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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:56:06 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften + +Author: Rosa Luxemburg + +Release Date: March 12, 2010 [EBook #31614] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK *** + + + + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + + + Anmerkungen zur Transkription: + + Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder + Kleinschreibung von einigen Zahlwörtern, Pronomina und + Adjektiven sowie Schreibvarianten, insbesondere durch + Rechtschreibreformen entstandene. + + Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. + Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet. + Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit # gekennzeichnet. + + + + + Massenstreik, Partei + und Gewerkschaften + + Von + + Rosa Luxemburg + + Im Auftrage des Vorstandes der sozialdemokratischen + Landesorganisation Hamburgs und + der Vorstände der sozialdemokratischen Vereine + von Altona, Ottensen und Wandsbek + + Verlag von Erdmann Dubber in Hamburg + 1906 + + + + +I. + + +Fast alle bisherigen Schriften und Äußerungen des internationalen +Sozialismus über die Frage des Massenstreiks datieren aus der Zeit _vor_ +der russischen Revolution, dem ersten geschichtlichen Experiment mit +diesem Kampfmittel auf größter Skala. Daher erklärt sich auch, daß sie +meistenteils antiquiert sind. In ihrer Auffassung stehen sie wesentlich +auf demselben Standpunkt wie Friedrich Engels, der 1873 in seiner Kritik +der Bakunistischen Revolutionsmacherei in Spanien schrieb: + +»Der allgemeine Streik ist im Bakunistischen Programm der Hebel, der zur +Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines schönen Morgens +legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes oder gar der ganzen Welt +die Arbeit nieder und zwingen dadurch in längstens vier Wochen die +besitzenden Klassen, entweder zu Kreuze zu kriechen oder auf die +Arbeiter loszuschlagen, so daß diese dann das Recht haben, sich zu +verteidigen und bei dieser Gelegenheit die ganze alte Gesellschaft über +den Haufen zu werfen. Der Vorschlag ist weit entfernt davon, neu zu +sein; französische und nach ihnen belgische Sozialisten haben seit 1848 +dies Paradepferd stark geritten, das aber ursprünglich englischer Rasse +ist. Während der auf die Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen +Entwicklung des Chartismus unter den englischen Arbeitern war schon 1839 +der »heilige Monat« gepredigt worden, die Arbeitseinstellung auf +nationalem Maßstab (siehe Engels: »Lage der arbeitenden Klasse«, zweite +Auflage, Seite 234), und hatte solchen Anklang gefunden, dass die +Fabrikarbeiter von Nordengland im Juli 1842 die Sache auszuführen +versuchten. -- Auch auf dem Genfer Allianzistenkongreß vom 1. September +1873 spielte der allgemeine Streik eine große Rolle, nur wurde allseitig +zugegeben, dass dazu eine vollständige Organisation der Arbeiterklasse +und eine gefüllte Kasse nötig sei. Und darin liegt eben der Haken. +Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn man sie durch +politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation noch die Kasse +der Arbeiter je soweit kommen lassen, und anderseits werden die +politischen Ereignisse und die Übergriffe der herrschenden Klassen die +Befreiung der Arbeiter zu Wege bringen, lange bevor das Proletariat dazu +kommt, sich diese ideale Organisation und diesen kolossalen Reservefonds +anzuschaffen. Hätte es sie aber, so brauchte es nicht den Umweg des +allgemeinen Streiks, um zum Ziele zu gelangen.«[1] + +[Fußnote 1: Fr. Engels, Die Bakunisten an der Arbeit. Internationales +aus dem »Volksstaat«, S. 20.] + +Hier haben wir die Argumentation, die für die Stellungnahme der +internationalen Sozialdemokratie zum Massenstreik in den folgenden +Jahrzehnten maßgebend war. Sie ist ganz auf die anarchistische Theorie +des Generalstreiks zugeschnitten, d. h. auf die Theorie vom +Generalstreik als Mittel, die soziale Revolution einzuleiten, im +Gegensatz zum täglichen politischen Kampf der Arbeiterklasse, und +erschöpft sich in dem folgenden einfachen Dilemma: entweder ist das +gesamte Proletariat noch nicht im Besitz mächtiger Organisationen und +Kassen, dann kann es den Generalstreik nicht durchführen, oder es ist +bereits mächtig genug organisiert, dann braucht es den Generalstreik +nicht. Diese Argumentation ist allerdings so einfach und auf den ersten +Blick so unanfechtbar, daß sie ein Vierteljahrhundert lang der modernen +Arbeiterbewegung ausgezeichnete Dienste leistete, als logische Waffe +wider die anarchistischen Hirngespinnste und als Hülfsmittel, um die +Idee des politischen Kampfes in die weitesten Kreise der Arbeiterschaft +zu tragen. Die großartigen Fortschritte der Arbeiterbewegung in allen +modernen Ländern während der letzten 25 Jahre sind der glänzendste +Beweis für die von Marx und Engels im Gegensatz zum Bakunismus +verfochtene Taktik des politischen Kampfes, und die deutsche +Sozialdemokratie in ihrer heutigen Macht, in ihrer Stellung als Vorhut +der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ist nicht zum geringsten +das direkte Produkt der konsequenten und nachdrücklichen Anwendung +dieser Taktik. + +Die russische Revolution hat nun die obige Argumentation einer +gründlichen Revision unterzogen. Sie hat zum ersten Male in der +Geschichte der Klassenkämpfe eine grandiose Verwirklichung der Idee des +Massenstreiks und -- wie wir unten näher ausführen werden -- selbst des +Generalstreiks gezeitigt und damit eine neue Epoche in der Entwicklung +der Arbeiterbewegung eröffnet. Freilich folgt daraus nicht etwa, daß die +von Marx und Engels empfohlene Taktik des politischen Kampfes oder ihre +an dem Anarchismus geübte Kritik falsch war. Umgekehrt, es sind +dieselben Gedankengänge, dieselbe Methode, die der Marx-Engelschen +Taktik, die auch der bisherigen Praxis der deutschen Sozialdemokratie zu +grunde lagen, welche jetzt in der russischen Revolution ganz neue +Momente und neue Bedingungen des Klassenkampfes erzeugten. Die russische +Revolution, dieselbe Revolution, die die erste geschichtliche Probe auf +das Exempel des Massenstreiks bildet, bedeutet nicht bloß keine +Ehrenrettung für den Anarchismus, sondern sie bedeutet geradezu eine +_geschichtliche Liquidation des Anarchismus_. Das triste Dasein, wozu +diese Geistesrichtung von der mächtigen Entwicklung der Sozialdemokratie +in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verurteilt war, mochte +gewissermaßen durch die ausschließliche Herrschaft und lange Dauer der +parlamentarischen Periode erklärt werden. Eine ganz auf das +»Losschlagen« und die »direkte Aktion« zugeschnittene, im nacktesten +Heugabelsinne »revolutionäre« Richtung mochte immerhin in der Windstille +des parlamentarischen Alltags nur zeitweilig verkümmern, um erst bei +einer Wiederkehr der direkten offenen Kampfperiode, bei einer +Straßenrevolution aufzuleben und ihre innere Kraft zu entfalten. Zumal +schien Rußland besonders dazu angetan, das Experimentierfeld für die +Heldentaten des Anarchismus zu werden. Ein Land, wo das Proletariat gar +keine politischen Rechte und eine äußerst schwache Organisation hatte, +ein buntes Durcheinander verschiedener Volksschichten mit sehr +verschiedenen, wirr durcheinanderlaufenden Interessen, geringe Bildung +der Volksmasse, dafür äußerste Bestialität in der Gewaltanwendung +seitens des herrschenden Regimes -- alles das schien wie geschaffen, um +den Anarchismus zu einer plötzlichen, wenn auch vielleicht kurzlebigen +Macht zu erheben. Und schließlich war Rußland die geschichtliche +Geburtsstätte des Anarchismus. Allein, das Vaterland Bakunins sollte für +seine Lehre zur Grabesstätte werden. Nicht bloß standen und stehen in +Rußland nicht die Anarchisten an der Spitze der Massenstreikbewegung; +nicht bloß liegt die ganze politische Führung der revolutionären Aktion +und auch des Massenstreiks in den Händen der sozialdemokratischen +Organisationen, die von den russischen Anarchisten als »bürgerliche +Partei« bitter bekämpft werden, oder zum Teil in den Händen solcher mehr +oder weniger von der Sozialdemokratie beeinflußten und sich ihr +annähernden sozialistischen Organisationen, wie die terroristische +Partei der »Sozialisten-Revolutionäre«, -- die Anarchisten existieren +als ernste politische Richtung überhaupt in der russischen Revolution +gar nicht. Nur in einer litauischen Kleinstadt mit besonders schwierigen +Verhältnissen -- bunte nationale Zusammenwürfelung der Arbeiter, +überwiegende Zersplitterung des Kleinbetriebs, sehr tiefstehendes +Proletariat --, in _Bialystok_, gibt es unter den sieben oder acht +verschiedenen revolutionären Gruppen auch ein Häuflein halbwüchsiger +»Anarchisten«, das die Konfusion und Verwirrung der Arbeiterschaft nach +Kräften fördert, und letzthin macht sich in _Moskau_ und vielleicht noch +in zwei bis drei Städten je ein Häuflein dieser Gattung bemerkbar. +Allein, was ist jetzt, abgesehen von diesen paar »revolutionären« +Gruppen, die eigentliche Rolle des Anarchismus in der russischen +Revolution? Er ist zum Aushängeschild für gemeine Diebe und Plünderer +geworden; unter der Firma des »Anarcho-Kommunismus« wird ein großer Teil +jener unzähligen Diebstähle und Plündereien bei Privatleuten ausgeübt, +die in jeder Periode der Depression, der momentanen Defensive der +Revolution wie eine trübe Welle emporkommen. Der Anarchismus ist in der +russischen Revolution nicht die Theorie des kämpfenden Proletariats, +sondern das ideologische Aushängeschild des kontrerevolutionären +Lumpenproletariats geworden, das wie ein Rudel Haifische hinter dem +Schlachtschiff der Revolution wimmelt. Und damit ist die geschichtliche +Laufbahn des Anarchismus wohl beendet. + +Auf der anderen Seite ist der Massenstreik in Rußland verwirklicht +worden nicht als ein Mittel, unter Umgehung des politischen Kampfes der +Arbeiterklasse und speziell des Parlamentarismus durch einen Theatercoup +plötzlich in die soziale Revolution hineinzuspringen, sondern als ein +Mittel, erst die Bedingungen des täglichen politischen Kampfes und +insbesondere des Parlamentarismus für das Proletariat zu schaffen. Der +revolutionäre Kampf in Rußland, in dem die Massenstreiks als die +wichtigste Waffe zur Anwendung kommen, wird von dem arbeitenden Volke +und in erster Reihe vom Proletariat gerade um dieselben politischen +Rechte und Bedingungen geführt, deren Notwendigkeit und Bedeutung im +Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse Marx und Engels zuerst +nachgewiesen und im Gegensatz zum Anarchismus in der Internationale mit +aller Macht verfochten haben. So hat die geschichtliche Dialektik, der +Fels, auf dem die ganze Lehre des Marxschen Sozialismus beruht, es mit +sich gebracht, daß heute der Anarchismus, mit dem die Idee des +Massenstreiks unzertrennlich verknüpft war, zu der Praxis des +Massenstreiks selbst in einen Gegensatz gerathen ist, während umgekehrt +der Massenstreik, der als der Gegensatz zur politischen Betätigung des +Proletariats bekämpft wurde, heute als die mächtigste Waffe des +politischen Kampfes um politische Rechte erscheint. Wenn also die +russische Revolution eine gründliche Revision des alten Standpunkts des +Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist es wieder nur der +Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte dabei in neuer +Gestalt den Sieg davontragen. Moors Geliebte kann nur durch Moor +sterben. + + + + +II. + + +Die erste Revision, die sich aus den Ereignissen in Rußland für die +Frage vom Massenstreik ergibt, bezieht sich auf die allgemeine +_Auffassung_ des Problems. Bis jetzt stehen sowohl die eifrigen +Befürworter eines »Versuchs mit dem Massenstreik« in Deutschland von der +Art Bernsteins, Eisners usw., wie auch die strikten Gegner eines solchen +Versuchs, wie sie im gewerkschaftlichen Lager z. b. durch Bömelburg +vertreten sind, im grunde genommen auf dem Boden derselben, und zwar der +anarchistischen Auffassung. Die scheinbaren Gegenpole schließen sich +nicht bloß gegenseitig aus, sondern, wie stets, bedingen auch und +ergänzen zugleich einander. Für die anarchistische Denkweise ist nämlich +die Spekulation direkt auf den »großen Kladderadatsch«, auf die soziale +Revolution nur ein äußeres und unwesentliches Merkmal. Wesentlich ist +dabei die ganze abstrakte, unhistorische Betrachtung des Massenstreiks, +wie überhaupt aller Bedingungen des proletarischen Kampfes. Für den +Anarchisten existieren als stoffliche Voraussetzungen seiner +»revolutionären« Spekulationen lediglich zwei Dinge: zunächst die blaue +Luft und dann der gute Wille und der Mut, die Menschheit aus dem +heutigen kapitalistischen Jammertal zu erretten. In der blauen Luft +ergab sich aus dem Raisonnement schon vor 60 Jahren, dass der +Massenstreik das kürzeste, sicherste und leichteste Mittel ist, um den +Sprung ins bessere soziale Jenseits auszuführen. In derselben blauen +Luft ergibt sich neuerdings aus der Spekulation, dass der +gewerkschaftliche Kampf die einzige wirkliche »direkte Aktion der +Massen« und also der einzige revolutionäre Kampf ist -- dies bekanntlich +die neueste Schrulle der französischen und italienischen +»Syndikalisten«. Das Fatale für den Anarchismus war dabei stets, daß +die in der blauen Luft improvisierten Kampfmethoden nicht bloß eine +Rechnung ohne den Wirt, das heißt reine Utopien waren, sondern daß sie, +weil sie eben mit der verachteten, schlechten Wirklichkeit gar nicht +rechneten, in dieser schlechten Wirklichkeit meistens aus revolutionären +Spekulationen unversehens zu praktischen Helferdiensten für die Reaktion +wurden. + +Auf demselben Boden der abstrakten, unhistorischen Betrachtungsweise +stehen aber heute diejenigen, die den Massenstreik nächstens in +Deutschland auf dem Wege eines Vorstandsbeschlusses auf einen bestimmten +Kalendertag ansetzen möchten, wie auch diejenigen, die, wie die +Teilnehmer des Kölner Gewerkschaftskongresses, durch ein Verbot des +»Propagierens« das Problem des Massenstreiks aus der Welt schaffen +wollen. Beide Richtungen gehen von der gemeinsamen, rein anarchistischen +Vorstellung aus, daß der Massenstreik ein bloßes technisches Kampfmittel +ist, das nach Belieben und nach bestem Wissen und Gewissen »beschlossen« +oder auch »verboten« werden könne, eine Art Taschenmesser, das man in +der Tasche »für alle Fälle« zusammengeklappt bereit halten oder auch +nach Beschluß aufklappen und gebrauchen kann. Zwar nehmen gerade die +Gegner des Massenstreiks für sich das Verdienst in Anspruch, den +geschichtlichen Boden und die materiellen Bedingungen der heutigen +Situation in Deutschland in Betracht zu ziehen, im Gegensatz zu den +»Revolutionsromantikern«, die in der Luft schweben und partout nicht mit +der harten Wirklichkeit und ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten +rechnen wollen. »Tatsachen und Zahlen, Zahlen und Tatsachen!« rufen sie +wie Mr. Gradgrind in Dickens' »Harte Zeiten«. Was die gewerkschaftlichen +Gegner des Massenstreiks unter »geschichtlichem Boden« und »materiellen +Bedingungen« verstehen, sind zweierlei Momente: einerseits die Schwäche +des Proletariats, anderseits die Kraft des preußisch-deutschen +Militarismus. Die ungenügenden Arbeiterorganisationen und Kassenbestände +und die imponierenden preußischen Bajonette, das sind die »Tatsachen und +Zahlen«, auf denen diese gewerkschaftlichen Führer ihre praktische +Politik im gegebenen Falle basieren. Nun sind freilich gewerkschaftliche +Kassen sowie preußische Bajonette zweifellos sehr materielle und auch +sehr historische Erscheinungen, allein die darauf basierte Auffassung +ist kein historischer Materialismus im Sinne von Marx, sondern ein +polizeilicher Materialismus im Sinne Puttkamers. Auch die Vertreter des +kapitalistischen Polizeistaats rechnen sehr, und zwar ausschließlich mit +der jeweiligen tatsächlichen Macht des organisierten Proletariats, sowie +mit der materiellen Macht der Bajonette, und aus dem vergleichenden +Exempel dieser beiden Zahlenreihen wird noch immer der beruhigende +Schluß gezogen: die revolutionäre Arbeiterbewegung wird von einzelnen +Wühlern und Hetzern erzeugt, #ergo# haben wir in den Gefängnissen und +den Bajonetten ein ausreichendes Mittel, um der unliebsamen +»vorübergehenden Erscheinung« Herr zu werden. + +Die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft hat längst das Humoristische +der polizeilichen Theorie begriffen, als sei die ganze moderne +Arbeiterbewegung ein künstliches, willkürliches Produkt einer handvoll +gewissenloser »Wühler und Hetzer«. + +Es ist aber genau dieselbe Auffassung, die darin zum Ausdruck kommt, +wenn sich ein paar brave Genossen zu einer freiwilligen +Nachtwächterkolonne zusammentun, um die deutsche Arbeiterschaft vor dem +gefährlichen Treiben einiger »Revolutionsromantiker« und ihrer +»Propaganda des Massenstreiks« zu warnen; oder wenn auf der anderen +Seite eine larmoyante Entrüstungskampagne von denjenigen inszeniert +wird, die sich durch irgendwelche »vertraulichen« Abmachungen des +Parteivorstandes mit der Generalkommission der Gewerkschaften um den +Ausbruch des Massenstreiks in Deutschland betrogen glauben. Käme es auf +die zündende »Propaganda« der Revolutionsromantiker oder auf +vertrauliche oder öffentliche Beschlüsse der Parteileitungen an, dann +hätten wir bis jetzt in Rußland keinen einzigen ernsten Massenstreik. In +keinem Lande dachte man -- wie ich bereits im März 1905 in der »Sächs. +Arbeiterzeitung« hervorgehoben habe -- so wenig daran, den Massenstreik +zu »propagieren« oder selbst zu »diskutieren« wie in Rußland. Und die +vereinzelten Beispiele von Beschlüssen und Abmachungen des russischen +Parteivorstandes, die wirklich den Massenstreik aus freien Stücken +proklamieren sollten, wie z. B. der letzte Versuch im August dieses +Jahres nach der Duma-Auflösung, sind fast gänzlich gescheitert. Wenn uns +also die russische Revolution etwas lehrt, so ist es vor allem, daß der +Massenstreik nicht künstlich »gemacht«, nicht ins Blaue hinein +»beschlossen«, nicht »propagiert« wird, sondern daß er eine historische +Erscheinung ist, die sich in gewissem Moment aus den sozialen +Verhältnissen mit geschichtlicher Notwendigkeit ergibt. + +Nicht durch abstrakte Spekulationen also über die Möglichkeit oder +Unmöglichkeit, den Nutzen oder die Schädlichkeit des Massenstreiks, +sondern durch die Erforschung derjenigen Momente und derjenigen sozialen +Verhältnisse, aus denen der Massenstreik in der gegenwärtigen Phase des +Klassenkampfes erwächst, mit anderen Worten: nicht durch _subjektive +Beurteilung_ des Massenstreiks vom Standpunkte des Wünschbaren, sondern +durch _objektive Untersuchung_ der Quellen des Massenstreiks vom +Standpunkte des geschichtlich Notwendigen kann das Problem allein erfaßt +und auch diskutiert werden. + +In der freien Luft der abstrakten logischen Analyse läßt sich die +absolute Unmöglichkeit und die sichere Niederlage, sowie die vollkommene +Möglichkeit und der zweifellose Sieg des Massenstreiks mit genau +derselben Kraft beweisen. Und deshalb ist der Wert der Beweisführung in +beiden Fällen derselbe, nämlich gar keiner. Daher ist auch insbesondere +die Furcht vor dem »Propagieren« des Massenstreiks, die sogar zu +förmlichen Bannflüchen gegen die vermeintlichen Schuldigen dieses +Verbrechens geführt hat, lediglich das Produkt eines drolligen +Quiproquo. Es ist genau so unmöglich, den Massenstreik als abstraktes +Kampfmittel zu »propagieren«, wie es unmöglich ist, die »Revolution« zu +propagieren. »Revolution« wie »Massenstreik« sind Begriffe, die selbst +bloß eine äußere Form des Klassenkampfes bedeuten, die nur im +Zusammenhang mit ganz bestimmten politischen Situationen Sinn und Inhalt +haben. + +Wollte es jemand unternehmen, den Massenstreik überhaupt als eine Form +der proletarischen Aktion zum Gegenstand einer regelrechten Agitation zu +machen, mit dieser »Idee« hausieren zu gehen, um für sie die +Arbeiterschaft nach und nach zu gewinnen, so wäre das eine ebenso müßige +aber auch ebenso öde und abgeschmackte Beschäftigung, wie wenn jemand +die Idee der Revolution oder des Barrikadenkampfes zum Gegenstand einer +besonderen Agitation machen wollte. Der Massenstreik ist jetzt zum +Mittelpunkt des lebhaften Interesses der deutschen und der +internationalen Arbeiterschaft geworden, weil er eine neue Kampfform und +als solche das sichere Symptom eines tiefgehenden inneren Umschwunges in +den Klassenverhältnissen und den Bedingungen des Klassenkampfes +bedeutet. Es zeugt von dem gesunden revolutionären Instinkt und der +lebhaften Intelligenz der deutschen Proletariermasse, daß sie sich -- +ungeachtet des hartnäckigen Widerstandes ihrer Gewerkschaftsführer -- +mit so warmem Interesse dem neuen Problem zuwendet. Allein diesem +Interesse, dem edlen intellektuellen Durst und revolutionären Tatendrang +der Arbeiter kann man nicht dadurch entsprechen, daß man sie mit +abstrakter Hirngymnastik über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des +Massenstreiks traktiert, sondern dadurch, daß man ihnen die Entwicklung +der russischen Revolution, die internationale Bedeutung dieser +Revolution, die Verschärfung der Klassengegensätze in Westeuropa, die +weiteren politischen Perspektiven des Klassenkampfes in Deutschland, die +Rolle und die Aufgaben der Masse in den kommenden Kämpfen klar macht. +Nur in dieser Form wird die Diskussion über den Massenstreik dazu +führen, den geistigen Horizont des Proletariats zu erweitern, sein +Klassenbewußtsein zu schärfen, seine Denkweise zu vertiefen und seine +Tatkraft zu stählen. + +Steht man aber auf diesem Standpunkte, dann erscheint in seiner ganzen +Lächerlichkeit auch der Strafprozeß, der von den Gegnern der +»Revolutionsromantik« gemacht wird, weil man sich bei der Behandlung des +Problems nicht genau an den Wortlaut der Jenaer Resolution halte. Mit +dieser Resolution geben sich die »praktischen Politiker« allenfalls noch +zufrieden, weil sie den Massenstreik hauptsächlich mit den Schicksalen +des allgemeinen Wahlrechts verkoppelt, woraus sie zweierlei folgern zu +können glauben: erstens, daß dem Massenstreik ein rein defensiver +Charakter bewahrt, zweitens, daß der Massenstreik selbst dem +Parlamentarismus untergeordnet, in ein bloßes Anhängsel des +Parlamentarismus verwandelt wird. Der wahre Kern der Jenaer Resolution +liegt aber in dieser Beziehung darin, daß bei der gegenwärtigen Lage in +Deutschland ein Attentat der herrschenden Reaktion auf das +Reichstagswahlrecht höchst wahrscheinlich das Einleitungsmoment und das +Signal zu jener Periode stürmischer politischer Kämpfe abgeben dürfte, +in denen der Massenstreik als Kampfmittel in Deutschland wohl zuerst +in Anwendung kommen wird. Allein die soziale Tragweite und den +geschichtlichen Spielraum des Massenstreiks als Erscheinung und +als Problem des Klassenkampfes durch den Wortlaut einer +Parteitagsresolution einengen und künstlich abstecken zu wollen, ist +ein Unternehmen, das an Kurzsichtigkeit jenem Diskussionsverbot des +Kölner Gewerkschaftskongresses gleichkommt. In der Resolution des Jenaer +Parteitages hat die deutsche Sozialdemokratie von dem durch die +russische Revolution in den internationalen Bedingungen des +proletarischen Klassenkampfes vollzogenen tiefen Umschwung offiziell Akt +genommen und ihre revolutionäre Entwicklungsfähigkeit, ihre +Anpassungsfähigkeit an die neuen Anforderungen der kommenden Phase der +Klassenkämpfe bekundet. Darin liegt die Bedeutung der Jenaer Resolution. +Was die praktische Anwendung des Massenstreiks in Deutschland betrifft, +darüber wird die Geschichte entscheiden, wie sie darüber in Rußland +entschieden hat, die Geschichte, in der die Sozialdemokratie mit ihren +Entschlüssen allerdings ein wichtiger Faktor, aber bloß _ein_ Faktor +unter vielen ist. + + + + +III. + + +Der Massenstreik, wie er meistens in der gegenwärtigen Diskussion in +Deutschland vorschwebt, ist eine sehr klar und einfach gedachte, scharf +umrissene Einzelerscheinung. Es wird ausschließlich vom politischen +Massenstreik gesprochen. Es wird dabei an einen einmaligen grandiosen +Ausstand des Industrieproletariats gedacht, der aus einem politischen +Anlaß von höchster Tragweite unternommen, und zwar auf Grund einer +rechtzeitigen gegenseitigen Verständigung der Partei- und der +gewerkschaftlichen Instanzen unternommen, dann im Geiste der Disziplin +in größter Ordnung durchgeführt und in noch schönster Ordnung auf +rechtzeitig gegebene Losung der leitenden Instanzen abgebrochen wird, +wobei die Regelung der Unterstützungen, der Kosten, der Opfer, mit einem +Wort die ganze materielle Bilanz des Massenstreiks im voraus genau +bestimmt wird. + +Wenn wir nun dieses theoretische Schema mit dem wirklichen Massenstreik +vergleichen, wie er in Rußland seit fünf Jahren auftritt, so müssen wir +sagen, daß der Vorstellung, die in der deutschen Diskussion im +Mittelpunkt steht, fast kein einziger von den vielen Massenstreiks +entspricht, die stattgefunden haben, und daß anderseits die +Massenstreiks in Rußland eine solche Mannigfaltigkeit der +verschiedensten Spielarten aufweisen, daß es ganz unmöglich ist, von +»dem« Massenstreik, von einem abstrakten schematischen Massenstreik zu +sprechen. Alle Momente des Massenstreiks sowie sein Charakter sind nicht +bloß verschieden in verschiedenen Städten und Gegenden des Reiches, +sondern vor allem hat sich ihr allgemeiner Charakter mehrmals im Laufe +der Revolution geändert. Die Massenstreiks haben in Rußland eine +bestimmte Geschichte durchgemacht, und sie machen sie noch weiter durch. +Wer also vom Massenstreik in Rußland redet, muß vor allem seine +Geschichte ins Auge fassen. + +Die jetzige sozusagen offizielle Periode der russischen Revolution wird +mit vollem Recht von der Erhebung des Petersburger Proletariats am 22. +Januar 1905, von jenem Zuge der 200 000 Arbeiter vor das Zarenschloß +datiert, der mit einem furchtbaren Blutbade endete. Das blutige Massacre +in Petersburg war bekanntlich das Signal zum Ausbruch der ersten +Riesenserie von Massenstreiks, die sich binnen weniger Tage über das +gesamte Rußland gewälzt und den Sturmruf der Revolution aus Petersburg +in alle Winkel des Reiches und in die breitesten Schichten des +Proletariats getragen haben. Die Petersburger Erhebung vom 22. Januar +war aber auch nur der äußerste Moment eines Massenstreiks, der vorher +das Proletariat der Zarenhauptstadt im Januar 1905 ergriffen hatte. +Dieser Januar-Massenstreik in Petersburg spielte sich nun zweifellos +unter dem unmittelbaren Eindruck jenes riesenhaften Generalstreiks ab, +der kurz vorher, im Dezember 1904, im Kaukasus, in Baku, ausgebrochen +war und eine Weile lang ganz Rußland im Atem hielt. Die +Dezemberereignisse in Baku waren aber ihrerseits nichts anderes, als an +letzter und kräftiger Ausläufer jener gewaltigen Massenstreiks, die wie +ein periodisches Erdbeben in den Jahren 1903 und 1904 ganz Südrußland +erschütterten und deren Prolog der Massenstreik in Batum (im Kaukasus) +im März 1902 war. Diese erste Massenstreikbewegung in der fortlaufenden +Kette der jetzigen revolutionären Eruptionen ist endlich nur um fünf bis +sechs Jahre von dem großen Generalstreik der Petersburger Textilarbeiter +in den Jahren 1896 und 1897 entfernt, und wenn diese Bewegung äußerlich +von der heutigen Revolution durch einige Jahre scheinbaren Stillstands +und starrer Reaktion getrennt scheint, so wird doch jeder, der die +innere politische Entwicklung des russischen Proletariats bis zu der +heutigen Stufe seines Klassenbewußtseins und seiner revolutionären +Energie kennt, die Geschichte der jetzigen Periode der Massenkämpfe mit +jenen Petersburger Generalstreiks beginnen. Sie sind für das Problem des +Massenstreiks schon deshalb wichtig, weil sie bereits alle Hauptmomente +der späteren Massenstreiks im Keime enthalten. + +Zunächst erscheint der Petersburger Generalstreik des Jahres 1896 als +ein rein ökonomischer partieller Lohnkampf. Seine Ursachen waren die +unerträglichen Arbeitsbedingungen der Spinner und Weber Petersburgs: +eine 13-, 14- und 15stündige Arbeitszeit, erbärmliche Akkordlöhne und +eine ganze Musterkarte nichtswürdiger Unternehmerschikanen. Allein diese +Lage ertrugen die Textilarbeiter lange geduldig, bis ein scheinbar +winziger Umstand das Maß zum Überlaufen gebracht hat. Im Jahre 1896 im +Mai wurde nämlich die zwei Jahre lang aus Angst vor den Revolutionären +hinausgeschobene Krönung des heutigen Zaren Nikolaus II. abgehalten, +und aus diesem Anlaß bezeugten die Petersburger Unternehmer ihren +patriotischen Eifer dadurch, dass sie ihren Arbeitern drei Tage +Zwangsferien auferlegten, wobei sie jedoch merkwürdigerweise für diese +Tage die Löhne nicht auszahlen wollten. Die dadurch aufgebrachten +Textilarbeiter kamen in Bewegung. Nach einer Beratung von za. 800 der +aufgeklärtesten Arbeiter im Jekaterinenhofer Garten wurde der Streik +beschlossen und die Forderungen formuliert: 1. Auszahlung der Löhne für +die Krönungstage; 2. zehneinhalbstündige Arbeitszeit; 3. Erhöhung der +Akkordlöhne. Dies geschah am 24. Mai. Nach einer Woche standen +_sämtliche_ Webereien und Spinnereien still, und 40 000 Arbeiter waren +im Generalstreik. Heute mag dieses Ereignis, an den gewaltigen +Massenstreiks der Revolution gemessen, als eine Kleinigkeit erscheinen. +In der politischen Eisstarre des _damaligen_ Rußlands war ein +Generalstreik etwas Unerhörtes, er war selbst eine ganze Revolution im +kleinen. Es begannen selbstverständlich die brutalsten Verfolgungen, za. +1000 Arbeitet wurden verhaftet und nach der Heimat abgeschoben, und der +Generalstreik wurde unterdrückt. + +Bereits hier sehen wir alle Grundzüge der späteren Massenstreiks. Der +nächste Anlaß der Bewegung war ein ganz zufälliger, ja untergeordneter, +ihr Ausbruch ein elementarer; aber in dem Zustandekommen der Bewegung +zeigten sich die Früchte der mehrjährigen Agitation der +Sozialdemokratie, und im Laufe des Generalstreiks standen die +sozialdemokratischen Agitatoren an der Spitze der Bewegung, leiteten und +benutzten sie zur regen revolutionären Agitation. Ferner: Der Streik war +äußerlich ein bloßer ökonomischer Lohnkampf, allein die Stellung der +Regierung sowie die Agitation der Sozialdemokratie haben ihn zu einer +politischen Erscheinung ersten Ranges gemacht. Und endlich: Der Streik +wurde unterdrückt, die Arbeiter erlitten eine »Niederlage«. Aber bereits +im Januar des folgenden Jahres, 1897, wiederholten die Petersburger +Textilarbeiter nochmals den Generalstreik und errangen diesmal +einen hervorragenden Erfolg: die gesetzliche Einführung des +elfeinhalbstündigen Arbeitstages in ganz Rußland. Was jedoch ein viel +wichtigeres Ergebnis war: seit jenem ersten Generalstreik des Jahres +1896, der ohne eine Spur von Organisation und von Streikkassen +unternommen war, beginnt im eigentlichen Rußland ein intensiver +gewerkschaftlicher Kampf, der sich bald aus Petersburg auf das übrige +Land verbreitet und der sozialdemokratischen Agitation und Organisation +ganz neue Aussichten eröffnet, damit aber in der scheinbaren +Kirchhofsruhe der folgenden Periode durch unsichtbare Maulwurfsarbeit +die proletarische Revolution vorbereitet. + +Der Ausbruch des kaukasischen Streiks im März des Jahres 1902 war +anscheinend ebenso zufällig und von rein ökonomischen, partiellen, wenn +auch ganz anderen Momenten erzeugt, wie jener vom Jahre 1896. Er hängt +mit der schweren Industrie- und Handelskrise zusammen, die in Rußland +die Vorgängerin des japanischen Krieges und mit ihm zusammen der +mächtigste Faktor der beginnenden revolutionären Gährung war. Die Krise +erzeugte eine enorme Arbeitslosigkeit, die in der proletarischen Masse +die Agitation nährte, deshalb unternahm es die Regierung, zur Beruhigung +der Arbeiterklasse die »überflüssigen Hände« nach ihren entsprechenden +Heimatsorten per Schub zu transportieren. Eine solche Maßnahme eben, die +za. 400 Petroleumarbeiter betreffen sollte, rief in Batum einen +Massenprotest hervor, der zu Demonstrationen, Verhaftungen, einem +Massacre und schließlich zu einem politischen Prozeß führte, in dem +plötzlich die rein ökonomische, partielle Angelegenheit zum politischen +und revolutionären Ereignis wurde. Der Widerhall des ganz »resultatlos« +verlaufenen und niedergeschlagenen Streiks in Batum war eine Reihe +revolutionärer Massendemonstrationen der Arbeiter in Nischni-Nowgorod, +in Saratow, in anderen Städten, also ein kräftiger Vorstoß für die +allgemeine Welle der revolutionären Bewegung. + +Bereits im November 1902 folgt der erste echt revolutionäre Nachhall in +Gestalt eines Generalstreiks in _Rostow_ am Don. Den Anstoß zu dieser +Bewegung gaben Lohndifferenzen in den Werkstätten der Wladikaukasischen +Eisenbahn. Die Verwaltung wollte die Löhne herabsetzen, darauf gab das +Donsche Komitee der Sozialdemokratie einen Aufruf heraus, mit der +Aufforderung zum Streik um folgende Forderungen: Neunstundentag, +Lohnaufbesserung, Abschaffung der Strafen, Entlassung unbeliebter +Ingenieure &c. Sämtliche Eisenbahnwerkstätten traten in den Ausstand. +Ihnen schlossen sich alsbald alle anderen Berufe an, und plötzlich +herrschte in Rostow ein nie dagewesener Zustand: jede gewerbliche Arbeit +ruht, dafür werden Tag für Tag Monstre-Meetings von 15 000 bis 20 000 +Arbeitern im Freien abgehalten, manchmal umzingelt von einem Kordon +Kosaken, wobei zum ersten Male sozialdemokratische Volksredner offen +auftreten, zündende Reden über Sozialismus und politische Freiheit +gehalten und mit ungeheurer Begeisterung aufgenommen, revolutionäre +Aufrufe in Zehntausenden von Exemplaren verbreitet werden. Mitten in dem +starren absolutistischen Rußland erobert das Proletariat Rostows zum +ersten Male sein Versammlungsrecht, seine Redefreiheit im Sturm. +Freilich geht es auch hier nicht ohne ein Massacre ab. Die +Lohndifferenzen der Wladikaukasischen Eisenbahnwerkstätten haben sich in +wenigen Tagen zu einem politischen Generalstreik und zu einer +revolutionären Straßenschlacht ausgewachsen. Als Nachklang erfolgte +sofort noch ein Generalstreik auf der Station _Tichoretzkaja_ derselben +Eisenbahnlinie. Auch hier kam es zu einem Massacre, ferner zu einem +Prozeß, und auch Tichoretzkaja hat sich als Episode gleichfalls in die +unzertrennliche Kette der Revolutionsmomente eingeflochten. + +Der Frühling 1903 gibt die Antwort auf die niedergeschlagenen Streiks in +Rostow und Tichoretzkaja: der ganze Süden Rußlands steht im Mai, Juni +und Juli in Flammen. _Baku_, _Tiflis_, _Batum_, _Jelissawetgrad_, +_Odessa_, _Kijew_, _Nikolajew_, _Jekaterinoslaw_ stehen im Generalstreik +im buchstäblichen Sinne. Aber auch hier entsteht die Bewegung nicht nach +irgend einem vorgefaßten Plan aus einem Zentrum, sie fließt zusammen aus +einzelnen Punkten, in jedem aus anderen Anlässen, in anderen Formen. Den +Anfang macht _Baku_, wo mehrere partielle Lohnkämpfe einzelner Fabriken +und Branchen endlich in einen Generalstreik ausmünden. In _Tiflis_ +beginnen den Streik 2000 Handelsangestellte, die eine Arbeitszeit von 6 +Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends hatten; sie verlassen alle am 4. Juli um 8 +Uhr Abends die Läden und machen einen Umzug durch die Stadt, um die +Ladeninhaber zur Schließung der Geschäfte aufzufordern. Der Sieg ist ein +vollständiger: die Handelsangestellten erringen eine Arbeitszeit von 8 +bis 8 und ihnen schließen sich sofort alle Fabriken, Werkstätten, +Bureaux an. Die Zeitungen erscheinen nicht, der Trambahnverkehr kann nur +unter dem Schutze des Militärs stattfinden. -- In _Jelissawetgrad_ +beginnt am 10. Juli in allen Fabriken der Streik mit rein ökonomischen +Forderungen. Sie werden meistens bewilligt, und am 14. Juli hört der +Streik auf. Allein zwei Wochen später bricht er wieder aus; diesmal +geben die Bäcker die Parole, ihnen folgen die Steinarbeiter, Tischler, +Färber, Mühlenarbeiter und schließlich wieder alle Fabrikarbeiter. -- In +_Odessa_ beginnt die Bewegung mit einem Lohnkampfe, in den der von +Regierungsagenten nach dem Programm des berühmten Gendarmen _Subatow_ +gegründete »legale« Arbeiterverein verwickelt wurde. Die geschichtliche +Dialektik hat wieder Gelegenheit genommen, einen ihrer hübschen +boshaften Streiche auszuführen: Die ökonomischen Kämpfe der früheren +Periode -- darunter der große Petersburger Generalstreik von 1896 -- +hatten die russische Sozialdemokratie zur Übertreibung des sogen. +»Ökonomismus« verleitet, wodurch sie in der Arbeiterschaft für das +demagogische Treiben des Subatow den Boden bereitet hatte. Nach einer +Weile drehte aber der große revolutionäre Strom das Schifflein mit der +falschen Flagge um und zwang es, gerade an der Spitze der revolutionären +proletarischen Flottille zu schwimmen. Die Subatowschen Vereine gaben im +Frühling 1904 die Parole zu dem großen Generalstreik in Odessa, wie im +Januar 1905 zu dem Generalstreik in Petersburg. Die Arbeiter in Odessa, +die in den Wahn von der aufrichtigen Arbeiterfreundlichkeit der +Regierung und ihrer Sympathie für rein ökonomischen Kampf gewiegt +wurden, wollten plötzlich eine Probe aufs Exempel machen und zwangen den +Subatowschen »Arbeiterverein«, in einer Fabrik den Streik um +bescheidenste Forderungen zu erklären. Sie wurden darauf vom Unternehmer +einfach aufs Pflaster gesetzt, und als sie von dem Leiter ihres Vereins +den versprochenen obrigkeitlichen Schutz forderten, verduftete der Herr +und ließ die Arbeiter in wilder Gärung zurück. Alsbald stellten sich die +Sozialdemokraten an die Spitze und die Streikbewegung sprang auf andere +Fabriken über. Am 1. Juli streiken 2500 Eisenbahnarbeiter, am 4. Juli +treten die Hafenarbeiter in den Streik um eine Erhöhung der Löhne von 80 +Kopeken auf 2 Rubel und Verkürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde. +Am 6. Juli schließen sich die Seeleute der Bewegung an. Am 13. Juli +beginnt der Ausstand des Trambahnpersonals. Nun findet eine Versammlung +sämtlicher Streikenden, 7-8000 Mann, statt; es bildet sich ein Zug, der +von Fabrik zu Fabrik geht und, lawinenartig anwachsend, schon als eine +40-50 000köpfige Menge sich zum Hafen begibt, um hier jede Arbeit zum +Stillstand zu bringen. Bald herrscht in der ganzen Stadt der +Generalstreik. -- _In Kijew_ beginnt am 21. Juli der Ausstand in den +Eisenbahnwerkstätten. Auch hier ist der nächste Anlaß miserable +Arbeitsbedingungen, und es werden Lohnforderungen aufgestellt. Am +anderen Tage folgen dem Beispiel die Gießereien. Am 23. Juli passiert +darauf ein Zwischenfall, der das Signal zum Generalstreik gibt. In der +Nacht wurden zwei Delegierte der Eisenbahnarbeiter verhaftet; die +Streikenden fordern sofort ihre Freilassung, und als dies nicht erfüllt +wird, beschließen sie, die Eisenbahnzüge nicht aus der Stadt +herauszulassen. Am Bahnhof setzen sich auf den Schienenstrang sämtliche +Streikende mit Weib und Kind -- ein Meer von Menschenköpfen. Man droht +mit Gewehrsalven. Die Arbeiter entblößen darauf ihre Brust und rufen: +»Schießt!« Eine Salve wird auf die wehrlose, sitzende Menge abgefeuert +und 30-40 Leichen, darunter Frauen und Kinder, bleiben auf dem Platze +liegen. Auf diese Kunde erhebt sich am gleichen Tage ganz Kijew zum +Streik. Die Leichen der Ermordeten werden von der Menge emporgehoben und +in einem Massenzug herumgetragen. Versammlungen, Reden, Verhaftungen, +einzelne Straßenkämpfe -- Kijew steht mitten in der Revolution. Die +Bewegung geht bald zu Ende; dabei haben aber die Buchdrucker eine +Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und eine Lohnerhöhung um einen +Rubel gewonnen; in einer Hefefabrik ist der Achtstundentag eingeführt +worden; die Eisenbahnwerkstätten wurden auf Beschluß des Ministeriums +geschlossen; andere Branchen führten partielle Streiks um ihre +Forderungen weiter. -- _In Nikolajew_ bricht der Generalstreik unter dem +unmittelbaren Eindruck der Nachrichten aus Odessa, Baku, Batum und +Tiflis aus, trotz des Widerstandes des sozialdemokratischen Komitees, +das den Ausbruch der Bewegung auf den Zeitpunkt hinausschieben wollte, +wo das Militär zum Manöver aus der Stadt ziehen sollte. Die Masse ließ +sich nicht zurückhalten; eine Fabrik machte den Anfang, die Streikenden +gingen von einer Werkstatt zur anderen, der Widerstand des Militärs goß +nur Öl ins Feuer. Bald bildeten sich Massenumzüge mit revolutionärem +Gesang, die alle Arbeiter, Angestellten, Trambahnbedienstete, Männer und +Frauen, mitrissen. Die Arbeitsruhe war eine vollkommene. -- In +_Jekaterinoslaw_ beginnen am 5. August die Bäcker, am 7. die Arbeiter +der Eisenbahnwerkstätte, darauf alle anderen Fabriken den Streik; am 8. +August hört der Trambahnverkehr auf, die Zeitungen erscheinen nicht. -- +So kam der grandiose Generalstreik Südrußlands im Sommer 1903 zu stande. +Aus vielen kleinen Kanälen partieller ökonomischer Kämpfe und kleiner +»zufälliger« Vorgänge floß er rasch zu einem gewaltigen Meer zusammen +und verwandelte den ganzen Süden des Zarenreichs für einige Wochen in +eine bizarre, revolutionäre Arbeiterrepublik. »Brüderliche Umarmungen, +Rufe des Entzückens und der Begeisterung, Freiheitslieder, frohes +Gelächter, Humor und Freude hörte man in der vieltausendköpfigen Menge, +die von Morgen bis Abend in der Stadt wogte. Die Stimmung war eine +gehobene; man konnte beinahe glauben, daß ein neues, besseres Leben auf +Erden beginnt. Ein tiefernstes und zugleich idyllisches, rührendes +Bild«... So schrieb damals der Korrespondent im liberalen »Oswoboshdenje« +des Herrn Peter v. Struve. + +Das Jahr 1904 brachte gleich im Anfang den Krieg und für eine Weile eine +Ruhepause in der Massenstreikbewegung mit sich. Zuerst ergoß sich eine +trübe Welle polizeilich veranstalteter »patriotischer« Demonstrationen +über das Land. Die »liberale« bürgerliche Gesellschaft wurde vorerst von +dem zarisch-offiziellen Chauvinismus ganz zu Boden geschmettert. Doch +nimmt die Sozialdemokratie bald den Kampfplatz wieder in Besitz; den +polizeilichen Demonstrationen des patriotischen Lumpenproletariats +werden revolutionäre Arbeiterdemonstrationen entgegengestellt. Endlich +wecken die schmählichen Niederlagen der zarischen Armee auch die +liberale Gesellschaft aus der Betäubung; es beginnt die Ära liberaler +und demokratischer Kongresse, Bankette, Reden, Adressen und Manifeste. +Der durch die Schmach des Krieges zeitweilig erdrückte Absolutismus läßt +in seiner Zerfahrenheit die Herren gewähren, und sie sehen bereits den +Himmel voller liberaler Geigen. Für ein halbes Jahr nimmt der +bürgerliche Liberalismus die politische Vorderbühne in Besitz, das +Proletariat tritt in den Schatten. Allein nach längerer Depression rafft +sich der Absolutismus seinerseits wieder auf, die Kamarilla sammelt ihre +Kräfte und durch ein einziges kräftiges Aufstampfen des Kosakenstiefels +wird die ganze liberale Aktion im Dezember ins Mauseloch gejagt. Die +Bankette, Reden, Kongresse werden kurzerhand als eine »freche Anmaßung« +verboten und der Liberalismus sieht sich plötzlich am Ende seines +Lateins. Aber genau dort, wo dem Liberalismus der Faden ausgegangen ist, +beginnt die Aktion des Proletariats. Im Dezember 1904 bricht auf dem +Boden der Arbeitslosigkeit der grandiose Generalstreik in _Baku_ aus: +Die Arbeiterklasse ist wieder auf dem Kampfplatz. Als das Reden verboten +wurde und verstummte, begann wieder das Handeln. In Baku herrschte +während einiger Wochen mitten im Generalstreik die Sozialdemokratie als +unumschränkte Herrin der Lage, und die eigenartigen Ereignisse des +Dezembers im Kaukasus hätten ein ungeheures Aufsehen erregt, wenn sie +nicht so rapid von der steigenden Woge der Revolution übertroffen worden +wären, die sie selbst aufgepeitscht hatten. Noch waren die +phantastischen, unklaren Nachrichten von dem Generalstreik in Baku nicht +in alle Enden des Zarenreichs gelangt, als im Januar 1905 der +Massenstreik in _Petersburg_ ausbrach. + +Auch hier war der Anlaß bekanntlich ein winziger. Zwei Arbeiter der +Putilow-Werke wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zum legalen Subatowschen +Verein entlassen. Diese Maßregelung rief am 16. Januar einen +Solidaritätsstreik sämtlicher 12 000 Arbeiter dieser Werke hervor. Die +Sozialdemokraten begannen aus Anlaß des Streiks eine rege Agitation um +die Erweiterung der Forderungen und setzten die Forderung des +Achtstundentages, des Koalitionsrechts, der Rede- und Preßfreiheit usw. +durch. Die Gärung der Putilowschen Arbeiter teilte sich rasch dem +übrigen Proletariat mit, und in wenigen Tagen standen 140 000 Arbeiter +im Streik. Gemeinsame Beratungen und stürmische Diskussionen führten zur +Ausarbeitung jener proletarischen Charte der bürgerlichen Freiheiten mit +dem Achtstundentag an der Spitze, womit am 22. Januar 200 000 Arbeiter, +von dem Priester Gapon geführt, vor das Zarenschloß zogen. Der Konflikt +der zwei gemaßregelten Putilow-Arbeiter hat sich binnen einer Woche in +den Prolog der gewaltigsten Revolution der Neuzeit verwandelt. + +Die zunächst darauffolgenden Ereignisse sind bekannt: Das Petersburger +Blutbad hat im Januar und Februar in sämtlichen Industriezentren und +Städten Rußlands, Polens, Litauens, der baltischen Provinzen, des +Kaukasus, Sibiriens, vom Norden bis zum Süden, vom Westen bis zum Osten +riesenhafte Massenstreiks und Generalstreiks hervorgerufen. Allein bei +näherem Zusehen treten jetzt die Massenstreiks in anderen Formen auf, +als in der bisherigen Periode. Diesmal gingen überall die +sozialdemokratischen Organisationen mit Aufrufen voran; überall war die +revolutionäre Solidarität mit dem Petersburger Proletariat ausdrücklich +als Grund und Zweck des Generalstreiks bezeichnet; überall gab es +zugleich Demonstrationen, Reden, Kämpfe mit dem Militär. Doch auch hier +war von einem vorgefaßten Plan, einer organisierten Aktion keine Rede, +denn die Aufrufe der Parteien vermochten kaum, mit den spontanen +Erhebungen der Masse Schritt zu halten; die Leiter hatten kaum Zeit, die +Losungen der vorausstürmenden Proletariermenge zu formulieren. Ferner: +Die früheren Massen- und Generalstreiks entstanden aus einzelnen +zusammenfließenden Lohnkämpfen, die in der allgemeinen Stimmung der +revolutionären Situation und unter dem Eindruck der sozialdemokratischen +Agitation rapid zu politischen Kundgebungen wurden; das ökonomische +Moment und die gewerkschaftliche Zersplitterung waren der Ausgangspunkt, +die zusammenfassende Klassenaktion und die politische Leitung das +Schlußergebnis. Jetzt ist die Bewegung eine umgekehrte. Die Januar- und +Februargeneralstreiks brachen im voraus als einheitliche revolutionäre +Aktion unter der Leitung der Sozialdemokratie aus; allein diese Aktion +zerfiel bald in eine unendliche Reihe lokaler, partieller, ökonomischer +Streiks in einzelnen Gegenden, Städten, Branchen, Fabriken. Den ganzen +Frühling des Jahres 1905 hindurch bis in den Hochsommer hinein gährte im +gesamten Riesenreich ein unermüdlicher ökonomischer Kampf fast des +gesamten Proletariats gegen das Kapital, ein Kampf, der nach oben hin +alle kleinbürgerlichen und liberalen Berufe: Handelsangestellte, +Bankbeamte, Techniker, Schauspieler, Kunstberufe, ergreift, nach unten +hin bis ins Hausgesinde, in das Subalternbeamtentum der Polizei, ja bis +in die Schicht des Lumpenproletariats hineindringt und gleichzeitig aus +der Stadt aufs flache Land hinausströmt und sogar an die eisernen Tore +der Militärkasernen pocht. + +Es ist dies ein riesenhaftes buntes Bild einer allgemeinen +Auseinandersetzung der Arbeit mit dem Kapital, das die ganze +Mannigfaltigkeit der sozialen Gliederung und des politischen Bewußtseins +jeder Schicht und jedes Winkels abspiegelt und die ganze lange +Stufenleiter vom regelrechten gewerkschaftlichen Kampf einer erprobten +großindustriellen Elitetruppe des Proletariats bis zum formlosen +Protestausbruch eines Haufens Landproletarier und zur ersten dunklen +Regung einer aufgeregten Soldatengarnison durchläuft, von der +wohlerzogenen eleganten Revolte in Manschetten und Stehkragen im Kontor +eines Bankhauses bis zum scheu-dreisten Murren einer klobigen +Versammlung unzufriedener Polizisten in einer verräucherten, dunklen und +schmutzigen Polizeiwachtstube. + +Nach der Theorie der Liebhaber »ordentlicher und wohldisziplinierter« +Kämpfe nach Plan und Schema, jener besonders, die es von weitem stets +besser wissen wollen, wie es »hätte gemacht werden sollen«, war der +Zerfall der großen politischen Generalstreikaktion des Januar 1905 in +eine Unzahl ökonomischer Kämpfe wahrscheinlich »ein großer Fehler«, der +jene Aktion »lahmgelegt« und in ein »Strohfeuer« verwandelt hatte. Auch +die Sozialdemokratie in Rußland, die die Revolution zwar mitmacht, aber +nicht »macht«, und ihre Gesetze erst aus ihrem Verlauf selbst lernen +muß, war im ersten Augenblick durch das scheinbar resultatlose +Zurückfluten der ersten Sturmflut des Generalstreiks für eine Weile +etwas aus dem Konzept gebracht. Allein, die Geschichte, die jenen +»großen Fehler« gemacht hat, verrichtete damit, unbekümmert um das +Räsonieren ihrer unberufenen Schulmeister, eine ebenso unvermeidliche +wie in ihren Folgen unberechenbare Riesenarbeit der Revolution. + +Die plötzliche Generalerhebung des Proletariats im Januar unter dem +gewaltigen Anstoß der Petersburger Ereignisse war nach außen hin ein +politischer Akt der revolutionären Kriegserklärung an den Absolutismus. +Aber diese erste allgemeine direkte Klassenaktion wirkte gerade als +solche nach innen um so mächtiger zurück, indem sie zum ersten Mal das +Klassengefühl und Klassenbewußtsein in den Millionen und Abermillionen +wie durch einen elektrischen Schlag weckte. Und dieses Erwachen des +Klassengefühls äußerte sich sofort darin, daß der nach Millionen +zählenden proletarischen Masse ganz plötzlich scharf und schneidend die +Unerträglichkeit jenes sozialen und ökonomischen Daseins zum Bewußtsein +kam, das sie Jahrzehnte in den Ketten des Kapitalismus geduldig ertrug. +Es beginnt daher ein spontanes allgemeines Rütteln und Zerren an diesen +Ketten. Alle tausendfältigen Leiden des modernen Proletariats erinnern +es an alte blutende Wunden. Hier wird um den Achtstundentag gekämpft, +dort gegen die Akkordarbeit, hier werden brutale Meister auf einem +Handkarren im Sack »hinausgefahren«, anderswo gegen infame Strafsysteme, +überall um bessere Löhne, hier und da um Abschaffung der Heimarbeit +gekämpft. Rückständige, degradierte Berufe in großen Städten, kleine +Provinzstädte, die bis dahin in einem idyllischen Schlaf dahin +dämmerten, das Dorf mit seinem Vermächtnis aus dem Leibeigentum -- alles +das besinnt sich plötzlich, vom Januarblitz geweckt, auf seine Rechte +und sucht nun fieberhaft, das Versäumte nachzuholen. Der ökonomische +Kampf war hier also in Wirklichkeit nicht ein Zerfall, eine +Zersplitterung der Aktion, sondern bloß eine Frontänderung, ein +plötzlicher und natürlicher Umschlag der ersten Generalschlacht mit dem +Absolutismus in eine Generalabrechnung mit dem Kapital, die, ihrem +Charakter entsprechend, _die Form_ einzelner zersplitterter Lohnkämpfe +annahm. Nicht die politische Klassenaktion wurde im Januar durch den +Zerfall des Generalstreiks in ökonomische Streiks gebrochen, sondern +umgekehrt; nachdem der in der gegebenen Situation und auf der gegebenen +Stufe der Revolution mögliche Inhalt der politischen Aktion erschöpft +war, zerfiel sie oder schlug vielmehr in eine ökonomische Aktion um. + +In der Tat: was konnte der Generalstreik im Januar weiter erreichen? Nur +völlige Gedankenlosigkeit durfte eine Vernichtung des Absolutismus auf +einen Schlag durch einen einzigen »ausdauernden« Generalstreik nach dem +anarchistischen Schema erwarten. Der Absolutismus muß in Rußland durch +das Proletariat gestürzt werden. Aber das Proletariat bedarf dazu eines +hohen Grades der politischen Schulung, des Klassenbewußtseins und der +Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus +Broschüren und Flugblättern, sondern bloß aus der lebendigen +politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in dem +fortschreitenden Verlauf der Revolution aneignen. Ferner kann der +Absolutismus nicht in jedem beliebigen Moment, wozu bloß eine genügende +»Anstrengung« und »Ausdauer« erforderlich, gestürzt werden. Der +Untergang des Absolutismus ist bloß ein äußerer Ausdruck der inneren +sozialen und Klassenentwicklung der russischen Gesellschaft. Bevor und +damit der Absolutismus gestürzt werden kann, muß das künftige +bürgerliche Rußland in seinem Innern, in seiner modernen +Klassenscheidung hergestellt, geformt werden. Dazu gehört die +Auseinandergrenzung der verschiedenen sozialen Schichten und Interessen, +die Bildung außer der proletarischen, revolutionären, auch nicht minder +der liberalen, radikalen, kleinbürgerlichen, konservativen und +reaktionären Parteien, dazu gehört die Selbstbesinnung, Selbsterkenntnis +und das Klassenbewußtsein nicht bloß der Volksschichten, sondern auch +der bürgerlichen Schichten. Aber auch diese vermögen sich nicht anders +als im Kampf, im Prozeß der Revolution selbst, durch die lebendige +Schule der Ereignisse, im Zusammenprall mit dem Proletariat, sowie +gegeneinander, in unaufhörlicher gegenseitiger Reibung bilden und zur +Reife gedeihen. Diese Klassenspaltung und Klassenreife der bürgerlichen +Gesellschaft sowie ihre Aktion im Kampfe gegen den Absolutismus wird +durch die eigenartige führende Rolle des Proletariats und seine +Klassenaktion einerseits unterbunden und erschwert, anderseits +angepeitscht und beschleunigt. Die verschiedenen Unterströme des +sozialen Prozesses der Revolution durchkreuzen einander, hemmen +einander, steigern die inneren Widersprüche der Revolution, im Resultat +beschleunigen und potenzieren aber damit nur ihre gewaltigen Ausbrüche. + +So erfordert das anscheinend so einfache und nackte rein mechanische +Problem: der Sturz des Absolutismus einen ganzen langen sozialen Prozeß, +eine gänzliche Unterwühlung des gesellschaftlichen Bodens, das Unterste +muß nach oben, das Oberste nach unten gekehrt, die scheinbare »Ordnung« +in einen Chaos und aus dem scheinbaren »anarchistischen« Chaos eine neue +Ordnung umgeschaffen werden. Und nun in diesem Prozeß der sozialen +Umschachtelung des alten Rußland spielte nicht nur der Januar-Blitz des +ersten Generalstreiks, sondern noch mehr das darauffolgende große +Frühlings- und Sommergewitter der ökonomischen Streiks eine +unersetzliche Rolle. Die erbitterte allgemeine Auseinandersetzung der +Lohnarbeit mit dem Kapital hat im gleichen Maße zur Auseinandergrenzung +der verschiedenen Volksschichten wie der bürgerlichen Schichten, zum +Klassenbewußtsein des revolutionären Proletariats wie auch der liberalen +und konservativen Bourgeoisie beigetragen. Und wie die städtischen +Lohnkämpfe zur Bildung der starken monarchischen Moskauer +Industriellen-Partei beigetragen haben, so hat der rote Hahn der +gewaltigen Landerhebung in Livland zur raschen Liquidation des berühmten +adelig-agrarischen Semstwo-Liberalismus geführt. + +Zugleich aber hat die Periode der ökonomischen Kämpfe im Frühling und +Sommer des Jahres 1905 dem städtischen Proletariat in der Gestalt der +regen sozialdemokratischen Agitation und Leitung die Möglichkeit +gegeben, die ganze Summe der Lehren des Januar-Prologs sich nachträglich +anzueignen, sich die weiteren Aufgaben der Revolution klar zu machen. Im +Zusammenhang damit steht aber noch ein anderes Ergebnis dauernden +sozialen Charakters: _eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus des +Proletariats_, des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen. Die +Frühlingsstreiks des Jahres 1905 sind fast durchweg siegreich verlaufen. +Als eine Probe aus dem enormen und noch meistens unübersehbaren +Tatsachenmaterial seien hier nur einige Daten über ein paar der allein +in Warschau von der Sozialdemokratie Polens und Litauens geleiteten +wichtigsten Streiks angeführt. In den größten Fabriken der +_Metallbranche_ Warschaus: Aktiengesellschaft Lilpop, Rau & Löwenstein, +Rudzki & Co., Bormann, Schwede & Co., Handtke, Gerlach & Pulst, Gebrüder +Geisler, Eberhard, Wolski & Co., Aktiengesellschaft Konrad & +Jarmuszkiewicz, Weber & Daehn, Gwizdzinski & Co., Drahtfabrik +Wolanowski, Aktiengesellschaft Gostynski & Co., R. Brun & Sohn, Fraget, +Norblin, Werner, Buch, Gebrüder Renneberg, Labor, Lampenfabrik Dittmar, +Serkowski, Weszyski, zusammen 22 Fabriken errangen die Arbeiter sämtlich +nach einem vier- bis fünfwöchigen Streik (seit dem 25. und 26. Januar) +den neunstündigen Arbeitstag, eine Lohnerhöhung von 15 bis 25 pZt. und +verschiedene geringere Forderungen. In den größten Werkstätten der +_Holzbranche_ Warschaus, nämlich bei Karmanski, Damiecki, Gromel, +Szerbinski, Tremerowski, Horn, Bevensee, Tworkowski, Daab & Martens, +zusammen 10 Werkstätten, errangen die Streikenden bereits am 23. Februar +den Neunstundentag; sie gaben sich jedoch nicht zufrieden und bestanden +auf dem Achtstundentag, den sie auch nach einer weiteren Woche +durchsetzten, zugleich mit einer Lohnerhöhung. Die gesamte +_Maurerbranche_ begann den Streik am 27. Februar, forderte gemäß der +Parole der Sozialdemokratie den Achtstundentag und errang am 11. März +den Neunstundentag, eine Lohnerhöhung für alle Kategorien, regelmäßige +wöchentliche Lohnauszahlung usw. usw. Die _Anstreicher_, _Stellmacher_, +_Sattler_ und _Schmiede_ errangen gemeinsam den Achtstundentag ohne +Lohnverkürzung. Die _Telephon_-Werkstätten streikten zehn Tage und +errangen den Achtstundentag und eine Lohnerhöhung um 10 bis 15 pZt. Die +große _Leinenweberei_ Hielle & Dietrich (10 000 Arbeiter) errang nach +neun Wochen Streik eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und +Lohnaufbesserung um 5 bis 10 pZt. Und dasselbe Ergebnis in unendlichen +Variationen sehen wir in allen übrigen Branchen Warschaus, in Lodz, in +Sosnowitz. + +Im eigentlichen Rußland wurde der _Achtstundentag_ erobert: im September +1904 von einigen Kategorien der Naphthaarbeiter in Baku, im Mai 1905 von +den Zuckerarbeitern des Kijewer Rayons, im Januar 1905 in sämtlichen +Buchdruckereien der Stadt Samara (wo zugleich eine Erhöhung der +Akkordlöhne und Abschaffung der Strafen durchgesetzt wurde), im Februar +in der Fabrik kriegsmedizinischer Instrumente, in einer Möbeltischlerei +und in der Patronenfabrik in Petersburg, ferner wurde eine achtstündige +Schicht in den Gruben von Wladiwostok eingeführt, im März in der +staatlichen mechanischen Werkstatt der Staatspapiere, im April bei den +Schmieden der Stadt Bobrujsk, im Mai bei den Angestellten der +elektrischen Stadtbahn in Tiflis, gleichfalls im Mai der +achteinhalbstündige Arbeitstag in der Riesenbaumwollweberei von Morosow +(bei gleichzeitiger Abschaffung der Nachtarbeit und Erhöhung der Löhne +um 8 pZt.), im Juni der Achtstundentag in einigen Ölmühlen in Petersburg +und Moskau, im Juli achteinhalb Stunden bei den Schmieden des +Petersburger Hafens, im November in sämtlichen Privatdruckereien der +Stadt Orel (bei gleichzeitiger Erhöhung des Zeitlohnes um 20 pZt. und +der Akkordlöhne um 100 pZt., sowie der Einführung eines paritätischen +Einigungsamtes). + +Der _Neunstundentag_ in sämtlichen Eisenbahnwerkstätten (im Februar), in +vielen staatlichen Militär- und Marinewerkstätten, in den meisten +Fabriken der Stadt Berdjansk, in sämtlichen Druckereien der Stadt +Poltawa sowie der Stadt Minsk; neuneinhalb Stunden auf der Schiffswerft, +Mechanischen Werkstatt und Gießerei der Stadt Nikolajew, im Juni nach +einem allgemeinen Kellnerstreik in Warschau in vielen Restaurants und +Cafés (bei gleichzeitiger Lohnerhöhung um 20 bis 40 pZt. und einem +zweiwöchentlichen Urlaub jährlich). + +Der _Zehnstundentag_ in fast sämtlichen Fabriken der Städte Lodz, +Gosnowitz, Riga, Kowno, Reval, Dorpat, Minsk, Charkow, bei den Bäckern +in Odessa, in den Handwerkstätten in Kischinew, in einigen Hutfabriken +in Petersburg, in den Zündholzfabriken in Kowno (bei gleichzeitiger +Lohnerhöhung um 10 pZt.), in sämtlichen staatlichen Marinewerkstätten +und bei sämtlichen Hafenarbeitern. + +Die Lohnerhöhungen sind im allgemeinen geringer als die Verkürzung der +Arbeitszeit, immerhin aber bedeutende; so wurde in Warschau Mitte März +1905 von dem städtischen Fabrikamt eine allgemeine Lohnerhöhung um 15 +pZt. festgestellt; in dem Zentrum der Textilindustrie Iwanowo-Wosnesensk +erreichten die Lohnerhöhungen 7 bis 15 pZt.; in Kowno wurden von der +Lohnerhöhung 78 pZt. der gesamten Arbeiterzahl betroffen. Ein fester +_Minimallohn_ wurde eingeführt: in einem Teile der Bäckereien in Odessa, +in der Newaschen Schiffswerft in Petersburg usw. + +Freilich werden die Konzessionen vielfach bald hier bald dort wieder +zurückgenommen. Dies gibt aber nur den Anlaß zu erneuten, noch +erbitterteren Revanchekämpfen, und so ist die Streikperiode des +Frühlings 1905 von selbst zum Prolog einer unendlichen Reihe sich immer +weiter ausbreitender und ineinanderschlingender ökonomischer Kämpfe +geworden, die bis auf den heutigen Tag dauern. In den Perioden des +äußerlichen Stillstandes der Revolution, wo die Telegramme keine +Sensationsnachrichten vom russischen Kampfplatz in die Welt tragen und +wo der westeuropäische Leser mit Enttäuschung seine Morgenzeitung aus +der Hand legt, mit der Bemerkung, daß in Rußland »nichts passiert sei«, +wird in Wirklichkeit in der Tiefe des ganzen Reiches die große +Maulwurfsarbeit der Revolution ohne Rast Tag für Tag und Stunde für +Stunde fortgesetzt. Der unaufhörliche intensive ökonomische Kampf setzt +in rapiden abgekürzten Methoden die Hinüberleitung des Kapitalismus aus +dem Stadium der primitiven Akkumulation, des patriarchalischen Raubbaus +in ein hochmodernes, zivilisiertes Stadium durch. Heute läßt die +tatsächliche Arbeitszeit in der russischen Industrie nicht nur die +russische Fabrikgesetzgebung, d. h. den gesetzlichen elfeinhalbstündigen +Arbeitstag, sondern selbst die deutschen tatsächlichen Verhältnisse +hinter sich. In den meisten Branchen der russischen Großindustrie +herrscht heute der Zehnstundentag, der in Deutschland von der +Sozialgesetzgebung als unerreichbares Ziel hingestellt wird. Ja, noch +mehr; jener ersehnte »industrielle Konstitutionalismus«, für den man in +Deutschland schwärmt und um deswillen die Anhänger der opportunistischen +Taktik jedes schärfere Lüftchen von den stehenden Gewässern des +allein-seligmachenden Parlamentarismus fernhalten möchten, wird in +Rußland gerade mitten im Revolutionssturm, _aus_ der Revolution, +zusammen mit dem politischen »Konstitutionalismus« geboren! Tatsächlich +ist nicht bloß eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus oder vielmehr +des Kulturniveaus der Arbeiterschaft eingetreten. Das materielle +Lebensniveau als eine dauernde Stufe des Wohlseins findet in der +Revolution keinen Platz. Voller Widersprüche und Kontraste, bringt sie +zugleich überraschende ökonomische Siege und brutalste Racheakte des +Kapitals: heute den Achtstundentag, morgen Massenaussperrungen und +nackten Hunger für Hunderttausende. Das Kostbarste, weil bleibende, bei +diesem scharfen revolutionären Auf und Ab der Welle ist ihr _geistiger +Niederschlag_: das sprungweise intellektuelle, kulturelle Wachstum des +Proletariats, das eine unverbrüchliche Gewähr für sein weiteres +unaufhaltsames Fortschreiten im wirtschaftlichen wie im politischen +Kampfe bietet. Allein, nicht bloß das. Das Verhältnis selbst +des Arbeiters zum Unternehmer wird umgestülpt; seit den +Januar-Generalstreiks und den darauffolgenden Streiks des Jahres 1905 +ist das Prinzip des kapitalistischen »Hausherrentums« #de facto# +abgeschafft. In den größten Fabriken aller wichtigsten Industriezentren +hat sich wie von selbst die Einrichtung der Arbeiterausschüsse gebildet, +mit denen allein der Unternehmer verhandelt, die über alle Konflikte +entscheiden. Und schließlich noch mehr: Die anscheinend chaotischen +Streiks und die »desorganisierte« revolutionäre Aktion nach dem +Januar-Generalstreik wird zum Ausgangspunkt einer fieberhaften +_Organisationsarbeit_. Madame Geschichte dreht den bureaukratischen +Schablonenmenschen, die an den Toren des deutschen Gewerkschaftsglücks +grimmige Wacht halten, von weitem lachend eine Nase. Die festen +Organisationen, die als unbedingte Voraussetzung für einen eventuellen +Versuch zu einem eventuellen deutschen Massenstreik im voraus wie eine +uneinnehmbare Festung umschanzt werden sollen, diese Organisationen +werden in Rußland gerade umgekehrt aus dem Massenstreik geboren! Und +während die Hüter der deutschen Gewerkschaften am meisten befürchten, +daß die Organisationen in einem revolutionären Wirbel wie kostbares +Porzellan krachend in Stücke gehen, zeigt uns die russische Revolution +das direkt umgekehrte Bild: aus dem Wirbel und Sturm, aus Feuer und Glut +der Massenstreiks, der Straßenkämpfe steigen empor wie die Venus aus dem +Meerschaum: frische, junge, kräftige und lebensfrohe ..... +Gewerkschaften. + +Hier nur wieder ein kleines Beispiel, das aber für das gesamte Reich +typisch ist. Auf der zweiten Konferenz der Gewerkschaften Rußlands, die +Ende Februar 1906 in Petersburg stattgefunden hat, sagte der Vertreter +der Petersburger Gewerkschaften in seinem Bericht über die Entwicklung +der Gewerkschaftsorganisationen der Zarenhauptstadt: + +»Der 22. Januar 1905, der den Gaponschen Verein weggespült hat, bildete +einen Wendepunkt. Die Arbeiter aus der Masse haben an der Hand der +Ereignisse gelernt, die Bedeutung der Organisation zu schätzen und +begriffen, daß nur sie selbst diese Organisationen schaffen können. -- +In direkter Verbindung mit der Januarbewegung entsteht in Petersburg die +erste Gewerkschaft: die der Buchdrucker. Die zur Ausarbeitung des Tarifs +gewählte Kommission arbeitete die Statuten aus, und am 19. Juni begann +die Gewerkschaft ihre Existenz. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde die +Gewerkschaft der Kontoristen und der Buchhalter ins Leben gerufen. Neben +diesen Organisationen, die fast offen (legal) existieren, entstanden vom +Januar bis Oktober 1905 halbgesetzliche und ungesetzliche +Gewerkschaften. Zu den ersteren gehört z. B. die der Apothekergehülfen +und der Handelsangestellten. Unter den ungesetzlichen Gewerkschaften muß +der Verein der Uhrmacher hervorgehoben werden, dessen erste geheime +Sitzung am 24. April stattfand. Alle Versuche, eine allgemeine offene +Versammlung einzuberufen, scheiterten an dem hartnäckigen Widerstand der +Polizei und der Unternehmer in der Person der Handwerkskammer. Dieser +Mißerfolg hat die Existenz der Gewerkschaft nicht verhindert. Sie hielt +geheime Mitgliederversammlungen am 9. Juni und 14. August ab, abgesehen +von den Sitzungen der Vorstände der Gewerkschaft. Die Schneider-und +Schneiderinnengewerkschaft wurde im Frühling des Jahres 1905 in einer +Versammlung im Walde gegründet, wo 70 Schneider anwesend waren. Nachdem +die Frage der Gründung besprochen wurde, wählte man eine Kommission, die +mit der Ausarbeitung des Statuts beauftragt wurde. Alle Versuche der +Kommission, für die Gewerkschaft eine gesetzliche Existenz +durchzusetzen, blieben erfolglos. Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf die +Agitation und Mitgliederwerbung in den einzelnen Werkstätten. Ein +ähnliches Schicksal war der Schuhmachergewerkschaft beschieden. Im Juli +wurde Nachts in einem Walde außerhalb der Stadt eine geheime Versammlung +einberufen. Mehr als 100 Schuhmacher kamen zusammen; es wurde ein +Referat über die Bedeutung der Gewerkschaften, über ihre Geschichte in +Westeuropa und ihre Aufgaben in Rußland gehalten. Darauf ward +beschlossen, eine Gewerkschaft zu gründen; 12 Mann wurden in eine +Kommission gewählt, die das Statut ausarbeiten und eine allgemeine +Schuhmacherversammlung einberufen sollte. Das Statut wurde +ausgearbeitet, aber es gelang vorläufig weder es zu drucken, noch eine +allgemeine Versammlung einzuberufen.« + +Das waren die ersten schweren Anfänge. Dann kamen die Oktobertage, der +zweite allgemeine Generalstreik, das Zarenmanifest des 30. Oktober und +die kurze »Verfassungsperiode«. Mit Feuereifer stürzen sich die Arbeiter +in die Wogen der politischen Freiheit, um sie sofort zum +Organisationswerk zu benutzen. Neben tagtäglichen politischen +Versammlungen, Debatten, Vereinsgründungen wird sofort der Ausbau der +Gewerkschaften in Angriff genommen. Im Oktober und November entstehen in +Petersburg _vierzig_ neue Gewerkschaften. Alsbald wird ein +»Zentralbureau«, d. h. ein Gewerkschaftskartell gegründet, es erscheinen +verschiedene Gewerkschaftsblätter und seit dem November auch ein +Zentralorgan: »Die Gewerkschaft«. Das, was im obigen über Petersburg +berichtet wurde, trifft im großen und ganzen auf Moskau und Odessa, +Kijew und Nikolajew, Saratow und Woronesch, Samara und Nischni-Nowgorod, +auf alle größeren Städte Rußlands und in noch höherem Grade auf Polen +zu. Die Gewerkschaften einzelner Städte suchen Fühlung miteinander, es +werden Konferenzen abgehalten. Das Ende der »Verfassungsperiode« und die +Umkehr zur Reaktion im Dezember 1905 macht zeitweilig auch ein Ende der +offenen, breiten Tätigkeit der Gewerkschaften, bläst ihnen aber das +Lebenslicht nicht aus. Sie wirken weiter im geheimen als Organisation +und führen gleichzeitig ganz offen Lohnkämpfe. Es bildet sich ein +eigenartiges Gemisch eines gesetzlichen und ungesetzlichen Zustandes des +Gewerkschaftslebens aus, entsprechend der widerspruchsvollen +revolutionären Situation. Aber mitten im Kampf wird das +Organisationswerk mit aller Gründlichkeit, ja mit Pedanterie weiter +ausgebaut. Die Gewerkschaften der Sozialdemokratie Polens und Litauens +z. B., die auf dem letzten Parteitag (im Juli 1906) durch fünf +Delegierte von 10 000 zahlenden Mitgliedern vertreten waren, sind mit +ordentlichen Statuten, gedruckten Mitgliedsbüchlein, Klebemarken usw. +versehen. Und dieselben Warschauer und Lodzer Bäcker und Schuhmacher, +Metallarbeiter und Buchdrucker, die im Juni 1905 auf den Barrikaden +standen und im Dezember nur auf eine Parole aus Petersburg +zum Straßenkampf warteten, finden zwischen einem Massenstreik +und dem anderen, zwischen Gefängnis und Aussperrung, unter +dem Belagerungszustand Muße und heiligen Ernst, um ihre +Gewerkschaftsstatuten eingehend und aufmerksam zu diskutieren. Ja, diese +gestrigen und morgigen Barrikadenkämpfer haben mehr als einmal in +Versammlungen ihren Leitern unbarmherzig den Kopf gewaschen und mit dem +Austritt aus der Partei gedroht, weil die unglücklichen +gewerkschaftlichen Mitgliedsbüchlein nicht rasch genug -- in geheimen +Druckereien unter unaufhörlicher polizeilicher Hetzjagd -- gedruckt +werden konnten. Dieser Eifer und dieser Ernst dauern bis zur Stunde +fort. In den ersten zwei Wochen des Juli 1906 sind z. B. in +Jekaterinoslaw 15 neue Gewerkschaften entstanden: in Kostroma 6 +Gewerkschaften, mehrere in Kijew, Poltawa, Smolensk, Tscherkassy, +Proskurow -- bis in die kleinsten Provinznester. In der Sitzung des +Moskauer Gewerkschaftskartells vom 4. Juni d. J. wurde nach +Entgegennahme der Berichte einzelner Gewerkschaftsdelegierten +beschlossen: »Daß die Gewerkschaften ihre Mitglieder disziplinieren und +von Straßenkrawallen zurückhalten sollen, weil der Moment für den +Massenstreik als ungeeignet betrachtet wird. Angesichts möglicher +Provokationen der Regierung sollen sie achtgeben, daß die Masse nicht +auf die Straße hinausströmt. Endlich beschloß das Kartell, daß in der +Zeit, wo eine Gewerkschaft einen Streik führt, die anderen sich von +Lohnbewegungen zurückzuhalten haben.« Die meisten ökonomischen Kämpfe +werden jetzt von den Gewerkschaften geleitet.[2] + +[Fußnote 2: In den zwei ersten Wochen des Juni 1906 allein wurden +folgende Lohnkämpfe geführt: bei den Buchdruckern in _Petersburg_, +_Moskau_, _Odessa_, _Minsk_, _Wilna_, _Saratow_, _Mogilew_, _Tambow_ um +den Achtstundentag und die Sonntagsruhe; ein Generalstreik der Seeleute +in _Odessa_, _Nikolajew_, _Kertsch_, _Krim_, _Kaukasus_, auf der +_Wolga_-Flotte, in _Kronstadt_, in _Warschau_ und _Plock_ um die +Anerkennung der Gewerkschaft und Freilassung der verhafteten +Arbeiterdelegierten; bei den Hafenarbeitern in _Saratow_, _Nikolajew_, +_Zarizin_, _Archangel_, _Nischni-Nowgorod_, _Rybinsk_. Die Bäcker +streikten in _Kijew_, _Archangel_, _Bialystock_, _Wilna_, _Odessa_, +_Charkow_, _Brest-Litowsk_, _Radom_, _Tiflis_; die Landarbeiter in den +Distrikten Werchne-Dneprowsk, Borisowsk, Simferopol, in den +Gouvernements Podolsk, Tula, Kursk, in den Distrikten Koslow, Lipowetz, +in Finnland, im Gouvernement Kijew, im Jelissawetgrader Distrikt. In +mehreren Städten streikten in dieser Periode _gleichzeitig fast +sämtliche Gewerbezweige_, so in Saratow, Archangel, Kertsch, +Krementschug. In _Bachmut_ gab es einen Generalstreik der Kohlenarbeiter +des ganzen Reviers. In anderen Städten ergriff die Lohnbewegung binnen +der erwähnten zwei Wochen _nacheinander alle_ Gewerbezweige, so in +Kijew, Petersburg, Warschau, Moskau, im ganzen Rayon Ivanowo-Wosnesensk. +Zweck der Streiks überall: Verkürzung der Arbeitszeit, Sonntagsruhe, +Lohnforderungen. _Die meisten Streiks verliefen siegreich._ Es wird in +den lokalen Berichten hervorgehoben, dass sie zum Teil Arbeiterschichten +ergriffen, die sich zum ersten Male an einer Lohnbewegung beteiligten.] + +So hat der vom Januar-Generalstreik ausgehende große ökonomische Kampf, +der von da an bis auf den heutigen Tag nicht aufhört, einen breiten +Hintergrund der Revolution gebildet, aus dem sich in unaufhörlicher +Wechselwirkung mit der politischen Agitation und den äußeren Ereignissen +der Revolution immer wieder bald hier und da einzelne Explosionen, bald +allgemeine, große Hauptaktionen des Proletariats erheben. So flammen auf +diesem Hintergrund nacheinander auf: am 1. Mai 1905 zur Maifeier ein +beispielloser absoluter Generalstreik in _Warschau_ mit einer völlig +friedlichen Massendemonstration, die in einem blutigen Renkontre der +wehrlosen Menge mit den Soldaten endet. Im Juni führt in _Lodz_ ein +Massenausflug, der von Soldaten zerstreut wird, zu einer Demonstration +von 100 000 Arbeitern auf dem Begräbnis einiger Opfer der Soldateska, zu +erneutem Renkontre mit dem Militär und schließlich zum Generalstreik, +der am 23., 24. und 25. in den ersten Barrikadenkampf im Zarenreiche +übergeht. Im Juni gleichfalls explodiert im Odessaer Hafen aus einem +kleinen Zwischenfall an Bord des Panzerschiffes »Potemkin« die erste +große Matrosenrevolte der Schwarzmeerflotte, die sofort als Rückwirkung +in _Odessa_ und _Nikolajew_ einen gewaltigen Massenstreik hervorruft. +Als weiteres Echo folgen: der Massenstreik und Matrosenrevolten in +_Kronstadt_, _Libau_, _Wladiwostok_. + +In den Monat Oktober fällt das grandiose Experiment Petersburgs mit der +Einführung des Achtstundentags. Der Rat der Arbeiterdelegierten +beschließt, in Petersburg auf revolutionärem Wege den Achtstundentag +durchzusetzen. Das heißt: an einem bestimmten Tage erklären sämtliche +Arbeiter Petersburgs ihren Unternehmern, daß sie nicht gewillt sind, +länger als acht Stunden täglich zu arbeiten und verlassen zur +entsprechenden Stunde die Arbeitsräume. Die Idee gibt Anlaß zu einer +lebhaften Agitation, wird vom Proletariat mit Begeisterung aufgenommen +und ausgeführt, wobei die größten Opfer nicht gescheut werden. So +bedeutete zum Beispiel der Achtstundentag für die Textilarbeiter, die +bis dahin elf Stunden und zwar bei Akkordlöhnen arbeiteten, einen +enormen Lohnausfall, den sie jedoch bereitwillig akzeptierten. _Binnen +einer Woche herrscht in sämtlichen Fabriken und Werkstätten Petersburgs +der Achtstundentag_, und der Jubel der Arbeiterschaft kennt keine +Grenzen. Bald rüstet jedoch das anfangs verblüffte Unternehmertum zur +Abwehr: es wird überall mit der Schließung der Fabriken gedroht. Ein +Teil der Arbeiter läßt sich auf Verhandlungen ein und erringt hier den +Zehn-, dort den Neunstundentag. Die Elite des Petersburger Proletariats +jedoch, die Arbeiter der großen staatlichen Metallwerke bleiben +unerschüttert und es erfolgt eine Aussperrung, die 45 bis 50 000 Mann +für einen Monat aufs Pflaster setzt. Durch diesen Abschluß spielt die +Achtstundenbewegung in den allgemeinen Massenstreik des Dezember hinein, +den die große Aussperrung in hohem Maße unterbunden hat. + +Inzwischen folgt aber im Oktober als Antwort auf das Bulyginsche +Duma-Projekt der zweite gewaltigste allgemeine Massenstreik im gesamten +Zarenreich, zu dem die Eisenbahner die Parole ausgeben. Diese zweite +revolutionäre Hauptaktion des Proletariats trägt schon einen wesentlich +anderen Charakter, als die erste im Januar. Das Element des politischen +Bewußtseins spielt schon eine viel größere Rolle. Freilich war auch hier +der erste Anlaß zum Ausbruch des Massenstreiks ein untergeordneter und +scheinbar zufälliger: der Konflikt der Eisenbahner mit der Verwaltung +wegen der Pensionskasse. Allein die darauf erfolgte allgemeine Erhebung +des Industrieproletariats wird vom klaren politischen Gedanken getragen. +Der Prolog des Januarstreiks war ein Bittgang zum Zaren um politische +Freiheit, die Losung des Oktoberstreiks lautete: Fort mit der +konstitutionellen Komödie des Zarismus! Und Dank dem sofortigen Erfolg +des Generalstreiks: dem Zarenmanifest vom 30. Oktober, fließt die +Bewegung nicht nach innen zurück, wie im Januar, um erst die Anfänge des +ökonomischen Klassenkampfes nachzuholen, sondern gießt sich nach außen +in eine eifrige Betätigung der frisch eroberten politischen Freiheit +über. Demonstrationen, Versammlungen, eine junge Presse, öffentliche +Diskussionen und blutige Massacres als das Ende vom Liede, darauf neue +Massenstreiks und Demonstration -- das ist das stürmische Bild der +November- und Dezembertage. Im November wird auf den Appell der +Sozialdemokratie hin in Petersburg der erste demonstrative Massenstreik +veranstaltet als Protestkundgebung gegen die Bluttaten und die +Verhängung des Belagerungszustandes in Livland und Polen. Die Gärung +nach dem kurzen Verfassungstraum und dem grausamen Erwachen führt +endlich im Dezember zum Ausbruch des dritten allgemeinen Massenstreiks +im ganzen Zarenreich. Diesmal ist der Verlauf und der Ausgang wieder ein +ganz anderer, wie in den beiden früheren Fällen. Die politische Aktion +schlägt nicht mehr in eine ökonomische um, wie im Januar, sie erringt +aber auch nicht mehr einen raschen Sieg, wie im Oktober. Die Versuche +der zarischen Kamarilla mit der wirklichen politischen Freiheit werden +nicht mehr gemacht und die revolutionäre Aktion stößt somit zum ersten +Male in ihrer ganzen Breite auf die starre Mauer der physischen Gewalt +des Absolutismus. Durch die logische innere Entwicklung der +fortschreitenden Ereignisse schlägt der Massenstreik diesmal um in einen +offenen Aufstand, einen bewaffneten Barrikaden- und Straßenkampf in +Moskau. Die Moskauer Dezembertage schließen als der Höhepunkt der +aufsteigenden Linie der politischen Aktion und der Massenstreikbewegung +das erste arbeitsreiche Jahr der Revolution ab. + +Die Moskauer Ereignisse zeigen zugleich im kleinen Probebild die +logische Entwicklung und die Zukunft der revolutionären Bewegung im +ganzen: ihren unvermeidlichen Abschluß in einem allgemeinen offenen +Aufstand, der aber seinerseits wieder nicht anders zu stande kommen +kann, als durch die Schule einer Reihe vorbereitender partieller +Aufstände, die eben deshalb vorläufig mit partiellen äußeren +»Niederlagen« abschließen und, jeder einzeln betrachtet, als »verfrüht« +erscheinen mögen. + +Das Jahr 1906 bringt die Duma-Wahlen und die Duma-Episode. Das +Proletariat boykottiert aus kräftigem revolutionären Instinkt und klarer +Erkenntnis der Lage die ganze zarisch-konstitutionelle Farçe, und den +Vordergrund der politischen Bühne nimmt für einige Monate wieder der +Liberalismus ein. Die Situation des Jahres 1904 kehrt anscheinend +wieder: eine Periode des Redens tritt an Stelle des Handelns, und das +Proletariat tritt für eine Zeitlang in den Schatten, um sich desto +fleißiger dem gewerkschaftlichen Kampf und dem Organisationswerk zu +widmen. Die Massenstreiks verstummen, während knatternde Raketen der +liberalen Rethorik Tag für Tag abgefeuert werden. Schließlich rasselt +der eiserne Vorhang plötzlich herunter, die Schauspieler werden +auseinander gejagt, von den liberalen Raketen bleibt nur Rauch und Dunst +übrig. Ein Versuch des Zentralkomitees der russischen Sozialdemokratie, +als Demonstration für die Duma und für die Wiedereröffnung der Periode +des liberalen Redens einen vierten Massenstreik in ganz Rußland +hervorzurufen, fällt platt zu Boden. Die Rolle der politischen +Massenstreiks allein ist erschöpft, der Übergang des Massenstreiks in +einen allgemeinen Volksaufstand und Straßenkampf aber noch nicht +herangereift. Die liberale Episode ist vorbei, die proletarische hat +noch nicht wieder begonnen. Die Bühne bleibt vorläufig leer. + + + + +IV. + + +Wir haben im vorigen in wenigen knappen Zügen die Geschichte der +Massenstreiks in Rußland zu skizzieren gesucht. Schon ein flüchtiger +Blick auf diese Geschichte zeigt uns ein Bild, das in keinem Strich +demjenigen ähnelt, welches man sich bei der Diskussion in Deutschland +gewöhnlich vom Massenstreik macht. Statt des starren und hohlen Schemas +einer auf Beschluß der höchsten Instanzen mit Plan und Umsicht +ausgeführten trocknen politischen »Aktion«, sehen wir ein Stück +lebendiges Leben aus Fleisch und Blut, das sich gar nicht aus dem großen +Rahmen der Revolution herausschneiden läßt, das durch tausend Adern mit +dem ganzen Drum und Dran der Revolution verbunden ist. + +Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist eine +so wandelbare Erscheinung, daß er alle Phasen des politischen und +ökonomischen Kampfes, alle Stadien und Momente der Revolution in sich +spiegelt. Seine Anwendbarkeit, seine Wirkungskraft, seine +Entstehungsmomente ändern sich fortwährend. Er eröffnet plötzlich neue, +weite Perspektiven der Revolution, wo sie bereits in einen Engpaß +geraten schien, und er versagt, wo man auf ihn mit voller Sicherheit +glaubt rechnen zu können. Er flutet bald wie eine breite Meereswoge über +das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz dünner Ströme; +bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie ein frischer Quell, bald +versickert er ganz im Boden. Politische und ökonomische Streiks, +Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks und +Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen und Generalstreiks +einzelner Städte, ruhige Lohnkämpfe und Straßenschlachten, +Barrikadenkämpfe -- alles das läuft durcheinander, nebeneinander, +durchkreuzt sich, flutet ineinander über; es ist ein ewig bewegliches, +wechselndes Meer von Erscheinungen. Und das Bewegungsgesetz dieser +Erscheinungen wird klar: Es liegt nicht in dem Massenstreik selbst, +nicht in seinen technischen Besonderheiten, sondern in dem politischen +und sozialen Kräfteverhältnis der Revolution. Der Massenstreik ist bloß +die Form des revolutionären Kampfes und jede Verschiebung im Verhältnis +der streitenden Kräfte, in der Parteientwicklung und der +Klassenscheidung, in der Position der Kontrerevolution, alles das +beeinflußt sofort auf tausend unsichtbaren, kaum kontrollierbaren Wegen +die Streikaktion. Dabei hört aber die Streikaktion selbst fast keinen +Augenblick auf. Sie ändert bloß ihre Formen, ihre Ausdehnung, ihre +Wirkung. Sie ist der lebendige Pulsschlag der Revolution und zugleich +ihr mächtigstes Triebrad. Mit einem Wort: der Massenstreik, wie ihn uns +die russische Revolution zeigt, ist nicht ein pfiffiges Mittel, +ausgeklügelt zum Zwecke einer kräftigeren Wirkung des proletarischen +Kampfes, sondern er ist _die Bewegungsweise der proletarischen Masse, +die Erscheinungsform des proletarischen Kampfes in der Revolution_. + +Daraus lassen sich für die Beurteilung des Massenstreikproblems einige +allgemeine Gesichtspunkte ableiten. + +1. Es ist gänzlich verkehrt, sich den Massenstreik als einen Akt, eine +Einzelhandlung zu denken. Der Massenstreik ist vielmehr die Bezeichnung, +der Sammelbegriff einer ganzen jahrelangen, vielleicht jahrzehntelangen +Periode des Klassenkampfes. Von den unzähligen verschiedensten +Massenstreiks, die sich in Rußland seit vier Jahren abgespielt haben, +paßt das Schema des Massenstreiks als eines rein politischen, nach Plan +und Absicht hervorgerufenen und abgeschlossenen, kurzen Einzelaktes +lediglich auf eine und zwar untergeordnete Spielart: auf den reinen +Demonstrationsstreik. Im ganzen Verlauf der fünfjährigen Periode sehen +wir in Rußland bloß einige wenige Demonstrationsstreiks, die sich +notabene gewöhnlich nur auf einzelne Städte beschränken. So der +jährliche Maifeier-Generalstreik in Warschau und in Lodz -- im +eigentlichen Rußland ist der 1. Mai bis jetzt noch nicht in +nennenswertem Umfange durch Arbeitsruhe gefeiert worden; der +Massenstreik in Warschau am 11. September 1905 als Trauerfeier zu Ehren +des hingerichteten Martin Kasprzak, im November 1905 in Petersburg als +Protestkundgebung gegen die Erklärung des Belagerungszustandes in Polen +und Livland, am 22. Januar 1906 in Warschau, Lodz, Czenstochau und dem +Dombrowaer Kohlenbecken, sowie zum Teil in einigen russischen Städten +als Jahresfeier des Gedenktages des Petersburger Blutbades; ferner im +Juli 1906 ein Generalstreik in Tiflis als Sympathiekundgebung für die +vom Kriegsgericht wegen der Militärrevolte abgeurteilten Soldaten, +endlich aus gleichem Anlaß im September d. J. während der Verhandlung +des Kriegsgerichts in Reval. Alle übrigen großen und partiellen +Massenstreiks und Generalstreiks waren nicht Demonstrations- sondern +Kampfstreiks, und als solche entstanden sie meistens spontan, jedesmal +aus spezifischen lokalen zufälligen Anlässen, ohne Plan und Absicht und +wuchsen sich mit elementarer Macht zu großen Bewegungen aus, wobei sie +nicht einen »geordneten Rückzug« antraten, sondern sich bald in +ökonomischen Kampf verwandelten, bald in Straßenkampf, bald fielen sie +von selbst zusammen. + +In diesem allgemeinen Bilde spielen die reinen politischen +Demonstrationsstreiks eine ganz untergeordnete Rolle -- die einzelner +kleiner Punkte mitten unter gewaltigen Flächen. Dabei läßt +sich, zeitlich betrachtet, folgender Zug wahrnehmen: Die +Demonstrationsstreiks, die im Unterschied von den Kampfstreiks das +größte Maß von Parteidisziplin, bewußter Leitung und politischem +Gedanken aufweisen, also nach dem Schema als die höchste und reifste +Form der Massenstreiks erscheinen müßten, spielen in Wahrheit die größte +Rolle in den _Anfängen_ der Bewegung. So war z. B. die absolute +Arbeitsruhe am 1. Mai 1905 in Warschau, als der erste Fall eines so +staunenswert durchgeführten Beschlusses der Sozialdemokratie, für die +proletarische Bewegung in Polen ein Ereignis von großer Tragweite. +Ebenso hat der Sympathiestreik im November des gleichen Jahres in +Petersburg als die erste Probe einer bewußten planmäßigen Massenaktion +in Rußland großen Eindruck gemacht. Genau so wird auch der +»Probemassenstreik« der Hamburger Genossen vom 17. Januar 1906 eine +hervorragende Rolle in der Geschichte der künftigen deutschen +Massenstreiks spielen, als der erste frische Versuch mit der soviel +umstrittenen Waffe und zwar als ein so wohlgelungener, von der +Kampfstimmung und Kampffreude der Hamburger Arbeiterschaft so +überzeugend sprechender Versuch. Und ebenso sicher wird die Periode der +Massenstreiks in Deutschland, wenn sie einmal im Ernst begonnen hat, von +selbst zu einer wirklichen allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai führen. Die +Maifeier dürfte naturgemäß als die erste große Demonstration im Zeichen +der Massenkämpfe zu Ehren kommen. In diesem Sinne hat der »lahme Gaul«, +wie die Maifeier auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß genannt wurde, noch +eine große Zukunft und eine wichtige Rolle im proletarischen +Klassenkampfe in Deutschland vor sich. Allein mit der Entwicklung der +ernsten revolutionären Kämpfe nimmt die Bedeutung solcher +Demonstrationen rasch ab. Gerade dieselben Momente, die das +Zustandekommen der Demonstrationsstreiks nach vorgefaßtem Plan und auf +die Parole der Parteien hin objektiv ermöglichen: das Wachstum des +politischen Bewußtseins und der Schulung des Proletariats, machen +diese Art von Massenstreiks unmöglich: heute will das Proletariat +in Rußland, und zwar gerade die tüchtigste Vorhut der Masse, von +Demonstrationsstreiks nichts wissen; die Arbeiter verstehen keinen Spaß +mehr und wollen nunmehr bloß an ernsten Kampf mit allen seinen +Konsequenzen denken. Und wenn in dem ersten großen Massenstreik im +Januar 1905 das demonstrative Element, zwar nicht in absichtlicher, +sondern mehr in instinktiver, spontaner Form, noch eine große Rolle +spielte, so scheiterte umgekehrt der Versuch des Zentralkomitees der +russischen Sozialdemokratie, im August einen Massenstreik als Kundgebung +für die aufgelöste Duma hervorzurufen, unter anderem an der +entschiedenen Abneigung des geschulten Proletariats gegen schwächliche +Halbaktionen und bloße Demonstrationen. + +2. Wenn wir aber anstatt der untergeordneten Spielart des demonstrativen +Streiks den Kampfstreik ins Auge fassen, wie er im heutigen Rußland den +eigentlichen Träger der proletarischen Aktion darstellt, so fällt weiter +ins Auge, daß darin das ökonomische und das politische Moment unmöglich +voneinander zu trennen sind. Auch hier weicht die Wirklichkeit von dem +theoretischen Schema weit ab, und die pedantische Vorstellung, in der +der reine politische Massenstreik logisch von dem gewerkschaftlichen +Generalstreik als die reifste und höchste Stufe abgeleitet, aber +zugleich klar auseinandergehalten wird, ist von der Erfahrung der +russischen Revolution gründlich widerlegt. Dies äußert sich nicht bloß +geschichtlich darin, daß die Massenstreiks, von jenem ersten großen +Lohnkampf der Petersburger Textilarbeiter im Jahre 1896-1897 bis zu dem +letzten großen Massenstreik im Dezember 1905, ganz unmerklich aus +ökonomischen in politische übergehen, so daß es fast unmöglich ist, die +Grenze zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den großen +Massenstreiks wiederholt sozusagen im kleinen die allgemeine Geschichte +der russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein ökonomischen +oder jedenfalls partiellen gewerkschaftlichen Konflikt, um die +Stufenleiter bis zur politischen Kundgebung zu durchlaufen. Das große +Massenstreikgewitter im Süden Rußlands 1902 und 1903 entstand, wie wir +gesehen, in Baku aus einem Konflikt infolge der Maßregelung +Arbeitsloser, in Rostow aus Lohndifferenzen in den Eisenbahnwerkstätten, +in Tiflis aus einem Kampf der Handelsangestellten um die Verkürzung der +Arbeitszeit, in Odessa aus einem Lohnkampf in einer einzelnen kleinen +Fabrik. Der Januar-Massenstreik 1905 entwickelt sich aus dem internen +Konflikt in den Putilow-Werken, der Oktoberstreik aus dem Kampf der +Eisenbahner um die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem +Kampf der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der +Fortschritt der Bewegung im ganzen äußert sich nicht darin, daß das +ökonomische Anfangsstadium ausfällt, sondern vielmehr in der Rapidität, +womit die Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen wird und +in der Extremität des Punktes, bis zu dem sich der Massenstreik +voranbewegt. + +Allein die Bewegung im ganzen geht nicht bloß nach der Richtung vom +ökonomischen zum politischen Kampf, sondern auch umgekehrt. Jede von den +großen politischen Massenaktionen schlägt, nachdem sie ihren politischen +Höhepunkt erreicht hat, in einen ganzen Wust ökonomischer Streiks um. +Und dies bezieht sich wieder nicht bloß auf jeden einzelnen von den +großen Massenstreiks, sondern auch auf die Revolution im ganzen. Mit der +Verbreitung, Klärung und Potenzierung des politischen Kampfes tritt nicht +bloß der ökonomische Kampf nicht zurück, sondern er verbreitet sich, +organisiert sich und potenziert sich seinerseits in gleichem Schritt. Es +besteht zwischen beiden eine völlige Wechselwirkung. + +Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich +in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf, indem er +zugleich seine äußeren Möglichkeiten erweitert und den inneren Antrieb +der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust erhöht. Nach jeder +schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender +Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des +ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche +ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem Kapital hält die +Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das +ständige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der +politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt, und zugleich +führt das unermüdliche ökonomische Bohren des Proletariats alle +Augenblicke bald hier, bald dort zu einzelnen scharfen Konflikten, aus +denen unversehens politische Konflikte auf großem Maßstab explodieren. + +Mit einem Wort: Der ökonomische Kampf ist das Fortleitende von einem +politischen Knotenpunkt zum andern, der politische Kampf ist die +periodische Befruchtung des Bodens für den ökonomischen Kampf. Ursache +und Wirkung wechseln hier alle Augenblicke ihre Stellen, und so bilden +das ökonomische und das politische Moment in der Massenstreikperiode, +weit entfernt, sich reinlich zu scheiden oder gar auszuschließen, wie es +das pedantische Schema will, vielmehr nur zwei ineinandergeschlungene +Seiten des proletarischen Klassenkampfes in Rußland. Und _ihre Einheit_ +ist eben der Massenstreik. Wenn die spintisierende Theorie, um zu dem +»reinen politischen Massenstreik« zu gelangen, eine künstliche logische +Sektion an dem Massenstreik vornimmt, so wird bei diesem Sezieren, wie +bei jedem anderen, die Erscheinung nicht in ihrem lebendigen Wesen +erkannt, sondern bloß abgetötet. + +3. Endlich zeigen uns die Vorgänge in Rußland, daß der Massenstreik von +der Revolution unzertrennlich ist. Die Geschichte der russischen +Massenstreiks das ist die Geschichte der russischen Revolution. Wenn +freilich die Vertreter unseres deutschen Opportunismus von »Revolution« +hören, so denken sie sofort an Blutvergießen, Straßenschlachten, an +Pulver und Blei, und der logische Schluß daraus ist: der Massenstreik +führt unvermeidlich zur Revolution, _ergo_ dürfen wir ihn nicht machen. +In der Tat sehen wir in Rußland, daß beinahe jeder Massenstreik im +letzten Schluß auf ein Renkontre mit den bewaffneten Hütern der +zarischen Ordnung hinausläuft; darin sind die sogenannten politischen +Streiks den größeren ökonomischen Kämpfen ganz gleich. Allein die +Revolution ist etwas anderes und etwas mehr als Blutvergießen. Im +Unterschied von der polizeilichen Auffassung, die die Revolution +ausschließlich vom Standpunkte der Straßenunruhen und Krawalle, d. h. +vom Standpunkte der »Unordnung« ins Auge faßt, erblickt die Auffassung +des wissenschaftlichen Sozialismus in der Revolution vor allem eine +tiefgehende innere Umwälzung in den sozialen Klassenverhältnissen. Und +von diesem Standpunkt besteht zwischen Revolution und Massenstreik in +Rußland auch noch ein ganz anderer Zusammenhang als der von der +trivialen Wahrnehmung konstatierte, daß der Massenstreik gewöhnlich im +Blutvergießen endet. + +Wir haben oben den inneren Mechanismus der russischen Massenstreiks +gesehen, der auf der unaufhörlichen Wechselwirkung des politischen und +des ökonomischen Kampfes beruht. Aber gerade diese Wechselwirkung ist +bedingt durch die Revolutionsperiode. Nur in der Gewitterluft der +revolutionären Periode vermag sich nämlich jeder partielle kleine +Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer allgemeinen Explosion +auszuwachsen. In Deutschland passieren jährlich und täglich die +heftigsten, brutalsten Zusammenstöße zwischen Arbeitern und +Unternehmern, ohne daß der Kampf die Schranken der betreffenden +einzelnen Branche oder der einzelnen Stadt, ja Fabrik überspringt. +Maßregelungen organisierter Arbeiter wie in Petersburg, Arbeitslosigkeit +wie in Baku, Lohnkonflikte wie in Odessa, Kämpfe um das Koalitionsrecht +wie in Moskau sind in Deutschland auf der Tagesordnung. Kein einziger +dieser Fälle schlägt jedoch in eine gemeinsame Klassenaktion um. Und +wenn sie sich selbst zu einzelnen Massenstreiks auswachsen, die +zweifellos einen politischen Anstrich haben, so entzünden sie auch dann +noch kein allgemeines Gewitter. Der Generalstreik der holländischen +Eisenbahner, der trotz wärmster Sympathien mitten in völliger +Unbeweglichkeit des Proletariats im Lande verblutete, liefert einen +frappanten Beweis dafür. + +Und umgekehrt, nur in der Revolutionsperiode, wo die sozialen Fundamente +und die Mauern der Klassengesellschaft aufgelockert und in ständiger +Verschiebung begriffen sind, vermag jede politische Klassenaktion des +Proletariats in wenigen Stunden ganze, bis dahin unberührte Schichten +der Arbeiterschaft aus der Unbeweglichkeit zu reißen, was sich sofort +naturgemäß in einem stürmischen ökonomischen Kampf äußert. Der plötzlich +durch den elektrischen Schlag einer politischen Aktion wachgerüttelte +Arbeiter greift im nächsten Augenblick vor allem zu dem nächstliegenden: +zur Abwehr gegen sein ökonomisches Sklavenverhältnis; die stürmische +Geste des politischen Kampfes läßt ihn plötzlich mit ungeahnter +Intensität die Schwere und den Druck seiner ökonomischen Ketten fühlen. +Und während z. B. der heftigste politische Kampf in Deutschland: der +Wahlkampf oder der parlamentarische Kampf um den Zolltarif kaum einen +vernehmbaren direkten Einfluß auf den Verlauf und die Intensität der +gleichzeitig in Deutschland geführten Lohnkämpfe ausübt, äußert sich +jede politische Aktion des Proletariats in Rußland sofort in der +Erweiterung und Vertiefung der Fläche des wirtschaftlichen Kampfes. + +So schafft also die Revolution erst die sozialen Bedingungen, in denen +jenes unmittelbare Umschlagen des ökonomischen Kampfes in politischen +und des politischen Kampfes in ökonomischen ermöglicht wird, das im +Massenstreik seinen Ausdruck findet. Und wenn das vulgäre Schema den +Zusammenhang zwischen Massenstreik und Revolution nur in den blutigen +Straßen-Renkontres erblickt, mit denen die Massenstreiks abschließen, so +zeigt uns ein etwas tieferer Blick in die russischen Vorgänge einen ganz +_umgekehrten_ Zusammenhang: in Wirklichkeit produziert nicht der +Massenstreik die Revolution, sondern die Revolution produziert den +Massenstreik. + +4. Es genügt, das Bisherige zusammenzufassen, um auch über die Frage der +bewußten Leitung und der Initiative bei dem Massenstreik Aufschluß zu +bekommen. Wenn der Massenstreik nicht einen einzelnen Akt, sondern eine +ganze Periode des Klassenkampfes bedeutet, und wenn diese Periode mit +einer Revolutionsperiode identisch ist, so ist es klar, daß der +Massenstreik nicht aus freien Stücken hervorgerufen werden kann, auch +wenn der Entschluß dazu von der höchsten Instanz der stärksten +sozialdemokratischen Partei ausgehen mag. Solange die Sozialdemokratie +es nicht in ihrer Hand hat, nach eigenem Ermessen Revolutionen zu +inszenieren und abzusagen, genügt auch nicht die größte Begeisterung und +Ungeduld der sozialdemokratischen Truppen dazu, eine wirkliche Periode +der Massenstreiks als eine lebendige mächtige Volksbewegung ins Leben zu +rufen. Auf Grund der Entschlossenheit einer Parteileitung und der +Parteidisziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft kann man wohl +eine einmalige kurze Demonstration veranstalten, wie der schwedische +Massenstreik oder die jüngsten österreichischen oder auch der Hamburger +Massenstreik vom 17. Januar. Diese Demonstrationen unterscheiden sich +aber von einer wirklichen Periode revolutionärer Massenstreiks genau so, +wie sich die bekannten Flottendemonstrationen in fremden Häfen bei +gespannten diplomatischen Beziehungen von einem Seekrieg unterscheiden. +Ein aus lauter Disziplin und Begeisterung geborener Massenstreik wird im +besten Falle als eine Episode, als ein Symptom der Kampfstimmung der +Arbeiterschaft eine Rolle spielen, worauf die Verhältnisse aber in den +ruhigen Alltag zurückfallen. Freilich fallen auch während der Revolution +die Massenstreiks nicht ganz vom Himmel. Sie müssen so oder anders von +den Arbeitern gemacht werden. Der Entschluß und Beschluß der +Arbeiterschaft spielt auch dabei eine Rolle, und zwar kommt die +Initiative sowie die weitere Leitung natürlich dem organisierten und +aufgeklärtesten sozialdemokratischen Kern des Proletariats zu. Allein +diese Initiative und diese Leitung haben einen Spielraum meistens nur in +Anwendung auf die einzelnen Akte, einzelnen Streiks, wenn die +revolutionäre Periode bereits vorhanden ist, und zwar meistens in den +Grenzen einer einzelnen Stadt. So hat z. B., wie wir gesehen, die +Sozialdemokratie mehrmals direkt die Losung zum Massenstreik in Baku, in +Warschau, in Lodz, in Petersburg mit Erfolg gegeben. Dasselbe gelingt +schon viel weniger in Anwendung auf allgemeine Bewegungen des gesamten +Proletariats. Ferner sind dabei der Initiative und der bewußten Leitung +ganz bestimmte Schranken gesteckt. Gerade während der Revolution ist es +für irgend ein leitendes Organ der proletarischen Bewegung äußerst +schwer, vorauszusehen und zu berechnen, welcher Anlaß und welche Momente +zu Explosionen führen können und welche nicht. Auch hier besteht die +Initiative und Leitung nicht in dem Kommandieren aus freien Stücken, +sondern in der möglichst geschickten Anpassung an die Situation und +möglichst engen Fühlung mit den Stimmungen der Masse. Das Element des +Spontanen spielt, wie wir gesehen, in allen russischen Massenstreiks +ohne Ausnahme eine große Rolle, sei es als treibendes oder als hemmendes +Element. Dies rührt aber nicht daher, weil in Rußland die +Sozialdemokratie noch jung oder schwach ist, sondern daher, weil bei +jedem einzelnen Akt des Kampfes so viele unübersehbare ökonomische, +politische und soziale, allgemeine und lokale, materielle und psychische +Momente mitwirken, daß kein einziger Akt sich wie ein Rechenexempel +bestimmen und abwickeln läßt. Die Revolution ist, auch wenn in ihr das +Proletariat mit der Sozialdemokratie an der Spitze die führende Rolle +spielt, nicht ein Manöver des Proletariats im freien Felde, sondern es +ist ein Kampf mitten im unaufhörlichen Krachen, Zerbröckeln, Verschieben +aller sozialen Fundamente. Kurz, in den Massenstreiks in Rußland spielt +das Element des Spontanen eine so vorherrschende Rolle, nicht weil das +russische Proletariat »ungeschult« ist, sondern weil sich Revolutionen +nicht schulmeistern lassen. + +Anderseits aber sehen wir in Rußland, daß dieselbe Revolution, die der +Sozialdemokratie das Kommando über den Massenstreik so sehr erschwert +und ihr alle Augenblicke launig das Dirigentenstöckchen aus der Hand +schlägt oder in die Hand drückt, daß sie dafür selbst gerade alle jene +Schwierigkeiten der Massenstreiks löst, die im theoretischen Schema der +deutschen Diskussion als die Hauptsorgen der »Leitung« behandelt werden: +die Frage der »Verproviantierung«, der »Kostendeckung« und der »Opfer«. +Freilich, sie löst sie durchaus nicht in dem Sinne, wie man es bei einer +ruhigen, vertraulichen Konferenz zwischen den leitenden Oberinstanzen +der Arbeiterbewegung mit dem Bleistift in der Hand regelt. Die +»Regelung« all dieser Fragen besteht darin, daß die Revolution eben so +enorme Volksmassen auf die Bühne bringt, daß jede Berechnung und +Regelung der Kosten ihrer Bewegung, wie man die Kosten eines +Zivilprozesses im voraus aufzeichnet, als ein ganz hoffnungsloses +Unternehmen erscheint. Gewiß suchen auch die leitenden Organisationen in +Rußland die direkten Opfer des Kampfes nach Kräften zu unterstützen. So +wurden z. B. die tapferen Opfer der Riesenaussperrung in Petersburg +infolge der Achtstundenkampagne wochenlang unterstützt. Allein alle +diese Maßnahmen sind in der enormen Bilanz der Revolution ein Tropfen im +Meere. Mit dem Augenblick, wo eine wirkliche ernste Massenstreikperiode +beginnt, verwandeln sich alle »Kostenberechnungen« in das Vorhaben, den +Ozean mit einem Wasserglas auszuschöpfen. Es ist nämlich ein Ozean +furchtbarer Entbehrungen und Leiden, durch den jede Revolution für die +Proletariermasse erkauft wird. Und die Lösung, die eine revolutionäre +Periode dieser scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeit gibt, besteht +darin, daß sie zugleich eine so gewaltige Summe von Massenidealismus +auslöst, bei der die Masse gegen die schärfsten Leiden unempfindlich +wird. Mit der Psychologie eines Gewerkschaftlers, der sich auf keine +Arbeitsruhe bei der Maifeier einläßt, bevor ihm eine genau bestimmte +Unterstützung für den Fall seiner Maßregelung im voraus zugesichert +wird, läßt sich weder Revolution noch Massenstreik machen. Aber im Sturm +der revolutionären Periode verwandelt sich eben der Proletarier aus +einem Unterstützung heischenden vorsorglichen Familienvater in einen +»Revolutionsromantiker«, für den sogar das höchste Gut, nämlich das +Leben, geschweige das materielle Wohlsein, im Vergleich mit den +Kampfidealen geringen Wert besitzt. + +Wenn aber die Leitung der Massenstreiks im Sinne des Kommandos über ihre +Entstehung und im Sinne der Berechnung und Deckung ihrer Kosten Sache +der revolutionären Periode selbst ist, so kommt dafür die Leitung bei +Massenstreiks in einem ganz anderen Sinne der Sozialdemokratie und ihren +führenden Organen zu. Statt sich mit der technischen Seite, mit dem +Mechanismus der Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die +Sozialdemokratie berufen, die _politische_ Leitung auch mitten in der +Revolutionsperiode zu übernehmen. Die Parole, die Richtung dem Kampfe zu +geben, die _Taktik_ des politischen Kampfes so einzurichten, daß in +jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze Summe der +vorhandenen und bereits ausgelösten, betätigten Macht des Proletariats +realisiert wird und in der Kampfstellung der Partei zum Ausdruck kommt, +daß die Taktik der Sozialdemokratie nach ihrer Entschlossenheit und +Schärfe nie _unter_ dem Niveau des tatsächlichen Kräfteverhältnisses +steht, sondern vielmehr diesem Verhältnis vorauseilt, das ist die +wichtigste Aufgabe der »Leitung« in der Periode der Massenstreiks. Und +diese Leitung schlägt von selbst gewissermaßen in technische Leitung um. +Eine konsequente, entschlossene, vorwärtsstrebende Taktik der +Sozialdemokratie ruft in der Masse das Gefühl der Sicherheit, des +Selbstvertrauens und der Kampflust hervor; eine schwankende, +schwächliche, auf der Unterschätzung des Proletariats basierte Taktik +wirkt auf die Masse lähmend und verwirrend. Im ersteren Falle brechen +Massenstreiks »von selbst« und immer »rechtzeitig« aus, im zweiten +bleiben mitunter direkte Aufforderungen der Leitung zum Massenstreik +erfolglos. Und für beides liefert die russische Revolution sprechende +Beispiele. + + + + +V. + + +Es fragt sich nun, wie weit alte Lehren, die man aus den russischen +Massenstreiks ziehen kann, auf Deutschland passen. Die sozialen und +politischen Verhältnisse, die Geschichte und der Stand der +Arbeiterbewegung sind in Deutschland und in Rußland völlig verschieden. +Auf den ersten Blick mögen auch die oben aufgezeichneten inneren Gesetze +der russischen Massenstreiks lediglich als das Produkt spezifisch +russischer Verhältnisse erscheinen, die für das deutsche Proletariat gar +nicht in Betracht kommen. Zwischen dem politischen und ökonomischen +Kampf in der russischen Revolution besteht der engste innere +Zusammenhang; ihre Einheit kommt in der Periode der Massenstreiks zum +Ausdruck. Aber ist das nicht eine einfache Folge des russischen +Absolutismus? In einem Staate, wo jede Form und jede Äußerung der +Arbeiterbewegung verboten, wo der einfachste Streik ein politisches +Verbrechen ist, muß auch logischerweise jeder ökonomische Kampf zum +politischen werden. + +Ferner, wenn umgekehrt gleich der erste Ausbruch der politischen +Revolution eine allgemeine Abrechnung der russischen Arbeiterschaft mit +dem Unternehmertum nach sich gezogen hat, so ist das wiederum die +einfache Folge des Umstandes, daß der russische Arbeiter bis dahin auf +dem tiefsten Niveau der Lebenshaltung stand und überhaupt noch niemals +einen regelmäßigen ökonomischen Kampf um die Besserung seiner Lage +geführt hatte. Das Proletariat in Rußland mußte sich gewissermaßen aus +dem allergröbsten erst herausarbeiten, was Wunder, daß es dazu mit +jugendlichem Wagemut griff, sobald die Revolution den ersten frischen +Hauch in die Stickluft des Absolutismus hineingebracht hatte. Und +endlich erklärt sich der stürmische revolutionäre Verlauf der russischen +Massenstreiks, sowie ihr vorwiegend spontaner, elementarer Charakter +einerseits aus der politischen Zurückgebliebenheit Rußlands, aus der +Notwendigkeit, erst den orientalischen Despotismus zu stürzen, +anderseits aus dem Mangel an Organisation und Schulung des russischen +Proletariats. In einem Lande, wo die Arbeiterklasse 80 Jahre Erfahrung +im politischen Leben, eine drei Millionen starke sozialdemokratische +Partei und eineinviertel Million gewerkschaftlich organisierte +Kerntruppen hat, kann der politische Kampf, können die Massenstreiks +unmöglich denselben stürmischen und elementaren Charakter annehmen wie +in einem halbbarbarischen Staate, der erst den Sprung aus dem +Mittelalter in die neuzeitliche bürgerliche Ordnung macht. Dies die +landläufige Vorstellung bei denjenigen, die den Reifegrad der +gesellschaftlichen Verhältnisse eines Landes aus dem Wortlaut seiner +geschriebenen Gesetze ablesen wollen. + +Untersuchen wir die Fragen nach der Reihe. Zunächst ist es verkehrt, den +Beginn des ökonomischen Kampfes in Rußland erst von dem Ausbruch der +Revolution zu datieren. Tatsächlich waren die Streiks, die Lohnkämpfe im +eigentlichen Rußland seit Anfang der neunziger Jahre, in Russisch-Polen +sogar seit Ende der achtziger Jahre, immer mehr auf der Tagesordnung und +hatten sich zuletzt das faktische Bürgerrecht erworben. Freilich zogen +sie häufig brutale polizeiliche Maßregelungen nach sich, gehörten aber +trotzdem zu den alltäglichen Erscheinungen. Bestand doch z. B. in +Warschau und Lodz bereits im Jahre 1891 je eine bedeutende allgemeine +Streikkasse, und die Schwärmerei für die Gewerkschaften hat in diesen +Jahren in Polen für kurze Zeit sogar jene »ökonomischen« Illusionen +geschaffen, die in Petersburg und im übrigen Rußland einige Jahre später +grassierten.[3] + +[Fußnote 3: Es beruht deshalb auf einem tatsächlichen Irrtum, wenn die +Genossin Roland-Holst in der Vorrede zur russischen Ausgabe Ihres Buches +über den Massenstreik meint: »Das Proletariat (in Rußland) war, fast +seit dem Aufkommen der Großindustrie, mit dem Massenstreik vertraut +geworden, aus dem einfachen Grunde, weil partielle Streiks sich unter +dem politischen Drucke des Absolutismus unmöglich erwiesen.« (S. »Neue +Zeit« Nr. 33, 1906.) Das Umgekehrte war vielmehr der Fall. So sagte auch +der Berichterstatter des Petersburger Gewerkschaftskartells auf der +zweiten Konferenz der russischen Gewerkschaften im Februar 1906 eingangs +seines Referats: »Bei der Zusammensetzung der Konferenz, die ich hier +vor mir sehe, habe ich nicht nötig, erst hervorzuheben, daß unsere +Gewerkschaftsbewegung nicht etwa von der »liberalen« Periode des Fürsten +Swiatopolk-Mirski (im Jahre 1904. R. L.) oder vom 22. Januar herrührt, +wie manche zu behaupten versuchen. Die gewerkschaftliche Bewegung hat +viel tiefere Wurzeln, sie ist unzertrennlich verknüpft mit der ganzen +Vergangenheit unserer Arbeiterbewegung. Unsere Gewerkschaften sind bloß +neue Organisationsformen zur Leitung jenes ökonomischen Kampfes, den das +russische Proletariat bereits Jahrzehnte lang führt. Ohne uns weit in +die Geschichte zu vertiefen, darf man wohl sagen, daß der ökonomische +Kampf der Petersburger Arbeiter mehr oder weniger organisierte Formen +annimmt seit den denkwürdigen Streiks der Jahre 1896 und 1897. Die +Leitung dieses Kampfes wird, glücklich kombiniert mit der Leitung des +politischen Kampfes, Sache jener sozialdemokratischen Organisation, die +der »Petersburger Verein des Kampfes um die Befreiung der +Arbeiterklasse« hieß, und die sich nach der Konferenz im März 1898 in +das »Petersburger Komitee der russischen sozialdemokratischen +Arbeiterpartei« verwandelte. Es wird ein kompliziertes System der +Fabrik-, Bezirks- und Vorstadt-Organisationen geschaffen, welches die +Zentrale durch unzählige Fäden mit den Arbeitermassen verknüpft und es +ihr ermöglicht, auf alle Bedürfnisse der Arbeiterschaft durch +Flugschriften zu reagieren. Es wird die Möglichkeit geschaffen, die +Streiks zu unterstützen und zu leiten.«] + +Desgleichen liegt viel Übertreibung in der Vorstellung, als habe der +Proletarier im Zarenreich vor der Revolution durchweg auf dem +Lebensniveau eines Paupers gestanden. Gerade die jetzt im ökonomischen +wie im politischen Kampfe tätigste und eifrigste Schicht der +großindustriellen großstädtischen Arbeiter stand in bezug auf ihr +materielles Lebensniveau kaum viel tiefer als die entsprechende Schicht +des deutschen Proletariats, und in manchen Berufen kann man in Rußland +gleiche, ja hier und da selbst höhere Löhne finden als in Deutschland. +Auch in Bezug auf die Arbeitszeit wird der Unterschied zwischen den +großindustriellen Betrieben hier und dort kaum ein bedeutender sein. +Somit sind die Vorstellungen, die mit einem vermeintlichen materiellen +und kulturellen Helotentum der russischen Arbeiterschaft rechnen, +ziemlich aus der Luft gegriffen. Dieser Vorstellung müßte bei einigem +Nachdenken schon die Tatsache der Revolution selbst und der +hervorragenden Rolle des Proletariats in ihr widersprechen. Mit Paupers +werden keine Revolutionen von dieser politischen Reife und +Gedankenklarheit gemacht, und der im Vordertreffen des Kampfes stehende +Petersburger und Warschauer, Moskauer und Odessaer Industriearbeiter ist +kulturell und geistig dem westeuropäischen Typus viel näher, als sich +diejenigen denken, die als die einzige und unentbehrliche Kulturschule +des Proletariats den bürgerlichen Parlamentarismus und die regelrechte +Gewerkschaftspraxis betrachten. Die moderne großkapitalistische +Entwicklung Rußlands und die anderthalbjahrzehnte lange geistige +Einwirkung der Sozialdemokratie, die den ökonomischen Kampf ermutigte +und leitete, haben auch ohne die äußeren Garantien der bürgerlichen +Rechtsordnung ein tüchtiges Stück Kulturarbeit geleistet. + +Der Kontrast wird aber noch geringer, wenn wir auf der anderen Seite +etwas tiefer in das tatsächliche Lebensniveau der _deutschen_ +Arbeiterschaft hineinblicken. Die großen politischen Massenstreiks haben +in Rußland vom ersten Augenblick die breitesten Schichten des +Proletariats aufgerüttelt und in fieberhaften ökonomischen Kampf +gestürzt. Allein, gibt es in Deutschland nicht ganze dunkle Winkel im +Dasein der Arbeiterschaft, wo das wärmende Licht der Gewerkschaften bis +jetzt sehr spärlich eindringt, ganze große Schichten, die bis jetzt gar +nicht oder vergeblich auf dem Wege alltäglicher Lohnkämpfe sich aus dem +sozialen Helotentum emporzuheben versuchen? Nehmen wir das +_Bergarbeiterelend_. Schon in dem ruhigen Werkeltag, in der kalten +Atmosphäre des parlamentarischen Einerlei Deutschlands -- wie in den +anderen Ländern auch, selbst im Dorado der Gewerkschaften, in England -- +äußert sich der Lohnkampf der Bergarbeiter fast nicht anders als von +Zeit zu Zeit in gewaltigen Eruptionen, in Massenstreiks von typischem, +elementarem Charakter. Dies zeigt eben, daß der Gegensatz zwischen +Kapital und Arbeit hier ein zu scharfer und gewaltiger ist, als daß er +sich in die Form ruhiger, planmäßiger, partieller Gewerkschaftskämpfe +zerbröckeln ließe. Dieses Bergarbeiterelend aber mit seinem eruptiven +Boden, das schon in »normalen« Zeiten einen Wetterwinkel von größter +Heftigkeit bildet, müßte sich in Deutschland bei jeder größeren +politischen Massenaktion der Arbeiterklasse, bei jedem stärkeren Ruck, +der das momentane Gleichgewicht des sozialen Alltags verschiebt, +unvermeidlich sofort in einen gewaltigen ökonomisch-sozialen Kampf +entladen. Nehmen wir ferner das _Textilarbeiterelend_. Auch hier geben +die erbitterten und meistens resultatlosen Ausbrüche des Lohnkampfes, +der das Vogtland alle paar Jahre durchtobt, einen schwachen Begriff von +der Vehemenz, mit der die große, zusammengeknäuelte Masse der Heloten +des kartellierten Textilkapitals bei einer politischen Erschütterung, +bei einer kräftigen und kühnen Massenaktion des deutschen Proletariats +explodieren müßte. Nehmen wir ferner das _Heimarbeiterelend_, das +_Konfektionsarbeiterelend_, das _Elektrizitätsarbeiterelend_, lauter +Wetterwinkel, in denen um so sicherer bei jeder politischen +Lufterschütterung in Deutschland gewaltige wirtschaftliche Kämpfe +ausbrechen werden, je seltener das Proletariat hier sonst, in ruhigen +Zeiten, den Kampf aufnimmt und je erfolgloser es jedesmal kämpft, je +brutaler es vom Kapital gezwungen wird, zähneknirschend ins Sklavenjoch +zurückzukehren. + +Nun aber kommen in Betracht ganze große Kategorien des Proletariats, die +überhaupt bei dem »normalen« Lauf der Dinge in Deutschland von jeder +Möglichkeit eines ruhigen wirtschaftlichen Kampfes um die Hebung ihrer +Lage und von jedem Gebrauch des Koalitionsrechts ausgeschlossen sind. +Vor allem nennen wir zum Beispiel das glänzende Elend der _Eisenbahn-_ +und der _Postangestellten_. Bestehen doch für diese Staatsarbeiter +mitten im parlamentarischen Rechtsstaat Deutschland russische Zustände, +wohlgemerkt russische, wie sie nur _vor_ der Revolution, während der +ungetrübten Herrlichkeit des Absolutismus, bestanden. Bereits in dem +großen Oktoberstreik 1905 stand der russische Eisenbahner in dem noch +formell absolutistischen Rußland in bezug auf seine wirtschaftliche und +soziale Bewegungsfreiheit turmhoch über dem deutschen. Die russischen +Eisenbahner und Postangestellten haben sich das Koalitionsrecht faktisch +im Sturm erobert, und wenn es auch momentan Prozeß auf Prozeß und +Maßregelung auf Maßregelung regnet, den inneren Zusammenhalt vermag +ihnen nichts mehr zu nehmen. Es wäre aber eine völlig falsche +psychologische Rechnung, wollte man mit der deutschen Reaktion annehmen, +daß der Kadavergehorsam der deutschen Eisenbahner und Postangestellten +ewig dauern wird, daß er ein Fels ist, den nichts zermürben kann. Wenn +sich auch die deutschen Gewerkschaftsführer an die bestehenden Zustände +dermaßen gewöhnt haben, daß sie ungetrübt durch diese in ganz Europa +fast beispiellose Schmach mit einiger Genugtuung die Erfolge des +Gewerkschaftskampfes in Deutschland überblicken können, so wird sich der +tiefverborgene, lange aufgespeicherte Groll der uniformierten +Staatssklaven bei einer allgemeinen Erhebung der Industriearbeiter +unvermeidlich Luft zu verschaffen suchen. Und wenn die industrielle +Vorhut des Proletariats in Massenstreiks nach weiteren politischen +Rechten greifen oder die alten wird verteidigen wollen, muß der große +Trupp der Eisenbahner und Postangestellten sich naturnotwendig auf seine +besondere Schmach besinnen und endlich einmal zur Befreiung von der +Extraportion russischen Absolutismus erheben, die für ihn speziell in +Deutschland errichtet ist. Die pedantische Auffassung, die große +Volksbewegungen nach Schema und Rezept abwickeln will, glaubt in der +Eroberung des Koalitionsrechts für die Eisenbahner die notwendige +_Voraussetzung_ zu erblicken, bei der man erst an einen Massenstreik in +Deutschland wird »denken dürfen«. Der wirkliche und natürliche Gang der +Ereignisse kann nur ein umgekehrter sein: nur aus einer kräftigen +spontanen Massenstreikaktion kann tatsächlich das Koalitionsrecht der +deutschen Eisenbahner wie der Postangestellten geboren werden. Und die +bei den bestehenden Verhältnissen in Deutschland unlösbare Aufgabe wird +unter dem Eindruck und dem Druck einer allgemeinen politischen +Massenaktion des Proletariats ganz plötzlich ihre Möglichkeiten und ihre +Lösung finden. + +Und endlich das größte und wichtigste: das _Landarbeiterelend_. Wenn die +englischen Gewerkschaften ausschließlich auf die Industriearbeiter +zugeschnitten sind, so ist das der dem spezifischen Charakter der +englischen Nationalwirtschaft, bei der geringen Rolle der Landwirtschaft +im ganzen des ökonomischen Lebens eher eine begreifliche Erscheinung. In +Deutschland wird eine gewerkschaftliche Organisation, und sei sie noch +so glänzend ausgebaut, wenn sie lediglich die Industriearbeiter umfaßt +und für das ganze große Heer der Landarbeiter unzugänglich ist, immer +nur ein schwaches Teilbild der Lage des Proletariats im ganzen geben. Es +wäre aber wiederum eine verhängnisvolle Illusion, zu glauben, daß die +Zustände auf dem flachen Lande unveränderliche und unbewegliche seien, +daß sowohl die unermüdliche Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie, wie +noch mehr die ganze innere Klassenpolitik Deutschlands nicht beständig +die äußere Passivität des Landarbeiters unterwühlen, und daß bei +irgend einer größeren allgemeinen Klassenaktion des deutschen +Industrieproletariats, zu welchem Zweck sie auch unternommen sei, nicht +auch das ländliche Proletariat in Aufruhr kommt. Dies kann sich aber +ganz naturgemäß nicht anders als zunächst in einem allgemeinen +stürmischen ökonomischen Kampf, in gewaltigen Massenstreiks der +Landarbeiter äußern. + +So verschiebt sich das Bild der angeblichen wirtschaftlichen +Überlegenheit des deutschen Proletariats über das russische ganz +bedeutend, wenn wir den Blick von der Tabelle der gewerkschaftlich +organisierten Industrie- und Handwerksbranchen auf jene großen Gruppen +des Proletariats richten, die ganz außerhalb des gewerkschaftlichen +Kampfes stehen oder deren besondere wirtschaftliche Lage sich nicht in +den engen Rahmen des alltäglichen gewerkschaftlichen Kleinkriegs +hineinzwängen läßt. Wir sehen dann ein gewaltiges Gebiet nach dem +anderen, wo die Zuspitzung der Gegensätze die äußerste Grenze erreicht +hat, wo Zündstoff in Hülle und Fülle aufgehäuft ist, wo sehr viel +»russischer Absolutismus« in nacktester Form steckt und wo +wirtschaftlich die allerelementarsten Abrechnungen mit dem Kapital erst +nachzuholen sind. + +Alle diese alten Rechnungen würden dann bei einer allgemeinen +politischen Massenaktion des Proletariats unvermeidlich dem herrschenden +System präsentiert werden. Eine künstlich arrangierte einmalige +Demonstration des städtischen Proletariats, eine bloße aus Disziplin und +nach dem Taktstock eines Parteivorstandes ausgeführte Massenstreikaktion +könnte freilich die breiteren Volksschichten kühl und gleichgültig +lassen. Allein eine wirkliche, aus revolutionärer Situation geborene, +kräftige und rücksichtslose Kampfaktion des Industrieproletariats +müßte sicher auf tiefer liegende Schichten zurückwirken und gerade +alle diejenigen, die in normalen ruhigen Zeiten abseits des +gewerkschaftlichen Tageskampfes stehen, in einen stürmischen allgemeinen +ökonomischen Kampf mitreißen. + +Kommen wir aber auch auf die organisierten Vordertruppen des deutschen +Industrieproletariats zurück und halten uns anderseits die heute von der +russischen Arbeiterschaft verfochtenen Ziele des ökonomischen Kampfes +vor die Augen, so finden wir durchaus nicht, daß es Bestrebungen sind, +auf die die deutschen ältesten Gewerkschaften Grund hätten, wie auf +ausgetretene Kinderschuhe über die Achsel zu schauen. So ist die +wichtigste allgemeine Forderung der russischen Streiks seit dem 22. +Januar 1905, der Achtstundentag, gewiß kein überwundener Standpunkt für +das deutsche Proletariat, vielmehr in den allermeisten Fällen ein +schönes fernes Ideal. Dasselbe trifft auf den Kampf mit dem +»Hausherrnstandpunkt« zu, auf den Kampf um die Einführung der +Arbeiterausschüsse in allen Fabriken, um die Abschaffung der +Akkordarbeit, um die Abschaffung der Heimarbeit im Handwerk, um völlige +Durchführung der Sonntagsruhe, um Anerkennung des Koalitionsrechts. Ja, +bei näherem Zusehen sind sämtliche ökonomischen Kampfobjekte des +russischen Proletariats in der jetzigen Revolution auch für das deutsche +Proletariat höchst aktuell und berühren lauter wunde Stellen des +Arbeiterdaseins. + +Daraus ergibt sich vor allem, daß der reine politische Massenstreik, mit +dem man vorzugsweise operiert, auch für Deutschland ein bloßes lebloses +theoretisches Schema ist. Werden die Massenstreiks aus einer starken +revolutionären Gärung sich auf natürlichem Wege als ein entschlossener +politischer Kampf der städtischen Arbeiterschaft ergeben, so werden sie +ebenso natürlich, genau wie in Rußland, in eine ganze Periode +elementarer ökonomischer Kämpfe umschlagen. Die Befürchtungen also der +Gewerkschaftsführer, als könnte der Kampf um die ökonomischen Interessen +in einer Periode stürmischer politischer Kämpfe, in einer Periode der +Massenstreiks, einfach auf die Seite geschoben und erdrückt werden, +beruhen auf einer ganz in der Luft schwebenden schulmäßigen Vorstellung +von dem Gang der Dinge. Eine revolutionäre Periode würde vielmehr auch +in Deutschland den Charakter des gewerkschaftlichen Kampfes ändern und +ihn dermaßen potenzieren, daß der heutige Guerillakrieg der +Gewerkschaften dagegen ein Kinderspiel sein wird. Und anderseits würde +aus diesem elementaren ökonomischen Massenstreikgewitter auch der +politische Kampf immer wieder neue Anstöße und frische Kräfte schöpfen. +Die Wechselwirkung zwischen ökonomischem und politischem Kampf, die die +innere Triebfeder der heutigen Massenstreiks in Rußland und zugleich +sozusagen den regulierenden Mechanismus der revolutionären Aktion des +Proletariats bildet, würde sich ebenso naturgemäß auch in Deutschland +aus den Verhältnissen selbst ergeben. + + + + +VI. + + +Im Zusammenhang damit bekommt auch die Frage von der Organisation in +ihrem Verhältnis zum Problem des Massenstreiks in Deutschland ein +wesentlich anderes Gesicht. + +Die Stellung mancher Gewerkschaftsführer zu der Frage erschöpft sich +gewöhnlich in der Behauptung: »Wir sind noch nicht stark genug, um eine +so gewagte Kraftprobe wie einen Massenstreik zu riskieren.« Nun ist +dieser Standpunkt insofern ein unhaltbarer, weil es eine unlösbare +Aufgabe ist, auf dem Wege einer ruhigen, zahlenmäßigen Berechnung +festzustellen, wann das Proletariat zu irgend einem Kampfe »stark genug +sei«. Vor 30 Jahren zählten die deutschen Gewerkschaften 50 000 +Mitglieder. Das war offenbar eine Zahl, bei der, nach dem obigen +Maßstab, an einen Massenstreik nicht zu denken war. Nach weiteren 15 +Jahren waren die Gewerkschaften viermal so stark und zählten 237 000 +Mitglieder. Wenn man jedoch damals die heutigen Gewerkschaftsführer +gefragt hätte, ob nun die Organisation des Proletariats zu einem +Massenstreik reif wäre, so hätten sie sicher geantwortet, daß dies bei +weitem nicht der Fall sei und daß die gewerkschaftlich Organisierten +erst nach Millionen zählen müßten. Heute gehen die organisierten +Gewerkschaftsmitglieder bereits in die zweite Million, aber die Ansicht +ihrer Führer ist genau dieselbe, was offenbar so ins Unendliche gehen +kann. Stillschweigend wird dabei vorausgesetzt, daß überhaupt die +gesamte Arbeiterklasse Deutschlands bis auf den letzten Mann und die +letzte Frau in die Organisation aufgenommen werden müsse, bevor man +»stark genug sei«, eine Massenaktion zu wagen, die alsdann, nach der +alten Formel, sich auch noch wahrscheinlich als »überflüssig« +herausstellen würde. Diese Theorie ist jedoch aus dem einfachen Grunde +völlig utopisch, weil sie an einem inneren Widerspruch leidet, sich im +schlimmen Zirkel dreht. Die Arbeiter sollen, bevor sie irgend einen +direkten Klassenkampf vornehmen können, sämtlich organisiert sein. Die +Verhältnisse, die Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung und des +bürgerlichen Staates bringen es aber mit sich, daß bei dem »normalen« +Verlauf der Dinge, ohne stürmische Klassenkämpfe, bestimmte Schichten +-- und zwar gerade das Gros, die wichtigsten, die tiefststehenden, die +vom Kapital und vom Staate am meisten gedrückten Schichten des +Proletariats -- eben gar nicht organisiert werden können. Sehen wir doch +selbst in England, daß ein ganzes Jahrhundert unermüdlicher +Gewerkschaftsarbeit ohne alle »Störungen« -- ausgenommen im Anfange die +Periode der Chartistenbewegung -- ohne alle »revolutionsromantischen« +Verirrungen und Lockungen, es nicht weiter gebracht haben, als dahin, +eine _Minderheit_ der bessersituierten Schichten des Proletariats zu +organisieren. + +Anderseits aber können die Gewerkschaften, wie alle Kampforganisationen +des Proletariats, sich selbst nicht auf die Dauer anders erhalten, als +gerade im Kampf, und zwar nicht im Sinne allein des Froschmäusekrieges +in den stehenden Gewässern der bürgerlich-parlamentarischen Periode, +sondern im Sinne heftiger, revolutionärer Perioden des Massenkampfes. +Die steife, mechanisch-bureaukratische Auffassung will den Kampf nur als +Produkt der Organisation auf einer gewissen Höhe ihrer Stärke gelten +lassen. Die lebendige dialektische Entwicklung läßt umgekehrt die +Organisation als ein Produkt des Kampfes entstehen. Wir haben bereits +ein grandioses Beispiel dieser Erscheinung in Rußland gesehen, wo ein so +gut wie gar nicht organisiertes Proletariat sich in anderthalb Jahren +stürmischen Revolutionskampfes ein umfassendes Netz von +Organisationsansätzen geschaffen hat. Ein anderes Beispiel dieser Art +zeigt die eigene Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Im Jahre 1878 +betrug die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder 50 000. Nach der Theorie der +heutigen Gewerkschaftsführer war diese Organisation, wie gesagt, bei +weitem nicht »stark genug«, um einen heftigen politischen Kampf +aufzunehmen. Die deutschen Gewerkschaften _haben_ aber, so schwach sie +damals waren, den Kampf aufgenommen -- nämlich den Kampf mit dem +Sozialistengesetz -- und sie erwiesen sich nicht nur »stark genug«, aus +dem Kampfe als Sieger hervorzugehen, sondern sie haben in diesem Kampfe +ihre Kraft verfünffacht; sie umfaßten nach dem Fall des +Sozialistengesetzes im Jahre 1891 277 659 Mitglieder. Allerdings +entspricht die Methode, nach der die Gewerkschaften im Kampfe mit dem +Sozialistengesetz gesiegt haben, nicht dem Ideal eines friedlichen, +bienenartigen ununterbrochenen Ausbaus; sie gingen erst im Kampfe +sämtlich in Trümmer, um sich dann aus der nächsten Welle +emporzuschwingen und neu geboren zu werden. Dies ist aber eben die den +proletarischen Klassenorganisationen entsprechende spezifische Methode +des Wachstums: im Kampfe sich zu erproben und aus dem Kampfe wieder +reproduziert hervorzugehen. + +Nach näherer Prüfung der deutschen Verhältnisse und der Lage der +verschiedenen Schichten der Arbeiter ist es klar, daß auch die kommende +Periode stürmischer politischer Massenkämpfe für die deutschen +Gewerkschaften nicht den befürchteten drohenden Untergang, sondern +umgekehrt neue ungeahnte Perspektiven einer rapiden sprungweisen +Erweiterung ihrer Machtsphäre mit sich bringen würde. Allein die Frage +hat noch eine andere Seite. Der Plan, Massenstreiks als ernste +politische Klassenaktion bloß mit Organisierten zu unternehmen, ist +überhaupt ein gänzlich hoffnungsloser. Soll der Massenstreik, oder +vielmehr sollen die Massenstreiks, soll der Massenkampf einen Erfolg +haben, so muß er zu einer wirklichen _Volksbewegung_ werden, d. h. die +breitesten Schichten des Proletariats mit in den Kampf ziehen. -- Schon +bei der parlamentarischen Form beruht die Macht des proletarischen +Klassenkampfes nicht auf dem kleinen organisierten Kern, sondern auf der +breiten umliegenden Peripherie des revolutionär gesinnten Proletariats. +Wollte die Sozialdemokratie bloß mit ihren paar Hunderttausend +Organisierten Wahlschlachten schlagen, dann würde sie sich selbst zur +Nullität verurteilen. Und ist es auch eine Tendenz der Sozialdemokratie, +womöglich fast den gesamten großen Heerbann ihrer Wähler in die +Parteiorganisationen aufzunehmen, so wird doch nach 30jähriger Erfahrung +der Sozialdemokratie nicht ihre Wählermasse durch das Wachstum der +Parteiorganisation erweitert, sondern umgekehrt die durch den Wahlkampf +jeweilig eroberten frischen Schichten der Arbeiterschaft bilden das +Ackerfeld für die darauffolgende Organisationsaussaat. Auch hier liefert +nicht nur die Organisation die Kampftruppen, sondern der Kampf liefert +in noch größerem Maße die Rekrutiertruppen für die Organisation. In viel +höherem Grade als auf den parlamentarischen Kampf bezieht sich dasselbe +offenbar auf die direkte politische Massenaktion. Ist auch die +Sozialdemokratie, als organisierter Kern der Arbeiterklasse, die +führende Vordertruppe des gesamten arbeitenden Volkes und fließt auch +die politische Klarheit, die Kraft, die Einheit der Arbeiterbewegung +gerade aus dieser Organisation, so darf doch die Klassenbewegung des +Proletariats niemals als Bewegung der organisierten Minderheit aufgefaßt +werden. Jeder wirkliche große Klassenkampf muß auf der Unterstützung und +Mitwirkung der breitesten Massen beruhen, und eine Strategie des +Klassenkampfes, die nicht mit dieser Mitwirkung rechnete, die bloß auf +die hübsch ausgeführten Märsche des kasernierten kleinen Teils des +Proletariats zugeschnitten wäre, ist im voraus zum kläglichen Fiasko +verurteilt. + +Die Massenstreiks, die politischen Massenkämpfe können also unmöglich in +Deutschland von den Organisierten allein getragen und auf eine +regelrechte »Leitung« aus einer Parteizentrale berechnet werden. In +diesem Falle kommt es aber wieder -- ganz wie in Rußland -- nicht sowohl +auf »Disziplin«, »Schulung« und auf möglichst sorgfältige +Vorausbestimmung der Unterstützungs- und der Kostenfrage an, als +vielmehr auf eine wirkliche revolutionäre, entschlossene Klassenaktion, +die im stande wäre, die breitesten Kreise der nichtorganisierten, aber +ihrer Stimmung und ihrer Lage nach revolutionären Proletariermassen zu +gewinnen und mitzureißen. + +Die Überschätzung und die falsche Einschätzung der Rolle der +Organisation im Klassenkampf des Proletariats wird gewöhnlich ergänzt +durch die Geringschätzung der unorganisierten Proletariermasse und ihrer +politischen Reife. In einer revolutionären Periode, im Sturme großer, +aufrüttelnder Klassenkämpfe zeigt sich erst die ganze erzieherische +Wirkung der raschen kapitalistischen Entwicklung und der +sozialdemokratischen Einflüsse auf die breitesten Volksschichten, wovon +in ruhigen Zeiten die Tabellen der Organisationen und selbst die +Wahlstatistiken nur einen ganz schwachen Begriff geben. + +Wir haben gesehen, daß in Rußland seit zirka zwei Jahren aus dem +geringsten partiellen Konflikt der Arbeiter mit dem Unternehmertum, aus +der geringsten lokalen Brutalität der Regierungsorgane sofort eine +große, allgemeine Aktion des Proletariats entstehen kann. Jedermann +sieht und findet es natürlich, weil in Rußland eben »die Revolution« da +ist. Was bedeutet aber dies? Es bedeutet, daß das Klassengefühl, der +Klasseninstinkt bei dem russischen Proletariat in höchstem Maße lebendig +ist, so daß es jede partielle Sache irgend einer kleinen Arbeitergruppe +unmittelbar als allgemeine Sache, als Klassenangelegenheit empfindet und +blitzartig darauf als Ganzes reagiert. Während in Deutschland, in +Frankreich, in Italien, in Holland die heftigsten gewerkschaftlichen +Konflikte gar keine allgemeine Aktion der Arbeiterklasse -- und sei es +auch nur des organisierten Teils -- hervorrufen, entfacht in Rußland der +geringste Anlaß einen ganzen Sturm. Das will aber nichts anderes +besagen, als daß gegenwärtig der Klasseninstinkt -- so paradox es +klingen mag -- bei dem jungen, ungeschulten, schwach aufgeklärten und +noch schwächer organisierten russischen Proletariat ein unendlich +stärkerer ist, als bei der organisierten, geschulten und aufgeklärten +Arbeiterschaft Deutschlands oder eines anderen westeuropäischen Landes. +Und das ist nicht etwa eine besondere Tugend des »jungen, unverbrauchten +Ostens« im Vergleich mit dem »faulen Westen«, sondern es ist ein +einfaches Resultat der unmittelbaren revolutionären Massenaktion. Bei +dem deutschen aufgeklärten Arbeiter ist das von der Sozialdemokratie +gepflanzte Klassenbewußtsein ein _theoretisches_, _latentes_: in der +Periode der Herrschaft des bürgerlichen Parlamentarismus kann es sich +als direkte Massenaktion in der Regel nicht betätigen; es ist hier die +ideelle Summe der vierhundert Parallelaktionen der Wahlkreise während +des Wahlkampfes, der vielen ökonomischen partiellen Kämpfe und +dergleichen. In der Revolution, wo die Masse selbst auf dem politischen +Schauplatz erscheint, wird das Klassenbewußtsein ein _praktisches_, +_aktives_. Dem russischen Proletariat hat deshalb ein Jahr der +Revolution jene »Schulung« gegeben, welche dem deutschen Proletariat 30 +Jahre parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht künstlich +geben können. Freilich wird dieses lebendige, aktive Klassengefühl des +Proletariats auch in Rußland nach dem Abschluß der Revolutionsperiode +und nach der Herstellung eines bürgerlich-parlamentarischen +Rechtsstaates bedeutend schwinden oder vielmehr in ein verborgenes, +latentes umschlagen. Ebenso sicher wird aber umgekehrt in Deutschland in +einer Periode kräftiger politischer Aktionen das lebendige, +aktionsfähige revolutionäre Klassengefühl die breitesten und tiefsten +Schichten des Proletariats ergreifen und zwar umso rascher und umso +mächtiger, je gewaltiger das bis dahin geleistete Erziehungswerk der +Sozialdemokratie ist. Dieses Erziehungswerk sowie die aufreizende und +revolutionierende Wirkung der gesamten gegenwärtigen deutschen Politik +wird sich darin äußern, daß der Fahne der Sozialdemokratie in einer +ernsten revolutionären Periode alle jene Scharen plötzlich Folge leisten +werden, die jetzt in scheinbarer politischer Stupidität gegen alle +Organisierungsversuche der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften +unempfindlich sind. Sechs Monate einer revolutionären Periode werden an +der Schulung dieser jetzt unorganisierten Massen das Werk vollenden, das +zehn Jahre Volksversammlungen und Flugblattverteilungen nicht fertig zu +bringen vermögen. Und wenn die Verhältnisse in Deutschland für eine +solche Periode den Reifegrad erreicht haben, werden im Kampfe die heute +unorganisierten zurückgebliebensten Schichten naturgemäß das radikalste, +das ungestümste, nicht das mitgeschleppte Element bilden. Wird es in +Deutschland zu Massenstreiks kommen, so werden fast sicher nicht die +bestorganisierten -- gewiß nicht die Buchdrucker -- sondern die +schlechter oder gar nicht organisierten, die Bergarbeiter, die +Textilarbeiter, vielleicht gar die Landarbeiter die größte +Aktionsfähigkeit entwickeln. + +Auf diese Weise gelangen wir aber auch in Deutschland zu denselben +Schlüssen in bezug auf die eigentlichen Aufgaben der _Leitung_, auf die +Rolle der Sozialdemokratie gegenüber den Massenstreiks, wie bei der +Analyse der russischen Vorgänge. Verlassen wir nämlich das pedantische +Schema eines künstlich von Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten +demonstrativen Massenstreiks der organisierten Minderheit, und wenden +wir uns dem lebendigen Bilde einer aus äußerster Zuspitzung der +Klassengegensätze und der politischen Situation mit elementarer Kraft +entstehenden wirklichen Volksbewegung zu, die sich sowohl in +politischen wie in ökonomischen stürmischen Massenkämpfen, +Massenstreiks entladet, so muß offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie +nicht in der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks, +sondern vor allem in der _politischen Führung_ der ganzen Bewegung +bestehen. + +Die Sozialdemokratie ist die aufgeklärteste, klassenbewußteste Vorhut +des Proletariats. Sie kann und darf nicht mit verschränkten Armen +fatalistisch auf den Eintritt der »revolutionären Situation« warten, +darauf warten, daß jene spontane Volksbewegung vom Himmel fällt. Im +Gegenteil, sie muß, wie immer, der Entwicklung der Dinge _vorauseilen_, +sie zu _beschleunigen_ suchen. Dies vermag sie aber nicht dadurch, daß +sie zur rechten und unrechten Zeit ins Blaue hinein plötzlich die +»Losung« zu einem Massenstreik ausgibt, sondern vor allem dadurch, daß +sie den breitesten proletarischen Schichten den unvermeidlichen +_Eintritt_ dieser revolutionären Periode, die dazu führenden inneren +_sozialen Momente_ und die _politischen Konsequenzen_ klar macht. Sollen +breiteste proletarische Schichten für eine politische Massenaktion der +Sozialdemokratie gewonnen werden und soll umgekehrt die Sozialdemokratie +bei einer Massenbewegung die wirkliche Leitung ergreifen und behalten, +der ganzen Bewegung _im politischen Sinne_ Herr werden, dann muß sie mit +voller Klarheit, Konsequenz und Entschlossenheit die _Taktik_, die +_Ziele_ dem deutschen Proletariat in der Periode der kommenden Kämpfe zu +stecken wissen. + + + + +VII. + + +Wir haben gesehen, daß der Massenstreik in Rußland nicht ein künstliches +Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, sondern eine +natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden der jetzigen +Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente, die in Rußland diese +neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht haben? + +Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung +des Absolutismus und die Herstellung eines modernen +bürgerlich-parlamentarischen Rechtsstaates. Formell ist es genau +dieselbe Aufgabe, die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich +der großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. Allein +die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell +analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den +heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, daß zwischen jenen +bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen bürgerlichen +Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen Entwicklung +abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung nicht bloß die +westeuropäischen Länder, sondern auch das absolutistische Rußland +ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren Konsequenzen, der modernen +Klassenscheidung, den schroffen sozialen Kontrasten, dem modernen +Großstadtleben und dem modernen Proletariat, ist in Rußland die +herrschende, d. h. in der sozialen Entwicklung ausschlaggebende +Produktionsform geworden. Daraus hat sich aber die merkwürdige, +widerspruchsvolle, geschichtliche Situation ergeben, daß die nach ihren +formellen Aufgaben bürgerliche Revolution in erster Reihe von einem +modernen klassenbewußten Proletariat ausgeführt wird, und in einem +internationalen Milieu, das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen +Demokratie steht. Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende +revolutionäre Element, wie in den früheren Revolutionen des Westens, +während die proletarische Masse, aufgelöst im Kleinbürgertum, der +Bourgeoisie Heerbanndienste leistet, sondern umgekehrt, das +klassenbewußte Proletariat ist das führende und treibende Element, +während die großbürgerlichen Schichten teils direkt kontrerevolutionär, +teils schwächlich-liberal, und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst +der städtischen kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell, +ja revolutionär gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das +dermaßen zur führenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt +ist, tritt selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie, +dafür mit einem stark entwickelten Bewußtsein der eigenen spezifischen +Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen +Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis +findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser formell +bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft zum +Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen +Gesellschaft beherrscht wird, daß der Kampf des Proletariats sich mit +gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die +kapitalistische Ausbeutung richtet, daß das Programm der revolutionären +Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische Freiheit und auf die +Eroberung des Achtstundentages sowie einer menschenwürdigen materiellen +Existenz für das Proletariat gerichtet ist. Dieser zwiespältige +Charakter der russischen Revolution äußert sich in jener innigen +Verbindung und Wechselwirkung des ökonomischen mit dem politischen +Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in Rußland kennen gelernt haben, +und die ihren entsprechenden Ausdruck eben im Massenstreik findet. + +In den früheren bürgerlichen Revolutionen, wo einerseits die politische +Schulung und Anführung der revolutionären Masse von den bürgerlichen +Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits um den nackten Sturz +der alten Regierung handelte, war die kurze Barrikadenschlacht die +passende Form des revolutionären Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse +sich selbst im Laufe des revolutionären Kampfes aufklären, selbst +sammeln und selbst anführen muß, und wo die Revolution ihrerseits ebenso +gegen die alte Staatsgewalt wie gegen die kapitalistische Ausbeutung +gerichtet ist, erscheint der Massenstreik als das natürliche Mittel, die +breitesten proletarischen Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren, +zu revolutionieren und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein +Mittel ist, die alte Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und +die kapitalistische Ausbeutung einzudämmen. Das städtische +Industrieproletariat ist jetzt die Seele der Revolution in Rußland. Um +aber irgend eine direkte politische Aktion als Masse auszuführen, muß +sich das Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe +muß es vor allem aus Fabriken und Werkstätten, aus Schächten und Hütten +heraustreten, muß es die Pulverisierung und Zerbröckelung in den +Einzelwerkstätten überwinden, zu der es im täglichen Joch des Kapitals +verurteilt ist. Der Massenstreik ist somit die erste natürliche, +impulsive Form jeder großen revolutionären Aktion des Proletariats, und +je mehr die Industrie die vorherrschende Form der sozialen Wirtschaft, +je hervorragender die Rolle des Proletariats in der Revolution und je +entwickelter der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mächtiger +und ausschlaggebender müssen die Massenstreiks werden. Die frühere +Hauptform der bürgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht, die +offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist in der +heutigen Revolution nur ein äußerster Punkt, nur ein Moment in dem +ganzen Prozeß des proletarischen Massenkampfes. + +Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene Zivilisierung +und Milderung der Klassenkämpfe erreicht, die von den Opportunisten der +deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein, David u. a. prophetisch +vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten freilich die ersehnte +Milderung und Zivilisierung des Klassenkampfes, im Geiste +kleinbürgerlich-demokratischer Illusionen, darin, daß der Klassenkampf +ausschließlich zu einem parlamentarischen Kampf beschränkt und die +Straßenrevolution einfach abgeschafft wird. Die Geschichte hat die +Lösung in einer etwas tieferen und feineren Weise gefunden: in dem +Aufkommen des revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten +brutalen Straßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig +macht, ihn aber bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode +reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode ein enormes +Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet: die materielle +und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse durch die +»Zivilisierung« der barbarischen Formen der kapitalistischen Ausbeutung. + +So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch +russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als eine +allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich aus dem +gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der +Klassenverhältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen: die +große französische, die deutsche Märzrevolution und die jetzige +russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der fortlaufenden +Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des kapitalistischen +Jahrhunderts spiegelt. In der großen französischen Revolution geben die +noch ganz unentwickelten inneren Widersprüche der bürgerlichen +Gesellschaft für eine lange Periode gewaltiger Kämpfe Raum, wo sich alle +die erst in der Hitze der Revolution rasch aufkeimenden und reifenden +Gegensätze ungehindert und ungezwungen mit rücksichtslosem Radikalismus +austoben. Ein halbes Jahrhundert später wird die auf halbem Wege der +kapitalistischen Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen +Bürgertums schon durch den Gegensatz der Interessen und das +Gleichgewicht der Kräfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte +unterbunden und durch einen bürgerlich-feudalen Kompromiß erstickt, zu +einer kurzen, kläglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekürzt. +Noch ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht +auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den Berg, +über den Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten +ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den Gegensatz +zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, sondern +umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer Kämpfe +entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung mit dem +Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die vielen neuen +Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die heutige Revolution +realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen +Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen +kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter +Nachläufer der alten bürgerlichen, wie ein Vorläufer der neuen Serie der +proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land +weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so +unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren +Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten +kapitalistischen Länder. + +Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gänzlich verfehlt, +die russische Revolution als ein schönes Schauspiel, als etwas +spezifisch »Russisches« von weitem zu betrachten und höchstens das +Heldentum der Kämpfer, d. h. die äußeren Akzessorien des Kampfes zu +bewundern. Viel wichtiger ist es, daß die deutschen Arbeiter die +russische Revolution _als ihre eigene Angelegenheit_ zu betrachten +lernen, nicht bloß im Sinne der internationalen Klassensolidarität mit +dem russischen Proletariat, sondern vor allem als _ein Kapitel der +eigenen sozialen und politischen Geschichte_. Diejenigen +Gewerkschaftsführer und Parlamentarier, die das deutsche Proletariat als +»zu schwach« und die deutschen Verhältnisse als zu unreif für +revolutionäre Massenkämpfe betrachten, haben offenbar keine Ahnung +davon, daß der Gradmesser der Reife der Klassenverhältnisse in +Deutschland und der Macht des Proletariats nicht in den Statistiken der +deutschen Gewerkschaften oder in den Wahlstatistiken liegt, sondern -- +in den Vorgängen der russischen Revolution. Genau so, wie sich die Reife +der französischen Klassengegensätze unter der Julimonarchie und die +Pariser Junischlacht in der deutschen Märzrevolution, in ihrem Verlauf +und ihrem Fiasko spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der +deutschen Klassengegensätze in den Vorgängen, in der Macht der +russischen Revolution. Und während die Bureaukraten der deutschen +Arbeiterbewegung den Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den +Schubfächern ihrer Kontore auskramen, sehen sie nicht, daß das Gesuchte +gerade vor ihren Augen in einer großen historischen Offenbarung liegt, +denn geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der +Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der +deutschen Arbeiterbewegung. + +Es wäre deshalb ein gar zu klägliches, grotesk winziges Resultat der +russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr bloß die +Lehre ziehen, daß es -- wie die Gen. Frohme, Elm und andere wollen -- +von der russischen Revolution die äußere Form des Kampfes, den +Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone für den Fall der +Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven Mittel der +parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns das +Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein ganz +selbstverständlicher Entschluß. Aber zu diesem Entschluß braucht man +sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie es z. B. +Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des bereits besessenen +bescheidenen Maßes der parlamentarischen Rechte ist weniger eine +himmelstürmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren Hekatomben der +russischen Revolution als Ermunterung notwendig waren, als vielmehr die +einfachste und erste Pflicht jeder Oppositionspartei. Allein die bloße +Defensive darf niemals die Politik des Proletariats in einer +Revolutionsperiode erschöpfen. Und wenn es einerseits schwerlich mit +Sicherheit vorausgesagt werden kann, ob die Vernichtung des allgemeinen +Wahlrechts in Deutschland in einer Situation eintritt, die unbedingt +eine sofortige Massenstreikaktion hervorrufen wird, so ist es anderseits +ganz sicher, daß, sobald wir in Deutschland in die Periode stürmischer +Massenaktionen eingetreten sind, die Sozialdemokratie unmöglich auf die +bloße parlamentarische Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anlaß +und den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in +Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht der +Sozialdemokratie, weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche +Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber kann +und muß, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn sie einmal +eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten Taktik +formulieren. Man hält nicht die geschichtlichen Ereignisse im Zaum, +indem man ihnen Vorschriften macht, sondern indem man sich im voraus +ihre wahrscheinlichen berechenbaren Konsequenzen zum Bewußtsein bringt +und die eigene Handlungsweise danach einrichtet. + +Die zunächst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche +Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefaßt macht, ist ein +Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden +Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht, +wird entreißen wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses eventuellen +Ereignisses ist es, wie gesagt, unmöglich, mit Bestimmtheit zu +behaupten, daß auf den Staatsstreich alsdann sofort eine offene +Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht, weil uns heute +alle jene unzähligen Umstände und Momente unbekannt sind, die bei einer +Massenbewegung die Situation mitbestimmen. Allein, wenn man die +gegenwärtige äußerste Zuspitzung der Verhältnisse in Deutschland und +anderseits die mannigfachen internationalen Rückwirkungen der russischen +Revolution und weiter des künftigen renovierten Rußlands in Betracht +zieht, so ist es klar, daß der Umsturz in der deutschen Politik, der aus +einer Kassierung des Reichstagswahlrechts entstehen würde, nicht bei dem +Kampf um dieses Wahlrecht allein Halt machen könnte. Dieser +Staatsstreich würde vielmehr in kürzerer oder längerer Frist mit +elementarer Macht eine große allgemeine politische Abrechnung der einmal +empörten und aufgerüttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich +ziehen -- eine Abrechnung für den Brotwucher, für die künstliche +Fleischteuerung, für die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus +und Marinismus, für die Korruption der Kolonialpolitik, für die +nationale Schmach des Königsberger Prozesses, für den Stillstand der +Sozialreform, für die Entrechtung der Eisenbahner, der Postbeamten und +der Landarbeiter, für die Bemogelung und Verhöhnung der Bergarbeiter, +für das Löbtauer Urteil und die ganze Klassenjustiz, für das brutale +Aussperrungssystem -- kurz, für den gesamten zwanzigjährigen Druck der +koalierten Herrschaft des ostelbischen Junkertums und des kartellierten +Großkapitals. + +Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er, ob es die +Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand gebracht +werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren und Beispiele +der russischen Revolution, als für Deutschland gar nicht maßgebend, vor +allem deshalb abzuweisen, weil ja in Rußland erst der gewaltige Sprung +aus einer orientalischen Despotie in eine moderne bürgerliche +Rechtsordnung gemacht werden mußte. Der formelle Abstand zwischen der +alten und der neuen politischen Ordnung soll für die Vehemenz und die +Gewalt der Revolution in Rußland als ausreichender Erklärungsgrund +dienen. In Deutschland haben wir längst die notwendigsten Formen und +Garantien des Rechtsstaats, weshalb hier ein so elementares Toben der +sozialen Gegensätze unmöglich ist. Die also spekulieren, vergessen, daß +dafür in Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer +Kämpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes sein +wird, als heute in Rußland. Gerade weil die bürgerliche Rechtsordnung in +Deutschland längst besteht, weil sie also Zeit hatte, sich gänzlich zu +erschöpfen und auf die Neige zu gehen, weil die bürgerliche Demokratie +und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben, kann von einer +_bürgerlichen_ Revolution in Deutschland nicht mehr die Rede sein. Und +deshalb kann es sich bei einer Periode offener politischer Volkskämpfe +in Deutschland als letztes geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um +die _Diktatur des Proletariats_ handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe +von den heutigen Zuständen in Deutschland ist ein noch viel +gewaltigerer, als der Abstand der bürgerlichen Rechtsordnung von der +orientalischen Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit +einem Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer +sozialer Kämpfe vollzogen werden. + +Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten +Perspektiven? Einerseits heißt es, bei einer eventuellen künftigen +Periode der politischen Massenaktion werden vor allem die +zurückgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die +Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht +erobern, die ärgsten Auswüchse der Ausbeutung erst beseitigt werden +müssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode schon die +politische Machteroberung durch das Proletariat sein! Einerseits +ökonomische, gewerkschaftliche Kämpfe um die nächsten Interessen, um die +materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits schon das äußerste +Endziel der Sozialdemokratie! Gewiß, das sind krasse Widersprüche, aber +nicht Widersprüche unseres Raisonnements, sondern Widersprüche der +kapitialistischen Entwicklung. Sie verläuft nicht in einer hübschen, +geraden Linie, sondern im schroffen blitzähnlichen Zickzack. Ebenso wie +die verschiedenen kapitalistischen Länder die verschiedensten Stadien +der Entwicklung darstellen, ebenso innerhalb jedes Landes die +verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse. Die Geschichte wartet +aber nicht geduldig, bis erst die zurückgebliebenen Länder und Schichten +die fortgeschrittensten eingeholt haben, damit sich das Ganze wie eine +stramme Kolonne symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits +in den vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die +Verhältnisse hier dafür reif sind, und im Sturme der revolutionären +Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versäumte nachgeholt, +das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt mit einem +Ruck in Sturmschritt versetzt. + +Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der +Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in +dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzähligen +partiellen Kämpfe in der gemeinsamen großen Klassenaktion des +Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhältnisse dafür reif +sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der +Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den +zurückgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den +fortgeschrittensten zu richten. + + + + +VIII. + + +Das wichtigste Erfordernis in der früher oder später kommenden +Periode der großen Kämpfe, die der deutschen Arbeiterklasse harren, +ist, neben der vollen Entschlossenheit und Konsequenz der Taktik, die +möglichste Aktionsfähigkeit, also mögliche Einheit des führenden +sozialdemokratischen Teils der proletarischen Masse. Indes bereits die +ersten schwachen Versuche zur Vorbereitung einer größeren Massenaktion +haben sofort einen wichtigen Übelstand in dieser Hinsicht aufgedeckt: +die völlige Trennung und Verselbständigung der beiden Organisationen der +Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. + +Es ist klar aus der näheren Betrachtung der Massenstreiks in Rußland +sowie aus den Verhältnissen in Deutschland selbst, daß irgend eine +größere Massenaktion, wenn sie sich nicht bloß auf eine einmalige +Demonstration beschränken, sondern zu einer wirklichen Kampfaktion +werden soll, unmöglich als ein sogenannter politischer Massenstreik +gedacht werden kann. Die Gewerkschaften würden an einer solchen Aktion +in Deutschland genau so beteiligt sein wie die Sozialdemokratie. Nicht +aus dem Grunde, weil, wie die Gewerkschaftsführer sich einbilden, die +Sozialdemokratie angesichts ihrer viel geringeren Organisation auf die +Mitwirkung der 1¼ Million Gewerkschaftler angewiesen wäre und ohne sie +nichts zu stande bringen könnte, sondern aus einem viel tiefer liegenden +Grunde: weil jede direkte Massenaktion oder Periode offener +Klassenkämpfe zugleich eine politische und ökonomische sein würde. Wird +es in Deutschland aus irgend einem Anlaß und in irgend einem Zeitpunkt +zu großen politischen Kämpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das +zugleich eine Ära gewaltiger gewerkschaftlicher Kämpfe in Deutschland +eröffnen, wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen werden, +ob die Gewerkschaftsführer zu der Bewegung ihre Zustimmung gegeben haben +oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich gar der Bewegung +zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens nur der sein, daß +die Gewerkschaftsführer, genau wie die Parteiführer im analogen Falle, +von der Welle der Ereignisse einfach auf die Seite geschoben und die +ökonomischen wie die politischen Kämpfe der Masse ohne sie ausgekämpft +werden. + +In der Tat. Die Trennung zwischen dem politischen und dem ökonomischen +Kampf und die Verselbständigung beider ist nichts als ein künstliches, +wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der parlamentarischen Periode. +Einerseits wird hier, bei dem ruhigen, »normalen« Gang der bürgerlichen +Gesellschaft, der ökonomische Kampf zersplittert, in eine Vielheit +einzelner Kämpfe in jeder Unternehmung, in jedem Produktionszweige +aufgelöst. Anderseits wird der politische Kampf nicht durch die Masse +selbst in einer direkten Aktion geführt, sondern, den Formen des +bürgerlichen Staates entsprechend, auf repräsentativem Wege, durch den +Druck auf die gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode +revolutionärer Kämpfe eintritt, d. h. sobald die Masse auf dem +Kampfplatz erscheint, fallen sowohl die Zersplitterung des ökonomischen +Kampfes wie die indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes +weg; in einer revolutionären Massenaktion sind politischer und +ökonomischer Kampf eins und die künstliche Schranke zwischen +Gewerkschaft und Sozialdemokratie als zwei getrennten, ganz +selbständigen Formen der Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt. +Was aber in der revolutionären Massenbewegung augenfällig zum Ausdruck +kommt, trifft auch für die parlamentarische Periode als wirkliche +Sachlage zu. Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der +Arbeiterklasse, einen ökonomischen und einen politischen, sondern es +gibt nur _einen_ Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschränkung +der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft +und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen +Gesellschaft gerichtet ist. + +Wenn sich diese zwei Seiten des Klassenkampfes auch aus technischen +Gründen in der parlamentarischen Periode voneinander trennen, so stellen +sie doch nicht etwa zwei parallel verlaufende Aktionen, sondern bloß +zwei Phasen, zwei Stufen des Emanzipationskampfes der Arbeiterklasse +dar. Der gewerkschaftliche Kampf umfaßt die Gegenwartsinteressen, der +sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen der Arbeiterbewegung. +Die Kommunisten, sagt das kommunistische Manifest, vertreten gegenüber +verschiedenen Gruppeninteressen (nationalen, lokalen Interessen) der +Proletarier die gemeinsamen Interessen des gesamten Proletariats und in +den verschiedenen Entwicklungsstufen des Klassenkampfes das Interesse +der Gesamtbewegung d. h. die Endziele der Befreiung des Proletariats. +Die Gewerkschaften vertreten nun die Gruppeninteressen und eine +Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratie vertritt +die Arbeiterklasse und ihre Befreiungsinteressen im ganzen. Das +Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie ist demnach das eines +Teiles zum Ganzen, und wenn unter den Gewerkschaftsführern die Theorie +von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie +soviel Anklang findet, so beruht das auf einer gründlichen Verkennung +des Wesens selbst der Gewerkschaften und ihrer Rolle im allgemeinen +Befreiungskampfe der Arbeiterklasse. + +Diese Theorie von der parallelen Aktion der Sozialdemokratie und der +Gewerkschaften und von ihrer »Gleichberechtigung« ist jedoch nicht +völlig aus der Luft gegriffen, sondern hat ihre geschichtlichen Wurzeln. +Sie beruht nämlich auf einer Illusion der ruhigen, »normalen« Periode +der bürgerlichen Gesellschaft, in der der politische Kampf der +Sozialdemokratie in dem _parlamentarischen_ Kampf aufzugehen scheint. +Der parlamentarische Kampf aber, das ergänzende Gegenstück zum +Gewerkschaftskampf, ist ebenso wie dieser ein Kampf ausschließlich auf +dem Boden der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Er ist seiner Natur +nach politische Reformarbeit, wie die Gewerkschaften ökonomische +Reformarbeit sind. Er stellt politische Gegenwartsarbeit dar, wie die +Gewerkschaften ökonomische Gegenwartsarbeit darstellen. Er ist, wie sie, +auch bloß eine Phase, eine Entwicklungsstufe im Ganzen des +proletarischen Klassenkampfes, dessen Endziele über den +parlamentarischen Kampf wie über den gewerkschaftlichen Kampf in +gleichem Maße hinausgehen. Der parlamentarische Kampf verhält sich zur +sozialdemokratischen Politik denn auch wie ein Teil zum Ganzen, genau so +wie die gewerkschaftliche Arbeit. Die Sozialdemokratie ist eben heute +die Zusammenfassung sowohl des parlamentarischen wie des +gewerkschaftlichen Kampfes in einem auf die Abschaffung der bürgerlichen +Gesellschaftsordnung gerichteten Klassenkampf. + +Die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften mit der +Sozialdemokratie ist also kein bloßes theoretisches Mißverständnis, +keine bloße Verwechslung, sondern sie ist ein Ausdruck der bekannten +Tendenz jenes opportunistischen Flügels der Sozialdemokratie, der den +politischen Kampf der Arbeiterklasse auch tatsächlich auf den +parlamentarischen Kampf reduzieren und die Sozialdemokratie aus einer +revolutionären proletarischen in eine kleinbürgerliche Reformpartei +umwandeln will.[4] Wollte die Sozialdemokratie die Theorie von der +»Gleichberechtigung« der Gewerkschaften akzeptieren, so würde sie damit +in indirekter Weise und stillschweigend jene Verwandlung akzeptieren, +die von den Vertretern der opportunistischen Richtung längst angestrebt +wird. + +[Fußnote 4: Da das Vorhandensein einer solchen Tendenz innerhalb der +deutschen Sozialdemokratie gewöhnlich geleugnet wird, so muß man die +Offenherzigkeit begrüßen, mit der die opportunistische Richtung neulich +ihre eigentlichen Ziele und Wünsche formuliert hat. In einer +Parteiversammlung in Mainz am 10. September d. J. wurde folgende von Dr. +_David_ vorgelegte Resolution angenommen: + +»In der Erwägung, daß die sozialdemokratische Partei den Begriff +»Revolution« nicht im Sinne des gewaltsamen Umsturzes, sondern im +friedlichen Sinne der Entwicklung, d. h. der allmählichen Durchsetzung +eines neuen Wirtschaftsprinzips, auffaßt, lehnt die Mainzer öffentliche +Parteiversammlung jede »Revolutionsromantik« ab. + +»Die Versammlung sieht in der Eroberung der politischen Macht nichts +anderes als die Eroberung der Mehrheit des Volkes für die Ideen und +Forderungen der Sozialdemokratie; eine Eroberung, die nicht geschehen +kann mit gewaltsamen Mitteln, sondern nur durch die Revolutionierung der +Köpfe auf dem Wege der geistigen Propaganda und der praktischen +Reformarbeit auf allen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und +sozialen Lebens. + +In der Überzeugung, daß die Sozialdemokratie weit besser gedeiht bei den +gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz, lehnt +die Versammlung die »_direkte Massenaktion_« als taktisches Prinzip ab +und hält an dem Prinzip der _parlamentarischen Reformation_ fest, d. h., +sie wünscht, daß die Partei nach wie vor ernstlich bemüht ist, _auf dem +Wege der Gesetzgebung und der organischen Entwicklung allmählich unsere +Ziele zu erreichen_. + +Die fundamentale Voraussetzung dieser reformatorischen Kampfesmethode +ist freilich, daß die _Möglichkeit der Anteilnahme der besitzlosen +Volksmasse an der Gesetzgebung_ im Reiche und in den Einzelstaaten nicht +verkürzt, sondern bis zur _vollen Gleichberechtigung_ erneuert wird. Aus +diesem Grunde hält es die Versammlung für ein unbestreitbares Recht der +Arbeiterschaft, zur Abwehr von Attentaten auf ihre gesetzlichen Rechte +sowie zur Erringung weiterer Rechte, wenn alle anderen Mittel versagen, +auch die Arbeit für kürzere oder längere Dauer zu verweigern. + +Da der politische Massenstreik aber nur dann siegreich für die +Arbeiterschaft durchgeführt werden kann, wenn er sich _in streng +gesetzlichen Bahnen_ hält und seitens der Streikenden kein berechtigter +Anlaß zum Eingreifen der bewaffneten Macht geboten wird, so erblickt die +Versammlung die einzig notwendige und wirksame Vorbereitung auf den +Gebrauch dieses Kampfmittels in dem weiteren Ausbau der politischen, +gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisation. Denn nur +dadurch können die Voraussetzungen in der breiten Volksmasse geschaffen +werden, die den erfolgreichen Verlauf eines Massenstreiks garantieren: +zielbewußte Disziplin und einen geeigneten wirtschaftlichen Rückhalt.«] + +Indes ist in Deutschland eine solche Verschiebung des Verhältnisses +innerhalb der Arbeiterbewegung unmöglicher als in irgend einem anderen +Lande. Das theoretische Verhältnis, wonach Gewerkschaften bloß ein Teil +der Sozialdemokratie sind, findet gerade in Deutschland seine klassische +Illustration in den Tatsachen, in der lebendigen Praxis, und zwar äußert +sich dies nach drei Richtungen hin. Erstens sind die deutschen +Gewerkschaften direkt ein Produkt der Sozialdemokratie; sie ist es, die +die Anfänge der jetzigen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland geschaffen +hat, sie ist es, die sie großgezogen, sie liefert bis auf heute +ihre Leiter und die tätigsten Träger ihrer Organisation. Zweitens +sind die deutschen Gewerkschaften ein Produkt der Sozialdemokratie +auch in dem Sinne, daß die sozialdemokratische Lehre die Seele der +gewerkschaftlichen Praxis bildet, die Gewerkschaften verdanken ihre +Überlegenheit über alle bürgerlichen und konfessionellen Gewerkschaften +dem Gedanken des Klassenkampfes; ihre praktischen Erfolge, ihre Macht +sind ein Resultat des Umstandes, daß ihre Praxis von der Theorie des +wissenschaftlichen Sozialismus erleuchtet und über die Niederungen eines +engherzigen Empirismus gehoben ist. Die Stärke der »praktischen Politik« +der deutschen Gewerkschaften liegt in ihrer Einsicht in die tieferen +sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen +Ordnung; diese Einsicht verdanken sie aber niemand anderem, als der +Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der sie in ihrer Praxis +fußen. In diesem Sinne ist jenes Suchen nach der Emanzipierung der +Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Theorie nach einer anderen +»gewerkschaftlichen Theorie« im Gegensatz zur Sozialdemokratie vom +Standpunkte der Gewerkschaften selbst und ihrer Zukunft nichts anderes, +als ein Selbstmordversuch. Die Loslösung der gewerkschaftlichen Praxis +von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus würde für die +deutschen Gewerkschaften einen sofortigen Verlust der ganzen +Überlegenheit gegenüber allen bürgerlichen Gewerkschaftssorten, einen +Sturz von ihrer bisherigen Höhe auf das Niveau eines haltlosen Tastens +und reinen platten Empirismus bedeuten. + +Endlich aber drittens sind die Gewerkschaften, wovon ihre Führer +allmählich das Bewußtsein verloren haben, auch direkt in ihrer +_zahlenmäßigen_ Stärke, ein Produkt der sozialdemokratischen Bewegung +und der sozialdemokratischen Agitation. Gewiß ging und geht die +gewerkschaftliche Agitation in manchen Gegenden der sozialdemokratischen +voran und überall ebnet die gewerkschaftliche Arbeit auch der +Parteiarbeit die Wege. Vom Standpunkte ihrer _Wirkung_ arbeiten Partei +und Gewerkschaften einander völlig in die Hand. Allein, wenn man das +Bild des Klassenkampfes in Deutschland im ganzen und in seinen tiefer +liegenden Zusammenhängen überblickt, so verschiebt sich das Verhältnis +erheblich. Manche Gewerkschaftsleiter pflegen gern mit einigem Triumph +von der stolzen Höhe ihrer 1¼ Millionen Mitglieder auf die armselige, +noch nicht volle halbe Million der organisierten Mitglieder der +Sozialdemokratie herabzublicken und sie an jene Zeiten vor 10 bis 12 +Jahren zu erinnern, wo man in den Reihen der Sozialdemokratie über die +Perspektiven der gewerkschaftlichen Entwicklung noch pessimistisch +dachte. Sie bemerken gar nicht, dass zwischen diesen zwei Tatsachen: der +hohen Ziffer der Gewerkschaftsmitglieder und der niedrigen Ziffer der +sozialdemokratisch Organisierten in gewissem Maße _ein direkter kausaler +Zusammenhang besteht_. Tausende und Abertausende von Arbeitern treten +den Parteiorganisationen nicht bei, eben _weil_ sie in die +Gewerkschaften eintreten. Der Theorie nach müßten alle Arbeiter zweifach +organisiert sein: zweierlei Versammlungen besuchen, zweifache Beiträge +zahlen, zweierlei Arbeiterblätter lesen usw. Um dies jedoch zu tun, dazu +gehört schon ein hoher Grad der Intelligenz und jener Idealismus, der +aus reinem Pflichtgefühl gegenüber der Arbeiterbewegung tägliche Opfer +an Zeit und Geld nicht scheut, endlich auch jenes leidenschaftliche +Interesse für das eigentliche Parteileben, das nur durch die +Zugehörigkeit zur Parteiorganisation befriedigt werden kann. All das +trifft bei der aufgeklärtesten und intelligentesten Minderheit der +sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den Großstädten zu, wo das +Parteileben ein inhaltreiches und anziehendes, wo die Lebenshaltung der +Arbeiter eine höhere ist. Bei den breiteren Schichten der +großstädtischen Arbeitermasse aber, sowie in der Provinz, in den +kleineren und kleinsten Nestern, wo das lokale politische Leben ein +unselbständiges, ein bloßer Reflex der hauptstädtischen Vorgänge, wo das +Parteileben folglich auch ein armes und monotones ist, wo endlich die +wirtschaftliche Lebenshaltung des Arbeiters meistens eine sehr +kümmerliche, da ist das doppelte Organisationsverhältnis sehr schwer +durchzuführen. + +Für den sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter aus der Masse wird dann +die Frage von selbst in der Weise gelöst, daß er eben seiner +Gewerkschaft beitritt. Den unmittelbaren Interessen seines +wirtschaftlichen Kampfes kann er nämlich, was durch die Natur dieses +Kampfes selbst bedingt ist, nicht anders genügen, als durch den Beitritt +zu einer Berufsorganisation. Der Beitrag, den er hier vielfach unter +bedeutenden Opfern seiner Lebenshaltung zahlt, bringt ihm unmittelbaren, +sichtlichen Nutzen. Seine sozialdemokratische Gesinnung aber vermag er +auch ohne Zugehörigkeit zu einer speziellen Parteiorganisation zu +betätigen: durch Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen, durch den Besuch +sozialdemokratischer Volksversammlungen, durch das Verfolgen der +Berichte über sozialdemokratische Reden in den Vertretungskörpern, durch +das Lesen der Parteipresse -- man vergleiche zum Beispiel die Zahl der +sozialdemokratischen Wähler sowie die Abonnentenzahl des »Vorwärts« mit +der Zahl der organisierten Parteimitglieder in Berlin. Und, was das +Ausschlaggebende ist: der sozialdemokratisch gesinnte durchschnittliche +Arbeiter aus der Masse, der als einfacher Mann kein Verständnis für die +komplizierte und feine sogenannte »Zweiseelentheorie« haben kann, fühlt +sich eben auch in der Gewerkschaft _sozialdemokratisch_ organisiert. +Tragen die Zentralverbände auch kein offizielles Parteischild, so sieht +doch der Arbeitsmann aus der Masse in jeder Stadt und jedem Städtchen an +der Spitze seiner Gewerkschaft als die tätigsten Leiter diejenigen +Kollegen, die er auch als Genossen, als Sozialdemokraten aus dem +öffentlichen Leben kennt: bald als sozialdemokratische Reichstags-, +Landtags- oder Gemeindeabgeordnete, bald als sozialdemokratische +Vertrauensmänner, Wahlvereinsvorstände, Parteiredakteure, +Parteisekretäre, oder einfach als Redner und Agitatoren. Er hört ferner +in der Agitation in seiner Gewerkschaft meistens dieselben ihm lieb und +verständlich gewordenen Gedanken über die kapitalistische Ausbeutung, +über Klassenverhältnisse, die er auch aus der sozialdemokratischen +Agitation kennt; ja die meisten und beliebtesten Redner in den +Gewerkschaftsversammlungen sind eben bekannte Sozialdemokraten. + +So wirkt alles dahin, dem klassenbewußten Durchschnittsarbeiter das +Gefühl zu geben, daß er, indem er sich gewerkschaftlich organisiert, +dadurch auch seiner Arbeiterpartei angehört, sozialdemokratisch +organisiert ist. _Und darin liegt eben die eigentliche Werbekraft der +deutschen Gewerkschaften_. Nicht dank dem Schein der Neutralität, +sondern dank der sozialdemokratischen Wirklichkeit ihres Wesens, +haben es die Zentralverbände vermocht, ihre heutige Stärke zu +erreichen. Dies ist einfach durch dieselbe Mitexistenz verschiedener +bürgerlich-parteilicher: katholischer, Hirsch-Dunckerscher &c. +Gewerkschaften begründet, durch die man eben die Notwendigkeit jener +politischen »Neutralität« zu begründen sucht. Wenn der deutsche +Arbeiter, der die volle freie Wahl hat, sich einer christlichen, +katholischen, evangelischen oder freisinnigen Gewerkschaft +anzuschließen, keine von diesen, sondern die »freie Gewerkschaft« +wählt, oder gar aus jenen in diese übertritt, so tut er dies nur, +weil er die Zentralverbände als ausgesprochene Organisationen des +modernen Klassenkampfes, oder, was in Deutschland dasselbe, als +sozialdemokratische Gewerkschaften auffaßt. Kurz: der Schein der +»Neutralität«, der für manche Gewerkschaftsführer existiert, besteht für +die Masse der gewerkschaftlich Organisierten nicht. Und dies ist das +ganze Glück der Gewerkschaftsbewegung. Sollte jener Schein der +»Neutralität«, jene Entfremdung und Loslösung der Gewerkschaften von der +Sozialdemokratie zur Wahrheit und namentlich in den Augen der +proletarischen Masse zur Wirklichkeit werden, dann würden die +Gewerkschaften sofort ihren ganzen Vorzug gegenüber den bürgerlichen +Konkurrenzverbänden und damit auch ihre Werbekraft, ihr belebendes +Feuer, verlieren. Das Gesagte wird durch allgemein bekannte Tatsachen +schlagend bewiesen. Der Schein der partei-politischen »Neutralität« der +Gewerkschaften konnte nämlich als Anziehungsmittel hervorragende Dienste +leisten in einem Lande, wo die Sozialdemokratie selbst keinen Kredit bei +den Massen besitzt, wo ihr Odium einer Arbeiterorganisation in den Augen +der Masse noch eher schadet als nützt, wo mit einem Wort die +Gewerkschaften ihre Truppen erst aus einer ganz unaufgeklärten, +bürgerlich gesinnten Masse selbst rekrutieren müssen. + +Das Muster eines solchen Landes war das ganze vorige Jahrhundert +hindurch und ist auch heute noch in gewissem Maße -- _England_. In +Deutschland jedoch liegen die Parteiverhältnisse ganz anders. In einem +Lande, wo die Sozialdemokratie die mächtigste politische Partei ist, wo +ihre Werbekraft durch ein Heer von über drei Millionen Proletariern +dargestellt wird, da ist es lächerlich, von dem abschreckenden Odium der +Sozialdemokratie zu sprechen und von bei Notwendigkeit einer +Kampforganisation der Arbeiter, die politische Neutralität zu wahren. +Die bloße Zusammenstellung der Ziffer der sozialdemokratischen Wähler +mit den Ziffern der gewerkschaftlichen Organisationen in Deutschland +genügt, um für jedes Kind klar zu machen, daß die deutschen +Gewerkschaften ihre Truppen nicht, wie in England, aus der +unaufgeklärten bürgerlich gesinnten Masse, sondern aus der Masse der +bereits durch die Sozialdemokratie aufgerüttelten und für den Gedanken +des Klassenkampfes gewonnenen Proletarier, aus der sozialdemokratischen +Wählermasse werben. Manche Gewerkschaftsführer weisen mit Entrüstung -- +dies ein Requisit der »Neutralitätstheorie« -- den Gedanken von sich, +die Gewerkschaften als Rekrutenschule für die Sozialdemokratie zu +betrachten. Tatsächlich ist diese ihnen so beleidigend erscheinende, in +Wirklichkeit höchst schmeichelhafte Zumutung in Deutschland durch den +einfachen Umstand zur Phantasie gemacht, weil die Verhältnisse meistens +umgekehrt liegen; es ist die Sozialdemokratie, die in Deutschland die +Rekrutenschule für die Gewerkschaften bildet. Wenn auch das +Organisationswerk der Gewerkschaften meistens noch ein sehr schweres und +mühseliges ist, so ist, abgesehen von manchen Gegenden und Fällen, im +großen und ganzen nicht bloß der Boden bereits durch den +sozialdemokratischen Pflug urbar gemacht worden, sondern die +gewerkschaftliche Saat selbst und endlich der Säemann müssen auch noch +»rot«, sozialdemokratisch sein, damit die Ernte gedeiht. Wenn wir aber +auf diese Weise die gewerkschaftlichen Stärkezahlen nicht mit den +sozialdemokratischen Organisationen, sondern, was das einzig richtige +ist, mit der sozialdemokratischen Wählermasse vergleichen, so kommen wir +zu einem Schluß, der von der landläufigen Vorstellung in dieser Hinsicht +bedeutend abweicht. Es stellt sich nämlich heraus, daß die »freien +Gewerkschaften« heute tatsächlich noch die Minderheit der +klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands darstellen, haben sie doch +mit ihrer 1¼ Million Organisierter noch nicht die Hälfte der von der +Sozialdemokratie aufgerüttelten Masse ausschöpfen können. + +Der wichtigste Schluß aus den angeführten Tatsachen ist der, daß die für +die kommenden Massenkämpfe in Deutschland unbedingt notwendige völlige +_Einheit_ der gewerkschaftlichen und der sozialdemokratischen +Arbeiterbewegung _tatsächlich vorhanden ist_, und zwar ist sie +verkörpert in der breiten Masse, die gleichzeitig die Basis der +Sozialdemokratie wie der Gewerkschaften bildet und in deren Bewußtsein +beide Seiten der Bewegung zu einer geistigen Einheit verschmolzen sind. +Der angebliche Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften +schrumpft bei dieser Sachlage zu einem Gegensatz zwischen der +Sozialdemokratie und einem gewissen Teil der Gewerkschaftsbeamten +zusammen, der aber zugleich ein Gegensatz innerhalb der Gewerkschaften +zwischen diesem Teil der Gewerkschaftsführer und der gewerkschaftlich +organisierten proletarischen Masse ist. + +Das starke Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland im Laufe +der letzten 15 Jahre, besonders in der Periode der wirtschaftlichen +Hochkonjunktur 1895-1900, hat von selbst eine große Verselbständigung +der Gewerkschaften, eine Spezialisierung ihrer Kampfmethoden und ihrer +Leitung und endlich das Aufkommen eines regelrechten gewerkschaftlichen +Beamtenstandes mit sich gebracht. All diese Erscheinungen sind ein +vollkommen erklärliches und natürliches geschichtliches Produkt des +fünfzehnjährigen Wachstums der Gewerkschaften, ein Produkt der +wirtschaftlichen Prosperität und der politischen Windstille in +Deutschland. Sie sind, wenn auch von gewissen Übelständen +unzertrennlich, doch zweifellos ein historisch notwendiges Übel. Allein +die Dialektik der Entwicklung bringt es eben mit sich, daß diese +notwendigen Förderungsmittel des gewerkschaftlichen Wachstums auf einer +gewissen Höhe der Organisation und bei einem gewissen Reifegrad der +Verhältnisse in ihr Gegenteil, in Hemmnisse des weiteren Wachstums +umschlagen. + +Die Spezialisierung ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher Leiter +sowie der naturgemäß enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten +ökonomischen Kämpfen in einer ruhigen Periode verbunden ist, führen bei +den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum Bureaukratismus und zu einer +gewissen Enge der Auffassung. Beides äußert sich aber in einer ganzen +Reihe von Tendenzen, die für die Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung +selbst höchst verhängnisvoll werden könnten. Dahin gehört vor allem die +Überschätzung der Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck +allmählich in einen Selbstzweck, in ein höchstes Gut verwandelt wird, +dem die Interessen des Kampfes untergeordnet werden sollen. Daraus +erklärt sich auch jenes offen zugestandene Ruhebedürfnis, das vor einem +größeren Risiko und vor vermeintlichen Gefahren für den Bestand der +Gewerkschaften, vor der Ungewißheit größerer Massenaktionen +zurückschreckt, ferner die Überschätzung der gewerkschaftlichen +Kampfesweise selbst, ihrer Aussichten und ihrer Erfolge. Die beständig +von dem ökonomischen Kleinkrieg absorbierten Gewerkschaftsleiter, die +es zur Aufgabe haben, den Arbeitermassen den hohen Wert jeder noch +so geringen ökonomischen Errungenschaft, jeder Lohnerhöhung oder +Verkürzung der Arbeitszeit plausibel zu machen, kommen allmählich +dahin, daß sie selbst die größeren Zusammenhänge und den Überblick +über die Gesamtlage verlieren. Nur dadurch kann erklärt werden, daß +manche Gewerkschaftsführer z. B. mit so großer Genugtuung auf die +Errungenschaften der letzten 15 Jahre, auf die Millionen Mark +Lohnerhöhungen hinweisen, anstatt umgekehrt den Nachdruck auf die andere +Seite der Medaille zu legen: auf die gleichzeitig stattgefundene +ungeheure Herabdrückung der proletarischen Lebenshaltung durch den +Brotwucher, durch die gesamte Steuer- und Zollpolitik, durch den +Bodenwucher, der die Wohnungsmieten in so exorbitanter Weise in die Höhe +getrieben hat, mit einem Wort, auf all die objektiven Tendenzen der +bürgerlichen Politik, die jene Errungenschaften der 15jährigen +gewerkschaftlichen Kämpfe zu einem großen Teil wieder wett machen. Aus +der _ganzen_ sozialdemokratischen Wahrheit, die neben der Betonung der +Gegenwartsarbeit und ihrer absoluten Notwendigkeit das Hauptgewicht auf +die _Kritik_ und die Schranken dieser Arbeit legt, wird so die _halbe_ +gewerkschaftliche Wahrheit zurechtgestutzt, die nur das Positive des +Tageskampfes hervorhebt. Und schließlich wird aus dem Verschweigen der +dem gewerkschaftlichen Kampfe gezogenen objektiven Schranken der +bürgerlichen Gesellschaftsordnung eine direkte Feindseligkeit gegen jede +theoretische Kritik, die auf diese Schranken im Zusammenhang mit den +Endzielen der Arbeiterbewegung hinweist. Die unbedingte Lobhudelei, der +grenzenlose Optimismus werden zur Pflicht jedes »Freundes der +Gewerkschaftsbewegung« gemacht. Da aber der sozialdemokratische +Standpunkt gerade in der Bekämpfung des kritiklosen gewerkschaftlichen +Optimismus, ganz wie in der Bekämpfung des kritiklosen parlamentarischen +Optimismus besteht, so wird schließlich gegen die sozialdemokratische +Theorie selbst Front gemacht: man sucht tastend nach einer »neuen +gewerkschaftlichen Theorie«, d. h. nach einer Theorie, die den +gewerkschaftlichen Kämpfen im Gegensatz zur sozialdemokratischen Lehre +auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschränkte +Perspektiven des wirtschaftlichen Aufstiegs eröffnen wurde. Eine solche +Theorie existiert freilich schon seit geraumer Zeit: es ist dies die +Theorie von Prof. _Sombart_, die ausdrücklich mit der Absicht +aufgestellt wurde, einen Keil zwischen die Gewerkschaften und die +Sozialdemokratie in Deutschland zu treiben und die Gewerkschaften auf +bürgerlichen Boden hinüberzulocken. + +Im engen Zusammenhang mit diesen theoretischen Tendenzen steht ein +Umschwung im Verhältnis der Führer zur Masse. An Stelle der kollegialen +Leitung durch lokale Kommissionen mit ihren zweifellosen +Unzulänglichkeiten tritt die geschäftsmäßige Leitung des +Gewerkschaftsbeamten. Die Initiative und die Urteilsfähigkeit werden +damit sozusagen zu seiner Berufsspezialität, während der Masse +hauptsächlich die mehr passive Tugend der Disziplin obliegt. Diese +Schattenseiten des Beamtentums bergen sicherlich auch für die Partei +bedeutende Gefahren in sich, die sich aus der jüngsten Steuerung, aus +der Anstellung der lokalen Parteisekretäre, seht leicht ergeben können, +wenn die sozialdemokratische Masse nicht darauf bedacht sein wird, daß +die genannten Sekretäre reine Vollziehungsorgane bleiben und nicht etwa +als die berufenen Träger der Initiative und der Leitung des lokalen +Parteilebens betrachtet werden. Allein dem Bureaukratismus sind in der +Sozialdemokratie durch die Natur der Sache, durch den Charakter des +politischen Kampfes selbst engere Grenzen gezogen, als im +Gewerkschaftsleben. Hier bringt gerade die technische Spezialisierung +der Lohnkämpfe, z. B. der Abschluß von komplizierten Tarifverträgen und +dergleichen, mit sich, daß der Masse der Organisierten häufig der +»Überblick über das gesamte Gewerbsleben« abgesprochen und damit ihre +Urteilsunfähigkeit begründet wird. Eine Blüte dieser Auffassung ist +namentlich auch die Argumentation, mit der jede theoretische Kritik an +den Aussichten und Möglichkeiten der Gewerkschaftspraxis verpönt wird, +weil sie angeblich eine Gefahr für die gewerkschaftsfromme Gesinnung der +Masse darstelle. Es wird dabei von der Ansicht ausgegangen, daß die +Arbeitermasse nur bei blindem, kindlichen Glauben an das Heil des +Gewerkschaftskampfes für die Organisation gewonnen und erhalten werden +könne. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die gerade auf der Einsicht +der Masse in die Widersprüche der bestehenden Ordnung und in die ganze +komplizierte Natur ihrer Entwicklung, auf dem kritischen Verhalten der +Masse zu allen Momenten und Stadien des eigenen Klassenkampfes ihren +Einfluß basiert, wird der Einfluß und die Macht der Gewerkschaften nach +dieser verkehrten Theorie auf der Kritik- und Urteilslosigkeit der Masse +gegründet. »Dem Volke muß der Glaube erhalten werden« -- dies der +Grundsatz, aus dem heraus manche Gewerkschaftsbeamten alle Kritik an den +objektiven Unzulänglichkeiten der Gewerkschaftsbewegung zu einem +Attentat auf diese Bewegung selbst stempeln. Und endlich ein Resultat +dieser Spezialisierung und dieses Bureaukratismus unter den +Gewerkschaftsbeamten ist auch die starke Verselbständigung und die +»Neutralität« der Gewerkschaften gegenüber der Sozialdemokratie. Die +äußere Selbständigkeit der gewerkschaftlichen Organisation hat sich mit +ihrem Wachstum als eine natürliche Bedingung ergeben, als ein +Verhältnis, das aus der technischen Arbeitsteilung zwischen der +politischen und der gewerkschaftlichen Kampfform erwächst. Die +»Neutralität« der deutschen Gewerkschaften kam ihrerseits als ein +Produkt der reaktionären Vereinsgesetzgebung, des preußisch-deutschen +Polizeistaates auf. Mit der Zeit haben beide Verhältnisse ihre Natur +geändert. Aus dem polizeilich erzwungenen Zustand der politischen +»Neutralität« der Gewerkschaften ist nachträglich eine Theorie ihrer +freiwilligen Neutralität als einer angeblich in der Natur des +Gewerkschaftskampfes selbst begründeten Notwendigkeit zurechtgemacht +worden. Und die technische Selbständigkeit der Gewerkschaften, die +auf praktischer Arbeitsteilung innerhalb des einheitlichen +sozialdemokratischen Klassenkampfes beruhen sollte, ist in die +Lostrennung der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie, von ihren +Ansichten und von ihrer Führung, in die sogenannte »Gleichberechtigung« +mit der Sozialdemokratie umgewandelt. + +Dieser Schein der Lostrennung und der Gleichstellung der Gewerkschaften +mit der Sozialdemokratie wird aber hauptsächlich in den +Gewerkschaftsbeamten verkörpert, durch den Verwaltungsapparat der +Gewerkschaften genährt. Äußerlich ist durch die Nebenexistenz eines +ganzen Stabes von Gewerkschaftsbeamten, einer gänzlich unabhängigen +Zentrale, einer zahlreichen Berufspresse und endlich der +gewerkschaftlichen Kongresse der Schein einer völligen Parallelität mit +dem Verwaltungsapparat der Sozialdemokratie, dem Parteivorstand, der +Parteipresse und den Parteitagen geschaffen. Diese Illusion der +Gleichstellung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften hat auch +u. a. zu der monströsen Erscheinung geführt, daß auf den +sozialdemokratischen Parteitagen und den gewerkschaftlichen Kongressen +zum Teil ganz analoge Tagesordnungen behandelt und zu derselben Frage +verschiedene, ja, direkt entgegengesetzte Beschlüsse gefaßt werden. Aus +der natürlichen Arbeitsteilung zwischen dem Parteitag, der die +allgemeinen Interessen und Aufgaben der Arbeiterbewegung vertritt, und +den Gewerkschaftskonferenzen, die das viel engere Gebiet der speziellen +Fragen und Interessen des beruflichen Tageskampfes behandeln, ist der +künstliche Zwiespalt zwischen einer angeblichen gewerkschaftlichen und +einer sozialdemokratischen Weltanschauung in bezug auf _dieselben_ +allgemeinen Fragen und Interessen der Arbeiterbewegung konstruiert +worden. + +So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, daß dieselbe +Gewerkschaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie unten, in der +breiten proletarischen Masse, vollständig eins ist, oben, in dem +Verwaltungsüberbau, von der Sozialdemokratie schroff abspringt und sich +ihr gegenüber als eine unabhängige zweite Großmacht aufrichtet. Die +deutsche Arbeiterbewegung bekommt dadurch die eigentümliche Form einer +Doppelpyramide, deren Basis und Körper aus einem Massiv besteht, deren +beide Spitzen aber weit auseinanderstehen. + +Es ist aus dem Dargelegten klar, auf welchem Wege allein in natürlicher +und erfolgreicher Weise jene kompakte Einheit der deutschen +Arbeiterbewegung geschaffen werden kann, die im Hinblick auf die +kommenden politischen Klassenkämpfe, sowie im eigenen Interesse der +weiteren Entwicklung der Gewerkschaften, unbedingt notwendig ist. Nichts +wäre verkehrter und hoffnungsloser, als die erstrebte Einheit auf dem +Wege sporadischer oder periodischer Verhandlungen über Einzelfragen der +Arbeiterbewegung zwischen der sozialdemokratischen Parteileitung und der +gewerkschaftlichen Zentrale herstellen zu wollen. Gerade die obersten +Organisationsspitzen der beiden Formen der Arbeiterbewegung verkörpern, +wie wir gesehen, ihre Trennung und Verselbständigung in sich, sind also +selbst Träger der Illusion von der »Gleichberechtigung« und der +Parallelexistenz der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Die +Einheit der beiden durch die Verbindung des Parteivorstandes und der +Generalkommission herstellen wollen, hieße eine Brücke gerade dort +bauen, wo der Abstand am weitesten und der Übergang am schwersten ist. +Nicht oben, in den Spitzen der Organisationsleitungen und ihrem +föderativen Bündnis, sondern unten in der organisierten proletarischen +Masse liegt die Gewähr für die wirkliche Einheit der Arbeiterbewegung. +Im Bewußtsein der Million Gewerkschaftsmitglieder sind Partei und +Gewerkschaften tatsächlich _Eins_, sie sind nämlich der +_sozialdemokratische_ Emanzipationskampf des Proletariats in +verschiedenen Formen. Und daraus ergibt sich auch von selbst die +Notwendigkeit, zur Beseitigung jener Reibungen, die sich zwischen der +Sozialdemokratie und einem Teil der Gewerkschaften ergeben haben, ihr +gegenseitiges Verhältnis dem Bewußtsein der proletarischen Masse +anzupassen, d. h. _die Gewerkschaften der Sozialdemokratie wieder +anzugliedern_. Es wird damit nur die Synthese der tatsächlichen +Entwicklung zum Ausdruck gebracht, die es von der ursprünglichen +Inkorporation der Gewerkschaften zu ihrer Ablösung von der +Sozialdemokratie geführt hatte, um nachher durch die Periode des starken +Wachstums sowohl der Gewerkschaften wie der Sozialdemokratie die +kommende Periode großer proletarischer Massenkämpfe vorzubereiten, damit +aber die Wiedervereinigung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften +im Interesse beider zur Notwendigkeit zu machen. + +Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht etwa um die Auflösung des +jetzigen gewerkschaftlichen Aufbaues in der Partei, sondern es handelt +sich um die Herstellung jenes natürlichen Verhältnisses zwischen der +Leitung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, zwischen +Parteitagen und Gewerkschaftskongressen, die dem tatsächlichen +Verhältnis zwischen der Arbeiterbewegung im ganzen und ihrer +gewerkschaftlichen Teilerscheinung entspricht. Ein solcher Umschwung +wird, wie es nicht anders gehen kann, eine heftige Opposition eines +Teils der Gewerkschaftsführer hervorrufen. Allein es ist hohe Zeit, daß +die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre Urteilsfähigkeit und +Aktionsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen, und damit ihre Reife für jene +Zeiten großer Kämpfe und großer Aufgaben darzutun, in denen sie, die +Masse, der handelnde Chorus, die Leitungen nur die »sprechenden +Personen«, d. h., die Dolmetscher des Massenwillens sein sollen. + +Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sich in den vollkommen +erklärlichen, aber irrtümlichen Illusionen einer Minderheit der +Gewerkschaftsführer spiegelt, sondern das, was im Bewußtsein der großen +Masse der für den Klassenkampf gewonnenen Proletarier lebt. In diesem +Bewußtsein ist die Gewerkschaftsbewegung ein Stück der Sozialdemokratie. +»Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.« + +Druck: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer & Co. in Hamburg. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by +Rosa Luxemburg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK *** + +***** This file should be named 31614-8.txt or 31614-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/1/6/1/31614/ + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/31614-8.zip b/31614-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7b00854 --- /dev/null +++ b/31614-8.zip diff --git a/31614-h.zip b/31614-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..57ad068 --- /dev/null +++ b/31614-h.zip diff --git a/31614-h/31614-h.htm b/31614-h/31614-h.htm new file mode 100644 index 0000000..35b2a03 --- /dev/null +++ b/31614-h/31614-h.htm @@ -0,0 +1,3776 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften by Rosa Luxemburg. + </title> + <style type="text/css"> + + + p { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; + } + hr { width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; + } + + table {margin-right: auto; margin-left: auto; text-align: left;} + td {padding-left: 1.5em; padding-right: 1.5em;} + + td.right {text-align: right;} + td.left {text-align: left;} + td.center {text-align: center;} + body{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + + em.antiqua { + font-style: italic; + } + + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em; } + em.gesperrt { font-weight: normal; font-style: normal; } + + + .pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + left: 92%; + color: #808080; + font-size: smaller; + text-align: right; + } /* page numbers */ + + .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */ + .blockquot{margin-left: 5%; margin-right: 10%;} + .sidenote {width: 20%; padding-bottom: .5em; padding-top: .5em; + padding-left: .5em; padding-right: .5em; margin-left: 1em; + float: right; clear: right; margin-top: 1em; + font-size: smaller; color: black; background: #eeeeee; border: dashed 1px;} + + div.note { + margin: 4em 10% 0 10%; + padding-bottom: 1em; + padding-right: 1em; + padding-top: 1em; + padding-left: 1em; + border: 1px dashed black; + background-color: rgb(90%,90%,90%); + color: black; + font-size: smaller; + } + + .bb {border-bottom: solid 2px;} + .bl {border-left: solid 2px;} + .bt {border-top: solid 2px;} + .br {border-right: solid 2px;} + .bbox {border: solid 2px;} + + .center {text-align: center;} + .smcap {font-variant: small-caps;} + .u {text-decoration: underline;} + + .caption {font-weight: bold;} + + .figcenter {margin: auto; text-align: center;} + + .figleft {float: left; clear: left; margin-left: 0; margin-bottom: 1em; margin-top: + 1em; margin-right: 1em; padding: 0; text-align: center;} + + .figright {float: right; clear: right; margin-left: 1em; margin-bottom: 1em; + margin-top: 1em; margin-right: 0; padding: 0; text-align: center;} + + .footnotes {border: dashed 1px;} + .footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + .footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + .fnanchor {font-size: .8em; text-decoration: none;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by +Rosa Luxemburg + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften + +Author: Rosa Luxemburg + +Release Date: March 12, 2010 [EBook #31614] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK *** + + + + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + +</pre> + + + + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_1" id="Page_1">[ 1]</a></span></p> + + + +<h1> Massenstreik, Partei + und Gewerkschaften</h1> + +<p class="center"> Von</p> + +<h2> Rosa Luxemburg</h2> + +<p class="center"> Im Auftrage des Vorstandes der sozialdemokratischen + Landesorganisation Hamburgs<br /> und + der Vorstände der sozialdemokratischen Vereine + von Altona, Ottensen und Wandsbek</p> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_2" id="Page_2">[ 2]</a></span></p> +<p class="center"> Verlag von Erdmann Dubber in Hamburg + 1906</p> +<p> </p> +<h2>Inhaltsverzeichnis</h2> +<table> +<tr><th class="left">Kapitel</th><th class="center"> </th><th align="right">Seite</th></tr> +<tr><td class="left"> </td><td class="center"> </td><td align="right"> </td></tr> + + +<tr><td class="left"><a href="#I"><b>I.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">3</td></tr> +<tr><td class="left"><a href="#II"><b>II.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">7</td></tr> +<tr><td class="left"><a href="#III"><b>III.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">10</td></tr> +<tr><td class="left"><a href="#IV"><b>IV.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">28</td></tr> +<tr><td class="left"><a href="#V"><b>V.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">36</td></tr> +<tr><td class="left"><a href="#VI"><b>VI.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">41</td></tr> +<tr><td class="left"><a href="#VII"><b>VII.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">46</td></tr> +<tr><td class="left"><a href="#VIII"><b>VIII.</b></a></td><td class="center"> </td><td align="right">52</td></tr> +</table> + +<p> </p> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_3" id="Page_3">[ 3]</a></span></p> + + +<h2><a name="I" id="I"></a>I.</h2> + + +<p>Fast alle bisherigen Schriften und Äußerungen des internationalen +Sozialismus über die Frage des Massenstreiks datieren +aus der Zeit <em class="gesperrt">vor</em> der russischen Revolution, dem ersten geschichtlichen +Experiment mit diesem Kampfmittel auf größter Skala. Daher +erklärt sich auch, daß sie meistenteils antiquiert sind. In ihrer Auffassung +stehen sie wesentlich auf demselben Standpunkt wie Friedrich +Engels, der 1873 in seiner Kritik der Bakunistischen Revolutionsmacherei +in Spanien schrieb:</p> + +<p>»Der allgemeine Streik ist im Bakunistischen Programm der Hebel, +der zur Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines +schönen Morgens legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes +oder gar der ganzen Welt die Arbeit nieder und zwingen dadurch +in längstens vier Wochen die besitzenden Klassen, entweder zu Kreuze +zu kriechen oder auf die Arbeiter loszuschlagen, so dß diese dann +das Recht haben, sich zu verteidigen und bei dieser Gelegenheit die +ganze alte Gesellschaft über den Haufen zu werfen. Der Vorschlag +ist weit entfernt davon, neu zu sein; französische und nach ihnen +belgische Sozialisten haben seit 1848 dies Paradepferd stark geritten, +das aber ursprünglich englischer Rasse ist. Während der auf die +Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen Entwicklung des +Chartismus unter den englischen Arbeitern war schon 1839 der +»heilige Monat« gepredigt worden, die Arbeitseinstellung auf nationalem +Mßstab (siehe Engels: »Lage der arbeitenden Klasse«, zweite +Auflage, Seite 234), und hatte solchen Anklang gefunden, dass die +Fabrikarbeiter von Nordengland im Juli 1842 die Sache auszuführen +versuchten. – Auch auf dem Genfer Allianzistenkongreß vom +1. September 1873 spielte der allgemeine Streik eine große Rolle, +nur wurde allseitig zugegeben, dass dazu eine vollständige Organisation +der Arbeiterklasse und eine gefüllte Kasse nötig sei. Und darin liegt +eben der Haken. Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn +man sie durch politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation +noch die Kasse der Arbeiter je soweit kommen lassen, und anderseits +werden die politischen Ereignisse und die Übergriffe der herrschenden +Klassen die Befreiung der Arbeiter zu Wege bringen, lange +bevor das Proletariat dazu kommt, sich diese ideale Organisation +und diesen kolossalen Reservefonds anzuschaffen. Hätte es sie aber, +so brauchte es nicht den Umweg des allgemeinen Streiks, um zum +Ziele zu gelangen.«<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a></p> + +<p><span class='pagenum'><a name="Page_4" id="Page_4">[ 4]</a></span></p> +<p>Hier haben wir die Argumentation, die für die Stellungnahme +der internationalen Sozialdemokratie zum Massenstreik in den folgenden +Jahrzehnten maßgebend war. Sie ist ganz auf die +anarchistische Theorie des Generalstreiks zugeschnitten, d. h. auf die +Theorie vom Generalstreik als Mittel, die soziale Revolution einzuleiten, +im Gegensatz zum täglichen politischen Kampf der Arbeiterklasse, +und erschöpft sich in dem folgenden einfachen Dilemma: +entweder ist das gesamte Proletariat noch nicht im Besitz mächtiger +Organisationen und Kassen, dann kann es den Generalstreik nicht +durchführen, oder es ist bereits mächtig genug organisiert, dann +braucht es den Generalstreik nicht. Diese Argumentation ist allerdings +so einfach und auf den ersten Blick so unanfechtbar, daß sie +ein Vierteljahrhundert lang der modernen Arbeiterbewegung ausgezeichnete +Dienste leistete, als logische Waffe wider die anarchistischen +Hirngespinnste und als Hülfsmittel, um die Idee des politischen +Kampfes in die weitesten Kreise der Arbeiterschaft zu tragen. Die +großartigen Fortschritte der Arbeiterbewegung in allen modernen +Ländern während der letzten 25 Jahre sind der glänzendste Beweis +für die von Marx und Engels im Gegensatz zum Bakunismus verfochtene +Taktik des politischen Kampfes, und die deutsche Sozialdemokratie +in ihrer heutigen Macht, in ihrer Stellung als Vorhut +der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ist nicht zum geringsten +das direkte Produkt der konsequenten und nachdrücklichen +Anwendung dieser Taktik.</p> + +<p>Die russische Revolution hat nun die obige Argumentation einer +gründlichen Revision unterzogen. Sie hat zum ersten Male in der +Geschichte der Klassenkämpfe eine grandiose Verwirklichung der Idee +des Massenstreiks und – wie wir unten näher ausführen werden – +selbst des Generalstreiks gezeitigt und damit eine neue Epoche in +der Entwicklung der Arbeiterbewegung eröffnet. Freilich folgt daraus +nicht etwa, dß die von Marx und Engels empfohlene Taktik des +politischen Kampfes oder ihre an dem Anarchismus geübte Kritik +falsch war. Umgekehrt, es sind dieselben Gedankengänge, dieselbe +Methode, die der Marx-Engelschen Taktik, die auch der bisherigen +Praxis der deutschen Sozialdemokratie zu grunde lagen, welche jetzt +in der russischen Revolution ganz neue Momente und neue Bedingungen +des Klassenkampfes erzeugten. Die russische Revolution, +dieselbe Revolution, die die erste geschichtliche Probe auf das Exempel +des Massenstreiks bildet, bedeutet nicht bloß keine Ehrenrettung für +den Anarchismus, sondern sie bedeutet geradezu eine <em class="gesperrt">geschichtliche +Liquidation des Anarchismus</em>. Das triste Dasein, wozu diese +Geistesrichtung von der mächtigen Entwicklung der Sozialdemokratie +in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verurteilt war, mochte +gewissermßen durch die ausschließliche Herrschaft und lange Dauer +der parlamentarischen Periode erklärt werden. Eine ganz auf das +»Losschlagen« und die »direkte Aktion« zugeschnittene, im nacktesten +Heugabelsinne »revolutionäre« Richtung mochte immerhin in der +Windstille des parlamentarischen Alltags nur zeitweilig verkümmern, +um erst bei einer Wiederkehr der direkten offenen Kampfperiode, bei +einer Strßenrevolution aufzuleben und ihre innere Kraft zu ent<span class='pagenum'><a name="Page_5" id="Page_5">[ 5]</a></span>falten. +Zumal schien Rußland besonders dazu angetan, das +Experimentierfeld für die Heldentaten des Anarchismus zu werden. +Ein Land, wo das Proletariat gar keine politischen Rechte und +eine äußerst schwache Organisation hatte, ein buntes Durcheinander +verschiedener Volksschichten mit sehr verschiedenen, wirr durcheinanderlaufenden +Interessen, geringe Bildung der Volksmasse, dafür +äußerste Bestialität in der Gewaltanwendung seitens des herrschenden +Regimes – alles das schien wie geschaffen, um den Anarchismus +zu einer plötzlichen, wenn auch vielleicht kurzlebigen Macht zu erheben. +Und schließlich war Rußland die geschichtliche Geburtsstätte +des Anarchismus. Allein, das Vaterland Bakunins sollte für seine +Lehre zur Grabesstätte werden. Nicht bloß standen und stehen in +Rußland nicht die Anarchisten an der Spitze der Massenstreikbewegung; +nicht bloß liegt die ganze politische Führung der +revolutionären Aktion und auch des Massenstreiks in den Händen +der sozialdemokratischen Organisationen, die von den russischen +Anarchisten als »bürgerliche Partei« bitter bekämpft werden, oder +zum Teil in den Händen solcher mehr oder weniger von der Sozialdemokratie +beeinflußten und sich ihr annähernden sozialistischen +Organisationen, wie die terroristische Partei der »Sozialisten-Revolutionäre«, +– die Anarchisten existieren als ernste politische +Richtung überhaupt in der russischen Revolution gar nicht. Nur +in einer litauischen Kleinstadt mit besonders schwierigen Verhältnissen +– bunte nationale Zusammenwürfelung der Arbeiter, +überwiegende Zersplitterung des Kleinbetriebs, sehr tiefstehendes +Proletariat –, in <em class="gesperrt">Bialystok</em>, gibt es unter den sieben oder acht +verschiedenen revolutionären Gruppen auch ein Häuflein halbwüchsiger +»Anarchisten«, das die Konfusion und Verwirrung der +Arbeiterschaft nach Kräften fördert, und letzthin macht sich in +<em class="gesperrt">Moskau</em> und vielleicht noch in zwei bis drei Städten je ein +Häuflein dieser Gattung bemerkbar. Allein, was ist jetzt, abgesehen +von diesen paar »revolutionären« Gruppen, die eigentliche Rolle +des Anarchismus in der russischen Revolution? Er ist zum Aushängeschild +für gemeine Diebe und Plünderer geworden; unter der +Firma des »Anarcho-Kommunismus« wird ein großer Teil jener unzähligen +Diebstähle und Plündereien bei Privatleuten ausgeübt, die +in jeder Periode der Depression, der momentanen Defensive der +Revolution wie eine trübe Welle emporkommen. Der Anarchismus +ist in der russischen Revolution nicht die Theorie des kämpfenden +Proletariats, sondern das ideologische Aushängeschild des kontrerevolutionären +Lumpenproletariats geworden, das wie ein Rudel +Haifische hinter dem Schlachtschiff der Revolution wimmelt. +Und damit ist die geschichtliche Laufbahn des Anarchismus wohl +beendet.</p> + +<p>Auf der anderen Seite ist der Massenstreik in Rußland verwirklicht +worden nicht als ein Mittel, unter Umgehung des politischen +Kampfes der Arbeiterklasse und speziell des Parlamentarismus durch +einen Theatercoup plötzlich in die soziale Revolution hineinzuspringen, +sondern als ein Mittel, erst die Bedingungen des täglichen politischen +Kampfes und insbesondere des Parlamentarismus für das Proletariat +<span class='pagenum'><a name="Page_6" id="Page_6">[ 6]</a></span>zu schaffen. Der revolutionäre Kampf in Rußland, in dem die +Massenstreiks als die wichtigste Waffe zur Anwendung kommen, +wird von dem arbeitenden Volke und in erster Reihe vom Proletariat +gerade um dieselben politischen Rechte und Bedingungen geführt, +deren Notwendigkeit und Bedeutung im Emanzipationskampfe der +Arbeiterklasse Marx und Engels zuerst nachgewiesen und im Gegensatz +zum Anarchismus in der Internationale mit aller Macht verfochten +haben. So hat die geschichtliche Dialektik, der Fels, auf dem die +ganze Lehre des Marxschen Sozialismus beruht, es mit sich gebracht, +dß heute der Anarchismus, mit dem die Idee des Massenstreiks +unzertrennlich verknüpft war, zu der Praxis des Massenstreiks +selbst in einen Gegensatz gerathen ist, während umgekehrt der +Massenstreik, der als der Gegensatz zur politischen Betätigung des +Proletariats bekämpft wurde, heute als die mächtigste Waffe des +politischen Kampfes um politische Rechte erscheint. Wenn also die +russische Revolution eine gründliche Revision des alten Standpunkts +des Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist es wieder +nur der Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte +dabei in neuer Gestalt den Sieg davontragen. Moors +Geliebte kann nur durch Moor sterben.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Fr. Engels, Die Bakunisten an der Arbeit. Internationales aus dem +»Volksstaat«, S. 20.</p></div> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="II" id="II"></a>II.</h2> + + +<p>Die erste Revision, die sich aus den Ereignissen in Rußland für +die Frage vom Massenstreik ergibt, bezieht sich auf die allgemeine +<em class="gesperrt">Auffassung</em> des Problems. Bis jetzt stehen sowohl die eifrigen +Befürworter eines »Versuchs mit dem Massenstreik« in Deutschland +von der Art Bernsteins, Eisners usw., wie auch die strikten Gegner +eines solchen Versuchs, wie sie im gewerkschaftlichen Lager z. b. durch +Bömelburg vertreten sind, im grunde genommen auf dem Boden +derselben, und zwar der anarchistischen Auffassung. Die scheinbaren +Gegenpole schließen sich nicht bloß gegenseitig aus, sondern, wie +stets, bedingen auch und ergänzen zugleich einander. Für die +anarchistische Denkweise ist nämlich die Spekulation direkt auf den +»großen Kladderadatsch«, auf die soziale Revolution nur ein äußeres +und unwesentliches Merkmal. Wesentlich ist dabei die ganze abstrakte, +unhistorische Betrachtung des Massenstreiks, wie überhaupt +aller Bedingungen des proletarischen Kampfes. Für den Anarchisten +existieren als stoffliche Voraussetzungen seiner »revolutionären« +Spekulationen lediglich zwei Dinge: zunächst die blaue Luft und +dann der gute Wille und der Mut, die Menschheit aus dem heutigen +kapitalistischen Jammertal zu erretten. In der blauen Luft ergab +sich aus dem Raisonnement schon vor 60 Jahren, dass der Massenstreik +das kürzeste, sicherste und leichteste Mittel ist, um den Sprung +ins bessere soziale Jenseits auszuführen. In derselben blauen Luft +ergibt sich neuerdings aus der Spekulation, dass der gewerkschaftliche +Kampf die einzige wirkliche »direkte Aktion der Massen« und +also der einzige revolutionäre Kampf ist – dies bekanntlich die +neueste Schrulle der französischen und italienischen »Syndikalisten«. +<span class='pagenum'><a name="Page_7" id="Page_7">[ 7]</a></span>Das Fatale für den Anarchismus war dabei stets, dß die in der +blauen Luft improvisierten Kampfmethoden nicht bloß eine Rechnung +ohne den Wirt, das heißt reine Utopien waren, sondern dß sie, weil sie +eben mit der verachteten, schlechten Wirklichkeit gar nicht rechneten, +in dieser schlechten Wirklichkeit meistens aus revolutionären Spekulationen +unversehens zu praktischen Helferdiensten für die Reaktion +wurden.</p> + +<p>Auf demselben Boden der abstrakten, unhistorischen Betrachtungsweise +stehen aber heute diejenigen, die den Massenstreik nächstens in +Deutschland auf dem Wege eines Vorstandsbeschlusses auf einen +bestimmten Kalendertag ansetzen möchten, wie auch diejenigen, die, +wie die Teilnehmer des Kölner Gewerkschaftskongresses, durch ein +Verbot des »Propagierens« das Problem des Massenstreiks aus +der Welt schaffen wollen. Beide Richtungen gehen von der gemeinsamen, +rein anarchistischen Vorstellung aus, dß der Massenstreik +ein bloßes technisches Kampfmittel ist, das nach Belieben und nach +bestem Wissen und Gewissen »beschlossen« oder auch »verboten« werden +könne, eine Art Taschenmesser, das man in der Tasche »für alle +Fälle« zusammengeklappt bereit halten oder auch nach Beschluß aufklappen +und gebrauchen kann. Zwar nehmen gerade die Gegner +des Massenstreiks für sich das Verdienst in Anspruch, den geschichtlichen +Boden und die materiellen Bedingungen der heutigen Situation +in Deutschland in Betracht zu ziehen, im Gegensatz zu den »Revolutionsromantikern«, +die in der Luft schweben und partout nicht +mit der harten Wirklichkeit und ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten +rechnen wollen. »Tatsachen und Zahlen, Zahlen und Tatsachen!« +rufen sie wie Mr. Gradgrind in Dickens' »Harte Zeiten«. +Was die gewerkschaftlichen Gegner des Massenstreiks unter »geschichtlichem +Boden« und »materiellen Bedingungen« verstehen, sind +zweierlei Momente: einerseits die Schwäche des Proletariats, +anderseits die Kraft des preußisch-deutschen Militarismus. Die +ungenügenden Arbeiterorganisationen und Kassenbestände und die +imponierenden preußischen Bajonette, das sind die »Tatsachen und +Zahlen«, auf denen diese gewerkschaftlichen Führer ihre praktische +Politik im gegebenen Falle basieren. Nun sind freilich gewerkschaftliche +Kassen sowie preußische Bajonette zweifellos sehr materielle +und auch sehr historische Erscheinungen, allein die darauf +basierte Auffassung ist kein historischer Materialismus im Sinne von +Marx, sondern ein polizeilicher Materialismus im Sinne Puttkamers. +Auch die Vertreter des kapitalistischen Polizeistaats rechnen +sehr, und zwar ausschließlich mit der jeweiligen tatsächlichen Macht +des organisierten Proletariats, sowie mit der materiellen Macht +der Bajonette, und aus dem vergleichenden Exempel dieser +beiden Zahlenreihen wird noch immer der beruhigende Schluß gezogen: +die revolutionäre Arbeiterbewegung wird von einzelnen +Wühlern und Hetzern erzeugt, <em class="antiqua">ergo</em> haben wir in den Gefängnissen +und den Bajonetten ein ausreichendes Mittel, um der unliebsamen +»vorübergehenden Erscheinung« Herr zu werden.</p> + +<p>Die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft hat längst das +Humoristische der polizeilichen Theorie begriffen, als sei die ganze +<span class='pagenum'><a name="Page_8" id="Page_8">[ 8]</a></span>moderne Arbeiterbewegung ein künstliches, willkürliches Produkt +einer handvoll gewissenloser »Wühler und Hetzer«.</p> + +<p>Es ist aber genau dieselbe Auffassung, die darin zum Ausdruck +kommt, wenn sich ein paar brave Genossen zu einer freiwilligen +Nachtwächterkolonne zusammentun, um die deutsche Arbeiterschaft +vor dem gefährlichen Treiben einiger »Revolutionsromantiker« und +ihrer »Propaganda des Massenstreiks« zu warnen; oder wenn auf +der anderen Seite eine larmoyante Entrüstungskampagne von denjenigen +inszeniert wird, die sich durch irgendwelche »vertraulichen« +Abmachungen des Parteivorstandes mit der Generalkommission der +Gewerkschaften um den Ausbruch des Massenstreiks in Deutschland +betrogen glauben. Käme es auf die zündende »Propaganda« der +Revolutionsromantiker oder auf vertrauliche oder öffentliche Beschlüsse +der Parteileitungen an, dann hätten wir bis jetzt in Rußland +keinen einzigen ernsten Massenstreik. In keinem Lande dachte man +– wie ich bereits im März 1905 in der »Sächs. Arbeiterzeitung« +hervorgehoben habe – so wenig daran, den Massenstreik zu +»propagieren« oder selbst zu »diskutieren« wie in Rußland. Und +die vereinzelten Beispiele von Beschlüssen und Abmachungen des +russischen Parteivorstandes, die wirklich den Massenstreik aus freien +Stücken proklamieren sollten, wie z. B. der letzte Versuch im +August dieses Jahres nach der Duma-Auflösung, sind fast gänzlich +gescheitert. Wenn uns also die russische Revolution etwas lehrt, +so ist es vor allem, dß der Massenstreik nicht künstlich »gemacht«, +nicht ins Blaue hinein »beschlossen«, nicht »propagiert« wird, sondern +dß er eine historische Erscheinung ist, die sich in gewissem Moment +aus den sozialen Verhältnissen mit geschichtlicher Notwendigkeit +ergibt.</p> + +<p>Nicht durch abstrakte Spekulationen also über die Möglichkeit +oder Unmöglichkeit, den Nutzen oder die Schädlichkeit des Massenstreiks, +sondern durch die Erforschung derjenigen Momente und derjenigen +sozialen Verhältnisse, aus denen der Massenstreik in der +gegenwärtigen Phase des Klassenkampfes erwächst, mit anderen +Worten: nicht durch <em class="gesperrt">subjektive Beurteilung</em> des Massenstreiks +vom Standpunkte des Wünschbaren, sondern durch <em class="gesperrt">objektive +Untersuchung</em> der Quellen des Massenstreiks vom Standpunkte +des geschichtlich Notwendigen kann das Problem allein erfßt und +auch diskutiert werden.</p> + +<p>In der freien Luft der abstrakten logischen Analyse läßt sich +die absolute Unmöglichkeit und die sichere Niederlage, sowie die vollkommene +Möglichkeit und der zweifellose Sieg des Massenstreiks mit +genau derselben Kraft beweisen. Und deshalb ist der Wert der Beweisführung +in beiden Fällen derselbe, nämlich gar keiner. Daher +ist auch insbesondere die Furcht vor dem »Propagieren« des Massenstreiks, +die sogar zu förmlichen Bannflüchen gegen die vermeintlichen +Schuldigen dieses Verbrechens geführt hat, lediglich das Produkt +eines drolligen Quiproquo. Es ist genau so unmöglich, den +Massenstreik als abstraktes Kampfmittel zu »propagieren«, wie es +unmöglich ist, die »Revolution« zu propagieren. »Revolution« wie +»Massenstreik« sind Begriffe, die selbst bloß eine äußere Form des +<span class='pagenum'><a name="Page_9" id="Page_9">[ 9]</a></span>Klassenkampfes bedeuten, die nur im Zusammenhang mit ganz bestimmten +politischen Situationen Sinn und Inhalt haben.</p> + +<p>Wollte es jemand unternehmen, den Massenstreik überhaupt als +eine Form der proletarischen Aktion zum Gegenstand einer regelrechten +Agitation zu machen, mit dieser »Idee« hausieren zu gehen, +um für sie die Arbeiterschaft nach und nach zu gewinnen, so wäre +das eine ebenso müßige aber auch ebenso öde und abgeschmackte +Beschäftigung, wie wenn jemand die Idee der Revolution oder des +Barrikadenkampfes zum Gegenstand einer besonderen Agitation +machen wollte. Der Massenstreik ist jetzt zum Mittelpunkt des lebhaften +Interesses der deutschen und der internationalen Arbeiterschaft +geworden, weil er eine neue Kampfform und als solche das sichere +Symptom eines tiefgehenden inneren Umschwunges in den Klassenverhältnissen +und den Bedingungen des Klassenkampfes bedeutet. +Es zeugt von dem gesunden revolutionären Instinkt und der lebhaften +Intelligenz der deutschen Proletariermasse, dß sie sich – ungeachtet +des hartnäckigen Widerstandes ihrer Gewerkschaftsführer – mit so +warmem Interesse dem neuen Problem zuwendet. Allein diesem +Interesse, dem edlen intellektuellen Durst und revolutionären +Tatendrang der Arbeiter kann man nicht dadurch entsprechen, dß +man sie mit abstrakter Hirngymnastik über die Möglichkeit oder +Unmöglichkeit des Massenstreiks traktiert, sondern dadurch, dß man +ihnen die Entwicklung der russischen Revolution, die internationale +Bedeutung dieser Revolution, die Verschärfung der Klassengegensätze +in Westeuropa, die weiteren politischen Perspektiven des Klassenkampfes +in Deutschland, die Rolle und die Aufgaben der Masse in +den kommenden Kämpfen klar macht. Nur in dieser Form wird +die Diskussion über den Massenstreik dazu führen, den geistigen +Horizont des Proletariats zu erweitern, sein Klassenbewußtsein zu +schärfen, seine Denkweise zu vertiefen und seine Tatkraft zu stählen.</p> + +<p>Steht man aber auf diesem Standpunkte, dann erscheint in +seiner ganzen Lächerlichkeit auch der Strafprozeß, der von den +Gegnern der »Revolutionsromantik« gemacht wird, weil man sich +bei der Behandlung des Problems nicht genau an den Wortlaut +der Jenaer Resolution halte. Mit dieser Resolution geben sich die +»praktischen Politiker« allenfalls noch zufrieden, weil sie den Massenstreik +hauptsächlich mit den Schicksalen des allgemeinen Wahlrechts +verkoppelt, woraus sie zweierlei folgern zu können glauben: erstens, +dß dem Massenstreik ein rein defensiver Charakter bewahrt, zweitens, +dß der Massenstreik selbst dem Parlamentarismus untergeordnet, in +ein bloßes Anhängsel des Parlamentarismus verwandelt wird. +Der wahre Kern der Jenaer Resolution liegt aber in dieser Beziehung +darin, dß bei der gegenwärtigen Lage in Deutschland ein +Attentat der herrschenden Reaktion auf das Reichstagswahlrecht +höchst wahrscheinlich das Einleitungsmoment und das Signal zu jener +Periode stürmischer politischer Kämpfe abgeben dürfte, in denen der +Massenstreik als Kampfmittel in Deutschland wohl zuerst in Anwendung +kommen wird. Allein die soziale Tragweite und den +geschichtlichen Spielraum des Massenstreiks als Erscheinung und als +Problem des Klassenkampfes durch den Wortlaut einer Parteitags<span class='pagenum'><a name="Page_10" id="Page_10">[ 10]</a></span>resolution +einengen und künstlich abstecken zu wollen, ist ein Unternehmen, +das an Kurzsichtigkeit jenem Diskussionsverbot des Kölner +Gewerkschaftskongresses gleichkommt. In der Resolution des Jenaer +Parteitages hat die deutsche Sozialdemokratie von dem durch die +russische Revolution in den internationalen Bedingungen des proletarischen +Klassenkampfes vollzogenen tiefen Umschwung offiziell Akt +genommen und ihre revolutionäre Entwicklungsfähigkeit, ihre Anpassungsfähigkeit +an die neuen Anforderungen der kommenden Phase +der Klassenkämpfe bekundet. Darin liegt die Bedeutung der Jenaer +Resolution. Was die praktische Anwendung des Massenstreiks in +Deutschland betrifft, darüber wird die Geschichte entscheiden, wie +sie darüber in Rußland entschieden hat, die Geschichte, in der die +Sozialdemokratie mit ihren Entschlüssen allerdings ein wichtiger +Faktor, aber bloß <em class="gesperrt">ein</em> Faktor unter vielen ist.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="III" id="III"></a>III.</h2> + + +<p>Der Massenstreik, wie er meistens in der gegenwärtigen Diskussion +in Deutschland vorschwebt, ist eine sehr klar und einfach gedachte, +scharf umrissene Einzelerscheinung. Es wird ausschließlich +vom politischen Massenstreik gesprochen. Es wird dabei an einen +einmaligen grandiosen Ausstand des Industrieproletariats gedacht, +der aus einem politischen Anlß von höchster Tragweite unternommen, +und zwar auf Grund einer rechtzeitigen gegenseitigen Verständigung +der Partei- und der gewerkschaftlichen Instanzen unternommen, +dann im Geiste der Disziplin in größter Ordnung durchgeführt +und in noch schönster Ordnung auf rechtzeitig gegebene +Losung der leitenden Instanzen abgebrochen wird, wobei die +Regelung der Unterstützungen, der Kosten, der Opfer, mit einem +Wort die ganze materielle Bilanz des Massenstreiks im voraus +genau bestimmt wird.</p> + +<p>Wenn wir nun dieses theoretische Schema mit dem wirklichen +Massenstreik vergleichen, wie er in Rußland seit fünf Jahren auftritt, +so müssen wir sagen, dß der Vorstellung, die in der deutschen +Diskussion im Mittelpunkt steht, fast kein einziger von den vielen +Massenstreiks entspricht, die stattgefunden haben, und dß anderseits +die Massenstreiks in Rußland eine solche Mannigfaltigkeit der +verschiedensten Spielarten aufweisen, dß es ganz unmöglich ist, von +»dem« Massenstreik, von einem abstrakten schematischen Massenstreik +zu sprechen. Alle Momente des Massenstreiks sowie sein Charakter +sind nicht bloß verschieden in verschiedenen Städten und Gegenden +des Reiches, sondern vor allem hat sich ihr allgemeiner Charakter +mehrmals im Laufe der Revolution geändert. Die Massenstreiks +haben in Rußland eine bestimmte Geschichte durchgemacht, und sie +machen sie noch weiter durch. Wer also vom Massenstreik in Rußland +redet, muß vor allem seine Geschichte ins Auge fassen.</p> + +<p>Die jetzige sozusagen offizielle Periode der russischen Revolution +wird mit vollem Recht von der Erhebung des Petersburger Proletariats +am 22. Januar 1905, von jenem Zuge der 200 000 +<span class='pagenum'><a name="Page_11" id="Page_11">[ 11]</a></span>Arbeiter vor das Zarenschloß datiert, der mit einem furchtbaren +Blutbade endete. Das blutige Massacre in Petersburg war bekanntlich +das Signal zum Ausbruch der ersten Riesenserie von +Massenstreiks, die sich binnen weniger Tage über das gesamte Rußland +gewälzt und den Sturmruf der Revolution aus Petersburg in +alle Winkel des Reiches und in die breitesten Schichten des Proletariats +getragen haben. Die Petersburger Erhebung vom 22. Januar +war aber auch nur der äußerste Moment eines Massenstreiks, der +vorher das Proletariat der Zarenhauptstadt im Januar 1905 ergriffen +hatte. Dieser Januar-Massenstreik in Petersburg spielte sich +nun zweifellos unter dem unmittelbaren Eindruck jenes riesenhaften +Generalstreiks ab, der kurz vorher, im Dezember 1904, im +Kaukasus, in Baku, ausgebrochen war und eine Weile lang ganz +Rußland im Atem hielt. Die Dezemberereignisse in Baku waren +aber ihrerseits nichts anderes, als an letzter und kräftiger Ausläufer +jener gewaltigen Massenstreiks, die wie ein periodisches Erdbeben +in den Jahren 1903 und 1904 ganz Südrußland erschütterten und +deren Prolog der Massenstreik in Batum (im Kaukasus) im März +1902 war. Diese erste Massenstreikbewegung in der fortlaufenden +Kette der jetzigen revolutionären Eruptionen ist endlich nur um fünf +bis sechs Jahre von dem großen Generalstreik der Petersburger +Textilarbeiter in den Jahren 1896 und 1897 entfernt, und wenn diese +Bewegung äußerlich von der heutigen Revolution durch einige Jahre +scheinbaren Stillstands und starrer Reaktion getrennt scheint, so wird +doch jeder, der die innere politische Entwicklung des russischen Proletariats +bis zu der heutigen Stufe seines Klassenbewußtseins und seiner +revolutionären Energie kennt, die Geschichte der jetzigen Periode der +Massenkämpfe mit jenen Petersburger Generalstreiks beginnen. Sie +sind für das Problem des Massenstreiks schon deshalb wichtig, weil +sie bereits alle Hauptmomente der späteren Massenstreiks im Keime +enthalten.</p> + +<p>Zunächst erscheint der Petersburger Generalstreik des Jahres +1896 als ein rein ökonomischer partieller Lohnkampf. Seine Ursachen +waren die unerträglichen Arbeitsbedingungen der Spinner und Weber +Petersburgs: eine 13-, 14- und 15stündige Arbeitszeit, erbärmliche +Akkordlöhne und eine ganze Musterkarte nichtswürdiger Unternehmerschikanen. +Allein diese Lage ertrugen die Textilarbeiter lange geduldig, +bis ein scheinbar winziger Umstand das Mß zum Überlaufen gebracht +hat. Im Jahre 1896 im Mai wurde nämlich die zwei Jahre +lang aus Angst vor den Revolutionären hinausgeschobene Krönung +des heutigen Zaren Nikolaus II. abgehalten, und aus diesem Anlß +bezeugten die Petersburger Unternehmer ihren patriotischen Eifer +dadurch, dass sie ihren Arbeitern drei Tage Zwangsferien auferlegten, +wobei sie jedoch merkwürdigerweise für diese Tage die Löhne +nicht auszahlen wollten. Die dadurch aufgebrachten Textilarbeiter +kamen in Bewegung. Nach einer Beratung von za. 800 der aufgeklärtesten +Arbeiter im Jekaterinenhofer Garten wurde der Streik +beschlossen und die Forderungen formuliert: 1. Auszahlung der +Löhne für die Krönungstage; 2. zehneinhalbstündige Arbeitszeit; +3. Erhöhung der Akkordlöhne. Dies geschah am 24. Mai. Nach +<span class='pagenum'><a name="Page_12" id="Page_12">[ 12]</a></span>einer Woche standen <em class="gesperrt">sämtliche</em> Webereien und Spinnereien still, +und 40 000 Arbeiter waren im Generalstreik. Heute mag dieses +Ereignis, an den gewaltigen Massenstreiks der Revolution gemessen, +als eine Kleinigkeit erscheinen. In der politischen Eisstarre des <em class="gesperrt">damaligen</em> +Rußlands war ein Generalstreik etwas Unerhörtes, er +war selbst eine ganze Revolution im kleinen. Es begannen selbstverständlich +die brutalsten Verfolgungen, za. 1000 Arbeitet wurden +verhaftet und nach der Heimat abgeschoben, und der Generalstreik +wurde unterdrückt.</p> + +<p>Bereits hier sehen wir alle Grundzüge der späteren Massenstreiks. +Der nächste Anlß der Bewegung war ein ganz zufälliger, +ja untergeordneter, ihr Ausbruch ein elementarer; aber in dem +Zustandekommen der Bewegung zeigten sich die Früchte der mehrjährigen +Agitation der Sozialdemokratie, und im Laufe des Generalstreiks +standen die sozialdemokratischen Agitatoren an der Spitze +der Bewegung, leiteten und benutzten sie zur regen revolutionären +Agitation. Ferner: Der Streik war äußerlich ein bloßer ökonomischer +Lohnkampf, allein die Stellung der Regierung sowie die Agitation +der Sozialdemokratie haben ihn zu einer politischen Erscheinung +ersten Ranges gemacht. Und endlich: Der Streik wurde unterdrückt, +die Arbeiter erlitten eine »Niederlage«. Aber bereits im Januar +des folgenden Jahres, 1897, wiederholten die Petersburger Textilarbeiter +nochmals den Generalstreik und errangen diesmal einen hervorragenden +Erfolg: die gesetzliche Einführung des elfeinhalbstündigen +Arbeitstages in ganz Rußland. Was jedoch ein viel wichtigeres +Ergebnis war: seit jenem ersten Generalstreik des Jahres 1896, der +ohne eine Spur von Organisation und von Streikkassen unternommen +war, beginnt im eigentlichen Rußland ein intensiver +gewerkschaftlicher Kampf, der sich bald aus Petersburg auf das +übrige Land verbreitet und der sozialdemokratischen Agitation und +Organisation ganz neue Aussichten eröffnet, damit aber in der +scheinbaren Kirchhofsruhe der folgenden Periode durch unsichtbare +Maulwurfsarbeit die proletarische Revolution vorbereitet.</p> + +<p>Der Ausbruch des kaukasischen Streiks im März des Jahres 1902 +war anscheinend ebenso zufällig und von rein ökonomischen, partiellen, +wenn auch ganz anderen Momenten erzeugt, wie jener vom +Jahre 1896. Er hängt mit der schweren Industrie- und Handelskrise +zusammen, die in Rußland die Vorgängerin des japanischen +Krieges und mit ihm zusammen der mächtigste Faktor der beginnenden +revolutionären Gährung war. Die Krise erzeugte eine +enorme Arbeitslosigkeit, die in der proletarischen Masse die Agitation +nährte, deshalb unternahm es die Regierung, zur Beruhigung der +Arbeiterklasse die »überflüssigen Hände« nach ihren entsprechenden +Heimatsorten per Schub zu transportieren. Eine solche Mßnahme +eben, die za. 400 Petroleumarbeiter betreffen sollte, rief in Batum einen +Massenprotest hervor, der zu Demonstrationen, Verhaftungen, einem +Massacre und schließlich zu einem politischen Prozeß führte, in dem +plötzlich die rein ökonomische, partielle Angelegenheit zum politischen +und revolutionären Ereignis wurde. Der Widerhall des ganz +»resultatlos« verlaufenen und niedergeschlagenen Streiks in Batum +<span class='pagenum'><a name="Page_13" id="Page_13">[ 13]</a></span>war eine Reihe revolutionärer Massendemonstrationen der Arbeiter +in Nischni-Nowgorod, in Saratow, in anderen Städten, also ein +kräftiger Vorstoß für die allgemeine Welle der revolutionären +Bewegung.</p> + +<p>Bereits im November 1902 folgt der erste echt revolutionäre +Nachhall in Gestalt eines Generalstreiks in <em class="gesperrt">Rostow</em> am Don. +Den Anstoß zu dieser Bewegung gaben Lohndifferenzen in den +Werkstätten der Wladikaukasischen Eisenbahn. Die Verwaltung +wollte die Löhne herabsetzen, darauf gab das Donsche Komitee der +Sozialdemokratie einen Aufruf heraus, mit der Aufforderung zum +Streik um folgende Forderungen: Neunstundentag, Lohnaufbesserung, +Abschaffung der Strafen, Entlassung unbeliebter Ingenieure &c. +Sämtliche Eisenbahnwerkstätten traten in den Ausstand. Ihnen +schlossen sich alsbald alle anderen Berufe an, und plötzlich herrschte +in Rostow ein nie dagewesener Zustand: jede gewerbliche Arbeit +ruht, dafür werden Tag für Tag Monstre-Meetings von 15 000 bis +20 000 Arbeitern im Freien abgehalten, manchmal umzingelt von +einem Kordon Kosaken, wobei zum ersten Male sozialdemokratische +Volksredner offen auftreten, zündende Reden über Sozialismus und +politische Freiheit gehalten und mit ungeheurer Begeisterung aufgenommen, +revolutionäre Aufrufe in Zehntausenden von Exemplaren +verbreitet werden. Mitten in dem starren absolutistischen Rußland +erobert das Proletariat Rostows zum ersten Male sein Versammlungsrecht, +seine Redefreiheit im Sturm. Freilich geht es auch +hier nicht ohne ein Massacre ab. Die Lohndifferenzen der Wladikaukasischen +Eisenbahnwerkstätten haben sich in wenigen Tagen zu +einem politischen Generalstreik und zu einer revolutionären Strßenschlacht +ausgewachsen. Als Nachklang erfolgte sofort noch ein Generalstreik +auf der Station <em class="gesperrt">Tichoretzkaja</em> derselben Eisenbahnlinie. Auch +hier kam es zu einem Massacre, ferner zu einem Prozeß, und +auch Tichoretzkaja hat sich als Episode gleichfalls in die unzertrennliche +Kette der Revolutionsmomente eingeflochten.</p> + +<p>Der Frühling 1903 gibt die Antwort auf die niedergeschlagenen +Streiks in Rostow und Tichoretzkaja: der ganze Süden Rußlands +steht im Mai, Juni und Juli in Flammen. <em class="gesperrt">Baku</em>, <em class="gesperrt">Tiflis</em>, +<em class="gesperrt">Batum</em>, <em class="gesperrt">Jelissawetgrad</em>, <em class="gesperrt">Odessa</em>, <em class="gesperrt">Kijew</em>, <em class="gesperrt">Nikolajew</em>, +<em class="gesperrt">Jekaterinoslaw</em> stehen im Generalstreik im buchstäblichen Sinne. +Aber auch hier entsteht die Bewegung nicht nach irgend einem vorgefßten +Plan aus einem Zentrum, sie fließt zusammen aus einzelnen +Punkten, in jedem aus anderen Anlässen, in anderen Formen. +Den Anfang macht <em class="gesperrt">Baku</em>, wo mehrere partielle Lohnkämpfe einzelner +Fabriken und Branchen endlich in einen Generalstreik ausmünden. +In <em class="gesperrt">Tiflis</em> beginnen den Streik 2000 Handelsangestellte, die eine +Arbeitszeit von 6 Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends hatten; sie verlassen +alle am 4. Juli um 8 Uhr Abends die Läden und machen einen +Umzug durch die Stadt, um die Ladeninhaber zur Schließung der +Geschäfte aufzufordern. Der Sieg ist ein vollständiger: die Handelsangestellten +erringen eine Arbeitszeit von 8 bis 8 und ihnen schließen +sich sofort alle Fabriken, Werkstätten, Bureaux an. Die Zeitungen +erscheinen nicht, der Trambahnverkehr kann nur unter dem Schutze +<span class='pagenum'><a name="Page_14" id="Page_14">[ 14]</a></span>des Militärs stattfinden. – In <em class="gesperrt">Jelissawetgrad</em> beginnt am +10. Juli in allen Fabriken der Streik mit rein ökonomischen +Forderungen. Sie werden meistens bewilligt, und am 14. Juli hört +der Streik auf. Allein zwei Wochen später bricht er wieder aus; +diesmal geben die Bäcker die Parole, ihnen folgen die Steinarbeiter, +Tischler, Färber, Mühlenarbeiter und schließlich wieder +alle Fabrikarbeiter. – In <em class="gesperrt">Odessa</em> beginnt die Bewegung mit +einem Lohnkampfe, in den der von Regierungsagenten nach dem +Programm des berühmten Gendarmen <em class="gesperrt">Subatow</em> gegründete +»legale« Arbeiterverein verwickelt wurde. Die geschichtliche Dialektik +hat wieder Gelegenheit genommen, einen ihrer hübschen boshaften +Streiche auszuführen: Die ökonomischen Kämpfe der früheren +Periode – darunter der große Petersburger Generalstreik von +1896 – hatten die russische Sozialdemokratie zur Übertreibung des +sogen. »Ökonomismus« verleitet, wodurch sie in der Arbeiterschaft +für das demagogische Treiben des Subatow den Boden bereitet +hatte. Nach einer Weile drehte aber der große revolutionäre Strom +das Schifflein mit der falschen Flagge um und zwang es, gerade +an der Spitze der revolutionären proletarischen Flottille zu schwimmen. +Die Subatowschen Vereine gaben im Frühling 1904 die Parole zu +dem großen Generalstreik in Odessa, wie im Januar 1905 zu dem +Generalstreik in Petersburg. Die Arbeiter in Odessa, die in den +Wahn von der aufrichtigen Arbeiterfreundlichkeit der Regierung und +ihrer Sympathie für rein ökonomischen Kampf gewiegt wurden, +wollten plötzlich eine Probe aufs Exempel machen und zwangen +den Subatowschen »Arbeiterverein«, in einer Fabrik den Streik um bescheidenste +Forderungen zu erklären. Sie wurden darauf vom Unternehmer +einfach aufs Pflaster gesetzt, und als sie von dem Leiter ihres +Vereins den versprochenen obrigkeitlichen Schutz forderten, verduftete +der Herr und ließ die Arbeiter in wilder Gärung zurück. Alsbald +stellten sich die Sozialdemokraten an die Spitze und die Streikbewegung +sprang auf andere Fabriken über. Am 1. Juli streiken +2500 Eisenbahnarbeiter, am 4. Juli treten die Hafenarbeiter in den +Streik um eine Erhöhung der Löhne von 80 Kopeken auf 2 Rubel +und Verkürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde. Am 6. Juli +schließen sich die Seeleute der Bewegung an. Am 13. Juli beginnt +der Ausstand des Trambahnpersonals. Nun findet eine Versammlung +sämtlicher Streikenden, 7-8000 Mann, statt; es bildet sich ein Zug, +der von Fabrik zu Fabrik geht und, lawinenartig anwachsend, schon +als eine 40-50 000köpfige Menge sich zum Hafen begibt, um hier +jede Arbeit zum Stillstand zu bringen. Bald herrscht in der ganzen +Stadt der Generalstreik. – <em class="gesperrt">In Kijew</em> beginnt am 21. Juli der +Ausstand in den Eisenbahnwerkstätten. Auch hier ist der nächste +Anlß miserable Arbeitsbedingungen, und es werden Lohnforderungen +aufgestellt. Am anderen Tage folgen dem Beispiel die +Gießereien. Am 23. Juli passiert darauf ein Zwischenfall, der das +Signal zum Generalstreik gibt. In der Nacht wurden zwei Delegierte +der Eisenbahnarbeiter verhaftet; die Streikenden fordern sofort ihre +Freilassung, und als dies nicht erfüllt wird, beschließen sie, die +Eisenbahnzüge nicht aus der Stadt herauszulassen. Am Bahnhof +<span class='pagenum'><a name="Page_15" id="Page_15">[ 15]</a></span>setzen sich auf den Schienenstrang sämtliche Streikende mit Weib +und Kind – ein Meer von Menschenköpfen. Man droht mit +Gewehrsalven. Die Arbeiter entblößen darauf ihre Brust und rufen: +»Schießt!« Eine Salve wird auf die wehrlose, sitzende Menge +abgefeuert und 30-40 Leichen, darunter Frauen und Kinder, bleiben +auf dem Platze liegen. Auf diese Kunde erhebt sich am gleichen +Tage ganz Kijew zum Streik. Die Leichen der Ermordeten werden +von der Menge emporgehoben und in einem Massenzug herumgetragen. +Versammlungen, Reden, Verhaftungen, einzelne Strßenkämpfe +– Kijew steht mitten in der Revolution. Die Bewegung +geht bald zu Ende; dabei haben aber die Buchdrucker eine Verkürzung +der Arbeitszeit um eine Stunde und eine Lohnerhöhung um einen +Rubel gewonnen; in einer Hefefabrik ist der Achtstundentag eingeführt +worden; die Eisenbahnwerkstätten wurden auf Beschluß des Ministeriums +geschlossen; andere Branchen führten partielle Streiks um +ihre Forderungen weiter. – <em class="gesperrt">In Nikolajew</em> bricht der Generalstreik +unter dem unmittelbaren Eindruck der Nachrichten aus Odessa, +Baku, Batum und Tiflis aus, trotz des Widerstandes des sozialdemokratischen +Komitees, das den Ausbruch der Bewegung auf den Zeitpunkt +hinausschieben wollte, wo das Militär zum Manöver aus +der Stadt ziehen sollte. Die Masse ließ sich nicht zurückhalten; +eine Fabrik machte den Anfang, die Streikenden gingen von einer +Werkstatt zur anderen, der Widerstand des Militärs goß nur Öl ins +Feuer. Bald bildeten sich Massenumzüge mit revolutionärem Gesang, +die alle Arbeiter, Angestellten, Trambahnbedienstete, Männer und +Frauen, mitrissen. Die Arbeitsruhe war eine vollkommene. – In +<em class="gesperrt">Jekaterinoslaw</em> beginnen am 5. August die Bäcker, am 7. die +Arbeiter der Eisenbahnwerkstätte, darauf alle anderen Fabriken den +Streik; am 8. August hört der Trambahnverkehr auf, die Zeitungen +erscheinen nicht. – So kam der grandiose Generalstreik Südrußlands +im Sommer 1903 zu stande. Aus vielen kleinen Kanälen partieller +ökonomischer Kämpfe und kleiner »zufälliger« Vorgänge floß er +rasch zu einem gewaltigen Meer zusammen und verwandelte den +ganzen Süden des Zarenreichs für einige Wochen in eine bizarre, +revolutionäre Arbeiterrepublik. »Brüderliche Umarmungen, Rufe des +Entzückens und der Begeisterung, Freiheitslieder, frohes Gelächter, +Humor und Freude hörte man in der vieltausendköpfigen Menge, +die von Morgen bis Abend in der Stadt wogte. Die Stimmung +war eine gehobene; man konnte beinahe glauben, dß ein neues, +besseres Leben auf Erden beginnt. Ein tiefernstes und zugleich +idyllisches, rührendes Bild« ... So schrieb damals der Korrespondent +im liberalen »Oswoboshdenje« des Herrn Peter v. Struve.</p> + +<p>Das Jahr 1904 brachte gleich im Anfang den Krieg und für +eine Weile eine Ruhepause in der Massenstreikbewegung mit sich. Zuerst +ergoß sich eine trübe Welle polizeilich veranstalteter »patriotischer« +Demonstrationen über das Land. Die »liberale« bürgerliche Gesellschaft +wurde vorerst von dem zarisch-offiziellen Chauvinismus ganz +zu Boden geschmettert. Doch nimmt die Sozialdemokratie bald +den Kampfplatz wieder in Besitz; den polizeilichen Demonstrationen +des patriotischen Lumpenproletariats werden revolutionäre Arbeite<span class='pagenum'><a name="Page_16" id="Page_16">[ 16]</a></span>rdemonstrationen +entgegengestellt. Endlich wecken die schmählichen +Niederlagen der zarischen Armee auch die liberale Gesellschaft aus +der Betäubung; es beginnt die Ära liberaler und demokratischer +Kongresse, Bankette, Reden, Adressen und Manifeste. Der durch die +Schmach des Krieges zeitweilig erdrückte Absolutismus läßt in seiner +Zerfahrenheit die Herren gewähren, und sie sehen bereits den Himmel +voller liberaler Geigen. Für ein halbes Jahr nimmt der bürgerliche +Liberalismus die politische Vorderbühne in Besitz, das Proletariat +tritt in den Schatten. Allein nach längerer Depression rafft sich der +Absolutismus seinerseits wieder auf, die Kamarilla sammelt ihre +Kräfte und durch ein einziges kräftiges Aufstampfen des Kosakenstiefels +wird die ganze liberale Aktion im Dezember ins Mauseloch +gejagt. Die Bankette, Reden, Kongresse werden kurzerhand als eine +»freche Anmßung« verboten und der Liberalismus sieht sich plötzlich +am Ende seines Lateins. Aber genau dort, wo dem Liberalismus +der Faden ausgegangen ist, beginnt die Aktion des Proletariats. Im +Dezember 1904 bricht auf dem Boden der Arbeitslosigkeit der grandiose +Generalstreik in <em class="gesperrt">Baku</em> aus: Die Arbeiterklasse ist wieder auf dem +Kampfplatz. Als das Reden verboten wurde und verstummte, begann +wieder das Handeln. In Baku herrschte während einiger Wochen +mitten im Generalstreik die Sozialdemokratie als unumschränkte +Herrin der Lage, und die eigenartigen Ereignisse des Dezembers im +Kaukasus hätten ein ungeheures Aufsehen erregt, wenn sie nicht so +rapid von der steigenden Woge der Revolution übertroffen worden +wären, die sie selbst aufgepeitscht hatten. Noch waren die phantastischen, +unklaren Nachrichten von dem Generalstreik in Baku nicht in alle +Enden des Zarenreichs gelangt, als im Januar 1905 der Massenstreik +in <em class="gesperrt">Petersburg</em> ausbrach.</p> + +<p>Auch hier war der Anlß bekanntlich ein winziger. Zwei Arbeiter +der Putilow-Werke wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zum legalen +Subatowschen Verein entlassen. Diese Mßregelung rief am 16. Januar +einen Solidaritätsstreik sämtlicher 12 000 Arbeiter dieser Werke hervor. +Die Sozialdemokraten begannen aus Anlß des Streiks eine rege +Agitation um die Erweiterung der Forderungen und setzten die Forderung +des Achtstundentages, des Koalitionsrechts, der Rede- und Preßfreiheit +usw. durch. Die Gärung der Putilowschen Arbeiter teilte +sich rasch dem übrigen Proletariat mit, und in wenigen Tagen standen +140 000 Arbeiter im Streik. Gemeinsame Beratungen und stürmische +Diskussionen führten zur Ausarbeitung jener proletarischen Charte +der bürgerlichen Freiheiten mit dem Achtstundentag an der Spitze, +womit am 22. Januar 200 000 Arbeiter, von dem Priester Gapon +geführt, vor das Zarenschloß zogen. Der Konflikt der zwei gemßregelten +Putilow-Arbeiter hat sich binnen einer Woche in den Prolog +der gewaltigsten Revolution der Neuzeit verwandelt.</p> + +<p>Die zunächst darauffolgenden Ereignisse sind bekannt: Das +Petersburger Blutbad hat im Januar und Februar in sämtlichen +Industriezentren und Städten Rußlands, Polens, Litauens, der +baltischen Provinzen, des Kaukasus, Sibiriens, vom Norden bis +zum Süden, vom Westen bis zum Osten riesenhafte Massenstreiks +und Generalstreiks hervorgerufen. Allein bei näherem Zusehen +<span class='pagenum'><a name="Page_17" id="Page_17">[ 17]</a></span>treten jetzt die Massenstreiks in anderen Formen auf, als in der +bisherigen Periode. Diesmal gingen überall die sozialdemokratischen +Organisationen mit Aufrufen voran; überall war die revolutionäre +Solidarität mit dem Petersburger Proletariat ausdrücklich als Grund +und Zweck des Generalstreiks bezeichnet; überall gab es zugleich +Demonstrationen, Reden, Kämpfe mit dem Militär. Doch auch hier +war von einem vorgefßten Plan, einer organisierten Aktion keine +Rede, denn die Aufrufe der Parteien vermochten kaum, mit den +spontanen Erhebungen der Masse Schritt zu halten; die Leiter hatten +kaum Zeit, die Losungen der vorausstürmenden Proletariermenge zu +formulieren. Ferner: Die früheren Massen- und Generalstreiks entstanden +aus einzelnen zusammenfließenden Lohnkämpfen, die in der +allgemeinen Stimmung der revolutionären Situation und unter +dem Eindruck der sozialdemokratischen Agitation rapid zu politischen +Kundgebungen wurden; das ökonomische Moment und die gewerkschaftliche +Zersplitterung waren der Ausgangspunkt, die zusammenfassende +Klassenaktion und die politische Leitung das Schlußergebnis. +Jetzt ist die Bewegung eine umgekehrte. Die Januar- und Februargeneralstreiks +brachen im voraus als einheitliche revolutionäre Aktion +unter der Leitung der Sozialdemokratie aus; allein diese Aktion zerfiel +bald in eine unendliche Reihe lokaler, partieller, ökonomischer +Streiks in einzelnen Gegenden, Städten, Branchen, Fabriken. Den +ganzen Frühling des Jahres 1905 hindurch bis in den Hochsommer +hinein gährte im gesamten Riesenreich ein unermüdlicher ökonomischer +Kampf fast des gesamten Proletariats gegen das Kapital, ein Kampf, +der nach oben hin alle kleinbürgerlichen und liberalen Berufe: Handelsangestellte, +Bankbeamte, Techniker, Schauspieler, Kunstberufe, ergreift, +nach unten hin bis ins Hausgesinde, in das Subalternbeamtentum +der Polizei, ja bis in die Schicht des Lumpenproletariats hineindringt +und gleichzeitig aus der Stadt aufs flache Land hinausströmt +und sogar an die eisernen Tore der Militärkasernen pocht.</p> + +<p>Es ist dies ein riesenhaftes buntes Bild einer allgemeinen Auseinandersetzung +der Arbeit mit dem Kapital, das die ganze Mannigfaltigkeit +der sozialen Gliederung und des politischen Bewußtseins +jeder Schicht und jedes Winkels abspiegelt und die ganze lange +Stufenleiter vom regelrechten gewerkschaftlichen Kampf einer erprobten +großindustriellen Elitetruppe des Proletariats bis zum formlosen +Protestausbruch eines Haufens Landproletarier und zur ersten dunklen +Regung einer aufgeregten Soldatengarnison durchläuft, von der +wohlerzogenen eleganten Revolte in Manschetten und Stehkragen +im Kontor eines Bankhauses bis zum scheu-dreisten Murren +einer klobigen Versammlung unzufriedener Polizisten in einer verräucherten, +dunklen und schmutzigen Polizeiwachtstube.</p> + +<p>Nach der Theorie der Liebhaber »ordentlicher und wohldisziplinierter« +Kämpfe nach Plan und Schema, jener besonders, die es +von weitem stets besser wissen wollen, wie es »hätte gemacht werden +sollen«, war der Zerfall der großen politischen Generalstreikaktion des +Januar 1905 in eine Unzahl ökonomischer Kämpfe wahrscheinlich +»ein großer Fehler«, der jene Aktion »lahmgelegt« und in ein »Strohfeuer« +verwandelt hatte. Auch die Sozialdemokratie in Rußland, +<span class='pagenum'><a name="Page_18" id="Page_18">[ 18]</a></span>die die Revolution zwar mitmacht, aber nicht »macht«, und ihre +Gesetze erst aus ihrem Verlauf selbst lernen muß, war im ersten +Augenblick durch das scheinbar resultatlose Zurückfluten der ersten +Sturmflut des Generalstreiks für eine Weile etwas aus dem Konzept +gebracht. Allein, die Geschichte, die jenen »großen Fehler« gemacht +hat, verrichtete damit, unbekümmert um das Räsonieren ihrer unberufenen +Schulmeister, eine ebenso unvermeidliche wie in ihren +Folgen unberechenbare Riesenarbeit der Revolution.</p> + +<p>Die plötzliche Generalerhebung des Proletariats im Januar +unter dem gewaltigen Anstoß der Petersburger Ereignisse war nach +außen hin ein politischer Akt der revolutionären Kriegserklärung an +den Absolutismus. Aber diese erste allgemeine direkte Klassenaktion +wirkte gerade als solche nach innen um so mächtiger zurück, indem +sie zum ersten Mal das Klassengefühl und Klassenbewußtsein in den +Millionen und Abermillionen wie durch einen elektrischen Schlag +weckte. Und dieses Erwachen des Klassengefühls äußerte sich sofort +darin, dß der nach Millionen zählenden proletarischen Masse +ganz plötzlich scharf und schneidend die Unerträglichkeit jenes sozialen +und ökonomischen Daseins zum Bewußtsein kam, das sie Jahrzehnte +in den Ketten des Kapitalismus geduldig ertrug. Es beginnt daher +ein spontanes allgemeines Rütteln und Zerren an diesen Ketten. +Alle tausendfältigen Leiden des modernen Proletariats erinnern es +an alte blutende Wunden. Hier wird um den Achtstundentag gekämpft, +dort gegen die Akkordarbeit, hier werden brutale Meister +auf einem Handkarren im Sack »hinausgefahren«, anderswo gegen +infame Strafsysteme, überall um bessere Löhne, hier und da um Abschaffung +der Heimarbeit gekämpft. Rückständige, degradierte Berufe +in großen Städten, kleine Provinzstädte, die bis dahin in einem idyllischen +Schlaf dahin dämmerten, das Dorf mit seinem Vermächtnis aus +dem Leibeigentum – alles das besinnt sich plötzlich, vom Januarblitz +geweckt, auf seine Rechte und sucht nun fieberhaft, das Versäumte +nachzuholen. Der ökonomische Kampf war hier also in +Wirklichkeit nicht ein Zerfall, eine Zersplitterung der Aktion, sondern +bloß eine Frontänderung, ein plötzlicher und natürlicher Umschlag +der ersten Generalschlacht mit dem Absolutismus in eine Generalabrechnung +mit dem Kapital, die, ihrem Charakter entsprechend, <em class="gesperrt">die +Form</em> einzelner zersplitterter Lohnkämpfe annahm. Nicht die politische +Klassenaktion wurde im Januar durch den Zerfall des Generalstreiks +in ökonomische Streiks gebrochen, sondern umgekehrt; nachdem der +in der gegebenen Situation und auf der gegebenen Stufe der +Revolution mögliche Inhalt der politischen Aktion erschöpft war, +zerfiel sie oder schlug vielmehr in eine ökonomische Aktion um.</p> + +<p>In der Tat: was konnte der Generalstreik im Januar weiter +erreichen? Nur völlige Gedankenlosigkeit durfte eine Vernichtung +des Absolutismus auf einen Schlag durch einen einzigen »ausdauernden« +Generalstreik nach dem anarchistischen Schema erwarten. +Der Absolutismus muß in Rußland durch das Proletariat gestürzt +werden. Aber das Proletariat bedarf dazu eines hohen +Grades der politischen Schulung, des Klassenbewußtseins und der +Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus +<span class='pagenum'><a name="Page_19" id="Page_19">[ 19]</a></span>Broschüren und Flugblättern, sondern bloß aus der lebendigen +politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in dem +fortschreitenden Verlauf der Revolution aneignen. Ferner kann der +Absolutismus nicht in jedem beliebigen Moment, wozu bloß eine +genügende »Anstrengung« und »Ausdauer« erforderlich, gestürzt +werden. Der Untergang des Absolutismus ist bloß ein äußerer +Ausdruck der inneren sozialen und Klassenentwicklung der russischen +Gesellschaft. Bevor und damit der Absolutismus gestürzt werden +kann, muß das künftige bürgerliche Rußland in seinem Innern, in +seiner modernen Klassenscheidung hergestellt, geformt werden. Dazu +gehört die Auseinandergrenzung der verschiedenen sozialen Schichten +und Interessen, die Bildung außer der proletarischen, revolutionären, +auch nicht minder der liberalen, radikalen, kleinbürgerlichen, konservativen +und reaktionären Parteien, dazu gehört die Selbstbesinnung, +Selbsterkenntnis und das Klassenbewußtsein nicht bloß der Volksschichten, +sondern auch der bürgerlichen Schichten. Aber auch diese +vermögen sich nicht anders als im Kampf, im Prozeß der Revolution +selbst, durch die lebendige Schule der Ereignisse, im Zusammenprall +mit dem Proletariat, sowie gegeneinander, in unaufhörlicher gegenseitiger +Reibung bilden und zur Reife gedeihen. Diese Klassenspaltung +und Klassenreife der bürgerlichen Gesellschaft sowie ihre +Aktion im Kampfe gegen den Absolutismus wird durch die eigenartige +führende Rolle des Proletariats und seine Klassenaktion +einerseits unterbunden und erschwert, anderseits angepeitscht und +beschleunigt. Die verschiedenen Unterströme des sozialen Prozesses +der Revolution durchkreuzen einander, hemmen einander, steigern die +inneren Widersprüche der Revolution, im Resultat beschleunigen und +potenzieren aber damit nur ihre gewaltigen Ausbrüche.</p> + +<p>So erfordert das anscheinend so einfache und nackte rein +mechanische Problem: der Sturz des Absolutismus einen ganzen +langen sozialen Prozeß, eine gänzliche Unterwühlung des gesellschaftlichen +Bodens, das Unterste muß nach oben, das Oberste +nach unten gekehrt, die scheinbare »Ordnung« in einen Chaos und +aus dem scheinbaren »anarchistischen« Chaos eine neue Ordnung +umgeschaffen werden. Und nun in diesem Prozeß der sozialen +Umschachtelung des alten Rußland spielte nicht nur der Januar-Blitz +des ersten Generalstreiks, sondern noch mehr das darauffolgende +große Frühlings- und Sommergewitter der ökonomischen Streiks +eine unersetzliche Rolle. Die erbitterte allgemeine Auseinandersetzung +der Lohnarbeit mit dem Kapital hat im gleichen Mße zur Auseinandergrenzung +der verschiedenen Volksschichten wie der bürgerlichen +Schichten, zum Klassenbewußtsein des revolutionären Proletariats +wie auch der liberalen und konservativen Bourgeoisie beigetragen. +Und wie die städtischen Lohnkämpfe zur Bildung der starken +monarchischen Moskauer Industriellen-Partei beigetragen haben, so +hat der rote Hahn der gewaltigen Landerhebung in Livland zur +raschen Liquidation des berühmten adelig-agrarischen Semstwo-Liberalismus +geführt.</p> + +<p>Zugleich aber hat die Periode der ökonomischen Kämpfe im +Frühling und Sommer des Jahres 1905 dem städtischen Proletariat +<span class='pagenum'><a name="Page_20" id="Page_20">[ 20]</a></span>in der Gestalt der regen sozialdemokratischen Agitation und Leitung +die Möglichkeit gegeben, die ganze Summe der Lehren des Januar-Prologs +sich nachträglich anzueignen, sich die weiteren Aufgaben +der Revolution klar zu machen. Im Zusammenhang damit steht +aber noch ein anderes Ergebnis dauernden sozialen Charakters: +<em class="gesperrt">eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus des +Proletariats</em>, des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen. +Die Frühlingsstreiks des Jahres 1905 sind fast durchweg siegreich +verlaufen. Als eine Probe aus dem enormen und noch meistens +unübersehbaren Tatsachenmaterial seien hier nur einige Daten über +ein paar der allein in Warschau von der Sozialdemokratie Polens +und Litauens geleiteten wichtigsten Streiks angeführt. In den +größten Fabriken der <em class="gesperrt">Metallbranche</em> Warschaus: Aktiengesellschaft +Lilpop, Rau & Löwenstein, Rudzki & Co., Bormann, +Schwede & Co., Handtke, Gerlach & Pulst, Gebrüder Geisler, +Eberhard, Wolski & Co., Aktiengesellschaft Konrad & Jarmuszkiewicz, +Weber & Daehn, Gwizdzinski & Co., Drahtfabrik Wolanowski, +Aktiengesellschaft Gostynski & Co., R. Brun & Sohn, Fraget, Norblin, +Werner, Buch, Gebrüder Renneberg, Labor, Lampenfabrik Dittmar, +Serkowski, Weszyski, zusammen 22 Fabriken errangen die Arbeiter +sämtlich nach einem vier- bis fünfwöchigen Streik (seit dem +25. und 26. Januar) den neunstündigen Arbeitstag, eine Lohnerhöhung +von 15 bis 25 pZt. und verschiedene geringere Forderungen. +In den größten Werkstätten der <em class="gesperrt">Holzbranche</em> +Warschaus, nämlich bei Karmanski, Damiecki, Gromel, Szerbinski, +Tremerowski, Horn, Bevensee, Tworkowski, Daab & Martens, +zusammen 10 Werkstätten, errangen die Streikenden bereits am +23. Februar den Neunstundentag; sie gaben sich jedoch nicht zufrieden +und bestanden auf dem Achtstundentag, den sie auch nach +einer weiteren Woche durchsetzten, zugleich mit einer Lohnerhöhung. +Die gesamte <em class="gesperrt">Maurerbranche</em> begann den Streik am 27. Februar, +forderte gemäß der Parole der Sozialdemokratie den Achtstundentag +und errang am 11. März den Neunstundentag, eine +Lohnerhöhung für alle Kategorien, regelmäßige wöchentliche Lohnauszahlung +usw. usw. Die <em class="gesperrt">Anstreicher</em>, <em class="gesperrt">Stellmacher</em>, +<em class="gesperrt">Sattler</em> und <em class="gesperrt">Schmiede</em> errangen gemeinsam den Achtstundentag +ohne Lohnverkürzung. Die <em class="gesperrt">Telephon</em>-Werkstätten streikten +zehn Tage und errangen den Achtstundentag und eine Lohnerhöhung +um 10 bis 15 pZt. Die große <em class="gesperrt">Leinenweberei</em> +Hielle & Dietrich (10 000 Arbeiter) errang nach neun Wochen +Streik eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und Lohnaufbesserung +um 5 bis 10 pZt. Und dasselbe Ergebnis in unendlichen +Variationen sehen wir in allen übrigen Branchen +Warschaus, in Lodz, in Sosnowitz.</p> + +<p>Im eigentlichen Rußland wurde der <em class="gesperrt">Achtstundentag</em> erobert: +im September 1904 von einigen Kategorien der Naphthaarbeiter +in Baku, im Mai 1905 von den Zuckerarbeitern des Kijewer Rayons, +im Januar 1905 in sämtlichen Buchdruckereien der Stadt Samara +(wo zugleich eine Erhöhung der Akkordlöhne und Abschaffung der +Strafen durchgesetzt wurde), im Februar in der Fabrik kriegs<span class='pagenum'><a name="Page_21" id="Page_21">[ 21]</a></span>medizinischer +Instrumente, in einer Möbeltischlerei und in der +Patronenfabrik in Petersburg, ferner wurde eine achtstündige +Schicht in den Gruben von Wladiwostok eingeführt, im März in +der staatlichen mechanischen Werkstatt der Staatspapiere, im April +bei den Schmieden der Stadt Bobrujsk, im Mai bei den Angestellten +der elektrischen Stadtbahn in Tiflis, gleichfalls im Mai der achteinhalbstündige +Arbeitstag in der Riesenbaumwollweberei von +Morosow (bei gleichzeitiger Abschaffung der Nachtarbeit und +Erhöhung der Löhne um 8 pZt.), im Juni der Achtstundentag in +einigen Ölmühlen in Petersburg und Moskau, im Juli achteinhalb +Stunden bei den Schmieden des Petersburger Hafens, im +November in sämtlichen Privatdruckereien der Stadt Orel (bei +gleichzeitiger Erhöhung des Zeitlohnes um 20 pZt. und der +Akkordlöhne um 100 pZt., sowie der Einführung eines paritätischen +Einigungsamtes).</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">Neunstundentag</em> in sämtlichen Eisenbahnwerkstätten +(im Februar), in vielen staatlichen Militär- und Marinewerkstätten, +in den meisten Fabriken der Stadt Berdjansk, in sämtlichen +Druckereien der Stadt Poltawa sowie der Stadt Minsk; neuneinhalb +Stunden auf der Schiffswerft, Mechanischen Werkstatt und +Gießerei der Stadt Nikolajew, im Juni nach einem allgemeinen +Kellnerstreik in Warschau in vielen Restaurants und Cafés (bei +gleichzeitiger Lohnerhöhung um 20 bis 40 pZt. und einem zweiwöchentlichen +Urlaub jährlich).</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">Zehnstundentag</em> in fast sämtlichen Fabriken der +Städte Lodz, Gosnowitz, Riga, Kowno, Reval, Dorpat, Minsk, +Charkow, bei den Bäckern in Odessa, in den Handwerkstätten +in Kischinew, in einigen Hutfabriken in Petersburg, in den Zündholzfabriken +in Kowno (bei gleichzeitiger Lohnerhöhung um 10 pZt.), +in sämtlichen staatlichen Marinewerkstätten und bei sämtlichen +Hafenarbeitern.</p> + +<p>Die Lohnerhöhungen sind im allgemeinen geringer als die +Verkürzung der Arbeitszeit, immerhin aber bedeutende; so wurde +in Warschau Mitte März 1905 von dem städtischen Fabrikamt eine +allgemeine Lohnerhöhung um 15 pZt. festgestellt; in dem Zentrum +der Textilindustrie Iwanowo-Wosnesensk erreichten die Lohnerhöhungen +7 bis 15 pZt.; in Kowno wurden von der Lohnerhöhung +78 pZt. der gesamten Arbeiterzahl betroffen. Ein fester <em class="gesperrt">Minimallohn</em> +wurde eingeführt: in einem Teile der Bäckereien in Odessa, +in der Newaschen Schiffswerft in Petersburg usw.</p> + +<p>Freilich werden die Konzessionen vielfach bald hier bald dort +wieder zurückgenommen. Dies gibt aber nur den Anlß zu erneuten, +noch erbitterteren Revanchekämpfen, und so ist die Streikperiode des +Frühlings 1905 von selbst zum Prolog einer unendlichen Reihe sich +immer weiter ausbreitender und ineinanderschlingender ökonomischer +Kämpfe geworden, die bis auf den heutigen Tag dauern. In den +Perioden des äußerlichen Stillstandes der Revolution, wo die +Telegramme keine Sensationsnachrichten vom russischen Kampfplatz +in die Welt tragen und wo der westeuropäische Leser mit Enttäuschung +seine Morgenzeitung aus der Hand legt, mit der Bemerkung, +<span class='pagenum'><a name="Page_22" id="Page_22">[ 22]</a></span>dß in Rußland »nichts passiert sei«, wird in Wirklichkeit in der +Tiefe des ganzen Reiches die große Maulwurfsarbeit der Revolution +ohne Rast Tag für Tag und Stunde für Stunde fortgesetzt. Der +unaufhörliche intensive ökonomische Kampf setzt in rapiden abgekürzten +Methoden die Hinüberleitung des Kapitalismus aus dem Stadium +der primitiven Akkumulation, des patriarchalischen Raubbaus in +ein hochmodernes, zivilisiertes Stadium durch. Heute läßt die +tatsächliche Arbeitszeit in der russischen Industrie nicht nur die +russische Fabrikgesetzgebung, d. h. den gesetzlichen elfeinhalbstündigen +Arbeitstag, sondern selbst die deutschen tatsächlichen Verhältnisse +hinter sich. In den meisten Branchen der russischen Großindustrie +herrscht heute der Zehnstundentag, der in Deutschland von der Sozialgesetzgebung +als unerreichbares Ziel hingestellt wird. Ja, noch mehr; +jener ersehnte »industrielle Konstitutionalismus«, für den man in +Deutschland schwärmt und um deswillen die Anhänger der opportunistischen +Taktik jedes schärfere Lüftchen von den stehenden +Gewässern des allein-seligmachenden Parlamentarismus fernhalten +möchten, wird in Rußland gerade mitten im Revolutionssturm, <em class="gesperrt">aus</em> +der Revolution, zusammen mit dem politischen »Konstitutionalismus« +geboren! Tatsächlich ist nicht bloß eine allgemeine Hebung des +Lebensniveaus oder vielmehr des Kulturniveaus der Arbeiterschaft +eingetreten. Das materielle Lebensniveau als eine dauernde Stufe +des Wohlseins findet in der Revolution keinen Platz. Voller Widersprüche +und Kontraste, bringt sie zugleich überraschende ökonomische +Siege und brutalste Racheakte des Kapitals: heute den Achtstundentag, +morgen Massenaussperrungen und nackten Hunger für Hunderttausende. +Das Kostbarste, weil bleibende, bei diesem scharfen +revolutionären Auf und Ab der Welle ist ihr <em class="gesperrt">geistiger Niederschlag</em>: +das sprungweise intellektuelle, kulturelle Wachstum des +Proletariats, das eine unverbrüchliche Gewähr für sein weiteres +unaufhaltsames Fortschreiten im wirtschaftlichen wie im politischen +Kampfe bietet. Allein, nicht bloß das. Das Verhältnis selbst des +Arbeiters zum Unternehmer wird umgestülpt; seit den Januar-Generalstreiks +und den darauffolgenden Streiks des Jahres 1905 +ist das Prinzip des kapitalistischen »Hausherrentums« <em class="antiqua">de facto</em> +abgeschafft. In den größten Fabriken aller wichtigsten Industriezentren +hat sich wie von selbst die Einrichtung der Arbeiterausschüsse +gebildet, mit denen allein der Unternehmer verhandelt, die über alle +Konflikte entscheiden. Und schließlich noch mehr: Die anscheinend +chaotischen Streiks und die »desorganisierte« revolutionäre Aktion +nach dem Januar-Generalstreik wird zum Ausgangspunkt einer +fieberhaften <em class="gesperrt">Organisationsarbeit</em>. Madame Geschichte dreht +den bureaukratischen Schablonenmenschen, die an den Toren des +deutschen Gewerkschaftsglücks grimmige Wacht halten, von weitem +lachend eine Nase. Die festen Organisationen, die als unbedingte +Voraussetzung für einen eventuellen Versuch zu einem eventuellen +deutschen Massenstreik im voraus wie eine uneinnehmbare Festung +umschanzt werden sollen, diese Organisationen werden in Rußland +gerade umgekehrt aus dem Massenstreik geboren! Und während +die Hüter der deutschen Gewerkschaften am meisten befürchten, dß +<span class='pagenum'><a name="Page_23" id="Page_23">[ 23]</a></span>die Organisationen in einem revolutionären Wirbel wie kostbares +Porzellan krachend in Stücke gehen, zeigt uns die russische Revolution +das direkt umgekehrte Bild: aus dem Wirbel und Sturm, aus +Feuer und Glut der Massenstreiks, der Strßenkämpfe steigen empor +wie die Venus aus dem Meerschaum: frische, junge, kräftige und +lebensfrohe ..... Gewerkschaften.</p> + +<p>Hier nur wieder ein kleines Beispiel, das aber für das gesamte +Reich typisch ist. Auf der zweiten Konferenz der Gewerkschaften +Rußlands, die Ende Februar 1906 in Petersburg stattgefunden hat, +sagte der Vertreter der Petersburger Gewerkschaften in seinem +Bericht über die Entwicklung der Gewerkschaftsorganisationen der +Zarenhauptstadt:</p> + +<p>»Der 22. Januar 1905, der den Gaponschen Verein weggespült +hat, bildete einen Wendepunkt. Die Arbeiter aus der +Masse haben an der Hand der Ereignisse gelernt, die Bedeutung +der Organisation zu schätzen und begriffen, dß nur sie selbst diese +Organisationen schaffen können. – In direkter Verbindung mit der +Januarbewegung entsteht in Petersburg die erste Gewerkschaft: +die der Buchdrucker. Die zur Ausarbeitung des Tarifs gewählte +Kommission arbeitete die Statuten aus, und am 19. Juni begann +die Gewerkschaft ihre Existenz. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde +die Gewerkschaft der Kontoristen und der Buchhalter ins Leben +gerufen. Neben diesen Organisationen, die fast offen (legal) +existieren, entstanden vom Januar bis Oktober 1905 halbgesetzliche +und ungesetzliche Gewerkschaften. Zu den ersteren gehört z. B. die +der Apothekergehülfen und der Handelsangestellten. Unter den ungesetzlichen +Gewerkschaften muß der Verein der Uhrmacher hervorgehoben +werden, dessen erste geheime Sitzung am 24. April stattfand. Alle +Versuche, eine allgemeine offene Versammlung einzuberufen, scheiterten +an dem hartnäckigen Widerstand der Polizei und der Unternehmer +in der Person der Handwerkskammer. Dieser Mißerfolg hat die +Existenz der Gewerkschaft nicht verhindert. Sie hielt geheime +Mitgliederversammlungen am 9. Juni und 14. August ab, abgesehen +von den Sitzungen der Vorstände der Gewerkschaft. Die Schneider- +und Schneiderinnengewerkschaft wurde im Frühling des Jahres 1905 +in einer Versammlung im Walde gegründet, wo 70 Schneider anwesend +waren. Nachdem die Frage der Gründung besprochen +wurde, wählte man eine Kommission, die mit der Ausarbeitung des +Statuts beauftragt wurde. Alle Versuche der Kommission, für die +Gewerkschaft eine gesetzliche Existenz durchzusetzen, blieben erfolglos. +Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf die Agitation und Mitgliederwerbung +in den einzelnen Werkstätten. Ein ähnliches Schicksal war +der Schuhmachergewerkschaft beschieden. Im Juli wurde Nachts +in einem Walde außerhalb der Stadt eine geheime Versammlung +einberufen. Mehr als 100 Schuhmacher kamen zusammen; es wurde +ein Referat über die Bedeutung der Gewerkschaften, über ihre +Geschichte in Westeuropa und ihre Aufgaben in Rußland gehalten. +Darauf ward beschlossen, eine Gewerkschaft zu gründen; 12 Mann +wurden in eine Kommission gewählt, die das Statut ausarbeiten +und eine allgemeine Schuhmacherversammlung einberufen sollte. +<span class='pagenum'><a name="Page_24" id="Page_24">[ 24]</a></span>Das Statut wurde ausgearbeitet, aber es gelang vorläufig weder +es zu drucken, noch eine allgemeine Versammlung einzuberufen.«</p> + +<p>Das waren die ersten schweren Anfänge. Dann kamen die +Oktobertage, der zweite allgemeine Generalstreik, das Zarenmanifest +des 30. Oktober und die kurze »Verfassungsperiode«. Mit Feuereifer +stürzen sich die Arbeiter in die Wogen der politischen Freiheit, um +sie sofort zum Organisationswerk zu benutzen. Neben tagtäglichen +politischen Versammlungen, Debatten, Vereinsgründungen wird +sofort der Ausbau der Gewerkschaften in Angriff genommen. Im +Oktober und November entstehen in Petersburg <em class="gesperrt">vierzig</em> neue +Gewerkschaften. Alsbald wird ein »Zentralbureau«, d. h. ein Gewerkschaftskartell +gegründet, es erscheinen verschiedene Gewerkschaftsblätter +und seit dem November auch ein Zentralorgan: »Die Gewerkschaft«. +Das, was im obigen über Petersburg berichtet wurde, +trifft im großen und ganzen auf Moskau und Odessa, Kijew und +Nikolajew, Saratow und Woronesch, Samara und Nischni-Nowgorod, +auf alle größeren Städte Rußlands und in noch höherem Grade +auf Polen zu. Die Gewerkschaften einzelner Städte suchen Fühlung +miteinander, es werden Konferenzen abgehalten. Das Ende der +»Verfassungsperiode« und die Umkehr zur Reaktion im Dezember +1905 macht zeitweilig auch ein Ende der offenen, breiten Tätigkeit +der Gewerkschaften, bläst ihnen aber das Lebenslicht nicht aus. Sie +wirken weiter im geheimen als Organisation und führen gleichzeitig +ganz offen Lohnkämpfe. Es bildet sich ein eigenartiges Gemisch +eines gesetzlichen und ungesetzlichen Zustandes des Gewerkschaftslebens +aus, entsprechend der widerspruchsvollen revolutionären +Situation. Aber mitten im Kampf wird das Organisationswerk +mit aller Gründlichkeit, ja mit Pedanterie weiter ausgebaut. Die +Gewerkschaften der Sozialdemokratie Polens und Litauens z. B., +die auf dem letzten Parteitag (im Juli 1906) durch fünf Delegierte +von 10 000 zahlenden Mitgliedern vertreten waren, sind mit ordentlichen +Statuten, gedruckten Mitgliedsbüchlein, Klebemarken usw. versehen. +Und dieselben Warschauer und Lodzer Bäcker und Schuhmacher, +Metallarbeiter und Buchdrucker, die im Juni 1905 auf den +Barrikaden standen und im Dezember nur auf eine Parole aus +Petersburg zum Strßenkampf warteten, finden zwischen einem +Massenstreik und dem anderen, zwischen Gefängnis und Aussperrung, +unter dem Belagerungszustand Muße und heiligen Ernst, um ihre +Gewerkschaftsstatuten eingehend und aufmerksam zu diskutieren. Ja, +diese gestrigen und morgigen Barrikadenkämpfer haben mehr als +einmal in Versammlungen ihren Leitern unbarmherzig den Kopf +gewaschen und mit dem Austritt aus der Partei gedroht, weil die +unglücklichen gewerkschaftlichen Mitgliedsbüchlein nicht rasch genug +– in geheimen Druckereien unter unaufhörlicher polizeilicher Hetzjagd +– gedruckt werden konnten. Dieser Eifer und dieser Ernst +dauern bis zur Stunde fort. In den ersten zwei Wochen des Juli +1906 sind z. B. in Jekaterinoslaw 15 neue Gewerkschaften entstanden: +in Kostroma 6 Gewerkschaften, mehrere in Kijew, Poltawa, Smolensk, +Tscherkassy, Proskurow – bis in die kleinsten Provinznester. In +der Sitzung des Moskauer Gewerkschaftskartells vom 4. Juni d. J. +<span class='pagenum'><a name="Page_25" id="Page_25">[ 25]</a></span>wurde nach Entgegennahme der Berichte einzelner Gewerkschaftsdelegierten +beschlossen: »Dß die Gewerkschaften ihre Mitglieder +disziplinieren und von Strßenkrawallen zurückhalten sollen, weil +der Moment für den Massenstreik als ungeeignet betrachtet wird. +Angesichts möglicher Provokationen der Regierung sollen sie achtgeben, +dß die Masse nicht auf die Strße hinausströmt. Endlich +beschloß das Kartell, dß in der Zeit, wo eine Gewerkschaft einen +Streik führt, die anderen sich von Lohnbewegungen zurückzuhalten +haben.« Die meisten ökonomischen Kämpfe werden jetzt von den +Gewerkschaften geleitet.<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p> + +<p>So hat der vom Januar-Generalstreik ausgehende große +ökonomische Kampf, der von da an bis auf den heutigen Tag nicht +aufhört, einen breiten Hintergrund der Revolution gebildet, aus dem +sich in unaufhörlicher Wechselwirkung mit der politischen Agitation +und den äußeren Ereignissen der Revolution immer wieder bald +hier und da einzelne Explosionen, bald allgemeine, große Hauptaktionen +des Proletariats erheben. So flammen auf diesem Hintergrund +nacheinander auf: am 1. Mai 1905 zur Maifeier ein beispielloser +absoluter Generalstreik in <em class="gesperrt">Warschau</em> mit einer völlig friedlichen +Massendemonstration, die in einem blutigen Renkontre der +wehrlosen Menge mit den Soldaten endet. Im Juni führt in +<em class="gesperrt">Lodz</em> ein Massenausflug, der von Soldaten zerstreut wird, zu +einer Demonstration von 100 000 Arbeitern auf dem Begräbnis +einiger Opfer der Soldateska, zu erneutem Renkontre mit dem +Militär und schließlich zum Generalstreik, der am 23., 24. und 25. +in den ersten Barrikadenkampf im Zarenreiche übergeht. Im Juni +gleichfalls explodiert im Odessaer Hafen aus einem kleinen Zwischenfall +an Bord des Panzerschiffes »Potemkin« die erste große Matrosenrevolte +der Schwarzmeerflotte, die sofort als Rückwirkung in +<em class="gesperrt">Odessa</em> und <em class="gesperrt">Nikolajew</em> einen gewaltigen Massenstreik hervorruft. +Als weiteres Echo folgen: der Massenstreik und Matrosenrevolten +in <em class="gesperrt">Kronstadt</em>, <em class="gesperrt">Libau</em>, <em class="gesperrt">Wladiwostok</em>.</p> +<p><span class='pagenum'><a name="Page_26" id="Page_26">[ 26]</a></span></p> +<p>In den Monat Oktober fällt das grandiose Experiment Petersburgs +mit der Einführung des Achtstundentags. Der Rat der +Arbeiterdelegierten beschließt, in Petersburg auf revolutionärem +Wege den Achtstundentag durchzusetzen. Das heißt: an einem bestimmten +Tage erklären sämtliche Arbeiter Petersburgs ihren Unternehmern, +dß sie nicht gewillt sind, länger als acht Stunden täglich +zu arbeiten und verlassen zur entsprechenden Stunde die Arbeitsräume. +Die Idee gibt Anlß zu einer lebhaften Agitation, wird +vom Proletariat mit Begeisterung aufgenommen und ausgeführt, +wobei die größten Opfer nicht gescheut werden. So bedeutete zum +Beispiel der Achtstundentag für die Textilarbeiter, die bis dahin +elf Stunden und zwar bei Akkordlöhnen arbeiteten, einen enormen +Lohnausfall, den sie jedoch bereitwillig akzeptierten. <em class="gesperrt">Binnen +einer Woche herrscht in sämtlichen Fabriken und +Werkstätten Petersburgs der Achtstundentag</em>, und +der Jubel der Arbeiterschaft kennt keine Grenzen. Bald rüstet jedoch +das anfangs verblüffte Unternehmertum zur Abwehr: es wird überall +mit der Schließung der Fabriken gedroht. Ein Teil der Arbeiter +läßt sich auf Verhandlungen ein und erringt hier den Zehn-, dort +den Neunstundentag. Die Elite des Petersburger Proletariats jedoch, +die Arbeiter der großen staatlichen Metallwerke bleiben unerschüttert +und es erfolgt eine Aussperrung, die 45 bis 50 000 Mann für +einen Monat aufs Pflaster setzt. Durch diesen Abschluß spielt +die Achtstundenbewegung in den allgemeinen Massenstreik des Dezember +hinein, den die große Aussperrung in hohem Mße unterbunden +hat.</p> + +<p>Inzwischen folgt aber im Oktober als Antwort auf das Bulyginsche +Duma-Projekt der zweite gewaltigste allgemeine Massenstreik +im gesamten Zarenreich, zu dem die Eisenbahner die Parole ausgeben. +Diese zweite revolutionäre Hauptaktion des Proletariats trägt schon +einen wesentlich anderen Charakter, als die erste im Januar. Das +Element des politischen Bewußtseins spielt schon eine viel größere +Rolle. Freilich war auch hier der erste Anlß zum Ausbruch des +Massenstreiks ein untergeordneter und scheinbar zufälliger: der Konflikt +der Eisenbahner mit der Verwaltung wegen der Pensionskasse. +Allein die darauf erfolgte allgemeine Erhebung des Industrieproletariats +wird vom klaren politischen Gedanken getragen. Der Prolog +des Januarstreiks war ein Bittgang zum Zaren um politische Freiheit, +die Losung des Oktoberstreiks lautete: Fort mit der konstitutionellen +Komödie des Zarismus! Und Dank dem sofortigen Erfolg des +Generalstreiks: dem Zarenmanifest vom 30. Oktober, fließt die Bewegung +nicht nach innen zurück, wie im Januar, um erst die Anfänge +des ökonomischen Klassenkampfes nachzuholen, sondern gießt sich nach +außen in eine eifrige Betätigung der frisch eroberten politischen +Freiheit über. Demonstrationen, Versammlungen, eine junge Presse, +öffentliche Diskussionen und blutige Massacres als das Ende vom +Liede, darauf neue Massenstreiks und Demonstration – das ist das +stürmische Bild der November- und Dezembertage. Im November +wird auf den Appell der Sozialdemokratie hin in Petersburg der erste +demonstrative Massenstreik veranstaltet als Protestkundgebung gegen +<span class='pagenum'><a name="Page_27" id="Page_27">[ 27]</a></span>die Bluttaten und die Verhängung des Belagerungszustandes in +Livland und Polen. Die Gärung nach dem kurzen Verfassungstraum +und dem grausamen Erwachen führt endlich im Dezember zum +Ausbruch des dritten allgemeinen Massenstreiks im ganzen Zarenreich. +Diesmal ist der Verlauf und der Ausgang wieder ein ganz anderer, +wie in den beiden früheren Fällen. Die politische Aktion schlägt +nicht mehr in eine ökonomische um, wie im Januar, sie erringt +aber auch nicht mehr einen raschen Sieg, wie im Oktober. Die +Versuche der zarischen Kamarilla mit der wirklichen politischen +Freiheit werden nicht mehr gemacht und die revolutionäre Aktion +stößt somit zum ersten Male in ihrer ganzen Breite auf die starre +Mauer der physischen Gewalt des Absolutismus. Durch die logische +innere Entwicklung der fortschreitenden Ereignisse schlägt der Massenstreik +diesmal um in einen offenen Aufstand, einen bewaffneten +Barrikaden- und Strßenkampf in Moskau. Die Moskauer Dezembertage +schließen als der Höhepunkt der aufsteigenden Linie der +politischen Aktion und der Massenstreikbewegung das erste arbeitsreiche +Jahr der Revolution ab.</p> + +<p>Die Moskauer Ereignisse zeigen zugleich im kleinen Probebild +die logische Entwicklung und die Zukunft der revolutionären Bewegung +im ganzen: ihren unvermeidlichen Abschluß in einem allgemeinen +offenen Aufstand, der aber seinerseits wieder nicht anders +zu stande kommen kann, als durch die Schule einer Reihe vorbereitender +partieller Aufstände, die eben deshalb vorläufig mit partiellen +äußeren »Niederlagen« abschließen und, jeder einzeln betrachtet, +als »verfrüht« erscheinen mögen.</p> + +<p>Das Jahr 1906 bringt die Duma-Wahlen und die Duma-Episode. +Das Proletariat boykottiert aus kräftigem revolutionären +Instinkt und klarer Erkenntnis der Lage die ganze zarisch-konstitutionelle +Farçe, und den Vordergrund der politischen +Bühne nimmt für einige Monate wieder der Liberalismus +ein. Die Situation des Jahres 1904 kehrt anscheinend +wieder: eine Periode des Redens tritt an Stelle des Handelns, und +das Proletariat tritt für eine Zeitlang in den Schatten, um sich +desto fleißiger dem gewerkschaftlichen Kampf und dem Organisationswerk +zu widmen. Die Massenstreiks verstummen, während knatternde +Raketen der liberalen Rethorik Tag für Tag abgefeuert werden. +Schließlich rasselt der eiserne Vorhang plötzlich herunter, die Schauspieler +werden auseinander gejagt, von den liberalen Raketen bleibt +nur Rauch und Dunst übrig. Ein Versuch des Zentralkomitees +der russischen Sozialdemokratie, als Demonstration für die Duma +und für die Wiedereröffnung der Periode des liberalen Redens +einen vierten Massenstreik in ganz Rußland hervorzurufen, fällt +platt zu Boden. Die Rolle der politischen Massenstreiks allein ist +erschöpft, der Übergang des Massenstreiks in einen allgemeinen +Volksaufstand und Strßenkampf aber noch nicht herangereift. Die +liberale Episode ist vorbei, die proletarische hat noch nicht wieder +begonnen. Die Bühne bleibt vorläufig leer.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> In den zwei ersten Wochen des Juni 1906 allein wurden folgende Lohnkämpfe +geführt: bei den Buchdruckern in <em class="gesperrt">Petersburg</em>, <em class="gesperrt">Moskau</em>, <em class="gesperrt">Odessa</em>, +<em class="gesperrt">Minsk</em>, <em class="gesperrt">Wilna</em>, <em class="gesperrt">Saratow</em>, <em class="gesperrt">Mogilew</em>, <em class="gesperrt">Tambow</em> um den Achtstundentag +und die Sonntagsruhe; ein Generalstreik der Seeleute in <em class="gesperrt">Odessa</em>, <em class="gesperrt">Nikolajew</em>, +<em class="gesperrt">Kertsch</em>, <em class="gesperrt">Krim</em>, <em class="gesperrt">Kaukasus</em>, auf der <em class="gesperrt">Wolga</em>-Flotte, in <em class="gesperrt">Kronstadt</em>, in +<em class="gesperrt">Warschau</em> und <em class="gesperrt">Plock</em> um die Anerkennung der Gewerkschaft und Freilassung +der verhafteten Arbeiterdelegierten; bei den Hafenarbeitern in <em class="gesperrt">Saratow</em>, +<em class="gesperrt">Nikolajew</em>, <em class="gesperrt">Zarizin</em>, <em class="gesperrt">Archangel</em>, <em class="gesperrt">Nischni-Nowgorod</em>, <em class="gesperrt">Rybinsk</em>. Die +Bäcker streikten in <em class="gesperrt">Kijew</em>, <em class="gesperrt">Archangel</em>, <em class="gesperrt">Bialystock</em>, <em class="gesperrt">Wilna</em>, <em class="gesperrt">Odessa</em>, +<em class="gesperrt">Charkow</em>, <em class="gesperrt">Brest-Litowsk</em>, <em class="gesperrt">Radom</em>, <em class="gesperrt">Tiflis</em>; die Landarbeiter in den +Distrikten Werchne-Dneprowsk, Borisowsk, Simferopol, in den Gouvernements +Podolsk, Tula, Kursk, in den Distrikten Koslow, Lipowetz, in Finnland, im +Gouvernement Kijew, im Jelissawetgrader Distrikt. In mehreren Städten streikten +in dieser Periode <em class="gesperrt">gleichzeitig fast sämtliche Gewerbezweige</em>, so in +Saratow, Archangel, Kertsch, Krementschug. In <em class="gesperrt">Bachmut</em> gab es einen +Generalstreik der Kohlenarbeiter des ganzen Reviers. In anderen Städten ergriff +die Lohnbewegung binnen der erwähnten zwei Wochen <em class="gesperrt">nacheinander +alle</em> Gewerbezweige, so in Kijew, Petersburg, Warschau, Moskau, im ganzen +Rayon Ivanowo-Wosnesensk. Zweck der Streiks überall: Verkürzung der Arbeitszeit, +Sonntagsruhe, Lohnforderungen. <em class="gesperrt">Die meisten Streiks verliefen siegreich.</em> +Es wird in den lokalen Berichten hervorgehoben, dass sie zum Teil Arbeiterschichten +ergriffen, die sich zum ersten Male an einer Lohnbewegung beteiligten.</p></div> + + +<hr style="width: 65%;" /><p> +<span class='pagenum'><a name="Page_28" id="Page_28">[ 28]</a></span></p> +<h2><a name="IV" id="IV"></a>IV.</h2> + + +<p>Wir haben im vorigen in wenigen knappen Zügen die Geschichte +der Massenstreiks in Rußland zu skizzieren gesucht. Schon ein +flüchtiger Blick auf diese Geschichte zeigt uns ein Bild, das in keinem +Strich demjenigen ähnelt, welches man sich bei der Diskussion in +Deutschland gewöhnlich vom Massenstreik macht. Statt des starren +und hohlen Schemas einer auf Beschluß der höchsten Instanzen mit +Plan und Umsicht ausgeführten trocknen politischen »Aktion«, sehen +wir ein Stück lebendiges Leben aus Fleisch und Blut, das sich gar +nicht aus dem großen Rahmen der Revolution herausschneiden läßt, +das durch tausend Adern mit dem ganzen Drum und Dran der +Revolution verbunden ist.</p> + +<p>Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, +ist eine so wandelbare Erscheinung, dß er alle Phasen des politischen +und ökonomischen Kampfes, alle Stadien und Momente der Revolution +in sich spiegelt. Seine Anwendbarkeit, seine Wirkungskraft, seine +Entstehungsmomente ändern sich fortwährend. Er eröffnet plötzlich +neue, weite Perspektiven der Revolution, wo sie bereits in einen +Engpß geraten schien, und er versagt, wo man auf ihn mit voller +Sicherheit glaubt rechnen zu können. Er flutet bald wie eine breite +Meereswoge über das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz +dünner Ströme; bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie +ein frischer Quell, bald versickert er ganz im Boden. Politische und +ökonomische Streiks, Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks +und Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen +und Generalstreiks einzelner Städte, ruhige Lohnkämpfe und Strßenschlachten, +Barrikadenkämpfe – alles das läuft durcheinander, nebeneinander, +durchkreuzt sich, flutet ineinander über; es ist ein ewig +bewegliches, wechselndes Meer von Erscheinungen. Und das Bewegungsgesetz +dieser Erscheinungen wird klar: Es liegt nicht in dem +Massenstreik selbst, nicht in seinen technischen Besonderheiten, sondern +in dem politischen und sozialen Kräfteverhältnis der Revolution. +Der Massenstreik ist bloß die Form des revolutionären Kampfes und +jede Verschiebung im Verhältnis der streitenden Kräfte, in der Parteientwicklung +und der Klassenscheidung, in der Position der Kontrerevolution, +alles das beeinflußt sofort auf tausend unsichtbaren, kaum +kontrollierbaren Wegen die Streikaktion. Dabei hört aber die Streikaktion +selbst fast keinen Augenblick auf. Sie ändert bloß ihre Formen, +ihre Ausdehnung, ihre Wirkung. Sie ist der lebendige Pulsschlag +der Revolution und zugleich ihr mächtigstes Triebrad. Mit einem Wort: +der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist nicht +ein pfiffiges Mittel, ausgeklügelt zum Zwecke einer kräftigeren Wirkung +des proletarischen Kampfes, sondern er ist <em class="gesperrt">die Bewegungsweise +der proletarischen Masse, die Erscheinungsform des +proletarischen Kampfes in der Revolution</em>.</p> + +<p>Daraus lassen sich für die Beurteilung des Massenstreikproblems +einige allgemeine Gesichtspunkte ableiten.<span class='pagenum'><a name="Page_29" id="Page_29">[ 29]</a></span></p> + +<p>1. Es ist gänzlich verkehrt, sich den Massenstreik als einen Akt, eine +Einzelhandlung zu denken. Der Massenstreik ist vielmehr die Bezeichnung, +der Sammelbegriff einer ganzen jahrelangen, vielleicht jahrzehntelangen +Periode des Klassenkampfes. Von den unzähligen verschiedensten +Massenstreiks, die sich in Rußland seit vier Jahren abgespielt +haben, pßt das Schema des Massenstreiks als eines rein politischen, +nach Plan und Absicht hervorgerufenen und abgeschlossenen, kurzen +Einzelaktes lediglich auf eine und zwar untergeordnete Spielart: +auf den reinen Demonstrationsstreik. Im ganzen Verlauf der fünfjährigen +Periode sehen wir in Rußland bloß einige wenige Demonstrationsstreiks, +die sich notabene gewöhnlich nur auf einzelne Städte +beschränken. So der jährliche Maifeier-Generalstreik in Warschau +und in Lodz – im eigentlichen Rußland ist der 1. Mai bis jetzt +noch nicht in nennenswertem Umfange durch Arbeitsruhe gefeiert +worden; der Massenstreik in Warschau am 11. September 1905 +als Trauerfeier zu Ehren des hingerichteten Martin Kasprzak, im +November 1905 in Petersburg als Protestkundgebung gegen die +Erklärung des Belagerungszustandes in Polen und Livland, am +22. Januar 1906 in Warschau, Lodz, Czenstochau und dem Dombrowaer +Kohlenbecken, sowie zum Teil in einigen russischen Städten als +Jahresfeier des Gedenktages des Petersburger Blutbades; ferner im +Juli 1906 ein Generalstreik in Tiflis als Sympathiekundgebung für +die vom Kriegsgericht wegen der Militärrevolte abgeurteilten +Soldaten, endlich aus gleichem Anlß im September d. J. während +der Verhandlung des Kriegsgerichts in Reval. Alle übrigen großen +und partiellen Massenstreiks und Generalstreiks waren nicht +Demonstrations- sondern Kampfstreiks, und als solche entstanden sie +meistens spontan, jedesmal aus spezifischen lokalen zufälligen Anlässen, +ohne Plan und Absicht und wuchsen sich mit elementarer +Macht zu großen Bewegungen aus, wobei sie nicht einen »geordneten +Rückzug« antraten, sondern sich bald in ökonomischen Kampf verwandelten, +bald in Strßenkampf, bald fielen sie von selbst zusammen.</p> + +<p>In diesem allgemeinen Bilde spielen die reinen politischen Demonstrationsstreiks +eine ganz untergeordnete Rolle – die einzelner +kleiner Punkte mitten unter gewaltigen Flächen. Dabei läßt sich, +zeitlich betrachtet, folgender Zug wahrnehmen: Die Demonstrationsstreiks, +die im Unterschied von den Kampfstreiks das größte Mß +von Parteidisziplin, bewußter Leitung und politischem Gedanken +aufweisen, also nach dem Schema als die höchste und reifste Form +der Massenstreiks erscheinen müßten, spielen in Wahrheit die größte +Rolle in den <em class="gesperrt">Anfängen</em> der Bewegung. So war z. B. die absolute +Arbeitsruhe am 1. Mai 1905 in Warschau, als der erste Fall +eines so staunenswert durchgeführten Beschlusses der Sozialdemokratie, +für die proletarische Bewegung in Polen ein Ereignis von +großer Tragweite. Ebenso hat der Sympathiestreik im November +des gleichen Jahres in Petersburg als die erste Probe einer +bewußten planmäßigen Massenaktion in Rußland großen Eindruck +gemacht. Genau so wird auch der »Probemassenstreik« der Hamburger +Genossen vom 17. Januar 1906 eine hervorragende Rolle +in der Geschichte der künftigen deutschen Massenstreiks spielen, als +<span class='pagenum'><a name="Page_30" id="Page_30">[ 30]</a></span>der erste frische Versuch mit der soviel umstrittenen Waffe und +zwar als ein so wohlgelungener, von der Kampfstimmung und +Kampffreude der Hamburger Arbeiterschaft so überzeugend sprechender +Versuch. Und ebenso sicher wird die Periode der Massenstreiks in +Deutschland, wenn sie einmal im Ernst begonnen hat, von selbst zu +einer wirklichen allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai führen. Die +Maifeier dürfte naturgemäß als die erste große Demonstration im +Zeichen der Massenkämpfe zu Ehren kommen. In diesem Sinne hat +der »lahme Gaul«, wie die Maifeier auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß +genannt wurde, noch eine große Zukunft und eine wichtige +Rolle im proletarischen Klassenkampfe in Deutschland vor sich. +Allein mit der Entwicklung der ernsten revolutionären Kämpfe +nimmt die Bedeutung solcher Demonstrationen rasch ab. Gerade +dieselben Momente, die das Zustandekommen der Demonstrationsstreiks +nach vorgefßtem Plan und auf die Parole der Parteien hin +objektiv ermöglichen: das Wachstum des politischen Bewußtseins +und der Schulung des Proletariats, machen diese Art von Massenstreiks +unmöglich: heute will das Proletariat in Rußland, und zwar +gerade die tüchtigste Vorhut der Masse, von Demonstrationsstreiks +nichts wissen; die Arbeiter verstehen keinen Spß mehr und wollen +nunmehr bloß an ernsten Kampf mit allen seinen Konsequenzen +denken. Und wenn in dem ersten großen Massenstreik im Januar 1905 +das demonstrative Element, zwar nicht in absichtlicher, sondern mehr +in instinktiver, spontaner Form, noch eine große Rolle spielte, so +scheiterte umgekehrt der Versuch des Zentralkomitees der russischen +Sozialdemokratie, im August einen Massenstreik als Kundgebung für +die aufgelöste Duma hervorzurufen, unter anderem an der entschiedenen +Abneigung des geschulten Proletariats gegen schwächliche +Halbaktionen und bloße Demonstrationen.</p> + +<p>2. Wenn wir aber anstatt der untergeordneten Spielart des +demonstrativen Streiks den Kampfstreik ins Auge fassen, wie er im +heutigen Rußland den eigentlichen Träger der proletarischen Aktion +darstellt, so fällt weiter ins Auge, dß darin das ökonomische und +das politische Moment unmöglich voneinander zu trennen sind. +Auch hier weicht die Wirklichkeit von dem theoretischen Schema weit +ab, und die pedantische Vorstellung, in der der reine politische +Massenstreik logisch von dem gewerkschaftlichen Generalstreik als die +reifste und höchste Stufe abgeleitet, aber zugleich klar auseinandergehalten +wird, ist von der Erfahrung der russischen Revolution +gründlich widerlegt. Dies äußert sich nicht bloß geschichtlich darin, +dß die Massenstreiks, von jenem ersten großen Lohnkampf der +Petersburger Textilarbeiter im Jahre 1896-1897 bis zu dem letzten +großen Massenstreik im Dezember 1905, ganz unmerklich aus +ökonomischen in politische übergehen, so dß es fast unmöglich ist, +die Grenze zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den +großen Massenstreiks wiederholt sozusagen im kleinen die allgemeine +Geschichte der russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein +ökonomischen oder jedenfalls partiellen gewerkschaftlichen Konflikt, +um die Stufenleiter bis zur politischen Kundgebung zu durchlaufen. +Das große Massenstreikgewitter im Süden Rußlands 1902 und 1903 +<span class='pagenum'><a name="Page_31" id="Page_31">[ 31]</a></span>entstand, wie wir gesehen, in Baku aus einem Konflikt infolge der +Mßregelung Arbeitsloser, in Rostow aus Lohndifferenzen in den +Eisenbahnwerkstätten, in Tiflis aus einem Kampf der Handelsangestellten +um die Verkürzung der Arbeitszeit, in Odessa aus einem +Lohnkampf in einer einzelnen kleinen Fabrik. Der Januar-Massenstreik +1905 entwickelt sich aus dem internen Konflikt in den Putilow-Werken, +der Oktoberstreik aus dem Kampf der Eisenbahner um +die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem Kampf +der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der +Fortschritt der Bewegung im ganzen äußert sich nicht darin, dß +das ökonomische Anfangsstadium ausfällt, sondern vielmehr in der +Rapidität, womit die Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen +wird und in der Extremität des Punktes, bis zu dem sich +der Massenstreik voranbewegt.</p> + +<p>Allein die Bewegung im ganzen geht nicht bloß nach der +Richtung vom ökonomischen zum politischen Kampf, sondern auch +umgekehrt. Jede von den großen politischen Massenaktionen schlägt, +nachdem sie ihren politischen Höhepunkt erreicht hat, in einen ganzen +Wust ökonomischer Streiks um. Und dies bezieht sich wieder nicht +bloß auf jeden einzelnen von den großen Massenstreiks, sondern +auch auf die Revolution im ganzen. Mit der Verbreitung, Klärung +und Potenzierung des politischen Kampfes tritt nicht bloß der ökonomische +Kampf nicht zurück, sondern er verbreitet sich, organisiert +sich und potenziert sich seinerseits in gleichem Schritt. Es besteht +zwischen beiden eine völlige Wechselwirkung.</p> + +<p>Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt +sich in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf, +indem er zugleich seine äußeren Möglichkeiten erweitert und den +inneren Antrieb der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust +erhöht. Nach jeder schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt +ein befruchtender Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige +Halme des ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. +Der unaufhörliche ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem +Kapital hält die Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er +bildet sozusagen das ständige frische Reservoir der proletarischen +Klassenkraft, aus dem der politische Kampf immer von neuem seine +Macht hervorholt, und zugleich führt das unermüdliche ökonomische +Bohren des Proletariats alle Augenblicke bald hier, bald dort zu +einzelnen scharfen Konflikten, aus denen unversehens politische Konflikte +auf großem Mßstab explodieren.</p> + +<p>Mit einem Wort: Der ökonomische Kampf ist das Fortleitende +von einem politischen Knotenpunkt zum andern, der politische Kampf +ist die periodische Befruchtung des Bodens für den ökonomischen +Kampf. Ursache und Wirkung wechseln hier alle Augenblicke ihre +Stellen, und so bilden das ökonomische und das politische Moment +in der Massenstreikperiode, weit entfernt, sich reinlich zu scheiden +oder gar auszuschließen, wie es das pedantische Schema will, vielmehr +nur zwei ineinandergeschlungene Seiten des proletarischen +Klassenkampfes in Rußland. Und <em class="gesperrt">ihre Einheit</em> ist eben der +Massenstreik. Wenn die spintisierende Theorie, um zu dem »reinen +<span class='pagenum'><a name="Page_32" id="Page_32">[ 32]</a></span>politischen Massenstreik« zu gelangen, eine künstliche logische Sektion +an dem Massenstreik vornimmt, so wird bei diesem Sezieren, wie +bei jedem anderen, die Erscheinung nicht in ihrem lebendigen Wesen +erkannt, sondern bloß abgetötet.</p> + +<p>3. Endlich zeigen uns die Vorgänge in Rußland, dß der +Massenstreik von der Revolution unzertrennlich ist. Die Geschichte +der russischen Massenstreiks das ist die Geschichte der russischen +Revolution. Wenn freilich die Vertreter unseres deutschen Opportunismus +von »Revolution« hören, so denken sie sofort an Blutvergießen, +Strßenschlachten, an Pulver und Blei, und der logische +Schluß daraus ist: der Massenstreik führt unvermeidlich zur +Revolution, <em class="gesperrt">ergo</em> dürfen wir ihn nicht machen. In der Tat sehen +wir in Rußland, dß beinahe jeder Massenstreik im letzten Schluß +auf ein Renkontre mit den bewaffneten Hütern der zarischen Ordnung +hinausläuft; darin sind die sogenannten politischen Streiks den +größeren ökonomischen Kämpfen ganz gleich. Allein die Revolution +ist etwas anderes und etwas mehr als Blutvergießen. Im Unterschied +von der polizeilichen Auffassung, die die Revolution ausschließlich +vom Standpunkte der Strßenunruhen und Krawalle, d. h. +vom Standpunkte der »Unordnung« ins Auge fßt, erblickt die +Auffassung des wissenschaftlichen Sozialismus in der Revolution +vor allem eine tiefgehende innere Umwälzung in den sozialen +Klassenverhältnissen. Und von diesem Standpunkt besteht zwischen +Revolution und Massenstreik in Rußland auch noch ein ganz anderer +Zusammenhang als der von der trivialen Wahrnehmung konstatierte, +dß der Massenstreik gewöhnlich im Blutvergießen endet.</p> + +<p>Wir haben oben den inneren Mechanismus der russischen +Massenstreiks gesehen, der auf der unaufhörlichen Wechselwirkung +des politischen und des ökonomischen Kampfes beruht. Aber gerade +diese Wechselwirkung ist bedingt durch die Revolutionsperiode. Nur +in der Gewitterluft der revolutionären Periode vermag sich nämlich +jeder partielle kleine Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer +allgemeinen Explosion auszuwachsen. In Deutschland passieren +jährlich und täglich die heftigsten, brutalsten Zusammenstöße zwischen +Arbeitern und Unternehmern, ohne dß der Kampf die Schranken +der betreffenden einzelnen Branche oder der einzelnen Stadt, ja +Fabrik überspringt. Mßregelungen organisierter Arbeiter wie in +Petersburg, Arbeitslosigkeit wie in Baku, Lohnkonflikte wie in Odessa, +Kämpfe um das Koalitionsrecht wie in Moskau sind in Deutschland +auf der Tagesordnung. Kein einziger dieser Fälle schlägt jedoch in +eine gemeinsame Klassenaktion um. Und wenn sie sich selbst zu +einzelnen Massenstreiks auswachsen, die zweifellos einen politischen +Anstrich haben, so entzünden sie auch dann noch kein allgemeines +Gewitter. Der Generalstreik der holländischen Eisenbahner, der trotz +wärmster Sympathien mitten in völliger Unbeweglichkeit des Proletariats +im Lande verblutete, liefert einen frappanten Beweis dafür.</p> + +<p>Und umgekehrt, nur in der Revolutionsperiode, wo die sozialen +Fundamente und die Mauern der Klassengesellschaft aufgelockert und +in ständiger Verschiebung begriffen sind, vermag jede politische +Klassenaktion des Proletariats in wenigen Stunden ganze, bis dahin +<span class='pagenum'><a name="Page_33" id="Page_33">[ 33]</a></span>unberührte Schichten der Arbeiterschaft aus der Unbeweglichkeit zu +reißen, was sich sofort naturgemäß in einem stürmischen ökonomischen +Kampf äußert. Der plötzlich durch den elektrischen Schlag einer +politischen Aktion wachgerüttelte Arbeiter greift im nächsten Augenblick +vor allem zu dem nächstliegenden: zur Abwehr gegen sein +ökonomisches Sklavenverhältnis; die stürmische Geste des politischen +Kampfes läßt ihn plötzlich mit ungeahnter Intensität die Schwere +und den Druck seiner ökonomischen Ketten fühlen. Und während +z. B. der heftigste politische Kampf in Deutschland: der Wahlkampf +oder der parlamentarische Kampf um den Zolltarif kaum einen vernehmbaren +direkten Einfluß auf den Verlauf und die Intensität der +gleichzeitig in Deutschland geführten Lohnkämpfe ausübt, äußert sich +jede politische Aktion des Proletariats in Rußland sofort in der +Erweiterung und Vertiefung der Fläche des wirtschaftlichen Kampfes.</p> + +<p>So schafft also die Revolution erst die sozialen Bedingungen, +in denen jenes unmittelbare Umschlagen des ökonomischen Kampfes +in politischen und des politischen Kampfes in ökonomischen ermöglicht +wird, das im Massenstreik seinen Ausdruck findet. Und wenn das +vulgäre Schema den Zusammenhang zwischen Massenstreik und +Revolution nur in den blutigen Strßen-Renkontres erblickt, mit denen +die Massenstreiks abschließen, so zeigt uns ein etwas tieferer Blick +in die russischen Vorgänge einen ganz <em class="gesperrt">umgekehrten</em> Zusammenhang: +in Wirklichkeit produziert nicht der Massenstreik die Revolution, +sondern die Revolution produziert den Massenstreik.</p> + +<p>4. Es genügt, das Bisherige zusammenzufassen, um auch über +die Frage der bewußten Leitung und der Initiative bei dem Massenstreik +Aufschluß zu bekommen. Wenn der Massenstreik nicht einen +einzelnen Akt, sondern eine ganze Periode des Klassenkampfes bedeutet, +und wenn diese Periode mit einer Revolutionsperiode +identisch ist, so ist es klar, dß der Massenstreik nicht aus freien +Stücken hervorgerufen werden kann, auch wenn der Entschluß dazu +von der höchsten Instanz der stärksten sozialdemokratischen Partei +ausgehen mag. Solange die Sozialdemokratie es nicht in ihrer +Hand hat, nach eigenem Ermessen Revolutionen zu inszenieren und +abzusagen, genügt auch nicht die größte Begeisterung und Ungeduld +der sozialdemokratischen Truppen dazu, eine wirkliche Periode der +Massenstreiks als eine lebendige mächtige Volksbewegung ins Leben +zu rufen. Auf Grund der Entschlossenheit einer Parteileitung und +der Parteidisziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft kann man +wohl eine einmalige kurze Demonstration veranstalten, wie der +schwedische Massenstreik oder die jüngsten österreichischen oder auch +der Hamburger Massenstreik vom 17. Januar. Diese Demonstrationen +unterscheiden sich aber von einer wirklichen Periode revolutionärer +Massenstreiks genau so, wie sich die bekannten Flottendemonstrationen +in fremden Häfen bei gespannten diplomatischen Beziehungen von +einem Seekrieg unterscheiden. Ein aus lauter Disziplin und Begeisterung +geborener Massenstreik wird im besten Falle als eine +Episode, als ein Symptom der Kampfstimmung der Arbeiterschaft +eine Rolle spielen, worauf die Verhältnisse aber in den ruhigen +Alltag zurückfallen. Freilich fallen auch während der Revolution +<span class='pagenum'><a name="Page_34" id="Page_34">[ 34]</a></span>die Massenstreiks nicht ganz vom Himmel. Sie müssen so oder +anders von den Arbeitern gemacht werden. Der Entschluß und +Beschluß der Arbeiterschaft spielt auch dabei eine Rolle, und zwar +kommt die Initiative sowie die weitere Leitung natürlich dem +organisierten und aufgeklärtesten sozialdemokratischen Kern des +Proletariats zu. Allein diese Initiative und diese Leitung haben +einen Spielraum meistens nur in Anwendung auf die einzelnen +Akte, einzelnen Streiks, wenn die revolutionäre Periode bereits vorhanden +ist, und zwar meistens in den Grenzen einer einzelnen Stadt. +So hat z. B., wie wir gesehen, die Sozialdemokratie mehrmals +direkt die Losung zum Massenstreik in Baku, in Warschau, in Lodz, +in Petersburg mit Erfolg gegeben. Dasselbe gelingt schon viel +weniger in Anwendung auf allgemeine Bewegungen des gesamten +Proletariats. Ferner sind dabei der Initiative und der bewußten +Leitung ganz bestimmte Schranken gesteckt. Gerade während der +Revolution ist es für irgend ein leitendes Organ der proletarischen +Bewegung äußerst schwer, vorauszusehen und zu berechnen, welcher +Anlß und welche Momente zu Explosionen führen können und +welche nicht. Auch hier besteht die Initiative und Leitung nicht in +dem Kommandieren aus freien Stücken, sondern in der möglichst +geschickten Anpassung an die Situation und möglichst engen Fühlung +mit den Stimmungen der Masse. Das Element des Spontanen +spielt, wie wir gesehen, in allen russischen Massenstreiks ohne Ausnahme +eine große Rolle, sei es als treibendes oder als hemmendes +Element. Dies rührt aber nicht daher, weil in Rußland die Sozialdemokratie +noch jung oder schwach ist, sondern daher, weil bei jedem +einzelnen Akt des Kampfes so viele unübersehbare ökonomische, +politische und soziale, allgemeine und lokale, materielle und psychische +Momente mitwirken, dß kein einziger Akt sich wie ein Rechenexempel +bestimmen und abwickeln läßt. Die Revolution ist, auch wenn +in ihr das Proletariat mit der Sozialdemokratie an der Spitze die +führende Rolle spielt, nicht ein Manöver des Proletariats im +freien Felde, sondern es ist ein Kampf mitten im unaufhörlichen +Krachen, Zerbröckeln, Verschieben aller sozialen Fundamente. Kurz, +in den Massenstreiks in Rußland spielt das Element des Spontanen +eine so vorherrschende Rolle, nicht weil das russische Proletariat +»ungeschult« ist, sondern weil sich Revolutionen nicht schulmeistern +lassen.</p> + +<p>Anderseits aber sehen wir in Rußland, dß dieselbe Revolution, +die der Sozialdemokratie das Kommando über den Massenstreik so +sehr erschwert und ihr alle Augenblicke launig das Dirigentenstöckchen +aus der Hand schlägt oder in die Hand drückt, dß sie dafür selbst +gerade alle jene Schwierigkeiten der Massenstreiks löst, die im +theoretischen Schema der deutschen Diskussion als die Hauptsorgen +der »Leitung« behandelt werden: die Frage der »Verproviantierung«, +der »Kostendeckung« und der »Opfer«. Freilich, sie löst sie durchaus +nicht in dem Sinne, wie man es bei einer ruhigen, vertraulichen +Konferenz zwischen den leitenden Oberinstanzen der Arbeiterbewegung +mit dem Bleistift in der Hand regelt. Die »Regelung« all dieser +Fragen besteht darin, dß die Revolution eben so enorme Volksmassen<span class='pagenum'><a name="Page_35" id="Page_35">[ 35]</a></span> +auf die Bühne bringt, dß jede Berechnung und Regelung der +Kosten ihrer Bewegung, wie man die Kosten eines Zivilprozesses +im voraus aufzeichnet, als ein ganz hoffnungsloses Unternehmen +erscheint. Gewiß suchen auch die leitenden Organisationen in +Rußland die direkten Opfer des Kampfes nach Kräften zu unterstützen. +So wurden z. B. die tapferen Opfer der Riesenaussperrung +in Petersburg infolge der Achtstundenkampagne wochenlang +unterstützt. Allein alle diese Mßnahmen sind in der enormen +Bilanz der Revolution ein Tropfen im Meere. Mit dem Augenblick, +wo eine wirkliche ernste Massenstreikperiode beginnt, verwandeln +sich alle »Kostenberechnungen« in das Vorhaben, den Ozean mit +einem Wasserglas auszuschöpfen. Es ist nämlich ein Ozean furchtbarer +Entbehrungen und Leiden, durch den jede Revolution für die +Proletariermasse erkauft wird. Und die Lösung, die eine revolutionäre +Periode dieser scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeit gibt, besteht +darin, dß sie zugleich eine so gewaltige Summe von Massenidealismus +auslöst, bei der die Masse gegen die schärfsten Leiden +unempfindlich wird. Mit der Psychologie eines Gewerkschaftlers, +der sich auf keine Arbeitsruhe bei der Maifeier einläßt, bevor ihm +eine genau bestimmte Unterstützung für den Fall seiner Mßregelung +im voraus zugesichert wird, läßt sich weder Revolution noch Massenstreik +machen. Aber im Sturm der revolutionären Periode verwandelt +sich eben der Proletarier aus einem Unterstützung heischenden +vorsorglichen Familienvater in einen »Revolutionsromantiker«, für +den sogar das höchste Gut, nämlich das Leben, geschweige das +materielle Wohlsein, im Vergleich mit den Kampfidealen geringen +Wert besitzt.</p> + +<p>Wenn aber die Leitung der Massenstreiks im Sinne des Kommandos +über ihre Entstehung und im Sinne der Berechnung und +Deckung ihrer Kosten Sache der revolutionären Periode selbst ist, so +kommt dafür die Leitung bei Massenstreiks in einem ganz anderen +Sinne der Sozialdemokratie und ihren führenden Organen zu. Statt +sich mit der technischen Seite, mit dem Mechanismus der +Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die Sozialdemokratie +berufen, die <em class="gesperrt">politische</em> Leitung auch mitten in der Revolutionsperiode +zu übernehmen. Die Parole, die Richtung dem Kampfe zu +geben, die <em class="gesperrt">Taktik</em> des politischen Kampfes so einzurichten, dß in +jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze Summe +der vorhandenen und bereits ausgelösten, betätigten Macht des +Proletariats realisiert wird und in der Kampfstellung der Partei +zum Ausdruck kommt, dß die Taktik der Sozialdemokratie nach ihrer +Entschlossenheit und Schärfe nie <em class="gesperrt">unter</em> dem Niveau des tatsächlichen +Kräfteverhältnisses steht, sondern vielmehr diesem Verhältnis vorauseilt, +das ist die wichtigste Aufgabe der »Leitung« in der Periode +der Massenstreiks. Und diese Leitung schlägt von selbst gewissermßen +in technische Leitung um. Eine konsequente, entschlossene, vorwärtsstrebende +Taktik der Sozialdemokratie ruft in der Masse das Gefühl +der Sicherheit, des Selbstvertrauens und der Kampflust hervor; eine +schwankende, schwächliche, auf der Unterschätzung des Proletariats +basierte Taktik wirkt auf die Masse lähmend und verwirrend.<span class='pagenum'><a name="Page_36" id="Page_36">[ 36]</a></span> +Im ersteren Falle brechen Massenstreiks »von selbst« und immer +»rechtzeitig« aus, im zweiten bleiben mitunter direkte Aufforderungen +der Leitung zum Massenstreik erfolglos. Und für beides liefert die +russische Revolution sprechende Beispiele.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="V" id="V"></a>V.</h2> + + +<p>Es fragt sich nun, wie weit alte Lehren, die man aus den +russischen Massenstreiks ziehen kann, auf Deutschland passen. Die +sozialen und politischen Verhältnisse, die Geschichte und der Stand +der Arbeiterbewegung sind in Deutschland und in Rußland völlig +verschieden. Auf den ersten Blick mögen auch die oben aufgezeichneten +inneren Gesetze der russischen Massenstreiks lediglich als das +Produkt spezifisch russischer Verhältnisse erscheinen, die für das +deutsche Proletariat gar nicht in Betracht kommen. Zwischen dem +politischen und ökonomischen Kampf in der russischen Revolution +besteht der engste innere Zusammenhang; ihre Einheit kommt in der +Periode der Massenstreiks zum Ausdruck. Aber ist das nicht eine +einfache Folge des russischen Absolutismus? In einem Staate, +wo jede Form und jede Äußerung der Arbeiterbewegung verboten, +wo der einfachste Streik ein politisches Verbrechen ist, +muß auch logischerweise jeder ökonomische Kampf zum politischen +werden.</p> + +<p>Ferner, wenn umgekehrt gleich der erste Ausbruch der politischen +Revolution eine allgemeine Abrechnung der russischen Arbeiterschaft +mit dem Unternehmertum nach sich gezogen hat, so ist das wiederum +die einfache Folge des Umstandes, dß der russische Arbeiter bis +dahin auf dem tiefsten Niveau der Lebenshaltung stand und überhaupt +noch niemals einen regelmäßigen ökonomischen Kampf um die +Besserung seiner Lage geführt hatte. Das Proletariat in Rußland +mußte sich gewissermßen aus dem allergröbsten erst herausarbeiten, +was Wunder, dß es dazu mit jugendlichem Wagemut griff, sobald +die Revolution den ersten frischen Hauch in die Stickluft des +Absolutismus hineingebracht hatte. Und endlich erklärt sich der +stürmische revolutionäre Verlauf der russischen Massenstreiks, sowie +ihr vorwiegend spontaner, elementarer Charakter einerseits aus der +politischen Zurückgebliebenheit Rußlands, aus der Notwendigkeit, +erst den orientalischen Despotismus zu stürzen, anderseits aus dem +Mangel an Organisation und Schulung des russischen Proletariats. +In einem Lande, wo die Arbeiterklasse 80 Jahre Erfahrung im +politischen Leben, eine drei Millionen starke sozialdemokratische +Partei und eineinviertel Million gewerkschaftlich organisierte Kerntruppen +hat, kann der politische Kampf, können die Massenstreiks +unmöglich denselben stürmischen und elementaren Charakter annehmen +wie in einem halbbarbarischen Staate, der erst den Sprung aus +dem Mittelalter in die neuzeitliche bürgerliche Ordnung macht. +Dies die landläufige Vorstellung bei denjenigen, die den Reifegrad +der gesellschaftlichen Verhältnisse eines Landes aus dem Wortlaut +seiner geschriebenen Gesetze ablesen wollen.<span class='pagenum'><a name="Page_37" id="Page_37">[ 37]</a></span></p> + +<p>Untersuchen wir die Fragen nach der Reihe. Zunächst ist es +verkehrt, den Beginn des ökonomischen Kampfes in Rußland erst +von dem Ausbruch der Revolution zu datieren. Tatsächlich waren +die Streiks, die Lohnkämpfe im eigentlichen Rußland seit Anfang +der neunziger Jahre, in Russisch-Polen sogar seit Ende der +achtziger Jahre, immer mehr auf der Tagesordnung und hatten +sich zuletzt das faktische Bürgerrecht erworben. Freilich zogen sie +häufig brutale polizeiliche Mßregelungen nach sich, gehörten aber +trotzdem zu den alltäglichen Erscheinungen. Bestand doch z. B. in +Warschau und Lodz bereits im Jahre 1891 je eine bedeutende +allgemeine Streikkasse, und die Schwärmerei für die Gewerkschaften +hat in diesen Jahren in Polen für kurze Zeit sogar jene »ökonomischen« +Illusionen geschaffen, die in Petersburg und im übrigen Rußland +einige Jahre später grassierten.<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p> + +<p>Desgleichen liegt viel Übertreibung in der Vorstellung, als habe +der Proletarier im Zarenreich vor der Revolution durchweg auf +dem Lebensniveau eines Paupers gestanden. Gerade die jetzt im +ökonomischen wie im politischen Kampfe tätigste und eifrigste Schicht +der großindustriellen großstädtischen Arbeiter stand in bezug auf ihr +materielles Lebensniveau kaum viel tiefer als die entsprechende +Schicht des deutschen Proletariats, und in manchen Berufen kann +man in Rußland gleiche, ja hier und da selbst höhere Löhne finden +als in Deutschland. Auch in Bezug auf die Arbeitszeit wird der +Unterschied zwischen den großindustriellen Betrieben hier und dort +kaum ein bedeutender sein. Somit sind die Vorstellungen, die mit +einem vermeintlichen materiellen und kulturellen Helotentum der +russischen Arbeiterschaft rechnen, ziemlich aus der Luft gegriffen. +<span class='pagenum'><a name="Page_38" id="Page_38">[ 38]</a></span>Dieser Vorstellung müßte bei einigem Nachdenken schon die Tatsache +der Revolution selbst und der hervorragenden Rolle des Proletariats +in ihr widersprechen. Mit Paupers werden keine Revolutionen von +dieser politischen Reife und Gedankenklarheit gemacht, und der im +Vordertreffen des Kampfes stehende Petersburger und Warschauer, +Moskauer und Odessaer Industriearbeiter ist kulturell und geistig +dem westeuropäischen Typus viel näher, als sich diejenigen denken, +die als die einzige und unentbehrliche Kulturschule des Proletariats +den bürgerlichen Parlamentarismus und die regelrechte Gewerkschaftspraxis +betrachten. Die moderne großkapitalistische Entwicklung +Rußlands und die anderthalbjahrzehnte lange geistige Einwirkung +der Sozialdemokratie, die den ökonomischen Kampf ermutigte und +leitete, haben auch ohne die äußeren Garantien der bürgerlichen +Rechtsordnung ein tüchtiges Stück Kulturarbeit geleistet.</p> + +<p>Der Kontrast wird aber noch geringer, wenn wir auf der +anderen Seite etwas tiefer in das tatsächliche Lebensniveau der +<em class="gesperrt">deutschen</em> Arbeiterschaft hineinblicken. Die großen politischen +Massenstreiks haben in Rußland vom ersten Augenblick die breitesten +Schichten des Proletariats aufgerüttelt und in fieberhaften ökonomischen +Kampf gestürzt. Allein, gibt es in Deutschland nicht ganze +dunkle Winkel im Dasein der Arbeiterschaft, wo das wärmende Licht +der Gewerkschaften bis jetzt sehr spärlich eindringt, ganze große +Schichten, die bis jetzt gar nicht oder vergeblich auf dem Wege alltäglicher +Lohnkämpfe sich aus dem sozialen Helotentum emporzuheben +versuchen? Nehmen wir das <em class="gesperrt">Bergarbeiterelend</em>. Schon +in dem ruhigen Werkeltag, in der kalten Atmosphäre des parlamentarischen +Einerlei Deutschlands – wie in den anderen Ländern auch, +selbst im Dorado der Gewerkschaften, in England – äußert sich der +Lohnkampf der Bergarbeiter fast nicht anders als von Zeit zu Zeit +in gewaltigen Eruptionen, in Massenstreiks von typischem, elementarem +Charakter. Dies zeigt eben, dß der Gegensatz zwischen Kapital und +Arbeit hier ein zu scharfer und gewaltiger ist, als dß er sich in die Form +ruhiger, planmäßiger, partieller Gewerkschaftskämpfe zerbröckeln ließe. +Dieses Bergarbeiterelend aber mit seinem eruptiven Boden, das schon in +»normalen« Zeiten einen Wetterwinkel von größter Heftigkeit bildet, +müßte sich in Deutschland bei jeder größeren politischen Massenaktion +der Arbeiterklasse, bei jedem stärkeren Ruck, der das momentane +Gleichgewicht des sozialen Alltags verschiebt, unvermeidlich sofort +in einen gewaltigen ökonomisch-sozialen Kampf entladen. Nehmen +wir ferner das <em class="gesperrt">Textilarbeiterelend</em>. Auch hier geben die +erbitterten und meistens resultatlosen Ausbrüche des Lohnkampfes, +der das Vogtland alle paar Jahre durchtobt, einen schwachen Begriff +von der Vehemenz, mit der die große, zusammengeknäuelte +Masse der Heloten des kartellierten Textilkapitals bei einer politischen +Erschütterung, bei einer kräftigen und kühnen Massenaktion des +deutschen Proletariats explodieren müßte. Nehmen wir ferner das +<em class="gesperrt">Heimarbeiterelend</em>, das <em class="gesperrt">Konfektionsarbeiterelend</em>, +das <em class="gesperrt">Elektrizitätsarbeiterelend</em>, lauter Wetterwinkel, +in denen um so sicherer bei jeder politischen Lufterschütterung +in Deutschland gewaltige wirtschaftliche Kämpfe ausbrechen werden,<span class='pagenum'><a name="Page_39" id="Page_39">[ 39]</a></span> +je seltener das Proletariat hier sonst, in ruhigen Zeiten, den Kampf +aufnimmt und je erfolgloser es jedesmal kämpft, je brutaler es +vom Kapital gezwungen wird, zähneknirschend ins Sklavenjoch +zurückzukehren.</p> + +<p>Nun aber kommen in Betracht ganze große Kategorien des +Proletariats, die überhaupt bei dem »normalen« Lauf der Dinge +in Deutschland von jeder Möglichkeit eines ruhigen wirtschaftlichen +Kampfes um die Hebung ihrer Lage und von jedem Gebrauch des +Koalitionsrechts ausgeschlossen sind. Vor allem nennen wir zum +Beispiel das glänzende Elend der <em class="gesperrt">Eisenbahn-</em> und der <em class="gesperrt">Postangestellten</em>. +Bestehen doch für diese Staatsarbeiter mitten im +parlamentarischen Rechtsstaat Deutschland russische Zustände, wohlgemerkt +russische, wie sie nur <em class="gesperrt">vor</em> der Revolution, während der +ungetrübten Herrlichkeit des Absolutismus, bestanden. Bereits in +dem großen Oktoberstreik 1905 stand der russische Eisenbahner in +dem noch formell absolutistischen Rußland in bezug auf seine wirtschaftliche +und soziale Bewegungsfreiheit turmhoch über dem deutschen. +Die russischen Eisenbahner und Postangestellten haben sich das +Koalitionsrecht faktisch im Sturm erobert, und wenn es auch +momentan Prozeß auf Prozeß und Mßregelung auf Mßregelung +regnet, den inneren Zusammenhalt vermag ihnen nichts mehr zu +nehmen. Es wäre aber eine völlig falsche psychologische Rechnung, +wollte man mit der deutschen Reaktion annehmen, dß der Kadavergehorsam +der deutschen Eisenbahner und Postangestellten ewig dauern +wird, dß er ein Fels ist, den nichts zermürben kann. Wenn sich +auch die deutschen Gewerkschaftsführer an die bestehenden Zustände +dermßen gewöhnt haben, dß sie ungetrübt durch diese in ganz +Europa fast beispiellose Schmach mit einiger Genugtuung die Erfolge +des Gewerkschaftskampfes in Deutschland überblicken können, +so wird sich der tiefverborgene, lange aufgespeicherte Groll der +uniformierten Staatssklaven bei einer allgemeinen Erhebung der +Industriearbeiter unvermeidlich Luft zu verschaffen suchen. Und +wenn die industrielle Vorhut des Proletariats in Massenstreiks nach +weiteren politischen Rechten greifen oder die alten wird verteidigen +wollen, muß der große Trupp der Eisenbahner und Postangestellten +sich naturnotwendig auf seine besondere Schmach besinnen und endlich +einmal zur Befreiung von der Extraportion russischen Absolutismus +erheben, die für ihn speziell in Deutschland errichtet ist. Die +pedantische Auffassung, die große Volksbewegungen nach Schema +und Rezept abwickeln will, glaubt in der Eroberung des Koalitionsrechts +für die Eisenbahner die notwendige <em class="gesperrt">Voraussetzung</em> zu +erblicken, bei der man erst an einen Massenstreik in Deutschland +wird »denken dürfen«. Der wirkliche und natürliche Gang der +Ereignisse kann nur ein umgekehrter sein: nur aus einer kräftigen +spontanen Massenstreikaktion kann tatsächlich das Koalitionsrecht der +deutschen Eisenbahner wie der Postangestellten geboren werden. +Und die bei den bestehenden Verhältnissen in Deutschland unlösbare +Aufgabe wird unter dem Eindruck und dem Druck einer allgemeinen +politischen Massenaktion des Proletariats ganz plötzlich ihre Möglichkeiten +und ihre Lösung finden.<span class='pagenum'><a name="Page_40" id="Page_40">[ 40]</a></span></p> + +<p>Und endlich das größte und wichtigste: das <em class="gesperrt">Landarbeiterelend</em>. +Wenn die englischen Gewerkschaften ausschließlich auf die +Industriearbeiter zugeschnitten sind, so ist das der dem spezifischen +Charakter der englischen Nationalwirtschaft, bei der geringen Rolle +der Landwirtschaft im ganzen des ökonomischen Lebens eher eine +begreifliche Erscheinung. In Deutschland wird eine gewerkschaftliche +Organisation, und sei sie noch so glänzend ausgebaut, wenn sie +lediglich die Industriearbeiter umfßt und für das ganze große +Heer der Landarbeiter unzugänglich ist, immer nur ein schwaches +Teilbild der Lage des Proletariats im ganzen geben. Es wäre +aber wiederum eine verhängnisvolle Illusion, zu glauben, dß die +Zustände auf dem flachen Lande unveränderliche und unbewegliche +seien, dß sowohl die unermüdliche Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie, +wie noch mehr die ganze innere Klassenpolitik Deutschlands +nicht beständig die äußere Passivität des Landarbeiters unterwühlen, +und dß bei irgend einer größeren allgemeinen Klassenaktion +des deutschen Industrieproletariats, zu welchem Zweck sie auch unternommen +sei, nicht auch das ländliche Proletariat in Aufruhr kommt. +Dies kann sich aber ganz naturgemäß nicht anders als zunächst +in einem allgemeinen stürmischen ökonomischen Kampf, in gewaltigen +Massenstreiks der Landarbeiter äußern.</p> + +<p>So verschiebt sich das Bild der angeblichen wirtschaftlichen +Überlegenheit des deutschen Proletariats über das russische ganz +bedeutend, wenn wir den Blick von der Tabelle der gewerkschaftlich +organisierten Industrie- und Handwerksbranchen auf jene großen +Gruppen des Proletariats richten, die ganz außerhalb des gewerkschaftlichen +Kampfes stehen oder deren besondere wirtschaftliche Lage +sich nicht in den engen Rahmen des alltäglichen gewerkschaftlichen +Kleinkriegs hineinzwängen läßt. Wir sehen dann ein gewaltiges +Gebiet nach dem anderen, wo die Zuspitzung der Gegensätze die +äußerste Grenze erreicht hat, wo Zündstoff in Hülle und Fülle aufgehäuft +ist, wo sehr viel »russischer Absolutismus« in nacktester +Form steckt und wo wirtschaftlich die allerelementarsten Abrechnungen +mit dem Kapital erst nachzuholen sind.</p> + +<p>Alle diese alten Rechnungen würden dann bei einer allgemeinen +politischen Massenaktion des Proletariats unvermeidlich dem herrschenden +System präsentiert werden. Eine künstlich arrangierte einmalige +Demonstration des städtischen Proletariats, eine bloße aus Disziplin +und nach dem Taktstock eines Parteivorstandes ausgeführte Massenstreikaktion +könnte freilich die breiteren Volksschichten kühl und gleichgültig +lassen. Allein eine wirkliche, aus revolutionärer Situation +geborene, kräftige und rücksichtslose Kampfaktion des Industrieproletariats +müßte sicher auf tiefer liegende Schichten zurückwirken +und gerade alle diejenigen, die in normalen ruhigen Zeiten abseits +des gewerkschaftlichen Tageskampfes stehen, in einen stürmischen allgemeinen +ökonomischen Kampf mitreißen.</p> + +<p>Kommen wir aber auch auf die organisierten Vordertruppen +des deutschen Industrieproletariats zurück und halten uns anderseits +die heute von der russischen Arbeiterschaft verfochtenen Ziele +des ökonomischen Kampfes vor die Augen, so finden wir durchaus<span class='pagenum'><a name="Page_41" id="Page_41">[ 41]</a></span> +nicht, dß es Bestrebungen sind, auf die die deutschen ältesten +Gewerkschaften Grund hätten, wie auf ausgetretene Kinderschuhe +über die Achsel zu schauen. So ist die wichtigste allgemeine Forderung +der russischen Streiks seit dem 22. Januar 1905, der Achtstundentag, +gewiß kein überwundener Standpunkt für das deutsche Proletariat, +vielmehr in den allermeisten Fällen ein schönes fernes +Ideal. Dasselbe trifft auf den Kampf mit dem »Hausherrnstandpunkt« +zu, auf den Kampf um die Einführung der Arbeiterausschüsse +in allen Fabriken, um die Abschaffung der Akkordarbeit, +um die Abschaffung der Heimarbeit im Handwerk, um völlige +Durchführung der Sonntagsruhe, um Anerkennung des Koalitionsrechts. +Ja, bei näherem Zusehen sind sämtliche ökonomischen Kampfobjekte +des russischen Proletariats in der jetzigen Revolution auch +für das deutsche Proletariat höchst aktuell und berühren lauter wunde +Stellen des Arbeiterdaseins.</p> + +<p>Daraus ergibt sich vor allem, dß der reine politische Massenstreik, +mit dem man vorzugsweise operiert, auch für Deutschland ein +bloßes lebloses theoretisches Schema ist. Werden die Massenstreiks +aus einer starken revolutionären Gärung sich auf natürlichem Wege als +ein entschlossener politischer Kampf der städtischen Arbeiterschaft ergeben, +so werden sie ebenso natürlich, genau wie in Rußland, in eine ganze +Periode elementarer ökonomischer Kämpfe umschlagen. Die Befürchtungen +also der Gewerkschaftsführer, als könnte der Kampf um +die ökonomischen Interessen in einer Periode stürmischer politischer +Kämpfe, in einer Periode der Massenstreiks, einfach auf die Seite +geschoben und erdrückt werden, beruhen auf einer ganz in der Luft +schwebenden schulmäßigen Vorstellung von dem Gang der Dinge. +Eine revolutionäre Periode würde vielmehr auch in Deutschland +den Charakter des gewerkschaftlichen Kampfes ändern und ihn dermßen +potenzieren, dß der heutige Guerillakrieg der Gewerkschaften +dagegen ein Kinderspiel sein wird. Und anderseits würde aus diesem +elementaren ökonomischen Massenstreikgewitter auch der politische +Kampf immer wieder neue Anstöße und frische Kräfte schöpfen. +Die Wechselwirkung zwischen ökonomischem und politischem Kampf, +die die innere Triebfeder der heutigen Massenstreiks in Rußland +und zugleich sozusagen den regulierenden Mechanismus der revolutionären +Aktion des Proletariats bildet, würde sich ebenso naturgemäß +auch in Deutschland aus den Verhältnissen selbst ergeben.</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Es beruht deshalb auf einem tatsächlichen Irrtum, wenn die Genossin +Roland-Holst in der Vorrede zur russischen Ausgabe Ihres Buches über den +Massenstreik meint: »Das Proletariat (in Rußland) war, fast seit dem Aufkommen +der Großindustrie, mit dem Massenstreik vertraut geworden, aus dem +einfachen Grunde, weil partielle Streiks sich unter dem politischen Drucke +des Absolutismus unmöglich erwiesen.« (S. »Neue Zeit« Nr. 33, 1906.) Das +Umgekehrte war vielmehr der Fall. So sagte auch der Berichterstatter des +Petersburger Gewerkschaftskartells auf der zweiten Konferenz der russischen +Gewerkschaften im Februar 1906 eingangs seines Referats: »Bei der Zusammensetzung +der Konferenz, die ich hier vor mir sehe, habe ich nicht nötig, erst +hervorzuheben, dß unsere Gewerkschaftsbewegung nicht etwa von der »liberalen« +Periode des Fürsten Swiatopolk-Mirski (im Jahre 1904. R. L.) oder +vom 22. Januar herrührt, wie manche zu behaupten versuchen. Die gewerkschaftliche +Bewegung hat viel tiefere Wurzeln, sie ist unzertrennlich verknüpft +mit der ganzen Vergangenheit unserer Arbeiterbewegung. Unsere Gewerkschaften +sind bloß neue Organisationsformen zur Leitung jenes ökonomischen Kampfes, +den das russische Proletariat bereits Jahrzehnte lang führt. Ohne uns weit +in die Geschichte zu vertiefen, darf man wohl sagen, dß der ökonomische Kampf +der Petersburger Arbeiter mehr oder weniger organisierte Formen annimmt +seit den denkwürdigen Streiks der Jahre 1896 und 1897. Die Leitung dieses +Kampfes wird, glücklich kombiniert mit der Leitung des politischen Kampfes, +Sache jener sozialdemokratischen Organisation, die der »Petersburger Verein des +Kampfes um die Befreiung der Arbeiterklasse« hieß, und die sich nach der Konferenz +im März 1898 in das »Petersburger Komitee der russischen sozialdemokratischen +Arbeiterpartei« verwandelte. Es wird ein kompliziertes System der +Fabrik-, Bezirks- und Vorstadt-Organisationen geschaffen, welches die Zentrale +durch unzählige Fäden mit den Arbeitermassen verknüpft und es ihr ermöglicht, +auf alle Bedürfnisse der Arbeiterschaft durch Flugschriften zu reagieren. Es +wird die Möglichkeit geschaffen, die Streiks zu unterstützen und zu leiten.«</p></div> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="VI" id="VI"></a>VI.</h2> + + +<p>Im Zusammenhang damit bekommt auch die Frage von der +Organisation in ihrem Verhältnis zum Problem des Massenstreiks +in Deutschland ein wesentlich anderes Gesicht.</p> + +<p>Die Stellung mancher Gewerkschaftsführer zu der Frage +erschöpft sich gewöhnlich in der Behauptung: »Wir sind noch nicht +stark genug, um eine so gewagte Kraftprobe wie einen Massenstreik +zu riskieren.« Nun ist dieser Standpunkt insofern ein unhaltbarer, +weil es eine unlösbare Aufgabe ist, auf dem Wege einer ruhigen,<span class='pagenum'><a name="Page_42" id="Page_42">[ 42]</a></span> +zahlenmäßigen Berechnung festzustellen, wann das Proletariat zu +irgend einem Kampfe »stark genug sei«. Vor 30 Jahren zählten +die deutschen Gewerkschaften 50 000 Mitglieder. Das war offenbar +eine Zahl, bei der, nach dem obigen Mßstab, an einen Massenstreik +nicht zu denken war. Nach weiteren 15 Jahren waren die Gewerkschaften +viermal so stark und zählten 237 000 Mitglieder. Wenn +man jedoch damals die heutigen Gewerkschaftsführer gefragt hätte, +ob nun die Organisation des Proletariats zu einem Massenstreik +reif wäre, so hätten sie sicher geantwortet, dß dies bei weitem nicht +der Fall sei und dß die gewerkschaftlich Organisierten erst nach +Millionen zählen müßten. Heute gehen die organisierten Gewerkschaftsmitglieder +bereits in die zweite Million, aber die Ansicht ihrer +Führer ist genau dieselbe, was offenbar so ins Unendliche +gehen kann. Stillschweigend wird dabei vorausgesetzt, dß überhaupt +die gesamte Arbeiterklasse Deutschlands bis auf den letzten +Mann und die letzte Frau in die Organisation aufgenommen werden +müsse, bevor man »stark genug sei«, eine Massenaktion zu wagen, +die alsdann, nach der alten Formel, sich auch noch wahrscheinlich +als »überflüssig« herausstellen würde. Diese Theorie ist jedoch aus +dem einfachen Grunde völlig utopisch, weil sie an einem inneren +Widerspruch leidet, sich im schlimmen Zirkel dreht. Die Arbeiter +sollen, bevor sie irgend einen direkten Klassenkampf vornehmen können, +sämtlich organisiert sein. Die Verhältnisse, die Bedingungen der +kapitalistischen Entwicklung und des bürgerlichen Staates bringen +es aber mit sich, dß bei dem »normalen« Verlauf der Dinge, ohne +stürmische Klassenkämpfe, bestimmte Schichten – und zwar gerade +das Gros, die wichtigsten, die tiefststehenden, die vom Kapital und +vom Staate am meisten gedrückten Schichten des Proletariats – +eben gar nicht organisiert werden können. Sehen wir doch selbst in +England, dß ein ganzes Jahrhundert unermüdlicher Gewerkschaftsarbeit +ohne alle »Störungen« – ausgenommen im Anfange die +Periode der Chartistenbewegung – ohne alle »revolutionsromantischen« +Verirrungen und Lockungen, es nicht weiter gebracht haben, als dahin, +eine <em class="gesperrt">Minderheit</em> der bessersituierten Schichten des Proletariats zu +organisieren.</p> + +<p>Anderseits aber können die Gewerkschaften, wie alle Kampforganisationen +des Proletariats, sich selbst nicht auf die Dauer +anders erhalten, als gerade im Kampf, und zwar nicht im Sinne +allein des Froschmäusekrieges in den stehenden Gewässern der +bürgerlich-parlamentarischen Periode, sondern im Sinne heftiger, +revolutionärer Perioden des Massenkampfes. Die steife, mechanisch-bureaukratische +Auffassung will den Kampf nur als Produkt der +Organisation auf einer gewissen Höhe ihrer Stärke gelten lassen. +Die lebendige dialektische Entwicklung läßt umgekehrt die Organisation +als ein Produkt des Kampfes entstehen. Wir haben bereits ein +grandioses Beispiel dieser Erscheinung in Rußland gesehen, wo ein +so gut wie gar nicht organisiertes Proletariat sich in anderthalb +Jahren stürmischen Revolutionskampfes ein umfassendes Netz von +Organisationsansätzen geschaffen hat. Ein anderes Beispiel dieser +Art zeigt die eigene Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Im<span class='pagenum'><a name="Page_43" id="Page_43">[ 43]</a></span> +Jahre 1878 betrug die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder 50 000. +Nach der Theorie der heutigen Gewerkschaftsführer war diese +Organisation, wie gesagt, bei weitem nicht »stark genug«, um einen +heftigen politischen Kampf aufzunehmen. Die deutschen Gewerkschaften +<em class="gesperrt">haben</em> aber, so schwach sie damals waren, den Kampf aufgenommen +– nämlich den Kampf mit dem Sozialistengesetz – und sie erwiesen sich +nicht nur »stark genug«, aus dem Kampfe als Sieger hervorzugehen, +sondern sie haben in diesem Kampfe ihre Kraft verfünffacht; sie +umfßten nach dem Fall des Sozialistengesetzes im Jahre 1891 +277 659 Mitglieder. Allerdings entspricht die Methode, nach der +die Gewerkschaften im Kampfe mit dem Sozialistengesetz gesiegt +haben, nicht dem Ideal eines friedlichen, bienenartigen ununterbrochenen +Ausbaus; sie gingen erst im Kampfe sämtlich in Trümmer, +um sich dann aus der nächsten Welle emporzuschwingen und neu +geboren zu werden. Dies ist aber eben die den proletarischen +Klassenorganisationen entsprechende spezifische Methode des Wachstums: +im Kampfe sich zu erproben und aus dem Kampfe wieder +reproduziert hervorzugehen.</p> + +<p>Nach näherer Prüfung der deutschen Verhältnisse und der Lage +der verschiedenen Schichten der Arbeiter ist es klar, dß auch die +kommende Periode stürmischer politischer Massenkämpfe für die +deutschen Gewerkschaften nicht den befürchteten drohenden Untergang, +sondern umgekehrt neue ungeahnte Perspektiven einer rapiden sprungweisen +Erweiterung ihrer Machtsphäre mit sich bringen würde. +Allein die Frage hat noch eine andere Seite. Der Plan, Massenstreiks +als ernste politische Klassenaktion bloß mit Organisierten zu unternehmen, +ist überhaupt ein gänzlich hoffnungsloser. Soll der Massenstreik, +oder vielmehr sollen die Massenstreiks, soll der Massenkampf +einen Erfolg haben, so muß er zu einer wirklichen <em class="gesperrt">Volksbewegung</em> +werden, d. h. die breitesten Schichten des Proletariats mit in den +Kampf ziehen. – Schon bei der parlamentarischen Form beruht +die Macht des proletarischen Klassenkampfes nicht auf dem kleinen +organisierten Kern, sondern auf der breiten umliegenden Peripherie +des revolutionär gesinnten Proletariats. Wollte die Sozialdemokratie +bloß mit ihren paar Hunderttausend Organisierten Wahlschlachten +schlagen, dann würde sie sich selbst zur Nullität verurteilen. Und +ist es auch eine Tendenz der Sozialdemokratie, womöglich fast den +gesamten großen Heerbann ihrer Wähler in die Parteiorganisationen +aufzunehmen, so wird doch nach 30jähriger Erfahrung der Sozialdemokratie +nicht ihre Wählermasse durch das Wachstum der Parteiorganisation +erweitert, sondern umgekehrt die durch den Wahlkampf +jeweilig eroberten frischen Schichten der Arbeiterschaft bilden das +Ackerfeld für die darauffolgende Organisationsaussaat. Auch hier +liefert nicht nur die Organisation die Kampftruppen, sondern der +Kampf liefert in noch größerem Mße die Rekrutiertruppen für die +Organisation. In viel höherem Grade als auf den parlamentarischen +Kampf bezieht sich dasselbe offenbar auf die direkte politische Massenaktion. +Ist auch die Sozialdemokratie, als organisierter Kern der +Arbeiterklasse, die führende Vordertruppe des gesamten arbeitenden +Volkes und fließt auch die politische Klarheit, die Kraft, die Einheit<span class='pagenum'><a name="Page_44" id="Page_44">[ 44]</a></span> +der Arbeiterbewegung gerade aus dieser Organisation, so darf doch +die Klassenbewegung des Proletariats niemals als Bewegung der +organisierten Minderheit aufgefßt werden. Jeder wirkliche große +Klassenkampf muß auf der Unterstützung und Mitwirkung der breitesten +Massen beruhen, und eine Strategie des Klassenkampfes, die nicht +mit dieser Mitwirkung rechnete, die bloß auf die hübsch ausgeführten +Märsche des kasernierten kleinen Teils des Proletariats zugeschnitten +wäre, ist im voraus zum kläglichen Fiasko verurteilt.</p> + +<p>Die Massenstreiks, die politischen Massenkämpfe können also +unmöglich in Deutschland von den Organisierten allein getragen +und auf eine regelrechte »Leitung« aus einer Parteizentrale berechnet +werden. In diesem Falle kommt es aber wieder – ganz wie in +Rußland – nicht sowohl auf »Disziplin«, »Schulung« und auf +möglichst sorgfältige Vorausbestimmung der Unterstützungs- und der +Kostenfrage an, als vielmehr auf eine wirkliche revolutionäre, entschlossene +Klassenaktion, die im stande wäre, die breitesten Kreise der +nichtorganisierten, aber ihrer Stimmung und ihrer Lage nach revolutionären +Proletariermassen zu gewinnen und mitzureißen.</p> + +<p>Die Überschätzung und die falsche Einschätzung der Rolle der +Organisation im Klassenkampf des Proletariats wird gewöhnlich ergänzt +durch die Geringschätzung der unorganisierten Proletariermasse und +ihrer politischen Reife. In einer revolutionären Periode, im Sturme +großer, aufrüttelnder Klassenkämpfe zeigt sich erst die ganze erzieherische +Wirkung der raschen kapitalistischen Entwicklung und der +sozialdemokratischen Einflüsse auf die breitesten Volksschichten, wovon +in ruhigen Zeiten die Tabellen der Organisationen und selbst +die Wahlstatistiken nur einen ganz schwachen Begriff geben.</p> + +<p>Wir haben gesehen, dß in Rußland seit zirka zwei Jahren aus +dem geringsten partiellen Konflikt der Arbeiter mit dem Unternehmertum, +aus der geringsten lokalen Brutalität der Regierungsorgane +sofort eine große, allgemeine Aktion des Proletariats entstehen +kann. Jedermann sieht und findet es natürlich, weil in +Rußland eben »die Revolution« da ist. Was bedeutet aber dies? Es +bedeutet, dß das Klassengefühl, der Klasseninstinkt bei dem russischen +Proletariat in höchstem Mße lebendig ist, so dß es jede partielle +Sache irgend einer kleinen Arbeitergruppe unmittelbar als allgemeine +Sache, als Klassenangelegenheit empfindet und blitzartig darauf als +Ganzes reagiert. Während in Deutschland, in Frankreich, in Italien, +in Holland die heftigsten gewerkschaftlichen Konflikte gar keine allgemeine +Aktion der Arbeiterklasse – und sei es auch nur des organisierten +Teils – hervorrufen, entfacht in Rußland der geringste Anlß +einen ganzen Sturm. Das will aber nichts anderes besagen, +als dß gegenwärtig der Klasseninstinkt – so paradox es klingen +mag – bei dem jungen, ungeschulten, schwach aufgeklärten und noch +schwächer organisierten russischen Proletariat ein unendlich stärkerer +ist, als bei der organisierten, geschulten und aufgeklärten Arbeiterschaft +Deutschlands oder eines anderen westeuropäischen Landes. Und das +ist nicht etwa eine besondere Tugend des »jungen, unverbrauchten +Ostens« im Vergleich mit dem »faulen Westen«, sondern es ist ein +einfaches Resultat der unmittelbaren revolutionären Massenaktion.<span class='pagenum'><a name="Page_45" id="Page_45">[ 45]</a></span> +Bei dem deutschen aufgeklärten Arbeiter ist das von der Sozialdemokratie +gepflanzte Klassenbewußtsein ein <em class="gesperrt">theoretisches</em>, +<em class="gesperrt">latentes</em>: in der Periode der Herrschaft des bürgerlichen Parlamentarismus +kann es sich als direkte Massenaktion in der Regel +nicht betätigen; es ist hier die ideelle Summe der vierhundert +Parallelaktionen der Wahlkreise während des Wahlkampfes, der +vielen ökonomischen partiellen Kämpfe und dergleichen. In der +Revolution, wo die Masse selbst auf dem politischen Schauplatz erscheint, +wird das Klassenbewußtsein ein <em class="gesperrt">praktisches</em>, <em class="gesperrt">aktives</em>. +Dem russischen Proletariat hat deshalb ein Jahr der Revolution +jene »Schulung« gegeben, welche dem deutschen Proletariat 30 Jahre +parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht künstlich +geben können. Freilich wird dieses lebendige, aktive Klassengefühl des +Proletariats auch in Rußland nach dem Abschluß der Revolutionsperiode +und nach der Herstellung eines bürgerlich-parlamentarischen +Rechtsstaates bedeutend schwinden oder vielmehr in ein verborgenes, +latentes umschlagen. Ebenso sicher wird aber umgekehrt in Deutschland +in einer Periode kräftiger politischer Aktionen das lebendige, +aktionsfähige revolutionäre Klassengefühl die breitesten und tiefsten +Schichten des Proletariats ergreifen und zwar umso rascher und +umso mächtiger, je gewaltiger das bis dahin geleistete Erziehungswerk +der Sozialdemokratie ist. Dieses Erziehungswerk sowie die +aufreizende und revolutionierende Wirkung der gesamten gegenwärtigen +deutschen Politik wird sich darin äußern, dß der Fahne +der Sozialdemokratie in einer ernsten revolutionären Periode alle +jene Scharen plötzlich Folge leisten werden, die jetzt in scheinbarer +politischer Stupidität gegen alle Organisierungsversuche der Sozialdemokratie +und der Gewerkschaften unempfindlich sind. Sechs +Monate einer revolutionären Periode werden an der Schulung +dieser jetzt unorganisierten Massen das Werk vollenden, das zehn +Jahre Volksversammlungen und Flugblattverteilungen nicht fertig +zu bringen vermögen. Und wenn die Verhältnisse in Deutschland +für eine solche Periode den Reifegrad erreicht haben, werden im +Kampfe die heute unorganisierten zurückgebliebensten Schichten naturgemäß +das radikalste, das ungestümste, nicht das mitgeschleppte +Element bilden. Wird es in Deutschland zu Massenstreiks kommen, +so werden fast sicher nicht die bestorganisierten – gewiß nicht die +Buchdrucker – sondern die schlechter oder gar nicht organisierten, +die Bergarbeiter, die Textilarbeiter, vielleicht gar die Landarbeiter +die größte Aktionsfähigkeit entwickeln.</p> + +<p>Auf diese Weise gelangen wir aber auch in Deutschland zu +denselben Schlüssen in bezug auf die eigentlichen Aufgaben der +<em class="gesperrt">Leitung</em>, auf die Rolle der Sozialdemokratie gegenüber den +Massenstreiks, wie bei der Analyse der russischen Vorgänge. Verlassen +wir nämlich das pedantische Schema eines künstlich von +Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten demonstrativen +Massenstreiks der organisierten Minderheit, und wenden wir uns +dem lebendigen Bilde einer aus äußerster Zuspitzung der Klassengegensätze +und der politischen Situation mit elementarer Kraft entstehenden +wirklichen Volksbewegung zu, die sich sowohl in politischen<span class='pagenum'><a name="Page_46" id="Page_46">[ 46]</a></span> +wie in ökonomischen stürmischen Massenkämpfen, Massenstreiks entladet, +so muß offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie nicht in +der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks, sondern +vor allem in der <em class="gesperrt">politischen Führung</em> der ganzen Bewegung bestehen.</p> + +<p>Die Sozialdemokratie ist die aufgeklärteste, klassenbewußteste +Vorhut des Proletariats. Sie kann und darf nicht mit verschränkten +Armen fatalistisch auf den Eintritt der »revolutionären Situation« +warten, darauf warten, dß jene spontane Volksbewegung vom +Himmel fällt. Im Gegenteil, sie muß, wie immer, der Entwicklung +der Dinge <em class="gesperrt">vorauseilen</em>, sie zu <em class="gesperrt">beschleunigen</em> suchen. +Dies vermag sie aber nicht dadurch, dß sie zur rechten und unrechten +Zeit ins Blaue hinein plötzlich die »Losung« zu einem Massenstreik +ausgibt, sondern vor allem dadurch, dß sie den breitesten +proletarischen Schichten den unvermeidlichen <em class="gesperrt">Eintritt</em> dieser +revolutionären Periode, die dazu führenden inneren <em class="gesperrt">sozialen +Momente</em> und die <em class="gesperrt">politischen Konsequenzen</em> klar macht. +Sollen breiteste proletarische Schichten für eine politische Massenaktion +der Sozialdemokratie gewonnen werden und soll umgekehrt +die Sozialdemokratie bei einer Massenbewegung die wirkliche Leitung +ergreifen und behalten, der ganzen Bewegung <em class="gesperrt">im politischen +Sinne</em> Herr werden, dann muß sie mit voller Klarheit, Konsequenz +und Entschlossenheit die <em class="gesperrt">Taktik</em>, die <em class="gesperrt">Ziele</em> dem deutschen Proletariat +in der Periode der kommenden Kämpfe zu stecken wissen.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="VII" id="VII"></a>VII.</h2> + + +<p>Wir haben gesehen, dß der Massenstreik in Rußland nicht ein +künstliches Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, +sondern eine natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden +der jetzigen Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente, +die in Rußland diese neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht +haben?</p> + +<p>Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung +des Absolutismus und die Herstellung eines modernen bürgerlich-parlamentarischen +Rechtsstaates. Formell ist es genau dieselbe Aufgabe, +die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich der +großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. +Allein die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell +analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den +heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, dß zwischen +jenen bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen +bürgerlichen Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen +Entwicklung abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung +nicht bloß die westeuropäischen Länder, sondern auch das +absolutistische Rußland ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren +Konsequenzen, der modernen Klassenscheidung, den schroffen sozialen +Kontrasten, dem modernen Großstadtleben und dem modernen +Proletariat, ist in Rußland die herrschende, d. h. in der sozialen +Entwicklung ausschlaggebende Produktionsform geworden. Daraus<span class='pagenum'><a name="Page_47" id="Page_47">[ 47]</a></span> +hat sich aber die merkwürdige, widerspruchsvolle, geschichtliche +Situation ergeben, dß die nach ihren formellen Aufgaben bürgerliche +Revolution in erster Reihe von einem modernen klassenbewußten +Proletariat ausgeführt wird, und in einem internationalen Milieu, +das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen Demokratie steht. +Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende revolutionäre Element, +wie in den früheren Revolutionen des Westens, während die proletarische +Masse, aufgelöst im Kleinbürgertum, der Bourgeoisie Heerbanndienste +leistet, sondern umgekehrt, das klassenbewußte Proletariat +ist das führende und treibende Element, während die großbürgerlichen +Schichten teils direkt kontrerevolutionär, teils schwächlich-liberal, +und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst der städtischen +kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell, ja revolutionär +gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das dermßen zur +führenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt ist, tritt +selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie, dafür +mit einem stark entwickelten Bewußtsein der eigenen spezifischen +Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen +Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis +findet seinen Ausdruck in der Tatsache, dß in dieser formell +bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft +zum Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen +Gesellschaft beherrscht wird, dß der Kampf des Proletariats +sich mit gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und +gegen die kapitalistische Ausbeutung richtet, dß das Programm der +revolutionären Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische +Freiheit und auf die Eroberung des Achtstundentages sowie einer +menschenwürdigen materiellen Existenz für das Proletariat gerichtet +ist. Dieser zwiespältige Charakter der russischen Revolution äußert +sich in jener innigen Verbindung und Wechselwirkung des ökonomischen +mit dem politischen Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in +Rußland kennen gelernt haben, und die ihren entsprechenden Ausdruck +eben im Massenstreik findet.</p> + +<p>In den früheren bürgerlichen Revolutionen, wo einerseits die +politische Schulung und Anführung der revolutionären Masse von +den bürgerlichen Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits +um den nackten Sturz der alten Regierung handelte, war die +kurze Barrikadenschlacht die passende Form des revolutionären +Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse sich selbst im Laufe des +revolutionären Kampfes aufklären, selbst sammeln und selbst anführen +muß, und wo die Revolution ihrerseits ebenso gegen die alte Staatsgewalt +wie gegen die kapitalistische Ausbeutung gerichtet ist, erscheint +der Massenstreik als das natürliche Mittel, die breitesten proletarischen +Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren, zu revolutionieren +und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein Mittel ist, die alte +Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und die kapitalistische +Ausbeutung einzudämmen. Das städtische Industrieproletariat ist +jetzt die Seele der Revolution in Rußland. Um aber irgend eine +direkte politische Aktion als Masse auszuführen, muß sich das +Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe<span class='pagenum'><a name="Page_48" id="Page_48">[ 48]</a></span> +muß es vor allem aus Fabriken und Werkstätten, aus Schächten +und Hütten heraustreten, muß es die Pulverisierung und Zerbröckelung +in den Einzelwerkstätten überwinden, zu der es im +täglichen Joch des Kapitals verurteilt ist. Der Massenstreik ist +somit die erste natürliche, impulsive Form jeder großen revolutionären +Aktion des Proletariats, und je mehr die Industrie die vorherrschende +Form der sozialen Wirtschaft, je hervorragender die +Rolle des Proletariats in der Revolution und je entwickelter der +Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mächtiger und +ausschlaggebender müssen die Massenstreiks werden. Die frühere +Hauptform der bürgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht, +die offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist +in der heutigen Revolution nur ein äußerster Punkt, nur ein +Moment in dem ganzen Prozeß des proletarischen Massenkampfes.</p> + +<p>Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene +Zivilisierung und Milderung der Klassenkämpfe erreicht, die von +den Opportunisten der deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein, +David u. a. prophetisch vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten +freilich die ersehnte Milderung und Zivilisierung des +Klassenkampfes, im Geiste kleinbürgerlich-demokratischer Illusionen, +darin, dß der Klassenkampf ausschließlich zu einem parlamentarischen +Kampf beschränkt und die Strßenrevolution einfach +abgeschafft wird. Die Geschichte hat die Lösung in einer etwas +tieferen und feineren Weise gefunden: in dem Aufkommen des +revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten brutalen +Strßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig macht, +ihn aber bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode +reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode +ein enormes Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet: +die materielle und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse +durch die »Zivilisierung« der barbarischen Formen der +kapitalistischen Ausbeutung.</p> + +<p>So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch +russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern +als eine allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich +aus dem gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung +und der Klassenverhältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen: +die große französische, die deutsche Märzrevolution und +die jetzige russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der +fortlaufenden Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des +kapitalistischen Jahrhunderts spiegelt. In der großen französischen +Revolution geben die noch ganz unentwickelten inneren Widersprüche +der bürgerlichen Gesellschaft für eine lange Periode gewaltiger +Kämpfe Raum, wo sich alle die erst in der Hitze der Revolution +rasch aufkeimenden und reifenden Gegensätze ungehindert und ungezwungen +mit rücksichtslosem Radikalismus austoben. Ein halbes +Jahrhundert später wird die auf halbem Wege der kapitalistischen +Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen Bürgertums +schon durch den Gegensatz der Interessen und das Gleichgewicht der +Kräfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte unterbunden und<span class='pagenum'><a name="Page_49" id="Page_49">[ 49]</a></span> +durch einen bürgerlich-feudalen Kompromiß erstickt, zu einer kurzen, +kläglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekürzt. Noch +ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht +auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den +Berg, über den Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten +ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den +Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, +sondern umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer +Kämpfe entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung +mit dem Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die +vielen neuen Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die +heutige Revolution realisiert somit in der besonderen Angelegenheit +des absolutistischen Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der +internationalen kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein +letzter Nachläufer der alten bürgerlichen, wie ein Vorläufer +der neuen Serie der proletarischen Revolutionen des Westens. Das +zurückgebliebenste Land weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen +Revolution so unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden +des weiteren Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der +vorgeschrittensten kapitalistischen Länder.</p> + +<p>Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gänzlich +verfehlt, die russische Revolution als ein schönes Schauspiel, als +etwas spezifisch »Russisches« von weitem zu betrachten und höchstens +das Heldentum der Kämpfer, d. h. die äußeren Akzessorien des +Kampfes zu bewundern. Viel wichtiger ist es, dß die deutschen +Arbeiter die russische Revolution <em class="gesperrt">als ihre eigene Angelegenheit</em> +zu betrachten lernen, nicht bloß im Sinne der internationalen +Klassensolidarität mit dem russischen Proletariat, sondern vor allem +als <em class="gesperrt">ein Kapitel der eigenen sozialen und politischen +Geschichte</em>. Diejenigen Gewerkschaftsführer und Parlamentarier, +die das deutsche Proletariat als »zu schwach« und die deutschen +Verhältnisse als zu unreif für revolutionäre Massenkämpfe betrachten, +haben offenbar keine Ahnung davon, dß der Gradmesser der Reife +der Klassenverhältnisse in Deutschland und der Macht des Proletariats +nicht in den Statistiken der deutschen Gewerkschaften oder in den +Wahlstatistiken liegt, sondern – in den Vorgängen der russischen +Revolution. Genau so, wie sich die Reife der französischen Klassengegensätze +unter der Julimonarchie und die Pariser Junischlacht in +der deutschen Märzrevolution, in ihrem Verlauf und ihrem Fiasko +spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der deutschen Klassengegensätze +in den Vorgängen, in der Macht der russischen Revolution. +Und während die Bureaukraten der deutschen Arbeiterbewegung den +Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den Schubfächern ihrer +Kontore auskramen, sehen sie nicht, dß das Gesuchte gerade vor +ihren Augen in einer großen historischen Offenbarung liegt, denn +geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der +Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der +deutschen Arbeiterbewegung.</p> + +<p>Es wäre deshalb ein gar zu klägliches, grotesk winziges Resultat +der russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr<span class='pagenum'><a name="Page_50" id="Page_50">[ 50]</a></span> +bloß die Lehre ziehen, dß es – wie die Gen. Frohme, Elm und andere +wollen – von der russischen Revolution die äußere Form des Kampfes, +den Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone für den Fall +der Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven +Mittel der parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns +das Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein +ganz selbstverständlicher Entschluß. Aber zu diesem Entschluß braucht +man sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie +es z. B. Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des +bereits besessenen bescheidenen Mßes der parlamentarischen Rechte +ist weniger eine himmelstürmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren +Hekatomben der russischen Revolution als Ermunterung notwendig +waren, als vielmehr die einfachste und erste Pflicht jeder +Oppositionspartei. Allein die bloße Defensive darf niemals die +Politik des Proletariats in einer Revolutionsperiode erschöpfen. +Und wenn es einerseits schwerlich mit Sicherheit vorausgesagt werden +kann, ob die Vernichtung des allgemeinen Wahlrechts in Deutschland +in einer Situation eintritt, die unbedingt eine sofortige Massenstreikaktion +hervorrufen wird, so ist es anderseits ganz sicher, dß, sobald +wir in Deutschland in die Periode stürmischer Massenaktionen eingetreten +sind, die Sozialdemokratie unmöglich auf die bloße parlamentarische +Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anlß und +den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in +Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht der Sozialdemokratie, +weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche +Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber +kann und muß, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn +sie einmal eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten +Taktik formulieren. Man hält nicht die geschichtlichen +Ereignisse im Zaum, indem man ihnen Vorschriften macht, sondern +indem man sich im voraus ihre wahrscheinlichen berechenbaren +Konsequenzen zum Bewußtsein bringt und die eigene Handlungsweise +danach einrichtet.</p> + +<p>Die zunächst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche +Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefßt macht, ist ein +Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden +Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht, +wird entreißen wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses +eventuellen Ereignisses ist es, wie gesagt, unmöglich, mit Bestimmtheit +zu behaupten, dß auf den Staatsstreich alsdann sofort eine +offene Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht, +weil uns heute alle jene unzähligen Umstände und Momente unbekannt +sind, die bei einer Massenbewegung die Situation mitbestimmen. +Allein, wenn man die gegenwärtige äußerste Zuspitzung +der Verhältnisse in Deutschland und anderseits die mannigfachen +internationalen Rückwirkungen der russischen Revolution und weiter +des künftigen renovierten Rußlands in Betracht zieht, so ist es klar, +dß der Umsturz in der deutschen Politik, der aus einer Kassierung +des Reichstagswahlrechts entstehen würde, nicht bei dem Kampf +um dieses Wahlrecht allein Halt machen könnte. Dieser Staatsstreich<span class='pagenum'><a name="Page_51" id="Page_51">[ 51]</a></span> +würde vielmehr in kürzerer oder längerer Frist mit elementarer +Macht eine große allgemeine politische Abrechnung der einmal +empörten und aufgerüttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich +ziehen – eine Abrechnung für den Brotwucher, für die künstliche +Fleischteuerung, für die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus +und Marinismus, für die Korruption der Kolonialpolitik, für +die nationale Schmach des Königsberger Prozesses, für den Stillstand +der Sozialreform, für die Entrechtung der Eisenbahner, der +Postbeamten und der Landarbeiter, für die Bemogelung und Verhöhnung +der Bergarbeiter, für das Löbtauer Urteil und die ganze +Klassenjustiz, für das brutale Aussperrungssystem – kurz, für den +gesamten zwanzigjährigen Druck der koalierten Herrschaft des ostelbischen +Junkertums und des kartellierten Großkapitals.</p> + +<p>Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er, +ob es die Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand +gebracht werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren +und Beispiele der russischen Revolution, als für Deutschland gar nicht +mßgebend, vor allem deshalb abzuweisen, weil ja in Rußland erst +der gewaltige Sprung aus einer orientalischen Despotie in eine +moderne bürgerliche Rechtsordnung gemacht werden mußte. Der +formelle Abstand zwischen der alten und der neuen politischen Ordnung +soll für die Vehemenz und die Gewalt der Revolution in Rußland +als ausreichender Erklärungsgrund dienen. In Deutschland haben +wir längst die notwendigsten Formen und Garantien des Rechtsstaats, +weshalb hier ein so elementares Toben der sozialen Gegensätze +unmöglich ist. Die also spekulieren, vergessen, dß dafür in +Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer +Kämpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes +sein wird, als heute in Rußland. Gerade weil die bürgerliche +Rechtsordnung in Deutschland längst besteht, weil sie also Zeit +hatte, sich gänzlich zu erschöpfen und auf die Neige zu gehen, weil +die bürgerliche Demokratie und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben, +kann von einer <em class="gesperrt">bürgerlichen</em> Revolution in Deutschland +nicht mehr die Rede sein. Und deshalb kann es sich bei einer +Periode offener politischer Volkskämpfe in Deutschland als letztes +geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um die <em class="gesperrt">Diktatur des +Proletariats</em> handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe von +den heutigen Zuständen in Deutschland ist ein noch viel gewaltigerer, +als der Abstand der bürgerlichen Rechtsordnung von der orientalischen +Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit einem +Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer +sozialer Kämpfe vollzogen werden.</p> + +<p>Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten +Perspektiven? Einerseits heißt es, bei einer eventuellen +künftigen Periode der politischen Massenaktion werden vor allem +die zurückgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die +Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht +erobern, die ärgsten Auswüchse der Ausbeutung erst beseitigt +werden müssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode +schon die politische Machteroberung durch das Proletariat sein!<span class='pagenum'><a name="Page_52" id="Page_52">[ 52]</a></span> +Einerseits ökonomische, gewerkschaftliche Kämpfe um die nächsten +Interessen, um die materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits +schon das äußerste Endziel der Sozialdemokratie! Gewiß, das sind +krasse Widersprüche, aber nicht Widersprüche unseres Raisonnements, +sondern Widersprüche der kapitialistischen Entwicklung. Sie verläuft +nicht in einer hübschen, geraden Linie, sondern im schroffen blitzähnlichen +Zickzack. Ebenso wie die verschiedenen kapitalistischen +Länder die verschiedensten Stadien der Entwicklung darstellen, ebenso +innerhalb jedes Landes die verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse. +Die Geschichte wartet aber nicht geduldig, bis erst die +zurückgebliebenen Länder und Schichten die fortgeschrittensten eingeholt +haben, damit sich das Ganze wie eine stramme Kolonne +symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits in den +vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die Verhältnisse +hier dafür reif sind, und im Sturme der revolutionären +Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versäumte +nachgeholt, das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt +mit einem Ruck in Sturmschritt versetzt.</p> + +<p>Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der +Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in +dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzähligen +partiellen Kämpfe in der gemeinsamen großen Klassenaktion des +Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhältnisse dafür +reif sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der +Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den +zurückgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den fortgeschrittensten +zu richten.</p> + + + +<hr style="width: 65%;" /> +<h2><a name="VIII" id="VIII"></a>VIII.</h2> + + +<p>Das wichtigste Erfordernis in der früher oder später kommenden +Periode der großen Kämpfe, die der deutschen Arbeiterklasse harren, +ist, neben der vollen Entschlossenheit und Konsequenz der Taktik, die +möglichste Aktionsfähigkeit, also mögliche Einheit des führenden +sozialdemokratischen Teils der proletarischen Masse. Indes bereits +die ersten schwachen Versuche zur Vorbereitung einer größeren +Massenaktion haben sofort einen wichtigen Übelstand in dieser +Hinsicht aufgedeckt: die völlige Trennung und Verselbständigung der +beiden Organisationen der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie +und der Gewerkschaften.</p> + +<p>Es ist klar aus der näheren Betrachtung der Massenstreiks in +Rußland sowie aus den Verhältnissen in Deutschland selbst, dß +irgend eine größere Massenaktion, wenn sie sich nicht bloß auf eine +einmalige Demonstration beschränken, sondern zu einer wirklichen +Kampfaktion werden soll, unmöglich als ein sogenannter politischer +Massenstreik gedacht werden kann. Die Gewerkschaften würden an +einer solchen Aktion in Deutschland genau so beteiligt sein wie die +Sozialdemokratie. Nicht aus dem Grunde, weil, wie die Gewerkschaftsführer +sich einbilden, die Sozialdemokratie angesichts ihrer viel geringeren +Organisation auf die Mitwirkung der 1-1/4 Million Gewerk<span class='pagenum'><a name="Page_53" id="Page_53">[ 53]</a></span>schaftler +angewiesen wäre und ohne sie nichts zu stande bringen +könnte, sondern aus einem viel tiefer liegenden Grunde: weil jede +direkte Massenaktion oder Periode offener Klassenkämpfe zugleich +eine politische und ökonomische sein würde. Wird es in Deutschland +aus irgend einem Anlß und in irgend einem Zeitpunkt zu großen +politischen Kämpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das zugleich +eine Ära gewaltiger gewerkschaftlicher Kämpfe in Deutschland eröffnen, +wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen +werden, ob die Gewerkschaftsführer zu der Bewegung ihre Zustimmung +gegeben haben oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich +gar der Bewegung zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens +nur der sein, dß die Gewerkschaftsführer, genau wie die +Parteiführer im analogen Falle, von der Welle der Ereignisse einfach +auf die Seite geschoben und die ökonomischen wie die politischen +Kämpfe der Masse ohne sie ausgekämpft werden.</p> + +<p>In der Tat. Die Trennung zwischen dem politischen und dem +ökonomischen Kampf und die Verselbständigung beider ist nichts als +ein künstliches, wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der +parlamentarischen Periode. Einerseits wird hier, bei dem ruhigen, +»normalen« Gang der bürgerlichen Gesellschaft, der ökonomische +Kampf zersplittert, in eine Vielheit einzelner Kämpfe in jeder Unternehmung, +in jedem Produktionszweige aufgelöst. Anderseits wird +der politische Kampf nicht durch die Masse selbst in einer direkten +Aktion geführt, sondern, den Formen des bürgerlichen Staates +entsprechend, auf repräsentativem Wege, durch den Druck auf die +gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode revolutionärer +Kämpfe eintritt, d. h. sobald die Masse auf dem Kampfplatz erscheint, +fallen sowohl die Zersplitterung des ökonomischen Kampfes wie die +indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes weg; in +einer revolutionären Massenaktion sind politischer und ökonomischer +Kampf eins und die künstliche Schranke zwischen Gewerkschaft und +Sozialdemokratie als zwei getrennten, ganz selbständigen Formen der +Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt. Was aber in der +revolutionären Massenbewegung augenfällig zum Ausdruck kommt, +trifft auch für die parlamentarische Periode als wirkliche Sachlage zu. +Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der Arbeiterklasse, einen +ökonomischen und einen politischen, sondern es gibt nur <em class="gesperrt">einen</em> Klassenkampf, +der gleichzeitig auf die Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutung +innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und auf die Abschaffung +der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen Gesellschaft gerichtet ist.</p> + +<p>Wenn sich diese zwei Seiten des Klassenkampfes auch aus technischen +Gründen in der parlamentarischen Periode voneinander +trennen, so stellen sie doch nicht etwa zwei parallel verlaufende Aktionen, +sondern bloß zwei Phasen, zwei Stufen des Emanzipationskampfes +der Arbeiterklasse dar. Der gewerkschaftliche Kampf umfßt die Gegenwartsinteressen, +der sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen +der Arbeiterbewegung. Die Kommunisten, sagt das kommunistische +Manifest, vertreten gegenüber verschiedenen Gruppeninteressen (nationalen, +lokalen Interessen) der Proletarier die gemeinsamen Interessen +des gesamten Proletariats und in den verschiedenen Entwicklungsstufen<span class='pagenum'><a name="Page_54" id="Page_54">[ 54]</a></span> +des Klassenkampfes das Interesse der Gesamtbewegung d. h. die Endziele +der Befreiung des Proletariats. Die Gewerkschaften vertreten +nun die Gruppeninteressen und eine Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. +Die Sozialdemokratie vertritt die Arbeiterklasse und ihre +Befreiungsinteressen im ganzen. Das Verhältnis der Gewerkschaften +zur Sozialdemokratie ist demnach das eines Teiles zum Ganzen, und +wenn unter den Gewerkschaftsführern die Theorie von der »Gleichberechtigung« +der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie soviel +Anklang findet, so beruht das auf einer gründlichen Verkennung des +Wesens selbst der Gewerkschaften und ihrer Rolle im allgemeinen +Befreiungskampfe der Arbeiterklasse.</p> + +<p>Diese Theorie von der parallelen Aktion der Sozialdemokratie +und der Gewerkschaften und von ihrer »Gleichberechtigung« ist +jedoch nicht völlig aus der Luft gegriffen, sondern hat ihre geschichtlichen +Wurzeln. Sie beruht nämlich auf einer Illusion der ruhigen, +»normalen« Periode der bürgerlichen Gesellschaft, in der der +politische Kampf der Sozialdemokratie in dem <em class="gesperrt">parlamentarischen</em> +Kampf aufzugehen scheint. Der parlamentarische Kampf aber, +das ergänzende Gegenstück zum Gewerkschaftskampf, ist ebenso wie +dieser ein Kampf ausschließlich auf dem Boden der bürgerlichen +Gesellschaftsordnung. Er ist seiner Natur nach politische Reformarbeit, +wie die Gewerkschaften ökonomische Reformarbeit sind. Er +stellt politische Gegenwartsarbeit dar, wie die Gewerkschaften ökonomische +Gegenwartsarbeit darstellen. Er ist, wie sie, auch bloß eine +Phase, eine Entwicklungsstufe im Ganzen des proletarischen Klassenkampfes, +dessen Endziele über den parlamentarischen Kampf wie über +den gewerkschaftlichen Kampf in gleichem Mße hinausgehen. Der +parlamentarische Kampf verhält sich zur sozialdemokratischen Politik +denn auch wie ein Teil zum Ganzen, genau so wie die gewerkschaftliche +Arbeit. Die Sozialdemokratie ist eben heute die Zusammenfassung +sowohl des parlamentarischen wie des gewerkschaftlichen +Kampfes in einem auf die Abschaffung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung +gerichteten Klassenkampf.</p> + +<p>Die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften +mit der Sozialdemokratie ist also kein bloßes theoretisches Mißverständnis, +keine bloße Verwechslung, sondern sie ist ein Ausdruck +der bekannten Tendenz jenes opportunistischen Flügels der Sozialdemokratie, +der den politischen Kampf der Arbeiterklasse auch +tatsächlich auf den parlamentarischen Kampf reduzieren und die +Sozialdemokratie aus einer revolutionären proletarischen in eine +kleinbürgerliche Reformpartei umwandeln will.<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Wollte die Sozial<span class='pagenum'><a name="Page_55" id="Page_55">[ 55]</a></span>demokratie +die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften +akzeptieren, so würde sie damit in indirekter Weise und +stillschweigend jene Verwandlung akzeptieren, die von den Vertretern +der opportunistischen Richtung längst angestrebt wird.</p> + +<p>Indes ist in Deutschland eine solche Verschiebung des Verhältnisses +innerhalb der Arbeiterbewegung unmöglicher als in irgend +einem anderen Lande. Das theoretische Verhältnis, wonach Gewerkschaften +bloß ein Teil der Sozialdemokratie sind, findet gerade in +Deutschland seine klassische Illustration in den Tatsachen, in der +lebendigen Praxis, und zwar äußert sich dies nach drei Richtungen +hin. Erstens sind die deutschen Gewerkschaften direkt ein Produkt +der Sozialdemokratie; sie ist es, die die Anfänge der jetzigen Gewerkschaftsbewegung +in Deutschland geschaffen hat, sie ist es, die sie großgezogen, +sie liefert bis auf heute ihre Leiter und die tätigsten Träger +ihrer Organisation. Zweitens sind die deutschen Gewerkschaften ein +Produkt der Sozialdemokratie auch in dem Sinne, dß die sozialdemokratische +Lehre die Seele der gewerkschaftlichen Praxis bildet, +die Gewerkschaften verdanken ihre Überlegenheit über alle bürgerlichen +und konfessionellen Gewerkschaften dem Gedanken des Klassenkampfes; +ihre praktischen Erfolge, ihre Macht sind ein Resultat des Umstandes, +dß ihre Praxis von der Theorie des wissenschaftlichen +Sozialismus erleuchtet und über die Niederungen eines engherzigen +Empirismus gehoben ist. Die Stärke der »praktischen Politik« der +deutschen Gewerkschaften liegt in ihrer Einsicht in die tieferen sozialen +und wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen Ordnung; +<span class='pagenum'><a name="Page_56" id="Page_56">[ 56]</a></span>diese Einsicht verdanken sie aber niemand anderem, als der Theorie +des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der sie in ihrer Praxis fußen. +In diesem Sinne ist jenes Suchen nach der Emanzipierung der +Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Theorie nach einer anderen +»gewerkschaftlichen Theorie« im Gegensatz zur Sozialdemokratie vom +Standpunkte der Gewerkschaften selbst und ihrer Zukunft nichts anderes, +als ein Selbstmordversuch. Die Loslösung der gewerkschaftlichen +Praxis von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus würde +für die deutschen Gewerkschaften einen sofortigen Verlust der ganzen +Überlegenheit gegenüber allen bürgerlichen Gewerkschaftssorten, einen +Sturz von ihrer bisherigen Höhe auf das Niveau eines haltlosen +Tastens und reinen platten Empirismus bedeuten.</p> + +<p>Endlich aber drittens sind die Gewerkschaften, wovon ihre +Führer allmählich das Bewußtsein verloren haben, auch direkt +in ihrer <em class="gesperrt">zahlenmäßigen</em> Stärke, ein Produkt der sozialdemokratischen +Bewegung und der sozialdemokratischen Agitation. +Gewiß ging und geht die gewerkschaftliche Agitation in manchen +Gegenden der sozialdemokratischen voran und überall ebnet die +gewerkschaftliche Arbeit auch der Parteiarbeit die Wege. Vom +Standpunkte ihrer <em class="gesperrt">Wirkung</em> arbeiten Partei und Gewerkschaften +einander völlig in die Hand. Allein, wenn man das Bild des +Klassenkampfes in Deutschland im ganzen und in seinen tiefer +liegenden Zusammenhängen überblickt, so verschiebt sich das Verhältnis +erheblich. Manche Gewerkschaftsleiter pflegen gern mit +einigem Triumph von der stolzen Höhe ihrer 1-1/4 Millionen Mitglieder +auf die armselige, noch nicht volle halbe Million der +organisierten Mitglieder der Sozialdemokratie herabzublicken und sie +an jene Zeiten vor 10 bis 12 Jahren zu erinnern, wo man in den +Reihen der Sozialdemokratie über die Perspektiven der gewerkschaftlichen +Entwicklung noch pessimistisch dachte. Sie bemerken gar +nicht, dass zwischen diesen zwei Tatsachen: der hohen Ziffer der +Gewerkschaftsmitglieder und der niedrigen Ziffer der sozialdemokratisch +Organisierten in gewissem Mße <em class="gesperrt">ein direkter kausaler Zusammenhang +besteht</em>. Tausende und Abertausende von Arbeitern treten +den Parteiorganisationen nicht bei, eben <em class="gesperrt">weil</em> sie in die Gewerkschaften +eintreten. Der Theorie nach müßten alle Arbeiter zweifach +organisiert sein: zweierlei Versammlungen besuchen, zweifache Beiträge +zahlen, zweierlei Arbeiterblätter lesen usw. Um dies jedoch +zu tun, dazu gehört schon ein hoher Grad der Intelligenz und jener +Idealismus, der aus reinem Pflichtgefühl gegenüber der Arbeiterbewegung +tägliche Opfer an Zeit und Geld nicht scheut, endlich auch +jenes leidenschaftliche Interesse für das eigentliche Parteileben, das nur +durch die Zugehörigkeit zur Parteiorganisation befriedigt werden kann. +All das trifft bei der aufgeklärtesten und intelligentesten Minderheit der +sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den Großstädten zu, wo das +Parteileben ein inhaltreiches und anziehendes, wo die Lebenshaltung +der Arbeiter eine höhere ist. Bei den breiteren Schichten der großstädtischen +Arbeitermasse aber, sowie in der Provinz, in den kleineren +und kleinsten Nestern, wo das lokale politische Leben ein unselbständiges, +ein bloßer Reflex der hauptstädtischen Vorgänge, wo das Parteileben<span class='pagenum'><a name="Page_57" id="Page_57">[ 57]</a></span> +folglich auch ein armes und monotones ist, wo endlich die wirtschaftliche +Lebenshaltung des Arbeiters meistens eine sehr kümmerliche, da +ist das doppelte Organisationsverhältnis sehr schwer durchzuführen.</p> + +<p>Für den sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter aus der Masse +wird dann die Frage von selbst in der Weise gelöst, dß er eben +seiner Gewerkschaft beitritt. Den unmittelbaren Interessen seines +wirtschaftlichen Kampfes kann er nämlich, was durch die Natur +dieses Kampfes selbst bedingt ist, nicht anders genügen, als durch +den Beitritt zu einer Berufsorganisation. Der Beitrag, den er hier +vielfach unter bedeutenden Opfern seiner Lebenshaltung zahlt, bringt +ihm unmittelbaren, sichtlichen Nutzen. Seine sozialdemokratische Gesinnung +aber vermag er auch ohne Zugehörigkeit zu einer speziellen +Parteiorganisation zu betätigen: durch Stimmabgabe bei den +Parlamentswahlen, durch den Besuch sozialdemokratischer Volksversammlungen, +durch das Verfolgen der Berichte über sozialdemokratische +Reden in den Vertretungskörpern, durch das Lesen der Parteipresse +– man vergleiche zum Beispiel die Zahl der sozialdemokratischen +Wähler sowie die Abonnentenzahl des »Vorwärts« mit der Zahl +der organisierten Parteimitglieder in Berlin. Und, was das +Ausschlaggebende ist: der sozialdemokratisch gesinnte durchschnittliche +Arbeiter aus der Masse, der als einfacher Mann kein Verständnis +für die komplizierte und feine sogenannte »Zweiseelentheorie« haben +kann, fühlt sich eben auch in der Gewerkschaft <em class="gesperrt">sozialdemokratisch</em> +organisiert. Tragen die Zentralverbände auch kein offizielles Parteischild, +so sieht doch der Arbeitsmann aus der Masse in jeder Stadt +und jedem Städtchen an der Spitze seiner Gewerkschaft als die +tätigsten Leiter diejenigen Kollegen, die er auch als Genossen, als +Sozialdemokraten aus dem öffentlichen Leben kennt: bald als sozialdemokratische +Reichstags-, Landtags- oder Gemeindeabgeordnete, bald +als sozialdemokratische Vertrauensmänner, Wahlvereinsvorstände, +Parteiredakteure, Parteisekretäre, oder einfach als Redner und Agitatoren. +Er hört ferner in der Agitation in seiner Gewerkschaft +meistens dieselben ihm lieb und verständlich gewordenen Gedanken +über die kapitalistische Ausbeutung, über Klassenverhältnisse, die er +auch aus der sozialdemokratischen Agitation kennt; ja die meisten +und beliebtesten Redner in den Gewerkschaftsversammlungen sind +eben bekannte Sozialdemokraten.</p> + +<p>So wirkt alles dahin, dem klassenbewußten Durchschnittsarbeiter +das Gefühl zu geben, dß er, indem er sich gewerkschaftlich +organisiert, dadurch auch seiner Arbeiterpartei angehört, sozialdemokratisch +organisiert ist. <em class="gesperrt">Und darin liegt eben die +eigentliche Werbekraft der deutschen Gewerkschaften</em>. +Nicht dank dem Schein der Neutralität, sondern dank +der sozialdemokratischen Wirklichkeit ihres Wesens, haben es die +Zentralverbände vermocht, ihre heutige Stärke zu erreichen. Dies +ist einfach durch dieselbe Mitexistenz verschiedener bürgerlich-parteilicher: +katholischer, Hirsch-Dunckerscher &c. Gewerkschaften begründet, +durch die man eben die Notwendigkeit jener politischen »Neutralität« +zu begründen sucht. Wenn der deutsche Arbeiter, der die volle freie +Wahl hat, sich einer christlichen, katholischen, evangelischen oder<span class='pagenum'><a name="Page_58" id="Page_58">[ 58]</a></span> +freisinnigen Gewerkschaft anzuschließen, keine von diesen, sondern die +»freie Gewerkschaft« wählt, oder gar aus jenen in diese übertritt, +so tut er dies nur, weil er die Zentralverbände als ausgesprochene +Organisationen des modernen Klassenkampfes, oder, was in Deutschland +dasselbe, als sozialdemokratische Gewerkschaften auffßt. Kurz: +der Schein der »Neutralität«, der für manche Gewerkschaftsführer +existiert, besteht für die Masse der gewerkschaftlich Organisierten +nicht. Und dies ist das ganze Glück der Gewerkschaftsbewegung. +Sollte jener Schein der »Neutralität«, jene Entfremdung und Loslösung +der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie zur Wahrheit +und namentlich in den Augen der proletarischen Masse zur Wirklichkeit +werden, dann würden die Gewerkschaften sofort ihren ganzen +Vorzug gegenüber den bürgerlichen Konkurrenzverbänden und damit +auch ihre Werbekraft, ihr belebendes Feuer, verlieren. Das Gesagte +wird durch allgemein bekannte Tatsachen schlagend bewiesen. Der +Schein der partei-politischen »Neutralität« der Gewerkschaften konnte +nämlich als Anziehungsmittel hervorragende Dienste leisten in einem +Lande, wo die Sozialdemokratie selbst keinen Kredit bei den Massen +besitzt, wo ihr Odium einer Arbeiterorganisation in den Augen der +Masse noch eher schadet als nützt, wo mit einem Wort die Gewerkschaften +ihre Truppen erst aus einer ganz unaufgeklärten, bürgerlich +gesinnten Masse selbst rekrutieren müssen.</p> + +<p>Das Muster eines solchen Landes war das ganze vorige Jahrhundert +hindurch und ist auch heute noch in gewissem Mße – <em class="gesperrt">England</em>. +In Deutschland jedoch liegen die Parteiverhältnisse ganz +anders. In einem Lande, wo die Sozialdemokratie die mächtigste +politische Partei ist, wo ihre Werbekraft durch ein Heer von über +drei Millionen Proletariern dargestellt wird, da ist es lächerlich, von +dem abschreckenden Odium der Sozialdemokratie zu sprechen und +von bei Notwendigkeit einer Kampforganisation der Arbeiter, die +politische Neutralität zu wahren. Die bloße Zusammenstellung der +Ziffer der sozialdemokratischen Wähler mit den Ziffern der gewerkschaftlichen +Organisationen in Deutschland genügt, um für jedes +Kind klar zu machen, dß die deutschen Gewerkschaften ihre Truppen +nicht, wie in England, aus der unaufgeklärten bürgerlich gesinnten +Masse, sondern aus der Masse der bereits durch die Sozialdemokratie +aufgerüttelten und für den Gedanken des Klassenkampfes gewonnenen +Proletarier, aus der sozialdemokratischen Wählermasse werben. Manche +Gewerkschaftsführer weisen mit Entrüstung – dies ein Requisit der +»Neutralitätstheorie« – den Gedanken von sich, die Gewerkschaften +als Rekrutenschule für die Sozialdemokratie zu betrachten. Tatsächlich +ist diese ihnen so beleidigend erscheinende, in Wirklichkeit höchst +schmeichelhafte Zumutung in Deutschland durch den einfachen Umstand +zur Phantasie gemacht, weil die Verhältnisse meistens umgekehrt +liegen; es ist die Sozialdemokratie, die in Deutschland die +Rekrutenschule für die Gewerkschaften bildet. Wenn auch das +Organisationswerk der Gewerkschaften meistens noch ein sehr schweres +und mühseliges ist, so ist, abgesehen von manchen Gegenden und +Fällen, im großen und ganzen nicht bloß der Boden bereits durch +den sozialdemokratischen Pflug urbar gemacht worden, sondern die<span class='pagenum'><a name="Page_59" id="Page_59">[ 59]</a></span> +gewerkschaftliche Saat selbst und endlich der Säemann müssen auch +noch »rot«, sozialdemokratisch sein, damit die Ernte gedeiht. Wenn +wir aber auf diese Weise die gewerkschaftlichen Stärkezahlen nicht +mit den sozialdemokratischen Organisationen, sondern, was das einzig +richtige ist, mit der sozialdemokratischen Wählermasse vergleichen, so +kommen wir zu einem Schluß, der von der landläufigen Vorstellung +in dieser Hinsicht bedeutend abweicht. Es stellt sich nämlich heraus, +dß die »freien Gewerkschaften« heute tatsächlich noch die +Minderheit der klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands darstellen, +haben sie doch mit ihrer 1-1/4 Million Organisierter noch nicht die +Hälfte der von der Sozialdemokratie aufgerüttelten Masse ausschöpfen +können.</p> + +<p>Der wichtigste Schluß aus den angeführten Tatsachen ist der, +dß die für die kommenden Massenkämpfe in Deutschland unbedingt +notwendige völlige <em class="gesperrt">Einheit</em> der gewerkschaftlichen und der sozialdemokratischen +Arbeiterbewegung <em class="gesperrt">tatsächlich vorhanden ist</em>, +und zwar ist sie verkörpert in der breiten Masse, die gleichzeitig die +Basis der Sozialdemokratie wie der Gewerkschaften bildet und in +deren Bewußtsein beide Seiten der Bewegung zu einer geistigen Einheit +verschmolzen sind. Der angebliche Gegensatz zwischen Sozialdemokratie +und Gewerkschaften schrumpft bei dieser Sachlage zu einem +Gegensatz zwischen der Sozialdemokratie und einem gewissen Teil der +Gewerkschaftsbeamten zusammen, der aber zugleich ein Gegensatz +innerhalb der Gewerkschaften zwischen diesem Teil der Gewerkschaftsführer +und der gewerkschaftlich organisierten proletarischen Masse ist.</p> + +<p>Das starke Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland +im Laufe der letzten 15 Jahre, besonders in der Periode der +wirtschaftlichen Hochkonjunktur 1895-1900, hat von selbst eine große +Verselbständigung der Gewerkschaften, eine Spezialisierung ihrer +Kampfmethoden und ihrer Leitung und endlich das Aufkommen eines +regelrechten gewerkschaftlichen Beamtenstandes mit sich gebracht. All +diese Erscheinungen sind ein vollkommen erklärliches und natürliches +geschichtliches Produkt des fünfzehnjährigen Wachstums der Gewerkschaften, +ein Produkt der wirtschaftlichen Prosperität und der +politischen Windstille in Deutschland. Sie sind, wenn auch von +gewissen Übelständen unzertrennlich, doch zweifellos ein historisch +notwendiges Übel. Allein die Dialektik der Entwicklung bringt es +eben mit sich, dß diese notwendigen Förderungsmittel des gewerkschaftlichen +Wachstums auf einer gewissen Höhe der Organisation +und bei einem gewissen Reifegrad der Verhältnisse in ihr Gegenteil, +in Hemmnisse des weiteren Wachstums umschlagen.</p> + +<p>Die Spezialisierung ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher +Leiter sowie der naturgemäß enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten +ökonomischen Kämpfen in einer ruhigen Periode verbunden +ist, führen bei den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum +Bureaukratismus und zu einer gewissen Enge der Auffassung. Beides +äußert sich aber in einer ganzen Reihe von Tendenzen, die für die +Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung selbst höchst verhängnisvoll +werden könnten. Dahin gehört vor allem die Überschätzung der +Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck allmählich in einen<span class='pagenum'><a name="Page_60" id="Page_60">[ 60]</a></span> +Selbstzweck, in ein höchstes Gut verwandelt wird, dem die Interessen +des Kampfes untergeordnet werden sollen. Daraus erklärt sich +auch jenes offen zugestandene Ruhebedürfnis, das vor einem +größeren Risiko und vor vermeintlichen Gefahren für den Bestand +der Gewerkschaften, vor der Ungewißheit größerer Massenaktionen +zurückschreckt, ferner die Überschätzung der gewerkschaftlichen +Kampfesweise selbst, ihrer Aussichten und ihrer Erfolge. Die beständig +von dem ökonomischen Kleinkrieg absorbierten Gewerkschaftsleiter, +die es zur Aufgabe haben, den Arbeitermassen den +hohen Wert jeder noch so geringen ökonomischen Errungenschaft, +jeder Lohnerhöhung oder Verkürzung der Arbeitszeit plausibel zu +machen, kommen allmählich dahin, dß sie selbst die größeren Zusammenhänge +und den Überblick über die Gesamtlage verlieren. +Nur dadurch kann erklärt werden, dß manche Gewerkschaftsführer +z. B. mit so großer Genugtuung auf die Errungenschaften +der letzten 15 Jahre, auf die Millionen Mark Lohnerhöhungen +hinweisen, anstatt umgekehrt den Nachdruck auf die andere Seite +der Medaille zu legen: auf die gleichzeitig stattgefundene ungeheure +Herabdrückung der proletarischen Lebenshaltung durch den Brotwucher, +durch die gesamte Steuer- und Zollpolitik, durch den Bodenwucher, +der die Wohnungsmieten in so exorbitanter Weise in die +Höhe getrieben hat, mit einem Wort, auf all die objektiven Tendenzen +der bürgerlichen Politik, die jene Errungenschaften der +15jährigen gewerkschaftlichen Kämpfe zu einem großen Teil wieder +wett machen. Aus der <em class="gesperrt">ganzen</em> sozialdemokratischen Wahrheit, +die neben der Betonung der Gegenwartsarbeit und ihrer +absoluten Notwendigkeit das Hauptgewicht auf die <em class="gesperrt">Kritik</em> und +die Schranken dieser Arbeit legt, wird so die <em class="gesperrt">halbe</em> gewerkschaftliche +Wahrheit zurechtgestutzt, die nur das Positive des Tageskampfes +hervorhebt. Und schließlich wird aus dem Verschweigen +der dem gewerkschaftlichen Kampfe gezogenen objektiven Schranken +der bürgerlichen Gesellschaftsordnung eine direkte Feindseligkeit +gegen jede theoretische Kritik, die auf diese Schranken im Zusammenhang +mit den Endzielen der Arbeiterbewegung hinweist. Die unbedingte +Lobhudelei, der grenzenlose Optimismus werden zur Pflicht +jedes »Freundes der Gewerkschaftsbewegung« gemacht. Da aber +der sozialdemokratische Standpunkt gerade in der Bekämpfung des +kritiklosen gewerkschaftlichen Optimismus, ganz wie in der Bekämpfung +des kritiklosen parlamentarischen Optimismus besteht, so +wird schließlich gegen die sozialdemokratische Theorie selbst Front +gemacht: man sucht tastend nach einer »neuen gewerkschaftlichen +Theorie«, d. h. nach einer Theorie, die den gewerkschaftlichen +Kämpfen im Gegensatz zur sozialdemokratischen Lehre auf dem Boden +der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschränkte Perspektiven des wirtschaftlichen +Aufstiegs eröffnen wurde. Eine solche Theorie existiert freilich +schon seit geraumer Zeit: es ist dies die Theorie von Prof. <em class="gesperrt">Sombart</em>, +die ausdrücklich mit der Absicht aufgestellt wurde, einen Keil zwischen +die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie in Deutschland zu treiben +und die Gewerkschaften auf bürgerlichen Boden hinüberzulocken.</p> + +<p>Im engen Zusammenhang mit diesen theoretischen Tendenzen<span class='pagenum'><a name="Page_61" id="Page_61">[ 61]</a></span> +steht ein Umschwung im Verhältnis der Führer zur Masse. An +Stelle der kollegialen Leitung durch lokale Kommissionen mit ihren +zweifellosen Unzulänglichkeiten tritt die geschäftsmäßige Leitung des +Gewerkschaftsbeamten. Die Initiative und die Urteilsfähigkeit +werden damit sozusagen zu seiner Berufsspezialität, während der +Masse hauptsächlich die mehr passive Tugend der Disziplin obliegt. +Diese Schattenseiten des Beamtentums bergen sicherlich auch für die +Partei bedeutende Gefahren in sich, die sich aus der jüngsten Steuerung, +aus der Anstellung der lokalen Parteisekretäre, seht leicht ergeben +können, wenn die sozialdemokratische Masse nicht darauf bedacht +sein wird, dß die genannten Sekretäre reine Vollziehungsorgane +bleiben und nicht etwa als die berufenen Träger der Initiative und +der Leitung des lokalen Parteilebens betrachtet werden. Allein dem +Bureaukratismus sind in der Sozialdemokratie durch die Natur der +Sache, durch den Charakter des politischen Kampfes selbst engere +Grenzen gezogen, als im Gewerkschaftsleben. Hier bringt gerade +die technische Spezialisierung der Lohnkämpfe, z. B. der Abschluß +von komplizierten Tarifverträgen und dergleichen, mit sich, dß der +Masse der Organisierten häufig der »Überblick über das gesamte +Gewerbsleben« abgesprochen und damit ihre Urteilsunfähigkeit begründet +wird. Eine Blüte dieser Auffassung ist namentlich auch +die Argumentation, mit der jede theoretische Kritik an den Aussichten +und Möglichkeiten der Gewerkschaftspraxis verpönt wird, weil sie +angeblich eine Gefahr für die gewerkschaftsfromme Gesinnung der +Masse darstelle. Es wird dabei von der Ansicht ausgegangen, dß +die Arbeitermasse nur bei blindem, kindlichen Glauben an das Heil +des Gewerkschaftskampfes für die Organisation gewonnen und erhalten +werden könne. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die gerade +auf der Einsicht der Masse in die Widersprüche der bestehenden +Ordnung und in die ganze komplizierte Natur ihrer Entwicklung, +auf dem kritischen Verhalten der Masse zu allen Momenten und +Stadien des eigenen Klassenkampfes ihren Einfluß basiert, wird der +Einfluß und die Macht der Gewerkschaften nach dieser verkehrten +Theorie auf der Kritik- und Urteilslosigkeit der Masse gegründet. »Dem +Volke muß der Glaube erhalten werden« – dies der Grundsatz, aus +dem heraus manche Gewerkschaftsbeamten alle Kritik an den objektiven +Unzulänglichkeiten der Gewerkschaftsbewegung zu einem Attentat auf +diese Bewegung selbst stempeln. Und endlich ein Resultat dieser +Spezialisierung und dieses Bureaukratismus unter den Gewerkschaftsbeamten +ist auch die starke Verselbständigung und die »Neutralität« +der Gewerkschaften gegenüber der Sozialdemokratie. Die äußere +Selbständigkeit der gewerkschaftlichen Organisation hat sich mit ihrem +Wachstum als eine natürliche Bedingung ergeben, als ein Verhältnis, +das aus der technischen Arbeitsteilung zwischen der politischen und +der gewerkschaftlichen Kampfform erwächst. Die »Neutralität« der +deutschen Gewerkschaften kam ihrerseits als ein Produkt der +reaktionären Vereinsgesetzgebung, des preußisch-deutschen Polizeistaates +auf. Mit der Zeit haben beide Verhältnisse ihre Natur +geändert. Aus dem polizeilich erzwungenen Zustand der politischen +»Neutralität« der Gewerkschaften ist nachträglich eine Theorie ihrer<span class='pagenum'><a name="Page_62" id="Page_62">[ 62]</a></span> +freiwilligen Neutralität als einer angeblich in der Natur des +Gewerkschaftskampfes selbst begründeten Notwendigkeit zurechtgemacht +worden. Und die technische Selbständigkeit der Gewerkschaften, die +auf praktischer Arbeitsteilung innerhalb des einheitlichen sozialdemokratischen +Klassenkampfes beruhen sollte, ist in die Lostrennung +der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie, von ihren Ansichten +und von ihrer Führung, in die sogenannte »Gleichberechtigung« mit +der Sozialdemokratie umgewandelt.</p> + +<p>Dieser Schein der Lostrennung und der Gleichstellung der +Gewerkschaften mit der Sozialdemokratie wird aber hauptsächlich +in den Gewerkschaftsbeamten verkörpert, durch den Verwaltungsapparat +der Gewerkschaften genährt. Äußerlich ist durch die Nebenexistenz +eines ganzen Stabes von Gewerkschaftsbeamten, einer gänzlich +unabhängigen Zentrale, einer zahlreichen Berufspresse und endlich +der gewerkschaftlichen Kongresse der Schein einer völligen Parallelität +mit dem Verwaltungsapparat der Sozialdemokratie, dem Parteivorstand, +der Parteipresse und den Parteitagen geschaffen. Diese +Illusion der Gleichstellung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften +hat auch u. a. zu der monströsen Erscheinung geführt, dß +auf den sozialdemokratischen Parteitagen und den gewerkschaftlichen +Kongressen zum Teil ganz analoge Tagesordnungen behandelt und +zu derselben Frage verschiedene, ja, direkt entgegengesetzte Beschlüsse +gefßt werden. Aus der natürlichen Arbeitsteilung zwischen dem +Parteitag, der die allgemeinen Interessen und Aufgaben der Arbeiterbewegung +vertritt, und den Gewerkschaftskonferenzen, die das viel +engere Gebiet der speziellen Fragen und Interessen des beruflichen +Tageskampfes behandeln, ist der künstliche Zwiespalt zwischen einer +angeblichen gewerkschaftlichen und einer sozialdemokratischen Weltanschauung +in bezug auf <em class="gesperrt">dieselben</em> allgemeinen Fragen +und Interessen der Arbeiterbewegung konstruiert worden.</p> + +<p>So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, dß dieselbe +Gewerkschaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie unten, in der +breiten proletarischen Masse, vollständig eins ist, oben, in dem Verwaltungsüberbau, +von der Sozialdemokratie schroff abspringt und +sich ihr gegenüber als eine unabhängige zweite Großmacht aufrichtet. +Die deutsche Arbeiterbewegung bekommt dadurch die eigentümliche +Form einer Doppelpyramide, deren Basis und Körper aus einem +Massiv besteht, deren beide Spitzen aber weit auseinanderstehen.</p> + +<p>Es ist aus dem Dargelegten klar, auf welchem Wege allein in +natürlicher und erfolgreicher Weise jene kompakte Einheit der deutschen +Arbeiterbewegung geschaffen werden kann, die im Hinblick auf die +kommenden politischen Klassenkämpfe, sowie im eigenen Interesse der +weiteren Entwicklung der Gewerkschaften, unbedingt notwendig ist. +Nichts wäre verkehrter und hoffnungsloser, als die erstrebte Einheit +auf dem Wege sporadischer oder periodischer Verhandlungen über +Einzelfragen der Arbeiterbewegung zwischen der sozialdemokratischen +Parteileitung und der gewerkschaftlichen Zentrale herstellen zu wollen. +Gerade die obersten Organisationsspitzen der beiden Formen der +Arbeiterbewegung verkörpern, wie wir gesehen, ihre Trennung und +Verselbständigung in sich, sind also selbst Träger der Illusion von der +<span class='pagenum'><a name="Page_63" id="Page_63">[ 63]</a></span>»Gleichberechtigung« und der Parallelexistenz der Sozialdemokratie +und der Gewerkschaften. Die Einheit der beiden durch die Verbindung +des Parteivorstandes und der Generalkommission herstellen wollen, +hieße eine Brücke gerade dort bauen, wo der Abstand am weitesten +und der Übergang am schwersten ist. Nicht oben, in den Spitzen der +Organisationsleitungen und ihrem föderativen Bündnis, sondern unten +in der organisierten proletarischen Masse liegt die Gewähr für die +wirkliche Einheit der Arbeiterbewegung. Im Bewußtsein der Million +Gewerkschaftsmitglieder sind Partei und Gewerkschaften tatsächlich +<em class="gesperrt">Eins</em>, sie sind nämlich der <em class="gesperrt">sozialdemokratische</em> Emanzipationskampf +des Proletariats in verschiedenen Formen. Und daraus +ergibt sich auch von selbst die Notwendigkeit, zur Beseitigung +jener Reibungen, die sich zwischen der Sozialdemokratie und einem +Teil der Gewerkschaften ergeben haben, ihr gegenseitiges Verhältnis +dem Bewußtsein der proletarischen Masse anzupassen, d. h. <em class="gesperrt">die +Gewerkschaften der Sozialdemokratie wieder anzugliedern</em>. +Es wird damit nur die Synthese der tatsächlichen +Entwicklung zum Ausdruck gebracht, die es von der ursprünglichen +Inkorporation der Gewerkschaften zu ihrer Ablösung von der Sozialdemokratie +geführt hatte, um nachher durch die Periode des starken +Wachstums sowohl der Gewerkschaften wie der Sozialdemokratie die +kommende Periode großer proletarischer Massenkämpfe vorzubereiten, +damit aber die Wiedervereinigung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften +im Interesse beider zur Notwendigkeit zu machen.</p> + +<p>Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht etwa um die Auflösung +des jetzigen gewerkschaftlichen Aufbaues in der Partei, sondern +es handelt sich um die Herstellung jenes natürlichen Verhältnisses +zwischen der Leitung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, +zwischen Parteitagen und Gewerkschaftskongressen, die dem tatsächlichen +Verhältnis zwischen der Arbeiterbewegung im ganzen +und ihrer gewerkschaftlichen Teilerscheinung entspricht. Ein solcher +Umschwung wird, wie es nicht anders gehen kann, eine heftige +Opposition eines Teils der Gewerkschaftsführer hervorrufen. Allein +es ist hohe Zeit, dß die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre +Urteilsfähigkeit und Aktionsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen, und +damit ihre Reife für jene Zeiten großer Kämpfe und großer Aufgaben +darzutun, in denen sie, die Masse, der handelnde Chorus, die +Leitungen nur die »sprechenden Personen«, d. h., die Dolmetscher +des Massenwillens sein sollen.</p> + +<p>Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sich in den vollkommen +erklärlichen, aber irrtümlichen Illusionen einer Minderheit +der Gewerkschaftsführer spiegelt, sondern das, was im Bewußtsein der +großen Masse der für den Klassenkampf gewonnenen Proletarier lebt. +In diesem Bewußtsein ist die Gewerkschaftsbewegung ein Stück der +Sozialdemokratie. »Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.«</p> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Da das Vorhandensein einer solchen Tendenz innerhalb der deutschen +Sozialdemokratie gewöhnlich geleugnet wird, so muß man die Offenherzigkeit +begrüßen, mit der die opportunistische Richtung neulich ihre eigentlichen Ziele +und Wünsche formuliert hat. In einer Parteiversammlung in Mainz am 10. September +d. J. wurde folgende von Dr. <em class="gesperrt">David</em> vorgelegte Resolution angenommen: +</p><p> +»In der Erwägung, dß die sozialdemokratische Partei den Begriff »Revolution« +nicht im Sinne des gewaltsamen Umsturzes, sondern im friedlichen +Sinne der Entwicklung, d. h. der allmählichen Durchsetzung eines neuen Wirtschaftsprinzips, +auffßt, lehnt die Mainzer öffentliche Parteiversammlung jede +»Revolutionsromantik« ab. +</p><p> +»Die Versammlung sieht in der Eroberung der politischen Macht nichts +anderes als die Eroberung der Mehrheit des Volkes für die Ideen und Forderungen +der Sozialdemokratie; eine Eroberung, die nicht geschehen kann mit gewaltsamen +Mitteln, sondern nur durch die Revolutionierung der Köpfe auf dem +Wege der geistigen Propaganda und der praktischen Reformarbeit auf allen +Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens. +</p><p> +In der Überzeugung, dß die Sozialdemokratie weit besser gedeiht bei den +gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz, lehnt die Versammlung +die »<em class="gesperrt">direkte Massenaktion</em>« als taktisches Prinzip ab und hält +an dem Prinzip der <em class="gesperrt">parlamentarischen Reformation</em> fest, d. h., sie +wünscht, dß die Partei nach wie vor ernstlich bemüht ist, <em class="gesperrt">auf dem Wege der +Gesetzgebung und der organischen Entwicklung allmählich unsere +Ziele zu erreichen</em>. +</p><p> +Die fundamentale Voraussetzung dieser reformatorischen Kampfesmethode +ist freilich, dß die <em class="gesperrt">Möglichkeit der Anteilnahme der besitzlosen +Volksmasse an der Gesetzgebung</em> im Reiche und in den Einzelstaaten +nicht verkürzt, sondern bis zur <em class="gesperrt">vollen Gleichberechtigung</em> erneuert wird. +Aus diesem Grunde hält es die Versammlung für ein unbestreitbares Recht der +Arbeiterschaft, zur Abwehr von Attentaten auf ihre gesetzlichen Rechte sowie +zur Erringung weiterer Rechte, wenn alle anderen Mittel versagen, auch die +Arbeit für kürzere oder längere Dauer zu verweigern. +</p><p> +Da der politische Massenstreik aber nur dann siegreich für die Arbeiterschaft +durchgeführt werden kann, wenn er sich <em class="gesperrt">in streng gesetzlichen +Bahnen</em> hält und seitens der Streikenden kein berechtigter Anlß zum Eingreifen +der bewaffneten Macht geboten wird, so erblickt die Versammlung die +einzig notwendige und wirksame Vorbereitung auf den Gebrauch dieses Kampfmittels +in dem weiteren Ausbau der politischen, gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen +Organisation. Denn nur dadurch können die Voraussetzungen +in der breiten Volksmasse geschaffen werden, die den erfolgreichen Verlauf eines +Massenstreiks garantieren: zielbewußte Disziplin und einen geeigneten wirtschaftlichen +Rückhalt.«</p></div> + +<p> </p> + +<h3>Druck: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer & Co. in Hamburg.</h3> + +<div class="note">Anmerkungen zur Transkription:<br /><br /> + +Das Inhaltsverzeichnis wurde für die elektronische Fassung hinzugefügt.<br /><br /> +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.<br /><br /> +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr römische +Zahlen (in der elektronischen Fassung ohne Hervorhebung wiedergegeben) und einzelne +Wörter aus fremden Sprachen (hier kursiv). Gesperrt gesetzte Passagen sind in dieser +Form übernommen.<br /><br /> + +Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder Kleinschreibung von einigen Zahlwörtern, +Pronomina und Adjektiven sowie Schreibvarianten, insbesondere durch Rechtschreibreformen entstandene.<br /> +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by +Rosa Luxemburg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK *** + +***** This file should be named 31614-h.htm or 31614-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/1/6/1/31614/ + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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