diff options
Diffstat (limited to '31614-8.txt')
| -rw-r--r-- | 31614-8.txt | 3479 |
1 files changed, 3479 insertions, 0 deletions
diff --git a/31614-8.txt b/31614-8.txt new file mode 100644 index 0000000..4f30454 --- /dev/null +++ b/31614-8.txt @@ -0,0 +1,3479 @@ +The Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by +Rosa Luxemburg + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Massenstreik, Partei und Gewerkschaften + +Author: Rosa Luxemburg + +Release Date: March 12, 2010 [EBook #31614] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK *** + + + + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + + + + + + + Anmerkungen zur Transkription: + + Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + Nicht verändert wurde die uneinheitliche Groß- oder + Kleinschreibung von einigen Zahlwörtern, Pronomina und + Adjektiven sowie Schreibvarianten, insbesondere durch + Rechtschreibreformen entstandene. + + Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. + Im Original gesperrt gesetzter Text ist mit _ gekennzeichnet. + Im Original in Antiqua gesetzter Text ist mit # gekennzeichnet. + + + + + Massenstreik, Partei + und Gewerkschaften + + Von + + Rosa Luxemburg + + Im Auftrage des Vorstandes der sozialdemokratischen + Landesorganisation Hamburgs und + der Vorstände der sozialdemokratischen Vereine + von Altona, Ottensen und Wandsbek + + Verlag von Erdmann Dubber in Hamburg + 1906 + + + + +I. + + +Fast alle bisherigen Schriften und Äußerungen des internationalen +Sozialismus über die Frage des Massenstreiks datieren aus der Zeit _vor_ +der russischen Revolution, dem ersten geschichtlichen Experiment mit +diesem Kampfmittel auf größter Skala. Daher erklärt sich auch, daß sie +meistenteils antiquiert sind. In ihrer Auffassung stehen sie wesentlich +auf demselben Standpunkt wie Friedrich Engels, der 1873 in seiner Kritik +der Bakunistischen Revolutionsmacherei in Spanien schrieb: + +»Der allgemeine Streik ist im Bakunistischen Programm der Hebel, der zur +Einleitung der sozialen Revolution angesetzt wird. Eines schönen Morgens +legen alle Arbeiter aller Gewerke eines Landes oder gar der ganzen Welt +die Arbeit nieder und zwingen dadurch in längstens vier Wochen die +besitzenden Klassen, entweder zu Kreuze zu kriechen oder auf die +Arbeiter loszuschlagen, so daß diese dann das Recht haben, sich zu +verteidigen und bei dieser Gelegenheit die ganze alte Gesellschaft über +den Haufen zu werfen. Der Vorschlag ist weit entfernt davon, neu zu +sein; französische und nach ihnen belgische Sozialisten haben seit 1848 +dies Paradepferd stark geritten, das aber ursprünglich englischer Rasse +ist. Während der auf die Krise von 1837 folgenden raschen und heftigen +Entwicklung des Chartismus unter den englischen Arbeitern war schon 1839 +der »heilige Monat« gepredigt worden, die Arbeitseinstellung auf +nationalem Maßstab (siehe Engels: »Lage der arbeitenden Klasse«, zweite +Auflage, Seite 234), und hatte solchen Anklang gefunden, dass die +Fabrikarbeiter von Nordengland im Juli 1842 die Sache auszuführen +versuchten. -- Auch auf dem Genfer Allianzistenkongreß vom 1. September +1873 spielte der allgemeine Streik eine große Rolle, nur wurde allseitig +zugegeben, dass dazu eine vollständige Organisation der Arbeiterklasse +und eine gefüllte Kasse nötig sei. Und darin liegt eben der Haken. +Einerseits werden die Regierungen, besonders wenn man sie durch +politische Enthaltung ermutigt, weder die Organisation noch die Kasse +der Arbeiter je soweit kommen lassen, und anderseits werden die +politischen Ereignisse und die Übergriffe der herrschenden Klassen die +Befreiung der Arbeiter zu Wege bringen, lange bevor das Proletariat dazu +kommt, sich diese ideale Organisation und diesen kolossalen Reservefonds +anzuschaffen. Hätte es sie aber, so brauchte es nicht den Umweg des +allgemeinen Streiks, um zum Ziele zu gelangen.«[1] + +[Fußnote 1: Fr. Engels, Die Bakunisten an der Arbeit. Internationales +aus dem »Volksstaat«, S. 20.] + +Hier haben wir die Argumentation, die für die Stellungnahme der +internationalen Sozialdemokratie zum Massenstreik in den folgenden +Jahrzehnten maßgebend war. Sie ist ganz auf die anarchistische Theorie +des Generalstreiks zugeschnitten, d. h. auf die Theorie vom +Generalstreik als Mittel, die soziale Revolution einzuleiten, im +Gegensatz zum täglichen politischen Kampf der Arbeiterklasse, und +erschöpft sich in dem folgenden einfachen Dilemma: entweder ist das +gesamte Proletariat noch nicht im Besitz mächtiger Organisationen und +Kassen, dann kann es den Generalstreik nicht durchführen, oder es ist +bereits mächtig genug organisiert, dann braucht es den Generalstreik +nicht. Diese Argumentation ist allerdings so einfach und auf den ersten +Blick so unanfechtbar, daß sie ein Vierteljahrhundert lang der modernen +Arbeiterbewegung ausgezeichnete Dienste leistete, als logische Waffe +wider die anarchistischen Hirngespinnste und als Hülfsmittel, um die +Idee des politischen Kampfes in die weitesten Kreise der Arbeiterschaft +zu tragen. Die großartigen Fortschritte der Arbeiterbewegung in allen +modernen Ländern während der letzten 25 Jahre sind der glänzendste +Beweis für die von Marx und Engels im Gegensatz zum Bakunismus +verfochtene Taktik des politischen Kampfes, und die deutsche +Sozialdemokratie in ihrer heutigen Macht, in ihrer Stellung als Vorhut +der gesamten internationalen Arbeiterbewegung, ist nicht zum geringsten +das direkte Produkt der konsequenten und nachdrücklichen Anwendung +dieser Taktik. + +Die russische Revolution hat nun die obige Argumentation einer +gründlichen Revision unterzogen. Sie hat zum ersten Male in der +Geschichte der Klassenkämpfe eine grandiose Verwirklichung der Idee des +Massenstreiks und -- wie wir unten näher ausführen werden -- selbst des +Generalstreiks gezeitigt und damit eine neue Epoche in der Entwicklung +der Arbeiterbewegung eröffnet. Freilich folgt daraus nicht etwa, daß die +von Marx und Engels empfohlene Taktik des politischen Kampfes oder ihre +an dem Anarchismus geübte Kritik falsch war. Umgekehrt, es sind +dieselben Gedankengänge, dieselbe Methode, die der Marx-Engelschen +Taktik, die auch der bisherigen Praxis der deutschen Sozialdemokratie zu +grunde lagen, welche jetzt in der russischen Revolution ganz neue +Momente und neue Bedingungen des Klassenkampfes erzeugten. Die russische +Revolution, dieselbe Revolution, die die erste geschichtliche Probe auf +das Exempel des Massenstreiks bildet, bedeutet nicht bloß keine +Ehrenrettung für den Anarchismus, sondern sie bedeutet geradezu eine +_geschichtliche Liquidation des Anarchismus_. Das triste Dasein, wozu +diese Geistesrichtung von der mächtigen Entwicklung der Sozialdemokratie +in Deutschland in den letzten Jahrzehnten verurteilt war, mochte +gewissermaßen durch die ausschließliche Herrschaft und lange Dauer der +parlamentarischen Periode erklärt werden. Eine ganz auf das +»Losschlagen« und die »direkte Aktion« zugeschnittene, im nacktesten +Heugabelsinne »revolutionäre« Richtung mochte immerhin in der Windstille +des parlamentarischen Alltags nur zeitweilig verkümmern, um erst bei +einer Wiederkehr der direkten offenen Kampfperiode, bei einer +Straßenrevolution aufzuleben und ihre innere Kraft zu entfalten. Zumal +schien Rußland besonders dazu angetan, das Experimentierfeld für die +Heldentaten des Anarchismus zu werden. Ein Land, wo das Proletariat gar +keine politischen Rechte und eine äußerst schwache Organisation hatte, +ein buntes Durcheinander verschiedener Volksschichten mit sehr +verschiedenen, wirr durcheinanderlaufenden Interessen, geringe Bildung +der Volksmasse, dafür äußerste Bestialität in der Gewaltanwendung +seitens des herrschenden Regimes -- alles das schien wie geschaffen, um +den Anarchismus zu einer plötzlichen, wenn auch vielleicht kurzlebigen +Macht zu erheben. Und schließlich war Rußland die geschichtliche +Geburtsstätte des Anarchismus. Allein, das Vaterland Bakunins sollte für +seine Lehre zur Grabesstätte werden. Nicht bloß standen und stehen in +Rußland nicht die Anarchisten an der Spitze der Massenstreikbewegung; +nicht bloß liegt die ganze politische Führung der revolutionären Aktion +und auch des Massenstreiks in den Händen der sozialdemokratischen +Organisationen, die von den russischen Anarchisten als »bürgerliche +Partei« bitter bekämpft werden, oder zum Teil in den Händen solcher mehr +oder weniger von der Sozialdemokratie beeinflußten und sich ihr +annähernden sozialistischen Organisationen, wie die terroristische +Partei der »Sozialisten-Revolutionäre«, -- die Anarchisten existieren +als ernste politische Richtung überhaupt in der russischen Revolution +gar nicht. Nur in einer litauischen Kleinstadt mit besonders schwierigen +Verhältnissen -- bunte nationale Zusammenwürfelung der Arbeiter, +überwiegende Zersplitterung des Kleinbetriebs, sehr tiefstehendes +Proletariat --, in _Bialystok_, gibt es unter den sieben oder acht +verschiedenen revolutionären Gruppen auch ein Häuflein halbwüchsiger +»Anarchisten«, das die Konfusion und Verwirrung der Arbeiterschaft nach +Kräften fördert, und letzthin macht sich in _Moskau_ und vielleicht noch +in zwei bis drei Städten je ein Häuflein dieser Gattung bemerkbar. +Allein, was ist jetzt, abgesehen von diesen paar »revolutionären« +Gruppen, die eigentliche Rolle des Anarchismus in der russischen +Revolution? Er ist zum Aushängeschild für gemeine Diebe und Plünderer +geworden; unter der Firma des »Anarcho-Kommunismus« wird ein großer Teil +jener unzähligen Diebstähle und Plündereien bei Privatleuten ausgeübt, +die in jeder Periode der Depression, der momentanen Defensive der +Revolution wie eine trübe Welle emporkommen. Der Anarchismus ist in der +russischen Revolution nicht die Theorie des kämpfenden Proletariats, +sondern das ideologische Aushängeschild des kontrerevolutionären +Lumpenproletariats geworden, das wie ein Rudel Haifische hinter dem +Schlachtschiff der Revolution wimmelt. Und damit ist die geschichtliche +Laufbahn des Anarchismus wohl beendet. + +Auf der anderen Seite ist der Massenstreik in Rußland verwirklicht +worden nicht als ein Mittel, unter Umgehung des politischen Kampfes der +Arbeiterklasse und speziell des Parlamentarismus durch einen Theatercoup +plötzlich in die soziale Revolution hineinzuspringen, sondern als ein +Mittel, erst die Bedingungen des täglichen politischen Kampfes und +insbesondere des Parlamentarismus für das Proletariat zu schaffen. Der +revolutionäre Kampf in Rußland, in dem die Massenstreiks als die +wichtigste Waffe zur Anwendung kommen, wird von dem arbeitenden Volke +und in erster Reihe vom Proletariat gerade um dieselben politischen +Rechte und Bedingungen geführt, deren Notwendigkeit und Bedeutung im +Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse Marx und Engels zuerst +nachgewiesen und im Gegensatz zum Anarchismus in der Internationale mit +aller Macht verfochten haben. So hat die geschichtliche Dialektik, der +Fels, auf dem die ganze Lehre des Marxschen Sozialismus beruht, es mit +sich gebracht, daß heute der Anarchismus, mit dem die Idee des +Massenstreiks unzertrennlich verknüpft war, zu der Praxis des +Massenstreiks selbst in einen Gegensatz gerathen ist, während umgekehrt +der Massenstreik, der als der Gegensatz zur politischen Betätigung des +Proletariats bekämpft wurde, heute als die mächtigste Waffe des +politischen Kampfes um politische Rechte erscheint. Wenn also die +russische Revolution eine gründliche Revision des alten Standpunkts des +Marxismus zum Massenstreik erforderlich macht, so ist es wieder nur der +Marxismus, dessen allgemeine Methoden und Gesichtspunkte dabei in neuer +Gestalt den Sieg davontragen. Moors Geliebte kann nur durch Moor +sterben. + + + + +II. + + +Die erste Revision, die sich aus den Ereignissen in Rußland für die +Frage vom Massenstreik ergibt, bezieht sich auf die allgemeine +_Auffassung_ des Problems. Bis jetzt stehen sowohl die eifrigen +Befürworter eines »Versuchs mit dem Massenstreik« in Deutschland von der +Art Bernsteins, Eisners usw., wie auch die strikten Gegner eines solchen +Versuchs, wie sie im gewerkschaftlichen Lager z. b. durch Bömelburg +vertreten sind, im grunde genommen auf dem Boden derselben, und zwar der +anarchistischen Auffassung. Die scheinbaren Gegenpole schließen sich +nicht bloß gegenseitig aus, sondern, wie stets, bedingen auch und +ergänzen zugleich einander. Für die anarchistische Denkweise ist nämlich +die Spekulation direkt auf den »großen Kladderadatsch«, auf die soziale +Revolution nur ein äußeres und unwesentliches Merkmal. Wesentlich ist +dabei die ganze abstrakte, unhistorische Betrachtung des Massenstreiks, +wie überhaupt aller Bedingungen des proletarischen Kampfes. Für den +Anarchisten existieren als stoffliche Voraussetzungen seiner +»revolutionären« Spekulationen lediglich zwei Dinge: zunächst die blaue +Luft und dann der gute Wille und der Mut, die Menschheit aus dem +heutigen kapitalistischen Jammertal zu erretten. In der blauen Luft +ergab sich aus dem Raisonnement schon vor 60 Jahren, dass der +Massenstreik das kürzeste, sicherste und leichteste Mittel ist, um den +Sprung ins bessere soziale Jenseits auszuführen. In derselben blauen +Luft ergibt sich neuerdings aus der Spekulation, dass der +gewerkschaftliche Kampf die einzige wirkliche »direkte Aktion der +Massen« und also der einzige revolutionäre Kampf ist -- dies bekanntlich +die neueste Schrulle der französischen und italienischen +»Syndikalisten«. Das Fatale für den Anarchismus war dabei stets, daß +die in der blauen Luft improvisierten Kampfmethoden nicht bloß eine +Rechnung ohne den Wirt, das heißt reine Utopien waren, sondern daß sie, +weil sie eben mit der verachteten, schlechten Wirklichkeit gar nicht +rechneten, in dieser schlechten Wirklichkeit meistens aus revolutionären +Spekulationen unversehens zu praktischen Helferdiensten für die Reaktion +wurden. + +Auf demselben Boden der abstrakten, unhistorischen Betrachtungsweise +stehen aber heute diejenigen, die den Massenstreik nächstens in +Deutschland auf dem Wege eines Vorstandsbeschlusses auf einen bestimmten +Kalendertag ansetzen möchten, wie auch diejenigen, die, wie die +Teilnehmer des Kölner Gewerkschaftskongresses, durch ein Verbot des +»Propagierens« das Problem des Massenstreiks aus der Welt schaffen +wollen. Beide Richtungen gehen von der gemeinsamen, rein anarchistischen +Vorstellung aus, daß der Massenstreik ein bloßes technisches Kampfmittel +ist, das nach Belieben und nach bestem Wissen und Gewissen »beschlossen« +oder auch »verboten« werden könne, eine Art Taschenmesser, das man in +der Tasche »für alle Fälle« zusammengeklappt bereit halten oder auch +nach Beschluß aufklappen und gebrauchen kann. Zwar nehmen gerade die +Gegner des Massenstreiks für sich das Verdienst in Anspruch, den +geschichtlichen Boden und die materiellen Bedingungen der heutigen +Situation in Deutschland in Betracht zu ziehen, im Gegensatz zu den +»Revolutionsromantikern«, die in der Luft schweben und partout nicht mit +der harten Wirklichkeit und ihren Möglichkeiten und Unmöglichkeiten +rechnen wollen. »Tatsachen und Zahlen, Zahlen und Tatsachen!« rufen sie +wie Mr. Gradgrind in Dickens' »Harte Zeiten«. Was die gewerkschaftlichen +Gegner des Massenstreiks unter »geschichtlichem Boden« und »materiellen +Bedingungen« verstehen, sind zweierlei Momente: einerseits die Schwäche +des Proletariats, anderseits die Kraft des preußisch-deutschen +Militarismus. Die ungenügenden Arbeiterorganisationen und Kassenbestände +und die imponierenden preußischen Bajonette, das sind die »Tatsachen und +Zahlen«, auf denen diese gewerkschaftlichen Führer ihre praktische +Politik im gegebenen Falle basieren. Nun sind freilich gewerkschaftliche +Kassen sowie preußische Bajonette zweifellos sehr materielle und auch +sehr historische Erscheinungen, allein die darauf basierte Auffassung +ist kein historischer Materialismus im Sinne von Marx, sondern ein +polizeilicher Materialismus im Sinne Puttkamers. Auch die Vertreter des +kapitalistischen Polizeistaats rechnen sehr, und zwar ausschließlich mit +der jeweiligen tatsächlichen Macht des organisierten Proletariats, sowie +mit der materiellen Macht der Bajonette, und aus dem vergleichenden +Exempel dieser beiden Zahlenreihen wird noch immer der beruhigende +Schluß gezogen: die revolutionäre Arbeiterbewegung wird von einzelnen +Wühlern und Hetzern erzeugt, #ergo# haben wir in den Gefängnissen und +den Bajonetten ein ausreichendes Mittel, um der unliebsamen +»vorübergehenden Erscheinung« Herr zu werden. + +Die klassenbewußte deutsche Arbeiterschaft hat längst das Humoristische +der polizeilichen Theorie begriffen, als sei die ganze moderne +Arbeiterbewegung ein künstliches, willkürliches Produkt einer handvoll +gewissenloser »Wühler und Hetzer«. + +Es ist aber genau dieselbe Auffassung, die darin zum Ausdruck kommt, +wenn sich ein paar brave Genossen zu einer freiwilligen +Nachtwächterkolonne zusammentun, um die deutsche Arbeiterschaft vor dem +gefährlichen Treiben einiger »Revolutionsromantiker« und ihrer +»Propaganda des Massenstreiks« zu warnen; oder wenn auf der anderen +Seite eine larmoyante Entrüstungskampagne von denjenigen inszeniert +wird, die sich durch irgendwelche »vertraulichen« Abmachungen des +Parteivorstandes mit der Generalkommission der Gewerkschaften um den +Ausbruch des Massenstreiks in Deutschland betrogen glauben. Käme es auf +die zündende »Propaganda« der Revolutionsromantiker oder auf +vertrauliche oder öffentliche Beschlüsse der Parteileitungen an, dann +hätten wir bis jetzt in Rußland keinen einzigen ernsten Massenstreik. In +keinem Lande dachte man -- wie ich bereits im März 1905 in der »Sächs. +Arbeiterzeitung« hervorgehoben habe -- so wenig daran, den Massenstreik +zu »propagieren« oder selbst zu »diskutieren« wie in Rußland. Und die +vereinzelten Beispiele von Beschlüssen und Abmachungen des russischen +Parteivorstandes, die wirklich den Massenstreik aus freien Stücken +proklamieren sollten, wie z. B. der letzte Versuch im August dieses +Jahres nach der Duma-Auflösung, sind fast gänzlich gescheitert. Wenn uns +also die russische Revolution etwas lehrt, so ist es vor allem, daß der +Massenstreik nicht künstlich »gemacht«, nicht ins Blaue hinein +»beschlossen«, nicht »propagiert« wird, sondern daß er eine historische +Erscheinung ist, die sich in gewissem Moment aus den sozialen +Verhältnissen mit geschichtlicher Notwendigkeit ergibt. + +Nicht durch abstrakte Spekulationen also über die Möglichkeit oder +Unmöglichkeit, den Nutzen oder die Schädlichkeit des Massenstreiks, +sondern durch die Erforschung derjenigen Momente und derjenigen sozialen +Verhältnisse, aus denen der Massenstreik in der gegenwärtigen Phase des +Klassenkampfes erwächst, mit anderen Worten: nicht durch _subjektive +Beurteilung_ des Massenstreiks vom Standpunkte des Wünschbaren, sondern +durch _objektive Untersuchung_ der Quellen des Massenstreiks vom +Standpunkte des geschichtlich Notwendigen kann das Problem allein erfaßt +und auch diskutiert werden. + +In der freien Luft der abstrakten logischen Analyse läßt sich die +absolute Unmöglichkeit und die sichere Niederlage, sowie die vollkommene +Möglichkeit und der zweifellose Sieg des Massenstreiks mit genau +derselben Kraft beweisen. Und deshalb ist der Wert der Beweisführung in +beiden Fällen derselbe, nämlich gar keiner. Daher ist auch insbesondere +die Furcht vor dem »Propagieren« des Massenstreiks, die sogar zu +förmlichen Bannflüchen gegen die vermeintlichen Schuldigen dieses +Verbrechens geführt hat, lediglich das Produkt eines drolligen +Quiproquo. Es ist genau so unmöglich, den Massenstreik als abstraktes +Kampfmittel zu »propagieren«, wie es unmöglich ist, die »Revolution« zu +propagieren. »Revolution« wie »Massenstreik« sind Begriffe, die selbst +bloß eine äußere Form des Klassenkampfes bedeuten, die nur im +Zusammenhang mit ganz bestimmten politischen Situationen Sinn und Inhalt +haben. + +Wollte es jemand unternehmen, den Massenstreik überhaupt als eine Form +der proletarischen Aktion zum Gegenstand einer regelrechten Agitation zu +machen, mit dieser »Idee« hausieren zu gehen, um für sie die +Arbeiterschaft nach und nach zu gewinnen, so wäre das eine ebenso müßige +aber auch ebenso öde und abgeschmackte Beschäftigung, wie wenn jemand +die Idee der Revolution oder des Barrikadenkampfes zum Gegenstand einer +besonderen Agitation machen wollte. Der Massenstreik ist jetzt zum +Mittelpunkt des lebhaften Interesses der deutschen und der +internationalen Arbeiterschaft geworden, weil er eine neue Kampfform und +als solche das sichere Symptom eines tiefgehenden inneren Umschwunges in +den Klassenverhältnissen und den Bedingungen des Klassenkampfes +bedeutet. Es zeugt von dem gesunden revolutionären Instinkt und der +lebhaften Intelligenz der deutschen Proletariermasse, daß sie sich -- +ungeachtet des hartnäckigen Widerstandes ihrer Gewerkschaftsführer -- +mit so warmem Interesse dem neuen Problem zuwendet. Allein diesem +Interesse, dem edlen intellektuellen Durst und revolutionären Tatendrang +der Arbeiter kann man nicht dadurch entsprechen, daß man sie mit +abstrakter Hirngymnastik über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des +Massenstreiks traktiert, sondern dadurch, daß man ihnen die Entwicklung +der russischen Revolution, die internationale Bedeutung dieser +Revolution, die Verschärfung der Klassengegensätze in Westeuropa, die +weiteren politischen Perspektiven des Klassenkampfes in Deutschland, die +Rolle und die Aufgaben der Masse in den kommenden Kämpfen klar macht. +Nur in dieser Form wird die Diskussion über den Massenstreik dazu +führen, den geistigen Horizont des Proletariats zu erweitern, sein +Klassenbewußtsein zu schärfen, seine Denkweise zu vertiefen und seine +Tatkraft zu stählen. + +Steht man aber auf diesem Standpunkte, dann erscheint in seiner ganzen +Lächerlichkeit auch der Strafprozeß, der von den Gegnern der +»Revolutionsromantik« gemacht wird, weil man sich bei der Behandlung des +Problems nicht genau an den Wortlaut der Jenaer Resolution halte. Mit +dieser Resolution geben sich die »praktischen Politiker« allenfalls noch +zufrieden, weil sie den Massenstreik hauptsächlich mit den Schicksalen +des allgemeinen Wahlrechts verkoppelt, woraus sie zweierlei folgern zu +können glauben: erstens, daß dem Massenstreik ein rein defensiver +Charakter bewahrt, zweitens, daß der Massenstreik selbst dem +Parlamentarismus untergeordnet, in ein bloßes Anhängsel des +Parlamentarismus verwandelt wird. Der wahre Kern der Jenaer Resolution +liegt aber in dieser Beziehung darin, daß bei der gegenwärtigen Lage in +Deutschland ein Attentat der herrschenden Reaktion auf das +Reichstagswahlrecht höchst wahrscheinlich das Einleitungsmoment und das +Signal zu jener Periode stürmischer politischer Kämpfe abgeben dürfte, +in denen der Massenstreik als Kampfmittel in Deutschland wohl zuerst +in Anwendung kommen wird. Allein die soziale Tragweite und den +geschichtlichen Spielraum des Massenstreiks als Erscheinung und +als Problem des Klassenkampfes durch den Wortlaut einer +Parteitagsresolution einengen und künstlich abstecken zu wollen, ist +ein Unternehmen, das an Kurzsichtigkeit jenem Diskussionsverbot des +Kölner Gewerkschaftskongresses gleichkommt. In der Resolution des Jenaer +Parteitages hat die deutsche Sozialdemokratie von dem durch die +russische Revolution in den internationalen Bedingungen des +proletarischen Klassenkampfes vollzogenen tiefen Umschwung offiziell Akt +genommen und ihre revolutionäre Entwicklungsfähigkeit, ihre +Anpassungsfähigkeit an die neuen Anforderungen der kommenden Phase der +Klassenkämpfe bekundet. Darin liegt die Bedeutung der Jenaer Resolution. +Was die praktische Anwendung des Massenstreiks in Deutschland betrifft, +darüber wird die Geschichte entscheiden, wie sie darüber in Rußland +entschieden hat, die Geschichte, in der die Sozialdemokratie mit ihren +Entschlüssen allerdings ein wichtiger Faktor, aber bloß _ein_ Faktor +unter vielen ist. + + + + +III. + + +Der Massenstreik, wie er meistens in der gegenwärtigen Diskussion in +Deutschland vorschwebt, ist eine sehr klar und einfach gedachte, scharf +umrissene Einzelerscheinung. Es wird ausschließlich vom politischen +Massenstreik gesprochen. Es wird dabei an einen einmaligen grandiosen +Ausstand des Industrieproletariats gedacht, der aus einem politischen +Anlaß von höchster Tragweite unternommen, und zwar auf Grund einer +rechtzeitigen gegenseitigen Verständigung der Partei- und der +gewerkschaftlichen Instanzen unternommen, dann im Geiste der Disziplin +in größter Ordnung durchgeführt und in noch schönster Ordnung auf +rechtzeitig gegebene Losung der leitenden Instanzen abgebrochen wird, +wobei die Regelung der Unterstützungen, der Kosten, der Opfer, mit einem +Wort die ganze materielle Bilanz des Massenstreiks im voraus genau +bestimmt wird. + +Wenn wir nun dieses theoretische Schema mit dem wirklichen Massenstreik +vergleichen, wie er in Rußland seit fünf Jahren auftritt, so müssen wir +sagen, daß der Vorstellung, die in der deutschen Diskussion im +Mittelpunkt steht, fast kein einziger von den vielen Massenstreiks +entspricht, die stattgefunden haben, und daß anderseits die +Massenstreiks in Rußland eine solche Mannigfaltigkeit der +verschiedensten Spielarten aufweisen, daß es ganz unmöglich ist, von +»dem« Massenstreik, von einem abstrakten schematischen Massenstreik zu +sprechen. Alle Momente des Massenstreiks sowie sein Charakter sind nicht +bloß verschieden in verschiedenen Städten und Gegenden des Reiches, +sondern vor allem hat sich ihr allgemeiner Charakter mehrmals im Laufe +der Revolution geändert. Die Massenstreiks haben in Rußland eine +bestimmte Geschichte durchgemacht, und sie machen sie noch weiter durch. +Wer also vom Massenstreik in Rußland redet, muß vor allem seine +Geschichte ins Auge fassen. + +Die jetzige sozusagen offizielle Periode der russischen Revolution wird +mit vollem Recht von der Erhebung des Petersburger Proletariats am 22. +Januar 1905, von jenem Zuge der 200 000 Arbeiter vor das Zarenschloß +datiert, der mit einem furchtbaren Blutbade endete. Das blutige Massacre +in Petersburg war bekanntlich das Signal zum Ausbruch der ersten +Riesenserie von Massenstreiks, die sich binnen weniger Tage über das +gesamte Rußland gewälzt und den Sturmruf der Revolution aus Petersburg +in alle Winkel des Reiches und in die breitesten Schichten des +Proletariats getragen haben. Die Petersburger Erhebung vom 22. Januar +war aber auch nur der äußerste Moment eines Massenstreiks, der vorher +das Proletariat der Zarenhauptstadt im Januar 1905 ergriffen hatte. +Dieser Januar-Massenstreik in Petersburg spielte sich nun zweifellos +unter dem unmittelbaren Eindruck jenes riesenhaften Generalstreiks ab, +der kurz vorher, im Dezember 1904, im Kaukasus, in Baku, ausgebrochen +war und eine Weile lang ganz Rußland im Atem hielt. Die +Dezemberereignisse in Baku waren aber ihrerseits nichts anderes, als an +letzter und kräftiger Ausläufer jener gewaltigen Massenstreiks, die wie +ein periodisches Erdbeben in den Jahren 1903 und 1904 ganz Südrußland +erschütterten und deren Prolog der Massenstreik in Batum (im Kaukasus) +im März 1902 war. Diese erste Massenstreikbewegung in der fortlaufenden +Kette der jetzigen revolutionären Eruptionen ist endlich nur um fünf bis +sechs Jahre von dem großen Generalstreik der Petersburger Textilarbeiter +in den Jahren 1896 und 1897 entfernt, und wenn diese Bewegung äußerlich +von der heutigen Revolution durch einige Jahre scheinbaren Stillstands +und starrer Reaktion getrennt scheint, so wird doch jeder, der die +innere politische Entwicklung des russischen Proletariats bis zu der +heutigen Stufe seines Klassenbewußtseins und seiner revolutionären +Energie kennt, die Geschichte der jetzigen Periode der Massenkämpfe mit +jenen Petersburger Generalstreiks beginnen. Sie sind für das Problem des +Massenstreiks schon deshalb wichtig, weil sie bereits alle Hauptmomente +der späteren Massenstreiks im Keime enthalten. + +Zunächst erscheint der Petersburger Generalstreik des Jahres 1896 als +ein rein ökonomischer partieller Lohnkampf. Seine Ursachen waren die +unerträglichen Arbeitsbedingungen der Spinner und Weber Petersburgs: +eine 13-, 14- und 15stündige Arbeitszeit, erbärmliche Akkordlöhne und +eine ganze Musterkarte nichtswürdiger Unternehmerschikanen. Allein diese +Lage ertrugen die Textilarbeiter lange geduldig, bis ein scheinbar +winziger Umstand das Maß zum Überlaufen gebracht hat. Im Jahre 1896 im +Mai wurde nämlich die zwei Jahre lang aus Angst vor den Revolutionären +hinausgeschobene Krönung des heutigen Zaren Nikolaus II. abgehalten, +und aus diesem Anlaß bezeugten die Petersburger Unternehmer ihren +patriotischen Eifer dadurch, dass sie ihren Arbeitern drei Tage +Zwangsferien auferlegten, wobei sie jedoch merkwürdigerweise für diese +Tage die Löhne nicht auszahlen wollten. Die dadurch aufgebrachten +Textilarbeiter kamen in Bewegung. Nach einer Beratung von za. 800 der +aufgeklärtesten Arbeiter im Jekaterinenhofer Garten wurde der Streik +beschlossen und die Forderungen formuliert: 1. Auszahlung der Löhne für +die Krönungstage; 2. zehneinhalbstündige Arbeitszeit; 3. Erhöhung der +Akkordlöhne. Dies geschah am 24. Mai. Nach einer Woche standen +_sämtliche_ Webereien und Spinnereien still, und 40 000 Arbeiter waren +im Generalstreik. Heute mag dieses Ereignis, an den gewaltigen +Massenstreiks der Revolution gemessen, als eine Kleinigkeit erscheinen. +In der politischen Eisstarre des _damaligen_ Rußlands war ein +Generalstreik etwas Unerhörtes, er war selbst eine ganze Revolution im +kleinen. Es begannen selbstverständlich die brutalsten Verfolgungen, za. +1000 Arbeitet wurden verhaftet und nach der Heimat abgeschoben, und der +Generalstreik wurde unterdrückt. + +Bereits hier sehen wir alle Grundzüge der späteren Massenstreiks. Der +nächste Anlaß der Bewegung war ein ganz zufälliger, ja untergeordneter, +ihr Ausbruch ein elementarer; aber in dem Zustandekommen der Bewegung +zeigten sich die Früchte der mehrjährigen Agitation der +Sozialdemokratie, und im Laufe des Generalstreiks standen die +sozialdemokratischen Agitatoren an der Spitze der Bewegung, leiteten und +benutzten sie zur regen revolutionären Agitation. Ferner: Der Streik war +äußerlich ein bloßer ökonomischer Lohnkampf, allein die Stellung der +Regierung sowie die Agitation der Sozialdemokratie haben ihn zu einer +politischen Erscheinung ersten Ranges gemacht. Und endlich: Der Streik +wurde unterdrückt, die Arbeiter erlitten eine »Niederlage«. Aber bereits +im Januar des folgenden Jahres, 1897, wiederholten die Petersburger +Textilarbeiter nochmals den Generalstreik und errangen diesmal +einen hervorragenden Erfolg: die gesetzliche Einführung des +elfeinhalbstündigen Arbeitstages in ganz Rußland. Was jedoch ein viel +wichtigeres Ergebnis war: seit jenem ersten Generalstreik des Jahres +1896, der ohne eine Spur von Organisation und von Streikkassen +unternommen war, beginnt im eigentlichen Rußland ein intensiver +gewerkschaftlicher Kampf, der sich bald aus Petersburg auf das übrige +Land verbreitet und der sozialdemokratischen Agitation und Organisation +ganz neue Aussichten eröffnet, damit aber in der scheinbaren +Kirchhofsruhe der folgenden Periode durch unsichtbare Maulwurfsarbeit +die proletarische Revolution vorbereitet. + +Der Ausbruch des kaukasischen Streiks im März des Jahres 1902 war +anscheinend ebenso zufällig und von rein ökonomischen, partiellen, wenn +auch ganz anderen Momenten erzeugt, wie jener vom Jahre 1896. Er hängt +mit der schweren Industrie- und Handelskrise zusammen, die in Rußland +die Vorgängerin des japanischen Krieges und mit ihm zusammen der +mächtigste Faktor der beginnenden revolutionären Gährung war. Die Krise +erzeugte eine enorme Arbeitslosigkeit, die in der proletarischen Masse +die Agitation nährte, deshalb unternahm es die Regierung, zur Beruhigung +der Arbeiterklasse die »überflüssigen Hände« nach ihren entsprechenden +Heimatsorten per Schub zu transportieren. Eine solche Maßnahme eben, die +za. 400 Petroleumarbeiter betreffen sollte, rief in Batum einen +Massenprotest hervor, der zu Demonstrationen, Verhaftungen, einem +Massacre und schließlich zu einem politischen Prozeß führte, in dem +plötzlich die rein ökonomische, partielle Angelegenheit zum politischen +und revolutionären Ereignis wurde. Der Widerhall des ganz »resultatlos« +verlaufenen und niedergeschlagenen Streiks in Batum war eine Reihe +revolutionärer Massendemonstrationen der Arbeiter in Nischni-Nowgorod, +in Saratow, in anderen Städten, also ein kräftiger Vorstoß für die +allgemeine Welle der revolutionären Bewegung. + +Bereits im November 1902 folgt der erste echt revolutionäre Nachhall in +Gestalt eines Generalstreiks in _Rostow_ am Don. Den Anstoß zu dieser +Bewegung gaben Lohndifferenzen in den Werkstätten der Wladikaukasischen +Eisenbahn. Die Verwaltung wollte die Löhne herabsetzen, darauf gab das +Donsche Komitee der Sozialdemokratie einen Aufruf heraus, mit der +Aufforderung zum Streik um folgende Forderungen: Neunstundentag, +Lohnaufbesserung, Abschaffung der Strafen, Entlassung unbeliebter +Ingenieure &c. Sämtliche Eisenbahnwerkstätten traten in den Ausstand. +Ihnen schlossen sich alsbald alle anderen Berufe an, und plötzlich +herrschte in Rostow ein nie dagewesener Zustand: jede gewerbliche Arbeit +ruht, dafür werden Tag für Tag Monstre-Meetings von 15 000 bis 20 000 +Arbeitern im Freien abgehalten, manchmal umzingelt von einem Kordon +Kosaken, wobei zum ersten Male sozialdemokratische Volksredner offen +auftreten, zündende Reden über Sozialismus und politische Freiheit +gehalten und mit ungeheurer Begeisterung aufgenommen, revolutionäre +Aufrufe in Zehntausenden von Exemplaren verbreitet werden. Mitten in dem +starren absolutistischen Rußland erobert das Proletariat Rostows zum +ersten Male sein Versammlungsrecht, seine Redefreiheit im Sturm. +Freilich geht es auch hier nicht ohne ein Massacre ab. Die +Lohndifferenzen der Wladikaukasischen Eisenbahnwerkstätten haben sich in +wenigen Tagen zu einem politischen Generalstreik und zu einer +revolutionären Straßenschlacht ausgewachsen. Als Nachklang erfolgte +sofort noch ein Generalstreik auf der Station _Tichoretzkaja_ derselben +Eisenbahnlinie. Auch hier kam es zu einem Massacre, ferner zu einem +Prozeß, und auch Tichoretzkaja hat sich als Episode gleichfalls in die +unzertrennliche Kette der Revolutionsmomente eingeflochten. + +Der Frühling 1903 gibt die Antwort auf die niedergeschlagenen Streiks in +Rostow und Tichoretzkaja: der ganze Süden Rußlands steht im Mai, Juni +und Juli in Flammen. _Baku_, _Tiflis_, _Batum_, _Jelissawetgrad_, +_Odessa_, _Kijew_, _Nikolajew_, _Jekaterinoslaw_ stehen im Generalstreik +im buchstäblichen Sinne. Aber auch hier entsteht die Bewegung nicht nach +irgend einem vorgefaßten Plan aus einem Zentrum, sie fließt zusammen aus +einzelnen Punkten, in jedem aus anderen Anlässen, in anderen Formen. Den +Anfang macht _Baku_, wo mehrere partielle Lohnkämpfe einzelner Fabriken +und Branchen endlich in einen Generalstreik ausmünden. In _Tiflis_ +beginnen den Streik 2000 Handelsangestellte, die eine Arbeitszeit von 6 +Uhr Morgens bis 11 Uhr Abends hatten; sie verlassen alle am 4. Juli um 8 +Uhr Abends die Läden und machen einen Umzug durch die Stadt, um die +Ladeninhaber zur Schließung der Geschäfte aufzufordern. Der Sieg ist ein +vollständiger: die Handelsangestellten erringen eine Arbeitszeit von 8 +bis 8 und ihnen schließen sich sofort alle Fabriken, Werkstätten, +Bureaux an. Die Zeitungen erscheinen nicht, der Trambahnverkehr kann nur +unter dem Schutze des Militärs stattfinden. -- In _Jelissawetgrad_ +beginnt am 10. Juli in allen Fabriken der Streik mit rein ökonomischen +Forderungen. Sie werden meistens bewilligt, und am 14. Juli hört der +Streik auf. Allein zwei Wochen später bricht er wieder aus; diesmal +geben die Bäcker die Parole, ihnen folgen die Steinarbeiter, Tischler, +Färber, Mühlenarbeiter und schließlich wieder alle Fabrikarbeiter. -- In +_Odessa_ beginnt die Bewegung mit einem Lohnkampfe, in den der von +Regierungsagenten nach dem Programm des berühmten Gendarmen _Subatow_ +gegründete »legale« Arbeiterverein verwickelt wurde. Die geschichtliche +Dialektik hat wieder Gelegenheit genommen, einen ihrer hübschen +boshaften Streiche auszuführen: Die ökonomischen Kämpfe der früheren +Periode -- darunter der große Petersburger Generalstreik von 1896 -- +hatten die russische Sozialdemokratie zur Übertreibung des sogen. +»Ökonomismus« verleitet, wodurch sie in der Arbeiterschaft für das +demagogische Treiben des Subatow den Boden bereitet hatte. Nach einer +Weile drehte aber der große revolutionäre Strom das Schifflein mit der +falschen Flagge um und zwang es, gerade an der Spitze der revolutionären +proletarischen Flottille zu schwimmen. Die Subatowschen Vereine gaben im +Frühling 1904 die Parole zu dem großen Generalstreik in Odessa, wie im +Januar 1905 zu dem Generalstreik in Petersburg. Die Arbeiter in Odessa, +die in den Wahn von der aufrichtigen Arbeiterfreundlichkeit der +Regierung und ihrer Sympathie für rein ökonomischen Kampf gewiegt +wurden, wollten plötzlich eine Probe aufs Exempel machen und zwangen den +Subatowschen »Arbeiterverein«, in einer Fabrik den Streik um +bescheidenste Forderungen zu erklären. Sie wurden darauf vom Unternehmer +einfach aufs Pflaster gesetzt, und als sie von dem Leiter ihres Vereins +den versprochenen obrigkeitlichen Schutz forderten, verduftete der Herr +und ließ die Arbeiter in wilder Gärung zurück. Alsbald stellten sich die +Sozialdemokraten an die Spitze und die Streikbewegung sprang auf andere +Fabriken über. Am 1. Juli streiken 2500 Eisenbahnarbeiter, am 4. Juli +treten die Hafenarbeiter in den Streik um eine Erhöhung der Löhne von 80 +Kopeken auf 2 Rubel und Verkürzung der Arbeitszeit um eine halbe Stunde. +Am 6. Juli schließen sich die Seeleute der Bewegung an. Am 13. Juli +beginnt der Ausstand des Trambahnpersonals. Nun findet eine Versammlung +sämtlicher Streikenden, 7-8000 Mann, statt; es bildet sich ein Zug, der +von Fabrik zu Fabrik geht und, lawinenartig anwachsend, schon als eine +40-50 000köpfige Menge sich zum Hafen begibt, um hier jede Arbeit zum +Stillstand zu bringen. Bald herrscht in der ganzen Stadt der +Generalstreik. -- _In Kijew_ beginnt am 21. Juli der Ausstand in den +Eisenbahnwerkstätten. Auch hier ist der nächste Anlaß miserable +Arbeitsbedingungen, und es werden Lohnforderungen aufgestellt. Am +anderen Tage folgen dem Beispiel die Gießereien. Am 23. Juli passiert +darauf ein Zwischenfall, der das Signal zum Generalstreik gibt. In der +Nacht wurden zwei Delegierte der Eisenbahnarbeiter verhaftet; die +Streikenden fordern sofort ihre Freilassung, und als dies nicht erfüllt +wird, beschließen sie, die Eisenbahnzüge nicht aus der Stadt +herauszulassen. Am Bahnhof setzen sich auf den Schienenstrang sämtliche +Streikende mit Weib und Kind -- ein Meer von Menschenköpfen. Man droht +mit Gewehrsalven. Die Arbeiter entblößen darauf ihre Brust und rufen: +»Schießt!« Eine Salve wird auf die wehrlose, sitzende Menge abgefeuert +und 30-40 Leichen, darunter Frauen und Kinder, bleiben auf dem Platze +liegen. Auf diese Kunde erhebt sich am gleichen Tage ganz Kijew zum +Streik. Die Leichen der Ermordeten werden von der Menge emporgehoben und +in einem Massenzug herumgetragen. Versammlungen, Reden, Verhaftungen, +einzelne Straßenkämpfe -- Kijew steht mitten in der Revolution. Die +Bewegung geht bald zu Ende; dabei haben aber die Buchdrucker eine +Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und eine Lohnerhöhung um einen +Rubel gewonnen; in einer Hefefabrik ist der Achtstundentag eingeführt +worden; die Eisenbahnwerkstätten wurden auf Beschluß des Ministeriums +geschlossen; andere Branchen führten partielle Streiks um ihre +Forderungen weiter. -- _In Nikolajew_ bricht der Generalstreik unter dem +unmittelbaren Eindruck der Nachrichten aus Odessa, Baku, Batum und +Tiflis aus, trotz des Widerstandes des sozialdemokratischen Komitees, +das den Ausbruch der Bewegung auf den Zeitpunkt hinausschieben wollte, +wo das Militär zum Manöver aus der Stadt ziehen sollte. Die Masse ließ +sich nicht zurückhalten; eine Fabrik machte den Anfang, die Streikenden +gingen von einer Werkstatt zur anderen, der Widerstand des Militärs goß +nur Öl ins Feuer. Bald bildeten sich Massenumzüge mit revolutionärem +Gesang, die alle Arbeiter, Angestellten, Trambahnbedienstete, Männer und +Frauen, mitrissen. Die Arbeitsruhe war eine vollkommene. -- In +_Jekaterinoslaw_ beginnen am 5. August die Bäcker, am 7. die Arbeiter +der Eisenbahnwerkstätte, darauf alle anderen Fabriken den Streik; am 8. +August hört der Trambahnverkehr auf, die Zeitungen erscheinen nicht. -- +So kam der grandiose Generalstreik Südrußlands im Sommer 1903 zu stande. +Aus vielen kleinen Kanälen partieller ökonomischer Kämpfe und kleiner +»zufälliger« Vorgänge floß er rasch zu einem gewaltigen Meer zusammen +und verwandelte den ganzen Süden des Zarenreichs für einige Wochen in +eine bizarre, revolutionäre Arbeiterrepublik. »Brüderliche Umarmungen, +Rufe des Entzückens und der Begeisterung, Freiheitslieder, frohes +Gelächter, Humor und Freude hörte man in der vieltausendköpfigen Menge, +die von Morgen bis Abend in der Stadt wogte. Die Stimmung war eine +gehobene; man konnte beinahe glauben, daß ein neues, besseres Leben auf +Erden beginnt. Ein tiefernstes und zugleich idyllisches, rührendes +Bild«... So schrieb damals der Korrespondent im liberalen »Oswoboshdenje« +des Herrn Peter v. Struve. + +Das Jahr 1904 brachte gleich im Anfang den Krieg und für eine Weile eine +Ruhepause in der Massenstreikbewegung mit sich. Zuerst ergoß sich eine +trübe Welle polizeilich veranstalteter »patriotischer« Demonstrationen +über das Land. Die »liberale« bürgerliche Gesellschaft wurde vorerst von +dem zarisch-offiziellen Chauvinismus ganz zu Boden geschmettert. Doch +nimmt die Sozialdemokratie bald den Kampfplatz wieder in Besitz; den +polizeilichen Demonstrationen des patriotischen Lumpenproletariats +werden revolutionäre Arbeiterdemonstrationen entgegengestellt. Endlich +wecken die schmählichen Niederlagen der zarischen Armee auch die +liberale Gesellschaft aus der Betäubung; es beginnt die Ära liberaler +und demokratischer Kongresse, Bankette, Reden, Adressen und Manifeste. +Der durch die Schmach des Krieges zeitweilig erdrückte Absolutismus läßt +in seiner Zerfahrenheit die Herren gewähren, und sie sehen bereits den +Himmel voller liberaler Geigen. Für ein halbes Jahr nimmt der +bürgerliche Liberalismus die politische Vorderbühne in Besitz, das +Proletariat tritt in den Schatten. Allein nach längerer Depression rafft +sich der Absolutismus seinerseits wieder auf, die Kamarilla sammelt ihre +Kräfte und durch ein einziges kräftiges Aufstampfen des Kosakenstiefels +wird die ganze liberale Aktion im Dezember ins Mauseloch gejagt. Die +Bankette, Reden, Kongresse werden kurzerhand als eine »freche Anmaßung« +verboten und der Liberalismus sieht sich plötzlich am Ende seines +Lateins. Aber genau dort, wo dem Liberalismus der Faden ausgegangen ist, +beginnt die Aktion des Proletariats. Im Dezember 1904 bricht auf dem +Boden der Arbeitslosigkeit der grandiose Generalstreik in _Baku_ aus: +Die Arbeiterklasse ist wieder auf dem Kampfplatz. Als das Reden verboten +wurde und verstummte, begann wieder das Handeln. In Baku herrschte +während einiger Wochen mitten im Generalstreik die Sozialdemokratie als +unumschränkte Herrin der Lage, und die eigenartigen Ereignisse des +Dezembers im Kaukasus hätten ein ungeheures Aufsehen erregt, wenn sie +nicht so rapid von der steigenden Woge der Revolution übertroffen worden +wären, die sie selbst aufgepeitscht hatten. Noch waren die +phantastischen, unklaren Nachrichten von dem Generalstreik in Baku nicht +in alle Enden des Zarenreichs gelangt, als im Januar 1905 der +Massenstreik in _Petersburg_ ausbrach. + +Auch hier war der Anlaß bekanntlich ein winziger. Zwei Arbeiter der +Putilow-Werke wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zum legalen Subatowschen +Verein entlassen. Diese Maßregelung rief am 16. Januar einen +Solidaritätsstreik sämtlicher 12 000 Arbeiter dieser Werke hervor. Die +Sozialdemokraten begannen aus Anlaß des Streiks eine rege Agitation um +die Erweiterung der Forderungen und setzten die Forderung des +Achtstundentages, des Koalitionsrechts, der Rede- und Preßfreiheit usw. +durch. Die Gärung der Putilowschen Arbeiter teilte sich rasch dem +übrigen Proletariat mit, und in wenigen Tagen standen 140 000 Arbeiter +im Streik. Gemeinsame Beratungen und stürmische Diskussionen führten zur +Ausarbeitung jener proletarischen Charte der bürgerlichen Freiheiten mit +dem Achtstundentag an der Spitze, womit am 22. Januar 200 000 Arbeiter, +von dem Priester Gapon geführt, vor das Zarenschloß zogen. Der Konflikt +der zwei gemaßregelten Putilow-Arbeiter hat sich binnen einer Woche in +den Prolog der gewaltigsten Revolution der Neuzeit verwandelt. + +Die zunächst darauffolgenden Ereignisse sind bekannt: Das Petersburger +Blutbad hat im Januar und Februar in sämtlichen Industriezentren und +Städten Rußlands, Polens, Litauens, der baltischen Provinzen, des +Kaukasus, Sibiriens, vom Norden bis zum Süden, vom Westen bis zum Osten +riesenhafte Massenstreiks und Generalstreiks hervorgerufen. Allein bei +näherem Zusehen treten jetzt die Massenstreiks in anderen Formen auf, +als in der bisherigen Periode. Diesmal gingen überall die +sozialdemokratischen Organisationen mit Aufrufen voran; überall war die +revolutionäre Solidarität mit dem Petersburger Proletariat ausdrücklich +als Grund und Zweck des Generalstreiks bezeichnet; überall gab es +zugleich Demonstrationen, Reden, Kämpfe mit dem Militär. Doch auch hier +war von einem vorgefaßten Plan, einer organisierten Aktion keine Rede, +denn die Aufrufe der Parteien vermochten kaum, mit den spontanen +Erhebungen der Masse Schritt zu halten; die Leiter hatten kaum Zeit, die +Losungen der vorausstürmenden Proletariermenge zu formulieren. Ferner: +Die früheren Massen- und Generalstreiks entstanden aus einzelnen +zusammenfließenden Lohnkämpfen, die in der allgemeinen Stimmung der +revolutionären Situation und unter dem Eindruck der sozialdemokratischen +Agitation rapid zu politischen Kundgebungen wurden; das ökonomische +Moment und die gewerkschaftliche Zersplitterung waren der Ausgangspunkt, +die zusammenfassende Klassenaktion und die politische Leitung das +Schlußergebnis. Jetzt ist die Bewegung eine umgekehrte. Die Januar- und +Februargeneralstreiks brachen im voraus als einheitliche revolutionäre +Aktion unter der Leitung der Sozialdemokratie aus; allein diese Aktion +zerfiel bald in eine unendliche Reihe lokaler, partieller, ökonomischer +Streiks in einzelnen Gegenden, Städten, Branchen, Fabriken. Den ganzen +Frühling des Jahres 1905 hindurch bis in den Hochsommer hinein gährte im +gesamten Riesenreich ein unermüdlicher ökonomischer Kampf fast des +gesamten Proletariats gegen das Kapital, ein Kampf, der nach oben hin +alle kleinbürgerlichen und liberalen Berufe: Handelsangestellte, +Bankbeamte, Techniker, Schauspieler, Kunstberufe, ergreift, nach unten +hin bis ins Hausgesinde, in das Subalternbeamtentum der Polizei, ja bis +in die Schicht des Lumpenproletariats hineindringt und gleichzeitig aus +der Stadt aufs flache Land hinausströmt und sogar an die eisernen Tore +der Militärkasernen pocht. + +Es ist dies ein riesenhaftes buntes Bild einer allgemeinen +Auseinandersetzung der Arbeit mit dem Kapital, das die ganze +Mannigfaltigkeit der sozialen Gliederung und des politischen Bewußtseins +jeder Schicht und jedes Winkels abspiegelt und die ganze lange +Stufenleiter vom regelrechten gewerkschaftlichen Kampf einer erprobten +großindustriellen Elitetruppe des Proletariats bis zum formlosen +Protestausbruch eines Haufens Landproletarier und zur ersten dunklen +Regung einer aufgeregten Soldatengarnison durchläuft, von der +wohlerzogenen eleganten Revolte in Manschetten und Stehkragen im Kontor +eines Bankhauses bis zum scheu-dreisten Murren einer klobigen +Versammlung unzufriedener Polizisten in einer verräucherten, dunklen und +schmutzigen Polizeiwachtstube. + +Nach der Theorie der Liebhaber »ordentlicher und wohldisziplinierter« +Kämpfe nach Plan und Schema, jener besonders, die es von weitem stets +besser wissen wollen, wie es »hätte gemacht werden sollen«, war der +Zerfall der großen politischen Generalstreikaktion des Januar 1905 in +eine Unzahl ökonomischer Kämpfe wahrscheinlich »ein großer Fehler«, der +jene Aktion »lahmgelegt« und in ein »Strohfeuer« verwandelt hatte. Auch +die Sozialdemokratie in Rußland, die die Revolution zwar mitmacht, aber +nicht »macht«, und ihre Gesetze erst aus ihrem Verlauf selbst lernen +muß, war im ersten Augenblick durch das scheinbar resultatlose +Zurückfluten der ersten Sturmflut des Generalstreiks für eine Weile +etwas aus dem Konzept gebracht. Allein, die Geschichte, die jenen +»großen Fehler« gemacht hat, verrichtete damit, unbekümmert um das +Räsonieren ihrer unberufenen Schulmeister, eine ebenso unvermeidliche +wie in ihren Folgen unberechenbare Riesenarbeit der Revolution. + +Die plötzliche Generalerhebung des Proletariats im Januar unter dem +gewaltigen Anstoß der Petersburger Ereignisse war nach außen hin ein +politischer Akt der revolutionären Kriegserklärung an den Absolutismus. +Aber diese erste allgemeine direkte Klassenaktion wirkte gerade als +solche nach innen um so mächtiger zurück, indem sie zum ersten Mal das +Klassengefühl und Klassenbewußtsein in den Millionen und Abermillionen +wie durch einen elektrischen Schlag weckte. Und dieses Erwachen des +Klassengefühls äußerte sich sofort darin, daß der nach Millionen +zählenden proletarischen Masse ganz plötzlich scharf und schneidend die +Unerträglichkeit jenes sozialen und ökonomischen Daseins zum Bewußtsein +kam, das sie Jahrzehnte in den Ketten des Kapitalismus geduldig ertrug. +Es beginnt daher ein spontanes allgemeines Rütteln und Zerren an diesen +Ketten. Alle tausendfältigen Leiden des modernen Proletariats erinnern +es an alte blutende Wunden. Hier wird um den Achtstundentag gekämpft, +dort gegen die Akkordarbeit, hier werden brutale Meister auf einem +Handkarren im Sack »hinausgefahren«, anderswo gegen infame Strafsysteme, +überall um bessere Löhne, hier und da um Abschaffung der Heimarbeit +gekämpft. Rückständige, degradierte Berufe in großen Städten, kleine +Provinzstädte, die bis dahin in einem idyllischen Schlaf dahin +dämmerten, das Dorf mit seinem Vermächtnis aus dem Leibeigentum -- alles +das besinnt sich plötzlich, vom Januarblitz geweckt, auf seine Rechte +und sucht nun fieberhaft, das Versäumte nachzuholen. Der ökonomische +Kampf war hier also in Wirklichkeit nicht ein Zerfall, eine +Zersplitterung der Aktion, sondern bloß eine Frontänderung, ein +plötzlicher und natürlicher Umschlag der ersten Generalschlacht mit dem +Absolutismus in eine Generalabrechnung mit dem Kapital, die, ihrem +Charakter entsprechend, _die Form_ einzelner zersplitterter Lohnkämpfe +annahm. Nicht die politische Klassenaktion wurde im Januar durch den +Zerfall des Generalstreiks in ökonomische Streiks gebrochen, sondern +umgekehrt; nachdem der in der gegebenen Situation und auf der gegebenen +Stufe der Revolution mögliche Inhalt der politischen Aktion erschöpft +war, zerfiel sie oder schlug vielmehr in eine ökonomische Aktion um. + +In der Tat: was konnte der Generalstreik im Januar weiter erreichen? Nur +völlige Gedankenlosigkeit durfte eine Vernichtung des Absolutismus auf +einen Schlag durch einen einzigen »ausdauernden« Generalstreik nach dem +anarchistischen Schema erwarten. Der Absolutismus muß in Rußland durch +das Proletariat gestürzt werden. Aber das Proletariat bedarf dazu eines +hohen Grades der politischen Schulung, des Klassenbewußtseins und der +Organisation. Alle diese Bedingungen vermag es sich nicht aus +Broschüren und Flugblättern, sondern bloß aus der lebendigen +politischen Schule, aus dem Kampf und in dem Kampf, in dem +fortschreitenden Verlauf der Revolution aneignen. Ferner kann der +Absolutismus nicht in jedem beliebigen Moment, wozu bloß eine genügende +»Anstrengung« und »Ausdauer« erforderlich, gestürzt werden. Der +Untergang des Absolutismus ist bloß ein äußerer Ausdruck der inneren +sozialen und Klassenentwicklung der russischen Gesellschaft. Bevor und +damit der Absolutismus gestürzt werden kann, muß das künftige +bürgerliche Rußland in seinem Innern, in seiner modernen +Klassenscheidung hergestellt, geformt werden. Dazu gehört die +Auseinandergrenzung der verschiedenen sozialen Schichten und Interessen, +die Bildung außer der proletarischen, revolutionären, auch nicht minder +der liberalen, radikalen, kleinbürgerlichen, konservativen und +reaktionären Parteien, dazu gehört die Selbstbesinnung, Selbsterkenntnis +und das Klassenbewußtsein nicht bloß der Volksschichten, sondern auch +der bürgerlichen Schichten. Aber auch diese vermögen sich nicht anders +als im Kampf, im Prozeß der Revolution selbst, durch die lebendige +Schule der Ereignisse, im Zusammenprall mit dem Proletariat, sowie +gegeneinander, in unaufhörlicher gegenseitiger Reibung bilden und zur +Reife gedeihen. Diese Klassenspaltung und Klassenreife der bürgerlichen +Gesellschaft sowie ihre Aktion im Kampfe gegen den Absolutismus wird +durch die eigenartige führende Rolle des Proletariats und seine +Klassenaktion einerseits unterbunden und erschwert, anderseits +angepeitscht und beschleunigt. Die verschiedenen Unterströme des +sozialen Prozesses der Revolution durchkreuzen einander, hemmen +einander, steigern die inneren Widersprüche der Revolution, im Resultat +beschleunigen und potenzieren aber damit nur ihre gewaltigen Ausbrüche. + +So erfordert das anscheinend so einfache und nackte rein mechanische +Problem: der Sturz des Absolutismus einen ganzen langen sozialen Prozeß, +eine gänzliche Unterwühlung des gesellschaftlichen Bodens, das Unterste +muß nach oben, das Oberste nach unten gekehrt, die scheinbare »Ordnung« +in einen Chaos und aus dem scheinbaren »anarchistischen« Chaos eine neue +Ordnung umgeschaffen werden. Und nun in diesem Prozeß der sozialen +Umschachtelung des alten Rußland spielte nicht nur der Januar-Blitz des +ersten Generalstreiks, sondern noch mehr das darauffolgende große +Frühlings- und Sommergewitter der ökonomischen Streiks eine +unersetzliche Rolle. Die erbitterte allgemeine Auseinandersetzung der +Lohnarbeit mit dem Kapital hat im gleichen Maße zur Auseinandergrenzung +der verschiedenen Volksschichten wie der bürgerlichen Schichten, zum +Klassenbewußtsein des revolutionären Proletariats wie auch der liberalen +und konservativen Bourgeoisie beigetragen. Und wie die städtischen +Lohnkämpfe zur Bildung der starken monarchischen Moskauer +Industriellen-Partei beigetragen haben, so hat der rote Hahn der +gewaltigen Landerhebung in Livland zur raschen Liquidation des berühmten +adelig-agrarischen Semstwo-Liberalismus geführt. + +Zugleich aber hat die Periode der ökonomischen Kämpfe im Frühling und +Sommer des Jahres 1905 dem städtischen Proletariat in der Gestalt der +regen sozialdemokratischen Agitation und Leitung die Möglichkeit +gegeben, die ganze Summe der Lehren des Januar-Prologs sich nachträglich +anzueignen, sich die weiteren Aufgaben der Revolution klar zu machen. Im +Zusammenhang damit steht aber noch ein anderes Ergebnis dauernden +sozialen Charakters: _eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus des +Proletariats_, des wirtschaftlichen, sozialen und intellektuellen. Die +Frühlingsstreiks des Jahres 1905 sind fast durchweg siegreich verlaufen. +Als eine Probe aus dem enormen und noch meistens unübersehbaren +Tatsachenmaterial seien hier nur einige Daten über ein paar der allein +in Warschau von der Sozialdemokratie Polens und Litauens geleiteten +wichtigsten Streiks angeführt. In den größten Fabriken der +_Metallbranche_ Warschaus: Aktiengesellschaft Lilpop, Rau & Löwenstein, +Rudzki & Co., Bormann, Schwede & Co., Handtke, Gerlach & Pulst, Gebrüder +Geisler, Eberhard, Wolski & Co., Aktiengesellschaft Konrad & +Jarmuszkiewicz, Weber & Daehn, Gwizdzinski & Co., Drahtfabrik +Wolanowski, Aktiengesellschaft Gostynski & Co., R. Brun & Sohn, Fraget, +Norblin, Werner, Buch, Gebrüder Renneberg, Labor, Lampenfabrik Dittmar, +Serkowski, Weszyski, zusammen 22 Fabriken errangen die Arbeiter sämtlich +nach einem vier- bis fünfwöchigen Streik (seit dem 25. und 26. Januar) +den neunstündigen Arbeitstag, eine Lohnerhöhung von 15 bis 25 pZt. und +verschiedene geringere Forderungen. In den größten Werkstätten der +_Holzbranche_ Warschaus, nämlich bei Karmanski, Damiecki, Gromel, +Szerbinski, Tremerowski, Horn, Bevensee, Tworkowski, Daab & Martens, +zusammen 10 Werkstätten, errangen die Streikenden bereits am 23. Februar +den Neunstundentag; sie gaben sich jedoch nicht zufrieden und bestanden +auf dem Achtstundentag, den sie auch nach einer weiteren Woche +durchsetzten, zugleich mit einer Lohnerhöhung. Die gesamte +_Maurerbranche_ begann den Streik am 27. Februar, forderte gemäß der +Parole der Sozialdemokratie den Achtstundentag und errang am 11. März +den Neunstundentag, eine Lohnerhöhung für alle Kategorien, regelmäßige +wöchentliche Lohnauszahlung usw. usw. Die _Anstreicher_, _Stellmacher_, +_Sattler_ und _Schmiede_ errangen gemeinsam den Achtstundentag ohne +Lohnverkürzung. Die _Telephon_-Werkstätten streikten zehn Tage und +errangen den Achtstundentag und eine Lohnerhöhung um 10 bis 15 pZt. Die +große _Leinenweberei_ Hielle & Dietrich (10 000 Arbeiter) errang nach +neun Wochen Streik eine Verkürzung der Arbeitszeit um eine Stunde und +Lohnaufbesserung um 5 bis 10 pZt. Und dasselbe Ergebnis in unendlichen +Variationen sehen wir in allen übrigen Branchen Warschaus, in Lodz, in +Sosnowitz. + +Im eigentlichen Rußland wurde der _Achtstundentag_ erobert: im September +1904 von einigen Kategorien der Naphthaarbeiter in Baku, im Mai 1905 von +den Zuckerarbeitern des Kijewer Rayons, im Januar 1905 in sämtlichen +Buchdruckereien der Stadt Samara (wo zugleich eine Erhöhung der +Akkordlöhne und Abschaffung der Strafen durchgesetzt wurde), im Februar +in der Fabrik kriegsmedizinischer Instrumente, in einer Möbeltischlerei +und in der Patronenfabrik in Petersburg, ferner wurde eine achtstündige +Schicht in den Gruben von Wladiwostok eingeführt, im März in der +staatlichen mechanischen Werkstatt der Staatspapiere, im April bei den +Schmieden der Stadt Bobrujsk, im Mai bei den Angestellten der +elektrischen Stadtbahn in Tiflis, gleichfalls im Mai der +achteinhalbstündige Arbeitstag in der Riesenbaumwollweberei von Morosow +(bei gleichzeitiger Abschaffung der Nachtarbeit und Erhöhung der Löhne +um 8 pZt.), im Juni der Achtstundentag in einigen Ölmühlen in Petersburg +und Moskau, im Juli achteinhalb Stunden bei den Schmieden des +Petersburger Hafens, im November in sämtlichen Privatdruckereien der +Stadt Orel (bei gleichzeitiger Erhöhung des Zeitlohnes um 20 pZt. und +der Akkordlöhne um 100 pZt., sowie der Einführung eines paritätischen +Einigungsamtes). + +Der _Neunstundentag_ in sämtlichen Eisenbahnwerkstätten (im Februar), in +vielen staatlichen Militär- und Marinewerkstätten, in den meisten +Fabriken der Stadt Berdjansk, in sämtlichen Druckereien der Stadt +Poltawa sowie der Stadt Minsk; neuneinhalb Stunden auf der Schiffswerft, +Mechanischen Werkstatt und Gießerei der Stadt Nikolajew, im Juni nach +einem allgemeinen Kellnerstreik in Warschau in vielen Restaurants und +Cafés (bei gleichzeitiger Lohnerhöhung um 20 bis 40 pZt. und einem +zweiwöchentlichen Urlaub jährlich). + +Der _Zehnstundentag_ in fast sämtlichen Fabriken der Städte Lodz, +Gosnowitz, Riga, Kowno, Reval, Dorpat, Minsk, Charkow, bei den Bäckern +in Odessa, in den Handwerkstätten in Kischinew, in einigen Hutfabriken +in Petersburg, in den Zündholzfabriken in Kowno (bei gleichzeitiger +Lohnerhöhung um 10 pZt.), in sämtlichen staatlichen Marinewerkstätten +und bei sämtlichen Hafenarbeitern. + +Die Lohnerhöhungen sind im allgemeinen geringer als die Verkürzung der +Arbeitszeit, immerhin aber bedeutende; so wurde in Warschau Mitte März +1905 von dem städtischen Fabrikamt eine allgemeine Lohnerhöhung um 15 +pZt. festgestellt; in dem Zentrum der Textilindustrie Iwanowo-Wosnesensk +erreichten die Lohnerhöhungen 7 bis 15 pZt.; in Kowno wurden von der +Lohnerhöhung 78 pZt. der gesamten Arbeiterzahl betroffen. Ein fester +_Minimallohn_ wurde eingeführt: in einem Teile der Bäckereien in Odessa, +in der Newaschen Schiffswerft in Petersburg usw. + +Freilich werden die Konzessionen vielfach bald hier bald dort wieder +zurückgenommen. Dies gibt aber nur den Anlaß zu erneuten, noch +erbitterteren Revanchekämpfen, und so ist die Streikperiode des +Frühlings 1905 von selbst zum Prolog einer unendlichen Reihe sich immer +weiter ausbreitender und ineinanderschlingender ökonomischer Kämpfe +geworden, die bis auf den heutigen Tag dauern. In den Perioden des +äußerlichen Stillstandes der Revolution, wo die Telegramme keine +Sensationsnachrichten vom russischen Kampfplatz in die Welt tragen und +wo der westeuropäische Leser mit Enttäuschung seine Morgenzeitung aus +der Hand legt, mit der Bemerkung, daß in Rußland »nichts passiert sei«, +wird in Wirklichkeit in der Tiefe des ganzen Reiches die große +Maulwurfsarbeit der Revolution ohne Rast Tag für Tag und Stunde für +Stunde fortgesetzt. Der unaufhörliche intensive ökonomische Kampf setzt +in rapiden abgekürzten Methoden die Hinüberleitung des Kapitalismus aus +dem Stadium der primitiven Akkumulation, des patriarchalischen Raubbaus +in ein hochmodernes, zivilisiertes Stadium durch. Heute läßt die +tatsächliche Arbeitszeit in der russischen Industrie nicht nur die +russische Fabrikgesetzgebung, d. h. den gesetzlichen elfeinhalbstündigen +Arbeitstag, sondern selbst die deutschen tatsächlichen Verhältnisse +hinter sich. In den meisten Branchen der russischen Großindustrie +herrscht heute der Zehnstundentag, der in Deutschland von der +Sozialgesetzgebung als unerreichbares Ziel hingestellt wird. Ja, noch +mehr; jener ersehnte »industrielle Konstitutionalismus«, für den man in +Deutschland schwärmt und um deswillen die Anhänger der opportunistischen +Taktik jedes schärfere Lüftchen von den stehenden Gewässern des +allein-seligmachenden Parlamentarismus fernhalten möchten, wird in +Rußland gerade mitten im Revolutionssturm, _aus_ der Revolution, +zusammen mit dem politischen »Konstitutionalismus« geboren! Tatsächlich +ist nicht bloß eine allgemeine Hebung des Lebensniveaus oder vielmehr +des Kulturniveaus der Arbeiterschaft eingetreten. Das materielle +Lebensniveau als eine dauernde Stufe des Wohlseins findet in der +Revolution keinen Platz. Voller Widersprüche und Kontraste, bringt sie +zugleich überraschende ökonomische Siege und brutalste Racheakte des +Kapitals: heute den Achtstundentag, morgen Massenaussperrungen und +nackten Hunger für Hunderttausende. Das Kostbarste, weil bleibende, bei +diesem scharfen revolutionären Auf und Ab der Welle ist ihr _geistiger +Niederschlag_: das sprungweise intellektuelle, kulturelle Wachstum des +Proletariats, das eine unverbrüchliche Gewähr für sein weiteres +unaufhaltsames Fortschreiten im wirtschaftlichen wie im politischen +Kampfe bietet. Allein, nicht bloß das. Das Verhältnis selbst +des Arbeiters zum Unternehmer wird umgestülpt; seit den +Januar-Generalstreiks und den darauffolgenden Streiks des Jahres 1905 +ist das Prinzip des kapitalistischen »Hausherrentums« #de facto# +abgeschafft. In den größten Fabriken aller wichtigsten Industriezentren +hat sich wie von selbst die Einrichtung der Arbeiterausschüsse gebildet, +mit denen allein der Unternehmer verhandelt, die über alle Konflikte +entscheiden. Und schließlich noch mehr: Die anscheinend chaotischen +Streiks und die »desorganisierte« revolutionäre Aktion nach dem +Januar-Generalstreik wird zum Ausgangspunkt einer fieberhaften +_Organisationsarbeit_. Madame Geschichte dreht den bureaukratischen +Schablonenmenschen, die an den Toren des deutschen Gewerkschaftsglücks +grimmige Wacht halten, von weitem lachend eine Nase. Die festen +Organisationen, die als unbedingte Voraussetzung für einen eventuellen +Versuch zu einem eventuellen deutschen Massenstreik im voraus wie eine +uneinnehmbare Festung umschanzt werden sollen, diese Organisationen +werden in Rußland gerade umgekehrt aus dem Massenstreik geboren! Und +während die Hüter der deutschen Gewerkschaften am meisten befürchten, +daß die Organisationen in einem revolutionären Wirbel wie kostbares +Porzellan krachend in Stücke gehen, zeigt uns die russische Revolution +das direkt umgekehrte Bild: aus dem Wirbel und Sturm, aus Feuer und Glut +der Massenstreiks, der Straßenkämpfe steigen empor wie die Venus aus dem +Meerschaum: frische, junge, kräftige und lebensfrohe ..... +Gewerkschaften. + +Hier nur wieder ein kleines Beispiel, das aber für das gesamte Reich +typisch ist. Auf der zweiten Konferenz der Gewerkschaften Rußlands, die +Ende Februar 1906 in Petersburg stattgefunden hat, sagte der Vertreter +der Petersburger Gewerkschaften in seinem Bericht über die Entwicklung +der Gewerkschaftsorganisationen der Zarenhauptstadt: + +»Der 22. Januar 1905, der den Gaponschen Verein weggespült hat, bildete +einen Wendepunkt. Die Arbeiter aus der Masse haben an der Hand der +Ereignisse gelernt, die Bedeutung der Organisation zu schätzen und +begriffen, daß nur sie selbst diese Organisationen schaffen können. -- +In direkter Verbindung mit der Januarbewegung entsteht in Petersburg die +erste Gewerkschaft: die der Buchdrucker. Die zur Ausarbeitung des Tarifs +gewählte Kommission arbeitete die Statuten aus, und am 19. Juni begann +die Gewerkschaft ihre Existenz. Ungefähr um dieselbe Zeit wurde die +Gewerkschaft der Kontoristen und der Buchhalter ins Leben gerufen. Neben +diesen Organisationen, die fast offen (legal) existieren, entstanden vom +Januar bis Oktober 1905 halbgesetzliche und ungesetzliche +Gewerkschaften. Zu den ersteren gehört z. B. die der Apothekergehülfen +und der Handelsangestellten. Unter den ungesetzlichen Gewerkschaften muß +der Verein der Uhrmacher hervorgehoben werden, dessen erste geheime +Sitzung am 24. April stattfand. Alle Versuche, eine allgemeine offene +Versammlung einzuberufen, scheiterten an dem hartnäckigen Widerstand der +Polizei und der Unternehmer in der Person der Handwerkskammer. Dieser +Mißerfolg hat die Existenz der Gewerkschaft nicht verhindert. Sie hielt +geheime Mitgliederversammlungen am 9. Juni und 14. August ab, abgesehen +von den Sitzungen der Vorstände der Gewerkschaft. Die Schneider-und +Schneiderinnengewerkschaft wurde im Frühling des Jahres 1905 in einer +Versammlung im Walde gegründet, wo 70 Schneider anwesend waren. Nachdem +die Frage der Gründung besprochen wurde, wählte man eine Kommission, die +mit der Ausarbeitung des Statuts beauftragt wurde. Alle Versuche der +Kommission, für die Gewerkschaft eine gesetzliche Existenz +durchzusetzen, blieben erfolglos. Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf die +Agitation und Mitgliederwerbung in den einzelnen Werkstätten. Ein +ähnliches Schicksal war der Schuhmachergewerkschaft beschieden. Im Juli +wurde Nachts in einem Walde außerhalb der Stadt eine geheime Versammlung +einberufen. Mehr als 100 Schuhmacher kamen zusammen; es wurde ein +Referat über die Bedeutung der Gewerkschaften, über ihre Geschichte in +Westeuropa und ihre Aufgaben in Rußland gehalten. Darauf ward +beschlossen, eine Gewerkschaft zu gründen; 12 Mann wurden in eine +Kommission gewählt, die das Statut ausarbeiten und eine allgemeine +Schuhmacherversammlung einberufen sollte. Das Statut wurde +ausgearbeitet, aber es gelang vorläufig weder es zu drucken, noch eine +allgemeine Versammlung einzuberufen.« + +Das waren die ersten schweren Anfänge. Dann kamen die Oktobertage, der +zweite allgemeine Generalstreik, das Zarenmanifest des 30. Oktober und +die kurze »Verfassungsperiode«. Mit Feuereifer stürzen sich die Arbeiter +in die Wogen der politischen Freiheit, um sie sofort zum +Organisationswerk zu benutzen. Neben tagtäglichen politischen +Versammlungen, Debatten, Vereinsgründungen wird sofort der Ausbau der +Gewerkschaften in Angriff genommen. Im Oktober und November entstehen in +Petersburg _vierzig_ neue Gewerkschaften. Alsbald wird ein +»Zentralbureau«, d. h. ein Gewerkschaftskartell gegründet, es erscheinen +verschiedene Gewerkschaftsblätter und seit dem November auch ein +Zentralorgan: »Die Gewerkschaft«. Das, was im obigen über Petersburg +berichtet wurde, trifft im großen und ganzen auf Moskau und Odessa, +Kijew und Nikolajew, Saratow und Woronesch, Samara und Nischni-Nowgorod, +auf alle größeren Städte Rußlands und in noch höherem Grade auf Polen +zu. Die Gewerkschaften einzelner Städte suchen Fühlung miteinander, es +werden Konferenzen abgehalten. Das Ende der »Verfassungsperiode« und die +Umkehr zur Reaktion im Dezember 1905 macht zeitweilig auch ein Ende der +offenen, breiten Tätigkeit der Gewerkschaften, bläst ihnen aber das +Lebenslicht nicht aus. Sie wirken weiter im geheimen als Organisation +und führen gleichzeitig ganz offen Lohnkämpfe. Es bildet sich ein +eigenartiges Gemisch eines gesetzlichen und ungesetzlichen Zustandes des +Gewerkschaftslebens aus, entsprechend der widerspruchsvollen +revolutionären Situation. Aber mitten im Kampf wird das +Organisationswerk mit aller Gründlichkeit, ja mit Pedanterie weiter +ausgebaut. Die Gewerkschaften der Sozialdemokratie Polens und Litauens +z. B., die auf dem letzten Parteitag (im Juli 1906) durch fünf +Delegierte von 10 000 zahlenden Mitgliedern vertreten waren, sind mit +ordentlichen Statuten, gedruckten Mitgliedsbüchlein, Klebemarken usw. +versehen. Und dieselben Warschauer und Lodzer Bäcker und Schuhmacher, +Metallarbeiter und Buchdrucker, die im Juni 1905 auf den Barrikaden +standen und im Dezember nur auf eine Parole aus Petersburg +zum Straßenkampf warteten, finden zwischen einem Massenstreik +und dem anderen, zwischen Gefängnis und Aussperrung, unter +dem Belagerungszustand Muße und heiligen Ernst, um ihre +Gewerkschaftsstatuten eingehend und aufmerksam zu diskutieren. Ja, diese +gestrigen und morgigen Barrikadenkämpfer haben mehr als einmal in +Versammlungen ihren Leitern unbarmherzig den Kopf gewaschen und mit dem +Austritt aus der Partei gedroht, weil die unglücklichen +gewerkschaftlichen Mitgliedsbüchlein nicht rasch genug -- in geheimen +Druckereien unter unaufhörlicher polizeilicher Hetzjagd -- gedruckt +werden konnten. Dieser Eifer und dieser Ernst dauern bis zur Stunde +fort. In den ersten zwei Wochen des Juli 1906 sind z. B. in +Jekaterinoslaw 15 neue Gewerkschaften entstanden: in Kostroma 6 +Gewerkschaften, mehrere in Kijew, Poltawa, Smolensk, Tscherkassy, +Proskurow -- bis in die kleinsten Provinznester. In der Sitzung des +Moskauer Gewerkschaftskartells vom 4. Juni d. J. wurde nach +Entgegennahme der Berichte einzelner Gewerkschaftsdelegierten +beschlossen: »Daß die Gewerkschaften ihre Mitglieder disziplinieren und +von Straßenkrawallen zurückhalten sollen, weil der Moment für den +Massenstreik als ungeeignet betrachtet wird. Angesichts möglicher +Provokationen der Regierung sollen sie achtgeben, daß die Masse nicht +auf die Straße hinausströmt. Endlich beschloß das Kartell, daß in der +Zeit, wo eine Gewerkschaft einen Streik führt, die anderen sich von +Lohnbewegungen zurückzuhalten haben.« Die meisten ökonomischen Kämpfe +werden jetzt von den Gewerkschaften geleitet.[2] + +[Fußnote 2: In den zwei ersten Wochen des Juni 1906 allein wurden +folgende Lohnkämpfe geführt: bei den Buchdruckern in _Petersburg_, +_Moskau_, _Odessa_, _Minsk_, _Wilna_, _Saratow_, _Mogilew_, _Tambow_ um +den Achtstundentag und die Sonntagsruhe; ein Generalstreik der Seeleute +in _Odessa_, _Nikolajew_, _Kertsch_, _Krim_, _Kaukasus_, auf der +_Wolga_-Flotte, in _Kronstadt_, in _Warschau_ und _Plock_ um die +Anerkennung der Gewerkschaft und Freilassung der verhafteten +Arbeiterdelegierten; bei den Hafenarbeitern in _Saratow_, _Nikolajew_, +_Zarizin_, _Archangel_, _Nischni-Nowgorod_, _Rybinsk_. Die Bäcker +streikten in _Kijew_, _Archangel_, _Bialystock_, _Wilna_, _Odessa_, +_Charkow_, _Brest-Litowsk_, _Radom_, _Tiflis_; die Landarbeiter in den +Distrikten Werchne-Dneprowsk, Borisowsk, Simferopol, in den +Gouvernements Podolsk, Tula, Kursk, in den Distrikten Koslow, Lipowetz, +in Finnland, im Gouvernement Kijew, im Jelissawetgrader Distrikt. In +mehreren Städten streikten in dieser Periode _gleichzeitig fast +sämtliche Gewerbezweige_, so in Saratow, Archangel, Kertsch, +Krementschug. In _Bachmut_ gab es einen Generalstreik der Kohlenarbeiter +des ganzen Reviers. In anderen Städten ergriff die Lohnbewegung binnen +der erwähnten zwei Wochen _nacheinander alle_ Gewerbezweige, so in +Kijew, Petersburg, Warschau, Moskau, im ganzen Rayon Ivanowo-Wosnesensk. +Zweck der Streiks überall: Verkürzung der Arbeitszeit, Sonntagsruhe, +Lohnforderungen. _Die meisten Streiks verliefen siegreich._ Es wird in +den lokalen Berichten hervorgehoben, dass sie zum Teil Arbeiterschichten +ergriffen, die sich zum ersten Male an einer Lohnbewegung beteiligten.] + +So hat der vom Januar-Generalstreik ausgehende große ökonomische Kampf, +der von da an bis auf den heutigen Tag nicht aufhört, einen breiten +Hintergrund der Revolution gebildet, aus dem sich in unaufhörlicher +Wechselwirkung mit der politischen Agitation und den äußeren Ereignissen +der Revolution immer wieder bald hier und da einzelne Explosionen, bald +allgemeine, große Hauptaktionen des Proletariats erheben. So flammen auf +diesem Hintergrund nacheinander auf: am 1. Mai 1905 zur Maifeier ein +beispielloser absoluter Generalstreik in _Warschau_ mit einer völlig +friedlichen Massendemonstration, die in einem blutigen Renkontre der +wehrlosen Menge mit den Soldaten endet. Im Juni führt in _Lodz_ ein +Massenausflug, der von Soldaten zerstreut wird, zu einer Demonstration +von 100 000 Arbeitern auf dem Begräbnis einiger Opfer der Soldateska, zu +erneutem Renkontre mit dem Militär und schließlich zum Generalstreik, +der am 23., 24. und 25. in den ersten Barrikadenkampf im Zarenreiche +übergeht. Im Juni gleichfalls explodiert im Odessaer Hafen aus einem +kleinen Zwischenfall an Bord des Panzerschiffes »Potemkin« die erste +große Matrosenrevolte der Schwarzmeerflotte, die sofort als Rückwirkung +in _Odessa_ und _Nikolajew_ einen gewaltigen Massenstreik hervorruft. +Als weiteres Echo folgen: der Massenstreik und Matrosenrevolten in +_Kronstadt_, _Libau_, _Wladiwostok_. + +In den Monat Oktober fällt das grandiose Experiment Petersburgs mit der +Einführung des Achtstundentags. Der Rat der Arbeiterdelegierten +beschließt, in Petersburg auf revolutionärem Wege den Achtstundentag +durchzusetzen. Das heißt: an einem bestimmten Tage erklären sämtliche +Arbeiter Petersburgs ihren Unternehmern, daß sie nicht gewillt sind, +länger als acht Stunden täglich zu arbeiten und verlassen zur +entsprechenden Stunde die Arbeitsräume. Die Idee gibt Anlaß zu einer +lebhaften Agitation, wird vom Proletariat mit Begeisterung aufgenommen +und ausgeführt, wobei die größten Opfer nicht gescheut werden. So +bedeutete zum Beispiel der Achtstundentag für die Textilarbeiter, die +bis dahin elf Stunden und zwar bei Akkordlöhnen arbeiteten, einen +enormen Lohnausfall, den sie jedoch bereitwillig akzeptierten. _Binnen +einer Woche herrscht in sämtlichen Fabriken und Werkstätten Petersburgs +der Achtstundentag_, und der Jubel der Arbeiterschaft kennt keine +Grenzen. Bald rüstet jedoch das anfangs verblüffte Unternehmertum zur +Abwehr: es wird überall mit der Schließung der Fabriken gedroht. Ein +Teil der Arbeiter läßt sich auf Verhandlungen ein und erringt hier den +Zehn-, dort den Neunstundentag. Die Elite des Petersburger Proletariats +jedoch, die Arbeiter der großen staatlichen Metallwerke bleiben +unerschüttert und es erfolgt eine Aussperrung, die 45 bis 50 000 Mann +für einen Monat aufs Pflaster setzt. Durch diesen Abschluß spielt die +Achtstundenbewegung in den allgemeinen Massenstreik des Dezember hinein, +den die große Aussperrung in hohem Maße unterbunden hat. + +Inzwischen folgt aber im Oktober als Antwort auf das Bulyginsche +Duma-Projekt der zweite gewaltigste allgemeine Massenstreik im gesamten +Zarenreich, zu dem die Eisenbahner die Parole ausgeben. Diese zweite +revolutionäre Hauptaktion des Proletariats trägt schon einen wesentlich +anderen Charakter, als die erste im Januar. Das Element des politischen +Bewußtseins spielt schon eine viel größere Rolle. Freilich war auch hier +der erste Anlaß zum Ausbruch des Massenstreiks ein untergeordneter und +scheinbar zufälliger: der Konflikt der Eisenbahner mit der Verwaltung +wegen der Pensionskasse. Allein die darauf erfolgte allgemeine Erhebung +des Industrieproletariats wird vom klaren politischen Gedanken getragen. +Der Prolog des Januarstreiks war ein Bittgang zum Zaren um politische +Freiheit, die Losung des Oktoberstreiks lautete: Fort mit der +konstitutionellen Komödie des Zarismus! Und Dank dem sofortigen Erfolg +des Generalstreiks: dem Zarenmanifest vom 30. Oktober, fließt die +Bewegung nicht nach innen zurück, wie im Januar, um erst die Anfänge des +ökonomischen Klassenkampfes nachzuholen, sondern gießt sich nach außen +in eine eifrige Betätigung der frisch eroberten politischen Freiheit +über. Demonstrationen, Versammlungen, eine junge Presse, öffentliche +Diskussionen und blutige Massacres als das Ende vom Liede, darauf neue +Massenstreiks und Demonstration -- das ist das stürmische Bild der +November- und Dezembertage. Im November wird auf den Appell der +Sozialdemokratie hin in Petersburg der erste demonstrative Massenstreik +veranstaltet als Protestkundgebung gegen die Bluttaten und die +Verhängung des Belagerungszustandes in Livland und Polen. Die Gärung +nach dem kurzen Verfassungstraum und dem grausamen Erwachen führt +endlich im Dezember zum Ausbruch des dritten allgemeinen Massenstreiks +im ganzen Zarenreich. Diesmal ist der Verlauf und der Ausgang wieder ein +ganz anderer, wie in den beiden früheren Fällen. Die politische Aktion +schlägt nicht mehr in eine ökonomische um, wie im Januar, sie erringt +aber auch nicht mehr einen raschen Sieg, wie im Oktober. Die Versuche +der zarischen Kamarilla mit der wirklichen politischen Freiheit werden +nicht mehr gemacht und die revolutionäre Aktion stößt somit zum ersten +Male in ihrer ganzen Breite auf die starre Mauer der physischen Gewalt +des Absolutismus. Durch die logische innere Entwicklung der +fortschreitenden Ereignisse schlägt der Massenstreik diesmal um in einen +offenen Aufstand, einen bewaffneten Barrikaden- und Straßenkampf in +Moskau. Die Moskauer Dezembertage schließen als der Höhepunkt der +aufsteigenden Linie der politischen Aktion und der Massenstreikbewegung +das erste arbeitsreiche Jahr der Revolution ab. + +Die Moskauer Ereignisse zeigen zugleich im kleinen Probebild die +logische Entwicklung und die Zukunft der revolutionären Bewegung im +ganzen: ihren unvermeidlichen Abschluß in einem allgemeinen offenen +Aufstand, der aber seinerseits wieder nicht anders zu stande kommen +kann, als durch die Schule einer Reihe vorbereitender partieller +Aufstände, die eben deshalb vorläufig mit partiellen äußeren +»Niederlagen« abschließen und, jeder einzeln betrachtet, als »verfrüht« +erscheinen mögen. + +Das Jahr 1906 bringt die Duma-Wahlen und die Duma-Episode. Das +Proletariat boykottiert aus kräftigem revolutionären Instinkt und klarer +Erkenntnis der Lage die ganze zarisch-konstitutionelle Farçe, und den +Vordergrund der politischen Bühne nimmt für einige Monate wieder der +Liberalismus ein. Die Situation des Jahres 1904 kehrt anscheinend +wieder: eine Periode des Redens tritt an Stelle des Handelns, und das +Proletariat tritt für eine Zeitlang in den Schatten, um sich desto +fleißiger dem gewerkschaftlichen Kampf und dem Organisationswerk zu +widmen. Die Massenstreiks verstummen, während knatternde Raketen der +liberalen Rethorik Tag für Tag abgefeuert werden. Schließlich rasselt +der eiserne Vorhang plötzlich herunter, die Schauspieler werden +auseinander gejagt, von den liberalen Raketen bleibt nur Rauch und Dunst +übrig. Ein Versuch des Zentralkomitees der russischen Sozialdemokratie, +als Demonstration für die Duma und für die Wiedereröffnung der Periode +des liberalen Redens einen vierten Massenstreik in ganz Rußland +hervorzurufen, fällt platt zu Boden. Die Rolle der politischen +Massenstreiks allein ist erschöpft, der Übergang des Massenstreiks in +einen allgemeinen Volksaufstand und Straßenkampf aber noch nicht +herangereift. Die liberale Episode ist vorbei, die proletarische hat +noch nicht wieder begonnen. Die Bühne bleibt vorläufig leer. + + + + +IV. + + +Wir haben im vorigen in wenigen knappen Zügen die Geschichte der +Massenstreiks in Rußland zu skizzieren gesucht. Schon ein flüchtiger +Blick auf diese Geschichte zeigt uns ein Bild, das in keinem Strich +demjenigen ähnelt, welches man sich bei der Diskussion in Deutschland +gewöhnlich vom Massenstreik macht. Statt des starren und hohlen Schemas +einer auf Beschluß der höchsten Instanzen mit Plan und Umsicht +ausgeführten trocknen politischen »Aktion«, sehen wir ein Stück +lebendiges Leben aus Fleisch und Blut, das sich gar nicht aus dem großen +Rahmen der Revolution herausschneiden läßt, das durch tausend Adern mit +dem ganzen Drum und Dran der Revolution verbunden ist. + +Der Massenstreik, wie ihn uns die russische Revolution zeigt, ist eine +so wandelbare Erscheinung, daß er alle Phasen des politischen und +ökonomischen Kampfes, alle Stadien und Momente der Revolution in sich +spiegelt. Seine Anwendbarkeit, seine Wirkungskraft, seine +Entstehungsmomente ändern sich fortwährend. Er eröffnet plötzlich neue, +weite Perspektiven der Revolution, wo sie bereits in einen Engpaß +geraten schien, und er versagt, wo man auf ihn mit voller Sicherheit +glaubt rechnen zu können. Er flutet bald wie eine breite Meereswoge über +das ganze Reich, bald zerteilt er sich in ein Riesennetz dünner Ströme; +bald sprudelt er aus dem Untergrunde wie ein frischer Quell, bald +versickert er ganz im Boden. Politische und ökonomische Streiks, +Massenstreiks und partielle Streiks, Demonstrationsstreiks und +Kampfstreiks, Generalstreiks einzelner Branchen und Generalstreiks +einzelner Städte, ruhige Lohnkämpfe und Straßenschlachten, +Barrikadenkämpfe -- alles das läuft durcheinander, nebeneinander, +durchkreuzt sich, flutet ineinander über; es ist ein ewig bewegliches, +wechselndes Meer von Erscheinungen. Und das Bewegungsgesetz dieser +Erscheinungen wird klar: Es liegt nicht in dem Massenstreik selbst, +nicht in seinen technischen Besonderheiten, sondern in dem politischen +und sozialen Kräfteverhältnis der Revolution. Der Massenstreik ist bloß +die Form des revolutionären Kampfes und jede Verschiebung im Verhältnis +der streitenden Kräfte, in der Parteientwicklung und der +Klassenscheidung, in der Position der Kontrerevolution, alles das +beeinflußt sofort auf tausend unsichtbaren, kaum kontrollierbaren Wegen +die Streikaktion. Dabei hört aber die Streikaktion selbst fast keinen +Augenblick auf. Sie ändert bloß ihre Formen, ihre Ausdehnung, ihre +Wirkung. Sie ist der lebendige Pulsschlag der Revolution und zugleich +ihr mächtigstes Triebrad. Mit einem Wort: der Massenstreik, wie ihn uns +die russische Revolution zeigt, ist nicht ein pfiffiges Mittel, +ausgeklügelt zum Zwecke einer kräftigeren Wirkung des proletarischen +Kampfes, sondern er ist _die Bewegungsweise der proletarischen Masse, +die Erscheinungsform des proletarischen Kampfes in der Revolution_. + +Daraus lassen sich für die Beurteilung des Massenstreikproblems einige +allgemeine Gesichtspunkte ableiten. + +1. Es ist gänzlich verkehrt, sich den Massenstreik als einen Akt, eine +Einzelhandlung zu denken. Der Massenstreik ist vielmehr die Bezeichnung, +der Sammelbegriff einer ganzen jahrelangen, vielleicht jahrzehntelangen +Periode des Klassenkampfes. Von den unzähligen verschiedensten +Massenstreiks, die sich in Rußland seit vier Jahren abgespielt haben, +paßt das Schema des Massenstreiks als eines rein politischen, nach Plan +und Absicht hervorgerufenen und abgeschlossenen, kurzen Einzelaktes +lediglich auf eine und zwar untergeordnete Spielart: auf den reinen +Demonstrationsstreik. Im ganzen Verlauf der fünfjährigen Periode sehen +wir in Rußland bloß einige wenige Demonstrationsstreiks, die sich +notabene gewöhnlich nur auf einzelne Städte beschränken. So der +jährliche Maifeier-Generalstreik in Warschau und in Lodz -- im +eigentlichen Rußland ist der 1. Mai bis jetzt noch nicht in +nennenswertem Umfange durch Arbeitsruhe gefeiert worden; der +Massenstreik in Warschau am 11. September 1905 als Trauerfeier zu Ehren +des hingerichteten Martin Kasprzak, im November 1905 in Petersburg als +Protestkundgebung gegen die Erklärung des Belagerungszustandes in Polen +und Livland, am 22. Januar 1906 in Warschau, Lodz, Czenstochau und dem +Dombrowaer Kohlenbecken, sowie zum Teil in einigen russischen Städten +als Jahresfeier des Gedenktages des Petersburger Blutbades; ferner im +Juli 1906 ein Generalstreik in Tiflis als Sympathiekundgebung für die +vom Kriegsgericht wegen der Militärrevolte abgeurteilten Soldaten, +endlich aus gleichem Anlaß im September d. J. während der Verhandlung +des Kriegsgerichts in Reval. Alle übrigen großen und partiellen +Massenstreiks und Generalstreiks waren nicht Demonstrations- sondern +Kampfstreiks, und als solche entstanden sie meistens spontan, jedesmal +aus spezifischen lokalen zufälligen Anlässen, ohne Plan und Absicht und +wuchsen sich mit elementarer Macht zu großen Bewegungen aus, wobei sie +nicht einen »geordneten Rückzug« antraten, sondern sich bald in +ökonomischen Kampf verwandelten, bald in Straßenkampf, bald fielen sie +von selbst zusammen. + +In diesem allgemeinen Bilde spielen die reinen politischen +Demonstrationsstreiks eine ganz untergeordnete Rolle -- die einzelner +kleiner Punkte mitten unter gewaltigen Flächen. Dabei läßt +sich, zeitlich betrachtet, folgender Zug wahrnehmen: Die +Demonstrationsstreiks, die im Unterschied von den Kampfstreiks das +größte Maß von Parteidisziplin, bewußter Leitung und politischem +Gedanken aufweisen, also nach dem Schema als die höchste und reifste +Form der Massenstreiks erscheinen müßten, spielen in Wahrheit die größte +Rolle in den _Anfängen_ der Bewegung. So war z. B. die absolute +Arbeitsruhe am 1. Mai 1905 in Warschau, als der erste Fall eines so +staunenswert durchgeführten Beschlusses der Sozialdemokratie, für die +proletarische Bewegung in Polen ein Ereignis von großer Tragweite. +Ebenso hat der Sympathiestreik im November des gleichen Jahres in +Petersburg als die erste Probe einer bewußten planmäßigen Massenaktion +in Rußland großen Eindruck gemacht. Genau so wird auch der +»Probemassenstreik« der Hamburger Genossen vom 17. Januar 1906 eine +hervorragende Rolle in der Geschichte der künftigen deutschen +Massenstreiks spielen, als der erste frische Versuch mit der soviel +umstrittenen Waffe und zwar als ein so wohlgelungener, von der +Kampfstimmung und Kampffreude der Hamburger Arbeiterschaft so +überzeugend sprechender Versuch. Und ebenso sicher wird die Periode der +Massenstreiks in Deutschland, wenn sie einmal im Ernst begonnen hat, von +selbst zu einer wirklichen allgemeinen Arbeitsruhe am 1. Mai führen. Die +Maifeier dürfte naturgemäß als die erste große Demonstration im Zeichen +der Massenkämpfe zu Ehren kommen. In diesem Sinne hat der »lahme Gaul«, +wie die Maifeier auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß genannt wurde, noch +eine große Zukunft und eine wichtige Rolle im proletarischen +Klassenkampfe in Deutschland vor sich. Allein mit der Entwicklung der +ernsten revolutionären Kämpfe nimmt die Bedeutung solcher +Demonstrationen rasch ab. Gerade dieselben Momente, die das +Zustandekommen der Demonstrationsstreiks nach vorgefaßtem Plan und auf +die Parole der Parteien hin objektiv ermöglichen: das Wachstum des +politischen Bewußtseins und der Schulung des Proletariats, machen +diese Art von Massenstreiks unmöglich: heute will das Proletariat +in Rußland, und zwar gerade die tüchtigste Vorhut der Masse, von +Demonstrationsstreiks nichts wissen; die Arbeiter verstehen keinen Spaß +mehr und wollen nunmehr bloß an ernsten Kampf mit allen seinen +Konsequenzen denken. Und wenn in dem ersten großen Massenstreik im +Januar 1905 das demonstrative Element, zwar nicht in absichtlicher, +sondern mehr in instinktiver, spontaner Form, noch eine große Rolle +spielte, so scheiterte umgekehrt der Versuch des Zentralkomitees der +russischen Sozialdemokratie, im August einen Massenstreik als Kundgebung +für die aufgelöste Duma hervorzurufen, unter anderem an der +entschiedenen Abneigung des geschulten Proletariats gegen schwächliche +Halbaktionen und bloße Demonstrationen. + +2. Wenn wir aber anstatt der untergeordneten Spielart des demonstrativen +Streiks den Kampfstreik ins Auge fassen, wie er im heutigen Rußland den +eigentlichen Träger der proletarischen Aktion darstellt, so fällt weiter +ins Auge, daß darin das ökonomische und das politische Moment unmöglich +voneinander zu trennen sind. Auch hier weicht die Wirklichkeit von dem +theoretischen Schema weit ab, und die pedantische Vorstellung, in der +der reine politische Massenstreik logisch von dem gewerkschaftlichen +Generalstreik als die reifste und höchste Stufe abgeleitet, aber +zugleich klar auseinandergehalten wird, ist von der Erfahrung der +russischen Revolution gründlich widerlegt. Dies äußert sich nicht bloß +geschichtlich darin, daß die Massenstreiks, von jenem ersten großen +Lohnkampf der Petersburger Textilarbeiter im Jahre 1896-1897 bis zu dem +letzten großen Massenstreik im Dezember 1905, ganz unmerklich aus +ökonomischen in politische übergehen, so daß es fast unmöglich ist, die +Grenze zwischen beiden zu ziehen. Auch jeder einzelne von den großen +Massenstreiks wiederholt sozusagen im kleinen die allgemeine Geschichte +der russischen Massenstreiks und beginnt mit einem rein ökonomischen +oder jedenfalls partiellen gewerkschaftlichen Konflikt, um die +Stufenleiter bis zur politischen Kundgebung zu durchlaufen. Das große +Massenstreikgewitter im Süden Rußlands 1902 und 1903 entstand, wie wir +gesehen, in Baku aus einem Konflikt infolge der Maßregelung +Arbeitsloser, in Rostow aus Lohndifferenzen in den Eisenbahnwerkstätten, +in Tiflis aus einem Kampf der Handelsangestellten um die Verkürzung der +Arbeitszeit, in Odessa aus einem Lohnkampf in einer einzelnen kleinen +Fabrik. Der Januar-Massenstreik 1905 entwickelt sich aus dem internen +Konflikt in den Putilow-Werken, der Oktoberstreik aus dem Kampf der +Eisenbahner um die Pensionskasse, der Dezemberstreik endlich aus dem +Kampf der Post- und Telegraphenangestellten um das Koalitionsrecht. Der +Fortschritt der Bewegung im ganzen äußert sich nicht darin, daß das +ökonomische Anfangsstadium ausfällt, sondern vielmehr in der Rapidität, +womit die Stufenleiter zur politischen Kundgebung durchlaufen wird und +in der Extremität des Punktes, bis zu dem sich der Massenstreik +voranbewegt. + +Allein die Bewegung im ganzen geht nicht bloß nach der Richtung vom +ökonomischen zum politischen Kampf, sondern auch umgekehrt. Jede von den +großen politischen Massenaktionen schlägt, nachdem sie ihren politischen +Höhepunkt erreicht hat, in einen ganzen Wust ökonomischer Streiks um. +Und dies bezieht sich wieder nicht bloß auf jeden einzelnen von den +großen Massenstreiks, sondern auch auf die Revolution im ganzen. Mit der +Verbreitung, Klärung und Potenzierung des politischen Kampfes tritt nicht +bloß der ökonomische Kampf nicht zurück, sondern er verbreitet sich, +organisiert sich und potenziert sich seinerseits in gleichem Schritt. Es +besteht zwischen beiden eine völlige Wechselwirkung. + +Jeder neue Anlauf und neue Sieg des politischen Kampfes verwandelt sich +in einen mächtigen Anstoß für den wirtschaftlichen Kampf, indem er +zugleich seine äußeren Möglichkeiten erweitert und den inneren Antrieb +der Arbeiter, ihre Lage zu bessern, ihre Kampflust erhöht. Nach jeder +schäumenden Welle der politischen Aktion bleibt ein befruchtender +Niederschlag zurück, aus dem sofort tausendfältige Halme des +ökonomischen Kampfes emporschießen. Und umgekehrt. Der unaufhörliche +ökonomische Kriegszustand der Arbeiter mit dem Kapital hält die +Kampfenergie in allen politischen Pausen wach, er bildet sozusagen das +ständige frische Reservoir der proletarischen Klassenkraft, aus dem der +politische Kampf immer von neuem seine Macht hervorholt, und zugleich +führt das unermüdliche ökonomische Bohren des Proletariats alle +Augenblicke bald hier, bald dort zu einzelnen scharfen Konflikten, aus +denen unversehens politische Konflikte auf großem Maßstab explodieren. + +Mit einem Wort: Der ökonomische Kampf ist das Fortleitende von einem +politischen Knotenpunkt zum andern, der politische Kampf ist die +periodische Befruchtung des Bodens für den ökonomischen Kampf. Ursache +und Wirkung wechseln hier alle Augenblicke ihre Stellen, und so bilden +das ökonomische und das politische Moment in der Massenstreikperiode, +weit entfernt, sich reinlich zu scheiden oder gar auszuschließen, wie es +das pedantische Schema will, vielmehr nur zwei ineinandergeschlungene +Seiten des proletarischen Klassenkampfes in Rußland. Und _ihre Einheit_ +ist eben der Massenstreik. Wenn die spintisierende Theorie, um zu dem +»reinen politischen Massenstreik« zu gelangen, eine künstliche logische +Sektion an dem Massenstreik vornimmt, so wird bei diesem Sezieren, wie +bei jedem anderen, die Erscheinung nicht in ihrem lebendigen Wesen +erkannt, sondern bloß abgetötet. + +3. Endlich zeigen uns die Vorgänge in Rußland, daß der Massenstreik von +der Revolution unzertrennlich ist. Die Geschichte der russischen +Massenstreiks das ist die Geschichte der russischen Revolution. Wenn +freilich die Vertreter unseres deutschen Opportunismus von »Revolution« +hören, so denken sie sofort an Blutvergießen, Straßenschlachten, an +Pulver und Blei, und der logische Schluß daraus ist: der Massenstreik +führt unvermeidlich zur Revolution, _ergo_ dürfen wir ihn nicht machen. +In der Tat sehen wir in Rußland, daß beinahe jeder Massenstreik im +letzten Schluß auf ein Renkontre mit den bewaffneten Hütern der +zarischen Ordnung hinausläuft; darin sind die sogenannten politischen +Streiks den größeren ökonomischen Kämpfen ganz gleich. Allein die +Revolution ist etwas anderes und etwas mehr als Blutvergießen. Im +Unterschied von der polizeilichen Auffassung, die die Revolution +ausschließlich vom Standpunkte der Straßenunruhen und Krawalle, d. h. +vom Standpunkte der »Unordnung« ins Auge faßt, erblickt die Auffassung +des wissenschaftlichen Sozialismus in der Revolution vor allem eine +tiefgehende innere Umwälzung in den sozialen Klassenverhältnissen. Und +von diesem Standpunkt besteht zwischen Revolution und Massenstreik in +Rußland auch noch ein ganz anderer Zusammenhang als der von der +trivialen Wahrnehmung konstatierte, daß der Massenstreik gewöhnlich im +Blutvergießen endet. + +Wir haben oben den inneren Mechanismus der russischen Massenstreiks +gesehen, der auf der unaufhörlichen Wechselwirkung des politischen und +des ökonomischen Kampfes beruht. Aber gerade diese Wechselwirkung ist +bedingt durch die Revolutionsperiode. Nur in der Gewitterluft der +revolutionären Periode vermag sich nämlich jeder partielle kleine +Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer allgemeinen Explosion +auszuwachsen. In Deutschland passieren jährlich und täglich die +heftigsten, brutalsten Zusammenstöße zwischen Arbeitern und +Unternehmern, ohne daß der Kampf die Schranken der betreffenden +einzelnen Branche oder der einzelnen Stadt, ja Fabrik überspringt. +Maßregelungen organisierter Arbeiter wie in Petersburg, Arbeitslosigkeit +wie in Baku, Lohnkonflikte wie in Odessa, Kämpfe um das Koalitionsrecht +wie in Moskau sind in Deutschland auf der Tagesordnung. Kein einziger +dieser Fälle schlägt jedoch in eine gemeinsame Klassenaktion um. Und +wenn sie sich selbst zu einzelnen Massenstreiks auswachsen, die +zweifellos einen politischen Anstrich haben, so entzünden sie auch dann +noch kein allgemeines Gewitter. Der Generalstreik der holländischen +Eisenbahner, der trotz wärmster Sympathien mitten in völliger +Unbeweglichkeit des Proletariats im Lande verblutete, liefert einen +frappanten Beweis dafür. + +Und umgekehrt, nur in der Revolutionsperiode, wo die sozialen Fundamente +und die Mauern der Klassengesellschaft aufgelockert und in ständiger +Verschiebung begriffen sind, vermag jede politische Klassenaktion des +Proletariats in wenigen Stunden ganze, bis dahin unberührte Schichten +der Arbeiterschaft aus der Unbeweglichkeit zu reißen, was sich sofort +naturgemäß in einem stürmischen ökonomischen Kampf äußert. Der plötzlich +durch den elektrischen Schlag einer politischen Aktion wachgerüttelte +Arbeiter greift im nächsten Augenblick vor allem zu dem nächstliegenden: +zur Abwehr gegen sein ökonomisches Sklavenverhältnis; die stürmische +Geste des politischen Kampfes läßt ihn plötzlich mit ungeahnter +Intensität die Schwere und den Druck seiner ökonomischen Ketten fühlen. +Und während z. B. der heftigste politische Kampf in Deutschland: der +Wahlkampf oder der parlamentarische Kampf um den Zolltarif kaum einen +vernehmbaren direkten Einfluß auf den Verlauf und die Intensität der +gleichzeitig in Deutschland geführten Lohnkämpfe ausübt, äußert sich +jede politische Aktion des Proletariats in Rußland sofort in der +Erweiterung und Vertiefung der Fläche des wirtschaftlichen Kampfes. + +So schafft also die Revolution erst die sozialen Bedingungen, in denen +jenes unmittelbare Umschlagen des ökonomischen Kampfes in politischen +und des politischen Kampfes in ökonomischen ermöglicht wird, das im +Massenstreik seinen Ausdruck findet. Und wenn das vulgäre Schema den +Zusammenhang zwischen Massenstreik und Revolution nur in den blutigen +Straßen-Renkontres erblickt, mit denen die Massenstreiks abschließen, so +zeigt uns ein etwas tieferer Blick in die russischen Vorgänge einen ganz +_umgekehrten_ Zusammenhang: in Wirklichkeit produziert nicht der +Massenstreik die Revolution, sondern die Revolution produziert den +Massenstreik. + +4. Es genügt, das Bisherige zusammenzufassen, um auch über die Frage der +bewußten Leitung und der Initiative bei dem Massenstreik Aufschluß zu +bekommen. Wenn der Massenstreik nicht einen einzelnen Akt, sondern eine +ganze Periode des Klassenkampfes bedeutet, und wenn diese Periode mit +einer Revolutionsperiode identisch ist, so ist es klar, daß der +Massenstreik nicht aus freien Stücken hervorgerufen werden kann, auch +wenn der Entschluß dazu von der höchsten Instanz der stärksten +sozialdemokratischen Partei ausgehen mag. Solange die Sozialdemokratie +es nicht in ihrer Hand hat, nach eigenem Ermessen Revolutionen zu +inszenieren und abzusagen, genügt auch nicht die größte Begeisterung und +Ungeduld der sozialdemokratischen Truppen dazu, eine wirkliche Periode +der Massenstreiks als eine lebendige mächtige Volksbewegung ins Leben zu +rufen. Auf Grund der Entschlossenheit einer Parteileitung und der +Parteidisziplin der sozialdemokratischen Arbeiterschaft kann man wohl +eine einmalige kurze Demonstration veranstalten, wie der schwedische +Massenstreik oder die jüngsten österreichischen oder auch der Hamburger +Massenstreik vom 17. Januar. Diese Demonstrationen unterscheiden sich +aber von einer wirklichen Periode revolutionärer Massenstreiks genau so, +wie sich die bekannten Flottendemonstrationen in fremden Häfen bei +gespannten diplomatischen Beziehungen von einem Seekrieg unterscheiden. +Ein aus lauter Disziplin und Begeisterung geborener Massenstreik wird im +besten Falle als eine Episode, als ein Symptom der Kampfstimmung der +Arbeiterschaft eine Rolle spielen, worauf die Verhältnisse aber in den +ruhigen Alltag zurückfallen. Freilich fallen auch während der Revolution +die Massenstreiks nicht ganz vom Himmel. Sie müssen so oder anders von +den Arbeitern gemacht werden. Der Entschluß und Beschluß der +Arbeiterschaft spielt auch dabei eine Rolle, und zwar kommt die +Initiative sowie die weitere Leitung natürlich dem organisierten und +aufgeklärtesten sozialdemokratischen Kern des Proletariats zu. Allein +diese Initiative und diese Leitung haben einen Spielraum meistens nur in +Anwendung auf die einzelnen Akte, einzelnen Streiks, wenn die +revolutionäre Periode bereits vorhanden ist, und zwar meistens in den +Grenzen einer einzelnen Stadt. So hat z. B., wie wir gesehen, die +Sozialdemokratie mehrmals direkt die Losung zum Massenstreik in Baku, in +Warschau, in Lodz, in Petersburg mit Erfolg gegeben. Dasselbe gelingt +schon viel weniger in Anwendung auf allgemeine Bewegungen des gesamten +Proletariats. Ferner sind dabei der Initiative und der bewußten Leitung +ganz bestimmte Schranken gesteckt. Gerade während der Revolution ist es +für irgend ein leitendes Organ der proletarischen Bewegung äußerst +schwer, vorauszusehen und zu berechnen, welcher Anlaß und welche Momente +zu Explosionen führen können und welche nicht. Auch hier besteht die +Initiative und Leitung nicht in dem Kommandieren aus freien Stücken, +sondern in der möglichst geschickten Anpassung an die Situation und +möglichst engen Fühlung mit den Stimmungen der Masse. Das Element des +Spontanen spielt, wie wir gesehen, in allen russischen Massenstreiks +ohne Ausnahme eine große Rolle, sei es als treibendes oder als hemmendes +Element. Dies rührt aber nicht daher, weil in Rußland die +Sozialdemokratie noch jung oder schwach ist, sondern daher, weil bei +jedem einzelnen Akt des Kampfes so viele unübersehbare ökonomische, +politische und soziale, allgemeine und lokale, materielle und psychische +Momente mitwirken, daß kein einziger Akt sich wie ein Rechenexempel +bestimmen und abwickeln läßt. Die Revolution ist, auch wenn in ihr das +Proletariat mit der Sozialdemokratie an der Spitze die führende Rolle +spielt, nicht ein Manöver des Proletariats im freien Felde, sondern es +ist ein Kampf mitten im unaufhörlichen Krachen, Zerbröckeln, Verschieben +aller sozialen Fundamente. Kurz, in den Massenstreiks in Rußland spielt +das Element des Spontanen eine so vorherrschende Rolle, nicht weil das +russische Proletariat »ungeschult« ist, sondern weil sich Revolutionen +nicht schulmeistern lassen. + +Anderseits aber sehen wir in Rußland, daß dieselbe Revolution, die der +Sozialdemokratie das Kommando über den Massenstreik so sehr erschwert +und ihr alle Augenblicke launig das Dirigentenstöckchen aus der Hand +schlägt oder in die Hand drückt, daß sie dafür selbst gerade alle jene +Schwierigkeiten der Massenstreiks löst, die im theoretischen Schema der +deutschen Diskussion als die Hauptsorgen der »Leitung« behandelt werden: +die Frage der »Verproviantierung«, der »Kostendeckung« und der »Opfer«. +Freilich, sie löst sie durchaus nicht in dem Sinne, wie man es bei einer +ruhigen, vertraulichen Konferenz zwischen den leitenden Oberinstanzen +der Arbeiterbewegung mit dem Bleistift in der Hand regelt. Die +»Regelung« all dieser Fragen besteht darin, daß die Revolution eben so +enorme Volksmassen auf die Bühne bringt, daß jede Berechnung und +Regelung der Kosten ihrer Bewegung, wie man die Kosten eines +Zivilprozesses im voraus aufzeichnet, als ein ganz hoffnungsloses +Unternehmen erscheint. Gewiß suchen auch die leitenden Organisationen in +Rußland die direkten Opfer des Kampfes nach Kräften zu unterstützen. So +wurden z. B. die tapferen Opfer der Riesenaussperrung in Petersburg +infolge der Achtstundenkampagne wochenlang unterstützt. Allein alle +diese Maßnahmen sind in der enormen Bilanz der Revolution ein Tropfen im +Meere. Mit dem Augenblick, wo eine wirkliche ernste Massenstreikperiode +beginnt, verwandeln sich alle »Kostenberechnungen« in das Vorhaben, den +Ozean mit einem Wasserglas auszuschöpfen. Es ist nämlich ein Ozean +furchtbarer Entbehrungen und Leiden, durch den jede Revolution für die +Proletariermasse erkauft wird. Und die Lösung, die eine revolutionäre +Periode dieser scheinbar unüberwindlichen Schwierigkeit gibt, besteht +darin, daß sie zugleich eine so gewaltige Summe von Massenidealismus +auslöst, bei der die Masse gegen die schärfsten Leiden unempfindlich +wird. Mit der Psychologie eines Gewerkschaftlers, der sich auf keine +Arbeitsruhe bei der Maifeier einläßt, bevor ihm eine genau bestimmte +Unterstützung für den Fall seiner Maßregelung im voraus zugesichert +wird, läßt sich weder Revolution noch Massenstreik machen. Aber im Sturm +der revolutionären Periode verwandelt sich eben der Proletarier aus +einem Unterstützung heischenden vorsorglichen Familienvater in einen +»Revolutionsromantiker«, für den sogar das höchste Gut, nämlich das +Leben, geschweige das materielle Wohlsein, im Vergleich mit den +Kampfidealen geringen Wert besitzt. + +Wenn aber die Leitung der Massenstreiks im Sinne des Kommandos über ihre +Entstehung und im Sinne der Berechnung und Deckung ihrer Kosten Sache +der revolutionären Periode selbst ist, so kommt dafür die Leitung bei +Massenstreiks in einem ganz anderen Sinne der Sozialdemokratie und ihren +führenden Organen zu. Statt sich mit der technischen Seite, mit dem +Mechanismus der Massenstreiks fremden Kopf zu zerbrechen, ist die +Sozialdemokratie berufen, die _politische_ Leitung auch mitten in der +Revolutionsperiode zu übernehmen. Die Parole, die Richtung dem Kampfe zu +geben, die _Taktik_ des politischen Kampfes so einzurichten, daß in +jeder Phase und in jedem Moment des Kampfes die ganze Summe der +vorhandenen und bereits ausgelösten, betätigten Macht des Proletariats +realisiert wird und in der Kampfstellung der Partei zum Ausdruck kommt, +daß die Taktik der Sozialdemokratie nach ihrer Entschlossenheit und +Schärfe nie _unter_ dem Niveau des tatsächlichen Kräfteverhältnisses +steht, sondern vielmehr diesem Verhältnis vorauseilt, das ist die +wichtigste Aufgabe der »Leitung« in der Periode der Massenstreiks. Und +diese Leitung schlägt von selbst gewissermaßen in technische Leitung um. +Eine konsequente, entschlossene, vorwärtsstrebende Taktik der +Sozialdemokratie ruft in der Masse das Gefühl der Sicherheit, des +Selbstvertrauens und der Kampflust hervor; eine schwankende, +schwächliche, auf der Unterschätzung des Proletariats basierte Taktik +wirkt auf die Masse lähmend und verwirrend. Im ersteren Falle brechen +Massenstreiks »von selbst« und immer »rechtzeitig« aus, im zweiten +bleiben mitunter direkte Aufforderungen der Leitung zum Massenstreik +erfolglos. Und für beides liefert die russische Revolution sprechende +Beispiele. + + + + +V. + + +Es fragt sich nun, wie weit alte Lehren, die man aus den russischen +Massenstreiks ziehen kann, auf Deutschland passen. Die sozialen und +politischen Verhältnisse, die Geschichte und der Stand der +Arbeiterbewegung sind in Deutschland und in Rußland völlig verschieden. +Auf den ersten Blick mögen auch die oben aufgezeichneten inneren Gesetze +der russischen Massenstreiks lediglich als das Produkt spezifisch +russischer Verhältnisse erscheinen, die für das deutsche Proletariat gar +nicht in Betracht kommen. Zwischen dem politischen und ökonomischen +Kampf in der russischen Revolution besteht der engste innere +Zusammenhang; ihre Einheit kommt in der Periode der Massenstreiks zum +Ausdruck. Aber ist das nicht eine einfache Folge des russischen +Absolutismus? In einem Staate, wo jede Form und jede Äußerung der +Arbeiterbewegung verboten, wo der einfachste Streik ein politisches +Verbrechen ist, muß auch logischerweise jeder ökonomische Kampf zum +politischen werden. + +Ferner, wenn umgekehrt gleich der erste Ausbruch der politischen +Revolution eine allgemeine Abrechnung der russischen Arbeiterschaft mit +dem Unternehmertum nach sich gezogen hat, so ist das wiederum die +einfache Folge des Umstandes, daß der russische Arbeiter bis dahin auf +dem tiefsten Niveau der Lebenshaltung stand und überhaupt noch niemals +einen regelmäßigen ökonomischen Kampf um die Besserung seiner Lage +geführt hatte. Das Proletariat in Rußland mußte sich gewissermaßen aus +dem allergröbsten erst herausarbeiten, was Wunder, daß es dazu mit +jugendlichem Wagemut griff, sobald die Revolution den ersten frischen +Hauch in die Stickluft des Absolutismus hineingebracht hatte. Und +endlich erklärt sich der stürmische revolutionäre Verlauf der russischen +Massenstreiks, sowie ihr vorwiegend spontaner, elementarer Charakter +einerseits aus der politischen Zurückgebliebenheit Rußlands, aus der +Notwendigkeit, erst den orientalischen Despotismus zu stürzen, +anderseits aus dem Mangel an Organisation und Schulung des russischen +Proletariats. In einem Lande, wo die Arbeiterklasse 80 Jahre Erfahrung +im politischen Leben, eine drei Millionen starke sozialdemokratische +Partei und eineinviertel Million gewerkschaftlich organisierte +Kerntruppen hat, kann der politische Kampf, können die Massenstreiks +unmöglich denselben stürmischen und elementaren Charakter annehmen wie +in einem halbbarbarischen Staate, der erst den Sprung aus dem +Mittelalter in die neuzeitliche bürgerliche Ordnung macht. Dies die +landläufige Vorstellung bei denjenigen, die den Reifegrad der +gesellschaftlichen Verhältnisse eines Landes aus dem Wortlaut seiner +geschriebenen Gesetze ablesen wollen. + +Untersuchen wir die Fragen nach der Reihe. Zunächst ist es verkehrt, den +Beginn des ökonomischen Kampfes in Rußland erst von dem Ausbruch der +Revolution zu datieren. Tatsächlich waren die Streiks, die Lohnkämpfe im +eigentlichen Rußland seit Anfang der neunziger Jahre, in Russisch-Polen +sogar seit Ende der achtziger Jahre, immer mehr auf der Tagesordnung und +hatten sich zuletzt das faktische Bürgerrecht erworben. Freilich zogen +sie häufig brutale polizeiliche Maßregelungen nach sich, gehörten aber +trotzdem zu den alltäglichen Erscheinungen. Bestand doch z. B. in +Warschau und Lodz bereits im Jahre 1891 je eine bedeutende allgemeine +Streikkasse, und die Schwärmerei für die Gewerkschaften hat in diesen +Jahren in Polen für kurze Zeit sogar jene »ökonomischen« Illusionen +geschaffen, die in Petersburg und im übrigen Rußland einige Jahre später +grassierten.[3] + +[Fußnote 3: Es beruht deshalb auf einem tatsächlichen Irrtum, wenn die +Genossin Roland-Holst in der Vorrede zur russischen Ausgabe Ihres Buches +über den Massenstreik meint: »Das Proletariat (in Rußland) war, fast +seit dem Aufkommen der Großindustrie, mit dem Massenstreik vertraut +geworden, aus dem einfachen Grunde, weil partielle Streiks sich unter +dem politischen Drucke des Absolutismus unmöglich erwiesen.« (S. »Neue +Zeit« Nr. 33, 1906.) Das Umgekehrte war vielmehr der Fall. So sagte auch +der Berichterstatter des Petersburger Gewerkschaftskartells auf der +zweiten Konferenz der russischen Gewerkschaften im Februar 1906 eingangs +seines Referats: »Bei der Zusammensetzung der Konferenz, die ich hier +vor mir sehe, habe ich nicht nötig, erst hervorzuheben, daß unsere +Gewerkschaftsbewegung nicht etwa von der »liberalen« Periode des Fürsten +Swiatopolk-Mirski (im Jahre 1904. R. L.) oder vom 22. Januar herrührt, +wie manche zu behaupten versuchen. Die gewerkschaftliche Bewegung hat +viel tiefere Wurzeln, sie ist unzertrennlich verknüpft mit der ganzen +Vergangenheit unserer Arbeiterbewegung. Unsere Gewerkschaften sind bloß +neue Organisationsformen zur Leitung jenes ökonomischen Kampfes, den das +russische Proletariat bereits Jahrzehnte lang führt. Ohne uns weit in +die Geschichte zu vertiefen, darf man wohl sagen, daß der ökonomische +Kampf der Petersburger Arbeiter mehr oder weniger organisierte Formen +annimmt seit den denkwürdigen Streiks der Jahre 1896 und 1897. Die +Leitung dieses Kampfes wird, glücklich kombiniert mit der Leitung des +politischen Kampfes, Sache jener sozialdemokratischen Organisation, die +der »Petersburger Verein des Kampfes um die Befreiung der +Arbeiterklasse« hieß, und die sich nach der Konferenz im März 1898 in +das »Petersburger Komitee der russischen sozialdemokratischen +Arbeiterpartei« verwandelte. Es wird ein kompliziertes System der +Fabrik-, Bezirks- und Vorstadt-Organisationen geschaffen, welches die +Zentrale durch unzählige Fäden mit den Arbeitermassen verknüpft und es +ihr ermöglicht, auf alle Bedürfnisse der Arbeiterschaft durch +Flugschriften zu reagieren. Es wird die Möglichkeit geschaffen, die +Streiks zu unterstützen und zu leiten.«] + +Desgleichen liegt viel Übertreibung in der Vorstellung, als habe der +Proletarier im Zarenreich vor der Revolution durchweg auf dem +Lebensniveau eines Paupers gestanden. Gerade die jetzt im ökonomischen +wie im politischen Kampfe tätigste und eifrigste Schicht der +großindustriellen großstädtischen Arbeiter stand in bezug auf ihr +materielles Lebensniveau kaum viel tiefer als die entsprechende Schicht +des deutschen Proletariats, und in manchen Berufen kann man in Rußland +gleiche, ja hier und da selbst höhere Löhne finden als in Deutschland. +Auch in Bezug auf die Arbeitszeit wird der Unterschied zwischen den +großindustriellen Betrieben hier und dort kaum ein bedeutender sein. +Somit sind die Vorstellungen, die mit einem vermeintlichen materiellen +und kulturellen Helotentum der russischen Arbeiterschaft rechnen, +ziemlich aus der Luft gegriffen. Dieser Vorstellung müßte bei einigem +Nachdenken schon die Tatsache der Revolution selbst und der +hervorragenden Rolle des Proletariats in ihr widersprechen. Mit Paupers +werden keine Revolutionen von dieser politischen Reife und +Gedankenklarheit gemacht, und der im Vordertreffen des Kampfes stehende +Petersburger und Warschauer, Moskauer und Odessaer Industriearbeiter ist +kulturell und geistig dem westeuropäischen Typus viel näher, als sich +diejenigen denken, die als die einzige und unentbehrliche Kulturschule +des Proletariats den bürgerlichen Parlamentarismus und die regelrechte +Gewerkschaftspraxis betrachten. Die moderne großkapitalistische +Entwicklung Rußlands und die anderthalbjahrzehnte lange geistige +Einwirkung der Sozialdemokratie, die den ökonomischen Kampf ermutigte +und leitete, haben auch ohne die äußeren Garantien der bürgerlichen +Rechtsordnung ein tüchtiges Stück Kulturarbeit geleistet. + +Der Kontrast wird aber noch geringer, wenn wir auf der anderen Seite +etwas tiefer in das tatsächliche Lebensniveau der _deutschen_ +Arbeiterschaft hineinblicken. Die großen politischen Massenstreiks haben +in Rußland vom ersten Augenblick die breitesten Schichten des +Proletariats aufgerüttelt und in fieberhaften ökonomischen Kampf +gestürzt. Allein, gibt es in Deutschland nicht ganze dunkle Winkel im +Dasein der Arbeiterschaft, wo das wärmende Licht der Gewerkschaften bis +jetzt sehr spärlich eindringt, ganze große Schichten, die bis jetzt gar +nicht oder vergeblich auf dem Wege alltäglicher Lohnkämpfe sich aus dem +sozialen Helotentum emporzuheben versuchen? Nehmen wir das +_Bergarbeiterelend_. Schon in dem ruhigen Werkeltag, in der kalten +Atmosphäre des parlamentarischen Einerlei Deutschlands -- wie in den +anderen Ländern auch, selbst im Dorado der Gewerkschaften, in England -- +äußert sich der Lohnkampf der Bergarbeiter fast nicht anders als von +Zeit zu Zeit in gewaltigen Eruptionen, in Massenstreiks von typischem, +elementarem Charakter. Dies zeigt eben, daß der Gegensatz zwischen +Kapital und Arbeit hier ein zu scharfer und gewaltiger ist, als daß er +sich in die Form ruhiger, planmäßiger, partieller Gewerkschaftskämpfe +zerbröckeln ließe. Dieses Bergarbeiterelend aber mit seinem eruptiven +Boden, das schon in »normalen« Zeiten einen Wetterwinkel von größter +Heftigkeit bildet, müßte sich in Deutschland bei jeder größeren +politischen Massenaktion der Arbeiterklasse, bei jedem stärkeren Ruck, +der das momentane Gleichgewicht des sozialen Alltags verschiebt, +unvermeidlich sofort in einen gewaltigen ökonomisch-sozialen Kampf +entladen. Nehmen wir ferner das _Textilarbeiterelend_. Auch hier geben +die erbitterten und meistens resultatlosen Ausbrüche des Lohnkampfes, +der das Vogtland alle paar Jahre durchtobt, einen schwachen Begriff von +der Vehemenz, mit der die große, zusammengeknäuelte Masse der Heloten +des kartellierten Textilkapitals bei einer politischen Erschütterung, +bei einer kräftigen und kühnen Massenaktion des deutschen Proletariats +explodieren müßte. Nehmen wir ferner das _Heimarbeiterelend_, das +_Konfektionsarbeiterelend_, das _Elektrizitätsarbeiterelend_, lauter +Wetterwinkel, in denen um so sicherer bei jeder politischen +Lufterschütterung in Deutschland gewaltige wirtschaftliche Kämpfe +ausbrechen werden, je seltener das Proletariat hier sonst, in ruhigen +Zeiten, den Kampf aufnimmt und je erfolgloser es jedesmal kämpft, je +brutaler es vom Kapital gezwungen wird, zähneknirschend ins Sklavenjoch +zurückzukehren. + +Nun aber kommen in Betracht ganze große Kategorien des Proletariats, die +überhaupt bei dem »normalen« Lauf der Dinge in Deutschland von jeder +Möglichkeit eines ruhigen wirtschaftlichen Kampfes um die Hebung ihrer +Lage und von jedem Gebrauch des Koalitionsrechts ausgeschlossen sind. +Vor allem nennen wir zum Beispiel das glänzende Elend der _Eisenbahn-_ +und der _Postangestellten_. Bestehen doch für diese Staatsarbeiter +mitten im parlamentarischen Rechtsstaat Deutschland russische Zustände, +wohlgemerkt russische, wie sie nur _vor_ der Revolution, während der +ungetrübten Herrlichkeit des Absolutismus, bestanden. Bereits in dem +großen Oktoberstreik 1905 stand der russische Eisenbahner in dem noch +formell absolutistischen Rußland in bezug auf seine wirtschaftliche und +soziale Bewegungsfreiheit turmhoch über dem deutschen. Die russischen +Eisenbahner und Postangestellten haben sich das Koalitionsrecht faktisch +im Sturm erobert, und wenn es auch momentan Prozeß auf Prozeß und +Maßregelung auf Maßregelung regnet, den inneren Zusammenhalt vermag +ihnen nichts mehr zu nehmen. Es wäre aber eine völlig falsche +psychologische Rechnung, wollte man mit der deutschen Reaktion annehmen, +daß der Kadavergehorsam der deutschen Eisenbahner und Postangestellten +ewig dauern wird, daß er ein Fels ist, den nichts zermürben kann. Wenn +sich auch die deutschen Gewerkschaftsführer an die bestehenden Zustände +dermaßen gewöhnt haben, daß sie ungetrübt durch diese in ganz Europa +fast beispiellose Schmach mit einiger Genugtuung die Erfolge des +Gewerkschaftskampfes in Deutschland überblicken können, so wird sich der +tiefverborgene, lange aufgespeicherte Groll der uniformierten +Staatssklaven bei einer allgemeinen Erhebung der Industriearbeiter +unvermeidlich Luft zu verschaffen suchen. Und wenn die industrielle +Vorhut des Proletariats in Massenstreiks nach weiteren politischen +Rechten greifen oder die alten wird verteidigen wollen, muß der große +Trupp der Eisenbahner und Postangestellten sich naturnotwendig auf seine +besondere Schmach besinnen und endlich einmal zur Befreiung von der +Extraportion russischen Absolutismus erheben, die für ihn speziell in +Deutschland errichtet ist. Die pedantische Auffassung, die große +Volksbewegungen nach Schema und Rezept abwickeln will, glaubt in der +Eroberung des Koalitionsrechts für die Eisenbahner die notwendige +_Voraussetzung_ zu erblicken, bei der man erst an einen Massenstreik in +Deutschland wird »denken dürfen«. Der wirkliche und natürliche Gang der +Ereignisse kann nur ein umgekehrter sein: nur aus einer kräftigen +spontanen Massenstreikaktion kann tatsächlich das Koalitionsrecht der +deutschen Eisenbahner wie der Postangestellten geboren werden. Und die +bei den bestehenden Verhältnissen in Deutschland unlösbare Aufgabe wird +unter dem Eindruck und dem Druck einer allgemeinen politischen +Massenaktion des Proletariats ganz plötzlich ihre Möglichkeiten und ihre +Lösung finden. + +Und endlich das größte und wichtigste: das _Landarbeiterelend_. Wenn die +englischen Gewerkschaften ausschließlich auf die Industriearbeiter +zugeschnitten sind, so ist das der dem spezifischen Charakter der +englischen Nationalwirtschaft, bei der geringen Rolle der Landwirtschaft +im ganzen des ökonomischen Lebens eher eine begreifliche Erscheinung. In +Deutschland wird eine gewerkschaftliche Organisation, und sei sie noch +so glänzend ausgebaut, wenn sie lediglich die Industriearbeiter umfaßt +und für das ganze große Heer der Landarbeiter unzugänglich ist, immer +nur ein schwaches Teilbild der Lage des Proletariats im ganzen geben. Es +wäre aber wiederum eine verhängnisvolle Illusion, zu glauben, daß die +Zustände auf dem flachen Lande unveränderliche und unbewegliche seien, +daß sowohl die unermüdliche Aufklärungsarbeit der Sozialdemokratie, wie +noch mehr die ganze innere Klassenpolitik Deutschlands nicht beständig +die äußere Passivität des Landarbeiters unterwühlen, und daß bei +irgend einer größeren allgemeinen Klassenaktion des deutschen +Industrieproletariats, zu welchem Zweck sie auch unternommen sei, nicht +auch das ländliche Proletariat in Aufruhr kommt. Dies kann sich aber +ganz naturgemäß nicht anders als zunächst in einem allgemeinen +stürmischen ökonomischen Kampf, in gewaltigen Massenstreiks der +Landarbeiter äußern. + +So verschiebt sich das Bild der angeblichen wirtschaftlichen +Überlegenheit des deutschen Proletariats über das russische ganz +bedeutend, wenn wir den Blick von der Tabelle der gewerkschaftlich +organisierten Industrie- und Handwerksbranchen auf jene großen Gruppen +des Proletariats richten, die ganz außerhalb des gewerkschaftlichen +Kampfes stehen oder deren besondere wirtschaftliche Lage sich nicht in +den engen Rahmen des alltäglichen gewerkschaftlichen Kleinkriegs +hineinzwängen läßt. Wir sehen dann ein gewaltiges Gebiet nach dem +anderen, wo die Zuspitzung der Gegensätze die äußerste Grenze erreicht +hat, wo Zündstoff in Hülle und Fülle aufgehäuft ist, wo sehr viel +»russischer Absolutismus« in nacktester Form steckt und wo +wirtschaftlich die allerelementarsten Abrechnungen mit dem Kapital erst +nachzuholen sind. + +Alle diese alten Rechnungen würden dann bei einer allgemeinen +politischen Massenaktion des Proletariats unvermeidlich dem herrschenden +System präsentiert werden. Eine künstlich arrangierte einmalige +Demonstration des städtischen Proletariats, eine bloße aus Disziplin und +nach dem Taktstock eines Parteivorstandes ausgeführte Massenstreikaktion +könnte freilich die breiteren Volksschichten kühl und gleichgültig +lassen. Allein eine wirkliche, aus revolutionärer Situation geborene, +kräftige und rücksichtslose Kampfaktion des Industrieproletariats +müßte sicher auf tiefer liegende Schichten zurückwirken und gerade +alle diejenigen, die in normalen ruhigen Zeiten abseits des +gewerkschaftlichen Tageskampfes stehen, in einen stürmischen allgemeinen +ökonomischen Kampf mitreißen. + +Kommen wir aber auch auf die organisierten Vordertruppen des deutschen +Industrieproletariats zurück und halten uns anderseits die heute von der +russischen Arbeiterschaft verfochtenen Ziele des ökonomischen Kampfes +vor die Augen, so finden wir durchaus nicht, daß es Bestrebungen sind, +auf die die deutschen ältesten Gewerkschaften Grund hätten, wie auf +ausgetretene Kinderschuhe über die Achsel zu schauen. So ist die +wichtigste allgemeine Forderung der russischen Streiks seit dem 22. +Januar 1905, der Achtstundentag, gewiß kein überwundener Standpunkt für +das deutsche Proletariat, vielmehr in den allermeisten Fällen ein +schönes fernes Ideal. Dasselbe trifft auf den Kampf mit dem +»Hausherrnstandpunkt« zu, auf den Kampf um die Einführung der +Arbeiterausschüsse in allen Fabriken, um die Abschaffung der +Akkordarbeit, um die Abschaffung der Heimarbeit im Handwerk, um völlige +Durchführung der Sonntagsruhe, um Anerkennung des Koalitionsrechts. Ja, +bei näherem Zusehen sind sämtliche ökonomischen Kampfobjekte des +russischen Proletariats in der jetzigen Revolution auch für das deutsche +Proletariat höchst aktuell und berühren lauter wunde Stellen des +Arbeiterdaseins. + +Daraus ergibt sich vor allem, daß der reine politische Massenstreik, mit +dem man vorzugsweise operiert, auch für Deutschland ein bloßes lebloses +theoretisches Schema ist. Werden die Massenstreiks aus einer starken +revolutionären Gärung sich auf natürlichem Wege als ein entschlossener +politischer Kampf der städtischen Arbeiterschaft ergeben, so werden sie +ebenso natürlich, genau wie in Rußland, in eine ganze Periode +elementarer ökonomischer Kämpfe umschlagen. Die Befürchtungen also der +Gewerkschaftsführer, als könnte der Kampf um die ökonomischen Interessen +in einer Periode stürmischer politischer Kämpfe, in einer Periode der +Massenstreiks, einfach auf die Seite geschoben und erdrückt werden, +beruhen auf einer ganz in der Luft schwebenden schulmäßigen Vorstellung +von dem Gang der Dinge. Eine revolutionäre Periode würde vielmehr auch +in Deutschland den Charakter des gewerkschaftlichen Kampfes ändern und +ihn dermaßen potenzieren, daß der heutige Guerillakrieg der +Gewerkschaften dagegen ein Kinderspiel sein wird. Und anderseits würde +aus diesem elementaren ökonomischen Massenstreikgewitter auch der +politische Kampf immer wieder neue Anstöße und frische Kräfte schöpfen. +Die Wechselwirkung zwischen ökonomischem und politischem Kampf, die die +innere Triebfeder der heutigen Massenstreiks in Rußland und zugleich +sozusagen den regulierenden Mechanismus der revolutionären Aktion des +Proletariats bildet, würde sich ebenso naturgemäß auch in Deutschland +aus den Verhältnissen selbst ergeben. + + + + +VI. + + +Im Zusammenhang damit bekommt auch die Frage von der Organisation in +ihrem Verhältnis zum Problem des Massenstreiks in Deutschland ein +wesentlich anderes Gesicht. + +Die Stellung mancher Gewerkschaftsführer zu der Frage erschöpft sich +gewöhnlich in der Behauptung: »Wir sind noch nicht stark genug, um eine +so gewagte Kraftprobe wie einen Massenstreik zu riskieren.« Nun ist +dieser Standpunkt insofern ein unhaltbarer, weil es eine unlösbare +Aufgabe ist, auf dem Wege einer ruhigen, zahlenmäßigen Berechnung +festzustellen, wann das Proletariat zu irgend einem Kampfe »stark genug +sei«. Vor 30 Jahren zählten die deutschen Gewerkschaften 50 000 +Mitglieder. Das war offenbar eine Zahl, bei der, nach dem obigen +Maßstab, an einen Massenstreik nicht zu denken war. Nach weiteren 15 +Jahren waren die Gewerkschaften viermal so stark und zählten 237 000 +Mitglieder. Wenn man jedoch damals die heutigen Gewerkschaftsführer +gefragt hätte, ob nun die Organisation des Proletariats zu einem +Massenstreik reif wäre, so hätten sie sicher geantwortet, daß dies bei +weitem nicht der Fall sei und daß die gewerkschaftlich Organisierten +erst nach Millionen zählen müßten. Heute gehen die organisierten +Gewerkschaftsmitglieder bereits in die zweite Million, aber die Ansicht +ihrer Führer ist genau dieselbe, was offenbar so ins Unendliche gehen +kann. Stillschweigend wird dabei vorausgesetzt, daß überhaupt die +gesamte Arbeiterklasse Deutschlands bis auf den letzten Mann und die +letzte Frau in die Organisation aufgenommen werden müsse, bevor man +»stark genug sei«, eine Massenaktion zu wagen, die alsdann, nach der +alten Formel, sich auch noch wahrscheinlich als »überflüssig« +herausstellen würde. Diese Theorie ist jedoch aus dem einfachen Grunde +völlig utopisch, weil sie an einem inneren Widerspruch leidet, sich im +schlimmen Zirkel dreht. Die Arbeiter sollen, bevor sie irgend einen +direkten Klassenkampf vornehmen können, sämtlich organisiert sein. Die +Verhältnisse, die Bedingungen der kapitalistischen Entwicklung und des +bürgerlichen Staates bringen es aber mit sich, daß bei dem »normalen« +Verlauf der Dinge, ohne stürmische Klassenkämpfe, bestimmte Schichten +-- und zwar gerade das Gros, die wichtigsten, die tiefststehenden, die +vom Kapital und vom Staate am meisten gedrückten Schichten des +Proletariats -- eben gar nicht organisiert werden können. Sehen wir doch +selbst in England, daß ein ganzes Jahrhundert unermüdlicher +Gewerkschaftsarbeit ohne alle »Störungen« -- ausgenommen im Anfange die +Periode der Chartistenbewegung -- ohne alle »revolutionsromantischen« +Verirrungen und Lockungen, es nicht weiter gebracht haben, als dahin, +eine _Minderheit_ der bessersituierten Schichten des Proletariats zu +organisieren. + +Anderseits aber können die Gewerkschaften, wie alle Kampforganisationen +des Proletariats, sich selbst nicht auf die Dauer anders erhalten, als +gerade im Kampf, und zwar nicht im Sinne allein des Froschmäusekrieges +in den stehenden Gewässern der bürgerlich-parlamentarischen Periode, +sondern im Sinne heftiger, revolutionärer Perioden des Massenkampfes. +Die steife, mechanisch-bureaukratische Auffassung will den Kampf nur als +Produkt der Organisation auf einer gewissen Höhe ihrer Stärke gelten +lassen. Die lebendige dialektische Entwicklung läßt umgekehrt die +Organisation als ein Produkt des Kampfes entstehen. Wir haben bereits +ein grandioses Beispiel dieser Erscheinung in Rußland gesehen, wo ein so +gut wie gar nicht organisiertes Proletariat sich in anderthalb Jahren +stürmischen Revolutionskampfes ein umfassendes Netz von +Organisationsansätzen geschaffen hat. Ein anderes Beispiel dieser Art +zeigt die eigene Geschichte der deutschen Gewerkschaften. Im Jahre 1878 +betrug die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder 50 000. Nach der Theorie der +heutigen Gewerkschaftsführer war diese Organisation, wie gesagt, bei +weitem nicht »stark genug«, um einen heftigen politischen Kampf +aufzunehmen. Die deutschen Gewerkschaften _haben_ aber, so schwach sie +damals waren, den Kampf aufgenommen -- nämlich den Kampf mit dem +Sozialistengesetz -- und sie erwiesen sich nicht nur »stark genug«, aus +dem Kampfe als Sieger hervorzugehen, sondern sie haben in diesem Kampfe +ihre Kraft verfünffacht; sie umfaßten nach dem Fall des +Sozialistengesetzes im Jahre 1891 277 659 Mitglieder. Allerdings +entspricht die Methode, nach der die Gewerkschaften im Kampfe mit dem +Sozialistengesetz gesiegt haben, nicht dem Ideal eines friedlichen, +bienenartigen ununterbrochenen Ausbaus; sie gingen erst im Kampfe +sämtlich in Trümmer, um sich dann aus der nächsten Welle +emporzuschwingen und neu geboren zu werden. Dies ist aber eben die den +proletarischen Klassenorganisationen entsprechende spezifische Methode +des Wachstums: im Kampfe sich zu erproben und aus dem Kampfe wieder +reproduziert hervorzugehen. + +Nach näherer Prüfung der deutschen Verhältnisse und der Lage der +verschiedenen Schichten der Arbeiter ist es klar, daß auch die kommende +Periode stürmischer politischer Massenkämpfe für die deutschen +Gewerkschaften nicht den befürchteten drohenden Untergang, sondern +umgekehrt neue ungeahnte Perspektiven einer rapiden sprungweisen +Erweiterung ihrer Machtsphäre mit sich bringen würde. Allein die Frage +hat noch eine andere Seite. Der Plan, Massenstreiks als ernste +politische Klassenaktion bloß mit Organisierten zu unternehmen, ist +überhaupt ein gänzlich hoffnungsloser. Soll der Massenstreik, oder +vielmehr sollen die Massenstreiks, soll der Massenkampf einen Erfolg +haben, so muß er zu einer wirklichen _Volksbewegung_ werden, d. h. die +breitesten Schichten des Proletariats mit in den Kampf ziehen. -- Schon +bei der parlamentarischen Form beruht die Macht des proletarischen +Klassenkampfes nicht auf dem kleinen organisierten Kern, sondern auf der +breiten umliegenden Peripherie des revolutionär gesinnten Proletariats. +Wollte die Sozialdemokratie bloß mit ihren paar Hunderttausend +Organisierten Wahlschlachten schlagen, dann würde sie sich selbst zur +Nullität verurteilen. Und ist es auch eine Tendenz der Sozialdemokratie, +womöglich fast den gesamten großen Heerbann ihrer Wähler in die +Parteiorganisationen aufzunehmen, so wird doch nach 30jähriger Erfahrung +der Sozialdemokratie nicht ihre Wählermasse durch das Wachstum der +Parteiorganisation erweitert, sondern umgekehrt die durch den Wahlkampf +jeweilig eroberten frischen Schichten der Arbeiterschaft bilden das +Ackerfeld für die darauffolgende Organisationsaussaat. Auch hier liefert +nicht nur die Organisation die Kampftruppen, sondern der Kampf liefert +in noch größerem Maße die Rekrutiertruppen für die Organisation. In viel +höherem Grade als auf den parlamentarischen Kampf bezieht sich dasselbe +offenbar auf die direkte politische Massenaktion. Ist auch die +Sozialdemokratie, als organisierter Kern der Arbeiterklasse, die +führende Vordertruppe des gesamten arbeitenden Volkes und fließt auch +die politische Klarheit, die Kraft, die Einheit der Arbeiterbewegung +gerade aus dieser Organisation, so darf doch die Klassenbewegung des +Proletariats niemals als Bewegung der organisierten Minderheit aufgefaßt +werden. Jeder wirkliche große Klassenkampf muß auf der Unterstützung und +Mitwirkung der breitesten Massen beruhen, und eine Strategie des +Klassenkampfes, die nicht mit dieser Mitwirkung rechnete, die bloß auf +die hübsch ausgeführten Märsche des kasernierten kleinen Teils des +Proletariats zugeschnitten wäre, ist im voraus zum kläglichen Fiasko +verurteilt. + +Die Massenstreiks, die politischen Massenkämpfe können also unmöglich in +Deutschland von den Organisierten allein getragen und auf eine +regelrechte »Leitung« aus einer Parteizentrale berechnet werden. In +diesem Falle kommt es aber wieder -- ganz wie in Rußland -- nicht sowohl +auf »Disziplin«, »Schulung« und auf möglichst sorgfältige +Vorausbestimmung der Unterstützungs- und der Kostenfrage an, als +vielmehr auf eine wirkliche revolutionäre, entschlossene Klassenaktion, +die im stande wäre, die breitesten Kreise der nichtorganisierten, aber +ihrer Stimmung und ihrer Lage nach revolutionären Proletariermassen zu +gewinnen und mitzureißen. + +Die Überschätzung und die falsche Einschätzung der Rolle der +Organisation im Klassenkampf des Proletariats wird gewöhnlich ergänzt +durch die Geringschätzung der unorganisierten Proletariermasse und ihrer +politischen Reife. In einer revolutionären Periode, im Sturme großer, +aufrüttelnder Klassenkämpfe zeigt sich erst die ganze erzieherische +Wirkung der raschen kapitalistischen Entwicklung und der +sozialdemokratischen Einflüsse auf die breitesten Volksschichten, wovon +in ruhigen Zeiten die Tabellen der Organisationen und selbst die +Wahlstatistiken nur einen ganz schwachen Begriff geben. + +Wir haben gesehen, daß in Rußland seit zirka zwei Jahren aus dem +geringsten partiellen Konflikt der Arbeiter mit dem Unternehmertum, aus +der geringsten lokalen Brutalität der Regierungsorgane sofort eine +große, allgemeine Aktion des Proletariats entstehen kann. Jedermann +sieht und findet es natürlich, weil in Rußland eben »die Revolution« da +ist. Was bedeutet aber dies? Es bedeutet, daß das Klassengefühl, der +Klasseninstinkt bei dem russischen Proletariat in höchstem Maße lebendig +ist, so daß es jede partielle Sache irgend einer kleinen Arbeitergruppe +unmittelbar als allgemeine Sache, als Klassenangelegenheit empfindet und +blitzartig darauf als Ganzes reagiert. Während in Deutschland, in +Frankreich, in Italien, in Holland die heftigsten gewerkschaftlichen +Konflikte gar keine allgemeine Aktion der Arbeiterklasse -- und sei es +auch nur des organisierten Teils -- hervorrufen, entfacht in Rußland der +geringste Anlaß einen ganzen Sturm. Das will aber nichts anderes +besagen, als daß gegenwärtig der Klasseninstinkt -- so paradox es +klingen mag -- bei dem jungen, ungeschulten, schwach aufgeklärten und +noch schwächer organisierten russischen Proletariat ein unendlich +stärkerer ist, als bei der organisierten, geschulten und aufgeklärten +Arbeiterschaft Deutschlands oder eines anderen westeuropäischen Landes. +Und das ist nicht etwa eine besondere Tugend des »jungen, unverbrauchten +Ostens« im Vergleich mit dem »faulen Westen«, sondern es ist ein +einfaches Resultat der unmittelbaren revolutionären Massenaktion. Bei +dem deutschen aufgeklärten Arbeiter ist das von der Sozialdemokratie +gepflanzte Klassenbewußtsein ein _theoretisches_, _latentes_: in der +Periode der Herrschaft des bürgerlichen Parlamentarismus kann es sich +als direkte Massenaktion in der Regel nicht betätigen; es ist hier die +ideelle Summe der vierhundert Parallelaktionen der Wahlkreise während +des Wahlkampfes, der vielen ökonomischen partiellen Kämpfe und +dergleichen. In der Revolution, wo die Masse selbst auf dem politischen +Schauplatz erscheint, wird das Klassenbewußtsein ein _praktisches_, +_aktives_. Dem russischen Proletariat hat deshalb ein Jahr der +Revolution jene »Schulung« gegeben, welche dem deutschen Proletariat 30 +Jahre parlamentarischen und gewerkschaftlichen Kampfes nicht künstlich +geben können. Freilich wird dieses lebendige, aktive Klassengefühl des +Proletariats auch in Rußland nach dem Abschluß der Revolutionsperiode +und nach der Herstellung eines bürgerlich-parlamentarischen +Rechtsstaates bedeutend schwinden oder vielmehr in ein verborgenes, +latentes umschlagen. Ebenso sicher wird aber umgekehrt in Deutschland in +einer Periode kräftiger politischer Aktionen das lebendige, +aktionsfähige revolutionäre Klassengefühl die breitesten und tiefsten +Schichten des Proletariats ergreifen und zwar umso rascher und umso +mächtiger, je gewaltiger das bis dahin geleistete Erziehungswerk der +Sozialdemokratie ist. Dieses Erziehungswerk sowie die aufreizende und +revolutionierende Wirkung der gesamten gegenwärtigen deutschen Politik +wird sich darin äußern, daß der Fahne der Sozialdemokratie in einer +ernsten revolutionären Periode alle jene Scharen plötzlich Folge leisten +werden, die jetzt in scheinbarer politischer Stupidität gegen alle +Organisierungsversuche der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften +unempfindlich sind. Sechs Monate einer revolutionären Periode werden an +der Schulung dieser jetzt unorganisierten Massen das Werk vollenden, das +zehn Jahre Volksversammlungen und Flugblattverteilungen nicht fertig zu +bringen vermögen. Und wenn die Verhältnisse in Deutschland für eine +solche Periode den Reifegrad erreicht haben, werden im Kampfe die heute +unorganisierten zurückgebliebensten Schichten naturgemäß das radikalste, +das ungestümste, nicht das mitgeschleppte Element bilden. Wird es in +Deutschland zu Massenstreiks kommen, so werden fast sicher nicht die +bestorganisierten -- gewiß nicht die Buchdrucker -- sondern die +schlechter oder gar nicht organisierten, die Bergarbeiter, die +Textilarbeiter, vielleicht gar die Landarbeiter die größte +Aktionsfähigkeit entwickeln. + +Auf diese Weise gelangen wir aber auch in Deutschland zu denselben +Schlüssen in bezug auf die eigentlichen Aufgaben der _Leitung_, auf die +Rolle der Sozialdemokratie gegenüber den Massenstreiks, wie bei der +Analyse der russischen Vorgänge. Verlassen wir nämlich das pedantische +Schema eines künstlich von Partei und Gewerkschafts wegen kommandierten +demonstrativen Massenstreiks der organisierten Minderheit, und wenden +wir uns dem lebendigen Bilde einer aus äußerster Zuspitzung der +Klassengegensätze und der politischen Situation mit elementarer Kraft +entstehenden wirklichen Volksbewegung zu, die sich sowohl in +politischen wie in ökonomischen stürmischen Massenkämpfen, +Massenstreiks entladet, so muß offenbar die Aufgabe der Sozialdemokratie +nicht in der technischen Vorbereitung und Leitung des Massenstreiks, +sondern vor allem in der _politischen Führung_ der ganzen Bewegung +bestehen. + +Die Sozialdemokratie ist die aufgeklärteste, klassenbewußteste Vorhut +des Proletariats. Sie kann und darf nicht mit verschränkten Armen +fatalistisch auf den Eintritt der »revolutionären Situation« warten, +darauf warten, daß jene spontane Volksbewegung vom Himmel fällt. Im +Gegenteil, sie muß, wie immer, der Entwicklung der Dinge _vorauseilen_, +sie zu _beschleunigen_ suchen. Dies vermag sie aber nicht dadurch, daß +sie zur rechten und unrechten Zeit ins Blaue hinein plötzlich die +»Losung« zu einem Massenstreik ausgibt, sondern vor allem dadurch, daß +sie den breitesten proletarischen Schichten den unvermeidlichen +_Eintritt_ dieser revolutionären Periode, die dazu führenden inneren +_sozialen Momente_ und die _politischen Konsequenzen_ klar macht. Sollen +breiteste proletarische Schichten für eine politische Massenaktion der +Sozialdemokratie gewonnen werden und soll umgekehrt die Sozialdemokratie +bei einer Massenbewegung die wirkliche Leitung ergreifen und behalten, +der ganzen Bewegung _im politischen Sinne_ Herr werden, dann muß sie mit +voller Klarheit, Konsequenz und Entschlossenheit die _Taktik_, die +_Ziele_ dem deutschen Proletariat in der Periode der kommenden Kämpfe zu +stecken wissen. + + + + +VII. + + +Wir haben gesehen, daß der Massenstreik in Rußland nicht ein künstliches +Produkt einer absichtlichen Taktik der Sozialdemokratie, sondern eine +natürliche geschichtliche Erscheinung auf dem Boden der jetzigen +Revolution darstellt. Welche sind nun die Momente, die in Rußland diese +neue Erscheinungsform der Revolution hervorgebracht haben? + +Die russische Revolution hat zur nächsten Aufgabe die Beseitigung +des Absolutismus und die Herstellung eines modernen +bürgerlich-parlamentarischen Rechtsstaates. Formell ist es genau +dieselbe Aufgabe, die in Deutschland der Märzrevolution, in Frankreich +der großen Revolution am Ausgang des 18. Jahrhunderts bevorstand. Allein +die Verhältnisse, das geschichtliche Milieu, in dem diese formell +analogen Revolutionen stattfanden, sind grundverschieden von den +heutigen Rußlands. Das Entscheidende ist der Umstand, daß zwischen jenen +bürgerlichen Revolutionen des Westens und der heutigen bürgerlichen +Revolution im Osten der ganze Cyklus der kapitalistischen Entwicklung +abgelaufen ist. Und zwar hatte diese Entwicklung nicht bloß die +westeuropäischen Länder, sondern auch das absolutistische Rußland +ergriffen. Die Großindustrie mit allen ihren Konsequenzen, der modernen +Klassenscheidung, den schroffen sozialen Kontrasten, dem modernen +Großstadtleben und dem modernen Proletariat, ist in Rußland die +herrschende, d. h. in der sozialen Entwicklung ausschlaggebende +Produktionsform geworden. Daraus hat sich aber die merkwürdige, +widerspruchsvolle, geschichtliche Situation ergeben, daß die nach ihren +formellen Aufgaben bürgerliche Revolution in erster Reihe von einem +modernen klassenbewußten Proletariat ausgeführt wird, und in einem +internationalen Milieu, das im Zeichen des Verfalls der bürgerlichen +Demokratie steht. Nicht die Bourgeoisie ist jetzt das führende +revolutionäre Element, wie in den früheren Revolutionen des Westens, +während die proletarische Masse, aufgelöst im Kleinbürgertum, der +Bourgeoisie Heerbanndienste leistet, sondern umgekehrt, das +klassenbewußte Proletariat ist das führende und treibende Element, +während die großbürgerlichen Schichten teils direkt kontrerevolutionär, +teils schwächlich-liberal, und nur das ländliche Kleinbürgertum nebst +der städtischen kleinbürgerlichen Intelligenz entschieden oppositionell, +ja revolutionär gesinnt sind. Das russische Proletariat aber, das +dermaßen zur führenden Rolle in der bürgerlichen Revolution bestimmt +ist, tritt selbst frei von allen Illusionen der bürgerlichen Demokratie, +dafür mit einem stark entwickelten Bewußtsein der eigenen spezifischen +Klasseninteressen, bei einem scharf zugespitzten Gegensatz zwischen +Kapital und Arbeit, in den Kampf. Dieses widerspruchsvolle Verhältnis +findet seinen Ausdruck in der Tatsache, daß in dieser formell +bürgerlichen Revolution der Gegensatz der bürgerlichen Gesellschaft zum +Absolutismus von dem Gegensatz des Proletariats zur bürgerlichen +Gesellschaft beherrscht wird, daß der Kampf des Proletariats sich mit +gleicher Kraft gleichzeitig gegen den Absolutismus und gegen die +kapitalistische Ausbeutung richtet, daß das Programm der revolutionären +Kämpfe mit gleichem Nachdruck auf die politische Freiheit und auf die +Eroberung des Achtstundentages sowie einer menschenwürdigen materiellen +Existenz für das Proletariat gerichtet ist. Dieser zwiespältige +Charakter der russischen Revolution äußert sich in jener innigen +Verbindung und Wechselwirkung des ökonomischen mit dem politischen +Kampf, die wir an der Hand der Vorgänge in Rußland kennen gelernt haben, +und die ihren entsprechenden Ausdruck eben im Massenstreik findet. + +In den früheren bürgerlichen Revolutionen, wo einerseits die politische +Schulung und Anführung der revolutionären Masse von den bürgerlichen +Parteien besorgt wurde und wo es sich anderseits um den nackten Sturz +der alten Regierung handelte, war die kurze Barrikadenschlacht die +passende Form des revolutionären Kampfes. Heute, wo die Arbeiterklasse +sich selbst im Laufe des revolutionären Kampfes aufklären, selbst +sammeln und selbst anführen muß, und wo die Revolution ihrerseits ebenso +gegen die alte Staatsgewalt wie gegen die kapitalistische Ausbeutung +gerichtet ist, erscheint der Massenstreik als das natürliche Mittel, die +breitesten proletarischen Schichten in der Aktion selbst zu rekrutieren, +zu revolutionieren und zu organisieren, ebenso wie es gleichzeitig ein +Mittel ist, die alte Staatsgewalt zu unterminieren und zu stürzen und +die kapitalistische Ausbeutung einzudämmen. Das städtische +Industrieproletariat ist jetzt die Seele der Revolution in Rußland. Um +aber irgend eine direkte politische Aktion als Masse auszuführen, muß +sich das Proletariat erst zur Masse wieder sammeln und zu diesem Behufe +muß es vor allem aus Fabriken und Werkstätten, aus Schächten und Hütten +heraustreten, muß es die Pulverisierung und Zerbröckelung in den +Einzelwerkstätten überwinden, zu der es im täglichen Joch des Kapitals +verurteilt ist. Der Massenstreik ist somit die erste natürliche, +impulsive Form jeder großen revolutionären Aktion des Proletariats, und +je mehr die Industrie die vorherrschende Form der sozialen Wirtschaft, +je hervorragender die Rolle des Proletariats in der Revolution und je +entwickelter der Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, um so mächtiger +und ausschlaggebender müssen die Massenstreiks werden. Die frühere +Hauptform der bürgerlichen Revolutionen, die Barrikadenschlacht, die +offene Begegnung mit der bewaffneten Macht des Staates, ist in der +heutigen Revolution nur ein äußerster Punkt, nur ein Moment in dem +ganzen Prozeß des proletarischen Massenkampfes. + +Und damit ist in der neuen Form der Revolution auch jene Zivilisierung +und Milderung der Klassenkämpfe erreicht, die von den Opportunisten der +deutschen Sozialdemokratie, von den Bernstein, David u. a. prophetisch +vorausgesagt wurde. Die Genannten erblickten freilich die ersehnte +Milderung und Zivilisierung des Klassenkampfes, im Geiste +kleinbürgerlich-demokratischer Illusionen, darin, daß der Klassenkampf +ausschließlich zu einem parlamentarischen Kampf beschränkt und die +Straßenrevolution einfach abgeschafft wird. Die Geschichte hat die +Lösung in einer etwas tieferen und feineren Weise gefunden: in dem +Aufkommen des revolutionären Massenstreiks, der freilich den nackten +brutalen Straßenkampf durchaus nicht ersetzt und nicht überflüssig +macht, ihn aber bloß zu einem Moment der langen politischen Kampfperiode +reduziert und gleichzeitig mit der Revolutionsperiode ein enormes +Kulturwerk im genauesten Sinne dieses Wortes verbindet: die materielle +und geistige Hebung der gesamten Arbeiterklasse durch die +»Zivilisierung« der barbarischen Formen der kapitalistischen Ausbeutung. + +So erweist sich der Massenstreik also nicht als ein spezifisch +russisches, aus dem Absolutismus entsprungenes Produkt, sondern als eine +allgemeine Form des proletarischen Klassenkampfes, die sich aus dem +gegenwärtigen Stadium der kapitalistischen Entwicklung und der +Klassenverhältnisse ergibt. Die drei bürgerlichen Revolutionen: die +große französische, die deutsche Märzrevolution und die jetzige +russische bilden von diesem Standpunkt eine Kette der fortlaufenden +Entwicklung, in der sich das Glück und Ende des kapitalistischen +Jahrhunderts spiegelt. In der großen französischen Revolution geben die +noch ganz unentwickelten inneren Widersprüche der bürgerlichen +Gesellschaft für eine lange Periode gewaltiger Kämpfe Raum, wo sich alle +die erst in der Hitze der Revolution rasch aufkeimenden und reifenden +Gegensätze ungehindert und ungezwungen mit rücksichtslosem Radikalismus +austoben. Ein halbes Jahrhundert später wird die auf halbem Wege der +kapitalistischen Entwicklung ausgebrochene Revolution des deutschen +Bürgertums schon durch den Gegensatz der Interessen und das +Gleichgewicht der Kräfte zwischen Kapital und Arbeit in der Mitte +unterbunden und durch einen bürgerlich-feudalen Kompromiß erstickt, zu +einer kurzen, kläglichen, mitten im Worte verstummten Episode abgekürzt. +Noch ein halbes Jahrhundert, und die heutige russische Revolution steht +auf einem Punkt des geschichtlichen Weges, der bereits über den Berg, +über den Höhepunkt der kapitalistischen Gesellschaft hinweggeschritten +ist, wo die bürgerliche Revolution nicht mehr durch den Gegensatz +zwischen Bourgeoisie und Proletariat erstickt werden kann, sondern +umgekehrt zu einer neuen, langen Periode gewaltigster sozialer Kämpfe +entfaltet wird, in denen die Begleichung der alten Rechnung mit dem +Absolutismus als eine Kleinigkeit erscheint gegen die vielen neuen +Rechnungen, die die Revolution selbst aufmacht. Die heutige Revolution +realisiert somit in der besonderen Angelegenheit des absolutistischen +Rußland zugleich die allgemeinen Resultate der internationalen +kapitalistischen Entwicklung und erscheint weniger ein letzter +Nachläufer der alten bürgerlichen, wie ein Vorläufer der neuen Serie der +proletarischen Revolutionen des Westens. Das zurückgebliebenste Land +weist, gerade weil es sich mit seiner bürgerlichen Revolution so +unverzeihlich verspätet hat, Wege und Methoden des weiteren +Klassenkampfes dem Proletariat Deutschlands und der vorgeschrittensten +kapitalistischen Länder. + +Demnach erscheint es, auch von dieser Seite genommen, gänzlich verfehlt, +die russische Revolution als ein schönes Schauspiel, als etwas +spezifisch »Russisches« von weitem zu betrachten und höchstens das +Heldentum der Kämpfer, d. h. die äußeren Akzessorien des Kampfes zu +bewundern. Viel wichtiger ist es, daß die deutschen Arbeiter die +russische Revolution _als ihre eigene Angelegenheit_ zu betrachten +lernen, nicht bloß im Sinne der internationalen Klassensolidarität mit +dem russischen Proletariat, sondern vor allem als _ein Kapitel der +eigenen sozialen und politischen Geschichte_. Diejenigen +Gewerkschaftsführer und Parlamentarier, die das deutsche Proletariat als +»zu schwach« und die deutschen Verhältnisse als zu unreif für +revolutionäre Massenkämpfe betrachten, haben offenbar keine Ahnung +davon, daß der Gradmesser der Reife der Klassenverhältnisse in +Deutschland und der Macht des Proletariats nicht in den Statistiken der +deutschen Gewerkschaften oder in den Wahlstatistiken liegt, sondern -- +in den Vorgängen der russischen Revolution. Genau so, wie sich die Reife +der französischen Klassengegensätze unter der Julimonarchie und die +Pariser Junischlacht in der deutschen Märzrevolution, in ihrem Verlauf +und ihrem Fiasko spiegelte, ebenso spiegelt sich heute die Reife der +deutschen Klassengegensätze in den Vorgängen, in der Macht der +russischen Revolution. Und während die Bureaukraten der deutschen +Arbeiterbewegung den Nachweis ihrer Kraft und ihrer Reife in den +Schubfächern ihrer Kontore auskramen, sehen sie nicht, daß das Gesuchte +gerade vor ihren Augen in einer großen historischen Offenbarung liegt, +denn geschichtlich genommen ist die russische Revolution ein Reflex der +Macht und der Reife der internationalen, also in erster Linie der +deutschen Arbeiterbewegung. + +Es wäre deshalb ein gar zu klägliches, grotesk winziges Resultat der +russischen Revolution, wollte das deutsche Proletariat aus ihr bloß die +Lehre ziehen, daß es -- wie die Gen. Frohme, Elm und andere wollen -- +von der russischen Revolution die äußere Form des Kampfes, den +Massenstreik entlehnt und zu einer Vorratskanone für den Fall der +Kassierung des Reichstagswahlrechts, also zu einem passiven Mittel der +parlamentarischen Defensive kastriert. Wenn man uns das +Reichstagswahlrecht nimmt, dann wehren wir uns. Das ist ein ganz +selbstverständlicher Entschluß. Aber zu diesem Entschluß braucht man +sich nicht in die heldenhafte Pose eines Danton zu werfen, wie es z. B. +Genosse Elm in Jena getan; denn die Verteidigung des bereits besessenen +bescheidenen Maßes der parlamentarischen Rechte ist weniger eine +himmelstürmende Neuerung, zu der erst die furchtbaren Hekatomben der +russischen Revolution als Ermunterung notwendig waren, als vielmehr die +einfachste und erste Pflicht jeder Oppositionspartei. Allein die bloße +Defensive darf niemals die Politik des Proletariats in einer +Revolutionsperiode erschöpfen. Und wenn es einerseits schwerlich mit +Sicherheit vorausgesagt werden kann, ob die Vernichtung des allgemeinen +Wahlrechts in Deutschland in einer Situation eintritt, die unbedingt +eine sofortige Massenstreikaktion hervorrufen wird, so ist es anderseits +ganz sicher, daß, sobald wir in Deutschland in die Periode stürmischer +Massenaktionen eingetreten sind, die Sozialdemokratie unmöglich auf die +bloße parlamentarische Defensive ihre Taktik festlegen darf. Den Anlaß +und den Moment vorauszubestimmen, an dem die Massenstreiks in +Deutschland ausbrechen sollen, liegt außerhalb der Macht der +Sozialdemokratie, weil es außerhalb ihrer Macht liegt, geschichtliche +Situationen durch Parteitagsbeschlüsse herbeizuführen. Was sie aber kann +und muß, ist, die politischen Richtlinien dieser Kämpfe, wenn sie einmal +eintreten, klarlegen und in einer entschlossenen, konsequenten Taktik +formulieren. Man hält nicht die geschichtlichen Ereignisse im Zaum, +indem man ihnen Vorschriften macht, sondern indem man sich im voraus +ihre wahrscheinlichen berechenbaren Konsequenzen zum Bewußtsein bringt +und die eigene Handlungsweise danach einrichtet. + +Die zunächst drohende politische Gefahr, auf die sich die deutsche +Arbeiterbewegung seit einer Reihe von Jahren gefaßt macht, ist ein +Staatsstreich der Reaktion, der den breitesten Schichten der arbeitenden +Volksmasse das wichtigste politische Recht, das Reichstagswahlrecht, +wird entreißen wollen. Trotz der ungeheuren Tragweite dieses eventuellen +Ereignisses ist es, wie gesagt, unmöglich, mit Bestimmtheit zu +behaupten, daß auf den Staatsstreich alsdann sofort eine offene +Volksbewegung in der Form von Massenstreiks ausbricht, weil uns heute +alle jene unzähligen Umstände und Momente unbekannt sind, die bei einer +Massenbewegung die Situation mitbestimmen. Allein, wenn man die +gegenwärtige äußerste Zuspitzung der Verhältnisse in Deutschland und +anderseits die mannigfachen internationalen Rückwirkungen der russischen +Revolution und weiter des künftigen renovierten Rußlands in Betracht +zieht, so ist es klar, daß der Umsturz in der deutschen Politik, der aus +einer Kassierung des Reichstagswahlrechts entstehen würde, nicht bei dem +Kampf um dieses Wahlrecht allein Halt machen könnte. Dieser +Staatsstreich würde vielmehr in kürzerer oder längerer Frist mit +elementarer Macht eine große allgemeine politische Abrechnung der einmal +empörten und aufgerüttelten Volksmassen mit der Reaktion nach sich +ziehen -- eine Abrechnung für den Brotwucher, für die künstliche +Fleischteuerung, für die Auspowerung durch den uferlosen Militarismus +und Marinismus, für die Korruption der Kolonialpolitik, für die +nationale Schmach des Königsberger Prozesses, für den Stillstand der +Sozialreform, für die Entrechtung der Eisenbahner, der Postbeamten und +der Landarbeiter, für die Bemogelung und Verhöhnung der Bergarbeiter, +für das Löbtauer Urteil und die ganze Klassenjustiz, für das brutale +Aussperrungssystem -- kurz, für den gesamten zwanzigjährigen Druck der +koalierten Herrschaft des ostelbischen Junkertums und des kartellierten +Großkapitals. + +Ist aber einmal der Stein ins Rollen gekommen, so kann er, ob es die +Sozialdemokratie will oder nicht, nicht mehr zum Stillstand gebracht +werden. Die Gegner des Massenstreiks pflegen die Lehren und Beispiele +der russischen Revolution, als für Deutschland gar nicht maßgebend, vor +allem deshalb abzuweisen, weil ja in Rußland erst der gewaltige Sprung +aus einer orientalischen Despotie in eine moderne bürgerliche +Rechtsordnung gemacht werden mußte. Der formelle Abstand zwischen der +alten und der neuen politischen Ordnung soll für die Vehemenz und die +Gewalt der Revolution in Rußland als ausreichender Erklärungsgrund +dienen. In Deutschland haben wir längst die notwendigsten Formen und +Garantien des Rechtsstaats, weshalb hier ein so elementares Toben der +sozialen Gegensätze unmöglich ist. Die also spekulieren, vergessen, daß +dafür in Deutschland, wenn es einmal zum Ausbruch offener politischer +Kämpfe kommt, eben das geschichtlich bedingte Ziel ein ganz anderes sein +wird, als heute in Rußland. Gerade weil die bürgerliche Rechtsordnung in +Deutschland längst besteht, weil sie also Zeit hatte, sich gänzlich zu +erschöpfen und auf die Neige zu gehen, weil die bürgerliche Demokratie +und der Liberalismus Zeit hatten, auszusterben, kann von einer +_bürgerlichen_ Revolution in Deutschland nicht mehr die Rede sein. Und +deshalb kann es sich bei einer Periode offener politischer Volkskämpfe +in Deutschland als letztes geschichtlich notwendiges Ziel nur noch um +die _Diktatur des Proletariats_ handeln. Der Abstand aber dieser Aufgabe +von den heutigen Zuständen in Deutschland ist ein noch viel +gewaltigerer, als der Abstand der bürgerlichen Rechtsordnung von der +orientalischen Despotie, und deshalb kann diese Aufgabe auch nicht mit +einem Schlag, sondern gleichfalls in einer langen Periode gigantischer +sozialer Kämpfe vollzogen werden. + +Liegt aber nicht ein krasser Widerspruch in den von uns aufgezeichneten +Perspektiven? Einerseits heißt es, bei einer eventuellen künftigen +Periode der politischen Massenaktion werden vor allem die +zurückgebliebensten Schichten des deutschen Proletariats, die +Landarbeiter, die Eisenbahner, die Postsklaven, erst ihr Koalitionsrecht +erobern, die ärgsten Auswüchse der Ausbeutung erst beseitigt werden +müssen, anderseits soll die politische Aufgabe dieser Periode schon die +politische Machteroberung durch das Proletariat sein! Einerseits +ökonomische, gewerkschaftliche Kämpfe um die nächsten Interessen, um die +materielle Hebung der Arbeiterklasse, anderseits schon das äußerste +Endziel der Sozialdemokratie! Gewiß, das sind krasse Widersprüche, aber +nicht Widersprüche unseres Raisonnements, sondern Widersprüche der +kapitialistischen Entwicklung. Sie verläuft nicht in einer hübschen, +geraden Linie, sondern im schroffen blitzähnlichen Zickzack. Ebenso wie +die verschiedenen kapitalistischen Länder die verschiedensten Stadien +der Entwicklung darstellen, ebenso innerhalb jedes Landes die +verschiedenen Schichten derselben Arbeiterklasse. Die Geschichte wartet +aber nicht geduldig, bis erst die zurückgebliebenen Länder und Schichten +die fortgeschrittensten eingeholt haben, damit sich das Ganze wie eine +stramme Kolonne symmetrisch weiter bewegen kann. Sie bringt es bereits +in den vordersten exponiertesten Punkten zu Explosionen, sobald die +Verhältnisse hier dafür reif sind, und im Sturme der revolutionären +Periode wird dann in wenigen Tagen und Monaten das Versäumte nachgeholt, +das Ungleiche ausgeglichen, der gesamte soziale Fortschritt mit einem +Ruck in Sturmschritt versetzt. + +Wie in der russischen Revolution sich die ganze Stufenleiter der +Entwicklung und der Interessen der verschiedenen Arbeiterschichten in +dem sozialdemokratischen Programm der Revolution und die unzähligen +partiellen Kämpfe in der gemeinsamen großen Klassenaktion des +Proletariats vereinigen, so wird es, wenn die Verhältnisse dafür reif +sind, auch in Deutschland der Fall sein. Und Aufgabe der +Sozialdemokratie wird es alsdann sein, ihre Taktik nicht nach den +zurückgebliebensten Phasen der Entwicklung, sondern nach den +fortgeschrittensten zu richten. + + + + +VIII. + + +Das wichtigste Erfordernis in der früher oder später kommenden +Periode der großen Kämpfe, die der deutschen Arbeiterklasse harren, +ist, neben der vollen Entschlossenheit und Konsequenz der Taktik, die +möglichste Aktionsfähigkeit, also mögliche Einheit des führenden +sozialdemokratischen Teils der proletarischen Masse. Indes bereits die +ersten schwachen Versuche zur Vorbereitung einer größeren Massenaktion +haben sofort einen wichtigen Übelstand in dieser Hinsicht aufgedeckt: +die völlige Trennung und Verselbständigung der beiden Organisationen der +Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. + +Es ist klar aus der näheren Betrachtung der Massenstreiks in Rußland +sowie aus den Verhältnissen in Deutschland selbst, daß irgend eine +größere Massenaktion, wenn sie sich nicht bloß auf eine einmalige +Demonstration beschränken, sondern zu einer wirklichen Kampfaktion +werden soll, unmöglich als ein sogenannter politischer Massenstreik +gedacht werden kann. Die Gewerkschaften würden an einer solchen Aktion +in Deutschland genau so beteiligt sein wie die Sozialdemokratie. Nicht +aus dem Grunde, weil, wie die Gewerkschaftsführer sich einbilden, die +Sozialdemokratie angesichts ihrer viel geringeren Organisation auf die +Mitwirkung der 1¼ Million Gewerkschaftler angewiesen wäre und ohne sie +nichts zu stande bringen könnte, sondern aus einem viel tiefer liegenden +Grunde: weil jede direkte Massenaktion oder Periode offener +Klassenkämpfe zugleich eine politische und ökonomische sein würde. Wird +es in Deutschland aus irgend einem Anlaß und in irgend einem Zeitpunkt +zu großen politischen Kämpfen, zu Massenstreiks kommen, so wird das +zugleich eine Ära gewaltiger gewerkschaftlicher Kämpfe in Deutschland +eröffnen, wobei die Ereignisse nicht im mindesten danach fragen werden, +ob die Gewerkschaftsführer zu der Bewegung ihre Zustimmung gegeben haben +oder nicht. Stehen sie auf der Seite oder suchen sich gar der Bewegung +zu widersetzen, so wird der Erfolg dieses Verhaltens nur der sein, daß +die Gewerkschaftsführer, genau wie die Parteiführer im analogen Falle, +von der Welle der Ereignisse einfach auf die Seite geschoben und die +ökonomischen wie die politischen Kämpfe der Masse ohne sie ausgekämpft +werden. + +In der Tat. Die Trennung zwischen dem politischen und dem ökonomischen +Kampf und die Verselbständigung beider ist nichts als ein künstliches, +wenn auch geschichtlich bedingtes Produkt der parlamentarischen Periode. +Einerseits wird hier, bei dem ruhigen, »normalen« Gang der bürgerlichen +Gesellschaft, der ökonomische Kampf zersplittert, in eine Vielheit +einzelner Kämpfe in jeder Unternehmung, in jedem Produktionszweige +aufgelöst. Anderseits wird der politische Kampf nicht durch die Masse +selbst in einer direkten Aktion geführt, sondern, den Formen des +bürgerlichen Staates entsprechend, auf repräsentativem Wege, durch den +Druck auf die gesetzgebenden Vertretungen. Sobald eine Periode +revolutionärer Kämpfe eintritt, d. h. sobald die Masse auf dem +Kampfplatz erscheint, fallen sowohl die Zersplitterung des ökonomischen +Kampfes wie die indirekte parlamentarische Form des politischen Kampfes +weg; in einer revolutionären Massenaktion sind politischer und +ökonomischer Kampf eins und die künstliche Schranke zwischen +Gewerkschaft und Sozialdemokratie als zwei getrennten, ganz +selbständigen Formen der Arbeiterbewegung wird einfach weggeschwemmt. +Was aber in der revolutionären Massenbewegung augenfällig zum Ausdruck +kommt, trifft auch für die parlamentarische Periode als wirkliche +Sachlage zu. Es gibt nicht zwei verschiedene Klassenkämpfe der +Arbeiterklasse, einen ökonomischen und einen politischen, sondern es +gibt nur _einen_ Klassenkampf, der gleichzeitig auf die Einschränkung +der kapitalistischen Ausbeutung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft +und auf die Abschaffung der Ausbeutung mitsamt der bürgerlichen +Gesellschaft gerichtet ist. + +Wenn sich diese zwei Seiten des Klassenkampfes auch aus technischen +Gründen in der parlamentarischen Periode voneinander trennen, so stellen +sie doch nicht etwa zwei parallel verlaufende Aktionen, sondern bloß +zwei Phasen, zwei Stufen des Emanzipationskampfes der Arbeiterklasse +dar. Der gewerkschaftliche Kampf umfaßt die Gegenwartsinteressen, der +sozialdemokratische Kampf die Zukunftsinteressen der Arbeiterbewegung. +Die Kommunisten, sagt das kommunistische Manifest, vertreten gegenüber +verschiedenen Gruppeninteressen (nationalen, lokalen Interessen) der +Proletarier die gemeinsamen Interessen des gesamten Proletariats und in +den verschiedenen Entwicklungsstufen des Klassenkampfes das Interesse +der Gesamtbewegung d. h. die Endziele der Befreiung des Proletariats. +Die Gewerkschaften vertreten nun die Gruppeninteressen und eine +Entwicklungsstufe der Arbeiterbewegung. Die Sozialdemokratie vertritt +die Arbeiterklasse und ihre Befreiungsinteressen im ganzen. Das +Verhältnis der Gewerkschaften zur Sozialdemokratie ist demnach das eines +Teiles zum Ganzen, und wenn unter den Gewerkschaftsführern die Theorie +von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften und der Sozialdemokratie +soviel Anklang findet, so beruht das auf einer gründlichen Verkennung +des Wesens selbst der Gewerkschaften und ihrer Rolle im allgemeinen +Befreiungskampfe der Arbeiterklasse. + +Diese Theorie von der parallelen Aktion der Sozialdemokratie und der +Gewerkschaften und von ihrer »Gleichberechtigung« ist jedoch nicht +völlig aus der Luft gegriffen, sondern hat ihre geschichtlichen Wurzeln. +Sie beruht nämlich auf einer Illusion der ruhigen, »normalen« Periode +der bürgerlichen Gesellschaft, in der der politische Kampf der +Sozialdemokratie in dem _parlamentarischen_ Kampf aufzugehen scheint. +Der parlamentarische Kampf aber, das ergänzende Gegenstück zum +Gewerkschaftskampf, ist ebenso wie dieser ein Kampf ausschließlich auf +dem Boden der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Er ist seiner Natur +nach politische Reformarbeit, wie die Gewerkschaften ökonomische +Reformarbeit sind. Er stellt politische Gegenwartsarbeit dar, wie die +Gewerkschaften ökonomische Gegenwartsarbeit darstellen. Er ist, wie sie, +auch bloß eine Phase, eine Entwicklungsstufe im Ganzen des +proletarischen Klassenkampfes, dessen Endziele über den +parlamentarischen Kampf wie über den gewerkschaftlichen Kampf in +gleichem Maße hinausgehen. Der parlamentarische Kampf verhält sich zur +sozialdemokratischen Politik denn auch wie ein Teil zum Ganzen, genau so +wie die gewerkschaftliche Arbeit. Die Sozialdemokratie ist eben heute +die Zusammenfassung sowohl des parlamentarischen wie des +gewerkschaftlichen Kampfes in einem auf die Abschaffung der bürgerlichen +Gesellschaftsordnung gerichteten Klassenkampf. + +Die Theorie von der »Gleichberechtigung« der Gewerkschaften mit der +Sozialdemokratie ist also kein bloßes theoretisches Mißverständnis, +keine bloße Verwechslung, sondern sie ist ein Ausdruck der bekannten +Tendenz jenes opportunistischen Flügels der Sozialdemokratie, der den +politischen Kampf der Arbeiterklasse auch tatsächlich auf den +parlamentarischen Kampf reduzieren und die Sozialdemokratie aus einer +revolutionären proletarischen in eine kleinbürgerliche Reformpartei +umwandeln will.[4] Wollte die Sozialdemokratie die Theorie von der +»Gleichberechtigung« der Gewerkschaften akzeptieren, so würde sie damit +in indirekter Weise und stillschweigend jene Verwandlung akzeptieren, +die von den Vertretern der opportunistischen Richtung längst angestrebt +wird. + +[Fußnote 4: Da das Vorhandensein einer solchen Tendenz innerhalb der +deutschen Sozialdemokratie gewöhnlich geleugnet wird, so muß man die +Offenherzigkeit begrüßen, mit der die opportunistische Richtung neulich +ihre eigentlichen Ziele und Wünsche formuliert hat. In einer +Parteiversammlung in Mainz am 10. September d. J. wurde folgende von Dr. +_David_ vorgelegte Resolution angenommen: + +»In der Erwägung, daß die sozialdemokratische Partei den Begriff +»Revolution« nicht im Sinne des gewaltsamen Umsturzes, sondern im +friedlichen Sinne der Entwicklung, d. h. der allmählichen Durchsetzung +eines neuen Wirtschaftsprinzips, auffaßt, lehnt die Mainzer öffentliche +Parteiversammlung jede »Revolutionsromantik« ab. + +»Die Versammlung sieht in der Eroberung der politischen Macht nichts +anderes als die Eroberung der Mehrheit des Volkes für die Ideen und +Forderungen der Sozialdemokratie; eine Eroberung, die nicht geschehen +kann mit gewaltsamen Mitteln, sondern nur durch die Revolutionierung der +Köpfe auf dem Wege der geistigen Propaganda und der praktischen +Reformarbeit auf allen Gebieten des politischen, wirtschaftlichen und +sozialen Lebens. + +In der Überzeugung, daß die Sozialdemokratie weit besser gedeiht bei den +gesetzlichen Mitteln als bei den ungesetzlichen und dem Umsturz, lehnt +die Versammlung die »_direkte Massenaktion_« als taktisches Prinzip ab +und hält an dem Prinzip der _parlamentarischen Reformation_ fest, d. h., +sie wünscht, daß die Partei nach wie vor ernstlich bemüht ist, _auf dem +Wege der Gesetzgebung und der organischen Entwicklung allmählich unsere +Ziele zu erreichen_. + +Die fundamentale Voraussetzung dieser reformatorischen Kampfesmethode +ist freilich, daß die _Möglichkeit der Anteilnahme der besitzlosen +Volksmasse an der Gesetzgebung_ im Reiche und in den Einzelstaaten nicht +verkürzt, sondern bis zur _vollen Gleichberechtigung_ erneuert wird. Aus +diesem Grunde hält es die Versammlung für ein unbestreitbares Recht der +Arbeiterschaft, zur Abwehr von Attentaten auf ihre gesetzlichen Rechte +sowie zur Erringung weiterer Rechte, wenn alle anderen Mittel versagen, +auch die Arbeit für kürzere oder längere Dauer zu verweigern. + +Da der politische Massenstreik aber nur dann siegreich für die +Arbeiterschaft durchgeführt werden kann, wenn er sich _in streng +gesetzlichen Bahnen_ hält und seitens der Streikenden kein berechtigter +Anlaß zum Eingreifen der bewaffneten Macht geboten wird, so erblickt die +Versammlung die einzig notwendige und wirksame Vorbereitung auf den +Gebrauch dieses Kampfmittels in dem weiteren Ausbau der politischen, +gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organisation. Denn nur +dadurch können die Voraussetzungen in der breiten Volksmasse geschaffen +werden, die den erfolgreichen Verlauf eines Massenstreiks garantieren: +zielbewußte Disziplin und einen geeigneten wirtschaftlichen Rückhalt.«] + +Indes ist in Deutschland eine solche Verschiebung des Verhältnisses +innerhalb der Arbeiterbewegung unmöglicher als in irgend einem anderen +Lande. Das theoretische Verhältnis, wonach Gewerkschaften bloß ein Teil +der Sozialdemokratie sind, findet gerade in Deutschland seine klassische +Illustration in den Tatsachen, in der lebendigen Praxis, und zwar äußert +sich dies nach drei Richtungen hin. Erstens sind die deutschen +Gewerkschaften direkt ein Produkt der Sozialdemokratie; sie ist es, die +die Anfänge der jetzigen Gewerkschaftsbewegung in Deutschland geschaffen +hat, sie ist es, die sie großgezogen, sie liefert bis auf heute +ihre Leiter und die tätigsten Träger ihrer Organisation. Zweitens +sind die deutschen Gewerkschaften ein Produkt der Sozialdemokratie +auch in dem Sinne, daß die sozialdemokratische Lehre die Seele der +gewerkschaftlichen Praxis bildet, die Gewerkschaften verdanken ihre +Überlegenheit über alle bürgerlichen und konfessionellen Gewerkschaften +dem Gedanken des Klassenkampfes; ihre praktischen Erfolge, ihre Macht +sind ein Resultat des Umstandes, daß ihre Praxis von der Theorie des +wissenschaftlichen Sozialismus erleuchtet und über die Niederungen eines +engherzigen Empirismus gehoben ist. Die Stärke der »praktischen Politik« +der deutschen Gewerkschaften liegt in ihrer Einsicht in die tieferen +sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge der kapitalistischen +Ordnung; diese Einsicht verdanken sie aber niemand anderem, als der +Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, auf der sie in ihrer Praxis +fußen. In diesem Sinne ist jenes Suchen nach der Emanzipierung der +Gewerkschaften von der sozialdemokratischen Theorie nach einer anderen +»gewerkschaftlichen Theorie« im Gegensatz zur Sozialdemokratie vom +Standpunkte der Gewerkschaften selbst und ihrer Zukunft nichts anderes, +als ein Selbstmordversuch. Die Loslösung der gewerkschaftlichen Praxis +von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus würde für die +deutschen Gewerkschaften einen sofortigen Verlust der ganzen +Überlegenheit gegenüber allen bürgerlichen Gewerkschaftssorten, einen +Sturz von ihrer bisherigen Höhe auf das Niveau eines haltlosen Tastens +und reinen platten Empirismus bedeuten. + +Endlich aber drittens sind die Gewerkschaften, wovon ihre Führer +allmählich das Bewußtsein verloren haben, auch direkt in ihrer +_zahlenmäßigen_ Stärke, ein Produkt der sozialdemokratischen Bewegung +und der sozialdemokratischen Agitation. Gewiß ging und geht die +gewerkschaftliche Agitation in manchen Gegenden der sozialdemokratischen +voran und überall ebnet die gewerkschaftliche Arbeit auch der +Parteiarbeit die Wege. Vom Standpunkte ihrer _Wirkung_ arbeiten Partei +und Gewerkschaften einander völlig in die Hand. Allein, wenn man das +Bild des Klassenkampfes in Deutschland im ganzen und in seinen tiefer +liegenden Zusammenhängen überblickt, so verschiebt sich das Verhältnis +erheblich. Manche Gewerkschaftsleiter pflegen gern mit einigem Triumph +von der stolzen Höhe ihrer 1¼ Millionen Mitglieder auf die armselige, +noch nicht volle halbe Million der organisierten Mitglieder der +Sozialdemokratie herabzublicken und sie an jene Zeiten vor 10 bis 12 +Jahren zu erinnern, wo man in den Reihen der Sozialdemokratie über die +Perspektiven der gewerkschaftlichen Entwicklung noch pessimistisch +dachte. Sie bemerken gar nicht, dass zwischen diesen zwei Tatsachen: der +hohen Ziffer der Gewerkschaftsmitglieder und der niedrigen Ziffer der +sozialdemokratisch Organisierten in gewissem Maße _ein direkter kausaler +Zusammenhang besteht_. Tausende und Abertausende von Arbeitern treten +den Parteiorganisationen nicht bei, eben _weil_ sie in die +Gewerkschaften eintreten. Der Theorie nach müßten alle Arbeiter zweifach +organisiert sein: zweierlei Versammlungen besuchen, zweifache Beiträge +zahlen, zweierlei Arbeiterblätter lesen usw. Um dies jedoch zu tun, dazu +gehört schon ein hoher Grad der Intelligenz und jener Idealismus, der +aus reinem Pflichtgefühl gegenüber der Arbeiterbewegung tägliche Opfer +an Zeit und Geld nicht scheut, endlich auch jenes leidenschaftliche +Interesse für das eigentliche Parteileben, das nur durch die +Zugehörigkeit zur Parteiorganisation befriedigt werden kann. All das +trifft bei der aufgeklärtesten und intelligentesten Minderheit der +sozialdemokratischen Arbeiterschaft in den Großstädten zu, wo das +Parteileben ein inhaltreiches und anziehendes, wo die Lebenshaltung der +Arbeiter eine höhere ist. Bei den breiteren Schichten der +großstädtischen Arbeitermasse aber, sowie in der Provinz, in den +kleineren und kleinsten Nestern, wo das lokale politische Leben ein +unselbständiges, ein bloßer Reflex der hauptstädtischen Vorgänge, wo das +Parteileben folglich auch ein armes und monotones ist, wo endlich die +wirtschaftliche Lebenshaltung des Arbeiters meistens eine sehr +kümmerliche, da ist das doppelte Organisationsverhältnis sehr schwer +durchzuführen. + +Für den sozialdemokratisch gesinnten Arbeiter aus der Masse wird dann +die Frage von selbst in der Weise gelöst, daß er eben seiner +Gewerkschaft beitritt. Den unmittelbaren Interessen seines +wirtschaftlichen Kampfes kann er nämlich, was durch die Natur dieses +Kampfes selbst bedingt ist, nicht anders genügen, als durch den Beitritt +zu einer Berufsorganisation. Der Beitrag, den er hier vielfach unter +bedeutenden Opfern seiner Lebenshaltung zahlt, bringt ihm unmittelbaren, +sichtlichen Nutzen. Seine sozialdemokratische Gesinnung aber vermag er +auch ohne Zugehörigkeit zu einer speziellen Parteiorganisation zu +betätigen: durch Stimmabgabe bei den Parlamentswahlen, durch den Besuch +sozialdemokratischer Volksversammlungen, durch das Verfolgen der +Berichte über sozialdemokratische Reden in den Vertretungskörpern, durch +das Lesen der Parteipresse -- man vergleiche zum Beispiel die Zahl der +sozialdemokratischen Wähler sowie die Abonnentenzahl des »Vorwärts« mit +der Zahl der organisierten Parteimitglieder in Berlin. Und, was das +Ausschlaggebende ist: der sozialdemokratisch gesinnte durchschnittliche +Arbeiter aus der Masse, der als einfacher Mann kein Verständnis für die +komplizierte und feine sogenannte »Zweiseelentheorie« haben kann, fühlt +sich eben auch in der Gewerkschaft _sozialdemokratisch_ organisiert. +Tragen die Zentralverbände auch kein offizielles Parteischild, so sieht +doch der Arbeitsmann aus der Masse in jeder Stadt und jedem Städtchen an +der Spitze seiner Gewerkschaft als die tätigsten Leiter diejenigen +Kollegen, die er auch als Genossen, als Sozialdemokraten aus dem +öffentlichen Leben kennt: bald als sozialdemokratische Reichstags-, +Landtags- oder Gemeindeabgeordnete, bald als sozialdemokratische +Vertrauensmänner, Wahlvereinsvorstände, Parteiredakteure, +Parteisekretäre, oder einfach als Redner und Agitatoren. Er hört ferner +in der Agitation in seiner Gewerkschaft meistens dieselben ihm lieb und +verständlich gewordenen Gedanken über die kapitalistische Ausbeutung, +über Klassenverhältnisse, die er auch aus der sozialdemokratischen +Agitation kennt; ja die meisten und beliebtesten Redner in den +Gewerkschaftsversammlungen sind eben bekannte Sozialdemokraten. + +So wirkt alles dahin, dem klassenbewußten Durchschnittsarbeiter das +Gefühl zu geben, daß er, indem er sich gewerkschaftlich organisiert, +dadurch auch seiner Arbeiterpartei angehört, sozialdemokratisch +organisiert ist. _Und darin liegt eben die eigentliche Werbekraft der +deutschen Gewerkschaften_. Nicht dank dem Schein der Neutralität, +sondern dank der sozialdemokratischen Wirklichkeit ihres Wesens, +haben es die Zentralverbände vermocht, ihre heutige Stärke zu +erreichen. Dies ist einfach durch dieselbe Mitexistenz verschiedener +bürgerlich-parteilicher: katholischer, Hirsch-Dunckerscher &c. +Gewerkschaften begründet, durch die man eben die Notwendigkeit jener +politischen »Neutralität« zu begründen sucht. Wenn der deutsche +Arbeiter, der die volle freie Wahl hat, sich einer christlichen, +katholischen, evangelischen oder freisinnigen Gewerkschaft +anzuschließen, keine von diesen, sondern die »freie Gewerkschaft« +wählt, oder gar aus jenen in diese übertritt, so tut er dies nur, +weil er die Zentralverbände als ausgesprochene Organisationen des +modernen Klassenkampfes, oder, was in Deutschland dasselbe, als +sozialdemokratische Gewerkschaften auffaßt. Kurz: der Schein der +»Neutralität«, der für manche Gewerkschaftsführer existiert, besteht für +die Masse der gewerkschaftlich Organisierten nicht. Und dies ist das +ganze Glück der Gewerkschaftsbewegung. Sollte jener Schein der +»Neutralität«, jene Entfremdung und Loslösung der Gewerkschaften von der +Sozialdemokratie zur Wahrheit und namentlich in den Augen der +proletarischen Masse zur Wirklichkeit werden, dann würden die +Gewerkschaften sofort ihren ganzen Vorzug gegenüber den bürgerlichen +Konkurrenzverbänden und damit auch ihre Werbekraft, ihr belebendes +Feuer, verlieren. Das Gesagte wird durch allgemein bekannte Tatsachen +schlagend bewiesen. Der Schein der partei-politischen »Neutralität« der +Gewerkschaften konnte nämlich als Anziehungsmittel hervorragende Dienste +leisten in einem Lande, wo die Sozialdemokratie selbst keinen Kredit bei +den Massen besitzt, wo ihr Odium einer Arbeiterorganisation in den Augen +der Masse noch eher schadet als nützt, wo mit einem Wort die +Gewerkschaften ihre Truppen erst aus einer ganz unaufgeklärten, +bürgerlich gesinnten Masse selbst rekrutieren müssen. + +Das Muster eines solchen Landes war das ganze vorige Jahrhundert +hindurch und ist auch heute noch in gewissem Maße -- _England_. In +Deutschland jedoch liegen die Parteiverhältnisse ganz anders. In einem +Lande, wo die Sozialdemokratie die mächtigste politische Partei ist, wo +ihre Werbekraft durch ein Heer von über drei Millionen Proletariern +dargestellt wird, da ist es lächerlich, von dem abschreckenden Odium der +Sozialdemokratie zu sprechen und von bei Notwendigkeit einer +Kampforganisation der Arbeiter, die politische Neutralität zu wahren. +Die bloße Zusammenstellung der Ziffer der sozialdemokratischen Wähler +mit den Ziffern der gewerkschaftlichen Organisationen in Deutschland +genügt, um für jedes Kind klar zu machen, daß die deutschen +Gewerkschaften ihre Truppen nicht, wie in England, aus der +unaufgeklärten bürgerlich gesinnten Masse, sondern aus der Masse der +bereits durch die Sozialdemokratie aufgerüttelten und für den Gedanken +des Klassenkampfes gewonnenen Proletarier, aus der sozialdemokratischen +Wählermasse werben. Manche Gewerkschaftsführer weisen mit Entrüstung -- +dies ein Requisit der »Neutralitätstheorie« -- den Gedanken von sich, +die Gewerkschaften als Rekrutenschule für die Sozialdemokratie zu +betrachten. Tatsächlich ist diese ihnen so beleidigend erscheinende, in +Wirklichkeit höchst schmeichelhafte Zumutung in Deutschland durch den +einfachen Umstand zur Phantasie gemacht, weil die Verhältnisse meistens +umgekehrt liegen; es ist die Sozialdemokratie, die in Deutschland die +Rekrutenschule für die Gewerkschaften bildet. Wenn auch das +Organisationswerk der Gewerkschaften meistens noch ein sehr schweres und +mühseliges ist, so ist, abgesehen von manchen Gegenden und Fällen, im +großen und ganzen nicht bloß der Boden bereits durch den +sozialdemokratischen Pflug urbar gemacht worden, sondern die +gewerkschaftliche Saat selbst und endlich der Säemann müssen auch noch +»rot«, sozialdemokratisch sein, damit die Ernte gedeiht. Wenn wir aber +auf diese Weise die gewerkschaftlichen Stärkezahlen nicht mit den +sozialdemokratischen Organisationen, sondern, was das einzig richtige +ist, mit der sozialdemokratischen Wählermasse vergleichen, so kommen wir +zu einem Schluß, der von der landläufigen Vorstellung in dieser Hinsicht +bedeutend abweicht. Es stellt sich nämlich heraus, daß die »freien +Gewerkschaften« heute tatsächlich noch die Minderheit der +klassenbewußten Arbeiterschaft Deutschlands darstellen, haben sie doch +mit ihrer 1¼ Million Organisierter noch nicht die Hälfte der von der +Sozialdemokratie aufgerüttelten Masse ausschöpfen können. + +Der wichtigste Schluß aus den angeführten Tatsachen ist der, daß die für +die kommenden Massenkämpfe in Deutschland unbedingt notwendige völlige +_Einheit_ der gewerkschaftlichen und der sozialdemokratischen +Arbeiterbewegung _tatsächlich vorhanden ist_, und zwar ist sie +verkörpert in der breiten Masse, die gleichzeitig die Basis der +Sozialdemokratie wie der Gewerkschaften bildet und in deren Bewußtsein +beide Seiten der Bewegung zu einer geistigen Einheit verschmolzen sind. +Der angebliche Gegensatz zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften +schrumpft bei dieser Sachlage zu einem Gegensatz zwischen der +Sozialdemokratie und einem gewissen Teil der Gewerkschaftsbeamten +zusammen, der aber zugleich ein Gegensatz innerhalb der Gewerkschaften +zwischen diesem Teil der Gewerkschaftsführer und der gewerkschaftlich +organisierten proletarischen Masse ist. + +Das starke Wachstum der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland im Laufe +der letzten 15 Jahre, besonders in der Periode der wirtschaftlichen +Hochkonjunktur 1895-1900, hat von selbst eine große Verselbständigung +der Gewerkschaften, eine Spezialisierung ihrer Kampfmethoden und ihrer +Leitung und endlich das Aufkommen eines regelrechten gewerkschaftlichen +Beamtenstandes mit sich gebracht. All diese Erscheinungen sind ein +vollkommen erklärliches und natürliches geschichtliches Produkt des +fünfzehnjährigen Wachstums der Gewerkschaften, ein Produkt der +wirtschaftlichen Prosperität und der politischen Windstille in +Deutschland. Sie sind, wenn auch von gewissen Übelständen +unzertrennlich, doch zweifellos ein historisch notwendiges Übel. Allein +die Dialektik der Entwicklung bringt es eben mit sich, daß diese +notwendigen Förderungsmittel des gewerkschaftlichen Wachstums auf einer +gewissen Höhe der Organisation und bei einem gewissen Reifegrad der +Verhältnisse in ihr Gegenteil, in Hemmnisse des weiteren Wachstums +umschlagen. + +Die Spezialisierung ihrer Berufstätigkeit als gewerkschaftlicher Leiter +sowie der naturgemäß enge Gesichtskreis, der mit den zersplitterten +ökonomischen Kämpfen in einer ruhigen Periode verbunden ist, führen bei +den Gewerkschaftsbeamten nur zu leicht zum Bureaukratismus und zu einer +gewissen Enge der Auffassung. Beides äußert sich aber in einer ganzen +Reihe von Tendenzen, die für die Zukunft der gewerkschaftlichen Bewegung +selbst höchst verhängnisvoll werden könnten. Dahin gehört vor allem die +Überschätzung der Organisation, die aus einem Mittel zum Zweck +allmählich in einen Selbstzweck, in ein höchstes Gut verwandelt wird, +dem die Interessen des Kampfes untergeordnet werden sollen. Daraus +erklärt sich auch jenes offen zugestandene Ruhebedürfnis, das vor einem +größeren Risiko und vor vermeintlichen Gefahren für den Bestand der +Gewerkschaften, vor der Ungewißheit größerer Massenaktionen +zurückschreckt, ferner die Überschätzung der gewerkschaftlichen +Kampfesweise selbst, ihrer Aussichten und ihrer Erfolge. Die beständig +von dem ökonomischen Kleinkrieg absorbierten Gewerkschaftsleiter, die +es zur Aufgabe haben, den Arbeitermassen den hohen Wert jeder noch +so geringen ökonomischen Errungenschaft, jeder Lohnerhöhung oder +Verkürzung der Arbeitszeit plausibel zu machen, kommen allmählich +dahin, daß sie selbst die größeren Zusammenhänge und den Überblick +über die Gesamtlage verlieren. Nur dadurch kann erklärt werden, daß +manche Gewerkschaftsführer z. B. mit so großer Genugtuung auf die +Errungenschaften der letzten 15 Jahre, auf die Millionen Mark +Lohnerhöhungen hinweisen, anstatt umgekehrt den Nachdruck auf die andere +Seite der Medaille zu legen: auf die gleichzeitig stattgefundene +ungeheure Herabdrückung der proletarischen Lebenshaltung durch den +Brotwucher, durch die gesamte Steuer- und Zollpolitik, durch den +Bodenwucher, der die Wohnungsmieten in so exorbitanter Weise in die Höhe +getrieben hat, mit einem Wort, auf all die objektiven Tendenzen der +bürgerlichen Politik, die jene Errungenschaften der 15jährigen +gewerkschaftlichen Kämpfe zu einem großen Teil wieder wett machen. Aus +der _ganzen_ sozialdemokratischen Wahrheit, die neben der Betonung der +Gegenwartsarbeit und ihrer absoluten Notwendigkeit das Hauptgewicht auf +die _Kritik_ und die Schranken dieser Arbeit legt, wird so die _halbe_ +gewerkschaftliche Wahrheit zurechtgestutzt, die nur das Positive des +Tageskampfes hervorhebt. Und schließlich wird aus dem Verschweigen der +dem gewerkschaftlichen Kampfe gezogenen objektiven Schranken der +bürgerlichen Gesellschaftsordnung eine direkte Feindseligkeit gegen jede +theoretische Kritik, die auf diese Schranken im Zusammenhang mit den +Endzielen der Arbeiterbewegung hinweist. Die unbedingte Lobhudelei, der +grenzenlose Optimismus werden zur Pflicht jedes »Freundes der +Gewerkschaftsbewegung« gemacht. Da aber der sozialdemokratische +Standpunkt gerade in der Bekämpfung des kritiklosen gewerkschaftlichen +Optimismus, ganz wie in der Bekämpfung des kritiklosen parlamentarischen +Optimismus besteht, so wird schließlich gegen die sozialdemokratische +Theorie selbst Front gemacht: man sucht tastend nach einer »neuen +gewerkschaftlichen Theorie«, d. h. nach einer Theorie, die den +gewerkschaftlichen Kämpfen im Gegensatz zur sozialdemokratischen Lehre +auf dem Boden der kapitalistischen Ordnung ganz unbeschränkte +Perspektiven des wirtschaftlichen Aufstiegs eröffnen wurde. Eine solche +Theorie existiert freilich schon seit geraumer Zeit: es ist dies die +Theorie von Prof. _Sombart_, die ausdrücklich mit der Absicht +aufgestellt wurde, einen Keil zwischen die Gewerkschaften und die +Sozialdemokratie in Deutschland zu treiben und die Gewerkschaften auf +bürgerlichen Boden hinüberzulocken. + +Im engen Zusammenhang mit diesen theoretischen Tendenzen steht ein +Umschwung im Verhältnis der Führer zur Masse. An Stelle der kollegialen +Leitung durch lokale Kommissionen mit ihren zweifellosen +Unzulänglichkeiten tritt die geschäftsmäßige Leitung des +Gewerkschaftsbeamten. Die Initiative und die Urteilsfähigkeit werden +damit sozusagen zu seiner Berufsspezialität, während der Masse +hauptsächlich die mehr passive Tugend der Disziplin obliegt. Diese +Schattenseiten des Beamtentums bergen sicherlich auch für die Partei +bedeutende Gefahren in sich, die sich aus der jüngsten Steuerung, aus +der Anstellung der lokalen Parteisekretäre, seht leicht ergeben können, +wenn die sozialdemokratische Masse nicht darauf bedacht sein wird, daß +die genannten Sekretäre reine Vollziehungsorgane bleiben und nicht etwa +als die berufenen Träger der Initiative und der Leitung des lokalen +Parteilebens betrachtet werden. Allein dem Bureaukratismus sind in der +Sozialdemokratie durch die Natur der Sache, durch den Charakter des +politischen Kampfes selbst engere Grenzen gezogen, als im +Gewerkschaftsleben. Hier bringt gerade die technische Spezialisierung +der Lohnkämpfe, z. B. der Abschluß von komplizierten Tarifverträgen und +dergleichen, mit sich, daß der Masse der Organisierten häufig der +»Überblick über das gesamte Gewerbsleben« abgesprochen und damit ihre +Urteilsunfähigkeit begründet wird. Eine Blüte dieser Auffassung ist +namentlich auch die Argumentation, mit der jede theoretische Kritik an +den Aussichten und Möglichkeiten der Gewerkschaftspraxis verpönt wird, +weil sie angeblich eine Gefahr für die gewerkschaftsfromme Gesinnung der +Masse darstelle. Es wird dabei von der Ansicht ausgegangen, daß die +Arbeitermasse nur bei blindem, kindlichen Glauben an das Heil des +Gewerkschaftskampfes für die Organisation gewonnen und erhalten werden +könne. Im Gegensatz zur Sozialdemokratie, die gerade auf der Einsicht +der Masse in die Widersprüche der bestehenden Ordnung und in die ganze +komplizierte Natur ihrer Entwicklung, auf dem kritischen Verhalten der +Masse zu allen Momenten und Stadien des eigenen Klassenkampfes ihren +Einfluß basiert, wird der Einfluß und die Macht der Gewerkschaften nach +dieser verkehrten Theorie auf der Kritik- und Urteilslosigkeit der Masse +gegründet. »Dem Volke muß der Glaube erhalten werden« -- dies der +Grundsatz, aus dem heraus manche Gewerkschaftsbeamten alle Kritik an den +objektiven Unzulänglichkeiten der Gewerkschaftsbewegung zu einem +Attentat auf diese Bewegung selbst stempeln. Und endlich ein Resultat +dieser Spezialisierung und dieses Bureaukratismus unter den +Gewerkschaftsbeamten ist auch die starke Verselbständigung und die +»Neutralität« der Gewerkschaften gegenüber der Sozialdemokratie. Die +äußere Selbständigkeit der gewerkschaftlichen Organisation hat sich mit +ihrem Wachstum als eine natürliche Bedingung ergeben, als ein +Verhältnis, das aus der technischen Arbeitsteilung zwischen der +politischen und der gewerkschaftlichen Kampfform erwächst. Die +»Neutralität« der deutschen Gewerkschaften kam ihrerseits als ein +Produkt der reaktionären Vereinsgesetzgebung, des preußisch-deutschen +Polizeistaates auf. Mit der Zeit haben beide Verhältnisse ihre Natur +geändert. Aus dem polizeilich erzwungenen Zustand der politischen +»Neutralität« der Gewerkschaften ist nachträglich eine Theorie ihrer +freiwilligen Neutralität als einer angeblich in der Natur des +Gewerkschaftskampfes selbst begründeten Notwendigkeit zurechtgemacht +worden. Und die technische Selbständigkeit der Gewerkschaften, die +auf praktischer Arbeitsteilung innerhalb des einheitlichen +sozialdemokratischen Klassenkampfes beruhen sollte, ist in die +Lostrennung der Gewerkschaften von der Sozialdemokratie, von ihren +Ansichten und von ihrer Führung, in die sogenannte »Gleichberechtigung« +mit der Sozialdemokratie umgewandelt. + +Dieser Schein der Lostrennung und der Gleichstellung der Gewerkschaften +mit der Sozialdemokratie wird aber hauptsächlich in den +Gewerkschaftsbeamten verkörpert, durch den Verwaltungsapparat der +Gewerkschaften genährt. Äußerlich ist durch die Nebenexistenz eines +ganzen Stabes von Gewerkschaftsbeamten, einer gänzlich unabhängigen +Zentrale, einer zahlreichen Berufspresse und endlich der +gewerkschaftlichen Kongresse der Schein einer völligen Parallelität mit +dem Verwaltungsapparat der Sozialdemokratie, dem Parteivorstand, der +Parteipresse und den Parteitagen geschaffen. Diese Illusion der +Gleichstellung zwischen Sozialdemokratie und Gewerkschaften hat auch +u. a. zu der monströsen Erscheinung geführt, daß auf den +sozialdemokratischen Parteitagen und den gewerkschaftlichen Kongressen +zum Teil ganz analoge Tagesordnungen behandelt und zu derselben Frage +verschiedene, ja, direkt entgegengesetzte Beschlüsse gefaßt werden. Aus +der natürlichen Arbeitsteilung zwischen dem Parteitag, der die +allgemeinen Interessen und Aufgaben der Arbeiterbewegung vertritt, und +den Gewerkschaftskonferenzen, die das viel engere Gebiet der speziellen +Fragen und Interessen des beruflichen Tageskampfes behandeln, ist der +künstliche Zwiespalt zwischen einer angeblichen gewerkschaftlichen und +einer sozialdemokratischen Weltanschauung in bezug auf _dieselben_ +allgemeinen Fragen und Interessen der Arbeiterbewegung konstruiert +worden. + +So hat sich der eigenartige Zustand herausgebildet, daß dieselbe +Gewerkschaftsbewegung, die mit der Sozialdemokratie unten, in der +breiten proletarischen Masse, vollständig eins ist, oben, in dem +Verwaltungsüberbau, von der Sozialdemokratie schroff abspringt und sich +ihr gegenüber als eine unabhängige zweite Großmacht aufrichtet. Die +deutsche Arbeiterbewegung bekommt dadurch die eigentümliche Form einer +Doppelpyramide, deren Basis und Körper aus einem Massiv besteht, deren +beide Spitzen aber weit auseinanderstehen. + +Es ist aus dem Dargelegten klar, auf welchem Wege allein in natürlicher +und erfolgreicher Weise jene kompakte Einheit der deutschen +Arbeiterbewegung geschaffen werden kann, die im Hinblick auf die +kommenden politischen Klassenkämpfe, sowie im eigenen Interesse der +weiteren Entwicklung der Gewerkschaften, unbedingt notwendig ist. Nichts +wäre verkehrter und hoffnungsloser, als die erstrebte Einheit auf dem +Wege sporadischer oder periodischer Verhandlungen über Einzelfragen der +Arbeiterbewegung zwischen der sozialdemokratischen Parteileitung und der +gewerkschaftlichen Zentrale herstellen zu wollen. Gerade die obersten +Organisationsspitzen der beiden Formen der Arbeiterbewegung verkörpern, +wie wir gesehen, ihre Trennung und Verselbständigung in sich, sind also +selbst Träger der Illusion von der »Gleichberechtigung« und der +Parallelexistenz der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften. Die +Einheit der beiden durch die Verbindung des Parteivorstandes und der +Generalkommission herstellen wollen, hieße eine Brücke gerade dort +bauen, wo der Abstand am weitesten und der Übergang am schwersten ist. +Nicht oben, in den Spitzen der Organisationsleitungen und ihrem +föderativen Bündnis, sondern unten in der organisierten proletarischen +Masse liegt die Gewähr für die wirkliche Einheit der Arbeiterbewegung. +Im Bewußtsein der Million Gewerkschaftsmitglieder sind Partei und +Gewerkschaften tatsächlich _Eins_, sie sind nämlich der +_sozialdemokratische_ Emanzipationskampf des Proletariats in +verschiedenen Formen. Und daraus ergibt sich auch von selbst die +Notwendigkeit, zur Beseitigung jener Reibungen, die sich zwischen der +Sozialdemokratie und einem Teil der Gewerkschaften ergeben haben, ihr +gegenseitiges Verhältnis dem Bewußtsein der proletarischen Masse +anzupassen, d. h. _die Gewerkschaften der Sozialdemokratie wieder +anzugliedern_. Es wird damit nur die Synthese der tatsächlichen +Entwicklung zum Ausdruck gebracht, die es von der ursprünglichen +Inkorporation der Gewerkschaften zu ihrer Ablösung von der +Sozialdemokratie geführt hatte, um nachher durch die Periode des starken +Wachstums sowohl der Gewerkschaften wie der Sozialdemokratie die +kommende Periode großer proletarischer Massenkämpfe vorzubereiten, damit +aber die Wiedervereinigung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften +im Interesse beider zur Notwendigkeit zu machen. + +Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht etwa um die Auflösung des +jetzigen gewerkschaftlichen Aufbaues in der Partei, sondern es handelt +sich um die Herstellung jenes natürlichen Verhältnisses zwischen der +Leitung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften, zwischen +Parteitagen und Gewerkschaftskongressen, die dem tatsächlichen +Verhältnis zwischen der Arbeiterbewegung im ganzen und ihrer +gewerkschaftlichen Teilerscheinung entspricht. Ein solcher Umschwung +wird, wie es nicht anders gehen kann, eine heftige Opposition eines +Teils der Gewerkschaftsführer hervorrufen. Allein es ist hohe Zeit, daß +die sozialdemokratische Arbeitermasse lernt, ihre Urteilsfähigkeit und +Aktionsfähigkeit zum Ausdruck zu bringen, und damit ihre Reife für jene +Zeiten großer Kämpfe und großer Aufgaben darzutun, in denen sie, die +Masse, der handelnde Chorus, die Leitungen nur die »sprechenden +Personen«, d. h., die Dolmetscher des Massenwillens sein sollen. + +Die Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sich in den vollkommen +erklärlichen, aber irrtümlichen Illusionen einer Minderheit der +Gewerkschaftsführer spiegelt, sondern das, was im Bewußtsein der großen +Masse der für den Klassenkampf gewonnenen Proletarier lebt. In diesem +Bewußtsein ist die Gewerkschaftsbewegung ein Stück der Sozialdemokratie. +»Und was sie ist, das wage sie zu scheinen.« + +Druck: Hamburger Buchdruckerei und Verlagsanstalt Auer & Co. in Hamburg. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, by +Rosa Luxemburg + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MASSENSTREIK *** + +***** This file should be named 31614-8.txt or 31614-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/1/6/1/31614/ + +Produced by Odessa Paige Turner and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was +produced from scanned images of public domain material +from the Google Print project.) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
