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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:56:06 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by
+Rosa Luxemburg
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften
+
+Author: Rosa Luxemburg
+
+Release Date: March 12, 2010 [EBook #31614]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK ***
+
+
+
+
+Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
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+ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
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+ Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder
+ Kleinschreibung von einigen Zahlwörtern, Pronomina und
+ Adjektiven sowie Schreibvarianten, insbesondere durch
+ Rechtschreibreformen entstandene.
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+ Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt.
+ Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet.
+ Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit # gekennzeichnet.
+
+
+
+
+ Massenstreik, Partei
+ und Gewerkschaften
+
+ Von
+
+ Rosa Luxemburg
+
+ Im Auftrage des Vorstandes der sozialdemokratischen
+ Landesorganisation Hamburgs und
+ der Vorstände der sozialdemokratischen Vereine
+ von Altona, Ottensen und Wandsbek
+
+ Verlag von Erdmann Dubber in Hamburg
+ 1906
+
+
+
+
+I.
+
+
+Fast alle bisherigen Schriften und Äußerungen des internationalen
+Sozialismus über die Frage des Massenstreiks datieren aus der Zeit _vor_
+der russischen Revolution, dem ersten geschichtlichen Experiment mit
+diesem Kampfmittel auf größter Skala. Daher erklärt sich auch, daß sie
+meistenteils antiquiert sind. In ihrer Auffassung stehen sie wesentlich
+auf demselben Standpunkt wie Friedrich Engels, der 1873 in seiner Kritik
+der Bakunistischen Revolutionsmacherei in Spanien schrieb:
+
+»Der allgemeine Streik ist im Bakunistischen Programm der Hebel, der zur
+Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines schönen Morgens
+legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes oder gar der ganzen Welt
+die Arbeit nieder und zwingen dadurch in längstens vier Wochen die
+besitzenden Klassen, entweder zu Kreuze zu kriechen oder auf die
+Arbeiter loszuschlagen, so daß diese dann das Recht haben, sich zu
+verteidigen und bei dieser Gelegenheit die ganze alte Gesellschaft über
+den Haufen zu werfen. Der Vorschlag ist weit entfernt davon, neu zu
+sein; französische und nach ihnen belgische Sozialisten haben seit 1848
+dies Paradepferd stark geritten, das aber ursprünglich englischer Rasse
+ist. Während der auf die Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen
+Entwicklung des Chartismus unter den englischen Arbeitern war schon 1839
+der »heilige Monat« gepredigt worden, die Arbeitseinstellung auf
+nationalem Maßstab (siehe Engels: »Lage der arbeitenden Klasse«, zweite
+Auflage, Seite 234), und hatte solchen Anklang gefunden, dass die
+Fabrikarbeiter von Nordengland im Juli 1842 die Sache auszuführen
+versuchten. -- Auch auf dem Genfer Allianzistenkongreß vom 1. September
+1873 spielte der allgemeine Streik eine große Rolle, nur wurde allseitig
+zugegeben, dass dazu eine vollständige Organisation der Arbeiterklasse
+und eine gefüllte Kasse nötig sei. Und darin liegt eben der Haken.
+Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn man sie durch
+politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation noch die Kasse
+der Arbeiter je soweit kommen lassen, und anderseits werden die
+politischen Ereignisse und die Übergriffe der herrschenden Klassen die
+Befreiung der Arbeiter zu Wege bringen, lange bevor das Proletariat dazu
+kommt, sich diese ideale Organisation und diesen kolossalen Reservefonds
+anzuschaffen. Hätte es sie aber, so brauchte es nicht den Umweg des
+allgemeinen Streiks, um zum Ziele zu gelangen.«[1]
+
+[Fußnote 1: Fr. Engels, Die Bakunisten an der Arbeit. Internationales
+aus dem »Volksstaat«, S. 20.]
+
+Hier haben wir die Argumentation, die für die Stellungnahme der
+internationalen Sozialdemokratie zum Massenstreik in den folgenden
+Jahrzehnten maßgebend war. Sie ist ganz auf die anarchistische Theorie
+des Generalstreiks zugeschnitten, d. h. auf die Theorie vom
+Generalstreik als Mittel, die soziale Revolution einzuleiten, im
+Gegensatz zum täglichen politischen Kampf der Arbeiterklasse, und
+erschöpft sich in dem folgenden einfachen Dilemma: entweder ist das
+gesamte Proletariat noch nicht im Besitz mächtiger Organisationen und
+Kassen, dann kann es den Generalstreik nicht durchführen, oder es ist
+bereits mächtig genug organisiert, dann braucht es den Generalstreik
+nicht. Diese Argumentation ist allerdings so einfach und auf den ersten
+Blick so unanfechtbar, daß sie ein Vierteljahrhundert lang der modernen
+Arbeiterbewegung ausgezeichnete Dienste leistete, als logische Waffe
+wider die anarchistischen Hirngespinnste und als Hülfsmittel, um die
+Idee des politischen Kampfes in die weitesten Kreise der Arbeiterschaft
+zu tragen. Die großartigen Fortschritte der Arbeiterbewegung in allen
+modernen Ländern während der letzten 25 Jahre sind der glänzendste
+Beweis für die von Marx und Engels im Gegensatz zum Bakunismus
+verfochtene Taktik des politischen Kampfes, und die deutsche
+Sozialdemokratie in ihrer heutigen Macht, in ihrer Stellung als Vorhut
+der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ist nicht zum geringsten
+das direkte Produkt der konsequenten und nachdrücklichen Anwendung
+dieser Taktik.
+
+Die russische Revolution hat nun die obige Argumentation einer
+gründlichen Revision unterzogen. Sie hat zum ersten Male in der
+Geschichte der Klassenkämpfe eine grandiose Verwirklichung der Idee des
+Massenstreiks und -- wie wir unten näher ausführen werden -- selbst des
+Generalstreiks gezeitigt und damit eine neue Epoche in der Entwicklung
+der Arbeiterbewegung eröffnet. Freilich folgt daraus nicht etwa, daß die
+von Marx und Engels empfohlene Taktik des politischen Kampfes oder ihre
+an dem Anarchismus geübte Kritik falsch war. Umgekehrt, es sind
+dieselben Gedankengänge, dieselbe Methode, die der Marx-Engelschen
+Taktik, die auch der bisherigen Praxis der deutschen Sozialdemokratie zu
+grunde lagen, welche jetzt in der russischen Revolution ganz neue
+Momente und neue Bedingungen des Klassenkampfes erzeugten. Die russische
+Revolution, dieselbe Revolution, die die erste geschichtliche Probe auf
+das Exempel des Massenstreiks bildet, bedeutet nicht bloß keine
+Ehrenrettung für den Anarchismus, sondern sie bedeutet geradezu eine
+_geschichtliche Liquidation des Anarchismus_. Das triste Dasein, wozu
+diese Geistesrichtung von der mächtigen Entwicklung der Sozialdemokratie
+in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verurteilt war, mochte
+gewissermaßen durch die ausschließliche Herrschaft und lange Dauer der
+parlamentarischen Periode erklärt werden. Eine ganz auf das
+»Losschlagen« und die »direkte Aktion« zugeschnittene, im nacktesten
+Heugabelsinne »revolutionäre« Richtung mochte immerhin in der Windstille
+des parlamentarischen Alltags nur zeitweilig verkümmern, um erst bei
+einer Wiederkehr der direkten offenen Kampfperiode, bei einer
+Straßenrevolution aufzuleben und ihre innere Kraft zu entfalten. Zumal
+schien Rußland besonders dazu angetan, das Experimentierfeld für die
+Heldentaten des Anarchismus zu werden. Ein Land, wo das Proletariat gar
+keine politischen Rechte und eine äußerst schwache Organisation hatte,
+ein buntes Durcheinander verschiedener Volksschichten mit sehr
+verschiedenen, wirr durcheinanderlaufenden Interessen, geringe Bildung
+der Volksmasse, dafür äußerste Bestialität in der Gewaltanwendung
+seitens des herrschenden Regimes -- alles das schien wie geschaffen, um
+den Anarchismus zu einer plötzlichen, wenn auch vielleicht kurzlebigen
+Macht zu erheben. Und schließlich war Rußland die geschichtliche
+Geburtsstätte des Anarchismus. Allein, das Vaterland Bakunins sollte für
+seine Lehre zur Grabesstätte werden. Nicht bloß standen und stehen in
+Rußland nicht die Anarchisten an der Spitze der Massenstreikbewegung;
+nicht bloß liegt die ganze politische Führung der revolutionären Aktion
+und auch des Massenstreiks in den Händen der sozialdemokratischen
+Organisationen, die von den russischen Anarchisten als »bürgerliche
+Partei« bitter bekämpft werden, oder zum Teil in den Händen solcher mehr
+oder weniger von der Sozialdemokratie beeinflußten und sich ihr
+annähernden sozialistischen Organisationen, wie die terroristische
+Partei der »Sozialisten-Revolutionäre«, -- die Anarchisten existieren
+als ernste politische Richtung überhaupt in der russischen Revolution
+gar nicht. Nur in einer litauischen Kleinstadt mit besonders schwierigen
+Verhältnissen -- bunte nationale Zusammenwürfelung der Arbeiter,
+überwiegende Zersplitterung des Kleinbetriebs, sehr tiefstehendes
+Proletariat --, in _Bialystok_, gibt es unter den sieben oder acht
+verschiedenen revolutionären Gruppen auch ein Häuflein halbwüchsiger
+»Anarchisten«, das die Konfusion und Verwirrung der Arbeiterschaft nach
+Kräften fördert, und letzthin macht sich in _Moskau_ und vielleicht noch
+in zwei bis drei Städten je ein Häuflein dieser Gattung bemerkbar.
+Allein, was ist jetzt, abgesehen von diesen paar »revolutionären«
+Gruppen, die eigentliche Rolle des Anarchismus in der russischen
+Revolution? Er ist zum Aushängeschild für gemeine Diebe und Plünderer
+geworden; unter der Firma des »Anarcho-Kommunismus« wird ein großer Teil
+jener unzähligen Diebstähle und Plündereien bei Privatleuten ausgeübt,
+die in jeder Periode der Depression, der momentanen Defensive der
+Revolution wie eine trübe Welle emporkommen. Der Anarchismus ist in der
+russischen Revolution nicht die Theorie des kämpfenden Proletariats,
+sondern das ideologische Aushängeschild des kontrerevolutionären
+Lumpenproletariats geworden, das wie ein Rudel Haifische hinter dem
+Schlachtschiff der Revolution wimmelt. Und damit ist die geschichtliche
+Laufbahn des Anarchismus wohl beendet.
+
+Auf der anderen Seite ist der Massenstreik in Rußland verwirklicht
+worden nicht als ein Mittel, unter Umgehung des politischen Kampfes der
+Arbeiterklasse und speziell des Parlamentarismus durch einen Theatercoup
+plötzlich in die soziale Revolution hineinzuspringen, sondern als ein
+Mittel, erst die Bedingungen des täglichen politischen Kampfes und
+insbesondere des Parlamentarismus für das Proletariat zu schaffen. Der
+revolutionäre Kampf in Rußland, in dem die Massenstreiks als die
+wichtigste Waffe zur Anwendung kommen, wird von dem arbeitenden Volke
+und in erster Reihe vom Proletariat gerade um dieselben politischen
+Rechte und Bedingungen geführt, deren Notwendigkeit und Bedeutung im
+Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse Marx und Engels zuerst
+nachgewiesen und im Gegensatz zum Anarchismus in der Internationale mit
+aller Macht verfochten haben. So hat die geschichtliche Dialektik, der
+Fels, auf dem die ganze Lehre des Marxschen Sozialismus beruht, es mit
+sich gebracht, daß heute der Anarchismus, mit dem die Idee des
+Massenstreiks unzertrennlich verknüpft war, zu der Praxis des
+Massenstreiks selbst in einen Gegensatz gerathen ist, während umgekehrt
+der Massenstreik, der als der Gegensatz zur politischen Betätigung des
+Proletariats bekämpft wurde, heute als die mächtigste Waffe des
+politischen Kampfes um politische Rechte erscheint. Wenn also die
+russische Revolution eine gründliche Revision des alten Standpunkts des
+Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist es wieder nur der
+Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte dabei in neuer
+Gestalt den Sieg davontragen. Moors Geliebte kann nur durch Moor
+sterben.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Die erste Revision, die sich aus den Ereignissen in Rußland für die
+Frage vom Massenstreik ergibt, bezieht sich auf die allgemeine
+_Auffassung_ des Problems. Bis jetzt stehen sowohl die eifrigen
+Befürworter eines »Versuchs mit dem Massenstreik« in Deutschland von der
+Art Bernsteins, Eisners usw., wie auch die strikten Gegner eines solchen
+Versuchs, wie sie im gewerkschaftlichen Lager z. b. durch Bömelburg
+vertreten sind, im grunde genommen auf dem Boden derselben, und zwar der
+anarchistischen Auffassung. Die scheinbaren Gegenpole schließen sich
+nicht bloß gegenseitig aus, sondern, wie stets, bedingen auch und
+ergänzen zugleich einander. Für die anarchistische Denkweise ist nämlich
+die Spekulation direkt auf den »großen Kladderadatsch«, auf die soziale
+Revolution nur ein äußeres und unwesentliches Merkmal. Wesentlich ist
+dabei die ganze abstrakte, unhistorische Betrachtung des Massenstreiks,
+wie überhaupt aller Bedingungen des proletarischen Kampfes. Für den
+Anarchisten existieren als stoffliche Voraussetzungen seiner
+»revolutionären« Spekulationen lediglich zwei Dinge: zunächst die blaue
+Luft und dann der gute Wille und der Mut, die Menschheit aus dem
+heutigen kapitalistischen Jammertal zu erretten. In der blauen Luft
+ergab sich aus dem Raisonnement schon vor 60 Jahren, dass der
+Massenstreik das kürzeste, sicherste und leichteste Mittel ist, um den
+Sprung ins bessere soziale Jenseits auszuführen. In derselben blauen
+Luft ergibt sich neuerdings aus der Spekulation, dass der
+gewerkschaftliche Kampf die einzige wirkliche »direkte Aktion der
+Massen« und also der einzige revolutionäre Kampf ist -- dies bekanntlich
+die neueste Schrulle der französischen und italienischen
+»Syndikalisten«. Das Fatale für den Anarchismus war dabei stets, daß
+die in der blauen Luft improvisierten Kampfmethoden nicht bloß eine
+Rechnung ohne den Wirt, das heißt reine Utopien waren, sondern daß sie,
+weil sie eben mit der verachteten, schlechten Wirklichkeit gar nicht
+rechneten, in dieser schlechten Wirklichkeit meistens aus revolutionären
+Spekulationen unversehens zu praktischen Helferdiensten für die Reaktion
+wurden.
+
+Auf demselben Boden der abstrakten, unhistorischen Betrachtungsweise
+stehen aber heute diejenigen, die den Massenstreik nächstens in
+Deutschland auf dem Wege eines Vorstandsbeschlusses auf einen bestimmten
+Kalendertag ansetzen möchten, wie auch diejenigen, die, wie die
+Teilnehmer des Kölner Gewerkschaftskongresses, durch ein Verbot des
+»Propagierens« das Problem des Massenstreiks aus der Welt schaffen
+wollen. Beide Richtungen gehen von der gemeinsamen, rein anarchistischen
+Vorstellung aus, daß der Massenstreik ein bloßes technisches Kampfmittel
+ist, das nach Belieben und nach bestem Wissen und Gewissen »beschlossen«
+oder auch »verboten« werden könne, eine Art Taschenmesser, das man in
+der Tasche »für alle Fälle« zusammengeklappt bereit halten oder auch
+nach Beschluß aufklappen und gebrauchen kann. Zwar nehmen gerade die
+Gegner des Massenstreiks für sich das Verdienst in Anspruch, den
+geschichtlichen Boden und die materiellen Bedingungen der heutigen
+Situation in Deutschland in Betracht zu ziehen, im Gegensatz zu den
+»Revolutionsromantikern«, die in der Luft schweben und partout nicht mit
+der harten Wirklichkeit und ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten
+rechnen wollen. »Tatsachen und Zahlen, Zahlen und Tatsachen!« rufen sie
+wie Mr. Gradgrind in Dickens' »Harte Zeiten«. Was die gewerkschaftlichen
+Gegner des Massenstreiks unter »geschichtlichem Boden« und »materiellen
+Bedingungen« verstehen, sind zweierlei Momente: einerseits die Schwäche
+des Proletariats, anderseits die Kraft des preußisch-deutschen
+Militarismus. Die ungenügenden Arbeiterorganisationen und Kassenbestände
+und die imponierenden preußischen Bajonette, das sind die »Tatsachen und
+Zahlen«, auf denen diese gewerkschaftlichen Führer ihre praktische
+Politik im gegebenen Falle basieren. Nun sind freilich gewerkschaftliche
+Kassen sowie preußische Bajonette zweifellos sehr materielle und auch
+sehr historische Erscheinungen, allein die darauf basierte Auffassung
+ist kein historischer Materialismus im Sinne von Marx, sondern ein
+polizeilicher Materialismus im Sinne Puttkamers. Auch die Vertreter des
+kapitalistischen Polizeistaats rechnen sehr, und zwar ausschließlich mit
+der jeweiligen tatsächlichen Macht des organisierten Proletariats, sowie
+mit der materiellen Macht der Bajonette, und aus dem vergleichenden
+Exempel dieser beiden Zahlenreihen wird noch immer der beruhigende
+Schluß gezogen: die revolutionäre Arbeiterbewegung wird von einzelnen
+Wühlern und Hetzern erzeugt, #ergo# haben wir in den Gefängnissen und
+den Bajonetten ein ausreichendes Mittel, um der unliebsamen
+»vorübergehenden Erscheinung« Herr zu werden.
+
+Die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft hat längst das Humoristische
+der polizeilichen Theorie begriffen, als sei die ganze moderne
+Arbeiterbewegung ein künstliches, willkürliches Produkt einer handvoll
+gewissenloser »Wühler und Hetzer«.
+
+Es ist aber genau dieselbe Auffassung, die darin zum Ausdruck kommt,
+wenn sich ein paar brave Genossen zu einer freiwilligen
+Nachtwächterkolonne zusammentun, um die deutsche Arbeiterschaft vor dem
+gefährlichen Treiben einiger »Revolutionsromantiker« und ihrer
+»Propaganda des Massenstreiks« zu warnen; oder wenn auf der anderen
+Seite eine larmoyante Entrüstungskampagne von denjenigen inszeniert
+wird, die sich durch irgendwelche »vertraulichen« Abmachungen des
+Parteivorstandes mit der Generalkommission der Gewerkschaften um den
+Ausbruch des Massenstreiks in Deutschland betrogen glauben. Käme es auf
+die zündende »Propaganda« der Revolutionsromantiker oder auf
+vertrauliche oder öffentliche Beschlüsse der Parteileitungen an, dann
+hätten wir bis jetzt in Rußland keinen einzigen ernsten Massenstreik. In
+keinem Lande dachte man -- wie ich bereits im März 1905 in der »Sächs.
+Arbeiterzeitung« hervorgehoben habe -- so wenig daran, den Massenstreik
+zu »propagieren« oder selbst zu »diskutieren« wie in Rußland. Und die
+vereinzelten Beispiele von Beschlüssen und Abmachungen des russischen
+Parteivorstandes, die wirklich den Massenstreik aus freien Stücken
+proklamieren sollten, wie z. B. der letzte Versuch im August dieses
+Jahres nach der Duma-Auflösung, sind fast gänzlich gescheitert. Wenn uns
+also die russische Revolution etwas lehrt, so ist es vor allem, daß der
+Massenstreik nicht künstlich »gemacht«, nicht ins Blaue hinein
+»beschlossen«, nicht »propagiert« wird, sondern daß er eine historische
+Erscheinung ist, die sich in gewissem Moment aus den sozialen
+Verhältnissen mit geschichtlicher Notwendigkeit ergibt.
+
+Nicht durch abstrakte Spekulationen also über die Möglichkeit oder
+Unmöglichkeit, den Nutzen oder die Schädlichkeit des Massenstreiks,
+sondern durch die Erforschung derjenigen Momente und derjenigen sozialen
+Verhältnisse, aus denen der Massenstreik in der gegenwärtigen Phase des
+Klassenkampfes erwächst, mit anderen Worten: nicht durch _subjektive
+Beurteilung_ des Massenstreiks vom Standpunkte des Wünschbaren, sondern
+durch _objektive Untersuchung_ der Quellen des Massenstreiks vom
+Standpunkte des geschichtlich Notwendigen kann das Problem allein erfaßt
+und auch diskutiert werden.
+
+In der freien Luft der abstrakten logischen Analyse läßt sich die
+absolute Unmöglichkeit und die sichere Niederlage, sowie die vollkommene
+Möglichkeit und der zweifellose Sieg des Massenstreiks mit genau
+derselben Kraft beweisen. Und deshalb ist der Wert der Beweisführung in
+beiden Fällen derselbe, nämlich gar keiner. Daher ist auch insbesondere
+die Furcht vor dem »Propagieren« des Massenstreiks, die sogar zu
+förmlichen Bannflüchen gegen die vermeintlichen Schuldigen dieses
+Verbrechens geführt hat, lediglich das Produkt eines drolligen
+Quiproquo. Es ist genau so unmöglich, den Massenstreik als abstraktes
+Kampfmittel zu »propagieren«, wie es unmöglich ist, die »Revolution« zu
+propagieren. »Revolution« wie »Massenstreik« sind Begriffe, die selbst
+bloß eine äußere Form des Klassenkampfes bedeuten, die nur im
+Zusammenhang mit ganz bestimmten politischen Situationen Sinn und Inhalt
+haben.
+
+Wollte es jemand unternehmen, den Massenstreik überhaupt als eine Form
+der proletarischen Aktion zum Gegenstand einer regelrechten Agitation zu
+machen, mit dieser »Idee« hausieren zu gehen, um für sie die
+Arbeiterschaft nach und nach zu gewinnen, so wäre das eine ebenso müßige
+aber auch ebenso öde und abgeschmackte Beschäftigung, wie wenn jemand
+die Idee der Revolution oder des Barrikadenkampfes zum Gegenstand einer
+besonderen Agitation machen wollte. Der Massenstreik ist jetzt zum
+Mittelpunkt des lebhaften Interesses der deutschen und der
+internationalen Arbeiterschaft geworden, weil er eine neue Kampfform und
+als solche das sichere Symptom eines tiefgehenden inneren Umschwunges in
+den Klassenverhältnissen und den Bedingungen des Klassenkampfes
+bedeutet. Es zeugt von dem gesunden revolutionären Instinkt und der
+lebhaften Intelligenz der deutschen Proletariermasse, daß sie sich --
+ungeachtet des hartnäckigen Widerstandes ihrer Gewerkschaftsführer --
+mit so warmem Interesse dem neuen Problem zuwendet. Allein diesem
+Interesse, dem edlen intellektuellen Durst und revolutionären Tatendrang
+der Arbeiter kann man nicht dadurch entsprechen, daß man sie mit
+abstrakter Hirngymnastik über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des
+Massenstreiks traktiert, sondern dadurch, daß man ihnen die Entwicklung
+der russischen Revolution, die internationale Bedeutung dieser
+Revolution, die Verschärfung der Klassengegensätze in Westeuropa, die
+weiteren politischen Perspektiven des Klassenkampfes in Deutschland, die
+Rolle und die Aufgaben der Masse in den kommenden Kämpfen klar macht.
+Nur in dieser Form wird die Diskussion über den Massenstreik dazu
+führen, den geistigen Horizont des Proletariats zu erweitern, sein
+Klassenbewußtsein zu schärfen, seine Denkweise zu vertiefen und seine
+Tatkraft zu stählen.
+
+Steht man aber auf diesem Standpunkte, dann erscheint in seiner ganzen
+Lächerlichkeit auch der Strafprozeß, der von den Gegnern der
+»Revolutionsromantik« gemacht wird, weil man sich bei der Behandlung des
+Problems nicht genau an den Wortlaut der Jenaer Resolution halte. Mit
+dieser Resolution geben sich die »praktischen Politiker« allenfalls noch
+zufrieden, weil sie den Massenstreik hauptsächlich mit den Schicksalen
+des allgemeinen Wahlrechts verkoppelt, woraus sie zweierlei folgern zu
+können glauben: erstens, daß dem Massenstreik ein rein defensiver
+Charakter bewahrt, zweitens, daß der Massenstreik selbst dem
+Parlamentarismus untergeordnet, in ein bloßes Anhängsel des
+Parlamentarismus verwandelt wird. Der wahre Kern der Jenaer Resolution
+liegt aber in dieser Beziehung darin, daß bei der gegenwärtigen Lage in
+Deutschland ein Attentat der herrschenden Reaktion auf das
+Reichstagswahlrecht höchst wahrscheinlich das Einleitungsmoment und das
+Signal zu jener Periode stürmischer politischer Kämpfe abgeben dürfte,
+in denen der Massenstreik als Kampfmittel in Deutschland wohl zuerst
+in Anwendung kommen wird. Allein die soziale Tragweite und den
+geschichtlichen Spielraum des Massenstreiks als Erscheinung und
+als Problem des Klassenkampfes durch den Wortlaut einer
+Parteitagsresolution einengen und künstlich abstecken zu wollen, ist
+ein Unternehmen, das an Kurzsichtigkeit jenem Diskussionsverbot des
+Kölner Gewerkschaftskongresses gleichkommt. In der Resolution des Jenaer
+Parteitages hat die deutsche Sozialdemokratie von dem durch die
+russische Revolution in den internationalen Bedingungen des
+proletarischen Klassenkampfes vollzogenen tiefen Umschwung offiziell Akt
+genommen und ihre revolutionäre Entwicklungsfähigkeit, ihre
+Anpassungsfähigkeit an die neuen Anforderungen der kommenden Phase der
+Klassenkämpfe bekundet. Darin liegt die Bedeutung der Jenaer Resolution.
+Was die praktische Anwendung des Massenstreiks in Deutschland betrifft,
+darüber wird die Geschichte entscheiden, wie sie darüber in Rußland
+entschieden hat, die Geschichte, in der die Sozialdemokratie mit ihren
+Entschlüssen allerdings ein wichtiger Faktor, aber bloß _ein_ Faktor
+unter vielen ist.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Der Massenstreik, wie er meistens in der gegenwärtigen Diskussion in
+Deutschland vorschwebt, ist eine sehr klar und einfach gedachte, scharf
+umrissene Einzelerscheinung. Es wird ausschließlich vom politischen
+Massenstreik gesprochen. Es wird dabei an einen einmaligen grandiosen
+Ausstand des Industrieproletariats gedacht, der aus einem politischen
+Anlaß von höchster Tragweite unternommen, und zwar auf Grund einer
+rechtzeitigen gegenseitigen Verständigung der Partei- und der
+gewerkschaftlichen Instanzen unternommen, dann im Geiste der Disziplin
+in größter Ordnung durchgeführt und in noch schönster Ordnung auf
+rechtzeitig gegebene Losung der leitenden Instanzen abgebrochen wird,
+wobei die Regelung der Unterstützungen, der Kosten, der Opfer, mit einem
+Wort die ganze materielle Bilanz des Massenstreiks im voraus genau
+bestimmt wird.
+
+Wenn wir nun dieses theoretische Schema mit dem wirklichen Massenstreik
+vergleichen, wie er in Rußland seit fünf Jahren auftritt, so müssen wir
+sagen, daß der Vorstellung, die in der deutschen Diskussion im
+Mittelpunkt steht, fast kein einziger von den vielen Massenstreiks
+entspricht, die stattgefunden haben, und daß anderseits die
+Massenstreiks in Rußland eine solche Mannigfaltigkeit der
+verschiedensten Spielarten aufweisen, daß es ganz unmöglich ist, von
+»dem« Massenstreik, von einem abstrakten schematischen Massenstreik zu
+sprechen. Alle Momente des Massenstreiks sowie sein Charakter sind nicht
+bloß verschieden in verschiedenen Städten und Gegenden des Reiches,
+sondern vor allem hat sich ihr allgemeiner Charakter mehrmals im Laufe
+der Revolution geändert. Die Massenstreiks haben in Rußland eine
+bestimmte Geschichte durchgemacht, und sie machen sie noch weiter durch.
+Wer also vom Massenstreik in Rußland redet, muß vor allem seine
+Geschichte ins Auge fassen.
+
+Die jetzige sozusagen offizielle Periode der russischen Revolution wird
+mit vollem Recht von der Erhebung des Petersburger Proletariats am 22.
+Januar 1905, von jenem Zuge der 200 000 Arbeiter vor das Zarenschloß
+datiert, der mit einem furchtbaren Blutbade endete. Das blutige Massacre
+in Petersburg war bekanntlich das Signal zum Ausbruch der ersten
+Riesenserie von Massenstreiks, die sich binnen weniger Tage über das
+gesamte Rußland gewälzt und den Sturmruf der Revolution aus Petersburg
+in alle Winkel des Reiches und in die breitesten Schichten des
+Proletariats getragen haben. Die Petersburger Erhebung vom 22. Januar
+war aber auch nur der äußerste Moment eines Massenstreiks, der vorher
+das Proletariat der Zarenhauptstadt im Januar 1905 ergriffen hatte.
+Dieser Januar-Massenstreik in Petersburg spielte sich nun zweifellos
+unter dem unmittelbaren Eindruck jenes riesenhaften Generalstreiks ab,
+der kurz vorher, im Dezember 1904, im Kaukasus, in Baku, ausgebrochen
+war und eine Weile lang ganz Rußland im Atem hielt. Die
+Dezemberereignisse in Baku waren aber ihrerseits nichts anderes, als an
+letzter und kräftiger Ausläufer jener gewaltigen Massenstreiks, die wie
+ein periodisches Erdbeben in den Jahren 1903 und 1904 ganz Südrußland
+erschütterten und deren Prolog der Massenstreik in Batum (im Kaukasus)
+im März 1902 war. Diese erste Massenstreikbewegung in der fortlaufenden
+Kette der jetzigen revolutionären Eruptionen ist endlich nur um fünf bis
+sechs Jahre von dem großen Generalstreik der Petersburger Textilarbeiter
+in den Jahren 1896 und 1897 entfernt, und wenn diese Bewegung äußerlich
+von der heutigen Revolution durch einige Jahre scheinbaren Stillstands
+und starrer Reaktion getrennt scheint, so wird doch jeder, der die
+innere politische Entwicklung des russischen Proletariats bis zu der
+heutigen Stufe seines Klassenbewußtseins und seiner revolutionären
+Energie kennt, die Geschichte der jetzigen Periode der Massenkämpfe mit
+jenen Petersburger Generalstreiks beginnen. Sie sind für das Problem des
+Massenstreiks schon deshalb wichtig, weil sie bereits alle Hauptmomente
+der späteren Massenstreiks im Keime enthalten.
+
+Zunächst erscheint der Petersburger Generalstreik des Jahres 1896 als
+ein rein ökonomischer partieller Lohnkampf. Seine Ursachen waren die
+unerträglichen Arbeitsbedingungen der Spinner und Weber Petersburgs:
+eine 13-, 14- und 15stündige Arbeitszeit, erbärmliche Akkordlöhne und
+eine ganze Musterkarte nichtswürdiger Unternehmerschikanen. Allein diese
+Lage ertrugen die Textilarbeiter lange geduldig, bis ein scheinbar
+winziger Umstand das Maß zum Überlaufen gebracht hat. Im Jahre 1896 im
+Mai wurde nämlich die zwei Jahre lang aus Angst vor den Revolutionären
+hinausgeschobene Krönung des heutigen Zaren Nikolaus II. abgehalten,
+und aus diesem Anlaß bezeugten die Petersburger Unternehmer ihren
+patriotischen Eifer dadurch, dass sie ihren Arbeitern drei Tage
+Zwangsferien auferlegten, wobei sie jedoch merkwürdigerweise für diese
+Tage die Löhne nicht auszahlen wollten. Die dadurch aufgebrachten
+Textilarbeiter kamen in Bewegung. Nach einer Beratung von za. 800 der
+aufgeklärtesten Arbeiter im Jekaterinenhofer Garten wurde der Streik
+beschlossen und die Forderungen formuliert: 1. Auszahlung der Löhne für
+die Krönungstage; 2. zehneinhalbstündige Arbeitszeit; 3. Erhöhung der
+Akkordlöhne. Dies geschah am 24. Mai. Nach einer Woche standen
+_sämtliche_ Webereien und Spinnereien still, und 40 000 Arbeiter waren
+im Generalstreik. Heute mag dieses Ereignis, an den gewaltigen
+Massenstreiks der Revolution gemessen, als eine Kleinigkeit erscheinen.
+In der politischen Eisstarre des _damaligen_ Rußlands war ein
+Generalstreik etwas Unerhörtes, er war selbst eine ganze Revolution im
+kleinen. Es begannen selbstverständlich die brutalsten Verfolgungen, za.
+1000 Arbeitet wurden verhaftet und nach der Heimat abgeschoben, und der
+Generalstreik wurde unterdrückt.
+
+Bereits hier sehen wir alle Grundzüge der späteren Massenstreiks. Der
+nächste Anlaß der Bewegung war ein ganz zufälliger, ja untergeordneter,
+ihr Ausbruch ein elementarer; aber in dem Zustandekommen der Bewegung
+zeigten sich die Früchte der mehrjährigen Agitation der
+Sozialdemokratie, und im Laufe des Generalstreiks standen die
+sozialdemokratischen Agitatoren an der Spitze der Bewegung, leiteten und
+benutzten sie zur regen revolutionären Agitation. Ferner: Der Streik war
+äußerlich ein bloßer ökonomischer Lohnkampf, allein die Stellung der
+Regierung sowie die Agitation der Sozialdemokratie haben ihn zu einer
+politischen Erscheinung ersten Ranges gemacht. Und endlich: Der Streik
+wurde unterdrückt, die Arbeiter erlitten eine »Niederlage«. Aber bereits
+im Januar des folgenden Jahres, 1897, wiederholten die Petersburger
+Textilarbeiter nochmals den Generalstreik und errangen diesmal
+einen hervorragenden Erfolg: die gesetzliche Einführung des
+elfeinhalbstündigen Arbeitstages in ganz Rußland. Was jedoch ein viel
+wichtigeres Ergebnis war: seit jenem ersten Generalstreik des Jahres
+1896, der ohne eine Spur von Organisation und von Streikkassen
+unternommen war, beginnt im eigentlichen Rußland ein intensiver
+gewerkschaftlicher Kampf, der sich bald aus Petersburg auf das übrige
+Land verbreitet und der sozialdemokratischen Agitation und Organisation
+ganz neue Aussichten eröffnet, damit aber in der scheinbaren
+Kirchhofsruhe der folgenden Periode durch unsichtbare Maulwurfsarbeit
+die proletarische Revolution vorbereitet.
+
+Der Ausbruch des kaukasischen Streiks im März des Jahres 1902 war
+anscheinend ebenso zufällig und von rein ökonomischen, partiellen, wenn
+auch ganz anderen Momenten erzeugt, wie jener vom Jahre 1896. Er hängt
+mit der schweren Industrie- und Handelskrise zusammen, die in Rußland
+die Vorgängerin des japanischen Krieges und mit ihm zusammen der
+mächtigste Faktor der beginnenden revolutionären Gährung war. Die Krise
+erzeugte eine enorme Arbeitslosigkeit, die in der proletarischen Masse
+die Agitation nährte, deshalb unternahm es die Regierung, zur Beruhigung
+der Arbeiterklasse die »überflüssigen Hände« nach ihren entsprechenden
+Heimatsorten per Schub zu transportieren. Eine solche Maßnahme eben, die
+za. 400 Petroleumarbeiter betreffen sollte, rief in Batum einen
+Massenprotest hervor, der zu Demonstrationen, Verhaftungen, einem
+Massacre und schließlich zu einem politischen Prozeß führte, in dem
+plötzlich die rein ökonomische, partielle Angelegenheit zum politischen
+und revolutionären Ereignis wurde. Der Widerhall des ganz »resultatlos«
+verlaufenen und niedergeschlagenen Streiks in Batum war eine Reihe
+revolutionärer Massendemonstrationen der Arbeiter in Nischni-Nowgorod,
+in Saratow, in anderen Städten, also ein kräftiger Vorstoß für die
+allgemeine Welle der revolutionären Bewegung.
+
+Bereits im November 1902 folgt der erste echt revolutionäre Nachhall in
+Gestalt eines Generalstreiks in _Rostow_ am Don. Den Anstoß zu dieser
+Bewegung gaben Lohndifferenzen in den Werkstätten der Wladikaukasischen
+Eisenbahn. Die Verwaltung wollte die Löhne herabsetzen, darauf gab das
+Donsche Komitee der Sozialdemokratie einen Aufruf heraus, mit der
+Aufforderung zum Streik um folgende Forderungen: Neunstundentag,
+Lohnaufbesserung, Abschaffung der Strafen, Entlassung unbeliebter
+Ingenieure &c. Sämtliche Eisenbahnwerkstätten traten in den Ausstand.
+Ihnen schlossen sich alsbald alle anderen Berufe an, und plötzlich
+herrschte in Rostow ein nie dagewesener Zustand: jede gewerbliche Arbeit
+ruht, dafür werden Tag für Tag Monstre-Meetings von 15 000 bis 20 000
+Arbeitern im Freien abgehalten, manchmal umzingelt von einem Kordon
+Kosaken, wobei zum ersten Male sozialdemokratische Volksredner offen
+auftreten, zündende Reden über Sozialismus und politische Freiheit
+gehalten und mit ungeheurer Begeisterung aufgenommen, revolutionäre
+Aufrufe in Zehntausenden von Exemplaren verbreitet werden. Mitten in dem
+starren absolutistischen Rußland erobert das Proletariat Rostows zum
+ersten Male sein Versammlungsrecht, seine Redefreiheit im Sturm.
+Freilich geht es auch hier nicht ohne ein Massacre ab. Die
+Lohndifferenzen der Wladikaukasischen Eisenbahnwerkstätten haben sich in
+wenigen Tagen zu einem politischen Generalstreik und zu einer
+revolutionären Straßenschlacht ausgewachsen. Als Nachklang erfolgte
+sofort noch ein Generalstreik auf der Station _Tichoretzkaja_ derselben
+Eisenbahnlinie. Auch hier kam es zu einem Massacre, ferner zu einem
+Prozeß, und auch Tichoretzkaja hat sich als Episode gleichfalls in die
+unzertrennliche Kette der Revolutionsmomente eingeflochten.
+
+Der Frühling 1903 gibt die Antwort auf die niedergeschlagenen Streiks in
+Rostow und Tichoretzkaja: der ganze Süden Rußlands steht im Mai, Juni
+und Juli in Flammen. _Baku_, _Tiflis_, _Batum_, _Jelissawetgrad_,
+_Odessa_, _Kijew_, _Nikolajew_, _Jekaterinoslaw_ stehen im Generalstreik
+im buchstäblichen Sinne. Aber auch hier entsteht die Bewegung nicht nach
+irgend einem vorgefaßten Plan aus einem Zentrum, sie fließt zusammen aus
+einzelnen Punkten, in jedem aus anderen Anlässen, in anderen Formen. Den
+Anfang macht _Baku_, wo mehrere partielle Lohnkämpfe einzelner Fabriken
+und Branchen endlich in einen Generalstreik ausmünden. In _Tiflis_
+beginnen den Streik 2000 Handelsangestellte, die eine Arbeitszeit von 6
+Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends hatten; sie verlassen alle am 4. Juli um 8
+Uhr Abends die Läden und machen einen Umzug durch die Stadt, um die
+Ladeninhaber zur Schließung der Geschäfte aufzufordern. Der Sieg ist ein
+vollständiger: die Handelsangestellten erringen eine Arbeitszeit von 8
+bis 8 und ihnen schließen sich sofort alle Fabriken, Werkstätten,
+Bureaux an. Die Zeitungen erscheinen nicht, der Trambahnverkehr kann nur
+unter dem Schutze des Militärs stattfinden. -- In _Jelissawetgrad_
+beginnt am 10. Juli in allen Fabriken der Streik mit rein ökonomischen
+Forderungen. Sie werden meistens bewilligt, und am 14. Juli hört der
+Streik auf. Allein zwei Wochen später bricht er wieder aus; diesmal
+geben die Bäcker die Parole, ihnen folgen die Steinarbeiter, Tischler,
+Färber, Mühlenarbeiter und schließlich wieder alle Fabrikarbeiter. -- In
+_Odessa_ beginnt die Bewegung mit einem Lohnkampfe, in den der von
+Regierungsagenten nach dem Programm des berühmten Gendarmen _Subatow_
+gegründete »legale« Arbeiterverein verwickelt wurde. Die geschichtliche
+Dialektik hat wieder Gelegenheit genommen, einen ihrer hübschen
+boshaften Streiche auszuführen: Die ökonomischen Kämpfe der früheren
+Periode -- darunter der große Petersburger Generalstreik von 1896 --
+hatten die russische Sozialdemokratie zur Übertreibung des sogen.
+»Ökonomismus« verleitet, wodurch sie in der Arbeiterschaft für das
+demagogische Treiben des Subatow den Boden bereitet hatte. Nach einer
+Weile drehte aber der große revolutionäre Strom das Schifflein mit der
+falschen Flagge um und zwang es, gerade an der Spitze der revolutionären
+proletarischen Flottille zu schwimmen. Die Subatowschen Vereine gaben im
+Frühling 1904 die Parole zu dem großen Generalstreik in Odessa, wie im
+Januar 1905 zu dem Generalstreik in Petersburg. Die Arbeiter in Odessa,
+die in den Wahn von der aufrichtigen Arbeiterfreundlichkeit der
+Regierung und ihrer Sympathie für rein ökonomischen Kampf gewiegt
+wurden, wollten plötzlich eine Probe aufs Exempel machen und zwangen den
+Subatowschen »Arbeiterverein«, in einer Fabrik den Streik um
+bescheidenste Forderungen zu erklären. Sie wurden darauf vom Unternehmer
+einfach aufs Pflaster gesetzt, und als sie von dem Leiter ihres Vereins
+den versprochenen obrigkeitlichen Schutz forderten, verduftete der Herr
+und ließ die Arbeiter in wilder Gärung zurück. Alsbald stellten sich die
+Sozialdemokraten an die Spitze und die Streikbewegung sprang auf andere
+Fabriken über. Am 1. Juli streiken 2500 Eisenbahnarbeiter, am 4. Juli
+treten die Hafenarbeiter in den Streik um eine Erhöhung der Löhne von 80
+Kopeken auf 2 Rubel und Verkürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde.
+Am 6. Juli schließen sich die Seeleute der Bewegung an. Am 13. Juli
+beginnt der Ausstand des Trambahnpersonals. Nun findet eine Versammlung
+sämtlicher Streikenden, 7-8000 Mann, statt; es bildet sich ein Zug, der
+von Fabrik zu Fabrik geht und, lawinenartig anwachsend, schon als eine
+40-50 000köpfige Menge sich zum Hafen begibt, um hier jede Arbeit zum
+Stillstand zu bringen. Bald herrscht in der ganzen Stadt der
+Generalstreik. -- _In Kijew_ beginnt am 21. Juli der Ausstand in den
+Eisenbahnwerkstätten. Auch hier ist der nächste Anlaß miserable
+Arbeitsbedingungen, und es werden Lohnforderungen aufgestellt. Am
+anderen Tage folgen dem Beispiel die Gießereien. Am 23. Juli passiert
+darauf ein Zwischenfall, der das Signal zum Generalstreik gibt. In der
+Nacht wurden zwei Delegierte der Eisenbahnarbeiter verhaftet; die
+Streikenden fordern sofort ihre Freilassung, und als dies nicht erfüllt
+wird, beschließen sie, die Eisenbahnzüge nicht aus der Stadt
+herauszulassen. Am Bahnhof setzen sich auf den Schienenstrang sämtliche
+Streikende mit Weib und Kind -- ein Meer von Menschenköpfen. Man droht
+mit Gewehrsalven. Die Arbeiter entblößen darauf ihre Brust und rufen:
+»Schießt!« Eine Salve wird auf die wehrlose, sitzende Menge abgefeuert
+und 30-40 Leichen, darunter Frauen und Kinder, bleiben auf dem Platze
+liegen. Auf diese Kunde erhebt sich am gleichen Tage ganz Kijew zum
+Streik. Die Leichen der Ermordeten werden von der Menge emporgehoben und
+in einem Massenzug herumgetragen. Versammlungen, Reden, Verhaftungen,
+einzelne Straßenkämpfe -- Kijew steht mitten in der Revolution. Die
+Bewegung geht bald zu Ende; dabei haben aber die Buchdrucker eine
+Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und eine Lohnerhöhung um einen
+Rubel gewonnen; in einer Hefefabrik ist der Achtstundentag eingeführt
+worden; die Eisenbahnwerkstätten wurden auf Beschluß des Ministeriums
+geschlossen; andere Branchen führten partielle Streiks um ihre
+Forderungen weiter. -- _In Nikolajew_ bricht der Generalstreik unter dem
+unmittelbaren Eindruck der Nachrichten aus Odessa, Baku, Batum und
+Tiflis aus, trotz des Widerstandes des sozialdemokratischen Komitees,
+das den Ausbruch der Bewegung auf den Zeitpunkt hinausschieben wollte,
+wo das Militär zum Manöver aus der Stadt ziehen sollte. Die Masse ließ
+sich nicht zurückhalten; eine Fabrik machte den Anfang, die Streikenden
+gingen von einer Werkstatt zur anderen, der Widerstand des Militärs goß
+nur Öl ins Feuer. Bald bildeten sich Massenumzüge mit revolutionärem
+Gesang, die alle Arbeiter, Angestellten, Trambahnbedienstete, Männer und
+Frauen, mitrissen. Die Arbeitsruhe war eine vollkommene. -- In
+_Jekaterinoslaw_ beginnen am 5. August die Bäcker, am 7. die Arbeiter
+der Eisenbahnwerkstätte, darauf alle anderen Fabriken den Streik; am 8.
+August hört der Trambahnverkehr auf, die Zeitungen erscheinen nicht. --
+So kam der grandiose Generalstreik Südrußlands im Sommer 1903 zu stande.
+Aus vielen kleinen Kanälen partieller ökonomischer Kämpfe und kleiner
+»zufälliger« Vorgänge floß er rasch zu einem gewaltigen Meer zusammen
+und verwandelte den ganzen Süden des Zarenreichs für einige Wochen in
+eine bizarre, revolutionäre Arbeiterrepublik. »Brüderliche Umarmungen,
+Rufe des Entzückens und der Begeisterung, Freiheitslieder, frohes
+Gelächter, Humor und Freude hörte man in der vieltausendköpfigen Menge,
+die von Morgen bis Abend in der Stadt wogte. Die Stimmung war eine
+gehobene; man konnte beinahe glauben, daß ein neues, besseres Leben auf
+Erden beginnt. Ein tiefernstes und zugleich idyllisches, rührendes
+Bild«... So schrieb damals der Korrespondent im liberalen »Oswoboshdenje«
+des Herrn Peter v. Struve.
+
+Das Jahr 1904 brachte gleich im Anfang den Krieg und für eine Weile eine
+Ruhepause in der Massenstreikbewegung mit sich. Zuerst ergoß sich eine
+trübe Welle polizeilich veranstalteter »patriotischer« Demonstrationen
+über das Land. Die »liberale« bürgerliche Gesellschaft wurde vorerst von
+dem zarisch-offiziellen Chauvinismus ganz zu Boden geschmettert. Doch
+nimmt die Sozialdemokratie bald den Kampfplatz wieder in Besitz; den
+polizeilichen Demonstrationen des patriotischen Lumpenproletariats
+werden revolutionäre Arbeiterdemonstrationen entgegengestellt. Endlich
+wecken die schmählichen Niederlagen der zarischen Armee auch die
+liberale Gesellschaft aus der Betäubung; es beginnt die Ära liberaler
+und demokratischer Kongresse, Bankette, Reden, Adressen und Manifeste.
+Der durch die Schmach des Krieges zeitweilig erdrückte Absolutismus läßt
+in seiner Zerfahrenheit die Herren gewähren, und sie sehen bereits den
+Himmel voller liberaler Geigen. Für ein halbes Jahr nimmt der
+bürgerliche Liberalismus die politische Vorderbühne in Besitz, das
+Proletariat tritt in den Schatten. Allein nach längerer Depression rafft
+sich der Absolutismus seinerseits wieder auf, die Kamarilla sammelt ihre
+Kräfte und durch ein einziges kräftiges Aufstampfen des Kosakenstiefels
+wird die ganze liberale Aktion im Dezember ins Mauseloch gejagt. Die
+Bankette, Reden, Kongresse werden kurzerhand als eine »freche Anmaßung«
+verboten und der Liberalismus sieht sich plötzlich am Ende seines
+Lateins. Aber genau dort, wo dem Liberalismus der Faden ausgegangen ist,
+beginnt die Aktion des Proletariats. Im Dezember 1904 bricht auf dem
+Boden der Arbeitslosigkeit der grandiose Generalstreik in _Baku_ aus:
+Die Arbeiterklasse ist wieder auf dem Kampfplatz. Als das Reden verboten
+wurde und verstummte, begann wieder das Handeln. In Baku herrschte
+während einiger Wochen mitten im Generalstreik die Sozialdemokratie als
+unumschränkte Herrin der Lage, und die eigenartigen Ereignisse des
+Dezembers im Kaukasus hätten ein ungeheures Aufsehen erregt, wenn sie
+nicht so rapid von der steigenden Woge der Revolution übertroffen worden
+wären, die sie selbst aufgepeitscht hatten. Noch waren die
+phantastischen, unklaren Nachrichten von dem Generalstreik in Baku nicht
+in alle Enden des Zarenreichs gelangt, als im Januar 1905 der
+Massenstreik in _Petersburg_ ausbrach.
+
+Auch hier war der Anlaß bekanntlich ein winziger. Zwei Arbeiter der
+Putilow-Werke wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zum legalen Subatowschen
+Verein entlassen. Diese Maßregelung rief am 16. Januar einen
+Solidaritätsstreik sämtlicher 12 000 Arbeiter dieser Werke hervor. Die
+Sozialdemokraten begannen aus Anlaß des Streiks eine rege Agitation um
+die Erweiterung der Forderungen und setzten die Forderung des
+Achtstundentages, des Koalitionsrechts, der Rede- und Preßfreiheit usw.
+durch. Die Gärung der Putilowschen Arbeiter teilte sich rasch dem
+übrigen Proletariat mit, und in wenigen Tagen standen 140 000 Arbeiter
+im Streik. Gemeinsame Beratungen und stürmische Diskussionen führten zur
+Ausarbeitung jener proletarischen Charte der bürgerlichen Freiheiten mit
+dem Achtstundentag an der Spitze, womit am 22. Januar 200 000 Arbeiter,
+von dem Priester Gapon geführt, vor das Zarenschloß zogen. Der Konflikt
+der zwei gemaßregelten Putilow-Arbeiter hat sich binnen einer Woche in
+den Prolog der gewaltigsten Revolution der Neuzeit verwandelt.
+
+Die zunächst darauffolgenden Ereignisse sind bekannt: Das Petersburger
+Blutbad hat im Januar und Februar in sämtlichen Industriezentren und
+Städten Rußlands, Polens, Litauens, der baltischen Provinzen, des
+Kaukasus, Sibiriens, vom Norden bis zum Süden, vom Westen bis zum Osten
+riesenhafte Massenstreiks und Generalstreiks hervorgerufen. Allein bei
+näherem Zusehen treten jetzt die Massenstreiks in anderen Formen auf,
+als in der bisherigen Periode. Diesmal gingen überall die
+sozialdemokratischen Organisationen mit Aufrufen voran; überall war die
+revolutionäre Solidarität mit dem Petersburger Proletariat ausdrücklich
+als Grund und Zweck des Generalstreiks bezeichnet; überall gab es
+zugleich Demonstrationen, Reden, Kämpfe mit dem Militär. Doch auch hier
+war von einem vorgefaßten Plan, einer organisierten Aktion keine Rede,
+denn die Aufrufe der Parteien vermochten kaum, mit den spontanen
+Erhebungen der Masse Schritt zu halten; die Leiter hatten kaum Zeit, die
+Losungen der vorausstürmenden Proletariermenge zu formulieren. Ferner:
+Die früheren Massen- und Generalstreiks entstanden aus einzelnen
+zusammenfließenden Lohnkämpfen, die in der allgemeinen Stimmung der
+revolutionären Situation und unter dem Eindruck der sozialdemokratischen
+Agitation rapid zu politischen Kundgebungen wurden; das ökonomische
+Moment und die gewerkschaftliche Zersplitterung waren der Ausgangspunkt,
+die zusammenfassende Klassenaktion und die politische Leitung das
+Schlußergebnis. Jetzt ist die Bewegung eine umgekehrte. Die Januar- und
+Februargeneralstreiks brachen im voraus als einheitliche revolutionäre
+Aktion unter der Leitung der Sozialdemokratie aus; allein diese Aktion
+zerfiel bald in eine unendliche Reihe lokaler, partieller, ökonomischer
+Streiks in einzelnen Gegenden, Städten, Branchen, Fabriken. Den ganzen
+Frühling des Jahres 1905 hindurch bis in den Hochsommer hinein gährte im
+gesamten Riesenreich ein unermüdlicher ökonomischer Kampf fast des
+gesamten Proletariats gegen das Kapital, ein Kampf, der nach oben hin
+alle kleinbürgerlichen und liberalen Berufe: Handelsangestellte,
+Bankbeamte, Techniker, Schauspieler, Kunstberufe, ergreift, nach unten
+hin bis ins Hausgesinde, in das Subalternbeamtentum der Polizei, ja bis
+in die Schicht des Lumpenproletariats hineindringt und gleichzeitig aus
+der Stadt aufs flache Land hinausströmt und sogar an die eisernen Tore
+der Militärkasernen pocht.
+
+Es ist dies ein riesenhaftes buntes Bild einer allgemeinen
+Auseinandersetzung der Arbeit mit dem Kapital, das die ganze
+Mannigfaltigkeit der sozialen Gliederung und des politischen Bewußtseins
+jeder Schicht und jedes Winkels abspiegelt und die ganze lange
+Stufenleiter vom regelrechten gewerkschaftlichen Kampf einer erprobten
+großindustriellen Elitetruppe des Proletariats bis zum formlosen
+Protestausbruch eines Haufens Landproletarier und zur ersten dunklen
+Regung einer aufgeregten Soldatengarnison durchläuft, von der
+wohlerzogenen eleganten Revolte in Manschetten und Stehkragen im Kontor
+eines Bankhauses bis zum scheu-dreisten Murren einer klobigen
+Versammlung unzufriedener Polizisten in einer verräucherten, dunklen und
+schmutzigen Polizeiwachtstube.
+
+Nach der Theorie der Liebhaber »ordentlicher und wohldisziplinierter«
+Kämpfe nach Plan und Schema, jener besonders, die es von weitem stets
+besser wissen wollen, wie es »hätte gemacht werden sollen«, war der
+Zerfall der großen politischen Generalstreikaktion des Januar 1905 in
+eine Unzahl ökonomischer Kämpfe wahrscheinlich »ein großer Fehler«, der
+jene Aktion »lahmgelegt« und in ein »Strohfeuer« verwandelt hatte. Auch
+die Sozialdemokratie in Rußland, die die Revolution zwar mitmacht, aber
+nicht »macht«, und ihre Gesetze erst aus ihrem Verlauf selbst lernen
+muß, war im ersten Augenblick durch das scheinbar resultatlose
+Zurückfluten der ersten Sturmflut des Generalstreiks für eine Weile
+etwas aus dem Konzept gebracht. Allein, die Geschichte, die jenen
+»großen Fehler« gemacht hat, verrichtete damit, unbekümmert um das
+Räsonieren ihrer unberufenen Schulmeister, eine ebenso unvermeidliche
+wie in ihren Folgen unberechenbare Riesenarbeit der Revolution.
+
+Die plötzliche Generalerhebung des Proletariats im Januar unter dem
+gewaltigen Anstoß der Petersburger Ereignisse war nach außen hin ein
+politischer Akt der revolutionären Kriegserklärung an den Absolutismus.
+Aber diese erste allgemeine direkte Klassenaktion wirkte gerade als
+solche nach innen um so mächtiger zurück, indem sie zum ersten Mal das
+Klassengefühl und Klassenbewußtsein in den Millionen und Abermillionen
+wie durch einen elektrischen Schlag weckte. Und dieses Erwachen des
+Klassengefühls äußerte sich sofort darin, daß der nach Millionen
+zählenden proletarischen Masse ganz plötzlich scharf und schneidend die
+Unerträglichkeit jenes sozialen und ökonomischen Daseins zum Bewußtsein
+kam, das sie Jahrzehnte in den Ketten des Kapitalismus geduldig ertrug.
+Es beginnt daher ein spontanes allgemeines Rütteln und Zerren an diesen
+Ketten. Alle tausendfältigen Leiden des modernen Proletariats erinnern
+es an alte blutende Wunden. Hier wird um den Achtstundentag gekämpft,
+dort gegen die Akkordarbeit, hier werden brutale Meister auf einem
+Handkarren im Sack »hinausgefahren«, anderswo gegen infame Strafsysteme,
+überall um bessere Löhne, hier und da um Abschaffung der Heimarbeit
+gekämpft. Rückständige, degradierte Berufe in großen Städten, kleine
+Provinzstädte, die bis dahin in einem idyllischen Schlaf dahin
+dämmerten, das Dorf mit seinem Vermächtnis aus dem Leibeigentum -- alles
+das besinnt sich plötzlich, vom Januarblitz geweckt, auf seine Rechte
+und sucht nun fieberhaft, das Versäumte nachzuholen. Der ökonomische
+Kampf war hier also in Wirklichkeit nicht ein Zerfall, eine
+Zersplitterung der Aktion, sondern bloß eine Frontänderung, ein
+plötzlicher und natürlicher Umschlag der ersten Generalschlacht mit dem
+Absolutismus in eine Generalabrechnung mit dem Kapital, die, ihrem
+Charakter entsprechend, _die Form_ einzelner zersplitterter Lohnkämpfe
+annahm. Nicht die politische Klassenaktion wurde im Januar durch den
+Zerfall des Generalstreiks in ökonomische Streiks gebrochen, sondern
+umgekehrt; nachdem der in der gegebenen Situation und auf der gegebenen
+Stufe der Revolution mögliche Inhalt der politischen Aktion erschöpft
+war, zerfiel sie oder schlug vielmehr in eine ökonomische Aktion um.
+
+In der Tat: was konnte der Generalstreik im Januar weiter erreichen? Nur
+völlige Gedankenlosigkeit durfte eine Vernichtung des Absolutismus auf
+einen Schlag durch einen einzigen »ausdauernden« Generalstreik nach dem
+anarchistischen Schema erwarten. Der Absolutismus muß in Rußland durch
+das Proletariat gestürzt werden. Aber das Proletariat bedarf dazu eines
+hohen Grades der politischen Schulung, des Klassenbewußtseins und der
+Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus
+Broschüren und Flugblättern, sondern bloß aus der lebendigen
+politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in dem
+fortschreitenden Verlauf der Revolution aneignen. Ferner kann der
+Absolutismus nicht in jedem beliebigen Moment, wozu bloß eine genügende
+»Anstrengung« und »Ausdauer« erforderlich, gestürzt werden. Der
+Untergang des Absolutismus ist bloß ein äußerer Ausdruck der inneren
+sozialen und Klassenentwicklung der russischen Gesellschaft. Bevor und
+damit der Absolutismus gestürzt werden kann, muß das künftige
+bürgerliche Rußland in seinem Innern, in seiner modernen
+Klassenscheidung hergestellt, geformt werden. Dazu gehört die
+Auseinandergrenzung der verschiedenen sozialen Schichten und Interessen,
+die Bildung außer der proletarischen, revolutionären, auch nicht minder
+der liberalen, radikalen, kleinbürgerlichen, konservativen und
+reaktionären Parteien, dazu gehört die Selbstbesinnung, Selbsterkenntnis
+und das Klassenbewußtsein nicht bloß der Volksschichten, sondern auch
+der bürgerlichen Schichten. Aber auch diese vermögen sich nicht anders
+als im Kampf, im Prozeß der Revolution selbst, durch die lebendige
+Schule der Ereignisse, im Zusammenprall mit dem Proletariat, sowie
+gegeneinander, in unaufhörlicher gegenseitiger Reibung bilden und zur
+Reife gedeihen. Diese Klassenspaltung und Klassenreife der bürgerlichen
+Gesellschaft sowie ihre Aktion im Kampfe gegen den Absolutismus wird
+durch die eigenartige führende Rolle des Proletariats und seine
+Klassenaktion einerseits unterbunden und erschwert, anderseits
+angepeitscht und beschleunigt. Die verschiedenen Unterströme des
+sozialen Prozesses der Revolution durchkreuzen einander, hemmen
+einander, steigern die inneren Widersprüche der Revolution, im Resultat
+beschleunigen und potenzieren aber damit nur ihre gewaltigen Ausbrüche.
+
+So erfordert das anscheinend so einfache und nackte rein mechanische
+Problem: der Sturz des Absolutismus einen ganzen langen sozialen Prozeß,
+eine gänzliche Unterwühlung des gesellschaftlichen Bodens, das Unterste
+muß nach oben, das Oberste nach unten gekehrt, die scheinbare »Ordnung«
+in einen Chaos und aus dem scheinbaren »anarchistischen« Chaos eine neue
+Ordnung umgeschaffen werden. Und nun in diesem Prozeß der sozialen
+Umschachtelung des alten Rußland spielte nicht nur der Januar-Blitz des
+ersten Generalstreiks, sondern noch mehr das darauffolgende große
+Frühlings- und Sommergewitter der ökonomischen Streiks eine
+unersetzliche Rolle. Die erbitterte allgemeine Auseinandersetzung der
+Lohnarbeit mit dem Kapital hat im gleichen Maße zur Auseinandergrenzung
+der verschiedenen Volksschichten wie der bürgerlichen Schichten, zum
+Klassenbewußtsein des revolutionären Proletariats wie auch der liberalen
+und konservativen Bourgeoisie beigetragen. Und wie die städtischen
+Lohnkämpfe zur Bildung der starken monarchischen Moskauer
+Industriellen-Partei beigetragen haben, so hat der rote Hahn der
+gewaltigen Landerhebung in Livland zur raschen Liquidation des berühmten
+adelig-agrarischen Semstwo-Liberalismus geführt.
+
+Zugleich aber hat die Periode der ökonomischen Kämpfe im Frühling und
+Sommer des Jahres 1905 dem städtischen Proletariat in der Gestalt der
+regen sozialdemokratischen Agitation und Leitung die Möglichkeit
+gegeben, die ganze Summe der Lehren des Januar-Prologs sich nachträglich
+anzueignen, sich die weiteren Aufgaben der Revolution klar zu machen. Im
+Zusammenhang damit steht aber noch ein anderes Ergebnis dauernden
+sozialen Charakters: _eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus des
+Proletariats_, des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen. Die
+Frühlingsstreiks des Jahres 1905 sind fast durchweg siegreich verlaufen.
+Als eine Probe aus dem enormen und noch meistens unübersehbaren
+Tatsachenmaterial seien hier nur einige Daten über ein paar der allein
+in Warschau von der Sozialdemokratie Polens und Litauens geleiteten
+wichtigsten Streiks angeführt. In den größten Fabriken der
+_Metallbranche_ Warschaus: Aktiengesellschaft Lilpop, Rau & Löwenstein,
+Rudzki & Co., Bormann, Schwede & Co., Handtke, Gerlach & Pulst, Gebrüder
+Geisler, Eberhard, Wolski & Co., Aktiengesellschaft Konrad &
+Jarmuszkiewicz, Weber & Daehn, Gwizdzinski & Co., Drahtfabrik
+Wolanowski, Aktiengesellschaft Gostynski & Co., R. Brun & Sohn, Fraget,
+Norblin, Werner, Buch, Gebrüder Renneberg, Labor, Lampenfabrik Dittmar,
+Serkowski, Weszyski, zusammen 22 Fabriken errangen die Arbeiter sämtlich
+nach einem vier- bis fünfwöchigen Streik (seit dem 25. und 26. Januar)
+den neunstündigen Arbeitstag, eine Lohnerhöhung von 15 bis 25 pZt. und
+verschiedene geringere Forderungen. In den größten Werkstätten der
+_Holzbranche_ Warschaus, nämlich bei Karmanski, Damiecki, Gromel,
+Szerbinski, Tremerowski, Horn, Bevensee, Tworkowski, Daab & Martens,
+zusammen 10 Werkstätten, errangen die Streikenden bereits am 23. Februar
+den Neunstundentag; sie gaben sich jedoch nicht zufrieden und bestanden
+auf dem Achtstundentag, den sie auch nach einer weiteren Woche
+durchsetzten, zugleich mit einer Lohnerhöhung. Die gesamte
+_Maurerbranche_ begann den Streik am 27. Februar, forderte gemäß der
+Parole der Sozialdemokratie den Achtstundentag und errang am 11. März
+den Neunstundentag, eine Lohnerhöhung für alle Kategorien, regelmäßige
+wöchentliche Lohnauszahlung usw. usw. Die _Anstreicher_, _Stellmacher_,
+_Sattler_ und _Schmiede_ errangen gemeinsam den Achtstundentag ohne
+Lohnverkürzung. Die _Telephon_-Werkstätten streikten zehn Tage und
+errangen den Achtstundentag und eine Lohnerhöhung um 10 bis 15 pZt. Die
+große _Leinenweberei_ Hielle & Dietrich (10 000 Arbeiter) errang nach
+neun Wochen Streik eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und
+Lohnaufbesserung um 5 bis 10 pZt. Und dasselbe Ergebnis in unendlichen
+Variationen sehen wir in allen übrigen Branchen Warschaus, in Lodz, in
+Sosnowitz.
+
+Im eigentlichen Rußland wurde der _Achtstundentag_ erobert: im September
+1904 von einigen Kategorien der Naphthaarbeiter in Baku, im Mai 1905 von
+den Zuckerarbeitern des Kijewer Rayons, im Januar 1905 in sämtlichen
+Buchdruckereien der Stadt Samara (wo zugleich eine Erhöhung der
+Akkordlöhne und Abschaffung der Strafen durchgesetzt wurde), im Februar
+in der Fabrik kriegsmedizinischer Instrumente, in einer Möbeltischlerei
+und in der Patronenfabrik in Petersburg, ferner wurde eine achtstündige
+Schicht in den Gruben von Wladiwostok eingeführt, im März in der
+staatlichen mechanischen Werkstatt der Staatspapiere, im April bei den
+Schmieden der Stadt Bobrujsk, im Mai bei den Angestellten der
+elektrischen Stadtbahn in Tiflis, gleichfalls im Mai der
+achteinhalbstündige Arbeitstag in der Riesenbaumwollweberei von Morosow
+(bei gleichzeitiger Abschaffung der Nachtarbeit und Erhöhung der Löhne
+um 8 pZt.), im Juni der Achtstundentag in einigen Ölmühlen in Petersburg
+und Moskau, im Juli achteinhalb Stunden bei den Schmieden des
+Petersburger Hafens, im November in sämtlichen Privatdruckereien der
+Stadt Orel (bei gleichzeitiger Erhöhung des Zeitlohnes um 20 pZt. und
+der Akkordlöhne um 100 pZt., sowie der Einführung eines paritätischen
+Einigungsamtes).
+
+Der _Neunstundentag_ in sämtlichen Eisenbahnwerkstätten (im Februar), in
+vielen staatlichen Militär- und Marinewerkstätten, in den meisten
+Fabriken der Stadt Berdjansk, in sämtlichen Druckereien der Stadt
+Poltawa sowie der Stadt Minsk; neuneinhalb Stunden auf der Schiffswerft,
+Mechanischen Werkstatt und Gießerei der Stadt Nikolajew, im Juni nach
+einem allgemeinen Kellnerstreik in Warschau in vielen Restaurants und
+Cafés (bei gleichzeitiger Lohnerhöhung um 20 bis 40 pZt. und einem
+zweiwöchentlichen Urlaub jährlich).
+
+Der _Zehnstundentag_ in fast sämtlichen Fabriken der Städte Lodz,
+Gosnowitz, Riga, Kowno, Reval, Dorpat, Minsk, Charkow, bei den Bäckern
+in Odessa, in den Handwerkstätten in Kischinew, in einigen Hutfabriken
+in Petersburg, in den Zündholzfabriken in Kowno (bei gleichzeitiger
+Lohnerhöhung um 10 pZt.), in sämtlichen staatlichen Marinewerkstätten
+und bei sämtlichen Hafenarbeitern.
+
+Die Lohnerhöhungen sind im allgemeinen geringer als die Verkürzung der
+Arbeitszeit, immerhin aber bedeutende; so wurde in Warschau Mitte März
+1905 von dem städtischen Fabrikamt eine allgemeine Lohnerhöhung um 15
+pZt. festgestellt; in dem Zentrum der Textilindustrie Iwanowo-Wosnesensk
+erreichten die Lohnerhöhungen 7 bis 15 pZt.; in Kowno wurden von der
+Lohnerhöhung 78 pZt. der gesamten Arbeiterzahl betroffen. Ein fester
+_Minimallohn_ wurde eingeführt: in einem Teile der Bäckereien in Odessa,
+in der Newaschen Schiffswerft in Petersburg usw.
+
+Freilich werden die Konzessionen vielfach bald hier bald dort wieder
+zurückgenommen. Dies gibt aber nur den Anlaß zu erneuten, noch
+erbitterteren Revanchekämpfen, und so ist die Streikperiode des
+Frühlings 1905 von selbst zum Prolog einer unendlichen Reihe sich immer
+weiter ausbreitender und ineinanderschlingender ökonomischer Kämpfe
+geworden, die bis auf den heutigen Tag dauern. In den Perioden des
+äußerlichen Stillstandes der Revolution, wo die Telegramme keine
+Sensationsnachrichten vom russischen Kampfplatz in die Welt tragen und
+wo der westeuropäische Leser mit Enttäuschung seine Morgenzeitung aus
+der Hand legt, mit der Bemerkung, daß in Rußland »nichts passiert sei«,
+wird in Wirklichkeit in der Tiefe des ganzen Reiches die große
+Maulwurfsarbeit der Revolution ohne Rast Tag für Tag und Stunde für
+Stunde fortgesetzt. Der unaufhörliche intensive ökonomische Kampf setzt
+in rapiden abgekürzten Methoden die Hinüberleitung des Kapitalismus aus
+dem Stadium der primitiven Akkumulation, des patriarchalischen Raubbaus
+in ein hochmodernes, zivilisiertes Stadium durch. Heute läßt die
+tatsächliche Arbeitszeit in der russischen Industrie nicht nur die
+russische Fabrikgesetzgebung, d. h. den gesetzlichen elfeinhalbstündigen
+Arbeitstag, sondern selbst die deutschen tatsächlichen Verhältnisse
+hinter sich. In den meisten Branchen der russischen Großindustrie
+herrscht heute der Zehnstundentag, der in Deutschland von der
+Sozialgesetzgebung als unerreichbares Ziel hingestellt wird. Ja, noch
+mehr; jener ersehnte »industrielle Konstitutionalismus«, für den man in
+Deutschland schwärmt und um deswillen die Anhänger der opportunistischen
+Taktik jedes schärfere Lüftchen von den stehenden Gewässern des
+allein-seligmachenden Parlamentarismus fernhalten möchten, wird in
+Rußland gerade mitten im Revolutionssturm, _aus_ der Revolution,
+zusammen mit dem politischen »Konstitutionalismus« geboren! Tatsächlich
+ist nicht bloß eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus oder vielmehr
+des Kulturniveaus der Arbeiterschaft eingetreten. Das materielle
+Lebensniveau als eine dauernde Stufe des Wohlseins findet in der
+Revolution keinen Platz. Voller Widersprüche und Kontraste, bringt sie
+zugleich überraschende ökonomische Siege und brutalste Racheakte des
+Kapitals: heute den Achtstundentag, morgen Massenaussperrungen und
+nackten Hunger für Hunderttausende. Das Kostbarste, weil bleibende, bei
+diesem scharfen revolutionären Auf und Ab der Welle ist ihr _geistiger
+Niederschlag_: das sprungweise intellektuelle, kulturelle Wachstum des
+Proletariats, das eine unverbrüchliche Gewähr für sein weiteres
+unaufhaltsames Fortschreiten im wirtschaftlichen wie im politischen
+Kampfe bietet. Allein, nicht bloß das. Das Verhältnis selbst
+des Arbeiters zum Unternehmer wird umgestülpt; seit den
+Januar-Generalstreiks und den darauffolgenden Streiks des Jahres 1905
+ist das Prinzip des kapitalistischen »Hausherrentums« #de facto#
+abgeschafft. In den größten Fabriken aller wichtigsten Industriezentren
+hat sich wie von selbst die Einrichtung der Arbeiterausschüsse gebildet,
+mit denen allein der Unternehmer verhandelt, die über alle Konflikte
+entscheiden. Und schließlich noch mehr: Die anscheinend chaotischen
+Streiks und die »desorganisierte« revolutionäre Aktion nach dem
+Januar-Generalstreik wird zum Ausgangspunkt einer fieberhaften
+_Organisationsarbeit_. Madame Geschichte dreht den bureaukratischen
+Schablonenmenschen, die an den Toren des deutschen Gewerkschaftsglücks
+grimmige Wacht halten, von weitem lachend eine Nase. Die festen
+Organisationen, die als unbedingte Voraussetzung für einen eventuellen
+Versuch zu einem eventuellen deutschen Massenstreik im voraus wie eine
+uneinnehmbare Festung umschanzt werden sollen, diese Organisationen
+werden in Rußland gerade umgekehrt aus dem Massenstreik geboren! Und
+während die Hüter der deutschen Gewerkschaften am meisten befürchten,
+daß die Organisationen in einem revolutionären Wirbel wie kostbares
+Porzellan krachend in Stücke gehen, zeigt uns die russische Revolution
+das direkt umgekehrte Bild: aus dem Wirbel und Sturm, aus Feuer und Glut
+der Massenstreiks, der Straßenkämpfe steigen empor wie die Venus aus dem
+Meerschaum: frische, junge, kräftige und lebensfrohe .....
+Gewerkschaften.
+
+Hier nur wieder ein kleines Beispiel, das aber für das gesamte Reich
+typisch ist. Auf der zweiten Konferenz der Gewerkschaften Rußlands, die
+Ende Februar 1906 in Petersburg stattgefunden hat, sagte der Vertreter
+der Petersburger Gewerkschaften in seinem Bericht über die Entwicklung
+der Gewerkschaftsorganisationen der Zarenhauptstadt:
+
+»Der 22. Januar 1905, der den Gaponschen Verein weggespült hat, bildete
+einen Wendepunkt. Die Arbeiter aus der Masse haben an der Hand der
+Ereignisse gelernt, die Bedeutung der Organisation zu schätzen und
+begriffen, daß nur sie selbst diese Organisationen schaffen können. --
+In direkter Verbindung mit der Januarbewegung entsteht in Petersburg die
+erste Gewerkschaft: die der Buchdrucker. Die zur Ausarbeitung des Tarifs
+gewählte Kommission arbeitete die Statuten aus, und am 19. Juni begann
+die Gewerkschaft ihre Existenz. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde die
+Gewerkschaft der Kontoristen und der Buchhalter ins Leben gerufen. Neben
+diesen Organisationen, die fast offen (legal) existieren, entstanden vom
+Januar bis Oktober 1905 halbgesetzliche und ungesetzliche
+Gewerkschaften. Zu den ersteren gehört z. B. die der Apothekergehülfen
+und der Handelsangestellten. Unter den ungesetzlichen Gewerkschaften muß
+der Verein der Uhrmacher hervorgehoben werden, dessen erste geheime
+Sitzung am 24. April stattfand. Alle Versuche, eine allgemeine offene
+Versammlung einzuberufen, scheiterten an dem hartnäckigen Widerstand der
+Polizei und der Unternehmer in der Person der Handwerkskammer. Dieser
+Mißerfolg hat die Existenz der Gewerkschaft nicht verhindert. Sie hielt
+geheime Mitgliederversammlungen am 9. Juni und 14. August ab, abgesehen
+von den Sitzungen der Vorstände der Gewerkschaft. Die Schneider-und
+Schneiderinnengewerkschaft wurde im Frühling des Jahres 1905 in einer
+Versammlung im Walde gegründet, wo 70 Schneider anwesend waren. Nachdem
+die Frage der Gründung besprochen wurde, wählte man eine Kommission, die
+mit der Ausarbeitung des Statuts beauftragt wurde. Alle Versuche der
+Kommission, für die Gewerkschaft eine gesetzliche Existenz
+durchzusetzen, blieben erfolglos. Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf die
+Agitation und Mitgliederwerbung in den einzelnen Werkstätten. Ein
+ähnliches Schicksal war der Schuhmachergewerkschaft beschieden. Im Juli
+wurde Nachts in einem Walde außerhalb der Stadt eine geheime Versammlung
+einberufen. Mehr als 100 Schuhmacher kamen zusammen; es wurde ein
+Referat über die Bedeutung der Gewerkschaften, über ihre Geschichte in
+Westeuropa und ihre Aufgaben in Rußland gehalten. Darauf ward
+beschlossen, eine Gewerkschaft zu gründen; 12 Mann wurden in eine
+Kommission gewählt, die das Statut ausarbeiten und eine allgemeine
+Schuhmacherversammlung einberufen sollte. Das Statut wurde
+ausgearbeitet, aber es gelang vorläufig weder es zu drucken, noch eine
+allgemeine Versammlung einzuberufen.«
+
+Das waren die ersten schweren Anfänge. Dann kamen die Oktobertage, der
+zweite allgemeine Generalstreik, das Zarenmanifest des 30. Oktober und
+die kurze »Verfassungsperiode«. Mit Feuereifer stürzen sich die Arbeiter
+in die Wogen der politischen Freiheit, um sie sofort zum
+Organisationswerk zu benutzen. Neben tagtäglichen politischen
+Versammlungen, Debatten, Vereinsgründungen wird sofort der Ausbau der
+Gewerkschaften in Angriff genommen. Im Oktober und November entstehen in
+Petersburg _vierzig_ neue Gewerkschaften. Alsbald wird ein
+»Zentralbureau«, d. h. ein Gewerkschaftskartell gegründet, es erscheinen
+verschiedene Gewerkschaftsblätter und seit dem November auch ein
+Zentralorgan: »Die Gewerkschaft«. Das, was im obigen über Petersburg
+berichtet wurde, trifft im großen und ganzen auf Moskau und Odessa,
+Kijew und Nikolajew, Saratow und Woronesch, Samara und Nischni-Nowgorod,
+auf alle größeren Städte Rußlands und in noch höherem Grade auf Polen
+zu. Die Gewerkschaften einzelner Städte suchen Fühlung miteinander, es
+werden Konferenzen abgehalten. Das Ende der »Verfassungsperiode« und die
+Umkehr zur Reaktion im Dezember 1905 macht zeitweilig auch ein Ende der
+offenen, breiten Tätigkeit der Gewerkschaften, bläst ihnen aber das
+Lebenslicht nicht aus. Sie wirken weiter im geheimen als Organisation
+und führen gleichzeitig ganz offen Lohnkämpfe. Es bildet sich ein
+eigenartiges Gemisch eines gesetzlichen und ungesetzlichen Zustandes des
+Gewerkschaftslebens aus, entsprechend der widerspruchsvollen
+revolutionären Situation. Aber mitten im Kampf wird das
+Organisationswerk mit aller Gründlichkeit, ja mit Pedanterie weiter
+ausgebaut. Die Gewerkschaften der Sozialdemokratie Polens und Litauens
+z. B., die auf dem letzten Parteitag (im Juli 1906) durch fünf
+Delegierte von 10 000 zahlenden Mitgliedern vertreten waren, sind mit
+ordentlichen Statuten, gedruckten Mitgliedsbüchlein, Klebemarken usw.
+versehen. Und dieselben Warschauer und Lodzer Bäcker und Schuhmacher,
+Metallarbeiter und Buchdrucker, die im Juni 1905 auf den Barrikaden
+standen und im Dezember nur auf eine Parole aus Petersburg
+zum Straßenkampf warteten, finden zwischen einem Massenstreik
+und dem anderen, zwischen Gefängnis und Aussperrung, unter
+dem Belagerungszustand Muße und heiligen Ernst, um ihre
+Gewerkschaftsstatuten eingehend und aufmerksam zu diskutieren. Ja, diese
+gestrigen und morgigen Barrikadenkämpfer haben mehr als einmal in
+Versammlungen ihren Leitern unbarmherzig den Kopf gewaschen und mit dem
+Austritt aus der Partei gedroht, weil die unglücklichen
+gewerkschaftlichen Mitgliedsbüchlein nicht rasch genug -- in geheimen
+Druckereien unter unaufhörlicher polizeilicher Hetzjagd -- gedruckt
+werden konnten. Dieser Eifer und dieser Ernst dauern bis zur Stunde
+fort. In den ersten zwei Wochen des Juli 1906 sind z. B. in
+Jekaterinoslaw 15 neue Gewerkschaften entstanden: in Kostroma 6
+Gewerkschaften, mehrere in Kijew, Poltawa, Smolensk, Tscherkassy,
+Proskurow -- bis in die kleinsten Provinznester. In der Sitzung des
+Moskauer Gewerkschaftskartells vom 4. Juni d. J. wurde nach
+Entgegennahme der Berichte einzelner Gewerkschaftsdelegierten
+beschlossen: »Daß die Gewerkschaften ihre Mitglieder disziplinieren und
+von Straßenkrawallen zurückhalten sollen, weil der Moment für den
+Massenstreik als ungeeignet betrachtet wird. Angesichts möglicher
+Provokationen der Regierung sollen sie achtgeben, daß die Masse nicht
+auf die Straße hinausströmt. Endlich beschloß das Kartell, daß in der
+Zeit, wo eine Gewerkschaft einen Streik führt, die anderen sich von
+Lohnbewegungen zurückzuhalten haben.« Die meisten ökonomischen Kämpfe
+werden jetzt von den Gewerkschaften geleitet.[2]
+
+[Fußnote 2: In den zwei ersten Wochen des Juni 1906 allein wurden
+folgende Lohnkämpfe geführt: bei den Buchdruckern in _Petersburg_,
+_Moskau_, _Odessa_, _Minsk_, _Wilna_, _Saratow_, _Mogilew_, _Tambow_ um
+den Achtstundentag und die Sonntagsruhe; ein Generalstreik der Seeleute
+in _Odessa_, _Nikolajew_, _Kertsch_, _Krim_, _Kaukasus_, auf der
+_Wolga_-Flotte, in _Kronstadt_, in _Warschau_ und _Plock_ um die
+Anerkennung der Gewerkschaft und Freilassung der verhafteten
+Arbeiterdelegierten; bei den Hafenarbeitern in _Saratow_, _Nikolajew_,
+_Zarizin_, _Archangel_, _Nischni-Nowgorod_, _Rybinsk_. Die Bäcker
+streikten in _Kijew_, _Archangel_, _Bialystock_, _Wilna_, _Odessa_,
+_Charkow_, _Brest-Litowsk_, _Radom_, _Tiflis_; die Landarbeiter in den
+Distrikten Werchne-Dneprowsk, Borisowsk, Simferopol, in den
+Gouvernements Podolsk, Tula, Kursk, in den Distrikten Koslow, Lipowetz,
+in Finnland, im Gouvernement Kijew, im Jelissawetgrader Distrikt. In
+mehreren Städten streikten in dieser Periode _gleichzeitig fast
+sämtliche Gewerbezweige_, so in Saratow, Archangel, Kertsch,
+Krementschug. In _Bachmut_ gab es einen Generalstreik der Kohlenarbeiter
+des ganzen Reviers. In anderen Städten ergriff die Lohnbewegung binnen
+der erwähnten zwei Wochen _nacheinander alle_ Gewerbezweige, so in
+Kijew, Petersburg, Warschau, Moskau, im ganzen Rayon Ivanowo-Wosnesensk.
+Zweck der Streiks überall: Verkürzung der Arbeitszeit, Sonntagsruhe,
+Lohnforderungen. _Die meisten Streiks verliefen siegreich._ Es wird in
+den lokalen Berichten hervorgehoben, dass sie zum Teil Arbeiterschichten
+ergriffen, die sich zum ersten Male an einer Lohnbewegung beteiligten.]
+
+So hat der vom Januar-Generalstreik ausgehende große ökonomische Kampf,
+der von da an bis auf den heutigen Tag nicht aufhört, einen breiten
+Hintergrund der Revolution gebildet, aus dem sich in unaufhörlicher
+Wechselwirkung mit der politischen Agitation und den äußeren Ereignissen
+der Revolution immer wieder bald hier und da einzelne Explosionen, bald
+allgemeine, große Hauptaktionen des Proletariats erheben. So flammen auf
+diesem Hintergrund nacheinander auf: am 1. Mai 1905 zur Maifeier ein
+beispielloser absoluter Generalstreik in _Warschau_ mit einer völlig
+friedlichen Massendemonstration, die in einem blutigen Renkontre der
+wehrlosen Menge mit den Soldaten endet. Im Juni führt in _Lodz_ ein
+Massenausflug, der von Soldaten zerstreut wird, zu einer Demonstration
+von 100 000 Arbeitern auf dem Begräbnis einiger Opfer der Soldateska, zu
+erneutem Renkontre mit dem Militär und schließlich zum Generalstreik,
+der am 23., 24. und 25. in den ersten Barrikadenkampf im Zarenreiche
+übergeht. Im Juni gleichfalls explodiert im Odessaer Hafen aus einem
+kleinen Zwischenfall an Bord des Panzerschiffes »Potemkin« die erste
+große Matrosenrevolte der Schwarzmeerflotte, die sofort als Rückwirkung
+in _Odessa_ und _Nikolajew_ einen gewaltigen Massenstreik hervorruft.
+Als weiteres Echo folgen: der Massenstreik und Matrosenrevolten in
+_Kronstadt_, _Libau_, _Wladiwostok_.
+
+In den Monat Oktober fällt das grandiose Experiment Petersburgs mit der
+Einführung des Achtstundentags. Der Rat der Arbeiterdelegierten
+beschließt, in Petersburg auf revolutionärem Wege den Achtstundentag
+durchzusetzen. Das heißt: an einem bestimmten Tage erklären sämtliche
+Arbeiter Petersburgs ihren Unternehmern, daß sie nicht gewillt sind,
+länger als acht Stunden täglich zu arbeiten und verlassen zur
+entsprechenden Stunde die Arbeitsräume. Die Idee gibt Anlaß zu einer
+lebhaften Agitation, wird vom Proletariat mit Begeisterung aufgenommen
+und ausgeführt, wobei die größten Opfer nicht gescheut werden. So
+bedeutete zum Beispiel der Achtstundentag für die Textilarbeiter, die
+bis dahin elf Stunden und zwar bei Akkordlöhnen arbeiteten, einen
+enormen Lohnausfall, den sie jedoch bereitwillig akzeptierten. _Binnen
+einer Woche herrscht in sämtlichen Fabriken und Werkstätten Petersburgs
+der Achtstundentag_, und der Jubel der Arbeiterschaft kennt keine
+Grenzen. Bald rüstet jedoch das anfangs verblüffte Unternehmertum zur
+Abwehr: es wird überall mit der Schließung der Fabriken gedroht. Ein
+Teil der Arbeiter läßt sich auf Verhandlungen ein und erringt hier den
+Zehn-, dort den Neunstundentag. Die Elite des Petersburger Proletariats
+jedoch, die Arbeiter der großen staatlichen Metallwerke bleiben
+unerschüttert und es erfolgt eine Aussperrung, die 45 bis 50 000 Mann
+für einen Monat aufs Pflaster setzt. Durch diesen Abschluß spielt die
+Achtstundenbewegung in den allgemeinen Massenstreik des Dezember hinein,
+den die große Aussperrung in hohem Maße unterbunden hat.
+
+Inzwischen folgt aber im Oktober als Antwort auf das Bulyginsche
+Duma-Projekt der zweite gewaltigste allgemeine Massenstreik im gesamten
+Zarenreich, zu dem die Eisenbahner die Parole ausgeben. Diese zweite
+revolutionäre Hauptaktion des Proletariats trägt schon einen wesentlich
+anderen Charakter, als die erste im Januar. Das Element des politischen
+Bewußtseins spielt schon eine viel größere Rolle. Freilich war auch hier
+der erste Anlaß zum Ausbruch des Massenstreiks ein untergeordneter und
+scheinbar zufälliger: der Konflikt der Eisenbahner mit der Verwaltung
+wegen der Pensionskasse. Allein die darauf erfolgte allgemeine Erhebung
+des Industrieproletariats wird vom klaren politischen Gedanken getragen.
+Der Prolog des Januarstreiks war ein Bittgang zum Zaren um politische
+Freiheit, die Losung des Oktoberstreiks lautete: Fort mit der
+konstitutionellen Komödie des Zarismus! Und Dank dem sofortigen Erfolg
+des Generalstreiks: dem Zarenmanifest vom 30. Oktober, fließt die
+Bewegung nicht nach innen zurück, wie im Januar, um erst die Anfänge des
+ökonomischen Klassenkampfes nachzuholen, sondern gießt sich nach außen
+in eine eifrige Betätigung der frisch eroberten politischen Freiheit
+über. Demonstrationen, Versammlungen, eine junge Presse, öffentliche
+Diskussionen und blutige Massacres als das Ende vom Liede, darauf neue
+Massenstreiks und Demonstration -- das ist das stürmische Bild der
+November- und Dezembertage. Im November wird auf den Appell der
+Sozialdemokratie hin in Petersburg der erste demonstrative Massenstreik
+veranstaltet als Protestkundgebung gegen die Bluttaten und die
+Verhängung des Belagerungszustandes in Livland und Polen. Die Gärung
+nach dem kurzen Verfassungstraum und dem grausamen Erwachen führt
+endlich im Dezember zum Ausbruch des dritten allgemeinen Massenstreiks
+im ganzen Zarenreich. Diesmal ist der Verlauf und der Ausgang wieder ein
+ganz anderer, wie in den beiden früheren Fällen. Die politische Aktion
+schlägt nicht mehr in eine ökonomische um, wie im Januar, sie erringt
+aber auch nicht mehr einen raschen Sieg, wie im Oktober. Die Versuche
+der zarischen Kamarilla mit der wirklichen politischen Freiheit werden
+nicht mehr gemacht und die revolutionäre Aktion stößt somit zum ersten
+Male in ihrer ganzen Breite auf die starre Mauer der physischen Gewalt
+des Absolutismus. Durch die logische innere Entwicklung der
+fortschreitenden Ereignisse schlägt der Massenstreik diesmal um in einen
+offenen Aufstand, einen bewaffneten Barrikaden- und Straßenkampf in
+Moskau. Die Moskauer Dezembertage schließen als der Höhepunkt der
+aufsteigenden Linie der politischen Aktion und der Massenstreikbewegung
+das erste arbeitsreiche Jahr der Revolution ab.
+
+Die Moskauer Ereignisse zeigen zugleich im kleinen Probebild die
+logische Entwicklung und die Zukunft der revolutionären Bewegung im
+ganzen: ihren unvermeidlichen Abschluß in einem allgemeinen offenen
+Aufstand, der aber seinerseits wieder nicht anders zu stande kommen
+kann, als durch die Schule einer Reihe vorbereitender partieller
+Aufstände, die eben deshalb vorläufig mit partiellen äußeren
+»Niederlagen« abschließen und, jeder einzeln betrachtet, als »verfrüht«
+erscheinen mögen.
+
+Das Jahr 1906 bringt die Duma-Wahlen und die Duma-Episode. Das
+Proletariat boykottiert aus kräftigem revolutionären Instinkt und klarer
+Erkenntnis der Lage die ganze zarisch-konstitutionelle Farçe, und den
+Vordergrund der politischen Bühne nimmt für einige Monate wieder der
+Liberalismus ein. Die Situation des Jahres 1904 kehrt anscheinend
+wieder: eine Periode des Redens tritt an Stelle des Handelns, und das
+Proletariat tritt für eine Zeitlang in den Schatten, um sich desto
+fleißiger dem gewerkschaftlichen Kampf und dem Organisationswerk zu
+widmen. Die Massenstreiks verstummen, während knatternde Raketen der
+liberalen Rethorik Tag für Tag abgefeuert werden. Schließlich rasselt
+der eiserne Vorhang plötzlich herunter, die Schauspieler werden
+auseinander gejagt, von den liberalen Raketen bleibt nur Rauch und Dunst
+übrig. Ein Versuch des Zentralkomitees der russischen Sozialdemokratie,
+als Demonstration für die Duma und für die Wiedereröffnung der Periode
+des liberalen Redens einen vierten Massenstreik in ganz Rußland
+hervorzurufen, fällt platt zu Boden. Die Rolle der politischen
+Massenstreiks allein ist erschöpft, der Übergang des Massenstreiks in
+einen allgemeinen Volksaufstand und Straßenkampf aber noch nicht
+herangereift. Die liberale Episode ist vorbei, die proletarische hat
+noch nicht wieder begonnen. Die Bühne bleibt vorläufig leer.
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Wir haben im vorigen in wenigen knappen Zügen die Geschichte der
+Massenstreiks in Rußland zu skizzieren gesucht. Schon ein flüchtiger
+Blick auf diese Geschichte zeigt uns ein Bild, das in keinem Strich
+demjenigen ähnelt, welches man sich bei der Diskussion in Deutschland
+gewöhnlich vom Massenstreik macht. Statt des starren und hohlen Schemas
+einer auf Beschluß der höchsten Instanzen mit Plan und Umsicht
+ausgeführten trocknen politischen »Aktion«, sehen wir ein Stück
+lebendiges Leben aus Fleisch und Blut, das sich gar nicht aus dem großen
+Rahmen der Revolution herausschneiden läßt, das durch tausend Adern mit
+dem ganzen Drum und Dran der Revolution verbunden ist.
+
+Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist eine
+so wandelbare Erscheinung, daß er alle Phasen des politischen und
+ökonomischen Kampfes, alle Stadien und Momente der Revolution in sich
+spiegelt. Seine Anwendbarkeit, seine Wirkungskraft, seine
+Entstehungsmomente ändern sich fortwährend. Er eröffnet plötzlich neue,
+weite Perspektiven der Revolution, wo sie bereits in einen Engpaß
+geraten schien, und er versagt, wo man auf ihn mit voller Sicherheit
+glaubt rechnen zu können. Er flutet bald wie eine breite Meereswoge über
+das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz dünner Ströme;
+bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie ein frischer Quell, bald
+versickert er ganz im Boden. Politische und ökonomische Streiks,
+Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks und
+Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen und Generalstreiks
+einzelner Städte, ruhige Lohnkämpfe und Straßenschlachten,
+Barrikadenkämpfe -- alles das läuft durcheinander, nebeneinander,
+durchkreuzt sich, flutet ineinander über; es ist ein ewig bewegliches,
+wechselndes Meer von Erscheinungen. Und das Bewegungsgesetz dieser
+Erscheinungen wird klar: Es liegt nicht in dem Massenstreik selbst,
+nicht in seinen technischen Besonderheiten, sondern in dem politischen
+und sozialen Kräfteverhältnis der Revolution. Der Massenstreik ist bloß
+die Form des revolutionären Kampfes und jede Verschiebung im Verhältnis
+der streitenden Kräfte, in der Parteientwicklung und der
+Klassenscheidung, in der Position der Kontrerevolution, alles das
+beeinflußt sofort auf tausend unsichtbaren, kaum kontrollierbaren Wegen
+die Streikaktion. Dabei hört aber die Streikaktion selbst fast keinen
+Augenblick auf. Sie ändert bloß ihre Formen, ihre Ausdehnung, ihre
+Wirkung. Sie ist der lebendige Pulsschlag der Revolution und zugleich
+ihr mächtigstes Triebrad. Mit einem Wort: der Massenstreik, wie ihn uns
+die russische Revolution zeigt, ist nicht ein pfiffiges Mittel,
+ausgeklügelt zum Zwecke einer kräftigeren Wirkung des proletarischen
+Kampfes, sondern er ist _die Bewegungsweise der proletarischen Masse,
+die Erscheinungsform des proletarischen Kampfes in der Revolution_.
+
+Daraus lassen sich für die Beurteilung des Massenstreikproblems einige
+allgemeine Gesichtspunkte ableiten.
+
+1. Es ist gänzlich verkehrt, sich den Massenstreik als einen Akt, eine
+Einzelhandlung zu denken. Der Massenstreik ist vielmehr die Bezeichnung,
+der Sammelbegriff einer ganzen jahrelangen, vielleicht jahrzehntelangen
+Periode des Klassenkampfes. Von den unzähligen verschiedensten
+Massenstreiks, die sich in Rußland seit vier Jahren abgespielt haben,
+paßt das Schema des Massenstreiks als eines rein politischen, nach Plan
+und Absicht hervorgerufenen und abgeschlossenen, kurzen Einzelaktes
+lediglich auf eine und zwar untergeordnete Spielart: auf den reinen
+Demonstrationsstreik. Im ganzen Verlauf der fünfjährigen Periode sehen
+wir in Rußland bloß einige wenige Demonstrationsstreiks, die sich
+notabene gewöhnlich nur auf einzelne Städte beschränken. So der
+jährliche Maifeier-Generalstreik in Warschau und in Lodz -- im
+eigentlichen Rußland ist der 1. Mai bis jetzt noch nicht in
+nennenswertem Umfange durch Arbeitsruhe gefeiert worden; der
+Massenstreik in Warschau am 11. September 1905 als Trauerfeier zu Ehren
+des hingerichteten Martin Kasprzak, im November 1905 in Petersburg als
+Protestkundgebung gegen die Erklärung des Belagerungszustandes in Polen
+und Livland, am 22. Januar 1906 in Warschau, Lodz, Czenstochau und dem
+Dombrowaer Kohlenbecken, sowie zum Teil in einigen russischen Städten
+als Jahresfeier des Gedenktages des Petersburger Blutbades; ferner im
+Juli 1906 ein Generalstreik in Tiflis als Sympathiekundgebung für die
+vom Kriegsgericht wegen der Militärrevolte abgeurteilten Soldaten,
+endlich aus gleichem Anlaß im September d. J. während der Verhandlung
+des Kriegsgerichts in Reval. Alle übrigen großen und partiellen
+Massenstreiks und Generalstreiks waren nicht Demonstrations- sondern
+Kampfstreiks, und als solche entstanden sie meistens spontan, jedesmal
+aus spezifischen lokalen zufälligen Anlässen, ohne Plan und Absicht und
+wuchsen sich mit elementarer Macht zu großen Bewegungen aus, wobei sie
+nicht einen »geordneten Rückzug« antraten, sondern sich bald in
+ökonomischen Kampf verwandelten, bald in Straßenkampf, bald fielen sie
+von selbst zusammen.
+
+In diesem allgemeinen Bilde spielen die reinen politischen
+Demonstrationsstreiks eine ganz untergeordnete Rolle -- die einzelner
+kleiner Punkte mitten unter gewaltigen Flächen. Dabei läßt
+sich, zeitlich betrachtet, folgender Zug wahrnehmen: Die
+Demonstrationsstreiks, die im Unterschied von den Kampfstreiks das
+größte Maß von Parteidisziplin, bewußter Leitung und politischem
+Gedanken aufweisen, also nach dem Schema als die höchste und reifste
+Form der Massenstreiks erscheinen müßten, spielen in Wahrheit die größte
+Rolle in den _Anfängen_ der Bewegung. So war z. B. die absolute
+Arbeitsruhe am 1. Mai 1905 in Warschau, als der erste Fall eines so
+staunenswert durchgeführten Beschlusses der Sozialdemokratie, für die
+proletarische Bewegung in Polen ein Ereignis von großer Tragweite.
+Ebenso hat der Sympathiestreik im November des gleichen Jahres in
+Petersburg als die erste Probe einer bewußten planmäßigen Massenaktion
+in Rußland großen Eindruck gemacht. Genau so wird auch der
+»Probemassenstreik« der Hamburger Genossen vom 17. Januar 1906 eine
+hervorragende Rolle in der Geschichte der künftigen deutschen
+Massenstreiks spielen, als der erste frische Versuch mit der soviel
+umstrittenen Waffe und zwar als ein so wohlgelungener, von der
+Kampfstimmung und Kampffreude der Hamburger Arbeiterschaft so
+überzeugend sprechender Versuch. Und ebenso sicher wird die Periode der
+Massenstreiks in Deutschland, wenn sie einmal im Ernst begonnen hat, von
+selbst zu einer wirklichen allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai führen. Die
+Maifeier dürfte naturgemäß als die erste große Demonstration im Zeichen
+der Massenkämpfe zu Ehren kommen. In diesem Sinne hat der »lahme Gaul«,
+wie die Maifeier auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß genannt wurde, noch
+eine große Zukunft und eine wichtige Rolle im proletarischen
+Klassenkampfe in Deutschland vor sich. Allein mit der Entwicklung der
+ernsten revolutionären Kämpfe nimmt die Bedeutung solcher
+Demonstrationen rasch ab. Gerade dieselben Momente, die das
+Zustandekommen der Demonstrationsstreiks nach vorgefaßtem Plan und auf
+die Parole der Parteien hin objektiv ermöglichen: das Wachstum des
+politischen Bewußtseins und der Schulung des Proletariats, machen
+diese Art von Massenstreiks unmöglich: heute will das Proletariat
+in Rußland, und zwar gerade die tüchtigste Vorhut der Masse, von
+Demonstrationsstreiks nichts wissen; die Arbeiter verstehen keinen Spaß
+mehr und wollen nunmehr bloß an ernsten Kampf mit allen seinen
+Konsequenzen denken. Und wenn in dem ersten großen Massenstreik im
+Januar 1905 das demonstrative Element, zwar nicht in absichtlicher,
+sondern mehr in instinktiver, spontaner Form, noch eine große Rolle
+spielte, so scheiterte umgekehrt der Versuch des Zentralkomitees der
+russischen Sozialdemokratie, im August einen Massenstreik als Kundgebung
+für die aufgelöste Duma hervorzurufen, unter anderem an der
+entschiedenen Abneigung des geschulten Proletariats gegen schwächliche
+Halbaktionen und bloße Demonstrationen.
+
+2. Wenn wir aber anstatt der untergeordneten Spielart des demonstrativen
+Streiks den Kampfstreik ins Auge fassen, wie er im heutigen Rußland den
+eigentlichen Träger der proletarischen Aktion darstellt, so fällt weiter
+ins Auge, daß darin das ökonomische und das politische Moment unmöglich
+voneinander zu trennen sind. Auch hier weicht die Wirklichkeit von dem
+theoretischen Schema weit ab, und die pedantische Vorstellung, in der
+der reine politische Massenstreik logisch von dem gewerkschaftlichen
+Generalstreik als die reifste und höchste Stufe abgeleitet, aber
+zugleich klar auseinandergehalten wird, ist von der Erfahrung der
+russischen Revolution gründlich widerlegt. Dies äußert sich nicht bloß
+geschichtlich darin, daß die Massenstreiks, von jenem ersten großen
+Lohnkampf der Petersburger Textilarbeiter im Jahre 1896-1897 bis zu dem
+letzten großen Massenstreik im Dezember 1905, ganz unmerklich aus
+ökonomischen in politische übergehen, so daß es fast unmöglich ist, die
+Grenze zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den großen
+Massenstreiks wiederholt sozusagen im kleinen die allgemeine Geschichte
+der russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein ökonomischen
+oder jedenfalls partiellen gewerkschaftlichen Konflikt, um die
+Stufenleiter bis zur politischen Kundgebung zu durchlaufen. Das große
+Massenstreikgewitter im Süden Rußlands 1902 und 1903 entstand, wie wir
+gesehen, in Baku aus einem Konflikt infolge der Maßregelung
+Arbeitsloser, in Rostow aus Lohndifferenzen in den Eisenbahnwerkstätten,
+in Tiflis aus einem Kampf der Handelsangestellten um die Verkürzung der
+Arbeitszeit, in Odessa aus einem Lohnkampf in einer einzelnen kleinen
+Fabrik. Der Januar-Massenstreik 1905 entwickelt sich aus dem internen
+Konflikt in den Putilow-Werken, der Oktoberstreik aus dem Kampf der
+Eisenbahner um die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem
+Kampf der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der
+Fortschritt der Bewegung im ganzen äußert sich nicht darin, daß das
+ökonomische Anfangsstadium ausfällt, sondern vielmehr in der Rapidität,
+womit die Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen wird und
+in der Extremität des Punktes, bis zu dem sich der Massenstreik
+voranbewegt.
+
+Allein die Bewegung im ganzen geht nicht bloß nach der Richtung vom
+ökonomischen zum politischen Kampf, sondern auch umgekehrt. Jede von den
+großen politischen Massenaktionen schlägt, nachdem sie ihren politischen
+Höhepunkt erreicht hat, in einen ganzen Wust ökonomischer Streiks um.
+Und dies bezieht sich wieder nicht bloß auf jeden einzelnen von den
+großen Massenstreiks, sondern auch auf die Revolution im ganzen. Mit der
+Verbreitung, Klärung und Potenzierung des politischen Kampfes tritt nicht
+bloß der ökonomische Kampf nicht zurück, sondern er verbreitet sich,
+organisiert sich und potenziert sich seinerseits in gleichem Schritt. Es
+besteht zwischen beiden eine völlige Wechselwirkung.
+
+Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich
+in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf, indem er
+zugleich seine äußeren Möglichkeiten erweitert und den inneren Antrieb
+der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust erhöht. Nach jeder
+schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender
+Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des
+ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche
+ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem Kapital hält die
+Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das
+ständige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der
+politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt, und zugleich
+führt das unermüdliche ökonomische Bohren des Proletariats alle
+Augenblicke bald hier, bald dort zu einzelnen scharfen Konflikten, aus
+denen unversehens politische Konflikte auf großem Maßstab explodieren.
+
+Mit einem Wort: Der ökonomische Kampf ist das Fortleitende von einem
+politischen Knotenpunkt zum andern, der politische Kampf ist die
+periodische Befruchtung des Bodens für den ökonomischen Kampf. Ursache
+und Wirkung wechseln hier alle Augenblicke ihre Stellen, und so bilden
+das ökonomische und das politische Moment in der Massenstreikperiode,
+weit entfernt, sich reinlich zu scheiden oder gar auszuschließen, wie es
+das pedantische Schema will, vielmehr nur zwei ineinandergeschlungene
+Seiten des proletarischen Klassenkampfes in Rußland. Und _ihre Einheit_
+ist eben der Massenstreik. Wenn die spintisierende Theorie, um zu dem
+»reinen politischen Massenstreik« zu gelangen, eine künstliche logische
+Sektion an dem Massenstreik vornimmt, so wird bei diesem Sezieren, wie
+bei jedem anderen, die Erscheinung nicht in ihrem lebendigen Wesen
+erkannt, sondern bloß abgetötet.
+
+3. Endlich zeigen uns die Vorgänge in Rußland, daß der Massenstreik von
+der Revolution unzertrennlich ist. Die Geschichte der russischen
+Massenstreiks das ist die Geschichte der russischen Revolution. Wenn
+freilich die Vertreter unseres deutschen Opportunismus von »Revolution«
+hören, so denken sie sofort an Blutvergießen, Straßenschlachten, an
+Pulver und Blei, und der logische Schluß daraus ist: der Massenstreik
+führt unvermeidlich zur Revolution, _ergo_ dürfen wir ihn nicht machen.
+In der Tat sehen wir in Rußland, daß beinahe jeder Massenstreik im
+letzten Schluß auf ein Renkontre mit den bewaffneten Hütern der
+zarischen Ordnung hinausläuft; darin sind die sogenannten politischen
+Streiks den größeren ökonomischen Kämpfen ganz gleich. Allein die
+Revolution ist etwas anderes und etwas mehr als Blutvergießen. Im
+Unterschied von der polizeilichen Auffassung, die die Revolution
+ausschließlich vom Standpunkte der Straßenunruhen und Krawalle, d. h.
+vom Standpunkte der »Unordnung« ins Auge faßt, erblickt die Auffassung
+des wissenschaftlichen Sozialismus in der Revolution vor allem eine
+tiefgehende innere Umwälzung in den sozialen Klassenverhältnissen. Und
+von diesem Standpunkt besteht zwischen Revolution und Massenstreik in
+Rußland auch noch ein ganz anderer Zusammenhang als der von der
+trivialen Wahrnehmung konstatierte, daß der Massenstreik gewöhnlich im
+Blutvergießen endet.
+
+Wir haben oben den inneren Mechanismus der russischen Massenstreiks
+gesehen, der auf der unaufhörlichen Wechselwirkung des politischen und
+des ökonomischen Kampfes beruht. Aber gerade diese Wechselwirkung ist
+bedingt durch die Revolutionsperiode. Nur in der Gewitterluft der
+revolutionären Periode vermag sich nämlich jeder partielle kleine
+Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer allgemeinen Explosion
+auszuwachsen. In Deutschland passieren jährlich und täglich die
+heftigsten, brutalsten Zusammenstöße zwischen Arbeitern und
+Unternehmern, ohne daß der Kampf die Schranken der betreffenden
+einzelnen Branche oder der einzelnen Stadt, ja Fabrik überspringt.
+Maßregelungen organisierter Arbeiter wie in Petersburg, Arbeitslosigkeit
+wie in Baku, Lohnkonflikte wie in Odessa, Kämpfe um das Koalitionsrecht
+wie in Moskau sind in Deutschland auf der Tagesordnung. Kein einziger
+dieser Fälle schlägt jedoch in eine gemeinsame Klassenaktion um. Und
+wenn sie sich selbst zu einzelnen Massenstreiks auswachsen, die
+zweifellos einen politischen Anstrich haben, so entzünden sie auch dann
+noch kein allgemeines Gewitter. Der Generalstreik der holländischen
+Eisenbahner, der trotz wärmster Sympathien mitten in völliger
+Unbeweglichkeit des Proletariats im Lande verblutete, liefert einen
+frappanten Beweis dafür.
+
+Und umgekehrt, nur in der Revolutionsperiode, wo die sozialen Fundamente
+und die Mauern der Klassengesellschaft aufgelockert und in ständiger
+Verschiebung begriffen sind, vermag jede politische Klassenaktion des
+Proletariats in wenigen Stunden ganze, bis dahin unberührte Schichten
+der Arbeiterschaft aus der Unbeweglichkeit zu reißen, was sich sofort
+naturgemäß in einem stürmischen ökonomischen Kampf äußert. Der plötzlich
+durch den elektrischen Schlag einer politischen Aktion wachgerüttelte
+Arbeiter greift im nächsten Augenblick vor allem zu dem nächstliegenden:
+zur Abwehr gegen sein ökonomisches Sklavenverhältnis; die stürmische
+Geste des politischen Kampfes läßt ihn plötzlich mit ungeahnter
+Intensität die Schwere und den Druck seiner ökonomischen Ketten fühlen.
+Und während z. B. der heftigste politische Kampf in Deutschland: der
+Wahlkampf oder der parlamentarische Kampf um den Zolltarif kaum einen
+vernehmbaren direkten Einfluß auf den Verlauf und die Intensität der
+gleichzeitig in Deutschland geführten Lohnkämpfe ausübt, äußert sich
+jede politische Aktion des Proletariats in Rußland sofort in der
+Erweiterung und Vertiefung der Fläche des wirtschaftlichen Kampfes.
+
+So schafft also die Revolution erst die sozialen Bedingungen, in denen
+jenes unmittelbare Umschlagen des ökonomischen Kampfes in politischen
+und des politischen Kampfes in ökonomischen ermöglicht wird, das im
+Massenstreik seinen Ausdruck findet. Und wenn das vulgäre Schema den
+Zusammenhang zwischen Massenstreik und Revolution nur in den blutigen
+Straßen-Renkontres erblickt, mit denen die Massenstreiks abschließen, so
+zeigt uns ein etwas tieferer Blick in die russischen Vorgänge einen ganz
+_umgekehrten_ Zusammenhang: in Wirklichkeit produziert nicht der
+Massenstreik die Revolution, sondern die Revolution produziert den
+Massenstreik.
+
+4. Es genügt, das Bisherige zusammenzufassen, um auch über die Frage der
+bewußten Leitung und der Initiative bei dem Massenstreik Aufschluß zu
+bekommen. Wenn der Massenstreik nicht einen einzelnen Akt, sondern eine
+ganze Periode des Klassenkampfes bedeutet, und wenn diese Periode mit
+einer Revolutionsperiode identisch ist, so ist es klar, daß der
+Massenstreik nicht aus freien Stücken hervorgerufen werden kann, auch
+wenn der Entschluß dazu von der höchsten Instanz der stärksten
+sozialdemokratischen Partei ausgehen mag. Solange die Sozialdemokratie
+es nicht in ihrer Hand hat, nach eigenem Ermessen Revolutionen zu
+inszenieren und abzusagen, genügt auch nicht die größte Begeisterung und
+Ungeduld der sozialdemokratischen Truppen dazu, eine wirkliche Periode
+der Massenstreiks als eine lebendige mächtige Volksbewegung ins Leben zu
+rufen. Auf Grund der Entschlossenheit einer Parteileitung und der
+Parteidisziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft kann man wohl
+eine einmalige kurze Demonstration veranstalten, wie der schwedische
+Massenstreik oder die jüngsten österreichischen oder auch der Hamburger
+Massenstreik vom 17. Januar. Diese Demonstrationen unterscheiden sich
+aber von einer wirklichen Periode revolutionärer Massenstreiks genau so,
+wie sich die bekannten Flottendemonstrationen in fremden Häfen bei
+gespannten diplomatischen Beziehungen von einem Seekrieg unterscheiden.
+Ein aus lauter Disziplin und Begeisterung geborener Massenstreik wird im
+besten Falle als eine Episode, als ein Symptom der Kampfstimmung der
+Arbeiterschaft eine Rolle spielen, worauf die Verhältnisse aber in den
+ruhigen Alltag zurückfallen. Freilich fallen auch während der Revolution
+die Massenstreiks nicht ganz vom Himmel. Sie müssen so oder anders von
+den Arbeitern gemacht werden. Der Entschluß und Beschluß der
+Arbeiterschaft spielt auch dabei eine Rolle, und zwar kommt die
+Initiative sowie die weitere Leitung natürlich dem organisierten und
+aufgeklärtesten sozialdemokratischen Kern des Proletariats zu. Allein
+diese Initiative und diese Leitung haben einen Spielraum meistens nur in
+Anwendung auf die einzelnen Akte, einzelnen Streiks, wenn die
+revolutionäre Periode bereits vorhanden ist, und zwar meistens in den
+Grenzen einer einzelnen Stadt. So hat z. B., wie wir gesehen, die
+Sozialdemokratie mehrmals direkt die Losung zum Massenstreik in Baku, in
+Warschau, in Lodz, in Petersburg mit Erfolg gegeben. Dasselbe gelingt
+schon viel weniger in Anwendung auf allgemeine Bewegungen des gesamten
+Proletariats. Ferner sind dabei der Initiative und der bewußten Leitung
+ganz bestimmte Schranken gesteckt. Gerade während der Revolution ist es
+für irgend ein leitendes Organ der proletarischen Bewegung äußerst
+schwer, vorauszusehen und zu berechnen, welcher Anlaß und welche Momente
+zu Explosionen führen können und welche nicht. Auch hier besteht die
+Initiative und Leitung nicht in dem Kommandieren aus freien Stücken,
+sondern in der möglichst geschickten Anpassung an die Situation und
+möglichst engen Fühlung mit den Stimmungen der Masse. Das Element des
+Spontanen spielt, wie wir gesehen, in allen russischen Massenstreiks
+ohne Ausnahme eine große Rolle, sei es als treibendes oder als hemmendes
+Element. Dies rührt aber nicht daher, weil in Rußland die
+Sozialdemokratie noch jung oder schwach ist, sondern daher, weil bei
+jedem einzelnen Akt des Kampfes so viele unübersehbare ökonomische,
+politische und soziale, allgemeine und lokale, materielle und psychische
+Momente mitwirken, daß kein einziger Akt sich wie ein Rechenexempel
+bestimmen und abwickeln läßt. Die Revolution ist, auch wenn in ihr das
+Proletariat mit der Sozialdemokratie an der Spitze die führende Rolle
+spielt, nicht ein Manöver des Proletariats im freien Felde, sondern es
+ist ein Kampf mitten im unaufhörlichen Krachen, Zerbröckeln, Verschieben
+aller sozialen Fundamente. Kurz, in den Massenstreiks in Rußland spielt
+das Element des Spontanen eine so vorherrschende Rolle, nicht weil das
+russische Proletariat »ungeschult« ist, sondern weil sich Revolutionen
+nicht schulmeistern lassen.
+
+Anderseits aber sehen wir in Rußland, daß dieselbe Revolution, die der
+Sozialdemokratie das Kommando über den Massenstreik so sehr erschwert
+und ihr alle Augenblicke launig das Dirigentenstöckchen aus der Hand
+schlägt oder in die Hand drückt, daß sie dafür selbst gerade alle jene
+Schwierigkeiten der Massenstreiks löst, die im theoretischen Schema der
+deutschen Diskussion als die Hauptsorgen der »Leitung« behandelt werden:
+die Frage der »Verproviantierung«, der »Kostendeckung« und der »Opfer«.
+Freilich, sie löst sie durchaus nicht in dem Sinne, wie man es bei einer
+ruhigen, vertraulichen Konferenz zwischen den leitenden Oberinstanzen
+der Arbeiterbewegung mit dem Bleistift in der Hand regelt. Die
+»Regelung« all dieser Fragen besteht darin, daß die Revolution eben so
+enorme Volksmassen auf die Bühne bringt, daß jede Berechnung und
+Regelung der Kosten ihrer Bewegung, wie man die Kosten eines
+Zivilprozesses im voraus aufzeichnet, als ein ganz hoffnungsloses
+Unternehmen erscheint. Gewiß suchen auch die leitenden Organisationen in
+Rußland die direkten Opfer des Kampfes nach Kräften zu unterstützen. So
+wurden z. B. die tapferen Opfer der Riesenaussperrung in Petersburg
+infolge der Achtstundenkampagne wochenlang unterstützt. Allein alle
+diese Maßnahmen sind in der enormen Bilanz der Revolution ein Tropfen im
+Meere. Mit dem Augenblick, wo eine wirkliche ernste Massenstreikperiode
+beginnt, verwandeln sich alle »Kostenberechnungen« in das Vorhaben, den
+Ozean mit einem Wasserglas auszuschöpfen. Es ist nämlich ein Ozean
+furchtbarer Entbehrungen und Leiden, durch den jede Revolution für die
+Proletariermasse erkauft wird. Und die Lösung, die eine revolutionäre
+Periode dieser scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeit gibt, besteht
+darin, daß sie zugleich eine so gewaltige Summe von Massenidealismus
+auslöst, bei der die Masse gegen die schärfsten Leiden unempfindlich
+wird. Mit der Psychologie eines Gewerkschaftlers, der sich auf keine
+Arbeitsruhe bei der Maifeier einläßt, bevor ihm eine genau bestimmte
+Unterstützung für den Fall seiner Maßregelung im voraus zugesichert
+wird, läßt sich weder Revolution noch Massenstreik machen. Aber im Sturm
+der revolutionären Periode verwandelt sich eben der Proletarier aus
+einem Unterstützung heischenden vorsorglichen Familienvater in einen
+»Revolutionsromantiker«, für den sogar das höchste Gut, nämlich das
+Leben, geschweige das materielle Wohlsein, im Vergleich mit den
+Kampfidealen geringen Wert besitzt.
+
+Wenn aber die Leitung der Massenstreiks im Sinne des Kommandos über ihre
+Entstehung und im Sinne der Berechnung und Deckung ihrer Kosten Sache
+der revolutionären Periode selbst ist, so kommt dafür die Leitung bei
+Massenstreiks in einem ganz anderen Sinne der Sozialdemokratie und ihren
+führenden Organen zu. Statt sich mit der technischen Seite, mit dem
+Mechanismus der Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die
+Sozialdemokratie berufen, die _politische_ Leitung auch mitten in der
+Revolutionsperiode zu übernehmen. Die Parole, die Richtung dem Kampfe zu
+geben, die _Taktik_ des politischen Kampfes so einzurichten, daß in
+jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze Summe der
+vorhandenen und bereits ausgelösten, betätigten Macht des Proletariats
+realisiert wird und in der Kampfstellung der Partei zum Ausdruck kommt,
+daß die Taktik der Sozialdemokratie nach ihrer Entschlossenheit und
+Schärfe nie _unter_ dem Niveau des tatsächlichen Kräfteverhältnisses
+steht, sondern vielmehr diesem Verhältnis vorauseilt, das ist die
+wichtigste Aufgabe der »Leitung« in der Periode der Massenstreiks. Und
+diese Leitung schlägt von selbst gewissermaßen in technische Leitung um.
+Eine konsequente, entschlossene, vorwärtsstrebende Taktik der
+Sozialdemokratie ruft in der Masse das Gefühl der Sicherheit, des
+Selbstvertrauens und der Kampflust hervor; eine schwankende,
+schwächliche, auf der Unterschätzung des Proletariats basierte Taktik
+wirkt auf die Masse lähmend und verwirrend. Im ersteren Falle brechen
+Massenstreiks »von selbst« und immer »rechtzeitig« aus, im zweiten
+bleiben mitunter direkte Aufforderungen der Leitung zum Massenstreik
+erfolglos. Und für beides liefert die russische Revolution sprechende
+Beispiele.
+
+
+
+
+V.
+
+
+Es fragt sich nun, wie weit alte Lehren, die man aus den russischen
+Massenstreiks ziehen kann, auf Deutschland passen. Die sozialen und
+politischen Verhältnisse, die Geschichte und der Stand der
+Arbeiterbewegung sind in Deutschland und in Rußland völlig verschieden.
+Auf den ersten Blick mögen auch die oben aufgezeichneten inneren Gesetze
+der russischen Massenstreiks lediglich als das Produkt spezifisch
+russischer Verhältnisse erscheinen, die für das deutsche Proletariat gar
+nicht in Betracht kommen. Zwischen dem politischen und ökonomischen
+Kampf in der russischen Revolution besteht der engste innere
+Zusammenhang; ihre Einheit kommt in der Periode der Massenstreiks zum
+Ausdruck. Aber ist das nicht eine einfache Folge des russischen
+Absolutismus? In einem Staate, wo jede Form und jede Äußerung der
+Arbeiterbewegung verboten, wo der einfachste Streik ein politisches
+Verbrechen ist, muß auch logischerweise jeder ökonomische Kampf zum
+politischen werden.
+
+Ferner, wenn umgekehrt gleich der erste Ausbruch der politischen
+Revolution eine allgemeine Abrechnung der russischen Arbeiterschaft mit
+dem Unternehmertum nach sich gezogen hat, so ist das wiederum die
+einfache Folge des Umstandes, daß der russische Arbeiter bis dahin auf
+dem tiefsten Niveau der Lebenshaltung stand und überhaupt noch niemals
+einen regelmäßigen ökonomischen Kampf um die Besserung seiner Lage
+geführt hatte. Das Proletariat in Rußland mußte sich gewissermaßen aus
+dem allergröbsten erst herausarbeiten, was Wunder, daß es dazu mit
+jugendlichem Wagemut griff, sobald die Revolution den ersten frischen
+Hauch in die Stickluft des Absolutismus hineingebracht hatte. Und
+endlich erklärt sich der stürmische revolutionäre Verlauf der russischen
+Massenstreiks, sowie ihr vorwiegend spontaner, elementarer Charakter
+einerseits aus der politischen Zurückgebliebenheit Rußlands, aus der
+Notwendigkeit, erst den orientalischen Despotismus zu stürzen,
+anderseits aus dem Mangel an Organisation und Schulung des russischen
+Proletariats. In einem Lande, wo die Arbeiterklasse 80 Jahre Erfahrung
+im politischen Leben, eine drei Millionen starke sozialdemokratische
+Partei und eineinviertel Million gewerkschaftlich organisierte
+Kerntruppen hat, kann der politische Kampf, können die Massenstreiks
+unmöglich denselben stürmischen und elementaren Charakter annehmen wie
+in einem halbbarbarischen Staate, der erst den Sprung aus dem
+Mittelalter in die neuzeitliche bürgerliche Ordnung macht. Dies die
+landläufige Vorstellung bei denjenigen, die den Reifegrad der
+gesellschaftlichen Verhältnisse eines Landes aus dem Wortlaut seiner
+geschriebenen Gesetze ablesen wollen.
+
+Untersuchen wir die Fragen nach der Reihe. Zunächst ist es verkehrt, den
+Beginn des ökonomischen Kampfes in Rußland erst von dem Ausbruch der
+Revolution zu datieren. Tatsächlich waren die Streiks, die Lohnkämpfe im
+eigentlichen Rußland seit Anfang der neunziger Jahre, in Russisch-Polen
+sogar seit Ende der achtziger Jahre, immer mehr auf der Tagesordnung und
+hatten sich zuletzt das faktische Bürgerrecht erworben. Freilich zogen
+sie häufig brutale polizeiliche Maßregelungen nach sich, gehörten aber
+trotzdem zu den alltäglichen Erscheinungen. Bestand doch z. B. in
+Warschau und Lodz bereits im Jahre 1891 je eine bedeutende allgemeine
+Streikkasse, und die Schwärmerei für die Gewerkschaften hat in diesen
+Jahren in Polen für kurze Zeit sogar jene »ökonomischen« Illusionen
+geschaffen, die in Petersburg und im übrigen Rußland einige Jahre später
+grassierten.[3]
+
+[Fußnote 3: Es beruht deshalb auf einem tatsächlichen Irrtum, wenn die
+Genossin Roland-Holst in der Vorrede zur russischen Ausgabe Ihres Buches
+über den Massenstreik meint: »Das Proletariat (in Rußland) war, fast
+seit dem Aufkommen der Großindustrie, mit dem Massenstreik vertraut
+geworden, aus dem einfachen Grunde, weil partielle Streiks sich unter
+dem politischen Drucke des Absolutismus unmöglich erwiesen.« (S. »Neue
+Zeit« Nr. 33, 1906.) Das Umgekehrte war vielmehr der Fall. So sagte auch
+der Berichterstatter des Petersburger Gewerkschaftskartells auf der
+zweiten Konferenz der russischen Gewerkschaften im Februar 1906 eingangs
+seines Referats: »Bei der Zusammensetzung der Konferenz, die ich hier
+vor mir sehe, habe ich nicht nötig, erst hervorzuheben, daß unsere
+Gewerkschaftsbewegung nicht etwa von der »liberalen« Periode des Fürsten
+Swiatopolk-Mirski (im Jahre 1904. R. L.) oder vom 22. Januar herrührt,
+wie manche zu behaupten versuchen. Die gewerkschaftliche Bewegung hat
+viel tiefere Wurzeln, sie ist unzertrennlich verknüpft mit der ganzen
+Vergangenheit unserer Arbeiterbewegung. Unsere Gewerkschaften sind bloß
+neue Organisationsformen zur Leitung jenes ökonomischen Kampfes, den das
+russische Proletariat bereits Jahrzehnte lang führt. Ohne uns weit in
+die Geschichte zu vertiefen, darf man wohl sagen, daß der ökonomische
+Kampf der Petersburger Arbeiter mehr oder weniger organisierte Formen
+annimmt seit den denkwürdigen Streiks der Jahre 1896 und 1897. Die
+Leitung dieses Kampfes wird, glücklich kombiniert mit der Leitung des
+politischen Kampfes, Sache jener sozialdemokratischen Organisation, die
+der »Petersburger Verein des Kampfes um die Befreiung der
+Arbeiterklasse« hieß, und die sich nach der Konferenz im März 1898 in
+das »Petersburger Komitee der russischen sozialdemokratischen
+Arbeiterpartei« verwandelte. Es wird ein kompliziertes System der
+Fabrik-, Bezirks- und Vorstadt-Organisationen geschaffen, welches die
+Zentrale durch unzählige Fäden mit den Arbeitermassen verknüpft und es
+ihr ermöglicht, auf alle Bedürfnisse der Arbeiterschaft durch
+Flugschriften zu reagieren. Es wird die Möglichkeit geschaffen, die
+Streiks zu unterstützen und zu leiten.«]
+
+Desgleichen liegt viel Übertreibung in der Vorstellung, als habe der
+Proletarier im Zarenreich vor der Revolution durchweg auf dem
+Lebensniveau eines Paupers gestanden. Gerade die jetzt im ökonomischen
+wie im politischen Kampfe tätigste und eifrigste Schicht der
+großindustriellen großstädtischen Arbeiter stand in bezug auf ihr
+materielles Lebensniveau kaum viel tiefer als die entsprechende Schicht
+des deutschen Proletariats, und in manchen Berufen kann man in Rußland
+gleiche, ja hier und da selbst höhere Löhne finden als in Deutschland.
+Auch in Bezug auf die Arbeitszeit wird der Unterschied zwischen den
+großindustriellen Betrieben hier und dort kaum ein bedeutender sein.
+Somit sind die Vorstellungen, die mit einem vermeintlichen materiellen
+und kulturellen Helotentum der russischen Arbeiterschaft rechnen,
+ziemlich aus der Luft gegriffen. Dieser Vorstellung müßte bei einigem
+Nachdenken schon die Tatsache der Revolution selbst und der
+hervorragenden Rolle des Proletariats in ihr widersprechen. Mit Paupers
+werden keine Revolutionen von dieser politischen Reife und
+Gedankenklarheit gemacht, und der im Vordertreffen des Kampfes stehende
+Petersburger und Warschauer, Moskauer und Odessaer Industriearbeiter ist
+kulturell und geistig dem westeuropäischen Typus viel näher, als sich
+diejenigen denken, die als die einzige und unentbehrliche Kulturschule
+des Proletariats den bürgerlichen Parlamentarismus und die regelrechte
+Gewerkschaftspraxis betrachten. Die moderne großkapitalistische
+Entwicklung Rußlands und die anderthalbjahrzehnte lange geistige
+Einwirkung der Sozialdemokratie, die den ökonomischen Kampf ermutigte
+und leitete, haben auch ohne die äußeren Garantien der bürgerlichen
+Rechtsordnung ein tüchtiges Stück Kulturarbeit geleistet.
+
+Der Kontrast wird aber noch geringer, wenn wir auf der anderen Seite
+etwas tiefer in das tatsächliche Lebensniveau der _deutschen_
+Arbeiterschaft hineinblicken. Die großen politischen Massenstreiks haben
+in Rußland vom ersten Augenblick die breitesten Schichten des
+Proletariats aufgerüttelt und in fieberhaften ökonomischen Kampf
+gestürzt. Allein, gibt es in Deutschland nicht ganze dunkle Winkel im
+Dasein der Arbeiterschaft, wo das wärmende Licht der Gewerkschaften bis
+jetzt sehr spärlich eindringt, ganze große Schichten, die bis jetzt gar
+nicht oder vergeblich auf dem Wege alltäglicher Lohnkämpfe sich aus dem
+sozialen Helotentum emporzuheben versuchen? Nehmen wir das
+_Bergarbeiterelend_. Schon in dem ruhigen Werkeltag, in der kalten
+Atmosphäre des parlamentarischen Einerlei Deutschlands -- wie in den
+anderen Ländern auch, selbst im Dorado der Gewerkschaften, in England --
+äußert sich der Lohnkampf der Bergarbeiter fast nicht anders als von
+Zeit zu Zeit in gewaltigen Eruptionen, in Massenstreiks von typischem,
+elementarem Charakter. Dies zeigt eben, daß der Gegensatz zwischen
+Kapital und Arbeit hier ein zu scharfer und gewaltiger ist, als daß er
+sich in die Form ruhiger, planmäßiger, partieller Gewerkschaftskämpfe
+zerbröckeln ließe. Dieses Bergarbeiterelend aber mit seinem eruptiven
+Boden, das schon in »normalen« Zeiten einen Wetterwinkel von größter
+Heftigkeit bildet, müßte sich in Deutschland bei jeder größeren
+politischen Massenaktion der Arbeiterklasse, bei jedem stärkeren Ruck,
+der das momentane Gleichgewicht des sozialen Alltags verschiebt,
+unvermeidlich sofort in einen gewaltigen ökonomisch-sozialen Kampf
+entladen. Nehmen wir ferner das _Textilarbeiterelend_. Auch hier geben
+die erbitterten und meistens resultatlosen Ausbrüche des Lohnkampfes,
+der das Vogtland alle paar Jahre durchtobt, einen schwachen Begriff von
+der Vehemenz, mit der die große, zusammengeknäuelte Masse der Heloten
+des kartellierten Textilkapitals bei einer politischen Erschütterung,
+bei einer kräftigen und kühnen Massenaktion des deutschen Proletariats
+explodieren müßte. Nehmen wir ferner das _Heimarbeiterelend_, das
+_Konfektionsarbeiterelend_, das _Elektrizitätsarbeiterelend_, lauter
+Wetterwinkel, in denen um so sicherer bei jeder politischen
+Lufterschütterung in Deutschland gewaltige wirtschaftliche Kämpfe
+ausbrechen werden, je seltener das Proletariat hier sonst, in ruhigen
+Zeiten, den Kampf aufnimmt und je erfolgloser es jedesmal kämpft, je
+brutaler es vom Kapital gezwungen wird, zähneknirschend ins Sklavenjoch
+zurückzukehren.
+
+Nun aber kommen in Betracht ganze große Kategorien des Proletariats, die
+überhaupt bei dem »normalen« Lauf der Dinge in Deutschland von jeder
+Möglichkeit eines ruhigen wirtschaftlichen Kampfes um die Hebung ihrer
+Lage und von jedem Gebrauch des Koalitionsrechts ausgeschlossen sind.
+Vor allem nennen wir zum Beispiel das glänzende Elend der _Eisenbahn-_
+und der _Postangestellten_. Bestehen doch für diese Staatsarbeiter
+mitten im parlamentarischen Rechtsstaat Deutschland russische Zustände,
+wohlgemerkt russische, wie sie nur _vor_ der Revolution, während der
+ungetrübten Herrlichkeit des Absolutismus, bestanden. Bereits in dem
+großen Oktoberstreik 1905 stand der russische Eisenbahner in dem noch
+formell absolutistischen Rußland in bezug auf seine wirtschaftliche und
+soziale Bewegungsfreiheit turmhoch über dem deutschen. Die russischen
+Eisenbahner und Postangestellten haben sich das Koalitionsrecht faktisch
+im Sturm erobert, und wenn es auch momentan Prozeß auf Prozeß und
+Maßregelung auf Maßregelung regnet, den inneren Zusammenhalt vermag
+ihnen nichts mehr zu nehmen. Es wäre aber eine völlig falsche
+psychologische Rechnung, wollte man mit der deutschen Reaktion annehmen,
+daß der Kadavergehorsam der deutschen Eisenbahner und Postangestellten
+ewig dauern wird, daß er ein Fels ist, den nichts zermürben kann. Wenn
+sich auch die deutschen Gewerkschaftsführer an die bestehenden Zustände
+dermaßen gewöhnt haben, daß sie ungetrübt durch diese in ganz Europa
+fast beispiellose Schmach mit einiger Genugtuung die Erfolge des
+Gewerkschaftskampfes in Deutschland überblicken können, so wird sich der
+tiefverborgene, lange aufgespeicherte Groll der uniformierten
+Staatssklaven bei einer allgemeinen Erhebung der Industriearbeiter
+unvermeidlich Luft zu verschaffen suchen. Und wenn die industrielle
+Vorhut des Proletariats in Massenstreiks nach weiteren politischen
+Rechten greifen oder die alten wird verteidigen wollen, muß der große
+Trupp der Eisenbahner und Postangestellten sich naturnotwendig auf seine
+besondere Schmach besinnen und endlich einmal zur Befreiung von der
+Extraportion russischen Absolutismus erheben, die für ihn speziell in
+Deutschland errichtet ist. Die pedantische Auffassung, die große
+Volksbewegungen nach Schema und Rezept abwickeln will, glaubt in der
+Eroberung des Koalitionsrechts für die Eisenbahner die notwendige
+_Voraussetzung_ zu erblicken, bei der man erst an einen Massenstreik in
+Deutschland wird »denken dürfen«. Der wirkliche und natürliche Gang der
+Ereignisse kann nur ein umgekehrter sein: nur aus einer kräftigen
+spontanen Massenstreikaktion kann tatsächlich das Koalitionsrecht der
+deutschen Eisenbahner wie der Postangestellten geboren werden. Und die
+bei den bestehenden Verhältnissen in Deutschland unlösbare Aufgabe wird
+unter dem Eindruck und dem Druck einer allgemeinen politischen
+Massenaktion des Proletariats ganz plötzlich ihre Möglichkeiten und ihre
+Lösung finden.
+
+Und endlich das größte und wichtigste: das _Landarbeiterelend_. Wenn die
+englischen Gewerkschaften ausschließlich auf die Industriearbeiter
+zugeschnitten sind, so ist das der dem spezifischen Charakter der
+englischen Nationalwirtschaft, bei der geringen Rolle der Landwirtschaft
+im ganzen des ökonomischen Lebens eher eine begreifliche Erscheinung. In
+Deutschland wird eine gewerkschaftliche Organisation, und sei sie noch
+so glänzend ausgebaut, wenn sie lediglich die Industriearbeiter umfaßt
+und für das ganze große Heer der Landarbeiter unzugänglich ist, immer
+nur ein schwaches Teilbild der Lage des Proletariats im ganzen geben. Es
+wäre aber wiederum eine verhängnisvolle Illusion, zu glauben, daß die
+Zustände auf dem flachen Lande unveränderliche und unbewegliche seien,
+daß sowohl die unermüdliche Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie, wie
+noch mehr die ganze innere Klassenpolitik Deutschlands nicht beständig
+die äußere Passivität des Landarbeiters unterwühlen, und daß bei
+irgend einer größeren allgemeinen Klassenaktion des deutschen
+Industrieproletariats, zu welchem Zweck sie auch unternommen sei, nicht
+auch das ländliche Proletariat in Aufruhr kommt. Dies kann sich aber
+ganz naturgemäß nicht anders als zunächst in einem allgemeinen
+stürmischen ökonomischen Kampf, in gewaltigen Massenstreiks der
+Landarbeiter äußern.
+
+So verschiebt sich das Bild der angeblichen wirtschaftlichen
+Überlegenheit des deutschen Proletariats über das russische ganz
+bedeutend, wenn wir den Blick von der Tabelle der gewerkschaftlich
+organisierten Industrie- und Handwerksbranchen auf jene großen Gruppen
+des Proletariats richten, die ganz außerhalb des gewerkschaftlichen
+Kampfes stehen oder deren besondere wirtschaftliche Lage sich nicht in
+den engen Rahmen des alltäglichen gewerkschaftlichen Kleinkriegs
+hineinzwängen läßt. Wir sehen dann ein gewaltiges Gebiet nach dem
+anderen, wo die Zuspitzung der Gegensätze die äußerste Grenze erreicht
+hat, wo Zündstoff in Hülle und Fülle aufgehäuft ist, wo sehr viel
+»russischer Absolutismus« in nacktester Form steckt und wo
+wirtschaftlich die allerelementarsten Abrechnungen mit dem Kapital erst
+nachzuholen sind.
+
+Alle diese alten Rechnungen würden dann bei einer allgemeinen
+politischen Massenaktion des Proletariats unvermeidlich dem herrschenden
+System präsentiert werden. Eine künstlich arrangierte einmalige
+Demonstration des städtischen Proletariats, eine bloße aus Disziplin und
+nach dem Taktstock eines Parteivorstandes ausgeführte Massenstreikaktion
+könnte freilich die breiteren Volksschichten kühl und gleichgültig
+lassen. Allein eine wirkliche, aus revolutionärer Situation geborene,
+kräftige und rücksichtslose Kampfaktion des Industrieproletariats
+müßte sicher auf tiefer liegende Schichten zurückwirken und gerade
+alle diejenigen, die in normalen ruhigen Zeiten abseits des
+gewerkschaftlichen Tageskampfes stehen, in einen stürmischen allgemeinen
+ökonomischen Kampf mitreißen.
+
+Kommen wir aber auch auf die organisierten Vordertruppen des deutschen
+Industrieproletariats zurück und halten uns anderseits die heute von der
+russischen Arbeiterschaft verfochtenen Ziele des ökonomischen Kampfes
+vor die Augen, so finden wir durchaus nicht, daß es Bestrebungen sind,
+auf die die deutschen ältesten Gewerkschaften Grund hätten, wie auf
+ausgetretene Kinderschuhe über die Achsel zu schauen. So ist die
+wichtigste allgemeine Forderung der russischen Streiks seit dem 22.
+Januar 1905, der Achtstundentag, gewiß kein überwundener Standpunkt für
+das deutsche Proletariat, vielmehr in den allermeisten Fällen ein
+schönes fernes Ideal. Dasselbe trifft auf den Kampf mit dem
+»Hausherrnstandpunkt« zu, auf den Kampf um die Einführung der
+Arbeiterausschüsse in allen Fabriken, um die Abschaffung der
+Akkordarbeit, um die Abschaffung der Heimarbeit im Handwerk, um völlige
+Durchführung der Sonntagsruhe, um Anerkennung des Koalitionsrechts. Ja,
+bei näherem Zusehen sind sämtliche ökonomischen Kampfobjekte des
+russischen Proletariats in der jetzigen Revolution auch für das deutsche
+Proletariat höchst aktuell und berühren lauter wunde Stellen des
+Arbeiterdaseins.
+
+Daraus ergibt sich vor allem, daß der reine politische Massenstreik, mit
+dem man vorzugsweise operiert, auch für Deutschland ein bloßes lebloses
+theoretisches Schema ist. Werden die Massenstreiks aus einer starken
+revolutionären Gärung sich auf natürlichem Wege als ein entschlossener
+politischer Kampf der städtischen Arbeiterschaft ergeben, so werden sie
+ebenso natürlich, genau wie in Rußland, in eine ganze Periode
+elementarer ökonomischer Kämpfe umschlagen. Die Befürchtungen also der
+Gewerkschaftsführer, als könnte der Kampf um die ökonomischen Interessen
+in einer Periode stürmischer politischer Kämpfe, in einer Periode der
+Massenstreiks, einfach auf die Seite geschoben und erdrückt werden,
+beruhen auf einer ganz in der Luft schwebenden schulmäßigen Vorstellung
+von dem Gang der Dinge. Eine revolutionäre Periode würde vielmehr auch
+in Deutschland den Charakter des gewerkschaftlichen Kampfes ändern und
+ihn dermaßen potenzieren, daß der heutige Guerillakrieg der
+Gewerkschaften dagegen ein Kinderspiel sein wird. Und anderseits würde
+aus diesem elementaren ökonomischen Massenstreikgewitter auch der
+politische Kampf immer wieder neue Anstöße und frische Kräfte schöpfen.
+Die Wechselwirkung zwischen ökonomischem und politischem Kampf, die die
+innere Triebfeder der heutigen Massenstreiks in Rußland und zugleich
+sozusagen den regulierenden Mechanismus der revolutionären Aktion des
+Proletariats bildet, würde sich ebenso naturgemäß auch in Deutschland
+aus den Verhältnissen selbst ergeben.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Im Zusammenhang damit bekommt auch die Frage von der Organisation in
+ihrem Verhältnis zum Problem des Massenstreiks in Deutschland ein
+wesentlich anderes Gesicht.
+
+Die Stellung mancher Gewerkschaftsführer zu der Frage erschöpft sich
+gewöhnlich in der Behauptung: »Wir sind noch nicht stark genug, um eine
+so gewagte Kraftprobe wie einen Massenstreik zu riskieren.« Nun ist
+dieser Standpunkt insofern ein unhaltbarer, weil es eine unlösbare
+Aufgabe ist, auf dem Wege einer ruhigen, zahlenmäßigen Berechnung
+festzustellen, wann das Proletariat zu irgend einem Kampfe »stark genug
+sei«. Vor 30 Jahren zählten die deutschen Gewerkschaften 50 000
+Mitglieder. Das war offenbar eine Zahl, bei der, nach dem obigen
+Maßstab, an einen Massenstreik nicht zu denken war. Nach weiteren 15
+Jahren waren die Gewerkschaften viermal so stark und zählten 237 000
+Mitglieder. Wenn man jedoch damals die heutigen Gewerkschaftsführer
+gefragt hätte, ob nun die Organisation des Proletariats zu einem
+Massenstreik reif wäre, so hätten sie sicher geantwortet, daß dies bei
+weitem nicht der Fall sei und daß die gewerkschaftlich Organisierten
+erst nach Millionen zählen müßten. Heute gehen die organisierten
+Gewerkschaftsmitglieder bereits in die zweite Million, aber die Ansicht
+ihrer Führer ist genau dieselbe, was offenbar so ins Unendliche gehen
+kann. Stillschweigend wird dabei vorausgesetzt, daß überhaupt die
+gesamte Arbeiterklasse Deutschlands bis auf den letzten Mann und die
+letzte Frau in die Organisation aufgenommen werden müsse, bevor man
+»stark genug sei«, eine Massenaktion zu wagen, die alsdann, nach der
+alten Formel, sich auch noch wahrscheinlich als »überflüssig«
+herausstellen würde. Diese Theorie ist jedoch aus dem einfachen Grunde
+völlig utopisch, weil sie an einem inneren Widerspruch leidet, sich im
+schlimmen Zirkel dreht. Die Arbeiter sollen, bevor sie irgend einen
+direkten Klassenkampf vornehmen können, sämtlich organisiert sein. Die
+Verhältnisse, die Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung und des
+bürgerlichen Staates bringen es aber mit sich, daß bei dem »normalen«
+Verlauf der Dinge, ohne stürmische Klassenkämpfe, bestimmte Schichten
+-- und zwar gerade das Gros, die wichtigsten, die tiefststehenden, die
+vom Kapital und vom Staate am meisten gedrückten Schichten des
+Proletariats -- eben gar nicht organisiert werden können. Sehen wir doch
+selbst in England, daß ein ganzes Jahrhundert unermüdlicher
+Gewerkschaftsarbeit ohne alle »Störungen« -- ausgenommen im Anfange die
+Periode der Chartistenbewegung -- ohne alle »revolutionsromantischen«
+Verirrungen und Lockungen, es nicht weiter gebracht haben, als dahin,
+eine _Minderheit_ der bessersituierten Schichten des Proletariats zu
+organisieren.
+
+Anderseits aber können die Gewerkschaften, wie alle Kampforganisationen
+des Proletariats, sich selbst nicht auf die Dauer anders erhalten, als
+gerade im Kampf, und zwar nicht im Sinne allein des Froschmäusekrieges
+in den stehenden Gewässern der bürgerlich-parlamentarischen Periode,
+sondern im Sinne heftiger, revolutionärer Perioden des Massenkampfes.
+Die steife, mechanisch-bureaukratische Auffassung will den Kampf nur als
+Produkt der Organisation auf einer gewissen Höhe ihrer Stärke gelten
+lassen. Die lebendige dialektische Entwicklung läßt umgekehrt die
+Organisation als ein Produkt des Kampfes entstehen. Wir haben bereits
+ein grandioses Beispiel dieser Erscheinung in Rußland gesehen, wo ein so
+gut wie gar nicht organisiertes Proletariat sich in anderthalb Jahren
+stürmischen Revolutionskampfes ein umfassendes Netz von
+Organisationsansätzen geschaffen hat. Ein anderes Beispiel dieser Art
+zeigt die eigene Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Im Jahre 1878
+betrug die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder 50 000. Nach der Theorie der
+heutigen Gewerkschaftsführer war diese Organisation, wie gesagt, bei
+weitem nicht »stark genug«, um einen heftigen politischen Kampf
+aufzunehmen. Die deutschen Gewerkschaften _haben_ aber, so schwach sie
+damals waren, den Kampf aufgenommen -- nämlich den Kampf mit dem
+Sozialistengesetz -- und sie erwiesen sich nicht nur »stark genug«, aus
+dem Kampfe als Sieger hervorzugehen, sondern sie haben in diesem Kampfe
+ihre Kraft verfünffacht; sie umfaßten nach dem Fall des
+Sozialistengesetzes im Jahre 1891 277 659 Mitglieder. Allerdings
+entspricht die Methode, nach der die Gewerkschaften im Kampfe mit dem
+Sozialistengesetz gesiegt haben, nicht dem Ideal eines friedlichen,
+bienenartigen ununterbrochenen Ausbaus; sie gingen erst im Kampfe
+sämtlich in Trümmer, um sich dann aus der nächsten Welle
+emporzuschwingen und neu geboren zu werden. Dies ist aber eben die den
+proletarischen Klassenorganisationen entsprechende spezifische Methode
+des Wachstums: im Kampfe sich zu erproben und aus dem Kampfe wieder
+reproduziert hervorzugehen.
+
+Nach näherer Prüfung der deutschen Verhältnisse und der Lage der
+verschiedenen Schichten der Arbeiter ist es klar, daß auch die kommende
+Periode stürmischer politischer Massenkämpfe für die deutschen
+Gewerkschaften nicht den befürchteten drohenden Untergang, sondern
+umgekehrt neue ungeahnte Perspektiven einer rapiden sprungweisen
+Erweiterung ihrer Machtsphäre mit sich bringen würde. Allein die Frage
+hat noch eine andere Seite. Der Plan, Massenstreiks als ernste
+politische Klassenaktion bloß mit Organisierten zu unternehmen, ist
+überhaupt ein gänzlich hoffnungsloser. Soll der Massenstreik, oder
+vielmehr sollen die Massenstreiks, soll der Massenkampf einen Erfolg
+haben, so muß er zu einer wirklichen _Volksbewegung_ werden, d. h. die
+breitesten Schichten des Proletariats mit in den Kampf ziehen. -- Schon
+bei der parlamentarischen Form beruht die Macht des proletarischen
+Klassenkampfes nicht auf dem kleinen organisierten Kern, sondern auf der
+breiten umliegenden Peripherie des revolutionär gesinnten Proletariats.
+Wollte die Sozialdemokratie bloß mit ihren paar Hunderttausend
+Organisierten Wahlschlachten schlagen, dann würde sie sich selbst zur
+Nullität verurteilen. Und ist es auch eine Tendenz der Sozialdemokratie,
+womöglich fast den gesamten großen Heerbann ihrer Wähler in die
+Parteiorganisationen aufzunehmen, so wird doch nach 30jähriger Erfahrung
+der Sozialdemokratie nicht ihre Wählermasse durch das Wachstum der
+Parteiorganisation erweitert, sondern umgekehrt die durch den Wahlkampf
+jeweilig eroberten frischen Schichten der Arbeiterschaft bilden das
+Ackerfeld für die darauffolgende Organisationsaussaat. Auch hier liefert
+nicht nur die Organisation die Kampftruppen, sondern der Kampf liefert
+in noch größerem Maße die Rekrutiertruppen für die Organisation. In viel
+höherem Grade als auf den parlamentarischen Kampf bezieht sich dasselbe
+offenbar auf die direkte politische Massenaktion. Ist auch die
+Sozialdemokratie, als organisierter Kern der Arbeiterklasse, die
+führende Vordertruppe des gesamten arbeitenden Volkes und fließt auch
+die politische Klarheit, die Kraft, die Einheit der Arbeiterbewegung
+gerade aus dieser Organisation, so darf doch die Klassenbewegung des
+Proletariats niemals als Bewegung der organisierten Minderheit aufgefaßt
+werden. Jeder wirkliche große Klassenkampf muß auf der Unterstützung und
+Mitwirkung der breitesten Massen beruhen, und eine Strategie des
+Klassenkampfes, die nicht mit dieser Mitwirkung rechnete, die bloß auf
+die hübsch ausgeführten Märsche des kasernierten kleinen Teils des
+Proletariats zugeschnitten wäre, ist im voraus zum kläglichen Fiasko
+verurteilt.
+
+Die Massenstreiks, die politischen Massenkämpfe können also unmöglich in
+Deutschland von den Organisierten allein getragen und auf eine
+regelrechte »Leitung« aus einer Parteizentrale berechnet werden. In
+diesem Falle kommt es aber wieder -- ganz wie in Rußland -- nicht sowohl
+auf »Disziplin«, »Schulung« und auf möglichst sorgfältige
+Vorausbestimmung der Unterstützungs- und der Kostenfrage an, als
+vielmehr auf eine wirkliche revolutionäre, entschlossene Klassenaktion,
+die im stande wäre, die breitesten Kreise der nichtorganisierten, aber
+ihrer Stimmung und ihrer Lage nach revolutionären Proletariermassen zu
+gewinnen und mitzureißen.
+
+Die Überschätzung und die falsche Einschätzung der Rolle der
+Organisation im Klassenkampf des Proletariats wird gewöhnlich ergänzt
+durch die Geringschätzung der unorganisierten Proletariermasse und ihrer
+politischen Reife. In einer revolutionären Periode, im Sturme großer,
+aufrüttelnder Klassenkämpfe zeigt sich erst die ganze erzieherische
+Wirkung der raschen kapitalistischen Entwicklung und der
+sozialdemokratischen Einflüsse auf die breitesten Volksschichten, wovon
+in ruhigen Zeiten die Tabellen der Organisationen und selbst die
+Wahlstatistiken nur einen ganz schwachen Begriff geben.
+
+Wir haben gesehen, daß in Rußland seit zirka zwei Jahren aus dem
+geringsten partiellen Konflikt der Arbeiter mit dem Unternehmertum, aus
+der geringsten lokalen Brutalität der Regierungsorgane sofort eine
+große, allgemeine Aktion des Proletariats entstehen kann. Jedermann
+sieht und findet es natürlich, weil in Rußland eben »die Revolution« da
+ist. Was bedeutet aber dies? Es bedeutet, daß das Klassengefühl, der
+Klasseninstinkt bei dem russischen Proletariat in höchstem Maße lebendig
+ist, so daß es jede partielle Sache irgend einer kleinen Arbeitergruppe
+unmittelbar als allgemeine Sache, als Klassenangelegenheit empfindet und
+blitzartig darauf als Ganzes reagiert. Während in Deutschland, in
+Frankreich, in Italien, in Holland die heftigsten gewerkschaftlichen
+Konflikte gar keine allgemeine Aktion der Arbeiterklasse -- und sei es
+auch nur des organisierten Teils -- hervorrufen, entfacht in Rußland der
+geringste Anlaß einen ganzen Sturm. Das will aber nichts anderes
+besagen, als daß gegenwärtig der Klasseninstinkt -- so paradox es
+klingen mag -- bei dem jungen, ungeschulten, schwach aufgeklärten und
+noch schwächer organisierten russischen Proletariat ein unendlich
+stärkerer ist, als bei der organisierten, geschulten und aufgeklärten
+Arbeiterschaft Deutschlands oder eines anderen westeuropäischen Landes.
+Und das ist nicht etwa eine besondere Tugend des »jungen, unverbrauchten
+Ostens« im Vergleich mit dem »faulen Westen«, sondern es ist ein
+einfaches Resultat der unmittelbaren revolutionären Massenaktion. Bei
+dem deutschen aufgeklärten Arbeiter ist das von der Sozialdemokratie
+gepflanzte Klassenbewußtsein ein _theoretisches_, _latentes_: in der
+Periode der Herrschaft des bürgerlichen Parlamentarismus kann es sich
+als direkte Massenaktion in der Regel nicht betätigen; es ist hier die
+ideelle Summe der vierhundert Parallelaktionen der Wahlkreise während
+des Wahlkampfes, der vielen ökonomischen partiellen Kämpfe und
+dergleichen. In der Revolution, wo die Masse selbst auf dem politischen
+Schauplatz erscheint, wird das Klassenbewußtsein ein _praktisches_,
+_aktives_. Dem russischen Proletariat hat deshalb ein Jahr der
+Revolution jene »Schulung« gegeben, welche dem deutschen Proletariat 30
+Jahre parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht künstlich
+geben können. Freilich wird dieses lebendige, aktive Klassengefühl des
+Proletariats auch in Rußland nach dem Abschluß der Revolutionsperiode
+und nach der Herstellung eines bürgerlich-parlamentarischen
+Rechtsstaates bedeutend schwinden oder vielmehr in ein verborgenes,
+latentes umschlagen. Ebenso sicher wird aber umgekehrt in Deutschland in
+einer Periode kräftiger politischer Aktionen das lebendige,
+aktionsfähige revolutionäre Klassengefühl die breitesten und tiefsten
+Schichten des Proletariats ergreifen und zwar umso rascher und umso
+mächtiger, je gewaltiger das bis dahin geleistete Erziehungswerk der
+Sozialdemokratie ist. Dieses Erziehungswerk sowie die aufreizende und
+revolutionierende Wirkung der gesamten gegenwärtigen deutschen Politik
+wird sich darin äußern, daß der Fahne der Sozialdemokratie in einer
+ernsten revolutionären Periode alle jene Scharen plötzlich Folge leisten
+werden, die jetzt in scheinbarer politischer Stupidität gegen alle
+Organisierungsversuche der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften
+unempfindlich sind. Sechs Monate einer revolutionären Periode werden an
+der Schulung dieser jetzt unorganisierten Massen das Werk vollenden, das
+zehn Jahre Volksversammlungen und Flugblattverteilungen nicht fertig zu
+bringen vermögen. Und wenn die Verhältnisse in Deutschland für eine
+solche Periode den Reifegrad erreicht haben, werden im Kampfe die heute
+unorganisierten zurückgebliebensten Schichten naturgemäß das radikalste,
+das ungestümste, nicht das mitgeschleppte Element bilden. Wird es in
+Deutschland zu Massenstreiks kommen, so werden fast sicher nicht die
+bestorganisierten -- gewiß nicht die Buchdrucker -- sondern die
+schlechter oder gar nicht organisierten, die Bergarbeiter, die
+Textilarbeiter, vielleicht gar die Landarbeiter die größte
+Aktionsfähigkeit entwickeln.
+
+Auf diese Weise gelangen wir aber auch in Deutschland zu denselben
+Schlüssen in bezug auf die eigentlichen Aufgaben der _Leitung_, auf die
+Rolle der Sozialdemokratie gegenüber den Massenstreiks, wie bei der
+Analyse der russischen Vorgänge. Verlassen wir nämlich das pedantische
+Schema eines künstlich von Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten
+demonstrativen Massenstreiks der organisierten Minderheit, und wenden
+wir uns dem lebendigen Bilde einer aus äußerster Zuspitzung der
+Klassengegensätze und der politischen Situation mit elementarer Kraft
+entstehenden wirklichen Volksbewegung zu, die sich sowohl in
+politischen wie in ökonomischen stürmischen Massenkämpfen,
+Massenstreiks entladet, so muß offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie
+nicht in der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks,
+sondern vor allem in der _politischen Führung_ der ganzen Bewegung
+bestehen.
+
+Die Sozialdemokratie ist die aufgeklärteste, klassenbewußteste Vorhut
+des Proletariats. Sie kann und darf nicht mit verschränkten Armen
+fatalistisch auf den Eintritt der »revolutionären Situation« warten,
+darauf warten, daß jene spontane Volksbewegung vom Himmel fällt. Im
+Gegenteil, sie muß, wie immer, der Entwicklung der Dinge _vorauseilen_,
+sie zu _beschleunigen_ suchen. Dies vermag sie aber nicht dadurch, daß
+sie zur rechten und unrechten Zeit ins Blaue hinein plötzlich die
+»Losung« zu einem Massenstreik ausgibt, sondern vor allem dadurch, daß
+sie den breitesten proletarischen Schichten den unvermeidlichen
+_Eintritt_ dieser revolutionären Periode, die dazu führenden inneren
+_sozialen Momente_ und die _politischen Konsequenzen_ klar macht. Sollen
+breiteste proletarische Schichten für eine politische Massenaktion der
+Sozialdemokratie gewonnen werden und soll umgekehrt die Sozialdemokratie
+bei einer Massenbewegung die wirkliche Leitung ergreifen und behalten,
+der ganzen Bewegung _im politischen Sinne_ Herr werden, dann muß sie mit
+voller Klarheit, Konsequenz und Entschlossenheit die _Taktik_, die
+_Ziele_ dem deutschen Proletariat in der Periode der kommenden Kämpfe zu
+stecken wissen.
+
+
+
+
+VII.
+
+
+Wir haben gesehen, daß der Massenstreik in Rußland nicht ein künstliches
+Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, sondern eine
+natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden der jetzigen
+Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente, die in Rußland diese
+neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht haben?
+
+Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung
+des Absolutismus und die Herstellung eines modernen
+bürgerlich-parlamentarischen Rechtsstaates. Formell ist es genau
+dieselbe Aufgabe, die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich
+der großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. Allein
+die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell
+analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den
+heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, daß zwischen jenen
+bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen bürgerlichen
+Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen Entwicklung
+abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung nicht bloß die
+westeuropäischen Länder, sondern auch das absolutistische Rußland
+ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren Konsequenzen, der modernen
+Klassenscheidung, den schroffen sozialen Kontrasten, dem modernen
+Großstadtleben und dem modernen Proletariat, ist in Rußland die
+herrschende, d. h. in der sozialen Entwicklung ausschlaggebende
+Produktionsform geworden. Daraus hat sich aber die merkwürdige,
+widerspruchsvolle, geschichtliche Situation ergeben, daß die nach ihren
+formellen Aufgaben bürgerliche Revolution in erster Reihe von einem
+modernen klassenbewußten Proletariat ausgeführt wird, und in einem
+internationalen Milieu, das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen
+Demokratie steht. Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende
+revolutionäre Element, wie in den früheren Revolutionen des Westens,
+während die proletarische Masse, aufgelöst im Kleinbürgertum, der
+Bourgeoisie Heerbanndienste leistet, sondern umgekehrt, das
+klassenbewußte Proletariat ist das führende und treibende Element,
+während die großbürgerlichen Schichten teils direkt kontrerevolutionär,
+teils schwächlich-liberal, und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst
+der städtischen kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell,
+ja revolutionär gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das
+dermaßen zur führenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt
+ist, tritt selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie,
+dafür mit einem stark entwickelten Bewußtsein der eigenen spezifischen
+Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen
+Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis
+findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser formell
+bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft zum
+Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen
+Gesellschaft beherrscht wird, daß der Kampf des Proletariats sich mit
+gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die
+kapitalistische Ausbeutung richtet, daß das Programm der revolutionären
+Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische Freiheit und auf die
+Eroberung des Achtstundentages sowie einer menschenwürdigen materiellen
+Existenz für das Proletariat gerichtet ist. Dieser zwiespältige
+Charakter der russischen Revolution äußert sich in jener innigen
+Verbindung und Wechselwirkung des ökonomischen mit dem politischen
+Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in Rußland kennen gelernt haben,
+und die ihren entsprechenden Ausdruck eben im Massenstreik findet.
+
+In den früheren bürgerlichen Revolutionen, wo einerseits die politische
+Schulung und Anführung der revolutionären Masse von den bürgerlichen
+Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits um den nackten Sturz
+der alten Regierung handelte, war die kurze Barrikadenschlacht die
+passende Form des revolutionären Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse
+sich selbst im Laufe des revolutionären Kampfes aufklären, selbst
+sammeln und selbst anführen muß, und wo die Revolution ihrerseits ebenso
+gegen die alte Staatsgewalt wie gegen die kapitalistische Ausbeutung
+gerichtet ist, erscheint der Massenstreik als das natürliche Mittel, die
+breitesten proletarischen Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren,
+zu revolutionieren und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein
+Mittel ist, die alte Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und
+die kapitalistische Ausbeutung einzudämmen. Das städtische
+Industrieproletariat ist jetzt die Seele der Revolution in Rußland. Um
+aber irgend eine direkte politische Aktion als Masse auszuführen, muß
+sich das Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe
+muß es vor allem aus Fabriken und Werkstätten, aus Schächten und Hütten
+heraustreten, muß es die Pulverisierung und Zerbröckelung in den
+Einzelwerkstätten überwinden, zu der es im täglichen Joch des Kapitals
+verurteilt ist. Der Massenstreik ist somit die erste natürliche,
+impulsive Form jeder großen revolutionären Aktion des Proletariats, und
+je mehr die Industrie die vorherrschende Form der sozialen Wirtschaft,
+je hervorragender die Rolle des Proletariats in der Revolution und je
+entwickelter der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mächtiger
+und ausschlaggebender müssen die Massenstreiks werden. Die frühere
+Hauptform der bürgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht, die
+offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist in der
+heutigen Revolution nur ein äußerster Punkt, nur ein Moment in dem
+ganzen Prozeß des proletarischen Massenkampfes.
+
+Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene Zivilisierung
+und Milderung der Klassenkämpfe erreicht, die von den Opportunisten der
+deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein, David u. a. prophetisch
+vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten freilich die ersehnte
+Milderung und Zivilisierung des Klassenkampfes, im Geiste
+kleinbürgerlich-demokratischer Illusionen, darin, daß der Klassenkampf
+ausschließlich zu einem parlamentarischen Kampf beschränkt und die
+Straßenrevolution einfach abgeschafft wird. Die Geschichte hat die
+Lösung in einer etwas tieferen und feineren Weise gefunden: in dem
+Aufkommen des revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten
+brutalen Straßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig
+macht, ihn aber bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode
+reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode ein enormes
+Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet: die materielle
+und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse durch die
+»Zivilisierung« der barbarischen Formen der kapitalistischen Ausbeutung.
+
+So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch
+russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als eine
+allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich aus dem
+gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der
+Klassenverhältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen: die
+große französische, die deutsche Märzrevolution und die jetzige
+russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der fortlaufenden
+Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des kapitalistischen
+Jahrhunderts spiegelt. In der großen französischen Revolution geben die
+noch ganz unentwickelten inneren Widersprüche der bürgerlichen
+Gesellschaft für eine lange Periode gewaltiger Kämpfe Raum, wo sich alle
+die erst in der Hitze der Revolution rasch aufkeimenden und reifenden
+Gegensätze ungehindert und ungezwungen mit rücksichtslosem Radikalismus
+austoben. Ein halbes Jahrhundert später wird die auf halbem Wege der
+kapitalistischen Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen
+Bürgertums schon durch den Gegensatz der Interessen und das
+Gleichgewicht der Kräfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte
+unterbunden und durch einen bürgerlich-feudalen Kompromiß erstickt, zu
+einer kurzen, kläglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekürzt.
+Noch ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht
+auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den Berg,
+über den Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten
+ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den Gegensatz
+zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, sondern
+umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer Kämpfe
+entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung mit dem
+Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die vielen neuen
+Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die heutige Revolution
+realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen
+Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen
+kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter
+Nachläufer der alten bürgerlichen, wie ein Vorläufer der neuen Serie der
+proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land
+weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so
+unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren
+Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten
+kapitalistischen Länder.
+
+Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gänzlich verfehlt,
+die russische Revolution als ein schönes Schauspiel, als etwas
+spezifisch »Russisches« von weitem zu betrachten und höchstens das
+Heldentum der Kämpfer, d. h. die äußeren Akzessorien des Kampfes zu
+bewundern. Viel wichtiger ist es, daß die deutschen Arbeiter die
+russische Revolution _als ihre eigene Angelegenheit_ zu betrachten
+lernen, nicht bloß im Sinne der internationalen Klassensolidarität mit
+dem russischen Proletariat, sondern vor allem als _ein Kapitel der
+eigenen sozialen und politischen Geschichte_. Diejenigen
+Gewerkschaftsführer und Parlamentarier, die das deutsche Proletariat als
+»zu schwach« und die deutschen Verhältnisse als zu unreif für
+revolutionäre Massenkämpfe betrachten, haben offenbar keine Ahnung
+davon, daß der Gradmesser der Reife der Klassenverhältnisse in
+Deutschland und der Macht des Proletariats nicht in den Statistiken der
+deutschen Gewerkschaften oder in den Wahlstatistiken liegt, sondern --
+in den Vorgängen der russischen Revolution. Genau so, wie sich die Reife
+der französischen Klassengegensätze unter der Julimonarchie und die
+Pariser Junischlacht in der deutschen Märzrevolution, in ihrem Verlauf
+und ihrem Fiasko spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der
+deutschen Klassengegensätze in den Vorgängen, in der Macht der
+russischen Revolution. Und während die Bureaukraten der deutschen
+Arbeiterbewegung den Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den
+Schubfächern ihrer Kontore auskramen, sehen sie nicht, daß das Gesuchte
+gerade vor ihren Augen in einer großen historischen Offenbarung liegt,
+denn geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der
+Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der
+deutschen Arbeiterbewegung.
+
+Es wäre deshalb ein gar zu klägliches, grotesk winziges Resultat der
+russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr bloß die
+Lehre ziehen, daß es -- wie die Gen. Frohme, Elm und andere wollen --
+von der russischen Revolution die äußere Form des Kampfes, den
+Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone für den Fall der
+Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven Mittel der
+parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns das
+Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein ganz
+selbstverständlicher Entschluß. Aber zu diesem Entschluß braucht man
+sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie es z. B.
+Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des bereits besessenen
+bescheidenen Maßes der parlamentarischen Rechte ist weniger eine
+himmelstürmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren Hekatomben der
+russischen Revolution als Ermunterung notwendig waren, als vielmehr die
+einfachste und erste Pflicht jeder Oppositionspartei. Allein die bloße
+Defensive darf niemals die Politik des Proletariats in einer
+Revolutionsperiode erschöpfen. Und wenn es einerseits schwerlich mit
+Sicherheit vorausgesagt werden kann, ob die Vernichtung des allgemeinen
+Wahlrechts in Deutschland in einer Situation eintritt, die unbedingt
+eine sofortige Massenstreikaktion hervorrufen wird, so ist es anderseits
+ganz sicher, daß, sobald wir in Deutschland in die Periode stürmischer
+Massenaktionen eingetreten sind, die Sozialdemokratie unmöglich auf die
+bloße parlamentarische Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anlaß
+und den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in
+Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht der
+Sozialdemokratie, weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche
+Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber kann
+und muß, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn sie einmal
+eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten Taktik
+formulieren. Man hält nicht die geschichtlichen Ereignisse im Zaum,
+indem man ihnen Vorschriften macht, sondern indem man sich im voraus
+ihre wahrscheinlichen berechenbaren Konsequenzen zum Bewußtsein bringt
+und die eigene Handlungsweise danach einrichtet.
+
+Die zunächst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche
+Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefaßt macht, ist ein
+Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden
+Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht,
+wird entreißen wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses eventuellen
+Ereignisses ist es, wie gesagt, unmöglich, mit Bestimmtheit zu
+behaupten, daß auf den Staatsstreich alsdann sofort eine offene
+Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht, weil uns heute
+alle jene unzähligen Umstände und Momente unbekannt sind, die bei einer
+Massenbewegung die Situation mitbestimmen. Allein, wenn man die
+gegenwärtige äußerste Zuspitzung der Verhältnisse in Deutschland und
+anderseits die mannigfachen internationalen Rückwirkungen der russischen
+Revolution und weiter des künftigen renovierten Rußlands in Betracht
+zieht, so ist es klar, daß der Umsturz in der deutschen Politik, der aus
+einer Kassierung des Reichstagswahlrechts entstehen würde, nicht bei dem
+Kampf um dieses Wahlrecht allein Halt machen könnte. Dieser
+Staatsstreich würde vielmehr in kürzerer oder längerer Frist mit
+elementarer Macht eine große allgemeine politische Abrechnung der einmal
+empörten und aufgerüttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich
+ziehen -- eine Abrechnung für den Brotwucher, für die künstliche
+Fleischteuerung, für die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus
+und Marinismus, für die Korruption der Kolonialpolitik, für die
+nationale Schmach des Königsberger Prozesses, für den Stillstand der
+Sozialreform, für die Entrechtung der Eisenbahner, der Postbeamten und
+der Landarbeiter, für die Bemogelung und Verhöhnung der Bergarbeiter,
+für das Löbtauer Urteil und die ganze Klassenjustiz, für das brutale
+Aussperrungssystem -- kurz, für den gesamten zwanzigjährigen Druck der
+koalierten Herrschaft des ostelbischen Junkertums und des kartellierten
+Großkapitals.
+
+Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er, ob es die
+Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand gebracht
+werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren und Beispiele
+der russischen Revolution, als für Deutschland gar nicht maßgebend, vor
+allem deshalb abzuweisen, weil ja in Rußland erst der gewaltige Sprung
+aus einer orientalischen Despotie in eine moderne bürgerliche
+Rechtsordnung gemacht werden mußte. Der formelle Abstand zwischen der
+alten und der neuen politischen Ordnung soll für die Vehemenz und die
+Gewalt der Revolution in Rußland als ausreichender Erklärungsgrund
+dienen. In Deutschland haben wir längst die notwendigsten Formen und
+Garantien des Rechtsstaats, weshalb hier ein so elementares Toben der
+sozialen Gegensätze unmöglich ist. Die also spekulieren, vergessen, daß
+dafür in Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer
+Kämpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes sein
+wird, als heute in Rußland. Gerade weil die bürgerliche Rechtsordnung in
+Deutschland längst besteht, weil sie also Zeit hatte, sich gänzlich zu
+erschöpfen und auf die Neige zu gehen, weil die bürgerliche Demokratie
+und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben, kann von einer
+_bürgerlichen_ Revolution in Deutschland nicht mehr die Rede sein. Und
+deshalb kann es sich bei einer Periode offener politischer Volkskämpfe
+in Deutschland als letztes geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um
+die _Diktatur des Proletariats_ handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe
+von den heutigen Zuständen in Deutschland ist ein noch viel
+gewaltigerer, als der Abstand der bürgerlichen Rechtsordnung von der
+orientalischen Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit
+einem Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer
+sozialer Kämpfe vollzogen werden.
+
+Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten
+Perspektiven? Einerseits heißt es, bei einer eventuellen künftigen
+Periode der politischen Massenaktion werden vor allem die
+zurückgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die
+Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht
+erobern, die ärgsten Auswüchse der Ausbeutung erst beseitigt werden
+müssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode schon die
+politische Machteroberung durch das Proletariat sein! Einerseits
+ökonomische, gewerkschaftliche Kämpfe um die nächsten Interessen, um die
+materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits schon das äußerste
+Endziel der Sozialdemokratie! Gewiß, das sind krasse Widersprüche, aber
+nicht Widersprüche unseres Raisonnements, sondern Widersprüche der
+kapitialistischen Entwicklung. Sie verläuft nicht in einer hübschen,
+geraden Linie, sondern im schroffen blitzähnlichen Zickzack. Ebenso wie
+die verschiedenen kapitalistischen Länder die verschiedensten Stadien
+der Entwicklung darstellen, ebenso innerhalb jedes Landes die
+verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse. Die Geschichte wartet
+aber nicht geduldig, bis erst die zurückgebliebenen Länder und Schichten
+die fortgeschrittensten eingeholt haben, damit sich das Ganze wie eine
+stramme Kolonne symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits
+in den vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die
+Verhältnisse hier dafür reif sind, und im Sturme der revolutionären
+Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versäumte nachgeholt,
+das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt mit einem
+Ruck in Sturmschritt versetzt.
+
+Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der
+Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in
+dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzähligen
+partiellen Kämpfe in der gemeinsamen großen Klassenaktion des
+Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhältnisse dafür reif
+sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der
+Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den
+zurückgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den
+fortgeschrittensten zu richten.
+
+
+
+
+VIII.
+
+
+Das wichtigste Erfordernis in der früher oder später kommenden
+Periode der großen Kämpfe, die der deutschen Arbeiterklasse harren,
+ist, neben der vollen Entschlossenheit und Konsequenz der Taktik, die
+möglichste Aktionsfähigkeit, also mögliche Einheit des führenden
+sozialdemokratischen Teils der proletarischen Masse. Indes bereits die
+ersten schwachen Versuche zur Vorbereitung einer größeren Massenaktion
+haben sofort einen wichtigen Übelstand in dieser Hinsicht aufgedeckt:
+die völlige Trennung und Verselbständigung der beiden Organisationen der
+Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften.
+
+Es ist klar aus der näheren Betrachtung der Massenstreiks in Rußland
+sowie aus den Verhältnissen in Deutschland selbst, daß irgend eine
+größere Massenaktion, wenn sie sich nicht bloß auf eine einmalige
+Demonstration beschränken, sondern zu einer wirklichen Kampfaktion
+werden soll, unmöglich als ein sogenannter politischer Massenstreik
+gedacht werden kann. Die Gewerkschaften würden an einer solchen Aktion
+in Deutschland genau so beteiligt sein wie die Sozialdemokratie. Nicht
+aus dem Grunde, weil, wie die Gewerkschaftsführer sich einbilden, die
+Sozialdemokratie angesichts ihrer viel geringeren Organisation auf die
+Mitwirkung der 1¼ Million Gewerkschaftler angewiesen wäre und ohne sie
+nichts zu stande bringen könnte, sondern aus einem viel tiefer liegenden
+Grunde: weil jede direkte Massenaktion oder Periode offener
+Klassenkämpfe zugleich eine politische und ökonomische sein würde. Wird
+es in Deutschland aus irgend einem Anlaß und in irgend einem Zeitpunkt
+zu großen politischen Kämpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das
+zugleich eine Ära gewaltiger gewerkschaftlicher Kämpfe in Deutschland
+eröffnen, wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen werden,
+ob die Gewerkschaftsführer zu der Bewegung ihre Zustimmung gegeben haben
+oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich gar der Bewegung
+zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens nur der sein, daß
+die Gewerkschaftsführer, genau wie die Parteiführer im analogen Falle,
+von der Welle der Ereignisse einfach auf die Seite geschoben und die
+ökonomischen wie die politischen Kämpfe der Masse ohne sie ausgekämpft
+werden.
+
+In der Tat. Die Trennung zwischen dem politischen und dem ökonomischen
+Kampf und die Verselbständigung beider ist nichts als ein künstliches,
+wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der parlamentarischen Periode.
+Einerseits wird hier, bei dem ruhigen, »normalen« Gang der bürgerlichen
+Gesellschaft, der ökonomische Kampf zersplittert, in eine Vielheit
+einzelner Kämpfe in jeder Unternehmung, in jedem Produktionszweige
+aufgelöst. Anderseits wird der politische Kampf nicht durch die Masse
+selbst in einer direkten Aktion geführt, sondern, den Formen des
+bürgerlichen Staates entsprechend, auf repräsentativem Wege, durch den
+Druck auf die gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode
+revolutionärer Kämpfe eintritt, d. h. sobald die Masse auf dem
+Kampfplatz erscheint, fallen sowohl die Zersplitterung des ökonomischen
+Kampfes wie die indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes
+weg; in einer revolutionären Massenaktion sind politischer und
+ökonomischer Kampf eins und die künstliche Schranke zwischen
+Gewerkschaft und Sozialdemokratie als zwei getrennten, ganz
+selbständigen Formen der Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt.
+Was aber in der revolutionären Massenbewegung augenfällig zum Ausdruck
+kommt, trifft auch für die parlamentarische Periode als wirkliche
+Sachlage zu. Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der
+Arbeiterklasse, einen ökonomischen und einen politischen, sondern es
+gibt nur _einen_ Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschränkung
+der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft
+und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen
+Gesellschaft gerichtet ist.
+
+Wenn sich diese zwei Seiten des Klassenkampfes auch aus technischen
+Gründen in der parlamentarischen Periode voneinander trennen, so stellen
+sie doch nicht etwa zwei parallel verlaufende Aktionen, sondern bloß
+zwei Phasen, zwei Stufen des Emanzipationskampfes der Arbeiterklasse
+dar. Der gewerkschaftliche Kampf umfaßt die Gegenwartsinteressen, der
+sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen der Arbeiterbewegung.
+Die Kommunisten, sagt das kommunistische Manifest, vertreten gegenüber
+verschiedenen Gruppeninteressen (nationalen, lokalen Interessen) der
+Proletarier die gemeinsamen Interessen des gesamten Proletariats und in
+den verschiedenen Entwicklungsstufen des Klassenkampfes das Interesse
+der Gesamtbewegung d. h. die Endziele der Befreiung des Proletariats.
+Die Gewerkschaften vertreten nun die Gruppeninteressen und eine
+Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratie vertritt
+die Arbeiterklasse und ihre Befreiungsinteressen im ganzen. Das
+Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie ist demnach das eines
+Teiles zum Ganzen, und wenn unter den Gewerkschaftsführern die Theorie
+von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie
+soviel Anklang findet, so beruht das auf einer gründlichen Verkennung
+des Wesens selbst der Gewerkschaften und ihrer Rolle im allgemeinen
+Befreiungskampfe der Arbeiterklasse.
+
+Diese Theorie von der parallelen Aktion der Sozialdemokratie und der
+Gewerkschaften und von ihrer »Gleichberechtigung« ist jedoch nicht
+völlig aus der Luft gegriffen, sondern hat ihre geschichtlichen Wurzeln.
+Sie beruht nämlich auf einer Illusion der ruhigen, »normalen« Periode
+der bürgerlichen Gesellschaft, in der der politische Kampf der
+Sozialdemokratie in dem _parlamentarischen_ Kampf aufzugehen scheint.
+Der parlamentarische Kampf aber, das ergänzende Gegenstück zum
+Gewerkschaftskampf, ist ebenso wie dieser ein Kampf ausschließlich auf
+dem Boden der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Er ist seiner Natur
+nach politische Reformarbeit, wie die Gewerkschaften ökonomische
+Reformarbeit sind. Er stellt politische Gegenwartsarbeit dar, wie die
+Gewerkschaften ökonomische Gegenwartsarbeit darstellen. Er ist, wie sie,
+auch bloß eine Phase, eine Entwicklungsstufe im Ganzen des
+proletarischen Klassenkampfes, dessen Endziele über den
+parlamentarischen Kampf wie über den gewerkschaftlichen Kampf in
+gleichem Maße hinausgehen. Der parlamentarische Kampf verhält sich zur
+sozialdemokratischen Politik denn auch wie ein Teil zum Ganzen, genau so
+wie die gewerkschaftliche Arbeit. Die Sozialdemokratie ist eben heute
+die Zusammenfassung sowohl des parlamentarischen wie des
+gewerkschaftlichen Kampfes in einem auf die Abschaffung der bürgerlichen
+Gesellschaftsordnung gerichteten Klassenkampf.
+
+Die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften mit der
+Sozialdemokratie ist also kein bloßes theoretisches Mißverständnis,
+keine bloße Verwechslung, sondern sie ist ein Ausdruck der bekannten
+Tendenz jenes opportunistischen Flügels der Sozialdemokratie, der den
+politischen Kampf der Arbeiterklasse auch tatsächlich auf den
+parlamentarischen Kampf reduzieren und die Sozialdemokratie aus einer
+revolutionären proletarischen in eine kleinbürgerliche Reformpartei
+umwandeln will.[4] Wollte die Sozialdemokratie die Theorie von der
+»Gleichberechtigung« der Gewerkschaften akzeptieren, so würde sie damit
+in indirekter Weise und stillschweigend jene Verwandlung akzeptieren,
+die von den Vertretern der opportunistischen Richtung längst angestrebt
+wird.
+
+[Fußnote 4: Da das Vorhandensein einer solchen Tendenz innerhalb der
+deutschen Sozialdemokratie gewöhnlich geleugnet wird, so muß man die
+Offenherzigkeit begrüßen, mit der die opportunistische Richtung neulich
+ihre eigentlichen Ziele und Wünsche formuliert hat. In einer
+Parteiversammlung in Mainz am 10. September d. J. wurde folgende von Dr.
+_David_ vorgelegte Resolution angenommen:
+
+»In der Erwägung, daß die sozialdemokratische Partei den Begriff
+»Revolution« nicht im Sinne des gewaltsamen Umsturzes, sondern im
+friedlichen Sinne der Entwicklung, d. h. der allmählichen Durchsetzung
+eines neuen Wirtschaftsprinzips, auffaßt, lehnt die Mainzer öffentliche
+Parteiversammlung jede »Revolutionsromantik« ab.
+
+»Die Versammlung sieht in der Eroberung der politischen Macht nichts
+anderes als die Eroberung der Mehrheit des Volkes für die Ideen und
+Forderungen der Sozialdemokratie; eine Eroberung, die nicht geschehen
+kann mit gewaltsamen Mitteln, sondern nur durch die Revolutionierung der
+Köpfe auf dem Wege der geistigen Propaganda und der praktischen
+Reformarbeit auf allen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und
+sozialen Lebens.
+
+In der Überzeugung, daß die Sozialdemokratie weit besser gedeiht bei den
+gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz, lehnt
+die Versammlung die »_direkte Massenaktion_« als taktisches Prinzip ab
+und hält an dem Prinzip der _parlamentarischen Reformation_ fest, d. h.,
+sie wünscht, daß die Partei nach wie vor ernstlich bemüht ist, _auf dem
+Wege der Gesetzgebung und der organischen Entwicklung allmählich unsere
+Ziele zu erreichen_.
+
+Die fundamentale Voraussetzung dieser reformatorischen Kampfesmethode
+ist freilich, daß die _Möglichkeit der Anteilnahme der besitzlosen
+Volksmasse an der Gesetzgebung_ im Reiche und in den Einzelstaaten nicht
+verkürzt, sondern bis zur _vollen Gleichberechtigung_ erneuert wird. Aus
+diesem Grunde hält es die Versammlung für ein unbestreitbares Recht der
+Arbeiterschaft, zur Abwehr von Attentaten auf ihre gesetzlichen Rechte
+sowie zur Erringung weiterer Rechte, wenn alle anderen Mittel versagen,
+auch die Arbeit für kürzere oder längere Dauer zu verweigern.
+
+Da der politische Massenstreik aber nur dann siegreich für die
+Arbeiterschaft durchgeführt werden kann, wenn er sich _in streng
+gesetzlichen Bahnen_ hält und seitens der Streikenden kein berechtigter
+Anlaß zum Eingreifen der bewaffneten Macht geboten wird, so erblickt die
+Versammlung die einzig notwendige und wirksame Vorbereitung auf den
+Gebrauch dieses Kampfmittels in dem weiteren Ausbau der politischen,
+gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisation. Denn nur
+dadurch können die Voraussetzungen in der breiten Volksmasse geschaffen
+werden, die den erfolgreichen Verlauf eines Massenstreiks garantieren:
+zielbewußte Disziplin und einen geeigneten wirtschaftlichen Rückhalt.«]
+
+Indes ist in Deutschland eine solche Verschiebung des Verhältnisses
+innerhalb der Arbeiterbewegung unmöglicher als in irgend einem anderen
+Lande. Das theoretische Verhältnis, wonach Gewerkschaften bloß ein Teil
+der Sozialdemokratie sind, findet gerade in Deutschland seine klassische
+Illustration in den Tatsachen, in der lebendigen Praxis, und zwar äußert
+sich dies nach drei Richtungen hin. Erstens sind die deutschen
+Gewerkschaften direkt ein Produkt der Sozialdemokratie; sie ist es, die
+die Anfänge der jetzigen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland geschaffen
+hat, sie ist es, die sie großgezogen, sie liefert bis auf heute
+ihre Leiter und die tätigsten Träger ihrer Organisation. Zweitens
+sind die deutschen Gewerkschaften ein Produkt der Sozialdemokratie
+auch in dem Sinne, daß die sozialdemokratische Lehre die Seele der
+gewerkschaftlichen Praxis bildet, die Gewerkschaften verdanken ihre
+Überlegenheit über alle bürgerlichen und konfessionellen Gewerkschaften
+dem Gedanken des Klassenkampfes; ihre praktischen Erfolge, ihre Macht
+sind ein Resultat des Umstandes, daß ihre Praxis von der Theorie des
+wissenschaftlichen Sozialismus erleuchtet und über die Niederungen eines
+engherzigen Empirismus gehoben ist. Die Stärke der »praktischen Politik«
+der deutschen Gewerkschaften liegt in ihrer Einsicht in die tieferen
+sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen
+Ordnung; diese Einsicht verdanken sie aber niemand anderem, als der
+Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der sie in ihrer Praxis
+fußen. In diesem Sinne ist jenes Suchen nach der Emanzipierung der
+Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Theorie nach einer anderen
+»gewerkschaftlichen Theorie« im Gegensatz zur Sozialdemokratie vom
+Standpunkte der Gewerkschaften selbst und ihrer Zukunft nichts anderes,
+als ein Selbstmordversuch. Die Loslösung der gewerkschaftlichen Praxis
+von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus würde für die
+deutschen Gewerkschaften einen sofortigen Verlust der ganzen
+Überlegenheit gegenüber allen bürgerlichen Gewerkschaftssorten, einen
+Sturz von ihrer bisherigen Höhe auf das Niveau eines haltlosen Tastens
+und reinen platten Empirismus bedeuten.
+
+Endlich aber drittens sind die Gewerkschaften, wovon ihre Führer
+allmählich das Bewußtsein verloren haben, auch direkt in ihrer
+_zahlenmäßigen_ Stärke, ein Produkt der sozialdemokratischen Bewegung
+und der sozialdemokratischen Agitation. Gewiß ging und geht die
+gewerkschaftliche Agitation in manchen Gegenden der sozialdemokratischen
+voran und überall ebnet die gewerkschaftliche Arbeit auch der
+Parteiarbeit die Wege. Vom Standpunkte ihrer _Wirkung_ arbeiten Partei
+und Gewerkschaften einander völlig in die Hand. Allein, wenn man das
+Bild des Klassenkampfes in Deutschland im ganzen und in seinen tiefer
+liegenden Zusammenhängen überblickt, so verschiebt sich das Verhältnis
+erheblich. Manche Gewerkschaftsleiter pflegen gern mit einigem Triumph
+von der stolzen Höhe ihrer 1¼ Millionen Mitglieder auf die armselige,
+noch nicht volle halbe Million der organisierten Mitglieder der
+Sozialdemokratie herabzublicken und sie an jene Zeiten vor 10 bis 12
+Jahren zu erinnern, wo man in den Reihen der Sozialdemokratie über die
+Perspektiven der gewerkschaftlichen Entwicklung noch pessimistisch
+dachte. Sie bemerken gar nicht, dass zwischen diesen zwei Tatsachen: der
+hohen Ziffer der Gewerkschaftsmitglieder und der niedrigen Ziffer der
+sozialdemokratisch Organisierten in gewissem Maße _ein direkter kausaler
+Zusammenhang besteht_. Tausende und Abertausende von Arbeitern treten
+den Parteiorganisationen nicht bei, eben _weil_ sie in die
+Gewerkschaften eintreten. Der Theorie nach müßten alle Arbeiter zweifach
+organisiert sein: zweierlei Versammlungen besuchen, zweifache Beiträge
+zahlen, zweierlei Arbeiterblätter lesen usw. Um dies jedoch zu tun, dazu
+gehört schon ein hoher Grad der Intelligenz und jener Idealismus, der
+aus reinem Pflichtgefühl gegenüber der Arbeiterbewegung tägliche Opfer
+an Zeit und Geld nicht scheut, endlich auch jenes leidenschaftliche
+Interesse für das eigentliche Parteileben, das nur durch die
+Zugehörigkeit zur Parteiorganisation befriedigt werden kann. All das
+trifft bei der aufgeklärtesten und intelligentesten Minderheit der
+sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den Großstädten zu, wo das
+Parteileben ein inhaltreiches und anziehendes, wo die Lebenshaltung der
+Arbeiter eine höhere ist. Bei den breiteren Schichten der
+großstädtischen Arbeitermasse aber, sowie in der Provinz, in den
+kleineren und kleinsten Nestern, wo das lokale politische Leben ein
+unselbständiges, ein bloßer Reflex der hauptstädtischen Vorgänge, wo das
+Parteileben folglich auch ein armes und monotones ist, wo endlich die
+wirtschaftliche Lebenshaltung des Arbeiters meistens eine sehr
+kümmerliche, da ist das doppelte Organisationsverhältnis sehr schwer
+durchzuführen.
+
+Für den sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter aus der Masse wird dann
+die Frage von selbst in der Weise gelöst, daß er eben seiner
+Gewerkschaft beitritt. Den unmittelbaren Interessen seines
+wirtschaftlichen Kampfes kann er nämlich, was durch die Natur dieses
+Kampfes selbst bedingt ist, nicht anders genügen, als durch den Beitritt
+zu einer Berufsorganisation. Der Beitrag, den er hier vielfach unter
+bedeutenden Opfern seiner Lebenshaltung zahlt, bringt ihm unmittelbaren,
+sichtlichen Nutzen. Seine sozialdemokratische Gesinnung aber vermag er
+auch ohne Zugehörigkeit zu einer speziellen Parteiorganisation zu
+betätigen: durch Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen, durch den Besuch
+sozialdemokratischer Volksversammlungen, durch das Verfolgen der
+Berichte über sozialdemokratische Reden in den Vertretungskörpern, durch
+das Lesen der Parteipresse -- man vergleiche zum Beispiel die Zahl der
+sozialdemokratischen Wähler sowie die Abonnentenzahl des »Vorwärts« mit
+der Zahl der organisierten Parteimitglieder in Berlin. Und, was das
+Ausschlaggebende ist: der sozialdemokratisch gesinnte durchschnittliche
+Arbeiter aus der Masse, der als einfacher Mann kein Verständnis für die
+komplizierte und feine sogenannte »Zweiseelentheorie« haben kann, fühlt
+sich eben auch in der Gewerkschaft _sozialdemokratisch_ organisiert.
+Tragen die Zentralverbände auch kein offizielles Parteischild, so sieht
+doch der Arbeitsmann aus der Masse in jeder Stadt und jedem Städtchen an
+der Spitze seiner Gewerkschaft als die tätigsten Leiter diejenigen
+Kollegen, die er auch als Genossen, als Sozialdemokraten aus dem
+öffentlichen Leben kennt: bald als sozialdemokratische Reichstags-,
+Landtags- oder Gemeindeabgeordnete, bald als sozialdemokratische
+Vertrauensmänner, Wahlvereinsvorstände, Parteiredakteure,
+Parteisekretäre, oder einfach als Redner und Agitatoren. Er hört ferner
+in der Agitation in seiner Gewerkschaft meistens dieselben ihm lieb und
+verständlich gewordenen Gedanken über die kapitalistische Ausbeutung,
+über Klassenverhältnisse, die er auch aus der sozialdemokratischen
+Agitation kennt; ja die meisten und beliebtesten Redner in den
+Gewerkschaftsversammlungen sind eben bekannte Sozialdemokraten.
+
+So wirkt alles dahin, dem klassenbewußten Durchschnittsarbeiter das
+Gefühl zu geben, daß er, indem er sich gewerkschaftlich organisiert,
+dadurch auch seiner Arbeiterpartei angehört, sozialdemokratisch
+organisiert ist. _Und darin liegt eben die eigentliche Werbekraft der
+deutschen Gewerkschaften_. Nicht dank dem Schein der Neutralität,
+sondern dank der sozialdemokratischen Wirklichkeit ihres Wesens,
+haben es die Zentralverbände vermocht, ihre heutige Stärke zu
+erreichen. Dies ist einfach durch dieselbe Mitexistenz verschiedener
+bürgerlich-parteilicher: katholischer, Hirsch-Dunckerscher &c.
+Gewerkschaften begründet, durch die man eben die Notwendigkeit jener
+politischen »Neutralität« zu begründen sucht. Wenn der deutsche
+Arbeiter, der die volle freie Wahl hat, sich einer christlichen,
+katholischen, evangelischen oder freisinnigen Gewerkschaft
+anzuschließen, keine von diesen, sondern die »freie Gewerkschaft«
+wählt, oder gar aus jenen in diese übertritt, so tut er dies nur,
+weil er die Zentralverbände als ausgesprochene Organisationen des
+modernen Klassenkampfes, oder, was in Deutschland dasselbe, als
+sozialdemokratische Gewerkschaften auffaßt. Kurz: der Schein der
+»Neutralität«, der für manche Gewerkschaftsführer existiert, besteht für
+die Masse der gewerkschaftlich Organisierten nicht. Und dies ist das
+ganze Glück der Gewerkschaftsbewegung. Sollte jener Schein der
+»Neutralität«, jene Entfremdung und Loslösung der Gewerkschaften von der
+Sozialdemokratie zur Wahrheit und namentlich in den Augen der
+proletarischen Masse zur Wirklichkeit werden, dann würden die
+Gewerkschaften sofort ihren ganzen Vorzug gegenüber den bürgerlichen
+Konkurrenzverbänden und damit auch ihre Werbekraft, ihr belebendes
+Feuer, verlieren. Das Gesagte wird durch allgemein bekannte Tatsachen
+schlagend bewiesen. Der Schein der partei-politischen »Neutralität« der
+Gewerkschaften konnte nämlich als Anziehungsmittel hervorragende Dienste
+leisten in einem Lande, wo die Sozialdemokratie selbst keinen Kredit bei
+den Massen besitzt, wo ihr Odium einer Arbeiterorganisation in den Augen
+der Masse noch eher schadet als nützt, wo mit einem Wort die
+Gewerkschaften ihre Truppen erst aus einer ganz unaufgeklärten,
+bürgerlich gesinnten Masse selbst rekrutieren müssen.
+
+Das Muster eines solchen Landes war das ganze vorige Jahrhundert
+hindurch und ist auch heute noch in gewissem Maße -- _England_. In
+Deutschland jedoch liegen die Parteiverhältnisse ganz anders. In einem
+Lande, wo die Sozialdemokratie die mächtigste politische Partei ist, wo
+ihre Werbekraft durch ein Heer von über drei Millionen Proletariern
+dargestellt wird, da ist es lächerlich, von dem abschreckenden Odium der
+Sozialdemokratie zu sprechen und von bei Notwendigkeit einer
+Kampforganisation der Arbeiter, die politische Neutralität zu wahren.
+Die bloße Zusammenstellung der Ziffer der sozialdemokratischen Wähler
+mit den Ziffern der gewerkschaftlichen Organisationen in Deutschland
+genügt, um für jedes Kind klar zu machen, daß die deutschen
+Gewerkschaften ihre Truppen nicht, wie in England, aus der
+unaufgeklärten bürgerlich gesinnten Masse, sondern aus der Masse der
+bereits durch die Sozialdemokratie aufgerüttelten und für den Gedanken
+des Klassenkampfes gewonnenen Proletarier, aus der sozialdemokratischen
+Wählermasse werben. Manche Gewerkschaftsführer weisen mit Entrüstung --
+dies ein Requisit der »Neutralitätstheorie« -- den Gedanken von sich,
+die Gewerkschaften als Rekrutenschule für die Sozialdemokratie zu
+betrachten. Tatsächlich ist diese ihnen so beleidigend erscheinende, in
+Wirklichkeit höchst schmeichelhafte Zumutung in Deutschland durch den
+einfachen Umstand zur Phantasie gemacht, weil die Verhältnisse meistens
+umgekehrt liegen; es ist die Sozialdemokratie, die in Deutschland die
+Rekrutenschule für die Gewerkschaften bildet. Wenn auch das
+Organisationswerk der Gewerkschaften meistens noch ein sehr schweres und
+mühseliges ist, so ist, abgesehen von manchen Gegenden und Fällen, im
+großen und ganzen nicht bloß der Boden bereits durch den
+sozialdemokratischen Pflug urbar gemacht worden, sondern die
+gewerkschaftliche Saat selbst und endlich der Säemann müssen auch noch
+»rot«, sozialdemokratisch sein, damit die Ernte gedeiht. Wenn wir aber
+auf diese Weise die gewerkschaftlichen Stärkezahlen nicht mit den
+sozialdemokratischen Organisationen, sondern, was das einzig richtige
+ist, mit der sozialdemokratischen Wählermasse vergleichen, so kommen wir
+zu einem Schluß, der von der landläufigen Vorstellung in dieser Hinsicht
+bedeutend abweicht. Es stellt sich nämlich heraus, daß die »freien
+Gewerkschaften« heute tatsächlich noch die Minderheit der
+klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands darstellen, haben sie doch
+mit ihrer 1¼ Million Organisierter noch nicht die Hälfte der von der
+Sozialdemokratie aufgerüttelten Masse ausschöpfen können.
+
+Der wichtigste Schluß aus den angeführten Tatsachen ist der, daß die für
+die kommenden Massenkämpfe in Deutschland unbedingt notwendige völlige
+_Einheit_ der gewerkschaftlichen und der sozialdemokratischen
+Arbeiterbewegung _tatsächlich vorhanden ist_, und zwar ist sie
+verkörpert in der breiten Masse, die gleichzeitig die Basis der
+Sozialdemokratie wie der Gewerkschaften bildet und in deren Bewußtsein
+beide Seiten der Bewegung zu einer geistigen Einheit verschmolzen sind.
+Der angebliche Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften
+schrumpft bei dieser Sachlage zu einem Gegensatz zwischen der
+Sozialdemokratie und einem gewissen Teil der Gewerkschaftsbeamten
+zusammen, der aber zugleich ein Gegensatz innerhalb der Gewerkschaften
+zwischen diesem Teil der Gewerkschaftsführer und der gewerkschaftlich
+organisierten proletarischen Masse ist.
+
+Das starke Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland im Laufe
+der letzten 15 Jahre, besonders in der Periode der wirtschaftlichen
+Hochkonjunktur 1895-1900, hat von selbst eine große Verselbständigung
+der Gewerkschaften, eine Spezialisierung ihrer Kampfmethoden und ihrer
+Leitung und endlich das Aufkommen eines regelrechten gewerkschaftlichen
+Beamtenstandes mit sich gebracht. All diese Erscheinungen sind ein
+vollkommen erklärliches und natürliches geschichtliches Produkt des
+fünfzehnjährigen Wachstums der Gewerkschaften, ein Produkt der
+wirtschaftlichen Prosperität und der politischen Windstille in
+Deutschland. Sie sind, wenn auch von gewissen Übelständen
+unzertrennlich, doch zweifellos ein historisch notwendiges Übel. Allein
+die Dialektik der Entwicklung bringt es eben mit sich, daß diese
+notwendigen Förderungsmittel des gewerkschaftlichen Wachstums auf einer
+gewissen Höhe der Organisation und bei einem gewissen Reifegrad der
+Verhältnisse in ihr Gegenteil, in Hemmnisse des weiteren Wachstums
+umschlagen.
+
+Die Spezialisierung ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher Leiter
+sowie der naturgemäß enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten
+ökonomischen Kämpfen in einer ruhigen Periode verbunden ist, führen bei
+den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum Bureaukratismus und zu einer
+gewissen Enge der Auffassung. Beides äußert sich aber in einer ganzen
+Reihe von Tendenzen, die für die Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung
+selbst höchst verhängnisvoll werden könnten. Dahin gehört vor allem die
+Überschätzung der Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck
+allmählich in einen Selbstzweck, in ein höchstes Gut verwandelt wird,
+dem die Interessen des Kampfes untergeordnet werden sollen. Daraus
+erklärt sich auch jenes offen zugestandene Ruhebedürfnis, das vor einem
+größeren Risiko und vor vermeintlichen Gefahren für den Bestand der
+Gewerkschaften, vor der Ungewißheit größerer Massenaktionen
+zurückschreckt, ferner die Überschätzung der gewerkschaftlichen
+Kampfesweise selbst, ihrer Aussichten und ihrer Erfolge. Die beständig
+von dem ökonomischen Kleinkrieg absorbierten Gewerkschaftsleiter, die
+es zur Aufgabe haben, den Arbeitermassen den hohen Wert jeder noch
+so geringen ökonomischen Errungenschaft, jeder Lohnerhöhung oder
+Verkürzung der Arbeitszeit plausibel zu machen, kommen allmählich
+dahin, daß sie selbst die größeren Zusammenhänge und den Überblick
+über die Gesamtlage verlieren. Nur dadurch kann erklärt werden, daß
+manche Gewerkschaftsführer z. B. mit so großer Genugtuung auf die
+Errungenschaften der letzten 15 Jahre, auf die Millionen Mark
+Lohnerhöhungen hinweisen, anstatt umgekehrt den Nachdruck auf die andere
+Seite der Medaille zu legen: auf die gleichzeitig stattgefundene
+ungeheure Herabdrückung der proletarischen Lebenshaltung durch den
+Brotwucher, durch die gesamte Steuer- und Zollpolitik, durch den
+Bodenwucher, der die Wohnungsmieten in so exorbitanter Weise in die Höhe
+getrieben hat, mit einem Wort, auf all die objektiven Tendenzen der
+bürgerlichen Politik, die jene Errungenschaften der 15jährigen
+gewerkschaftlichen Kämpfe zu einem großen Teil wieder wett machen. Aus
+der _ganzen_ sozialdemokratischen Wahrheit, die neben der Betonung der
+Gegenwartsarbeit und ihrer absoluten Notwendigkeit das Hauptgewicht auf
+die _Kritik_ und die Schranken dieser Arbeit legt, wird so die _halbe_
+gewerkschaftliche Wahrheit zurechtgestutzt, die nur das Positive des
+Tageskampfes hervorhebt. Und schließlich wird aus dem Verschweigen der
+dem gewerkschaftlichen Kampfe gezogenen objektiven Schranken der
+bürgerlichen Gesellschaftsordnung eine direkte Feindseligkeit gegen jede
+theoretische Kritik, die auf diese Schranken im Zusammenhang mit den
+Endzielen der Arbeiterbewegung hinweist. Die unbedingte Lobhudelei, der
+grenzenlose Optimismus werden zur Pflicht jedes »Freundes der
+Gewerkschaftsbewegung« gemacht. Da aber der sozialdemokratische
+Standpunkt gerade in der Bekämpfung des kritiklosen gewerkschaftlichen
+Optimismus, ganz wie in der Bekämpfung des kritiklosen parlamentarischen
+Optimismus besteht, so wird schließlich gegen die sozialdemokratische
+Theorie selbst Front gemacht: man sucht tastend nach einer »neuen
+gewerkschaftlichen Theorie«, d. h. nach einer Theorie, die den
+gewerkschaftlichen Kämpfen im Gegensatz zur sozialdemokratischen Lehre
+auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschränkte
+Perspektiven des wirtschaftlichen Aufstiegs eröffnen wurde. Eine solche
+Theorie existiert freilich schon seit geraumer Zeit: es ist dies die
+Theorie von Prof. _Sombart_, die ausdrücklich mit der Absicht
+aufgestellt wurde, einen Keil zwischen die Gewerkschaften und die
+Sozialdemokratie in Deutschland zu treiben und die Gewerkschaften auf
+bürgerlichen Boden hinüberzulocken.
+
+Im engen Zusammenhang mit diesen theoretischen Tendenzen steht ein
+Umschwung im Verhältnis der Führer zur Masse. An Stelle der kollegialen
+Leitung durch lokale Kommissionen mit ihren zweifellosen
+Unzulänglichkeiten tritt die geschäftsmäßige Leitung des
+Gewerkschaftsbeamten. Die Initiative und die Urteilsfähigkeit werden
+damit sozusagen zu seiner Berufsspezialität, während der Masse
+hauptsächlich die mehr passive Tugend der Disziplin obliegt. Diese
+Schattenseiten des Beamtentums bergen sicherlich auch für die Partei
+bedeutende Gefahren in sich, die sich aus der jüngsten Steuerung, aus
+der Anstellung der lokalen Parteisekretäre, seht leicht ergeben können,
+wenn die sozialdemokratische Masse nicht darauf bedacht sein wird, daß
+die genannten Sekretäre reine Vollziehungsorgane bleiben und nicht etwa
+als die berufenen Träger der Initiative und der Leitung des lokalen
+Parteilebens betrachtet werden. Allein dem Bureaukratismus sind in der
+Sozialdemokratie durch die Natur der Sache, durch den Charakter des
+politischen Kampfes selbst engere Grenzen gezogen, als im
+Gewerkschaftsleben. Hier bringt gerade die technische Spezialisierung
+der Lohnkämpfe, z. B. der Abschluß von komplizierten Tarifverträgen und
+dergleichen, mit sich, daß der Masse der Organisierten häufig der
+»Überblick über das gesamte Gewerbsleben« abgesprochen und damit ihre
+Urteilsunfähigkeit begründet wird. Eine Blüte dieser Auffassung ist
+namentlich auch die Argumentation, mit der jede theoretische Kritik an
+den Aussichten und Möglichkeiten der Gewerkschaftspraxis verpönt wird,
+weil sie angeblich eine Gefahr für die gewerkschaftsfromme Gesinnung der
+Masse darstelle. Es wird dabei von der Ansicht ausgegangen, daß die
+Arbeitermasse nur bei blindem, kindlichen Glauben an das Heil des
+Gewerkschaftskampfes für die Organisation gewonnen und erhalten werden
+könne. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die gerade auf der Einsicht
+der Masse in die Widersprüche der bestehenden Ordnung und in die ganze
+komplizierte Natur ihrer Entwicklung, auf dem kritischen Verhalten der
+Masse zu allen Momenten und Stadien des eigenen Klassenkampfes ihren
+Einfluß basiert, wird der Einfluß und die Macht der Gewerkschaften nach
+dieser verkehrten Theorie auf der Kritik- und Urteilslosigkeit der Masse
+gegründet. »Dem Volke muß der Glaube erhalten werden« -- dies der
+Grundsatz, aus dem heraus manche Gewerkschaftsbeamten alle Kritik an den
+objektiven Unzulänglichkeiten der Gewerkschaftsbewegung zu einem
+Attentat auf diese Bewegung selbst stempeln. Und endlich ein Resultat
+dieser Spezialisierung und dieses Bureaukratismus unter den
+Gewerkschaftsbeamten ist auch die starke Verselbständigung und die
+»Neutralität« der Gewerkschaften gegenüber der Sozialdemokratie. Die
+äußere Selbständigkeit der gewerkschaftlichen Organisation hat sich mit
+ihrem Wachstum als eine natürliche Bedingung ergeben, als ein
+Verhältnis, das aus der technischen Arbeitsteilung zwischen der
+politischen und der gewerkschaftlichen Kampfform erwächst. Die
+»Neutralität« der deutschen Gewerkschaften kam ihrerseits als ein
+Produkt der reaktionären Vereinsgesetzgebung, des preußisch-deutschen
+Polizeistaates auf. Mit der Zeit haben beide Verhältnisse ihre Natur
+geändert. Aus dem polizeilich erzwungenen Zustand der politischen
+»Neutralität« der Gewerkschaften ist nachträglich eine Theorie ihrer
+freiwilligen Neutralität als einer angeblich in der Natur des
+Gewerkschaftskampfes selbst begründeten Notwendigkeit zurechtgemacht
+worden. Und die technische Selbständigkeit der Gewerkschaften, die
+auf praktischer Arbeitsteilung innerhalb des einheitlichen
+sozialdemokratischen Klassenkampfes beruhen sollte, ist in die
+Lostrennung der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie, von ihren
+Ansichten und von ihrer Führung, in die sogenannte »Gleichberechtigung«
+mit der Sozialdemokratie umgewandelt.
+
+Dieser Schein der Lostrennung und der Gleichstellung der Gewerkschaften
+mit der Sozialdemokratie wird aber hauptsächlich in den
+Gewerkschaftsbeamten verkörpert, durch den Verwaltungsapparat der
+Gewerkschaften genährt. Äußerlich ist durch die Nebenexistenz eines
+ganzen Stabes von Gewerkschaftsbeamten, einer gänzlich unabhängigen
+Zentrale, einer zahlreichen Berufspresse und endlich der
+gewerkschaftlichen Kongresse der Schein einer völligen Parallelität mit
+dem Verwaltungsapparat der Sozialdemokratie, dem Parteivorstand, der
+Parteipresse und den Parteitagen geschaffen. Diese Illusion der
+Gleichstellung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften hat auch
+u. a. zu der monströsen Erscheinung geführt, daß auf den
+sozialdemokratischen Parteitagen und den gewerkschaftlichen Kongressen
+zum Teil ganz analoge Tagesordnungen behandelt und zu derselben Frage
+verschiedene, ja, direkt entgegengesetzte Beschlüsse gefaßt werden. Aus
+der natürlichen Arbeitsteilung zwischen dem Parteitag, der die
+allgemeinen Interessen und Aufgaben der Arbeiterbewegung vertritt, und
+den Gewerkschaftskonferenzen, die das viel engere Gebiet der speziellen
+Fragen und Interessen des beruflichen Tageskampfes behandeln, ist der
+künstliche Zwiespalt zwischen einer angeblichen gewerkschaftlichen und
+einer sozialdemokratischen Weltanschauung in bezug auf _dieselben_
+allgemeinen Fragen und Interessen der Arbeiterbewegung konstruiert
+worden.
+
+So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, daß dieselbe
+Gewerkschaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie unten, in der
+breiten proletarischen Masse, vollständig eins ist, oben, in dem
+Verwaltungsüberbau, von der Sozialdemokratie schroff abspringt und sich
+ihr gegenüber als eine unabhängige zweite Großmacht aufrichtet. Die
+deutsche Arbeiterbewegung bekommt dadurch die eigentümliche Form einer
+Doppelpyramide, deren Basis und Körper aus einem Massiv besteht, deren
+beide Spitzen aber weit auseinanderstehen.
+
+Es ist aus dem Dargelegten klar, auf welchem Wege allein in natürlicher
+und erfolgreicher Weise jene kompakte Einheit der deutschen
+Arbeiterbewegung geschaffen werden kann, die im Hinblick auf die
+kommenden politischen Klassenkämpfe, sowie im eigenen Interesse der
+weiteren Entwicklung der Gewerkschaften, unbedingt notwendig ist. Nichts
+wäre verkehrter und hoffnungsloser, als die erstrebte Einheit auf dem
+Wege sporadischer oder periodischer Verhandlungen über Einzelfragen der
+Arbeiterbewegung zwischen der sozialdemokratischen Parteileitung und der
+gewerkschaftlichen Zentrale herstellen zu wollen. Gerade die obersten
+Organisationsspitzen der beiden Formen der Arbeiterbewegung verkörpern,
+wie wir gesehen, ihre Trennung und Verselbständigung in sich, sind also
+selbst Träger der Illusion von der »Gleichberechtigung« und der
+Parallelexistenz der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Die
+Einheit der beiden durch die Verbindung des Parteivorstandes und der
+Generalkommission herstellen wollen, hieße eine Brücke gerade dort
+bauen, wo der Abstand am weitesten und der Übergang am schwersten ist.
+Nicht oben, in den Spitzen der Organisationsleitungen und ihrem
+föderativen Bündnis, sondern unten in der organisierten proletarischen
+Masse liegt die Gewähr für die wirkliche Einheit der Arbeiterbewegung.
+Im Bewußtsein der Million Gewerkschaftsmitglieder sind Partei und
+Gewerkschaften tatsächlich _Eins_, sie sind nämlich der
+_sozialdemokratische_ Emanzipationskampf des Proletariats in
+verschiedenen Formen. Und daraus ergibt sich auch von selbst die
+Notwendigkeit, zur Beseitigung jener Reibungen, die sich zwischen der
+Sozialdemokratie und einem Teil der Gewerkschaften ergeben haben, ihr
+gegenseitiges Verhältnis dem Bewußtsein der proletarischen Masse
+anzupassen, d. h. _die Gewerkschaften der Sozialdemokratie wieder
+anzugliedern_. Es wird damit nur die Synthese der tatsächlichen
+Entwicklung zum Ausdruck gebracht, die es von der ursprünglichen
+Inkorporation der Gewerkschaften zu ihrer Ablösung von der
+Sozialdemokratie geführt hatte, um nachher durch die Periode des starken
+Wachstums sowohl der Gewerkschaften wie der Sozialdemokratie die
+kommende Periode großer proletarischer Massenkämpfe vorzubereiten, damit
+aber die Wiedervereinigung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften
+im Interesse beider zur Notwendigkeit zu machen.
+
+Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht etwa um die Auflösung des
+jetzigen gewerkschaftlichen Aufbaues in der Partei, sondern es handelt
+sich um die Herstellung jenes natürlichen Verhältnisses zwischen der
+Leitung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, zwischen
+Parteitagen und Gewerkschaftskongressen, die dem tatsächlichen
+Verhältnis zwischen der Arbeiterbewegung im ganzen und ihrer
+gewerkschaftlichen Teilerscheinung entspricht. Ein solcher Umschwung
+wird, wie es nicht anders gehen kann, eine heftige Opposition eines
+Teils der Gewerkschaftsführer hervorrufen. Allein es ist hohe Zeit, daß
+die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre Urteilsfähigkeit und
+Aktionsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen, und damit ihre Reife für jene
+Zeiten großer Kämpfe und großer Aufgaben darzutun, in denen sie, die
+Masse, der handelnde Chorus, die Leitungen nur die »sprechenden
+Personen«, d. h., die Dolmetscher des Massenwillens sein sollen.
+
+Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sich in den vollkommen
+erklärlichen, aber irrtümlichen Illusionen einer Minderheit der
+Gewerkschaftsführer spiegelt, sondern das, was im Bewußtsein der großen
+Masse der für den Klassenkampf gewonnenen Proletarier lebt. In diesem
+Bewußtsein ist die Gewerkschaftsbewegung ein Stück der Sozialdemokratie.
+»Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.«
+
+Druck: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer & Co. in Hamburg.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by
+Rosa Luxemburg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK ***
+
+***** This file should be named 31614-8.txt or 31614-8.zip *****
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+Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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+The Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by
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+Title: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften
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+Author: Rosa Luxemburg
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+Release Date: March 12, 2010 [EBook #31614]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK ***
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+Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
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+
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+</pre>
+
+
+
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[ 1]</a></span></p>
+
+
+
+<h1> Massenstreik, Partei
+ und Gewerkschaften</h1>
+
+<p class="center"> Von</p>
+
+<h2> Rosa Luxemburg</h2>
+
+<p class="center"> Im Auftrage des Vorstandes der sozialdemokratischen
+ Landesorganisation Hamburgs<br /> und
+ der Vorst&auml;nde der sozialdemokratischen Vereine
+ von Altona, Ottensen und Wandsbek</p>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">[ 2]</a></span></p>
+<p class="center"> Verlag von Erdmann Dubber in Hamburg
+ 1906</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2>Inhaltsverzeichnis</h2>
+<table>
+<tr><th class="left">Kapitel</th><th class="center">&nbsp;</th><th align="right">Seite</th></tr>
+<tr><td class="left">&nbsp;</td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">&nbsp;</td></tr>
+
+
+<tr><td class="left"><a href="#I"><b>I.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">3</td></tr>
+<tr><td class="left"><a href="#II"><b>II.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">7</td></tr>
+<tr><td class="left"><a href="#III"><b>III.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">10</td></tr>
+<tr><td class="left"><a href="#IV"><b>IV.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">28</td></tr>
+<tr><td class="left"><a href="#V"><b>V.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">36</td></tr>
+<tr><td class="left"><a href="#VI"><b>VI.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">41</td></tr>
+<tr><td class="left"><a href="#VII"><b>VII.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">46</td></tr>
+<tr><td class="left"><a href="#VIII"><b>VIII.</b></a></td><td class="center">&nbsp;</td><td align="right">52</td></tr>
+</table>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[ 3]</a></span></p>
+
+
+<h2><a name="I" id="I"></a>I.</h2>
+
+
+<p>Fast alle bisherigen Schriften und &Auml;u&szlig;erungen des internationalen
+Sozialismus über die Frage des Massenstreiks datieren
+aus der Zeit <em class="gesperrt">vor</em> der russischen Revolution, dem ersten geschichtlichen
+Experiment mit diesem Kampfmittel auf gr&ouml;ßter Skala. Daher
+erkl&auml;rt sich auch, daß sie meistenteils antiquiert sind. In ihrer Auffassung
+stehen sie wesentlich auf demselben Standpunkt wie Friedrich
+Engels, der 1873 in seiner Kritik der Bakunistischen Revolutionsmacherei
+in Spanien schrieb:</p>
+
+<p>»Der allgemeine Streik ist im Bakunistischen Programm der Hebel,
+der zur Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines
+schönen Morgens legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes
+oder gar der ganzen Welt die Arbeit nieder und zwingen dadurch
+in längstens vier Wochen die besitzenden Klassen, entweder zu Kreuze
+zu kriechen oder auf die Arbeiter loszuschlagen, so dß diese dann
+das Recht haben, sich zu verteidigen und bei dieser Gelegenheit die
+ganze alte Gesellschaft über den Haufen zu werfen. Der Vorschlag
+ist weit entfernt davon, neu zu sein; französische und nach ihnen
+belgische Sozialisten haben seit 1848 dies Paradepferd stark geritten,
+das aber ursprünglich englischer Rasse ist. Während der auf die
+Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen Entwicklung des
+Chartismus unter den englischen Arbeitern war schon 1839 der
+»heilige Monat« gepredigt worden, die Arbeitseinstellung auf nationalem
+Mßstab (siehe Engels: »Lage der arbeitenden Klasse«, zweite
+Auflage, Seite 234), und hatte solchen Anklang gefunden, dass die
+Fabrikarbeiter von Nordengland im Juli 1842 die Sache auszuführen
+versuchten. &ndash; Auch auf dem Genfer Allianzistenkongreß vom
+1. September 1873 spielte der allgemeine Streik eine große Rolle,
+nur wurde allseitig zugegeben, dass dazu eine vollständige Organisation
+der Arbeiterklasse und eine gefüllte Kasse nötig sei. Und darin liegt
+eben der Haken. Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn
+man sie durch politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation
+noch die Kasse der Arbeiter je soweit kommen lassen, und anderseits
+werden die politischen Ereignisse und die Übergriffe der herrschenden
+Klassen die Befreiung der Arbeiter zu Wege bringen, lange
+bevor das Proletariat dazu kommt, sich diese ideale Organisation
+und diesen kolossalen Reservefonds anzuschaffen. Hätte es sie aber,
+so brauchte es nicht den Umweg des allgemeinen Streiks, um zum
+Ziele zu gelangen.«<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p>
+
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[ 4]</a></span></p>
+<p>Hier haben wir die Argumentation, die für die Stellungnahme
+der internationalen Sozialdemokratie zum Massenstreik in den folgenden
+Jahrzehnten maßgebend war. Sie ist ganz auf die
+anarchistische Theorie des Generalstreiks zugeschnitten, d.&nbsp;h. auf die
+Theorie vom Generalstreik als Mittel, die soziale Revolution einzuleiten,
+im Gegensatz zum täglichen politischen Kampf der Arbeiterklasse,
+und ersch&ouml;pft sich in dem folgenden einfachen Dilemma:
+entweder ist das gesamte Proletariat noch nicht im Besitz mächtiger
+Organisationen und Kassen, dann kann es den Generalstreik nicht
+durchführen, oder es ist bereits mächtig genug organisiert, dann
+braucht es den Generalstreik nicht. Diese Argumentation ist allerdings
+so einfach und auf den ersten Blick so unanfechtbar, daß sie
+ein Vierteljahrhundert lang der modernen Arbeiterbewegung ausgezeichnete
+Dienste leistete, als logische Waffe wider die anarchistischen
+Hirngespinnste und als Hülfsmittel, um die Idee des politischen
+Kampfes in die weitesten Kreise der Arbeiterschaft zu tragen. Die
+großartigen Fortschritte der Arbeiterbewegung in allen modernen
+Ländern während der letzten 25 Jahre sind der glänzendste Beweis
+für die von Marx und Engels im Gegensatz zum Bakunismus verfochtene
+Taktik des politischen Kampfes, und die deutsche Sozialdemokratie
+in ihrer heutigen Macht, in ihrer Stellung als Vorhut
+der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ist nicht zum geringsten
+das direkte Produkt der konsequenten und nachdrücklichen
+Anwendung dieser Taktik.</p>
+
+<p>Die russische Revolution hat nun die obige Argumentation einer
+gründlichen Revision unterzogen. Sie hat zum ersten Male in der
+Geschichte der Klassenkämpfe eine grandiose Verwirklichung der Idee
+des Massenstreiks und &ndash; wie wir unten näher ausführen werden &ndash;
+selbst des Generalstreiks gezeitigt und damit eine neue Epoche in
+der Entwicklung der Arbeiterbewegung eröffnet. Freilich folgt daraus
+nicht etwa, dß die von Marx und Engels empfohlene Taktik des
+politischen Kampfes oder ihre an dem Anarchismus geübte Kritik
+falsch war. Umgekehrt, es sind dieselben Gedankengänge, dieselbe
+Methode, die der Marx-Engelschen Taktik, die auch der bisherigen
+Praxis der deutschen Sozialdemokratie zu grunde lagen, welche jetzt
+in der russischen Revolution ganz neue Momente und neue Bedingungen
+des Klassenkampfes erzeugten. Die russische Revolution,
+dieselbe Revolution, die die erste geschichtliche Probe auf das Exempel
+des Massenstreiks bildet, bedeutet nicht bloß keine Ehrenrettung für
+den Anarchismus, sondern sie bedeutet geradezu eine <em class="gesperrt">geschichtliche
+Liquidation des Anarchismus</em>. Das triste Dasein, wozu diese
+Geistesrichtung von der mächtigen Entwicklung der Sozialdemokratie
+in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verurteilt war, mochte
+gewissermßen durch die ausschließliche Herrschaft und lange Dauer
+der parlamentarischen Periode erklärt werden. Eine ganz auf das
+»Losschlagen« und die »direkte Aktion« zugeschnittene, im nacktesten
+Heugabelsinne »revolutionäre« Richtung mochte immerhin in der
+Windstille des parlamentarischen Alltags nur zeitweilig verkümmern,
+um erst bei einer Wiederkehr der direkten offenen Kampfperiode, bei
+einer Strßenrevolution aufzuleben und ihre innere Kraft zu ent<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[ 5]</a></span>falten.
+Zumal schien Rußland besonders dazu angetan, das
+Experimentierfeld für die Heldentaten des Anarchismus zu werden.
+Ein Land, wo das Proletariat gar keine politischen Rechte und
+eine äußerst schwache Organisation hatte, ein buntes Durcheinander
+verschiedener Volksschichten mit sehr verschiedenen, wirr durcheinanderlaufenden
+Interessen, geringe Bildung der Volksmasse, dafür
+äußerste Bestialität in der Gewaltanwendung seitens des herrschenden
+Regimes &ndash; alles das schien wie geschaffen, um den Anarchismus
+zu einer plötzlichen, wenn auch vielleicht kurzlebigen Macht zu erheben.
+Und schließlich war Rußland die geschichtliche Geburtsstätte
+des Anarchismus. Allein, das Vaterland Bakunins sollte für seine
+Lehre zur Grabesstätte werden. Nicht bloß standen und stehen in
+Rußland nicht die Anarchisten an der Spitze der Massenstreikbewegung;
+nicht bloß liegt die ganze politische Führung der
+revolutionären Aktion und auch des Massenstreiks in den Händen
+der sozialdemokratischen Organisationen, die von den russischen
+Anarchisten als »bürgerliche Partei« bitter bekämpft werden, oder
+zum Teil in den Händen solcher mehr oder weniger von der Sozialdemokratie
+beeinflußten und sich ihr annähernden sozialistischen
+Organisationen, wie die terroristische Partei der »Sozialisten-Revolutionäre«,
+&ndash; die Anarchisten existieren als ernste politische
+Richtung überhaupt in der russischen Revolution gar nicht. Nur
+in einer litauischen Kleinstadt mit besonders schwierigen Verhältnissen
+&ndash; bunte nationale Zusammenwürfelung der Arbeiter,
+überwiegende Zersplitterung des Kleinbetriebs, sehr tiefstehendes
+Proletariat &ndash;, in <em class="gesperrt">Bialystok</em>, gibt es unter den sieben oder acht
+verschiedenen revolutionären Gruppen auch ein Häuflein halbwüchsiger
+»Anarchisten«, das die Konfusion und Verwirrung der
+Arbeiterschaft nach Kräften fördert, und letzthin macht sich in
+<em class="gesperrt">Moskau</em> und vielleicht noch in zwei bis drei Städten je ein
+Häuflein dieser Gattung bemerkbar. Allein, was ist jetzt, abgesehen
+von diesen paar »revolutionären« Gruppen, die eigentliche Rolle
+des Anarchismus in der russischen Revolution? Er ist zum Aushängeschild
+für gemeine Diebe und Plünderer geworden; unter der
+Firma des »Anarcho-Kommunismus« wird ein großer Teil jener unzähligen
+Diebstähle und Plündereien bei Privatleuten ausgeübt, die
+in jeder Periode der Depression, der momentanen Defensive der
+Revolution wie eine trübe Welle emporkommen. Der Anarchismus
+ist in der russischen Revolution nicht die Theorie des kämpfenden
+Proletariats, sondern das ideologische Aushängeschild des kontrerevolutionären
+Lumpenproletariats geworden, das wie ein Rudel
+Haifische hinter dem Schlachtschiff der Revolution wimmelt.
+Und damit ist die geschichtliche Laufbahn des Anarchismus wohl
+beendet.</p>
+
+<p>Auf der anderen Seite ist der Massenstreik in Rußland verwirklicht
+worden nicht als ein Mittel, unter Umgehung des politischen
+Kampfes der Arbeiterklasse und speziell des Parlamentarismus durch
+einen Theatercoup plötzlich in die soziale Revolution hineinzuspringen,
+sondern als ein Mittel, erst die Bedingungen des täglichen politischen
+Kampfes und insbesondere des Parlamentarismus für das Proletariat
+<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[ 6]</a></span>zu schaffen. Der revolutionäre Kampf in Rußland, in dem die
+Massenstreiks als die wichtigste Waffe zur Anwendung kommen,
+wird von dem arbeitenden Volke und in erster Reihe vom Proletariat
+gerade um dieselben politischen Rechte und Bedingungen geführt,
+deren Notwendigkeit und Bedeutung im Emanzipationskampfe der
+Arbeiterklasse Marx und Engels zuerst nachgewiesen und im Gegensatz
+zum Anarchismus in der Internationale mit aller Macht verfochten
+haben. So hat die geschichtliche Dialektik, der Fels, auf dem die
+ganze Lehre des Marxschen Sozialismus beruht, es mit sich gebracht,
+dß heute der Anarchismus, mit dem die Idee des Massenstreiks
+unzertrennlich verknüpft war, zu der Praxis des Massenstreiks
+selbst in einen Gegensatz gerathen ist, während umgekehrt der
+Massenstreik, der als der Gegensatz zur politischen Betätigung des
+Proletariats bekämpft wurde, heute als die mächtigste Waffe des
+politischen Kampfes um politische Rechte erscheint. Wenn also die
+russische Revolution eine gründliche Revision des alten Standpunkts
+des Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist es wieder
+nur der Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte
+dabei in neuer Gestalt den Sieg davontragen. Moors
+Geliebte kann nur durch Moor sterben.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Fr. Engels, Die Bakunisten an der Arbeit. Internationales aus dem
+»Volksstaat«, S. 20.</p></div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="II" id="II"></a>II.</h2>
+
+
+<p>Die erste Revision, die sich aus den Ereignissen in Rußland für
+die Frage vom Massenstreik ergibt, bezieht sich auf die allgemeine
+<em class="gesperrt">Auffassung</em> des Problems. Bis jetzt stehen sowohl die eifrigen
+Befürworter eines »Versuchs mit dem Massenstreik« in Deutschland
+von der Art Bernsteins, Eisners usw., wie auch die strikten Gegner
+eines solchen Versuchs, wie sie im gewerkschaftlichen Lager z. b. durch
+Bömelburg vertreten sind, im grunde genommen auf dem Boden
+derselben, und zwar der anarchistischen Auffassung. Die scheinbaren
+Gegenpole schließen sich nicht bloß gegenseitig aus, sondern, wie
+stets, bedingen auch und ergänzen zugleich einander. Für die
+anarchistische Denkweise ist nämlich die Spekulation direkt auf den
+»großen Kladderadatsch«, auf die soziale Revolution nur ein äußeres
+und unwesentliches Merkmal. Wesentlich ist dabei die ganze abstrakte,
+unhistorische Betrachtung des Massenstreiks, wie überhaupt
+aller Bedingungen des proletarischen Kampfes. Für den Anarchisten
+existieren als stoffliche Voraussetzungen seiner »revolutionären«
+Spekulationen lediglich zwei Dinge: zunächst die blaue Luft und
+dann der gute Wille und der Mut, die Menschheit aus dem heutigen
+kapitalistischen Jammertal zu erretten. In der blauen Luft ergab
+sich aus dem Raisonnement schon vor 60 Jahren, dass der Massenstreik
+das kürzeste, sicherste und leichteste Mittel ist, um den Sprung
+ins bessere soziale Jenseits auszuführen. In derselben blauen Luft
+ergibt sich neuerdings aus der Spekulation, dass der gewerkschaftliche
+Kampf die einzige wirkliche »direkte Aktion der Massen« und
+also der einzige revolutionäre Kampf ist &ndash; dies bekanntlich die
+neueste Schrulle der französischen und italienischen »Syndikalisten«.
+<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[ 7]</a></span>Das Fatale für den Anarchismus war dabei stets, dß die in der
+blauen Luft improvisierten Kampfmethoden nicht bloß eine Rechnung
+ohne den Wirt, das heißt reine Utopien waren, sondern dß sie, weil sie
+eben mit der verachteten, schlechten Wirklichkeit gar nicht rechneten,
+in dieser schlechten Wirklichkeit meistens aus revolutionären Spekulationen
+unversehens zu praktischen Helferdiensten für die Reaktion
+wurden.</p>
+
+<p>Auf demselben Boden der abstrakten, unhistorischen Betrachtungsweise
+stehen aber heute diejenigen, die den Massenstreik nächstens in
+Deutschland auf dem Wege eines Vorstandsbeschlusses auf einen
+bestimmten Kalendertag ansetzen möchten, wie auch diejenigen, die,
+wie die Teilnehmer des Kölner Gewerkschaftskongresses, durch ein
+Verbot des »Propagierens« das Problem des Massenstreiks aus
+der Welt schaffen wollen. Beide Richtungen gehen von der gemeinsamen,
+rein anarchistischen Vorstellung aus, dß der Massenstreik
+ein bloßes technisches Kampfmittel ist, das nach Belieben und nach
+bestem Wissen und Gewissen »beschlossen« oder auch »verboten« werden
+könne, eine Art Taschenmesser, das man in der Tasche »für alle
+Fälle« zusammengeklappt bereit halten oder auch nach Beschluß aufklappen
+und gebrauchen kann. Zwar nehmen gerade die Gegner
+des Massenstreiks für sich das Verdienst in Anspruch, den geschichtlichen
+Boden und die materiellen Bedingungen der heutigen Situation
+in Deutschland in Betracht zu ziehen, im Gegensatz zu den »Revolutionsromantikern«,
+die in der Luft schweben und partout nicht
+mit der harten Wirklichkeit und ihren M&ouml;glichkeiten und Unm&ouml;glichkeiten
+rechnen wollen. »Tatsachen und Zahlen, Zahlen und Tatsachen!«
+rufen sie wie Mr. Gradgrind in Dickens' »Harte Zeiten«.
+Was die gewerkschaftlichen Gegner des Massenstreiks unter »geschichtlichem
+Boden« und »materiellen Bedingungen« verstehen, sind
+zweierlei Momente: einerseits die Schwäche des Proletariats,
+anderseits die Kraft des preußisch-deutschen Militarismus. Die
+ungenügenden Arbeiterorganisationen und Kassenbestände und die
+imponierenden preußischen Bajonette, das sind die »Tatsachen und
+Zahlen«, auf denen diese gewerkschaftlichen Führer ihre praktische
+Politik im gegebenen Falle basieren. Nun sind freilich gewerkschaftliche
+Kassen sowie preußische Bajonette zweifellos sehr materielle
+und auch sehr historische Erscheinungen, allein die darauf
+basierte Auffassung ist kein historischer Materialismus im Sinne von
+Marx, sondern ein polizeilicher Materialismus im Sinne Puttkamers.
+Auch die Vertreter des kapitalistischen Polizeistaats rechnen
+sehr, und zwar ausschließlich mit der jeweiligen tatsächlichen Macht
+des organisierten Proletariats, sowie mit der materiellen Macht
+der Bajonette, und aus dem vergleichenden Exempel dieser
+beiden Zahlenreihen wird noch immer der beruhigende Schluß gezogen:
+die revolutionäre Arbeiterbewegung wird von einzelnen
+Wühlern und Hetzern erzeugt, <em class="antiqua">ergo</em> haben wir in den Gefängnissen
+und den Bajonetten ein ausreichendes Mittel, um der unliebsamen
+»vorübergehenden Erscheinung« Herr zu werden.</p>
+
+<p>Die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft hat längst das
+Humoristische der polizeilichen Theorie begriffen, als sei die ganze
+<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[ 8]</a></span>moderne Arbeiterbewegung ein künstliches, willkürliches Produkt
+einer handvoll gewissenloser »Wühler und Hetzer«.</p>
+
+<p>Es ist aber genau dieselbe Auffassung, die darin zum Ausdruck
+kommt, wenn sich ein paar brave Genossen zu einer freiwilligen
+Nachtwächterkolonne zusammentun, um die deutsche Arbeiterschaft
+vor dem gefährlichen Treiben einiger »Revolutionsromantiker« und
+ihrer »Propaganda des Massenstreiks« zu warnen; oder wenn auf
+der anderen Seite eine larmoyante Entrüstungskampagne von denjenigen
+inszeniert wird, die sich durch irgendwelche »vertraulichen«
+Abmachungen des Parteivorstandes mit der Generalkommission der
+Gewerkschaften um den Ausbruch des Massenstreiks in Deutschland
+betrogen glauben. Käme es auf die zündende »Propaganda« der
+Revolutionsromantiker oder auf vertrauliche oder &ouml;ffentliche Beschlüsse
+der Parteileitungen an, dann hätten wir bis jetzt in Rußland
+keinen einzigen ernsten Massenstreik. In keinem Lande dachte man
+&ndash; wie ich bereits im März 1905 in der »Sächs. Arbeiterzeitung«
+hervorgehoben habe &ndash; so wenig daran, den Massenstreik zu
+»propagieren« oder selbst zu »diskutieren« wie in Rußland. Und
+die vereinzelten Beispiele von Beschlüssen und Abmachungen des
+russischen Parteivorstandes, die wirklich den Massenstreik aus freien
+Stücken proklamieren sollten, wie z.&nbsp;B. der letzte Versuch im
+August dieses Jahres nach der Duma-Aufl&ouml;sung, sind fast gänzlich
+gescheitert. Wenn uns also die russische Revolution etwas lehrt,
+so ist es vor allem, dß der Massenstreik nicht künstlich »gemacht«,
+nicht ins Blaue hinein »beschlossen«, nicht »propagiert« wird, sondern
+dß er eine historische Erscheinung ist, die sich in gewissem Moment
+aus den sozialen Verhältnissen mit geschichtlicher Notwendigkeit
+ergibt.</p>
+
+<p>Nicht durch abstrakte Spekulationen also über die M&ouml;glichkeit
+oder Unm&ouml;glichkeit, den Nutzen oder die Schädlichkeit des Massenstreiks,
+sondern durch die Erforschung derjenigen Momente und derjenigen
+sozialen Verhältnisse, aus denen der Massenstreik in der
+gegenwärtigen Phase des Klassenkampfes erwächst, mit anderen
+Worten: nicht durch <em class="gesperrt">subjektive Beurteilung</em> des Massenstreiks
+vom Standpunkte des Wünschbaren, sondern durch <em class="gesperrt">objektive
+Untersuchung</em> der Quellen des Massenstreiks vom Standpunkte
+des geschichtlich Notwendigen kann das Problem allein erfßt und
+auch diskutiert werden.</p>
+
+<p>In der freien Luft der abstrakten logischen Analyse läßt sich
+die absolute Unm&ouml;glichkeit und die sichere Niederlage, sowie die vollkommene
+M&ouml;glichkeit und der zweifellose Sieg des Massenstreiks mit
+genau derselben Kraft beweisen. Und deshalb ist der Wert der Beweisführung
+in beiden Fällen derselbe, nämlich gar keiner. Daher
+ist auch insbesondere die Furcht vor dem »Propagieren« des Massenstreiks,
+die sogar zu f&ouml;rmlichen Bannflüchen gegen die vermeintlichen
+Schuldigen dieses Verbrechens geführt hat, lediglich das Produkt
+eines drolligen Quiproquo. Es ist genau so unm&ouml;glich, den
+Massenstreik als abstraktes Kampfmittel zu »propagieren«, wie es
+unm&ouml;glich ist, die »Revolution« zu propagieren. »Revolution« wie
+»Massenstreik« sind Begriffe, die selbst bloß eine äußere Form des
+<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[ 9]</a></span>Klassenkampfes bedeuten, die nur im Zusammenhang mit ganz bestimmten
+politischen Situationen Sinn und Inhalt haben.</p>
+
+<p>Wollte es jemand unternehmen, den Massenstreik überhaupt als
+eine Form der proletarischen Aktion zum Gegenstand einer regelrechten
+Agitation zu machen, mit dieser »Idee« hausieren zu gehen,
+um für sie die Arbeiterschaft nach und nach zu gewinnen, so wäre
+das eine ebenso müßige aber auch ebenso &ouml;de und abgeschmackte
+Beschäftigung, wie wenn jemand die Idee der Revolution oder des
+Barrikadenkampfes zum Gegenstand einer besonderen Agitation
+machen wollte. Der Massenstreik ist jetzt zum Mittelpunkt des lebhaften
+Interesses der deutschen und der internationalen Arbeiterschaft
+geworden, weil er eine neue Kampfform und als solche das sichere
+Symptom eines tiefgehenden inneren Umschwunges in den Klassenverhältnissen
+und den Bedingungen des Klassenkampfes bedeutet.
+Es zeugt von dem gesunden revolutionären Instinkt und der lebhaften
+Intelligenz der deutschen Proletariermasse, dß sie sich &ndash; ungeachtet
+des hartnäckigen Widerstandes ihrer Gewerkschaftsführer &ndash; mit so
+warmem Interesse dem neuen Problem zuwendet. Allein diesem
+Interesse, dem edlen intellektuellen Durst und revolutionären
+Tatendrang der Arbeiter kann man nicht dadurch entsprechen, dß
+man sie mit abstrakter Hirngymnastik über die M&ouml;glichkeit oder
+Unm&ouml;glichkeit des Massenstreiks traktiert, sondern dadurch, dß man
+ihnen die Entwicklung der russischen Revolution, die internationale
+Bedeutung dieser Revolution, die Verschärfung der Klassengegensätze
+in Westeuropa, die weiteren politischen Perspektiven des Klassenkampfes
+in Deutschland, die Rolle und die Aufgaben der Masse in
+den kommenden Kämpfen klar macht. Nur in dieser Form wird
+die Diskussion über den Massenstreik dazu führen, den geistigen
+Horizont des Proletariats zu erweitern, sein Klassenbewußtsein zu
+schärfen, seine Denkweise zu vertiefen und seine Tatkraft zu stählen.</p>
+
+<p>Steht man aber auf diesem Standpunkte, dann erscheint in
+seiner ganzen Lächerlichkeit auch der Strafprozeß, der von den
+Gegnern der »Revolutionsromantik« gemacht wird, weil man sich
+bei der Behandlung des Problems nicht genau an den Wortlaut
+der Jenaer Resolution halte. Mit dieser Resolution geben sich die
+»praktischen Politiker« allenfalls noch zufrieden, weil sie den Massenstreik
+hauptsächlich mit den Schicksalen des allgemeinen Wahlrechts
+verkoppelt, woraus sie zweierlei folgern zu k&ouml;nnen glauben: erstens,
+dß dem Massenstreik ein rein defensiver Charakter bewahrt, zweitens,
+dß der Massenstreik selbst dem Parlamentarismus untergeordnet, in
+ein bloßes Anhängsel des Parlamentarismus verwandelt wird.
+Der wahre Kern der Jenaer Resolution liegt aber in dieser Beziehung
+darin, dß bei der gegenwärtigen Lage in Deutschland ein
+Attentat der herrschenden Reaktion auf das Reichstagswahlrecht
+h&ouml;chst wahrscheinlich das Einleitungsmoment und das Signal zu jener
+Periode stürmischer politischer Kämpfe abgeben dürfte, in denen der
+Massenstreik als Kampfmittel in Deutschland wohl zuerst in Anwendung
+kommen wird. Allein die soziale Tragweite und den
+geschichtlichen Spielraum des Massenstreiks als Erscheinung und als
+Problem des Klassenkampfes durch den Wortlaut einer Parteitags<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[ 10]</a></span>resolution
+einengen und künstlich abstecken zu wollen, ist ein Unternehmen,
+das an Kurzsichtigkeit jenem Diskussionsverbot des K&ouml;lner
+Gewerkschaftskongresses gleichkommt. In der Resolution des Jenaer
+Parteitages hat die deutsche Sozialdemokratie von dem durch die
+russische Revolution in den internationalen Bedingungen des proletarischen
+Klassenkampfes vollzogenen tiefen Umschwung offiziell Akt
+genommen und ihre revolutionäre Entwicklungsfähigkeit, ihre Anpassungsfähigkeit
+an die neuen Anforderungen der kommenden Phase
+der Klassenkämpfe bekundet. Darin liegt die Bedeutung der Jenaer
+Resolution. Was die praktische Anwendung des Massenstreiks in
+Deutschland betrifft, darüber wird die Geschichte entscheiden, wie
+sie darüber in Rußland entschieden hat, die Geschichte, in der die
+Sozialdemokratie mit ihren Entschlüssen allerdings ein wichtiger
+Faktor, aber bloß <em class="gesperrt">ein</em> Faktor unter vielen ist.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="III" id="III"></a>III.</h2>
+
+
+<p>Der Massenstreik, wie er meistens in der gegenwärtigen Diskussion
+in Deutschland vorschwebt, ist eine sehr klar und einfach gedachte,
+scharf umrissene Einzelerscheinung. Es wird ausschließlich
+vom politischen Massenstreik gesprochen. Es wird dabei an einen
+einmaligen grandiosen Ausstand des Industrieproletariats gedacht,
+der aus einem politischen Anlß von h&ouml;chster Tragweite unternommen,
+und zwar auf Grund einer rechtzeitigen gegenseitigen Verständigung
+der Partei- und der gewerkschaftlichen Instanzen unternommen,
+dann im Geiste der Disziplin in gr&ouml;ßter Ordnung durchgeführt
+und in noch sch&ouml;nster Ordnung auf rechtzeitig gegebene
+Losung der leitenden Instanzen abgebrochen wird, wobei die
+Regelung der Unterstützungen, der Kosten, der Opfer, mit einem
+Wort die ganze materielle Bilanz des Massenstreiks im voraus
+genau bestimmt wird.</p>
+
+<p>Wenn wir nun dieses theoretische Schema mit dem wirklichen
+Massenstreik vergleichen, wie er in Rußland seit fünf Jahren auftritt,
+so müssen wir sagen, dß der Vorstellung, die in der deutschen
+Diskussion im Mittelpunkt steht, fast kein einziger von den vielen
+Massenstreiks entspricht, die stattgefunden haben, und dß anderseits
+die Massenstreiks in Rußland eine solche Mannigfaltigkeit der
+verschiedensten Spielarten aufweisen, dß es ganz unm&ouml;glich ist, von
+»dem« Massenstreik, von einem abstrakten schematischen Massenstreik
+zu sprechen. Alle Momente des Massenstreiks sowie sein Charakter
+sind nicht bloß verschieden in verschiedenen Städten und Gegenden
+des Reiches, sondern vor allem hat sich ihr allgemeiner Charakter
+mehrmals im Laufe der Revolution geändert. Die Massenstreiks
+haben in Rußland eine bestimmte Geschichte durchgemacht, und sie
+machen sie noch weiter durch. Wer also vom Massenstreik in Rußland
+redet, muß vor allem seine Geschichte ins Auge fassen.</p>
+
+<p>Die jetzige sozusagen offizielle Periode der russischen Revolution
+wird mit vollem Recht von der Erhebung des Petersburger Proletariats
+am 22. Januar 1905, von jenem Zuge der 200&nbsp;000
+<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[ 11]</a></span>Arbeiter vor das Zarenschloß datiert, der mit einem furchtbaren
+Blutbade endete. Das blutige Massacre in Petersburg war bekanntlich
+das Signal zum Ausbruch der ersten Riesenserie von
+Massenstreiks, die sich binnen weniger Tage über das gesamte Rußland
+gewälzt und den Sturmruf der Revolution aus Petersburg in
+alle Winkel des Reiches und in die breitesten Schichten des Proletariats
+getragen haben. Die Petersburger Erhebung vom 22. Januar
+war aber auch nur der äußerste Moment eines Massenstreiks, der
+vorher das Proletariat der Zarenhauptstadt im Januar 1905 ergriffen
+hatte. Dieser Januar-Massenstreik in Petersburg spielte sich
+nun zweifellos unter dem unmittelbaren Eindruck jenes riesenhaften
+Generalstreiks ab, der kurz vorher, im Dezember 1904, im
+Kaukasus, in Baku, ausgebrochen war und eine Weile lang ganz
+Rußland im Atem hielt. Die Dezemberereignisse in Baku waren
+aber ihrerseits nichts anderes, als an letzter und kräftiger Ausläufer
+jener gewaltigen Massenstreiks, die wie ein periodisches Erdbeben
+in den Jahren 1903 und 1904 ganz Südrußland erschütterten und
+deren Prolog der Massenstreik in Batum (im Kaukasus) im März
+1902 war. Diese erste Massenstreikbewegung in der fortlaufenden
+Kette der jetzigen revolutionären Eruptionen ist endlich nur um fünf
+bis sechs Jahre von dem großen Generalstreik der Petersburger
+Textilarbeiter in den Jahren 1896 und 1897 entfernt, und wenn diese
+Bewegung äußerlich von der heutigen Revolution durch einige Jahre
+scheinbaren Stillstands und starrer Reaktion getrennt scheint, so wird
+doch jeder, der die innere politische Entwicklung des russischen Proletariats
+bis zu der heutigen Stufe seines Klassenbewußtseins und seiner
+revolutionären Energie kennt, die Geschichte der jetzigen Periode der
+Massenkämpfe mit jenen Petersburger Generalstreiks beginnen. Sie
+sind für das Problem des Massenstreiks schon deshalb wichtig, weil
+sie bereits alle Hauptmomente der späteren Massenstreiks im Keime
+enthalten.</p>
+
+<p>Zunächst erscheint der Petersburger Generalstreik des Jahres
+1896 als ein rein &ouml;konomischer partieller Lohnkampf. Seine Ursachen
+waren die unerträglichen Arbeitsbedingungen der Spinner und Weber
+Petersburgs: eine 13-, 14- und 15stündige Arbeitszeit, erbärmliche
+Akkordl&ouml;hne und eine ganze Musterkarte nichtswürdiger Unternehmerschikanen.
+Allein diese Lage ertrugen die Textilarbeiter lange geduldig,
+bis ein scheinbar winziger Umstand das Mß zum &Uuml;berlaufen gebracht
+hat. Im Jahre 1896 im Mai wurde nämlich die zwei Jahre
+lang aus Angst vor den Revolutionären hinausgeschobene Kr&ouml;nung
+des heutigen Zaren Nikolaus II. abgehalten, und aus diesem Anlß
+bezeugten die Petersburger Unternehmer ihren patriotischen Eifer
+dadurch, dass sie ihren Arbeitern drei Tage Zwangsferien auferlegten,
+wobei sie jedoch merkwürdigerweise für diese Tage die L&ouml;hne
+nicht auszahlen wollten. Die dadurch aufgebrachten Textilarbeiter
+kamen in Bewegung. Nach einer Beratung von za. 800 der aufgeklärtesten
+Arbeiter im Jekaterinenhofer Garten wurde der Streik
+beschlossen und die Forderungen formuliert: 1. Auszahlung der
+L&ouml;hne für die Kr&ouml;nungstage; 2. zehneinhalbstündige Arbeitszeit;
+3. Erh&ouml;hung der Akkordl&ouml;hne. Dies geschah am 24. Mai. Nach
+<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[ 12]</a></span>einer Woche standen <em class="gesperrt">sämtliche</em> Webereien und Spinnereien still,
+und 40&nbsp;000 Arbeiter waren im Generalstreik. Heute mag dieses
+Ereignis, an den gewaltigen Massenstreiks der Revolution gemessen,
+als eine Kleinigkeit erscheinen. In der politischen Eisstarre des <em class="gesperrt">damaligen</em>
+Rußlands war ein Generalstreik etwas Unerh&ouml;rtes, er
+war selbst eine ganze Revolution im kleinen. Es begannen selbstverständlich
+die brutalsten Verfolgungen, za. 1000 Arbeitet wurden
+verhaftet und nach der Heimat abgeschoben, und der Generalstreik
+wurde unterdrückt.</p>
+
+<p>Bereits hier sehen wir alle Grundzüge der späteren Massenstreiks.
+Der nächste Anlß der Bewegung war ein ganz zufälliger,
+ja untergeordneter, ihr Ausbruch ein elementarer; aber in dem
+Zustandekommen der Bewegung zeigten sich die Früchte der mehrjährigen
+Agitation der Sozialdemokratie, und im Laufe des Generalstreiks
+standen die sozialdemokratischen Agitatoren an der Spitze
+der Bewegung, leiteten und benutzten sie zur regen revolutionären
+Agitation. Ferner: Der Streik war äußerlich ein bloßer &ouml;konomischer
+Lohnkampf, allein die Stellung der Regierung sowie die Agitation
+der Sozialdemokratie haben ihn zu einer politischen Erscheinung
+ersten Ranges gemacht. Und endlich: Der Streik wurde unterdrückt,
+die Arbeiter erlitten eine »Niederlage«. Aber bereits im Januar
+des folgenden Jahres, 1897, wiederholten die Petersburger Textilarbeiter
+nochmals den Generalstreik und errangen diesmal einen hervorragenden
+Erfolg: die gesetzliche Einführung des elfeinhalbstündigen
+Arbeitstages in ganz Rußland. Was jedoch ein viel wichtigeres
+Ergebnis war: seit jenem ersten Generalstreik des Jahres 1896, der
+ohne eine Spur von Organisation und von Streikkassen unternommen
+war, beginnt im eigentlichen Rußland ein intensiver
+gewerkschaftlicher Kampf, der sich bald aus Petersburg auf das
+übrige Land verbreitet und der sozialdemokratischen Agitation und
+Organisation ganz neue Aussichten er&ouml;ffnet, damit aber in der
+scheinbaren Kirchhofsruhe der folgenden Periode durch unsichtbare
+Maulwurfsarbeit die proletarische Revolution vorbereitet.</p>
+
+<p>Der Ausbruch des kaukasischen Streiks im März des Jahres 1902
+war anscheinend ebenso zufällig und von rein &ouml;konomischen, partiellen,
+wenn auch ganz anderen Momenten erzeugt, wie jener vom
+Jahre 1896. Er hängt mit der schweren Industrie- und Handelskrise
+zusammen, die in Rußland die Vorgängerin des japanischen
+Krieges und mit ihm zusammen der mächtigste Faktor der beginnenden
+revolutionären Gährung war. Die Krise erzeugte eine
+enorme Arbeitslosigkeit, die in der proletarischen Masse die Agitation
+nährte, deshalb unternahm es die Regierung, zur Beruhigung der
+Arbeiterklasse die »überflüssigen Hände« nach ihren entsprechenden
+Heimatsorten per Schub zu transportieren. Eine solche Mßnahme
+eben, die za. 400 Petroleumarbeiter betreffen sollte, rief in Batum einen
+Massenprotest hervor, der zu Demonstrationen, Verhaftungen, einem
+Massacre und schließlich zu einem politischen Prozeß führte, in dem
+pl&ouml;tzlich die rein &ouml;konomische, partielle Angelegenheit zum politischen
+und revolutionären Ereignis wurde. Der Widerhall des ganz
+»resultatlos« verlaufenen und niedergeschlagenen Streiks in Batum
+<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[ 13]</a></span>war eine Reihe revolutionärer Massendemonstrationen der Arbeiter
+in Nischni-Nowgorod, in Saratow, in anderen Städten, also ein
+kräftiger Vorstoß für die allgemeine Welle der revolutionären
+Bewegung.</p>
+
+<p>Bereits im November 1902 folgt der erste echt revolutionäre
+Nachhall in Gestalt eines Generalstreiks in <em class="gesperrt">Rostow</em> am Don.
+Den Anstoß zu dieser Bewegung gaben Lohndifferenzen in den
+Werkstätten der Wladikaukasischen Eisenbahn. Die Verwaltung
+wollte die L&ouml;hne herabsetzen, darauf gab das Donsche Komitee der
+Sozialdemokratie einen Aufruf heraus, mit der Aufforderung zum
+Streik um folgende Forderungen: Neunstundentag, Lohnaufbesserung,
+Abschaffung der Strafen, Entlassung unbeliebter Ingenieure &amp;c.
+Sämtliche Eisenbahnwerkstätten traten in den Ausstand. Ihnen
+schlossen sich alsbald alle anderen Berufe an, und pl&ouml;tzlich herrschte
+in Rostow ein nie dagewesener Zustand: jede gewerbliche Arbeit
+ruht, dafür werden Tag für Tag Monstre-Meetings von 15&nbsp;000 bis
+20&nbsp;000 Arbeitern im Freien abgehalten, manchmal umzingelt von
+einem Kordon Kosaken, wobei zum ersten Male sozialdemokratische
+Volksredner offen auftreten, zündende Reden über Sozialismus und
+politische Freiheit gehalten und mit ungeheurer Begeisterung aufgenommen,
+revolutionäre Aufrufe in Zehntausenden von Exemplaren
+verbreitet werden. Mitten in dem starren absolutistischen Rußland
+erobert das Proletariat Rostows zum ersten Male sein Versammlungsrecht,
+seine Redefreiheit im Sturm. Freilich geht es auch
+hier nicht ohne ein Massacre ab. Die Lohndifferenzen der Wladikaukasischen
+Eisenbahnwerkstätten haben sich in wenigen Tagen zu
+einem politischen Generalstreik und zu einer revolutionären Strßenschlacht
+ausgewachsen. Als Nachklang erfolgte sofort noch ein Generalstreik
+auf der Station <em class="gesperrt">Tichoretzkaja</em> derselben Eisenbahnlinie. Auch
+hier kam es zu einem Massacre, ferner zu einem Prozeß, und
+auch Tichoretzkaja hat sich als Episode gleichfalls in die unzertrennliche
+Kette der Revolutionsmomente eingeflochten.</p>
+
+<p>Der Frühling 1903 gibt die Antwort auf die niedergeschlagenen
+Streiks in Rostow und Tichoretzkaja: der ganze Süden Rußlands
+steht im Mai, Juni und Juli in Flammen. <em class="gesperrt">Baku</em>, <em class="gesperrt">Tiflis</em>,
+<em class="gesperrt">Batum</em>, <em class="gesperrt">Jelissawetgrad</em>, <em class="gesperrt">Odessa</em>, <em class="gesperrt">Kijew</em>, <em class="gesperrt">Nikolajew</em>,
+<em class="gesperrt">Jekaterinoslaw</em> stehen im Generalstreik im buchstäblichen Sinne.
+Aber auch hier entsteht die Bewegung nicht nach irgend einem vorgefßten
+Plan aus einem Zentrum, sie fließt zusammen aus einzelnen
+Punkten, in jedem aus anderen Anlässen, in anderen Formen.
+Den Anfang macht <em class="gesperrt">Baku</em>, wo mehrere partielle Lohnkämpfe einzelner
+Fabriken und Branchen endlich in einen Generalstreik ausmünden.
+In <em class="gesperrt">Tiflis</em> beginnen den Streik 2000 Handelsangestellte, die eine
+Arbeitszeit von 6 Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends hatten; sie verlassen
+alle am 4. Juli um 8 Uhr Abends die Läden und machen einen
+Umzug durch die Stadt, um die Ladeninhaber zur Schließung der
+Geschäfte aufzufordern. Der Sieg ist ein vollständiger: die Handelsangestellten
+erringen eine Arbeitszeit von 8 bis 8 und ihnen schließen
+sich sofort alle Fabriken, Werkstätten, Bureaux an. Die Zeitungen
+erscheinen nicht, der Trambahnverkehr kann nur unter dem Schutze
+<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[ 14]</a></span>des Militärs stattfinden. &ndash; In <em class="gesperrt">Jelissawetgrad</em> beginnt am
+10. Juli in allen Fabriken der Streik mit rein &ouml;konomischen
+Forderungen. Sie werden meistens bewilligt, und am 14. Juli h&ouml;rt
+der Streik auf. Allein zwei Wochen später bricht er wieder aus;
+diesmal geben die Bäcker die Parole, ihnen folgen die Steinarbeiter,
+Tischler, Färber, Mühlenarbeiter und schließlich wieder
+alle Fabrikarbeiter. &ndash; In <em class="gesperrt">Odessa</em> beginnt die Bewegung mit
+einem Lohnkampfe, in den der von Regierungsagenten nach dem
+Programm des berühmten Gendarmen <em class="gesperrt">Subatow</em> gegründete
+»legale« Arbeiterverein verwickelt wurde. Die geschichtliche Dialektik
+hat wieder Gelegenheit genommen, einen ihrer hübschen boshaften
+Streiche auszuführen: Die &ouml;konomischen Kämpfe der früheren
+Periode &ndash; darunter der große Petersburger Generalstreik von
+1896 &ndash; hatten die russische Sozialdemokratie zur &Uuml;bertreibung des
+sogen. »&Ouml;konomismus« verleitet, wodurch sie in der Arbeiterschaft
+für das demagogische Treiben des Subatow den Boden bereitet
+hatte. Nach einer Weile drehte aber der große revolutionäre Strom
+das Schifflein mit der falschen Flagge um und zwang es, gerade
+an der Spitze der revolutionären proletarischen Flottille zu schwimmen.
+Die Subatowschen Vereine gaben im Frühling 1904 die Parole zu
+dem großen Generalstreik in Odessa, wie im Januar 1905 zu dem
+Generalstreik in Petersburg. Die Arbeiter in Odessa, die in den
+Wahn von der aufrichtigen Arbeiterfreundlichkeit der Regierung und
+ihrer Sympathie für rein &ouml;konomischen Kampf gewiegt wurden,
+wollten pl&ouml;tzlich eine Probe aufs Exempel machen und zwangen
+den Subatowschen »Arbeiterverein«, in einer Fabrik den Streik um bescheidenste
+Forderungen zu erklären. Sie wurden darauf vom Unternehmer
+einfach aufs Pflaster gesetzt, und als sie von dem Leiter ihres
+Vereins den versprochenen obrigkeitlichen Schutz forderten, verduftete
+der Herr und ließ die Arbeiter in wilder Gärung zurück. Alsbald
+stellten sich die Sozialdemokraten an die Spitze und die Streikbewegung
+sprang auf andere Fabriken über. Am 1. Juli streiken
+2500 Eisenbahnarbeiter, am 4. Juli treten die Hafenarbeiter in den
+Streik um eine Erh&ouml;hung der L&ouml;hne von 80 Kopeken auf 2 Rubel
+und Verkürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde. Am 6. Juli
+schließen sich die Seeleute der Bewegung an. Am 13. Juli beginnt
+der Ausstand des Trambahnpersonals. Nun findet eine Versammlung
+sämtlicher Streikenden, 7-8000 Mann, statt; es bildet sich ein Zug,
+der von Fabrik zu Fabrik geht und, lawinenartig anwachsend, schon
+als eine 40-50&nbsp;000k&ouml;pfige Menge sich zum Hafen begibt, um hier
+jede Arbeit zum Stillstand zu bringen. Bald herrscht in der ganzen
+Stadt der Generalstreik. &ndash; <em class="gesperrt">In Kijew</em> beginnt am 21. Juli der
+Ausstand in den Eisenbahnwerkstätten. Auch hier ist der nächste
+Anlß miserable Arbeitsbedingungen, und es werden Lohnforderungen
+aufgestellt. Am anderen Tage folgen dem Beispiel die
+Gießereien. Am 23. Juli passiert darauf ein Zwischenfall, der das
+Signal zum Generalstreik gibt. In der Nacht wurden zwei Delegierte
+der Eisenbahnarbeiter verhaftet; die Streikenden fordern sofort ihre
+Freilassung, und als dies nicht erfüllt wird, beschließen sie, die
+Eisenbahnzüge nicht aus der Stadt herauszulassen. Am Bahnhof
+<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[ 15]</a></span>setzen sich auf den Schienenstrang sämtliche Streikende mit Weib
+und Kind &ndash; ein Meer von Menschenk&ouml;pfen. Man droht mit
+Gewehrsalven. Die Arbeiter entbl&ouml;ßen darauf ihre Brust und rufen:
+»Schießt!« Eine Salve wird auf die wehrlose, sitzende Menge
+abgefeuert und 30-40 Leichen, darunter Frauen und Kinder, bleiben
+auf dem Platze liegen. Auf diese Kunde erhebt sich am gleichen
+Tage ganz Kijew zum Streik. Die Leichen der Ermordeten werden
+von der Menge emporgehoben und in einem Massenzug herumgetragen.
+Versammlungen, Reden, Verhaftungen, einzelne Strßenkämpfe
+&ndash; Kijew steht mitten in der Revolution. Die Bewegung
+geht bald zu Ende; dabei haben aber die Buchdrucker eine Verkürzung
+der Arbeitszeit um eine Stunde und eine Lohnerh&ouml;hung um einen
+Rubel gewonnen; in einer Hefefabrik ist der Achtstundentag eingeführt
+worden; die Eisenbahnwerkstätten wurden auf Beschluß des Ministeriums
+geschlossen; andere Branchen führten partielle Streiks um
+ihre Forderungen weiter. &ndash; <em class="gesperrt">In Nikolajew</em> bricht der Generalstreik
+unter dem unmittelbaren Eindruck der Nachrichten aus Odessa,
+Baku, Batum und Tiflis aus, trotz des Widerstandes des sozialdemokratischen
+Komitees, das den Ausbruch der Bewegung auf den Zeitpunkt
+hinausschieben wollte, wo das Militär zum Man&ouml;ver aus
+der Stadt ziehen sollte. Die Masse ließ sich nicht zurückhalten;
+eine Fabrik machte den Anfang, die Streikenden gingen von einer
+Werkstatt zur anderen, der Widerstand des Militärs goß nur &Ouml;l ins
+Feuer. Bald bildeten sich Massenumzüge mit revolutionärem Gesang,
+die alle Arbeiter, Angestellten, Trambahnbedienstete, Männer und
+Frauen, mitrissen. Die Arbeitsruhe war eine vollkommene. &ndash; In
+<em class="gesperrt">Jekaterinoslaw</em> beginnen am 5. August die Bäcker, am 7. die
+Arbeiter der Eisenbahnwerkstätte, darauf alle anderen Fabriken den
+Streik; am 8. August h&ouml;rt der Trambahnverkehr auf, die Zeitungen
+erscheinen nicht. &ndash; So kam der grandiose Generalstreik Südrußlands
+im Sommer 1903 zu stande. Aus vielen kleinen Kanälen partieller
+&ouml;konomischer Kämpfe und kleiner »zufälliger« Vorgänge floß er
+rasch zu einem gewaltigen Meer zusammen und verwandelte den
+ganzen Süden des Zarenreichs für einige Wochen in eine bizarre,
+revolutionäre Arbeiterrepublik. »Brüderliche Umarmungen, Rufe des
+Entzückens und der Begeisterung, Freiheitslieder, frohes Gelächter,
+Humor und Freude h&ouml;rte man in der vieltausendk&ouml;pfigen Menge,
+die von Morgen bis Abend in der Stadt wogte. Die Stimmung
+war eine gehobene; man konnte beinahe glauben, dß ein neues,
+besseres Leben auf Erden beginnt. Ein tiefernstes und zugleich
+idyllisches, rührendes Bild« ... So schrieb damals der Korrespondent
+im liberalen »Oswoboshdenje« des Herrn Peter v. Struve.</p>
+
+<p>Das Jahr 1904 brachte gleich im Anfang den Krieg und für
+eine Weile eine Ruhepause in der Massenstreikbewegung mit sich. Zuerst
+ergoß sich eine trübe Welle polizeilich veranstalteter »patriotischer«
+Demonstrationen über das Land. Die »liberale« bürgerliche Gesellschaft
+wurde vorerst von dem zarisch-offiziellen Chauvinismus ganz
+zu Boden geschmettert. Doch nimmt die Sozialdemokratie bald
+den Kampfplatz wieder in Besitz; den polizeilichen Demonstrationen
+des patriotischen Lumpenproletariats werden revolutionäre Arbeite<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[ 16]</a></span>rdemonstrationen
+entgegengestellt. Endlich wecken die schmählichen
+Niederlagen der zarischen Armee auch die liberale Gesellschaft aus
+der Betäubung; es beginnt die &Auml;ra liberaler und demokratischer
+Kongresse, Bankette, Reden, Adressen und Manifeste. Der durch die
+Schmach des Krieges zeitweilig erdrückte Absolutismus läßt in seiner
+Zerfahrenheit die Herren gewähren, und sie sehen bereits den Himmel
+voller liberaler Geigen. Für ein halbes Jahr nimmt der bürgerliche
+Liberalismus die politische Vorderbühne in Besitz, das Proletariat
+tritt in den Schatten. Allein nach längerer Depression rafft sich der
+Absolutismus seinerseits wieder auf, die Kamarilla sammelt ihre
+Kräfte und durch ein einziges kräftiges Aufstampfen des Kosakenstiefels
+wird die ganze liberale Aktion im Dezember ins Mauseloch
+gejagt. Die Bankette, Reden, Kongresse werden kurzerhand als eine
+»freche Anmßung« verboten und der Liberalismus sieht sich pl&ouml;tzlich
+am Ende seines Lateins. Aber genau dort, wo dem Liberalismus
+der Faden ausgegangen ist, beginnt die Aktion des Proletariats. Im
+Dezember 1904 bricht auf dem Boden der Arbeitslosigkeit der grandiose
+Generalstreik in <em class="gesperrt">Baku</em> aus: Die Arbeiterklasse ist wieder auf dem
+Kampfplatz. Als das Reden verboten wurde und verstummte, begann
+wieder das Handeln. In Baku herrschte während einiger Wochen
+mitten im Generalstreik die Sozialdemokratie als unumschränkte
+Herrin der Lage, und die eigenartigen Ereignisse des Dezembers im
+Kaukasus hätten ein ungeheures Aufsehen erregt, wenn sie nicht so
+rapid von der steigenden Woge der Revolution übertroffen worden
+wären, die sie selbst aufgepeitscht hatten. Noch waren die phantastischen,
+unklaren Nachrichten von dem Generalstreik in Baku nicht in alle
+Enden des Zarenreichs gelangt, als im Januar 1905 der Massenstreik
+in <em class="gesperrt">Petersburg</em> ausbrach.</p>
+
+<p>Auch hier war der Anlß bekanntlich ein winziger. Zwei Arbeiter
+der Putilow-Werke wurden wegen ihrer Zugeh&ouml;rigkeit zum legalen
+Subatowschen Verein entlassen. Diese Mßregelung rief am 16. Januar
+einen Solidaritätsstreik sämtlicher 12&nbsp;000 Arbeiter dieser Werke hervor.
+Die Sozialdemokraten begannen aus Anlß des Streiks eine rege
+Agitation um die Erweiterung der Forderungen und setzten die Forderung
+des Achtstundentages, des Koalitionsrechts, der Rede- und Preßfreiheit
+usw. durch. Die Gärung der Putilowschen Arbeiter teilte
+sich rasch dem übrigen Proletariat mit, und in wenigen Tagen standen
+140&nbsp;000 Arbeiter im Streik. Gemeinsame Beratungen und stürmische
+Diskussionen führten zur Ausarbeitung jener proletarischen Charte
+der bürgerlichen Freiheiten mit dem Achtstundentag an der Spitze,
+womit am 22. Januar 200&nbsp;000 Arbeiter, von dem Priester Gapon
+geführt, vor das Zarenschloß zogen. Der Konflikt der zwei gemßregelten
+Putilow-Arbeiter hat sich binnen einer Woche in den Prolog
+der gewaltigsten Revolution der Neuzeit verwandelt.</p>
+
+<p>Die zunächst darauffolgenden Ereignisse sind bekannt: Das
+Petersburger Blutbad hat im Januar und Februar in sämtlichen
+Industriezentren und Städten Rußlands, Polens, Litauens, der
+baltischen Provinzen, des Kaukasus, Sibiriens, vom Norden bis
+zum Süden, vom Westen bis zum Osten riesenhafte Massenstreiks
+und Generalstreiks hervorgerufen. Allein bei näherem Zusehen
+<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[ 17]</a></span>treten jetzt die Massenstreiks in anderen Formen auf, als in der
+bisherigen Periode. Diesmal gingen überall die sozialdemokratischen
+Organisationen mit Aufrufen voran; überall war die revolutionäre
+Solidarität mit dem Petersburger Proletariat ausdrücklich als Grund
+und Zweck des Generalstreiks bezeichnet; überall gab es zugleich
+Demonstrationen, Reden, Kämpfe mit dem Militär. Doch auch hier
+war von einem vorgefßten Plan, einer organisierten Aktion keine
+Rede, denn die Aufrufe der Parteien vermochten kaum, mit den
+spontanen Erhebungen der Masse Schritt zu halten; die Leiter hatten
+kaum Zeit, die Losungen der vorausstürmenden Proletariermenge zu
+formulieren. Ferner: Die früheren Massen- und Generalstreiks entstanden
+aus einzelnen zusammenfließenden Lohnkämpfen, die in der
+allgemeinen Stimmung der revolutionären Situation und unter
+dem Eindruck der sozialdemokratischen Agitation rapid zu politischen
+Kundgebungen wurden; das &ouml;konomische Moment und die gewerkschaftliche
+Zersplitterung waren der Ausgangspunkt, die zusammenfassende
+Klassenaktion und die politische Leitung das Schlußergebnis.
+Jetzt ist die Bewegung eine umgekehrte. Die Januar- und Februargeneralstreiks
+brachen im voraus als einheitliche revolutionäre Aktion
+unter der Leitung der Sozialdemokratie aus; allein diese Aktion zerfiel
+bald in eine unendliche Reihe lokaler, partieller, &ouml;konomischer
+Streiks in einzelnen Gegenden, Städten, Branchen, Fabriken. Den
+ganzen Frühling des Jahres 1905 hindurch bis in den Hochsommer
+hinein gährte im gesamten Riesenreich ein unermüdlicher &ouml;konomischer
+Kampf fast des gesamten Proletariats gegen das Kapital, ein Kampf,
+der nach oben hin alle kleinbürgerlichen und liberalen Berufe: Handelsangestellte,
+Bankbeamte, Techniker, Schauspieler, Kunstberufe, ergreift,
+nach unten hin bis ins Hausgesinde, in das Subalternbeamtentum
+der Polizei, ja bis in die Schicht des Lumpenproletariats hineindringt
+und gleichzeitig aus der Stadt aufs flache Land hinausstr&ouml;mt
+und sogar an die eisernen Tore der Militärkasernen pocht.</p>
+
+<p>Es ist dies ein riesenhaftes buntes Bild einer allgemeinen Auseinandersetzung
+der Arbeit mit dem Kapital, das die ganze Mannigfaltigkeit
+der sozialen Gliederung und des politischen Bewußtseins
+jeder Schicht und jedes Winkels abspiegelt und die ganze lange
+Stufenleiter vom regelrechten gewerkschaftlichen Kampf einer erprobten
+großindustriellen Elitetruppe des Proletariats bis zum formlosen
+Protestausbruch eines Haufens Landproletarier und zur ersten dunklen
+Regung einer aufgeregten Soldatengarnison durchläuft, von der
+wohlerzogenen eleganten Revolte in Manschetten und Stehkragen
+im Kontor eines Bankhauses bis zum scheu-dreisten Murren
+einer klobigen Versammlung unzufriedener Polizisten in einer verräucherten,
+dunklen und schmutzigen Polizeiwachtstube.</p>
+
+<p>Nach der Theorie der Liebhaber »ordentlicher und wohldisziplinierter«
+Kämpfe nach Plan und Schema, jener besonders, die es
+von weitem stets besser wissen wollen, wie es »hätte gemacht werden
+sollen«, war der Zerfall der großen politischen Generalstreikaktion des
+Januar 1905 in eine Unzahl &ouml;konomischer Kämpfe wahrscheinlich
+»ein großer Fehler«, der jene Aktion »lahmgelegt« und in ein »Strohfeuer«
+verwandelt hatte. Auch die Sozialdemokratie in Rußland,
+<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[ 18]</a></span>die die Revolution zwar mitmacht, aber nicht »macht«, und ihre
+Gesetze erst aus ihrem Verlauf selbst lernen muß, war im ersten
+Augenblick durch das scheinbar resultatlose Zurückfluten der ersten
+Sturmflut des Generalstreiks für eine Weile etwas aus dem Konzept
+gebracht. Allein, die Geschichte, die jenen »großen Fehler« gemacht
+hat, verrichtete damit, unbekümmert um das Räsonieren ihrer unberufenen
+Schulmeister, eine ebenso unvermeidliche wie in ihren
+Folgen unberechenbare Riesenarbeit der Revolution.</p>
+
+<p>Die pl&ouml;tzliche Generalerhebung des Proletariats im Januar
+unter dem gewaltigen Anstoß der Petersburger Ereignisse war nach
+außen hin ein politischer Akt der revolutionären Kriegserklärung an
+den Absolutismus. Aber diese erste allgemeine direkte Klassenaktion
+wirkte gerade als solche nach innen um so mächtiger zurück, indem
+sie zum ersten Mal das Klassengefühl und Klassenbewußtsein in den
+Millionen und Abermillionen wie durch einen elektrischen Schlag
+weckte. Und dieses Erwachen des Klassengefühls äußerte sich sofort
+darin, dß der nach Millionen zählenden proletarischen Masse
+ganz pl&ouml;tzlich scharf und schneidend die Unerträglichkeit jenes sozialen
+und &ouml;konomischen Daseins zum Bewußtsein kam, das sie Jahrzehnte
+in den Ketten des Kapitalismus geduldig ertrug. Es beginnt daher
+ein spontanes allgemeines Rütteln und Zerren an diesen Ketten.
+Alle tausendfältigen Leiden des modernen Proletariats erinnern es
+an alte blutende Wunden. Hier wird um den Achtstundentag gekämpft,
+dort gegen die Akkordarbeit, hier werden brutale Meister
+auf einem Handkarren im Sack »hinausgefahren«, anderswo gegen
+infame Strafsysteme, überall um bessere L&ouml;hne, hier und da um Abschaffung
+der Heimarbeit gekämpft. Rückständige, degradierte Berufe
+in großen Städten, kleine Provinzstädte, die bis dahin in einem idyllischen
+Schlaf dahin dämmerten, das Dorf mit seinem Vermächtnis aus
+dem Leibeigentum &ndash; alles das besinnt sich pl&ouml;tzlich, vom Januarblitz
+geweckt, auf seine Rechte und sucht nun fieberhaft, das Versäumte
+nachzuholen. Der &ouml;konomische Kampf war hier also in
+Wirklichkeit nicht ein Zerfall, eine Zersplitterung der Aktion, sondern
+bloß eine Frontänderung, ein pl&ouml;tzlicher und natürlicher Umschlag
+der ersten Generalschlacht mit dem Absolutismus in eine Generalabrechnung
+mit dem Kapital, die, ihrem Charakter entsprechend, <em class="gesperrt">die
+Form</em> einzelner zersplitterter Lohnkämpfe annahm. Nicht die politische
+Klassenaktion wurde im Januar durch den Zerfall des Generalstreiks
+in &ouml;konomische Streiks gebrochen, sondern umgekehrt; nachdem der
+in der gegebenen Situation und auf der gegebenen Stufe der
+Revolution m&ouml;gliche Inhalt der politischen Aktion ersch&ouml;pft war,
+zerfiel sie oder schlug vielmehr in eine &ouml;konomische Aktion um.</p>
+
+<p>In der Tat: was konnte der Generalstreik im Januar weiter
+erreichen? Nur v&ouml;llige Gedankenlosigkeit durfte eine Vernichtung
+des Absolutismus auf einen Schlag durch einen einzigen »ausdauernden«
+Generalstreik nach dem anarchistischen Schema erwarten.
+Der Absolutismus muß in Rußland durch das Proletariat gestürzt
+werden. Aber das Proletariat bedarf dazu eines hohen
+Grades der politischen Schulung, des Klassenbewußtseins und der
+Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus
+<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[ 19]</a></span>Broschüren und Flugblättern, sondern bloß aus der lebendigen
+politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in dem
+fortschreitenden Verlauf der Revolution aneignen. Ferner kann der
+Absolutismus nicht in jedem beliebigen Moment, wozu bloß eine
+genügende »Anstrengung« und »Ausdauer« erforderlich, gestürzt
+werden. Der Untergang des Absolutismus ist bloß ein äußerer
+Ausdruck der inneren sozialen und Klassenentwicklung der russischen
+Gesellschaft. Bevor und damit der Absolutismus gestürzt werden
+kann, muß das künftige bürgerliche Rußland in seinem Innern, in
+seiner modernen Klassenscheidung hergestellt, geformt werden. Dazu
+geh&ouml;rt die Auseinandergrenzung der verschiedenen sozialen Schichten
+und Interessen, die Bildung außer der proletarischen, revolutionären,
+auch nicht minder der liberalen, radikalen, kleinbürgerlichen, konservativen
+und reaktionären Parteien, dazu geh&ouml;rt die Selbstbesinnung,
+Selbsterkenntnis und das Klassenbewußtsein nicht bloß der Volksschichten,
+sondern auch der bürgerlichen Schichten. Aber auch diese
+verm&ouml;gen sich nicht anders als im Kampf, im Prozeß der Revolution
+selbst, durch die lebendige Schule der Ereignisse, im Zusammenprall
+mit dem Proletariat, sowie gegeneinander, in unaufh&ouml;rlicher gegenseitiger
+Reibung bilden und zur Reife gedeihen. Diese Klassenspaltung
+und Klassenreife der bürgerlichen Gesellschaft sowie ihre
+Aktion im Kampfe gegen den Absolutismus wird durch die eigenartige
+führende Rolle des Proletariats und seine Klassenaktion
+einerseits unterbunden und erschwert, anderseits angepeitscht und
+beschleunigt. Die verschiedenen Unterstr&ouml;me des sozialen Prozesses
+der Revolution durchkreuzen einander, hemmen einander, steigern die
+inneren Widersprüche der Revolution, im Resultat beschleunigen und
+potenzieren aber damit nur ihre gewaltigen Ausbrüche.</p>
+
+<p>So erfordert das anscheinend so einfache und nackte rein
+mechanische Problem: der Sturz des Absolutismus einen ganzen
+langen sozialen Prozeß, eine gänzliche Unterwühlung des gesellschaftlichen
+Bodens, das Unterste muß nach oben, das Oberste
+nach unten gekehrt, die scheinbare »Ordnung« in einen Chaos und
+aus dem scheinbaren »anarchistischen« Chaos eine neue Ordnung
+umgeschaffen werden. Und nun in diesem Prozeß der sozialen
+Umschachtelung des alten Rußland spielte nicht nur der Januar-Blitz
+des ersten Generalstreiks, sondern noch mehr das darauffolgende
+große Frühlings- und Sommergewitter der &ouml;konomischen Streiks
+eine unersetzliche Rolle. Die erbitterte allgemeine Auseinandersetzung
+der Lohnarbeit mit dem Kapital hat im gleichen Mße zur Auseinandergrenzung
+der verschiedenen Volksschichten wie der bürgerlichen
+Schichten, zum Klassenbewußtsein des revolutionären Proletariats
+wie auch der liberalen und konservativen Bourgeoisie beigetragen.
+Und wie die städtischen Lohnkämpfe zur Bildung der starken
+monarchischen Moskauer Industriellen-Partei beigetragen haben, so
+hat der rote Hahn der gewaltigen Landerhebung in Livland zur
+raschen Liquidation des berühmten adelig-agrarischen Semstwo-Liberalismus
+geführt.</p>
+
+<p>Zugleich aber hat die Periode der &ouml;konomischen Kämpfe im
+Frühling und Sommer des Jahres 1905 dem städtischen Proletariat
+<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[ 20]</a></span>in der Gestalt der regen sozialdemokratischen Agitation und Leitung
+die M&ouml;glichkeit gegeben, die ganze Summe der Lehren des Januar-Prologs
+sich nachträglich anzueignen, sich die weiteren Aufgaben
+der Revolution klar zu machen. Im Zusammenhang damit steht
+aber noch ein anderes Ergebnis dauernden sozialen Charakters:
+<em class="gesperrt">eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus des
+Proletariats</em>, des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen.
+Die Frühlingsstreiks des Jahres 1905 sind fast durchweg siegreich
+verlaufen. Als eine Probe aus dem enormen und noch meistens
+unübersehbaren Tatsachenmaterial seien hier nur einige Daten über
+ein paar der allein in Warschau von der Sozialdemokratie Polens
+und Litauens geleiteten wichtigsten Streiks angeführt. In den
+gr&ouml;ßten Fabriken der <em class="gesperrt">Metallbranche</em> Warschaus: Aktiengesellschaft
+Lilpop, Rau &amp; L&ouml;wenstein, Rudzki &amp; Co., Bormann,
+Schwede &amp; Co., Handtke, Gerlach &amp; Pulst, Gebrüder Geisler,
+Eberhard, Wolski &amp; Co., Aktiengesellschaft Konrad &amp; Jarmuszkiewicz,
+Weber &amp; Daehn, Gwizdzinski &amp; Co., Drahtfabrik Wolanowski,
+Aktiengesellschaft Gostynski &amp; Co., R. Brun &amp; Sohn, Fraget, Norblin,
+Werner, Buch, Gebrüder Renneberg, Labor, Lampenfabrik Dittmar,
+Serkowski, Weszyski, zusammen 22 Fabriken errangen die Arbeiter
+sämtlich nach einem vier- bis fünfw&ouml;chigen Streik (seit dem
+25. und 26. Januar) den neunstündigen Arbeitstag, eine Lohnerh&ouml;hung
+von 15 bis 25 pZt. und verschiedene geringere Forderungen.
+In den gr&ouml;ßten Werkstätten der <em class="gesperrt">Holzbranche</em>
+Warschaus, nämlich bei Karmanski, Damiecki, Gromel, Szerbinski,
+Tremerowski, Horn, Bevensee, Tworkowski, Daab &amp; Martens,
+zusammen 10 Werkstätten, errangen die Streikenden bereits am
+23. Februar den Neunstundentag; sie gaben sich jedoch nicht zufrieden
+und bestanden auf dem Achtstundentag, den sie auch nach
+einer weiteren Woche durchsetzten, zugleich mit einer Lohnerh&ouml;hung.
+Die gesamte <em class="gesperrt">Maurerbranche</em> begann den Streik am 27. Februar,
+forderte gemäß der Parole der Sozialdemokratie den Achtstundentag
+und errang am 11. März den Neunstundentag, eine
+Lohnerh&ouml;hung für alle Kategorien, regelmäßige w&ouml;chentliche Lohnauszahlung
+usw. usw. Die <em class="gesperrt">Anstreicher</em>, <em class="gesperrt">Stellmacher</em>,
+<em class="gesperrt">Sattler</em> und <em class="gesperrt">Schmiede</em> errangen gemeinsam den Achtstundentag
+ohne Lohnverkürzung. Die <em class="gesperrt">Telephon</em>-Werkstätten streikten
+zehn Tage und errangen den Achtstundentag und eine Lohnerh&ouml;hung
+um 10 bis 15 pZt. Die große <em class="gesperrt">Leinenweberei</em>
+Hielle &amp; Dietrich (10&nbsp;000 Arbeiter) errang nach neun Wochen
+Streik eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und Lohnaufbesserung
+um 5 bis 10 pZt. Und dasselbe Ergebnis in unendlichen
+Variationen sehen wir in allen übrigen Branchen
+Warschaus, in Lodz, in Sosnowitz.</p>
+
+<p>Im eigentlichen Rußland wurde der <em class="gesperrt">Achtstundentag</em> erobert:
+im September 1904 von einigen Kategorien der Naphthaarbeiter
+in Baku, im Mai 1905 von den Zuckerarbeitern des Kijewer Rayons,
+im Januar 1905 in sämtlichen Buchdruckereien der Stadt Samara
+(wo zugleich eine Erh&ouml;hung der Akkordl&ouml;hne und Abschaffung der
+Strafen durchgesetzt wurde), im Februar in der Fabrik kriegs<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[ 21]</a></span>medizinischer
+Instrumente, in einer M&ouml;beltischlerei und in der
+Patronenfabrik in Petersburg, ferner wurde eine achtstündige
+Schicht in den Gruben von Wladiwostok eingeführt, im März in
+der staatlichen mechanischen Werkstatt der Staatspapiere, im April
+bei den Schmieden der Stadt Bobrujsk, im Mai bei den Angestellten
+der elektrischen Stadtbahn in Tiflis, gleichfalls im Mai der achteinhalbstündige
+Arbeitstag in der Riesenbaumwollweberei von
+Morosow (bei gleichzeitiger Abschaffung der Nachtarbeit und
+Erh&ouml;hung der L&ouml;hne um 8 pZt.), im Juni der Achtstundentag in
+einigen &Ouml;lmühlen in Petersburg und Moskau, im Juli achteinhalb
+Stunden bei den Schmieden des Petersburger Hafens, im
+November in sämtlichen Privatdruckereien der Stadt Orel (bei
+gleichzeitiger Erh&ouml;hung des Zeitlohnes um 20 pZt. und der
+Akkordl&ouml;hne um 100 pZt., sowie der Einführung eines paritätischen
+Einigungsamtes).</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Neunstundentag</em> in sämtlichen Eisenbahnwerkstätten
+(im Februar), in vielen staatlichen Militär- und Marinewerkstätten,
+in den meisten Fabriken der Stadt Berdjansk, in sämtlichen
+Druckereien der Stadt Poltawa sowie der Stadt Minsk; neuneinhalb
+Stunden auf der Schiffswerft, Mechanischen Werkstatt und
+Gießerei der Stadt Nikolajew, im Juni nach einem allgemeinen
+Kellnerstreik in Warschau in vielen Restaurants und Caf&eacute;s (bei
+gleichzeitiger Lohnerh&ouml;hung um 20 bis 40 pZt. und einem zweiw&ouml;chentlichen
+Urlaub jährlich).</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">Zehnstundentag</em> in fast sämtlichen Fabriken der
+Städte Lodz, Gosnowitz, Riga, Kowno, Reval, Dorpat, Minsk,
+Charkow, bei den Bäckern in Odessa, in den Handwerkstätten
+in Kischinew, in einigen Hutfabriken in Petersburg, in den Zündholzfabriken
+in Kowno (bei gleichzeitiger Lohnerh&ouml;hung um 10 pZt.),
+in sämtlichen staatlichen Marinewerkstätten und bei sämtlichen
+Hafenarbeitern.</p>
+
+<p>Die Lohnerh&ouml;hungen sind im allgemeinen geringer als die
+Verkürzung der Arbeitszeit, immerhin aber bedeutende; so wurde
+in Warschau Mitte März 1905 von dem städtischen Fabrikamt eine
+allgemeine Lohnerh&ouml;hung um 15 pZt. festgestellt; in dem Zentrum
+der Textilindustrie Iwanowo-Wosnesensk erreichten die Lohnerh&ouml;hungen
+7 bis 15 pZt.; in Kowno wurden von der Lohnerh&ouml;hung
+78 pZt. der gesamten Arbeiterzahl betroffen. Ein fester <em class="gesperrt">Minimallohn</em>
+wurde eingeführt: in einem Teile der Bäckereien in Odessa,
+in der Newaschen Schiffswerft in Petersburg usw.</p>
+
+<p>Freilich werden die Konzessionen vielfach bald hier bald dort
+wieder zurückgenommen. Dies gibt aber nur den Anlß zu erneuten,
+noch erbitterteren Revanchekämpfen, und so ist die Streikperiode des
+Frühlings 1905 von selbst zum Prolog einer unendlichen Reihe sich
+immer weiter ausbreitender und ineinanderschlingender &ouml;konomischer
+Kämpfe geworden, die bis auf den heutigen Tag dauern. In den
+Perioden des äußerlichen Stillstandes der Revolution, wo die
+Telegramme keine Sensationsnachrichten vom russischen Kampfplatz
+in die Welt tragen und wo der westeuropäische Leser mit Enttäuschung
+seine Morgenzeitung aus der Hand legt, mit der Bemerkung,
+<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[ 22]</a></span>dß in Rußland »nichts passiert sei«, wird in Wirklichkeit in der
+Tiefe des ganzen Reiches die große Maulwurfsarbeit der Revolution
+ohne Rast Tag für Tag und Stunde für Stunde fortgesetzt. Der
+unaufh&ouml;rliche intensive &ouml;konomische Kampf setzt in rapiden abgekürzten
+Methoden die Hinüberleitung des Kapitalismus aus dem Stadium
+der primitiven Akkumulation, des patriarchalischen Raubbaus in
+ein hochmodernes, zivilisiertes Stadium durch. Heute läßt die
+tatsächliche Arbeitszeit in der russischen Industrie nicht nur die
+russische Fabrikgesetzgebung, d.&nbsp;h. den gesetzlichen elfeinhalbstündigen
+Arbeitstag, sondern selbst die deutschen tatsächlichen Verhältnisse
+hinter sich. In den meisten Branchen der russischen Großindustrie
+herrscht heute der Zehnstundentag, der in Deutschland von der Sozialgesetzgebung
+als unerreichbares Ziel hingestellt wird. Ja, noch mehr;
+jener ersehnte »industrielle Konstitutionalismus«, für den man in
+Deutschland schwärmt und um deswillen die Anhänger der opportunistischen
+Taktik jedes schärfere Lüftchen von den stehenden
+Gewässern des allein-seligmachenden Parlamentarismus fernhalten
+m&ouml;chten, wird in Rußland gerade mitten im Revolutionssturm, <em class="gesperrt">aus</em>
+der Revolution, zusammen mit dem politischen »Konstitutionalismus«
+geboren! Tatsächlich ist nicht bloß eine allgemeine Hebung des
+Lebensniveaus oder vielmehr des Kulturniveaus der Arbeiterschaft
+eingetreten. Das materielle Lebensniveau als eine dauernde Stufe
+des Wohlseins findet in der Revolution keinen Platz. Voller Widersprüche
+und Kontraste, bringt sie zugleich überraschende &ouml;konomische
+Siege und brutalste Racheakte des Kapitals: heute den Achtstundentag,
+morgen Massenaussperrungen und nackten Hunger für Hunderttausende.
+Das Kostbarste, weil bleibende, bei diesem scharfen
+revolutionären Auf und Ab der Welle ist ihr <em class="gesperrt">geistiger Niederschlag</em>:
+das sprungweise intellektuelle, kulturelle Wachstum des
+Proletariats, das eine unverbrüchliche Gewähr für sein weiteres
+unaufhaltsames Fortschreiten im wirtschaftlichen wie im politischen
+Kampfe bietet. Allein, nicht bloß das. Das Verhältnis selbst des
+Arbeiters zum Unternehmer wird umgestülpt; seit den Januar-Generalstreiks
+und den darauffolgenden Streiks des Jahres 1905
+ist das Prinzip des kapitalistischen »Hausherrentums« <em class="antiqua">de facto</em>
+abgeschafft. In den gr&ouml;ßten Fabriken aller wichtigsten Industriezentren
+hat sich wie von selbst die Einrichtung der Arbeiterausschüsse
+gebildet, mit denen allein der Unternehmer verhandelt, die über alle
+Konflikte entscheiden. Und schließlich noch mehr: Die anscheinend
+chaotischen Streiks und die »desorganisierte« revolutionäre Aktion
+nach dem Januar-Generalstreik wird zum Ausgangspunkt einer
+fieberhaften <em class="gesperrt">Organisationsarbeit</em>. Madame Geschichte dreht
+den bureaukratischen Schablonenmenschen, die an den Toren des
+deutschen Gewerkschaftsglücks grimmige Wacht halten, von weitem
+lachend eine Nase. Die festen Organisationen, die als unbedingte
+Voraussetzung für einen eventuellen Versuch zu einem eventuellen
+deutschen Massenstreik im voraus wie eine uneinnehmbare Festung
+umschanzt werden sollen, diese Organisationen werden in Rußland
+gerade umgekehrt aus dem Massenstreik geboren! Und während
+die Hüter der deutschen Gewerkschaften am meisten befürchten, dß
+<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[ 23]</a></span>die Organisationen in einem revolutionären Wirbel wie kostbares
+Porzellan krachend in Stücke gehen, zeigt uns die russische Revolution
+das direkt umgekehrte Bild: aus dem Wirbel und Sturm, aus
+Feuer und Glut der Massenstreiks, der Strßenkämpfe steigen empor
+wie die Venus aus dem Meerschaum: frische, junge, kräftige und
+lebensfrohe ..... Gewerkschaften.</p>
+
+<p>Hier nur wieder ein kleines Beispiel, das aber für das gesamte
+Reich typisch ist. Auf der zweiten Konferenz der Gewerkschaften
+Rußlands, die Ende Februar 1906 in Petersburg stattgefunden hat,
+sagte der Vertreter der Petersburger Gewerkschaften in seinem
+Bericht über die Entwicklung der Gewerkschaftsorganisationen der
+Zarenhauptstadt:</p>
+
+<p>»Der 22. Januar 1905, der den Gaponschen Verein weggespült
+hat, bildete einen Wendepunkt. Die Arbeiter aus der
+Masse haben an der Hand der Ereignisse gelernt, die Bedeutung
+der Organisation zu schätzen und begriffen, dß nur sie selbst diese
+Organisationen schaffen k&ouml;nnen. &ndash; In direkter Verbindung mit der
+Januarbewegung entsteht in Petersburg die erste Gewerkschaft:
+die der Buchdrucker. Die zur Ausarbeitung des Tarifs gewählte
+Kommission arbeitete die Statuten aus, und am 19. Juni begann
+die Gewerkschaft ihre Existenz. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde
+die Gewerkschaft der Kontoristen und der Buchhalter ins Leben
+gerufen. Neben diesen Organisationen, die fast offen (legal)
+existieren, entstanden vom Januar bis Oktober 1905 halbgesetzliche
+und ungesetzliche Gewerkschaften. Zu den ersteren geh&ouml;rt z.&nbsp;B. die
+der Apothekergehülfen und der Handelsangestellten. Unter den ungesetzlichen
+Gewerkschaften muß der Verein der Uhrmacher hervorgehoben
+werden, dessen erste geheime Sitzung am 24. April stattfand. Alle
+Versuche, eine allgemeine offene Versammlung einzuberufen, scheiterten
+an dem hartnäckigen Widerstand der Polizei und der Unternehmer
+in der Person der Handwerkskammer. Dieser Mißerfolg hat die
+Existenz der Gewerkschaft nicht verhindert. Sie hielt geheime
+Mitgliederversammlungen am 9. Juni und 14. August ab, abgesehen
+von den Sitzungen der Vorstände der Gewerkschaft. Die Schneider-
+und Schneiderinnengewerkschaft wurde im Frühling des Jahres 1905
+in einer Versammlung im Walde gegründet, wo 70 Schneider anwesend
+waren. Nachdem die Frage der Gründung besprochen
+wurde, wählte man eine Kommission, die mit der Ausarbeitung des
+Statuts beauftragt wurde. Alle Versuche der Kommission, für die
+Gewerkschaft eine gesetzliche Existenz durchzusetzen, blieben erfolglos.
+Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf die Agitation und Mitgliederwerbung
+in den einzelnen Werkstätten. Ein ähnliches Schicksal war
+der Schuhmachergewerkschaft beschieden. Im Juli wurde Nachts
+in einem Walde außerhalb der Stadt eine geheime Versammlung
+einberufen. Mehr als 100 Schuhmacher kamen zusammen; es wurde
+ein Referat über die Bedeutung der Gewerkschaften, über ihre
+Geschichte in Westeuropa und ihre Aufgaben in Rußland gehalten.
+Darauf ward beschlossen, eine Gewerkschaft zu gründen; 12 Mann
+wurden in eine Kommission gewählt, die das Statut ausarbeiten
+und eine allgemeine Schuhmacherversammlung einberufen sollte.
+<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[ 24]</a></span>Das Statut wurde ausgearbeitet, aber es gelang vorläufig weder
+es zu drucken, noch eine allgemeine Versammlung einzuberufen.«</p>
+
+<p>Das waren die ersten schweren Anfänge. Dann kamen die
+Oktobertage, der zweite allgemeine Generalstreik, das Zarenmanifest
+des 30. Oktober und die kurze »Verfassungsperiode«. Mit Feuereifer
+stürzen sich die Arbeiter in die Wogen der politischen Freiheit, um
+sie sofort zum Organisationswerk zu benutzen. Neben tagtäglichen
+politischen Versammlungen, Debatten, Vereinsgründungen wird
+sofort der Ausbau der Gewerkschaften in Angriff genommen. Im
+Oktober und November entstehen in Petersburg <em class="gesperrt">vierzig</em> neue
+Gewerkschaften. Alsbald wird ein »Zentralbureau«, d.&nbsp;h. ein Gewerkschaftskartell
+gegründet, es erscheinen verschiedene Gewerkschaftsblätter
+und seit dem November auch ein Zentralorgan: »Die Gewerkschaft«.
+Das, was im obigen über Petersburg berichtet wurde,
+trifft im großen und ganzen auf Moskau und Odessa, Kijew und
+Nikolajew, Saratow und Woronesch, Samara und Nischni-Nowgorod,
+auf alle gr&ouml;ßeren Städte Rußlands und in noch h&ouml;herem Grade
+auf Polen zu. Die Gewerkschaften einzelner Städte suchen Fühlung
+miteinander, es werden Konferenzen abgehalten. Das Ende der
+»Verfassungsperiode« und die Umkehr zur Reaktion im Dezember
+1905 macht zeitweilig auch ein Ende der offenen, breiten Tätigkeit
+der Gewerkschaften, bläst ihnen aber das Lebenslicht nicht aus. Sie
+wirken weiter im geheimen als Organisation und führen gleichzeitig
+ganz offen Lohnkämpfe. Es bildet sich ein eigenartiges Gemisch
+eines gesetzlichen und ungesetzlichen Zustandes des Gewerkschaftslebens
+aus, entsprechend der widerspruchsvollen revolutionären
+Situation. Aber mitten im Kampf wird das Organisationswerk
+mit aller Gründlichkeit, ja mit Pedanterie weiter ausgebaut. Die
+Gewerkschaften der Sozialdemokratie Polens und Litauens z.&nbsp;B.,
+die auf dem letzten Parteitag (im Juli 1906) durch fünf Delegierte
+von 10&nbsp;000 zahlenden Mitgliedern vertreten waren, sind mit ordentlichen
+Statuten, gedruckten Mitgliedsbüchlein, Klebemarken usw. versehen.
+Und dieselben Warschauer und Lodzer Bäcker und Schuhmacher,
+Metallarbeiter und Buchdrucker, die im Juni 1905 auf den
+Barrikaden standen und im Dezember nur auf eine Parole aus
+Petersburg zum Strßenkampf warteten, finden zwischen einem
+Massenstreik und dem anderen, zwischen Gefängnis und Aussperrung,
+unter dem Belagerungszustand Muße und heiligen Ernst, um ihre
+Gewerkschaftsstatuten eingehend und aufmerksam zu diskutieren. Ja,
+diese gestrigen und morgigen Barrikadenkämpfer haben mehr als
+einmal in Versammlungen ihren Leitern unbarmherzig den Kopf
+gewaschen und mit dem Austritt aus der Partei gedroht, weil die
+unglücklichen gewerkschaftlichen Mitgliedsbüchlein nicht rasch genug
+&ndash; in geheimen Druckereien unter unaufh&ouml;rlicher polizeilicher Hetzjagd
+&ndash; gedruckt werden konnten. Dieser Eifer und dieser Ernst
+dauern bis zur Stunde fort. In den ersten zwei Wochen des Juli
+1906 sind z.&nbsp;B. in Jekaterinoslaw 15 neue Gewerkschaften entstanden:
+in Kostroma 6 Gewerkschaften, mehrere in Kijew, Poltawa, Smolensk,
+Tscherkassy, Proskurow &ndash; bis in die kleinsten Provinznester. In
+der Sitzung des Moskauer Gewerkschaftskartells vom 4. Juni d.&nbsp;J.
+<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[ 25]</a></span>wurde nach Entgegennahme der Berichte einzelner Gewerkschaftsdelegierten
+beschlossen: »Dß die Gewerkschaften ihre Mitglieder
+disziplinieren und von Strßenkrawallen zurückhalten sollen, weil
+der Moment für den Massenstreik als ungeeignet betrachtet wird.
+Angesichts m&ouml;glicher Provokationen der Regierung sollen sie achtgeben,
+dß die Masse nicht auf die Strße hinausstr&ouml;mt. Endlich
+beschloß das Kartell, dß in der Zeit, wo eine Gewerkschaft einen
+Streik führt, die anderen sich von Lohnbewegungen zurückzuhalten
+haben.« Die meisten &ouml;konomischen Kämpfe werden jetzt von den
+Gewerkschaften geleitet.<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
+
+<p>So hat der vom Januar-Generalstreik ausgehende große
+&ouml;konomische Kampf, der von da an bis auf den heutigen Tag nicht
+aufh&ouml;rt, einen breiten Hintergrund der Revolution gebildet, aus dem
+sich in unaufh&ouml;rlicher Wechselwirkung mit der politischen Agitation
+und den äußeren Ereignissen der Revolution immer wieder bald
+hier und da einzelne Explosionen, bald allgemeine, große Hauptaktionen
+des Proletariats erheben. So flammen auf diesem Hintergrund
+nacheinander auf: am 1. Mai 1905 zur Maifeier ein beispielloser
+absoluter Generalstreik in <em class="gesperrt">Warschau</em> mit einer v&ouml;llig friedlichen
+Massendemonstration, die in einem blutigen Renkontre der
+wehrlosen Menge mit den Soldaten endet. Im Juni führt in
+<em class="gesperrt">Lodz</em> ein Massenausflug, der von Soldaten zerstreut wird, zu
+einer Demonstration von 100&nbsp;000 Arbeitern auf dem Begräbnis
+einiger Opfer der Soldateska, zu erneutem Renkontre mit dem
+Militär und schließlich zum Generalstreik, der am 23., 24. und 25.
+in den ersten Barrikadenkampf im Zarenreiche übergeht. Im Juni
+gleichfalls explodiert im Odessaer Hafen aus einem kleinen Zwischenfall
+an Bord des Panzerschiffes »Potemkin« die erste große Matrosenrevolte
+der Schwarzmeerflotte, die sofort als Rückwirkung in
+<em class="gesperrt">Odessa</em> und <em class="gesperrt">Nikolajew</em> einen gewaltigen Massenstreik hervorruft.
+Als weiteres Echo folgen: der Massenstreik und Matrosenrevolten
+in <em class="gesperrt">Kronstadt</em>, <em class="gesperrt">Libau</em>, <em class="gesperrt">Wladiwostok</em>.</p>
+<p><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[ 26]</a></span></p>
+<p>In den Monat Oktober fällt das grandiose Experiment Petersburgs
+mit der Einführung des Achtstundentags. Der Rat der
+Arbeiterdelegierten beschließt, in Petersburg auf revolutionärem
+Wege den Achtstundentag durchzusetzen. Das heißt: an einem bestimmten
+Tage erklären sämtliche Arbeiter Petersburgs ihren Unternehmern,
+dß sie nicht gewillt sind, länger als acht Stunden täglich
+zu arbeiten und verlassen zur entsprechenden Stunde die Arbeitsräume.
+Die Idee gibt Anlß zu einer lebhaften Agitation, wird
+vom Proletariat mit Begeisterung aufgenommen und ausgeführt,
+wobei die gr&ouml;ßten Opfer nicht gescheut werden. So bedeutete zum
+Beispiel der Achtstundentag für die Textilarbeiter, die bis dahin
+elf Stunden und zwar bei Akkordl&ouml;hnen arbeiteten, einen enormen
+Lohnausfall, den sie jedoch bereitwillig akzeptierten. <em class="gesperrt">Binnen
+einer Woche herrscht in sämtlichen Fabriken und
+Werkstätten Petersburgs der Achtstundentag</em>, und
+der Jubel der Arbeiterschaft kennt keine Grenzen. Bald rüstet jedoch
+das anfangs verblüffte Unternehmertum zur Abwehr: es wird überall
+mit der Schließung der Fabriken gedroht. Ein Teil der Arbeiter
+läßt sich auf Verhandlungen ein und erringt hier den Zehn-, dort
+den Neunstundentag. Die Elite des Petersburger Proletariats jedoch,
+die Arbeiter der großen staatlichen Metallwerke bleiben unerschüttert
+und es erfolgt eine Aussperrung, die 45 bis 50&nbsp;000 Mann für
+einen Monat aufs Pflaster setzt. Durch diesen Abschluß spielt
+die Achtstundenbewegung in den allgemeinen Massenstreik des Dezember
+hinein, den die große Aussperrung in hohem Mße unterbunden
+hat.</p>
+
+<p>Inzwischen folgt aber im Oktober als Antwort auf das Bulyginsche
+Duma-Projekt der zweite gewaltigste allgemeine Massenstreik
+im gesamten Zarenreich, zu dem die Eisenbahner die Parole ausgeben.
+Diese zweite revolutionäre Hauptaktion des Proletariats trägt schon
+einen wesentlich anderen Charakter, als die erste im Januar. Das
+Element des politischen Bewußtseins spielt schon eine viel gr&ouml;ßere
+Rolle. Freilich war auch hier der erste Anlß zum Ausbruch des
+Massenstreiks ein untergeordneter und scheinbar zufälliger: der Konflikt
+der Eisenbahner mit der Verwaltung wegen der Pensionskasse.
+Allein die darauf erfolgte allgemeine Erhebung des Industrieproletariats
+wird vom klaren politischen Gedanken getragen. Der Prolog
+des Januarstreiks war ein Bittgang zum Zaren um politische Freiheit,
+die Losung des Oktoberstreiks lautete: Fort mit der konstitutionellen
+Kom&ouml;die des Zarismus! Und Dank dem sofortigen Erfolg des
+Generalstreiks: dem Zarenmanifest vom 30. Oktober, fließt die Bewegung
+nicht nach innen zurück, wie im Januar, um erst die Anfänge
+des &ouml;konomischen Klassenkampfes nachzuholen, sondern gießt sich nach
+außen in eine eifrige Betätigung der frisch eroberten politischen
+Freiheit über. Demonstrationen, Versammlungen, eine junge Presse,
+&ouml;ffentliche Diskussionen und blutige Massacres als das Ende vom
+Liede, darauf neue Massenstreiks und Demonstration &ndash; das ist das
+stürmische Bild der November- und Dezembertage. Im November
+wird auf den Appell der Sozialdemokratie hin in Petersburg der erste
+demonstrative Massenstreik veranstaltet als Protestkundgebung gegen
+<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[ 27]</a></span>die Bluttaten und die Verhängung des Belagerungszustandes in
+Livland und Polen. Die Gärung nach dem kurzen Verfassungstraum
+und dem grausamen Erwachen führt endlich im Dezember zum
+Ausbruch des dritten allgemeinen Massenstreiks im ganzen Zarenreich.
+Diesmal ist der Verlauf und der Ausgang wieder ein ganz anderer,
+wie in den beiden früheren Fällen. Die politische Aktion schlägt
+nicht mehr in eine &ouml;konomische um, wie im Januar, sie erringt
+aber auch nicht mehr einen raschen Sieg, wie im Oktober. Die
+Versuche der zarischen Kamarilla mit der wirklichen politischen
+Freiheit werden nicht mehr gemacht und die revolutionäre Aktion
+st&ouml;ßt somit zum ersten Male in ihrer ganzen Breite auf die starre
+Mauer der physischen Gewalt des Absolutismus. Durch die logische
+innere Entwicklung der fortschreitenden Ereignisse schlägt der Massenstreik
+diesmal um in einen offenen Aufstand, einen bewaffneten
+Barrikaden- und Strßenkampf in Moskau. Die Moskauer Dezembertage
+schließen als der H&ouml;hepunkt der aufsteigenden Linie der
+politischen Aktion und der Massenstreikbewegung das erste arbeitsreiche
+Jahr der Revolution ab.</p>
+
+<p>Die Moskauer Ereignisse zeigen zugleich im kleinen Probebild
+die logische Entwicklung und die Zukunft der revolutionären Bewegung
+im ganzen: ihren unvermeidlichen Abschluß in einem allgemeinen
+offenen Aufstand, der aber seinerseits wieder nicht anders
+zu stande kommen kann, als durch die Schule einer Reihe vorbereitender
+partieller Aufstände, die eben deshalb vorläufig mit partiellen
+äußeren »Niederlagen« abschließen und, jeder einzeln betrachtet,
+als »verfrüht« erscheinen m&ouml;gen.</p>
+
+<p>Das Jahr 1906 bringt die Duma-Wahlen und die Duma-Episode.
+Das Proletariat boykottiert aus kräftigem revolutionären
+Instinkt und klarer Erkenntnis der Lage die ganze zarisch-konstitutionelle
+Far&ccedil;e, und den Vordergrund der politischen
+Bühne nimmt für einige Monate wieder der Liberalismus
+ein. Die Situation des Jahres 1904 kehrt anscheinend
+wieder: eine Periode des Redens tritt an Stelle des Handelns, und
+das Proletariat tritt für eine Zeitlang in den Schatten, um sich
+desto fleißiger dem gewerkschaftlichen Kampf und dem Organisationswerk
+zu widmen. Die Massenstreiks verstummen, während knatternde
+Raketen der liberalen Rethorik Tag für Tag abgefeuert werden.
+Schließlich rasselt der eiserne Vorhang pl&ouml;tzlich herunter, die Schauspieler
+werden auseinander gejagt, von den liberalen Raketen bleibt
+nur Rauch und Dunst übrig. Ein Versuch des Zentralkomitees
+der russischen Sozialdemokratie, als Demonstration für die Duma
+und für die Wiederer&ouml;ffnung der Periode des liberalen Redens
+einen vierten Massenstreik in ganz Rußland hervorzurufen, fällt
+platt zu Boden. Die Rolle der politischen Massenstreiks allein ist
+ersch&ouml;pft, der &Uuml;bergang des Massenstreiks in einen allgemeinen
+Volksaufstand und Strßenkampf aber noch nicht herangereift. Die
+liberale Episode ist vorbei, die proletarische hat noch nicht wieder
+begonnen. Die Bühne bleibt vorläufig leer.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> In den zwei ersten Wochen des Juni 1906 allein wurden folgende Lohnkämpfe
+geführt: bei den Buchdruckern in <em class="gesperrt">Petersburg</em>, <em class="gesperrt">Moskau</em>, <em class="gesperrt">Odessa</em>,
+<em class="gesperrt">Minsk</em>, <em class="gesperrt">Wilna</em>, <em class="gesperrt">Saratow</em>, <em class="gesperrt">Mogilew</em>, <em class="gesperrt">Tambow</em> um den Achtstundentag
+und die Sonntagsruhe; ein Generalstreik der Seeleute in <em class="gesperrt">Odessa</em>, <em class="gesperrt">Nikolajew</em>,
+<em class="gesperrt">Kertsch</em>, <em class="gesperrt">Krim</em>, <em class="gesperrt">Kaukasus</em>, auf der <em class="gesperrt">Wolga</em>-Flotte, in <em class="gesperrt">Kronstadt</em>, in
+<em class="gesperrt">Warschau</em> und <em class="gesperrt">Plock</em> um die Anerkennung der Gewerkschaft und Freilassung
+der verhafteten Arbeiterdelegierten; bei den Hafenarbeitern in <em class="gesperrt">Saratow</em>,
+<em class="gesperrt">Nikolajew</em>, <em class="gesperrt">Zarizin</em>, <em class="gesperrt">Archangel</em>, <em class="gesperrt">Nischni-Nowgorod</em>, <em class="gesperrt">Rybinsk</em>. Die
+Bäcker streikten in <em class="gesperrt">Kijew</em>, <em class="gesperrt">Archangel</em>, <em class="gesperrt">Bialystock</em>, <em class="gesperrt">Wilna</em>, <em class="gesperrt">Odessa</em>,
+<em class="gesperrt">Charkow</em>, <em class="gesperrt">Brest-Litowsk</em>, <em class="gesperrt">Radom</em>, <em class="gesperrt">Tiflis</em>; die Landarbeiter in den
+Distrikten Werchne-Dneprowsk, Borisowsk, Simferopol, in den Gouvernements
+Podolsk, Tula, Kursk, in den Distrikten Koslow, Lipowetz, in Finnland, im
+Gouvernement Kijew, im Jelissawetgrader Distrikt. In mehreren Städten streikten
+in dieser Periode <em class="gesperrt">gleichzeitig fast sämtliche Gewerbezweige</em>, so in
+Saratow, Archangel, Kertsch, Krementschug. In <em class="gesperrt">Bachmut</em> gab es einen
+Generalstreik der Kohlenarbeiter des ganzen Reviers. In anderen Städten ergriff
+die Lohnbewegung binnen der erwähnten zwei Wochen <em class="gesperrt">nacheinander
+alle</em> Gewerbezweige, so in Kijew, Petersburg, Warschau, Moskau, im ganzen
+Rayon Ivanowo-Wosnesensk. Zweck der Streiks überall: Verkürzung der Arbeitszeit,
+Sonntagsruhe, Lohnforderungen. <em class="gesperrt">Die meisten Streiks verliefen siegreich.</em>
+Es wird in den lokalen Berichten hervorgehoben, dass sie zum Teil Arbeiterschichten
+ergriffen, die sich zum ersten Male an einer Lohnbewegung beteiligten.</p></div>
+
+
+<hr style="width: 65%;" /><p>
+<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[ 28]</a></span></p>
+<h2><a name="IV" id="IV"></a>IV.</h2>
+
+
+<p>Wir haben im vorigen in wenigen knappen Zügen die Geschichte
+der Massenstreiks in Rußland zu skizzieren gesucht. Schon ein
+flüchtiger Blick auf diese Geschichte zeigt uns ein Bild, das in keinem
+Strich demjenigen ähnelt, welches man sich bei der Diskussion in
+Deutschland gew&ouml;hnlich vom Massenstreik macht. Statt des starren
+und hohlen Schemas einer auf Beschluß der h&ouml;chsten Instanzen mit
+Plan und Umsicht ausgeführten trocknen politischen »Aktion«, sehen
+wir ein Stück lebendiges Leben aus Fleisch und Blut, das sich gar
+nicht aus dem großen Rahmen der Revolution herausschneiden läßt,
+das durch tausend Adern mit dem ganzen Drum und Dran der
+Revolution verbunden ist.</p>
+
+<p>Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt,
+ist eine so wandelbare Erscheinung, dß er alle Phasen des politischen
+und &ouml;konomischen Kampfes, alle Stadien und Momente der Revolution
+in sich spiegelt. Seine Anwendbarkeit, seine Wirkungskraft, seine
+Entstehungsmomente ändern sich fortwährend. Er er&ouml;ffnet pl&ouml;tzlich
+neue, weite Perspektiven der Revolution, wo sie bereits in einen
+Engpß geraten schien, und er versagt, wo man auf ihn mit voller
+Sicherheit glaubt rechnen zu k&ouml;nnen. Er flutet bald wie eine breite
+Meereswoge über das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz
+dünner Str&ouml;me; bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie
+ein frischer Quell, bald versickert er ganz im Boden. Politische und
+&ouml;konomische Streiks, Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks
+und Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen
+und Generalstreiks einzelner Städte, ruhige Lohnkämpfe und Strßenschlachten,
+Barrikadenkämpfe &ndash; alles das läuft durcheinander, nebeneinander,
+durchkreuzt sich, flutet ineinander über; es ist ein ewig
+bewegliches, wechselndes Meer von Erscheinungen. Und das Bewegungsgesetz
+dieser Erscheinungen wird klar: Es liegt nicht in dem
+Massenstreik selbst, nicht in seinen technischen Besonderheiten, sondern
+in dem politischen und sozialen Kräfteverhältnis der Revolution.
+Der Massenstreik ist bloß die Form des revolutionären Kampfes und
+jede Verschiebung im Verhältnis der streitenden Kräfte, in der Parteientwicklung
+und der Klassenscheidung, in der Position der Kontrerevolution,
+alles das beeinflußt sofort auf tausend unsichtbaren, kaum
+kontrollierbaren Wegen die Streikaktion. Dabei h&ouml;rt aber die Streikaktion
+selbst fast keinen Augenblick auf. Sie ändert bloß ihre Formen,
+ihre Ausdehnung, ihre Wirkung. Sie ist der lebendige Pulsschlag
+der Revolution und zugleich ihr mächtigstes Triebrad. Mit einem Wort:
+der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist nicht
+ein pfiffiges Mittel, ausgeklügelt zum Zwecke einer kräftigeren Wirkung
+des proletarischen Kampfes, sondern er ist <em class="gesperrt">die Bewegungsweise
+der proletarischen Masse, die Erscheinungsform des
+proletarischen Kampfes in der Revolution</em>.</p>
+
+<p>Daraus lassen sich für die Beurteilung des Massenstreikproblems
+einige allgemeine Gesichtspunkte ableiten.<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[ 29]</a></span></p>
+
+<p>1. Es ist gänzlich verkehrt, sich den Massenstreik als einen Akt, eine
+Einzelhandlung zu denken. Der Massenstreik ist vielmehr die Bezeichnung,
+der Sammelbegriff einer ganzen jahrelangen, vielleicht jahrzehntelangen
+Periode des Klassenkampfes. Von den unzähligen verschiedensten
+Massenstreiks, die sich in Rußland seit vier Jahren abgespielt
+haben, pßt das Schema des Massenstreiks als eines rein politischen,
+nach Plan und Absicht hervorgerufenen und abgeschlossenen, kurzen
+Einzelaktes lediglich auf eine und zwar untergeordnete Spielart:
+auf den reinen Demonstrationsstreik. Im ganzen Verlauf der fünfjährigen
+Periode sehen wir in Rußland bloß einige wenige Demonstrationsstreiks,
+die sich notabene gew&ouml;hnlich nur auf einzelne Städte
+beschränken. So der jährliche Maifeier-Generalstreik in Warschau
+und in Lodz &ndash; im eigentlichen Rußland ist der 1. Mai bis jetzt
+noch nicht in nennenswertem Umfange durch Arbeitsruhe gefeiert
+worden; der Massenstreik in Warschau am 11. September 1905
+als Trauerfeier zu Ehren des hingerichteten Martin Kasprzak, im
+November 1905 in Petersburg als Protestkundgebung gegen die
+Erklärung des Belagerungszustandes in Polen und Livland, am
+22. Januar 1906 in Warschau, Lodz, Czenstochau und dem Dombrowaer
+Kohlenbecken, sowie zum Teil in einigen russischen Städten als
+Jahresfeier des Gedenktages des Petersburger Blutbades; ferner im
+Juli 1906 ein Generalstreik in Tiflis als Sympathiekundgebung für
+die vom Kriegsgericht wegen der Militärrevolte abgeurteilten
+Soldaten, endlich aus gleichem Anlß im September d.&nbsp;J. während
+der Verhandlung des Kriegsgerichts in Reval. Alle übrigen großen
+und partiellen Massenstreiks und Generalstreiks waren nicht
+Demonstrations- sondern Kampfstreiks, und als solche entstanden sie
+meistens spontan, jedesmal aus spezifischen lokalen zufälligen Anlässen,
+ohne Plan und Absicht und wuchsen sich mit elementarer
+Macht zu großen Bewegungen aus, wobei sie nicht einen »geordneten
+Rückzug« antraten, sondern sich bald in &ouml;konomischen Kampf verwandelten,
+bald in Strßenkampf, bald fielen sie von selbst zusammen.</p>
+
+<p>In diesem allgemeinen Bilde spielen die reinen politischen Demonstrationsstreiks
+eine ganz untergeordnete Rolle &ndash; die einzelner
+kleiner Punkte mitten unter gewaltigen Flächen. Dabei läßt sich,
+zeitlich betrachtet, folgender Zug wahrnehmen: Die Demonstrationsstreiks,
+die im Unterschied von den Kampfstreiks das gr&ouml;ßte Mß
+von Parteidisziplin, bewußter Leitung und politischem Gedanken
+aufweisen, also nach dem Schema als die h&ouml;chste und reifste Form
+der Massenstreiks erscheinen müßten, spielen in Wahrheit die gr&ouml;ßte
+Rolle in den <em class="gesperrt">Anfängen</em> der Bewegung. So war z.&nbsp;B. die absolute
+Arbeitsruhe am 1. Mai 1905 in Warschau, als der erste Fall
+eines so staunenswert durchgeführten Beschlusses der Sozialdemokratie,
+für die proletarische Bewegung in Polen ein Ereignis von
+großer Tragweite. Ebenso hat der Sympathiestreik im November
+des gleichen Jahres in Petersburg als die erste Probe einer
+bewußten planmäßigen Massenaktion in Rußland großen Eindruck
+gemacht. Genau so wird auch der »Probemassenstreik« der Hamburger
+Genossen vom 17. Januar 1906 eine hervorragende Rolle
+in der Geschichte der künftigen deutschen Massenstreiks spielen, als
+<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[ 30]</a></span>der erste frische Versuch mit der soviel umstrittenen Waffe und
+zwar als ein so wohlgelungener, von der Kampfstimmung und
+Kampffreude der Hamburger Arbeiterschaft so überzeugend sprechender
+Versuch. Und ebenso sicher wird die Periode der Massenstreiks in
+Deutschland, wenn sie einmal im Ernst begonnen hat, von selbst zu
+einer wirklichen allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai führen. Die
+Maifeier dürfte naturgemäß als die erste große Demonstration im
+Zeichen der Massenkämpfe zu Ehren kommen. In diesem Sinne hat
+der »lahme Gaul«, wie die Maifeier auf dem K&ouml;lner Gewerkschaftskongreß
+genannt wurde, noch eine große Zukunft und eine wichtige
+Rolle im proletarischen Klassenkampfe in Deutschland vor sich.
+Allein mit der Entwicklung der ernsten revolutionären Kämpfe
+nimmt die Bedeutung solcher Demonstrationen rasch ab. Gerade
+dieselben Momente, die das Zustandekommen der Demonstrationsstreiks
+nach vorgefßtem Plan und auf die Parole der Parteien hin
+objektiv erm&ouml;glichen: das Wachstum des politischen Bewußtseins
+und der Schulung des Proletariats, machen diese Art von Massenstreiks
+unm&ouml;glich: heute will das Proletariat in Rußland, und zwar
+gerade die tüchtigste Vorhut der Masse, von Demonstrationsstreiks
+nichts wissen; die Arbeiter verstehen keinen Spß mehr und wollen
+nunmehr bloß an ernsten Kampf mit allen seinen Konsequenzen
+denken. Und wenn in dem ersten großen Massenstreik im Januar 1905
+das demonstrative Element, zwar nicht in absichtlicher, sondern mehr
+in instinktiver, spontaner Form, noch eine große Rolle spielte, so
+scheiterte umgekehrt der Versuch des Zentralkomitees der russischen
+Sozialdemokratie, im August einen Massenstreik als Kundgebung für
+die aufgel&ouml;ste Duma hervorzurufen, unter anderem an der entschiedenen
+Abneigung des geschulten Proletariats gegen schwächliche
+Halbaktionen und bloße Demonstrationen.</p>
+
+<p>2. Wenn wir aber anstatt der untergeordneten Spielart des
+demonstrativen Streiks den Kampfstreik ins Auge fassen, wie er im
+heutigen Rußland den eigentlichen Träger der proletarischen Aktion
+darstellt, so fällt weiter ins Auge, dß darin das &ouml;konomische und
+das politische Moment unm&ouml;glich voneinander zu trennen sind.
+Auch hier weicht die Wirklichkeit von dem theoretischen Schema weit
+ab, und die pedantische Vorstellung, in der der reine politische
+Massenstreik logisch von dem gewerkschaftlichen Generalstreik als die
+reifste und h&ouml;chste Stufe abgeleitet, aber zugleich klar auseinandergehalten
+wird, ist von der Erfahrung der russischen Revolution
+gründlich widerlegt. Dies äußert sich nicht bloß geschichtlich darin,
+dß die Massenstreiks, von jenem ersten großen Lohnkampf der
+Petersburger Textilarbeiter im Jahre 1896-1897 bis zu dem letzten
+großen Massenstreik im Dezember 1905, ganz unmerklich aus
+&ouml;konomischen in politische übergehen, so dß es fast unm&ouml;glich ist,
+die Grenze zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den
+großen Massenstreiks wiederholt sozusagen im kleinen die allgemeine
+Geschichte der russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein
+&ouml;konomischen oder jedenfalls partiellen gewerkschaftlichen Konflikt,
+um die Stufenleiter bis zur politischen Kundgebung zu durchlaufen.
+Das große Massenstreikgewitter im Süden Rußlands 1902 und 1903
+<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[ 31]</a></span>entstand, wie wir gesehen, in Baku aus einem Konflikt infolge der
+Mßregelung Arbeitsloser, in Rostow aus Lohndifferenzen in den
+Eisenbahnwerkstätten, in Tiflis aus einem Kampf der Handelsangestellten
+um die Verkürzung der Arbeitszeit, in Odessa aus einem
+Lohnkampf in einer einzelnen kleinen Fabrik. Der Januar-Massenstreik
+1905 entwickelt sich aus dem internen Konflikt in den Putilow-Werken,
+der Oktoberstreik aus dem Kampf der Eisenbahner um
+die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem Kampf
+der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der
+Fortschritt der Bewegung im ganzen äußert sich nicht darin, dß
+das &ouml;konomische Anfangsstadium ausfällt, sondern vielmehr in der
+Rapidität, womit die Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen
+wird und in der Extremität des Punktes, bis zu dem sich
+der Massenstreik voranbewegt.</p>
+
+<p>Allein die Bewegung im ganzen geht nicht bloß nach der
+Richtung vom &ouml;konomischen zum politischen Kampf, sondern auch
+umgekehrt. Jede von den großen politischen Massenaktionen schlägt,
+nachdem sie ihren politischen H&ouml;hepunkt erreicht hat, in einen ganzen
+Wust &ouml;konomischer Streiks um. Und dies bezieht sich wieder nicht
+bloß auf jeden einzelnen von den großen Massenstreiks, sondern
+auch auf die Revolution im ganzen. Mit der Verbreitung, Klärung
+und Potenzierung des politischen Kampfes tritt nicht bloß der &ouml;konomische
+Kampf nicht zurück, sondern er verbreitet sich, organisiert
+sich und potenziert sich seinerseits in gleichem Schritt. Es besteht
+zwischen beiden eine v&ouml;llige Wechselwirkung.</p>
+
+<p>Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt
+sich in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf,
+indem er zugleich seine äußeren M&ouml;glichkeiten erweitert und den
+inneren Antrieb der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust
+erh&ouml;ht. Nach jeder schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt
+ein befruchtender Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige
+Halme des &ouml;konomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt.
+Der unaufh&ouml;rliche &ouml;konomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem
+Kapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er
+bildet sozusagen das ständige frische Reservoir der proletarischen
+Klassenkraft, aus dem der politische Kampf immer von neuem seine
+Macht hervorholt, und zugleich führt das unermüdliche &ouml;konomische
+Bohren des Proletariats alle Augenblicke bald hier, bald dort zu
+einzelnen scharfen Konflikten, aus denen unversehens politische Konflikte
+auf großem Mßstab explodieren.</p>
+
+<p>Mit einem Wort: Der &ouml;konomische Kampf ist das Fortleitende
+von einem politischen Knotenpunkt zum andern, der politische Kampf
+ist die periodische Befruchtung des Bodens für den &ouml;konomischen
+Kampf. Ursache und Wirkung wechseln hier alle Augenblicke ihre
+Stellen, und so bilden das &ouml;konomische und das politische Moment
+in der Massenstreikperiode, weit entfernt, sich reinlich zu scheiden
+oder gar auszuschließen, wie es das pedantische Schema will, vielmehr
+nur zwei ineinandergeschlungene Seiten des proletarischen
+Klassenkampfes in Rußland. Und <em class="gesperrt">ihre Einheit</em> ist eben der
+Massenstreik. Wenn die spintisierende Theorie, um zu dem »reinen
+<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[ 32]</a></span>politischen Massenstreik« zu gelangen, eine künstliche logische Sektion
+an dem Massenstreik vornimmt, so wird bei diesem Sezieren, wie
+bei jedem anderen, die Erscheinung nicht in ihrem lebendigen Wesen
+erkannt, sondern bloß abget&ouml;tet.</p>
+
+<p>3. Endlich zeigen uns die Vorgänge in Rußland, dß der
+Massenstreik von der Revolution unzertrennlich ist. Die Geschichte
+der russischen Massenstreiks das ist die Geschichte der russischen
+Revolution. Wenn freilich die Vertreter unseres deutschen Opportunismus
+von »Revolution« h&ouml;ren, so denken sie sofort an Blutvergießen,
+Strßenschlachten, an Pulver und Blei, und der logische
+Schluß daraus ist: der Massenstreik führt unvermeidlich zur
+Revolution, <em class="gesperrt">ergo</em> dürfen wir ihn nicht machen. In der Tat sehen
+wir in Rußland, dß beinahe jeder Massenstreik im letzten Schluß
+auf ein Renkontre mit den bewaffneten Hütern der zarischen Ordnung
+hinausläuft; darin sind die sogenannten politischen Streiks den
+gr&ouml;ßeren &ouml;konomischen Kämpfen ganz gleich. Allein die Revolution
+ist etwas anderes und etwas mehr als Blutvergießen. Im Unterschied
+von der polizeilichen Auffassung, die die Revolution ausschließlich
+vom Standpunkte der Strßenunruhen und Krawalle, d.&nbsp;h.
+vom Standpunkte der »Unordnung« ins Auge fßt, erblickt die
+Auffassung des wissenschaftlichen Sozialismus in der Revolution
+vor allem eine tiefgehende innere Umwälzung in den sozialen
+Klassenverhältnissen. Und von diesem Standpunkt besteht zwischen
+Revolution und Massenstreik in Rußland auch noch ein ganz anderer
+Zusammenhang als der von der trivialen Wahrnehmung konstatierte,
+dß der Massenstreik gew&ouml;hnlich im Blutvergießen endet.</p>
+
+<p>Wir haben oben den inneren Mechanismus der russischen
+Massenstreiks gesehen, der auf der unaufh&ouml;rlichen Wechselwirkung
+des politischen und des &ouml;konomischen Kampfes beruht. Aber gerade
+diese Wechselwirkung ist bedingt durch die Revolutionsperiode. Nur
+in der Gewitterluft der revolutionären Periode vermag sich nämlich
+jeder partielle kleine Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer
+allgemeinen Explosion auszuwachsen. In Deutschland passieren
+jährlich und täglich die heftigsten, brutalsten Zusammenst&ouml;ße zwischen
+Arbeitern und Unternehmern, ohne dß der Kampf die Schranken
+der betreffenden einzelnen Branche oder der einzelnen Stadt, ja
+Fabrik überspringt. Mßregelungen organisierter Arbeiter wie in
+Petersburg, Arbeitslosigkeit wie in Baku, Lohnkonflikte wie in Odessa,
+Kämpfe um das Koalitionsrecht wie in Moskau sind in Deutschland
+auf der Tagesordnung. Kein einziger dieser Fälle schlägt jedoch in
+eine gemeinsame Klassenaktion um. Und wenn sie sich selbst zu
+einzelnen Massenstreiks auswachsen, die zweifellos einen politischen
+Anstrich haben, so entzünden sie auch dann noch kein allgemeines
+Gewitter. Der Generalstreik der holländischen Eisenbahner, der trotz
+wärmster Sympathien mitten in v&ouml;lliger Unbeweglichkeit des Proletariats
+im Lande verblutete, liefert einen frappanten Beweis dafür.</p>
+
+<p>Und umgekehrt, nur in der Revolutionsperiode, wo die sozialen
+Fundamente und die Mauern der Klassengesellschaft aufgelockert und
+in ständiger Verschiebung begriffen sind, vermag jede politische
+Klassenaktion des Proletariats in wenigen Stunden ganze, bis dahin
+<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[ 33]</a></span>unberührte Schichten der Arbeiterschaft aus der Unbeweglichkeit zu
+reißen, was sich sofort naturgemäß in einem stürmischen &ouml;konomischen
+Kampf äußert. Der pl&ouml;tzlich durch den elektrischen Schlag einer
+politischen Aktion wachgerüttelte Arbeiter greift im nächsten Augenblick
+vor allem zu dem nächstliegenden: zur Abwehr gegen sein
+&ouml;konomisches Sklavenverhältnis; die stürmische Geste des politischen
+Kampfes läßt ihn pl&ouml;tzlich mit ungeahnter Intensität die Schwere
+und den Druck seiner &ouml;konomischen Ketten fühlen. Und während
+z.&nbsp;B. der heftigste politische Kampf in Deutschland: der Wahlkampf
+oder der parlamentarische Kampf um den Zolltarif kaum einen vernehmbaren
+direkten Einfluß auf den Verlauf und die Intensität der
+gleichzeitig in Deutschland geführten Lohnkämpfe ausübt, äußert sich
+jede politische Aktion des Proletariats in Rußland sofort in der
+Erweiterung und Vertiefung der Fläche des wirtschaftlichen Kampfes.</p>
+
+<p>So schafft also die Revolution erst die sozialen Bedingungen,
+in denen jenes unmittelbare Umschlagen des &ouml;konomischen Kampfes
+in politischen und des politischen Kampfes in &ouml;konomischen erm&ouml;glicht
+wird, das im Massenstreik seinen Ausdruck findet. Und wenn das
+vulgäre Schema den Zusammenhang zwischen Massenstreik und
+Revolution nur in den blutigen Strßen-Renkontres erblickt, mit denen
+die Massenstreiks abschließen, so zeigt uns ein etwas tieferer Blick
+in die russischen Vorgänge einen ganz <em class="gesperrt">umgekehrten</em> Zusammenhang:
+in Wirklichkeit produziert nicht der Massenstreik die Revolution,
+sondern die Revolution produziert den Massenstreik.</p>
+
+<p>4. Es genügt, das Bisherige zusammenzufassen, um auch über
+die Frage der bewußten Leitung und der Initiative bei dem Massenstreik
+Aufschluß zu bekommen. Wenn der Massenstreik nicht einen
+einzelnen Akt, sondern eine ganze Periode des Klassenkampfes bedeutet,
+und wenn diese Periode mit einer Revolutionsperiode
+identisch ist, so ist es klar, dß der Massenstreik nicht aus freien
+Stücken hervorgerufen werden kann, auch wenn der Entschluß dazu
+von der h&ouml;chsten Instanz der stärksten sozialdemokratischen Partei
+ausgehen mag. Solange die Sozialdemokratie es nicht in ihrer
+Hand hat, nach eigenem Ermessen Revolutionen zu inszenieren und
+abzusagen, genügt auch nicht die gr&ouml;ßte Begeisterung und Ungeduld
+der sozialdemokratischen Truppen dazu, eine wirkliche Periode der
+Massenstreiks als eine lebendige mächtige Volksbewegung ins Leben
+zu rufen. Auf Grund der Entschlossenheit einer Parteileitung und
+der Parteidisziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft kann man
+wohl eine einmalige kurze Demonstration veranstalten, wie der
+schwedische Massenstreik oder die jüngsten &ouml;sterreichischen oder auch
+der Hamburger Massenstreik vom 17. Januar. Diese Demonstrationen
+unterscheiden sich aber von einer wirklichen Periode revolutionärer
+Massenstreiks genau so, wie sich die bekannten Flottendemonstrationen
+in fremden Häfen bei gespannten diplomatischen Beziehungen von
+einem Seekrieg unterscheiden. Ein aus lauter Disziplin und Begeisterung
+geborener Massenstreik wird im besten Falle als eine
+Episode, als ein Symptom der Kampfstimmung der Arbeiterschaft
+eine Rolle spielen, worauf die Verhältnisse aber in den ruhigen
+Alltag zurückfallen. Freilich fallen auch während der Revolution
+<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[ 34]</a></span>die Massenstreiks nicht ganz vom Himmel. Sie müssen so oder
+anders von den Arbeitern gemacht werden. Der Entschluß und
+Beschluß der Arbeiterschaft spielt auch dabei eine Rolle, und zwar
+kommt die Initiative sowie die weitere Leitung natürlich dem
+organisierten und aufgeklärtesten sozialdemokratischen Kern des
+Proletariats zu. Allein diese Initiative und diese Leitung haben
+einen Spielraum meistens nur in Anwendung auf die einzelnen
+Akte, einzelnen Streiks, wenn die revolutionäre Periode bereits vorhanden
+ist, und zwar meistens in den Grenzen einer einzelnen Stadt.
+So hat z.&nbsp;B., wie wir gesehen, die Sozialdemokratie mehrmals
+direkt die Losung zum Massenstreik in Baku, in Warschau, in Lodz,
+in Petersburg mit Erfolg gegeben. Dasselbe gelingt schon viel
+weniger in Anwendung auf allgemeine Bewegungen des gesamten
+Proletariats. Ferner sind dabei der Initiative und der bewußten
+Leitung ganz bestimmte Schranken gesteckt. Gerade während der
+Revolution ist es für irgend ein leitendes Organ der proletarischen
+Bewegung äußerst schwer, vorauszusehen und zu berechnen, welcher
+Anlß und welche Momente zu Explosionen führen k&ouml;nnen und
+welche nicht. Auch hier besteht die Initiative und Leitung nicht in
+dem Kommandieren aus freien Stücken, sondern in der m&ouml;glichst
+geschickten Anpassung an die Situation und m&ouml;glichst engen Fühlung
+mit den Stimmungen der Masse. Das Element des Spontanen
+spielt, wie wir gesehen, in allen russischen Massenstreiks ohne Ausnahme
+eine große Rolle, sei es als treibendes oder als hemmendes
+Element. Dies rührt aber nicht daher, weil in Rußland die Sozialdemokratie
+noch jung oder schwach ist, sondern daher, weil bei jedem
+einzelnen Akt des Kampfes so viele unübersehbare &ouml;konomische,
+politische und soziale, allgemeine und lokale, materielle und psychische
+Momente mitwirken, dß kein einziger Akt sich wie ein Rechenexempel
+bestimmen und abwickeln läßt. Die Revolution ist, auch wenn
+in ihr das Proletariat mit der Sozialdemokratie an der Spitze die
+führende Rolle spielt, nicht ein Man&ouml;ver des Proletariats im
+freien Felde, sondern es ist ein Kampf mitten im unaufh&ouml;rlichen
+Krachen, Zerbr&ouml;ckeln, Verschieben aller sozialen Fundamente. Kurz,
+in den Massenstreiks in Rußland spielt das Element des Spontanen
+eine so vorherrschende Rolle, nicht weil das russische Proletariat
+»ungeschult« ist, sondern weil sich Revolutionen nicht schulmeistern
+lassen.</p>
+
+<p>Anderseits aber sehen wir in Rußland, dß dieselbe Revolution,
+die der Sozialdemokratie das Kommando über den Massenstreik so
+sehr erschwert und ihr alle Augenblicke launig das Dirigentenst&ouml;ckchen
+aus der Hand schlägt oder in die Hand drückt, dß sie dafür selbst
+gerade alle jene Schwierigkeiten der Massenstreiks l&ouml;st, die im
+theoretischen Schema der deutschen Diskussion als die Hauptsorgen
+der »Leitung« behandelt werden: die Frage der »Verproviantierung«,
+der »Kostendeckung« und der »Opfer«. Freilich, sie l&ouml;st sie durchaus
+nicht in dem Sinne, wie man es bei einer ruhigen, vertraulichen
+Konferenz zwischen den leitenden Oberinstanzen der Arbeiterbewegung
+mit dem Bleistift in der Hand regelt. Die »Regelung« all dieser
+Fragen besteht darin, dß die Revolution eben so enorme Volksmassen<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[ 35]</a></span>
+auf die Bühne bringt, dß jede Berechnung und Regelung der
+Kosten ihrer Bewegung, wie man die Kosten eines Zivilprozesses
+im voraus aufzeichnet, als ein ganz hoffnungsloses Unternehmen
+erscheint. Gewiß suchen auch die leitenden Organisationen in
+Rußland die direkten Opfer des Kampfes nach Kräften zu unterstützen.
+So wurden z.&nbsp;B. die tapferen Opfer der Riesenaussperrung
+in Petersburg infolge der Achtstundenkampagne wochenlang
+unterstützt. Allein alle diese Mßnahmen sind in der enormen
+Bilanz der Revolution ein Tropfen im Meere. Mit dem Augenblick,
+wo eine wirkliche ernste Massenstreikperiode beginnt, verwandeln
+sich alle »Kostenberechnungen« in das Vorhaben, den Ozean mit
+einem Wasserglas auszusch&ouml;pfen. Es ist nämlich ein Ozean furchtbarer
+Entbehrungen und Leiden, durch den jede Revolution für die
+Proletariermasse erkauft wird. Und die L&ouml;sung, die eine revolutionäre
+Periode dieser scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeit gibt, besteht
+darin, dß sie zugleich eine so gewaltige Summe von Massenidealismus
+ausl&ouml;st, bei der die Masse gegen die schärfsten Leiden
+unempfindlich wird. Mit der Psychologie eines Gewerkschaftlers,
+der sich auf keine Arbeitsruhe bei der Maifeier einläßt, bevor ihm
+eine genau bestimmte Unterstützung für den Fall seiner Mßregelung
+im voraus zugesichert wird, läßt sich weder Revolution noch Massenstreik
+machen. Aber im Sturm der revolutionären Periode verwandelt
+sich eben der Proletarier aus einem Unterstützung heischenden
+vorsorglichen Familienvater in einen »Revolutionsromantiker«, für
+den sogar das h&ouml;chste Gut, nämlich das Leben, geschweige das
+materielle Wohlsein, im Vergleich mit den Kampfidealen geringen
+Wert besitzt.</p>
+
+<p>Wenn aber die Leitung der Massenstreiks im Sinne des Kommandos
+über ihre Entstehung und im Sinne der Berechnung und
+Deckung ihrer Kosten Sache der revolutionären Periode selbst ist, so
+kommt dafür die Leitung bei Massenstreiks in einem ganz anderen
+Sinne der Sozialdemokratie und ihren führenden Organen zu. Statt
+sich mit der technischen Seite, mit dem Mechanismus der
+Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die Sozialdemokratie
+berufen, die <em class="gesperrt">politische</em> Leitung auch mitten in der Revolutionsperiode
+zu übernehmen. Die Parole, die Richtung dem Kampfe zu
+geben, die <em class="gesperrt">Taktik</em> des politischen Kampfes so einzurichten, dß in
+jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze Summe
+der vorhandenen und bereits ausgel&ouml;sten, betätigten Macht des
+Proletariats realisiert wird und in der Kampfstellung der Partei
+zum Ausdruck kommt, dß die Taktik der Sozialdemokratie nach ihrer
+Entschlossenheit und Schärfe nie <em class="gesperrt">unter</em> dem Niveau des tatsächlichen
+Kräfteverhältnisses steht, sondern vielmehr diesem Verhältnis vorauseilt,
+das ist die wichtigste Aufgabe der »Leitung« in der Periode
+der Massenstreiks. Und diese Leitung schlägt von selbst gewissermßen
+in technische Leitung um. Eine konsequente, entschlossene, vorwärtsstrebende
+Taktik der Sozialdemokratie ruft in der Masse das Gefühl
+der Sicherheit, des Selbstvertrauens und der Kampflust hervor; eine
+schwankende, schwächliche, auf der Unterschätzung des Proletariats
+basierte Taktik wirkt auf die Masse lähmend und verwirrend.<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[ 36]</a></span>
+Im ersteren Falle brechen Massenstreiks »von selbst« und immer
+»rechtzeitig« aus, im zweiten bleiben mitunter direkte Aufforderungen
+der Leitung zum Massenstreik erfolglos. Und für beides liefert die
+russische Revolution sprechende Beispiele.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="V" id="V"></a>V.</h2>
+
+
+<p>Es fragt sich nun, wie weit alte Lehren, die man aus den
+russischen Massenstreiks ziehen kann, auf Deutschland passen. Die
+sozialen und politischen Verhältnisse, die Geschichte und der Stand
+der Arbeiterbewegung sind in Deutschland und in Rußland v&ouml;llig
+verschieden. Auf den ersten Blick m&ouml;gen auch die oben aufgezeichneten
+inneren Gesetze der russischen Massenstreiks lediglich als das
+Produkt spezifisch russischer Verhältnisse erscheinen, die für das
+deutsche Proletariat gar nicht in Betracht kommen. Zwischen dem
+politischen und &ouml;konomischen Kampf in der russischen Revolution
+besteht der engste innere Zusammenhang; ihre Einheit kommt in der
+Periode der Massenstreiks zum Ausdruck. Aber ist das nicht eine
+einfache Folge des russischen Absolutismus? In einem Staate,
+wo jede Form und jede &Auml;ußerung der Arbeiterbewegung verboten,
+wo der einfachste Streik ein politisches Verbrechen ist,
+muß auch logischerweise jeder &ouml;konomische Kampf zum politischen
+werden.</p>
+
+<p>Ferner, wenn umgekehrt gleich der erste Ausbruch der politischen
+Revolution eine allgemeine Abrechnung der russischen Arbeiterschaft
+mit dem Unternehmertum nach sich gezogen hat, so ist das wiederum
+die einfache Folge des Umstandes, dß der russische Arbeiter bis
+dahin auf dem tiefsten Niveau der Lebenshaltung stand und überhaupt
+noch niemals einen regelmäßigen &ouml;konomischen Kampf um die
+Besserung seiner Lage geführt hatte. Das Proletariat in Rußland
+mußte sich gewissermßen aus dem allergr&ouml;bsten erst herausarbeiten,
+was Wunder, dß es dazu mit jugendlichem Wagemut griff, sobald
+die Revolution den ersten frischen Hauch in die Stickluft des
+Absolutismus hineingebracht hatte. Und endlich erklärt sich der
+stürmische revolutionäre Verlauf der russischen Massenstreiks, sowie
+ihr vorwiegend spontaner, elementarer Charakter einerseits aus der
+politischen Zurückgebliebenheit Rußlands, aus der Notwendigkeit,
+erst den orientalischen Despotismus zu stürzen, anderseits aus dem
+Mangel an Organisation und Schulung des russischen Proletariats.
+In einem Lande, wo die Arbeiterklasse 80 Jahre Erfahrung im
+politischen Leben, eine drei Millionen starke sozialdemokratische
+Partei und eineinviertel Million gewerkschaftlich organisierte Kerntruppen
+hat, kann der politische Kampf, k&ouml;nnen die Massenstreiks
+unm&ouml;glich denselben stürmischen und elementaren Charakter annehmen
+wie in einem halbbarbarischen Staate, der erst den Sprung aus
+dem Mittelalter in die neuzeitliche bürgerliche Ordnung macht.
+Dies die landläufige Vorstellung bei denjenigen, die den Reifegrad
+der gesellschaftlichen Verhältnisse eines Landes aus dem Wortlaut
+seiner geschriebenen Gesetze ablesen wollen.<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[ 37]</a></span></p>
+
+<p>Untersuchen wir die Fragen nach der Reihe. Zunächst ist es
+verkehrt, den Beginn des &ouml;konomischen Kampfes in Rußland erst
+von dem Ausbruch der Revolution zu datieren. Tatsächlich waren
+die Streiks, die Lohnkämpfe im eigentlichen Rußland seit Anfang
+der neunziger Jahre, in Russisch-Polen sogar seit Ende der
+achtziger Jahre, immer mehr auf der Tagesordnung und hatten
+sich zuletzt das faktische Bürgerrecht erworben. Freilich zogen sie
+häufig brutale polizeiliche Mßregelungen nach sich, geh&ouml;rten aber
+trotzdem zu den alltäglichen Erscheinungen. Bestand doch z.&nbsp;B. in
+Warschau und Lodz bereits im Jahre 1891 je eine bedeutende
+allgemeine Streikkasse, und die Schwärmerei für die Gewerkschaften
+hat in diesen Jahren in Polen für kurze Zeit sogar jene »&ouml;konomischen«
+Illusionen geschaffen, die in Petersburg und im übrigen Rußland
+einige Jahre später grassierten.<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
+
+<p>Desgleichen liegt viel &Uuml;bertreibung in der Vorstellung, als habe
+der Proletarier im Zarenreich vor der Revolution durchweg auf
+dem Lebensniveau eines Paupers gestanden. Gerade die jetzt im
+&ouml;konomischen wie im politischen Kampfe tätigste und eifrigste Schicht
+der großindustriellen großstädtischen Arbeiter stand in bezug auf ihr
+materielles Lebensniveau kaum viel tiefer als die entsprechende
+Schicht des deutschen Proletariats, und in manchen Berufen kann
+man in Rußland gleiche, ja hier und da selbst h&ouml;here L&ouml;hne finden
+als in Deutschland. Auch in Bezug auf die Arbeitszeit wird der
+Unterschied zwischen den großindustriellen Betrieben hier und dort
+kaum ein bedeutender sein. Somit sind die Vorstellungen, die mit
+einem vermeintlichen materiellen und kulturellen Helotentum der
+russischen Arbeiterschaft rechnen, ziemlich aus der Luft gegriffen.
+<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[ 38]</a></span>Dieser Vorstellung müßte bei einigem Nachdenken schon die Tatsache
+der Revolution selbst und der hervorragenden Rolle des Proletariats
+in ihr widersprechen. Mit Paupers werden keine Revolutionen von
+dieser politischen Reife und Gedankenklarheit gemacht, und der im
+Vordertreffen des Kampfes stehende Petersburger und Warschauer,
+Moskauer und Odessaer Industriearbeiter ist kulturell und geistig
+dem westeuropäischen Typus viel näher, als sich diejenigen denken,
+die als die einzige und unentbehrliche Kulturschule des Proletariats
+den bürgerlichen Parlamentarismus und die regelrechte Gewerkschaftspraxis
+betrachten. Die moderne großkapitalistische Entwicklung
+Rußlands und die anderthalbjahrzehnte lange geistige Einwirkung
+der Sozialdemokratie, die den &ouml;konomischen Kampf ermutigte und
+leitete, haben auch ohne die äußeren Garantien der bürgerlichen
+Rechtsordnung ein tüchtiges Stück Kulturarbeit geleistet.</p>
+
+<p>Der Kontrast wird aber noch geringer, wenn wir auf der
+anderen Seite etwas tiefer in das tatsächliche Lebensniveau der
+<em class="gesperrt">deutschen</em> Arbeiterschaft hineinblicken. Die großen politischen
+Massenstreiks haben in Rußland vom ersten Augenblick die breitesten
+Schichten des Proletariats aufgerüttelt und in fieberhaften &ouml;konomischen
+Kampf gestürzt. Allein, gibt es in Deutschland nicht ganze
+dunkle Winkel im Dasein der Arbeiterschaft, wo das wärmende Licht
+der Gewerkschaften bis jetzt sehr spärlich eindringt, ganze große
+Schichten, die bis jetzt gar nicht oder vergeblich auf dem Wege alltäglicher
+Lohnkämpfe sich aus dem sozialen Helotentum emporzuheben
+versuchen? Nehmen wir das <em class="gesperrt">Bergarbeiterelend</em>. Schon
+in dem ruhigen Werkeltag, in der kalten Atmosphäre des parlamentarischen
+Einerlei Deutschlands &ndash; wie in den anderen Ländern auch,
+selbst im Dorado der Gewerkschaften, in England &ndash; äußert sich der
+Lohnkampf der Bergarbeiter fast nicht anders als von Zeit zu Zeit
+in gewaltigen Eruptionen, in Massenstreiks von typischem, elementarem
+Charakter. Dies zeigt eben, dß der Gegensatz zwischen Kapital und
+Arbeit hier ein zu scharfer und gewaltiger ist, als dß er sich in die Form
+ruhiger, planmäßiger, partieller Gewerkschaftskämpfe zerbr&ouml;ckeln ließe.
+Dieses Bergarbeiterelend aber mit seinem eruptiven Boden, das schon in
+»normalen« Zeiten einen Wetterwinkel von gr&ouml;ßter Heftigkeit bildet,
+müßte sich in Deutschland bei jeder gr&ouml;ßeren politischen Massenaktion
+der Arbeiterklasse, bei jedem stärkeren Ruck, der das momentane
+Gleichgewicht des sozialen Alltags verschiebt, unvermeidlich sofort
+in einen gewaltigen &ouml;konomisch-sozialen Kampf entladen. Nehmen
+wir ferner das <em class="gesperrt">Textilarbeiterelend</em>. Auch hier geben die
+erbitterten und meistens resultatlosen Ausbrüche des Lohnkampfes,
+der das Vogtland alle paar Jahre durchtobt, einen schwachen Begriff
+von der Vehemenz, mit der die große, zusammengeknäuelte
+Masse der Heloten des kartellierten Textilkapitals bei einer politischen
+Erschütterung, bei einer kräftigen und kühnen Massenaktion des
+deutschen Proletariats explodieren müßte. Nehmen wir ferner das
+<em class="gesperrt">Heimarbeiterelend</em>, das <em class="gesperrt">Konfektionsarbeiterelend</em>,
+das <em class="gesperrt">Elektrizitätsarbeiterelend</em>, lauter Wetterwinkel,
+in denen um so sicherer bei jeder politischen Lufterschütterung
+in Deutschland gewaltige wirtschaftliche Kämpfe ausbrechen werden,<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[ 39]</a></span>
+je seltener das Proletariat hier sonst, in ruhigen Zeiten, den Kampf
+aufnimmt und je erfolgloser es jedesmal kämpft, je brutaler es
+vom Kapital gezwungen wird, zähneknirschend ins Sklavenjoch
+zurückzukehren.</p>
+
+<p>Nun aber kommen in Betracht ganze große Kategorien des
+Proletariats, die überhaupt bei dem »normalen« Lauf der Dinge
+in Deutschland von jeder M&ouml;glichkeit eines ruhigen wirtschaftlichen
+Kampfes um die Hebung ihrer Lage und von jedem Gebrauch des
+Koalitionsrechts ausgeschlossen sind. Vor allem nennen wir zum
+Beispiel das glänzende Elend der <em class="gesperrt">Eisenbahn-</em> und der <em class="gesperrt">Postangestellten</em>.
+Bestehen doch für diese Staatsarbeiter mitten im
+parlamentarischen Rechtsstaat Deutschland russische Zustände, wohlgemerkt
+russische, wie sie nur <em class="gesperrt">vor</em> der Revolution, während der
+ungetrübten Herrlichkeit des Absolutismus, bestanden. Bereits in
+dem großen Oktoberstreik 1905 stand der russische Eisenbahner in
+dem noch formell absolutistischen Rußland in bezug auf seine wirtschaftliche
+und soziale Bewegungsfreiheit turmhoch über dem deutschen.
+Die russischen Eisenbahner und Postangestellten haben sich das
+Koalitionsrecht faktisch im Sturm erobert, und wenn es auch
+momentan Prozeß auf Prozeß und Mßregelung auf Mßregelung
+regnet, den inneren Zusammenhalt vermag ihnen nichts mehr zu
+nehmen. Es wäre aber eine v&ouml;llig falsche psychologische Rechnung,
+wollte man mit der deutschen Reaktion annehmen, dß der Kadavergehorsam
+der deutschen Eisenbahner und Postangestellten ewig dauern
+wird, dß er ein Fels ist, den nichts zermürben kann. Wenn sich
+auch die deutschen Gewerkschaftsführer an die bestehenden Zustände
+dermßen gew&ouml;hnt haben, dß sie ungetrübt durch diese in ganz
+Europa fast beispiellose Schmach mit einiger Genugtuung die Erfolge
+des Gewerkschaftskampfes in Deutschland überblicken k&ouml;nnen,
+so wird sich der tiefverborgene, lange aufgespeicherte Groll der
+uniformierten Staatssklaven bei einer allgemeinen Erhebung der
+Industriearbeiter unvermeidlich Luft zu verschaffen suchen. Und
+wenn die industrielle Vorhut des Proletariats in Massenstreiks nach
+weiteren politischen Rechten greifen oder die alten wird verteidigen
+wollen, muß der große Trupp der Eisenbahner und Postangestellten
+sich naturnotwendig auf seine besondere Schmach besinnen und endlich
+einmal zur Befreiung von der Extraportion russischen Absolutismus
+erheben, die für ihn speziell in Deutschland errichtet ist. Die
+pedantische Auffassung, die große Volksbewegungen nach Schema
+und Rezept abwickeln will, glaubt in der Eroberung des Koalitionsrechts
+für die Eisenbahner die notwendige <em class="gesperrt">Voraussetzung</em> zu
+erblicken, bei der man erst an einen Massenstreik in Deutschland
+wird »denken dürfen«. Der wirkliche und natürliche Gang der
+Ereignisse kann nur ein umgekehrter sein: nur aus einer kräftigen
+spontanen Massenstreikaktion kann tatsächlich das Koalitionsrecht der
+deutschen Eisenbahner wie der Postangestellten geboren werden.
+Und die bei den bestehenden Verhältnissen in Deutschland unl&ouml;sbare
+Aufgabe wird unter dem Eindruck und dem Druck einer allgemeinen
+politischen Massenaktion des Proletariats ganz pl&ouml;tzlich ihre M&ouml;glichkeiten
+und ihre L&ouml;sung finden.<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[ 40]</a></span></p>
+
+<p>Und endlich das gr&ouml;ßte und wichtigste: das <em class="gesperrt">Landarbeiterelend</em>.
+Wenn die englischen Gewerkschaften ausschließlich auf die
+Industriearbeiter zugeschnitten sind, so ist das der dem spezifischen
+Charakter der englischen Nationalwirtschaft, bei der geringen Rolle
+der Landwirtschaft im ganzen des &ouml;konomischen Lebens eher eine
+begreifliche Erscheinung. In Deutschland wird eine gewerkschaftliche
+Organisation, und sei sie noch so glänzend ausgebaut, wenn sie
+lediglich die Industriearbeiter umfßt und für das ganze große
+Heer der Landarbeiter unzugänglich ist, immer nur ein schwaches
+Teilbild der Lage des Proletariats im ganzen geben. Es wäre
+aber wiederum eine verhängnisvolle Illusion, zu glauben, dß die
+Zustände auf dem flachen Lande unveränderliche und unbewegliche
+seien, dß sowohl die unermüdliche Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie,
+wie noch mehr die ganze innere Klassenpolitik Deutschlands
+nicht beständig die äußere Passivität des Landarbeiters unterwühlen,
+und dß bei irgend einer gr&ouml;ßeren allgemeinen Klassenaktion
+des deutschen Industrieproletariats, zu welchem Zweck sie auch unternommen
+sei, nicht auch das ländliche Proletariat in Aufruhr kommt.
+Dies kann sich aber ganz naturgemäß nicht anders als zunächst
+in einem allgemeinen stürmischen &ouml;konomischen Kampf, in gewaltigen
+Massenstreiks der Landarbeiter äußern.</p>
+
+<p>So verschiebt sich das Bild der angeblichen wirtschaftlichen
+&Uuml;berlegenheit des deutschen Proletariats über das russische ganz
+bedeutend, wenn wir den Blick von der Tabelle der gewerkschaftlich
+organisierten Industrie- und Handwerksbranchen auf jene großen
+Gruppen des Proletariats richten, die ganz außerhalb des gewerkschaftlichen
+Kampfes stehen oder deren besondere wirtschaftliche Lage
+sich nicht in den engen Rahmen des alltäglichen gewerkschaftlichen
+Kleinkriegs hineinzwängen läßt. Wir sehen dann ein gewaltiges
+Gebiet nach dem anderen, wo die Zuspitzung der Gegensätze die
+äußerste Grenze erreicht hat, wo Zündstoff in Hülle und Fülle aufgehäuft
+ist, wo sehr viel »russischer Absolutismus« in nacktester
+Form steckt und wo wirtschaftlich die allerelementarsten Abrechnungen
+mit dem Kapital erst nachzuholen sind.</p>
+
+<p>Alle diese alten Rechnungen würden dann bei einer allgemeinen
+politischen Massenaktion des Proletariats unvermeidlich dem herrschenden
+System präsentiert werden. Eine künstlich arrangierte einmalige
+Demonstration des städtischen Proletariats, eine bloße aus Disziplin
+und nach dem Taktstock eines Parteivorstandes ausgeführte Massenstreikaktion
+k&ouml;nnte freilich die breiteren Volksschichten kühl und gleichgültig
+lassen. Allein eine wirkliche, aus revolutionärer Situation
+geborene, kräftige und rücksichtslose Kampfaktion des Industrieproletariats
+müßte sicher auf tiefer liegende Schichten zurückwirken
+und gerade alle diejenigen, die in normalen ruhigen Zeiten abseits
+des gewerkschaftlichen Tageskampfes stehen, in einen stürmischen allgemeinen
+&ouml;konomischen Kampf mitreißen.</p>
+
+<p>Kommen wir aber auch auf die organisierten Vordertruppen
+des deutschen Industrieproletariats zurück und halten uns anderseits
+die heute von der russischen Arbeiterschaft verfochtenen Ziele
+des &ouml;konomischen Kampfes vor die Augen, so finden wir durchaus<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[ 41]</a></span>
+nicht, dß es Bestrebungen sind, auf die die deutschen ältesten
+Gewerkschaften Grund hätten, wie auf ausgetretene Kinderschuhe
+über die Achsel zu schauen. So ist die wichtigste allgemeine Forderung
+der russischen Streiks seit dem 22. Januar 1905, der Achtstundentag,
+gewiß kein überwundener Standpunkt für das deutsche Proletariat,
+vielmehr in den allermeisten Fällen ein sch&ouml;nes fernes
+Ideal. Dasselbe trifft auf den Kampf mit dem »Hausherrnstandpunkt«
+zu, auf den Kampf um die Einführung der Arbeiterausschüsse
+in allen Fabriken, um die Abschaffung der Akkordarbeit,
+um die Abschaffung der Heimarbeit im Handwerk, um v&ouml;llige
+Durchführung der Sonntagsruhe, um Anerkennung des Koalitionsrechts.
+Ja, bei näherem Zusehen sind sämtliche &ouml;konomischen Kampfobjekte
+des russischen Proletariats in der jetzigen Revolution auch
+für das deutsche Proletariat h&ouml;chst aktuell und berühren lauter wunde
+Stellen des Arbeiterdaseins.</p>
+
+<p>Daraus ergibt sich vor allem, dß der reine politische Massenstreik,
+mit dem man vorzugsweise operiert, auch für Deutschland ein
+bloßes lebloses theoretisches Schema ist. Werden die Massenstreiks
+aus einer starken revolutionären Gärung sich auf natürlichem Wege als
+ein entschlossener politischer Kampf der städtischen Arbeiterschaft ergeben,
+so werden sie ebenso natürlich, genau wie in Rußland, in eine ganze
+Periode elementarer &ouml;konomischer Kämpfe umschlagen. Die Befürchtungen
+also der Gewerkschaftsführer, als k&ouml;nnte der Kampf um
+die &ouml;konomischen Interessen in einer Periode stürmischer politischer
+Kämpfe, in einer Periode der Massenstreiks, einfach auf die Seite
+geschoben und erdrückt werden, beruhen auf einer ganz in der Luft
+schwebenden schulmäßigen Vorstellung von dem Gang der Dinge.
+Eine revolutionäre Periode würde vielmehr auch in Deutschland
+den Charakter des gewerkschaftlichen Kampfes ändern und ihn dermßen
+potenzieren, dß der heutige Guerillakrieg der Gewerkschaften
+dagegen ein Kinderspiel sein wird. Und anderseits würde aus diesem
+elementaren &ouml;konomischen Massenstreikgewitter auch der politische
+Kampf immer wieder neue Anst&ouml;ße und frische Kräfte sch&ouml;pfen.
+Die Wechselwirkung zwischen &ouml;konomischem und politischem Kampf,
+die die innere Triebfeder der heutigen Massenstreiks in Rußland
+und zugleich sozusagen den regulierenden Mechanismus der revolutionären
+Aktion des Proletariats bildet, würde sich ebenso naturgemäß
+auch in Deutschland aus den Verhältnissen selbst ergeben.</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Es beruht deshalb auf einem tatsächlichen Irrtum, wenn die Genossin
+Roland-Holst in der Vorrede zur russischen Ausgabe Ihres Buches über den
+Massenstreik meint: »Das Proletariat (in Rußland) war, fast seit dem Aufkommen
+der Großindustrie, mit dem Massenstreik vertraut geworden, aus dem
+einfachen Grunde, weil partielle Streiks sich unter dem politischen Drucke
+des Absolutismus unm&ouml;glich erwiesen.« (S. »Neue Zeit« Nr. 33, 1906.) Das
+Umgekehrte war vielmehr der Fall. So sagte auch der Berichterstatter des
+Petersburger Gewerkschaftskartells auf der zweiten Konferenz der russischen
+Gewerkschaften im Februar 1906 eingangs seines Referats: »Bei der Zusammensetzung
+der Konferenz, die ich hier vor mir sehe, habe ich nicht n&ouml;tig, erst
+hervorzuheben, dß unsere Gewerkschaftsbewegung nicht etwa von der »liberalen«
+Periode des Fürsten Swiatopolk-Mirski (im Jahre 1904. R. L.) oder
+vom 22. Januar herrührt, wie manche zu behaupten versuchen. Die gewerkschaftliche
+Bewegung hat viel tiefere Wurzeln, sie ist unzertrennlich verknüpft
+mit der ganzen Vergangenheit unserer Arbeiterbewegung. Unsere Gewerkschaften
+sind bloß neue Organisationsformen zur Leitung jenes &ouml;konomischen Kampfes,
+den das russische Proletariat bereits Jahrzehnte lang führt. Ohne uns weit
+in die Geschichte zu vertiefen, darf man wohl sagen, dß der &ouml;konomische Kampf
+der Petersburger Arbeiter mehr oder weniger organisierte Formen annimmt
+seit den denkwürdigen Streiks der Jahre 1896 und 1897. Die Leitung dieses
+Kampfes wird, glücklich kombiniert mit der Leitung des politischen Kampfes,
+Sache jener sozialdemokratischen Organisation, die der »Petersburger Verein des
+Kampfes um die Befreiung der Arbeiterklasse« hieß, und die sich nach der Konferenz
+im März 1898 in das »Petersburger Komitee der russischen sozialdemokratischen
+Arbeiterpartei« verwandelte. Es wird ein kompliziertes System der
+Fabrik-, Bezirks- und Vorstadt-Organisationen geschaffen, welches die Zentrale
+durch unzählige Fäden mit den Arbeitermassen verknüpft und es ihr erm&ouml;glicht,
+auf alle Bedürfnisse der Arbeiterschaft durch Flugschriften zu reagieren. Es
+wird die M&ouml;glichkeit geschaffen, die Streiks zu unterstützen und zu leiten.«</p></div>
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="VI" id="VI"></a>VI.</h2>
+
+
+<p>Im Zusammenhang damit bekommt auch die Frage von der
+Organisation in ihrem Verhältnis zum Problem des Massenstreiks
+in Deutschland ein wesentlich anderes Gesicht.</p>
+
+<p>Die Stellung mancher Gewerkschaftsführer zu der Frage
+ersch&ouml;pft sich gew&ouml;hnlich in der Behauptung: »Wir sind noch nicht
+stark genug, um eine so gewagte Kraftprobe wie einen Massenstreik
+zu riskieren.« Nun ist dieser Standpunkt insofern ein unhaltbarer,
+weil es eine unl&ouml;sbare Aufgabe ist, auf dem Wege einer ruhigen,<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[ 42]</a></span>
+zahlenmäßigen Berechnung festzustellen, wann das Proletariat zu
+irgend einem Kampfe »stark genug sei«. Vor 30 Jahren zählten
+die deutschen Gewerkschaften 50&nbsp;000 Mitglieder. Das war offenbar
+eine Zahl, bei der, nach dem obigen Mßstab, an einen Massenstreik
+nicht zu denken war. Nach weiteren 15 Jahren waren die Gewerkschaften
+viermal so stark und zählten 237&nbsp;000 Mitglieder. Wenn
+man jedoch damals die heutigen Gewerkschaftsführer gefragt hätte,
+ob nun die Organisation des Proletariats zu einem Massenstreik
+reif wäre, so hätten sie sicher geantwortet, dß dies bei weitem nicht
+der Fall sei und dß die gewerkschaftlich Organisierten erst nach
+Millionen zählen müßten. Heute gehen die organisierten Gewerkschaftsmitglieder
+bereits in die zweite Million, aber die Ansicht ihrer
+Führer ist genau dieselbe, was offenbar so ins Unendliche
+gehen kann. Stillschweigend wird dabei vorausgesetzt, dß überhaupt
+die gesamte Arbeiterklasse Deutschlands bis auf den letzten
+Mann und die letzte Frau in die Organisation aufgenommen werden
+müsse, bevor man »stark genug sei«, eine Massenaktion zu wagen,
+die alsdann, nach der alten Formel, sich auch noch wahrscheinlich
+als »überflüssig« herausstellen würde. Diese Theorie ist jedoch aus
+dem einfachen Grunde v&ouml;llig utopisch, weil sie an einem inneren
+Widerspruch leidet, sich im schlimmen Zirkel dreht. Die Arbeiter
+sollen, bevor sie irgend einen direkten Klassenkampf vornehmen k&ouml;nnen,
+sämtlich organisiert sein. Die Verhältnisse, die Bedingungen der
+kapitalistischen Entwicklung und des bürgerlichen Staates bringen
+es aber mit sich, dß bei dem »normalen« Verlauf der Dinge, ohne
+stürmische Klassenkämpfe, bestimmte Schichten &ndash; und zwar gerade
+das Gros, die wichtigsten, die tiefststehenden, die vom Kapital und
+vom Staate am meisten gedrückten Schichten des Proletariats &ndash;
+eben gar nicht organisiert werden k&ouml;nnen. Sehen wir doch selbst in
+England, dß ein ganzes Jahrhundert unermüdlicher Gewerkschaftsarbeit
+ohne alle »St&ouml;rungen« &ndash; ausgenommen im Anfange die
+Periode der Chartistenbewegung &ndash; ohne alle »revolutionsromantischen«
+Verirrungen und Lockungen, es nicht weiter gebracht haben, als dahin,
+eine <em class="gesperrt">Minderheit</em> der bessersituierten Schichten des Proletariats zu
+organisieren.</p>
+
+<p>Anderseits aber k&ouml;nnen die Gewerkschaften, wie alle Kampforganisationen
+des Proletariats, sich selbst nicht auf die Dauer
+anders erhalten, als gerade im Kampf, und zwar nicht im Sinne
+allein des Froschmäusekrieges in den stehenden Gewässern der
+bürgerlich-parlamentarischen Periode, sondern im Sinne heftiger,
+revolutionärer Perioden des Massenkampfes. Die steife, mechanisch-bureaukratische
+Auffassung will den Kampf nur als Produkt der
+Organisation auf einer gewissen H&ouml;he ihrer Stärke gelten lassen.
+Die lebendige dialektische Entwicklung läßt umgekehrt die Organisation
+als ein Produkt des Kampfes entstehen. Wir haben bereits ein
+grandioses Beispiel dieser Erscheinung in Rußland gesehen, wo ein
+so gut wie gar nicht organisiertes Proletariat sich in anderthalb
+Jahren stürmischen Revolutionskampfes ein umfassendes Netz von
+Organisationsansätzen geschaffen hat. Ein anderes Beispiel dieser
+Art zeigt die eigene Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Im<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[ 43]</a></span>
+Jahre 1878 betrug die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder 50&nbsp;000.
+Nach der Theorie der heutigen Gewerkschaftsführer war diese
+Organisation, wie gesagt, bei weitem nicht »stark genug«, um einen
+heftigen politischen Kampf aufzunehmen. Die deutschen Gewerkschaften
+<em class="gesperrt">haben</em> aber, so schwach sie damals waren, den Kampf aufgenommen
+&ndash; nämlich den Kampf mit dem Sozialistengesetz &ndash; und sie erwiesen sich
+nicht nur »stark genug«, aus dem Kampfe als Sieger hervorzugehen,
+sondern sie haben in diesem Kampfe ihre Kraft verfünffacht; sie
+umfßten nach dem Fall des Sozialistengesetzes im Jahre 1891
+277&nbsp;659 Mitglieder. Allerdings entspricht die Methode, nach der
+die Gewerkschaften im Kampfe mit dem Sozialistengesetz gesiegt
+haben, nicht dem Ideal eines friedlichen, bienenartigen ununterbrochenen
+Ausbaus; sie gingen erst im Kampfe sämtlich in Trümmer,
+um sich dann aus der nächsten Welle emporzuschwingen und neu
+geboren zu werden. Dies ist aber eben die den proletarischen
+Klassenorganisationen entsprechende spezifische Methode des Wachstums:
+im Kampfe sich zu erproben und aus dem Kampfe wieder
+reproduziert hervorzugehen.</p>
+
+<p>Nach näherer Prüfung der deutschen Verhältnisse und der Lage
+der verschiedenen Schichten der Arbeiter ist es klar, dß auch die
+kommende Periode stürmischer politischer Massenkämpfe für die
+deutschen Gewerkschaften nicht den befürchteten drohenden Untergang,
+sondern umgekehrt neue ungeahnte Perspektiven einer rapiden sprungweisen
+Erweiterung ihrer Machtsphäre mit sich bringen würde.
+Allein die Frage hat noch eine andere Seite. Der Plan, Massenstreiks
+als ernste politische Klassenaktion bloß mit Organisierten zu unternehmen,
+ist überhaupt ein gänzlich hoffnungsloser. Soll der Massenstreik,
+oder vielmehr sollen die Massenstreiks, soll der Massenkampf
+einen Erfolg haben, so muß er zu einer wirklichen <em class="gesperrt">Volksbewegung</em>
+werden, d.&nbsp;h. die breitesten Schichten des Proletariats mit in den
+Kampf ziehen. &ndash; Schon bei der parlamentarischen Form beruht
+die Macht des proletarischen Klassenkampfes nicht auf dem kleinen
+organisierten Kern, sondern auf der breiten umliegenden Peripherie
+des revolutionär gesinnten Proletariats. Wollte die Sozialdemokratie
+bloß mit ihren paar Hunderttausend Organisierten Wahlschlachten
+schlagen, dann würde sie sich selbst zur Nullität verurteilen. Und
+ist es auch eine Tendenz der Sozialdemokratie, wom&ouml;glich fast den
+gesamten großen Heerbann ihrer Wähler in die Parteiorganisationen
+aufzunehmen, so wird doch nach 30jähriger Erfahrung der Sozialdemokratie
+nicht ihre Wählermasse durch das Wachstum der Parteiorganisation
+erweitert, sondern umgekehrt die durch den Wahlkampf
+jeweilig eroberten frischen Schichten der Arbeiterschaft bilden das
+Ackerfeld für die darauffolgende Organisationsaussaat. Auch hier
+liefert nicht nur die Organisation die Kampftruppen, sondern der
+Kampf liefert in noch gr&ouml;ßerem Mße die Rekrutiertruppen für die
+Organisation. In viel h&ouml;herem Grade als auf den parlamentarischen
+Kampf bezieht sich dasselbe offenbar auf die direkte politische Massenaktion.
+Ist auch die Sozialdemokratie, als organisierter Kern der
+Arbeiterklasse, die führende Vordertruppe des gesamten arbeitenden
+Volkes und fließt auch die politische Klarheit, die Kraft, die Einheit<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[ 44]</a></span>
+der Arbeiterbewegung gerade aus dieser Organisation, so darf doch
+die Klassenbewegung des Proletariats niemals als Bewegung der
+organisierten Minderheit aufgefßt werden. Jeder wirkliche große
+Klassenkampf muß auf der Unterstützung und Mitwirkung der breitesten
+Massen beruhen, und eine Strategie des Klassenkampfes, die nicht
+mit dieser Mitwirkung rechnete, die bloß auf die hübsch ausgeführten
+Märsche des kasernierten kleinen Teils des Proletariats zugeschnitten
+wäre, ist im voraus zum kläglichen Fiasko verurteilt.</p>
+
+<p>Die Massenstreiks, die politischen Massenkämpfe k&ouml;nnen also
+unm&ouml;glich in Deutschland von den Organisierten allein getragen
+und auf eine regelrechte »Leitung« aus einer Parteizentrale berechnet
+werden. In diesem Falle kommt es aber wieder &ndash; ganz wie in
+Rußland &ndash; nicht sowohl auf »Disziplin«, »Schulung« und auf
+m&ouml;glichst sorgfältige Vorausbestimmung der Unterstützungs- und der
+Kostenfrage an, als vielmehr auf eine wirkliche revolutionäre, entschlossene
+Klassenaktion, die im stande wäre, die breitesten Kreise der
+nichtorganisierten, aber ihrer Stimmung und ihrer Lage nach revolutionären
+Proletariermassen zu gewinnen und mitzureißen.</p>
+
+<p>Die &Uuml;berschätzung und die falsche Einschätzung der Rolle der
+Organisation im Klassenkampf des Proletariats wird gew&ouml;hnlich ergänzt
+durch die Geringschätzung der unorganisierten Proletariermasse und
+ihrer politischen Reife. In einer revolutionären Periode, im Sturme
+großer, aufrüttelnder Klassenkämpfe zeigt sich erst die ganze erzieherische
+Wirkung der raschen kapitalistischen Entwicklung und der
+sozialdemokratischen Einflüsse auf die breitesten Volksschichten, wovon
+in ruhigen Zeiten die Tabellen der Organisationen und selbst
+die Wahlstatistiken nur einen ganz schwachen Begriff geben.</p>
+
+<p>Wir haben gesehen, dß in Rußland seit zirka zwei Jahren aus
+dem geringsten partiellen Konflikt der Arbeiter mit dem Unternehmertum,
+aus der geringsten lokalen Brutalität der Regierungsorgane
+sofort eine große, allgemeine Aktion des Proletariats entstehen
+kann. Jedermann sieht und findet es natürlich, weil in
+Rußland eben »die Revolution« da ist. Was bedeutet aber dies? Es
+bedeutet, dß das Klassengefühl, der Klasseninstinkt bei dem russischen
+Proletariat in h&ouml;chstem Mße lebendig ist, so dß es jede partielle
+Sache irgend einer kleinen Arbeitergruppe unmittelbar als allgemeine
+Sache, als Klassenangelegenheit empfindet und blitzartig darauf als
+Ganzes reagiert. Während in Deutschland, in Frankreich, in Italien,
+in Holland die heftigsten gewerkschaftlichen Konflikte gar keine allgemeine
+Aktion der Arbeiterklasse &ndash; und sei es auch nur des organisierten
+Teils &ndash; hervorrufen, entfacht in Rußland der geringste Anlß
+einen ganzen Sturm. Das will aber nichts anderes besagen,
+als dß gegenwärtig der Klasseninstinkt &ndash; so paradox es klingen
+mag &ndash; bei dem jungen, ungeschulten, schwach aufgeklärten und noch
+schwächer organisierten russischen Proletariat ein unendlich stärkerer
+ist, als bei der organisierten, geschulten und aufgeklärten Arbeiterschaft
+Deutschlands oder eines anderen westeuropäischen Landes. Und das
+ist nicht etwa eine besondere Tugend des »jungen, unverbrauchten
+Ostens« im Vergleich mit dem »faulen Westen«, sondern es ist ein
+einfaches Resultat der unmittelbaren revolutionären Massenaktion.<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[ 45]</a></span>
+Bei dem deutschen aufgeklärten Arbeiter ist das von der Sozialdemokratie
+gepflanzte Klassenbewußtsein ein <em class="gesperrt">theoretisches</em>,
+<em class="gesperrt">latentes</em>: in der Periode der Herrschaft des bürgerlichen Parlamentarismus
+kann es sich als direkte Massenaktion in der Regel
+nicht betätigen; es ist hier die ideelle Summe der vierhundert
+Parallelaktionen der Wahlkreise während des Wahlkampfes, der
+vielen &ouml;konomischen partiellen Kämpfe und dergleichen. In der
+Revolution, wo die Masse selbst auf dem politischen Schauplatz erscheint,
+wird das Klassenbewußtsein ein <em class="gesperrt">praktisches</em>, <em class="gesperrt">aktives</em>.
+Dem russischen Proletariat hat deshalb ein Jahr der Revolution
+jene »Schulung« gegeben, welche dem deutschen Proletariat 30 Jahre
+parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht künstlich
+geben k&ouml;nnen. Freilich wird dieses lebendige, aktive Klassengefühl des
+Proletariats auch in Rußland nach dem Abschluß der Revolutionsperiode
+und nach der Herstellung eines bürgerlich-parlamentarischen
+Rechtsstaates bedeutend schwinden oder vielmehr in ein verborgenes,
+latentes umschlagen. Ebenso sicher wird aber umgekehrt in Deutschland
+in einer Periode kräftiger politischer Aktionen das lebendige,
+aktionsfähige revolutionäre Klassengefühl die breitesten und tiefsten
+Schichten des Proletariats ergreifen und zwar umso rascher und
+umso mächtiger, je gewaltiger das bis dahin geleistete Erziehungswerk
+der Sozialdemokratie ist. Dieses Erziehungswerk sowie die
+aufreizende und revolutionierende Wirkung der gesamten gegenwärtigen
+deutschen Politik wird sich darin äußern, dß der Fahne
+der Sozialdemokratie in einer ernsten revolutionären Periode alle
+jene Scharen pl&ouml;tzlich Folge leisten werden, die jetzt in scheinbarer
+politischer Stupidität gegen alle Organisierungsversuche der Sozialdemokratie
+und der Gewerkschaften unempfindlich sind. Sechs
+Monate einer revolutionären Periode werden an der Schulung
+dieser jetzt unorganisierten Massen das Werk vollenden, das zehn
+Jahre Volksversammlungen und Flugblattverteilungen nicht fertig
+zu bringen verm&ouml;gen. Und wenn die Verhältnisse in Deutschland
+für eine solche Periode den Reifegrad erreicht haben, werden im
+Kampfe die heute unorganisierten zurückgebliebensten Schichten naturgemäß
+das radikalste, das ungestümste, nicht das mitgeschleppte
+Element bilden. Wird es in Deutschland zu Massenstreiks kommen,
+so werden fast sicher nicht die bestorganisierten &ndash; gewiß nicht die
+Buchdrucker &ndash; sondern die schlechter oder gar nicht organisierten,
+die Bergarbeiter, die Textilarbeiter, vielleicht gar die Landarbeiter
+die gr&ouml;ßte Aktionsfähigkeit entwickeln.</p>
+
+<p>Auf diese Weise gelangen wir aber auch in Deutschland zu
+denselben Schlüssen in bezug auf die eigentlichen Aufgaben der
+<em class="gesperrt">Leitung</em>, auf die Rolle der Sozialdemokratie gegenüber den
+Massenstreiks, wie bei der Analyse der russischen Vorgänge. Verlassen
+wir nämlich das pedantische Schema eines künstlich von
+Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten demonstrativen
+Massenstreiks der organisierten Minderheit, und wenden wir uns
+dem lebendigen Bilde einer aus äußerster Zuspitzung der Klassengegensätze
+und der politischen Situation mit elementarer Kraft entstehenden
+wirklichen Volksbewegung zu, die sich sowohl in politischen<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[ 46]</a></span>
+wie in &ouml;konomischen stürmischen Massenkämpfen, Massenstreiks entladet,
+so muß offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie nicht in
+der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks, sondern
+vor allem in der <em class="gesperrt">politischen Führung</em> der ganzen Bewegung bestehen.</p>
+
+<p>Die Sozialdemokratie ist die aufgeklärteste, klassenbewußteste
+Vorhut des Proletariats. Sie kann und darf nicht mit verschränkten
+Armen fatalistisch auf den Eintritt der »revolutionären Situation«
+warten, darauf warten, dß jene spontane Volksbewegung vom
+Himmel fällt. Im Gegenteil, sie muß, wie immer, der Entwicklung
+der Dinge <em class="gesperrt">vorauseilen</em>, sie zu <em class="gesperrt">beschleunigen</em> suchen.
+Dies vermag sie aber nicht dadurch, dß sie zur rechten und unrechten
+Zeit ins Blaue hinein pl&ouml;tzlich die »Losung« zu einem Massenstreik
+ausgibt, sondern vor allem dadurch, dß sie den breitesten
+proletarischen Schichten den unvermeidlichen <em class="gesperrt">Eintritt</em> dieser
+revolutionären Periode, die dazu führenden inneren <em class="gesperrt">sozialen
+Momente</em> und die <em class="gesperrt">politischen Konsequenzen</em> klar macht.
+Sollen breiteste proletarische Schichten für eine politische Massenaktion
+der Sozialdemokratie gewonnen werden und soll umgekehrt
+die Sozialdemokratie bei einer Massenbewegung die wirkliche Leitung
+ergreifen und behalten, der ganzen Bewegung <em class="gesperrt">im politischen
+Sinne</em> Herr werden, dann muß sie mit voller Klarheit, Konsequenz
+und Entschlossenheit die <em class="gesperrt">Taktik</em>, die <em class="gesperrt">Ziele</em> dem deutschen Proletariat
+in der Periode der kommenden Kämpfe zu stecken wissen.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="VII" id="VII"></a>VII.</h2>
+
+
+<p>Wir haben gesehen, dß der Massenstreik in Rußland nicht ein
+künstliches Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie,
+sondern eine natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden
+der jetzigen Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente,
+die in Rußland diese neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht
+haben?</p>
+
+<p>Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung
+des Absolutismus und die Herstellung eines modernen bürgerlich-parlamentarischen
+Rechtsstaates. Formell ist es genau dieselbe Aufgabe,
+die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich der
+großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand.
+Allein die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell
+analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den
+heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, dß zwischen
+jenen bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen
+bürgerlichen Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen
+Entwicklung abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung
+nicht bloß die westeuropäischen Länder, sondern auch das
+absolutistische Rußland ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren
+Konsequenzen, der modernen Klassenscheidung, den schroffen sozialen
+Kontrasten, dem modernen Großstadtleben und dem modernen
+Proletariat, ist in Rußland die herrschende, d.&nbsp;h. in der sozialen
+Entwicklung ausschlaggebende Produktionsform geworden. Daraus<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[ 47]</a></span>
+hat sich aber die merkwürdige, widerspruchsvolle, geschichtliche
+Situation ergeben, dß die nach ihren formellen Aufgaben bürgerliche
+Revolution in erster Reihe von einem modernen klassenbewußten
+Proletariat ausgeführt wird, und in einem internationalen Milieu,
+das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen Demokratie steht.
+Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende revolutionäre Element,
+wie in den früheren Revolutionen des Westens, während die proletarische
+Masse, aufgel&ouml;st im Kleinbürgertum, der Bourgeoisie Heerbanndienste
+leistet, sondern umgekehrt, das klassenbewußte Proletariat
+ist das führende und treibende Element, während die großbürgerlichen
+Schichten teils direkt kontrerevolutionär, teils schwächlich-liberal,
+und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst der städtischen
+kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell, ja revolutionär
+gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das dermßen zur
+führenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt ist, tritt
+selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie, dafür
+mit einem stark entwickelten Bewußtsein der eigenen spezifischen
+Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen
+Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis
+findet seinen Ausdruck in der Tatsache, dß in dieser formell
+bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft
+zum Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen
+Gesellschaft beherrscht wird, dß der Kampf des Proletariats
+sich mit gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und
+gegen die kapitalistische Ausbeutung richtet, dß das Programm der
+revolutionären Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische
+Freiheit und auf die Eroberung des Achtstundentages sowie einer
+menschenwürdigen materiellen Existenz für das Proletariat gerichtet
+ist. Dieser zwiespältige Charakter der russischen Revolution äußert
+sich in jener innigen Verbindung und Wechselwirkung des &ouml;konomischen
+mit dem politischen Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in
+Rußland kennen gelernt haben, und die ihren entsprechenden Ausdruck
+eben im Massenstreik findet.</p>
+
+<p>In den früheren bürgerlichen Revolutionen, wo einerseits die
+politische Schulung und Anführung der revolutionären Masse von
+den bürgerlichen Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits
+um den nackten Sturz der alten Regierung handelte, war die
+kurze Barrikadenschlacht die passende Form des revolutionären
+Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse sich selbst im Laufe des
+revolutionären Kampfes aufklären, selbst sammeln und selbst anführen
+muß, und wo die Revolution ihrerseits ebenso gegen die alte Staatsgewalt
+wie gegen die kapitalistische Ausbeutung gerichtet ist, erscheint
+der Massenstreik als das natürliche Mittel, die breitesten proletarischen
+Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren, zu revolutionieren
+und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein Mittel ist, die alte
+Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und die kapitalistische
+Ausbeutung einzudämmen. Das städtische Industrieproletariat ist
+jetzt die Seele der Revolution in Rußland. Um aber irgend eine
+direkte politische Aktion als Masse auszuführen, muß sich das
+Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[ 48]</a></span>
+muß es vor allem aus Fabriken und Werkstätten, aus Schächten
+und Hütten heraustreten, muß es die Pulverisierung und Zerbr&ouml;ckelung
+in den Einzelwerkstätten überwinden, zu der es im
+täglichen Joch des Kapitals verurteilt ist. Der Massenstreik ist
+somit die erste natürliche, impulsive Form jeder großen revolutionären
+Aktion des Proletariats, und je mehr die Industrie die vorherrschende
+Form der sozialen Wirtschaft, je hervorragender die
+Rolle des Proletariats in der Revolution und je entwickelter der
+Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mächtiger und
+ausschlaggebender müssen die Massenstreiks werden. Die frühere
+Hauptform der bürgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht,
+die offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist
+in der heutigen Revolution nur ein äußerster Punkt, nur ein
+Moment in dem ganzen Prozeß des proletarischen Massenkampfes.</p>
+
+<p>Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene
+Zivilisierung und Milderung der Klassenkämpfe erreicht, die von
+den Opportunisten der deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein,
+David u.&nbsp;a. prophetisch vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten
+freilich die ersehnte Milderung und Zivilisierung des
+Klassenkampfes, im Geiste kleinbürgerlich-demokratischer Illusionen,
+darin, dß der Klassenkampf ausschließlich zu einem parlamentarischen
+Kampf beschränkt und die Strßenrevolution einfach
+abgeschafft wird. Die Geschichte hat die L&ouml;sung in einer etwas
+tieferen und feineren Weise gefunden: in dem Aufkommen des
+revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten brutalen
+Strßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig macht,
+ihn aber bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode
+reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode
+ein enormes Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet:
+die materielle und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse
+durch die »Zivilisierung« der barbarischen Formen der
+kapitalistischen Ausbeutung.</p>
+
+<p>So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch
+russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern
+als eine allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich
+aus dem gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung
+und der Klassenverhältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen:
+die große franz&ouml;sische, die deutsche Märzrevolution und
+die jetzige russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der
+fortlaufenden Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des
+kapitalistischen Jahrhunderts spiegelt. In der großen franz&ouml;sischen
+Revolution geben die noch ganz unentwickelten inneren Widersprüche
+der bürgerlichen Gesellschaft für eine lange Periode gewaltiger
+Kämpfe Raum, wo sich alle die erst in der Hitze der Revolution
+rasch aufkeimenden und reifenden Gegensätze ungehindert und ungezwungen
+mit rücksichtslosem Radikalismus austoben. Ein halbes
+Jahrhundert später wird die auf halbem Wege der kapitalistischen
+Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen Bürgertums
+schon durch den Gegensatz der Interessen und das Gleichgewicht der
+Kräfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte unterbunden und<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[ 49]</a></span>
+durch einen bürgerlich-feudalen Kompromiß erstickt, zu einer kurzen,
+kläglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekürzt. Noch
+ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht
+auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den
+Berg, über den H&ouml;hepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten
+ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den
+Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann,
+sondern umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer
+Kämpfe entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung
+mit dem Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die
+vielen neuen Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die
+heutige Revolution realisiert somit in der besonderen Angelegenheit
+des absolutistischen Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der
+internationalen kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein
+letzter Nachläufer der alten bürgerlichen, wie ein Vorläufer
+der neuen Serie der proletarischen Revolutionen des Westens. Das
+zurückgebliebenste Land weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen
+Revolution so unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden
+des weiteren Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der
+vorgeschrittensten kapitalistischen Länder.</p>
+
+<p>Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gänzlich
+verfehlt, die russische Revolution als ein sch&ouml;nes Schauspiel, als
+etwas spezifisch »Russisches« von weitem zu betrachten und h&ouml;chstens
+das Heldentum der Kämpfer, d.&nbsp;h. die äußeren Akzessorien des
+Kampfes zu bewundern. Viel wichtiger ist es, dß die deutschen
+Arbeiter die russische Revolution <em class="gesperrt">als ihre eigene Angelegenheit</em>
+zu betrachten lernen, nicht bloß im Sinne der internationalen
+Klassensolidarität mit dem russischen Proletariat, sondern vor allem
+als <em class="gesperrt">ein Kapitel der eigenen sozialen und politischen
+Geschichte</em>. Diejenigen Gewerkschaftsführer und Parlamentarier,
+die das deutsche Proletariat als »zu schwach« und die deutschen
+Verhältnisse als zu unreif für revolutionäre Massenkämpfe betrachten,
+haben offenbar keine Ahnung davon, dß der Gradmesser der Reife
+der Klassenverhältnisse in Deutschland und der Macht des Proletariats
+nicht in den Statistiken der deutschen Gewerkschaften oder in den
+Wahlstatistiken liegt, sondern &ndash; in den Vorgängen der russischen
+Revolution. Genau so, wie sich die Reife der franz&ouml;sischen Klassengegensätze
+unter der Julimonarchie und die Pariser Junischlacht in
+der deutschen Märzrevolution, in ihrem Verlauf und ihrem Fiasko
+spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der deutschen Klassengegensätze
+in den Vorgängen, in der Macht der russischen Revolution.
+Und während die Bureaukraten der deutschen Arbeiterbewegung den
+Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den Schubfächern ihrer
+Kontore auskramen, sehen sie nicht, dß das Gesuchte gerade vor
+ihren Augen in einer großen historischen Offenbarung liegt, denn
+geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der
+Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der
+deutschen Arbeiterbewegung.</p>
+
+<p>Es wäre deshalb ein gar zu klägliches, grotesk winziges Resultat
+der russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[ 50]</a></span>
+bloß die Lehre ziehen, dß es &ndash; wie die Gen. Frohme, Elm und andere
+wollen &ndash; von der russischen Revolution die äußere Form des Kampfes,
+den Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone für den Fall
+der Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven
+Mittel der parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns
+das Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein
+ganz selbstverständlicher Entschluß. Aber zu diesem Entschluß braucht
+man sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie
+es z.&nbsp;B. Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des
+bereits besessenen bescheidenen Mßes der parlamentarischen Rechte
+ist weniger eine himmelstürmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren
+Hekatomben der russischen Revolution als Ermunterung notwendig
+waren, als vielmehr die einfachste und erste Pflicht jeder
+Oppositionspartei. Allein die bloße Defensive darf niemals die
+Politik des Proletariats in einer Revolutionsperiode ersch&ouml;pfen.
+Und wenn es einerseits schwerlich mit Sicherheit vorausgesagt werden
+kann, ob die Vernichtung des allgemeinen Wahlrechts in Deutschland
+in einer Situation eintritt, die unbedingt eine sofortige Massenstreikaktion
+hervorrufen wird, so ist es anderseits ganz sicher, dß, sobald
+wir in Deutschland in die Periode stürmischer Massenaktionen eingetreten
+sind, die Sozialdemokratie unm&ouml;glich auf die bloße parlamentarische
+Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anlß und
+den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in
+Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht der Sozialdemokratie,
+weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche
+Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber
+kann und muß, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn
+sie einmal eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten
+Taktik formulieren. Man hält nicht die geschichtlichen
+Ereignisse im Zaum, indem man ihnen Vorschriften macht, sondern
+indem man sich im voraus ihre wahrscheinlichen berechenbaren
+Konsequenzen zum Bewußtsein bringt und die eigene Handlungsweise
+danach einrichtet.</p>
+
+<p>Die zunächst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche
+Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefßt macht, ist ein
+Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden
+Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht,
+wird entreißen wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses
+eventuellen Ereignisses ist es, wie gesagt, unm&ouml;glich, mit Bestimmtheit
+zu behaupten, dß auf den Staatsstreich alsdann sofort eine
+offene Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht,
+weil uns heute alle jene unzähligen Umstände und Momente unbekannt
+sind, die bei einer Massenbewegung die Situation mitbestimmen.
+Allein, wenn man die gegenwärtige äußerste Zuspitzung
+der Verhältnisse in Deutschland und anderseits die mannigfachen
+internationalen Rückwirkungen der russischen Revolution und weiter
+des künftigen renovierten Rußlands in Betracht zieht, so ist es klar,
+dß der Umsturz in der deutschen Politik, der aus einer Kassierung
+des Reichstagswahlrechts entstehen würde, nicht bei dem Kampf
+um dieses Wahlrecht allein Halt machen k&ouml;nnte. Dieser Staatsstreich<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[ 51]</a></span>
+würde vielmehr in kürzerer oder längerer Frist mit elementarer
+Macht eine große allgemeine politische Abrechnung der einmal
+emp&ouml;rten und aufgerüttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich
+ziehen &ndash; eine Abrechnung für den Brotwucher, für die künstliche
+Fleischteuerung, für die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus
+und Marinismus, für die Korruption der Kolonialpolitik, für
+die nationale Schmach des K&ouml;nigsberger Prozesses, für den Stillstand
+der Sozialreform, für die Entrechtung der Eisenbahner, der
+Postbeamten und der Landarbeiter, für die Bemogelung und Verh&ouml;hnung
+der Bergarbeiter, für das L&ouml;btauer Urteil und die ganze
+Klassenjustiz, für das brutale Aussperrungssystem &ndash; kurz, für den
+gesamten zwanzigjährigen Druck der koalierten Herrschaft des ostelbischen
+Junkertums und des kartellierten Großkapitals.</p>
+
+<p>Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er,
+ob es die Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand
+gebracht werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren
+und Beispiele der russischen Revolution, als für Deutschland gar nicht
+mßgebend, vor allem deshalb abzuweisen, weil ja in Rußland erst
+der gewaltige Sprung aus einer orientalischen Despotie in eine
+moderne bürgerliche Rechtsordnung gemacht werden mußte. Der
+formelle Abstand zwischen der alten und der neuen politischen Ordnung
+soll für die Vehemenz und die Gewalt der Revolution in Rußland
+als ausreichender Erklärungsgrund dienen. In Deutschland haben
+wir längst die notwendigsten Formen und Garantien des Rechtsstaats,
+weshalb hier ein so elementares Toben der sozialen Gegensätze
+unm&ouml;glich ist. Die also spekulieren, vergessen, dß dafür in
+Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer
+Kämpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes
+sein wird, als heute in Rußland. Gerade weil die bürgerliche
+Rechtsordnung in Deutschland längst besteht, weil sie also Zeit
+hatte, sich gänzlich zu ersch&ouml;pfen und auf die Neige zu gehen, weil
+die bürgerliche Demokratie und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben,
+kann von einer <em class="gesperrt">bürgerlichen</em> Revolution in Deutschland
+nicht mehr die Rede sein. Und deshalb kann es sich bei einer
+Periode offener politischer Volkskämpfe in Deutschland als letztes
+geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um die <em class="gesperrt">Diktatur des
+Proletariats</em> handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe von
+den heutigen Zuständen in Deutschland ist ein noch viel gewaltigerer,
+als der Abstand der bürgerlichen Rechtsordnung von der orientalischen
+Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit einem
+Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer
+sozialer Kämpfe vollzogen werden.</p>
+
+<p>Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten
+Perspektiven? Einerseits heißt es, bei einer eventuellen
+künftigen Periode der politischen Massenaktion werden vor allem
+die zurückgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die
+Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht
+erobern, die ärgsten Auswüchse der Ausbeutung erst beseitigt
+werden müssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode
+schon die politische Machteroberung durch das Proletariat sein!<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[ 52]</a></span>
+Einerseits &ouml;konomische, gewerkschaftliche Kämpfe um die nächsten
+Interessen, um die materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits
+schon das äußerste Endziel der Sozialdemokratie! Gewiß, das sind
+krasse Widersprüche, aber nicht Widersprüche unseres Raisonnements,
+sondern Widersprüche der kapitialistischen Entwicklung. Sie verläuft
+nicht in einer hübschen, geraden Linie, sondern im schroffen blitzähnlichen
+Zickzack. Ebenso wie die verschiedenen kapitalistischen
+Länder die verschiedensten Stadien der Entwicklung darstellen, ebenso
+innerhalb jedes Landes die verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse.
+Die Geschichte wartet aber nicht geduldig, bis erst die
+zurückgebliebenen Länder und Schichten die fortgeschrittensten eingeholt
+haben, damit sich das Ganze wie eine stramme Kolonne
+symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits in den
+vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die Verhältnisse
+hier dafür reif sind, und im Sturme der revolutionären
+Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versäumte
+nachgeholt, das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt
+mit einem Ruck in Sturmschritt versetzt.</p>
+
+<p>Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der
+Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in
+dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzähligen
+partiellen Kämpfe in der gemeinsamen großen Klassenaktion des
+Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhältnisse dafür
+reif sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der
+Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den
+zurückgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den fortgeschrittensten
+zu richten.</p>
+
+
+
+<hr style="width: 65%;" />
+<h2><a name="VIII" id="VIII"></a>VIII.</h2>
+
+
+<p>Das wichtigste Erfordernis in der früher oder später kommenden
+Periode der großen Kämpfe, die der deutschen Arbeiterklasse harren,
+ist, neben der vollen Entschlossenheit und Konsequenz der Taktik, die
+m&ouml;glichste Aktionsfähigkeit, also m&ouml;gliche Einheit des führenden
+sozialdemokratischen Teils der proletarischen Masse. Indes bereits
+die ersten schwachen Versuche zur Vorbereitung einer gr&ouml;ßeren
+Massenaktion haben sofort einen wichtigen &Uuml;belstand in dieser
+Hinsicht aufgedeckt: die v&ouml;llige Trennung und Verselbständigung der
+beiden Organisationen der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie
+und der Gewerkschaften.</p>
+
+<p>Es ist klar aus der näheren Betrachtung der Massenstreiks in
+Rußland sowie aus den Verhältnissen in Deutschland selbst, dß
+irgend eine gr&ouml;ßere Massenaktion, wenn sie sich nicht bloß auf eine
+einmalige Demonstration beschränken, sondern zu einer wirklichen
+Kampfaktion werden soll, unm&ouml;glich als ein sogenannter politischer
+Massenstreik gedacht werden kann. Die Gewerkschaften würden an
+einer solchen Aktion in Deutschland genau so beteiligt sein wie die
+Sozialdemokratie. Nicht aus dem Grunde, weil, wie die Gewerkschaftsführer
+sich einbilden, die Sozialdemokratie angesichts ihrer viel geringeren
+Organisation auf die Mitwirkung der 1-1/4 Million Gewerk<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[ 53]</a></span>schaftler
+angewiesen wäre und ohne sie nichts zu stande bringen
+k&ouml;nnte, sondern aus einem viel tiefer liegenden Grunde: weil jede
+direkte Massenaktion oder Periode offener Klassenkämpfe zugleich
+eine politische und &ouml;konomische sein würde. Wird es in Deutschland
+aus irgend einem Anlß und in irgend einem Zeitpunkt zu großen
+politischen Kämpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das zugleich
+eine &Auml;ra gewaltiger gewerkschaftlicher Kämpfe in Deutschland er&ouml;ffnen,
+wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen
+werden, ob die Gewerkschaftsführer zu der Bewegung ihre Zustimmung
+gegeben haben oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich
+gar der Bewegung zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens
+nur der sein, dß die Gewerkschaftsführer, genau wie die
+Parteiführer im analogen Falle, von der Welle der Ereignisse einfach
+auf die Seite geschoben und die &ouml;konomischen wie die politischen
+Kämpfe der Masse ohne sie ausgekämpft werden.</p>
+
+<p>In der Tat. Die Trennung zwischen dem politischen und dem
+&ouml;konomischen Kampf und die Verselbständigung beider ist nichts als
+ein künstliches, wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der
+parlamentarischen Periode. Einerseits wird hier, bei dem ruhigen,
+»normalen« Gang der bürgerlichen Gesellschaft, der &ouml;konomische
+Kampf zersplittert, in eine Vielheit einzelner Kämpfe in jeder Unternehmung,
+in jedem Produktionszweige aufgel&ouml;st. Anderseits wird
+der politische Kampf nicht durch die Masse selbst in einer direkten
+Aktion geführt, sondern, den Formen des bürgerlichen Staates
+entsprechend, auf repräsentativem Wege, durch den Druck auf die
+gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode revolutionärer
+Kämpfe eintritt, d.&nbsp;h. sobald die Masse auf dem Kampfplatz erscheint,
+fallen sowohl die Zersplitterung des &ouml;konomischen Kampfes wie die
+indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes weg; in
+einer revolutionären Massenaktion sind politischer und &ouml;konomischer
+Kampf eins und die künstliche Schranke zwischen Gewerkschaft und
+Sozialdemokratie als zwei getrennten, ganz selbständigen Formen der
+Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt. Was aber in der
+revolutionären Massenbewegung augenfällig zum Ausdruck kommt,
+trifft auch für die parlamentarische Periode als wirkliche Sachlage zu.
+Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der Arbeiterklasse, einen
+&ouml;konomischen und einen politischen, sondern es gibt nur <em class="gesperrt">einen</em> Klassenkampf,
+der gleichzeitig auf die Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutung
+innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und auf die Abschaffung
+der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet ist.</p>
+
+<p>Wenn sich diese zwei Seiten des Klassenkampfes auch aus technischen
+Gründen in der parlamentarischen Periode voneinander
+trennen, so stellen sie doch nicht etwa zwei parallel verlaufende Aktionen,
+sondern bloß zwei Phasen, zwei Stufen des Emanzipationskampfes
+der Arbeiterklasse dar. Der gewerkschaftliche Kampf umfßt die Gegenwartsinteressen,
+der sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen
+der Arbeiterbewegung. Die Kommunisten, sagt das kommunistische
+Manifest, vertreten gegenüber verschiedenen Gruppeninteressen (nationalen,
+lokalen Interessen) der Proletarier die gemeinsamen Interessen
+des gesamten Proletariats und in den verschiedenen Entwicklungsstufen<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[ 54]</a></span>
+des Klassenkampfes das Interesse der Gesamtbewegung d.&nbsp;h. die Endziele
+der Befreiung des Proletariats. Die Gewerkschaften vertreten
+nun die Gruppeninteressen und eine Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung.
+Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse und ihre
+Befreiungsinteressen im ganzen. Das Verhältnis der Gewerkschaften
+zur Sozialdemokratie ist demnach das eines Teiles zum Ganzen, und
+wenn unter den Gewerkschaftsführern die Theorie von der »Gleichberechtigung«
+der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie soviel
+Anklang findet, so beruht das auf einer gründlichen Verkennung des
+Wesens selbst der Gewerkschaften und ihrer Rolle im allgemeinen
+Befreiungskampfe der Arbeiterklasse.</p>
+
+<p>Diese Theorie von der parallelen Aktion der Sozialdemokratie
+und der Gewerkschaften und von ihrer »Gleichberechtigung« ist
+jedoch nicht v&ouml;llig aus der Luft gegriffen, sondern hat ihre geschichtlichen
+Wurzeln. Sie beruht nämlich auf einer Illusion der ruhigen,
+»normalen« Periode der bürgerlichen Gesellschaft, in der der
+politische Kampf der Sozialdemokratie in dem <em class="gesperrt">parlamentarischen</em>
+Kampf aufzugehen scheint. Der parlamentarische Kampf aber,
+das ergänzende Gegenstück zum Gewerkschaftskampf, ist ebenso wie
+dieser ein Kampf ausschließlich auf dem Boden der bürgerlichen
+Gesellschaftsordnung. Er ist seiner Natur nach politische Reformarbeit,
+wie die Gewerkschaften &ouml;konomische Reformarbeit sind. Er
+stellt politische Gegenwartsarbeit dar, wie die Gewerkschaften &ouml;konomische
+Gegenwartsarbeit darstellen. Er ist, wie sie, auch bloß eine
+Phase, eine Entwicklungsstufe im Ganzen des proletarischen Klassenkampfes,
+dessen Endziele über den parlamentarischen Kampf wie über
+den gewerkschaftlichen Kampf in gleichem Mße hinausgehen. Der
+parlamentarische Kampf verhält sich zur sozialdemokratischen Politik
+denn auch wie ein Teil zum Ganzen, genau so wie die gewerkschaftliche
+Arbeit. Die Sozialdemokratie ist eben heute die Zusammenfassung
+sowohl des parlamentarischen wie des gewerkschaftlichen
+Kampfes in einem auf die Abschaffung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung
+gerichteten Klassenkampf.</p>
+
+<p>Die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften
+mit der Sozialdemokratie ist also kein bloßes theoretisches Mißverständnis,
+keine bloße Verwechslung, sondern sie ist ein Ausdruck
+der bekannten Tendenz jenes opportunistischen Flügels der Sozialdemokratie,
+der den politischen Kampf der Arbeiterklasse auch
+tatsächlich auf den parlamentarischen Kampf reduzieren und die
+Sozialdemokratie aus einer revolutionären proletarischen in eine
+kleinbürgerliche Reformpartei umwandeln will.<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Wollte die Sozial<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[ 55]</a></span>demokratie
+die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften
+akzeptieren, so würde sie damit in indirekter Weise und
+stillschweigend jene Verwandlung akzeptieren, die von den Vertretern
+der opportunistischen Richtung längst angestrebt wird.</p>
+
+<p>Indes ist in Deutschland eine solche Verschiebung des Verhältnisses
+innerhalb der Arbeiterbewegung unm&ouml;glicher als in irgend
+einem anderen Lande. Das theoretische Verhältnis, wonach Gewerkschaften
+bloß ein Teil der Sozialdemokratie sind, findet gerade in
+Deutschland seine klassische Illustration in den Tatsachen, in der
+lebendigen Praxis, und zwar äußert sich dies nach drei Richtungen
+hin. Erstens sind die deutschen Gewerkschaften direkt ein Produkt
+der Sozialdemokratie; sie ist es, die die Anfänge der jetzigen Gewerkschaftsbewegung
+in Deutschland geschaffen hat, sie ist es, die sie großgezogen,
+sie liefert bis auf heute ihre Leiter und die tätigsten Träger
+ihrer Organisation. Zweitens sind die deutschen Gewerkschaften ein
+Produkt der Sozialdemokratie auch in dem Sinne, dß die sozialdemokratische
+Lehre die Seele der gewerkschaftlichen Praxis bildet,
+die Gewerkschaften verdanken ihre &Uuml;berlegenheit über alle bürgerlichen
+und konfessionellen Gewerkschaften dem Gedanken des Klassenkampfes;
+ihre praktischen Erfolge, ihre Macht sind ein Resultat des Umstandes,
+dß ihre Praxis von der Theorie des wissenschaftlichen
+Sozialismus erleuchtet und über die Niederungen eines engherzigen
+Empirismus gehoben ist. Die Stärke der »praktischen Politik« der
+deutschen Gewerkschaften liegt in ihrer Einsicht in die tieferen sozialen
+und wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen Ordnung;
+<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[ 56]</a></span>diese Einsicht verdanken sie aber niemand anderem, als der Theorie
+des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der sie in ihrer Praxis fußen.
+In diesem Sinne ist jenes Suchen nach der Emanzipierung der
+Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Theorie nach einer anderen
+»gewerkschaftlichen Theorie« im Gegensatz zur Sozialdemokratie vom
+Standpunkte der Gewerkschaften selbst und ihrer Zukunft nichts anderes,
+als ein Selbstmordversuch. Die Losl&ouml;sung der gewerkschaftlichen
+Praxis von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus würde
+für die deutschen Gewerkschaften einen sofortigen Verlust der ganzen
+&Uuml;berlegenheit gegenüber allen bürgerlichen Gewerkschaftssorten, einen
+Sturz von ihrer bisherigen H&ouml;he auf das Niveau eines haltlosen
+Tastens und reinen platten Empirismus bedeuten.</p>
+
+<p>Endlich aber drittens sind die Gewerkschaften, wovon ihre
+Führer allmählich das Bewußtsein verloren haben, auch direkt
+in ihrer <em class="gesperrt">zahlenmäßigen</em> Stärke, ein Produkt der sozialdemokratischen
+Bewegung und der sozialdemokratischen Agitation.
+Gewiß ging und geht die gewerkschaftliche Agitation in manchen
+Gegenden der sozialdemokratischen voran und überall ebnet die
+gewerkschaftliche Arbeit auch der Parteiarbeit die Wege. Vom
+Standpunkte ihrer <em class="gesperrt">Wirkung</em> arbeiten Partei und Gewerkschaften
+einander v&ouml;llig in die Hand. Allein, wenn man das Bild des
+Klassenkampfes in Deutschland im ganzen und in seinen tiefer
+liegenden Zusammenhängen überblickt, so verschiebt sich das Verhältnis
+erheblich. Manche Gewerkschaftsleiter pflegen gern mit
+einigem Triumph von der stolzen H&ouml;he ihrer 1-1/4 Millionen Mitglieder
+auf die armselige, noch nicht volle halbe Million der
+organisierten Mitglieder der Sozialdemokratie herabzublicken und sie
+an jene Zeiten vor 10 bis 12 Jahren zu erinnern, wo man in den
+Reihen der Sozialdemokratie über die Perspektiven der gewerkschaftlichen
+Entwicklung noch pessimistisch dachte. Sie bemerken gar
+nicht, dass zwischen diesen zwei Tatsachen: der hohen Ziffer der
+Gewerkschaftsmitglieder und der niedrigen Ziffer der sozialdemokratisch
+Organisierten in gewissem Mße <em class="gesperrt">ein direkter kausaler Zusammenhang
+besteht</em>. Tausende und Abertausende von Arbeitern treten
+den Parteiorganisationen nicht bei, eben <em class="gesperrt">weil</em> sie in die Gewerkschaften
+eintreten. Der Theorie nach müßten alle Arbeiter zweifach
+organisiert sein: zweierlei Versammlungen besuchen, zweifache Beiträge
+zahlen, zweierlei Arbeiterblätter lesen usw. Um dies jedoch
+zu tun, dazu geh&ouml;rt schon ein hoher Grad der Intelligenz und jener
+Idealismus, der aus reinem Pflichtgefühl gegenüber der Arbeiterbewegung
+tägliche Opfer an Zeit und Geld nicht scheut, endlich auch
+jenes leidenschaftliche Interesse für das eigentliche Parteileben, das nur
+durch die Zugeh&ouml;rigkeit zur Parteiorganisation befriedigt werden kann.
+All das trifft bei der aufgeklärtesten und intelligentesten Minderheit der
+sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den Großstädten zu, wo das
+Parteileben ein inhaltreiches und anziehendes, wo die Lebenshaltung
+der Arbeiter eine h&ouml;here ist. Bei den breiteren Schichten der großstädtischen
+Arbeitermasse aber, sowie in der Provinz, in den kleineren
+und kleinsten Nestern, wo das lokale politische Leben ein unselbständiges,
+ein bloßer Reflex der hauptstädtischen Vorgänge, wo das Parteileben<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[ 57]</a></span>
+folglich auch ein armes und monotones ist, wo endlich die wirtschaftliche
+Lebenshaltung des Arbeiters meistens eine sehr kümmerliche, da
+ist das doppelte Organisationsverhältnis sehr schwer durchzuführen.</p>
+
+<p>Für den sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter aus der Masse
+wird dann die Frage von selbst in der Weise gel&ouml;st, dß er eben
+seiner Gewerkschaft beitritt. Den unmittelbaren Interessen seines
+wirtschaftlichen Kampfes kann er nämlich, was durch die Natur
+dieses Kampfes selbst bedingt ist, nicht anders genügen, als durch
+den Beitritt zu einer Berufsorganisation. Der Beitrag, den er hier
+vielfach unter bedeutenden Opfern seiner Lebenshaltung zahlt, bringt
+ihm unmittelbaren, sichtlichen Nutzen. Seine sozialdemokratische Gesinnung
+aber vermag er auch ohne Zugeh&ouml;rigkeit zu einer speziellen
+Parteiorganisation zu betätigen: durch Stimmabgabe bei den
+Parlamentswahlen, durch den Besuch sozialdemokratischer Volksversammlungen,
+durch das Verfolgen der Berichte über sozialdemokratische
+Reden in den Vertretungsk&ouml;rpern, durch das Lesen der Parteipresse
+&ndash; man vergleiche zum Beispiel die Zahl der sozialdemokratischen
+Wähler sowie die Abonnentenzahl des »Vorwärts« mit der Zahl
+der organisierten Parteimitglieder in Berlin. Und, was das
+Ausschlaggebende ist: der sozialdemokratisch gesinnte durchschnittliche
+Arbeiter aus der Masse, der als einfacher Mann kein Verständnis
+für die komplizierte und feine sogenannte »Zweiseelentheorie« haben
+kann, fühlt sich eben auch in der Gewerkschaft <em class="gesperrt">sozialdemokratisch</em>
+organisiert. Tragen die Zentralverbände auch kein offizielles Parteischild,
+so sieht doch der Arbeitsmann aus der Masse in jeder Stadt
+und jedem Städtchen an der Spitze seiner Gewerkschaft als die
+tätigsten Leiter diejenigen Kollegen, die er auch als Genossen, als
+Sozialdemokraten aus dem &ouml;ffentlichen Leben kennt: bald als sozialdemokratische
+Reichstags-, Landtags- oder Gemeindeabgeordnete, bald
+als sozialdemokratische Vertrauensmänner, Wahlvereinsvorstände,
+Parteiredakteure, Parteisekretäre, oder einfach als Redner und Agitatoren.
+Er h&ouml;rt ferner in der Agitation in seiner Gewerkschaft
+meistens dieselben ihm lieb und verständlich gewordenen Gedanken
+über die kapitalistische Ausbeutung, über Klassenverhältnisse, die er
+auch aus der sozialdemokratischen Agitation kennt; ja die meisten
+und beliebtesten Redner in den Gewerkschaftsversammlungen sind
+eben bekannte Sozialdemokraten.</p>
+
+<p>So wirkt alles dahin, dem klassenbewußten Durchschnittsarbeiter
+das Gefühl zu geben, dß er, indem er sich gewerkschaftlich
+organisiert, dadurch auch seiner Arbeiterpartei angeh&ouml;rt, sozialdemokratisch
+organisiert ist. <em class="gesperrt">Und darin liegt eben die
+eigentliche Werbekraft der deutschen Gewerkschaften</em>.
+Nicht dank dem Schein der Neutralität, sondern dank
+der sozialdemokratischen Wirklichkeit ihres Wesens, haben es die
+Zentralverbände vermocht, ihre heutige Stärke zu erreichen. Dies
+ist einfach durch dieselbe Mitexistenz verschiedener bürgerlich-parteilicher:
+katholischer, Hirsch-Dunckerscher &amp;c. Gewerkschaften begründet,
+durch die man eben die Notwendigkeit jener politischen »Neutralität«
+zu begründen sucht. Wenn der deutsche Arbeiter, der die volle freie
+Wahl hat, sich einer christlichen, katholischen, evangelischen oder<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[ 58]</a></span>
+freisinnigen Gewerkschaft anzuschließen, keine von diesen, sondern die
+»freie Gewerkschaft« wählt, oder gar aus jenen in diese übertritt,
+so tut er dies nur, weil er die Zentralverbände als ausgesprochene
+Organisationen des modernen Klassenkampfes, oder, was in Deutschland
+dasselbe, als sozialdemokratische Gewerkschaften auffßt. Kurz:
+der Schein der »Neutralität«, der für manche Gewerkschaftsführer
+existiert, besteht für die Masse der gewerkschaftlich Organisierten
+nicht. Und dies ist das ganze Glück der Gewerkschaftsbewegung.
+Sollte jener Schein der »Neutralität«, jene Entfremdung und Losl&ouml;sung
+der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie zur Wahrheit
+und namentlich in den Augen der proletarischen Masse zur Wirklichkeit
+werden, dann würden die Gewerkschaften sofort ihren ganzen
+Vorzug gegenüber den bürgerlichen Konkurrenzverbänden und damit
+auch ihre Werbekraft, ihr belebendes Feuer, verlieren. Das Gesagte
+wird durch allgemein bekannte Tatsachen schlagend bewiesen. Der
+Schein der partei-politischen »Neutralität« der Gewerkschaften konnte
+nämlich als Anziehungsmittel hervorragende Dienste leisten in einem
+Lande, wo die Sozialdemokratie selbst keinen Kredit bei den Massen
+besitzt, wo ihr Odium einer Arbeiterorganisation in den Augen der
+Masse noch eher schadet als nützt, wo mit einem Wort die Gewerkschaften
+ihre Truppen erst aus einer ganz unaufgeklärten, bürgerlich
+gesinnten Masse selbst rekrutieren müssen.</p>
+
+<p>Das Muster eines solchen Landes war das ganze vorige Jahrhundert
+hindurch und ist auch heute noch in gewissem Mße &ndash; <em class="gesperrt">England</em>.
+In Deutschland jedoch liegen die Parteiverhältnisse ganz
+anders. In einem Lande, wo die Sozialdemokratie die mächtigste
+politische Partei ist, wo ihre Werbekraft durch ein Heer von über
+drei Millionen Proletariern dargestellt wird, da ist es lächerlich, von
+dem abschreckenden Odium der Sozialdemokratie zu sprechen und
+von bei Notwendigkeit einer Kampforganisation der Arbeiter, die
+politische Neutralität zu wahren. Die bloße Zusammenstellung der
+Ziffer der sozialdemokratischen Wähler mit den Ziffern der gewerkschaftlichen
+Organisationen in Deutschland genügt, um für jedes
+Kind klar zu machen, dß die deutschen Gewerkschaften ihre Truppen
+nicht, wie in England, aus der unaufgeklärten bürgerlich gesinnten
+Masse, sondern aus der Masse der bereits durch die Sozialdemokratie
+aufgerüttelten und für den Gedanken des Klassenkampfes gewonnenen
+Proletarier, aus der sozialdemokratischen Wählermasse werben. Manche
+Gewerkschaftsführer weisen mit Entrüstung &ndash; dies ein Requisit der
+»Neutralitätstheorie« &ndash; den Gedanken von sich, die Gewerkschaften
+als Rekrutenschule für die Sozialdemokratie zu betrachten. Tatsächlich
+ist diese ihnen so beleidigend erscheinende, in Wirklichkeit h&ouml;chst
+schmeichelhafte Zumutung in Deutschland durch den einfachen Umstand
+zur Phantasie gemacht, weil die Verhältnisse meistens umgekehrt
+liegen; es ist die Sozialdemokratie, die in Deutschland die
+Rekrutenschule für die Gewerkschaften bildet. Wenn auch das
+Organisationswerk der Gewerkschaften meistens noch ein sehr schweres
+und mühseliges ist, so ist, abgesehen von manchen Gegenden und
+Fällen, im großen und ganzen nicht bloß der Boden bereits durch
+den sozialdemokratischen Pflug urbar gemacht worden, sondern die<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[ 59]</a></span>
+gewerkschaftliche Saat selbst und endlich der Säemann müssen auch
+noch »rot«, sozialdemokratisch sein, damit die Ernte gedeiht. Wenn
+wir aber auf diese Weise die gewerkschaftlichen Stärkezahlen nicht
+mit den sozialdemokratischen Organisationen, sondern, was das einzig
+richtige ist, mit der sozialdemokratischen Wählermasse vergleichen, so
+kommen wir zu einem Schluß, der von der landläufigen Vorstellung
+in dieser Hinsicht bedeutend abweicht. Es stellt sich nämlich heraus,
+dß die »freien Gewerkschaften« heute tatsächlich noch die
+Minderheit der klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands darstellen,
+haben sie doch mit ihrer 1-1/4 Million Organisierter noch nicht die
+Hälfte der von der Sozialdemokratie aufgerüttelten Masse aussch&ouml;pfen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Der wichtigste Schluß aus den angeführten Tatsachen ist der,
+dß die für die kommenden Massenkämpfe in Deutschland unbedingt
+notwendige v&ouml;llige <em class="gesperrt">Einheit</em> der gewerkschaftlichen und der sozialdemokratischen
+Arbeiterbewegung <em class="gesperrt">tatsächlich vorhanden ist</em>,
+und zwar ist sie verk&ouml;rpert in der breiten Masse, die gleichzeitig die
+Basis der Sozialdemokratie wie der Gewerkschaften bildet und in
+deren Bewußtsein beide Seiten der Bewegung zu einer geistigen Einheit
+verschmolzen sind. Der angebliche Gegensatz zwischen Sozialdemokratie
+und Gewerkschaften schrumpft bei dieser Sachlage zu einem
+Gegensatz zwischen der Sozialdemokratie und einem gewissen Teil der
+Gewerkschaftsbeamten zusammen, der aber zugleich ein Gegensatz
+innerhalb der Gewerkschaften zwischen diesem Teil der Gewerkschaftsführer
+und der gewerkschaftlich organisierten proletarischen Masse ist.</p>
+
+<p>Das starke Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland
+im Laufe der letzten 15 Jahre, besonders in der Periode der
+wirtschaftlichen Hochkonjunktur 1895-1900, hat von selbst eine große
+Verselbständigung der Gewerkschaften, eine Spezialisierung ihrer
+Kampfmethoden und ihrer Leitung und endlich das Aufkommen eines
+regelrechten gewerkschaftlichen Beamtenstandes mit sich gebracht. All
+diese Erscheinungen sind ein vollkommen erklärliches und natürliches
+geschichtliches Produkt des fünfzehnjährigen Wachstums der Gewerkschaften,
+ein Produkt der wirtschaftlichen Prosperität und der
+politischen Windstille in Deutschland. Sie sind, wenn auch von
+gewissen &Uuml;belständen unzertrennlich, doch zweifellos ein historisch
+notwendiges &Uuml;bel. Allein die Dialektik der Entwicklung bringt es
+eben mit sich, dß diese notwendigen F&ouml;rderungsmittel des gewerkschaftlichen
+Wachstums auf einer gewissen H&ouml;he der Organisation
+und bei einem gewissen Reifegrad der Verhältnisse in ihr Gegenteil,
+in Hemmnisse des weiteren Wachstums umschlagen.</p>
+
+<p>Die Spezialisierung ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher
+Leiter sowie der naturgemäß enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten
+&ouml;konomischen Kämpfen in einer ruhigen Periode verbunden
+ist, führen bei den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum
+Bureaukratismus und zu einer gewissen Enge der Auffassung. Beides
+äußert sich aber in einer ganzen Reihe von Tendenzen, die für die
+Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung selbst h&ouml;chst verhängnisvoll
+werden k&ouml;nnten. Dahin geh&ouml;rt vor allem die &Uuml;berschätzung der
+Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck allmählich in einen<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[ 60]</a></span>
+Selbstzweck, in ein h&ouml;chstes Gut verwandelt wird, dem die Interessen
+des Kampfes untergeordnet werden sollen. Daraus erklärt sich
+auch jenes offen zugestandene Ruhebedürfnis, das vor einem
+gr&ouml;ßeren Risiko und vor vermeintlichen Gefahren für den Bestand
+der Gewerkschaften, vor der Ungewißheit gr&ouml;ßerer Massenaktionen
+zurückschreckt, ferner die &Uuml;berschätzung der gewerkschaftlichen
+Kampfesweise selbst, ihrer Aussichten und ihrer Erfolge. Die beständig
+von dem &ouml;konomischen Kleinkrieg absorbierten Gewerkschaftsleiter,
+die es zur Aufgabe haben, den Arbeitermassen den
+hohen Wert jeder noch so geringen &ouml;konomischen Errungenschaft,
+jeder Lohnerh&ouml;hung oder Verkürzung der Arbeitszeit plausibel zu
+machen, kommen allmählich dahin, dß sie selbst die gr&ouml;ßeren Zusammenhänge
+und den &Uuml;berblick über die Gesamtlage verlieren.
+Nur dadurch kann erklärt werden, dß manche Gewerkschaftsführer
+z.&nbsp;B. mit so großer Genugtuung auf die Errungenschaften
+der letzten 15 Jahre, auf die Millionen Mark Lohnerh&ouml;hungen
+hinweisen, anstatt umgekehrt den Nachdruck auf die andere Seite
+der Medaille zu legen: auf die gleichzeitig stattgefundene ungeheure
+Herabdrückung der proletarischen Lebenshaltung durch den Brotwucher,
+durch die gesamte Steuer- und Zollpolitik, durch den Bodenwucher,
+der die Wohnungsmieten in so exorbitanter Weise in die
+H&ouml;he getrieben hat, mit einem Wort, auf all die objektiven Tendenzen
+der bürgerlichen Politik, die jene Errungenschaften der
+15jährigen gewerkschaftlichen Kämpfe zu einem großen Teil wieder
+wett machen. Aus der <em class="gesperrt">ganzen</em> sozialdemokratischen Wahrheit,
+die neben der Betonung der Gegenwartsarbeit und ihrer
+absoluten Notwendigkeit das Hauptgewicht auf die <em class="gesperrt">Kritik</em> und
+die Schranken dieser Arbeit legt, wird so die <em class="gesperrt">halbe</em> gewerkschaftliche
+Wahrheit zurechtgestutzt, die nur das Positive des Tageskampfes
+hervorhebt. Und schließlich wird aus dem Verschweigen
+der dem gewerkschaftlichen Kampfe gezogenen objektiven Schranken
+der bürgerlichen Gesellschaftsordnung eine direkte Feindseligkeit
+gegen jede theoretische Kritik, die auf diese Schranken im Zusammenhang
+mit den Endzielen der Arbeiterbewegung hinweist. Die unbedingte
+Lobhudelei, der grenzenlose Optimismus werden zur Pflicht
+jedes »Freundes der Gewerkschaftsbewegung« gemacht. Da aber
+der sozialdemokratische Standpunkt gerade in der Bekämpfung des
+kritiklosen gewerkschaftlichen Optimismus, ganz wie in der Bekämpfung
+des kritiklosen parlamentarischen Optimismus besteht, so
+wird schließlich gegen die sozialdemokratische Theorie selbst Front
+gemacht: man sucht tastend nach einer »neuen gewerkschaftlichen
+Theorie«, d.&nbsp;h. nach einer Theorie, die den gewerkschaftlichen
+Kämpfen im Gegensatz zur sozialdemokratischen Lehre auf dem Boden
+der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschränkte Perspektiven des wirtschaftlichen
+Aufstiegs er&ouml;ffnen wurde. Eine solche Theorie existiert freilich
+schon seit geraumer Zeit: es ist dies die Theorie von Prof. <em class="gesperrt">Sombart</em>,
+die ausdrücklich mit der Absicht aufgestellt wurde, einen Keil zwischen
+die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie in Deutschland zu treiben
+und die Gewerkschaften auf bürgerlichen Boden hinüberzulocken.</p>
+
+<p>Im engen Zusammenhang mit diesen theoretischen Tendenzen<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[ 61]</a></span>
+steht ein Umschwung im Verhältnis der Führer zur Masse. An
+Stelle der kollegialen Leitung durch lokale Kommissionen mit ihren
+zweifellosen Unzulänglichkeiten tritt die geschäftsmäßige Leitung des
+Gewerkschaftsbeamten. Die Initiative und die Urteilsfähigkeit
+werden damit sozusagen zu seiner Berufsspezialität, während der
+Masse hauptsächlich die mehr passive Tugend der Disziplin obliegt.
+Diese Schattenseiten des Beamtentums bergen sicherlich auch für die
+Partei bedeutende Gefahren in sich, die sich aus der jüngsten Steuerung,
+aus der Anstellung der lokalen Parteisekretäre, seht leicht ergeben
+k&ouml;nnen, wenn die sozialdemokratische Masse nicht darauf bedacht
+sein wird, dß die genannten Sekretäre reine Vollziehungsorgane
+bleiben und nicht etwa als die berufenen Träger der Initiative und
+der Leitung des lokalen Parteilebens betrachtet werden. Allein dem
+Bureaukratismus sind in der Sozialdemokratie durch die Natur der
+Sache, durch den Charakter des politischen Kampfes selbst engere
+Grenzen gezogen, als im Gewerkschaftsleben. Hier bringt gerade
+die technische Spezialisierung der Lohnkämpfe, z.&nbsp;B. der Abschluß
+von komplizierten Tarifverträgen und dergleichen, mit sich, dß der
+Masse der Organisierten häufig der »&Uuml;berblick über das gesamte
+Gewerbsleben« abgesprochen und damit ihre Urteilsunfähigkeit begründet
+wird. Eine Blüte dieser Auffassung ist namentlich auch
+die Argumentation, mit der jede theoretische Kritik an den Aussichten
+und M&ouml;glichkeiten der Gewerkschaftspraxis verp&ouml;nt wird, weil sie
+angeblich eine Gefahr für die gewerkschaftsfromme Gesinnung der
+Masse darstelle. Es wird dabei von der Ansicht ausgegangen, dß
+die Arbeitermasse nur bei blindem, kindlichen Glauben an das Heil
+des Gewerkschaftskampfes für die Organisation gewonnen und erhalten
+werden k&ouml;nne. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die gerade
+auf der Einsicht der Masse in die Widersprüche der bestehenden
+Ordnung und in die ganze komplizierte Natur ihrer Entwicklung,
+auf dem kritischen Verhalten der Masse zu allen Momenten und
+Stadien des eigenen Klassenkampfes ihren Einfluß basiert, wird der
+Einfluß und die Macht der Gewerkschaften nach dieser verkehrten
+Theorie auf der Kritik- und Urteilslosigkeit der Masse gegründet. »Dem
+Volke muß der Glaube erhalten werden« &ndash; dies der Grundsatz, aus
+dem heraus manche Gewerkschaftsbeamten alle Kritik an den objektiven
+Unzulänglichkeiten der Gewerkschaftsbewegung zu einem Attentat auf
+diese Bewegung selbst stempeln. Und endlich ein Resultat dieser
+Spezialisierung und dieses Bureaukratismus unter den Gewerkschaftsbeamten
+ist auch die starke Verselbständigung und die »Neutralität«
+der Gewerkschaften gegenüber der Sozialdemokratie. Die äußere
+Selbständigkeit der gewerkschaftlichen Organisation hat sich mit ihrem
+Wachstum als eine natürliche Bedingung ergeben, als ein Verhältnis,
+das aus der technischen Arbeitsteilung zwischen der politischen und
+der gewerkschaftlichen Kampfform erwächst. Die »Neutralität« der
+deutschen Gewerkschaften kam ihrerseits als ein Produkt der
+reaktionären Vereinsgesetzgebung, des preußisch-deutschen Polizeistaates
+auf. Mit der Zeit haben beide Verhältnisse ihre Natur
+geändert. Aus dem polizeilich erzwungenen Zustand der politischen
+»Neutralität« der Gewerkschaften ist nachträglich eine Theorie ihrer<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[ 62]</a></span>
+freiwilligen Neutralität als einer angeblich in der Natur des
+Gewerkschaftskampfes selbst begründeten Notwendigkeit zurechtgemacht
+worden. Und die technische Selbständigkeit der Gewerkschaften, die
+auf praktischer Arbeitsteilung innerhalb des einheitlichen sozialdemokratischen
+Klassenkampfes beruhen sollte, ist in die Lostrennung
+der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie, von ihren Ansichten
+und von ihrer Führung, in die sogenannte »Gleichberechtigung« mit
+der Sozialdemokratie umgewandelt.</p>
+
+<p>Dieser Schein der Lostrennung und der Gleichstellung der
+Gewerkschaften mit der Sozialdemokratie wird aber hauptsächlich
+in den Gewerkschaftsbeamten verk&ouml;rpert, durch den Verwaltungsapparat
+der Gewerkschaften genährt. &Auml;ußerlich ist durch die Nebenexistenz
+eines ganzen Stabes von Gewerkschaftsbeamten, einer gänzlich
+unabhängigen Zentrale, einer zahlreichen Berufspresse und endlich
+der gewerkschaftlichen Kongresse der Schein einer v&ouml;lligen Parallelität
+mit dem Verwaltungsapparat der Sozialdemokratie, dem Parteivorstand,
+der Parteipresse und den Parteitagen geschaffen. Diese
+Illusion der Gleichstellung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften
+hat auch u.&nbsp;a. zu der monstr&ouml;sen Erscheinung geführt, dß
+auf den sozialdemokratischen Parteitagen und den gewerkschaftlichen
+Kongressen zum Teil ganz analoge Tagesordnungen behandelt und
+zu derselben Frage verschiedene, ja, direkt entgegengesetzte Beschlüsse
+gefßt werden. Aus der natürlichen Arbeitsteilung zwischen dem
+Parteitag, der die allgemeinen Interessen und Aufgaben der Arbeiterbewegung
+vertritt, und den Gewerkschaftskonferenzen, die das viel
+engere Gebiet der speziellen Fragen und Interessen des beruflichen
+Tageskampfes behandeln, ist der künstliche Zwiespalt zwischen einer
+angeblichen gewerkschaftlichen und einer sozialdemokratischen Weltanschauung
+in bezug auf <em class="gesperrt">dieselben</em> allgemeinen Fragen
+und Interessen der Arbeiterbewegung konstruiert worden.</p>
+
+<p>So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, dß dieselbe
+Gewerkschaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie unten, in der
+breiten proletarischen Masse, vollständig eins ist, oben, in dem Verwaltungsüberbau,
+von der Sozialdemokratie schroff abspringt und
+sich ihr gegenüber als eine unabhängige zweite Großmacht aufrichtet.
+Die deutsche Arbeiterbewegung bekommt dadurch die eigentümliche
+Form einer Doppelpyramide, deren Basis und K&ouml;rper aus einem
+Massiv besteht, deren beide Spitzen aber weit auseinanderstehen.</p>
+
+<p>Es ist aus dem Dargelegten klar, auf welchem Wege allein in
+natürlicher und erfolgreicher Weise jene kompakte Einheit der deutschen
+Arbeiterbewegung geschaffen werden kann, die im Hinblick auf die
+kommenden politischen Klassenkämpfe, sowie im eigenen Interesse der
+weiteren Entwicklung der Gewerkschaften, unbedingt notwendig ist.
+Nichts wäre verkehrter und hoffnungsloser, als die erstrebte Einheit
+auf dem Wege sporadischer oder periodischer Verhandlungen über
+Einzelfragen der Arbeiterbewegung zwischen der sozialdemokratischen
+Parteileitung und der gewerkschaftlichen Zentrale herstellen zu wollen.
+Gerade die obersten Organisationsspitzen der beiden Formen der
+Arbeiterbewegung verk&ouml;rpern, wie wir gesehen, ihre Trennung und
+Verselbständigung in sich, sind also selbst Träger der Illusion von der
+<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[ 63]</a></span>»Gleichberechtigung« und der Parallelexistenz der Sozialdemokratie
+und der Gewerkschaften. Die Einheit der beiden durch die Verbindung
+des Parteivorstandes und der Generalkommission herstellen wollen,
+hieße eine Brücke gerade dort bauen, wo der Abstand am weitesten
+und der &Uuml;bergang am schwersten ist. Nicht oben, in den Spitzen der
+Organisationsleitungen und ihrem f&ouml;derativen Bündnis, sondern unten
+in der organisierten proletarischen Masse liegt die Gewähr für die
+wirkliche Einheit der Arbeiterbewegung. Im Bewußtsein der Million
+Gewerkschaftsmitglieder sind Partei und Gewerkschaften tatsächlich
+<em class="gesperrt">Eins</em>, sie sind nämlich der <em class="gesperrt">sozialdemokratische</em> Emanzipationskampf
+des Proletariats in verschiedenen Formen. Und daraus
+ergibt sich auch von selbst die Notwendigkeit, zur Beseitigung
+jener Reibungen, die sich zwischen der Sozialdemokratie und einem
+Teil der Gewerkschaften ergeben haben, ihr gegenseitiges Verhältnis
+dem Bewußtsein der proletarischen Masse anzupassen, d.&nbsp;h. <em class="gesperrt">die
+Gewerkschaften der Sozialdemokratie wieder anzugliedern</em>.
+Es wird damit nur die Synthese der tatsächlichen
+Entwicklung zum Ausdruck gebracht, die es von der ursprünglichen
+Inkorporation der Gewerkschaften zu ihrer Abl&ouml;sung von der Sozialdemokratie
+geführt hatte, um nachher durch die Periode des starken
+Wachstums sowohl der Gewerkschaften wie der Sozialdemokratie die
+kommende Periode großer proletarischer Massenkämpfe vorzubereiten,
+damit aber die Wiedervereinigung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften
+im Interesse beider zur Notwendigkeit zu machen.</p>
+
+<p>Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht etwa um die Aufl&ouml;sung
+des jetzigen gewerkschaftlichen Aufbaues in der Partei, sondern
+es handelt sich um die Herstellung jenes natürlichen Verhältnisses
+zwischen der Leitung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften,
+zwischen Parteitagen und Gewerkschaftskongressen, die dem tatsächlichen
+Verhältnis zwischen der Arbeiterbewegung im ganzen
+und ihrer gewerkschaftlichen Teilerscheinung entspricht. Ein solcher
+Umschwung wird, wie es nicht anders gehen kann, eine heftige
+Opposition eines Teils der Gewerkschaftsführer hervorrufen. Allein
+es ist hohe Zeit, dß die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre
+Urteilsfähigkeit und Aktionsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen, und
+damit ihre Reife für jene Zeiten großer Kämpfe und großer Aufgaben
+darzutun, in denen sie, die Masse, der handelnde Chorus, die
+Leitungen nur die »sprechenden Personen«, d.&nbsp;h., die Dolmetscher
+des Massenwillens sein sollen.</p>
+
+<p>Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sich in den vollkommen
+erklärlichen, aber irrtümlichen Illusionen einer Minderheit
+der Gewerkschaftsführer spiegelt, sondern das, was im Bewußtsein der
+großen Masse der für den Klassenkampf gewonnenen Proletarier lebt.
+In diesem Bewußtsein ist die Gewerkschaftsbewegung ein Stück der
+Sozialdemokratie. »Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.«</p>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Da das Vorhandensein einer solchen Tendenz innerhalb der deutschen
+Sozialdemokratie gew&ouml;hnlich geleugnet wird, so muß man die Offenherzigkeit
+begrüßen, mit der die opportunistische Richtung neulich ihre eigentlichen Ziele
+und Wünsche formuliert hat. In einer Parteiversammlung in Mainz am 10. September
+d.&nbsp;J. wurde folgende von Dr. <em class="gesperrt">David</em> vorgelegte Resolution angenommen:
+</p><p>
+»In der Erwägung, dß die sozialdemokratische Partei den Begriff »Revolution«
+nicht im Sinne des gewaltsamen Umsturzes, sondern im friedlichen
+Sinne der Entwicklung, d.&nbsp;h. der allmählichen Durchsetzung eines neuen Wirtschaftsprinzips,
+auffßt, lehnt die Mainzer &ouml;ffentliche Parteiversammlung jede
+»Revolutionsromantik« ab.
+</p><p>
+»Die Versammlung sieht in der Eroberung der politischen Macht nichts
+anderes als die Eroberung der Mehrheit des Volkes für die Ideen und Forderungen
+der Sozialdemokratie; eine Eroberung, die nicht geschehen kann mit gewaltsamen
+Mitteln, sondern nur durch die Revolutionierung der K&ouml;pfe auf dem
+Wege der geistigen Propaganda und der praktischen Reformarbeit auf allen
+Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens.
+</p><p>
+In der &Uuml;berzeugung, dß die Sozialdemokratie weit besser gedeiht bei den
+gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz, lehnt die Versammlung
+die »<em class="gesperrt">direkte Massenaktion</em>« als taktisches Prinzip ab und hält
+an dem Prinzip der <em class="gesperrt">parlamentarischen Reformation</em> fest, d.&nbsp;h., sie
+wünscht, dß die Partei nach wie vor ernstlich bemüht ist, <em class="gesperrt">auf dem Wege der
+Gesetzgebung und der organischen Entwicklung allmählich unsere
+Ziele zu erreichen</em>.
+</p><p>
+Die fundamentale Voraussetzung dieser reformatorischen Kampfesmethode
+ist freilich, dß die <em class="gesperrt">M&ouml;glichkeit der Anteilnahme der besitzlosen
+Volksmasse an der Gesetzgebung</em> im Reiche und in den Einzelstaaten
+nicht verkürzt, sondern bis zur <em class="gesperrt">vollen Gleichberechtigung</em> erneuert wird.
+Aus diesem Grunde hält es die Versammlung für ein unbestreitbares Recht der
+Arbeiterschaft, zur Abwehr von Attentaten auf ihre gesetzlichen Rechte sowie
+zur Erringung weiterer Rechte, wenn alle anderen Mittel versagen, auch die
+Arbeit für kürzere oder längere Dauer zu verweigern.
+</p><p>
+Da der politische Massenstreik aber nur dann siegreich für die Arbeiterschaft
+durchgeführt werden kann, wenn er sich <em class="gesperrt">in streng gesetzlichen
+Bahnen</em> hält und seitens der Streikenden kein berechtigter Anlß zum Eingreifen
+der bewaffneten Macht geboten wird, so erblickt die Versammlung die
+einzig notwendige und wirksame Vorbereitung auf den Gebrauch dieses Kampfmittels
+in dem weiteren Ausbau der politischen, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen
+Organisation. Denn nur dadurch k&ouml;nnen die Voraussetzungen
+in der breiten Volksmasse geschaffen werden, die den erfolgreichen Verlauf eines
+Massenstreiks garantieren: zielbewußte Disziplin und einen geeigneten wirtschaftlichen
+Rückhalt.«</p></div>
+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>Druck: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer &amp; Co. in Hamburg.</h3>
+
+<div class="note">Anmerkungen zur Transkription:<br /><br />
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt.<br /><br />
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.<br /><br />
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische
+Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne
+Wörter aus fremden Sprachen (hier kursiv). Gesperrt gesetzte Passagen sind in dieser
+Form übernommen.<br /><br />
+
+Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von einigen Zahlwörtern,
+Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten, insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.<br />
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by
+Rosa Luxemburg
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK ***
+
+***** This file should be named 31614-h.htm or 31614-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/1/6/1/31614/
+
+Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
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+License terms from this work, or any files containing a part of this
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
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