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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:56:31 -0700
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+Project Gutenberg's Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück, by Ricarda Huch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
+ Eine Erzählung
+
+Author: Ricarda Huch
+
+Release Date: March 31, 2010 [EBook #31834]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WONNEBALD PUCK ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu
+ zu übertragen.
+
+ Das Original ist in Fraktur gesetzt.
+ Die 4 Vorkommnisse des Titels Dr., die einzigen im Original in
+ Antiqua gesetzten Stellen, wurden nicht markiert.]
+
+
+
+
+ Lebenslauf
+ des heiligen Wonnebald Pück
+
+
+ Eine Erzählung
+ von
+ Ricarda Huch
+
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen war, ging Lux
+Bernkule, ein junges verwitwetes Weib, mit ihren zwei Kindern, dem
+zehnjährigen Brun und der kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen
+Orte Klus, der ihre Heimat werden sollte. Es lebte dort der Vater ihres
+verstorbenen Mannes, Christoph Bernkule, in hohem Alter als Schermäuser
+oder Maulwurfsfänger, welches Amt ihm ein nettes Einkommen verschaffte,
+und bei dessen Ausübung ihn die Schwiegertochter mit ihren Kindern
+unterstützen sollte. Sein Sohn Henne, ihr Mann, hatte mit seinem Vater
+von jeher in Unfrieden gelebt, so daß er ihm Frau und Kinder niemals
+vorgestellt, die Ursache davon aber niemals hatte laut werden lassen; da
+nun der Lux die enge Rechtlichkeit und Hartköpfigkeit ihres Mannes wohl
+bekannt waren, bildete sie sich ein, daß auch er schuld an dem Zwiespalt
+getragen haben könnte, und war wohl geneigt, der Einladung des Greises
+Folge zu leisten, teils aus Neugier, teils aus Mitleid mit seinem
+einsamen Alter, und schließlich weil sie durch einen mächtigen Gönner,
+der ihr alles Erdenkliche an Schutz und Begünstigung zusicherte, dazu
+angeregt wurde. Dies war der Abt des Klosters, in dessen Nachbarschaft
+ihr Mann Forstgehilfe gewesen war, Wonnebald Pück, der kürzlich zum
+Bischof von Klus ernannt worden war und, heftig verliebt in die
+anmutreiche Frau, sie eindringlichst ermunterte, gleichfalls dorthin
+überzusiedeln, wo sie einzig auf der Welt noch Familienanhang hätte.
+Einem Ratschlag des alten Bernkule folgend, hatte sie Männerkleidung
+angelegt und stieg so behende, aber ohne sich zu eilen, den alten
+Saumpfad hinan, der den Fußgängern diente, mit Hilfe des kleinen Brun
+einen Karren bald schiebend, bald ziehend, der mit allerlei Kleidern
+und Hausrat beladen war, und auf dem auch Lisutt, wenn sie müde war,
+gefahren wurde. An einem hochgelegenen Punkte kreuzte sich der alte,
+beschwerliche Weg mit der neuen Straße, die für die Eisenbahn gebaut
+worden war, und es fügte sich, daß die Wanderer dort mit dem Zuge
+zusammentrafen, der den neuen Bischof seinem Ziele entgegenführte.
+
+Er saß im Speisewagen an einem gedeckten Tischchen und erblickte,
+wie er gerade ein Glas rotgelben Weines an die Lippen setzte, die
+fahrenden Leute, die vor dem niedrigen Stationsgebäude standen, dicht
+aneinandergedrängt in dem beißenden Höhenwinde, die Kinder ein Stück
+Brot in den rotgefrorenen Händen. Seine Augen weilten mit Appetit wie
+auf einer leckeren Schüssel auf Lux, deren ragende Schlankheit in der
+losen Jacke und kurzen Pumphose sich schöner als sonst sehen ließ; ihre
+feinen braunen Haare waren abgeschnitten und hingen in weicher Bewegung
+um ihr helles Gesicht, das in reizvollem Wechsel bald tiefgreifendes,
+wägendes Denken, bald betörende Süßigkeit ausdrückte. In ihrem Lächeln,
+mit dem sie seinen leutseligen Gruß erwiderte, lag mehr Überlegenheit,
+als Ehrerbietung oder Liebe zugelassen hätten, allein er ärgerte sich
+weder darüber noch über den trotzigen Blick, den Brun ihm zuwarf, da er
+nicht zweifelte, daß die Zeit, die ihm lieblichste Vergütung im Überfluß
+zuteil werden lassen würde, vor der Tür stände. Mit freundlicher Würde
+winkte er einen Angestellten des Zuges herbei, händigte ihm zugleich mit
+einem reichlichen Trinkgeld eine Flasche Wein ein und bedeutete ihm, sie
+den armen Leuten draußen zu überreichen, und als gleich darauf der Zug
+sich langsam in Bewegung setzte, bewegte er die Hand majestätisch
+grüßend gegen die kleine Gruppe.
+
+Während der Bischof, träumerisch speisend, in dem gemütlichen Wagen, der
+weich wie ein Schlitten dahinsauste, weiterfuhr, malte er sich die mit
+seiner Beförderung verknüpften Annehmlichkeiten in genußreichen Bildern
+aus, wobei seine Zufriedenheit nur durch die Sorge beeinträchtigt wurde,
+ob und wie er sich die Mittel, die seine Lebensführung kostete, würde
+beschaffen können.
+
+Der Vater von Wonnebald Pück war ein schwerreicher Kaufmann und sowohl
+dadurch wie durch seinen Verstand und schließlich durch eine vornehme
+Heirat eine in weiten Kreisen maßgebende Persönlichkeit gewesen. Seine
+Frau, hübsch und von altem Adel, hatte ihm mehrere Kinder geboren, von
+denen das jüngste etwa zwölfjährig war, als sie ihm unerwarteterweise
+noch einmal das Glück, Vater zu werden, in Aussicht stellte. Der bereits
+ergrauende Mann freute sich doppelt, da das Kind ein Knabe wurde, und
+erteilte ihm zu beständigem Andenken an die Seligkeit, die seine Ankunft
+mit sich gebracht hatte, den Namen Wonnebald; doch verwandelte sich
+seine übertriebene Zärtlichkeit bald in Kummer und Ärger, da der Jüngste
+die Anlagen eines Taugenichts, Faulenzers, Dummkopfs verriet, während
+seine älteren Geschwister nicht hervorragend, aber doch leidlich begabt
+und durchaus rechtschaffen waren. Weder in der Schule noch unter
+häuslicher Aufsicht lernte er etwas, galt es aber mutwillige Streiche
+auszuführen oder etwas Verbotenes zu erschleichen, mangelte es ihm nicht
+an Erfindungsgabe und Pfiffigkeit, so daß, wie übel er auch in allen
+ernsten und ehrlichen Angelegenheiten bestand, er doch immer frech und
+guter Dinge und der Zukunft gewiß war. Die Ermahnungen und Drohungen
+seines Vaters schlugen ihm nicht an, einzig bei seiner Furchtsamkeit
+konnte man ihn fassen, und zwar wirkte die Angst vor dem Fegfeuer oder
+Gespenstern weit kräftiger als Angst vor Prügelstrafe oder andern
+natürlichen schmerzhaften Folgen seines argen Lebens, denen er durch
+Glück und schlaue Anschläge zu entrinnen dachte. Wäre aber auch die
+Strenge seines Vaters von Einfluß auf Wonnebald gewesen, so hätte diesen
+die Torheit der einsichtslosen Mutter sogleich wieder aufheben müssen,
+die, so anspruchsvoll und unnachgiebig sie übrigens sein konnte, eine
+Wollust darin fand, sich von ihrem Sohne umgarnen und ausbeuten zu
+lassen, was er geschickt und freundlich zu tun verstand. Ihr war dabei
+etwa so zumute, als ob sie im angenehmen Halbschlummer, so daß sie die
+Töne und Gegenstände nur verschwommen wahrnähme, auf einer Ottomane
+läge, während das Fell einer schnurrenden Katze sich schmeichelnd an
+ihr riebe. So traute sie zum Teil seinen Vorspiegelungen, zum Teil
+seine arglistige Absicht durchschauend, und verharrte beglückt in dem
+gaukelnden Zwielicht, ja widersetzte sich eigensinnig, wenn ihr Mann
+oder ihre andern Kinder sie zwingen wollten, die Wahrheit zu erkennen
+oder zuzugestehen. Als sich die Schwierigkeit und eigentlich
+Unmöglichkeit, Wonnebald in irgendeinem Berufe vorwärts zu bringen,
+zeigte, verfiel sie, mit Vorwürfen wegen ihrer unbesonnenen Erziehung
+überhäuft, auf den Gedanken, ihn geistlich werden zu lassen, da ihm auf
+dieser Laufbahn, so hoffte sie, die bedeutenden Verbindungen ihrer
+adligen Familie zugute kommen würden. Hiergegen sträubte sich der Vater,
+der die Religion für gut und nützlich, die Kirche aber für faul und
+verdammlich hielt, allein da er keinen andern Ausweg wußte und ohnehin
+einen rechten Zusammenhang des Herzens mit Wonnebald nicht mehr spürte,
+gab er nach und mußte bald gestehen, daß, äußerliches Fortkommen und
+Ansehen anbelangend, seine Gattin einen guten Griff getan hatte.
+
+Wonnebalds Geist, der sowohl den einfachen wie den höheren
+Wissenschaften gegenüber unzugänglich geblieben war, nahm glatt und
+geschwind die religiösen Lehren auf, die ihm auf dem Seminar, das er nun
+besuchte, beigebracht wurden, so daß seine Mutter mit Fug behaupten
+durfte, es wäre derselbe einer geweihten Erde vergleichbar, in der
+kein andrer als der gottgefällige Samen der Theologie gedeihen könnte.
+Zwar klagten die Leiter der Anstalt nicht selten über unerlaubte
+Leichtfertigkeiten des jungen Pück, doch pflegten sie, in Anbetracht
+des strengen Wandels, der späterhin unweigerlich zu führen war, den
+Jünglingen die Schwächen und Unzuträglichkeiten ihrer Jahre im
+allgemeinen hingehen zu lassen, besonders wenn diese sich mit so viel
+Talent und Fleiß in kirchlichen Dingen vertrugen wie bei Wonnebald.
+Besonders glänzte seine Kunst der heiligen Darstellung, insofern er
+nämlich beim kirchlichen Amtieren ebensoviel Pomp und Weihe wie
+kindliche Demut in seine Gebärden zu legen wußte, so daß, noch ehe er
+jemals öffentlich aufgetreten war, der Ruf aufkam, er werde sich
+dereinst zu außerordentlichen Würden erheben.
+
+Wonnebalds Mutter warf sich unter dem Eindruck dieser Ereignisse mehr
+und mehr auf die religiöse Seite, besuchte eifrig die Kirche, verkehrte
+mit Geistlichen, machte Stiftungen und Schenkungen und war durch nichts
+mehr zu erbittern, als wenn ihr Mann und ihre Kinder Verwunderung
+darüber äußerten, wie sie bisher ganz ohne religiöse Bedürfnisse und
+Veranstaltungen gelebt habe, was sie bestritt. Bei den Besuchen ihres
+Sohnes befliß sie sich eines bescheidenen und hingebenden Benehmens,
+dessen Früchte er in liebenswürdiger Harmlosigkeit pflückte, wie er denn
+überhaupt alles Gute genoß, ohne sich und andre durch Zweifel oder
+Bedenklichkeiten irgendeiner Art zu stören.
+
+Obwohl er sich durch sein umgängliches Betragen und vergnügtes Gesicht
+bei seinen Lehrern und Vorgesetzten beliebt gemacht hatte, waren diese
+doch nicht ohne Sorge, wie seine eher zu- als abnehmenden fleischlichen
+Wesenseigentümlichkeiten sich mit dem geistlichen Berufe vertragen
+sollten, und führten ihn deshalb mit äußerster Beschleunigung durch alle
+Bildungsgrade bis zur Weihe, in der Meinung, daß durch die mystische
+Handlung das niedrig Stoffliche, was ihm leider noch anklebte, mehr oder
+weniger entzündet und verklärt werden würde.
+
+Indessen wurde eine augenblickliche Wirkung nicht bemerkbar, vielmehr
+entfaltete er seine fröhlichen Triebe, nachdem er Benefiziat in einem
+kleinen entlegenen Dorfe geworden war, erst recht, als wäre nach
+mannigfacher Entbehrung nun die schöne Zeit der Ernte herbeigekommen.
+Was er durchaus nicht lassen konnte und mochte, war, mit hübschen
+Weibern, wenn es irgend anging, Liebschaften anzuknüpfen, wodurch er die
+Bauern nicht wenig ärgerte, und da er ihnen dazu noch dadurch anstößig
+wurde, daß er sich so viel wie möglich Hühner, Eier und Butter schenken
+ließ, hielten sie mit lautem Tadel seiner Predigten nicht zurück, die
+kurz, hohl und unnütz wie Seifenblasen über ihren Köpfen zerplatzten.
+Der Bischof, zu dessen Regiment er gehörte, sah sich genötigt, Wonnebald
+einen Vorhalt zu machen über den Leichtsinn, mit dem er seinen Beruf
+auffaßte, worauf dieser sich damit entschuldigte, daß das kleine Dorf
+ihm keine seinem Geiste angenehme Nahrung gewährte, und daß er deshalb
+den gröberen Zerstreuungen nachginge, die es ihm darböte, ferner,
+was die Predigt beträfe, daß die Bauern sich zu seiner Höhe nicht
+aufschwingen könnten, er zu ihrer Dummheit sich nicht herablassen
+möchte. Hierauf bildete sich die Ansicht, es würde das beste sein, den
+jungen Mann an eine bessere Stelle zu setzen, wo seine Vorzüge mehr
+zur Geltung kämen, seine lasterhaften Gewohnheiten aber teils weniger
+auffielen, teils wegen der beständigen Überwachung durch Gleichstehende
+und Vorgesetzte sich mehr in ein schützendes Dunkel verkriechen würden.
+Solche Erwartungen enttäuschte jedoch Pück, der nunmehr Pfarrer in einer
+größeren Stadt wurde, vollständig, indem er der vermehrten Gelegenheit
+zu Lust und Wonne nicht widerstehen konnte und es weit ausgelassener
+trieb als zuvor, so daß an Abhilfe ernstlich gedacht werden mußte.
+
+ * * * * *
+
+In derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der, gelehrt und
+sittenstreng, an dem ungebührlichen Betragen Wonnebalds einen großen
+Anstoß nahm und sich häufig über ihn so ereiferte, daß er ihn gern mit
+Schimpf und Schande aus der Kirche ausgestoßen hätte. Doch überlegte
+er sich, daß der leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen
+Familienanhang habe, der ein so scharfes Vorgehen übel aufnehmen würde,
+und ferner, daß es der Kirche einen schlechten Leumund bereiten könnte,
+wenn man erführe, daß ein unwissender, untüchtiger und gewissenloser
+Mensch wie Pück es bis zum Pfarrer hatte bringen können. Unter seinen
+Augen aber wollte er solche Leichtfertigkeit sich nicht breitmachen
+sehen und betrieb deshalb seinen Übergang in ein Kloster, so die
+Verantwortung für seine schamlose Aufführung von sich abladend, aber
+nicht ohne ihn mit nachdrücklichen Empfehlungen auszurüsten. In dieser
+und ähnlicher Art rückte Wonnebald mühelos empor und wurde etwa
+fünfundvierzigjährig Abt eines Klosters, das in schöner, waldreicher
+Gegend abseits vom Verkehr der großen Welt gelegen war. Immerhin gab es
+in der Nachbarschaft des Klosters mehrere große Güter, deren Besitzer
+mit dem geselligen Abte in freundliche Beziehungen traten und im Verein
+mit welchen er sich bald das Leben so genußreich einzurichten wußte,
+wie es nach seinem Sinn war. Umsonst freilich gelangte er weder zu den
+üppigen Speisen noch zu den Zärtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er
+dafür so viel Geld aus, daß er sich auf das Spielen verlegte, wobei er
+im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage noch verschlimmerte. Was
+er von seinen inzwischen verstorbenen Eltern geerbt hatte, war bereits
+aufgebraucht, und die Geschwister, die ihm öfters Geld vorgestreckt,
+aber stets vergeblich auf Wiedererstattung gedrungen hatten, weigerten
+sich durchaus, ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den
+Gutsbesitzern abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte, und
+ihnen ebenfalls nichts davon zurückzuzahlen. Dies verdroß die Herren,
+die alle nacheinander an die Reihe kamen, mehr und mehr und vergällte
+ihnen das Zechen und Bechern mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel
+es jetzt auf, daß er kein Gottesmann wäre, wie er sein sollte, und sie
+setzten ihn daheim und öffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter.
+Im Kloster selbst hatte er alle diejenigen auf seiner Seite, denen ein
+gemächliches Leben über alles gefiel, einige aber, die aus Frömmigkeit
+oder galliger Gemütsart den Freudentaumel nicht mitmachen wollten,
+mißbilligten ihn durch schweigende Zurückhaltung oder verklagten ihn
+böswillig, wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.
+
+Diese Zustände bewirkten mit der Zeit, daß Wonnebald zuweilen von
+seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwürfen und Drohungen erhielt, über
+deren Beantwortung er seufzte und schwitzte, ohne doch etwas Rechtes
+zustande zu bringen, wodurch er auf den Gedanken kam, die Arbeit
+einem geschickten Kopf zu übertragen, der ihm ergeben wäre. Dies
+auszuführen, war aber nicht leicht, denn er wollte sich weder den
+Klosterbrüdern noch den Gutsnachbarn anvertrauen, sondern am liebsten
+einem einfachen, armen Manne, der ihn womöglich für einen übel
+verleumdeten, ehrwürdigen Kirchenvater ansähe und außerdem durch
+kleine Belohnungen in Abhängigkeit zu halten wäre. Unter den Bauern
+und Tagelöhnern, die in der Gegend wohnten, war ihm indessen keiner
+bekannt, der gescheiter als er selbst gewesen wäre, doch fiel ihm ein,
+einmal von einer Frau gehört zu haben, die mit zierlicher Handschrift
+wundervoll zu schreiben verstände und für die ganze Bauernschaft
+ringsum ausfertigte, was an Schreibereien vorkäme, sei es in
+Liebessachen oder beim Handel oder vor Gericht. Wonnebald, der unter
+den Frauen und Mädchen übrigens gut Bescheid wußte, hatte sich die
+Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um diese handelte es sich, aus
+mehreren Gründen bisher entgehen lassen: einmal weil er die gelehrten
+Weiber verabscheute und sodann weil er wußte, daß sie eines Jägers
+Frau war, eines strengen, aufbrausenden Mannes, der überdies auf die
+Geistlichkeit nicht gut zu sprechen war.
+
+Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten, in
+allerlei Künsten geübten Dame, die einen schon vor ihrer Einkleidung
+ihr vertrauten Liebhaber auch im Kloster noch öfters gesehen und eine
+Tochter geboren hatte, und der eine nachsichtige Äbtissin gestattete,
+daß das Kind unter den Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar
+durfte sie mit ihrer Mutter nur flüchtig verkehren und ihr auch nie,
+obwohl ihr das gegenseitige Verhältnis nicht verborgen blieb, den
+Mutternamen geben, doch hatte sie Gelegenheit, mancherlei zu lernen und
+sich zu bilden, und benutzte sie willig, wie denn überhaupt ihrem
+gesunden Geiste von allen Seiten Nährendes und Heilsames zugeflogen kam.
+Manches Mädchen wäre unter so heiklen Umständen vergrämt und vergrillt
+geworden, Lux indessen war mild und heiter geartet, durchschaute die
+Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu ärgern, und verlangte
+nicht viel, außer daß man sie anständig und freundlich behandelte, denn
+sie war empfindlich gegen harte oder unschöne Berührungen, wie ihr denn
+überhaupt ein gewisser Hang für anmutige Lebensformen angeboren war.
+Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjährig war, in den Jäger
+Henne Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten war, was freilich in
+der Zeit der Werbung, wo die Leidenschaft seine kräftige Schönheit
+veredelte und immerwährender Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen
+herrschte, leicht übersehen werden konnte. Später sah sie allerlei
+Gebärden und Gewohnheiten an ihm, die mit ihrem Schönheitssinn nicht in
+Einklang waren, doch hatte sie ihn deswegen nicht weniger lieb, sondern
+lachte zuweilen darüber oder denn es rührte sie. Peinlich war es ihr,
+wenn ihr Mann, was er gern tat, über die schlechten Menschen schimpfte,
+insbesondere über die Geistlichkeit, wobei er immer dieselbe Beweisführung
+und dieselben Ausdrücke anwendete, und zwar erging er sich am bittersten
+über das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht zum wenigsten eben
+deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas von ihm wußte, zufrieden
+gefühlt hatte.
+
+Nun wollte es das Glück des Abtes, daß der Forstmann im Kampfe mit einem
+Wilderer verwundet wurde und starb, gerade zu der Zeit, als er der Hilfe
+seiner Frau bedürftig wurde, die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden
+konnte, um ihr sein Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der
+großen, mit stiller Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft
+lächelnden Augen machte ihn fast ein wenig verlegen, da er sie sich
+anders vorgestellt hatte; aber sein Anliegen betreffend, flößte ihm
+die Art ihrer Erscheinung sogleich die Überzeugung ein, daß sie alles
+Erforderliche verstehen und auch tun würde. Sie hörte auf eine solche
+Weise zu, daß die Worte des Sprechenden ihr von selbst entgegenkamen und
+er fließender und einleuchtender, als er selbst geglaubt hatte, die
+Angelegenheit erklären konnte: wie er mit Geschäften überladen und dazu
+an einem bösen Gliederfuß leidend sei, so daß er die Feder nicht stramm
+führen könne, wie er von Unruhstiftern verleumdet, und wie verdrießlich
+ihm, einem friedfertigen Priester, solches Gezänk sei, so daß er
+herzlich dankbar sein würde, wenn ein einsichtiger und verschwiegener
+Freund den häßlichen Briefwechsel, wie es ihn gut dünkte, erledigte. Lux
+sagte vergnügt und bescheiden, sie habe alles verstanden und werde das
+Ding zur Zufriedenheit des Abtes ausführen, brachte auch wirklich in
+Bälde ein Schriftstück zustande, das Wonnebald mit behaglichem Stolz als
+seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die Witwe nicht geeignet, da
+sie nichts weder von der drallen und schnippischen noch von der süßlich
+weinerlichen Frauenart hatte, die er bevorzugte; sie kam ihm unscheinbar
+vor, und er sah es für eine schöne Leutseligkeit seinerseits an, daß er
+ihr trotzdem eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer Ähre glich
+sie wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine
+prangenden Blüten trägt, aber durch die bald silbern aufglänzende, bald
+blau und lila schattende Farbe und den würzereichsten, belebendsten
+Geruch jeden Wanderer anzieht und unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner
+eignen Verwunderung mußte sich der Abt bald gestehen, daß er in
+außergewöhnlich hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen
+durfte, daß sie eine so ganz unverdiente Zuneigung ohne Zögern reichlich
+erwidern würde, fand er doch nicht sogleich eine Wendung, um aus der
+geschäftlichen Region in die menschlich gefühlvolle überzugehen. Nach
+kurzer Zeit indessen hatte er sich so weit ermannt, daß er sich ihr mit
+zutraulicher Zärtlichkeit näherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab,
+indem sie erklärte, sie sei Mutter zweier Kinder und erst kürzlich
+Witwe geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze zu
+dulden oder gar auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende Äußerung
+seiner Dankbarkeit dürfe sie sich immerhin gefallen lassen, hielt sich
+aber doch seitdem zurück, da seine Kenntnis des weiblichen Geschlechts
+ihm riet, sich in diesem Falle nicht aufzudrängen, sondern klüglich die
+Annäherung der Stolzen abzuwarten. Inzwischen besuchte er sie zuweilen
+in ihrer Wohnung, um sich mit ihren Kindern zu befreunden, womit er
+aber nicht viel Glück hatte; denn Brun zeigte sich um so trotziger, je
+schmeichelnder die Liebenswürdigkeit des Abtes ihn zu gewinnen suchte,
+und die kleine Lisutt machte sich wohl seine Beflissenheit zunutze,
+indem sie ihn Greifen und Verstecken spielen ließ, daß er schwitzte,
+schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz, weil er nicht hurtig genug auf
+die Spiele einging, und drehte ihm den Rücken, sowie sich ein besserer
+Kamerad einfand.
+
+Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das auf beiden
+Seiten der rundgewölbten Stirn auf den festen Hals fiel, einen winzigen
+Mund, der stets etwas offen stand, und eine winzige Nase, die dem runden
+Gesicht den Ausdruck von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit
+dem es unbekümmert in die Welt blickte. Der Abt hatte für die Süßigkeit
+dieser vollkommenen Lebensknospe keinen Sinn, und wenn er Kindern auch
+nichts zuleide tat, wünschte er doch im Herzensgrunde, daß sie alle der
+Kuckuck holte, als etwas, was schwirrend und blutsaugend um einen herum
+wäre wie Mücken im Hochsommer. Zuweilen ärgerte er sich auch über Lux,
+daß sie diese Kinder hatte und sich so kostbar machte, anstatt die liebe
+lange Zeit mit ihm zu genießen, aber der Groll erhitzte nur seinen
+Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe für ihre Widerborstigkeit
+recht kurz am Zügel zu halten. Obwohl er im allgemeinen mit vollen
+Händen spendete, um vergnügte und ergebene Gesichter um sich zu sehen,
+belohnte er Lux für die Schreiberdienste, die sie ihm leistete, nur
+kärglich; denn er meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und müsse
+womöglich durch Geldmangel in Demut und Abhängigkeit erhalten werden.
+
+Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwährend derselbe, und da
+einer von seinen Gläubigern, der sich selbst in mißlicher Lage befand,
+eigensinnig auf sein Recht pochte und ihn mit bösartigen Drohungen
+verfolgte, beschloß er, die zudringliche Habgier desselben müsse, es
+koste, was es wolle, gesättigt und sein eigner Beutel wiederum gefüllt
+werden. Die Verzweiflung befruchtete seine Erfindungsgabe: beim Anblick
+eines starken, blank abgesogenen Gänsebeines kam er auf den Gedanken,
+dasselbe könne füglich auch einem andern Lebewesen, beispielsweise einem
+Menschen angehört haben, und wenn es einerseits bedauerlich sei, daß es
+einen Teil eines unwürdigen Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes
+bilde, als welches es angebetet werden, Wunder verrichten und viel Geld
+einbringen könnte, so sei anderseits nichts dagegen einzuwenden, wenn
+ein denkender Kopf es als verschollenen Knochen eines hervorragenden
+Märtyrers ausgäbe, und müßte sowohl die Kirche wie die Laienwelt
+demselben für eine so glückliche Eingebung dankbar sein.
+
+Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde Erregung,
+so daß er, um die Stimmung gehörig auszukosten, sogleich seinen
+vertrautesten Genossen, den Pater Eulogius, rief und eine Karaffe voll
+des erlesensten Weines in den kleinen erkerartigen Ausbau bringen
+ließ, den der sinnige Erbauer des Klosters hatte anbringen lassen, um
+von dort aus das Untergehen der Sonne hinter den dunkeln Wäldern zu
+betrachten. Hierauf setzten sich die Männer in die beiden breiten
+geschnitzten Stühle, die die Nische ausfüllten, und besprachen
+lächelnd und flüsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit
+dem Eulogius augenblicklich einleuchtete, möglichst glaubwürdig und
+ersprießlich könne ausgerichtet werden. Wie sie zuweilen zwischen dem
+Plaudern die Gläser hoben, einen bedächtigen Schluck nahmen und, die
+Augen halb schließend, sich zurücklehnten, fielen ihre Blicke auf ein
+altes Gemäuer, das den nächsten Hügel bekrönte und von dem die Legende
+berichtete, es sei ein Überbleibsel des ersten Klosters, das der
+Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber später von wilden
+Völkern, Hunnen oder Türken, zerstört sei, worauf das neue im Tale,
+größer und prächtiger als jenes, auferbaut worden sei. Zwischen diesen
+Trümmern, meinten Wonnebald und Eulogius, könnte der auserkorene
+Knochen schicklicherweise aufgefunden werden, ja es sei eigentlich
+hochwahrscheinlich, daß das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hieß
+der sagenhafte Stifter, dort oben begraben liege und schon längst
+würde aufgefunden sein, wenn man nur fleißiger nachgespürt hätte.
+Bereits stand es dem Abte fest, daß das jüngste Kind der Lux beim
+Spielen das Gebein zufällig finden sollte, indem die Zutageförderung
+der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das hohe Ereignis desto
+lieblicher einkleiden würde.
+
+In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes und des Paters
+auseinander, besonders hielt es der letztere für notwendig, einen echt
+menschlichen Knochen zu benutzen, da ein tierischer von aufgeklärten
+Nörglern möglicherweise als solcher erkannt und beanstandet werden
+könnte, wogegen der Abt, der über alle Maßen abergläubisch und furchtsam
+war, einwandte, daß man ein menschliches Gerippe nicht angreifen und
+verkleinern dürfe, da der Geist desselben einen sonst bei Nacht
+verfolgen würde, welcher Plage er sich durchaus nicht aussetzen
+wolle. Außer dieser gab es noch andre Schwierigkeiten: so mußte der
+zweifelsüchtigen Welt bewiesen werden, daß der wunderbar entdeckte
+Knochen vom heiligen Krauti herstamme, und es wollte sogleich überlegt
+sein, ob ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen oder eine
+Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente. Es mußten noch
+mehrere Zusammenkünfte in der von der Abendsonne rötlich vergoldeten
+Nische stattfinden, bis alle Punkte erledigt waren, was endlich in
+zufriedenstellender Weise so geschah, daß man sich auf den Knochen
+eines ausgewachsenen Schweines einigte, der durch gewisse Wunder und
+Zeichen als der des frommen Stifters sollte beglaubigt werden.
+
+ * * * * *
+
+Demnach begab es sich eines Nachmittags, daß Frau Lux dem Abte einen
+Knochen überbrachte, den ihre Kinder zwischen dem Gemäuer, auf dem
+Hügel spielend, gefunden hatten und der das Aussehen eines menschlichen
+Kinnbackens zu haben schien. Der Abt hörte den Bericht gnädig an
+und begab sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren
+Glocken, sowie er die Schwelle betrat, merklich zu läuten anfingen,
+was Wonnebald, nachdem eine natürliche Ursache des Geläuts nicht
+entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen Kinnbacken zuschreiben mußte.
+Die herbeigerufenen Väter und Brüder waren geneigt, dieser Ansicht
+beizustimmen, und die lose und unklar in der Luft schwebende Vermutung
+bestätigte sich, als der Knochen, den der Abt, um die Hände zum Gebete
+frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt hatte, da er
+ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen erwies und
+allen Bemühungen, ihn von der Stelle abzulösen, mit augenscheinlich
+magischen Kräften trotzte.
+
+Weitere emsige Nachgrabungen förderten noch mehrere Knochen ans Licht,
+die dem Gutachten der würdigsten Männer zufolge einem einzigen Gerippe
+angehörten, so daß, da auch die im Kloster aufbewahrten Urkunden
+und Chroniken übereinstimmend auf Krauti hinwiesen, der Beweis in
+anatomischer, historischer und göttlicher Hinsicht geleistet worden war.
+
+Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als sich die Kunde
+von der Erhebung eines so ehrwürdigen Knochens verbreitete, der seine
+Kraft innerhalb des Klosters bereits durch verschiedene wundervolle
+Kuren betätigt hatte.
+
+Der nächstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen Krauti
+gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession nach dem Hügel,
+der die seligen Reste des verehrten Mannes von sich gegeben hatte,
+eingeweiht, worauf das Volk gegen Opferung freiwilliger Pfennige zur
+Berührung derselben zugelassen wurde. Seitdem floß den Anfeindungen
+glaubensloser Spötter zum Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen
+auf das Kloster, und der Abt hatte Ursache, sich seiner Erfindung
+herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein allgemeiner Zufriedenheit
+und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne verdunkelt wurde, indem
+eine schottische Kirche, deren unberühmter Name noch niemals über die
+Grenzen der Heimat hinaus erschollen war, Einspruch gegen die Verehrung
+der neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, daß sie selbst seit über
+tausend Jahren das vollzählige Gerippe des heiligen Krauti unangefochten
+und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein Ire, im Alter nach den
+britischen Inseln zurückgekehrt sei und dort durch Zerschmetterung des
+Schädels von Heiden, die er bekehren wollte, die Märtyrerkrone erworben
+habe, wovon die Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen
+seien.
+
+Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Diözese, Herrn
+Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflächliche Teilnahme
+zugewendet hatte. Dieser war ein Mann von den vornehmsten Sitten und
+Lebensgewohnheiten, mit einem feinen Herzen und katzenschnellen
+Verstande begabt, der hüpfend und schlüpfend jeder Schwierigkeit
+begegnete, und wie er mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene
+ins gleiche zu bringen wußte, liebte er es, wenn ihm verzweifelte Fälle
+zum Ordnen übertragen wurden. Er antwortete der schottischen Kirche
+in würdiger, ein wenig herablassender Fassung, daß die legendarischen
+Berichte über das Ende des heiligen Krauti voneinander abwichen, und daß
+seines Wissens die Wahrheit von seiten der Kirche noch nicht endgültig
+festgestellt sei, daß er aber ihren Anspruch, das echte Gerippe zu
+besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus einem
+seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, daß der fragliche Knochen,
+dessen Wundertätigkeit fortwährend im Gange sei, dem heiligen Zeterbogk
+zugehöre, der, ein Begleiter des Krauti, der zweite Abt des Klosters
+gewesen und in demselben verstorben sei, und dessen Überreste schon seit
+Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber früher nicht
+hätten gefunden werden können.
+
+Der Erzbischof urteilte, daß, da die mannigfaltige Wirksamkeit der
+Reliquie nun einmal mit Glück in Betrieb gesetzt sei, die Kirche mit dem
+Zuwachs an heilkräftigem Gebein zufrieden sein könne, ob dasselbe nun
+einen Bestandteil des heiligen Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk
+gebildet hätte. Allerdings tadelte der Erzbischof den Abt, der die
+schwierige Sache zu leichthin und roh behandelt habe, insgeheim scharf,
+bildete sich aber bei näherem persönlichen Verkehr eine überwiegend
+günstige Meinung über ihn, was zum Teil eine Folge seiner vornehmen
+Gesinnung und Herzenswärme war, zum Teil aber daher rührte, daß er den
+Blick immer auf Bedeutendes und Merkwürdiges richtete und darum gerade
+in der Beurteilung des Einfachen und Einfältigen häufig irrte. Daß
+Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging ihm nicht,
+und auch seine dreiste, unbezähmbare Sinnlichkeit erkannte er, doch
+glaubte er in ihm jene geniale Zeugungskraft weittragender Einfälle,
+jenen Spürsinn, jene Sehergabe wahrzunehmen, vermöge welcher Kinder und
+Toren oft den Gebildeten beschämen, und war deshalb der Meinung, es
+könne großer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man ihn unter Aufsicht
+hielte und ein denkender Geist sich gewissermaßen seiner unbewußten
+Fähigkeiten bediente. Da nun außerdem das Kloster durch den Knochen
+des Krauti oder Zeterbogk einen sichtbaren Aufschwung genommen hatte
+und der Abt, unter dessen Regiment die Entdeckung stattgefunden hatte,
+ein Zeichen der Anerkennung durchaus verdiente, und da es, angesichts
+der Anfeindungen und Anklagen, die Wonnebald in dieser Gegend sich
+zugezogen hatte, ratsam schien, ihn von dort zu entfernen, wo sein übler
+Ruf schließlich auch auf den von ihm eingeführten Knochen hätte fallen
+können, hielt es Giselbert für das angemessenste, wenn er zum Bischof von
+Klus ernannt würde, einem einst bedeutenden, jetzt heruntergekommenen,
+unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner eignen Residenz, so daß er
+sein Tun und Lassen einigermaßen bewachen könnte.
+
+Pück war mit diesem Wechsel, der auf die Befürwortung des Erzbischofs
+wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen des guten Fortschritts
+auf seiner Laufbahn, wie weil der Aufenthalt im Kloster ihm allzu
+eintönig geworden war und er nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und
+nicht betriebsam, aber ein behagliches Städtchen war, wo infolge seiner
+schönen Lage reiche Leute ihre Einkünfte verzehrten, werde eine Fülle
+von Anregungen für seine Gemütsart in sich bergen. Einzig der Gedanke
+war ihm unleidlich, daß er sich von Lux trennen sollte, bevor er seinen
+Liebesmut gekühlt hätte, und nicht zum wenigsten deshalb, weil ihm ihre
+Hilfe in Schreibereien und andern Dingen unentbehrlich geworden war. Er
+hatte die Überzeugung gewonnen, daß Frauen, vernünftiger und bescheidener
+als Männer, sich geleisteter Dienste wegen weit weniger als jene
+überhöben und sich oft schon dadurch als belohnt betrachteten, daß sie
+einem Manne und insbesondere einem Geistlichen überhaupt von Nutzen sein
+durften. Deswegen unterstützte er eifrig die Bitte des alten Bernkule,
+der eben um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden
+Gebrechlichkeit wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig und
+zuwider sei und den er gern durch einen Verwandten ersetzen möchte; wenn
+Lux willens wäre, Männerkleidung anzulegen und sich je nach Alter und
+Aussehen, das ihm unbekannt sei, für seinen Sohn oder Enkel auszugeben,
+könne sie einerseits ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich
+sein und zugleich, da sie zweifelsohne sein Nachfolger werden würde,
+sich und ihren Kindern eine schöne, gesicherte Zukunft begründen. Auch
+damit war Wonnebald vollkommen einverstanden, denn er meinte, wenn Lux
+als Mann aufträte, könne er sich desto häufiger in ihrer Nähe sehen
+lassen, ohne sich böswilligen Deutungen auszusetzen, und er versprach
+ihr, wenn sie nur mitkäme, das Seinige zu tun, damit der unschuldige
+Betrug zur Ausführung gebracht werden könnte. Der kleine Brun
+mißbilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur aus Rechtlichkeit,
+sondern aus einem trotzigen Männergefühl, das sich dagegen sträubte, die
+Mutter in einen älteren Bruder verwandelt zu sehen, aber ihre neckischen
+Späße und holdseligen Liebkosungen überwanden seinen Groll, und so ging
+die Übersiedlung glücklich vonstatten; im sanftesten Frühlingswetter
+stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hügeligen Fluren auf der
+einen Seite eines weißen, stürmisch hinschießenden Flusses und dem
+gemach ansteigenden Gebirge auf der andern überaus zufriedenstellend
+dar. Der Bischof bewohnte eine wunderlich aufgetürmte Burg, an der
+Jahrhunderte gebaut haben mochten und die von einer Anhöhe über den
+Fluß, der an dieser Stelle einen tosenden Strudel bildete, auf das Tal
+und hinüber auf die Berge blickte.
+
+In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von außen unscheinbar, aber
+innen mit goldenen Altären, pompösen Grabmälern und engelumflatterten
+Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet. Wonnebald fühlte sich inmitten
+dieser Pracht und in seinem neuen Galagewande endlich ebenbürtig
+eingefaßt und umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so
+majestätisch und geläufig, daß die anwesenden Geistlichen und Laien
+betäubt und verlegen dasaßen und sich ihres minderen Wertes bewußt
+wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche hineinzudrängen gewußt und
+betrachtete gemächlich von oben die stumm wogende Menge und den
+köstlichen Zierat in Gold und Porphyr um sich her, bis sich im
+Hintergrunde eine Pforte auftat und der Bischof mit geschwindem Schritt
+und geblähtem Mantel das Kreuzschiff durchmaß, vor einigen Heiligtümern
+sich rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des Altarraumes zu
+verschwinden. Die schmalen grauen Augen der Lux lächelten vor Vergnügen,
+wie sie an die Briefe dachte, die sie für den Abt geschrieben hatte, an
+die Liebeswerbungen, mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im
+Allerheiligsten so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick
+des Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah,
+wandelte sie eine solche Lustigkeit an, daß sie zuweilen das Gesicht
+mit den Händen bedecken mußte, um nichts davon merken zu lassen.
+
+ * * * * *
+
+Besonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene Auftreten
+des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den unbeteiligten Augen, der
+frommen, regelmäßigen Nase und dem molligen Kinn auf mehrere Damen
+gewirkt, von denen Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes
+für adelige Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im allgemeinen
+von herber Sinnesart, war sie der Liebe doch in hohem Maße zugänglich
+und hätte sich leicht in einen leidenschaftlichen Lebenswandel
+verwickeln können, wenn nicht die Herrschsucht, die sich schon in ihrer
+stattlichen Erscheinung ausprägte, manche Liebhaber abgeschreckt und vor
+manchen andern ihr Hochmut sie beschützt hätte. Nichts hingegen sprach
+gegen den Bischof, dessen hochehrwürdiges Amt, Ansehen und männliche
+Schönheit wohl das Opfer des Herzens und der Ehre wert war, und es
+bereitete sich in ihrem Innern eine grenzenlose Hingebung gegen ihn vor,
+zugleich mit dem Trieb, sich seiner, es koste, was es wolle, ganz und
+ausschließlich zu bemächtigen.
+
+Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die er eingeflößt
+hatte, zu entziehen, und verschloß sich den Vorzügen der Hermenegilde,
+die zwar nicht jung und hold, aber desto saftiger und üppiger war,
+nicht; doch verdrängten die Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus
+seinem Herzen, nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte,
+je mehr ihm täglich fühlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu verleihen
+imstande ist.
+
+Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins von den
+einstöckigen kleinen Häusern, die an den Fuß der Burg angebaut und
+einstmals für die Lehensleute des Burgherrn mochten errichtet worden
+sein und die ängstlich geduckten Schafen glichen, die vor Gewitter
+oder Sturm einen Unterschlupf suchen. Bei seinem ersten Anblick
+fühlte Lux, daß sie dem alten Manne nicht gram sein könnte, so gut
+gefielen ihr seine kleinen beschatteten, munteren und schlauen Augen,
+die oft nach innen versanken und sich dort auszuruhen schienen, dann
+plötzlich aufglommen und hierhin und dorthin sprühten, die letzte
+Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften Körper die
+Zeit vertrieben hatte. Aus seinem gelbfaltigen Gesicht sprang eine
+scharfe, spitzhöckerige Nase, die ihn auffallend und kenntlich
+machte, und er konnte bedrohlich böse aussehen, doch war es ihm
+selten ernst damit, und das Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln,
+wenn er mit funkelnden Blicken und grimmigen Worten Kindern oder
+ungelegenen Leuten Furcht einflößte. Seine Schwiegertochter sagte ihm
+zu, am liebsten aber hielt er sich in Gesellschaft der kleinen Lisutt
+auf, deren törichtes Geplauder ihn anmutete, wie wenn ein Bächlein
+neben ihm herrieselte und mit kristallenen Zungen von den großen
+Geheimnissen der Natur schwatzte.
+
+Eine beliebte Unterhaltung war es für Lisutt, bei den Marienbildern
+und Kruzifixen, die hier und da zwischen den Feldern errichtet waren,
+stehen zu bleiben, eine winzige Verbeugung zu machen und sich zu
+bekreuzigen, indem sie mit den kleinen Händen eifrig über Gesicht und
+Brust wischte. Gab es ein Gebetbänkchen, so kniete sie darauf nieder
+und veranlaßte den Großvater durch einen gebieterischen Wink, die
+morschen Knie zu krümmen und sich neben sie zu kauern, worauf er
+denn mit vergnügtem Augenzwinkern das ernste Gesicht neben sich mit
+dem in leiser, flüsternder Bewegung das Beten nachahmenden Munde
+betrachtete: die Oberlippe wölbte sich wie ein rosenblätteriger
+Triumphbogen über seidener Schwelle und ließ den unschuldvollen Duft
+der gedankenlosen Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche
+oder Kapelle am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich
+hinein und schnurstracks zum Weihwasserbecken, um ihn und sich
+andächtig zu beplantschen. Häufig mußte der alte Bernkule von den
+jenseitigen Verhältnissen erzählen, was anfangs nicht leicht war;
+denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung vom Himmel als einer Art
+geräumiger und vollzähliger Menagerie oder Arche Noah, wo es nicht
+nur Löwen und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen, Grashüpfer
+und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die guten Bären
+und Wölfe, die man hienieden nur von ferne durch ein Gitter betrachten
+durfte, nach Herzenslust streicheln könnten, und sie litt durchaus
+keine Schilderung, die von dieser Anschauungsweise abwich. Übrigens
+war dem Alten in seinem dämmernden Sinn oft nicht anders zumute, als
+befände er sich in der Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf
+den Himmel vorbereitete und aus dessen sonnigem Fleisch, das so
+aromatisch und süßsaftig war wie eine Südfrucht, eine neue, reinere
+Lebensjugend auf ihn überströmte.
+
+Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten Anfang; das
+Geschäft stellte sich angenehm dar, solange Lux mit den Kindern
+umherging, den Boden untersuchte und Fallen aufrichtete, wobei namentlich
+Brun sich anstellig zeigte; eines Tages aber hatte sich ein Maulwurf
+gefangen und hing mit schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner
+Kralle durchstochen, wehmütig baumelnd an dem grausamen Galgen. In
+Lisutts Gesicht malte sich bei diesem Anblick zuerst Erstaunen, dann, wie
+sie allmählich begriff, was geschehen war, Schrecken und Jammer, worauf
+ihre taufeuchten Mundwinkel sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den
+sich verbreiternden Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes
+Weinen ihre völlige Verzweiflung ankündigte. Lux litt nicht viel weniger,
+denn das Mitgefühl, das sie selber mit dem listig erwürgten Gesellen
+hatte, wurde verdoppelt und gleichsam geweiht durch die unschuldigen
+Tränen ihres Kindes, die zu sehen ihr ohnehin unerträglich war. Sie
+versuchte Lisutt durch Schilderung eines netten, mit Blutnelken und
+Katzenpfötchen bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf legen würde,
+zu trösten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig erholt, so fielen
+ihre Augen wieder auf das hübsche Samtfell, und der Jammer brach von
+neuem hervor. Brun, obwohl nicht gefühllos, nahm sich dem ausgelassenen
+Schmerz seiner Mutter und Schwester gegenüber zusammen, sagte mit
+gerunzelten Brauen, das gehöre zum Geschäft, und schickte sich an, dem
+Toten das winzige Schwänzchen abzuschneiden, das, wie der Großvater ihm
+gesagt hatte, nach erfolgtem Fang der zuständigen Behörde überreicht
+werden mußte. Lisutt drang, um dies zu verhindern, mit geballten Fäusten
+furchtlos auf ihn ein, und Lux hatte Mühe, die Kämpfenden zu trennen und
+die Kleine nach Hause zu bringen, die nunmehr den Großvater tüchtig
+ausschimpfte und ihm dieses und jenes androhte, wenn er fortfahren würde,
+die guten Maulwürfe umzubringen. Der alte Bernkule lachte, daß ihm die
+Augen naß wurden, nahm darauf seine Schwiegertochter beiseite und machte
+ihr heimlich die folgende Erklärung: sie brauche sich wegen der
+Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht wichtig damit, seine
+Einkünfte gründeten sich vornehmlich auf eine andre Arbeit, die ohne
+Widerwärtigkeit im stillen Kämmerchen könne ausgeführt werden. Es sei
+nämlich Herkommen, daß der Magistrat dem Maulwurfsfänger außer dem für
+das Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf einzeln
+bezahle, über deren Zahl er sich nach altem Gebrauche durch Ablieferung
+der betreffenden Schwänze auszuweisen habe, die zu zwölfen an eine Schnur
+gebunden, in Form kleiner Kränze überreicht zu werden pflegten. Da nun
+das Gehalt zu gering sei, als daß ein einzelner, geschweige denn eine
+Familie davon leben könne, und anderseits der Maulwurf in dieser Gegend
+nicht so zahlreich wäre, daß das Fehlende durch große Ausbeute könnte
+ausgeglichen werden, habe er sich von jeher bestrebt, künstliche
+Maulwurfschwänze herzustellen, was ihm auch nach mannigfachen Versuchen
+und Erfindungen über Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe er die
+Jagd hintangesetzt und anstatt dessen Schwänze angefertigt, da das
+letztere sich als bei weitem einträglicher erwiesen habe und auch
+dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe den Maulwurf eigens mit
+unersättlicher Gefräßigkeit begabt, um für die Vertilgung schädlicher
+Insekten zu sorgen, und es empfehle sich deswegen, eine gewisse Anzahl am
+Leben zu lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel von echten und
+künstlichen Schwänzen zu treffen, und was die Menge der abzuliefernden
+betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten, über die hinausgehend man
+das Mißtrauen des Magistrates zu erregen Gefahr laufe, unter der man aber
+nicht bleiben könne, ohne den Vorteil des Geschäfts zu vernachlässigen.
+
+Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr sogleich
+ein, daß dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem verstorbenen Manne
+und seinem Vater gewesen sein könne, was derselbe auf ihre Frage ohne
+weiteres bejahte. Freilich, freilich, erwiderte er kichernd und
+blinzelnd, darüber sei es hergekommen; Henne sei ein guter Junge
+gewesen, aber voll Eigensinn und Schrullen habe er gesteckt, und seine
+Ehrbarkeit sei wie ein Stück Eisen gewesen, womit man den Leuten die
+Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es für Betrug erklärt, für
+Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen wie für ehrlich
+abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen wollen, daß er sich gut
+und die Obrigkeit nicht übel bei der Sache befände; zwar habe er den
+Vater nicht verraten oder verklagen wollen, aber teilen habe er den
+Frevel nicht können, sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux
+sagte lächelnd, ja, so sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf
+seinen Sohn Brun übergegangen, weswegen es ratsam sei, die empfindliche
+Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen.
+
+Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der Mondschein ins
+Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend der Arbeit oblagen, erwachte
+Brun, sah mit großen Augen eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus,
+als er begriff, zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt
+und gewalzt wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend
+zu, allein er stieß sie von sich, verlangte herrisch, sie dürfe das nicht
+wieder tun, und schlief erst nach mehreren Stunden, von der Müdigkeit
+überwältigt, wieder ein. »Ganz wie sein Vater,« murmelte der alte
+Bernkule; »ein guter, ein ausgezeichneter Junge, aber ein Starrkopf und
+Grillenfänger, wie jener war.« Brun betrachtete seitdem seinen Großvater
+mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter, die ihm
+vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont und geachtet
+werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit zurückgehalten werden. Lux
+bewachte er, so gut er konnte, indem er sich außer der Schulzeit fast
+immer in ihrer Nähe aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines
+eifersüchtigen Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.
+
+ * * * * *
+
+Inzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen Residenz zwar
+einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen für ihn gab, daß ihn
+dieselben aber ein teures Geld kosteten, so daß sich die alten
+Verlegenheiten in Bälde erneuern mußten.
+
+Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem Bischof der
+Justizrat Dr. Gregorius Schimmelmann und der Medizinalrat und Vorsteher
+des allgemeinen Krankenhauses Dr. Joseph Maria von Boll ein, die beide
+auch, das Alter betreffend, ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht
+wenig voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend und
+leichtblütig, Boll dagegen einseitig, beschränkt und schwerfällig war,
+doch hatten sie sich aneinander gewöhnt und hielten zusammen, ohne sich
+sonderlich zu achten. Dr. Gregorius war ein gewiegter Jurist, wußte die
+verwickeltsten Fragen zu klären und irrte sowohl in menschlicher wie in
+rechtlicher Hinsicht selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen längst
+feststand und sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war,
+nahm er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen gehen, wie
+sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht nach gleich
+viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen, hielt er es für
+belanglos, ob ihr Los sich so oder so fügte. Weit wichtiger als die
+menschlichen Schicksale erschienen ihm gewisse Fragen der Altertumskunde,
+Münzwissenschaft und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn
+sein Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes war und
+von den Reisenden staunend besichtigt wurde. Wonnebald wußte von der
+Kunst nichts, da er aber sah, wie ernst es Schimmelmann damit nahm und
+wie sehr er von den Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm
+darin nicht nachstehen zu dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte
+Gemälde, Schnitzereien und Altertümer, und da er weder einen guten noch
+einen schlechten Geschmack und noch viel weniger ein sicheres Urteil
+hatte, wählte er von den Gegenständen, die ihm vorlagen, was am meisten
+kostete, wodurch sich diese Liebhaberei über alle Maßen kostspielig
+gestaltete.
+
+Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand oder Kunstsinn
+oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten, vielmehr war er, wenn auch
+nicht so einfältig und ungebildet wie jener, ungewöhnlich beschränkt;
+allein er wußte in allen kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß
+Wonnebald in seiner Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn
+bloßstellen und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab,
+die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria hatte es
+nie anders gewußt, als daß er seine Laufbahn im Schatten und zum Schutze
+der Kirche zu nehmen habe. Seine medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten
+waren mittelmäßig, aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das
+Wohl der kirchlichen Partei galt, zu deren tätigsten und angesehensten
+Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das er leitete, wurden zwar
+neben den Katholiken auch Heiden aller Art aufgenommen, damit die Partei
+sich religiöser Duldsamkeit rühmen könnte, aber dafür wurde die Heilkunde
+an den Ketzern mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß sie einem höllischen
+Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als Abgeschiedene
+hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die große Sterblichkeit der
+Protestanten, Juden und Heiden in seinem Krankenhause vorgehalten,
+so leugnete er dieselbe nicht, sondern rühmte sich, wie Gott dem
+Rechtgläubigen die Arznei besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll,
+wenn auch nicht gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur
+blindlings, was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher zu
+lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. Dr. Schimmelmann lachte bei
+sich über sein bigottes Treiben und hätte nichts mit ihm anzufangen
+gewußt, wenn Boll nicht eine ausnehmende Meisterschaft im Flötenspiel
+besessen hätte, die der musikliebende Justizrat trefflich zu verwerten
+wußte. So musikalisch gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war
+Joseph Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik hatte er überflüssig
+und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann, wenn sie
+miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer Zärtlichkeit
+warnen mußte.
+
+Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die Wertschätzung
+guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch wiederum mit dem Bischof
+vereinigte. Was für die wählerischen Gelage, in denen sie miteinander
+wetteiferten, verausgabt wurde, schlug Wonnebald gering an,
+unerschwinglich dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh
+von ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald für Propaganda und
+Mission, bald für die Partei schlechthin.
+
+ * * * * *
+
+In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds Besitz seine
+Freundin Hermenegilde und sein Sekretär und Schützling Lando, der Neffe
+des Erzbischofs, den dieser unter dem Vorwande, er müsse wegen einer
+unpassenden Leidenschaft von Hause entfernt werden und die väterliche
+Obhut eines Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte,
+um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz seiner Jugend,
+denn er war etwa 26 Jahre alt, durch überlegenen Verstand und eine
+merkwürdige Kühle und Sicherheit des Urteils wohlgeeignet, auch konnte
+er sich geschickt verstellen, ja fand Vergnügen daran, eine beliebige
+Rolle zu spielen, so daß nicht zu befürchten war, der Bischof könnte
+der List auf die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen
+persönlichen Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile, der er
+in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat geneigt zu
+machen, durch die der träge und träumerische, wenig ehrgeizige Jüngling,
+der nicht sonderlich bemittelt war, in eine dem Familienstolz
+entsprechende Stellung befördert werden sollte.
+
+Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt sich
+einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem Bischof gegenüber als
+ein der Liederlichkeit ergebener junger Mann aus, den seine Familie
+durch Religion bessern wollte, und stellte sich hocherfreut und
+bewundernd darüber, daß er in dem Bischof einen freien Geist gefunden
+habe, mit dem sich leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzuführen,
+aber doch pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schädliches zu wittern, so
+daß er Lando, ohne zu wissen warum, nicht völlig traute; da er es aber
+in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch üppiges Freudenleben zu
+betäuben, und er an die Möglichkeit nicht glaubte, daß das Fischlein
+dem Angelbissen der Frau Welt sich sollte entziehen können, tat er,
+soviel er konnte, um Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern
+hatte er ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle
+abwarf, vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm nicht
+so zu, daß er dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof mit klaren und
+vergnügten Augen zu beobachten. Ihn recht in Weibersachen zu verwickeln,
+wollte Wonnebald überhaupt nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife
+und stürmische Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und
+bekränzten Laube des Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen Damen
+noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu können und waren auch ihrerseits
+durch das barsche Regiment der Vorsteherin zu eingeschüchtert, um ihren
+Gefühlen freie Entfaltung zu vergönnen.
+
+Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen, wenn sie bei
+guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu verlocken, was sie hernach
+benutzte, um sie aufs gröblichste zu verleumden und sie durch Androhung
+öffentlicher Anklage in Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm
+war, wenn sie vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden,
+das Ärgernis, zu dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen. An Wonnebald,
+der geistlicher Oberhirt und Beichtvater des Stiftes war, gelangten zwar
+nicht selten Klagen über das gesetz- und gewissenlose Regiment der
+Vorsteherin, doch blieben sie wirkungslos in seiner Brust verschlossen,
+von niemand geteilt als von Hermenegilde selbst, die sich bei nächster
+Gelegenheit an ihren Feindinnen rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde
+durch ihre gewaltsame Natur allzuweit fortreißen: so ereignete es sich
+einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend einen Besuch gemacht
+hatte, bei ihrer Rückkehr den Einlaß nicht erhielt, weil die Stunde, wo
+abends das Tor abgeschlossen wurde, vorüber war, angeblich damit der
+Unfug nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein, eine
+ältere, ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach in der Stadt
+suchen mußte, nicht ohne infolge der Aufregung und Schande empfindlichen
+Schaden an der Gesundheit zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins
+nachweisen ließ, hätte die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn nicht
+die Anverwandten desselben durch die Menge des Geldes zum Schweigen
+gebracht worden wären, die aus Wonnebalds Beutel floß. Abgesehen von
+solchen und ähnlichen Ausgaben, zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte,
+sammelte Hermenegilde auch für sich selbst, sowohl weil sie viel
+verbrauchte, wie um ihr Alter zu sichern, und schließlich aus angeborener
+Habgier. Da nun der Bischof einer Frau, die ihm nahestand, nicht gern
+etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine leere Tasche zu
+zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig nach guten
+Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung, daß er wieder einmal etwas
+Gründliches unternehmen oder erfinden müsse, um die gemeine Sorge ein für
+allemal loszuwerden.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein warmer Vorfrühlingstag, als der Bischof auf einem bequemen
+Spaziergang am Rande des schwellenden Flusses der Lux begegnete, die,
+Lisutt an der Hand, schlank und wohlgemut daherkam, im Begriff, einer
+alten gichtleidenden Frau Trost und Heilmittel zu bringen. Beim Anblick
+ihrer traulichen Miene ging dem Bischof das Herz auf, und er bat sie,
+sich ihm anzuschließen, was sie mit dem stolzen Kopfnicken und
+allwissenden Lächeln, das ihr eigen war, tat. Ungeachtet er sich
+vorgenommen hatte, ihrer Sprödigkeit wegen strenger und zurückhaltender
+gegen sie zu sein als vormals, verfiel er bald in ein seliges Schwatzen,
+erzählte von der Verlegenheit seiner leidigen Geldverhältnisse und
+fragte, ob sie nicht, wenn sie nach Maulwürfen grübe, Spuren von
+Schätzen fände, wie sie hier und da in der Erde vergraben sein sollten.
+Koste es auch seiner Seelen Seligkeit, er sei bereit, sie um solchen
+Preis zu opfern, Gott werde weiter helfen.
+
+Wenn dem so sei, sagte Lux, könne sie ihm wohl dienen. Freilich habe sie
+keine Schätze entdeckt, aber als Mädchen im Kloster habe sie viel in
+einem alten dicken Buche von den Wundern der Natur gelesen, worin die
+geheimen Kräfte der Pflanzen und Wurzeln beschrieben gewesen seien, und
+wovon sie sich manches gemerkt habe; wenn er die ewige Seligkeit aufs
+Spiel setzen wolle, könne er sich durch ein Alräunchen so viel Geld er
+immer wolle verschaffen. Der Bischof sagte, um sich selber Mut zu
+machen, mit Lachen: »Es wird den Kopf nicht kosten, ich denke es wohl
+mit dem Teufel aufzunehmen, erzähle nur, was es mit dem Alraunen für
+eine Bewandtnis hat;« worauf Lux sagte, zunächst müsse derselbe unter
+schwierigen und höchst gefährlichen Förmlichkeiten gewonnen werden, was
+sie aber, um ihm zu helfen, auf sich nehmen wolle, sodann müsse der
+Eigentümer das Männlein sorgfältig und ehrfürchtig behandeln, es nett
+ankleiden, nachts das Bett mit ihm teilen und schließlich es durch
+Kniebeugung und allerhand Anrufungen verehren und eigentlich anbeten.
+
+Das wäre freilich, meinte Wonnebald, mehr, als einer Wurzel zukäme,
+indessen wenn sie wirklich wunderwirkend und gewissermaßen goldzeugerisch
+wäre, könne man füglich ein Auge zudrücken und ein wenig vor ihr
+scharwenzeln, einstweilen solle die Lux so gut sein und ihm das Ding
+herbeischaffen. Sie sah ihn von der Seite an und lachte ein weiches,
+kosendes Lachen, das er warm in den Eingeweiden spürte, so daß er die
+Arme nach ihr ausstreckte und sie an sich ziehen zu können vermeinte, die
+ihm aber entschlüpfte und, Lisutt fest an der Hand fassend, geschwind den
+grünen Hang, an dem sie entlang gingen, hinunterlief. Wonnebald blickte
+ihr ein wenig geärgert nach, doch überwog die Zärtlichkeit, die ihr
+milder Blick ihm eingeflößt hatte, und er bedachte, während ihm das
+Wasser im Munde zusammenlief, wie honigmild und mondklar ihr Wesen um ihn
+weben würde, wenn sie ihm erst einmal zugetan wäre. Dazu, sagte er sich,
+wäre ihre Klugheit so ungemein, daß sie alle seine Angelegenheiten
+betreiben und es selbst mit dem Erzbischof würde aufnehmen können,
+selber aber dessen unbewußt bleiben und vielleicht nach Frauenart und
+Frauenpflicht ihm das Verdienst von allem zuschreiben, was sie geleistet
+hätte.
+
+ * * * * *
+
+Lux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen, deren
+Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind, daß sie allenfalls
+menschenähnliche Figürchen vorstellen können, und nachdem sie eines
+Morgens mehrere, die ihr passend schienen, gefunden hatte, warf sie
+sich ermüdet ins Gras und ließ Lisutt um und über sich herumklettern.
+Enzian und Gänseblümchen blühten, und schon drängte sich prangender
+Löwenzahn in Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze
+aus erlangen konnte, pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten, den
+sie Lisutt auf das braune Köpfchen setzte. Er war wild und locker
+gewunden und strahlte feurig in ungleichen Büscheln um das lachende
+Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe die Frühlingssonne bereits
+gebräunt hatte. Während Lisutt ihrerseits Gras und Kräuter ausraufte
+und in ihrer Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das butterweiche
+Gesicht in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst gut!«
+kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig des Weges, sah
+das Kindergesicht, das lachte und leuchtete, und die Gestalt, die
+das Gras verdeckte, die sich aber bei seinem annähernden Schritt
+aufrichtete, so daß er ihre anmutigen Züge und die männliche Kleidung,
+die sie trug, erkennen konnte. Gleichzeitig fielen ihm die krummen
+Wurzeln auf, die neben ihr auf einem ausgebreiteten roten Tuche
+lagen, und er benutzte dies, um sie anzusprechen mit der Frage, was
+das sei und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den jungen Mann
+zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und wußte, wer er
+war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für Ihren Herrn, den
+Bischof,« worauf er neugierig weiterfragte und sich zu ihr ins Gras
+setzte. Es sei ein Geheimnis, entgegnete Lux, und sie wisse nicht,
+ob er so in Gunst und Vertraulichkeit des Bischofs stehe, daß er es
+teilen dürfe, hatte aber im Grunde schon beschlossen, ihm alles zu
+erzählen, weil sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß er
+von Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die
+Schelmerei vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando sogleich
+erraten, daß es weniger galt, dem Bischof einen Dienst zu leisten,
+als ihm einen Possen zu spielen, und nachdem sie sich so, ohne sich
+zu bereden, durch das bloße Gefühl ihres Wesens, das sich ihnen
+gegenseitig mitteilte, miteinander ins Einvernehmen gesetzt hatten,
+erzählte Lux, was für Hoffnungen der Bischof in sie gesetzt habe und
+wie sie ihm das Alräunchen nach bestem Vermögen zubereiten wolle,
+und schlug ihm vor, den Schabernack dadurch zu verlängern, daß er
+die Geldsumme, die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter
+die Wurzel legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die
+Trefflichkeit des Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall
+entzückt, verabredete mit Lux alle Einzelheiten, wie sie es halten
+wollten, und scherzte zwischendurch in kindlicher Weise mit Lisutt,
+die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden behandelte. Sein
+hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche Haut zierte,
+strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch aber der Ausdruck
+gelangweilter Melancholie nicht ganz ausgelöscht wurde, der ihm
+natürlich war und dessen Ursache zum Teil eine vorgeschobene und ein
+wenig hängende Unterlippe sein mochte. Dieser an sich unschöne Zug
+reizte das Auge, ihn immer von neuem zu betrachten, und nachdem er
+sich verabschiedet hatte, erwog Lux noch eine gute Weile lang, ob
+sein Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit
+gefallen habe.
+
+Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der junge
+Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie er war,
+umgegangen sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig derselbe
+sein möge, sich allzuviel herausnähme, und es ärgerte ihn ein wenig,
+daß er sich durch seine Lust an Schelmenstreichen und sein Vergnügen
+an munteren Kindern hatte verführen lassen, so vertraulich mit ihm
+zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre. Er wurde mit sich
+einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit seines Günstlings in
+Kenntnis setzen und vor der Torheit, die zu begehen er im Begriffe
+stand, bewahren wollte; als er aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr
+wurde, wie er sich in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer
+zurückzog, überkam ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann
+vornehmen würde, und er sagte sich, es sei nicht seine Sache, einem
+übermütigen Schlaukopf zu schaden, um einem aufgeblasenen Narren zu
+dienen. Also richtete er es so ein, daß der Bischof nach kurzer Zeit
+durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit abgerufen wurde, und
+schlich sich unterdessen in sein Gemach, wo er denn auch in einer
+Ecke, auf eine Konsole gesetzt, den Wurzelgötzen entdeckte, mit
+einem Mäntelchen aus Brokat bekleidet, das der Bischof ihm soeben
+verfertigt haben mochte, und in welchem er das Aussehen eines
+zwerghaften Kobolds hatte. Unter die Konsole hatte der Bischof einen
+Betschemel gerückt, um dem kleinen Zauberer die Anbetung zu widmen,
+die Lux angeordnet hatte, welche Vorrichtungen alle Lando in der
+Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine solche Narrheit zu
+stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich schlafen gegangen war,
+folgte ihm Lando bis an die Tür, in der Hoffnung, ihn belauschen zu
+können, nahm aber durch das Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch
+anfangs nichts als ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das
+Licht bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter, so
+daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte:
+
+ Alräunchen, Wurzelgöttle,
+ Mach mir fleißig Gold ins Bettle!
+
+ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte. Wonnebald
+hatte sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine Tapetentür offen
+gelassen, die in sein Badezimmer führte, in das Lando durch ein Fenster
+gelangen konnte. Kaum hörte er den Bischof schnarchen, als er auf leisen
+Füßen in das Schlafgemach eintrat, und da er beim gelben Schein eines
+Nachtlämpchens die nunmehr nackte Wurzel auf dem bischöflichen Kissen
+und drei Goldstücke daneben liegen sah, fügte er flink drei andre hinzu
+und entfernte sich lautlos und geschwinde. Lux hatte nämlich die
+Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen, daß er die Summe, die
+der Alraun verdoppeln solle, besonders im Anfang nicht zu hoch anlege,
+ebensowohl um ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um das
+dürre und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger
+und gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando, der
+Wurzel das Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war, unbemerkt
+unterzuschieben, und er belustigte sich tagsüber, den Bischof mit Fragen
+zu bedrängen, warum er auf einmal ein eingezogenes Leben führe, anstatt
+wie sonst die Nächte durchzuschlemmen und zu prassen.
+
+Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf durch seine
+Neugierde; denn um zu sehen, was für eine Andacht der Bischof allabendlich
+vor dem Alraun ausübte, öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als
+Wonnebald eben eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde
+trotz aller Vorsicht von diesem gehört und mußte wohl oder übel vollends
+eintreten und sein unberufenes Eindringen durch einen rasch ersonnenen
+Vorwand erklären. Diesem war der Bischof allerdings geneigt Glauben zu
+schenken, aber da Lux ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks
+seiner Fruchtbarkeit verlustig gehen würde, wenn ein dritter es sähe
+oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen Verrichtungen überraschte, war
+er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren Brutgeschäft nunmehr zu Ende
+wäre, und fand sich durch das Ergebnis des nächsten Morgens darin
+bestärkt; er hatte sich nämlich aus Angst vor neuen Störungen so
+gründlich eingeschlossen und verschanzt, daß Lando nicht eintreten
+konnte, um den üblichen Zauber vorzunehmen.
+
+Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es sich so fügte,
+daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen war, in Kenntnis zu
+setzen. Noch war die Hitze des Tages nicht verdämmert, und er suchte
+unwillkürlich schattige Wege auf, so daß er an den unteren Lauf des
+Flusses geriet, wo er mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem
+Bette hinströmte. Hellgrüne Weiden und buschige Erlen bekränzten seine
+beiden Ufer und ließen einen schmalen Pfad frei, der hier, ein gutes
+Stück unterhalb der Ortschaft, wenig begangen wurde; auch fragte sich
+Lando, nachdem er eine Weile, ohne einer Seele zu begegnen, vorwärts
+gegangen war, wie er dazu käme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu
+suchen, und war im Begriff umzukehren, als er ein Plätschern und
+verstohlenes Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen.
+Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten Bäume zurück,
+da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden herrührte, erkannte aber
+fast gleichzeitig in der Frau, die halben Leibes aus dem Wasser tauchte,
+Lux und blieb unbeweglich an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem
+Stein und schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser,
+wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht kannte, über
+und über bespritzt wurde, der nun seinerseits die Kleine mit Wasser
+übergoß; sie streckte abwehrend die runden Arme aus, kniff die lustigen
+Augen zusammen und schüttelte sich, daß die braunen Haare wild um ihre
+nassen Schultern tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen
+Spieles. Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr fesselte ihn
+das Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das grüne
+Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten, während Nacken,
+Arme und Brust, der schlanke Leib und der elastische Rücken, wenn sie
+sich beugte oder aufrichtete, die Biegsamkeit und farbige Wärme
+lebendigen Fleisches zeigten. Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen,
+obwohl er wußte, daß sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die
+lebhafteste Sehnsucht hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu
+fühlen. Daß sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein
+besonderes Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er es von
+jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung eines
+Schmetterlings erwartet.
+
+Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts, dann,
+als er sicher war, daß er von dort aus nicht mehr gehört oder
+wahrgenommen werden konnte, fing er an zu laufen und hielt erst ein,
+als er bei einer breitköpfigen Ulme angekommen war, die eine leichte
+Bodenerhebung krönte und unter der er sich niederlegte. Tränen liefen
+ihm über die Wangen, ohne daß er es bemerkte, so erschüttert war seine
+Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der nackte Leib vor
+seinen Augen, und zugleich war es ihm, als müsse er, vor ihre Füße
+geworfen, sie um Vergebung anflehen, daß er, wenn auch ohne seine
+Schuld, ihre Verborgenheit belauscht hatte. Obgleich er kein Neuling in
+Liebesangelegenheiten war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und
+fühlte sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber
+hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg allgemach,
+überfließend von gelbem Lichte, hinter dem Gehölz empor, und Lando lag
+noch immer in das schaudernde Gras gedrückt, sah den stillen Flug des
+vollen Gestirnes und fühlte sich eins mit der Erde, die rein entzückt
+die Beseligung der Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause,
+schlief fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im
+schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt, sie
+hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.
+
+ * * * * *
+
+Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den Unfall, der
+dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf sie, zufrieden, daß der
+Spaß so weit geglückt war, es für unmöglich erklärte, unter den Augen
+eines Spähers und vielleicht Mitwissers zum zweitenmal eine solche
+Zauberei anzuzetteln. Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von
+einer unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende Natur so
+artig eingerichtet hatte, allnächtlich ein Häufchen Gold auf das
+Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem Wunsche, Lando, den er
+für das einzige Hindernis der Goldabsonderung ansah, auf die eine oder
+andre Weise zu entfernen, und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern
+eines Mittels kundig wäre, um unliebsame Störenfriede, sei es mit
+Beeinträchtigung von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schädigung
+derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die Folgen auf sich
+nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit nicht zurückhalten.
+Sie erschrak im Herzen über diese Zumutung, ließ aber nichts davon
+merken, sondern antwortete, indem sie nachdenklich den Kopf wiegte,
+eine solche Sache müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl
+bedenken, er möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat
+einzuholen. Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz
+am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem weißen Wasser, das
+nicht müde wurde sich selber zu verschlingen und in furchtbaren
+Todesstürzen sich von sich selber befreien zu wollen schien, und dem
+bleichen Himmel, der heute matt herabhing und die Luft zusammenzudrücken
+schien. An dem gegenüberliegenden breiten Berge zog sich deutlich
+erkennbar ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose
+Gewölk so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet wäre, und
+ein beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen zu sein, bemächtigte
+sich ihres Herzens. Wie sie so dasaß, kam Lando unter ihrem Fenster
+vorbei, blieb stehen, als er ihrer ansichtig wurde, grüßte und suchte
+errötend nach einer Anrede, ohne ein Wort finden zu können, das ihm
+passend schien. Sie wartete ein wenig und erzählte ihm dann flüsternd,
+halb scherzhaft, halb ängstlich, daß der Bischof ihm nach dem Leben
+trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das könntest du doch
+nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft und zärtlich an, indem er
+dicht an die Mauer herantrat, die Arme in die Fensterbank und den Kopf
+auf die gefalteten Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein,
+das könnte ich nicht,« und beugte sich, von seinem flehenden Blick
+angezogen, zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang und
+ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte. Sie blieben eine Weile
+so, ließen sich los, lachten und umarmten sich von neuem; daß er ihr
+Geschlecht erraten hatte, erschien ihr selbstverständlich und keiner
+Frage wert. Erst als Lando, durch Schritte, die näher kamen, erschreckt,
+sich mit kurzem Gruß entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und
+brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen wollten, dann
+aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung wichen.
+
+An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder mehrmals, und
+es schien ihnen bald so, als wären sie seit Wochen, ja seit Monaten und
+Jahren durch gegenseitige Liebe verbunden, nur daß Lando nicht verriet,
+daß er sie an jenem Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis
+bewahrte, mit dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche
+Weihe erhalten würde. Oft, wenn er bei ihr war, vergaß er es, oder es
+kam ihm plötzlich unwichtig vor, oder, wenn er in ihre unschuldig
+wissenden Augen blickte, schien es ihm töricht oder anmaßend oder
+zwecklos, davon zu sprechen; endlich, an einem heißen, wolkenlosen
+Sommertage, entfuhr ihm zufällig ein andeutendes Wort, das er gleich
+darauf zurücknahm, und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel zu lösen,
+beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes an den
+Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was er nicht laut unter
+der Sonne zu sagen wage. Lux errötete und stutzte, aber nein hätte sie
+nicht sagen können.
+
+Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte, setzte sie sich
+ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen wären; aber Brun, der
+eine außergewöhnliche Erregung an seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte
+mit Anstrengung gegen die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor
+Mitternacht war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte es
+an seinen ruhigeren Atemzügen und schwang sich mit ganzem Leibe in die
+Fensterbank, um ins Freie zu springen, zögerte aber wieder und kehrte
+noch einmal ins Zimmer zurück, um sich zu vergewissern, daß die Kinder
+fest und ruhig schliefen. Sie war so erregt und aufgewühlt, daß das
+unzählige Male gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas
+Fremdes rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als wären
+scharenweise Engel um sie versammelt und hielten einen himmlischen
+Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren Wangen widerschiene. Ihre
+Lippen waren so weit geöffnet wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger
+Blutring in einfachster und süßester Linie um das überirdische Geheimnis
+gebogen, das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein Dasein
+verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem Bett und konnte nicht
+gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches Schicksal, das sich mit
+ihrem Herzen verkettet hatte, schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte
+sie erwartete, und sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ
+sich sacht an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.
+
+Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte ruhevoll
+ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux atmete tief auf und reckte die
+Arme in die Luft; ihre Brust weitete sich, und sie mußte gewaltsam den
+Schrei des Entzückens auf den Lippen festhalten, während sie mit
+fliegenden Füßen die weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß
+hinuntereilte.
+
+Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich am Tage nicht
+zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß zu Verdacht und Geschwätz
+zu geben; denn Lando war zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen,
+wollte aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis seine
+Mutter, die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr war,
+entweder genesen oder dann durch den Tod aller Kränkung entrückt wäre.
+Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen begegneten sich die Liebenden
+auch nicht selten bei Tage, so daß es dem Bischof nicht entgehen konnte,
+der nicht aufhörte, Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab
+unverlegen die Erklärung, daß sie vertraut mit Lando werden müsse, um
+ihm etwas Zweckmäßiges beibringen zu können, womit Wonnebald sich
+zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerärgsten Sorgen voll hatte.
+
+Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge des Gegenzaubers
+von Landos Neugierde abgestorben war, nahm der Bischof seine früheren
+Lebensgewohnheiten wieder auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit
+Hermenegilde, die bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner
+Zurückgezogenheit und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche Prangen
+der Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger zu machen, so daß
+Wonnebald sich schon über die unterbrochene Goldmacherei getröstet
+fühlte; aber der widerliche Nachgeschmack, der sich sooft aus den
+Wollüsten des Lebens entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde
+plötzlich Muttergefühle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem
+Gedanken an Kindersegen vertraut machen mußte. Nach Überwindung des
+ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierüber mehr Freude als Kummer,
+die täglich zunahm, Wonnebald hingegen schlug das Glück, Vater zu
+werden, gering an und hätte den unwillkommenen Sprößling gern schon
+im Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, daß es je später desto
+schwieriger und gefährlicher sein würde. Anfänglich trug er sich mit dem
+Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen wirksamen Zauber anzugehen,
+mußte aber bald bemerken, daß Hermenegilde über seine lieblose Gesinnung
+in große Erbitterung und Aufregung geriet, die er nur durch völlige
+Unterwürfigkeit und heuchlerische Zärtlichkeitsvorspiegelungen
+beschwichtigen konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, daß die unterjochten
+Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten, sich ducken und
+schweigen würden, ja im Grunde konnte sie sich nichts andres vorstellen,
+als daß das Hervorbrechen ihrer Nachkommenschaft von der erstaunten Welt
+mit Pauken und Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es nicht an
+beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs fehlen.
+
+Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine alte Magd,
+die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten und von Anfang an
+Mitwisserin des hochwürdigen Liebesverhältnisses gewesen war, das sie
+freilich mißbilligte. Die Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose
+Stiftsfräulein ins Wesenlose befördert hätte, das ihrer Herrin unbequem
+gewesen wäre, betrübte und entrüstete sich darüber, daß die gewaltige
+Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne aufopferte, und
+erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche vorzurücken. Vor allen
+Dingen grollte sie dem Bischof, der durch sein Dasein alles verschuldet
+hatte, und ließ sich auch durch die reichen Geschenke, die er ihr
+zusteckte, damit sie ihm ein weniger grämliches Gesicht mache,
+keineswegs besänftigen, vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser
+furchtsamen Bestechungen um so gründlicher.
+
+Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran dachte, was für ein
+Ende das nehmen sollte, und in einem solchen Zustande von Beängstigung
+kam ihm eines Tages der Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen,
+da doch möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer
+wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von der Aussicht
+schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau an und begab
+sich geradeswegs in die Burgkirche hinein, wo im Gegensatze zu der
+Mittagshitze, die draußen siedete, liebliche Kühle und Dunkel herrschten.
+Ein kitzelndes Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er
+durch die Säulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die der
+sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet war. Es befand
+sich dort nämlich in einem verschlossenen Glasschreine eine schön
+geputzte Puppe, die die Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzüglich
+als Krankenheilerin verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der
+Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich von den
+übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen, Einhalt
+geboten haben sollte. Diese Figur trug eine Krone, deren Gestell aus
+Messing war, die aber mit verschiedenen Edelsteinen von außerordentlicher
+Größe und Kostbarkeit besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den
+erwähnten Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die Ursache sein
+mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen Gläubigen
+an sie wandten. Als der Blick des knienden Bischofs auf die milde
+funkelnden Steine fiel, kam ihm der Gedanke, daß dieser brachliegende
+Schatz ihn für alle Zeit aus seinen Verlegenheiten retten könnte, und
+wuchs mit solcher Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen
+Wunsche, daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in
+Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer ein paar
+alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der Kirche wäre, daß,
+abgesehen davon, niemand sehen könne, was abseits in der düsteren
+Kapelle vorginge, und also, da er auch die Schlüssel bei sich hatte,
+nichts ihm im Wege stände, um sich augenblicklich des Kleinodes zu
+bemächtigen. Nachdem er vorsichtig in die Kirche hineingelauscht und
+sich überzeugt hatte, daß sie leer und totenstill war, öffnete er leise
+die gläserne Tür und löste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich
+nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren vonstatten ging. Auch war das
+Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos war, einigermaßen nackt
+und kümmerlich; aber da das der Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch
+tun würde, hielt es der Bischof für unnütz, sich das Gewissen darüber zu
+beschweren. Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm durch die
+Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in Ruhe an der Erwerbung
+zu ergötzen.
+
+Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich Smaragde
+und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen oder zu versetzen, die
+kleineren der Hermenegilde zu schenken beschloß. Selbst das Geschäft
+auszuführen, schien ihm bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux
+sich würde bereitfinden lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die
+ausgewählten Steine einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten; sie
+stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem Ringe
+getragen habe, und die Sache müsse geheim bleiben, weil es dem Rufe
+eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn man erführe, daß er sich eines
+so heiligen Erbstücks habe entäußern wollen oder müssen. Lux war zu sehr
+in den Traum ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber nachzudenken, ob es
+sich so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und händigte dem
+freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus erlöst hatte.
+
+ * * * * *
+
+Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit abgenommen und
+ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken und fing behaglich an
+zu sterben; in den letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen
+großen Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß
+er mit Lux und den Kindern einen großen Spaziergang unternahm, der sie
+weiter als sonst in die umliegenden Täler hineinführte. Auf einer Anhöhe
+machten sie halt, und nachdem sie einen Imbiß zu sich genommen hatten,
+erklärte der Alte die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er
+in früheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen gegenüber
+befanden sich auf einem verödeten Hügel die Ruinen einer Burg, an
+einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß das Gras darüber
+hinauswuchs, während an andern das Gemäuer noch die einstigen Formen
+erkennen ließ. Christoph Bernkule erzählte alte Überlieferungen, die
+sich daran knüpften, und fügte hinzu, daß er als Kind hätte sagen hören,
+es töne zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus den
+verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet werden können; denn
+sooft einer sie gehört und neugierig zwischen den Trümmern nachgespürt
+habe, sei sie verstummt und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa
+eine zirpende Grille oder ein weinendes Käuzchen.
+
+Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht zu
+erkennen war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden hatte,
+plötzlich aber richtete sie die Augen groß und heiter auf ihn, sagte:
+»Ich höre die Musik!« und blickte dann wieder fest auf das Gemäuer,
+hinter dem, durch unregelmäßige Lücken sichtbar, das Feuer der
+untergehenden Sonne brannte. Während der alte Bernkule lächelte, sah
+Brun ernst und fast traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tönen
+aufgegangen war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und
+Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit einer kleinen,
+unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen begann, gerade als ob sie zu
+einer die Seele durchdringenden Musik den Takt angeben wollte. Lux lag
+ein wenig abseits im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern,
+halb in sich hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten
+weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit
+oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken ließ, nicht müde wurde zu
+wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein Herz und seinen Willen
+gehärtet habe, so daß weder Zwang noch Bitten ihn würden biegen können,
+daß ihre Armut ihn beglücke, weil er, ein Bettler vor der Fülle ihres
+Wesens, dadurch doch auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und
+nebensächlichen Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er
+lieber Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle mit ihr
+teilen wolle, als entblößt von ihrer Nähe und Liebe die schauerliche
+Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer unfaßbaren Melodie
+durchfluteten sie solche Worte, Minuten wie Stunden erfüllend und
+verzehrend, so daß sie die Flucht der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte
+saß selbstvergessen da, aus den verglimmenden Äuglein auf das Kind
+blinzelnd und zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend. Das kantige
+Trümmerwerk starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich
+überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle Feuchtigkeit
+über dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte. Sie und Brun mußten
+wechselweise Lisutt auf den Armen tragen, die unvermerkt eingeschlafen
+war, der alte Bernkule hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt
+nach Hause und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei
+er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen fieberte er,
+schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch starb er, ohne noch
+einmal volles Bewußtsein wiedererlangt zu haben, zwei Tage darauf; die
+Anstrengung des Spaziergangs und die Feuchtigkeit des Abends mochten die
+Auflösung des Greises beschleunigt haben.
+
+Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den jedermann in
+Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte allgemeine
+Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen, der mit dem langen weißen Haar
+und dem wallenden Bart, in dem sich noch schwarze Haare kräuselten,
+erbaulich wie ein Patriarch dalag und die Umstehenden zu schönen
+Betrachtungen über Leben und Sterben veranlaßte. Die Kinder, die sich
+bei seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten, liefen neugierig herbei
+und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis der kleine schwarze
+Sarg unter Kränzen fast verschwand. Himmel und Erde lachten in
+sommerlicher Wonne, als das Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf
+den Gottesacker führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein halbes
+Stündchen außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen
+ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan und weiß
+bekränzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie überzeugt war,
+den Großvater in das Paradies zu führen, wo Engel und Heilige auf den
+Wiesen tanzten und hurtige Affen auf immergrünen Bäumen kletterten.
+
+ * * * * *
+
+Es war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher
+Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen werde; aber bevor
+sie noch förmlich in das Amt war eingesetzt worden, ging auf allen
+Seiten ein Murren los, die Stelle würde liederlich verwaltet und keine
+Maulwürfe mehr abgefangen, sie gebärdeten sich wie die Herren im Lande,
+unterwühlten nicht nur die Gemüsepflanzungen, sondern stießen sogar
+in den Ställen auf, zu großem Schaden und übler Vorbedeutung. Nun
+war freilich die Jagd von jeher und besonders während der letzten
+Lebensjahre des alten Bernkule überaus nachlässig betrieben worden,
+allein weil die Leute mit ihm nicht anbinden wollten und mochten, hatten
+sie geschwiegen und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere
+kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, daß sie zusehen
+müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen zerstörte, da ja
+zugunsten des verschworenen Schermäusers eigenmächtiges Ergreifen und
+Töten der Maulwürfe verboten wäre.
+
+Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes besser anzunehmen,
+wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres, als mehr und mehr
+selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen, wovon sie noch einen
+ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber, wie sich von selbst versteht,
+der Maulwurfplage keineswegs gesteuert wurde. Bald begann die
+Maulwurfbehörde sich über die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu
+wundern und zu beunruhigen, die, so mußte es ihnen scheinen, bei
+Dutzenden weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als ob
+sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig und vervielfacht neu
+erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit vorherrschte, suchte man
+nach vernünftigen Erklärungen für die Erscheinung und besann sich auf
+verschiedene Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und ähnliche Tiere
+durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden waren, und auf
+das Betragen und die Mittel, die die Weisheit der Regierenden jeweilig
+solchen Heimsuchungen entgegengesetzt hatte.
+
+So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze Tobias in
+selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede umgehen ließ; man
+wurde sich einig, daß die Sache mit rechten Dingen nicht zugehen könne,
+und flüsterte sich zu, daß Lux durch zauberhafte Mittel die Vermehrung
+oder den Zufluß von Maulwürfen herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner
+Bosheit, damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe,
+teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich
+blieb das ein unterdrücktes Grollen und Drohen, wovon eben der, die
+es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah, daß in der Burgkirche
+das Fehlen der Marienkrone bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem
+Goldschmied drang, dem Lux die beiden größten Edelsteine verkauft hatte,
+in diesem der Argwohn aufstieg, dieselben könnten mit dem großen
+Kirchenraube in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine Anzeige
+erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen wurde, daß sie
+in das vermißte Heiligtum gehörten. Augenblicklich fiel der Verdacht der
+Leute auf Lux, deren Abreise und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade
+während der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden war,
+sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster Weise ausgedeutet
+wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun einmal ein Dorn im Auge und
+Zielscheibe aller bösen Gedanken geworden war.
+
+Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so geringe
+Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb zur Nachsicht
+geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs erfreute, und so wurde ihr
+nur mitgeteilt, daß sie bis auf weiteres ihre Wohnung nicht verlassen
+und einer Vorladung vor Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht
+gesagt worden war, um was es sich handle, dachte sie, es müsse die
+Maulwurffängerei angehen, und nahm die Sache nicht schwer.
+
+Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich zwischendurch
+öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß Lando kommen würde, um sie,
+wenn ihm etwas von dem seltsamen Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu
+trösten oder ihr Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er
+noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß nicht
+habe freimachen können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld, trotzdem
+wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, daß sie nur zerstreut auf Lisutts
+Spiele einzugehen vermochte. Früher als sonst brachte sie die Kinder zu
+Bett und atmete auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen
+und endlich unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie
+während des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer Bangigkeit
+überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches gegen sie im
+Werke sein, aber es verflog immer wieder, und vollends, wie sie in den
+Frieden des Abends hineinsah, der baldigen Ankunft des Freundes gewiß,
+wich die Beklemmung, und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging
+strahlend vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge
+des Wartens, und sie fing an so inständig zu horchen, daß das Donnern
+des Wassersturzes, das jedes kleinere Geräusch verschlang, sie aufregte
+und ihr unerträglich vorkam und sie wünschte, daß nur ein obdachloser
+Vagabund oder eine jagende Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal
+die spöttische Leere zu unterbrechen. Sie wurde darüber müde und
+abgespannt, gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt hatte,
+hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie kannte, und kehrte mit
+einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster zurück. Ohne Gruß
+oder Anrede von ihm zu erwarten, bog sie sich hinaus, lehnte sich auf
+seine Schulter und erzählte, wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch
+machte er sich sachte los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage
+gegen sie erhoben wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise
+vernommen hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux
+sagte befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen habe
+sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren könne, wohingegen
+Lando meinte, das natürliche Recht und das geschriebene seien nicht
+immer gleich, auch der Unschuldige könne sich in den Netzen des Lebens
+verwickeln oder in Fallen fangen, die Böswillige aufgestellt hätten, er
+wolle froh sein, wenn alles ohne Gefahr und böse Folgen vorüberginge.
+Sie betrachtete ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich nun
+unterliege? Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich noch lieben,
+wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus der Kirche gestohlen hätte?
+oder wenn ich dem Bischof Gift eingegeben hätte?« Es flammte in seinen
+Augen, und er flüsterte leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet
+und deine Kinder verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber
+das Blut aussaugen würdest, ich würde dich immer lieben und nimmer
+verlassen! Eher könnten diese Wasser versiegen und jene Berge versinken,
+als daß ich aufhören könnte, dein zu sein!«
+
+Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen,
+allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte, sie wolle nicht haben,
+daß ihre Kinder erwachten und ihn bei ihr fänden, überhaupt wäre jetzt
+Vorsicht geboten, und sie dürften nicht zusammen gesehen werden. Er
+empfand, er wußte selbst nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch
+in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden Worten, doch
+leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte, und so nahm er den
+Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum war er ihr verschwunden, als die
+Tränen aus ihren Augen zu fließen begannen, aber zugleich atmete sie
+tief auf und fühlte sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr, als hätte
+bisher ein farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das er
+ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre, und als hätte
+eben ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt, so daß sie ihn gesehen
+hätte, wie er in der Tat wäre, aller Wunder bar, schwächlich, kümmerlich
+und ein wenig lächerlich. Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte
+sie am andern Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der
+arme Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten
+zu müssen, und bald fürchtete, sie möchte die ganze Millionenmutter samt
+der Krone gestohlen, bald sie möchte es nicht getan haben.
+
+Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende, als sie auf
+das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied gegenübergestellt
+wurde, der ohne Zaudern erklärte, in ihr den jungen Menschen
+wiederzuerkennen, der ihm die Edelsteine zum Verkauf angeboten habe.
+Lux dachte nicht daran, zu leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem
+Bischof gehörten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen wollen,
+damit nicht bekannt würde, daß er sich in Geldverlegenheit befinde.
+Diese Behauptung, der niemand die mindeste Glaubwürdigkeit beimaß,
+machte den übelsten Eindruck sowohl auf die Richter wie vollends auf den
+Bischof, der einen jähen Zorn auf sie warf und laut seine Entrüstung
+über die Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am folgenden
+Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis verbracht
+worden war, nochmals befragt und ernstlich ermahnt, die Wahrheit zu
+sagen und nicht einen frommen und hochwürdigen Mann, wie der Bischof
+sei, zu verunglimpfen, worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig
+erwiderte, etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts andres
+wisse und nichts andres sich begeben habe.
+
+Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl von Bauern
+und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar nichts über den Kirchenraub
+beizubringen hatten, desto mehr aber über die Maulwurfplage und wie
+sie den jungen Schermäuser zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur
+Sache gehörte, versuchten die Richter die umständlichen Berichte
+abzuschneiden, und der Justizrat Schimmelmann gab einigen Zeugen anheim,
+daß sie dumme Tröpfe wären, so daß das Geschwätz im Sande verlaufen
+wäre, wenn der Bischof nicht die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier
+ein der Aufmerksamkeit höchst würdiger Fall vorliege, der scharf
+untersucht und unnachsichtig bestraft werden müsse. Wenn der Kirchenraub
+etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch, in der
+Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt, und man müsse die
+Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu zeigen, daß der Satan immer noch
+umgehe, die Kirche aber so rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.
+
+Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere andre
+Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen, kam die
+Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine Meinung dem Justizrat
+gegenüber schwerlich verteidigen können, wenn Medizinalrat v. Boll ihm
+nicht zur Seite gestanden hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht
+und vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner
+Überzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er, daß man
+verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und Hexerei und dergleichen
+glaube, aber der Glaube an Gott und die unbefleckte Jungfrau werde nicht
+minder verspottet; er und seine Ahnen wären von jeher Kämpfer für die
+heilige Wahrheit gewesen und fürchteten den Hohn der Ungläubigen so
+wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man nicht täglich hören
+könne, daß die Kühe verhext wären, daß kleine Kinder, vom bösen Blick
+getroffen, in Krämpfe fielen? Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese
+Erkenntnis noch anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane
+gegen die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schützen. Die Aufklärer
+sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den Tempel des Glaubens
+zu unterwühlen! Einstürzend werde er sie zuerst begraben! So wahr wie
+Christus durch Gott Wunder gewirkt habe, hätten von jeher Böse durch den
+Teufel gezaubert.
+
+Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck und lautem
+Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof nun erst die Wichtigkeit
+und Richtigkeit seines Einfalls, das Geschwätz der Leute gegen Lux
+zu benutzen, ganz begriff und auch die übrigen ihre Zweifel an der
+Möglichkeit des Zauberns nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten.
+Das männliche Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, daß sich
+hingebende Gläubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und
+mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die Aufklärung
+auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat lachte von Herzen über
+die Reden seines Freundes, aber nur bei sich im Innern; äußerlich ging
+er mit fröhlicher Ironie darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß Boll
+diese Art sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze
+nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten, ohne
+seine Freundschaft, an der ihm wegen des Flötenspiels viel gelegen war,
+einzubüßen. Er erzählte mit verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im
+Verdacht der Hexerei habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so
+daß sie mißrieten, lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten
+schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden wohl
+richtig auffaßten, aber als eines ernsten Mannes unwürdigen Mutwillen
+mißbilligten, weswegen sie sich durch die stillschweigend darin
+ausgedrückte Meinung auch nicht beeinflussen ließen.
+
+Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen Hexenprozeß
+einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen war; aber der
+Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit, wieder damit anzufangen, und
+erklärte sich bereit, den Vorsitz zu übernehmen, da es geistliche Dinge
+wären, die geistlich müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte
+hohe Begeisterung über diese Wendung und frohlockte, es sei ein
+herrlicher Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen wurden,
+während der Justizrat, um einem solchen Schauspiel nicht beizuwohnen,
+als dessen Gegner aufzutreten er sich auch nicht entschließen mochte,
+eiligen Urlaub nahm und eine Reise antrat.
+
+ * * * * *
+
+Sowie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben wurde,
+schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim, den Erzbischof Giselbert, und
+teilte ihm die unerhörte Tatsache mit, zugleich bittend, er möge den
+Bischof sogleich verwarnen, damit diese Torheit nicht weiter getrieben
+und die Kirche ganz und gar lächerlich gemacht werde; worauf der
+Erzbischof sich behutsam bei Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei,
+und ihm auf alle Fälle riet, sich und der Kirche keine Blöße zu geben.
+Obwohl er nicht verraten hatte, von wem er seine Nachrichten habe,
+zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando dahinter stecke, und
+antwortete mit Würde, der Erzbischof möge sich nicht von einem
+leichtfertigen Knaben, wie sein Neffe sei, in so ernsten und schweren
+Dingen beraten lassen; er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die
+beklagte Person weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen
+weitgehenden Liebeshandel unterhalten habe, und daß dies der Grund sei,
+warum er den Gang der Justiz zu hintertreiben versuche; anstatt sich von
+ihm betören und ausnützen zu lassen, solle Giselbert ihm lieber
+behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus dem Garn der Teufelin zu
+erretten. In diesem Schreiben leuchtete dem Erzbischof vornehmlich das
+ein, was die Liebschaft seines Neffen betraf, an deren Bestand er nicht
+zweifelte, und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf
+andre Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen
+Veranstaltungen des Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte kaum den
+Befehl seines Oheims erhalten, als seine Liebe hoch aufloderte und er
+bei sich schwur, allen Versuchen, ihn den Pflichten der Treue und Ehre
+abwendig zu machen, Trotz zu bieten, nicht vom Flecke zu weichen und die
+Geliebte im Notfall mit Aufbietung des letzten Blutstropfens zu
+beschützen.
+
+Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine ernstliche Gefahr
+drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat, umringt von vielen
+stirnrunzelnden Männern, ihr vorhielt, daß sie, anstatt demütig ihres
+Amtes zu walten und die Maulwürfe einzufangen, wie vorgeschrieben sei,
+durch verbotene Zauberei dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren
+Verdienst zu erhöhen, sei es, um den Menschen zu schaden, konnte sie
+sich nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es ihr leid tat, den Ruf des
+verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich, den Zusammenhang
+freimütig zu erklären. Sie schilderte deutlich und nett das Verfahren
+bei Anfertigung der Schwänze, wie es ihr Schwiegervater erfunden hatte,
+und gestand, daß sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem
+Fleiße mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie dadurch
+der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers natürlich
+entstanden sei. Als sie geredet hatte, sah sich der Bischof mit
+triumphierendem Lächeln im Kreise um, welches bedeutete, daß diese
+freche und listige Erfindung, mit der der Beklagte sich aus der Schlinge
+zu ziehen suche, ihn schlagend überführt habe, und erklärte Lux, daß es
+nicht erlaubt sei, die Justizpersonen mit gröblichen Aufschneidereien
+zum besten zu haben. Lux errötete und versprach, wenn man ihr das dazu
+Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung so viel falsche
+Maulwurfschwänze man wolle herzustellen, die von echten nicht zu
+unterscheiden sein sollten, allein die Herren weigerten sich, so weit
+auf die schamlosen Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren
+sie überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu haben.
+
+Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt sämtliche
+Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern über die Zauberei
+des jungen Schermäusers aufzubringen wußten: daß man ihn öfters
+Holunderzweige habe abbrechen sehen, die man freilich im allgemeinen
+dazu gebrauche, den Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch
+Hexerei sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten
+Zwecke dienen könne; daß man ihn auch oft im Schatten von Holunderbüschen
+habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer Ort und Aufenthalt
+gewesen sei; daß man ihn den lieben langen Tag durch Felder, Gärten und
+Wiesen hätte streifen sehen, Lieder trällernd, die wohl ihre Bedeutung
+gehabt hätten, niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer
+ehrlicher Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim
+Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was als
+ungewöhnlich aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde gegraben habe,
+aber augenscheinlich nicht nach Maulwürfen. Daß er der Kleinen, die er
+stets mit sich geführt habe, öfters breite Blumenkränze auf den Kopf
+gesetzt habe. Daß man von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu
+Zaubersuppen verwendet habe, und daß man nicht wissen könne, was er im
+Sinn gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe sitzen sehen, wo die
+Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern mit dem Vieh
+umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen sich aufgehalten habe.
+
+Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete, daß Lux
+ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel, eine unüberwindliche
+Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn wohl jedermann bekannt gewesen
+sei, daß der junge Bursch in seiner Gunst gestanden habe und mancher
+ihn vielleicht zu seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe
+spazieren sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines
+Alrauns zu bedienen, nämlich einer goldschwitzenden Wurzel, und ihm
+auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch Verfluchung des
+Christengottes müsse gehuldigt werden, vermutlich um seine Seele dem
+Teufel zuzuwenden, worauf ihm denn endlich die Augen über die wahre
+Natur des gottlosen Menschen aufgegangen wären. Nach eignem Geständnis
+hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten Buche, worin
+auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt wären, um unbeliebte
+Personen unmerklich vom Leben zum Tode zu bringen.
+
+Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend auf alle
+die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung lebte, wie lieb ihnen
+der junge Geselle gewesen war, der ihnen lauter Freundlichkeit und Güte
+erwiesen hatte, was sie nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich
+ja nur seine schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es
+wurden eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen
+zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die Abendzeit in seiner
+Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und ihm Unterstützung versprochen
+hatte, um ihn zu trösten, weil er um seinetwillen die Stelle als
+Hilfsjäger des alten Bernkule verloren habe; wie er sich häufig zur
+schiefen Resi auf die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten
+Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der nicht Weib
+noch Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt und oft mit eignen Händen
+eine Suppe gekocht hatte; wie er die Kinder an sich gelockt und ihnen
+Pfennige geschenkt hatte; wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren,
+obwohl er sich öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte
+Hände und vor allen Dingen einen zärtlichen Blick gehabt habe, wodurch
+er die Seelen habe betören können, wie sich nun herausstelle, um sie dem
+Teufel als schuldigen Tribut oder als Lösegeld in die Krallen zu
+spielen. Auch jetzt flößte Lux, die bald verwundert, bald wehmütig die
+Verhandlungen an sich vorübergehen ließ, ohne viel dazu zu sagen,
+vielen von den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie natürliche
+Zuneigung erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse der
+übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten erkennen müssen, so
+daß ihr Abscheu vor dem gefährlichen Satansbuben dadurch nur vermehrt
+wurde.
+
+Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich, wie sie
+angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule sei, zeigte sich,
+daß sie keine Papiere besaß, um sich auszuweisen, und ihr der Aufenthalt
+in Klus seinerzeit nur auf eine mündliche Erklärung des Alten und wegen
+der bischöflichen Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das
+beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, während man Lisutt
+bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem Lehrer zu vorläufiger
+Obhut übergeben worden war und von diesem als ehrlicher und zuverlässiger
+Bursche geschildert wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter
+gegenübersah, ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu
+dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte und zunickte, wurde er blaß,
+und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, daß er es kaum
+verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung des Bischofs, die
+Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt, ob Lux sein Bruder sei, worüber er
+aufs äußerste erschrak, da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt hatte,
+daß er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er glaubte, es
+hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten ab; aber es war ihm
+unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und mit einem herzzerreißenden Blick
+auf Lux sagte er, nein, sie sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren
+Erklärungen durch kein Zureden zu bewegen.
+
+Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug gebaute Dasein der
+Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt von ihr getrennt werden, und
+der Medizinalrat übernahm es, indem er sich für einen Kinderfreund
+erklärte, die Kleine an sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten
+auf, die er ihr brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte,
+schlug sie nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so kräftig, daß er
+sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind habe sich
+wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet, entweder es sei doch von einer
+Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er habe es bereits von Grund aus
+verhext, so daß man sie füglich beieinander lassen könne, bis das Urteil
+gefällt sei.
+
+Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der Bischof nämlich war
+der Ansicht, ein Zauberer müsse mit Feuer verbrannt werden, die andern
+dagegen fanden, ein Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte,
+er solle sich mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom
+Brennen noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man hätte einzig die
+Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen als etwas Handfestes und
+allgemein Verständliches, mit der Zauberei könnten sie viel Anfechtung
+und üble Nachrede erfahren.
+
+So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der galligen Laune
+des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die Ursache war, daß er der
+armen Lux einen kläglichen Tod bereiten wollte. Die Stiftsdame
+Hermenegilde hatte sich, um ihre Entbindung zu erwarten, in einem
+kleinen, ihr gehörigen Schlößchen in der Nähe von Klus einquartiert, das
+für gewöhnlich nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt wurde,
+und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten als bei seinen
+Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn sie immer Lust hätte,
+besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen könnte. Diese Vorstellung
+ängstigte den Bischof über alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle
+Wünsche der reizbaren Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim
+mit der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete,
+das Kind, kaum daß es völlig auf der Welt wäre, geschwind in das nächste
+große Findelhaus zu tragen, wo es denn für alle Zeit verschollen
+bleiben sollte. Die Sorge, ob der heikle Auftrag sich würde ausführen
+lassen, verkehrte die übliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung,
+die er in dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm das Brennen auf dem
+Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und Notwendiges erscheinen
+ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt, daß das Kind zwar lebendig
+ans Licht getreten, aber stracks in das Findelhaus verbracht wäre, wo
+niemand es suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die
+Unruhe seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit
+Platz. Er fing an, zärtliches Mitleiden für die unschuldig gepeinigte
+Lux zu empfinden, und zugleich regte sich die vernünftige Betrachtung,
+daß am Ende noch ihr Geschlecht bekannt werden würde und diese Entdeckung
+ihm nachträglich böse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte angedeihen
+lassen, eintragen könnte. Im stillen ärgerte er sich über den
+Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige Sache hineingestoßen hätte,
+die seinem Gemüt nicht zusagte, und es dünkte ihn in jeder Hinsicht das
+beste zu sein, wenn dem lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der
+leidige Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck ordnete er an,
+daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis in einen Turm
+überführt würde, der zum Umfange der Burg gehörte und der in alten
+Zeiten als Luginsland sowie zur sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war
+gebraucht worden; wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer
+vermutlich mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde, wogegen
+jener feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also wurden Lux und Lisutt
+eines Morgens in den Turm gebracht, in dessen pechdunkelm Innern eine
+Wendeltreppe mit hohen steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem
+Guckfenster nach jeder Himmelsrichtung führte.
+
+Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich im Hause des
+Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie immer noch glaubte, vor
+allem das Gefühl der Einsamkeit in der Höhe zwischen den winterlichen
+Lüften tat Lux wohl; sie hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch
+die vier Gucklöcher sehen, küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele
+mit ihr zu spielen an mit mehr Fröhlichkeit, als sie seit langem getan
+hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang, wie
+wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen hätte und zwitscherte. Nach
+einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit und Hunger ein, und mit
+minderer Lust als im Anfang erzählte Lux Märchen und Schnurren, damit
+das Kind nicht zu essen verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte.
+Dann, nachdem es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot
+und Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten
+und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte sich dunkle,
+unheimliche Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach der Treppe horchte, ob
+kein Schlurfen von Schritten käme, war es drinnen still wie Stille im
+Grabe, die unendlich und unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und
+brachte wachendes Bewußtsein der Kälte und Verlassenheit mit sich;
+Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im Gefühle,
+wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend hatte zurückhalten
+können.
+
+In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert, wenn
+ein neuer schöner Stern über dem unschuldigen Haupte ihres Kindes
+aufgegangen wäre und Könige und Weise ihm Gaben gebracht und ihm
+gehuldigt hätten; anstatt dessen sollte es auf nackten Steinen
+verhungern. Sie fühlte ihr Herz voll der reichsten, stärksten,
+tapfersten Liebe, und nichts konnte sie tun, um das vergötterte Kind vor
+grausamen Leiden zu retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der
+Menschen, der es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage
+und Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße Antlitz
+unter Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben und es grüßten
+und segneten, wie man Leben, Sonne und Jugend segnet. Sie konnte es
+nicht fassen, daß jene Tage gewesen waren und daß dieser war.
+
+Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der lauter und
+schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken; es war Lux, als jagte
+der Tod auf wieherndem Roß in engen, immer engeren Kreisen um den Turm,
+um ihr die Seele der kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das
+allgemach von Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte,
+und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller,
+glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem Häuschen aus
+täglich gegenüber gesehen hatten, und deutlich schimmerte der nackte
+Pfad, der sich geduldig an ihm in die Höhe wand. »Siehst du?« flüsterte
+Lux, »da werden wir, wenn wir noch eine kleine Weile still warten,
+zusammen in den Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater
+wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.« Lisutt nickte
+und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter sein und dich niemals
+hungern und dürsten lassen.« Lux zog ihre Jacke ab, um ein notdürftiges
+Bett für das Kind daraus zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt,
+als es in einen Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und
+fieberisch wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt
+um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers zu spüren, aber
+schwach, mit flackernder Seele, bald in Träume, bald in Phantasien, bald
+in Betäubung hingerissen.
+
+Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem Mündchen
+ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre Brust suchte, und
+dachte, wie göttlich es gewesen war, sich dem geliebten Geschöpf selber
+zu Speise zu geben. Dann dachte sie an die alte Resi, wie sie jetzt im
+Bett lag, klein, holzdürr und holzbraun, mit traurig verrunzeltem
+Gesicht, eine krumme, empfindungslose Hand, die man nicht anrühren
+konnte, ohne zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an
+den hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf dem ledernen Gesicht
+hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen auf die andre Seite
+wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden Schmerzen und grämlichen
+Gedanken gepeinigt. Dann dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick
+und sein unbeirrbares Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen um
+sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das bald nichts mehr
+für sie bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt in jenes Tal hinübergegangen
+wäre, wo die Welt jenseit aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein
+durchdrang ihr auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein
+berauschender Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften Schauder
+und dem Gedanken, daß sie leichten Herzens alle Himmel hingeben würde,
+um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes, knuspriges, wohlriechendes
+Brot beißen und essen sehen zu können. Zwischen allen diesen hastigen
+Vorstellungen hörte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang: Zu
+mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes, ewig
+schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören und Fetzen, o Leben,
+liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht unter deinem Fenster und
+erzittre, wenn du eine Rose von deinem Haupt auf meine Brust wirfst!
+
+ * * * * *
+
+Daß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden, hing
+folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte Befehl gegeben, daß niemand
+sich in die Bewachung und Bedienung der Gefangenen einmische, die er
+sich selbst vorbehalten habe, aber es fügte sich, daß er sich länger,
+als er gemeint hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage
+einen Besuch abstattete, verweilen mußte. Die Kammerfrau, die mit ihm im
+Einverständnis die Entfernung des Neugeborenen besorgt hatte, spiegelte
+der Wöchnerin vor, daß das Kind zur Schonung ihrer Gesundheit zunächst
+von ihr getrennt bleiben müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei
+Hermenegilde, denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe
+entbrannt, sprach von allen Männern ohne Ausnahme mit Geringschätzung,
+und es kostete die erdenklichste Mühe und Gewandtheit, um sie im Bette
+zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe Höllenpein sowohl durch
+die augenblicklichen Angriffe, mit denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie
+durch die Angst vor der weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte
+zwischendurch mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer
+albernen Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.
+
+Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht der
+Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten Nachmittag
+zurückgekehrt war und sich bei einer kräftigen Mahlzeit von der Strapaze
+und Gemütsbewegung erholt hatte, schritt er zur Ausführung des Planes.
+Als er ins Freie trat, blies ihm der Wind so stark entgegen, daß er den
+Mantel, den er umgehängt hatte, fester zusammenfaßte und die Kapuze über
+den Kopf zog, worauf er entschlossen über den freien Platz eilte, der
+zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem Turme sich erstreckte.
+
+Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit dem Vorsatz
+umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für sich zu befreien,
+worüber er mit dem Schicksal nicht mehr streiten wollte, wenigstens
+doch vor Schande und vielleicht gar gewaltsamem Tode zu bewahren,
+ebendieselbe Stunde wie der Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk
+zu verwirklichen. Er hatte, sowie Lux in den Turm geführt war,
+eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig wäre, sich Werkzeuge
+verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann in das
+leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um die Zeit bis zum
+Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen Träumereien zu betrügen.
+Er setzte sich an das Fenster, wo Lux viele Male mit ihm gekost und
+geflüstert hatte, und versenkte sich in die Wonnen der Vergangenheit,
+bis ihn der brummende Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein
+Vorhaben zu beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte
+wünschen mögen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen, und die
+Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe. Gerührt und
+hingerissen von der Betrachtung, daß er das unglückliche Weib in kurzem
+wiedersehen würde, um sich sofort auf immer aus ihren Armen zu reißen,
+ging er mit verschlossenen Sinnen vorwärts, als er, eben der Pforte des
+Turms sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben Entfernung vom
+Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig seiner
+gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von Empfindungen des Ärgers und
+der Eifersucht durch den Kopf, vor allem aber beherrschte einen jeden
+der Wunsch, er möchte vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl
+dies dem Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch
+unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander den
+Rücken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre Wege in
+entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so scheinen, als ob
+sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen, einen Spaziergang
+unternommen und dabei den Turm gestreift hätten, worauf sie nach einigen
+beliebigen Umwegen wieder unter das schützende Dach zurückgekehrt wären,
+was freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hörten
+einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte aufmerksam, ob
+sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf diese Weise verhielten sich
+beide still und wachsam, bis sie endlich über dem anhaltenden Aufmerken
+einschliefen.
+
+Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis zum nächsten
+Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit schlief, verschoben werden
+mußte, und inzwischen dachten Wonnebald und Lando darüber nach, unter
+was für einem Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von
+der Burg entfernen könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch ein
+überraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt: unangemeldet
+nämlich erschien der Erzbischof von Casalba auf der Burg, der nicht
+länger davon abstehen wollte, das Treiben seines Neffen sowohl wie des
+Bischofs durch eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag
+übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwünscht, und er ließ
+köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig und schnell und
+ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden Angelegenheiten über,
+zunächst des Hexenprozesses, den er für ein anstößiges und bedenkliches
+Gemächte erklärte. Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des
+Zauberns, über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels und über
+Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worüber es dem Erzbischof heiß
+und absonderlich zumute wurde, da er es für nichts andres als den
+Ausfluß blöden Aberglaubens halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück
+seinerzeit nicht treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz
+gestellt habe, und er sagte sich, daß es jetzt an ihm sei, den
+verfahrenen Karren, wenn irgend möglich, ohne Lärm und Aufhebens aus dem
+Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst unerörtert und sagte
+nur, daß man auch die beste Sache nicht in schroffer Weise und bis zum
+äußersten führen dürfe, daß Formen veralteten und daß es wesentlich sei,
+nicht zum Trotz der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten,
+schließlich, daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch und
+Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu wollen.
+Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs herauszuwittern,
+und beeilte sich, zu versichern, daß er ebenso denke, aber einer Partei
+habe nachgeben müssen, die im Lande mächtig sei und an deren Spitze
+der Medizinalrat von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und
+blutdürstiger Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er,
+der Bischof, ihn nicht einigermaßen im Zaume gehalten hätte; auch hätte
+er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen zu lassen, damit der
+Prozeß hängen bleibe und die böse Sache im Sande verlaufen könne. Damit
+erklärte sich der Erzbischof einverstanden, nur müsse vermieden werden,
+sagte er, daß Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat
+und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.
+
+Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger und
+zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt hatte: bei
+allen Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit zeigte er
+sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte zu verzichten, sondern
+auch dem Oheim in seine Residenz zu folgen, vielleicht sogar die ihm
+zugedachte Braut zu heiraten, die Giselbert ihm als krank vor
+Sehnsucht und mit mädchenhafter Scham verhülltem Kummer überaus
+anziehend schilderte. Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst
+herabhängender Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen
+Wünschen fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des Lebens
+nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt würde, daß die
+Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner nicht nachgestellt
+werden solle, worauf der Erzbischof nach einigem gespielten Bedenken
+und Zögern einging. Er streichelte seinen Neffen zärtlich und fing, um
+ihn zu zerstreuen, ein Gespräch über die Torheiten des Bischofs an,
+worauf Lando lustiger und gesprächiger wurde, freilich ohne seine
+Schwermut abzulegen, so daß auf dem schwarzen Grunde seine frechen
+Witze desto blendender funkelten.
+
+Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen sollte, überlegte
+sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt Wonnebald oder Lando
+mit der Ausführung des Werkes zu betrauen, die Sache selbst in die Hand
+zu nehmen, wodurch zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand,
+befriedigt werden würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht
+und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt hätte, herauskam, daß
+sie nicht nur am laufenden, sondern auch am vorigen Tage ohne Nahrung
+geblieben waren, erklärte der Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange
+der Sonne warten zu wollen, bis er hinüberginge, besonders weil es
+sich um ein kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht
+erliegen könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte deutlich an, daß dem
+Versehen nicht mörderische Absicht, sondern Vergeßlichkeit zugrunde lag,
+weshalb es der Erzbischof bei einem kurzen, scharfen Fluch, der in
+vornehmen Kreisen gebräuchlich war, bewenden ließ und schnell von
+der bischöflichen Tafel Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein
+zusammenraffte und in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu
+bringen.
+
+Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so daß er mehrere
+Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte er die Schritte
+immer wieder, so gut er konnte. Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er
+sogleich die Frau und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem
+Boden liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus tief
+umschatteten Augen so traurig an, daß sich sein Herz vor Mitleid und
+Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben ihr nieder und setzte die
+Weinflasche an ihre Lippen, indem er sie mit dem Arm unterstützte; erst
+als sie getrunken hatte, bemerkte er, daß ihr Hemd offen stand und Hals
+und Brust sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten,
+verwelkten Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind, das still mit
+halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper dann und wann ein
+kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen mit Wein und versuchte, einige
+Tropfen in das offene Mündchen fließen zu lassen, während welcher
+Bemühungen Lux anfing zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto
+leidenschaftlicher schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte
+dazu gebracht werden, daß sie ein wenig Brot und Fleisch aß, worauf sie
+sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden Mann betrachtete und
+diesen mit freundlich ernstem Blick und zutraulichem Nicken fragte:
+»Bist du der Himmelvater?« Dem Erzbischof kamen Tränen in die Augen,
+und er bückte sich ein wenig, um eine von den kältestarren Händen der
+Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken, was sie sich
+feierlich froh gefallen ließ.
+
+Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe versteckte,
+Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen und wohin sie sich
+wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig mit kleinen Bissen
+fütterte, war es Abend geworden, und er mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf
+der Treppe jedoch gab es einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der,
+obwohl er sich kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter
+herunterkommen hörte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach.
+Es stellte sich heraus, daß er, sowie Lux in den Turm geführt worden
+war, sich dorthin geschlichen und in dem Gebüsch, das ihn umgab,
+versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung, bei irgendeiner Gelegenheit
+hineinschlüpfen zu können, jedenfalls aber ihre Gefangenschaft
+freiwillig zu teilen und, wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr
+nah zu sein. Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt war,
+verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe begnügen,
+da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen wollte. Der Erzbischof sah
+den dreien nach, wie sie sich den schlängelnden Pfad des Burghügels
+hinunterbewegten, bald verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er
+sie nicht mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus zurück.
+
+Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über den Strom führte,
+hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn sie hinüberginge, das letzte
+Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand
+zu drücken und ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen
+und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich war;
+allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie ein Sturmvogel
+leicht und kräftig durch milde, nasse Luft schneidet, das helle Gesicht
+dem kalten, schwarzen Himmel, die Augen dem gegenüberliegenden Berge
+zugewendet, empfand er plötzlich bitteres Weh im Herzen und weinte
+verstohlen auf den hölzernen Pfosten, an den er sich so dicht preßte,
+als ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht gesehen, oder
+wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet; nichts
+war da für sie, außer sie selbst und die beiden getreuen kleinen Wesen,
+die sie nah bei sich fühlte, miteinander getragen und gehalten von der
+Erde und der Luft und dem Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd,
+wissend umgaben. Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt,
+vielleicht durch das Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem
+sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit der kalten Nase
+in den Hals ihrer Mutter grub: »Du riechst gut!« worauf sie sofort
+wieder einschlief. Es kam Lux eine unwiderstehliche Lust an zu lachen,
+daß es von dem breiten Bergrücken widerhallte, die Frostluft über dem
+winterlich schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu
+erschüttern; aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns magere Hand
+und Lisutts leise schmorenden Körper fester.
+
+ * * * * *
+
+Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung über die Flucht des
+Schermäusers, welche offenbar durch Magie oder schwarze Kunst war
+bewerkstelligt worden, als eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die
+Stiftsdame Hermenegilde nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres
+Kindes auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause und rief den
+Bischof als ruchlosen Bösewicht aus, der nicht nur der Millionenmaria
+die Krone gestohlen, sondern dazu noch einen Unschuldigen des Verbrechens
+bezichtigt habe. Um ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine
+Handvoll Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt
+habe, und die allerdings als zu dem vermißten Heiligtume gehörig erkannt
+wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde, würde sich zweifelsohne
+im Besitze des Bischofs finden, der sich ohne Erröten als Entwender
+desselben ihr gegenüber bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich
+zur Hehlerin eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, daß in
+ihrer Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als der
+Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof, ihren
+Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe und
+mehr dergleichen stattgefunden, und daß eben jetzt das Mitleid mit dem
+fälschlich Beklagten, von dessen Flucht sie noch nichts gewußt hätte,
+gesiegt habe.
+
+Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten
+Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche Verlegenheit,
+und sie hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht vertuscht, wenn
+nicht einige Herren darunter gewesen wären, die, scharf und scheel,
+immer bei der Hand waren, wenn es galt, der Geistlichkeit etwas
+aufzumutzen, und wenn die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde
+Henne von Haus zu Haus gegangen wäre, um ihr faules Geheimnis in jedes
+offene Ohr zu legen.
+
+Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch das rasch
+verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone auf die Seite
+gebracht hätte, bevor eine Untersuchung in Gang kam; aber er war an
+diesem Tag abwesend, weil er den Erzbischof in seiner großen Kutsche
+bis zur nächsten Eisenbahnstation begleiten mußte, die mehrere Stunden
+weit entfernt lag, und kam erst zurück, als sich bereits einige
+Gerichtsbeamte in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem
+heiligen Gegenstande zu durchstöbern. Wonnebald war zu überrascht, um
+seinen Schrecken verhehlen zu können, und warf sich laut ächzend in
+einen Sessel, von dem aus er die Nichtswürdigkeit der Hermenegilde
+verwünschte, die es nicht für zu entmenscht hielte, einen treuen Freund,
+Vater, Berater und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben.
+Die Herren hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an,
+wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen,
+mit denen sie die Kasten, Schränke und Türen öffnen könnten, worauf
+Wonnebald mit müder Handbewegung auf eine silberne Truhe deutete, in
+der sich ein Schlüsselbund befand. Während sie damit hantierten, fuhr
+er fort zu jammern, daß er schon am vergangenen Tage durch den Besuch
+des Erzbischofs aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, daß
+er in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen Knochen und
+Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß man ihm in der
+Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe, das fader als gekochtes
+Kalb gewesen sei, und einen Wein, der wie Blausäure und Essig geschmeckt
+habe, daß er keine Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er
+gehofft habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine solche
+Wirtschaft gerate, so daß er sich in Wahrheit einen großen Märtyrer und
+Leidensgenossen nennen dürfe.
+
+Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden worden, das
+Wonnebald im Laufe des Sommers als Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und
+das zufällig noch nicht gebraucht war, und die Herren entfernten sich,
+indem sie dem Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen,
+deren Ausgänge übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald
+atmete auf, als die Störenfriede sich entfernt hatten, und da er der
+Meinung war, es würde töricht sein, nachdem das Schicksal ihn dermaßen
+gepeinigt habe, sich freiwillig weiter zu kreuzigen, ließ er sich eine
+auserlesene Abendmahlzeit auftragen und schlief gut gesättigt bis in den
+lichten Morgen. Es zeigte sich, daß dies eine glückliche Maßregel
+gewesen war, denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee zu
+sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe er sich
+aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen hatte. Bald darauf
+wurde er im Wagen abgeholt, um auf das Rathaus geführt zu werden, was
+nur langsam vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte,
+um ihn zu beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne seine Furcht
+merken zu lassen, die Menge mit milder Gebärde durch das verschlossene
+Fenster segnete.
+
+Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des Bischofs war ohne Maß.
+In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten sich zwei Parteien, von
+denen die eine glaubte, er habe mit dem Schermäuser unter einer Decke
+gespielt, ihm nur zum Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur
+Flucht verholfen, während die andre behauptete, der Jüngling sei
+unschuldig gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten, der ihm das
+eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis war bei beiden Parteien
+das gleiche, nämlich, daß der Bischof ein fluchwürdiger Charakter und
+Wolf im Schafspelze wäre, für den keine der gewöhnlichen Strafen, sei
+es Hängen oder Halsabschneiden, hinreichend wäre. Niemand war so erbost
+wie der Medizinalrat, der, während einige darauf bestanden, dem Bischof
+von Anfang an mißtraut und den jugendlichen Maulwurffänger im Herzen
+bemitleidet zu haben, frei bekannte, daß er sich habe täuschen lassen
+und sich dessen nicht schäme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes
+sei, die Reinen zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er,
+bleibe noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und so sei
+es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige Diener sie
+beschmutzten, nicht entstellen könne; freilich gäbe es schwache Seelen,
+die sich durch solchen zufälligen Schmutz irremachen ließen, und darum
+seien die Urheber des Unflats die gottlosesten unter den Sündern und
+müßten auf langsamem Feuer geröstet oder mit glühenden Zangen gezwickt
+und zerrissen werden.
+
+Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn warten ließ,
+Muße, sich zu sammeln, und erschien in würdevoller Fassung vor den
+düsterblickenden Herren, die seine Aussage protokollieren sollten. Er
+blickte still und rätselhaft über ihre Köpfe weg, während sie ihm
+vorlasen, aus was für einem Grunde er verhaftet wäre, und entgegnete auf
+ihre förmliche Aufforderung, er könne sich wohl verantworten, wolle es
+aber an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor seinem
+Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit aus dem eignen Munde
+seines Hirten zu vernehmen. Einer der Herren, welche Kirchenfeinde
+waren, erwiderte unwirsch, das sei ungesetzlicher Firlefanz und könne
+nicht gestattet werden; da aber der Bischof, immer noch still über
+die Köpfe wegblickend, erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm
+auferlegt würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren Willen
+umzuwenden, entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt werden solle, und
+es wurde bekanntgemacht, daß der Bischof in der Kirche vor allen, die es
+hören wollten, sich wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung
+verantworten würde.
+
+Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der Bischof auch ihm
+das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld ablegen wolle, und keiner
+dachte daran, sich seinem Wunsche zu versagen, so daß die Wallfahrt den
+Burghügel hinan kein Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern
+auch die anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll
+wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im Rathause
+verbleiben müssen, doch hatte man ihm auf sein Verlangen sein
+veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit welchem bekleidet er dann
+glanzvoll aus einer Seitenkapelle in die Kirche hereinbrach. Kaum
+erschienen, tauchte er wiederum vor einem halbverborgenen Altare unter
+und kauerte dort eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, während
+welcher Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und die
+wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe verwies. Nach
+Beendigung des stillen Gebets bestieg der Bischof eine niedrige Kanzel,
+welche mehr zur Zierde als zum Gebrauch da war, betete nochmals mit
+aufgehobenen Händen lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine
+Rede, in welcher er sich etwa folgendermaßen verbreitete:
+
+»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln Glück und Unglück
+im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich als euer Hirt und Vater stand und
+euch segnete, stehe ich jetzt wie ein armer Sünder, wessen angeklagt?
+Gestohlen soll ich haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt
+haben wie ein wütender Skorpion, der den eignen Schwanz frißt! Ihr
+Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß ich meine Zunge entsiegeln, meine
+Seele entblößen und schamrot werden muß. Hört, was sich an jenem
+gebenedeiten Tage begeben hat, den ihr für einen Tag des Diebstahls und
+der Schande haltet.
+
+Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln gekämpft,
+wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott würdig sei, die
+Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu lenken, und unter vielem
+Tränenvergießen und Händeringen forschte ich in mir nach den Tugenden
+des vollkommenen Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote
+gehalten? Hast du deinen Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es
+mit der Reue? Wie ist es mit der Buße? und so weiter und weiter, bis
+mir der Schweiß von den Schläfen tropfte und ich zu ersticken glaubte,
+weswegen ich vom Bett aufstand und mich in die Kirche begab, um Gott als
+Schiedsrichter zwischen mir und meinem Gewissen anzurufen.
+
+Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam, zog es mich
+wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor der fürbittenden
+Jungfrau niederzuknien, und heftig betete, sie möchte mir ein Zeichen
+geben, ob ich des hohen Amtes, das ich bekleide, würdig sei. Nicht
+lange hatte ich in solcher Weise gebetet und geweint, als sie plötzlich
+den hochheiligen Arm bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und
+mir armen Sünder auf den gebückten Kopf setzte. Ich jauchzte und
+triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum mich
+zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten Gnade! Ferne sei es
+von mir, so dachte ich, mit der Gunst Gottes wie mit einem Orden zu
+prahlen! Ich verbarg die Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit
+inbrünstigen Tränen, wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß
+die beiden größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet
+worden waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet hatte, nahm
+ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in Versuchung zu führen, sämtliche
+übriggebliebene Edelsteine und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde
+ein, damit sie aus dem Erlös die Nackten kleide und die Hungernden
+speise, ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.
+
+Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich könnte im Hause
+Gottes lügen? Würde mich nicht auf der Stelle sein Blitz zerschmettern,
+wenn ich lästerte? Aber tut mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter
+Gottes den Arm heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht
+minder regen können, um mich mitten aus brennendem Feuer oder aus
+kochendem Öl herauszuholen.«
+
+ * * * * *
+
+Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art beendete der
+Bischof seine Rede, die er durch gewaltige Gebärden ausgeschmückt und
+dann und wann durch lautes Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk
+andächtig einstimmte, so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch
+die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor Inbrunst auf
+die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als Wonnebald von der Kanzel
+herunterkam, rutschten sie zu ihm hin, küßten sein Gewand und baten um
+seinen Segen, den er rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine
+Art war, rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme
+des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab sich der
+Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehörenden Gang nach
+Hause, woran ihn auch niemand hinderte, da ein solcher ohne Zweifel
+durch die begeisterte Volksmenge in Stücke zerrissen worden wäre.
+
+Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des geschilderten
+Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle Benehmen des Bischofs
+einigermaßen in Verwirrung gesetzt und warfen einander stillschweigend
+Blicke zu, die ebensowohl nachdenkliche Rührung über einen solchen
+Beweis von Übernatürlichkeit wie Erstaunen über die Unverschämtheit des
+Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend wachsendes
+Glaubensfeuer im Volke offenbarte, hielten es die meisten für ratsam,
+keine dem Gottesliebling nachteilige Äußerung laut werden zu lassen,
+besonders nachdem der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön
+auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen könne. Diese feurige Natur
+nämlich entbrannte bei Enthüllung der bischöflichen Makellosigkeit
+und seiner überirdischen Krönung sofort in andächtigen Eifer und
+beanspruchte für sich nur den Ruhm, vor aller Welt zum Besten der Kirche
+von dem stattgehabten Wunder Zeugnis abzulegen.
+
+Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den Einblick in ein
+auserwähltes Gemüt war entflammt worden, so war es das der Stiftsdame
+Hermenegilde, deren Gefühl plötzlich einen neuen Umschwung, von der
+Mutterliebe zur Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger
+Rache einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe ins
+Verderben gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht, so daß
+sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu Füßen geworfen hätte,
+wenn das Gedränge um seine Person nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend
+vor Zerknirschung suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein
+ungeachtet ihrer demütigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich
+nicht ohne eine künftig wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche Aussicht
+zu stellen.
+
+Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof erhobenen
+Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam, seufzte er mehrere Male
+und verwünschte im Innern Wonnebald und denjenigen, der ihm zum
+erstenmal seinen Namen genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger
+über sich selbst, daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des
+Menschen so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er
+nach vollbrachten Tagesgeschäften unternahm, beruhigte er sich ein wenig
+durch die Betrachtung, daß ihn eine solche Erfahrung vielleicht vor
+Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem Dummheit und Dreistigkeit
+zuweilen das beste Echo aus der Welt herauslockten und also auch diesmal
+vielleicht die Spitzbüberei des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als
+zum Schaden gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten
+einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben in Klus
+verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des öfteren bei einem
+unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst das Zugeständnis, daß er
+mit Wonnebald zwar viel gewagt, aber am Ende denn doch das Richtige
+getroffen habe. Zwar entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so
+wenig wie möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter
+einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen und ließ der
+Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht umgehen konnte, sich
+darüber zu äußern, tat er es vorsichtig und in feinen Wendungen, wie daß
+bei Gott kein Ding unmöglich sei oder daß für den Gläubigen jedes Wunder
+wirklich sei und ihm von niemand bestritten werden dürfe noch könne.
+
+Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war ihm das Wunder
+von Klus durch so feurige Zungen geschildert worden, daß das Unkraut des
+Zweifels dabei nicht aufgehen konnte, kurz, er beschloß, den Bischof
+durch Überreichung der Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch,
+nachdem die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren
+Kopfbedeckung entäußert hatte, nicht anders als billig genannt werden
+konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich beglaubigt, und seit
+die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung sich verbreitete, fingen
+auch die besseren Kreise an, ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu
+äußern, und wo etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall
+unschlüssig und makelsüchtig umschwirrt hatten, lösten sich diese
+nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der triumphierenden Tagessonne.
+
+Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene Rose zu
+überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an die Heiligen noch an
+sonst etwas und konnte sich nichts andres vorstellen, als daß der Kluser
+Bischof ein Mann von feinster Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß
+er den Leuten eine so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und
+verdaulich machen können. Er selbst war in der diplomatischen und
+schriftstellerischen Laufbahn zu einem großen Ansehen gelangt, niemals
+aber hatte er sich in den Geruch der Frömmigkeit bringen können, und
+bewunderte deshalb nichts so sehr wie die Hinterlist und Gaukelkunst,
+vermöge der es einem gelang, die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der
+Bischof feierte nach seiner Weise die Anwesenheit des päpstlichen
+Gesandten durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle
+Kunstwerke und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen, Gläser,
+Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht worden waren, so daß
+man nicht wußte, wohin man blicken und was man kosten sollte. Es war
+auch um diese Zeit der Justizrat Schimmelmann von seiner Reise
+zurückgekehrt und zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche
+Erzählungen und vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß
+und trank mit Lust und ließ es an geeigneter Stelle nicht an einem
+munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beifälliger
+Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, das Lamm
+Gottes darzustellen, und träufelte nur von Zeit zu Zeit, wie wenn er
+nicht anders könnte, etwas Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch.
+Der Überbringer der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied,
+als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte ihn mit
+Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen über alle Maßen
+günstigen, fast begeisterten Bericht über den erleuchteten Betrieb des
+Pückschen Bischofssitzes.
+
+Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim Rosenfeste zu sich
+genommen hatte, schlecht; was erst nur eine leichte Störung in den
+verdauenden Organen zu sein schien, erwies sich als tückische Krankheit,
+die den prangenden Körper in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche
+zurückließ. So unerwünscht dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte,
+der sein Dasein so geschickt und fröhlich zu benutzen verstand, so
+gewinnbringend war es für sein Gedächtnis, das sich nun an den
+glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte. Das Trauergepränge
+dauerte mehrere Tage, und während derselben verbreitete sich das
+Gespräch häufig um die Frage, wie man den Verblichenen geziemend und
+dauerhaft ehren könne, sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende
+Darstellung seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl
+noch nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung sowie in dem
+Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken Wonnebalds in den Zeitungen
+drucken ließ, derselbe beiläufig als ein heiliger Mann war bezeichnet
+worden, kam man von selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des
+Gedankens hätte genannt werden können, an die Heiligsprechung des
+Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Würdigung seiner
+Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des Medizinalrats
+ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen Wunsch der Kluser
+Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu bringen, der, obwohl er von allen
+Seiten nur das Beste über den Pückschen Lebenswandel gehört hatte,
+sich doch vorsichtig in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt.
+Wie ausdrücklich sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen
+der Marienkrone für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es
+vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten, die
+Lebensführung des Kandidaten Punkt für Punkt, gleichsam wissenschaftlich,
+auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen, wodurch sich denn freilich auch
+seine unbedingtesten Verehrer zunächst in eine gewisse Verlegenheit
+versetzt fanden. Bei näherem Bedenken indessen sagten sie sich, daß,
+wenn Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich ausschließlich vom
+Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie ernährt, noch überhaupt
+in dieser gewissermaßen älteren Richtung Löbliches und Wunderwürdiges
+vollbracht habe, er hingegen die Tugenden der Demut und Einfalt, welche
+die eigentlich christlichen seien, bis zum äußersten getrieben habe, wie
+er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann verheimlicht
+habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn nicht die Verleumdung der
+Bösen zur Mitteilung gezwungen hätte. Er hätte, sagten sie, ohne sich je
+der Wissenschaft zu bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens
+sei, eine hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder durch
+Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes befähigt.
+Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten diese Sachwalter
+des Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr oder überhaupt gar keine
+staunenswerten Taten von ihm bekannt seien, dies sich eben von seiner
+vollkommenen Demut herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen,
+von denen die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.
+
+Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer Weise durch
+ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt werden, was bei den
+großen Kosten, die die Heiligsprechung mit sich bringt, nicht gering
+anzuschlagen war. Ein glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an
+die Marienkrone, die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans
+Licht gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen
+dazugehörigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher Verwahrung befand,
+und deren Geldwert hinreichte, um die Vollziehung des großen Geschäftes
+daraus zu bestreiten. Es hatte zwar die Absicht bestanden, der
+Gottesmutter ihre Krone zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden,
+daß sie dieselbe freiwillig und vermutlich aus guten Gründen an
+Wonnebald abgetreten habe, und daß man in ihrem Sinne handle, wenn man
+sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner Person nutzbar mache.
+
+Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs während der
+Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen gemacht und sah in der
+Verzögerung eine ihr angetane Kränkung, woraus denn wiederum geschlossen
+werden konnte, was für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des
+Wonnebald im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich
+der päpstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des Bischofs
+in die Schar der Heiligen fand unter den üblichen Zeremonien zu
+vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen statt. Das Bild Pücks wurde
+in der Burgkirche aufgehängt, mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine
+Hand im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos
+gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch Vergegenwärtigung der
+seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof von Casalba, der an
+gewissen Festtagen in der Kluser Kirche einen Gottesdienst abhielt,
+verweilte gern einige Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte mit
+gedankenvollem Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod des
+Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn so schleunig wie
+bisher fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich gezwungen gewesen wäre,
+ihn zum Herrgott zu machen, um ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen
+Bedürfnis entsprechend weiter zu befördern.
+
+
+ 21. bis 30. Tausend
+ *
+ Druck der Offizin
+ Fr. Richter in Leipzig
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück, by
+Ricarda Huch
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WONNEBALD PUCK ***
+
+***** This file should be named 31834-8.txt or 31834-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/1/8/3/31834/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+Project Gutenberg's Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück, by Ricarda Huch
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück
+ Eine Erzählung
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+Author: Ricarda Huch
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+Release Date: March 31, 2010 [EBook #31834]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WONNEBALD PUCK ***
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+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
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+<div class="text-block">
+<p class='tnote break-after' style='margin-top: 5em;'><b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br />
+
+Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen.
+<br />
+<br />
+Das Original ist in Fraktur gesetzt.<br />
+Im Original in <i>Antiqua</i> gesetzter Text wurde <i>kursiv</i> markiert.
+</p>
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+des heiligen Wonnebald Pück</h1>
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+<p class="center noindent"><span class="gesperrt" style="font-size: 150%;">Eine Erzählung</span><br />
+von<br />
+<span class="gesperrt" style="font-size: 150%;">Ricarda Huch</span></p>
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+<div class="figcenter" style="width: 123px; margin-top: 6em;">
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+
+<hr style="width: 25em; margin-top: 4em; margin-bottom: 0em;" />
+
+<p class="center noindent gesperrt break-after" style="font-size: 150%; margin-bottom: 4em;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p>
+
+
+<p class="chapter"><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_3" id="Page_3">3</a><span>] </span></span></p>
+<p class="chapter" style="margin-top: 0em;">Über Berge, auf denen der Schnee noch nicht geschmolzen
+war, ging Lux Bernkule, ein junges verwitwetes Weib,
+mit ihren zwei Kindern, dem zehnjährigen Brun und der
+kaum dreijährigen Lisutt, nach dem jenseitigen Orte Klus, der
+ihre Heimat werden sollte. Es lebte dort der Vater ihres verstorbenen
+Mannes, Christoph Bernkule, in hohem Alter als
+Schermäuser oder Maulwurfsfänger, welches Amt ihm ein
+nettes Einkommen verschaffte, und bei dessen Ausübung ihn
+die Schwiegertochter mit ihren Kindern unterstützen sollte.
+Sein Sohn Henne, ihr Mann, hatte mit seinem Vater von
+jeher in Unfrieden gelebt, so daß er ihm Frau und Kinder
+niemals vorgestellt, die Ursache davon aber niemals hatte
+laut werden lassen; da nun der Lux die enge Rechtlichkeit und
+Hartköpfigkeit ihres Mannes wohl bekannt waren, bildete sie
+sich ein, daß auch er schuld an dem Zwiespalt getragen haben
+könnte, und war wohl geneigt, der Einladung des Greises
+Folge zu leisten, teils aus Neugier, teils aus Mitleid mit
+seinem einsamen Alter, und schließlich weil sie durch einen
+mächtigen Gönner, der ihr alles Erdenkliche an Schutz und
+Begünstigung zusicherte, dazu angeregt wurde. Dies war der
+Abt des Klosters, in dessen Nachbarschaft ihr Mann Forstgehilfe
+gewesen war, Wonnebald Pück, der kürzlich zum Bischof
+von Klus ernannt worden war und, heftig verliebt in die anmutreiche
+Frau, sie eindringlichst ermunterte, gleichfalls dorthin
+überzusiedeln, wo sie einzig auf der Welt noch Familienanhang
+hätte. Einem Ratschlag des alten Bernkule folgend,
+hatte sie Männerkleidung angelegt und stieg so behende, aber
+ohne sich zu eilen, den alten Saumpfad hinan, der den Fußgängern
+diente, mit Hilfe des kleinen Brun einen Karren bald
+schiebend, bald ziehend, der mit allerlei Kleidern und Hausrat
+beladen war, und auf dem auch Lisutt, wenn sie müde war,
+gefahren wurde. An einem hochgelegenen Punkte kreuzte sich
+der alte, beschwerliche Weg mit der neuen Straße, die für die
+Eisenbahn gebaut worden war, und es fügte sich, daß die
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_4" id="Page_4">4</a><span>] </span></span>Wanderer dort mit dem Zuge zusammentrafen, der den neuen
+Bischof seinem Ziele entgegenführte.</p>
+
+<p>Er saß im Speisewagen an einem gedeckten Tischchen und
+erblickte, wie er gerade ein Glas rotgelben Weines an die
+Lippen setzte, die fahrenden Leute, die vor dem niedrigen
+Stationsgebäude standen, dicht aneinandergedrängt in dem
+beißenden Höhenwinde, die Kinder ein Stück Brot in den rotgefrorenen
+Händen. Seine Augen weilten mit Appetit wie
+auf einer leckeren Schüssel auf Lux, deren ragende Schlankheit
+in der losen Jacke und kurzen Pumphose sich schöner als sonst
+sehen ließ; ihre feinen braunen Haare waren abgeschnitten
+und hingen in weicher Bewegung um ihr helles Gesicht, das
+in reizvollem Wechsel bald tiefgreifendes, wägendes Denken,
+bald betörende Süßigkeit ausdrückte. In ihrem Lächeln, mit
+dem sie seinen leutseligen Gruß erwiderte, lag mehr Überlegenheit,
+als Ehrerbietung oder Liebe zugelassen hätten, allein
+er ärgerte sich weder darüber noch über den trotzigen Blick,
+den Brun ihm zuwarf, da er nicht zweifelte, daß die Zeit, die
+ihm lieblichste Vergütung im Überfluß zuteil werden lassen
+würde, vor der Tür stände. Mit freundlicher Würde winkte
+er einen Angestellten des Zuges herbei, händigte ihm zugleich
+mit einem reichlichen Trinkgeld eine Flasche Wein ein und
+bedeutete ihm, sie den armen Leuten draußen zu überreichen,
+und als gleich darauf der Zug sich langsam in Bewegung
+setzte, bewegte er die Hand majestätisch grüßend gegen die
+kleine Gruppe.</p>
+
+<p>Während der Bischof, träumerisch speisend, in dem gemütlichen
+Wagen, der weich wie ein Schlitten dahinsauste, weiterfuhr,
+malte er sich die mit seiner Beförderung verknüpften
+Annehmlichkeiten in genußreichen Bildern aus, wobei seine
+Zufriedenheit nur durch die Sorge beeinträchtigt wurde, ob
+und wie er sich die Mittel, die seine Lebensführung kostete,
+würde beschaffen können.</p>
+
+<p>Der Vater von Wonnebald Pück war ein schwerreicher Kaufmann
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_5" id="Page_5">5</a><span>] </span></span>und sowohl dadurch wie durch seinen Verstand und
+schließlich durch eine vornehme Heirat eine in weiten Kreisen
+maßgebende Persönlichkeit gewesen. Seine Frau, hübsch und
+von altem Adel, hatte ihm mehrere Kinder geboren, von denen
+das jüngste etwa zwölfjährig war, als sie ihm unerwarteterweise
+noch einmal das Glück, Vater zu werden, in Aussicht
+stellte. Der bereits ergrauende Mann freute sich doppelt, da
+das Kind ein Knabe wurde, und erteilte ihm zu beständigem
+Andenken an die Seligkeit, die seine Ankunft mit sich gebracht
+hatte, den Namen Wonnebald; doch verwandelte sich seine
+übertriebene Zärtlichkeit bald in Kummer und Ärger, da der
+Jüngste die Anlagen eines Taugenichts, Faulenzers, Dummkopfs
+verriet, während seine älteren Geschwister nicht hervorragend,
+aber doch leidlich begabt und durchaus rechtschaffen
+waren. Weder in der Schule noch unter häuslicher Aufsicht
+lernte er etwas, galt es aber mutwillige Streiche auszuführen
+oder etwas Verbotenes zu erschleichen, mangelte es ihm nicht
+an Erfindungsgabe und Pfiffigkeit, so daß, wie übel er auch
+in allen ernsten und ehrlichen Angelegenheiten bestand, er doch
+immer frech und guter Dinge und der Zukunft gewiß war.
+Die Ermahnungen und Drohungen seines Vaters schlugen ihm
+nicht an, einzig bei seiner Furchtsamkeit konnte man ihn fassen,
+und zwar wirkte die Angst vor dem Fegfeuer oder Gespenstern
+weit kräftiger als Angst vor Prügelstrafe oder andern natürlichen
+schmerzhaften Folgen seines argen Lebens, denen er durch
+Glück und schlaue Anschläge zu entrinnen dachte. Wäre aber auch
+die Strenge seines Vaters von Einfluß auf Wonnebald gewesen,
+so hätte diesen die Torheit der einsichtslosen Mutter sogleich
+wieder aufheben müssen, die, so anspruchsvoll und unnachgiebig
+sie übrigens sein konnte, eine Wollust darin fand, sich von
+ihrem Sohne umgarnen und ausbeuten zu lassen, was er geschickt
+und freundlich zu tun verstand. Ihr war dabei etwa so
+zumute, als ob sie im angenehmen Halbschlummer, so daß sie
+die Töne und Gegenstände nur verschwommen wahrnähme,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_6" id="Page_6">6</a><span>] </span></span>auf einer Ottomane läge, während das Fell einer schnurrenden
+Katze sich schmeichelnd an ihr riebe. So traute sie zum Teil
+seinen Vorspiegelungen, zum Teil seine arglistige Absicht
+durchschauend, und verharrte beglückt in dem gaukelnden
+Zwielicht, ja widersetzte sich eigensinnig, wenn ihr Mann oder
+ihre andern Kinder sie zwingen wollten, die Wahrheit zu
+erkennen oder zuzugestehen. Als sich die Schwierigkeit und
+eigentlich Unmöglichkeit, Wonnebald in irgendeinem Berufe
+vorwärts zu bringen, zeigte, verfiel sie, mit Vorwürfen wegen
+ihrer unbesonnenen Erziehung überhäuft, auf den Gedanken,
+ihn geistlich werden zu lassen, da ihm auf dieser Laufbahn, so
+hoffte sie, die bedeutenden Verbindungen ihrer adligen Familie
+zugute kommen würden. Hiergegen sträubte sich der Vater,
+der die Religion für gut und nützlich, die Kirche aber für faul
+und verdammlich hielt, allein da er keinen andern Ausweg
+wußte und ohnehin einen rechten Zusammenhang des Herzens
+mit Wonnebald nicht mehr spürte, gab er nach und mußte bald
+gestehen, daß, äußerliches Fortkommen und Ansehen anbelangend,
+seine Gattin einen guten Griff getan hatte.</p>
+
+<p>Wonnebalds Geist, der sowohl den einfachen wie den höheren
+Wissenschaften gegenüber unzugänglich geblieben war, nahm
+glatt und geschwind die religiösen Lehren auf, die ihm auf dem
+Seminar, das er nun besuchte, beigebracht wurden, so daß
+seine Mutter mit Fug behaupten durfte, es wäre derselbe
+einer geweihten Erde vergleichbar, in der kein andrer als
+der gottgefällige Samen der Theologie gedeihen könnte. Zwar
+klagten die Leiter der Anstalt nicht selten über unerlaubte
+Leichtfertigkeiten des jungen Pück, doch pflegten sie, in Anbetracht
+des strengen Wandels, der späterhin unweigerlich zu
+führen war, den Jünglingen die Schwächen und Unzuträglichkeiten
+ihrer Jahre im allgemeinen hingehen zu lassen, besonders
+wenn diese sich mit so viel Talent und Fleiß in kirchlichen
+Dingen vertrugen wie bei Wonnebald. Besonders glänzte
+seine Kunst der heiligen Darstellung, insofern er nämlich beim
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_7" id="Page_7">7</a><span>] </span></span>kirchlichen Amtieren ebensoviel Pomp und Weihe wie kindliche
+Demut in seine Gebärden zu legen wußte, so daß, noch ehe
+er jemals öffentlich aufgetreten war, der Ruf aufkam, er
+werde sich dereinst zu außerordentlichen Würden erheben.</p>
+
+<p>Wonnebalds Mutter warf sich unter dem Eindruck dieser
+Ereignisse mehr und mehr auf die religiöse Seite, besuchte
+eifrig die Kirche, verkehrte mit Geistlichen, machte Stiftungen
+und Schenkungen und war durch nichts mehr zu erbittern, als
+wenn ihr Mann und ihre Kinder Verwunderung darüber
+äußerten, wie sie bisher ganz ohne religiöse Bedürfnisse und
+Veranstaltungen gelebt habe, was sie bestritt. Bei den Besuchen
+ihres Sohnes befliß sie sich eines bescheidenen und hingebenden
+Benehmens, dessen Früchte er in liebenswürdiger
+Harmlosigkeit pflückte, wie er denn überhaupt alles Gute genoß,
+ohne sich und andre durch Zweifel oder Bedenklichkeiten
+irgendeiner Art zu stören.</p>
+
+<p>Obwohl er sich durch sein umgängliches Betragen und vergnügtes
+Gesicht bei seinen Lehrern und Vorgesetzten beliebt
+gemacht hatte, waren diese doch nicht ohne Sorge, wie seine eher
+zu- als abnehmenden fleischlichen Wesenseigentümlichkeiten
+sich mit dem geistlichen Berufe vertragen sollten, und führten
+ihn deshalb mit äußerster Beschleunigung durch alle Bildungsgrade
+bis zur Weihe, in der Meinung, daß durch die mystische
+Handlung das niedrig Stoffliche, was ihm leider noch anklebte,
+mehr oder weniger entzündet und verklärt werden würde.</p>
+
+<p>Indessen wurde eine augenblickliche Wirkung nicht bemerkbar,
+vielmehr entfaltete er seine fröhlichen Triebe, nachdem
+er Benefiziat in einem kleinen entlegenen Dorfe geworden
+war, erst recht, als wäre nach mannigfacher Entbehrung nun
+die schöne Zeit der Ernte herbeigekommen. Was er durchaus
+nicht lassen konnte und mochte, war, mit hübschen Weibern,
+wenn es irgend anging, Liebschaften anzuknüpfen, wodurch er
+die Bauern nicht wenig ärgerte, und da er ihnen dazu noch
+dadurch anstößig wurde, daß er sich so viel wie möglich Hühner,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_8" id="Page_8">8</a><span>] </span></span>Eier und Butter schenken ließ, hielten sie mit lautem Tadel
+seiner Predigten nicht zurück, die kurz, hohl und unnütz wie
+Seifenblasen über ihren Köpfen zerplatzten. Der Bischof, zu
+dessen Regiment er gehörte, sah sich genötigt, Wonnebald
+einen Vorhalt zu machen über den Leichtsinn, mit dem er seinen
+Beruf auffaßte, worauf dieser sich damit entschuldigte, daß
+das kleine Dorf ihm keine seinem Geiste angenehme Nahrung
+gewährte, und daß er deshalb den gröberen Zerstreuungen
+nachginge, die es ihm darböte, ferner, was die Predigt beträfe,
+daß die Bauern sich zu seiner Höhe nicht aufschwingen könnten,
+er zu ihrer Dummheit sich nicht herablassen möchte. Hierauf
+bildete sich die Ansicht, es würde das beste sein, den jungen
+Mann an eine bessere Stelle zu setzen, wo seine Vorzüge mehr
+zur Geltung kämen, seine lasterhaften Gewohnheiten aber teils
+weniger auffielen, teils wegen der beständigen Überwachung
+durch Gleichstehende und Vorgesetzte sich mehr in ein schützendes
+Dunkel verkriechen würden. Solche Erwartungen enttäuschte
+jedoch Pück, der nunmehr Pfarrer in einer größeren
+Stadt wurde, vollständig, indem er der vermehrten Gelegenheit
+zu Lust und Wonne nicht widerstehen konnte und es weit
+ausgelassener trieb als zuvor, so daß an Abhilfe ernstlich gedacht
+werden mußte.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">In derselben Stadt war der Sitz eines Weihbischofs, der,
+gelehrt und sittenstreng, an dem ungebührlichen Betragen
+Wonnebalds einen großen Anstoß nahm und sich häufig über
+ihn so ereiferte, daß er ihn gern mit Schimpf und Schande
+aus der Kirche ausgestoßen hätte. Doch überlegte er sich,
+daß der leidige Mensch einen reichen und hochansehnlichen
+Familienanhang habe, der ein so scharfes Vorgehen übel aufnehmen
+würde, und ferner, daß es der Kirche einen schlechten
+Leumund bereiten könnte, wenn man erführe, daß ein unwissender,
+untüchtiger und gewissenloser Mensch wie Pück es
+bis zum Pfarrer hatte bringen können. Unter seinen Augen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_9" id="Page_9">9</a><span>] </span></span>aber wollte er solche Leichtfertigkeit sich nicht breitmachen
+sehen und betrieb deshalb seinen Übergang in ein Kloster, so
+die Verantwortung für seine schamlose Aufführung von sich
+abladend, aber nicht ohne ihn mit nachdrücklichen Empfehlungen
+auszurüsten. In dieser und ähnlicher Art rückte Wonnebald
+mühelos empor und wurde etwa fünfundvierzigjährig Abt
+eines Klosters, das in schöner, waldreicher Gegend abseits
+vom Verkehr der großen Welt gelegen war. Immerhin gab
+es in der Nachbarschaft des Klosters mehrere große Güter,
+deren Besitzer mit dem geselligen Abte in freundliche Beziehungen
+traten und im Verein mit welchen er sich bald das Leben so
+genußreich einzurichten wußte, wie es nach seinem Sinn war.
+Umsonst freilich gelangte er weder zu den üppigen Speisen
+noch zu den Zärtlichkeiten der Frauen, vielmehr gab er dafür
+so viel Geld aus, daß er sich auf das Spielen verlegte, wobei
+er im ganzen mehr verlor als gewann und seine Lage noch
+verschlimmerte. Was er von seinen inzwischen verstorbenen
+Eltern geerbt hatte, war bereits aufgebraucht, und die Geschwister,
+die ihm öfters Geld vorgestreckt, aber stets vergeblich
+auf Wiedererstattung gedrungen hatten, weigerten sich durchaus,
+ihm nochmals beizuspringen; so kam er dazu, den Gutsbesitzern
+abzuborgen, was er ihnen nicht abgewinnen konnte,
+und ihnen ebenfalls nichts davon zurückzuzahlen. Dies verdroß
+die Herren, die alle nacheinander an die Reihe kamen,
+mehr und mehr und vergällte ihnen das Zechen und Bechern
+mit dem Abte, ja manchen unter ihnen fiel es jetzt auf, daß
+er kein Gottesmann wäre, wie er sein sollte, und sie setzten
+ihn daheim und öffentlich mit deutlichen Anspielungen herunter.
+Im Kloster selbst hatte er alle diejenigen auf seiner
+Seite, denen ein gemächliches Leben über alles gefiel, einige
+aber, die aus Frömmigkeit oder galliger Gemütsart den
+Freudentaumel nicht mitmachen wollten, mißbilligten ihn durch
+schweigende Zurückhaltung oder verklagten ihn böswillig,
+wenn sich eine Gelegenheit dazu bot.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_10" id="Page_10">10</a><span>] </span></span>Diese Zustände bewirkten mit der Zeit, daß Wonnebald
+zuweilen von seinen Oberen Sendbriefe mit Vorwürfen und
+Drohungen erhielt, über deren Beantwortung er seufzte und
+schwitzte, ohne doch etwas Rechtes zustande zu bringen, wodurch
+er auf den Gedanken kam, die Arbeit einem geschickten Kopf
+zu übertragen, der ihm ergeben wäre. Dies auszuführen, war
+aber nicht leicht, denn er wollte sich weder den Klosterbrüdern
+noch den Gutsnachbarn anvertrauen, sondern am liebsten
+einem einfachen, armen Manne, der ihn womöglich für einen
+übel verleumdeten, ehrwürdigen Kirchenvater ansähe und
+außerdem durch kleine Belohnungen in Abhängigkeit zu halten
+wäre. Unter den Bauern und Tagelöhnern, die in der Gegend
+wohnten, war ihm indessen keiner bekannt, der gescheiter als
+er selbst gewesen wäre, doch fiel ihm ein, einmal von einer
+Frau gehört zu haben, die mit zierlicher Handschrift wundervoll
+zu schreiben verstände und für die ganze Bauernschaft
+ringsum ausfertigte, was an Schreibereien vorkäme, sei es in
+Liebessachen oder beim Handel oder vor Gericht. Wonnebald,
+der unter den Frauen und Mädchen übrigens gut Bescheid
+wußte, hatte sich die Bekanntschaft der Lux Bernkule, denn um
+diese handelte es sich, aus mehreren Gründen bisher entgehen
+lassen: einmal weil er die gelehrten Weiber verabscheute und
+sodann weil er wußte, daß sie eines Jägers Frau war, eines
+strengen, aufbrausenden Mannes, der überdies auf die Geistlichkeit
+nicht gut zu sprechen war.</p>
+
+<p>Lux war das Kind einer Nonne, einer vornehmen und hochgebildeten,
+in allerlei Künsten geübten Dame, die einen schon
+vor ihrer Einkleidung ihr vertrauten Liebhaber auch im Kloster
+noch öfters gesehen und eine Tochter geboren hatte, und der
+eine nachsichtige Äbtissin gestattete, daß das Kind unter den
+Bediensteten des Klosters aufwachsen durfte. Zwar durfte sie
+mit ihrer Mutter nur flüchtig verkehren und ihr auch nie, obwohl
+ihr das gegenseitige Verhältnis nicht verborgen blieb,
+den Mutternamen geben, doch hatte sie Gelegenheit, mancherlei
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_11" id="Page_11">11</a><span>] </span></span>zu lernen und sich zu bilden, und benutzte sie willig, wie
+denn überhaupt ihrem gesunden Geiste von allen Seiten
+Nährendes und Heilsames zugeflogen kam. Manches Mädchen
+wäre unter so heiklen Umständen vergrämt und vergrillt geworden,
+Lux indessen war mild und heiter geartet, durchschaute
+die Dinge und die Menschen, ohne sich an ihnen zu ärgern,
+und verlangte nicht viel, außer daß man sie anständig und
+freundlich behandelte, denn sie war empfindlich gegen harte
+oder unschöne Berührungen, wie ihr denn überhaupt ein gewisser
+Hang für anmutige Lebensformen angeboren war.
+Trotzdem verliebte sie sich, als sie achtzehnjährig war, in den
+Jäger Henne Bernkule, der ein Mann ohne gebildete Sitten
+war, was freilich in der Zeit der Werbung, wo die Leidenschaft
+seine kräftige Schönheit veredelte und immerwährender
+Sonntag in ihren erwartungsvollen Herzen herrschte, leicht
+übersehen werden konnte. Später sah sie allerlei Gebärden
+und Gewohnheiten an ihm, die mit ihrem Schönheitssinn nicht
+in Einklang waren, doch hatte sie ihn deswegen nicht weniger
+lieb, sondern lachte zuweilen darüber oder denn es rührte sie.
+Peinlich war es ihr, wenn ihr Mann, was er gern tat, über
+die schlechten Menschen schimpfte, insbesondere über die Geistlichkeit,
+wobei er immer dieselbe Beweisführung und dieselben
+Ausdrücke anwendete, und zwar erging er sich am bittersten
+über das Kloster, in dem sie aufgewachsen war, nicht zum
+wenigsten eben deswegen, weil sie sich dort, bevor sie etwas
+von ihm wußte, zufrieden gefühlt hatte.</p>
+
+<p>Nun wollte es das Glück des Abtes, daß der Forstmann im
+Kampfe mit einem Wilderer verwundet wurde und starb, gerade
+zu der Zeit, als er der Hilfe seiner Frau bedürftig wurde,
+die er nun ohne Furcht zu sich bescheiden konnte, um ihr sein
+Ansinnen auseinanderzusetzen. Der Anblick der großen, mit
+stiller Lieblichkeit sich bewegenden Frau und ihrer sanft lächelnden
+Augen machte ihn fast ein wenig verlegen, da er sie
+sich anders vorgestellt hatte; aber sein Anliegen betreffend, flößte
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_12" id="Page_12">12</a><span>] </span></span>ihm die Art ihrer Erscheinung sogleich die Überzeugung ein,
+daß sie alles Erforderliche verstehen und auch tun würde. Sie
+hörte auf eine solche Weise zu, daß die Worte des Sprechenden
+ihr von selbst entgegenkamen und er fließender und einleuchtender,
+als er selbst geglaubt hatte, die Angelegenheit
+erklären konnte: wie er mit Geschäften überladen und dazu
+an einem bösen Gliederfuß leidend sei, so daß er die Feder
+nicht stramm führen könne, wie er von Unruhstiftern verleumdet,
+und wie verdrießlich ihm, einem friedfertigen Priester,
+solches Gezänk sei, so daß er herzlich dankbar sein würde, wenn
+ein einsichtiger und verschwiegener Freund den häßlichen Briefwechsel,
+wie es ihn gut dünkte, erledigte. Lux sagte vergnügt
+und bescheiden, sie habe alles verstanden und werde das Ding
+zur Zufriedenheit des Abtes ausführen, brachte auch wirklich
+in Bälde ein Schriftstück zustande, das Wonnebald mit behaglichem
+Stolz als seines abschickte. Zur Liebe hielt der Abt die
+Witwe nicht geeignet, da sie nichts weder von der drallen und
+schnippischen noch von der süßlich weinerlichen Frauenart hatte,
+die er bevorzugte; sie kam ihm unscheinbar vor, und er sah es
+für eine schöne Leutseligkeit seinerseits an, daß er ihr trotzdem
+eine gewisse Annehmlichkeit zubilligte. Einer Ähre glich sie
+wirklich mit schlankem, biegsamem, stolzem Halme, die keine
+prangenden Blüten trägt, aber durch die bald silbern aufglänzende,
+bald blau und lila schattende Farbe und den würzereichsten,
+belebendsten Geruch jeden Wanderer anzieht und
+unwiderstehlich gewinnt. Zu seiner eignen Verwunderung
+mußte sich der Abt bald gestehen, daß er in außergewöhnlich
+hohem Grade in Lux verliebt war, und obwohl er annehmen
+durfte, daß sie eine so ganz unverdiente Zuneigung ohne Zögern
+reichlich erwidern würde, fand er doch nicht sogleich eine
+Wendung, um aus der geschäftlichen Region in die menschlich
+gefühlvolle überzugehen. Nach kurzer Zeit indessen hatte er
+sich so weit ermannt, daß er sich ihr mit zutraulicher Zärtlichkeit
+näherte, aber sie wehrte ihn freundlich ab, indem sie erklärte,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_13" id="Page_13">13</a><span>] </span></span>sie sei Mutter zweier Kinder und erst kürzlich Witwe
+geworden und nicht in der Verfassung, dergleichen Scherze
+zu dulden oder gar auszutauschen. Der Abt meinte, die wohlwollende
+Äußerung seiner Dankbarkeit dürfe sie sich immerhin
+gefallen lassen, hielt sich aber doch seitdem zurück, da seine
+Kenntnis des weiblichen Geschlechts ihm riet, sich in diesem
+Falle nicht aufzudrängen, sondern klüglich die Annäherung
+der Stolzen abzuwarten. Inzwischen besuchte er sie zuweilen
+in ihrer Wohnung, um sich mit ihren Kindern zu befreunden,
+womit er aber nicht viel Glück hatte; denn Brun zeigte sich um
+so trotziger, je schmeichelnder die Liebenswürdigkeit des Abtes
+ihn zu gewinnen suchte, und die kleine Lisutt machte sich wohl
+seine Beflissenheit zunutze, indem sie ihn Greifen und Verstecken
+spielen ließ, daß er schwitzte, schalt ihn jedoch Tropf und Faulpelz,
+weil er nicht hurtig genug auf die Spiele einging, und
+drehte ihm den Rücken, sowie sich ein besserer Kamerad einfand.</p>
+
+<p>Lisutt hatte dunkelblondes, ein wenig gelocktes Haar, das
+auf beiden Seiten der rundgewölbten Stirn auf den festen
+Hals fiel, einen winzigen Mund, der stets etwas offen stand,
+und eine winzige Nase, die dem runden Gesicht den Ausdruck
+von Ahnungslosigkeit und Sicherheit verliehen, mit dem es
+unbekümmert in die Welt blickte. Der Abt hatte für die Süßigkeit
+dieser vollkommenen Lebensknospe keinen Sinn, und wenn
+er Kindern auch nichts zuleide tat, wünschte er doch im Herzensgrunde,
+daß sie alle der Kuckuck holte, als etwas, was schwirrend
+und blutsaugend um einen herum wäre wie Mücken im
+Hochsommer. Zuweilen ärgerte er sich auch über Lux, daß sie
+diese Kinder hatte und sich so kostbar machte, anstatt die liebe
+lange Zeit mit ihm zu genießen, aber der Groll erhitzte nur
+seinen Wunsch, sie zu besitzen und alsdann zur Strafe für ihre
+Widerborstigkeit recht kurz am Zügel zu halten. Obwohl er
+im allgemeinen mit vollen Händen spendete, um vergnügte
+und ergebene Gesichter um sich zu sehen, belohnte er Lux für
+die Schreiberdienste, die sie ihm leistete, nur kärglich; denn er
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_14" id="Page_14">14</a><span>] </span></span>meinte, sie sei schon allzu hochfahrend und müsse womöglich
+durch Geldmangel in Demut und Abhängigkeit erhalten werden.</p>
+
+<p>Unterdessen blieb der Geldmangel des Abtes fortwährend
+derselbe, und da einer von seinen Gläubigern, der sich selbst
+in mißlicher Lage befand, eigensinnig auf sein Recht pochte
+und ihn mit bösartigen Drohungen verfolgte, beschloß er, die
+zudringliche Habgier desselben müsse, es koste, was es wolle,
+gesättigt und sein eigner Beutel wiederum gefüllt werden.
+Die Verzweiflung befruchtete seine Erfindungsgabe: beim
+Anblick eines starken, blank abgesogenen Gänsebeines kam er
+auf den Gedanken, dasselbe könne füglich auch einem andern
+Lebewesen, beispielsweise einem Menschen angehört haben,
+und wenn es einerseits bedauerlich sei, daß es einen Teil eines
+unwürdigen Vogelgerippes anstatt eines Heiligenleibes bilde,
+als welches es angebetet werden, Wunder verrichten und viel
+Geld einbringen könnte, so sei anderseits nichts dagegen einzuwenden,
+wenn ein denkender Kopf es als verschollenen Knochen
+eines hervorragenden Märtyrers ausgäbe, und müßte
+sowohl die Kirche wie die Laienwelt demselben für eine so
+glückliche Eingebung dankbar sein.</p>
+
+<p>Der Einfall versetzte Wonnebald in eine behaglich prickelnde
+Erregung, so daß er, um die Stimmung gehörig auszukosten,
+sogleich seinen vertrautesten Genossen, den Pater Eulogius,
+rief und eine Karaffe voll des erlesensten Weines in den kleinen
+erkerartigen Ausbau bringen ließ, den der sinnige Erbauer
+des Klosters hatte anbringen lassen, um von dort aus das
+Untergehen der Sonne hinter den dunkeln Wäldern zu betrachten.
+Hierauf setzten sich die Männer in die beiden breiten
+geschnitzten Stühle, die die Nische ausfüllten, und besprachen
+lächelnd und flüsternd, wie die heimliche Sache, deren Bedeutsamkeit
+dem Eulogius augenblicklich einleuchtete, möglichst
+glaubwürdig und ersprießlich könne ausgerichtet werden. Wie
+sie zuweilen zwischen dem Plaudern die Gläser hoben, einen
+bedächtigen Schluck nahmen und, die Augen halb schließend,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_15" id="Page_15">15</a><span>] </span></span>sich zurücklehnten, fielen ihre Blicke auf ein altes Gemäuer,
+das den nächsten Hügel bekrönte und von dem die Legende berichtete,
+es sei ein Überbleibsel des ersten Klosters, das der
+Stifter in grauer Vorzeit errichtet habe, das aber später von
+wilden Völkern, Hunnen oder Türken, zerstört sei, worauf das
+neue im Tale, größer und prächtiger als jenes, auferbaut
+worden sei. Zwischen diesen Trümmern, meinten Wonnebald
+und Eulogius, könnte der auserkorene Knochen schicklicherweise
+aufgefunden werden, ja es sei eigentlich hochwahrscheinlich,
+daß das ganze Gerippe des heiligen Krauti, so hieß der sagenhafte
+Stifter, dort oben begraben liege und schon längst würde
+aufgefunden sein, wenn man nur fleißiger nachgespürt hätte.
+Bereits stand es dem Abte fest, daß das jüngste Kind der Lux
+beim Spielen das Gebein zufällig finden sollte, indem die Zutageförderung
+der Reliquie durch unschuldige Kinderhand das
+hohe Ereignis desto lieblicher einkleiden würde.</p>
+
+<p>In manchen Einzelheiten gingen die Meinungen des Abtes
+und des Paters auseinander, besonders hielt es der letztere
+für notwendig, einen echt menschlichen Knochen zu benutzen,
+da ein tierischer von aufgeklärten Nörglern möglicherweise
+als solcher erkannt und beanstandet werden könnte, wogegen
+der Abt, der über alle Maßen abergläubisch und furchtsam
+war, einwandte, daß man ein menschliches Gerippe nicht angreifen
+und verkleinern dürfe, da der Geist desselben einen
+sonst bei Nacht verfolgen würde, welcher Plage er sich durchaus
+nicht aussetzen wolle. Außer dieser gab es noch andre
+Schwierigkeiten: so mußte der zweifelsüchtigen Welt bewiesen
+werden, daß der wunderbar entdeckte Knochen vom heiligen
+Krauti herstamme, und es wollte sogleich überlegt sein, ob
+ein gleichfalls auszugrabender Siegelring mit Namen oder
+eine Urkunde oder eine Offenbarung besser zum Zwecke diente.
+Es mußten noch mehrere Zusammenkünfte in der von der
+Abendsonne rötlich vergoldeten Nische stattfinden, bis alle
+Punkte erledigt waren, was endlich in zufriedenstellender
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_16" id="Page_16">16</a><span>] </span></span>Weise so geschah, daß man sich auf den Knochen eines ausgewachsenen
+Schweines einigte, der durch gewisse Wunder
+und Zeichen als der des frommen Stifters sollte beglaubigt
+werden.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Demnach begab es sich eines Nachmittags, daß Frau Lux
+dem Abte einen Knochen überbrachte, den ihre Kinder
+zwischen dem Gemäuer, auf dem Hügel spielend, gefunden
+hatten und der das Aussehen eines menschlichen Kinnbackens
+zu haben schien. Der Abt hörte den Bericht gnädig an und
+begab sich, da es gerade Vesperzeit war, in die Kirche, deren
+Glocken, sowie er die Schwelle betrat, merklich zu läuten anfingen,
+was Wonnebald, nachdem eine natürliche Ursache des
+Geläuts nicht entdeckt wurde, dem soeben erhaltenen Kinnbacken
+zuschreiben mußte. Die herbeigerufenen Väter und
+Brüder waren geneigt, dieser Ansicht beizustimmen, und die
+lose und unklar in der Luft schwebende Vermutung bestätigte
+sich, als der Knochen, den der Abt, um die Hände zum Gebete
+frei zu haben, unter dem Standbilde des Krauti niedergelegt
+hatte, da er ihn wieder an sich nehmen wollte, sich als festgewachsen
+erwies und allen Bemühungen, ihn von der Stelle
+abzulösen, mit augenscheinlich magischen Kräften trotzte.</p>
+
+<p>Weitere emsige Nachgrabungen förderten noch mehrere Knochen
+ans Licht, die dem Gutachten der würdigsten Männer
+zufolge einem einzigen Gerippe angehörten, so daß, da auch
+die im Kloster aufbewahrten Urkunden und Chroniken übereinstimmend
+auf Krauti hinwiesen, der Beweis in anatomischer,
+historischer und göttlicher Hinsicht geleistet worden war.</p>
+
+<p>Die Freude in der ganzen Umgebung war nicht gering, als
+sich die Kunde von der Erhebung eines so ehrwürdigen Knochens
+verbreitete, der seine Kraft innerhalb des Klosters bereits
+durch verschiedene wundervolle Kuren betätigt hatte.</p>
+
+<p>Der nächstfolgende Sonntag, der auch in Zukunft dem heiligen
+Krauti gewidmet sein sollte, wurde durch eine Prozession
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_17" id="Page_17">17</a><span>] </span></span>nach dem Hügel, der die seligen Reste des verehrten Mannes
+von sich gegeben hatte, eingeweiht, worauf das Volk gegen
+Opferung freiwilliger Pfennige zur Berührung derselben zugelassen
+wurde. Seitdem floß den Anfeindungen glaubensloser
+Spötter zum Trotz reicher Gabensegen durch den Knochen
+auf das Kloster, und der Abt hatte Ursache, sich seiner Erfindung
+herzlich zu erfreuen, als der Sonnenschein allgemeiner
+Zufriedenheit und Dankbarkeit durch eine Wolke aus der Ferne
+verdunkelt wurde, indem eine schottische Kirche, deren unberühmter
+Name noch niemals über die Grenzen der Heimat
+hinaus erschollen war, Einspruch gegen die Verehrung der
+neuen Reliquie erhob, unter Vorgeben, daß sie selbst seit über
+tausend Jahren das vollzählige Gerippe des heiligen Krauti
+unangefochten und unanfechtbar besitze, der, von Geburt ein
+Ire, im Alter nach den britischen Inseln zurückgekehrt sei und
+dort durch Zerschmetterung des Schädels von Heiden, die er
+bekehren wollte, die Märtyrerkrone erworben habe, wovon die
+Spuren an dem betreffenden Knochen deutlich wahrzunehmen
+seien.</p>
+
+<p>Jetzt kam die Angelegenheit vor den Erzbischof der Diözese,
+Herrn Giselbert von Casalba, der ihr bisher nur eine oberflächliche
+Teilnahme zugewendet hatte. Dieser war ein Mann
+von den vornehmsten Sitten und Lebensgewohnheiten, mit
+einem feinen Herzen und katzenschnellen Verstande begabt, der
+hüpfend und schlüpfend jeder Schwierigkeit begegnete, und
+wie er mit zarten Fingern das Verschlungene und Unebene
+ins gleiche zu bringen wußte, liebte er es, wenn ihm verzweifelte
+Fälle zum Ordnen übertragen wurden. Er antwortete
+der schottischen Kirche in würdiger, ein wenig herablassender
+Fassung, daß die legendarischen Berichte über das Ende des
+heiligen Krauti voneinander abwichen, und daß seines Wissens
+die Wahrheit von seiten der Kirche noch nicht endgültig festgestellt
+sei, daß er aber ihren Anspruch, das echte Gerippe zu
+besitzen, um so weniger anfechten wolle, als sich bereits aus
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_18" id="Page_18">18</a><span>] </span></span>einem seither aufgefundenen Dokumente ergeben habe, daß
+der fragliche Knochen, dessen Wundertätigkeit fortwährend
+im Gange sei, dem heiligen Zeterbogk zugehöre, der, ein Begleiter
+des Krauti, der zweite Abt des Klosters gewesen und
+in demselben verstorben sei, und dessen Überreste schon seit
+Jahrhunderten an eben dieser Stelle gesucht seien, aber früher
+nicht hätten gefunden werden können.</p>
+
+<p>Der Erzbischof urteilte, daß, da die mannigfaltige Wirksamkeit
+der Reliquie nun einmal mit Glück in Betrieb gesetzt
+sei, die Kirche mit dem Zuwachs an heilkräftigem Gebein zufrieden
+sein könne, ob dasselbe nun einen Bestandteil des heiligen
+Krauti oder des ebenso heiligen Zeterbogk gebildet hätte.
+Allerdings tadelte der Erzbischof den Abt, der die schwierige
+Sache zu leichthin und roh behandelt habe, insgeheim scharf,
+bildete sich aber bei näherem persönlichen Verkehr eine überwiegend
+günstige Meinung über ihn, was zum Teil eine Folge
+seiner vornehmen Gesinnung und Herzenswärme war, zum Teil
+aber daher rührte, daß er den Blick immer auf Bedeutendes
+und Merkwürdiges richtete und darum gerade in der Beurteilung
+des Einfachen und Einfältigen häufig irrte. Daß
+Wonnebald im allgemeinen dumm und kenntnislos war, entging
+ihm nicht, und auch seine dreiste, unbezähmbare Sinnlichkeit
+erkannte er, doch glaubte er in ihm jene geniale Zeugungskraft
+weittragender Einfälle, jenen Spürsinn, jene
+Sehergabe wahrzunehmen, vermöge welcher Kinder und Toren
+oft den Gebildeten beschämen, und war deshalb der Meinung,
+es könne großer Gewinn aus ihm gezogen werden, wenn man
+ihn unter Aufsicht hielte und ein denkender Geist sich gewissermaßen
+seiner unbewußten Fähigkeiten bediente. Da nun
+außerdem das Kloster durch den Knochen des Krauti oder
+Zeterbogk einen sichtbaren Aufschwung genommen hatte und
+der Abt, unter dessen Regiment die Entdeckung stattgefunden
+hatte, ein Zeichen der Anerkennung durchaus verdiente, und
+da es, angesichts der Anfeindungen und Anklagen, die Wonnebald
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_19" id="Page_19">19</a><span>] </span></span>in dieser Gegend sich zugezogen hatte, ratsam schien, ihn
+von dort zu entfernen, wo sein übler Ruf schließlich auch auf
+den von ihm eingeführten Knochen hätte fallen können, hielt
+es Giselbert für das angemessenste, wenn er zum Bischof von
+Klus ernannt würde, einem einst bedeutenden, jetzt heruntergekommenen,
+unwichtigen Orte, nicht allzuweit von seiner
+eignen Residenz, so daß er sein Tun und Lassen einigermaßen
+bewachen könnte.</p>
+
+<p>Pück war mit diesem Wechsel, der auf die Befürwortung
+des Erzbischofs wirklich eintrat, sehr zufrieden, sowohl wegen
+des guten Fortschritts auf seiner Laufbahn, wie weil der Aufenthalt
+im Kloster ihm allzu eintönig geworden war und er
+nicht zweifelte, Klus, das zwar klein und nicht betriebsam,
+aber ein behagliches Städtchen war, wo infolge seiner schönen
+Lage reiche Leute ihre Einkünfte verzehrten, werde eine Fülle
+von Anregungen für seine Gemütsart in sich bergen. Einzig
+der Gedanke war ihm unleidlich, daß er sich von Lux trennen
+sollte, bevor er seinen Liebesmut gekühlt hätte, und nicht zum
+wenigsten deshalb, weil ihm ihre Hilfe in Schreibereien und
+andern Dingen unentbehrlich geworden war. Er hatte die
+Überzeugung gewonnen, daß Frauen, vernünftiger und bescheidener
+als Männer, sich geleisteter Dienste wegen weit
+weniger als jene überhöben und sich oft schon dadurch als
+belohnt betrachteten, daß sie einem Manne und insbesondere
+einem Geistlichen überhaupt von Nutzen sein durften. Deswegen
+unterstützte er eifrig die Bitte des alten Bernkule, der
+eben um diese Zeit schrieb, man habe ihm seiner zunehmenden
+Gebrechlichkeit wegen einen Gehilfen gegeben, der unanstellig
+und zuwider sei und den er gern durch einen Verwandten ersetzen
+möchte; wenn Lux willens wäre, Männerkleidung anzulegen
+und sich je nach Alter und Aussehen, das ihm unbekannt
+sei, für seinen Sohn oder Enkel auszugeben, könne sie
+einerseits ihrem alten, vereinsamten Schwiegervater behilflich
+sein und zugleich, da sie zweifelsohne sein Nachfolger werden
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_20" id="Page_20">20</a><span>] </span></span>würde, sich und ihren Kindern eine schöne, gesicherte Zukunft
+begründen. Auch damit war Wonnebald vollkommen einverstanden,
+denn er meinte, wenn Lux als Mann aufträte, könne
+er sich desto häufiger in ihrer Nähe sehen lassen, ohne sich böswilligen
+Deutungen auszusetzen, und er versprach ihr, wenn
+sie nur mitkäme, das Seinige zu tun, damit der unschuldige
+Betrug zur Ausführung gebracht werden könnte. Der kleine
+Brun mißbilligte zwar die Handlung seiner Mutter nicht nur
+aus Rechtlichkeit, sondern aus einem trotzigen Männergefühl,
+das sich dagegen sträubte, die Mutter in einen älteren Bruder
+verwandelt zu sehen, aber ihre neckischen Späße und holdseligen
+Liebkosungen überwanden seinen Groll, und so ging
+die Übersiedlung glücklich vonstatten; im sanftesten Frühlingswetter
+stellte sich die neue Heimat mit fruchtbaren hügeligen
+Fluren auf der einen Seite eines weißen, stürmisch hinschießenden
+Flusses und dem gemach ansteigenden Gebirge auf der
+andern überaus zufriedenstellend dar. Der Bischof bewohnte
+eine wunderlich aufgetürmte Burg, an der Jahrhunderte gebaut
+haben mochten und die von einer Anhöhe über den Fluß,
+der an dieser Stelle einen tosenden Strudel bildete, auf das
+Tal und hinüber auf die Berge blickte.</p>
+
+<p>In die Burg hineingebaut war eine Kirche, von außen unscheinbar,
+aber innen mit goldenen Altären, pompösen Grabmälern
+und engelumflatterten Kruzifixen sinnverwirrend ausgestattet.
+Wonnebald fühlte sich inmitten dieser Pracht und
+in seinem neuen Galagewande endlich ebenbürtig eingefaßt
+und umgeben und zelebrierte die erste hohe Messe so majestätisch
+und geläufig, daß die anwesenden Geistlichen und Laien betäubt
+und verlegen dasaßen und sich ihres minderen Wertes
+bewußt wurden. Auch Lux hatte sich in die Kirche hineinzudrängen
+gewußt und betrachtete gemächlich von oben die stumm
+wogende Menge und den köstlichen Zierat in Gold und Porphyr
+um sich her, bis sich im Hintergrunde eine Pforte auftat
+und der Bischof mit geschwindem Schritt und geblähtem
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_21" id="Page_21">21</a><span>] </span></span>Mantel das Kreuzschiff durchmaß, vor einigen Heiligtümern
+sich rauschend verneigte, um sodann hinter dem Gitter des
+Altarraumes zu verschwinden. Die schmalen grauen Augen
+der Lux lächelten vor Vergnügen, wie sie an die Briefe dachte,
+die sie für den Abt geschrieben hatte, an die Liebeswerbungen,
+mit denen er sie umschmeichelte, und ihn jetzt im Allerheiligsten
+so flink und gewaltig hantieren sah, und beim Anblick des
+Volkes, das atemlos und geduckt dem heiligen Schauspiel zusah,
+wandelte sie eine solche Lustigkeit an, daß sie zuweilen
+das Gesicht mit den Händen bedecken mußte, um nichts davon
+merken zu lassen.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Besonders unwiderstehlich hatte das scharfe und erhabene
+Auftreten des Bischofs, sein finsteres Gesicht mit den
+unbeteiligten Augen, der frommen, regelmäßigen Nase und
+dem molligen Kinn auf mehrere Damen gewirkt, von denen
+Hermenegilde von Lampe, die Vorsteherin eines Stiftes für
+adelige Damen, die hervorragendste und feurigste war. Im
+allgemeinen von herber Sinnesart, war sie der Liebe doch in
+hohem Maße zugänglich und hätte sich leicht in einen leidenschaftlichen
+Lebenswandel verwickeln können, wenn nicht die
+Herrschsucht, die sich schon in ihrer stattlichen Erscheinung
+ausprägte, manche Liebhaber abgeschreckt und vor manchen
+andern ihr Hochmut sie beschützt hätte. Nichts hingegen sprach
+gegen den Bischof, dessen hochehrwürdiges Amt, Ansehen und
+männliche Schönheit wohl das Opfer des Herzens und der
+Ehre wert war, und es bereitete sich in ihrem Innern eine
+grenzenlose Hingebung gegen ihn vor, zugleich mit dem Trieb,
+sich seiner, es koste, was es wolle, ganz und ausschließlich zu
+bemächtigen.</p>
+
+<p>Der Bischof hatte keinen Grund, sich der Leidenschaft, die
+er eingeflößt hatte, zu entziehen, und verschloß sich den Vorzügen
+der Hermenegilde, die zwar nicht jung und hold, aber
+desto saftiger und üppiger war, nicht; doch verdrängten die
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_22" id="Page_22">22</a><span>] </span></span>Freuden dieses Umgangs Frau Lux nicht aus seinem Herzen,
+nach deren Besitz er im Gegenteil sich um so mehr sehnte, je
+mehr ihm täglich fühlbar wurde, welche Wonnen die Liebe zu
+verleihen imstande ist.</p>
+
+<p>Luxens Schwiegervater, Christoph Bernkule, bewohnte eins
+von den einstöckigen kleinen Häusern, die an den Fuß der
+Burg angebaut und einstmals für die Lehensleute des Burgherrn
+mochten errichtet worden sein und die ängstlich geduckten
+Schafen glichen, die vor Gewitter oder Sturm einen Unterschlupf
+suchen. Bei seinem ersten Anblick fühlte Lux, daß sie
+dem alten Manne nicht gram sein könnte, so gut gefielen ihr
+seine kleinen beschatteten, munteren und schlauen Augen, die
+oft nach innen versanken und sich dort auszuruhen schienen,
+dann plötzlich aufglommen und hierhin und dorthin sprühten,
+die letzte Zuflucht der Jugend, die aus dem ganzen verschrumpften
+Körper die Zeit vertrieben hatte. Aus seinem
+gelbfaltigen Gesicht sprang eine scharfe, spitzhöckerige Nase,
+die ihn auffallend und kenntlich machte, und er konnte bedrohlich
+böse aussehen, doch war es ihm selten ernst damit,
+und das Lachen lauerte in Mund- und Augenwinkeln, wenn
+er mit funkelnden Blicken und grimmigen Worten Kindern
+oder ungelegenen Leuten Furcht einflößte. Seine Schwiegertochter
+sagte ihm zu, am liebsten aber hielt er sich in Gesellschaft
+der kleinen Lisutt auf, deren törichtes Geplauder ihn
+anmutete, wie wenn ein Bächlein neben ihm herrieselte und
+mit kristallenen Zungen von den großen Geheimnissen der
+Natur schwatzte.</p>
+
+<p>Eine beliebte Unterhaltung war es für Lisutt, bei den
+Marienbildern und Kruzifixen, die hier und da zwischen den
+Feldern errichtet waren, stehen zu bleiben, eine winzige Verbeugung
+zu machen und sich zu bekreuzigen, indem sie mit den
+kleinen Händen eifrig über Gesicht und Brust wischte. Gab
+es ein Gebetbänkchen, so kniete sie darauf nieder und veranlaßte
+den Großvater durch einen gebieterischen Wink, die
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_23" id="Page_23">23</a><span>] </span></span>morschen Knie zu krümmen und sich neben sie zu kauern, worauf
+er denn mit vergnügtem Augenzwinkern das ernste Gesicht
+neben sich mit dem in leiser, flüsternder Bewegung das
+Beten nachahmenden Munde betrachtete: die Oberlippe wölbte
+sich wie ein rosenblätteriger Triumphbogen über seidener
+Schwelle und ließ den unschuldvollen Duft der gedankenlosen
+Worte hindurchwallen. Vollends wenn eine Kirche oder
+Kapelle am Wege lag, zog Lisutt ihren Begleiter unwiderstehlich
+hinein und schnurstracks zum Weihwasserbecken, um
+ihn und sich andächtig zu beplantschen. Häufig mußte der
+alte Bernkule von den jenseitigen Verhältnissen erzählen, was
+anfangs nicht leicht war; denn sie hatte eine bestimmte Vorstellung
+vom Himmel als einer Art geräumiger und vollzähliger
+Menagerie oder Arche Noah, wo es nicht nur Löwen
+und Giraffen, sondern auch Schnecken, Raupen, Grashüpfer
+und Eidechsen in Menge gab, und wo die Seligen alle die
+guten Bären und Wölfe, die man hienieden nur von ferne
+durch ein Gitter betrachten durfte, nach Herzenslust streicheln
+könnten, und sie litt durchaus keine Schilderung, die von dieser
+Anschauungsweise abwich. Übrigens war dem Alten in seinem
+dämmernden Sinn oft nicht anders zumute, als befände er sich
+in der Obhut eines Engels, der ihn allgemach auf den Himmel
+vorbereitete und aus dessen sonnigem Fleisch, das so aromatisch
+und süßsaftig war wie eine Südfrucht, eine neue, reinere
+Lebensjugend auf ihn überströmte.</p>
+
+<p>Mit der Maulwurfjagd nahm es indessen einen schlechten
+Anfang; das Geschäft stellte sich angenehm dar, solange Lux
+mit den Kindern umherging, den Boden untersuchte und Fallen
+aufrichtete, wobei namentlich Brun sich anstellig zeigte; eines
+Tages aber hatte sich ein Maulwurf gefangen und hing mit
+schlaffen Pfoten, den weichen Nacken von eiserner Kralle
+durchstochen, wehmütig baumelnd an dem grausamen Galgen.
+In Lisutts Gesicht malte sich bei diesem Anblick zuerst Erstaunen,
+dann, wie sie allmählich begriff, was geschehen war,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_24" id="Page_24">24</a><span>] </span></span>Schrecken und Jammer, worauf ihre taufeuchten Mundwinkel
+sich herabzogen, die kleine Nase zwischen den sich verbreiternden
+Wangen unterging und endlich ein durchbohrendes Weinen
+ihre völlige Verzweiflung ankündigte. Lux litt nicht viel
+weniger, denn das Mitgefühl, das sie selber mit dem listig
+erwürgten Gesellen hatte, wurde verdoppelt und gleichsam
+geweiht durch die unschuldigen Tränen ihres Kindes, die zu
+sehen ihr ohnehin unerträglich war. Sie versuchte Lisutt
+durch Schilderung eines netten, mit Blutnelken und Katzenpfötchen
+bepflanzten Grabes, in das man den Maulwurf legen
+würde, zu trösten, hatte diese sich aber eben dabei ein wenig
+erholt, so fielen ihre Augen wieder auf das hübsche Samtfell,
+und der Jammer brach von neuem hervor. Brun, obwohl
+nicht gefühllos, nahm sich dem ausgelassenen Schmerz seiner
+Mutter und Schwester gegenüber zusammen, sagte mit gerunzelten
+Brauen, das gehöre zum Geschäft, und schickte sich
+an, dem Toten das winzige Schwänzchen abzuschneiden, das,
+wie der Großvater ihm gesagt hatte, nach erfolgtem Fang der
+zuständigen Behörde überreicht werden mußte. Lisutt drang,
+um dies zu verhindern, mit geballten Fäusten furchtlos auf
+ihn ein, und Lux hatte Mühe, die Kämpfenden zu trennen
+und die Kleine nach Hause zu bringen, die nunmehr den Großvater
+tüchtig ausschimpfte und ihm dieses und jenes androhte,
+wenn er fortfahren würde, die guten Maulwürfe umzubringen.
+Der alte Bernkule lachte, daß ihm die Augen naß wurden,
+nahm darauf seine Schwiegertochter beiseite und machte ihr
+heimlich die folgende Erklärung: sie brauche sich wegen der
+Maulwurfjagd keine Sorge zu machen, es sei nicht wichtig
+damit, seine Einkünfte gründeten sich vornehmlich auf eine
+andre Arbeit, die ohne Widerwärtigkeit im stillen Kämmerchen
+könne ausgeführt werden. Es sei nämlich Herkommen,
+daß der Magistrat dem Maulwurfsfänger außer dem für das
+Amt festgesetzten Gehalte einen jeden erjagten Maulwurf
+einzeln bezahle, über deren Zahl er sich nach altem Gebrauche
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_25" id="Page_25">25</a><span>] </span></span>durch Ablieferung der betreffenden Schwänze auszuweisen
+habe, die zu zwölfen an eine Schnur gebunden, in Form
+kleiner Kränze überreicht zu werden pflegten. Da nun das
+Gehalt zu gering sei, als daß ein einzelner, geschweige denn
+eine Familie davon leben könne, und anderseits der Maulwurf
+in dieser Gegend nicht so zahlreich wäre, daß das Fehlende
+durch große Ausbeute könnte ausgeglichen werden, habe er
+sich von jeher bestrebt, künstliche Maulwurfschwänze herzustellen,
+was ihm auch nach mannigfachen Versuchen und Erfindungen
+über Erwarten gelungen sei. Mehr und mehr habe
+er die Jagd hintangesetzt und anstatt dessen Schwänze angefertigt,
+da das letztere sich als bei weitem einträglicher erwiesen
+habe und auch dem Lande dienlicher sei; denn Gott habe den
+Maulwurf eigens mit unersättlicher Gefräßigkeit begabt, um
+für die Vertilgung schädlicher Insekten zu sorgen, und es
+empfehle sich deswegen, eine gewisse Anzahl am Leben zu
+lassen. Schwierig sei es, den richtigen Wechsel von echten
+und künstlichen Schwänzen zu treffen, und was die Menge
+der abzuliefernden betreffe, sich immer auf der Grenze zu halten,
+über die hinausgehend man das Mißtrauen des Magistrates
+zu erregen Gefahr laufe, unter der man aber nicht bleiben
+könne, ohne den Vorteil des Geschäfts zu vernachlässigen.</p>
+
+<p>Lux war über diese Einrichtung verwundert, und es fiel ihr
+sogleich ein, daß dies die Ursache des Zwistes zwischen ihrem
+verstorbenen Manne und seinem Vater gewesen sein könne,
+was derselbe auf ihre Frage ohne weiteres bejahte. Freilich,
+freilich, erwiderte er kichernd und blinzelnd, darüber sei es
+hergekommen; Henne sei ein guter Junge gewesen, aber voll
+Eigensinn und Schrullen habe er gesteckt, und seine Ehrbarkeit
+sei wie ein Stück Eisen gewesen, womit man den Leuten die
+Köpfe habe zerschlagen können. Er habe es für Betrug erklärt,
+für Schwänze aus Filz, Watte und Kleister Geld einzunehmen
+wie für ehrlich abgefangene Maulwürfe, und habe nicht einsehen
+wollen, daß er sich gut und die Obrigkeit nicht übel bei
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_26" id="Page_26">26</a><span>] </span></span>der Sache befände; zwar habe er den Vater nicht verraten oder
+verklagen wollen, aber teilen habe er den Frevel nicht können,
+sei davongegangen und nicht zurückgekehrt. Lux sagte lächelnd,
+ja, so sei er gewesen, und dieselbe Sinnesart sei auf seinen
+Sohn Brun übergegangen, weswegen es ratsam sei, die empfindliche
+Angelegenheit vor ihm zu verheimlichen.</p>
+
+<p>Einmal indessen, als der Alte und Lux bei Nacht, da der
+Mondschein ins Zimmer fiel, am Fenster saßen und schweigend
+der Arbeit oblagen, erwachte Brun, sah mit großen Augen
+eine Weile zu und brach in zornige Tränen aus, als er begriff,
+zu was für einem Zweck da geschnitten, genäht, geleimt und
+gewalzt wurde. Lux eilte sogleich zu ihm und redete ihm begütigend
+zu, allein er stieß sie von sich, verlangte herrisch, sie
+dürfe das nicht wieder tun, und schlief erst nach mehreren
+Stunden, von der Müdigkeit überwältigt, wieder ein. »Ganz
+wie sein Vater,« murmelte der alte Bernkule; »ein guter, ein
+ausgezeichneter Junge, aber ein Starrkopf und Grillenfänger,
+wie jener war.« Brun betrachtete seitdem seinen Großvater
+mit feindlichen Augen und konnte kaum durch seine Mutter,
+die ihm vorhielt, daß das Alter unter allen Umständen geschont
+und geachtet werden müsse, von offener Unehrerbietigkeit
+zurückgehalten werden. Lux bewachte er, so gut er konnte,
+indem er sich außer der Schulzeit fast immer in ihrer Nähe
+aufhielt und sie mit dem trotzig-feurigen Blick eines eifersüchtigen
+Liebhabers umstellte, was sie sich gutmütig gefallen ließ.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Inzwischen hatte der Bischof erfahren, daß es in der neuen
+Residenz zwar einen Überfluß an herrschaftlichen Genüssen
+für ihn gab, daß ihn dieselben aber ein teures Geld kosteten,
+so daß sich die alten Verlegenheiten in Bälde erneuern mußten.</p>
+
+<p>Die erste Stelle in der Gesellschaft nahmen neben dem
+Bischof der Justizrat <i>Dr.</i>&nbsp;Gregorius Schimmelmann und der
+Medizinalrat und Vorsteher des allgemeinen Krankenhauses
+<i>Dr.</i>&nbsp;Joseph Maria von Boll ein, die beide auch, das Alter betreffend,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_27" id="Page_27">27</a><span>] </span></span>ihm nahestanden. Insofern wichen sie nicht wenig
+voneinander ab, als Schimmelmann scharfsinnig, kunstliebend
+und leichtblütig, Boll dagegen einseitig, beschränkt und schwerfällig
+war, doch hatten sie sich aneinander gewöhnt und hielten
+zusammen, ohne sich sonderlich zu achten. <i>Dr.</i>&nbsp;Gregorius war
+ein gewiegter Jurist, wußte die verwickeltsten Fragen zu klären
+und irrte sowohl in menschlicher wie in rechtlicher Hinsicht
+selten; aber da sein Ruf in diesen Dingen längst feststand und
+sein Ehrgeiz in bezug auf seine Laufbahn befriedigt war, nahm
+er sich seines Berufes kaum noch an und ließ die Sachen gehen,
+wie sie wollten. Überhaupt hatten die Menschen seiner Ansicht
+nach gleich viel Recht und Unrecht, und auch davon abgesehen,
+hielt er es für belanglos, ob ihr Los sich so oder so
+fügte. Weit wichtiger als die menschlichen Schicksale erschienen
+ihm gewisse Fragen der Altertumskunde, Münzwissenschaft
+und die würdige Ausstattung der Wohnräume, wie denn sein
+Haus von oben bis unten ein Wunderwerk des Kunstverstandes
+war und von den Reisenden staunend besichtigt wurde.
+Wonnebald wußte von der Kunst nichts, da er aber sah, wie
+ernst es Schimmelmann damit nahm und wie sehr er von den
+Leuten deswegen bewundert wurde, glaubte er, ihm darin
+nicht nachstehen zu dürfen, berief Maler und Bildhauer, kaufte
+Gemälde, Schnitzereien und Altertümer, und da er weder
+einen guten noch einen schlechten Geschmack und noch viel
+weniger ein sicheres Urteil hatte, wählte er von den Gegenständen,
+die ihm vorlagen, was am meisten kostete, wodurch
+sich diese Liebhaberei über alle Maßen kostspielig gestaltete.</p>
+
+<p>Boll stand dem Bischof insofern näher, als ihn Verstand
+oder Kunstsinn oder andre Geistesgaben nicht auszeichneten,
+vielmehr war er, wenn auch nicht so einfältig und ungebildet
+wie jener, ungewöhnlich beschränkt; allein er wußte in allen
+kirchlichen Dingen gut Bescheid, so daß Wonnebald in seiner
+Gegenwart stets Erörterungen fürchtete, die ihn bloßstellen
+und entwurzeln könnten. Boll stammte von einer Familie ab,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_28" id="Page_28">28</a><span>] </span></span>die von alters der Kirche angehangen hatte, und Joseph Maria
+hatte es nie anders gewußt, als daß er seine Laufbahn im
+Schatten und zum Schutze der Kirche zu nehmen habe. Seine
+medizinischen Kenntnisse und Fähigkeiten waren mittelmäßig,
+aber desto wackerer stand er seinen Mann, wenn es das Wohl
+der kirchlichen Partei galt, zu deren tätigsten und angesehensten
+Führern er gehörte. In dem Krankenhause, das er leitete,
+wurden zwar neben den Katholiken auch Heiden aller Art
+aufgenommen, damit die Partei sich religiöser Duldsamkeit
+rühmen könnte, aber dafür wurde die Heilkunde an den Ketzern
+mit solcher Erbitterung ausgeübt, daß sie einem höllischen
+Feuer gleichkam, aus dem sie entweder als Bekehrte oder als
+Abgeschiedene hervorgingen. Wurde dem Medizinalrat die
+große Sterblichkeit der Protestanten, Juden und Heiden in
+seinem Krankenhause vorgehalten, so leugnete er dieselbe nicht,
+sondern rühmte sich, wie Gott dem Rechtgläubigen die Arznei
+besser anschlagen lasse. Übrigens war Boll, wenn auch nicht
+gerade warmherzig, doch auch nicht bösartig und tat nur blindlings,
+was seine Vorfahren getan hatten und was ihm bisher
+zu lauter Nutzen und Vorteil gereicht hatte. <i>Dr.</i>&nbsp;Schimmelmann
+lachte bei sich über sein bigottes Treiben und hätte nichts
+mit ihm anzufangen gewußt, wenn Boll nicht eine ausnehmende
+Meisterschaft im Flötenspiel besessen hätte, die der musikliebende
+Justizrat trefflich zu verwerten wußte. So musikalisch
+gebildet und von feinem Geschmack wie dieser war Joseph
+Maria freilich nicht, aber Gefühl für Musik hatte er überflüssig
+und flötete so lieblich und traurig, daß Schimmelmann,
+wenn sie miteinander spielten, seinen Partner oft vor zu großer
+Zärtlichkeit warnen mußte.</p>
+
+<p>Außer der Musik verband diese beiden Männer noch die
+Wertschätzung guter Weine und leckerer Speisen, die sie auch
+wiederum mit dem Bischof vereinigte. Was für die wählerischen
+Gelage, in denen sie miteinander wetteiferten, verausgabt
+wurde, schlug Wonnebald gering an, unerschwinglich
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_29" id="Page_29">29</a><span>] </span></span>dagegen erschien ihm die Steuer, die Boll gesinnungsfroh von
+ihm erhob, bald zur Hebung des Krankenhauses, bald für
+Propaganda und Mission, bald für die Partei schlechthin.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">In der allerbedenklichsten Weise zehrten an Wonnebalds
+Besitz seine Freundin Hermenegilde und sein Sekretär
+und Schützling Lando, der Neffe des Erzbischofs, den dieser
+unter dem Vorwande, er müsse wegen einer unpassenden Leidenschaft
+von Hause entfernt werden und die väterliche Obhut
+eines Geistlichen genießen, dem Bischof zur Seite gestellt hatte,
+um ihn zu beaufsichtigen. Hierzu war nämlich Lando trotz
+seiner Jugend, denn er war etwa 26 Jahre alt, durch überlegenen
+Verstand und eine merkwürdige Kühle und Sicherheit
+des Urteils wohlgeeignet, auch konnte er sich geschickt verstellen,
+ja fand Vergnügen daran, eine beliebige Rolle zu spielen, so
+daß nicht zu befürchten war, der Bischof könnte der List auf
+die Spur kommen. Daneben hoffte der Erzbischof einen persönlichen
+Zweck zu erreichen: Lando mittels der Langeweile,
+der er in Klus ausgesetzt sein würde, einer vorteilhaften Heirat
+geneigt zu machen, durch die der träge und träumerische, wenig
+ehrgeizige Jüngling, der nicht sonderlich bemittelt war, in
+eine dem Familienstolz entsprechende Stellung befördert werden
+sollte.</p>
+
+<p>Lando, der wußte, was sein Oheim mit ihm vorhatte, unterhielt
+sich einstweilen in Klus aufs beste. Er gab sich dem
+Bischof gegenüber als ein der Liederlichkeit ergebener junger
+Mann aus, den seine Familie durch Religion bessern wollte,
+und stellte sich hocherfreut und bewundernd darüber, daß er
+in dem Bischof einen freien Geist gefunden habe, mit dem sich
+leben lasse. Wonnebald war zwar leicht anzuführen, aber doch
+pfiffig genug, um etwas Fremdes und Schädliches zu wittern,
+so daß er Lando, ohne zu wissen warum, nicht völlig traute;
+da er es aber in jedem Falle für das beste hielt, ihn durch
+üppiges Freudenleben zu betäuben, und er an die Möglichkeit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_30" id="Page_30">30</a><span>] </span></span>nicht glaubte, daß das Fischlein dem Angelbissen der Frau
+Welt sich sollte entziehen können, tat er, soviel er konnte, um
+Landos ausschweifende Triebe zu weiden. Insofern hatte er
+ganz unrecht nicht, als Lando sich die Früchte, die seine Rolle
+abwarf, vortrefflich schmecken ließ, nur freilich setzten sie ihm
+nicht so zu, daß er dadurch unfähig geworden wäre, den Bischof
+mit klaren und vergnügten Augen zu beobachten. Ihn recht
+in Weibersachen zu verwickeln, wollte Wonnebald überhaupt
+nicht glücken, obwohl Hermenegilde als reife und stürmische
+Liebesgöttin ihn an mancher lauschigen Grotte und bekränzten
+Laube des Stiftsgartens vorübertrieb; weder die adligen
+Damen noch ihre Zofen schienen ihn fesseln zu können und
+waren auch ihrerseits durch das barsche Regiment der Vorsteherin
+zu eingeschüchtert, um ihren Gefühlen freie Entfaltung
+zu vergönnen.</p>
+
+<p>Hermenegilde hatte nämlich die Eigenheit, die Stiftsdamen,
+wenn sie bei guter Laune war, zu unbedachten Schritten zu
+verlocken, was sie hernach benutzte, um sie aufs gröblichste zu
+verleumden und sie durch Androhung öffentlicher Anklage in
+Schrecken zu setzen, teils weil es ihr angenehm war, wenn sie
+vor ihr zitterten, teils damit sie nicht den Mut fänden, das
+Ärgernis, zu dem sie selber Anlaß gab, bekanntzumachen.
+An Wonnebald, der geistlicher Oberhirt und Beichtvater des
+Stiftes war, gelangten zwar nicht selten Klagen über das
+gesetz- und gewissenlose Regiment der Vorsteherin, doch blieben
+sie wirkungslos in seiner Brust verschlossen, von niemand geteilt
+als von Hermenegilde selbst, die sich bei nächster Gelegenheit
+an ihren Feindinnen rächte. Zuweilen ließ sich Hermenegilde
+durch ihre gewaltsame Natur allzuweit fortreißen: so
+ereignete es sich einmal, daß eine Stiftsdame, die in der Umgegend
+einen Besuch gemacht hatte, bei ihrer Rückkehr den
+Einlaß nicht erhielt, weil die Stunde, wo abends das Tor abgeschlossen
+wurde, vorüber war, angeblich damit der Unfug
+nächtlichen Schwärmens bestraft würde, und das Fräulein,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_31" id="Page_31">31</a><span>] </span></span>eine ältere, ergraute Dame, bei Nacht umkehren und ein Obdach
+in der Stadt suchen mußte, nicht ohne infolge der Aufregung
+und Schande empfindlichen Schaden an der Gesundheit
+zu nehmen. Da sich die Tugend des Fräuleins nachweisen
+ließ, hätte die Sache ein übles Ende nehmen können, wenn
+nicht die Anverwandten desselben durch die Menge des Geldes
+zum Schweigen gebracht worden wären, die aus Wonnebalds
+Beutel floß. Abgesehen von solchen und ähnlichen Ausgaben,
+zu denen sie ihn mittelbar veranlaßte, sammelte Hermenegilde
+auch für sich selbst, sowohl weil sie viel verbrauchte, wie um
+ihr Alter zu sichern, und schließlich aus angeborener Habgier.
+Da nun der Bischof einer Frau, die ihm nahestand, nicht gern
+etwas abschlug, insbesondere aber der Hermenegilde eine leere
+Tasche zu zeigen nicht den Mut gehabt hätte, mußte er sich fleißig
+nach guten Einnahmen umtun und kam zu der Überzeugung,
+daß er wieder einmal etwas Gründliches unternehmen oder erfinden
+müsse, um die gemeine Sorge ein für allemal loszuwerden.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Es war ein warmer Vorfrühlingstag, als der Bischof auf
+einem bequemen Spaziergang am Rande des schwellenden
+Flusses der Lux begegnete, die, Lisutt an der Hand, schlank
+und wohlgemut daherkam, im Begriff, einer alten gichtleidenden
+Frau Trost und Heilmittel zu bringen. Beim Anblick ihrer
+traulichen Miene ging dem Bischof das Herz auf, und er bat
+sie, sich ihm anzuschließen, was sie mit dem stolzen Kopfnicken
+und allwissenden Lächeln, das ihr eigen war, tat. Ungeachtet
+er sich vorgenommen hatte, ihrer Sprödigkeit wegen strenger
+und zurückhaltender gegen sie zu sein als vormals, verfiel er
+bald in ein seliges Schwatzen, erzählte von der Verlegenheit
+seiner leidigen Geldverhältnisse und fragte, ob sie nicht, wenn
+sie nach Maulwürfen grübe, Spuren von Schätzen fände, wie
+sie hier und da in der Erde vergraben sein sollten. Koste es
+auch seiner Seelen Seligkeit, er sei bereit, sie um solchen Preis
+zu opfern, Gott werde weiter helfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_32" id="Page_32">32</a><span>] </span></span>Wenn dem so sei, sagte Lux, könne sie ihm wohl dienen.
+Freilich habe sie keine Schätze entdeckt, aber als Mädchen im
+Kloster habe sie viel in einem alten dicken Buche von den Wundern
+der Natur gelesen, worin die geheimen Kräfte der Pflanzen
+und Wurzeln beschrieben gewesen seien, und wovon sie sich
+manches gemerkt habe; wenn er die ewige Seligkeit aufs Spiel
+setzen wolle, könne er sich durch ein Alräunchen so viel Geld
+er immer wolle verschaffen. Der Bischof sagte, um sich selber
+Mut zu machen, mit Lachen: »Es wird den Kopf nicht kosten,
+ich denke es wohl mit dem Teufel aufzunehmen, erzähle nur,
+was es mit dem Alraunen für eine Bewandtnis hat;« worauf
+Lux sagte, zunächst müsse derselbe unter schwierigen und höchst
+gefährlichen Förmlichkeiten gewonnen werden, was sie aber,
+um ihm zu helfen, auf sich nehmen wolle, sodann müsse der Eigentümer
+das Männlein sorgfältig und ehrfürchtig behandeln,
+es nett ankleiden, nachts das Bett mit ihm teilen und schließlich
+es durch Kniebeugung und allerhand Anrufungen verehren
+und eigentlich anbeten.</p>
+
+<p>Das wäre freilich, meinte Wonnebald, mehr, als einer
+Wurzel zukäme, indessen wenn sie wirklich wunderwirkend und
+gewissermaßen goldzeugerisch wäre, könne man füglich ein
+Auge zudrücken und ein wenig vor ihr scharwenzeln, einstweilen
+solle die Lux so gut sein und ihm das Ding herbeischaffen. Sie
+sah ihn von der Seite an und lachte ein weiches, kosendes
+Lachen, das er warm in den Eingeweiden spürte, so daß er
+die Arme nach ihr ausstreckte und sie an sich ziehen zu können
+vermeinte, die ihm aber entschlüpfte und, Lisutt fest an der
+Hand fassend, geschwind den grünen Hang, an dem sie entlang
+gingen, hinunterlief. Wonnebald blickte ihr ein wenig geärgert
+nach, doch überwog die Zärtlichkeit, die ihr milder Blick ihm
+eingeflößt hatte, und er bedachte, während ihm das Wasser
+im Munde zusammenlief, wie honigmild und mondklar ihr
+Wesen um ihn weben würde, wenn sie ihm erst einmal zugetan
+wäre. Dazu, sagte er sich, wäre ihre Klugheit so ungemein,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_33" id="Page_33">33</a><span>] </span></span>daß sie alle seine Angelegenheiten betreiben und es selbst mit
+dem Erzbischof würde aufnehmen können, selber aber dessen
+unbewußt bleiben und vielleicht nach Frauenart und Frauenpflicht
+ihm das Verdienst von allem zuschreiben, was sie geleistet
+hätte.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Lux begab sich bald daran, eine Zaunrübe ausfindig zu machen,
+deren Wurzeln so verdreht und wunderlich gebildet sind,
+daß sie allenfalls menschenähnliche Figürchen vorstellen können,
+und nachdem sie eines Morgens mehrere, die ihr passend schienen,
+gefunden hatte, warf sie sich ermüdet ins Gras und ließ
+Lisutt um und über sich herumklettern. Enzian und Gänseblümchen
+blühten, und schon drängte sich prangender Löwenzahn
+in Menge hervor, wovon Lux, so viel sie von ihrem Platze
+aus erlangen konnte, pflückte, um einen Kranz daraus zu flechten,
+den sie Lisutt auf das braune Köpfchen setzte. Er war
+wild und locker gewunden und strahlte feurig in ungleichen
+Büscheln um das lachende Kindergesicht, dessen zarte Rosenfarbe
+die Frühlingssonne bereits gebräunt hatte. Während
+Lisutt ihrerseits Gras und Kräuter ausraufte und in ihrer
+Mutter Haar zu stecken versuchte, dann das butterweiche Gesicht
+in deren Hals grub und frohlockend sagte: »Du riechst
+gut!« kam Lando, der ein Freund der Natur war, zufällig
+des Weges, sah das Kindergesicht, das lachte und leuchtete,
+und die Gestalt, die das Gras verdeckte, die sich aber bei seinem
+annähernden Schritt aufrichtete, so daß er ihre anmutigen
+Züge und die männliche Kleidung, die sie trug, erkennen konnte.
+Gleichzeitig fielen ihm die krummen Wurzeln auf, die neben
+ihr auf einem ausgebreiteten roten Tuche lagen, und er benutzte
+dies, um sie anzusprechen mit der Frage, was das sei
+und was sie damit zu machen vorhabe. Lux, die den jungen
+Mann zuweilen in der Nähe des Schlosses gesehen hatte und
+wußte, wer er war, sagte lächelnd: »Das ist eine Kost für
+Ihren Herrn, den Bischof,« worauf er neugierig weiterfragte
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_34" id="Page_34">34</a><span>] </span></span>und sich zu ihr ins Gras setzte. Es sei ein Geheimnis, entgegnete
+Lux, und sie wisse nicht, ob er so in Gunst und Vertraulichkeit
+des Bischofs stehe, daß er es teilen dürfe, hatte
+aber im Grunde schon beschlossen, ihm alles zu erzählen, weil
+sein Aussehen und seine Art sie gewiß machten, daß er von
+Herzen darüber lachen, vielleicht sogar ihr helfen würde, die
+Schelmerei vollkommen zu machen. Seinerseits hatte Lando
+sogleich erraten, daß es weniger galt, dem Bischof einen Dienst
+zu leisten, als ihm einen Possen zu spielen, und nachdem sie sich
+so, ohne sich zu bereden, durch das bloße Gefühl ihres Wesens,
+das sich ihnen gegenseitig mitteilte, miteinander ins Einvernehmen
+gesetzt hatten, erzählte Lux, was für Hoffnungen der
+Bischof in sie gesetzt habe und wie sie ihm das Alräunchen
+nach bestem Vermögen zubereiten wolle, und schlug ihm vor,
+den Schabernack dadurch zu verlängern, daß er die Geldsumme,
+die der Bischof nach ihrer Anweisung jeweilen unter die Wurzel
+legen würde, verdoppele und ihn so im Glauben an die Trefflichkeit
+des Zauberdinges erhalte. Lando, von diesem Einfall
+entzückt, verabredete mit Lux alle Einzelheiten, wie sie es halten
+wollten, und scherzte zwischendurch in kindlicher Weise mit
+Lisutt, die ihn ohne Zögern als guten Spielkameraden behandelte.
+Sein hübsches Gesicht, das eine rotbraune, samtweiche
+Haut zierte, strahlte dabei von Freundlichkeit, wodurch
+aber der Ausdruck gelangweilter Melancholie nicht ganz ausgelöscht
+wurde, der ihm natürlich war und dessen Ursache zum
+Teil eine vorgeschobene und ein wenig hängende Unterlippe
+sein mochte. Dieser an sich unschöne Zug reizte das Auge, ihn
+immer von neuem zu betrachten, und nachdem er sich verabschiedet
+hatte, erwog Lux noch eine gute Weile lang, ob sein
+Gesicht ihr besser lachend oder in hochmütiger Traurigkeit gefallen
+habe.</p>
+
+<p>Während Lando seinen Weg fortsetzte, fiel ihm ein, daß der
+junge Landmann kecker als erlaubt mit einem feinen Herrn, wie
+er war, umgegangen sei, und auch gegen den Bischof, so unwürdig
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_35" id="Page_35">35</a><span>] </span></span>derselbe sein möge, sich allzuviel herausnähme, und es ärgerte
+ihn ein wenig, daß er sich durch seine Lust an Schelmenstreichen
+und sein Vergnügen an munteren Kindern hatte verführen lassen,
+so vertraulich mit ihm zu verkehren, als ob er seinesgleichen wäre.
+Er wurde mit sich einig, daß er den Bischof von der Treulosigkeit
+seines Günstlings in Kenntnis setzen und vor der Torheit,
+die zu begehen er im Begriffe stand, bewahren wollte; als er
+aber um die Abendzeit Wonnebald gewahr wurde, wie er sich
+in augenscheinlicher Erregung in sein Schlafzimmer zurückzog,
+überkam ihn der Kitzel, zu wissen, was der alberne Mann vornehmen
+würde, und er sagte sich, es sei nicht seine Sache, einem
+übermütigen Schlaukopf zu schaden, um einem aufgeblasenen
+Narren zu dienen. Also richtete er es so ein, daß der Bischof
+nach kurzer Zeit durch eine Nachricht von dringender Wichtigkeit
+abgerufen wurde, und schlich sich unterdessen in sein Gemach,
+wo er denn auch in einer Ecke, auf eine Konsole gesetzt,
+den Wurzelgötzen entdeckte, mit einem Mäntelchen aus Brokat
+bekleidet, das der Bischof ihm soeben verfertigt haben mochte,
+und in welchem er das Aussehen eines zwerghaften Kobolds
+hatte. Unter die Konsole hatte der Bischof einen Betschemel
+gerückt, um dem kleinen Zauberer die Anbetung zu widmen,
+die Lux angeordnet hatte, welche Vorrichtungen alle Lando
+in der Meinung bestärkten, daß es schade wäre, eine solche
+Narrheit zu stören. Als Wonnebald früher als gewöhnlich
+schlafen gegangen war, folgte ihm Lando bis an die Tür, in
+der Hoffnung, ihn belauschen zu können, nahm aber durch das
+Schlüsselloch nichts wahr und hörte auch anfangs nichts als
+ein undeutliches Raunen und Murmeln; erst als das Licht
+bereits gelöscht war, wurde die Stimme des Bischofs lauter,
+so daß Lando folgende Worte unterscheiden konnte:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i6">Alräunchen, Wurzelgöttle,</span><br />
+<span class="i6">Mach mir fleißig Gold ins Bettle!</span><br />
+</div></div>
+
+<p class="noindent">ein Spruch, den Lux ihm nicht ohne Mühe beigebracht hatte.
+Wonnebald hatte sich auf allen Seiten eingeschlossen, nur eine
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_36" id="Page_36">36</a><span>] </span></span>Tapetentür offen gelassen, die in sein Badezimmer führte, in
+das Lando durch ein Fenster gelangen konnte. Kaum hörte er
+den Bischof schnarchen, als er auf leisen Füßen in das Schlafgemach
+eintrat, und da er beim gelben Schein eines Nachtlämpchens
+die nunmehr nackte Wurzel auf dem bischöflichen
+Kissen und drei Goldstücke daneben liegen sah, fügte er flink
+drei andre hinzu und entfernte sich lautlos und geschwinde.
+Lux hatte nämlich die Vorsicht gebraucht, dem Bischof einzuschärfen,
+daß er die Summe, die der Alraun verdoppeln solle,
+besonders im Anfang nicht zu hoch anlege, ebensowohl um
+ihn nicht durch Unbescheidenheit zu verletzen, wie um das dürre
+und zarte Wesen nicht mit einem Male zu heftig, lieber häufiger
+und gelinder arbeiten zu lassen. Mehrere Male gelang es Lando,
+der Wurzel das Häufchen Gold, das von ihr zu erwarten war,
+unbemerkt unterzuschieben, und er belustigte sich tagsüber, den
+Bischof mit Fragen zu bedrängen, warum er auf einmal ein
+eingezogenes Leben führe, anstatt wie sonst die Nächte durchzuschlemmen
+und zu prassen.</p>
+
+<p>Nach kurzer Frist jedoch verdarb Lando den weiteren Verlauf
+durch seine Neugierde; denn um zu sehen, was für eine
+Andacht der Bischof allabendlich vor dem Alraun ausübte,
+öffnete er die Tür seines Schlafzimmers, als Wonnebald eben
+eifrig knicksend vor der Zaunrübe umhersprang, wurde trotz
+aller Vorsicht von diesem gehört und mußte wohl oder übel
+vollends eintreten und sein unberufenes Eindringen durch
+einen rasch ersonnenen Vorwand erklären. Diesem war der
+Bischof allerdings geneigt Glauben zu schenken, aber da Lux
+ihm gesagt hatte, daß das Alräunchen augenblicks seiner
+Fruchtbarkeit verlustig gehen würde, wenn ein dritter es sähe
+oder etwa gar ihn bei seinen andächtigen Verrichtungen überraschte,
+war er überzeugt, daß es mit dem unschätzbaren Brutgeschäft
+nunmehr zu Ende wäre, und fand sich durch das Ergebnis
+des nächsten Morgens darin bestärkt; er hatte sich nämlich
+aus Angst vor neuen Störungen so gründlich eingeschlossen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_37" id="Page_37">37</a><span>] </span></span>und verschanzt, daß Lando nicht eintreten konnte, um den üblichen
+Zauber vorzunehmen.</p>
+
+<p>Um die Abendzeit machte sich Lando auf, um Lux, wenn es
+sich so fügte, daß er ihr begegnete, von dem, was vorgefallen
+war, in Kenntnis zu setzen. Noch war die Hitze des Tages
+nicht verdämmert, und er suchte unwillkürlich schattige Wege
+auf, so daß er an den unteren Lauf des Flusses geriet, wo er
+mit verminderter Wucht in breiterem und flacherem Bette hinströmte.
+Hellgrüne Weiden und buschige Erlen bekränzten
+seine beiden Ufer und ließen einen schmalen Pfad frei, der
+hier, ein gutes Stück unterhalb der Ortschaft, wenig begangen
+wurde; auch fragte sich Lando, nachdem er eine Weile, ohne
+einer Seele zu begegnen, vorwärts gegangen war, wie er dazu
+käme, Lux in dieser abgelegenen Gegend zu suchen, und war
+im Begriff umzukehren, als er ein Plätschern und verstohlenes
+Lachen hörte, das ihn bewog, noch ein wenig weiterzugehen.
+Gleich darauf hielt er an und zog sich hinter die nächsten
+Bäume zurück, da er bemerkte, daß das Geräusch von Badenden
+herrührte, erkannte aber fast gleichzeitig in der Frau, die
+halben Leibes aus dem Wasser tauchte, Lux und blieb unbeweglich
+an seinem Platze stehen. Lisutt saß auf einem Stein
+und schlug mit den zierlich kräftigen Beinen auf das Wasser,
+wodurch ein magerer brauner Junge, Brun, den Lando nicht
+kannte, über und über bespritzt wurde, der nun seinerseits die
+Kleine mit Wasser übergoß; sie streckte abwehrend die runden
+Arme aus, kniff die lustigen Augen zusammen und schüttelte
+sich, daß die braunen Haare wild um ihre nassen Schultern
+tanzten in der Ausgelassenheit des elementarischen Spieles.
+Lando betrachtete die Kinder nur flüchtig, so sehr fesselte ihn das
+Bild der Frau, deren fest und edel gebildete Beine durch das
+grüne Wasser bald wie Silber, bald wie Alabaster schimmerten,
+während Nacken, Arme und Brust, der schlanke Leib und
+der elastische Rücken, wenn sie sich beugte oder aufrichtete, die
+Biegsamkeit und farbige Wärme lebendigen Fleisches zeigten.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_38" id="Page_38">38</a><span>] </span></span>Ihr ins Gesicht wagte er nicht zu sehen, obwohl er wußte, daß
+sie ihn nicht sehen konnte, und obwohl er die lebhafteste Sehnsucht
+hatte, ihren milden und mutwilligen Blick zu fühlen.
+Daß sie sich als Frau offenbart hatte, erregte ihm kein besonderes
+Erstaunen, vielmehr war ihm so zumute, als hätte er es
+von jeher gewußt oder wenigstens so sicher wie die Verwandlung
+eines Schmetterlings erwartet.</p>
+
+<p>Vorsichtig, die Augen auf den Fluß gerichtet, ging er rückwärts,
+dann, als er sicher war, daß er von dort aus nicht
+mehr gehört oder wahrgenommen werden konnte, fing er an
+zu laufen und hielt erst ein, als er bei einer breitköpfigen Ulme
+angekommen war, die eine leichte Bodenerhebung krönte und
+unter der er sich niederlegte. Tränen liefen ihm über die
+Wangen, ohne daß er es bemerkte, so erschüttert war seine
+Brust von Rührung und inniger Liebe; noch schwankte der
+nackte Leib vor seinen Augen, und zugleich war es ihm, als
+müsse er, vor ihre Füße geworfen, sie um Vergebung anflehen,
+daß er, wenn auch ohne seine Schuld, ihre Verborgenheit belauscht
+hatte. Obgleich er kein Neuling in Liebesangelegenheiten
+war, glaubte er doch zum erstenmal zu lieben und fühlte
+sich beglückt in der Sicherheit, bis zum Tode und ewig darüber
+hinaus dieser einzigen Frau anzugehören. Der Mond stieg
+allgemach, überfließend von gelbem Lichte, hinter dem Gehölz
+empor, und Lando lag noch immer in das schaudernde Gras
+gedrückt, sah den stillen Flug des vollen Gestirnes und fühlte
+sich eins mit der Erde, die rein entzückt die Beseligung der
+Nacht empfing. Gegen Mitternacht ging er nach Hause, schlief
+fest bis in den hohen Tag und kleidete sich langsam an, im
+schwelgerischen Vorgenuß der ersehnten Begegnung ebenso bestrebt,
+sie hinauszuschieben, wie ungeduldig, sie herbeizuführen.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Der Bischof hatte unterdessen Lux aufgesucht und ihr den
+Unfall, der dem Alräunchen zugestoßen war, erzählt, worauf
+sie, zufrieden, daß der Spaß so weit geglückt war, es für
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_39" id="Page_39">39</a><span>] </span></span>unmöglich erklärte, unter den Augen eines Spähers und vielleicht
+Mitwissers zum zweitenmal eine solche Zauberei anzuzetteln.
+Wonnebald, dem nichts erwünschter war, als von einer
+unscheinbaren Wurzel, deren Eingeweide die nutzbringende
+Natur so artig eingerichtet hatte, allnächtlich ein Häufchen
+Gold auf das Kopfkissen gespuckt zu bekommen, neigte zu dem
+Wunsche, Lando, den er für das einzige Hindernis der Goldabsonderung
+ansah, auf die eine oder andre Weise zu entfernen,
+und sagte zu Lux, wenn sie aus ihren Büchern eines Mittels
+kundig wäre, um unliebsame Störenfriede, sei es mit Beeinträchtigung
+von Gesundheit oder Leben, sei es ohne Schädigung
+derselben, aus dem Wege zu räumen, so wolle er die
+Folgen auf sich nehmen und mit Dank und Lob ihrer Geschicklichkeit
+nicht zurückhalten. Sie erschrak im Herzen über diese
+Zumutung, ließ aber nichts davon merken, sondern antwortete,
+indem sie nachdenklich den Kopf wiegte, eine solche Sache
+müsse langsam reif werden, sie wolle alles wohl bedenken, er
+möge inzwischen nichts unternehmen, ohne ihren Rat einzuholen.
+Nachdem er sich entfernt hatte, nahm sie ihren Lieblingsplatz
+am Fenster ein; ihr Blick schwebte zwischen dem
+weißen Wasser, das nicht müde wurde sich selber zu verschlingen
+und in furchtbaren Todesstürzen sich von sich selber befreien
+zu wollen schien, und dem bleichen Himmel, der heute matt
+herabhing und die Luft zusammenzudrücken schien. An dem
+gegenüberliegenden breiten Berge zog sich deutlich erkennbar
+ein schmaler, blasser Pfad hinauf, über dem das farblose Gewölk
+so unbeweglich lag, als wenn er auf immer verschüttet
+wäre, und ein beklemmendes Gefühl, eingeengt und gefangen
+zu sein, bemächtigte sich ihres Herzens. Wie sie so dasaß, kam
+Lando unter ihrem Fenster vorbei, blieb stehen, als er ihrer
+ansichtig wurde, grüßte und suchte errötend nach einer Anrede,
+ohne ein Wort finden zu können, das ihm passend schien. Sie
+wartete ein wenig und erzählte ihm dann flüsternd, halb scherzhaft,
+halb ängstlich, daß der Bischof ihm nach dem Leben
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_40" id="Page_40">40</a><span>] </span></span>trachte und sie gedungen habe, ihn umzubringen. »Das
+könntest du doch nicht,« sagte er leise und sah sie ernsthaft
+und zärtlich an, indem er dicht an die Mauer herantrat, die
+Arme in die Fensterbank und den Kopf auf die gefalteten
+Hände legte. Sie antwortete treuherzig: »Nein, das könnte
+ich nicht,« und beugte sich, von seinem flehenden Blick angezogen,
+zu ihm nieder, worauf er sie mit beiden Armen umschlang
+und ihren Mund, der dem seinen entgegenkam, küßte.
+Sie blieben eine Weile so, ließen sich los, lachten und umarmten
+sich von neuem; daß er ihr Geschlecht erraten hatte,
+erschien ihr selbstverständlich und keiner Frage wert. Erst als
+Lando, durch Schritte, die näher kamen, erschreckt, sich mit
+kurzem Gruß entfernte, besann sie sich, seufzte mehrmals und
+brach endlich in Tränen aus, die lange nicht trocknen wollten,
+dann aber einer starken, hochschwebenden Freudenstimmung
+wichen.</p>
+
+<p>An den nächstfolgenden Tagen trafen sie sich einmal oder
+mehrmals, und es schien ihnen bald so, als wären sie seit
+Wochen, ja seit Monaten und Jahren durch gegenseitige Liebe
+verbunden, nur daß Lando nicht verriet, daß er sie an jenem
+Abend im Fluß hatte baden sehen und es als Geheimnis bewahrte,
+mit dessen Offenbarung ihr Glück die letzte, überschwengliche
+Weihe erhalten würde. Oft, wenn er bei ihr war,
+vergaß er es, oder es kam ihm plötzlich unwichtig vor, oder,
+wenn er in ihre unschuldig wissenden Augen blickte, schien es
+ihm töricht oder anmaßend oder zwecklos, davon zu sprechen;
+endlich, an einem heißen, wolkenlosen Sommertage, entfuhr
+ihm zufällig ein andeutendes Wort, das er gleich darauf zurücknahm,
+und da sie arglos in ihn drang, das Rätsel zu lösen,
+beschwor er sie, beim Einbruch der Nacht unterhalb des Dorfes
+an den Fluß zu kommen, wo er ihr einzig gestehen könne, was
+er nicht laut unter der Sonne zu sagen wage. Lux errötete
+und stutzte, aber nein hätte sie nicht sagen können.</p>
+
+<p>Abends, nachdem sie die Kinder zu Bette gebracht hatte,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_41" id="Page_41">41</a><span>] </span></span>setzte sie sich ins Fenster, um zu warten, bis sie eingeschlafen
+wären; aber Brun, der eine außergewöhnliche Erregung an
+seiner Mutter bemerkt hatte, kämpfte mit Anstrengung gegen
+die Müdigkeit, und erst als es eine Stunde vor Mitternacht
+war, überwältigte das tapfere Kind der Schlaf. Lux hörte
+es an seinen ruhigeren Atemzügen und schwang sich mit ganzem
+Leibe in die Fensterbank, um ins Freie zu springen, zögerte
+aber wieder und kehrte noch einmal ins Zimmer zurück, um
+sich zu vergewissern, daß die Kinder fest und ruhig schliefen.
+Sie war so erregt und aufgewühlt, daß das unzählige Male
+gesehene Bild der schlafenden Kinder sie wie etwas Fremdes
+rührte; Brun sah traurig aus, Lisutt hingegen lag da, als
+wären scharenweise Engel um sie versammelt und hielten
+einen himmlischen Baldachin über ihr, dessen Licht von ihren
+Wangen widerschiene. Ihre Lippen waren so weit geöffnet
+wie eine wilde Rose vor Tag, ein winziger Blutring in einfachster
+und süßester Linie um das überirdische Geheimnis gebogen,
+das in kaum hörbar aus- und einwehendem Atem sein
+Dasein verriet. Lux stand mit überfließenden Augen an dem
+Bett und konnte nicht gehen noch bleiben; aber ein unvermeidliches
+Schicksal, das sich mit ihrem Herzen verkettet hatte,
+schien sie dahin zu rufen, wo der Geliebte sie erwartete, und
+sie schwang sich noch einmal in das Fenster und ließ sich sacht
+an der niedrigen, leise bröckelnden Mauer herab.</p>
+
+<p>Draußen duftete die Nacht, und die unbestrahlte Erde enthüllte
+ruhevoll ihren Leib in der einsamen Dämmerung. Lux
+atmete tief auf und reckte die Arme in die Luft; ihre Brust
+weitete sich, und sie mußte gewaltsam den Schrei des Entzückens
+auf den Lippen festhalten, während sie mit fliegenden
+Füßen die weichen Pfade zu den Gebüschen am Fluß hinuntereilte.</p>
+
+<p>Sie trafen sich nun mehrere Nächte so, wohingegen sie sich
+am Tage nicht zusammen wollten sehen lassen, um keinen Anlaß
+zu Verdacht und Geschwätz zu geben; denn Lando war
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_42" id="Page_42">42</a><span>] </span></span>zwar ungeduldig, Lux als seine Frau heimzuführen, wollte
+aber mit der Veröffentlichung des Verhältnisses warten, bis
+seine Mutter, die krank und nach Aussage der Ärzte in Lebensgefahr
+war, entweder genesen oder dann durch den Tod aller
+Kränkung entrückt wäre. Trotz der beabsichtigten Vorsicht indessen
+begegneten sich die Liebenden auch nicht selten bei Tage,
+so daß es dem Bischof nicht entgehen konnte, der nicht aufhörte,
+Lux zu beobachten und nachzustellen. Sie gab unverlegen die
+Erklärung, daß sie vertraut mit Lando werden müsse, um ihm
+etwas Zweckmäßiges beibringen zu können, womit Wonnebald
+sich zufriedengab, da er ohnehin den Kopf der allerärgsten
+Sorgen voll hatte.</p>
+
+<p>Nachdem nämlich die Fruchtbarkeit des Alrauns infolge
+des Gegenzaubers von Landos Neugierde abgestorben war,
+nahm der Bischof seine früheren Lebensgewohnheiten wieder
+auf, insbesondere die Zusammenkünfte mit Hermenegilde, die
+bereits ein eifersüchtiges Mißtrauen wegen seiner Zurückgezogenheit
+und Geheimtuerei gefaßt hatte. Das lenzliche
+Prangen der Natur schien auch die Liebe saftiger und würziger
+zu machen, so daß Wonnebald sich schon über die unterbrochene
+Goldmacherei getröstet fühlte; aber der widerliche
+Nachgeschmack, der sich sooft aus den Wollüsten des Lebens
+entwickelt, blieb nicht aus, indem Hermenegilde plötzlich
+Muttergefühle an sich wahrnahm und das Paar sich mit dem
+Gedanken an Kindersegen vertraut machen mußte. Nach Überwindung
+des ersten Schreckens empfand Hermenegilde hierüber
+mehr Freude als Kummer, die täglich zunahm, Wonnebald
+hingegen schlug das Glück, Vater zu werden, gering an
+und hätte den unwillkommenen Sprößling gern schon im
+Mutterleibe umgebracht, in der Meinung, daß es je später
+desto schwieriger und gefährlicher sein würde. Anfänglich trug
+er sich mit dem Gedanken, auch in dieser Sache Lux um einen
+wirksamen Zauber anzugehen, mußte aber bald bemerken, daß
+Hermenegilde über seine lieblose Gesinnung in große Erbitterung
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_43" id="Page_43">43</a><span>] </span></span>und Aufregung geriet, die er nur durch völlige Unterwürfigkeit
+und heuchlerische Zärtlichkeitsvorspiegelungen beschwichtigen
+konnte. Hermenegilde zweifelte nicht, daß die
+unterjochten Stiftsdamen, wenn sie das Geheimnis entdeckten,
+sich ducken und schweigen würden, ja im Grunde konnte sie
+sich nichts andres vorstellen, als daß das Hervorbrechen ihrer
+Nachkommenschaft von der erstaunten Welt mit Pauken und
+Posaunen werde gefeiert werden, und sie ließ es nicht an
+beißenden Bemerkungen über die Menschenfurcht des Bischofs
+fehlen.</p>
+
+<p>Vorzüglich verließ sie sich in dieser Angelegenheit auf eine
+alte Magd, die ihr in allen Dingen blindlings zu Diensten
+und von Anfang an Mitwisserin des hochwürdigen Liebesverhältnisses
+gewesen war, das sie freilich mißbilligte. Die
+Alte, die ohne Zaudern jedes schuldlose Stiftsfräulein ins
+Wesenlose befördert hätte, das ihrer Herrin unbequem gewesen
+wäre, betrübte und entrüstete sich darüber, daß die gewaltige
+Dame, in Hingebung zerschmolzen, ihren Ruf einem Manne
+aufopferte, und erlaubte sich oft, ihr die verliebte Schwäche
+vorzurücken. Vor allen Dingen grollte sie dem Bischof, der
+durch sein Dasein alles verschuldet hatte, und ließ sich auch
+durch die reichen Geschenke, die er ihr zusteckte, damit sie ihm
+ein weniger grämliches Gesicht mache, keineswegs besänftigen,
+vielmehr verachtete sie ihn wegen dieser furchtsamen Bestechungen
+um so gründlicher.</p>
+
+<p>Dem Bischofe brach kalter Schweiß aus, wenn er daran
+dachte, was für ein Ende das nehmen sollte, und in einem
+solchen Zustande von Beängstigung kam ihm eines Tages der
+Einfall, es mit Gebet und Gelübde zu versuchen, da doch
+möglicherweise Gott oder wenigstens die Heiligen zu einer
+wunderbaren Hilfeleistung imstande und geneigt wären. Von
+der Aussicht schon ein wenig erheitert, kleidete er sich veilchenblau
+an und begab sich geradeswegs in die Burgkirche
+hinein, wo im Gegensatze zu der Mittagshitze, die draußen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_44" id="Page_44">44</a><span>] </span></span>siedete, liebliche Kühle und Dunkel herrschten. Ein kitzelndes
+Wallen und Knistern um sich verbreitend, schritt er durch
+die Säulen und verschwand in der letzten Seitenkapelle, die
+der sogenannten Millionenmutter oder Millionenmaria gewidmet
+war. Es befand sich dort nämlich in einem verschlossenen
+Glasschreine eine schön geputzte Puppe, die die
+Gottesmutter ohne Kind darstellte und vorzüglich als Krankenheilerin
+verehrt wurde, da sie vor Jahrhunderten einmal der
+Pest, die Klus fast sämtlicher Einwohner beraubt hatte, endlich
+von den übriggebliebenen in Prozession durch die Gassen getragen,
+Einhalt geboten haben sollte. Diese Figur trug eine
+Krone, deren Gestell aus Messing war, die aber mit verschiedenen
+Edelsteinen von außerordentlicher Größe und Kostbarkeit
+besetzt war, weswegen ihr der Volksmund den erwähnten
+Namen angehängt hatte, und welcher Reichtum die
+Ursache sein mochte, daß sich mit Vorliebe die in Geldnot befindlichen
+Gläubigen an sie wandten. Als der Blick des knienden
+Bischofs auf die milde funkelnden Steine fiel, kam ihm der
+Gedanke, daß dieser brachliegende Schatz ihn für alle Zeit aus
+seinen Verlegenheiten retten könnte, und wuchs mit solcher
+Schnelligkeit und Gewalt zum unwiderstehlichen Wunsche,
+daß er ihm einer Eingebung gleichzukommen schien. Tief in
+Gebetsstellung zusammengekrümmt, überlegte er sich, daß außer
+ein paar alten blöden Leuten zu dieser Zeit niemand in der
+Kirche wäre, daß, abgesehen davon, niemand sehen könne, was
+abseits in der düsteren Kapelle vorginge, und also, da er auch
+die Schlüssel bei sich hatte, nichts ihm im Wege stände, um sich
+augenblicklich des Kleinodes zu bemächtigen. Nachdem er vorsichtig
+in die Kirche hineingelauscht und sich überzeugt hatte,
+daß sie leer und totenstill war, öffnete er leise die gläserne
+Tür und löste der Puppe die Krone vom Kopfe, was freilich
+nicht ohne heftiges Rütteln und Zerren vonstatten ging. Auch
+war das Aussehen des beraubten Kopfes, als er haarlos
+war, einigermaßen nackt und kümmerlich; aber da das der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_45" id="Page_45">45</a><span>] </span></span>Heiligkeit und Wunderkraft kaum Abbruch tun würde, hielt
+es der Bischof für unnütz, sich das Gewissen darüber zu beschweren.
+Er schob die Krone in den Busen, rauschte stramm
+durch die Kirche und eilte in sein Schlafgemach, um sich in
+Ruhe an der Erwerbung zu ergötzen.</p>
+
+<p>Es waren zwölf Edelsteine in die Krone gefaßt, hauptsächlich
+Smaragde und Rubine, von denen er die größten zu verkaufen
+oder zu versetzen, die kleineren der Hermenegilde zu
+schenken beschloß. Selbst das Geschäft auszuführen, schien ihm
+bedenklich, doch zweifelte er nicht, daß Lux sich würde bereitfinden
+lassen, in die nächste Stadt zu reisen und die ausgewählten
+Steine einem Juwelenhändler zum Kaufe anzubieten;
+sie stammten, gab er ihr an, von einer Urahne, die sie in einem
+Ringe getragen habe, und die Sache müsse geheim bleiben,
+weil es dem Rufe eines Kirchenhauptes schaden könne, wenn
+man erführe, daß er sich eines so heiligen Erbstücks habe entäußern
+wollen oder müssen. Lux war zu sehr in den Traum
+ihrer Liebe eingeschlossen, um darüber nachzudenken, ob es sich
+so oder anders verhielte, führte den Auftrag aus und händigte
+dem freudestrahlenden Bischof die Summe ein, die sie daraus
+erlöst hatte.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Der alte Bernkule war, seit Lux da war, ihm alle Arbeit
+abgenommen und ihn gepflegt hatte, ganz in sich zusammengesunken
+und fing behaglich an zu sterben; in den
+letzten Tagen indessen, als der Bischof eben seinen großen
+Streich vollführt hatte, befand er sich so wohl und kräftig, daß
+er mit Lux und den Kindern einen großen Spaziergang unternahm,
+der sie weiter als sonst in die umliegenden Täler hineinführte.
+Auf einer Anhöhe machten sie halt, und nachdem
+sie einen Imbiß zu sich genommen hatten, erklärte der Alte
+die Namen der Gipfel, die man sehen konnte und die er in
+früheren Jahren manches Mal bestiegen hatte. Gerade ihnen
+gegenüber befanden sich auf einem verödeten Hügel die Ruinen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_46" id="Page_46">46</a><span>] </span></span>einer Burg, an einigen Stellen so niedrig und verbröckelt, daß
+das Gras darüber hinauswuchs, während an andern das Gemäuer
+noch die einstigen Formen erkennen ließ. Christoph
+Bernkule erzählte alte Überlieferungen, die sich daran knüpften,
+und fügte hinzu, daß er als Kind hätte sagen hören, es töne
+zuweilen bei Abend- oder Nachtzeit eine süße Musik aus
+den verfallenen Mauern, deren Ursprung nie habe erkundet
+werden können; denn sooft einer sie gehört und neugierig
+zwischen den Trümmern nachgespürt habe, sei sie verstummt
+und nie etwas andres zu finden gewesen als etwa eine zirpende
+Grille oder ein weinendes Käuzchen.</p>
+
+<p>Lisutt blieb eine Weile still und in sich gekehrt, so daß nicht
+zu erkennen war, ob sie die Erzählung des Großvaters verstanden
+hatte, plötzlich aber richtete sie die Augen groß und
+heiter auf ihn, sagte: »Ich höre die Musik!« und blickte dann
+wieder fest auf das Gemäuer, hinter dem, durch unregelmäßige
+Lücken sichtbar, das Feuer der untergehenden Sonne brannte.
+Während der alte Bernkule lächelte, sah Brun ernst und fast
+traurig auf die Kleine, der das wunderbare Tönen aufgegangen
+war, und auch der alte Mann konnte sich der Neugierde und
+Bewunderung nicht enthalten, wie sie die runden Arme mit
+einer kleinen, unbewußten Bewegung hin und her zu wiegen
+begann, gerade als ob sie zu einer die Seele durchdringenden
+Musik den Takt angeben wollte. Lux lag ein wenig abseits
+im Moose und horchte halb auf das Gespräch der andern, halb
+in sich hinein, wo der Nachhall der Schwüre ihres Geliebten
+weiterlebte, die er, sowie sie einen Zweifel an seiner Beständigkeit
+oder an ihrer gemeinsamen Zukunft merken ließ, nicht
+müde wurde zu wiederholen: daß die Kraft der Liebe sein Herz
+und seinen Willen gehärtet habe, so daß weder Zwang noch
+Bitten ihn würden biegen können, daß ihre Armut ihn beglücke,
+weil er, ein Bettler vor der Fülle ihres Wesens, dadurch doch
+auch einmal, wenn auch nur in vergänglichen und nebensächlichen
+Dingen, reich sein und ihr schenken könne, daß er lieber
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_47" id="Page_47">47</a><span>] </span></span>Fluch, Verbannung, Elend und das ewige Brennen der Hölle
+mit ihr teilen wolle, als entblößt von ihrer Nähe und Liebe
+die schauerliche Langeweile des Lebens ertragen. Auf einer
+unfaßbaren Melodie durchfluteten sie solche Worte, Minuten
+wie Stunden erfüllend und verzehrend, so daß sie die Flucht
+der Zeit nicht bemerkte. Auch der Alte saß selbstvergessen da,
+aus den verglimmenden Äuglein auf das Kind blinzelnd und
+zuweilen bewußtlos in sich hineinlachend. Das kantige Trümmerwerk
+starrte schwärzer aus dem weißleuchtenden, grünlich
+überhauchten Himmelsgrunde, und schon sammelte sich kühle
+Feuchtigkeit über dem Boden, als Lux zum Heimgehen mahnte.
+Sie und Brun mußten wechselweise Lisutt auf den Armen
+tragen, die unvermerkt eingeschlafen war, der alte Bernkule
+hingegen ging seinen steten, langsamen Schritt nach Hause
+und murmelte zuweilen für sich unverständliche Dinge, wobei
+er ein wenig die unsicheren Arme bewegte. Am andern Morgen
+fieberte er, schien aber mehr schwach als krank zu sein, doch
+starb er, ohne noch einmal volles Bewußtsein wiedererlangt
+zu haben, zwei Tage darauf; die Anstrengung des Spaziergangs
+und die Feuchtigkeit des Abends mochten die Auflösung
+des Greises beschleunigt haben.</p>
+
+<p>Der Tod des alten, mehr als neunzigjährigen Mannes, den
+jedermann in Klus, groß und klein, reich und arm, kannte, erregte
+allgemeine Teilnahme, und viele kamen, ihn zu sehen,
+der mit dem langen weißen Haar und dem wallenden Bart,
+in dem sich noch schwarze Haare kräuselten, erbaulich wie ein
+Patriarch dalag und die Umstehenden zu schönen Betrachtungen
+über Leben und Sterben veranlaßte. Die Kinder, die sich bei
+seinen Lebzeiten vor ihm gefürchtet hatten, liefen neugierig
+herbei und brachten Blumen ohne Zahl, so daß beim Begräbnis
+der kleine schwarze Sarg unter Kränzen fast verschwand.
+Himmel und Erde lachten in sommerlicher Wonne, als das
+Trauergeleit den eingesegneten Leichnam auf den Gottesacker
+führte, der, zwischen zwei Hügel eingebettet, ein halbes Stündchen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_48" id="Page_48">48</a><span>] </span></span>außerhalb des Dorfes lag. Dicht hinter dem Leichenwagen
+ging mit flinken, fröhlichen Schritten Lisutt, weiß angetan
+und weiß bekränzt, strahlend vor feierlicher Heiterkeit, da sie
+überzeugt war, den Großvater in das Paradies zu führen, wo
+Engel und Heilige auf den Wiesen tanzten und hurtige Affen
+auf immergrünen Bäumen kletterten.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Es war eine selbstverständliche Sache, daß Lux, als vermeintlicher
+Enkel des alten Bernkule, sein Geschäft fortführen
+werde; aber bevor sie noch förmlich in das Amt war eingesetzt
+worden, ging auf allen Seiten ein Murren los, die Stelle
+würde liederlich verwaltet und keine Maulwürfe mehr abgefangen,
+sie gebärdeten sich wie die Herren im Lande, unterwühlten
+nicht nur die Gemüsepflanzungen, sondern stießen
+sogar in den Ställen auf, zu großem Schaden und übler Vorbedeutung.
+Nun war freilich die Jagd von jeher und besonders
+während der letzten Lebensjahre des alten Bernkule überaus
+nachlässig betrieben worden, allein weil die Leute mit ihm
+nicht anbinden wollten und mochten, hatten sie geschwiegen
+und insgeheim selber weggefangen, was ihnen in die Quere
+kam; jetzt aber erhoben sie unverweilt ein Geschrei, daß sie
+zusehen müßten, wie das Ungeziefer ihnen Bohnen und Melonen
+zerstörte, da ja zugunsten des verschworenen Schermäusers
+eigenmächtiges Ergreifen und Töten der Maulwürfe
+verboten wäre.</p>
+
+<p>Auf die Ermahnungen des Magistrats hin, sich des Amtes
+besser anzunehmen, wußte sich die unberatene Lux nichts Besseres,
+als mehr und mehr selbstverfertigte Schwänzchen vorzuweisen,
+wovon sie noch einen ziemlichen Vorrat hatte, wodurch aber,
+wie sich von selbst versteht, der Maulwurfplage keineswegs
+gesteuert wurde. Bald begann die Maulwurfbehörde sich über
+die gewaltige Vermehrung dieser Tiere zu wundern und zu
+beunruhigen, die, so mußte es ihnen scheinen, bei Dutzenden
+weggefangen, sogleich bei Hunderten wieder da waren, als
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_49" id="Page_49">49</a><span>] </span></span>ob sie sich aus dem Blute der Hingewürgten phönixartig und
+vervielfacht neu erzeugten. Im Rat, wo Bildung und Besonnenheit
+vorherrschte, suchte man nach vernünftigen Erklärungen
+für die Erscheinung und besann sich auf verschiedene
+Fälle, wo Heuschrecken, Frösche, Mäuse und ähnliche Tiere
+durch unerhörte Vermehrung zu einer Landplage geworden
+waren, und auf das Betragen und die Mittel, die die Weisheit
+der Regierenden jeweilig solchen Heimsuchungen entgegengesetzt
+hatte.</p>
+
+<p>So bedachtsam ging es im Volke nicht zu, wo der schwarze
+Tobias in selbstsüchtiger Absicht allerlei verdächtige Nachrede
+umgehen ließ; man wurde sich einig, daß die Sache mit rechten
+Dingen nicht zugehen könne, und flüsterte sich zu, daß Lux durch
+zauberhafte Mittel die Vermehrung oder den Zufluß von Maulwürfen
+herbeigeführt habe, teils aus allgemeiner Bosheit,
+damit Landwirtschaft und Gartenbau von Klus zugrunde gehe,
+teils um bei der Gelegenheit die eigne Tasche zu füllen. Anfänglich
+blieb das ein unterdrücktes Grollen und Drohen, wovon
+eben der, die es betraf, nichts zu Ohren kam, bis es geschah,
+daß in der Burgkirche das Fehlen der Marienkrone
+bemerkt wurde, die Kunde davon zu jenem Goldschmied drang,
+dem Lux die beiden größten Edelsteine verkauft hatte, in diesem
+der Argwohn aufstieg, dieselben könnten mit dem großen Kirchenraube
+in Zusammenhang stehen, und durch die auf seine
+Anzeige erfolgende Untersuchung als wahrscheinlich nachgewiesen
+wurde, daß sie in das vermißte Heiligtum gehörten.
+Augenblicklich fiel der Verdacht der Leute auf Lux, deren Abreise
+und zweitägiges Fernbleiben von Klus gerade während
+der Zeit, wo der Raub dem Vermuten nach ausgeführt worden
+war, sogleich Verwunderung erregt hatte und nun in übelster
+Weise ausgedeutet wurde, noch mehr aber, weil sie ihnen nun
+einmal ein Dorn im Auge und Zielscheibe aller bösen Gedanken
+geworden war.</p>
+
+<p>Der Richterschaft erschien es nicht angemessen, Lux auf so
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_50" id="Page_50">50</a><span>] </span></span>geringe Verdachtspunkte hin gefangen zu nehmen, auch deshalb
+zur Nachsicht geneigt, weil Lux sich der Gunst des Bischofs
+erfreute, und so wurde ihr nur mitgeteilt, daß sie bis auf weiteres
+ihre Wohnung nicht verlassen und einer Vorladung vor
+Gericht sich gewärtig halten solle. Da ihr nicht gesagt worden
+war, um was es sich handle, dachte sie, es müsse die Maulwurffängerei
+angehen, und nahm die Sache nicht schwer.</p>
+
+<p>Sie machte sich allerlei im Hause zu schaffen und bog sich
+zwischendurch öfters aus dem Fenster in der Erwartung, daß
+Lando kommen würde, um sie, wenn ihm etwas von dem seltsamen
+Vorfall zu Ohren gekommen wäre, zu trösten oder ihr
+Rat und Hilfe anzubieten. Da es Nachmittag wurde und er
+noch nicht gekommen war, hielt sie sich vor, daß er sich gewiß
+nicht habe freimachen können, und schalt sich wegen ihrer Ungeduld,
+trotzdem wuchs ihr Verlangen, ihn zu sehen, so, daß
+sie nur zerstreut auf Lisutts Spiele einzugehen vermochte.
+Früher als sonst brachte sie die Kinder zu Bett und atmete
+auf, als sie schliefen und sie sich ins Fenster setzen und endlich
+unbehelligt der Sehnsucht hingeben konnte. Es hatte sie während
+des langen Tages zuweilen ein Gefühl heißer Bangigkeit
+überlaufen, als müsse doch etwas Wichtiges und Peinliches
+gegen sie im Werke sein, aber es verflog immer wieder, und
+vollends, wie sie in den Frieden des Abends hineinsah, der
+baldigen Ankunft des Freundes gewiß, wich die Beklemmung,
+und die Herrlichkeit eines zukünftigen Glückes ging strahlend
+vor ihr auf. Allmählich verblichen diese Träume in der Länge
+des Wartens, und sie fing an so inständig zu horchen, daß
+das Donnern des Wassersturzes, das jedes kleinere Geräusch
+verschlang, sie aufregte und ihr unerträglich vorkam und sie
+wünschte, daß nur ein obdachloser Vagabund oder eine jagende
+Katze vorbeigeschlichen käme, um doch einmal die spöttische
+Leere zu unterbrechen. Sie wurde darüber müde und abgespannt,
+gerade indessen, als sie sich hoffnungslos abgewandt
+hatte, hörte sie den leisen, lässigen Schritt, den sie kannte, und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_51" id="Page_51">51</a><span>] </span></span>kehrte mit einem halblauten Aufschrei der Freude an das Fenster
+zurück. Ohne Gruß oder Anrede von ihm zu erwarten,
+bog sie sich hinaus, lehnte sich auf seine Schulter und erzählte,
+wie sehnlich sie ihn erwartet habe, doch machte er sich sachte
+los, fragte, ob sie wisse, was für eine Anklage gegen sie erhoben
+wäre, und teilte ihr mit, was er gerüchtweise vernommen
+hatte, wobei er sie unsicher und fast verlegen ansah. Lux sagte
+befremdet, indem sie sich langsam aufrichtete, ein Verbrechen
+habe sie doch nicht begangen, was ihr also widerfahren könne,
+wohingegen Lando meinte, das natürliche Recht und das geschriebene
+seien nicht immer gleich, auch der Unschuldige könne
+sich in den Netzen des Lebens verwickeln oder in Fallen fangen,
+die Böswillige aufgestellt hätten, er wolle froh sein, wenn alles
+ohne Gefahr und böse Folgen vorüberginge. Sie betrachtete
+ihn wehmütig lächelnd und sagte: »Und wenn ich nun unterliege?
+Und wenn ich nun schuldig wäre? Würdest du mich
+noch lieben, wenn ich einen Span vom heiligen Kreuze aus
+der Kirche gestohlen hätte? oder wenn ich dem Bischof Gift
+eingegeben hätte?« Es flammte in seinen Augen, und er flüsterte
+leidenschaftlich: »Wenn du deinen Vater ermordet und deine
+Kinder verkauft hättest, und wenn ich wüßte, daß du mir selber
+das Blut aussaugen würdest, ich würde dich immer lieben und
+nimmer verlassen! Eher könnten diese Wasser versiegen und
+jene Berge versinken, als daß ich aufhören könnte, dein zu
+sein!«</p>
+
+<p>Während dieser Beteuerungen versuchte er sich zu ihr hineinzuschwingen,
+allein sie drängte ihn sanft zurück und sagte,
+sie wolle nicht haben, daß ihre Kinder erwachten und ihn bei
+ihr fänden, überhaupt wäre jetzt Vorsicht geboten, und sie
+dürften nicht zusammen gesehen werden. Er empfand, er
+wußte selbst nicht warum, einen kühlen und fremden Hauch
+in ihrem Wesen, und schmeichelte ihr mit vielen kosenden
+Worten, doch leuchtete ihm ein, was sie von Vorsicht sagte,
+und so nahm er den Abschied, zu dem sie ihn drängte. Kaum
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_52" id="Page_52">52</a><span>] </span></span>war er ihr verschwunden, als die Tränen aus ihren Augen zu
+fließen begannen, aber zugleich atmete sie tief auf und fühlte
+sich wunderbar gekräftigt. Es war ihr, als hätte bisher ein
+farbiges Gewölk zwischen ihm und ihr geschwebt, durch das
+er ihr geheimnisvoll, prächtig und reizend erschienen wäre,
+und als hätte eben ein zufälliger Windstoß den Nebel geteilt,
+so daß sie ihn gesehen hätte, wie er in der Tat wäre, aller
+Wunder bar, schwächlich, kümmerlich und ein wenig lächerlich.
+Ja, obwohl ihr das Herz noch weh tat, mußte sie am andern
+Morgen doch lachen, indem sie sich vorstellte, wie der arme
+Lando ebensoviel Angst hätte, sie zu verlieren, wie sie festhalten
+zu müssen, und bald fürchtete, sie möchte die ganze
+Millionenmutter samt der Krone gestohlen, bald sie möchte es
+nicht getan haben.</p>
+
+<p>Sie fühlte sich heiter und lieblich müde wie eine Genesende,
+als sie auf das Rathaus abgeholt und dort sogleich dem Goldschmied
+gegenübergestellt wurde, der ohne Zaudern erklärte,
+in ihr den jungen Menschen wiederzuerkennen, der ihm die
+Edelsteine zum Verkauf angeboten habe. Lux dachte nicht
+daran, zu leugnen, und sagte aus, daß die Steine dem Bischof
+gehörten, der sie nicht in eigner Person habe verkaufen
+wollen, damit nicht bekannt würde, daß er sich in Geldverlegenheit
+befinde. Diese Behauptung, der niemand die mindeste
+Glaubwürdigkeit beimaß, machte den übelsten Eindruck
+sowohl auf die Richter wie vollends auf den Bischof, der einen
+jähen Zorn auf sie warf und laut seine Entrüstung über die
+Undankbarkeit und Dreistigkeit des Pöbels äußerte. Am folgenden
+Tage wurde Lux, die nunmehr in das Untersuchungsgefängnis
+verbracht worden war, nochmals befragt und ernstlich
+ermahnt, die Wahrheit zu sagen und nicht einen frommen
+und hochwürdigen Mann, wie der Bischof sei, zu verunglimpfen,
+worauf sie erstaunt und ein wenig ungeduldig erwiderte,
+etwas andres könne sie nicht aussagen, weil sie nichts
+andres wisse und nichts andres sich begeben habe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_53" id="Page_53">53</a><span>] </span></span>Es folgten nun die Zeugenverhöre, wobei eine große Anzahl
+von Bauern und Bäuerinnen zu Worte kamen, die zwar
+nichts über den Kirchenraub beizubringen hatten, desto mehr
+aber über die Maulwurfplage und wie sie den jungen Schermäuser
+zaubern gesehen hätten. Da dies nicht zur Sache gehörte,
+versuchten die Richter die umständlichen Berichte abzuschneiden,
+und der Justizrat Schimmelmann gab einigen
+Zeugen anheim, daß sie dumme Tröpfe wären, so daß das
+Geschwätz im Sande verlaufen wäre, wenn der Bischof nicht
+die Meinung ausgesprochen hätte, daß hier ein der Aufmerksamkeit
+höchst würdiger Fall vorliege, der scharf untersucht
+und unnachsichtig bestraft werden müsse. Wenn der Kirchenraub
+etwas Gottloses sei, so sei die Zauberei vollends teuflisch,
+in der Bibel schon als Haupt- und Todsünde gebrandmarkt,
+und man müsse die Gelegenheit ergreifen, um der Welt zu
+zeigen, daß der Satan immer noch umgehe, die Kirche aber so
+rüstig wie je sei, ihm die List einzutränken.</p>
+
+<p>Abends, als Wonnebald, Boll, Schimmelmann und mehrere
+andre Justizpersonen gemütlich im Gasthaus beieinander saßen,
+kam die Angelegenheit zur Sprache; der Bischof hätte seine
+Meinung dem Justizrat gegenüber schwerlich verteidigen
+können, wenn Medizinalrat v.&nbsp;Boll ihm nicht zur Seite gestanden
+hätte, dem es zwar meist an richtiger Einsicht und
+vernünftigen Gedanken, nie aber an Dreistigkeit fehlte, seiner
+Überzeugung Geltung zu verschaffen. Er wisse wohl, sagte er,
+daß man verlacht werde, wenn man an Wunder, Teufelei und
+Hexerei und dergleichen glaube, aber der Glaube an Gott und
+die unbefleckte Jungfrau werde nicht minder verspottet; er
+und seine Ahnen wären von jeher Kämpfer für die heilige
+Wahrheit gewesen und fürchteten den Hohn der Ungläubigen
+so wenig wie der Soldat die Kugel des Feindes. Ob man
+nicht täglich hören könne, daß die Kühe verhext wären, daß
+kleine Kinder, vom bösen Blick getroffen, in Krämpfe fielen?
+Im einfachen unverdorbenen Volke sei diese Erkenntnis noch
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_54" id="Page_54">54</a><span>] </span></span>anzutreffen, und es suche sich durch geweihte Talismane gegen
+die Einwirkung des allgemeinen Feindes zu schützen. Die
+Aufklärer sollten nur fortfahren in ihrer gottlosen Arbeit den
+Tempel des Glaubens zu unterwühlen! Einstürzend werde er
+sie zuerst begraben! So wahr wie Christus durch Gott Wunder
+gewirkt habe, hätten von jeher Böse durch den Teufel gezaubert.</p>
+
+<p>Dasselbe und ähnliches wiederholte er häufig mit Nachdruck
+und lautem Hall und Dröhnen der Stimme, so daß der Bischof
+nun erst die Wichtigkeit und Richtigkeit seines Einfalls, das
+Geschwätz der Leute gegen Lux zu benutzen, ganz begriff und
+auch die übrigen ihre Zweifel an der Möglichkeit des Zauberns
+nicht mehr schlechthin auszusprechen wagten. Das männliche
+Auftreten des Medizinalrats zeigte klar, daß sich hingebende
+Gläubigkeit wohl mit schneidiger Kraft vereinigen lasse, und
+mancher erinnerte sich, gehört oder gelesen zu haben, daß die
+Aufklärung auch nicht unfehlbar sei. Einzig der Justizrat
+lachte von Herzen über die Reden seines Freundes, aber nur
+bei sich im Innern; äußerlich ging er mit fröhlicher Ironie
+darauf ein, da er aus Erfahrung wußte, daß Boll diese Art
+sich auszudrücken nicht begriff, vielmehr alles für bare Münze
+nahm, und er somit das Vergnügen genießen konnte, ihn auszuspotten,
+ohne seine Freundschaft, an der ihm wegen des
+Flötenspiels viel gelegen war, einzubüßen. Er erzählte mit
+verstelltem Ernst, daß er seine Köchin im Verdacht der Hexerei
+habe, denn sie verzaubere häufig die Speisen, so daß sie mißrieten,
+lasse auch durch Kraft des bösen Blicks den Braten
+schwinden und dergleichen mehr, was die meisten von den Anwesenden
+wohl richtig auffaßten, aber als eines ernsten
+Mannes unwürdigen Mutwillen mißbilligten, weswegen sie
+sich durch die stillschweigend darin ausgedrückte Meinung auch
+nicht beeinflussen ließen.</p>
+
+<p>Immerhin war es keinem geheuer bei dem Gedanken, einen
+Hexenprozeß einzuleiten, was seit hundert Jahren nicht vorgekommen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_55" id="Page_55">55</a><span>] </span></span>war; aber der Bischof sagte, es sei eben hohe Zeit,
+wieder damit anzufangen, und erklärte sich bereit, den Vorsitz
+zu übernehmen, da es geistliche Dinge wären, die geistlich
+müßten gerichtet werden. Der Medizinalrat zeigte hohe Begeisterung
+über diese Wendung und frohlockte, es sei ein herrlicher
+Sieg der guten Sache, wodurch viele mit hingerissen
+wurden, während der Justizrat, um einem solchen Schauspiel
+nicht beizuwohnen, als dessen Gegner aufzutreten er sich auch
+nicht entschließen mochte, eiligen Urlaub nahm und eine Reise
+antrat.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Sowie die öffentliche Anklage auf Zauberei gegen Lux erhoben
+wurde, schrieb Lando einen Brief an seinen Oheim,
+den Erzbischof Giselbert, und teilte ihm die unerhörte Tatsache
+mit, zugleich bittend, er möge den Bischof sogleich verwarnen,
+damit diese Torheit nicht weiter getrieben und die Kirche ganz
+und gar lächerlich gemacht werde; worauf der Erzbischof sich
+behutsam bei Wonnebald erkundigte, was an der Sache sei,
+und ihm auf alle Fälle riet, sich und der Kirche keine Blöße
+zu geben. Obwohl er nicht verraten hatte, von wem er seine
+Nachrichten habe, zweifelte der Bischof doch nicht, daß Lando
+dahinter stecke, und antwortete mit Würde, der Erzbischof
+möge sich nicht von einem leichtfertigen Knaben, wie sein
+Neffe sei, in so ernsten und schweren Dingen beraten lassen;
+er wolle ihm insgeheim mitteilen, daß die beklagte Person
+weiblichen Geschlechts sei und mit Lando einen weitgehenden
+Liebeshandel unterhalten habe, und daß dies der Grund sei,
+warum er den Gang der Justiz zu hintertreiben versuche; anstatt
+sich von ihm betören und ausnützen zu lassen, solle Giselbert
+ihm lieber behilflich sein, den verblendeten Jüngling aus
+dem Garn der Teufelin zu erretten. In diesem Schreiben
+leuchtete dem Erzbischof vornehmlich das ein, was die Liebschaft
+seines Neffen betraf, an deren Bestand er nicht zweifelte,
+und er beschloß, ihn sofort zu sich zu rufen und ihn auf andre
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_56" id="Page_56">56</a><span>] </span></span>Gedanken zu bringen, zugleich aber über die wunderlichen Veranstaltungen
+des Bischofs Kunde einzuholen. Lando hatte
+kaum den Befehl seines Oheims erhalten, als seine Liebe hoch
+aufloderte und er bei sich schwur, allen Versuchen, ihn den
+Pflichten der Treue und Ehre abwendig zu machen, Trotz zu
+bieten, nicht vom Flecke zu weichen und die Geliebte im Notfall
+mit Aufbietung des letzten Blutstropfens zu beschützen.</p>
+
+<p>Indessen dachte die arme Lux nicht daran, daß ihr eine
+ernstliche Gefahr drohe, vielmehr, als der Bischof im Ornat,
+umringt von vielen stirnrunzelnden Männern, ihr vorhielt,
+daß sie, anstatt demütig ihres Amtes zu walten und die Maulwürfe
+einzufangen, wie vorgeschrieben sei, durch verbotene
+Zauberei dieselben vermehrt habe, sei es, um ihren Verdienst zu
+erhöhen, sei es, um den Menschen zu schaden, konnte sie sich
+nicht enthalten zu lächeln und, obwohl es ihr leid tat, den
+Ruf des verstorbenen Bernkule anzutasten, entschloß sie sich,
+den Zusammenhang freimütig zu erklären. Sie schilderte
+deutlich und nett das Verfahren bei Anfertigung der Schwänze,
+wie es ihr Schwiegervater erfunden hatte, und gestand, daß
+sie auf die Ermahnung des Magistrates zu größerem Fleiße
+mehr und mehr künstliche Ware eingeliefert habe, und wie
+dadurch der Anschein einer wunderbaren Vermehrung des Ungeziefers
+natürlich entstanden sei. Als sie geredet hatte, sah
+sich der Bischof mit triumphierendem Lächeln im Kreise um,
+welches bedeutete, daß diese freche und listige Erfindung, mit
+der der Beklagte sich aus der Schlinge zu ziehen suche, ihn
+schlagend überführt habe, und erklärte Lux, daß es nicht erlaubt
+sei, die Justizpersonen mit gröblichen Aufschneidereien
+zum besten zu haben. Lux errötete und versprach, wenn man
+ihr das dazu Nötige geben wolle, vor den Augen der Versammlung
+so viel falsche Maulwurfschwänze man wolle herzustellen,
+die von echten nicht zu unterscheiden sein sollten,
+allein die Herren weigerten sich, so weit auf die schamlosen
+Lügen eines Bösewichtes einzugehen; denn nun waren sie
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_57" id="Page_57">57</a><span>] </span></span>überzeugt, es mit einem verzweifelten Sünder zu tun zu
+haben.</p>
+
+<p>Ohne länger auf ihre Verteidigung zu achten, wurden jetzt
+sämtliche Zeugnisse zu Protokoll genommen, welche die Bauern
+über die Zauberei des jungen Schermäusers aufzubringen
+wußten: daß man ihn öfters Holunderzweige habe abbrechen
+sehen, die man freilich im allgemeinen dazu gebrauche, den
+Maulwurf zu vertreiben, was aber jedenfalls auch Hexerei
+sei, und was nicht unwahrscheinlich auch dem entgegengesetzten
+Zwecke dienen könne; daß man ihn auch oft im Schatten von
+Holunderbüschen habe sitzen sehen, was von jeher ein seltsamer
+Ort und Aufenthalt gewesen sei; daß man ihn den lieben
+langen Tag durch Felder, Gärten und Wiesen hätte streifen
+sehen, Lieder trällernd, die wohl ihre Bedeutung gehabt hätten,
+niemals mit dem Aufstellen der Fallen oder andrer ehrlicher
+Arbeit beschäftigt; daß man ihn ferner auch nachts beim
+Mondschein habe laufen sehen oder am Fenster sitzend, was
+als ungewöhnlich aufgefallen sei. Daß er auch in der Erde
+gegraben habe, aber augenscheinlich nicht nach Maulwürfen.
+Daß er der Kleinen, die er stets mit sich geführt habe, öfters
+breite Blumenkränze auf den Kopf gesetzt habe. Daß man
+von jeher das Blut unschuldiger Kinder zu Zaubersuppen verwendet
+habe, und daß man nicht wissen könne, was er im Sinn
+gehabt habe. Daß man ihn an einem Teich habe sitzen sehen,
+wo die Frösche gesungen hätten, und daß er überhaupt gern
+mit dem Vieh umgegangen sei, auch gern in Höfen und Ställen
+sich aufgehalten habe.</p>
+
+<p>Schließlich trat der Bischof selbst als Zeuge auf und meldete,
+daß Lux ihm, zweifelsohne durch Anwendung teuflischer Mittel,
+eine unüberwindliche Zuneigung eingeflößt habe, wie es denn
+wohl jedermann bekannt gewesen sei, daß der junge Bursch
+in seiner Gunst gestanden habe und mancher ihn vielleicht zu
+seiner hohen Verwunderung mit dem Schermäuser habe spazieren
+sehen; bis derselbe ihn habe bereden wollen, sich eines
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_58" id="Page_58">58</a><span>] </span></span>Alrauns zu bedienen, nämlich einer goldschwitzenden Wurzel,
+und ihm auch Anweisung gegeben habe, wie dem Fetisch durch
+Verfluchung des Christengottes müsse gehuldigt werden, vermutlich
+um seine Seele dem Teufel zuzuwenden, worauf ihm
+denn endlich die Augen über die wahre Natur des gottlosen
+Menschen aufgegangen wären. Nach eignem Geständnis
+hätte er seine Kenntnis solcher Zauberei aus einem alten
+Buche, worin auch allerlei verschwiegene Mittel vorgestellt
+wären, um unbeliebte Personen unmerklich vom Leben zum
+Tode zu bringen.</p>
+
+<p>Diese Erzählung des Bischofs wirkte wohltuend und erleuchtend
+auf alle die Leute, denen es noch in peinlicher Erinnerung
+lebte, wie lieb ihnen der junge Geselle gewesen war, der
+ihnen lauter Freundlichkeit und Güte erwiesen hatte, was sie
+nun nicht mehr zu verbergen brauchten, da sich ja nur seine
+schwarze Kunst desto deutlicher darin offenbarte. Es wurden
+eine Menge Beispiele von seiner Verzauberung der Menschen
+zusammengetragen: wie er den schwarzen Tobias um die
+Abendzeit in seiner Hütte besucht, ihn herzlich angeblickt und
+ihm Unterstützung versprochen hatte, um ihn zu trösten, weil
+er um seinetwillen die Stelle als Hilfsjäger des alten Bernkule
+verloren habe; wie er sich häufig zur schiefen Resi auf
+die Bank vor dem Hause gesetzt und ihre gichtgekrümmten
+Hände gestreichelt hatte; wie er dem stelzfüßigen Klaus, der
+nicht Weib noch Kind besaß, Kleider und Strümpfe geflickt
+und oft mit eignen Händen eine Suppe gekocht hatte; wie er
+die Kinder an sich gelockt und ihnen Pfennige geschenkt hatte;
+wie die Mädchen in ihn vernarrt gewesen waren, obwohl
+er sich öffentlich nie um sie gekümmert hatte; wie er so sanfte
+Hände und vor allen Dingen einen zärtlichen Blick gehabt
+habe, wodurch er die Seelen habe betören können, wie sich
+nun herausstelle, um sie dem Teufel als schuldigen Tribut
+oder als Lösegeld in die Krallen zu spielen. Auch jetzt flößte
+Lux, die bald verwundert, bald wehmütig die Verhandlungen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_59" id="Page_59">59</a><span>] </span></span>an sich vorübergehen ließ, ohne viel dazu zu sagen, vielen von
+den Richtern ein Gefühl ein, das ihnen wie natürliche Zuneigung
+erschienen wäre, wenn sie nicht durch die Bekenntnisse
+der übrigen Betroffenen eitel Teufelei dahinter hätten
+erkennen müssen, so daß ihr Abscheu vor dem gefährlichen
+Satansbuben dadurch nur vermehrt wurde.</p>
+
+<p>Als nun auch in Zweifel gezogen wurde, ob Lux wirklich,
+wie sie angegeben hatte, der Enkel des verstorbenen Bernkule
+sei, zeigte sich, daß sie keine Papiere besaß, um sich auszuweisen,
+und ihr der Aufenthalt in Klus seinerzeit nur auf
+eine mündliche Erklärung des Alten und wegen der bischöflichen
+Fürsprache war gestattet worden. Es wurde für das
+beste gehalten, den kleinen Brun zu befragen, der, während
+man Lisutt bei dem angeblichen Bruder gelassen hatte, einem
+Lehrer zu vorläufiger Obhut übergeben worden war und von
+diesem als ehrlicher und zuverlässiger Bursche geschildert
+wurde. Als Brun sich unversehens seiner Mutter gegenübersah,
+ohne sich ihr nähern, geschweige denn mit ihr sprechen zu
+dürfen, die ihm aber ermunternd zulächelte und zunickte, wurde
+er blaß, und das Weinen stieg ihm so heftig in die Kehle, daß
+er es kaum verschlucken konnte. Nach einer feierlichen Ermahnung
+des Bischofs, die Wahrheit zu sagen, wurde er gefragt,
+ob Lux sein Bruder sei, worüber er aufs äußerste erschrak,
+da er wohl wußte, wie sie ihm eingeprägt hatte, daß
+er sie vor den Leuten nicht Mutter nennen dürfe, und er
+glaubte, es hänge ihr Glück oder ihr Leben von seinen Worten
+ab; aber es war ihm unmöglich, eine Lüge auszusprechen, und
+mit einem herzzerreißenden Blick auf Lux sagte er, nein, sie
+sei sein Bruder nicht, war aber zu weiteren Erklärungen durch
+kein Zureden zu bewegen.</p>
+
+<p>Nachdem somit das vagabundenhafte, auf Lug und Trug
+gebaute Dasein der Lux nachgewiesen war, sollte auch Lisutt
+von ihr getrennt werden, und der Medizinalrat übernahm es,
+indem er sich für einen Kinderfreund erklärte, die Kleine an
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_60" id="Page_60">60</a><span>] </span></span>sich zu locken. Lisutt aß zwar die Süßigkeiten auf, die er ihr
+brachte, als er sie aber auf den Arm nehmen wollte, schlug sie
+nach ihm und schimpfte mit heller Stimme so kräftig, daß er
+sich eilig bekreuzte und entfernte und berichtete, das Kind
+habe sich wie ein feuerspuckender Teufel gebärdet, entweder
+es sei doch von einer Brut mit dem Schwarzkünstler, oder er
+habe es bereits von Grund aus verhext, so daß man sie füglich
+beieinander lassen könne, bis das Urteil gefällt sei.</p>
+
+<p>Damit hatte es aber noch einige Schwierigkeiten: der
+Bischof nämlich war der Ansicht, ein Zauberer müsse mit
+Feuer verbrannt werden, die andern dagegen fanden, ein
+Scheiterhaufen passe nicht in die neuen Zeitläufte, er solle sich
+mit dem Galgen begnügen, ja verschiedene wollten weder vom
+Brennen noch vom Hängen etwas wissen und sagten, man
+hätte einzig die Sache mit dem Kirchenraub verfolgen sollen
+als etwas Handfestes und allgemein Verständliches, mit der
+Zauberei könnten sie viel Anfechtung und üble Nachrede erfahren.</p>
+
+<p>So standen die Dinge, als plötzlich ein Umschwung in der
+galligen Laune des Bischofs eintrat, die zum großen Teil die
+Ursache war, daß er der armen Lux einen kläglichen Tod bereiten
+wollte. Die Stiftsdame Hermenegilde hatte sich, um
+ihre Entbindung zu erwarten, in einem kleinen, ihr gehörigen
+Schlößchen in der Nähe von Klus einquartiert, das für gewöhnlich
+nur von einem Verwalter und seiner Frau bewohnt
+wurde, und es war ihr Plan, daß das Kind bei diesen Leuten
+als bei seinen Eltern aufwachsen sollte, so daß sie es, wenn
+sie immer Lust hätte, besuchen und seine Erziehung beaufsichtigen
+könnte. Diese Vorstellung ängstigte den Bischof über
+alle Maßen, doch ging er scheinbar auf alle Wünsche der reizbaren
+Freundin ein und verständigte sich nur insgeheim mit
+der alten Dienerin, die sie begleitet hatte, indem er sie beredete,
+das Kind, kaum daß es völlig auf der Welt wäre, geschwind
+in das nächste große Findelhaus zu tragen, wo es
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_61" id="Page_61">61</a><span>] </span></span>denn für alle Zeit verschollen bleiben sollte. Die Sorge, ob
+der heikle Auftrag sich würde ausführen lassen, verkehrte die
+übliche Zufriedenheit Wonnebalds in Erbitterung, die er in
+dem Prozeß gegen Lux ausließ und die ihm das Brennen auf
+dem Scheiterhaufen als etwas Wünschenswertes und Notwendiges
+erscheinen ließ. Indessen, als er die Nachricht erhielt,
+daß das Kind zwar lebendig ans Licht getreten, aber
+stracks in das Findelhaus verbracht wäre, wo niemand es
+suchen und noch weniger finden könnte, glättete sich die Unruhe
+seines Herzens und machte der ihm angeborenen Behaglichkeit
+Platz. Er fing an, zärtliches Mitleiden für die
+unschuldig gepeinigte Lux zu empfinden, und zugleich regte
+sich die vernünftige Betrachtung, daß am Ende noch ihr Geschlecht
+bekannt werden würde und diese Entdeckung ihm
+nachträglich böse Ausdeutungen der Gunst, die er ihr hatte
+angedeihen lassen, eintragen könnte. Im stillen ärgerte er sich
+über den Medizinalrat, daß er ihn in eine so dornige Sache
+hineingestoßen hätte, die seinem Gemüt nicht zusagte, und es
+dünkte ihn in jeder Hinsicht das beste zu sein, wenn dem
+lieben Weibe zur Flucht verholfen und damit der leidige
+Prozeß für immer begraben würde. Zu diesem Zweck ordnete
+er an, daß Lux aus dem allgemeinen Untersuchungsgefängnis
+in einen Turm überführt würde, der zum Umfange der Burg
+gehörte und der in alten Zeiten als Luginsland sowie zur
+sicheren Aufbewahrung von Gefangenen war gebraucht worden;
+wobei er sich des Vorwandes bediente, daß der Zauberer vermutlich
+mittels schwarzer Kunst zu fliehen versuchen würde,
+wogegen jener feste Zwinger das beste Bollwerk wäre. Also
+wurden Lux und Lisutt eines Morgens in den Turm gebracht,
+in dessen pechdunkelm Innern eine Wendeltreppe mit hohen
+steinernen Stufen zu einer kahlen Stube mit einem Guckfenster
+nach jeder Himmelsrichtung führte.</p>
+
+<p>Das Bewußtsein, nicht mehr im Gefängnis, sondern eigentlich
+im Hause des Bischofs zu sein, an dessen Gutmütigkeit sie
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_62" id="Page_62">62</a><span>] </span></span>immer noch glaubte, vor allem das Gefühl der Einsamkeit in
+der Höhe zwischen den winterlichen Lüften tat Lux wohl; sie
+hob Lisutt auf ihre Schulter, ließ sie durch die vier Gucklöcher
+sehen, küßte sie ungestüm und fing allerlei Spiele mit ihr zu
+spielen an mit mehr Fröhlichkeit, als sie seit langem getan
+hatte, so daß Lisutts Jauchzen zwischen den dicken Mauern erklang,
+wie wenn ein kleiner Vogel sich darin verflogen hätte und
+zwitscherte. Nach einigen Stunden jedoch stellte sich Müdigkeit
+und Hunger ein, und mit minderer Lust als im Anfang erzählte
+Lux Märchen und Schnurren, damit das Kind nicht zu essen
+verlangte, bevor sie ihm etwas zu geben hätte. Dann, nachdem
+es gemerkt hatte, was ihm fehlte, und herzlich nach Brot und
+Wasser verlangte, galt es allerlei zu ersinnen, um es zu vertrösten
+und zu zerstreuen; aber zwischen dem Sprechen senkte
+sich dunkle, unheimliche Furcht auf ihr Gemüt. Wenn sie nach
+der Treppe horchte, ob kein Schlurfen von Schritten käme,
+war es drinnen still wie Stille im Grabe, die unendlich und
+unabänderlich ist. Früh kam die Dämmerung und brachte
+wachendes Bewußtsein der Kälte und Verlassenheit mit sich;
+Lisutts Tränen stürzten nun unaufhaltsam, die sie bisher im
+Gefühle, wie weh sie ihrer Mutter taten, bitterlich kämpfend
+hatte zurückhalten können.</p>
+
+<p>In Lux war Staunen und Schrecken: es hätte sie nicht verwundert,
+wenn ein neuer schöner Stern über dem unschuldigen
+Haupte ihres Kindes aufgegangen wäre und Könige und Weise
+ihm Gaben gebracht und ihm gehuldigt hätten; anstatt dessen
+sollte es auf nackten Steinen verhungern. Sie fühlte ihr Herz
+voll der reichsten, stärksten, tapfersten Liebe, und nichts konnte
+sie tun, um das vergötterte Kind vor grausamen Leiden zu
+retten, nicht so viel wie der Tod, der Feind der Menschen, der
+es erlösen könnte, indem er es ihr entriß. Frühlingstage und
+Sommertage waren gewesen, wo die Leute, wenn sie das süße
+Antlitz unter Blumenkränzen hervorlachen sahen, stehen blieben
+und es grüßten und segneten, wie man Leben, Sonne und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_63" id="Page_63">63</a><span>] </span></span>Jugend segnet. Sie konnte es nicht fassen, daß jene Tage gewesen
+waren und daß dieser war.</p>
+
+<p>Mit der Dunkelheit wurde es kälter, und der Wind, der
+lauter und schneller daherfuhr, blies durch die Fensterluken;
+es war Lux, als jagte der Tod auf wieherndem Roß in engen,
+immer engeren Kreisen um den Turm, um ihr die Seele der
+kleinen Lisutt zu entführen. Sie nahm das Kind, das allgemach
+von Erschöpfung überwältigt war, so daß es nicht mehr weinte,
+und stellte sich mit ihm an ein Fenster: da lag in kalter, heller,
+glorreicher Wintereinsamkeit der Berg, den sie von ihrem
+Häuschen aus täglich gegenüber gesehen hatten, und deutlich
+schimmerte der nackte Pfad, der sich geduldig an ihm in die
+Höhe wand. »Siehst du?« flüsterte Lux, »da werden wir, wenn
+wir noch eine kleine Weile still warten, zusammen in den
+Paradiesgarten hinter dem Berge gehn, wo der Himmelvater
+wohnt und uns Milch und Honig gibt, so viel wir mögen.«
+Lisutt nickte und lallte träumerisch: »Da werde ich deine Mutter
+sein und dich niemals hungern und dürsten lassen.« Lux zog
+ihre Jacke ab, um ein notdürftiges Bett für das Kind daraus
+zu machen, und sie hatte es kaum darauf gelegt, als es in einen
+Schlaf fiel, der erst sehr tief war, dann rastlos und fieberisch
+wurde. Sie selbst lag daneben auf dem Steinboden, zu besorgt
+um Lisutt, um das Nagen und Zehren des eignen Hungers
+zu spüren, aber schwach, mit flackernder Seele, bald in Träume,
+bald in Phantasien, bald in Betäubung hingerissen.</p>
+
+<p>Sie sah Lisutt vor sich, wie sie als Säugling mit zahnlosem
+Mündchen ausgesehen hatte, das begehrlich schnuppernd ihre
+Brust suchte, und dachte, wie göttlich es gewesen war, sich
+dem geliebten Geschöpf selber zu Speise zu geben. Dann dachte
+sie an die alte Resi, wie sie jetzt im Bett lag, klein, holzdürr
+und holzbraun, mit traurig verrunzeltem Gesicht, eine krumme,
+empfindungslose Hand, die man nicht anrühren konnte, ohne
+zu weinen, auf der sauberen Bettdecke. Dann dachte sie an den
+hinkenden Klaus, der die weißen Stoppeln auf dem ledernen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_64" id="Page_64">64</a><span>] </span></span>Gesicht hatte, wie er sich mit seinem Stumpf von der einen
+auf die andre Seite wälzte, ohne Schlaf zu finden, von stechenden
+Schmerzen und grämlichen Gedanken gepeinigt. Dann
+dachte sie an Brun, seinen reinen, festen Blick und sein unbeirrbares
+Herz, und was er jetzt einsam und verschwiegen
+um sie leiden würde. Dann wieder dachte sie, daß alles das
+bald nichts mehr für sie bedeuten würde, wenn sie mit Lisutt
+in jenes Tal hinübergegangen wäre, wo die Welt jenseit
+aller Gedanken bliebe, und dies Bewußtsein durchdrang ihr
+auf Augenblicke Leib und Seele mit Entzückung wie ein berauschender
+Stoff; aber es wich sogleich einem krampfhaften
+Schauder und dem Gedanken, daß sie leichten Herzens alle
+Himmel hingeben würde, um noch einmal Lisutt in ein goldbraunes,
+knuspriges, wohlriechendes Brot beißen und essen
+sehen zu können. Zwischen allen diesen hastigen Vorstellungen
+hörte sie den Tod, der um den Turm herumjagte und sang:
+Zu mir, o Leben, zu mir komm! Lachendes, grollendes, klagendes,
+ewig schönes Leben, ich liebe dich! In Purpur und Flören
+und Fetzen, o Leben, liebe ich dich! Ich singe Nacht für Nacht
+unter deinem Fenster und erzittre, wenn du eine Rose von
+deinem Haupt auf meine Brust wirfst!</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Daß Lux und ihr Kind in solcher Weise vernachlässigt wurden,
+hing folgendermaßen zusammen: der Bischof hatte
+Befehl gegeben, daß niemand sich in die Bewachung und Bedienung
+der Gefangenen einmische, die er sich selbst vorbehalten
+habe, aber es fügte sich, daß er sich länger, als er gemeint
+hatte, bei der Hermenegilde, der er eben an diesem Tage einen
+Besuch abstattete, verweilen mußte. Die Kammerfrau, die
+mit ihm im Einverständnis die Entfernung des Neugeborenen
+besorgt hatte, spiegelte der Wöchnerin vor, daß das Kind zur
+Schonung ihrer Gesundheit zunächst von ihr getrennt bleiben
+müsse, fand indessen damit wenig Anklang bei Hermenegilde,
+denn diese war jetzt durch und durch in Mutterliebe entbrannt,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_65" id="Page_65">65</a><span>] </span></span>sprach von allen Männern ohne Ausnahme mit Geringschätzung,
+und es kostete die erdenklichste Mühe und Gewandtheit, um
+sie im Bette zu halten. Wonnebald litt an ihrer Seite scharfe
+Höllenpein sowohl durch die augenblicklichen Angriffe, mit
+denen Hermenegilde ihm zusetzte, wie durch die Angst vor der
+weiteren Entwicklung der Dinge, und dachte zwischendurch
+mit Groll und manchem Seufzer an Lux, die wegen ihrer albernen
+Sprödigkeit schuld an dieser Not wäre.</p>
+
+<p>Nichtsdestoweniger verharrte er in der Absicht, die Flucht
+der Gefangenen zu bewerkstelligen, und nachdem er am späten
+Nachmittag zurückgekehrt war und sich bei einer kräftigen
+Mahlzeit von der Strapaze und Gemütsbewegung erholt hatte,
+schritt er zur Ausführung des Planes. Als er ins Freie trat,
+blies ihm der Wind so stark entgegen, daß er den Mantel,
+den er umgehängt hatte, fester zusammenfaßte und die Kapuze
+über den Kopf zog, worauf er entschlossen über den freien Platz
+eilte, der zwischen dem Hauptgebäude der Burg und dem
+Turme sich erstreckte.</p>
+
+<p>Nun traf es sich, daß Lando, der schon seit einiger Zeit mit
+dem Vorsatz umging, die einst Geliebte, wenn auch nicht für
+sich zu befreien, worüber er mit dem Schicksal nicht mehr
+streiten wollte, wenigstens doch vor Schande und vielleicht
+gar gewaltsamem Tode zu bewahren, ebendieselbe Stunde
+wie der Bischof gewählt hatte, um das Rettungswerk zu verwirklichen.
+Er hatte, sowie Lux in den Turm geführt war,
+eingesehen, daß die Gelegenheit jetzt günstig wäre, sich Werkzeuge
+verschafft, um das Torschloß zu erbrechen, und sich dann
+in das leerstehende Häuschen des alten Bernkule begeben, um
+die Zeit bis zum Hereinbrechen der Dunkelheit mit wehmütigen
+Träumereien zu betrügen. Er setzte sich an das Fenster, wo Lux
+viele Male mit ihm gekost und geflüstert hatte, und versenkte
+sich in die Wonnen der Vergangenheit, bis ihn der brummende
+Schlag der Burguhr weckte und ermahnte, sein Vorhaben zu
+beginnen. Die Nacht war nicht so dunkel, wie er hätte wünschen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_66" id="Page_66">66</a><span>] </span></span>mögen, allein es war rings kein Mensch wahrzunehmen,
+und die Burg war unerleuchtet, wie wenn bereits alles schliefe.
+Gerührt und hingerissen von der Betrachtung, daß er das unglückliche
+Weib in kurzem wiedersehen würde, um sich sofort
+auf immer aus ihren Armen zu reißen, ging er mit verschlossenen
+Sinnen vorwärts, als er, eben der Pforte des Turms
+sich nähernd, einen Schritt hörte und in derselben Entfernung
+vom Turm, wie er selbst war, den Bischof erblickte, der gleichzeitig
+seiner gewahr wurde. Es schoß beiden eine Reihe von
+Empfindungen des Ärgers und der Eifersucht durch den Kopf,
+vor allem aber beherrschte einen jeden der Wunsch, er möchte
+vom andern nicht bemerkt worden sein, und obwohl dies dem
+Augenscheine nach durchaus unmöglich war, machten sie doch
+unwillkürlich eine Wendung von der Tür weg, so daß sie einander
+den Rücken zukehrten, und setzten eilig und beflissen ihre
+Wege in entgegengesetzter Richtung fort. Es konnte nun so
+scheinen, als ob sie, von den Reizen der Novembernacht angezogen,
+einen Spaziergang unternommen und dabei den Turm
+gestreift hätten, worauf sie nach einigen beliebigen Umwegen
+wieder unter das schützende Dach zurückgekehrt wären, was
+freilich in Wirklichkeit keiner vom andern glaubte. Sie hörten
+einander heimkommen und zu Bett gehen, und jeder horchte
+aufmerksam, ob sich noch etwas mit dem andern begäbe; auf
+diese Weise verhielten sich beide still und wachsam, bis sie
+endlich über dem anhaltenden Aufmerken einschliefen.</p>
+
+<p>Es verstand sich von selbst, daß die Befreiung nunmehr bis
+zum nächsten Abend, wo das Dorf wieder in der Dunkelheit
+schlief, verschoben werden mußte, und inzwischen dachten
+Wonnebald und Lando darüber nach, unter was für einem
+Vorwande sie den andern zur betreffenden Stunde von der
+Burg entfernen könnten. Plötzlich indessen wurden sie durch
+ein überraschendes Ereignis von ihren Vorbereitungen abgelenkt:
+unangemeldet nämlich erschien der Erzbischof von Casalba
+auf der Burg, der nicht länger davon abstehen wollte,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_67" id="Page_67">67</a><span>] </span></span>das Treiben seines Neffen sowohl wie des Bischofs durch
+eigne Anschauung zu untersuchen. Dem Bischof, der den Tag
+übellaunig begonnen hatte, kam die Zerstreuung erwünscht,
+und er ließ köstlich auftischen; aber Giselbert frühstückte mäßig
+und schnell und ging sogleich zur Besprechung der vorliegenden
+Angelegenheiten über, zunächst des Hexenprozesses, den
+er für ein anstößiges und bedenkliches Gemächte erklärte.
+Wonnebald brachte manches vor über die Gefahren des Zauberns,
+über die Neigungen und Gewohnheiten des Teufels
+und über Kobolde und Gespenster im allgemeinen, worüber
+es dem Erzbischof heiß und absonderlich zumute wurde, da er
+es für nichts andres als den Ausfluß blöden Aberglaubens
+halten konnte. Es schwante ihm, daß er Pück seinerzeit nicht
+treffend eingeschätzt und nicht an den rechten Platz gestellt
+habe, und er sagte sich, daß es jetzt an ihm sei, den verfahrenen
+Karren, wenn irgend möglich, ohne Lärm und Aufhebens aus
+dem Sumpfe zu heben. Darum ließ er die Frage selbst unerörtert
+und sagte nur, daß man auch die beste Sache nicht in
+schroffer Weise und bis zum äußersten führen dürfe, daß
+Formen veralteten und daß es wesentlich sei, nicht zum Trotz
+der allgemeinen Meinung an solchen festzuhalten, schließlich,
+daß man es aufgeben müsse, mittelalterlichen Brauch und
+Glauben bis aufs letzte Tüpfel wieder lebendig machen zu
+wollen. Wonnebald war schlau genug, die Meinung des Erzbischofs
+herauszuwittern, und beeilte sich, zu versichern, daß
+er ebenso denke, aber einer Partei habe nachgeben müssen, die
+im Lande mächtig sei und an deren Spitze der Medizinalrat
+von Boll stehe. Dieser sei ein fanatischer und blutdürstiger
+Charakter und würde ganz anders gewütet haben, wenn er,
+der Bischof, ihn nicht einigermaßen im Zaume gehalten hätte;
+auch hätte er bereits daran gedacht, die Zauberin entweichen
+zu lassen, damit der Prozeß hängen bleibe und die böse Sache
+im Sande verlaufen könne. Damit erklärte sich der Erzbischof
+einverstanden, nur müsse vermieden werden, sagte er, daß
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_68" id="Page_68">68</a><span>] </span></span>Lando der Person wieder in die Arme liefe, den sie in Tat
+und Wahrheit verzaubert zu haben scheine.</p>
+
+<p>Er fand jedoch Lando, den er nun zu sich beschied, ruhiger
+und zugänglicher, als er sich nach seinem Briefe vorgestellt
+hatte: bei allen Anzeichen äußerster Melancholie und Hoffnungslosigkeit
+zeigte er sich doch willig, nicht nur auf die Geliebte
+zu verzichten, sondern auch dem Oheim in seine Residenz
+zu folgen, vielleicht sogar die ihm zugedachte Braut zu heiraten,
+die Giselbert ihm als krank vor Sehnsucht und mit mädchenhafter
+Scham verhülltem Kummer überaus anziehend schilderte.
+Mit feucht umflorten Augen und tiefer als sonst herabhängender
+Unterlippe versprach er dem Erzbischof, sich seinen Wünschen
+fügen zu wollen, da er sowieso den Möglichkeiten des
+Lebens nichts mehr nachfrage, wenn ihm dagegen verbürgt
+würde, daß die Geliebte ungekränkt entfliehen und ihr ferner
+nicht nachgestellt werden solle, worauf der Erzbischof nach
+einigem gespielten Bedenken und Zögern einging. Er streichelte
+seinen Neffen zärtlich und fing, um ihn zu zerstreuen, ein Gespräch
+über die Torheiten des Bischofs an, worauf Lando
+lustiger und gesprächiger wurde, freilich ohne seine Schwermut
+abzulegen, so daß auf dem schwarzen Grunde seine frechen
+Witze desto blendender funkelten.</p>
+
+<p>Nachdem es beschlossene Sache war, daß Lux entfliehen
+sollte, überlegte sich der Erzbischof, daß es weiser wäre, anstatt
+Wonnebald oder Lando mit der Ausführung des Werkes
+zu betrauen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, wodurch
+zugleich eine gewisse Neugierde, die er empfand, befriedigt
+werden würde. Da es infolge seiner Frage, wer die Aufsicht
+und Verpflegung der Gefangenen im Turme besorgt hätte,
+herauskam, daß sie nicht nur am laufenden, sondern auch am
+vorigen Tage ohne Nahrung geblieben waren, erklärte der
+Erzbischof, nun nicht bis zum Untergange der Sonne warten
+zu wollen, bis er hinüberginge, besonders weil es sich um ein
+kleines Kind handle, das einer solchen Entbehrung leicht erliegen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_69" id="Page_69">69</a><span>] </span></span>könne. Die Bestürzung Wonnebalds zeigte deutlich an,
+daß dem Versehen nicht mörderische Absicht, sondern Vergeßlichkeit
+zugrunde lag, weshalb es der Erzbischof bei einem
+kurzen, scharfen Fluch, der in vornehmen Kreisen gebräuchlich
+war, bewenden ließ und schnell von der bischöflichen Tafel
+Fleisch, Brot, Leckereien, Obst und Wein zusammenraffte und
+in einen Korb packte, um ihn den Darbenden zu bringen.</p>
+
+<p>Der Aufstieg der steilen Treppe nahm ihm den Atem, so
+daß er mehrere Male keuchend stehen bleiben mußte; doch beschleunigte
+er die Schritte immer wieder, so gut er konnte.
+Beim Eintritt in das Turmstübchen sah er sogleich die Frau
+und das Kind allem Anschein nach bewußtlos auf dem Boden
+liegen; doch richtete sich Lux ein wenig auf und sah ihn aus
+tief umschatteten Augen so traurig an, daß sich sein Herz vor
+Mitleid und Grauen zusammenzog. Er kniete schnell neben
+ihr nieder und setzte die Weinflasche an ihre Lippen, indem
+er sie mit dem Arm unterstützte; erst als sie getrunken hatte,
+bemerkte er, daß ihr Hemd offen stand und Hals und Brust
+sehen ließ, und das Blut stieg ihm langsam in die zarten, verwelkten
+Wangen. Schleunig beugte er sich über das Kind,
+das still mit halb offenen Augen dalag, und über dessen Körper
+dann und wann ein kleines Zucken lief, rieb seine Schläfen
+mit Wein und versuchte, einige Tropfen in das offene Mündchen
+fließen zu lassen, während welcher Bemühungen Lux anfing
+zu weinen, und je eifriger er sich bemühte, desto leidenschaftlicher
+schluchzte. Allgemach belebte sich Lisutt und konnte
+dazu gebracht werden, daß sie ein wenig Brot und Fleisch aß,
+worauf sie sich zusehends erholte, ihre Mutter und den fremden
+Mann betrachtete und diesen mit freundlich ernstem Blick
+und zutraulichem Nicken fragte: »Bist du der Himmelvater?«
+Dem Erzbischof kamen Tränen in die Augen, und er bückte
+sich ein wenig, um eine von den kältestarren Händen der
+Kleinen zu ergreifen und sie an sein Gesicht zu drücken, was
+sie sich feierlich froh gefallen ließ.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_70" id="Page_70">70</a><span>] </span></span>Während Giselbert Geld zwischen die Lebensmittel im Korbe
+versteckte, Lux Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen
+und wohin sie sich wenden sollte, dann wieder Lisutt vorsichtig
+mit kleinen Bissen fütterte, war es Abend geworden, und er
+mahnte zum eiligen Aufbruch. Auf der Treppe jedoch gab es
+einen Aufenthalt: denn unten war Brun, der, obwohl er sich
+kaum auf den Beinen halten konnte, als er seine Mutter herunterkommen
+hörte, ihr entgegenging und an ihren Knien zusammenbrach.
+Es stellte sich heraus, daß er, sowie Lux in den
+Turm geführt worden war, sich dorthin geschlichen und in dem
+Gebüsch, das ihn umgab, versteckt gehalten hatte, in der Hoffnung,
+bei irgendeiner Gelegenheit hineinschlüpfen zu können,
+jedenfalls aber ihre Gefangenschaft freiwillig zu teilen und,
+wenn auch von ihr ungesehen und ungeahnt, ihr nah zu sein.
+Nachdem er mit Essen und Trinken ein wenig gestärkt war,
+verlangte er Lisutt zu tragen, mußte sich aber mit dem Korbe
+begnügen, da Lux die Kleine nicht aus den Armen lassen
+wollte. Der Erzbischof sah den dreien nach, wie sie sich den
+schlängelnden Pfad des Burghügels hinunterbewegten, bald
+verschwindend, bald von neuem auftauchend, bis er sie nicht
+mehr erkennen konnte, und ging dann langsam ins Haus
+zurück.</p>
+
+<p>Am Kopfe der Brücke, die unweit des Wassersturzes über
+den Strom führte, hatte sich Lando aufgestellt, um Lux, wenn
+sie hinüberginge, das letzte Mal zu sehen, ihr Lebewohl zu
+sagen und vielleicht noch einmal ihre Hand zu drücken und
+ihren Mund zu küssen. Er wartete mit klopfendem Herzen
+und in prickelnder Erregung, die ebenso lieblich wie peinlich
+war; allein als er sie kommen sah, in einer Bewegung, wie
+ein Sturmvogel leicht und kräftig durch milde, nasse Luft
+schneidet, das helle Gesicht dem kalten, schwarzen Himmel,
+die Augen dem gegenüberliegenden Berge zugewendet, empfand
+er plötzlich bitteres Weh im Herzen und weinte verstohlen
+auf den hölzernen Pfosten, an den er sich so dicht preßte, als
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_71" id="Page_71">71</a><span>] </span></span>ob er eins mit ihm wäre. Lux hätte ihn ohnehin nicht gesehen,
+oder wenn sie ihn gesehen hätte, nicht erkannt oder nicht beachtet;
+nichts war da für sie, außer sie selbst und die beiden
+getreuen kleinen Wesen, die sie nah bei sich fühlte, miteinander
+getragen und gehalten von der Erde und der Luft und dem
+Wasser, die sie rauschend, atmend, zitternd, wissend umgaben.
+Eben als sie über die Brücke gingen, erwachte Lisutt, vielleicht
+durch das Dröhnen des Wassers, und sagte verschlafen, indem
+sie, wie es ihre Gewohnheit war, ihr weiches Gesicht mit
+der kalten Nase in den Hals ihrer Mutter grub: »Du riechst
+gut!« worauf sie sofort wieder einschlief. Es kam Lux eine
+unwiderstehliche Lust an zu lachen, daß es von dem breiten
+Bergrücken widerhallte, die Frostluft über dem winterlich
+schlafenden Dorfe durch lautes, jauchzendes Geschrei zu erschüttern;
+aber sie hielt an sich und drückte nur Bruns magere
+Hand und Lisutts leise schmorenden Körper fester.</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Die Einwohnerschaft von Klus war noch in Aufregung
+über die Flucht des Schermäusers, welche offenbar durch
+Magie oder schwarze Kunst war bewerkstelligt worden, als
+eine weit ärgere Neuigkeit laut wurde: die Stiftsdame Hermenegilde
+nämlich, die inzwischen der Beseitigung ihres Kindes
+auf die Spur gekommen war, erschien auf dem Rathause
+und rief den Bischof als ruchlosen Bösewicht aus, der nicht
+nur der Millionenmaria die Krone gestohlen, sondern dazu
+noch einen Unschuldigen des Verbrechens bezichtigt habe. Um
+ihre Aussage gehörig zu bekräftigen, wies sie eine Handvoll
+Rubine, Saphire und andrer Edelsteine vor, die er ihr geschenkt
+habe, und die allerdings als zu dem vermißten Heiligtume
+gehörig erkannt wurden. Das Diadem selbst, sagte Hermenegilde,
+würde sich zweifelsohne im Besitze des Bischofs finden,
+der sich ohne Erröten als Entwender desselben ihr gegenüber
+bekannt habe, und auf Befragen, warum sie sich zur Hehlerin
+eines solchen Frevels gemacht habe, gab sie an, daß in ihrer
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_72" id="Page_72">72</a><span>] </span></span>Brust ein langes Kämpfen verschiedener Pflichtgefühle, als
+der Rücksicht gegen ein hohes geistliches Haupt und den Bischof,
+ihren Beichtvater, insbesondere, der Wahrheitsliebe, der Nächstenliebe
+und mehr dergleichen stattgefunden, und daß eben
+jetzt das Mitleid mit dem fälschlich Beklagten, von dessen
+Flucht sie noch nichts gewußt hätte, gesiegt habe.</p>
+
+<p>Diese Aussage der von Mutterliebe und Rachsucht gestachelten
+Hermenegilde setzte die Justiz von Klus in unerträgliche
+Verlegenheit, und sie hätten die peinliche Angelegenheit vielleicht
+vertuscht, wenn nicht einige Herren darunter gewesen
+wären, die, scharf und scheel, immer bei der Hand waren,
+wenn es galt, der Geistlichkeit etwas aufzumutzen, und wenn
+die Stiftsdame nicht bereits wie eine gackernde Henne von
+Haus zu Haus gegangen wäre, um ihr faules Geheimnis in
+jedes offene Ohr zu legen.</p>
+
+<p>Es wäre nicht unnatürlich gewesen, wenn der Bischof, durch
+das rasch verbreitete Geschwätz gewarnt, die verräterische Krone
+auf die Seite gebracht hätte, bevor eine Untersuchung in
+Gang kam; aber er war an diesem Tag abwesend, weil er
+den Erzbischof in seiner großen Kutsche bis zur nächsten Eisenbahnstation
+begleiten mußte, die mehrere Stunden weit entfernt
+lag, und kam erst zurück, als sich bereits einige Gerichtsbeamte
+in seiner Wohnung festgesetzt hatten, um sie nach dem
+heiligen Gegenstande zu durchstöbern. Wonnebald war zu
+überrascht, um seinen Schrecken verhehlen zu können, und
+warf sich laut ächzend in einen Sessel, von dem aus er die
+Nichtswürdigkeit der Hermenegilde verwünschte, die es nicht
+für zu entmenscht hielte, einen treuen Freund, Vater, Berater
+und Seelsorger öffentlicher Schande preiszugeben. Die Herren
+hörten diese Klage achtungsvoll im Hintergrunde mit an,
+wagten aber endlich, sie durch die Bitte um Schlüssel zu unterbrechen,
+mit denen sie die Kasten, Schränke und Türen öffnen
+könnten, worauf Wonnebald mit müder Handbewegung auf
+eine silberne Truhe deutete, in der sich ein Schlüsselbund befand.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_73" id="Page_73">73</a><span>] </span></span>Während sie damit hantierten, fuhr er fort zu jammern,
+daß er schon am vergangenen Tage durch den Besuch des Erzbischofs
+aus seinen Gewohnheiten herausgerissen sei, daß er
+in aller Frühe habe aufstehen müssen, um im Wagen Knochen
+und Eingeweide durcheinander geschüttelt zu bekommen, daß
+man ihm in der Bahnhofswirtschaft ein Huhn vorgesetzt habe,
+das fader als gekochtes Kalb gewesen sei, und einen Wein,
+der wie Blausäure und Essig geschmeckt habe, daß er keine
+Mittagsruhe habe halten können, und daß er nun, da er gehofft
+habe, sich endlich wiederherstellen zu können, in eine
+solche Wirtschaft gerate, so daß er sich in Wahrheit einen
+großen Märtyrer und Leidensgenossen nennen dürfe.</p>
+
+<p>Unterdessen war die Messingkrone in einem Ofenloch gefunden
+worden, das Wonnebald im Laufe des Sommers als
+Rumpelkammer zu benutzen pflegte, und das zufällig noch nicht
+gebraucht war, und die Herren entfernten sich, indem sie dem
+Bischof höflich empfahlen, die Burg nicht zu verlassen, deren
+Ausgänge übrigens mit Polizeisoldaten besetzt wurden. Wonnebald
+atmete auf, als die Störenfriede sich entfernt hatten, und
+da er der Meinung war, es würde töricht sein, nachdem das
+Schicksal ihn dermaßen gepeinigt habe, sich freiwillig weiter
+zu kreuzigen, ließ er sich eine auserlesene Abendmahlzeit auftragen
+und schlief gut gesättigt bis in den lichten Morgen.
+Es zeigte sich, daß dies eine glückliche Maßregel gewesen war,
+denn während er bei frischen Kräften den Morgenkaffee zu
+sich nahm, kam ihm ein vortrefflicher Einfall, mit dessen Hilfe
+er sich aus dem Netz zu ziehen hoffte, das man ihm umgeworfen
+hatte. Bald darauf wurde er im Wagen abgeholt,
+um auf das Rathaus geführt zu werden, was nur langsam
+vonstatten ging, da brüllendes Volk das Gefährt umdrängte,
+um ihn zu beschimpfen und womöglich zu ermorden, der, ohne
+seine Furcht merken zu lassen, die Menge mit milder Gebärde
+durch das verschlossene Fenster segnete.</p>
+
+<p>Die Entrüstung über die offenbare Schandtat des Bischofs
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_74" id="Page_74">74</a><span>] </span></span>war ohne Maß. In Hinsicht der Art, sie aufzufassen, bildeten
+sich zwei Parteien, von denen die eine glaubte, er habe mit
+dem Schermäuser unter einer Decke gespielt, ihm nur zum
+Schein den Prozeß gemacht und schließlich zur Flucht verholfen,
+während die andre behauptete, der Jüngling sei unschuldig
+gewesen und als Opfer des Bischofs zu betrachten,
+der ihm das eigne Verbrechen aufgehalst habe. Das Ergebnis
+war bei beiden Parteien das gleiche, nämlich, daß der Bischof
+ein fluchwürdiger Charakter und Wolf im Schafspelze wäre,
+für den keine der gewöhnlichen Strafen, sei es Hängen oder
+Halsabschneiden, hinreichend wäre. Niemand war so erbost
+wie der Medizinalrat, der, während einige darauf bestanden,
+dem Bischof von Anfang an mißtraut und den jugendlichen
+Maulwurffänger im Herzen bemitleidet zu haben, frei bekannte,
+daß er sich habe täuschen lassen und sich dessen nicht
+schäme, da es dem schwarzen Herzen ein leichtes sei, die Reinen
+zu betrügen. Ein Lamm, das in den Mist falle, sagte er, bleibe
+noch unter dem Unflat ein unschuldiges, weißes Lamm, und
+so sei es mit der Kirche, die aller Unflat, mit dem niederträchtige
+Diener sie beschmutzten, nicht entstellen könne; freilich
+gäbe es schwache Seelen, die sich durch solchen zufälligen
+Schmutz irremachen ließen, und darum seien die Urheber
+des Unflats die gottlosesten unter den Sündern und müßten
+auf langsamem Feuer geröstet oder mit glühenden Zangen
+gezwickt und zerrissen werden.</p>
+
+<p>Der Bischof hatte in einem kleinen Saale, wo man ihn
+warten ließ, Muße, sich zu sammeln, und erschien in würdevoller
+Fassung vor den düsterblickenden Herren, die seine Aussage
+protokollieren sollten. Er blickte still und rätselhaft über
+ihre Köpfe weg, während sie ihm vorlasen, aus was für einem
+Grunde er verhaftet wäre, und entgegnete auf ihre förmliche
+Aufforderung, er könne sich wohl verantworten, wolle es aber
+an keiner andern Stelle tun als in seiner Kirche und vor
+seinem Volke, welches ein Recht darauf habe, die Wahrheit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_75" id="Page_75">75</a><span>] </span></span>aus dem eignen Munde seines Hirten zu vernehmen. Einer
+der Herren, welche Kirchenfeinde waren, erwiderte unwirsch,
+das sei ungesetzlicher Firlefanz und könne nicht gestattet werden;
+da aber der Bischof, immer noch still über die Köpfe wegblickend,
+erklärte, er sei mit allem zufrieden, was ihm auferlegt
+würde, und könne schweigen, bis es Gott gefalle, ihren
+Willen umzuwenden, entschied die Mehrheit, daß ihm willfahrt
+werden solle, und es wurde bekanntgemacht, daß der
+Bischof in der Kirche vor allen, die es hören wollten, sich
+wegen der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung verantworten
+würde.</p>
+
+<p>Es wirkte auf das Gemüt eines jeden versöhnend, daß der
+Bischof auch ihm das Bekenntnis seiner Schuld oder Unschuld
+ablegen wolle, und keiner dachte daran, sich seinem Wunsche
+zu versagen, so daß die Wallfahrt den Burghügel hinan kein
+Ende nahm und nicht nur die Kirchenschiffe, sondern auch die
+anstoßenden Räumlichkeiten von tiefbewegten Christen voll
+wurden. Der Bischof hatte bis zur festgesetzten Stunde im
+Rathause verbleiben müssen, doch hatte man ihm auf sein
+Verlangen sein veilchenfarbiges Prachtgewand geholt, mit
+welchem bekleidet er dann glanzvoll aus einer Seitenkapelle
+in die Kirche hereinbrach. Kaum erschienen, tauchte er wiederum
+vor einem halbverborgenen Altare unter und kauerte dort
+eine Viertelstunde in augenscheinlichem Gebete, während welcher
+Zeit die Menge in andächtigem Schweigen verharrte und
+die wenigen, die vorlaut pfeifen wollten, murrend zur Ruhe
+verwies. Nach Beendigung des stillen Gebets bestieg der
+Bischof eine niedrige Kanzel, welche mehr zur Zierde als zum
+Gebrauch da war, betete nochmals mit aufgehobenen Händen
+lautlos und begann nach diesen Vorbereitungen eine Rede,
+in welcher er sich etwa folgendermaßen verbreitete:</p>
+
+<p>»Ach, wie veränderlich ist die Zeit! Ach, wie wechseln
+Glück und Unglück im verschlungenen Reigen! Hier, wo ich
+als euer Hirt und Vater stand und euch segnete, stehe ich jetzt
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_76" id="Page_76">76</a><span>] </span></span>wie ein armer Sünder, wessen angeklagt? Gestohlen soll ich
+haben wie ein Räuber! Meine Kirche soll ich beraubt haben
+wie ein wütender Skorpion, der den eignen Schwanz frißt!
+Ihr Kleingläubigen, ihr seid schuld, daß ich meine Zunge entsiegeln,
+meine Seele entblößen und schamrot werden muß.
+Hört, was sich an jenem gebenedeiten Tage begeben hat, den
+ihr für einen Tag des Diebstahls und der Schande haltet.</p>
+
+<p>Eine lange Nacht durch hatte ich schlaflos mit Zweifeln
+gekämpft, wie ich oft zu tun pflege, ob ich Wurm vor Gott
+würdig sei, die Herde der Menschen mit geistlichem Stabe zu
+lenken, und unter vielem Tränenvergießen und Händeringen
+forschte ich in mir nach den Tugenden des vollkommenen
+Christen. Hast du, fragte ich mich, alle zehn Gebote gehalten?
+Hast du deinen Nächsten wie dich selber geliebt? Wie ist es
+mit der Reue? Wie ist es mit der Buße? und so weiter und
+weiter, bis mir der Schweiß von den Schläfen tropfte und ich
+zu ersticken glaubte, weswegen ich vom Bett aufstand und mich
+in die Kirche begab, um Gott als Schiedsrichter zwischen mir
+und meinem Gewissen anzurufen.</p>
+
+<p>Als ich an der Kapelle der himmlischen Mutter vorüberkam,
+zog es mich wundersam, daß ich nicht unterlassen konnte, vor
+der fürbittenden Jungfrau niederzuknien, und heftig betete,
+sie möchte mir ein Zeichen geben, ob ich des hohen Amtes, das
+ich bekleide, würdig sei. Nicht lange hatte ich in solcher Weise
+gebetet und geweint, als sie plötzlich den hochheiligen Arm
+bewegte, an ihre Krone langte, sie lüftete und mir armen
+Sünder auf den gebückten Kopf setzte. Ich jauchzte und
+triumphierte nicht, sondern schauderte, als ob das Heiligtum
+mich zermalmen sollte! O der Gnade! O der unverdienten
+Gnade! Ferne sei es von mir, so dachte ich, mit der Gunst
+Gottes wie mit einem Orden zu prahlen! Ich verbarg die
+Himmelsgabe und begoß sie stündlich mit inbrünstigen Tränen,
+wobei ich bereits am folgenden Tage entdeckte, daß die beiden
+größten Steine, die das weihevolle Diadem zierten, entwendet
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_77" id="Page_77">77</a><span>] </span></span>worden waren. Nachdem ich für die Seele des Diebes gebetet
+hatte, nahm ich, um nicht noch ein irrendes Schaf in
+Versuchung zu führen, sämtliche übriggebliebene Edelsteine
+und händigte sie der Stiftsdame Hermenegilde ein, damit sie
+aus dem Erlös die Nackten kleide und die Hungernden speise,
+ihr, die mich heute mit falscher Zunge zu durchbohren sucht.</p>
+
+<p>Teure Gemeinde, glaubst du ihr oder mir? Glaubst du, ich
+könnte im Hause Gottes lügen? Würde mich nicht auf der
+Stelle sein Blitz zerschmettern, wenn ich lästerte? Aber tut
+mit mir, was ihr wollt; konnte die Mutter Gottes den Arm
+heben, um mir die Krone aufzusetzen, wird Gott sich nicht
+minder regen können, um mich mitten aus brennendem Feuer
+oder aus kochendem Öl herauszuholen.«</p>
+
+
+
+<hr class="chapter" />
+<p class="chapter">Nach einigen andern prahlerischen Redensarten dieser Art
+beendete der Bischof seine Rede, die er durch gewaltige
+Gebärden ausgeschmückt und dann und wann durch lautes
+Weinen unterbrochen hatte, worin das Volk andächtig einstimmte,
+so daß ein hörbares Schluchzen und Glucksen durch
+die Kirche rauschte. Viele von den Anwesenden fielen vor
+Inbrunst auf die Knie und bekreuzten sich eifrig, und als
+Wonnebald von der Kanzel herunterkam, rutschten sie zu ihm
+hin, küßten sein Gewand und baten um seinen Segen, den er
+rüstig und flink aus dem Handgelenk, wie es seine Art war,
+rechts und links austeilte. In der Meinung, durch die Stimme
+des Volkes von jedem Verdachte freigesprochen zu sein, begab
+sich der Bischof sogleich durch einen zu seiner Wohnung gehörenden
+Gang nach Hause, woran ihn auch niemand hinderte,
+da ein solcher ohne Zweifel durch die begeisterte Volksmenge
+in Stücke zerrissen worden wäre.</p>
+
+<p>Die Gebildeten waren keineswegs von der Wirklichkeit des
+geschilderten Wunders überzeugt, aber durch das schwungvolle
+Benehmen des Bischofs einigermaßen in Verwirrung gesetzt
+und warfen einander stillschweigend Blicke zu, die ebensowohl
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_78" id="Page_78">78</a><span>] </span></span>nachdenkliche Rührung über einen solchen Beweis von Übernatürlichkeit
+wie Erstaunen über die Unverschämtheit des
+Schwindels bedeuten konnten. Da sich indessen ein fortwährend
+wachsendes Glaubensfeuer im Volke offenbarte,
+hielten es die meisten für ratsam, keine dem Gottesliebling
+nachteilige Äußerung laut werden zu lassen, besonders nachdem
+der Medizinalrat wiederum bewiesen hatte, wie schön
+auch dem Manne frommer Kindersinn anstehen könne. Diese
+feurige Natur nämlich entbrannte bei Enthüllung der bischöflichen
+Makellosigkeit und seiner überirdischen Krönung sofort
+in andächtigen Eifer und beanspruchte für sich nur den Ruhm,
+vor aller Welt zum Besten der Kirche von dem stattgehabten
+Wunder Zeugnis abzulegen.</p>
+
+<p>Gab es ein Herz, das noch mehr als das seine durch den
+Einblick in ein auserwähltes Gemüt war entflammt worden,
+so war es das der Stiftsdame Hermenegilde, deren Gefühl
+plötzlich einen neuen Umschwung, von der Mutterliebe zur
+Gottesminne, nahm. Die Erkenntnis, aus selbstsüchtiger Rache
+einen hochehrwürdigen und geradezu heiligen Mann beinahe
+ins Verderben gestürzt zu haben, erfüllte sie mit Reue und Sehnsucht,
+so daß sie sich dem Angebeteten schon in der Kirche zu
+Füßen geworfen hätte, wenn das Gedränge um seine Person
+nicht zu groß gewesen wäre. Schmelzend vor Zerknirschung
+suchte sie in seine Wohnung vorzudringen, allein ungeachtet
+ihrer demütigen Versicherungen blieb Wonnebald taub, freilich
+nicht ohne eine künftig wiederkehrende Gnadenzeit in tröstliche
+Aussicht zu stellen.</p>
+
+<p>Als dem Erzbischof das Gerücht sowohl der gegen den Bischof
+erhobenen Anklage wie seiner Verantwortung zu Ohren kam,
+seufzte er mehrere Male und verwünschte im Innern Wonnebald
+und denjenigen, der ihm zum erstenmal seinen Namen
+genannt hatte. Am meisten plagte ihn der Ärger über sich selbst,
+daß er sich in der Beurteilung und Behandlung des Menschen
+so arg vergriffen habe, indessen auf einem Spaziergang, den er
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_79" id="Page_79">79</a><span>] </span></span>nach vollbrachten Tagesgeschäften unternahm, beruhigte er sich
+ein wenig durch die Betrachtung, daß ihn eine solche Erfahrung
+vielleicht vor Selbstüberhebung schützen sollte, daß außerdem
+Dummheit und Dreistigkeit zuweilen das beste Echo aus der
+Welt herauslockten und also auch diesmal vielleicht die Spitzbüberei
+des Bischofs der Kirche mehr zum Nutzen als zum Schaden
+gereiche. Vollends als an den folgenden Tagen Nachrichten
+einliefen, wie sich infolge des Wunders das kirchliche Leben
+in Klus verdoppelt und verklärt habe, ertappte er sich des
+öfteren bei einem unwillkürlichen Lächeln und machte sich selbst
+das Zugeständnis, daß er mit Wonnebald zwar viel gewagt,
+aber am Ende denn doch das Richtige getroffen habe. Zwar
+entsprach es seinem Geschmack, sich persönlich so wenig wie
+möglich mit dem wundertätigen Benehmen der Millionenmutter
+einzulassen, doch unternahm er auch nichts dagegen
+und ließ der Begeisterung ihren Lauf, und wenn er es nicht
+umgehen konnte, sich darüber zu äußern, tat er es vorsichtig
+und in feinen Wendungen, wie daß bei Gott kein Ding unmöglich
+sei oder daß für den Gläubigen jedes Wunder wirklich
+sei und ihm von niemand bestritten werden dürfe noch
+könne.</p>
+
+<p>Mochten den Papst ähnliche Betrachtungen leiten, oder war
+ihm das Wunder von Klus durch so feurige Zungen geschildert
+worden, daß das Unkraut des Zweifels dabei nicht aufgehen
+konnte, kurz, er beschloß, den Bischof durch Überreichung der
+Tugendrose auszuzeichnen, was denn freilich auch, nachdem
+die Muttergottes sich zu seinen Gunsten ihrer eignen, kostbaren
+Kopfbedeckung entäußert hatte, nicht anders als billig genannt
+werden konnte. Hierdurch wurde das Wunder erst eigentlich
+beglaubigt, und seit die Nachricht von der bevorstehenden Verleihung
+sich verbreitete, fingen auch die besseren Kreise an,
+ihre Ehrfurcht vor dem Bischof lauter zu äußern, und wo
+etwa noch zerstreute Gedanken den mystischen Vorfall unschlüssig
+und makelsüchtig umschwirrt hatten, lösten sich diese
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_80" id="Page_80">80</a><span>] </span></span>nunmehr gänzlich auf wie Nebelgebräu vor der triumphierenden
+Tagessonne.</p>
+
+<p>Der geistliche Kammerherr, der dem Bischof die goldene
+Rose zu überbringen hatte, glaubte weder an Gott noch an
+die Heiligen noch an sonst etwas und konnte sich nichts andres
+vorstellen, als daß der Kluser Bischof ein Mann von feinster
+Klugheit und Überlegenheit sein müsse, daß er den Leuten eine
+so abgeschmackte Wundergeschichte habe eingeben und verdaulich
+machen können. Er selbst war in der diplomatischen und
+schriftstellerischen Laufbahn zu einem großen Ansehen gelangt,
+niemals aber hatte er sich in den Geruch der Frömmigkeit
+bringen können, und bewunderte deshalb nichts so sehr wie
+die Hinterlist und Gaukelkunst, vermöge der es einem gelang,
+die Rolle des Gottesmannes zu spielen. Der Bischof feierte
+nach seiner Weise die Anwesenheit des päpstlichen Gesandten
+durch ein prächtiges Mahl in seiner Burg, wobei alle Kunstwerke
+und Erzeugnisse des Gewerbes, als Bilder, Statuen,
+Gläser, Schüsseln und Silberzeug, zur Ausstellung gebracht
+worden waren, so daß man nicht wußte, wohin man blicken
+und was man kosten sollte. Es war auch um diese Zeit der
+Justizrat Schimmelmann von seiner Reise zurückgekehrt und
+zum Feste eingeladen, das er durch geistreiche Erzählungen und
+vieldeutige Witze aufs anmutigste belebte. Wonnebald aß und
+trank mit Lust und ließ es an geeigneter Stelle nicht an einem
+munteren Ausruf fehlen, meistens aber schwieg er mit beifälliger
+Herablassung, denn er hatte sich mittlerweile daran
+gewöhnt, das Lamm Gottes darzustellen, und träufelte nur
+von Zeit zu Zeit, wie wenn er nicht anders könnte, etwas
+Salbungsvolles und Erbauliches ins Gespräch. Der Überbringer
+der Rose beobachtete den durchtriebenen Ränkeschmied,
+als den er den Bischof ansah, neidvoll bescheiden, behandelte
+ihn mit Ehrerbietung und hinterbrachte dem Papste einen über
+alle Maßen günstigen, fast begeisterten Bericht über den erleuchteten
+Betrieb des Pückschen Bischofssitzes.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_81" id="Page_81">81</a><span>] </span></span>Indessen bekam Wonnebald die Mahlzeit, die er beim
+Rosenfeste zu sich genommen hatte, schlecht; was erst nur eine
+leichte Störung in den verdauenden Organen zu sein schien,
+erwies sich als tückische Krankheit, die den prangenden Körper
+in wenigen Tagen zerstörte und als Leiche zurückließ. So unerwünscht
+dies jähe Sterben dem Bischof sein mochte, der
+sein Dasein so geschickt und fröhlich zu benutzen verstand, so
+gewinnbringend war es für sein Gedächtnis, das sich nun an
+den glorwürdigsten Punkt seiner Laufbahn anknüpfen mußte.
+Das Trauergepränge dauerte mehrere Tage, und während derselben
+verbreitete sich das Gespräch häufig um die Frage, wie
+man den Verblichenen geziemend und dauerhaft ehren könne,
+sei es durch ein Denkmal oder eine beschreibende Darstellung
+seines Lebenswandels, was aber alles dem allgemeinen Gefühl
+noch nicht Genüge tat. Da nun im Reden der Bevölkerung
+sowie in dem Nachruf, den der Medizinalrat zum Andenken
+Wonnebalds in den Zeitungen drucken ließ, derselbe beiläufig
+als ein heiliger Mann war bezeichnet worden, kam man von
+selbst dazu, ohne daß ein bestimmter Urheber des Gedankens
+hätte genannt werden können, an die Heiligsprechung des
+Bischofs zu denken und ebendiese als die passendste Würdigung
+seiner Verdienste anzusehen. Die hohen Verbindungen des
+Medizinalrats ermöglichten es ihm, den Plan als einstimmigen
+Wunsch der Kluser Bevölkerung zu Ohren des Papstes zu
+bringen, der, obwohl er von allen Seiten nur das Beste über
+den Pückschen Lebenswandel gehört hatte, sich doch vorsichtig
+in einer so wichtigen Angelegenheit zurückhielt. Wie ausdrücklich
+sich auch die göttliche Meinung durch Aufsetzen der
+Marienkrone für den Bischof ausgesprochen hatte, schien es
+vom Standpunkte des nicht allwissenden Menschen doch geboten,
+die Lebensführung des Kandidaten Punkt für Punkt,
+gleichsam wissenschaftlich, auf seine Heiligkeit hin zu untersuchen,
+wodurch sich denn freilich auch seine unbedingtesten
+Verehrer zunächst in eine gewisse Verlegenheit versetzt fanden.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_82" id="Page_82">82</a><span>] </span></span>Bei näherem Bedenken indessen sagten sie sich, daß, wenn
+Wonnebald auch nicht in Höhlen gelebt, noch sich ausschließlich
+vom Tau des Himmels oder durch Berührung der Hostie
+ernährt, noch überhaupt in dieser gewissermaßen älteren Richtung
+Löbliches und Wunderwürdiges vollbracht habe, er hingegen
+die Tugenden der Demut und Einfalt, welche die eigentlich
+christlichen seien, bis zum äußersten getrieben habe, wie
+er denn die von Gott empfangene Auszeichnung vor jedermann
+verheimlicht habe und bis zum Ende haben würde, wenn ihn
+nicht die Verleumdung der Bösen zur Mitteilung gezwungen
+hätte. Er hätte, sagten sie, ohne sich je der Wissenschaft zu
+bedienen, die so oft die Feindin des echten Glaubens sei, eine
+hohe kirchliche Würde erlangt, von innen erleuchtet oder durch
+Eingebung von oben zur Verwaltung eines so schweren Amtes
+befähigt. Immer mehr im frommen Eifer sich erhitzend, fügten
+diese Sachwalter des Bischofs hinzu, daß, wenn nicht mehr
+oder überhaupt gar keine staunenswerten Taten von ihm bekannt
+seien, dies sich eben von seiner vollkommenen Demut
+herschreibe, mit der verglichen die meisten Heiligen, von denen
+die Geschichte wisse, unchristlicher Ruhmsucht gefrönt hätten.</p>
+
+<p>Diese nachdrücklichen Begründungen konnten in harmonischer
+Weise durch ebenso bedeutende materielle Kräfte unterstützt
+werden, was bei den großen Kosten, die die Heiligsprechung
+mit sich bringt, nicht gering anzuschlagen war. Ein
+glücklicher Einfall erinnerte die Unternehmer an die Marienkrone,
+die, nachdem sie aus dem Ofenloche des Bischofs ans
+Licht gefördert, mit Beschlag belegt war und sich nebst sämtlichen
+dazugehörigen Edelsteinen noch immer in gerichtlicher
+Verwahrung befand, und deren Geldwert hinreichte, um die
+Vollziehung des großen Geschäftes daraus zu bestreiten. Es
+hatte zwar die Absicht bestanden, der Gottesmutter ihre Krone
+zurückzugeben, doch ließ sich dagegen einwenden, daß sie dieselbe
+freiwillig und vermutlich aus guten Gründen an Wonnebald
+abgetreten habe, und daß man in ihrem Sinne handle,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_83" id="Page_83">83</a><span>] </span></span>wenn man sie zur Erhöhung und ewigen Krönung seiner
+Person nutzbar mache.</p>
+
+<p>Die Bevölkerung von Klus hatte die Sache ihres Bischofs
+während der Entwicklung der Dinge völlig zu ihrer eignen
+gemacht und sah in der Verzögerung eine ihr angetane Kränkung,
+woraus denn wiederum geschlossen werden konnte, was
+für ein dringendes Bedürfnis die Anbetung des Wonnebald
+im Volke sei. In Erwägung aller dieser Umstände zeigte sich
+der päpstliche Rat endlich geneigt, und die Einreihung des
+Bischofs in die Schar der Heiligen fand unter den üblichen
+Zeremonien zu vollkommener Befriedigung der Kluser Frommen
+statt. Das Bild Pücks wurde in der Burgkirche aufgehängt,
+mit nach oben gedrehten Augen, von wo eine Hand
+im Begriff war, das bekannte Diadem herunterzulassen, kunstlos
+gemalt, aber der andächtigen Gemeinde durch Vergegenwärtigung
+der seligen Gesichtszüge erbaulich. Auch der Erzbischof
+von Casalba, der an gewissen Festtagen in der Kluser
+Kirche einen Gottesdienst abhielt, verweilte gern einige
+Augenblicke vor dem Bilde und beglückwünschte mit gedankenvollem
+Lächeln sich und die Menschheit über den zeitigen Tod
+des Bischofs, da, wenn er länger gelebt und seine Laufbahn
+so schleunig wie bisher fortgesetzt hätte, die Kirche schließlich
+gezwungen gewesen wäre, ihn zum Herrgott zu machen, um
+ihn seinen Verdiensten und dem allgemeinen Bedürfnis entsprechend
+weiter zu befördern.</p>
+
+<p class="center noindent" style="margin-top: 6em;"><span class="bt" style="white-space: nowrap;">21. bis 30. Tausend</span><br />
+*<br />
+Druck der Offizin<br />
+<span class="bb" style="white-space: nowrap;">Fr.&nbsp;Richter in Leipzig</span>
+</p>
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Lebenslauf des heiligen Wonnebald Pück, by
+Ricarda Huch
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WONNEBALD PUCK ***
+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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