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+Project Gutenberg's Über allgemeine Landesbewaffnung, by Moritz von Prittwitz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Über allgemeine Landesbewaffnung
+ insbesondere in Beziehung auf Württemberg
+
+Author: Moritz von Prittwitz
+
+Release Date: February 21, 2010 [EBook #31337]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER ALLGEMEINE LANDESBEWAFFNUNG ***
+
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
+produced from scanned images of public domain material
+from the Google Print project.)
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+
+
+
+
+ Über
+ allgemeine
+ Landesbewaffnung,
+
+ insbesondere in
+ Beziehung auf Württemberg,
+
+ von
+
+ Moritz v. Prittwitz,
+
+ Oberstlieutenant im K. preußischen Ingenieur-Corps
+ und K. württembergischer Baudirektor der Bundesfestung Ulm.
+
+
+ Ulm. 1848.
+
+ Geislingen, gedruckt in der M. Ils'schen Buchdruckerei.
+
+ In Commission in der Stettin'schen Sortiments-Buchhandlung
+ in Ulm.
+
+
+
+
+Dieser Aufsatz wurde bereits vor mehreren Jahren geschrieben. Die
+Cottasche Vierteljahrschrift wollte ihn nur mit mehreren Veränderungen
+aufnehmen. So blieb er bis zum Herbste 1847 liegen, wo er in der
+vorliegenden Form mehreren hochstehenden Personen vorgelegt wurde. Ein
+unveränderter Abdruck desselben in jetziger Zeit dürfte vielleicht durch
+die neuesten Ereignisse und die dadurch herbeigeführten Debatten über
+denselben Gegenstand gerechtfertigt sein.
+
+Ulm im August 1848.
+
+
+
+
+Bei der jetzt in mehreren deutschen Staaten zur Sprache gekommenen
+Frage, in wie weit das Preußische Militairsystem angemessen in denselben
+Anwendung finden könne, wird es vielleicht zeitgemäß seyn, mit einigen
+Worten auf das Wesentliche dieses Systems aufmerksam zu machen, indem
+darüber noch mancherlei irrige Meinungen herrschen, auch oft
+unwesentliche Theile desselben für wesentliche angesehen werden.
+
+Man muß darin nemlich zwei ganz von einander verschiedene und ganz
+unabhängige Grundzüge sondern:
+
+a) _die allgemeine und persönliche Militairpflicht_ für alle Klassen der
+Unterthanen des preußischen Staats (mit alleiniger Ausnahme der
+Standesherrn und Mennoniten) der zu Folge Niemand sich durch einen
+Remplaçant oder Einsteher ersetzen lassen kann, und
+
+b) _das Landwehrsystem_, nach welchem die Mannschaften, welche bei der
+Linie ausgedient haben, noch eine Zeitlang zum Landwehr-Dienst _in
+eigenen Landwehrregimentern_ verpflichtet sind.
+
+Von diesen beiden Einrichtungen ist die erste eine _wesentliche_,
+während das Landwehrsystem mehr auf einer bloßen Form beruht, ein
+Umstand, der sehr häufig verkannt wird.
+
+Es muß hier als bekannt vorausgesetzt werden, und bedarf keiner weiteren
+Geschichtserzählung, wie in Preußen, in Folge des Tilsiter-Friedens,
+unter dem Namen, »_Krümper_«, eine Menge Leute ausexerzirt, in ihre
+Heimath zurückgeschickt, durch neue ersetzt, und somit ohne Vermehrung
+des stehenden Heeres, die Bildung der aus diesen Krümpern im Jahre 1813
+neu errichteten Reserveregimenter vorbereitet, und als deren Zahl sich
+noch als unzureichend zeigte, eine Anzahl Landwehrregimenter aus
+gänzlich rohen und unexerzirten Mannschaften gebildet wurde, die
+manchmal in's Gefecht kamen, ohne vorher je zur Übung einen scharfen
+Schuß gethan zu haben. Es genügt, hier zu erwähnen, daß durch die
+Gesetze vom 17. Juli 1813, -- 3. Septbr. 1814 und 21. Novbr. 1815 die
+Verpflichtung jedes Preußischen Unterthanen ausgesprochen wurde,
+persönlich und ohne Stellvertretung drei oder 1 Jahr in's stehende Heer
+einzutreten; dann 2 Jahre als Kriegsreservist oder Beurlaubter jederzeit
+zum Wiedereintritt bereit zu seyn; demnächst während mehrerer Jahre in
+der Landwehr zu dienen, die jedoch im Frieden jährlich nur 2 Wochen in
+größeren Abtheilungen und ausserdem an mehreren Sonntagen des Jahres in
+kleineren Abtheilungen zusammentritt; endlich im Fall des Kriegs vom 33.
+bis 39. Jahre in die Landwehr 2ten Aufgebots, und demnächst sogar
+nöthigenfalls auch im Landsturm zur Vertheidigung des Vaterlandes
+mitzuwirken. Von dieser Verpflichtung entbindet nur körperliche
+Untüchtigkeit. Ausserdem finden noch einige Erleichterungen statt, von
+denen folgende die wichtigsten sind:
+
+Wer sich freiwillig zum Dienst meldet, kann sich selbst die
+Waffengattung und den Truppentheil wählen. Ausserdem können Freiwillige,
+durch Dienstleistung während eines Jahres, ihrer Dienstpflicht im
+stehenden Heere genügen, wenn sie einen bestimmten höhern Bildungsgrad
+nachweisen (namentlich also Studirende) und sich selbst equipiren und
+verpflegen.
+
+Da ausserdem eine größere Zahl von dienstfähigen jungen Leuten vorhanden
+ist, als eingestellt werden können: so finden auf besondere Verwendung
+der Lokalbehörden, in dringenden Fällen, einzelne Zurückstellungen
+statt, und unter den übrigen entscheidet das Loos. _Die Stellung eines
+Ersatzmannes ist aber unter keinen Umständen zuläßig._
+
+Um jedoch die wegen Überzahl nicht in der Linie anzustellenden
+Mannschaften wenigstens einigermaßen auszubilden, bestand eine Zeitlang
+die Einrichtung, daß dieselben nur 6 Wochen bei den Fahnen blieben und
+dann zur Landwehr übertraten. Später ist jedoch hierin dadurch eine
+Abänderung getroffen worden, daß die wirkliche Dienstzeit bei der
+Infanterie auf 2 bis 1½ Jahr verkürzt wurde, wodurch es nunmehr möglich
+ist, viel mehr Mannschaften auszubilden. Dem ungeachtet werden von etwa
+90,000 Mann dienstfähigen jungen Leuten jährlich nur etwa 35,000
+eingestellt und die übrigen sind frei vom Linien- und Landwehrdienst und
+sollen im Kriege als Rekruten in die Ersatzbataillone eintreten.[1]
+Hiernach verdient das Preußische Landwehrsystem eigentlich den Namen
+»Volksbewaffnung« nur darum, weil die Verpflichtung zum Kriegsdienst
+allgemein ist und nicht auf einen anderen übertragen werden kann. Diese
+Verpflichtung wird aber jetzt schon so gern getragen, namentlich von den
+jungen Leuten aus den gebildeten Klassen, daß diese meist vorziehen,
+freiwillig sich einen Truppentheil zu wählen, als den Versuch zu machen,
+sich durch das Loos vom Militair-Dienst befreit zu sehen.
+
+ [1] Vrgl. ausführlicher hierüber die neueste Denkschrift des
+ General v. _Müffling_: »Die Vermehrung der Wehrhaftigkeit des
+ Volks betreffend.«
+
+Das Vorstehende ergiebt, daß in Preußen die Linienregimenter eigentlich
+nur die Schule sind, durch welche die Militairpflichtigen durchgehen, um
+demnächst in die Landwehr, als dem eigentlichen Kern der Armee
+einzutreten, und daß mithin die jetzige preußische Landwehr von der
+Landwehr des Jahres 1813 ganz verschieden ist.
+
+Als zuerst durch die vorgedachten Gesetze die Dienstzeit im stehenden
+Heere auf 3 Jahre festgesetzt wurde, fand dies vielen Widerspruch. Eine
+Menge, namentlich der ältern Militairs, an die frühere lange Dienstzeit
+gewöhnt, erklärten es für unmöglich, in so kurzer Zeit einen tüchtigen
+Soldaten auszubilden. Mit Recht wurde ihnen entgegnet, daß die
+preußischen Reserveregimenter und Landwehren vom Jahre 1813, bei Weitem
+nicht einmal eine so lange Vorbildung erhalten hatten; ferner daß in
+allen Kriegen der neuern Zeit die nachgesandten Ersatzmannschaften wohl
+niemals so lange vorher ausgebildet waren, vielmehr diese Kriege
+größtentheils mit Soldaten geführt wurden, die, als sie zum erstenmal
+in's Feuer kamen, in der Regel nur erst nothdürftig ausgebildete
+Rekruten waren; endlich daß der Friedensdienst niemals einen
+kriegserfahrenen Soldaten bilde, möge er auch noch so lange dauern. Auch
+hat seitdem dies Vorurtheil viele von seinen Anhängern verloren; selbst
+in der russischen und östreichischen Armee fängt man an, davon
+zurückzukommen; in der Preußischen hat, wie erwähnt, seitdem die
+Dienstzeit bei der Infanterie bereits eine weitere Ermäßigung erfahren,
+und in der Württembergischen Armee besteht schon seit längerer Zeit die
+Einrichtung, daß die Rekruten, die nicht Schützen werden sollen, nachdem
+sie 6 Monate bei den Fahnen gewesen sind, wieder entlassen und dann nur
+noch wieder auf kurzen Zeitraum einberufen werden, so daß die wirkliche
+Dienstzeit derselben, auf 10-12 Monat anzunehmen ist. Indessen wird
+überall die Nothwendigkeit anerkannt, bei einer solchen kurzen
+Dienstzeit der Mehrzahl, einen Stamm oder Cadre von länger gedienten
+Soldaten bei den Fahnen zu behalten, zu denen namentlich auch die
+Unteroffiziere zu rechnen sind. In der preußischen Armee hat man dies
+dadurch zu erreichen gesucht, daß diejenigen, welche auf eine weitere
+Dienstzeit im stehenden Heere freiwillig eine Kapitulation eingehen,
+eine Zulage erhalten, und ausserdem alle Unterbeamtenstellen im Lande,
+ebenso die Gensdarmerie- und Grenzaufseherposten _nur_ mit solchen
+Capitulanten und Unteroffizieren besetzt werden. In den ärmern Provinzen
+des Preußischen Staats genügt diese Maasregel; ja es giebt Regimenter,
+wo die Zahl der Kapitulanten hat beschränkt werden müssen, um nicht den
+Zweck: möglichst viel Mannschaften für die Landwehr auszubilden, zu
+verfehlen; in anderen Provinzen dagegen ist der Mangel an Kapitulanten
+sowohl, als an Unteroffizieren sehr fühlbar.
+
+Auch geht die Meinung mancher ausgezeichneten Militairs dahin,
+(namentlich ist darüber von einem erlauchten General, Fürst W.
+_Radziwill_, ein interessantes Memoir bearbeitet und den höchsten
+Stellen vorgelegt worden): daß die Zahl dieser Stammmannschaften noch
+überhaupt zu gering sey; daß sie verstärkt werden müsse, und daß
+dagegen, um die Kosten nicht zu vermehren, die _gewöhnliche_ Dienstzeit
+in der Linie vermindert werden könne, was noch ausserdem den Vortheil
+hätte, daß desto mehr Mannschaften für die Landwehr ausgebildet werden
+würden, und desto weniger vom Militairdienst im Frieden befreit blieben.
+Es ist nicht zu läugnen, daß in dieser Beziehung das preußische
+Militairsystem noch einer großen Verbesserung bedarf, da es trotz seiner
+bedeutenden Kosten, wie wir oben schon gesehen haben, noch so
+unvollständig die Idee einer allgemeinen Volksbewaffnung realisirt. Es
+scheint, daß dies am Einfachsten geschehen könnte:
+
+1) Wenn die Bedingungen, unter denen jetzt der Eintritt als 1 jähriger
+Freiwilliger gestattet ist, bedeutend erweitert würden, um auf diese
+Weise eine viel größere Zahl der Wohlhabenderen, ohne Kosten für den
+Staatsschatz auszubilden. Auch ist bereits wirklich in diesem Sinne von
+den preußischen Provinzialständen ein Antrag gemacht worden.
+
+2) Wenn die Handhabung der Waffen zu einem Gegenstand des
+Schulunterrichts und der Jugendbildung gemacht würde, wie es bereits in
+den Militairschulen geschieht, indem dadurch die Möglichkeit gegeben
+wäre, die Dienstzeit in der Linie bedeutend abzukürzen, ohne die
+militairische Ausbildung zu beeinträchtigen. Dieser Punkt wird weiter
+unten noch einmal berührt werden.
+
+In anderen Armeen, namentlich in der Württembergischen, wird der Stamm
+von Leuten mit längerer Dienstzeit dadurch gebildet, daß der
+intelligentere Theil der eingezogenen Mannschaften länger (und zwar in
+Württemberg etwa 1½ Jahre als Schützen) bei den Fahnen bleiben muß, und
+daß als Remplaçants, Ersatzmänner oder Einsteher für diejenigen, welche
+ihre Dienstpflicht nicht selbst ableisten wollen, so viel als möglich
+nur solche Leute angenommen werden, welche bereits früher ihrer
+Dienstpflicht genügt haben und als Soldaten ausgebildet sind. Und da
+hier die Unteroffiziere bei Weitem nicht so sehr, wie im Preußischen,
+durch die Aussicht auf Civilanstellung zum Weiterdienen als
+Unteroffiziere vermocht werden: so giebt nur die Gelegenheit, als
+Einsteher von neuem gegen ein kleines Kapital für einen anderen
+einzutreten, Veranlassung, daß viele Unteroffiziere als Einsteher
+fortdienen, wodurch allein es möglich wird, eine genügende Zahl von
+Unteroffizieren mit längerer Dienstzeit zu erhalten. Dieser Umstand
+wird in Württemberg vorzugsweise als Rechtfertigungsgrund für das
+Einstehersystem angegeben.
+
+Allein, man sieht sogleich, daß dies nur eine einfache Geldfrage ist:
+denn wenn man den Capitulanten eine Zulage und andere Vortheile
+zuwendete, wie in Preußen (da in Württemberg erst nach einer 20 jährigen
+Dienstzeit eine tägliche Zulage von 4 kr. gewährt wird), warum sollte
+man denn nicht auch eine genügende Zahl von Unteroffizieren erhalten?
+und dies würde um so mehr der Fall seyn, wenn nach Beseitigung jedes
+Remplaçements, auch die Gebildeteren und Reicheren bei den Fahnen
+eintreten müßten, und dadurch nicht blos eine größere Zahl von zu
+Unteroffizieren Qualifizirten vorhanden wäre, sondern auch für diese
+keine solche Veranlassung mehr vorläge, sich dem Dienst zu entziehen,
+wie jetzt, wo jeder wohlhabende Kaufmannssohn, jeder Sohn eines höheren
+Beamten, ja jeder wohlhabende Bürgers- und Bauernsohn, es für
+unanständig hält, persönlich zu dienen, diese Last vielmehr durch den
+für ihn vielleicht unbedeutenden Aufwand von einigen hundert Gulden los
+zu werden sich beeilt; ja, wo _förmliche Assekuranzen bestehen, um sich
+gegen das Unglück des Soldatenwerdens, wie gegen eine Landes-Calamität,
+durch Geldbeiträge zu schützen!_
+
+Welchen nachtheiligen Einfluß dieses Einsteher-System auf den Geist der
+Armee, auf die Stellung derselben, dem ganzen Volke gegenüber, und auf
+die Achtung, welche jene bei diesem genießt, haben muß, ist einleuchtend
+und wird namentlich _dem_ in einer Menge kleiner Züge fühlbar, der
+Gelegenheit hat, im Detail die Dienstverhältnisse in zwei Armeen kennen
+zu lernen, von denen die eine das Remplaçement gestattet, die andere
+nicht.
+
+Das preußische Militair ist in dieser Beziehung im entschiedenen
+Vortheil gegen alle andere Armeen. Während in der preußischen Armee es
+dem aus den niederen Ständen hervorgegangenen Soldaten ein erhebendes
+Gefühl ist, in Reihe und Glied dem Reichsten und Vornehmsten gleich zu
+stehen, und dies ihn nothwendig stolz auf seinen Stand macht; während
+dort in Folge dessen die Überzeugung von der Nothwendigkeit der
+allgemeinen Militairverpflichtung so sehr alle Klassen durchdrungen hat,
+daß jetzt schon die höhern Stände eine Ehre dareinsetzen, Soldat zu
+seyn, und eine Stelle in der bewaffneten Macht zu bekleiden, und dadurch
+zugleich den Vortheil zu genießen, den wirklichen Soldaten gegenüber
+einen militärischen Rang zu haben, und als Landwehroffiziere die Rechte
+und Annehmlichkeiten des Offizierstandes zu theilen: -- nimmt dagegen
+diejenige Armee, wo Ersatzmänner zuläßig sind, unvermeidlich mehr oder
+weniger den Charakter einer geworbenen Armee an; alle Gebildeten, alle
+Wohlhabenden ziehen sich von derselben zurück; es ist keine Ehre,
+sondern _nur_ eine Last, eine Calamität, Soldat werden zu müssen; der
+militärische Geist dringt nicht in die Massen der Bevölkerung ein; jeder
+Spießbürger, der einen Ersatzmann stellen kann, hält sich für besser,
+als den Soldaten, und hütet sich wohl, sein Muttersöhnchen in einen
+Stand eintreten zu lassen, den er nur als ein nothwendiges Übel ansieht,
+oder sucht durch alle Mittel und Verwendungen seinen Sohn dem
+Militair-Dienst zu entziehen, und wenn dies nicht gelingt, ihm
+wenigstens bald Urlaub auszuwirken, und allgemein spricht sich bei jeder
+Veranlassung diese Antipathie oder wenigstens der Gegensatz zwischen
+Armee und Bürgerstand aus, so daß auch das geachtetste und tapferste
+Offizierscorps immer mehr oder weniger mit, unter dieser ungünstigen
+Stellung der Armee zur Nation leiden muß!
+
+Es wäre wahrlich nicht schwer, schon aus den Kammerverhandlungen der
+meisten deutschen Staaten und namentlich auch den württembergischen
+Kammerverhandlungen, Belege genug für die vorstehenden Behauptungen
+aufzufinden, während auf dem letzten preußischen Landtage auch nicht
+eine Stimme gegen das Militair-Budget aufgetreten ist, die Armee
+vielmehr eine Menge eifriger Vertheidiger auf demselben gefunden hat.
+
+Noch mehr wird und muß aber diese Verschiedenheit bei ausbrechendem
+Kriege hervortreten; denn während in diesem Fall, bei einer Armee, wo
+das Remplaçement statt findet, die reicheren und intelligenteren Klassen
+der Gesellschaft sich nach Möglichkeit dem Dienste zu entziehen suchen,
+oder, wenn sie dennoch dazu gezwungen werden, dann eine sehr traurige
+Stelle darin spielen, stellt sich in Preußen bei ausbrechendem Kriege,
+sogleich der ganze begüterte, einflußreiche und intelligente Theil der
+Nation an die Spitze der Armee, und es kann deshalb mit Gewißheit
+vorausgesetzt werden, daß, sollte Preußen noch jemals in den Fall
+kommen, seine Nationalkraft gegen einen auswärtigen Feind zu entwickeln,
+dies auf eine noch viel glänzendere Weise als im Jahre 1813 geschehen
+werde, wo Alles improvisirt werden mußte, während jetzt Alles dazu
+vorbereitet und vollständig organisirt ist, und während jetzt namentlich
+die Landwehr aus lauter ausgewachsenen und ausgebildeten Soldaten
+besteht, so daß sie jetzt unstreitig als der Kern der Armee anzusehen
+ist. Was man auch auf Rechnung des Rausches der Begeisterung im Jahre
+1813 schreiben möge -- abgesehen davon, daß diese Begeisterung auch in
+einem anderen Falle der Art nicht ausbleiben würde, wofür die
+ungeschwächte Lebhaftigkeit bürgt, mit welcher noch alle Jahre die
+Erinnerung an die Zeit von 1813-1815 erneut wird: -- so ist der
+militairische Geist bereits jetzt in Preußen so allgemein in die ganze
+Nation, trotz aller provinciellen Verschiedenheiten, von der Saar bis
+zum Pregel, von der Ostsee bis zu den Karpathen eingedrungen, daß ein
+anderes Militairsystem als das jetzige in diesem Staat gar nicht mehr
+möglich und denkbar ist, und daß sogar Verbesserungen desselben, die
+wohl möglich und auch in Vorschlag gekommen, ja ohne Zweifel, wie oben
+bereits angedeutet wurde, sehr wünschenswerth und dringend sind, überall
+mit der größten Ungunst ausgenommen werden, wie dies namentlich auch
+wirklich schon jedesmal geschehen ist, wo von einer veränderten
+Organisation der Landwehr die Rede war.
+
+Und dies führt uns unmittelbar auf den zweiten Punkt, nemlich auf eine
+Prüfung des Wesentlichen in dem Preußischen _Landwehrsystem_.
+
+Die Entstehung der preußischen Landwehr ist schon oben kurz angedeutet
+worden. Es ist aber schon oft zur Sprache gekommen, ob eine andere
+Organisation derselben, namentlich eine engere Verschmelzung mit der
+Linie, so daß die Landwehrmänner, die Kriegsaugmentation oder Reserve
+der Letztern bildeten, nicht angemessener und wohlfeiler wäre. Es ist
+hier nicht der Ort, die Gründe dafür und dagegen zu entwickeln, um so
+mehr, da hierbei sehr Vieles auf individuelle Ansichten ankommen möchte:
+so viel ist aber gewiß, daß die Idee der allgemeinen Volksbewaffnung,
+wie sie dem preußischen Militairsystem zu Grunde liegt, sehr wohl
+verwirklicht werden kann, ohne gerade das preußische Landwehrsystem
+nachzuahmen, welches gewiß noch gar mancher Verbesserungen fähig ist; --
+und daß es hiernach eine Thorheit wäre, bei einer Armee, deren
+Einrichtung sich mehr für eine andere Form der Volksbewaffnung eignet,
+gerade jenes System annehmen zu wollen, in so ferne nur die
+Hauptgrundsätze festgehalten werden:
+
+a) daß jeder persönlich zum Kriegsdienst verpflichtet ist, ohne einen
+Ersatzmann stellen zu dürfen;
+
+b) daß so viel junge Leute wie möglich in der Linie zum Waffendienst
+ausgebildet werden;
+
+c) daß die ausgebildeten und aus der Linie entlassenen Mannschaften in
+einem schon _vorher_ im Frieden _vollständig_ organisirten
+Militairverbande bleiben, da der Feind in den meisten Fällen nicht
+hinreichende Zeit lassen wird, diesen Verband erst bei eintretender
+Gefahr neu in's Leben zu rufen; und daß
+
+d) ebenso auch diese Kriegsreserve alle Jahre, oder alle 2 Jahre
+wenigstens, eine kurze Zeit hindurch (14 Tage dürften dazu vollkommen
+genügen) in jenem förmlichen Militair-Verbande zusammen gestellt und in
+den Waffen geübt werde.
+
+Der von Mehreren aufgestellten Ansicht, im Falle der Noth werde sich
+ebenso wie in Preußen 1813 die Landwehr von selbst bilden, und es seien
+daher keine solche Opfer für dieselbe während des Friedens nothwendig,
+muß entschieden entgegen getreten werden. Hätte Preußen schon 1813 seine
+jetzige Landwehr gehabt, dann hätte es nicht mehrere Monate zu seinen
+Formationen gebraucht; der Feldzug konnte 3 Monate früher am Rhein,
+statt an der Elbe eröffnet und alle die Schlachten des Jahres 1813
+durften nicht geschlagen werden, um nur erst bis an den Rhein
+vorzudringen. Wer hieran noch zweifeln kann, lese und studiere die
+Beiträge zur Geschichte des Jahres 1813 von einem höheren Offizier der
+preußischen Armee! --
+
+Alle Zwecke der Landwehr könnten z. B. in einer Armee, wie die
+Württembergische, auf folgende einfache Weise ohne wesentliche
+Mehrkosten erreicht werden, wenn (wie hier übrigens nur ganz beiläufig
+und beispielsweise angedeutet wird) --
+
+a) Die erste Dienstzeit für den größten Theil der Mannschaft wie bisher
+auf 6 Monate beschränkt bliebe, und sie nur später wieder auf kurze Zeit
+einigemal einberufen würde, um in der Übung zu bleiben;
+
+b) den jungen Leuten aus den wohlhabenderen Ständen gestattet würde,
+ihrer Dienstpflicht durch eine kürzere Dienstzeit als Freiwillige bei
+einem von ihnen selbst zu wählenden Truppentheile zu genügen, insofern
+sie
+
+ aa) sich selbst equipirten, besoldeten und verpflegten,
+
+ bb) einen gewißen Grad von höherer Schulbildung und
+
+ cc) ebenso bereits eine genügende militairische Vorbildung (z. B.
+ durch Privatunterricht im Exercitium) nachwiesen, wofür ihnen
+ dann auch wie in Preußen vorzugsweiße die Aussicht eröffnet werden
+ müßte, zu Unteroffizieren oder Offizieren in der Kriegsreserve
+ oder Landwehr befördert zu werden.
+
+c) Bei den jährlichen oder zweijährlichen Übungen der Kriegsreserve, die
+Linientruppen die Cadres bildeten, so daß z. B. aus je 2 Compagnien oder
+jeder Compagnie der Linie ein Kriegs-Bataillon gebildet oder die
+Kopfzahl der Compagnien auf dem Friedensfuß, für den Kriegs- oder
+Übungsfuß verdoppelt würde.
+
+d) Endlich die erforderliche Zahl der Offiziere für die Übungszeit durch
+Beiziehung der Offiziere der Kriegsreserve oder Landwehr vervollständigt
+würde, die dann auf ganz gleichem Fuß mit den Linienoffizieren und mit
+diesen untermischt, den Dienst thun müßten (wie dies in Preußen
+allgemein mit dem besten Erfolg bei den Landwehrübungen statt findet).
+
+Auf diese Weise würden die Wohlhabendern, die sich jetzt durch Stellung
+eines Einstehers loskaufen, durch den unentgeldlichen Dienst als
+Freiwillige dasselbe pekuniäre Opfer, nur unter einer andern Form
+bringen, und dabei nicht dem Militairdienst entzogen werden; und bei
+möglichster Begünstigung der Freiwilligen auf kürzere Dienstzeit ist es
+wohl denkbar, daß auf diese Weise die Zahl derselben sich so mehrte, um
+so viele Ersparnisse dadurch zu erlangen, daß daraus, unter Beseitigung
+des ganzen Einsteherwesens, eine genügende Zahl von altgedienten
+Unteroffizieren durch Gewährung hinreichender Zulagen gewonnen werden
+könnte, indem denselben zugleich noch besondere Aussichten auf
+Beförderungen im Civil, und in der Kriegsreserve oder Landwehr eröffnet
+werden müßten.
+
+Diese Unteroffiziere würden wahrscheinlich besser seyn, als die jetzigen
+Einsteher, die darin nichts weiter als einen Erwerbs-Zweig sehen, und
+nicht einmal durch die Aussicht auf künftige Beförderung und Anstellung,
+wie in Preußen, einen Sporn finden, sich ihres Standes besonders würdig
+zu zeigen, eben so wie auch selbst in Preußen die gewöhnlichen
+Capitulanten, welche nicht zu Unteroffizieren qualificirt sind,
+keineswegs als derjenige Theil der Armee angesehen werden können, in
+denen der beste militairische Geist herrscht. Was die Anstellung der
+länger (nemlich 12 Jahr) gedient habenden Unteroffiziere in Civilstellen
+betrifft: so sind in Preußen alle Civilbehörden gern geneigt, die
+Unterbeamtenstellen mit solchen Unteroffizieren zu besetzen, weil diese
+Leute meist an eine viel strengere Ordnung gewöhnt sind, als junge
+Leute, die, wie in Württemberg, ihre Carriere blos »als Schreiber«
+machen.
+
+Was die Möglichkeit anbelangt, bei so kurzer Dienstzeit die Mannschaften
+genügend auszubilden: so ist schon oben auf die geringe Vorbildung
+hingewiesen worden, mit der bisher fast in allen größeren Kriegen, die
+nachrückenden Ersatzmannschaften zu der Armee gestoßen sind, wie nicht
+minder auch das Beispiel der Römer hierbei geltend gemacht werden kann,
+bei denen die Handhabung der Waffen ohnstreitig viel schwieriger war,
+als bei uns, ohne daß man etwas von Ausexerzieren und Exerzierzeit bei
+den alten Schriftstellern fände, ohnstreitig deswegen, weil die
+Handhabung der Waffen schon einen integrirenden Theil der Volkserziehung
+bildete, -- eine Einrichtung, die gewiß auch in unsern europäischen
+Staaten zum großen Vortheil der Budgets der Kriegsministerien sich
+realisiren ließe, und noch realisiren wird, namentlich wenn, wie vorhin
+angedeutet wurde, diejenigen Freiwilligen, welche _vollständig_
+ausexerziert einträten, gewisse Vorzüge genößen. Denn sollte es eine so
+sehr abentheuerliche Maasregel seyn, bei den öffentlichen Schulen, neben
+oder statt der Turnanstalten, Exerzierschulen unter der Leitung alter
+gedienter Unteroffiziere und Offiziere einzurichten, und so die
+männliche Jugend schon so zeitig zum Waffendienst anzulernen, daß der
+Dienst in der Linie und die Übungen bei der Kriegsreserve nur als
+Vervollständigung oder als Wiederholung dienten, um sie in der Übung zu
+erhalten und in größere Massen zusammenzustellen?
+
+Bereits in einem Entwurfe vom Jahre 1808 spricht General von Scharnhorst
+folgende Ansichten hierüber aus (vrgl. Beiheft zum Militair Wochenblatt
+pro Januar bis Oktober 1846.)
+
+ »Die bisherigen (militair.) Erziehungs-Institute werden immer
+ nicht diesen Endzweck erfüllen: sie sind nur für einen Theil der
+ Zöglinge der stehenden Armee bestimmt, und ohnehin, wie sie
+ jetzt sind, sehr schlecht.
+
+ »Aus diesen Gründen glaubt die Organisations-Kommission, daß es
+ von Nutzen sein möchte, wenn die Stadtschulen zugleich eine
+ militairische Richtung erhielten, und gewissermassen eine
+ Vorbereitungsschule für den Unteroffizier und Offizier
+ (insbesondere der Miliz) würden, ohne daß sie deswegen in ihrer
+ jetzigen Bestimmung verlören.
+
+ 1) daß in ihnen mehr reine Mathematik als bisher gelehrt würde;
+
+ 2) daß in jeder Schule eine völlig militairische Disciplin
+ eingeführt würde, und daß in den höheren Klassen der Geist
+ dieser Disciplin und der militairischen Gesetze erklärt würden.
+
+ 3) _daß jede Schule ihren Exerziermeister hätte und in den
+ Erholungsstunden sich in dem Gebrauch der Waffen übte_; daß jede
+ Schule sich in Compagnien formirte, ihre Capitaine u. s. w.
+ wählte und unter ihren Offizieren die Grundsätze der
+ Kriegsdisciplin im Kleinen ausüben lernte;
+
+ 4) daß jede Schule zur Erholung der Schüler, gewisse
+ Leibesübungen hätte, welche auf den Krieg und die Abhärtung des
+ Körpers Bezug haben, als Fechten, Schwimmen, Voltigiren
+ u. s. w.«
+
+Der Minister von Stein hatte hierzu folgende Randbemerkungen gemacht:
+
+ »Man wird in allen Stadtschulen Anstalt treffen können, um
+ Kenntniß des Gebrauchs der Waffen und der Bewegung größerer
+ Menschenmassen zu bewirken. Auch wird man mehr Gewohnheit zur
+ Reinlichkeit, Ordnung und zum Gehorsam veranlassen können. Wegen
+ Einführung gymnastischer Übungen in den Schulen ist Vieles in
+ Schnepfenthal geschehen und könnten sie allgemein gemacht
+ werden.«
+
+Wenn man sieht, wie leicht in Cadetten- und Waisenhäusern die Knaben die
+Elemente des Exercitiums und des Militair-Dienstes lernen; so kann an
+der leichten Ausführbarkeit einer solchen Maasregel nicht gezweifelt
+werden. Auch ist die Ausführung dieser Idee in den Turnanstalten
+vorbereitet, und in Stuttgart bestand bereits ein Verein von Vätern, die
+ihre Buben in den Freistunden zum Zeitvertreib und als Spiel, zugleich
+aber als körperliche Übung und Erziehungsmittel in dem militairischen
+Exercitium unterrichten ließen, eine Maasregel, die der allgemeinsten
+Beachtung werth ist. Auch erheben sich immer mehr Stimmen dafür, solche
+Übungen als wesentlichen Bestandtheil in den Kreis der Jugendbildung
+aufzunehmen, so daß die Realisirung dieser Idee mit der Zeit bestimmt zu
+erwarten ist. (Vrgl. z. B. Mönnich das Turnen und die Turnkunst; ferner
+einen Aufsatz in der deutschen Vierteljahrsschrift 1843. IV.)
+
+Wenn es hiernach erwiesen sein dürfte, daß sich die Idee der allgemeinen
+Volksbewaffnung und der persönlichen Militairpflicht, auch in den
+übrigen deutschen Staaten außer Preußen, dem Wesen nach und
+wahrscheinlich ohne erhebliche Erhöhung des Militair-Budgets durchführen
+lasse; daß dadurch der militairische Geist in diesen Staaten, so wie die
+Stellung der Armeen merklich gewinnen müßte; daß hiernach jede
+Regierung, die es mit ihrer Armee gut meint, und jeder Militair in
+diesen Staaten wünschen muß, daß diese Einrichtung in's Leben trete: so
+ist endlich nicht zu verkennen, daß die politischen Gründe, welche in
+den kleinern deutschen Staaten für die Einführung einer solchen
+allgemeinen Landesbewaffnung sprechen, noch viel erheblicher sind, ja
+diese Einrichtung dringend und unabweislich fordern, wenn diese Staaten
+ihren Anspruch auf Unabhängigkeit und Selbstständigkeit behaupten
+wollen, und daß namentlich der kriegserfahrene und erlauchte Feldherr
+auf Württembergs Throne kein schöneres Blatt in seinen Lorbeerkranz
+flechten könnte, als wenn er sich als Vorbild an die Spitze einer für
+die Vertheidigung von Süddeutschland so wichtigen Maasregel stellte.
+
+Zweimal bereits (und es liegt der Erwähnung dieses geschichtlichen
+Faktums gewiß keine gehäßige Absicht zu Grunde) sind fast alle deutschen
+Staaten zweiten Ranges, Baiern nicht ausgenommen, in der Nothwendigkeit
+gewesen, der Übermacht des eingedrungenen mächtigern Feindes sich
+anzuschließen, und nur zu ihrem eigenen Nachtheil versäumten einige, den
+günstigsten Zeitpunkt dazu zu wählen. Diese Abhängigkeit von den
+Ereignissen, diese politische Ohnmacht, der sie unterlagen, ist kein
+Vorwurf für sie, sondern eine nothwendige Folge ihrer Lage und ihrer
+Größe. Am übelsten von allen in Bezug hierauf befinden sich aber die
+südwestlichen deutschen Staaten des 8ten Armeekorps, die dem ersten Stoß
+des feindlichen Nachbars ausgesetzt sind, der ihn noch dazu um so
+sicherer gerade gegen sie führen wird, je mehr er darauf rechnen kann,
+hier den geringsten Widerstand zu finden.
+
+Nur zwei Mittel giebt es, diese Staaten mehr oder weniger dagegen zu
+schützen: die Anlage angemessener Befestigungen im südlichen
+Deutschland, und die ausgedehnteste Entwickelung ihrer militairischen
+Nationalkraft!
+
+Es leuchtet ein, daß so lange noch ein badisches Bataillon in Rastatt,
+ein Württembergisches in Ulm den Kampf gegen den Feind fortsetzt, die
+Regierungen dieser Länder noch faktisch bestehen, wäre auch das ganze
+übrige Land vom Feinde überschwemmt, und dies ist ein sehr wichtiger
+Umstand, da 2-3 Monate in dieser Beziehung sehr viel ausmachen. Wenn
+daher auch die Anlage der gedachten Bundesfestungen diesen Ländern, und
+namentlich die Befestigung von Ulm dem Lande Württemberg im Kriege
+manchen Nachtheil zu bringen scheint: so trägt sie doch wesentlich zur
+Sicherung der Selbstständigkeit dieser Staaten bei, und es ist nicht
+unbillig, vorauszusetzen, daß die Staaten des 8. Armeekorps außerdem
+noch für die Befestigung des oberen Schwarzwaldes verhältnismäßig aus
+eigenen Mitteln so viel thun könnten, als Preußen für die Sicherung des
+Unter-Rheins durch Festungen gethan hat.
+
+Aber es ist auch nicht zu verkennen, daß diese Staaten der an sie in
+ihrem eigenen Interesse zu machenden Anforderung, ihre Militairmacht
+aufs Äußerste zu entwickeln, bisher nur sehr unvollständig entsprochen
+haben. Während das 8te deutsche Armeecorps die Avantgarde des südlichen
+Deutschlands bildet; während es daher vorzugsweise gegen den ersten Stoß
+von Westen gerüstet sein müßte (da Preußen und Österreich viel eher
+einen ersten Echec aushalten können) finden wir hier in den
+Ständeversammlungen mit wenigen Ausnahmen, eine entschiedene Tendenz,
+die Last des Militairbudgets von sich zu wälzen, und der Reichere dankt
+Gott, wenn er sich von der persönlichen Verpflichtung zur
+Landesvertheidigung durch das Opfer von ein paar hundert Gulden
+loskaufen, und die Erfüllung dieser heiligen Pflicht einem armen Teufel
+von Einsteher aufbürden kann! Und dabei nehmen in diesen Staaten, wie es
+namentlich in Baden, bei Gelegenheit der Verhandlungen über die
+Befestigung von Rastatt geschehen ist, Staatsmänner, Publicisten und
+Privaten keinen Anstand, den deutschen Großmächten und vorzugsweise
+Preußen, den Vorwurf zu machen, daß dieses sie im Kriege im Stich lassen
+wolle und werde. Wie? Preußen[2] verwendet auf seinen Militair-Etat
+verhältnismäßig doppelt so viel und stellt ohne die Landwehr 2ten
+Aufgebots 1½ mal so viel, und mit ihr 2 mal so viel Truppen in's Feld
+als Ihr; Preußen erbaute und unterhält 27 Festungen; Preußen giebt einen
+Beitrag von 5 Millionen Gulden zum Bau der Bundesfestung Ulm; in
+Preußen sind die edelsten Söhne und die Blüthe der ganzen Nation bereit,
+sich beim ersten Kriegsruf an die Spitze der Landwehren zu stellen, um
+ihren bedrohten deutschen Brüdern zu Hilfe zu eilen: und Ihr wollt ihm
+den Vorwurf machen, Euch im Stich zu lassen, während Ihr selbst in
+träger Ruhe die Kreuzer berechnet, die es Euch kosten würde, wenn Ihr
+dieselben Anstrengungen machen solltet, die Euch wahrlich bei Eurer
+politischen Lage mehr noth thun, als Preußen und Österreich; während ihr
+engherzig, ja spießbürgerlich den Geldausfall herauscalculirt, den ein
+feindlicher Einfall Euch mehr oder weniger kosten würde, als ein höheres
+Militairbudget, ohne dabei irgend auf die politischen und moralischen
+Wirkungen eines solchen Einfalls Rücksicht zu nehmen; und während Ihr
+unumwunden in Euren Kammern erklärt, absichtlich nicht mehr zu thun,
+damit die größern deutschen Staaten nicht veranlaßt werden, Euch auf
+Eure eigenen Hilfsmittel zu verweisen, und Euch weniger zu
+unterstützen!! --
+
+ [2]
+ Einwohnerzahl. Militairmacht. Militairbudget.
+
+ Preußen 14,907,091 176,719 stehendes Heer 23,721,000 Th.
+ 154,193 Landwehr _I._ 41,511,750 Th.
+ --------
+ 330,912
+ 121,000 Landwehr _II._
+ --------
+ 451,912
+
+ Württemberg 1,682,338 Contingent 13,955 132,372 Milt. Pensionen
+ Reserve 6,987 1,992,378
+ ------ ---------
+ 20,942 2,124,750 fl.
+
+Und sind die Bedenken, die Ihr zur Beschönigung Eurer Trägheit und
+Knauserei in dieser Beziehung vorbringt, in Preußen in Erfüllung
+gegangen? Ist Preußen verarmt? Hat es keine Bauern und Bürger, die das
+Feld bauen und das Gewerbe treiben? Hat es keine Männer der Kunst und
+der Wissenschaft? Hat es bei den Ereignissen des Jahres 1831. weniger
+Liebe für sein Herrscherhaus bewiesen? Hat seine ganz nationale Armee
+etwa gefährliche liberale oder republikanische Ideen an den Tag gelegt,
+die der Monarchie nachtheilig werden könnten? -- Ha! wahrlich, es kann
+sich in allen diesen Dingen, trotz seines hohen Militairbudgets und
+trotz seines Landwehrsystems dreist mit Euch messen!
+
+Darum also, Ihr Regierungen, Ständeversammlungen und Stammgenossen des
+südwestlichen Deutschlands: wenn Ihr nicht beim ersten Anlauf des
+mächtigen Nachbars über den Haufen gerannt werden wollet; wenn Ihr den
+Stand des Kriegers wirklich zu ehren und erheben beabsichtigt; wenn Ihr
+würdig seyn wollt, eine wirkliche Macht zu werden, ebenso wie es Preußen
+gegenüber den 4 andern europäischen Großmächten durch möglichste
+Entwickelung seiner kriegerischen Nationalkraft zu thun genöthigt ist;
+wenn Preußens, aus allen Klassen der Gesellschaft hervorgegangene
+Krieger nicht mit Selbstgefühl auf Eure erkauften Einsteher blicken,
+vielmehr Eure Reihen, als ganz ebenbürtig begrüßen sollen, was sie mit
+der lautersten, herzlichsten und uneigennützigsten Gesinnung thun
+werden: so zeigt, daß Ihr vom Höchsten bis zum Niedrigsten bereit seid,
+den Waffenrock zu tragen, und Gut und Blut für den deutschen Namen daran
+zu setzen; duldet nicht, daß bei ausbrechendem Kampfe blos den
+Proletariern die Vertheidigung des Vaterlandes überlassen bleibe; ruft
+vielmehr Eure ganze kriegerische Nationalkraft auf; werft statt der
+30,000 Mann des 8ten Armeekorps, bei dem Feuerschein des ersten
+Kriegsfanals am Rhein, 90,000 Mann wohlbewaffnet, und wohlgeübt dem
+Feinde in den Schluchten des Schwarzwaldes entgegen; seid überzeugt, daß
+Preußens Heer diesen Entschluß mit lautem Jubel begrüßen, ein neues
+kräftiges Band zwischen sich und Euch darin finden, und bereitwilligst
+in den Tagen der Gefahr wie Brüder an Eure Seite eilen werde; -- zögert
+nicht damit, bis der Friedensschlaf Euch wieder ganz übermannt hat: es
+handelt sich um Eure Ehre, Eure Selbstständigkeit, ja um Eure politische
+Existenz in den Tagen der Gefahr!
+
+ * * * * *
+
+Was auch Wahres und Falsches, Richtiges und Unrichtiges in den
+vorliegenden Bogen enthalten sein möge, der Verfasser wollte blos
+darthun, daß es im Interesse der südwestlichen deutschen Staaten liege
+
+a) die Militairpflicht zu einer persönlichen, nicht mit Gelde
+abzukaufenden, zu machen;
+
+b) Möglichst viel junge Leute zum Waffendienst auszubilden.
+
+c) Die so geschaffene Volksbewaffnung schon im Frieden vollständig zu
+organisiren und in Übung zu erhalten.
+
+Hat der Verfasser diesen Zweck erreicht, so giebt er alle Details des
+vorstehenden Aufsatzes bereitwilligst preis, und überläßt die Maasregeln
+zur Ausführung sehr gern besser Unterrichteten und mit den
+Landes-Verhältnissen Vertrauteren; fügt indessen im Nachstehenden die
+Grundzüge eines nach seiner Ansicht anzuordnenden Systems allgemeiner
+Volksbewaffnung bei:
+
+Jeder waffenfähige Mann ist dienstpflichtig vom 19. Jahre an. Eine
+Stellvertretung ist unzuläßig.
+
+Die Übung im Waffendienst macht einen Bestandtheil der Volksschulbildung
+aus.
+
+Jeder, der sich selbst ausrüstet und bereits in den Waffen geübt ist,
+kann sich den Truppentheil wählen, dient 1 Jahr im stehenden Heere und
+zwar ½ Jahr im angestrengten Dienst ohne Unterschied und sonstige
+Begünstigung gegen die übrige Mannschaft.
+
+Wer sich nicht selbst ausrüstet, dient wenigstens ebenso lange, darf
+sich den Truppentheil nicht beliebig wählen und wird aus der Linie nach
+2 Jahren entlassen, wenn der Etat nicht früher durch andern Zuwachs
+gedeckt ist.
+
+Die längste Dienstzeit im Frieden beträgt hiernach in der Linie 2 Jahre.
+Bis zum 25. Jahr bleibt jeder für den Fall eines Kriegs zum Dienst in
+der Linie verpflichtet, und muß bis dahin auch noch jährlich 14 Tage an
+deren Übungen Theil nehmen.
+
+Bei jedem Truppentheil wird ein Cadre von Leuten mit längerer Dienstzeit
+und freiwilliger Capitulation gebildet.
+
+Vom 25ten bis zum 32ten Jahre tritt die Dienstpflicht in der Landwehr
+ein.
+
+Im Frieden darf jeder Landwehrmann nur alle 2 Jahre 14 Tage zu den
+Waffenübungen herangezogen werden.
+
+Die Landwehr ist auch zum Dienst außerhalb des Landes verpflichtet.
+
+Vom 32. bis 50. Jahr tritt die Dienstpflicht in der Bürgerwehr ein.
+
+Die Landwehrmänner können, wenn sie es wollen, in der Linie fort dienen,
+und die Bürgerwehrmänner ebenso in der Landwehr. Namentlich findet dieß
+Anwendung auf die Unteroffiziere und Offiziere.
+
+Zu Unteroffizieren und Offizieren können nur solche befördert werden,
+die den an sie gestellten wissenschaftlichen und moralischen
+Anforderungen vor einer ernannten Prüfungs-Commission genügen.
+
+Die Unteroffiziere werden vom Regiments-Commandanten, die Offiziere vom
+Landesherrn ernannt.
+
+Jedoch muß bei den Erstern das Corps der Unteroffiziere bei Letztern das
+Corps der Offiziere nichts gegen sie einzuwenden haben, und deren
+Erklärung abgefordert werden.
+
+Diese Corps wählen unter den Bewerbern von gleichen Ansprüchen.
+
+Die Beförderung zu den weitern Offiziersgraden in der Linie und Landwehr
+erfolgt abwechselnd: einmal nach dem Dienstalter, einmal durch Wahl der
+Offiziers-Corps, einmal durch Ernennung Seitens des Landesherrn unter
+den Ältesten der vorhergehenden Dienstcharge.
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription: Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä,
+Ö, Ü ersetzt. Die Fraktur-Ligatur für »u. s. w.« wurde durch »u. s. w.«
+ersetzt. Kleinere Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden
+beibehalten. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller
+gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
+
+Transcriber's Note: The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä,
+Ö, Ü. The ligature for "u. s. w." has been replaced by "u. s. w." Minor
+spelling inconsistencies have been maintained. The table below lists all
+corrections applied to the original text.
+
+S. 1: Oberstlieutnant -> Oberstlieutenant
+S. 4: größeren Abtheilungen nnd ausserdem -> und
+S. 4: etwa 90000 Mann -> 90,000
+S. 4: nur etwa 35000 -> 35,000
+S. 6: Fürst W. Raziwill -> Radziwill
+S. 9: Entstehung der preußichen Landwehr -> preußischen
+S. 14: den deutschen Grosmächten -> Großmächten
+S. 15: als Preußen und Östreich -> Österreich
+S. 16: mit den Landes-Verhältnissen Vertauteren -> Vertrauteren
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Über allgemeine Landesbewaffnung, by
+Moritz von Prittwitz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ÜBER ALLGEMEINE LANDESBEWAFFNUNG ***
+
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+Produced by Markus Brenner and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.