wo abends das Tor abgeschlossen +wurde, vorüber war, angeblich damit der Unfug +nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_31" id="Page_31">31</a><span>] </span></span>eine ältere, ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach +in der Stadt suchen mußte, nicht ohne infolge der Aufregung +und Schande empfindlichen Schaden an der Gesundheit +zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins nachweisen +ließ, hätte die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn +nicht die Anverwandten desselben durch die Menge des Geldes +zum Schweigen gebracht worden wären, die aus Wonnebalds +Beutel floß. Abgesehen von solchen und ähnlichen Ausgaben, +zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte, sammelte Hermenegilde +auch für sich selbst, sowohl weil sie viel verbrauchte, wie um +ihr Alter zu sichern, und schließlich aus angeborener Habgier. +Da nun der Bischof einer Frau, die ihm nahestand, nicht gern +etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine leere +Tasche zu zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig +nach guten Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung, +daß er wieder einmal etwas Gründliches unternehmen oder erfinden +müsse, um die gemeine Sorge ein für allemal loszuwerden.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Es war ein warmer Vorfrühlingstag, als der Bischof auf +einem bequemen Spaziergang am Rande des schwellenden +Flusses der Lux begegnete, die, Lisutt an der Hand, schlank +und wohlgemut daherkam, im Begriff, einer alten gichtleidenden +Frau Trost und Heilmittel zu bringen. Beim Anblick ihrer +traulichen Miene ging dem Bischof das Herz auf, und er bat +sie, sich ihm anzuschließen, was sie mit dem stolzen Kopfnicken +und allwissenden Lächeln, das ihr eigen war, tat. Ungeachtet +er sich vorgenommen hatte, ihrer Sprödigkeit wegen strenger +und zurückhaltender gegen sie zu sein als vormals, verfiel er +bald in ein seliges Schwatzen, erzählte von der Verlegenheit +seiner leidigen Geldverhältnisse und fragte, ob sie nicht, wenn +sie nach Maulwürfen grübe, Spuren von Schätzen fände, wie +sie hier und da in der Erde vergraben sein sollten. Koste es +auch seiner Seelen Seligkeit, er sei bereit, sie um solchen Preis +zu opfern, Gott werde weiter helfen.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_32" id="Page_32">32</a><span>] </span></span>Wenn dem so sei, sagte Lux, könne sie ihm wohl dienen. +Freilich habe sie keine Schätze entdeckt, aber als Mädchen im +Kloster habe sie viel in einem alten dicken Buche von den Wundern +der Natur gelesen, worin die geheimen Kräfte der Pflanzen +und Wurzeln beschrieben gewesen seien, und wovon sie sich +manches gemerkt habe; wenn er die ewige Seligkeit aufs Spiel +setzen wolle, könne er sich durch ein Alräunchen so viel Geld +er immer wolle verschaffen. Der Bischof sagte, um sich selber +Mut zu machen, mit Lachen: »Es wird den Kopf nicht kosten, +ich denke es wohl mit dem Teufel aufzunehmen, erzähle nur, +was es mit dem Alraunen für eine Bewandtnis hat;« worauf +Lux sagte, zunächst müsse derselbe unter schwierigen und höchst +gefährlichen Förmlichkeiten gewonnen werden, was sie aber, +um ihm zu helfen, auf sich nehmen wolle, sodann müsse der Eigentümer +das Männlein sorgfältig und ehrfürchtig behandeln, +es nett ankleiden, nachts das Bett mit ihm teilen und schließlich +es durch Kniebeugung und allerhand Anrufungen verehren +und eigentlich anbeten.</p> + +<p>Das wäre freilich, meinte Wonnebald, mehr, als einer +Wurzel zukäme, indessen wenn sie wirklich wunderwirkend und +gewissermaßen goldzeugerisch wäre, könne man füglich ein +Auge zudrücken und ein wenig vor ihr scharwenzeln, einstweilen +solle die Lux so gut sein und ihm das Ding herbeischaffen. Sie +sah ihn von der Seite an und lachte ein weiches, kosendes +Lachen, das er warm in den Eingeweiden spürte, so daß er +die Arme nach ihr ausstreckte und sie an sich ziehen zu können +vermeinte, die ihm aber entschlüpfte und, Lisutt fest an der +Hand fassend, geschwind den grünen Hang, an dem sie entlang +gingen, hinunterlief. Wonnebald blickte ihr ein wenig geärgert +nach, doch überwog die Zärtlichkeit, die ihr milder Blick ihm +eingeflößt hatte, und er bedachte, während ihm das Wasser +im Munde zusammenlief, wie honigmild und mondklar ihr +Wesen um ihn weben würde, wenn sie ihm erst einmal zugetan +wäre. Dazu, sagte er sich, wäre ihre Klugheit so ungemein, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_33" id="Page_33">33</a><span>] </span></span>daß sie alle seine Angelegenheiten betreiben und es selbst mit +dem Erzbischof würde aufnehmen können, selber aber dessen +unbewußt bleiben und vielleicht nach Frauenart und Frauenpflicht +ihm das Verdienst von allem zuschreiben, was sie geleistet +hätte.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Lux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen, +deren Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, +daß sie allenfalls menschenähnliche Figürchen vorstellen können, +und nachdem sie eines Morgens mehrere, die ihr passend schienen, +gefunden hatte, warf sie sich ermüdet ins Gras und ließ +Lisutt um und über sich herumklettern. Enzian und Gänseblümchen +blühten, und schon drängte sich prangender Löwenzahn +in Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze +aus erlangen konnte, pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten, +den sie Lisutt auf das braune Köpfchen setzte. Er war +wild und locker gewunden und strahlte feurig in ungleichen +Büscheln um das lachende Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe +die Frühlingssonne bereits gebräunt hatte. Während +Lisutt ihrerseits Gras und Kräuter ausraufte und in ihrer +Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das butterweiche Gesicht +in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst +gut!« kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig +des Weges, sah das Kindergesicht, das lachte und leuchtete, +und die Gestalt, die das Gras verdeckte, die sich aber bei seinem +annähernden Schritt aufrichtete, so daß er ihre anmutigen +Züge und die männliche Kleidung, die sie trug, erkennen konnte. +Gleichzeitig fielen ihm die krummen Wurzeln auf, die neben +ihr auf einem ausgebreiteten roten Tuche lagen, und er benutzte +dies, um sie anzusprechen mit der Frage, was das sei +und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den jungen +Mann zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und +wußte, wer er war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für +Ihren Herrn, den Bischof,« worauf er neugierig weiterfragte +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_34" id="Page_34">34</a><span>] </span></span>und sich zu ihr ins Gras setzte. Es sei ein Geheimnis, entgegnete +Lux, und sie wisse nicht, ob er so in Gunst und Vertraulichkeit +des Bischofs stehe, daß er es teilen dürfe, hatte +aber im Grunde schon beschlossen, ihm alles zu erzählen, weil +sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß er von +Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die +Schelmerei vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando +sogleich erraten, daß es weniger galt, dem Bischof einen Dienst +zu leisten, als ihm einen Possen zu spielen, und nachdem sie sich +so, ohne sich zu bereden, durch das bloße Gefühl ihres Wesens, +das sich ihnen gegenseitig mitteilte, miteinander ins Einvernehmen +gesetzt hatten, erzählte Lux, was für Hoffnungen der +Bischof in sie gesetzt habe und wie sie ihm das Alräunchen +nach bestem Vermögen zubereiten wolle, und schlug ihm vor, +den Schabernack dadurch zu verlängern, daß er die Geldsumme, +die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter die Wurzel +legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die Trefflichkeit +des Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall +entzückt, verabredete mit Lux alle Einzelheiten, wie sie es halten +wollten, und scherzte zwischendurch in kindlicher Weise mit +Lisutt, die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden behandelte. +Sein hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche +Haut zierte, strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch +aber der Ausdruck gelangweilter Melancholie nicht ganz ausgelöscht +wurde, der ihm natürlich war und dessen Ursache zum +Teil eine vorgeschobene und ein wenig hängende Unterlippe +sein mochte. Dieser an sich unschöne Zug reizte das Auge, ihn +immer von neuem zu betrachten, und nachdem er sich verabschiedet +hatte, erwog Lux noch eine gute Weile lang, ob sein +Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit gefallen +habe.</p> + +<p>Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der +junge Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie +er war, umgegangen sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_35" id="Page_35">35</a><span>] </span></span>derselbe sein möge, sich allzuviel herausnähme, und es ärgerte +ihn ein wenig, daß er sich durch seine Lust an Schelmenstreichen +und sein Vergnügen an munteren Kindern hatte verführen lassen, +so vertraulich mit ihm zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre. +Er wurde mit sich einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit +seines Günstlings in Kenntnis setzen und vor der Torheit, +die zu begehen er im Begriffe stand, bewahren wollte; als er +aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr wurde, wie er sich +in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer zurückzog, +überkam ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann vornehmen +würde, und er sagte sich, es sei nicht seine Sache, einem +übermütigen Schlaukopf zu schaden, um einem aufgeblasenen +Narren zu dienen. Also richtete er es so ein, daß der Bischof +nach kurzer Zeit durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit +abgerufen wurde, und schlich sich unterdessen in sein Gemach, +wo er denn auch in einer Ecke, auf eine Konsole gesetzt, +den Wurzelgötzen entdeckte, mit einem Mäntelchen aus Brokat +bekleidet, das der Bischof ihm soeben verfertigt haben mochte, +und in welchem er das Aussehen eines zwerghaften Kobolds +hatte. Unter die Konsole hatte der Bischof einen Betschemel +gerückt, um dem kleinen Zauberer die Anbetung zu widmen, +die Lux angeordnet hatte, welche Vorrichtungen alle Lando +in der Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine solche +Narrheit zu stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich +schlafen gegangen war, folgte ihm Lando bis an die Tür, in +der Hoffnung, ihn belauschen zu können, nahm aber durch das +Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch anfangs nichts als +ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das Licht +bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, +so daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i6">Alräunchen, Wurzelgöttle,</span><br /> +<span class="i6">Mach mir fleißig Gold ins Bettle!</span><br /> +</div></div> + +<p class="noindent">ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte. +Wonnebald hatte sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_36" id="Page_36">36</a><span>] </span></span>Tapetentür offen gelassen, die in sein Badezimmer führte, in +das Lando durch ein Fenster gelangen konnte. Kaum hörte er +den Bischof schnarchen, als er auf leisen Füßen in das Schlafgemach +eintrat, und da er beim gelben Schein eines Nachtlämpchens +die nunmehr nackte Wurzel auf dem bischöflichen +Kissen und drei Goldstücke daneben liegen sah, fügte er flink +drei andre hinzu und entfernte sich lautlos und geschwinde. +Lux hatte nämlich die Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen, +daß er die Summe, die der Alraun verdoppeln solle, +besonders im Anfang nicht zu hoch anlege, ebensowohl um +ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um das dürre +und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger +und gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, +der Wurzel das Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, +unbemerkt unterzuschieben, und er belustigte sich tagsüber, den +Bischof mit Fragen zu bedrängen, warum er auf einmal ein +eingezogenes Leben führe, anstatt wie sonst die Nächte durchzuschlemmen +und zu prassen.</p> + +<p>Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf +durch seine Neugierde; denn um zu sehen, was für eine +Andacht der Bischof allabendlich vor dem Alraun ausübte, +öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als Wonnebald eben +eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde trotz +aller Vorsicht von diesem gehört und mußte wohl oder übel +vollends eintreten und sein unberufenes Eindringen durch +einen rasch ersonnenen Vorwand erklären. Diesem war der +Bischof allerdings geneigt Glauben zu schenken, aber da Lux +ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks seiner +Fruchtbarkeit verlustig gehen würde, wenn ein dritter es sähe +oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen Verrichtungen überraschte, +war er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren Brutgeschäft +nunmehr zu Ende wäre, und fand sich durch das Ergebnis +des nächsten Morgens darin bestärkt; er hatte sich nämlich +aus Angst vor neuen Störungen so gründlich eingeschlossen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_37" id="Page_37">37</a><span>] </span></span>und verschanzt, daß Lando nicht eintreten konnte, um den üblichen +Zauber vorzunehmen.</p> + +<p>Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es +sich so fügte, daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen +war, in Kenntnis zu setzen. Noch war die Hitze des Tages +nicht verdämmert, und er suchte unwillkürlich schattige Wege +auf, so daß er an den unteren Lauf des Flusses geriet, wo er +mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem Bette hinströmte. +Hellgrüne Weiden und buschige Erlen bekränzten +seine beiden Ufer und ließen einen schmalen Pfad frei, der +hier, ein gutes Stück unterhalb der Ortschaft, wenig begangen +wurde; auch fragte sich Lando, nachdem er eine Weile, ohne +einer Seele zu begegnen, vorwärts gegangen war, wie er dazu +käme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu suchen, und war +im Begriff umzukehren, als er ein Plätschern und verstohlenes +Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen. +Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten +Bäume zurück, da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden +herrührte, erkannte aber fast gleichzeitig in der Frau, die +halben Leibes aus dem Wasser tauchte, Lux und blieb unbeweglich +an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem Stein +und schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser, +wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht +kannte, über und über bespritzt wurde, der nun seinerseits die +Kleine mit Wasser übergoß; sie streckte abwehrend die runden +Arme aus, kniff die lustigen Augen zusammen und schüttelte +sich, daß die braunen Haare wild um ihre nassen Schultern +tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen Spieles. +Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr fesselte ihn das +Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das +grüne Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, +während Nacken, Arme und Brust, der schlanke Leib und +der elastische Rücken, wenn sie sich beugte oder aufrichtete, die +Biegsamkeit und farbige Wärme lebendigen Fleisches zeigten. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_38" id="Page_38">38</a><span>] </span></span>Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen, obwohl er wußte, daß +sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die lebhafteste Sehnsucht +hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu fühlen. +Daß sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein besonderes +Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er es +von jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung +eines Schmetterlings erwartet.</p> + +<p>Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, +dann, als er sicher war, daß er von dort aus nicht +mehr gehört oder wahrgenommen werden konnte, fing er an +zu laufen und hielt erst ein, als er bei einer breitköpfigen Ulme +angekommen war, die eine leichte Bodenerhebung krönte und +unter der er sich niederlegte. Tränen liefen ihm über die +Wangen, ohne daß er es bemerkte, so erschüttert war seine +Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der +nackte Leib vor seinen Augen, und zugleich war es ihm, als +müsse er, vor ihre Füße geworfen, sie um Vergebung anflehen, +daß er, wenn auch ohne seine Schuld, ihre Verborgenheit belauscht +hatte. Obgleich er kein Neuling in Liebesangelegenheiten +war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und fühlte +sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber +hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg +allgemach, überfließend von gelbem Lichte, hinter dem Gehölz +empor, und Lando lag noch immer in das schaudernde Gras +gedrückt, sah den stillen Flug des vollen Gestirnes und fühlte +sich eins mit der Erde, die rein entzückt die Beseligung der +Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause, schlief +fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im +schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt, +sie hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den +Unfall, der dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf +sie, zufrieden, daß der Spaß so weit geglückt war, es für +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_39" id="Page_39">39</a><span>] </span></span>unmöglich erklärte, unter den Augen eines Spähers und vielleicht +Mitwissers zum zweitenmal eine solche Zauberei anzuzetteln. +Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von einer +unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende +Natur so artig eingerichtet hatte, allnächtlich ein Häufchen +Gold auf das Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem +Wunsche, Lando, den er für das einzige Hindernis der Goldabsonderung +ansah, auf die eine oder andre Weise zu entfernen, +und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern eines Mittels +kundig wäre, um unliebsame Störenfriede, sei es mit Beeinträchtigung +von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schädigung +derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die +Folgen auf sich nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit +nicht zurückhalten. Sie erschrak im Herzen über diese +Zumutung, ließ aber nichts davon merken, sondern antwortete, +indem sie nachdenklich den Kopf wiegte, eine solche Sache +müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl bedenken, er +möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat einzuholen. +Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz +am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem +weißen Wasser, das nicht müde wurde sich selber zu verschlingen +und in furchtbaren Todesstürzen sich von sich selber befreien +zu wollen schien, und dem bleichen Himmel, der heute matt +herabhing und die Luft zusammenzudrücken schien. An dem +gegenüberliegenden breiten Berge zog sich deutlich erkennbar +ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose Gewölk +so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet +wäre, und ein beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen +zu sein, bemächtigte sich ihres Herzens. Wie sie so dasaß, kam +Lando unter ihrem Fenster vorbei, blieb stehen, als er ihrer +ansichtig wurde, grüßte und suchte errötend nach einer Anrede, +ohne ein Wort finden zu können, das ihm passend schien. Sie +wartete ein wenig und erzählte ihm dann flüsternd, halb scherzhaft, +halb ängstlich, daß der Bischof ihm nach dem Leben +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_40" id="Page_40">40</a><span>] </span></span>trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das +könntest du doch nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft +und zärtlich an, indem er dicht an die Mauer herantrat, die +Arme in die Fensterbank und den Kopf auf die gefalteten +Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein, das könnte +ich nicht,« und beugte sich, von seinem flehenden Blick angezogen, +zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang +und ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. +Sie blieben eine Weile so, ließen sich los, lachten und umarmten +sich von neuem; daß er ihr Geschlecht erraten hatte, +erschien ihr selbstverständlich und keiner Frage wert. Erst als +Lando, durch Schritte, die näher kamen, erschreckt, sich mit +kurzem Gruß entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und +brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen wollten, +dann aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung +wichen.</p> + +<p>An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder +mehrmals, und es schien ihnen bald so, als wären sie seit +Wochen, ja seit Monaten und Jahren durch gegenseitige Liebe +verbunden, nur daß Lando nicht verriet, daß er sie an jenem +Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis bewahrte, +mit dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche +Weihe erhalten würde. Oft, wenn er bei ihr war, +vergaß er es, oder es kam ihm plötzlich unwichtig vor, oder, +wenn er in ihre unschuldig wissenden Augen blickte, schien es +ihm töricht oder anmaßend oder zwecklos, davon zu sprechen; +endlich, an einem heißen, wolkenlosen Sommertage, entfuhr +ihm zufällig ein andeutendes Wort, das er gleich darauf zurücknahm, +und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel zu lösen, +beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes +an den Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was +er nicht laut unter der Sonne zu sagen wage. Lux errötete +und stutzte, aber nein hätte sie nicht sagen können.</p> + +<p>Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_41" id="Page_41">41</a><span>] </span></span>setzte sie sich ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen +wären; aber Brun, der eine außergewöhnliche Erregung an +seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte mit Anstrengung gegen +die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor Mitternacht +war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte +es an seinen ruhigeren Atemzügen und schwang sich mit ganzem +Leibe in die Fensterbank, um ins Freie zu springen, zögerte +aber wieder und kehrte noch einmal ins Zimmer zurück, um +sich zu vergewissern, daß die Kinder fest und ruhig schliefen. +Sie war so erregt und aufgewühlt, daß das unzählige Male +gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas Fremdes +rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als +wären scharenweise Engel um sie versammelt und hielten +einen himmlischen Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren +Wangen widerschiene. Ihre Lippen waren so weit geöffnet +wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger Blutring in einfachster +und süßester Linie um das überirdische Geheimnis gebogen, +das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein +Dasein verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem +Bett und konnte nicht gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches +Schicksal, das sich mit ihrem Herzen verkettet hatte, +schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte sie erwartete, und +sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ sich sacht +an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.</p> + +<p>Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte +ruhevoll ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux +atmete tief auf und reckte die Arme in die Luft; ihre Brust +weitete sich, und sie mußte gewaltsam den Schrei des Entzückens +auf den Lippen festhalten, während sie mit fliegenden +Füßen die weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß hinuntereilte.</p> + +<p>Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich +am Tage nicht zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß +zu Verdacht und Geschwätz zu geben; denn Lando war +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_42" id="Page_42">42</a><span>] </span></span>zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen, wollte +aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis +seine Mutter, die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr +war, entweder genesen oder dann durch den Tod aller +Kränkung entrückt wäre. Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen +begegneten sich die Liebenden auch nicht selten bei Tage, +so daß es dem Bischof nicht entgehen konnte, der nicht aufhörte, +Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab unverlegen die +Erklärung, daß sie vertraut mit Lando werden müsse, um ihm +etwas Zweckmäßiges beibringen zu können, womit Wonnebald +sich zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerärgsten +Sorgen voll hatte.</p> + +<p>Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge +des Gegenzaubers von Landos Neugierde abgestorben war, +nahm der Bischof seine früheren Lebensgewohnheiten wieder +auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit Hermenegilde, die +bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner Zurückgezogenheit +und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche +Prangen der Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger +zu machen, so daß Wonnebald sich schon über die unterbrochene +Goldmacherei getröstet fühlte; aber der widerliche +Nachgeschmack, der sich sooft aus den Wollüsten des Lebens +entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde plötzlich +Muttergefühle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem +Gedanken an Kindersegen vertraut machen mußte. Nach Überwindung +des ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierüber +mehr Freude als Kummer, die täglich zunahm, Wonnebald +hingegen schlug das Glück, Vater zu werden, gering an +und hätte den unwillkommenen Sprößling gern schon im +Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, daß es je später +desto schwieriger und gefährlicher sein würde. Anfänglich trug +er sich mit dem Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen +wirksamen Zauber anzugehen, mußte aber bald bemerken, daß +Hermenegilde über seine lieblose Gesinnung in große Erbitterung +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_43" id="Page_43">43</a><span>] </span></span>und Aufregung geriet, die er nur durch völlige Unterwürfigkeit +und heuchlerische Zärtlichkeitsvorspiegelungen beschwichtigen +konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, daß die +unterjochten Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten, +sich ducken und schweigen würden, ja im Grunde konnte sie +sich nichts andres vorstellen, als daß das Hervorbrechen ihrer +Nachkommenschaft von der erstaunten Welt mit Pauken und +Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es nicht an +beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs +fehlen.</p> + +<p>Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine +alte Magd, die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten +und von Anfang an Mitwisserin des hochwürdigen Liebesverhältnisses +gewesen war, das sie freilich mißbilligte. Die +Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose Stiftsfräulein ins +Wesenlose befördert hätte, das ihrer Herrin unbequem gewesen +wäre, betrübte und entrüstete sich darüber, daß die gewaltige +Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne +aufopferte, und erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche +vorzurücken. Vor allen Dingen grollte sie dem Bischof, der +durch sein Dasein alles verschuldet hatte, und ließ sich auch +durch die reichen Geschenke, die er ihr zusteckte, damit sie ihm +ein weniger grämliches Gesicht mache, keineswegs besänftigen, +vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser furchtsamen Bestechungen +um so gründlicher.</p> + +<p>Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran +dachte, was für ein Ende das nehmen sollte, und in einem +solchen Zustande von Beängstigung kam ihm eines Tages der +Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen, da doch +möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer +wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von +der Aussicht schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau +an und begab sich geradeswegs in die Burgkirche +hinein, wo im Gegensatze zu der Mittagshitze, die draußen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_44" id="Page_44">44</a><span>] </span></span>siedete, liebliche Kühle und Dunkel herrschten. Ein kitzelndes +Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er durch +die Säulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die +der sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet +war. Es befand sich dort nämlich in einem verschlossenen +Glasschreine eine schön geputzte Puppe, die die +Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzüglich als Krankenheilerin +verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der +Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich +von den übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen, +Einhalt geboten haben sollte. Diese Figur trug eine +Krone, deren Gestell aus Messing war, die aber mit verschiedenen +Edelsteinen von außerordentlicher Größe und Kostbarkeit +besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den erwähnten +Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die +Ursache sein mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen +Gläubigen an sie wandten. Als der Blick des knienden +Bischofs auf die milde funkelnden Steine fiel, kam ihm der +Gedanke, daß dieser brachliegende Schatz ihn für alle Zeit aus +seinen Verlegenheiten retten könnte, und wuchs mit solcher +Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen Wunsche, +daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in +Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer +ein paar alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der +Kirche wäre, daß, abgesehen davon, niemand sehen könne, was +abseits in der düsteren Kapelle vorginge, und also, da er auch +die Schlüssel bei sich hatte, nichts ihm im Wege stände, um sich +augenblicklich des Kleinodes zu bemächtigen. Nachdem er vorsichtig +in die Kirche hineingelauscht und sich überzeugt hatte, +daß sie leer und totenstill war, öffnete er leise die gläserne +Tür und löste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich +nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren vonstatten ging. Auch +war das Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos +war, einigermaßen nackt und kümmerlich; aber da das der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_45" id="Page_45">45</a><span>] </span></span>Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch tun würde, hielt +es der Bischof für unnütz, sich das Gewissen darüber zu beschweren. +Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm +durch die Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in +Ruhe an der Erwerbung zu ergötzen.</p> + +<p>Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich +Smaragde und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen +oder zu versetzen, die kleineren der Hermenegilde zu +schenken beschloß. Selbst das Geschäft auszuführen, schien ihm +bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux sich würde bereitfinden +lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die ausgewählten +Steine einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; +sie stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem +Ringe getragen habe, und die Sache müsse geheim bleiben, +weil es dem Rufe eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn +man erführe, daß er sich eines so heiligen Erbstücks habe entäußern +wollen oder müssen. Lux war zu sehr in den Traum +ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber nachzudenken, ob es sich +so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und händigte +dem freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus +erlöst hatte.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit +abgenommen und ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken +und fing behaglich an zu sterben; in den +letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen großen +Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß +er mit Lux und den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, +der sie weiter als sonst in die umliegenden Täler hineinführte. +Auf einer Anhöhe machten sie halt, und nachdem +sie einen Imbiß zu sich genommen hatten, erklärte der Alte +die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er in +früheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen +gegenüber befanden sich auf einem verödeten Hügel die Ruinen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_46" id="Page_46">46</a><span>] </span></span>einer Burg, an einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß +das Gras darüber hinauswuchs, während an andern das Gemäuer +noch die einstigen Formen erkennen ließ. Christoph +Bernkule erzählte alte Überlieferungen, die sich daran knüpften, +und fügte hinzu, daß er als Kind hätte sagen hören, es töne +zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus +den verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet +werden können; denn sooft einer sie gehört und neugierig +zwischen den Trümmern nachgespürt habe, sei sie verstummt +und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa eine zirpende +Grille oder ein weinendes Käuzchen.</p> + +<p>Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht +zu erkennen war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden +hatte, plötzlich aber richtete sie die Augen groß und +heiter auf ihn, sagte: »Ich höre die Musik!« und blickte dann +wieder fest auf das Gemäuer, hinter dem, durch unregelmäßige +Lücken sichtbar, das Feuer der untergehenden Sonne brannte. +Während der alte Bernkule lächelte, sah Brun ernst und fast +traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tönen aufgegangen +war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und +Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit +einer kleinen, unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen +begann, gerade als ob sie zu einer die Seele durchdringenden +Musik den Takt angeben wollte. Lux lag ein wenig abseits +im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern, halb +in sich hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten +weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit +oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken ließ, nicht +müde wurde zu wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein Herz +und seinen Willen gehärtet habe, so daß weder Zwang noch +Bitten ihn würden biegen können, daß ihre Armut ihn beglücke, +weil er, ein Bettler vor der Fülle ihres Wesens, dadurch doch +auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und nebensächlichen +Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er lieber +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_47" id="Page_47">47</a><span>] </span></span>Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle +mit ihr teilen wolle, als entblößt von ihrer Nähe und Liebe +die schauerliche Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer +unfaßbaren Melodie durchfluteten sie solche Worte, Minuten +wie Stunden erfüllend und verzehrend, so daß sie die Flucht +der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte saß selbstvergessen da, +aus den verglimmenden Äuglein auf das Kind blinzelnd und +zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend. Das kantige Trümmerwerk +starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich +überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle +Feuchtigkeit über dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. +Sie und Brun mußten wechselweise Lisutt auf den Armen +tragen, die unvermerkt eingeschlafen war, der alte Bernkule +hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt nach Hause +und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei +er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen +fieberte er, schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch +starb er, ohne noch einmal volles Bewußtsein wiedererlangt +zu haben, zwei Tage darauf; die Anstrengung des Spaziergangs +und die Feuchtigkeit des Abends mochten die Auflösung +des Greises beschleunigt haben.</p> + +<p>Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den +jedermann in Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte +allgemeine Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen, +der mit dem langen weißen Haar und dem wallenden Bart, +in dem sich noch schwarze Haare kräuselten, erbaulich wie ein +Patriarch dalag und die Umstehenden zu schönen Betrachtungen +über Leben und Sterben veranlaßte. Die Kinder, die sich bei +seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten, liefen neugierig +herbei und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis +der kleine schwarze Sarg unter Kränzen fast verschwand. +Himmel und Erde lachten in sommerlicher Wonne, als das +Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf den Gottesacker +führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein halbes Stündchen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_48" id="Page_48">48</a><span>] </span></span>außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen +ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan +und weiß bekränzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie +überzeugt war, den Großvater in das Paradies zu führen, wo +Engel und Heilige auf den Wiesen tanzten und hurtige Affen +auf immergrünen Bäumen kletterten.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Es war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher +Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen +werde; aber bevor sie noch förmlich in das Amt war eingesetzt +worden, ging auf allen Seiten ein Murren los, die Stelle +würde liederlich verwaltet und keine Maulwürfe mehr abgefangen, +sie gebärdeten sich wie die Herren im Lande, unterwühlten +nicht nur die Gemüsepflanzungen, sondern stießen +sogar in den Ställen auf, zu großem Schaden und übler Vorbedeutung. +Nun war freilich die Jagd von jeher und besonders +während der letzten Lebensjahre des alten Bernkule überaus +nachlässig betrieben worden, allein weil die Leute mit ihm +nicht anbinden wollten und mochten, hatten sie geschwiegen +und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere +kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, daß sie +zusehen müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen +zerstörte, da ja zugunsten des verschworenen Schermäusers +eigenmächtiges Ergreifen und Töten der Maulwürfe +verboten wäre.</p> + +<p>Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes +besser anzunehmen, wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, +als mehr und mehr selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, +wovon sie noch einen ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber, +wie sich von selbst versteht, der Maulwurfplage keineswegs +gesteuert wurde. Bald begann die Maulwurfbehörde sich über +die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu wundern und zu +beunruhigen, die, so mußte es ihnen scheinen, bei Dutzenden +weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_49" id="Page_49">49</a><span>] </span></span>ob sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig und +vervielfacht neu erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit +vorherrschte, suchte man nach vernünftigen Erklärungen +für die Erscheinung und besann sich auf verschiedene +Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und ähnliche Tiere +durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden +waren, und auf das Betragen und die Mittel, die die Weisheit +der Regierenden jeweilig solchen Heimsuchungen entgegengesetzt +hatte.</p> + +<p>So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze +Tobias in selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede +umgehen ließ; man wurde sich einig, daß die Sache mit rechten +Dingen nicht zugehen könne, und flüsterte sich zu, daß Lux durch +zauberhafte Mittel die Vermehrung oder den Zufluß von Maulwürfen +herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner Bosheit, +damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe, +teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich +blieb das ein unterdrücktes Grollen und Drohen, wovon +eben der, die es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah, +daß in der Burgkirche das Fehlen der Marienkrone +bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem Goldschmied drang, +dem Lux die beiden größten Edelsteine verkauft hatte, in diesem +der Argwohn aufstieg, dieselben könnten mit dem großen Kirchenraube +in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine +Anzeige erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen +wurde, daß sie in das vermißte Heiligtum gehörten. +Augenblicklich fiel der Verdacht der Leute auf Lux, deren Abreise +und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade während +der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden +war, sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster +Weise ausgedeutet wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun +einmal ein Dorn im Auge und Zielscheibe aller bösen Gedanken +geworden war.</p> + +<p>Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_50" id="Page_50">50</a><span>] </span></span>geringe Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb +zur Nachsicht geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs +erfreute, und so wurde ihr nur mitgeteilt, daß sie bis auf weiteres +ihre Wohnung nicht verlassen und einer Vorladung vor +Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht gesagt worden +war, um was es sich handle, dachte sie, es müsse die Maulwurffängerei +angehen, und nahm die Sache nicht schwer.</p> + +<p>Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich +zwischendurch öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß +Lando kommen würde, um sie, wenn ihm etwas von dem seltsamen +Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu trösten oder ihr +Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er +noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß +nicht habe freimachen können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, +trotzdem wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, daß +sie nur zerstreut auf Lisutts Spiele einzugehen vermochte. +Früher als sonst brachte sie die Kinder zu Bett und atmete +auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen und endlich +unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie während +des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer Bangigkeit +überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches +gegen sie im Werke sein, aber es verflog immer wieder, und +vollends, wie sie in den Frieden des Abends hineinsah, der +baldigen Ankunft des Freundes gewiß, wich die Beklemmung, +und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging strahlend +vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge +des Wartens, und sie fing an so inständig zu horchen, daß +das Donnern des Wassersturzes, das jedes kleinere Geräusch +verschlang, sie aufregte und ihr unerträglich vorkam und sie +wünschte, daß nur ein obdachloser Vagabund oder eine jagende +Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal die spöttische +Leere zu unterbrechen. Sie wurde darüber müde und abgespannt, +gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt +hatte, hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie kannte, und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_51" id="Page_51">51</a><span>] </span></span>kehrte mit einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster +zurück. Ohne Gruß oder Anrede von ihm zu erwarten, +bog sie sich hinaus, lehnte sich auf seine Schulter und erzählte, +wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch machte er sich sachte +los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage gegen sie erhoben +wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise vernommen +hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux sagte +befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen +habe sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren könne, +wohingegen Lando meinte, das natürliche Recht und das geschriebene +seien nicht immer gleich, auch der Unschuldige könne +sich in den Netzen des Lebens verwickeln oder in Fallen fangen, +die Böswillige aufgestellt hätten, er wolle froh sein, wenn alles +ohne Gefahr und böse Folgen vorüberginge. Sie betrachtete +ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich nun unterliege? +Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich +noch lieben, wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus +der Kirche gestohlen hätte? oder wenn ich dem Bischof Gift +eingegeben hätte?« Es flammte in seinen Augen, und er flüsterte +leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet und deine +Kinder verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber +das Blut aussaugen würdest, ich würde dich immer lieben und +nimmer verlassen! Eher könnten diese Wasser versiegen und +jene Berge versinken, als daß ich aufhören könnte, dein zu +sein!«</p> + +<p>Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen, +allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, +sie wolle nicht haben, daß ihre Kinder erwachten und ihn bei +ihr fänden, überhaupt wäre jetzt Vorsicht geboten, und sie +dürften nicht zusammen gesehen werden. Er empfand, er +wußte selbst nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch +in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden +Worten, doch leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte, +und so nahm er den Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_52" id="Page_52">52</a><span>] </span></span>war er ihr verschwunden, als die Tränen aus ihren Augen zu +fließen begannen, aber zugleich atmete sie tief auf und fühlte +sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr, als hätte bisher ein +farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das +er ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, +und als hätte eben ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, +so daß sie ihn gesehen hätte, wie er in der Tat wäre, aller +Wunder bar, schwächlich, kümmerlich und ein wenig lächerlich. +Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte sie am andern +Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der arme +Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten +zu müssen, und bald fürchtete, sie möchte die ganze +Millionenmutter samt der Krone gestohlen, bald sie möchte es +nicht getan haben.</p> + +<p>Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, +als sie auf das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied +gegenübergestellt wurde, der ohne Zaudern erklärte, +in ihr den jungen Menschen wiederzuerkennen, der ihm die +Edelsteine zum Verkauf angeboten habe. Lux dachte nicht +daran, zu leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem Bischof +gehörten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen +wollen, damit nicht bekannt würde, daß er sich in Geldverlegenheit +befinde. Diese Behauptung, der niemand die mindeste +Glaubwürdigkeit beimaß, machte den übelsten Eindruck +sowohl auf die Richter wie vollends auf den Bischof, der einen +jähen Zorn auf sie warf und laut seine Entrüstung über die +Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am folgenden +Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis +verbracht worden war, nochmals befragt und ernstlich +ermahnt, die Wahrheit zu sagen und nicht einen frommen +und hochwürdigen Mann, wie der Bischof sei, zu verunglimpfen, +worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig erwiderte, +etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts +andres wisse und nichts andres sich begeben habe.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_53" id="Page_53">53</a><span>] </span></span>Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl +von Bauern und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar +nichts über den Kirchenraub beizubringen hatten, desto mehr +aber über die Maulwurfplage und wie sie den jungen Schermäuser +zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur Sache gehörte, +versuchten die Richter die umständlichen Berichte abzuschneiden, +und der Justizrat Schimmelmann gab einigen +Zeugen anheim, daß sie dumme Tröpfe wären, so daß das +Geschwätz im Sande verlaufen wäre, wenn der Bischof nicht +die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier ein der Aufmerksamkeit +höchst würdiger Fall vorliege, der scharf untersucht +und unnachsichtig bestraft werden müsse. Wenn der Kirchenraub +etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch, +in der Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, +und man müsse die Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu +zeigen, daß der Satan immer noch umgehe, die Kirche aber so +rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.</p> + +<p>Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere +andre Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, +kam die Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine +Meinung dem Justizrat gegenüber schwerlich verteidigen +können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm nicht zur Seite gestanden +hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht und +vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner +Überzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, +daß man verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und +Hexerei und dergleichen glaube, aber der Glaube an Gott und +die unbefleckte Jungfrau werde nicht minder verspottet; er +und seine Ahnen wären von jeher Kämpfer für die heilige +Wahrheit gewesen und fürchteten den Hohn der Ungläubigen +so wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man +nicht täglich hören könne, daß die Kühe verhext wären, daß +kleine Kinder, vom bösen Blick getroffen, in Krämpfe fielen? +Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese Erkenntnis noch +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_54" id="Page_54">54</a><span>] </span></span>anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane gegen +die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schützen. Die +Aufklärer sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den +Tempel des Glaubens zu unterwühlen! Einstürzend werde er +sie zuerst begraben! So wahr wie Christus durch Gott Wunder +gewirkt habe, hätten von jeher Böse durch den Teufel gezaubert.</p> + +<p>Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck +und lautem Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof +nun erst die Wichtigkeit und Richtigkeit seines Einfalls, das +Geschwätz der Leute gegen Lux zu benutzen, ganz begriff und +auch die übrigen ihre Zweifel an der Möglichkeit des Zauberns +nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten. Das männliche +Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, daß sich hingebende +Gläubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und +mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die +Aufklärung auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat +lachte von Herzen über die Reden seines Freundes, aber nur +bei sich im Innern; äußerlich ging er mit fröhlicher Ironie +darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß Boll diese Art +sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze +nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, +ohne seine Freundschaft, an der ihm wegen des +Flötenspiels viel gelegen war, einzubüßen. Er erzählte mit +verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im Verdacht der Hexerei +habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so daß sie mißrieten, +lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten +schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden +wohl richtig auffaßten, aber als eines ernsten +Mannes unwürdigen Mutwillen mißbilligten, weswegen sie +sich durch die stillschweigend darin ausgedrückte Meinung auch +nicht beeinflussen ließen.</p> + +<p>Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen +Hexenprozeß einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_55" id="Page_55">55</a><span>] </span></span>war; aber der Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit, +wieder damit anzufangen, und erklärte sich bereit, den Vorsitz +zu übernehmen, da es geistliche Dinge wären, die geistlich +müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte hohe Begeisterung +über diese Wendung und frohlockte, es sei ein herrlicher +Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen +wurden, während der Justizrat, um einem solchen Schauspiel +nicht beizuwohnen, als dessen Gegner aufzutreten er sich auch +nicht entschließen mochte, eiligen Urlaub nahm und eine Reise +antrat.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Sowie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben +wurde, schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, +den Erzbischof Giselbert, und teilte ihm die unerhörte Tatsache +mit, zugleich bittend, er möge den Bischof sogleich verwarnen, +damit diese Torheit nicht weiter getrieben und die Kirche ganz +und gar lächerlich gemacht werde; worauf der Erzbischof sich +behutsam bei Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei, +und ihm auf alle Fälle riet, sich und der Kirche keine Blöße +zu geben. Obwohl er nicht verraten hatte, von wem er seine +Nachrichten habe, zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando +dahinter stecke, und antwortete mit Würde, der Erzbischof +möge sich nicht von einem leichtfertigen Knaben, wie sein +Neffe sei, in so ernsten und schweren Dingen beraten lassen; +er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die beklagte Person +weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen weitgehenden +Liebeshandel unterhalten habe, und daß dies der Grund sei, +warum er den Gang der Justiz zu hintertreiben versuche; anstatt +sich von ihm betören und ausnützen zu lassen, solle Giselbert +ihm lieber behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus +dem Garn der Teufelin zu erretten. In diesem Schreiben +leuchtete dem Erzbischof vornehmlich das ein, was die Liebschaft +seines Neffen betraf, an deren Bestand er nicht zweifelte, +und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf andre +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_56" id="Page_56">56</a><span>] </span></span>Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen Veranstaltungen +des Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte +kaum den Befehl seines Oheims erhalten, als seine Liebe hoch +aufloderte und er bei sich schwur, allen Versuchen, ihn den +Pflichten der Treue und Ehre abwendig zu machen, Trotz zu +bieten, nicht vom Flecke zu weichen und die Geliebte im Notfall +mit Aufbietung des letzten Blutstropfens zu beschützen.</p> + +<p>Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine +ernstliche Gefahr drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, +umringt von vielen stirnrunzelnden Männern, ihr vorhielt, +daß sie, anstatt demütig ihres Amtes zu walten und die Maulwürfe +einzufangen, wie vorgeschrieben sei, durch verbotene +Zauberei dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren Verdienst zu +erhöhen, sei es, um den Menschen zu schaden, konnte sie sich +nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es ihr leid tat, den +Ruf des verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich, +den Zusammenhang freimütig zu erklären. Sie schilderte +deutlich und nett das Verfahren bei Anfertigung der Schwänze, +wie es ihr Schwiegervater erfunden hatte, und gestand, daß +sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem Fleiße +mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie +dadurch der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers +natürlich entstanden sei. Als sie geredet hatte, sah +sich der Bischof mit triumphierendem Lächeln im Kreise um, +welches bedeutete, daß diese freche und listige Erfindung, mit +der der Beklagte sich aus der Schlinge zu ziehen suche, ihn +schlagend überführt habe, und erklärte Lux, daß es nicht erlaubt +sei, die Justizpersonen mit gröblichen Aufschneidereien +zum besten zu haben. Lux errötete und versprach, wenn man +ihr das dazu Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung +so viel falsche Maulwurfschwänze man wolle herzustellen, +die von echten nicht zu unterscheiden sein sollten, +allein die Herren weigerten sich, so weit auf die schamlosen +Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren sie +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_57" id="Page_57">57</a><span>] </span></span>überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu +haben.</p> + +<p>Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt +sämtliche Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern +über die Zauberei des jungen Schermäusers aufzubringen +wußten: daß man ihn öfters Holunderzweige habe abbrechen +sehen, die man freilich im allgemeinen dazu gebrauche, den +Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch Hexerei +sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten +Zwecke dienen könne; daß man ihn auch oft im Schatten von +Holunderbüschen habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer +Ort und Aufenthalt gewesen sei; daß man ihn den lieben +langen Tag durch Felder, Gärten und Wiesen hätte streifen +sehen, Lieder trällernd, die wohl ihre Bedeutung gehabt hätten, +niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer ehrlicher +Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim +Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was +als ungewöhnlich aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde +gegraben habe, aber augenscheinlich nicht nach Maulwürfen. +Daß er der Kleinen, die er stets mit sich geführt habe, öfters +breite Blumenkränze auf den Kopf gesetzt habe. Daß man +von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu Zaubersuppen verwendet +habe, und daß man nicht wissen könne, was er im Sinn +gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe sitzen sehen, +wo die Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern +mit dem Vieh umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen +sich aufgehalten habe.</p> + +<p>Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, +daß Lux ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, +eine unüberwindliche Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn +wohl jedermann bekannt gewesen sei, daß der junge Bursch +in seiner Gunst gestanden habe und mancher ihn vielleicht zu +seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe spazieren +sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_58" id="Page_58">58</a><span>] </span></span>Alrauns zu bedienen, nämlich einer goldschwitzenden Wurzel, +und ihm auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch +Verfluchung des Christengottes müsse gehuldigt werden, vermutlich +um seine Seele dem Teufel zuzuwenden, worauf ihm +denn endlich die Augen über die wahre Natur des gottlosen +Menschen aufgegangen wären. Nach eignem Geständnis +hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten +Buche, worin auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt +wären, um unbeliebte Personen unmerklich vom Leben zum +Tode zu bringen.</p> + +<p>Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend +auf alle die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung +lebte, wie lieb ihnen der junge Geselle gewesen war, der +ihnen lauter Freundlichkeit und Güte erwiesen hatte, was sie +nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich ja nur seine +schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es wurden +eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen +zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die +Abendzeit in seiner Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und +ihm Unterstützung versprochen hatte, um ihn zu trösten, weil +er um seinetwillen die Stelle als Hilfsjäger des alten Bernkule +verloren habe; wie er sich häufig zur schiefen Resi auf +die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten +Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der +nicht Weib noch Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt +und oft mit eignen Händen eine Suppe gekocht hatte; wie er +die Kinder an sich gelockt und ihnen Pfennige geschenkt hatte; +wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren, obwohl +er sich öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte +Hände und vor allen Dingen einen zärtlichen Blick gehabt +habe, wodurch er die Seelen habe betören können, wie sich +nun herausstelle, um sie dem Teufel als schuldigen Tribut +oder als Lösegeld in die Krallen zu spielen. Auch jetzt flößte +Lux, die bald verwundert, bald wehmütig die Verhandlungen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_59" id="Page_59">59</a><span>] </span></span>an sich vorübergehen ließ, ohne viel dazu zu sagen, vielen von +den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie natürliche Zuneigung +erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse +der übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten +erkennen müssen, so daß ihr Abscheu vor dem gefährlichen +Satansbuben dadurch nur vermehrt wurde.</p> + +<p>Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, +wie sie angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule +sei, zeigte sich, daß sie keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, +und ihr der Aufenthalt in Klus seinerzeit nur auf +eine mündliche Erklärung des Alten und wegen der bischöflichen +Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das +beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, während +man Lisutt bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem +Lehrer zu vorläufiger Obhut übergeben worden war und von +diesem als ehrlicher und zuverlässiger Bursche geschildert +wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter gegenübersah, +ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu +dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte und zunickte, wurde +er blaß, und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, daß +er es kaum verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung +des Bischofs, die Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, +ob Lux sein Bruder sei, worüber er aufs äußerste erschrak, +da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt hatte, daß +er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er +glaubte, es hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten +ab; aber es war ihm unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und +mit einem herzzerreißenden Blick auf Lux sagte er, nein, sie +sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren Erklärungen durch +kein Zureden zu bewegen.</p> + +<p>Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug +gebaute Dasein der Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt +von ihr getrennt werden, und der Medizinalrat übernahm es, +indem er sich für einen Kinderfreund erklärte, die Kleine an +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_60" id="Page_60">60</a><span>] </span></span>sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten auf, die er ihr +brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte, schlug sie +nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so kräftig, daß er +sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind +habe sich wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet, entweder +es sei doch von einer Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er +habe es bereits von Grund aus verhext, so daß man sie füglich +beieinander lassen könne, bis das Urteil gefällt sei.</p> + +<p>Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der +Bischof nämlich war der Ansicht, ein Zauberer müsse mit +Feuer verbrannt werden, die andern dagegen fanden, ein +Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte, er solle sich +mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom +Brennen noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man +hätte einzig die Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen +als etwas Handfestes und allgemein Verständliches, mit der +Zauberei könnten sie viel Anfechtung und üble Nachrede erfahren.</p> + +<p>So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der +galligen Laune des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die +Ursache war, daß er der armen Lux einen kläglichen Tod bereiten +wollte. Die Stiftsdame Hermenegilde hatte sich, um +ihre Entbindung zu erwarten, in einem kleinen, ihr gehörigen +Schlößchen in der Nähe von Klus einquartiert, das für gewöhnlich +nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt +wurde, und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten +als bei seinen Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn +sie immer Lust hätte, besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen +könnte. Diese Vorstellung ängstigte den Bischof über +alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle Wünsche der reizbaren +Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim mit +der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete, +das Kind, kaum daß es völlig auf der Welt wäre, geschwind +in das nächste große Findelhaus zu tragen, wo es +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_61" id="Page_61">61</a><span>] </span></span>denn für alle Zeit verschollen bleiben sollte. Die Sorge, ob +der heikle Auftrag sich würde ausführen lassen, verkehrte die +übliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung, die er in +dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm das Brennen auf +dem Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und Notwendiges +erscheinen ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, +daß das Kind zwar lebendig ans Licht getreten, aber +stracks in das Findelhaus verbracht wäre, wo niemand es +suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die Unruhe +seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit +Platz. Er fing an, zärtliches Mitleiden für die +unschuldig gepeinigte Lux zu empfinden, und zugleich regte +sich die vernünftige Betrachtung, daß am Ende noch ihr Geschlecht +bekannt werden würde und diese Entdeckung ihm +nachträglich böse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte +angedeihen lassen, eintragen könnte. Im stillen ärgerte er sich +über den Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige Sache +hineingestoßen hätte, die seinem Gemüt nicht zusagte, und es +dünkte ihn in jeder Hinsicht das beste zu sein, wenn dem +lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der leidige +Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck ordnete +er an, daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis +in einen Turm überführt würde, der zum Umfange der Burg +gehörte und der in alten Zeiten als Luginsland sowie zur +sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war gebraucht worden; +wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer vermutlich +mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, +wogegen jener feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also +wurden Lux und Lisutt eines Morgens in den Turm gebracht, +in dessen pechdunkelm Innern eine Wendeltreppe mit hohen +steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem Guckfenster +nach jeder Himmelsrichtung führte.</p> + +<p>Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich +im Hause des Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_62" id="Page_62">62</a><span>] </span></span>immer noch glaubte, vor allem das Gefühl der Einsamkeit in +der Höhe zwischen den winterlichen Lüften tat Lux wohl; sie +hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch die vier Gucklöcher +sehen, küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele mit ihr zu +spielen an mit mehr Fröhlichkeit, als sie seit langem getan +hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang, +wie wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen hätte und +zwitscherte. Nach einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit +und Hunger ein, und mit minderer Lust als im Anfang erzählte +Lux Märchen und Schnurren, damit das Kind nicht zu essen +verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte. Dann, nachdem +es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot und +Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten +und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte +sich dunkle, unheimliche Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach +der Treppe horchte, ob kein Schlurfen von Schritten käme, +war es drinnen still wie Stille im Grabe, die unendlich und +unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und brachte +wachendes Bewußtsein der Kälte und Verlassenheit mit sich; +Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im +Gefühle, wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend +hatte zurückhalten können.</p> + +<p>In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, +wenn ein neuer schöner Stern über dem unschuldigen +Haupte ihres Kindes aufgegangen wäre und Könige und Weise +ihm Gaben gebracht und ihm gehuldigt hätten; anstatt dessen +sollte es auf nackten Steinen verhungern. Sie fühlte ihr Herz +voll der reichsten, stärksten, tapfersten Liebe, und nichts konnte +sie tun, um das vergötterte Kind vor grausamen Leiden zu +retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der Menschen, der +es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage und +Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße +Antlitz unter Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben +und es grüßten und segneten, wie man Leben, Sonne und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_63" id="Page_63">63</a><span>] </span></span>Jugend segnet. Sie konnte es nicht fassen, daß jene Tage gewesen +waren und daß dieser war.</p> + +<p>Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der +lauter und schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken; +es war Lux, als jagte der Tod auf wieherndem Roß in engen, +immer engeren Kreisen um den Turm, um ihr die Seele der +kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das allgemach +von Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte, +und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller, +glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem +Häuschen aus täglich gegenüber gesehen hatten, und deutlich +schimmerte der nackte Pfad, der sich geduldig an ihm in die +Höhe wand. »Siehst du?« flüsterte Lux, »da werden wir, wenn +wir noch eine kleine Weile still warten, zusammen in den +Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater +wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.« +Lisutt nickte und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter +sein und dich niemals hungern und dürsten lassen.« Lux zog +ihre Jacke ab, um ein notdürftiges Bett für das Kind daraus +zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt, als es in einen +Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und fieberisch +wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt +um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers +zu spüren, aber schwach, mit flackernder Seele, bald in Träume, +bald in Phantasien, bald in Betäubung hingerissen.</p> + +<p>Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem +Mündchen ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre +Brust suchte, und dachte, wie göttlich es gewesen war, sich +dem geliebten Geschöpf selber zu Speise zu geben. Dann dachte +sie an die alte Resi, wie sie jetzt im Bett lag, klein, holzdürr +und holzbraun, mit traurig verrunzeltem Gesicht, eine krumme, +empfindungslose Hand, die man nicht anrühren konnte, ohne +zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an den +hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf dem ledernen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_64" id="Page_64">64</a><span>] </span></span>Gesicht hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen +auf die andre Seite wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden +Schmerzen und grämlichen Gedanken gepeinigt. Dann +dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick und sein unbeirrbares +Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen +um sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das +bald nichts mehr für sie bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt +in jenes Tal hinübergegangen wäre, wo die Welt jenseit +aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein durchdrang ihr +auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein berauschender +Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften +Schauder und dem Gedanken, daß sie leichten Herzens alle +Himmel hingeben würde, um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes, +knuspriges, wohlriechendes Brot beißen und essen +sehen zu können. Zwischen allen diesen hastigen Vorstellungen +hörte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang: +Zu mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes, +ewig schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören +und Fetzen, o Leben, liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht +unter deinem Fenster und erzittre, wenn du eine Rose von +deinem Haupt auf meine Brust wirfst!</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Daß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, +hing folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte +Befehl gegeben, daß niemand sich in die Bewachung und Bedienung +der Gefangenen einmische, die er sich selbst vorbehalten +habe, aber es fügte sich, daß er sich länger, als er gemeint +hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage einen +Besuch abstattete, verweilen mußte. Die Kammerfrau, die +mit ihm im Einverständnis die Entfernung des Neugeborenen +besorgt hatte, spiegelte der Wöchnerin vor, daß das Kind zur +Schonung ihrer Gesundheit zunächst von ihr getrennt bleiben +müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei Hermenegilde, +denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe entbrannt, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_65" id="Page_65">65</a><span>] </span></span>sprach von allen Männern ohne Ausnahme mit Geringschätzung, +und es kostete die erdenklichste Mühe und Gewandtheit, um +sie im Bette zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe +Höllenpein sowohl durch die augenblicklichen Angriffe, mit +denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie durch die Angst vor der +weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte zwischendurch +mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer albernen +Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.</p> + +<p>Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht +der Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten +Nachmittag zurückgekehrt war und sich bei einer kräftigen +Mahlzeit von der Strapaze und Gemütsbewegung erholt hatte, +schritt er zur Ausführung des Planes. Als er ins Freie trat, +blies ihm der Wind so stark entgegen, daß er den Mantel, +den er umgehängt hatte, fester zusammenfaßte und die Kapuze +über den Kopf zog, worauf er entschlossen über den freien Platz +eilte, der zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem +Turme sich erstreckte.</p> + +<p>Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit +dem Vorsatz umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für +sich zu befreien, worüber er mit dem Schicksal nicht mehr +streiten wollte, wenigstens doch vor Schande und vielleicht +gar gewaltsamem Tode zu bewahren, ebendieselbe Stunde +wie der Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk zu verwirklichen. +Er hatte, sowie Lux in den Turm geführt war, +eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig wäre, sich Werkzeuge +verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann +in das leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um +die Zeit bis zum Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen +Träumereien zu betrügen. Er setzte sich an das Fenster, wo Lux +viele Male mit ihm gekost und geflüstert hatte, und versenkte +sich in die Wonnen der Vergangenheit, bis ihn der brummende +Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein Vorhaben zu +beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte wünschen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_66" id="Page_66">66</a><span>] </span></span>mögen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen, +und die Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe. +Gerührt und hingerissen von der Betrachtung, daß er das unglückliche +Weib in kurzem wiedersehen würde, um sich sofort +auf immer aus ihren Armen zu reißen, ging er mit verschlossenen +Sinnen vorwärts, als er, eben der Pforte des Turms +sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben Entfernung +vom Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig +seiner gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von +Empfindungen des Ärgers und der Eifersucht durch den Kopf, +vor allem aber beherrschte einen jeden der Wunsch, er möchte +vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl dies dem +Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch +unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander +den Rücken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre +Wege in entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so +scheinen, als ob sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen, +einen Spaziergang unternommen und dabei den Turm +gestreift hätten, worauf sie nach einigen beliebigen Umwegen +wieder unter das schützende Dach zurückgekehrt wären, was +freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hörten +einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte +aufmerksam, ob sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf +diese Weise verhielten sich beide still und wachsam, bis sie +endlich über dem anhaltenden Aufmerken einschliefen.</p> + +<p>Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis +zum nächsten Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit +schlief, verschoben werden mußte, und inzwischen dachten +Wonnebald und Lando darüber nach, unter was für einem +Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von der +Burg entfernen könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch +ein überraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt: +unangemeldet nämlich erschien der Erzbischof von Casalba +auf der Burg, der nicht länger davon abstehen wollte, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_67" id="Page_67">67</a><span>] </span></span>das Treiben seines Neffen sowohl wie des Bischofs durch +eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag +übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwünscht, +und er ließ köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig +und schnell und ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden +Angelegenheiten über, zunächst des Hexenprozesses, den +er für ein anstößiges und bedenkliches Gemächte erklärte. +Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des Zauberns, +über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels +und über Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worüber +es dem Erzbischof heiß und absonderlich zumute wurde, da er +es für nichts andres als den Ausfluß blöden Aberglaubens +halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück seinerzeit nicht +treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz gestellt +habe, und er sagte sich, daß es jetzt an ihm sei, den verfahrenen +Karren, wenn irgend möglich, ohne Lärm und Aufhebens aus +dem Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst unerörtert +und sagte nur, daß man auch die beste Sache nicht in +schroffer Weise und bis zum äußersten führen dürfe, daß +Formen veralteten und daß es wesentlich sei, nicht zum Trotz +der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten, schließlich, +daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch und +Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu +wollen. Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs +herauszuwittern, und beeilte sich, zu versichern, daß +er ebenso denke, aber einer Partei habe nachgeben müssen, die +im Lande mächtig sei und an deren Spitze der Medizinalrat +von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und blutdürstiger +Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er, +der Bischof, ihn nicht einigermaßen im Zaume gehalten hätte; +auch hätte er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen +zu lassen, damit der Prozeß hängen bleibe und die böse Sache +im Sande verlaufen könne. Damit erklärte sich der Erzbischof +einverstanden, nur müsse vermieden werden, sagte er, daß +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_68" id="Page_68">68</a><span>] </span></span>Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat +und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.</p> + +<p>Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger +und zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt +hatte: bei allen Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit +zeigte er sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte +zu verzichten, sondern auch dem Oheim in seine Residenz +zu folgen, vielleicht sogar die ihm zugedachte Braut zu heiraten, +die Giselbert ihm als krank vor Sehnsucht und mit mädchenhafter +Scham verhülltem Kummer überaus anziehend schilderte. +Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst herabhängender +Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen Wünschen +fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des +Lebens nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt +würde, daß die Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner +nicht nachgestellt werden solle, worauf der Erzbischof nach +einigem gespielten Bedenken und Zögern einging. Er streichelte +seinen Neffen zärtlich und fing, um ihn zu zerstreuen, ein Gespräch +über die Torheiten des Bischofs an, worauf Lando +lustiger und gesprächiger wurde, freilich ohne seine Schwermut +abzulegen, so daß auf dem schwarzen Grunde seine frechen +Witze desto blendender funkelten.</p> + +<p>Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen +sollte, überlegte sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt +Wonnebald oder Lando mit der Ausführung des Werkes +zu betrauen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, wodurch +zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand, befriedigt +werden würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht +und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt hätte, +herauskam, daß sie nicht nur am laufenden, sondern auch am +vorigen Tage ohne Nahrung geblieben waren, erklärte der +Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange der Sonne warten +zu wollen, bis er hinüberginge, besonders weil es sich um ein +kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht erliegen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_69" id="Page_69">69</a><span>] </span></span>könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte deutlich an, +daß dem Versehen nicht mörderische Absicht, sondern Vergeßlichkeit +zugrunde lag, weshalb es der Erzbischof bei einem +kurzen, scharfen Fluch, der in vornehmen Kreisen gebräuchlich +war, bewenden ließ und schnell von der bischöflichen Tafel +Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein zusammenraffte und +in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu bringen.</p> + +<p>Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so +daß er mehrere Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte +er die Schritte immer wieder, so gut er konnte. +Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er sogleich die Frau +und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem Boden +liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus +tief umschatteten Augen so traurig an, daß sich sein Herz vor +Mitleid und Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben +ihr nieder und setzte die Weinflasche an ihre Lippen, indem +er sie mit dem Arm unterstützte; erst als sie getrunken hatte, +bemerkte er, daß ihr Hemd offen stand und Hals und Brust +sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten, verwelkten +Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, +das still mit halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper +dann und wann ein kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen +mit Wein und versuchte, einige Tropfen in das offene Mündchen +fließen zu lassen, während welcher Bemühungen Lux anfing +zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto leidenschaftlicher +schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte +dazu gebracht werden, daß sie ein wenig Brot und Fleisch aß, +worauf sie sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden +Mann betrachtete und diesen mit freundlich ernstem Blick +und zutraulichem Nicken fragte: »Bist du der Himmelvater?« +Dem Erzbischof kamen Tränen in die Augen, und er bückte +sich ein wenig, um eine von den kältestarren Händen der +Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken, was +sie sich feierlich froh gefallen ließ.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_70" id="Page_70">70</a><span>] </span></span>Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe +versteckte, Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen +und wohin sie sich wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig +mit kleinen Bissen fütterte, war es Abend geworden, und er +mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf der Treppe jedoch gab es +einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der, obwohl er sich +kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter herunterkommen +hörte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach. +Es stellte sich heraus, daß er, sowie Lux in den +Turm geführt worden war, sich dorthin geschlichen und in dem +Gebüsch, das ihn umgab, versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, +bei irgendeiner Gelegenheit hineinschlüpfen zu können, +jedenfalls aber ihre Gefangenschaft freiwillig zu teilen und, +wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr nah zu sein. +Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt war, +verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe +begnügen, da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen +wollte. Der Erzbischof sah den dreien nach, wie sie sich den +schlängelnden Pfad des Burghügels hinunterbewegten, bald +verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er sie nicht +mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus +zurück.</p> + +<p>Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über +den Strom führte, hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn +sie hinüberginge, das letzte Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu +sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand zu drücken und +ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen +und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich +war; allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie +ein Sturmvogel leicht und kräftig durch milde, nasse Luft +schneidet, das helle Gesicht dem kalten, schwarzen Himmel, +die Augen dem gegenüberliegenden Berge zugewendet, empfand +er plötzlich bitteres Weh im Herzen und weinte verstohlen +auf den hölzernen Pfosten, an den er sich so dicht preßte, als +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_71" id="Page_71">71</a><span>] </span></span>ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht gesehen, +oder wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet; +nichts war da für sie, außer sie selbst und die beiden +getreuen kleinen Wesen, die sie nah bei sich fühlte, miteinander +getragen und gehalten von der Erde und der Luft und dem +Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd, wissend umgaben. +Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt, vielleicht +durch das Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem +sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit +der kalten Nase in den Hals ihrer Mutter grub: »Du riechst +gut!« worauf sie sofort wieder einschlief. Es kam Lux eine +unwiderstehliche Lust an zu lachen, daß es von dem breiten +Bergrücken widerhallte, die Frostluft über dem winterlich +schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu erschüttern; +aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns magere +Hand und Lisutts leise schmorenden Körper fester.</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung +über die Flucht des Schermäusers, welche offenbar durch +Magie oder schwarze Kunst war bewerkstelligt worden, als +eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die Stiftsdame Hermenegilde +nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres Kindes +auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause +und rief den Bischof als ruchlosen Bösewicht aus, der nicht +nur der Millionenmaria die Krone gestohlen, sondern dazu +noch einen Unschuldigen des Verbrechens bezichtigt habe. Um +ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine Handvoll +Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt +habe, und die allerdings als zu dem vermißten Heiligtume +gehörig erkannt wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde, +würde sich zweifelsohne im Besitze des Bischofs finden, +der sich ohne Erröten als Entwender desselben ihr gegenüber +bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich zur Hehlerin +eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, daß in ihrer +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_72" id="Page_72">72</a><span>] </span></span>Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als +der Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, +ihren Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe +und mehr dergleichen stattgefunden, und daß eben +jetzt das Mitleid mit dem fälschlich Beklagten, von dessen +Flucht sie noch nichts gewußt hätte, gesiegt habe.</p> + +<p>Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten +Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche +Verlegenheit, und sie hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht +vertuscht, wenn nicht einige Herren darunter gewesen +wären, die, scharf und scheel, immer bei der Hand waren, +wenn es galt, der Geistlichkeit etwas aufzumutzen, und wenn +die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde Henne von +Haus zu Haus gegangen wäre, um ihr faules Geheimnis in +jedes offene Ohr zu legen.</p> + +<p>Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch +das rasch verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone +auf die Seite gebracht hätte, bevor eine Untersuchung in +Gang kam; aber er war an diesem Tag abwesend, weil er +den Erzbischof in seiner großen Kutsche bis zur nächsten Eisenbahnstation +begleiten mußte, die mehrere Stunden weit entfernt +lag, und kam erst zurück, als sich bereits einige Gerichtsbeamte +in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem +heiligen Gegenstande zu durchstöbern. Wonnebald war zu +überrascht, um seinen Schrecken verhehlen zu können, und +warf sich laut ächzend in einen Sessel, von dem aus er die +Nichtswürdigkeit der Hermenegilde verwünschte, die es nicht +für zu entmenscht hielte, einen treuen Freund, Vater, Berater +und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben. Die Herren +hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an, +wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen, +mit denen sie die Kasten, Schränke und Türen öffnen +könnten, worauf Wonnebald mit müder Handbewegung auf +eine silberne Truhe deutete, in der sich ein Schlüsselbund befand. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_73" id="Page_73">73</a><span>] </span></span>Während sie damit hantierten, fuhr er fort zu jammern, +daß er schon am vergangenen Tage durch den Besuch des Erzbischofs +aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, daß er +in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen Knochen +und Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß +man ihm in der Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, +das fader als gekochtes Kalb gewesen sei, und einen Wein, +der wie Blausäure und Essig geschmeckt habe, daß er keine +Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er gehofft +habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine +solche Wirtschaft gerate, so daß er sich in Wahrheit einen +großen Märtyrer und Leidensgenossen nennen dürfe.</p> + +<p>Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden +worden, das Wonnebald im Laufe des Sommers als +Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und das zufällig noch nicht +gebraucht war, und die Herren entfernten sich, indem sie dem +Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen, deren +Ausgänge übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald +atmete auf, als die Störenfriede sich entfernt hatten, und +da er der Meinung war, es würde töricht sein, nachdem das +Schicksal ihn dermaßen gepeinigt habe, sich freiwillig weiter +zu kreuzigen, ließ er sich eine auserlesene Abendmahlzeit auftragen +und schlief gut gesättigt bis in den lichten Morgen. +Es zeigte sich, daß dies eine glückliche Maßregel gewesen war, +denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee zu +sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe +er sich aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen +hatte. Bald darauf wurde er im Wagen abgeholt, +um auf das Rathaus geführt zu werden, was nur langsam +vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte, +um ihn zu beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne +seine Furcht merken zu lassen, die Menge mit milder Gebärde +durch das verschlossene Fenster segnete.</p> + +<p>Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des Bischofs +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_74" id="Page_74">74</a><span>] </span></span>war ohne Maß. In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten +sich zwei Parteien, von denen die eine glaubte, er habe mit +dem Schermäuser unter einer Decke gespielt, ihm nur zum +Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur Flucht verholfen, +während die andre behauptete, der Jüngling sei unschuldig +gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten, +der ihm das eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis +war bei beiden Parteien das gleiche, nämlich, daß der Bischof +ein fluchwürdiger Charakter und Wolf im Schafspelze wäre, +für den keine der gewöhnlichen Strafen, sei es Hängen oder +Halsabschneiden, hinreichend wäre. Niemand war so erbost +wie der Medizinalrat, der, während einige darauf bestanden, +dem Bischof von Anfang an mißtraut und den jugendlichen +Maulwurffänger im Herzen bemitleidet zu haben, frei bekannte, +daß er sich habe täuschen lassen und sich dessen nicht +schäme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes sei, die Reinen +zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er, bleibe +noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und +so sei es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige +Diener sie beschmutzten, nicht entstellen könne; freilich +gäbe es schwache Seelen, die sich durch solchen zufälligen +Schmutz irremachen ließen, und darum seien die Urheber +des Unflats die gottlosesten unter den Sündern und müßten +auf langsamem Feuer geröstet oder mit glühenden Zangen +gezwickt und zerrissen werden.</p> + +<p>Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn +warten ließ, Muße, sich zu sammeln, und erschien in würdevoller +Fassung vor den düsterblickenden Herren, die seine Aussage +protokollieren sollten. Er blickte still und rätselhaft über +ihre Köpfe weg, während sie ihm vorlasen, aus was für einem +Grunde er verhaftet wäre, und entgegnete auf ihre förmliche +Aufforderung, er könne sich wohl verantworten, wolle es aber +an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor +seinem Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_75" id="Page_75">75</a><span>] </span></span>aus dem eignen Munde seines Hirten zu vernehmen. Einer +der Herren, welche Kirchenfeinde waren, erwiderte unwirsch, +das sei ungesetzlicher Firlefanz und könne nicht gestattet werden; +da aber der Bischof, immer noch still über die Köpfe wegblickend, +erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm auferlegt +würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren +Willen umzuwenden, entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt +werden solle, und es wurde bekanntgemacht, daß der +Bischof in der Kirche vor allen, die es hören wollten, sich +wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung verantworten +würde.</p> + +<p>Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der +Bischof auch ihm das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld +ablegen wolle, und keiner dachte daran, sich seinem Wunsche +zu versagen, so daß die Wallfahrt den Burghügel hinan kein +Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern auch die +anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll +wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im +Rathause verbleiben müssen, doch hatte man ihm auf sein +Verlangen sein veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit +welchem bekleidet er dann glanzvoll aus einer Seitenkapelle +in die Kirche hereinbrach. Kaum erschienen, tauchte er wiederum +vor einem halbverborgenen Altare unter und kauerte dort +eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, während welcher +Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und +die wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe +verwies. Nach Beendigung des stillen Gebets bestieg der +Bischof eine niedrige Kanzel, welche mehr zur Zierde als zum +Gebrauch da war, betete nochmals mit aufgehobenen Händen +lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine Rede, +in welcher er sich etwa folgendermaßen verbreitete:</p> + +<p>»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln +Glück und Unglück im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich +als euer Hirt und Vater stand und euch segnete, stehe ich jetzt +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_76" id="Page_76">76</a><span>] </span></span>wie ein armer Sünder, wessen angeklagt? Gestohlen soll ich +haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt haben +wie ein wütender Skorpion, der den eignen Schwanz frißt! +Ihr Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß ich meine Zunge entsiegeln, +meine Seele entblößen und schamrot werden muß. +Hört, was sich an jenem gebenedeiten Tage begeben hat, den +ihr für einen Tag des Diebstahls und der Schande haltet.</p> + +<p>Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln +gekämpft, wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott +würdig sei, die Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu +lenken, und unter vielem Tränenvergießen und Händeringen +forschte ich in mir nach den Tugenden des vollkommenen +Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote gehalten? +Hast du deinen Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es +mit der Reue? Wie ist es mit der Buße? und so weiter und +weiter, bis mir der Schweiß von den Schläfen tropfte und ich +zu ersticken glaubte, weswegen ich vom Bett aufstand und mich +in die Kirche begab, um Gott als Schiedsrichter zwischen mir +und meinem Gewissen anzurufen.</p> + +<p>Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam, +zog es mich wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor +der fürbittenden Jungfrau niederzuknien, und heftig betete, +sie möchte mir ein Zeichen geben, ob ich des hohen Amtes, das +ich bekleide, würdig sei. Nicht lange hatte ich in solcher Weise +gebetet und geweint, als sie plötzlich den hochheiligen Arm +bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und mir armen +Sünder auf den gebückten Kopf setzte. Ich jauchzte und +triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum +mich zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten +Gnade! Ferne sei es von mir, so dachte ich, mit der Gunst +Gottes wie mit einem Orden zu prahlen! Ich verbarg die +Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit inbrünstigen Tränen, +wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß die beiden +größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_77" id="Page_77">77</a><span>] </span></span>worden waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet +hatte, nahm ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in +Versuchung zu führen, sämtliche übriggebliebene Edelsteine +und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde ein, damit sie +aus dem Erlös die Nackten kleide und die Hungernden speise, +ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.</p> + +<p>Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich +könnte im Hause Gottes lügen? Würde mich nicht auf der +Stelle sein Blitz zerschmettern, wenn ich lästerte? Aber tut +mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter Gottes den Arm +heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht +minder regen können, um mich mitten aus brennendem Feuer +oder aus kochendem Öl herauszuholen.«</p> + + + +<hr class="chapter" /> +<p class="chapter">Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art +beendete der Bischof seine Rede, die er durch gewaltige +Gebärden ausgeschmückt und dann und wann durch lautes +Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk andächtig einstimmte, +so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch +die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor +Inbrunst auf die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als +Wonnebald von der Kanzel herunterkam, rutschten sie zu ihm +hin, küßten sein Gewand und baten um seinen Segen, den er +rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine Art war, +rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme +des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab +sich der Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehörenden +Gang nach Hause, woran ihn auch niemand hinderte, +da ein solcher ohne Zweifel durch die begeisterte Volksmenge +in Stücke zerrissen worden wäre.</p> + +<p>Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des +geschilderten Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle +Benehmen des Bischofs einigermaßen in Verwirrung gesetzt +und warfen einander stillschweigend Blicke zu, die ebensowohl +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_78" id="Page_78">78</a><span>] </span></span>nachdenkliche Rührung über einen solchen Beweis von Übernatürlichkeit +wie Erstaunen über die Unverschämtheit des +Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend +wachsendes Glaubensfeuer im Volke offenbarte, +hielten es die meisten für ratsam, keine dem Gottesliebling +nachteilige Äußerung laut werden zu lassen, besonders nachdem +der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön +auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen könne. Diese +feurige Natur nämlich entbrannte bei Enthüllung der bischöflichen +Makellosigkeit und seiner überirdischen Krönung sofort +in andächtigen Eifer und beanspruchte für sich nur den Ruhm, +vor aller Welt zum Besten der Kirche von dem stattgehabten +Wunder Zeugnis abzulegen.</p> + +<p>Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den +Einblick in ein auserwähltes Gemüt war entflammt worden, +so war es das der Stiftsdame Hermenegilde, deren Gefühl +plötzlich einen neuen Umschwung, von der Mutterliebe zur +Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger Rache +einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe +ins Verderben gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, +so daß sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu +Füßen geworfen hätte, wenn das Gedränge um seine Person +nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend vor Zerknirschung +suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein ungeachtet +ihrer demütigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich +nicht ohne eine künftig wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche +Aussicht zu stellen.</p> + +<p>Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof +erhobenen Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, +seufzte er mehrere Male und verwünschte im Innern Wonnebald +und denjenigen, der ihm zum erstenmal seinen Namen +genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger über sich selbst, +daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des Menschen +so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_79" id="Page_79">79</a><span>] </span></span>nach vollbrachten Tagesgeschäften unternahm, beruhigte er sich +ein wenig durch die Betrachtung, daß ihn eine solche Erfahrung +vielleicht vor Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem +Dummheit und Dreistigkeit zuweilen das beste Echo aus der +Welt herauslockten und also auch diesmal vielleicht die Spitzbüberei +des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als zum Schaden +gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten +einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben +in Klus verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des +öfteren bei einem unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst +das Zugeständnis, daß er mit Wonnebald zwar viel gewagt, +aber am Ende denn doch das Richtige getroffen habe. Zwar +entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so wenig wie +möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter +einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen +und ließ der Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht +umgehen konnte, sich darüber zu äußern, tat er es vorsichtig +und in feinen Wendungen, wie daß bei Gott kein Ding unmöglich +sei oder daß für den Gläubigen jedes Wunder wirklich +sei und ihm von niemand bestritten werden dürfe noch +könne.</p> + +<p>Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war +ihm das Wunder von Klus durch so feurige Zungen geschildert +worden, daß das Unkraut des Zweifels dabei nicht aufgehen +konnte, kurz, er beschloß, den Bischof durch Überreichung der +Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch, nachdem +die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren +Kopfbedeckung entäußert hatte, nicht anders als billig genannt +werden konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich +beglaubigt, und seit die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung +sich verbreitete, fingen auch die besseren Kreise an, +ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu äußern, und wo +etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall unschlüssig +und makelsüchtig umschwirrt hatten, lösten sich diese +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_80" id="Page_80">80</a><span>] </span></span>nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der triumphierenden +Tagessonne.</p> + +<p>Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene +Rose zu überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an +die Heiligen noch an sonst etwas und konnte sich nichts andres +vorstellen, als daß der Kluser Bischof ein Mann von feinster +Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß er den Leuten eine +so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und verdaulich +machen können. Er selbst war in der diplomatischen und +schriftstellerischen Laufbahn zu einem großen Ansehen gelangt, +niemals aber hatte er sich in den Geruch der Frömmigkeit +bringen können, und bewunderte deshalb nichts so sehr wie +die Hinterlist und Gaukelkunst, vermöge der es einem gelang, +die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der Bischof feierte +nach seiner Weise die Anwesenheit des päpstlichen Gesandten +durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle Kunstwerke +und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, +Gläser, Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht +worden waren, so daß man nicht wußte, wohin man blicken +und was man kosten sollte. Es war auch um diese Zeit der +Justizrat Schimmelmann von seiner Reise zurückgekehrt und +zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche Erzählungen und +vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß und +trank mit Lust und ließ es an geeigneter Stelle nicht an einem +munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beifälliger +Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran +gewöhnt, das Lamm Gottes darzustellen, und träufelte nur +von Zeit zu Zeit, wie wenn er nicht anders könnte, etwas +Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch. Der Überbringer +der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied, +als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte +ihn mit Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen über +alle Maßen günstigen, fast begeisterten Bericht über den erleuchteten +Betrieb des Pückschen Bischofssitzes.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_81" id="Page_81">81</a><span>] </span></span>Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim +Rosenfeste zu sich genommen hatte, schlecht; was erst nur eine +leichte Störung in den verdauenden Organen zu sein schien, +erwies sich als tückische Krankheit, die den prangenden Körper +in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche zurückließ. So unerwünscht +dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte, der +sein Dasein so geschickt und fröhlich zu benutzen verstand, so +gewinnbringend war es für sein Gedächtnis, das sich nun an +den glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte. +Das Trauergepränge dauerte mehrere Tage, und während derselben +verbreitete sich das Gespräch häufig um die Frage, wie +man den Verblichenen geziemend und dauerhaft ehren könne, +sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende Darstellung +seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl +noch nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung +sowie in dem Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken +Wonnebalds in den Zeitungen drucken ließ, derselbe beiläufig +als ein heiliger Mann war bezeichnet worden, kam man von +selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des Gedankens +hätte genannt werden können, an die Heiligsprechung des +Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Würdigung +seiner Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des +Medizinalrats ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen +Wunsch der Kluser Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu +bringen, der, obwohl er von allen Seiten nur das Beste über +den Pückschen Lebenswandel gehört hatte, sich doch vorsichtig +in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt. Wie ausdrücklich +sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen der +Marienkrone für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es +vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten, +die Lebensführung des Kandidaten Punkt für Punkt, +gleichsam wissenschaftlich, auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen, +wodurch sich denn freilich auch seine unbedingtesten +Verehrer zunächst in eine gewisse Verlegenheit versetzt fanden. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_82" id="Page_82">82</a><span>] </span></span>Bei näherem Bedenken indessen sagten sie sich, daß, wenn +Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich ausschließlich +vom Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie +ernährt, noch überhaupt in dieser gewissermaßen älteren Richtung +Löbliches und Wunderwürdiges vollbracht habe, er hingegen +die Tugenden der Demut und Einfalt, welche die eigentlich +christlichen seien, bis zum äußersten getrieben habe, wie +er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann +verheimlicht habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn +nicht die Verleumdung der Bösen zur Mitteilung gezwungen +hätte. Er hätte, sagten sie, ohne sich je der Wissenschaft zu +bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens sei, eine +hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder durch +Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes +befähigt. Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten +diese Sachwalter des Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr +oder überhaupt gar keine staunenswerten Taten von ihm bekannt +seien, dies sich eben von seiner vollkommenen Demut +herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen, von denen +die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.</p> + +<p>Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer +Weise durch ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt +werden, was bei den großen Kosten, die die Heiligsprechung +mit sich bringt, nicht gering anzuschlagen war. Ein +glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an die Marienkrone, +die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans +Licht gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen +dazugehörigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher +Verwahrung befand, und deren Geldwert hinreichte, um die +Vollziehung des großen Geschäftes daraus zu bestreiten. Es +hatte zwar die Absicht bestanden, der Gottesmutter ihre Krone +zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden, daß sie dieselbe +freiwillig und vermutlich aus guten Gründen an Wonnebald +abgetreten habe, und daß man in ihrem Sinne handle, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_83" id="Page_83">83</a><span>] </span></span>wenn man sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner +Person nutzbar mache.</p> + +<p>Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs +während der Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen +gemacht und sah in der Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, +woraus denn wiederum geschlossen werden konnte, was +für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des Wonnebald +im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich +der päpstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des +Bischofs in die Schar der Heiligen fand unter den üblichen +Zeremonien zu vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen +statt. Das Bild Pücks wurde in der Burgkirche aufgehängt, +mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine Hand +im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos +gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch Vergegenwärtigung +der seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof +von Casalba, der an gewissen Festtagen in der Kluser +Kirche einen Gottesdienst abhielt, verweilte gern einige +Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte mit gedankenvollem +Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod +des Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn +so schleunig wie bisher fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich +gezwungen gewesen wäre, ihn zum Herrgott zu machen, um +ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen Bedürfnis entsprechend +weiter zu befördern.</p> + +<p class="center noindent" style="margin-top: 6em;"><span class="bt" style="white-space: nowrap;">21. bis 30. Tausend</span><br /> +*<br /> +Druck der Offizin<br /> +<span class="bb" style="white-space: nowrap;">Fr. Richter in Leipzig</span> +</p> + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück, by +Ricarda Huch + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WONNEBALD PUCK *** + +***** This file should be named 31834-h.htm or 31834-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/1/8/3/31834/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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